<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Nationalökonomie in Frankreich</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Raymund de</forname>
            <surname>Waha</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>890892032</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        ■ .V , 
V- 
Mm 
r 
3%
        <pb n="2" />
        EIGENTUM 
DES 
INSTITUTS 
FÜR 
WELTWIRTSCHAFT 
BIBLIOTHEK 
tins
        <pb n="3" />
        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        1910. 
DIE 
NATIONALÖKONOMIE 
IN FRANKREICH 
D« raymund de waha 
STUTTGART. 
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
        <pb n="6" />
        <pb n="7" />
        DIE 
NATIONALÖKONOMIE 
IN FRANKREICH.
        <pb n="8" />
        I
        <pb n="9" />
        t 
DIE 
NATIONALÖKONOMIE 
IN FRANKREICH 
VON 
Dr. RAYMUND DE WAHA 
STUTTGART. 
VERLAG VON FERDINAND ENKE. 
1910.
        <pb n="10" />
        J 
Das Ubersetzungsrecht wird vorbehalten. 
Jnsf 
kt* 
8 s 
o- 
53 
L 
L 
to 
¿9 
5K- 
/f JV 
Druck der Hoffmannschen Buchdruckerei in Stuttgart.
        <pb n="11" />
        Vorwort. 
Dieses Buch ist weniger dazu bestimmt, einen erschöpfenden 
Bericht über die nationalökonomische Literatur Frankreichs zu 
erstatten, als ein anschauliches, genetisches Gesamtbild des 
volkswirtschaftlichen Denkens in diesem Lande zu gehen. Es 
kam darum nicht so sehr auf Vollständigkeit an, als darauf, 
eine jede Gedankenrichtung durch Herausheben der bedeutendem 
Autoren, in denen sie sich verkörpert, zu kennzeichnen. Wieder 
holte, längere Aufenthalte in Paris hatten mir die Gelegenheit 
gegeben, durch Bibliothekstudien an der Bibliothèque nationale 
und im Musée social, durch den Besuch von Vorlesungen und 
Vorträgen in den verschiedensten Unterrichtsanstalten, endlich 
nicht zum wenigsten im persönlichen Verkehr mit National 
ökonomen und Soziologen der verschiedensten Richtungen, mich 
mit dem Gegenstand vertraut zu machen. Die gesammelten 
Materiahen waren im Laufe der Zeit derart angewachsen, daß 
ich mich bei der Ausarbeitung, um überhaupt ein Ende zu er 
reichen, entschließen mußte, nicht nur eine Auswahl zu treffen, 
sondern auch eine bedeutend kürzere und gedrängtere Dar 
stellung zu Papier zu bringen, als ursprünglich geplant war. 
Dabei konnten viele interessante Autoren nur eine allzu flüchtige 
Berücksichtigung finden; andere wird man überhaupt vermissen. 
Das Streben nach allseitiger Berücksichtigung auch der Einzel 
heiten mußte sich der Sorge unterordnen, ein übersichtliches 
Gesamtbild zu bieten, das die wesentlichen Züge der Wirklich 
keit möglichst getreu wiedergibt. Aber die Beschränkung, zu 
der dieser Gesichtspunkt zwang, genügte noch nicht. Weil die 
äußerste mir zur Verfügung stehende Zeit abgelaufen war und 
die Umstände gebieterisch zum Abschluß drängten, mußte im 
letzten Augenblick auf die Aufnahme der sozialistischen Autoren
        <pb n="12" />
        VI 
Vorwort. 
in das Gesamtbild verzichtet werden. Ich behalte mir jedoch 
vor für den Fall, daß das vorliegende Buch eine günstige Auf 
nahme findet, sobald als möglich eine selbständige Darstellung 
des französischen Sozialismus folgen zu lassen. Materialien dazu . 
habe ich mehr als genügend aus Paris mitgebracht. 
Ich glaube noch darauf hinweisen zu sollen, daß mein 
Buch sich nicht bloß an Fachgelehrte, sondern überhaupt an 
Gebildete wendet. Ich habe mich überall bemüht, der Dar 
stellung eine möglichst klare und allgemein faßliche Form zu 
geben. Von dieser Richtschnur wurde nur an sehr wenigen 
Stellen, deren Übergehen das Verständnis des Ganzen nicht 
beeinträchtigt, deswegen abgewichen, weil eine elementare Dar 
stellung der dort in Frage kommenden subtilen Materien zu 
weit hätte ausholen müssen. Um auch jenen Lesern, welche 
der französischen Sprache nicht vollkommen mächtig sind — 
und diese dürften immer noch die Mehrzahl bilden — das glatte 
Lesen meines Buches zu ermöglichen, wurden die Zitate in 
deutscher Übersetzung wiedergegeben. Nur wenigemal habe ich 
französisch zitiert, und zwar aus dem Grunde, weil entweder 
der genaue Sinn, oder die eigentümliche Schönheit des sprach 
lichen Ausdrucks der betreffenden Stellen in der Übersetzung 
nicht wiederzugeben waren. Möge die Kenntnis der französi 
schen Nationalökonomie, welche mein Buch dem deutschen 
Leser vermitteln soll, anregend und befruchtend auf den Wissen 
schaftsbetrieb in Deutschland wirken; möge das Buch Ver 
ständnis und Wertschätzung französischer Geistesarbeit auf dem 
so wichtigen Gebiete der Wirtschaftswissenschaft in weiten 
Kreisen fördern! 
Allen, die mir bei der Beschaffung der Materialien, bei der 
Durchsicht des Manuskripts und bei der Korrektur Hilfe ge 
leistet haben, wiederhole ich an dieser Stelle den Ausdruck 
meines herzlichsten Dankes. Ich kann nicht umhin, bei dieser 
Gelegenheit auch öffentlich das liebenswürdige Entgegenkommen 
zu rühmen, das ich in Paris in sämtlichen Kreisen, welche sich 
wissenschaftlich oder praktisch mit volkswirtschaftlichen Fragen 
beschäftigen, gefunden habe. 
Luxemburg am 2. Februar 1910. 
Dr. R. de Waha.
        <pb n="13" />
        Inhaltsverzeichnis. 
Vorwort . 
Einleitung 
Seite 
V 
XVII 
Buch I. Die liberale Schule. 
I. Teil. Geschichtlicher Überblick 
1 
Kritik am Merkantilismus 1. — Natürliche Ordnung des Wirtschafts 
lebens 2. — Die Physiokraten 3. — Adam Smith 9. — J. B. Say 11. 
— Theorie der immateriellen Güter 12. — Rolle des Unternehmers 
in der Volkswirtschaft 13. — Begriff der volkswirtschaftlichen 
Naturgesetze 14. — Says Methode 15. — P. Rosst 17. — Grundsätz 
liche Unterordnung der Ergebnisse der abstrakten Wissenschaft 
unter die durch nationale, zeitliche und örtliche Besonderheiten ge 
schaffene Lage, sowie unter die Forderungen von Ethik und Politik 
18. — Ch. Dunoyer 20. — Der Freiheitsbegriff, Angelpunkt der Wissen 
schaft 21. — Guillaumin, Horace Say, Blanqui, Faucher, L. Reyhaud, 
J. Garnier 25. — Société d’Economie politique, Journal des Econo 
mistes 27. — F. Bastiat 28. — Die Harmonien des Wirtschaftslebens 
30. — Unterscheidung von unentgeltlichen und onerosen Brauchbar 
keiten, Negierung der Rente 31. — Der Wert als das Verhältnis zweier 
ausgetauschter Dienstleistungen 32. — Das Gesetz der Harmonie von 
Kapital und Arbeit; das Freihandelspostulat als Brennpunkt der Wis 
senschaft 34. — Die liberale Schule geht von der Bekämpfung des 
Protektionismus zu der des Sozialismus über 35. — M. Chevalier 36. 
— Der französisch-englische Handelsvertrag von 1860 40. — Courcelle- 
Seneuil 42. — Dessen Neueinteilung der Volkswirtschaftslehre 43. — 
Die Aneignungssysteme ; das Wirtschaftsleben nicht mehr Natur 
erscheinung, sondern Entscheidung des menschlichen Willens 44. — 
Ersparungsarbeit 47. — Cherbuliez 48. — Wolowski, Batbie 50. — 
Battdrillart 51. — Milderung der wirtschaftlichen Gesetze durch in 
dividuelle und soziale Moral 52. — Léon Say 56. — M. Block 59. — 
Schlußwort 62. 
II. Teil. Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule . . 63 
A. Positionen, welche die liberale Schule inne hat, und Organe, 
über die sie verfügt 
63
        <pb n="14" />
        Vili 
Inhaltsverzeichnis. 
Seite 
Académie des Sciences morales et politiques 63. — Ecole libre des 
Sciences politiques 64. — Staatliche Lehrstühle im Besitz der libe 
ralen Schule 66. — Periodica 68. 
B. Die verschiedenen Gruppen innerhalb der liberalen Schule . . 71 
1. Kapitel. Die Gruppe der Unentwegten 72 
G. de Molinari 72. — Die Nationalökonomie im Gewände der evo- 
lutionistischen Soziologie Spencers; die Gesetze der Kraftersparnis 
und der Konkurrenz 73. — Die Entwicklung beginnt mit dem Krieg 
75. — Der Krieg wird durch die wirtschaftliche Konkurrenz nach 
und nach ausgeschaltet 77. — Das Schutzzollsystem; dessen Ablö 
sung durch einen Zustand internationaler Interessensolidarität 79. — 
Gesetz der Progression der Werte 82. — Kapital und Arbeit; die 
Produktion des Menschen 82. — Das Gesetz der Äquivalenz der Ge 
winne zwischen den Produktionszweigen und der Gewinnanteile einer 
jeden Kapital art innerhalb eines jeden Produktionszweiges 85. — Mo 
linaris Wirtschaftspolitik: Freihandel, Versicherung gegen den Krieg, 
Vereinfachung des Staates, Vereinheitlichung der Märkte und Mobili 
sierung der Arbeit, Handel in Arbeit und Arbeitsbörsen, self govern 
ment und sweckmäßige Bevormundung 87. — Kritik 94. — Frédéric 
Passi/, der Friedensapostel 96. — Fres Guyot 98. — Seine volkswirt 
schaftlichen Naturgesetze 99. — Seine subjektive Wertlehre 100. 
2. Kapitel. Die Gruppe der Geschäftsmänner 103 
Paid Leroy-Beaulieu 103. — Seine Methode ; induktive Fundamentie 
rung der Volkswirtschaftslehre 104. — Die permanenten und univer 
sellen Naturgesetze der Volkswirtschaft 106. — Der Freihandel nicht 
grundlegendes Dogma, sondern Frage praktischer Zweckmäßigkeit; 
Berücksichtigung nationalwirtschaftlicher und allgemein politischer 
Erwägungen in der Wirtschaftspolitik 108. — Die Wertlehre levons' 
und der Oesterreich er 109. — Das Gesetz der Substitution 110. — 
Die drei Haupttendenzen der heutigen Wirtschaftsepoche: Sinken des 
Zinsfußes 111; Kolonisierung 114: Erweiterung der Befugnisse des 
Staates 115. — Kritik 115. — A. Neymarck 117. — A. Rafsalovich 118. 
— R. G. Lévy 119. — E. d'Eichthal 119. — Die Voraussicht und Vor - 
bedachtsamkeit im Wirtschaftsleben 120. — Die Nationalökonomie, 
ein Produktionsproblem, nicht ein solches der Verteilung 121. — Die 
soziale Solidarität 122. — Ch. Gomel. Die Finanzgeschichte des Re 
volutionszeitalters 125. 
3. Kapitel. Die Gruppe der Verwaltungsbeamten. . . . 126 
A. de Foville, Statistiker 127. — R. Stourm. Dessen finanzwissenschaft 
liche Werke. Vergleich mit Ch. Gomel 128. 
4. Kapitel. Die Gruppe der Historiker 130 
P. E. Levasseur 130. — Die Bedeutung der historischen Methode für 
die Nationalökonomie 132. — Die Pflicht des Historikers, aus seinen 
geschichtlichen Erkenntnissen eine Doktrin fürs praktische Leben zu
        <pb n="15" />
        Inhaltsverzeichnis. 
IX 
Seite 
folgern; diese Doktrin ist ein erleuchteter und gemäßigter Libera 
lismus 134. — Die Bevölkerungstheorie Levasseurs 136. — Die Wirt 
schaftsgeschichte Frankreichs 137. — G. d’Avenel 140. — Geschichte der 
Preise aus sechs Jahrhunderten 141. — Die Geschichtsforschung führt 
d’Avenel zu Schlußfolgerungen, die Bastiat auf deduktivem Wege, 
Leroy-Beaulieu aus der Beobachtung der Gegenwart gewann 142. — 
d’Avenels „Mécanisme de la vie moderner 144. — A. Liesse, Comtist 
145. — Unterscheidung von feststehender Doktrin und deren jewei 
liger Interpretation 146. — Paul Guiraud. Wirtschaftsgeschichte des 
Altertums 147. 
Kapitel. Die Gruppe der Ingenieure und die mathe 
matische Methode in der liberalen Schule 148 
Geschichtlicher Überblick : Canard, Cazaux, Cournot, Dupuit 148. — 
Kritik der mathematischen Methode 150. — L. C. Colson. Apologie 
der deduktiven Methode 151. — Colsons Anlehen bei Marshall und 
Leroy-Beaulieu ; die Rettung der klassischen Gesetze 152. — Die Sozial 
politik der liberalen Schule 155. — Colsons Parteinahme für die Progres 
sivität der Steuern und das Prinzip der Personalbesteuerung 157. 
Kapitel. Die Gruppe der Universitätsprofessoren . . 159 
A. Jourdan 159. — Versuch, Individualismus und Interventionismus 
zu verbinden 160. — E. Worms 162. — Den wirtschaftlichen Natur 
gesetzen kommt kein absoluter Charakter zu 163. — Eingliederung 
der Nationalökonomie in die Soziologie; Trennung von Wissenschaft 
und Kunstlehre in der Nationalökonomie; Vorschläge zur Reorgani 
sation des volkswirtschaftlichen Unterrichts an den Universitäten 163. 
— F. Faure 166. — Trennung von Wissenschaft und Kunstlehre; 
einheitliche Methode für beide 166. — E. Villey, Eklektiker 168. — 
Kritik der klassischen Schule 168. — Die Gesetze der Volkswirt 
schaftslehre sind Naturgesetze 169. — Rechts- und Wirtschaftswissen 
schaft sind unzertrennlich 169. — Prinzipielle Bevorzugung der de 
duktiven Methode 170. — Die Zukunft gehört der genossenschaft 
lichen Entwicklung ; die soziale Solidarität ; Aufgabe des Staates im 
Wirtschaftsleben ist Erziehung der Individuen zu starken Persönlich 
keiten 171. — P. Beauregard 172. — A. Souchon. Die mittlere Linie 
zwischen Interventionismus und Nichtinterventionismus 173. — G. Des- 
champs. Die Reaktion gegen den Interventionismus und den deut 
schen Historismus 174. — A. Schatz 175. — Ideengeschichtliche For 
schungen über die Anfänge des Liberalismus 175. — Liberalismus 
und Individualismus im XIX. Jahrhundert 176. — Die Notwendig 
keit gegen den Interventionismus und Sozialismus in Politik und 
Wissenschaft Front zu machen; Anlehnung an den englischen Indi 
vidualismus des XVIII. Jahrhunderts durch Anerkennung der uni 
versellen Tatsache der Solidarität; genossenschaftsfreundliche Wirt 
schaftspolitik unter dem Vorbehalt, daß jegliche Politik letztlich auf 
die Vervollkommnung des Individuums hinzielen muß 177—183.
        <pb n="16" />
        X 
Inhaltsverzeichnis. 
Seite 
Buch II. Die katholischen und verwandten Richtungen. 
Übersicht 184 
I. Teil. Vorgeschichte 187 
J. de Maistre und de Bonald, Anhänger des „ancien régime“ 187. — 
Die Mehrzahl der französischen Katholiken stand vor 1870 auf seiten 
des ökonomischen Liberalismus 189. — Die Z/stiMenwaisgruppe ; de 
Lamennais polemisiert gegen die liberale Schule und verlangt eine 
staatliche Arbeiterschutzgesetzgebung, de Coux erneuert die Lehre 
der mittelalterlichen Theologen vom gerechten Lohne. Montalembert 
verhilft dem Interventionismus Lamennais’ zu einem teil weisen Sieg 
in der französischen Pairskammer 191. — de Villeneuve-Bargemont ; 
die christliche Nationalökonomie 192. — Louis Veuillot und D. Le 
grand, Vorläufer der heutigen Sozialkatholiken 194. — Die christ 
lichen Sozialisten ; Identifizierung von Christentum und Sozialismus 
in der vorachtundvierziger Periode 194. — Bûchez. Die geschicht 
liche Methode als Grundlage der Gesellschaftswissenschaft; das In 
dividuum ist für die Gesellschaft da, nicht umgekehrt ; Eigentum und 
Arbeit als soziale Funktionen ; die Produktivgenossenschaften 196. — 
Chevé, Schüler Bûchez’ und K. Marx’ 199. — F. Huet. Agrarsozia 
lismus. Recht aller auf Unterstützung. Die sozialpolitischen Auf 
gaben der katholischen Kirche 200. — A. Ott. Gesellschaftliche Or 
ganisation der Produktion und der Verteilung der Güter; Bûchez’ 
geschichtliche Auffassung des gesellschaftlichen Geschehens und pro 
duktivgenossenschaftliche Organisation der Industrie 202. 
II. Teil. Die Gründer der heutigen Schulen .... 205 
A. Die Niehtinterventionisten 205 
Corbière. Die Übereinstimmung der klassischen Nationalökonomie 
mit der katholischen Religion 205. — de Metz-Noblat. Verbindet 
Theorie und Praxis des Wirtschaftslebens mittelst Rossis Korrektiv 
206. — Die Rolle der Erbsünde im Wirtschaftsleben; die Entsagung 
als Faktor des wirtschaftlichen Fortschritts 207. — Ch. Périn 208. — 
Das katholische Sittengesetz als Grundlage der Nationalökonomie; 
die Entsagung als das ökonomische Prinzip schlechthin 209. — Asso 
ziation und Patronage 211. — F. Le Play 212. — Die Methode der 
Familienmonographien; die Voraussetzungen Le Plays 214. — Aus 
wahl der typischen Familien; deren Beobachtung 217. — Die „Au 
torités sociales“ 219. — Das Familienbudget 220. — Erforschung der 
Vergangenheit durch Beobachtung der in die Gegenwart hineinrei 
chenden Kulturreste der verschiedenen Zeitalter 222. — Le Plays 
System der Sozialwissenschaft 223: 1. Religion; der „ewige Dekalog“ 
224. — 2. Eigentum : Gemeineigen, Patronage und individuelles Eigen 
tum ; die Erbrechtssysteme 225. — 3. Familie: patriarchalische, un 
beständige und Stammfamilie 229. — 4. Arbeit 231. — 5. Genossen 
schaften 232. — 6. Patronage 233. — 7. Staatsgewalt 234. — Kritik 235.
        <pb n="17" />
        Inhaltsverzeichn i s, 
XI 
* Seite 
B. Die Interventionisten 238 
Catholiques sociaux 238. — M. Maignen ; die Wiederherstellung der 
Zünfte 239. — R. de la Tour du Pin und A. de Mun 239. — Gründung 
der „Cercles“ 240. — Conseil des Etudes 241. — Association catho 
lique 241. — Die doktrinelle Entwicklung des Sozialkatholizismus: 
korporative Organisation des Wirtschaftslebens und Arbeiterschutz 
gesetzgebung 242. — R. de la Tour du Pin, der Haupttheoretiker der 
sozialkatholischen Schule 244. — Ethische Normen sind die Grund 
gesetze des Wirtschaftslebens 245. — Der christliche Staat 246. — 
Die korporative Arbeitsordnung 246. — Arbeiterorganisationen ; Zunft 
patrimonien 248. — Das Eigentum, eine soziale Funktion 250. — Der 
gerechte Preis 250—251. — Die Staatslehre der Sozialkatholiken 251. 
— Die „Unions de Fribourg“ ; die Enzyklika „Rerum no varum “ 253. 
— Die Lütticher Kongresse; der Sieg der deutschen Idee des Wohl 
fahrtstaates 254. — A. de Muns Programm von St. Etienne 254. 
III. Teil. Die katholischen und verwandten Schulen 
in der Gegenwart 257 
A. Die Niehtinterventionisten 258 
1. Kapitel. Die Schule der Réforme sociale 258 
Société d’Economie sociale, Unions de la Paix sociale, La Réforme 
sociale, Ouvriers des Deux Mondes 258. — Claudio-Jannet 261. — 
Verbindung von Herkommen und Konkurrenz 262. — Die Trieb 
federn der Arbeit 263. — Claudio-Jannets Buch über die Vereinigten 
Staaten von Amerika 263. — Ch. de Ribbe. Die „Livres de raison“ 
265. — E. Rostand. Praktische Sozialpolitik 266. — A. Béchaux. Die 
„französische Schule“ der Nationalökonomie 268. — E. Cheysson. 
Monographie d'atelier und monographie de commune 271. — Delaire 
275. — A. Guérin, 11. Valleroux, Fournier de Flaix 276. — M. Beliam, 
G. Blondel, M. Lepelletier 277. — P. du Maroussem. Enquête mono 
graphique 278. — Die „Musterung der Extreme“ 279. — Cité mo 
derne und région rurale; Monographie eines Gewerbes, einer Handels 
branche, einer Landschaft, eines landwirtschaftlichen Marktes, eines 
öffentlichen Verwaltungszweiges usw. ; Vereinfachung des Le Play- 
sehen Schemas der Familienmonographie ; neue Gesichtspunkte für 
Auswahl der typischen Familien 279. 
2. Kapitel. Die Schule der Science sociale 287 
H. de Tourville und E. Detnolins. Fortbildung der Le Play sch en Be 
harrungslehre zu einer Entwicklungslehre 287. — Übertragung der 
naturwissenschaftlichen Beobachtungsverfahren in die Sozialwissen 
schaft 288. — Die drei Phasen iri der Methode Le Plays: Methodi 
sche Analyse, vergleichende Beobachtung, Klassifikation 290. — Die 
patriarchalische Familie der Nomaden des Ural als Typus der ein 
fachen menschlichen Gesellschaft 291. — Nomenclature sociale 292. 
— An Stelle der Erbsysteme tritt die Art der Kindererziehung als
        <pb n="18" />
        XII 
Inhaltsverzeichnis. 
Seite 
unterscheidendes Merkmal der Familien typen 298. — Neue Klassifi 
zierung der Familien typen 299. — de Tourvilles wirtschaftsgeschicht 
liche Essays; geographisch-wirtschaftliche und psychologische Inter 
pretierung der Geschichte 300. — Ecole des Roches ; Manoir de Cal- 
mont 303. — Paul Bureaus Studienreisen 303. — Definitive Klassifi 
zierung der Familien und Völker durch de Tourville und Demolins: 
kommunautäre und partikularistische Seinsweise 304. — Die „Réper 
cussions sociales“ 306. — Das Ideal höchstgespannter Entwicklung 
307. — A. de Préville, P. Roux, d’Azambuja, P. de Bousiers, P. Bureau, 
L. Poinsard 308—310. — Kritik der „Science sociale“ 310. 
3. Kapitel. Die Schule von Angers 312 
Die liberalen Katholiken und katholischen Juristen 312. — Die Je 
suiten Caudron und Forbes 313. — Bischof Freppel; der Kongreß 
von Angers 313. — Société catholique d’Economie politique et sociale 
314. — J. Rambaud 314. — Pflichten der Gerechtigkeit und Pflichten 
der Nächstenliebe 315. — Das nichtinterventionistische Programm 
Bischof Freppels; die katholische Kirche als Hauptfaktor der Sozial 
reform 316. — Aufnahme Le Playscher Ideen 316. — Association des 
Patrons du Nord 317. 
B. Die Interventionisten 318 
4. Kapitel. Die christlichen Sozialisten 318 
Das Wiederaufleben des christlichen Sozialismus 318. — Drei ver 
schiedene Weltanschauungen innerhalb der sozialkatholischen Schule; 
Bildung dreier Gruppen in deren Schoß : rechter Flügel, Zentrum, 
linker Flügel; ihre Entwicklung seit 1891 320. — Abbé Naudet 327. 
— Das Eigentum als soziale Funktion und als historische Kategorie; 
Verschwinden des Lohnsystems in der Zukunft 329. — Naudets so- 
zialreformerische Forderungen; die berufsständige Organisation als 
Mittel zu deren Verwirklichung 330. — Versuch des Jesuiten Antoine 
die Lehre der christlichen Demokraten zu einem integrierenden Be 
standteil der katholischen Theologie zu machen 331. 
5. Kapitel. Der „SilIon“ 336 
Marc Sangnier. Die Entwicklung des „Sillon“ 336. — Die volkswirt 
schaftlichen Ideen der Sillonisten 338. — Der „Sillon“, ein Freund 
schaftsbund 339. — Schwierige Stellung des ,.Sillon“ 340. 
6. Kapitel. Das sozialkatholische Zentrum 341 
Dessen Organisationen 341. — Die katholischen Universitäten; Ecole 
des Sciences politiques et sociales in Lille 343. — Union d'études 
des Catholiques sociaux 345. — Die literarische Produktion der so 
zialkatholischen Schule 346. — Ch. Antoine ; dessen Lehrbuch der 
Nationalökonomie, ein Meisterstück wissenschaftlicher Diplomatie 
346. — 6r. Goyau ; die religiöse Grundlegung des Sozialkatholizismus 
348. — de Pascal, M. Turmann, A. D. Sertillanges, R. Jag, Martin 
Saint-Léon, L. de Seilhac, Abbé Lemire, J. Brunhes 349—352. —
        <pb n="19" />
        Inhaltsverzeichnis. 
XIII 
Seite 
Überblick über die doktrinelle Entwicklung des Sozialkatholizismus 
seit 1890 352. 
Buch III. Interventionismus, Solidarismus und 
Protektionismus. 
I. Teil. Der Interventionismus an den Universitäten . . . 355 
1. Kapitel. Vorläufer 355 
Simonde de Sismondi 355. — Dupont-White. Der Staats Sozialismus 357. 
2. Kapitel. Entstehung und Organisation des volkswirt 
schaftlichen Unterrichts an den Rechtsfakultäten . 359 
Die Reformpläne von de Salvandy und Duruy ; die Reform von 1878 
359. — Deren Ausbau bis 1907 ; die heutige Gestaltung des staats 
wissenschaftlichen Unterrichts an den Rechtsfakultäten 360. — Con 
férences payantes; seminaristische Übungen; doctorat d’Etat und 
doctorat d’Université 363. 
3. Kapitel. Die interventionistische Richtungnahme der 
Nationalökonomie an den Rechtsfakultäten 364 
Die Gründe für diese Erscheinung; der Einfluß des Romanisten 
Paul Gide 365. — Der Sturm gegen Cauwès 365. — Der Einfluß der 
deutschen historisch-ethischen Nationalökonomie ; Ch. Andler 366. — 
Arbeiten über Deutschland 367. — Die französische Eigenart; Ge 
schmack für Aktualität; weitere fremde Einflüsse 368. — Der deut 
sche Interventionismus dringt in die französische Politik ein 370. 
4. Kapitel. Allgemeine Volkswirtschaftslehre 371 
Revue d’économie politique 371. — P. Cauwès 372. — Der Mensch 
im Vordergrund des volkswirtschaftlichen Interesses; der nationale 
Charakter einer jeden Volkswirtschaft; das Gesetz der Arbeitsteilung 
373. — Der Protektionismus; die Befugnisse des Staates 375. — Die 
Zusammengehörigkeit von Rechts- und Wirtschaftswissenschaft 376. 
— Die Arbeit als Quelle von Eigentum und Wert 378. — M. Bourguin. 
Die sozialistischen Systeme und der natürliche Lauf der wirtschaft 
lichen Entwicklung 381. — Ausdehnung des Kapitalismus und Or 
ganisation der kollektiven Kräfte sind die Richtlinien der Entwick 
lung des Wirtschaftslebens 386. — Demokratisches Organisations 
programm 388. — Kritik 391. — A. Landry 392. — Parallele zwischen 
Bourguin und Landry 393. — Der ponophysiokratische Sozialismus 
Effertz’ bei Landry 393. — Bevorzugung der deduktiven Methode; 
die „reine“ Volkswirtschaftslehre 394. — Landrys Zinstheorie 395. — 
Landrys Theorie vom Unternehmergewinn 397. — Der soziale Nutzen 
des Privateigentums ; die wirtschaftlichen Antagonismen 398. — Der 
Schluß auf den Sozialismus 400. 
5. Kapitel. Wirtschaftliche Ideen-und Tat ge schichte . 402 
Revue de l’Histoire des doctrines économiques 402. — A. Dubois. Die 
dreifachen Einflüsse, welche das Entstehen und die Entwicklung der
        <pb n="20" />
        XIV 
Inhaltsverzeichnis. 
Seite 
volkswirtschaftlichen Ideen bestimmen 402. — Der Merkantilismus 
402. — Die Geschichte der volkswirtschaftlichen Ideen von Ch. Gide 
und Ch. Rist 405. — Charakteristik von Ch. Rist 410. — Ch. Turgeon. 
Der Feminismus 411. — L. Brocard, Schüler Deschamps'. Die Ein 
heitslehre 411. — G. Martin. Wirtschaftsgeschichtliche Monographien 
412. — G. Weill. Detaillierte Materialiensammlungen 413. — G. Bry. 
Wirtschaftsgeschichte Englands 414. 
6. Kapitel. Sozialpolitik und soziale Gesetzgebung . . 414 
Zeitschriften 414. — Parallele zwischen P. Pie und G. Bry 415. — 
Der kollektive Arbeitsvertrag 416. — Berufsorganisationen der Staats 
beamten 417. — A. Aftalion. Gewerbepolitische Enqueten 418. — 
R. Jay. Radikaler Interventionismus 418. 
7. Kapitel. Finanz Wissenschaft 420 
Zeitschriften 420. — P. Cauivès verwirft die Progressivität der Steuern, 
überträgt die Freilassung eines Existenzminimums von den Einkom 
men- auf die Ertragssteuern, gibt der (einzigen) Kapitalsteuer vor der 
(alleinigen) allgemeinen Einkommensteuer den Vorzug. Seine Re 
form Vorschläge für Frankreich 420. — G. Jèze und M. Boucard 422. 
— Das nävia ģtï bei Jèze 423. — G. Allix. Dessen Lehrbuch der 
Finanzwissenschaft 424. 
II. Teil. Der Solidarismus 427 
1. Kapitel. Zur Geschichte des Solidaritätsbegriffes . . 427 
Die Solidarität im Altertum; im römischen Recht; bei A. Smith, A. 
Comte, P. Leroux, Basti at 427. — Der Solidaritätsbegriff in der Ge 
genwart 429. 
2. Kapitel. Der Solidarismus bei Léon Bourgeois . . . 432 
Das Naturgesetz des Zusammenschlusses zum Leben 432. — In der 
Gesellschaft ist der Einzelne das Ergebnis von persönlichen und so 
zialen Faktoren 433. — Die natürliche Solidarität schafft die Rechts 
gründe eines Quasikontraktes 434. — Korrektur der natürlichen Soli 
darität durch eine gewollte; der solidaristische Gerechtigkeitsbegriff 
435. — Zahlung der sozialen Schuld durch Mutualisierung der Ri 
siken und Vorteile; Bourgeois’ interventionistisches Programm 437. 
— Kritik 438. 
3. Kapitel. Der Solidarismus bei Charles Gide 440 
Methode und Begriffsbestimmungen 440. — Gide lehnt sich in der 
Auffassung von den volkswirtschaftlichen Naturgesetzen und in der 
Wertlehre an Marshall an 442. — Die Idee der Solidarität 444. — 
Die Solidarität kann durch staatliche Intervention und durch genos 
senschaftlichen Zusammenschluß verwirklicht werden 446. — Aus 
schaltung der Berufsorganisationen und Gegenseitigkeitsgenossen 
schaften 447. — Die Kooperativgenossenschaften; das Ideal einer 
konsumgenossenschaftlichen Organisation des Wirtschaftslebens 448.
        <pb n="21" />
        Inhaltsverzeichnis 
XV 
Seite 
Die Beseitigung der Lohnarbeit und die Umgestaltung des Ligen- 
tumsbegriffes als Folgen der Vergenossenschaftlichung der W irt 
schaftsordnung 451. — Kritik 455. 
III. Teil. Der Protektionismus 458 
Definition; Ideengeschichtliches 458. — E. Théry. L Economiste eu 
ropéen. Protektionismus und Bimetallismus. Statistische Studien 
459. — J. Mélme. Zurück zur Scholle ! 462. - La Réforme économi 
que und Journal de l'Agriculture 466. — Société d’Economie politique 
nationale 467. 
Buch IV. Die Nationalökonomie bei den Philosophen 
und Soziologen. 
1. Kapitel. Überblick - 468 
Condorcet, Vorläufer der deutschen historischen Nationalökonomie 468. 
— A. Comte. Kritik am „laisser faire“ 469. — Die Soziologie als Natur 
geschichte der Gesellschaften 470. — Espinas. Die Volkswirtschafts 
lehre als nationalwirtschaftliche Kunstlehre 470. — J. Jzoulet. Das 
Zusammenschmelzen von Individualismus und Sozialismus durch die 
bio-soziologische Hypothese 471.— A. Fouillée. Der „organisme con 
tractuel“. Der Staat als Genossenschaft der Genossenschaften 472. 
— Ch. Renouvier. Staatsintervention und genossenschaftlicher Zu 
sammenschluß als Mittel, den Individuen zu helfen, ihre sittliche 
Persönlichkeit zu entwickeln 473. — H. Michel 475. — Th. Funclc- 
Brentano. Essay eines Systems der Volkswirtschaftslehre 476. — 
R. Worms. Die Methoden der Volkswirtschaftslehre. Ihr Verhält 
nis zur Soziologie 478. 
2. Kapitel. Die „interpsychologische“ Grundlegung der 
Nationalökonomie: Gabriel Tarde 481 
Definition der Interpsychologie 482. — Die Erscheinungsformen der 
Wiederholung, des Gegensatzes und der Anpassung 482. — Der Wert 
begriff 483. — Einteilung der Sozial Wissenschaften 484. — Kritik der 
traditionellen Einteilung der Nationalökonomie 485. — Alle volks 
wirtschaftlichen Erscheinungen sind solche der Wiederholung, der 
Gegensätzlichkeit oder der Anpassung 486. — Kritik von Tardes Neu 
einteilung der Nationalökonomie 487. — Die volkswirtschaftliche 
Wiederholung : die Bedürfnisse 488. — Die Arbeit und ihr Gegen 
stück, die Erfindung 491. — Das Geld 493. — Das Kapital 493. — 
Die volkswirtschaftlichen Gegensätze : die inneren Gegensätze oder die 
Bestimmungsmomente der Preise 494. — Die äußern Gegensätze 496. 
— Die Krisen und die Rhythmen 497. — Die volkswirtschaftliche 
Anpassung: individuelle und soziale Harmonien-, Erfindung und Ge 
wöhnung an regelmäßige Bedürfnisse 498. — Der wirtschaftliche 
Wert 500. — Das Privateigentum 502. — Der Tausch 503. — Die
        <pb n="22" />
        XVI 
Inhaltsverzeichnis 
Seite 
Genossenschaften 504. — Kritik von Tardes „interpsychologischer" 
Nationalökonomie 505. 
3. Kapitel. Die „positive“ Grundlegung der Nationalöko- 
nomie: Durkheim und Si mia nd 507 
Parallele von Durkheim und Tarde 507. — Die soziologische Methode 
Dürkheims : die gesellschaftlichen Erscheinungen können nur durch 
äußere, nicht aber durch innere Wahrnehmung erkannt werden 508. 
— L’Année sociologique 510. — Die Arbeitsteilung, eine Grundtat 
sache des gesellschaftlichen Lebens 510. — Mechanische und organi 
sche Solidarität ; wie beide entstehen 511. — Die Ursachen der Arbeits 
teilung; der Kampf ums Dasein 513. — Die anormalen Wirkungen 
der Arbeitsteilung 514. — Dürkheims Ethik; die Berufsmoral 516.— 
Berufsgenossenschaftliche Organisation der Gesellschaft; die Aufgabe 
der Korporationen 518. — Kritik zu Dürkheims Berufsethik 520. — 
F. Simiand 522. — „Positive“ Grundlegung der Nationalökonomie im 
Gegensatze zur „normativen“ 522. — Simiands Lohngesetze 523. — 
Wie er sie gewann 525. — Kritik der soziologischen Methode Dürk 
heims und Würdigung der Ergebnisse, die Simiand mit ihrer Hilfe 
gewann 527. 
Anhang 529 
Musée social 529. — Office social de renseignements et d’études 532. 
— Collège libre des Sciences sociales 532. — Ecole des Hautes Etudes 
sociales 533. 
Schlußwort 536
        <pb n="23" />
        Einleitung. 
Eine große Frage beherrscht das volkswirtschaftliche 
Denken in Frankreich: die Frage, ob das Wirtschaftsleben frei 
oder gebunden sein soll. Die Geister scheiden sich, je nach 
der Antwort, die sie auf diese Frage geben, in zwei Lager. 
Das eine umfaßt die Volkswirte, deren Augenmerk in erster Linie 
auf die Unternehmerklasse gerichtet ist, auf jene Kategorie von 
Starken, deren Gesetz individuelle Selbsthilfe und freie Kon 
kurrenz sind. Diese Volkswirte huldigen alle in größerm oder 
geringerm Maße der Anschauung, daß die Einmischung des 
Staates ins Wirtschaftsleben im allgemeinen schädlich sei. Man 
bezeichnet sie als Individualisten oder Nichtinterventionisten. Die 
Nationalökonomen, welche sich für die Gebundenheit des Wirt 
schaftslebens entscheiden, bilden das andere Lager. Ihre Auf 
merksamkeit gilt in erster Linie den wirtschaftlich Schwachen 
und Schutzbedürftigen, also entweder der Arbeiterklasse, deren 
Gesetz die Vereinigung und die autoritative Reglementierung 
der wirtschaftlichen Beziehungen sind, oder jenen Zweigen der 
einheimischen Produktion, welche die schützende Intervention 
des Staates in eine Lage setzen soll, die jener des fremden 
Wettbewerbs gleich sei. Die hierher gehörenden Volkswirte 
stützen ihre Anschauungen zumeist auf eine historische Auf 
fassung vom Wirtschaftsleben, die dessen Gestaltung von den 
Bedingungen von Zeit und Ort abhängig sein läßt. Sie sind 
Interventionisten, Protektionisten, oder auch Anhänger einer korpo 
rativen oder genossenschaftlichen Ordnung des Wirtschaftslebens. 
Neben den Männern, welche aus ökonomischen Gründen 
für die Freiheit oder für die Gebundenheit des Wirtschafts 
lebens Partei ergreifen, gibt es solche, deren volkswirtschaft 
liches Denken sich auf Grundlagen anderer Ordnung aufbaut. 
Es sind dies in der Hauptsache einerseits die katholischen National 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. II
        <pb n="24" />
        Einleitung. 
XVIII 
Ökonomen, andererseits die Philosophen und Soziologen, die sich 
mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigen. Die ökonomischen 
Anschauungen der erstem sind von deren religiös-kirchlichem 
Glauben beeinflußt oder gründen vollständig darauf; die letztem 
treten von allgemein philosophischen oder sozialwissenschaft 
lichen Gesichtspunkten aus an die wirtschaftliche Erscheinungs 
welt heran. Darum bleibt jedoch weder den einen, noch den 
andern die Antwort auf die Frage: Freiheit oder Gebundenheit? 
erspart. Die Katholiken spalten sich darüber in zwei Lager: 
ein nichtinterventionistisches und ein interventionistisches, wäh 
rend die Philosophen und Soziologen den Fußstapfen Condorcets 
folgen und sich zu der staatlichen Einmischung ins Wirtschafts 
leben und auch wohl zu dem Prinzip der Vereinigung der 
Schwachen bekennen. 
Das Gesagte liefert uns die Elemente zu einer Einteilung 
unseres Stoffes, welche sich eng an die historische Entwicklung 
der Dinge anschließt. Es gibt in Frankreich, wenn wir vom 
Sozialismus absehen, vier große Gruppen von Volkswirten. Es 
sind: 1. Die Individualisten oder Nichtinterventio 
nisten schlechthin; sie nennen sich selber die liberale Schule. 
2. Die katholischen und verwandten Richtungen, die 
sich in ein interventionistisches und ein nichtinterventionistisches 
Lager spalten. 3. Die Interventionisten, Solidaristen 
und Protektion!sten, das sind die Anhänger der Einmischung 
des Staates ins Wirtschaftsleben. 4. Die Philosophen und 
Soziologen, soweit sie sich um wirtschaftliche Fragen kümmern. 
Die Grenze zwischen Nichtinterventionismus und Inter 
ventionismus zieht sich in dieser Einteilung mitten durch die 
zweite Gruppe hindurch. Natürlich fehlt es nicht an Versuchen, 
diese Grenze zu überbrücken, noch an Berührungspunkten 
zwischen den einzelnen Gruppen. Das hindert jedoch nicht, daß 
deren obige, gegenseitige Abgrenzung die natürlichste, der tat 
sächlichen Gestaltung der Dinge am nächsten kommende sein 
dürfte. 
Bei der Ausarbeitung des vorliegenden Werkes war das 
Interesse des Verfassers in besonderer Weise auf Methoden 
fragen gerichtet. Der Gedanke lag darum nahe, der Darstellung 
eine Einteilung des Stoffes zugrunde zu legen, die von methodo 
logischen Unterscheidungsmerkmalen ausgegangen wäre. Es
        <pb n="25" />
        Einleitung. 
XIX 
stellte sich jedoch bald heraus, daß das Voranstellen des Ge 
sichtspunktes der Methode nur ein verzerrtes Bild der Wirklich 
keit gezeitigt hätte. Denn einmal sind Methodenfragen zurzeit 
— wenn wir von einem oder zwei Autoren absehen, — in der 
französischen Nationalökonomie gar nicht auf der Tagesordnung; 
dann aber würde eine Gruppierung der Volkswirte nach den von 
ihnen zur Anwendung gebrachten Forschungsverfahren die natür 
lichen Rahmen, in denen sie sich bewegen, derart über den Haufen 
geworfen haben, daß kein Kenner der tatsächlichen Lage diese 
in dem kaleidoskopischen Bilde wiedererkannt hätte. Es mußte 
darum als das Beste erscheinen, die folgende Darstellung, unter 
Vermeidung jeder künstlichen Abfachung, in einer Weise an 
zuordnen, die sich auf das engste an die historisch gewordenen 
Gruppierungen anschließt. 
Demgemäß behandeln wir die oben unterschiedenen vier 
Gruppen von Nationalökonomen in der angegebenen Reihenfolge 
in vier Büchern. Der Gesichtspunkt möglichster Anlehnung 
an die tatsächlich im Vordergrund stehenden Unterscheidungs 
merkmale ist auch für sämtliche Untereinteilungen maßgebend 
gewesen. 
In jedem Buche wird der Leser zunächst mit dem histori 
schen Werdegang der darin behandelten Anschauungen bekannt 
gemacht. Das Hauptgewicht wird aber auf die Darlegung des 
Standes einer jeden Gruppe und Untergruppe in der Gegenwart 
gelegt. Naturgemäß nimmt dabei die Analyse der Schriften der 
bedeutenderen lebenden Volkswirte den breitesten Raum ein; 
es wird aber auch über die Arbeiten der wichtigern Autoren 
zweiter Ordnung, die sich um die Führer gruppieren, berichtet. 
Nicht am wenigsten Interesse dürften endlich die jedesmal ein 
gefügten, kurzen Beschreibungen wecken, welche die Macht 
stellung, Aktionsmittel, Unterrichtsanstalten, Periodika usw., 
über die jede Gruppe oder Untergruppe in der Gegenwart ver 
fügt, zum Gegenstand haben. Die Schilderung jener wissen 
schaftlichen Anstalten, die nirgends untergebracht werden 
konnten, weil sie allen Gruppen gleichviel dienen, wurde in 
einen besondern Anhang verwiesen.
        <pb n="26" />
        <pb n="27" />
        Buch I. 
Die liberale Schule. 
I. Teil. 
Geschichtlicher Überblick. 
„Die Betrachtung der wirtschaftlichen Dinge vom Stand 
punkt der Naturgesetze beginnt in ihren ersten Regungen im 
XVI., zeigt sich in steigendem Maße im XVII., gelangt zur 
Vollendung im XVIII. Jahrhundert“ (Brentano). Ausgangs 
punkt für dieselbe war zunächst die Kritik an den Auswüchsen 
der Feudalordnung; und an den Maßnahmen merkantilistischer 
Wirtschaftspolitik. In Frankreich riefen die Kritik vornehmlich 
wach : die elende Lage der ackerbautreibenden Bevölkerung, 
das verschwenderische Wohlleben der Hofgesellschaft, die 
drückende und ungleich verteilte Steuerlast und der ungesunde 
Zustand der öffentlichen Finanzen. Eine solche Kritik an ein 
zelnen Mißständen führte unmerklich zur Kritik sowohl an der 
Feudalordnung selbst als am Grundgedanken des Merkantilismus : 
an der Regelung des Wirtschaftslebens durch staatliche Bevor 
mundung. 
Die Gegnerschaft zum Merkantilismus fand in den all 
gemeinen philosophischen Anschauungen der Zeit einen wunder 
bar günstigen Boden, auf dem sie sich zur Höhe einer Welt 
anschauung und zur Konstituierung der Nationalökonomie als 
Wissenschaft erheben konnte. Die Reaktion gegen die mittel 
alterliche Scholastik und die Wiederaufnahme des Studiums des 
römischen Rechts hatten die Gedankengänge der antiken Stoiker 
wieder aufleben lassen ; dieselben standen sowohl an der Wiege 
der Naturrechtstheorien Hugo Grotius’, Puf endors s usw., 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 1
        <pb n="28" />
        2 
Die liberale Schule 
als an derjenigen des Empirismus in der englischen Philosophie 
und des Cartesianismus in Frankreich. Das wichtigste, diesen 
Lehren gemeinsame Konzept ist das mit dem Namen Leibniz 
für immer verbundene von der natürlichen, prästabilierten 
Ordnung der Dinge. 
Die Stoiker und mit ihnen die römischen Juristen hatten 
gelehrt, es bestehe eine volle Übereinstimmung zwischen der 
natürlichen und der sittlichen Ordnung, d. h. es gebe eine natür 
liche, durch allbeherrschende Naturgesetze geregelte Gesellschafts 
und Wirtschaftsordnung, mit welcher sich in vollkommener 
Übereinstimmung zu halten höchstes Ziel des menschlichen 
Handelns und der staatlichen Gesetzgebung sei. 
Descartes und Malebranche lehrten ihrerseits : wenn Gott eine 
Welt schafft, so muß er in dieser Schöpfung und durch dieselbe 
seine größtmögliche Verherrlichung suchen; das ist nur dadurch 
möglich, daß die von ihm geschaffene Welt die beste und voll 
kommenste ist. Damit ist die Existenz einer von der göttlichen 
Vorsehung geleiteten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung ge- 
gegeben. Die Leitung dieser Ordnung durch die göttliche Vor 
sehung ist nun nicht eine willkürliche, sondern eine fest nor 
mierte, in Naturgesetzen sich äußernde. 
Wer gegen ein Übermaß von staatlicher Reglementierung 
des Wirtschaftslebens, gegen durch positive, gesetzliche Ein 
richtungen bedingte oder geförderte Mißstände anzukämpfen 
unternahm, konnte kein günstigeres und zugleich radikaleres 
Argument ins Feld führen, als die von den Philosophen und 
Naturrechtlern gelehrte Existenz einer natürlichen, konstanten 
und universellen Gesetzen unterworfenen Ordnung des Wirtschafts 
lebens, um die Forderung, dasselbe sich selbst zu überlassen, zu 
begründen. 
Die Kritik am Merkantilismus erweiterte sich nun nach 
und nach zum wissenschaftlichen Lehrgebäude. Diese Entwick 
lung ging parallel in zwei Ländern vor sich : in Frankreich er 
reichte sie ihren Abschluß im physiokratischen System, in England 
in Adam Smith. In Frankreich hatten als Kritiker am Merkan 
tilismus und als beredte Anwälte der notleidenden ländlichen 
Bevölkerung insbesondere La Bruyère, Vauban, Boisguillebert und 
Cantillon den Physiokraten vorgearbeitet; desgleichen auch 
Montesquieu, insofern er die genialste und bekannteste Begrün-
        <pb n="29" />
        Geschichtlicher Überblick 
3 
dung der natürlichen Ordnung der menschlichen Gesellschaften 
im „Esprit des Lois“ gegeben hat. 
Die Physiokraten bilden im Gegensatz zu den Merkanti 
listen eine geschlossene Gruppe, welche sich um Quesnay scharte. 
Es hat hervorragende Geister unter ihnen gegeben, wie Ques 
nay, der ältere Mirabeau, Gournod, Bandeau, Le Trosne, Mercier 
de la Rivière, Dupont de Nemours, Turgot. Die strenge Ab 
geschlossenheit, die Exklusivität einer ausschließlich ihren An 
schauungen dienenden Zeitschrift, die Gepflogenheit gegenseitiger 
Beräucherung haben sie auf ihre Nachfolger des XIX. und XX. 
Jahrhunderts vererbt. 
Die physiokratische Lehre ist rationalistisch in ihrem 
methodischen Aufbau und optimistisch in ihrer Grundstimmung. 
Beides ^verdankt sie der griechischen Stoa und der Philosophie 
Descartes’ und Malebranches. 
Insbesondere die physiokratische Methodik ist nichts 
anderes als die der stoischen Philosophie. Aus der Wahr 
nehmung wird die Vorstellung, aus einer Vielheit von gleich 
artigen Vorstellungen entstehen die Begriffe; diese bedingen 
Urteil und Schlußfolgerung. Durch Schlußfolgerungen schreiten 
wir von einer Wahrheit zur andern fort und sind dadurch in 
den Stand gesetzt, die Gründe der Erscheinungen zu erforschen. 
So entsteht die Wissenschaft. Das ist die Lehre Zenos. Ähn 
lich argumentiert Descartes, genau so verfahren die Physio 
kraten. Freilich steht an der Basis dieser Argumentation das 
„nihil in intellectu quod non prius fuerit in sensu“ des Aristote 
les, oder das „cogito ergo sum“ Descartes’. Aber wie bald 
hat der Rationalismus die empirische Grundlage verlassen und 
bewegt sich nur mehr in den hehren, der Berührung mit der 
Wirklichkeit entrückten Räumen des deduktiven Denkens! Ziel 
der wissenschaftlichen Forschung ist den Stoikern wie Des 
cartes die absolute Wahrheit; beide haben gemeinsam die 
felsenfeste Überzeugung, diese Wahrheit in ihren Lehren ge 
funden zu haben. Genau so bei den Physiokraten. Historische 
Perspektive, Verständnis für die Relativität der gesellschaftlichen 
Erscheinungen gehen ihnen vollständig ab. Die absolute Wahr 
heit hat nach den Stoikern ein untrügliches Kriterium: die 
Katalepsis. Sie besteht darin, daß eine Vorstellung mit solcher 
Klarheit, Stärke und Überzeugungskraft in der Seele auftritt,
        <pb n="30" />
        4 
Die liberale Schule 
daß ihre Wahrheit nicht mehr geleugnet werden kann. Ebenso 
die Erkenntnislehre Descartes’ und der Physiokraten: die 
absolute Wahrheit nimmt eine für die menschliche Vernunft 
unmittelbar faßbare Form an: die Evidenz. Diese Evidenz, die 
Katalepsis der antiken Stoiker, ist nach den Physiokraten ihren 
Lehren eigen. Die Folge davon ist, daß jeder vernünftige 
Mensch, dem sie vorgetragen werden, sich zu ihnen bekennen 
muß. Sollte aber einer so verblendet sein, dies nicht zu tun, 
so hat die Staatsgewalt ihn mit allen Mitteln des Zwanges 
in jene Lage absoluter wirtschaftlicher Freiheit zu setzen, 
welche die physiokratische Lehre als die evident richtige 
hinstellt. 
Der Optimismus, welcher der physiokratischen Lehre eigen 
ist und die liberale Schule Frankreichs bis heute charakterisiert, 
ist schon in der stoischen Anschauung von der Übereinstim 
mung der natürlichen und der sittlichen Ordnung gegeben. 
Das Streben nach dem größtmöglichen Gewinn ist zugleich das 
sittlich Gute, das Gerechte. Idealisiert wird jedoch dieser Opti 
mismus noch durch den Deismus Descartes’ und Ma lehr an 
ches. Dieser Deismus gipfelt in der Idee vom providentiellen 
Finalismus: die göttliche Vorsehung leitet die natürliche Ge 
sellschafts- und Wirtschaftsordnung, wie die ganze Natur durch 
unwandelbare, ewige Gesetze, welche die bestmöglichen sind 
und die größtmögliche Glückseligkeit des Menschengeschlechtes 
bezwecken. Diesem Walten der göttlichen Vorsehung soll der 
Mensch keine Schranken entgegensetzen. Für ihn ergibt sich 
aus der Existenz einer bestmöglichen „ordre naturel“ die Richt 
schnur : „laisser faire, laisser passer“. Sich selbst überlassen 
wird das Wirtschaftsleben sich naturnotwendig in der für die 
Allgemeinheit vorteilhaftesten Weise entwickeln. 
Man kann die physiokratische Ideenwelt um zwei Prin 
zipien gruppieren: 
1. Es gibt eine natürliche Ordnung der menschlichen Ge 
sellschaften ; 
2. Der Ackerbau (die Rohproduktion) allein ist produktiv. 
Die natürliche Ordnung ergibt sich aus den Naturgesetzen. 
Der physiokratische Begriff: „Naturgesetze“ ist weder mit dem 
Montesquieu sehen („les rapports nécessaires qui dérivent de 
la nature des choses“), noch mit dem der modernen Wissen-
        <pb n="31" />
        Geschichtlicher Überblick 
5 
schaft (feststehende Beziehungen des gleichzeitigen Vorhanden 
seins und der Aufeinanderfolge) identisch. Er besagt die fest 
normierten Bahnen, in denen sich die auf die Glückseligkeit 
des Menschengeschlechtes hinzielende Leitung des Weltgetriebes 
durch die göttliche Vorsehung bewegt. Die spezifisch wirtschaft 
lichen Naturgesetze lassen sich auf ein einziges, psychologisch in 
der Natur des Menschen begründetes Gesetz zurückführen : das 
wirtschaftliche Handeln des Menschen wird von dem Streben 
geleitet, mit den geringsten Mitteln den größten Erfolg zu er 
zielen. Dieses Prinzip faßten die Physiokraten mechanisch 
naturwissenschaftlich auf. Das Bild von der natürlichen Ord 
nung der Volkswirtschaft, welches sie aus demselben deduzieren, 
stempelt das Wirtschaftsleben zu einem mechanisch-maschinellen 
Getriebe. Zunächst wird die Fiktion des „homo oeconomicus“ 
geschaffen, d. h. des „von allen Besonderheiten des Berufes, der 
Klasse, der Nationalität und der Kulturstufe freien“, abstrakten 
Wirtschaftsmenschen. Alsdann werden alle wirtschaftlichen Sub 
jekte gleich gesetzt und aus dem ökonomischen Prinzip Sätze 
abgeleitet wie: der aufgeklärte Eigennutz des Individuums ist 
für dieses der natürliche und hinlängliche Wegweiser im gegen 
seitigen Verkehr; der Einzelne vermag seine Interessen am 
besten zu schützen und zu wahren ; die individuellen Interessen 
sind harmonisch und solidarisch, ihre Summe identifiziert sich 
mit dem Gesamtinteresse eines Volkes; die Interessen der Indi 
viduen, der sozialen Klassen, der Berufe, der Völker sind har 
monisch und solidarisch 1 ). 
x ) Man darf nicht vergessen, dass diese Ideen, bevor sie sich zum 
Lehrgebäude entwickelten, mit großer Entschiedenheit und Klarheit vereinzelt 
vorgetragen worden waren, so besonders von W. Petty, Vanian, Boisguìllebert. 
Für die Vorgeschichte der Naturlehre der Volkswirtschaft ist besonders in 
teressant die Entwicklung der Idee von der Harmonie der Interessen. Dieselbe 
ging in drei Phasen vor sich: in der ersten stellt Hobbes den Satz auf, das per 
sönliche Interesse sei die Triebfeder der Tätigkeit des Menschen überhaupt. Die 
persönlichen Interessen der in der Gesellschaft vereinten Individuen sind aber 
divergierend, bis die Furcht eines Tages die Gründung einer despotischen Staats 
gewalt ermöglicht, welche die antisozialen Triebe paralysiert. 
Die zweite Phase wird durch die Schule des „moral sense“ (Cumberland, 
Shaftesbury, Hutcheson usw.) vertreten. Sie lehrt die Harmonie der idio 
pathischen und sympathischen Neigungen und damit diejenige der persönlichen 
Interessen der Individuen. Diese Harmonie ist aber eine vermöge der gesell 
schaftlichen Triebe der Menschen bewußte und gewollte.
        <pb n="32" />
        6 
Die liberale Schule 
Für die Verwirklichung des „ordre naturel“ werden als 
grundlegende Voraussetzungen postuliert: Freiheit der Person, 
Sicherheit des Eigentums, Freiheit der wirtschaftlichen Betäti 
gung (Arbeits-, Anbau-, Gewerbe-, Handelsfreiheit). 
Die Lehre von der alleinigen Produktivität des Ackerbaus 
(Bergbaus, Abbaus von Steinbrüchen) beruht auf dem Irrtum, 
daß nur die Rohproduktion neue Werte erzeuge, weil sie allein 
zu dem vorhandenen Stoffvorrat neue Stoffe hinzufüge, welche 
den „produit net“ bilden 1 ). Die produktive, d. i. die Ackerbau 
treibende Bevölkerungsklasse gibt diesen „produit net“ an die 
Klasse der Grundbesitzer ab. Von dieser gelangt er in die 
Hände der „unfruchtbaren“ Klasse der Handwerker, Kaufleute, 
sowie der von persönlichen Diensten Lebenden (höhere Berufe, 
Arbeiter, Dienstboten usw.). Persönliche Dienste, Handel, Stoff 
veredlung durch die Gewerbe sind zwar nützliche Beschäftigungen, 
aber unfruchtbar, denn sie fügen dem Nationalreichtum keine 
neuen Stoffe oder Wertträger bei; ihr Einkommen wird restlos 
dem „produit net“ der Rohproduktion entnommen. 
Die Wirtschaftspolitik der Physiokraten hat natürlich als 
oberstes Prinzip die Nichtintervention des Staates ins Wirtschafts 
leben. Aber schon sie erkennen tatsächlich an, nicht ausdrück 
te der dritten Phase erscheint die Harmonie der Interessen nicht mehr 
als eine bewußte und gewollte, sondern als eine objektiv in der Natur der Dinge 
gegebene, indem sie in einer auf Arbeitsteilung beruhenden Wirtschaftsordnung 
als natürliche Folge aus dem Ineinandergreifen der menschlichen Handlungen 
hervorgeht. „Das Prinzip der spontanen Wirtschaftsordnung ist damit auf die 
tiefen, beständigen Naturtriebe des Menschen fundiert.“ Dieser Gedanke wurde 
zuerst von Manäeville (The Fable of the Bees or Private Vices, Public Benefits, 
zuerst: London 1706, als Flugblatt) entwickelt. Vgl. Schatz L’Individualisme 
économique et social, Paris 1907, p. 43 ff., 61 ff. 
*) Die naheliegende Konsequenz, der (natürliche) Wert eines Dinges werde 
durch die Menge Rohstoff bedingt, die es enthalte, haben die Physiokraten aller 
dings nicht gezogen. Für sie wird der Wert durch die Konkurrenz von Käufern 
und Verkäufern bestimmt. Die Unterscheidung von Markt- und Normal- oder 
natürlichem Wert, welche seit den Naturrechtslehrern Hugo Grotius, Pufen 
dorf usw. üblich war, wird von den Physiokraten nicht gemacht. Für sie sind 
beide identisch. Folgerichtig ist dies in anderer Richtung, wenn nämlich die 
natürliche und die sittliche Ordnung übereinstimmen, d. h. wenn der Preis, wie 
er sii h in dem Streben von Käufer und Verkäufer nach dem größtmöglichen 
Gewinn bildet, sowohl der natürliche als der gerechte ist. Vgl. Brentano. Die 
Entwicklung der Wertlehre, München 1908, p. 35 ff.
        <pb n="33" />
        1 £ 
05 UniytrsiUI 
,^ Bhr «Vs 
Geschichtlicher Überblick 
* Univi 
lieh, genau wie später Smith und Ricardo, die Unzu 
keit dieses Prinzips, trotz seiner formalen Folgerichtig 
seiner Jugend hatte Quesnay die traurige Lage der ländlichöTr* 1 
Bevölkerung Frankreichs kennen gelernt, und er sann auf Mittel 
und Wege zur Abhilfe. So kam er dazu, aus den vorhandenen 
Bausteinen ein System der Wirtschaftslehre zu konstruieren, 
^ dessen praktische Verwirklichung der Not der Landwirtschaft 
ein Ende machen sollte. Als der schöne Bau fertig war, schien 
es ihm, daß es immer noch Bedürfnisse gebe, denen er 
nicht gewachsen sei. Und es verschlug ihm nichts, das tadel 
los in sich abgeschlossene Gebäude mit Ansätzen zu versehen, 
welche auf dessen Fundament keinen Platz finden konnten. 
Weil es die Interessen der Landwirtschaft verlangten, hatte er 
die Beseitigung der überkommenen Schranken und die Freiheit 
des Wirtschaftslebens verlangt. Wo diese Freiheit jenen Interessen 
schädlich zu werden schien, da galt auf einmal die absolute Frei 
heit des laisser faire, laisser passer nichts mehr, und es wurde 
an die Reglementierung durch die Staatsgewalt appelliert 1 ). 
Ideengeschichtlich ist ferner von Interesse, daß die Physio- 
kraten ursprünglich den Freihandelsgedanken keineswegs in den 
Vordergrund rückten. Dem Handel überhaupt waren sie nicht 
günstig gesinnt. Sie sehen darin eine einfache Übertragung 
eines bereits vorhandenen Reichtums von einer Hand in die 
andere. Der Gewinn, welchen die handeltreibende Klasse er 
zielt, geschieht auf Kosten der Nation. Den Außenhandel 
speziell bezeichnet Mercier de la Rivière als ein notwendiges 
Übel 2 ). Quesnay sieht in demselben einen „Lückenbüßer 
1) Die Handelsfreiheit z. B. wurde verlangt vor allem für den Handel in 
Bodenprodukten im Innern und die Ausfuhr von Getreide. Sollte aber der 
Getreidepreis über eine vom Gesetze zu bestimmende Grenze steigen, so sei nach 
dem Muster Englands die Getreideausfuhr zu verbieten. Desgleichen bezüglich 
des Zinsfußes. Damit nicht der verderbliche Zustand eintrete, daß der Zinsfuß 
dauernd den Beinertragsfuß des Bodens übersteige, müsse das positive Gesetz 
denselben in zehnjährigen Perioden bestimmen. Auch soll der Staat durch Rege 
lung des Heiratsalters und durch Förderung der Kolonisation in dünn besiedelten 
Gebieten auf Beschränkung der Volks Vermehrung hinwirken, damit nicht durch 
übermäßiges Anwachsen der Bevölkerung die durch das Unterhaltsbedürfnis ge 
gebene Grenze überschritten werde. Vgl. Lexis, Art. Physiokratisches System 
in Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaft. 
2 ) Mercier de la Rivière, L’Ordre naturel et essentiel des sociétés politiques. 
2 Bde. 1767. Bd. II. cap. 37, p. 277.
        <pb n="34" />
        8 
Die liberale Schule 
für die Völker, denen der innere Handel nicht genügt, um die 
Produkte ihres Landes vorteilhaft abzusetzen“ x ). Trotzdem muß 
die Freiheit des auswärtigen Handels prinzipiell verlangt wer 
den, weil sie dem Naturrecht entspricht und dem Willen der 
Vorsehung, welche die Arbeitsteilung unter den Völkern durch 
die Verschiedenheit in der Lage, dem Klima, der Fruchtbar 
keit usw. der einzelnen Gebiete begründet hat; weil ein freier 
Außenhandel dem Überschuß der nationalen Produktion einen 
guten Preis sichert; weil er den Staat bereichert, indem er die 
Produktion belebt; ja weil er eine Folge des Eigentumsrechtes 
ist, indem einerseits der Produzent ein Recht darauf hat, seine 
Produkte nur zu dem Preise abzugeben, der ihm ein ausgedehn 
teres Absatzfeld sichert, und andererseits der Konsument das 
Recht beanspruchen darf, Produkte für sein Geld zu erhalten, 
welche dem Wert des gezahlten Betrages entsprechen 2 ). 
Das physiokratische System hat als solches keinen Bestand 
gehabt. Von den beiden Grundideen, auf welchen es aufgebaut 
ist, der natürlichen Ordnung des Wirtschaftslebens und der 
alleinigen Produktivität des Ackerbaus, lebte die erste in der 
Form weiter, welche ihr Adam Smith gab, während die zweite 
keine Vertreter mehr fand. Denn nach dem Sturze Turgots 
wurde die Schule versprengt; sie geriet rasch in Vergessenheit. 
Auf die große Menge hatten die Physiokraten nie bedeutenden 
Einfluß gewonnen. Der Rationalismus verlieh ihren Spekula 
tionen einen weltfremden, esoterischen Charakter. In der zeit 
genössischen Literatur wurden ihre schwerfälligen wissenschaft 
lichen Werke vielfach verhöhnt und verspottet. Bekannt ist in 
dieser Hinsicht z. B. Voltaires Pamphlet „L’homme aux quarante 
ecus", in welchem das physiokratische Postulat der alleinigen 
Grundsteuer geschickt persifliert wird. Immerhin war es aber 
auf den direkten Einfluß physiokratischer Ideen zurückzuführen, 
daß von den ersten Versammlungen der Revolution, der „Con 
stituante“ und der „Législative“, die Freiheit der Personen und 
des Eigentums, die Anbau-, Gewerbe- und Arbeitsfreiheit ver 
wirklicht und wenigstens ein Teil der innern Schranken des 
J ) Quesnay, Du Commerce, in der Onckenschen Ausgabe, Frankfurt und 
Paris 1888, p. 484. 
2 ) Vgl. Schatz, L’Individualisme économique et social. Paris 1907, p. 108—104.
        <pb n="35" />
        Geschichtlicher Überblick 
9 
Handels beseitigt wurden. Turgots Versuche in dieser Rich 
tung waren bekanntlich mißlungen und haben seinen Sturz 
herbeigeführt. 
In der Betrachtung der wirtschaftlichen Dinge vom Stand 
punkt der Naturgesetze wurden die Physiokraten abgelöst von 
dem nunmehr nach Frankreich vordringenden System Adam 
Smiths. Smith trat mit der ganzen Nüchternheit des angelsäch 
sischen Temperaments an das Studium der wirtschaftlichen 
Dinge heran. An Stelle des enthusiastischen Spekulierens in 
lichten, der Wirklichkeit abgewendeten Gedankenhöhen, wie es 
die Physiokraten liebten, greifen bei ihm Induktion und De 
duktion ständig ineinander. Scharfes Beobachten gesellschaft 
licher Tatsachen und stetes Zurückgreifen auf solche ist ihm 
Bedürfnis. Die Postulate des freien Waltens des Eigennutzes 
und einer dementsprechenden Rechts- und Wirtschaftsordnung 
begründet er mit der Analyse wirtschaftlicher Erscheinungen. 
Andererseits aber macht er auch umfassenden Gebrauch von der 
Deduktion sowohl von allgemeinen Tatsachen der menschlichen 
Natur als von der rationalistisch-deistischen Prämisse der durch 
die Vorsehung prästabilierten, harmonischen und wohltätigen 
natürlichen Ordnung der Dinge, an der er mit religiösem Glauben 
festhält. Sein gesunder, stets auf dem Boden der tatsächlichen 
Verhältnisse fußender Sinn bewahrte ihn jedoch vor den Ex 
zessen des Rationalismus, vor den extremen Konsequenzen seiner 
eigenen Grundanschauungen, welche Ricardo und Karl Marx 
später voll ausdachten. 
In der Produktivitätslehre bekämpft er den merkantilisti- 
schen, wie den physiokratischen Standpunkt: nicht eine gün 
stige Handelsbilanz, nicht der Ackerbau ist die alleinige Quelle 
alles Reichtums eines Volkes, sondern die menschliche Arbeit, 
insofern sie nützliche, Tauschwert habende Sachgüter erzeugt. 
Die Arbeit ist das Maß des Tauschwertes x ) aller Güter. Der 
b Die Physiokraten kennen nur einen Wert: den Marktwert. Smith 
dagegen fällt in die alte Zweiteilung der objektiven Werttheorien in Gebrauchs 
und Tauschwert zurück. Dabei wird die Brauchbarkeit eines Gutes mit seinem 
Gebrauchswert verwechselt, und dieser als etwas Gleichbleibendes angesehen. 
Damit ist der Widerspruch zwischen ihm und dem wechselnden Tauschwert 
ausgesprochen. ÿ)as Fehlerhafte dieser Konstruktion springt in die Augen, 
wenn man sich vergegenwärtigt, daß Smith und alle objektiven Werttheoretiker
        <pb n="36" />
        10 
Die liberale Schule 
Grad der Produktivität der Arbeit hängt insbesondere von tech 
nischer und gesellschaftlicher Arbeitsteilung ab. Vorbedingung 
für die Teilung der Arbeit ist die Ansammlung von Kapital. 
Das Kapital ist Arbeitsprodukt; insoweit es aber die Arbeits 
teilung fördert und die Produktivität der Arbeit steigert, wird 
es Produktionsfaktor. Im Verlaufe des Produktionsprozesses 
wird es abgenutzt oder verbraucht und muß ersetzt werden. 
Dieser Ersatz wird mit Aufwand von Arbeit und Kapital aus 
dem Boden gewonnen, welcher als Quelle des Kapitalersatzes 
wiederum Produktionsfaktor ist. Bei völlig freier Konkurrenz 
bilden sich die Preise aller Güter derart, daß die drei Faktoren : 
Arbeit, Kapital, Boden, welche bei der Produktion mitgewirkt 
haben, daraus die ihnen gebührende Vergütung erhalten. So 
entstehen die drei Zweige des Einkommens : Lohn für die Ar 
beiter, Gewinn für die Kapitalisten, Rente für die Grundbesitzer. 
In der optimistischen Grundstimmung und in der Aufstel 
lung des Freihandelsprinzips trifft sich Smith mit der Lehre 
der Physiokraten. Nicht minder rosig als diese weiß er die 
Harmonie aller Individualinteressen und die segensreichen Wir 
kungen der freien Konkurrenz zu schildern; aber sein Begriff 
von der Nichteinmischung des Staates ins Wirtschaftsleben 
unterscheidet sich von dem physiokratischen dadurch, daß die 
Freiheit des auswärtigen Handels bei ihm bereits in eine zen 
trale Stellung tritt, während es jenen in erster Linie um Be 
seitigung der innern Schranken des Handels in Bodenprodukten 
und der Getreideausfuhrverbote zu tun war. Es erklärt sich 
dies schon daraus, daß Frankreich in den Tagen der Physio 
kraten noch vorwiegend Agrarstaat war, während in England 
zur Zeit Adam Smiths die Interessen von Handel und Ge 
werbe bereits in den Vordergrund gerückt waren. 
In dem Unterschied zwischen dem lateinischen und dem 
angelsächsischen Temperament ist ein weiterer bedeutsamer 
Unterschied zwischen den beiderseitigen Systemen der Physio- 
vor ihm und nach ihm, dort wo sie vom Tauschwert reden, bestimmt abge 
grenzte Gütermengen und Bedürfnisse im Auge haben, dort aber, wo sie vom 
Gebrauchswert handeln, jede quantitative Abgrenzung aus dem Auge verlieren 
und mit Gattungsbegriffen, oder, wenn man will, mit unbestimmten Gütermengen 
und Bedürfnissen operieren. Vgl. darüber: Brentano, Die ^Entwicklung der 
Wertlehre, München 1908, p. 42 ff.
        <pb n="37" />
        Geschichtlicher Überblick 
11 
kraten und Adam Smiths begründet. Dem lateinischen, an 
reiner, von der konkreten Wirklichkeit abgewendeter Speku 
lation sich erfreuenden Denken ist die Freiheit des Ganzen Haupt 
sache. Die Physiokraten sind liberale Katholiken. Ihre Auf 
fassung des Wirtschaftslebens ist eine organische: die allmäch 
tigen Naturgesetze begründen eine einheitliche Volks wirtschaft, 
das Postulat der freien Entfaltung aller Kräfte zielt zunächst 
auf das Gesamtwohl. Adam Smith dagegen, der stets be 
strebt ist, mit der konkreten Wirklichkeit in Fühlung zu bleiben, 
ist es in erster Linie um die volle Entwicklung der Individuen 
durch die Freiheit zu tun. Er ist ein protestantischer Indivi 
dualist. Die natürliche Ordnung des Wirtschaftslebens hat nicht 
eine einheitliche Volkswirtschaft zum Resultat, sondern eine 
Summe zusammenhangloser, nicht durch feste Beziehungen ver 
knüpfter Wirtschaftssubjekte. Das Postulat der freien Ent 
wicklung aller Kräfte bedeutet zunächst das freie Walten des 
Eigennutzes im individuellen Interesse. 
Die Smithschen Anschauungen triumphierten, wie schon 
angedeutet, über die der Physiokraten. Smiths großes Werk 
wurde mehrfach ins Französische übertragen, 1779—80 von 
Blavet, 1790 von Boucher, 1802 von Germain Garnier 1 ). Weiter 
hatte der große Schotte das Glück, in J. B. Say einen genialen 
Vulgarisator, einen Meister der Darstellung zu finden, welcher 
sein Lehrgebäude in selbständiger Bearbeitung und teilweiser 
Fortbildung einem weiten Leserkreise über die ganze Erde hin 
zugänglich machte. 
J. B. Say (1767—1832) 2 ). Die prägnantesten Eigentüm 
lichkeiten der Schriften Says sind: zunächst eine materielle, 
fi Die Bïavetsche Übersetzung erschien zuerst im „Journal de l’agricul 
ture, du commerce, des finances et des arts“ und wurde wiederholt aufgelegt. 
Die Gorm'ersche ging später (1863), mit Fußnoten von Say, Sismondi, Blanqui 
u. a. versehen, in die Guillauminsche „Collection des principaux écono 
mistes“ über. 
2 ) Says hauptsächlichste Werke: Olbie ou Essai sur les moyens d’amé 
liorer les moeurs d’une nation, Paris 1802. — Traité d’économie politique ou 
Simple Exposition de la manière dont se forment, se distribuent et se consom 
ment les richesses, 2 Bde., zuerst Paris 1803, dann in häufigen Auflagen und 
zahlreichen Übersetzungen. — Catéchisme d’économie politique, Paris 1817. — 
Cours complet d’économie politique pratique, zuerst Paris 1828—30 in 6 Bän 
den, dann wiederholt aufgelegt. Mir liegt eine Brüsseler Ausgabe von 1844 vor.
        <pb n="38" />
        12 
Die liberale Schule 
nämlich die scharfe Betonung des beschreibenden Charakters 
der politischen Ökonomie, in bewußter und gewollter Über 
bietung Adam Smiths, welcher der Nationalökonomie, noch an 
die Merkantilisten anklingend, ein vorwiegend praktisches Ziel 
zuweist: „Volk und Herrscher zu bereichern 1 ).“ Aber auch 
formell haben die Saysehen Werke ein starkes persönliches Ge 
präge in dem angenehmen und fließenden Stil, in der hervor 
ragenden Klarheit der Darstellung und in der didaktischen Anord 
nung des Stoffes. Diesen formellen Eigenschaften in erster 
Linie verdankten Says Schriften den propagandistischen Er 
folg, die Kenntnis der Volkswirtschaftslehre Adam Smiths 
weiten Leserkreisen der gesamten zivilisierten Welt vermittelt 
zu haben. 
J. B. Say vulgarisierte jedoch die Naturlehre der Volks 
wirtschaft nicht, ohne sie fortzubilden. Dies tat er zunächst 
durch die Dreiteilung des Stoffes in Produktion, Verteilung und 
Verbrauch. Dann sind zu erwähnen seine scharfen, in der libe 
ralen Schule klassisch gebliebenen Definitionen der hauptsäch 
lichsten Begriffe, mit denen die Nationalökonomie operiert 2 ). 
Endlich ging er über Adam Smith hinaus durch seine Theo 
rien über die immateriellen Güter und die Bolle des Unterneh 
mers in der Volkswirtschaft. 
Die Theorie der immateriellen Güter hängt eng zusammen 
mit der Wertlehre. Adam Smith war noch, gleich den 
Physiokraten, in der Auffassung befangen, daß der wirtschaft 
liche Wert notwendig an die Materie gebunden sei. Die Wert 
schaffung, der Zweck der wirtschaftlichen Arbeit des Menschen, 
bleibt in dieser Auffassung beschränkt auf die Vergegenständ- 
lichung der menschlichen Arbeit in einem materiellen Gute. 
Say nimmt nun dem Wertbegriff den Charakter der Materialität, 
indem er zunächst den Schwerpunkt von der Brauchbarkeiten 
schaffenden Arbeit in die Brauchbarkeiten selbst verlegt; als 
dann erweitert er den Umfang des Begriffes der wirtschaftlichen 
Brauchbarkeit. Eine solche kann nämlich nach ihm erzeugt 
x ) Ofr. insbesondere: Traité (2. Ausl. 1814) Bd. I Discours préliminaire, 
am Anfang und pag. LXXV; ferner: Cours (Brüsseler Ausg. 1844) Considérations 
générales, pag. 7. 
2 ) Insbesondere in dem Vokabularium, das dem Traité bei der 2. Auf 
lage (1814) angehängt wurde.
        <pb n="39" />
        Geschichtlicher Überblick 
13 
werden, Wert haben und Tauschgegenstand sein, ohne in einem 
materiellen Gute vergegenständlicht worden zu sein. Solcher 
Art sind z. B. persönliche Dienstleistungen 1 ). Das ist die viel 
gerühmte Theorie der immateriellen Güter. Die wichtigste Kon 
sequenz derselben ist die Einreihung insbesondere der freien 
Berufsarten in die wirtschaftlich produktiven Klassen der Ge 
sellschaft. Auch ist damit ein Argument gewonnen für die pro 
duktive Qualität des Handels, welche die Wirtschaftslehre des 
Mittelalters und noch die Physiokraten bestritten. 
Von größerer Bedeutung ist, wenigstens für unsere Zeit 
des Vorwiegens der Verteilungsprobleme, Says Klarstellung der 
Holle des Unternehmers in der Volkswirtschaft. Vor ihm waren 
Kapitalist und Unternehmer, Kapitalrente und Unternehmer 
gewinn nicht unterschieden worden. Das entsprach ja auch 
insofern den tatsächlichen Verhältnissen, als vor Beginn des 
XIX. Jahrhunderts in den Kulturstaaten noch überwiegend mit 
eigenen Kapitalien gearbeitet wurde, so daß Kapitalist und 
Unternehmer zunächst in einer Person vereinigt waren. Aller 
dings hatte schon Turgot bemerkt: „Der Unternehmer muß 
jährlich, außer den Zinsen für sein Kapital, einen Gewinn 
machen, der ihn belohne für seine Sorgen, seine Arbeit, seine 
Fähigkeiten und sein Risiko 2 ).“ Doch hatte Turgot diesen 
Gedanken nicht weiter verfolgt. Says Verdienst ist es, zuerst 
den grundlegenden Unterschied zwischen der Funktion des 
Kapitals, eines rein materiellen Produktionsfaktors, und der 
jenigen des Unternehmers, als einer höchst verantwortlichen, 
persönlichen Leistung klar und scharf herausgearbeitet zu 
haben. Damit waren auch Kapitalzins und Unternehmergewinn 
geschieden *). 
Während diese Unterscheidung auf dem Kontinent — in 
Deutschland zuerst durch Mangoldt — sofort von der Wissen 
schaft dankbar angenommen wurde, verharrten die englischen 
Nationalökonomen noch ein halbes Jahrhundert in der früheren 
Konfusion. 
Nicht ganz logisch ist es und materiell ein Rückschritt, 
wenn Say die drei Produktionsfaktoren Adam Smiths: Arbeit, 
') Cours complet, cap. 5, 6, 13. 
2 ) Turgot, Réflexions sur la formation et la distribution des richesses, § 86. 
3 ) J. B. Sag, Cours complet, cap. 7.
        <pb n="40" />
        14 
Die liberale Schule 
Kapital und Natur, als völlig gleichstehend behandelt. Heute 
sind wir geneigt, die preeminente Stellung, welche Adam 
Smith für den Produktionsfaktor Arbeit vindiziert, eher zu 
urgieren als zu verwischen. Die liberale Schule in Frankreich 
folgt dagegen in diesem Punkte bis heute den Fußstapfen 
J. B. Says. Allerdings erkannte schon Dunoyer, wie wir gleich 
sehen werden, daß Natur und Kapital besser als Produktions- 
elemente angesprochen werden, weil sie, sollen sie wirtschaftlich 
wirksam werden, als rein materielle Dinge einer Zweckzuführung 
durch menschliche Arbeit bedürfen ß. 
Die Betrachtung der wirtschaftlichen Dinge vom Stand 
punkte der Naturgesetze steht bei J. B. Say wesentlich auf 
dem Boden der Montesquieu sehen Auffassung. Sie hat die 
rationalistisch-deistische Form, in der wir sie bei den Physio- 
kraten und Adam Smith fanden, abgestreift. Sie hat den 
Charakter des religiösen Glaubensbekenntnisses gegen den des 
Festhaltens an einer wissenschaftlich erkannten Wahrheit aus 
getauscht. Die Naturgesetze sind nicht mehr die Komponenten 
einer prästabilierten, evidenten, natürlichen Wirtschaftsord 
nung, sondern Regelmäßigkeiten in der Aufeinanderfolge wirt 
schaftlicher Erscheinungen. Das religionsphilosophische Ele 
ment: die Idee vom providentiellen Finalismus scheidet aus, 
die natürliche Ordnung aber bleibt, und deren Fundierung auf 
geschichtliches und zeitgenössisches Tatsachenmaterial wird 
unternommen. J. B. Say lehrt: „Die Teile, aus welchen die 
Gesellschaft besteht, die Tätigkeit, welche die Fortdauer ihres 
Daseins ausmacht, werden nicht von ihrer künstlichen Organi 
sation, sondern von ihrer natürlichen Struktur erzeugt. Die 
i) Der Name J. B. Say pflegt ferner mit der sogen. Theorie von den 
Absatzwegen verbunden zu werden. Diese Theorie, welche sich übrigens schon 
bei J. Tucker, Mengotti und anderen angedeutet findet, ist im Grunde nichts 
anderes als eine zu didaktischen Zwecken unzulässig vereinfachte, keineswegs 
irrtumsfreie Problemstellung der auswärtigen Handelsbeziehungen, die in dem 
Satze: Produkte gegen Produkte, oder: jeder Kauf und jeder Verkauf ist nur 
die Hälfte eines Tausches, gipfelt. Da jedes Produkt die Absatzgelegenheit für 
ein anderes bedeutet, so wird ein Produzent umso leichter einen Absatz für 
seine Produkte finden, je mehr verschiedene Produkte auf den Markt gebracht 
werden. Daher die Solidarität aller Produzenten und Gewerbe. Diese Theorie 
wurde später (1890) von Jourdan einem Lehrbuch der Nationalökonomie zu 
Grunde gelegt. Siehe unten, p. 159.
        <pb n="41" />
        Geschichtlicher Überblick 
15 
künstliche Organisation hat ans die Belebung der gesellschaft 
lichen Tätigkeit so geringen Einfluß, daß gerade dort, wo sie 
sich darauf beschränkt, den sozialen Körper vor den bchäden 
zu bewahren, welche dessen Existenz und Entwicklung be 
drohen, die menschlichen Gesellschaften an Bevölkerungszahl 
und an Wohlstand am raschesten zunehmen. Die künstliche 
Organisation der Völker ist nach Ort und Zeit verschieden. Die 
Naturgesetze, welche deren Dasein bedingen und deren Erhalten 
bewirken, bleiben dagegen in allen Ländern und zu allen Zeiten 
dieselben.“ Daher ist denn auch die politische Ökonomie „die 
Wissenschaft von diesen natürlichen und konstanten Gesetzen, 
ohne welche die menschlichen Gesellschaften nicht bestehen 
könnten“ x ). 
Wie gelangt er nun zur Erkenntnis dieser Gesetze? 
Zunächst durch gewissenhafte, wissenschaftliche Einzel 
beobachtung volkswirtschaftlicher Erscheinungen. „Wenn aber 
eine Tatsache gut beobachtet wurde, wenn wir durch Analyse 
alles erkannt haben, was in derselben enthalten ist, und wenn 
wir dann sehen, inwieweit diese Tatsache mit allen andern 
Tatsachen zusammenhängt, dann können wir aus denselben 
ein allgemeines Gesetz folgern. Dieses ist dann weiter nichts 
als der Ausdruck für das, was in allen ähnlichen Fällen ge 
schieht.“ 2 ) 
Damit ist aber das wissenschaftliche Investigationsverfahren 
noch keineswegs erschöpft. Zunächst kann jedes durch ge 
wissenhafte Beobachtung gewonnene und gut formulierte Gesetz 
zum Obersatz eines deduktiven Beweisverfahrens werden. Ja 
die Wirtschaftswissenschaft setzt sich überhaupt zusammen, 
„ähnlich den exakten Wissenschaften, aus einer kleinen Zahl 
von grundlegenden Prinzipien und einer großen Zahl von Ko 
rollaren oder Folgerungen aus diesen“ 3 ). Es empfiehlt sich je 
doch, die Folgerungen, welche aus einem Satze gezogen werden, 
nicht zu weit zu führen, ohne wieder Fühlung mit der Erfah 
rung zu nehmen. Denn erstens können sich fehlerhafte Glieder 
in eine lange Kette von deduktiven Beweisführungen schleichen, 
und zweitens kann das Resultat der realen Entwicklung be- 
') J. B. Say, Cours complet, p. 2. 
2 ) ibid. 
3 ) J. B. Say, Traité Bd. I. p. XXIX.
        <pb n="42" />
        16 
Die liberale Schule 
deutend von dem der Deduktion abweichen, weil es uns un 
möglich ist, alle Umstände in Berechnung zu stellen, welche 
auf das definitive Resultat einwirken. Deshalb muß man so 
oft als möglich vergleichen, ob das Ergebnis der Deduktion 
von der tatsächlichen Entwicklung der Dinge bestätigt wird. 
Wird nun nach dieser Methode verfahren, so erhellt, daß die 
Nationalökonomie eine „nicht auf Hypothesen, sondern voll und 
ganz auf der Erfahrung aufgebaute Wissenschaft ist“ *). 
Wenn wir die Werke J. B. Says auf die Betätigung dieser 
seiner methodologischen Grundsätze hin prüfen, so sehen wir, 
daß bei ihm wirklich „eine kleine Zahl von grundlegenden 
Prinzipien“, welche aus allgemeinen Tatsachen induziert wur 
den, und „eine große Zahl von Korollaren oder Folgerungen 
aus diesen Prinzipien“, d. h. also deduktiv gewonnene Erkennt 
nisse, die Nationalökonomie ausmachen. Zur Kontrolle dieser 
Erkenntnisse verbraucht er ein riesiges Tatsachenmaterial. Aber 
diese Kontrolltätigkeit hat den Charakter eines polyhistorischen 
Sammelns von geeigneten Belegstücken, welche die deduktiven 
Folgerungen bestätigen, nicht aber eigentlich kontrollieren. 
Allerdings war seine Epoche dazu angetan, ihm den einseitigen 
Charakter seiner Tatsachenfeststellungen nicht zum Bewußtsein 
kommen zu lassen. Was in wirtschaftlichen Dingen zurzeit 
Says geschah, wo die Schranken, welche die Gesetzgebung 
vergangener Epochen dem Wirtschaftsleben gezogen, zu fallen 
begonnen hatten, das war für ihn die natürliche Ordnung der 
Dinge. Die Vortrefflichkeit dieser Ordnung bewiesen ihm tag 
täglich die Wunder, welche die aufstrebende Großindustrie vor 
seinen Augen vollbrachte. Die Forderung der vollen Freiheit 
des Wirtschaftslebens erschien ihm so durch die großartigen 
Ergebnisse ihrer teilweisen Verwirklichung, also durch die Er 
fahrung, als einzig richtige für alle Zukunft erwiesen. 
Die feste Überzeugung J. B. Says, die Nationalökonomie, 
wie er sie vorträgt, sei eine rein empirische Wissenschaft, ist 
eine Selbsttäuschung, der die Wirtschaftstheoretiker der libe 
ralen Schule in Frankreich immer wieder zum Opfer fielen. 
J. B. Say lehrte 1819—1830 am Conservatoire National des 
Arts et Métiers in Paris, 1830 bis zu seinem Tode (1832) am 
0 Cours complet pag. 6—7.
        <pb n="43" />
        Geschichtlicher Überblick 17 
College de France. Beide Lehrstühle, deren erster Inhaber er 
war, blieben bis heute im Besitze der liberalen Schule. 
Unter den Zeitgenossen und unmittelbaren Nachfolgern 
J. B. Says haben für die Entwicklung der liberalen Schule Be 
deutung erlangt : P. Possi und Ch. Dunoger x ). 
Pellegrino Rossi (1787—1848) war ein geborener Italiener 
(aus Carrara) und von Haus aus Jurist. Er hatte seit 14 Jahren 
nationalökonomische Vorlesungen an der Akademie in Genf ab 
gehalten, als er auf den durch den Tod J. B. Says erledigten 
Lehrstuhl für Nationalökonomie am Collège de France berufen 
wurde 2 ). Rossi führte die Lehren Ricardos und dessen ab 
strakte Methodik in Frankreich ein. Für Say war die National 
ökonomie eine Naturwissenschaft, für Rossi ist sie eine 
„Humanitätswissenschaft“ 3 ). Als Schüler Ricardos stellt er 
sich in entschiedenen Gegensatz zu der Anschauung der fran 
zösischen liberalen Schule, welche die Volkswirtschaftslehre als 
eine empirische Wissenschaft anspricht und lehrt: „Sie offenbart 
Wahrheiten sui generis . . . welche an allen Orten und 
zu allen Zeiten wahr sind. Daraus schließe ich (Rossi) kühn, 
daß die politische Ökonomie, insofern sie einen allgemeinen 
und unveränderlichen Charakter hat, eher eine Wissenschaft 
b Es ist vielleicht nicht ohne Interesse, darauf hinzuweisen, daß durch 
den zwar orthodoxen, aber philantropischen Tendenzen huldigenden Joseph Droz 
Sismondische Ideen in den Wissensschatz der liberalen Volkswirte eindrangen. 
Diese Ideen gipfeln in den allen spätern „économistes“ bekannten Sätzen Droz' : 
„Das Glück eines Staates hängt weniger ab von der Menge Güter, welche er 
besitzt, als von der Art, wie sie verteilt sind,“ und: „Die Lektüre gewisser 
Autoren erweckt den Glauben, die Güter seien nicht da für die Menschen, son 
dern die Menschen für die Güter.“ Joseph Droz, Economie Politique ou Prin 
cipes de la Science des Richesses, Lüttich 1834, pp. 57—58 und p. 59. 
2 ) 1818—1833 war Rossi fleissiger Mitarbeiter der in Genf erscheinenden 
Zeitschriften: Bibliothèque Universelle, Revue Française, und der von Sismondi, 
Dumont und Beilot gegründeten und geleiteten Annales de législation et de juris 
prudence, welche auf Rossis Betreiben umgetauft wurden in „Annales de légis 
lation et d'économie politique“. Seine Vorlesungen am Collège de France sind in 
vier Bänden erschienen, von denen die beiden ersten von ihm selbst 1840—42 
veröffentlicht wurden, die beiden letzten posthum 1851—54 erschienen. Die 
beiden ersten behandeln in 36 Vorlesungen Fragen der Gütererzeugung und des 
Verkehrs, die beiden andern Probleme der Güterverteilung. 
8 ) P. Rossi, Cours d’Economie Politique, Brüssel 1842. Bd. I. 2. Vorlesung, 
p. 226 I. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
2
        <pb n="44" />
        18 
Die liberale Schule 
abstrakten Räsonnements als eine Beobachtungswissenschaft 
ist. Das Gegenteil haben diejenigen behauptet, welche die reine 
mit der angewandten Wissenschaft, also die Wissenschaft mit 
der Kunstlehre verwechselt haben. Die eigentliche Wissenschaft 
geht von einer kleinen Zahl allgemeiner Tatsachen aus und 
kommt durch Deduktion zu allen ihren Folgerungen“ *). Mit 
denjenigen, „welche die reine mit der angewandten Wissen 
schaft verwechselt haben“, ist in erster Linie Adam Smith 
gemeint. Rossi führt diesen Gedankengang weiter, indem er 
innerhalb des wirtschaftlichen Wissensgebietes drei Gruppen 
von Ideen und Tatsachen unterscheidet: 1. diejenigen, welche 
die rationelle Volkswirtschaftslehre ausmachen; 2. das Gebiet 
der angewandten Wissenschaft und 3. solche Ideen und Tat 
sachen, die in erster Linie der Moral und der Politik ange 
hören, aber in wirtschaftlichen Dingen eine Rolle spielen. 
„Die rationelle Volkswirtschaftslehre ist die Wissenschaft, 
welche die Natur, die Ursachen und die Bewegung des Reich 
tums untersucht, indem sie von allgemeinen Tatsachen der 
menschlichen Natur und der Außenwelt ausgeht. Diese all 
gemeinen Tatsachen sind im wesentlichen folgende : Unsere 
Macht über die Dinge vermittels der Arbeit; unsere Neigung 
zum Sparen, wenn ein genügendes Interesse uns dazu veranlaßt ; 
unsere Neigung zur Vereinigung unserer Tätigkeit und unserer 
Kräfte; unsere Eigentums- und Tauschinstinkte. Das sind Tat 
sachen, welche zu allen Zeiten und an allen Orten existieren, es 
sind allgemeine Tatsachen des Wirtschaftslebens. Aus ihnen geht 
die allgemeine, rationelle, unveränderliche Wissenschaft vom 
Reichtum hervor. Auf der einen Seite: die Dinge und ihre 
Eigenschaften, auf der andern : der Mensch mit seinen intellek 
tuellen und physischen Kräften. Diese beiden Elemente sind 
nun verbunden durch Neigungen und Bedürfnisse unserer Natur, 
deren Intensität und Umfang wechseln kann, die aber der ganzen 
Menschheit gemeinsam sind 2 ).“ 
Die angewandte Volkswirtschaftslehre hat denselben Gegen 
stand wie die. reine Wissenschaft: die Güterwelt. Sie betrachtet 
diese jedoch nicht vom allgemein menschlichen, sondern von 
b Rossi, loe. eit. p. 225 i. 
b Rosst, ibid. p. 224 n ff.
        <pb n="45" />
        Geschichtlicher Überblick 
19 
einem spezielleren, mehr nationalen Standpunkt aus. Nicht der 
Reichtum „auf dem Schauplatz des Weltalls“, sondern der Reich 
tum „dieses oder jenes Staates, dieser oder jener Genossenschaft“, 
bildet ihren Gegenstand. Wenn man von der reinen zur an 
gewandten Wissenschaft übergeht, „muß man den besonderen 
Umständen Rechnung tragen, welche die Prinzipien in ihrer 
Anwendung modifizieren können. . . . Die spekulative National 
ökonomie vernachlässigt nämlich gewisse Tatsachen, gewisse 
Widerstände.“ Die hauptsächlichsten derselben sind: Nation, 
Zeit und Ort. In der angewandten Wissenschaft muß stets mit 
diesen drei Tatsachen gerechnet werden. Sie bedingen den 
Unterschied, der zwischen den Ergebnissen der reinen und 
jenen der angewandten Wissenschaft bestehen kann *). 
Das dritte Gebiet, welches Rossi in der Wirtschaftswissen 
schaft unterscheidet : nämlich die der Moral und der Politik an- 
gehörigen Ideen und Tatsachen, die ins wirtschaftliche Leben 
hinüberspielen, ist in der Hauptsache dasjenige, was wir heute 
Sozialpolitik nennen würden. „Der Zweck der Gesellschaft wie 
der Individuen' ist nicht ausschließlich Reichtum zu erwerben; 
in gewissen Fällen kann dieses Ziel einem höheren untergeordnet 
sein. Nehmen wir an, es erweise sich als ein Mittel sozialer 
Bereicherung, die Kinder 15 Stunden am Tage arbeiten zu 
lassen. Moral und Politik würden sich dem widersetzen. . . . 
Selbst wenn erwiesen wäre, daß ein solches Verfahren den 
Reichtum fördere, dürfte man es nicht anwenden.“ Rossi be 
tont wiederholt und nachdrücklich, daß in der Praxis den Vor 
schriften der Moral und den Anforderungen der Politik der Vorrang 
vor dem durch die Volkswirtschaftslehre als ökonomisch nütz 
lich Erwiesenen einzuräumen sei. „An den Praktikern ist es, 
allen Prinzipien Rechnung zu tragen, welche zusammenwirken 
müssen, damit die Lösung einer Frage den teuersten Interessen 
der Nation und der Individuen entspreche 2 ).“ 
Die grundsätzliche Unterordnung der Ergebnisse der ab 
strakten Wissenschaft unter die durch nationale, zeitliche und 
örtliche Besonderheiten jeweilig geschaffene Lage, sowie unter 
die Forderungen von Ethik und Politik, haben Rossi eine 
boshafte Glosse von Sainte-Beuve eingetragen. „Wenn Herr Rossi,“ 
*) ibid. 2. u. 3. Vorlesung, p. 225 i ff. 
2 ) Rossi ibid. p. 226 n .
        <pb n="46" />
        20 
Die liberale Schule 
schreibt dieser, „mit seiner hohen Einsicht und nicht minder 
großen Vorsicht auf eine Schwierigkeit stößt, welche seine 
Wissenschaft mit den leitenden und eifersüchtigen sozialen Ge 
walten in Konflikt brächte, hält er an, macht einen Strich, ver 
neigt sich, macht einen Umweg und geht vorüber *)." Zutreffen 
der ist die Bemerkung Louis Reybauds, Rossi habe vorzügliche 
Ideen anzudeuten, aber nicht durchzuführen gewußt 2 ). Über 
haupt macht die ganze Art, wie Rossi die Wissenschaft be 
handelt, den Eindruck des Dilettantischen. Er schreibt eine 
elegante, leichtflüssige Sprache; seine Argumentation ist klar 
und durchsichtig, dabei streng abstrakt; den Ideen weiß er 
Relief zu geben. Er versteht es, Ricardos Kosten Werttheorie 
und Grundrentenlehre recht faßlich und anschaulich darzustellen, 
aber hinter all dem leuchtet doch immer wieder der Diplomat 
und Staatsmann heraus, dessen eigentliche Interessen auf anderem, 
praktischem Gebiete liegen, und für den die Beschäftigung mit 
der Wissenschaft im Grunde nur eine Liebhaberei ist. Er fand 
manchen neuen Gedanken, wie z. B. die oben mitgeteilte Drei 
teilung der Volkswirtschaftslehre, aber er scheut die Mühe, seine 
Anschauungen in die Wissenschaft hineinzuarbeiten. Rossi 
war bis zur Februarrevolution französischer Botschafter beim 
hl. Stuhle, dann Minister des Innern Pius’ IX, als welcher er 
nach kaum zweimomatlicher Amtstätigkeit ermordet wurde. 
Charles Dunoyer (1786—1868) 3 ). Bei Dunoyer tritt uns 
x ) Sainte-Beuve, P. J. Proudhon, 4. Ausi. Paris 1873, p. 201. 
2 ) Louis Reybaud, Economistes Modernes, Paris 1862, Rossi. 
3 ) Dunoyer war unter der Restauration Journalist und bekämpfte als 
solcher die Bourbonen. Unter Louis Philippe wurde er Präfekt des Allier-, dann 
des Sommedepartements, schließlich Mitglied des Staatsrats. Sein Hauptwerk 
ist „De la Liberté du Travail, ou simple exposé des conditions dans les quelles les 
forces humaines s’exercent avec le plus de puissance,“ 3 Bde. Paris 1845. Be 
reits 1825 hatte er den wesentlichen Inhalt des ersten Bandes dieses Werkes 
unter dem Titel De l’Industrie et de la Morale considérées dans leurs rapports 
avec la liberté veröffentlicht. Das ganze Werk war in erstmaliger Bearbeitung 
1830 unter dem Titel: „Nouveau Traité d’économie sociale“ gedruckt worden. 
Eine Feuersbrunst zerstörte die ganze Auflage, und erst 15 Jahre später ent 
schloß sich Dunoyer zur erneuten Drucklegung des noch einmal umgearbeiteten 
Werkes. — Von Dunoyer besitzen wir außerdem noch eine Reihe kleinerer 
Arbeiten, meist Zeitschriftenartikel, welche nach seinem Tode gesammelt, heraus 
gegeben wurden als Notices d'économie sociale, Paris 1870. Eine Gesamtausgabe 
seiner Schriften erschien 1885/86 (Paris, 4 Bde.).
        <pb n="47" />
        Geschichtlicher Überblick 
21 
die Theorie des laisser faire in ihrer ganzen Reinheit entgegen. 
Kein französischer Volkswirt vor ihm hat dieselbe so konsequent 
durchdacht und so rücksichtslos vertreten. 
Bei D u n o y e r ist der Freiheitsbegúft Angelpunkt der 
Wissenschaft und Maßstab von allem und jeglichem bis ins 
kleinste Detail. Das gibt seinen Schriften ein eigentümliches 
Gepräge rigoroser Einheit in Auffassung und Anlage. Unter 
der Freiheit versteht Dun o y er nicht nur die Beseitigung aller 
äußeren Schranken des Wirtschaftslebens, sondern auch das 
Bezwingen der Natur sowie aller Unwissenheit und Unfähigkeit 
des wirtschaftenden Menschen *). Die Freiheit ist dementsprechend 
für D uno y er nicht in erster Linie ein a priori gegebenes 
Naturgesetz, sondern das Resultat einer historischen Entwick 
lung, die Folge des technischen und wirtschaftlichen Fort 
schritts. Die Menschheit steigt progressiv zur Freiheit, zum 
Wohlstand, zur Sittlichkeit auf. Dies geschieht in mehreren 
Entwicklungsstufen: Wildheit, Nomaden wirtschaft, Sklaven wirt 
schaft, Leibeigenschaft, Privilegiensystem, Verwaltungszentrali 
sation. Die Entwicklung der Kultur ist das Maß der Freiheit. 
Der Hauptfehler an Dunoyers wirtschaftsgeschichtlicher 
Fundamentierung der Freiheit ist, daß deren Ergebnis durch 
die Voraussetzung progressiver Evolution zur Freiheit vor 
bestimmt ist. Dazu kommt, dass die charakteristischen Momente 
der einzelnen Entwicklungsstufen, welche er unterscheidet, den 
selben keineswegs allein eignen. Endlich ist seine Beweisführung 
eine recht unvollkommene. 
Den historischen Teil seines großen Werkes beschließt 
Du noyer mit einer Idealschilderung des „régime industriel“, 
welches auf der Schaffung der besten Bedingungen für die freie 
Entwicklung aller produktiven Kräfte beruhen, d. h. in der 
weitgehendsten Nichtintervention der Staatsgewalt ins Wirt- 
Über Dunoyer vgl.: Edmond Villey, L’oeuvre économique de Charles 
Dun oyer, Paris 1889. 
Ingram, Geschichte der Volkswirtschaftslehre (Übers.), Tübingen 1890, 
p. 229—232. 
Luigi Cossa, Histoire des doctrines économiques, 2. Aud., Paris 1899, p. 383. 
Jos. Rambaud, Histoire des doctrines économiques, 2. Ausi., Paris 1902, 
p. 312—313. 
') Ch. Dunoyer, De la Liberté du Travail, Bd. I, p. 24.
        <pb n="48" />
        Die liberale Schule 
22 
schaftsleben bestehen wird. In dieser Nichtintervention geht 
Dun o y er weiter als irgend ein Volkswirt der klassischen 
Schule vor ihm. Er möchte, daß der Staat die Hände vom 
Wegebau ließe und die Ausübung der ärztlichen Praxis sowie 
aller anderen gelehrten Berufe nicht mehr von dem Bestehen 
staatlicher Prüfungen abhängig machte. Von Frauen- und 
Kinderschutz oder von Reglementierung gesundheitsschädlicher 
Betriebe will er nichts wissen. Nur die Garantie der absolute 
sten Freiheit und die repressive, nie aber die präventive Be 
kämpfung schädlicher Handlungen steht dem Staate zu. Außer 
dem verlangt er noch mit den Physiokraten, daß der Staat 
„seinen Bürgern Gerechtigkeits- und Billigkeitssinn sowie gesell 
schaftliche Tugenden anerziehe“ x ). Diese haben nämlich für 
das Wirtschaftsleben den allergrößten Wert. Für jedes einzelne 
Gewerbe unternimmt Dunoyer nachzuweisen, wie ausschlag 
gebend die sittlichen Eigenschaften und bürgerlichen Tugenden 
auf die Entwicklung der produktiven Kräfte einwirken. In echt 
doktrinärem Optimismus befangen, war er fest überzeugt, daß 
das Gute und das Nützliche stets zusammenfallen 2 ). 
Im theoretischen Teile seines Systems bespricht Dun o y er 
der Reihe nach die einzelnen Gewerbe und Künste; seiner 
Klassifikation derselben liegt Says Theorie der immateriellen 
Güter zugrunde. Diese setzt, wie wir gesehen haben, einen 
gegenüber der früheren Auffassung Adam Smiths und der 
Physiokraten erweiterten Kreis von menschlichen Bedürfnissen 
voraus, deren Befriedigungsmittel als wirtschaftliche Güter an 
zusprechen sind. Du no y er hat nun mit seiner rücksichtslosen 
Konsequenz eine Grenze, die J. B. Say jedenfalls nur un 
bestimmt vorschwebte, überhaupt nicht mehr gekannt, und die 
gesamte menschliche Bedürfnis weit unterschiedslos als Gegen 
stand der Wirtschaftswissenschaft angesehen. In diesem Sinne 
gliedert er die Gewerbe und Künste in solche, welche die Dinge 
zum Gegenstand haben, und solche, deren Objekt der Mensch 
ist („qui s’exercent sur les hommes“). 
Ì Dunoy er, loe. eit., Buch IV, Kap. 7 und Buch XI, Kap. 5; vgl. Villey, 
L’Oeuvre économique de Charles Dunoyer, Paris 1899, p. 831. 
2 ) „Ist einmal die Freiheit verwirklicht, ... so werden alle schlechten 
Mittel, sich zu bereichern, spontan aufgegeben werden.“ De la Liberté du 
Travail, Bd. I, p. 339.
        <pb n="49" />
        Geschichtlicher Überblick 
23 
Die ersteren teilt er ein in : Bergbau-, Transport-, Manufaktur- 
und Ackerbaugewerbe. Das Handelsgewerbe hat D uno y er 
nach Ausscheidung des Transportgewerbes aus seiner Klassifi 
zierung ausgeschlossen, weil er den Handel für etwas allen 
Gewerben Gemeinsames ansieht 1 ). Die Rolle des Handels als 
selbständiger Erwerbsgruppe in der Volkswirtschaft entgeht ihm. 
Erklärlich ist ja, daß eine Klassifizierung der Gewerbe, welche 
die Natur der gewonnenen Produkte zum Unterscheidungs 
merkmal nimmt, für den Handel keinen Platz hat. Übrigens 
vermengt Dun o y er Handels- und Transportgewerbe in seinen 
Ausführungen über letzteres, trotzdem er sie in seiner Klassifi 
kation scharf geschieden hatte 2 ). 
Die Gewerbe oder Künste, die den Menschen zum Ge 
genstand haben, teilt Dun o y er ein in solche, welche die Ver 
vollkommnung a) unserer physischen Natur (Heilkunde und 
Sport), b) der Einbildungskraft und des Gemütes (die schönen 
Künste), c) der Intelligenz (Unterricht), d) der sittlichen An 
gewöhnungen (Erziehung, Priestertum, Regierung) bezwecken. 
Den Abschluß macht die Erörterung „gewisser volkswirt 
schaftlicher Funktionen, welche allen Klassen der Erwerbs 
tätigen gemeinsam sind : Genossenschaftswesen, Handel, unent 
geltliche Eigentumsübertragung (unter Lebenden oder von Todes 
wegen).“ 
Was die Methode betrifft, ist D uno y er, wie die meisten 
Volkswirte der liberalen Schule, der Illusion zum Opfer gefallen, 
er mache ausschließlich von der Induktion Gebrauch und gebe 
der Volkswirtschaftslehre ein empirisches Gepräge, während er 
in Wirklichkeit von vorgefaßten Ideen ausgeht, diese deduk 
tiv entwickelt und die Geschichte in deren Sinn interpretiert. 
Dunoyers Methodik bedeutet einen Rückschritt gegenüber 
J. B. Say und P. Rossi. J. B. Say erkennt bereits das ver 
wickelte Ineinandergreifen der verschiedensten Ursachen bei den 
Erscheinungen des Wirtschaftslebens und die daraus sich er 
gebende objektive Schwierigkeit der wirtschaftswissenschaftlichen 
') ibid. Bd. II, pp. 111-112. 
2 ) Dunoyers Klassifikation der Gewerbe oder Künste, „welche die Dinge 
zum Gegenstand haben“, wurde von Jos. Garnier (Eléments de l’Economie 
Politique, Brüssel 1850, Teil I, cap. 3, p. 59 ff.) und von Stuart Mill aus 
genommen.
        <pb n="50" />
        24 
Die liberale Schule 
Forschung. Er ist eifrig bestrebt, die Ergebnisse der Deduktion 
durch die Beobachtung des tatsächlichen Verlaufs der Dinge zu 
kontrollieren. P. Rossi übt ein klares, gedrängtes, juristisch 
abstraktes Räsonnement. Den Anschluß an die Wirklichkeit 
findet er, indem er die Ergebnisse der exakten Wissenschaft den 
jeweiligen Anforderungen der nationalen, zeitlichen und lokalen 
Bedingungen, sowie den Geboten der Moral und der Politik 
unterordnet. Dun oyer dagegen fällt in die doktrinär abstrakte 
Art der Physiokraten zurück, ja sein rücksichtsloser Systemgeist 
führt ihn darin weiter, als jene gegangen waren. Er beugt das 
wirkliche Leben unter die Konsequenz seines alles beherrschen 
den Freiheitsbegriffes, unter das Postulat absolutester Nicht 
intervention des Staates und gibt dem Wirtschaftsleben wieder 
den Charakter eines mechanisch-maschinellen Getriebes '). 
In der Produktivitätslehre ist D uno y er dagegen J. B. Say 
unbedingt voraus. Er greift auf Adam Smith zurück und 
argumentiert : „Die Arbeit ist die einzige schöpferische Kraft 
aller Brauchbarkeiten, welche wir aus den Dingen und ihren 
Eigenschaften ziehen.“ Gewiß gibt es Naturkräfte. „Damit diese 
aber produzieren, muß der Mensch sie dazu zwingen 
Als Produktionsagenten schafft sie der Mensch.“ Ihre Mit 
wirkung beim Produktionsprozeß ist die alleinige Quelle aller 
Werte 2 ). 
Ferner ist D uno y er bestrebt, Says Theorie der im 
materiellen Güter, welche er seiner Klassifizierung der Gewerbe 
zugrunde legt, in dem Sinne fortzubilden, daß er materielle 
und immaterielle Güter unterschiedslos in eine allgemeine 
b Vgl. hiezu folgende Stelle: „Ist der Gegenstand der Nationalökonomie 
empirisch erforschbar? Kann er z. B. ebenso klar, ebenso kategorisch erklärt 
werden als diejenigen, von denen die Naturwissenschaften handeln? Ich zweifle 
nicht daran. Es gibt nicht mehr Wirkungen ohne Ursachen in der Politik als 
in der Chemie . . . Die Verkettung von Ursache und Wirkung ist gerade so 
gut in der einen wie in der andern zu erkennen. Es kostet mir Mühe zu 
glauben, daß die ethische Erscheinung, welche ich Freiheit nenne, sich der 
Analyse mehr entziehe, als die Wärme.“ Die geringere Sicherheit und Präzi 
sion nationalökonomischer Forschungsergebnisse im Vergleich zu denen der 
Naturwissenschaften erklärt Dunoyer aus dem subjektiven Defekt des Forschers. 
De la Liberté du Travail, Bd. I, p. 21. 
2 ) Dunoyer, loe. cit. Bd. II, p. 36—37.
        <pb n="51" />
        Geschichtlicher Überblick 
25 
Kategorie von Brauchbarkeiten zusammenfaßt 1 ). Er knüpft wieder 
an Adam Smiths Anschauung, die persönlichen Dienstleistungen 
überdauerten nicht den Augenblick ihrer Erzeugung, und ver 
allgemeinert: „Alle Arbeit vergeht darüber, daß sie geschieht, 
nur die Brauchbarkeiten (welche sie schafft), bleiben. Die einen 
sind in den Menschen, die andern in den Dingen 2 ).“ Hieraus 
wird Bastiat folgern, die Gegenstände des Tauschverkehrs seien 
ausschließlich Dienstleistungen. 
In konsequenter Durchführung seines Freiheitspostulats 
erhebt endlich D uno y er die Forderung der Testierfreiheit. 
Darin trifft er mit Le Play zusammen, allerdings mit dem Unter 
schied, daß letzterer von derselben Einzelerbfolge im Interesse 
der Erhaltung der Familien und der Familiengüter erhofft, 
während Dunoyer davon mit Bestimmtheit allgemeine Durch 
führung gleicher Erbteilung, aber aus freier Erwägung erwartet. 
Unter der Julimonarchie wuchs in Paris die Zahl der 
Nationalökonomen, welche sich um die Fahne der als die Wissen 
schaft schlechthin geltenden Lehre vom „laisser faire“ scharten, 
zu einer stattlichen Gruppe an. Mittel- und Sammelpunkt der 
selben war die Verlagsbuchhandlung Guillaumin, welcher bis 
1905 ein faktisches Monopol aller Veröffentlichungen der An 
hänger der liberalen Schule verblieb. 1905 trat der letzte Sprosse 
des „Ökonomistengeschlechtes“ Guillaumin: des Begründers 
des Verlags jüngste Tochter, welche denselben über 20 Jahre 
geleitet, ihn an Felix Alcan ab, der nunmehr der offizielle Ver 
leger der liberalen Schule ist. Daneben finden wir unter der 
Julimonarchie und bis ins zweite Kaiserreich hinein den Salon 
von Horace Say, des Sohnes von J. B. Say, als Treffpunkt der 
liberalen Volkswirte aller Länder. 
Aus der Zeit der Julimonarchie sind noch zu erwähnen: 
Adolphe Blanqui, Nachfolger J. B. Says am „Conservatoire des 
arts et métiers“, Louis Reybaud, Léon Faucher, Joseph Garnier usw. 
Blanqui schrieb eine breit angelegte, etwas oberflächliche, aber 
„Ist es nicht auffallend zu sehen, dass J. B. Say materielle und im 
materielle Produkte unterscheidet, er, der doch so treffend erkannte, daß wir 
den Stoff nicht schaffen können und daß wir in allen Dingen nur Brauchbar 
keiten erzeugen?“ De la Liberté du Travail, Bd. II, p. 11—12. 
a ) ibid.
        <pb n="52" />
        26 
Die liberale Schule 
nicht unkritische Geschichte der Nationalökonomie, die sich 
aber für die neuzeitliche Periode auf englische, französische und 
italienische Autoren beschränkt. Seine Untersuchungen über 
die Lage der arbeitenden Bevölkerung Frankreichs, welche er 
im Auftrag der Académie des sciences morales et politiques unter 
nahm, veranlaßte ihn, vom Staate Verbesserung der gesundheits 
schädlichen Arbeiterwohnungen, Schutz der in den Fabriken 
beschäftigten Kinder und Reform der sittlichen Erziehung durch 
die Volksschule zu verlangen 1 ). Léon Faucher und Louis 
Rey baud vertraten die liberale Nationalökonomie in der Aerwe 
des Deux-Mondes. Von Faucher sei erwähnt, dass die Gründung 
des deutschen Zollvereins ihn zu dem Vorschlag veranlaßte, 
Spanien, Frankreich, Belgien und die Schweiz in einen Zoll 
verband zusammenzufassen. 1843—44 bereiste er England, von 
wo er düstere Eindrücke zurückbrachte. Der ganze Pessimismus 
Ricardos und seiner Schule liegt in Fauchers zweibändigem 
Werke, in dem er die damalige traurige Lage der englischen 
Arbeiterbevölkerung ergreifend schildert 2 ). Louis Reybaud 3 ) 
stellte ein glänzendes literarisches Talent in den Dienst der 
klassischen Volkswirtschaftslehre. Er ist der Romantiker der 
liberalen Schule. Er reitet stets auf hohem Roß. Für ihn hat 
die Anhängerschaft am Klassizismus den Charakter eines reli 
giösen Glaubensbekenntnisses. Die Art, wie er die National 
ökonomie behandelt, schildert er selbst zutreffend in folgendem 
Passus : „Es gibt zwei Arten, die politische Ökonomie schmack 
haft zu machen, die eine ist eine direkte, die andere eine in 
direkte. Die direkte Methode besteht darin, die Wissenschaft 
didaktisch und nüchtern vorzutragen ; die indirekte wendet sich 
mehr an das Empfinden und gibt dem Geiste nur, was er 
braucht, damit er nicht abgestoßen werde. Sie besteht darin, 
die Prinzipien in Tätigkeit zu setzen, sie in einem Gegenstand 
zu verkörpern, welcher Interesse erweckt und dessen Mitwirkung 
bei einer so trockenen Wissenschaft nicht zu verachten ist“ 4 ). 
]) Ad. Blanqui, Les classes ouvrières en France pendant l’année 1848, 
Paris 1849; vgl. den Art. Blanqui in Listers Wörterbuch der Volkswirtschaft. 
2 ) Léon Faucher, Etudes sur l’Angleterre, 2 Bde., Paris 1845. 
8 ) Louis Reybaud, Etudes sur les Réformateurs ou Socialistes modernes. 2 Bde, 
Paris 1840, seither mehrfach. — Jérôme Paturot à la recherche d’une position 
sociale. Satirisch-sozialer Roman, Paris 1843. — Economistes modernes, Paris 1862. 
4 ) L. Reybaud, Economistes Modernes, Introduction.
        <pb n="53" />
        Geschichtlicher Überblick 
27 
Louis Reybaud war der erste unter den liberalen Volks 
wirten, der die sozialistischen und kommunistischen Lehren 
seiner Tage einer eingehenden Beachtung würdigte. Erst stand 
er ihnen sympathisch gegenüber, bald aber wandte er sich zu 
deren schroffen Bekämpfung 1 ). Joseph Garnier (1813—1881), 
seit 1846 Professor der Nationalökonomie an der „École des Ponts 
et Chaussées“, ist der Verfasser eines elementaren, äußerst le 
bendig und anregend geschriebenen Lehrbuchs der Volks 
wirtschaftslehre, das eine große Verbreitung fand und zahlreiche 
Auflagen erlebte. Dasselbe lehnt sich eng an J. B. Bay, 
Malthus und Du noyer an. Auch Ricardos Rententheorie 
fand darin Aufnahme 2 ). 
Das Bedürfnis nach organisiertem Zusammenschluß machte 
sich bald innerhalb der Gruppe der liberalen Volkswirte gel 
tend. Eugen Doire, der Herausgeber der Werke der Physio- 
kraten, der alte Guillaumin, Joseph Garnier und Blaise be 
schlossen bei einem gemeinsamen Diner fürderhin monatliche 
Zusammenkünfte zwecks Austauschs von Gedanken über volks 
wirtschaftliche Fragen zu veranstalten. Die Idee fand Anklang 
unter den Gesinnungsgenossen, und man schritt zur Gründung 
einer Société des Economistes (1842). Die monatlichen Zusammen 
künfte fanden seither ununterbrochen bis heute statt. 1847 
nahm die Vereinigung den Namen Société d’économie politique 
an. Es herrscht darin ein exklusiver Geist. Allerdings wurde 
in den letzten 10 —15 Jahren auch sorgsam ausgewählten, 
anders denkenden Volkswirten, insbesondere von der Le Play- 
sehen Schule, Aufnahme gewährt. Doch ist dafür gesorgt, daß 
die überwiegende Mehrheit der Mitglieder überzeugungstreue 
Nichtinterventionisten sind. Die Gesellschaft zählte 1845 50 
Mitglieder; zurzeit hält sich deren Zahl zwischen 225 und 250. 
Die organisierte liberale Schule schuf sich alsbald ein 
eigenes Organ, das Journal des Economistes, das ebenfalls bis 
heute unentwegt und streng exklusiv das Evangelium des 
„laisser faire“ verkündet. Das Journal des Economistes trat im 
Mai 1842 in die Welt mit einem programmatischen Geleitwort 
x ) Vgl. den Unterschied zwischen der ersten und zweiten Auflage von: 
Etudes sur les Réformateurs ou Socialistes Modernes. 
b Joseph Garnier, Eléments de l’Economie politique, Brüssel und Leip 
zig 1850.
        <pb n="54" />
        28 
Die liberale Schule 
Reybauds, in welchem dieser die oben dargelegten An 
schauungen Rossis entwickelt 1 ). Unter den ersten Mitarbei 
tern finden wir Ch. Dunoyer, Ad. Blanqui, Horace Say, 
Moreau de donnes, Hippolyte Passy, L. Wolowski usw. 
1843 taucht zum ersten Male der Name Bastiat auf. Ihm war 
es beschieden, der berühmteste unter den liberalen Volkswirten 
Frankreichs zu werden. 
Frédéric Bastia! (1801—1850) 2 ) hatte zwanzig Jahre volks 
wirtschaftlichen Studien gewidmet, bevor er vor die Öfi'ent- 
0 Das Journal des Economistes veröffentlicht regelmäßig seit bald siebzig 
Jahren die Sitzungsberichte der „Société d’économie politique“. In diesen Be 
richten spiegeln sich alle wichtigen volkswirtschaftlichen Fragen, welche in sieben 
Jahrzehnten die öffentliche Meinung der verschiedenen Länder beschäftigten, 
unter dem konstanten Gesichtswinkel der Nichteinmischung des Staates ins 
Wirtschaftsleben wieder. Eisenbahn- und Kanalbauten, Ausstellungen und 
Handelsverträge, Staatsanleihen, die Beschaffung der französischen Kriegs 
entschädigung nach dem siebziger Kriege, Deutschlands Sozialversicherungen 
und Einkommenbesteuerung usw. wurden jeweils eingehend in den Sitzungen 
der Société d’économie politique erörtert. Aber auch an theoretischen Diskus 
sionen fehlte es nicht. Die Sitzungsberichte erschienen 1846—1887 auch in Buch 
form, als Annales de la Société d'économie politique. Seit 1. Januar 1888 sind 
diese Annales durch ein Bulletin mensuel ersetzt. 
2 ) Bastiats Werke wurden nach seinem Tode von Paillottet und R. de 
Fontenay gesammelt herausgegeben (Bd. I—II, 1855, Bd. III—VI, 1854) und 
seither wiederholt aufgelegt. Band I enthält Korrespondenz und Fragmente, 
Band II ca. 60 Artikel, welche in der von Bastiat geleiteten Wochenschrift 
Le Libre Echange erschienen waren, sowie acht Propagandareden ; Band III das 
Werk Cobden et la Ligue. Dieses erschien zuerst 1845 und enthält eine Über 
setzung der hauptsächlichsten Reden von Cobden, Bright, Fox, Gibson 
usw. nebst einer von Bastiat dazu verfaßten Einleitung; Band IV und V um 
fassen die beiden Serien der Sophismes économiques und die Pamphlets; es sind 
dies polemische Aufsätze, welche seit 1844 im Journal des Economistes er 
schienen. Erstere sind gegen die Schutzzöllner (1844—48), letztere gegen die 
Sozialisten (nach 1848) gerichtet. Band VI enthält die Harmonies économiques, 
Bastiats dogmatisches Werk. Die ersten zehn Kapitel hatte Bastiat 1850 unter 
diesem Titel veröffentlicht. Die Kapitel 11—25 sind nachgelassene Fragmente 
zu einem nicht fertig gewordenen zweiten Teil von den Herausgebern gesam 
melt und geordnet. Bastiats nachgelassene Manuskripte füllen vier ansehnliche 
Kisten, welche sich heute im Besitze Frédéric Passys befinden. Passy hat be 
reits testamentarisch über den kostbaren Schatz verfügt. Dieser wird nach 
seinem Tode in die Hände Alfred Neymarcks übergehen. Über Bastiat be 
steht eine ansehnliche Literatur. Ich verweise darüber auf das Handwörterbuch 
der Staatswissenschaften.
        <pb n="55" />
        Geschichtlicher Überblick 
29 
lichkeit trat. Bei den Physiokraten holte er sich die grund 
legende Idee des providentiellen Finalismus, mit welcher er dem 
Pessimismus Ricardos und seiner Schule entgegentrat. Aus 
dem Studium Dunoyers gewann er die Grundlagen seiner 
Wert- und Rentenlehren, sowie die Idee der allmählichen, histo 
risch werdenden Verwirklichung des Freiheitsregims. Die Frei 
handelskampagne der englischen anticornlawleague verfolgte er 
aufs eifrigste durch jahrelange, tägliche Lektüre des „GlobeV 
Diese Lektüre entwickelte in dem feurigen Sohn der Gascogne, 
der, wie alle seine Landsleute, ein Enthusiast und eine Kampf 
natur war, eine glühende Freiheitsliebe und eine glänzende 
polemische Begabung. 
Die polemischen Schriften Bastiats, die Sophismes écono 
miques und die Pamphlets, verdienen noch heute gelesen zu 
werden. Die schwungvolle, lebendige und bilderreiche Sprache, 
die meisterhafte, manchmal verblüffende Handhabung der 
Dialektik im Kampfe mit Schutzzöllnern und Sozialisten geben 
jenen Werken einen schätzbaren literarischen Wert. Bastiats 
wissenschaftliche Konstruktionen dagegen sind unhaltbar. Ja, 
was ihn geradezu kennzeichnet, ist der Mangel an wissenschaft 
lichem, methodischem Sinn. Mehr als bei irgend einem andern 
liberalen Volkswirt tritt bei ihm der charakteristische, metho 
dische Fehler der Schule : den Beweis voraus bestimmter 
Schlußfolgerungen anzustreben, zutage. Sein dogmatisches Werk, 
die unvollendet gebliebenen Harmonies économiques, dient dem 
Bestreben, den Pessimismus Ricardos, welchen sich die Sozia 
listen im Kampfe gegen die klassische Naturlehre weidlich zu 
nutze zu machen anfingen, aus der „Wissenschaft“ zu bannen 
und durch den rationalistischen Optimismus der Physiokraten 
zu ersetzen. 
Bastiats Gedankengang ist folgender 1 ): indem Ad.Smith 
und insbesondere Ricardo dem Produktionsagens Natur Wert 
beimessen, legen sie den Grund zu notwendiger Ungerechtigkeit im 
Wirtschaftsleben. Kommt z. B. dem Grund und Boden Wert 
charakter zu, so folgt, daß dessen Eigentümer, also eine be 
schränkte Anzahl Menschen, ein der gesamten Menschheit vom 
Schöpfer gegebenes Geschenk monopolisieren. Das ist aber eine 
offenbare Ungerechtigkeit. 
1 ) Bastiat, Oeuvres, Bd. VI, p. 7 ff.
        <pb n="56" />
        30 
Die liberale Schule 
Zweitens lehrt Ricardo, jedes Anwachsen der Bevölke 
rung bringe den Nichtstuern, in deren Besitz sich die bessern 
Ländereien befinden, eine erhöhte Grundrente, während das 
Steigen der Nahrungsmittelpreise, welche die notwendig ge 
wordene Inanbaunahme unfruchtbarer, höhere Produktions 
kosten erheischender Grundstücke veranlaßt, ein zunehmendes 
Elend der arbeitenden Menschheit zur Folge hat. Die natürliche 
Ordnung führt also nach Ricardo zu progressiver Ungleichheit. 
Drittens schließen die Bevölkerungsgesetze Malthus' auf un 
vermeidlichen Bauiperismus, indem sie lehren, daß die Menschen 
die Tendenz haben, sich ungleich rascher zu vermehren, als die 
notwendigen Subsistenzmittel. 
Die Pessimisten lehren also, daß „die großen, providen- 
tiellen Gesetze die Gesellschaft ins Elend stürzen“. Sie wollen 
trotzdem nicht, daß man deren Wirkungen entgegen trete, 
weil diese durch sekundäre Tendenzen gehemmt werden. Die 
Sozialisten schließen aus demselben Satze, jene Gesetze müssen 
beseitigt und durch andere ersetzt werden, „an die Stelle des 
freien Werkes Gottes sei ein künstliches, von Menschenhand 
errichtetes zu setzen“. Die Katholiken erkennen ebenfalls die 
pessimistische Lehre an; doch sagen sie, man müsse den ge 
meinten Gesetzen zu entgehen suchen, indem man auf irdische 
Interessen verzichtet und den Weg der Entsagung, des Opfers, 
des Asketismus, der Resignation betritt. 
Allen diesen hält nun Bastiat die Worte Duponts von 
Nemours entgegen : „Die natürliche Ordnung ist das Produkt 
der Naturgesetze. Diese kommen vom Schöpfer aller Dinge. 
Das höchste Wesen ist gut und konnte nicht das Unglück 
seiner Geschöpfe wollen. Deshalb muß notwendig die natür 
liche Ordnung die vorteilhafteste für das Menschengeschlecht 
sein 1 ).“ Von dieser Grundidee der Stoa und des rationalisti 
schen Deismus Descartes’ und Malebranches ausgehend, 
entwickelt Bastiat die Idee der empiristischen Philosophen 
des XVII. und XVIII. Jahrhunderts von der Harmonie aller 
Interessen in geradezu großartiger Weise. Er löst das ganze 
Wirtschaftsleben in Harmonien auf. Vorkommende Antagonis- 
') Dupont de Nemours, Origine et Progrès d’une Science Nouvelle, Aus 
gabe Guillaumin, p. 36.
        <pb n="57" />
        Geschichtlicher Überblick 
31 
men sind dies nur scheinbar. Im letzten Grunde findet sich 
immer Übereinstimmung. Alle Interessengegensätze zwischen 
Produzenten und Konsumenten, Arbeitgebern und Arbeitern, 
Besitzenden und Besitzlosen usw. sind nur akzidentelle Er 
scheinungen, welche sich in die allgemeine Harmonie der Ge 
sellschaft auflösen. 
Von großer Bedeutung für den Erweis der Harmonie im 
Wirtschaftsleben ist bei Bastiat das Prinzip der Gerechtigkeit. 
Dasselbe war von der utilitaristischen Wirtschaftslehre, insbe 
sondere von Bentham und Ricardo, außer acht gelassen 
worden. Die Sozialisten nahmen die unbesetzte Position ein und 
negierten von ihr aus die Berechtigung von Privateigentum, Zins, 
Erbrecht usw. Bastiat ist nun bestrebt, das Tatsächliche, das 
Seiende im Wirtschaftsleben an dem sittlichen Postulate der 
Gerechtigkeit zu messen, und die schließliche Übereinstimmung 
beider zu behaupten: das ist das Wesentliche seiner Harmonie 
lehre. Alle Einzelharmonien, deren sich Bastiat über dem 
Schreiben immer neue eröffnen, laufen zusammen in die eine 
große der harmonischen Evolution des Wirtschaftslebens: „Das 
natürliche Resultat des sozialen Mechanismus ist eine konstante 
Erhöhung des physischen, intellektuellen und moralischen 
Niveaus für alle Klassen, mit Tendenz zur Gleichheit 1 ).“ 
Bastiats vielumstrittene Wert- und Rententheorie 2 ), welche 
D uno y er sehe Ideen zum Ausgangspunkt hat und deren Priorität 
ihm von Careij streitig gemacht wurde, beruht auf der Unter 
scheidung zwischen unentgeltlichen und onerosen Brauchbar 
keiten. Die ersten schafft die Natur. Sie haben keinen Wert 
charakter und sind lediglich Brauchbarkeiten 3 ). Damit ist die 
J ) Bastiat, Oeuvres, Bd. I, p. 24. 
*) Bastiat, Oeuvres, Bd. VI, p. 128 ff. 
s ) „Die natürlichen Agentien, selbst wenn sie in Privatbesitz übergegangen 
sind, erzeugen keinen Wert, sondern Brauchbarkeiten, welche durch die Hand 
ihrer Besitzer gehen, ohne etwas von sich daran kleben zu lassen und unent 
geltlich in die des Konsumenten übergehen.“ (Oeuvres Bd. VI, cap. IX, p. 276). 
Bastiat sucht diese Anschauung durch eine Reihe von Beispielen aus der An 
siedlungsgeschichte von Nordamerika, welche er im Sinne seiner Theorie inter 
pretiert , zu beweisen (Harmonies, cap. 9). Die Unentgeltlichkeit der Mit 
wirkung der Natur beim Produktionsprozesse ist eine Konsequenz aus Dunoyers 
Satz, daß der Faktor Natur erst durch des Menschen Arbeitstätigkeit zum 
Produktionselement wird.
        <pb n="58" />
        32 
Die liberale Schule 
Existenz der Rente verneint. Der Mehrertrag, den heute ein 
Besitzer von Naturkräften, z. B. Grund und Boden, Wasser 
fällen usw. für die von ihm monopolisierten natürlichen Agentien 
bezieht und den wir gemeinhin Rente nennen, ist entweder 
Lohn für die häufig mühsame Dienstbarmachung der betreffen 
den Kräfte, oder Zins für z. B. in den Boden gesteckte Kapi 
talien. Kapitalzins aber ist identisch mit Arbeitslohn, denn 
Kapital ist weiter nichts als aufgespeicherte Arbeitsprodukte. 
Die Negierung des Wertcharakters der von der Natur geschaffe 
nen Brauchbarkeiten und damit der Existenz der Rente ist der 
wichtigste Punkt in Bastiats Wertlehre. Zweck dieser Negierung 
ist, der sozialistischen Kritik an der Ungerechtigkeit der bestehen 
den Wirtschaftsordnung den Boden zu entziehen. Mit AdamSmith 
und Ricardo und mit den Sozialisten verkündet Bastiat die 
menschliche Arbeit als den wesentlichen, wertbildenden Faktor. 
Die onerosen Brauchbarkeiten nämlich, welche allein Wert haben, 
sind das Produkt menschlicher Anstrengung oder Arbeit. 
Es entgeht aber Bastiat nicht, ebensowenig wie Ricardo, 
daß der Wertbegriff „menschliche Arbeit“ zur Erklärung der 
tatsächlichen Erscheinungen des Wirtschaftslebens nicht aus 
reicht. Anstatt nun Ausnahmen dazu anzunehmen, wie Ricardo, 
schlägt Bastiat eine doppelte Modifikation des Wertbegriffs vor, 
welche darin besteht" daß er zwei neue Elemente, neben das 
der geleisteten menschlichen Arbeit, in denselben einführt: die 
dem Käufer eines Produktes menschlicher Arbeitsleistung er 
sparte Arbeit und die Kaufkraft des Milieus. 
Die dem Käufer ersparte Arbeit ist diejenige Anstrengung, 
welche er nach seiner Schätzung daransetzen müßte, um den 
begehrten Gegenstand durch eigene Arbeit zu beschaffen. 
Die Kaufkraft des Milieus hängt ab von der Entwicklung 
seiner Kultur. Je kultivierter das Milieu, desto hohem Wert 
wird in demselben eine Arbeitsleistung haben. 
Bastiat faßt nun die zur Schaffung einer onerosen Brauch 
barkeit geleistete Arbeit und die dem Käufer einer Brauchbar 
keit ersparte Arbeit in den Begriff Dienstleistung zusammen. Der 
Wert entsteht, indem sich mit dessen objektivem Elemente der 
Dienstleistung das subjektive des Messens zweier Dienstleistungen 
aneinander auf dem Markte verbindet. Der Wert erscheint so 
mit als das Verhältnis zweier ausgetauschter Dienstleistungen.
        <pb n="59" />
        Geschichtlicher Überblick 
33 
Bastiats Wertlehre enthält zwei Widersprüche: erstens 
führt er die Rente, zu deren Negierung er unendlich viel Mühe 
und Scharfsinn vergeudet, durch eine Hintertüre wieder ein. 
Die Anerkennung des Milieus als wertbestimmenden Faktors be 
sagt die Anerkennung des Wertcharakters von Brauchbarkeiten, 
welche das Milieu, nicht aber menschliche Arbeit schafft, mit 
hin die Existenz der Rente. Zweitens widerspricht es Bastiats 
Gerechtigkeitspostulat, dass zwei in Qualität und Intensität 
gleichwertige Arbeitsleistungen verschieden entlohnt werden 
können, sei es infolge von Verschiedenheiten in der Kaufkraft 
des Milieus, sei es, weil die Schätzung, welche zwei Käufer von 
der ihnen durch die Produkte jener Arbeitsleistungen ersparten 
Arbeit machen, verschieden ausfällt. Diesen Widerspruch hat 
Bas ti at selbst erkannt. Er begegnet ihm folgendermaßen: 
„In einer Wirtschaftsordnung, welche auf Verkehrsfreiheit be 
ruht, geschehen die Austauschakte auf der Basis der Verhältnis 
mäßigkeit der Anstrengungen; der Wert hat in einer solchen 
die zunehmende Tendenz, sich ausschließlich an der Arbeit zu 
messen, der Lohn, sich zum Verdienst ins Verhältnis zu setzen, 
die geleistete Arbeit, der ersparten gleich zu kommen 1 ). u 
Die Konkurrenz also, der mächtigste, Harmonie erzeugende 
Faktor des Wirtschaftslebens, ist es, welche auch in der anschei 
nend die Ungerechtigkeit sanktionierenden Wertlehre den 
Schluß auf die Gerechtigkeit ermöglichen soll. Ist aber die 
Harmonie mit dem Gerechtigkeitspostulat hergestellt, so er 
öffnen sich sofort weitere harmonische Ausblicke : die freie 
Konkurrenz bewirkt, daß jede Erfindung, jede Vervollkomm 
nung eines Arbeitsprozesses, jeder technische Fortschritt Allge 
meingut der Menschheit wird, mit andern Worten, daß ein 
stetig wachsender Teil der zur Produktion erforderlichen Arbeits 
leistungen von Menschen auf die Naturkräfte abgewälzt wird, 
daß also der Prozentsatz der unentgeltlichen Brauchbarkeiten 
fortwährend im Verhältnis zu dem der onerosen steigt, daß das 
Gemeingut aller auf Kosten des Privateigentums fortwährend 
zunimmt. „Kommunisten,“ ruft Bastiat aus, „ihr träumt die 
Gütergemeinschaft. Aber seht, sie besteht ja schon! Die soziale 
] ) Bastiat, Oeuvres, Bd. VI, p. 336, 351. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
3
        <pb n="60" />
        34 
Die liberale Schule 
Ordnung macht alle Brauchbarkeiten zu gemeinsamen, wenn nur 
der Tausch der im Privatbesitz befindlichen Werte frei ist 1 ).“ 
Eine weitere Tendenz zur Gleichheit erblickt Bastiat in 
dem Anwachsen der Kapitalien und dem damit verbundenen 
Sinken des Zinsfußes. Das Gesamtresultat der Produktion steigt 
mit dem Anwachsen der Kapitalien ; da aber der Zinsfuß gleich 
zeitig sinkt, sinkt deren relativer Anteil am Produktionsresultat, 
wenn auch der absolute Ertrag immer steigt. Der Anteil der 
Arbeiter dagegen nimmt absolut und relativ zu: absolut mit 
dem Anwachsen des Gesamtertrags der Produktion, relativ in 
dem Maße, als das Sinken des Zinsfußes den Anteil der Kapi 
talisten verringert. Das ist „das große Gesetz der Harmonie 
von Kapital und Arbeit. Beide haben absolut ein immer größeres 
Einkommen ; relativ aber nimmt dasjenige des Kapitals ab, das 
der Arbeit zu 2 ).“ Wir werden diese Tendenz zur Gleichheit, aller 
dings in etwas weniger naiver und prätentiöser Form, bei Paul 
Leroy-Beaulieu wiederfinden. 
Mehr als irgend ein liberaler Nationalökonom vor ihm hat 
Bastiat das Freihandelspostulat zum Brennpukt der Wissenschaft 
gemacht und dessen sofortige übergangslose Verwirklichung ver 
langt. Seine ausgedehnte, fieberhafte Tätigkeit während der 
sechs letzten Jahre seines Lebens war wesentlich eine ununter 
brochene, äußerst rege Kampagne in Wort und Schrift für den 
Freihandel 3 ). 
Als unmittelbare Schüler Bastiats sind zu nennen : Pail- 
lottet, R. de Fontenay (le Revenu Foncier 18õ4) und Martinelli 
(Harmonies et Perturlations Sociales 1853). 
h Bastiat, Oeuvres, Bd. VI, p. 127. 
2 ) Bastiat, Oeuvres, Bd. VI, p. 223—226. 
3 ) 1846 gründete er in Bordeaux und Paris Freibandeisvereine. Der 
Pariser gab eine Wochenschrift „Libre Echange“ heraus, welche Bastiat leitete. 
Weiter trat dieser in Paris und in den Provinzen in öffentlichen Versammlungen 
auf, knüpfte Beziehungen mit Arbeitern und Studenten an und hielt regelmäßige 
Privatvorlesungen in der Salle Taranne in Paris. Gleichzeitig erschienen im 
Journal des Economistes seine Sophismes économiques, seit Februar 1848 seine 
Pamphlets. 1848 zog Bastiat als Vertreter des Landesdepartements in die Con 
stituante ein ; der 1849 zusammengetretenen „Legislative“ gehörte er ebenfalls an. 
Seine angestrengte propagandistische Tätigkeit und sein bereits weit vorge 
schrittenes Lungenleiden, an dem er 1850 in Rom starb, machten ihm jedoch 
eine regere Beteiligung am parlamentarischen Leben unmöglich.
        <pb n="61" />
        Geschichtlicher Überblick 
35 
Die literarischen Vorzüge der Werke Bastiats sowohl als 
deren Optimismus, welcher dem französischen Temperamente 
besser zusagte als der Pessimismus Ricardos, verschafften ihm 
zahlreiche Leser. Dazu kam die Hervorkehrung des praktischen 
Gedankens des Freihandels gegenüber der früher mehr im 
Vordergrund stehenden theoretischen Idee der natürlichen Wirt 
schaftsordnung, sowie die entschiedene Stellungnahme gegen den 
Sozialismus, dessen Vorstöße 1848 die Bourgeoisie in Angst 
versetzt hatten. 
Auch in dem engern Kreise der liberalen Nationalökonomen 
verdrängten Bastiats Schriften alle früheren derart, daß noch 
1892 H. St.-Marc schreiben konnte, die Anhänger der liberalen 
Schule pflegten nur Bastiat, aber keinen der großen Klassiker 
gelesen zu haben 1 ). Heute allerdings ist Bastiat durch Paul 
Leroy-Beaulieu abgelöst. 
Hatten vor 1848 die Bemühungen Bastiats, wie der 
liberalen Schule überhaupt, der Bekämpfung aller der Freiheit 
entgegenstehenden Schranken, insbesondere des Schutzzoll 
systems, gegolten, so brachte das Revolutionsjahr eine Front 
veränderung: es begann ein entschlossener Kampf gegen alle 
Formen des Sozialismus. Michel Chevalier, Léon Faucher und 
Léonce de Lavergne führten eine scharfe Feder im Journal des 
Economistes, in der Revue des Deux Mondes und irn Journal des 
Débats. Wolowski war es gelungen, in die berühmte Commission 
du Travail, welche im Luxembourg, dem heutigen Senatspalaste, 
tagte, gewählt zu werden. Er trat dort gegen Louis Blanc und 
die anderen sozialistischen Arbeiterführer auf. Bastiat aber 
überflügelte alle in der Polemik durch seine geistsprühenden 
Pamphlets. 
Die Haltung der kleinen Gruppe der liberalen Volkswirte 
gewann ihnen Sympathien in Kreisen der Agrarier und Indu 
striellen, welche bis dahin ausschließlich schutzzöllnerischen 
Anschauungen zugänglich gewesen waren und die Mitglieder der 
Gruppe als Revolutionäre angesehen hatten. Der so herbeigeführte 
Umschwung der Stimmung in Bourgeoiskreisen zugunsten der 
liberalen Wirtschaftslehre trug nicht wenig zum Siege des Frei 
handelsprinzips im französisch-englischen Handelsvertrag von 
') H. St.-Marc,' Etude sur l’enseignement de l’économie politique dans les 
universités d’Allemagne et d’Autriche Paris 1892 p. 125.
        <pb n="62" />
        36 
Die liberale Schule 
I860 bei 1 ). Der Mann, dem es vergönnt sein sollte, dem Frei 
handel in Frankreich zum Siege zu verhelfen, war Michel 
Chevalier. 
Michel Chevalier (1806—1879) aus Limoges hatte sich 
ursprünglich dem Ingenieurfach gewidmet. Nach glänzenden 
Studien an der Ecole polytechnique in Paris wurde er mit 
23 Jahren staatlicher Grubeningenieur für das Norddepartement. 
Dem Beispiele mehrerer seiner begabtesten Studiengenossen 
folgend, besuchte er eifrig die Vorträge des Saint-Simonisten 
Bazard und trat bald mit einigen Freunden der Saint-Simoni- 
stischen Gemeinschaft bei. Er wählte zunächst zur speziellen 
Betätigung das Gebiet der Gewerbe- und Verkehrspolitik. Seine 
ersten publizistischen Versuche, welche in der Saint-Simonistischen 
Wochenschrift L'Organisateur erschienen (1829), überzeugten ihn 
und seine Umgebung von seiner hervorragenden schriftstelle 
rischen Befähigung. Diese Entdeckung veranlaßte ihn, seine 
Stellung im Norddepartement Ende 1830 aufzugeben; dafür 
übernahm er die Leitung der in Saint-Simonistischen Besitz ge 
langten Tageszeitung Globe (18. Januar 1831). In diesem Blatte 
veröffentlichte Chevalier durch 18 Monate, während derer er 
es leitete, zahlreiche Artikel. Diese galten hauptsächlich der 
begeisterten Darstellung der Saint-Simonistischen Gedanken vom 
universellen Frieden und von der möglichsten Ausdehnung der 
Produktion, insbesondere durch Förderung des Verkehrs. Am be 
merkenswertesten ist die später auch in Broschürenform erschie 
nene Artikelserie Système de la Méditerranée. Diese enthält das 
Projekt eines großartig gedachten Eisenbahnnetzes, welches, das 
Mittelmeer zum Zentrum nehmend, über ganz Europa und Nord 
afrika sich erstrecken und durch Dampferlinien verlängert 
werden sollte, deren Errichtung die Durchstechung der Suez- 
und Panamalandenge bedingte. Chevaliers Kostenanschlag 
belief sich auf 18 Milliarden Francs. Die spätere Anlage der 
Verkehrswege verwirklichte in manchen wesentlichen Punkten 
jenen gewaltigen Traum. 
Chevalier blieb sein ganzes Leben hindurch den beiden 
programmatischen Gedanken, die ihm in der Saint - Simoni - 
9 Vgl. Weül, Histoire du Mouvement Social en ' France 1852—1902, 
Paris 1903, p. 20.
        <pb n="63" />
        Geschichtlicher Überblick 37 
stischen Lehre am meisten zusagten, treu. Er hat einerseits 
sich immer mit Vorliebe mit Verkehrsfragen beschäftigt und 
den Ausbau von Verkehrswegen in seinem Vaterland stets mit 
allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gefördert. Andererseits 
hat er nie eine Gelegenheit versäumt, für die Idee des Welt 
friedens einzustehen, ein Umstand, der übrigens für seine spätern 
Lebensschicksale entscheidend wurde. 
Als Leiter des Globe wurde Chevalier in den Prozeß, 
welcher der Saint-Simonistischen Gemeinde ein jähes Ende be 
reitete, verwickelt und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Im Ge 
fängnis wurde er Mitarbeiter des Journal des Débats. Als solcher 
bekämpfte er die kriegslustigen Pläne der damaligen Opposition, 
welche die Julirevolution durch Europa tragen und das unrühm 
liche Ende der napoleonischen Epoche an den Mächten rächen 
wollte. Die entschiedene Stellungnahme Chevaliers zugunsten 
der von der Regierung der Julimonarchie — unter dem Einfluß 
Talleyrands — befolgten Friedenspolitik, lenkte die Auf 
merksamkeit der führenden Kreise auf ihn. Er gewann so die 
Protektion von Guizot und Mole, der beiden neben Thiers 
hervorragendsten Staatsmänner jener Zeit, wurde nach Ver 
büßung der Hälfte seiner Strafe begnadigt und mit einer Studien 
mission nach Amerika betraut. Aus Chevaliers zweijähriger 
Amerikareise gingen ein technisches Werk über den amerika 
nischen Eisenbahnbau, sowie seine Lettres sur L'Amérique du 
Nord hervor. Letztere geben in glänzender, farbenreicher 
Sprache wieder, was er vom politischen, wirtschaftlichen und 
sozialen Leben jenseits des Ozeans beobachtete. Sie verraten 
viel gesunden Menschenverstand und praktischen Sinn, sowie 
ein besonders scharfes Augenmerk für die tatsächlichen Grund 
lagen der amerikanischen Freiheit. 
1836 wurde Chevalier Mitarbeiter der Revue des Deux 
Mondes, was dazu beitrug, seinen Stil klarer und präziser zu 
machen und von dem apokalyptischen Schwulst der Saint-Simo 
nistischen Zeit zu reinigen. In seiner Denkweise blieb er jedoch 
Romantiker, aller abstrakten Theorie abhold. Einiges Aufsehen 
erregte seine 1838 erschienene Schrift: Intérêts matériels, welche 
einen vollständigen, detaillierten Plan eines ganz Frankreich 
umspannenden Eisenbahnnetzes enthält. Chevalier erwies 
sich in dieser Schrift als gründlichen Kenner der Wirtschafts-
        <pb n="64" />
        38 
Die liberale Schule 
géographie Frankreichs, denn es wurde später fast genau so 
gebaut, wie er bis ins Einzelne angeregt hatte. 
1840, unter einem Ministerium Thiers, bekämpfte er 
durch seine Lettre adressée au comte Mole' die von der Regierung 
geplante Errichtung der Pariser Forts. Etwas utopisch mutet 
in diesem Briefe die Schilderung, welche der Autor von der 
europäischen Lage gibt, an. Seine Begeisteruag für den Welt 
frieden läßt ihn verkünden, daß Europa einer politischen Ein 
heit entgegensehe, die ihren Ausdruck in einer hohem Organi 
sation, nach dem Muster des griechischen Amphiktyonenbundes 
finden werde. 
Als Rossi 1840 Pair von Frankreich wurde, trat er von 
seinem Lehrstuhl am College de France zurück. Dieser ward 
Chevalier übertragen, welcher auch seit 1838 Mitglied des 
Staatsrats war. 1845 zog er als Vertreter des Aveyrondeparte- 
ments auf kurze Zeit in die Abgeordnetenkammer ein. Dort 
gelang es ihm, der Regierung eine Zollgesetzvorlage, die einige 
Reformen im Sinne der Freiheit enthielt, abzuringen. Doch 
wurde die Kammer aufgelöst, bevor es zur definitiven Abstim 
mung über die Vorlage kommen konnte. 
Nach dem Ausbruch der Februarrevolution trat Chevalier 
mit Basti at, Wolowski usw., wie schon erwähnt, gegen 
die sozialistischen Systeme in die Schranken. Seine Briefe über 
die Organisation der Arbeit, welche im Journal des Débats er 
schienen, veranlaßten die revolutionäre Regierung ihn nicht nur 
seines Postens zu entheben, sondern auch sogar seinen Lehrstuhl 
zu unterdrücken. Sieben Monate später wurde Chevalier jedoch 
wieder in Amt und Würden eingesetzt. Da ihn indessen die Ge 
schäfte im Staatsrat zu sehr in Anspruch nahmen, überließ er 
seine Vorlesungen einem Stellvertreter: Henri Baudrillart. 1866 
nahm er sie wieder selbst auf, bis 1878, ein Jahr vor seinem 
Tode, sein Lehrstuhl an seinen Schwiegersohn Paul Leròy- 
Beaulieu überging. 
Chevaliers Vorlesungen erschienen in drei Bänden 1 ). 
Die beiden ersten behandeln hauptsächlich Fragen des Trans 
portwesens; der dritte ist ausschließlich dem Geldwesen ge 
widmet. Genetische Beschreibung bestehender Einrichtungen 
i) Die beiden ersten Bände zuerst 1842 u. 1844, 2. Ausi. 1855—56; der 
dritte Band 1850 2. Ausi. 1856.
        <pb n="65" />
        Geschichtlicher Überblick 
39 
liebt er besonders. Doch erheben sich diese geschichtlichen 
Exkurse kaum über das Niveau oberflächlicher Gegenüber 
stellungen. Tiefer und gründlicher ist allerdings die historische 
Behandlung der Geldfragen, wie denn überhaupt der Band vom 
Gelde am meisten Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt 1 ). 
Für die theoretischen Grundlagen der Nationalökonomie 
zeigte Chevalier zeitlebens wenig Interesse. Die Prinzipien nimmt 
er einfach als feststehend an und kümmert sich nicht um deren 
Begründung. Allerdings machten seine Anschauungen einen 
Wandel durch, insofern der frühere Saint-Simonist sich nur nach 
und nach den rigorosen Lehren des laisser faire, laisser passer 
anbequemen konnte. In der ersten Auflage seiner Vorlesungen 
(1842 — 1844) übt er scharfe Kritik am Grundsätze des Eigen 
interesses als Triebfeder des wirtschaftlichen Handelns, verlangt 
korporative Organisation der Industrie und staatliche Beauf 
sichtigung aller Gewerbebetriebe 2 ). In der zweiten Auflage 
1) Bemerkenswert ist Chevaliers Stellungnahme in der Währungsfrage. 
Als er sich zum erstenmale damit beschäftigte (in den 40er Jahren), neigte er 
zur Goldwährung. Im dritten Bande seiner Vorlesungen (1. Ausl. 1850) begnügt 
er sich mit einer Darstellung tatsächlicher Zustände, ohne Stellung zu nehmen. 
Da kam die Entdeckung der kalifornischen placers und der australischen diggins 
und der Preissturz des Goldes. Der Goldwert im Verhältnis zum Silber sank 
unter das in Frankreich gesetzlich normierte Verhältnis. Chevalier hielt diese 
Erscheinung einen Augenblick für definitiv und trat mit der Forderung der Ein 
führung der Silberwährung an die Öffentlichkeit (De la baisse probable de, l’or, 
1859). Später verschloß er sich jedoch besserer Einsicht nicht und entschied 
sich endgültig für die Goldwährung. Zwischen Wolowski, welcher Anhänger des 
französischen Systems der Doppelwährung mit gesetzlich normiertem Verhältnis 
war, und Chevalier gab es häufig Auseinandersetzungen über die Währungsfrage 
in den Sitzungen der Société d’économie politique. Vgl. Courtois, loe. cit. 
p. 474. 
2) „Die Unordnung, die Schändlichkeiten und Gewalttaten, die nur zu 
häufig in der Industrie anzutreffen sind, beweisen nur eines, daß sie nämlich 
nicht unter der Herrschaft des absoluten Individualismus bleiben darf. Die ab 
solute Herrschaft irgend eines Prinzips, sei es desjenigen der Freiheit oder der 
Autorität, kann nicht bei den modernen Völkern gedeihen. Den Saturnalien des 
Eigeninteresses, die wir heute sehen müssen, wollen wir den Sinn für das Inter 
esse der Gesamtheit entgegenstellen .... wir müssen uns bemühen, den Produ 
zenten den Geist der Assoziation einzuflößen, und ihnen die Vorteile der Soli 
darität zu kosten geben. Jedoch wird man dem Staate nur ausnahmsweise diese 
oder jene Produktionszweige überlassen können.“ Unter die Produktionszweige, 
welche Chevalier dem Staate zu überlassen empfiehlt, reiht er auch die Eisen-
        <pb n="66" />
        40 
Die liberale Schule 
(1855—1856) lautes Chevaliers Urteil bereits wesentlich gün 
stiger für die Privatinitiative und die absolute, von jeder staat 
lichen Einmischung verschonte Freiheit des Wirtschaftslebens. 
Jedoch hat er niemals den doktrinären Standpunkt der klassi 
schen Schule in dessen schroffer Reinheit sich zu eigen gemacht. 
Die von ihm stets festgehaltene Forderung, daß der Staat sich 
an dem Ausbau der Verkehrswege, insbesondere der Eisen 
bahnen beteiligen sollte, wird ihm von seinem orthodoxen Bio 
graphen Reybaud verübelt x ). Desgleichen rügt Reybaud 
Chevaliers „Neigung, die Befugnisse des Staates zu mehren“, 
bezüglich seiner Lieblingsthese, die Armee solle im Interesse 
größtmöglicher Produktion zu öffentlichen Arbeiten verwendet 
werden 2 ). 
Chevaliers glänzendste Leistung ist der französisch 
englische Handelsvertrag von 1860, welcher eine Periode des 
Freihandels für Frankreich und den europäischen Kontinent 
überhaupt eröffnete. Sein erster Versuch, die französische Zoll 
gesetzgebung in freiheitlichem Sinne zu reformieren, war, wie 
oben mitgeteilt, mißglückt. 1852 schnitt er die Frage wieder 
an durch die Veröffentlichung einer den Schutzzoll bekämpfenden 
Schrift : Examen da système commercial connu sous le nom de 
système 'protecteur. Die Pariser Weltausstellung von 1855 bot 
Chevalier den Anlaß, einen neuen Versuch zur Verwirklichung 
des Freihandels auf dem Wege der Gesetzgebung zu machen. 
Dieser scheiterte jedoch an dem Widerstand des Corps légis 
latif. Da beschloß er, die Bestimmung der Verfassung, welche 
dem Kaiser die Befugnis der bindenden Vertragschließung mit 
fremden Staaten einräumte, für seine Zwecke zu gebrauchen. 
Napoleon selbst war, wie unter der Julimonarchie Guizot 
und Mole, dem Freihandel günstig gestimmt. Er war 1846 in 
England ein eifriger Hörer der von der „anticornlawleague“ ver 
bahnen wie die Verkehrsanstalten überhaupt. Bezüglich der dem Privatbetriebe 
zu überlassenden Gewerbe schreibt er: „(Dieselben) sollen der Privatinitiative 
überlassen bleiben, aber, soviel als möglich, unter der Ägide des Sinnes zur 
Assoziation und immer unter der täglichen Aufsicht der staatlichen Autorität.“ 
{M. Chevalier, Cours d’économie politique, Brüsseler Ausgabe von 1845, Bd. II, 
p. 343 ff.). 
1 ) Reybaud, Economistes Modernes, Paris 1863, p. 217. 
2 ) Reybaud, ibid. p. 218.
        <pb n="67" />
        Geschichtlicher Überblick 
41 
anstalteten Vorträge gewesen. Chevaliers Beziehungen zu 
ihm und zur kaiserlichen Regierung waren sehr gute; er war 
nämlich einer der ersten gewesen, welche sich nach dem Staats 
streich vom 2. Dezember 1851 als Anhänger des neuen Regi 
ments im Elysee eingetragen hatten. 
Als 1859 in England eine Whigregierung unter Lord Pal 
merston ans Ruder gekommen war, gelang es den vereinten Be 
mühungen Chevaliers und R. Cobdens, Napoleon zu be 
wegen, mit der englischen Regierung Unterhandlungen anzu 
knüpfen zwecks Verwirklichung zollfreier Handelsbeziehungen 
zwischen beiden Ländern. Cobden hätte am liebsten auf ver 
tragsmäßige Tariffestsetzungen überhaupt verzichtet. Cheva 
lier hatte sich aber gelegentlich der Umfrage, welche Napoleon 
bei den französischen Unternehmern durch eine Kommission 
vornehmen ließ, davon überzeugt, daß nur äußerste Vorsicht 
der handelspolitischen Wendung dauernden Erfolg zu sichern 
vermöge. Darum wählte er den diplomatischeren Weg, durch 
Wahrung des Anscheins eines Zollschutzes, der in minimalen 
Sätzen zum Ausdruck kam, den Produzentenkreisen den Frei 
handel schmackhafter zu machen. Anfang 1860 kam der epoche 
machende Vertrag zu stände. In kurzer Zeit folgten ihm noch 
zwischen Frankreich und verschiedenen Staaten des europäi 
schen Festlandes ein Dutzend andere, die der gleiche Geist 
beseelte. 
Chevalier wurde 1860 von Napoleon in den Senat be 
rufen. Die Kriegserklärung an Preußen im Juli 1870 gab ihm 
noch einmal Gelegenheit, in sensationeller Weise für die Idee 
des Weltfriedens einzutreten, indem er die Kriegserklärung im 
Senate mißbilligte und allein von seinen sämtlichen Kollegen 
gegen den Krieg stimmte. 
Von den zahlreichen Gelehrten, welche unter dem zweiten 
Kaiserreich der liberalen Schule der Nationalökonomie ange 
hörten, sollen nur noch einige der hervorragendsten hier Be 
achtung finden. Es wird noch zu reden sein von Courcelle- 
Seneuil und Cherbuliez, Wolowski, Batbie und Baudrillart, deren 
Tätigkeit übrigens zum Teil bis weit in die Zeit der dritten 
Republik hineinreicht. Vorab sei noch erwähnt, daß sich die 
liberale Schule in den 40er und 50er Jahren des vorigen Jahr-
        <pb n="68" />
        42 
Die liberale Schule 
hunderts zwei große Sammelwerke schuf. Das eine ist eine 
Sammlung von Monographien unter dem Titel: Economie Poli 
tique (22 Bde. 1846—52). Das andere ist ein Wörterbuch: 
Dictionnaire de l'Economie Politique (herausgegeben von Coquelin 
und Horace Say, 2 Bde. 1853). 
Courcelle-Seneuil (1813—1892) war ursprünglich Journa 
list; 1852—58 war er Professor der Nationalökonomie und ein 
flußreicher Berater der Regierung in Santiago de Chile 1 ). 1858 
kehrte er nach Frankreich zurück. Professor Cli. Gide gibt von 
ihm folgende treffende Charakteristik: „Von allen zeitgenössi 
schen Volkswirten Frankreichs hat er vielleicht am meisten 
Achtung im Ausland, besonders in England und den Vereinigten 
Staaten von Nordamerika genossen. In Frankreich selbst wurde 
er weniger geschätzt, weil er einen Fehler hatte, den seine 
Landsleute nur selten verzeihen: er war etwas langweilig und 
sehr pedantisch. Er hatte die Lehrbücher von Stuart Mill und 
Summer Maine übersetzt und sich dabei eine straffe wissen 
schaftliche Selbstzucht, eine strenge Methode angewöhnt. Er 
bemühte sich, aus der Volkswirtschaftslehre ein festgefügtes 
Lehrgebäude zu machen, und in der Tat rufen seine Werke 
einen soliden und überzeugenden Eindruck hervor. Er war 
gleichsam der Pontifex Maximus der klassischen Schule ; seiner 
Hut waren die heiligen Doktrinen anvertraut, und ihm lag es 
ob, die Ketzer zu denunzieren und auszurotten. Lange Jahre 
hindurch hatte er in den Bücherbesprechungen des Journal des 
Economistes diese Mission mit priesterlicher Würde erfüllt. Mit 
Argusaugen wußte er die leisesten Anwandlungen einer Ab 
weichung von der liberalen Schule zu erspähen, und er haupt 
sächlich führte den Feldzug gegen die Professoren der Rechts 
fakultäten, als man diese von 1878 ab zu Professoren der 
politischen Ökonomie ernannte .... Übrigens bewies Cour 
celle-Seneuil auch den Schülern Le Plays gegenüber keine 
größere Nachsicht 2 ).“ 
*) Courcelle-Seneuil hat neben nationalökonomischen, philosophische, poli 
tische und juristische Werke, sowie solche über Buchführung und Banktechnik 
veröffentlicht. Seine bedeutendsten Schriften sind: Traité théorique et pratique 
d’économie politique 2 Bde., zuerst 1857, 3. Ausi. 1891 und: Les Opérations de 
Banque, zuerst 1852. 9. von A. Liesse besorgte Auflage 1905. 
2 ) Ch. Gide, Die neuere volkswirtschaftliche Literatur Frankreichs, in 
Sehmollers Jahrbuch 1895, p. 710—711.
        <pb n="69" />
        Geschichtlicher Überblick 
43 
Courcelle-Seneuil scheidet in der Nationalökonomie 
Theorie und Praxis. Er teilt die Wissenschaft nämlich ein in 
Plutologie und Ergonomie. Philologie ist „die Wissenschaft, 
welche die Ursachen und die Bedingungen des Reichtums der 
Gesellschaften und der Individuen feststellt“ x ). Ergonomie 
(— Anordnung der Arbeit) ist „die Kunstlehre, welche die all 
gemeinen Mittel, durch welche der Reichtum der Gesellschaften 
und der Individuen vermehrt werden kann, zu erkennen 
strebt“ 2 ). 
Zunächst die Plutologie. „DerReichtum einer Gesellschaft 
hängt von der Summe von Gütern ab, welche sie gewöhnlich 
erzeugt und verbraucht, sowie von der Bevölkerungsziffer. Der 
Reichtum der Individuen hängt von denselben Ursachen ab 
und außerdem von dem allgemeinen System der Güteraneignung, 
welches in der Gesellschaft, in der sie leben, besteht.“ Daher 
sind zunächst „die allgemeinen Gesetze und Bedingungen der 
Produktion und des Verbrauches der Güter zu untersuchen. 
Die Plutologie wird uns so die Aneignungstatsache (ob unter der 
Herrschaft der freien Konkurrenz, oder unter derjenigen von 
Autorität und Herkommen) als die grundlegende Kategorie des 
Wirtschaftslebens erweisen“ 3 ). 
Zweitens die Ergonomie. „Die Anordnung der Arbeit und 
die Aneignung der Güter hängen zum Teil ab von den staat 
lichen Gesetzen oder den Handlungen der öffentlichen Autori 
täten, zum Teil von der freien Betätigung der Individuen“ 4 ). 
Daher sind zu unterscheiden: 
1. Polionomie, oder die Lehre von den Befugnissen der 
öffentlichen Gewalt, die sich in gesetzgeberische und admini 
strative gliedern. 
2. Economique, die Lehre von der freien Betätigung der 
Privaten. 
Zu diesen Teilen tritt noch hinzu : 
3. Equistique (von dem griechischen oixi^co), d. h. Fragen 
der Auswanderung^ und Kolonialpolitik. 
]) Courcelle-Seneuil, Traité d’économie politique, 2. Ausi. 1867 , Bd. I, 
p. 22. 
2 ) ibid. 
s ) ibid., p. 41 ff. 
4 ) ibid., p. 22.
        <pb n="70" />
        44 
Die liberale Schule 
Der grundlegende Gedanke der Trennung von Wissen 
schaft und Kunstlehre verdient Anerkennung. Inhaltlich greift 
jedoch die Kunstlehre im zweiten Teile über das Gebiet der 
Nationalökonomie hinaus und wird zur Privatwirtschaftslehre. 
Es ist aber im Grunde nur folgerichtig, wenn die individua 
listische Auffassung die Privatwirtschaftslehre als zum Gebiete 
der „Wissenschaft vom Reichtum“ gehörig betrachtet. Prak 
tisch bedeutet Courcelle-Seneuils Systematik kaum mehr 
als eine deologische Spielerei. Wie ungeeignet sie ist, geht 
schon allein daraus hervor, daß er seine Auswanderung^ und 
Kolonialpolitik, auf die er nicht verzichten will, einfach nicht 
logisch unterzubringen weiß und als unvorhergesehenes und 
unbegründetes Glied einem fertigen Schema beiflickt. 
