52 Die liberale Schule Vorlesungen wieder selbst übernahm, blieb Baudrillart an der Anstalt mit einem provisorischen Lehrauftrag für Wirt schaftsgeschichte. Bald trat er jedoch vom Lehramt zurück, um sich ausschließlich seiner ausgedehnten Forscherarbeit zu widmen. 1855—64 hat er mit Joseph Garnier das Journal des Economistes herausgegeben. Man hat Bau drillart nicht unzutreffend den „aumônier“ der liberalen Schule genannt. Neben seinem salbungsvollen, etwas rührseligen Wesen gab dazu Veranlassung seine Auffassung vom Wirtschaftsleben: diese beruht auf der Idee, es sei notwendig, daß die ethischen Wahr heiten die allzu rigorosen wirtschaftlichen Gesetze milderten. Die konsequente Betonung und Durchführung dieser Idee gibt Baudrillarts wissenschaftlicher Lebensarbeit ihr eigentüm liches Gepräge. Im übrigen lehnt er sich eng an die Gedanken gänge Bastiats und M. Chevaliers an. Von Bastiat übernahm er den Optimismus und die Idee der Harmonie im Wirtschaftsleben, welche er zu einer Harmonie von Ethik und Wirtschaftsleben erweitert '). Auch schließt er sich Bastiats Wertlehre rückhaltlos an 2 ). Chevaliers Ein fluß äußert sich in Baudrillarts Grundidee. Baudrillart ist aber zurückhaltender als jener. Jedesmal, wenn er die Not wendigkeit des Schutzes der wirtschaftlich Schwachen betont, tut er es unter zahlreichen Bücklingen nach den orthodoxen Nichtinterventionisten hin. Baudrillarts Grundidee hat vier Ausläufer. Diese sind: 1. Es gilt vor allem die ethischen Gesetze zu formulieren, welche Individuen und Gemeinwesen bei dem Erwerb und Verbrauch der wirtschaftlichen Güter leiten sollen; 2. die ethische Wertung wirtschaftlicher Dinge ist auf jeder Wirtschaftsstufe verschieden und bedingt darum auch jeweils verschiedene wirtschaftspoli tische Einrichtungen und Maßnahmen ; 3. umgekehrt hängt die Moralität der Völker und der verschiedenen Klassen innerhalb eines Volkes wesentlich von wirtschaftlichen Ursachen ab; 4. es gibt natürliche, gegebene Beziehungen zwischen dem Naturrecht, b Baudrillart, Des rapports de l’économie politique et de la morale, 2. Aud., p. X. *) Vgl. insbesondere: Baudrillart, Manuel d’économie politique, III, 2,