498 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik. Momente, worin sich dies offenbart, sind folgende: Erstens wird von 1848 an die Handelspolitik ein Teil der Frage, die bis 1866 allen anderen Fragen voranstand, der „Deutschen Frage". Auf dem Gebiete der Handelspolitik wird schon vor Königgrätz der Kampf ausgefochten, ob das neue Deutsche Reich unter Österreichs oder Preußens Hegemonie erstehen soll. Zweitens, eng zusammenhängend mit dem eben genannten Umstande, zeigt sich insbesondere Ende der fünfziger Jahre mächtig eine wirtschaftliche spontan freihändlerische Bewegung, welche in der Folge den politischen Bestrebungen Preußens in der „Deutschen Frage" ein wertvoller, ja unentbehrlicher Bundesgenosse wurde. 5. Aus meiner parlamentarischen Tätigkeit. (Der deutsch-französische Handelsvertrag.) Von Werner v. Siemens. v. Siemens, Lebenserinnerungen. 7. Aufl. Berlin, Julius Springer, 1904. S. 187—188 und S. 193—198. Bis zum Jahre 1860 war ich mit wissenschaftlichen und technisch-praktischen Arbeiten so vollauf beschäftigt, daß ich der Politik ganz fernblieb. Erst als unter der Regentschaft des Prinzen von Preußen die politische Erstarrung und der Pessi mismus, die bis dahin fast ausschließlich herrschten, sich milderten und freiere politische Anschauungen sich wieder hervorwagten, schloß ich mich dem unter Bennigsens Füh rung gebildeten und vom Herzog Ernst von Koburg-Gotha beschützten Nationalverein an. Ich wohnte seiner konstituierenden Versammlung zu Koburg bei und beteiligte mich fortan als treuer Bundesgenosse an seinen Bestrebungen. Hierdurch und durch meine lebhafte Betätigung bei den Wahlen zum Landtage wurde ich mit den leitenden Politikern der liberalen Partei näher bekannt. Ich besuchte die Versammlungen der in Bildung begriffenen neuen liberalen Partei und nahm teil an den Beratungen über Programm und Namen derselben. Die Mehrheit war geneigt, für den Namen „Demokratische Partei" zu stimmen, während Schulze-Delitzsch sie „Deutsche Partei" taufen wollte. Ich schlug vor, den Namen „Fortschrittspartei" zu wählen, da es mir angemessener schien, die Tätigkeitsrichtung als die Gesinnung durch den Parteinamen zu bezeichnen. Es wurde beschlossen, meinen Vorschlag mit dem von Schulze-Delitzsch zu vereinigen und die neue Partei „Deutsche Fortschrittspartei" zu nennen. Die Aufforderung, mich zum Abgeordneten wählen zu lassen, hatte ich wieder holt abgelehnt, hielt es aber im Jahre 1864 für meine Pflicht, die ohne meinen Antrag auf mich gelenkte Wahl zum Abgeordneten für den Bezirk Solingen-Remscheid anzu nehmen. In den drei Jahren meiner parlamentarischen Tätigkeit habe ich in Kommissions sitzungen und Parteiversammlungen bei den drei einzigen Gesetzen, die durch Überein stimmung mit Regierung und Herrenhaus Gesetzeskraft erhielten, tätig mitgewirkt. Ich war Spezialreferent der Abteilung „Metalle und Metallwaren" des deutsch-fran zösischen Handelsvertrages und glaube, durch ein eingehendes Referat, das ich über diesen am heftigsten bestrittenen Teil des Vertrages ausarbeitete, nicht unwesentlich zur schließlichen Annahme desselben beigetragen zu haben. Leider brachte mich dieses Referat in Konflikt mit meinem Wahlbezirke. Dieser entsandte eine besondere Depu tation an das Abgeordnetenhaus, um gegen den Artikel zu protestieren, der es verbot, Fabrikate mit den Firmen und Fabrikzeichen der Fabrikanten eines anderen Landes zu bezeichnen. Die Solinger und Remscheider Industriellen erklärten, daß es herkömm lich und allgemein üblich wäre, die besseren, in der Regel von englischen Fabrikanten und Händlern bestellten Waren mit einem englischen Fabrikationsstempel nach deren