Courcelle-Seneuil bezeichnet selbst als bedeutsame 
Neuerungen, die er gebracht, einmal die Trennung von Wissen 
schaft und Kunst in der Nationalökonomie; zweitens seine For 
mulierung des Bevölkerungsgesetzes und drittens Analyse und 
Vergleich der beiden elementaren Formen der Aneignung der 
Reichtümer (ob unter der Herrschaft der freien Konkurrenz 
oder unter derjenigen von Autorität und Herkommen) l ). 
Wir fügen als vierte seine Begriffsbestimmung der wirt 
schaftlichen Arbeit noch bei. Die erste dieser Neuerungen, die 
Trennung von Wissenschaft und Kunst, wurde bereits gewür 
digt. Über den Wert seines Bevölkerungsgesetzes gibt sich 
Courcelle-Seneuil einer Täuschung hin. Dieses lautet: 
„Die notwendige Bevölkerungsziffer ist gleich einem Bruch, 
dessen Zähler aus der Summe des Einkommens der Gesellschaft 
abzüglich der Summe des überdurchschnittlichen Konsums be 
steht, während das Existenzminimum den Nenner ausmacht“ 2 ). 
„C’est une vérité de La Palice“ würde der Franzose sagen. Und 
neu ist sie überdies nicht. 
Die Tatsache der Aneignung erscheint Courcelle- 
Seneuil als grundlegend für alle wirtschaftliche Tätigkeit. 
Produzieren, Austauschen, Konsumieren können die Menschen 
erst, wenn eine Aneignung, sei es nun eine individuelle oder 
eine kollektive, derjenigen Stoffe und Kräfte vorausging, mit 
b Loc. eit., Bd. I, p. 492. 
2 ) ibid., p. 125.
        <pb n="71" />
        Geschichtlicher Überblick 
45 
denen produziert wird und die ausgetauscht oder verbraucht 
werden sollen. 
Jedwede Aneignung setzt aber ihrerseits wieder eine vor 
hergegangene Arbeit voraus, sollte es auch nur die Arbeit der 
Okkupation sein. Alle Güter, auch die freien, unterliegen der 
Aneignung. „Wenn der Boden angeeignet wurde, sind Luft, 
Wasser und Licht, welche denselben bedecken, es ebenfalls. 
Der Souverän hat das unbestrittene Recht, den Eintritt auf das 
Territorium eines Volkes Fremden zu untersagen. Desgleichen 
der Besitzer einer Domäne bezüglich dieser“ '). 
Die Aneignung ist also eine fundamentale, notwendige 
Tatsache des Wirtschaftslebens, unabweisbar wie die ewigen 
Gesetze der Produktion und des Verbrauchs der Güter. Von 
diesen unterscheidet sie' sich jedoch dadurch, daß die Form, 
welche sie jeweils annimmt, menschlicher Willensbestimmung 
unterliegt l 2 ). „Die Regeln der Aneignung der Reichtümer 
machen immer, welche sie auch seien, eine Organisation der 
Arbeit aus, oder, in andern Worten, ein Eigentumssystem“ 3 ). Alle 
Eigentums Ordnungen, welche je bestanden haben oder über 
haupt denkbar sind, lassen sich auf zwei elementare Modi der 
Aneignung zurückführen: Aneignung durch Freiheit und An 
eignung durch Autorität. „Diese beiden Arten sind regelmäßig 
in sehr verschiedenen Proportionen miteinander verbunden und 
haben nur ganz ausnahmsweise getrennt bestanden“ 4 ). In der 
Menschheitsgeschichte begegnen wir der Bestimmung der An 
eignung durch Autorität und Herkommen in ziemlicher Reinheit 
bei der patriarchalischen Familie. Wo der Tausch beginnt und 
in dem Maße als er sich entwickelt, tritt die Freiheit an die 
Stelle der Autorität. In unsern heutigen Gesellschaften bestehen 
die beiden Aneignungsmodi nebeneinander. Ja der Vertrag, die 
Grundlage des Freiheitsregimes, ist durch die Autorität garan 
tiert. Der Verfasser untersucht nun im weitern die beiden Sy 
steme eingehend, zunächst theoretisch in Wesen und Inhalt, 
dann in ihrer historischen Entwicklung und gegenseitigen 
Durchdringung. Dabei wendet er ein besonderes Augenmerk 
l ) ibid., p. 35. 
*) ibid., p. 199. 
3 ) ibid., p. 201. 
4 ) ibid., p. 202—203.
        <pb n="72" />
        46 
Die liberale Schule 
auf die Darlegung der Beschränkungen, welche heute noch auf 
dem Freiheitsregime lasten (Schutzzoll usw.). 
Im Gegensatz zu seinen Kollegen der klassischen Schule 
legt Courcelle-Seneuil soviel historischen Sinn an den Tag, 
das Autoritätsregime keineswegs absolut zu verwerfen, noch das 
jenige der Freiheit als das einfach natürliche hinzustellen. Von 
vornherein bezeichnet er beide als jeweiliges Resultat freien 
menschlichen Wollens. Da aber der Mensch durch eine Reihe 
von Entwicklungsstufen hindurchgeht, ist das eine für diese, das 
andere für jene am besten geeignet. Für die modernen Staaten 
ist die Aneignung auf dem Wege der Freiheit ein Ideal, zu dem 
sie sich seit hundert Jahren hinbewegen *). 
Courcelle-Seneuils Theorie der Aneignungssysteme 
vermag die wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung in ihrem tat 
sächlichen Geschehen zu veranschaulichen. Sie hat einen an 
erkennenswerten Wahrheitsgehalt. Wesentlich günstiger würde 
sie sich präsentieren, wenn der Autor für deren Darstellung 
den Weg gewählt hätte, auf welchem er sie gewann. Es 
liegt auf der Hand, daß sie das aposteriorische Ergebnis einer, 
wenn auch noch so sehr auf allgemeine Tatsachen beschränkten 
Beobachtung der Geschichte ist. Die Darstellung aber bewegt 
sich in umgekehrter Richtung, indem erst die zweigliedrige An 
eignungstheorie aufgestellt und dann versucht wird, damit die 
verschiedensten historischen Wirklichkeiten zu decken. Für 
Courcelle-Seneuil ist das wichtigste Resultat seiner Theorie 
der Aneignungssysteme, daß sie, genau wie die historische Auf 
fassung Turgots, Condorcets, Aug. Comtes oder Du no 
yers, eine ausgezeichnete Grundlage zur deduktiven Eruierung 
des Fortschrittscharakters und der Vorzüglichkeit des Nicht 
interventionismus bietet. Und einen Fortschritt über J. B. Say 
*) ibid., p. 373. ..In einer Gesellschaft, deren Mitglieder zu einer un 
gefähr gleichen Stufe wirtschaftlichen Fortschritts gelangt sind, entfaltet die 
Freiheit viel mehr Kräfte als die Autorität, weil sie die ganze vorhandene 
Kraft ausnutzt, während jede autoritäre Anordnung notwendig einen Teil davon 
ungebraucht läßt. Wenn dagegen in einer Gesellschaft nur einige Glieder zu 
einer höheren Stufe wirtschaftlicher Entwicklung gelangt sind, während die 
Masse ohne Kenntnisse, ohne Bedürfnisse, ohne Tatkraft dahinlebt und, ließe 
man sie frei, sich dem Müßiggang und tollem Güterverbrauch hingeben würde, 
dann kann die Autorität wohl mehr produktive Kräfte auslösen als die Frei 
heit . . .“ ibid., p. 374.
        <pb n="73" />
        Geschichtlicher Überblick 
47 
und Bas ti at hinaus bedeutet es, die Freiheit des Wirtschafts 
lebens nicht mehr als natürliche Erscheinung, die wahrgenommen 
wird, sondern als Entscheidung, die von Menschen in der Zeit 
gewollt wurde, und die unter gewissen Verhältnissen besser 
nicht gewollt wird, aufzufassen. 
Es sei noch in Kürze auf die Begriffsbestimmung, die 
Courcelle-Seneuil von der wirtschaftlichen Arbeit gibt, hin 
gewiesen. „Die wirtschaftliche Arbeit,“ sagt er, „hat zwei 
Formen: das eine Mal wendet sie die Kräfte der Seele und des 
Körpers der Menschen auf die Umwandlung, den Transport 
oder die Erhaltung eines materiellen Gegenstandes positiv an. 
Das andere Mal besteht sie in einer einfachen Anstrengung der 
Seele, in einem gewissermaßen negativen Sichenthalten, wenn 
sie nämlich bestehende Reichtümer spart in Voraussicht zukünf 
tiger Bedürfnisse. Diese zweite Form der Arbeit, welche latenter, 
innerlicher ist als die andere, ist weder weniger fruchtbar, noch 
weniger schwer ; der Mensch wird deren erst dann fähig, wenn 
er eine gewisse Stufe intellektueller Entwicklung erreicht hat, 
wenn seine Gedanken zugleich Gegenwart und Zukunft um 
fassen 1 ).“ Aus dieser Definition folgt, daß die volkswirtschaft 
liche Funktion des Kapitalisten und Rentiers geradezu als 
Arbeit erscheint 2 ). Courcelle-Seneuil erfand dafür die Be 
zeichnung Ersparungsarbeit. 
Wie die obige Darstellung gezeigt, hat Courcelle- 
Seneuil in seiner Zweiteilung der Volkswirtschaftslehre und 
seiner Theorie der Aneignungssysteme dankenswerte und ent 
wicklungsfähige Elemente in die klassische Lehre hinein 
getragen. Sie fanden jedoch nur wenig Anklang. Einiger 
maßen mag sich dies daraus erklären, daß Courcelle- 
Seneuil in den Kreisen der liberalen Volkswirte in Paris eine 
wegen seines eigensinnigen und gereizten Wesens sehr unbe 
liebte Persönlichkeit war. Zunächst nahm nur der Schweizer 
Cherbuliez die Gliederung der Nationalökonomie in einen theo- 
*) 0.-8., loc. eit., Bd. I, p. 30. 
2 ) „Ihre Funktion wird mit einem Teile des Arbeitserzeugnisses vergütet, 
der ganz genau dem von ihnen geleisteten Dienste entspricht. Sie sind für 
ihre Funktion durchaus verantwortlich, werden durch Vorwärtskommen belohnt 
oder durch Herunterkommen . . . bestraft.“ C.-S. Préparation à l’étude du 
droit, Paris 18, p. 159.
        <pb n="74" />
        48 
Die liberale Schule 
retischen und einen praktischen Teil an. Eigentlich rührt ja 
die Idee dieser Gliederung, wie wir sahen, von Rossi her. Mehr 
unter dem Einflüsse Rossis und St. Mills, als unter dem 
jenigen Cour celle- Sen euils, wurde sie dann von den Mathe 
matikern unter den Nationalökonomen französischer Zunge, den 
der österreichischen Schule nahestehenden Professoren der Uni 
versität Lausanne, Walras und Pareto, rezipiert. Neuerdings ge 
winnt in Frankreich die Auffassung Rossis, zum Teil unter 
dem Einfluß Courcelle-Seneuils (F. Faure), an Boden. 
A. E. Cherbuliez (1797—1869), ein geborener Schweizer, 
lehrte Nationalökonomie an den Akademien in Genf und Neu 
châtel, sowie am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. 
Später lebte er in Paris. Cherbuliez war ein streng syste 
matischer, abstrakt denkender und mathematisch geschulter 
Geist. Er steht unter dem Einfluß Stuart Mills. In seinem 
Précis de la Science économique et de ses 'principales applications 
(2 Bände, Paris 1862) führt er, das Beispiel Courcelle-Seneuils 
nachahmend, eine Gliederung der Wirtschaftswissenschaft in 
spekulative und angewandte Volkswirtschaftslehre durch. 
Der erste Teil, die reine Wissenschaft, ist eine streng ab 
strakte Darlegung der klassischen Lehre, welcher die Einteilung 
in Produktion, Umlauf und Verteilung der Güter zugrunde liegt. 
Cherbuliez betont die große Komplexität der wirtschaftlichen 
Erscheinungen, überbietet aber womöglich Dunoyers methodo 
logischen Optimismus und dessen Verkennung der spezifischen 
Wirkungsweise des menschlichen Handelns, wenn er schreibt: 
„Was hindert die Wissenschaft daran, ihre Untersuchungen auf 
alle mitwirkenden Kräfte auszudehnen und so zu Theorien zu 
gelangen, welche die Wirklichkeit nicht mehr Lügen straft 1 )?“ 
Der zweite Teil von Cherbuliez’ Werk trägt den Titel: 
„Wirtschaftliche Gesetzgebung oder angewandte Volkswirtschafts 
lehre.“ An der Hand der Einteilung, welche dem ersten Teil 
zugrunde liegt, läßt der Autor die wirtschaftspolitischen Ein 
richtungen und gesetzlichen Maßnahmen, welche auf die ver 
schiedenen Erscheinungsgebiete Bezug haben, Revue passieren 
und übt daran Kritik. Die hier gewählte Systematik der Wirt 
schaftspolitik mutet zwar etwas sehr logisch-mechanisch an und 
i) Cherbuliez, Précis de la Science Economique, Bd. I, p. 15.
        <pb n="75" />
        Geschichtlicher Überblick 
49 
beruht auf rein deduktiver Grundlage, doch ist sie übersicht 
lich und originell 1 ). Cherbuliez’ Stellungnahme zu den ein 
zelnen Einrichtungen und gesetzlichen Maßnahmen lehnt sich 
eng an die Anschauungen Stuart Mills an, d. h. er läßt sozial 
politische Gesichtspunkte ausgiebig zur Geltung kommen und 
anerkennt in vielen Fällen die Berechtigung staatlicher Inter 
vention. Dem dadurch gegebenen Widerspruch zu seinem 
*) Wir geben hier eine Übersicht davon: 
Wirtschaftliche Gesetzgebung oder angewandte Nationalökonomie. 
Buch I: Wirtschaftliche Gesetze, welche einen auf die Produktion und 
Akkumulation der Güter bezüglichen Zweck haben und auf diese direkt einwirken: 
Kap. 1 : Subventionen, Produktionsprämien, Monopole. 
Kap. 2 : Kritik der Reglementierung der Produktion unter dem ,ancien régime 4 . 
Kap. 3: Gewerblicher Unterricht, Ausstellungen. 
Kap. 4: Versicherungswesen und Sparkassen. 
Buch II: Wirtschaftliche Gesetze und Einrichtungen, welche direkt auf 
den Güterumlauf einwirken : 
Kap. 1 : Kritik des Schutzzollsystems. 
Kap. 2: Das Verproviantierungssystem. 
Kap. 3: Gesetzgebung bez. des Geldes. 
Kap. 4: Kreditinstitute. 
Kap. 5: Allgemeine Handelspolitik. 
Buch III: Wirtschaftliche Gesetze und Einrichtungen, welche zum Zweck 
haben die Verteilung der Güter zu modifizieren oder deren Resultate zu 
korrigieren. 
Kap. 1 u. 2: Mittel, welche die Lage der besitzlosen Arbeiterklasse zu ver 
bessern bezwecken. 
a) Direkte Einwirkung 
«) auf die Löhne : gesetzlicher Minimallohn und Recht auf Arbeit. 
ß) auf das Arbeitsangebot: Ehebeschränkungen und Auswanderungs 
politik. 
y) durch Organisation der Industrie: Organisationen der Arbeitgeber 
und Arbeiter, Ausstände, Arbeiterschutzgesetze. 
b) Mittelbare Einwirkung 
a) durch Maßnahmen der Verbrauchspolitik, Arbeiterwohnungen, Kon 
sumvereine. 
ß) durch Institutionen der wirtschaftlichen Voraussicht : Unterricht und 
Erziehung als Mittel zur Beschränkung der Zahl der Proletarier, 
Versicherungswesen, Sparkassen, Gegenseitigkeitsgenossenschaften. 
Kap. 3 : Mittel, welche die Lage der Darlehensempfänger zu verbessern be 
zwecken : 
Zinsverbote und gesetzliche Festsetzung des Zinsfußes, Kreditkassen, 
Pfandhäuser. 
Kap. 4: Mittel der Armenpolitik. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
4
        <pb n="76" />
        50 
Die liberale Schule 
streng doktrinären ersten Teil begegnet er mit dem Hinweis 
auf Rossis Theorie, daß die Lehren der reinen Wissenschaft 
nicht allein für die Praxis ausschlaggebend sein dürfen 1 ). 
L. Wolowski (1810—76) kam als polnischer Flüchtling 
nach Paris, erwarb die französische Staatsangehörigkeit und 
wurde 1839 Professor für Gewerbegesetzgebung, dann 1855 nach 
Blanquis Tode für Nationalökonomie am Conservatoire des Arts 
et Métiers. Unter der zweiten und dritten Republik war er 
Mitglied der gesetzgebenden Versammlungen. Als Mitglied der 
Commission du Travail, welche 1848 im Luxembourgpalaste 
tagte, führte er einen harten Kampf gegen Louis Blanc und die 
sozialistischen Bestrebungen der Pariser Arbeiter. Wolowski 
genoß eine große Autorität in den Kreisen der liberalen Schule. 
Er entwickelte eine ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit, 
insbesondere über Geld-, Bank- und Finanzfragen. Er war ent 
schiedener Bimetallist und trat für das Monopol der Notenaus 
gabe der Banque de France in die Schranken. Sein größtes Ver 
dienst ist, die ältere deutsche historische Schule durch seine Über 
setzung der beiden ersten Bände von Roschers System der Volks 
wirtschaft (Paris 1875) in Frankreich bekannt gemacht zu haben. 
In der Einleitung, welche er zu dieser Übersetzung schrieb, 
machte er kein Hehl aus seinen Sympathien für historische Be 
handlung der Nationalökonomie und Berücksichtigung ethischer 
Momente in derselben 2 ). 
A. B. Batbie (1828—1887) zeichnete sich mehr als Staats 
rechtslehrer denn als Nationalökonom aus, verdient aber Er 
wähnung, weil er der erste Professor der Nationalökonomie an 
der juristischen Fakultät in Paris gewesen ist. Schon 1819 war 
unter dem liberalen Ministerium Decazes ein Lehrstuhl für 
Nationalökonomie an besagter Fakultät errichtet worden. Dieser 
wurde jedoch nicht besetzt und 1822, unter dem Einfluß der 
Oberwasser gewinnenden Reaktion, wieder beseitigt. 1847 ver 
suchte der Unterrichtsminister de Salvandy dessen Wieder 
herstellung, blieb aber nicht lange genug am Ruder, um sie 
durchzusetzen. 1865 endlich gehörte diese Wiederherstellung zu 
den zahlreichen Reformen, welche das Ministerium Duruy 
*) Cherbuliez, loc. vit., Bel. I, p. 10 ff. 
*) Über Wolowski vgl. Antoine Roulliet, Wolowski, sa vie et ses travaux. 
Paris 1880.
        <pb n="77" />
        Geschichtlicher Überblick 
51 
auf dem Gebiete des Unterrichtswesens verwirklichte. Batbie, 
Professor des öffentlichen Rechtes an der juristischen Fakultät 
in Paris, wurde auf den Lehrstuhl für Nationalökonomie berufen. 
Er war bereits mit volkswirtschaftlichen Arbeiten vor die 
Öffentlichkeit getreten und darum nicht unvorbereitet, wie seine 
Nachfolger im Jahre 1878 J ). 1870 gab Batbie das Lehrfach 
auf, um sich ausschließlich der Politik zu widmen. 
Henri Baudrillart (1821—1892) trat als Philosoph und 
Historiker an die Nationalökonomie heran. Seine wirtschafts 
geschichtlichen Werke haben bleibenden Wert 2 ). Desgleichen 
die von ihm im Auftrag der Académie des Sciences Morales et 
Politiques unternommene Enquete über die soziale und wirt 
schaftliche Lage der französischen Landbevölkerung (1880 
bis 1893) ö- 
Baudrillart war eifriger Mitarbeiter des Journal des 
Economistes, der Revue des Deux Mondes und des Journal des 
Débats. 1852—66 vertrat er Michel Chevalier in dessen 
Lehrtätigkeit im Collège de France; als Chevalier 1866 seine 
9 Sein 1865 erschienenes Werk Cours d’économie politique, 2 Bde., ist 
eine oberflächliche, überhastete Arbeit, welche er unternahm, um dem Drängen 
der Studenten nach dem Besitz eines Handbuchs nachzukommen. 
2 ) Insbesondere : J. Bodin et son temps, mit dem Untertitel : Tableau des 
théories politiques et des idées économiques au XVIme siècle, Paris 1853, auf 
Grund welcher Schrift er zum Leiter des Journal des Economistes berufen wurde. 
Ferner Histoire du luxe 4 Bde., Paris 1880. Dieses Werk ist eine gründlich 
dokumentierte und kritisch tüchtige Arbeit. Es entstand aus Vorlesungen über 
Wirtschaftsgeschichte. Charakteristisch für die Behandlung des Mittelalters und 
der Neuzeit ist die zentrale Stellung, welche der Autor seinem Heimatland ein 
räumt. Frankreich erscheint als der Mittelpunkt, von wo jeweils aller Luxus 
ausgeht, oder wo derselbe, wenn von außen kommend, seinen Höhepunkt er 
reicht. 
8 ) Diese Enquete sollte eine Parallele bieten zu der von Louis ßeybaud 
unternommenen Enquete über die sozialen und wirtschaftlichen Zustände in der 
französischen Industrie. Baudrill arts Enquete ist weniger brillant in der Form, 
aber kritischer und tiefer greifend als diejenige Reybauds. In einem ersten 
Bande (1880) behandelte er die Normandie und die Bretagne, im zweiten (1888) die 
Provinzen, welche von Anjou ausgehend um die Isle de France nordöstlich bis 
zur Picardie reichen, im dritten (1893) die südöstlichen Provinzen. Die Ein 
teilung nach Provinzen empfahl sich, weil die alte Einteilung Frankreichs wirk 
lichen geographischen, ethnographischen und historischen Verschiedenheiten ent 
sprach. Der Tod überraschte Baudrillart, bevor er das Werk zum Abschluß 
gebracht hatte. Sein Sohn wurde von der Akademie mit der Fortsetzung beauftragt.
        <pb n="78" />
        52 
Die liberale Schule 
Vorlesungen wieder selbst übernahm, blieb Baudrillart an 
der Anstalt mit einem provisorischen Lehrauftrag für Wirt 
schaftsgeschichte. Bald trat er jedoch vom Lehramt zurück, 
um sich ausschließlich seiner ausgedehnten Forscherarbeit zu 
widmen. 1855—64 hat er mit Joseph Garnier das Journal 
des Economistes herausgegeben. Man hat Bau drillart nicht 
unzutreffend den „aumônier“ der liberalen Schule genannt. 
Neben seinem salbungsvollen, etwas rührseligen Wesen gab dazu 
Veranlassung seine Auffassung vom Wirtschaftsleben: diese 
beruht auf der Idee, es sei notwendig, daß die ethischen Wahr 
heiten die allzu rigorosen wirtschaftlichen Gesetze milderten. 
Die konsequente Betonung und Durchführung dieser Idee gibt 
Baudrillarts wissenschaftlicher Lebensarbeit ihr eigentüm 
liches Gepräge. Im übrigen lehnt er sich eng an die Gedanken 
gänge Bastiats und M. Chevaliers an. 
Von Bastiat übernahm er den Optimismus und die Idee 
der Harmonie im Wirtschaftsleben, welche er zu einer Harmonie 
von Ethik und Wirtschaftsleben erweitert '). Auch schließt er 
sich Bastiats Wertlehre rückhaltlos an 2 ). Chevaliers Ein 
fluß äußert sich in Baudrillarts Grundidee. Baudrillart 
ist aber zurückhaltender als jener. Jedesmal, wenn er die Not 
wendigkeit des Schutzes der wirtschaftlich Schwachen betont, 
tut er es unter zahlreichen Bücklingen nach den orthodoxen 
Nichtinterventionisten hin. 
Baudrillarts Grundidee hat vier Ausläufer. Diese sind: 
1. Es gilt vor allem die ethischen Gesetze zu formulieren, welche 
Individuen und Gemeinwesen bei dem Erwerb und Verbrauch der 
wirtschaftlichen Güter leiten sollen; 2. die ethische Wertung 
wirtschaftlicher Dinge ist auf jeder Wirtschaftsstufe verschieden 
und bedingt darum auch jeweils verschiedene wirtschaftspoli 
tische Einrichtungen und Maßnahmen ; 3. umgekehrt hängt die 
Moralität der Völker und der verschiedenen Klassen innerhalb 
eines Volkes wesentlich von wirtschaftlichen Ursachen ab; 4. es 
gibt natürliche, gegebene Beziehungen zwischen dem Naturrecht, 
b Baudrillart, Des rapports de l’économie politique et de la morale, 
2. Aud., p. X. 
*) Vgl. insbesondere: Baudrillart, Manuel d’économie politique, III, 2,
        <pb n="79" />
        Geschichtlicher Überblick 53 
d. h. den Gesetzen der Gerechtigkeit und denen des Wirtschafts 
lebens i). 
Bei dem Versuche, die ethischen Gesetze zu formulieren, 
welche das Handeln der Wirtschaftssubjekte bestimmen sollen, 
scheidet Baud rill art den Sensualismus, den Utilitarismus und 
die auf Sympathie, Nächstenliebe oder Brüderlichkeit begründete 
Gefühlsmoral aus. Er bekennt sich zu einer Moral des gesunden 
Menschenverstandes, als deren Ausgangs- und Kernpunkt er das 
„Pflichtgefühl in der Brust eines jeden“ ansieht. Sanktion der 
selben ist die Verantwortlichkeit 2 ). Im weitern Verlauf seiner 
Überlegung nimmt Baudrillart Elemente des Utilitarismus 
und der Gefühlsmoral, welche er anfangs in globo verwirft, mit 
herein. Bei der Gefühlsmoral macht er „notwendige und nütz 
liche Anleihen“, aus denen er die Notwendigkeit staatlichen 
Eingreifens ins Wirtschaftsleben folgert und Gesichtspunkte für 
die Gestaltung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und 
Arbeitern gewinnt 3 ). 
1) Punkt 1 und 4 erörtert Baudrillart in „Des rapports de la morale et 
de l’économie politique“, Paris 1860, 2. Ausi. 1863. Punkt 2 und 3 kommen in 
der „Histoire du Luxe“ vornehmlich zur Darstellung. 
2 ) Baudrillart, Des rapports de la morale et de l’économie politique, 
2. Ausl., p. 32. 
8 ) Vorsichtig und schonungsvoll führt er aus, daß vielfach aus Sorge für 
wissenschaftliche Orthodoxie der Nichtinterventionismus, den Adam Smith u. J. 
B. Say dem bevormundenden Merkantilismus gegenüber lehrten, allzuschroff ver 
treten werde. Zur Verwirklichung des Fortschritts ist eine beschränkte staat 
liche Einmischung ins Wirtschaftsleben geboten. „Ich bekenne mich laut zu 
denen,“ schreibt er, „welche denken, Ad. Smith und J. B. Say haben dem Staat 
die Rolle einer Art moralischer Person allzusehr bestritten . . . ich bin der 
Ansicht, dass sie dessen Intervention zu sehr verringert wissen wollten . . . 
Angesichts der gewaltigen Mißstände, welche aus der Auffassung entstanden 
waren, die Ausübung der Nächstenliebe gehöre zu den Attributen der Regie 
rungen, dieselben hätten gegebenenfalls selbst durch Gewalt das körperliche und 
seelische Heil der Untertanen zu verwirklichen, wurde die politische Ökonomie 
dazu geführt, aus den Rechten und Pflichten des Staates alle jene Maßregeln 
auszuschalten, welche von Nächstenliebe oder auch nur Wohltätigkeitssinn in 
spiriert würden. . . . Wir betrachten es als ein Recht der Gesellschaft und in 
manchen Fällen als ihre Pflicht, gewisse Summen zu andern Zwecken, als zur 
Unterhaltung der öffentlichen Macht, der Polizei oder für Rechtsprechung 
zu verausgaben. Dieses Recht ist schwer abzusprechen, sobald die Steuern frei 
bewilligt werden und deren Verwendung der öffentlichen Kontrolle unterliegt.“ 
(Des rapports de la morale et de l’économie politique, 2. Ausl., p. 106 ff.)
        <pb n="80" />
        54 
Die liberale Schule 
Die Staatsintervention, die Baudrillart verlangt, be 
schränkt sich auf : Unterricht, öffentliche Arbeiten, Volkskredit, 
Schutz der Frauen- und Kinderarbeit und Armenunterstützung*). 
In den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern haben 
gegenseitiges Wohlwollen und Nächstenliebe zu herrschen, sollen 
nicht die aus der strikten Rechtsordnung sich ergebenden Be 
ziehungen zur Bewahrheitung des Spruchs: „Summum jus, 
summa injuria“ führen 2 ). 
Wie man sieht, sind Bau drill arts Interventionismus und 
„Anleihen bei der Gefühlsmoral“ recht schwächlich. Deren Be 
deutung liegt nicht in ihnen selbst, sondern in der moralphilo 
sophischen Begründung der grundsätzlichen Einmischung des 
Staates ins Wirtschaftsleben. 
Der Moral der Selbstvervollkommnung, dem Utilitarismus, 
entnimmt Baudrillart das Element des Eigeninteresses als eines 
fruchtbaren und berechtigten Beweggrundes für das wirtschaft 
liche Handeln des Menschen. Dieses Eigeninteresse aber hebt 
er scharf ab von verwerflichem Egoismus und versucht, ihm 
eine höhere sittliche Weihe zu geben : es geht auf in der höheren 
Einheit des Individuums 3 ). Das Individuum steht im Zentrum 
des sittlichen, wie des Wirtschaftslebens. Als Zweck und Be 
standteil jeder gesellschaftlichen Organisation ist es das wesent 
liche Prinzip der Nationalökonomie. Das Individuum wird zur 
Tätigkeit veranlaßt durch das Pflichtgefühl. Es tritt wirtschaft 
lich handelnd auf in der Arbeit. Die Arbeit ist eine exklusiv 
b ibid. p. 107. 
2 ) ibid. p. 108. Für das Fabriksystem liegt der Kernpunkt des sittlichen 
Problems in der Notwendigkeit der Erhaltung der Familie, der sittlichen Rein 
heit der Frau, der Unschuld und der physischen Kraft des Kindes. Zum Teil 
kann hier die Gesetzgebung helfen durch Schutzmaßregeln für Frauen- und 
Kinderarbeit. Wirksamer aber als alle staatlichen Mittel wird immer der Ein 
fluß der Sitten sein. Auf diese vermögen Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeit 
geber für die Arbeiter, Erziehung zu Häuslichkeit und wirtschaftlichen Tugenden 
sowie Religiosität bessernd einzuwirken (ibid., p. 357 ff.). 
8 ) „Es ist nicht richtig zu behaupten, das Bewußtsein der Individualität 
gehe in Eigeninteresse auf. Jenes begreift die Gefühle der Pflicht und der 
persönlichen Würde in sich, sowie überhaupt alles, was dem Menschen eine hohe 
Idee von seinem sittlichen Werte gibt. Sicher aber ist, daß das Eigeninteresse 
einen integrierenden Bestandteil der Individualität ausmacht.“ (Des rapports 
usw., p. 138).
        <pb n="81" />
        Geschichtlicher Überblick 
55 
menschliche, eine sittliche Tatsache, die grundlegende Tatsache 
des Wirtschaftslebens. Daraus folgt, daß der Mensch alleiniger 
Faktor der Produktion ist, alles übrige ist nur Instrument 
und Hilfsmittel. Wenn Boden, Kapital und Arbeit als gleich 
wertige Produktionsfaktoren betrachtet werden, so liegt das an 
ungenügender Berücksichtigung des ethischen Moments in der 
Volkswirtschaft *). 
Neben die Arbeit als Pflicht des wirtschaftenden Menschen 
tritt zweitens die Pflicht der Voraussicht und drittens die der 
Moralität. Die Voraussicht ist „die Bedingung aller Tugenden 
und aller Güter, der Ursprung des nach der Arbeit wichtigsten 
Produktionsinstrumentes: des Kapitals 2 ). Die Moralität ist die 
Beobachtung derjenigen sittlichen Vorschriften im Wirtschafts 
leben, welche der gesunde Menschenverstand eines jeden für 
bindend erkennt 3 ). Arbeit, Voraussicht und Moralität sind die 
Vorschriften der individuellen Moral. Daneben gibt es auch eine 
soziale Moral. Deren Vorschriften sind: eine negative „Achte die 
Person deines Nächsten und alles, was deren Entwicklung be 
günstigt“, und eine positive „Unterstütze tatkräftig die Ent 
wicklung deines MitmenschenV"- 
Baudrillart hat den Versuch unternommen, die klassische 
Lehre in ein ethisches Gewand zu hüllen und damit einige 
Schroffheiten ihrer Gestalt auszugleichen. Bei seiner Leise 
treterei und seiner ängstlichen Rücksichtnahme auf die doktri 
näre Intoleranz der Orthodoxen mußte dieser Versuch kläglich 
ausfallen. In wesentlich günstigerem Licht steht Bau drillart 
als Wirtschaftshistoriker da. Aber auch hier fehlt ihm der Mut 
oder die Kraft, seine geschichtlichen Erkenntnisse theoretisch 
zu verarbeiten und zur Geltung zu bringen. 
b ibid. p. 27, p. 151 ff. 
2 ) ibid. p. 145. 
b Die sittlichen Vorschriften, für deren Verbindlichkeiten Bau drillart 
den gesunden Menschenverstand als Norm anruft, sind für ihn eigentlich 
die der christlichen Moral. Er hat zwar seinem Spiritualismus eine Form 
gegeben, die für alle und jede sittliche Anschauung passen soll. Im Grunde 
aber ist es ihm um die christliche Moral zu tun. Vgl. Des rapports usw. 
p. 145—147. 
4 ) ibid. p. 146.
        <pb n="82" />
        56 
Die liberale Schule 
Mit Baudrillart sind wir bereits weit in die Periode der 
dritten Republik hineingelangt. Bevor wir an die Schilderung 
der gegenwärtigen Lage herantreten, seien im Rahmen dieser 
historischen Skizze nur noch zwei Männer genannt, die vor 
nehmlich in den 80er und 90er Jahren des verflossenen Jahr 
hunderts auf der Vorderbühne der liberalen Schule kämpften 
und deren Lebenswerk heute abgeschlossen ist: Léon Say und 
Maurice Block. 
In den gesetzgebenden Versammlungen der dritten Republik 
finden wir in den 70er und 80er Jahren des XIX. Jahrhunderts 
mehrere der bekanntesten Vertreter der liberalen Schule der 
Nationalökonomie, so insbesondere L. Wolowski, Léonce de La- 
vergne, Batbie, Frédéric Passy usw. Unter ihnen ragte jedoch am 
meisten Léon Say hervor, welcher 1872—1882 siebenmal Finanz 
minister war. 
Léon Say (1826—1896) war der Sohn von Horace und Enkel 
von J. B. Say. Seine Verdienste um die klassische Lehre, welche 
er stets als ein Familienerbstück hochhielt, bestehen weniger 
in wissenschaftlichen Leistungen, als in propagandistischer 
und polemischer Tätigkeit und Verwertung der orthodoxen 
Grundsätze in seiner administrativen Praxis. Er verfügte über 
ein bedeutendes Rednertalent und verstand die Kunst, sein 
Lieblingsthema, Finanzfragen, lebendig, anschaulich, fesselnd 
und mit überraschender Klarheit darzustellen. Er hatte einen 
gewissen Mutterwitz, und zahlreiche humorvolle Aussprüche von 
ihm kursierten in den Pariser Salons. 
Sein wissenschaftliches Rüstzeug holte er sich hauptsächlich 
in den Werken seines Großvaters, sowie in denen der Physio- 
kraten Turgot, Quesnay und Dupont de Nemours, 
die er häufig zitiert. Daher kommt es, daß er im Gegen 
satz zu Bastiat nicht das praktische Dogma des Freihandels, 
sondern das „gouvernement selon la nature des choses“ zum 
Angelpunkt der Wirtschaftswissenschaft macht. Er huldigte 
ebenfalls der physiokratischen Anschauung, die orthodoxen 
Grundsätze brauchten nur mit genügender Klarheit dargestellt 
zu werden, damit sie von allen als unabweisbare Wahrheiten 
anerkannt würden. 
In dem äußeren Glanze, der mit den hohen Stellungen, 
die Léon Say bekleidete, verbunden war, sonnte sich auch die
        <pb n="83" />
        Geschichtlicher Überblick 
57 
liberale Schule. Ein besonderer Festtag für sie war es, als 1878 
Léon Say als Minister mit allem offiziellen Pomp in Mugrón 
ein Bastiat errichtetes Denkmal einweihen konnte. 
Bei seiner Finanzpolitik ließ er sich von folgenden Grund 
sätzen leiten: einmal, daß jede Steuer ein Übel sei und nur 
insofern existenzberechtigt, als sie zur Deckung der öffentlichen 
Ausgaben unumgänglich erscheine. Vollständig verwerflich sei 
jede Maßnahme, bei welcher es auf eine Einwirkung auf die 
ohne Zutun des Staates gewordene Güterverteilung abgesehen 
sei. Zweitens aber müsse der Staat die wirtschaftliche Ent 
wicklung der Erwerbsstände möglichst zu fördern suchen durch 
Verwirklichung weitgehendster Freiheit und durch Schaffung 
von Einrichtungen zu möglichster Erleichterung und Hebung 
des Verkehrs *). 
Say fiel mit seiner Tätigkeit als Chef des Finanzdeparte 
ments in eine schwierige Zeit. Zunächst galt es, die Auszahlung 
der Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Frs. an Deutschland 
zu bewirken. Der Betrag derselben war nämlich bereits durch 
die beiden großen Anleihen von 1871 und 1872, gelegentlich 
deren Emission Léon Say seinem Freunde Thiers beratend zur 
Seite gestanden, aufgebracht worden. Die riesige Zahlungs 
operation leitete er nunmehr als Minister mit großem Geschick 
und überraschender Schnelligkeit. Er war gerade auf eine solche 
Arbeit gut vorbereitet durch Spezialstudien auf dem Gebiete des 
internationalen Zahlungswesens, welche ihn 1866 zu einer Über 
setzung von Goschens „Theory of foreign exchanges (London 
1861)“ veranlaßt hatten. 1875 legte er den Parlamenten einen 
Bericht über den Verlauf jener Zahlungsoperation vor, welcher 
„in seiner Klarheit ein Meisterwerk ist“ 2 ). 
Der großen Mehrbelastung des Budgets an Schuldzinsen, 
Tilgungsraten, Ausgaben zur Reorganisation des Heeres, welche 
Frankreich dem Kriege von 1870—1871 verdankte, mußte zunächst 
durch die Schaffung außergewöhnlicher, meist den Verkehr be 
lastender Steuern begegnet werden. Bis 1879 gelang es Léon 
') Vgl. René Stourm, Notice sur la vie et les travaux de Léon Say, lue 
à l’Académie des Sciences Morales et Politiques le 5 juin 1897, Paris 1897. 
2 ) Ch. Gide, Die neuere volkswirtschaftliche Literatur Frankreichs, in 
Schindlers Jahrbuch 1895, p. 715.
        <pb n="84" />
        58 
Die liberale Schule 
S a y, die meisten dieser ihm so verhaßten Hemmnisse des Ver 
kehrs wieder zu beseitigen, da die Erträge der ordentlichen Steuer 
quellen ganz bedeutend gestiegen waren. Zugleich hatte er die 
bei der Bank von Frankreich aufgenommenen Anleihen des Staats 
schatzes zurückzuzahlen vermocht, den Zwangskurs der Bank 
noten aufheben können usw. Einen wesentlichen Aufschwung 
der nationalen Produktion versprach er sich von dem großzügigen 
Programm des Ministerpräsidenten Dufaure (1878), das den 
Ausbau zahlreicher Verkehrswege aller Art: Eisenbahnen, Kanäle 
und Straßen über das ganze Staatsgebiet bezweckte. Say fiel 
die Aufgabe zu, die nötigen Mittel: 5,8 Milliarden Frs. zu be 
schaffen. Er tat dies auf dem Wege einer dreiprozentigen, 
tilgungspflichtigen Anleihe; deren Tilgungsplan erstreckt sich 
auf 75 Jahre. 1882, als er zum letzten Male ins Finanz 
ministerium eingezogen war, reformierte er die Berechnung des 
Voranschlags der budgetmäßigen Einnahmen dahin, daß dem 
selben nicht mehr wie bisher, die Ziffern der tatsächlichen Ein 
gänge des vorletzten Jahres zugrunde gelegt werden sollten, 
sondern der nach Maßgabe der Steigerungen der Einnahmen 
der letzten Jahre zu erwartende Betrag. 
Zweck dieser Neuerung war, dem Überhandnehmen der 
parlamentarischer Initiative entspringenden, ins Ungemessene 
steigenden Belastung des Ausgabenbudgets entgegenzutreten. 
Wenn nämlich der Unterschied zwischen den in Anschlag ge 
brachten Einnahmebeträgen und den tatsächlich zu erwartenden 
verschwand, so blieb kein Spielraum mehr für Majorisierung 
des vom Finanzminister vorgelegten Voranschlages der Ausgaben. 
Says Nachfolger behielten diese Praxis bei; die von ihm an 
genommene Progressionsratio mußte jedoch bald herabgesetzt 
werden, da sich das Tempo der Steigerung der Eingänge be 
deutend verlangsamte. 
Nach 1882 dozierte Léon Say Finanz Wissenschaft an der 
Ecole Ubre des Sciences Politiques, führte eine nachdrückliche Po 
lemik gegen jeglichen Interventionismus und widmete sich wissen 
schaftlichen Unternehmungen *). In der Kammer bekämpfte 
*) Er leitete die Herausgabe des Dictionnaire des Finances (Bd. I, 1889, 
Bd. II, 1894), sowie des Nouveau Dictionnaire d'Economie Politique (2 Bde. 1891 
bis 1892, Supplementband 1897 ; 2. Ausl. 1896). Seine Vorlesungen an der Ecole 
libre des Sciences politiques sind niedergelegt in den Schriften Les Solutions
        <pb n="85" />
        Geschichtlicher Überblick 
59 
er mit äußerster Energie die Schutzzollbestrebungen, insbeson 
dere die Getreide- und Viehzoll vorlagen. An allen sozialpoli 
tischen Debatten nahm er regen Anteil und trat für die Selbst 
hilfe der Arbeiter ein. Seine drei letzten Lebensjahre galten 
fast ausschließlich einer heftigen Polemik, die er auf der 
Kammertribüne, im Journal des Débats und in der Revue 
des Deux Mondes gegen den Sozialismus führte. 
Maurice Block (1816—1901), eingeborener Berliner, lebte in 
Paris und hatte die französische Staatsangehörigkeit erworben. 
Er war eine frische Kampfnatur. Seine gründlichen Sprachen 
kenntnisse befähigten ihn, die volkswirtschaftliche Literatur 
verschiedener Völker stets genau zu verfolgen. Er kannte die 
ausländische Fachliteratur besser als irgend ein französischer 
Nationalökonom. Durch lange Jahre rezensierte er dieselbe im 
Journal des Economistes, was ihm Gelegenheit gab, seinen pole 
mischen Anlagen die Zügel schießen zu lassen l ). Besonders leb 
haft bekämpfte er die deutsche historische Schule. Seine eigenen 
wissenschaftlichen Anschauungen werden durch eine strenge, 
rückständige Orthodoxie gekennzeichnet. 
Block hat neben statistischen Studien, elementaren Unter 
richtsbüchern zum Gebrauche für Volksschulen, zwei Hand 
wörterbüchern des Staats- und Verwaltungsrechts für Präfekten 
und Präfekturbeamten, ein originelles Werk unter dem Titel: 
Les Progrès de la Science Economique depuis Adam Smith — Ré 
vision des Doctrines Economiques (2 Bde. Paris 1890, 2. Ausi. 1897) 
veröffentlicht. Dasselbe ist nach dem in der liberalen Schule 
herkömmlichen Plane eines Lehrbuchs der Nationalökonomie in 
Produktions-, Umlaufs-, Verteilungs- und Verbrauchslehre ge 
gliedert. In jedem Abschnitt gibt Block zunächst eine mit reich- 
démocratiques de la question des impôts und Conférences sur le socialisme d’Etat. 
Erstere behandelt vornehmlich die Steuersysteme der italienischen .Republiken 
des Mittelalters und der Renaissance, letztere enthält eine Besprechung der volks 
wirtschaftlichen Anschauungen und der wirtschaftspolitischen Tätigkeit zeit 
genössischer Staatsmänner (Gladstone, Goschen, Bismarck, Ruzzati usw.). 
*) Im Amte des Auslandsrezensenten des Journal des Economistes folgte 
ihm Emile Macquart aus Alger, der zwar weder über die große Belesenheit und 
die scharfe Feder Blocks verfügt, noch ihm im Verständnis für fremde Gesichts 
punkte überlegen ist, dafür aber den Vorzug französischer Höflichkeit in höherem 
Maße besitzt, als sein Vorgänger.
        <pb n="86" />
        60 
Die liberale Schule 
lieber Polemik gewürzte Darlegung der klassischen Lehre in der 
orthodoxen Fassung, welche ihm geläufig ist. Er stellt sie 
unter der prätentiösen Aufschrift „Der gegenwärtige Stand der 
Wissenschaft“ vor. Dann folgt jeweils in kleinerm Druck eine 
Übersicht der Anschauungen zahlreicher Nationalökonomen der 
verschiedensten Länder, welche zu dem betreffenden Gegenstand 
Stellung genommen haben. Diese sind dabei weder chrono 
logisch, noch nach Schulen, sondern nach Nationalitäten oder 
richtiger nach Sprachen geordnet. Die deutschen historischen 
Nationalökonomen nimmt Block besonders aufs Korn. Dabei 
ist seine immer wiederkehrende Schlußfolgerung, seit Adam 
Smith seien die Fortschritte der Wissenschaft herzlich geringe 
gewesen. 
„Der Grundbestand der Wissenschaft ist wesentlich un 
verändert geblieben," meint Block; „die meisten der alten 
Dogmen haben allen Anstürmen widerstanden. Hat man z. B. 
je gesehen, daß das Prinzip des kleinsten Mittels eine Aus 
nahme erlitten hätte ?*) Die menschliche Natur ist seit 3—4000 
Jahren unverändert geblieben. Von einer Evolution in der 
Menschheitsgeschichte zu reden, ist genau so unzulässig, wie 
die etwaige Änderung eines Zollsatzes eine Evolution zu 
nennen 2 ). Daß aber die menschlichen Dinge dem Wechsel 
unterworfen sind, hat man lange vor der historischen National 
ökonomie gewußt“ 3 ). 
Mit Rossi unterscheidet Block eine reine und eine an 
gewandte Volkswirtschaftslehre; Co urcell e-Seneuil und Cher 
bul iez gegenüber betont er, die angewandte Nationalökonomie 
habe sich nicht allein mit der wirtschaftspolitischen Gesetz 
gebung, sondern auch mit allen sittlichen, politischen, geogra 
phischen und historischen Einflüssen auf das Wirtschaftsleben, 
die nicht in der Gesetzgebung zum Ausdruck kommen, zu be 
fassen 4 ). 
Sein Verhältnis zur historischen Schule präzisiert Block 
wie folgt: „Möge die historische Schule immerhin in wirtschaft- 
0 M. Block, Les Progrès de la Science Economique, 2. Aud., 1897, 
Bd. I, p. 2, 3, 288. 
2 ) ibid. p. 259, 264. 
3 ) ibid. p. 259 ff. 
4 ) ibid. p. 9.
        <pb n="87" />
        Geschichtlicher Überblick 
61 
liehen Dingen sich an die durch Ort und Zeit bedingten Unter 
schiede halten ; ich halte es für wissenschaftlicher, vor allem 
die identischen Erscheinungen festzustellen. Gewiß dürfen die 
Unterschiede nicht außer acht gelassen werden, aber die Ähn 
lichkeiten sind viel bedeutsamer. Sie beweisen, daß gleiche 
Ursachen gleiche Wirkungen hervorbringen; jene aber vermögen 
nur eine andere Ursachenzusammensetzung anzuzeigen 
Die Tatsachen ändern ; das Gesetz ist unveränderlich ; es besagt 
nicht, was für ein Volk oder eine Epoche im besondern zutrifft, 
sondern ein permanentes, unveränderliches Kausalitätsverhältnis. 
Darin liegt eben der Nutzen der Wissenschaft, diese Unverän- 
derlichkeit in der Art der Betätigung der Naturkräfte festzu 
stellen“ x ). 
Beißender, sarkastischer wird Block an folgender Stelle : 
„(Die historische Methode) hat in den Augen gewisser Autoren 
mehrere Vorteile: mit ihr kann man sich darauf beschränken, 
an der Oberfläche der Dinge zu bleiben und folglich leichter 
verständlich sein ; man wird einen großem Zuhörer- oder Leser 
kreis haben, sich unmittelbarer nützlich machen können und 
es mit Beweisen zu tun haben, welche geringere Anforderungen 
an den Verstand stellen. Dafür hat diese Methode Schatten 
seiten, welche den gebildeteren Geistern mißfallen müssen: die 
Tragweite ihrer Bedeutung für die Praxis ist eine geringere, sie 
vermag nur die nächste Umgebung zu beleuchten und dringt 
nicht in die Tiefe; sie begrenzt den Horizont durch Zeit und 
Ort wie durch die Einflüsse der Nationalität, der Politik, der 
Religion, der Vorurteile und der Leidenschaften. Die (reine) 
Wissenschaft allein erhebt sich über Zeit und Ort; ihre ge 
sicherten Wahrheiten sind unanfechtbar usw.“ 2 ). 
Heiterkeit erregt folgender Passus : „Die neuen Schulen 
(in erster Linie ist die historische gemeint) unterscheiden sich 
von den alten eher durch die Methoden, die sie anzuwenden 
behaupten, als durch diejenigen, welche sie wirklich befolgen“ 8 ). 
Es ist Block damit Ernst : in seinen Augen ist die historische 
Schule bedeutend deduktiver als die liberale, für die er 
ß ibid. p. 262, p. 282. 
2 ) ibid. p. 18. 
3 ) ibid. p. 2.
        <pb n="88" />
        62 Die liberale Schule — Geschichtlicher Überblick 
übrigens Deduktion und Induktion vereint in Anspruch nimmt, 
aber mit Courcelle-Seneuil betont, das deduktive Verfahren 
sei das sicherere ’). 
Wir könnten diese Blutenlese aus Block noch um manch 
unterhaltendes Stück bereichern; doch wird das obige wohl 
genügen, uns über den Mann und seine Lehren zu orientieren. 
Wir gehen nunmehr zur Schilderung der Gegenwart über. 
Die bisherige Übersicht hat uns mit den Männern der liberalen 
Schule Frankreichs bekannt gemacht, die im Laufe der Zeit 
am meisten hervortraten. Wir dürfen aber nicht aus dem 
Auge verlieren, daß hinter diesen Männern jeweils das Gros 
der ( Schule stand. Für die Zeit vor 1848 haben wir uns 
darunter einige Dutzende, für die zweite Hälfte des XIX. Jahr 
hunderts jeweils einige Hunderte vorzustellen. Dieses Gros nahm 
durchweg einen sehr orthodoxen Standpunkt ein. Es hat ge 
wiß darunter noch manche, nicht unbedeutende Männer ge 
geben : so Charles Comte, Courtois, VHier me', die Zeitgenossen 
J. B. Says oder Bastiats; den Statistiker Moreau de Jonnès, 
den Diplomaten und Agrarpolitiker Léonce de Lavergne, den 
Philosophen A. Clément, den Finanz Wissenschaftler Vuitry, den 
Krisentheoretiker Juglar und viele andere. Eine ausführliche 
Geschichte der liberalen Schule Frankreichs müßte natürlich 
auch diese Männer, sowie die Philosophen, Historiker, Staats 
männer usw., welche sich gelegentlich mit wirtschaftlichen 
Fragen im Sinne der liberalen Schule beschäftigt haben (Guizot, 
Moté, Talleyrand, d’ Audi ff ret, Bonnet, Jules Simon , Germain usw.), 
berücksichtigen. Hier aber galt es lediglich durch Herausheben 
der hauptsächlichsten Züge des historischen Werdeganges der 
liberalen Schule Frankreichs eine solide Grundlage für das 
jenige zu schaffen, worauf es in erster Linie ankommt: das 
Verständnis der gegenwärtigen Lage der Schule. 
0 ibid. p. 19.
        <pb n="89" />
        II. Teil. 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule. 
A. Positionen, welche die liberale Schule Inn e hat, und 
Organe, über die sie verfügt. 
Die liberale Schule hat in der Société d’Economie politique 
ihre offizielle Organisation. Sie allein ist vertreten in der natio 
nalökonomischen Abteilung der Académie des Sciences Morales et 
politiques; die volkswirtschaftlichen Lehrstühle an der Ecole libre 
des Sciences Politiques sind in ihrer Hand, desgleichen mehrere 
Lehrstühle an staatlichen Lehranstalten: dem Collège de France, 
dem Conservatoire national des Arts et Métiers, den juristischen 
Fakultäten und den technischen Fachhochschulen. An Zeitschriften 
stehen ihr zur Verfügung: Journal des Economistes, Economiste 
Français, Bevile des Deux Mondes, Monde Economique und La 
France Economique et Financière. An Tageszeitungen : Journal des 
Débats, in geringerem Mafie Le Siècle; außerdem mehrere Börsen 
blätter. 
Von der Société d’Economie Politique wurde bereits oben, 
(S. 27) alles Wissenswerte gesagt ; es erübrigt also darauf zurück 
zukommen. 
Académie des Sciences Morales et Politiques. Sie wurde 
1795 von dem Nationalkonvente ins Leben gerufen und den 
übrigen, bereits bestehenden Akademien des Institut de France 
angegliedert. 
1803 beseitigte Bonaparte als erster Konsul die neue Aka 
demie, weil er von deren „Ideologen“ Gefahren für seine herrsch 
süchtigen Pläne befürchtete. 1832 trat die Anstalt wieder in 
ihrer ursprünglichen Form ins Leben. Sie umfaßte fünf Klassen 
zu je sechs Mitgliedern, davon eine für politische Ökonomie. 
Daneben gab es auch freie und korrespondierende Mitglieder.
        <pb n="90" />
        64 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
1855 schuf Napoleon III eine sechste Klasse von zehn Mit 
gliedern für Politik, Verwaltung und Finanzwesen. 1866 wurde 
diese Klasse jedoch wieder aufgelöst und ihre Mitglieder auf 
die andern Klassen verteilt. Diese haben seither je acht Sitze. 
Die meisten der hervorragenden Anhänger der liberalen 
Schule sind Mitglieder der Académie des Sciences Morales et 
Politiques gewesen. Wir finden da die Namen Bossi, Villermé, 
Ad. Blanqui, L. Faucher, Hippolyte und Frédéric Passy, Garnier, 
M. Chevalier, Wolowski, L. de Lavergne, de Molinari, Courcelle- 
Seneuil, Horace und Léon Say, M. Block, Levasseur, Paul Leroy- 
Beaulieu, R. Stourm, A. de Foville, P. Beauregard usw. Da die 
Ergänzung der verschiedenen Klassen der Akademie auf dem 
Wege der Kooptation geschieht, ist es für die liberalen Volks 
wirte ein Leichtes gewesen, allen anders Denkenden den Eintritt 
in die Akademie bis auf den heutigen Tag zu verwehren. 
Das Hauptaktionsmittel der Académie des Sciences Morales 
et Politiques sind die jährlichen Preisausschreiben. Die national 
ökonomische Klasse verfügt über ein Dutzend zum Teil recht 
hoher Jahrespreise. Diese üben eine bedeutende Zugkraft 
aus. Da natürlich für die Beurteilung der eingelieferten Ar 
beiten die Stellungnahme zur klassischen Lehre in erster Linie 
maßgebend ist, so erweisen sich die Preisausschreiben als ein 
vorzügliches Mittel, den Nachwuchs der liberalen Schule zu 
sichern. 
Ecole libre des Sciences Politiques. Diese Anstalt ist 
eine private, von Boutrny 1871 als Ersatz für die 1869 ein 
gegangene Ecole d'Administration gegründete, staatswissen 
schaftliche Hochschule. Sie hat zum Zweck, die nötige 
Vorbildung zum hohem Staatsdienst in den verschiedenen 
Verwaltungszweigen, sowie zu den hohem Stellungen in Privat 
betrieben: Banken, Eisenbahngesellschaften usw. zu vermitteln. 
Als Lehrkräfte sind in der Hauptsache höhere Staats- und 
Privatbeamte, sowie Universitätsprofessoren nebenamtlich an der 
Anstalt tätig. Der Geist, der diese beseelt, ist der des libe 
ralen Nichtinterventionismus. Der nationalökonomische Unter 
richt an derselben liegt ausschließlich in den Händen von libe 
ralen Volkswirten (JE. Levasseur, A. de Foville, B. Stourm, R. G. 
Levy, Pierre Leroy-Beaulieu, Zolla), sowie von sinnesverwandten 
Schülern Le Plays (Cheysson). Seit dem Tode Boutrnys (1905)
        <pb n="91" />
        Positionen und Organe der liberalen Schule 
65 
steht Anatole Leroy-Beaulieu an der Spitze der Anstalt. Die 
Anhänger der liberalen Schule der Volkswirtschaft zählen ihn 
mit Stolz zu den ihrigen, obschon er eigentlich nicht National 
ökonom, sondern Historiker ist. 
Der Lehrplan der Ecole libre des Sciences poli 
tiques umfaßt fünf Abteilungen, von denen jede auf eine 
besondere Berufsgruppe vorbereitet. Diese sind: 1. Section 
administrative, mit Verwaltungsrecht und Finanz Wissenschaft als 
Hauptfächern; 2. Section économique et financière, deren Unter 
richt Nationalökonomie und Finanzwissenschaft als Haupt-, 
Handelspolitik, Wirtschaftsgeographie, Bankwesen, Handelsrecht 
usw. als Nebenfächer begreift; 3. Section économique et sociale. 
Hier werden doziert: Nationalökonomie, Sozialpolitik, Finanz 
wissenschaft, Arbeitergesetzgebung, öffentliche Hygiene, Agrar 
politik usw. ; 4. Section diplomatique, zur Vorbereitung auf den 
diplomatischen und den Konsulardienst; 5. Section générale, 
deren Lehrfächer sich um öffentliches Recht und politische Ge 
schichte gruppieren. 
Der Lehrplan ist in allen fünf Abteilungen auf ein 
viersemestriges Studium berechnet. Tatsächlich wird er 
meist in sechs Semestern absolviert. Die Studierenden rekru 
tieren sich fast ausschließlich aus Studenten der juristischen 
und der philosophischen Fakultäten in Paris. Die jungen Leute 
absolvieren gleichzeitig ein philosophisches oder das juristische 
Triennium, und die eine der fünf Abteilungen der Ecole libre 
des Sciences politiques. Dies wird durch die geringe Zahl der 
Wochenstunden ermöglicht, welche die einzelnen Vorlesungen 
an den Fakultäten (2—4 Stunden) sowohl, als an dieser Anstalt 
(1—2 Stunden) zu haben pflegen. 
Das Abgangsdiplom, dessen Erlangung an die Abfassung 
einer Dissertation und an das Bestehen einer mündlichen Prü 
fung geknüpft ist, berechtigt zur Zulassung zu den Staats 
konkursprüfungen, von deren Bestehen die Aufnahme in die 
verschiedenen staatlichen Verwaltungen abhängt. 
Dem Zwecke, die Absolventen der verschiedenen Jahrgänge 
in engere Beziehungen zu einander zu bringen, dient die Société 
des anciens élèves et des élèves. Es besteht ein ziemlich stark ent 
wickelter Korpsgeist unter den ehemaligen Schülern, welche einen 
guten Teil der höheren Staatsbeamten in den verschiedenen Ver 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 5
        <pb n="92" />
        66 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
waltungszweigen ausmachen, sowie viele einträgliche Posten als 
Beamten der großen Banken und Eisenbahngesellschaften inne 
haben. Aus diesem Milieu rekrutieren sich in der Hauptsache 
die Mitglieder der Beamtengruppe der liberalen Schule der 
Nationalökonomie, von welcher unten zu reden sein wird. 
Unter Mitwirkung ehemaliger Schüler der Anstalt wird von 
einer Anzahl Professoren derselben eine wissenschaftliche Zeit 
schrift (seit 1886), Annales des Sciences politiques, herausgegeben. 
Mit den Seminarien der deutschen Universitäten haben einige 
Analogie die von der Ecole libre des Sciences politiques einge 
richteten Conférences d'application, sowie auch die von der Société 
d'anciens élèves et élèves ins Leben gerufenen Réunions de travail. 
Erstere sind : ein verwaltungsrechtliches Seminar unter Leitung 
von Teissier, ein finanzwissenschaftliches unter Leitung von 
R. Stourm und ein solches für Bank- und Börsen wesen, dem 
R. 6r. Lévy vorsteht. Diese Seminarien sind für Absolventen der 
Anstalt bestimmt, und nur ausnahmsweise Studierenden im 5. 
und 6. Semester zugänglich. Sie dienen der Ausarbeitung und 
Besprechung größerer Arbeiten und verfügen über Preise zur 
Prämierung derselben. Die Réunions de travail stehen unter der 
Leitung von jüngeren „alten Herren“ der Schule. Sie ver 
anstalten Vortragsabende mit Diskussion. Es bestehen zurzeit 
Abteilungen für Geschichte und Diplomatie sowie für Verwal 
tungsrecht und Finanzwissenschaft. 
Der antiinterventionistische Geist, der unter dem mittlern 
und hohem Beamtentum der französischen Zentralverwaltungs 
behörden (Ministerien, Conseil d’Etat, Cour des Comptes usw.) 
immer noch stark verbreitet ist, ebenso die Reaktion gegen die 
Einmischung des Staates ins Wirtschaftsleben, insbesondere auf 
sozialpolitischem Gebiet, welche in der höheren und mittleren 
Bourgeoisie neuerdings hervortritt, werden durch den Unter 
richt der Ecole libre des Sciences politiques wesentlich ge 
fördert. 
Staatliche Lehrstühle im Besitze der liberalen Schule. 
Das Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris besitzt 
fünf volkswirtschaftliche Lehrstühle, von denen drei von An 
hängern der liberalen Schule besetzt sind. Der Unterricht dieser 
Anstalt geschieht in den Abendstunden (nach 8 Uhr). Die Zu 
hörerschaft rekrutiert sich aus kleinen Beamten, Handwerkern,
        <pb n="93" />
        Positionen und Organe der liberalen Schule 
67 
Arbeitern usw. Doch ist dieselbe eine Jahre hindurch stän 
dige, was wesentlich dazu beiträgt, daß der Unterricht syste 
matischer und höher sein kann, als der der Volkshochschulen 1 ). 
An dieser Anstalt bestand der erste Lehrstuhl für National 
ökonomie in Frankreich. J. B. Say, Ad. Blanqui, L. Wolowski 
hatten ihn nacheinander inne. Heute umfaßt daselbst der 
volkswirtschaftliche Unterricht: 1. Nationalökonomie und Ge 
werbegesetzgebung (Levasseur, mit Prof. Deschamps von der 
juristischen Fakultät in Paris als Supplent); 2. Gewerbepolitik 
und Statistik {A. Liesse, früher A. de Foville) ; 3. Sozialpolitik 
(Prof. Paul Beauregard von der juristischen Fakultät). Diese drei 
Lehrstühle gehören der liberalen Schule. Dazu kommen : 
4. Assurance et Prévoyance Sociale (der Direktor des Musée 
Social, Mabilleau); 5. Geschichte der Arbeit (der Sozialist, Pro 
fessor am College de France, Georges Renard). 
Am Collège de France bestehen drei Lehrstühle für Volks 
wirtschaftslehre. Der erste, für J. B. Say 1830 gegründete, ge 
hörte ununterbrochen der liberalen Schule. Rossi, M. Chevalier, 
Baudrillart und seit 1878 Paul Leroy-Beaulieu hatten ihn inne. 
Der zweite wurde 1869 geschaffen und Levasseur übertragen 
mit dem Lehrauftrag für Wirtschaftsgeographie, -geschichte 
und -Statistik. Der dritte, 1905 ins Leben gerufene, wurde mit 
dem aus Lausanne berufenen Sozialisten Georges Renard besetzt. 
Der Einfluß, welchen der Unterricht des Collège de France auf 
das Geistesleben der Nation ausübt, ist ein sehr beschränkter, 
die Zuhörerschaft eine dilettantische und wechselnde. 
In Deutschland ist die Meinung verbreitet, der volkswirt 
schaftliche Unterricht an den juristischen Fakultäten Frankreichs 
liege samt und sonders in Händen von Dozenten, welche sich 
der historisch-realistischen, interventionistischen deutschen Schule 
anschließen. Es ist dies ein Irrtum, auf den unten ausführ 
licher einzugehen sein wird. Hier sei nur erwähnt, daß zu 
nächst 1875—78, als die Volkswirtschaftslehre als obligatorisches 
Lehrfach in den Lehrplan der juristischen Fakultäten auf 
genommen wurde, mehrere der plötzlich mit volkswirtschaft 
lichen Lehraufträgen betrauten Rechtslehrer sich der liberalen 
x ) In den volkswirtschaftlichen Vorlesungen des Conservatoire des Arts 
et Métiers konnte ich eine mittlere Hörerzahl von 60—60 Herren und Damen 
jeglichen Alters, zumeist Hand eingestellte, feststellen.
        <pb n="94" />
        68 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Schule zuwandten, z. B. Jourdan in Aix, E. Worms in Rennes usw. 
Aber auch der Nachwuchs in dieser Richtung blieb nicht aus, 
und heute gibt es eine stattliche Anzahl von liberalen Volks 
wirten unter den Professoren der Nationalökonomie an den 
juristischen Fakultäten, insbesondere in Paris. Doch davon an 
anderer Stelle. 
Von den an technischen und sonstigen Hochschulen, 
außer den bereits erwähnten, bestehenden Lehrstühlen für poli 
tische Ökonomie sind mit Anhängern der liberalen Schule be 
setzt, diejenigen der Ecole des Ponts et Chaussées (Colson) und des 
Institut national agronomique (D. Zolla, früher Léonce de Lavergne). 
Periodica. Das Journal des Economistes, dessen langjähriger 
Direktor G. de Molinari ist, ist das Hauptorgan der liberalen 
Schule. Sein exklusiver Standpunkt wurde bereits hervor 
gehoben. Jede Nummer der Zeitschrift enthält neben wissen 
schaftlichen Aufsätzen und den ebenfalls bereits erwähnten 
Sitzungsberichten der Société d'économie politique umfangreiche 
Bücherbesprechungen, welche, da die Stellung der besprochenen 
Autoren zur individualistischen Wirtschaftstheorie für die ihnen 
zuteil werdende Würdigung den Maßstab abgibt, nach und nach 
ein wahres Ketzergericht geworden sind. Hier war die hohe 
Warte, von der Cour celle-Seneuil und Maurice Block ihre Blitze 
gegen die an den juristischen Fakultäten Frankreichs auf 
kommenden Historiker, sowie gegen die deutsche historische 
Schule schleuderten. 
L'Economiste Français ist eine Wochenschrift, von Paul 
Leroy-Beaulieu 1873 gegründet und bis heute herausgegeben. 
Jede Nummer, 32 Seiten klein Folio stark, umfaßt drei Teile : 
partie économique, partie commerciale, partie financière. Die beiden 
letzteren bieten eine vortreffliche volkswirtschaftliche Chronik, 
welche allerdings mit ihren Berichten über die Produkten- und 
Effektenbörsen und ihren finanziellen Aufschlüssen und Rat 
schlägen in erster Linie sich an spekulierende Kapitalisten 
wendet; gerade das aber sichert der Zeitschrift einen großen 
Leserkreis und hat werbende Kraft für die Lehren des ökono 
mischen Liberalismus, dem sie dient. Der volkswirtschaft 
liche Teil enthält regelmäßig einen scharf polemischen Leit 
artikel von Paul Leroy-Beaulieu, sowie vier bis sechs 
kleinere wissenschaftliche Aufsätze über volkswirtschaftliche
        <pb n="95" />
        Positionen und Organe der liberalen Schule 
69 
Tagesfragen *). Mitarbeiter des Economiste français sind außer 
dem Herausgeber: dessen Sohn Pierre Leroy-Beaulieu, A. Baffa- 
lovich, B. G. Lévy, A. de Foville, Ed. Lozé usw. Aus den 
letzten Jahrgängen sind die Artikelserien von Pierre Leroy- 
Beaulieu hervorzuheben, welche die sibirische, japanische, 
chinesische und nordamerikanische Volkswirtschaften behandeln. 
Sie sind zum größten Teile Ergebnisse von Studienreisen an Ort 
und Stelle und zeichnen sich durch gründliche Beobachtungen, 
klare Darstellung und prägnantes Herausheben von Kausal 
verhältnissen aus. 
Die Berne des Deux Mondes, die weitaus beste und gelesenste 
der großen, französischen Zeitschriften, öffnet der liberalen 
nationalökonomischen Schule seit 80 Jahren ihre Spalten. In 
ihr kamen und kommen zum Wort: Bossi, Beybaud, L. Faucher, 
Wolowski, Léonce de Lavergne, M. Chevalier, Baudrillart, Paul Leroy- 
Beaulieu, Vicomte d'Avenel usw. 
Desgleichen steht unter den Tageszeitungen das Journal 
des Débats seit seiner Gründung der liberalen Schule zur Ver 
fügung. In diesem führte M. Chevalier unter der zweiten 
Republik eine erbitterte Polemik gegen die damaligen soziali 
stischen Neuerer. Als Tageszeitung bedeutet das Journal des 
Débats stets einen exponierten Posten für die liberalen Volks 
wirte. Heute hat ihn André Liesse in ne, dem gelegentlich 
Paul Leroy-Beaulieu, Yves Guyot, A. de Foville und 
andere helfend zur Seite stehen. 
Ausschließlich verfügt ferner die liberale Schule über die 
Veröffentlichungen der volkswirtschaftlichen Klasse der Académie des 
Sciences Morales et Politiques. Seit 1832 hat sich eine schier un 
endliche Reihe von Monographien, Mitteilungen, Berichten, No 
tizen hier aneinander gereiht, unter deren Verfassern die Namen 
Wolowski, Baudrillart und Levasseur am häufigsten wiederkehren. 
Den Standpunkt der liberalen Schule vertreten ferner zwei 
von Professor Paid Beauregard herausgegebene Wochenschriften: 
Le Monde Economique und La France économique et financière. Sie 
0 Erwähnens- und nachahmenswert ist die dem Handelsteil beigefügte 
Immobiliarrevue. Sie gibt wöchentliche, statistische Übersichten über die 
auf dem Wege der öffentlichen Versteigerung sowohl als durch freihändigen 
Verkauf stattgehabten Besitzübergänge von Grundstücken und Gebäuden im 
Seinedepartement.
        <pb n="96" />
        70 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
dienen hauptsächlich den Interessen der Geschäftswelt. Die 
gegenseitige Abgrenzung des Gebietes kommt in den beiden 
Titeln genügend zum Ausdruck. Von Börsenblättern, welche 
nationalökonomische Anschauungen im Sinne der liberalen 
Schule vertreten, sei nur das von Alfred Neymarck geleitete 
Le Rentier angeführt. 
Endlich sei noch an das von Léon Say und Ghailley-Bert 
herausgegebene Nouveau Dictionnaire d'Economie Politique (2 Bde. 
Paris, Guillaumin 1891—92; 2. Ausi. 1896; dazu ein Supplement 
band 1897) erinnert. Der Umstand, daß die prinzipielle Fragen 
behandelnden Artikel des Wörterbuches A. Liesse, Courcelle- 
Seneuil und G. de Molinari zu Verfassern haben, gibt dem ganzen 
Werke einen streng orthodoxen Charakter. Im übrigen hat fast 
die gesamte heute lebende Generation der liberalen Schule 
Frankreichs an demselben mitgearbeitet 1 ). Zu bedauern ist, 
daß deren beste Finanzschriftsteller die hauptsächlichsten finanz 
wissenschaftlichen Artikel Größen geringerer Ordnung über 
lassen haben. 
Die Aktionsmittel der liberalen Schule sind mit obiger 
Zusammenstellung nicht erschöpft. An gelegentlicher Mitarbeit 
ihrer Mitglieder an sonstigen Publikationen, z. B. an der Revue 
d' Economie Politique, der Revue économique internationale, der Revue 
politique et parlementaire usw. fehlt es nicht. Auch dürfte die 
im Frühjahr 1908 von Professor Deschamps von der juristischen 
Fakultät in Paris ins Leben gerufene Revue d'Histoire des Doctrines 
Economiques, welche wirtschaftsgeschichtlichen Studien dienen 
soll, den Anschauungen des Gründers entsprechend, vornehmlich 
in den Dienst der individualistischen Wirtschaftstheorie treten. 
In den Parlamenten ging der Stern der liberalen Schule seit 
Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts beständig ab 
wärts. Die Jahre 1881 und 1892 brachten Revisionen der frei 
händlerischen Handelsverträge der 60er Jahre in schutzzöllneri- 
schem Sinn. Heute ist die Schule nur mehr durch Paul Beaure 
gard in der Kammer vertreten. Kammer und Senat sind heute 
für die natürliche Ordnung des Wirtschaftslebens und die staat 
liche Nichtintervention nicht zu haben. Freihändlerisch sind ja 
1 ) Unter den Mitarbeitern findet sich auch Ludwig Bamberger (Art. 
Socialisme d’Etat).
        <pb n="97" />
        Die verschiedenen Gruppen innerhalb der liberalen Schule 71 
wohl die Mehrheiten in den gesetzgebenden Versammlungen 
Frankreichs im Laufe des XIX. Jahrhunderts nie gewesen. Für 
staatliches Eingreifen auf sozialpolitischem Gebiete haben sich 
aber bekanntlich die französischen Parlamente später und zögern 
der bereit gefunden, als die der anderen, führenden Kultur 
länder. 
B. Die verschiedenen Gruppen innerhalb der 
liberalen Schule. 
Wer heute beobachtend an die liberale Schule der National 
ökonomie in Frankreich herantritt, wird bald erkannt haben, 
daß sich in ihrem Schoße mehrere Gruppen deutlich sichtbar 
voneinander abheben. Allen gemeinsam sind geblieben: das 
unbedingte Festhalten an der Existenz universeller und perma 
nenter Naturgesetze des Wirtschaftslebens, das Dogma von der 
individuellen Selbsthilfe und der freien Konkurrenz, die opti 
mistische Grundstimmung und die grundsätzliche Abneigung 
gegen jegliche Einmischung des Staates ins Wirtschaftsleben. 
Dagegen haben sich, hauptsächlich unter dem Einfluß äußerer 
Verhältnisse, verschiedene Richtungen herausgebildet. Als 
gruppenbildende Faktoren kommen in Betracht: Verschieden 
heiten der persönlichen Anlagen und des Bildungsganges, be 
rufliche und gesellschaftliche Zugehörigkeit der einzelnen Volks 
wirte, auch politische Momente. Materiell gipfeln die wichtig 
sten Unterscheidungsmerkmale in der verschiedenen Stellung 
nahme zu den in der Wissenschaft anzuwendenden Methoden 
und zu der Frage, in welchem Maße eine Staatsintervention 
als zulässig erachtet werden könne. 
Man wird zu unterscheiden haben : 
1. Die Gruppe der Intransigenten, Unentwegten, Orthodoxen, 
zu welcher G. de Molinari, F. Passy, Yves Guyot usw. zu rech 
nen sind. 
2. Die Gruppe der Geschäftsmänner. Hierher gehören : Paul 
Leroy-Beaulieu und die regelmäßigen Mitarbeiter des Econo 
miste Français: A. Raffalovich, d'Eichthal, Ch. Gomel, R. G. 
Le'vy usw.
        <pb n="98" />
        72 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Eng verwandt mit dieser ist: 
3. Die Gruppe der Verwaltungsbeamten oder der Ecole 
libre des Sciences Politiques: A. de Foville, R. Stourrn u. a. 
4. Die Gruppe der Historiker : Levasseur, d’ Avenel, A. Liesse, 
Guiraud. 
5. Die Gruppe der Ingenieure. Sie ist vor allem durch 
Colson vertreten. 
6. Die Gruppe der Universitätsprofessoren : Jourdan, E. Worms, 
Villey, F. Faure, Paul Beauregard, Souchon, Deschamps, Schatz usw. 
Man darf sich darunter aber nicht etwa getrennt mar 
schierende oder gar feindliche Gruppen vorstellen. Höchstens 
fehlt es etwas an Zusammenhang zwischen den jüngeren Uni 
versitätsprofessoren Deschampsscher Richtung und den altern 
Institutsmitgliedern G. de Molinari, F. Passy, Paul Leroy- 
B e au li eu usw. Im ganzen sind die Beziehungen zwischen 
den einzelnen Gruppen recht herzliche und intime ; alle sind in 
der Société d’Economie Politique und im Institut vertreten, bei 
einzelnen Volkswirten ist der Zweifel berechtigt, zu welcher 
Gruppe sie zu rechnen sind. Die Gruppenbildung ist eben nur 
die natürliche Folge davon, daß Männer, welche sich durch 
natürliche Anlagen, Bildungsgang und die Generation, der sie 
angehören, voneinander unterscheiden, sich hinwiederum in 
einer und derselben volkswirtschaftlichen Grundanschauung 
treffen. 
1. Kapitel. 
Die Gruppe der Unentwegten. 
Gustave de Molinari, geb. in Lüttich 3. März 1819, kam 
früh nach Paris, war als Journalist in der oppositionellen Presse 
unter Louis Philipp tätig, kehrte nach dem Staatsstreich vom 
2. Dezember 1851 nach Belgien zurück, wo er am Musée de 
l’Industrie in Brüssel und an der Antwerpener Handelsschule 
volkswirtschaftliche Vorlesungen hielt. Seit 1867 lebt er wieder 
in Paris. 1871—76 stand er an der Spitze des Journal des 
Débats; nach J. Garniers Tod (1881) wurde Molinari Chef 
redakteur des Journal des Economistes. Er veröffentlichte eine
        <pb n="99" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
73 
stattliche Reihe von Schriften. Auch heute handhabt der 
90jährige die Feder noch unermüdlich. 
Professor Gide nennt Molinari „das menschgewordene 
Gesetz von Angebot und Nachfrage“, den Mann, welcher „den 
typischen Liberalismus besser als irgend ein anderer Volkswirt 
in Frankreich und auch vielleicht im Auslande vertritt 1 ).“ Tat 
sache ist, daß kein klassischer Volkswirt, selbst D uno y er 
nicht, alle Erscheinungen des Wirtschaftslebens mit solch durch 
greifender Konsequenz in das Prokrustesbett der universellen 
und permanenten Naturgesetze zu zwängen weiß, wie Molinari. 
Die Nationalökonomie tritt bei ihm im Gewände der evo- 
lutionistischen Soziologie Herbert Spencers, auf. Dabei soll sie 
natürlich einzig und allein auf Geschichte, Beobachtung und 
Erfahrung aufgebaut sein. Aus Geschichte, Beobachtung und 
Erfahrung hat Ch. Darwin die grundlegenden, biologischen 
Naturgesetze der natürlichen Auswahl und der Anpassung oder, 
wie Spencer sagt, des „survival of the fittest“ gewonnen. In 
nationalökonomischer Prägung heißen diese Gesetze bei Moli 
nari: das Gesetz der Kraftersparnis und das Gesetz der Kon 
kurrenz. Dazu kommen noch das Gesetz der Progression der 
Werte und allenfalls das Gesetz von Angebot und Nachfrage, und 
das Prokrustesbett für die gesamte wirtschaftliche Erscheinungs 
welt ist fertig 2 ). 
Das Gesetz der Kraftersparnis ist nichts anderes als das 
ökonomische Prinzip. Beobachtung und Erfahrung lehren, daß 
das Leben nur durch beständige Assimilation von Kräften er 
halten und entwickelt werden kann. Die Natur liefert den Ge 
schöpfen nur einen Teil dieser Kräfte ; die andern müssen diese 
sich selbst erwerben. Dieser Erwerb geschieht unter dem An 
trieb von Lust und Unlust. Kraftausgabe und Kräftemangel 
erzeugen Unlust oder Leiden, Kraftzuwachs bedeutet Lust. Auf 
welcher Stufe der Schöpfung sich ein Wesen befinden mag, es 
flieht die Unlust und sucht die Lust. Darum wendet es die 
*) Ch. Gide, Neuere Strömungen in der volkswirtschaftlichen Literatur 
Frankreichs, in Schmollers Jahrbuch, 1895, p. 707. 
2 ) Dieser Ideenkreis, dessen Darlegung Molinari zahlreiche Schriften ge 
widmet hat, ist am zusammenhängendsten in dem Werke Notions fondamentales 
d'économie politique et programme économique, Paris 1891, zum Ausdruck gelangt. 
Die folgenden Ausführungen halten sich in der Hauptsache an dasselbe.
        <pb n="100" />
        74 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Energie und die bewußte oder unbewußte Intelligenz an, mit 
der die Natur es ausgestattet hat, um die größte Summe von 
Lebenskräften gegen die geringste Kraftausgabe zu erlangen: 
das ist das Gesetz der Kraftersparnis 1 ). 
Das Gesetz der Konkurrenz beruht auf der Ungleichheit 
der Individuen und der Arten. Die Konkurrenz bewirkt das 
Überleben und die Anpassung der Stärkeren und den Unter 
gang der Schwächeren im Kampfe ums Dasein. Sie tritt in 
drei Entwicklungsstadien auf: dem animalischen, dem politischen 
und dem wirtschaftlichen. 
In der Natur leben alle Klassen und Arten auf Kosten der 
andern. Jede Klasse hat also genügend Individuen hervor 
zubringen, um sich selbst und die hohem Klassen, denen sie 
zur Nahrung dient, zu erhalten. Die Natur hat für diese Not 
wendigkeit vorgesorgt, indem sie allen Arten eine üppige Frucht 
barkeit gab, welche aber in dem Maße, als sie sich in der 
Skala der Lebewesen erheben, abnimmt. In den niedern Arten 
ist die Zeugungskraft am stärksten, weil diese alle andern 
zu ernähren haben. Die Individuen, aus welchen diese be 
stehen, treten zur Beschaffung von Nahrungsmitteln miteinander 
in Konkurrenz und bemühen sich andererseits, dem Verzehrt 
werden durch andere Kategorien zu entgehen. In diesem dop 
pelten Kampf ums Dasein unterliegen die Schwächern. 
Die Zahl der Individuen einer jeden Art hat eine von der 
Natur gezogene Grenze. Vermehrt sie sich darüber hinaus, so 
vermehren sich sofort die Arten, denen sie als Nahrung dient, 
und verringern ihren Überschuß. Dieser leidet auch unter 
dem Konkurrenzkampf der Individuen, welche ihn ausmachen. 
Wenn jedoch eine Art verringert wird, sei es, weil sie weniger 
Nahrung findet, sei es, weil die Arten, welche sie nährt, sich 
zu stark mehren, so bewirkt die Reduktion eine Mehrung der 
Zeugung innerhalb der betreffenden Art oder eine Minderung 
der Zeugung innerhalb der hohem Arten, bis das von der Natur 
gewollte notwendige Gleichgewicht wieder hergestellt ist. 
Das ist das Gesetz der Konkurrenz. Es ist hart und grau 
sam. In der Stufenleiter des Lebens wird der Genuß des einen 
*) Gr. de Molinari, Notions fondamentales d’économie politique et pro 
gramme économique, Paris 1891, p. 2 ff. Cfr. auch H. Pesch 8. J. Die philo 
sophischen Grundlagen des ökonomischen Liberalismus, Freiburg, 1899, p. 232 ff.
        <pb n="101" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
75 
durch das Leiden des andern erkauft. Auch der Mensch ist 
diesem Gesetze unterworfen. Aber schon in prähistorischer Zeit 
zeigt sich ein wesentlicher Vorzug desselben. Während die 
niederen Gattungen nur die Macht zu zerstören besitzen und 
unfähig sind, die Nahrungsmittel, von denen sie leben, zu ver 
mehren, ist das Menschengeschlecht nicht in Zahl und Bedürfnis 
befriedigung durch die Fruchtbarkeit der Arten, von denen es 
lebt, begrenzt, sondern es kann sich durch Ausübung seiner 
Produktivkraft vermehren und sich eine höhere Bedürfnis 
befriedigung verschaffen. 
Entwicklungsgeschichtlich beginnt allerdings der Mensch, 
wie die niederen Tierarten, mit ausschließlicher Anwendung der 
Zerstörungskraft. Die Konkurrenz zwischen Mensch und Tier 
geschieht zunächst durch den Krieg. In diesem war der Mensch 
ursprünglich der physisch schwächere Teil. Aber er besaß eine 
Intelligenz, die höher war als diejenige seines Konkurrenten. 
Er erfand und produzierte die Waffen, mit denen er jene er 
schlug. Von nun an gehörten ihm allein die Jagdgründe, welche 
er vorher mit den fleischfressenden Tieren zu teilen genötigt war. 
Die von den Konkurrenten der Tierwelt befreiten mensch 
lichen Jägerhorden konnten sich jetzt in ausgiebigerem Maße 
vermehren. Da mußte notwendig ein Augenblick kommen, wo 
die Zahl der menschlichen Individuen über die erreichbaren 
Subsistenzmittel hinaus wuchs. Man hatte nun die Wahl, ent 
weder den Überschuß durch Kinderaussetzung oder Menschen 
opfer zu beseitigen, oder durch Raub, Viehzucht oder Ackerbau 
den notwendigen Unterhalt für die zahlreichere Bevölkerung zu 
gewinnen. Welchen dieser Wege die primitiven Stämme wählten, 
das hing von der Eigenart der einzelnen ab. Die Stärkeren 
griffen zu Mord und Raub; die Schwächeren versuchten es erst 
mit der Viehzucht, welche bereits unendlich ergiebiger war, als 
die Jagd und gingen dann zum Ackerbau über. 
In dem Maße als die fortschrittlichen Stämme produzieren 
lernten, anstatt zu zerstören, wurden sie weniger kriegstüchtig. 
Sie unterlagen im Kampfe mit den unkultivierten Jägerhorden, 
während in der primitiven Epoche des Kampfes zwischen den 
großen Tierarten und dem Menschen der Sieg denen gehörte, 
welche des Fortschritts am fähigsten waren. So erklärt sich 
die Zerstörung der prähistorischen Kulturen.
        <pb n="102" />
        76 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Die Intelligenteren unter den Jägerhorden sahen bald ein, 
daß sie, anstatt die Besiegten zu töten und zu verzehren, mehr 
Vorteil hätten, dieselben zu unterwerfen und für sich arbeiten 
zu lassen. An Stelle vorübergehender Einfälle trat so die per 
manente Okkupation der kultivierten Territorien und die Sklaverei 
ihrer Bevölkerung. Die Sklaverei sicherte die Zukunft der 
Kultur i). 
Der Mensch war des Menschen Wild gewesen bis die Ent 
deckung und Inanbaunahme der Nährpflanzen sowie andere 
Fortschritte, welche die Produktivität der menschlichen Arbeit 
vermehrten, die geregelte Ausbeutung der betriebsamen Völker 
schaften einträglicher gestaltet hatten als Raub und Menschen 
fresserei. Das war der Anfang eines neuen Zeitalters, in dem 
die Kultur, vor Zerstörung gesichert, sich entwickeln und schließ 
lich das Übergewicht über die Barbarenwelt erlangen konnte. 
Alle auf dem Wege zur Kultur befindlichen Staaten 2 ) er 
scheinen damals, wenn auch unter verschiedenen Formen, so 
doch ähnlich organisiert; ein herrschendes Volk besitzt ein 
Territorium mit einer Bevölkerung, welche produktiv tätig ist, 
und beutet diese Domäne aus, entweder im Gesamteigentum, 
oder häufiger in Parzellen, welche den einzelnen Volksgliedern 
individuell zugeteilt sind. Wie der primitive Stamm, konstituiert 
und organisiert die herrschende Klasse eines Staates sich unter 
dem Einfluß der Gesetze der Konkurrenz und der Kraftersparnis. 
Ihrerseits ist diese Klasse der Konkurrenz kriegerischer Raub- 
stämme wie solcher, welche selbst, wie sie, Staaten besitzen, 
ausbeuten und zu vergrößern trachten, ausgesetzt. Unter dem 
Druck dieser doppelten Konkurrenz ist sie bestrebt : 
1. ihre Militärmacht aufs höchste zu entwickeln; 
2. diejenige Regierungsorganisation zu schaffen, welche die 
Eintracht ihrer Glieder und deren Zusammenwirken zu gemein 
nützigen Unternehmungen am besten sichert; 
3. das System der Beherrschung und Ausbeutung der unter 
jochten Bevölkerung so zu verbessern, daß diese die größt 
möglichen Hilfsquellen abwirft. 
Im Verlaufe der geschichtlichen Entwicklung lehren Be- 
*) G. de Molinari, loc. eit. p. 10 ff. 
3) ibid. p. 12 ff.
        <pb n="103" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
77 
obacbtung und Erfahrung die Eroberer, daß die Freiheit produk 
tiver ist, als die Knechtschaft. Je notwendiger die kriegerische 
Konkurrenz ihnen die Mehrung ihrer Kräfte und Hilfsmittel er 
scheinen läßt, um so eher sind sie zum Verkauf der Freiheit 
an die Unterjochten geneigt. So verschwindet die Unfreiheit 
graduell. Je vollkommener die Freiheit wurde, je allgemeiner 
die meisten Produktionszweige durch Beseitigung der Monopole 
aller Art zugänglich wurden, desto mehr konnte sich die Pro 
duktion unter dem Antrieb einer neuen Art von Konkurrenz, 
der 'produktiven oder wirtschaftlichen verbessern. 
Die Sklaverei, die Hörigkeit und Leibeigenschaft, die Ge 
meinschaften nach Art des russischen Mir, das Zunftwesen des 
Mittelalters waren die Etappen, durch welche die arbeitende 
Menschheit hindurch mußte, um zur Freiheit zu gelangen, 
welche das Maximum der produktiven Kräfte zur Entfaltung 
bringt. 
Unter dem doppelten Angriff der Gesetze der Kraftersparnis 
und der Konkurrenz haben die technischen Fortschritte in den 
Künsten der Zerstörung, der Regierung und der Produktion dazu 
beigetragen, den Kriegen ein Ende zu machen, indem sie eine 
Lage der Dinge schufen, in welcher der Krieg unproduktiv und 
schädlich geworden ist, nachdem er vordem produktiv und 
nützlich gewesen war 1 ). 
Unter den Urmenschen und Raubtieren war der Krieg die 
nützlichste und produktivste Form der Konkurrenz. Auch für 
die Jägerhorden und Raubmenschen blieb der Krieg gegenüber 
den andern Raubmenschen und den friedlichen Varietäten 
produktiver als jeder andere Arbeitszweig, jede andere Form, 
sich den Unterhalt zu verschaffen. Die Produktivität des Krieges 
stieg noch, als man die überwundenen Stämme nicht mehr ver 
nichtete oder verzehrte, sondern zu Sklaven machte. Auch 
unter den zivilisierten Völkern blieb der Krieg vorerst eine 
Notwendigkeit. Er war direkt produktiv für den Sieger, dessen 
Territorium sich erweiterte und dessen Sklavenscharen sich 
mehrten, indirekt produktiv für alle Konkurrenten, weil der 
Krieg und die Kriegsbereitschaft die Kampffähigkeit der Völker 
erhielt und vergrößerte. 
*) ibid. p. 19 ff.
        <pb n="104" />
        78 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
So lange die Kultur den zerstörenden Einfällen der Bar 
baren ausgesetzt war, blieb der Krieg eine Notwendigkeit für 
die Völker. Mit der Erfindung der Feuerwaffen ging die Über 
legenheit, welche den Barbaren ihre physische Kraft und ihr 
Kampfesmut gaben, auf die zivilisierten Völker über. Diese 
langumstrittene Überlegenheit wurde in dem Maße gesichert 
und gefestigt, als die Kriegskunst mehr Wissen, mehr Kapital, 
mehr Intelligenz und mehr sittliche Kraft erforderte. Die bar 
barischen Einfälle hörten nunmehr auf, weil sie nicht mehr 
produktiv waren. Die zivilisierten Völker, welche bis dahin in 
ihren Gebieten auf der Defensive geblieben waren, strömten nach 
und nach auf die Territorien der Barbaren über und began 
nen sie zu erobern. In dem Augenblick, in welchem wir 
leben, nähert sich diese Eroberung der Vollendung. Die unserer 
Kultur angehörigen Völker beherrschen Europa, Amerika, 
Ozeanien, haben die Vorherrschaft in Asien und beginnen Afrika 
unter sich zu teilen. Sie haben nicht mehr zu fürchten, wie 
früher, von den Barbaren unterjocht und enteignet zu werden; 
vielmehr unterjochen und enteignen sie diese. Der indirekte 
Nutzen, den sie aus dem Kriege zogen, indem er sie stählte 
zum Kampfe gegen barbarische Invasionen, fällt somit heute 
weg. Die zur Selbsterhaltung nötige Kraftanspannung wird 
heute durch die wirtschaftliche Konkurrenz bewirkt. Diese hat 
aber auch den direkten Nutzen der kriegerischen Konkurrenz 
ausgeschaltet. 
Die wirtschaftliche Konkurrenz („Concurrence industrielle“) 
ist unvergleichlich weniger kostspielig als der Krieg *). Bei 
letzterem wird der Überwundene ganz oder teilweise vernichtet. 
Ein großer Verlust von Kraft bleibt hierbei unvermeidlich, und 
das ist ein Schaden für die Gesamtheit der menschlichen Gattung. 
Mit dem wirtschaftlichen Wettbewerb verbindet sich dagegen 
nicht notwendig ein Verlust von Kräften. Würden alle Kon 
kurrenten eine gleiche Geschicklichkeit und Tätigkeit entwickeln, 
dann könnten auch alle den gleichen Vorteil erlangen. Ent 
falten sie aber eine ungleiche Geschicklichkeit und Tätigkeit, 
so wird eine Verschiedenheit des Gewinnes die Folge sein. Aller 
dings, wenn die Konkurrenz in vollstem Maße ihren heilsamen 
') ibid. p. 23 ff.
        <pb n="105" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
79 
Druck ausüben kann, dann werden die Fähigsten, das sind die 
mit der größten Kraftersparnis Produzierenden, allein die not 
wendige Vergeltung ihrer Mühen und Opfer finden. In diesem 
Falle erleiden die weniger Fähigen einen Verlust, der dem Unter 
schied der beiderseitigen Produktionskosten gleichkommt. Fahren 
sie fort zu konkurrieren, dann setzen sie sich ohne Zweifel dem 
wirtschaftlichen Ruin aus. Das bedeutet freilich einen Verlust 
von Kräften für sie und für die Allgemeinheit ; aber sie können 
diesen Verlust, wenn nicht völlig vermeiden, so doch wenigstens 
vermindern, indem sie die bisherige Beschäftigung, welche ihre 
Kräfte übersteigt, verlassen und eine andere ergreifen, die ge 
ringere Fähigkeiten und Hilfsquellen fordert. 
Dem gewaltigen direkten Vorteil der wirtschaftlichen Kon 
kurrenz gegenüber ist der direkte Nutzen des Krieges heute 
vollständig zurückgetreten. Das Streben nach Vergrößerung 
des Territoriums und nach Erwerb von Sklaven hat aufgehört; 
besteht doch die Möglichkeit, durch gewerblichen Fleiß und 
Handel sich in den Besitz der Produkte fremder Länder zu 
setzen. Dazu kommt, daß heutzutage die Produktionskosten 
des Krieges ins Unglaubliche wachsen. Ein Krieg zwischen 
den zivilisierten Nationen würde Milliarden verschlingen, über 
dies noch einen ungeheuren Schaden für Handel und Industrie 
der beteiligten sowohl als der neutralen Völker zur Folge haben. 
Selbst der Sieger dürfte trotz Kriegsentschädigung und Kontri 
butionen, trotz etwaiger territorialer Erweiterungen so schwere 
Opfer an Menschen und Geld bringen müssen, daß auch für 
ihn der Kampf sich nicht mehr rentieren würde. Nachdem also 
der Krieg ursprünglich das produktivste der Gewerbe war, hat 
er heute aufgehört, seine Kosten zu decken. Das Gesetz der 
Kraftersparnis bewirkt dessen Beseitigung. 
Die heutigen Staaten verharren aber noch immer bei einer 
Politik, welche dem Kriegszustand angepaßt ist. Despotismus 
und Zentralisation sind deren Hauptmerkmale. Nach innen 
bedeutet sie Freiheitsbeschränkung und Schutzsystem ; nach außen 
Vermehrung der Macht des eigenen Volkes und Schwächung 
der Macht der konkurrierenden Nationen 1 ). 
Das Schutzsystem hat seine Berechtigung in der Ver- 
') ibid. p. 29 ff.
        <pb n="106" />
        r- 
80 Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
gangenheit gehabt. Mit dem Wegfall der kriegerischen Kon 
kurrenz ist es aber völlig zwecklos geworden und kann nur 
schädlich wirken. 
In den ersten Zeiten der Kultur gab es fast ausschließlich 
nur innern Tausch. Außenhandel gab’s nur für eine kleine 
Anzahl von Luxus waren. Eine Verkehrsunterbrechung in Kriegs 
zeiten beraubte also die Völker weder der Existenz, noch der 
Verteidigungsmittel. In dem Maße aber, als sich Industrie und 
Verkehrsmittel entwickelten, nahm der Außenhandel zu. Da 
zeigte sich die natürliche Inkompatibilität des Außenhandels und 
des Krieges. Weil der Außenbezug von zur Existenz notwen 
digen Gütern im Kriegsfall in Frage gestellt werden konnte, 
so konnte es nützlich erscheinen, den Handel damit zu unter 
drücken. Allerdings hatte man in diesem Falle teurere Preise 
für die im Inland hergestellten Produkte zu zahlen, als wenn 
man sie vom Ausland bezogen hätte. Der Preisunterschied 
stellte eine Prämie dar für die Sicherheit und das Vorhanden 
sein von Existenzmitteln im Kriegsfall. Andererseits sicherte 
der Schutzzoll eine Verwendungsgelegenheit für die im Inland 
vorhandenen Kapitalien und Arbeitskräfte zu einer Zeit, wo 
sie draußen nur schwer und unsicher zu verwerten waren. 
Auch vermehrte er die innere Produktion der geschützten 
Güter, wenn er auch die Gesamtproduktion verringerte. 
Das Schutzzollsystem ergänzte also die allgemeine äußere 
Politik des Kriegszustandes. Es schloß Handelsbündnisse und 
-Verträge nicht aus, ordnete diese aber den politischen Bünd 
nissen unter. Resultat desselben war aber Vermehrung der 
Lasten für die Allgemeinheit der Kulturvölker, weil die ein 
heimischen Konsumenten den einheimischen Produzenten für 
die geschützten Produkte mehr zahlen mußten, als wenn der 
Handel frei gewesen wäre, und Verringerung der Produktivkraft 
der Menschheit, wegen der künstlichen Züchtung der verschie 
denen Gewerbe an ungünstigem Standort. Das war aber nur 
der geringere Schaden des Kriegszustandes und der ihm an 
gepaßten Handelspolitik. 
In dem Maße, als sich die wirtschaftliche Konkurrenz 
entwickelte, hat sich über alle Zoll- und politischen Grenzen 
hinaus ein Wirtschaftsstaat gebildet, in welchen jedes Volk seinen
        <pb n="107" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
81 
Anteil zum Tausch einbringt 1 ). In diesem neuen Staate, der 
sich bereits über den größten Teil der Erde erstreckt, verkehren 
Produkte, Kapitalien und Arbeitsverkäufer aller Nationen. Diese 
haben aufgehört, vom Auslande unabhängig zu sein; zum Er 
satz dafür werden sie durch die Solidarität der Interessen, welche der 
Tausch verkehr zwischen ihnen begründet, und zwar umsonst, vor 
den Gefahren bewahrt, gegen welche das Schutzzollsystem sie 
unter großen Kosten schützen sollte. Dieses System hemmt aber, 
wo es andauert, die Schaffung und Ausdehnung der Interessen 
solidarität, in der allein ein wirksamer Schutz für die allge 
meine Sicherheit liegt. In der neuen Lage der Dinge, die für 
Produkte, Kapitalien und Arbeit einen Weltmarkt geschahen 
hat, ist der Schutzzoll ein Hemmnis für den Fortschritt und 
die Entwicklung der Industrie und eine Ursache der Verarmung 
und Dekadenz derjenigen Nationen, welche ihm treu bleiben. 
Früher hatte die Verteuerung des Konsums, die das 
Schutzzollsystem bewirkte, eine doppelte Kompensation : einmal 
in der Sicherheit der Verproviantierung, welche die Unabhängig 
keit vom Ausland mit sich brachte, dann in der Verwendungs 
gelegenheit, welche es den disponiblen Arbeitskräften und Ka 
pitalien im Inland sicherte. Heute, wo die Interessensolidarität 
der Völker die Verproviantierung kostenlos sichert, wirkt das 
Schutzzollsystem, da es die Ausdehnung des internationalen 
Handels hemmt, der Sicherheit der Verproviantierung eher ent 
gegen. Ebenso verringert es, indem es die inländischen Kapi 
talien und Arbeitskräfte im Lande festhält, die Verwendungs 
gelegenheit derselben. 
Es ist darum notwendig geworden, die politischen, mora 
lischen und wirtschaftlichen Gesetze und Einrichtungen, welche 
den Kriegszustand und die davon beeinflußte Handelspolitik 
künstlich aufrecht erhalten, zu beseitigen. Dieses zu veranlassen, 
ist die Aufgabe der Nationalökonomie. Zwar würden die wirt 
schaftlichen, politischen und moralischen Probleme, welche die 
Schaffung des Friedenszustandes stellt, unter dem Antrieb der Ge 
setze der Kraftersparnis und der Konkurrenz auch ohne die 
Dazwischenkunft der Wissenschaft gelöst, aber nur auf dem 
Wege kostspieligen Tastens und Versuch ens. Letzteres erspart die 
b ibid. p. 33. 
de Wall a, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
6
        <pb n="108" />
        82 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Wissenschaft, indem sie die Lehren der Beobachtung und Er 
fahrung sammelt 1 ). 
Gegenstand der Wirtschaftswissenschaft sind die Erschei 
nungen der Produktion, der Verteilung und des Verbrauchs von 
Brauchbarkeiten. Sie alle werden durch die Naturgesetze der 
Kraftersparnis und der Konkurrenz regiert. 
Im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens steht der Wert. Der 
Wert ist eine durch Arbeit erzeugte Brauchbarkeit 2 ). Die Wirk 
samkeit des Gesetzes der Konkurrenz wird auf ein Maximum er 
höht durch das Mitwirken des Gesetzes der Progression der Werte. 
Dieses besagt, daß der Wert eines Gutes nicht bloß pro 
portioned zur gesteigerten Nachfrage, sondern progressiv steigt. 
„Wenn das Verhältnis der Mengen zweier Produkte oder Dienst 
leistungen, welche zum Tausch angeboten werden, in arithme 
tischer Progression wechselt, so wechselt das Verhältnis der 
Werte dieser beiden Produkte in geometrischer Progression“ 3 ). 
Die Erzeugung von Brauchbarkeiten geschieht durch die 
Betätigung des Kapitals. Man nennt sie Arbeit; sie ist Arbeit 
des Menschen, Arbeit der Natur, Arbeit der Maschinen und 
Werkzeuge. Das Kapital ist ein persönliches, unbewegliches 
oder bewegliches 4 ). Persönliches Kapital sind Unternehmer, An 
gestellte und Arbeiter; unbewegliches Kapital sind angeeignete 
Naturkräfte, insbesondere Boden, Meliorationen, Gebäude, Ma 
schinen und Werkzeuge; bewegliches Kapital sind Rohstoffe und 
Vorschüsse an Lebens- und Unterhaltsmitteln. Diese drei Arten 
von Kapital oder Produktionsagentien sind in verschiedenem 
*) ibid. p. 52. 
2 ) ibid. p. 57. 
3 ) Es gibt jedoch Unterschiede im Aufbau dieser Progression, je nachdem 
das betreffende Gut oder die betreffende Dienstleistung ein mehr oder weniger 
notwendiges Bedürfnis zu befriedigen geeignet ist. Im Falle einer Hungersnot 
steigert die Verringerung der auf dem Markte angebotenen Getreidemengen den 
Getreidepreis in geometrischer Progression. Wenn es sich um weniger not 
wendige Artikel handelt, z. B. um Orangen, verringert jede Preissteigerung die 
Nachfrage fühlbar und so wird die Preissteigerung verlangsamt. Welches aber 
auch die Waren seien, um die es sich handelt: die Zu- oder Abnahme der ange 
botenen Menge bewirkt immer eine Zu- oder Abnahme des Preises, die der 
angebotenen Menge nicht einfach proportional ist, sondern progressiv steigt oder 
fällt, ibid. p. 68. 
4 ) ibid. p. 56.
        <pb n="109" />
        83 
Die Gruppe der Unentwegten 
Verhältnis vereinigt, je nach Art der Produktion; unter dem 
Einfluß des Fortschritts wird dieses Verhältnis verschoben *). 
Das Gesetz der Kraftersparnis hat zur Arbeitsvereinigung, 
dann zur Arbeitsteilung geführt. Arbeitsteilung aber impliziert 
Tausch. Diese drei: Arbeitsvereinigung, Arbeitsteilung und Tausch 
sind die wesentlichen Merkmale des heutigen Wirtschaftslebens. 
Der Tausch geschieht nach den Gesetzen von Angebot und 
Nachfrage, der Konkurrenz und der Progression der Werte. 
Von den Ausführungen Molinaris über die drei Kapital 
arten oder Produktionsagentien seien nur diejenigen, welche das 
persönliche Kapital betreffen, herangezogen. 
Die Produktion des Menschen 1 2 ) gehorcht denselben Gesetzen 
wie die der andern Brauchbarkeiten. Sie ist ein Unternehmen 
wie jedes andere. „Dieses Unternehmen muß seine Kosten 
decken, damit die Produktion fortgesetzt werden könne, und 
muß einen Reingewinn abwerfen, damit sie vermehrt werden 
könne. Das geschieht offenkundig, wenn die Produktion 
des Menschen unter dem Regime der Sklaverei geschieht. 
In den Sklavenstaaten der amerikanischen Union zum Beispiel 
war die Sklavenproduktion ein wichtiger Zweig der Land 
wirtschaft; sie war spezialisiert und in Gegenden zentrali 
siert worden, wo sie mit den geringsten Kosten und dem 
größten Gewinn bewerkstelligt werden konnte“ 3 ). Aber die 
wirtschaftlichen Naturgesetze regieren die Produktion der Freien 
ebenso wie die der Sklaven. „Die Produktion des Menschen 
geschieht immer in Voraussicht eines Gewinnes; nur die Natur 
dieses Gewinnes wechselt. An Stelle des gewerblichen Gewinnes, 
den der Sklavenzüchter anstrebte, tritt ganz oder teilweise ein 
physisch-ethischer Gewinn. ... In den unteren Klassen bringt die 
Produktion des Menschen einen Gewinn, der zugleich gewerb 
lich und physisch-ethisch ist. Der gewerbliche Gewinn besteht 
in der so frühzeitig als möglich beginnenden und so lange als 
möglich ausgedehnten Ausbeutung der Arbeit der Kinder; der 
physisch-ethische besteht in den Freuden des Familienlebens. 
.... In den oberen Klassen ist letzterer der einzige, der aus 
1) ibid. p. 171 und 185. 
2 ) ibid. p. 90 ff. 
3 ) ibid. p. 91.
        <pb n="110" />
        Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
84 
der Produktion des Menschen gewonnen wird. Darum ist die 
Kinderzeugung manchmal überreichlich in den unteren Klassen, 
während sie in den oberen ungenügend bleibt und es von Tag 
zu Tag mehr wird Die Produktion des Menschen wird, 
wie jede andere, begrenzt, einmal durch das dafür verfügbare 
Kapital und vorher durch den Gewinn, welchen sie einbringen 
kann, und dessen Höhe, verglichen mit derjenigen des Gewinnes 
der andern Produktionszweige. Bei der Sklavenproduktion be 
stimmte die Nachfrage die Höhe des Gewinnes . . . ., bei der 
Produktion der Freien geht es, genau betrachtet, ebenso. Wenn 
die Nachfrage nach Arbeitskräften das Angebot übersteigt, z. B. 
nach einer Seuche oder einem Kriege, oder wenn neue Erfin 
dungen, Entwicklung von Verkehrsmitteln, Verringerung von 
Zöllen das Absatzgebiet der Industrie erweitern und damit das 
der Arbeit, so steigt der Gewinnanteil des persönlichen Kapitals. 
Die Menge erhält höhere Löhne, sie kann mehr ersparen, und 
dieses Mehr an Kapital wird natürlicherweise zu den vorteil 
haftesten Verwendungen hingezogen. Unter diesen Verwen 
dungen steht an erster Stelle die Aufziehung eines Mehrs an 
Bevölkerung. ... Im entgegengesetzten Falle, wenn der Absatz 
aus irgend einem Grunde stockt, sinken die Löhne, die Kapital 
ersparnis ist geringer, der Gewinn, den ein auf die Produktion 
des Menschen verwendetes Kapital abwirft, verringert sich, 
und die Bevölkerungszunahme nimmt ab, bis das Gleichgewicht 
von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte auf dem 
Niveau der Produktionskosten zuzüglich des Gewinnes, welcher 
dem der andern Verwendungsarten des Kapitals gleichkommt, 
wieder hergestellt ist“ '). 
„Es gibt eigentlich keine Bevölkerungsgesetze. Es gibt Natur 
gesetze, welche die Produktion des Menschen regieren wie jeden 
andern Produktionszweig“ 1 2 ). 
Die Naturgesetze der Kraftersparnis und der Konkurrenz, 
welche die Produktion der Brauchbarkeiten regieren, bestimmen 
auch deren Verteilung unter die Faktoren der Produktion: per 
sönliches, unbewegliches und bewegliches Kapital 3 ). „Die- 
1 ) ibid. p. 95—100. 
2 ) ibid. p. 110. 
3 ) ibid. p. 172 ff.
        <pb n="111" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
85 
selben Gesetze, welche den Fortschritt veranlassen und dessen 
Früchte allen zuteil werden lassen, verwirklichen Ordnung und 
Gerechtigkeit im Wirtschaftsleben, indem sie die Produktion mit 
dem Verbrauch in Einklang bringen und jedem Produktions 
zweig seine notwendige Entlohnung verschaffen“ x ). 
„Das Naturgesetz der Verteilung der Resultate der Pro 
duktion unter die verschiedenen Produktionsfaktoren ist die 
Äquivalenz' i) 2 ).“ Sie ist ein Korollar der beiden Gesetze der 
Kraftersparnis und der Konkurrenz. Es besteht Äquivalenz 
zwischen den verschiedenen Verwendungen, die man erspartem 
Kapital geben kann, sei es, daß man es in persönlichem, un 
beweglichem oder beweglichem Kapital anlege. Denn wenn 
eine Verwendung vorteilhafter ist als die andern, strömen sofort 
die Kapitalien dorthin, bis die Konkurrenz die Äquivalenz der 
Entlohnung wieder hergestellt hat. 
Die notwendige Entlohnung des persönlichen, beweglichen 
und unbeweglichen Kapitals ist Kostendeckung zuzüglich des not 
wendigen Unternehmergewinns. Der notwendige Unternehmer 
gewinn ist derjenige Bruchteil des Reingewinns eines Unter 
nehmens, der strikt erforderlich ist, um die verbrauchte Zeit 
zu entlohnen 3 ). Der notwendige Unternehmergewinn verteilt 
sich proportional auf die verschiedenen Mitwirkenden beim 
Produktionsprozeß (persönliches, bewegliches und unbewegliches 
Kapital). Erhält einer der drei über seinen verhältnismäßigen 
Anteil hinaus, so wird es für die. Kapitalien sofort vorteilhaft, 
jenem zuzuströmen, sei er Mensch oder Ding, bis das Gleich 
gewicht wieder hergestellt ist. Dasselbe Gesetz, das die Äqui 
valenz der Gewinne unter den verschiedenen Produktions 
zweigen veranlaßt, wirkt ebenfalls auf die Gleichmachung der 
Anteile der drei Kapitalarten innerhalb eines jeden Produktions 
zweiges hin. Man darf jedoch nicht aus dem Auge verlieren, 
daß die notwendige Entlohnung nur ein ideeller Punkt ist, zu 
welchem die tatsächliche Entlohnung hinstrebt 4 ). 
Außerdem unterliegt die naturgesetzliche Entlohnung des 
persönlichen Kapitals einer organischen Störung, welche die Arbeiter 
i) ibid. p. 169. 
*) ibid. p. 174. 
9 ) ibid. p. 168. 
*) ibid. p. 211—212.
        <pb n="112" />
        86 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
allerdings zu beseitigen in der Lage sind ff. Sie beruht auf 
der Verknüpfung der Triebfedern physisch - ethischen und 
gewerblichen Gewinnes dort, wo es sich um die Produktion 
von persönlichem Kapital handelt. Weil der Arbeiter von der 
Kinderzeugung neben dem physisch-ethischen Gewinn einen 
gewerblichen durch die Ausbeutung der Arbeitskraft seiner 
Kinder erwartet, legt er selbst dann noch seine Ersparnisse in 
persönlichem Kapital an, wenn der Gewinn, den dieses abzu 
werfen vermag, unter denjenigen von beweglichem und unbe 
weglichem Kapital gesunken ist. „Wenn die Kinderzeugung 
wie in den höheren Klassen, eine Last für die Eltern wäre, 
statt ihnen einen gewerblichen Gewinn einzutragen, würde 
wahrscheinlich die Zeugung ungenügend sein und der Lohn 
über seinen notwendigen Satz steigen“ 2 ). 
Neben die übermäßige Kinderzeugung als Ursache der 
heutigen prekären Lage der Arbeiter tritt deren Abhängigkeit 
von den Unternehmern 3 ). Bei jedem Unternehmen geschieht der 
Einkauf von Rohstoffen und die Miete der benötigten Immo 
bilien unter Gleichheitsverhältnissen, die für die Anwerbung 
von Arbeitern gewöhnlich nicht zutreffen. Wenn das Preis 
angebot des Unternehmers den Rohstoff Verkäufern und Gebäude 
vermietern zu gering erscheint, so können sie warten, bis die 
Marktlage sich zu ihren Gunsten bessert. Die Arbeiter aber 
können nicht warten, weil sie keinen genügenden Vorschuß an 
Unterhaltsmitteln besitzen. Weil deshalb das Arbeitsangebot 
intensiver ist als das Lohnangebot, kann der Lohn unter den 
notwendigen Satz sinken. Dieses Sinken „kommt zum Ausdruck 
in übermäßiger Arbeitsdauer und ungenügender Entlohnung. 
Die Unternehmer, nicht nur die Arbeiter, haben an dieser Sach 
lage Schaden. Zunächst veranlaßt allerdings ein Sinken der 
Löhne das Steigen des Unternehmergewinns ; dies aber zieht die 
Kapitalien in die betreffende Branche, und die Konkurrenz be 
wirkt alsbald das Sinken des Unternehmergewinnes, häufig unter 
die ursprüngliche Höhe. Der Konsument profitiert alsdann von 
der geringen Lohnhöhe. Aber nicht lange. Denn ungenügend 
entlohnte Arbeit verliert rasch an Qualität, wenn nicht an 
') ibid. p. 218 
2 ) ibid. p. 219. 
3 ) ibid. p. 212 ff.
        <pb n="113" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
87 
Quantität, und das Ende vom Lied ist Verschlechterung und 
Verlust von Produktivkräften und Dekadenz der Industrie“ x ). 
Um hier Remedur zu schaffen, müssen: L die Umstände, welche 
den Arbeiter der Gewalt des Unternehmers ausliefern, und 
2. die unordentlichen Gelüste und die schmutzige Berechnung, 
welche ihn treiben, sich übermäßig zu vermehren, geändert 
werden. Dazu sind geeignet die Mobilisierung der Arbeit mittels 
Arbeitsbörsen und die Verringerung des Gewinnes aus der Aus 
beutung der Kinderarbeit. 
Mit diesen Forderungen sind wir zu Molinaris Wirt 
schaftspolitik, welche er in seinem Programme Economique 
entwickelt, gelangt. Sie erstreckt sich auf folgende Gebiete : 
Freihandel, Versicherung gegen den Krieg, Vereinfachung des Staates, 
Vereinheitlichung der Märkte, Mobilisierung der Arbeit, self govern 
ment und angängige Bevormundung 1 2 ). 
1. Der Freihandel. Die historische Begründung des Frei 
handelspostulates bei Molinari wurde oben skizziert. Molinari 
faßt sie zusammen in den Satz: „Der Freihandel ist die un 
entbehrliche Vorbedingung des Fortschritts der Konkurrenz, 
die das Vehikel aller andern Fortschritte ist“ 3 ). 
2. Versicherung gegen den Krieg. „Da der Krieg, nachdem 
er produktiv gewesen, schädlich geworden ist und einen Verlust 
an vitalen Kräften verursacht, welcher nicht mehr durch Er 
höhung der gemeinsamen Sicherheit ausgewogen wird, so ver 
langt das allgemeine und permanente Interesse des Menschen 
geschlechtes die Beseitigung des Krieges“ und die Reduktion 
der stehenden Heere der Kulturvölker auf ein Mindestmaß 4 ). 
Molinari schlägt die Gründung einer Liga der Neutralen zur Er 
haltung des Friedens unter den Kulturvölkern vor. Ihre Mis 
sion bestände darin, „ihre Kräfte zu denen eines jeden durch 
einen andern angegriffenen Staates, welches auch der Grund 
oder der Vorwand des Angriffs sei“, zu fügen. „Die Inter 
vention der Liga würde den Krieg unmöglich machen.“ Auf 
diese Weise würden die Kriegsrüstungen zum großen Teil un 
nütz werden. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung 
1) ibid. p. 219—220. 
2 ) ibid. p. 381 ff. 
3 ) ibid. p. 390. 
4 ) ibid. p. 890—391.
        <pb n="114" />
        Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
88 
würden sie auf ein Mindestmaß reduziert, „welches nur mehr 
in der zur Gewährleistung der Sicherheit im Innern not 
wendigen Polizeimacht und in einem zur internationalen Heeres 
macht gestellten Kontingent bestehen würde. Diese Macht hätte 
zur Aufgabe, jede Nation, ob zivilisiert oder nicht, zu verhin 
dern, den Frieden zu brechen. Da nun der Krieg in der Ge 
meinschaft der Kulturvölker verboten wäre, wie er es zwischen 
Individuen einer Volksgemeinschaft ist, würden die Zwistig 
keiten, welche unter den Staaten entständen, durch Schieds 
sprüche, oder durch von der Liga eingesetzte und anerkannte 
Gerichtshöfe, deren Urteilssprüche durch das Ligaheer in 
Vollzug gesetzt werden könnten, geregelt. Diese Friedens 
versicherung würde der Kulturwelt alle äußere Sicherheit ver 
schaffen, deren sie gegenüber dem, was von der unzivilisierten 
Welt bleibt, bedarf, und würde die Kosten ihres Verteidigungs 
apparates um wenigstens neun Zehntel verringern, sowie ihr 
die Schäden innerer Kämpfe ersparen, welche, nachdem sie 
nützlich gewesen waren, schädlich geworden sind“ 1 ). 
3. Vereinfachung des Staates. „Der Staat war ursprünglich 
und ist noch in erster Linie ein Versicherungunternehmen zum 
Schutze von Leben und Eigentum. Das ist seine natürliche 
Funktion und das ihm eigentümliche Gewerbe, ob es nun von 
einer Gesellschaft, einer Kaste oder einer Dynastie, wie unterm 
ancien régime, oder von den Sicherheitskonsumenten selbst, 
wie heute, ausgeübt wird 2 ). . . .“ So lange der Staat eine 
Festung war, die beständig belagert wurde, oder in Gefahr war, 
es zu werden, mußte man möglichst alles im Innern produ 
zieren, zahlte aber auch mehr dafür, was eine Sicherheitsprämie 
bedeutete. So war es zur Zeit des Kriegszustandes. Dieses 
wird heute, dem Gesetz der Kraftersparnis zum Trotz, unge 
rechtfertigterweise verlängert. „Den Staat vereinfachen, die 
Regierungen auf die Rolle von Sicherheitsproduzenten redu 
zieren, indem man ihnen alle Attributionen und Funktionen 
x ) ibid. p. 392—393. Vgl. hierzu auch G. de Molinari, Morale écono 
mique, Paris 1888, Anhang: Projet d’association pour l’établissement d’une ligue 
des Neutres und G. de Molinari, Questions d'économie politique et de droit 
public, Paris 1861, Bd. II, p. 273 ff. 
2 ) Molinari, loc. cit. p. 361.
        <pb n="115" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
89 
nimmt, welche sie usurpiert haben und täglich mehr aus dem 
Gebiete der Privattätigkeit ungerechtfertigterweise an sich 
reißen, in einem Wort: an die Stelle des sozialistischen Staates, 
der auf dem Wege ist, universeller Produzent zu werden, 
den 'Nachtwächterstaat (état gendarme) der Väter der National 
ökonomie zu setzen, das ist der dritte Artikel, keineswegs der 
unbedeutendste, eines volkswirtschaftlichen Programmes“ x ). 
4. und 5. Vereinheitlichung der Märkte und Mobilisierung der 
Arbeit. Verallgemeinerung der Sicherheit, Beseitigung oder 
Verringerung des Hemmnisses der Entfernung, kommerzielle 
und finanzielle Veranstaltungen, welche Produkte und Kapitalien 
von den Orten der Produktion zu denen des Verbrauchs 
bringen, haben bereits eine weitgehende Vereinheitlichung der 
Produkten- und Kapitalmärkte bewirkt. Eine Folge davon, 
zunächst bei Artikeln des Massenbedarfs, ist die Vereinheit 
lichung und was man nennen könnte : „Impersonalisation“ der 
Preise 2 ). 
Diese Fortschritte sind jedoch erst in sehr unzureichendem 
Maße auf die Märkte für persönliches Kapital oder Arbeit 
vorgedrungen. Dort ist die Ungleichheit in der Lage der 
Kontrahenten, die ungleiche Intensität des Bedürfnisses zu 
verkaufen und zu kaufen, der Hauptfaktor der Preisbildung 
— zu Ungunsten des schwächeren Teils „der Arbeiter“ — ge 
blieben 3 ). 
„Der Weg der Koalitionen und der Arbeitseinstellungen 
ist, trotz deren Kostspieligkeit und Schädlichkeit, auf beschränk 
tem Markte das einzige wirksame Mittel, über welches die Ar 
beiter verfügen, um die ungleiche Intensität der Bedürfnisse des 
Arbeitsverkäufers und des Käufers zu mildern, insbesondere wenn 
der Arbeiter isoliert einer kleinen Zahl von mächtigen Unter 
nehmern gegenübersteht. Wird aber die Arbeit leichter zu mobili 
sieren, werden die isolierten und begrenzten Märkte der Ware 
„Arbeit“ miteinander verbunden, so daß sie einen allgemeinen 
Markt ausmachen, auf welchem die Konkurrenz wirksam sein 
kann, ohne auf Hindernisse zu stoßen, so wird der Preis der 
Arbeit nicht mehr durch die Intensität der Bedürfnisse der 
!) ibid. p. 394-396. 
a ) ibid. p. 398 ff. 
*) ibid. p. 334 ff. und p. 405.
        <pb n="116" />
        90 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Tauschenden bedingt. Vielmehr wird das Verhältnis der (an 
gebotenen und verlangten) Quantitäten denselben bestimmen, 
wie dies schon für die Cerealien, Rohstoffe und beweglichen 
Kapitalien der Fall ist. Dann werden Koalitionen und Arbeits 
einstellungen den Arbeitern nichts mehr nützen, sondern schäd 
lich sein. Da jede Koalition zum Zweck hätte, die Arbeit mit 
Beschlag zu belegen und deren Angebot auf dem unbeschränkten 
Markte zu suspendieren, so würde sie fehlschlagen, wie es die 
Talg-, Kupfer- und andere Kartelle getan haben. Sobald man 
dies eingesehen hat, würden die Koalitionen aufhören. Unter 
dem regulatorischen Einfluß unbeschränkter Konkurrenz würde 
der Preis der Arbeit, wie der der andern Waren, um den Be 
trag der Produktionskosten zuzüglich des notwendigen Unter 
nehmergewinnes gravitieren. Alsdann würde der Bürgerkrieg 
zwischen Kapital und Arbeit aufhören, wie es mit dem Kampfe 
zwischen den Produzenten und den Konsumenten der notwen 
digen Lebensmittel geschehen ist, als der Markt derselben der 
Konkurrenz frei zugänglich wurde.“ 
„Die Mobilisierbarkeit der Arbeit vermehren, das ist der Fort 
schritt, der verwirklicht werden muß, um die soziale Frage zu 
lösen. Dieser Fortschritt wird bedingt: einmal durch die Ver 
vielfältigung und Verbilligung der Verkehrsmittel . . ., dann 
durch die Entwicklung des Zwischenfaktors: Handel in Arbeit, 
nach dem Beispiel der Zwischenfaktoren im Produkten- und 
Effektenhandel“ '). 
Dieser Zwischenfaktor bestand für die Sklavenarbeit. Wenn 
er für die freie Arbeit in der Entwicklung zurückgeblieben ist, 
so liegt das an den gesetzlichen und administrativen Hemm 
nissen, welche den Stellenvermittlungsbureaus und Auswande 
rungsgesellschaften entgegengestellt werden ; auch an dem Miß 
trauen, das Arbeiter und Arbeitgeber Zwischenpersonen entgegen 
bringen 2 ). 
Völlig ungeeignet, die nötige Mobilisierung der Arbeit 
herbeizuführen, sind die Gewerkvereine; denn nicht nur sind sie 
allgemein dem Unternehmertum feindlich gesinnt, sondern sie 
haben auch weder Kapital, noch Kredit, noch Geschäftssinn, 
') ibid. p. 405—406. 
s ) ibid. p. 403 und p. 335 ff.
        <pb n="117" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
91 
noch Marktkenntnis. Uebrigens bleiben die Arbeitsorgani 
sationen machtlos an denjenigen Orten und in denjenigen Be 
rufen, wo das Angebot die Nachfrage übersteigt. Hier kann nur 
Mobilisierung der Arbeit dem Raume nach helfen und diese 
kann nur eintreten „durch Schaffung eines Zwischenfaktors, der 
Arbeitsproduktion und Arbeitshandel trennt. Heute muß der 
Arbeiter noch zumeist die beiden natürlich voneinander ver 
schiedenen Funktionen des Arbeitsproduzenten und des Händ 
lers in Arbeit verrichten. Für letztere besitzt er weder Zeit, 
noch Mittel, noch nötige Marktkenntnis. Allem Anscheine nach 
wird der Handel in Arbeit in absehbarer Zukunft, ähnlich dem 
Handel in Getreide und Massenkonsumartikeln und so, wie er 
es zur Zeit der Sklaverei war, von Privatunternehmern organi 
siert werden, welche mit Kapitalien gut versehen sind und 
prompte und sichere Informationsmittel besitzen, um regel 
mäßig die Arbeit von dort, wo deren Angebot die Nachfrage 
übersteigt, an Orte zu schaffen, wo die Nachfrage höher ist als 
das Angebot“ 1 ). Das sind Molinaris Arbeitsbörsen, von denen 
er die Lösung der sozialen Frage erwartet! 
6. und 7. Selfgovernment und angängige Bevormundung. Eine 
unparteiische Untersuchung der Ursachen der heutigen Leiden 
der Arbeiterklasse zeigt, daß „die Unfähigkeit der Arbeiter, ihr 
persönliches Kapital zu verwalten“, der Mangel an individueller 
Selbstführung die Hauptschuld an allem Übel trägt 2 ). 
Die „Verwaltung des persönlichen Kapitals“ verlangt Spar 
sinn und Voraussicht; sie erheischt eine Verteilung des Ein 
kommens auf die gegenwärtigen und die zukünftigen Bedürf 
nisse, sowie auf die Wiedererzeugung des persönlichen Kapitals. 
Dem Sklavenbesitzer war diese Verteilung leicht; er legte dem 
Sklaven einfach die seinen Interessen entsprechenden Regeln, 
Unterhalt und Zeugung betreffend, auf. Der freie Arbeiter, der 
sich selbst diese Regeln auferlegen soll, hat häufig nicht die ge 
nügende Kenntnis von seinem Interesse und hat außerdem 
Schwierigkeiten und Versuchungen zu überstehen, welche der 
Sklavenbesitzer nicht kannte. Er muß Faulheit, Trunksucht 
und Geschlechtstrieb selbst bekämpfen, was früher für ihn der 
*) ibid. p. 388. 
s ) ibid. p. 341 ff. und p. 410 ff.
        <pb n="118" />
        92 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Sklavenhalter tat. Seine dem Unternehmer gegenüber inferiore 
Stellung bewirkt, daß er ungenügenden Lohn erhält. So kommt 
er dazu, die Arbeitskraft seiner Frau und seiner Kinder auf den 
Markt zu bringen. 
Die Befreiung der Arbeiter aus der früheren Bevormundung 
(Sklaverei, Hörigkeit, Zünfte) haben zweifellos die Produktivität 
der Arbeit erhöht und zu dem außerordentlichen wirtschaft 
lichen Aufschwung unserer Tage beigetragen. Von den Vor 
teilen der Freiheit haben die befreiten Klassen den größten 
Teil gehabt: die tüchtigsten Individuen haben sich zum Wohl 
stand aufgeschwungen, viele haben ihre Lage verbessert. Die 
Lage der Mehrzahl hat sich allerdings nicht nur nicht im Ver 
hältnis zum Anwachsen des Reichtums gebessert, sondern ist 
auch elender und unsicherer geworden als vorher. Dies liegt: 
1. an der künstlichen Verlängerung des Kriegszustandes und 
des Schutzsystems, die den heutigen Existenzbedingungen 
der zivilisierten Völker nicht mehr entsprechen und diesen 
Lasten auferlegen, deren Gewicht letztlich auf die ärmsten und 
zahlreichsten Volksklassen fällt; 2. an der ungleichen Stellung 
der Arbeiter gegenüber den Arbeitgebern, welche eine Folge 
ungenügender „Mobilisierbarkeit“ der Arbeit ist; 3. an der Un 
fähigkeit der Mehrheit der Arbeiterklasse, ihren Verbrauch und 
ihre Wiedererzeugung so zu regeln, daß sie ihr persönliches 
Kapital erhalten und zweckdienlich vermehren. 
Diese Unfähigkeit hat sich in ganz bedeutender Zunahme 
der Trunksucht und in maßloser Kinderzeugung geäußert 1 ). Sie 
hat physische und ethische Verkommenheit, Pauperismus und 
Kriminalität nach sich gezogen; für die Gesamtheit bedeutete 
sie einen kolossalen Verlust an Produktivkräften. „Wenn man 
bedenkt, daß auf die destruktive Konkurrenz des Kriegs 
zustandes eine produktive Konkurrenz, die immer tätiger wird, 
gefolgt ist, so kommt man zu der Einsicht, daß diejenigen Völker, 
in denen die meisten Individuen leben, welche unfähig sind, 
ihr persönliches Kapital zu erhalten und zweckdienlich zu ver- 
b „Diese ist weniger auf Rechnung des Mangels an Voraussicht zu stellen, 
denn auf Rechnung des mangelnden Verantwortlichkeitsgefühls der Vaterschaft 
und der schmutzigen Berechnung. Die egoistische Ausbeutung der Kinderarbeit: 
das war die Haupt-, wenn nicht die einzige Ursache, welche die Vermehrung 
der Kinder veranlaßte.“ G. de Molinari, ibid. p. 348.
        <pb n="119" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
93 
mehren . ., im Kampfe ums Dasein untergehen und denen Platz 
machen müssen, bei denen die Menge des self governments 
fähiger ist oder, wenn nicht, unter einer Bevormundung steht 
bezw. sich selbst unter eine solche stellt, welche die Selbst 
führung ersetzt"*). 
Der Unfähigkeit zur Selbstführung kann entgegen gewirkt 
werden durch Repressionsmittel, durch Erziehung zur Selbstbestim 
mung und durch Bevormundung 2 ). 
Die Repressionsmittel, über welche die Völker verfügen, 
sind die öffentliche Meinung, die öffentliche Gewalt und die Religion. 
Ein volkswirtschaftliches Programm wird die graduelle Vervoll 
kommnung dieses dreigliedrigen Apparates als Postulat in sich 
aufnehmen müssen. 
Nützlicher als diese Vervollkommnung wäre die Vervoll 
kommnung des Individuums und seiner Fähigkeit, sich selbst 
zu bestimmen. Diese wird aber nie eine vollständige sein 
können. Zunächst wird sie dem Kinde stets, dem Greise häufig- 
fehlen. Unter den erwachsenen Individuen wird immer nur ein 
Mehr oder Weniger davon zu erreichen sein. „Daher die Not 
wendigkeit der Bevormundung, d. h. der Regierung der Unfähigen 
oder minder Fähigen durch die Fähigern. Die Bevormundung kann 
oktroyiert sein : z. B. diejenige des Staates oder die des Familien 
vaters bis zur gesetzlichen Großjährigkeit der Kinder ; sie kann 
eine freie sein, wenn z. B. ein Individuum seinen Willen dem 
jenigen eines anderen Individuums oder einer Kollektivität 
unterwirft, die es zur Wahrung seiner Interessen für fähiger 
hält, als sich selbst. Nützlich ist aber die Bevormundung nur, 
insoweit sie die Entwicklung der Fähigkeit der Individuen, sich 
selbst zu bestimmen, nicht hindert. Das Individuum selbst ist 
der beste Richter über das Maß der ihm zuträglichen Bevor 
mundung, ausgenommen im Falle gänzlicher Unfähigkeit" 3 ). 
Der moderne Staat hat die Tendenz, seine Bevormundung, 
nachdem die der Feudalordnung und der Zünfte gefallen ist, 
das Bedürfnis nach Bevormundung aber fortbestanden hat, auf 
alle Klassen der Gesellschaft auszudehnen. Er ist aber zu dieser 
') ibid. p. 350—351. 
2 ) ibid. p. 414. 
3 ) ibid. p. 415—416.
        <pb n="120" />
        94 Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Funktion völlig ungeeignet. „Der Hauptfehler seiner Bevor 
mundung ist identisch mit dem, der die Abschaffung der früheren 
Bevormundungseinrichtungen veranlaßt hat. Er besteht darin, 
daß jene eine oktroyierte ist, daß sie die Individuen, welche 
fähig sind, sich selbst zu bestimmen, ebenso erfaßt, wie die 
unfähigen. Damit legt sie der zweckmäßigen Betätigung der 
Fähigen Hindernisse in den Weg, um die Unfähigen vor den 
schädlichen Wirkungen ihrer Unfähigkeit zu bewahren. Letzt 
lich wird auf diese Weise ein Verlust von Produktivkräften 
für die Menschheit veranlaßt“ *). Man wird also dahin streben 
müssen, die erzwungene, allgemeine und monopolisierte Bevor 
mundung des Staates durch freie und spezialisierte Bevormun 
dungen zu ersetzen. 
Die Verwirklichung seines volkswirtschaftlichen Programms 
will Molinari auf dem Wege der Erziehung und Aufklärung 
der öffentlichen Meinung erreichen. Er schlägt vor, unter Hin 
weis auf den Cobdenklub und dessen Wirken, eine internationale 
Liga zu gründen, welche die Kenntnis der volkswirtschaftlichen 
Naturlehre möglichst verbreiten soll ; daneben soll dieselbe eine 
permanente Enquete führen, um die schädlichen Folgen der mit 
den Naturgesetzen im Widerspruch stehenden gesetzlichen und 
Verwaltungsmaßnahmen und andererseits die nützlichen Wir 
kungen der den Naturgesetzen entsprechenden Reformen der 
Öffentlichkeit zu beweisen. Von einer so gearteten Bearbeitung 
der öffentlichen Meinung erwartet Molinari eine allgemeine Ab 
wendung vom Sozialismus und den endgültigen Sieg des „laisser 
faire, laisser passer“ 2 ). 
Wir sind bestrebt gewesen, in obigem ein anschauliches 
Bild von Molinaris volkswirtschaftlichen Anschauungen zu 
gewinnen, wenn auch mit der Sorge, keinen wesentlichen Zug 
außer acht zu lassen, diejenige tunlichster Kürze sich paaren 
mußte. Molinaris Denken ist ein naturwissenschaftlich 
mathematisches, seine mechanische Auffassung des Wirtschafts 
lebens ist auf soziologischer Grundlage fundamentiert, wie bei 
den Physiokraten, wie bei Dun o y er. Dabei zeichnet sich 
*) ibid. p. 418—419. Vgl. auch den Anhang von Molinaris Werk: Les 
lois naturelles, p. 307 if. 
2 ) Cr. de Molinari, loc. eit. p. 422 ff.
        <pb n="121" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
95 
Molinari dadurch aus, daß die charakteristischen Merkmale 
der Naturlehre des Wirtschaftslebens bei ihm schärfer hervor 
treten, als bei irgend einem andern Volkswirt der liberalen 
Schule. 
Molinari versteht es, das durchgreifende Beherrschtwerden 
aller Gebiete des Wirtschaftslebens durch die von ihm formu 
lierten Naturgesetze mit unerreichter Durchsichtigkeit vorzuführen. 
Nirgends tritt die Selbsttäuschung des induktiven Verfahrens 
bei tatsächlich rigorosestem Deduzieren mehr hervor, als in 
seinen Schriften. Sein Bestreben, alles unter dieselben Schab 
lonen zu rubrizieren, macht vor nichts Halt : die Produktion des 
Menschen wird ein Unternehmen, wie jedes andere, die freien 
Gaben der Natur werden zu Kapital, und die Grundrente ver 
schwindet, im Unternehmergewinn, unter dem alles nivellierenden 
Wirken der Konkurrenz. Das Streben nach dem größtmög 
lichen Gewinn erhält einen Herrschaftsbereich, den ihm noch 
keiner zu geben gewagt hat, und Löwe und Höhlenbär werden 
zu zielbewußt handelnden Wirtschaftssubjekten. Die Oberfläch 
lichkeit des Räsonnements übertrifft die sprichwörtlich gewor 
dene, gelegentliche Seichtheit J. B. Says, und Vernunft und 
Erfahrung werden in erstaunlicher Weise dem Spiele der Phan 
tasie und der vorgefaßten Meinung geopfert. Abstrakter und 
von der Wirklichkeit abgewendeter als bei Ricardo ist Moli 
naris Betrachtungsweise dort, wo es sich um die Arbeiter 
handelt. Man weiß in dieser Beziehung nicht, wovor man sich 
mehr wundern soll: vor seiner ahnungslosen Naivität und Un 
kenntnis des Lebens oder vor dem seinen Anschauungen 
inhärenten Zynismus. Kein Volkswirt hat die Wissenschaft 
mehr zu einer Geschäftsnationalökonomie des Unternehmertums 
herabgewürdigt als Molinari, keiner hat die Ablehnung jeg 
licher Staatseinmischung ins Wirtschaftsleben und das Evan 
gelium unbedingter Selbsthilfe so rücksichtslos weit verfolgt 
wie er. 
Trotz aller Durchsichtigkeit und Folgerichtigkeit in der 
allseitigen Beleuchtung des Wirtschaftslebens mit den Natur 
gesetzen der Kraftersparnis und der Konkurrenz, kann Moli 
nari der Vorwurf einer allgemeinen Unklarheit und Verworren 
heit in der Auffassung der von ihm rezipierten evolutionistischen 
Soziologie Herbert Spencers, sowie vieler kleiner logischer
        <pb n="122" />
        96 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Schnitzer im Aufbau seines Systems nicht erspart bleiben. End 
lich äußert sich der Mangel an kritischer Durchbildung des 
Urteils, auch ein charakteristisches Merkmal der liberalen 
Schule, bei Molinari in besonderer Weise in der Kühnheit, 
mit welcher er Hypothesen, ganz oder halbirrige Behauptungen 
und falsche Deutungen tatsächlicher Verhältnisse als feststehende 
Resultate der Wissenschaft behandelt 1 ). 
Dagegen verdient das Unterfangen, das freiwirtschaftliche 
Prinzip historisch und evolutionistisch zu fundamentieren, genau 
wie bei D uno y er und Coure eil e-Seneuil, Anerkennung. 
Bis ein solches Unternehmen aber einen definitiven wissenschaft 
lichen Wert beanspruchen kann, muß ein umfassenderer Aus 
bau der historischen und evolutionistischen Soziologie, als ihn 
Comte und Spencer bieten, und als überhaupt heute erreicht 
ist, abgewartet werden. Zur Begründung des Freihandelspostu 
lates und der Weltfriedensbestrebungen wird man immerhin bei 
Molinari brauchbare Ideen finden. 
Frédéric Passy, geb. 20. Mai 1822 in Paris, studierte Juris 
prudenz und trat als „auditeur“ beim Staatsrat in Paris ein 
Er verließ jedoch bald die Verwaltungslaufbahn und widmete 
sich dem Unterrichtsfach. Unter dem zweiten Kaiserreich war 
er Professor der Nationalökonomie an den Lehrerseminarien der 
Departements Seine und Seine-et-Oise, sowie an mehreren Pri 
vatschulen. 1863—65 hielt er eine Reihe von Propagandakursen 
in mehreren Städten des Südens (Bordeaux, Toulon, Nizza usw.) 
ab. 1874—1902 hatte er die Professur für Nationalökonomie 
an der Ecole des Hautes Etudes Commerciales inné. 1881—89 
war er Mitglied der Abgeordnetenkammer. Heute lebt er zurück 
gezogen in Neuilly bei Paris. 
Frédéric Passy, der Friedensapostel, ist eine auch in 
Deutschland wohlbekannte und gern gesehene Persönlichkeit. 
Seit vierzig Jahren ist er einer der Vorkämpfer der internatio 
nalen Friedensbestrebungen. Er erhielt den ersten Friedens 
preis der Nobelstiftung (1901). Sehr treffend charakterisiert ihn 
Professor Ch. Gide in folgendem: „F. Passy ist der Apostel der 
0 Vgl. H. Pesch, 8. J. loc. cit. p. 162.
        <pb n="123" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
97 
liberalen Schule. Letzter Schüler Bastiats 1 ) und jedenfalls 
der treueste und begeistertste, hat er seit mehr als vierzig 
Jahren den Freihandel, den sozialen Frieden, die Ersetzung des 
Krieges durch internationale Schiedsgerichte, wie überhaupt 
alles Große und Edle mit einer Überzeugung und einem Feuer 
verteidigt, die weder die Enttäuschung noch das Alter abzu 
kühlen vermochten. Er versteht es vortrefflich, Vorträge zu 
halten, ist mehr Redner als Theoretiker. Man findet etwas in 
ihm vom Geiste Bastiats und etwas von der Weisheit Franklins. 
Aber neue Ideen darf man bei ihm nicht suchen“ 2 ). 
Passys zahlreiche Publikationen sind entweder Gelegen 
heitsschriften, oder Sammlungen von Vorträgen. Er schreibt 
äußerst lebendig und eindringlich. In der Polemik kann er 
rücksichtslos scharf werden. Geradezu faszinierend ist sein auch 
heute noch von jugendlichem Feuer durchglühter Vortrag. In 
haltlich ist Passy bei Bastiat stehen geblieben. Für ihn ist 
Bastiat das letzte Wort der Wissenschaft, das allein selig 
machende Evangelium. Passys Vérités et Paradoxes (1894) sind 
eine Fortsetzung der Sophismes Bastiats. Die kleine Schrift unter 
nimmt es, gewisse alltägliche Redensarten von volkswirtschaft 
lichen und moralischen Gesichtspunkten aus zu widerlegen, z. B. 
„Der Gewinn des einen ist der Schaden des andern“ ; „Wer 
sein Vaterland liebt, muß das Ausland hassen“ ; „Si vis pacem 
para bellum“ usw. In den 60er und 70er Jahren des XIX. Jahr 
hunderts war Passys Tätigkeit eine wesentlich propagandi 
stische ; soweit der Pazifismus in Frage kommt, ist sie das auch 
heute noch. Die Fortschritte des Interventionismus auf wirt 
schaftlichem Gebiet in den letzten Jahrzehnten haben ihn jedoch 
in eine defensive Stellung gedrängt, aus welcher heraus er un 
ermüdlich und mit unerschütterlichem Glauben an den end 
gültigen Sieg des Freihandelspostulats und der Selbsthilfe auf 
sozialpolitischem Gebiete, Pfeil um Pfeil gegen die heutige Rich 
tung der Wirtschaftspolitik sendet. Seine Argumente entnimmt 
er samt und sonders den Schriften Bastiats 3 ). 
0 Den er zwar persönlich nicht kannte, dessen gesamte, hinterlassene 
Manuskripte er aber besitzt. 
2 ) Ch. Gide, loe. cit. in Schmollers Jahrbuch, 1895, p. 717—718. 
3 ) Vgl. F. Passy, Pages et Discours, Paris 1901 ; La loi de la vie, abon 
dance ou disette, Paris 1908 usw. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
7
        <pb n="124" />
        98 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Yves Guyot, geb. 6. Sept. 1843 in Dinan (Cotes-du-Nord) 
ist Publizist und Mitglied einer Reihe von Kommissionen, stän 
digen Ausschüssen usw. Vorübergehend war er Mitglied des 
Pariser Gemeinderats, der Abgeordnetenkammer, sowie drei Jahre 
Minister der öffentlichen Arbeiten. 
Yves Guyot ist ein äußerst dogmatischer Geist und eine 
temperamentvolle Kampfnatur. Sein Denken ist ein naturwissen 
schaftlich-mathematisches. Mit statistischen Daten weiß er 
virtuos umzugehen. Er ist der unversöhnlichste und leidenschaft 
lichste Gegner des Sozialismus in Frankreich *). Die Prügel, 
die ihm gelegentlich in reicher Menge für seine Polemik ver 
abreicht wurden, haben seinen Kampfesmut womöglich noch 
gesteigert. Mit kaum geringerer Verve, als gegen den Sozialis 
mus, kämpfte er übrigens auch gegen Protektionismus und 
Schutzzoll 2 ). Die meisten seiner Schriften haben eher den Cha 
rakter von Tagesliteratur als den von wissenschaftlichen Werken. 
Eine wirkliche Kompetenz besitzt er in Geld-, insbesondere Wäh 
rungsfragen, sowie in der Zuckerfrage 3 ). Er hat auch ein Lehr 
buch der Nationalökonomie verfaßt, das wenigstens den Vorzug 
der Originalität hat 4 ). 
Die Eigenart dieses Werkes beruht auf dem Formelsinn des 
Autors. Er rechtfertigt diesen wie folgt: „Die Menschen streben 
immer danach, die Gründe ihres Handelns zu vereinfachen. 
Bewußt oder unbewußt gelangen sie so dazu, sich in ihrem 
Handeln von irgend welcher Formel bestimmen zu lassen. 
Darum besteht die Arbeit des Forschers darin, falsche Formeln 
') Gegen den Sozialismus schrieb er hauptsächlich: Tyrannie Socialiste, 
1893; Les Principes de 1789 et le Socialisme, 1894; La Comédie Socialiste, 
1897 ; Les Conflits du Travail et leur Solution, 1903 ; Sophismes Socialistes et 
Faits Economiques, 1907; Le Collectivisme Futur et le Socialisme Présent und: 
La Banqueroute du Socialisme Scientifique in: Journal des Economistes vom 
15. Juli 1906 und vom 15. Februar 1907. 
*) Vg. La Comédie Protectionniste, 1905. 
8 ) La Question des Sucres, 1903; La Question de l'Or, 1908; vgl. auch 
Guyots Artikel in dem von ihm und A. Raffalovich herausgegebenen Diction 
naire du Commerce, de l'Industrie et de la Banque, 2 Bde. 1900, seine Artikel 
in Revue du Commerce, de l’Industrie et de la Banque, sowie Buch V seines 
Lehrbuchs der Nationalökonomie. 
4 ) La Science Economique, Schleicher, Paris 1881, 3. Aufl. 1907.
        <pb n="125" />
        ■~ T| ' şşWWņņņņņķMŞWņņņ 
Die Gruppe der Unentwegten 99 
durch richtige zu ersetzen 1 ). Das ganze, dicke Lehrbuch strotzt 
denn auch von Formeln. Diese sind bald Definitionen, bald 
resümierende Sätze, bald induktive oder auch deduktive Natur 
gesetze der Volkswirtschaft. G. de Molinari, an den sich 
Yves Guyot neben Ad. Smith, H. Spencer und Mac 
Cull och hauptsächlich anlehnt, kennt, wie wir sahen, bloß 
drei oder vier wirtschaftliche Naturgesetze. Bei Yves Guyot 
sind es einige Dutzend. Die Gewinnung eines solchen Natur 
gesetzes hat ein recht ansprechendes Aussehen. Eine partiku 
läre oder eine allgemeine Tatsache wird in der Form eines 
Beispiels, einer statistischen Tabelle oder einer graphischen 
Darstellung hingeworfen. Dann wird sie im Sinne der klassi 
schen Lehre interpretiert, in eine Formel gefaßt und das „in 
duktive Naturgesetz“ ist fertig. Es gibt aber auch „deduk 
tive Naturgesetze“. Als solche bezeichnet nämlich Guyot jede 
Anwendung eines induktiven Gesetzes auf einen neuen Fall von 
verallgemeinerter Tragweite. 
Man darf sich nun nicht, wie es Guyot selbst geschieht, 
durch den äußern Schein dieses Verfahrens über dessen eigent 
liche Natur täuschen lassen. Hinter dem ganzen Apparat von 
Beispielen und Zahlen verbirgt sich ein streng abstraktes, vor 
bestimmtes und deduktives Denken. Dies kommt Guyot ebenso 
wenig zum Bewußstsein, wie den meisten liberalen Volkswirten, 
welche die Nationalökonomie, wie sie sie lehren, für eine Beob 
achtungswissenschaft halten. 
Über die verwickelte Kausalität der wirtschaftlichen Er 
scheinungen setzt sich Guyot mit ungetrübter Sorglosigkeit 
hinweg. Er polemisiert in diesem Sinne gegen Brentano 2 )-. „Ab 
straktionen in der Art des homo oeconomicus gehören zur wissen 
schaftlichen Methode. Wenn den Menschen, bei seinen wirt 
schaftlichen Handlungen, Leidenschaften, Sympathie oder Haß 
bestimmen, so handelt er eben nicht vom wirtschaftlichen, son 
dern von andern Gesichtspunkten aus; die Wirtschaftswissen 
schaft aber hat sich nur um wirtschaftliche Handlungen, welche 
von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus geschehen, zu küm- 
') ibid. (3. Aufl.) p. XI. 
2 ) L. Brentano, Die klassische Nationalökonomie, 1888.
        <pb n="126" />
        100 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
mern“ *). Dementsprechend setzt sich Guyot zum Ziele „die 
induktiven Naturgesetze zu gewinnen, in welchen die univer 
sellen und permanenten Beziehungen der wirtschaftlichen Er 
scheinungen zum Ausdruck kommen“ 2 ). 
Yves Guyot ist auf zwei Dinge sehr stolz : erstens auf 
seine Wertdefinition, und zweitens auf seine Lösung des viel 
hundertjährigen Widerspruchs zwischen Gebrauchs- und Tausch 
wert, vermittelst genau präzisierter Unterscheidung der Rollen 
des stehenden und des umlaufenden Kapitals in der Volks 
wirtschaft. 
Die Wertlehre Guyots ist eine wesentlich subjektive. Sie 
befindet sich zwar noch im Stadium der Unfertigkeit, ist un 
genügend und verworren begründet und nicht ohne Wider 
sprüche, aber einiges Greifbare bietet sie immerhin. 
Zunächst verwirft Guyot alle objektiven Werttheorien. 
Insbesondere verwirft er Smiths Unterscheidung von Gebrauchs 
und Tauschwert und unterscheidet statt dessen Brauchbarkeit 
und Wert. Ganz zutreffend macht er gegen Smith geltend, 
daß derselbe da, wo er vom Gebrauchswert spricht, andere 
Größen und andere Bedürfnisse im Auge hat, als wo er vom 
Tauschwert spricht 3 ). Den Wert definiert Guyot als „die Be 
ziehung einer, im Besitze eines Individuums, oder einer Gruppe 
von Individuen, befindlichen Brauchbarkeit zu den Bedürfnissen und 
der Kaufkraft eines oder mehrerer anderer Individuen“ 4 ). Dagegen 
ist der Begriff der Brauchbarkeit bei Guyot noch nicht zu einer 
bestimmten, abgeklärten Bedeutung gediehen. Manchmal ver 
steht er darunter die objektive Tauglichkeit eines Dinges zur 
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, manchmal die subjektive 
Schätzung dieser Tauglichkeit. Aber auch diese hat wieder 
0 Yves Guyot, loc. eit. p. 13. 
2 ) ibid. p. X., p. 116. 
3 ) ibid. p. 80. 
p. 98. Die Worte „und der Kaufkraft“ sind ein Zusatz der 3. Ausi. 
Guyot setzt nämlich die Intensität des Begehrs gleich dem Bedürfnis und argu 
mentiert: mehrere Frauen sehen im Schaufenster eines Juweliers einen Diamanten 
schmuck von 100 000 Frs. und begehren ihn mit gleicher Intensität. Wenn 
aber unter ihnen nicht einige wären, welche die Kaufkraft besitzen, denselben 
zu erwerben, so hätte der Juwelier ein wertloses Ding geschaffen, als er den 
Schmuck zusammensetzte. Folglich muß zu dem Bedürfnis die Kaufkraft treten, 
ibid. p. 99.
        <pb n="127" />
        Die Gruppe der Unentwegten 
101 
eine objektive Grundlage in den notwendigen Bedürfnissen des 
Menschen x ). 
Wenn Guyot nun nicht zu einer Klärung des Begriffes 
„Brauchbarkeit“ gelangt, so stellt er denselben doch an die Stelle 
des Begriffes „Gebrauchswert“. Damit ist natürlich wieder die 
uralte Antinomie zwischen Gebrauchs- und Tauschwert, oder, wie 
Guyot sagt, zwischen Brauchbarkeit und Wert, gegeben. Diese 
sucht er nunmehr durch eine subtile und speziöse Argumenta 
tion zu lösen. 
J. B. Say hatte die Frage aufgeworfen : „Da der Reichtum 
eines Volkes aus dem Werte der Güter besteht, die es besitzt, 
wie kann ein Volk umso reicher sein, als die Güter bei ihm 
billiger sind?“ Sismondi und Proudhon faßten die Frage 
wie folgt : in dem Maße, in welchem eine Brauchbarkeit ver 
mehrt wird, verliert sie an Wert. Je größer eine Weinernte, 
desto geringer der Wert des Weines. Zwischen der Notwendig 
keit der Arbeit und deren Resultat besteht also ein Widerspruch. 
Je mehr Brauchbarkeiten ein Individuum oder eine Nation er 
zeugen, desto ärmer werden sie usw. 2 ). 
Darauf antwortete Guyot: um den hier zum Ausdruck 
kommenden Widerspruch zwischen Brauchbarkeit und Wert zu 
lösen, muß man von einer genau präzisierten Unterscheidung 
zwischen der Rolle des fixen und derjenigen des umlaufenden 
Kapitals in der Volkswirtschaft ausgehen. Dieser Unterschied 
hat Adam Smith nur unbestimmt vorgeschwebt. Ch. Menier 
und ich (Guyot) sind die ersten gewesen, welche denselben 
darin erkannten, daß das fixe Kapital bei der Produktion seine 
identität nicht verliert und verbraucht wird 3 ). Mit der tech 
nischen Vervollkommnung des fixen Kapitals steigt die Produk 
tivität der menschlichen Arbeit ; Rohstoffe werden beim Pro 
duktionsprozeß weniger verbraucht, sie werden also billiger ; 
Produkte werden zahlreicher und mit geringern Kosten erzeugt, 
sie werden ebenfalls billiger. In dem Maße, als das umlaufende 
Kapital (Rohstoffe und Produkte) an Wert verliert, wird um 
laufendes Kapital (Geld) frei und kann in fixem Kapital 
0 ibid. p. 107. 
2 ) ibid. p. 283—236. 
3 ) ibid. p. 66—68 ; p. X. Ch. Menier, Théorie et Application de l’Impôt 
sur le Capital, 1874.
        <pb n="128" />
        102 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
(Produktionsmittel) angelegt werden. Es steigt also der Wert 
des fixen Kapitals. Darum lautet die Antwort auf die Frage 
stellung J. B. Says, Sismondis und Proudhons: „Das 
Kriterium des wirtschaftlichen Fortschritts ist die Zunahme des 
absoluten und relativen Wertes der fixen Kapitalien, die Ab 
nahme des Einheitswertes der umlaufenden Kapitalien, und die 
Zunahme ihres Gesamtwertes.“ Die beiderseitige Bewegung 
von Brauchbarkeiten und Werten in der Volkswirtschaft geht 
also keineswegs in entgegengesetzter Richtung vor sich l ). 
Was zunächst den Anspruch betrifft, den Unterschied 
zwischen fixem und umlaufendem Kapital zuerst festgestellt zu 
haben, so kann derselbe denn doch wohl nicht ernst genommen 
werden. Sodann vermag die Guyotsche Argumentation die 
Antinomie zwischen Brauchbarkeit und Wert keineswegs be 
friedigend zu lösen. Ist diese vielleicht dadurch beseitigt, daß 
er den steigenden Gesamtwert der in immer größerer Zahl er 
zeugten Produkte dem sinkenden Einheitswert derselben ent 
gegenstellt? Warum nicht auch die Gesamtbrauchbarkeit der 
Brauchbarkeit des einzelnen Gutes? Und weiter: wie steht es 
mit dem Verhältnis von Brauchbarkeit und Wert in einer ver 
fallenden Volkswirtschaft ? 
Die Antinomie zwischen Brauchbarkeit und Wert, oder, 
wie es durch die Jahrhunderte hieß, zwischen Gebrauchs- und 
Tauschwert, ist nur dann befriedigend zu lösen, wenn man sich 
vergegenwärtigt, daß sie darauf beruht, daß dort, wo von 
Gebrauchswert die Rede geht, andere Größen und andere Be 
dürfnisse vorausgesetzt werden, als dort, wo es sich um den 
Tauschwert handelt. Guyot müßte sich also, bevor er in die 
Frage eintritt, über den Begriff „Brauchbarkeit“ in der Richtung 
schlüssig werden, in der seine Wertdefinition liegt. Damit wäre 
die Antinomie eigentlich schon gelöst. 
Bevor wir Yves Guyot verlassen, sei noch des stark aus 
gesprochenen Optimismus gedacht, der alle seine Werke aus 
zeichnet. Temperament und Charakteranlage prädestinierten 
ihn in seltenem Maße zum Vorkämpfer der liberalen Schule. 
Wir gehen nunmehr zur zweiten Gruppe über, zur Gruppe 
der Geschäftsmänner. 
Guyot, loc cit. p. 237—247.
        <pb n="129" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
103 
2. Kapitel. 
Die Gruppe der Geschäftsmänner. 
Das Charakteristische dieser Gruppe besteht darin, daß 
die Volkswirte, welche sie ausmachen, ihre nichtinterventio 
nistische Überzeugung mit den Erfahrungen ihrer Geschäfts 
praxis zu begründen pflegen. 
Paul Leroy-Beaulieu, geb. 9. Dez. 1842 in Saumur, ist mit 
Emile Levasseur der bedeutendste unter den lebenden Ver 
tretern der liberalen Schule in Frankreich. Man kann von ihm 
sagen, daß er die klassische Lehre methodisch und inhaltlich 
verjüngt hat. Methodisch, indem er das deduktive Räsonnement 
in weitem Maße tatsächlich fallen ließ und die Wissenschaft 
ernstlich und wirklich auf eine schier unendliche Fülle von 
Einzelbeobachtungen zu stützen unternahm. Dies bedingte 
natürlich, ehrlich durchgeführt, eine Erkenntnis von Wirklich 
keiten, welche die klassischen Lehrsätze in ihren Grundfesten 
erschütterte. Da bleibt aber Leroy-Beaulieu auf halbem 
Wege stehen. Wenn er auch vor Modifikationen und Weiter 
bildung der Naturgesetze nicht zurückschreckt, auch an den 
Interventionismus zum Teil weitgehende Konzessionen macht 
und selbst seine Zugehörigkeit zur klassischen Schule verleugnet, 
so ist ihm doch das Institut der Naturgesetze sakrosankt, der 
staatlichen Einmischung ins Wirtschaftsleben bleibt er grund 
sätzlich abhold, und der quietistische Optimismus des laisser 
faire ist auch bei ihm Grundstimmung. 
Paul Lerò y - Beaulieu hat in den Jahren 1864 und 1865 
in Bonn und Berlin studiert; wie die Mehrzahl der liberalen 
Volkswirte hat er jedoch nie ein systematisches Universitäts 
studium betrieben, geschweige denn absolviert. Seit 1869 ist 
er Mitarbeiter der Revue des Deux-Mondes, des Journal des 
Débats seit 1870. — 1878 folgte er seinem Schwiegervater 
Michel Chevalier als Professor am Collège de France, von 
1879—1881 lehrte er Finanzwissenschaft an der École libre des 
Sciences politiques. Leroy-Beaulieu ist ein Schriftsteller 
von erstaunlicher Fruchtbarkeit*) ; in die Tiefe der Dinge pflegt 
1 ) Die bedeutenderen unter seinen Werken sind: De la colonisation chez 
les peuples modernes, 2 Bde. Guillaumin-Paris, zuerst 1874, 6. Ausi. 1909. —
        <pb n="130" />
        104 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
er jedoch nicht einzudringen. Dagegen versteht er es, deren Ober 
fläche hell zu beleuchten; er ist stets interessant, manchmal 
blendend oder verblüffend. Das alles trägt dazu bei, daß seine 
Werke einen größeren Leserkreis finden, als ihn wissenschaft 
liche Bücher sonst zu haben pflegen. An Stelle Bastiats liest 
man heute in der reaktionären, liberalen Bourgeoisie Frankreichs 
Paul Leroy-Beaulieu. In diesen Kreisen wirken übrigens als 
Reklame für ihn die ausgezeichneten finanziellen Ratschläge 
seiner (oben bereits besprochenen) Wochenschrift L'Economiste 
Français, deren Befolgung mancher ein Vermögen verdankt. 
Der Grund der Methode Paul Ler oy-Beau lie us liegt in 
aufmerksamer Beobachtung möglichst zahlreicher Einzel- und 
Kollektiverscheinungen des zeitgenössischen Wirtschaftslebens *). 
Als Hilfsmittel verschmäht er nicht beständiges, persönliches 
Enquetieren bei zahlreichen Angehörigen der verschiedensten 
Berufszweige 2 ). Auch war er als Erbe eines Millionenvermögens 
in der günstigen Lage, sich an den verschiedenartigsten Unter 
nehmungen im In- und Auslande, insbesondere in Kolonial 
ländern zu beteiligen, was ihm Gelegenheit zu vielfältigen Beob 
achtungen bot 3 ). Durch ein jahrzehntelanges, unermüdliches 
Essai sur la répartition des richesses et sur la tendance à une moindre inégalité 
des conditions. Guillaumin-Paris, zuerst 1881, 3. Aufl. 1897. '— L’Etat moderne 
et ses fonctions. Guillaumin-Paris, 3. Ausi. 1900. — Le Collectivisme, examen 
critique du nouveau socialisme. Paris-Guillaumin, 5. Aufl. 1907. — Traité de la 
science des Finances, 2 Bde., zuerst 1877, 7. Aufl. 1900. — Traité théorique et 
pratique d’économie politique, 4 Bde., zuerst 1895, 3. Aufl. 1900. 
1) In der Vorrede zur 2. Auflage seines Traité sagt er: „Meine Methode 
besteht darin, die politische Ökonomie als eine lebendige Wissenschaft zu be 
handeln, sie in einer Zeit, in der Erfahrungen nach allen Richtungen in Hülle 
und Fülle vorhanden sind, durch aufmerksame Beobachtung zu verjüngen, zu 
festigen und zu entwickeln.“ 
2 ) „Ich habe persönlichen Verkehr gesucht mit Bankiers, Großindustriellen, 
Großgrundbesitzern, asiatischen und afrikanischen Forschungsreisenden und Kolo 
nisten, Kleinindustriellen, Kleinbauern, kleinen Handeltreibenden, Handwerkern 
und Fabrikarbeitern.“ Vorwort zur 1. Aufl. des Traité. 
3 ) „Seit 1870 habe ich mich in die finanzielle Bewegung der Alten und 
der Neuen Welt gemischt und alle Oszillationen der Börse genau studiert. . . . 
Ich habe mich mit Kapitalien an den verschiedensten Unternehmungen in ver 
schiedenen Erdteilen beteiligt, bald zu meinem Vorteil, bald zu meinem Schaden. 
Ich habe unter meinen Augen und auf meine Rechnung arbeiten sehen : Neger 
und Araber, französische Landarbeiter des Südens wie des Nordens.“ ibid.
        <pb n="131" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
105 
Ansammeln von persönlichen Einzelbeobachtungen glaubt er 
nun das Menschenmögliche geleistet zu haben, um die National 
ökonomie aus einer „rein scholastischen, mit Begriffen operieren 
den Wirtschaftstheorie“ wieder zu einer „reellen auf dem Boden 
der Tatsachen fußenden Beobachtungswissenschaft“ zu machen 1 ). 
Leroy-Beaulieu legt sozusagen ausschließlich Wert auf 
zeitgenössisches, beschreibendes Material; für die historische 
Forschung hegt er unverhohlene Verachtung. Dieselbe wird 
für ihn ganz bedeutend durch einen Forschungszweig überboten, 
den er der Le Play sehen Methodik entlehnt. Dieser geht da 
von aus, „daß alle Typen von Zivilisationen, selbst derer, die 
wir als der Vergangenheit angehörig betrachten, in der Gegen 
wart auf der Erde existieren. Die direkte Beobachtung am 
lebendigen Leibe der verschiedenen, noch auf unserm Planeten 
gleichzeitig existierenden Kulturstufen gibt genauere und ent 
scheidendere Ergebnisse (als die historische Forschung). Es 
sind die verschiedenen Phasen des Tausches, der Arbeits 
teilung usw. . . ., welche sich in der Stunde, in der wir leben, 
fast nebeneinander auf verschiedenen Punkten der Erde vor 
finden. Der Raum bietet heute in bezug auf soziale Zustände 
dieselben Verschiedenheiten wie die Zeit. . . . Auf dem Punkte, 
in dem das Eindringen zu den barbarischen oder wilden Völker 
schaften durch die Europäer heute angelangt ist, kann man die 
Sitten und die wirtschaftlichen Beziehungen dieser menschlichen 
Gruppen in vollem Leben beobachten, und dies mit viel 
größerer Sicherheit, als man die wirtschaftlichen Tatsachen 
der Vergangenheit wieder herstellt, indem man mühsam einige 
Brosamen fischt aus dunklen Texten von Chronisten, deren 
Hauptsorge war, Schlachten zu beschreiben oder die Taten 
großer Männer zu erzählen 2 ).“ 
') ibid. 
2 ) Traité théorique et pratique d’économie politique, 3. Aufl., Bd. I, 
p. 41—44. 
An anderer Stelle schreibt er : „Ich selbst habe von dem Anfang meiner 
wirtschaftswissenschaftlichen Tätigkeit an großen Nutzen aus den Arbeiten von 
Le Play gezogen. Sie schienen mir, bezüglich der Beziehungen der Menschen zu 
einander und in den verschiedenen Stadien der Gesellschaften, Materialien zu 
bieten, welche ebenso wichtig und sicherer, präziser sowie kontrollierbarer sind 
als diejenigen, welche durch mühevolle, häufig unsichere Forschungen in alten 
Chroniken gewonnen werden können.“ Traité, Bd. I, p. 93—94. Vgl. auch:
        <pb n="132" />
        106 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
So fundamentiert erscheint die Nationalökonomie als das, 
was sie sein soll: als eine beschreibende Wissenschaft. Voll 
ständig will jedoch Leroy-Beaulieu der Geschichte nicht 
entrateli; nicht nur pflegt er jeder Frage, die er behandelt, eine 
kurze historische Skizze vorauszuschicken, sondern er ver 
schmäht auch nicht, die von Roscher und andern gesammelten 
wirtschaftsgeschichtlichen Materialien bei seinen Beweisführungen 
zu verwerten. 
Als wesentliches Resultat seiner Forschungen proklamiert 
er die Existenz permanenter und universeller Gesetze der Volks 
wirtschaft x ). Zu allen Zeiten und an allen Orten haben die 
selben Ursachen, ceteris paribus, dieselben Wirkungen in wirt 
schaftlichen Dingen gehabt. Dieselben Triebfedern des Handelns 
finden sich bei allen Völkern auf allen Kulturstufen 2 ). 
