478 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. III. Sonstige Kernfragen. nationalen Arbeit" lange Zeit geübt hat, pflegen, wenn auch mißbraucht, eine tiefe und weitgreifende Wahrheit zu bergen. Es gibt zweierlei Schutz nationaler Arbeit: einen vorübergehend zweckmäßigen und einen allezeit notwendigen. Der erstere wird von Staatswegen gemacht, der andere macht sich im Volke von selber; über Maß, Ziel und Mittel des einen wird man immer streiten, über Maß, Ziel und Mittel des anderen Schutzes sollte man immer einig sein. Wenn der Staat ausländische Gewerbeprodukte, ausländisches Korn und Holz hoch besteuert, damit die einheimische Industrie und Bodenkultur nicht erdrückt werde oder mindestens Zeit und Lust gewinne, um zu ebenbürtiger freier Konkurrenz mit dem Auslande heranzuwachsen, so schafft er einen vorübergehenden Schutz der nationalen Arbeit, der nach Umständen nützlich oder schädlich sein kann. Bedenklich wird diese Politik des Schutzes, wenn sie allgemein begehrt wird, so daß ein Wett jagen aller Berufe beginnt um Zollschutz gegen die unangenehme fremde Konkurrenz, wie ja die Gärtner von Passau bereits petitioniert haben, daß man Deutschland schützen möge vor der Überschwemmung durch den italienischen Blumenkohl der Herrn Cirio. Bedenken erregt aber auch eine Schutzzollpolitik, welche bald diese, bald jene Berufsgruppe durch Zölle erfreut, um sie für politische Parteizwecke zu gewinnen. Von allen diesen Dingen rede ich hier nicht, sondern von dem notwendigen Schutze, welchen jedermann der nationalen Arbeit zuwenden muß, indem er den Werken, die aus dem Geiste der eigenen Nation geboren sind, die diesen Geist in uns selber steigern und festigen, den Vorzug gibt vor Werken fremdländischer Form und fremdländischen Gehaltes. Daß wir so universell empfänglich gearteten Deutschen uns darum doch nicht den bedeutenden Leistungen anderer Völker verschließen, ja daß wir unsere eigenste Kraft bewähren, indem wir sie uns verdeutschen, das versteht sich dabei von selbst. Rohstoffe und Gewerbeprodukte, welche gar kein oder nur ein ganz geringes Gepräge des persönlichen geistigen Schaffens zeigen, kauft man da, wo man sie am besten und billigsten bekommt. Die deutsche Hausfrau wird nicht undeutsch, wenn sie aus englischem Garn ihre Strümpfe strickt, und wem eine Havannazigarre besser schmeckt als eine Pfälzer, der mag sie, wenn er sie bezahlen kann, unbeschadet seiner patriotischen Gesinnung rauchen. Jedermann weiß, wie bedeutend gerade jene ma teriellsten Arbeitszweige zum Reichtum und zur wirtschaftlichen Macht des Volkes beitragen, jeder brave Mann wünscht auch, daß das Vaterland die anderen Länder im Wettkampf solcher Arbeit erreiche und überflügle; allein jeder kluge Mann weiß auch, daß der beste Schutz, den man solcher Arbeit gewährt, oft genug darin besteht, sie gar nicht zu schützen, sondern sie recht frei gewähren zu lassen. Etwas anderes ist es aber mit den Arbeitsprodukten, in welchen sich irgendein individueller Geist und Geschmack ausspricht, von den einfachsten Erzeugnissen des Luxus- und Kunstgewerbes bis zu den höchsten Schöpfungen der Kunst und Literatur. Der Genius der Nation wirkt aus diesen Werken, und es ist nicht gleichgültig, welchen Genius wir da dauernd auf uns wirken lassen, oft ohne uns dessen klar bewußt zu werden. Die Mahnung an diesen „Geist der nationalen Arbeit" ist nicht neu. Als Friedrich Lift zuerst so mächtig seine Stimme für den Schutz der nationalen Arbeit erhob, dachte er zwar zunächst an die bedrängte Fabrikindustrie. Er wollte einzelne Industriezweige vor der Übermacht des Auslandes schützen, damit die Fabrikanten erstarken und zuletzt ebenso reichlich und billig fabrizieren könnten wie ihre fremden Nebenbuhler. Er wollte einen erziehenden Schutz und verwies auf die Lehren der Geschichte, auf das eigenartige und kräftige Erwachsen großer Volkspersönlichkeiten wie der Engländer, Nordamerikaner und Franzosen im Zusammenhange mit dem