66 Zweiter Teil. Handel. II. Der Handel im allgemeinen. Freiheitssinnes ist ein ebenso kräftiges Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit ­ für das Gedeihen der Gesamtheit, die Überzeugung, daß vor allem Selbstzucht und Selbsttätigkeit dazu gehören, um das Recht der Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Die Geschichte wird dereinst den deutschen Handelsstand der Gegenwart fragen, ob er jenes Gefühl der eigenen Pflicht und Verantwortlichkeit im ausreichenden Maße besessen hat. Darauf antwortet wohl grade der tüchtigste Kaufmann: „Erst der Beruf!" Erst muß so viel erworben werden, daß die Existenz der Familie aus breiter, tiefer Grundlage gesichert ist. Gewiß, das erfordert ZeitundschwereArbeit. Aber beizeiten muß auch dafür gesorgt werden, daß der Kaufmann sich vorbereite für die anderen, für die nationalen Pflichten seines Berufes. Sonst wird er sich ihrer niemals bewußt werden, und es wird ihm gehen, wie so manchem Reichen, der mit seinem Reichtum nichts anzufangen, der nicht einmal seinen Söhnen eine Erziehung zu verschaffen weiß, die sie davor behütet, das mühsam Angesammelte in ordinärem Luxus zu vergeuden. Welche anziehende Erscheinung ist dagegen der gebildete Kaufmann! Fern von jener Einseitigkeit der Bildung, welcher in diesem Zeitalter der Spezialisten die Angehörigen der „gelehrte n" Berufsarten fast unfehlbar anheimfallen, kann ein solcher Mann, dank seiner Empfänglichkeit, seiner gesunden, maßvollen Denkweise, seiner Kenntnis des Lebens, unendlich segensreich wirken. Er kann einen Kreis geistig angeregter Männer und Frauen in seinem Hause versammeln und hierdurch unserer sich immer mehr verflachenden Geselligkeit neues Leben einhauchen; so manchem Talente kann er die ersten schweren Anfänge erleichtern; er kann durch seine von einem gebildeten Geschmacke diktierten Bestellungen Kunst und Kunstgewerbe mächtig fördern: durch seinen Einfluß kann er den neuen gesunden Ideen im öffentlichen ­ Leben die Wege ebnen, aus unreifen Gedanken den berechtigten Kern herausschälen, ­ für alle guten Zwecke die praktischen Mittel und Wege finden. Reichtum ist die notwendige Voraussetzung jeder höheren Kulturentwickelung, aber er ist nicht Selbstzweck; wo er dies ist, da kann er unmöglich dauern. „Richesse obiigel“ — das muß der Wahlspruch unseres Handelsstandes fein. Nur unter dieser Voraussetzung kann er auch von der Gesamtheit kräftigen Schutz seiner Lebensinteressen ­ erwarten. An alle Berufsstände stellt die Gesamtheit Anforderungen, die weit hinausgehen ­ über ihre Berufsleistungen. So ist es doch z. B. eine offenkundige Tatsache, daß der niedere ostelbische Adel erst dem preußischen Staate, dann auch dem ganzen deutschen Volke die größten Dienste geleistet, daß er seine Heere geführt, daß er ihm einen Bismarck gegeben hat. Ist es ungerecht, daß der Staat solche Dienste durch Bewilligung entsprechender Standesmacht vergilt? Gerade der jetzige Augenblick zwingt jeden deutschen Kaufmann, den Ursachen nachzugehen, welche die schwere Bedrängnis der Interessen seiner Berufstätigkeit herbeigeführt ­ haben. In solchem Augenblicke ist mit Schönfärberei, mit kleinen Mittelchen der Selbsttäuschung nichts geholfen; zunächst bei sich selbst Einkehr halten, das predigt der schwere Ernst der Zeit jedem deutschen Kaufmanne. Unsere Zeit stellt an ihn die h ö ch st e n Anforderungen: es genügt wirklich nicht mehr, alle Tage die Zeitung zu lesen, alle Jahre Steuern zu bezahlen, alle fünf Jahre eine Stimme bei der Reichstagswahl abzugeben. Auch die gelegentliche Tätigkeit ­ in Vereinen, in dem öffentlichen Leben der engeren Heimat ist nicht ausreichend. Vielmehr muß jeder Kaufmann trachten, mindestens die dringlichsten Probleme, welche unser heutiges Staats- und Kulturleben hervorgebracht hat, so eingehend wie möglich kennen zu lernen; jeder Kaufmann muß wissen, welche Pflichten der Besitz