„Jedesmal, wo wir eine wirklich bedeutende Menge gesicherter Tatsachen aus dem 
Altertum besitzen, sehen wir, daß die wirtschaftlichen Beziehungen, mit Aus 
nahme der teilweise unfreien Arbeitsorganisation, sich in ihrem wesentlichen 
Bestände als dieselben darbieten, wie die heutigen. Alles, was man vom Handel 
und Bankwesen in Athen weiß, trägt die hauptsächlichsten Züge der heutigen 
Organisation an sich. Das moderne Eigentum ist genau dasselbe, wie das der 
alten Römer, und de Laveleye glaubte das Eigentum der heutigen zivilisierten 
Völker nicht besser kennzeichnen zu können, als indem er es quiritisches Eigen 
tum nannte“ . . . Traité, Bd. I, p. 41. 
0 „Indem ich alle diese Hilfsmittel heranzog (Le Playsche Beobachtungen 
sowie insbesondere Roschers historisches Material), indem ich außerdem alle 
Aufschlüsse benutzte, die mein Eifer für Kolonisation mir verschaffte, bin ich 
immer mehr zur Überzeugung gekommen, daß es positive, permanente und 
universelle Gesetze gibt, welche die Mitwirkung der menschlichen Anstrengung 
bei der Produktion, sowie die Güterverteilung regeln.“ Traité, Bd. I, p. 94. 
2 ) Leroy-Beaulieu legt ein besonderes Gewicht darauf , daß es neben dem 
Eigennutz noch andere Triebfedern des menschlichen Handelns gebe. Jedoch 
sind die von ihm angeführten weniger solche, welche das wirtschaftliche, erwerbs 
tätige Handeln der Menschen bestimmen, als vielmehr allgemeine, ethische Ge 
sichtspunkte, insbesondere solche, welche für die Konsumtion erworbener Güter 
maßgebend sind. Z. B. „Andere Triebfedern des menschlichen Handelns exi 
stieren neben dem persönlichen Interesse, entwickeln sich mit der Zeit sogar 
vielleicht mehr als dieses: so die religiösen Überzeugungen, die Hoffnung auf 
ein anderes Leben, der feste Vorsatz, dieses durch gute Handlungen zu verdienen; 
oder einfach die Sympathie, die Freude, in den Augen der Mitmenschen oder 
in den eigenen edel zu erscheinen ; das Streben nach Auszeichnung, nach ge 
wissen Ehren ; eine Art Luxus, welcher in der Moralisation, Erziehung, Unter 
stützung anderer seinen Ausdruck sucht . . . Eine ganze Reihe von Gefühlen, 
welche in ihrem Uneigennützigkeitsgrad sehr nüanziert sind, aber alle in dem
        <pb n="133" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
In ihrer Wirksamkeit können die ökonomischen 
gehemmt werden : einmal, indem bei einer Erscheinung Gesetze 
anderer Ordnung mitwirken und die spezifische Wirkung der 
wirtschaftlichen Gesetze modifizieren oder neutralisieren *) ; dann 
aber finden sie auch mehr oder weniger Widerstand in den 
verschiedenen kulturellen Milieus 2 ). Weil sie nicht immer und 
in jedem Milieu durchdringen, haben die ökonomischen Gesetze 
nicht den Charakter von Dogmen 3 ). 
Eine Hauptaufgabe der Wissenschaft besteht darin, die 
co 
Universitas 
Kiel 
107 
efz&amp; 
W 
Zwecke auslauten, daß die Gesellschaft von einem Teile des Überflusses ein 
zelner Nutzen habe.“ Traité, Bd. IV, p. 673. Übrigens entkräftet Ļeroy- 
Beaulieu selbst den Vorwurf, den er gegen seine Vorgänger erhebt, nur den 
Eigennutz als Triebfeder des menschlichen Handelns gekannt zu haben (Traité, 
ibid.), wenn er an einer anderen Stelle schreibt: „Das Prinzip des Eigeninteresses 
und das des Altruismus sind nicht unvereinbar : das eine leitet den Menschen 
bei seiner wirtschaftlichen Tätigkeit, das andere kann ihn bei der Verwendung 
seines Besitzes und seines Einkommens leiten.“ Traité, Bd. I, p. 76. 
]) „Es verhält sich mit den ökonomischen Gesetzen wie mit denen jeder 
andern Wissenschaft, wie z. B. mit den Gesetzen der Mechanik; sie wirken 
nicht allein in den Erscheinungen. Häufig werden sie durch Gesetze einer an 
dern Ordnung modifiziert, gehemmt, ja manchmal annulliert . . . Nur in den 
ganz einfachen Erscheinungen zeigt sich deutlich die Wirksamkeit der wirtschaft 
lichen Gesetze.“ Traité, Bd. I, p. 36. 
Ļ) „Es gibt soziale Milieus, welche der Wirksamkeit der ökonomischen 
Gesetze nicht mehr Widerstand entgegensetzen, als die Luft dem Fallen der 
Körper; es gibt aber auch andere, welche sich diesen Gesetzen gegenüber ver 
halten wie Wasser oder Quecksilber dem Fallen der Körper gegenüber.“ Traité, 
Bd. I, p. 40—41. Dem Einwand, daß die liberale Wirtschaftslehre nur einer 
bestimmten Entwicklungsstufe der Wirtschaftsgeschichte entspreche, tritt Leroy- 
Beaulieu mit diesem Gedanken von der differenziellen Empfindlichkeit der ver 
schiedenen Kulturstufen für die wirtschaftlichen Gesetze entgegen. „Es ist nicht 
richtig . . . daß die (liberale) Nationalökonomie nur eine vielleicht vorüber 
gehende Phase der menschlichen Gesellschaften beobachtet, daß sie Gefühle 
modernen Ursprungs für ewig dagewesene hält, daß sie, nach Lassalles Aus 
druck, eine flüchtige, historische Kategorie für die ganze Geschichte der Ver 
gangenheit, das ganze Schicksal der Zukunft ansieht. . . . Die ökonomischen 
Gesetze haben Geltung gehabt auf allen Stufen der menschlichen Entwicklung; 
und wenn nicht alle sozialen Entwicklungsstufen für die wirtschaftlichen Trieb 
federn gleich durchdringlich sind, so ist doch keine von ihnen völlig unberührt 
davon geblieben. . . . Die Empfindlichkeit des menschlichen Milieus für die wirt 
schaftlichen Gesetze steht in direktem Verhältnis zu dem Grade der Entwicklung 
dieser Milieus, zur intellektuellen und sittlichen Vervollkommnung der Menschen, 
welche dasselbe ausmachen.“ Traité, Bd. I, p. 93—94; vgl. auch p. 57 ff. 
3 ) Traité, Bd. I, p. 37.
        <pb n="134" />
        108 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
allgemein gültigen Gesetze von zeitlich und räumlich begrenzten zu 
sondern. Auf diese Weise trennt man die theoretische Wissen 
schaft von der Kunstlehre *). Dieses Verfahren findet in erster 
Linie Anwendung auf den Freihandel, den man als ein ratio 
nelles, grundlegendes Dogma zu betrachten sich gewöhnt hat, 
während er nur eine Regel für die Praxis ist. Er ist eine Frage 
der Wirtschaftspolitik. Seine Durchführung oder Nichtverwirk 
lichung ist abhängig zu machen nicht nur von den allgemeinen 
Lehren der Wissenschaft, sondern insbesondere auch von 
nationalwirtschaftlichen und politischen Erwägungen 2 ). Übri- 
x ) Äußerlich hat jedoch Leroy-Beaulieu dies in seinem Traite nicht ge 
tan. Vgl. Traite, Bd. I, p. I—II und p. 67. 
2 ) „Man hat lange den Freihandel als eine Art Dogma der politischen 
Ökonomie angesehen, und viele Leute, selbst Volkswirte, tun es noch. Diese 
Auffassung ist gänzlich verfehlt. Zunächst ist die Nationalökonomie eine Wissen 
schaft und hat infolgedessen keine Dogmen . . . Zweitens ist der Freihandel 
eine jener komplexen und praktischen Fragen, auf welche die Wissenschaft zwar 
Licht werfen kann, die sie aber nicht allein zu lösen berufen ist. Hier muß 
man an den Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunstlehre sich erinnern . . . 
Was die Wissenschaft lehrt, ist, daß die Ausdehnung des Marktes, der Arbeits 
teilung und der Konkurrenz eine starke Mehrung der Produktivität des Menschen 
bewirkt und die Regelmäßigkeit der Produktion fördert; daraus gehen die 
verschiedenen Vorteile hervor, . . . welche die internationale Handelsfreiheit der 
Gesamtheit der Völker, die dieselbe annehmen, als Ganzem, nicht als Ein 
zelnen, verschafft. Aber es wäre fehlerhaft, daraus zu schließen, man müßte 
unter allen Umständen, in allen Ländern, den absoluten Freihandel verwirk 
lichen . . . Wenn es sich darum handelt, zur Anwendung überzugehen, muß man 
die allgemeinen Lehren der Wissenschaft zwar im höchsten Grade berücksich 
tigen . . ., aber sie sind nicht die einzigen, welche in Betracht zu ziehen sind. 
Es frägt sich, ob in der Gesamtheit der Nationen nicht einige unter einer un 
beschränkten, internationalen Handelsfreiheit leiden könnten, selbst wenn die 
Gesamtheit, als Ganzes betrachtet, dabei gewinnen würde.“ 
Leroy-Beaulieu führt dann weiter aus, wie bei der Beseitigung der innern 
Zollschranken eines Landes immer gewisse Gruppen wirtschaftlichen Schaden 
hatten, wenn auch die große Mehrzahl der Beteiligten dabei Nutzen hatte. 
Jedoch waren Kapital- und Bevölkerungsverschiebungen innerhalb eines natio 
nalen Wirtschaftsgebietes von geringerer Bedeutung. Anders wird die Frage 
im Völkerkonzert. Unter anderem könnte der Übergang zum Freihandel In 
dustrien, welche zahlreiche Arbeiter beschäftigen, brachlegen, Tausende von 
Arbeitern arbeitslos machen und eventuell zur Auswanderung veranlassen, auch 
Kapitalienauswanderung nach sich ziehen usw. Dazu kommen politische Er 
wägungen, die von großer Tragweite sein können. „Während also die 
Fruchtbarkeit der Arbeitsteilung, die stimulierende Kraft eines sehr weiten 
Absatzgebietes als wirtschaftliche Gesetze allgemeiner Natur anzusehen sind, ist
        <pb n="135" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
109 
gens „ist klar , daß der absolute Freihandel einen Zustand von 
Frieden zwischen den verschiedenen Völkern der Erde voraus 
setzt .... Solange aber zwischen den großen Ländern offen 
kundige Feindschaft besteht, ist der absolute Freihandel un 
möglich und nur durch sukzessive Etappen kann man dazu 
gelangen 1 ) Was die von der theoretischen Wissenschaft 
erleuchtete Wirtschaftspolitik in der gegenwärtigen Weltlage 
den bedeutenderen kontinentalen Völkern rät, ist, ein liberales 
Zollsystem zu haben und immer mehr auf Erleichterung der 
internationalen Beziehungen hinzusteuern“ 2 ). Wenn man den 
Freihandel nicht haben kann, bleibt die Wahl zwischen zwei 
Systemen: dem der autonomen Tarife und dem der Handels 
verträge. „Das Regime der autonomen Tarife ist ein brutales 
und antisoziales, welches aus innerer Notwendigkeit viel weniger 
liberal und haltbar ist, als das der Handelsverträge, und zwar 
der tarifierten“ 3 ). Für dieses entscheidet sich Leroy-Beau 
lieu. Wie weit sind wir da von Bastiat entfernt! Und gar 
Anerkennung des national wirtschaftlichen Gesichtspunktes bei 
einem Vertreter der kosmopolitischen Naturlehre der Volks 
wirtschaft! Charles Gide hat recht, wenn er von Paul Leròy- 
Beaulieu sagt, er sei „der französischste unter den französi 
schen Nationalökonomen“. 
In der Wertlehre bricht Leroy-Beaulieu mit den klassi 
ere Überlegenheit des absoluten Freihandels unter allen Umständen nur ein 
vorgebliches, wirtschaftliches Dogma, das gar keinen Anspruch auf Annahme 
erheben kann.“ Traité, Dd. I, p. 37—38 und 97—100. 
*) „Von einem andern Gesichtspunkt aus ist absoluter Freihandel in der 
gegenwärtigen Periode für die bedeutenderen, kontinentalen Völker nicht mög 
lich; diese brauchen nämlich Geld und erheben deswegen im Innern indirekte 
Steuern. Diese sind je nach den Ländern und deren Lasten sehr verschieden 
und bedingen z. T. als Korrelat Zölle auf gleichartige Produkte. Man könnte 
die Zölle überhaupt nur abschaffen, wenn man die indirekten Steuern im Innern 
beseitigte, und ich habe anderswo nachgewiesen (Traité de la science des Finances, 
5. Aud., Bd. I, p. 221—287), daß deren Beseitigung bei den Völkern, die 
große Lasten haben, weder tunlich noch vorteilhaft wäre. Auch gibt es gewisse 
Produkte, deren Erzeugung ein bedeutender Staat heute ohne eine gewisse Toll 
kühnheit nicht wesentlich zu mindern riskieren darf. Das ist z. B. in Frankreich 
der Fall für den Getreidebau, in einer Zeit, wo dieses Produkt so bedeutend im 
Preise sinkt.“ Traité, Bd. IV, p. 102—103. 
2 ) Traité, Bd. IV, p. 101—102. 
3 ) ibid. p. 105—106.
        <pb n="136" />
        110 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
sehen Traditionen und bekennt sich zur Grenznutzenlehre Jevons’ 
und der österreichischen Schule. Adam Smith und dessen 
Nachfolgern wirft er vor, das Wesen des Gebrauchswertes ver 
kannt zu haben, indem sie ihn zur Brauchbarkeit objektivierten 
und bald aus dem Auge verloren. Er selbst unterscheidet 
mit der österreichischen Schule einen rein subjektiven Ge 
brauchswert und einen zwar ebenfalls wesentlich subjektiven 
Tauschwert, „zu dem aber in den meisten Fällen ein objektives 
Element hinzutritt“ *). 
Ein ganz besonderes Gewicht legt er ferner auf das Gesetz 
der Substitution. Die Erscheinung der Substitution erklärt er 
für eine der wichtigsten des Wirtschaftslebens. Sie tritt in 
vierfacher Form auf: erstens als eine Vertretung von Gütern 
durch andere, ähnliche Güter, deren Surrogate, zwecks Befriedi 
gung eines und desselben Bedürfnisses; zweitens, indem ein 
Produktionsverfahren durch ein anderes ersetzt wird; drittens, 
als Ersatz menschlicher Arbeitsleistung durch maschinelle Ver 
richtung oder umgekehrt; viertens, indem ein Bedürfnis einem 
andern Platz macht 1 2 * * * * * ). Das Gesetz der Substitution besteht nun 
eben darin, daß unter dem Einfluß des Preises ein solcher 
Ersatz vor sich geht. Das Auftreten von Surrogaten macht jede 
genaue Berechnung und folglich jede mathematische Formu 
lierung der Preisgesetze illusorisch. Auch wirkt das Gesetz der 
Substitution dem dauernden Erfolg jeder Kartellierung und 
jeder Monopolbildung entgegen. „Das Gesetz der Substitution 
ist das Hauptmittel, durch das in vielen Fällen, wo nicht 
in allen, der Konsument den übermäßigen Prätentionen der 
Produzenten entgeht. Dank den Fortschritten der heutigen 
Wissenschaft wiegen die Wirkungen jenes Gesetzes in den wirt 
schaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander immer mehr 
vor“ 8 ). 
1) Traité, Bd. III, p. 18 ff. 
2 ) „Nicht nur für die Befriedigung eines und desselben Bedürfnisses gibt 
es Surrogate, sondern auch Bedürfnisse, die gar nicht zueinander in Be 
ziehung zu stehen scheinen, sind beständig miteinander im Kampf, um sich im 
Herzen der Menschen den Vorrang streitig zu machen und jedes für sich die 
Kaufkraft, über welche der Mensch verfügt, mit Beschlag zu belegen.“ Traité, 
Bd. I, p. 87—88. 
8 ) Traité, Bd. I, p. 664.
        <pb n="137" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
111 
Großzügig bei Leroy-Beaulieu ist das durchgreifende 
Hervorheben dreier Haupitendenzen als derjenigen, welche die 
heutige Wirtschaftsepoche charakterisieren. Diese sind: 1. Das 
Sinken des Zinsfusses und die damit zusammenhängenden Er 
scheinungen, deren Endresultat ihm eine Nivellierung der wirt 
schaftlichen Lage der verschiedenen Klassen zu sein scheint; 
2. die moderne Kolonisierungsbewegung, und 3. die stete Erweite 
rung der Befugnisse des Staates. Diese drei Hauptendenzen be 
herrschen abwechselnd das ganze Denken Paul Leroy-Beau- 
lieus. Übrigens hat er auch jeder derselben ein eigenes Werk 
gewidmet *). 
Mit dem Sinken des Zinsfußes hängt zusammen : das 
Sinken der Grundrente und des Unternehmergewinnes, die ab 
nehmende Produktivität der industriellen Kapitalanlagen und 
das Steigen der Löhne. 
Auf eine Verringerung des Zinsfußes wirken hin: Die 
Sicherheit des Verkehrs und das zunehmende Auftreten der 
Darlehen in Form von leicht realisierbaren Effekten ; die ständige 
Zunahme der Ersparnisse und der Umstand, daß diese so 
fort auf den Markt gebracht werden ; am wirksamsten aber wird 
der Zinsfuß herabgedrückt durch die stufenweise Abnahme der 
Produktivität der über eine gewisse Grenze hinaus im Boden 
oder in der Industrie angelegten Kapitalien i) 2 ). Dem Sinken des 
i) Der ersten : „Essai sur la répartition des richesses et sur la tendance à 
une moindre inégalité des conditions“; der zweiten: „De la colonisation chez les 
peuples modernes“ ; der dritten : „L’Etat moderne et ses fonctions.“ 
*) Das Gesetz vom abnehmbaren Bodenerträge steht längst fest; anders 
Leroy-Beaulieus Aufstellung, daß auch die industriellen Kapitalien eine Tendenz 
zu geringerer Produktivität haben. Dieselbe leuchtet jedoch sofort ein, wenn 
man auf die zweifache Einschränkung achtet, welche unser Autor selbst macht. 
Er meint nämlich nur eine bestimmte Kapitalart: das Anlagekapital und hat 
zweitens die, wie er sie nennt, „wirtschaftliche“, nicht die materielle Produk 
tivität im Auge. „Ich betrachte es als hochbedeutsam,“ schreibt er, „unter den 
Kapitalarten die äußerst wichtige der installations* genau unterschieden zu 
haben, was vor mir nicht geschehen war. Es ist aber unleugbar, daß jedes 
neue Anwachsen von Kapitalien dieser Art, wenn die hauptsächlichsten Kultur 
werke einer Epoche im Verhältnis zu den technischen Kenntnissen derselben 
weit vorgeschritten sind, erwarten muß , etwas weniger produktiv zu sein, als 
das vorher angelegte.“ So wird z. B. ein in einem großen Hafen errichteter, 
mächtiger Kran beträchtlich größeren Ertrag abwerfen, als ganz gleiche Kräne, 
die später mit demselben Kostenaufwand in kleineren Häfen zur Aufstellung
        <pb n="138" />
        112 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Zinsfußes wirken jedoch entgegen: große Erfindungen und 
Entdeckungen, welche manchmal sofort in großem Maßstab 
praktisch verwertet werden können; Auswanderung von Kapi 
talien, endlich Kriege und soziale Umwälzungen. Als Resultante 
dieser beiden entgegengesetzten Ursachenreihen ergibt sich eine 
normale Tendenz zu stufenweiser Abnahme des Zinsfußes. Die 
allgemeine Norm, die bei den zivilisierten Völkern die Höhe 
des Zinsfußes bestimmt, ist die durchschnittliche Produktivität 
der neugebildeten und der disponiblen Kapitalien 1 ). 
Auffallender noch als das Sinken des Zinsfußes ist in den 
Ländern alter Kultur die starke progressive Abnahme der Boden- 
rente, selbst schon der städtischen. Leroy-Beaulieu erweist 
diese Tendenz für Frankreich statistisch. Übrigens wirkt die 
Abnahme des Zinsfußes herabdrückend auf die Grundrente und 
somit hemmend auf das Inkrafttreten des Ricardo sehen Grund 
rentengesetzes. Da große agronomische Entdeckungen für das 
XX. Jahrhundert in sicherer Aussicht stehen, ist ein immer 
weiteres Sinken der Bodenrente zu erwarten -). 
Was endlich den durchschnittlichen Unternehmer gewinn be 
trifft, so tragen zu dessen stufenweiser Abnahme in den Ländern 
alter Kultur hauptsächlich bei : wiederum das Sinken des Zins 
fußes, welches die Zahl der Rentner verringert und die Kapital 
besitzer zur eigenen Verwertung desselben antreibt; die zu 
nehmende Achtung, die Industrielle und Handeltreibende in 
der Gesellschaft genießen, was zur Vermehrung ihrer Zahl 
führt und damit zu gesteigerter Konkurrenz; Verbreitung 
von Besitz, Kredit, Bildung, die immer mehr Leute in den 
Stand setzen, Unternehmer zu werden, endlich die Verringe 
rung des Risikos in den ältern Gewerben, indem die Her 
gelangen. Den fundamentalen Unterschied zwischen materieller und wirtschaft 
licher Produktivität der Kapitalanlagen kann man nicht genug betonen : „In der 
Industrie bleibt die materielle Produktivität bei jeder Kapitalsteigerung ; manch 
mal nimmt sie sogar zu. Aber die wirtschaftliche Produktivität, wenn ich mich 
so ausdrücken darf, d. h. der geschaffene Nutzen hat die Tendenz abzunehmen, 
wenn über eine gewisse Quantität von Produkten hinausgegangen wird.“ Das 
Gesetz vom Grenzwert und Grenznutzen kommt dabei zur Geltung. Traité, 
Bd. II, p. 136—138. 
x ) Traité, Bd. II, p. 154 ff. 
2 ) Traité, Bd. I, p. 765 ff.
        <pb n="139" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
113 
Stellungsprozesse allgemeiner und besser bekannt und weitgehend 
festgelegt sind 1 ). 
Andererseits haben die Löhne die Tendenz, in erster Linie 
durch die Produktivität der Arbeit bestimmt zu werden; da 
aber allgemein der Fortschritt der Technik die Produktivität 
der Arbeit erhöht, so erscheint das Steigen der Löhne als eine 
für unsere Zeit normale Tendenz. Sie wird durch zahllose 
Beobachtungen für die überwiegende Mehrzahl der Berufszweige 
bestätigt 2 ). 
Das Resultat dieser Gruppe zusammenhängender Erschei 
nungen : Sinken des Zinsfußes, der Grundrente und des Unter 
nehmergewinns, Steigerung der Konkurrenz und der Löhne, 
dazu Fallen der Preise der Massenkonsumartikel ist nun eine 
Tendenz zu größerer wirtschaftlicher Gleichheit der verschiedenen 
Klassen der menschlichen Gesellschaft. Diese Tendenz ist die 
glänzendste Rechtfertigung für die heutige, auf Freiheit der 
Arbeit gegründete Wirtschaftsordnung. Man kann sie nicht 
genug betonen. Lerò y-Beaulieu rühmt sich, durch deren 
Erweis die von der liberalen Schule arg vernachlässigten Ver 
teilungsfragen in den Vordergrund gerückt zu haben. Er scheint 
zu vergessen, daß Bas ti at bereits dieselbe Tendenz zur Gleich 
heit als einerseits aus der Konkurrenz, andererseits aus dem 
Sinken des Zinsfußes und dem Steigen der Löhne hervorgehend, 
gepriesen und sie als eine der hauptsächlichsten wirtschaftlichen 
Harmonien hingestellt hatte 3 ). Bastiat hatte sich allerdings 
mit einer oberflächlichem Beweisführung begnügt. Leroy- 
Beaulieu stützt sich seinerseits auf detailliertes, empirisches 
Beweismaterial; doch unterschätzt er die Bedeutung entgegen 
wirkender Tendenzen, wie z. B. diejenige von Kartellierungen 
und Monopolbildungen, und zweitens ist er viel zu rasch bei 
der Hand mit verallgemeinernden Schlußfolgerungen aus Be 
obachtungen, welche in der Hauptsache nicht über Frankreich, 
noch über die letzten drei Jahrzehnte hinaus reichen. Damit 
fällt er zurück in den alten Fehler der liberalen Schule. Man 
muß jedoch anerkennen, daß die ernstliche Berücksichtigung 
') Traité, Bd. II, p. 210 ff. 
2 ) Traité, Bd. II, p. 295 ff. 
3 ) Bastiat, Harmonies économiques, Gesamtausgabe von 1855—1856 
Bd. VI, Kap. 7, p. 223 ff. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
8
        <pb n="140" />
        114 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
seiner vielseitigen Beobachtungen der zeitgenössischen Wirklich 
keit Leroy-Beaulieu zu einem durchwegs vorsichtigeren Ver 
allgemeinern disponiert, als es von den ältern gehandhabt wurde. 
Die zweite große, fundamentale Tendenz des modernen 
Wirtschaftslebens ist die Kolonisationsbewegung. Das XIX. Jahr 
hundert hat hierin eine Neuauflage der Bewegung des XVI. 
Jahrhunderts erlebt. Wenn aber diese Tatsache in gewissen 
Zeitabschnitten besonders hervortritt, so darf man doch nicht 
übersehen, daß sie eine universelle und permanente volkswirt 
schaftliche Kategorie darstellt. Sie war in der Vergangenheit 
bei allen Völkern, sie ist in der Gegenwart und sie bleibt in 
der Zukunft eine der wichtigsten, volkswirtschaftlichen Erschei 
nungen. Nur wenige Nationalökonomen, zu denen Roscher zu 
zählen ist, haben deren Bedeutung erkannt. Die weitaus große 
Mehrzahl der volkswirtschaftlichen Lehrbücher seit Adam Smith 
läßt sie unberücksichtigt. 
Der Kolonisation hat die Kulturmenschheit stets einen 
Teil ihres Wohlstandes, des Fortschrittes ihrer Industrie und 
ihres sozialen Gesamtzustandes verdankt. Sie erscheint als 
einer der mächtigsten Faktoren der Kultur. Für Private ist sie 
ungeeignet, denn wenn diese auch als Pioniere und Handels 
leute bei derselben eine wichtige Rolle spielen können, so 
sind sie doch nie in der Lage, einen geregelten, dauernden, 
methodischen, zivilisatorischen Einfluß auf ganze Länderstriche 
auszuüben. Nur zu leicht führt die Kolonisierung durch 
Private zu schreienden Ungerechtigkeiten und unmenschlicher 
Unterdrückung den Eingeborenen gegenüber. Deshalb ist das 
Kolonisationswerk in erster Linie als Aufgabe der Staaten zu 
betrachten *). 
Von allen Fragen des Wirtschaftslebens liegt keine Leroy- 
Beaulieu so sehr am Herzen als die Kolonialfrage. Ihr 
widmete er sein erstes größeres Werk 1 2 ). In den siebziger und 
1) Traité, Bd. IV, p. 635 ff. Es würde zu weit führen, Leroy-Beaulieu 
auch nur in dessen allgemeinen Ausführungen über die Bedeutung der Koloni 
sierung an dieser Stelle zu folgen. 
2 ) De la colonisation chez les peuples modernes, 2 Bde., zuerst 1874, 
5. Ausl. 1902. Das Werk lehnte sich ursprünglich eng an die Schriften des Eng 
länders Merivale an, ist aber seither bedeutend erweitert und verselbständigt 
worden.
        <pb n="141" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
115 
achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kämpfte er unermüd 
lich für die koloniale Expansion, und es gelang ihm schließlich, 
die öffentliche Meinung Frankreichs dauernd für imperialistische 
Ideen und Gefühle zu gewinnen. Er selbst nahm regen Anteil 
an Unternehmungen in den Kolonien. Vielleicht trug dieses 
dazu bei, indem es ihn in direkteste Berührung mit den Be 
dürfnissen der Praxis brachte, seine grundsätzliche Gegnerschaft 
gegen jede staatliche Einmischung ins Wirtschaftsleben für die 
Kolonialpolitik ins gerade Entgegengesetzte : in einen entschie 
denen Interventionismus zu verwandeln. Es ist aber ein un 
bestreitbares Verdienst Leroy-Beaulieus, die Bedeutung der 
Kolonisationsfrage betont und sie in den Vordergrund des 
wirtschaftswissenschaftlichen Interesses gestellt zu haben. 
Die dritte, große Tendenz endlich, welche unsere Wirt 
schaftsepoche charakterisiert, ist die zunehmende Enveiterung der 
Befugnisse des Staates. Leroy-Beaulieu sieht mit tiefem 
Schmerze das Überhandnehmen des staatlichen Intervention Is 
mus in seinem Vaterlande und bekämpft ihn ohne Unter 
laß in seinen Werken, in seiner Wochenschrift: L’Econo 
miste français, sowie in seinen Vorlesungen am Collège de 
France. Als Aufgaben des modernen Staates erkennt er an: die 
Gewährleistung von Sicherheit im Innern und nach außen ; die 
Rechtspflege; die Wahrung gemeinsamer Interessen, welche nur 
mit Hilfe von gesetzlichem Zwang wirksam gesichert werden 
können, z. B. öffentliche Hygiene usw. ; Erhaltung und Ver 
besserung der allgemeinen Existenz- und Wohlfahrtsbedingungen 
der Nation, z. B. Erhaltung des Forstbestandes, Schutz von 
Jagd und Fischerei, Schutz der Bergschätze gegen Raubbau usw. ; 
endlich positive Mitwirkung am allgemeinen Fortschritt der 
Kultur : Brücken-, Wege- und Hafenbauten, Post- und Tele 
graphenb etri eh, Konzession und Überwachung von Eisenbahnen, 
Veranstaltung von Ausstellungen, Pflege des Unterrichts, Schutz 
der Frauen- und Kinderarbeit, Schutz der Schwachen, Irren und 
Kranken *). 
Daß Leroy-Beaulieu jedoch trotz dieser grundsätzlichen 
Umgrenzung der staatlichen Befugnisse vor wichtigen Konzes 
sionen für die Handels- und Kolonialpolitik nicht zurückschreckt, 
') Traité, Bd. IV, p. 678 ff.
        <pb n="142" />
        116 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
wurde bereits gezeigt. Man mag die Handelsvertragspolitik, für 
die er sich erklärt, als wohl vereinbar mit freihändlerischer 
Grundstimmung ansehen ; zweifellos bedeutet aber die Rezeption 
des national wirtschaftlichen Gesichtspunktes, die Anerkennung 
einer Schutzberechtigung des inneren Marktes, einen Bruch mit 
dem traditionellen Klassizismus. Allerdings sagt auch Leroy- 
Beaulieu an einer Stelle, er rechne sich ebensowenig „zu der 
fälschlich ,die orthodoxe 1 genannten Schule, welche man auch 
wohl die optimistische oder deduktive nennt“, als zu einer der 
neueren *). Man darf gleichwohl in diesem Passus nichts anderes 
sehen, als die Äusserung eines stark entwickelten Selbstgefühls. 
Den Anhängern der liberalen Schule gilt Paul Leroy-Beaulieu 
als ihr hauptsächlichster Koryphäe, und mit vollem Recht. 
Gewiß kann man ihm Originalität und eine gewisse Unabhängig 
keit des Urteils nicht absprechen; aber trotz allen Paktierens 
mit dem Interventionismus, trotz aller methodischen und inhalt 
lichen Verjüngung der klassichen Lehre, ist und bleibt er ent 
schiedener Anhänger der universellen und permanenten Natur 
gesetze des Wirtschaftslebens und grundsätzlicher Optimist und 
Nichtinterventionist. Auch ist er nicht frei von der Auffassung, 
welche Courcelle-Seneuil am unverhülltesten vertrat, daß 
die Volkswirtschaftslehre zugleich eine Privatwirtschaftslehre ist. 
Häufig ist sein Standpunkt der des Kapitalisten, des Mannes, 
dem die Nationalökonomie die Kenntnis vermitteln soll, wie ei 
serne Kapitalien am fruchtbarsten anlegen, wie er sein Vermögen 
am besten verwalten könne 2 ). 
Es ist nicht zu leugnen, daß die reiche Fülle an persön 
lichem Erfahrungsmaterial den Leroy-Beaulieu sehen Schriften 
eine Frische und Lebendigkeit verleiht, durch welche sie sich 
äußerst vorteilhaft von der „Literatur der Langeweile“, wie 
Thiers die Werke der klassischen Schule nicht unzutreffend 
kennzeichnete, unterscheiden. Sie haben jedoch zwei große 
Fehler: des Verfassers absoluten Mangel an historischem und 
sozialpolitischem Verständnis. Letzterer ist eine Folge des un 
begrenzten, individualistischen self-help und erstreckt sich so 
ziemlich über die ganze liberale Schule. Ersterer aber, welcher 
b Traité, Bd. I, p. 83. 
2 ) Vgl. Traité, Bd. I, p. 75—76.
        <pb n="143" />
        117 
Die Gruppe der Geschäftsmänner 
mit Coureelle -Seneuil und Baudrillart, ja selbst mit 
G. de Molinari, als von der Schule überwunden hätte gelten 
können, bewirkt, daß Leroy-B e a uli e u gegenüber historischer 
und evolutionistischer Auffassung des Wirtschaftslebens in den 
alten Rationalismus Bastiats und der Physiokraten zurück 
fällt. Dies äußert sich insbesondere bei der von ihm unter 
nommenen Widerlegung der sozialistischen Systeme und der 
Begründung des Privateigentums, für die er auf die physio- 
kratische Naturrechtslehre zurückgreift 1 ). 
In Leroy-Beaulieus Lehrbuch der Finanzwissenschaft 
kommt der individualistische und staatsfeindliche Bourgeoisstand 
punkt konsequenter zur Geltung als in seinen sonstigen Werken. 
Im Gegensatz zu den Physiokraten ist er der Berücksichtigung- 
sozialpolitischer Gesichtspunkte bei der Lösung der Steuer 
probleme abhold. Indirekte Steuern, selbst städtische Zölle, be 
fürwortet er; dagegen bekämpft er lebhaft jede progressive 
Einkommen- und Erbschaftssteuer. Die Personalbesteuerung 
verwirft er überhaupt. An die wissenschaftliche Gründlichkeit 
unserer großen deutschen Werke reicht Leroy-Beaulieus 
Finanz Wissenschaft nicht heran. Für die Bedürfnisse der Praxis 
dürfte sie aber jenen häufig vorzuziehen sein. Männern, denen 
die Beschaffung von Mitteln für Staat und Kommunen obliegt, 
bietet sie eine Fülle von Ideen, eine vortreffliche Anleitung zur 
Sicherung und eventuellen Wiederherstellung der finanziellen 
Wohlfahrt ihrer Gemeinwesen, wie auch eine reiche Fundgrube 
von Materialien aus der zeitgenössischen Finanzpolitik großer 
und kleiner Staaten. 
Alfred Neymarck, Finanzier und Direktor des Börsenblattes 
Le Héritier 2 ), ist seit mehr denn 40 Jahren Chronist des Wirt 
schaftslebens und des Finanzwesens Frankreichs. Er hat vor 
0 Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Collectivisme, examen critique du nouveau 
socialisme, 4. Aufl. 1902. 
2 ) Alfred Neymarck hat wirtschaftsgeschichtliche Monographien über 
Colbert und Turgot geschrieben (Colbert et son temps, 2 Bde., Paris, 1875 und 
Turgot et ses doctrines, 2 Bde., Paris, 1885) ; den internationalen statistischen 
Kongressen hat er mehrere Berichte über die internationale Wertpapier Statistik 
vorgelegt (Berichte des internationalen statistischen Instituts, Bd. IX, Lief. 2, 
Bern, 1895; Bd. XI, Lief. 2, Petersburg, 1897; Bd. XII, Lief. 1, Christiania, 
1899; Bd. XIII, Lief. 8, Budapest, 1901).
        <pb n="144" />
        118 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
einigen Jahren mit der Veröffentlichung einer Gesamtausgabe 
seiner Chroniken begonnen (Finances Contemporaines, Paris, 1903 ff.). 
Band I enthält Jahresübersichten (1872—1901) über alle volks 
wirtschaftlichen, finanziellen, industriellen und kommerziellen 
Geschehnisse von einiger Bedeutung in Frankreich. Band II 
ist eine Sammlung von kritischen Besprechungen der Budgets 
des französischen Staates in der Periode 1872—1903 nebst sta 
tistischen Übersichten über dieselben für die Jahre 1869—1901. 
Band III bietet eine Zusammenstellung von Artikeln, die 
Neymarck in den Jahren 1872—1904 über die wichtigeren 
finanzpolitischen und volkswirtschaftlichen Tagesfragen ge 
schrieben hat ; dazu treten Übersichten über die Themata, 
welche in diesem Zeitraum in den Sitzungen der Académie 
des Sciences morales et politiques, der Société d'Economie politique 
und der Société d'Economie sociale erörtert wurden. Band IV 
und V vereinigen Aufsätze aus den Jahren 1871—1907, welche 
der Kritik der französischen Finanzverwaltung und der Bespre 
chung sämtlicher in diesem Zeitraum in Kammer und Senat 
eingebrachten Steuervorlagen gewidmet sind. Für die Wirt 
schafts- und insbesondere die Finanzgeschichte der dritten Re 
publik bedeuten die Schriften Neymarcks eine reiche, interes 
sante, mitunter pikante Fundgrube, welche allerdings ganz im 
Sinne eines schroffen Nichtinterventionismus gehalten ist und 
den Bedürfnissen der Zeit nur zu oft verständnislos gegen 
über steht. 
Arthur Raffalovich, Finanzagent der russischen Regierung 
in Paris und ständiger Mitarbeiter des Economiste français, hat 
sich durch seine seit 1894 erscheinenden Jahresberichte über 
den Geld- und Effektenmarkt in allen wichtigeren Ländern 
Europas und Amerikas einen Namen gemacht 1 ). Mit Yves 
*) Arthur Raffalovich, Le Marché financier. France, Angleterre, Alle 
magne, Russie, Autriche, Suisse, Italie, Espagne, Etats-Unis. Questions monétaires. 
1894 bis heute. 15 Bde. Paris, Guillaumin-A lean. 
Yon ihm nennen wir noch: Le Logement de l’Ouvrier et du Pauvre. 
Paris, 1887. — Les Socialistes allemands. Le Programme d’Erfurt et la Satire 
de M. Richter, Paris, 1892. — Trusts, Cartells et Syndicats, 2. Aufl., Paris, 
1905. — Recueil de Matériaux sur la Situation économique des Israélites de 
Russie, d’après l’Enquête de la Jewish Colonization Association. Bd. I, Intro 
duction, Agriculteurs, Artisans et Manoeuvres, Paris, 1906.
        <pb n="145" />
        —4; 
1 
Die Gruppe der Geschäftsmänner H9 
Guyot hat er die Veröffentlichung des Dictionnaire du Commerce, 
de l'Industrie et de la Banque geleitet. 
Raphaël-Georges Lévy, Bankdirektor und Professor an der 
École libre des Sciences politiques (Bank- und vergleichendes Finanz 
wesen), ist Spezialist auf den Gebieten des Geld-, Bank- und 
Budgetwesens, sowie der Branntweinbesteuerung. R. G. Lévy 
hat Verständnis für die deutsche, historische Volkswirtschafts 
lehre, was man von seinem Milieu im allgemeinen nicht be 
haupten kann. Strenge Wissenschaftlichkeit, klarer Blick und 
sicheres Urteil kennzeichnen seine zahlreichen Monographien 1 ). 
Eugène d’Eichthal 2 ), Mitglied des Verwaltungsrates der 
französischen Südbahn und der Académie des Sciences morales 
et politiques, hat Courcelle-Seneuil und Marshall studiert, 
besitzt historisches Verständnis und ist von der Idee der Rela 
tivität der wirtschaftlichen Erscheinungen durchdrungen. Er 
sieht seine wissenschaftliche Aufgabe, abgesehen von der Be 
kämpfung des Sozialismus, vor allem in der Revision der „wesent 
lichen Regeln“ der klassischen Nationalökonomie auf Grund von 
Tatsachenbeobachtung, und in der Klärung des sprachlichen 
Ausdrucks (élucidation des termes), dessen sich die Wirtschafts 
wissenschaft bedient. 
d'Eichthals Revision des Klassizismus lehnt sich eng 
an diejenigen von Paul Leroy-Beaulieu und Marshall 
*) Vgl. unter andern: Raphaël-Georges Lévy, La Spéculation et la Banque, 
Paris, 1893. — Mélanges financiers, Paris, 1895. — La Fortune mobilière de la 
France à l’Etranger, Paris, 1893. — L’Union monétaire au moyen d’une Banque 
centrale universelle, Paris, 1895. — Le Monopole de l'Alcool, Paris, 1897. — 
L’Industrie et le Commerce allemands, Paris, 1898. — La Hausse du Blé et la 
Baisse de l’Argent, Paris, 1897. — Qualités monétaires des Valeurs mobilières, 
Paris, 1899. — L’Achèvement de notre Réforme monétaire, Paris, 1900. — Le 
Triomphe de l’Unité monétaire, Paris, 1901. — Anvers, Gênes, Hambourg, Paris, 
1901. — L’Allemagne industrielle, Paris, 1901. — La Disparition de l’argent 
comme Métal monétaire, Paris, 1903. — Rapports sur le monopole de l’Alcool 
à la commission extraparlementaire, Paris, 1904. — Finances de Guerre : Russie 
et Japon, Paris, 1904. — Psychologie des Placements, Paris, 1905 usw. 
2 ) Von Eugène d'Eichthal sind neben ideengeschichtlichen Werken (Socia 
lisme, Communisme et Collectivisme, Paris, Guillaumin, 1892. — Alexis de Toc 
queville et la Démocratie libérale, Paris, Calmann-Lévy, 1897 usw.) haupt 
sächlich zu erwähnen : La Solidarité sociale et ses nouvelles formules, Paris, 
Picard, 1903 und: La Formation des Richesses et ses conditions sociales actuelles, 
Paris, Alcan. 1906.
        <pb n="146" />
        120 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
an. Seine mit großer Akribie durchgeführten Begriffsbestim 
mungen begründet er damit, daß die Beobachter, welche zuerst 
wirtschaftliche Erscheinungen gesehen und benannt haben, diese 
nicht nach ihrem innern Wesen, sondern nach partiellen, am 
meisten in die Augen springenden Gesichtspunkten betrachtet 
und bezeichnet haben. Daher die Unklarheiten und Konfusionen, 
von denen die Volkswirtschaftslehre wimmele. Bastiat drückte 
denselben Gedanken mit dem geistreichen Schlagwort „ce qu’on 
voit et ce qu’on ne voit pas" aus 1 ). 
Die Auffassung Leroy-Beaulieus und Marshalls, 
daß die Volkswirtschaftslehre nicht nur Tatsachen zu beobach 
ten, sondern auch die Voraussicht zu ermöglichen und die Vor 
bedach tsamkeit zu entwickeln habe, wird von d’Eichthal 
besonders urgiert. Aus der wiederholten Beobachtung von Tat 
sachen, die sich im Laufe der Geschichte sehr oft wiederholt 
haben, sagt er, kann die Nationalökonomie Regeln folgern, 
welche dem Gesetzgeber und Politiker als Grundlage zur Vor 
aussicht dienen können. Diese Regeln sind keine Naturgesetze; 
denn die wirtschaftlichen Erscheinungen haben nicht den 
Charakter von Unveränderlichkeit, welcher physisch gewisse 
Voraussichten ermöglicht. Ursachen der Veränderlichkeit jener 
Erscheinungen sind: Verschiedenheiten in der individuellen 
Schätzung der wirtschaftlichen Vorteile ; Umstände der Zeit, der 
Rasse, des Milieus, der Sitten ; Leidenschaften, Aberglauben usw. 
Das Gesetz der großen Zahl bewirkt jedoch, daß diese Ver 
änderlichkeit sich in bestimmten Grenzen hält. Die Ökonomik 
stützt sich auf den Glauben, daß die Gesamtheit der Ten 
denzen, Instinkte, Gewohnheiten, Voraussichten der Menschen 
genügend konstant ist, um, bei langer und sorgfältiger Be 
obachtung, die Grundlage einer wirklichen Wissenschaft abzu 
geben, d. h. einer, wenn auch nicht unbedingt gewissen, so 
doch genügend sichern Voraussieht der Tatsachen, welche inner- 
i) E. d'Eichthal, La Formation des Richesses, Paris, 1906, p. II, XIX. — 
Nach d’Eichthal ist z. JB. die Tatsache, daß durch die Jahrhunderte die Berech 
tigung des Zinses als Entlohnung für das leihweise Überlassen produktiver Güter, 
wie Boden oder Werkzeuge, anerkannt, während der Zins als Entlohnung von 
Gelddarlehen verurteilt wurde, eine Folge falscher Vorstellungen über das Wesen 
der Güter und Edelmetalle, für welche in erster Linie die sprachlichen Bezeich 
nungen dieser Dinge verantwortlich zu machen sind. ibid. p. 111.
        <pb n="147" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
121 
halb einer bestimmten Zeitgrenze und in einem bestimmten 
Milieu zu erwarten stehen *). 
Diejenigen Regeln, welche die Nationalökonomie aus der 
Tatsachenbeobachtung schöpft, um der Gesetzgebung als Richt 
schnuren zu dienen, lehren, daß „die wesentlichen sozialen Be 
dingungen der zeitgenössischen Produktion . . . nicht willkür 
liche sind, sondern die notwendige Frucht eines Jahrhunderte 
langen Ineinandergreifens von Ursachen und Wirkungen, die zu 
einer Wirtschaftsordnung führen, ... in der die Vorteile die 
Nachteile bedeutend überwiegen; daß, um diese Bedingungen 
in einigen ihrer Züge zu modifizieren — was der beständigen 
Evolution der menschlichen Dinge entsprechen kann — man 
nicht deren festgegründetes Prinzip über den Haufen werfen 
darf, sondern die Reform gewisser Teile auf den alten Grund 
lagen in Angriff nehmen muß“ 2 ). Die Pointe gegen den So 
zialismus, welche diese Programmerklärung birgt, kommt bei 
d’Eichthal durchweg zum Vorschein. Die grundlegende Be 
deutung, welche bei ihm, im Anschluss an Courcelle-Seneuil, 
die historische Kategorie der Aneignung, und zwar der individuellen 
Aneignung, hat, trägt einen Kampfcharakter dem Sozialismus 
gegenüber. Wenn er ferner seine beliebte, jeden Augenblick 
wiederkehrende Behauptung aufstellt, die Nationalökonomie sei 
vor allem ein Produktionsproblem, nicht ein solches der Ver 
teilung, wie die Sozialreformer aller Schattierungen zu glauben 
geneigt seien — darum sei auch möglichste Produktivität für 
die Besserung der wirtschaftlichen Lage aller Volksklassen viel 
wichtiger, als Gerechtigkeit in der Verteilung — so versäumt 
er nicht, darauf hinzuweisen, daß jeglicher Sozialismus eben 
diesem Grundirrtum der Überschätzung der Verteilungsfragen 
sein Entstehen verdanke 3 ). 
*) ibid. p. XIII ff. Vgl. ebenda: „Es ist der Zweck einer jeden Sozial 
wissenschaft, dem Gesetzgeber und Politiker Grundlagen zur Voraussicht zu be 
schaffen; denn wenn sie die menschlichen Dinge, insbesondere die Gesetzgebung 
nicht beeinflussen dürfte, so wäre sie, was sie zu oft in Deutschland wird, eine 
bloße Registrierung historischer Tatsachen ; wissenschaftlich an ihr wäre dann 
nur die Methode, welche darin besteht, sich vor Irrtumsquellen bei der Beob 
achtung zu schützen.“ 
2 ) ibid. p. XXII. 
3 ) ibid. p. II und passim in allen Schriften.
        <pb n="148" />
        122 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Nachdem dem Ziele größtmöglichster Produktivität der 
unbedingte Vorrang im Wirtschaftsleben gesichert 1 ) und damit 
das stetig steigende Wohlergehen aller in erster Linie von der 
individualistischen Organisation der Produktion abhängig ge 
macht ist, tritt d’Eichthal an das Verteilungsproblem heran. 
Die liberale Schule verneint nicht, sagt er, daß die soziale 
Gerechtigkeit das beständige und höhere Ziel der Gesellschafts 
organisation sein soll 2 ); aber es ist gefährlich und öffnet dem 
Kollektivismus Tür und Tor, wenn man die Gerechtigkeit zum 
alleinigen Pol der Wirtschaftsordnung macht. Die Natur gibt 
dazu das Beispiel nicht, denn sie ist von Grund aus ungerecht. 
Alles in ihr ist Ungleichheit, Erdrückung des Schwächeren durch 
den Stärkeren usw. 3 ). Die Rolle nun, welche d’Eichthal dem 
Prinzip der sozialen Gerechtigkeit tatsächlich im Wirtschafts 
leben zuweist, wird durch den Begriff der sozialen Solidarität, 
den er in die liberale Volkswirtschaftslehre einführt, bestimmt. 
d’Eich thaïs Schrift über die soziologische Kategorie der 
Solidarität wurde der Anlaß zu einer gründlichen Aussprache 
der Académie des Sciences morales et politiques, d. h. der 
Koryphäen der liberalen Schule, über die Solidaritätsidee, welche 
J ) Die Betonung des Vorrangs der Produktion im "Wirtschaftsleben gibt 
d’Eichthal Anlaß zu einer Bewertung der Juristen. „Die praktische Beobach 
tung,“ schreibt er, „die aktuelle wie die historische, führt die Ökonomik zu 
einer Schlußfolgerung, die sie so zu formulieren wagt : es wäre ein Unglück für 
eine Gesellschaft und würde den Stillstand ihrer Fortschritte bedeuten, wenn der 
exklusive juristische Geist auf die sozialen Dinge übergreifen und die Auslese 
der Produzenten erfüllen würde. . . . Die Juristen und Gesetzesmacher haben 
häufig die Tendenz, die Dinge und die Menschen ... zu immobilisieren, und 
über den Anteil eines jeden an einem Kuchen, zu dessen Vermehrung sie nichts 
beitragen, zu schikanieren. Wenn der tätigste Teil unserer Generation die Pro 
duktion vernachlässigte, um sich nur mit der Regelung der Bedingungen zu be 
schäftigen , unter denen die Früchte der Wissenschaft und Industrie verteilt 
werden sollen, so würde daraus eine allgemeine Verarmung erfolgen, ohne daß 
vielleicht eine nennenswerte Befriedigung des Gerechtigkeitssinnes erreicht würde.“ 
ibid. p. 350/Bl. 
2 ) Der scheinbare Widerspruch, der in dieser Formulierung liegt, erklärt 
sich wie folgt: die größtmögliche Produktion ist das oberste Ziel der Praxis, 
die Gerechtigkeit in der Verteilung ist das oberste Ziel in der Theorie; aber 
gerade die Verwirklichung des obersten Zieles der Praxis ist das adäquateste 
Mittel zur Verwirklichung gerechter Verteilung. Cfr. d’Eichthal ibid. p. 345 fis. 
3 ) ibid. p. 352 fis., p. 379 ff.
        <pb n="149" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 123 
in den letzten Jahrzehnten in Frankreich, hauptsächlich durch 
die Schriften Léon Bourgeois', ins Bewußtsein der Massen ge 
drungen ist und eine ungeheure Popularität erlangt hat*). Wir 
werden unten im dritten Buche auf diese Idee, welche in der 
Volkswirtschaftslehre nicht nur der liberalen Schule Bürgerrecht 
zu erringen im Begriffe ist, eingehender zu sprechen kommen. 
Hier wird es genügen festzustellen, daß d’Eichthal, und mit 
ihm die Akademie, den Solidarismus Bourgeois’, der die Für 
sorge für die „Enterbten“ zu einer rechtlich einklagbaren Schuld 
der Besitzenden macht, ablehnen, die natürliche Tatsache der 
sozialen Solidarität jedoch und deren Geeignetheit, die Güter 
verteilung zu normieren, mehr oder weniger — Frédéric 
Passy z. B. mehr, Paul Leroy-Beaulieu in geringerem 
Maße — anerkennen. Die Fassung, welche d’Eichthal dem 
Begriff der sozialen Solidarität gibt, ist folgende: „Die Fort 
schritte der Wissenschaft und der Kultur prägen die Idee eines 
rigorosen Bandes, das die Menschen und die Generationen mit 
einander verbindet, immer tiefer in unsere Herzen und unsere 
Sprache ein. Durch eine genauere Analyse des sozialen Lebens 
und der wirklichen Natur sieht jeder von uns täglich ein wenig 
klarer, daß er ein Bruchstück, nicht nur einer familiären oder 
kommunalen Gruppe ist, sondern eines umfassenden Ganzen, in 
welchem das Glück der einen in weitem Maße von dem Glücke 
der andern abhängt So entsteht in der Seele der Zeit 
genossen eine Art unlöslichen Zusammenhanges zwischen dem 
Individuum, seinen Ahnen, seiner Familie, seinen Verwandten, 
seinen Freunden, seinen Mitbürgern, seinen Abkömmlingen, der 
nach und nach die Idee der Kriege zwischen Völkern be 
seitigt und sich auf die gesamte lebende und selbst zukünftige 
Menschheit ausdehnt. Daraus ist eine zugleich individualistische 
und kollektivistische Weltanschauung entstanden . . . ., die 
gewiß sehr verschieden ist von der, welche ein übertriebener 
*) Die gemeinte Schrift d’Eicbthals wurde in Verbindung mit dem ein 
schlägigen stenographischen Sitzungsbericht der Akademie veröffentlicht unter 
dem Titel : La Solidarité sociale, ses nouvelles formules par E. d'Eichthal. Ob 
servations par MM. F. Passy, P. Leroy-Beaulieu, Levasseur, A. Sorel, Juglar, 
Boutroux, Cheysson, E. Rostand, de Tarde, Glasson et R. Stourm. Paris, 
A. Picard, 1903. 
Über Léon Bourgeois s. unten, Buch III, Kap. 2.
        <pb n="150" />
        124 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Individualismus zu gewissen Zeiten erzeugen konnte. Sie stellt 
dem Gesetze der Zerstörung, um zu leben, das der Gesamtheit 
der lebenden Wesen gemein ist, ein Gesetz des Zusammen 
wirkens, um zu leben, entgegen, welches sich nach und nach 
im Schoße der Menschheit zu deren sittlichem und physischem 
Besten bildet, und aus derselben eine kleine, abseits stehende 
Welt im Universum machen wird“ *). 
Die praktische Verwertung der Solidaritätsidee als Norm 
der Güterverteilung 1 2 ) denkt sich d'Dichthai, und darin folgt 
ihm die Akademie nur mit größter Zurückhaltung, wie folgt: 
In der Ordnung der Gefühle ist zu einer immer bewußteren 
Entwicklung jener Tugenden anzutreiben, welche man früher 
Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Philanthropie, Altruismus nannte; 
in der Ordnung der äußeren Tatsachen ist die Assoziation zu 
ermutigen, die als Genossenschaft, Unterstützungswesen, ja selbst 
als Zusammenwirken von Kapital und Arbeit das menschliche 
Leben schon bedeutend gebessert hat.“ Mit unentwegtem Opti 
mismus verspricht sich d'Eichthal von der Verwirklichung der 
Solidaritätsidee durch genossenschaftlichen Zusammenschluß 
zu den verschiedensten Zwecken eine wunderbare, stetige Besse 
rung der Lage insbesondere der Arbeiterbevölkerung 3 ). Aber 
er dringt auch bis zum Interventionismus vor. „Die solidaristische 
Weltanschauung,“ schreibt er, „äußert sich im bürgerlichen 
Leben zugleich durch gesetzliche und sittliche Pflichten: die 
ganze Frage der Freiheit besteht eben darin, die einen von 
den andern zu unterscheiden und zu bestimmen, was gerecht 
fertigterweise durch den staatlichen Zwang den Bürgern im 
Namen der sozialen oder nationalen Solidarität auferlegt werden 
kann, und was, aus Achtung vor dem individuellen Recht, oder 
im allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Interesse, das Ge 
biet des industriellen Gewissens oder des wohlverstandenen 
1) d’Eichthal, La Formation des Richesses, p. 452. — La Solidarité 
sociale, p. 15. 
2 ) Es bedarf wohl kaum eines Hinweises, daß die Solidaritätsidee als 
Verteilungsnorm nur unter Voraussetzung eines anderen ethischen Prinzips, 
z. B. desjenigen der Rechtmäßigkeit der individuellen Aneignung der Güter, in 
Tätigkeit treten kann. Die meisten Verfechter jener Idee neigen allerdings dazu, 
dies aus dem Auge zu verlieren. 
3 ) d'Eichthal, Solidarité, p. 21 ff.
        <pb n="151" />
        Die Gruppe der Geschäftsmänner 
125 
Selbstinteresses bleiben darf. Und das ist das Hauptproblem 
der zeitgenössischen Soziologie“ *). Welche Gebiete der staat 
lichen Einmischung offen stehen sollen, bezeichnet d’Eichthal 
nicht näher. Er begnügt sich damit, darauf hinzuweisen, daß 
in jedem Einzelfall die Bestimmung der Opfer, welche der Staat 
aus dem Solidaritätsgedanken heraus von den Individuen ver 
langen darf, eine schwierige, und daß „das Wichtigste ist, die 
Freiheit nicht von vornherein preiszugeben“ 1 2 ). 
Charles Gomel, Mitglied des Verwaltungsrates der fran 
zösischen Ostbahn und des Crédit Foncier, widmet seine Muße 
stunden finanzgeschichtlichen Studien. Er hat die Archive der 
Bibliothèque nationale und diejenigen mehrerer Provinzstädte 
durchstöbert und die gefundenen Materialien zu einer groß 
angelegten Darstellung des Finanzwesens Frankreichs in den 
letzten Jahren des „ancien régime“ und zur Revolutionszeit ver 
arbeitet 3 ). Die bisher erschienenen acht Bände stellen ein 
historisches Quellenwerk ersten Ranges dar. Unbefangen ist 
dasselbe allerdings nicht. Einmal mißt Gomel die damalige 
Finanzpolitik der verschiedenen, rasch aufeinander folgenden 
Verwaltungen viel zu sehr an dem absoluten Maßstab der 
finanzwissenschaftlichen Doktrin Paul Leroy-Beaulieus; 
dann fallen die Versuche, sich in die Mentalität und die Lage 
der insbesondere linksstehenden Finanzpolitiker der Revolutions 
zeit hineinzudenken, und damit die psychologische Erklärung 
des Geschehenen, viel zu schwach aus. Es liegt auf der Hand, 
daß dieser Mangel nicht selten zu parteiischer Trübung des 
Urteils führen muß. Das große Verdienst des Gomelschen 
Unternehmens ist, die ausschlaggebende Bedeutung, welche die 
finanzielle Lage Frankreichs und die Finanzpolitik der sich rasch 
folgenden Minister, Versammlungen und Ausschüsse für die Ent 
stehung der großen Revolution und deren Entwicklungsgang 
1 ) d' Eichthal, La Formation des Richesses, p. 452. 
2 ) d' Eichthal, Solidarité, p. 17. 
Die Solidaritätsidee wird unten im 2. Kapitel des dritten Buches be 
sprochen werden. 
8 ) Charles Gomel, Les Causes financières de la Révolution, 2 Bde., Paris, 
1892—1893. — Histoire financière de l’Assemblée constituante, 2 Bde., Paris, 
1896—1897. — Histoire financière de la Législative et de la Convention, 4 Bde., 
Paris, 1902—1905.
        <pb n="152" />
        126 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
gehabt haben, durch Veröffentlichung umfangreichen Materials 
und durch Aufdecken vieler Zusammenhänge, welche den 
Historikern bis dahin entgangen waren, in helles Licht zu rücken. 
Daneben enthält Goméis Werk wohl die liebevollste Schilde 
rung der Entstehungsgeschichte des von der Revolution ge 
schaffenen und heute noch in Frankreich bestehenden Ertrags 
steuersystems. 
3. Kapitel. 
Die Gruppe der Yerwaltungsbeamten. 
Wir haben diese Gruppe bereits in etwa kennen gelernt: 
es sind in der Hauptsache Dozenten und frühere Schüler der 
Ecole libre des Sciences politiques, welche die staatlichen Ver 
waltungsbehörden bevölkern. Die von der Schule mitgebrachten 
nichtinterventionistischen Anschauungen pflegen diese Herren 
im späteren Leben mit den Erfahrungen der Verwaltungspraxis 
zu begründen 1 ). Wissenschaftliches Organ der Gruppe sind die 
bereits genannten Annales des Sciences politiques (erscheinen zwei- 
bis dreimonatlich seit 1886). Dem Geiste, der die Ecole libre 
des Sciences politiques durchdringt, entsprechend, interessieren 
sich die hieher zu rubrizierenden Volkswirte wenig für die theo 
retische Behandlung der wirtschaftswissenschaftlichen Probleme ; 
wir dürfen darum nicht hier tiefgründige Auseinandersetzungen 
über die Grundfragen der Wissenschaft suchen. Positive, kon 
krete Behandlung greifbarer Tatsachen und Erscheinungen des 
Wirtschaftslebens und Abtun grundsätzlicher Fragen mit einigen 
kurzen, im Vergleich zur komplexen Wirklichkeit äußerst ver 
einfachten Deduktionen kennzeichnen die hierher gehörenden 
Arbeiten. Zur nähern Charakterisierung dieser Gruppe wird es 
genügen, die Namen zweier, wissenschaftlich hervorragender 
Männer herauszugreifen : Alfred de Foville und René Stourm. 
1 ) Z. B. dank dem Schutzzoll vermag dieses oder jenes Unternehmen mit 
veralteten Maschinen und überholten Herstellungsverfahren weiter zu arbeiten, 
oder: die Praxis zeigt, daß nur schlechte und träge Arbeiter von der obli 
gatorischen Sozialversicherung Nutzen haben und zwar auf Kosten der tüchtigeren 
und ehrlichen usw.
        <pb n="153" />
        Die Gruppe der Verwaltungsbeamten 
127 
Alfred de Foville, Professor der Nationalökonomie an der 
Ecole libre des Sciences politiques, hat in der Staats 
verwaltung Karriere gemacht 1 ). Er besitzt in hohem Maße die 
dem französischen Charakter eigene Liebenswürdigkeit. Diese 
ist der dominierende Zug aller seiner Schriften 2 ). Professor 
Gide sagt von ihm: „Er ist zweifelsohne ein Statistiker, wie 
es keinen zweiten in der Welt gibt. Geist, Anmut und voll 
endete Kunst weiß er in diese Wissenschaft zu tragen, die als 
die trockenste von allen gilt, unter seiner Feder aber zur Freude 
der Leser wird“ 3 ). 
Der Nichtinterventionismus präsentiert sich bei de Foville 
als das selbstverständlichste und harmloseste Ding der Welt. 
Die ewigen Naturgesetze der Volkswirtschaft stimmen wunder 
bar mit dem Sittengesetz überein, und „niemand hat mehr zur 
Besserung der Lage der Arbeiterbevölkerung in den großen 
Industriestädten beigetragen als Villermé, Llanqui, Key 
baud, Jules Simon usw.“ 4 ). 
Als Leiter des statistischen Bureaus im französischen 
Finanzministerium führte de Foville eine Reorganisation des 
statistischen Dienstes des Staates durch; insbesondere bildete 
1) A. de Foville hatte ursprünglich die militärische Laufbahn eingeschlagen. 
Als Leutnant nahm er seine Entlassung, studierte .Rechts- und Staatswissenschaft 
und war dann der Reihe nach: auditeur am Conseil d'Etat, Vorstand des statisti 
schen Bureaus des Finanzministeriums, Direktor der Pariser Münze und seit 1900 
conseiller-maître an der Cour des Comptes. Seit 1872 ist er Professor an der 
Ecole libre des Sciences politiques, von 1882—1893 dozierte er ebenfalls am Conser 
vatoire des Arts et Métiers. Er ist ferner Mitglied der Académie des Sciences 
morales et politiques und seit 1897 Vorsitzender der Société des Etudes économi 
ques, einer freien Vereinigung von zumeist früheren Schülern der Ecole des 
Sciences politiques. 
2 ) de Fovilles hauptsächlichste Schriften sind: Essais sur les Variations des 
Prix, Paris, 1873. — La Transformation des Moyens de Transport et les Con 
séquences économiques et sociales, Paris, 1880. — L’Administration de l’Agri 
culture au Contrôle général des Finances sous Louis XVI, Paris, 1883. — Le 
Morcellement, Paris, 1885. — La France économique, Statistique raisonnée et 
comparative, Paris, 1. Ausi. 1887, 2. Ausi. 1890. — Enquête sur les conditions 
de l’habitation en France, Paris, 1899. — La Monnaie, Paris, 1907. 
3 ) Ch. Gide, Die neuere volkswirtschaftliche Literatur Frankreichs, in 
Schmoll ers Jahrbuch, 1895, p. 719—720. 
4 ) A. de Foville, L’Economie politique dans l’enseignement secondaire, in : 
Revue universitaire, 15. März, 1892, p. 260 if.
        <pb n="154" />
        128 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
er die periodischen Erhebungen über den Stand der Landwirt 
schaft aus und gründete das Bulletin de Statistique et de Légis 
lation comparée (erscheint seit 1877). Fesselnd zu lesen ist sein 
Werk über den französischen Nationalwohlstand (La France 
économique, 2. Ausi. 1890). Durch eine sinnreiche Anordnung 
und Farbengebung von graphischen Darstellungen gelingt es 
de Foville, die Fluktuationen und Entwicklungstendenzen 
des Wirtschaftslebens für beliebige Zeitabschnitte in übersicht 
lichen Gesamtüberblicken, unter Vermeidung von Durchschnitts 
berechnungen und in weitgehender, detaillierter Gliederung 
(32 Kategorien wirtschaftlicher und sozialer Erscheinungen) an 
schaulich vorzuführen. Er selbst bezeichnet das Verfahren als 
météorologie sociale. Eine andere statistische Arbeit desselben Ver 
fassers (Le Morcellement, Paris 1885) bringt die Fortschritte der 
Teilung und die vereinzelt auftretende übermäßige Parzellierung 
des Grundeigentums in Frankreich unter dem Einfluß des 
geltenden Erbrechtes zur Darstellung. Das letzte Werk de 
Fo villes : La Monnaie (Paris 1907) ist zur Einführung in das 
Verständnis des Geldwesens, der Münztechnik und der Wäh 
rungsfragen wegen seiner knappen, konkreten, äußerst ansprechen 
den Form hervorragend geeignet. Der didaktische Wert der 
Schriften de Fo villes ist überhaupt hoch zu veranschlagen, 
wie auch sein Vortrag ein seltenes Lehrtalent bekundet. 
René Stourm, Professor der Finanzwissenschaft an der 
Ecole libre des Sciences politiques, bekleidete seit 1863 
verschiedene Ämter in der Finanzverwaltung und ist heute 
Administrator des Ch'édit sonder. Er hat mehrere finanzgeschicht 
liche und finanztechnische Werke, darunter zwei Handbücher, 
veröffentlicht 1 ). Der Vergleich der finanzgeschichtlichen Arbeiten 
Stour ms mit denen Goméis liegt nahe, um so mehr als sie 
dieselbe Periode der französischen Finanzgeschichte behandeln. 
Gomel sammelt polyhistorisch und zergliedert gewissenhaft 
jedes Aktenstück ; er will die Bedeutung der finanziellen Dinge 
0 Von Bene Stourm sind zu nennen: Les Finances de l’ancien régime et 
de la révolution, Origines du système financier actuel, 2 Bde., Paris, 1885. — 
L’Impôt sur l’Alcool dans les principaux pays, Paris, 1886. — Bibliographie 
historique des Finances de la France au XVIII me siècle, Paris, 1900. — Les 
Finances du Consulat, Paris, 1902. — Systèmes généraux d’impôts, Paris, 1. Aufi. 
1893, 2. Aufi. 1905. — Le Budget, Paris, 1889, 5. Aufi. 1906.
        <pb n="155" />
        Die Gruppe der Verwaltungsbeamten 
129 
für die Gesamtgeschichte der Revolutionsära nachweisen; daß 
er sich dabei liebevoll über den Ursprung des französischen 
Ertragssteuersystems verbreitet, ist für einen Nichtinterventio 
nisten selbstverständlich. Stourm denkt schärfer und syste 
matischer als Gomel; er begnügt sich in der Regel damit, den 
Materialien einige wenige prägnante Züge zu entnehmen, und 
verwertet sie zur Zeichnung von Gesamtbildern; die Finanz 
geschichte bleibt ihm Selbstzweck, und er setzt sich die syste 
matische Darstellung, einerseits der Entstehung des französi 
schen Ertragssteuersystems, andererseits der Reorganisation des 
gesamten Finanzwesens der ersten Republik durch Napoleon 
Bonaparte zum Hauptziel; die Technik des Finanzwesens steht 
für ihn im Vordergrund des Interesses. Natürlich waren 
Stour ms Forschungen schätzenswerte Vorarbeiten für Gomel; 
sie bleiben den Werken des letzteren an Scharfsinn und me 
thodischer Durcharbeitung überlegen. 
Die Handbücher von René Stourm (Systèmes généraux 
d'impôts und Le Budget) sind Werke eines erfahrenen und scharf 
sinnigen Praktikers, dabei eines unerbittlich rückständigen 
Nichtinterventionisten. Greifbarer als Paul Leroy-Beaulieu faßt 
Stourm die Steuerlehre seiner Schule in wenige Leitsätze zu 
sammen : die Steuer hat keine andere Rolle, als den Staatsbedarf 
zu decken (d’être le pourvoyeur des budgets); jeder Versuch 
mittels der Steuer auf die Güterverteilung einzuwirken, oder die 
eine oder die andere Industrie in neue Bahnen zu lenken, über 
haupt jede ethische, sozialpolitische oder protektionistische 
Nutzbarmachung der Steuer ist zu verwerfen; innerhalb ihres 
natürlichen Wirkungskreises als „Lieferantin des Staatshaus 
halts" hat die Steuer gerecht zu sein; dazu muß sie folgende 
Bedingungen erfüllen: 1. Mäßigkeit des Steuersatzes, 2. Pro 
portionalität, nicht Progressivität, 3. Entlastung der notwendigen 
Verbrauchsgegenstände; ferner ist an dem erprobten System 
der Veranlagung nach äußern Merkmalen festzuhalten 1 ). Die 
Argumentation Stourms ist, wie übrigens schon diese Leitsätze 
verraten, eine streng abstrakte, deduktive; seine Darstellung 
der verschiedenen Steuersysteme und des Budgetwesens eine 
i) René Stourm, Systèmes généraux d’impôts, 2. Ausi. Paris, 1905, 
p. 412—413. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
9
        <pb n="156" />
        130 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
greifbar konkrete; gegen die progressive Steuerveranlagung 
und die Personalsteuersysteme polemisiert er sehr scharf und 
schneidig. 
4. Kapitel. 
Die Gruppe der Historiker. 
Pierre Emile Levasseur, geboren am 8. Dezember 1828 in 
Paris, studierte ursprünglich Philologie und Geschichte. Seine 
Recherches historiques sur le système de Law (Paris 1854) sind die 
erste nationalökonomische Doktordissertation in Frankreich ge 
wesen. Levasseur begann seine Laufbahn als Lyzealprofessor 
in Alençon und Besançon. 1861 wurde er Nachfolger des zum 
Unterrichtsminister ernannten Pädagogen und Historikers Duruy 
am Lycée Napoléon in Paris. Seit 1868 lehrt er Wirtschafts 
geschichte, -geographic und -Statistik am Collège de France. 
Zwei weitere Lehraufträge für Nationalökonomie, Statistik und 
Wirtschaftsgeographie wurden ihm 1874 übertragen ; der eine 
am Conservatoire national des Arts et Métiers, der andere an 
der École libre des Sciences politiques. Seit 1868 ist Levasseur 
Mitglied der Académie des Sciences morales et politiques, seit 
1905 administrateur des Collège de France. 
Levasseur hat sich große Verdienste um die Organi 
sation des volkswirtschaftlichen und geographischen Unterrichts 
in den Volksschulen und mittlern Unterrichtsanstalten seines 
Vaterlandes erworben. Die 1907 an den juristischen Fakultäten 
erfolgte Ausdehnung des nationalökonomischen Unterrichts auf 
zwei Lizentiatsjähre ist ebenfalls seiner Anregung zu verdanken. 
Für Volks- und Mittelschulen hat er volkswirtschaftliche und 
geographische Handbücher veröffentlicht. 
Die zahlreichen geographischen, kartographischen und 
alpinistischen Arbeiten Le vasseurs müssen hier unberück 
sichtigt bleiben; übrigens repräsentieren seine nationalökono 
mischen, wirtschaftsgeschichtlichen und statistischen Werke 
schon für sich allein eine stattliche Lebensarbeit *). Eine er- 
*) Von den Schriften Levasseurs seien genannt: Précis d’économie poli 
tique, zuerst 1869, letzte Auflage, Paris, 1906, Hachette et Cie. —
        <pb n="157" />
        Die Gruppe der Historiker 
131 
staunliche Arbeitskraft und Fruchtbarkeit, strenge Wissen 
schaftlichkeit und Überzeugungstreue, dabei eine seltene Tole 
ranz und wohlwollendes Entgegenkommen allen Andersdenken 
den gegenüber kennzeichnen diesen unermüdlichen Mann. 
Den umfangreichen Werken Levasseurs eignet eine ganz 
aparte Übersichtlichkeit der äußern Anordnung. Neben de 
taillierten Kapitelübersichten unterläßt er nie, zusammenfassende 
Überblicke anzufügen. Ja, dem Vielbeschäftigten, dem selbst 
die Lektüre dieser, oft hundert- und mehrseitigen Zusammen 
fassungen der Ergebnisse eines Bandes zu viel Zeit rauben sollte, 
bietet meist noch ein Resümee des Resümees die wesentlichen 
Tatsachen und Schlußfolgerungen, deren ausführliche Dar 
legung den Gegenstand des betreffenden Bandes ausmacht. 
Die grundlegenden und methodologischen Anschauungen 
Levasseurs verdienen besonders Beachtung. Sie stellen 
La France et ses Colonies, nouvelle édition, 3 Bde. 1890—93, Paris, 
Ch. Delagrave. — 
La Population Française, Histoire de la population avant 1789 et démo 
graphie de la France comparée à celle des autres nations, précédée d'une intro 
duction sur la statistique, 3 Bde. 1889—92, Paris, Rousseau. — 
L’Ouvrier américain, 2 Bde. 1898, Paris, Larose. — 
Dann die große Wirtschaftsgeschichte Frankreichs in drei Teilen: 
I. Teil: Histoire des classes ouvrières en France depuis la conquête de 
Jules César jusqu’à la Révolution, 2 Bde. 1859; davon eine zweite Auflage in 
2 Bden. 1900—1901, unter dem erweiterten Titel : Histoire des classes ouvrières 
et de l’industrie en France avant 1789, Paris, Rousseau. — 
II. Teil: Histoire des classes ouvrières en France depuis 1789 jusqu’à 
nos jours, 2 Bde. 1868—69. Davon zweite Auflage 1903—04 unter dem Titel: 
Histoire des classes ouvrières et de l’industrie en France de 1789 à 1870, Paris, 
Rousseau. — 
III. Teil : Questions ouvrières et industrielles en France sous la Troisième 
République, 1907, Paris, Rousseau. 
Über methodologische Fragen vgl., außer zahlreichen Ausführungen in 
obigen Werken, die Aufsätze: 
La Méthode en Economie Politique, Paris 1898, Broschüre, sehr selten ; 
Art. Trente-Deux Ans d’Enseignement au Collège de France in : Revue Inter 
nationale de l’Enseignement, XL. Jahrg. p. 22 ff.; Art. Coup d’oeil sur 
l’évolution des doctrines et des intérêts économiques en France, im Märzheft 
1904 der Revue Economique Internationale p. 1 ff. ; ferner zahlreiche Aus 
lassungen in den Sitzungen der Société d’économie politique, zu finden im 
Journal des Economistes, passim seit 1861, sowie in den Sitzungen der Aca 
démie des Sciences Morales et Politiques, in deren: Publications, seit 1868.
        <pb n="158" />
        132 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
unseres Erachtens eine glückliche Verbindung der historischen 
Methodik der deutschen Nationalökonomie mit dem naturgesetz 
lichen Klassizismus dar. 
Levasseur fühlt sich wesentlich als Wirtschaftshistoriker. 
Er legt Wert darauf, nicht mit den Theoretikern der liberalen 
Schule in eine Kategorie gereiht zu werden, und beruft sich auf 
Roscher als auf seinen Lehrmeister, dem er die Orientierung 
seiner wissenschaftlichen Laufbahn verdanke 1 ). Die Abneigung 
gegen die reinen Theoretiker der klassischen Schule führt 
Levasseur hie und da dazu, die Kontinuität zwischen den 
Autoren der ersten und denen der zweiten Hälfte des XIX. Jahr 
hunderts zu leugnen oder innerhalb des Klassizismus zwei 
Schulen zu unterscheiden, eine theoretische und eine experi 
mentelle 2 ). 
1 ) „Andere erklären, die Volkswirtschaftslehre sei eine Wissenschaft, 
welche nur eine sehr beschränkte Zahl von Beobachtungen benötige, um ihre 
grundlegenden Gesetze auf solide Basen zu stellen. Sie sind überzeugt, daß die 
Vielfältigkeit der Details der Geschichte nichts zu dem stets gleich bleibenden 
Wesen der Erscheinungen beitrage, ja daß dieselbe sogar den Nachteil habe, 
die Klarheit der wissenschaftlichen Deduktion zu trüben, weil sie nämlich nur 
akzidentelle Unterschiede aufweist. Nach ihnen ist es unmöglich, eine Theorie 
der Naturgesetze auf dem Haufen von Irrtümern aufzubauen, die in den 
menschlichen Gesellschaften wimmeln. Diese Volkswirte sind reine Theoretiker, 
welche die politische Ökonomie als eine ganz rationelle und deduktive Wissen 
schaft auffassen. . . . Die Volkswirte der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts 
sind hauptsächlich Theoretiker gewesen; Ricardo und Rossi gehören zu dieser 
Kategorie. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts haben die historische For 
schung , die Beobachtung der Erscheinungen, die Sorge für die Lage der 
Menschen größere Bedeutung gewonnen. Indem sie den Horizont erweiterten, 
haben sie gewisse Gesetze bestätigt und andererseits den Glauben erschüttert, 
den man in die Universalität anderer bis dahin gehabt; Roscher ist einer der 
ersten gewesen, welche den neuen Weg gebahnt haben. Auf dessen Spuren bin 
ich vor etwa vierzig Jahren durch das Tor der Geschichte in das Gebiet der 
Wirtschaftswissenschaft eingetreten.“ L’Ouvrier Américain, Paris, 1898, Bd. I, 
p. XI. XII. 
Vgl. die Stelle: „Die theoretische Schule stellt die Volkswirtschaftslehre 
dar und lehrt sie in ihrer ganzen Ausdehnung oder in einem ihrer Teile ver 
mittels einer methodischen Verkettung von Lehrsätzen und gelangt durch die 
deduktive Methode zu logischen und einfachen Schlußfolgerungen. Die experi 
mentelle Schule (d. i. er selbst), welche sich auf die Geschichte stützt, stellt sie 
(die Volkswirtschaftslehre) in konkreter Weise dar, indem sie bestrebt ist, ihre 
Beweisführung auf positive Beweise zu stützen. Die Beobachtung bewahrt diese 
Schule vor der Gefahr, die Fühlung mit der Wirklichkeit zu verlieren und be-
        <pb n="159" />
        133 
Die Gruppe der Historiker 
Die Bedeutung der historischen Methode für die National 
ökonomie beurteilt er folgendermaßen: 
1. Die historische Methode allein ist nicht ausreichend zur 
Feststellung der meisten grundlegenden Gesetze der Volkswirt 
schaftslehre. 
2. Die beschreibende und historische Methode ist besonders 
wertvoll um zu kontrollieren, ob die auf Grund von Beobach 
tungen gewonnenen Schlüsse der Wirklichkeit entsprechen, ob 
sie universelle Bedeutung haben oder lokal und zeitlich be 
grenzt sind. 
3. Das eigentliche Tummelfeld für die historische Methode 
sind die Fragen der Volkswirtschaftspolitik. 
4. Die historische Methode ist notwendig, um die Be 
ziehungen der wirtschaftlichen Erscheinungen zum gesamten 
Volksleben verständlich zu machen. 
5. Die historische Methode leistet der politischen Ökono 
mie gute Dienste, indem sie die Entstehung der volkswirtschaft 
lichen Theorien, die Kontroversen und die Aufeinanderfolge der 
verschiedenen Schulen, sowie die Beziehungen der Systeme zu 
den sozialen Zuständen, in denen sie entstanden sind, nachweist. 
6. Aus der Handhabung der historischen Methode ergibt 
sich eine exakte Wirtschaftsgeschichte, deren Wert um so höher 
anzuschlagen ist, als die allgemeine Geschichte bisher die wirt 
schaftlichen Phänomene vernachlässigte oder ungenügend und 
unrichtig erfaßte. 
7. Mißbräuchlich wird die historische Methode, wenn man 
versucht, sie ausschließlich anzuwenden, statt sie mit der 
Methode direkter, zeitgenössischer Einzelbeobachtung zu ver 
binden. Denn alsdann läuft man Gefahr, nur äußere Erschei 
nungsformen und zufällige Resultate zu erfassen, ohne bis zur 
Wesenheit der Dinge vorzudringen. Man macht insbesondere 
fruchtet sie ; sie setzt sie in die Lage, die rationellen Lehrsätze zu kontrol 
lieren, in die verborgenen Falten des Lebens der Völker einzudringen und so 
die Verschiedenheit der Erscheinungen in derselben Zeit und deren Verände 
rungen in der Aufeinanderfolge der Zeiten zu beleuchten ; ihre Forschungen und 
die Tragweite ihrer Lehren in dem Maße zu erweitern, als sich die materiellen 
Interessen der Gesellschaften ausdehnen und verschieben; die intimen Beziehungen 
zu zeigen, welche in jeder Epoche die wirtschaftlichen Dinge mit der gesamten 
sozialen Ordnung verbinden.“ ibid. p. XIII—XIV.
        <pb n="160" />
        134 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
einen der Wissenschaft schädlichen Gebrauch von der histori 
schen Methode, wenn man aus den Änderungen, welche in 
wirtschaftlichen Dingen geschehen, dogmatisch schlußfolgert: 
erstens deduktiv, daß die Beweglichkeit das Wesen der wirt 
schaftlichen Erscheinungen ausmacht und daß es folglich außer 
dem Gesetze der Evolution keine wirtschaftlichen Gesetze gibt; 
zweitens induktiv, daß die Grundlagen der gegenwärtigen Wirt 
schaftsordnung in der Zukunft einstürzen werden x ). 
Ist die Wirtschaftsgeschichte nun allerdings auch für Le 
vasseur in erster Linie Selbstzweck, so pocht er doch auf die 
Pflicht des Historikers, aus seinen geschichtlichen Erkenntnissen 
eine Doktrin fürs praktische Leben zu folgern 2 ). Das Bedürfnis, 
1) Levasseur Art. Trente-Deux Ans ¿'Enseignement au Collège de France, 
in: Revue internationale de l’enseignement, XL, p. 22—23. 
2 ) „Die wirtschaftlichen Tatsachen bieten, unabhängig von den Folge 
rungen , welche man aus ihnen gewinnen kann, ein eigenes Interesse. Man 
muß sie kennen, um eine Situation zu verstehen und um in der Lage zu sein, 
eine Frage zu besprechen. Die Aufgabe eines Autors besteht darin, zunächst 
diese Tatsachen mit so viel Präzision und so zahlreich als möglich zu sammeln ; 
alsdann aus der Masse mit kritischem und nüchternem Sinn diejenigen aus 
zuwählen, welche am geeignetsten sind, jene Situation zu kennzeichnen; endlich 
dieselben methodisch zu gruppieren und darzustellen. . . . Diese Tatsachen haben 
Ursachen und Folgen. Dem Autor liegt es ob, die Tatsachen in einer Darstel 
lung und Verkettung vorzuführen, die so geartet sind, daß Ursachen und 
Folgen sich von selbst ergeben oder sich wenigstens mutmaßen lassen. In der 
Wirtschaftsgeschichte, so wie ich sie verstehe, ist der Autor nicht bloß ein Er 
zähler; er ist auch ein Philosoph, der aus der Erfahrung Belehrung zieht 
und bestrebt ist, zugleich die Praxis der Geschäfte durch Beispiele und die 
volkswirtschaftliche Theorie durch die Erforschung der Gesetze, welche die Tat 
sachen regieren, zu beleuchten.“ L’Ouvrier Américain, Bd. I, p. IX. 
Die Wirtschaftsgeschichte ist nicht notwendig, um gewisse, einfache Er 
kenntnisse zu vermitteln, z. B. daß die Produktion das Resultat des Zusammen 
wirkens dreier Faktoren ist. „Dagegen ist die Geschichte und die minutiöse 
Analyse einer großen Anzahl von Tatsachen notwendig, um z. B. die Ver 
schiedenheit der Rollen eines jeden der drei Faktoren in den vergangenen und 
zeitgenössischen Kombinationen der menschlichen Wirtschaftstätigkeit genau zu 
bestimmen.“ ibid. p. XV. 
„Als Xationalökonom bekenne ich, daß die Volkswirtschaftslehre eine 
Wissenschaft ist, die auf Beobachtung beruht, und ich weiß, daß die erste 
Pflicht eines Volkswirtes darin besteht, die Tatsachen gewissenhaft zu studieren 
und darzustellen; aber ich erkläre auch, daß es seine Pflicht ist, aus dem Stu 
dium der Tatsachen eine Doktrin zu ziehen, sonst ist er nur ein Sammler.“ 
Histoire des classes ouvrières et de l’industrie en France avant 1789, Bd. I. p. XIV.
        <pb n="161" />
        Die Gruppe der Historiker 
135 
zu schlußfolgern, ist für den an konkreteres Denken gewöhnten 
Franzosen dringender, als für den deutschen Gelehrten. Levas 
seur tut es denn auch mit großem Nachdruck, wenn auch 
stets weitherzig und auf Mäßigung bedacht. Sein Glaubens 
bekenntnis , wie er zu sagen pflegt, gipfelt in folgenden Leit 
sätzen: „Ich gehöre der liberalen Schule an, derjenigen, welche 
man manchmal die klassische und unzutreffend die orthodoxe 
nennt. . . . Mein Liberalismus ist durch die Geschichte erleuchtet 
und gemäßigt; er weiß, daß die Bedürfnisse eines Volkes und 
seine Institutionen mit dem Zustand der Kultur wechseln und 
wechseln müssen. Ich glaube, daß einerseits das Individuum 
durch seine Arbeit, seine Wissenschaft und seine Kapitalien der 
wesentliche Schöpfer des Reichtums ist, und daß es notwendig 
ist, ... ihm die größtmögliche Freiheit und den vollen 
Besitz der Resultate seiner Anstrengungen zu belassen, um so 
die ergiebigste Produktion und die gerechteste Verteilung zu 
erreichen. . . . Andererseits hat der Staat die nach der Zeitlage 
in ihrer Anwendung wechselnde, aber immer bedeutende Auf 
gabe, nicht nur den Aufschwung der individuellen Tätigkeit 
durch Gewährleistung der Sicherheit zu fördern, sondern auch 
dieselbe zu unterstützen, anzuregen, zu schützen, in gewissen 
Fällen durch die Mittel der staatlichen Zwangsgewalt zu regle 
mentieren. . . . Ich wiederhole, so oft ich Gelegenheit dazu habe, 
daß der Mensch das « und « alles Wirtschaftens ist, daß die 
produktiven Kräfte kostbarer sind, als die Produkte . .., daß 
die politische Ökonomie eher eine soziale und ethische denn 
eine Naturwissenschaft ist, weil sie nicht nur den Reichtum, der 
Materie ist, zum Gegenstand hat, sondern insbesondere von den 
Beziehungen der Menschen untereinander handelt, insofern diese 
den Austausch von Gütern und Diensten betreffen" x ). 
1 ) Levasseur L’Ouvrier Américain, Bd. I, p. XIII, XIV ; Histoire des 
classes ouvrières et de l’industrie en France de 1789 à 1870, Bd. I, p. XIVJ 
Art. Trente-Deux Ans d’Enseignement au Collège de France, in: Revue Inter 
nationale de l’Enseignement, XL, p. 24—25. Noch ausdrücklicher ist das Be 
kenntnis zum historischen Relativismus in folgender Stelle: „Es ist mir nicht 
unbekannt, daß in der Praxis die liberale Wirtschaftstheorie weit entfernt ist, 
allein zu herrschen, ja daß sie den Anspruch nicht erheben darf, alle verschie 
denen Interessen, welche die Menschen bewegen und sich den Einfluß auf die 
Regierungen streitig machen, zu meistern. Um so weniger würde es angehen, 
in der Geschichte die Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte am Maßstabe
        <pb n="162" />
        136 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Den Gedanken, daß die verschiedenen volkswirtschaft 
lichen Schulen und Richtungen nützlich sind und sich gegen 
seitig ergänzen, betont Levasseur ebenso sehr als Dietzel und 
Marshall 1 ). Vor den meisten Nationalökonomen der liberalen 
Schule zeichnet er sich dadurch aus, daß er die Methode, 
welche er für die seinige ausgibt, tatsächlich allenthalben mit 
großer Gewissenhaftigkeit und eiserner Konsequenz anwendet. 
Das will natürlich nicht sagen, daß die Deduktion in seinen 
Werken keinen Platz finde. Die Signatur seiner Werke bleibt 
aber: wissenschaftliche Selbstlosigkeit, Liebe zur Tatsache um 
ihrer selbst willen, geduldige, unermüdliche Detailforschung. 
Auf den Inhalt der einzelnen Werke Levasseurs soll 
nur ganz kurz eingegangen werden. 
Aus seiner französischen Bevölkerungsgeschichte 2 ) induziert 
er eine Bevölkerungstheorie in 17 Sätzen, welche sich etwa wie 
folgt zusammenfassen lassen : Die Summe der Einwohner, welche 
ein bestimmtes Territorium tragen kann, hängt ab von : 
1. den natürlichen Eigenschaften des Bodens und des Klimas ; 
2. der Summe der vorhandenen Kapitalien, dem Stand 
der Technik und der Arbeitsfreudigkeit der Bewohner, alles 
Momente, welche die Produktivität der Arbeit vermehren; 
3. der Ausdehnung der Absatzmärkte, die den Tausch von 
Fabrikaten gegen Nahrungsmittel ermöglichen; 
einer im XIX. Jahrhundert formulierten Theorie zu messen. Man muß viel 
mehr zunächst die Handlungen und die Einrichtungen jeder Epoche in ihren 
Beziehungen zu den Sitten und Bedürfnissen ihrer Zeit darstellen und sie dann 
an sich durch ihre Resultate beurteilen.“ Histoire . . . avant 1789, Bd. I, p. XV. 
1) Levasseur, L’Ouvrier américain, Bd. I, p. XIV—XV. 
2 ) Levasseur, La Population Française. Histoire de la Population avant 
1789 et Démographie de la France comparée à celle des autres nations au 
y TX me siècle, précédée d’une Introduction sur la Statistique, 3 Bde. Paris, 1889, 
91 und 93. Mit vielen Tabellen und graphischen Darstellungen. 
Das Werk ist in 4 Bücher eingeteilt. Buch I: Geschichte der Bevölke 
rung Frankreichs vor 1789, versucht die großen Wandlungen darzutun, welche 
im Lauf der Jahrhunderte in Zahl, Verteilung und materieller Lage der Ein 
wohner vor sich gegangen sind. Natürlich sind die Materialien historischen 
Quellen entnommen, die nur selten und für ganz beschränkte Quanten zuver 
lässige , wirklich statistische Daten bieten. Der Schätzung ist also ein breiter 
Spielraum gelassen. Buch II: Vergleichende Demographie des XIX. Jahrhunderts. 
Buch III : Moralstatistik. Buch IV : Bevölkerungsgesetze und Gleichgewicht der 
Völker.
        <pb n="163" />
        Die Gruppe der Historiker 
137 
4. dem Durchschnitt des individuellen Konsums, welcher 
um so mehr Menschen mit einer Menge von Gütern zu nähren 
gestattet, als er schwächer ist 1 ). 
Levasseurs Hauptwerk ist die große, fünf bändige Wirt 
schaftsgeschichte seines Vaterlandes. Sie ist ein „standard 
work“, vielleicht das bedeutendste Erzeugnis der volkswirtschaft 
lichen Literatur Frankreichs. Man muß allerdings nicht darin 
den Schwung kühner, neuer Ideen oder weite, überraschende 
Ausblicke suchen; das ist nicht Levasseurs Art. Was er 
bietet ist eine solide, bürgerliche Kost. Die innere Einheit des 
dreiteiligen Werkes wird, abgesehen von der streng objektiven, 
einheitlichen Methode, durch das Bestreben gewahrt, die Kon 
tinuität der nationalen Entwicklung des Wirtschaftslebens klar 
zu stellen. „In jeder Volksgeschichte gibt es eine Konstante 
und eine Variabele. Der Determinismus sieht nur die erste, der 
Chronist die zweite. Der philosophische Historiker muß zu 
zeigen suchen, wie die beiden sich durch eine logische Evolution 
verbinden und erklären, wenn auch diese Evolution mit Zu 
fälligkeiten durchsät ist 2 ). 
Levasseurs Wirtschaftsgeschichte Frankreichs ist eine 
Geschichte der Gewerbe und der gewerblichen Arbeit, unter 
Berücksichtigung des Handels, aber mit Ausschluß des Acker 
baus. Hauptsache für ihn ist in jeder Periode die Organisation 
der gewerblichen Arbeit und die Lage der gewerblichen Arbeiter. 
Unter Arbeitern versteht er alle in Gewerbe und Handel Tätigen : 
Arbeitgeber und Arbeiter, große und kleine Kaufleute und An 
gestellte. Als Rahmen für sein Thema zieht er jeweilig heran, 
soweit nötig: die hauptsächlichsten Fakta der politischen Ge 
schichte, dann Agrarpolitik, Finanz- und Münzwesen, zentrales 
und lokales Verwaltungswesen. 
Für jede Periode (sieben Perioden vor und sieben nach der 
Revolution) 3 ) stellt und beantwortet Levasseur an der Hand 
einer schier unendlichen Fülle von Materialien folgende Fragen: 
b La Population Française, Bd. Ill, p. 27—28. 
2 ) Histoire des classes ouvrières et de l’industrie en France de 1789 à 
1870, Bd. I, p. XVI—XVII. 
8 ) Der erste Teil : Histoire des classes ouvrières et de l’industrie en France 
avant 1789, gliedert den Stoff in Buch I: La Gaule barbare et la Gaule ro 
maine; Buch II: Les invasions et la formation du régime féodal, du V me au
        <pb n="164" />
        138 
Die gegenwärtige Lage der sozialen Schule 
1. Technische und geographische Lage der hauptsächlich 
sten Gewerbe, Fortschritte ihrer maschinellen Ausrüstung, ihrer 
Produktion, den von Kunst und Wissenschaft auf ihre Ent 
wicklung ausgeübten Einfluß , Kreditwesen und dessen Wir 
kung auf die Produktion, Reglementierung, Gewerbe- und 
Handelspolitik der lokalen und zentralen Verwaltungen; 
2. Lage der Kollegien, Zünfte, Arbeiterorganisationen, der 
freien Berufe; rechtliche, materielle, sittliche Lage der Meister, 
Gesellen, Lehrlinge, Arbeiter; Löhne und Lebensbedingungen; 
intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklassen durch Unterricht; 
Unterstützungswesen und Wohlfahrtseinrichtungen ; für die Zeit 
nach der Revolution auch : Lage der Gegenseitigkeitsgenossen 
schaften und des Versicherungswesens, Theorien der Volkswirte 
und Sozialisten. 
„So kommt es,“ sagt Levasseur, „daß mein Werk die 
Geschichte mehrerer Gebiete umfaßt : Geschichte der wirtschaft 
lichen Gesetzgebung (mit Ausschluß der Agrargesetzgebung), 
Geschichte der Industrie, Geschichte der Löhne, Geschichte des 
Volksunterrichts, Geschichte der Zollpolitik, Geschichte der ma 
teriellen und sittlichen Lage der in der Industrie beschäftigten 
Menschen, Geschichte der sozialen Anschauungen über Arbeits 
organisation. Alle diese Teilgeschichten greifen ineinander und 
ergänzen sich gegenseitig“ 1 ). 
XII me siede; Buch III: L’émancipation de la bourgeoisie au XII me et XIII me 
siècle; Buch IV: La Guerre de cent ans, les premiers Valois et le XV œe siècle; 
Buch V : La Renaissance et le XVI me siècle ; Buch VI : Le XVII me siècle, 
Henri IV, Louis XIV et Colbert; Buch VII: Le XVIH me siècle et l’esprit 
de réforme. 
Der zweite Teil : Histoire des classes ouvrières et de l’industrie en France 
1789 à 1870, gliedert den Stoff in sechs Bücher, entsprechend den Staats 
verfassungen , welche in der betreffenden Periode in Frankreich aufeinander 
folgten: Revolution, Konsulat und erstes Kaiserreich, Restauration, Julimonarchie, 
zweite Republik, zweites Kaiserreich. 
Der dritte Teil : Questions ouvrières et industrielles en France sous la 
troisième République, ist nicht chronologisch geordnet, sondern behandelt 
in 18 Kapiteln die oben mitgeteilten Fragen, die Levasseur bei jeder Pe 
riode stellt. 
b Teil II. Bd. I. p. XI. Dazu kommt eine ausführliche Geschichte der 
Assignaten im ersten Buch des zweiten Teiles. Naturgemäß nimmt die Zunft 
geschichte im ersten Teile einen breiten Raum ein. Levasseur bleibt übrigens 
nicht bei den französischen Zünften stehen, sondern vertieft sich auch in die
        <pb n="165" />
        Die Gruppe der Historiker 
139 
Stets war der Autor darauf bedacht möglichst alle Tat 
sachen aus ersten Quellen zu schöpfen. Dazu unternahm er 
italienischen , englischen und deutschen. Die Anschauung, daß die mittelalter 
lichen Zünfte sich aus den römischen Kollegien entwickelt hätten, bekämpft er 
aufs entschiedenste. Über die Zünfte urteilt Levasseur : die römischen Kollegien 
gingen in der Völkerwanderung unter. Durch Jahrhunderte wurden sie durch 
nichts ersetzt. Die Zünfte entstanden spontan im XII. und XIII. Jahrhundert 
als wirtschaftlicher Zusammenschluß der in dem kommunalen Befreiungsprozeß 
dieser Periode aus der Hörigkeit zur persönlichen Freiheit gelangenden gewerb 
lichen Bevölkerung. Die Zünfte existierten zunächst nur in einigen Städten und 
waren weit geöffnet. Aber der Monopolgeist war im Herzen der Einrichtung 
drin. Dieser Geist entwickelte sich in dem Maße, als die Zünfte an Zahl zu 
nahmen. Er diente dem Interesse der Handwerksmeister sowohl als dem der 
königlichen Gewalt, in deren Augen die Zünfte ein Element der Ordnung und 
der Befestigung der Zentralgewalt waren. Nach dem hundertjährigen Kriege 
und im XVI. Jahrhundert verbreitete sich das korporative System schnell. 
In der Periode der Religionskriege wucherten die Schäden des Zunft 
wesens am üppigsten. Das absolute Königtum des XVII. Jahrhunderts unter 
warf die Zünfte strenger Beaufsichtigung und vermehrte deren Zahl aus fiska 
lischen Gründen; es stürzte sie in Schulden, indem es Geld aus ihnen preßte; 
es hielt die Privilegien und die hierarchischen Ungleichheiten, welche mit der 
Gesamtheit der Institutionen der Monarchie harmonierten, aufrecht, indem es 
selbst autoritativ die Fabrikationsverfahren reglementierte, und indem es seine 
Hand schwer auf den Gesellen lasten ließ, um sie in Unterordnung unter ihre 
Meister zu erhalten. 
Im Mitteltalter waren die Zünfte eine vorteilhafte Einrichtung. Den auf 
keimenden Gewerben gaben sie einen heimischen Herd, den Handwerkern sicherten 
sie Schutz gegen Unterdrückung; sie versuchten, wenn auch mit geringem Er 
folg, loyale Fabrikation zu garantieren; ihnen verdankten die Handwerksmeister 
eine geachtete, ehrenvolle soziale Stellung, sie waren für Meister und Gesellen 
eine Stätte fröhlicher, geselliger Unterhaltung. Dagegen hafteten ihnen fast von 
Anfang an Mißstände an, die mit der Zeit zunahmen : in ihnen verkörperten 
sich Routine und Monopoltendenzen ; sie erwiesen sich als ein Hemmnis des ge 
werblichen und des wirtschaftlichen Fortschritts, sowie der Großindustrie; sie 
verleiteten die Handwerker zu vielen überflüssigen Ausgaben. 
Der Schutz der Zünfte war wahrscheinlich im XVI. Jahrhundert, sicher 
aber im XVII. und XVIII. Jahrhundert nicht mehr nötig, denn die allgemeine 
Polizeigewalt des Staates genügte damals zur Sicherung der individuellen Rechte. 
Die Lage der Gesellen in den Zünften war eine solche strenger Abhängig 
keit von den Meistern. Die Zünfte waren eine Art beständiger und stillschwei 
gender Koalition gegen jede Lohnerhöhung. Allerdings vermochte diese das 
Spiel von Angebot und Nachfrage nie ganz auszuschalten ; aber sie war wirksamer 
als die, welche man heute den Trusts vorwirft, weil die beruflich streng 
geschiedenen Gesellen nicht über die Kompensation eines freien Marktes ver 
fügten. Levasseur Histoire avant 1789, Bd. II, p. 908 ff., 941 ff.
        <pb n="166" />
        140 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
umfassende, jahrzehntelange Archivstudien. Die ungezählten 
Materialien, welche er gesammelt, hat er zum geringem Teil 
in Fußnoten untergebracht; die meisten jedoch wurden in den 
Text ausgenommen, sei es, um von den jeweilig behandelten 
Tatsachen ein vollkommeneres Bild zu geben, sei es zur Motivie 
rung der gefällten Urteile. Wiederholt weist Levasseur übri 
gens mit Stolz darauf hin, daß er zu jeder Frage genügend 
Tatsachenmaterial zusammengestellt habe, um es jedem Leser 
zu ermöglichen, sich selbst über die Frage ein Urteil zu bilden, 
so daß er nicht darauf angewiesen sei, sich dem Urteil des 
Autors anzuschließen i) * * * * * * * * x ). 
Obwohl Levasseur die liberale, nichtinterventionistische 
Volkswirtschaftslehre, dank der historischen und objektiven 
Methode, in der geläutertsten und wissenschaftlich haltbarsten 
Form vertritt, so will es ihm doch nicht gelingen, Schule zu 
machen. Er steht innerhalb der liberalen Richtung auf einsamer 
Höhe. Allerdings genießt er, wie kein Volkswirt irgend welcher 
Schule, allseitige Sympathie und Achtung, weil er stets ehrlich 
bestrebt ist, allen Andersdenkenden wohlwollendes Verständnis 
entgegenzubringen, und sich der Polemik gegen jedwede fremde 
Überzeugung stets enthalten hat. 
Es gibt allerdings einen Volkswirt, der unter dem Patronat 
Levasseurs gearbeitet hat und, wenn auch nicht ohne Reser 
ven, als sein Schüler gelten kann: dieser ist Georges d’Avenel. 
Vicomte Georges d’Avenel, geboren 1855, seit 1876 korre 
spondierendes Mitglied der bayrischen Akademie der Wissen- 
i) Das Gesamtergebnis des Werkes faßt Levasseur wie folgt zusammen: 
„Das Privileg und die Reglementierung waren die vorherrschenden Merkmale 
der gewerblichen Organisation vor 1789. Von 1789 bis 1870 sind die Freiheit 
und die Wissenschaft die beiden großen Faktoren des Fortschritts gewesen; 
deren Folge waren Anwachsen des Kapitals und Entwicklung zur Großindustrie. 
Die Wirkung dieser Ursachen dauerte unter der dritten Republik fort. Ja die 
Wirksamkeit der Wissenschaft und des Kapitals ist sogar intensiver geworden 
und hat die industrielle Konzentration beschleunigt. Dazu trat, seit 1870, das 
von administrativem Druck befreite allgemeine Stimmrecht. Ihm verdanken die 
organisierten Arbeitermassen der Städte einen steigenden Einfluß auf das Staats 
wesen , der neben den des Geldes tritt. Die zeitgenössische Periode wird 
durch das Vorwiegen des Interesses für die Fragen der Organisation der Arbeit 
und der Güterteilung gekennzeichnet.“ Histoire Teil II, Bd. I, p. XIX, 
und Teil III, p. IX.
        <pb n="167" />
        Die Gruppe der Historiker 
141 
schäften, war 1875—1880 Beamter in der französischen Zentral 
verwaltung und zog sich alsdann ins Privatleben zurück, um 
sich ausschließlich allgemein-historischen, wirtschaftsgeschicht- 
lichen und statistischen Studien zu widmen 1 ). 
Sein großes wirtschaftsgeschichtliches Hauptwerk: die Ge 
schichte der Preise aus sechs Jahrhunderten in 4 Bänden, ent 
stand als Beantwortung zweier, von der Académie des Sciences 
Morales et Politiques in den Jahren 1883 und 1889 gestellter 
Preisaufgaben. Das von d’Avenel eingereichte Manuskript 
enthielt ursprünglich acht Foliobände Tabellenwerk, in denen 
50000 Preise nachgewiesen waren. Gedruckt wurden davon 
nur 9600, welche in zweieinhalb Quartbänden untergebracht 
sind. Die Preise wurden zum Teil aus Manuskripten und 
Archiven des Archives Nationales in Paris, sowie aus einigen 
Familienarchiven entnommen. In der Hauptsache standen aber 
d’Avenel bereits gedruckte Quellenwerke zur Verfügung 2 ). 
Wegen der vielen verschiedenen Münz-, Maß- und Gewichts 
einheiten hat der Verfasser alle Maße in metrische, alle Preise 
in Franken übertragen. Für jede einzelne Preisangabe ist die 
Quelle genau angegeben. Natürlich haben die Quellen nicht 
alle den gleichen Wert. Die Preise sind in dreißig Gruppen 
gegliedert und innerhalb einer jeden chronologisch für den Zeit 
raum von 1200 bis 1800 geordnet 3 ). Begreiflicherweise sind 
die einzelnen Gruppen sehr ungleichmäßig besetzt, die Preis- 
0 d'Avenels volkswirtschaftliche Werke sind: Histoire économique de la 
Propriété, des Salaires, des Denrées et de tous les Prix en général, depuis l’an 
1200 jusqu’en 1800, 4 Bde. Imprimerie Nationale (auf Staatskosten gedruckt) 
1894-98. 
La Fortune Privée à travers sept siècles, Paris, 1895, 2. Ausi. 1904. (Ein 
ausführliches und leicht zugängliches Resümee des vorigen). 
Le Mécanisme de la Vie Moderne (eine Sammlung wirtschaftsstatistischer 
Aufsätze, die in der Revue des Deux Mondes seit 10 Jahren erscheinen), 
bisher 7 Bde., die Sammlung läuft weiter. 
2 ) Insbesondere die vielbändigen Sammelwerke : Inventaires sommaires 
des archives départementales und Documents inédits sur l’histoire de France. 
d’Avenel glaubt jedoch, nicht einmal den hundertsten Teil der tatsächlich 
existierenden Quellen zu Gesicht bekommen zu haben. Vgl. Bd. I, p. XIV. 
3 ) Diese Gruppen behandeln: Boden-, Getreide-, Vieh-, Fleisch-, Getränke- 
und Lebensmittelpreise, Kosten der Beleuchtung, Heizung, Wohnung, Bau 
materialienpreise und Transportkosten, Löhne, Gehälter usw. Die meisten 
Gruppen sind in mehrere Unterabteilungen gegliedert.
        <pb n="168" />
        142 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
angaben aus den drei letzten Jahrhunderten viel zahlreicher als 
diejenigen aus den drei ersten. Auf Feststellung örtlicher 
Jahresschwankungen der Preise hat sich d’Avenel nicht ein 
gelassen. Um die wirtschaftlichen Wandlungen durch sechs 
Jahrhunderte besser zu veranschaulichen, hat er Durchschnitts 
zahlen berechnet, und zwar nicht rein mechanisch, sondern 
unter Rücksichtnahme auf den verschiedenen Wert der Quellen 1 ). 
Der Text des Werkes ist in drei Bücher geteilt: das erste 
handelt vom Gelde, das zweite vom Boden, das dritte von den 
Löhnen. Ein flüchtiger Blick auf diesen Text zeigt uns schon, 
wie sehr d’Avenel hinter Levasseur an Wissenschaftlichkeit zu 
rücksteht. Mit Levasseur erforscht d’Avenel ein ungeheures, 
historisches Tatsachenmaterial; aber während jener alles aus 
seiner Zeit zu verstehen und am Maßstabe der jeweiligen zeit 
genössischen Bedürfnisse und des jeweiligen Standes der Kultur 
zu werten bestrebt ist, bleibt d’Avenel auf halbem Wege 
stehen und deutet alles im Sinne der klassischen Lehre. Le 
vasseur schreibt eine objektive Wirtschaftsgeschichte Frank 
reichs; bei d’Avenel wird diese Wirtschaftsgeschichte zur Apo 
logie des ökonomischen Liberalismus und Individualismus. 
d’Avenel stellt zwei allgemeine Schlußfolgerungen auf: 
1. Die Preise des Geldes, des Bodens, der Arbeit und aller 
Waren sind immer frei gewesen; kein gesetzlicher Zwang, kein 
privates Übereinkommen vermochte je dieselben zu unterjochen; 
die wirtschaftlichen Evolutionen sind von den politischen und 
sozialen unabhängig gewesen, sowohl im Mittelalter als in der 
Neuzeit und in der Gegenwart 2 ). 2. „Man lasse die moderne 
J ) Er macht jedoch darauf aufmerksam, daß die Durchschnittspreise des 
Ackerbodens eher höher, als sie tatsächlich gewesen, ausgefallen sind, weil näm 
lich die angeführten Preise sich meist auf Parzellenkäufe beziehen. Parzellen 
aber wurden in den früheren Jahrhunderten wie heute relativ höher bezahlt 
als grosse Flächen. Bd. I, p. XXVII. 
2 ) Bd. III, p. 480. Vgl. : „Politische oder gesellschaftliche Tatsachen 
und andererseits wirtschaftliche Tatsachen sind wenigstens zum Teil von ein 
ander unabhängig. Ein Land von Unfreien oder Halbfreien kann materiell 
glücklich sein, ein solches von freien Bürgern kann unglücklich sein. Was 
schlechte Regierungen, infolge von natürlichen Evolutionen, die sich, unab 
hängig von ihnen, in ihren Tagen vollzogen, besessen haben — ich meine den 
Wohlstand der Masse ihrer Untertanen — werden gute Regierungen mit Eifer und
        <pb n="169" />
        Die Gruppe der Historiker 
143 
Kultur wirken; die Resultate, die sie bisher erreichte, sind 
außerordentliche. Der zeitgenössische Fortschritt wirkt beson 
ders zugunsten des Arbeiters. Das bewegliche Kapital, dann 
das unbewegliche sind nacheinander von dem Sinken der Kauf 
kraft des Geldes, von dem Sinken des Zinsfußes und von der 
internationalen Konkurrenz betroffen worden. Was Boden 
und Kapital verloren haben, gewinnt die Arbeit. Die staunen 
erregenden Entdeckungen der letzten hundert Jahre werden die 
Erniedrigung jener Kapitalisten, die nichts anderes als Kapi 
talisten sind, sowie die Erhöhung der Arbeit und des persön 
lichen und arbeitsamen Eigentums zur Folge haben“ x ). 
Man sieht: dieses Ergebnis, das Resultat umfassender, 
historischer Detailforschung, drückt dieselbe Gesetzmäßigkeit 
aus, welche Bastiat als die hauptsächlichste der Harmonien 
des Wirtschaftslebens aus deduktiver Beweisführung folgerte, 
und welche Paul Leroy-Beaulieu als eine der drei Haupt 
tendenzen der zeitgenössischen Wirtschaftsordnung aus der Beob 
achtung der Gegenwart induzierte. 
Es würde zu weit führen, d’Avenel in seinen vielseitigen, 
hochinteressanten Ausführungen hier zu folgen. Es sei nur 
darauf hingewiesen, daß das häufig übereilte Yerallgemeinern 
bona fide anstreben, ohne es zu erreichen, weil sie mit Naturkräften zu kämpfen 
haben, gegen welche sie ohnmächtig sind.“ 
„Die Erfahrung der verflossenen Jahrhunderte lehrt, daß, selbst wenn 
nichts in einem Lande frei wäre, der Preis der Güter es trotzdem bliebe und 
von niemand unterjocht werden könnte.“ 
„Die Kgl. Ordonnanzen von gestern vermochten nicht die Arbeitslöhne 
durch Festsetzung des Maximums zum Sinken zu bringen; die demokratischen 
Gesetze von morgen würden diese selben Löhne durch Festsetzung des Mini 
mums nicht zu steigern vermögen. Obwohl es in der Theorie Pflicht der 
Politik ist zu versuchen, durch gesetzgeberische Maßnahmen den Wohlstand 
der größten Zahl zu erhöhen, so ist es praktisch nicht in deren Macht, diese 
Vermehrung zu verwirklichen, nicht einmal dieselbe ernstlich zu beeinflussen; 
das beste, was sie tun kann, ist, nicht durch unzusammenhängende Versuche 
dies spontane Anwachsen des Wohlstandes, welches das freie Spiel der ökono 
mischen Kräfte in unseren Tagen dem Arbeiter verschafft, zu hemmen. Das 
lehrt uns die Geschichte und diese Lehre ist von hohem Werte im Augenblick, 
wo gutgesinnte und von den besten Absichten beseelte Leute auf gesetz 
geberischem Wege die gegenwärtige Verteilung des .Reichtums zugunsten der 
Proletarierklasse zu revidieren hoffen.“ Bd. I, p. X—XI. 
i) ibid. ßd. III, p. 480.
        <pb n="170" />
        144 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
und der Optimismus, mit dem er die Apologie des Nichtinter 
ventionismus bei jeder Gelegenheit antritt, ihn in Widersprüche 
verwickeln und zu manchen gewagten Behauptungen verleiten. 
Wie hervorgehoben wurde, steht d’Avenei hinter Levas 
seur an Wissenschaftlichkeit zurück; aber in einer Hinsicht 
haben seine Werke vor denen Levasseurs einen Vorzug: sie 
haben einen größeren literarischen Wert. d’Av enei schreibt eine 
plastische, bilderreiche Sprache; er versteht die Kunst, den 
Geist der verflossenen Jahrhunderte in seiner Darstellung fühl 
bar werden zu lassen. Das Bedürfnis zur Synthese empfindet 
er weit lebhafter als Levasseur. Das hat zur Folge, daß er 
viel wirksamer als dieser die großen Zusammenhänge in der 
Wirtschaftsgeschichte Frankreichs herauszuarbeiten weiß. 
d’Avenels Aufsätze, die unter dem Sammelnamen 
Le Mécanisme de la Vie Moderne fortlaufend erscheinen 1 ), haben 
mehr publizistischen als wissenschaftlichen Charakter. Die 
Methode, nach welcher der Verfasser bei diesen Studien ver 
fährt, ist in doppelter Richtung vergleichend: zuerst vergleicht 
er die ausgiebigen und ungemein detaillierten statistischen und 
sonstigen Daten über französische, meist Pariser Verhältnisse, 
Betriebe oder Anstalten untereinander, und mit dem erheb 
lichen Material, das er sich auch aus andern Ländern zu 
beschaffen weiß. Dabei sucht er die Aufmerksamkeit seiner 
Landsleute auf nachahmenswerte Fortschritte des Auslandes zu 
lenken und wird nicht müde, die wirtschaftliche Stagnation 
Frankreichs immer wieder an seinen Vergleichen mit den aus 
ländischen Einrichtungen nachzuweisen. Dann gewinnen seine 
Studien noch bedeutend an Interesse durch die zahllosen 
historischen, meist ziffernmäßigen Vergleiche, welche seine 
umfassenden geschichtlichen Quellenforschungen ihm an die 
Hand geben. Trotz des großen Zahlenmaterials, das in den 
Aufsätzen verarbeitet ist, wird die Darstellung niemals schwer 
fällig oder ermüdend. Es gelingt dem Autor immer, interessant 
und geistreich zu bleiben, spielend weiß er durch die vielen 
’) Dieselben behandeln in buntem Durcheinander: Pariser Wohnungsver 
hältnisse — das moderne Hotelwesen — die weibliche Kleidung und die an 
deren Herstellung beteiligten Gewerbe — das moderne Kreditwesen — städti 
sches Transportwesen — Porzellan- und Steingutindustrie — Lebensversicherung 
— Pferderennen— Inseraten wesen — Warenhäuser — Schriftstellerhonorare usw.
        <pb n="171" />
        Die Gruppe der Historiker 
145 
anregenden und überraschenden Gegenüberstellungen manchen 
Einblick in pikante Verhältnisse für den Leser recht lehrreich 
zu gestalten. Insbesondere richtet d’Avenel sein Augenmerk 
darauf, die technische und wirtschaftliche Konzentration der 
letzten drei bis vier Dezennien deutlich zu veranschaulichen. 
Ob sein Material immer wissenschaftlich einwandfrei zustande 
kam, mag dahingestellt bleiben. 
André Liesse, Professor der Nationalökonomie am Conser 
vatoire des Arts et Métiers, hat als volkswirtschaftlicher Redak 
teur des Journal des Débats den exponiertesten Posten der 
liberalen Schule inne. Dort kämpft er Tag für Tag gegen 
Sozialismus, Protektionismus und jeglichen Interventionismus. 
Seine grundsätzlichen Anschauungen sind streng orthodox; 
darum wurde er denn auch für würdig befunden, die meisten 
Artikel des Nouveau Dictionnaire d’Economie politique, welche 
grundlegende Fragen der Nationalökonomie behandeln, zu ver 
fassen 1 ). Methodologisch schließt sich Liesse jedoch Auguste 
Comte und Stuart Mül an. 
Als Comtist faßt er die Nationalökonomie auf als einen 
Teil der Sozial Wissenschaft oder Soziologie. „Diese hat zum 
Gegenstand das Studium der Naturgesetze, welche die Entwick 
lung der menschlichen Gesellschaften regieren und folglich das 
Studium der gesamten menschlichen Tätigkeit 2 ). Die Soziologie 
ist allerdings noch nicht definitiv konstituiert, aber die National 
ökonomie kann schon als deren hauptsächlichste Teil Wissen 
schaft angesehen werden. Die Grundlagen der Nationalökonomie 
sind die Physiologie und die Psychologie ; die Physiologie, weil 
die Anstrengung oder Arbeit eine physiologische Erscheinung 
ist; die Psychologie, weil das allgemeine Grundgesetz des 
Lebens, das Gesetz des kleinsten Mittels, ein psychologisches 
ist. Die „richtige“ Methode in der Nationalökonomie ist nicht 
1) Außer diesen Artikeln und seiner regelmäßigen, volkswirtschaftlichen 
Chronik im Journal des Débats, veröffentlichte er: Le Travail aux points de vue 
scientifique, industriel et social, Paris, 1899. — La Statistique, ses difficultés, 
ses procédés, ses résultats, Paris, 1905. — Portraits de Financiers, Paris, 1908. 
— Außerdem hat er die 8. und 9. Auflage von Courcelle-Seneuil, Les Opérations 
de Banque, Paris, 1899 und 1905, bearbeitet. 
2) A. Liesse, Art. Méthode in : Dictionnaire d’économie politique, Bd. II, 
p. 258. Vgl. Art. Sociologie, ibid. p. 889 ff. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
10
        <pb n="172" />
        146 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
die Deduktion allein, noch die Induktion allein; nicht die 
historische Methode allein, noch die biologische allein, sondern 
die Gesamtheit aller Verfahren, welche wissenschaftliche Wahr 
heiten zu erforschen und zu erweisen vermögen. „Die histo 
rische Methode kann ein fruchtbares Forschungsverfahren nur 
dann sein, wenn man die Generalisationen der Geschichte mit 
den Gesetzen der menschlichen Natur verbindet 1 ).“ Es empfiehlt 
sich heute nicht mehr zu tun, was Baco den theologischen und 
metaphysischen Begriffen und Anschauungen gegenüber tat, 
nämlich mit allen vorausgegangenen Arbeiten tabula rasa zu 
machen. Das beste Mittel, in der Erkenntnis der Wahrheit 
Fortschritte zu machen, ist, die bestehenden Hypothesen und 
Theorien als Instrumente zu weiterer Forschung zu gebrauchen. 
Deren eventuelle Fehler werden dabei zutage treten 2 ). 
Der wichtigste Punkt in der Methodologie von A. Liesse 
ist die Unterscheidung zwischen der Doktrin, die aus reiner 
Theorie und feststehenden Dogmen besteht, und augenblick 
licher Interpretation der Doktrin, die den Bedürfnissen der 
Gegenwart angepaßt ist 3 ). Diese Unterscheidung ist der 
Schlüssel jener eigenartigen Verbindung streng orthodoxer Prin 
zipien mit der Idee der Relativität, welche tatsächlich sein 
ganzes Denken beherrscht. Nichts ist der Klarheit der Beweis 
führung schädlicher, sagt er, als wenn Erwägungen der prak 
tischen Anwendung die Darstellung der Theorie belasten. 
Genau wie man in der Mechanik das Gebiet der rationellen 
von dem der angewandten scheidet, muß man in der National 
ökonomie die reine Wissenschaft von der Kunstlehre trennen. 
„Die Nationalökonomie als Wissenschaft ist außer Stande, alle 
praktischen Fragen des wirtschaftlichen Erscheinungsgebietes 
*) ibid. art. Méthode, p. 266. 
2 ) ibid. 
3 ) „Die liberale Schule ist freihändlerisch,“ meint er; „aber die Verwirk 
lichung des Freihandels will sie erst in hundert Jahren.“ Oder: „In Frankreich 
sind 7 Millionen Arbeiter und Kleinbauern, welche das Bedürfnis haben, ihre 
Existenz zu sichern. Sie sind noch zu unwissend und zu unerfahren, um das 
heute selbst tun zu können. Darum tut ihnen Bevormundung, etwa nach dem 
belgischen System der Sozialversicherung, not. In hundert Jahren vielleicht 
sind wir so weit, daß wir jeden auf eigene Füße stellen und sich selbst über 
lassen können.“ (Notizen aus Privatgesprächen.)
        <pb n="173" />
        Die Gruppe der Historiker 
147 
zu lösen. Dazu bedarf man vielfacher Erwägungen, die andern 
Wissenszweigen entlehnt sind. Der Volkswirt vermag die Auf 
gaben, die ihm gestellt sind, nur dann zu gutem Ende zu 
führen, wenn „sein Geist durch allgemeine wissenschaftliche 
Studien geschmeidig gemacht wurde und von der Idee der 
Relativität vollständig durchdrungen ist“ *). 
Das besondere Augenmerk, welches A. Liesse für die 
vielseitige Bedingtheit und die Komplexität der wirtschaftlichen 
Erscheinungen hat, kommt nicht nur in der reinlichen Schei 
dung zwischen orthodoxer Theorie und opportunistischer Wirt 
schaftspolitik zur Geltung, sondern es äußert sich auch in der 
großen Umsicht und dem kritischen Sinn, die er bei der 
Aufnahme, Prüfung und Gruppierung von Beobachtungen be 
kundet. Seine oben angeführten Werke bieten dafür zahlreiche 
Belege. Man mag in dieser Art etwas wie eine Subtilisierung 
des gesunden, hausbackenen Sinnes von Léon Say erkennen; 
Liesse war eng befreundet mit diesem und hat viel mit ihm 
zusammen gearbeitet. 
Paul Guiraud ist ein Historiker aus der Schule des be 
rühmten Fustel de Coulanges. Er macht die Wirtschaftsgeschichte 
des Altertums zum Gegenstand seiner Spezialforschungen 1 2 ). 
Seine Schriften, welche durch präzise Quellenanalyse und 
plastische, lebendige Darstellung gekennzeichnet sind, dienen 
dem Bestreben, nachzuweisen, daß die wirtschaftlichen Fragen 
im Altertum nicht weniger bewußte Bedeutung hatten als heute 
und häufig die Politik bestimmten. Er hebt z. B. hervor, daß 
Thukydides in den ersten Kapiteln seiner griechischen Ge 
schichte nur von wirtschaftlichen Fragen spricht, um das frühere 
Griechenland zu kennzeichnen. Eine der größten Umwälzungen 
der Vergangenheit, die Einführung der itgamg in den meisten 
hellenischen Stadtstaaten, ist für den griechischen Historiker 
in erster Linie eine Folge des wachsenden Wohlstandes. Guiraud 
sucht auch den römischen Imperialismus ökonomisch zu er- 
1) A. Liesse, loe. eit. p. 259. 
2 ) Paul Guiraud, La Propriété foncière en Grèce jusqu’à la conquête 
romaine, Paris, 1893. — Fustel de Coulanges, Paris, 1896. — La Main d’Oeuvre 
industrielle dans l’ancienne Grèce, Paris, 1900. — La Vie privée et la Vie pub 
lique des Grecs, Paris, 1892, 3. Ausi. 1901. — Etudes économiques sur l’Anti 
quité, Paris, 1905.
        <pb n="174" />
        148 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
klären, indem er das Band, das ihn mit der römischen Hoch 
finanz verknüpfte, unter anderem am Beispiele des Finanziers 
Rabirius vor Augen führt. Guiraud fällt in den Fehler Georg 
Ebers': er führt das Altertum in allzu modernem Gewände vor. 
Er treibt die Analogie zwischen den Einrichtungen und Ver 
hältnissen der heutigen Wirtschaftsordnung mit denjenigen der 
griechischen Stadtstaaten und des römischen Reiches bis zur 
vollständigen Identifikation. Und innerhalb der antiken Welt 
erkennt er zu wenig die Verschiedenheiten der aufeinander 
folgenden Entwicklungsphasen. Es genügt eben nicht, in der 
Geschichte nur lesen zu wollen, daß gewisse allgemeine Trieb 
federn des menschlichen Handelns zu allen Zeiten dieselben 
sind. Guiraud, der ein vorzüglicher Kenner des klassischen 
Altertums ist, würde diesem in höherem Maße gerecht, wenn 
er ein ebenso guter Kenner des heutigen Standes der Wirt 
schaftswissenschaft wäre. 
5. Kapitel. 
Die Gruppe der Ingenieure und die mathematische Methode in 
der liberalen Schule. 
Die Besonderheit der Anschauungsweise in wirtschaftlichen 
Dingen, welche wir hier im Auge haben, ist wesentlich durch 
den Bildungsgang und die Berufsarbeit des Ingenieurs bedingt. 
Sie wird gekennzeichnet durch die Verwendung der mathe- 
mathischen Methode, das mechanisch - naturwissenschaftliche 
Denken und die besondere Beachtung, welche der technischen 
Seite der Unternehmen geschenkt wird. Als Vertreter dieser 
Richtung nennen wir den Bauingenieur Colson. Es bedarf jedoch 
kaum des Hinweises, daß dieser vermöge seiner Lehrtätigkeit an 
der Ecole nationale des Ponts et Chaussées in der 
französischen Technikerwelt vielseitigen Anhang besitzt. 
Das mechanisch-naturwissenschaftliche Denken und in Ver 
bindung damit das arithmetische, ziffernmäßige Beispielgeben finden 
wir bereits an der Wiege der klassischen Schule. Descartes 
und Hobbes und nach ihnen die Physiokraten pflegten beides.
        <pb n="175" />
        Die Gruppe der Ingnieure in der liberalen Schule 
149 
Der erste jedoch, der unseres Wissens in Frankreich den 
algebraischen Kalkül zur Erforschung wirtschaftlicher Probleme 
verwandte, war Canard. In einem kleinen Lehrbuch der National 
ökonomie 1 ) gibt dieser einen kurzen Überblick über die 
Lehren Adam Smiths. Das Ganze ist auf der im XVIII. Jahr 
hundert beliebten Analogie der von wirtschaftlichen Natur 
gesetzen bestimmten Wirtschaftsordnung mit dem physiologischen 
Gesetzen gehorchenden lebenden Organismus aufgebaut. Diese 
uralte Analogie, welche von William Petty zuerst erneuert worden 
war, wird von Canard systematisch bis ins kleinste Detail 
durchgeführt. Daneben versucht er im 8. Kapitel seines Buches 
die physiokratische Anschauung, daß in einem landwirtschaft 
lichen Lande alle Steuern auf die Grundbesitzer abgewälzt 
würden, durch eine mathematische Theorie der Steuerreperkussion 
zu widerlegen. Canards algebraisches Gleichungssystem beruht 
auf falscher und ungenügender Prämissenstellung. Darum hat das 
Ganze keine Beweiskraft. Das Buch Canards fesselte jedoch die 
Aufmerksamkeit der Académie des Sciences morales et politiques, 
welche es preiskrönte, „obwohl,“ wie es in dem Berichte der 
Akademie heißt, „die darin entwickelten Grundsätze sowohl von 
Grund aus falsch, als irrtümlich angewandt seien.“ 
Bei Cazaux gewinnt die mathematische Methode bereits eine 
breitere Basis, indem die Wert- und Preislehre des altern 
Klassizismus zur algebraischen Darstellung kommt 2 ). Das Buch 
von Cazaux fand jedoch keine Beachtung; ebensowenig das 
von Augustin Cournot 1838 veröffentlichte Werk : Recherches sur 
les principes mathématiques de la Théorie des richesses. Cour 
not versucht „nachzuweisen, daß die Lösung der generellen 
Fragen, welche die Theorie der Güterwelt auswirft, wesentlich 
von jenem Zweig der Analysis abhängt, der die arbiträren 
Funktionen zum Gegenstand hat, die nur gewissen Bedingungen 
zu genügen haben“. Also mit unbestimmten Funktionen — 
einige wenige ihrer Eigenschaften als bekannt voraus 
gesetzt — baut Cournot ein algebraisches Gleichungssystem 
auf, das die absolute Wahrheit der Sätze der klassischen 
9 N. F. Canard, Principes ¿'Economie politique, Paris, F. Buisson, an 
X (1802). 
*) Cazaux, Eléments ¿’Economie privée et publique, Paris, 1825.
        <pb n="176" />
        150 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Volkswirtschaftslehre beweisen soll. Dabei ist er nicht einmal 
ein sehr begeisterter Anhänger dieser Lehre. Er übt Kritik am 
Optimismus der liberalen Schule und am Freihandel, teilt 
Chevaliers Ansichten bezüglich der Einmischung des Staates 
ins Wirtschaftsleben und hält am Nichtinterventionismus grund 
sätzlich nur fest, „weil die Freiheit noch das Einfachste und 
Natürlichste ist.“ In seinen spätern Werken 1 ) verzichtete er 
selbst auf das mathematische Räsonnement, teils weil es keinen 
Anklang finde, teils „weil so viele ethische Ursachen, die man 
weder auszählen noch messen kann, auf das Gesetz der Nach 
frage einwirken,“ teils weil der Gebrauch der Mathematik in 
der Volkswirtschaftslehre geeignet sei, die Illusion zu wecken, 
nicht die unvermeidlichen Mängel der Problemstellung, sondern 
die Fehler ausschließende Strenge der Beweisführung gebe den 
Ergebnissen ihre Signatur. Das heißt mit andern Worten, daß 
aus hypothetischen und unbestimmten Prämissen nur hypothe 
tische und unbestimmte Schlußfolgerungen gewonnen werden 
können, deren Wahrheitsgehalt durch den zwingenden Charakter 
des mathematischen Beweisverfahrens nicht berührt wird. 
Nach Cournot versuchte Dupuit in einer Reihe von Auf 
sätzen, welche 1852—1856 im Journal des Economistes erschienen, 
für den Gebrauch algebraischer Gleichungssysteme als Methode 
der Volkswirtschaftslehre Stimmung zu machen. Beide fanden nur 
Gehör bei Jevons und bei dem Franzosen Léon Walras, welcher 
in den sechziger Jahren nach der Schweiz auswanderte und im 
Verein mit seinem geistvollen Schüler Pareto die Universität 
Lausanne zu einer Pflanzstätte der mathematischen National 
ökonomie machte. 
Die liberale Schule in Frankreich blieb der mathematischen 
Methode abgeneigt; ihre Koryphäen, insbesondere E. Levasseur 
i) A. Cournot, Traité de l’enchaînement des idées fondamentales dans les 
Sciences et dans l’Histoire, Paris, 1861. — Principes de la Théorie des Richesses, 
Paris, 1863. — Considérations sur la marche des idées et des évènements dans 
les Temps modernes, Paris, 1876. Cournot war zeitlebens Professor der Philo 
sophie und Rektor an den Universitäten Grenoble und Dijon. Sein letztes Werk 
ist eine tiefgründige Philosophie des Liberalismus ; im 7. Kapitel des V. Buches 
entwickelt er eine philosophische Begründung der notwendigen Existenz wirt 
schaftlicher Naturgesetze und bekennt seinen Glauben an den zukünftigen Sieg 
der wirtschaftlichen Freiheit über den Interventionismus.
        <pb n="177" />
        Die Gruppe der Ingenieure in der liberalen Schule 
151 
und Paul Leroy-Beaulieu, nehmen in entschiedener Weise 
gegen dieselbe Stellung. Die von Levasseur, Paul Leroy- 
Beaulieu, A. Liesse u. a. gegen die Verwendung der mathe 
matischen Methode in der Volkswirtschaftslehre geltend ge 
machten Argumente sind in der Hauptsache folgende: 1. Die 
technische Schwierigkeit der Problemstellung ohne weder un 
klare Begriffe noch unrichtige Daten in die Hypothesen einzu 
führen, noch ein nötiges Element auszulassen ; 2. die durch die 
mathematische Darstellung gegebene Immobilisierung von Ele 
menten, die ihrer Natur nach variabel sind; 3. die tatsächliche 
Unmöglichkeit, für jede Erscheinung der so sehr wechselnden 
Gesamtheit der Erscheinungen Rechnung zu tragen ; 4. die Tat 
sache, daß wirtschaftliche und andere Beweggründe in endlos 
verschiedener Abstufung die wirtschaftlichen Handlungen der 
Menschen bestimmen und die daraus sich ergebende Schwierig 
keit und notwendige Unbestimmtheit des mathematischen Aus 
drucks ; 5. das doppelte Gesetz der Substitution der Bedürfnisse 
und der Güter untereinander macht jedes mathematische Preis 
gesetz unmöglich 1 ); 6. irgendwelche Förderung der wissenschaft 
lichen Erkenntnis durch das mathematische Räsonnement ist 
bis heute nicht festgestellt worden 2 ). 
Die ablehnende Haltung der liberalen Schule ist trotz der 
gewichtigen Gründe, welche deren berufenste Vertreter gegen 
die Verwendung der mathematischen Methode in der Volks 
wirtschaftslehre vorbringen, durch Colson durchbrochen 
worden. 
Léon Clément Colson, geb. 13. Nov. 1853 in Versailles, 
Bauingenieur, Staatsrat, Professor der Nationalökonomie an der 
Ecole nationale des Ponts et Chaussées und Professor für Trans 
portwesen an der Ecole des Hautes études commerciales, hat in 
J ) 8. oben p. 110. 
2 ) Vgl. E. Levasseur in : Comptes rendus de l’Académie des Sciences 
morales et politiques, Januar 1874. 
Paul Leroy-Beaulieu, Traité d’économie politique, 3. Ausi., Bd. I, p. 84 
bis 90, p. 663 ff. 
André Liesse, Art. Méthode, in: Nouveau Dictionnaire d’Economie poli 
tique, Bd. II, p. 267 ff. 
Jos. Rambaud, Histoire des Doctrines économiques, 2. Aufl., Buch II, 
Cap. 9, p. 430 ff.
        <pb n="178" />
        152 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
der staatlichen Eisenbahnverwaltung Karriere gemacht und ist 
Spezialist auf dem Gebiete des Tarifwesens. Er hat seine volks 
wirtschaftlichen Vorlesungen in Form eines umfangreichen Lehr 
buches der Nationalökonomie, dessen methodologische und 
doktrinelle Eigentümlichkeiten Beachtung verdienen, ver 
öffentlicht *). 
Colson teilt die Nationalökonomie 2 ) nach Analogie der ra 
tionellen und angewandten Mechanik in eine allgemeine Theorie 
der wirtschaftlichen Erscheinungen (Band I) und in eine „Ver 
tiefung“ einiger wichtigerer Fragen (Band II—IV) ein. Er 
begründet diese Einteilung damit, daß das Ineinandergreifen 
aller wirtschaftlichen Erscheinungen es unmöglich mache, eine 
Frage gründlich zu erörtern, ohne eine gewisse Kenntnis von 
allen anderen zu besitzen. Darum sei es nötig, einen Gesamt 
überblick vorauszuschicken. Dieser Gesamtüberblick ist in Wirk 
lichkeit, was Colson zugibt, eine streng deduktive Wirtschafts 
theorie, welche inhaltlich die Lehren der älteren Klassiker er 
neuert. Die Fragen, auf welche Colson im zweiten Teile näher 
eingeht, sind nach folgendem Gesichtspunkt gruppiert: alle 
*) L. C. Colson, Cours ¿'Economie politique professe à l’école nationale 
des Ponts et Chaussées, 6 Bde., Paris 1901—1905, 2. Ausi. 1907 — (im Er 
scheinen begriffen). 
Von sonstigen Werken Colsons nennen wir: L’Organisation financière des 
Ports maritimes en Angleterre, Paris, 1888. — Les Chemins de Fer et le Budget, 
Paris, 1896. — Transports et Tarifs (Leçons professées à l’Ecole des hautes 
études commerciales), 3. Ausi. Paris, 1908. 
2 ) Der Ingenieur verrat sich schon in der Definition, die Colson von 
der Nationalökonomie gibt. Er definiert sie nämlich als die Wissenschaft „von 
den Gesetzen, welchen die Erzeugung, die Verteilung, der Umlauf und der Ver 
brauch der Güter, sowie die Leistung von persönlichen Diensten unterworfen 
sind, insoweit diese Gesetze aus dem Geisteszustand der in Gesellschaft lebenden 
Menschen folgen.“ Durch letzteren Zusatz soll die politische Ökonomie gegen 
über den technischen und anthropologischen Wissensgebieten abgegrenzt werden. 
Ein Beispiel erläutert am besten das, was gemeint ist: Bodenmeliorationen, z. B. 
chemischer Dünger, sind ein wesentliches Produktionselement; doch gehört die 
Kunde davon in das Gebiet der technischen Wissenschaften. Die Lehre von den 
Bewirtschaftungsformen des Grundeigentums dagegen (ob Teilbau, Erbpacht, 
Zeitpacht oder Selbstbewirtschaftung) gehört in die Nationalökonomie, weil der 
Einfluß der Bewirtschaftungsform auf den Produktionsertrag von der, je nach 
seiner Stellung zum Grund und Boden verschiedenen geistigen Disposition des 
Bewirtschafters abhängt. Colson, Cours d’économie politique, 2. Ausi., Bd. I, 
p. 16 ff.
        <pb n="179" />
        Die Gruppe der Ingenieure in der liberalen Schule 
158 
wirtschaftlichen Erscheinungen gliedern sich irgendwie der Pro 
duktion und dem Umlauf der Güter an. Es gibt fünf große 
Kategorien der Produktion und des Umlaufs, nämlich : drei Pro 
duktionsagenten, Natur, Arbeit und Kapital, und zwei Einrich 
tungen, welche deren Zusammenwirken und den Austausch ihrer 
Produkte sichern, nämlich die Unternehmung und der Handel. 
Praktisch geht das Agens Natur in dem Agens Kapital auf, und 
die Unternehmungen gehören der Volkswirtschaftslehre nur durch 
ihre kommerzielle Seite an. Daher: Band II: Arbeit und Arbeiter 
fragen, Band III : Eigentum an Grund und Boden, Kapital und 
immateriellen Gütern, Band IV : Fragen des Handels (inklusive 
Geld-, Bank- und Börsenwesen). Ein fünfter Band behandelt 
ferner die Finanzwissenschaft und ein sechster die Transport- 
unternehmungen, insbesondere Eisenbahnen. Die Behandlung 
der von Colson im 2. Teile (Band II—IV) erörterten Fragen 
ist, was er nicht zugibt, in Wirklichkeit dazu degradiert, scharf 
sinnig ausgewähltes Tatsachenmaterial, statistisches und solches 
der Einzelbeobachtung zur induktiven Bestätigung der klassi 
schen Theorien des ersten Bandes beizubringen. 
Colsons Lehrbuch der Nationalökonomie hat den Vorzug 
großer Durchsichtigkeit. Dennoch dürfte es „ein Haus ohne 
Fenster“ bleiben, wie Professor Gide es genannt hat. Colson 
haßt nämlich jeglichen Quellennachweis ; aber der kundige 
Leser wird bald erkannt haben, daß er in ausgiebigem Maße in 
den Lehrbüchern von Marshall und Paid Leroy-Beaulieu ge 
schöpft hat. 
Von Marshall kommt zunächst die Art der Anwendung* 
der Mathematik in der Wert- und Preistheorie. Colson will 
nämlich nicht, wie Cournot und Walras, und wie es übrigens 
Marshall im Anschluß an devons mitunter auch tut, die 
wirtschaftlichen Erscheinungen der Wert- und Preisbildung durch 
das Mittel des mathematischen Kalküls in ihren möglichen 
Variationen verfolgen. Er hält diese Erscheinungen für zu viel 
gestaltig und verwickelt, als daß sie in ein System algebraischer 
Gleichungen gebracht werden könnten. Dagegen will er ledig 
lich, wie Marshall gewöhnlich tut, durch bestimmte konkrete 
Beispiele geometrischer Figuration die Preisgesetze veranschau 
lichen. Damit kommt er den Denkdispositionen seiner mathe 
matisch vorgebildeten Hörer entgegen.
        <pb n="180" />
        154 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Der Einfluß Marshalls bekundet sich ferner in der be 
sonderen Sorgfalt, welche Colson darauf verwendet, den Zu 
sammenhang, die Kontinuität scheinbar voneinander unabhängiger 
Fragen in helles Licht zu rücken. Dieselbe Inspiration tritt in 
der Formulierung zutage, welche er dem Prinzip des kleinsten 
Mittels gibt ; er führt nämlich den Begriff des Familieninteresses 
des wirtschaftenden Individuums in dasselbe ein und formuliert 
subjektiv: „Der Mensch ist beständig bestrebt, dasjenige, was er 
für die größte Befriedigung seiner Bedürfnisse und derjenigen 
seiner Familie hält, durch diejenigen Mittel zu erlangen, von 
denen er glaubt, daß sie ihm am wenigsten Mühe machen“ 1 ). 
In seiner Wert- und Preistheorie, die auf dem Tauschwerts 
begriff Adam Smiths fußt, berücksichtigt Colson Leroy- 
Beaulieus Gesetze der Substitution und betont mit Marshall 
(dem er im übrigen die mathematische Darlegung dieses Ge 
bietes entlehnt) die Bedeutung des Konsumentenüberschusses. 
Insbesondere aber läßt sich Colson die Rettung von Ricardos 
Rententheorie angelegen sein, und mit Bedauern stellt er fest, 
daß diese von einem größeren Bruchteil der liberalen Schule 
fallen gelassen worden sei 2 ). 
*) Colson, Cours ¿'Economie politique, 2. Ausl., Bd. I, p. 33. 
2 ) ibid. p. 328 ff. „Die pessimistischen Folgerungen, die man aus der 
Rententheorie gezogen hat, folgen keineswegs notwendig aus ihr. Sie sind aus 
schließlich einer übereilten Verallgemeinerung der in einer bestimmten Zeit und 
in bestimmten Erdteilen gemachten Beobachtungen zu verdanken. Man hat den 
Schülern Ricardos häufig vorgeworfen, sie hätten sich durch Mißbrauch theore 
tischer Erwägungen irre führen lassen ; im Gegenteil, weil sie sich zu sehr auf 
die Beobachtung stützten, haben sie sich schwer geirrt. Sie haben geglaubt, das 
Rentengesetz werde immer die Wirkung haben, die sie in einem Augenblick, wo 
die Bevölkerung rascher wuchs als die Produktionsmittel, vor ihren Augen sahen. 
Hätten sie alle Folgerungen untersucht, die sich aus seiner (Ricardos) Theorie 
ziehen lassen, so hätten sie gesehen, daß dieselben ganz andere sind, wenn die 
Fortschritte der Technik und die Anhäufung der Kapitalien rascher wachsen 
als die Bevölkerung. Die heutige Beobachtung von Erscheinungen, welche den von 
ihnen (den Schülern) beobachteten, entgegengesetzt sind, bestätigt vollauf das Gesetz 
Ricardos und bietet zugleich ein sprechendes Beispiel von der Gefahr, bei der 
Beobachtung und der Induktion in den volkswirtschaftlichen Forschungen stehen 
zu bleiben und nicht Hypothesen, die rein theoretisch scheinen mögen, zu unter 
suchen und durch Räsonnement deren wahrscheinliche Folgerungen zu erforschen. 
Um alle eventuellen Konsequenzen eines Gesetzes kennen zu lernen, genügt es 
nicht, die Wirkung zu studieren, welche es in der Vergangenheit und Gegen-
        <pb n="181" />
        Die Gruppe der Ingenieure in der liberalen Schule 
155 
Der zweite Teil von Colsons Lehrbuch schöpft haupt 
sächlich in den Werken Leroy- Beaulieus. Daneben sind 
aber auch zahlreiche zivil- und handelsrechtliche sowie kauf 
männisch-, insbesondere banktechnische Materien eingeflochten, 
welche gewöhnlich in volkswirtschaftlichen Handbüchern nicht 
erörtert zu werden pflegen und den Studierenden der technischen 
Hochschulen den Spezialunterricht in diesen Fächern ersetzen 
sollen. 
Colsons Sozialpolitik ist systematischer durchgearbeitet als 
die seines Gewährsmannes Leroy-Beaulieu; aber auch der 
Standpunkt des interventionsfeindlichen Unternehmers kommt 
bei jenem schärfer zur Geltung als bei diesem *). Die Argumente, 
welche die staatliche Einmischung bekämpfen, weil diese angeb 
lich die Interessen der Arbeiter schädige, weiß Colson virtuos 
vorzutragen. Gewinnbeteiligungssysteme und Produktivgenossen 
schaften verwirft er mit der Begründung, daß es gerecht sei, 
daß das unvermeidliche Risiko jeder Unternehmung vom Kapital 
und nicht, unter welcher Form es auch sei, vom Arbeiter ge 
tragen werde. Die Einmischung des Staates in den Arbeits 
vertrag durch gesetzliche Festlegung von Bestimmungen, die 
jeder Arbeitsvertrag enthalten müsse, oder von solchen, die in 
keinen Arbeitsvertrag aufgenommen werden dürfen (z. B. Verbot 
von Geldstrafen für Übertretung der Fabrikordnung) wird ent 
schieden verurteilt. 
Dagegen erkennt Colson grundsätzlich Recht und Pflicht 
des Staates an, durch gesetzliche Normen im Sinne des Ar 
beiterschutzes zu intervenieren. „Übrigens,“ sagt er, „hat die 
liberale Schule dies immer anerkannt.“ Den gesetzlichen Schutz 
begrenzt er aber mit Leroy-Beaulieu auf Kinder, Minder 
jährige und Frauen, Sicherheit und Hygiene der Arbeit für 
Arbeiter und Publikum, Fabrikordnung und, last not least, Ein 
haltung der abgeschlossenen Kontrakte. Dabei, meint Colson, 
■wart hatte; man muß vielmehr auch jene Wirkungen untersuchen, die es in 
allen denkbaren Lagen haben würde, denn häufig verwirklicht die Zukunft die 
am wenigsten erwarteten Kombinationen.“ ibid. 
i) Die französische Regierung schied 1902 die Sozialpolitik aus Colsons 
Lehrauftrag aus und gründete dafür einen eigenen Lehrstuhl an der Ecole des 
Ponts et Chaussées, der dem Professor Ch. Gide übertragen wurde.
        <pb n="182" />
        156 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
kann man aber nicht zurückhaltend genug sein, denn Haupt 
sache bleibt immer die Freiheit des Wirtschaftslebens. Eine 
internationale Regelung der Arbeiterschutzgesetzgebung ist nach 
Colson nicht durchführbar. Den kollektiven Arbeitsvertrag 
bezeichnet er als eine Vergewaltigung der Minoritäten und der 
persönlichen Freiheit. Als Form, Übereinkünfte zwischen Arbeit 
gebern und Arbeitern abzuschließen, hat er einen gewissen 
Nutzen, doch darf er nie eine gesetzliche Sanktion erhalten. 
Die Gewerkschaften haben den Nachteil, eine natürliche Ten 
denz zur Monopolisierung der Arbeit zu haben. Ob es ihnen zu 
verdanken ist, daß die Arbeitslöhne immer mehr steigen, ist 
fraglich. Denn die Löhne der landwirtschaftlichen Arbeiter und 
der Dienstboten, die keine Organisationen besitzen, sind in dem 
selben Verhältnis gestiegen, wie die industriellen Löhne. Das 
Assoziationsrecht der Arbeiter ist jedoch ein natürliches, un 
antastbares Recht. Unberechtigt wäre dagegen der Gewerk 
schaftszwang. Das Recht der Arbeiter zu striken, erkennt 
Colson an, doch ist er skeptisch bezüglich der Wirksamkeit 
von Arbeiterausständen. Das Zwangseinigungsverfahren verurteilt 
er scharf, berührt aber die Zustände auf New-Zealand nur ober 
flächlich. Dem sozialen Versicherungswesen gegenüber ist Col- 
son nicht minder antiinterventionistisch. Als Form für die 
Krankenversicherung empfiehlt er die auf Gegenseitigkeit be 
ruhenden Kassen. Anstatt zwangsweiser Altersversicherung soll 
man es den Einzelnen frei lassen, selbst zu bestimmen, wie und 
wo sie ihre Ersparnisse anlegen wollen. Die Unfallversicherung 
ist wesentlich eine Versicherung der Arbeitgeber, denn sie tragen 
das berufliche Risiko und folglich die Verantwortung für 
Arbeitsunfälle. Der Arbeitgeber aber kann entweder das Risiko 
selbst tragen oder sich bei einer Privatgesellschaft versichern. 
Die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit darf in keinem Falle 
vom Staate übernommen werden ; denn das würde eine fürchter 
liche Wahlkorruption nach sich ziehen. Der einzige Versiche 
rungszweig, für den sich eine staatliche Versicherung recht- 
fertigen ließe, ist die Versicherung gegen frühzeitigen Tod. 
Aber auch hier könnte durch eine entsprechende Ausgestaltung 
des öffentlichen Unterstützungswesens für die Hinterbliebenen 
gesorgt werden. Für die verschiedensten Versicherungszweige 
ist jedenfalls die Einrichtung von Betriebskassen seitens der
        <pb n="183" />
        Die Gruppe der Ingenieure in der liberalen Schule 
157 
Arbeitgeber, vorausgesetzt, daß sie eine genügende Zahl von 
Arbeitern beschäftigen, sehr zu empfehlen. Ganz im Sinne 
Leroy-Beaulieus und der meisten heute lebenden liberalen 
Volkswirte in Frankreich befürwortet Colson warm jedwede 
Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber, sowie auch unter 
anderem die Gründung von Genossenschaften zum Bau von 
Arbeiterwohnungen. An die Mitwirkung des Staates appelliert 
er zur Bekämpfung von ungesunden Wohnungen, Tuberkulose 
und Alkoholismus. Vollends ist es Sache des Staates, die öffent 
lichen Lasten zu verringern und für regelmäßige öffentliche 
Arbeiten zu sorgen. 
Die Erörterungen über das französische Nationalvermögen 
und die Einkommensverteilung, welche den dritten Band von 
Colsons Lehrbuch füllen (Eigentum an Grund und Boden, 
Kapital und immateriellen Gütern), beruhen im wesentlichen 
auf Leroy-Beaulieus Werk: De la Répartition des Richesses 
et de la Tendance à une moindre Inégalité des Conditions. Ebenso 
ist der Hauptinhalt des vierten Bandes (Handel) eine ausführ 
liche Wiedergabe von Leroy-Beaulieus Ausführungen zu der 
Frage : Freihandel und Schutzzoll. Im fünften und sechsten Bande 
dagegen wird Colson wieder selbständiger. 
Der fünfte Band : Finanzwissenschaft, ist allerdings unter 
ausgiebiger Benützung von Leroy-Beaulieus und Stour ms 
einschlägigen Werken zustande gekommen. Aber statt seine 
Vorlagen zu verflachen, wie es Colson in der Nationalökonomie 
tut, vertieft er sie hier. Die methodologischen Vorzüge der 
Werke Leroy-Beaulieus und Stourms, welche hauptsäch 
lich darauf beruhen, daß deren Verfasser erfahrene Praktiker 
sind, sind auf Colsons Finanzwissenschaft übergegangen. Ja, 
der Wirklichkeitssinn erscheint bei diesem derart potenziert, 
daß er erfolgreich gegen die nichtinterventionistischen Vor 
urteile und die überkommenen, liberalen Anschauungen sich 
aufbäumt. Der Kampf zwischen Überlieferung und besserer 
Erkenntnis tritt bei der Behandlung der Fragen der progressiven 
Veranlagung der Steuern und der Personalbesteuerung offen zu 
tage. In dem Kapitel, welches der allgemeinen Steuerlehre 
gewidmet ist, verwirft Colson „absolut“ die progressive, all 
gemeine Einkommensteuer, 1. weil jede Progressionsskala will 
kürlich ist und 2. weil deren Veranlagung einen unvermeidlichen
        <pb n="184" />
        158 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
inquisitorischen Charakter trägt*). Bei der Darlegung des fran 
zösischen Finanzwesens gibt er dann eine eingehende Kritik 
des bestehenden Ertragssteuersystems und stellt die Forderung 
auf, die Mietsteuer zu einer rationellen, mäßig progressiven, 
allgemeinen Einkommensteuer umzubilden, die nach äußern 
Merkmalen zu veranlagen und deren Sätze so zu bemessen 
seien, daß sie nicht zur alleinigen Steuer werde, welche 
die Beseitigung aller andern ermögliche 2 ). Das sakrosankte 
Prinzip der Proportionalität der Steuern durchbricht Colson 
noch mit andern Forderungen: differentielle Behandlung des 
fundierten und unfundierten Einkommens, abgestuft nach dem 
Grade, in dem ein Einkommen das eine oder das andere ist 3 ); 
progressive Wertzuwachssteuer bis zur vollen Inanspruchnahme 
des Mehreinkommens aus „unearned increment“ 4 ) ; endlich pro 
gressive Erbschaftsbesteuerung 5 ). 
Der sechste Band des Colson sehen Werkes ist den Fragen 
des Transportwesens, insbesondere der Eisenbahnen, Kanäle und 
Häfen, in welchen er Spezialist ist, gewidmet. In der Ablehnung 
des deutschen Staatsbahnsystems zugunsten der großen fran 
zösischen Aktiengesellschaften kommt wieder der Standpunkt 
der liberalen Schule voll zur Geltung. 
Colson beruft sich an verschiedenen Stellen zur Begrün 
dung seiner nichtinterventionistischen Weltanschauung auf 
„eine langjährige, persönliche Erfahrung in öffentlichen und 
privaten Geschäften“, womit er sich den vorher besprochenen 
Gruppen von Volkswirten anreiht. Seine Wertschätzung der 
deduktiven Methode und der synthetische Zug seines Denkens 
unterscheidet ihn jedoch wieder von diesen, mehr noch als die 
Anwendung mathematischer Figuration zur Veranschaulichung 
der Wert- und Preislehre. Colsons Räsonnement zeugt von 
ungewöhnlicher, synthetischer Denkkraft und ist wunderbar 
durchsichtig und klar. Aber seine allgemeine Theorie der wirt- 
J ) Colson, loe. eit., Bd. V, p. 198 ff., p. 285. 
2 ) ibid. p. 306 ff. 
3 ) ibid. p. 195. 
b ibid. p. 194—195. 
5 ) Und zwar nicht nur progressiv nach der Entfernung des Verwandt 
schaftsgrades, sondern auch, worauf es ja ankommt, nach der Höhe der Erb 
teile. ibid. p. 285 ff.
        <pb n="185" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
159 
schädlichen Erscheinungen kann die Ingenieurschüler, für die 
sie bestimmt ist, irre führen, 1. weil sie in ihnen die Illusion 
weckt, das Wirtschaftsleben verhalte sich zu der ihnen gebotenen 
Wirtschaftstheorie wie die angewandte zur rationellen Mechanik, 
und 2. weil über dem Versuche, die klassischen Lehren zu 
retten, Colson die umsichtigen und liebevollen Interpretationen 
derselben, die er bei Marshall vorfand, zu allzu vereinfachten 
Gerippen gestaltet. 
6. Kapitel. 
Die Gruppe der Universitätsprofessoren. 
Durch Dekret vom 20. März 1877 wurde die Volkswirt 
schaftslehre zum obligatorischen Unterrichtsfach an den juristi 
schen Fakultäten Frankreichs erhoben. Die Fakultäten sahen 
sich damit in die Notwendigkeit versetzt, mindestens je eines 
ihrer Mitglieder mit der Abhaltung von Vorlesungen über das 
neue Fach zu betrauen. Von den also zu Nationalökonomen 
„beförderten“ Juristen wandten sich die einen neueren Rich 
tungen zu; von ihnen wird unten im III. Buch zu reden sein. 
Andere aber schlossen sich der damals noch als die Wissen 
schaft schlechthin geltenden liberalen Nationalökonomie an. 
Von diesen sind Jourdan und Worms zu nennen. Sie fanden 
Nachfolger, und die juristischen Fakultäten sind bis heute ein 
Milieu geblieben, in welchem historisch-ethische und liberale, 
interventionistische und nichtinterventionistische Nationalöko 
nomen freundnachbarlich nebeneinander leben. 
Alfred Jourdan (t 1891), weiland Dekan der juristischen 
Fakultät in Aix 1 war Jurist, Nationalökonom und Moralphilo 
soph. Er war sehr belesen in der klassischen, volkswirtschaft 
lichen Literatur. Seine Schriften 1 ) sind prolix und konfus; er 
&gt;) Von seinen volkswirtschaftlichen Schriften nennen wir: Du Rôle de 
l’Etat dans l’Ordre économique, ou Economie politique et socialisme, Paris, 
1882. — Des Rapports entre le Droit et l’Economie politique, Paris, 1885. — 
Cours analytique d’Economie politique, 2. Ausi., Paris. 1890. Dieses Lehrbuch 
hat Says Theorie der Absatzwege zum Leitmotiv.
        <pb n="186" />
        160 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
wirft beständig seine Kenntnisse auf den drei erwähnten Ge 
bieten durcheinander. 
Ein Preisausschreiben der Académie des Sciences morales et 
politiques gab Jourdan Gelegenheit, zu der Kardinalfrage der 
Einmischung des Staates ins Wirtschaftsleben in ausführlicher 
Weise Stellung zu nehmen 1 ). Jour dans Lösung der Preisauf 
gabe bietet ein dreifaches : 1. die Anwendung der positivistischen 
Methode Auguste Comtes. Zunächst eine langhingezogene 
Analogie zwischen der Entwicklung der menschlichen Gesell 
schaften und derjenigen der tierischen Organismen. Alsdann 
eine Befragung und evolutionistische Interpretierung der Ge 
schichte. Jourdan sagt, diese sei für die Nationalökonomie, 
was Beobachtung und Experiment für die Naturwissenschaften 
sind. Aus beiden Evolutionsreihen gewinnt er 2. eine Geschichts 
auffassung, welche sich mit derjenigen Du noyers deckt. Die 
Freiheit des Wirtschaftslebens hat progressiv im Laufe der Ge 
schichte zugenommen, die direkte Einmischung des Staates aber 
ist immer geringer geworden. Die menschlichen Gesellschaften 
sind regelmäßig von der patriarchalischen Ordnung ausge 
gangen, in welcher der Satz galt: jedem nach seinen Bedürf 
nissen! In logischer Evolution gingen sie alsdann durch die 
Stufen der Stadt- und Territorial wirtschaft, um schließlich zu 
einer Ordnung zu gelangen, in welcher jedem die wirtschaftliche 
Verantwortung für sein Tun überlassen ist und die Verteilung 
nach dem Grundsatz sich regelt : jedem nach seinen Leistungen 
für die Allgemeinheit! Der Faktor, dem die wirtschaftliche 
Freiheit ihre allmähliche Verwirklichung verdankt, ist der 
Fortschritt und die Vulgarisation der Wissenschaft und der 
Technik. 
Dazu kommt ein Drittes; wohl hat sich der Staat der 
direkten wirtschaftlichen Bevormundung, der technischen Regle 
mentierung und der Rechte, die er sich gegenüber Landwirt- 
i) Für den Äoss/preis 1878 stellte die Akademie folgendes Thema: Du 
Rôle le l'Etat dans l’Ordre Economique. Rechercher et montrer quels sont, dans 
Vordre économique, les besoins dont la satisfaction requiert le concours de VEtat, 
et quelles règles doivent présider à ce concours. Der Preis wurde Jourdan ex 
aequo mit dem Dekan der juristischen Fakultät in Caen Edmond Villey zu 
erkannt.
        <pb n="187" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
161 
schaft, Handwerk und Industrie angemaßt hatte, begeben; 
die heutigen Budgets aber, mit den früheren verglichen, zeigen, 
daß er immer mehr tut für den Ausbau und die Vervollkomm 
nung des der emanzipierten Industrie zur Verfügung gestellten 
„outillage social“. Damit meint Jourdan: technischen Unter 
richt, Patentgesetzgebung, Schutz des gewerblichen, literarischen 
und künstlerischen Eigentums, Arbeiterschutzgesetzgebung in 
Erstreckung auf Frauen- und Kinderarbeit, sowie auf Arbeit in 
gesundheitsschädlichen Betrieben, Einrichtung von Gewerbe 
gerichten und einiges andere. „Die Geschichte beweist also,“ 
sagt Jourdan, „daß eine Entwicklung der wirtschaftlichen 
Freiheit mit einer solchen der Staatsintervention Hand in Hand 
gehen kann“ *). 
Jour dans Stellungnahme zur Frage der staatlichen Ein 
mischung ins Wirtschaftsleben wird bestimmt durch diese posi 
tivistische Auffassung des gesetzlich Gewordenen. Sie läßt sich 
dahin charakterisieren, daß die Nichtintervention zwar prinzi 
pielle Richtschnur bleiben soll, aber eine kompromißliche Ver 
wirklichung zu finden habe 2 ). 
Die Anschauung Jourdans, daß die Freiheit des Indi 
viduums und das aktive Eingreifen des Staates ins Wirtschafts 
leben sich sehr gut miteinander vertragen, ist eine ausgezeich 
nete Idee, welche zwar in der ihr von ihm gegebenen Trag 
weite noch sehr entwicklungsfähig ist, für welche aber die 
liberale Schule allen Grund hätte, ihm dankbar zu sein. Aller- 
b Jourdan, Du Rôle de l'Etat dans l’Ordre économique, p. X. 
2 ) Jourdan hüllt seine Schlußfolgerung in die dunkeln Worte: „Nos 
solutions ... se rattachent à un principe, à une doctrine dont la formule est 
que l'Etat doit toujours moins faire dans un sens, toujours plus dans un autre.... 
Dour employer une expression un peu barbare, mais juste, notre solution du 
grand problème du rôle de l’Etat dans l’ordre économique n’est pas quantitative, 
mais qualitative. Elle n’est pas quantitative, c’est à dire qu’elle ne précise pas 
rigoureusement la quantité des services que l’Etat doit rendre et de ceux qu’on 
ne saurait réclamer de lui ; mais elle caractérise ces services d’une manière 
générale, elle en indique la qualité.“ ibid. p. 399. 
Zur Rechtfertigung dieser Anschauung beruft sich Jourdan ferner noch 
auf die römischen Juristen. Er schreibt: „Ich folgte dem Beispiel der großen 
römischen Juristen . . . Im allgemeinen waren deren Entscheidungen den strikten 
Rechtsgrundsätzen konform ; sie nannten das „secundum juris elegantiam“ ent 
scheiden. Aber manchmal schlußfolgerten sie auch . . . „sed alio jure utimur, 
et contra juris elegantiam, utilitatis causa, receptum est“ . . . ibid. p. 397. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 11
        <pb n="188" />
        162 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
dings haftet ihr ein Geburtsfehler an: ihr liegt die mystische 
soziologische Auffassung zugrunde, daß die Entwicklung der 
menschlichen Gesellschaften, gleich der der tierischen Organis 
men, eine spontane, unbewußte sei. Levasseur, der den Wert 
der Idee für den Klassizismus erkannte, greift sie in seinem 
Bericht an die Akademie über die eingereichten Preisaufgaben 
auf, versucht sie von ihrer seichten, positivistischen Grundlage zu 
befreien und zeichnet sie mit einer Klarheit, welche die konfuse 
Denkweise Jourdans nicht zu erreichen vermochte. Dabei 
wahrt Levasseur vorzüglich die Kontinuität der klassischen 
Lehre, indem er die neuen Aufgaben, welche dem Staate mit 
der steigenden Kultur erwachsen, als einen Ausfluß der staat 
lichen Funktion, die Sicherheit zu gewährleisten, hinstellt. Mit 
der Zunahme der individuellen Freiheit und dem Anwachsen 
der Gütermenge steigt das Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft. 
Am Staate ist es, in zielbewußter Weise durch Gesetzgebung und 
Verwaltung für die Befriedigung dieses Bedürfnisses zu sorgen. 
Dem unentwegten Verfechter der Orthodoxie mag diese 
Auffassung als eine schiefe Ebene erscheinen, auf die es ge 
fährlich ist, sich zu begeben. Uns deucht aber der von Jour 
dan und Levasseur eingeschlagene Weg für die Zukunft der 
liberalen Lehre von fundamentaler Bedeutung zu sein. Geht 
die Schule diesen Weg, so haben die zurzeit im interventionisti 
schen wie im nichtinterventionistischen Lager Frankreichs sich 
lebhaft bemerkbar machenden Bestrebungen, zu einer einheitlichen 
Lehre zu gelangen, alle Aussicht auf Erfolg. Wir werden noch 
wiederholt Gelegenheit haben, auf diesen Punkt zurückzu 
kommen. 
Emile Worms, ein geborener Luxemburger, war Professor 
der Nationalökonomie an der juristischen Fakultät in Rennes; 
er lebt seit einigen Jahren zurückgezogen in Paris, wo er regen 
Anteil an den soziologischen Arbeiten seines Sohnes René 
Worms nimmt 1 ). 
Von diesen im IV. Buch. 
Emile Worms ist Verfasser mehrerer Handbücher der Nationalökonomie, 
welche für mittlere und Primärschulen bestimmt sind. Er hat außerdem ein 
Lehrbuch der Einanzwissenschaft verfaßt (2 Bde., Paris 1891), sowie eine Reihe 
von finanzwissenschaftlichen und vornehmlich deutsche, wirtschafts- und ideen 
geschichtliche Themata behandelnden, kleineren Schriften. Seine grundsätzlichen
        <pb n="189" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 163 
Die wirtschaftlichen Naturgesetze der Klassiker sind Emile 
Worms nur „Regeln oder Normen“, Gesetzmäßigkeiten, denen 
ein absoluter Charakter nicht zukommt. Gewiß erscheinen sie 
bei den Klassikern aprioristisch fundiert. Aber mehr als man 
glaubt, ging das deduktive Räsonnement bei den Klassikern 
von empirischen Tatsachen aus. „Die Ausgangspunkte ihrer 
Argumentation mögen für sie aphoristische gewesen sein; sie 
waren es aber gewiß nicht für die gesamte Menschheit, die 
ihnen vorausgegangen war, und bei der jene in ihren Tagen 
eingewurzelte Überzeugungen erst nach und nach, als Resultat 
immer mehr konvergierender Feststellungen, sich gebildet 
hatten“ x ). 
