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        <title>Volkswirtschaftliches Quellenbuch</title>
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            <surname>Mollat</surname>
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      <div>4. Die Bedeutung des deutschen Handlungsreisenden in der Gegenwart. 149 
polnisch-tschechischen Handelssyndikat zu Krakau sind aber Ehrenerklärungen für den 
deutschen Reisenden. 
Einst gab es die „königlichen Kaufleute" nur in England, wo sie unter den 
Tudors die Gehilfen der Staatsgewalt waren und geblieben sind; heute wissen auch 
wir, daß ein Teil der Weltregierung dem Handel gehört, und scheel blicken die Briten 
auf uns. Sie sehen, daß der deutsche Reisende sich auf einem Eroberungszuge durch 
die Welt befindet. Von wann datiert denn dieser Handelskreuzzug bis in die entle 
gensten Kulturländer? Englands Nerellunckise Dill hat ihn im Jahre 1885 hervor 
gerufen. „Nucke in Germany!“ Zur höchsten Überraschung sah die ganze Erde 
nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes, daß sie bisher im guten Glauben als englisches 
Erzeugnis gekauft hatte, was zu billigerem Preise in Deutschland hergestellt war. Die 
Bill hat heute ihre Wirkung verloren, aber es ist charakteristisch, daß der Verein 
Berliner Kaufleute und Industrieller beschlossen hat, freiwillig das „Nucke in Ger- 
many“ als Ehrenzeugnis beizubehalten. 
Der deutsche Reisende ist nach dem fernen Morgenlande gezogen, um den ver 
blichenen Schild des Osmanenreiches neu zu vergolden. Einst hatten England, Frank 
reich und Österreich das Monopol auf den Märkten von Konstantinopel, Salonichi 
und Smyrna. Jetzt ist der deutsche Reisende hier zu Hause wie in den Bazaren 
von Teheran und den großen Handelshäusern von Bagdad, ja an allen Handels 
plätzen des wiedererwachten Kleinasien, das einst die persischen Satrapen zu Macht 
und Ansehen gebracht hatten. Und auch die neue Welt hat sich den Reisenden Deutsch 
lands erschlossen. Wer die Berichte der deutschen Konsuln über den Wassern bis in 
die neueste Zeit verfolgt hat, der wird erstaunt und erfreut gewesen sein, von den 
Riesenerfolgen deutscher Reisender in Mexiko, in Südbrasilien, den La Plata- 
Ländern, Südafrika, Algier und Marokko zu hören. Der Bericht der englischen 
Botschaft in Berlin klagt über die Erfolge der deutschen Handelsvertreter, der englische 
Konsul in Odessa beschwert sich, daß die deutschen Reisenden in Maschinen England 
das Feld streitig machten, und daß sogar die Kirgisen am Jrtzsch ihre Pflüge jetzt bei 
deutschen Reisenden bestellten. Dasselbe Klagelied stimmt der englische Konsul in 
Palästina an, und der englische Botschafter in Rom, Fitzgerald Law, schreibt in einem 
anderen Handelsberichte: „Fleiß und Eifer, Bestellungen zu erhalten, die Wünsche, 
die Kunden zu befriedigen, die Schnelligkeit und Promptheit der Lieferung geben dem 
deutschen Reisenden hier die Überlegenheit über alle anderen Reisenden in Italien, 
und ich behaupte, daß ich noch nie in einer italienischen Stadt einen englischen 
Handlungsreisenden angetroffen habe, wo sich deutsche Reisende derselben Branche 
sehen lassen". Dieser Konsularbericht ist ein Ehrendenkmal für 
die reisenden Kaufleute unserer Nation. 
Man sagt jetzt häufig, Kataloge und Prospekte könnten die Rolle des reisenden 
Kaufmanns übernehmen, und man brauche nicht reisen zu lassen. Aber mit Druck 
sachen hätte sich Deutschland seine Machtstellung auf dem Weltmärkte niemals erobert. 
Da bedurfte es des persönlichen Eingreifens seiner reisenden Kaufleute und ihrer oft 
verblüffenden Tricks. Lord Cromer kam darauf einmal in der Times zu sprechen. 
Er erzählte, wie sich in Indien ein deutscher und ein englischer Reisender mit Schnupf 
tabakdosen Konkurrenz machten. Wie erstaunt war der Engländer, als er am Goda- 
wari bei dem hohen religiösen Holy-Fest seinen deutschen Kollegen wiedersah. In 
indischem Gewand lag er in einer indischen Hütte auf dem Bauche und verkaufte 
Dosen in fabelhafter Menge, weil er aus deren Deckel ein Bild des großen Hindugottes 
Ganescha hatte eingravieren lassen, und weil er alle Zeremonien wie ein geborener 
Indier mitmachte. Und wie kam es denn, daß in Indien die deutsche Schere die aus 
Birmingham verdrängte? Deutsche Reisende hatten in Indien ausgekundschaftet, 
daß der Indier für den Daumen bei einer Schere gern ein größeres Loch hat als für</div>
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