2. Begriff und Arten des Handels. 53 Besuche nur erst ein paar große Handelsstädte, ein paar Häfen, und Du wirst gewiß mit fortgerissen werden. Wenn Du siehst, wie viele Menschen beschäftigt sind, wenn Du siehst, wo so manches herkommt, wo es hingeht, so wirst Du es gewiß auch mit Vergnügen durch Deine Hände gehen sehen. Die geringste Ware siehst Du im Zusammenhange mit dem ganzen Handel, und eben darum hältst Du nichts für gering, weil alles die Zirkulation vermehrt, von welcher Dein Leben feine Nahrung zieht. Es haben die Großen dieser Welt sich der Erde bemächtiget, sie leben in Herr lichkeit und Überfluß. Der kleinste Raum unseres Weltteils ist schon in Besitz ge nommen, jeder Besitz befestiget, Ämter und andere bürgerliche Geschäfte tragen wenig ein; wo gibt es nun noch einen rechtmäßigeren Erwerb, eine billigere Erobe rung als den Handel? Haben die Fürsten dieser Welt die Flüsse, die Wege, die Häfen in ihrer Gewalt und nehmen von dem, was durch- und vorbeigeht, einen starken Gewinn, sollen wir nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen und durch unsere Tätigkeit auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die teils das Bedürfnis, teils der Übermut den Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann Dir versichern, wenn Du nur Deine dichterische Einbildungskraft anwenden wolltest, so könntest Du meine Göttin als eine unüberwindliche Siegerin der deinigen kühn entgegenstellen. Sie führt freilich lieber den Ölzweig als das Schwert; Dolch und Ketten kennt sie gar nicht: aber Kronen teilet sie auch ihren Lieblingen aus, die, es sei ohne Verachtung jener gesagt, von echtem, aus der Quelle geschöpftem Golde und von Perlen glänzen, die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre immer geschäfsigen Diener geholt hat. Was ist reizender als der Anblick eines Schiffes, das von einer glücklichen Fahrt wieder anlangt, das von einem reichen Fange frühzeitig zurückkehrt! Nicht der Verwandte, der Bekannte, der Teilnehmer allein, ein jeder fremde Zuschauer wird hingerissen, wenn er die Freude sieht, mit welcher der eingesperrte Schiffer ans Land springt, noch ehe sein Fahrzeug es ganz berührt, sich wieder frei fühlt und nunmehr das, was er dem falschen Wasser entzogen, der getreuen Erde anver trauen kann. Nicht in Zahlen allein, mein Freund, erscheint uns der Gewinn; das Glück ist die Göttin der lebendigen Menschen, und um ihre Gunst wahrhaft zu em pfinden, muß man leben und Menschen sehen, die sich recht lebendig bemühen und recht sinnlich genießen. 2. Begriff und Arten des Handels. Von Wilhelm Lexis. Lexis, Handel. In: Handbuch der politischen Ökonomie. Herausgegeben von v. Schönberg. 4. Stuft. 2. Bd. 2. Halbband. Tübingen, H. Laupp, 1898. S. 223—227. Handel ist der gewerbsmäßige Betrieb des Eintausches oder Ankaufs von Gütern und der Wiederveräußerung derselben zum Zwecke einer Erzielung von Ge winn. Demnach ist der Handel keineswegs mit dem Güteraustausch überhaupt identisch, sondern er bildet nur eine durch die volkswirtschaftliche Arbeitsteilung all mählich selbständig gewordene Vermittlungstätigkeit, durch welche die Bewegung der Güter vom Produzenten zum Konsumenten wesentlich erleichtert wird. In vielen Verkehrsfällen findet eine solche Vermittlung nicht statt: der Produzent ver kauft die von ihm selbst hergestellte oder auf eine höhere Stufe der Verarbeitung gebrachte Ware direkt an diejenigen, der sie unmittelbar für seine persönlichen Zwecke verwenden oder als Rohmaterial oder als Halbfabrikat weiter verarbeiten will.