Für seine Person spricht Emile Worms sich für innige 
Verbindung von Deduktion und Induktion in der National 
ökonomie aus. Ein dementsprechendes Zusammengehen der 
deduktiven, liberalen Schule und der konsequenter induktiven, 
historischen würde er freudig begrüßen. Daß die historische 
Methode in der liberalen Schule sehr wohl eingebürgert werden 
könne, habe das Beispiel Cource 11 e-Seneuils gezeigt, der 
die Wirtschaftsgeschichte und den historischen Relativismus, 
wie wir sahen, in den Dienst der Orthodoxie stellte. 
Entschieden nimmt Emile Worms Partei für die Trennung 
von Wissenschaft und Kunstlehre. Er erinnert daran, daß diese 
Trennung von Rossi scharf begründet, aber nicht verwirklicht, 
von Coure elle-Seneuil und Cherb uliez jedoch später 
durchgeführt wurde. Dafür, daß dieses Beispiel so wenig Nach 
ahmer gefunden, gibt er folgenden Grund an: „Es ist nicht 
unmöglich, daß, wenn sie (Courcelle-Seneuil und Cherbuliez) 
nicht mehr Nachahmer bei uns gefunden haben . . ., politische 
Gesichtspunkte dabei mitspielten; in dem Sinne, daß man es 
für geschickt hielt, um diese oder jene Richtung, zu der man 
gehörte, zur Geltung zu bringen, über die Theorie zu täuschen, 
und methodologischen Anschauungen finden sich in übersichtlicher Zusammen 
fassung in einer der Académie des Sciences Morales et Politiques 1907 einge 
reichten Arbeit: La Méthode d’Enseignement en Economie Politique, Paris, 
Giard et Prière, 1907. 
i) E. Worms, La Méthode d’Enseignement en Economie Politique, Paris, 
1907, p. 7.
        <pb n="190" />
        Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
164 
indem man diese durch enge Vermengung mit der Praxis 
unkenntlich machte“ *). 
Emile Worms redet im weitern einer engern Verbindung 
von Soziologie und Nationalökonomie das Wort. Die Aufnahme 
soziologischer Gesichtspunkte und Elemente in die National 
ökonomie, die Betonung psychologischer, ethischer, religiöser, 
biologischer, hygienischer usw. Berührungspunkte der wirtschaft 
lichen Erscheinungen mit der übrigen Erscheinungswelt hätte 
für die Volkswirtschaftslehre einen doppelten Nutzen: sie würde 
an Tiefe wie an Breite der Erkenntnis zunehmen. An Tiefe, 
„weil die Soziologie die Bewegung, die Wandlung, die Evolution 
voraussetzt und in der Zeit tätig ist“ i) 2 ); an Breite, „weil die 
Soziologie alle Erscheinungskategorien der sozialen Welt in 
ihrem tatsächlichen Zusammenhang erhält und sich nur um 
deren Resultante, deren Synthese kümmert“ 2 ). Etwas klarer 
werden diese Ausblicke in folgender Formulierung : „Eine sozio 
logische Nationalökonomie wäre also eine Volkswirtschaftslehre, 
welche weder einer Reise durch die Geschichte, noch einer 
solchen in Gemeinschaft aller andern konstitutiven Elemente 
des sozialen Lebens aus dem Wege ginge“ 2 ). 
Die Nationalökonomie soll jedoch keineswegs in der Sozio 
logie aufgehen, noch letztere in ersterer. Im Gegenteil : es muß 
scharf unterschieden werden zwischen : economie politique, économie 
sociale und sociologie. 
Gegenstand der „Economie politique“ oder Nationalökono 
mie sind vornehmlich die Produkte, welche sie durch die Stufen 
der Erzeugung, der Verteilung und des Verbrauches verfolgt 3 ). 
Die „Economie sociale“ oder Sozialpolitik befaßt sich 
ausschließlich mit den Produzenten, ja nur mit einer Kategorie 
von Produzenten: dem vierten Stande. 
Die „Soziologie“ gliedert sich, genau wie die National 
ökonomie, in theoretische und in angewandte Soziologie. 
i) Worms, ibid. p. 14. 
a ) ibid. p. 20—21. 
a ) „Gewiß kann die Nationalökonomie nicht außer acht lassen, daß die 
Güterwelt durch und für den Menschen geschaffen wird; nichtsdestoweniger 
ist sie vor allem die Wissenschaft vom Reichtum, welche sich nicht übermäßig 
bei den Interessen der teilweisen Faktoren dieses Reichtums aufhalten darf.“ 
ibid. p. 38.
        <pb n="191" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
165 
Die theoretische ist die Philosophie der Sozialwissenschaften ; 
die angewandte oder „politique sociale“ ist die Kunstlehre, welche 
die verschiedensten, gesellschaftlichen Erscheinungen, oder besser 
die Individuen, welche deren Faktoren sind, regiert. Die Volks 
wirtschaft^ olitik und die Sozialpolitik sind Teile derselben *). 
Für den Unterricht in den Sozialwissenschaften stellt 
Worms folgende Desiderata auf: 1. Schaffung von Lehrstühlen 
für Soziologie an den juristischen Fakultäten; 2. Zusammen 
fassung des heute auf mehrere Lehrstühle für économie industrielle, 
rurale usw. verteilten Lehrstoffes in das Unterrichtsfach : Sozial 
politik; 3. Umgestaltung des nationalökonomischen Unterrichts 
in folgender Weise: als Einleitung wäre eine detaillierte Be 
schreibung der zeitgenössischen nationalen Volkswirtschaft zu 
geben. Daran schlöße sich die Darlegung des Systems der 
Volkswirtschaftslehre in zwei Teilen: doktrineller oder theore 
tischer Teil und angewandter Teil oder VolksWirtschaftspolitik. 
Dem doktrinellen Teil wäre eine kurzgefaßte Zusammenstellung 
der Prinzipien und Methodenlehre der Soziologie vorauszuschicken. 
Im weiteren Verlauf des Unterrichts sollen gelegentlich Probleme 
der Weltwirtschaft und solche der Sozialpolitik kurz erörtert 
werden. 
Von dieser Einrichtung des volkswirtschaftlichen Unter 
richts verspricht sich Emile Worms ein Doppeltes : 1. Der 
Umstand, daß eine Beschreibung der bestehenden, nationalen 
Volkswirtschaft an die Spitze gestellt wird, wird eine engere 
Anpassung der Doktrin an das wirkliche Leben bewirken; 2. die 
Tatsache, daß Theorie und Kunstlehre von demselben Lehrer 
vorzutragen sind, wird die Entfaltung innigerer Wechsel 
beziehungen zwischen Doktrin, Gesetzgebung und Verwaltung 
fördern. 
Die Vorschläge Worms’, die Reorganisation des national 
ökonomischen Unterrichts betreffend, beweisen, daß die weit 
gehende Spezialisierung des staatswissenschaftlichen Unterrichts 
an den juristischen Fakultäten Frankreichs in den beteiligten 
Kreisen zu Bedenken Anlaß gibt. Auf die in Frage stehende 
Organisation wird unten im III. Buche zurückzukommen sein. 
b Vgl. ibid. p. 36 ff. Über die Gegenüberstellung: économie politique, 
économie sociale, sociologie. Vgl. Wasserrab, Die soziale Frage.
        <pb n="192" />
        166 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Fernand Faure, Professor der Statistik an der juristischen 
Fakultät in Paris und Direktor der Revue 'politique et parlamen- 
taire i rechnet sich zur liberalen Schule, allerdings mit der Be 
schränkung, daß kein Volkswirt in Frankreich, mit Ausnahme 
der reaktionären Katholiken und der Kollektivsten, sich voll 
ständig mit einer bestimmten Schulmeinung identifiziere. Der 
Lehrstuhl, den Fernand Faure inné hat, ist der einzige für 
Statistik in Frankreich. Da das Fach nicht obligatorischer 
Prüfungsgegenstand ist, wird es von der Studentenwelt in etwas 
vernachlässigt. Mehr noch aber glaubt Professor Faure sich 
darüber beklagen zu sollen, daß seine juristischen und national 
ökonomischen Kollegen im allgemeinen in ihren Vorlesungen 
und Schriften die Statistik nur zur Illustrierung ihrer vorgefaßten 
Theorien heranzuziehen pflegten; keiner aber lasse es sich ein 
fallen, aus den Ergebnissen der statistischen Forschung heraus 
eine wissenschaftliche Theorie des Wirtschaftslebens zu ge 
winnen 1 ). Seine grundlegenden Anschauungen hat Fernand 
Faure wohl am besten in dem Artikel Science et Art des Nou 
veau dictionnaire d’Economie politique zusammengefaßt (Bd. Il, 
p. 796 ff.). Anlehnend an Montesquieu definiert er die 
('Wirtschafts)wissenscJiaft als „das Studium der (wirtschaftlichen) 
Erscheinungen zu dem Zwecke, die konstanten und notwendigen 
Beziehungen derselben zu erforschen“. Von der Wirtschafts 
wissenschaft unterscheidet er die (wirtschaftliche) Kunstlehre als 
„das Studium der Erscheinungen zu dem Zwecke, die Kombina 
tionen zu entdecken, mit deren Hilfe man dieses oder jenes 
beabsichtigte Resultat erreichen kann“. Faure macht sich 
selbst folgenden Einwand : „Die Wissenschaft ist nicht denkbar, 
wenn die Tatsachen nicht einem universellen Determinismus 
unterliegen, wenn sie nicht gemäß einer konstanten Natur 
ordnung miteinander verknüpft sind. Die Kunstlehre hat nun 
die Tendenz, die Tatsachen zum Nutzen und nach den Kon- 
venienzen der Menschen zu modifizieren. Wenn die von der 
Kunstlehre vorgeschlagenen Modifikationen nicht illusorisch 
J ) F. Faure hat mehrere Artikel des Nouveau dictionnaire d’Ec. pol. 
verfaßt; er hat ein kleines Lehrbuch der Statistik (Eléments de Statistique, Paris, 
1906, vergriffen) veröffentlicht und arbeitet zur Zeit an einer Histoire des Théories 
sur la Statistique aux 17 me et 18°°« siècles.
        <pb n="193" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
167 
sind, müssen sie da nicht notwendig die natürliche Ordnung 
stören, die regelmäßige Verkettung der Erscheinungen, deren 
Entdeckung Sache der Wissenschaft ist?" Die Antwort auf 
diesen Einwurf lautet: „Die Handhabe, welche der Mensch auf 
die Erscheinungen der Außenwelt haben kann, unterliegt selbst 
dem Determinismus. Des Menschen Eingreifen kann diese Er 
scheinungen modifizieren, sie komplizieren, ohne im geringsten 
die Notwendigkeit der Beziehungen oder der Gesetze, welche 
sie regieren, zu beeinträchtigen.“ Der deutschen historischen 
Nationalökonomie wirft Faure Konfusion von Wissenschaft 
und Kunstlehre vor 1 ). Seine eigene Auffassung von den Auf 
gaben beider vertiefend, ergeht er sich in Gedankengängen, aus 
denen wir einiges Beachtenswerte herausgreifen wollen. „Grund 
sätzlich,“ schreibt er, „paßt die Methode der Wissenschaft auch 
für die Kunstlehre. Nur der Anwendungsmodus kann ver 
schieden sein. Die Kunstlehre verlangt eine gewissenhaftere 
Tatsachenbeobachtung als die Wissenschaft, insbesondere größere 
Umsicht im Verallgemeinern .... Die Wissenschaft behandelt 
das Allgemeine; die Beziehungen, welche sie feststellt, müssen 
konstant, d. h. von Zeit und Milieu unabhängig sein. Die 
Kunstlehre dagegen erfaßt die Tatsachen in einem gegebenen 
Momente und Milieu. Die Regeln, die sie formuliert, die Maß 
nahmen, die sie empfiehlt, sind notwendig zeitlichen und ört 
lichen Bedingungen unterworfen Die Wissenschaft kann 
nicht in die Grenzen eines Landes oder einer Epoche ein- 
i) „Die Unterscheidung von Wissenschaft und Kunstlehre wird heute in 
Frankreich und in England von den meisten Nationalökonomen und Soziologen 
angenommen, wenn auch nicht immer richtig gefaßt. Ganz anders in Deutsch 
land. Die Konfusion von Wissenschaft und Kunstlehre ist eines der hauptsäch 
lichsten Merkmale der seit mehr als einem halben Jahrhundert von den meisten 
Nationalökonomen und Soziologen Deutschlands veröffentlichten Schriften. In 
deren Augen wäre der Zweck der Sozialwissenschaft ein wesentlich praktischer: 
die Besserung der Lage der Menschen. Die Nationalökonomie insbesondere 
hätte zum Ziele, die Mittel ausfindig zu machen, den Reichtum eines gegebenen 
Landes zu vermehren und diesen besser unter dessen Volksgenossen zu ver 
teilen. Das ist die Auffassung der sogenannten historischen oder ethischen 
Schule . . . Allgemein ist zu bemerken, daß der Sozialismus unter allen Formen, 
vom Kathedersozialismus an, dessen Lehren ungesichert und dessen Schluß 
folgerungen furchtsam sind, bis zum radikalen Kollektivismus stets Wissenschaft 
und Kunst verwechselt hat.“ Faure, loe. cit.
        <pb n="194" />
        168 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
geschlossen werden. Es gibt keine französische, englische oder 
deutsche Nationalökonomie. Die Kunstlehren sind einer Epoche 
und einem Milieu eigen und können national sein. Die Wissen 
schaft stellt die Tatsachen und deren Beziehungen fest, aber 
beurteilt sie nicht. Sie stellt die Wirklichkeit dar und fragt 
nicht, ob diese gut oder schlecht ist. Die Kunstlehre ist nicht 
denkbar ohne Urteil über die Tatsachen, welche zu ändern oder 
hervorzubringen sind. Die Wissenschaft genügt sich selbst. 
Sie erforscht die Gesetze der Erscheinungen, ohne fremde oder 
höhere Grundlage. Die Kunstlehre braucht dagegen als Grund 
lage nicht nur die von der Wissenschaft formulierten Gesetze, 
sondern sie setzt ein Ideal voraus, zu dessen Verwirklichung 
sie die besten Mittel ausfindig zu machen hat“ *). 
Edmond Villey, Dekan der juristischen Fakultät in Caen, 
ist Eklektiker. Seine Grundstimmung ist jedoch die des laisser 
faire; darum ist er an dieser Stelle zu behandeln 2 ). 
Villey erhebt sich gegen die Begriffsbestimmung der 
Nationalökonomie als „science des richesses“ und gegen den 
„homo oeconomicus“ der klassischen Schule. „Erstens ist der 
Reichtum,“ sagt er, „nicht Zweck, sondern Mittel, und zweitens 
existiert er nur mit Bezug auf den Menschen, denn der Mensch 
teilt den zur Befriedigung seiner Bedürfnisse geeigneten Dingen 
die Gutseigenschaft erst mit. Die Güterwelt kann folglich nicht, 
unter Absehen vom Menschen, welcher deren Prinzip und Zweck 
und folglich der wirkliche Gegenstand der Nationalökonomie ist, 
behandelt werden. Betrachtet man aber den Menschen aus 
schließlich in seiner Eigenschaft als Gütererwerber, indem man 
von seinen Gedanken, Gefühlen, Leidenschaften, sittlichen Eigen 
schaften, insofern sie nicht direkt auf die Güterwelt Bezug 
haben, absieht, so betrachtet man ein Gebilde der Phantasie, 
1) Zu diesen Ausführungen von F. Faure vgl. J. N. Keynes, Scope and 
Method of Political Economy, p. 31—80. 
2 ) Von Villeys Schriften sind zu nennen: 
Du Rôle de l’Etat dans l’Ordre Economique (dieser Schrift wurde der 
Rossipreis der Académie des Sciences Morales et Politiques für 1878, exaequo 
mit der oben im I. Buch besprochenen Arbeit Jourdans, zuerkannt; Villeys 
Standpunkt in der Frage des Interventionismus ist demjenigen Jourdans sehr 
ähnlich). Paris, Guillaumin, 1882. — Le Socialisme Contemporain, Paris, Guil 
laumin, 1895. — L’Oeuvre économique de Charles Dunoyer, Paris, Larose, 1892. 
— Principes d’Economie Politique, 3. Aufl. Paris, Alcan, 1905.
        <pb n="195" />
        169 
Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
welches vom wirklichen Menschen sehr verschieden ist, und man 
baut eine Wissenschaft auf, an deren Basis sich ein grund 
legender Irrtum befindet“ x ). 
Unter heftigen Angriffen auf J. J. Rousseaus Contrat Social 
sucht Vili e y die naturgesetzliche Qualität der Gesetze des 
Wirtschaftslebens zu erweisen : „Ist die Gesellschaft der Natur 
zustand des Menschen, so ist die soziale Ordnung notwendiger 
weise Naturgesetzen unterworfen, die nicht weniger feststehen, 
als diejenigen, welche der physischen Natur jene großartige, ent 
zückende Harmonie geben. Vernunft und Beobachtung sagen 
uns, daß alle Naturerscheinungen durch Naturgesetze regiert 
werden; darum ist es ein Nonsens, anzunehmen, das Leben in 
Gesellschaft sei der Naturzustand des Menschen, und zu leugnen, 
dieser werde von Naturgesetzen regiert“ 2 ). 
Das Leben in Gesellschaft in seiner gesamten Ausdehnung 
läßt sich in zwei Formeln ausdrücken: Entfaltung der indivi 
duellen Tätigkeit und respektive Begrenzung derselben. 
Die Gesetze, welche die individuelle Tätigkeit regieren, 
sind die wirtschaftlichen. Sie besagen „die natürlichen Ursachen, 
welche die Handlungen der Menschen bestimmen und die Wir 
kungen, welche diese Ursachen ihrer Natur nach hervorbringen“ 3 ). 
Die Gesetze, welche die natürlichen Grenzen der Betäti- 
gungssphäre der Individuen bestimmen, sind ethische Natur 
gesetze. Sie bilden den Inhalt des Naturrechtes 4 ). 
Wirtschaftliche Naturgesetze und Naturrecht, Wirtschafts 
wissenschaft und Rechtswissenschaft sind unzertrennlich : 1. weil 
es offenbar unmöglich ist, die Entwicklung der individuellen 
Tätigkeiten zu studieren, ohne auf Schritt und Tritt auf deren 
Grenzen zu stoßen; 2. weil die soziale Nützlichkeit, welche den 
Gegenstand der Wirtschaftswissenschaft ausmacht, mit der so 
zialen Gerechtigkeit, dem Gegenstand der Rechtswissenschaft, 
identisch ist. Die Wahrheit ist eins, die Wissenschaft notwendig 
auch. „Wenn darum der Volkswirt eine Maßnahme für nütz 
lich erklärt, die der Moralist verwirft, kann man a priori 
9 E- Villey, Principes ¿'Economie politique, 3. Ausl, 1905, p. 4—5. 
a ) ibid. p. 2. 
3 ) ibid. p. 3. 
4 ) ibid. p. 2—3, 9.
        <pb n="196" />
        170 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
behaupten, daß einer von beiden irrt . . . Jede der Gerechtig 
keit entsprechende Maßnahme kann nur gute wirtschaftliche 
Wirkungen haben ; jede der Gerechtigkeit entgegengesetzte Maß 
nahme kann nur schlechte wirtschaftliche Folgen haben“ *). 
Genau so lesen wir’s in den philosophischen und theo 
logischen Summen des XIII. Jahrhunderts. Villey geht aber 
noch einen Schritt weiter als die Scholastiker. Er nimmt den 
Entwicklungsgedanken aufs Korn und polemisiert leidenschaft 
lich gegen jede dynamische Weltanschauung 2 ). Dann aber 
kommt eine Verbeugung vor der historischen Entwicklung. Das 
Naturrecht, sagt Villey, ist und bleibt unveränderlich, nicht 
aber die volkswirtschaftlichen Naturgesetze. Die Prinzipien der 
klassischen Volkswirtschaftslehre sind keine Dogmen und be 
dürfen einer Revision 3 ). Allerdings nicht an der Hand geschicht 
licher Erforschung der Entwicklung des wirtschaftlichen Ge 
schehens. Denn dafür hat Villey dieselbe Verachtung wie 
Leroy -Beaulieu. Mit diesem stellt er jener Erforschung einen 
Zug der Le Playschen Methodik: Beobachtung der gleichzeitig 
heute auf der Erde vorhandenen Typen verschiedener Kulturstufen, 
sowie die Statistik entgegen 4 ). Die erneute Untersuchung der 
klassischen Dogmen unternimmt Villey aber doch so ziemlich 
ausschließlich an der Hand der Beobachtung allgemeiner Er 
scheinungen in den vorgeschrittensten Kulturstaaten. Manchmal 
auch bleibt sie eine rationelle. Wo er z. B. das klassische 
Dogma der Identität von allgemeinem und individuellem Inter 
esse prüft, um schließlich unverrückt an demselben festzuhalten 5 ). 
Die Deduktion bleibt übrigens, trotz aller Beobachtung der 
Gegenwart, in Villeys Methodik vorwiegend. 
Die Beobachtung spielt eine große Rolle in der Volkswirt 
schaft, meint er, kann aber nicht deren alleinige Grundlage 
sein: 1. weil die Wirtschaftswissenschaft von der Rechtswissen 
schaft unzertrennlich ist, und die wirtschaftlichen Beziehungen 
von den Regeln der Gerechtigkeit und des Rechts regiert wer 
den. Das Recht aber hat aphoristische Grundlagen ; 2. weil 
4 ) ibid. p. 18—15. 
2 ) ibid. p. 8 ff. 
3 ) ibid. p. 25. 
4 ) ibid. p. 30—31. 
5 ) ibid. p. 44 ff.
        <pb n="197" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
171 
die Beobachtung allein nicht zur Begründung der Wirtschafts 
wissenschaft ausreicht. Dieselbe hat nämlich nicht nur Tat 
sachen festzustellen, sondern auch deren Ursachen und Wir 
kungen aufzufinden. „Ich leugne entschieden, daß dies durch 
die Beobachtung allein geschehen könne. Nichts ist so ver 
wickelt und sozusagen unergründlich, wie die Erscheinungen 
des Wirtschaftslebens, wenn es sich darum handelt, Wirkungen 
an ihre Ursachen zu knüpfen ; denn die Ursachen, unter deren 
Einfluß die Erscheinungen stehen, sind unendlich verschieden 
und häufig einander entgegengesetzt, und es ist meist unmög 
lich, den Anteil einer jeden zu unterscheiden. . . . Man wird 
vielleicht sagen, diese Unmöglichkeit sei eine relative und vor 
übergehende, und komme von der Unvollkommenheit unserer 
heutigen Beobachtungsmittel. Ich halte sie dagegen für eine 
wesentliche und radikale, weil sie aus der unendlichen Ver 
schiedenheit der Ursachen, welche die sozialen Erscheinungen be 
einflußten, folgt.“ Darum ist ohne die Deduktion die National 
ökonomie nicht aufzubauen. Es wird aber die Aufgabe der Be 
obachtung sein, die Deduktion zu kontrollieren 1 ). 
Das Ergebnis von Villey s Beobachtung der heutigen Wirk 
lichkeit zwecks Revision der klassischen Dogmen ist, daß der 
genossenschaftlichen Entwicklung die Zukunft gehört. Er schreibt : 
„Das Individuum wird zwischen der Assoziation und dem Staate 
erdrückt. Die Assoziation will sich aller Äußerungen der in 
dividuellen Tätigkeit bemächtigen, der Staat dieselben regle 
mentieren ... Die Assoziation ist das Gesetz der Zukunft!“ 2 ) 
Bei dieser Lage der Dinge fährt Villey fort, wäre es unan 
gebracht, gegen den Strom schwimmen zu wollen. „Das Indi 
viduum verschwindet und bald werden nur mehr Kollektivitäten 
vorhanden sein. Man darf sich der neuen Ordnung der Dinge 
nicht verschließen, sondern man muß möglichst viel Ordnung 
und Harmonie hineinbringen.“ Das kann man durch Förde 
rung der freien Assoziation. Sie muß siegreich gegen die Zwangs 
assoziation des sozialistischen Zukunftsstaates — gegen den 
Villey stets kampfbereit ist und bei jeder Gelegenheit pole 
misiert — vordringen und die soziale Solidarität verwirklichen. 
') ibid. p. 28 ff. 
2 ) ibid. p. 785-36.
        <pb n="198" />
        172 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Diesen Appell an die Solidarität haben wir schon bei d’Eich 
thal angetroffen. V i 11 e y gleitet allerdings nur flüchtig darüber 
hinweg, um Trost in dem Gedanken zu suchen, daß die ge 
nossenschaftliche Entwicklung im Grunde keineswegs einen Ver 
zicht auf den Individualismus bedeute. „Die Genossenschaften 
sind nur Vereinigungen von Individuen,“ schreibt er, „sie taugen 
genau das, was die Individuen taugen, aus welchen sie bestehen, 
das Individuum ist das Arbeitspferd (cheville ouvrière) der ge 
sellschaftlichen Ordnung. Darum wird man immer bestrebt 
sein müssen, die menschliche Individualität zu erhöhen“ *). Und 
gerade darin, in der Erziehung der Individuen zu starken Per 
sönlichkeiten, sieht Villey die Aufgabe, die dem Staatsinter 
ventionismus, der sich neben der genossenschaftlichen Entwick 
lung in der Gegenwart vordrängt, gestellt ist 2 ). 
Paul Beauregard, Professor der Nationalökonomie an der 
juristischen Fakultät in Paris, Mitglied der Académie des Sciences 
morales et politiques und Abgeordneter für Paris, hat ein kleines, 
in Studentenkreisen ziemlich verbreitetes Handbuch der National- 
') ibid. p. 740. 
2 ) Villey faßt seine Anschauungen über die Rolle, die dem Staate im 
Wirtschaftsleben zufällt, wie folgt zusammen : „Die Lehre vom Nachtwächter- 
staat und vom laisser faire hat heute kaum mehr Anhänger. Alle Welt versteht, 
daß eine große soziale Anstrengung nötig ist, um aus einem schmerzlichen Zu 
stand sozialen Unbehagens herauszukommen, welcher mit Drohungen für die 
Zukunft schwanger ist. Auch ist die Tätigkeit der leitenden Klassen zu offen 
kundig ungenügend, als daß die Intervention des Staates nicht notwendig er 
scheinen müßte. Aber sie muß vorsichtig und erleuchtet sein; sie darf nicht 
den Anspruch erheben, alles zu regeln und überall die Willkür der Regierung 
an die Stelle der freien Übereinkunft der Individuen zu setzen, einförmige und 
feste Regeln für unendlich wechselnde Situationen aufzustellen. Sie darf den 
Rechtsbegriff, der schon so sehr geschwächt ist, nicht verdunkeln. Sie darf die 
individuelle Voraussicht und die individuelle Energie, welche die grundlegenden 
Bedingungen des menschlichen Fortschrittes sind, nicht zerstören.“ 
„Die Lehre des Vorsehungsstaates ist noch gefährlicher als die des laisser- 
faire: denn sie hat die Tendenz, die Individuen zu trägen und passiven Menschen 
zu machen.“ Darum „muß man dem gleichsam unwiderstehlichen Drang unserer 
Tage zur Ausdehnung der staatlichen Intervention entgegenwirken !... Das 
oberste Ziel des Staates ist, freie, sittliche und energische Individuen zu ent 
wickeln. Die beständige Sorge einer guten Regierung muß sein, den Menschen 
voll zur Geltung zu bringen!“ Villey, Le Socialisme contemporain, p. 150 und: 
Principes d’Economie politique, 3. Ausl. p. 740—41.
        <pb n="199" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
173 
Ökonomie geschrieben 1 ) und ist Gründer und Leitet zweier 
bereits erwähnter Zeitschriften Ls Monde Economique und La 
France économique et financière. B e a u r e g a r d hält die Tradition 
eleganter, aber oberflächlicher Behandlung der Wissenschaft 
hoch und ist mehr Geschäftsmann und Politiker als Professor 
und Gelehrter. Als gefälliger und gewandter Konferenzler wird 
er in nichtinterventionistischen Kreisen sehr geschätzt. 
Auguste Souchon 2 ), Professor der Nationalökonomie an der 
juristischen Fakultät in Paris, hält Vorlesungen über Agrar 
politik am Institut agronomique. Souchon ist einer von den 
jenigen jüngeren Volkswirten, die ihre Studien unter be 
stimmendem Einfluß der deutschen, historisch-ethischen Natio 
nalökonomie gemacht, als Interventionisten ins akademische 
Lehrfach eintraten und dann, von der allgemeinen Reaktion, 
die der Interventionismus der radikalen Ministerien des be 
ginnenden XX. Jahrhunderts in der mittleren und höheren 
Bourgeoisie auslöste, erfaßt, schließlich zur liberalen Schule 
übergingen. Im Grunde steht Souchon der ja auch nicht 
interventionistischen Le Play schule der Réforme sociale näher 
als der liberalen Schule ; das Studium der deutschen historisch 
realistischen Volkswirte mußte ihn, wenigstens methodologisch, 
am Tage, wo er sich für den Nichtinterventionismus entschied, 
eher zu Le Play als zu Leroy-Beau lieu orientieren. Sou 
chon hatte ursprünglich den Lehrstuhl für Agrarpolitik an der 
juristischen Fakultät in Paris irme. Soweit seine Vorlesungen sich 
nicht an die Darlegung der französischen Agrargesetzgebung 
hielten, fußten sie auf deutschen Autoren, insbesondere Frhr. 
von der Goltz und Buchenberger. Nach der Reform von 1907, 
welche den auf das juristische Lizentiat vorbereitenden Unter 
richt in der Nationalökonomie auf zwei Jahre ausdehnte, über 
nahm Souchon den neugegründeten, zweiten Lizentiatslehrstuhl 
für Nationalökonomie in Paris. Damit vollzog er definitiv den 
1) Paul Beauregard, Eléments d’Economie politique, Paris, 1889. Yon 
demselben Verfasser : Essais sur la Théorie du Salaire, la Main d’oeuvre et son 
prix, Paris, 1887. — La Théorie de la Rente foncière, Paris, 1891. — La Que 
stion des Associations, Paris, 1891. 
2 ) A. Souchon, Les Doctrines économiques dans la Grèce antique, Paris, 
1896. — La Propriété paysanne, Paris, 1897. — Les Cartells de l’Agriculture 
en Allemagne, Paris, 1903. — Economie et Législation rurale, in Vorbereitung.
        <pb n="200" />
        174 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Übertritt zur liberalen Schule. Sein Nichtinterventionismus 
ist jedoch ein gemäßigter und zurückhaltender; er ist der 
eifrigste Verfechter der Konzentrationsidee, d. h. der Bestre 
bungen , die darauf hinzielen, Interventionisten und Nicht 
interventionisten auf einer mittleren Linie zu einer einheitlichen, 
dem Sozialismus entgegentretenden, französischen Schule der 
Nationalökonomie zusammenzubringen. Von diesen Bestrebungen 
wird noch wiederholt in dieser Arbeit zu reden sein. 
Gaston Deschamps, Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte 
der volkswirtschaftlichen Theorien an der juristischen Fakultät 
in Paris, ist der zielbewußte und energische Vorkämpfer des 
Individualismus und Liberalismus in den juristischen Fakultäten 
Frankreichs. In den ersten Jahren seiner akademischen Lehr 
tätigkeit — Ende der neunziger des vorigen Jahrhunderts — 
hatte Des champs große Mühe, durchzudringen. Er unter 
nahm es gleich von Anfang an, resolut gegen den Strom zu 
schwimmen, machte Front gegen die Beliebtheit, derer sich die 
deutschen, historisch-realistischen Autoren gerade damals am 
meisten unter den Doktoranden der juristischen Fakultäten er 
freuten, und verkündete einer interventionistisch gesinnten 
Jugend das Evangelium des laisser-faire. Die Jahrhundertwende 
brachte die Ministerien Waldeck-Rousseau-Millerand und Combes, 
welche mit dem Interventionismus in der französischen Gesetz 
gebung ernst zu machen begannen. Da erwachte der Indi 
vidualismus in der mittleren und höheren Bourgeoisie, und eine 
antiinterventionistische, reaktionäre Flutwelle, die noch täglich 
ansteigt und durch die kirchenpolitische Aktion nur vorüber 
gehend verdeckt oder aufgehalten werden konnte, begann sich 
über das Land zu ergießen. Die Milieus, aus denen die Stu 
denten der Jurisprudenz in ihrer großen Mehrheit hervorgehen, 
schickten junge Leute an die Fakultäten, in denen der indivi 
dualistische, staatsfeindliche Bourgeoisinstinkt geweckt und ge 
schärft war. Unter diesem dankbaren Studentenmaterial mußte 
es Professor Deschamps, bei seiner feurigen Rednergabe und 
seinem warmen, entgegenkommenden Wesen, leicht werden, 
eine begeisterte Anhängerschaft für eine Nationalökonomie zu 
finden, der es vor allem um Ablehnung des radikalen Inter 
ventionismus zu tun ist, damit der Bourgeois seine Ruhe vor 
dem Arbeitersyndikat und dem Staate habe. Der Umstand,
        <pb n="201" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
175 
daß die Doktoranden der juristischen Fakultäten meist ideen 
geschichtliche Themata zu ihren Dissertationen zu bevorzugen 
pflegen, kam der Erweiterung und Befestigung von Deschamps 
Einfluß zu statten. Unter seiner Führung ist eine Generation 
von agrégés in die juristischen Fakultäten hineingewachsen, 
die begeistert an ihrem Lehrer hangen und dem Liberalismus 
für die nächste Zukunft eine ausgiebige Vertretung in den 
juristischen Fakultäten sichern. 
Professor Deschamps ist, wenn wir absehen von der 
Revue de l'Histoire des Doctrines économiques, die er in Gemein 
schaft mit Professor Dubois aus Poitiers im Frühjahr 1908 ge 
gründet hat, mit Publikationen so gut wie nicht an die Öffent 
lichkeit getreten. Seine Anschauungen spiegeln sich jedoch 
wieder in dem Werke eines seiner Schüler : L’Individualisme 
économique et social (Paris, 1907) von Albert Schatz, das bei 
seinem Erscheinen Aufsehen machte. 
Albert Schatz ist „professeur agrégé“ der Nationalökono 
mie an der juristischen Fakultät in Dijon. Wir können ihm 
zunächst als wissenschaftliches Verdienst anrechnen, daß er 
wertvolle Beiträge zur Anfangsgeschichte des Liberalismus und 
Individualismus zutage fördert. Insbesondere weist er sehr an 
schaulich nach, wie sich die philosophischen Elemente des 
Klassizismus in der paradoxalen Fable of the Bees von Bernard 
de Mandeville (zuerst als Flugblatt, London, 1706, dann wieder 
holt in bedeutend vermehrten Auflagen) bereits sehr klar ausge 
sprochen vorfinden. Nach Schatz haben D. Hume und Ad. 
Smith viele Stellen aus Mandeville wörtlich übernommen. 
Ethik und politische Ökonomie trennt Mandeville sehr scharf; 
ja mit seinem Paradoxon Private vices, public benefits stellt er sie 
sogar in Gegensatz zueinander. Die Nationalökonomie fundiert 
er psychologisch, indem er mit großem Zynismus Hobbes' Auf 
stellung, daß das persönliche Interesse die Triebfeder der 
menschlichen Tätigkeit sei, entwickelt. Über Hobbes und die 
Philosophen der Schule des moral sense geht aber Mandeville 
hinaus, wo er die Harmonie der Interessen nicht als durch 
despotische Staatsgewalt ermöglicht, noch als freigewollt, aus 
den gesellschaftlichen Trieben der Menschen sich erklärend, 
sondern als objektiv in der Natur der Dinge gegeben nach 
weist, indem sie aus dem natürlichen Ineinandergreifen der
        <pb n="202" />
        176 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Handlungen der Menschen in einer auf Arbeitsteilung beruhen 
den Gesellschaft hervorgeht *). 
Von seinem Lieblingsautor Mandeville geht Schatz 
über zu einer anschaulichen Schilderung der verschiedenen Er 
scheinungsformen des Liberalismus und Individualismus im 
XIX. Jahrhundert. Dies gibt ihm Gelegenheit, kühne Exkurse 
in die Gebiete des wirtschaftlichen, politischen, religiösen, sozio 
logischen, anarchistischen und Nietzscheanischen Individualismus 
und Liberalismus zu machen. Die Hauptsache dabei ist aber 
die Einführung des Lesers in die Anschauungen von Professor 
Deschamps. Ausgangspunkt dieser ist die Unterscheidung von 
Liberalismus und Individualismus. Liberalismus ist die Form, 
welche die klassische Lehre im XIX. Jahrhundert in Frankreich 
anzunehmen strebt. Er preist die Freiheit als das Ideal und 
den Selbstzweck des wirtschaftlichen Lebens. Er wird durch 
die Wichtigkeit gekennzeichnet, die er den Worten beilegt, 
und die Bedeutung, welche allgemeine und spekulative Ideen 
für ihn haben. Individualismus ist die Form, welche die klas 
sische Lehre im XIX. Jahrhundert in England anzunehmen die 
Tendenz hat. Die Freiheit ist ihm nicht Selbstzweck, sondern 
Mittel zur möglichsten Vervollkommnung der Individuen 2 ). 
Der Liberalismus hat die Tendenz, einen radikalen Anta 
gonismus zwischen Staat und Individuum zu schaffen, der nicht 
in der klassischen Lehre enthalten ist. Der Individualismus 
paßt sich entgegenstehenden Systemen, sei es der größeren 
Einmischung des Staates ins Wirtschaftsleben, sei es einem 
ethischen Ideale des Seinsollens, leichter an, weil die Freiheit 
des Wirtschaftslebens ihm eben nur ein Mittel ist. Die Tendenz 
des Liberalismus, dem Staate jede wirtschaftliche Rolle abzu 
sprechen, kommt mit D uno y er auf und erreicht ihren Höhe 
punkt mit Basti at, der die mit großer Mühe von der Wirt- 
]) Siehe Albert Schatz, L’Individualisme économique et social, Paris, 1907, 
p. 61 Ñ. — Vgl. auch oben p. 5, Fußnote. — Vgl. ferner: Le Mercantilisme 
libéral à la fin du XVII^s siècle. Les Idées politiques et économiques de M. 
de Belesbat, von Albert Schatz und Robert Caillemer, Paris, 1906 (Separatabdruck 
aus: Revue d’économie politique, 1906). — Insbesondere aber auch: A. Schatz, 
L’Oeuvre économique de David Hume, Paris, 1902 und : A. Schatz, Bernard de 
Mandeville, Contribution à l’Etude des Origines du Libéralisme économique, 
Leipzig, 1903. 
2 ) Schatz, loe. cit. p. 196 ff.
        <pb n="203" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
177 
Schaftswissenschaft losgelösten Begriffe von der der Wirtschafts 
ordnung immanenten Gerechtigkeit, den providentiellen Fina 
lismus, den ethischen Gesetzen usw. wieder hineinbringt und 
den Exklusivismus und Dogmatismus der Physiokraten neu be 
lebt. So hat der französische Klassizismus die Tendenz, eine 
esoterische Theorie ohne Anwendung zu sein ; keine Partei wagt, 
sich im Parlament darauf zu berufen ; er ist die Apanage einer 
Minderheit von Doktrinären, der unfruchtbare Diskussions 
gegenstand einer Handvoll Eingeweihter. Der englische Libera 
lismus dagegen, von Stuart Mill dem britischen Tempera 
mente angepaßt, ist von einer mächtigen, heute am Ruder be 
findlichen Partei offen als Doktrin anerkannt und gewinnt täglich 
an Bedeutung im nationalen Leben 1 ). Die Niederlage des ortho 
doxen Liberalismus in Frankreich bedeutet jedoch keineswegs 
diejenige des Individualismus, ebensowenig wie schlechte Verse 
eines Dichters die Poesie zu töten vermögen 2 ). 
Der Individualismus, wie ihn Professor Deschamps in 
Frankreich zu wecken und zur herrschenden Weltanschauung zu 
machen strebt, will in der Methode rein empirisch sein. Sein Ziel 
ist möglichste (Selbst-) Vervollkommnung des Individuums. Er 
umfaßt eine philosophische und eine volkswirtschaftliche Dok 
trin. Als philosophische Doktrin hat er eine Psychologie und 
Ethik, keine Metaphysik. Die beiden Elemente dieser Psycho 
logie und Ethik sind das Individuum und die Gesellschaft. Das 
Individuum hat alle Kenntnis von der sinnlichen Erfahrung und 
bleibt in seinen Willenshandlungen dem Instinkt, dem Gefühl 
und der Leidenschaft unterworfen. Der sittliche Fortschritt, der 
den Kulturmenschen vom Wilden unterscheidet, äußert sich in 
der Erziehung, welche das persönliche Interesse bei ersterem 
bekommt. Das Leben in Gesellschaft formt in gewissem Maße 
die primitive Natur des Menschen um, indem es diejenigen 
seiner Triebe maskiert, die das Zusammenleben unmöglich 
machen würden. Die Vergesellschaftung des Zusammenlebens 
der Menschen kann durch wirtschaftliche, religiöse und 'philoso 
phische Erziehung beschleunigt werden. Die wirtschaftliche Er 
ziehung geschieht, indem das Individuum der Konkurrenz, dem 
b ibid. p. 258 ff. 
2 ) ibid. p. 291. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
12
        <pb n="204" />
        178 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Kampfe ums Dasein ausgesetzt wird. Das treibt es zur An 
spannung aller seiner Kräfte und in einem gegebenen Momente 
zum Zusammenschluß der Konkurrenten. Die religiöse Erziehung 
benützt die Herrschaft, welche die religiösen Gefühle über die 
menschliche Vernunft ausüben, um die ursprünglichen Natur 
triebe einzudämmen und zu mäßigen und sie durch Achtung 
vor der Autorität, durch Heilighaltung der Gerechtigkeit und durch 
Unterwerfung unter das christliche Gesetz der Liebe zu ersetzen. 
Die philosophische Erziehung gibt der Persönlichkeit des Men 
schen ihre volle Entfaltung, indem sie seinem Geiste wissen 
schaftliche und ästhetische Bildung zuführt und ihn lehrt, fest 
und intelligent zu wollen 1 ). 
Der Individualismus ist weit entfernt, sich mit dem Egois 
mus zu identifizieren. Im Gegenteil, er erkennt die soziale Soli 
darität als eine grundlegende Tatsache an. Nicht durch frei 
willige Absonderung eines Individuums, das an seinesgleichen 
kein Interesse nimmt, wird jenes zu seiner vollen Entwick 
lung gelangen, sondern nur durch das Leben in Gesellschaft, 
in welchem der einzelne ohne Mitwirkung der anderen nichts 
vermag und nichts ist. Die Gesellschaft ist nicht eine über 
legte, rationelle Schöpfung des Individuums, welche dieses nach 
Gutdünken modifizieren kann, sondern das Werk unserer dauern 
den Instinkte als gesellschaftliche Wesen. Diese Instinkte sind 
psychologischen Gesetzen unterworfen, wie die Erscheinungen 
der äußeren Welt physischen Gesetzen unterworfen sind. Der 
Individualismus betrachtet die wirtschaftlichen Erscheinungen 
als Naturgesetzen unterworfen, welche unsere Vernunft zu er 
kennen vermag, die aber allen willkürlichen Abänderungen 
unseres Willens sich entziehen 2 ;. Somit trennt der wirtschaft 
liche Individualismus die Wirtschaftsordnung von der ethischen, 
das Sein vom Seinsollen, und schließt die radikale und unmittel 
bare Umformung des Individuums und der Gesellschaft aus. 
Auf Grund von Introspektion, Beobachtung, Experimen- 
tierung, Individual- und Kollektivpsychologie, Geschichte, Logik, 
') ibid. p. 560 ff. 
2 ) „Die .Naturgesetze der Volkswirtschaft sind regelmäßige Aufeinander 
folgen von Erscheinungen, welche die äußeren Bedingungen ausdrücken, die 
unsere Tätigkeit begrenzen, bestimmen und regeln.“ ibid. p. 563.
        <pb n="205" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
179 
Ethik, Anthropologie und Soziologie erkennt der französische 
Individualismus bei allen Individuen das Vorhandensein natür 
licher, elementarer und instinktiver Fähigkeiten zur Gründung 
von Gesellschaften an. Aus einer erst unbewußten Solidarität 
wird eine bewußte, in dem Maße als die Schwäche der Isolierung 
und die Unmöglichkeit, einander zu entbehren, erkannt wird. 
Für das wirtschaftliche Handeln der Individuen ist nicht 
die Vernunft, sondern der Selbsterhaltungstrieb, das 'persönliche 
Interesse maßgebend. Der französische Individualismus behauptet, 
beweisen zu können, daß dieses persönliche Interesse eine Kraft 
ist, welche hinreicht, die Produktion dem Bedarf anzupassen 
und eine gerechte Verteilung zu bewirken, die auf der Gleich 
wertigkeit des im freien Tausch frei geschätzten Nutzens 
beruhe. Der französische Individualismus, d. h. Professor 
Deschamps, ordnet alle Sozialreform der Achtung vor der 
individuellen Freiheit und dem individuellen Eigentum unter. 
Er erwartet wirkliche und dauernde Fortschritte für die in Ge 
sellschaft lebenden Menschen nur von ihrer individuellen Ver 
vollkommnung, ihrer wirtschaftlichen und politischen Erziehung 
und von der unablässigen Entwicklung ihrer Initiative und ihres 
Verantwortlichkeitsgefühles unter dem Drucke der Konkurrenz. 
Der Individualismus ist keineswegs ein Gegner der Assoziation ; 
erst durch die Assoziation entwickelt das Individuum seine In 
dividualität. Die Revolution hat dieses fundamentale Prinzip 
des Individualismus verkannt, weil sie mehr rationalistisch als 
individualistisch war. Sie ließ sich durch absolute Prinzipien 
leiten. Die Assoziation muß aber frei sein, die Entwicklung der 
Persönlichkeit fördern und nicht tyrannisch werden. Sie muß 
der Konkurrenz und der Staatsaufsicht unterworfen bleiben. Die 
Tätigkeit des Staates beschränkt Des champs auf: Gewährleistung 
der Sicherheit, der Ordnung und des Einhaltens der Verträge; 
Unterstützung von isolierten und assoziierten Individuen, welche 
selbst an der Besserung ihrer Lage arbeiten. 
Die Gegnerschaft zum Sozialismus, lies: Interventionismus, 
kommt in Des champs Individualismus in charakteristischer 
Weise in dem eifrigen Bestreben zum Ausdruck, alles mögliche 
unter der Flagge des Individualismus zu sammeln, um gegen 
den Sozialismus Front zu machen. Geschickt weiß er sich z. B. 
des Katholizismus zu diesem Behufe zu bemächtigen, womit er
        <pb n="206" />
        Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
180 
zugleich ein Moment von starker Werbekraft für seine Weltanschau 
ung in dem Bourgeoismilieu gewinnt, an das er sich wendet 1 ). 
Im Laufe des XIX. Jahrhunderts stellt sich nach Schatz- 
Deschamps der Individualismus in seinen verschiedenen For 
men den verschiedenen Gattungen des Sozialismus entgegen. 
Dem utopischen Sozialismus tritt der aristokratische Individualis 
mus der Spiritualisten in den 40er Jahren, dann der Liberalis 
mus Bastiats und der Orthodoxen entgegen. Dem politischen 
Sozialismus, welcher auf die Eroberung der öffentlichen Gewalten, 
die soziale Gesetzgebung, die plötzliche Gleichheit und Emanzi 
pation des Proletariats hinarbeitet, tritt der politische Liberalis 
mus entgegen, der die wirtschaftliche und politische Freiheit 
eng verbindet und die Achtung der individuellen Freiheit fordert. 
Dem christlichen Sozialismus tritt der christliche Individualismus 
entgegen, welcher die christlichen Ideen der Autorität, Gerechtig 
keit und Liebe mit der klassischen Lehre aussöhnt. Dem 
Sozialismus, der auf der Interpretation der Geschichte fußt, tritt 
die individualistische Interpretierung der geschichtlichen Tat 
sachen entgegen, dem Staatssozialismus, der nichtinterventioni 
stische Individualismus, welcher den modernen Staat in die not 
wendige Spezialisierung seiner Einmischung ins Wirtschaftsleben 
zurückverweist. Dem wissenschaftlichen Sozialismus gegenüber 
0 „Das Christentum führt die drei Begriffe der Autorität, der Gerechtig 
keit und der Liebe in den ökonomischen Liberalismus ein, ohne den ortho 
doxesten Grundsätzen desselben zu nahe zu treten. Weit entfernt, auch nur ein 
einziges liberales Prinzip in Frage zu stellen, gibt es denselben Anteil an der 
moralischen Stützkraft, die es besitzt, und macht die wissenschaftliche Lehre 
geeigneter, ein System sozialer Kunstlehre zu werden. Ohne das Christentum 
ist der Individualismus allerdings ein vollständig in sich geschlossenes System, 
aber in einer christlichen Gesellschaft, d. h. in einer Gesellschaft, die wirk 
lich und tief vom Geiste und der Moral Christi durchdrungen ist, ist er beson 
ders leicht durchführbar. Denn diese gleichen Ideen: Autorität, Gerechtigkeit, 
Liebe sind die wesentlichen Grundlagen der Erziehung, welche alle Liberalen für 
das Individuum verlangen, und die jede Moral ihm geben muß.“ ibid. p. 375. 
— p. 391 ff. führt Schatz aus, der Katholizismus habe sich den Fragen des Wirt 
schaftslebens in einer Weise angepaßt, welche sowohl eine intime Konnexion 
seiner Moral mit der Volkswirtschaftslehre, als eine völlige, allerdings häufig 
unbewußte Zustimmung zu den Prinzipien der klassischen, liberalen Lehre be 
deute. Schatz versucht, die behauptete Übereinstimmung des klassischen Libera 
lismus mit dem Katholizismus an der Hand einer großen Zahl katholischer Autoren 
des XIX. Jahrhunderts nachzuweisen.
        <pb n="207" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
181 
stellt endlich der Individualismus die Methoden der modernen 
Wissenschaft: die psychologische, die mathematische, die sozio 
logische in seinen Dienst. 
Der Konflikt des individualistischen und des sozialistischen 
Geistes ist eine konstante Wirklichkeit. Die individualistische 
und die sozialistische Weltanschauung sind im tiefsten Grunde 
un versöhnbar, weil der Sozialismus rationalistisch und der In 
dividualismus antirationalistisch und empirisch ist*). Dei Gegen 
satz zwischen Individualismus und Sozialismus gipfelt in der ver 
schiedenen Auffassung von dem Existenzgrunde der Gesellschaft 
und der sozialen Holle des Individuums. Für den Individualis 
mus ist die Gesellschaft aus den Bedürfnissen der Menschen 
entstanden und wesentlich utilitarisch gerechtfertigt. Sie ist 
„eine amorale, natürliche Erscheinung, die eigenen Entwick 
lungsgesetzen gehorcht, auf welche die Vernunft nur wenig 
einwirken kann“. Für den Sozialismus ist die Gesellschaft, be 
wußt oder unbewußt, ein willkürliches Werk des Menschen, 
welches ein ethisches Ziel hat : die Gleichheit zu verwirklichen 2 ). 
Der Gleichheitsgedanke ist spezifisch sozialistisch, der Indivi 
dualismus erkennt nur eine Gleichheit an : die der Mittel zur 
Entwicklung der Persönlichkeit. 
Das Buch von Schatz klingt aus in eine elegische Klage 
über den Interventionismus und Protektionismus, welche die 
Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. „Frankreich geht zu 
grunde, nachdem es alles der Chimäre des allgemeinen Glücks 
durch den Staat und die Revolution geopfert und alle Fran 
zosen unzufrieden gemacht hat ohne andern Vorteil, als daß es 
den nicht wieder gut zu machenden Bankrott des Vorsehungs 
staates vor aller Welt offenbart, dieses Staates, der alle Hoff 
nungen enttäuscht und alle Befürchtungen übertreffen hat“ 3 ). 
Ein Wort nur zur Kritik. Die Ausführungen Schatz’ sind 
natürlich deswegen von besonderem Interesse, weil sie die indi 
vidualistische Doktrin widerspiegeln, um welche Deschamps 
einen stattlichen akademischen Nachwuchs und begeisterte 
Scharen junger Rechtsstudierender zu gruppieren verstanden 
hat. Daß man dabei Übertreibungen eines jugendlichen Tem- 
0 ibid. p. 563 ff. 
2 ) ibid. p. 568 ff. 
®) ibid. p. 574.
        <pb n="208" />
        182 
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
peraments, wie z. B. die Behauptung, der Sozialismus sei aus 
schließlich rationalistisch, der Individualismus ausschließlich 
empirisch, nicht dem Meister zur Last legen darf, leuchtet wohl 
hinreichend ein. Offenkundig ist aber auch, daß das Ganze 
des Deschamps sehen Individualismus noch ein unfertiger 
Bau ist : es ist noch mehr Tendenz als abgeschlossene Doktrin. 
Greifbare Elemente dieser Tendenz sind etwa : es ist an der 
Zeit, gegen das beständige Vordringen des Interventionismus 
und Sozialismus in Politik und Wissenschaft Front zu machen; 
der französische Liberalismus ist zu schwach dazu, darum ist 
ein Individualismus zu wecken, der sich an das englische Bei 
spiel eng anlehne; alle nur irgendwie auftreibbaren Kräfte sind 
um dessen Fahne zu sammeln; damit er als Weltanschauung 
und als wissenschaftliches System erfolgreich bestehen könne, 
muß ihm außer dem philosophischen Fundament, das er im 
XVIII. Jahrhundert findet, eine empirische Grundlegung mit 
allen Mitteln der modernen Wissenschaft gegeben werden; als 
Korrektiv am Individualismus des XVIII. Jahrhunderts ist die 
universelle Tatsache der Solidarität einzuführen, deren Erkennt 
nis eine dem genossenschaftlichen Zusammenschluß freundliche 
Politik bedingt; jegliche Politik muß aber letztlich auf die Ver 
vollkommnung des Individuums hinzielen, denn nur durch diese 
wird die möglichste Anpassung an die wirtschaftlichen und gesell 
schaftlichen Naturgesetze und damit der Fortbestand und Fort 
schritt der Kultur gesichert. 
Es liegt ein Widerspruch darin, einerseits mit der fran 
zösischen liberalen Schule tabula rasa zu machen, deren Ver 
jüngung durch Leroy-Beaulieu und andere zu ignorieren 
und sie durch Mill sehen Individualismus ersetzen zu wollen, 
während man andererseits zur Sammlung aller nichtinterven 
tionistischen Kräfte aufruft. Aber auch dies ist zu einem guten 
Teil eine der temperamentvollen Übertreibungen Schatz’, 
welcher mit jugendlichem Schneid die Herren der Académie 
des Sciences morales et politiques aufs Korn nimmt, 
womit er übrigens viel böses Blut gemacht hat. Deschamps’ 
Art äußert sich eher in dem opportunistischen Zuge, der bei 
Schatz ja wohl auch ab und zu anklingt, und der, ähnlich 
wie bei Leroy-Beaulieu, bei aller nichtinterventionistischen 
Grundstimmung zu gelegentlichem Paktieren mit dem Inter-
        <pb n="209" />
        Die Gruppe der Universitätsprofessoren 
183 
ventionismus geneigt macht. Es ist ja wohl auch nicht zu 
leugnen, daß, wie wir schon oben bei der Besprechung J o ur 
dan s betont haben, ein sieghaftes Wiederaufleben einer liberalen 
Volkswirtschaftslehre in Frankreich nicht ohne sozialpolitisches 
Verständnis, das einem gemäßigten Interventionismus für und 
Tor öffnet, möglich ist. Wir glauben zwar nicht, daß noch 
von Deschamps ein ausreichendes Verständnis dieser Art zu 
erwarten sei. Viel eher von den jungen agrégés der juristischen 
Fakultäten, die seine Schüler sind. Macht schon die weite 
Toröffnung von Des champs’ Individualismus dieselben an 
und für sich zu Kompromissen geneigt, so kommt noch dazu, 
daß sie nicht nur Deschamps, dem sie sich allerdings beson 
ders anschlossen, in Nationalökonomie gehört haben, und daß 
sich ihr Bildungsgang unter gleichzeitiger Aufnahme interventio 
nistischer und nichtinterventionistischer Anschauungen vollzog. 
Endlich, last not least, bieten die außerordentlich herzlichen, 
kollegialen Beziehungen, welche die Professoren der juristischen 
Fakultäten Frankreichs, welches auch der Abstand ihrer wissen 
schaftlichen Standpunkte sei, untereinander verbinden, eine vor 
zügliche Grundlage, auf welcher gemeinsames Arbeiten von 
Fachgenossen nach einheitlichen Gesichtspunkten und damit 
die bereits angedeuteten Konzentrationsbestrebungen in jüngster 
Zeit Ansätze zur Verwirklichung machen 1 ). Ob die vielfach 
ersehnte Einheitslehre zur vollen Ausreife gelangen wird, ob sie 
ein mehr individualistisches und staatsfeindliches oder ein mehr 
interventionistisches Gepräge tragen wird, ist heute nicht zu 
bestimmen. Sicher ist, daß Deschamps’ Individualismus, in 
soweit er die Selbstbestimmung und Selbstbetätigung des Indi 
viduums verkündet, ein vorzügliches Erziehungsmittel für die 
Nation bedeutet, das Beachtung weit über die Kreise der reak 
tionären Bourgeoisie hinaus verdient, in welcher es zunächst 
Anklang gefunden hat. 
i) Als erster Versuch gemeinsamen, wissenschaftlichen Arbeitens kommt 
die Schrift Questions monétaires contemporaines, Paris, 1905, in Betracht. Sie 
ist von einer Reihe (10) jüngerer Fakultätsmitglieder verfaßt und mit Vorworten 
von Cauwes, Souchon und Bourguin versehen. Neuerdings stellt: Histoire des 
Doctrines économiques, von Charles Gide und Charles Rist, Paris, 1909, eine 
gemeinsame Arbeit nach bereits einheitlichem Gesichtspunkten dar.
        <pb n="210" />
        Buch IL 
Die katholischen und verwandten Richtungen. 
Wir haben es bei den hier in Frage kommenden Rich 
tungen nicht so sehr mit spezifisch volkswirtschaftlichen Schulen 
zu tun, sondern mit allgemein sozial wissenschaftlichen, denen 
es auf die Durchdringung der Gesellschafts- und Wirtschafts 
ordnung mit bestimmten, ethisch - religiösen Anschauungen in 
erster Linie ankommt. Darum treten auch in den katholischen 
Schulen die Detail fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik weit 
mehr in den Vordergrund, als dies bei der klassischen Schule 
der Fall ist. Die praktische Aktion, die Unterwerfung des 
Lebens unter Postulate, die von außen an das Gesellschafts 
und Wirtschaftsleben herantreten, ist hier die Hauptsorge. Das 
einigende Band aller hierher gehörigen Gruppen ist eben die 
Grundanschauung, daß der staatliche Organismus und das Wirt 
schaftsleben der katholisch-kirchlichen Sittenlehre oder doch 
mindestens dem Dekalog (Le Play) entsprechend zu gestalten 
seien. Darüber allerdings, wie eine solche Gesellschafts- und 
Wirtschaftsordnung aussehen soll, und welche Mittel zu deren 
Verwirklichung am geeignetsten erscheinen, darüber gehen die 
Meinungen auseinander. Die Geister scheiden sich, sobald es 
gilt, Stellung zu nehmen zu den zwei Kardinalfragen der Orga 
nisation der Gesellschaft und der Einmischung des Staates ins 
Wirtschaftsleben. 
Die heutige Gruppierung der katholischen und verwandten 
Schulen ist wesentlich durch die Stellungnahme zur Frage der 
Staatsintervention bedingt. Wir unterscheiden Interventionisten 
und Nichtinterventionisten. Innerhalb einer jeden dieser beiden 
Gruppen begründen die Anschauungen, welche sich auf die
        <pb n="211" />
        Die katholischen und verwandten Richtungen 
185 
Organisation der Gesellschaft beziehen, eine weitere Gliederung. 
Natürlich gibt es auch vermittelnde Stellungnahmen. 
Die interventionistische Gruppe macht zurzeit einen Kon 
zentrationsprozeß durch. Immerhin ist innerhalb derselben noch 
ein feudaler rechter Flügel, eine demokratisch orientierte Linke 
und ein täglich erstarkendes Zentrum zu unterscheiden. Man 
hat die von dieser Gruppe vertretenen Anschauungen häufig 
als christlichen Sozialismus bezeichnet. Seitdem aber Leo XIII. 
diese Bezeichnung verwarf, nennen sich die hierher gehörigen 
Katholiken vorzugsweise Catholiques Sociaux, eine Bezeichnung, 
die wahrscheinlich von dem Genter Universitätsprofessor und 
Agrarsozialisten Huet stammt. Auf dem linken Flügel gibt es 
allerdings noch einige sog. christliche Demokraten (Abbé Naudet, 
Abbe Six usw.), welche trotz der ablehnenden Stellungnahme 
Leo XIII. an der Etikette „christlicher Sozialismus“ zur Be 
zeichnung ihrer Anschauungen festhalten. 
Der feudale Flügel und die Linke des Sozialkatholizismus 
verwerfen grundsätzlich die bestehende liberale und individua 
listische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Beide setzen 
dem heute geltenden „quiritischen“ Privateigentum eine Eigen 
tumslehre entgegen, welche in dem Begriff der sozialen Funktion 
gipfelt. Mit anderen Worten : das Eigentumsrecht ist nicht ein 
Recht vollkommener Herrschaft über eine Sache, ein jus utendi 
et abutendi, sondern nur das Recht, eine Sache zu verwalten, 
das bestimmte Einschränkungen und Pflichten der Allge 
meinheit gegenüber in sich begreift. Der rechte, feudale Flügel 
(Marquis de la Tour du Pin, Comte de Mun usw.) ver 
dankt diese grundlegende Auffassung des Eigentumsrechtes 
Familientraditionen, die sich aus dem Mittelalter lebendig erhalten 
haben. Sein Ideal ist die feudale und korporative Gesellschafts 
und Wirtschaftsordnung des XII. und XIII. Jahrhunderts. Die 
Anschauungen der demokratischen Linken, soweit sie nicht der 
Schule de Muns entlehnt sind, gehen im wesentlichen zurück auf 
die utopischen Sozialisten Bûchez und Ott. Ideal der Linken ist 
eine sozialistische Zukunftsgesellschaft im Sinne Bûchez’ und 
Otts. Wir werden sehen, daß diese beiden Ideale, soweit sie 
sich auf wirtschaftliche Dinge beziehen, gar nicht so sehr ver 
schieden voneinander sind. 
Die nichtinterventionistische Gruppe umfaßt zunächst die
        <pb n="212" />
        186 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
wenigen liberal-katholischen Juristen, welche sich noch um die 
Revue catholique des Institutions et du Droit und um die juristische 
Fakultät des Institut catholique in Lyon scharen. Diese Gruppe: 
die Schule von Angers, steht auf dem Boden der bestehenden 
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Ihre Wirtschaftslehre 
deckt sich im Wesentlichen mit der der liberalen Schule und 
hat diese zur Quelle. Die Schule von Angers ist im Schwinden 
begriffen. Recht lebenskräftig ist dagegen die hierher gehörige 
Schule Le Plays, die sich in zwei Äste spaltet: die Gruppe 
der Réforme sociale und diejenige der Science sociale. Methodo 
logisch ist Le Plays Lehrgebäude der Sozial Wissenschaft das 
weitaus Bedeutendste, was auf diesem Gebiete seit den Physio- 
kraten in Frankreich geleistet wurde. Die Lehre Le Plays 
fußt zwar auf der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschafts 
ordnung. Doch würde wohl die Verwirklichung ihrer Ziele, 
wie wir sehen werden, eine wesentliche Umgestaltung dieser Ord 
nung bedeuten. 
Um die heutige Lage der katholischen und verwandten 
Schulen zu verstehen, werden wir uns in kurzen Zügen deren 
Vorgeschichte, alsdann deren Entstehen und Werdegang zu 
vergegenwärtigen haben.
        <pb n="213" />
        I. Teil. 
Vorgeschichte. 
Die heutigen katholischen sozialökonomischen Schulen 
datieren aus der Zeit nach 1848. Doch haben sie in der ersten 
Hälfte des XIX. Jahrhunderts Vorläufer gehabt. Als solche 
kommen zunächst die Gesellschaftstheoretiker und Führer der 
Gegenrevolution in Frankreich Joseph de Maistre x ) und de Bo 
nald 2 ) in Betracht. Beide sind eifrige Verfechter der absolu 
tistischen Staats- und Wirtschaftsordnung des ancien régime. 
Als Kinder des XVIII. Jahrhunderts kennzeichnen sie ihr rein 
abstraktes Räsonnement, ihr Mangel an historischem Verständnis 
und an kritischem Sinn. Methodologisch sind de Maistre und 
de Bonald für uns insofern von besonderm Interesse, als sie 
in scharfer Ausprägung zwei Erscheinungen verkörpern, die für 
manche spätere, ja für ganze Schulen, typisch sind. 
de Maistre ist ein intuitiver Geist, der den Klassen 
standpunkt des Patriziers zum Ausgangspunkt nimmt, klar und 
sicher erkennt, was dieser an gesellschaftsorganisatorischen 
und wirtschaftspolitischen Postulaten verlangt und dementspre 
chend diese Postulate streng einheitlich in einem schroffen 
Absolutismus zusammenfaßt und sie alsdann philosophisch 
') de Maistres (1753—1821) hauptsächlichste Werke sind: Considérations 
sur la France, 1796; Du Pape, 1809; De l’Eglise Gallicane, 1821; Les Soirées 
de St. Pétershourg, 2 Bde., 1821; Examen de la Philosophie de Bacon, 1826. 
2 ) Die hauptsächlichsten Werke de Bonalds (1753—1840) sind: Théorie 
du Pouvoir politique et religieux, 1795. Législation primitive, 1802; Recher 
ches philosophiques, 1818. 
Über de Maistre und de Bonald vgl., außer den betreffenden Artikeln 
der verschiedenen Lexika, insbesondere Emile Faguet, Politiques et Moralistes du 
XIX me Siècle, 1. Bd. (7. Ausi.), Paris, 1901, p. 1—122 und: Victor de Clercq, 
Les Doctrines Sociales catholiques en France depuis la Révolution jusqu’à nos 
jours 1. Bd. (4. Ausi.), Paris, 1905, p. 7 ff.
        <pb n="214" />
        188 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
zu unterbauen, oder gar aus der katholischen Religion zu folgern, 
unternimmt. Was als Folge des Patrizierstandpunktes klar er 
scheint, wird in der philosophischen und theologischen Beweis 
führung unklar und unwahr, de Maistre hinterläßt darum 
den Eindruck eines Sophisten und paradoxalen Geistes. 
de Bonald bietet ein Gegenstück hierzu. Nicht ein 
a priori gegebenes Klasseninteresse, sondern eine metaphysische 
Idee beherrscht sein ganzes Denken. Und da er fest überzeugt 
ist, daß die Ideen die Weltgeschichte machen, wie sie ihn ab 
solut beherrschen, so unterwirft er alles gesellschaftliche Ge 
schehen der Idee der metaphysischen Trilogie von Ursache, 
Mittel und Wirkung 1 ). Sein Verfahren dabei ist ein virtuoses 
Handhaben der Deduktion, mittelst derer er zu einer absoluti 
stischen Staatslehre gelangt, der nur der eine Mangel anhaftet, 
auf einer petitio principi! zu beruhen. Weinand charakterisiert 
de Donalds Methode vorzüglich in folgendem Urteil: „Auf 
diese Weise (durch, die Anwendung der metaphysischen Trilogie 
von Ursache, Mittel, Wirkung auf das Gebiet der Sozial Wissen 
schaft) läßt sich Bonald in seiner streng systematischen 
Denkart zu dem Irrtum seiner Methode verleiten, das meta 
physische oder geometrische Vorgehen auf die Gesellschaftslehre 
zu übertragen. Wie die Mathematiker über numerische Werte, 
die Metaphysiker über ihre Ideen, verfügt er über jene freien 
persönlichen Gesellschaftskräfte, die man Menschen nennt, ohne 
Rücksicht auf Zeit, Ort, Umstände, die eine unendliche Ver 
schiedenheit unter ihnen begründen, Verschiedenheit des National 
charakters, der Sprache, der Lebensart, der Tradition, der Kultur 
stufen, nach denen sich die Gesetze ihrer Beziehungen unter 
einander, d. i. die Sozialgesetze, gestalten. Für das politische 
Problem ist die Bonald sehe Sozialtheorie daher nicht annehm 
bar, nicht in der Absolutheit ihrer Methode, nicht in ihren 
Folgerungen, weil sie von der konkreten Wirklichkeit der poli 
tischen Lage zu sehr absieht“ 2 ). 
1) Diese Trilogie verwirklicht sich in der Familie, der Urzelle und dem 
ewigen Vorbild einer jeden Gesellschaft, in: Vater, Mutter und Kind; in der 
bürgerlichen Gesellschaft in : König, Minister, Untertan ; in der Kirche in : Gott, 
Mittler, Mensch usw. 
2 ) Weinand, Art. de Bonald im Staatslexikon der Goerresgesellschaft, 
2. Ausi., Bd. I, p. 976.
        <pb n="215" />
        Vorgeschichte 189 
Anklang fanden de Maistre und de Bonald in Frank 
reich nur wenig. Erst unter der dritten Republik knüpfte die 
Schule de la Tour duPins und de Muns an deren Tradition 
an. Immerhin ist die von dieser Schule gepriesene Feudalord 
nung des hohen Mittelalters etwas von dem Absolutismus, zu 
dessen Vorkämpfern sich de Maistre und de Bonald aus 
warfen, Verschiedenes. 
Nach Ausscheidung von de Maistre und de Bonald 
und ihrer wenigen, an der Wiederherstellung des ancien régime 
interessierten Anhänger, gilt für das Gros der Katholiken der 
ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts daß sie die aus der Revo 
lution hervorgegangene Gesellschaftsordnung mindestens als 
Ausgangspunkt zu einer sozialen Neuordnung annehmen. Aller 
dings wurde in katholischen Kreisen das soziale Unbehagen, 
welches die die Massen proletarisierende, großindustrielle Ent 
wicklung erzeugte, lebhaft empfunden. Die Tatsache des Pau 
perismus als Folge der individualistischen und kapitalistischen 
Wirtschaftsordnung stand im Vordergrund des Interesses. Daß 
Abhilfe dringend not tue, wurde allgemein anerkannt. Über 
das Wie gingen aber die Ansichten auseinander. 
Daß zunächst diejenigen Katholiken, welche, wie: de Mo- 
rogues, de St. Chamans, Chaptal usw., nichts weiter als Mitglieder 
der liberalen Schule waren, die soziale Gesundung von einem 
Über die sozialen und wirtschaftlichen Einrichtungen des ancien régime 
urteilt de Bonald mit unglaublichem Optimismus. Man höre: Die Erblichkeit 
der Richterstellen in den früheren Parlamenten sicherte dem Richterstande eine 
Unabhängigkeit, die er nirgends in Europa besaß. Übrigens war das Richter 
amt jedem zugänglich, denn der reichgewordene Kaufmannssohn konnte eine 
Stelle kaufen. Der Umstand, daß reichgewordene Bürgerfamilien geadelt zu 
werden pflegten, war eine vorzügliche Einrichtung ; sie hinderte das übermäßige 
Anwachsen der Vermögen, denn dem Adligen war die Erwerbstätigkeit unter 
sagt. Andrerseits bewahrte das Erbrecht die Familien vor Zerstückelung des 
Familiengutes und vor dem Ruin. Die Zünfte waren eine Art städtischen Adels, 
welcher den geringsten Individuen und den niedrigsten Berufsarten Bedeutung 
und Würde verliehen usw. 
Wenn andrerseits de Maistre den abstrakten Menschen der liberalen 
Schule geistreich persifliert und schreibt, es gebe zwar Franzosen, Italiener, 
Russen und selbst Perser, nicht aber „den abstrakten Menschen“, so ist das 
allerdings eine berechtigte Kritik, aus der de Maistre jedoch nichts anderes zu 
folgern weiß, als die Vorzüglichkeit der ungeschriebenen Verfassung einer ab 
soluten, nationalen Monarchie.
        <pb n="216" />
        190 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
unbegrenzten laisser faire erwarteten, ist natürlich. Nicht minder 
hielten die Vorkämpfer der großen, katholischen Wohltätigkeits 
bewegung der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts : de Gérando, 
de Melun, F. Ozanam u. a. grundsätzlich am Nichtinterventionis 
mus fest. Sie hofften dem Pauperismus durch eine umfassende 
Organisation der privaten Wohltätigkeit erfolgreich begegnen zu 
können und traten außerdem, im Gegensatz zu den damals in 
der klassischen Schule und in politisch-liberalen Kreisen vor 
herrschenden Anschauungen, entschieden für Selbsthilfe der 
Arbeiter und wirtschaftlich Schwachen durch korporativen Zu 
sammenschluß ein. de Melun neigte wohl auch in seinen 
letzten Lebensjahren zur Wiederherstellung der Zünfte *). Die 
Mehrzahl der französischen Katholiken stand jedoch, vor 1870, 
auf seiten des wirtschaftlichen Liberalismus. Die spätere Schule 
von Angers fand also eine ihr günstige Grundstimmung vor, 
die sie allerdings nicht vor rapidem Verfall zu bewahren 
vermochte. 
Die Schule von Lüttich dagegen, die „Catholiques sociaux" 
und die „Démocrates chrétiens“ unserer Tage, haben in der 
Lamennaisgiupņe, in dem Sismondischüler de Villeneuve-Barge 
mont, und in den christlichen Sozialisten : Bûchez, Chevé, Fr. Huet, 
Ott usw. Vorläufer gehabt. de Lamennais und seine 
Freunde, sowie de Villeneuve-Bargemont verlangten so 
ziale Reformen im Wege des gesetzgeberischen Eingreifens des 
Staates. Die christlichen Sozialisten strebten die kommunistische 
Lösung des Verteilungsproblemes an, teils im Wege der Selbst 
hilfe der Arbeiter, teils mit Hilfe des Staates. Das einigende 
Band aber, von Montalembert und Lamennais bis zur 
äußersten Linken, ist der Gedanke, Christentum und Revolution 
zu versöhnen. Derselbe steigerte sich bis zu dem, das Christen 
tum sei der höchste Ausdruck der revolutionären Prinzipien und 
umgekehrt, die Revolution sei der höchste Ausdruck des Christen 
tums. Diese Idee wurde zwar, wie der utopische Sozialismus, 
durch die blutigen Junitage des Jahres 1848 und durch den 
0 Vgl. das Zitat aus einer Rede de Meluns bei de Clercq, Les Doctrines 
Sociales Catholiques en France, 3. Auf!., Bd. II p. 10: „Wir werden früh oder 
spät zu jenen alten Zünften zurückkehren müssen, deren Aufgabe es war, für alle 
ihre Mitglieder gesunden Menschenverstand, Klugheit und Sittlichkeit zu haben."
        <pb n="217" />
        Vorgeschichte 
191 
Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 brutal erstickt, doch lebt 
sie seit 1894 wieder auf 1 ). 
Die Lamennaisgruppe gab sich August 1830 ein Organ in 
der Zeitschrift VAvenir. Die bedeutendsten Mitglieder der Giuppe 
waren außer Lamennais selbst, der nachmalige Dominikaner 
Lacordaire und Montalembert. Lamennais griff im Avenir die 
klassische Nationalökonomie heftig an, erhob die Forderung 
nach staatlicher Arbeiterschutzgesetzgebung und verlangte vom 
Papste, daß er sich diese Forderung zu eigen machte 2 ). Abbe 
Gerbet gewann für Lamennais den volkswirtschaftlich vor 
gebildeten früheren Emigranten de Coux, der im Avenir 
mit den Argumenten Sismondis gegen die großindustrielle 
Entwicklung und gegen die englische Nationalökonomie pole 
misierte. Auch hielt de Coux 1832 stark besuchte, volkswirt 
schaftliche Vorträge in Paris. Der positive Teil seiner An 
schauungen gipfelt in der Lehre vom gerechten Lohn der mittel 
alterlichen Theologen. In seinen interventionistischen Forde 
rungen blieb de Coux damals recht zaghaft und zurückhaltend. 
1834 wurde er auf den nationalökonomischen Lehrstuhl der 
wieder hergestellten katholischen Universität Löwen berufen. 
1845 finden wir ihn wieder in Paris an der Spitze des katho 
lischen Univers] 1848 trat er in der Ere Nouvelle für die pro 
gressive Einkommensteuer und das Recht auf Arbeit ein 3 ). 
Die Zeitschrift VAvenir wurde nach kaum zweijährigem 
Erscheinen durch die Enzyklika Gregors XVI. Mirari vos vom 
15. August 1832 verurteilt; dies hatte die Versprengung der 
Lamennais gruppe zur Folge. Lamennais selbst wandte sich 
nach seinem Bruch mit Rom mehr noch als vorher den sozialen 
Fragen zu und stellte weitgehende Forderungen zugunsten der 
1) Der Dominikanerpater Maumus schreibt hiezu in seinem Werk L'Eglise 
et la France moderne, Paris 1897, p. 78: „Die grundlegende und außerordent 
lich fruchtbare Idee des berühmten Blattes (Avenir), d. h. die Allianz der Kirche 
und Völker, die Einigung zwischen Christentum und Demokratie, triumphiert in 
unsern Tagen. Die Katholiken sind bestrebt, den einstigen Traum der Redak 
teure des Avenir zu verwirklichen.“ Näheres darüber weiter unten. 
2 ) Vgl. de Girard, Ketteier et la question ouvrière, p. 117. 
3 ) de Coux veröffentlichte in Buchform: Essais d’économie politique, 1832 
und Cours d’économie sociale, 1834.
        <pb n="218" />
        192 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
proletari sierten Massen auf 1 ). Mit nicht minderer Beredsamkeit, 
als er sie in dem berühmten Buche „Paroles d’un Croyant“ 
(1834) entwickelte, brachte nachmalig Montalembert, ge 
legentlich der parlamentarischen Debatten über die Arbeiter 
schutzvorlage von 1841, die interventionistischen Anschauungen 
der einstigen weltstürmenden Jugendfreunde in ergreifender und 
auch erfolgreicher Weise vor der französischen Pairskammer 
zum Ausdruck. 
Den Versuch, ein System der christlichen oder richtiger 
katholisch-kirchlichen Nationalökonomie der klassischen Lehre 
entgegenzustellen, unternahm de Villeneuve - Bargemont 
(1784—1850), welcher unter Karl X. Präfekt des industriellen 
Norddepartements gewesen war 2 ). 
de Villeneuve-Bargemont macht sich Sismondis 
Kritik an der großindustriellen Entwicklung zu eigen und wirft 
mit ihm der klassischen Schule vor, sie habe die Produktions 
frage in den Vordergrund gesetzt statt des Verteilungsproblems, 
und damit dazu beigetragen, das Elend zu vermehren, statt es 
zu verringern. Nicht die Güterproduktion allein ist Zweck der 
Gesellschaft; dieser besteht vielmehr darin, Wohlstand und 
Sittlichkeit unter den Menschen möglichst zu verbreiten. Die 
Theorien der englischen Schule vermögen nicht dahin zu führen ; 
sie müssen darum verbessert werden, oder sichereren Theorien 
Platz machen“ *). 
Die Tatsache des Pauperismus ist der empirische Ausgangs 
punkt von de Villeneuve - Bargem onts nationalökono 
mischem Denken. Zweck der „christlichen Nationalökonomie“ 
ist, jene zu bekämpfen. Ganz wird die Armut allerdings nie 
J ) Vgl. Lamennais' Schriften: Paroles d’un Croyant, Paris, 1834; Le Livre 
du Peuple, Paris, 1837; De l’Esclavage moderne, Paris, 1840. Vgl. Grünberg, 
Art. Christi. Sozialismus in Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaft. 
2 ) Dessen hauptsächlichsten Werke sind: Economie politique chrétienne 
on Recherches sur la nature et les causes du paupérisme en France et en 
Europe, 3 Bde., 1834, und: Histoire de l’Economie Politique, 1841. 
Über de Villeneuve-Bargemont vgl. insbesondere: 
M. Eblé loc. cit. I. p. 10 ff. 
de Clercq loc. cit. I. p. 28 ff. 
Claudio Jannet Art. : De l’Etat Actuel de la Science Sociale in : Le Corre 
spondant, 10. und 25. Sept. 1878. 
3 ) de Villeneuve-Bargemont, Economie politique chrétienne, Bd. I p. 82.
        <pb n="219" />
        Vorgeschichte 193 
von der Erde verschwinden, denn sie ist eine 1 olge der Erbsünde. 
In dieser liegt die vollständige Erklärung der Ursachen der Un 
gleichheit der sozialen Lage und folglich der letzte Grund der 
Armut 1 ). 
Abhilfe gegen den nie dagewesenen Pauperismus, welchen 
die grobindustrielle Entwicklung mit sich gebracht, kann nui 
eine christliche Gesellschaftsordnung schaffen, in der dem Aibeitei 
der gerechte Lohn der mittelalterlichen Theologen gezahlt wird. 
Zur Verwirklichung einer solchen Gesellschaftsordnung auf dem 
Boden der Prinzipien von 89 ist die Einmischung von Kirche 
und Staat ins Wirtschaftsleben erforderlich. Die Kirche soll 
ihre Diener aus der Sakristei und dem Presbyterium heraus 
unter die Massen schicken, um an der Hebung der sittlichen 
und materiellen Lage derselben zu arbeiten. Der Staat soll sich 
angelegen sein lassen, die Lehren des Christentums in seiner 
Gesetzgebung zu verwirklichen. Dies tut er zunächst durch 
Arbeiterschutzmaßnahmen. Als solche empfehlen sich dringend : 
Verbot der Kinderarbeit, strenge gesundheitspolizeiliche Vor 
schriften für Fabriken und Werkstätten und Beaufsichtigung 
dieser durch staatliche Inspektoren, Verbot, Arbeiter zu be 
schäftigen, die nicht lesen, schreiben und rechnen gelernt haben, 
und Schaffung von Fortbildungsschulen für erwachsene Arbeiter, 
Trennung der Geschlechter bei der Arbeit, Errichtung von Spar 
und Versicherungskassen für Arbeiter, endlich fakultative Fähig 
keitsprüfungen für jugendliche Arbeiter. Ferner verlangt 
de Villeneuve-Bargemont vom Staate gesetzliche Maß 
nahmen, welche die Stabilität der Familien und das Vorwiegen 
des Grundbesitzes über die Industrie sichern, sowie Selbst 
verwaltung der Gemeinden und der Anstalten von öffentlichem 
Nutzen. Am Staate ist es endlich, die berufliche Organisation 
der Arbeiter zu fördern. Nicht die Wiedererrichtung der alten 
Zünfte will de Villeneuve-Bargemont, sondern die Grün 
dung von Gewerkvereinen nach dem Beispiel der aufblühenden 
englischen Trade Unions. Dabei bleibt er in den Vorurteilen 
der Gesetzgebung von 1791 befangen, welche dem kollektiven 
Arbeitsvertrag feindlich gesinnt war. Um die Lohnfestsetzung 
sollen sich die Arbeiterorganisationen überhaupt nicht kümmern. 
i) ibid. p. 111 und p. 206. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
13
        <pb n="220" />
        194 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
Ausgehend von der Auffassung, daß der Hauptzweck der 
Nationalökonomie in einer gerechten Güter Verteilung, in Ver 
allgemeinerung des Wohlstandes und in Bekämpfung der Armut 
liegt, appelliert deVilleneuve-Bargemont schließlich noch 
an die Privatinitiative mit dem Vorschlage, eine große, christ 
liche, auf die Familien als Einheit gegründete, die ganze Nation 
umfassende Wohltätigkeitsanstalt ins Leben zu rufen. 
de Villeneuve-Bargemonts „christliche National 
ökonomie“ stellt einen Versuch dar, der nicht zur Ausreifung 
gelangt ist. Seinen grundsätzlichen Standpunkt müssen wir 
ablehnen, weil er der Suprematie der Kirche über den Staat 
Tür und Tor öffnet. Übrigens klingen de Villeneuves An 
schauungen an mehr als einer Stelle an den Absolutismus 
de Maistres und de Bonalds an. 
Bevor wir uns den katholischen Sozialisten zuwenden, sei 
noch kurz auf Louis Veuillot und Daniel Legrand hingewiesen. 
Beide waren zwar nicht Männer der Wissenschaft, sondern 
Propagandisten. Doch verdienen sie Erwähnung unter den Vor 
läufern der Sozialkatholiken von heute: der Fabrikant Legrand, 
weil er neben Villermé, Dupin und Montalembert wohl am meisten 
zum Zustandekommen der Arbeiterschutzgesetzgebung von 1841 
beigetragen und durch zwanzig Jahre eine unermüdliche Propa 
ganda zugunsten einer internationalen Regelung des Arbeiter 
schutzes führte 1 ); der Schriftsteller und Journalist Louis 
Veuillot, weil er stets mit der ganzen Kraft seiner hervor 
ragenden schriftstellerischen Begabung für die Linderung des 
Elends der arbeitenden Klassen, das er selbst in seiner Jugend 
im Elternhause gesehen und am eigenen Leibe erfahren hatte, 
eintrat. Ihm dünkte allerdings Selbsthilfe der Arbeiter durch 
korporative Berufsorganisationen wirksamer als gesetzgeberische 
Schutzmaßnahmen. Darin deckten sich seine Anschauungen 
mit denen seiner nichtinterventionistischen Freunde de Melun 
und Segrétain. 
Wenden wir uns nun noch in Kürze zu den christlichen 
Sozialisten. Im Revolutionsjahr 1848 galt eigentlich aller 
i) Vgl. insbesondere : Darnel Legrand, Pétition en faveur de la protection 
ouvrière internationale, 1841 ; — Respectueux Appel aux Gouvernements des 
Pays industriels en faveur d’une législation ouvrière internationale, 1853 ; — 
Dernier Appel, 1857.
        <pb n="221" />
        Vorgeschichte 
195 
Sozialismus für christlich. In den revolutionären Zeitungen, in 
den Volksalmanachs, in Liedern und Tischreden — das Bankett 
feiern war damals in Arbeiterkreisen sehr in Mode — in Bilder 
bogen und Plakaten, kurz : in allen Dokumenten der damaligen 
Zeit, welche uns über die Volksstimmung Auskunft geben, kehrt 
immer der Gedanke wieder : der Sozialismus ist die Quintessenz 
des Christentums, Christus war der erste Sozialist ') 1 Auch die, 
im Grunde nichts weniger als christlich gesinnten Sozialisten 
führer, wie: Pierre Leroux, Louis Blanc, Proudhon u. a. beriefen sich 
damals, um ihre Theorien zu begründen, auf die Lehre Christi 2 ). 
Unter den sozialistischen Systemschmieden der ersten Hälfte 
des XIX. Jahrhunderts hatte übrigens mehr als einer tatsächlich 
seine Anschauungen aus dem Evangelium und den Kirchenvätern 
zu folgern unternommen. Saint-Simon bezeichnete seine Lehre 
als Nouveau Christianisme; der Kollektivist Constantin Pecqueur, 
welcher vor Karl Marx die Begriffe von Klassenkampf und 
Vergesellschaftung der Produktionsmittel in die Welt setzte, 
folgert seinen Sozialismus aus dem Willen Gottes und dem 
christlichen Sittengesetz 3 ). Desgl .Vidal*). Etienne Cabet wählt 
den Titel Le Vrai Christianisme selon Jésus-Christ für ein Buch, 
in dem er festgestellt haben will, daß die wesentlichen Sätze 
des Kommunismus von der absoluten Gütergemeinschaft bis zur 
Beseitigung des Geldes im Evangelium bereits ausgesprochen 
sind; daß Christus selbst Kommunist war und daß folglich 
„niemand von sich behaupten kann, er sei Christ, wenn er nicht 
Kommunist ist“ 5 ). Considérant stützt seine sozietären An- 
1) Vgl. Benoit Malón, Exposé des Ecoles Socialistes de France, 1872, 
p. 330 if. ; — Henri Joly, Le Socialisme Chrétien, 1892, cap. 4 und viele andere. 
2 ) Louis Blanc schreibt an den gefangenen Barbés: „(Unsere Ideen) haben 
in allen Zeitaltern Apostel, Kämpfer und Propheten gehabt: Plato, die hh. 
Paulus, Chrysostomus, Basilius; Münzer, Campanella, Thomas Morus, Morelly, 
-I. J. Rousseau, die Besiegten des Thermidor und, über allen diesen, den Ge 
kreuzigten!“ Le Peuple, Nummer vom 10. April 1849. Vgl. eine Reihe ähn 
licher Zitate bei H. Joly, Le Socialisme Chrétien, 1892, cap. 4. 
8 ) C. Pecqueur, Théorie nouvelle d’économie sociale et politique, 1842, 
und: République de Dieu, union religieuse pour la pratique immédiate de l’éga 
lité et de la fraternité universelles, 1844. 
4 ) François Vidal, De la Répartition des richesses ou de la Justice distri 
butive en Economie sociale, Paris, Capelle, 1846. 
5 ) Cabet, Le Vrai Christianisme suivant Jésus-Christ, Paris 1847, p. 216, 
285, 620. — Vgl. dazu die ausführlichen Besprechungen bei Henry Michel,
        <pb n="222" />
        196 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
schammgen auf „die Autorität des Evangeliums und die reinen 
Überlieferungen der Religion der Schwachen und Bedrückten“ *). 
Gewiß war bei dem Unterfangen, Christentum und kommu 
nistische Lösung des wirtschaftlichen Verteilungsproblems zu 
identifizieren, ein gut Stück Mystizismus, romantischer Sentimen 
talität und Iliuminatentums. Nichtsdestoweniger liegt der Idee 
der Zusammengehörigkeit von Christentum und Sozialismus ein 
wahrer Kern zugrunde und man wird E. de Laveleye recht geben 
müssen, wenn er urteilt: „Was auch die Gegner des Christen 
tums dazu sagen mögen, die Emanzipationsbewegung der unteren 
Klassen, welche nach und nach die Sklaverei und die Leib 
eigenschaft überwand und welche dem Grundsatz der Gleichheit 
aller Menschen in der amerikanischen und in der französischen 
Revolution zum Siege verbals, ist unstreitig dem Evangelium 
entsprungen. Alles, was geschieht, um die Lage der wirtschaft 
lich Schwachen zu heben und das Los der Armen zu bessern, 
entspricht den Lehren Christi; so geht auch offenbar der 
Sozialismus in seiner allgemeinen Tendenz und insofern er, um 
mit St. Simon zu reden, weiter nichts als „die Besserung der 
sittlichen, intellektuellen und materiellen Lage der Massen“ an 
strebt, aus dem Christentum hervor“ 2 ). 
Wenn nun auch manche sozialistische Neuerer der be 
sprochenen Periode sich auf das Christentum als die Quelle und 
die Grundlage ihrer Anschauungen beriefen, und wenn 1848 
von der Pariser Arbeiterbevölkerung jedem Sozialismus ein 
christlicher Anstrich gegeben wurde, so interessieren uns hier 
als Vorläufer der Schulen de Muns und Naudets doch nur 
diejenigen Sozialisten, welche auf dem Boden des offiziellen 
Christentums: der katholischen Kirche standen. 
Als solcher ist zunächst Bûchez 3 ) zu nennen. Bûchez 
L’Idée de l’Etat, Paris 1896, p. 248 ff., und bei Gaston Isambert, Les Idées 
socialistes en France de 1815 à 1848, p. 298 ff. 
i) Considérant, Le Socialisme devant le vieux monde ou le vivant devant 
les morts, 2. Ausi., Paris 1849, p. 212. 
3 ) E. de Laveleye, Le Socialisme Contemporain, 11. Ausi. 1902, p. 137—138. 
3 ) Philippe Bûchez (1796—1865) Introduction à la science de l’histoire, 
1833, 2. Aufl. 1842 ; Histoire de la nationalité française, 1859 ; Traité de la 
politique et de la science sociale, 1866. Mit Roux-Lavergne gab Bûchez eine 
Histoire parlamentaire de la Révolution française heraus (1833—1838, 40 Bde.), 
zu welcher er nicht weniger als 33 Einleitungen schrieb.
        <pb n="223" />
        Vorgeschichte 
197 
war als junger Arzt Schüler St. Simons geworden. Als die Saint- 
Simonistische Gemeinde daran ging, sich unter Lazard und 
Enfantin als religiöse Genossenschaft zu konstituieren, trat 
Bûchez mit A. Comte aus. Unter dem Einfluß der Saint- 
Simonistischen Idee, die soziale Reorganisation der Gesellschaft 
sei nur auf der Basis religiöser Gefühle möglich, wandte sich 
Bûchez zum Katholizismus. Diese Idee beherrschte zeitlebens 
sein wissenschaftliches Denken und seine sozialpolitische Tätigkeit. 
Bûchez’ Hauptwerk ist die Introduction à la Science de 
l'histoire. Er wendet sich an die Geschichte zur Lösung der 
Frage nach den Ursachen der sozialen Erscheinungen. Dabei 
geht er von der Annahme aus, daß in allen sozialen Tatsachen 
ein gewisses Etwas sich vorfinden muß, das die Erhaltung des 
gesellschaftlichen Zusammenlebens bewirkt. Dieses gewisse 
Etwas, das Gesetz des gesellschaftlichen Lebens der Menschheit, 
will er erforschen. „Die Geschichtswissenschaft,“ schreibt er, 
„ist die Gesamtheit der Arbeiten, deren Zweck ist, durch Er 
forschung der historischen Tatsachen das Gesetz der Ent 
stehung der sozialen Erscheinungen zu finden, so daß man 
die Zukunft des Menschengeschlechtes voraussehen und die 
Gegenwart durch diesen Blick in die Zukunft beleuchten könne“ *). 
Auf die Geschichtsforschung versucht Bûchez die natur 
wissenschaftlichen Methoden der Beobachtung und der Hypothese 
zu übertragen. Die Gesellschaftswissenschaft, zu der er gelangen 
will, soll eine soziale Physik oder Physiologie sein. „Die Ge 
schichtswissenschaft,“ meint er, „beruht auf zwei Ideen : der des 
Fortschrittes und der der Analogie der Fähigkeiten der Menschheit 
mit denen des Individuums“. Die Idee des Fortschrittes setzt 
voraus : 1. die geistige Kontinuität der Art, eine auf dasselbe 
Ziel gerichtete, einheitliche Betätigung der aufeinander folgenden 
Generationen ; 2. die Idee der Progressivität, indem jede neue 
Tatsache sich an die vorhergehenden anlehnt, aber jeweils voll 
kommener ist, als die früheren. Die Analogie der Fähigkeiten 
der Menschheit mit denen des Individuums bildet ihrerseits die 
Grundlage der Politik 2 ). 
Man kann nicht behaupten, daß es Bûchez gelungen sei, 
*) Bûchez, Introduction à la Science de l’histoire, 1833, p. 1. 
*) Vgl. M. Eblé, Les Ecoles catholiques d’économie politique et sociale en 
France, Paris, 1905, p. 33 ff. und Bûchez, loc. cit.
        <pb n="224" />
        198 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
„das Gesetz der Entstehung der sozialen Erscheinungen, welches 
die Zukunft des Menschengeschlechtes vorauszusehen ermöglicht“, 
zu finden. Der positive Inhalt seiner Gesellschaftslehre gipfelt 
in dem Satze, das Individuum sei da für die Gesellschaft, nicht 
aber die Gesellschaft für das Individuum. Der Mensch kann 
nur in Gesellschaft leben; die Gesellschaft hat aber einen ge 
meinsamen Betätigungszweck für alle ihre Mitglieder. Die Er 
reichung desselben macht eine Regierung nötig, „welche die ver 
schiedenen Tätigkeiten und ihre Formen nach der Ordnung regelt, 
welche das zu erstrebende Ziel seiner Natur nach verlangt“ x ). 
Bûchez hat eine große Vorliebe für das Mittelalter; dem 
Vorstellungskreis der Feudalzeit entnimmt er die für die heutige 
Schule de la Tour du Pins und de Muns grundlegende 
Auffassung des Eigentums und der Arbeit als soziale oder ge 
sellschaftliche Funktionen 2 ). Bûchez’ Begeisterung für die, 
durch ein stark idealisierendes Temperament gesehene, korpo 
rative Organisation des Handwerks im hohen Mittelalter ver 
anlaßte ihn, in der Produktivgenossenschaft, in welcher er eine 
Nachbildung jener Organisation sah, das Mittel zur sozialen 
Neuordnung zu präkonisieren. 1834 gründeten vier Goldarbeiter 
unter Bûchez’ Patronat eine solche Genossenschaft. Jeder 
brachte sein Handwerkszeug und einiges Kapital in die Gesell 
schaft ein. Nach dem Gründungsstatut sollte das Gesellschafts 
kapital, wie einst die Zunftpatrimonien, ewiges, unaufteilbares 
Eigentum der Genossenschaft bleiben. Zudem sollte es jährlich 
um x / 5 des erzielten Reingewinnes vermehrt werden. Bûchez 
hoffte durch eine derartige Organisation der Gewerbe die Pro 
duktionsmittel nach und nach auf friedlichem Wege in ge 
nossenschaftlichen Besitz zu bringen. 
Die von Bûchez ins Leben gerufene Produktivgenossen 
schaft hielt sich bis 1870. Sie gab zeitweise eine Zeitschrift 
l’Atelier heraus, welche der Propaganda für Buchezsche Ideen 
diente. Von diesen gingen auf die heutigen katholischen, sozial 
ökonomischen Schulen über : die historische Auffassung der 
Volkswirtschaft, die Wertschätzung der korporativen Wirt 
schaftsordnung des Mittelalters und last not least das Postulat 
der genossenschaftlichen Organisation der Produktion. 
0 Bûchez, loe. eit. p. 46. 
-) Bûchez, loe. eit. p. 57 ; vgl. M. Eblé, loe. eit. p. 24—25.
        <pb n="225" />
        Vorgeschichte 
199 
Unter den Schülern Bûchez’ verdienen Chevé und Ott Er 
wähnung. 
Chevé schrieb zwei kleine Bücher 1 ), von denen das eine, 
1842 erschienene, noch ganz im Zeichen des utopischen Sozialis 
mus steht, während das zweite, im Bevolutionsjahr 1848 ver 
öffentlichte, neben dem Einfluß St. Simons und Bûchez’ 
bereits denjenigen des aufkeimenden Marxismus verrät. 
Chevé geht schon in seinem ersten Werk weiter als 
Lamennais und Bûchez. Ihm ist es nicht mehr darum zu 
tun, die Kirche und die modernen Ideen zu versöhnen. Für 
ihn sind beide eins. Revolution und Christentum, christliche 
und demokratische Gesinnung sind eins und dasselbe. Das 
Reich Gottes auf Erden wird durch die ewige Allianz von 
Katholizismus und Demokratie verwirklicht werden. „La religion 
se fait peuple et l’Eglise humanité“ 2 ). Chevé ist ein Illuminât. 
Dem Staatssozialismus Bûchez’ verleiht er einen entschiedeneren, 
wenn auch exaltierteren Ausdruck, als es der Meister getan. 
„Der Staat,“ schreibt er, „ist die allumfassende Einheit, der 
nichts entgeht. Er ist der hierarchische Gewalthaber, welcher 
alle individuellen Handlungen in einer einzigen nationalen 
Handlung zusammenfaßt. Er umschließt die Gesellschaft von 
der Basis bis zum Gipfel und macht aus der Gesamtheit der 
Bürger einen einzigen Mann, den ein einziges Lebensprinzip 
bewegt usw.“ 3 ). 
Che vés Werkehen Le dernier mot du Socialisme aus dem 
Jahre 1848 schlägt Vergesellschaftung der Produktionsmittel 
9 Chevé, Catholicisme et Démocratie ou le Règne du Christ, 1842 und: 
Le dernier mot du Socialisme par un catholique, 1848. Über Chevé vgl. Eblé, 
loc. cit. p. 25 if. 
2 ) Chevé, Catholicisme et Démocratie, Paris, 1842, p. 4. 
3 ) ibid. p. 75 if. In folgendem Passus ist der Einfluß Saint-Simons er 
kennbar: „Enfin, l’Etat enveloppant aussi l’industrie sous l’immense réseau de 
sa prévoyance sociale, en régularisera l’action bienfaisante. Elle édifiera la 
commune nationale sur le plan de la communauté religieuse, et ce sera la dila 
tation dernière de l’Eglise se faisant peuple. Alors le territoire entier de la 
nation deviendra comme un champ labouré par une seule main, toutes les forces 
productrices comme un seul atelier dirigé par une seule tête, et toutes les voies 
de répartition comme un seul marché pourvu par un seul homme. Là est l’idéal 
de l’avenir industriel.“ ibid. p. 77. (Im Urtext mitgeteilt, um dem eigentüm 
lichen Gepräge der Sprache Chevés durch die Übersetzung keinen Eintrag 
zu tun.)
        <pb n="226" />
        200 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
und Recht auf den vollen Arbeitsertrag als Grundlagen der 
Neuordnung der Gesellschaft vor. Zu deren Verwirklichung ist 
aber vor allem nötig, den Kapitalzins zu beseitigen. 
Bedeutender als Che vé ist François Huet (1814—1869)0. 
Franzose von Geburt, war Hu et Professor der Philosophie an 
der Universität Gent und Schüler des belgischen Agrarsozialisten 
Colins. Sein Hauptwerk ist Règne Social du Christianisme. Das 
selbe erschien zwar erst 1853, ist aber noch ganz im Geiste der 
40er Jahre geschrieben. Es stellt den methodologisch besten 
Versuch dar, die christlichen, liberalen und kommunistischen 
Anschauungen der Zeit in ein einheitliches System zu bringen. 
Huet ist außerordentlich bibelfest; er ist unermüdlich im Zitieren 
aus der hl. Schrift. Sein Ideal ist nicht die mittelalterliche, 
feudalkorporative Staats- und Wirtschaftsordnung, sondern eine 
solche, die die Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüder 
lichkeit vollkommen verwirkliche. Huets Wirtschaftslehre ist 
bis auf zwei Punkte mit derjenigen der liberalen Schule iden 
tisch. Diese beiden Punkte sind: der Agrarsozialismus, zur Ver 
wirklichung der wirtschaftlichen Gleichheit aller und das Recht 
aller auf Unterstützung, als Konsequenz der universalen Brüder 
lichkeit. 
Dem Agrarsozialismus Huets liegt die Anschauung zu 
grunde, Christentum und Sozialismus hätten ein gemeinsames 
Ideal von Gleichheit und Brüderlichkeit, da beide dem gesamten 
Menschengeschlecht die Erde zu gemeinsamer Nutznießung an 
weisen. Aber auch eine philosophische Grundlage hat der 
Agrarsozialismus. Das Eigentum ist nämlich ein natürliches 
Recht; folglich beruht es weder auf Arbeit, noch auf Okkupa 
tion, noch auf Ersitzung, sondern auf der Eigenschaft als Mensch. 
Diese Eigenschaft berechtigt einen jeden zum Besitz eines Patri 
moniums, welches ihm von der Gesellschaft anzuweisen ist. Die 
Verwirklichung des Agrarsozialismus denkt sich Huet in der 
Weise, daß die im Besitz der Bodeneigentümer befindlichen er 
erbten Güter bei ihrem Tode unter die 14- bezw. 25jährigen 
Volksgenossen aufgeteilt würden, während die durch persönliche 
Arbeit erworbenen Güter jeweils einmal vererbt werden könnten. 
Neben dem Agrarsozialismus und der Theorie vom Rechte 
] ) Über Huet vgl. Rambaud, Histoire des doctrines économiques, 2. Ausl., 
Paris, 1902, p. 674—675 und p. 698 ff., sowie M. EbU, loc. cit. p. 31 ff.
        <pb n="227" />
        Vorgeschichte 
201 
jedes einzelnen auf Unterstützung vertritt Huet die hauptsäch 
lichsten Postulate der klassischen Schule : freie Konkurrenz, 
Freihandel, Nichteinmischung des Staates ins Wirtschaftsleben. 
Dagegen appelliert er an das sozialpolitische Wirken der Kirche. 
Christus habe die Kranken geheilt, darum soll der katholische 
Klerus den Armen und Schwachen helfen, auch die Güter dieser 
Erde zu erwerben 1 ). Ja noch weit mehr. Diese Tätigkeit des 
Klerus soll sich zum sozialen Ausbau der christlichen Religion 
ausgestalten. Denn erst dann wird sie den Absichten ihres 
Stifters, der Welt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu 
bringen, entsprechen. „Ein neuer Geist wird, von der Religion 
ausgehend, die soziale Ordnung erneuern und, von dieser zurück 
sich wendend, die Religion umgestalten. Dann wird endlich der 
Tag anbrechen, wo der Klerus sich zum sozialen Katholizismus 
bekehrt; wo die Kirche in einer Gesellschaft, die sie selbst und 
für sich selbst geschaffen haben wird, sich voll verwirklichen 
kann, wie sie es noch nie und nirgends gekonnt; und wo die 
Glorie Jesu Christi, des Lehrers des Menschengeschlechtes, in 
unvergleichlichem Glanze erstrahlen wird“ 2 ). 
Bei seinem Erscheinen fand Huets Buch wenig Beachtung. 
Schon waren die Verbindungsbrücken zwischen Katholizismus 
und Sozialismus abgeschlagen. Das zweite Kaiserreich verstand 
*) Huet, Règne social du christianisme, p. 230—232. Vgl. Rambaud, loc. 
eit. p. 699—700. 
2 ) Huet, loc. cit. p. 410. Vgl. dazu auch folgenden Passus: „Ich habe 
im Lichte der neu angebrochenen Zeiten über die Sendung des Welterlösers 
nachgedacht; ich habe den sozialen Lehrgehalt des Christentums in den hl. 
Büchern erforscht: und, indem ich das, was von Menschen kommt, entfernte, 
um mich nur an das zu halten, was von Gott kommt, fand ich klar, daß die 
Erlösung durch das Christentum nicht nur darin besteht, durch die Kirche Seelen 
für den Himmel zu gewinnen, sondern auch hienieden eine freie und brüderliche, 
bürgerliche Gesellschaft zu errichten, diejenige nämlich, welche die von ihren 
Auswüchsen gereinigte Revolution zum Siege führen muß. Ich habe ebenfalls 
die verschiedenen, mit dem Worte: Sozialismus bezeichneten Lehren, welche 
unsere Zeit so tief aufgewühlt haben, mit unparteiischem Eifer durchforscht . . . 
Wieder wurde es mir klar, nachdem ich ausgeschieden hatte, was von den 
Leidenschaften und der Unwissenheit kommt, und mich an das hielt, was aus 
der allgemeinen, geistigen Bewegung folgt und was der Volksinstinkt annimmt, 
daß jene Befreiungsgedanken, welche man als eine neue Offenbarung verkündet, 
entweder die Lehre des Evangeliums getreu widerspiegeln, oder eine Folge der 
selben sind.“ Huet, ibid. p. 3—4.
        <pb n="228" />
        202 
Die katholischen und verwandten Richtungen 
die Sprache der zweiten Republik nicht mehr. Dagegen wurde 
Huets Werk in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts 
aktuell. Gerade seine zuletzt erwähnten Lehren, die Ausgestal 
tung der katholischen Religion und die Erweiterung des Wir 
kungskreises des Klerus betreffend, bilden einen Hauptbestand 
teil der Ideenwelt des sogen. Amerikanismus (Bischof Ireland, 
P. Hecker usw.) und der unten zu besprechenden christlichen 
Demokraten Frankreichs h. 
Der letzte von den hier zu erwähnenden christlichen So 
zialisten aus der Sturm- und Drangperiode der Julimonarchie 
und der zweiten Republik ist Auguste Ott. 
Ott bildet ein Bindeglied zwischen Bûchez und La 
mennais einerseits und den heutigen Sozialkatholiken anderer 
seits. Auf Wunsch der Redaktion der Association Catholique 
gab er 1892 sein 1851 in erster Auflage erschienenes Buch: Traité 
d'économie sociale in zweiter Auflage heraus 1 2 ). Von den Führern 
der sozialkatholischen Gruppe wird Ott noch immer hoch ge 
schätzt 3 ). 
Ott setzt der Volkswirtschaftslehre ein doppeltes Ziel: 
1. „durch (die Organisation der) Arbeit für die bestmög 
liche Erhaltung der Gesellschaft und des Individuums Sorge zu 
tragen“ 4 ) und 
2. die Arbeitsorganisation dem Sittengesetz des Evange 
liums zu unterwerfen. Dieses ist „von der Revolution in den 
Worten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zusammengefaßt 
worden. Das Hauptziel der Nationalökonomie ist also die Frei 
heit, Gleichheit und Brüderlichkeit in die Organisation der 
Arbeit einzuführen“ 5 ). 
Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine gesellschaftliche Or 
ganisation der Produktion und der Verteilung der Güter nötig. 
Diese gesellschaftliche Organisation wird durch folgende vier 
1) Vgl. Rambaud, loc. cit. p. 699—700. 
2 ) Auguste Ott, Traité d’Economie Sociale, 2. Aufl., 2 Bde., Paris, 
Schleicher, 1892. 
8 ) Der apostolische Missionar P. de Pascal rezensierte das Werk Otts in 
der Association Catholique mit den Worten: „das einzige wahrhaft menschliche 
und christliche Lehrbuch, das wir bisher in unserer Sprache besitzen.“ 
4 ) A. Ott, Traité d’économie sociale, 1. Aufl., p. 17. 
s ) ibid. p. 19. Vgl. dazu M. Eblé, loc. cit. p. 38.
        <pb n="229" />
        Vorgeschichte 
203 
Mittel erreicht: 1. Schaffung eines Bedürfnisnachweises, 2. ge 
nossenschaftliche Produktion der zur Befriedigung der festge 
stellten Bedürfnisse nötigen Güter; 3. Heranbildung der von den 
Genossenschaften benötigten Arbeitskräfte ; 4. Gewerbepolizei 
und Gewerbegerichte 1 ). 
Der Bedürfnisnachweis, „institution de prévoyance“, stellt 
die vorhandenen Bedürfnisse der Gesellschaft und der Individuen 
fest. Dabei verfährt er nach dem Grundsatz der Gleichheit 
aller Menschen. Durch den Bedürfnisnachweis wird Menge und 
Art der Produktion bestimmt. Diese kann sich über das 
Notwendige hinaus auf das Nützliche und selbst auf Luxusgüter 
erstrecken nach Maßgabe der verfügbaren Produktionsmittel 2 ). 
Die Bedürfnisnachweisanstalt wird zugleich eine große Kredit 
zentrale sein, welche die Produktion im ganzen Lande beleben 
und den Güterumlauf kontrollieren soll 3 ). 
Die genossenschaftliche Organisation der Produktion hat zum 
Zweck, den Arbeitern die Möglichkeit zu geben, Eigentümer 
der Produktionsmittel zu werden. Denn „die einzige, rationelle 
Grundlage des Eigentumsrechtes ist die Arbeit, die Produktion 
selbst. Es ist eine Forderung der Gerechtigkeit, daß der Ar 
beiter Herr sei über das Produkt, das er geschaffen“ 4 ). Die 
innere Ausgestaltung der Produktivgenossenschaft denkt sich 
Ott genau wie Bûchez. Die Genossenschaften erhalten ihre 
Aufträge vom gesellschaftlichen Bedürfnisnachweis. 
Die Heranbildung der von den Genossenschaften gebrauch 
ten Arbeitskräfte hat durch technische Unterrichtsanstalten zu 
erfolgen, deren Besuch jedermann offen steht. Gewerbepolizei 
und Gewerbegerichte endlich sind nötig, um die Auswüchse der 
individuellen Freiheit zu unterdrücken 6 ). 
Neben die Utopien über die Organisation der Gesellschaft, 
welche den Grund von Otts Anschauungen ausmachen, reiht 
er Theorien, welche sich mit der bestehenden Gesellschaftsord 
nung sehr gut vertragen. Die Arbeitsfreiheit verteidigt er mit 
großer Entschiedenheit. „Die Freiheit ist die erste, sittliche 
Ö Ott, loc. cit. p. 187. 
2 ) ibid. p. 69. 
3 ) ibid. p. 188, 
4 ) ibid. p. 252. 
5 ) ibid. p. 187.
        <pb n="230" />
        204 Die katholischen und verwandten Richtungen 
Bedingung der Arbeit; sie ist auch die beste materielle Grund 
lage derselben“ *). Damit die Arbeitsfreiheit bestehe, muß jeder 
das Recht haben zu arbeiten oder nicht zu arbeiten; auch 
müssen sämtliche Berufsarten allen offen stehen. Greifbar wird 
der Widerspruch zu Bûchez’ Gesellschaftslehre, welche der 
Ott sehen zugrunde liegt, wo dieser äußert, die Gesellschaft 
dürfe die individuelle Freiheit nur insoweit beschränken, als 
„die Erhaltung der Gesellschaft und das allgemeine Wohl es 
verlangen“ 2 ). Da wird also mit einem Male die individuelle 
Freiheit das Primäre 3 ). Wir dürfen eben nicht vergessen, daß 
Anschauungen, die uns logisch schlechthin unvereinbar dünken, 
in den 48er Köpfen sich sehr wohl miteinander vertrugen. Die 
unverdaute Durcheinandermischung von christlichen, liberalen 
und sozialistischen Sätzen ist ja eben der charakteristische Zug 
jener Sturm- und Drangperiode. 
Die Ausgrabung von Otts Lehrbuch im Jahre 1892 hat 
auf das Denken der sozialkatholischen Gruppen befruchtend 
gewirkt. Die staatssozialistische Grundauffassung, der gesell 
schaftliche Bedürfnisnachweis und Otts Eigentumslehre fanden 
zwar keinen Anklang mehr; aber die wissenschaftliche Bildung 
und das Denken der hier in Betracht kommenden Kreise ver 
tieften sich unter dem Einfluß von Bûchez’ geschichtlicher 
Auffassung des gesellschaftlichen Geschehens, welche ihnen Ott 
vermittelte. Der feudale Flügel empfand den Neudruck von 
Otts Werk als eine Stärkung seiner Position. Ihm gefiel ins 
besondere Bûchez’ und Otts warmes Eintreten für genossen 
schaftliche Organisation der Industrie und zwar für freie, reich 
gegliederte, von der Staatsgewalt möglichst unabhängige Pro 
duktivgenossenschaften. Die Linke holte sich bei Bûchez und 
Ott fast ihr ganzes Programm. 
b ibid. p. 124. 
2 ) ibid. p. 130. 
3 ) Vgl. M. Eblé, loe. cit. p. 40—41.
        <pb n="231" />
        Die Gründer der heutigen Schulen. 
A. Die Nichtinterventionisten. 
Das Jahr 1848 bedeutet einen Wendepunkt in der Ge 
schichte der geistigen und sozialen Strömungen des XIX. Jahr 
hunderts. An die Stelle der Sentimentalität und des schwärme 
rischen Idealismus des Sturms und Drangs tritt eine ernüchterte 
Geistesverfassung, welche für hochherzige, aber kritiklose Zu- 
sammenwürfelung von christlichen, liberalen und sozialistischen 
Ideen keinen Sinn mehr hat. Zunächst vollzieht sich zwischen 
Katholiken und Sozialisten eine reinliche Scheidung. Während 
aber letztere aus der 48er Krisis eine soziale Doktrin, ich meine 
den sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus, herübergerettet 
haben, um welchen sie sich sammeln können, bleibt den Katho 
liken nichts als das negative Moment der Abwendung von sämt 
lichen bisherigen katholischen Sozialtheoretikern. 
Es ist nicht zu verwundern, daß unter diesen Umständen 
das zweite Kaiserreich zunächst eine Annäherung der doktrinlos 
gewordenen katholischen Kreise an die klassische Schule brachte. 
Insbesondere Bastiat gewann Anhang im katholischen Lager. 
So legen z. B. die Briefe des berühmten Oratorianers P. Gratry 
an Frédéric Passy Zeugnis ab von der enthusiastischen Ver 
ehrung, welche dieser bedeutende und einflußreiche Ordensmann 
Bastiat entgegen brachte. Vollends zum Apologeten der 
klassischen Lehre wurde Abbé Corbière 1 ). 
Corbière versucht in seinem Lehrbuch nachzuweisen, 
daß die klassische Nationalökonomie und die katholische Reli- 
i) Corbière, L’Economie Sociale au point de vue chrétien, 2 Bde. 
Paris, 1863.
        <pb n="232" />
        206 
Die Gründer der heutigen Schulen 
gion sich sehr gut miteinander vertragen. Die Frage, ob die 
wirtschaftlichen Naturgesetze mit dem katholischen Sittengesetz 
in Konflikt kommen können, verneint er mit dem Hinweis, 
daß die Wahrheiten der Religion mit den natürlichen Wahr 
heiten nicht in Widerspruch stehen können. Darum verlangt 
er denn auch Freiwaltenlassen der Naturgesetze. Corbières 
Methode ist abstraktes Räsonnement. Er steht im Wesentlichen 
auf dem Standpunkt Ricardos 1 ). 
Dieselbe Richtung wie Corbière vertritt de Metz- 
Noblat 2 ), welcher in den 60er und 70er Jahren einen freien 
Lehrstuhl für Nationalökonomie an der juristischen Fakultät in 
Nancy inne hatte. Wissenschaftlich steht er jedoch höher als 
jener. Die Volkswirtschaftslehre faßt de Metz-Noblat als 
reine theoretische Wissenschaft auf. „Wenn die notwendige 
Unterscheidung,“ schreibt er, „zwischen reiner und angewandter 
Wissenschaft nicht gestattet zu schließen, die Mathematik sei 
falsch, so darf man ebensowenig schließen, die Volkswirtschafts 
lehre sei unnütz“ 3 ). Demgemäß setzt er sich denn auch zum 
Ziele, in erster Linie die reine, klassische Wirtschaftstheorie zu 
entwickeln. Dabei bekennt er sich zu Malthus’ Bevölkerungs 
gesetz und Ricardos Grundrententheorie, und kaltblütig reiht 
er daneben Bastiats Wertlehre. 
Von der reinen Wirtschaftswissenschaft geht de Metz- 
Noblat über zur Praxis des Wirtschaftslebens. Beide ver 
bindet er mittels des uns schon bekannten Rossi sehen Kor 
rektivs. „Die Volkswirte,“ schreibt er, „haben glauben lassen, 
wahrscheinlich selber zu viel geglaubt, daß das laisser faire, 
laisser passer immer und überall das oberste Gesetz ist, daß es 
nie und nirgends schlechte Folgen haben kann. Sie haben 
nicht genug den Umstand hervorgehoben, daß die wirtschaft 
lichen Gesetze Tendenzen, nicht unbeugsame Prinzipien aus 
drücken ; sie haben nicht genug betont, daß die wirtschaftlichen 
Interessen eines Volkes einem Interesse höherer Ordnung, z. B. 
öffentlicher Ordnung, nationaler Unabhängigkeit, geopfert wer- 
3 ) Vgl. M. EbU loc. cit. p. 86 ff. 
2 ) de Metz-Noblat, Les Lois Economiques. Résumé d’un cours d’économie 
politique fait à la faculté de droit de Nancy, Paris, 1867; 2. Ausl, mit Vorwort 
von Claudio Jannet, Paris, 1880 (posthum). 
3 ) de Metz-Noblat, loc. cit. 2. Ausl., p. XXXVII.
        <pb n="233" />
        Die Nichtinterventionisten 
207 
den müssen, wenn sie mit diesen Interessen in Widerspruch 
treten“ *). Von den Ursachen, welche die Wirkung der wirt 
schaftlichen Naturgesetze beeinträchtigen können, hat de Metz- 
No b lat eine eigentümliche Auffassung. Er teilt dieselben 
in wirtschaftliche und sittliche und gruppiert sie um die 
Erbsünde. 
Die reale Welt, führt er aus, ist eine durch die Erbsünde 
gefallene. In dieser schlechten Natur, in diesem schlechten 
Milieu können die wirtschaftlichen Naturgesetze Wirkungen aus 
lösen, welche gegen das Sittengesetz verstoßen. Das liegt aber 
ausschließlich an dem verderbten Milieu ; denn die Naturgesetze 
der Volkswirtschaft können den Wahrheiten der Religion nicht 
widersprechen. Übrigens kommen, genau genommen, nicht die 
wirtschaftlichen Naturgesetze mit den sittlichen und sozialen 
Gesetzen in Konflikt. Dies tun vielmehr die Menschen, wenn 
sie jene Gesetze mißbrauchen 2 ). 
Die Erbsünde tritt als ein seiendes, ethisches Moment in 
der Volkswirtschaft auf. Aber die praktische Gestaltung des 
Wirtschaftslebens erfordert auch das Eingreifen von sittlichen 
Faktoren des Seinsollens. „Das Problem der materiellen Güter 
welt kommt schließlich auf die Übung zweier Tugenden heraus : 
Enthaltsamkeit und Keuschheit. Denn nur durch Sparen entstehen 
neue Produktionsmittel, und nur durch Keuschheit kann in 
legitimer und ehrbarer Weise das übermäßige Anwachsen der 
Bevölkerung gehindert werden“ 3 ). Darum vermag nicht die 
Wirtschaftswissenschaft selbst, „sondern logisch nur der Katho 
lizismus die ökonomische Frage zu lösen“, d. h. den größtmög 
lichen Wohlstand der größten Zahl zu verwirklichen. Nur 
die Entsagung kann das größtmögliche Glück aller erzeugen, und 
diese lehren nur die Religionen, unter ihnen am meisten und 
besten der Katholizismus 4 ). 
Die Betonung der Entsagung als Faktors des wirtschaft 
lichen Fortschritts, welche sich übrigens schon bei de Ville- 
neuve-Bargemont und de Doux findet, und gegen welche 
Bas ti at polemisiert, ist eine viel stärkere noch bei Charles 
de Metz-Noblat loc. cit. p. XXXVII ; ibid. p. 470. 
2 ) Vgl. M. EbU, loc. cit. p. 86—87. 
3 ) de Metz-Noblat, loc. cit. p. 556. 
4 ) ibid. p. 556—557.
        <pb n="234" />
        208 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Pé rin. Ja hier tritt die Entsagung geradezu in Rang und 
Stellung des ökonomischen Prinzips schlechthin. 
Charles Perln (1815—1905) x ) ist, obwohl Belgier von Ge 
burt und in Belgien lebend, für die Entwicklung der katholischen 
Sozialökonomik in Frankreich von großer Bedeutung. Er war 
der Vorkämpfer der Nichtinterventionisten. Um ihn gruppierten 
sich insbesondere die Juristen und die Professoren der „Instituts 
Catholiques“ Frankreichs, welche 1890, als es ihnen gelungen 
war, Bischof Freppel zu gewinnen, zur offiziellen Gründung der 
Schule von Angers schritten. 
Périn weicht in zwei wichtigen Punkten von de Metz- 
N ob lat ab. Dieser bemüht sich, die Übereinstimmung der 
klassischen Nationalökonomie mit der katholischen Religion zu 
erweisen 2 ). Périn aber erklärt im Namen des Katholizismus 
dem Klassizismus den Krieg und kämpft aufs heftigste gegen 
ihn an. Allerdings ist seine ökonomische Theorie auch ein 
nichtinterventionistischer Individualismus. Zum zweiten ist 
für de Metz-Noblat die theoretische, reine Nationalökonomie 
') „Charles Périn, geb. 1815 in Mans, studierte in Löwen Hechts- und 
Staatswissenschaft und wurde Advokat in Brüssel. 1844 berief ihn der belgische 
Episkopat auf den Lehrstuhl für öffentliches Recht an der katholischen Uni 
versität in Löwen. 1845 übernahm er dort den durch den Abgang de Coux’ 
freigewordenen Lehrstuhl für Nationalökonomie. 1881 trat er, infolge eines Zer 
würfnisses mit dem Episkopat von seiner Lehrtätigkeit zurück und ging als 
Rechtsanwalt nach Mons. Er starb 1905. Von den zahlreichen Schriften Rärins 
seien nur diejenigen erwähnt, in welchen die ihm eigentümlichen Anschauungen 
am zusammenhängendsten zum Ausdruck kommen. Es sind dies : De la Richesse 
dans les Sociétés Chrétiennes, zuerst 1861, seither mehrere Auflagen ; Les Lois 
de la Société Chrétienne, 1875 ; Premiers Principes d’Economie Politique, zuerst 
1888, dann mehrfach. 
2 ) „Die Nationalökonomie (d. h. die klassische) ist weit entfernt davon, 
mit dem Geiste des Evangeliums in Widerspruch zu stehen; sie beweist vielmehr 
in ihrer Art dessen göttlichen Ursprung. Sie zeigt nämlich, daß die Einrich 
tungen und die Disziplin der Kirche vollständig mit den Grundsätzen einer ganz 
modernen Wissenschaft übereinstimmen (gemeint ist Malthus’ Bevölkerungslehre) ; 
sie zeigt, daß selbst in rein materiellen Dingen die Religion den Gläubigen 
immer die Ratschläge und die Vorschriften gegeben, welche am geeignetsten 
waren, die öffentliche Wohlfahrt zu sichern ; sie zeigt endlich, daß alle wirt 
schaftlichen Fragen in der Übung der christlichen Tugenden jene Lösung 
finden, welche den Schwachen und Unglücklichen am günstigsten ist.“ de Metz- 
Noblat, loc. cit. p. XXXIX.
        <pb n="235" />
        Die Nichtinterventionisten 
209 
eine selbständige, von Moral und Religion unabhängige Wissen 
schaft. Das katholische Sittengesetz als Prinzip des wirtschaft 
lichen Handelns verweist er in die Yolks Wirtschaftspolitik. Périn 
dagegen nimmt das katholische Sittengesetz zum Ausgangspunkt 
und baut auf dieses seine Wirtschaftstheorie auf, dabei Mate 
rielles und Ethisches, Seiendes und Seinsollendes bunt durch 
einander mengend. Die Prinzipien, lehrt Périn, d. h. die 
höheren und allgemeinen Wahrheiten, welche der Wissenschaft 
zugrunde liegen, folgen entweder aus den sittlichen Begriffen, 
die das Menschenleben beherrschen, oder aus den durch Be 
obachtung erkannten Tatsachen. Die Beobachtung und Be 
urteilung der Tatsachen ist aber bei Périn immer von den 
a priori gegebenen, ethischen Prinzipien beherrscht. 
Das Gebiet der Nationalökonomie, meint er, befindet sich 
auf der Grenze zwischen der Welt des Geistes und derjenigen 
der Materie. Die Nationalökonomie hat also zugleich die Gesetze 
zu erforschen, welche die sittliche Welt beherrschen, sowie 
jene, welche die materielle Welt regieren. Der Zweck der 
Nationalökonomie ist ein praktischer : das größtmögliche Wohl 
ergehen der in Gesellschaft lebenden Menschen zu sichern und 
zwar unter Umständen, in denen die materiellen Güter zur Er 
reichung des wesentlich in der sittlichen, nicht in der materiellen 
Ordnung liegenden Zieles des menschlichen Lebens dienen 
können. „Im wirtschaftlichen Handeln der Menschen hängt 
alles vom Sittengesetz ab, weil die Arbeit naturgemäß eine sitt 
liche Kraft ist. Wir müssen darum die Lösung der wirtschaft 
lichen Fragen in erster Linie von den Lehren und Prinzipien 
der sittlichen Ordnung erfragen. Das ist das Hauptmerkmal 
der wahren Methode der Volkswirtschaftslehre“ *). Das Ziel, 
das sich der Mensch legitimer Weise in der wirtschaftlichen 
Ordnung setzen kann, ist an zwei Bedingungen gebunden : 
1. daß er sein ganzes Tun und Lassen dem Sittengesetz unter 
ordne; 2. daß er in den vom Sittengesetz gezogenen Grenzen 
alle Kräfte, alle Brauchbarkeiten, die ihre Außenwelt der Arbeit 
zu bieten vermag, in Tätigkeit setze. 
Das christliche Sittengesetz, die Triebfeder alles wirtschaft- 
b Ch. Périn, Premiers Principes ¿'Economie Politique. 2. Ausi., Paris, 
1895, p. 3. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich, 
14
        <pb n="236" />
        210 
Die Gründer der heutigen Schulen 
liehen Handelns der Menschen, gipfelt in dem Grundsatz der 
Entsagung. „In der materiellen Ordnung wie in der sittlichen 
kann etwas wahrhaft Großes und Nützliches nur durch die Ent 
sagung geschehen Das Prinzip der Entsagung ist die 
allgemeine Vorbedingung jeden Fortschritts, weil es die erste 
Vorbedingung der Vereinigung des Menschen mit Gott ist . . . 
es ist das erzeugende und erhaltende Prinzip einer jeden Kul 
tur“ *). Genau wie das Leben aus dem Tode geboren wird, wie 
der Mensch durch Entsagung die volle Selbstbeherrschung er 
langt, wie die Größe aus der Demut hervorgeht, so erzeugt die 
Verachtung der irdischen Güter den Reichtum. Das lehrt das 
Beispiel der christlichen Völker ; sie blühen und gedeihen. „Die 
Entsagung ist in der sozialen Ordnung die verborgene Kraft, 
die alles bewegt und erhält ; die materielle Blüte und der Glanz 
der Kultur der menschlichen Gesellschaft sind immer im direkten 
Verhältnis .... zu deren Entsagung“ 2 ). 
Das Grundgesetz der Entsagung erzeugt Harmonien im 
Wirtschaftsleben 3 ). Die Arbeit ist die allgemeinste Betätigung 
der Entsagung. Durch diese wird die Arbeit eine energische 
und intelligente. Der Geist der Entsagung sichert die Freiheit*). 
Die Entsagung schaßt durch Sparen das Kapital. Sie wirkt 
ferner befruchtend auf die Arbeitsteilung und die Arbeitsver 
einigung, welche nötig sind, um die materielle Welt dem Menschen 
untertan zu machen. Denn die Arbeitskraft des Einzelnen hängt 
*) Ch. Périn, De la Richesse dans les Sociétés Chrétiennes, 1861, im 
Vorwort. 
2 ) Ch. Périn, Premiers Principes ¿'Economie Politique, Aufl. von 1895, 
p. 8—9. 
3 ) ibid. p. 67 ff. 
*) Allerdings bedarf die Freiheit, wie Périn sie meint, einer Begriffsfest 
setzung. Für Lamennais und die liberalen Katholiken vor 48 war die Freiheit 
das Primäre, welches Wohlergehen und Ordnung in sich schloß. Périn dagegen, 
und wie wir sehen werden, auch Le Play, betrachten die sittliche Ordnung und 
das materielle Wohlergehen als das Primäre; die Freiheit tritt nur als Mittel 
hinzu, insoweit sie zur Verwirklichung jener als geeignet erscheint. Die vorher 
gehende Epoche warf gerne die Freiheit mit der politischen Demokratie zu 
sammen; Périn ist aber sorgsam bestrebt, sie auseinander zu halten. Er betont 
vielmehr die Notwendigkeit der Paarung von Freiheit und Autorität. Die poli 
tische Demokratie bekämpft er als revolutionär, als aus dem Individualismus 
hervorgehend, als Ohnmacht und Knechtschaft. Vgl. Ch. Périn, Premiers Prin 
cipes ¿’Economie, Politique, p. 36 ff. und M. Eblè, loe. cit. p. 63—64.
        <pb n="237" />
        Die Nichtinterventionisten 
211 
ab von dessen Fähigkeit zur Assoziation. Diese verlangt zwei 
Dinge: Energie des individuellen Wollens und Leichtigkeit, sich 
fremdem Willen zu beugen. Beides wird nur durch die Übung 
der Entsagung erworben. Die Entsagung verhindert schranken 
lose Konkurrenz und Überproduktion. Sie gibt den Geschmack 
am Stilleben, fördert damit den Ackerbau und wirkt dem Prozeß 
der Industrialisierung entgegen. 
Die Leichtigkeit des Tausches beruht hauptsächlich auf 
dem Kredit. Dieser ist das Resultat von Gewohnheiten der Ehr 
lichkeit und Moralität, welche dem Geiste der Entsagung ent 
springen. Die Entsagung und der Opfersinn triumphieren 
über die Hindernisse des Verkehrs und fördern die allseitige 
Annäherung der Völker. Daher wohnt ihnen eine Tendenz zum 
Freihandel inne. Der Geist der Entsagung hindert die Über 
bevölkerung; er hilft gegen den Alkoholismus und alle Schäden 
der Industrialisierung. 
Die hauptsächlichsten Kräfte des Wirtschaftslebens, welche 
die Entsagung auslöst, sind Arbeit und christliche Nächstenliebe. 
Diesen beiden Kräften entsprechen die Betätigung von Assozia 
tion, auf Seite der Arbeiter, und Patronage, auf Seite der Arbeit 
geber. Assoziation und Patronage sind wirtschaftliche Harmonien ; 
sie sind imstande, die Wirtschaftsordnung umzugestalten. Unter 
dieser Umgestaltung der Wirtschaftsordnung versteht Per in 
keineswegs eine Änderung der Grundlagen derselben; er hält 
grundsätzlich fest an der bestehenden Eigentumsordnung und 
an dem Individualismus und Nichtinterventionismus der klassi 
schen Schule, obwohl er diese selbst leidenschaftlich bekämpft. 
Er bekennt sich zu Ricardos Rentenlehre in ihrer ursprüng 
lichen Reinheit und zu Malthus’ Bevölkerungsgesetz, welches 
er als Argument zugunsten des Priesterzölibats der katholischen 
Kirche verwertet 1 ). Seine Staatsauffassung ist die des Rechts- 
nicht des Wohlfahrtstaates 2 ). Was ihn aber von der klassischen 
1) Vgl. J. Bambaud, Histoire des Doctrines Economiques, 2. Ausi., 1902. 
p. 455—456. 
2 ) Gewiß äußert Périn manchmal, die Mißbräuche der Freiheit bedürften 
staatlicher Repression (z. B. Le Socialisme Chrétien, p. 32) ; aber welcher An 
hänger des französischen Klassizismus schreibt das nicht? Die Grundstimmung 
bei Périn ist eine nichtinterventionistische, staatsfeindliche. Die Intervention der 
katholischen Kirche ruft er allerdings mit der ganzen Kraft seines leidenschaft 
lichen Temperaments herbei. Vgl. M. EbU, loc. eit. p. 69 ff., p. 102.
        <pb n="238" />
        212 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Schule trennt, ist die Unterwerfung der Nationalökonomie unter 
das katholische Sittengesetz, die Erhebung des Grundsatzes der 
Entsagung zum wirtschaftlichen Prinzip xai' èÇoxÿv. Wesentlich 
im Geiste des Nichtinterventionismus bleibt er, wenn er die 
angestrebte Sanierung der Wirtschaftsordnung von der freien 
Betätigung der christlichen Nächstenliebe, von den Wohlfahrts 
einrichtungen der Arbeitgeber und von dem genossenschaft 
lichen Zusammenschluß der Arbeiter erwartet. 
Durch seinen Nichtinterventionismus ist Périn der Vater 
der Schule von Angers geworden, keineswegs aber durch seine 
Theorie der Entsagung, welche von seinen eigenen Anhängern 
bekämpft und widerlegt wird 1 ). 
Gewiß bedeuten Entsagung und Selbstbeherrschung eine 
große Kraft im Wirtschaftsleben wie auf allen andern Gebieten 
menschlicher Betätigung. Aber die Entsagung zum Prinzip der 
Wirtschaftswissenschaft zu machen, ist doch ein paradoxales, 
utopisches und geradezu unwissenschaftliches Unterfangen. 
Methodologisch ist Péri ns System darum unhaltbar. Damit 
soll keineswegs gesagt sein, daß die Einführung des Momentes 
der Entsagung als eine der Triebfedern des menschlichen Han 
delns in die Volkswirtschaftslehre abzuweisen sei: Périn aber 
verläßt den Boden der Tatsachen und macht einen Ikarusflug 
nach dem Vorbilde B as ti at s. 
Frédéric Le Play (1806—1882) 2 ). Le Play ist eine der 
x ) Vgl. die ausführliche Widerlegung bei J. Rambaud, loc. eit. p. 453 ff. 
2 ) Le Play wurde am 11. Februar 1806 in le Rivage bei Sondeur als 
Sohn eines Zollkontrolleurs geboren. Er verlor früh den Vater und wurde von 
seiner Mutter, die eine energische, arbeitsame und tief religiöse Frau war, er 
zogen. Er besuchte das Gymnasium im Havre und kam, noch sehr jung, an die 
Ecole Polytechnique in Paris. Er widmete sich dem Berg- und Hüttenfach, 
besuchte die Ecole des Mines, an welcher er bald eine Professur für Metallurgie 
erhielt. 1849 gab er diese auf, um sich seinen sozialwissenschaftlichen Studien 
in vollem Maße widmen zu können. Er wurde dann noch Generalkommissär 
mehrerer Weltausstellungen, 1856 und 1867 in Paris, 1862 in London, und be 
gründete als solcher die Abteilungen für Arbeiterschutz und -Wohlfahrt, welche 
bei den Pariser Weltausstellungen von 1889 und 1900 zu bedeutender Entwick 
lung gelangten und zur Einrichtung ständiger Ausstellungen führten: so im 
Musée Social in Paris, in den Charlottenburger und Münchener Arbeitermuseen 
u. a. m. Unter dem zweiten Kaiserreich war Le Play, für dessen Ideen Napo 
leon III sich begeistert hatte, Senator. Nach 70 widmete er sich ausschließlich 
schriftstellerischer und propagandistischer Tätigkeit. Er starb in Paris am
        <pb n="239" />
        Die Nichtinterventionisten 
213 
eigenartigsten Gestalten des XIX. Jahrhunderts. Er hat eine 
originelle Methode ersonnen und ein großzügiges Lehrgebäude 
der Sozialwissenschaft geschaffen. Wirtschafts- und Gesellschafts 
ordnung sind in demselben so innig verschmolzen, daß eine 
getrennte Darstellung der rein wirtschaftlichen Ideen Le Plays 
nicht angeht. Wir werden darum das Ganze in kurzen, alles 
Wesentliche in möglichst scharf treffenden Zügen darzustellen 
versuchen. 
Bde., 
ohne 
5. April 1882, kurz nach Gründung der lange von ihm geplanten und vor 
bereiteten Zeitschrift La Réforme Sociale. 
Le Play veröffentlichte an sozial wissenschaftlichen Werken: 
Les Ouvriers Européens. Etudes sur les travaux, la vie domestique et la 
condition morale des populations ouvrières de l’Europe, 6 Bde. in Folio 1855 ; 
2. Ausi. 6 Bde. in 8 o 1877—79. (Bd. I: Méthode Sociale; Bd. II: Ouvriers 
d’Orient; Bd. III: Ouvriers du Nord; Bd. IV—VI: Ouvriers d’Occident und 
zwar Bd. IV : Populations Stables ; Bd. V : Populations Ebranlées ; Bd. VI : 
Populations désorganisées). 
La Réforme Sociale en France erst 2, in den spätern Auflagen 3 
zuerst 1864, 7. Aud. 1878. 
L'Organisation du Travail, zuerst 1870, letzte Auflage 1906. 
U Organisation de la Famille, 1870, 4. Ausi. 1875. 
La Constitution de VAngleterre, 2 Bde., 1875. 
La Constitution Essentielle de l’Humanité, zuerst 1879, 2. Ausi. 
Datum. 
La Mähode Sociale, Abrégé des Ouvriers Européens 1879. Daneben 
mehrere Broschüren und Korrespondenz. 
Über Le Play besteht eine ausgedehnte Literatur. Die obige Darstellung 
stützt sich im Wesentlichen auf die Urquellen. Daneben wurden berücksichtigt : 
Ad. von Wenckstern, Le Play (Dissert.) in Schmollers Jahrb. 1894, p. 1 ff. 
Paul Lenoir, La doctrine de Le Play et l’économie politique, (Dissert.) 
Caen 1898. 
Maurice Vignes, La Science Sociale d’après les principes de Le Play et 
de ses continuateurs, 2 Bde., Paris, 1897. 
F. Auburtin, Frédéric Le Play d’après lui-même, Paris, 1906. 
Urbain Guérin, La Méthode d’Observation in: Réforme Sociale, Jahrg. I 
(1881), Bd. I, p. 443 fis. und Bd. II, p. 7 ff. 
M. Eblé, Les Ecoles Catholiques d’Economie politique et sociale en France, 
(Dissert.) Paris, 1905, Kap. II, § 1 u. § 3, p. 54 ff. (enthält eine bemerkenswerte 
Parallele zwischen Le Play und Ch. Périn). 
J. Rambaud, Histoire des Doctrines Economiques, 2. Aufl., Paris, 1902, 
p. 471 ff. 
Endlich die Le Play betr. Artikel der bekannten Lexika. 
'VT 1 
i !
        <pb n="240" />
        214 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Zunächst die Methode. Le Plays Methode 1 ) besteht in 
der Aufnahme von Familienmonographien in einem bestimmten, 
äußerst fein und tiefgreifend ausgearbeiteten Rahmen. Aus dem 
so gewonnenen Material induziert Le Play ein festgefügtes 
System, das er kurzweg „Za Science sociale“ nennt. Die Methode 
Le Plays ist also möglichst genaue und allseitige Tatsachen 
beobachtung auf einem bestimmten Gebiete und Induktion daraus. 
Man würde sich jedoch täuschen, wenn man glaubte, sie sei 
voraussetzungslos. Als Voraussetzungen derselben sind minde 
stens drei zu erwähnen: 1. Le Plays Auffassung von Gegen 
stand und Ziel der Sozialwissenschaft; 2. die Anschauung, daß 
die Pamilie, nicht das Individuum, die Urzelle der Gesellschaft 
ist; 3. die Überzeugung, daß der Mensch nicht von Natur gut, 
sondern schlecht geboren wird. Hierzu kommt noch allenfalls 
als von vornherein Gegebenes Le Plays Gegnerschaft zu den 
Prinzipien von 1789 und sein Mangel an Verständnis für den 
Kulturwert der Errungenschaften der großen französischen Re 
volution. 
Le Plays Auffassung von Gegenstand und Ziel der Sozial 
wissenschaft geht auf de Donald zurück, und zwar in folgen 
der Weise. 
Durch die Lektüre Montaignes und Descartes’ war 
er auf den Standpunkt des cartesianischen Zweifels gekommen, 
bildete sich ein, alles, bis auf die Gesetze des formalen Denkens, 
von sich geworfen zu haben, und suchte, wie Descartes, nach 
einem Ausgangspunkt zum Wiederaufbau einer Weltanschauung. 
Er war damals mit seinem Freunde und späteren Reisegenossen 
Jean Renaud, mit Michel Chevalier u. a. Student an der 
Pariser Bergakademie. Das Interesse dieses Milieus war in 
hohem Maße auf die sozialen Zeitfragen gerichtet. Während 
x ) Unter Methode versteht Le Play ein doppeltes: 1. Das wissenschaftliche 
Investigationsverfabren. In diesem Sinne ist das Wort oben gebraucht. 2. Die 
Mittel und Wege, die ein Volk gebrauchen kann und soll, um den sozialen 
Frieden zu erhalten oder wieder zu gewinnen. Diese Mittel sind: a) die Nach 
ahmung der Einrichtungen, Sitten usw. der „blühenden“ Völker und b) das 
Zurückkehren zu bezw. Festhalten an denjenigen eigenen nationalen Traditionen 
glücklicher Epochen, welche mit den Notwendigkeiten der Gegenwart in Ein 
klang gebracht werden können. Le Play, Organisation du Travail, p. 366. Von 
der Methode in diesem zweiten Sinn weiter unten.
        <pb n="241" />
        Die Nichtinterventionisten 
215 
aber M. Chevalier und Jean Renaud sich für die Saint-Simonisti 
schen Anschauungen begeisterten, fühlte sich Le Play eher 
unter dem Einfluß der Erziehung, die er genossen, zu den 
reaktionären, gesellschaftsreformatorischen Plänen de Donalds 
hingezogen. Bei de Donald fand er nun den Satz: „Es gibt 
Naturgesetze für den Ameisen- und Bienenstaat; wie könnte 
man glauben, daß es für die menschliche Gesellschaft keine 
gebe und daß diese dem Zufall menschlicher Erfindungen preis 
gegeben sei?“ Die Notwendigkeit der Existenz von Natur 
gesetzen der menschlichen Gesellschaft leuchtete Le Play mit 
Evidenz ein, und in ihr hatte er nunmehr den gesuchten Aus 
gangspunkt einer Sozialphilosophie gefunden. „Gibt es solche 
Gesetze,“ folgerte er, „so sind die menschlichen Gesellschaften 
offenbar gehalten, sich denselben zu unterwerfen; tun sie dies, 
so können sie nicht anders als glücklich sein ; überschreiten sie 
aber jene Gesetze, so müssen sie eben leiden“ x ). Und auf Grund 
der allgemeinen Tatsache, daß es blühende und leidende Völker 
gibt, stellt Le Play der Sozial Wissenschaft die Aufgabe, die 
Ursachen zu ergründen, welche die Blüte oder das Siechtum 
der Völker bedingen, und die Mittel und Wege ausfindig zu 
machen, welche deren Blüte zu erhalten oder die entschwundene 
wieder herzustellen geeignet sind. Zu dieser Begriffsbestimmung 
der Sozialwissenschaft war Le Play bereits 1829 gelangt 2 ). Sie 
ist die Grundlage und der Ausgangspunkt seiner späteren 
Arbeiten. 
Die zweite Voraussetzung, welche der Le Play sehen Me 
thode zugrunde liegt, ist die Anschauung, die Familie, nicht das 
Individuum, sei die Urzelle der Gesellschaft. Ihm gilt die 
„evidente Tatsache“, daß „die Völker nicht aus Individuen, 
sondern aus Familien bestehen. Die Beobachtungsarbeit, welche 
unbestimmt wäre und keine Schlußfolgerungen zuließe, wenn 
sie sich an einem Orte auf die Individuen verschiedenen Ge 
schlechtes beziehen müßte, wird präzis begrenzt und beweis 
kräftig, sobald sie die Familien zum Gegenstand hat“ 3 ). Le 
9 F. Auburiin, loc. cit. p. 119. Le Play, Les Ouvriers Européens, 
Bd. I, p. 216. 
2 ) Le Play, Les Ouvriers Européens, Bd. I, p. 216. v. Wenckstern, loc. 
cit. p. 38. 
3 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 220.
        <pb n="242" />
        216 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Play verdankte diese Anschauung den Eindrücken seiner ersten 
Jugend: der reaktionäre Freundeskreis seines Pariser Onkels, 
bei dem er mehrere Jahre lebte, die Geistlichen, mit denen er 
während der Schulferien auf dem Lande verkehrte, insbesondere 
aber der Ingenieur Dan de la Vanterie, welcher ihn im 
Jahre 1823 auf die Pariser Ecole polytechnique vorbereitete, 
hatten ihm nebst vielen andern revolutionsfeindlichen Ideen 
insbesondere auch jene, den Rousseau sehen Lehren diametral 
entgegengesetzte Anschauungen, die Familie und den von Natur 
schlechten Menschen betreffend, tief eingeprägt*). 
Während nun die Zeitgenossen Le Plays sich an der 
Idee des unbegrenzten Fortschritts berauschten und eine Ge 
staltung der Zukunft anstrebten, die, mochte sie eine indivi 
dualistische oder eine sozialistische sein, immer als eine Fort 
entwicklung der großen Revolution gedacht war, unternahm er 
es, gegen den Strom zu schwimmen. Er wollte sein durch die 
Revolution bis ins Mark erschüttertes Vaterland von allem, was 
die Revolution gebracht hatte, befreien und hoffte, dessen Ge 
sundung und glückliche Zukunft durch Wiederbelebung der 
gewaltsam abgebrochenen Traditionen der Vergangenheit zu 
erreichen. Um aber diejenigen Traditionen der Vergangenheit, 
deren treue Befolgung das Glück der Völker bedingt, genau 
kennen zu lernen, beschloß er, sie bei denjenigen Völkern an 
Ort und Stelle zu beobachten, wo sie sich lebendig erhalten 
hatten. „Ich erkannte,“ schreibt er 1864, „daß ich mir erst 
dann genaue Rechenschaft von den Institutionen Frankreichs 
geben würde, wenn ich sie denen fremder Länder gegenüber 
stellte. Um mir nun genügende Vergleichsgegenstände zu 
verschaffen, beschloß ich, meine Beobachtungen auf die 
Gesamtheit der europäischen Völker auszudehnen“ 2 ). Es war 
das Beispiel Descartes, welches ihn zu diesem Ent 
schluß bewog. Eine Bestimmung der Studienordnung der Berg 
akademie, welche den Studierenden je zwei Studienreisen zwecks 
Besichtigung von Berg- und Hüttenwerken vorschrieb, wurde 
die Veranlassung von Le Plays erster sozial wissenschaftlicher 
Forschungsreise. Ein Engländer hatte ihm im Jahre 1815 ge- 
*) Le Play, ibid. cap. I, § 4, p. 17 ff. 
2 ) Le Play, La Réforme Sociale, 1. Ausi., Bd. I, p. 31.
        <pb n="243" />
        uw 
Die Nichtinterventionisten 217 
sagt, daß er in Norddeutschland „die Weisheit“ finden werde 1 ). 
Dorthin lenkte er denn nun auch zuerst seine Schritte und 
durchwanderte in Begleitung seines Freundes Jean Renaud 
Rheinprovinz, Harz, Erzgebirge, Thüringen und Hunsrück. Mit 
der Besichtigung der Berg- und Hüttenwerke verbanden die 
beiden Freunde das Studium der Verhältnisse von Arbeiter 
familien. Auf dieser Reise arbeitete Le Play jene Methode aus, 
vermittels welcher er auf seinen ausgedehnten, 30jährigen Reisen 
durch alle Länder Europas, durch Nordafrika, Zentral- und 
Kleinasien ca. 300 außerordentlich detaillierte und gründliche 
Familienmonographien aufnahm. 
Die Bestandteile der Le PI a y sehen Methode sind: Fest 
stellung der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Verhält 
nisse eines Standorts; Auswahl einer für denselben typischen 
Familie; direkte Beobachtung derselben in drei Stufen: a) Be 
fragung der Familienglieder; b) eigene Beobachtung, sobald dem 
Forscher das nötige Vertrauen entgegengebracht wird, um ihm 
in die intimen Verhältnisse der Familie Einblick zu gewähren; 
c) Kontrolle des gesammelten Materials durch die Autorités 
sociales. Die Resultate der Beobachtung werden im Familienbudget 
kristallisiert. Der Rest der Monographie ist eigentlich nur ein 
Kommentar zum Budget. 
Dieser Überblick bedarf einiger Erläuterungen. 
Als typische Familie für einen bestimmten Standort gilt 
Le Play die Arbeiterfamilie. Darunter versteht er die Familien 
von Bauern, Handwerkern, landwirtschaftlichen und Industrie 
arbeitern usw., kurz alle diejenigen, welche zu ihrem Unterhalt 
und zu dem der ihnen übergegliederten öffentlich-rechtlichen 
Körperschaften auf die Handarbeit ihrer Mitglieder angewiesen 
sind. Wo es keine Unterschiede in Wohlstand, Beruf, Lebens 
weise usw. gibt, wie z. B. bei den Hirten der Kirghisensteppen, 
den Küstenfischern im Norden Skandinaviens oder den Halb 
nomaden der Atlassteppen, genügt es, eine einzige Familie 
methodisch zu beobachten, um das ganze Volk zu kennen. 
Meistens aber leben verschiedene Wohlstands- und Berufsgruppen 
durch- und untereinander an demselben Standort. Bestimmte 
Berufsgruppen werden aber an einem bestimmten Standort ge- 
J ) Le Play, Methode Sociale, p. 35.
        <pb n="244" />
        218 
Die Gründer der heutigen Schulen 
meinsame, sie von andern unterscheidende Grundzüge aufweisen. 
Da wird der Beobachter solche Familien zu wählen haben, 
welche in Besitz, Einkommen, Lebensweise, Kinderzahl, sitt 
lichem und religiösem Denken etwa den Durchschnitt ihrer 
Gruppe darstellen. Immer aber bleiben, auch bei den kompli 
ziertesten Völkern des Abendlandes, die von ihrer Hände Arbeit 
lebenden Familien die große Masse und das eigentliche Volk ! ). 
&gt;) Le Play, Méthode Sociale, p. 208 ft. — Das eigentliche Beobachtungs 
geschäft im konkreten Einzelfall schildert Le Play ganz anschaulich: „(Die 
Monographien) können nur durch eine lange und genaue Enquete zustande 
kommen. Um diese gut zu machen, muß der Beobachter in alle Teile der 
Wohnung eindringen, ein Inventar der Möbel, Arbeitswerkzeuge, des Linnens, 
der Kleider aufnehmen; die Immobilien, das verfügbare Bargeld, die Haustiere, 
die Anlage- und Betriebskapitalien, kurz, den ganzen Besitz der Familie schätzen; 
desgl. die Vorräte; der Beobachter muß ferner die Nahrungsmittel, welche je 
nach der Jahreszeit die verschiedenen Mahlzeiten ausmachen, wägen; er muß 
die Arbeiten der Familienglieder in ihren Details, in und außer dem Hause, ver 
folgen. Das Studium der häuslichen Arbeiten ist hie und da unendlich kom 
pliziert; das ist insbesondere der Fall bei den einfachsten Bassen, welche die 
spinnbaren Rohstoffe selbst züchten, ihre Kleider, ja selbst die Seife, die sie zur 
Wäsche gebrauchen, selbst herstellen. Noch delikater sind die Untersuchungen, 
welche zum Gegenstand haben: das geistige und sittliche Leben, die Religion, 
die Erziehung, die Erholungen, die verwandtschaftlichen und freundschaftlichen 
Gefühle, die Beziehungen zu den Arbeitgebern, den Gesellschaftern, den Dienst 
boten und Lehrlingen, endlich die Besonderheiten der Geschichte der Familie. 
Immerhin ist diese letzte Aufgabe leichter zu erfüllen, als es auf den ersten Blick 
scheint. Denn im allgemeinen erzählen die Arbeiter gern von den Erinnerungen 
ihrer Kindheit, von ihren Eltern, von den Traditionen der Gegend .... Die 
autorités sociales der Ortschaft können übrigens diese Erkundigungen vervoll 
ständigen, sowohl für die Gegenwart aus ihren eigenen Beobachtungen, als für 
die Vergangenheit aus den Papieren, welche ihnen ihre Vorfahren häufig hinter 
lassen haben.“ Le Play gibt dann seinen Schülern Ratschläge, wie sie es bei 
Aufnahme einer Monographie anstellen sollen: „Die Enquete, die ja den Fehler 
hat, mindestens ungewohnt zu sein, rasch durchsetzen wollen ... ; sich zunächst 
das Vertrauen, dann die Sympathie der Familie sichern, indem man sie über den 
Zweck allgemeinen Nutzens und die Hingebung des Beobachters unterrichtet; 
die Aufmerksamkeit der Familienglieder durch Erzählungen, welche sie inter 
essieren können, wach halten ; sie durch Geldentschädigungen für die Zeitverluste, 
die ihnen aus der Enquete erwachsen, schadlos halten ; die Weisheit der Männer, 
die Anmut der Frauen, die Liebenswürdigkeit der Kinder mit dem nötigen Takte 
loben und allen in richtig abwägender Weise kleine Geschenke austeilen. Aber 
alle diese Elemente des Erfolges bleiben unfruchtbar oder werden sogar schäd 
lich, wenn sie nicht durch die Haupttugend befruchtet werden : den wissenschaft 
lich kritischen Sinn des Beobachters.“ Le Play, Méthode Sociale, p. 221 ff.
        <pb n="245" />
        Die Nichtinterventionisten 
219 
Unter Autorités sociales versteht Le Play „Männer, welche 
durch ihre Tugend Muster des Privatlebens geworden sind; 
welche durch das Beispiel, das sie am häuslichen Herd, wie an 
ihrer Arbeitsstätte geben, durch die gewissenhafte Befolgung des 
Dekalogs und der Gewohnheiten des sozialen Friedens die Liebe 
und die Achtung aller derer, die um sie leben, sich erwerben, 
welche endlich in ihrer Nachbarschaft die Entwicklung von Wohl 
stand und Frieden fördern“ 1 ). Le Play hat in allen Gegenden 
und bei allen Familien, welche er zum Gegenstand seiner En 
quete machte, den wohltuenden Einfluß solcher Menschen fest 
stellen können. Bald erfüllte deren Ruf die Gegend, und er 
kannte sie, bevor er noch eine Familie zur Beobachtung aus 
gewählt. Meistens waren es dann Gutsbesitzer, Geistliche, Lehrer. 
Häufig aber waren es bescheidene Handwerker oder Bauern, 
welche einen weitreichenden, segensreichen Einfluß auf Familien 
ausübten, die von ihnen unabhängig waren. Und Le Play 
erhielt wohl erst davon Kenntnis, wenn er bereits in die Ver 
hältnisse der von ihm beobachteten Familien eingedrungen war. 
Auf die Autorités sociales legt Le Play außerordentlichen 
Wert. Von ihnen wurde er in seinen konservativen Anschau 
ungen bestärkt: „Diese Männer aus allen Ständen,“ schreibt er, 
„haben mein Denken in glücklichster Weise beeinflußt. Sie 
haben die Irrtümer, welche die Anschauungen, die Sitte und 
die Einrichtungen meines Vaterlandes trotz der Unterweisungen 
meiner ersten Lehrer meinem Geiste eingeprägt hatten, beseitigt. 
Von ihnen lernte ich das Wahre vom Falschen in einer Menge 
von Dingen, über die ich im Zweifel geblieben, unterscheiden, 
und ich erkannte, daß sie die wahren Lehrer der Sozialwissenschaft 
sind. Diese Wahrheit erkannte ich klar im Jahre 1845. Ich 
hatte mich während sechzehnjährigen, ausdauernden Forschungen 
häufig darüber gewundert, daß ich in der Sozialwissenschaft 
noch nicht eine unbekannte Wahrheit entdeckt hatte, während 
ich solchen Entdeckungen auf metallurgischem Gebiete bereits 
einen gewissen Ruf verdankte. Ich sah nunmehr ein, daß die 
sozialen Wahrheiten sehr einfacher Natur sind. Ich erkannte, 
daß sie von jenen Männern, welche die Kunst verstehen, den 
Frieden in ihrer Umgebung herrschen zu machen, sicher ge- 
') Le Play, Méthode Sociale, p. 446.
        <pb n="246" />
        220 Die Gründer der heutigen Schulen 
wahrt werden. Ich glaubte endlich, die langersehnte Entdeckung 
gemacht zu haben, daß der Fortschritt der sozialen Verfassungen 
im Umgang der Weisen unserer Zeit zu lernen sei. . . . Aber 
auch darin wurde ich, wenn auch angenehm, enttäuscht: denn 
ich stellte bald fest, daß Plato zwanzig Jahrhunderte vor mir 
die wahren Meister der Sozialwissenschaft erkannt und in den 
selben Worten beschrieben hatte, wie ich. Der einzige Unter 
schied zwischen ihm und mir ist, daß ich jene Männer autorités 
sociales nannte, während er sie vielleicht zutreffender als gött 
liche Menschen bezeichnete“ *). 
Über das Familienbudget, den Kristallisationspunkt einer 
jeden Monographie, schreibt Le Play: „Wie man durch das 
Studium meiner in dem Werk Ouvriers Européens enthaltenen 
Monographien feststellen kann, laufen alle Handlungen, welche 
die Existenz einer Arbeiterfamilie ausmachen, direkt oder in 
direkt auf eine Einnahme oder Ausgabe hinaus. Es liegt nun 
in der Natur der Dinge, daß die Einnahmen einer Familie, in 
Geld geschätzt, der Summe der Ausgaben und Ersparnisse gleich 
sind. Daraus folgt, daß ein Beobachter eine Familie vollständig 
kennt, wenn er nach Analyse sämtlicher Elemente, welche in 
den beiden Teilen des häuslichen Budgets enthalten sind, zu 
einer genauen Übereinstimmung der beiden Summen gelangt. 
Dieses Prinzip der Methode scheint auf den ersten Blick die 
Sozialwissenschaft auf das Studium der materiellen Elemente 
des menschlichen Lebens zu reduzieren. In Wirklichkeit führt 
es auf dem direktesten Wege zum entgegengesetzten Resultat. 
Diese Wahrheit wird häufig auffallend evident durch die Ver 
gleichung von Familienbudgets. Ja häufig ist eine einzige Ziffer 
in diesem Sinne beredter als eine lange Rede. So kann man 
z. B. an der Verkommenheit des Schiffsausladers aus den Pa 
riser Vororten keinen Zweifel mehr haben, wenn man durch 
die Lektüre seines Budgets (Ouvriers Européens, Bd. VI: IX, 15) 
erfahren hat, daß er jährlich 185 Frs., gleich 12% seines Ein 
kommens ausgibt, um sich im Wirtshaus zu berauschen, wäh 
rend er keinen Centime auf die Erziehung seiner fünf 4- bis 
14jährigen Kinder verwendet“ 2 ). 
*) Le Play, Méthode Sociale, p. 388—389 (Ouvriers Européens, Bd. I, 
Buch I, cap. 12 § 5). 8. auch Plato, IIsqí roiç Nóyoiç, Buch XII. 
2 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 225 ff.
        <pb n="247" />
        Die Nichtinterventionisten 
221 
Le Play unterscheidet vier Einnahmequellen der Arbeiter 
familie : a) Einnahmen aus der Bewirtschaftung des Eigentums ; 
b) Subventionen (Nutznießungsrechte, Zuwendungen von Sach 
gütern und Dienstleistungen); c) Arbeitslohn und d) event. Ge 
winn aus häuslichen Gewerben. Dementsprechend gliedert er 
das Einnahmebudget in vier Abteilungen. Das Ausgabenbudget 
hat fünf Kapitel, nämlich Ausgaben für: a) Nahrung, b) Woh 
nung, c) Kleidung, d) sittliche Bedürfnisse, Erholung und Ge 
sundheitspflege, e) Schuldentilgung, Steuern, Versicherung und 
event. Verlust aus häuslichen Gewerben. Je zwei Tabellen 
treten ergänzend zum Budget, nämlich: ein Inventar des Im 
mobiliar- und Mobiliarbesitzes der Familie und ein Spezialkonto 
der von der Familie betriebenen Nebengewerbe, dessen Saldo 
in Gewinn oder Verlust im Familienbudget gebucht wurde. 
Mittels doppelter Spalten in allen Konten führt Le Play 
eine strenge Scheidung zwischen Einnahmen oder Ausgaben in 
Geld und solchen in natura, welche er mit großer Präzision in 
Geldeswert schätzt, durch. Diese Einrichtung belehrt in be 
quemster und übersichtlichster Weise über den Grad des geld- 
oder natural wirtschaftlichen Charakters des Lebens in den beob 
achteten Standorten und Berufsgruppen. Da der Beobachter 
ferner durch sie veranlaßt wird, die Ein- und Ausgänge in natura 
(einschließlich Arbeit für eigene Rechnung) zu buchen, so muß 
den in Le Playschem Rahmen aufgenommenen Familienbudgets 
ein höherer, wissenschaftlicher Wert zuerkannt werden, als den 
von Engel bevorzugten Haushaltungsbüchern eignet. Die von 
Le Play aufgenommenen Familienbudgets sind nicht Durch 
schnittsberechnungen, sondern die genaue Rechnungsablegung 
eines bestimmten meist des letzten Wirtschaftsjahres der beob 
achteten Familien. 
Zu jedem Budget tritt ein erläuternder Text, den eine 
detaillierte Beschreibung des Standorts der Familie und der 
lokalen Arbeitsorganisation einleitet; derselbe schließt mit einer 
Geschichte der Familie und einer Darstellung der für das Leben 
derselben erheblichen „Elemente der sozialen Verfassung“ des 
betreffenden Landes x ). 
x ) „In diesem (letzten) Abschnitt werden die sozialen Erscheinungen er 
wähnt, denen der Arbeiter passiv gegenübersteht, und deren gute oder schlimme 
Folgen ihm nicht zugeschrieben werden können. So muß man häufig bei den
        <pb n="248" />
        222 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Von den 300 Familien, über welche Le Play auf seinen 
Forschungsreisen 1829—56 erschöpfendes Material gesammelt, 
hat er 57 in ausführlichen Monographien beschrieben. Diese 
bilden den Inhalt seines sechsbändigen Werkes Les Ouvriers 
Européens. 9 davon behandeln Familien aus dem Orient (Nord 
afrika, Ungarn, Bulgarien, europäisches und asiatisches Ruß 
land); 9 solche aus dem Norden (Norddeutschland, England, 
Skandinavien); 39 solche aus dem Ocident (Mittel-, West- und 
Südeuropa). Aus seinen 57 Monographien induziert Le Play 
sein groß angelegtes System der Sozialwissenschaft. Dasselbe kam 
erstmals zusammenhängend zur Darstellung in dem 1864 er 
schienenen Werke: La Besonne Sociale. Bevor wir in dessen 
Darlegung eintreten, ist noch ein Wort über Le Plays Stellung 
nahme zur Geschichte vorauszuschicken. 
Ein flüchtiger Blick über das Lebenswerk Le Plays ge 
nügt schon, um uns erkennen zu lassen, daß sein Hauptaugen 
merk, trotz aller Beobachtung der tatsächlichen, lebendigen 
Gegenwart, auf die Erforschung der Vergangenheit gerichtet ist. 
Er durchwandert die Welt um die Vergangenheit, die Geschichte 
in den Überlieferungen zu studieren, die bis in die Gegenwart 
hinein reichen. Paul Leroy-Beaulieu hat, wie wir gesehen 
haben, diesen Zug der Le Play sehen Methodik übernommen 
und vielfältig angewandt. Es wäre aber ein Irrtum, Le Play 
für den ersten Pfadfinder in dieser Richtung anzusehen. Wir 
wissen nicht, ob er Turgot gelesen hatte. Turgot spricht 
schon den Grundgedanken jenes Verfahrens in folgendem Passus 
seines „Deuxième Discours sur les Progrès successifs de l’esprit 
humain“ mit voller Klarheit aus: „In ihrer unendlichen Mannig 
faltigkeit bietet die gegenwärtige Lage des Erdballs gleichzeitig 
alle Nuancen der Barbarei und der Kultur. Sie zeigt uns ge 
wissermaßen unter demselben Gesichtswinkel die Bewegungen 
und die Spuren aller Schritte des menschlichen Geistes, das 
Bild aller Stufen, die er durchwandert hat, die Geschichte aller 
Zeitalter.“ 
Monographien französischer Arbeiter die unmoralischen Gesetze der Schreckens 
herrschaft hier erwähnen (gemeint ist die zwangsweise gleiche Erbteilung), welche 
periodisch in den armen Familien den häuslichen Herd, der mit großer Mühe 
durch Opferwilligkeit und Vorsorge der Eltern geschaffen wurde, zerstört.“ Le 
Play, Méthode Sociale, p. 238—239.
        <pb n="249" />
        Die Nichtinterventionisten 
223 
Für Geschichtsforschung im gewöhnlichen Sinne hatte L e 
Play persönlich wenig Geschmack. Doch war er weit entfernt 
davon, deren Hilfe zu verschmähen oder zu verachten, wie 
Leroy-Beaulieu. Seine Korrespondenz mit seinem Freunde 
und Schüler de Ribbe, von dem wir zu sprechen haben wer 
den, legt Zeugnis ab für die große Wertschätzung, welche er 
dessen historischen Arbeiten entgegenbrachte. Er selbst macht 
von den gesicherten Ergebnissen historischer Forschung in seinen 
Werken ausgiebigen Gebrauch. 
Le Plays System der Sozialwissenschaft gipfelt in dem, was 
er Constitution essentielle de l’humanité nennt. Es ist dies „der 
Inbegriff der Anschauungen, der Sitten und der Einrichtungen, 
welche die beiden wesentlichen Bedürfnisse des Menschen befrie 
digen“. Diese beiden Bedürfnisse sind : Die Kenntnis des Sitten 
gesetzes und der Besitz des täglichen Brotes. Geschichte und zeit 
genössische Beobachtung der europäischen Völker lehren uns 
die Elemente der „wesentlichen Verfassung 11 einer menschlichen 
Gesellschaft kennen. Die Familie, welche aus der menschlichen 
Natur folgt, als soziale Einheit vorausgesetzt, gibt es dieser 
Elemente sieben und zwar vier sittliche und drei materielle. Die 
ersteren zerfallen in zwei Grundlagen (fondements), der Dekalog 
und die väterliche Autorität, und zwei Bindeinittel (ciments), 
Religion und Souveränität ; die drei materiellen sind : das Grund 
eigentum in seinen drei Formen als Gemeineigen, Patronage 
und individuelles Eigen. Die Gesellschaftsordnung eines Volkes 
ist gut, wenn sie 1. diese 7 Elemente und 2. die Jahrhunderte 
alten Gebräuche (coutumes), welche deren Erhaltung sichern, 
aufweist. Kennzeichen einer schlechten Sozialverfassung sind 
dagegen : Das teilweise Fehlen der sieben wesentlichen Elemente 
(und der daraus folgenden Gebräuche) und deren Ersatz durch 
geschriebene Gesetze. Das natürliche Ziel der wesentlichen 
Verfassung der menschlichen Gesellschaften ist das Glück der 
Gruppen wie der Individuen. Die hauptsächlichsten Kenn 
zeichen dieses Glückes sind die Stabilität der bestehenden Ein 
richtungen und der soziale Frieden 1 ). Das ist das System Le 
Plays in kürzester Zusammenfassung. Um uns dessen Ver- 
') Le Play, Méthode Sociale, p. 132 ff.; ibid.: Vocabulaire social, Artikel 
Constitution essentielle, Constitution sociale, Besoins essentiels usw.
