5. Der Deutsche Handelstag 1861—1911. 357 dem Geschäftsführer kommt es mir vielleicht nicht zu; aber als Festredner fühle ich doch die Pflicht, und die Erfüllung der Pflicht ist zugleich der Ausdruck der Gesinnung, die mich beherrscht. Ich erinnere mich ganz wohl, daß bei seiner Wahl vereinzelt das Bedenken laut wurde, ob es nicht dahin kommen könnte, daß er als Politiker seine politischen Gesichtspunkte bei der Leitung des Deutschen Handelstags in den Vorder grund drängen und Schärfen in ihn hineinbringen könnte. Niemals ist eine Besorgnis weniger begründet gewesen als diese. In vollendeter Unparteilichkeit, ja, mit pein licher Sorge, allen ihm anvertrauten Interessen gerecht zu werden, waltet er seines Amtes. Wenn er an den Vorschlägen, die ihm gemacht wurden, etwas zu ändern fand, geschah dies öfters zur Milderung, niemals zur Verschärfung. Schließlich wissen diejenigen, die ihm nahestehen, in welch unermüdlicher Weise er seine hervorragende Arbeitskraft in den Dienst der öffentlichen Interessen und in den Dienst des Deutschen Handelstags stellt, für uns alle vom Deutschen Handelstag ein unübertreffbares Ideal. Nur wenige Männer führe ich vor, die nicht Präsidenten waren: Emil Russell, von der Direktion der Diskontogesellschaft, von zäher, west fälischer Art, der uns für Geld- und Bankwesen ein trefflicher Berater war, der das Bureaukratische haßte, namentlich wenn Kaufleute die Bureaukraten waren, Friedrich Hammacher, von leichtem rheinischen Blut, jugendfrisch bis in das achte Jahrzehnt seines Lebens, ein glänzender Redner, wertvoll für uns durch die politische Schulung, Philipp Dissens aus Mannheim, der hier im badischen Lande ein großes Ansehen genoß, Stephan Michel aus Mainz, der bei manchen unserer Vollversammlungen im Vorstand saß, mit der scharfen durchdringenden Stimme, die das passende Gewand seiner scharfen logischen Gedanken war und zur Zustimmung zwang, bis der Schatten der tödlichen Krankheit sich auf ihn senkte, zum Schlüsse Adolf Woermann. Mit tiefem Schmerze gedenke ich seines Scheidens, das erst vor einer Woche erfolgte. Wenn ich einen Kaufmann nennen sollte, in dem Klugheit und Kraft in hervorragendem Maße sich vereinten, so würde ich immer Adolf Woermann nennen. Und welch ein Leben steckte in ihm, welch Wille zum Handeln! Daher auch seine großen Erfolge. Er war eine Herrschernatur, ein königlicher Kaufmann. An ihn denke ich bei dem Goetheschen Worte: „Ich wüßte nicht, wessen Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter fein müßte als der Geist eines echten Handelsmannes", ff. oben S. 52.] Allen denen, die von uns gegangen sind und gutes für uns gewirkt haben, rufen wir ein Wort des Dankes nach. Hieran knüpfe ich den Ausdruck der Freude darüber, daß noch einer von denen, die 1861 dabei waren, an unserer Feier teilnimmt, der 81jährige Heinrich P f i st e r (Heidelberg), der in der ersten Vollversammlung das Protokoll geführt hat und später in der badischen Staatsverwaltung eine hohe Stellung erreichte. . . . Die Arbeit, gediegene Arbeit, ist mir immer als das beste Mittel erschienen, auch das Ansehen des Deutschen Handelstags hochzuhalten. Es fehlt an ihr nicht, und es erfüllt mich mit besonderer Genugtuung, zu sehen, wie gerade beim Deutschen Handelstag die Gewerbetreibenden selbst sich in aufopferungsvoller Weise an der Arbeit beteiligen in den Kommissionssitzungen, in den Ausschußsitzungen und sonst. Treten zur Vollversammlung die Kaufleute aus allen Teilen des Reichs Ausammen, so ist damit stets eine gewisse Feierlichkeit verbunden. Denn es ist etwas großes, daß freiwillig der Zusammenschluß nun sämtlicher Handelskammern im Deutschen Reiche gelungen ist. Besonders feierlich aber ist die gegenwärtige stunde. Mit verschwindenden Ausnahmen sind alle Handelskammern und die Vereine, die neben ihnen unsere Mitglieder sind, in diesem Saale vertreten. Die