        <pb n="250" />
        224 
Die Gründer der heutigen Schulen 
ständnis zu erleichtern, werden wir gut tun, uns an eine andere 
Gruppierung der Elemente desselben zu halten, nämlich an die 
jenige, welche Le Play seinem zweiten großen Werke La Ré 
forme Sociale zugrunde legt. Dort unterscheidet er sieben Kate 
gorien der Sozialreform. Es sind: Religion, Eigentum, Familie, 
Arbeit, Genossenschaft, private Beziehungen, Staatsgewalt. Bei allen 
Völkern haben sich Einrichtungen auf diesen sieben Gebieten 
herausgebildet. Wenn sie derart sind, daß sie die beiden 
wesentlichen Bedürfnisse der Menschheit (Kenntnis des Sitten 
gesetzes und Besitz des täglichen Brotes) befriedigen, so ist ein 
Volk glücklich. Diese so gearteten Einrichtungen machen eben 
die Constitution essentielle de l’humanité aus. 
1. Religion. Le Play unterscheidet Sittengesetz und 
Religion. Da der Mensch von Natur zum Bösen neigt, braucht 
er die Hilfe des Sittengesetzes, um nicht zugrunde zu gehen. 
Dieses Sittengesetz nennt Le Play mit Bischof Dupanloup 
den ewigen Dekalog. Er versteht darunter die den Menschen 
von Gott in der Uroffenbarung gegebenen sittlichen Vorschriften, 
welche allen blühenden Völkern, Zeiten und Religionen gemein 
sam waren oder sind. Der jüdische Dekalog gibt die beste 
Zusammenstellung dieser Vorschriften. Le Play ist bestrebt, 
die Übereinstimmung der Sittengesetze der andern großen Reli 
gionen mit jenem Dekalog nachzuweisen. Andererseits schreibt 
er: „Auf meinen weiten Reisen habe ich immer nach Familien 
gruppen geforscht, welche ohne Hilfe des der Obhut der väter 
lichen Gewalt anvertrauten Dekalogs sich hätten bilden können. 
Ich habe häufig eine Belohnung für den Nachweis einer solchen 
sozialen Erscheinung ausgesetzt. Aber alle meine Anstren 
gungen blieben fruchtlos. Ich habe nie erfahren, daß die An 
hänger dieser Neuerung die geringste Nachbarschaft zu gründen 
vermocht hätten“ x ). 
Der Dekalog ist die erste und wesentlichste Grundlage der 
menschlichen Gesellschaften. Er wird geschützt durch die 
väterliche Autorität und die Religion. Von ersterer wird bei 
der Erörterung der Familie zu reden sein. Die Religion definiert 
Le Play als „den Inbegriff der Dogmen und Riten, welche 
durch Ausübung des Kultus die väterliche Autorität unterstützen 
') Le Play, Les Ouvriers Européens, Bd. IV. Indroduction, § 1.
        <pb n="251" />
        Die Nichtinterventionisten 
225 
zwecks Sicherung der Befolgung des Dekalogs und der Erhal 
tung des sozialen Friedens“ *). Dieser unbestimmte und äußer 
liche Religionsbegriff verengerte sich bei Le Play immer mehr 
zu dem des kirchlichen Katholizismus. Ebenso wurde aus dem 
Dekalog, als Grundlage und Vorbedingung speziell der Reor 
ganisation der Gesellschaftsordnung Frankreichs, zunächst ein 
durch das Evangelium vervollkommnetes Sittengesetz, dann aber 
immer mehr das katholisch-kirchliche. Es ist dies ein Denk 
prozeß, der weder bei Le Play, noch bei seinen Schülern 
beider Observanzen bis heute zur klaren und vollen Ausreifung 
gedieh. Insbesondere die Gruppe der Science Sociale verwahrt 
sich entschieden dagegen, daß die Le Play sehe Lehre das 
katholisch-kirchliche Sittengesetz und die katholische Religion 
als wesentliche Elemente einer gedeihlichen Sozialordnung hin 
stelle. Um sichern Boden unter den Füßen zu behalten, emp 
fiehlt es sich darum, bei dem Satze Le Plays stehen zu blei 
ben: „Die methodische Erforschung der zeitgenössischen Völker 
hat mir gezeigt, daß das materielle und sittliche Wohlergehen, 
wie die wesentlichen Bedingungen der Blüte überhaupt, in di 
rektem Verhältnis zu der Kraft und Reinheit der religiösen 
Überzeugungen stehen“ 2 ). 
Le Play hatte zwei Gründe, seine religiösen Anschauungen 
niemals vollständig mit seiner Soziallehre zu identifizieren : ein 
mal die Beobachtung, welche er auf seinen Reisen gemacht, 
daß es auch außerhalb des Katholizismus und selbst des 
Christentums glückliche Völker gebe, und zweitens das Be 
streben, um seine Fahne der sozialen Reorganisation Frankreichs 
alle nur irgendwie geeigneten, auch nicht katholischen Kräfte 
zu sammeln 3 ). 
Der unsicheren Stellungnahme Le Plays und seiner Schüler 
in dieser Frage tragen wir Rechnung, indem wir sein System und 
die von ihm sich ableitenden Schulen nicht als katholische 
schlechthin, sondern als den katholischen Schulen verwandt be 
zeichnen. 
2. Eigentum. Bezüglich der geschichtlichen Entwicklung 
des Eigentums vertritt Le Play die der deutschen National- 
b Le Plat/, Art. Religion im Vocabulaire Social (Méthode Sociale, p. 472). 
2 ) Le Play, Réforme Sociale, Bd. I, 1. Ausl., p. 48, 4. And., p. 98. 
b F. Auburtin, Frédéric le Play, p. 153—154. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 15
        <pb n="252" />
        226 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Ökonomie geläufigen Grundanschauungen. Das bewegliche, viel 
früher als das unbewegliche persönlich gewordene Eigentum 
scheidet er aus der Betrachtung aus. Seine Aufmerksamkeit 
gilt überwiegend dem Grundeigentum, das er in Gemeineigen, 
Patronage und individuelles Eigen gliedert. Gemeineigen ist 
„eine auf Überlieferung beruhende Besitzart von Grund und 
Boden, bei welcher dieser einer Nachbarschaft, einer Gemeinde 
oder einer Mehrheit von Gemeinden gehört“*). Patronage und 
individuelles Eigentum sind beide Privateigentum 2 ). Unter 
Patronage versteht Le Play alle Rechtsverhältnisse, bei denen 
der Grundbesitzer andern Familien die Bewirtschaftung seines 
Bodens überläßt 3 ). Der Begriff Patronage umfaßt im weitesten 
Sinn Sklaven- und Hörigenwirtschaft ebensowohl als alle Arten 
von Pacht. Das wesentliche Merkmal dieser Eigentumsart liegt 
nach Le Play darin, daß die väterliche Autorität des Grund 
besitzers sich über seine blutsverwandten Angehörigen hinaus 
auf andere Familien erstreckt. Das individuelle Eigentum endlich 
ist „diejenige Besitzart, bei der Eigentum und Bewirtschaftung 
des Bodens ausschließlich einer Familie zustehen“ 4 ). 
Le Play bezeichnet diese drei Arten des Grundeigentums 
als die materiellen Grundlagen der Constitution essentielle de 
l’humanité. Die beste Sozialverfassung ist darum diejenige, welche 
drei Arten des Bodenbesitzes nebeneinander aufweist. Die Ent 
wicklung der menschlichen Kultur zeigt aber, daß der sittliche 
und materielle Fortschritt ein immer größeres Vorwiegen des 
individuellen Grundeigentums, d. h. des selbstbewirtschafteten 
Einfamilienbesitzes erheischt 5 ). 
Der wichtigste Bestandteil von Le Plays Eigentumslehre 
ist seine Erbrechtstheorie. Er führt alle Erbrechtssysteme auf 
drei Typen zurück : a) die zwangsweise Erhaltung des Familien 
gutes; b) die zwangsweise Gleichteilung und c) die Testier 
freiheit. 
Die zwangsweise Erhaltung des Familiengutes besteht darin, 
daß es der Hauptsache nach auf einen einzelnen Erben über- 
3 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 449. 
-) Le Play, Réforme Sociale, Bd. I (1. Auf!.), p. 97. 
3 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 467, 471. 
4 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 471. 
5 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 471.
        <pb n="253" />
        Die Nichtinterventionisten 
227 
geht (oder im Gemeineigentum der Familie verbleibt). Un 
wesentlich ist, daß dieser meist der älteste Sohn ist. Dieses 
System besteht noch unter den Bauern von Biscaya, in einzelnen 
Teilen Deutschlands, Österreichs und Skandinaviens und bei 
dem englischen Adel. Fruchtbar erweist es sich nur, wenn mit 
dem Privileg der Geburt die Tugenden der Ahnen vererbt 
werden. Geschieht dies, so bewirkt das System die Heran 
bildung einer Elite und trägt zur Stabilität der Staaten bei. 
Es hat jedoch den doppelten Nachteil, einmal die Verfügungs 
freiheit des Besitzers einzuschränken und häufig auf ein bloßes 
Nutznießungsrecht herabzudrücken ; dann aber auch die väter 
liche Autorität zu begrenzen und deren Träger zu hindern, selbst 
den würdigsten Nachfolger zu wählen. Das System wird endlich 
ungerecht und drückend empfunden, wenn es auf den Adel 
allein beschränkt bleibt, wie in Frankreich vor der Revolution *). 
Die zwangsweise gleiche Erbteilung wurde Frankreich durch 
den Nationalkonvent und den Napoleonischen Code Civil 
auferlegt. Zweck und Wirkung derselben ist, die väterliche 
Autorität, die Familien und alle häuslichen Traditionen der 
Vergangenheit brutal zu zerstören. Sie zerstört die väterliche 
Autorität, weil sie den Familienvater der wirksamsten Sanktion 
derselben entkleidet ; sie zerstört die Fruchtbarkeit der Ehe und 
gefährdet die Zukunft des Volkes, weil sie den Eltern kein 
anderes Mittel, den sozialen Rang und „die Arbeitsstätte“ 2 ) der 
Familie den zukünftigen Geschlechtern zu erhalten, übrig läßt, 
als sich auf die Zeugung eines oder höchstens zweier Kinder 
zu beschränken ; sie zerstört endlich die Stabilität des Familien- 
herdes, indem, wenn mehrere Kinder vorhanden sind, keines 
derselben ihn zu übernehmen vermag und derselbe folglich zur 
Veräußerung gelangen muß. Die zwangsweise gleiche Erb 
teilung ist von jeher von den Siegern den unterjochten Völ- 
J ) Le Play, Réforme Sociale, Bd. I, cap. 2, § 19. 
2 ) Wir übersetzen mit „Arbeitsstätte“ den Begriff „atelier“ der Le Play 
seben Terminologie. Derselbe bedeutet den Betrieb, aus dem eine Familie ihren 
Lebensunterhalt zieht oder genauer, „den Ort, wo die ein Bewerbe oder einen 
freien Beruf kennzeichnenden Arbeiten ausgeführt werden“. Unter „atelier“ 
versteht also Le Play ebensowohl einen Bauernhof, ein Jagdrevier oder eine 
Fischbank, wie eine Werkstätte, eine Fabrik, einen Laden oder ein Bureau usw. 
Ofr. Méthode Sociale, p. 445.
        <pb n="254" />
        228 
Die Gründer der heutigen Schulen 
kern auferlegt wurde, um deren Sozialordnung zu zerrütten 
und sie in Abhängigkeit zu erhalten. Schon die ersten Er 
oberer Indiens, die Arya, haben es auf die Urbevölkerung, die 
Çoudra, angewandt. Desgl. die Engländer in Irland und auf 
der Insel Mauritius *). 
Die Testierfreiheit endlich ist das System, bei welchem der 
Familienvater über das Ganze, oder doch mindestens die Hälfte 
seines Besitzes frei verfügen kann. Letzteres ist in Deutschland 
und in Italien der Fall, ersteres in den angelsächsischen Ländern. 
Die unbegrenzte Testierfreiheit ist die logische Folge der indivi 
duellen Freiheit, welche die Verfassungen des XIX. Jahrhunderts 
zur Grundlage der heutigen Gesellschaftsordnungen erhöhen. 
Der bedeutendste Vorzug der Testierfreiheit besteht darin, daß 
sie den Familienvater in die Lage setzt, die Erhaltung des 
Herdes der „Arbeitsstätte“ und des sozialen Ranges der Familie, 
durch Einsetzung des Würdigsten zum Haupterben, mit einer 
angemessenen Ausstattung der übrigen Geschwister zu ver 
binden. Le Play behauptet eines der wichtigsten Resultate 
seiner langjährigen Beobachtungen sei die Feststellung der all 
gemeinen Tatsache, daß diejenigen Völker, welche die Eigentums- 
Ordnung auf die Gewohnheit testamentarischer Regelung der 
Erbfolge gründen, sich durch Gottes- und Nächstenliebe, Arbeits 
lust und Fruchtbarkeit der Ehen auszeichnen 2 ). Die Testier 
freiheit war das Recht Roms in den Jahrhunderten seiner Größe; 
sie ist das Recht der angelsächsischen Völker, welche sich über 
alle Teile der Erde ausgedehnt haben und die mächtigsten 
und blühendsten der Gegenwart sind 3 ). In unsern Tagen 
empfiehlt es sich, zu Erziehungszwecken die Testierfreiheit durch 
ein gesetzliches Erbfolgerecht, welches die Erhaltung des Familien 
gutes und die Anerbensitte sanktioniere, zu stützen 4 ). 
Es ist nicht zu leugnen, daß Le Play gewichtiges Material 
gegen die zwangsweise gleiche Erbteilung des Code Civil bei 
bringt. Wenn wir jedoch näher zusehen, so finden wir, daß 
x ) Le Play, Réforme Sociale, Bd. I, cap. 2, § 20. Cfr. Auburtin, loc. 
cit. pag. 741 if., Rambaud, loc. cit., 2. And., p. 476—477. 
2 ) Le Play, Réforme Sociale, Bd. I (1. And.), § 21, p. 130. 
3 ) Vgl. Auburtin, loc. cit. p. 176. 
4 ) Le Play, Réforme Sociale, Bd. I § 22.
        <pb n="255" />
        Die Nichtinterventionisten 
229 
dasselbe sich weniger gegen die gleiche Erbteilung, als gegen 
die Teilung in natura richtet. Es käme zweifellos der Erhaltung 
einer lebenskräftigen Landbevölkerung in Frankreich zu statten, 
wenn die Sitte sich verallgemeinerte, daß, statt der Teilung in 
natura, ein Kind den Hof übernähme, mit der Verpflichtung, 
seine Geschwister in Geld abzufinden. Ob aber hierzu die Be 
vorzugung des Anerben nötig ist, ist nicht erwiesen; und ob 
die von Le Play gewünschte Testierfreiheit die von ihm er 
hoffte allgemeine Betätigung der Anerbensitte nach sich ziehen 
würde, ist angesichts der Wirkungen jener Freiheit in den 
Vereinigten Staaten mindestens zweifelhaft. Andererseits ist zu 
zugeben, daß die Testierfreiheit dem Wesen einer individua 
listischen Wirtschaftsordnung entspricht. Denn es scheint ge 
recht, daß derjenige, der ein Vermögen erwirbt, auch frei 
darüber soll verfügen können. 
3. Familie. Die Familie ist der Brennpunkt, in dem alle 
Elemente des Le Play sehen Systems konvergieren. Sie ist die 
soziale Urzelle, die „ewige“ Organisationsform, welche die Be 
friedigung der wesentlichen Bedürfnisse der Menschheit: Be 
folgung des Sittengesetzes und Besitz des täglichen Brotes am 
besten garantiert. Le Play definiert die Familie als „die 
soziale Einheit, welche die an demselben Herd wohnenden 
Personen umfaßt“ x ). Grundlage der Familie sind die natür 
lichen Gefühle der Gatten-, Eltern-, Kindes-, Geschwisterliebe. 
Elemente der Familie sind : der häusliche Herd, die Frau und 
die Ehe, die väterliche Autorität, Achtung vor dem Alter, Er 
ziehung der Jugend, unverheiratete Geschwister und häusliche 
Dienstboten 2 ). Die Familie ist nötig, um die Achtung vor dem 
Weibe zu sichern. Sie wird von der väterlichen Autorität be 
herrscht. Die väterliche Autorität ist „eines der vier sittlichen 
Elemente der Sozialordnung. Sie ist die von Gott gegebene 
Gewalt, welcher obliegt, die Beobachtung des Dekalogs und die 
Herrschaft des sozialen Friedens zu sichern“ 3 ). 
Unter Zugrundelegung der drei unterschiedenen Erbsysteme : 
zwangsweise Erhaltung des Familiengutes, zwangsweise gleiche 
J ) Le Play, Methode Sociale, p. 457. 
2 ) Le Play, Réforme Sociale, ßd. I, 1. Ausi. p. 166 ff. 
3 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 445.
        <pb n="256" />
        Ü30 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Erbteilung und Anerbensitte (als Betätigung der Testierfreiheit), 
stellt Le Play eine dreigliedrige Klassifizierung der Familien 
auf in : patriarchalische, unbeständige und Stammfamilien. 
Die patriarchalische Familie gruppiert verheiratete und un 
verheiratete Abkömmlinge eines gemeinsamen Stammvaters um 
denselben Herd und unter dessen absolute Autorität. Das 
Patrimonium ist Gemeineigentum der Familie. Diese Art besteht 
noch bei den Nomaden Zentralasiens und des Atlas, in Süd 
rußland und bei den Slawen des Balkans, doch ist sie in der 
Auflösung begriffen. Ein bedeutsamer Nachteil derselben ist, 
daß sie bei der Güterverteilung der Verschiedenheit der Fähig 
keiten und der Arbeitsleistung ihrer Mitglieder nicht Rechnung 
trägt, und darum Trägheit, Mittelmäßigkeit, Mangel an Initiative 
und kulturelle Stagnation fördert 1 ). 
Ein Gegenstück dazu bietet die unbeständige Familie (famille 
instable). Sie entsteht mit der Ehe eines Paares und vergeht 
mit dessen Tod. Der Familienherd überlebt selten eine Gene 
ration. Die väterliche Autorität ist sehr gering in ihr. Sie ist 
das Resultat der zwangsweisen gleichen Erbteilung, deren Nach 
teile ihr anhaften 2 ). Folgen derselben sind : Mangel an Initiative 
und Überwiegen des Geistes der Neuerung bei den Kindern, 
Unbeständigkeit der politischen Einrichtungen der Nation, An 
ämie der Rasse usw. 
Als idealer Typus erweist sich dagegen die Stammfamilie 
(famille-souche). Sie beruht auf der Anerbensitte. Der Anerbe 
bleibt bei den Eltern am Familienherde, der die Jahrhunderte 
überdauert; allenfalls bleiben auch die unverheirateten Ge 
schwister einer jeden Generation. Diejenigen aber, welche hei 
raten , wandern aus und gründen neue Herde. Sie erhalten 
Ausstattungen aus den Ersparnissen des Stammherdes. Die 
Vorzüge, welche Le Play an der Stammfamilie zu rühmen 
weiß, sind schier unzählbar. Es seien nur einige der hervor 
stechendsten angeführt : die Stammfamilie verbindet in der 
glücklichsten Weise die Stabilität und die Erhaltung der Über 
lieferungen mit der Berücksichtigung der Anforderungen des 
Fortschritts. Sie erhält ihren Herd, ihr Familiengut, ihre reli- 
b Le Play, Réforme Sociale, Bd. I, 1. Ausi., § 24, p. 168 und Methode 
Sociale, p. 457. 
2) Le Play, Réforme Sociale, ibid. p. 169 und Méthode Sociale, ibid.
        <pb n="257" />
        Die Nichtinterventionisten 
231 
giösen und sittlichen Traditionen durch die Jahrhunderte; an 
dererseits zwingt sie ihre Sprößlinge, welche sie hinausschickt, 
zur Anspannung all ihrer Kräfte und zur Anpassung an die 
Notwendigkeiten des jeweiligen Augenblicks, um sich im Kampfe 
ums Dasein siegreich zu behaupten. Die väterliche Autorität 
ist stark in der Stammfamilie ; in der freien Wahl des Anerben 
verfügt sie über eine wirksame Sanktion. Die Stammfamilie 
blüht und gedeiht in allen Gewerben, ja selbst in den haupt 
sächlichsten freien Berufen, Man denke nur an die Ärzte-, 
Richter-, Soldatengeschlechter. Sie fördert die Fruchtbarkeit 
der Ehen und die Erschließung der Kolonialländer ; vermag den 
Aktien- und ähnlichen Handelsgesellschaften in der Ausbeutung- 
großer Gewerbe- und Handelsbetriebe eine wirksame und er 
freuliche Konkurrenz zu machen ; sichert die Erhaltung der in 
Privatbesitz befindlichen Waldbestände ; bietet den Kindern eine 
vorzügliche Erziehung und den Greisen, Witwen und Waisen 
eine sichere Unterkunft; vermag die untern Klassen besser als 
alle Genossenschaften und Kreditorganisationen zu heben und 
ist ein ausgezeichneter Wall gegen das Aufkommen des Pau 
perismus usw. usw. Die Stammfamilie existiert vielfach in 
den angelsächsischen, deutschen und slawischen Ländern; die 
Landbevölkerung Frankreichs gibt sie nur widerstrebend auf 1 ). 
4. Arbeit. Die menschlichen Gesellschaften ziehen ihren 
Unterhalt aus zwei Quellen: den spontanen Produkten des 
Bodens und des Meeres und der durch das Sittengesetz be 
fruchteten Arbeit des Menschen 2 ). 
i) Le Play, Méthode Sociale, p. 457 ; Réforme Sociale, Bd. I, cap. 2, 
sowie passim durch das ganze Werk. 
*) Le Play, ibid. p. 79 ff. 
Le Play unterscheidet: Travaux oder Arts usuels und Arts libéraux. 
Ersterer gibt es acht Arten. Diese sind: Ausbeutung der spontanen Natur 
produkte, Ausbeutung der Steppen durch Weidewirtschaft, Seefischerei, Wald 
bau, Ausbeutung von Berg- und Hüttenwerken, Ackerbau, Industrie, Handel. 
Die freien Berufsarten gruppiert Le Play nach dem Grade der sittlichen Eigen 
schaften, die sie erheischen, wie folgt: Krieger, Ingenieure, Lehrer, Gelehrte, 
Literaten und Künstler, Rechtsanwälte, Arzte, Richter, Religionsdiener und 
öffentliche Verwaltungsorgane. Die Anschauungen Le Plays über die Rolle und 
den Wert der verschiedenen Berufsarten sind nicht ohne Interesse. Die Gewerbe 
(arts usuels) haben, meint er, den menschlichen Geist sicherer als die philo 
sophischen Systeme des Altertums, des Mittelalters und der Renaissance auf der
        <pb n="258" />
        232 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Die Arbeit betrachtet Le Play hauptsächlich unter dem 
Gesichtspunkt ihres sittlichen Wertes. „Da ein Volk seine Kraft 
aus der intellektuellen und sittlichen Ordnung eher als aus 
der materiellen zieht, so ist eine selbst wenig produktive Arbeit 
für dasselbe fruchtbringender als der Reichtum . . . Das oberste 
Ziel der Arbeit ist die Tugend, nicht der Reichtum: diese Wahr 
heit enthält im Keime die ganze Sozial Wissenschaft“ a ). 
Die Arbeitsfreiheit ist für Le Play die einzige glückliche 
Neuerung, welche die Revolution gebracht hat. Durch Beseiti 
gung der feudalen und zünftischen Zwangsverfassung wurde das 
Feld frei für die Entwicklung des freien Patronage 2 ). 
5. Genossenschaften. Le Play unterscheidet Commu 
nautés und Corporations. Erstere sind entweder communautés de 
travailleurs, z. B. Zünfte, Produktivgenossenschaften, Gewerk 
vereine usw., oder communautés de capitaux, d. s. insbesondere 
die Aktiengesellschaften. Unter corporations versteht Le Play 
die religiösen Genossenschaften und Orden 3 ). 
Le Play ist den Genossenschaften, welcher Art sie auch 
seien, nicht hold. Die familiale Organisation der Gesellschaft 
und der Produktion — er nennt sie auch wohl die „individua 
ls ahn zur Erkenntnis der Wahrheit geleitet; sie haben einen leider zuviel unter 
schätzten Bildungswert für den Verstand und vermögen das Herz besser vor 
Korruption zu bewahren als die freien Berufe. — Der Ackerbau ist, wenn mit 
der Institution der Stammfamilie verbunden, dasjenige Gewerbe, dessen Inter 
essen sich am vollständigsten mit denen der Gesamtheit decken. — Der Wald 
bau ist das einzige Gewerbe, welches dem Staate vorzubehalten das allgemeine 
Interesse gebietet, so lange der Waldbesitz nicht in Händen von Stammfamilien 
ist. — Das Bergwerksgewerbe ist das bodenständigste von allen ; besser als irgend 
ein anderes schafft es die Solidarität der aufeinanderfolgenden Generationen. — 
Die Industrie vermehrt die Kräfte eines Volkes, wenn Testierfreiheit und Patro 
nage sie befruchten; muß sie aber diese Stützen entbehren, so schwächt sie das 
Volk und erzeugt den Pauperismus. — Kolonien sind ein notwendiges Element 
einer Sozialverfassung, welche auf der Stammfamilie beruht. Sie tragen wesent 
lich zur Erhaltung der Stabilität der Sozialverfassung des Mutterlandes bei, in 
dem sie dessen überschüssige Bevölkerung aufnehmen. — Die freien Berufsarten 
machen, je nach dem Stande der Sitten, die Kraft oder die Schwäche eines 
Volkes aus. Denn von ihnen geht die Tugend oder die Korruption aus. Zur 
Bildung von Stammfamilien sind sie nur teilweise und in geringerem Maße als 
die Gewerbe geeignet. Le Play, Réforme Sociale, Bd. I, cap. 4. 
*) Le Play, Réforme Sociale, 1. Ausi., Bd. I, p. 237, 239, 240. 
2 ) ibid. cap. 4 und Bd. Il, cap. 6. Über Patronage s. unten sub 6. 
3 ) Le Play, Réforme Sociale, 1. Ausi., Bd. I, § 41, p. 358.
        <pb n="259" />
        Die Nichtinterventionisten 
233 
listische“ — ist in seinen Augen nun einmal das unbedingt 
anzustrebende Ideal, dem genossenschaftliche Gebilde nur zu 
leicht ins Gehege kommen. Dies tun in sehr unerwünschter 
Weise z. B. die Aktiengesellschaften und zwar infolge der zwangs 
weisen gleichen Erbteilung. Indem diese nämlich die Schaf 
fung und Erhaltung von familialen Arbeitsstätten hindert, fördert 
sie die ungemessene Vermehrung von unpersönlichen, aktien 
gesellschaftlichen Arbeitsstätten, welche kein günstiger Boden 
sind für die Entwicklung harmonischer Beziehungen zwischen 
Arbeitgebern und Arbeitern *). Andererseits haben die Versuche, 
die alten Zünfte in der Form von Produktivgenossenschaften 
wieder aufleben zu lassen, keine günstigen Resultate gezeitigt 2 ). 
Die gesellschaftliche Organisation der Produktion ist darum 
nur für ganz große Unternehmungen, welche die Kräfte auch 
der stärksten Unternehmerfamilie übersteigen, geeignet 3 ). 
6. Private Beziehungen. Unter dieser Rubrik behandelt 
Le Play die wichtige Frage der Beziehungen zwischen Arbeit 
gebern und Arbeitern. 
Die großen Entdeckungen des XVIII. und XIX. Jahr 
hunderts haben eine Entwicklung der Industrie nach sich ge 
zogen, aus welcher der Pauperismus hervorging. Es ist dies 
eine neue Erscheinung in der Weltgeschichte und die große 
Frage unserer Zeit. Das Mittel, ihn zu überwinden, lehren uns 
die Überlieferungen der Vorzeit: es heißt Patronage. 
Der Patronage oder die Schutzherrschaft ist „der Inbegriff 
der Anschauungen, Sitten und Einrichtungen, welche mehrere 
Familien zu deren voller Zufriedenheit unter die Autorität eines 
Oberhauptes : des Arbeitgebers, vereinigen“ 4 ). Er besteht in den 
„Sitten und Einrichtungen, welche die Sicherheit der un vorsorg 
lichen Massen zu gewährleisten imstande sind“ 6 ). Der Patro 
nage, der früher zwangsweise organisiert war, beruht heute auf 
einem freiivillig dauernden, womöglich sich auf Generationen 
hinaus erstreckenden Arbeitsverhältnis. Er legt dem Arbeit- 
') ibid. § 44, p. 363 ft. 
2 ) ibid. § 43, p. 358 ft. 
3 ) ibid. § 45, p. 371 ff. 
4 ) ibid. p. 467. 
5 ) ibid. Bd. II, p. 15, 22.
        <pb n="260" />
        234 
Die Gründer der heutigen Schulen 
geber eine Reihe von Pflichten auf, insbesondere diejenige, die 
Beobachtung der sechs Coutumes des Ateliers zu sichern. Diese 
sind: 1. Ständige Arbeitsverhältnisse. 2. Wechselseitige Ver 
ständigung über den Lohn. 3. Verbindung der Fabrikarbeit 
mit häuslichem Nebenerwerb. 4. Spartätigkeit. 5. Schaffung 
eines Eigenbesitzes, namentlich eines kleinen Hauses. 6. Schutz 
und Hochachtung der Frau 1 ). Der Patronage ist nach Le Plays 
Ansicht wirksamer als alle Arbeitersyndikate und Wohltätig 
keitsanstalten, von staatlichen Maßnahmen gar nicht zu reden, 
um den Arbeitern Wohlstand zu verschaffen und die Harmonie 
der sozialen Klassen zu sichern 2 ). 
7. Staatsgewalt. Die Staatsgewalt ist für Le Play wesent 
lich nur ein Auswuchs und eine Ergänzung der väterlichen 
Autorität. „Die Souveränität,“ sagt er, „eines der vier sittlichen 
Elemente der Sozialordnung, ist die höhere Gewalt, welche im 
Verein mit der Religion durch Gerechtigkeit und Zwangsgewalt 
die väterliche Autorität unterstützt, um die Befolgung des De 
kalogs und die Herrschaft des sozialen Friedens zu sichern. Bei 
den einfachen Völkern wird die Souveränität durch den Stell 
vertreter Gottes selbst: den Familienvater, ausgeübt. Bei den 
entwickelteren Völkern umfaßt die Souveränität fünf Stufen : 
die Theokratie in der Seelsorge; die väterliche Autorität in der 
Familie; die Demokratie in der Gemeinde; die Aristokratie in 
der Provinz; die Monarchie im Staate“ 3 ). 
Auf seinen Reisen durch England hatte sich Le Play von 
den Grundsätzen des self-hep und self-government durchdrungen. 
Sie sind es, welche seine Stellungnahme zur Staatsgewalt be 
stimmen. Mit seinen die politische Organisation betreffenden 
Dezentralisationsplänen wollen wir uns nicht an dieser Stelle 
befassen; was dagegen die Rolle angeht, welche er den öffent 
lichen Gewalten im Wirtschaftsleben zuweist, so muß diese 
ja wohl logischerweise der weitgehendste Nichtinterventionismus 
sein. Das Schutz- und Versicherungsbedürfnis der Arbeiterklasse 
will er durch den Patronalismus befriedigen; für die in Stamm- 
Le Play, Méthode Sociale, p. 450. 
2 ) Le Play, Réforme Sociale, Bd. H, cap. 6. 
3 ) Le Play, Méthode Sociale, p. 476.
        <pb n="261" />
        Die Nichtinterventionisten 
235 
farailien organisierte Volkswirtschaft fordert er Beseitigung aller 
innern und äußern Schranken der Konkurrenz *). 
Le Plays Methode und System tragen beide den Stempel 
ausgesprochener Eigenart. Man wird nicht fehlgehen, wenn 
man die Bedeutung des Lebenswerkes dieses schaffensgewaltigen 
Mannes weniger in dem Familialismus sucht, als in dem Unter 
fangen, für diesen, sowie für das auf ihn aufgebaute sozial 
ethische System eine umfassende induktive Fundamentierung zu 
sammenzutragen. Wir werden rückhaltlos anerkennen müssen, 
daß Le Play, insoweit sein Blick nicht durch vorgefaßte Mei 
nungen verdunkelt war, einen bemerkenswerten Scharfblick be 
kundet, und daß seine Werke eine Fülle von wertvollem Material 
enthalten, welches von einer seltenen Beobachtungsgabe Zeugnis 
ablegt. Eine andere Eigenschaft der Werke Le Plays ist 
deren faszinierende Kraft, welcher sich kein Leser wird ent 
ziehen können. Vielleicht erklärt sich diese aus der Tiefe 
der Überzeugungen einer machtvollen Persönlichkeit, aus der 
erdrückenden Fülle von beobachteten Einzeltatsachen und aus 
der unerbittlichen, durchgreifenden Konsequenz, mit welcher 
diese in der gewollten Richtung verarbeitet werden. 
Die Familienmonographie an sich, wie sie Le Play aus 
gebaut und betätigt hat, ist ein bereits sehr brauchbares und 
dankenswertes Hilfsmittel der Sozialforschung; Leroy-Beau- 
lieu nennt sie das „soziale Mikroskop“. Sie wurde durch ein- 
i) Le Play, Réforme Sociale, 1. Aufl., Bd. II, cap. 6, § 51, p. 39 ff. 
Zur Anbahnung der von ihm für Frankreich erstrebten Sozialreform ver 
langt Le Play allerdings von der staatlichen Gesetzgebung die Beseitigung der 
gesetzlichen Hindernisse, welche der Wiederherstellung der Constitution essen 
tielle de l'humanité in Frankreich entgegen stehen. In dieser Richtung lautet 
Le Plays Programm: Wiederherstellung der Achtung vor Gott, vor der väter 
lichen Geivalt und vor der Frau. Um die Achtung vor Gott wieder herzustellen 
und der Religion den Rang, der ihr im Herzen des Individuums, wie in der 
Familie und der Gesellschaft gebührt, wieder zu geben, ist volle Freiheit aller 
Kulte und Trennung von Kirchen und Staat nötig. Die Achtung vor der väter 
lichen Autorität wird aus der Einführung der Testierfreiheit hervorgehen. Die 
Achtung vor der Frau erheischt gesetzlichen Schutz gegen Verführung und Auf 
hebung des Art. 340 des Code civil: La recherche de la paternité est inter 
dite. Le Play, Réforme Sociale, 1. Aud., Bd. Il, § 68, p. 358. Ch. Auburtin 
loc. cit. p. 362 ff. V. Wenkstern, loc. cit. p. 63.
        <pb n="262" />
        236 
Die Gründer der heutigen Schulen 
zelne Schüler Le Plays, einerseits durch Cheysson und ins 
besondere du Maroussem, andererseits durch H. de Tour- 
ville und seine Freunde fortgebildet. Zu beanstanden ist aber 
die von Le Play — und vielen seiner Schüler bis heutigentags 
— betätigte Auswahl der typischen Familien. Du Maroussem 
bemerkt treffend, daß in stark arbeitsteiligen Gegenden das 
Auswahl verfahren Le Plays keine genügenden Anhaltspunkte 
über den numerischen Wert der Schicht, welche die Mono 
graphie kennzeichnen soll, zu bieten vermag 1 ). Schlimmer 
noch ist die nahezu ausschließliche Beschränkung der Auswahl 
auf erwünschte Typen, auf „glückliche“ Familien; diese ent 
sprechen keineswegs der durchschnittlichen Wirklichkeit, sie 
sind vielmehr Ausnahmen. Die Monographiensammlung aber 
erhält durch diese Auswahl einen tendenziösen, weltfremden 
Charakter, der mit der wissenschaftlichen Akribie der einzelnen 
Monographie in grellem Widerspruch steht. Die wissenschaft 
liche Beweiskraft des monographischen Materials Le Plays 
erleidet infolgedessen schwere Einbuße. Und selbst wenn die 
Familienmonographie als solche eine genügende Grundlage für 
ein System der Sozialwissenschaft abgeben würde, was wir be 
streiten, so müßte die Le Play sehe Sammlung aus obigen 
Gründen mindestens vielseitig ergänzt werden. 
Daß auch schon die eingangs festgestellten Voraussetzungen 
der Methode der ganzen, großartigen Forscherarbeit Le Plays 
eine a priori gegebene Tendenz auf drücken, bedarf keines wei 
teren Nachweises 2 ). 
1) P. du Maroussem, les Enquêtes. Pratique et Théorie, Paris, 1900. 
p. 11—13. 
2 ) Das Familienbudget als Zentrum der Familienmonographie wurde, wie 
wir sehen werden, von de TourviUe aufgegeben. Die Gründe, welche diesen 
dazu bestimmten, faßt Paul de Bousiers wie folgt zusammen: 1. Le Plays An 
sicht, daß alle Handlungen, welche die Existenz einer Arbeiterfamilie ausmachen, 
direkt oder indirekt auf eine Einnahme oder Ausgabe hinauslaufen, wird durch 
die Tatsachen widerlegt. Die wesentlichste Funktion der Familie, die Erziehung 
der Kinder, entzieht sich beispielsweise erschöpfender Wiedergabe in Ziffern. 
Das Budgetschema Le Plays kennt zwar eine Rubrik: Ausgaben für sittliche 
Bedürfnisse, Erholung und Gesundheit mit den Unterabteilungen : Kultus, Unter 
richt, Unterstützung und Almosen ; von der Kindererziehung aber geht nirgends 
die Rede. 2. Viele Handlungen des Familienlebens mögen auf eine Einnahme 
oder Ausgabe hinauslaufen, aber diese steht in gar keinem Verhältnis zu der 
wirklichen Bedeutung der betreffenden Handlung : wenn z. B. aufgezeichnet wird,
        <pb n="263" />
        Die Nichtinterventionisten 
237 
Gehen wir von der Methode zum System über, so fällt 
uns zunächst dessen Anspruch in die Augen, ewig wahre, abso 
lute Gesetze des sozialen Lebens zu bieten. Nach dem, was wir 
von der Erziehung und Denkweise Le Plays wissen, kann uns 
das nicht wundernehmen. Die konkreten Gesetze, welche Le 
Play aufstellt, folgert er aus der Organisation der Sà-rm/hmà 
Diese sind: treue Beobachtung des Dekalogs, Testierfreiheit, 
ungeteilter Erbübergang, Achtung vor der Tradition, Permanenz 
des ArbeitsVerhältnisses, Ausübung des Patronage durch die 
oberen Klassen der Gesellschaft usw. Wir werden sehen, daß 
Le Plays Schüler de Tourville, Demolins, de Bousiers, 
Pinot und But el einen fundamentalen Beobachtungsfehler 
in der Bestimmung des wesentlichen Merkmals der Stamm 
familie (ungeteilter Erbübergang) in überzeugender Weise nach 
gewiesen haben. Damit fielen die ewig wahren und absoluten 
Gesetze Le Plays. 
Es muß ferner zum mindesten befremden, daß ein natur 
wissenschaftlich vorgebildeter Mann wie Le Play das gesamte 
soziale Geschehen in ein System ausschließlich ethischer Gesetze 
konnte zusammenfassen wollen 1 ). Indem Le Play die Tat- 
daß der Unterricht der drei Kinder der Baschkirenfamilie im Ural der Familie 
eine Jahresausgabe von 0.63 fr. verursacht, so möchte man glauben, dort sei es 
nicht weit her mit dem Unterricht. In Wirklichkeit aber wird den Kindern vom 
Mullah ein mehrjähriger unentgeltlicher Schulunterricht erteilt. 3. Es ist nicht 
möglich den Verkaufs wert z. B. des Grundbesitzes einer Familie in Gegenden 
abzuschätzen, wo, wie bei den Baschkiren der asiatischen Steppe, der in Kultur 
genommene Boden unverkäuflich ist und alle 15 Jahre neu aufgeteilt wird. Wenn 
Le Play es dennoch tut, so sind diese Ziffern rein willkürlich. 4. Le Play selbst 
hat übrigens zahlreiche Tatsachen beobachtet und in den Textkommentaren zu 
seinen Familienbudgets erwähnt, die in diesen selbst gar keinen Ausdruck 
finden. — Paul de Bousiers, la Méthode Sociale, ses Procédés et ses Applications 
(par E. Demolins, R. Pinot et P. de Rousiers). Erstes Faszikel der neuen Folge 
der Zeitschrift: La Science Sociale, Januar 1904. p. 25—30. 
i) Allerdings schreibt der Le Playschüler Claudio Jannet bez. der wirt 
schaftlichen Naturgesetze der Klassiker : „Die zahlreichen Wahrheiten, welche 
die (liberalen) Volkswirte auf dem Gebiete der eigentlichen Chrematistik be 
wiesen haben, finden Platz in diesem Ensemble (dem Systeme Le Plays); wenn 
Le Play sie nicht behandelt, so ist es, weil er sie für definitiv bewiesen hält, 
und weil sie für ihn nur untergeordnete Bedeutung haben gegenüber den großen 
Wahrheiten, die vernachlässigt wurden.“ Claudio-Jannet. de l’Etat actuel de la 
Science sociale, Art. in : le Correspondant vom 15. und 25. Sept. 1878, p. 1075.
        <pb n="264" />
        l.n 
238 Die Gründer der heutigen Schulen 
sache, daß die soziale Erscheinungswelt ein Tummelfeld nicht 
nur für das Seinsollen, sondern auch für verschiedene Ord 
nungen des Seins abgibt, nicht gebührend beachtete, geriet er 
in Widerspruch nicht nur mit der historischen und realen Wirk 
lichkeit, sondern auch mit einem wichtigen Elemente seiner 
Constitution essentielle de l'humanité. Die grundlegende Voraus 
setzung des Le Play sehen Systems, welche er durch seine in 
duktiven Forschungen für erhärtet hält, daß nämlich die 
Völker, die den Gesetzen des „ewigen Dekalogs“ gehorchen, 
nicht anders als glücklich sein können, während diejenigen, 
welche jene Gesetze überschreiten, leiden, steht im Widerspruch 
mit dem durch die hl. Bücher aller Religionen anerkannten 
historischen Geschehen, ja mit diesen Religionen selbst, da sie 
die Vergeltung für das Tun und Lassen der Menschen großen 
teils ins Jenseits verlegen. 
Eine befriedigende Sozial Wissenschaft ist also Le Plays 
sozialethisches System nicht. Immerhin bilden die Ergebnisse 
seiner Forschungsreisen ein äußerst eindrucksvolles, überzeugen 
des Material zur Begründung der Anschauung, daß die ethischen 
Kräfte im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben eine wesentliche 
Rolle spielen. Der Geist, in dem Le Play seine Beobachtungen 
aufnahm, und die von ihm betätigte Auswahl des Stoffes macht 
denselben natürlich in erster Linie geeignet zur Begründung 
oder Erhärtung von Gesellschafts- und Wirtschaftstheorien 
konservativer Richtung. 
B. Die Interventionisten, 
Die Gruppe der Catholiques Sociaux, oder die korporative 
Schule, wie man sie auch wohl genannt hat, entwickelte sich 
aus einer religiös-politischen Bewegung und schuf sich erst nach 
und nach eine volkswirtschaftliche Doktrin, im Gegensatz zu 
Le Play, der zunächst in dreißigjähriger mühevoller Arbeit 
eine Lehre ausbaute und dann erst an die Propaganda herantrat. 
Als Vorläufer des Catholicisme social haben wir de 
Maistre und de Bonald bezeichnet; in gewissem Maße auch 
die Stürmer und Dränger der Julimonarchie. Ein Zusammen 
hang zwischen den Interventionisten der vorachtundvierziger 
Periode und den heutigen hat zunächst nicht bestanden. Erst
        <pb n="265" />
        Die Interventionisten 
239 
mit dem Neudruck des Ottschen Lehrbuchs im Jahre 1892 und 
dem damit zusammenhängenden Aufkommen des heutigen 
christlichen Sozialismus läßt sich der direkte Einfluß der früheren 
auf die heutige sozialkatholische Schule nachweisen. 
Die Entstehungsgeschichte dieser Schule ist kurz folgende 1 ): 
Der Industrielle Maurice Maignen, Sohn eines Leibgardisten 
Ludwig XVIII., gründete 1852 in Paris unter dem Pseudonym 
Maurice le Prévost einen Wohltätigkeitsverein, der sich 
speziell mit der Organisation von Lehrlingsvereinen befaßte. 
1855 ging Maignen einen Schritt weiter und sammelte einige 
der aus diesen „Patronages d’apprentis“ h er vorgegangenen Ge 
sellen um sich zu einem Gesellenverein unter dem Namen 
„Association des jeunes ouvriers de Notre Dame de Nazareth“. 
Nach außen hin sowohl als für ihre Mitglieder hatte die Ver 
einigung lediglich einen religiös-geselligen Zweck. Maignen 
aber sah darin nichts weniger als eine Vorstufe zur Wiederher 
stellung der Zünfte. Er hatte seine Jugend „als Arbeiter in den 
Pariser Vororten verlebt; das Elend und die Verwahrlosung der 
dortigen Arbeiterbevölkerung hatte tiefe Eindrücke in ihm 
hinterlassen und, zu Wohlstand gelangt, faßte er den Entschluß, 
sein Leben der Besserung der materiellen und sittlichen Lage 
der Arbeiter zu widmen. Die legitimistische Erziehung, die er 
im Elternhause genossen, lenkte seine Gedanken naturgemäß 
auf die Einrichtungen des ancien régime, und der Einfluß Louis 
Veuillots und de Meluns förderten in ihm das Ausreisen 
der Überzeugung, daß die Lösung der Arbeiterfrage nur von 
der korporativen Organisation der Gewerbe zu erwarten sei. 
1865 nahm sein Gesellen verein den Namen „Cercle des 
jeunes ouvriers“ an. 1867 bereiste er die Rheinprovinz, um die 
von Kolping ins Leben gerufenen „sozialen Vereine“ zu studieren, 
und kehrte dann nach Frankreich zurück, nunmehr von der 
Notwendigkeit, die alte Zunftverfassung wieder herzustellen, fest 
überzeugt. 
Kurz nach Niederwerfung der Pariser Commune 1871 trat 
Maignen mit zwei französischen Offizieren: Marquis René de 
la Tour du Pin und Graf Albert de Mun, von denen er gehört 
*) Victor de Clercq, Les Doctrines sociales catholiques en France, 3. Aufl. 
1905, Bd. II, p. 10 ff.
        <pb n="266" />
        240 
Die Gründer der heutigen Schulen 
hatte, daß sie sich mit sozialen Reorganisationsplänen trügen, 
in Verbindung. Die beiden Herren hatten sich als Kriegs 
gefangene in Aachen in das Studium von Kellers gegen den 
Liberalismus gerichteten Kommentar zum Syllabus Pius IX. 1 ) 
vertieft und den Plan gefaßt, eine Gegenrevolution einzuleiten, 
die Beseitigung der im Gefolge der Ereignisse von 1789 in 
Frankreich geschaffenen individualistischen Gesellschafts- und 
Wirtschaftsordnung in Angriff zu nehmen und die Wieder 
herstellung des „christlichen Staates“ des hohen Mittelalters zu 
betreiben. Maignen wußte die beiden für seinen Gesellen 
verein, als für den ersten Anfang der Wiederbelebung der Zunft 
ordnung, zu begeistern. Das Zusammentreffen faßten die Herren 
in der Folge als ein providentielles auf. De la Tour du Pin 
und de Mun traten als Redner im „Cercle des jeunes ouvriers 
du boulevard Montparnasse“ auf und leiteten alsbald eine Be 
wegung zur Gründung ähnlicher Vereinigungen ein, zunächst in 
anderen Pariser Stadtvierteln, dann aber auch in der Provinz. 
Das Unternehmen hatte Erfolg, am meisten allerdings in den 
Kreisen des legitimistischen Adels. Viele Offiziere und Zivilisten 
dieser Kreise traten bei, weil sie die Bewegung für geeignet 
hielten, die Monarchie wieder herzustellen. In Paris gab es bald 
ein halbes Dutzend Cercles, in der Provinz stieg deren Zahl 
rasch auf sechshundert. 
Die Rekrutierung von Arbeitern blieb eine mäßige, weil 
die praktische Ausübung der katholischen Religion als Auf 
nahmebedingung verlangt wurde. Der Pariser Kanonikus Brettes, 
welcher in Le Pia y schern Sinne gewünscht hatte, daß die 
Cercles allen Arbeitern offen stünden, um sie nach und 
nach für die Anschauungen und Pläne des Unternehmens zu 
gewinnen, drang nicht durch. Ziel der Bewegung war, wie 
schon angedeutet, von Anfang an die Beseitigung der durch die 
Revolution geschaffenen, individualistischen Wirtschafts- und 
Gesellschaftsordnung und Wiederherstellung des christlichen 
Staates des Mittelalters, d. h. in erster Linie der korporativen 
Gewerbeverfassung. Die Cercles sollten Zentren zur Propa 
ganda dieser Idee sein. Bis diese jedoch in allen Details 
programmatisch ausgebaut wäre und der Kampf gegen den 
i) Emile Keller, L’Encyclique du 8 décembre 1864 et les principes de 1789.
        <pb n="267" />
        Die Interventionisten 
241 
Liberalismus auf der ganzen Linie ausgenommen werden könnte, 
beschränkte man sich in allen Aufrufen und Reden darauf, als 
Zweck der Oeuvre des Cercles zu bezeichnen: die Arbeiter dem 
Christentum wieder zu gewinnen und die gegenseitige Annähe 
rung der sozialen Klassen zu fördern. 
Zwei Umständen insbesondere hatte die Bewegung ihren 
raschen Aufschwung zu verdanken: erstens, daß sie dem starken 
Bedürfnis nach politischen und sozialen Reformen, welches die 
Ereignisse der Jahre 1870—71 in Frankreich geweckt hatten, 
entgegen kam, und zweitens der großen Anziehungskraft, welche 
de Muns glänzende Rednergabe ausübte. 
Gleich anfangs wurde eine Einrichtung geschaffen, erst 
Conseil de Je'sus Ouvrier, dann Conseil des Etudes genannt, deren 
Aufgabe sein sollte, zunächst eine der katholischen Religion 
entsprechende Lösung der Arbeiterfrage, dann aber auch den 
detaillierten Ausbau einer katholischen Soziallehre überhaupt in 
Angriff zu nehmen. In diesem Ausschuß finden wir Maignen, 
de la Tour du Pin, de Mun, Félix de Eoquefeuil, Keller, de Breda, 
den apostolischen Missionar P. de Pascal, Milcent, Delalande u. a. 
Man teilte das Arbeitsgebiet in drei Abteilungen : Arbeit, Eigen 
tum, Kredit. Der Conseil des Etudes kam nie über die erste 
Abteilung hinaus x ). Es zeigte sich bald, daß der tüchtigste 
Kopf der Gruppe der Marquis de la Tour du Pin war. Ihm 
hauptsächlich ist der allmähliche Ausbau der Doktrin zu ver 
danken. De Breda enquetierte über die Anfänge korporativen 
Zusammenschlusses der Arbeiter, aber auch über deren Lage 
überhaupt, in mehreren industriellen Großbetrieben des nörd 
lichen und östlichen Frankreich. Milcent und Delalande arbeiteten 
sozialpolitische Gesetzentwürfe aus, welche de Mun und Lecour- 
Grandmaison vor die Abgeordnetenkammer brachten. 
1876 wurde die Monatsschrift l’Association Catholique ge 
gründet. Noch war man so wenig zu feststehenden, geklärten 
Grundsätzen gekommen, daß man alle Katholiken, auch die 
liberalen und Nichtinterventionisten, zur Mitarbeit aufrief. 
Charles Périn war es, der den Leitartikel der ersten Nummer 
i) Der Conseil des Etudes veröffentlichte unter dem Titel: Questions so 
ciales et ouvrières, Paris 1882, eine Sammlung von Gutachten seiner Mitglieder 
über die Frage der Organisation der Arbeit. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
16
        <pb n="268" />
        242 
Die Gründer der heutigen Schulen 
der Zeitschrift verfaßte 1 Er wagte es, ihn mit dem Satze zu 
schließen: „Die Arbeitsfreiheit so gut als die vollständige per 
sönliche Freiheit der Arbeiter sind in unsere Sitten und in unser 
Recht eingedrungen; es geht nun einmal heute nicht mehr an, 
dem Menschen eine gesetzliche Bindung an das von ihm aus 
geübte Gewerbe aufzuerlegen.“ 
Es liegt auf der Hand, daß das Zusammengehen Périns 
und seiner Freunde, in der Hauptsache Juristen, Rechtsprofes 
soren der Instituts Catholiques und Schüler Le Plays, 
mit den Männern, welche die Wiederherstellung der Gebunden 
heit des Feudalstaates anstrebten, nicht von langer Dauer sein 
konnte. Die Scheidung vollzog sich 1878 in Chartres. De Mun 
hatte dort gelegentlich einer Wallfahrt eine zündende Rede 
gegen die Arbeitsfreiheit und für die Wiederherstellung der kor 
porativen Organisation der Gewerbe gehalten. Wenige Tage 
darauf sammelte Perln seine Freunde in derselben Stadt um 
sich und legte feierlich Protest ein gegen alle Versuche, die 
Zünfte, in welcher Form es auch sei, wiederherzustellen. Die 
Herren traten alsdann, mit alleiniger Ausnahme von Hervé-Bazin, 
Professors der Rechte am Institut Catholique von Angers, aus 
der „Oeuvre des Cercles“ aus. 
Diese ging nunmehr eifriger als je an die Ausarbeitung 
einer Doktrin. Die Hauptetappen in dieser Entwicklung werden 
durch Reden de Muns und Aufsätze de la Tour du Pins dar 
gestellt i). Später treten hinzu : die Arbeiten der internationalen 
Unions de Fribourg 1884—89 und die Beschlüsse der Lütticher 
Kongresse 1886, 87, 90. Ihren Höhepunkt und vorläufigen Ab 
schluß erreichte die sozialkatholische Doktrin in Leos XIII En 
zyklika „Rerum no varum “ vom 15. Mai 1891 und in de Muns 
Rede von St. Etienne vom 18. Dezember 1892. 
Die doktrinelle Entwicklung des Sozialkatholizismus geht 
in bewußtem und gewolltem Gegensatz zur klassischen Lehre 
9 Die Reden de Muns erscheinen in einer Sammelausgabe, von der bisher 
sieben Bände vorliegen (Discours du Comte Albert de Mun, accompagnés de 
notices par Charles Geoffroy de Grandmaron, Paris, 3. Aufl. 1895 ff.). Die 
Aufsätze de la Tour du Pins ei schienen in der Zeitschrift VAssociation catho 
lique. Die wichtigsten wurden in Buchform unter dem Titel: Vers un Ordre 
Social Chrétien, Jalons de Route 1882—1907, Paris 1907, gesammelt heraus 
gegeben.
        <pb n="269" />
        Die Interventionisten 
243 
vor sich. Der Liberalismus überhaupt in Religion, Volkswirt 
schaft und Politik soll ausgerottet und durch eine christliche 
Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung ersetzt werden. Man setzte 
auf dem Gebiete der Wirtschaftslehre ein und zwar mit der 
Arbeiterfrage. 
Die vorgefaßte Idee, das große Ideal der sozialkatholischen 
Wirtschaftslehre ist die korporative Organisation des Wirtschafts 
lebens. Durch diese soll zunächst das große Problem der Sozial 
versicherung gelöst werden. Im weiteren soll sie allmählich die 
Beseitigung der bestehenden, individualistischen Wirtschafts 
ordnung bewirken und den christlichen Staat der Zukunft herbei 
führen. Von der Gesetzgebung des bestehenden Staates ver 
langen andererseits die Sozialkatholiken die Befriedigung des 
Schutzbedürfnisses der Arbeiter. Also : korporative Organisation 
des Wirtschaftslebens und Arbeiterschutzgesetzgebung sind die beiden 
Hauptgegenstände der sozialkatholischen Wirtschaftslehre. Die 
selben durchdringen und befruchten sich gegenseitig. Nichts 
destoweniger besteht zwischen beiden ein latenter Gegensatz: 
die korporative Organisation der Gewerbe bezweckt eine wesent 
liche Umgestaltung der Wirtschaftsordnung, während die 
Arbeiterschutzgesetzgebung sich auf dem Boden der bestehenden 
vollzieht. 
Dieser Gegensatz blieb lange unentwickelt. Nicht daß er 
nicht ab und zu zutage getreten wäre x ) ; aber erst in den 
90er Jahren des vorigen Jahrhunderts gelangte er dauernd an 
die Oberfläche. Es hing dies damit zusammen, daß die den 
bürgerlichen Kreisen angehörenden Anhänger der sozialkatholi 
schen Schule der aus der Revolution hervorgegangenen Staats- 
0 Schon 1884 schreibt z. B. Graf de Ségur-Lamoignon: „Was wir ver 
treten und vom Staate verlangen, ist nicht dessen administrative Einmischung, 
sondern dessen gesetzgeberische Mitwirkung in der Reglementierung der Arbeit, 
so zwar, daß, wenn diese einmal feststeht, die Arbeiter wieder die Freiheit 
haben, welche sie seit dem Aufkommen der sogenannten Arbeitsfreiheit im Jahre 
1791 nicht mehr haben. Was wir wollen, das sind auf der Gerechtigkeit 
fußende Gesetze, welche die Rechte und Pflichten eines jeden so sicher stellen, 
daß der Staat und seine Bureaukratie nicht nur die Pflicht nicht mehr haben, 
sondern selbst das Recht nicht mehr und das Bedürfnis, sich jeden Augenblick 
in Fragen einzumischen, welche das ausschließliche Gebiet der Welt der Arbeit 
bleiben und sich dem offiziellen Eingriff der Staatsgewalt entziehen müssen.“ 
de Ségur-Lamoignon in: Association Catholique, Jahr 1884, Bd. I, p. 426.
        <pb n="270" />
        244 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Ordnung nicht so fremd und schroff ablehnend gegenüber 
standen, als die feudalen Gründer der Oeuvre des Cercles, 
deren Denken sich im wesentlichen von Famihentraditionen 
nährte. So kam es, daß die feudalen Herren sich mehr um die 
Korporationsidee, die Geistlichen und Bürgerlichen mehr um die 
jenige der Staatsintervention gruppierten. Die Fühlungnahme mit 
deutschen katholischen Sozialpolitikern auf den Lütticher Kon 
gressen stärkte die Position der Geistlichen und Bürgerlichen. 
Die Enzyklika von 1891 führte ihnen bedeutenden Zuwachs 
insbesondere aus dem niederen Klerus zu. Aber wir wollen 
nicht zu weit vorauseilen. Von der Entwicklung des Sozial 
katholizismus nach der Enzyklika „Berum no varum “ wird weiter 
unten zu reden sein. An dieser Stelle bleibt uns dagegen 
einiges über den inneren Ausbau der Ideenwelt der Schule in 
der Entstehungsperiode vorzuführen. 
De la Tour du Pin 1 ) legt Wert darauf festzustellen, daß die 
sozialkatholische Lehre in Frankreich nicht fremden Ursprungs 
sei. Gewiß hatte er im Verein mit de Mun die von Bischof 
Ketteier in Deutschland ins Leben gerufene katholisch-soziale Be 
wegung studiert. Als französischer Militärattache in Wien hatte 
er ferner mit der feudalen Reformpartei, die sich um die Grafen 
V. Blome und Belcredi, den Freiherrn v. Vogelsang, den Fürsten 
Liechtenstein u. a. scharte, regen Verkehr und Ideenaustausch 
gepflegt. Dennoch schreibt er: „Es sind nicht fremde, in der 
Schule des Auslandes gelernte Doktrinen, welche ich eingeführt 
hätte und die meine Freunde alsdann angenommen hätten; es 
sind vielmehr Überzeugungen, welche bei allen Völkern alter 
christlicher Kultur traditionell sind und die bei uns durch ein 
philosophisches System, das seinerseits fremder Herkunft ist: den 
Liberalismus, in den Hintergrund gedrängt wurden“ 2 ). Und mit 
rührender Naivität, zugleich einen echt militärischen Zug seines 
Denkens enthüllend, erzählt der Marquis, wie seine Anschauungen 
entstanden: „Mein Vater pflegte mir zu sagen, wenn er mich 
über unser kleines Gut führte : „ „Erinnere dich stets, daß du 
nur der Verwalter dieses Bodens für dessen Bewohner sein 
*) Marquis de la Tour du Pin la Char ce, Vers un Ordre Social Chrétien, 
Paris 1907, p. IX—X. 
2 ) Marquis de la Tour du Pin la Charce, Vers un ordre social chrétien, 
Paris 1007, p. 6.
        <pb n="271" />
        Die Interventionisten 
245 
wirst.““ Das war der soziale Begriff des Eigentums. Ähnlich 
d. h. durch praktisches Beispiel belehrte er mich über den 
familialen Arbeitslohn und die anderen wirtschaftlichen Dinge. 
. . . Für mich war damit alles darüber gesagt, und mit fertigen 
Ideen über diese Dinge kam ich zu anderen Menschen und 
anderen Völkern“ 1 ). Später allerdings, in den Unions de 
Fribourg und den Lütticher Kongressen, wurde die 
Fortbildung der Lehre in Gemeinschaft mit Italienern, Schweizern, 
Deutschen und Belgiern vorgenommen. 
De la Tour du Pin leugnet dagegen keineswegs den 
starken Einfluß, welchen Le Play auf sein Denken ausübte. 
Wir finden diesen schon gleich in den grundlegenden Theorien 
der sozialkatholischen Schule. De la Tour du Pin unter 
scheidet in der Sozialwissenschaft drei Gebiete : 1. die soziale 
Ethik oder die Philosophie der Kultur (Gegenstand derselben 
sind: Mensch, Sittengesetz, Erbsünde); 2. die soziale Geschichte 
oder die Entwicklung der Kultur (der antike Staat, der christ 
liche Staat, der moderne Staat); 3. die soziale Ökonomik oder 
das Leben in der Kultur (Arbeit, Eigentum, Tausch) 2 ). 
ad 1. Gegenstand der Sozialwissenschaft ist nach delà 
Tour du Pin nicht der abstrakte Mensch, sondern die Gesell 
schaft, nicht das Naturrecht allein, sondern auch die historisch 
gewordenen Rechte. Die Gegenüberstellung der verschiedenen 
Gesetzgebungen und des Naturgesetzes zeigt die tiefe Wahrheit 
der Le Play sehen Schlußfolgerungen, daß nämlich der voll 
ständigste Ausdruck des Naturgesetzes im Dekalog sich findet, 
und daß das Gedeihen der menschlichen Gesellschaften: Fami 
lien, Korporationen, Völker, im direkten Verhältnis zur Be 
obachtung jenes Gesetzes steht 3 ). Nicht wirtschaftliche Natur 
gesetze, sondern ethische Normen sind die Grundgesetze der Gesell 
schaftsordnung und des Wirtschaftslebens 4 ). Für den Christen sind 
diese Gesetze nicht nur diejenigen des Dekalogs, sondern auch 
deren Ergänzung durch das Gesetz der Liebe : das Evangelium 5 ). 
*) ibid. p. 4. 
2 ) ibid. p. 201—202. 
s ) ibid. p. 203. 
*) ibid. p. 129. 
5 ) ibid. p. 203. Zur Methode Le Plays schreibt de la Tour du Pin: 
daraus, daß wir auf dem Wege der Deduktion aus feststehenden Pr in-
        <pb n="272" />
        246 
Die Gründer der heutigen Schulen 
ad 2. Dem antiken und dem modernen liberalen Staat 
stellt de la Tour du Pin den christlichen Staat des hohen 
Mittelalters entgegen. „Die christliche civitas beruht auf dem 
Gefühle der Gemeinschaft und der Tatsache der Assoziation; 
sie nimmt bald feudale, bald kommunale, bald korporative 
Formen an, meist alle drei nebeneinander; sie ist immer von 
dem Gefühle der Solidarität aller ihrer Teile beseelt Sie 
lebt durch einen Austausch von Dienstleistungen, welcher der 
Zweck aller Arbeit und die Bedingung aller Privilegien ist. 
Recht und Pflicht sind darin untrennbar, wie Ursache und 
Wirkung; jede Grundabgabe entspricht einer Last. Die Kirche, 
eine religiöse Gesellschaft, ist darin wie die Seele der bürger 
lichen Gesellschaft. Deren Lehre und Gottesdienst beherrschen 
alle Akte des gesellschaftlichen Lebens ; ein einheitlicher Geist 
beseelt so die Masse der Menschen und die Gesamtheit der 
zivilisierten Völker“ *). Die Organisation des christlichen Staates 
baut sich auf der des Wirtschaftslebens auf; darum zunächst 
von diesem. 
ad 3. Das Gesetz der Arbeit ist die Grundlage der ganzen 
Sozialökonomik, weil es das Grundgesetz des menschlichen 
Lebens ist. „Die Arbeit hat nicht die Produktion der Güter 
zum Zweck (wie die liberale Schule lehrt), sondern den Menschen 
ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Die Grundbedingung 
einer guten Wirtschaftsordnung ist, daß sie zunächst dem Ar 
beiter, dann dem ganzen Volke die zum Leben nützlichen Güter 
in genügender Menge verschaffe“ 2 ). Das standesgemäße Aus 
kommen ist das Kriterium einer christlichen Lösung des Ver 
teilungsproblems. Die Früchte einer jeden Unternehmung sind 
unter den Arbeitgeber und die Arbeiter nach Maßgabe dieses 
Kriteriums zu verteilen. Die Erfordernisse eines standesgemäßen 
zipien vorgehen, während unsere Freunde (der Réforme Sociale) induktiv aus 
den beobachteten Tatsachen aufbauen, folgt keineswegs, daß die Differenz der 
Methoden ein Auseinandergehen der Resultate mit sich bringen müsse. Sicher 
ist, daß die induktive Methode nicht alle unsere Prinzipien zu erweisen vermag, 
aber sie widerlegt keins .... Wenn wir verschiedene Wege gehen, halten wir 
dieselben doch für wesentlich konvergierend.“ de la Tour du Pin in der Asso 
ciation Catholique, Jahrgang 1882, Bd. II, p. 255. 
*) de la Tour du Pin loc. cit. p. 206—207. 
2 ) ibid. p. 209.
        <pb n="273" />
        \ 
Die Interventionisten 
247 
Auskommens sind: der Besitz eines Familienherdes, die jedem 
Stande entsprechende Befriedigung der notwendigen Bedürfnisse 
und die Möglichkeit des Sparens für das Alter. Der Arbeitgeber 
ist durch das christliche Sittengesetz im Gewissen verpflichtet, 
seinen Arbeitern ein standesgemäßes Leben zu ermöglichen, 
und zwar nicht nur durch Zahlung eines auskömmlichen Lohnes, 
sondern auch durch Wohlfahrtseinrichtungen, welche die Hy 
giene, die Disziplin und die Moralität der Arbeitsstätte betreffen. 
Diese Arbeiterschutzpflicht ist durch staatliches Gesetz zu sank 
tionieren. Allerdings ist der heutige Staat, die Frucht der 
Revolution, außerstande, die standesgemäße Existenz der Ar 
beiter zu sichern *). Ja die Arbeitsfreiheit, auf welcher die heutige 
Wirtschaftsordnung beruht, ist von allen Arbeitsorganisationen 
— die Sklavenwirtschaft nicht ausgenommen — die unvoll 
kommenste. Die Arbeitsfreiheit, d. h. die unbeschränkte Kon 
kurrenz, hat zur Wirkung, daß die Arbeit dann am schlech 
testen entlohnt wird, wenn die Bedürfnisse der Arbeiter am 
größten sind. Sie erzeugt eine dauernde Unsicherheit für Ar 
beitgeber und Arbeiter; sie ist der Gesellschaft schädlich, weil 
sie den Klassenhaß entfacht und den Gegensatz der Interessen 
statt deren Harmonie erzeugt 2 ). Überall, wo die Lehren und 
Gepflogenheiten der liberalen Nationalökonomie eindrangen, 
haben sich dieselben Übel gezeigt : Anwachsen des Proletariats, 
Desorganisation der Familien, Entfremdung von Arbeitgebern 
und Arbeitern, Unbeständigkeit der wirtschaftlichen und sozialen 
Beziehungen, Abnahme der beruflichen Tüchtigkeit, sittliche 
Dekadenz und Vorzeichen einer kommenden, wirtschaftlichen 3 ). 
Die Arbeitsorganisation, welche dem „sozialen Frieden am 
günstigsten ist und welche die unerläßliche Vorbedingung der 
vollen Ausübung der gegenseitigen Pflichten von Arbeitgebern 
und Arbeitern darstellt, ist die korporative“ 4 ). 
Das Prinzip der korporativen Arbeitsordnung liegt in der 
Anerkennung eines eigenen Rechtes der Mitglieder der Korpo- 
iation dieser und einander gegenüber, und eines eigenen Rechtes 
') ibid. p. 11 ff. 
2 ) ibid. p. 209. 
3 ) ibid. p. 20—21. 
4 ) ibid. p. 14.
        <pb n="274" />
        248 
Die Gründer der heutigen Schulen 
der Korporation dem Staat gegenüber 1 ). Im Mittelalter garan 
tierten die Zunftstatuten jedem Mitgliede das seiner Rangstel 
lung, ob Meister, Geselle oder Lehrling zukommende, eigene 
Recht. Den verschiedenen Eigenrechten war die gleiche Ach 
tung gesichert. Diese Rechte waren so kombiniert, daß sie 
Schutz für alle Interessen bedeuteten; sie waren „harmonisch 
solidarisiert“. Das eigene Recht der Zunft dem Staate gegen 
über gab ihr eine der Kommune ähnliche Stellung. Die öffent 
liche Gewalt gab ihr nicht ihre Gesetze, sondern bestätigte nur 
die selbstgegebenen. Auch übte die Zunft die Gewerbegerichts 
barkeit aus 2 ). 
Trotz seiner Eingenommenheit für die Zunftverfassung des 
hohen Mittelalters, will de la Tour du Pin die Korporationen 
„nicht auf ihre alten Typen zurückführen“, sondern den christ 
lichen Staat der Zukunft durch Förderung der Arbeitersyndi 
kate, aber auch der Organisation der Arbeitgeber herbei 
führen 3 ). Allerdings stellt er nicht ohne Melancholie fest, daß 
die Korporationen der nächsten wirtschaftlichen Epoche eher 
demokratische sein werden, weil nämlich die Arbeiter wesentlich 
mehr als die Arbeitgeber von der durch das Gesetz von 1884 
gewährleisteten Koalitionsfreiheit Gebrauch gemacht haben 4 ). 
Die Frage, ob die beruflichen Arbeiter- und Arbeitgeberorgani 
sationen freie oder obligatorische sein sollen, beantwortet de 
la Tour du Pin nach langem Schwanken dahin, daß „weder 
das eine noch das andere“ das Richtige sei. Man soll vielmehr 
den Organisationen Privilegien geben, damit sie sich spontan 
aus freien zu obligatorischen entwickeln 5 ). 
Eine der wichtigsten und nächsten Aufgaben der Arbeiter 
syndikate wird die Lösung des Versicherungsproblemes mittels 
Wiederherstellung der unteilbaren, unveräußerlichen Zunftpatri- 
ibid. p. 22. 
*) ibid. p. 22 ff. 
3 ) Desgl. de Mun, Rede vom 15. Jan. 1876, in der gesammelten Ausgabe 
Bd. I, p. 181. 
4 ) de la Tour du Pin loe. eit. p. 215. Diese Feststellung de la Tour du 
Pins trifft heute nicht mehr zu. Nach Ch. Gide, Economie sociale, Paris. 1905, 
p. 108, gab es 1903 bereits 2757 Arbeitgebersyndikate mit 205 663 Mitgliedern 
in Frankreich. 
s ) ibid. p. 24.
        <pb n="275" />
        Die Interventionisten 
249 
monien sein. Dieselben sind durch „komplementären Lohn“ 
von den Arbeitgebern aufzubringen. Die Arbeiter haben da 
rauf ein förmliches Anrecht ; denn die Zunftpatrimonien wurden, 
wie die Kirchen- und Emigrantengüter, vom heutigen liberalen, 
der Revolution entsprungenen Staate widerrechtlich geraubt. 
Daraus erwächst die Pflicht der Wiedererstattung *). 
Die Vorteile, welche die Herren der Association Ca 
tholique der korporativen Wirtschaftsorganisation nachzusagen 
wissen, sind sehr zahlreich. Einige der hauptsächlichsten sind : 
die Korporation gibt den geeignetsten Boden ab zur Überein 
kunft bezw. der Arbeitsbedingungen ; das Zunftpatrimonium ist 
die beste Versicherung für deren Mitglieder für die Zeit des 
Nichtarbeitens, welches auch dessen — natürlich legitimer — 
Grund sei ; die Zunft ermöglicht allen das Aufsteigen innerhalb 
des Berufes; sie ist der geeignetste Wahlkörper für die politi 
schen Körperschaften, weil sie die besten Garantien für eine 
kompetente und überlegte Interessenvertretung bietet usw. 2 ). 
Der bedeutendste Vorteil dürfte aber der sein, daß die korpo 
rative Organisation der Gewerbe der bestehenden individualisti 
schen Wirtschaftsordnung ein Ende zu machen verspricht. De 
la Tour du Pin denkt sich den Übergang zum christlichen 
Staat der Zukunft etwa wie folgt : in dem Maße, als die Ar 
beitersyndikate erstarken, „werden sie ihre Forderungen an 
komplementärem Lohn in Form von Unfall-, Kranken-, Alters-, 
Arbeitslosenversicherung in die Höhe schrauben ; sie werden die 
betreffenden Kassen selbst zu verwalten verlangen und Garan 
tien fordern, welche die Unternehmer nur geben können, indem 
sie ihr Anlagekapital damit hypothekarisch belasten ; die Folge 
J ) ibid. p. 26 ff. Vgl. dazu auch: „Die christliche Sozialreform der Volks 
klassen hat zur notwendigen Bedingung die Konstituierung eines Kollektiv 
eigentums unter all dessen alten und modernen Formen zu deren Gunsten. 
Darauf haben sie ein wirkliches Anrecht. Und wer von Anrecht spricht, darf 
nicht vor der Berechtigung einer zu erstrebenden Wiedererstattung zurück 
schrecken. Der Staat und die besitzenden Klassen haben die Beute am Volke 
zu ihrem Vorteil erobert. Vom Staat und von den wohlhabenden Klassen muß 
man dieses Jahrhunderte alte Erbteil wieder einfordern, nicht plötzlich, durch 
gewaltsame Konfiszierung, sondern durch das Spiel von Einrichtungen, welche 
Reserven fürs Volk schaffen.“ de la Tour du Pin, loc. cit. p. 245. 
2 ) ibid. p. 210.
        <pb n="276" />
        250 
Die Gründer der heutigen Schulen 
wird sein, daß dieses so nach und nach in den Besitz der 
Arbeitersyndikate übergeht“ 4 ). 
Weniger als die auf die Kategorie Arbeit bezüglichen 
Fragen sind die beiden andern Kategorien der sozialkatholischen 
Wirtschaftslehre: Eigentum und Tausch oder Kredit bis heute 
ausgebaut. 
„Das Eigentum,“ schreibt de la Tour du Pin, „ist nicht 
wie die römischen Juristen lehrten, das Recht vollkommener 
Herrschaft einer Person über eine Sache unter Ausschluß aller 
andern, sondern wie die Doktoren des Mittelalters sagten : die 
Frucht einer in der Gesellschaft vollführten Arbeit, . . . welche 
zwar ein Verfügungsrecht des Besitzers über jene Frucht, aber 
auch eine Pflicht desselben der Gesellschaft, d. h. den Armen 
daran Anteil zu gewähren, begründet“ 2 ). „Die Armen haben 
ein gewisses, natürliches Recht an den von andern angeeigneten 
Gütern, und zwar in dem Maße, als ihre Existenzmittel von 
denselben ausschließlich abhängig sind“ 3 ). Das Eigentum ist 
demnach eine soziale Funktion. 
Das ist nach de la Tour du Pin die christliche und 
einzig wahre Auffassung des Eigentumsrechtes. Der Liberalis 
mus aber hat den Eigentumsbegriff gefälscht, das Eigentum in 
Frage gestellt, indem er nicht zwischen unbeweglichem und be 
weglichem Eigentum unterschied und beide durch Aufteilung 
der Güter der toten Hand und der Familiengüter zu mobili 
sieren sich unterfing 4 ). 
Was endlich die Lehre vom Tausch oder Kredit betrifft, 
so gipfelt sie natürlich in den schärfsten Anklagen gegen 
die kapitalistische Wirtschaftsordnung, welche die Verallge 
meinerung des Zinses und das Überwuchern der Spekulation 
erzeugte. Die natürliche Ordnung des Tausches beruht auf der 
Äquivalenz der ausgetauschten Güter oder, wenn man das 
*) ibid. p. 155—156. Eine ausführliche Schilderung von der Art und 
Weise, wie der Übergang aus der individualistischen Wirtschaftsordnung in die 
korporative der Zukunft sich vollziehen wird, bietet der Artikel: L,e Glas d'un 
Regime, von de la Tour du Pin. Association Catholique, Februar 1892, ab 
gedruckt in: Vers un Ordre Social Chrétien, p. 149 ff. 
2 ) ibid, p. 210, 262. 
3 ) ibid. p. 62. 
4 ) ibid. p. 210.
        <pb n="277" />
        Die Interventionisten 
251 
Zwischenglied des Preises derselben in Betracht zieht, auf dem 
gerechten Preis. Statt dessen, kann man sagen, werden heute 
nicht nur alle Dinge, sondern auch alle Dienstleistungen ge 
kauft und verkauft, ohne daß jemand dabei an das wesentliche 
Gesetz des Tausches: die Äquivalenz, denkt. Der Grund dafür 
ist, „daß man gemeinhin als Wert der Dinge das Bedürfnis, 
welches der Käufer oder Kreditnehmer nach ihnen haben 
kann, genommen hat, statt deren Kostenpreis und gemeine 
Brauchbarkeit“ x ). 
Die Staatslehre der sozialkatholischen Feudalen, welche 
hauptsächlich von de Ségur-Lamoignon und de la Tour 
du Pin ausgebaut wurde, lehnt sich eng an die Le Play sehe 
an 2 ). Beiden sind dieselben dezentralistischen und konservativen 
Züge gemeinsam. Nur tritt bei den Sozialkatholiken neben die 
Familie die Korporation als Grundlage des Staates. Das soziale 
Leben des Menschen, sagt de la Tour du Pin, bewegt sich 
um eine Achse, deren beide Pole Familienherd und Arbeits 
stätte (atelier) sind. Die Herde, d. h. die Familien, gruppieren 
sich im Laufe der Geschichte in lokale Organisationen, in Ge 
meinden. Die Arbeitsstätten gruppieren sich in Berufsgemein 
schaften. „Der Schlüssel der sozialen Wiedergeburt ist in der 
Erkenntnis gegeben, daß die Elemente der wirtschaftlichen, der 
sozialen und der politischen Ordnung identisch sind Die 
kommunale Organisation der Familienherde und die korpora 
tive Organisation der Arbeitsstätten sind die wesentlichen Orga 
nismen der bürgerlichen Gesellschaft.“ Auf ihnen baut sich 
die Provinz und auf den Provinzen der Staat auf. Jede Provinz 
soll eine nach Herden gewählte „Chambre des Communes“ 
haben, der die politische Gesetzgebung und Kontrolle der 
Staatsverwaltung zustehe, und eine von den Korporationen ge 
wählte „Chambre des Etats“, welche die wirtschaftlichen In 
teressen von Landwirtschaft, Industrie, Handel und der freien 
Berufe vertrete. Die Zentralgewalt, an deren Spitze eine zum 
Herrschen berufsmäßig erzogene Familie kraft eigenen Rechtes 
zu stehen hat, soll darauf bedacht sein, die Selbstverwaltungs 
rechte der Kommunen und kommunalen Verbände zu achten. 
b ibid. p. 211. 
2 ) Vgl. Art. La Réfection Sociale, de la Tour du Fin loe. cit. p. 490 fí.
        <pb n="278" />
        252 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Auch Le Plays auf die Familie bezüglichen Postulate 
dem bestehenden Staate gegenüber macht sich de la Tour 
du Pin zu eigen: Schutz der Frau gegen Verführung ; Wieder 
herstellung der Unauflöslichkeit der Ehe, der väterlichen Ge 
walt, der Familiengüter ; Abschaffung der zwangsweisen gleichen 
Erbteilung und Testierfreiheit für den Familienvater. Im Gegen 
satz zu Le Play, der die Umformung der Sozialordnung in 
dem von ihm gewünschten Sinne grundsätzlich von der Privat 
initiative erwartet, fordert de la Tour du Pin die Interven 
tion des Staates, z. B. zur Konstituierung von Familiengütern, 
durch eine Spezialgesetzgebung. 
Der religiösen Gesellschaft, d. h. der katholischen Kirche, 
hat endlich die bürgerliche Gesellschaft volle Freiheit zu ge 
währen und deren Vorschriften in ihrer Politik und Verwaltung 
zu betätigen. Dissidenten sind tolerant zu behandeln, Juden 
wie Ausländer *). 
Die sozialkatholische Doktrin, wie sie uns in obigem ent 
gegentrat, stellt sich zweifellos als ein rein deduktives, aus 
einigen aphoristischen Grundsätzen gewonnenes Gebäude dar. 
Da sie aber nicht nur Theorie sein wollte, sondern nach un 
mittelbarer Umsetzung in die Praxis strebte, ergaben sich natur 
gemäß Unsicherheiten und Schwankungen bezüglich der An 
passung an die gegebene Wirklichkeit. 
In der Frage der korporativen Wirtschaftsorganisation herrschte 
ursprünglich die Anschauung vor, das gemischte Syndikat sei 
die anzustrebende Form. 1884, gelegentlich der Kammerdebatte 
über den Waldeck-Rousseauschsn Gesetzentwurf trat de Mun 
jedoch für Anerkennung der bestehenden Arbeitersyndikate ein, 
forderte aber auch, daß ihnen die Sozialversicherung obliegen 
sollte 2 ). Später gewann die Lösung des Versicherungsproblems 
nach deutschem Muster Anhänger unter den Sozialkatholiken. 
Seit 1900 haben de la Tour du Pin und de Mun sich dazu 
verstanden, die christlich-demokratische Forderung getrennter 
beruflicher Organisation in das sozialkatholische Programm auf 
zunehmen. 
0 ibid. p. 213. 
2 ) Ofr. de Muns Kammerrede vom 7. Juni 1884, in der gesammelten Aus 
gabe, Bd. 1, p. 417 ff.
        <pb n="279" />
        Die Interventionisten 
253 
Die Ausarbeitung eines befriedigenden Programms von 
Arbeiterschutzgesetzgebung war naturgemäß nicht weniger Unsicher 
heiten und Schwankungen unterworfen. Anfangs stand nur 
fest, daß der gesetzliche Frauen- und Kinderschutz durchaus 
ungenügend sei, und daß eine wirksame Arbeiterschutzgesetz 
gebung international sein müsse 1 ). Diese Anschauung weckte 
das Bedürfnis nach internationaler Verständigung zwecks Auf 
stellung eines einheitlichen Arbeiterschutzprogramms. So kamen 
auf Anregung des Conseil des Etudes der Oeuvre des Cercles 
die Unions de Fribourg und die Lütticher Kongresse zustande. 
Die Unions de Fribourg waren 1884—89 jährlich in Frei 
burg i. d. Schweiz tagende Versammlungen katholischer Sozial 
politiker verschiedener Länder. Sie standen unter dem Einfluß 
der korporativen Feudalen Österreichs (Blome, Vogelsang) 
und der ihnen sinnesverwandten Franzosen (de Nun, de la 
Tour du Pin). Aber auch demokratisch fundierte interven 
tionistische Anschauungen (Hitze, Descurtins usw.) wußten 
sich bereits Geltung zu verschaffen. Die Unions de Fri 
bourg hatten mehr den Charakter intimer Beratungen; die 
Öffentlichkeit derselben war eine beschränkte. Es galt eben, 
erst vorsichtig miteinander Fühlung zu nehmen und das Terrain 
auf die Möglichkeit einer internationalen Verständigung hin zu 
sondieren. Die Unions de Fribourg beschäftigten sich 
hauptsächlich mit der Kritik der kapitalistischen Wirtschafts 
ordnung und mit der Frage nach den geeignetsten Mitteln und 
Wegen zur Wiederherstellung der korporativen Organisation der 
Gewerbe. Daneben wurden die Probleme der Sozialversicherung 
und der staatlichen Arbeiterschutzgesetzgebung besprochen. 
Kardinal Mermillod, Bischof von Lausanne und Genf, über 
brachte Leo XIII. die Akten der Unions de Fribourg, und der 
Papst verarbeitete dieselben zur Enzyklika „Rerum novarum“ 
vom 15. Mai 1891 2 ). 
J ) Insbesondere Loesewitz, ein in Paris lebender Deutscher, welcher sich 
der sozialkatholischen Bewegung angeschlossen hatte, trat als Mitarbeiter der 
Association Catholique, des Monde und des Contemporain in zahlreichen Artikeln 
mit Energie und Begeisterung für internationalen Arbeiterschutz, wie auch für 
die korporative Organisation des Wirtschaftslebens ein. 
2 ) Die Originale dieser Akten befinden sich zurzeit teils in dem in Frei 
burg i. d. Schweiz befindlichen Archiv des Bistums Lausanne, teils im Privat-
        <pb n="280" />
        254 
Die Gründer der heutigen Schulen 
Die Association Catholique und die sozialkatholische 
Schule in Frankreich feierten das Erscheinen dieser Enzyklika 
als einen großen Triumph des Interventionismus und der Kor 
porationsidee. Und wenn auch die Nichtinterventionisten über 
die Enzyklika zu jubeln vorgaben und sie in ihrem Sinne inter 
pretierten, so wird doch jeder unbefangene Leser derselben an 
erkennen müssen, auch wenn er nicht über deren Ursprung 
und Quellen unterrichtet ist, daß sie tatsächlich eine Partei 
nahme für den Interventionismus und für den beruflichen Zu 
sammenschluß der Arbeiterklasse bedeutet. 
Die Lütticher Kongresse waren ebenfalls internationale 
Versammlungen katholischer Sozialpolitiker, welche in den 
Jahren 1886, 1887 und 1890 in Lüttich tagten. Sie boten das 
Schauspiel eines lebhaften und hartnäckigen Kampfes zwischen 
Interventionisten und Nichtinterventionisten. Der Sieg blieb 
1890 endgültig auf seiten der deutschen Idee des Wohlfahrts 
staates. Für Frankreich bedeutete das einen Triumph der 
Sozialkatholiken der Schule de Muns über die Anhänger Le 
Plays und Per ins. Die Beschlüsse des dritten Lütticher Kon 
gresses, die berufliche Organisation der Arbeiter und die aufzu 
stellenden Arbeiterschutzforderungen betreffend, waren ganz im 
Sinne der Schule de Muns. 
Ihren Höhepunkt erreichte deren Doktrin, wie bereits an 
gedeutet, in Leos XIII. Enzyklika „Herum novarum“. Im engen 
Anschluß an diese formulierte de Mun am 18. Dezember 1892 
in St. Etienne ein sozialpolitisches Programm, welchem 
Leo XIII. durch Handschreiben vom 7. Januar 1893 die päpst 
liche Sanktion erteilte. De Muns Programm von St. Etienne 
bleibt hinter dem Stande, den die Entwicklung der sozialkatho 
lischen Ideen damals bereits erreicht hatte, aus taktischen 
Gründen zurück. Das Endziel der korporativen Wirtschafts 
ordnung wird darin nicht betont, die Festsetzung eines Minimal 
lohnsatzes, sei es nun durch den Staat oder die Arbeiterorgani 
sationen, überhaupt nicht erwähnt x ). Da es aber das erste zu 
besitz der Herren Staats- und Ständerat G. Python und Altnationalrat Univer 
sitätsprofessor Descurtins. Obige Informationen wurden uns von Graf Albert 
de Mun geliefert. 
') De Mun batte in einem offenen Brief an die Schule von Angers, wel 
cher einen Einigungsversuch darstellt und an der Spitze der Januarnummer
        <pb n="281" />
        Die Interventionisten 
255 
sammenhängende Glaubensbekenntnis der Schule darstellt, dem 
überdies die päpstliche Sanktion zuteil wurde, und da es ein 
anschauliches Bild gibt von dem, was man damals für genügend 
ausgereift hielt, um vor die große Öffentlichkeit gebracht werden 
zu können, so möge es in wortgetreuer Übersetzung wieder 
gegeben sein: „Unsere Forderungen müssen dahin zielen, dem 
Volke den Genuß seiner wesentlichen Rechte, welche die indi 
vidualistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung verkennt, 
zu sichern. Dieselben sind: eine den Interessen und Bedürf 
nissen des Volkes entsprechend organisierte Volksvertretung 
statt der rein zahlenmäßigen; Schutz des Familienherdes und 
des Familienlebens; Möglichkeit für jeden, sich und seine 
Familie von den Früchten seiner Arbeit zu ernähren; Garantie 
gegen die Unsicherheit der Existenz, welche Unfälle, Krankheit, 
Arbeitslosigkeit und Alter mit sich bringen; Versicherung gegen 
unvermeidliches Elend ; Möglichkeit der Gewinnbeteiligung 
für den Arbeiter und der Besitzanteilnahme an dem Unter 
nehmen, in welches er seine Arbeit steckt; Schutz gegen die 
Spekulationsmanöver, welche die Ersparnisse des Volkes ver 
nichten und es zum Elend verdammen, während, wie die Enzy 
klika sagt, einige wenige sich die absolute Herrschaft über In 
dustrie und Handel anmaßen und die Güterwelt für sich mono 
polisieren.“ 
„Zwei Kräfte vermögen die Verwirklichung dieses Pro 
gramms zu bewirken: die Berufsorganisation und die Gesetz 
gebung.“ 
„Die berufliche Organisation, für welche wir die weitgehendste 
Freiheit verlangen, vermag: die Vertretung der Arbeit in den 
gewählten Versammlungen der Nation zu sichern, in jedem 
landwirtschaftlichen oder industriellen Berufe den (Normal-, 
nicht den Minimal-)satz des gerechten Lohnes festzusetzen, den 
Opfern von Unfällen, Krankheiten oder Arbeitslosigkeit Ent 
schädigungen zu garantieren, Alterskassen zu schaffen, Streitig 
keiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern durch Einrichtung 
1891 der Association Catholique veröffentlicht wurde, die Forderung des Minimal 
lohnsatzes als unerläßlich hingestellt und nur die Konzession angeboten, dessen 
Feststellung den Korporationen zu überlassen, wenn die Staatsgewalt ihn wirk 
lich nicht aufzuerlegen vermöge.
        <pb n="282" />
        256 
Die Gründer der heutigen Schulen 
ständiger Einigungsämter zu verhindern, die Versicherung gegen 
das Elend korporativ zu organisieren, endlich den Arbeitern ein 
gewisses Kollektiveigentum zu verschaffen, ohne den Fortbestand 
des Privateigentums zu gefährden.“ 
„Die Gesetzgebung wird Familienherd und -leben durch Be 
schränkung der Frauen- und Kinderarbeit, Verbot der Nacht 
arbeit, Beschränkung der Arbeitszeit Erwachsener und obliga 
torische Sonntagsruhe schützen ; auf dem Lande werden in 
diesem Sinne Acker und Ernte, sowie die nötigsten Geräte und 
das nötigste Vieh der Möglichkeit der Beschlagnahme zu ent 
ziehen sein. Die Gesetzgebung wird ferner durch Verringerung 
der Steuerlast, insbesondere der Verbrauchssteuern, die Lebens 
haltung des Arbeiters und des Landmannes entlasten. An der 
Gesetzgebung ist es, die Gewinnbeteiligung und die Bildung von 
Produktivgenossenschaften zu begünstigen. . Aufgabe der Gesetz 
gebung ist es endlich, das Nationalvermögen, die Ersparnisse des 
Volkes und die öffentliche Moral durch Maßnahmen zu schützen, 
welche zum Gegenstand haben: Bekämpfung der Spekulation 
und des Börsenspiels, Reform des Gesellschaftsrechtes (im Sinne 
der Erschwerung der Bildung von Aktiengesellschaften), Aus 
schluß der Fremden von der Leitung der großen öffentlichen 
Dienstzweige, Verbot für die Staatsbeamten und Volksvertreter, 
an finanziellen Spekulationen sich zu beteiligen.“
        <pb n="283" />
        III. Teil. 
Die katholischen und verwandten Schulen in der 
Gegenwart. 
In der Gegenwart haben wir zu unterscheiden : 
A. Bei den Nichtinterventionisten: die beiden Le Play- 
schulen, welche man nach dem Titel ihrer beiderseitigen Zeit 
schriften die Schule der Réforme sociale und die der Science 
sociale zu benennen pflegt; dazu die sogenannte Schule von 
Angers, das sind die liberalen Katholiken. 
B. Bei den Sozialkatholiken: einen rechten, feudalen Flügel; 
einen linken, demokratischen, zu dem wir neben den christlichen 
Demokraten oder katholischen Sozialisten die Gruppe des Sillon 
zu rechnen haben; endlich ein von Tag zu Tag erstarkendes 
Zentrum, welches eine bunte Menge verschiedener Nuancen inter 
ventionistischen Denkens beherbergt. 
Die Sozialkatholiken lieben es, die nichtinterventionistischen, 
katholischen Gruppen als Konservative zu bezeichnen, weil sie 
an der individualistischen Wirtschaftsordnung festhalten. Sich 
selbst nennen sie mit Vorliebe Sozialreformer. Sie unterhalten 
Beziehungen mit den historisch-ethischen Nationalökonomen an 
den Universitäten. Zwischen der Le Play sehen Schule der 
Réforme sociale und der Schule von Angers bestehen oder rich 
tiger bestanden, da letztere im Absterben ist, vielfache Personal 
unionen. Ähnliche intime Beziehungen verbinden beide mit 
der liberalen Schule. Die Le Play sehe Schule der Science 
sociale bildet dagegen eine kleine, abseits stehende Gruppe, die 
aber auf die Öffentlichkeit im In- und Auslande einen größeren 
Einfluß ausübt als die orthodoxe Le Play schule. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
17
        <pb n="284" />
        258 
Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
A. Die Nichtinterventionisten. 
1. Kapitel. 
Die Schule der Réforme sociale. 
Le Play gründete 1856, einer Anregung der „Académie 
des Sciences Politiques et Morales“ nachkommend, die „Société 
internationale des Etudes pratiques d’Economie sociale“ kurz 
Société d’Economie sociale genannt. Sie hat zum Zweck, 
die materielle und sittliche Lage der Arbeiterbevölkerung (im 
weitern, Le Play sehen Sinne) bei allen Völkern mittels der 
Methode der Familienmonographien zu erforschen. Die Gesell 
schaft ist nach dem Muster der Société d'Economie politique der 
liberalen Schule organisiert. Im Winter hält sie monatliche 
Sitzungen ab, in welchen die sozialpolitischen Tagesfragen des 
In- und Auslandes zur Erörterung gelangen. Ihren Sitz hat 
sie in Paris, Rue de Seine 54, wo sie ihren Mitgliedern sowie 
jedem Interessenten eine Bibliothek zur Verfügung stellt. 
In Brüssel wurde 1881 von Beernaert, Baron de Moreau 
und mehreren andern Politikern der katholischen Partei Bel 
giens eine Société belge d’Economie sociale ins Leben gerufen, 
welche ebenso gut wie die Pariser eine offizielle Organisation 
der Le Playschule darstellt, und welche seit 1884 die ge 
samte sozialpolitische Gesetzgebung des belgischen Staates in 
spiriert. 
1871 benützte Le Play das Erwachen sozialer Reform 
bestrebungen, welches im Gefolge der Katastrophe von 1870 
bis 71 in Frankreich eintrat, zur Schaffung einer Propaganda 
organisation: Unions de la Paix sociale. Es sind dies Vereini 
gungen, welche die Anfertigung von Monographien nach Le 
Play scher Methode und die Verbreitung der Le PI a y sehen 
Ideen durch Abhaltung von Vorträgen und Einrichtung von 
Volksbibliotheken zum Zwecke haben. Die Unions de la 
Paix sociale sind über ganz Frankreich verbreitet; in Paris 
finden seit 1882 jährliche Kongresse derselben statt. Sie sind
        <pb n="285" />
        Die Schule der Réforme sociale 
259 
nach Provinzen, zurzeit in 23 Gruppen organisiert. Die Gesamt 
zahl der Mitglieder der beiden Sociétés (l’Economie sociale und 
der Unions de la Paix sociale, und damit ungefähr die Zahl der 
orthodoxen Anhänger Le Plays, dürfte augenblicklich das 
dritte Tausend überschritten haben. 
Wenige Monate vor seinem Tode gründete Le Play end 
lich die Zeitschrift: La Réforme sociale. Sie erscheint halb 
monatlich seit 1. Januar 1881 in Stärke von je fünf Bogen. 
Sie bietet eine reichhaltige Sammlung beschreibender Mono 
graphien, ausgezeichnete Übersichten über die soziale Bewegung 
aller Länder, eine Chronik der sozialen Gesetzgebung des In- 
und Auslandes, die Sitzungsberichte der Société d’économie so 
ciale usw. Nach dem von Le Play seinen Schülern ans Herz 
gelegten Rat vermeidet die Réforme sociale jede Polemik 
und theoretische Auseinandersetzung. 
Die Atmosphäre der Société d’Economie sociale war von An 
fang an und ist noch heute vom autoritären Geiste Le Plays 
durchtränkt. Das „jurare in verba magi stri" war und ist das 
Motto von Claudio-Jannet, Focillon, Urbain Guérin, de liïbbe, Delaire, 
Cheysson, E. de Curzon, His de Butenval, Auburtin usw. Allerdings 
ist die Methode Le Plays fortgebildet worden und zwar nicht 
nur durch Außenstehende wie Carrol Wright, durch Sezessionisten 
wie de Tourville und Demolins und durch du Maroussem, sondern 
auch durch getreue Schüler des Meisters wie de Ribbe und 
Cheysson. Aber in der orthodoxen Le Play schule gilt die über 
kommene Lehre noch heute als sakrosankt. Noch heute sind 
die unverrückbaren Grundlagen der Constitution essentielle einer 
menschlichen Gesellschaft : treue Beobachtung des Dekalogs, 
Testierfreiheit, ungeteilte Vererbung des Familiengutes, Per 
manenz des Arbeitsverhältnisses, Achtung vor Gott, vor der 
väterlichen Autorität und vor der Frau, Patronage. Die Familien 
monographien werden zur immer weitern Unterbauung dieser 
Lehre fortgesetzt, de Tourville hatte 1876 die Gründung 
der Ecole des Voyages angeregt; diese bestand in Vortrags 
zyklen, welche Focillon mehrere Jahre hindurch zur Aus 
bildung von Enquêteuren abhielt. Focillon s noch von 
Le Play gutgeheißene Anleitung zu der Aufnahme von 
Familienmonographien wurde das Vademekum aller Enquê-
        <pb n="286" />
        260 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
teure‘). Ergänzend tritt Urbain Guérins Erläuterung da 
neben 1 2 ). 
Ist eine Familienmonographie von irgend einem Mitgliede 
der Société d’Economie sociale oder der Unions aus 
genommen, so wird sie einer strengen Kontrolle bez. der ge 
wissenhaften Befolgung der F o c i 11 o n sehen Anleitung und der 
Orthodoxie der Schlußfolgerungen durch den Redaktionsausschuß 
der Ouvriers des Deux Mondes unterworfen, bevor sie zur 
Veröffentlichung in dieser offiziellen Sammlung zugelassen wird. 
Bis jetzt erschienen in derselben etwa 108 Familienmonographien, 
welche dreizehn Bände füllen. Die Jahresproduktion beläuft 
sich auf drei bis vier Monographien. Der Sammlung haftet der 
große Fehler an, daß sie sich fast ausschließlich auf Mono 
graphien von im Le Play sehen Sinne „glücklichen“ Arbeiter 
familien beschränkt. Wiederholten Anregungen du Mar ou s- 
sems, Béchaux ', Blondels, Lepelletiers der Wirklich 
keit näher zu treten und Monographien auch sozialistischer, 
atheistischer usw. Arbeiterfamilien aufzunehmen, haben sich die 
ältern Le Playschüler immer noch widersetzt. 
Eine interessante Erscheinung in der Geschichte der Le 
Play schule bilden die intimen Beziehungen, welche sie vom 
Anfang an mit den liberalen Volkswirten pflegte. In den 50er 
und 60er Jahren finden wir Villermé, Dupin, Batbie usw. unter 
den Mitgliedern der Société d’économie sociale; heute 
gehören dazu Frédéric Passy, Paul Leroy-Beaulieu, E. Levasseur u. a. 
In den Sitzungen der Gesellschaft geben Fragen, über welche 
die Anschauungen der liberalen Schule und der Anhänger 
Le Plays auseinandergehen, z. B. die zwangsweise gleiche Erb 
teilung, das homestead u. a. m., häufig Anlaß zu pikanten 
Diskussionen insbesondere zwischen Levasseur und Cheysson. 
Sie bewirken, daß die Sitzungen der Société d’écono 
mie sociale zu einer der beliebtesten Attraktionen der Pariser 
Universitätswelt geworden sind. Der Beitritt der jeweiligen 
1) Ad. Focillon, Instruction sur l’Observation des Faits Sociaux selon la 
Méthode des Monographies de Famille propre à l’ouvrage intitulé : Les Ouvriers 
Européens. (Mehrfach aufgelegt und von der Société d’Economie sociale heraus 
gegeben.) 
2 ) Urbain Guérin, La Méthode d’Observation, in : La Réforme Sociale 1881, 
Bd. I, p. 443 ff., Bd. II, p. 7 ff
        <pb n="287" />
        Die Schule der Réforme sociale 
261 
liberalen Koryphäen zur Société d’économie sociale erklärt sich 
in erster Linie aus der beiderseitigen, nichtinterventionistischen 
Grundstimmung 1 ). Dazu kommt, daß Le Play stets die 
Taktik befolgte, möglichst alle „Gutgesinnten“ um sich zu 
gruppieren ; waren sie einmal Mitglieder einer Organisation 
seiner Schule geworden, so konnten sie auch nach und nach 
für seine Ideen gewonnen werden. 
In diesem Sinne öffneten die getreuen Schüler des Meisters 
etwa seit der Jahrhundertwende auch interventionistisch ge 
sinnten Katholiken die Pforten der Société d’économie 
sociale. Für die Aufnahme von Familienmonographien nach 
Le Play schern Rezepte hat man in diesen „Gutgesinnten“ 
willige Kräfte gefunden. Aber die Georges Blondel, Abbé Lemire, 
Lepelletier, Brants usw. beginnen in die überkommenen Lehren 
des Meisters einen interventionistischen Einschlag hineinzutragen. 
Wir wollen nunmehr einen Rundgang durch die Société 
d’économie sociale unternehmen, um uns mit den hervor 
ragenderen Le Play Schülern bekannt zu machen. Dabei werden 
wir Gelegenheit haben, uns über die Fortbildung der Methode 
des Meisters durch Cheysson und du Maroussem zu unterrichten. 
Claudio-Jannet 2 ), weiland Professor der Nationalökonomie 
am Institut Catholique in Paris (f 1896), hat die rein 
volkswirtschaftliche Seite der Doktrin Le Plays ausgestaltet. 
„Die zahlreichen Wahrheiten,“ schreibt er, „welche die (liberalen) 
1) Die liberalen Volkswirte nehmen auch an der Propagandatätigkeit der 
Le Playschule tätigen Anteil. 1894 wurde von der Société d’ Economie 
Sociale ein Comité de Défense et de Progrès social ins Leben gerufen, 
welches die Bekämpfung des Sozialismus und die Verbreitung der Le Playschen 
Lehre zum Zweck hat. Dieser Ausschuß veranstaltete Vorträge in Paris und in 
der Provinz und veröffentlichte populäre Broschüren ; bisher erschienen davon 
etwa 40. Unter deren Autoren finden wir neben den eigentlichen Le Play 
schülern auch: Paul Leroy-Beaulieu, Levasseur usw. An der Spitze des Aus 
schusses steht der Direktor der Ecole libre des Sciences Politiques : Anatole 
Leroy-Beaulieu. 
2 ) Von seinen Schriften sind zu nennen: Les Etats-Unis contemporains, 
1. Ausl. 1875, die späteren Auflagen in 2 Bdn., 4. Ausl. 1889. — Le Socialisme 
d’Etat et la Réforme Sociale, 1889. — Le Capital, la Spéculation et la Finance, 
1892. — Des Syndicats entre Industriels pour régler la Production en France, 
in Bd. 60 der Schriften des Vereins für Sozialpolitik, 1894. — Histoire des 
Doctrines économiques et sociales (posthum und unvollendet) 1897.
        <pb n="288" />
        262 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Volkswirte auf dem Gebiete der eigentlichen Chrematistik be 
wiesen haben, finden in diesem Ensemble (dem System Le Plays) 
Platz; wenn Le Play sie nicht behandelt, so ist es deshalb, 
weil er sie für definitiv bewiesen hält und weil sie für ihn 
gegenüber den großen Wahrheiten, die vernachlässigt wurden, 
nur untergeordnete Bedeutung haben" x ). 
Claudio-Jannet ist jedoch weit entfernt, sich ohne 
weiteres mit der klassischen Nationalökonomie zu identifizieren. 
Er wirft ihr vielmehr vor, daß sie eine autonome Wissen 
schaft sein will, welche höchstens in gewissen Fällen den Postu 
laten der Ethik nachgibt, anstatt mit ihr gänzlich verbunden 
zu sein und auf ihr sich aufzubauen. Anstatt wie die Klassiker 
besondern Erscheinungen bestimmter Epochen an einem be 
stimmten Orte allgemeine Bedeutung zuzusprechen und die Ein 
wirkung von ethischen Anschauungen, Staat und Familie auf 
das Wirtschaftsleben zu vernachlässigen, soll man den Faktor 
Herkommen neben dem der Konkurrenz in volkswirtschaftlichen 
Untersuchungen beachten, und zwischen Erscheinungen univer 
sellen Charakters und solchen, die zeitlich und lokal beschränkt 
sind, unterscheiden lernen. Alsdann wird man die übereilten 
Verallgemeinerungen und die Irrtümer der Klassiker vermeiden, 
ohne die Existenz allgemein gültiger Gesetze der Volkswirtschaft 
negieren zu müssen 2 ). 
Drei Dinge kennzeichnen also die Volkswirtschaftslehre 
Claudio-Jannets: 1. an ihrer Basis steht das Sittengesetz; 
2. mit der deutschen historischen Schule ist sie bestrebt, die 
örtlichen und zeitlichen Bedingungen einer Volkswirtschaft, den 
Einfluß des Herkommens, der Staatsgewalt usw. auf sie zu be 
achten 3 ); 3. sie hält unbedingt fest an der Existenz universeller 
*) Claudio Jannet, De l’Etat actuel de la Science sociale, Art. in: Le 
Correspondant vom 10. und 25. Sept. 1878. p. 1075. 
-) ibid. p. 882 und in der von Claudio Jannet verfaßten Einleitung zur 
2. Ausi. von de Metz-Noblat, Résumé d’un Cours d’Economie politique fait à la 
Faculté de Droit de Nancy, Paris, 1880, p. XVIII ff. 
3 ) Über die deutschen Kathedersozialisten äußert sich Claudio Jannet unter 
an derm : „Selbstverständlich haben Ad. Wagner und die Kathedersozialisten 
recht, wenn sie für die Verteilungslehre den Hauptplatz in der Wissenschaft 
beanspruchen. Aber hatte nicht Le Play lange vor ihnen das Kriterium der 
sozialen Zustände in den Frieden und die Sicherheit gelegt, welche sie den
        <pb n="289" />
        Die Schule der Reforme sociale 
263 
und permanenter Naturgesetze des Wirtschaftslebens, welche aus 
der Natur des Menschen fließen. Die Gesetze dieser Art treten 
neben die ewigen, absoluten, ethischen Gesetze Le Plays. 
Den Einfluß des ethischen Prinzips auf die Produktion 
sucht und findet Claudio-Jannet in den Triebfedern der 
Arbeit. Diese sind nach Cicero und der christlichen Sittenlehre 
die vier Kardinaltugenden : prudentia, fortitude, temperanza, 
justitia. „Diese Kardinaltugenden sind auch die wirtschaftlichen 
Tugenden xai' èŞoxyi’, und ihnen gebührt der erste Platz in der 
Analyse der Güterproduktion“ 1 ). Für die Verteilungslehre sind 
die von Dekalog und Evangelium gelehrten Pflichten der Ge 
rechtigkeit und Nächstenliebe maßgebend. 
Claudio-Jannet ist jedoch nicht nur theologisch ge 
bildeter als Le Play, er ist auch katholischer. Er wirft dem 
Meister vor, daß er nur „die Notwendigkeit einer positiven 
Religion betont, nicht aber die doch so verschiedenen sozialen 
Wirkungen der falschen Kulte und der wahren Religion unter 
sucht“ 2 ). 
Claudio-Jannet schrieb ein Buch über die Vereinigten 
Staaten 3 ), welches eine Widerlegung des berühmten Werkes 
de Tocquevilles über denselben Gegenstand sein wollte. Es 
erregte allerdings einiges Aufsehen und erlebte in Frankreich 
wie in Amerika mehrere Auflagen; der orthodoxen Le Play 
schule aber hat es einen schlechten Dienst erwiesen. 
De Toc qu evill e hatte sein Werk mit der Schlußfolgerung 
abgeschlossen, der Grundzug der Entwicklung der Union, die 
große providentielle Tatsache der schrittweisen Verwirklichung 
der Gleichheit verbürge ihr eine glückliche Zukunft. Claudio- 
Jannet unternahm nun an der Hand eines reichlichen Materials, 
das er auf einer Studienreise durch Befragung einer Reihe von 
arbeitenden Klassen verschaffen?“ loc. cit. p. 883. Roscher lobt er sehr, weil 
er an den Naturgesetzen der Volkswirtschaft festhält. Diejenigen Historiker, 
welche das nicht oder nicht ausdrücklich tun, schilt er als Sophisten, ibid. 
p. 1068—69. 
b ibid. p. 884. 
2 ) ibid. p. 1076. 
3 ) Claudio Jannet, Les Etats-Unis Contemporains ou les Moeurs, les 
Institutions et les Idées depuis la guerre de la Sécession, Paris, 1876. 4. Ausi.
        <pb n="290" />
        264 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Staatsmännern, Geistlichen, Journalisten und „autorités sociales“ 
in verschiedenen Staaten der Union gewann, aus deren Ge 
schichte und damaligen Lage genau das Gegenteil von dem 
herauszulesen, was de Tocqueville gesehen hatte. Für 
Claudio-Jannet war das große Werk Washingtons und 
der andern Begründer der Union: die Bundesverfassung und 
mit ihr das ganze öffentliche und private Leben immer mehr 
durch das Eindringen der falschen Dogmen der Volkssouveränität, 
des von Natur guten Menschen und der Gleichheit aller ver 
derbt worden. Claudio-Jannet stellt fest, daß die Religion, 
d. h. alle protestantischen Bekenntnisse unheilbarer Dekadenz 
verfallen sind; daß die Korruption im öffentlichen Leben und 
die Unredlichkeit in geschäftlichen Dingen nie dagewesene 
Proportionen erreichen ; daß der Typus der amerikanischen 
Familie der der „Familie instable“ ist, in welchem die väter 
liche Autorität auf ein Mindestmaß gesunken ist, die Achtung 
vor der Frau überhaupt nicht besteht, da die Leichtigkeit der 
Ehescheidung sie jeden Augenblick über Bord zu werfen ge 
stattet, die systematische Unfruchtbarkeit der Ehen die Zukunft 
der Nation aufs ernstlichste gefährdet usw. Für CI au di o- 
Jann et war das amerikanische Volk überhaupt sittlich bankrott 
und einer vollständigen Auflösung in naher Zukunft verfallen, 
wenn nicht zwei in ihm vorhandene Kräfte es heilten und zu 
Blüte und Gedeihen führten: die noch vorhandenen Muster- 
familien, insbesondere unter den Farmern Virginiens, welche die 
guten Traditionen der Vergangenheit bewahrt haben, und der 
Katholizismus 1 ). Claudio-Jannets Anathema über die Ver 
einigten Staaten erhielt die ausdrückliche Sanktion Le Plays 
in einem Vorwort, das dieser zu seinem Buche schrieb. 
Die Vereinigten Staaten fielen aber keineswegs in naher 
Zukunft der Auflösung und dem Untergang zum Opfer, sondern 
sie gediehen sittlich, kulturell und wirtschaftlich zu immer 
höherer Blüte, ohne daß man gerade behaupten könnte, sie ver 
dankten ihren Aufschwung den „ Stammsamilien“ Virginiens oder 
dem Katholizismus. In den Kreisen der Le Play schule fing 
man an, sich zu sagen, Claudio-Jannet müsse drüben die 
*) Claudio Jannet, Les Etats-Unis, cap. 24—26; speziell p. 462, 480 der 
1. Ausl.
        <pb n="291" />
        Die Schule der Réforme sociale 
265 
Augen schlecht geöffnet haben und recht einseitig informiert 
worden sein. Ende der 80er Jahre bereiste nun der Le Play 
schüler Paul de Rousiers und bald nach ihm Paul Bureau die 
amerikanische Union, um die heimgebrachten Beobachtungs 
resultate Claudio-Jannets zu kontrollieren. Wir werden im 
folgenden Kapitel die Ergebnisse dieser neuen Studienreisen 
erfahren und sehen, wie aus dem anathematisierten Yankee 
staate und aus dem amerikanischen Familientypus das Muster 
land und die Musterfamilie geworden sind, welche die Le Play 
schule der Science sociale allen Völkern der Erde zur Nach 
ahmung empfehlen. 
Charles de Ribbe *), der Biograph Le Plays, ist der Histo 
riker der Schule. Seine Werke haben die Schilderung des 
Familienlebens im alten Frankreich insbesondere im XV. und 
XVI. Jahrhundert zum Gegenstand. Als Quellen dienen ihm 
in erster Linie die sogenannten Livres de raison (im XVI. Jahr 
hundert libri rationum, im XV. libri domus meae genannt). Es 
waren dies Familien- und Haushaltsbücher, in welche der 
Familienvater die wesentlichsten Ereignisse seines Lebens und 
seiner häuslichen Verwaltung einzutragen pflegte. Die Sitte, 
Livres de raison zu führen, war nach de Ribbe in der 
Provence und in Südfrankreich überhaupt verbreiteter als in 
den anderen Landesteilen. Ein gut geführtes Livre de raison 
hatte gewöhnlich zwei Teile: im ersten wurden Ursprung und 
Genealogie der Familie, ihre verwandtschaftlichen Beziehungen, 
einige Worte über Eltern und hervorragende Familienmitglieder, 
Datum der Eheschließung, der Geburt der Kinder, des Todes 
der Eltern usw. eingetragen. Im zweiten wurden aufgezeichnet: 
alle Akte der Vermögensverwaltung; Guthaben und Schulden; 
Inventar, Ursprung und Natur des Immobiliarbesitzes; Kontrakte, 
Pachtverträge usw. Der Familienvater rechtfertigte in kurzen 
Worten, was er im Interesse des Patrimoniums zu tun für gut 
i) Dessen hauptsächlichste Werke sind: 
Les Familles et la Société en France d’après des documents originaux, 
2 Bde., 4. Ausi., 1879. — La Vie domestique, ses modèles et ses règles d’après 
des documents originaux, 2 Bde., 2. Ausi., 1877. — Une Famille au XVI me 
siècle, Broschüre, in 12. — Le Livre de Famille, Broschüre, in 12. — Le Play, 
d’après sa correspondance, in 18. — La Société provençale à la fin du Moyen- 
Age, in 8.
        <pb n="292" />
        266 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
befunden, schrieb Erfahrungen nieder zur Belehrung seiner 
Nachfolger, gab Ratschläge, auch solche, welche die Religion 
und die Sitten betrafen (z. B. die bekannten Ermahnungen des 
hl. Ludwig an seine Kinder) usw. 
Seine Livres de raison hat de Ribbe selbst bei alten 
Familien aufgesucht und gesammelt. Er sieht eine Anwendung 
der Beobachtungsmethode Le Plays auf die Geschichtsforschung 
darin, daß er aus den in den Livres de raison vermerkten 
Tatsachen ein getreues Bild des französischen Familienlebens 
im XV. und XVI. Jahrhundert gewinnt. Von den beobachteten 
Familien sagt er: „Viele sind hervorragende Typen, aber den 
noch keine Ausnahmen. In ihnen äußern sich in verschiedenem 
Grade ein fester Bestand guter Grundsätze und die angestammte 
Gewohnheit, danach zu handeln. Für die Sozial Wissenschaft 
sind diese Familien unvergleichliche Muster, denn es genügt, 
deren Beispiel nachzuahmen, um auf den rechten Weg zurück 
zukehren“ i). 
Tiefe Überzeugung, Wärme und Liebe zum Gegenstände 
sprechen aus den Werken de Ribbes. Seine jedesmalige 
Schlußfolgerung ist : die christlichen Traditionen der alten fran 
zösischen Familie haben Frankreich groß, stark, mächtig, ruhm 
reich gemacht. 
Eugène Rostand 1 2 ), Direktor der Sparkasse in Marseille, ist 
praktischer Sozialpolitiker. Er hat eine Reihe von karitativen 
Anstalten und Wohlfahrtseinrichtungen ins Leben gerufen 
(Kreditkassen, Arbeitslosenversicherung, Arbeiterwohnungs 
genossenschaften, antialkoholische Vereine usw.), an deren Spitze 
er steht. Seine Werke sind von frischer Kampfesstimmung und 
Unternehmungslust beseelt. Rostands Grundgedanke ist „prak- 
1) De Rübe, La Vie Domestique, ses Modèles et ses Règles, Bd. I, 
p. XVII—XVIII. 
2 ) Bedeutendere Schriften Rostands: 
La Question d’Economie sociale dans une grande ville, 1889. — La 
Réforme des Caisses d’Epargne françaises, 2 Bde., 1890—1892. — Une Visite 
à quelques Institutions de Prévoyance en Italie, 1891. — Le Concours des 
Caisses d’Epargne au Crédit agricole, 1897. — L’Action sociale par l’Initiative 
privée, gesammelte Aufsätze, bisher 4 Bde. 1893—1897—1902—1907, 2. Aud. 
im Erscheinen begriffen.
        <pb n="293" />
        Die Schule der Réforme sociale 
267 
tischer, fragmentierter, sukzessiver Fortschritt (in Sozialpolitik) 
durch Privatinitiative, freie Genossenschaft und lokale Tätig 
keit“ i). Seine Hauptsorge ist die sittliche Hebung des Volkes. 
Er ist Individualist im besten Sinne des Wortes; in der Arbeiter 
klasse sieht er nicht eine pauperistische, hilfsbedürftige Masse, 
sondern eine emporsteigende neue Gesellschaftsklasse. Dem 
gemäß legt er in Le Plays Lehre vom Patronage das Haupt 
gewicht darauf, daß derselbe ein freiwillig dauerndes Arbeits 
verhältnis verlangt und zum Ziele haben soll, sich selbst un 
nötig zu machen, indem er den Arbeiter zum Sparen und zur 
Selbstbestimmung erzieht und ihn so zur wirtschaftlichen Un 
abhängigkeit führt 1 2 ). 
Rostand ist entschiedener Regionalist. Gegen jedwede 
Zentralisation, gegen alle Arten von Sozialismus zieht er mit 
dem feurigen Temperamente des Südländers, das ihm in hohem 
Maße eigen ist, zu Felde. Eine Lieblingsidee von ihm in dieser 
Richtung ist die Selbstausscheidung ( „ auto - élimination“ ) des 
Sozialismus. Der Sozialismus geht nämlich nach Rostands 
Ansicht an sich selbst zugrunde : einerseits wird er durch An 
archismus überwuchert, andererseits drängt die logische Ent 
wicklung der Dinge zum Revisionismus der Bernstein, 
V. Voll mar, Jaurès usw., welche zwar das alte Schild bei 
behalten, aber die Lösung der Arbeiterfragen „der Schule des 
praktischen Fortschritts“ entlehnen. Indem die Revisionisten 
die Genossenschaftsbewegung an sich reißen, versetzen sie dem 
marxistischen Sozialismus den Todesstoß 3 ). 
Die volkswirtschaftlichen Anschauungen Rostands, eben 
sowohl als sein Anspruch, die Sozialpolitik ausschließlich der 
Privatinitiative zu überlassen, bringen ihn der liberalen Schule 
sehr nahe; im Anschluß an Le Play und Claudio-Jannet 
betont er jedoch scharf das ethische Moment im Wirtschafts 
leben : „Bei Le Play sind nicht mehr die Güter, sondern die 
1) E. Rostand, L’Action sociale par l’Initiative privée, Bd. IV, p. 1. 
2 ) Vgl. u. a. Rostands Festrede bei der Enthüllung des Le Playdenkmals 
in: Fêtes du Centenaire de Le Play. Compte rendu général analytique, Paris, 
1907, p. 6. 
3 ) E. Rostand, L’Action sociale par l’Initiative privée, Bd. IV, p. 581 ff.
        <pb n="294" />
        268 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Menschen und deren Beziehungen untereinander Gegenstand der 
Sozialwissenschaft“ *). 
A. Béchaux 1 2 ), Professor a. D. der Nationalökonomie am 
Institut Catholique in Lille, zur Zeit in Paris lebend, schrieb 
ein Buch über die französische Nationalökonomie, bei welchem 
der Wunsch der Vater des Gedankens war 3 ). 
Béchaux führt darin aus, man dürfe die französischen 
Volkswirte nicht der altehrwürdigen klassischen Schule zu 
rechnen. „In England wie in Frankreich und Deutschland 
zwang der vom freien Spiel der Interessen und des Egoismus 
gezeitigte Antagonismus Regierungen und private Initiativen, 
welche sich ihrer Pflicht bewußt waren, zu beständigem, unauf 
haltsamem Eingreifen ins Wirtschaftsleben. So kam es, daß 
nach und nach die französische Nationalökonomie ihre Methoden 
und ihre Lehren änderte; mehr als früher nahm sie fortan 
Rücksicht, nicht nur auf die tauschfähigen Produkte, sondern 
auch insbesondere auf die arbeitenden Produzenten“ 4 ). Seit 
Mitte des XIX. Jahrhunderts entwickelte sich in Frankreich 
eine neue Schule der Volkswirtschaft, welche zurzeit die große 
Mehrheit der französischen Nationalökonomen umfaßt. Diese 
Schule nimmt eine Mittelstellung zwischen der „utilitären“ eng 
lischen und der „autoritären“ deutschen ein. 
In der Methode stellt die französische Schule dem „Nur- 
Räsonnement“ der Engländer und dem „Nur-Geschichte“ der 
1) ibid. p. 624. — Unter der Präsidentschaft Rostands (1906) feierte die 
¡Société d'Economie sociale das Centenarium Le Plays und den fünfzigsten Jahres 
tag ihres Bestehens. Bei dieser Gelegenheit wurde Le Play im Luxembourg 
garten in Paris ein Denkmal gesetzt. 
2 ) Von seinen "Werken sind zu nennen: 
L’Ecole de la Paix Sociale devant le Socialisme, Paris, 1901. — Les 
Revendications ouvrières en France, 2. Ausi. 1894. — Les Ecoles économiques 
au XX me siècle. Band I : L’Ecole économique française, Paris, 1902 (ins Deutsche 
übersetzt von G. Wampach, Leipzig 1903). — Band II: L’Ecole individualiste. 
Le Socialisme d’Etat, Paris, 1907. 
Als korrespondierendes Mitglied der Académie des Sciences 
morales et politiques veröffentlichte Béchaux eine Reihe von kleineren 
Schriften (1898—1909) in den Comptes Rendus der Akademie. 
3 ) A. Béchaux, L’Ecole économique française, Paris, 1902 (übersetzt von 
G. Wampach). 
4 ) ibid. Übersetzung, p. 14—15.
        <pb n="295" />
        Die Schule der Réforme sociale 
269 
Deutschen einen gemäßigten Empirismus gegenüber. Ohne ganz 
auf das Räsonnement zu verzichten, „benützt die französische 
Schule vorzugsweise das induktive Verfahren und gelangt auf 
diesem Wege zur Erkenntnis der wirtschaftlichen Erscheinungen 
und der mannigfachen Beziehungen der produzierenden Mensch 
heit“ x ). Das induktive Verfahren stützt sich auf streng wissen 
schaftliche Einzel-, auf statistische Massenbeobachtungen, auf 
Monographien, auf mündliche und schriftliche Enqueten. Auch 
die Geschichtsforschung wird als induktives Hilfsmittel heran 
gezogen. Diese ist aber in Frankreich nicht Selbstzweck, 
sondern dient vielmehr der Ergründung des Zusammenhanges 
der wirtschaftlichen Erscheinungen mit dem Gesamt Wirtschafts 
leben, dessen Teilerscheinungen sie sind, und der Feststellung, 
ob anderswie gewonnene Schlußfolgerungen universelle und per 
manente Gültigkeit oder nur örtlich und zeitlich beschränkte 
beanspruchen können 2 ). 
Der Lehrgehalt der französischen Schule läßt sich füglich 
um drei Kategorien von wirtschaftlichen Kräften gruppieren. 
Diese Kategorien sind: a) primäre Kräfte oder die Naturgesetze 
der Volkswirtschaft, b) sekundäre : die wirtschaftlichen Gebräuche, 
und c) tertiäre : die Einmischungsbefugnisse des Staates ins Wirt 
schaftsleben. 
ad a). „Die französische Nationalschule hält an der Exi 
stenz volkswirtschaftlicher Naturgesetze fest, nimmt aber als 
solche nur diejenigen an, welche durch langjährige Erfahrung 
erhärtet und auf vollkräftige Beweise gestützt sind 3 ). Die 
Nationalökonomie rächt sich an den Gemeinwesen, die bewußt 
oder unbewußt ihre Gesetze übertreten. Die Sanktion der wirt 
schaftlichen Gesetze besteht in der sich mit Naturnotwendigkeit 
*) ibid. Übersetzung, p. 20. 
2 ) ibid. p. 20 if. Vgl. Levasseur, De la Methode en Economie politique, 
in Revue Bleue, 1898, p. 49 if. 
3 ) Béchaux, ibid. Übersetzung, p. 8. Im 1. Kap. des II. Buches (Original 
ausgabe, p. 28 if.) wird die Unhaltbarkeit einer Reihe von früheren volkswirt 
schaftlichen Naturgesetzen (Bevölkerungsgesetz Malthus, ehernes Lohngesetz usw.) 
festgestellt; diese werden dem britischen Liberalismus in die Schuhe ge 
schoben, und die Befreiung davon wird der „französischen Schule“ als Verdienst 
angerechnet.
        <pb n="296" />
        270 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
vollziehenden Schmälerung oder gar dem Verluste des Wohl 
standes“ x ). 
ad b). Damit eine Volkswirtschaft fortschreite und ge 
deihe, bedarf sie neben dem Freiwaltenlassen der Naturgesetze 
gewissenhafter Beobachtung der „wirtschaftlichen Gebräuche“. 
Damit ist gemeint, was Le Play die Pflichten des Patronage 
nennt 2 ). 
ad c). Die französische Nationalökonomie läßt die staat 
liche Einmischung ins Wirtschaftsleben nur dann zu, wenn die 
individuelle und kollektive Initiative bestehenden Schäden und 
Mißbräuchen gegenüber ohnmächtig und fruchtlos ist. Für 
die Zentralgewalt vindiziert sie nur jene Funktionen, die von 
der Gemeinde und der Provinz nicht erfüllt werden können 3 ). 
Die Einmischung der öffentlichen Gewalt ins Wirtschafts 
leben vollzieht sich in der Hauptsache auf den Gebieten der 
Finanz-, der Handels- und der Sozialpolitik. In der Finanz 
politik steht die französische Schule nach Béchaux auf dem 
Boden des in Frankreich bestehenden Ertragssteuersystems; in 
der Handelspolitik bekennt sie sich zu Leroy-Beaulieus Sy 
stem der Handelsverträge, in der Sozialpolitik deckt sich ihr 
Standpunkt mit demjenigen des (von der Brüsseler Le Play 
gesellschaft inspirierten) belgischen Staates. „Alle belgischen 
sozialpolitischen Gesetze über Familie und Herd, Arbeit, Arbeits 
lohn und Genossenschaftswesen stehen auf dem Boden der in 
dividuellen Freiheit“ 4 ). Béchaux gibt Frankreich den Rat, 
sich in der Regelung der Sozialversicherung dem Vorgehen 
Belgiens anzuschließen und sich von dem deutschen Zwangs 
system fern zu halten 5 ). Was endlich das schwierige Problem 
des internationalen Arbeiterschutzes betrifft, so steht ihm die 
französische Schule abwartend gegenüber. Sympathisch ist ihr 
dabei, daß die völkerrechtliche Entwicklung notwendig mäßigend 
auf den modernen Staatsimperialismus wirken muß 6 ). 
b ibid. Buch II, Kap. 1, p. 25 ff. 
2 ) ibid. p. 42 ff. 
s ) ibid. Buch II, Kap. 3, p. 58 ff. 
4 ) ibid. p. 128. 
5 ) ibid. p. 128. 
6 ) ibid. p. 143 ff.
        <pb n="297" />
        Die Schule der Réforme sociale 
271 
Béchaux’ Buch hat eine symptomatische Bedeutung. 
Daß die von ihm geschilderte französische Schule der National 
ökonomie heute bereits eine greifbare Existenz habe, glaubt er 
wohl selber nicht. Dagegen sind Entwicklungstendenzen in 
dieser Richtung unzweifelhaft festzustellen. Diese hängen damit 
zusammen, daß das Paktieren der Regierungen Waldeck- 
Rousseau-Millerand und Combes mit dem Sozialismus 
und deren resolutes Ernstmachen mit den interventionistischen 
Forderungen der radikalen und radikal-sozialistischen Partei 
programme in der mittleren und höheren Bourgeoisie Frank 
reichs eine in starkem Wachstum befindliche reaktionäre Strö 
mung erzeugt haben. Diese Strömung ist, wie wir bereits im 
I. Buche sahen, nicht ohne Einwirkung auf die wissenschaft 
lichen Kreise geblieben. Wer mit den wirtschaftswissenschaft 
lich interessierten Kreisen in Frankreich Fühlung hat, wird 
bestätigen können, daß nicht nur gewisse Le Playschüler 
(Béchaux, Delaire u. a.) die Rezeption der Le Play sehen 
nichtinterventionistischen Sozialpolitik seitens der liberalen 
Schule und im Anschluß daran das Ineinanderaufgehen der 
liberalen Schule und jener der Réforme sociale in naher Zu 
kunft erwarten, sondern daß ein Streben nach doktrinaler 
Vereinheitlichung aller nichtsozialistischen, volkswirtschaftlichen 
Weltanschauungen in täglich steigendem Maße ins Bewußtsein 
der Träger derselben tritt. Ob diese Bewegung zur vollen Ent 
wicklung gelangen wird, vermögen wir nicht zu entscheiden. 
Jedenfalls hat aber Béchaux tatsächlich vorhandenen Ten 
denzen, welche von der liberalen und katholischen Rechten bis 
weit in die demokratisch und interventionistisch gesinnten 
Kreise der juristischen Fakultäten hineinreichen, einen, wenn 
auch verfrühten, Ausdruck gegeben. Und auch die Richtung, 
in welcher die angestrebte Vereinheitlichung sich anbahnt, hat 
Béchaux richtig gekennzeichnet. Zuerst ein negatives Moment: 
entschiedene Gegnerschaft zu allem Sozialismus, dann ein posi 
tives: gemäßigter Interventionismus oder, was dasselbe ist, ge 
mäßigter Nichtinterventionismus. 
E. Cheysson, von Haus aus Ingenieur wie Le Play, hat 
einen Lehrstuhl für Sozialpolitik an der Ecole libre des 
Sciences politiques inné. Er ist der glänzendste Schrift-
        <pb n="298" />
        272 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
steiler der Schule der Réforme sociale 1 ). Er hat die sozial 
ökonomischen Abteilungen der Pariser Ausstellungen 1889 und 
1900, sowie das vom Grafen de Chambrun gestiftete Musée social 
organisiert. 
Cheysson bildete Le Plays Methode der Familien 
monographien fort, indem er sie mit der Statistik in Verbindung 
brachte und durch die Monographie d'Atelier und die Monographie 
de Commune ergänzte. 
Wir haben gesehen, wie Le Play die Auswahl der mono 
graphisch zu behandelnden Familientypen zwar nach bestimmten 
Grundsätzen in qualitativer Hinsicht, aber ohne genügende 
Anhaltspunkte für die quantitative Bestimmung der Ausdehnung 
des Milieus, das sie kennzeichnen sollten, vornahm. Cheysson 
hält an den Grundsätzen Le Plays bezüglich der qualitativen 
Auswahl fest. Man soll stabile, ortsansässige, in Le Play schern 
Sinne glückliche Typen, d. h. also solche, die das tägliche Brot 
haben und nach den Vorschriften des Dekaloges leben, aus 
wählen 2 ). Andererseits aber bieten die durch die offiziellen 
statistischen Erhebungen bestimmten Kategorien scharf und 
präzis umgrenzte Milieus als quantitative Grundlagen für die 
Monographien. Die Statistik marschiert in der Vorhut und 
stellt die Durchschnitte fest; sie umgrenzt die Oberflächen in 
Maß und Zahl. Die Monographie dringt in die Tiefe, belebt 
und kontrolliert die Resultate der Statistik durch detaillierte 
Erforschung einzelner Individualtypen 3 ). 
q Die zahlreichen Publikationen Cheyssons, die sich auf Arbeiterversiche 
rung, Wohlfalirtseinrichtungen und Statistik beziehen, sind verstreut (meist in 
der Réforme Sociale und in den Comptes rendus der Académie des Sciences 
politiques et morales, deren Mitglied Cheysson ist). Gemeinsam mit Toqué hat 
er die Budgets compares des cent Monographies de famille bearbeitet, welche 1890 
vom internationalen statistischen Institut herausgegeben wurden. Diese Arbeit 
ist eine statistische Wiederholung in Tabellen der Resultate jener Monographien 
(Ouvriers européens und Ouvriers des Deux Mondes), welche die (orthodoxe) 
Schule Le Plays bis 1890 veröffentlicht hatte. — Vgl. Ch. Gide, Die neuere volks 
wirtschaftliche Literatur Frankreichs in Schm oilers Jahrbuch, 1895, p. 727—28. 
2 ) E. Cheysson, La Monographie de Familie in: La Réforme Sociale, 1. u. 
16. Nov. 1896, p. 607. 
3 ) E. Cheysson, La Monographie. La Statistique et ses deux grandes 
méthodes (Enquête et Monographie) in: La Réforme Sociale, 1. Nov. 1895, 
p. 644 ff.
        <pb n="299" />
        Die Schule der Reforme sociale 
273 
Weiter sagt Cheysson: Le Play hatte den Menschen 
in der Familie, am Herde beobachtet und baute aus seinen 
Beobachtungen eine Sozialwissenschaft. Die Familienbeobach 
tung genügt jedoch nicht. Die großen volkswirtschaftlichen 
Fragen: Freihandel oder Schutzzoll, Bank- und Geldwesen, 
Arbeiterorganisationen, Arbeitseinstellungen, Wohlfahrtseinrich- 
tungen, Genossenschaftswesen (coopération et mutualité) usw. 
entstehen an der Arbeitsstätte und müssen dort beobachtet werden. 
Die Monographie der Arbeitsstätte (Monographie d’Ate 
lier) 1 ) bietet größere Schwierigkeiten als die Familienmonographie. 
Sie ergeben sich 1. aus der Komplikation des Milieus, 2. aus 
der Komplexität des Gegenstandes und 3. aus dem Mangel eines 
dem Familienbudget entsprechenden Kristallisationspunktes. 
ad 1. Die Familienmonographie wählt mit Vorliebe die 
stabilen Typen und die einfachen Organisationsformen; ihr 
Gegenstand ist die ewig sich gleichbleibende Zelle und soziale 
Einheit der Menschheit. Die Monographie der Arbeitsstätte 
dagegen will in der Gegenwart gegebene, örtlich und zeitlich 
bedingte, komplizierte und in Verfall geratene Organisations 
formen erforschen. 
ad 2. Die Ungleichartigkeit unter den Arbeitsstätten ist 
größer als unter den Familien ; folglich ist es schwieriger, einen 
genügend elastischen, für alle passenden Rahmen aufzustellen. 
ad 3. Die Arbeitgeber haben ein legitimes Interesse, ihre 
Bücher geheim zu halten. Daher ist eine Gruppierung der 
Monographie der Arbeitsstätte um ein Budget, wie bei der Le 
Play sehen Familienmonographie, ausgeschlossen. 
1887 legte Cheysson dem in Rom tagenden, internatio 
nalen statistischen Kongreß den „Rahmen“, d. h. das Schema 
einer Monographie d'Atelier vor, welches er dem Le 
Play sehen Rahmen der Familienmonographie, den wir kennen 
gelernt haben, zur Seite stellt. Der Cheysson sehe Rahmen 
umfaßt zwei Teile : Organisation commerciale und Organisation du 
Travail. 
Im ersten Teile wird als Einleitung eine Beschreibung des 
Milieus (geographische Lage des zu beobachtenden Betriebes, 
Allgemeines über die Bevölkerung des Standorts) und eine all- 
i) Cheysson, La Monographie d’Atelier, in: La Réforme Sociale, 1. Dez. 
1896, p. 779 ff. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
18
        <pb n="300" />
        274 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
gemeine Orientierung über Geschichte, wirtschaftliche Lage und 
lokale Verhältnisse des Industriezweiges, dem der zu beobach 
tende Betrieb angehört, verlangt. Daran schließt sich alsdann 
eine möglichst detaillierte Erforschung der finanziellen und 
kommerziellen Organisation des zu beobachtenden Betriebes. 
Der zweite Teil behandelt in mehreren Abteilungen und 
Unterabteilungen die Arbeitsorganisation und Arbeiterverhält 
nisse: Gliederung des Betriebes, Rekrutierung und Verteilung 
des Personals, Löhne, Arbeitszeit, Arbeiterwohlfahrtseinrich 
tungen (staatliche, patronale und solche der Selbsthilfe, zu 
welch letzteren Cheysson die Syndikate und alle Arten von 
Genossenschaften rechnet). Mit der Frage nach den Sitten der 
Arbeiterfamilien und der Art der Beziehungen zwischen Ar 
beitern und Arbeitgebern, welche das Schema abschließen, 
greift Cheysson in die Familienmonographie über. Nichts 
hindert übrigens, daß im Anschluß an eine Arbeitsstättenmono 
graphie eine oder mehrere Monographien der in Betracht kom 
menden Arbeiterfamilien aufgenommen werden 1 ). 
Einen dritten Rahmen hat Cheysson für die Mono 
graphien von (Landgemeinden (Monographie de Commune) 
aufgestellt. Derselbe wurde dem internationalen statistischen 
Kongreß 1895 in Bern vorgelegt. Er soll dazu dienen, Fragen 
wie: Bevölkerungswesen, Ein- und Auswanderung, Verhältnis 
von Groß- und Kleingrundbesitz, Groß- und Kleinindustrie usw. 
zu konkreter Darstellung zu bringen. Gemeindemonographien 
gibt es allerdings schon in großer Anzahl für alle Kulturländer. 
Aber abgesehen von deren sehr ungleichem Wert und schweren 
Vergleichbarkeit behandeln weitaus die meisten nur die Geschichte 
ihrer Gemeinde. Cheysson weist nun die lokalgeschichtlichen 
Aufzeichnungen nicht als gänzlich interesselos ab; für ihn ist 
aber die gegenwärtige wirtschaftliche und soziale Lage der 
menschlichen Niederlassungen die Hauptsache. Demgemäß 
möchte er denn auch, daß in allen (Land)gemeinden Frank 
reichs, und so weit als möglich auch aller übrigen Länder, 
ortsansässige Gebildete die Ausarbeitung von Monographien der 
betreffenden Ortschaft nach dem von ihm ausgearbeiteten ein 
heitlichen Plane in Angriff nähmen. Der offiziellen Statistik 
i) ibid. p. 785 ff.
        <pb n="301" />
        % 
Die Schule der Reforme sociale 
275 
würde auf diese Weise eine überlegene, eminent vergleichbare 
und damit wissenschaftlich wertvolle Quellensammlung ergän 
zend zur Seite gestellt. 
Der „Rahmen“ der Gemeindemonographie zerfällt eben 
falls in zwei Teile. In den ersten verweist Cheysson die 
politische, demographische Wirtschafts- und Sozialgeschichte 
der Gemeinde. Der zweite, wichtigere, befaßt sich mit der 
Gegenwart in folgenden Hauptabteilungen : Territorium, Be 
völkerung, Ein- und Auswanderung, Bewirtschaftungssysteme, 
Kulturarten, landwirtschaftlicher Unterricht, landwirtschaftliche 
Nebengewerbe, Arbeiterverhältnisse, Löhne, Wohnungs-, Klei 
dungs- und Nahrungsverhältnisse der Landbewohner, wirtschaft 
liche Gesamtlage der Gemeinde, Genossenschaftswesen, Spar 
vereine, Unterstützungswesen, sittliche und soziale Lage der 
Gemeinde. 
Cheysson hebt nachdrücklich hervor, daß die Ausarbei 
tung solcher Monographien Residenz am Ort, Liebe zur Ge 
meinde und enge Fühlungnahme mit ihren Bewohnern, ins 
besondere mit den „Autorités sociales“, erheischt 1 ). 
Die von Cheysson aufgestellten „Rahmen“ zu Mono 
graphien von Arbeitsstätten und (Land)gemeinden werden all 
jährlich den Preisausschreiben der Société d'encouragement 
à l’Industrie nationale und der Société des agricul 
teurs de France zugrunde gelegt. Ob mit irgend welchem 
nennenswerten Erfolg ist uns nicht bekannt. Wir werden gleich 
sehen, daß Cheyssons Versuche, die Methode des Meisters 
in der eben mitgeteilten Weise fortzubilden, einerseits von du 
Maroussem, andererseits von de Tourville und Demolins weit über 
holt wurden. Sie können füglich als eine schüchterne Episode 
in der Geschichte der Le Pia y sehen Methodik gelten. 
Eine Darstellung der Tätigkeit der orthodoxen Le Play 
schule darf nicht vorübergehen an A. Delaire, dem einstigen 
Privat Sekretär Le Plays. 
Delaire war 1887—1907 Leiter der Zeitschrift und General 
sekretär der Organisationen der Schule. Mit großer Hingebung 
widmete er sich zwanzig Jahre hindurch der bescheidenen, auf 
reibenden Kulissenarbeit, welche die Organisation der Propa- 
*) Cheysson, La Monographie de Commune, in: La Réforme Sociale, 
16. Dez. 1896, p. 852 ff.
        <pb n="302" />
        276 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
ganda und die Vorbereitung der jährlichen Kongresse verlang 
ten. Er entging jedoch nicht dem Schicksal seines Vorgängers 
E. Demolins; wie dieser wurde er eines Tages plötzlich aufs 
Pflaster gesetzt. Del aire schrieb eine Reihe von Propaganda 
broschüren. 
Von den ältern Le Playschülern erwähnen wir noch 
Urbain Guérin, Hubert Valleroux, Fournier de Flaix. Von den 
jungem : Maurice Belioni, Georges Blondel, M. Lepelletier. Unsern 
Rundgang durch die Société d ’Economie sociale schließen 
wir ab mit Pierre du Maroussem, der eine aparte Stellung ein 
nimmt. 
Urbain Guérin ist einer von den Männern, die auf zwei 
Pferden reiten. Man könnte ihn ebensowohl zum äußersten 
linken Flügel des Sozialkatholizismus, als zur orthodoxen Schule 
Le Plays rechnen. In sozialpolitischen Fragen ist er entschie 
dener Interventionist. Die gegenwärtige Wirtschaftsordnung und 
die liberale Schule bekämpft er leidenschaftlich in seinem 1891 
erschienenen Buche VEvolution sociale. Andererseits hat er eine 
bereits erwähnte Anleitung zur Ausarbeitung von Familien 
monographien in Le Play schern Sinne geschrieben und eine 
Reihe solcher Monographien verfaßt. Am Familialismus des 
Meisters hält er um so zäher fest, als er sich von dessen Patro 
nalismus losgesagt hat 1 ). 
Hubert Valleroux hat über Genossenschafts- und Armen 
wesen geschrieben 2 ), Fournier de Flaix über Finanzgeschichte 
und Bankfragen 3 ). 
1) Über Guérin vgl. Ch. Gide, Die Nationalökonomie in Frankreich, in 
Schmollers Jahrbuch, 1895, p. 728—729. 
2 ) Werke von H. Valleroux : Les Associations coopératives en France et 
à l’Etranger, Paris, 1886. — Les diverses Législations de l’Europe concernant 
les Associations coopératives, Paris, 1893. — Les Corporations d’arts et métiers 
et les Syndicats professionnels en France et à l’Etranger, Paris, Alcan. — La 
Charité avant et depuis 1789 (vom Institut preisgekrönt), Paris, Alcan. 
3 ) Werke von Fournier de Flaix : Etudes économiques et financières, 
2 Bde., Paris, 1883. — La Réforme de l’Impôt, Paris, 1885. (Diese beiden sind 
Beiträge zur Geschichte der fiskalischen Theorien des XVII. und XVIII. Jahr 
hunderts in den verschiedenen Staaten Europas). — Traité de Critique et de 
Statistique comparée, Paris, 1889 (behandelt dasselbe Thema für das XIX. Jahr 
hundert). — Pendant une Mission en Russie, 2 Bde., 1894 (verspricht zwar von 
Rußland zu sprechen, kommt aber nicht über Hamburg und Berlin hinaus- 
Heute veraltet, von Jules Hurets Reisebriefen überholt).
        <pb n="303" />
        Die Schule der Réforme sociale 
277 
Maurice Bellom, Bergingenieur und Professor der Na 
tionalökonomie an der Ecole des Mines, gibt ein groß 
angelegtes Werk über die Arbeiterversicherung in allen Ländern 
der Erde heraus und hat ein Handbuch der Volkswirtschafts 
lehre verfaßt, das demnächst erscheinen soll. Auch die Fragen 
der Organisation des volkswirtschaftlichen Unterrichts hat er 
zum Gegenstand internationaler Enqueten gemacht 1 ). 
Georges Blondei, Professor der Nationalökonomie an der 
Ecole des Hautes Etudes commerciales, ist ein Enquê 
teur so ganz nach dem Herzen Le Plays. Seit 1883 hat er 
sich durch zahlreiche Studienreisen und gründliche Forschungen 
mit den deutschen und englischen Verhältnissen bekannt ge 
macht. Die Gabe der Beobachtung und der präzisen Dar 
stellung des Beobachteten steht ihm reichlich zur Verfügung. 
Seine Enqueten über deutsche Verhältnisse, zirka 30 an der 
Zahl, von denen einige zu stattlichen Bänden angewachsen sind, 
zeichnen sich alle durch jene Eigenschaft aus, welche Le Play 
seinen Schülern so angelegentlich zu empfehlen pflegte : mit dem 
eigenen Urteil zurückzuhalten, sparsam mit Schlußfolgerungen 
zu sein, aber den ganzen Nachdruck auf möglichst genaue und 
reichliche, vorurteilsfreie Tatsachenschilderung zu legen. In ge 
wissem Sinne verfolgen Blondels Schriften eine Tendenz : er 
will seine Landsleute durch Schilderung der gewaltigen wirt 
schaftlichen Fortschritte Deutschlands und Englands zu inten 
siverem Schaffen aufrütteln 2 ). 
Maurice Lepelletier, seit 1896 Professor der Nationalökonomie 
L’Impôt dans les diverses Civilisations. Première Série. (I. Anciennes 
Civilisations d’Orient. II. La Grèce ancienne. III. Les Romains. IV. Le 
Moyen-Age.) 2 Bde. Paris, Alcan. 
0 Maurice Bellom, Les Lois d’Assurance ouvrière à l’Etranger, bisher 
9 Bände, 1893—-1907. — L’Enseignement économique et social dans les Ecoles 
techniques à l’Etranger et en Fiance avec un Plan de réformes, Paris, 1908. — 
La Mission sociale des Elèves des Ecoles techniques à l’Etranger et en France, 
avec un Programme d’action, Paris, 1908. 
2 ) Georges Blondel, Etudes sur les Populations rurales de l’Allemagne et 
la Crise agraire. Avec la collaboration de Charles Brouilhet, Lucien de Sainte- 
Croix, Edouard Julhiet, Louis Quesnel. Avec 9 cartes et plans, Paris, 1897. 
Essor industriel et commercial du Peuple allemand , 3. Ausi., Paris, 1900. — 
La Politique protectionniste en Angleterre. Un nouveau danger pour la France, 
Paris, 1903 usw. — Den bibliographischen Nachweis sämtlicher Enqueten 
Blondels s. im Handw. d. Staatsw.
        <pb n="304" />
        278 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
am Institut catholique in Paris und seit 1907 Generalsekretär 
der Société d’Economie sociale, ist bestrebt, einem mäßigen 
Interventionismus in das Programm der Le Playschule Eingang 
zu verschaffen. Unter an derm vertritt er auch die Ansicht, daß 
den Arbeitern die ausschließliche Verwaltung der von Arbeit 
gebern geschaffenen Wohlfahrtseinrichtungen zu überlassen sei. 
Pierre du Maroussem 1 ) ist der eifrigste Schüler Le 
Plays, was die Methode betrifft. Aber obwohl er der Société 
d' Economie sociale angehört, ist er nichts weniger als ein 
orthodoxer Hüter der Lehre des Meisters. In den neunziger 
Jahren hielt er freie Vorlesungen über Le Play sehe Methodik 
an der staatlichen Rechtsfakultät in Paris. 
Du Maroussem geht aus von der Familienmonographie 
Le Plays; unter Benützung von Cheys so ns oben mitgeteilten 
Anregungen zu deren weiteren Ausbildung gelangte er bald zu 
einer gewissen Virtuosität in der Praxis des Enquetierens. Er 
wendet die monographische Forschungsmethode weit über das 
Gebiet des Familienlebens hinaus an und schafft ein System 
monographischer Rahmen, welches den Anspruch erhebt, die 
gesamten wirtschaftlichen und sozialen Erscheinungen im Leben 
eines Volkes zu erfassen. 
Der Erweiterung des Anwendungsgebietes der Monographie 
entsprechend wählt du Maroussem zu ihrer Bezeichnung den 
Ausdruck Enquete Monographique. Mit Cheys son übt er Kritik 
an Le Plays Aus wähl verfahren und schließt sich dessen 
Vorschlag an, die Kategorien der offiziellen Statistik zur Grund 
lage der Typenauswahl zu machen. Darüber hinaus aber 
1 ) Du Maroussem veröffentlichte sein System (Les Enquêtes. Pratique et 
Théorie. Paris, 1900) nach Aufnahme von 18 Monographien. Diese sind: 
Les Charpentiers de Paris, 300 p., Paris, Rousseau; Les Ebénistes du Faubourg 
St. Antoine, 311 p., Paris, Rousseau; Le Jouet parisien, 304 p., Paris, Rousseau; 
Les Halles centrales de Paris, 304 p. (in Verbindung mit C. Guérin), Paris, 
Rousseau ; l’Alimentation à Paris, 300 p., herausgegeben vom Office du Travail ; 
Le Vêtement à Paris, 721 p., Paris, herausgegeben vom Office du Travail; Les 
Associations ouvrières de Production, 613 p. (in Verbindung mit A. Fontaine), 
herausgegeben vom Office du Travail; La Viande, le Sucre, l’Alcool (diese drei 
im Manuskript); Les Métayers en communauté du Confolentais, les Fermiers 
montagnards du Haut-Forez, le Piqueur sociétaire de la Mine aux Mineurs de 
Monthieux (diese drei als Nr. 65, 80 und 89 der Sammlung: Les Ouvriers des 
deux Mondes).
        <pb n="305" />
        Die Schule der Réforme sociale 
279 
verwirft er die Grundsätze auch der qualitativen Auswahl 
Le Plays, an denen Cheysson noch festhält. Erstens ist die 
sogenannte „glückliche ,Familie' nicht ein Typus, sondern ein 
gutes Beispiel, folglich eine Ausnahme“ 1 ). Sie ist also nicht 
geeignet, über die durchschnittliche Beschaffenheit eines be 
stimmten Milieus zu orientieren. Zweitens ist die Annahme 
Le Plays, der Besitz des täglichen Brotes und das Leben nach 
den Vorschriften des Dekaloges seien die absoluten Bedingungen 
des Glückes bei allen Völkern und zu allen Zeiten, unrichtig. 
Denn das Glück ist etwas wesentlich Belatives, von wechselnden 
Bedingungen Abhängiges *). 
Man wird also in einer durch die Statistik nach Zahl und 
Maß begrenzten Gruppe nicht eine „glückliche“ Familie zur 
monographischen Behandlung herausgreifen, sondern jedesmal 
je drei Familien und zwar die beiden Extreme und eine mittlere. 
Durch dieses Mittel gewinnt man „l'amplitude d’oscillation de 
la variabilité des détails“ 3 ). „Das ist die neue monographische 
Induktion . . ., welche sich in dem Aphorismus ausdrücken läßt: 
a tribus disce omnes“ 4 ). 
Dieses Prinzip der „Musterung der Extreme“, demzufolge 
jede monographische Enquete aus drei Monographien bestehen 
muß, liegt du Maroussems eigenen, eingangs erwähnten En 
queten zugrunde. Er gibt demselben einen großzügigen, leider 
ab und zu etwas paradoxen Ausbau. Du Maroussem hat 
überhaupt einen paradoxen Zug, welcher dem Geltendmachen 
seiner Ideen nicht förderlich ist. 
Die oberste, umfassendste soziale Gruppe, welche es zu 
enquetieren gibt, ist ein Volk oder ein Land. Für du Ma 
roussem ist es Frankreich. Also ein kontinentales Volk von 
38 Millionen Einwohnern auf bestimmtem, abgegrenztem Gebiet. 
So weit die Statistik zur Umgrenzung des Milieus. Die Ge 
schichte hat aus diesem Ganzen ein vielfarbiges Schachbrett 
gemacht, auf welchem vielfache, ineinandergreifende Gruppie 
rungen sich gebildet haben. Mittels der „Musterung der Ex 
treme“ finden wir nun unter diesen Gruppen zwei entgegen- 
') P. Du Maroussem, Les Enquêtes. Pratique et Théorie. Paris, 1907, p. 13. 
2 ) ibid. p. 12. 
3 ) ibid. p. 16. 
4 ) ibid. p. 16.
        <pb n="306" />
        280 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
gesetzte Endpunkte einer langen Evolution. Die eine ist Paris: 
La Cité Moderne, die andere „ein in diesem Bauernlande sehr 
ausgedehntes Milieu: La Region Rurale 111 ). 
Bleiben wir zunächst bei der Cité Moderne, im konkreten 
Fall: Paris 2 ). Wir werden sie zweckmäßig in drei, leicht zu 
isolierende Untergruppen einteilen: 1. Le Métier, 2. le Marché, 
3. l'Organisation d'intérêt général. Diese drei Untergruppen bilden 
drei Beobachtungsgebiete, denen je eine Art von Monographie 
entspricht. 
Die Monographie einer (gewerblichen) Berufsart (Monographie 
de Métier) besteht aus drei auf einandergeschichteten Enqueten: 
a) Enquête bibliographique, b) Enquete personnelle, c) Enquete mono, 
graphique im engern Sinne. 
Die Enquête bibliographique erstreckt sich auf die Techno 
logie der zu beobachtenden Berufsart, deren Geschichte und 
die etwa bereits bestehenden Monographien zeitgenössischer 
Beobachter. Sie ist ein Vorbereitungsstadium für den Enquêteur. 
Die Enquête personnelle hat sich an die von Le Play als 
„autorités sociales“ bezeichneten Personen zu wenden, deren es 
in jeder Berufsart gibt. Du Maroussem gliedert sie nach 
ihrer Zugehörigkeit zu wirtschaftlichen und sozialen Organi 
sationen (Verbandsausschüsse, Arbeitergenossenschaften, Liga 
gegen die Warenhäuser, Lehrer der technischen Schulen, Wohl 
tätigkeitsanstalten usw.). Er rät, mit dem persönlichen Befragen 
bei denen anzufangen, welche „den Dingen am nächsten stehen“, 
also bei Arbeitern, Aufsehern, kleinen Arbeitgebern in erster 
Linie. Die Kunst der persönlichen Enquete besteht darin, sich 
Beziehungen zu verschaffen und das Vertrauen der Leute zu 
gewinnen. 
Die Enquete monographique im engern Sinn ist die Beschrei 
bung einer jeden, durch die Statistik in Zahl und Maß ab 
gegrenzten Zone mittels individueller Analyse der ausgewähl 
ten Muster. Jede Zone einer Industrie, z. B. jener der Luxus 
möbel im Faubourg St. Antoine in Paris, löst sich in zwei 
weitere Untergruppen auf: Arbeitsstätten und Familien. Erstere 
*) ibid. p. 18. 
2 ) ibid. p. 19 ff.
        <pb n="307" />
        Die Schule der Réforme sociale 
281 
entsprechen der wirtschaftlichen, letztere der sozialen Ordnung. 
Beiden entspricht je eine Art von monographischer Enquete. 
Zunächst die Enquete der Arbeitsstätten 1 ). Hat man mittels 
der offiziellen Statistik eine in Zahl und Maß bestimmte Zone 
einer Industrie herausgegriffen, z. B. die Spezialität der Kunst 
tischlerei innerhalb der Luxusmöbelindustrie, so sind innerhalb 
derselben drei Einheiten nach dem Grundsatz der Musterung 
der Extreme zur monographischen Behandlung auszuwählen. 
Man wird also den bedeutendsten und den kleinsten, sowie 
einen mittlern Betrieb der Zone monographisch analysieren. 
Über die relative Bedeutung der verschiedenen Betriebe einer 
Zone kann meist schon jeder beliebige Arbeiter derselben den 
Enquêteur aufklären. Du Maroussem hat einen Rahmen 
zur Aufnahme von Arbeitsstättenmonographien entworfen, wel 
chen er für geeignet hält, allen Betriebsformen : dem Handwerk, 
der Hausindustrie und der Fabrik, angepaßt zu werden 2 ). 
Schwieriger als bei der Arbeitsstättenmonographie, bei 
welcher die Bedeutung der Betriebe die Rangordnung zur 
Musterung der Extreme abgibt, gestaltet sich die Auswahl der 
Typen in der sozialen Ordnung, d. h. bei der Familienmono- 
graphie. Es gibt eine Reihe von Gesichtspunkten, nach welchen 
Familien gruppiert werden können. Du Maroussem zählt 
sieben auf: 1. Ursprung der Familie (ob eingesessen oder ein 
gewandert, in- oder ausländisch), 2. Dauer ihres Aufenthalts am 
Ort, 3. religiöse, politische, berufsgenossenschaftliche Zugehörig 
keit, 4. Kinderzahl, 5. Lohnhöhe des Familienvaters, 6. Sittlich 
keit (Einigkeit in der Familie, wie weit sind deren Mitglieder 
dem Spiele, den Weibern, dem Alkoholgenuß ergeben), 7. Geist 
der Neuerung (äußert sich in Kleidung, Nahrung, Bildungs 
drang). In jeder Zone eines Gewerbes wird nun immer eine 
von den in diesen sieben Rubriken bezeichneten Fragen „an 
') ibid. p. 87 ff. 
2 ) Die Hauptlinien dieses Rahmens sind: 1. Milieu; 2. Organisationsform 
des Unternehmens ; 3. soziale Stellung des Leiters des Unternehmens ; 4. kom 
merzielle Organisation [a) Ankauf der Rohstoffe und Absatzmärkte, b. Verkaufs 
preise] ; 5. Arbeitsorganisation (Haupt- und Nebenbetriebe); 6. Personal [a) Han 
dels-, b) technisches, c) Arbeiterpersonal, Löhne, Arbeitszeit]; 7. Umsatz des 
Unternehmens; 8. Produktionskosten und Unternehmergewinn; 9. Besondere 
Bemerkungen, du Maroussem, loc. cit. p. 47 ff.
        <pb n="308" />
        282 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
der Tagesordnung“ sein. Diese gibt alsdann den geeigneten 
Gesichtspunkt zum Aufbau der Serie der Familien ab 1 ). 
Die Familienmonographien hat dh Maroussem zum Teil 
nach dem bewährten Schema Le Plays ausgenommen. Da 
dies aber viel Zeit in Anspruch nahm, stellte er einen verein 
fachten Rahmen auf, welcher immerhin an den großen Zügen 
des Schemas des Meisters festhält. Demselben liegt das Familien 
budget in der von Le Play geschaffenen Anordnung zugrunde, 
jedoch unter Weglassung der Einnahmen und Ausgaben in 
natura. Der Text des vereinfachten Schemas beschränkt sich 
auf eine kurze Skizzierung von: Zivilstand, materieller Einrich 
tung und Geschichte der Familie 2 ). 
Die Enquête monographique im engern Sinne, d. h. 
also die Auswahl und Beschreibung von je drei Mustern von 
Arbeitsstätten und Familien ist so oft zu wiederholen, als es 
Zonen in dem betreffenden Gewerbe gibt. 
Die Monographie eines Handelsbetriebes (Monographie de 
Marché 3 ) schließt sich eng an die Monographie de Métier 
an. Auch bei ihr ist zwischen der wirtschaftlichen und sozialen 
Ordnung zu unterscheiden. In der ersten hat man die Mono 
graphie von Handelshäusern, in der zweiten die von Familien 
von Handelsangestellten. Den Aufbau der Serien und die Aus 
wahl der Muster wird man ähnlich wie bei der Arbeitsstätten- 
und Familienmonographie einer gewerblichen Berufsart machen. 
Unter der Monographie d'Organisation d'intérêt général 4 ) ver 
steht du Maroussem die monographische Beschreibung von 
freien und von Zwangsgemeinschaften. Freie Gemeinschaften 
1) In der Pariser Zuckerraffinerie ist z. B. die Frage des Eindringens 
der Fremden an der Tagesordnung. Man wird also zur monographischen Be 
handlung wählen: a) eine italienische Familie mit zahlreichen Kindern, b) eine 
schon lange ansässige italienische Familie mit mittlerer Kinderzahl, c) eine 
französische Familie mit einem oder zwei Kindern. Anderes Beispiel: Im 
Pariser Zimmermannsgewerbe bestehen noch die mittelalterlichen Bruderladen 
(compagnonnages) fort. Man wird demgemäß zu wählen haben: a) eine ent 
schieden dem Gesellenladen und seinen überkommenen Riten ergebene Familie, 
b) die Familie eines „compagnon“ ohne Begeisterung, c) eine außerhalb der 
Gesellenladen stehende Familie usw. Du Maroussem, loc. cit. p. 41 ff.J 
2 ) ibid. p. 67 ff. 
8 ) ibid. p. 82 ff. 
4 ) ibid. p. 105 ff.
        <pb n="309" />
        Die Schule der Réforme sociale 
283 
sind z. B. anarchistische Geheimbünde, Bruderladen, Gewerk 
vereine usw. Zwangsgemeinschaften sind (in diesem Zusammen 
hange) (Stadt)gemeinden, (Stadt)gemeindeverbände, kirchliche 
Gemeinden. 
Die Monographie einer (Stadt)gemeinde wird so viele Zweig 
monographien umfassen, als es städtische Dienstzweige gibt. 
Hat man die Organisation einer (Stadt)gemeinde, deren 
sämtliche Dienstzweige, die in ihr vorhandenen freien Gemein 
schaften, die verschiedenen Zonen aller Gewerbe und Handels 
branchen monographisch aufgenommen, so bleibt noch eine 
Anzahl reicher, unabhängig lebender Familien übrig. Diesen 
ist, unter Zugrundelegung der „Musterung der Extreme“ mittels 
der Familienmonographie zu Leibe zu rücken, welche Le Play 
auf die Arbeiterfamilie beschränkte. Es ist dies das Milieu, das 
de Ribbe für die Vergangenheit mittels Analyse der Livres 
de raison beschrieben hat. „Einige Monographien von Elite 
familien,“ meint du Maroussem, „welche die öffentliche Ge 
walt seit langen Jahren in Händen haben, fördern das Ver 
ständnis der Lebenskraft einer Stadt oder eines Landes besser 
als Tausende von Arbeitermonographien“ x ). 
Die zweite große volkswirtschaftliche Gruppe, welche sich 
im Laufe der Jahrhunderte in Frankreich herausgebildet hat, 
ist die Région Rurale. Du Maroussem bezeichnet als solche 
„jede Bodenfläche von beliebiger Ausdehnung, auf welcher die 
Mehrheit der Bevölkerung sich der Landwirtschaft (Forst- und 
Weidewirtschaft sowie Ackerbau) widmet und eine sogenannte 
Bauernbevölkerung ausmacht“ 1 2 ). Das Hauptmerkmal, welches 
die Région rurale von der Cité moderne unterscheidet, 
ist, „daß sie ein Ganzes ausmacht, das sich gegebenenfalls selbst 
zu genügen vermag, während die Stadt ihre Nahrung und Roh 
stoffe von außen bezieht“ 3 ). Selbst in den progressivsten land 
wirtschaftlichen Milieus werden auch heute noch die erzeugten 
Produkte in weitem Maße am Orte der Produktion konsumiert. 
Der Verkehr ist daher zugleich geschlossen und nach außen 
1) ibid. p. 117—118. 
2 ) ibid. p. 119. 
3 ) ibid. p. 121.
        <pb n="310" />
        284 
Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
geöffnet, was die Beobachtung im Vergleich zu industriellen 
Milieus bedeutend erschwert. 
Die Untergruppen der Région rurale entsprechen denen 
der Cité moderne. Sie sind: 1. die Landschaft, 2. der Markt, 
3. die freie und Zwangsgemeinschaft. Daher ebenfalls drei Gruppen 
von Monographien. 
Die Landschaft ') ist ein Produkt des Territoriums und der 
Geschichte. Auf nebeneinander liegenden, homogenen Flächen 
erzeugt dieselbe landwirtschaftliche Spezialität dieselbe Anord 
nung der Arbeitsstätten, dieselben technischen und ethischen 
Sitten, dieselben Pferde- und Viehrassen, dieselbe Fruchtfolge, 
dieselbe Lebensweise usw. Die monographische Behandlung 
einer Landschaft umfaßt, wie die Monographie einer gewerb 
lichen Berufsart, drei Enqueten : Enquête bibliographique, 
Enquête personnelle, Enquête monographique im 
engern Sinn. Die Enquête bibliographique bietet Schwierigkeiten. 
Da eine Landschaft selten mit den heutigen administrativen 
Einteilungen zusammenfällt, ist es nicht leicht, die nötigen 
quantitativen, d. h. statistischen Unterlagen für eine monogra 
phische Enquete zusammenzubringen. Die Enquete personnelle, 
für welche in erster Linie die Ackerbauinspektoren, Tierärzte, 
Notare, Pfarrer, Lehrer usw. in Frage kommen, muß zu einem 
allgemeinen Überblick über die wirtschaftlichen Verhältnisse 
der Landschaft, sowie zur genauen Abgrenzung dreier Zonen 
innerhalb derselben führen. Diese sind : a) das Herz der Land 
schaft, d. i. die Fläche, in der die spezifischen Merkmale der 
Landschaft (Viehzucht, Halbpacht usw.) besonders gut ausge 
prägt sind ; b) die Grenzen, in denen bereits eine Mischung dieser 
Merkmale mit denen angrenzender Landschaften festgestellt 
wurde; c) die Vorstadtlandschaft, d. h. die vorzugsweise Milch 
wirtschaft und Gärtnerei treibenden Ortschaften. Aus jeder 
dieser drei Zonen macht man mindestens eine Gemeinde zum 
Gegenstand der Enquête monographique im engern Sinn. 
Diese baut zunächst für jede Gemeinde zwei Serien auf: 
eine wirtschaftliche : die Serie der Betriebe, und eine soziale : 
die Serie der Familien. Allerdings greifen in der Regel Arbeits 
stätte und Familie in der Région rurale untrennbar inein - 
0 ibid. p. 124 fl.
        <pb n="311" />
        Die Schule der Réforme sociale 
285 
ander. Deswegen ist aber die zweifache Gruppierung nach dem 
wirtschaftlichen und dem sozialen Gesichtspunkt nicht unnötig. 
Die Betriebe ordnet man nach dem Bewirtschaftungssystem : 
Halbpacht, Geldpacht, Selbstbewirtschaftung, und nach ihrer 
Bedeutung, für welche die Zahl der Hektare und der Viehstand 
Anhaltspunkte geben. Die Gruppierung der Familien geschieht 
nach teilweise andern Gesichtspunkten als in den Städten. Die 
Momente des Ursprungs der Familien und der Dauer ihres Auf 
enthalts am Orte fallen bei einer eingesessenen landwirtschaft 
lichen Bevölkerung fort. Desgleichen die religiöse Zugehörig 
keit, da in dieser Beziehung meist Homogeneität auf dem Lande 
besteht. Dagegen tritt ein in den Städten fast unbekanntes 
Moment in den Vordergrund: die Form der Familie, ob patriar 
chalische, Stamm- oder unbeständige Familie. In einer Land 
schaft wird man nie die patriarchalische Form und die der 
Stammfamilie nebeneinander finden. Innerhalb beider wird man 
aber viele Abstufungen, von der alten klassischen Form bis zur 
Lockerung der Familienbande und deren völliger Auflösung, 
antreffen. Von sonstigen Gesichtspunkten für die Gruppierung 
der Familien kommen in Betracht: die Kinderzahl, die soziale 
Rangstellung und berufliche Tüchtigkeit (entspricht der Lohn 
höhe in den Städten), der Geist der Neuerung (mißt sich am 
Verschwinden der örtlichen Mundarten), die Sittlichkeit. 
Hat man die beiden Serien aufgestellt, so wählt man in jeder 
drei zu beschreibende Einheiten nach dem Grundsatz der 
„Musterung der Extreme“ aus. Zur Aufnahme der Familien 
monographien dient das Schema Le Plays*), zu derjenigen der 
Monographien von landwirtschaftlichen Betrieben das von du 
Maroussem für städtische Arbeitsstätten aufgestellte. 
In zweiter Linie kommt die „Monographie de Marche“ 2 ). 
Unter einem landschaftlichen Markte versteht du Ma 
roussem: 1. Die Gesamtheit der Käufe und Verkäufe, welche 
täglich und direkt zwischen einerseits Bauern, Pächtern usw., 
andererseits Müllern, Bäckern, Viehhändlern usw. abgeschlossen 
werden. Ein guter Teil derselben ist Naturaltausch. 2) Den 
monatlichen Jahrmarkt des Hauptortes. Mit diesem ver- 
1) Oder das vereinfachte von du Maroussem. 
2 ) loc. cit. p. 181 fis.
        <pb n="312" />
        286 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
bindet sich in steigendem Maße ein börsemnäßiger Handel in 
einem Café des Hauptortes, bei welchem Getreidehändler und 
Müller nicht präsente Produkte kaufen. Die monographische 
Behandlung der wirtschaftlichen Seite eines solchen landschaft 
lichen Marktes wird füglich durch eine solche des Zentralmarktes, 
des Pariser Getreidemarktes, ergänzt. Will man das Milieu 
auch sozial erfassen, so genügt je eine Monographie eines Ge 
treidehändlers und eines Müllers, denn es herrscht in diesem 
Milieu eine große Homogeneität. 
Die Monographie d'Organisation d'intérêt général *) im Gebiete 
der Région rurale unterscheidet sich in nichts von der 
gleichen Kategorie bei der Cité moderne. Aus praktischen 
Gründen reiht du Maroussem hierher den Staat und seine 
Dienstzweige, für deren monographische Beschreibung er „Rah 
men“ entwirft i) 2 ). 
Was endlich die mit Hilfe der Landschaftsmonographie 
nicht erreichten Überreste der alten, großgrundbesitzenden 
Familien betrifft, so ist ihnen mittels der Familienmonographie 
Le Plays beizukommen 3 ). 
Somit wäre aus dem kleinen, unscheinbaren Werkzeug, 
mit welchem Le Play durch 30 Jahre das Familienleben der 
verschiedenen Völker zu sezieren unternahm, um die Grund 
lagen zu einer Sozial Wissenschaft zu gewinnen, eine komplizierte, 
neuzeitliche Maschine geworden. Mit dieser Maschine bezweckt 
du Maroussem, alle wirtschaftlichen und sozialen Erschei 
nungen im Leben eines Volkes monographisch zu erfassen und 
damit eine völlig neue, konkrete Grundlage für eine Volkswirt 
schaftslehre zu gewinnen 4 ). „Jedes wirtschaftswissenschaftliche 
Studium,“ schreibt er, „muß, um konkret zu sein, von einer 
gewissen Anzahl von Monographien von Arbeitsstätten oder 
Landschaften, von Märkten und von freien und Zwangsgemein 
schaften ausgehen“ 6 ). Eine Volkswirtschaftslehre wird sich nur 
dann von Irrtümern freihalten und wirklich bildend für den 
Geist sein, wenn sie, statt von abstrakten Gesichtspunkten aus 
zugehen und mit Abstraktionen zu operieren, sich konkrete 
i) und ') loc. eit. p. 188 ff. 
s ) ibid. p. 200. 
4 ) ibid. p. 205—206. 
5 ) ibid. p. 204.
        <pb n="313" />
        Die Schule der Science sociale 
287 
Fragestellung zur Regel macht und sich unmittelbar mit kon 
kreten Materien befaßt*). 
Du Maroussem nähert sich mit seinen Anschauungen 
über die Grundlegung einer Volkswirtschaftslehre dem Stand 
punkt der deutschen historischen Schule. Niemand wird leugnen 
wollen, daß die von ihm ausgestaltete und betätigte Forschungs 
methode monographischer Enquete hervorragend dazu geeignet 
ist, wertvolle und eminent vergleichbare Materialien zum Auf 
bau einer Volkswirtschaftslehre zu beschaffen. Ob aber ihre 
systematische Durchführung im wissenschaftlichen Forschungs 
betriebe eines Landes nicht schon daran scheitern würde, daß 
sie zu sehr auf die spezielle, persönliche Begabung ihres Schöpfers 
zugeschnitten ist, bleibt in Frage gestellt. 
2. Kapitel. 
Die Schule der Science sociale. 
Die Le Playschule der Science sociale bietet ein klassisches 
Schauspiel tragischer Ironie. Wir haben die Lehre Le Plays 
als eine Lehre des Beharrens kennen gelernt; sie predigt Abkehr 
von den durch die große französische Revolution irre geleiteten 
Entwicklungstendenzen des sozialen Lebens und Konsolidie 
rung der sozialen Ordnung in den Organisationsformen der 
Vergangenheit. Le Plays Schüler H. de Tourville 2 ) und 
1) du Maroussem polemisiert in diesem Sinne gegen die bei den national 
ökonomischen Doktorthesen an den juristischen Fakultäten in Frankreich und bei 
den Aufsätzen der Revue d'Economie politique übliche Fragestellung. Man 
schreibt z. B., sagt er, „Über die Verteilung der Güter im kapitalistischen Zeit 
alter“, statt über das viel eindrucksvollere Thema „Wie entstanden die großen 
Vermögen z. B. in Paris oder in Chicago?“ oder „Über den Kleingrundbesitz 
(im allgemeinen)“, statt die Frage konkret mit Brentano zu formulieren: „Warum 
gibt es in Altbayern keine Junker?“ usw., loe. cit. p. 203 ff. 
2 ) Henri de Tourville (1842—1903) entstammt einer Patrizierfamilie von 
Rouen. Er studierte erst Jurisprudenz, dann Theologie. 1873—1881 war er 
Vikar der Pfarrei St. Augustin in Paris. Er lernte dort Le Play und dessen 
Milieu kennen und wurde ein eifriger Schüler des Meisters. Durch Krankheit 
gezwungen, die Seelsorgepraxis aufzugeben, zog er sich auf sein Landgut Tour 
ville, später in das Heim der Schule der Science sociale den „Manoir de 
Galmont“ zurück und lebte fortan ausschließlich der Wissenschaft. 1881—1883
        <pb n="314" />
        288 
Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
E. Demolins 1 ) haben nun mit einer kleinen Gruppe von An 
hängern das Meisterstück fertig gebracht, in organischer, 
logischer Fortbildung der Methodik und Gedankengänge Le 
Plays eine den modernen Fortschritt bejahende Entwicklungs 
lehre auszubilden. 
Le Play war bei der Begründung und Ausgestaltung 
seiner Methode davon ausgegangen, daß eine wissenschaftliche 
arbeitete er die unten zu besprechende Nomenclature sociale aus. 1900—1903 
veröffentlichte er, nur widerstrebend und dem Drängen Demolins’ nachgebend, 
seine wirtschaftsgeschichtlichen Essays (Histoire de la Formation particularise: 
l’Origine des grands Peuples modernes) in 30 Artikeln der Zeitschrift La Science 
sociale. Obwohl H. de Tourville selbst nur recht wenig veröffentlicht hat, so 
war er doch der Spiritus rector der Le Playschule der Science sociale. Wie 
einst Lamennais in la Chenaie, so versammelte de Tourville seine Freunde in Tour 
ville und später in Calmont um sich und lehrte sie seine Weltanschauung. In 
den letzten Jahren seines Lebens hatte er die Leitung der Zeitschrift : La Science 
sociale in die Hand genommen, weil der Herausgeber Demolins durch die 
Gründung der „Ecole des Koches“ (s. u.) vollständig in Anspruch genommen 
war. De Tourville hinterließ auch Manuskripte über theologische Gegenstände, 
welche bisher noch nicht veröffentlicht wurden. 
i) Edmond Demolins (1851—1907), geboren in Marseille, studierte Ge 
schichte und ließ sich 1873 in Paris als Schriftsteller nieder. Er lernte alsbald 
Le Play kennen und lebte 8 Jahre in intimem, täglichem Verkehr mit ihm. 
Bei der Gründung der Zeitschrift La Réforme sociale bestellte ihn der Meister 
zum Leiter derselben. Nach seinem Austritt aus der Société d’Economie 
sociale (1886) gründete Demolins die Zeitschrift La Science sociale, das Organ 
der neuen Le Playschule. 1898 rief er die Ecole des Roches (s. u.) ins Leben. 
Demolins hat zahlreiche Schriften verfaßt, von denen im obigen Text, als für 
die Ausgestaltung von Methode und Lehre der Schule der Science sociale erheb 
lich, folgende berücksichtigt wurden : 
E. Demolins, l’Etat actuel de la Science sociale, in Bd. XV von: La Science 
sociale, p. 5 ff. 1893. — A quoi tient la Supériorité des Anglo-Saxons ? Paris, 
1897, davon 26 Auflagen und Übersetzungen ins Englische, Deutsche, Spanische, 
.Russische, Rumänische, Polnische, Arabische usw. — l’Education nouvelle: 
l’Ecole des Roches. Paris, 1898, davon 7 Auflagen und mehrere Übersetzungen. 
— Les Grandes Routes des Peuples, Essai de Geographie sociale. Comment 
la Route crée le Type social, 2 Bde., Paris, 1901—1902. — In Gemeinschaft mit 
Robert Pinot und Paul de Roussiers veröffentlichte Demolins : La Méthode sociale, 
ses Procédés et ses Applications. Faszikel 1 der neuen Folge von: La Science 
sociale. Paris, Jan. 1904. — Endlich ist zu nennen: E. Demolins, Classification 
sociale résultant des Observations faites d’après la Méthode de la Science sociale. 
Faszikel 10—11 der neuen Folge von La Science sociale, Paris, Jan. 1905 und 
Répertoire des Répercussions sociales, posthum herausgegeben von Paul Descamps, 
Faszikel 41—42 obiger Zeitschrift, Paris, Nov.—Dez. 1907.
        <pb n="315" />
        Die Schule der Science sociale 
289 
Sozial Wissenschaft nur mittels Übertragung der in den Natur 
wissenschaften erprobten Beobachtungsverfahren auf das soziale 
Gebiet zu gewinnen sei. „Die Reisen verhalten sich zur Wissen 
schaft der menschlichen Gesellschaften,“ sagt er, „wie die 
chemische Analyse zu derjenigen der Mineralien, wie das Kräuter 
sammeln zur Botanik, oder allgemeiner: wie die Beobachtung 
der Tatsachen zu allen Naturwissenschaften“ 1 ); und an anderer 
Stelle: „Ich habe auf die Beobachtung der menschlichen Ge 
sellschaften Regeln angewandt, welche denen analog sind, die 
meinen Geist zum Studium der Mineralien und Pflanzen er 
zogen hatten“ 2 ). 
') Le Play, La Méthode Sociale, 1879, Avertissement. 
2 ) Le Play, Les Ouvriers Européens, 1. Ausi. 1855, Bd. I, p. X. Vgl. 
ebenda auch folgenden Passus, der in bezug auf Sprache und Gedanken 
flug an Descartes' Discours sur la Méthode, oder Bacos Novum Organon 
heranreicht: „La Science sociale suivra, dans son développement progressif, 
les mêmes phases qu’ont parcourues l’astronomie, la physique, la chimie, l’histoire 
naturelle, et, en général, les connaissances fondées sur l’observation des faits. 
Dans la première période de l’histoire de ces sciences, en effet, la. descrip 
tion et le classement des phénomènes tenaient peu de place : ils étaient, d’ailleurs, 
subordonnés à quelque idée conçue a priori, à quelque théorie fondée sur un 
fait saillant, mais incomplètement observé. Dans la dernière période, aussi 
féconde que l’autre avait été stérile, la méthode contraire a été suivie. On s’est 
soustrait par degrés, autant que le comporte la faiblesse de l’esprit humain, au 
joug des idées préconçues : on a pris l’étude attentive des phénomènes pour base 
de leur appréciation, on n’a tenu ces phénomènes pour suffisamment connus que 
lorsqu’on a pu en donner le poids, la mesure et l’image exacte; et c’est alors 
seulement qu’on a cru pouvoir en présenter la théorie. Sous l’empire de cette 
méthode les forces les plus précieuses, celles qui s’emploient à la recherche de 
la vérité, ne s’épuisent plus dans des discussions sans fin ; les controverses scien 
tifiques, promptement ramenées à la vérification contradictoire de certains faits, 
sont désormais tranchées par la force même de l’évidence. 
La Science sociale, au contraire, est restée dans l’état d’impuissance qui a 
caractérisé la première période des sciences naturelles ; elle se compose surtout 
de systèmes qui se révèlent en général par l’antagonisme mutuel de leurs auteurs ; 
en sorte qu’il est vrai de dire que cette science a pour ennemis les plus ardents 
ses propres adeptes. Les débats concernant l’organisation du travail, de la pro 
priété, des échanges, sont presque aussi épineux que l’étaient, pendant les der 
niers siècles, ceux qui concernaient la transmutation des métaux, la panacée 
universelle, le phlogistique, etc.; ils s’éteindront sans retour possible comme ces 
classiques controverses, sous l’influence de la méthode expérimentale.“ {Le Play, 
Les Ouvriers européens, Introduction, p. X.) 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
19
        <pb n="316" />
        290 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Dieses Hervorheben der Analogie der Sozial Wissenschaft 
mit den Naturwissenschaften wurde von Le Play später im 
Hintergründe gelassen. De Tourville dagegen knüpft gerade 
daran an; ihm und Demo lins ist es darum zu tun, die Sozial 
wissenschaft in möglichst engem Anschluß an die Natur 
wissenschaften zu entwickeln. Ja für sie wird die Sozial 
wissenschaft geradezu zu einer, wir möchten sagen, exakten 
Naturwissenschaft. „Damit es eine Sozialwissenschaft gebe,“ 
schreibt Demo lins, „müssen die sozialen Erscheinungen not 
wendig infolge der Natur der Dinge aufeinander einwirken, 
sich reperkutieren, und zwar unabhängig vom menschlichen 
Willen“ i). Dadurch wird der freie Wille des Menschen keines 
wegs ausgeschaltet. Seine Rolle im sozialen Leben ist genau 
dieselbe, wie dort, wo er sich die Naturgesetze des Dampfes oder 
der Elektrizität nutzbar macht : „Der Mensch bedient sich der 
Gesetze, die Gott geschaffen hat, für seine Zwecke: das ist das 
Geheimnis der Verbindung der menschlichen Freiheit mit der 
bestehenden Ordnung“ 2 ). 
Unter Zugrundelegung dieses prinzipiellen Gesichtspunktes 
geht Henri de Tourville daran, die Methode Le Plays zu 
zergliedern und in umfassender Weise umzugestalten. Er unter 
scheidet drei Phasen in dem induktiven Verfahren des Meisters : 
1. die methodische Analyse, 2. die vergleichende Beobachtung, 
3. die wissenschaftliche Klassifikation 3 ). 
Die methodische Analyse hat die Arbeiterfamilie, als die elemen 
tarste Form der eine menschliche Gesellschaft ausmachenden 
Zellen, zum Gegenstand. Wie nun die Naturwissenschaften ihre 
Gesetze nur aus der Beobachtung von gesunden, normalen 
9 Demolins, Répertoire des Répercussions sociales (posthum) fascio. 41 
und 42 der Science Sociale, Neue Folge, Nov.—Dez. 1907, p. 32. 
-) H. de TourviUe, La Science sociale est-elle une Science ? Erster Artikel 
in: La Science sociale. Bd. I, 1886, p. 12. Wenn de Tourville hier von „be 
stehender Ordnung“ (ordre établi) spricht, so hat das seinen Grund darin, daß 
nach der Lehre der Science Sociale jede Sozialordnung ihre eigenen Gesetze hat: 
„Wollt ihr in der Armee Disziplin oder Zuchtlosigkeit? Beide haben ihre Ge 
setze.“ De Tourville, loc. cit. ebenda. Vgl. Demolins: „Die Voraussagungen 
der Science sociale setzen die Erhaltung der bestehenden Sozialordnung voraus.“ 
Demolins, loc. cit. p. 25. 
3 ) Henri de Tourville, La Science sociale est-elle une Science? Drei Artikel 
in der Zeitschrift: La Science Sociale, Bd. I (1886), p. 17 ff.
        <pb n="317" />
        Die Schule der Science sociale 
291 
Exemplaren der Tier- und Pflanzenwelt gewinnen können, so 
muß auch die Sozialwissenschaft zur Gewinnung der Lebens 
gesetze der menschlichen Gesellschaften gesunde, normale 
Familientypen in normalem Milieu zum Gegenstand ihrer Beob 
achtungen machen *). 
Le Play erkannte nun allerdings, daß es außer den Ar 
beiterfamilien, welche er zum Gegenstände seiner Beobachtungen 
machte, auch noch andere soziale Institutionen gibt. Aber er 
fühlte sich nicht bewogen, sein Beobachtungsinstrument: die 
Familienmonographie, auch zu deren Erforschung auszugestalten, 
um so weniger, als er alle außerhalb der Familie existierenden 
sozialen Institutionen für aus derselben hervorgegangen ansah. 
Darin bestärkte ihn der Umstand, daß er in den Steppen des 
Ural eine menschliche Gesellschaft antraf, welche ganz in der 
Arbeiterfamilie aufging. Die patriarchalische Familie der 
Nomadenhirten des Ural, welche alle im Okzident spezialisierten 
sozialen Funktionen in sich vereinte, galt Le Play fortan 
als Typus der einfachen, menschlichen Gesellschaft und als grund 
legender Vergleichspunkt für alle übrigen menschlichen Gesell 
schaften. So wurde Le Plays Familienmonographie nun doch 
der Ausgangspunkt der vergleichenden Beobachtung der mensch 
lichen Gesellschaften; seit der Auffindung der Nomadenfamilie 
der Steppen des Ural hatte sie tatsächlich dazu gedient, nicht 
mehr nur den einfachen Typus der glücklichen Familie, sondern 
auch den einfachen Typus der glücklichen menschlichen Gesell 
schaft zu beschreiben 2 ). 
Indem nun Le Play die menschlichen Gesellschaften des 
Okzidents mit der Bachtiarenfamilie des Ural verglich, er 
kannte er, daß jede vollständige Gesellschaft 3 ) notwendig zwei 
Arten von Funktionen in sich schließt: die höheren Funk 
tionen der Leitung, welche außergewöhnliche, seltene, spe 
zielle Fähigkeiten erfordern, aber zur Existenz und zum 
Gedeihen der Gesellschaft unumgänglich notwendig sind; die 
niederen Funktionen der materiellen Verrichtungen, für welche 
b ibid. p. 101. 
2 ) ibid. p. 291 ff. 
3 ) Unter vollständiger Gesellschaft ist nach der Le Playschen Termino 
logie eine Gruppierung zu verstehen, welche die Existenz und die Fortpflanzung 
der Kasse vollständig zu gewährleisten imstande ist. ibid. p. 294.
        <pb n="318" />
        292 
Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
eine gewöhnliche, allgemein anzutreffende Befähigung genügt. 
Jede gut geordnete Gesellschaft umfaßt daher zwei Klassen : 
eine niedere, (hand)arbeitende und eine höhere, nicht(hand)- 
arbeitende, welche einen Patronage über die erstere ausübt 1 ). 
In der patriarchalischen Familie repräsentiert der Patriarch die 
höhere Klasse; in den komplizierten Gesellschaften des Abend 
landes setzt sie sich zusammen aus Arbeitgebern und Angehörigen 
der liberalen Berufe. Stand und Wert einer Gesellschaft messen 
sich an den Resultaten des Patronage. 
So weit gelangte Le Play 2 ). Die vergleichende Beob 
achtung der menschlichen Gesellschaften liefert jedoch nicht 
nur den Schlüssel zur gesellschaftlichen Organisation der Mensch 
heit (Notwendigkeit zweier Klassen), sondern sie führt auch 
naturgemäß zur Klassifikation: „Indem man alle beobachteten 
Gesellschaften der Reihe nach der einfachen Gesellschaft gegen 
über stellt, reihen sich deren Einrichtungen nach und nach in 
diejenige Ordnung, gemäß welcher sie sich von dem elementaren 
Typus unterscheiden“ 3 ). Diese Ordnung der sozialen Einrichtungen 
hat Henri de Tourville in seiner Nomenclature sociale 
aufgestellt. Er gewann dieselbe aus dem vergleichenden Studium 
der 57 Familienmonographien Le Plays. 
Die erste Kategorie in de Tour villes Nomenclature wird 
von den Tatsachen gebildet, „welche sich am besten ohne vor 
angehende Tatsachen desselben Wissenszweiges erklären lassen.“ 
Es ist das Territorium mit seinen geographischen Besonderheiten. 
Die weiteren Klassen von Erscheinungen reihen sich in der 
Ordnung ihrer Bedingtheit durch die vorhergehenden an. Durch 
das Territorium wird in erster Linie die Arbeiterorganisation be 
dingt, durch diese das Eigentum usw. de Tour ville gelangt 
in dieser Weise zur Aufstellung von 25 Kategorien von sozialen 
Erscheinungen, welche ihrerseits wieder in Varietäten, diese in 
Arten und Elemente, 326 an der Zahl, zerfallen. Wir müssen 
uns hier auf die Wiedergabe der großen Linien der „Nomen 
clature“ beschränken. 
b ibid. p. 203—4. 
2 ) Begreiflicherweise arbeitet de Tourville, seiner eigenen Weltanschauung 
entsprechend, das Sozialaristokratische in der Lehre des Meisters besonders scharf 
heraus. 
3 ) de Tourville loc. eit. p. 293.
        <pb n="319" />
        le Lieu 
Die Schule der Science sociale 
293 
'”5' ¡â' "o' &lt;~5' ^ 4-^ 
» P4 
eu 
ctS 
U 
O 
C/3 
o&gt; 
î- 
3 
CÖ 
U 
3 
&lt;U 
B 
o 
Z 
kÂ 
U 
H Pn 
9 o 
E PP 73 
do cS 
« .5 
s 5G 
? .a 
r- Oh 
g '9 &gt;* o 
&lt;1 T3 
¡&gt; o o P o à £ 
Q O ož &lt;u c3 &lt;x&gt; cá 
q W ^ 
o 8 
GG 73 
CD 
11 
&gt; % N 
k&gt; 
►3 
hP 
Ph Eh 
PP 
M 
G 
o 
II. La Race hors de sou Territoire national 
III. L’Action de l’Etranger sur la Race 
IV. L’Histoire de la Race 
V. Le Rang de la Race
        <pb n="320" />
        294 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Die Tabelle bedarf einiger Erläuterungen, 
Zu c, d, e, f: Das Eigentum, sagt de Tourville, ist eine soziale Er 
scheinung, welche unfehlbar als Folgeerscheinung der Arbeit auftritt. Der 
Standort nützt nichts ohne die Arbeit, die Arbeit nützt nichts ohne das Eigen 
tum. Die Abhängigkeit des Eigentums von der Arbeit ist derart, daß dessen 
Form jederzeit von der der Arbeit bestimmt wird. Bedingt der Standort ge 
meinschaftliche Arbeit, so entsteht Gemeineigentum; ergibt sich aus der Natur 
des Territoriums, daß die zur Beschaffung des Lebensunterhalts nötige Arbeit 
einzeln verrichtet werden muß, so entsteht Privateigentum oder Eigentum der 
einzelnen Haushalte. 
Vom sozialen Gesichtspunkte aus gibt es vier Arten von Eigentum-. 1 .Das 
Grundeigentum ; 2. die Fahrnis. Diese ist gleichsam ein inferiores Eigentum, das 
bei ihren Besitzern bedeutend weniger soziale Eigenschaften voraussetzt, als der 
Grundbesitz; 3. der Lohn, eine noch prekärere Eigentumsart; 4. die Ersparnisse, 
d. h. das Mittel, jede der drei andern Arten von Eigentum zu mehren, oder 
von einer tieferstehenden Art zu einer hohem aufzusteigen. 
Zu h: Der Existenzmodus, d. h. die Befriedigung, welche die Nahrungs-, 
Klei dungs-, Wohnungs- usw. - Bedürfnisse finden. Er verhält sich zu den 
Existenzmitteln (a—f) wie die Ausgaben zu den Einnahmen. 
Zu i : Phasen der Existenz einer Familie sind : Geburt der Kinder, ihre 
Etablierung, Wanderungen, Unfälle und Krankheiten, Todes- und Unglücksfälle, 
Schuldenaufnahme usw. 
Die neun ersten Klassen könnte man zusammenfassen als : Organisation 
der Arbeiterfamilie. Aus der aufeinander folgenden Beobachtung ihrer Elemente 
ergibt sich, daß es Lagen im Dasein gibt, in denen sich die Arbeiterfamilie 
nicht selbst zu genügen vermag und der Hilfe des Patronage (j) bedarf. Zur 
Ausübung dieses ist die Befähigung zum Herrschen, zur Behandlung der Men 
schen erforderlich. Darüber hinaus muß der „Schutzherr“ über drei Arten von 
speziellen Befähigungen verfügen können, um der Arbeiterfamilie zu helfen. 
Diese sind: Handel (k), intellektuelle Kultur (1) und Religion (m). In „kom 
plizierten“ menschlichen Gesellschaften werden diese speziellen Befähigungen 
durch drei verschiedene Berufsklassen repräsentiert. Untereinander sowohl, als 
mit der Arbeiterklasse stehen dieselben im Verhältnis der Nachbarschaft (n). 
Diese, welche scheinbar unorganisiert ist, hat ihre Führer: die autorités sociales. 
Gemeinsame Interessen bestimmter Gruppen einer Nachbarschaft führen wohl 
auch zur Bildung von Genossenschaften aller Art (o). Ferner gibt es eine Reihe 
von Interessen in jeder menschlichen Gesellschaft, welche durch öffentlich-recht 
liche Zwangsgemeinschaften gewahrt werden (p—u), Auswanderung und Koloni 
sation (v) leiten über zu den Beziehungen eines Volkes zu den übrigen Völkern 
(v, X und z). Die Geschichte eines Volkes (y) im Sinne der Science sociale 
ist zu verstehen als kritische Würdigung dessen, was die Historiker darüber 
lehren, an der Hand des in der Gegenwart Beobachteten. Vgl. de Tourville 
loc. cit. 3. Artikel, Scienne sociale, Bd. II, p. 503 if. 
Ein charakteristisches Merkmal der „Nomenclature“ d e 
Tour vili es ist der enge Zusammenhang, der logische Auf 
bau ihrer einzelnen Teile in der Ordnung ihres Bedingtseins.
        <pb n="321" />
        Die Schule der Science sociale 
295 
Seine und Demo lins’ Schüler pochen immer wieder darauf, 
daß das Le Pia y sehe Modell der Familienmonographie die 
beobachteten Tatsachen zwar in eine Reihe von Fächern ver 
teilt, aber nicht deren Beziehungen untereinander nachweist. 
De Tourvilles „Nomenclature“ dagegen lege den Aufbau des 
sozialen Körpers, die Interdependenz der sozialen Erscheinungen 
klar zutage *). 
Die neun ersten Kategorien der „Nomenclature“ bilden 
einen Rahmen für sich zur Aufnahme von Familienmono 
graphien. Derselbe tritt an die Stelle von Le Plays Schema 
für Familienbudgets. Die Gründe, welche de Tour vi Ile be 
stimmten, dieses aufzugeben, wurden bereits berührt (siehe 
oben p. 236)2). De Tourvilles „Nomenclature“ dient im 
ganzen wie in ihren einzelnen Teilen einem mehrfachen Zwecke : 
einmal will sie ein Werkzeug in der Hand von Enqueteuren zur 
Aufnahme von Monographien über jede Art von sozialen Er 
scheinungen sein; zweitens bedeutet sie eine Klassifikation 
analog den in den naturwissenschaftlichen üblichen, in welche 
jede beobachtete soziale Erscheinung nach Gattung, Varietät 
und Art untergebracht werden kann. In dieser zweiten Funktion 
vermag sie aber mehr Dienste zu leisten, als eine naturwissen 
schaftliche Klassifikation; denn während diese nur ein metho 
disches Hilfsmittel zum Zwecke übersichtlicher Anordnung dar 
stellt, entspricht die „Nomenclature“ tatsächlichen Beziehungen 
der Erscheinungen zueinander, ist im stände, mitwirkende Ur 
sachen und Wechselwirkungen von Erscheinungen durch den 
Platz, den sie denselben anweist, aufzudecken 2 ). Wie ferner mit 
ihrer Hilfe die Gesetze der Science sociale gewonnen werden, 
werden wir weiter unten sehen. 
De Tourville trat 1883 mit seiner „Nomenclature“ vor die 
Öffentlichkeit. In der Société d 'Economie sociale fand die 
selbe, da sie am Werke des Meisters zu rütteln unternahm, eine 
eisig kalte Aufnahme. Nur sehr wenige Le Play-Schüler schlossen 
sich de Tourville an. Zu diesen zählte vor allen sein Freund 
EdmondDemolins, der langjährige Vertraute des Meisters, den 
dieser selbst zum Leiter der Redaktion der Réforme sociale 
b Vgl. u. a. Robert-Pinot, Le Paysan jurassien. Monographie du Jura 
Bernois in Science Sociale, Bd. IV (1887), 7. Artikel, p. 630. 
3 ) H. de Tourville, loo. oit. p. 495—496.
        <pb n="322" />
        296 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
bestimmt hatte. Demolins trat mit dem ganzen Feuer seines 
Marseiller Temperaments auf die Seite de Tourvilles und be 
gann das Arbeiten nach dessen „Nomenclature“. Desgleichen 
P. Prieur. 1886 eröffnete Demo lins im Gebäude und unter 
dem Patronate der französischen geographischen Gesellschaft 
Vorlesungen über die „Nomenclature“ de Tourvilles und 
dessen Auffassung der Lehre Le Plays. Diese Vorlesungen, 
welche ein getreues Spiegelbild von der fortschreitenden Ent 
wicklung der methodologischen und doktrinellen Anschauungen 
der Schüler de Tourvilles gaben und noch immer geben, 
werden im Durchschnitt von etwa 120 Hörern besucht. De 
mo li ns wurde in deren Abhaltung 1898, als er die Ecole 
des Roches in der Normandie (s. unten p. 303) gründete, von 
Paul Bureau, Professor an der juristischen Fakultät des In 
stitut Catholique in Paris abgelöst. 
Im Dezember 1886 wurde Demo lins plötzlich seines 
Amtes als Herausgeber der Réforme sociale entsetzt und 
vollzog nunmehr mit de Tour ville und Prieur die Sezession. 
Schon im Januar 1887 erschien die erste Nummer der Monats 
schrift La Science sociale, welche Demolins fortan als Organ 
der neuen Le Play-Schule herausgab. Als Gegenstück zur 
Société d’Economie sociale gründeten de Tourville und 
Demo lins die Société internationale de la Science sociale, welche 
zur Zeit etwa 300 Mitglieder zählt. 
Demolins und de Tourville hatten Glück mit ihrer 
Sezession und gewannen in kürzester Frist eine rege und aus 
dauernde Schar von Mitarbeitern. Mit der „Nomenclature“ als 
Werkzeug der wissenschaftlichen Forschung ausgerüstet, zogen 
diese in die Welt hinaus, um die verschiedensten sozialen Er 
scheinungen zu beobachten und zu beschreiben. So kam eine 
stattliche Anzahl von Monographien zu stände, welche zumeist 
in der Science sociale veröffentlicht wurden. Einige der 
selben wurden von entscheidender Bedeutung für die Grund 
legung der Doktrin der neuen Le P lay-Schule *). 
9 Es sind : R. Pinot, Le Paysan Jurassien. Monographie du Jura bernois 
(in: La Science Sociale. Bd. III und IV (1887), 7 Artikel); Paul de Bousiers, 
La Vie Américaine, 2 Bde., Paris, 1891 ; Fernand Butel, La Vallée d’Ossau. 
Etude sur la Population originaire et la prétendue famille-souche des Pyrénées 
(in: Science sociale, Bd. XIII, XIV und XV (1892—1893), 7 Artikel).
        <pb n="323" />
        Die Schule der Science sociale 
297 
Le Play hatte, wie wir gesehen haben, drei Arten von 
Familientypen unterschieden: die patriarchalische Familie, die 
Stammfamilie und die unbeständige Familie. Unterscheidungs 
merkmal war das Erbsystem. Die auf Testierfreiheit und Einzel 
erbfolge gründende Stammfamilie galt ihm als Ideal. Als 
Muster der Stammfamilie hatte er in seinem Werk L'Organisation 
de la Familie eine von ihm beobachtete Familie von Berg 
bewohnern der Pyrenäen (la famille Melouga) hingestellt 1 ). 
Demo lins glaubte nun entdeckt zu haben, daß diese Familie 
nach der von Le Play aufgenommenen Monographie derselben 
eher gemein wirtschaftliche Züge aufweise und infolgedessen zum 
patriarchalischen Typus gehöre. Die Bergbewohner wurden in 
folgedessen in verschiedenen Gegenden mittels de Tour villes 
„Nomenclature“ einer Enquete unterworfen, um diesen Punkt 
aufzuhellen. Pinot übernahm den beimischen Jura, de Tour- 
ville und Dem oli ns die Auvergne und Butel die Vallée 
d’Ossau in den Pyrenäen. Gleichzeitig bereiste Paul de Bou 
siers die von Claudio-Jannet und Le Play so verschrienen 
Vereinigten Staaten von Amerika, welche sich, der Prophezeiung 
Olaudio-Jannets entgegen, in blühendem Aufschwung be 
fanden. 
Die Erforschung, insbesondere der Vallée d'Ossau ergab, daß 
der pyrenäischen Familie allerdings der von Le Play als für 
die Stammfamilie wesentlich angesehene Zug des ungeteilten 
Erbübergangs eigen war. Andererseits aber stellte Butel fest, daß 
dort „Arbeit und Eigentum zum größten Teil kollektiv organi 
siert sind; daß der Erbe Autorität über seine Brüder behält; 
daß das Los der jüngeren Kinder sich nie ganz von dem der 
Gemeinschaft trennt; daß endlich die Familienmitglieder zwar 
zum Teil auswandern, aber mit der Absicht, wieder zu kommen, 
nicht, um sich draußen ein eigenes Heim zu gründen“ 2 ). Alles 
das sind charakteristische Züge der patriarchalischen Familie. 
Die große Zahl von unverheiratet bleibenden Kindern erklärt 
sich aus der Beschränktheit der Hilfsquellen und den Schwierig 
keiten der Kultur im Gebirge 2 ). 
Paul de Bousiers berichtete in seinen Briefen an Demolins 
aus Amerika, die dortige angelsächsische Familienformation be- 
b Le Play, L’Organisation de la Famille, p. 82, 128, 187—188. 
2 ) Butel, La Vallée d’Ossau in : La Science sociale, Bd. XIV, p. 235 ff.
        <pb n="324" />
        298 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
finde sich in voller Blüte, indem sie alle Vorteile aufweise, 
welche Le Play für die Stammfamilie in Anspruch nimmt. 
Hohe Sittlichkeit, Erziehung der Kinder zu persönlicher Initia 
tive und großer Tüchtigkeit, Ansiedlung derselben draußen, fern 
vom väterlichen Herde, wo sie zumeist aus eigener Kraft neue 
Stammfamilien gründen usw. Bei alledem keineswegs Einzel 
erbfolge, trotz der Testierfreiheit, sondern gleiche Erbteilung, 
wie bei der unbeständigen Familie. Jedoch spielt das väterliche 
Erbe bei dem glänzenden Fortkommen der Sprößlinge amerika 
nischer Familien wirtschaftlich nur eine untergeordnete Rolle 1 ). 
Le Play selbst hatte bemerkt, daß die nordische Stamm- 
familie, welche er in Norwegen und in England beobachtet 
hatte, sich von der südlichen der Pyrenäen usw., die er als 
Muster hinstellte, dadurch unterschied, daß jene stärkere, unter 
nehmungslustigere Individuen erzeugte und die Außenansiedlung 
der Kinder systematischer durchführte als letztere 2 ). De Tour- 
ville knüpfte, auf den neugewonnenen Beobachtungen fußend, 
hier an, um die Art der Kindererziehung statt der Erbsysteme zur 
Grundlage einer neuen Klassifikation der Familientypen zu 
machen und damit der überkommenen Lehre des Meisters eine 
ungeahnte neue Orientierung zu geben. „Le Play hat ge 
glaubt,“ verkündet nunmehr Demo lins als Sprachrohr seines 
Freundes, „was die Stammfamilie erzeuge, sei deren Erbmodus ; 
dieser ist aber nur eine Folge aus etwas Tieferem und Absolu 
terem, welches das grundlegende Wesen der Stammfamilie aus 
macht, nämlich: die jedem Kinde gegebene Befähigung, sich 
durch sich selbst eine unabhängige Existenzgrundlage zu 
schaffen“ 3 ). 
Fortan gilt also nicht mehr die Erhaltung und ungeschmä 
lerte Erbübergabe des Gutes der Familie als deren wesentliche 
Funktion, sondern die die Fortpflanzung krönende Erziehung 
der Kinder. „Die Kindererziehung differenziert die Familien 
und die Gesellschaften,“ schreibt Pinot. „Das Kind wird als 
ungeselliges Wesen geboren. Die Familie erzieht es, um es zu 
befähigen, an den Gruppierungen der Arbeit, des Eigentums, des 
9 Vgl. Paul de Bousiers, La Vie Américaine, 2 Bde., Paris, 1891. 
2 ) Le Play, L’Organisation de la Famille, p. 83. 
3 ) Demolins, L’Etat actuel de la Science sociale, in : La Science sociale, 
Bd. XV (1893), p. 13—14.
        <pb n="325" />
        Die Schule der Science sociale 
299 
Patronage, der Religion usw., welche die Existenzmittel und die 
sittlichen Einflüsse an jedem Standort in besonderer Weise ge 
stalten, teilzunehmen“ *). 
Vorläufig wurde Le Plays Klassifikation der Familientypen 
durch folgende ersetzt: 
1. Die 'patriarchalische Familie. „Sie befähigt die jungen 
Generationen dazu, in Frieden unter der Autorität des Familien 
oberhauptes zu wohnen, gewöhnt sie daran, alle ihre Anstren 
gungen der Gemeinschaft zu widmen und ganz von ihr ab 
zuhängen. Das Individuum ist vernichtet und den verschiedenen 
Gruppierungen des Privatlebens gänzlich unterworfen.“ 
2. Die quasi-patriarchalische Familie oder falsche Stammfamilie. 
„Diese befähigt die jungen Generationen zu den größten Opfern 
für die Erhaltung des väterlichen Herdes ; sie weckt eine solche 
Liebe zu diesem Herde in den Herzen ihrer Kinder, daß 
diese unverheiratet bleiben, um unter der Autorität des (allein 
verheirateten) Erben in Gemeinschaft zu leben. Sind die Kinder 
gezwungen auszuwandern, so gehören ihre Ersparnisse dem 
Herde, wohin sie eines Tages zurückkehren. Die individuelle 
Initiative ist wenig entwickelt, das Individuum bleibt den Grup 
pierungen des Privatlebens (Arbeitsgemeinschaften, Gemein 
weiden usw.) untergeordnet.“ 
3. Die Stamm- oder partikularistische Familie. „Sie setzt die 
jüngeren Generationen in stand, sich selbst zu helfen; sie bildet 
ihre Kinder dazu heran, sich draußen definitiv auf einem neuen 
Gute anzusiedeln, sie entwickelt die individuelle Initiative bis 
zum Paroxysmus. Das Individuum organisiert und beherrscht 
die öffentlich- und privatrechtlichen Gruppierungen ; der einzelne 
triumphiert über den Staat.“ 
4. Die unbeständige Familie. „Sie befähigt die jüngeren 
Generationen zu nichts, wenn sie sie nicht zu allem unfähig 
macht. Sie erzieht ihre Kinder, ohne in ihnen die Achtung vor 
Autorität und Tradition zu entwickeln, wie es die patriarcha 
lische und quasi-patriarchalische Familie tun, aber auch, ohne 
in ihnen den geringsten eigenen Wert zu erzeugen, den gering- 
x ) R. Pinot, La Classification des Espèces de la Famille établie par Le 
Play est-elle exacte? in: La Science sociale, II. Folge, Faszikel 1, (1904), 
p. 58—59.
        <pb n="326" />
        300 
Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
sten Gedanken von self-help zu wecken, wie es die partikulari- 
stische Familie tut. Die Eigenschaften der Subordination und 
der Initiative fehlen beiden, und das Individuum, das in Wirk 
lichkeit nicht erzogen wurde, das zu nichts befähigt wurde, ist 
das vorbestimmte Material zum Staatsdiener“ *). 
Es galt nunmehr, die neugewonnene Erkenntnis zu ver 
tiefen und wissenschaftlich auszugestalten. Diesem Bestreben 
verdanken de Tourvilles herrliche, wirtschaftsgeschichtliche 
Essays 2 ) ihre Entstehung. De Tourville greift den Euhemeris- 
mus Snorri Sturlusons 3 ) und die Gedankengänge Gobineaus, die 
Entstehung und Differenzierung der Rassen betreffend, auf und 
unterbaut sie wirtschaftlich. 
Am Anfang des Menschengeschlechtes steht die patriarcha 
lische Familienformation allein da. Aus ihr ging die partikulari- 
stische oder Stammîamiìie in folgender Weise hervor : Die Asen 
oder Odinssöhne bevölkerten aus Iran kommend die Küsten 
der norwegischen Fjords. Die Küstenfischerei, d. h. die Not 
wendigkeit, sich zu längeren Ausfahrten in Fischerbarken zu 
verteilen, und das weite Auseinanderliegen der vorhandenen, 
kleinen, anbaufähigen Bodenflächen machten von einem be 
stimmten Momente an die Erhaltung der patriarchalischen Ge 
meinschaft unmöglich. Die Familien wurden gezwungen, sich 
in getrennte Haushalte aufzulösen. Das rauhe Seeleben ent 
wickelte die persönliche Initiative und hohe männliche Tugenden 
in den Individuen. Eine Folge davon war die weitgehendste 
Beschränkung der Entwicklung der öffentlichen Gewalten. Die 
Odinssöhne wurden unter dem Einfluß des Territoriums die 
stärkste Rasse der Welt. Ein Teil von ihnen wanderte später 
hinab in die sächsische Ebene. Hier siedelten sie sich in ein- 
! ) R. Pinot, ibid. p. 63—64. Vgl. auch: Deniolins, L’Etat actuel de la 
Science sociale, loc. cit. p. 14 ff. 
2 ) Erst spät und auf wiederholtes Drängen Dernolins entschloß sich de 
Tourville zu deren Drucklegung. Sie erschienen, rund 33 an Zahl, unter dem 
Titel: Histoire de la Formation Particulariste. Les Origines des grands Peuples 
modernes, in: Science sociale, 1900—1903, Bd. XXX—XXXIV. Es besteht auch 
eine Ausgabe derselben in Buchform. 
3 ) Snorri Sturluson (1178—1241), isländischer Skalde und Historiker, 
gilt als der Verfasser der jungem Edda. Euhemerismus nennt man die darin 
betätigte Vergötterung hervorragender Menschen.
        <pb n="327" />
        Die Schule der Science sociale 
301 
zelnen Haushalten auf mittleren Gütern an und erwarben durch 
den Ackerbau die „Formation rurale“, d. h. die sittlichen Eigen 
schaften und die Signatur eines Bauernvolkes. Diese trugen die 
Franken von dort nach Frankreich, insbesondere aber die Angeln 
und Sachsen nach England. 
In England hat sich die partikularistische Familie durch 
die Jahrhunderte rein erhalten, was für Deutschland, Frank 
reich, Italien, Spanien, wohin sie bei der Völkerwanderung 
ebenfalls drang, nicht zutrifft. „Die grundlegende Ursache 
dieses Unterschiedes ist, daß am Ausgangspunkte die sächsische 
Auswanderung in Großbritannien sich ganz ungezwungen auf 
reichem Boden entwickeln konnte, ohne sich mit einer kommu- 
nautären Bevölkerung zu vermengen, welche zu einem römisch 
barbarischen Staatsabsolutismus geeignet gewesen wäre“ x ). Von 
England aus wurde die partikularistische Familie nach Amerika, 
Australien, Südafrika usw. getragen. Die in der sächsischen 
Ebene erworbene „Formation rurale“ hat die Angelsachsen zu 
unvergleichlichen Pionieren und Kolonisten gemacht. Körper 
kraft, persönliche Initiative und die Hilfsquellen des Bauerngutes 
haben den Geist der Unabhängigkeit in ihnen wach erhalten. 
Die gewaltige und plötzliche Entwicklung der englischen 
Industrie erklärt sich aus dem kampflustigen sächsischen Tem 
perament 2 ). In den Kolonien besitzt England auch heute noch 
eine sächsische, ackerbautreibende Bevölkerung mit mittlerem 
und kleinerem Besitz. Übrigens hat die industrialisierte, säch 
sische Bevölkerung der englischen Städte die wesentlichen 
Merkmale der sächsischen „Formation rurale“ bewahrt; diese 
bestehen nämlich in dem lebendigen Streben eines jeden Indi 
viduums, sich einen mittleren oder wenigstens kleineren Land 
besitz zu schaffen, der ihm eine Garantie für seine Unabhängig 
keit bietet, welches auch sein Beruf sei 3 ). 
*) De Tourville, loc. cit. Bd. 34, p. 509. 
2 ) De Tourville, loc. cit. Bd. 35, p. 123. 
3 ) Vgl. den Passus: „. . . . même les Populations urbaines altèrent en 
somme peu le type saxon traditionnel. Elles sont demeurées profondément 
attachées au rôle du domaine dans la liberté privée, en même temps qu’elles 
ont donné comme un coup de fouet nouveau à l’énergie antique de la race en 
élargissant par l’industrie le champ de la lutte, la puissance des effets de l’initia 
tive personnelle, les ressources pour monter par soi-même.“ ibid. p. 124.
        <pb n="328" />
        302 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
De Tour villes wirtschaftsgeschichtliche Essays, aus 
welchen wir hier nur den wichtigsten Gedankengang in dessen 
Hauptzügen kurz skizziert haben, mögen mit anfechtbarem, 
historischem Material operieren. Worauf es aber dabei an 
kommt, ist die geographisch-wirtschaftliche und psychologische 
Interpretation der Geschichte. Das Territorium bestimmt die 
Art der Arbeitsverfassung, beide die Eigentumsordnung, diese 
mit den beiden ersten die Art der Familienformation und der 
Kindererziehung, und diese hinwiederum die körperliche und 
psychische Qualität der Individuen usw. Niemand hat klarer, 
präziser, überzeugender die jeweilige, wirtschaftliche Bedingtheit 
aller sukzessiven Entwicklungsphasen in der Geschichte Eng 
lands, Frankreichs, Deutschlands nachgewiesen als de Tour- 
ville. Daß dabei in einseitiger Weise das Territorium und die 
Art der Familienformation, ob kommunautäre (patriarchalische) 
oder partikularistische, als bestimmende, alles erklärende Fak 
toren des historischen Geschehens in den Vordergrund gestellt 
werden, soll nicht geleugnet werden. Aber geistreich, gedanken 
kräftig und originell ist diese Art der Geschichtsbetrachtung. 
Demolins hat sie allerdings durch seine Übertreibungen kom 
promittiert *). 
*) Edmond Demolins, Les Grandes Routes des Peuples. Essai de Géographie 
sociale. Comment la Route crée le Type social. 2 Bde., Paris, 1901—1902. 
In diesem Werke entwickelt Demolins die Theorie, daß das Territorium 
die Bildung der wesentlichen Züge der Volkspsychologie entscheidend beein 
flußt, dahin fort, daß auch die Wege, welche die verschiedenen Völker für ihre 
Wanderungen wählten, differenzierend auf ihre sozialen Einrichtungen und ihre 
psychischen Eigenschaften eingewirkt haben. Der ursprüngliche Typus ver 
wandelte sich so unter dem Einfluß der durchwanderten und in Besitz genommenen 
Gegenden in verschiedene, ungleichartige Typen. Professor Gide wirft Demolins 
mit Recht vor, daß es ihm mitunter vorkommt, den Tatsachen eine willkürliche 
Erklärung zu geben, oder sie auch künstlich so zu gruppieren, wie es seiner 
vorgefaßten Anschauung entspricht. Er stellt z. B. fest, was man übrigens schon 
seit langem weiß, daß die Chinesen ein Volk von Kleinbauern und Kleingewerbe 
treibenden sind, die in Familiengemeinschaften (kommunautärer Familienforma 
tion) leben. Es muß nunmehr eine Straße gefunden werden, welche die Fähig 
keit besitze, die Menschen ausschließlich zum Kleinbetrieb im Ackerbau, Ge 
werbe und Handel zu erziehen. Dieselbe darf außerdem die kommunautäre 
Familienformation nicht gefährden, sondern muß sie sogar stärken. Auf dieser 
Straße müssen die Chinesen nach China eingewandert sein. Vgl. Ch. Gide, 
Rezension des I. Bandes des fraglichen Werkes von Demolins in: Revue d’économie 
politique, 1901.
        <pb n="329" />
        Die Schule der Science sociale 
303 
Dagegen hat er sich Verdienste um die Gruppe der 
Science sociale erworben, als er seine Aufmerksamkeit prak 
tischen Erziehungsfragen zuwandte. Seine Werke: A quoi tient 
la Supériorité des Anglo-Saxons? und: VEducation nouvelle, welche 
die Überlegenheit der angelsächsischen, partikularistischen Fa 
milienformation und des ihr zugrunde liegenden englischen Er 
ziehungssystems dartun wollen, haben zahlreiche Auflagen erlebt 
und sind in mehreren Sprachen übersetzt worden. Im Anschluß 
an diese literarischen Arbeiten gründete Demolins 1889 die 
Ecole des Rockes in der Normandie. Es ist dies eine Mittel 
schule, deren Lehr- und Erziehungsmethode jener der eng 
lischen Mittelschulen aufs genaueste nachgeformt ist. Hier 
sollen starke Individualitäten herangebildet werden, dazu be 
stimmt, den wirtschaftlichen Unternehmungsgeist in Frankreich 
neu zu beleben. Die Gründung glückte, heute wird die Ecole 
des Roches von einigen hundert Zöglingen besucht. 
Noch in anderer Richturg zog die Gruppe der Science 
sociale die praktischen Konsequenzen aus der Neuorientierung 
ihrer Lehre. In den 80er Jahren war ein großes Landgut, das 
Manoir de Calmont, errichtet und eine Familie (Dufresne) auf 
demselben angesiedelt worden, die das Muster einer Stamm 
familie im ursprünglichen Le Play sehen Sinne sein sollte. 
Einzelerbfolge und sorgsame Pflege der Tradition, dauerndes 
Dienstverhältnis der benötigten Arbeitskräfte, Patronage usw. 
sollten dort in musterhafter Weise gepflegt werden. Als die 
nordische, partikularistische Familienformation, welche durch ihr 
Leben in getrennten Haushalten und Heranbilden der Kinder 
zu unternehmungslustigen Auswanderern gekennzeichnet wird, 
das Ideal der Schule geworden, gab man der Kindererziehung 
in der Familie Dufresne eine völlig neue Richtung, und 
Henri de Tour ville bezog die Wohnung, welche beim Bau 
des Manoir de Calmont für die aufs Altenteil zurückgezo 
genen Eltern bestimmt gewesen. 
Die Aufnahme von Monographien sozialer Erscheinungen 
jeder Art wurde unterdessen eifrig fortgesetzt; Paul Bureau 
insbesondere reiste im Aufträge der Société de la Science sociale 
nach den Vereinigten Staaten und nach Norwegen, um die bis 
herigen Beobachtungen, die partikularistische Familienformation 
betreffend, möglichst eingehend zu kontrollieren und zu vervoll-
        <pb n="330" />
        304 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
ständigen 1 ). Aber auch aus vielen andern Gegenden wurden 
Monographien eingesandt. Andererseits ließ Demolins durch 
Schüler der Ecole des Roches Le Plays Familienmono 
graphien und eine Reihe von den in der Sammlung Les Ouvriers 
des Deux Mondes erschienenen mittels de Tourvilles „Nomen 
clature“ umarbeiten. Aus diesen Materialien ging nun die von 
de Tour ville und Demolins ausgearbeitete, von letzterem 
1905 veröffentlichte Klassifikation hervor 2 ), die einstweilen von 
der Schule für definitiv angesehen wird. 
Alle menschlichen Gruppierungen, führt Demolins aus, 
in erster Linie die Familien, lassen sich auf zwei Formationen 
zurückführen: entweder hat die Gemeinschaft (Arbeits-, Eigen 
tumsgemeinschaft, Familie, Stadt, Staat usw.) die Tendenz, 
das Individuum zu überwiegen, oder das Individuum strebt 
nach Emanzipation von den Banden der Gemeinschaft. Im 
ersten Falle ist die] Seinsweise der sozialen Gruppierungen 
eine kommunautäre, im zweiten eine partikularistische. Jede dieser 
Formationen umfaßt drei Gattungen, welche je eine Entwick 
lungsphase derselben darstellen 3 ). 
Die menschlichen Gesellschaften mit kommunautärer 
Seinsweise sind entweder: a) sociétés stables, b) sociétés instables 
oder c) sociétés ébranlées. 
Sociétés stables sind, was noch von patriarchalischen Fami 
lien in den asiatischen Steppen und afrikanischen Oasen übrig 
bleibt. Ihre Stabilität wird bedingt durch die Natur des Bo 
dens, der nur schwer anbaufähig gemacht werden kann und die 
Art der Arbeit : Hirtenberuf (Art pastoral). 
Sociétés instables entstanden durch Expansion von patriar 
chalischen Familien auf Urböden, die nicht zur Weidewirtschaft 
geeignet waren. Arbeitsarten dieser Böden sind: Flußfischfang, 
Jagd, Sammeln von wilden Früchten. Diese Arbeitsarten lockern 
b Paul Bureau veröffentlichte die Resultate seiner Studienreisen in: Le 
Homestead ou l’Insaisissabilité de la petite Propriété foncière, Paris, 1896 und: 
Le Paysan des Fjords de Norwège in: La Science sociale, Neue Folge: Faszikel 
19, 20, 21, Paris, 1906. 
2 ) Edmond Demolins Classification sociale résultant des observations faites 
d’après la Méthode de la Science sociale, Faszikel 10 und 11 der neuen Folge 
von La Science sociale, Januar 1905. 
3 ) E. Demolins, loc. cit. p. 9 ff.
        <pb n="331" />
        Die Schule der Science sociale 
305 
die patriarchalische Familien Verfassung: a) weil sie ausgedehntes 
Umherschweifen nötig machen, b) weil sie körperliche Gewandt 
heit und Kraft verlangen und damit die Autorität von den 
Greisen auf jüngere Leute übergeht. 
Sociétés ébranlées entstanden durch Expansion von patriar 
chalischen Familien auf Böden, welche in Kultur genommen 
wurden. Der Ackerbau erschüttert die patriarchalische Familien 
gemeinschaft, weil er viel Arbeit erfordert. Diese begünstigt 
die Entwicklung des individuellen Eigentums. Die Faulen und 
Unfähigen bleiben aber umso hilfloser am väterlichen Herd 
zurück, als die Tüchtigeren nicht mehr für die Gemeinschaft, 
sondern für sich selbst und ihre Einzelhaushalte arbeiten. In 
dieser schwierigen Lage befinden sich alle asiatischen Völker, 
diejenigen des östlichen und südlichen Europas und die Be 
völkerungen Südamerikas. 
Die partikularistische Formation kann sein : a ) ébauchée, 
b) ébranlée, c) développée. 
Sociétés ébauchées dieser Formation waren die Küsten 
bewohner Norwegens, die Odinssöhne, welche von dort aus die 
sächsische Ebene, dann England und dessen Kolonien in allen 
Weltteilen bevölkert haben. Von ihnen war bereits die Rede. 
Sociétés ébranlées. Die partikularistische Formation hat sich 
ausgebreitet: 1. auf Böden, die vorher von kommunautären 
Völkern bewohnt waren; 2. auf Böden, die noch jungfräulich 
waren, oder durch Ausrottung ihrer Bewohner vakant gemacht 
wurden. Im ersteren Falle ist die partikularistische Seinsweise 
durch Berührung mit der kommunautären erschüttert worden. 
Das trifft in Mitteleuropa zu. Im zweiten Falle hat sie sich, 
dank der Isolierung, entwickelt. Daher die 
Sociétés développées dieses Typus in England, Nordamerika, 
Australien, Südafrika. In diesen Ländern hat das menschliche 
Individuum die höchste Entwicklung erreicht. Die kommunautäre 
Formation geht aus von der Stabilität und entwickelt sich in 
der Richtung auf Unbeständigkeit (instabilité) und Erschütterung 
(ébranlement). Sie ist also einer fortschrittlichen Entwicklung 
nicht fähig. Daraus folgt, daß die kommunautären Völker not 
wendig der Dekadenz entgegengehen. Manche sind schon 
durch die alleinige Tatsache der Berührung mit einer höheren 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 20
        <pb n="332" />
        306 
Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Formation untergegangen. Darin liegt eine Bestätigung von 
Darwins Gesetzen der Zuchtwahl und des Überlebens des 
Passendsten x ). 
Ein kommunautäres Volk, das von der Stabilität in die 
Unstabilität herabsinkt, ist verloren. Ein solches, dessen Seins 
weise zur Phase der Erschütterung übergeht, kann sich zur 
partikularistischen Formation entwickeln (Beispiel: Die Asen 
oder Odinssöhne in Norwegen). 
Die partikularistische Formation kann auch erschüttert wer 
den, insbesondere durch Berührung mit kommunautären Seins 
weisen (Beispiel: Deutschland, Frankreich). Aber im Gegensatz 
zu diesen ist erstere wesentlich fortschrittsfähig. Sie hat sich 
tatsächlich, insbesondere seit Entdeckung der Kohlenlager und 
Inangriffnahme der Ausbeutung der reichen Naturschätze Nord 
amerikas entwickelt. Durch die ihr innewohnende Entwicklungs 
kraft vermag die partikularistische Formation alle sozialen 
Typen kommunautärer Seinsweise aus dem Felde zu schlagen. 
Desgleichen die höhere Gattung partikulärer Art die niederen 
derselben Art 2 ). 
Das „dernier cri" der Science sociale ist Demolins’ 
Répertoire des Répercussions sociales, welches nach dessen Tode 
von Paul Descamps veröffentlicht wurde 3 ). 
Die „Répercussions" sind die Kausalbeziehungen der be 
obachteten Tatsachen. Um jene aufzufinden, ordnet man die 
in einer Monographie enthaltenen Tatsachen einzeln, in der 
Reihenfolge von de Tour villes „Nomenclature" und vergleicht 
alsdann jede Tatsache mit allen andern. Hat man die Kausal 
beziehungen, die sich aus einer Monographie gewinnen lassen, 
aufgefunden, so klassifiziert man sie ebenfalls. Da jede eine 
Ursache als Subjekt und eine Wirkung als Objekt hat, so kann 
man sie nach Ursachen oder nach den Wirkungen klassifizieren. 
Beides geschieht an der Hand der „Nomenclature" 4 ). 
Demolins hat auf diese Weise mehrere Tausende von 
') ibid. p. 14 ff. 
2 ) ibid. p. 15. 
3 ) Als Faszikel 41—42 der neuen Folge von : Iai Science sociale, Nov.- 
Dez. 1907. 
4 ) Demolins, loe. eit. p. 9 ff.
        <pb n="333" />
        Die Schule der Science sociale 
Kausalbeziehungen festgestellt*). Sie bilden den 
Répertoire des Répercussions sociales. 
Hat man eine größere Anzahl von analogen Kausal 
beziehungen einer Ordnung (d. h. in einer Abteilung der Nomen 
clature) gesammelt, so kann man sie in einer b or mei zusammen 
fassen. Diese stellt alsdann ein soziales Gesetz dar. Auch solcher 
hat De mol ins bereits einige formuliert 1 2 ). 
Die Schule der Science sociale gelangte in fortschrei 
tender Entwicklung dazu, den Schlußfolgerungen und Postulaten 
Le Plays so ziemlich in allem das genaue Gegenstück gegen 
überzustellen. Die wichtigsten praktischen Forderungen, welche 
Le Play zur Verwirklichung der Constitution essentielle de l’hu 
manité aufstellte, sind : treue Beobachtung des Dekalogs, Testier 
freiheit, Einzelerbfolge, Erhaltung des Familienherdes durch 
Generationen, Achtung vor der Tradition, Permanenz des Arbeits 
verhältnisses, womöglich ebenfalls durch Generationen, Lösung 
der modernen Arbeiterfragen durch Patronage. An der treuen 
Beobachtung der Vorschriften des Dekalogs haben die Anhänger 
de Tourvilles nicht gerüttelt. Dagegen ist für sie an Stelle 
des Beharrungszustandes und der Achtung der Tradition als 
Ideal die höchstgespannte, fortschrittlichste Entwicklung ge 
treten. Die vom Boden völlig losgelöste Yankeefamilie ist zum 
Vorbild geworden 3 ). Die amerikanische Einrichtung des home 
stead, welche von der orthodoxen Le Play schule so hoch ge 
schätzt wird, wird bekämpft 4 ). Die Unfähigkeit des Patronage 
zur Lösung der Arbeiterfragen wird erkannt und statt dessen 
1) Z. ß. : Die Streulage der anbaufähigen Bodenparzellen längs der nor 
wegischen Fjords zwingt zur Ansiedlung in Einzelhaushalten, oder : die doppelte 
Arbeitsstätte der Familie bei den Tuaregs erzeugt das Matriarchat, oder: Bei 
den chinesischen Bauern des Ning-Po-Fu stützt die Familiengemeinschaft die 
Individuen, schädigt aber deren Entwicklung zur Persönlichkeit usw. 
2 ) Z. B. : Bei (menschlichen) Gesellschaften kommunautärer Formation 
gewähren die Patronageeinrichtungen den Arbeitern einen gewissen Schutz gegen 
das äußerste Elend ; sie sind aber außer stände deren Lage zu bessern. Bei 
Völkern partikularistischer Seinsweisen dagegen haben Wohlfahrtseinrichtungen 
die Tendenz, den Arbeiter zu befähigen, durch eigene Kraft seine Lage zu bessern. 
Loc. cit. p. 16 usw. 
3 ) Paul Bureau, L’Oeuvre de Henri de Tourville, Paris, 1903, p. 21. 
4 ) Paul Bureau, Le Homestead ou l’Insaisissabilité de la petite Propriété 
foncière, Paris, 1894. 
tehr 
*4 
co 
Università;
        <pb n="334" />
        308 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
die berufliche Organisation der Arbeiter und der kollektive 
Arbeite ver trag verlangt *). 
Die Schule der Science sociale hat in der kurzen Zeit 
ihres Bestehens eine stattliche Literatur zutage gefördert. 
A. de Préville hat den afrikanischen Kontinent zum Gegen 
stand seiner Spezialstudien gemacht und in dem Werke „Les 
Sociétés africaines“ eine Ergänzung zu Demolins’ „Les gran 
des Routes des Peuples“ geschaffen. — P. Roux hat mehrere 
Familienmonographien in Deutschland ausgenommen, welche 
dartun sollen, wie der Typus der partikularistischen Familie 
(Odinssöhne) sich beim Verbleiben bei ausschließlichem Acker 
bau oder beim Übergang z. B. zu Viehzucht und intensiver 
Bodenkultur entwickelt 2 ). — d’Azambuja hat sein Augenmerk 
P Edmond Bouchié de Belle, Frédéric le Play, sa Méthode et sa Doctrine, 
Faszikel 36 der neuen Folge von La Science sociale, Mai 1907. Bouchié de Belle 
schreibt unter andern: : „Es war ein schwerer Beobachtungsfehler von seiten 
Le Plays, die Arbeiterfragen ausschließlich durch Patronage lösen zu wollen... . 
Seit dem Tode Le Plays haben die alten Gebräuche des Patronage beständig 
abgenommen. Sie bestehen nur mehr in einer geringen Zahl von Arbeitsstätten 
und werden auch da nirgends vollständig angewandt. Trotzdem beweist die 
Erfahrung, daß die neue Ordnung der Dinge nicht, wie es Le Play glaubte, 
notwendig Unordnung und Leiden in der Arbeiterklasse verursacht. Es gibt 
Länder, in denen der Wohlstand dieser Klasse vielmehr ohne Unterlaß steigt 
und deren Lage sich hebt, während der Patronage dort nur eine untergeordnete 
Rolle spielt. England und die Vereinigten Staaten von Amerika bieten dafür 
das beste Beispiel. Das Verschwinden der alten Patronagebeziehungen zwischen 
Arbeitgebern und Arbeitern ist nicht eine Folge gewollter Mißachtung der tra 
ditionellen Pflichten seitens der beiden Parteien, sondern eine Folge der Natur 
der Dinge und der neuen Arbeitsbedingungen Die Konkurrenz versetzt 
die einzelnen Betriebe in eine Lage, welche langfristige Arbeitsverträge, Bindung 
mehrerer Generationen einer Familie an eine Fabrik unmöglich macht. Der 
Patronage vermag die Löhne nicht vor dem Sinken zu bewahren, « 
loc. cit. p. 75—76. — Über den beruflichen Zusammenschluß der Arbeiter und 
den kollektiven Arbeitsvertrag vergleiche: 
E. Demolins, L’Organisation du Travail. Réglementation ou Liberté. 
Faszikel 4 der neuen Folge von La Science sociale, Paris, 1904 (Geschichte des 
Berufsgenossenschaftswesens) und: Paul Bureau, Le Contrat de Travail. Le Rôle 
des Syndicats, Paris, 1902. (Ein begeistertes Plaidoyer für den kollektiven 
Arbeitsvertrag.) Vgl. dazu meine Besprechung in : Archiv für Sozialwissenschaft 
und Sozialpolitik, Neue Folge, 20. Bd., 1. Heft, p. 193. 
2 ) Paul Roux, Le Bauer de la Lande du Lunebourg. — Le littoral de la 
Plaine saxonne; le type des Marschen. Faszikel 23 und 35 der Neuen Folge 
der Science sociale.
        <pb n="335" />
        Die Schule der Science sociale 
309 
der griechischen Welt zugewandt und in Mazedonien und Hellas 
enquetiert *). — Paul de Rousiers hat eine Reihe ganz vorzüg 
licher Monographien veröffentlicht, welche brennende wirtschaft 
liche Fragen der Gegenwart zum Gegenstand haben, de Rou 
siers Arbeiten beruhen auf umfassenden und sehr gewissenhaft 
durchgeführten Enqueten und legen Zeugnis ab für die Ge 
eignetheit der „Nomenclature“ de Tourvilles, als Führer des 
Beobachters wirtschaftlicher Erscheinungen zu dienen 2 ). Paul 
de Rousiers ist einer der eifrigsten Mitarbeiter des Musée social 
Mit Paul Bureau leitet er seit Dem o lin s’ Tod (1907) die Zeit 
schrift La Science sociale 4 ). — Von den mit Begeisterung 
und Temperament, mit hingehender Liebe für die Arbeiterwelt 
geschriebenen Werken Paul Bureaus sind außer den bereits 
erwähnten noch zu nennen : „La Participation aux Bénéfices“ 
und „La Diminution du Revenu“. 
Der jüngste Stern der Schule der Science sociale ist Léon 
Poinsard. Er hat ein umfangreiches Werk geschrieben 5 ), in 
welchem er der Reihe nach alle Völker der Erde, deren Rasse, 
Volkswirtschaft, Wirtschafts- und Sozialpolitik, öffentliches Leben 
bespricht. Seine Materialien entnimmt er der Geographie, 
Ö d'Azambuja, Le Conflit des Races en Macédoine d’après une Mono 
graphie de famille grecque. — L’Histoire expliquée par la Science sociale: la 
Grèce ancienne. Faszikel 2 und 28—29 der genannten Folge. 
2 ) Die hauptsächlichsten Monographien von de Rousiers sind: Hambourg 
et l’Allemagne contemporaine, versucht den partikularistischen Familientypus 
beim Übergang zum Handel zu schildern. Ferner das schon erwähnte Werk: 
La Vie américaine, 2 Bde., Paris, 1891; La Question ouvrière en Angleterre; 
Le Trade-Unionisme en Angleterre; Les Industries Monopolisées aux Etats- 
Unis; Les Syndicats industriels de Producteurs en France et à l’Etranger, 
Paris, 1901, usw. 
:î ) Siehe unten: Anhang. 
4 ) Die Zeitschrift La Science sociale erschien 1886—1903 als Monatschrift; 
um dem Übelstande abzuhelfen, welcher sich daraus ergab, daß die meisten 
Monographien sich über mehrere Nummern erstreckten, wird seit 1. Januar 1904 
jede Arbeit als selbständiges Faszikel ausgegeben. 
s ) Léon Poinsard, La Production, le Travail et le Problème social dans 
tous les Pays au début du 20"w siècle, 2 Bde., Paris, Alcan, 1907. — Von an 
dern Werken desselben Verfassers nennen wir noch: Comment se prépare l’Unité 
sociale du Monde; le Droit international au 20™e siècle. Faszikel 82 der Neuen 
Folge von La Science sociale, 1907. — La Question monétaire und: Vers la 
Ruine, Paris, Firmin-Didot.
        <pb n="336" />
        310 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Ethnographie und Geschichte, insbesondere aber den nach Le 
PlayscherMethode oder de Tourvilleschem Schema aufgenommenen 
Monographien. Statistisches Material zieht er hin und wieder auch 
heran, doch hat er wenig Vertrauen zu demselben. Daß der 
Entwicklungsgrad partikularistischer Seinsweise als bestimmende 
Ursache der großem oder geringern Blüte eines Volkes hin 
gestellt wird, ist für einen Schüler de Tourvilles und Demolins’ 
selbstverständlich. 
Die soziale Frage ist für Poinsard wesentlich eine Er 
ziehungsfrage. Die Arbeiterschutzgesetzgebung in den kontinen 
talen Ländern Europas, das deutsche Zwangsversicherungssystem, 
sind für ihn Symptome des Sinkens des partikularistischen 
Geistes, d. h. der persönlichen Initiative. Den Freihandel hält 
er für richtig für Länder, in denen ein Produktionszweig un 
bedingtes Übergewicht über die andern hat, z. B. Ackerbau in 
Rußland und in der Türkei, Industrie und Handel in England. 
Wo aber Ackerbau und Industrie nebeneinander bestehen, z. B. 
in Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten, scheint 
Poinsard der Schutzzoll eher angebracht zu sein. Nicht minder 
als in den Werken de Tourvilles und Demolins' tritt bei Poinsard 
das deterministische Streben zutage, welches darin besteht, alles 
wirtschaftliche und soziale Geschehen möglichst restlos als Natur- 
geschehen, als Wirkung von Naturgesetzen, wie sie sich im 
Territorium, in der Arbeitsverfassung, in der Eigentumsordnung 
usw. in absteigender Bedingtheit äußern, aufzufassen. Poinsard 
hält sich jedoch auf höherer Warte als Demolins und verliert 
sich nicht in dessen unwissenschaftlichen Spielereien. 
Ein Wort noch zur Kritik der Methode und Lehre der 
Gruppe. 
Le Plays Fragestellung : welches sind die Ursachen der 
Blüte und des Siechtums der Völker? ist auch für die Schule 
der Science sociale grundlegend geblieben. Aber während 
Le Play die Antwort in den Lebensgesetzen der Familie, spe 
ziell der „Stammfamilie“ sucht, forscht de Tour vi 11 e nach „den 
Gesetzen der verschiedenen Gruppierungen, welche die meisten 
Äußerungen menschlicher Tätigkeit unter Menschen notwendig 
machen“ *). Immerhin bleibt aber auch für die Anhänger 
b H. de Tour ville, La Science sociale est-elle une science? 1. Artikel, 
in: Science sociale, Bel. I (1886), p. 20.
        <pb n="337" />
        Die Schule der Science sociale 
311 
de Tour villes die Familie die wichtigste menschliche Gruppe, 
und ihre Klassifikationen der sozialen Gebilde sind in erster 
Linie solche der Familien. 
Es war ein großer Fortschritt, als die Mitglieder der Schule 
der Science sociale die Kindererziehung als differenzierendes 
Moment der Familien an die Stelle des Erb systems setzten. Einmal 
entsprach dies einer tatsächlich tiefem Erkenntnis der Wirk 
lichkeit als sie Le Play besessen; andererseits aber wurde ge 
rade dadurch erst die Bahn frei für den Evolutionismus. Im 
Keime ist derselbe allerdings schon in der Nomenclature sociale 
de Tour villes enthalten. Denn dieses Erzeugnis eines syste 
matisch und tief denkenden Geistes, welches zunächst nur ein ver 
vollkommnetes Forschungsinstrument an der Stelle von Le Plays 
Familienmonographie sein will, ist tatsächlich auch eine soziale 
Doktrin. Die Orientierung der Schlußfolgerungen einer jeden 
Monographie, welche in den Rahmen der „Nomenclature“ hinein 
ausgenommen wird, ist a priori gegeben, sie liegt in der letzt- 
lichen Bedingtheit einer jeden wirtschaftlichen und sozialen Er 
scheinung durch die geographische Beschaffenheit des Territoriums. 
Die ganze Einseitigkeit, der ganze Determinismus oder, wenn 
man will, der historische Materialismus, der die Lehre der 
Schule kennzeichnet, ist bereits in der „Nomenclature“ enthalten. 
Die konstruktive Tätigkeit der Schule der Science so 
ciale bestand bisher überwiegend im Aufstellen von kon 
kreten Kausalreihen zwischen allen auf unserem Planeten vor 
handenen Territorien und den beiden Arten von Familien- und 
Gesellschaftsformationen. Zwischenglieder sind dabei die Arbeits 
verfassung und Eigentumsordnung. Nichts hindert, daß in der 
Folge auch die weiteren Kategorien der „Nomenclature sociale“ 
ausgebaut werden. 
Das Einschachtelungsverfahren, durch welches Demolins 
Tausende und Abertausende von beobachteten Erscheinungen 
in die Fächer und Unterfächer der „Nomenclature“ unterbringt, 
um Kausalzusammenhänge zu eruieren, ist recht schwerfällig 
und kompliziert. Es mag sein, daß man mittels dieses Ver 
fahrens das eine oder das andere Mal zur Aufdeckung eines vorher 
nicht beachteten Kausalzusammenhanges gelangt. Jedenfalls aber 
dürfte in weitaus den meisten Fällen auch ohne diese Einschach 
telung, und zwar mit wesentlich geringerem Aufwand an Zeit
        <pb n="338" />
        312 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
und Mühe, dieser Zusammenhang aus jeder gut gemachten Be 
obachtung erkennbar sein. Die von Demolins mittels seines 
Verfahrens gewonnenen „sozialen Gesetze“ sind entweder Binsen 
wahrheiten oder solche Formulierungen von Kausalbeziehungen, 
die jedem, der auch nur eine nach de F curvili eschem 
Schema aufgenommene Monographie gelesen hat, vollständig 
vertraut sind. 
Die Science sociale de Tour villes gelangt, im Gegen 
satz zu derjenigen Le Plays, notwendig dazu, den rein wirt 
schaftlichen Fragen den Vorrang über die sozialen zu geben, 
und die Gefahr, das Produktionsinteresse vor alle andern zu 
stellen, wird immer groß sein für eine Doktrin, welche in der 
Entfesselung des struggle for life den Höhepunkt menschlicher 
Kultur erblickt. 
Die Schule der Science sociale hat eine Reihe von 
Arbeiten zutage gefördert, welche trotz ihrer Einseitigkeit und 
ihres Determinismus beim künftigen Aufbau eines befriedigenden 
Systems der Volkswirtschaft als Bausteine ebenso gut werden 
in Betracht zu ziehen sein, als die Detailforschungen der deut 
schen historischen Schule. Wer sich übrigens der Mühe unter 
ziehen will, die wirtschaftsgeschichtlichen Essays von Henry 
de Tour vil le zu lesen, wird es nicht zu bereuen haben. Mit 
der Kraft und Tiefe Augustineischen Denkens entwickelt dieser 
Mann die geographisch-wirtschaftliche und psychologische Be 
gründung seiner individualistisch-evolutionistischen Weltanschau 
ung. Einen überzeugenderen Anwalt als de Tour ville hat 
der Entwicklungsgedanke, ,,die beherrschende wissenschaftliche 
Idee unseres Zeitalters“ (Schmoller), wohl noch nicht gehabt. 
3. Kapitel. 
Die Schule von Angers. 
Die Schule von Angers ist die Schule der liberalen Katho 
liken. Sie wird gekennzeichnet durch das Bestreben ihrer Mit 
glieder, die Grundsätze des ökonomischen Liberalismus mit der 
katholischen Lehre zu vereinbaren. Sie rekrutiert sich in der 
Hauptsache aus Professoren der juristischen Fakultäten der
        <pb n="339" />
        Die Schule von Angers 
313 
Instituts catholiques, aus katholischen Arbeitgebern nach dem 
Herzen des Freiherrn v. Stumm und aus Schülern Le Plays,. 
Mehrere Juristen, welche sich um de Metz-Noblat und Charles 
Périn scharten, gründeten 1873 die Zeitschrift Revue catholique 
des Institutions et du Droit. Diese vertritt den entschiedenen 
Nichtinterventionismus im katholischen Lager. Der Le Play 
schüler Claudio-Jannet, Professor am Institut catholique in Paris, 
trug in der Folge am meisten zur Verbreitung der Anschau 
ungen der katholischen Juristen bei. 1888 veröffentlichte er 
eine Artikelserie in Le Correspondant, welche den Grundsatz der 
Staatseinmischung ins Wirtschaftsleben leidenschaftlich bekämpft 
und viel beachtet wurde 1 ). Kurz darauf eröffnete der Jesuit 
Caudron in der Zeitschrift der französischen Jesuiten: Etudes, 
eine heftige Polemik gegen die Anhänger des Interventionismus, 
d. h. gegen die um de la Tour du Pin und de Mun grup 
pierten Sozialkatholiken. In seinem ersten Artikel 2 ) führt 
Caudron aus, die Nächstenliebe allein sei imstande, die soziale 
Frage zu lösen; es sei darum unangebracht, eine Sozialgesetz 
gebung zu verlangen, welche aus Werken der Nächstenliebe 
Pflichten der Gerechtigkeit zu machen sich unterfange. Die 
Polemik mit der Zeitschrift der Sozialkatholiken : l'Association 
catholique wurde so lebhaft, daß Caudrons Ordensobern die 
Fortsetzung der Veröffentlichung seiner Artikel untersagten 3 ). 
Er begab sich nun mit seinem Ordensbruder Forbes S. J. zum 
dritten internationalen Kongreß katholischer Sozialpolitiker nach 
Lüttich, und beide verteidigten dort die nichtinterventionisti 
schen Grundsätze mit äußerster Energie. In Lüttich gewann 
jedoch diesmal (1890) die deutsche Idee des Wohlfahrtsstaates 
endgültig die Oberhand. Die geschlagenen nichtinterventionisti 
schen Katholiken Frankreichs sammelten sich nunmehr um 
Bischof Freppel in Angers, wo sie zunächst den eben dort tagen 
den (September 1890) Kongreß katholischer Juristen zur un 
widersprochenen Entwicklung ihrer Anschauungen benutzen 
') Die Artikel erschienen 1889 auch in Buchform unter dem Titel: Le 
Socialisme d’Etat et la Réforme sociale. 
2 ) Caudron, S. J., Justice et Charité dans les rapports de Patrons à 
Ouvriers, Art. in der Februarnummer 1890 von: Etudes. 
s ) Victor de Clercq, Les Doctrines sociales catholiques en France, Paris, 
1905, Bd. II, p. 45.
        <pb n="340" />
        314 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
konnten. Im Anschluß an diesen Kongreß wurde alsdann unter 
dem Vorsitz Bischof Freppels die Société catholique d'Economie 
politique et sociale gegründet. Sie setzte sich die Einigung- 
aller Volkswirte und Soziologen, welche den Staatssozialismus 
ablehnen, zum Zweck. Die Sozialkatholiken gelten der Schule 
von Angers selbstverständlich als mit dem Staatssozialismus be 
haftet. Von den Gründern der Société catholique d’Eco- 
nomie politique et sociale sind zu nennen : Bischof Freppel 
von Angers, der Rektor des Institut catholique von Paris, Msgr. 
d'Hülst, Claudio-Jannet, Charles Périn usw. Die Gesellschaft hat 
nur ein kurzes Dasein gehabt. Es gelang ihr nie, einen rechten 
Einfluß auf weitere Kreise der Katholiken Frankreichs zu ge 
winnen. Einmal wegen des frühen Todes ihrer bedeutendsten 
Mitglieder (Bischof Freppel, Msgr. d’Hülst, CIaudio-Jali 
ne t); insbesondere aber infolge der Enzyklika Herum novarum 
vom 15. Mai 1891, welche entschieden und klar für den Inter 
ventionismus und die de Mansche Richtung Stellung nahm. 
Unter den heutigen Vertretern der Anschauungen der 
Schule von Angers sind zu erwähnen : Joseph Bamhaud, Professor 
der Nationalökonomie am Institut catholique in Lyon *), d'Haus 
sonville'*), Henri Jolij 3 ), Hubert Volleroux 4 ), Théry 5 ), der Kapu 
zinerpater Ludovic de Besse, sowie mehrere Le Play- Schüler. 
Die wirtschaftstheoretischen Anschauungen der Schule 
unterscheiden sich in nichts von denen der orthodoxen Liberalen. 
Rambauds Handbuch der Nationalökonomie könnte ebensogut 
von einem Mitarbeiter des Journal des Economistes geschrieben 
sein. Mit großer Lebhaftigkeit tritt er in allen seinen Werken 
für die völlige Unabhängigkeit der Nationalökonomie von der 
9 Josef Bamhaud, Le Socialisme et les Lois économiques, Paris, 1890. 
— Elements (l'Economie politique, Paris, 1895, 2. Aufl., 1896. — Histoire des 
Doctrines économiques, Paris, 1899, 2. Aufl., 1902. 
-) Comte d'Haussonville, Misères et Remèdes, Paris, 1886. — Socialisme 
et Charité, 1896. 
3 ) Henri Joly hat insbesondere philosophische, ethische, kriminalistische 
und biographische Werke geschrieben. Hierher gehört: Le Socialisme 
chrétien, Paris, 1892. Er vertritt mit Cheysson die Le Playschule im Institut de 
France. 
4 ) Über Hubert Valleroux siehe oben p. 276. 
5 ) Gustave Théry, Exploiteurs et Salariés. Paris. Lecoffre, o. I).
        <pb n="341" />
        Die Schule von Angers 
315 
Ethik ein. Gewiß ist das Handeln des Menschen dem Sitten 
gesetz unterworfen ; für den Nationalökonomen gibt es aber nur 
Naturgesetze des Wirtschaftslebens. Je nachdem der Mensch 
seine Handlungsweise einrichtet, treten diese oder jene Natur 
gesetze in Kraft 1 ). 
Für den Wirtschafts- und Sozialpolitiker, d. h. für die 
Praxis, stellt sich die Frage jedoch anders: einerseits gibt es 
außer den volkswirtschaftlichen Naturgesetzen ein christliches 
Sittengesetz, welches Vorschriften der Gerechtigkeit und solche 
der Nächstenliebe enthält. Andererseits können die Menschen in 
ihrem wirtschaftlichen Handeln diese Vorschriften beobachten 
oder nicht. Nur soweit Pflichten der strikten, austauschenden 
Gerechtigkeit in Betracht kommen, darf und soll der Staat in 
die Arbeits- und Wirtschaftsordnung eingreifen. Dagegen hat 
„allgemein genommen, der Staat nicht das Recht, in allem, 
was das Gebiet der Nächstenliebe, selbst insoweit sie eine Pflicht 
ist, betrifft, die industrielle Arbeit zu reglementieren“ 2 ). 
Wie weit in concreto die Pflichten der Gerechtigkeit 
reichen und wo die pflichtgemäße und wo die freiwillige 
Nächstenliebe beginnt, ist nicht feststellbar, da die Ansichten 
darüber geteilt sind. Bischof F rep pel stellte in Angers die 
Formel auf „Schutz der individuellen Rechte und Repression der 
Mißbräuche, welche dem Sittengesetz offenbar entgegen sind". 
Diese Formel dient, vermöge ihrer Dehnbarkeit, bis heute dazu, 
verschiedene Grade nichtinterventionistischen Denkens zu decken. 
Manche, welche, wie Schyrgens, einer Annäherung an die Sozial 
katholiken das Wort reden 3 ), sehen die übermäßige Frauen- 
und Kinderarbeit als durch Gesetz zu bekämpfenden Mißbrauch 
an. Andere, wie Théry, „verstehen nicht, kraft welchen 
Rechtes der Staat das Recht der Frau auf Arbeit beschränken 
könnte“ 4 ). 
*) J. Rambauä, Eléments ¿'Economie politique, 2. Ausl., Paris, 1896, 
passim, und: Le Socialisme et les Lois économiques, Paris, 1891. p. 444 fl’. 
-) Déclaration in: Revue cath. des Instit. et du Droit, 1889, Bd. II, p. 412. 
3 ) Schyrgens, Vorschläge zur Verständigung in: Revue cath. des Instit. et 
du Droit, 1891, Bd. I. Vgl. M. EbU, Les Ecoles catholiques ¿'Economie poli 
tique et sociale en France, Paris, 1905, p. 192 ff. 
4 ) Théry, Discours au Congrès d’Angers, in: Revue cath. des Instit. et 
du Droit, 1890, Bd. II, p. 452.
        <pb n="342" />
        316 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Nach enger Umgrenzung der Rechte des Staates stellen 
die Anhänger der Schule von Angers ihre positiven Reform 
vorschläge auf. Als Hauptfaktor der Sozialreform gilt ihnen 
die katholische Kirche 1 ), neben dieser die individuelle und ge 
nossenschaftliche Initiative. Bischof Freppel formulierte fol 
gende Programmpunkte: „Unbeschränkte Arbeitsfreiheit ; Ver 
einsfreiheit für Arbeitgeber und Arbeiter, insbesondere zur Bil 
dung gemischter Organisationen (welche er für die besten hält) ; 
ungestörte Entwicklungsfreiheit für die bestehenden Arbeiter 
wohlfahrtseinrichtungen, die ihre Lebensfähigkeit erwiesen 
haben; Freiheit für die (gemischten) Organisationen, die Rechts 
fähigkeit zu erlangen und ein korporatives Patrimonium zu be 
sitzen; Freiheit, Stiftungen zu sozialpolitischen Zwecken zu 
machen, denn ohne solche ist nichts Wirksames zu erreichen; 
endlich Freiheit für die Katholiken und die Kirche, kirchliche 
Unterstützungs- und Versicherungsanstalten (Instituts de prévo 
yance et de secours), Krankenhäuser, Greisenasyle, Refugien zu 
gründen, zu dotieren und zu verwalten ; Freiheit für die Kirche, 
ihre barmherzigen Schwestern in den Dienst der Arbeiter zu 
stellen. In dieser Ideenrichtung suchen wir die Lösung der 
sozialen Frage, ohne unsere Zuflucht zu den täuschenden und 
gefährlichen Lehren des Staatssozialismus zu nehmen. . . . Drei 
Worte machen die Devise unserer Société d’Eco no mi e 
politique et sociale aus. Es sind: Gerechtigkeit, Nächsten 
liebe, Freiheit“ 2 ). 
Die detaillierte Ausgestaltung der grundlegenden Idee des 
Nichtinterventionismus geschah unter Aufnahme einer Reihe 
von Le Play sehen Ideen. Solche sind: Reform der Regierung 
im Sinne der Dezentralisation, Gemeindeautonomie, Wiederher 
stellung der alten Organisation Frankreichs in Provinzen, Ein 
führung der Testierfreiheit zur Stärkung der Einheit der Familie 
und zur Verhütung unbegrenzter Parzellierung des Bodens. 
Die Le Play sehe Inspiration wird man ferner auch an 
folgenden Postulaten erkennen : Arbeitskonflikte sind durch 
Patronage zu lösen, den die Arbeitgeber über die Arbeiter, 
„unter der wohltuenden Bevormundung der Kirche“, in und 
1 ) Ch. Antoine loc. cit. p. 260. 
2 ) Rede des Bischofs Freppel bei der Gründung der Société cash, d’éco 
nomie pol. et soc. in: Revue cat h. des Instit. 1890, Bd. II, p. 426.
        <pb n="343" />
        Die Schule von Angers 
817 
außerhalb der Fabrik ausüben sollen. Den Pflichten der Arbeit 
geber stehen nicht Rechte der Arbeiter gegenüber. Die Vor 
teile, welche die herrschenden Klassen den arbeitenden zuwen 
den, sind freiwillige, nicht pflichtgemäße Wohltaten. Sie sind 
Werke der Nächstenliebe, nicht Pflichten der Gerechtigkeit. Zur 
Wiederherstellung des sozialen Friedens sind geeignet: freie, 
christliche (gemischte) Berufsorganisationen, Bau von Arbeiter - 
Wohnungen durch die Arbeitgeber und durch Genossenschaften 
der Arbeiter, Schaffung von Einrichtungen zur Förderung des 
Sparsinns, Bekämpfung des Alkoholismus, Hausarbeit der Frau, 
allenfalls auch Schutz der Frauen- und Kinderarbeit und Be 
schränkung der Arbeitszeit für Frauen und Kinder 1 ). 
Die Schule von Angers verfügt über eine Propaganda 
organisation : VAssociation des Patrons du Nord. Es ist dies ein 
Arbeitgeberbund, welcher sich die Verwirklichung der sozial 
politischen Anschauungen der Schule von Angers zum Ziele 
setzt. Er veröffentlicht eine Zeitschrift Conférences d'Etudes 
sociales de Notre-Dame du Haut-Mont. Das Programm der Orga 
nisation kommt in folgenden Worten zum Ausdruck: „Keine 
rein theoretischen Auseinandersetzungen mehr; Verbleiben auf 
dem Terrain praktischer Anwendungen unter der weisen Leitung 
der Kirche und ihrer Vertreter; Förderung aller bereits ins 
Leben gerufenen sittlichen Reformen und sozialen Einrichtungen 
durch Privatinitiative 2 ). Selbstverständlich steht die Asso 
ciation des Patrons du Nord allen Arbeiterorganisationen 
feindlich gegenüber. 
Die Zeitschrift Revue catholique des Institutions et du Droit 
und damit der theoretische Brennpunkt der Schule von Angers 
wird heute nur mehr mit Mühe von Joseph Rambaud und 
seinen Kollegen von der freien juristischen Fakultät in Lyon 
b Bericht über den Kongreß von Angers in: Revue cath. des Instit. et 
du Droit, 1890, Bd. II, p. 461 ff. Vgl. Ch. Antoine loc. eit. p. 261—262. 
2 ) Revue cath. des Instit et du Droit, 1891, Bd. I, p. 434; vgl. Ch. An 
toine, Cours d’Economie sociale, 3. Ausi., Paris, 1905, p. 263. Der sozialpoliti 
schen Gesetzgebung gegenüber erklärte der Kongreß „des Oeuvres sociales du 
Nord" 1893: „Wir stehen auf dem Boden der gegenwärtigen Praxis (patri 
archalische Wohlfahrtspolitik) und vertagen den Wunsch nach sozialpolitischen 
Gesetzen auf bessere Zeiten.“ Conférences d’Etudes sociales de Notre-Dame du 
Haut-Mont, 1893, p. 115. Vgl. Ch. Antoine loc. cit. p. 264.
        <pb n="344" />
        318 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
aufrechterhalten. Man darf heute sagen, daß die zukünftige 
Führung im katholischen Lager dem nichtinterventionistischen 
Flügel nicht gehören wird. 
B. Die Interventionisten. 
4. Kapitel. 
Die christlichen Sozialisten. 
Die Enzyklika Leos XIII. vom 15. Mai 1891 über die 
Arbeiterfrage und dessen Schreiben vom 20. Februar 1892 an 
die französischen Katholiken, durch welches er sie aufforderte, 
die bestehende republikanische Staatsform loyal zu akzeptieren, 
wurden Ausgangspunkt einer neuen, intensiven Entwicklung des 
Sozialkatholizismus in Frankreich. Sie war jedoch keineswegs 
eine einheitliche. 
Durch die päpstlichen Schreiben war die politische Frage 
der Staatsverfassung in den Vordergrund gerückt worden. Über 
ihr entzweiten sich nunmehr die Geister. Die feudalen Herren, 
welche die sozialkatholischen Anschauungen aus Familien 
traditionen und aus den Prinzipien mittelalterlicher Staats 
auffassung gefolgert hatten, suchten die päpstlichen Äußerungen 
im Sinne ihrer royalistischen Bestrebungen zu interpretieren. Die 
Bürgerlichen und die aus deren Kreisen hervorgegangenen Geist 
lichen dagegen nahmen größtenteils die päpstlichen Anregungen, 
die republikanische Staatsform anzuerkennen, als eine Sanktion, 
die den Prinzipien von 1789 und der modernen Staatsordnung 
vom römischen Stuhle zu teil werde, mit Freuden auf. Von 
besonderer Bedeutung aber wurde es, daß die tatsächlich nach 
links gesteuerten päpstlichen Schreiben im niederen Klerus ein 
mächtiges Echo fanden. 
Der seit Jahrhunderten in ärmlichen und gedrückten Ver 
hältnissen lebende niedere Klerus in Frankreich war in seinem 
intimsten Denken und Fühlen von jeher demokratisch gesinnt. 
Nie war diese Gesinnung so gewaltsam niedergehalten worden 
als im XIX. Jahrhundert. Der Cäsarismus Napoleons I. hatte
        <pb n="345" />
        Die christlichen Sozialisten 
319 
im Konkordate von 1801 eine Kirchenordnung in Frankreich 
geschaffen, die den niedern Klerus rechtlos der Willkür der 
Bischöfe preisgab. Der Staatsstreich Napoleons III. vom 2. De 
zember 1851 zerstörte brutal die freiheitlichen Hoffnungen, 
welche die Februarrevolution und die zweite Republik in 
ihm geweckt hatten. Und nun kommt der unfehlbare Papst 
und appelliert an die intimsten, durch Generationen verhaltenen 
Herzenswünsche dieses Klerus ! Das ewige Zurückhalten und 
Niederdrücken aller Energien und Kräfte desselben durch die 
konkordatären Bischöfe ward durch den päptlichen Aufruf, mit 
Einsetzen aller Kräfte an dem Ausbau der politischen Demokratie 
und an der sozialen Neugestaltung der durch die kapitalistische 
Wirtschaftsordnung geschaffenen Verhältnisse tätig mitzuwirken, 
durchbrochen. Der sozialkatholischen Schule erwuchs mit einem 
Schlage aus den Reihen des niederen Klerus und aus dessen un 
mittelbarem Laienmilieu ein gewaltiger Zuwachs. Dieser brachte 
ihr aber auch einen Sauerteig demokratischer Gesinnung, der 
bald mit dem überkommenen feudalen Elemente in Kampf ge 
raten mußte. 
Einer der ersten Gedanken, welche mit dem jungen Klerus 
in die sozialkatholische Schule einzogen, war, auf die nationalen, 
demokratischen Traditionen zurückzugreifen. Die feudalen Herren 
taten zunächst willig mit und gemeinsam suchte man den hoch 
betagten Achtundvierziger Auguste Ott in seiner einsamen Zurück 
gezogenheit auf, um von ihm eine Neuauflage seines vor vierzig 
Jahren erschienenen Handbuches der Nationalökonomie zu erbitten. 
Ott willfahrte diesem Wunsche. Die wenig veränderte 1892 
veröffentlichte zweite Auflage seines Werkes blieb durch einige 
Jahre das offizielle Handbuch der sozialkatholischen Schule. 
Durch dasselbe drangen in diese die oben besprochenen sozia 
listischen Anschauungen Bûchez’ ein. In den Reformforderungen 
decken sich diese allerdings so ziemlich mit den Postulaten 
der christlichen Gesellschaftsordnung, welche de la Tour du Pin, 
de Mun usw. ausgearbeitet hatten. Aber die Begründung ist eine 
wesentlich verschiedene. Und das war es, worauf es den neu 
gewonnenen Elementen vor allem ankam : eine wissenschaftliche 
Theorie der politischen und sozialen Demokratie zu gewinnen. 
Die heutigen Führer der sozialkatholischen Schule: Henri 
Lorin, Savatier usw., insbesondere aber die Linke: Abbé Daudet 7
        <pb n="346" />
        320 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Abbé Gayraud, Abbé Six, Dehon, Fonsegrive usw. verdanken Ott 
und Bûchez vor allem den Entwicklungsgedanken, die histo 
rische Auffassung des Wirtschafts- und Gesellschaftslebens. Dazu 
kommen an grundlegenden Ideen — vom Detail der Reform 
forderungen wird weiter unten zu reden sein — der Gedanke 
bürgerlicher und politischer Gleichheit aller, die Theorie des 
Rechtes des Individuums auf Existenz durch Arbeit, das Postulat 
höchstmöglicher Entwicklung der Persönlichkeit der größten 
Zahl, die Forderung, daß die Führung im sozialen Leben nicht 
auf der Geburt, sondern auf persönlichen, intellektuellen und 
sittlichen Eigenschaften, auf persönlicher Arbeit beruhen soll. 
Nicht von Bûchez, sondern von den liberalen Katholiken der 
vorachtundvierziger Periode, insbesondere von der Lamennais- 
gruppe, kommt der ebenfalls durch Ott vermittelte Gedanke 
der Priorität der Rechte des Individuums über diejenigen 
einer jeden sozialen Gruppierung. 
Die neu entfesselten Kräfte des niedern Klerus hatten natur 
gemäß das Bedürfnis kräftigen, lebensfrohen Bichauslebens. Es 
dauerte nicht lange, so schlossen sich diese neuen Stürmer und 
Dränger unter Führung von Abbé Naudet, Abbé Gayraud, 
Abbé Six usw. zu einer eigenen, links stehenden Gruppe zu 
sammen, welche sich den Namen christliche Demokraten oder 
katholische Sozialisten gab. Sie entwickelten bald eine rege 
Propaganda in Presse und Kongressen. Die Zeitschrift La Quin 
zaine (Herausgeber: Fonsegrive) trat in den Dienst ihrer Be 
strebungen, daneben gründeten sie 1894 La Démocratie chrétienne 
(Monatsschrift, Herausgeber : Abbé Six) und La Justice sociale 
(Tageszeitung, Herausgeber : Abbé Naudet). Kleinere Periodika 
mit beschränktem Aktionsradius entstanden ferner noch in 
mehreren Städten der Provinz: Montpellier, Toulouse, Lille usw. 
Zwischen der Démocratie chrétienne und der Association 
catholique war bald eine lebhafte Polemik im Gange, welche viel 
zur Klärung des anfangs noch etwas unsichern Standpunktes 
der christlichen Demokraten beitrug. 
In der sozialkatholischen Schule wirken also, seit dem Ein 
tritt der katholischen Sozialisten, drei verschiedene Weltanschau 
ungen zusammen: 1. der Standpunkt der Gründer : die mittel 
alterliche Auffassung der hierarchisch gegliederten Gesellschafts 
ordnung auf korporativer Grundlage ; 2. der Standpunkt der
        <pb n="347" />
        Die christlichen Sozialisten 
321 
bisherigen bürgerlichen Anhänger: positive Begründung eines 
umfassenden, staatlichen Arbeiterschutzes durch die vorhandenen 
Mißstände, unter grundsätzlichem Festhalten an der bestehenden 
individualistischen Gesellschaftsordnung ; 3. der Standpunkt der 
neuzuströmenden Elemente aus dem Milieu des niedern Klerus ; 
am Ausgangspunkt : der Entwicklungsgedanke, der Individualis 
mus, der demokratische Gleichheitsbegriff, die Idee der politi 
schen Demokratie; am Zielpunkt: das Ideal einer christlichen, 
demokratischen Gesellschaftsordnung, welche zwar auch auf der 
Vergenossenschaftlichung der Produktionsmittel beruhen wird, 
aber keine Klassenhierarchie kennt, sondern in der die Führer 
rollen ausschließlich nach Maßgabe des persönlichen Wertes der 
Individuen verteilt werden. 
Die gemäßigten und die nach links stürmenden Elemente, 
welche Leos XIII. Aufforderung, die republikanische Staatsform 
anzuerkennen, freudig Folge leisteten, drohten bald in der sozial 
katholischen Schule die Oberhand zu gewinnen. Eine Folge 
davon war, daß sich mehrere der feudalen Gründer der Schule 
ihrerseits zu einem rechten Flügel absonderten, welcher unter 
Führung von de la Tour du Pin und de Ségur-Lamoignon den 
(theoretischen) Ausbau des monarchischen, dezentralistischen, 
mittelalterlichen Staatsideals auf Grund der korporativen Wirt 
schaftsordnung in Angriff nahm. Diesem Beginnen sind eine 
Reihe von Artikeln der Association catholique in den 
Jahren 1891 bis heute gewidmet x ). 
Wir haben also innerhalb des sozialkatholischen Lagers 
einen rechten und einen linken Flügel zu unterscheiden. Die 
Gegnerschaft zwischen diesen beiden füllt das letzte Jahrzehnt 
des XIX. Jahrhunderts. Der Abstand war zeitweilig ein be 
deutender, heute aber überwiegen unbedingt die Tendenzen zur 
Einheit. Zwischen beiden Extremen gravitieren Elemente, welche 
1 ) „Die Oeuvre des Cercles“ schreibt de la Tour du Pin, „glaubte sieb 
nicht über die durch die Enzyklika von 1891 gekrönte Position hinauswagen zu 
sollen, da andere päpstliche Äußerungen (die Aufforderung, die Republik, d. h. 
eine demokratische Gesellschaftsorganisation, anzuerkennen) das Terrain außer 
ordentlich schwierig gestalteten. Aber die Zeitschrift l’Association catholique 
setzte unter Führung des Grafen de Ségur-Lamoignon den Kampf fort und 
drang vom wirtschaftlichen Gebiet auf das der gesellschaftlichen Organisation 
vor.“ de la Tour du Pin, Vers un ordre social chrétien, Paris, 1907, p. IV. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 21
        <pb n="348" />
        322 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
entweder dem einen der beiden Flügel grundsätzlich nahe stehen, 
aber stets zu vermitteln bestrebt sind, oder die, auf dem Boden 
der bestehenden individualistischen Gesellschaftsordnung fußend, 
ein größeres oder geringeres Ausmaß sozialpolitischer, gesetz 
licher wie der Privatinitiative entspringender Veranstaltungen 
verlangen. Diese Elemente, die aus den verschiedensten Milieus 
stammen, stehen samt und sonders der historisch-ethischen 
Nationalökonomie der juristischen Fakultäten nahe und rekru 
tieren sich sogar zum Teil direkt aus deren Lehrkräften. Wir 
werden sie als sozialkatholisches Zentrum ansprechen. 
Der Abstand zwischen dem rechten und dem linken Flügel 
der Schule war in den Jahren 1898—1899 am größten. Die 
damalige Lage charakterisiert de la Tour du Pin vortrefflich 
wie folgt: „Der ganze Aufbau der Oeuvre des Cercles, deren 
Grundlagen, deren allgemeine Richtung und deren berufene 
Kommentare beruhen auf einer hierarchischen Auffassung der 
Gesellschaft . . . ., während die demokratische Gesellschaft im 
Gegenteil, so wie sie aus der Revolution hervorging, wesentlich 
individualistisch ist ... . Die Demokratie baut sich auf der 
bürgerlichen Gleichheit auf. Dieses antisoziale System legt die 
öffentliche Gewalt in die Hände des am wenigsten aufgeklärten 
Teiles der Nation, weil er der zahlreichste ist; und das im 
Namen einer behaupteten Gleichheit der Individuen, welche den 
Triumph des Individualismus auf die Negation der Individualität 
aufbaut. Die Gründer der Oeuvre des Cercles zielen darauf 
hin, an die Stelle der formlosen demokratischen Gesellschaft, 
die auf dem Individualismus fußt, eine Gesellschaft zu setzen, 
welche gemäß ihrer Auffassung von der Pflicht in einer sozialen 
Hierarchie organisiert sei. Deshalb ist es nicht möglich, eine Brücke 
zu schlagen einerseits zwischen ihrer Auffassung, ihrem Programm 
und ihren Zielen, und andererseits einer sozialen Ordnung, die 
ihnen schlecht, ungerecht, in jeder Beziehung mißraten und 
verfehlt erscheint. Darum hört die Oeuvre des Cercles dort 
auf, wo die Tätigkeit der christlichen Demokratie einsetzt ; des 
halb gibt es keinen Anschluß in den Methoden und keine 
Ähnlichkeit in dem Geiste, welche jede dieser beiden Richtungen 
kennzeichnen; in einem Worte: keine Kontinuität .... (Die 
christlichen Demokraten) konnten sich durch die Umstände für 
berechtigt halten, sich zur Verteidigung der religiösen Inter-
        <pb n="349" />
        Die christlichen Sozialisten 
323 
essen eher auf den Standpunkt des gemeinen Rechtes als auf 
den des christlichen Rechtes zu stellen ; und für die politische 
Aktion eher den Standpunkt des neuen Rechtes als den der 
Tradition und des historischen Rechtes einzunehmen. Aber 
gerade darum besteht weder Gemeinsamkeit des Ursprungs, 
noch Ähnlichkeit der Geistesrichtung, noch Kontinuität der Be 
strebungen zwischen den Kämpfern von 1871 und denen von 
1891; im Gegenteil, sie sind durch eine klar bestimmte Grenz 
linie getrennt, welche man in der Geschichte der christlichen 
sozialen Bewegung unbedingt feststellen muß“ *). 
Die Überbrückung des von de la Tour du Pin so scharf 
betonten Abstandes zwischen dem rechten und dem linken 
Flügel ließ nicht lange auf sich warten. Schon 1896 hatte die 
Redaktion der Association catholique die Réunions fran 
çaises des Revues catholiques sociales ins Leben gerufen. Aus 
gesprochener Zweck dieser Zusammenkünfte war, die getrennt 
Marschierenden zu vereinigen und eine gemeinsame Doktrin 
auszuarbeiten. Außer der Association catholique beteiligten 
sich an diesen Veranstaltungen die Sociologie catholique, 
eine 1891 gegründete, rechts stehende sozialkatholische Zeitschrift, 
die Démocratie chrétienne, die Quinzaine, die Justice 
sociale, sowie mehrere christlich demokratische Organe der Pro 
vinz. Die Association catholique berichtet über dieZusammen- 
künfte, in welchen de Muns und Lemires Bestrebungen, die beider 
seitige Annäherung durch Ablenken von den Fragen politischer 
und sozialer Doktrin und Anregung gemeinschaftlicher, sozialpoli 
tischer, praktischer Tätigkeit (Ausarbeitung und Einbringen sozial 
politischer Gesetzentwürfe in der Kammer, Gründung landwirt 
schaftlicher Genossenschaften usw.) zu fördern, nicht ohne Er 
folg blieben. 1901 nahm die Einrichtung den Namen Union 
d’Etudes des Catholiques sociaux an. Sie wirkt heute noch fort. 
Bei einem 1896 in Reims abgehaltenen Kongresse hatten 
sich die christlichen Sozialisten als ausschließliche Arbeiterpartei 
konstituiert. Das war der praktische Ausdruck der Lehre, daß 
die Führung in der Gesellschaftsordnung der Zukunft nicht den 
') Marquis de la Tour du Pin, Art. Contribution à l’étude du Mouvement 
social chrétien, in : l'Association catholique, 1899, Bd. II, p. 206 ff. Cfr. M. Elle, 
loc. cit. p. 227—228.
        <pb n="350" />
        324 Die katholischen und verwandten Schulen ia der Gegenwart 
sogenannten höheren Klassen, sondern nur der persönlichen 
Tüchtigkeit gebühre, de Mun brandmarkte damals dieses Be 
ginnen nicht mit Unrecht als eine Klassenabsonderung, die 
schlimmer sei als diejenige, welche die christlichen Demokraten 
zu bekämpfen behaupteten. Seine Proteste wurden zunächst nicht 
beachtet. 1900 gelang es ihm jedoch, die christlichen Demo 
kraten dazu zu bringen, auf die exklusive Arbeiterpartei zu ver 
zichten und die von ihnen geschaffenen Organisationen den An 
gehörigen aller Klassen zu öffnen. Die Démocratie chrétienne 
korrigierte dementsprechend ihren prinzipiellen Standpunkt. Man 
errichtete ein christlich-soziales Generalsekretariat, welches zwi 
schen den Arbeitervereinigungen der katholischen Sozialisten und 
der Oeuvre des Cercles Verbindungen herstellen sollte. 
Andererseits willigten de Mun und de la Tour du Pin end 
gültig ein, das von dem christlich-demokratischen Kongresse in 
Lyon (1897) erhobene Postulat paralleler Berufsorganisationen 
der Arbeitgeber und Arbeiter mit gemeinsamen Ausschüssen als 
Programmpunkt der sozialkatholischen Schule anzunehmen. Wir 
haben gesehen, daß sie im Grunde immer für gemeinsame Or 
ganisationen nach dem Muster der alten Zünfte gewesen waren. 
Eine bedeutsame Förderung der Einheitsbestrebungen innerhalb 
der sozialkatholischen Schule bedeuten ferner die beiden Werke 
von Goyau und Tur mann, in welchen die gemeinsamen Momente 
der beiderseitigen Doktrin eindrucksvoll herausgearbeitet 
werden *). 
Das größte Hindernis einer Einigung im sozialkatholischen 
Lager war die Divergenz der politischen Anschauungen. Der 
rechte Flügel ist entschieden royalistisch gesinnt, der linke Flügel 
sieht sein Ideal in der politischen Demokratie, der republikani 
schen Staatsverfassung. Es gelang den Anhängern de Muns, 
ein erfolgreiches vermittelndes Eingreifen des Papstes auf diesem 
Gebiete zu erreichen. 1891—92 hatte Leo XIII. die demokra 
tischen Geister wachgerufen und ausdrücklich und dringend zur 
Anerkennung der Republik und zur tätigen Mithilfe an ihrem 
9 Max Turmann, Le Développement du Catholicisme social depuis 
l’Encyclique Rerum novarum, Paris, 1900. — Georges Goyau, Autour du Catho 
licisme social, gesammelte Aufsätze aus la Quinzaine und Revue des Deux Mondes, 
bisher 4 Bde. 1900—1909; 1. und 2. Bd. in 4. Ausl. 1901—1902. Wir kommen 
unten auf diese beiden Werke zurück.
        <pb n="351" />
        Die christlichen Sozialisten 
325 
Ausbau ermahnt. In der Enzyklika Graves de communi vom 
18. Januar 1901 hält der Papst allerdings an dem Ausdruck 
Demokratie zur Bezeichnung dessen, was die Sozialkatholiken 
anstreben sollen, fest. Aber er versucht den Schwerpunkt der Be 
deutung des Ausdruckes zu verlegen, indem er ihm den üblichen 
Sinn einer politischen Staatsverfassung nimmt und ihn definiert 
als „nichts anderes denn ein christliches Wohltun im Volke“ 
Die christlichen Demokraten in Frankreich nahmen diese En 
zyklika enthusiastisch auf; Abbé Six veröffentlichte alsbald in 
der Démocratie chrétienne eine Artikelserie (März bis April 
1901), in welcher er resolut den Gedanken der politischen Demo 
kratie zugunsten der vom Papste bezeichneten sozialen in den 
Hintergrund stellt, und P. Antoine 8. J. gab der Doktrin der 
Gruppe eine der Enzyklika angepaßte neue Fassung. Es ist 
nicht zu leugnen, daß die Taktik der christlichen Demokraten, 
die Enzyklika „Graves de communi“ für sich in Anspruch zu 
nehmen und sich mit derselben zu identifizieren, ihnen Zuwachs 
von Anhängern und Einfluß brachte. Indem sie sich fortan 
ausschwiegen über das Postulat der republikanischen Staatsform 
als derjenigen, welcher sich die christliche Demokratie am besten 
anpasse, und über die Anschauung, daß die gesellschaftliche 
Stellung eines jeden ausschließlich durch seine persönliche 
Tüchtigkeit und seine persönlichen Leistungen bestimmt sein 
dürfe, kamen sie der Einheitsbewegung, der Konzentration im 
sozialkatholischen Lager entgegen. Die Anschauungen Bûchez’ 
und Otts, welche sich ja weitaus mit denen von de la Tour 
du Pin und de Mun decken, vertraten die katholischen Sozia 
listen aber auch fernerhin mit Entschiedenheit r korporative 
Organisation der Volkswirtschaft, Vergenossenschaftlichung der 
Produktionsmittel, Beseitigung der Lohnarbeit und besonders 
die historische Auffassung des Wirtschafts- und Gesellschafts 
lebens. 
Mittlerweile bestieg ein neuer Papst den Stuhl Petri, und 
dieser ließ es sich angelegen sein, dem Aufblühen des katholi 
schen Sozialismus alsbald Riegel vorzuschieben. Das Motu pro 
prio Pius’ X. vom 18. Dezember 1903 schrieb den Katholiken 
Einheit der sozialen Bewegung und Einheit der sozialen Lehre 
vor und zog scharf gegen alle Sonderbestrebungen zu Felde. 
Man sollte glauben, damit sei der rechte Flügel der Feudalen
        <pb n="352" />
        326 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
ebenso getroffen gewesen wie der linke der katholischen Sozia 
listen. Das war aber keineswegs der Fall. Das soziale und 
wirtschaftliche Programm des rechten Flügels war vorsichtig 
und zurückhaltend geblieben; die Frage der politischen Organi 
sation, bezüglich welcher die Feudalen allerdings einen intran 
sigenten Standpunkt vertraten, war durch Leos Xin. Enzyklika 
„Graves de communi“ außer Gefechtslinie gestellt. Der linke 
Flügel dagegen, der sich die radikalere Programmsassung Bûchez' 
zu eigen gemacht, hatte für diese nicht das Gros der sozial 
katholischen Schule hinter sich. Deswegen traf das päpstliche 
Motu proprio ausschließlich die exponierte Position der katho 
lischen Sozialisten und bedrohte sowohl die Integrität ihrer 
Doktrin als ihre Existenz als Sondergruppe. 
Dann kam im August 1907 die Enzyklika gegen die 
Modernisten, welche alsbald eine Verurteilung der Justice 
sociale des Abbé Naudet nicht wegen ihres katholischen 
Sozialismus, sondern wegen exegetischer Seitensprünge zur Folge 
hatte. Die Schädigung, welche dem Blatte durch diese Ver 
urteilung widerfuhr, übertrug sich naturgemäß auf die ganze von 
ihm vertretene Richtung. Die Einheitsbewegung in der sozial 
katholischen Schule, welche unter dem Drucke Roms fortschritt, 
entzog den links stehenden Führern einen zunehmenden Teil 
ihrer Gefolgschaft, und ihre Isolierung wurde immer deutlicher. 
Die christlich-demokratischen Periodika in der Provinz ver 
schwanden, die Quinzaine stellte ihr Erscheinen ein, die 
Justice sociale dürfte im Augenblick, wo wir diese Zeilen 
schreiben, dasselbe getan haben, die Démocratie chrétienne 
fristet nur mehr ein kümmerliches Dasein. Allerdings bestehen 
noch mehrere der unter christlich-demokratischer Flagge segeln 
den, von Leon Harmel zuerst im Val-des-Bois und in der Gegend 
von Reims ins Leben gerufenen Cercles chrétiens d'Etudes sociales. 
Diese haben sich von dort aus zunächst nach Osten und 
Norden, dann auch vereinzelt über das übrige Frankreich ver 
breitet. Es sind Arbeitergruppen, welche unter Mithilfe, wenn 
auch nicht unter der förmlichen Leitung von Arbeitgebern, Geist 
lichen usw., gemeinsame volkswirtschaftliche Belehrung durch 
Lektüre, Vorträge, Diskussionen usw. suchen. Es ist mit Sicher 
heit anzunehmen, daß diese Arbeitergruppen in naher Zukunft 
sich in irgend einer Form der von Rom und vom sozialkatho-
        <pb n="353" />
        Die christlichen Sozialisten 
327 
lischen Zentrum erstrebten einheitlichen Organisation aller katho 
lischen Kräfte im Lande anschließen werden. 
Es bleibt noch über Lehrinhalt und Methodik des katho 
lischen Sozialismus ausführlicher zu berichten. Um uns ein 
klares Bild davon zu machen, wird es genügen, aus der ziemlich 
umfangreichen, christlich-demokratischen Literatur die Fassung 
herauszugreifen, welche der hauptsächlichste Begründer der Rich 
tung, Abbé Naudet, der Lehre gibt. Dabei wird es nicht ohne 
Interesse sein, die Darstellung derselben bei dem Jesuiten An 
toine, auf welche oben bereits hingewiesen wurde, zum Ver 
gleiche heranzuziehen. 
Selbstverständlich unterordnen beide die Wirtschaftslehre 
der christlichen Ethik, was die Anwendung der deduktiven Me 
thode bedingt. Bei Naudet geht aber die historische Methode 
Hand in Hand mit jener. Er huldigt dem Evolutionismus. Man 
kann seine Fassung der christlich-sozialistischen Lehre als eine 
organische Verbindung der Gedankengänge Bûchez’ mit denen 
von de la Tour du Pin bezeichnen. Der 1901 eingeschlagenen 
Taktik seiner Gruppe getreu, verschweigt Naudet, daß er die 
politische Demokratie für den natürlichen und rationellen End 
punkt der laufenden historischen Entwicklung hält, und daß 
es ihm eine Forderung der Gerechtigkeit zu sein scheint, daß 
die christlich-sozialistische Gesellschaftsordnung der Zukunft 
keine Klassenhierarchie mehr kenne, sondern die soziale Stellung 
eines jeden nur mehr von dessen intellektuellen und sittlichen 
Eigenschaften und tatsächlicher Arbeitsleistung abhängig sei. 
Die von P. Antoine der christlichen Demokratie gegebene 
Fassung ist ihrerseits ein Muster virtuoser Handhabung des 
scholastischen Räsonnements. Von den christlich-demokratischen 
Gedankengängen bleibt bei ihm eigentlich nicht viel mehr übrig 
als die verwässerte Deutung, welche Leo XIII. dem Begriff 
Demokratie in der Enzyklika „Graves de communi“ gegeben. 
Diesen unternimmt P. Antoine der Theologie des hl. Thomas 
von Aquino einzugliedern und mit ihm die christliche Demokratie 
zum integrierenden Bestandteil der katholischen Lehre zu machen. 
„Die christlichen Sozialisten fordern,“ schreibt Abbé 
Naudet 1 ), „1. Beibehaltung des Privateigentums, aber Um- 
i) Abbe Paul Naudet, Die Ziele des christlichen Sozialismus, Art. in: 
Dokumente des Fortschritts, Januar 1909, p. 57 ff.
        <pb n="354" />
        328 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
bildung desselben im Sinne des Evangeliums ; 2. Neuordnung 
aller gesellschaftlichen Verhältnisse auf berufsständischer Basis 
in gleicher Berücksichtigung aller Klassen; 3. internationale 
Arbeiterschutzgesetzgebung und Vereinigung aller sozial Ge 
sinnten in den verschiedenen Ländern zwecks friedlicher Wand 
lung unserer Gesellschaftsordnung.“ 
Zur Eigentumsh&amp;geübergehend, fährt Naudet fort : „Unsere 
Ansicht von Rechten und Pflichten des Eigentums geht im 
letzten Grunde auf die Grundprinzipien unserer Religion zurück, 
wie sie sich schon in den zehn Geboten, in vollerer Form aber 
in den Urzeiten des Neuen Testaments bei den Kirchenvätern 
finden. Moderne Forschungen können keinen Zweifel darüber 
lassen, daß die ersten Christen auf kommunistischem Boden standen 
und in Sachen der Eigentumsverteilung streng egalitäre, demo 
kratische Prinzipien vertraten. Aber eine historische Kontinuität 
dieser Ideen durch die Zeiten des Mittelalters hindurch läßt 
sich kaum nachweisen, und so muß der christliche Sozialismus, 
wie er sich im XIX. Jahrhundert entwickelte, als ein Kind 
seiner Zeit, als eine Anwendung christlicher Prinzipien auf 
die neuen Fragen einer neuen Geschichtsepoche aufgefaßt 
werden.“ . . . 
„Der Ausgang unserer Kritik der heutigen Sozialordnung 
ist die Erkenntnis ihrer Ungerechtigkeit. Vom Standpunkte jener 
Gleichheit aller, wie sie ein Grundprinzip des Christentums 
bildet, verurteilen wir die Ungerechtigkeit der Gesetze, die gegen 
den Armen, der aus Hunger ein Stück Brot stiehlt, so überaus 
hart, und gegen den Finanzier, der auf zugrunde gerichteten 
Existenzen anderer seine eigene aufbaut, so überaus mild sind. 
Wir verurteilen die Ungerechtigkeit der Sitten, die sich vor den 
Götzen des Reichtums neigen, ohne seinem Ursprung nachzu 
forschen ; wir verurteilen die Ungerechtigkeit des heutigen so 
zialen Lebens, in dem so viele trotz aller Anstrengung nicht den 
baren Lebensunterhalt gewinnen können. Wir glauben nicht, 
daß das Heilmittel früherer Jahrhunderte, die private Mild 
tätigkeit, geeignet ist, alle diese Übel zu heilen; Gerechtigkeit 
muß vorerst geschaffen werden ; dann erst, wenn ihr Werk getan, 
wenn jedem das Seine geworden, mag mildtätige Unterstützung 
ein Übriges tun. Niemand sei gezwungen, aus ihren Händen 
gebeugten Hauptes zu empfangen, was er aufrechten Sinnes als
        <pb n="355" />
        Die christlichen Sozialisten 
329 
ihm gehörig betrachten muß Die Beseitigung des großen 
Massenphänomens des Elends kann nur von einer Änderung 
unserer ganzen sozialen Ordnung erwartet werden.“ 
„Eine dreifache Ungerechtigkeit ist die Basis selbst der 
gegenwärtigen Ordnung : Verletzung des natürlichen Rechtes, weil 
inmitten unserer christlichen Zivilisation viele Menschen nicht 
ihren physischen Lebensunterhalt gewinnen können; V erletzung 
des historischen Rechts, weil ihnen der Wohlstand ihrer Väter 
entzogen ist; Verletzung des christlichen Rechts, weil das soziale 
Elend seine Rückwirkung auf die Moralprobleme ausübt und 
befriedigende Entwicklung des seelischen Lebens verhindert. 
Der christliche Sozialismus kann die Absolutheit des Eigentums 
im Sinne des römischen Rechtes nicht als vereinbar mit den 
Prinzipien des Christentums anerkennen. Schon der hl. Thomas 
von Aquin sagte : für uns kann jeder Eigentümer nur als eine 
Art Verwalter des ihm anvertrauten Objektes gelten, und er ist 
verpflichtet, dasselbe im Interesse der Gesamtheit zu verwalten, 
im Namen und Aufträge des einzigen wahren Eigentümers, 
Gottes selbst.“ Folgt eine Darlegung der Eigentumslehre, wie 
wir sie bereits bei de la Tour du Pin kennen gelernt haben. 
Dann kommt Naudet zu der spezifischen, evolutionistischen 
Auffassung der katholischen Sozialisten: „Die Kirche selbst hat 
keine im einzelnen festgelegte Theorie des Eigentums über die 
obgenannten sozialen Verpflichtungen hinaus. Sie hat ehedem 
das Feudalsystem akzeptiert, sie fügt sich heute dem Kapitalis 
mus, sie wird nach unserer Ansicht später auch andere Formen 
des Eigentums sanktionieren : für uns christliche Sozialisten ist 
das Eigentum nur eine historische Kategorie, keineswegs unantastbar 
und zweifellos vor wichtigen Entwicklungen und Wandlungen 
stehend. Wir glauben, daß die Entwicklung konstitutioneller 
Einrichtungen in der Industrie, die Ausbreitung der Produktiv 
genossenschaften, die wachsende Anteilnahme der Arbeiter am 
Besitze der Produktionsmittel ganz neue Formen des Eigentums 
herbeiführen werden.“ 
„Wir glauben auch nicht, daß die gegenwärtige Form der 
Lohnarbeit für immer bestehen wird. Aus der Sklaverei von 
ehedem ist die Hörigkeit geworden und aus dieser das heutige 
System der kapitalistischen Lohnarbeit; werden neue Formen 
der Arbeit nachfolgen? Die Kirche als solche hat keine eigent-
        <pb n="356" />
        330 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
liehe Theorie auch gegenüber diesen Problemen; sie kann nur 
fordern, daß das Endergebnis den Prinzipien der Gerechtigkeit 
und den Notwendigkeiten des seelischen Lebens entspreche, 
daß der Arbeiter hinreichend viel verdiene, um leben und seine 
seelischen Fähigkeiten entwickeln zu können. Wir christlichen 
Sozialisten hingegen sind fest überzeugt davon, daß das Lohn 
system keineswegs den Endpunkt der Entwicklung bedeutet, 
daß es ebenso verschwinden werde, wie Sklaverei und Hörigkeit 
verschwunden sind, daß neue Entwicklungsformen an seine 
Stelle treten werden. Wir christlichen Sozialisten lehnen auch 
jenen Zustand der Gegenwart ab, in dem die Arbeitskraft als 
Ware behandelt wird, abhängig von dem Gesetz von Angebot 
und Nachfrage. Wir fordern andere Einrichtungen, die der 
Würde der Arbeit besser entsprechen; wir fordern ferner ein 
Existenzminimum für Bemessung der Arbeitslöhne und zwar nicht 
ein Minimum, das bloß die physische Existenz gewährleistet, 
sondern ein solches, das mit den Forderungen unserer heutigen 
Zivilisation im Einklang ist; nicht bloß Nahrung muß es ge 
währen, sondern auch geistige Güter ; nicht bloß Befriedigung 
des Notwendigsten, sondern auch Freude am Leben. Wir sind 
auch entschiedene Anhänger der Arbeiterschutzgesetzgebung, der 
obligatorischen Versicherung gegen Krankheit, Unfall und Älter. Wir 
fordern, daß das Einkommen des Mannes hinreiche, um seine 
Familie zu ernähren und seiner Gattin einen Platz am häus 
lichen Herde zu sichern. Wir fordern, daß die Gesundheits 
abnützung des Arbeiters in der Fabrik nicht eine solche sei, 
daß er kranke Kinder in die Welt setzt. Wir fordern, daß ihm 
abends hinreichende Muße bleibe, um an allen geistigen Gütern 
Anteil nehmen und am Sonntag seinen religiösen Pflichten ge 
nügen zu können.“ 
„All dies sind Ziele; wichtiger vielleicht noch als ihre 
Formulierung ist das Finden der Wege, um zu ihnen zu gelangen. 
Die christlichen Sozialisten halten einen dieser Wege für den 
besten, und zwar die berufsständige Organisierung der Gesell 
schaft. Zunächst soll die Organisierung der Arbeiter in Gewerk 
schaften in jeder Weise begünstigt werden, alle Arbeiter der 
Fabrik sollen zu einer Einheit werden, welche sich allen Miß 
bräuchen widersetzt, jede Verletzung ihrer Lebensinteressen 
zurückweist. Diese Gewerkschaften sollen arbeitslose Mitglieder
        <pb n="357" />
        Die christlichen Sozialisten 
331 
unterstützen, vor allem aber kollektive Arbeitsvertrüge mit den 
Unternehmern schließen. Dem Gesetz obliegt es, dieselben mit 
allen notwendigen Garantien zu umkleiden. Ferner sollen durch 
Gesetzesspruch ständige Kommissionen, aus Arbeiter- und Unter 
nehmerdelegierten zusammengesetzt, geschahen werden, welche 
die Arbeitsbedingungen regeln und Arbeitskonflikte verhindern. 
Die Gewerkvereine werden auch für die berufliche Ausbildung 
der jungen Arbeiter zu sorgen haben, ja, späterhin selbst gegen 
über den Konsumenten Garantien für die Unschädlichkeit der 
Fabrikate übernehmen müssen. In noch fernerer Zukunft end 
lich soll ihnen die Möglichkeit geboten werden, sich in Produk 
tivgenossenschaften zu organisieren und die Produktionsmittel in 
ihre eigene Regie zu übernehmen. Selbst für das politische 
Leben eröffnen sich aus dieser berufsständigen Gliederung neue 
Ausblicke. Ein Senat, zusammengesetzt aus den Vertretern der 
Gewerkvereine und Produktivgenossenschaften, der ökono 
mischen Problemen und nicht politischen Kämpfen sein Augen 
merk zuwendet, mag die Stelle der heutigen politischen Ver 
tretungskörper einnehmen und uns von nichtigen und zugleich 
verheerenden Parteikämpfen befreien. " 
„Um diesem Endziel den Weg zu bahnen, fordern die 
christlichen Sozialisten zunächst die Ausbildung einer Kredit- 
organisation zur Beförderung der Produktivgenossenschaften; 
ferner die oben erwähnte Schaffung von Kommissionen zur 
Festlegung der Arbeitsbedingungen; sie fordern ferner die An 
erkennung der Rechtsfähigkeit der Berufsvereine, um diesen jede 
Wirksamkeit, vor allem aber den Erwerb industriellen Eigen 
tums und Bildung von Produktivgenossenschaften zu erleichtern. 
Unsere Partei erstrebt ferner Begünstigungen aller Verbindungen 
der Gewerkvereine selbst über die Landesgrenzen hinaus; ja 
überhaupt berühren wir uns gerade in dieser Linie mehr als 
in jeder anderen mit den Bestrebungen der anderen sozia 
listischen Gruppen, denn auch wir sind, schon aus dem Geiste 
der katholischen Kirche heraus, durchaus international ge 
sinnt.“ 
Die Darstellung des Jesuiten Antoine beginnt mit einer 
philosophischen Definition der Demokratie. „Die Demokratie,“ 
sagt er, „ist in ihrem wesentlichen Begriff eine Organisation der 
Gesellschaft, in welcher alle sozialen, juridischen und wirf-
        <pb n="358" />
        332 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
schaftlichen Kräfte in voller hierarchischer Entwicklung und im 
richtigen Verhältnis zueinander derart am Gemeinwohl zu 
sammenwirken, daß das letzte Resultat ihrer Tätigkeit in be 
sonderer Weise den unteren Klassen zum Vorteil gereicht“ *). 
Das Gemeinwohl ist also das generische, das besondere Wohl 
der unteren Klassen das spezifische Ziel der Demokratie. Beide 
Ziele folgen aus der Natur der christlichen Gesellschaftsordnung. 
Ja, die christliche Demokratie identifiziert sich mit der christ 
lichen Gesellschaftsordnung, denn die Verwirklichung des Ge 
meinwohles, so wie diese es sich zum Ziele setzt, führt logischer 
weise zu einem besonderen Schutze der zahlreichsten und 
schwächsten Klassen. Darum kann man sagen, daß die christ 
liche Demokratie aus dem Wesen des Christentums sich ergibt; 
„die hl. Schriften enthalten alle Elemente derselben und 
man kann sagen, daß die christlichen Gesellschaften der Ver 
gangenheit virtuell demokratische Gesellschaften waren“ 2 ). 
Das Wesen der christlichen Demokratie, die virtuelle Demo 
kratie, ist durch deren Ziel gegeben; zu ihr tritt die konkrete 
Demokratie, d. h. deren zufälligen Merkmale, welche in den 
Mitteln zur Verwirklichung jenes Zieles bestehen. Man kann 
nicht genug betonen, daß das Wesen der christlichen Demo 
kratie im Zusammenwirken aller sozialen, rechtlichen und wirt 
schaftlichen Kräfte zum Schutze und zur Hebung der Lage der 
unteren Klassen besteht. Mittel zur Verwirklichung dieses Zu 
sammenwirkens und deswegen zufällige Merkmale der christ 
lichen Demokratie sind: die Form der Staatsverfassung, die 
rechtliche Regelung der Beziehungen der Klassen zueinander, 
die Art der Güterverteilung, die Anteilnahme aller sozialen 
Elemente an der Regierung. „Es sind dies Modalitäten des 
Seins, welche nichts Permanentes oder Absolutes an sich haben 
und nach den Umständen wechseln. „Man muß sorgfältig be 
achten, daß das zufällige Merkmal: Form der Staatsverfassung 
und eventuell politische Demokratie nicht Voraussetzung, son 
dern lediglich unwesentliche Folgerung aus der Begriffsbestim 
mung der christlichen Demokratie ist. Die soziale Demokratie 
ist das Primäre, sie muß notwendig von allen Katholiken an- 
b Ch. Antoine, Cours d’Economie sociale, 3. Ausl., Paris, 1905, p. 279 ff. 
2 ) ibid. p. 280.
        <pb n="359" />
        Die christlichen Sozialisten 
333 
genommen werden, weil sie sich aus dem Wesen des Evange 
liums ergibt und ein Grund zur Eintracht ist“ ; die politische 
Demokratie aber ist ein Sekundäres, Zufälliges, „das man er 
laubterweise annehmen oder verwerfen kann“ *). 
Bei Antoine vollzieht also die christliche Demokratie 
einen vollständigen Rückzug bezüglich der Frage der republi 
kanischen Staatsverfassung. Sie verzichtet ausdrücklichst darauf, 
sich fortan mit einer bestimmten Regierungsform zu identifi 
zieren. Aber auch alle andern Ideen des katholischen Sozia 
lismus: die korporative Organisation des Wirtschaftslebens, die 
Vergenossenschaftlichung der Produktionsmittel, die Beseitigung 
der Arbeitgeber und der Lohnarbeit, die Verwerfung der Klassen 
hierarchie und die Forderung, daß die soziale Stellung eines 
jeden ausschließlich durch seinen persönlichen Wert und seine 
persönliche Arbeitsleistung bestimmt werde usw., alles dies läßt 
Antoine fallen mit der Begründung, daß diese Anschauungen 
„in keinerlei Weise aus dem Begriff der christlichen Demokratie 
folgen“ 2 ). Diese selbst aber ist fortan (seit der Enzyklika 
Graves de communi) „ein integrierender und notwendiger Be 
standteil des Katholizismus“ 3 ). 
Die Deutung der christlichen Demokratie durch Antoine, 
welche sich formell auf die Rettung des Ausdrucks „Demokratie“ 
reduziert, macht zunächst den Eindruck größter Harmlosigkeit. 
Man würde sich aber einer schweren Täuschung hingeben, 
wenn man bei diesem Eindruck stehen bliebe und hinter der 
Sache weiter nichts sehen wollte, als etwa eine große Virtuo 
sität im Umfallen. In Wirklichkeit hat Antoine durch seine 
Darstellung der christlichen Demokratie dieser einen großen 
Dienst erwiesen. Er hat sie nämlich zugleich in der katho 
lischen Theologie fest verankert und ihr die Bahn für die zu 
künftige Entwicklung frei gemacht. 
Vergegenwärtigen wir uns die Situation : von den Ge 
sinnungsgenossen de la Tour du Pins, und zwar nicht nur 
in Frankreich, wurde — und wird heute noch — der Begriff 
') ibid. p. 281-282. 
2 ) ibid. p. 290. 
3 ) ibid. p. 292.
        <pb n="360" />
        334 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
christliche Demokratie oder katholischer Sozialismus leiden 
schaftlich bekämpft. Die Enzyklika Leos XIII. „Graves de 
communi“ und die ersten Akte Pius’ X. zeigen, daß der päpst 
liche Stuhl, der Anfang der 90er Jahre in entschieden demo 
kratischem Fahrwasser schwamm, sich den Reaktionen will 
fährig erweist und sich von den nach links Vordrängenden zu 
rückzieht. In dieser Sachlage kommt nun die scholastische 
Methode den christlichen Demokraten zur Verteidigung ihrer 
Stellung zu Hilfe. P. Antoine nimmt die scholastische Ope 
ration der Unterscheidung von Wesentlichem und Zufälligem 
am Begriffe „christliche Demokratie“ vor; als Wesentliches an 
demselben stellt er den längst von der katholischen Theologie 
rezipierten Grundsatz des Interventionismus hin. Indem er 
nun diesem Prinzip, in engem Anschluß an die Enzyklika „Graves 
de communi“, den Namen : christliche Demokratie gibt, rückt der 
letztere Begriff in die ehrwürdige Theologie des hl. Thomas von 
Aquin und in den geheiligten Bestand der offiziellen, kirchlichen 
Wissenschaft ein. Andererseits macht Antoine alle Ideen, die 
wir als eigentlichen Inhalt des christlichen Sozialismus kennen 
gelernt haben, zu Akzidenzien, die mit dem Wesen desselben 
nichts zu tun haben. Und indem er so weit geht, sie einfach 
fallen zu lassen — was ihm kein Opfer kostet, da er selbst dem 
Zentrum, nicht dem linken Flügel des katholischen Sozialismus 
angehört, wenn auch seine Sympathien mehr nach links als 
nach rechts gehen — dokumentiert er, daß es der christlichen 
Demokratie vor allem um eine rechtgläubige Fundamentierung 
zu tun ist, und entzieht den Angriffen von rechts die Flanke, 
welche sie denselben bot. Die endgültige Wirkung dieser, von 
den christlichen Demokraten seit 1901 zum Teil versuchten und 
von Antoine am vollkommensten durchgeführten Taktik ist, 
den Begriff Demokratie, dem alles Definieren Leos XIII. und 
Antoines selbstverständlich seine historische, traditionelle Be 
deutung nicht nehmen kann, in zunehmendem Maße in der sozial- 
katholischen Schule zu akkreditieren. Der Morgen ist nicht fern, 
wo diese in dem verwunderten Bewußtsein erwachen wird, durch 
und durch demokratisch zu sein, und dann ist der Augenblick 
gekommen, von dem — als Zufälliges und Unwesentliches — 
der Diskussion einstweilen entrückten Ideenschatz der Stürmer 
und Dränger der 90er Jahre das in den Begriff der christ-
        <pb n="361" />
        Die christlichen Sozialisten 
335 
liehen Demokratie wieder aufzunehmen, was den Zeitumständen 
entsprechen mag 1 ). 
i) Als Outsider des christlichen Sozialismus sind noch zu erwähnen: 
Paul Lapeyre und die 1887—1907 erschienene Monatsschrift Revue du Christi 
anisme social. 
Paul Lapeyre ist ein etwas unklarer Geist. Er schrieb Le Socialisme 
catholique (Bd. I: Les Vérités mâles, Bd. II: Les Vérités femelles), Paris, 1894. 
Ein wunderliches und zusammenhangloses Buch, in dem der Geist der voracht- 
undvierziger Epoche spukt. Ferner: Le Catholicisme social, 3 Bde., Paris, 1900. 
In diesem geht der Verfasser von Bûchez’ Anschauung aus, das Individuum sei 
in erster Linie für die Gesellschaft da, nicht umgekehrt, und entwickelt eine 
Gesellschaftslehre, der das Postulat zugrunde liegt: das Individuum hat die 
Pflicht, der Gesellschaft nach Maßgabe seiner Fähigkeiten zu dienen ; die Gesell 
schaft hat die Pflicht, das Recht des Individuums auf Arbeit zu sichern und die 
Leistungen des Individuums nach Maßgabe der Bedürfnisse desselben zu ent 
lohnen. An Bûchez’ Eigentumslehre geht jedoch Lapeyre vorbei. Seine Werke 
kommen wohl nur als Curiosa in Betracht, als eine verspätete Verkörperung des 
unfertigen, utopischen Geisteszustandes der Sturm und Drangperiode des Juli 
königtums. 
Die von Chastand herausgegebene Zeitschrift Revue du christianisme social 
verfolgte nicht wissenschaftliche Zwecke, sondern ausschließlich solche der Propa 
ganda. Die leitenden Ideen der Zeitschrift sind folgende: „Daß die, welche 
sagen: Vater, zukomme uns dein Reich! nicht darunter verstehen: dein Reich 
komme im Himmel! denn diese Bitte wäre zweifellos überflüssig genug, aber: 
es komme schon auf Erden!“ Ferner: „(Wir wenden uns an) jene, welche, wenn 
sie sagen: Unser tägliches Brot gib uns heute! nicht darunter verstehen: Vater, 
ein jeder gewinne sein Leben, wie er es eben kann, . . . sondern an jene, welche 
denken, daß viele Menschen in der Welt und selbst an ihrer Seite Recht darauf 
hätten, ihr tägliches Brot zu haben, es aber nicht haben. . . . Wir, die wir 
unser tägliches Brot haben, verlangen für alle das Recht auf Brot. . . . Wir, 
die wir eine Familie haben, welche wir kennen, weil wir sie bei andern Gelegen 
heiten als bei Nacht sehen, verlangen für alle das Recht auf eine Familie. . . . 
Wir haben unsern wöchentlichen Ruhetag und verlangen ihn für alle . . . Wir 
haben Zeit krank zu sein und verlangen für alle das Recht auf Krankheit . . . 
Wir haben Bücher und verlangen für alle das Recht auf Unterricht . . . Wir 
haben durch das Evangelium Seelenfrieden empfangen, wir verlangen für alle 
das Recht auf Trost, Sicherheit, Sieg über Egoismus und Tod: in einem Wort, 
das Recht auf Seelenheil.“
        <pb n="362" />
        336 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
5. Kapitel. 
Der „Sillon“ 1 ). 
Während die Führer der christlichen Demokratie sich von 
ihren Anhängern verlassen sehen, und die gelehrte Diplomatie 
des Jesuiten Antoine ihr die Wege einer günstigeren Zukunft 
ebnen will, tritt eine Jungmannschaft frisch in den Kampf für 
das Ideal der christlichen Demokratie. 
Marc Sangnier, der Begründer und Führer des Sillon, war 
Schüler des Collège Stanislas, als er regelmäßige Dis 
kussionen über Christentum und Demokratie mit einer Anzahl 
Studiengenossen in einem Keller der Schule veranstaltete. Diese 
Zusammenkünfte, von ihren Teilnehmern euphemistisch Réunions 
de la „Crypte“ genannt, erfreuten sich sonderbarerweise des 
wohlwollenden Schutzes der Leiter der Anstalt. Als M. Sang 
nier dann die Ecole polytechnique bezog, verpflanzte er 
die Veranstaltung dorthin. Im intimen Kreise von Gesinnungs 
genossen las und besprach man die Evangelien und die Briefe 
des hl. Paulus. In den kontradiktorischen Versammlungen, 
die allen Schülern der Anstalt zugänglich und vom damaligen 
Gouverneur derselben, General André, dem späteren Kriegs 
minister, gefördert wurden, wurde leidenschaftlich über die 
Fragen der Organisation einer christlich-demokratischen Gesell 
schaftsordnung debattiert. Überall, wo M. Sangnier hinkam, 
machte er für sein christlich-demokratisches Ideal Propaganda. 
Gewiß waren seine Ideen noch sehr unklar und unfertig, aber 
seine enthusiastische, überschäumende Natur machte Eindruck 
und wußte sich Gehör zu verschaffen. 1898 finden wir ihn als 
Sekondeleutnant in Toul. Jeden Samstag hielt er dort vor einem 
ganzen Bataillon Vorträge über: Armee und Demokratie. Die 
*) Das hier verwertete Material ist, abgesehen von mündlicher Information, 
zwei Briefen von Marc Sangnier an den Direktor des Temps entnommen; die 
selben erschienen in Nr. 16 868 und 16 869 — 30. und 31. August 1907 — 
dieser Zeitung. Daneben wurden herangezogen : die Zeitschrift le Sillon und das 
Wochenblatt VEveil démocratique ; der Bericht des siebenten Kongresses des Sillon 
(1908); die Flugschrift: Jean Desgranges, Qu’est-ce que le Sillon? o. D. Paris 
und Limoges; endlich: L. Cousin, Catéchisme d’Economie politique et sociale 
du „Sillon“ 4. Ausi. o. D. Paris und Lyon.
        <pb n="363" />
        Der Sillon 
337 
Leute beteiligten sich mit steigendem Interesse an den Dis 
kussionen, und Sangnier gewann unter ihnen begeisterte An 
hänger. In Paris setzten er und seine Studiengenossen vom 
Collège Stanislas die Réunions de la Crypte fort, aller 
dings nicht mehr wie anfangs im Keller des Gymnasiums, und 
gewannen immer mehr die Aufmerksamkeit katholischer und 
sozialistischer Kreise. 1899 wurde Le Sillon, eine von Paul Be- 
naudin 1894 gegründete literarische Zeitschrift, das Organ der von 
M. Sangnier ins Leben gerufenen religiös - demokratischen 
Bewegung. Der Name der Zeitschrift ging auf das ganze Unter 
nehmen über. Noch war der Sillon in der Hauptsache eine 
Gruppe von Intellektuellen insbesondere von Studenten. Von 
1899 an unternahmen M. Sangnier und seine Freunde es, die 
katholischen Arbeiter- und Gesellenvereine für sich zu ge 
winnen, indem sie "diese veranlaßten, ohne Mittun der Präsides 
selbständige Cercles d'Etudes zu bilden. In Paris wurden Kon 
gresse von Delegierten der Cercles d’Etudes abgehalten. 
Sangniers Gedanke war, durch die Cercles d Etudes ent 
schiedene Anhänger heranzubilden, welche alsdann in Volks 
versammlungen usw. für die Bewegung Propaganda zu machen 
hätten. Das Schlagwort zur Bezeichnung dieser Propaganda ist 
„Erziehung des Volkes zur Demokratie“. Die ersten in Paris ab 
gehaltenen Volksversammlungen führten zu blutigen Zusammen 
stößen mit antiklerikalen Manifestanten. Die kontradiktorischen 
Versammlungen des Sillon, bei denen Führer der Radikal 
sozialisten und Sozialisten wie F. Buisson, Jules Guesde usw. nicht 
verschmähten aufzutreten, trugen viel zur Klärung der Ideen 
der „Sillonisten“ bei. In dem Maße als dies geschah, wuchs 
die Zahl der Anhänger aus Arbeiterkreisen. Viel tat zur Ver 
breitung der Bewegung die individuelle Propaganda in den 
Lyzeen, Seminarien, Kasernen, Bureaus, Fabriken usw. Die 
Zahl der Cercles d’Etudes beläuft sich heute auf vier- bis 
fünfhundert. 1906 wurden auf 100 Anhänger der Bewegung 
33 Industrie- und 13 Landarbeiter, 27 Angestellte, 12 Angehörige 
freier Berufe, 9 Priester, 3 Arbeitgeber, 3 Berufslose berechnet. 
Die Cercles d’Etudes gruppieren sich meist um Sillons ré 
gionaux, welche sich in den meisten Hauptstädten der alten Pro 
vinzen gebildet haben. Das Sillon central in Paris gibt Propa 
gandabroschüren heraus, ferner die Zeitschrift Le Sillon (Auflage 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 22
        <pb n="364" />
        338 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
ca. 6000) und das Wochenblatt VEveil démocratique (Auflage ca. 
50 000). Die Organisation der ganzen Bewegung ist eine straff 
zentralistische. Allerdings wird großer Wert darauf gelegt, zu 
betonen, der Sillon sei vor allem ein freies Freundschaftsband; 
Zwangsbeiträge werden von den Mitgliedern der Organisationen 
nicht erhoben; Ein- und Austritt stehen jedem jederzeit frei. 
Aber die jährlichen Kongresse in Paris geben strenge Direktiven; 
alle drei Monate finden in Paris Besprechungen der Führer 
statt, und die Zentralleitung legt den größten Wert darauf, mit 
jedem Cercle d’Etudes draußen in der Provinz und mit jedem 
tätigen Genossen in möglichst enger, dauernder Fühlung zu sein. 
M. Sangui er hat längst die Offizierslaufbahn aufgegeben, um 
sich ganz der Leitung der Bewegung zu widmen. Was uns natür 
lich in erster Linie hier interessiert, ist die Doktrin des Sillon. 
Marc Sangnier formuliert diese wie folgt: „Wir sind 
Demokraten. Die Demokratie ist für uns diejenige soziale Or 
ganisation, welche das Gewissen und die Verantwortung als 
Bürger bei einem jeden am höchsten zu entwickeln bestrebt 
ist. Wir lieben die Demokratie nicht bloß wegen der mate 
riellen Vorteile, welche sie der zahlreichsten und am meisten 
enterbten Klasse zu verschaffen vermag, sondern hauptsächlich, 
weil sie uns fähig zu sein scheint, die Bürger zu höherer Würde 
zu erheben, ihre intellektuellen und sittlichen Fähigkeiten zu 
vergrößern. ... Wir sind Republikaner, weil die Republik uns 
die vollkommenste Form der politischen Demokratie zu sein 
scheint. Auf wirtschaftlichem. Gebiete ist uns der Gedanke der 
genossenschaftlichen Organisation (der Produktion und des Ver 
brauchs) sympathisch; wir ziehen sie, unter sonst gleichen Um 
ständen, der Lohnarbeit vor; unter allen Umständen streben wir 
nach einer Umformung der Gesellschaftsordnung, welche die 
Masse des Proletariates zu einer wirtschaftlichen Würde erhebe, 
die bisher den Arbeitgebern allein eigen war. Wir wollen 
also mit allen Kräften daran arbeiten, in Frankreich eine demo 
kratische Republik zu verwirklichen. Wir verhehlen uns nicht, 
daß das heutige Frankreich viel eher einer enthaupteten Mo 
narchie als einer Republik ähnlich und daß unsere Wirtschafts 
organisation nichts weniger als demokratisch ist“ 1 ). 
b Marc Sangnier, II. Brief an den Direktor des Temps ; Temps vom 
31. August 1907.
        <pb n="365" />
        Der Sillon 
339 
Zur Verwirklichung der Ziele des Sillon hält Sangnier 
drei Mittel für geeignet: eine gesetzgeberische, eine wirtschaftliche 
und eine religiös-sittliche Aktion. 
Auf dem Wege der Gesetzgebung will er erreichen: umfassen 
den Arbeiterschutz, Maximalstundentag nicht nur für Frauen 
und Kinder, sondern auch für erwachsene Arbeiter ; Festsetzung 
eines Minimallohnsatzes, wöchentlichen Ruhetag, Altersversiche 
rung usw. Unter wirtschaftlicher Aktion versteht er den Zu 
sammenschluß der Proletarier in Genossenschaften und Berufs 
vereinen, welche nach und nach die bestehende Gesellschafts 
ordnung in eine christlich-demokratische überführen und die 
gesetzgeberische Aktion in steigendem Maße entbehrlich und 
überflüssig machen werden x ). Die sittlich-religiöse Aufgabe des 
Sillon besteht in der Durchdringung der Nation mit christlich 
demokratischem Geist. Das wichtigste Hindernis, welches sich 
diesem Geiste entgegensetzt , ist der Gegensatz zwischen all 
gemeinem und persönlichem Interesse. Um das Privatinteresse 
dem allgemeinen zu opfern, ist sittliche Kraft erforderlich. Das 
Christentum ist eine unvergleichliche Quelle dieser Kraft. 
Die Sillonisten wollen also eine christlich - demokratische 
Gesellschaftsordnung durch das dreifache Mittel der Sozialgesetz 
gebung, des genossenschaftlichen Zusammenschlusses von Pro 
duzenten und Konsumenten und der sittlich-religiösen Volks 
erziehung herbeiführen. Man darf jedoch nicht außer acht 
lassen, daß das volkswirtschaftliche Programm, welches wir 
hier greifbar machten, in der Sillon bewegung nur eine sekun 
däre Rolle spielt. Die Sillon propaganda operiert in erster 
Linie mit dem Gefühl; der Sillon ist zunächst und vor allem 
ein Freundschaftsbund, der seine Anhänger durch das Band 
gemeinsamer religiöser und demokratischer Empfindungen um 
schlingen will. Daß man im Kampfe der Diskussionen in den 
Versammlungen immer mehr gezwungen wurde, zu den wirt 
schaftlichen Fragen präzis Stellung zu nehmen und daß dies 
im Sinne der vorgefundenen sozialkatholischen und christlich- 
b Den evolutionistischen Gedanken formuliert M. Sangnier wie folgt: 
„Wir sind zugleich Revolutionäre und Traditionalisten. Der Fortschritt ist für 
uns die Tradition auf dem Marsch: wir wollen das Werk unserer Väter fort 
führen und das in Angriff nehmen, was die besten unter ihnen getan hätten 
wenn sie in unsern Tagen gelebt hätten.“ loc. cit. II.
        <pb n="366" />
        340 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
demokratischen Theorien geschah, war natürlich. Aber am 
Tage, wo die Führer des „Sillonisme“ zur Einsicht gelangen 
würden, daß z. B. eine kollektivistische Gesellschaftsordnung, 
d. h. die Verstaatlichung der Produktionsmittel, geeigneter sei, 
die Lage der unteren Klassen zu verbessern und die „wahre“ 
Demokratie zu verwirklichen, als das korporative Ideal, d. h. 
die Vergenossenschaftlichung des Wirtschaftslebens, würden sie 
das Programm des Sillon in diesem Sinne ändern können, 
ohne daß dadurch dessen Wesen als christlich-religiöser und 
demokratischer, proletarierfreundlicher Freundschaftsbund be 
rührt würde. Aus dieser Feststellung ergibt sich klar der prin 
zipielle Unterschied zwischen der Gruppe der christlichen Demo 
kraten und der noch weiter links stehenden Sill on gruppe. 
Der Sillon wird von den rechtsstehenden Sozialkatholiken 
und den Führern der sozialkatholischen Organisationen seit 
etwa 10 Jahren wegen seines Republikanismus und seiner be 
harrlichen Weigerung, seine Cercles d’Etudes in jene Orga 
nisationen aufgehen zu lassen oder mit ihnen in Verbindung 
zu bringen, auf das heftigste und leidenschaftlichste bekämpft. 
Es ist ihm trotzdem gelungen, bis heute in leidlich guten Be 
ziehungen mit dem Vatikan zu bleiben; die Verbote, durch welche 
viele Bischöfe ihren Klerikern den Beitritt untersagten, sind in 
folge der formlosen Organisation des Sillon ziemlich wirkungslos. 
Mit den ethisch-historischen Nationalökonomen an den juristi 
schen Fakultäten des Staates unterhalten die Führer des Sillon 
die besten Beziehungen x ). Die sozialkatholische Schule wird in 
steigendem Maße mit der stetig fortschreitenden Bewegung zu 
rechnen haben. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die zukünf 
tige Entwicklung der sozialkatholischen Einheitsdoktrin vom 
Sillon her im Sinne der christlich-demokratischen Anschau 
ungen entscheidend wird beeinflußt werden. 
i) Diese werden wesentlich dadurch gefördert, daß jene immer und immer 
wieder betonen, der Sillon sei nicht konfessionell und vertrage sich auch mit 
dem Freidenkertum recht gut, sofern dieses nur aufrichtig demokratisch und 
proletarierfreundlich sei.
        <pb n="367" />
        Das sozialkatholische Zentrum 
341 
6. Kapitel. 
Das sozialkatholische Zentrum. 
Das sozialkatholische Zentrum ist nicht eine homogene 
Gruppe wie etwa der rechte oder der linke Flügel der Schule. 
Wir haben bereits wiederholt Gelegenheit gehabt, über dessen 
Zusammensetzung Andeutungen zu geben. Es birgt Anhänger 
der korporativen Wirtschaftsordnung, welche je nach Herkunft, 
Erziehung usw. bald mehr nach rechts, bald nach links neigen ; 
es birgt aber auch viele Katholiken, welche auf dem Boden 
der bestehenden individualistischen Gesellschaftsordnung stehen, 
die jedoch bezüglich des Grades der Abhängigkeit der volks 
wirtschaftlichen Anschauungen von Religion und Moral, sowie 
bezüglich des Ausmaßes der staatlichen Einmischung ins Wirt 
schaftsleben noch nicht zu einheitlichen Anschauungen gekom 
men sind. Gemeinsam ist allen das Bekenntnis zur grundsätz 
lichen Notwendigkeit dieser Einmischung und der Wille zur 
Vereinheitlichung der Anschauungen und der sozialkatholischen 
Bewegung. Dieser Wille wird, wie wir gesehen haben, vom 
gegenwärtigen Papste nachdrücklichst unterstützt. 
Das Schwergewicht der Betätigung des sozialkatholischen 
Zentrums liegt nach wie vor auf dem Gebiete der praktischen 
Organisation und Propaganda. Zwar ist die von Maignen, de 
Mun, de la Tour du Pin u. a. in den siebziger Jahren ins Leben 
gerufene Oeuvre des Cercles abgeflaut. Es bestehen nur mehr 
wenige der ursprünglichen Cercles. Dagegen hat sich in den 
letzten Jahren unter Führung insbesondere von Henri Lorin, 
P. de Pascal, Savatier, J. her olle, Zamanski usw. die Association de 
la Jeunesse catholique gebildet, welche zurzeit etwa 300000 Mit 
glieder zählt und in raschem Wachsen begriffen ist. Diese 
Jugendorganisation hat zum Zweck, eine Generation von Wäh 
lern heranzubilden, mit deren Hilfe die sozialkatholische Schule 
zur herrschenden politischen Partei in Frankreich werde l ). Eine 
i) Über die Association de la Jeunesse catholique und ihre Ziele unter 
richten sehr gut: Henri Basire, L’Orientation sociale de la Jeunesse catholique, 
3. Ausl., Paris, 1905 und : Jos. Zamanski, L’Action sociale dans l’Association 
catholique de la Jeunesse française, Paris, 1907. Beide Broschüren enthalten zu 
gleich eine kurze Zusammenfassung der sozialkatholischen Doktrin der Gegenwart.
        <pb n="368" />
        342 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
politische Kampforganisation mit unmittelbarem Gegenwarts 
zweck ist die Action libérale 'populaire. Sie hat eine Reihe länd 
licher Kreditkassen, insbesondere in der Côte d’Or, ferner zahl 
reiche Gegenseitigkeitsgenossenschaften, etwa vierzig Volkssekre 
tariate mit unentgeltlicher Rechtsauskunft und ebensolcher ärzt 
licher Pflege, sowie mehrere andere Organisationen geschaffen. 
Dem Volksverein für das katholische Deutschland in M.-Gladbach 
haben die französischen Sozialkatholiken die Einrichtung der 
sozialwissenschaftlichen Kurse abgelauscht. Diese Veranstaltungen, 
Semaines sociales, werden abwechselnd in den bedeutenderen 
Städten des Landes unter reger Beteiligung des Episkopats und 
von Universitätsprofessoren abgehalten. Erfolgreich ist be 
sonders die von Frau Professor Jean Brunhes ins Leben gerufene 
Ligue sociale des acheteurs. Sie umfaßt sechs Abteilungen, 
welche sich die Erforschung und die Besserung der Lage der 
Heimarbeiterinnen und häuslichen Dienstboten, sowie der in 
den Konfektions-, Wäscherei-, Konditorei- und Friseurbranchen 
beschäftigten Arbeiterinnen zum Ziel gesetzt haben. Eine ganze 
Reihe Pariser Häuser haben sich bereits den von dieser Liga 
im Interesse der Arbeiterinnen gestellten Einkaufsbedingungen 
angepaßt. 
Im Sinne des Sozialkatholizismus wirken ferner zahlreiche 
karitative und sozialpolitische weibliche Unternehmungen, welche 
teils im Anschluß an jene Konsumentenliga ins Leben traten, 
teils aus der allgemeinen feministischen Bewegung, die mit dem 
beginnenden XX. Jahrhundert in Frankreich kräftig eingesetzt 
hat, hervorgingen *). Auf dem Gebiete der Arbeiterorgani 
sation sind auf sozialkatholischer Seite die Unions des Travail 
leurs libres zu erwähnen. Es sind Arbeitervereine (nicht Berufs- 
vereine), welche ihren Mitgliedern gegen einen wöchentlichen 
Beitrag von 0,25 Fr. einen Arbeitsnachweis, konsumgenossen 
schaftliche Einrichtungen, Hilfskassen, unentgeltliche Rechts 
auskunft und ebensolchen ärztlichen Beistand, Vorträge und 
gesellige Veranstaltungen bieten. Die erste dieser Unions ent 
stand 1901 in Grenelle (Paris); heute hat sich die Organi 
sation über mehrere Stadtteile von Paris ausgedehnt und be 
ginnt auf die Provinz überzugreifen (Nancy). Die Mitglieder- 
') Vgl. Max Tarmanti, Initiatives feminines, Paris, 1906,
        <pb n="369" />
        Das sozialkatholische Zentrum 
343 
zahl ist mit 10000 eher zu niedrig bemessen. Was die Arbeiter 
berufsvereine betrifft, so bildet deren Gründung und Ausbreitung 
zwar einen wesentlichen Programmpunkt der sozialkatholischen 
Doktrin ; das ganze Zukunftsideal der korporativen Wirtschafts 
ordnung ist auf dieselben aufgebaut. Bis jetzt aber ist man im 
sozialkatholischen Lager in der Hauptsache darauf angewiesen, 
Einfluß auf Arbeitsbörsen, „gelbe“ und „rote“ Syndikate zu er 
streben. 
Der volkswirtschaftliche Unterricht an den katholischen 
Universitäten Frankreichs 1 ) bewegt sich traditionell im Fahr 
wasser des Nichtinterventionismus. Eine Ausnahme macht je 
doch Lille. Dort besteht eine 1893 gegründete Ecole des 
Sciences sociales et politiques, welche mit der juristischen 
Fakultät des dortigen Institut catholique verbunden ist. An der 
selben kommen katholische Volkswirte aller Richtungen und 
auch des Auslandes zum Wort. Die Schule ist in erster Linie 
für Juristen, welche sich der politischen Laufbahn oder der 
Journalistik widmen wollen, sowie für junge Geistliche bestimmt. 
Sie umfaßt drei Abteilungen: 1. allgemeine Vorlesungen, 
2. Spezialvorlesungen, 3. praktische Arbeiten. Neuerdings wur 
den noch „Conférences d’Anthropologie et de Biologie“ ange 
gliedert. Die Vorlesungen der ersten Abteilung sind die durch 
die staatlichen Unterrichtsprogramme für die juristischen Fakul 
täten vorgeschriebenen staatsrechtlichen und nationalökonomi 
schen Vorlesungen. Diese erstrecken sich auf vier Jahre und 
bereiten auf das juristische Lizentiat bezw. auf das „Doc 
torat ès-sciences politiques et économiques“ vor. Zu den vor 
geschriebenen Lehrfächern: Staats-, Verwaltungs- und Völker 
recht, vergleichendes Verfassungsrecht und Geschichte des 
öffentlichen Rechts in Frankreich, treten an der katholischen 
Universität Lille: Naturrecht, Kirchenrecht und Apologetik. Die 
Vorlesungen der nationalökonomischen Abteilung sind: National 
ökonomie für das Lizentiat und Nationalökonomie für das Doktorat, 
dann die Doktoratsfächer : Geschichte der volkswirtschaftlichen 
&gt;) Bis August 1909 bestanden sechs Instituts catholiques in Paris, Lyon, 
Lille, Angers, Toulouse und Bordeaux. Durch päpstliches Breve wurden neuer 
dings diejenigen von Lyon, Angers, Toulouse und Bordeaux aufgehoben. Nur 
die von Paris und Lille bestehen zur Zeit fort.
        <pb n="370" />
        344 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Doktrinen, Gewerbegesetzgebung, Finanzwissenschaft und Steuer 
gesetzgebung. Gegenüber anderen Fakultäten ist diese Be 
setzung der volkswirtschaftlichen Fächer, welche sich auf das 
strikte Minimum beschränkt, eher dürftig. Um so reichhaltiger 
ist dafür der Lehrplan der Spezialvorlesungen. Wir haben uns 
darunter Vorträge über öffentlich-rechtliche, staatswissenschaft 
liche und geschichtliche Themata vorzustellen, von denen jedes 
in zwei, vier, sechs bis zwanzig Stunden erledigt wird. Auf 
den einzelnen Wochentag kommen eine bis zwei dieser Spezial 
vorlesungen. Sie erstrecken sich auf das ganze Studienjahr 
(November bis Juni). Sie werden zum Teil von Professoren 
der Universität abgehalten, zum Teil von auswärtigen Herren '). 
Die Leitung der Ecole des Sciences sociales et 
politiques in Lille setzt ihren Stolz darin, jedes Jahr voll 
ständig neue Programme von Spezialvorlesungen zu bieten 2 ). 
Die Zahl der an der Anstalt Studierenden wird als „sehr groß“ 
angegeben. Die dritte Abteilung: Praktische Arbeiten, umfaßt 
einen „Cercle d’Etudes“ für öffentliches Recht und einen solchen 
für Nationalökonomie. Beide veranstalten Seminararbeiten, Ex 
kursionen und Übungen in parlamentarischer Debatte 3 ). 
1) Seit dem Rücktritt des Le Playschülers Béchaiix liegt der national 
ökonomische Unterricht am Institut catholique von Lille in den Händen der Sozial 
katholiken: M. Vanlaer, E. Duthoit und Boissard. 
2 ) Probeweise seien einige Vorlesungen aus den drei letzten Jahren an 
geführt : 
Ch. Brun, Le Mouvement regionalste en France. — Martin Saint-Léon, 
La Question des Classes moyennes, Petite industrie, Petit commerce, Petite cul 
ture, Petits fonctionnaires. — Cetty, Stadtpfarrer in Mülhausen: La Législation 
sociale et le Mouvement syndical en Allemagne. — Paul de Rousiers, Le Mouve 
ment d’exportation et la Politique douanière de l’Allemagne. — Plichon, Le 
Rachat des Chemins de fer. — Carton de Wiard, l’Action sociale en Belgique. 
— Max Turmann, Les Coopératives de Consommation. — Martin Saint-Léon, 
Les Partis revolutionäres en France: Socialistes, Syndicalistes, Anarchistes. — 
Duval-Arnould, Les Transports en commun dans les grandes villes et parti 
culièrement à Paris. — Selosse, Les nouveaux travaux de la Conférence de la 
Haye. — Boissard, Les Emprunts d’Etat, usw. 
3 ) Der uns vorliegende Jahresbericht der Schule schweigt sich über das 
nationalökonomische Cercle d’Etudes aus. Das Hauptaugenmerk des Professors 
der Nationalökonomie E. Duthoit scheint auf das System der Verhältniswahl 
gerichtet zu sein ; das von ihm und Professor Fleurquin geleitete Cercle d'Etudes 
de Droit public veranstaltete ausschließlich Vorträge über Fragen der Wahl 
systeme. Der Behandlung der in Deutschland und in der Schweiz üblichen
        <pb n="371" />
        Das sozialkatholisclie Zentrum 
345 
Die wichtigste Einrichtung, über welche die sozialkatholische 
Schule verfügt, ist — von unserem Gesichtspunkte aus — die 
schon früher erwähnte Union d'Etudes des Catholiques sociaux. In 
diesem Ausschuß verkörpern sich die Tendenzen zur Vermitt 
lung zwischen der bestehenden individualistischen Gesellschafts 
ordnung und der christlichen korporativ-feudalen des hohen 
Mittelalters, in deren Richtung die Entwicklung der sozial- 
katholischen Doktrin seit zwanzig Jahren liegt. Unter dem 
Einfluß von A. de Muti, Abbé Lemire, Henri Lorin, Savatier, Za- 
manski u. a. lenkt die Union d’Etudes die Aufmerksamkeit 
der sozialkatholischen Kreise von den prinzipiellen Fragen, ob 
individualistische oder korporative, ob hierarchische oder demo 
kratisch gleichheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung 
ab und auf unmittelbare praktische Reformfragen hin. Es 
leuchtet ein, daß diese Taktik die Vereinheitlichung der sozial 
katholischen Bewegung zu fördern geeignet ist. Zur Lösung 
der heiklen Frage, ob mittelalterliche Zwangskorporationen oder 
freie Berufsgenossenschaften, hat die Union d’Etudes die 
elegante Kompromißformel : „freie Gruppierungen in den gesetz 
lich organisierten Gewerben“ vorgeschlagen 1 ). Im übrigen hat 
der Ausschuß Programmsätze formuliert 2 ), Gesetzesvorlagen aus 
gearbeitet und debattiert 3 ) und wissenschaftliche Arbeiten seiner 
Mitglieder und Mitarbeiter veranlaßt 4 ), alles Dinge, welche 
Wahlsysteme wurde viel Zeit und Raum gewidmet. Die Herren Duthoit und 
Fleurquin geben übrigens eine Vierteljahrschrift Le Proportionnalité heraus, 
welche der Propaganda für den Proporz dient. Im übrigen ist Professor Duthoit 
ein entschiedener Anhänger von de la Tour du Pin und eifriger Mitarbeiter der 
Association catholique. 
]) Max Turmann, Le Développement du Catholicisme social depuis 
b Encyclique Rerum novarum, Paris, 1900, p. 80 ff. 
2 ) Z. B. die früher erwähnte Einigung auf getrennte Berufsorganisationen 
der Arbeitgeber und Arbeiter mit gemeinschaftlichen Ausschüssen, statt gemein 
schaftlicher Organisationen (syndicats mixtes). 
8 ) Z. B. die von de Mun in der Kammer eingebrachten Vorlagen die 
Sozial Versicherung betreffend, auch die zahlreichen von Abbé Lemire meist selbst 
ausgearbeiteten und von ihm in der Kammer eingebrachten sozialpolitischen 
Gfesetzprojekte. 
4 ) Z. B. die Arbeiten des Stenographen der luxemburgischen Kammer 
J. Depoin über Börsenwesen, Spekulation und moderne Formen des Wuchers 
(Association catholique, 1898, Bd. II, p. 58 ff.), welche einem 1897 in den 
„Réunions françaises de Revues catholiques sociales“ zustande gekommenen
        <pb n="372" />
        346 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
schätzenswerte Beiträge zum Detailausbau der sozialkatholischen 
Doktrin darstellen. 
Die literarische Produktion der sozialkatholischen Schule 
ist eine erhebliche. In der Leitung der Zeitschrift VAssociation 
catholique wurde de Segur-Lamoignon 1898 von Savatier abgelöst. 
Diesem steht seit kurzem Zamanski als Generalsekretär zur 
Seite. Die offizielle Zeitschrift der Schule hat seit 1890 in 
La Sociologie catholique einen Ableger 1 ). Die Association de 
la Jeunesse catholique hat sich in: Les Annales de la 
Jeunesse catholique ein vierteljährlich erscheinendes Organ ge 
geben. Mehrere Sammlungen kleinerer und größerer Mono 
graphien, teils Dutzendware, teils Arbeiten von wissenschaft 
lichem Werte 2 ), haben jede mehrere hundert Nummern erreicht 
und wachsen rasch weiter. So die von dem katholischen Groß 
verlag Bloud et Cie. herausgegebenen Sammlungen: Questions de 
Sociologie und Science et Religion. Desgleichen die von der Action 
populaire, einer kleinen Gruppe von Sozialkatholiken, veröffent 
lichten Traktate. Dieselbe Vereinigung gibt auch ein Jahrbuch: 
Guide social heraus, welches knapp über die soziale Bewegung- 
Frankreichs und dürftig über die des Auslandes berichtet. An 
Flugschriften der verschiedensten Art fehlt es nicht. 
An die Stelle des Ott sehen Lehrbuches der Volkswirt 
schaftslehre ist das 1896 zum ersten Male aufgelegte „Cours 
d’Economie sociale“ des Jesuiten Ch. Antoine (3. Ausl., Paris 
1905) als offizielles Lehrbuch der sozialkatholischen Schule ge 
treten. Es ist aus Vorlesungen hervorgegangen, welche an 
der katholischen Universität Angers abgehalten wurden. Es 
ist ein Meisterstück wissenschaftlicher Diplomatie. Der Autor 
verbindet die Achtung vor den Grundsätzen des scholastischen 
Naturrechtes, der katholischen Moraltheologie und der Enzykliken 
Programm zur Reglementierung der Börse zugrunde liegen. Hauptpunkte des 
selben sind: Verbot des Terminhandels, Registrierungspflicht einer jeden Eigen 
tumsübertragung von Wertpapieren, möglichste Prohibieruug alles unpersönlichen 
Eigentums, also vor allem aller Inhaberpapiere usw. 
’) 1905 nahm die Association Catholique den Untertitel Revue du Mouve 
ment catholique social an ; sie erscheint seither in verringertem Umfang. 
2 ) Eine vorzügliche Arbeit ist z. B. Victor de Clercq, Les Doctrines sociales 
catholiques en France depuis la Révolution jusqu’à nos jours, Bd. 145—146 der 
Sammlung: Science et Religion, 4. Ausi., Paris, 1905.
        <pb n="373" />
        Das sozialkatholische Zentrum 
347 
Leos XIII. mit einem hoch entwickelten Sinn für das Tatsäch 
liche. Mit bewundernswerter Grazie und Eleganz geht er einen 
Weg der mittleren Linie, häufig an die Art Pellegrino Possis er 
innernd 1 ). 
Die deutsche ethisch-historische Schule, die christlichen 
Sozialpolitiker Deutschlands, die französischen Universitätslehrer 
und der französische Sozialkatholizismus sind dem Verfasser alle 
nur eins: die große interventionistische Schule der National 
ökonomie. Sie bewegt sich in den Traditionen des christlichen 
Staates des Mittelalters, welche die französische Revolution ge 
waltsam unterbrochen hat. Nach dieser Verbeugung nach rechts 
bekennt sich der Verfasser zur bestehenden individualistischen 
Wirtschaftsordnung, entwickelt die römisch-rechtliche Eigentums 
lehre als die einzig richtige, von der katholischen Theologie 
sanktionierte, und behandelt das Corporations- und Genossen 
schaftswesen als Dinge von untergeordneter Bedeutung. 
Die starke Seite des Antoine sehen Lehrbuches liegt darin, 
daß es immer und überall von dem Gesichtspunkt geleitet ist, 
die Lehre und Politik des Sozialkatholizismus müßten nicht nur 
den a priori aufzustellenden Grundsätzen entsprechen, sondern 
auch der Kontrolle der Beobachtung und Erfahrung unterworfen 
sein. Deduktion und Induktion müssen sich also die Hand 
geben. Die Quellen, aus denen die christliche Nationalökonomie 
die Prämissen der Deduktion schöpft, sind einerseits : das kirch 
liche Dogma, die volkswirtschaftlichen Anschauungen, welche 
uns in den Enzykliken Leos XIII. entgegen treten, das Natur 
recht und dessen Anwendungen in der Moraltheologie ; anderer 
seits: die Gesetze der „reinen“ Ökonomik. Aus diesen beiden 
Arten von Quellen sind die unmittelbaren Regeln der mensch 
lichen Tätigkeit zu folgern. Die Rolle der Induktion ist: 1. die 
allgemeinen Grundsätze der menschlichen Tätigkeit durch das 
b Au einer Stelle (p. 14 der 3. Ausi.) macht Antoine sich übrigens ein 
Argument zu eigen, welches wir bei P. Rossi begegneten: „Die Wissenschaft, 
welche das materielle Gedeihen der Gesellschaft und die Güterwelt zum Gegen 
stand hat, muß jener andern untergeordnet sein, die das gesamte Gedeihen, 
die Gesamtentwicklung des sozialen Körpers zum Gegenstand hat. Die Sozial 
ökonomie ist notwendig der allgemeinen Politik untergeordnet und im Konflikts 
falle muß diese über jene den Vorrang haben: der Teil muß dem Ganzen 
weichen.“
        <pb n="374" />
        348 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Studium der Tatsachen zu bestätigen; 2. diejenigen Geister zu 
überzeugen, für die die Lehren der Geschichte und der Erfah 
rung heller leuchten, als die der rationellen Analyse; 3. in jedem 
konkreten Fall die Wahl desjenigen aphoristischen Prinzips zu 
bestimmen, welches zur Anwendung zu kommen hat, d. h. die 
Opportunität der Verwirklichung einer rationell als an sich guten 
Einrichtung in einem gegebenen Falle zu bestimmen 1 ). 
Das Lehrbuch Antoines umfaßt zwei Teile: eine Grund 
legung der christlichen Gesellschaftslehre und eine Abhandlung 
über die wirtschaftliche Ordnung in drei Abschnitten: Produk 
tion, Verteilung, Verbrauch. Naturgemäß nehmen alle Fragen 
der staatlichen Intervention, also insbesondere die Arbeiterfragen, 
einen breiten Raum ein. Der hervorragende Sinn des Autors 
für das Wirkliche, Mögliche und Opportune kommt in allen 
Detailfragen wirksam zur Geltung und bewirkt, daß das Ganze 
den Eindruck einer eleganten Abfindung der Scholastik mit der 
kapitalistischen Wirtschaftsordnung hinterläßt 2 ). 
Georges Goyau 3 ), der über eine hervorragende schrift 
stellerische Begabung verfügt, ist bestrebt, die religiöse Funda 
mentierung des Sozialkatholizismus in seinen Schriften in den 
Vordergrund zu stellen. Seine Art wird vorzüglich durch fol 
genden Passus illustriert, den man als das Leitmotiv aller seiner 
Werke bezeichnen kann : „Der Sozialkatholizismus ist eine Dok 
trin. Er umfaßt zwar viele Detailfragen der praktischen An 
wendung, über die noch lange wird gestritten werden. Aber 
die Hl. Schrift, speziell das Neue Testament, liefert ihm seine 
grundlegenden, für jeden Christen unwiderleglichen Maximen. 
') Ch. Antoine loc. cit. p. 13 ff. 
2) Ganz besonders charakteristisch für die Methodik Antoines ist seine 
IPeridefinition. „Der Wert,“ schreibt er, „ist die Fähigkeit der Dinge, wegen 
ihrer inneren oder äußeren Vorzüge geschätzt zu werden, oder kürzer: die 
Schützbarkeit (estimabilite) eines Dinges wegen deasen absoluter oder relativer 
Güte. Der Wert ist ethisch, ästhetisch, politisch, wirtschaftlich, je nachdem die 
Vorzüge der einen oder andern dieser Ordnungen angehören. So definiert, ver 
meidet dieser allgemeine Wertbegriff zwei Klippen: er ist weder vollständig 
objektiv, noch rein subjektiv.“ Ch. Antoine loc. cit. p. 300—301. 
3 ) Georges Goyau, Autour du Catholicisme social, bisher 4 Bde., Paris, 
1898—1909. Gesammelte Aufsätze aus La Quinzaine und nach deren Eingehen 
(1907) aus Revue des Deux Mondes (Bd. 1 und 2 in 3. und 4. Aufl., Paris 1901 
bis 1902). — Derselbe veröffentlichte unter dem Pseudonym Léon Grégoire, Le 
Pape, les Catholiques et la Question sociale, 3. Aufl. Paris, 1899.
        <pb n="375" />
        Das sozialkatholische Zentrum 
34W 
Sein Katechismus ist sehr einfach : er enthält zwei große Ab 
schnitte, von denen der eine die Beziehungen des Menschen zu 
den irdischen Gütern, der andere die Beziehungen der Menschen 
untereinander betrifft. An der Spitze des ersten Abschnittes 
stehen folgende wesentlichen Sätze: Im Schweiße deines An 
gesichts sollst du dein Brot essen (Genesis); wer nicht arbeiten 
will, soll auch nicht essen (Paulus); die Güter sind zum gemein 
samen Gebrauche aller da (Thomas von Aquin). Der zweite 
Abschnitt wird von der Idee beherrscht, daß der Wille des 
Menschen, selbst wenn er durch Verträge festgestellt und rati 
fiziert ist, gegen die natürliche Gerechtigkeit nicht gelten kann ; 
daß diese natürliche Gerechtigkeit allen die Pflicht und das 
Recht zum Leben verleiht ; daß diese Pflicht unverletzlich und 
dieses Recht unveräußerlich ist ; daß gewisse Mißbräuche unserer 
Wirtschaftsordnung an sich schlecht und dem christlichen Rechte 
entgegen sind, selbst wenn die, welche darunter leiden, sie ak 
zeptieren. Das ist das Credo der Sozialkatholiken“ *). 
Der apostolische Missionar de Pascal, Professor am Col 
lège libre des Sciences sociales, wirft sich zum Ver 
teidiger des Gesetzes der historischen Kontinuität auf und macht 
sich die soziologische Analogie der menschlichen Gesellschaft 
mit dem lebenden Organismus zu eigen 2 ). 
Max Turmann, Professor der Staats Wissenschaften an der 
Universität Freiburg in der Schweiz, hat ein von der französi 
schen Akademie preisgekröntes Werk geschrieben, welches einen 
vollständigen Überblick über die Entwicklung der Doktrin seiner 
Schule seit der Enzyklika Rerum novarum geben will 3 ). Er 
gruppiert die sozialkatholischen Anschauungen um die Begriffe : 
Arbeit, Familie, berufliche Organisation, Intervention der öffent 
lichen Gewalten, Kapitalismus, internationaler Arbeiterschutz. 
Dabei stellt er unter anderem fest, daß die Sozialkatholiken das 
Eigentum, das private wie das kollektive, schützen, aber den 
Kapitalismus, d. h. „das System, welches dem Kapital eine über- 
‘) Gr. Goyau, Autour du Catholicisme social, Bd. I, p. 14—15. 
2 ) P. de Pascal, Les lois essentielles de la Société, in: Association catho 
lique, 1900, Bd. Il, p. 102 ft’. Vgl dazu: M. Eblé, Les Ecoles catholiques d’Eco- 
nomie politique et sociale en France, Paris, 1905, p. 323 ff. 
8 ) Max Turmann, Le développement du Catholicisme social depuis l’En 
cyclique Herum novarum, Paris, 1900.
        <pb n="376" />
        350 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
wiegende und mißbräuchliche Stellung zum Schaden der Arbeit 
einräumt,“ verdammen. In vielen Punkten jedoch, die den 
Kapitalismus betreffen, sei man noch zu keiner definitiven 
Lösung gekommen *). Das Werk von Tur mann hat den schätz 
baren Vorzug, den deduktiven, scholastisch-philosophischen Auf 
bau des sozialkatholischen Systems bis in die letzten Veräste 
lungen der schier endlos detaillierten, interventionistischen Maß 
nahmen überraschend klar vor Augen zu führen. Während aber 
der Sozialkatholizismus für de la Tour du Pin etwas spezifisch 
Französisches ist, sucht ihn Tur mann als international zu er 
weisen 2 ). 
Der Dominikaner A. D. Sertillanges, Professor der Ethik 
am Institut catholique in Paris, hat Vorlesungen über den Sozialismus 
veröffentlicht 3 ), in welchen seine Sympathien für die christ 
lichen Demokraten und sein nach links gerichteter Standpunkt 
zum Ausdruck kommen. Neben den bereits früher erwähnten 
Peden von A.deMun sind diese V orlesungen von Sertillanges 
die beste Quelle zur Orientierung über die vielen Berührungs 
punkte zwischen dem Sozialkatholizismus und dem Sozialismus. 
Diesem letzteren am nächsten von allen Sozialkatholiken 
steht Raoul Jay, Professor an der juristischen Fakultät des Staates 
in Paris. Er hat sich durch eine Reihe von streng wissen- 
') ibid. p. 151 ff., p. 169. 
2 ) Von andern Werken, welche sich mit der Darstellung der sozialkatho 
lischen Doktrin befassen, sind noch die Dissertationen von Nonicat und M. EbU 
zu nennen, sowie das ganz vorzügliche Werk von Oscar de Férenzì, L’Union 
des Catholiques de France. Das Kapitel: Catholicisme social dieses Werkes 
zeichnet in scharfen, eindrucksvollen Zügen alle wesentlichen Elemente der 
sozialkatholischen Doktrin. Die Dissertation von Pierre Monicat (Contribution 
à l’Etude du Mouvement social-chrétien au XIX me siècle, Lyoner Dissertation, 
1900) kann als Einführung in die Ideenwelt, die uns hier beschäftigt, und als 
Materialiensammlung empfohlen werden. Die Dissertation von Maurice EbU 
(Les Ecoles catholiques d’Economie politique et sociale en France, Pariser 
Dissertation, 1905) gibt insofern ein unrichtiges Bild von der tatsächlichen Lage 
der Dinge, als sie im Übereifer rationaler Analyse die trennenden Momente im 
katholischen Lager viel zu scharf betont und geradezu künstlich ausbaut. Der 
Verfasser muß sich bewußt gewesen sein, daß er zu weit gegangen, denn im 
Schlußkapitel gibt er sich redlich Mühe, möglichst viele Berührungspunkte der 
verschiedenen Standpunkte aufzudecken, welche eine zukünftige Vereinheit 
lichung der Anschauungen in sichere Aussicht stellen. 
3 ) A. D. Sertillanges, Socialisme et Christianisme, Paris, 1905.
        <pb n="377" />
        Das sozialkatholische Zentrum 
351 
schaftlichen und gründlichen Arbeiten über Arbeiterschutz- und 
Arbeiterversicherungsfragen einen Namen gemacht. Er ruft die 
Staatshilfe gegen die von ihm geschilderten Mißstände in weit 
gehendstem und einschneidenstem Maße an. Er ist der radi 
kalste Interventionist unter den Sozialkatholiken sowohl, als 
unter den Professoren der Nationalökonomie an den juristischen 
Fakultäten Frankreichs 1 ). 
Zwei tüchtige Männer der Wissenschaft besitzen die Sozial 
katholiken in den am Musée social beamteten Herren Etienne 
Martin Saint-Léon und Léon de Seilhac. Ersterer hat eine 
bereits in zweiter Auflage vorliegende Zunftgeschichte Frank 
reichs geschrieben, welche sich den großen wirtschaftsgeschicht 
lichen Werken Le vasseurs und d’Avenels ebenbürtig zur 
Seite stellt. Viel bemerkt wurde desselben Autors populär 
wissenschaftliche Darstellung der Kartellfrage; er hat für diese 
hauptsächlich die einschlägige deutsche und amerikanische 
Literatur benützt 2 ). Léon de Seilliac hat die französische Arbeiter 
bewegung zum Gegenstand seiner Spezialforschungen gemacht 
und bereits eine Reihe mustergültiger Monographien darüber 
veröffentlicht. Diese zeichnen sich durch reichhaltige und viel 
seitige Dokumentierung, welche übrigens eine intime, persön 
liche Fühlungnahme des Autors mit den verschiedenen sozialisti 
schen Milieus verrät, und durch eine große Lebendigkeit der 
Darstellung aus 3 ). 
Der praktisch erfolgreichste unter den französischen Sozial 
katholiken ist, neben Albert de Mun, Abbé Lemire, der zwar 
wenig schriftstellerisch 4 ), um so mehr aber parlamentarisch tätig 
1) Näheres über Raoul Jay siehe unten: Buch III, 1. Kapitel. 
2 ) Etienne Martin Saint-Léon, Histoire des Corporations de Métiers. Depuis 
leurs origines jusqu’à leur suppression en 1791, 2. AuflL, Paris, 1909. 
Derselbe, Cartels et Trusts, 2. Ausi., Paris, 1904. 
3 ) Leon de Seilhac, Les Congrès Ouvriers en France de 1876 à 1897, 
Paris, 1899. — Les Grèves, Paris, 1901. — Le Monde Socialiste, Paris, 1904. 
— Derselbe hat ferner ein: Manuel pratique d’économie sociale (Paris, 1904) 
verfaßt, welches praktische Auskünfte und Anweisungen über die Gründung 
und Geschäftsleitung von Berufsvereinen und jeder Art von Genossenschaften gibt. 
4 ) Neben Abbé Lernires zahlreichen Gesetzentwürfen, welche in der Samm 
lung der Drucksachen der französischen Abgeordnetenkammer, sowie auch in 
der Association catholique, abgedruckt sind (1894—1909), sind von ihm zu nennen:
        <pb n="378" />
        ¿352 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
ist. Er ist der Urheber der französischen Homestead- und 
Arbeiterwohnungsgesetzgebung, sowie einer Reihe anderer sozial 
politischer Gesetze 1 ). Er ist der Gründer der Ligue française 
du Coin de Terre et du Foyer und Vorsitzender der Société des 
Jardins ouvriers de Paris et de la Banlieue. 
Einen hervorragenden Rang unter den französischen Sozial 
katholiken behauptet ferner Jean Brunhes, Professor der Geo 
graphie und Anthropogeographie an den Universitäten Freiburg 
in der Schweiz und Lausanne 2 ). Brunhes begründete den 
Unterricht der Anthropogeographie in Frankreich, wo er 
Schule machte, durch mehrjährige Vorlesungen, welche er 
im Collège libre des Sciences sociales in Paris ab 
hielt 3 ). Er und seine Gattin sind eifrige Mitarbeiter der sozial 
katholischen Zeitschriften (Anthropogeographie, Frauenfrage, 
soziale Wohlfahrtspflege) und tätige Mitglieder bezw. Gründer 
einer ganzen Reihe von Wohlfahrtseinrichtungen in Frankreich 
und der französischen Schweiz. 
Damit schließen wir unsere Aufzählung sozialkatholischer 
Schriftsteller, welche auf Vollständigkeit keinen Anspruch erhebt, 
sondern nur ein anschauliches Bild des Milieus geben will. 
Das Resultat der Entwicklung der sozialkatholischen Doktrin 
in den letzten 20 Jahren ist in großen Zügen etwa folgendes : 
der sozialkatholische Aufbau der menschlichen Gesellschaft 
bedingt vier Faktoren. Diese sind: 1. Leitende Mitwirkung 
der Kirche, 2. gemäßigte, progressive sozialpolitische Gesetz 
gebung, 3. genossenschaftliche Selbsthilfe, 4. private Wohlsahrts- 
Le Cardinal Manning et son Action sociale, 1899; Le Coin de Terre et le Foyer, 
Monatschrift von L. verfaßt, erscheint seit 1897 ; ferner Premier Compte Rendu 
du Congrès international des Jardins ouvriers (1903—06). 
P Z. B. das Gesetz vom 15. Nov. 1894 betreffs die Konstituierung eines 
Kollektivpatrimoniums zugunsten der „inscrits maritimes“, eine Novelle zu dem 
Gesetz vom 2. Nov. 1892 betreffs Schutz der Frauen- und Kinderarbeit; eine 
Gegenvorlage vom 16. Nov. 1896 betreffs die Wahl der Senatoren durch beruf 
liche Organisationen usw. 
2 ) Von Jean Brunhes erwähnen wir: La Méthode géographique appliquée 
aux Sciences sociales, Paris, Alcan, und das preisgekrönte Werk: Les Irriga 
tions, Paris, 1898, welches die Bewässerungsanlagen in den Mittelmeerländern 
geographisch und volkswirtschaftlich behandelt. 
3 ) Die ersten dieser Vorlesungen behandelten: das Haus als sozialgeogra 
phische Tatsache in der Mittelmeerwelt; die soziale Bolle des Wassers usw.
        <pb n="379" />
        Das sozialkatholische Zentrum 
353 
pflege. Die praktische Betätigung dieser vier Faktoren bestellt 
in : Begünstigung der Wiederherstellung von Berufsorganisationen 
und zwar paralleler, der Arbeitgeber und Arbeiter mit gemein 
samen Ausschüssen; Festsetzung eines Minimallohnes durch 
öffentlich-rechtliche Norm, Festsetzung des Normallohnes in jedem 
Berufe durch die berufliche Gerichtsbarkeit oder die Berufs 
organisation unter Bestätigung durch staatliche Behörden ; 
Schaffung von Arbeiterausschüssen, Einigungsämtern usw. ; all 
mähliche Ersetzung des Arbeitslohnes durch Gewinnbeteiligung ; 
gesetzliche Festsetzung des Maxima] arbeitstages für erwachsene 
Arbeiter, Frauen und Kinder; Regelung der normalen Arbeits 
dauer durch die Berufsorganisationen; Verbot der Frauenarbeit 
in den Bergwerken; Verbot der Nachtarbeit der Frauen und 
jugendlichen Arbeiter; Arbeitsverbot für Wöchnerinnen; all 
gemeines Verbot der Sonntagsarbeit; hygienische Arbeits 
bedingungen und Uns all verhütungs Vorschriften; obligatorische, 
von den Arbeitgebern allein zu speisende Unfallversicherung ; 
Mitwirkung des Staates bei Kranken-, Arbeitslosen- und Alters 
versicherung ; Schaffung unveräußerlicher Familiengüter und eines 
kollektiven Patrimonialbesitzes der Berufsorganisationen der Ar 
beiter; Förderung aller sozialen Wohlfahrtspflege, welche privater 
Initiative entspringt; Schaffung mit Gesetzgebungsgewalt aus 
gerüsteter Körperschaften, welche von den Berufsorganisationen 
gewählt werden; Verbot für Staatsbeamte und Volksvertreter, 
sich an finanziellen Spekulationen zu beteiligen; Reglemen 
tierung der Börse; Erschwerung der Gründung von Aktien 
gesellschaften usw. usw. 1 ). 
Wie man sieht, sind seit de Muns Programm von St. 
Etienne Fortschritte gemacht worden. Die korporativen Grund 
sätze der Gründer des Sozialkatholizismus und die damit zu 
sammenhängenden Forderungen sind keineswegs beiseite gestellt; 
im Gegenteil, sie haben sich, bei aller Zurückhaltung des rechten 
royalistischen Flügels in den 90er Jahren, hauptsächlich durch 
den Einfluß des Neudrucks von Otts Lehrbuch, siegreich be 
hauptet und präzisiert. Andererseits erstarkte aber auch die 
J ) Vgl. zu dieser Zusammenstellung: Comte A. de Mun, Discours et Ecrits 
divers, Bd. 6 und 7, Paris, 1904 passim; Ch. Antoine loc. cit. p. 266 ff., M. Tur- 
mann loc. cit. passim ; Association catholique, passim, 
de Wall a, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
23
        <pb n="380" />
        354 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Tendenz, sich mit der bestehenden Wirtschaftsordnung abzu 
finden, und die Postulate interventionistischer Gesetzgebung 
wurden in detaillierter Weise ausgebaut. Es ist heute noch 
nicht abzusehen, ob sich die sozialkatholische Schule schließlich 
als Ganzes für das Ideal einer korporativen Wirtschafts- und 
Gesellschaftsordnung, zu welchem der rechte und der linke 
Flügel hinstreben, entscheiden wird, oder ob man, unter grund 
sätzlichem Festhalten an der bestehenden individualistischen 
Ordnung, bei einem mehr oder weniger weitgehenden staat 
lichen Interventionismus wird stehen bleiben.
        <pb n="381" />
        Buch III. 
Interventionismus, Solidarismus und 
Protektionismus. 
I. Teil. 
Der Interventionismus an den Universitäten. 
1. Kapitel. 
Vorläufer. 
Als Vorläufer der hier zu besprechenden Volkswirte kom 
men Sismondi und Dupont-White in Betracht. Eine Kontinuität 
zwischen diesen und den neueren Interventionisten besteht je 
doch nicht. 
Ch. L. Simonde de Sismondi (1773—1842)*) war der erste, 
der die Stimme gegen die klassische Schule zu erheben wagte. 
Wenn auch von italienischer Abstammung und meist in Genf 
lebend, gehört er doch dem französischen Kulturkreise an. 
Durch seine Methode greift er der historisch-realistischen 
Schule vor. Er trat als Historiker an das wirtschaftliche Er- 
*) Von Sismondis Schriften kommen für uns hauptsächlich in Betracht: 
Nouveaux Principes ¿'Economie politique ou de la Richesse dans ses rapports avec 
la Population, 2 Bde. Paris 1819 ; 2. wesentlich vermehrte Auflage, Paris 1827 ; 
und Etudes sur l’Economie politique, 2 Bde. Paris 1836—38. — Vgl. den aus 
führlichen bibliographischen Nachweis der Schriften Sismondis in dem vorzüg 
lichen Aufsatz von Ludwig Elster, Simonde de Sismondi, in Jahrbücher für 
N.-Ök. u. Stat. Neue Folge, Bd. 14, 1887, p. 321—382. — Vgl. ferner zu 
obigen Ausführungen: A. Aftalion, L’Oeuvre économique de Simonde de Sis 
mondi, Paris, Pedone, 1899. — Ch. Rist, Sismondi et les Origines de l’Ecole 
critique, in: Histoire des doctrines économiques von Charles Gide und Charles 
Rist, Paris, Larose, 1909, p. 197—229.
        <pb n="382" />
        356 
Der Interventionismus an den Universitäten 
sch einungsgebiet heran und beobachtete auf seinen Reisen durch 
England Tatsachen, welche nicht mit den einfachen, übereilten 
Verallgemeinerungen der orthodoxen Volkswirte übereinstimmten. 
Durch seinen Appell an das Gefühl, seine Sympathie für die 
Arbeiter, seine Kritik der grobindustriellen Entwicklung, des 
Konkurrenzsystems, sowie des persönlichen Interesses als alleiniger 
Triebfeder des wirtschaftlichen Handelns arbeitete er der im 
weitern Verlauf des XIX. Jahrhunderts spontan wieder auf 
lebenden Reaktion gegen das laisser faire vor. Durch seinen 
Appell an die Staatsintervention endlich ist er ein Vorläufer der 
Katheder- und Staatssozialisten. Er war der erste, der Arbeiter 
schutzgesetze verlangte, und der dem Staate wieder eine aus 
dem historischen Ineinandergreifen von Volkswirtschaft, Recht 
und Sitte sich ergebende Rolle im Wirtschaftsleben vindizierte. 
Sismondis unmittelbarer Einfluß auf die Zeitgenossen 
war gering; von den klassischen Volkswirten nahmen Blanqui 
und DroZj wie wir im I. Buch gesehen haben, von ihm die Ge 
danken an, daß den Verteilungsfragen nicht minder Aufmerk 
samkeit zuzuwenden sei als der Produktion der Güter, und daß 
staatliche Arbeiterschutzgesetze notwendig seien, ohne jedoch 
darum auf die klassischen Lehren zu verzichten. Die von 
Théodore Fix 1833 gegründete Revue mensuelle d’Economie politique, 
die nur ein kurzes Dasein fristete, stellte sich anfangs in den 
Dienst Sismondis, ging aber bald zur klassischen Schule 
über. Als direkten Schüler Sismondis kann man nur den 
jungverstorbenen Buret ansehen. Sein Buch „La Misère des 
classes laborieuses en France et en Angleterre“ (2 Bde. Paris, 
1841) ist von Sismondischen Ideen erfüllt. Wir haben im 
II. Buch gesehen, daß auch de Villeneuve-Bargemont häufig bei 
Sismondi schöpft. Mehr Beachtung fand letzterer bei den 
Sozialisten. Louis Blanc entnimmt ihm seine Argumente gegen 
die freie Konkurrenz, Rodbertus seine Krisentheorie, Karl Marx 
eine Reihe von Anschauungen, die er in den §§ 60 und 61 des 
kommunistischen Manifestes auszählt, und von denen die Ideen 
von der Konzentration des Kapitals in den Händen Weniger 
und der zunehmenden Verelendung der Massen die Hauptsache 
sind. Erst nach dem siegreichen Durchdringen der deutschen, 
historisch-ethischen Schule erinnerte man sich Sismondis; 
seine Werke wurden neu gedruckt und übersetzt, und die Insto-
        <pb n="383" />
        V orläufer 
357 
rische Kritik ließ es sich angelegen sein, dem seit Knies als 
Sozialisten Geltenden gerecht zu werden. Von französischen 
Arbeiten über Sismondi verdienen die eingangs zitierten von 
Aftalion und Rist gelesen zu werden. 
Dupont White war ein unter dem zweiten Kaiserreich ver 
einzelt dastehender Vorkämpfer des Interventionismus und 
Staatssozialismus*). Er hat die leitenden Ideen des Staats 
sozialismus sehr klar erfaßt und ausgedrückt. Der Lektüre der 
Werke von Comte und Littré verdankt er das Bestreben, das 
Individuum in enge Verbindung mit dem sozialen Milieu zu 
bringen, und die Idee, der Fortschritt als solcher sei das Ziel 
der menschlichen Gesellschaften. Unter dem Einflüsse Bûchez’ 
weist er dem Staate die Aufgabe zu, für den Fortschritt zu 
sorgen 1 2 ). Er begründet diese Forderung mit begeisterten Dithy 
ramben, denen die Idee zugrunde liegt, der Staat habe einen 
weit hohem sittlichen Wert als das Individuum 3 ). Mit großer 
Schärfe arbeitet Dupont-White den evolution!stischen Ge 
danken heraus, daß der Wirkungskreis des Staates sich mit 
zunehmender Kultur notwendig erweitere. Das mit dem Fort 
schritt der Kultur sich ausdehnende wirtschaftliche Betätigungs 
gebiet des Staates umfaßt: Wohltätigkeit und Nächstenliebe; 
staatliche Inangriffnahme gewerblicher Betriebe ; sukzessive 
Schutzmaßnahmen für die Arbeit von Frauen, Kindern und 
Sklaven ; Beeinflussung der Güterverteilung in einer dem Fühlen 
einer jeden Epoche entsprechenden Weise mittels „einer den 
hohem Klassen aufzuerlegenden Steuer, deren Ertrag zur 
1 ) Von Dupont-Whites Werken behandeln volkswirtschaftliche Fragen: 
Capital et Travail, Paris 1847. — LTndividu et FE tat, Paris 1856, erlebte 
mehrere Auflagen. — Eine mit Einleitung versehene Übersetzung von Stuart 
Mills Liberty, Paris 1860. — Ferner mehrere Artikel, die in der Revue des 
Deux Mondes erschienen sind. 
2 ) Der Staat, den Dupont-White meint, ist der Staat von 1789, der mo 
derne konstitutionelle Staat. 
3 ) Z. B. „Der Staat ist das Prinzip dessen, was in uns das Höchste ist. . . . 
Der Staat ist der Mensch ohne Leidenschaften, der Mensch auf einer Höhe, wo 
er mit der Wahrheit selbst in Verkehr tritt, wo er nur Gott und seinem Ge 
wissen begegnet. . . . Der Staat ist ein Zwischenwesen zwischen den Individuen 
und der Vorsehung . . ., der Mittler zwischen der absoluten Vernunft und dem 
menschlichen Geist.“ Dupont-White, LTndividu et l’Etat, p. 163 if., p. 165- 
Ähnliche Stellen passim durch das ganze Buch.
        <pb n="384" />
        358 
Der Interventionism us an den Universitäten 
Unterstützung und Belohnung der Arbeit verwendet wird“ *). 
Dupont-White stellt die Frage nach der Abgrenzung der 
respektiven Betätigungssphären des Staates und der Individuen 
und beantwortet sie wie folgt: „Nichts bietet sich bisher, was 
als Kriterium dienen könnte für die Trennung dessen, das dem 
Staate, von dem, was dem Individuum gehört. Man wird in 
jedem Einzelfalle, je nach der Lage, das Gleichgewicht zwischen 
diesen beiden Kräften herstellen“ 2 ). Und ferner : „Bedenkt 
doch, wenn ihr vom Individuum und dem Staate redet, daß es 
sich dabei um zwei Kräfte, wie das Leben und das Recht, 
handelt Am Recht ist es, dem Leben auf Schritt und 
Tritt zu folgen, indem es- dasselbe eindämmt oder anfeuert, je 
nachdem es ein Übriges tut oder ausläßt“ 3 ). Mit dem vollen 
Optimismus Bastíais, gegen den Dupont-White sich so 
temperamentvoll auflehnt, schließt er, daß dem Individuum 
bei aller Ausdehnung der Staatstätigkeit keine Gefahr drohe, 
weil das Individuum „das Leben“ und darum „unvergäng 
lich“ sei 4 ). 
Der Staatssozialismus von Dupont-White ist in Deutsch 
land von Adolf Wagner und andern an Intensität erreicht und an 
systematischem Ausbau übertreffen worden. In Frankreich 
aber stellt er einen Höhepunkt dar, hinter dem das inter 
ventionistische Denken seither zurückgeblieben ist. Die weitere 
Entwicklung dieses ist eng mit dem Eindringen der National 
ökonomie in die französischen Universitäten verknüpft. Darum 
zunächst davon. 
’) Dupont-White, Capital et Travail, p. 353, 398. — LTndividu et l’Etat, 
p. 81 ff. 
2 ) Dupont- White, LTndividu et l’Etat, p. 298 ff. 
8 ) Dupont-White, Einleitung zu Mills Liberty p. VU, XIII. 
4 ) ibid. p. LXXXIX. 
Über Dupont-AVhite vgl. Ch. Rist, Le Socialisme d’Etat, in: Gide et Rist, 
Histoire des doctrines économiques, Paris 1909, p. 509—513; Henry Michel, 
L’Idée de l’Etat, Paris 1896, p. 572—578.
        <pb n="385" />
        Entstehung und Organisation des Volkswirtschaft!. Unterrichts etc. 359 
2. Kapitel. 
Entstehung und Organisation des volkswirtschaftlichen Unter 
richts an den Rechtsfakultäten. 
Bis 1878 gab es an den Universitäten in Frankreich so 
gut wie keinen volkswirtschaftlichen Unterricht. Von den groß 
artigen Reformplänen der Unterrichtsminister de Salvandy unter 
der Julimonarchie und Duruy unter dem zweiten Kaiserreich, 
welche die Errichtung eigener staatswissenschaftlicher Fakul 
täten bezweckten, war nur ein bedeutungsloses Bruchstück zur 
Verwirklichung gekommen: ein freier Lehrstuhl für National 
ökonomie an der juristischen Fakultät in Paris (1864), den der 
Titular Batbie nach dem großen Kriege aufgab, wie wir im 
I. Buch gesehen haben, um sich ganz der Politik zu widmen. 
An der juristischen Fakultät in Nancy hielt andererseits der 
liberal-katholische de Metz-Noblat in den siebziger Jahren freie 
volkswirtschaftliche Vorlesungen. Darin erschöpfte sich der 
nationalökonomische Unterricht an den französischen Universi 
täten Diesem trostlosen Zustande wurde durch die Dekrete 
vom 26. März 1877 und 28. November 1878, welche die National 
ökonomie zum obligatorischen Prüfungsgegenstand für das 
juristische Lizentiat erhoben und an jeder der 14 juristischen 
Fakultäten des Landes einen Lehrstuhl für das neue Fach 
schufen, ein Ende gemacht. Die Vorlesung über Volkswirt 
schaftslehre fand im ersten juristischen Studienjahre Platz. Zu 
verdanken war die Reform von 1878 einerseits den Bemühungen 
von Duruy, Carnot, Jules Simon, de Parieu, andererseits dem 
wiederholt geäußerten Verlangen der Volkswirte der liberalen 
Schule, die von ihnen vertretene Wissenschaft möge in den 
staatlichen Universitäten Aufnahme finden. 
i) Daß allerdings an andern Hochschulen des Staates, am Collège de 
France, am Conservatoire des Arts et Métiers, an der landwirtschaftlichen Aka 
demie usw., ferner an der Ecole libre des Sciences politiques die Nationalöko 
nomie schon früher vertreten war, haben wir im I. Buch erfahren. Über die 
Vorgeschichte des Unterrichts in Nationalökonomie an den juristischen Fakul 
täten Frankreichs vergi. Henri Hauser, L’Enseignement des Sciences sociales, 
Paris, 1903, Buch H, p. 89 ff., p. 143 ff.
        <pb n="386" />
        360 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Die liberalen Volkswirte waren überzeugt gewesen, daß 
der nationalökonomische Unterricht nur Leuten aus ihren 
Reihen würde anvertraut werden können. Aber die Statuten 
der juristischen Fakultäten gestatteten nicht, andern als „agrégés“, 
oder ausnahmsweise Doktoren der Rechte, Lehrstühle zu geben. 
Zudem galt das Prinzip, daß jedes Mitglied einer Fakultät 
grundsätzlich als zum Dozieren sämtlicher an derselben ver 
tretenen Disziplinen befähigt zu gelten habe. Dementsprechend 
wurden die nationalökonomischen Lehrstühle, soweit nicht ältere 
Herren, wie Jourdan in Aix, aus spezieller Neigung sich dafür 
zur Verfügung stellten, dem dienstältesten „agrégé“ der be 
treffenden Fakultät zugeteilt. So sahen sich denn Romanisten 
und Zivilrechtler zu Nationalökonomen bombardiert und „durch 
fünfzehn Jahre“, schreibt Henri St. Marc, „bürgte nichts, gar 
nichts dafür, daß ein Professor der Nationalökonomie an den 
französischen Universitäten ein einziges Werk über die Wissen 
schaft gelesen habe, die er zu lehren beauftragt war“ l ). 
Erst 1891 wurde durch Reglement eine „agrégation“ in National 
ökonomie geschaffen, wodurch erreicht wurde, daß etwa seit 
1893 volkswirtschaftlich gebildete Lehrkräfte in die juristischen 
Fakultäten einziehen. 
Durch eine Reihe von Dekreten aus den Jahren 1889 bis 
1907 wurde die Reform von 1878 ganz im Sinne der ursprüng 
lichen Pläne von de Salvandy und Duruy ausgebaut. Ver 
anlassung dazu war das Militärgesetz von 1889. Dieses hatte 
die Begünstigung der einjährigen Dienstzeit, welche den Lizen 
tiaten der Philosophie und der Naturwissenschaften gewährt 
wurde, für Juristen an den Besitz des Doktordiplomes gebun 
den. Begreiflicherweise wurde nunmehr von den Studierenden 
der Rechte auf dieses Diplom, welches bis dahin ein seltener 
Luxusgegenstand geblieben war, Sturm gelaufen, und die Not 
wendigkeit, den für das juristische Doktorat verlangten Wissens 
stoff aktueller zu gestalten, wurde eine dringende. Fakultäten 
und Regierung entschlossen sich zu einer Spaltung: das juri 
stische Triennium und das dieses abschließende Lizentiat 
blieben unberührt; aus dem vierten, auf das Doktorat vor- 
’) Henry St. Marc, Etude sur l’Enseignement de l’Economie politique 
dans les Universités d’Allemagne et d’Autriche, Paris, 1892, p. 125.
        <pb n="387" />
        Entstehung und Organisation des Volkswirtschaft!. Unterrichts etc. 361 
bereitenden Studienjahr wurden die staats- und verwaltungs 
rechtlichen Disziplinen ausgeschieden und mit einer Reihe neu 
geschaffener, volkswirtschaftlicher und verwaltungsrechtlicher 
Lehrfächer zu einer Gruppe verbunden, welche den Gegenstand 
eines staats wissenschaftlich en, dem vierten juristischen parallelen 
Studienjahres abgab. Beide schließen fortan mit einem be 
sondern Doktorate ab : das juristische mit dem doctorat ès-sciences 
juridiques, das staatswissenschaftliche mit dem doctorat ès-sciences 
'politiques et économiques. Die Fächer des staatswissenschaftlichen 
vierten Studienjahres sind: a) öffentlich-rechtliche: Ge 
schichte des öffentlichen Rechtes Frankreichs, Verwaltungsrecht, 
Völkerrecht, vergleichendes Verfassungsrecht und französisches 
Staatsrecht; b) volkswirtschaftliche: «) Pflichtfächer: 
Nationalökonomie, Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehren, 
französische Finanzgesetzgebung und Finanzwissenschaft ; ß) Wahl 
fächer, von denen mindestens zwei gehört werden müssen: ge 
werbliche Gesetzgebung und Gewerbepolitik, landwirtschaftliche 
Gesetzgebung und Agrarpolitik, koloniale Gesetzgebung und 
Kolonialpolitik. Für diese Fächer wurden 1895—1898 an den 
vierzehn juristischen Fakultäten Lehrstühle errichtet. 1898 trat 
dazu je eine fakultative Vorlesung über Finanzgesetzgebung im 
letzten Semester des juristischen Trienniums; 1905 wurde das 
an Wichtigkeit und Ausdehnung täglich zunehmende Fach der 
gewerblichen Gesetzgebung und Gewerbepolitik als obligato 
risches dem Lehrplan des dritten Lizentiatsjahres eingeglie 
dert. 1907 endlich reihte man auf Anregung Levasseurs je einen 
zweiten Jahreskurs über Nationalökonomie als obligatorisches 
Fach in das zweite juristische Studienjahr ein. Damit fand die 
durch einige zwanzig Jahre zwischen den Rechtsfakultäten 
und dem Unterrichtsministerium erörterte Frage, ob nicht 
schon das juristische Triennium in ein privatrechtliches und 
ein staats wissenschaftliches zu spalten sei, eine vorläufig nega 
tive Lösung. Heute existieren also an den Rechtsfakultäten 
Frankreichs an volkswirtschaftlichen Lehrstühlen : 3 x 14—42 
für Nationalökonomie (1. 2. und 4. Studienjahr); 2 X 14 — 28 
für Finanzwissenschaft und -gesetzgebung (3. und 4. Studien 
jahr); 14 für Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehren (4. 
Studienjahr); 14 für Gewerbepolitik und -gesetzgebung (3. Studien 
jahr); 8 für Kolonialgetzgebung und -politik (4. Studienjahr);
        <pb n="388" />
        362 
Der Interventionismus an den Universitäten 
7 für Agrargesetzgebung und -politik (4. Studienjahr). Außer 
dem gibt es noch an der juristischen Fakultät in Paris einen 
von der Gräfin de Chambrun gestifteten Lehrstuhl für Sozial 
politik (Prof. Ch. Gide), sowie einen Lehrstuhl für Statistik 
(Prof. F. Faure). 
Die volkswirtschaftlichen Vorlesungen an den juristischen 
Fakultäten sind meist zwei- bis vierstündig und erstrecken sich 
auf das ganze Studienjahr ; das akademische Viertel kennt man 
in Frankreich nicht. Die Reform von 1907, durch welche der 
nationalökonomischen Vorlesung im ersten Studienjahr des ju 
ristischen Trienniums eine weitere im zweiten Studienjahr bei 
gegeben wurde, hat bereits die Veröffentlichung zweier, er 
weiterter Handbücher für Prüfungskandidaten zur Folge gehabt 1 ). 
Wie diese beiden Vorlesungen sich gegenseitig ergänzen, wird 
sich erst herausstellen müssen. Die Einteilung des Stoffes in 
Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaftspolitik hat keine 
Aussicht, in Frankreich Nachahmung zu finden. Die Vorlesung 
über Nationalökonomie im vierten, dem Doktoratsjahre, wird zu 
meist der eingehenderen Darlegung irgend eines Spezialgebietes 
gewidmet. In der Vorlesung über Geschichte der volkswirt 
schaftlichen Lehren wird der Tatgeschichte mehr oder weniger 
Raum gegeben. Allerdings genießt die Wirtschaftsgeschichte, 
für welche eigene Lehrstühle an den juristischen Fakultäten 
nicht bestehen 2 ), bei weitem nicht dieselbe Achtung wie in 
Deutschland. Die Vorlesungen über Gewerbegesetzgebung und 
9 Charles Gide, Cours ¿'Economie politique, Paris, 1909, Larose et Penin, 
eine erweiterte Bearbeitung der allbekannten „Principes ¿'Economie politique“ 
desselben Verfassers. — Ad. Landry, Manuel ¿’Economique, Paris, 1908, Giard 
et Prière. — Wir kommen unten auf beide zu sprechen. 
2 ) Wirtschaftsgeschichtliche Lehrstühle gibt es an französischen Hoch 
schulen drei: der 1869 für Levasseur am College de France geschaffene Lehr 
stuhl (Wirtschaftsgeschichte, -geographic und -Statistik); der 1900 aus dem Volks 
hochschulunterricht der Stadt Paris an das Conservatoire national des Arts et 
Métiers herübergenommene Lehrstuhl für Geschichte der Arbeit (früher Andre 
Réville, jetzt Georges Renard); endlich der für denselben Georges Renard (früher 
Professor an der Universität Lausanne und Herausgeber der Revue socialiste) 
1905 am Collège de France geschaffene Lehrstuhl ebenfalls für Geschichte der 
Arbeit. Levasseur liest über diejenigen Gebiete, über welche seine im I. Buch 
besprochenen Werke handeln. Renard liest über französische und englische 
Arbeiterverhältnisse im XIX. Jahrhundert. Auch der jetzige Inhaber des für
        <pb n="389" />
        Entstehung und Organisation des Volkswirtschaft!. Unterrichts etc. 363 
-politik umfassen programmäßig die Arbeitergesetzgebung und 
die auf den Schutz des gewerblichen Eigentums bezügliche. Da 
es den Dozenten jedoch schwer wird, auch nur den ersten un 
geheuer angewachsenen Teil dieses Gesamtgebietes in einer 
vierstündigen Vorlesung zu absolvieren, dürfte eine Zweiteilung 
des Lehrauftrages in naher Zukunft .bevorstehen. 
1895 wurde an den Rechtsfakultäten die Einrichtung der 
Conférences payantes geschaffen 1 ). Diese können von Professoren, 
„agrégés“ und Doktoren der Rechte abgehalten werden. Sie 
sind in der Praxis meist weiter nichts als Repetitorien zu den 
ordentlichen Vorlesungen. Baoul Jay, Professor für Gewerbe 
gesetzgebung und -politik in Paris, hat den Versuch gemacht, 
die „conférences“ zu seminaristischen Übungen umzugestalten. 
Dieselben bestehen in Vorträgen der Teilnehmer über Themata, 
welche am Anfang des Schuljahres verteilt werden, nebst daran 
anschließender Diskussion. Einige seiner Schüler, heute Pro 
fessoren an Provinzfakultäten, haben das Verfahren dorthin 
übertragen. Der Einrichtung fehlt die Seminarbibliothek und 
genügende Anleitung zu selbständigem, wissenschaftlichem Ar 
beiten. Versuche, volkswirtschaftliche Autoren gemeinsam zu 
lesen, zu interpretieren und zu besprechen, sowie die Studie 
renden in direkte Berührung mit Quellen und Literatur zu 
bringen und zu deren kritischen Benützung anzuleiten, sind 
von Ch. Bist und Gariel in Montpellier gemacht worden. Schatz 
hat in Aix versucht, eine Gruppe von Studierenden zum En- 
quetieren über die Konzentrationsbewegung in dem dortigen 
Hut- und Schuhgewerbe anzuleiten, aber mit geringem Erfolg. 
Die Aussichten zur Ausgestaltung von Seminarien nach deutschem 
Muster an den juristischen Fakultäten Frankreichs bleiben gering. 
Als 1898 die speziell für Ausländer bestimmte Einrichtung 
der doctorats d’université ins Leben gerufen wurde, bot sich den 
juristischen Fakultäten die Gelegenheit, die 1895 geschaffene 
Spezialisierung der Doktorate weiter auszubauen. Einige, ins 
besondere Dijon und Nancy, machten davon Gebrauch und 
jMboulaye am Collège de France gegründeten Lehrstuhls für vergleichende 
Rechtswissenschaft, Flach, pflegt wirtschaftsgeschichtliche Themata (Agrarge 
schichte Frankreichs, Wirtschaftsgeschichte Chinas, der Urvölker Amerikas usw.) 
in seinen Vorlesungen zu behandeln. 
&gt;) Kollegiengelder bestehen bekanntlich in Frankreich nicht.
        <pb n="390" />
        364 
Der Interventionismus an den Universitäten 
richteten ein „doctorat d'université“ ausschließlich für volks 
wirtschaftliche Fächer ein. Der Zuspruch, dessen sich diese 
Neuerung erfreut, ist vorläufig ein geringer. Das doctorat d'Etat 
ès-sciences politiques et économiques dagegen wird zurzeit jährlich 
von durchschnittlich 150 Kandidaten in Paris und von je 20 
bis 30 an den übrigen Fakultäten bestanden. Die Jahrespro 
duktion an staatswissenschaftlichen Doktoren beträgt also in 
Frankreich etwa 450. Die Themata der Dissertationen werden 
in der überwiegenden Mehrzahl den Gebieten der Geschichte 
der volkswirtschaftlichen Lehren und der Gewerbepolitik ent 
nommen. Seit dem Bestehen des staats wirtschaftlichen Dokto 
rats ist bereits eine stattliche Anzahl ganz vorzüglicher ideen 
geschichtlicher und beschreibender Dissertationen zustande 
gekommen, welche als wertvolle Bausteine der Wissenschaft 
mehr Beachtung verdienen, als sie in Deutschland bisher 
fanden a ). 
3. Kapitel. 
Die interventionistisehe Richtungnalime der Nationalökonomie 
an den Rechtsfakultäten. 
Die Wirkung des Reformwerkes, durch welches der volks 
wirtschaftliche Unterricht an den juristischen Fakultäten Frank 
reichs organisiert wurde, ist im großen und ganzen eine den 
Wünschen und Erwartungen der liberalen Schule entgegen 
gesetzte gewesen. Als es ihr nicht gelang, ihren Mitgliedern 
0 Einige der tüchtigsten Arbeiten sind: A. Aftalion, L’Oeuvre écono 
mique de Rimonde de Sismondi, Pariser Dissertation, Paris, 1899. — Emile 
Bridrey, La Théorie de la Monnaie au XIV™e siècle; Nicole Oresme. Dissert, 
von Caen, Paris, 1906. — Edgard Depitre, Le Mouvement de Concentration 
dans les Banques allemandes. Dissertât, von Paris, Paris, 1905. — M. Eblé, 
Les Ecoles Catholiques d’Economie politique et sociale en France. Dissert, von 
Paris. Paris 1905. — R. Bomboy, L’Impôt sur le revenu en Prusse, Pariser 
Dissertation, Paris 1908 usw. — Weitere Details über den volkswirtschaftlichen 
Unterricht an den französischen Rechtsfakultäten siehe in : H. Hauser, loe. 
cit. p. 148 ff. sowie in den dort angegebenen Quellen. Ferner in: H. St. Marc, 
loe. cit.; Ch. Gide, L’Ecole économique française dans ses rapports avec l’Ecole 
anglaise et l’Ecole allemande, in: Festgaben zu Schmollers 70. Geburtstag, XVI.
        <pb n="391" />
        Interventionist. Richtungnahme der Nationalökonomie a. d. Rechtsfakultäten. 365 
Eintritt in die Fakultäten zu verschaffen, versuchte sie doch 
wenigstens die jungen „agrégés“, denen allenthalben das Lehr 
fach der Nationalökonomie übertragen wurde, für sich zu ge 
winnen x ). Aber nur wenige ließen sich für die orthodoxe Lehre 
einspannen 2 ). Die meisten wandten sich den deutschen histo 
risch-ethischen Nationalökonomen oder Stuart Mül zu. Die 
Gründe dafür waren mannigfache. In erster Linie sind die 
selben im juristischen Bildungsgang zu suchen. Paul Gide, 
Professor des römischen Rechtes in Paris, hatte in den 60 er 
Jahren die historische Behandlung des römischen Rechtes nach 
deutschem Muster an Stelle der traditionellen, dogmatischen 
Pandekteninterpretation eingeführt und damit in den franzö 
sischen Rechtsfakultäten Schule gemacht. Die deutschen Ro 
manisten wurden in den 70er Jahren daselbst eifrig studiert; 
die jungen „agrégés“ hatten mit der deutschen historischen 
Methode Fühlung genommen und waren für dieselbe begeistert. 
Sie blieben auch nicht unberührt von der Welle allgemeinen 
Interesses für deutsches Wesen und deutsche Kultur, welche im 
Gefolge der Ereignisse von 1870—71 durch das gebildete Frank 
reich zog. Ferner kam für ihre Orientation die durch das ju 
ristische Studium geförderte Disposition „die Autorität des 
Staates anerkannt wissen zu wollen“ 3 ) in Betracht. 
Als erster „Ketzer“ erschien Gauwès, Professor an der 
juristischen Fakultät in Paris, mit seinem Précis d’économie 'poli 
tique (Paris 1879) auf dem Plan. H. St. Marc berichtet darüber : 
„(Gauwès) negierte die Existenz von Naturgesetzen der Volks 
wirtschaft, erklärte, es sei nötig, vor allem die wirtschaftliche 
Gesetzgebung zu behandeln, bekannte sich zu Lists nationalem 
System der politischen Ökonomie und trat mit Entschiedenheit 
für den Schutzzoll ein. Dieses Buch verursachte im Lager der 
klassischen Nationalökonomen einen ungeheuren Skandal. Das 
ehrwürdige Journal des Economistes verlor darüber seine ganze 
Reserve und überschüttete den Verfasser mit Schmähungen. 
Man versuchte sogar, aber ohne Erfolg, Cauwès von seinem Lehr- 
J ) H. St. Marc, loe. eit. p. 122. 
2 ) E. Worms in Rennes, Rambaud in Lyon, Beauregard in Paris, bis zu 
einem gewissen Grade Villey in Caen u. a. Jourdan in Aix hatte sich schon 
früher mit Nationalökonomie beschäftigt und zur liberalen Schule bekannt. 
3 ) H. St. Marc, loe. cit. p. 122.
        <pb n="392" />
        366 
Der Interventionismus an den Universitäten 
stuhl wegzubringen“ *). 1883 folgte die erste Auflage der Prin 
cipes d’économie politique von Charles Gide. Dieser war damals 
Professor in Montpellier. Er nahm den assoziationistischen 
Sozialismus Ch. Fouriers und den Historismus Stuart Mills zur 
Grundlage, übte Kritik an der freien Konkurrenz und äußerte 
Zweifel bezüglich der ewigen Dauer der Lohnarbeit. 1887 trat 
die von Gide und Gauwès gegründete Revue d’économie poli 
tique ins Leben, die sich zum Hauptziele setzte den Lehren des 
Auslandes, besonders jenen der deutschen Professoren, die Tore 
weit zu öffnen. 
Die neunziger Jahre brachten die unter der Leitung von 
A. Bonnet veranstalteten Übersetzungen der Werke von Bücher, 
Ad. Wagner, Schmoller u. a., welche einem bedeutend erweiterten 
Kreise von Professoren und Studierenden die direkte Fühlung 
nahme mit der deutschen Wissenschaft ermöglichten 2 ). Gewiß 
waren schon um die Mitte des XIX. Jahrhunderts die Werke 
von Rau, List, Roscher übersetzt worden, hatten aber wenig Be 
achtung gefunden. Erfolgreicher war der belgische National 
ökonom E. de La vele y e gewesen, durch dessen Werke der 
deutsche Kathedersozialismus in den siebziger Jahren in Frank 
reich bekannt wurde, und der nicht unwesentlich auf die von 
den 1878 zu Professoren der Nationalökonomie gemachten jungen 
Juristen eingeschlagene Richtung einwirkte. Auch Maurice 
Block trug seit 1874 im Journal des Economistes durch seine 
Chroniken und Rezensionen der Veröffentlichungen der deut 
schen Professoren, obgleich er diesen nichts weniger als Wohl 
wollen bekundete, mit dazu bei, die Aufmerksamkeit auf sie zu 
lenken. Von einem wirklich durchgreifenden Studium der deut 
schen Wissenschaft an den juristischen Fakultäten kann aber 
erst seit dem Erscheinen der oben erwähnten Übersetzungen 
deutscher Werke in den neunziger Jahren die Rede sein. Wir 
haben im 1. Buch gesehen, wie sich unter Führung von Pro 
fessor Deschamps seit den radikal-interventionistischen Mini 
sterien der Jahrhundertwende eine im Steigen begriffene, indi- 
b ibid. p. 122—123. 
2 ) Bibliothèque internationale d’Econoinie politique und : Bibliothèque 
socialiste internationale, publiées sous la direction de Alfred Bonnet, chez Criard 
et Brière, Paris.
        <pb n="393" />
        Interventionist. Richtungnahme der Nationalökonomie a. d. Rechtsfakultäten 367 
vidualistische Reaktion gegen die deutsche Wissenschaft an den 
juristischen Fakultäten Frankreichs geltend macht. 
Der Mann, der am meisten dazu beigetragen hat, die 
deutsche, historisch-ethische und interventionistische National 
ökonomie in Frankreich einzuführen und populär zu machen, 
ist der Sozialist Charles Andler, Professor der deutschen Lite 
raturgeschichte an der Ecole normale supérieure und an der 
Sorbonne in Paris. Sein Buch über die Entstehungsgeschichte 
des Staatssozialismus in Deutschland offenbart genaue Sach 
kenntnis und tiefes Verständnis für die historische Methode 1 ). 
Zahlreiche Studentengenerationen, welche heute als Professoren 
an den „lycées“ und den „facultés des lettres“ tätig sind, wurden 
von Andler einerseits mit dem Geiste deutscher Wissenschaft 
und deutschen Interventionismus in Wirtschafts- und Sozial 
politik vertraut gemacht, andererseits mit sozialdemokratischen 
Ideen erfüllt. Von seinen Schülern haben E. Milhaud 2 ), A. Lichten- 
berger*), A. Landry 4 ) deutsche Verhältnisse und Einrichtungen 
zum Gegenstand von Spezialstudien gemacht. 
Von Professoren der Rechtsfakultäten, welche dies getan 
haben, kommen vornehmlich St. Marc 5 ) und Souchon 6 ) in 
Ö Charles Andler, Les Origines du Socialisme d’Etat en Allemagne, Paris 
1897. — Le manifeste communiste, Traduction nouvelle, Introduction historique 
et Commentaire, Bd. 8—10 der Bibliothèque socialiste, Paris 1901 ; seither wieder 
holt aufgelegt. 
s ) Edgard Milhaud, zurzeit Professor an der Universität Genf: La Démo 
cratie socialiste allemande, Paris 1903. — La Tactique socialiste et les décisions 
des congrès socialistes internationaux, Bd. 30—31 der Bibliothèque socialiste 
Paris 1905. 
3 ) André Liehtenberger, chargé de cours an der Sorbonne, Le Socialisme 
utopique, Etude sur quelques précurseurs du Socialisme, Paris 1898. — Le Socia 
lisme et la Révolutions française, Paris, Alcan. — Le Socialisme au N VTTTme 
siècle, Paris, Alcan. 
4 ) Adolphe Landry wird unten ausführlicher besprochen. 
5 ) Henri St. Marc, weiland Professor in Bordeaux, Etude sur l’Enseigne 
ment de l’Economie politique dans les universités d’Allemagne et d’Autriche, 
Paris 1892. 
6 ) Über Auguste Souchon vgl. oben Buch I, p. 173. — In dem Buche 
„Les Cartells de l’agriculture en Allemagne“, Paris 1903, unternimmt Souchon 
die Verhältnisse der Getreide-, Fleisch-, Butter-, Milchverkaufsgenossenschaften, 
sowie der Spiritus- und Zuckerkartelle darzulegen. Dabei ist von besonderem 
Interesse die Ansicht des Verfassers, die Kartellierung der Landwirte und deren 
Unterwerfung unter eine Produktionsbeschränkung sei wohl möglich.
        <pb n="394" />
        368 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Betracht. Viele Doktordissertationen der jüngsten Zeit beschäf 
tigen sich ebenfalls mit deutschen Verhältnissen. Von diesen 
seien nur zwei genannt: die von der Pariser Rechtsfakultät 
preisgekrönte Arbeit von Depitre, zurzeit agrégé und chargé 
de cours an derselben Fakultät, über die Konzentration im deut 
schen Bankgewerbe x ), und die Abhandlung von Bombo y über 
die preussische Einkommensteuer 2 ). In demselben Zusammen 
hang ist an die Arbeiten über die deutsche Versicherungsgesetz 
gebung von Be Horn 3 ) und an die zahlreichen Monographien 
über die deutsche Volkswirtschaft von dem durch seine Studien 
reisen diesseits der Vogesen wohlbekannten Blondel 4 ) zu er 
innern. Werfen wir einen Blick über den Kreis fach wissen 
schaftlicher Werke hinaus, so fällt zunächst die in den siebziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienene, in Frankreich viel 
beachtete Studie von J. J. Weiß „Au Pays du Rhin“ in die 
Augen, die von Bewunderung für deutsches Wesen erfüllt ist 
und viele treffliche Reflexionen und Anregungen enthält. Als 
mehr feuilletonistische Beschreibung aktueller Verhältnisse ver 
dienen die glänzenden, launig gehaltenen und von einer guten 
Beobachtung zeugenden Reisebriefe von Jules Huret 5 ) und 
die nüchterneren, mehr auf die Beschreibung der technischen 
Einrichtung industrieller Großbetriebe gerichteten Studien des 
Ingenieurs Victor Gambon 3 ) Erwähnung. 
Wenn nun auch die Aufmerksamkeit, welche die uns hier 
beschäftigenden wissenschaftlichen Kreise Frankreichs der deut 
schen Nationalökonomie und der deutschen Volkswirtschaft ge 
schenkt haben, eine große ist, so muß man sich doch hüten, 
deren Wirkungen zu überschätzen. Der Geist der historischen 
Methode, die Liebe zur geschichtlichen Tatsache um ihrer selbst 
willen, das Verständnis für die Relativität des wirtschaftlichen 
x ) Edgard Depitre, Le Mouvement de concentration dans les Banques alle 
mandes, Paris 1905. 
2 ) R. Bombog, L’Impôt sur le revenu en Prusse, Paris 1908. 
8 ) Über M. Bellom vgl. oben Buch II, p. 277. 
4 ) Über G. Blondel vgl. oben ibid. 
5 ) Jules Huret, Rhin et Westphalie. — De Hambourg aux Marches de 
Pologne. — Berlin. Paris 1907—1909, zahlreiche Auflagen. 
G ) Victor Cdmbon, De France en Allemagne, Paris 1887. — L’Allemagne 
au travail, 2. Ausi. Paris 1909.
        <pb n="395" />
        Interventionist. Richtungnahme der Nationalökonomie a. d. Rechtsfakultäten 369 
Geschehens sind trotz allem nur unvollkommen in die franzö 
sischen Juristen-Volks wirte eingedrungen. Das erklärt sich zu 
nächst aus dem französischen Temperament, dem die Geduld 
arbeit, die Gegenwart durch die Vergangenheit zu erklären, 
nicht entspricht. Vielleicht hängt es auch mit dem bewußten 
oder unbewußten Empfinden zusammen, daß die Kontinuität 
zwischen Gegenwart und Vergangenheit durch den gewaltsamen 
Riß der großen Revolution in Frankreich unterbrochen ist. 
Sicher ist die mangelhafte Aufnahmefähigkeit für die historische 
Methode durch den rationalistischen, von absoluten Prinzipien 
und allgemeinen Ideen eingenommenen Geist, der das franzö 
sische Ingenium kennzeichnet, mitverschuldet. Die Eigenpro 
duktion der Franzosen in Wirtschaftsgeschichte ist denn auch 
gering. Anders ist es mit der Geschichte der wirtschaftlichen 
Lehren. Hier ist die Ideenspekulation zu Hause, für welche der 
lateinische Volkscharakter und die Erziehung zu rationalistischem 
Denken so wunderbar vorbestimmen. Dennoch darf man auch 
auf diesem Gebiete nicht, ebensowenig wie auf dem der Tat 
geschichte, allzuviel Verständnis für die zeitliche und örtliche 
Bedingtheit der Erscheinungen suchen. Der Hang des Franzosen 
zum Absoluten, das Bedürfnis zu schlußfolgern, die gehobenen 
Schätze nicht uneigennützig, um ihrer selbst willen, ins Sonnen 
licht zu stellen, sondern sofort praktisch im Dienste vorhandener 
Anschauungen und Bestrebungen zu verwerten, drängen sich 
immer in den Vordergrund. Professor Schatz in Dijon defi 
niert die Geschichte der wirtschaftlichen Lehren im Anschluß 
an Professor Des champ s : „Gegenstand und Nutzen derselben 
ist, die Elemente der Information zu sammeln, die uns in 
die Lage setzt, den wirtschaftlichen Systemen unser Vertrauen 
zu schenken oder zu verweigern“ 1 ). Professor Gide urteilt zu 
treffend: „Der französische Volkswirt erforscht die Einrich 
tungen der Gegenwart und Vergangenheit nicht mit der 
olympischen Ruhe eines deutschen Gelehrten, für welchen 
jede Einrichtung gut ist, wenn sie den Umständen der Zeit 
und des Milieus angepaßt ist. Er hat keine uneigennützige 
Liebe für die Tatsachen; er will sie zum Angriff auf die be- 
1) A. Sciiatz, L’Individualisme économique et social, Paris 1907, p. 4. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 24
        <pb n="396" />
        370 
Der Interventionismus an den Universitäten 
stehende Wirtschaftsordnung oder zur Verteidigung derselben 
verwerten“ ‘). 
Mehr als die historische hat die realistische, unmittelbare 
Tatsachenbeobachtung in Frankreich Anklang gefunden. Pro 
fessor Gide meint allerdings, daß mehr Geschmack für Aktua 
lität als wissenschaftlicher Beobachtungsgeist bei den französi 
schen Volkswirten anzutreffen sei 2 ). Nichtsdestoweniger werden 
wir tüchtige Männer der Wissenschaft kennen lernen, die den 
deutschen Gelehrten in der Handhabung der realistischen und 
selbst der historischen Methode keineswegs nachstehen. 
Die folgende Darstellung wird uns zeigen, daß bei den 
Volkswirten der französischen Universitäten neben den deutschen 
Einflüssen solche von Stuart Mill, Carey; Dupont-White; von den 
subtilen Theoretikern der österreichischen Schule ; von Ch. Fourier 
und den assoziationistischen Sozialisten der vorachtundvierziger 
Periode; von A. Comte und den Soziologen usw. anzutreffen sind. 
Das alle umschlingende Band ist aber der Interventionismus 
deutscher Herkunft. Mehr als die Methode der deutschen hi 
storischen Schule ist er zum Allgemeingut der Volkswirte der 
französischen Universitäten geworden. Auf dem Wege über 
diese ist der deutsche Interventionismus auch in die französische 
Politik eingedrungen. Cauwès hat die französische Abteilung 
der internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz 
eingerichtet und deren Arbeiten geleitet, bis Mill er and ihn 
ablöste, und die ans Ruder kommenden Linksparteien deren 
Forderungen zu verwirklichen unternahmen. Gide ist es in 
erster Linie zu verdanken, daß das sozialpolitische Programm 
der radikalsozialistischen Partei, das in den Gesetzen von 1897 
die Organisation des ländlichen Kredits betreffend, dem Unfall 
versicherungsgesetz von 1898 und mehreren andern bereits einen 
Anfang von Verwirklichung gefunden hat, sich mit dem Eisen 
acher Programm des Vereins für Sozialpolitik und den Aus 
gestaltungen, die dieses im Laufe der Jahre erfahren hat, deckt 3 ). 
Gide meint, diese Übereinstimmung sei dadurch erleichtert 
Ch. Gide, L’Ecole économique française dans ses rapports avec l’Ecole 
anglaise et l’Ecole allemande, in: Festgaben zu Schmollers 70. Geburtstag, 
XVI, p. 22. 
2 ) ibid. 
3 ) ibid. p. 12 ft.
        <pb n="397" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
371 
worden, daß die deutsche Nationalökonomie und die französische 
radikalsozialistische Partei mit denselben Gegnern zu kämpfen 
hatten: rechts die individualistische liberale Schule, links der 
marxistische Sozialismus *). 
Die wissenschaftliche Tätigkeit der Volkswirte der fran 
zösischen Universitäten bewegt sich in der Hauptsache auf den 
Gebieten der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, der Geschichte 
der volkswirtschaftlichen Anschauungen und der Sozialpolitik 
und sozialen Gesetzgebung. Die andern Gebiete treten neben 
diesen dreien zurück. Wir werden diesem Tatbestände Rech 
nung tragen, indem wir unsere Darstellung ihm entsprechend 
anordnen. Am Schlüsse fügen wir noch ein Wort über die 
dem Universitätsmilieu entstammende ßnanz wissenschaftliche 
Literatur bei. 
4. Kapitel. 
Allgemeine Volkswirtschaftslehre. 
Dem gesamten volkswirtschaftlichen Forschungsgebiet steht 
die bereits erwähnte, von Gide und Gauwès 1887 gegründete 
wissenschaftliche Monatsschrift Revue d’économie politique zur 
Verfügung. In den ersten Jahren veröffentlichte sie überwiegend 
Artikel ausländischer Gelehrter, unter denen Brentano und 
Schmoller die ersten waren. Wenn heute Fremde seltener daran 
kommen, so ist es, weil die Zeitschrift sich mittlerweile einen 
ständigen Redaktionsstab in den juristischen Fakultäten des 
eigenen Landes herangezogen hat. Grundsätzlich steht sie allen 
Ansichten offen, und wenn auch naturgemäß die Interventionisten 
unter ihren Mitarbeitern überwiegen, so kommen darin doch 
auch liberale Volkswirte, wie Levasseur, Villey und Des- 
champs, regelmäßig zum Wort. Man kann übrigens sagen, 
daß so ziemlich alle Volkswirte der französischen Rechtsfakul 
täten an der Zeitschrift mitarbeiten. Die Bücherbesprechungen, 
welche inländische und ausländische Fachliteratur ausgiebig heran 
ziehen, sind zumeist von Ch. Gide, G. Martin, A. Landry, 
Ch. Bist u. a. verfaßt. Die letzten Jahrgänge der Revue 
') ibid. p. 13.
        <pb n="398" />
        372 
Der Interventionismus an den Universitäten 
d’économie politique geben ein anschauliches Bild von der über 
ragenden Bedeutung, welche die Geschichte der volkswirtschaft 
lichen Anschauungen und die sozialpolitischen Fragen in der 
französischen Nationalökonomie immer mehr gewinnen. 
Der Nestor unter den interventionistischen Volkswirten der 
französischen Rechtsfakultäten ist Paul Cauwès Professor in 
Paris. Er war von Haus aus Rechtshistoriker. Als er 1878 
zum Professor der Nationalökonomie ernannt wurde, trat er 
mit einer entschiedenen Abneigung gegen den absoluten Dok 
trinarismus der klassischen Schule in das neue Gebiet ein. In 
bewußter und gewollter Gegnerschaft zu dieser Schule griff er 
denn auch gleich anfangs — zu seiner eigenen Einführung in 
die Nationalökonomie — zu den Werken von List, Carey 
und Schmoller. Da er der wirtschaftlichen Gesetzgebung als 
Jurist eine größere Bedeutung beimaß, als der theoretischen 
Volkswirtschaftslehre, schöpfte er das Material seiner Vor 
lesungen, außer in den Werken der genannten Autoren, immer 
mehr in den Vorbereitungsarbeiten, Enqueten, Gutachten usw. 
zu wirtschafts- und sozialpolitischen Gesetzen. Es ist ein 
leuchtend, daß ein solches Material, das zumeist erstlich im 
Hinblick auf die Begründung gesetzgeberischer Maßnahmen zu 
sammengetragen war, zum Aufbau einer interventionistischen 
Doktrin geeignet sein mußte. 
In seiner Definition der Nationalökonomie unterscheidet 
Cauwès Gegenstand und Zweck derselben. Ihr Gegenstand 
„sind die Nützlichkeitsgesetze, welche die Arbeit in Gesellschaft 
regeln“; ihr Zweck,'„dasWohl der Individuen und der Kollek 
tivitäten auf dem Wege einer gerechten Verteilung der Dienst- 
') Der oben erwähnte Leitfaden zum Studium der politischen Ökonomie 
(Précis d’économie politique, Paris, 1879) von Cauwès ist in der dritten Auf 
lage zu einem stattlichen, vierbändigen Werke angewachsen. Es führt den Titel : 
Cours d’Economie politique contenant avec l’exposé des principes l’analyse des 
questions de législation économique, 4 Bde., Paris 1893. Eine längst nötig ge 
wordene neue Auflage konnte wegen langwieriger Krankheit des Verfassers 
immer noch nicht zustande kommen. Da dessen Anschauungen jedoch seit 1893 
weiter evoluiert haben, wurden bei unsern obigen Ausführungen, welche sich in 
der Hauptsache an die dritte Auflage des Cauwèsschen Lehrbuches halten, Auf 
zeichnungen aus dessen Vorlesungen der letzten Jahre, sowie aus persönlichen 
Unterredungen mit ihm ergänzend berücksichtigt.
        <pb n="399" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 373 
leistungen und Produkte zu sichern“ 4 ). Damit ist gegenüber 
der „Wissenschaft von den Reichtümern“ der liberalen Schule 
der Faktor Mensch in den Vordergrund gerückt; durch die 
praktische Zwecksetzung ist die Volkswirtschaftslehre als ethische 
Wissenschaft gekennzeichnet. Denn es ist das Charakteristikum 
der ethischen Wissenschaften, die Erforschung der Wahrheit 
mit der Verfolgung praktischer Ziele zu verbinden. Weil die 
Nationalökonomie eine ethische Wissenschaft ist, ist die Trennung 
von Wissenschaft und Kunstlehre in ihr ihrer intimen Natur 
zuwider 2 ). 
Die Nützlichkeitsgesetze, welche den Gegenstand der politi 
schen Ökonomie ausmachen, sind nicht gut denkbar, außer in 
Beziehung zu einem bestimmten Milieu. Dieses Milieu ist normal 
ein im nationalen Staate organisiertes Volk, auf bestimmtem 
Standort und in einem bestimmten Stadium historischer Ent 
wicklung. Daher der nationale Charakter einer jeden Volks 
wirtschaft und folglich der nationale Charakter der weitaus 
meisten volkswirtschaftlichen Erkenntnisse 3 4 ). Durch die ver 
gleichende Beobachtung verschiedener Volkswirtschaften wird 
man allerdings auch zu einigen Sätzen gelangen können, die 
wenigstens für die Völker gleicher Kultur allgemeine Geltung 
haben. Man wird z. B. feststellen können, daß das industrielle 
Entwicklungsstadium der modernen Staaten überall den Fort 
schritt der Technik zum Ausgangspunkt gehabt hat; daß es 
durch soziale und wirtschaftliche Symptome gekennzeichnet 
wird, welche in den verschiedenen Ländern sozusagen identische 
Merkmale aufweisen. Die vergleichende Beobachtung hat ferner 
den Vorteil, den Fortschritt nachzuweisen, der von einer Wirt 
schaftsstufe zur andern geführt hat 4 ). Darüber hinaus wird 
man auch zur Erkenntnis einiger grundlegender Gesetze von 
universellem Charakter gelangen können. Es sind das aber 
nicht diejenigen, welche die klassische Schule, teils durch über 
eilte Verallgemeinerung einiger Beobachtungen, teils rein deduktiv 
aufgestellt hat. Die Tatsachen strafen sie Lügen. Die wirk 
lichen universellen und permanenten Gesetze der Volkswirtschaft 
3 P. Cauivès, loe. eit. Bd. I, p. 7. 
*) ibid. p. 30 ff. 
8 ) ibid. p. 30 ff., p. 34 ff. 
4 ) ibid. p. 28 ff.
        <pb n="400" />
        374 
Der Interventionismus an den Universitäten 
sind das von Ad. Smith erkannte Gesetz der Arbeitsteilung und 
dessen Korollare : Spezialisierung der Arbeitsleistungen und 
Funktionen, kombinierte Produktion der Güter, direkte und 
indirekte Entlohnung der Arbeit, Austausch von Gütern und 
Dienstleistungen *). 
Daraus aber, daß sich die wirtschaftliche Tätigkeit aller 
Völker auf einige einfache Elemente zurückführen läßt, folgt 
durchaus nicht, daß man immer und überall dieselben Richt 
schnuren des Handelns, dieselben Tendenzen, dieselben wirt 
schaftlichen Einrichtungen finden müsse. Die Beobachtung der 
Gegenwart und die historische Kritik weisen vielfältig Ver 
schiedenheiten nach. „Es gibt in der Wirklichkeit mehrere 
Volkswirtschaften, welche den verschiedenen Stufen der Kultur 
entsprechen, sowie der Natur von Klima und Boden, der Aus 
dehnung und Energie der produktiven Kräfte“ 2 ). 
Die nachdrückliche Hervorkehrung des nationalen Charak 
ters der wirtschaftlichen Erscheinungen, welche eine der Eigen 
tümlichkeiten der Cauwèsschen Nationalökonomie ausmacht, 
wird von ihm, außer mit den Argumenten Fr. Lists, mit 
folgendem Staatsbegriff begründet : der (National-)Staat syntheti 
siert 1. die Kraft, welche aus der territorialen Souveränität, der 
Organisation der öffentlichen Gewalt, dem Systeme der Gesetz 
gebung hervorgeht; 2. die Kraft, welche in intellektuellen und 
sittlichen Traditionen, in Gemeinsamkeit der Abstammung, der 
Sprache, der Einrichtungen, der Sitten liegt ; 3. die Kraft, 
welche in der Konvergenz der wirtschaftlichen Kräfte besteht. 
„Die Konvergenz der produktiven Kräfte und die wirtschaft 
liche Einheit sind das Ergebnis einer Gesamtheit von Kräften, 
welche man die konstitutiven Kräfte der Nationalwirtschaft 
nennen kann. Frankreich ist eines von den Ländern, dessen 
Wirtschafts Verfassung am meisten Zusammenhang hat“ 3 ). 
3 ibid. p. 22. Man kann einen Widersprach hierzu in späteren Aus 
führungen Oauwès’ finden, wo er nämlich sagt, Tausch und Tauschwert gehörten 
nur bestimmten Wirtschaftsorganisationen an. Die patriarchale und agrar 
kommunistische Organisationen kennten kaum den Tausch, ibid. p. 262. 
-) ibid. p. 27. 
0 ibid. p. 184 fi. Die konstitutiven Kräfte der französischen National 
wirtschaft sind nach Cauwès : a) Die einheitliche, auf der Idee der nationalen 
Einheit beruhende Anlage der Verkehrswege ; b) das Hauptzentrum Paris, und
        <pb n="401" />
        Allgemeine Yolkswirtschaftslehre 
375 
Die wichtigste Folgerung aus dem national wirtschaftlichen 
Konzepte ist der Protektionismus. Derselbe nimmt einen breiten 
Raum in Gauwès Nationalökonomie ein 1 ). Die „Theorie des 
rationellen Schutzes“ beruht auf dem Prinzip der harmonischen 
und progressiven Entwicklung der nationalen Produktivkräfte. 
Im weiteren fußt sie auf der Solidarität der auf nationalem 
Wirtschaftsgebiet sich zusammenfindenden Gewerbezweige. Das 
Moment der Garantie für die nationale Unabhängigkeit, die der 
Schutzzoll bietet, wird von Gauwès besonders stark betont. Die 
Nützlichkeit und Legitimität des Protektionismus beleuchtet 
Gauwès nicht bloß vom Standpunkt der Produzenten, sondern 
behauptet sie auch für die Konsumenten. Bemerkenswert ist die 
Virtuosität, mit welcher er vielfach Zitate aus freihändlerischen 
Autoren für das nationalwirtschaftliche Prinzip und den Protek 
tionismus zu verwerten versteht. Seine Hauptargumente ent 
nimmt er jedoch, außer aus Friedrich List, aus der 
Geschichte der Zollpolitik der bedeutendsten Staaten im 
XIX. Jahrhundert. 
Gauwès' Protektionismus reiht sich seiner „eklektischen Lehre 
von den Befugnissen des Staates“ ein. Er unterscheidet wesentliche 
und fakultative Funktionen des Staates. Wesentliche sind nicht, 
wie Leroy-Beaulieu zu glauben scheint, diejenigen öffent 
lichen Dienstzweige, ohne die kein Staat denkbar wäre. Solche 
gibt es nicht 2 ). Wesentliche Funktionen des Staates sind viel 
mehr diejenigen, welche zur Erhaltung der sozialen Ordnung, 
wie sie in den Kulturstaaten der Jetztzeit zum Ausdruck kommt, 
unumgänglich notwendig sind 3 ). Fakultative Befugnisse hat der 
einige Nebenzentren, welche Teile der wirtschaftlichen Tätigkeit um sich fest 
halten ; c) die Gemeinsamkeit der öffentlichen Lasten ; d) die rationelle Berück 
sichtigung aller bestehenden Interessen bei der Verteilung öffentlicher Arbeiten, 
loc. cit. p. 136 — 138. 
1) ibid. Bd. II, p. 477 ff. 
2 ) Wie Leroy-Beaulieu selbst bemerkt, gibt es keine einzige Funktion des 
Staates, welche nicht in bestimmten Ländern zu bestimmten Zeiten durch Private 
gleichzeitig mit dem Staate ausgeübt worden wäre (Hermandad in Spanien, 
Special constables in England usw.). Deshalb sagt auch Leroy-Beaulieu ganz 
folgerichtig, nichts sei schwerer als zu sagen, welche die wesentlichen Funktionen 
des Staates seien. Cauicès, loc. cit. Bd. I, p. 188. 
3 ) D. h. die gesetzliche Regelung der Rechte und Pflichten der Bürger 
untereinander und dem Staate gegenüber; zentrale und lokale Verwaltungstätig-
        <pb n="402" />
        376 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Staat als Förderer des Fortschritts. Die wirtschaftliche Tätig 
keit kann der Staat fördern: 1. indem er ergänzend neben die 
Privatinitiative tritt, entweder dort, wo diese sich nicht hin 
gewagt hätte (Ausbau von Verkehrswegen, Schaffung lang 
fristiger Kreditinstitute usw.), oder in Industriezweigen, welche 
sich ihrer Natur nach zum Monopol eignen (Post und Telegraph, 
Tabakindustrie usw.) 1 ); 2. indem er die Privatinitiative direkt 
unterstützt (durch Unterricht, Ausstellungen, Prämien verteil ungen, 
Steuerbegünstigungen, Bestellungen für öffentliche Dienstzweige, 
Zollschutz usw.); 3. indem er die privaten Betriebe durch Ar 
beiterschutzgesetze usw. reglementiert 2 ). 
Folgerichtig ist es, wenn Dauwes das Maß der Staats 
intervention abhängig macht von den in einer bestimmten 
Epoche bei einem bestimmten Volke vorhandenen Bedürfnissen 
in dieser Richtung. 1893 erschien ihm noch die obligatorische, 
staatliche Arbeiterversicherung nicht für Frankreich geboten. 
Auch heute noch bleibt er sehr zurückhaltend in dieser Frage. 
Darum ist er jedoch nicht weniger Anhänger eines progressiven 
Interventionismus. „Die Rolle des Staates,“ schreibt er, „wächst 
mit steigender Kultur, denn dem intensivern Leben müssen 
stärkere und zahlreichere Organe entsprechen“ 3 ). 
Neben die Idee von „dem nationalen System der politischen 
Ökonomie“ tritt grundlegend bei Cauwès die Überzeugung 
von der engen Zusammengehörigkeit von Rechts- und Wirtschafts 
wissenschaft. Er hat die rechtsgeschichtliche Entwicklung be 
ständig mindestens so sehr vor Augen als die wirtschafts- 
keit, um über die Beobachtung der Gesetze zu wachen; Rechtspflege zur Schlich 
tung von Streitigkeiten zwischen Privaten; präventive und repressive Polizei. 
Ergänzend treten hierzu: ein Strafsystem zur Gewährleistung der Sicherheit im 
Innern; eine Armee zur Gewährleistung der Sicherheit nach außen; diplo 
matische Vertretung im Ausland ; endlich das öffentliche Finanzwesen. Cauwès 
loe. cit. p. 189. 
') Mit Michel Chevalier (Cours d’économie politique, Bd. I, 4. Vorlesung) 
ist Cauwès der Ansicht, daß Staatsbetriebe keineswegs teurer wirtschaften als 
private. Ja, er stellt den Betrieb des französischen Tabakmonopols, der Münze 
usw. geradezu als Muster für Privatbetriebe hin. Er meint auch, die Privat 
industrie würde wahrscheinlich keine so künstlerisch vollendeten Waren liefern, 
wie die Gobelins- und Porzellanmanufakturen des französischen Staates, da jene 
die Herstellung von Massenprodukten einträglicher fände. loc. cit. p. 197. 
a ) ibid. p. 261 ff. 
3 ) ibid.
        <pb n="403" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 377 
geschichtliche. Zwischen beiden konstruiert er folgenden Paral 
lelismus : die kritische Erforschung der Rechtsinstitutionen führt 
zur Bestimmung derjenigen, welche dem vollkommensten so 
zialen Zustande am besten entsprechen. Sie machen ein System 
natürlicher oder rationeller Gesetze aus, das aus zwei Elementen 
besteht, einem konstanten und einem progressiven. Das kon 
stante Element umfaßt die Grundsätze, die sich den Menschen 
in allen Gesellschaften aufdrängen, z. B. den Grundsatz, der 
sich selbst Recht zu schaffen verbietet, oder jenen, der das 
Halten geschworener Treue befiehlt. Das progressive Element 
geht aus der Vergleichung ähnlicher Institutionen verschiedener 
positiver Gesetzgebungen hervor. Aus diesen beiden Elementen 
wird ein idealer Typus von natürlichem und rationellem Recht 
gewonnen, der sich gewissermaßen als Muster für die vorge 
schrittensten Gesellschaften anbietet. Das geschieht namentlich 
für die Formen des Eigentumserwerbs. In der Volkswirtschafts 
lehre liegen die Dinge genau so. Das progressive Element ist 
durch die historische Entwicklung gegeben: die Überlegenheit 
der Privateigentumsordnung über das Gemeineigen, der Freiheit 
der Verträge über deren oppressive Reglementierung usw. Das 
konstante Element besteht in dem Gesetze der Arbeitsteilung 
und dessen Korollaren. Der* ideale Typus, die normale Volks 
wirtschaft in vorgeschrittenster Kultur besteht wesentlich in 
gleichzeitiger Entwicklung aller produktiven Kräfte und in einem 
Verteilungssystem, das allen eine gerechte Arbeitsentlohnung 
sichert 1 ). Aus dem engen Parallelismus der wirtschaftlichen 
und der rechtlichen Entwicklung ergibt sich die Notwendigkeit, 
schließt Gauwès, „das Wirken der freien, wirtschaftlichen 
Kräfte und das der Gesetzgebung gleichzeitig zu studieren, und 
sich von deren Wechselwirkungen genau Rechenschaft zu geben. 
Das heißt, daß die Rechtswissenschaft und die politische Öko 
nomie zwei Schwesterwissenschaften sind, welche einander zu lange 
fremd waren, aber sich in der Zukunft gegenseitig unterstützen 
müssen. Das bleibt meine wissenschaftliche Überzeugung und 
der Hauptdaseinsgrund meines Werkes“ 2 ). 
Diese Anschauung betätigt Gauwès, indem er in seinem 
Lehrbuch wie in seinen Vorlesungen die positive, wirtschafts- 
') ibid. Bd. I, p. 27 ff. 
2 ) ibid. Bd. IV, p. 606.
        <pb n="404" />
        378 
Der Interventionismus an den Universitäten 
politische Gesetzgebung — insbesondere Frankreichs — aus 
giebig berücksichtigt. Neuerdings geht er so weit, daß er am 
liebsten die Wertlehre und alle theoretischen Erörterungen aus 
der Nationalökonomie verbannen möchte. Diese sollte sich, 
seiner Ansicht nach, darauf beschränken, ein auf historischer 
und realistischer Beobachtung fußender Kommentar der wirt 
schaftspolitischen Gesetzgebung zu sein *). Die auszuschaltenden 
theoretischen Elemente könnten vorteilhaft durch eine größere 
Berücksichtigung der Entwicklung der Technik ersetzt werden. 
Gauwes hat in seinen Vorlesungen der letzten Jahre die Fort 
schritte der Technik auf verschiedenen Gebieten und deren ge 
meinwirtschaftliche Bedeutung weitgehend mit einbezogen. 
Die Abneigung gegen den Doktrinarismus der klassischen 
Schule hält Gauwès nicht davon ab, ihm seine Anschauungen 
über Eigentum und Wert zum großen Teile zu entnehmen. Wir 
finden hier Anlehen aus den Naturrechtslehrern und aus Courcelle- 
Seneuil, aus Ad. Smith, Ricardo und Bastiat, nebst einem öster 
reichischen Einschlag (Böhm-Bawerk). Es ist jedoch zu beachten, 
daß die hierauf bezüglichen Gedankengänge Cauwès’ zu einem 
definitiven Abschluß bis heute noch nicht gelangt sind. Wenn 
er das Wertproblem aus der Wirtschaftswissenschaft hinaus 
schaffen möchte, so ist es vielleicht auch mit deswegen, weil 
er eine ihn befriedigende Lösung desselben immer noch nicht 
zu finden vermag. 
Die Produktion der Güter, sagt Gauwès, setzt als erste 
Handlung die Aneignung voraus. Die Aneignung aber ist Arbeit. 
In ihr liegt der Grund zur Entstehung des Gutscharakters. 
Dieser besteht nämlich in der Brauchbarkeit eines Dinges; 
brauchbar wird aber ein Ding nur durch Aneignung oder Arbeit. 
Freie Güter gibt es nicht. Wie Güter oder Brauchbarkeiten 
nur durch Arbeit entstehen, so auch das Eigentum. Arbeit und 
nur Arbeit ist das einzige Mittel, durch welches Eigentum er- 
i) Die Wertschätzung der Rechtswissenschaft äußert sich bei Gauwès 
unter anderem auch darin, daß ihm die 1895 in Frankreich verwirklichte Spal 
tung des juristischen Doktorats in ein doctorat en droit ès-sciences juridiques 
und ein doctorat en droit ès-sciences politiques et économiques ein Greuel ist. 
Er sagt nämlich, sie ermögliche es, Leuten, welche Gott weiß wie durch das ju 
ristische Lizentiat geschlüpft sind, docteurs en droit zu werden, ohne je ordent 
liche Rechtskenntnisse erworben zu haben.
        <pb n="405" />
        Allgemeine Y olkswirtseh as tslehre 
379 
worben wird. Auch der Ertrag von Grund und Boden ist nur 
Einkommen von Arbeit und Kapital, die in ihm aufgespeichert 
wurden. Darum ist auch Ricardos Rententheorie entschieden 
zu verwerfen. In der Arbeit liegt der Grund zur Berechtigung 
des Eigentums. Dieses ist keineswegs eine Schöpfung des 
positiven Rechts. Es ist keine historische Kategorie. Die posi 
tiven Gesetze können es organisieren, schützen, gewährleisten; 
sie sind aber nicht dessen Quelle. Das Eigentum ist eine natur 
rechtliche Institution. Es trägt das Prinzip seiner Rechtmäßig 
keit in sich und dieses Prinzip ist, daß es Arbeitsprodukt ist*). 
Neben diesen rationalistischen Elementen enthält Cauwès ’ 
Eigentumslehre auch christlich-feudale und modern-sozialpoli 
tische. „Behaupten,“ schreibt er, „daß das aus der Arbeit hervor 
gegangene Eigentum ein Recht und keine Funktion ist, das 
heißt eine juristische Wahrheit aussprechen, die Regel des forum 
externum ; es ist aber nicht übertrieben, das Eigentum als wirk 
liche Delegation anzusehen, für die man Gott im Gewissen ver 
antwortlich ist“ 2 ). Andererseits erkennt Cauwès der Gesell 
schaft das Recht zu, z. B. den unverdienten Wertzuwachs von 
brach liegen gelassenen Bauterrains für sich in Anspruch zu 
nehmen. 
In der Wert\e,lire Cauwès’ ist der Zusammenhang ein 
noch loserer. Sie ist verworren und durchaus inkonsequent. 
Wie die Arbeit den Gutscharakter und das Eigentum erzeugt, 
so auch den Wert. „Der Wert der Objekte des Eigentums hat 
zur alleinigen Quelle die Arbeit 3 ).“ Nichtsdestoweniger hat er 
auch das Urteil des Bedürfenden bezüglich des Brauchbar 
keitsgrades eines Gutes, oder die Intensität des Begehrens, 
oder die Seltenheit der vorhandenen Gütermenge, oder die 
dem Käufer ersparte Arbeit zur Quelle. Wie reimt sich das 
zusammen? Gebrauchs- und Tauschwert unterscheidend, defi 
niert Cauwès erstem mit Böhm-Bawerk als das Urteil, das 
jeder von uns über den Grad der Brauchbarkeit der Dinge 
fällt. Wie aber dieses Urteil ausfalle, dessen objektive Grund 
lage, die Brauchbarkeit der Dinge, ist immer Arbeitsprodukt. 
] ) Cauwès, loe. eit. B. I, p. 260 ff., Bd. Ill, p. 342 ff. 
2 ) ibid. Bd. IH, p. 374. 
3 ) ibid. Bd. ni, p. 348.
        <pb n="406" />
        380 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Noch mehr: nur vom Standpunkt der Privatwirtschaft ist der 
Gebrauchswert vom subjektiven oder Seltenheitsmoment be 
stimmt; volkswirtschaftlich ist er rein objektiv 1 ). Um den 
Tauschwert auch aus der Arbeit zu erklären, greift Gauwes 
zu Bastiat: „Die beim Tausch im Konkurrenzsystem hinge 
gebenen Dinge haben den Wert der Anstrengung, welche man 
machen müßte, um sich die Dinge zu verschaffen, deren man 
bedarf. Ihr Wert ist also die Summe der dem Käufer ersparten 
Arbeit 2 )“. Prinzip und Maß des Tauschwertes ist die dem 
Käufer ersparte Arbeit, aber durch das Spiel der Konkurrenz 
werden geleistete Arbeit (Produktionskosten) und ersparte Arbeit 
tatsächlich gleichwertig. „Im Konkurrenzsystem wiegen sich 
zwei Tendenzen auf. Die eine, welche den Wert in Proportion 
zu dem dem Käufer geleisteten Dienst zu stellen strebt, die 
andere, welche den Wert auf das Niveau der vom Produzenten 
geleisteten Arbeit zurückzuführen und festzuhalten bestrebt ist. 
Der natürliche Wert beim Tauschen im Konkurrenzsystem ist den 
Produktionskosten proportional; diese sind das Äquivalent der 
dem Käufer ersparten Arbeit“ 3 ). Hierin besteht das Gesetz des 
normalen Wertes, das Bastiat erkannt hatte und das der distribu 
tiven Gerechtigkeit entspricht 4 ). Die Verbindung mit dem sub 
jektiven Wertmomente wird schließlich durch Gleichsetzung der 
Quantität der ersparten Arbeit mit der Intensität des Begehrens 
wieder angeknüpft 5 ). Man wird es begreiflich finden, daß 
Gauwès von solcher Werttheorie selbst unbefriedigt bleibt. 
Das Hauptverdienst von Gauwès ist, als erster die histo 
rische, realistische und interventionistische Nationalökonomie in 
Frankreich importiert zu haben. Von Courcelle-Seneuil 
und Maurice Block ist er leidenschaftlich bekämpft worden. 
1) „Die Österreicher,“ schreibt Gauwès, „lassen den Gebrauchswert von 
der Seltenheit oder Ungenügendheit eines Gutes in bezug auf die zu befriedigen 
den Bedürfnisse abhängen. Das ist, wenigstens vom Standpunkt der Volkswirt 
schaft, nicht richtig: ein Ding hört nicht deswegen ans, ein Gut zu sein, weil 
es im Überfluß vorhanden ist. Nur vom Standpunkt der Privatwirtschaft steht 
die Intensität des Begehrens und folglich der Gebrauchswert im umgekehrten 
Verhältnis zu den vorhandenen Gütermengen.“ ibid. Bd. I, p. 264. 
2 ) ibid. Bd. I, p. 311. 
3 ) ibid. Bd. I, p. 304 ff., p. 311. 
4 ) ibid. 
5 ) ibid.
        <pb n="407" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
381 
Später versuchte es das Journal des Economistes ihm und seinen 
Kollegen gegenüber, welche seinen Fußstapfen gefolgt waren, 
mit der Politik des Totschweigens. Allerdings ohne Erfolg. 
Cauwès seinerseits ist auch stark in der Polemik. Er wird 
zwar nie so gehässig persönlich, wie seine Gegner, aber er ver 
säumt keine Gelegenheit, dem „laisser faire“ zu Leibe zu rücken. 
Immer temperamentvoll, manchmal mit beißender Schärfe. 
Maurice Bourguin, Professor der Nationalökonomie an der 
juristischen Fakultät in Paris, hat von allen Professoren der 
französischen Rechtsfakultäten den deutschen Kathedersozialis 
mus am vollkommensten in sich aufgenommen. Sein Buch 
„Les Systèmes socialistes et l’Evolution économique“ 1 ) hat ihm 
mit einem Schlage eine führende Rolle unter den Interventionisten 
Frankreichs gesichert. Bourguin hat diesen Erfolg nicht minder 
dem Aktualitätscharakter seines Werkes, als dessen methodischen 
und inhaltlichen Vorzügen zu verdanken. Das kam so: die 
Ministerien Waldeck-Kousseau-Mülerand und Combes, welche mit 
dem Interventionismus in Frankreich ernst zu machen begannen, 
waren mit den sozialistischen Parteien verbündet. Dies trug 
wesentlich dazu bei, die Grenzen, welche die staatliche Ein 
mischung ins Wirtschaftsleben vom Kollektivismus trennt, in 
der Auffassung weiter Kreise zu verdunkeln. Die dadurch in 
Bourgeoiskreisen ausgelöste individualistische Reaktion schlug 
bald, wie wir im I. Buche gesehen haben, hohe Wellen in den 
juristischen Fakultäten. Mit überlegener Kraft trat jener nun 
mehr Bourguins tief durchdachtes Buch entgegen, in dem der 
Verfasser die Grenze zwischen dem Sozialismus und der tat 
sächlichen, wirtschaftlichen Entwicklung, deren integrierender 
Bestandteil der Interventionismus ist, deduktiv und induktiv 
scharf zeichnet. 
Wer in dem Buche von Bourguin neue Tatsachen oder 
Ideen suchen wollte, würde wohl nicht auf seine Rechnung 
kommen. Was es bietet, ist: scharfe und subtile Analyse, gründ 
liches, kraftvolles Räsonnement, umfassende Dokumentierung 
mit Beobachtungsmaterial, durchaus evolutionistisches Denken, 
*) Zuerst Paris, 1904, seither mehrfach; ins Deutsche übersetzt von 
L. Katzenstein, Leipzig, 1906.
        <pb n="408" />
        382 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Umsicht und Sicherheit im Erkennen von in den Tatsachen 
enthaltenen Entwicklungstendenzen, konkrete, substantielle, 
immer eindrucksvolle Darstellung. 
Die sozialistischen Systeme der Gegenwart werden zunächst 
einer theoretischen Erörterung unterworfen. Bourguin ordnet 
sie nach einem doppelten Einteilungsgrund a) je nachdem bei 
ihnen das Eigentum an den Produktionsmitteln und die Leitung 
der Unternehmungen dem Staate, den Gemeinden oder freien 
Genossenschaften zusteht, b) je nachdem sie den Wert in Arbeits 
einheiten bestimmen, oder die heutige Wertbestimmung in Metall 
geld beibehalten. Dementsprechend werden unterschieden: 
1. der reine Kollektivismus, 2. Staats- und Kommunalsozialismus, 
3. korporativer oder sozietärer Sozialismus 1 ). 
Der reine Kollektivismus ergibt sich als Folgerung aus den 
Schriften von K. Marx und F. Engels. Zwei Züge kenn 
zeichnen ihn: alle Produktionsmittel gehören der nationalen 
Gemeinschaft, und der Wert der Arbeit und der Produkte wird 
von der staatlichen Behörde in Arbeitseinheiten abgeschätzt, 
deren Summe von der aufgewendeten Arbeitsmenge bestimmt 
wird. „Der reine Kollektivismus bildet einen unteilbaren, streng 
einheitlichen Block, infolge der eigentümlichen Verfassung seines 
Wertsystems; es ist darum unmöglich, daß derselbe sich stufen 
weise verwirkliche“ 2 ). Seine revolutionäre Verwirklichung ist 
ebenso unmöglich: 1. weil der auf die Arbeitseinheit gegründete 
Wert die Doppelrolle des Preises als Instrument des Gleich 
gewichts und als Faktor des Fortschritts nicht erfüllen kann; 
2. weil die Wirtschaftsordnung, welche die Werte nach der Ar 
beitsdauer festsetzt, mit der Freiheit unvereinbar ist; 3. weil 
dieselbe der Staatsgewalt Aufgaben auferlegt, die über mensch 
liche Kräfte gehen 3 ). Die Unmöglichkeit des reinen Kollekti- 
*) Anarchismus, Kommunismus, Agrarsozialismus, Vergesellschaftung der 
Produktionsmittel durch progressive Erbschaftsbesteuerung u. a. bleiben also un 
berücksichtigt. 
*) M. Bourguin, loc. cit. 1. Aufl. p. 310. 
3 ) Schon die übermäßige Verwickeltheit der Berechnung der Durch 
schnitte der Arbeitseinheiten, die für jeden Betrieb nach den Verschiedenheiten 
der Produktivität der natürlichen Agentien gesondert berechnet werden müßten, 
macht dieselbe praktisch undurchführbar. Vollends die Anpassung der Produktion 
an den Bedarf stellt eine Aufgabe dar, der ein staatlicher Beamtenkörper nie 
und nimmer gerecht zu werden vermöchte, ibid. p. 73.
        <pb n="409" />
        Allgemein e Yolkswirtschaftslehre 
385 
vismus ergibt sich somit schon aus theoretischer Analyse seines 
hypothetischen Funktionierens 1 ). 
Die andern Arten von Sozialismus versucht Bourguin 
nicht theoretisch zu widerlegen; er begnügt sich zunächst mit 
einer rationalen Analyse derselben, an der Hand der Tatsachen 
werden sie später kritisch beleuchtet. Als Staatssozialismus be 
zeichnet er denjenigen Sozialismus, welcher die Produktion 
ganz oder teilweise dem Staate zuweist, ohne jedoch die be 
stehende Ordnung des Wertes umzuwandeln. Theoretisch könnte 
derselbe durch sukzessive Ausdehnung der öffentlichen Betriebe 
auf Kosten der privaten bis zur völligen Sozialisierung der Pro 
duktion verwirklicht werden. Eng damit verwandt ist der 
Kommunateozi&amp;lisvtms. Auch der korporative oder sozietäre Sozia 
lismus läßt die bestehende, auf dem Metallgeld als Wertmesser 
beruhende Ordnung bestehen. Dessen wichtigste Form ist der 
Kooperatismus, d. h. in erster Linie die Konsumvereinsverbände. 
Um nun festzustellen, ob die eine oder andere Form des 
Sozialismus wirklich, wie deren Anhänger behaupten, in der 
gegenwärtigen Gesellschaftsordnung progressiv entsteht und 
daraus in der Zukunft notwendig folgen wird, insbesondere 
aber auch um die tatsächlichen Entwicklungstendenzen der 
Gegenwart genau zu eruieren, tritt Bourguin eine allgemeine 
Untersuchung der zeitgenössischen Tatsachen an. Die haupt 
sächlichsten wirtschaftlichen Erscheinungen unserer Zeit werden 
an der Hand eines reichhaltigen Materials, dessen statistischer Teil 
in einer Reihe von dem Buche beigegebenen Anlagen unter 
gebracht ist, unter dem „dynamischen Gesichtspunkte ihrer 
Entwicklung“ für die wichtigsten Kulturländer untersucht. Die 
präzise, gründliche Fragestellung, die solide Dokumentierung, 
besonders aber die durchaus evolutionistische Auffassungsweise 
machen diesen Teil von Bourguins Werk, der doch mit den 
Materialien eines jeden Handbuchs und zahlloser Monographien 
operiert, eindrucksvoll und interessant. Zur Sprache kommen : die 
Konzentration in Industrie und Handel ; die Grenzen derselben 
(die Hausindustrie dauert fort, in gewissen Industriezweigen 
nehmen die selbständigen Existenzen zu, der Kleinhandel hat 
im großen und ganzen seine Position bewahrt) ; der Einfluß des 
b ibid. p. 60 ft.
        <pb n="410" />
        Der Interventionismus an den Universitäten 
384 
Kapitalismus auf die Landwirtschaft, deren Entwicklungsten 
denzen ; die Kooperativgenossenschaften, Berufsvereine der 
Arbeitgeber und Arbeiter; die Wandlungen des Arbeitsvertrags ; 
die zunehmende Einmischung von Staat und Kommunen ins 
Wirtschaftsleben (Schutzgesetzgebung und Sozialversicherung, 
Unternehmen des Staates und der Kommunen). 
Angesichts seines umfassenden Tatsachenmaterials läßt nun 
Bourguin die sozialistischen Systeme, diesmal in Begleitung 
des Individualismus, von neuem aufmarschieren und mißt 
sie daran. 
Der natürliche Lauf der wirtschaftlichen Entwicklung un 
serer Tage führt nicht zum Individualismus; die Kollektivbedürf 
nisse sind zu komplex geworden, als daß eine individualistische 
Politik sie zu befriedigen vermöchte. Die Privatinitiative versagt 
den Bedürfnissen gegenüber, deren Befriedigung im öffentlichen 
Interesse aber nicht lohnend ist. „Die Staaten, welche im Kon 
kurrenzkampf oben sind, sind diejenigen, deren Gesetzgebung 
die Arbeiter am besten gegen die niederdrückenden Anstren 
gungen im Kampfe ums Dasein und gegen die Gewaltmißbräuche 
des Kapitals schützt“ *). Die Ausdehnung der Befugnisse des 
Staates ist die normale Entwicklung einer wesentlichen Kraft 
der modernen Kultur 2 ). 
Der reine Kollektivismus, dessen theoretische Unmöglichkeit 
bereits dargetan wurde, hat ebensowenig die Tatsachen für sich. 
Vermöge seines Wertsystems, das auf autoritativer Abschätzung 
aller Werte in Arbeitseinheiten beruht, ist er nur durch Revo 
lution möglich. Eine totale und gleichzeitige Umwandlung der 
Wirtschaftsorganisation müßte aber an den vorhandenen Wider 
ständen scheitern 3 ). 
Die Richtung der wirtschaftlichen Evolution ist auch nicht 
die des progressiven Staats- oder Kommunalsozialismus. Gewiß be 
deutet die Verbreitung der staatlichen und kommunalen Be 
triebe eine direkte Entwicklung zu einer kollektiven Eigentums 
ordnung hin. Diese Verbreitung wird aber aufhören dort, wo 
der Widerstand der Masse kleiner Privatunternehmer beginnt, 
d. h. daß es eine große Zahl von Produktionsgebieten gibt, auf 
') ibid. p. 808. 
2 ) ibid. p. 303 ff. 
3 ) ibid. p. 311 ff.
        <pb n="411" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
385 
welche sie nicht übergreifen kann; dazu kommt, daß auch die 
Verwaltungskapazität des Staates ihre Grenzen hat. Man mag 
den Staats- oder Kommunalsozialismus als einen Zukunftstraum 
hinstellen. Wissenschaftlich läßt seine bisherige Entwicklung, 
die gewiß eine äußerst verwickelte und umfassende ist, wenn 
sie auch noch weit davon entfernt bleibt, sich auf das ganze 
Wirtschaftsleben zu erstrecken, den Schluß auf dessen wahr 
scheinliche Verallgemeinerung in der Zukunft nicht zu. Das 
Ereiheitsbedürfnis ist in unsern demokratischen Staaten für die 
Individuen wie für die Kollektivitäten ein großes geworden. 
Die bestehenden Genossenschaften und Gewerkvereine werden 
nicht freiwillig auf ihre Unabhängigkeit verzichten und die 
Zwangsdisziplin des Kollektivismus annehmen. Der soziale Zu 
stand, der sich aus den zeitgenössischen Verhältnissen heraus 
entwickelt, und der durch das Aufblühen und die Macht der 
wirtschaftlichen Genossenschaften gekennzeichnet wird, bereitet 
der Verwirklichung des Kollektivismus, des Staats- und des 
Kommunalsozialismus mehr Hindernisse, als der Zustand von 
unorganisiertem Individualismus, der aus der Revolution her 
vorging l ). 
Die Verwirklichung des korporativen oder sozietären Sozia 
lismus ist sowohl in der Richtung der Produktivgenossenschaften, 
als in derjenigen der Konsumvereine denkbar. Die bisherige 
Entwicklung der Dinge spricht gewiß nicht zugunsten eines irgend 
wie erheblichen Fortschreit ens der Produktivgenossenschaften. 
Die Konsumvereinsbewegung dagegen hat zweifellos eine be 
achtenswerte Erfahrung für sich; auch scheint es wahrscheinlich, 
daß sie noch große Produktionsgebiete erobern wird. Im Ver 
gleiche zum Kapitalismus sind aber deren Fortschritte noch 
schwache; in Amerika hat sie sich überhaupt noch nicht ein 
gebürgert. Zudem wird sie immer auf diejenigen Gewerbe 
zweige verzichten müssen, die sich ihrer Natur nach nicht zur 
ausschließlichen Benützung durch ihre Mitglieder eignen, z. B. 
Eisenbahnen, Seeschiffahrt, große Textilindustrie usw. Jeden 
falls ist aber auch die moderne Gesellschaft ein viel zu kom 
plexes Milieu, als daß eines der Elemente derselben, also z. B. 
die Konsumvereine, sich alle andern unterwerfen oder dieselben 
b ibid. p. 334 ft. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
25
        <pb n="412" />
        386 
Der Interventionismus an den Universitäten 
in sich aufnehmen könnte. Der Versuch müßte an den Wider 
standskräften aller andern scheitern 1 ). 
Welches sind nun die Wege, welche die wirtschaftliche 
und soziale Entwicklung tatsächlich geht? 
„Die beiden großen Tatsachen,“ antwortet Bourguin, 
„welche der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Tage ihr 
eigentümliches Gepräge geben, sind die Ausdehnung des Kapita 
lismus und die Organisation der kollektiven Kräfte.“ Die moderne 
Gesellschaft besteht aus: 1. großen, kapitalistischen Unterneh 
mungen, die den größten Teil der Produktion und des Um 
laufs der Güter beherrschen; in den Aktiengesellschaften, Kar 
tellen und Trusts erreichen sie das Maximum an Kraft; 2. kleinen 
landwirtschaftlichen, industriellen und kommerziellen Betrieben ; 
3. gewissen andern kollektiven Organisationsformen, wie: Kon 
sumvereinen , landwirtschaftlichen Genossenschaften, Arbeiter 
berufsvereinen, gewerblichen Unternehmen des Staats und der 
Gemeinden usw., deren wirtschaftliche Bedeutung seit etwa 
30 Jahren rasch wächst. „Man findet also zugleich in unsern 
modernen Staaten die Elemente einer mächtigen industriellen 
und finanziellen Aristokratie und die einer breiten, landwirt 
schaftlichen, industriellen und kommerziellen Demokratie, deren 
Kräfte sich unter dem regulierenden Einfluß des Staates im 
Gleichgewicht halten. In der Zukunft wird die Genossenschaft, 
so weit man voraussehen kann, indem man die vorhandenen 
Entwicklungslinien der lebenskräftigsten und fortschrittlichsten 
Organe in Gedanken fortführt, eine bedeutendere Rolle spielen 
als heute. Kapitalistische Gesellschaften und Koalitionen, Syn 
dikate kleiner landwirtschaftlicher und industrieller Unternehmer, 
verschiedenartige kooperative Genossenschaften, Verbände der 
selben, die Produktionsunternehmen betreiben, Unternehmungen 
der Staaten und Kommunen, Berufsvereinigungen der Arbeit 
geber und Arbeiter werden die wesentlichen Elemente der wirt 
schaftlichen Verfassung der Zukunft sein, .... Die Kulturstaaten 
scheinen also berufen, regelmäßigere Organisationsformen anzu 
nehmen, in denen die sozialen Elemente, welche so lange ver 
streut waren, solidarischer und besser aneinander geordnet sein 
werden. Es ist schließlich unvermeidlich, daß dieselben Bande 
') ibid. p. 344 ff.
        <pb n="413" />
        Allgemeine Yolkswirtschaftslehre 
387 
der Koordination und Solidarität mit den Fortschritten der 
Kolonisation und des Verkehrs sich zwischen den Nationen 
entwickeln. Schon heute haben die Produzentenkoalitionen und 
die Arbeiterverbände die Tendenz, sich über die Landesgrenzen 
hinaus auszudehnen Der Zusammenhang der wirtschaft 
lichen Interessen wird zweifelsohne die Kultureinheit in der Welt 
herstellen, welche die Gemeinsamkeit der religiösen Anschauungen 
im Mittelalter in Europa verwirklicht hatte“ *). 
Der historische Determinismus Bourguins kommt in dem 
Urteil, daß die allgemeine Konzentrations- und Föderations 
bewegung ein großer historischer Strom ist, den keine mensch 
liche Gewalt aufhalten oder ablenken könnte, voll zur Geltung. 
Gesetze, die das Handwerk schützen, Warenhäuser, Kartelle und 
Trusts bekämpfen wollen u. a. m., werden die natürliche Ent 
wicklung nicht aufhalten. Desgleichen ist der Fortschritt der 
Arbeiterschutzgesetzgebung, der Sozialversicherung usw. nicht 
zu verhindern. „Das soziale Ideal unserer Tage kann nur als eine 
Resultante der historischen Entwicklung aufgefaßt werden“ 2 ). 
Der wesentliche Zug dieses Ideals, welches sich progressiv bei 
den modernen Völkern bildet, ist dessen demokratischer Charakter. 
„Es besteht nicht in einem von der Wirklichkeit abgewendeten 
absoluten Prinzip ; es besteht in der Idee der durch die sittliche 
und materielle Entwicklung der größten Zahl zu verwirklichen 
den Gerechtigkeit“ 3 ). 
Neben der historischen Auffassung des wirtschaftlichen Ge 
schehens ist das demokratische Fühlen und Denken grundlegend 
für Bourguins Weltanschauung. Die Idee, die er sich von 
der Demokratie macht, bringt er, wie die eben zitierte Definition 
zeigt, in engsten Zusammenhang mit dem Hauptpunkt des Eisen 
acher Programms des Vereins für Sozialpolitik. Andererseits 
verbindet er sie mit dem von Ch. Gide und L. Bourgeois 
erneuerten Begriff der Solidarität, den wir im folgenden Kapitel 
dieses Buches besprechen werden. Das Gefühl verbreitet sich 
in unsern Tagen, meint Bourguin, daß der Einzelne die Kultur 
güter, die er genießt, nur zum geringsten Teile sich selbst, zum 
weitaus größten der Arbeit vieler vorhergegangener Generationen 
1) ibid. p. 348, p. 350—351. 
2 ) ibid. p. 352. 
3 ) ibid. p. 353.
        <pb n="414" />
        388 
Der Interventionismus an den Universitäten 
und dem Zusammenwirken vieler Zeitgenossen verdankt. Daraus 
entwickelt sich die Bereitwilligkeit, Opfer für die Besserung der 
Lage der Arbeiterklassen zu bringen 1 ). 
Es genügt jedoch nicht, die allgemeine Idee eines demo 
kratischen Ideals der Prüfung durch die historische Methode 
zu unterwerfen. Dieses Ideal bleibt sehr unbestimmt, wenn man 
es nicht zu einem Organisationsprogramm ausarbeitet, dessen 
Linien genau gezeichnet sein müssen. Hier gilt es nun be 
sonders, um sich vor Irrtümern und abenteuerlichen Zukunfts 
visionen zu schützen, sich gewissenhaft an die realistische Be 
obachtung der vorhandenen Entwicklungskräfte zu halten. Wir 
können Bourguin unmöglich in alle Details des Organisations- 
Programms, das er aus den Entwicklungstendenzen der Gegen 
wart induziert, folgen. Wir wollen nur einige Hauptzüge des 
selben skizzieren. 
Das Privateigentum wird in der Wirtschaftsordnung der Zu 
kunft durch die Steuergesetze und die Ausdehnung der Arbeiter 
schutzgesetze von seinem absoluten Charakter einbüßen und 
sich eine „Legierung“ mit kollektiven Rechten gefallen lassen 
müssen. Das kollektive Eigentum wird eine große Ausdehnung 
erfahren 2 ). 
Die Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber scheinen gegen 
über dem self help der Arbeiter zum Rückgang verurteilt 3 ). Die 
Berufsvereine der Arbeiter haben eine große Zukunft. Nichts 
destoweniger bleibt die fortschreitende Entwicklung der Arbeiter- 
1) ibid. p. 354—355. 
2 ) ibid. p. 385—386. 
3 ) Aber deswegen soll sich doch der Arbeitgeber keineswegs auf die Rolle 
eines Arbeitskäufers beschränken. Der Arbeitgeber der Zukunft wird seine Ar 
beiter nicht als Untergebene und Beschützte, sondern als Menschen behandeln, 
welche Rechte haben, die den seinen gleich sind. Diese Rechte freier Männer 
wird er den Arbeitern nicht nur in ihrem Privatleben, in ihrem Gewissen und 
in der Ausübung ihrer politischen Rechte, sondern auch an der Arbeitsstätte, 
als Kontrahenten im Arbeitsvertrag, anerkennen. Er wird sich an den gerechten 
Lohn und die normale Arbeitszeit, welche unter Anerkennung durch die Gewerk 
vereine für seinen Bezirk und sein Gewerbe gelten, halten. Er wird loyal mit 
den Arbeiterorganisationen unterhandeln. Er wird für die Hygiene, die An 
nehmlichkeit, die Ästhetik der Arbeitsstätte sorgen. Will er absolut Wohlfahrts 
einrichtungen errichten, so möge er es für die Kinder tun. Diejenigen, welche 
die Erwachsenen angehen, überlasse er der Initiative und Leitung der Arbeiter, 
ibid. p. 360 ff.
        <pb n="415" />
        Allgemeine Yolkswirtsch aftslehre 
389 
schutzgeseizgebung und der obligatorischen Sozialversicherung not 
wendig. Letztere wird sich möglicherweise auf Kosten der 
Militärausgaben entwickeln. Die natürliche Entwicklung der 
Dinge erheischt eine Förderung der Konzentrations- und Föde 
rationsbestrebungen durch die Gesetzgebung 1 ). Die Lohnarbeit 
wii’d in der Wirtschaftsordnung, zu der uns die historische Ent 
wicklung trägt, nicht beseitigt werden, sondern eine nie da 
gewesene Ausdehnung erhalten. Kapitalismus, Genossenschaften, 
Staats- und Kommunalsozialismus erweitern beständig deren 
Feld. Das Arbeiterproletariat aber und der Klassenkampf werden 
verschwinden 2 ). In den genossenschaftlichen Organisationen 
*) So werden die Rechte der Berufsvereine gesetzlich abgegrenzt und 
ihre Patrimonia gesetzlich sicher gestellt werden ; es werden Interessevertretungen 
der in Berufsvereinen Organisierten mit Befugnissen bezüglich bindender Rege 
lung der Arbeitsbedingungen und der Gewerbeinspektion ausgerüstet werden, 
ibid. p. 865. 
2 ) Mit der Lohnarbeit ist die Eigenschaft als Proletarier keineswegs not 
wendig verbunden. Diese folgt aus ungenügendem Lohn, Unsicherheit der 
Existenz, Abhängigkeit vom Arbeitgeber. Alle drei Ursachen verschwinden 
progressiv. Damit speziell die Lohnarbeit aufhöre, das Proletariat zu erzeugen, 
muß sie allerdings einige tiefgreifende Änderungen erfahren. Diese haben 
bereits eingesetzt. Es sind: 1. Steigen der Löhne. Die steigende Bewegung der 
Löhne, welche schon mehrere Jahrzehnte andauert, wird in der Zukunft eine 
raschere sein, weil deren Ursachen mit zunehmender Kraft wirken werden. 
Durch wissenschaftliche Entdeckungen und Verbreitung technischer Kenntnisse 
wird die Produktivität der Arbeit in Ackerbau und Industrie wachsen. Damit 
Hand in Hand steigen die Löhne und die Produkte werden billiger. In allen 
Ländern, welche nicht ausnahmsweise Lasten zu tragen haben, haben die Fort 
schritte der Produktion und des Verkehrs die Produktionskosten selbst der 
landwirtschaftlichen Erzeugnisse so sehr verringert, daß das Leben seit dreißig 
Jahren trotz der steigenden Löhne billiger geworden ist. 2. Die Arbeit wird 
zunehmend weniger mühsam, kürzer und weniger gefährlich. 3. Der Arbeits 
vertrag wird immer mehr die Spuren der frühern Unterwerfung des Arbeiters 
unter den Arbeitgeber verlieren; seine Entwicklung liegt in der Richtung auf 
genaue Abmessung der Dienste in kollektiven Arbeitsverträgen. 4. Die Sicher 
heit der Existenz wird eine größere mit dem weitern Ausbau der Sozialversiche 
rungsgesetze. Allerdings bleiben noch als Proletariat bildende Kräfte die Ar 
beitslosigkeit, das sweating system in der Hausindustrie und die Abwanderung 
der Landarbeiter in die Städte. Letztere ist wesentlich ein Ubergangsstadium. 
Was aber die beiden ersten betrifft, so ist Abhilfe gegen sie das große Problem 
der Zukunft. Man darf jedoch zuversichtlich hoffen, daß das Erstarken der 
Arbeiterorganisationen und die Fortbildung der staatlichen Schutzgesetzgebung 
auch dieser großen Plagen der modernen Gesellschaft Herr werden. „Wenn
        <pb n="416" />
        390 
Der Interventionismus an den Universitäten 
der Zukunft wird es nicht ohne Opfer für die individuelle Frei 
heit abgehen. Wenn z. B. die Arbeiterberufsvereine zahlreich 
und stark genug sind, werden sie die Isolierten zum Beitritt 
zwingen können, unter Strafe der Ausstoßung aus dem be 
treffenden Berufe. Sollten sie alsdann ihre Macht mißbrauchen, 
um Individuen ihrer politischen oder religiösen Überzeugung 
wegen zu verfolgen und aus dem Berufe auszuschließen, so ist 
der Moment zu staatlichem Eingreifen zum Schutze der Be 
drohten gekommen. Die individuelle Freiheit wird überhaupt 
in der Gesellschaftsordnung der Zukunft nur durch ein ver 
wickeltes System von Gegengewichten, welche die Rechte der 
Einzelnen wahren, ohne die wohltuende Entwicklung der Kollek 
tivitäten zu hindern, aufrecht erhalten werden können. Ins 
besondere bedeuten die staatlichen und kommunalen Unter 
nehmungen eine ernste Gefahr für die Freiheit. Die Gesetz 
gebung des Staates wird unbedingt gegen diesen selbst und 
gegen die Kommunen ernstliche Garantien schaffen müssen; 
die öffentlichen Betriebe müssen vor den Wechselfällen der 
alsdann die Lohnarbeit diese Umwandlungen erfahren hat, wird zwar der Inter 
essengegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wie zwischen Produ 
zenten und Handelsleuten, Detaillisten und Konsumenten, kurz, wie zwischen 
allen denen, welche sich über die Bedingungen eines Vertrages zu einigen haben, 
fortbestehen, aber der Klassenkampf, der gehässige und gewalttätige Antagonismus 
wird verschwinden, weil er keine Daseinsberechtigung mehr haben wird. Der 
Klassenkampf ist eine Revolte der Arbeiterklasse gegen einen bestimmten Zu 
stand wirtschaftlicher Abhängigkeit. Aber wenn man annimmt, daß die Arbeiter 
eines Tages durch hohem Lohn Wohlstand haben, daß ein kürzerer Arbeitstag 
sie in den Stand setzt, einen hohem Kulturgrad zu erreichen, daß sorgfältig ab 
geschlossene Kontrakte die Summe der für einen bestimmten Preis zu liefernden 
Anstrengungen begrenzen, dann werden die Arbeiter sich als Verkäufer von 
Arbeit in derselben Lage von Unabhängigkeit und Gleichheit den Arbeitgebern 
gegenüber befinden, wie die Verkäufer von Rohstoffen oder Maschinen. Es 
wird natürlich zwischen ihnen und den Arbeitskäufern ein Interessengegensatz 
fortbestehen; derselbe wird aber keinen Grund mehr haben, sich in Klassen 
kampf umzuwandeln. Wenn die Arbeitsverkäufer die Herrschaft der Arbeit 
geber nicht mehr zu ertragen haben, werden sie nicht mehr Grund haben, die 
Unternehmer, mit denen sie in Geschäftsbeziehungen stehen, zu hassen, als die 
Rohstoffverkäufer. Um so weniger, wenn die Unternehmer mit organisierten 
Arbeitern abschließen und von jeder Aufsicht entbunden sind. Die Arbeitgeber 
werden ihrerseits die Forderungen der Arbeiter und das Steigen der Löhne mit 
derselben Kaltblütigkeit zu ertragen wissen, mit der sie heute das Steigen der 
Kohlen- oder Baumwollpreise hinnehmen.“ ibid. p. 366 ff., p. 377.
        <pb n="417" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 391 
Wahlen und vor politischen Einflüssen überhaupt möglichst 
sichergestellt werden*). 
Unter Berücksichtigung der möglichen Ursachen von Still 
stand oder Rückschritt und der Faktoren beschleunigter Evo 
lution, welche in entgegengesetzter Richtung auf das Leben der 
Völker einwirken, schließt Bourguin: „Es ist nicht wahr 
scheinlich, daß irgend welche Elemente die parallele und suk 
zessive Entwicklung der kultivierten Völker zu einem Zustand 
von Kapitalismus, kollektiver Organisation und Demokratie, in 
welchem die Arbeiterklassen an Macht, Wohlstand und Kultur 
wachsen werden, umkehren oder auch nur lange aufhalten 
können“ 2 ). 
Der Zukunftsstaat Bourguins, der sich als das natür- 
J ) „Es gibt keine Garantien, die für das Individuum notwendiger wären, 
als diejenigen, welche die Leitung gewerblicher Betriebe durch den Staat um 
geben müssen. Hier gilt es, die den Kollektivsten teuere Unterscheidung 
zwischen der Regierung der Menschen und der Verwaltung der Dinge anzu 
wenden, indem man die öffentlichen Unternehmungen streng von der politischen 
Regierung trennt. Das Wesentliche ist, daß diese Untersuchungen im Interesse 
der Allgemeinheit verwaltet werden, und daß deren Reingewinn den Kollektivi 
täten zu gute komme. Was die Verwaltung betrifft, ist es im allgemeinen 
Interesse, daß sie unabhängigen Behörden, welche den politischen Einflüssen 
entrückt sind, und die über ein autonomes Budget verfügen, angehöre ; es kann 
sogar vorteilhaft sein, daß sie Pachtgesellschaften anvertraut werde, welche den 
betreffenden Dienstzweig für Rechnung des Staates unter dessen Kontrolle ver 
walten und einen bestimmten Anteil am Gewinn erhalten.“ ibid. p. 383. Ganz 
im Sinne dieser Anschauungen sind fünf Vorträge gehalten, welche Bourguin 
1901 an der Ecole professionnelle des Postes et Télégraphes hielt, und die unter 
dem Titel: De UApplication des Lois ouvrières aux ouvriers et employés de 
l’Etat (Paris, Rousseau, 1902) veröffentlicht wurden. Bourguin verlangt darin, 
daß der Staat als Unternehmer dem gemeinen Rechte, wie jeder andere Unter 
nehmer, unterstehe. Dementsprechend müßten die Arbeiter und Angestellten 
staatlicher Betriebe genau dieselben Rechte haben, wie die bei privaten Unter 
nehmern beschäftigten Arbeiter. Insbesondere die Rechte, sich zu organisieren, 
in den Ausstand zu treten, kollektive Arbeitsverträge mit dem Staate abzu 
schließen usw. Bourguin ist der Ansicht, daß die Beamten der staatlichen Be 
triebe, unbeschadet der ihnen vom Staate gewährten Alterspensionen, ein Recht 
auf alle durch das Unfallversicherungsgesetz von 1898 vorgesehenen Entschädi 
gungen haben. Er verlangt ferner, daß die staatlichen Betriebe, wie alle andern, 
der Gewerbeinspektion unterworfen werden. Wie jeden andern Unternehmer 
sollen die Fabrikinspektoren den Unternehmer „Staat“ wegen Nichtbeobachtung 
von Arbeiterschutzbestimmungen gerichtlich belangen können. 
2 ) ibid. p. 385.
        <pb n="418" />
        392 
Der Interventionismus an den Universitäten 
liehe Resultat der historischen Entwicklung präsentiert, ist 
gewiß solide genug aufgebaut, um den wirklich demokratisch 
und fortschrittlich gesinnten Elementen der französischen Intelli 
genz ein Leitstern zu sein, dessen Licht nicht leicht zu ver 
dunkeln ist. Sein robuster Realismus und Determinismus wird 
bei allen, welche sich damit vertraut machen, etwaige Furcht 
vor dem roten Gespenst zwangsweiser Enteignung verscheuchen. 
Nicht das geringste Verdienst des Werkes ist es, ein warmes 
Interesse für die Lage verelendeter Arbeiterklassen wachzurufen 
und zu tätiger, opferfreudiger Mitarbeit an der steten Besserung 
derselben anzufeuern. Allerdings macht sich Bourguin durch 
seine rationalistische Kantonnierung der sozialistischen Systeme, 
welche den wirklich vorliegenden sozialistischen Reformvor 
schlägen nur unvollkommen gerecht wird, deren Widerlegung 
etwas zu leicht. Beispielsweise hätten auch die Vorschläge 
Rignanos, das kollektive Eigentum an den Produktionsmitteln 
durch stufenweise Erbschaftsbesteuerung in drei Generationen 
zu verwirklichen, verdient, an den tatsächlichen Entwicklungs 
tendenzen der Gegenwart gemessen zu werden. Die wichtige 
Frage der progressiven Besteuerung im Zukunftsstaat ist über 
haupt zu wenig berücksichtigt. Das gleiche gilt für die Organi 
sationsform „Kommunalsozialismus“. Endlich ist Bourguins 
Optimismus bezüglich der zukünftigen Gestaltung der Dinge, 
wenngleich er sich streng an tatsächliche Grundlagen hält, 
manchmal doch etwas kühn und erinnert lebhaft an denjenigen 
der unentwegten Individualisten de Molinari oder Yves 
Guyot. Aber, wie Bourguin selber sagt, der Optimismus ist 
eine soziale Kraft, die Unwahrscheinliches wirklich machen 
kann. Und dann kommt es ja auch schließlich nicht auf den 
einzelnen Detailausblick an: die beherrschende Idee der Ent 
wicklung und die reale Fundamentierung der gezeichneten Haupt 
wege des wirtschaftlichen Werdens geben dem Buche Bour 
guins einen hohen wissenschaftlichen Wert; in dieser Hinsicht 
kann sich keine zukunftsstaatliche Utopie der alten und neuen 
Zeit mit ihm messen. 
Adolphe Landry *), Maitre de Conférences für Geschichte 
]) Von Ijanärys Schriften kommen hier in Betracht: L’utilité sociale et 
la Propriété individuelle, Paris 1901 (Doktordissertation der philosophischen 
Fakultät in Paris). — L’Intérêt du Capital, Paris 1904. — Un Economiste
        <pb n="419" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
393 
der wirtschaftlichen Lehren an der Ecole pratique des Hautes 
Etudes, ist Schüler von Ch. Andler und Otto Effertz. Zu Bour- 
guin bildet er gewissermaßen ein Gegenstück. Bourguin ist 
Jurist und historisch-realistischer Nationalökonom ; Landry ist 
Philosoph und rationalistischer Volkswirt. Bourguin faßt die 
Entwicklungslinien der Tatsachen ins Auge und schließt auf 
eine zukünftige Wirtschaftsordnung, an deren Basis Privateigen 
tum und Lohnarbeit bleiben werden, wenn auch die genossen 
schaftlichen Organisationsformen überwiegen. Landry blickt 
auf die Richtung und Ausbreitung der Ideen und schließt auf 
den sozialistischen Zukunftsstaat. Bourguin faßt die wirt 
schaftliche Entwicklung deterministisch als ein Naturgeschehen 
auf, an dem der Wille der Menschen nichts zu ändern vermag. 
Landry sieht in dem progressiven Entstehen einer sozialistischen 
Gesellschaftsordnung nicht die Wirkung von Naturkräften, sondern 
die Wirkung des Willens von immer mehr den Sozialismus als 
Endziel wollenden Menschen. 
Landry ist ein gründlicher Kenner der volkswirtschaft 
lichen Literatur des Auslandes, insbesondere auch Deutschlands. 
Von Charles Andler ist er auf Otto Effertz' „ponophysio- 
kratischen“ Sozialismus aufmerksam gemacht worden. Dieser 
verwirft bekanntlich die Privateigentumsordnung wegen der ihr 
notwendig anhaftenden Antagonismen zwischen individuellen und 
allgemeinen Interessen, und baut die kollektivistische Gesell 
schaftsordnung der Zukunft ponophysiokratisch, d. h. auf Arbeit 
und Boden als Produktionsfaktoren, Wertmesser und Verteilungs 
normen auf 1 ). Landry wurde ein begeisterter Anhänger von 
Effertz, dessen Lehre von den wirtschaftlichen Antagonismen 
er sich ganz zu eigen gemacht hat. Auch ist Lan drys Me 
thode von derjenigen Effertz’ beeinflußt; beide sind abstrakt 
deduktiv, wenn auch Landry die übermäßigen Vereinfachungen 
von Effertz’ Räsonnement durch progressive Komplizierung 
méconnu: Otto Effertz, Paris 1906 (Separatabdruck aus Revue d’économie poli 
tique). — Manuel d’Economique, Paris 1908. — Le Problème du Profit (Separat 
abdruck aus Revue d’économie politique), Paris 1908. 
*) Otto Effertz, Arbeit und Boden, Leipzig, 1893. — Les Antagonismes 
économiques, Paris, 1906 (mit Vorwort von Ch. Andler). — Über Effertz vgl. 
den Artikel Sozialismus von G. Adler im Handwörterbuch der Staatswissen 
schaften.
        <pb n="420" />
        394 
Der Interventionismus an den Universitäten 
seiner Hypothesen vorteilhaft ergänzt. Im Anschluß an Effertz 
macht Landry auch von der mathematischen Methode: d. h. 
von algebraischen Formeln, geometrischer Figuration und arith 
metischer Beispielgebung häufig Gebrauch. 
Die Tatsachenbeobachtung betrachtet Landry als ein 
vorbereitendes Stadium der Nationalökonomie. Immerhin gibt er 
zeitgenössischem Beobachtungsmaterial einen breiten Raum in 
seinem Handbuch. Die Induktion aus den Tatsachen kann 
nach seiner Ansicht nur geringe Resultate in der Volkswirt 
schaftslehre geben, a) weil die wirtschaftlichen Erscheinungen 
hochgradig komplex sind, b) weil der Volkswirt nicht experi 
mentieren kann, c) weil die Nationalökonomie in ihren For 
schungen immer auf menschliche Handlungen, die vom mensch 
lichen Willen abhängen, kommen muß, d. h. auf Tatsachen 
der innern Erfahrung, deren Verfolgung für die Induktion 
schwieriger und langwieriger ist, als für die Deduktion ] ). Die 
Deduktion ist nach Landry in der Wirtschaftswissenschaft be 
sonders fruchtbar, hauptsächlich weil die wirtschaftlichen Er 
scheinungen immer einen quantitativen Charakter haben und 
meßbar sind. Es gibt keine wirtschaftliche Frage, die der De 
duktion nicht zugänglich wäre. Wenn es wegen der Komplexität 
der Erscheinungen unmöglich wird, induktiv zu einem Resultat 
zu kommen, kann man es immer noch auf deduktivem Wege, 
z. B. in der Frage nach den Erklärungsgründen des Zinses. 
„Die Deduktion,“ schreibt Landry, „ermöglicht, die Probleme 
der Wirtschaftswissenschaft vollständig zu lösen, die wirtschaft 
lichen Erscheinungen in einer für den Geist vollkommen be 
friedigenden Weise zu erklären. Vom Einfachen zum Zusammen 
gesetzten vordringend, kann sie in ihre ersten Prämissen die 
jenigen psychologischen Daten aufnehmen, welche die Trieb 
federn des ganzen Wirtschaftslebens ausmachen; und die Tat 
sachen, zu denen sie uns führt, indem sie von diesen Daten 
ausgeht, werden dadurch vollkommen verständlich für uns“ 2 ). 
Das von Landry jeweils angewandte Verfahren ist denn 
auch ein abstrakt-deduktives, das von sehr einfachen Hypo 
thesen ausgeht und diese progressiv kompliziert, um sich mög 
lichst der konkreten Wirklichkeit zu nähern. Durch Beobach- 
*) Ad. Landry, Manuel d’Economique, p. 45 fi. 
2 ) ibid. p. 50.
        <pb n="421" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
395 
tung kontrolliert er die Ergebnisse der Deduktion; die der Be 
obachtung zur Komplikation seiner Hypothesen entnommenen 
Elemente pflegt er durch arithmetische Beispielgebung zu ver 
anschaulichen. Nichtsdestoweniger bleibt sein Räsonnement 
äußerst subtil. 
Lan dry s Handbuch der Nationalökonomie, das für 
Studierende der juristischen Fakultäten bestimmt ist, ent 
sprang dem Bestreben, eine reine Volkswirtschaftslehre nach 
dem Vorbilde Effertz’ zu schaffen. Es dürfte kaum seinem 
Zwecke, ein Handbuch für Studierende zu sein, gerecht werden ; 
dazu ist es viel zu subtil-abstrakt und viel zu ausführlich in 
theoretischen Erörterungen. Die grundsätzlichen Anschauungen 
des Verfassers, welche er Effertz verdankt, kommen in der 
Hauptsache erst in dem der Eigentumsfrage gewidmeten An 
hang, und auch dort nicht ohne Zurückhaltung, zum Ausdruck. 
Im übrigen schöpft er meist aus Philippovich, Böhm-Bawerk, 
Wiese, Mengen, in der Wertlehre auch aus Marshall und Colson. 
Neben der Eigentumsfrage hat Landry in seinem Handbuch 
sowohl, als in seinen frühern Werken, die Fragen des Kapital 
zinses und des Unternehmergewinns selbständig vertieft. 
Die Zinstheorien teilt Landry in vier Gruppen: 1. die, 
welche sich weder an das halten, was erklärt, daß das Kapital 
einen Zins erhält, noch an das, was erklärt, das es einen for 
dert, d. h. Theorien, welche sich weder an die Nachfrage nach, 
noch an das Angebot von Kapitalien halten ( Walras, Lehr)-, 
2. die, welche erforschen, warum das Kapital einen Zins erhält 
(K. Marx, Turgot, H. George, Wiesen, Mengen) ; 3. die, welche 
untersuchen, warum das Kapital einen Zins fordert (Senior)] 
4. die, welche sowohl danach fragen, warum das Kapital einen 
Zins erhält, als danach, warum es einen solchen fordert (Böhm- 
Bawerk). Landry fällt über alle bisherigen Zinstheorien, nach 
minutiöser Analyse derselben, das Urteil, daß sie entweder un 
vollständig, oder nicht bestimmt (explicite) genug, oder daß 
deren Elemente unglücklich angeordnet seien *). 
Landry entwickelt selbst eine Zinstheorie, welche diese 
drei Klippen vermeiden will. Hier deren Hauptzüge 2 ). 
J ) ibid. p. 621 ff. 
2 ) ibid. p. 631 ff.
        <pb n="422" />
        396 
Der Interventionismus an den Universitäten 
A. Kapitalnachfrage. Es gibt fünf Gründe, warum ein Mann 
bereit sein kann, einen Zins für die Überlassung eines Kapitals 
zu zahlen. Diese fünf Gründe können sowohl miteinander, als 
mit entgegenwirkenden Kräften in mannigfache Verbindungen 
treten. Es sind: 1. der Umstand, in der Gegenwart mehr Be 
dürfnisse zu haben, als man in der Zukunft haben wird ; 2. die 
Aussicht auf Vermehrung der Hilfsmittel; 3. die Entwertung 
zukünftiger Güter im Verhältnis zu gegenwärtigen; 4. die Pro 
duktivität des Kapitals; 5. die Tatsache, daß es möglich ist, 
Gebrauchsgüter zu schaffen, aus denen man Genüsse ziehen 
wird, deren Gesamtnutzen dem überlegen sein wird, was diese 
Güter werden gekostet haben. 
B. Kapitalangebot. Wenn man von den zahlreichen Kapi 
talien absieht, deren Verwendung als solche kein Opfer impli 
ziert, die sich also mit einer minimalen Entlohnung begnügen, 
bleiben als Gründe, warum ein Mann für die Überlassug eines 
Kapitals einen Zins verlangt : 1. die Tatsache, daß die Kapitali- 
sation ein Opfer erheischt, dessen Bedeutung schneller wächst 
als die Höhe des zurückgelegten Kapitals; 2. die Entwertung 
der zukünftigen Güter. 
Wie entsteht nun der Zins? Landry formuliert folgendes 
Gesetz: „Auf der einen Seite gibt es eine gewisse Anzahl von 
Verwendungsmöglichkeiten für Kapitalien, bei welchen sie einen 
Mehrwert abwerfen ; man kann diese Möglichkeiten nach Maß 
gabe des Abnehmens der Mehrwerte ordnen, und man hat so 
die Kurve der Kapitalnachfrage. Andererseits kann man die vir 
tuellen Kapitalien nach den Mehrwerten ordnen, welche sie ein 
bringen müssen, um als Kapitalien verwendet zu werden : so 
hat man die Kurve des Kapitalangebots Die tatsächliche 
Entlohnung des Kapitals — der Zins — wird durch die Be 
gegnung der beiden Kurven angegeben werden. Wie der Wert 
der Waren zugleich dem Grenzgebrauchswert, den diese Waren 
für die Käufer haben, und dem Grenzopfer, das die Verkäufer 
sich auferlegen, wenn sie dieselben hergeben, gleichkommt, so 
kommt der Zins zugleich dem Grenzmehrwert, den die ver 
wendeten Kapitalien geben werden und dem Grenzopfer, das 
die Kapitalisation bedeutet, gleich“ ’). 
') ibid. p. 639. Landry führt in diese Formel noch eine weitere Ver 
wicklung durch Berücksichtigung der Verschiedenheit der Dauer des Kapital-
        <pb n="423" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
397 
Landrys Zinstheorie, welche sich als eine Fortbildung 
derjenigen von Wieser und Böhm-Beiwerk darstellt, ist nicht min 
der subtil und speziös als die der Österreicher. Professor 
Gide meint, Landry habe die Zinsfrage durch seine Speku 
lationen keineswegs geklärt. Unsere Ansicht geht dahin, dab 
er, um die Klippen wirklich zu vermeiden, an denen er vorbei 
kommen will, 1. die Frage der Legitimität des Zinses nicht 
über den Erklärungsversuchen seiner Tatsächlichkeit vernach 
lässigen dürfte, 2. sich vorerst eine breitere historische Funda 
mentierung durch Studium des Zinsproblems im Altertum und 
Mittelalter sowie in den verflossenen Jahrhunderten der Neuzeit 
beschaffen müßte. 
Noch viel unbefriedigender als die Zinstheorie ist Landrys 
Theorie vom Unternehmer gewinn. In äußerst subtilen Ausfüh 
rungen schaltet er vorerst das Kapital, die Geschicklichkeit des 
Unternehmers und die Art und Weise der Risikoberechnung 
als Quellen des Unternehmergewinnes aus. Als solche gilt ihm 
das Seltenheitsmoment des Zusammentreffens von Kapitalien 
und Fähigkeiten in einer physischen Person l ). Er macht sich 
selbst den Einwurf, daß man Unternehmer sein kann, sowohl 
ohne Kapital, als ohne spezielle Fähigkeiten zu besitzen. 
Letzteres ist der Fall bei allen unpersönlichen Unternehmungs 
formen, also besonders bei den meisten Aktiengesellschaften. 
Darauf antwortet er, daß die Unternehmer ohne Kapital oder 
ohne spezielle Fähigkeiten immer nur einen verschwindend ge- 
bedarfs bezw. der Bereitwilligkeit der Hingabe ein. Er versucht zunächst nach 
zuweisen, daß der Zins nicht unregelmäßig (auf einem Markte) schwanken kann, 
sondern der Dauer der Anlage proportional sei. Dementsprechend korrigiert er 
obige Formel wie folgt: In der Kurve der Nachfrage wird jedes Kapital für 
den Zinsfuß figurieren, den es abwerfen kann, wenn man diejenige Anlagedauer 
für dasselbe annimmt, welche dessen höchsten Mehrertrag pro Zeiteinheit er 
zeugen wird. In der Kurve des Angebots wird jedes Kapital mit dem Zinsfuß 
auftreten, den es fordert, wenn man diejenige Anlagedauer für dasselbe annimmt, 
welcher das geringste Opfer pro Zeiteinheit von seiten des Kapitalisten entspricht, 
ibid. p. 642—643. 
b „Um Unternehmer zu sein, muß man zugleich Kapitalien und Fähig 
keiten haben; obwohl nun beide relativ sehr verbreitet sind, so ist doch deren 
Verbindung relativ selten; deswegen wird der Unternehmer aus der gleichzeitigen 
Verwendung beider mehr erzielen, als wenn er sie getrennt verwendet hätte." 
Landry, loe. cit. p. 675, und: Le Problème du Profit, p. 14.
        <pb n="424" />
        898 
Der Interventionismus an den Universitäten 
ringen Teil der in einer Volkswirtschaft vorhandenen Unter 
nehmer darstellen und folglich unbeachtet bleiben können. Es 
liegt auf der Hand, daß man sich in einer Zeit, deren Ent 
wicklungstendenzen in der Richtung kollektiver Unternehmungs 
formen liegen, nicht mit L a n d r y s Erklärung des Unternehmer 
gewinnes zufrieden geben kann. Wir erkennen seine subtilen 
Analysen jedoch gern als dankenswerte Beiträge an, welche 
der wissenschaftlichen Forschung als Anregung dienen können 1 ). 
Die Hauptsache bei Landry ist die Effertz entlehnte 
Lehre vom sozialen Nutzen des Privateigentums 2 ). Sie beruht auf 
dem Nachweis von Antagonismen oder Verletzungen, welche 
das allgemeine Interesse durch individuelle Interessen in einer 
auf das Privateigentum aufgebauten Wirtschaftsordnung erleidet. 
Genauer umgrenzt sind es die Gegensätze zwischen Produktivität 
= allgemeinem Interesse und Rentabilität — Privatinteresse. 
Als Autoren, welche vor Effertz dieser Frage Aufmerksamkeit 
geschenkt hatten, nennt Landry Sismondi, Cournot, Proudhon, 
llertzka und die Grenznutzentheoretiker bis zu Bernoulli hinauf. 
Nach Ausschaltung der in der heutigen Wirtschaftsordnung 
zwar tatsächlichen oder möglichen, aber nicht aus dem Wesen 
des individualistischen Charakters derselben sich ergebenden 
Läsionen des allgemeinen Interesses durch private, hält Landry 
— darin von Effertz abweichend — nur an denen fest, welche 
für ihn notwendig mit der individualistischen Wirtschaftsordnung 
verknüpft sind. Er teilt diese Verletzungen ein : A) in solche, 
deren Quelle in der Art und Weise liegt, wie die Produktion 
geleitet wird, B) in solche, deren Quelle in der Art und Weise 
der Güterverteilung liegt. In der Kategorie A äußert sich der 
Gegensatz zwischen Rentabilität und Produktivität : 1. dadurch, 
daß eine Unterproduktion rentabel wird, 2. dadurch, daß eine 
Überproduktion rentabel wird, 3. dadurch, daß bei der Produk 
tion die Zukunft der Gegenwart geopfert wird. 
ad 1. Der Fall rentabler Unterproduktion tritt ein: a) wenn 
sich den Unternehmern die Möglichkeit bietet, durch Verringe 
rung der Produktion ihren Brutto- und Reinertrag zu erhöhen. 
*) Landry, Manuel d’Economique, p. 665 ff. und : Le Problème du Profit. 
2 ) Landry, L’Utilité sociale de la Propriété individuelle, Paris, 1901 und: 
Manuel d’Economique, Anhang I, p. 761 ff. — Vgl. 0. Effertz, Les Antagonis 
mes économiques, Paris, 1906, 2. Teil, cap. 4.
        <pb n="425" />
        Allgemeine Volkswirtscliaftslehre 
399 
Es ist der klassische Fall des Monopols. Eine Wirkung dieses 
Antagonismus wird sein, daß die vorhandenen Produktionsmittel 
auf Produktionszweige angewendet werden, die nicht die vorteil 
haftesten (für die Gesamtheit) unter den möglichen sind ; 
b) wenn die Individuen durch Begrenzung ihrer Produktion 
ihre Produktionskosten um einen hohem Betrag zu verringern 
vermögen, als die dadurch bewirkte Minderung ihres Brutto 
ertrages beträgt. 
ad 2. Ursachen von Überproduktion, die für Private 
rentabel, für die Allgemeinheit schädlich ist, können sein: 
a) Ein Privater kann durch die Verwendungsart, welche er 
seinen Produktionsmitteln gibt, diejenigen anderer schädigen 
(z. B. Abforstung); b) die Verwendung, die ein Privater seinen 
Produktionsmitteln gibt, kann eine rentable oder rentablere 
Verwendung der Produktionsmittel anderer hindern; c) durch 
die Produktion von Privaten kann die Brauchbarkeit früherer 
Güter verringert werden ; d) die Reklame und e) die Spekulation 
bedeuten der Allgemeinheit schädliche Zweckzuführungen von 
Produktionsmitteln. 
ad 3. Eine Läsion des allgemeinen Interesses dadurch, 
daß bei der Produktion die Zukunft der Gegenwart geopfert 
wird, ist im Falle unrationellen Wirtschaften gegeben. 
Die Kategorie B, welche die Verletzungen des allgemeinen 
lutei esses umfaßt, deren Quelle in der Güter Verteilung liegt, 
wird von Landry mit folgender Argumentation abgetan: „Es 
gibt eine beste Verteilung der Güter. Dies ist, wenn man sich 
mit annähernder Schätzung begnügen will, die egalitäre. Wenn 
alle Individuen dieselbe Summe auszugeben haben, wird der 
Grenznutzen, den sie sich mit der Geldeinheit verschaffen 
können, gleich sein. Wenn aber der eine mehr, der andere 
weniger auszugeben hat, wird dieser Grenznutzen von einem 
Individuum zum andern wechseln. Was einige kaufen können, 
die es nicht gekauft hätten, wenn die Verteilung eine gleiche 
gewesen wäre, wird für sie iveniger Brauchbarkeit darstellen, 
als was jene, deren Einkommen unter dem Durchschnitt bleibt, 
an Brauchbarkeiten verlieren werden. Das Ergebnis wird 
eine Verringerung der Gesamtsumme des Wohlstandes sein“ 1 ). 
') Landry, Manuel, p. 793.
        <pb n="426" />
        400 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Daraus nun, daß die angeführten Verletzungen des all 
gemeinen Interesses durch die Privatinteressen notwendig mit der 
individualistischen Wirtschaftsordnung verknüpft sind, aus deren 
Wesen fließen, folgt, daß alle Verbesserungen dieser Wirtschafts 
ordnung — Erziehung der Individuen zu sittlichem Handeln, 
genossenschaftliche Selbsthilfe, staatliches Eingreifen ins Wirt 
schaftsleben — jene Antagonismen nicht aus der Welt schaffen 
können. Dies kann nur durch Beseitigung der individualistischen 
Wirtschaftsordnung geschehen. In seiner Doktordissertation 
schließt Landry auf diese Beseitigung zugunsten einer soziali 
stischen Gesellschaftsordnung. In seinem Handbuch — sieben 
Jahre später — ist er vorsichtiger geworden. „Begrifflich," 
schreibt er, „ist die sozialistische Gesellschaftsordnung eine Ord 
nung, in welcher die Verletzungen des allgemeinen Interesses, 
welche in der individualistischen Wirtschaftsordnung notwendig 
aus dem Privateigentum folgen, nicht mehr nötig sein werden. 
Diese Feststellung könnte aber nicht genügen uns zu bestimmen, 
der sozialistischen Wirtschaftsordnung vor der individualistischen 
den Vorzug zu geben. Man muß hierzu die Gesamtheit der 
Verletzungen, die dem allgemeinen Interesse heute widerfahren, 
die wesentlichen und die zufälligen, gegen diejenigen, welche 
das allgemeine Interesse im sozialistischen Staate sicher erleiden 
würde, abwägen“ '). 
Damit berührt Landry den wunden Punkt seiner und 
Effertz’ ganzer Argumentation. Es trifft zweifellos zu, daß 
die bestehende Wirtschaftsordnung eine Reihe von Kräftever 
lusten involviert. Der Schluß auf die sozialistische Wirtschafts 
ordnung, im Ideengang unserer beiden Autoren, wird aber erst 
dann diskutabel, wenn einwandfrei erwiesen ist, daß in ihr die 
Antagonismen zwischen allgemeinen und privaten Interessen 
quantitativ und qualitativ geringer sind als in einer individuali 
stischen Ordnung. Diesen Beweis bleibt uns aber Landry so 
wohl als Effertz schuldig. 
Landry sucht schließlich auf anderem Wege den Schluß 
auf den Sozialismus dennoch zu rechtfertigen. Die Deduktion 
versagt, da muß denn die so sehr in den Schatten gestellte In 
duktion helfen. „Um eine Richtschnur für unser Handeln zu
        <pb n="427" />
        de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
26 
Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
401 
gewinnen,“ schreibt Landry, „dürfen wir uns nicht darauf be 
schränken zu untersuchen, ob die Einführung der sozialistischen 
Ordnung oder die Erhaltung der gegenwärtigen wünschenswert 
ist. Wir müssen vielmehr danach fragen, welche Wirksamkeit 
unser Handeln haben wird, je nachdem wir ihm die eine oder die 
andere Richtung geben. Es scheint nun, daß wir — nicht durch 
die Macht der Dinge, sondern durch den Willen der Menschen 
— uns zu der sozialistischen Wirtschaftsordnung hinbewegen. 
Die Ungleichheit wächst, die Zahl derer, die an dem Aufkommen 
des Sozialismus Interesse haben oder zu haben glauben, wird 
täglich größer ; die Ausbreitung sozialistischer Ideen in den 
unteren Klassen wird durch die Verbreitung der Bildung ge 
fördert. Selbst bei den Bevorzugten der heutigen Ordnung — 
soweit sie der Uneigennützigkeit fähig sind — kommt dem 
Sozialismus zugute, daß sie mehr und mehr das Bedürfnis emp 
finden, die Herrschaft des Geistes auf sozialem Gebiete ebenso 
sehr als auf dem des Naturgeschehens zur Geltung zu bringen, 
indem man eine rationelle Wirtschaftsorganisation an die Stelle 
derjenigen setzt, welche zum großen Teile das Resultat geschicht 
licher Zufälligkeiten ist. Der Umstand, daß die sozialistischen 
Ideen um sich greifen, ist zwar kein unmittelbarer Grund, um 
sie anzunehmen. Wenn man aber die Überzeugung gewinnen 
sollte, daß ihnen beschießen ist zu siegen, dann müßte auch 
der, welcher die Erhaltung der gegenwärtigen Ordnung lieber 
sähe, sich fragen, ob er nicht besser täte, anstatt fruchtlose Be 
mühungen auf jene Erhaltung zu verwenden, an der Klärung 
und Richtigstellung der bei den Sozialisten Kurs habenden An 
schauungen mitzuwirken, an der intellektuellen und sittlichen 
Hebung der Massen mitzuarbeiten und so dazu beizutragen, daß 
das Aufkommen des Sozialismus unter möglichst günstigen Be 
dingungen sich verwirkliche“ x ). 
In diesem Schlußpassus Landrys kommt der Schüler von 
Oh. Andler zur Geltung; es sind dieselben Gesichtspunkte, 
welche dreißig Jahrgänge von Normaliens — Schüler Andlers 
— in die philosophischen Fakultäten und Lyzeen Frankreichs 
hinausgetragen haben. 
i) ibid. p. 812—818.
        <pb n="428" />
        402 
Der Interventionismus an den Universitäten 
5. Kapitel. 
Wirtschaftliche Ideen- und Tatgeschichte. 
Der Pflege der Geschichte der volkswirtschaftlichen Ideen 
ist die von den Professoren Deschamps und Dubois 1908 
gegründete Revue de PHistoire des Doctrines économiques 
(Monatsschrift) gewidmet. Es wurde bereits erwähnt, daß die 
Arbeiten aus diesem Gebiete auch in der Revue d'économie poli 
tique einen breiten Raum einnehmen. Wir befinden uns in 
vollem Einklang mit den tatsächlichen Zuständen, wenn wir 
der wirtschaftlichen Tatgeschichte gleichsam als Anhängsel zur 
Ideengeschichte Platz geben. 
A. Dubois, Professor in Poitiers, ist der Verfasser einer 
vorzüglichen Ideengeschichte, von der bisher der erste Band 
vorliegt i). Er bringt in drei Kapiteln die Geschichte der volks 
wirtschaftlichen Lehren vom griechisch-römischen Altertum bis 
zu den Physiokraten zur Darstellung. Das erste Kapitel be 
handelt die ökonomischen Anschauungen der griechischen Philo 
sophen; von den römischen wird nur sehr kurz gesprochen. 
Das zweite umfaßt die Periode des Mittelalters, das dritte, das 
den Hauptinhalt des Buches ausmacht, behandelt den Merkan 
tilismus. Dubois untersucht die Anschauungen, die er für 
charakteristisch für jede Periode hält, indem er sich auf fol 
gende Gesichtspunkte stützt: die volkswirtschaftlichen Ideen 
entstehen und entwickeln sich unter dreifachen Einflüssen. 
Diese sind: 1. das jeweilige wirtschaftliche und soziale Milieu. 
Es liefert die Materialien zu den aufkommenden Ideen und be 
stimmt deren Tendenz. 2. Das allgemeine intellektuelle Milieu 
und die Auffassung von dem letzten Ziele des Menschen. Von 
diesen hängt wesentlich die Auffassung der wirtschaftlichen Er 
scheinungen ab. 3. Die jeweiligen Träger der volkswirtschaft 
lichen Ideen, also der Einfluß der Individualitäten. 
Im Merkantilismus sieht Dubois weniger ein System, als 
eine den Trägern verschiedener Ideen gemeinsame Auffassungs 
weise der wirtschaftlichen und sozialen Erscheinungen. Der 
*) A. Dubois, Précis de l’Histoire des Doctrines économiques dans leurs 
rapports avec les faits et les institutions, tome 1 er : L’Epoque antérieure aux 
Physiocrates. Paris 1903.
        <pb n="429" />
        Wirtschaftliche Ideen- und Tatgeschichte 
403 
Merkantilismus ist der Ausdruck der Anstrengungen, die ge 
macht wurden, um den Übergang der Stadtwirtschaften in 
nationale zu bewerkstelligen und das Gedeihen der letzteren zu 
sichern. Die verschiedenen und sich zum Teil widersprechen 
den Ideen, die man mit dem Worte Merkantilismus bezeichnet, 
lassen sich in zwei Gruppen zusammenfassen : 1. die Ideen, 
welche sich auf die Währungssysteme und auf das Steigen und 
Fallen der Preise infolge vorhandener Menge von Edelmetallen 
oder eingetretener Seltenheit derselben in einem nationalen 
Wirtschaftsgebiet beziehen; 2. die Lehren von der Bereicherung 
der Völker durch Ansammeln von Edelmetallen, d. i. der Mer 
kantilismus im engeren Sinn. Mit der Idee der Anhäufung von 
Edelmetallen ist — bei den verschiedenen Autoren in verschie 
denem Maße — die der Entwicklung der nationalen Produktiv 
kräfte verbunden. 
Die merkantilistische Theorie ist eine Mischung von wahren 
und falschen Anschauungen. Die reinen Merkantilisten be 
trachten die Edelmetalle als Güter höherer Art. Sie glauben 
an eine Art von Transsubstantiation, infolge der die Edelmetalle 
die Quintessenz aller konsumierbaren Güter in sich konzen 
trierten. In Wirklichkeit sind aber die Edelmetalle nur ein 
nicht konsumierbares Äquivalent, ein Instrument zur Erleichte 
rung des Tauschverkehrs. Darum sind sie nur ein Mittel, nicht 
ein Ziel, geschweige denn das höchste Gut. Es ist auch philo 
sophisch unhaltbar zu behaupten, ein virtueller Zustand eines 
Gutes sei dem aktuellen überlegen. 
Der Gutsbegriff der Merkantilisten ist jedoch nicht einheit 
lich. Sie verstehen unter Nationalreichtum nicht nur die Menge 
der angehäuften Edelmetalle, sondern manchmal auch die Ge 
samtheit der Dinge, die geeignet sind, die Bedürfnisse der In 
dividuen zu befriedigen. Dementsprechend raten sie neben 
Thésaurisation und Sparsamkeit gelegentlich auch produktive 
Ausgabe der Edelmetalle 1 ). 
Über die verschiedenen Verfahren merkantilistischer Wirt 
schaftspolitik urteilt Dubois: Die Maßregeln, die darauf hin 
zielen, die Edelmetalle im Lande zu behalten, sind nicht zu 
rechtfertigen, weil das Ziel ein verfehltes ist. Die künstliche 
') Dubois, loe. eit. p. 264.
        <pb n="430" />
        404 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Herabsetzung des Zinsfußes ist verwerflich, weil, auch an 
genommen, ein niedriger Zinsfuß sei immer eine Ursache und 
ein Zeichen von Volkswohlstand, keine gesetzliche Maßnahme 
ihn zu verwirklichen vermag. Die Reglementierung der Gewerbe 
hat den Nachteil, den Erfindungsgeist zu schädigen, ohne dem 
nationalen Gewerbe immer den Sieg über die fremde Konkurrenz 
zu sichern. Die Getreideausfuhr verb ote vermögen weiter nichts 
— wenn sie auch in Kriegszeiten zu entschuldigen sind — als 
den Ackerbau zugrunde zu richten und Hungersnöte zu erzeugen. 
Die Privilegien sind zu verteidigen, wenn es sich darum handelt, 
neue Industriezweige zu belohnen, aber die moderne Einrichtung 
der Patente ist weit zweckentsprechender. Die Luxusgesetze 
sind gefährlich für den Fortschritt, weil häufig was heute Luxus 
ist, morgen Allerweltsgut sein kann ; sie sind aber auch unwirk 
sam, wie eine Jahrhunderte alte Erfahrung lehrt. Die einzige 
Maßnahme merkantilistischer Wirtschaftspolitik, die noch heute 
diskutabel ist, ist der Protektionismus, d. h. die Intervention des 
Staates, um die nationale Produktion in eine Lage zu setzen, die 
jener des fremden Wettbewerbs gleich sei 1 ). 
Der merkantilistische Protektionismus war wesentlich ein 
solcher der Industrie. Schien ein Interessengegensatz zwischen 
Ackerbau und Industrie zu bestehen, so wurde regelmäßig 
ersterer der letzteren geopfert. Dubois läßt es dahingestellt 
sein, ob dieses Verfahren richtig war. Jedenfalls, meint er, 
konnte es nicht ewig währen, denn ein dauernder Fortschritt 
der Industrie ist ohne eine gleichzeitige Aufwärtsbewegung der 
Landwirtschaft nicht denkbar. Immerhin haben die Merkanti 
listen recht gehabt, an die Zukunft der Industrie ihrer Länder 
zu glauben. Aber aus der Tatsachenbeobachtung allein ist die 
Frage nicht zu lösen, ob die französische und die englische In 
dustrie ihren tatsächlichen Aufschwung dem Protektionismus 
verdanken. Seine Ansicht über diesen Punkt formuliert Dubois 
dahin, daß der internationale Freihandel als Ideal und sogar 
als normale Regel anzusehen sei, der Protektionismus aber — 
abgesehen von dem unbedingt zu verurteilenden Prohibitionis 
mus — in einem gegebenen Augenblick für ein Volk nötig sein 
könne. Die unmittelbaren Opfer, die ein Land sich durch einen 
b ibid. p. 266 ff.
        <pb n="431" />
        Wirtschaftliche Ideen- und Tatgeschichte 
405 
Schutzzoll auferlegt, sind nicht unfruchtbar, wenn dieser dazu dient, 
die nationale Unabhängigkeit zu sichern oder das Aufkommen 
gewisser neuer Industriezweige zu fördern oder eingesessene In 
dustrien vor dem Untergang zu bewahren, der ihnen infolge 
von vorübergehenden Umwälzungen auf dem Weltmarkt droht. 
Der merkantilistische Protektionismus wurde zweifellos in der 
Theorie übertrieben und in der Praxis häufig schlecht an 
gewandt: an sich war er aber eine Notwendigkeit der Zeit 1 ). 
Die Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse zeitigte 
naturgemäß eine antimerkantilistische Reaktion : die Lehre von 
der Erreichung günstiger Handelsbilanzen ohne Zollschutz und 
gesetzliche Reglementierung der Gewerbe. An die Erörterung 
dieser Reaktion schließt Dubois eine Darlegung der Fiskal- 
systeme, nämlich des im Frankreich des ancien régime bestehen 
den, der Vorschläge von Vauban und Boisguilbert und der Ver 
suche von Law. 
Ein Vorzug, den Dubois' Buch vor vielen anderen fran 
zösischen Arbeiten hat, ist, daß der Verfasser, ähnlich wie Le 
vasseur in seinen großen wirtschaftsgeschichtlichen Werken, 
die Bedingtheit des wirtschaftlichen Denkens und die Faktoren, 
welche dasselbe bestimmen, jeweils hervorhebt. Er bleibt jedoch 
nicht dabei stehen, sondern gibt auch gelegentlich, wie unsere 
obigen Ausführungen dartun, Urteile über den absoluten Wert 
der behandelten Lehren ab. 
Die Professoren Ch. Gide (Paris) und Ch. Rist (Montpellier) 
haben in jüngster Zeit ein gemeinsam verfaßtes Lehrbuch der 
Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehren veröffentlicht, das 
dort einsetzt, wo Dubois’ Werk einstweilen aufhört 2 ). Gide 
und Rist ordnen die wirtschaftlichen Anschauungen nach Ver 
wandtschaftsgruppen, innerhalb jeder Gruppe aber dann chrono 
logisch. Dabei halten sie sich nicht an den Zeitpunkt der Ent 
stehung der einzelnen Doktrinen, der manchmal schwer feststell 
bar ist, sondern an das greifbare Moment der Reifezeit, des 
Höhepunkts einer jeden Anschauung. Es werden fünf Epochen 
unterschieden: 1. Die Gründer der Volkswirtschaftslehre (die 
x ) ibid. p. 268 ft. 
2 ) Charles Gide et Charles Rist, Histoire des Doctrines économiques depuis 
les Physiocrates jusqu’à nos jours, Paris 1909.
        <pb n="432" />
        406 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Physiokraten, Ad. Smith, die Pessimisten). 2. Die erste Hälfte 
des XIX. Jahrhunderts oder das Aufkommen der Gegnerschaft 
zur klassischen Schule (Sismondi, Saint-Simon, der assoziatio- 
nistische Sozialismus, Friedrich List, Proudhon). 3. Die Mitte 
des XIX. Jahrhunderts oder die Glanzperiode des Liberalismus 
(Stuart Mill, Bastiat). 4. Die zweite Hälfte des XIX. Jahrhun 
derts, die ein vierfaches Schisma zur Ausreise brachte: in der 
Richtung der Methode die historische Schule; in der Sozial 
politik den Staatssozialismus ; bezüglich der grundlegenden Auf 
fassungen der Wissenschaft den Marxismus, endlich durch Ein 
führung des ethischen Moments in die Nationalökonomie die 
christlichen Schulen. 5. In jüngster Zeit eine Art Revision der 
klassischen Lehren : der Hedonismus (Walras und die Öster 
reicher) und die Anwendungen der Rententheorie (Hermann, 
Mangoldt, Schäffle, Menger, Pareto; Stuart Mill, Henry George; 
Gossen, Walras; Webb, Fabian society); endlich der Solidaris- 
mus, der eine Brücke zwischen Individualismus und Sozialismus 
schlagen will, und der Anarchismus, der den Liberalismus auf 
die Spitze treibt. 
Man kann natürlich an der Auswahl der für die einzelnen 
Epochen in den Vordergrund gestellten Anschauungen und 
Autoren manches auszusetzen finden; wir wollen uns jedoch 
nicht dabei aufhalten und vielmehr gebührend betonen, daß dem 
ganzen Aufbau des Buches entschieden evoluì ionistisch e Gesichts 
punkte zugrunde liegen. Die Tatgeschichte wurde nur heran 
gezogen, wo es unumgänglich nötig schien, um die Erscheinungen 
der Ideengeschichte zu erklären. An Zitaten wurde nicht ge 
spart, um die Studierenden der Rechtsfakultäten, für die das 
Lehrbuch in erster Linie bestimmt ist, möglichst in direkte Be 
rührung mit den zur Darstellung gebrachten Autoren zu bringen. 
Das reichhaltige, monographische Material, das sich in Frank 
reich besonders seit Ende der 80er Jahre auf dem Gebiete der 
Ideengeschichte angesammelt hat, wurde in ausgiebigem Maße 
verwertet, so daß das Lehrbuch in vielen Einzelpunkten Neues 
bietet. 
Die von Rist verfaßten Abschnitte des Werkes offenbaren 
einen von den unmittelbaren, realen Tatsachen abgewendeten 
Geist, der sich in unermüdlichen Ideenzergliederungen gefällt. 
Gide fand seinerseits gerade in einer ideengeschichtlichen Arbeit
        <pb n="433" />
        í 60 Università* 
Wirtschaftliche Ideen- und Tatgeschichte I o 4(jAsi. 
ein dankbares Feld, um sein stetes Bestreben den Waty^ÿs- 
gehalt aus jeder menschlichen Äußerung herauszuschälehsand, 
die verborgenen Zusammenhänge scheinbar weit abstehender 
Gedankengänge aufzuweisen, zu betätigen. Bei beiden erscheint 
als eines der Hauptergebnisse der ideengeschichtlichen Forschung 
die Erkenntnis, daß das Gebiet der theoretischen Wissenschaft, 
der reinen Ökonomik, auf dem konvergierende Tendenzen zu 
nehmend überwiegen, sich immer schärfer abhebt von dem der 
Wirtschaftspolitik, auf dem sich die Divergenzen zunehmend 
konsolidieren. Es ist vielleicht nicht unnötig hervorzuheben, 
daß das Lehrbuch von Gide und Rist der sozialistischen Ge 
dankenarbeit — bei aller prinzipiellen Ablehnung des Kollek 
tivismus — mit einem in Deutschland zum mindesten unge 
wohnten Wohlwollen gegenüber tritt. 
Wir können es uns nicht versagen, den schönen und an 
schaulichen Vergleich, mit dem unsere Autoren ihr umfang 
reiches Werk beschließen, in Kürze wiederzugeben. 
Nach einem evolutionistischen Glaubensbekenntnis, das 
darin gipfelt, daß der Begriff der wissenschaftlichen Wahrheit 
zu Beginn des XX. Jahrhunderts nicht identisch ist mit dem, 
was er im Anfang des XIX. war, und daß alles darauf hin 
deutet, daß er sich in der Zukunft noch weiter verändern wird, 
schreiben Gide und Rist: Wenn man die Geschichte der 
volkswirtschaftlichen Anschauungen in den letzten 150 Jahren 
mit einem Gesamtblick überschaut, so glaubt man vor einem 
geöffneten Fächer zu stehen. Am Griff sind die Stäbe so eng 
aneinander gepreßt, daß sie ein Block zu sein scheinen. In dem 
Maße, als der Blick zum Umkreis vordringt, gewahrt er, wie die 
Stäbe nach verschiedenen Richtungen auseinander gehen. Aber 
sie trennen sich nicht ganz. Denn in dem Maße, in dem sie 
auseinandergehen, entfaltet sich ein gemeinsames Gewebe zwischen 
ihnen, das sie zu einer neuen Einheit verbindet. Ja, diese Ein 
heit ist widerstandsfähiger als die künstliche, die sich aus dem 
Aufeinanderliegen der Stäbe am Handgriff ergab. 
Bei den Physiokraten, mehr noch bei Ad. Smith, erscheint 
die Nationalökonomie als ein schöner, einheitlicher Lehrkörper. 
Aber die Zeit läuft voran, die Wissenschaft schreitet fort und 
man erkennt, daß die Einheit am Ausgangspunkte eine mehr 
scheinbare als wirkliche war. Die häufig kontradiktorischen
        <pb n="434" />
        408 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Anschauungen, die Smith zu vereinbaren verstand, führen zu 
immer entgegengesetzteren Theorien. Verschieden geartete 
Lehren über die Verteilung der Güter und den Wert, historische 
und abstrakte Methode, Liberalismus und Sozialismus sind ebenso 
viele Auffassungen, von denen jede ihren Weg mit wechselndem 
Glücke verfolgt. Eine jede umgibt sich aber mit einem Netze 
von Beobachtungen und Tatsachen und bringt ihren Teil an 
neuen Wahrheiten bei. So bildet sich nach und nach um jeden 
großen Strom des volkswirtschaftlichen Denkens ein immer 
widerstandsfähigeres und ausgedehnteres Gewebe, das ein wissen 
schaftliches Gemeingut darstellt, aus dem noch die markantesten 
Züge der großen Systeme hervorleuchten. Von einem bestimmten 
Augenblicke an halten aber die Stäbe den Blick nicht mehr fest, 
sondern das Gewebe des Fächers zieht ihn an, d. i. die Gesamt 
heit der gesicherten Wahrheiten, die das dauernde Ergebnis der 
Systeme ausmachen. 
Während aber die Einheit der das Seiende erklärenden 
Wissenschaft die Verschiedenheit der ein Seinsollendes vor 
schreibenden Schulen zu überstrahlen strebt, beginnt eine neue 
Einteilung, die weniger scholastisch und für den Fortschritt der 
Wissenschaft fruchtbarer ist als die alte, diese frisch zu unter 
mauern, so daß ein neuer Fächer sich unter dem alten zu bilden 
scheint. 
An erster Stelle erblickt hier das Auge die immer schärfer 
ausgesprochene Trennung zwischen theoretischer Systemisierung 
und Beobachtung konkreter Erscheinungen, zwischen reiner 
Ökonomik und beschreibender Wissenschaft. Es sind das zwei 
gleich nötige Forschungsgebiete, denen Eigenschaften entsprechen, 
welche selten in einer Person vereinigt sind. Aber die Volks 
wirtschaftslehre kann weder der Theorie noch der Beobachtung 
entrateli. Wir fühlen nicht weniger lebhaft als früher das Be 
dürfnis, die Verkettung der wirtschaftlichen Erscheinungen und 
ihre gegenseitigen Beziehungen zu erfassen. Andererseits können 
wir nicht darauf verzichten, die in beständiger Umwandlung 
befindliche wirtschaftliche Organisation der Welt immer wieder 
von neuem zu beschreiben. Die beiden gemeinten Methoden 
entwickeln sich unter unsern Augen und schreiten gleichzeitig 
voran, und die große Streitfrage, welche der andern überlegen 
sei, scheint heute definitiv beseitigt.
        <pb n="435" />
        409 
Wirtschaftliche Ideen- und Tatgeschichte 
An zweiter Stelle gewahren wir eine immer weiter ge 
deihende Aufteilung der Volkswirtschaftslehre in selbständige 
Zweigwissenschaften, deren Zusammenhang ein immer loserer 
wird. Die Preistheorie und die Verteilungslehre haben eine Ent 
wicklung genommen, die eine Verselbständigung beider recht 
fertigt ; die Sozial Ökonomie hat sich ihr Gebiet abgesteckt und 
führt ein eigenes Dasein, die Bevölkerungslehre hat die Propor 
tionen einer besonderen Disziplin, die sich Demographie nennt, 
angenommen ; die Steuerlehre ist zur Finanz Wissenschaft gewor 
den; die Statistik hat ihre eigenen Methoden und übergießt 
alle übrigen Gebiete mit reichem Lichte; die Beschreibung des 
kommerziellen und industriellen Mechanismus, der Banken und 
der Börsen, die Klassifizierung der Gewerbe und das Studium 
ihrer Umwandlungen verhalten sich zur Nationalökonomie wie 
die Zoologie, die beschreibende Botanik oder die Morphologie 
zur Naturgeschichte. 
Ein Gebiet aber bleibt, auf dem die Verschiedenheit und 
der Kampf fortdauern und wahrscheinlich nie aufhören werden : 
die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das Bild, das die National 
ökonomie in der Zukunft zweifellos bieten wird, wird darum 
sein: auf dem Gebiete der Wissenschaft, zunehmende Einheit 
und zunehmendes Zusammenarbeiten, dank der Vervollkomm 
nung der Methoden ; auf dem Gebiete der Praxis, Mannigfaltig 
keit und Kampf um das Übergewicht zwischen den verschiedenen 
wirtschaftlichen Idealen 1 ). 
9 Gide und Rist beschließen ihr Lehrbuch mit einem höchst beachtens 
werten, aktuellen Appell zugunsten der Freiheit der Wissenschaft. Wir halten 
ihn für wichtig genug, um hier in wortgetreuer Übersetzung mitgeteilt zu werden : 
„Wessen Wissenschaft und Unterricht am meisten bedürfen um sich zu ent 
wickeln, ist breite und volle Freiheit; Freiheit in den Methoden, Freiheit in den 
Theorien, Freiheit in den Idealen und Systemen, denn diese sind manchmal wert 
volle Stimuli der wissenschaftlichen Forschung, indem sie die Gefühle ins Treffen 
führen. Nichts wäre der Wissenschaft schädlicher als Dogmatismus, woher er 
auch kommen mag. Leider ist hierin keine Schule und kein Land vor Kritik 
gesichert.“ 
„Schon Sismondi klagte den triumphierenden Liberalismus an, die National 
ökonomie in eine Orthodoxie umzuwandeln. Aber der Liberalismus ist nicht der 
einzige, der einen solchen Vorwurf verdiente. Vor wenigen Jahren erklärte in 
Deutschland der Führer der historischen Schule, Schmoller, in einer Berliner 
Rektoratsrede, daß man in Zukunft weder reine Marxisten noch reine Smithianer 
zum öffentlichen Unterricht zulassen könne. Sollte die deutsche historische
        <pb n="436" />
        410 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Auf Charles Gide kommen wir im zweiten Kapitel des 
III. Buches ausführlicher zu sprechen. Von Charles Bist ist 
dagegen noch an dieser Stelle einiges zu sagen. Bist kokettiert 
mit der mathematischen Methode 1 ). Er strebt, wie Landry, 
nach der reinen Ökonomik und pocht mit großem Nachdruck 
auf die Existenz universeller und permanenter Naturgesetze der 
Volkswirtschaft. Mit dem Interventionismus macht er, was 
Lerò y-Beaulieu mit dem Freihandel macht : er spricht ihm 
den Charakter einer grundlegenden Anschauung ab. Der Inter 
ventionismus ist für ihn lediglich eine Norm, zu der man von 
den entgegengesetztesten Grundsätzen aus gelangen kann. 
Übrigens hängt nach Bists Anschauung die Lösung der Inter 
ventionsfrage keineswegs von volkswirtschaftlichen Gesichts 
punkten allein ab, sondern auch von politischen : von der Auf 
fassung, die man vom Interesse der Allgemeinheit hat und von 
dem Vertrauen, das die bestehende Begierungsform in jeder 
Epoche und in jedem Lande besitzt 2 ). 
Charles Turgeon, Professor in Bennes, hat den Lehrstuhl 
für Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehren inne. In einem 
methodologischen Aufsatz über dieses Wissensgebiet 3 ) gibt er 
Schule den Ostrazismus gegen ihre Gegner erneuern wollen, unter dem sie 
einst selbst gelitten? Wir in Frankreich können uns nicht schmeicheln, viel 
weniger exklusiv gewesen zu sein. Die Gleichgültigkeit und selbst die Feind 
schaft, die man lange für die mathematische Schule bei uns hatte, gereicht uns 
nicht besonders zur Ehre. Übrigens hat sich der Sozialismus die Intoleranz, die 
man der .bürgerlichen' Volkswirtschaftslehre mit so viel Recht vorgeworfen hat, 
in nicht geringerem Maße zuschulden kommen lassen. Als die marxistischen 
Theorien von gewissen Marxisten angegriffen wurden, kamen jenen Verteidiger 
zu Hilfe, die sich nicht weniger autoritär und unversöhnlich zeigten, als die des 
Liberalismus gewesen waren, als dieser sich durch neue Tendenzen bedroht 
glaubte. Wenn sich darum eine Lehre aus der Geschichte der wirtschaftlichen 
Anschauungen ergibt, so ist es die, daß es notwendig ist nie aufzuhören, die 
erworbenen Wahrheiten mit kritischem Sinn zu kontrollieren und neue Beob 
achtungen und Erfahrungen wohlwollend aufzunehmen, um das Gebiet der Volks 
wirtschaftslehre ohne Unterlaß zu erweitern und zu vertiefen.“ Gide et Rist, 
loc. eit., p. 737. 
1 ) Siehe die Artikel von Rist in „Revue de Métaphysique et de Morale“ 
1904, 1907, 1908. 
2 ) Ch. Rist, Origine et caractères du socialisme d’Etat, in „Revue d’éco 
nomie politique“, 1907, p. 321 ff. 
3 ) Charles Turgeon, Introduction à l’histoire des doctrines économiques, in 
Revue d’Economie politique, 1906 p. 505 ff.
        <pb n="437" />
        Wirtschaftliche Ideen- und Tatgeschichte 
411 
einige Andeutungen über die Art und Weise, wie er es auffaßt. 
Mit Professor Dubois hält er es für angebracht, „jedes Werk 
in die Umstände, die es begleiten, einzuordnen, jede Doktrin in 
das Milieu, das sie erzeugte, zurückzuversetzen, jeden Schrift 
steller in die Atmosphäre, in der er lebte, hinzustellen“ 1 ). In 
seinem Werke über den Feminismus — T urge on ist ein Vor 
kämpfer dieses in Frankreich — tritt er dagegen als einer jener 
rationalistisch denkenden Lateiner auf, deren Augenmerk auf 
das Absolute gerichtet ist 2 ). 
Turgeons Anschauungen über den Feminismus werden 
von zwei Gesichtspunkten geleitet: 1. Die Familie in ihrer heu 
tigen Organisation ist die notwendige Basis des sozialen Körpers ; 
2. der Frau sind alle Rechte zuzuerkennen, aber ohne sie von 
auch nur einer Pflicht zu entbinden. Die intellektuelle Emanzi 
pation der Frau hält Turgeon für vollauf berechtigt, weil die 
Frau dem Manne nicht geistig inferior ist. Jedoch bleibt die 
Mutterschaft die erste Pflicht der Frau. In der Praxis wird 
dieselbe meist der geistigen Ausbildung und Tätigkeit entgegen 
stehen. Das wichtigste ist die wirtschaftliche Emanzipation der 
Frau. Nur allzu gerechtfertigt sind die Forderungen, welche 
der Frau nach und nach alle Berufe zugänglich machen wollen 
und es auch zweifellos erreichen werden. Ob aber damit die 
Frage der Entlohnung weiblicher Arbeit, welche durchschnitt 
lich um die Hälfte hinter dem Lohne zurückbleibt, der für 
männliche Arbeit gezahlt wird, eine befriedigende Lösung finden 
wird, ist nicht vorauszusehen. Grundsätzlich unbestreitbar ist 
ferner das politische Wahlrecht der Frauen. Was die zivil 
rechtliche Emanzipation der Frauen betrifft, so will Turgeon 
zwar die Autorität des Ehegatten gewahrt wissen, aber er tritt 
entschieden ein für alle einschlägigen Reformen, die zurzeit bei 
den französischen Parlamenten anhängig sind. Ebenso ent 
schieden bekämpft er aber auch die eheliche und mütterliche 
Emanzipation der Frau, denn vor allem muß die Existenz und 
das Gedeihen der Familie gewahrt bleiben, weil sie die not 
wendige Grundlage der menschlichen Gesellschaft ist. 
Lucien Brocard, Professor in Nancy, hat eine geistvolle 
i) ibid. p. 521. 
s ) Charles Turgeon, Le Féminisme français, 2 Bde. Paris 1902.
        <pb n="438" />
        412 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Studie über die wirtschaftlichen Anschauungen des Marquis de 
Mirabeau veröffentlicht*). Seine grundsätzlichen Anschauungen 
sind von Professor Deschamps beeinflußt; sie gehen dahin, 
nicht, wie die deutschen Nationalökonomen, erst das Milieu, 
dann durch dieses das Individuum vervollkommnen zu wollen, 
sondern als erstes die sittliche Erziehung und die Selbstvervoll 
kommnung des Individuums in Angriff zu nehmen, allerdings 
unter gleichzeitiger Besserung des Milieus. Brocard ist be 
strebt, die schon mehrfach erwähnte Tendenz zur Vereinheit 
lichung der Wirtschaftslehre zu fördern; auf Grund allseitiger 
Vertiefung der Tatsachen des Wirtschaftslebens soll eine Ein 
heitslehre gewonnen werden, in der sich die Volkswirte von der 
sozialkatholischen und liberalen Hechten bis weit in die Reihen 
des Sozialismus hinein zusammenfinden. 
Germain Martin, Professor in Dijon, hat zwei größere, 
wirtschaftsgeschichtliche Werke verfaßt, welche den uneigen 
nützigen Geist deutscher Wissenschaft atmen. Sie sind nicht 
geschrieben, um Schlußfolgerungen für oder wider die bestehende 
Wirtschaftsordnung zu gewinnen, sondern lediglich um aus ge 
wissenhaftem Quellenstudium heraus einige Stücke nationaler 
Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Das erste 2 ) schildert 
bis ins feinste Detail die Beziehungen des französischen Staates 
zur Industrie unter Ludwig XIV. und Ludwig XV. Das andere 3 ) 
ist eine mit amüsanten Details gespickte Geschichte der franzö 
sischen Gesellenladen seit dem XV. Jahrhundert. Ein beson 
deres Augenmerk schenkt der Verfasser dem berühmten Gesetz 
Le Chapelier von 1791, welches alle Berufsgenossenschaften in 
Frankreich verbot und erst 1884 außer Kraft gesetzt wurde. 
Martin gibt zwei Erklärungsgründe für dieses Gesetz, welche 
dessen prinzipielle Bedeutung wesentlich herabsetzen. Nach 
ihm war dasselbe : 1. nur ein Gelegenheitsgesetz, eine Polizei 
maßregel, die ihr Entstehen der Furcht vor Aufständen ver 
dankte; 2. nur eine in der Reihe der vielen Maßregeln, durch 
J ) Lucien Brocard, Les doctrines économiques et sociales du Marquis de 
Mirabeau. Paris 1902. 
2 ) Germain Martin, La grande Industrie en France sous le règne de 
Louis XIV et sous celui de Louis XV. Paris, Rousseau. 
s ) G. Martin, Les Associations ouvrières au XVIII m e siècle. Paris, 
Rousseau.
        <pb n="439" />
        Wirtschaftliche Ideen- und Tatgeschichte 
413 
die seit dem XV. Jahrhundert, ganz im Sinne des ancien régime, 
die Bruderladen bekämpft wurden. Als prinzipielle Äußerung 
des liberal-individualistischen Geistes wurde das Gesetz erst 
später angesprochen. 
Die Werke Martins haben den Charakter von vielleicht 
nicht genügend verarbeiteten Materialiensammlungen; sie sind 
in klassisch schöner Sprache geschrieben. 
Georges Weill, Lyzealprofessor in Paris, ist ein Historiker, 
der auf Grund seiner geschichtlichen Arbeiten und interventio 
nistischen Anschauungen beansprucht, der Gruppe der Volks 
wirte der juristischen Fakultäten zugezählt zu werden. Die 
Schriften von Weill 1 ) verdienen Beachtung als reichhaltige 
Materialiensammlungen. Die ungenügende Verarbeitung derselben 
ist um so bedauerlicher, als Weill nicht nur interessant zu er 
zählen weiß, sondern auch künstlerische Gestaltungskraft und 
Eleganz der Darstellung besitzt. Aber nur selten läßt er sie 
seine Zettelkästen beleben. Der bleibende Eindruck, den seine 
Arbeiten hinterlassen, ist der einer erschöpfenden Detaillierung 
der behandelten Gegenstände. In seinem Werke über Saint- 
Simon durchleuchtet er das Leben und die Lehre des Meisters 
bis in die verborgensten Winkel. Die Geschichte der saint- 
simonistischen Schule verfolgt die Lebensschicksale der Saint - 
Simonisten, deren spätere Rolle im öffentlichen und Wirtschafts 
leben, sowie alle Äußerungen saint-simonistischen Geistes in 
Presse, Literatur, Salons, Diners, geheimen Zusammenkünften 
usw. durch das XIX. Jahrhundert, soweit sie nur irgend erreich 
bar waren. Auch an Anekdoten aus dem Leben der Saint- 
Simonisten fehlt es nicht. 
Die außerordentlich reichhaltige Geschichte der sozialen 
Bewegung in Frankreich in der zweiten Hälfte des XIX. Jahr 
hunderts vermittelt einen gründlichen Einblick in die Geschichte 
der französischen Arbeiterbewegung und der sozialistischen Par 
teien; sie ergänzt die großen Geschichtswerke Levasseurs, 
von denen wir im I. Buche gesprochen haben, insofern glück 
lich, als Weill insbesondere aus Zeitungen umfassende Materia 
lien zur Beleuchtung der von Levasseur weniger beachteten 
b Georges Weill, Un précurseur du socialisme. Saint-Simon et son oeuvre. 
Paris, Perrin, 1894. — L’Ecole Saint-Simonienne. Paris, Alcan, 1896. — Histoire 
du Mouvement social en France 1852—1902. Paris, Alcan, 1904.
        <pb n="440" />
        414 
Der Interventionismus an den Universitäten 
politischen Seite der sozialen Bewegung beibringt. Die unge 
heure Stoffmenge der Weillschen Bücher ist keineswegs breit 
sondern immer in gedrängter Kürze vorgeführt. 
Ein Wirtschaftshistoriker, der als Inhaber eines Lehrstuhls 
und Verfasser eines Lehrbuchs für Gewerbegesetzgebung und 
-politik uns auf dieses Gebiet überleiten wird, ist Georges Bry, 
Dekan der Rechtsfakultät in Aix. Er hat eine englische Wirt 
schaftsgeschichte verfaßt, die eine gründliche Kenntnis der ein 
schlägigen, insbesondere englischen Literatur bekundet, und mit 
der im Laufe der Jahrhunderte so häufig rücksichtslosen eng 
lischen Wirtschaftspolitik scharf ins Gericht geht 1 ). Brys 
Haupttätigkeit liegt jedoch auf dem Gebiete, dem seine Lehr 
tätigkeit gewidmet ist, und zu dem wir jetzt übergehen. 
6. Kapitel. 
Sozialpolitik und soziale Gesetzgebung. 
Die monographische Literatur ist auf diesem Gebiete in 
jüngster Zeit in Frankreich noch weit mehr angewachsen, als 
auf dem der Geschichte der volkswirtschaftlichen Ideen. Ein 
annähernd erschöpfender Bericht über diese Literatur würde 
Bände füllen. Wir werden uns darum wie bei den beiden ersten 
Gruppen darauf beschränken, nur die am meisten hervorstechen 
den Namen zu nennen. 
Die Professoren P. Pie und J. Godart gründeten 1900 die 
Monatsschrift Questions pratiques de Législation ouvrière et 
d’Economie sociale, die sich die wissenschaftliche Förderung 
der Fragen des hier einschlägigen Gebietes zur Aufgabe setzte. 
Godart ist zurückgetreten ; Pie aber gesellte sich neue Kräfte, 
Hochschullehrer und Männer der Praxis bei, und wußte der 
Zeitschrift in parlamentarischen und in wissenschaftlichen Kreisen 
bald hohes Ansehen zu gewinnen. Er sorgt dafür, daß sowohl 
die Gewerbepolitik und -gesetzgebung des Auslandes, als die 
parlamentarische Behandlung französischer Gesetzesvorlagen (im 
b Georges Bry, Histoire industrielle et économique de l’Angleterre depuis 
les origines jusqu’à nos jours, Paris 1900.
        <pb n="441" />
        Sozialpolitik und soziale Gesetzgebung 
415 
Plenum, in Kommissionen und Subkommissionen) in der Zeit 
schrift ausführlich zur Sprache kommen. Im Dienste der So 
zialpolitik steht ferner die 1908 von A. Artaud gegründete 
Monatsschrift Revue populaire d’Economie sociale. Diese 
will nicht der wissenschaftlichen Forschung dienen, sondern der 
methodischen Belehrung möglichst weiter Kreise über die bis 
herigen Ergebnisse der Wissenschaft. Unter den Mitarbeitern 
sind Vertreter der verschiedensten Anschauungen (F. Passy, 
Cauwès, Gide, Blondel usw.). Man muß dem Herausgeber Ar 
taud das Zeugnis ausstellen, daß er redlich bemüht ist, mit 
gewissenhafter Unparteilichkeit alle wichtigeren Anschauungen 
über die Hauptfragen der Sozialpolitik in leichtfaßlicher, knapper 
Form zur Darstellung kommen zu lassen. 
Das Fach der Gewerbegesetzgebung und -politik kommt 
zusammenhängend zur Darstellung in den beiden umfangreichen 
Lehrbüchern der Professoren Paul Pie 1 ) und Georges Bry 2 ). 
Ein Blick auf diese Werke genügt, um uns von dem zu über 
zeugen, was übrigens Pie in seinem Vorwort ausdrücklich betont, 
daß Gewerbegesetzgebung und -politik in Frankreich weniger 
als volkswirtschaftliche, denn als juridische Disziplin aufgefaßt 
werden. Beide Lehrbücher tragen den Charakter von Kommen 
taren zur französischen Arbeitergesetzgebung. Die inländische 
monographische Literatur wird von beiden Autoren ausgiebig 
berücksichtigt. Die gewerbepolitische Literatur des Auslandes 
kennt und verwertet Pie mehr als Bry. Die Disposition bei 
Bry ist glücklicher, klarer, in sichererem Gleichgewicht; die 
Darstellung ist bei Pie lebendiger, anregender, ausführlicher. 
Beide huldigen fortschrittlich-demokratischen Grundanschau 
ungen; Pie als begeisterter, voranstürmender Fahnenträger, 
Bry gewissermaßen widerstrebend im Nachtrab. Bry verweilt 
gern bei theoretischen Erörterungen, die Pie spielend über 
springt. Wenn sich letzterer jedoch einmal dabei aufhält, so wird 
1) Paul Pie, Traité élémentaire de Législation industrielle. Les Lois 
ouvrières. 3. Aufl. Paris 1909. 
2 ) Georges Bry, Cours élémentaire de Législation industrielle. Lois du 
Travail et de la Prévoyance sociale. Questions ouvrières. 3. Aufl. Paris 1908. 
Der Teil der beiden Lehrbücher, welcher das programmäßig zur Gewerbe 
gesetzgebung gehörige Gebiet: Schutz des gewerblichen Eigentums, behandelt, 
soll erst veröffentlicht werden.
        <pb n="442" />
        416 
Der Interventionismus an den Universitäten 
seine Darstellung bei dem Bestreben, alles und jedes Einschlä 
gige heranzuziehen, überladen und unklar, Bry pflegt folgende 
Reihenfolge bei der Behandlung der verschiedenen Fragen ein 
zuhalten : theoretische Erörterung der Frage, erläuternde Be 
sprechung der darauf bezüglichen französischen Gesetzgebung, 
kurzer Hinweis auf die einschlägige Gesetzgebung und die Ein 
richtungen anderer Länder. Pie dagegen beginnt konkret damit, 
daß er die Geschichte, welche die in Frage stehende Einrichtung 
in Frankreich gehabt, kurz skizziert; daran schließt sich ein 
Rundgang durch fremde Gesetzgebungen ; an dritter Stelle 
kommen die geltende französische Gesetzgebung, sowie die den 
Parlamenten vorliegenden Gesetzesvorlagen, über die Pie viel 
detaillierter berichtet als Bry; die Darstellung schließt bei 
Pie mit einer kritischen Besprechung der französischen Ge 
setzgebung und einer persönlichen Stellungnahme, die recht 
häufig darin besteht, dem französischen Gesetzgeber diese oder 
jene Einrichtung des Auslands zur Nachahmung zu empfehlen. 
Es liegt auf der Hand, daß das Verfahren Pies den Anforde 
rungen wissenschaftlicher Kritik in höherem Maße gerecht wird 
als das von B r y. Man wird P i c auch dafür Dank wissen, daß 
er stets bestrebt ist, den Einfluß der sozialpolitischen Gesetz 
gebung auf Zivil- und Handelsrecht in klares Licht zu stellen 
und so die „Sozialisierung“ des Rechtes nachzuweisen. Ein 
letzter Unterschied zwischen den beiden Lehrbüchern, den wir 
hervorheben wollen, ist, daß Bry an der traditionellen, würde 
vollen, akademischen Sprache der Wissenschaft festhält, während 
Pie ausgiebigen Gebrauch von der lebendigeren, den Bedürf 
nissen der Polemik angepaßten Ausdrucksweise der politischen 
Presse und der parlamentarischen Rednerbühne macht. 
Es entspricht der Entwicklung, die die Dinge in der In 
dustrie in der Gegenwart nehmen, daß beide Autoren der Be 
sprechung des kollektiven Arbeitsvertrags einen breiten Raum ge 
währen. Beide begrüßen es, daß die Jurisprudenz der franzö- 
sichen Gerichte sich seit Ende der neunziger Jahre des verflos 
senen Jahrhunderts dem kollektiven Arbeitsvertrag günstig er 
weist; Pie insbesondere tritt mit großer Lebhaftigkeit für eine 
baldige gesetzliche Sanktionierung jener Vertragsform ein. Er 
billigt auch rückhaltlos alle Vorschläge, die dahin zielen, die 
Befugnisse der Arbeiterberufsvereine zu erweitern, selbst ihnen
        <pb n="443" />
        Sozialpolitik und soziale Gesetzgebung 
417 
die vollen Rechte von Zivilpersonen zu verleihen. Über die 
Furcht, es könnte dies zu einer übermäßigen Ausdehnung der 
Güter der toten Hand führen, macht er sich lustig. Der Besitz 
bedeutender Güter seitens der Arbeitersyndikate kann nach 
seiner Ansicht nur zur Folge haben, daß diese weiser werden 
und Achtung gewinnen vor einer Gesellschaftsordnung, die ihnen 
den Erwerb jener Güter ermöglicht; er wird auch das Gefühl 
der Verantwortlichkeit bei den organisierten Arbeitern stärken 
und ihnen heilsame Furcht einflößen vor leichtfertigem Dran 
setzen ihres Besitzes *). 
Eine andere hochaktuelle Frage, zu der Pie Stellung 
nimmt — Br y geht, soweit wir sehen konnten, nicht darauf 
ein — ist das heikle Problem, in welchem Maße den Staats 
dienern das Recht, sich zur Verteidigung von beruflichen Inter 
essen zu organisieren, zuzugestehen sei. Nach Ablehnung ver 
schiedener vorgeschlagener Lösungen dieser „fast unlösbaren 
Frage“ spricht sich Pie für die durch ein Kammervotum vom 
13. April 1908 sanktionierte Theorie der Ministerien Waldeck- 
Rousseau und Clemenceau aus. Diese Theorie nimmt als Kriterium 
die Natur des Vertrages, der zwischen dem Staate und den von 
ihm Beschäftigten abgeschlossen wurde. Das Recht beruflicher 
Organisation ist denen zuzugestehen, denen der Staat als Unter 
nehmer und Arbeitgeber gegenüber tritt. Dem Gesetzgeber 
bleibt vorbehalten, die Ausübung dieses Rechtes zu begrenzen. 
Tritt der Staat jedoch als öffentliche Gewalt auf, so sind die 
Leute, denen er die Ausübung der öffentlichen Dienstzweige 
anvertraut, durch einen öffentlich-rechtlichen Vertrag mit ihm 
verbunden, welches auch ihre Rangstufe in der Beamten 
hierarchie sei. Mit einem derartigen Vertrage sind berufsverein- 
liche Rechte unvereinbar. Pie beeilt sich, den Eindruck von 
Mangel an fortschrittlichem Sinn, den diese Lösung hervor 
bringen könnte, zu mildern, indem er hinzufügt, daß nichts die 
Staatsbeamten hindert, die Form der Gegenseitigkeitsgenossen 
schaft zu wählen, um sich zur Vertretung gemeinsamer Inter 
essen zusammen zu schließen. Die Gegenseitigkeitsgenossen 
schaft (mutualité) ist von Natur friedliebend und achtet die 
bestehende Autorität. Der Berufsverein (syndicat) aber symboli- 
1 ) Paul Pie, loe. eit. p. 422 ff. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
27
        <pb n="444" />
        418 
Der Interventionismus an den Universitäten 
siert den Klassenkampf ; auf die Dauer wird es ihm unmöglich 
sein, von dem revolutionären „allgemeinen Arbeiterbund“ (C. Gr. T.) 
unabhängig zu bleiben x ). 
Wir könnten diese Blutenlese aktueller Fragen aus den 
Lehrbüchern von Br y und Pie noch um manch interessantes 
Stück bereichern ; das Vorgeführte genügt jedoch, um den Geist 
zu charakterisieren, welcher den sozialpolitischen Unterricht an 
den französischen Rechtsfakultäten beseelt. 
Neben Pie und Bry stehen als Spezialisten in der Gewerbe 
politik am meisten im Vordergrund A stai ion und Jay. 
Albert Aftalion, Professor in Lille, dessen vorzügliche Ar 
beit über Sismondi bereits erwähnt wurde, enquetiert fleißig 
über die Verhältnisse der im Norddepartement vertretenen Indu 
strien. Er ist ein gründlicher Kenner vor allem der Textil 
industrie 2 ). 
Raoul Jay, Professor in Paris, wurde bereits im II. Buche bei 
der Besprechung der sozialkatholischen Schule, der er angehört, 
genannt. Er tritt für die sozialreformerischen Forderungen 
dieser Schule ein, aber urgiert sie. Seine zahlreichen Arbeiten 
zeichnen sich durch gediegene Wissenschaftlichkeit und radi 
kalsten Interventionismus aus. Obwohl Jay Anhänger der obli 
gatorischen Syndikate ist, vertritt er die Ansicht, daß die Wohl 
fahrtseinrichtungen der Arbeitgeber und der genossenschaftliche 
Zusammenschluß der Arbeiter nur wenig zur Besserung der 
Lage der Arbeiter zu tun vermögen; allein der Staat ist imstande, 
durch gesetzgeberische Intervention die schweren Mißstände zu 
beseitigen, an denen die Arbeiterklasse krankt. Die Wirksam 
keit der Gewerkvereine ist in der Hauptsache darauf beschränkt, 
anregend auf die staatliche Schutzgesetzgebung zu wirken und 
*) Paul Pie, ibid. p. 264 ff. 
2 ) Von den Enqueten As talions sind besonders beachtenswert: La Crise 
de l'Industrie linière et la concurrence victorieuse de l’Industrie cotonnière, 
Paris 1904. — Le Développement de la Fabrique et le travail à domicile dans 
les Industries de l’habillement, Paris 1906. 
s ) Raoul Jay, La Limitation légale de la journée de travail en Suisse, 
1891. — Une Corporation moderne, 1892. — L’Organisation du Travail par les 
Syndicats professionnels, 1894. — Un projet d’assurance contre le chômage dans 
le canton de Bâle-Ville, 1895. — La Protection légale des Travailleurs, 1904. 
Alle bei Larose, Paris. — Ferner zahlreiche Artikel in : Revue d’économie 
politique.
        <pb n="445" />
        Sozialpolitik und soziale Gesetzgebung 
419 
deren Funktionieren zu überwachen. Für den Augenblick ver 
langt Jay: Ausdehnung der bestehenden Arbeiterschutzgesetze 
auf die Handelsangestellten und Familienarbeitsstätten ; Er 
höhung der Altersgrenze für den Eintritt von Kindern in 
Fabriken; Beschränkung der Arbeitszeit für alle Arbeiter auf 
zehn Stunden, Sonntagsruhe, Verbot der Nachtarbeit für Frauen, 
Schutzgesetze für Schwangere und Wöchnerinnen; gesetzliche 
Festsetzung eines Minimallohnes für sämtliche Gewerbe ; strengere 
Handhabung der Arbeiterschutzmaßregeln durch Einstellung 
einer großem Zahl von Gewerbeinspektoren und Verschärfung 
der auf Übertretungen gesetzten Strafen. Sollte wirklich die 
Industrie durch diese Maßregeln geschädigt werden, so müßte 
man dem die dauernde und unersetzliche Schädigung, welche 
die Arbeiter unter den heutigen Zuständen erleiden, entgegen 
stellen und eventuell den geschädigten Industrien durch Prämien 
unter die Arme greifen. Jay glaubt jedoch nicht an diese 
Schädigung der Industrie. Vielmehr erwartet er von durch 
greifender Erhöhung der Löhne, Verringerung der Arbeitszeit 
und den sonstigen von ihm präkonisierten Maßnahmen eine 
Steigerung der Produktivität der Arbeit und eine Vervollkomm 
nung der Technik, welche dem Arbeitgeber sogar Gewinn 
bringen werden. Die sozialkatholische Forderung eines von 
Berufsorganisationen gewählten Parlamentes stützt Jay unter 
anderm mit dem Argument, daß ein solches Parlament geeignet 
sei, gerechtes Empfinden und Achtung vor dem Allgemeinwohl 
in die Arbeiterkreise zu tragen *). 
Daß Raoul Jay bei seinem großen sozialpolitischen Ver 
ständnis ein begeisterter Anhänger des kollektiven Arbeits 
vertrages ist, bedarf wohl keines besondern Hinweises 2 ). Seinen 
radikalen Forderungen legt er durchweg ein gutes und genaues 
Beobachtungsmaterial zugrunde. Jay ist ein Mann, der aus 
langjähriger, enger Fühlung mit Arbeiterkreisen deren Lage, 
Schwierigkeiten und Aspirationen genau kennt ; aus allen seinen 
Schriften spricht tiefe Sachkenntnis und warme Überzeugung. 
] ) Raoul Jay, La Protection legale des Travailleurs, Paris 1904. 
2 ) Raoul Jay, Le Contrat collectif de Travail, Artikel in Revue d'Economie 
politique, 1907, p. 561 ff. und 649 if.
        <pb n="446" />
        420 
Der Interventionismus an den Universitäten 
7. Kapitel. 
Finanz Wissenschaft. 
Frankreich besitzt zwei finanzwissenschaftliche Zeitschriften. 
Die eine, Bulletin de Statistique et de Législation comparée, 
wird vom Finanzministerium herausgegeben. Sie wurde 1877 
gegründet und erscheint monatlich. Sie veröffentlicht in- und 
ausländische Finanzstatistik und Gesetzestexte, und stellt eine 
reichhaltige und wertvolle Sammlung von Dokumenten dar. Die 
andere, Revue de Science et de Législation financières, wurde 
1903 von Boucard und Jèze gegründet und erscheint viertel 
jährlich. Sie dient in erster Linie der Erörterung von Fragen 
des öffentlichen Rechnungs- und Budgetwesens im In- und Aus 
lande; Steuerfragen bleiben im Hintergründe. 
Die hauptsächlichsten finanzwissenschaftlichen Werke, die 
aus dem Milieu der Rechtsfakultäten stammen, haben die Pro 
fessoren Gauwès, Jèze und Allix zu Verfassern. 
Paul Gauwes widmet den größten Teil des vierten Bandes 
seines Cours d'Economie politique der Finanzwissenschaft. Er greift 
die finanzwissenschaftlichen Fragen womöglich noch konkreter 
an als die volkswirtschaftlichen, und veranschaulicht alles in 
ausgiebiger Weise durch Ziffern, die der Wirklichkeit entlehnt 
sind. Er geht auf das öffentliche Rechnungswesen nicht ein, 
verweilt dagegen hauptsächlich bei der Steuerlehre. Mit leb 
haftem Eifer spricht er sich für proportionale Besteuerung, aber 
mit Freilassung eines Existenzminimums aus. Die sogenannte 
Opfertheorie verwirft er, weil die Gleichheit der Opfer logisch 
zur progressiven Besteuerung führt; ja, er glaubt auch, die über 
mäßigste Progression befriedige das System der Gleichheit der 
Opfer nur unvollständig 1 ). Jede Steuerprogression aber ist 
hauptsächlich darum verwerflich, weil ihre Begrenzung not 
wendig eine willkürliche ist, und weil sie, wenn logisch aus 
gebaut, zur Verwirklichung des Sozialismus führt 2 ). Die Frei 
lassung eines Existenzminimums bedeutet keineswegs eine Kon 
zession an das System der progressiven Besteuerung, denn die 
b Paul Cauw'es, Cours d’Economie politique, Bd. IV, p. 270. 
2 ) ibid. p. 277.
        <pb n="447" />
        Finanzwissenschaft 
421 
Proportionalität kann dort keine Anwendung mehr finden, wo 
keine Steuerfähigkeit vorhanden ist. Diese aber verschwindet 
unterhalb einer gewissen Grenze *)., 
Die Gerechtigkeit verlangt die Proportionalität der Steuer. 
Eine Einheitssteuer muß streng proportional sein; wenn aber 
mehrere Steuern nebeneinander bestehen, so kann es sein, daß 
die Proportionalität der Besteuerung nur dadurch erreicht wird, 
daß progressive Steuern neben solche treten, die umgekehrt 
progressiv wirken, d. h. die kleinen Einkommen mehr als pro 
portional belasten. Solcher Art sind z. B. Verbrauchssteuern. 
Besser jedoch als das Korrektiv direkter progressiver Steuern 
ist in derartigen Fällen die möglichste Herabsetzung der Ver 
brauchssteuern, die das Prinzip der Proportionalität am meisten 
verletzen 2 ). 
Gauwes ist nicht Anhänger der einzigen Steuer; er würde 
aber die von Ménier vorgeschlagene einzige Kapitalsteuer 3 ) der 
einzigen allgemeinen Einkommensteuer vorziehen: 1. wegen der 
Leichtigkeit der Feststellung des steuerbaren Gegenstandes bei 
der Kapitalsteuer, 2. wegen der großen Unsicherheit bei der 
Einkommensteuer, auf wen sie schließlich übergewälzt wird. 
Indem man den Produzenten nach Maßgabe seiner Kapitalien 
besteuert, erreicht man die Befreiung des Verkehrs von jedem 
Hemmnis und eine bedeutende Vereinfachung der Steuererhebung. 
Die Kapitalsteuer hat ferner im Vergleich zur Verbrauchssteuer 
den Vorteil, daß sie eine Fähigkeit trifft, während diese ein 
Bedürfnis, und zwar häufig ein wesentliches, belastet. Wenn 
auch die Steuer übergewälzt wird, d. h. wenn ein Steuervorschuß 
von jemandem gemacht werden muß, so ist es richtiger, ihn 
dem Kapitalisten als dem Verbraucher zur Last zu legen 4 ). 
Zu der Steuerreform in Frankreich nimmt Gauwès in 
folgender Weise Stellung: Es ist eine schwere Unvorsichtigkeit, 
ein ganzes Steuersystem in globo zu beseitigen, um ganz neue 
und folglich mehr oder minder aleatorische Einnahmen an dessen 
Stelle zu setzen. Es würde sich viel eher empfehlen, die be- 
*) ibid. p. 274—275 fis. 
2 ) ibid. p. 279. 
3 ) Charles Ménier, Théorie et Application de l’Impôt sur le Capital, 
Paris 1874. 
4 ) Cauwès, loc. cit. p. 813 fis.
        <pb n="448" />
        422 
Der Interventionismus an den Universitäten 
stehenden Ertragssteuern eine nach der andern umzugestalten 
und die experimentelle Methode weiter zu führen, die 1890 für 
das bebaute Eigentum, 1892 für die Tür- und Fenstersteuer in 
Angriff genommen wurde. Um einerseits der ungenügenden 
Produktivität der direkten Steuern abzuhelfen, andererseits die 
nicht proportionalen indirekten Steuern beseitigen zu können, 
und überhaupt den übergroßen Anteil der indirekten Steuern 
an den Gesamteinnahmen des Staates zu verringern, würde sich 
die Einführung einer komplementären, gemischten Steuer auf 
Einkommen und Kapital empfehlen. Sie wäre streng propor 
tional zu gestalten und ihre Sätze müßten niedrig bemessen 
werden. Sie hätte die wünschenswerte Wirkung, daß das 
Kapital doppelt belastet wäre: einmal durch die bestehenden 
Steuern, deren Sätze man zum Teil erhöhen (für die Erbschafts 
und Schenkungssteuer), zum Teil beibehalten könnte (bei den 
Steuern auf Güter der toten Hand, Pferde, Kutschen, Billards, 
Cercles usw.); zweitens durch die neue Kapitalsteuer, die nach 
den Kapitalsarten verschieden bemessene Sätze haben müßte. 
Seinen Steuerreformplan, der teils auf Ideen von Me'nier, teils 
auf der Gesetzvorlage Maujan fußt, wünschte Cauwès in suk 
zessiven Etappen durchgeführt zu sehen, um so wenig als möglich 
Beunruhigung bei den Massen der Steuerzahler hervorzurufen *). 
Gaston Jèze, früher Professor in Lille, seit kurzem in Paris, 
hat in Gemeinschaft mit Max Boucard, maître des requêtes im 
Conseil d’Etat, zwei Lehrbücher der Finanz Wissenschaft und 
französischen Finanzgesetzgebung, ein größeres und ein kleineres, 
veröffentlicht 1 2 ). Im Augenblicke, in dem wir diese Zeilen 
schreiben, beginnt das Erscheinen, nunmehr unter dem alleinigen 
Namen von Jèze, einer völlig umgearbeiteten und bedeutend 
erweiterten Auflage beider Werke 3 ). 
Jèze versteht unter Finanzwissenschaft — in dem 
1 ) ibid. p. 444 ff. 
2 ) Boucard et Jèze, Eléments de la Science des finances et de la Légis 
lation financière française, 2 Bde., 2. Auflage, Paris 1902, und: Cours élémen 
taire de Science des finances et de Législation financière française, 3. Auflage, 
Paris 1904. 
8 ) G. Jèze, Eléments de la Science des finances usw., auf 4—5 Bände 
berechnet; davon liegt vor: Bd. I, Le Budget, Paris 1909. — Cours élémentaire 
usw. ; davon wurden 33 Bogen als erste Lieferung eben ausgegeben.
        <pb n="449" />
        Finanzwissenschaft 
423 
gegenwärtigen Stande der wissenschaftlichen Erkenntnis — eine 
Gesamtheit von Vorschriften, Verfahren und Kombinationen, 
deren Wirksamkeit eine größere oder geringere ist. Das auf 
merksame Studium der finanziellen Einrichtungen der ver 
schiedenen Länder führt nach Jèze zu der Überzeugung, 
daß man sich hüten muß, die Theorien für definitiv zu 
halten, die in einem gegebenen Augenblicke am solidesten 
und am wenigsten bestreitbar zu sein scheinen. Ein Volk 
zieht dieses, ein anderes jenes Finanzsystem vor. Ja mehr 
noch: bei einem und demselben Volke wechseln die Anschau 
ungen in Finanzsachen von einer Generation zur andern. Die 
Mittel der Analyse, über die wir verfügen, sind aber ungenügend, 
um diesen Wechsel vollständig zu erklären. Übrigens sind die 
finanziellen Verfahren nur Lösungen von Problemen, die sich 
bei den verschiedenen Völkern verschieden stellen, und die vor 
allem zeitlichen Veränderungen unterliegen. Daraus ergibt 
sich eine gewisse Unbeständigkeit in den Lehren der Finanz 
wissenschaft. 
Es gibt jedoch Vorschriften, deren praktischer Wert durch 
die Erfahrung in gewissen Grenzen allenthalben bestätigt wurde, 
und die man infolgedessen als einigermaßen feststehend ansehen 
kann. Die hauptsächlichsten Beispiele davon bieten das Budget 
wesen, die öffentliche Rechnungsführung und die Verwaltung 
der öffentlichen Schulden. Die auf das Steuer wesen bezüglichen 
Verfahren scheinen beständigem Wechsel unterworfen. Man 
darf sich darüber nicht wundern. Denn zunächst streben die 
theoretischen Steuersysteme nach Verwirklichung eines gewissen 
Gerechtigkeitsideals. Die Idee der Gerechtigkeit aber wechselt 
mit der Denkweise der Völker und der aufeinander folgenden 
Generationen. Es ist wahrscheinlich, daß nie ein bestimmtes 
Steuersystem als absolut gerecht gelten wird, weil die Idee der 
Gerechtigkeit voraussichtlich nie eine einheitliche und definitive 
sein wird. Ein anderer Grund für den steten Wechsel der 
Steuersysteme liegt darin, daß die jeweilige Finanzpolitik durch 
bewußte oder unbewußte Klasseninteressen bestimmt zu sein 
pflegt. Wenn man das in einem gegebenen Augenblick in einem 
Lande bestehende Steuersystem betrachtet, so kann man mit 
Sicherheit bestimmen, welche Volksklasse dort die politische 
Macht besitzt.
        <pb n="450" />
        424 
Der Interventionismus an den Universitäten 
Da es die menschlichen Kräfte übersteigt, sich ganz den 
Vorurteilen seiner Epoche und seines Landes zu entziehen, so 
können alle aufgestellten finanzwissenschaftlichen Thesen nur 
einen relativen Wert beanspruchen und bleiben streitig. Sichern 
Boden bieten nur die positive Gesetzgebung und die Geschichte 
der finanziellen Einrichtungen. Darum hält sich J è z e vorzugs 
weise an diese *). 
Die grundlegenden, methodologischen Anschauungen von 
Jèze, welche in den obigen Sätzen zum Ausdruck kommen, 
sind deswegen von besonderem Interesse, weil sie den Geistes 
zustand eines streng wissenschaftlich denkenden Mannes er 
kennen lassen, der als echter Lateiner hinauszog, um die abso 
lute Wahrheit zu erringen, aus der Beobachtung der Wirklich 
keit aber die Überzeugung gewann, daß es in seinem Wissens 
gebiete nur bedingte Wahrheiten gibt, und sich nun mit einem 
gewissen Mißtrauen gegen jedwede wissenschaftliche Verall 
gemeinerung an die partikulären Tatsachen der Gesetzgebung 
und Geschichte festklammert. Jèze macht zurzeit denselben 
Prozeß durch, den die deutsche Nationalökonomie im XIX. Jahr 
hundert erlebt hat. 
Wir können es nicht billigen, daß Jèze auch in der neuen 
Auflage seiner Werke — soweit bis jetzt ersichtlich — an der 
Auffassung festzuhalten scheint, die Finanzwissenschaft sei so 
zusagen ausschließlich eine Lehre vom Budget- und öffentlichen 
Rechnungswesen. Die Lehre von den Staatseinnahmen ist und 
bleibt die Hauptsache in der Finanz Wissenschaft. Einen sehr guten 
Eindruck macht dagegen die äußerst reichhaltige Dokumentie- 
rung mit positivem Material aus allen Ländern, sowie die kon 
krete Darstellung. Jèze legt das Hauptgewicht auf die Technik 
des Finanzwesens, wie denn auch seine Werke in erster Linie den 
Bedürfnissen der Beamten der Finanz Verwaltung dienen sollen. 
Edgard Allix, Professor in Caen, hat ein Lehrbuch der 
Finanzwissenschaft und Finanzgesetzgebung veröffentlicht, das 
sich durch knappe, leicht verständliche und übersichtliche 
Darstellung empfiehlt *). Es will nicht persönliche Forschungs- 
') Jèze, Cours élémentaire de Science des finances et de Législation finan 
cière française, 4. Ausi. 1909—10, p. V ff. 
2 ) Edgard Allix, Traité élémentaire de Science des finances et de Légis 
lation financière française, Paris, 1906, 2. Auflage 1909.
        <pb n="451" />
        Finanzwissenschaft 
425 
resultate des Verfassers bieten, sondern lediglich ein möglichst 
klar abgefaßtes Handbuch für Examenskandidaten sein. Außer 
in den französischen Budgets und Staatsrechnungen hat Allix 
hauptsächlich in den Werken von Stourm, aber auch bei Cauwès, 
Leroy-Beaulieu, Colson, Boucard und Jèze usw. geschöpft. Die 
Analyse, die er vom französischen Budgetwesen gibt, ist sehr 
anschaulich und konkret. In der Behandlung des Steuerwesens 
weicht All ix insofern von seinen Gewährsmännern ab, als er sich 
nicht auf eine Theorie der speziellen Steuerlehre einläßt, sondern 
statt dessen die zurzeit in Preußen, England, Italien und Frank 
reich bestehenden Steuersysteme genetisch und beschreibend zur 
Darstellung bringt. Daran fügt er eine kritische Übersicht über 
die von den Finanzministern der letzten zwölf Jahre den fran 
zösischen Kammern vorgelegten Einkommensteuervorlagen*). 
Der überwiegend referierende Charakter der Darstellung von 
Allix hindert nicht, daß seine persönliche Auffassung hinreichend 
zum Ausdruck kommt. Sie geht dahin, daß das französische 
Ertragssteuersystem sich überlebt habe, und daß es an der Zeit 
sei, es durch eine Personalbesteuerung, etwa im Sinne der 
jüngsten Einkommensteuervorlage von Caillaux zu ersetzen. 
Eine begrüßenswerte Neuerung des Allixschen Handbuches 
ist die in einem vierten Teile 2 ) angegliederte Darstellung des 
Finanzwesens der französischen Kolonien. Allix verdient ferner 
Lob dafür, daß er mehrere Doktordissertationen der letzten 
Jahre bei Gelegenheit verwertet. Die äußere Ausstattung seines 
Handbuches ist gefälliger und übersichtlicher, als die des auch 
für die Vorbereitung zu den Staatsprüfungen bestimmten kleinern 
Werkes von Jèze 8 ). 
*) Zur Sprache kommen die Vorlagen von Doumer (1896), Cochery (1896), 
Peytral (1898), Caillaux (1900), Bouvier (1903), sowie die zweite Vorlage von 
Caillaux (1907), deren Text übrigens am Schlüsse des Buches in der 2. Auflage 
mitgeteilt wird. 
2 ) Das Handbuch ist in vier Teile geteilt, von denen der erste vom Bud 
getwesen, der zweite von den Einnahmen des Staates, der dritte von den lokalen 
und der vierte von den kolonialen Finanzen handelt. 
3 ) Eine Darstellung der finanzwissenschaftlichen Literatur in Frankreich 
dürfte sich nicht mit den im Laufe dieser Arbeit zur Sprache gekommenen 
finanzwissenschaftlichen Werken begnügen. Von synthetischen Werken, um nur 
bei der jüngsten Vergangenheit zu bleiben, wären noch V. Rémy, Traité de la 
comptabilité publique, Paris 1894; Caillaux, Privat-Deschanel et Touchard, Les
        <pb n="452" />
        426 Der Interventionismus an den Universitäten — Finanzwissenschaft 
Wir beschließen damit unsern Rundgang durch die fran 
zösischen Rechtsfakultäten, dessen Zweck nicht war, jeden ein 
zelnen Dozenten auf Herz und Nieren zu prüfen, sondern durch 
Herausgreifen einer Anzahl der bekannteren Persönlichkeiten 
ein symptomatisches Bild von Richtung und Art der wissen 
schaftlichen Tätigkeit in diesem Milieu zu geben. 
Impôts en France. Traité technique, 2 Bde. usw. zu erwähnen. Man dürfte 
ferner nicht an den Steuerreformprojekten der Finanzminister der letzten 12 bis 
20 Jahre vorübergehen. Der Umstand, daß die Frage der Reform der direkten 
Steuern seit 20 Jahren in Frankreich an der Tagesordnung ist, hat natürlich 
auch zum Entstehen einer umfangreichen monographischen Literatur Anlaß ge 
geben. So sind z. B. in den letzten Jahren einige gediegene Arbeiten über die 
allgemeinen Einkommensteuern der deutschen Bundesstaaten veröffentlicht wor 
den (z. B. Jacques Derbanne, La Réforme des impôts d’Etat en Prusse. — Gas 
pard Wampach, L’Impôt sur le revenu en Allemagne, Paris, 1907. — R. Bom 
bay, L’Impôt sur le revenu en Prusse, Pariser Dissertation 1908 usw.). Einige 
staats- oder verwaltungsrechtliche Werke befassen sich auch mit finanzwissen 
schaftlichen Fragen (z. B. Viollet, Histoire des Institutions politiques et admini 
stratives de la France; A. Esmein, Cours élémentaire d’histoire du droit fran 
çais usw.). Weiter zurück liegen die bekannten Werke von de Parieu, de 
Broglie, Vuitry usw. usw. Wir müssen es uns jedoch versagen, im Rahmen der 
vorliegenden Arbeit näher auf die französische Finanzliteratur einzugehen.
        <pb n="453" />
        II. Teil. 
Der Solidarismus. 
1. Kapitel. 
Zur Geschichte des Solidaritätsbegriffes. 
Es gibt kein Schlagwort, das zurzeit in Frankreich in der 
soziologischen und nationalökonomischen Literatur, in der 
Tagespresse, in Vorträgen und politischen Reden, in Wahlauf 
rufen und Flugblättern häufiger gebraucht würde und einen 
bessern Klang hätte als das Wort Solidarität. Dessen begriff 
licher Inhalt ist jedoch weder im wissenschaftlichen, noch im 
allgemeinen Sprachgebrauch vollständig geklärt. 
Es handelt sich dabei zunächst um eine ganz alte Sache, 
die in der Gegenwart machtvoll ins Bewußtsein speziell des 
französischen Volkes getreten ist. Als ethische Anschauung, 
welche die kollektive Verantwortung der Mitglieder eines Ganzen 
besagt, liegt die Idee der Solidarität des gesamten Menschen 
geschlechtes der alttestamentlichen Lehre von der Erbsünde zu 
grunde. Desgleichen kannten viele ältere Strafrechte die Soli- 
darhaft z. B. einer Sippe für die Verbrechen ihrer Mitglieder, 
oder einer Gemeinde für Steuern, die von einzelnen Bürgern 
nicht entrichtet wurden. Auch ins Privatrecht ist der Begriff 
frühzeitig eingedrungen. Das römische Recht z. B. verwertet 
ihn bei der Aufstellung der Rechtskategorie der Solidarobligation 
als Verpflichtung eines jeden von mehreren an einem Schuld 
verhältnis Reteiligten, die ganze Leistung zu bewirken 1 ). Die 
i) Die französischen Juristen des ancien régime hatten die obligatio in 
solidum des römischen Rechtes mit „solidité“ übersetzt. Der Code Civil gebraucht 
jedoch dafür den Ausdruck „solidarité“. Vgl. Ch. Gide und Ch. Rist, Histoire 
des doctrines économiques, Paris 1909, p. 671.
        <pb n="454" />
        428 
Der Solidarismus 
der analogisierenden Soziologie des XIX. Jahrhunderts teure 
Idee, daß alle Menschen ein Ganzes bilden, wie die Teile eines 
Körpers, war im Altertum schon den Stoikern und dem Apostel 
Paulus J ) geläufig. Die Solidarität, welche in der Vererbung der 
Tugenden und Laster besteht, war ebenfalls schon den heiligen 
Büchern der Religionen des Altertums, wie auch der klassischen 
Literatur bekannt. 
Im XVIII. Jahrhundert taucht der Solidaritätsgedanke in 
der Bedeutung gegenseitiger Abhängigkeit der in Gesellschaft 
lebenden Menschen bei Ad. Smith auf. Diese Abhängigkeit rückt 
Smith als Ergebnis der von ihm zu klassischer Darstellung ge 
brachten allgemeinen Tatsache der Arbeitsteilung in helles 
Licht. Im übrigen war der Individualismus der Aufklärungszeit 
eher dazu angetan, die Erkenntnis jener gegenseitigen Ab 
hängigkeit hintanzuhalten. Die Solidarität aller Gewerbe und 
aller Völker als Interessengemeinschaft begegnete uns bei der 
Theorie der Absatzwege von J. B. Say. Auch die Biologie be 
mächtigte sich des Begriffes und bezeichnete die Teile eines 
Organismus als solidarisch, wenn Änderungen, die einer der 
selben erleidet, auf die andern rückwirken. Dann kam Auguste 
Comte. Ihm gilt der Begriff als seine eigene Erfindung, und 
es ist nicht zu leugnen, daß er ihn zum mindesten kraftvoll 
synthetisiert hat. „Die neue Philosophie,“ schreibt er, „läßt die 
Verbindung eines jeden mit allen unter einer Menge verschie 
dener Gesichtspunkte hervortreten, so daß das intime Gefühl 
der auf alle Zeiten und Orte sich erstreckenden sozialen Soli 
darität unwillkürlich ein familiäres wird“ 2 ). Comte unter 
scheidet eine statische und eine dynamische Solidarität und ge 
braucht den Begriff sowohl in naturwissenschaftlichem Sinne, 
z. B. zur Bezeichnung des Zusammenhangs der Gestirne im 
Weltenraum, als in sozialwissenschaftlichem 3 ). Der utopische 
Sozialist Pierre Leroux spricht zur selben Zeit von dem „Natur 
gesetz der Solidarität“. Von ihm drang der Gedanke zu den 
Fourieristen und zu Proudhon, blieb aber in diesem sozialistischen 
Milieu vorläufig unentwickelt. Das Wort „fraternité“ hatte 1848 
*) Paulus Römerbrief, XII. 4, 5. 
*) Auguste Comte, Discours sur l’Esprit positif. 
*) Auguste Comte, Cours de Philosophie positive, 3. Aufl., Paris 1869, Bd. 
IV, p 252, 270.
        <pb n="455" />
        Zur Geschichte des Solidaritätsbegriffes 
429 
noch einen guten Klang in Arbeiterkreisen und bedurfte keines 
Ersatzes. 
Bei Bastiat tritt die Idee auf in der Bedeutung kollektiver 
Verantwortlichkeit der Glieder eines Ganzen 1 ). Gelegentlich 
blitzen aber außerdem bei ihm intuitive Ausblicke auf eine 
Fülle von Solidaritätserscheinungen auf, welche erst die Sozio 
logie unserer Tage systematisch zu erforschen begonnen hat 2 ). 
Die Rolle, welche die Solidaritätsidee im Geistesleben der 
französischen Nation in der Gegenwart spielt, mag durch folgende 
Übersicht veranschaulicht werden: 
1. Die liberalen Volkswirte, insbesondere de Molinari 
und Yves Guyot, sprechen von einer Solidarität, welche sich 
aus Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung, Tausch und Kon 
kurrenz ergibt. Sie besteht zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, 
zwischen Produzenten und Konsumenten und, wie J. B. Say 
sagte, zwischen allen Gewerben und allen Völkern 3 ). 
2. Die Biologie stellt als Ergebnis ihrer Forschungen hin, 
daß die Solidarität als gegenseitige Abhängigkeit aller Teile 
desselben Körpers a) das Charakteristikum des Lebens ist; b) 
um so vollkommener und intensiver ist, als das Individuum auf 
höherer Stufe steht; c) im direkten Verhältnis zur Difl'erenzie- 
b Bastiat, Harmonies économiques, cap. 21, Ausgabe Paillottet, Paris 
1854, p. 559 ff. 
2 ) Zum Beispiel: „La société tout entière n’est qu’un ensemble de soli 
darités qui se croisent. Cela résulte de la nature communicable de l’intelligence. 
Exemples, discours, littérature, découvertes, sciences, morale etc., tous ces cou 
rants inaperçus par lesquels correspondent les âmes, tous ces efforts sans liens 
visibles dont la résultante cependant pousse le genre humain vers un équilibre, 
vers un niveau moyen qui s’élève sans cesse, tout ce vaste trésor d’utilités et de 
connaissances acquises, où chacun puise sans le diminuer, que chacun augmente 
sans le savoir, tout cet échange de pensées, de produits, de services et de tra 
vail, de maux et de biens, de vertus et de vices qui font de la famille humaine 
une grande unité, et de ces milliards d’existences éphémères une vie commune, 
universelle, continue, tout cela c’est la Solidarité.“ ibid. p. 562. 
8 ) Yves Guyot schreibt z. B. in „La Morale de la Concurrence“: „Der 
Produzent ist beständig um das Wohlergehen der Konsumenten besorgt ... er 
denkt an die ganze Menschheit . . . Der Kaufmann, der Transportunternehmer 
sind beständig auf der Suche nach dem, was den Leuten, für die sie arbeiten, 
am besten passen könnte, sowie nach Mitteln, ihren Kundenkreis zu erweitern, 
d. h. einer größeren Anzahl von Menschen Dienste zu erweisen.“ Zitiert bei 
Ch. Gide und Ch. Rist, Histoire des Doctrines économiques, Paris 1909, p. 693.
        <pb n="456" />
        430 
Der Solidarismus 
rung der Teile steht. Wo die Teile homogen sind, kann jeder 
derselben sich selbst genügen; wo sie unähnlich sind, ergänzt 
jeder den andern und kann isoliert weder leben noch wirken x ). 
3. Die Soziologen, insbesondere Schäffle und Espinas, 
haben diese biologischen Kenntnisse dazu verwertet, Analogien 
zwischen ihnen und gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Er 
scheinungen, die sie beobachteten, zu konstruieren 2 ). Z. B. : in 
der menschlichen Gesellschaft, wie im lebenden Organismus, 
steht die Solidarität der Glieder im direkten Verhältnis zu ihrer 
Differenzierung. Bei einer von Jagd und Fischfang lebenden 
wilden Horde fügt darum die Trennung eines Individuums vom 
ganzen demselben weniger Schaden zu, als ihm ein Boykott in 
einer zivilisierten Gesellschaft bereiten würde 3 ). Von dieser 
Analogienkonstruktion hat sich jedoch die Soziologie nach und 
nach losgesagt. Damit wurde die Beobachtung gesellschaft 
licher und volkswirtschaftlicher Solidaritätserscheinungen bei 
ihr selbständiger und führte zu einer soziologischen Theorie 
der Solidarität : An dieser Entwicklung sind in Frankreich 
hauptsächlich Fouillée, Izoulet, Durkheim beteiligt. Wir 
werden darauf im folgenden Buche, das der Erörterung der 
Nationalökonomie bei den Soziologen gewidmet ist, zurückzu 
kommen haben. 
4. Der tatsächlichen, natürlichen und gesellschaftlichen 
Solidarität, welche vom Willen des Individuums unabhängig ist, 
stellten Charles Gide und Léon Bourgeois je eine Theorie ge 
wollter Solidarität entgegen, welche beide großen Anklang 
gefunden haben. Die Theorie Bourgeois' ist eine juridisch 
wirtschaftliche, diejenige G id es eine spezifisch-nationalökono 
mische. Von ihnen werden wir unten zunächst zu sprechen 
haben. 
5. Die Durchdringung des Volksbewußtseins im Frankreich 
der Gegenwart mit dem Solidaritätsgedanken ist eine Gesamt 
wirkung komplexer Ursachen. Das Bedürfnis, der Idee von der 
Vereinigung der Individuen in ein Ganzes kraftvoll Ausdruck zu 
geben, lag überhaupt durch das ganze XIX. Jahrhundert sozusagen 
in der Luft. Man kann darin zunächst eine natürliche Reaktion 
0 Vgl. Ch. Gide und Ch. Rist, Histoire des Doctrines économiques, p. 675. 
2 ) Vgl, Henry Michel, L’Idée de l’Etat, Paris 1898, p. 459 ff. 
3 ) Vgl. Gide und Rist, loc. cit. p. 674—675.
        <pb n="457" />
        Zur Geschichte des Solidaritätsbegriffes 
431 
gegen die Übertreibungen und Schäden des Individualismus 
sehen. Es wurde gestärkt durch die Philosophie liuskins und 
Carlyles, sowie durch die Vulgarisation der naturwissenschaftlichen 
Lehre von der Vererbung. Im Volksempfinden machte auch 
die Verbindung des Solidaritätsgedankens mit der Erkenntnis 
der Übertragung von Krankheiten durch deren Bakterien einen 
tiefen Eindruck. In Frankreich speziell trugen die Fortschritte 
demokratischer Gesinnung zur Popularisierung der Idee bei. 
Ganz besonders kam dieser auch zu statten, daß das Schlag 
wort „fraternité“ unter der dritten Republik rasch verblaßte 
und gebieterisch nach einem Ersatz verlangte. Die „Brüderlich 
keit“, das dritte Glied der Devise der großen Revolution (Li 
berté, Egalité, Fraternité) und das zündende Schlagwort des 
Jahres 1848, veraltete als rührselig sentimentaler Begriff ebenso 
rasch, wie der 1848er Geist, der sie auf den Schild erhob. Die 
republikanische und sozialistische Presse holte dafür den Begriff 
„solidarité“ aus dem Arsenal des vorachtundvierziger Sozialismus 
hervor. Die Strömung, welche von der charitativen Armenunter 
stützung zu dem Rechte auf Krankengeld, Invaliden- und Alters 
rente der Sozialversicherung führte, bemächtigte sich des Be 
griffes und stellte ihn dem der Caritas gegenüber, welche nach 
landläufiger Auffassung, nicht im ursprünglichen, christlichen 
Sinn, etwas für den Empfänger Degradierendes hat. 
Die Volkstümlichkeit der Solidaritätsidee stieg noch ge 
waltig, als Léon Bourgeois sie in eine präzise, juridische 
Formel brachte und sie zum Hauptpunkt der radikalen und 
radikal - sozialistischen Parteiprogramme erhob. Gleichzeitig 
schleuderte Sully Prudhomme sein berühmtes Sonett: 
„Le laboureur m’a dit en songe, fais ton pain, 
Je ne te nourris plus, gratte la terre et sème. 
Le tisserand m’a dit“ usw. 
das heute jedes Kind in Frankreich auswendig herzusagen weiß, 
ins Land hinaus. Einige Jahre vorher schon hatte Charles 
Gide, den die Lektüre der Schriften von A. Comte und Bastiat, 
mehr aber noch die der Fourieristischen Literatur, mit dem 
Solidaritätsgedanken vertraut gemacht hatte, ihn zum Grund 
pfeiler eines volkswirtschaftlichen Systems gemacht, das eine 
geläuterte und zeitgemäße Erneuerung des sozietären Sozialismus 
der vorachtundvierziger Periode darstellt. Die zahlreichen Auf-
        <pb n="458" />
        432 
Der Solidarismus 
lagen und Übersetzungen in fremde Sprachen von Gides kleinem 
Lehrbuch der Nationalökonomie haben, neben seiner Lehrtätig 
keit an den Rechtsfakultäten in Montpellier und Paris, seinem 
Solidarismus weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus 
Freunde erworben. 
2. Kapitel. 
Der Solidarismus bei Léon Bourgeois. 
Léon Bourgeois *), Leader der radikalen und radikal-sozia 
listischen Parteien, gewesener Kammer- und Ministerpräsident, 
eifriger und erfolgreicher Mitarbeiter der Friedenskonferenzen 
im Haag usw., entnimmt der Soziologie den Begriff der tatsäch 
lichen, natürlichen Solidarität und baut darauf weiter. Die bio 
logische Wissenschaft, führt Bourgeois aus i) 2 ), lehrt, daß nicht 
nur der Kampf ums Dasein, sondern auch der Zusammenschluß 
zum Leben, die gegenseitige Abhängigkeit der Teile eines Or 
ganismus, ein Grundgesetz der Natur ist. Diese Abhängigkeits 
beziehungen zwischen den Teilen der lebenden Wesen bestehen 
auch zwischen diesen selbst, sowie zwischen deren Gesamtheit 
und dem Milieu, in dem sie sich befinden. Die Gesetze der 
Vererbung, der Anpassung, der Zuchtwahl sind bloß verschiedene 
Gesichtspunkte desselben allgemeinen Gesetzes gegenseitiger Ab 
hängigkeit, des Gesetzes der Solidarität der Elemente des uni 
versellen Lebens. Auch der Mensch ist diesem Gesetz unter 
worfen. Zwar ist die menschliche Gesellschaft kein Organismus; 
aber die Wirkungen der natürlichen Solidarität äußern sich auch 
in den Erscheinungen des Lebens in Gesellschaft. Die Asso 
ziation der disziplinierten, individuellen Tätigkeiten — durch 
i) Zu Bourgeois Solidarismus vgl.: Léon Bourgeois, Solidarité, 6. Aud. 
Paris 1907. — Essai d’une Philosophie de la Solidarité, Paris 1907. Vorwort 
von Croiset, Dekan der faculté des lettres in Paris. Sammlung von Vorträgen 
von L. Bourgeois, sowie von mehreren Universitätsprofessoren {Barlú, Rauh, 
F. Buisson, Ch. Gide, X. Léon, H. La Pontaine, E. Boutroux). — La Solidarité 
sociale, ses nouvelles formules von E. d’Eichthal und La Solidarité sociale comme 
principe des lois von Ch. Brunot. Paris 1903 (enthält auch : Observations zum 
Solidarismus von F. Passy, P. Leroy-Beaulieu, Levasseur, A. Sorel, Juglar, Bou 
troux, Cheysson, E. Rostand, de Tarde, Glasson R. Stourm). — Ch. Gide et Ch. 
Rist, Histoire des doctrines économiques, Paris 1909, Les Solidaristes, p. 671 ff. 
a ) L. Bourgeois, Solidarité, 6. Ausi. p. 39 if.
        <pb n="459" />
        Der Solidarismus bei Léon Bourgeois 
483 
Gewalt zur Zeit der Autoritätsordnungen, durch Übereinkommen 
zur Zeit der Freiheitsordnung — vermochte allein die mensch 
lichen Gruppen zu bilden und lebensfähig zu machen. So ist 
das Gesetz der Solidarität eine Bedingung der Entwicklung 
der menschlichen Gesellschaften. 
In einer menschlichen Gesellschaft nun ist der Einzelne 
das Ergebnis von 'persönlichen und sozialen Faktoren 1 ). Den 
Keim der ersteren bringt ein jeder bei der Geburt mit; deren 
Entwicklung macht den rein persönlichen Teil des individuellen 
Seins aus. Die sozialen Faktoren, die aus Arbeitsteilung, Ver 
erbung usw. herrühren, modifizieren und bereichern die Natur 
und den Besitz des Individuums. Sie stellen in dem Gesamt 
patrimonium eines jeden ein unentgeltlich und anstrengungslos, 
durch die alleinige Tatsache des Eintritts in die Gesellschaft 
erworbenes Teilpatrimonium dar. Das Individuum ist den vor 
hergegangenen Generationen und den Zeitgenossen gegenüber 
Schuldner dieses Patrimoniums. Es ist auch Schuldner der Ge 
sellschaft selbst gegenüber, aus deren Kultur es Nutzen zieht, 
und deren gemeinsames Patrimonium es mitgenießt, d'Hausson 
ville faßt die Schilderung, welche Bourgeois von den viel 
fachen Schulden des Individuums der Gesellschaft, der Vorzeit 
und Mitwelt gegenüber gibt 2 ), in folgende eindrucksvollen Sätze 
zusammen : „L'homme fait partie, qu’il le veuille ou non, d’une 
société dont il devient débiteur dès sa venue au monde par 
tout ce qu’elle a fait et préparé pour lui. Dette sa nourriture, 
chacun des aliments qu’il consommera étant le fruit d’une lon 
gue culture. Dette son langage, car chacun des mots qui naî 
tront sur ses lèvres contient et exprime une somme d’idées que 
d’innombrables ancêtres y ont accumulée et fixée. Dettes et de 
quelle valeur! le livre et l’outil que l’école et batelier vont 
lui offrir. Dette à chaque pas qu’il fait sur une route construite 
à travers les marais et la montagne; dette à chaque tour de 
roue de la voiture, du wagon et de l’hélice; dette envers tous 
les morts qui ont laissé cet héritage ; dette envers ceux dont la 
conscience a tiré sa race de l’état de violence et de haine et 
l’a conduite peu à peu vers l’état de paix et d’accord“ 3 ). 
b Vgl. Ch. Brunot, La_Solidarité sociale comme principe des lois, p. 27 if. 
2 ) L. Bourgeois, loc. cit. p. 118 if. 
8 ) d'Haussonville, Art. Solidarité in Revue des Deux Mondes vom 15. Dez. 1900. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. os
        <pb n="460" />
        434 
Der Solídarismus 
Bourgeois geht nun daran, die aus der gegebenen Soli 
darität folgende soziale Schuld in eine rechtlich klagbare zu 
verwandeln und ihr eine gesetzliche Sanktion zu geben. Die 
Schuld des Individuums der Vor- und Mitwelt gegenüber, sagt 
er x ), hat alle Merkmale der nicht durch Rechtsgeschäft hervor 
gerufenen Schuldverhältnisse, der Quasikontrakte 2 ). Die natür 
liche Solidarität schafft in der menschlichen Gesellschaft alle 
Causae des Quasikontrakts : Familien- und andere Verbindungen, 
Geschäftsführung ohne Auftrag als Folge der Arbeitsteilung, 
Bereicherung auf Kosten anderer infolge ungerechtfertigt erho 
bener Werte (unearned increment), beständige Schädigungen 
dritter usw. Ein Quasikontrakt ist auch die Gemeinschaft, das 
Miteigentum aller Bürger eines Staates an den öffentlichen Do 
mänen und Anstalten, an dem Kredit, dem Ansehen, dem wissen 
schaftlichen, literarischen, technischen Erbe ihres Vaterlandes. 
Ja, der Staat selbst ist das Ergebnis eines Quasikontraktes 3 ). 
Die Tatsache, daß der Mensch durch seinen Eintritt in 
die menschliche Gesellschaft ein Schuldverhältnis dieser, der 
Vorwelt und den Zeitgenossen gegenüber eingeht, sowie die 
rechtliche Qualität dieses Schuld Verhältnisses wären somit fest 
gestellt. Die soziale Schuld ist nun aber eine differenzielle. 
Der Anteil der Individuen und sozialen Klassen an dem 
gemeinsamen Patrimonium ist ein so verschiedener, daß ein 
großer Teil, nämlich die „Enterbten“, den Besitzenden gegen 
über in die Rolle des Gläubigers einrücken. Schuldner sind alle, 
welche von der Tatsache der natürlichen Solidarität Vorteil hatten, 
') Bourgeois, loo. oit. p. 115 fis., 132 fis. 
2 ) Bourgeois entnimmt dem Code civil (Art. 1871—1381), die Lehre von 
den Quasikontrakten. Er hält sich jedoch, im Gegensatz zu dem in diesem 
Punkte sehr lückenhaften Code civil, an den Gattungsbegriff des Quasikontraktes 
und versteht darunter ein nicht rechtswidriges, nicht durch Rechtsgeschäft hervor 
gerufenes Schuldverhältnis. 
3 ) „Dort, wo die Notwendigkeit der Dinge die Menschen in Beziehungen 
zu einander setzt, ohne daß ihr vorhergehender Wille die Bedingungen des ab 
zuschließenden Vertrages vereinbaren konnte, wird das Gesetz, das diese Be 
dingungen feststellt, nur eine Interpretierung und eine Vertretung der Überein 
kunft sein, die vorher hätte stattfinden müssen, wenn die Beteiligten hätten 
gefragt werden können. Die Präsumption der Zustimmung, die sie gegeben 
hätten, wird die einzige Grundlage des Rechtes sein. Der Quasikontrakt ist 
nichts anderes als das retroaktive Zugestehen eines Vertrags.“ Bourgeois, loc. 
cit. p. 132.
        <pb n="461" />
        Der Solidarismus bei Léon Bourgeois 
435 
nämlich alle jene, die Vermögen gemacht haben, was sie nur 
durch die Mitwirkung zahlloser anonymer Mitarbeiter tun konnten. 
Sie üben nicht Wohltätigkeit, wie man ihnen bisher sagte, wenn 
sie die Bedürftigen unterstützen, sondern sie zahlen lediglich 
eine Schuld. Gläubiger sind zunächst die Gesellschaft selbst und 
unsere Nachfolger; ja die Tatsache, daß wir in den Genuß des 
von der Vergangenheit überkommenen Patrimoniums eingetreten 
sind, begründet die Pflicht nicht nur seiner integralen Vererbung 
auf die später geborenen Geschlechter, sondern auch seiner Ver 
mehrung *). Gläubiger sind ferner aber auch die Enterbten, die 
Besitzlosen, die von der natürlichen Solidarität nicht ausschließ 
lich Vorteil hatten. Sie werden durch den Staat und durch die 
zahlreichen Einrichtungen vertreten, die man früher Unter 
stützungsanstalten nannte, heute aber als Gegenseitigkeitsgenossen 
schaften und „Werke der Solidarität“ (— staatliche Schutz- und 
Versicherungseinrichtungen) bezeichnet 2 ). 
Ausgangspunkt in Bourgeois’ System ist also die natür 
liche Solidarität. Sie ist ungerecht oder hat doch wenigstens 
keinen Gerechtigkeitscharakter (ajuste), insofern sie den einen 
Vorteile zu genießen gibt, die sie nicht selbst verdient haben, 
und andere unter Schädigungen leiden macht, die sie ebenso 
wenig selbst verschuldet haben. Die Gerechtigkeit muß nun im 
Gewände des Quasikontraktes einspringen, um einen Ausgleich 
zwischen den Bevorzugten der natürlichen Solidarität und deren 
Benachteiligten zu bewirken. Der Gerechtigkeit geschieht Genüge 
durch Korrigier un g der natürlichen Solidarität durch eine gewollte. 
Die Solidarität rückt so aus dem Gebiete des Naturgegebenen 
in die Sphäre des vom menschlichen Willen Abhängigen, des 
Sittlichen. Sie wird zur Richtschnur des menschlichen Handelns, 
zum ethischen Prinzip. 
Dadurch, daß die Gerechtigkeit zum Bindeglied zwischen der 
natürlichen und der gewollten Solidarität wird, erfährt sie eine 
Modifikation. Ihr Stützpunkt wird nämlich verlegt. „Die Ge- 
*) Der Rechtsgrund dieser Verpflichtung liegt darin, daß das gemeinsame 
Kapital der menschlichen Gesellschaft ein den lebenden Menschen an vertrautes 
Depositum ist, das eine in beständiger Entwicklung begriffene, lebende Organi 
sation darstellt, deren Evolution ihrer Natur nach nicht ohne die Kontinuität 
beständiger Anstrengungen aller vor sich gehen kann. Bourgeois, Solidarité, p. 139. 
-) Vgl. Ch. Gide und Ch. Rist, Histoire des doctrines économiques, p. 680 ff.
        <pb n="462" />
        436 
Der Solidarismus 
rechtigkeit zwischen isolierten Individuen“, schreibt Bourgeois, 
„ist nicht dieselbe, die zwischen Individuen gilt, die in einer 
menschlichen Gesellschaft solidarisiert sind. Die Solidarität ist 
eine der freien Willensbestimmung und folglich der Gerechtigkeit 
vorausgehende Tatsache; Freiheit und Gerechtigkeit können 
darum nur unter Berücksichtigung und Voraussetzung der Soli 
darität definiert werden 1 ). Das heißt mit andern Worten: das 
do ut des, das Prinzip der kommutativen Gerechtigkeit, gilt erst 
dann unter den Menschen, wenn die Bevorzugten der sozialen 
Solidarität den Enterbten und der Gesellschaft gegenüber ihre 
Schuld abgetragen haben. Die individuellen Rechte sind erst 
dann gleich, wenn jedes Individuum sich von den Obligationen, 
die sein Recht belasten, befreit hat. 
Brunot veranschaulicht diesen Teil der Theorie Bour 
geois’ sehr gut, indem er die Korrektur, welche die solida- 
ristische Definition der Gerechtigkeit an der überkommenen vor 
nimmt, mit der physikalischen Prozedur vergleicht, die darin 
besteht, zur genauen Feststellung von Temperaturen die Ver 
änderungen des Nullpunktes zu berücksichtigen. „Im allgemeinen,“ 
schreibt Brunot, „nehmen die Gesetze die Geburt als sozialen 
Nullpunkt an. Es war schon viel, ihn durch Beseitigung der 
Sklaverei und der Privilegien des Adels zu erreichen. Aber die 
Sozial Wissenschaft hat sich vervollkommnet, wie die Physik; sie 
stellt heute fest, daß der Nullpunkt für ganze Kategorien ver 
ändert ist; sie kann sich infolgedessen nicht mehr mit dem 
scheinbaren und irrtümlichen Nullpunkt zufrieden geben, sondern 
sie muß einen genauen Grad haben. Dorthin müssen die indi 
viduellen Rechte zurückgebracht werden, wenn sie wirklich 
gleich sein sollen Der ganze Sinn der solidaristischen 
Doktrin ist, den sozialen Nullpunkt zu korrigieren, die Netto 
gerechtigkeit an die Stelle der Bruttogerechtigkeit zu stellen 2 ). 
Die Gleichstellung der individuellen Rechte, die als Ziel 
und Ergebnis der Nullpunktkorrektur auftritt, läuft nicht auf 
eine Nivellierung der sozialen Lagen hinaus. Der Solidarismus 
läßt es sich angelegen sein, die soziale Schuld genau zu um 
grenzen. Bourgeois argumentiert wie folgt: „Da es offenbar 
unmöglich ist, den Wert der Schuld der einen und des Gut- 
*) Bourgeois, Essai d’une Philosophie de la solidarité, p. 22, 32, 41. 
2 ) Ch. Brunot, loe. eit. p. 70—72.
        <pb n="463" />
        Der Solidarismus bei Léon Bourgeois 
437 
habens der andern ziffernmäßig festzustellen, so kann man die 
Beteiligten nur auf indirektem Wege in die relativ gleiche Lage 
bringen, in der sie ihre Freiheit ohne Ungerechtigkeit gebrauchen 
können. Die Zahlung der sozialen Schuld eines jeden an alle 
wird erreicht, indem man die sozialen Risiken und Vorteile 
unter alle Mitglieder der Gesellschaft verteilt. Dies geschieht 
durch Mutualisierung der Risiken und Vorteile, d. h. indem die 
Risiken gemeinsam getragen werden, ohne daß man vorher weiß, 
wen ein Risiko und wen ein Vorteil treffen wird, und indem 
der Zugang zu den verschieden gearteten sozialen Vorteilen für 
alle offen gehalten wird“ x ). Nach Bourgeois umfaßt die soziale 
Schuld in concreto : 
1. Unentgeltlichkeit des Unterrichts auf allen Stufen. Da 
das intellektuelle Kapital in höherm Maße kollektives Eigentum 
ist als jedes andere, muß jedermann darin frei schöpfen können. 
Damit das Recht auf Belehrung nicht illusorisch sei, muß die 
Arbeitszeit gesetzlich beschränkt werden. 
2. Sicherstellung eines Existenzminimums für alle. 
3. Versicherung gegen die von Natur zufälligen und allen 
gemeinsamen Risiken des Lebens. 
Die Ableistung der sozialen Schuld wird durch spontane 
Beiträge zu den „Werken der Solidarität“ (Wohlfahrtseinrich 
tungen) und durch Zahlung von Steuern, d. i. von Zwangs 
beiträgen, bewirkt. Letzteres rechtfertigt sich aus der natür 
lichen Funktion des Staates, das Einhalten der Verträge zu 
sichern. Die Steuern werden zweckmäßig progressiv sein, denn 
das gemeinsame Patrimonium und die Vorteile, die der einzelne 
daraus zieht, befinden sich in beständiger Aufwärtsbewegung 2 ). 
Bourgeois beschließt die Darstellung seiner Solidaritäts 
lehre mit den stolzen Worten: „Die Erkenntnis der Naturgesetze 
der Solidarität der Wesen führt zu einer Gesamttheorie der 
Rechte und Pflichten des in Gesellschaft lebenden Menschen . . . 
Diese Theorie hält die politische und bürgerliche Gleichheit 
energisch aufrecht, festigt und garantiert die individuelle Frei 
heit, sichert allen menschlichen Fähigkeiten die ausgedehnteste 
Entwicklung. An Stelle der sittlichen Pflicht der Nächstenliebe, 
*) Bourgeois, Essai d’uiie Philosophie de la Solidarité, p. 81 ff. 
2 ) ibid. p. 94.
        <pb n="464" />
        438 
Der Solidarismus 
die das Christentum formuliert hat, und des schon bestimmtem 
Begriffes der republikanischen Freiheit, der aber noch abstrakt 
und ohne Sanktion ist, setzt sie eine quasikontraktuelle Obli 
gation, die einen Rechtsgrund hat und folglich gewissen Sank 
tionen unterworfen werden kann, nämlich der Sanktion der 
Schuld des Menschen den Menschen gegenüber, welche Quelle 
und Maß der rigorosen Pflicht der sozialen Solidarität ist. So 
erscheint die Doktrin der Solidarität in der Geschichte der Ideen 
als die Entwicklung der Philosophie des XVIII. Jahrhunderts 
und als die Vollendung der politischen und sozialen Theorie der 
französischen Revolution“ *). 
Zur Beurteilung von Bourgeois’ Solidarismus muß man 
dessen Elemente auseinander halten. Als soziologische Kategorie, 
d. h. zur Bezeichnung von natürlichen und gesellschaftlichen, 
vom menschlichen Willen unabhängigen Erscheinungen, bedeutet 
der Solidaritätsbegriff die Errungenschaft eines dem modernen 
Denken lange fremd gebliebenen Gesichtspunktes. Diese Er 
rungenschaft ist ein Verdienst der Soziologie. Als ethisches 
Prinzip führt die Solidaritätsidee ein großes und weites Gebiet 
aus der Sphäre der Freiheit und Nächstenliebe in die der Pflicht 
und Gerechtigkeit über. Aber hierin, wie in so vielen Dingen, 
war die Praxis der Theorie voraus geeilt: Arbeiterschutz und 
Arbeiterversicherung hatten längst in Europa eingesetzt, bevor 
Bourgeois die Solidaritätslehre heranzog, um dem französischen 
Steuerzahler die moderne Sozialversicherung und ihre Lasten 
plausibel zu machen. 
Croises, Dekan der faculté des lettres der Universität Paris, 
begegnet dem Unterfangen Bourgeois’, die Solidaritätsidee an 
die Stelle des christlichen Begriffes der Nächstenliebe zu setzen, 
mit dem Bemerken, das Volksempfinden würde der neuen Idee 
keine so warme Aufnahme bereiten, wenn es nicht darin einen 
breiten Raum für das Gefühl bewahrte. Darum solle man bei 
der fernern Entwicklung des Solidaritätsbegriffes „den guten 
alten Begriff der Liebe nicht ausschließen“ *). 
Was nun die Verbindung der juridischen Idee vom Quasi 
kontrakte mit der der Solidarität angeht, so ist nicht zu leugnen, 
Ö Bourgeois, Solidarité, p. 154 ff. 
2 ) Croiset, Vorwort zu Essai d’une Philosophie de la Solidarité, p. XIII.
        <pb n="465" />
        Der Solidarismus bei Léon Bourgeois 
439 
daß sie ungemein viel zum Erfolg des Solidarismus Léon Bour 
geois’ beigetragen hat. Dennoch bleibt sie sehr anfechtbar. 
Professor Gide, für den sie „ein geistvoller Kunstgriff, fast ein 
Wortspiel“ ist, macht sehr richtig dagegen geltend, daß Aus 
gangspunkt und Schlußfolgerungen Bourgeois’ ihrer nicht be 
dürfen. „Die Schuld ist nicht feststellbar,“ meint er, „deren Betrag- 
muß erst durch Gesetz bestimmt werden. Warum sie denn nicht 
lieber unmittelbar auf das Gesetz (statt auf den Quasikontrakt), 
auf die staatliche Gewalt, Gesetze zu machen, gründen?“ J ) Gide 
hebt ferner hervor, daß Bourgeois ein erheblicher logischer 
Schnitzer unterläuft. Bourgeois stellt nämlich als Forderung 
der Solidarität zur Korrektur des sozialen Nullpunktes die Mutuali- 
sierung der sozialen Risiken und Vorteile auf. Ganz willkürlich 
und unvermittelt heißt es aber dann, daß zwar noch die Risiken, 
aber nicht mehr die Vorteile, sondern bloß die Zugangswege zu 
den Vorteilen mutualisiert werden sollen. „Warum,“ fragt Gide, 
„ist in dem einen Fall die Solidarität eine vollständige, in dem 
andern nicht?“ Die Antwort ist leicht: „Die logische Anwen 
dung von Bourgeois’ Prinzip würde zum Kommunismus führen, 
darum macht er auf halbem Wege Halt“ *). Die Idee selbst der 
Mutualisiemng der sozialen Risiken und Vorteile kritisiert Gide 
äußerst treffend wie folgt: „Mit der Mutualisiemng der Risiken 
und Vorteile sind wir weit vom Quasikontrakt weg angelangt. 
Denn etwas anderes ist ein Vertrag oder Quasikontrakt, der auf 
der Gleichwertigkeit der Leistungen, auf dem do ut des, gründet, 
und etwas anderes ist eine Gegenseitigkeitsgenossenschaft 
(mutualité), deren charakteristische Merkmale eben die Idee 
einer exakten Gleichwertigkeit der Leistungen ausschließen. 
Der Solidarismus, der aus dem Quasikontrakt hervorgeht, führt 
zum Individualismus; der Solidarismus, aus dem die Gegen 
seitigkeitsgenossenschaft herausführt, weist nach dem Sozialis 
mus hin“ 8 ). 
Bourgeois stellt, wie wir sahen, ein interventionistisches 
Programm auf. Trotzdem erhebt er den Anspruch, nicht zu 
den Interventionisten gerechnet zu werden, da er, weit entfernt 
die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben auszudehnen, dieselbe 
*) CA. Gide et CA. Bist, Histoire des doctrines économiques, p. 683. 
*) ibid. p. 682. 
3 ) ibid. p. 682.
        <pb n="466" />
        440 
Der Solidarismus 
beschränke, indem er ihr einen streng rechtlichen Charakter 
gebe, d. h. indem er sie ans die Interpretation frei zugestandener 
Verträge reduziere 1 ). In der Vorrede, welche Bourgeois zu 
Buissons Buch „La Politique radicale“ schrieb, weist er darauf 
hin, daß der Solidarismus sich im Assoziationismus ebensogut 
und besser verwirklichen könne, als im Interventionismus. Den 
Beweis dafür finden wir, wie wir gleich sehen werden, in den 
Schriften von Charles Gide. 
Der Eindruck, den uns Bourgeois’ auf der Idee vom 
Quasikontrakt fußender Solidarismus zurückläßt, ist der einer 
mit vollendetem Geschick aufgeputzten Programmidee, die etwas 
ungemein Bestechendes für die Zeitgenossen hat. Sie bleibt bis 
auf weiteres ein wirksamer Resonanzboden für das radikal 
sozialistische Parteiprogramm. 
3. Kapitel. 
Der Solidarismus bei Charles Gide. 
Charles Gide, Inhaber des von der Gräfin de Chambrun 
gestifteten Lehrstuhles für Sozialökonomie an der Rechtsfakultät 
in Paris, ist der Vorkämpfer eines Solidarismus, dessen kühnes 
Endziel die Vergenossenschaftlichung des Wirtschaftslebens ist. 
Gide war einer der ersten Professoren der Nationalökonomie 
an den juristischen Fakultäten, welche nach der Reform von 
1878 der liberalen Schule entgegen traten. Von allen seinen 
. Kollegen hat er wohl die Methode des deutschen Historismus 
am vollkommensten sich angeeignet. Er hat sie jedoch nicht 
bei den deutschen Nationalökonomen gelernt; Roscher, den er 
als Student las, schien ihm sogar ganz unverdaulich. Seine 
Lehrmeister waren die Soziologen von A. Comte bis Renouvier, 
Secrétan und Fouillée, die deutschen historischen Juristen, Stuart 
Mill und Charles Fourier. In den jüngsten Auflagen seiner Werke 
tritt der Einfluß Marshalls zunehmend zu Tage 2 ). 
1) Bourgeois, Essai d’une Philosophie de la Solidarité, p. 92. — Brunet, 
loe. eit. p. 77. 
2 ) Von Gides Werken nennen wir: Principes d’Economie politique, zuerst 
Paris 1883, 11. Auflage 1908. — Davon Übersetzungen ins Englische (2. Aud., 
Boston 1904), Polnische (2. Aufl., Krakau 1900), Tschechische (Prag 1894), 
Spanische (Madrid 1896), Russische (Petersburg 1896), Schwedische (2. Aufl.,
        <pb n="467" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
441 
Yon dem Studium der Soziologen rührt Gides Vorliebe 
für biologische Analogien her. In seinen Augen ist die National 
ökonomie für den sozialen Körper, was die Physiologie für den 
menschlichen ist. Er stellt fest, daß in der Gegenwart eine 
Tendenz zur Scheidung von reiner V olkswirtschaftslehre und 
Sozialökonomie besteht. Die erstere will die spontanen Beziehungen 
der in Gesellschaft lebenden Menschen erforschen. Ihr Gegen 
stand ist das Seiende. Sie strebt danach, sich als Naturwissen 
schaft zu konstituieren. Die Sozialökonomie befaßt sich mit den 
gewollten Beziehungen, die die Menschen in Form von Genossen 
schaften, geschriebenen Gesetzen oder irgendwie gearteten Ein 
richtungen unter sich zur Besserung ihrer Lage schaffen. Sie 
ist eine ethische Disziplin und eine Kunstlehre. Die beider 
seitigen Gebiete der reinen Volkswirtschaftslehre und der Sozial 
ökonomie greifen jedoch zu sehr ineinander, als daß eine ge 
trennte Behandlung beider angebracht wäre '). * Ihre enge Zu 
sammengehörigkeit ist um so mehr zu betonen, als die klassische 
Schule eine absolute Scheidewand zwischen Wissenschaft und 
Kunstlehre aufstellt. Für sie erschöpft sich die Kunstlehre im 
„laisser faire“; die Wissenschaft erklärt nur, sie rät nichts und 
Helsingfors 1903), Holländische (2. Ausl., Groningen 1903), Deutsche (von Dr. 
Weiß von Wellenstein, Wien 1904). — Oeuvres choisies de Fourier, mit Ein 
leitung von Gide. Paris 1890. — La Coopération, Conférences de Propagande, 
Paris 1900, 2. Ausl. 1906. — Les Sociétés coopératives de consommation, Paris 
1904. — Rapport général sur l’Economie sociale à l’Exposition de 1900, Paris 
1903. Davon eine Volksausgabe unter dem Titel: Economie sociale. Les Insti 
tutions du Progrès social au début du XX me siècle, Paris 1905. — Cours 
d’Economie politique, Paris 1909. — Ch. Gide et Ch. Rist, Histoire des doctrines 
économiques depuis les Physiocrates jusqu’à nos jours, Paris 1909. — Bei den 
obigen Ausführungen wurden ferner noch mehrere kleinere Arbeiten von Gide 
berücksichtigt, insbesondere : Quatre Ecoles d’Economie sociale. Conférences 
données à l’aula de l’université de Genève sous les auspices de la société chré 
tienne suisse d’économie sociale. L’Ecole de Le Play, par Claudio-Jannet^ 
l’Ecole collectiviste par G. Stiegler-, l’Ecole nouvelle par Ch. Gide; l’Ecole de la 
Liberté par Frédéric Passt/. Genf und Paris 1890. — L’Idée de Solidarité en 
tant que programme économique, Art. in: Revue internationale de Sociologie, 
1893, Bd. I, p. 385 ff. — L’Ecole économique française dans ses rapports avec 
l’Ecole anglaise et l’Ecole allemande, in : Festgaben zu Schmollers 70. Geburts 
tag, Leipzig 1908, XVI. — La Solidarité économique, Vortrag in: Essai d’une 
Philosophie de la solidarité, Paris 1907, p. 207 ff. usw. 
') Ch. Gide, Cours d’Economie politique, p. 3.
        <pb n="468" />
        442 
Der Solidarismi!s 
schreibt nichts vor. Will sie jedoch ihre Aufgabe erfüllen, so 
muß sie ihren Forschungen ein praktisches Ziel setzen : aus der 
Erkenntnis der Vergangenheit das lehren, was wir zu tun ver 
mögen und was wir tun sollen *). 
Die Erforschung der Vergangenheit, des Werdeganges der 
Dinge, mit andern Worten die historische Methode ist in der 
zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts der leitende Gesichts 
punkt der Volkswirtschaftslehre geworden. Die alte Schule hielt 
sich an das Bestehende, Bleibende, die neue hält sich an das 
Wechselnde. Die alte Schule betrachtete die ökonomischen 
Tatsachen unter dem Gesichtspunkt eines supponierten stabilen 
Gleichgewichts in bezug auf Koexistenz und Wechselwirkung. 
Die neue Schule untersucht die Dinge in ihrer Aufeinanderfolge, 
in der Art, wie alte Institutionen sich nach und nach umformen 
und neue erzeugen, die um so mehr von ihrem Ausgangspunkte 
abweichen, je weiter sie sich davon entfernen. Auguste Comte 
hat diese beiden Auffassungen unter der Bezeichnung „état 
statique 1 11 und „état dynamique“ einander mit großer Kraft ent 
gegengestellt. Die Idee einer Entwicklung statt der der Per- 
, manenz, der dynamische Gesichtspunkt an Stelle des statischen 
entspricht dem wissenschaftlichen Denken unserer Zeit 2 ). 
Gide weiß nicht nur anregend über den Evolutionismus 
und die historische Methode zu reden; auf jeder Seite seiner 
Werke gibt er das Beispiel historisch-realistischer Behandlung 
der Dinge. Bis zu welchem Grade er Evolutionist ist, mag man 
daraus erkennen, daß seine Anschauungen in manchen Punkten, 
wie wir gleich sehen werden, sich in beständigem Flusse be 
finden, wie die Erscheinungen des Wirtschaftslebens, deren Be 
obachtung er sich widmet. 
An der Existenz von volkswirtschaftlichen Naturgesetzen 
hat Gide immer festgehalten. Montesquieu und die Physiokraten 
haben für ihn die Idee einer konstanten Ordnung der Erschei 
nungen definitiv aus dem naturwissenschaftlichen Gebiet in das 
1 sozial wissenschaftliche herüber getragen. Der Schwierigkeit, die 
sich aus der Willensfreiheit der im Wirtschaftsleben handelnd 
1) Quatre Ecoles ¿'Economie sociale, L’Ecole nouvelle par Ch. Gide, 
p. 131—132. 
2 ) ibid. p. 121 ff.
        <pb n="469" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
443 
auftretenden Menschen ergibt, begegnet er mit dem Hinweis, 
daß die nämlichen Gründe im Durchschnitt vernünftig denkende 
Menschen zu den nämlichen Handlungen bestimmen. Und er 
bekennt sich zu Marshalls Definition: „Ein soziales Gesetz ist die 
Feststellung, daß eine bestimmte Verhaltungsweise unter be 
stimmten Umständen von den Gliedern einer sozialen Gruppe 
erwartet werden kann“ 1 ). Ja, die Gewißheit der Voraussicht ist 
sogar häufig größer in wirtschaftlichen Dingen, als beim Natur- 
geschehen. „Man kann das Eintreten einer Handelskrise länger 
vorher sagen, als das Losbrechen eines Zyklons, und der Ver 
kehr auf der Eisenbahn von Lyon nach Marseille ist weniger 
veränderlich als die Wassermenge des Rhône, dessen Ufern ent 
lang die Bahn fährt : dennoch wird diese von Menschen, der Fluß 
aber vom Himmel gespeist“ 2 ). Wenn jedoch im allgemeinen 
unsere Voraussicht in wirtschaftlichen Dingen wie bei vielen 
Naturerscheinungen immer kurzsichtig und unsicher ist, so ist 
der Grund dafür nicht die Freiheit des menschlichen Willens, 
sondern unsere mangelhafte Kenntnis der Ursachen der Er 
scheinungen 3 ). 
In der Wertlehre ging Gide ursprünglich von der An 
schauung aus, der Wert eines Gutes werde durch die zu dessen 
Herstellung benötigte Arbeit bestimmt. Eigene Tatsachen 
beobachtung sowohl, als das Bekanntwerden mit den Werken 
der Österreicher und Paretos, brachten ihn jedoch der Theorie 
vom Grenznutzen immer näher. Heute entscheidet er sich fin 
den Standpunkt Marshalls, der, davon ausgehend, daß die wirt 
schaftlichen Güter als Bedürfnisbefriedigungsmittel und als 
Resultat von Arbeit anzusehen sind, die Grenznutzen- und die 
Arbeitstheorie nebeneinander bestehen läßt 4 ). 
J ) A. Marshall, Handbuch der Volkswirtschaftslehre, übersetzt von Ephraim 
und Salz, Stuttgart 1905, Bd. I, p. 87. 
*) Ch. Gide loe. cit. p. 7. 
8 ) ibid. p. 8. 
4 ) Vgl. Marshall, loe. cit. II. Buch, p. 98 ff. — Folgende Stellen aus 
Gides jüngstem Werk veranschaulichen seine nunmehrige Stellungnahme in der 
Wertfrage: „Muß man unbedingt zwischen beiden (der Arbeite- und der Greuz- 
nutzentheorie) wählen?- 4 fragt er. Die Antwort lautet: „Nein, denn jede der 
beiden Theorien stellt eine Seite der Wahrheit dar. Warum sollte der Wert 
nicht zwei Seiten, zwei Pole haben? Wir müssen die grobe Idee, die 
Arbeit schaffe den Wert, beiseite stellen; aber wir müssen annehmen, daß die
        <pb n="470" />
        444 
Der Solidarismus 
Wir kommen nunmehr zur Idee der Solidarität. Die 
„Société chrétienne suisse d’Economie sociale“ hatte im Jahre 
1890 an der Universität Genf einen Vortragszyklus veranstaltet, 
der den Vertretern von verschiedenen nationalökonomischen 
Schulen Gelegenheit zur Entwicklung ihres Programmes bieten 
sollte. Frédéric Passy trug dort das Evangelium des laisser 
faire vor, Claudio Jannet brachte die Lehre Le Plays zur 
Darstellung, G. Stiegler warb für den Kollektivismus, Ch. Gide 
endlich führte die neue, an den französichen Rechtsfakultäten 
aufkommende historisch-realistische und interventionistische 
Richtung als Schule der Solidarität ein. „Die Solidarität,“ 
äußerte er damals, „ist nicht, wie die Freiheit und Gleichheit 
oder selbst die Brüderlichkeit, ein wohlklingendes Wort oder 
ein reines Ideal; sie ist eine Tatsache, eine der durch Wissen 
schaft und Geschichte am besten festgestellten Tatsachen, die 
bedeutsamste Entdeckung unserer Zeit. . . . Die Tatsache der 
Solidarität, der Interdependenz der Menschen, macht täglich 
Fortschritte: sie ist vielleicht der Fortschritt schlechthin“ 1 ). 
Gide faßt zwar die tatsächliche, in der menschlichen 
Gesellschaft gegebene Solidarität oder gegenseitige Abhängigkeit 
Anstrengung, welche zur Erzeugung eines Gutes notwendig ist, auf unser Be 
gehren einwirkt .... Wir können die Dinge schätzen, sei es wegen des Ge 
nusses, den uns ihr Besitz verschafft, sei es wegen der Anstrengung, die uns ihre 
Beschaffung gekostet hat. Ist nicht die intensivste aller Lieben, die Mutterliebe, 
aus diesen beiden Elementen zusammengesetzt? Die beiden Gefühle: 
Schätzung des Genusses, den der Besitz eines Gutes verschafft, und Schätzung 
des Opfers, das für dessen Beschaffung gebracht werden mußte, oder der An 
strengung, die dessen Ersatz eventuell nötig machen wird, sind gleichzeitig oder 
nacheinander in unserm Denken vorhanden, und zwischen beiden fliegt der Wert 
hin und her, wie der Ball zwischen zwei Raketts. Aber jedes dieser Gefühle 
ist unendlich komplex.“ Gide faßt schließlich seine Anschauung in zwei Leit 
sätze zusammen: ..Ein Gut hat um so großem Wert, je intensiver das Bedürfnis 
ist, dem es entspricht,“ und „Die Intensität dieses Bedürfnisses wächst im Ver 
hältnis zu den Genüssen, die die Menschen von dem Gute erwarten, so lange 
sie es nicht besitzen, und im Verhältnis zu den Opfern, die sie für dessen Wieder 
erlangung bringen müßten, wenn sie es verloren hätten.“ Gide, Cours d’écono 
mie politique, p. 49 fis., p. 61—62. 
9 Quatre Ecoles, p. 152. Es wäre richtiger gewesen, meint Gide später, 
eine neue Bewegung statt einer neuen Schule anzukündigen, denn alle Schulen, 
von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, haben sich seither auf die 
Solidarität berufen, und der Begriff ist Gemeingut der Nation geworden. Vgl. 
Gide et Rist, Histoire des doctrines économiques, p. 677.
        <pb n="471" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
445 
der Menschen als eine „amoralische“ Naturerscheinung auf, doch * 
gelingt es ihm nicht, auch nur einen Augenblick ethische Vor 
stellungen von dem Begriff fernzuhalten. Die Solidarität besteht 
zunächst darin, sagt er mit Buskin und Carlyle, daß unsere 
Handlungen sich um uns in Schwingungen von Leiden und Freu 
den ins Unendliche reperkutieren. Jedes Gute, das einem andern 
widerfährt, trägt zu unserm eigenen Besten bei, und jedes Übel, 
das einem andern zustößt, kann auch uns zum Übel werden. 
Die Erkenntnis der natürlichen Solidarität zeigt, daß wir durch 
die Art, wie wir unser Unternehmen geführt, unsere Käufe ge 
macht, durch das Beispiel, das wir gegeben haben, usw. häufig 
die Miturheber der Fehler und des Elends anderer sind. Wir 
oder unsere Kinder sind ausgesetzt, die Opfer der Übel, der 
Krankheiten, der Verkommenheit anderer, an denen wir Mit 
schuld haben, zu werden l ). 
Eine andere Art natürlicher Solidarität ist die, welche sich 
aus Arbeitsteilung, Tausch und Konkurrenz ergibt 2 ). Eine 
dritte die, welche sich in den Gruppierungen der Menschen unter 
einander: Familie, Gemeinde, Genossenschaft, Staat, Menschheit 
usw. äußert 3 ). 
Die natürlichen Solidaritäten bewirken Ungleichheiten und 
Elend unter den Menschen. Es ist darum eine der schönsten 
Errungenschaften der modernen Wissenschaft, das Gesetz der 
Solidarität, des Zusammenwirkens zum Leben, dem blinden 
Walten der Natur abgelauscht und zur Korrektur der schäd- . 
liehen Wirkungen dieses Waltens in den Dienst des mensch 
lichen Willens gestellt zu haben. Die Solidarität, das Zusammen 
wirken zum Leben, ist aus einer naturnotwendigen zu einer 
gewollten, zur Richtschnur des menschlichen Handelns, zum 
ethischen Prinzip geworden 4 ). 
Die liberalen Volkswirte sagen, die Tauschwirtschaft ver 
wirkliche schon alle wünschenswerte Solidarität und die einzige 
mit der Gerechtigkeit vereinbare. Das ist nicht richtig. Der 
Tausch, und alle davon abgeleiteten Verteilungsarten (Lohn, 
*) Gide &gt; Cours ¿’Economie politique, p. 35 ff. — Gide et Rist, Histoire 
des doctrines économiques, p. 697 ff. 
2 ) Essai d’une Philosophie de la Solidarité, p. 209 ff. 
3 ) Gide et Rist, loe. cit. p. 697-698. 
4 ) Gide, Cours d’Econ. pol. p. 36 ff.
        <pb n="472" />
        446 
Der Solidarismus 
Zins, Pacht), verwirklichen die Gerechtigkeit, die Gleichwertig 
keit der Leistung nur dort, wo die Tauschenden schon gleich 
sind. Niemand wollte z. B. den Tausch, der zwischen der 
Kongogesellschaft und den Negern, zwischen einem Unternehmer 
und seinen Heimarbeiterinnen geschieht, für eine Verwirklichung 
der Solidarität ansehen *). 
Diese kann durch staatliche Intervention oder durch genossen 
schaftlichen Zusammenschluß erreicht werden. Die Staatsinter 
vention ist überall angebracht, wo das Gesetz durch Reglemen 
tierung der Arbeit, der ungesunden Wohnungen, der Lebens 
mittelfälschungen die Schädigung der Massen verhindern kann ; 
ferner dann, wenn das Gesetz durch gewisse Formen obligato 
rischer Versicherung den Geist der Solidarität den verschiedenen 
Klassen der Bevölkerung einzuflößen bestrebt ist. Obwohl 
Zwangsform, ist die staatlich oktroyierte Solidarität nicht ohne 
hohen sittlichen Wert. Höher steht aber die frei gewollte, in 
genossenschaftlichem Zusammenwirken sich äußernde Solidarität; 
die gesetzlich erzwungene kann unumgänglich sein, um den 
Boden zu ebnen, auf dem sich später das freie, genossenschaft 
liche Leben entfalten wird 1 2 ). 
Wollte man nun a priori die Merkmale der Genossenschaft 
bestimmen, die das günstigste Milieu für die solidarische Er 
ziehung abgeben würde, so wäre zu sagen: der Gegenstand 
einer solchen Genossenschaft müßte der allgemeinst mögliche 
sein. Er müßte eine Ursache der Annäherung, nicht des An 
tagonismus unter den Menschen sein. Er dürfte sich nicht in 
zufälligen und ausnahmsweisen Tatsachen des Lebens verwirk 
lichen, sondern in der regelmäßigsten und dauernsten Tätigkeit. 
Damit ist eigentlich schon die Konsumgenossenschaft deutlich 
1) Gide et Bist, loc. cit. p. 698 ff. 
2 ) Gide, Cours d’Econ. pol. p. 36 ff. 
Übrigens ist ein wirklich demokratischer Staat, d. h. ein solcher, in dem 
Gesetz und Verwaltung der ehrliche Ausdruck des Willens der Mehrheit sind, 
im Grunde eine freie Genossenschaft. Der einzige Unterschied, den man geltend 
machen kann, ist, daß in die durch Vertrag entstandene Genossenschaft eintritt, 
wer will, während man in die Genossenschaft, die man Staat nennt, durch die 
Geburt eintritt. Der Unterschied ist aber nicht wesentlich, denn 1. gibt es Ge 
nossenschaften, deren Beitritt tatsächlich obligatorisch ist, und 2. kann man 
immerhin aus einem Staatsverbande austreten. Essai d'une Philosophie de la 
Solidarité, p. 223.
        <pb n="473" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
447 
erkennbar gezeichnet. Gide dringt nunmehr auf dem Wege 
der Elimination zu ihr vor 1 ). 
Zunächst schaltet er die Aktien- und sonstigen Handels 
gesellschaften als völlig ungeeignet zur Verwirklichung seiner 
Ziele aus. 
Dann spricht er den Berufsorganisationen ihr Urteil. Gewiß 
sind sie eine der ältesten und solidesten Erscheinungsformen 
menschlicher Solidarität. Da sie aber eng mit der Arbeits 
teilung verbunden sind, tragen sie wie eine Erbsünde alle deren 
Fehler: sie haben die Tendenz, die Menschen zu differenzieren ; 
sie degradieren sie gewissermaßen, indem sie ihnen das Stigma 
der Berufsarbeit auf drücken ; sie machen aus dem, was nur ein 
Mittel sein soll, dem Beruf, den Zweck des Lebens; sie ziehen 
einen Zunftegoismus groß, der nicht weniger furchtbar ist als 
der individuelle, und sich ebenso gut wie dieser im Widerspruch 
zum allgemeinen Interesse befinden kann. Die Berufsgenossen 
schaften sind ferner ein Kampfmittel zur Verteidigung von 
Berufsinteressen; sie sind eine bewaffnete Solidarität. Gide ist 
der Ansicht, daß ihre Bolle in der Zukunft eine vorüber 
gehende sein wird. Die berufliche Existenz wird in dem Leben 
eines jeden Menschen eine immer mehr zurücktretende Bedeu 
tung haben. 
Eine andere Form des genossenschaftlichen Zusammen 
schlusses sind die auf Gegenseitigkeit beruhenden Assoziationen. 
Auch sie sind eine der ältesten Formen menschlicher Solidarität, 
und zwar eine sittlich sehr hochstehende; denn ihr Wesen be 
steht darin, daß z. B. in den Kranken- und Lebensversicherungs 
genossenschaften die Starken und Gesunden den Schwachen 
und Kranken zu Hilfe kommen. Sie verwirklichen so die kom 
munistische Formel: von jedem nach seinen Kräften, jedem 
nach seinen Bedürfnissen. Schattenseiten der Gegenseitigkeits 
genossenschaften sind aber: in den Assoziationen, welche Spar 
oder Altersrentenzwecken dienen, herrscht das Prinzip der Ton 
tine, d. h. die Überlebenden teilen sich die von den früher 
Verstorbenen gezahlten Beiträge; ferner ist das Betätigungs 
gebiet der Gegenseitigkeitsgenossenschaften beschränkt, und 
zwar auf das, was man den pathologischen Zustand des sozialen 
&gt;) ibid. p. 224 ff.
        <pb n="474" />
        448 
Der Solidarismus 
Körpers genannt hat. Die Gegenseitigkeitsgenossenschaften sind 
Versicherungsanstalten gegen Risiken, von denen jeder hofft, 
daß sie ihn nicht treffen werden. 
Ganz anders liegen die Dinge bei den Kooperativgenossen 
schaften i). Sie kommen in den verschiedenen Ländern unter 
den verschiedensten Formen auf: Konsumgenossenschaften in 
England, Produktivgenossenschaften in Frankreich, Kredit 
genossenschaften in Deutschland, landwirtschaftliche Genossen 
schaften in Dänemark, Baugenossenschaften in den Vereinigten 
Staaten. Alle diese Genossenschaften haben Ansätze zur Um 
formung der bestehenden Wirtschaftsordnung gemacht und be 
rechtigen zur kühnen Hoffnung, daß der Kapitalismus werde 
überwunden werden. Allen gemeinsam sind: 1. der Zweck 
wirtschaftlicher Emanzipation gewisser Gruppen von Zwischen 
elementen der verschiedensten Art; 2. der Zweck, das Konkur 
renzsystem durch ein solches der Solidarität zu ersetzen, und 
* dem „Jeder für sich“ gegenüber das „Jeder für alle“ zur Gel 
tung zu bringen; 3. der Zweck, das Privateigentum nicht zu 
beseitigen, sondern zu verallgemeinern, indem es allen unter 
» Form von Anteilscheinen an irgendwie gearteten Genossen 
schaften zugänglich gemacht wird ; 4. der Zweck, dem Kapital 
die führende Rolle in der Produktion zu nehmen und Profit 
und Dividende aus der Welt zu schaffen; 5. die Erziehung der 
Mitglieder einer Genossenschaft zu einer Reihe von Dingen : 
a) ihren eigenen Interessen dadurch zu dienen, daß sie ihre 
• Fähigkeiten im Dienste der Gesamtheit verwerten ; b) den Zweck 
ihrer wirtschaftlichen Fähigkeit vom Profitmachen in die Be 
dürfnisbefriedigung zu verlegen; c) die wirtschaftlichen Bezie 
hungen sittlicher zu gestalten durch Beseitigung der Reklame, 
des Betrugs, der Lebensmittelfälschung, des Sweatingsystems, 
kurz, jeder Art von Ausbeutung des Menschen durch den Men 
schen und jeglichen Antagonismus (zwischen Käufer und Ver 
käufer, zwischen Hausbesitzer und Mieter, zwischen Gläubiger 
und Schuldner, zwischen Arbeitgeber und Arbeiter). 
Unter den verschiedenen Arten von Kooperativgenossen 
schaften gibt es jedoch eine, die sowohl durch ihre natürlichen 
Vorzüge, als durch die Entwicklung, welche die Dinge in den 
b Gide, Cours cTEcod. pol., p. 515 ff.
        <pb n="475" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
449 
Kulturstaaten nehmen, dazu bestimmt scheint, alle andern zu 
überflügeln : das ist die Konsumgenossenschaft x ). 
Die Tatsache des Verbrauchs ist zunächst die universellste 
aller wirtschaftlichen Tatsachen, denn jeder Mensch konsumiert. 
Der Verbrauch ist kein zufälliger, pathologischer Akt, er ist der 
normale, beständige Akt des Lebens. Er strebt seiner Natur 
nach nach Gleichförmigkeit und nähert die Menschen einander, 
während die Produktion die Tendenz hat, Menschen und Dinge 
zu differenzieren. 
Der Konsumverein bewirkt in diesem Sinn eine gewisse 
Beseitigung der Arbeitsteilung, indem er z. B. Arbeiter zu 
Bäckern und Krämern, Professoren zu Wirten macht ; er zwingt 
uns, uns selbst zu bedienen, statt uns auf automatische Berufs 
organisationen zu stützen. Der Produktion wohnen Konkurrenz 
und Rivalität inne; der Konsumverein eint die Menschen zu 
täglicher Zusammenarbeit. Der Tausch beruht auf dem „do ut 
des“ ; die Konsumgenossenschaft auf dem Grundsatz „Jeder für 
alle“. Sie hat einen hohem sittlichen Wert als der Tausch, 
1. weil sie nicht nur eine Geldzahlung impliziert, sondern auch 
ein gewisses persönliches Opfer an Zeit, Arbeit und Unabhängig 
keit ; 2. weil sie nicht eine bloß einmalige augenblickliche 
Handlung darstellt, sondem eine unbegrenzte Mitarbeit der be 
teiligten Parteien. 
In dem Maße, als die Menschheit zu reichlicherer Güter 
versorgung fortschreitet, entwickelt sich die solidaristische Be 
dürfnisdeckung. Die bisher in den Kulturstaaten vorhandenen 
Konsumvereine stellen nur eine grobe, unvollkommene Form 
dieses Genossenschaftstypus dar. Die Möglichkeiten eines solchen 
Typus sind unbegrenzt. Er kann ebensogut zur Befriedigung- 
immaterieller als zu der materieller Bedürfnisse dienen. Alle 
freien Kirchen sind Konsumgenossenschaften. Ja, der Konsum 
verein wird der Arbeiterklasse weit größere Dienste leisten, als 
die Berufsgenossenschaft, weil die Kraft der Arbeiter weit mehr 
in ihrer Konsum- als in ihrer Produktionsfähigkeit liegt. 
Von der Konsumvereinsbewegung erwartet Gide eine 
x ) Essai d’une Philosophie de la Solidarité, p. 229 ff. — Gide, Cours d’Econ. 
polit, p. 725 ff. — Gide et Rist, Histoire des doctrines économiques, p. 690 ff. 
— Gide, La Coopération, passim. — Gide, De la Solidarité comme programme 
économique, in: Revue internationale de Sociologie, 1893. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
29
        <pb n="476" />
        450 
Der Solidarismi] s 
völlige Umwälzung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Er 
steht selbst an der Spitze eines Verbandes von Konsumvereinen, 
welche allerdings einen harten Stand den Kleinhändlern und 
den sozialistischen Kooperativen gegenüber haben. Die Gide- 
sehen Konsumvereine haben ihre Anhänger zumeist unter der 
hugenottischen Bevölkerung Frankreichs; da sie ihre Jahres 
versammlungen in Nîmes abzuhalten pflegen, hat man ihnen 
den Namen: Schule von Nîmes beigelegt 1 ). Hier die Hauptzüge 
des hochzielenden Programms der „Schule von Nîmes“ : Die 
schweren wirtschaftlichen und sozialen Schäden der Gegenwart 
sind das Werk des Kapitalismus. Den Konsumenten, nicht den 
Produzenten, liegt es ob, die Gesellschaft zu reorganisieren, 
weil die Konsumenten notwendigerweise das allgemeine Interesse 
zum Ausgangspunkte nehmen, während die Produzenten nur 
das berufliche Interesse im Auge haben. Zur Erreichung ihres 
Zieles, der Verwirklichung der Gerechtigkeit in der Wirtschafts 
ordnung, brauchen die Konsumenten weiter nichts, als sich zur 
Befriedigung aller ihrer Bedürfnisse, der materiellen, intellek 
tuellen, ästhetischen, sittlichen, religiösen, zusammenzuschließen. 
Zunächst werden sie alles, was sie nötig haben, direkt bei den 
Produzenten kaufen; wenn die Konsumgenossenschaften dann 
reich und zahlreich genug geworden sind, werden sie selbst in 
eigenen Fabriken und auf eigenem Boden alles produzieren, 
was sie brauchen. Dadurch eignen sie sich den Gewinn des 
Zwischenhändlers und des Produzenten an, aber sie behalten 
davon nur, was zur Ausdehnung der Bewegung nötig ist; der 
Rest geht teils an die Mitglieder zurück nach Maßgabe ihrer 
Käufe, teils als Gewinnbeteiligung an die Arbeiter der konsum- 
genossenschaftlichen Betriebe. Besser noch wird es sein, wenn 
die Konsumverbände durch Hergäbe von Kapitalien an Pro 
duktivgenossenschaften, die sich in ihrem Schoße bilden, die 
Entwicklung auch dieser Genossenschaftsform fördern. 
Von den zahlreichen und großen Wirkungen, die Gide 
i) Der Gideache Konsumvereinsverband „Union coopérative des sociétés 
françaises de consommation" besitzt ein Verbandsorgan „l’Emancipation“, das 
monatlich erscheint und von Gide redigiert wird. Seit 1893 veröffentlicht der 
Verband ferner jährlich einen „Almanach de la Coopération française“. Auch 
dieser wird zum größten Teil von Gide verfaßt; er verfolgt Propagandazwecke 
und wendet sich in erster Linie an die Arbeiterbevölkerung.
        <pb n="477" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
451 
sich von der konsumgenossenschaftlichen Organisation des Wirt 
schaftslebens verspricht, nennen wir nur die hauptsächlichsten : 
Der korporative Egoismus wird bis zu dem Grade veredelt wer 
den, wo er alle Menschen umfaßt. Die menschliche Indivi 
dualität wird eine ungeahnte Entwicklung erhalten. Jedes In 
dividuum, bis auf die tiefsten Stufen animalischen Lebens hinab, 
entwickelt sich nämlich naturgemäß im umgekehrten Verhältnis 
zum Leben für sich, und in direktem Verhältnis zum Leben 
für andere. Ebenso gewinnt die Individualität des Menschen 
eine um so größere Fülle, je mehr er Glied eines sozialen Ganzen 
(Familie, Sippe, Stamm, Volk, Genossenschaft) wird, und für 
dieses zu leben und im Bedarfsfall zu sterben bereit ist. 
Christus, der vollendetste Typus menschlicher Individualität, 
hat sich für die ganze Menschheit aufgeopfert. Die Entfaltung 
der Konsumgenossenschaften wird bewirken, daß niemand sich 
mehr wird bereichern können, ohne daß alle andern an seiner 
Bereicherung Anteil haben. Sie wird die Menschen dazu er 
ziehen, im Hinblick auf Erfolge zu arbeiten, die dem einzelnen 
nicht mehr nützen werden, als allen andern. Die Konsum 
genossenschaften werden das Kapital aus der führenden Rolle, 
die es in den Aktiengesellschaften und in der ganzen heutigen 
Wirtschaftsordnung inne hat, in die dienende hineinzwingen, 
die ihm gebührt. Die Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß die 
Konsumenten den Produzenten geopfert werden, wird beseitigt 
werden. Die Produktion wird nur mehr auf Bestellung arbeiten 
und weder zu viel noch zu wenig erzeugen. Die wirtschaft 
lichen Krisen werden unmöglich sein. Die internationalen 
Handelsbeziehungen werden durch Verträge geregelt werden, 
welche die Konsum verbände eines Landes mit denen der andern 
abschließen. So wird nach und nach der Kapitalismus über 
wunden und die Wirtschaftsordnung ohne andere Enteignung 
sozialisiert als die, welche aus dem freien Spiel der gegenwärtigen 
wirtschaftlichen Gesetze sich ergibt. 
Eine bedeutsame Folge der Vergenossenschaftlichung der 
Wirtschaftsordnung wird die Beseitigung der Lohnarbeit sein 1 ). 
Die Beseitigung der Lohnarbeit war das Ideal des französischen 
Proletariats, bis um die Mitte des XIX. Jahrhunderts der Kol- 
1 ) Ch. Gide, Cours d’Econ. polit., p. 666 ff.
        <pb n="478" />
        452 
Der Solidarismus 
lektivismus diesen Bestrebungen eine andere Orientierung gab. 
Heute ist die Beseitigung der Lohnarbeit einer der wichtigsten 
Punkte des radikal - sozialistischen Parteiprogramms. „Die 
Schule,“ sagt Gide, „welche sich in der wirtschaftlichen Ord 
nung die solidaristische oder kooperatistische, in der politischen 
Ordnung aber die radikal-sozialistische Partei nennt“ 1 )» wirft 
der Lohnarbeit vor : 1. einen unvermeidlichen Interessenkonflikt 
zwischen Arbeitgeber und Arbeiter zu schaffen, 2. den Arbeiter 
an guter Arbeit und am Erfolg oder Mißerfolg des Unterneh 
mens interesselos zu machen. Die Lohnarbeit ist eine histo 
rische Kategorie, die auf Sklaverei und Hörigkeit folgte, sie ist 
mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verknüpft und wird 
mit diesem verschwinden. Der Kollektivismus sucht die Be 
seitigung der Lohnarbeit dadurch zu erreichen, daß er das 
' Privateigentum abschafft und die Produktionsmittel verstaatlicht. 
Das würde aber nicht eine Abschaffung, sondern eine Verall 
gemeinerung der Lohnarbeit bedeuten, da es auf die Ausschal 
tung eines jeden selbständigen Unternehmens hinausläuft, und 
die vorhandenen Arbeitgeber durch einen neuen, großen, die 
Nation, deren Lohnarbeiter wir alle sein würden, zu ersetzen 
strebt. Abschaffung der Lohnarbeit und Abschaffung des Eigen 
tums sind zwei kontradiktorische Ziele, zwischen denen man 
wird wählen müssen. Das einzige Mittel, um das erstere zu 
erreichen, ist, die Lohnarbeiter in Eigentümer zu verwandeln. 
Auf dem Wege durch den kollektiven Arbeitsvertrag und die 
Gewinnbeteiligung wird man zu einer Arbeitsorganisation ge 
langen, in der die Arbeiter als freie Mitglieder von für den eige 
nen Bedarf produzierenden Konsumgenossenschaften, oder von 
diesen kommanditierten Produktivgenossenschaften, Miteigen 
tümer der Unternehmen sein werden, in denen sie beschäf 
tigt sind. 
Die politische Evolution der Menschheit geht in drei auf 
einander folgenden Phasen vor sich: absolute Monarchie, kon 
stitutionelle Monarchie, Republik. Es ist natürlich anzunehmen, 
daß die Etappen der wirtschaftlichen Entwicklung denen der 
politischen entsprechen werden : erst Zwangsordnung oder 
Sklaverei und Hörigkeit ; dann Lohnarbeit ; als Übergangs- 
x ) ibid. p. 666.
        <pb n="479" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 453 
stadium Gewinnbeteiligung und ein begrenzter, den Arbeitern 
gewährter Anteil an Besitz und Leitung der Unternehmungen; 
als letzte Phase: genossenschaftlicher Mitbesitz der Arbeiter an 
allen Unternehmungen. Es besteht jedoch Grund zur Annahme, 
daß das Aufkommen der Demokratie in der wirtschaftlichen 
Sphäre sich noch langsamer und schwieriger als in der poli 
tischen gestalten wird. 
Eine Konsequenz des Solidarismus, deren Verwirklichung 
näher liegt als die Beseitigung der Lohnarbeit, wird die all 
mähliche Umgestaltung des Eigentumsbegriffes sein 1 ). In dem Maße, 
wie das Eigentum als Ergebnis eines anonymen Zusammen- 
arbeitens, eines Zusammenwirkens von Ursachen, die zu einem 
guten Teil unpersönlich sind, erscheint, wird es sich immer 
mehr kollektiven Zwecken anpassen. Aus dem „dominium ex 
jure Quiritium“ der altrömischen Bauern, dem „jus utendi et 
abutendi“, wird wieder, wie im christlichen Mittelalter, eine 
„soziale Funktion“ mit Lasten und Pflichten der Kollektivität 
gegenüber werden. 
Noch auf andere Weise gelangt Gide zu der Theorie: 
Eigentum — soziale Funktion. Er war ursprünglich davon 
ausgegangen, das Privateigentum entstehe durch Arbeit 2 ). Die 
Beobachtung der Tatsachen lehrte ihn aber nach und nach, 
daß das meiste Privateigentum in der Gegenwart andere Ent 
stehungsgründe, als die persönliche Arbeit seines Trägers hat. 
„Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des heutigen Privat 
eigentums,“ schreibt er, „treibt eine tiefe Kerbe in das opti 
mistische Prinzip, jeder erhalte in dieser Welt das Äquivalent 
des Produktes seiner Arbeit“ 3 ). Andererseits war es Gide auf 
gefallen, daß weder das römische Recht, noch das aus der Revo 
lution h er vorgegangene Code civil die Arbeit unter den Mitteln 
des Eigentumserwerbs auf zählen. Die abgeleiteten Eigentums 
erwerbsarten des römischen Rechts und des Code civil (Kauf, 
Schenkung, Erbschaft usw.) können natürlich nicht in Betracht 
kommen, um das Eigentumsrecht zu erklären ; aber auch die 
ursprünglichen (occupatio, accessio, usucapió), von beiden Rech 
ten anerkannten, befriedigten Gide nicht. Und da die Natur- 
q Gide et Rist, Histoire des doctrines économiques, p. 691Æ 
2 ) Principes d’Economie politique, 1. Ausi. 1883. 
a ) Cours d’Econ. pol., p. 479.
        <pb n="480" />
        454 
Der Solidarismus 
rechtsth eorie ihm revolutionär zu sein schien 1 ), blieb er schließ 
lich bei der sozialen Nützlichkeit als Rechtsgrund des Eigentums 
stehen. „Geschichte und Erfahrung lehren,“ sagt er, „daß bis 
her das Privateigentum das beste Mittel und die conditio sine 
qua non der Nutzbarmachung der Güter ist“ *). Aus dieser 
Auffassung, daß die soziale Nützlichkeit die Grundlage des 
Eigentumsrechtes ist, folgert Gide nun, daß das Individuum 
nicht für sich selber Eigentümer ist, sondern für die Gesell 
schaft, mit andern Worten, daß das Eigentum „im vollsten 
Sinne des Wortes eine öffentliche Funktion“ ist 3 ). 
x ) „Wenn das Eigentumsrecht ein Naturrecht ist, was soll man zu den 
vielen Menschen sagen, die davon ausgeschlossen sind und es fordern!“ Cours 
d'Econ. polit., p. 467. Ein Argument der Naturrechtler hält Gide jedoch fest: 
das Eigentum ist eine unumgängliche Bedingung der persönlichen Unabhängig 
keit, weil der, der nichts besitzt, in die Notwendigkeit versetzt ist, in den Dienst 
eines andern zu treten, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen. Darum muß 
man das Ziel verfolgen, jedem Menschen ein Minimum von Eigentum zu 
sichern, ibid. 
-) Gide, Cours d’Econ. polit., p. 468. 
3 ) ibid. Gides Anschauungen über das Eigentum an Grund und Boden 
zeigen, daß er im Grunde noch nicht auf die Arbeitstheorie verzichtet hat. Von 
der Nützlichkeitstheorie aus rechtfertigt er die heutige Gestaltung des Eigen 
tumsrechtes an Grund und Boden ; die Arbeitstheorie zieht er jedoch neben der 
Nützlichkeitstheorie heran, um Bedenken gegen jene Gestaltung zu formulieren. 
Das freie Grundeigentum, führt er aus, ist jungen Datums. Es ist die gegen 
wärtige Phase einer langen, geschichtlichen Entwicklung. Das immerwährende 
Ansteigen der Bevölkerung macht es heute noch nötiger als früher, diejenige 
Art von Bodenkultur zu wählen, welche die Ernährung der größtmöglichen 
Menschenzahl auf gegebener Fläche ermögliche. Bis heute haben die Individuen, 
wenn sie Eigentümer des Grund und Bodens waren, den besten Nutzen daraus 
gezogen, und bis zum Beweise des Gegenteils ist anzunehmen, daß freie Grund 
eigentümer die geeignetsten Elemente sind, die soziale Funktion der Boden 
bewirtschaftung zu erfüllen. Trotzdem greift die heutige Gestaltung des Eigen 
tumsrechtes an Grund und Boden in doppelter Richtung über den sozialen 
Nutzen, den sie zu bieten vermag, hinaus. Es war unnötig: 1. das Eigentums 
recht auf Böden auszudehnen, die nicht Gegenstand einer effektiven Arbeit ge 
wesen sind; 2. dem Grundbesitz eine unbeschränkte Dauer zu geben. 
ad 1. Es ist ein Vorzug, den das islamitische Recht vor denen des 
Abendlandes hat, individuelles Eigentum nur an Böden anzuerkennen, die Gegen 
stand einer tatsächlichen Arbeit gewesen sind und die es „lebende“ Böden nennt 
im Gegensatz zum Brachland oder „toten“ Land, das Gemeineigentum bleiben 
muß. Unsere abendländischen Rechte haben es ermöglicht, daß Urwälder und 
Prairien, die nie gerodet oder in Anbau genommen worden waren, teuer ver 
kauft wurden; daß die Sanddünen des Hérault und Gard, die nie anders als
        <pb n="481" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
455 
Wir wollen die Darstellung von Grides volkswirtschaft 
lichen Anschauungen nicht weiter verfolgen ; das Gesagte genügt, 
um uns über alles Wesentliche zu unterrichten. Gide schreibt 
eine leichtflüssige, konkrete, geistreiche Sprache; seine Werke 
verdanken ihre große Verbreitung und Beliebtheit nicht zum 
wenigsten der schriftstellerischen Begabung des Verfassers. Ein 
Anflug von Selbstironie eignet allem, was aus seiner Feder fließt. 
Er berührt aber nur leicht die Oberfläche; tiefe und starke 
Überzeugungen bleiben darunter erkennbar. Gide schreibt ein 
mal bezüglich der Rolle, die die historische Methode bei den 
Nationalökonomen der französischen Rechtsfakultäten spielt : 
„Der Geschmack für Aktualität, der in Frankreich vielleicht 
etwas zu sehr entwickelt ist, ist nicht mit der realistischen und 
noch weniger mit der historischen Methode der deutschen Schule 
zu verwechseln. Die Aktualisten unter den Nationalökonomen 
widmen sich nicht der Geduldarbeit, die Gegenwart durch die 
Vergangenheit zu erklären. Der französische Volkswirt erforscht 
die Einrichtungen der Gegenwart und Vergangenheit nicht, um 
sie in ihrer zeitlichen und örtlichen Bedingtheit zu verstehen, 
sondern um sie zum Angriff auf die bestehende Wirtschafts 
ordnung, oder zu deren Verteidigung zu benützen“ x ). Bei der 
Lektüre von Gides Schriften wÿd man manchmal versucht 
sein, dieses Urteil für eine Selbstkritik zu halten. 
Der Einfluß der Soziologen auf Gide ist ein großer. Er 
ist zunächst einer der wenigen Nationalökonomen (und Sozio 
logen), welche Auguste Comte gelesen haben ; wenn er in den Fall 
durch den Wind vom Meer her gepflügt wurden, ihren glücklichen Besitzern 
Vermögen einbrachten am Tage, wo man zufällig entdeckte, daß Wein stocke 
darin vom Phylloxera unberührt gediehen; daß die Bauplätze in den großen 
Städten, wo nie ein Pflug gewesen, unendlich hohem Wert haben, als die best 
bebauten Ländereien usw. 
ad 2. Kanal- und Eisenbahnbauten beruhen nur auf Konzessionen für 
99 Jahre; ist es denn nötig, daß die Inanbaunahme des Bodens, die geringere 
Kapital- und Arbeitsinvestition benötigt, auf ewigen Rechten beruhe? Gewiß 
sind der Boden und seine natürlichen Eigenschaften von unbegrenzter Dauer; 
aber die hineingesteckte Arbeit wirkt nur eine beschränkte Zeit. Darum kann 
man denn auch nicht sagen, die Natur des Objektes verlange eine unbegrenzte 
Aneignung. Gide, Cours d’Econ. polit., p. 527 if. 
b Ch. Gide, L’Ecole économique française dans ses rapports avec l’Ecole 
anglaise et l’Ecole allemande, in Festgaben zu Schmollers 70. Geburtstage, 
XVI, p. 22.
        <pb n="482" />
        456 
Der Solidarismus 
kommt, einen Gedanken vorzutragen, der sich schon bei Comte 
findet, verfehlt er nicht, die meist packende Formulierung, die 
jener ihm gegeben, zu zitieren. Auch ist der Positivismus Comtes 
nicht so ganz spurlos an Gide vorübergegangen. Was an Bau 
steinen für Historismus und Evolutionismus bei Comte vor 
handen ist, stellt Gide in helles Licht. Die Solidaritätsidee 
hat er in erster Linie bei Comte und den Fourieristen geschöpft. 
Der pessimistische Zug, den er bei ihr in den Vordergrund 
stellt, kommt von anderswoher : wahrscheinlich von Ruskin, 
Ibsen, Tolstoi. Bei den Soziologen Renouvier, Secretan und Fouillée 
fand er bereits einen umfassenden Ausbau des Solidaritäts 
gedankens sowie Ansätze zu seinem Kooperatismus und seiner 
heutigen Eigentumslehre. 
Eine schwache Seite, aber zugleich auch eine starke der 
Schriften Gides liegt in der bewußten Unfertigkeit mancher 
Grundanschauungen. Man fühlt so gut heraus, daß den Ver 
fasser die Ansicht, die er vorträgt, nicht voll befriedigt, und 
daß sein Geist ruhelos weiter nach besseren Lösungen strebt; 
so z. B. sieht Gide seine Werttheorie, in der er sich mit Marshall 
trifft, im Grunde nicht für definitiv an, ebensowenig wie er sich 
mit der sozialen Nützlichkeit als alleiniger Grundlage des Privat 
eigentums, wie sehr er auch glaubt, sich dafür entschieden zu 
haben, zufrieden zu geben vermag. Auch bezüglich der Zukunfts 
aussichten des Genossenschaftswesens, besonders der Produktiv 
genossenschaften, will es ihm nicht gelingen, aus schmerzlichen 
Schwankungen herauszukommen. In solchen Fällen überträgt 
die. Unbefriedigtheit des Autors sich auf den aufmerksamen 
Leser. Andererseits ist es aber auch ein schätzenswerter Vorzug, 
statt sich von vornherein auf die eine oder die andere Kategorie 
festzulegen, in die alle späteren Beobachtungsresultate wohl oder 
übel untergebracht werden, die Geschmeidigkeit des Geistes zu 
bewahren, die sich in der Bereitschaft und dem Streben äußert, 
bisherige Ansichten den Fortschritten der wissenschaftlichen Er 
kenntnis anzupassen. 
Der Solidarismus oder Kooperatismus Gides läuft auf 
ein großzügiges, soziales Reorganisationsprogramm hinaus, das 
dem korporativen Ideal der Sozialkatholiken sehr nahe kommt. 
Weniger wie de la Tour du Pin und Abbé Naudet ist es Gide 
gelungen, den utopischen Charakter, der den Quellen eignet,
        <pb n="483" />
        Der Solidarismus bei Charles Gide 
457 
aus denen sie beiderseits geschöpft, zurückzulassen. Anderer 
seits hat er aber mit der Solidaritätsidee einen solideren Bau er 
richtet, als Léon Bourgeois. Daß sich der restlosen Vergenossen 
schaftlichung des Wirtschaftslebens, wie Gide sie programm- 
matisch entwickelt, bis auf weiteres unüberwindliche Hindernisse ^ 
entgegenstellen, verhehlt er sich nicht. Aber hier tritt bei ihm 
der Zukunftstraum, der sich leichtbeschwingt über die derzeitigen 
realen Bedingungen des Wirtschaftslebens hinaushebt, in seine 
Rechte. Bourguin hat die Grenzen, bis zu denen sich dem 
Gide sehen Zukunftsstaat Möglichkeiten der Verwirklichung er 
öffnen, scharf gezeichnet. Wir verweisen auf sein oben wieder 
gegebenes Urteil 1 ). 
Es ist Gide hoch anzurechnen, daß er mehr noch als 
Levasseur und Marshall gezeigt hat, wie der Historismus in der 
Nationalökonomie sich sehr gut mit dem Festhalten an Natur 
gesetzen des Wirtschaftslebens verträgt. Sein weiteres Verdienst 
ist es, Anschauungen und Gedankengänge der vorachtundvier- 
ziger Sozialisten für die moderne Wissenschaft fruchtbar gemacht 
und dem öden Kollektivismus gegenüber zur Geltung gebracht 
zu haben. Ob die Gidesche Solidaritätsidee bei ihrem pessi 
mistischen Zuge sich in der Wissenschaft definitiv einbürgern 
wird, erscheint fraglich. Immerhin hat sie im Dienste edler 
Gefühle eines hochherzigen Mannes dazu beigetragen, Mittel und 
Wege nachzuweisen, um vorhandenes Elend und bestehende Un 
gerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen. 
b Siehe oben p. 385.
        <pb n="484" />
        III. Teil. 
Der Protektionismus. 
Protektionismus nennt man eine Wirtschaftspolitik, die 
durch staatliche Schutzmaßnahmen die einheimische Produktion 
oder einzelne Zweige derselben begünstigt. Deren Hauptmittel 
ist der Schutzzoll ; es gibt aber noch viele andere Maßnahmen, 
in denen sich der Protektionismus verwirklicht, z. B. Prämien 
für die Produktion, für die Ein- und Ausfuhr; Steuerbegünsti 
gungen ; Erteilung von Monopolen ; Sicherung ausländischer 
Märkte namentlich in überseeischen Besitzungen ; Förderung der 
nationalen Schiffahrt usw. Als Teil der merkantilistischen Wirt 
schaftspolitik hat das Schutzsystem seine Theoretiker lange vor 
dem „laisser faire“ gehabt*). Abgesehen von den Handelsver 
trägen der sechziger Jahre überwog es während des XIX. Jahr 
hunderts in der Wirtschaftspolitik Frankreichs; aber nur sehr 
wenige Männer der Wissenschaft traten dafür ein. Dagegen spielt 
es eine große Rolle in Zeit- und Denkschriften von Interessen 
verbänden, in der Tagespresse, in der politischen Propaganda 
literatur, in den Diskussionen der gesetzgebenden Versamm 
lungen usw. 
Theoretische Verfechter fanden die merkantilistischen An 
schauungen in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts 
in Ferner, Ganilh und Louis Say. Ferrier 1 2 ) trat unter der Re 
stauration und dem Julikönigtum für die Schutzbestrebungen 
der französischen Industrie gegen die Lehren J. B. Says und 
1) Eine ausführliche Bibliographie und vorzügliche Behandlung der fran 
zösischen merkantilistischen Literatur findet sich bei A. Dubois, Précis de l’histoire 
des Doctrines économiques, Paris 1903, Bd. I, p. 146 ff. 
2 ) Ferrier, Du Gouvernement dans ses rapports avec le Commerce. 
Paris 1802.
        <pb n="485" />
        Der Protektionismus 
459 
der liberalen Schule in die Schranken. Er wurde als Polemiker 
und Tagesschriftsteller sehr geschätzt. G a nil h 1 ) war ein viel 
seitig belesener Gelehrter, dessen Schriften sich durch kluge 
Mäßigung und Zurückhaltung auszeichnen. Er weiß die Argu 
mente der Schutzzöllner mit großem Geschick vorzutragen. 
Louis Say 2 ) ein Bruder von Jean-Baptiste, zieht in mehreren 
dickbändigen Werken gegen die freiwirtschaftlichen Lehren der 
liberalen Schule zu Felde. Er verleiht dem nationalwirtschaft 
lichen Gesichtspunkt mit großer Entschiedenheit Ausdruck und 
ist überzeugt, daß die Industrie eines Landes nur durch den 
Schutz der Gesetzgebung zur Blüte gelangen kann. Albert 
Schatz hat nachgewiesen, daß sich außerdem bemerkenswerte 
Ansätze zur Grenznutzentheorie bei Louis Say finden 3 ). Dieser 
ist nicht ohne Einfluß auf Friedrich List gebheben 4 ). 
Im weiteren Verlauf des XIX. Jahrhunderts versuchte der 
Mathematiker Cournot, wie oben (p. 150) erwähnt, wider den 
Stachel des die Wissenschaft beherrschenden „laisser faire“ zu 
locken; er blieb aber unbeachtet. Nach langer Zeit war der 
erste bedeutendere und viel gehörte Theoretiker des Protektio 
nismus Paul Cauw'es, dessen Anschauungen wir im 1. Kapitel 
dieses Buches zur Darstellung gebracht haben. Cauwès schöpft 
ausgiebig in den Werken von Friedrich List. Er betont das 
national wirtschaftliche Prinzip, als dessen Konsequenz der Pro 
tektionismus erscheint, mit leidenschaftlichem Nachdruck. Neben 
ihm sind als Vorkämpfer des Protektionismus in der Gegenwart 
besonders Edmond Théry und Jules Méline zu erwähnen. 
Edmond Théry ist Mitarbeiter des „Figaro“ und langjäh 
riger Herausgeber der von ihm begründeten Wochenschrift 
1 ) Ganilh, Des Systèmes d’économie politique, 1809. — Traité de l’éco 
nomie politique, 1815. 
2 ) Louis Say, Principales causes de la richesse, 1818. — Considérations 
sur l’industrie et la législation sous le rapport de leur influence sur la richesse 
des Etats, et Examen critique des principaux ouvrages qui ont paru sur l’Eco 
nomie politique. Paris 1822. — Traité de la richesse individuelle et de la ri 
chesse publique, Paris 1827. — Etudes sur la richesse des nations et réfutation 
des principales erreurs en Economie politique, Paris 1836. (A. Blanqui brand 
markt letzteres Werk mit den Worten: „Véritable pamphlet contre les maîtres 
de la science, son frère compris“). 
3 ) Albert Schatz, L’Individualisme économique et social. Paris 1907, p. 153 fl'. 
4 ) Vgl. Gide et Bist, Histoire des doctrines économiques, p. 304, Fußnote 1.
        <pb n="486" />
        460 
Der Protektionismus 
l'Economiste européen. Seine Spezialität sind statistische Studien. 
Er weiß statistische Materialien mit einer Virtuosität, die jener 
von Yves Guyot in nichts nachsteht, zu handhaben und zu 
interpretieren. Gauwès schrieb über Thérys Methode die 
schmeichelhaften Worte: „Sie erkennt die Souveränität der Tat 
sachen an und nimmt in allen Dingen das Interesse der natio 
nalen Arbeit und die Entwicklung der Produktivkräfte des 
Landes zur Richtschnur“ 1 ). 
Thérys zahlreiche Werke sind meist gesammelte Aufsätze, 
die zuerst im „Economiste européen“ erschienen. Dieser ver 
öffentlicht, neben Thérys endlosen Artikelserien, regelmäßige 
Berichte über die Effekten- und Produktenbörsen. Er dient der 
Propaganda für Bimetallismus und Protektionismus. 
Eine der interessantesten Artikelserien Thérys ist die 
unter dem Titel „Histoire économique de l’Angleterre, de l’Alle 
magne, des Etats-Unis et de la France de 1890 à 1900“ in Buch 
form (Paris 1902) erschienene. Sie bietet eine zusammenfassende 
Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung der genannten 
vier Mächte im letzten Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts, und 
sucht die Ursachen und wirtschaftlichen Folgen dieser Entwick 
lung festzustellen. Des Verfassers protektionistische Anschau 
ungen beherrschen das Gesamtbild 2 ). 
0 Cauwès, Vorwort zu Théry, Les Progrès économiques de la France, 
Paris 1908. 
2 ) Über England urteilt Théry: Durch die Krisis der Jahrhundertwende 
wurde das englische Portefeuille stärker betroffen, als das der andern Mächte 
Europas. Die neueste Entwicklung des Imperialismus scheint zu einer Verringe 
rung des englischen Außenhandels führen zu wollen. Die Entwicklung der eng 
lischen Volkswirtschaft in dem in Betracht kommenden Zeitraum wird durch 
zwei Tatsachen gekennzeichnet: Die progressive Abnahme des Unternehmer 
gewinns der Industrie und die progressive Zunahme des Defizits an Nahrungs 
mitteln. Diese beiden Tatsachen sind wesentlich der deutschen und amerikanischen 
Konkurrenz zu verdanken. Während Englands Ausfuhr nur um 9,2 °/ 0 in dem 
betreffenden Zeitraum zunahm, wuchs der deutsche Export um 30,9 %, der ameri 
kanische um 59,9 "/g. Wenn jedoch Amerika England die Vorherrschaft zur 
See nicht abläuft, so werden lange Jahre vergehen, bis England seine Reserven 
an Kapital erschöpft. In Deutschland hat die 1879 eröffnete Schutzzollära Handel 
und Industrie zu unerhörtem Aufschwung geführt. Deutschland hat aus dem 
methodischen Ausbau seiner Schiffahrtsstraßen und seiner Handelsflotte bedeu 
tenden Nutzen gezogen. Die Kartellierungen haben vielen Industriezweigen eine
        <pb n="487" />
        Der Protektionismus 
461 
Eine kurzgedrängte aber sehr reichhaltige statistische Über 
sicht über die Entwicklung der französischen Volkswirtschaft 
und des Staatshaushalts in den ersten dreißig Jahren der dritten 
Republik bietet der Band „La France économique et financière 
pendant le dernier quart de siècle“ (Paris 1900). Ein anderes 
Werk „Les Progrès économiques de la France“ (Paris 1908) 
widmet Théry der Apologie des französischen Schutzzollsystems 
von 1892. Er versucht darin nachzuweisen, daß große wirt 
schaftliche Fortschritte im Gefolge des Zolltarifs von 1892 ge 
macht wurden. Es ist nicht zu leugnen, daß Thérys Ziffern 
material eine aufsteigende Bewegung von Außenhandel, Getreide-, 
Wein-, Zucker-, Eisenproduktion, Eisenbahn- und Wasserstraß en- 
verkehr, Kreditgenossenschaften, Emissionen, Sparkasseneinlagen 
usw. zum Ausdruck bringt. Schattenseiten, wie das Sinken der 
Weinpreise, die geringe Entwicklung der Handelsflotte, die Stag 
nation der Bevölkerung läßt er nicht unerwähnt. Es liegt aber 
auf der Hand, daß ein Vergleich der wirtschaftlichen Entwick 
lung Frankreichs seit 1892 mit der gleichzeitigen Entwicklung- 
anderer Länder, oder mit anderen Perioden der französischen 
Wirtschaftsgeschichte z. B. der des zweiten Kaiserreichs, das 
optimistische Urteil Thérys in bedenklichem Lichte erscheinen 
lassen würde. Es wäre sogar gar nicht schwer, die Wirkungen 
des Zolltarifs von 1892 in einem der Auffassung Thérys genau 
entgegengesetzten Sinne zu interpretieren. 
Weniger einseitig und sehr lehrreich sind Thérys Artikel- 
Sicherheitsgewähr für die Zukunft gegeben. Die sicheren Gewinnaussichten, 
welche sie geschaffen, haben Banken und Private veranlaßt, Kapitalien in großem 
Maßstab in neuen Unternehmungen anzulegen. Amerika verdankt seinen außer 
ordentlichen Aufschwung in erster Linie seiner Schutzzollpolitik, welche der 
nationalen Industrie den nationalen Markt sicherte und so die Monopolisation 
der hauptsächlichsten Industriezweige durch die Trustbildungen ermöglichte. 
Außerdem kommen aber der amerikanischen Volkswirtschaft noch eine Reihe 
anderer, nicht zu unterschätzender Faktoren zugute: der enorme regelmäßige 
Bevölkerungszuwachs, die besonderen Eigenschaften des Volkes, die Vervoll 
kommnung der maschinellen Ausrüstung, die gewaltige Entwicklung der Ver 
kehrsmittel und der natürliche Reichtum des Bodens. Das wirtschaftliche Zurück 
bleiben Frankreichs, das Théry nicht leugnet, führt er in der Hauptsache zurück 
auf die Vernachlässigung des dringend notwendigen Ausbaues der Binnenwasser 
straßen, sowie auf den Mangel an Unternehmungsgeist. Durch ausführliche 
statistische Gegenüberstellungen rückt er den Aufschwung der landwirtschaft 
lichen Produktion in Frankreich seit 1892 in helles Licht.
        <pb n="488" />
        462 
Der Protektionismus 
serien über den ökonomischen Aufschwung Italiens und die 
Finanzpolitik Luzzatis (Economiste européen 1903) und über 
Japans Volks- und Finanzwirtschaft (1904). Sie beweisen, daß 
die französischen Konsularberichte aus diesen Ländern, die 
Thérys wichtigstes Quellenmaterial bilden, vorzüglich sind. 
Leider glückt es Théry nicht immer, die wünschenswerte Klar 
heit der Darstellung zu erreichen, was die Lektüre seiner 
Schriften bei dem ohnehin mit Zahlenmaterial gespickten Text 
mitunter schwierig gestaltet. 
Jules Mélme, früherer Ministerpräsident und Parteiführer 
der rechtsstehenden Republikaner, hat ein viel bemerktes, auch 
ins Deutsche übertragenes Buch geschrieben, das die Stadtflucht 
als Reaktion gegen die Landflucht wecken will '). Er geht da 
von aus, daß heute in schutzzöllnerischen wie freihändlerischen 
Kulturstaaten eine allgemeine industrielle Überproduktion vor 
handen sei. Die beständige Verbesserung der Maschinen ver 
größert das Übel. Sie macht die menschliche Arbeit in zu 
nehmendem Maße entbehrlich in der Industrie. Die Arbeits 
losigkeit, welche in England, Deutschland, Frankreich eine 
beunruhigende Ausdehnung annimmt — auf Frankreichs Land 
straßen laufen über 400000 arbeitslose Vagabunden herum — 
ist ein deutliches Symptom jenes Übermaßes an industriellen 
Produktionsmitteln, das sich noch immer steigern wird. Mehr 
aber noch als die Industrie hat die Landflucht den Kleinhandel 
angefüllt. Viele Tausende kleiner Landeigentümer sind in die 
Städte gezogen und fristen als Wirte, Krämer usw. ein armes 
Dasein. 
Was soll nun aus denen werden, die durch die trügerische 
Anziehungskraft der Städte auf falsche Bahnen gelockt wurden, 
und ihre Beschäftigung bald verlieren werden oder schon ver 
loren haben? Was aus den kommenden Generationen? Was 
aus den 400000 Vagabunden Frankreichs? Ihnen allen ruft 
Méline zu: „Zurück zur Scholle!“ Der Boden allein ist fähig, 
alle ungenutzten Kräfte aufzunehmen. Die Industrie hat ihren 
Höhepunkt erreicht; mindestens kann sie nicht mehr so rasch 
voranschreiten wie bisher 2 ). 
]) Jules Méline, Le Retour à la Terre et la Surproduction industrielle, 
Paris 1905. Ins Deutsche übersetzt von K. zu Putlitz, 1905. 
2 ) Méline, loe. cit. p. 96 Ñ.
        <pb n="489" />
        Der Protektionismus 
463 
Meline entwickelt dann ein umfassendes, agrarpolitisches 
Programm, das auf eine völlige Umgestaltung der Struktur 
der französischen Volkswirtschaft, und auf eine durchgreifende 
Verjüngung der Nation durch Rückkehr zur Scholle hinzielt. 
Die Landflucht hat eine Reihe von Ursachen, die es zu 
beheben gilt. Meline faßt sie zusammen in zwei Sammel 
begriffe : die Agrarkrisis der siebziger und achtziger Jahre des 
vorigen Jahrhunderts und die Anziehungskraft der Städte. Die 
Agrarkrisis war veranlaßt durch das Sinken der Preise der 
landwirtschaftlichen Produkte infolge fremder Konkurrenz; 
Sinken der Grundrente und des Kaufwertes des Bodens war die 
unausbleibliche Folge. Der Zolltarif von 1892 hat die Ursache 
der Agrarkrisis, die niedrigen Preise der Ackerbauerzeugnisse, 
aus der Welt geschafft. Er hat bewirkt, daß Getreide und 
Wein, Vieh und Zuckerrüben wieder in rasch steigendem Maße 
gezogen wurden, so daß nicht nur die Bedürfnisse des inlän 
dischen Marktes befriedigt werden konnten, sondern auch land 
wirtschaftliche Produkte heute exportiert werden. Die heutige 
wirtschaftliche Lage ist genau das umgekehrte von der, die vor 
30 Jahren bestand. Damals stieg die Industrie und die Land 
wirtschaft sank ; heute sinkt zwar die Industrie noch nicht, 
aber sie hat ihren Höhepunkt erreicht, während die Landwirt 
schaft kräftig steigt. Sie bietet vielen Arbeitern und Handel 
treibenden mehr Sicherheit und mehr materielle Vorteile, als 
die prekäre Arbeit und die ständige Arbeitslosigkeit der großen 
Städte. Schon ist die Landflucht in vielen Departements ins 
Stocken geraten. Es gibt aber doch noch viele Schwierigkeiten, 
die dem Aufschwung der Landwirtschaft entgegen stehen. Sie 
gilt es zu beseitigen. 
Die Anziehungskraft der Städte wird man wirksam be 
kämpfen, indem man ihr ein Äquivalent zugunsten der Land 
wirtschaft entgegenstellt. Ackerbau und Industrie müssen völlig 
gleichgestellt werden. Dies ist zunächst zu erreichen durch 
eine Reihe von Abänderungen der Bodengesetzgebung des Code 
Civil und des Code de Procédure civile, sowie durch Erleichte 
rung des auf der Landwirtschaft lastenden Steuerdrucks. Heute 
nehmen die direkten Steuern 21 %, die direkten und die in 
direkten zusammen 36—41 °/ 0 des landwirtschaftlichen Einkom 
mens vorweg. Dazu kommen die Hypothekarzinsen. Angesichts
        <pb n="490" />
        464 
Der Protektionismus 
dieser Tatsachen nimmt es nicht Wunder, daß der Bauer auch 
jetzt noch einen schweren Stand hat, und daß das Kapital sich 
vom Ackerbau fern hält. Ebenso dringend nötig wie die Steuer 
erleichterung ist die des Grundstückverkehrs, ohne daß man 
jedoch bis zur Torrensakte zu gehen braucht. 
Andere Mittel zur Bekämpfung der Landflucht sind Er 
ziehung und Unterricht. Da die Industrie so viele Land 
bewohner hypnotisiert, muß man bestrebt sein, ihnen in nach 
drücklicher Weise einzuprägen, daß der Ackerbau vom sittlichen 
und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus das erste aller Ge 
werbe ist. Um wieviel stehen die agrikulturchemischen Kennt 
nisse, nach denen der rationelle Landwirt heute den Boden be 
wirtschaftet, höher als die Anweisung, die den Industriearbeiter 
lehrt, tagaus tagein denselben monotonen Handgriff an seiner 
Maschine vorzunehmen ! 
Die Frauen tragen einen großen Teil der Schuld an der 
Landflucht. Das scheinbare Wohlleben und die Mode der Städte 
üben einen starken Reiz auf sie aus. Dem ist durch soliden 
landwirtschaftlichen Unterricht für die weibliche Landjugend 
entgegenzuwirken, so daß sie das Leben auf dem Lande und 
die Arbeit in Haus und Hof schätzen und lieben lerne. An 
dererseits muß aber auch das Landleben anregender und an 
genehmer gestaltet werden. Die intellektuellen und Unter 
haltungsbedürfnisse der Landbewohner müssen auf das aus 
giebigste durch alle hierzu geeigneten Mittel befriedigt werden. 
Hier öffnet sich der genossenschaftlichen Tätigkeit ein weites 
Feld. 
Der vielhundertjährige, mißtrauische Individualismus der 
französischen Bauern hat nicht verhindert, daß das Genossen 
schaftswesen unter der französischen Landbevölkerung kräftig 
Fuß gefaßt hat. Die Verkaufsgenossenschaften werden das 
große Mittel zur Emanzipation der Landwirtschaft sein, indem 
sie Produzenten und Konsumenten in direkte Beziehungen 
setzen, und die viel zu zahlreichen Zwischenfaktoren nach und 
nach ausschalten. Dem beruflichen Risiko, das in der Land 
wirtschaft leider größer ist als in der Industrie, ist durch 
Gegenseitigkeitsgenossenschaften beizukommen. Nicht zu unter 
schätzen ist die Bedeutung des Baues von Krankenhäusern für 
Landbewohner, die an Pflege und Komfort alles leisten, was
        <pb n="491" />
        Der Protektionismus 
465 
städtische Krankenhäuser den Industriearbeitern zu bieten ver 
mögen. Auch die Altersversicherung ist auf dem Lande durch 
homestead oder auf genossenschaftlicher Grundlage — mit 
Leistungen in natura — durchzuführen. Einige Mühe wird es 
noch kosten, die Vorurteile, die einer befriedigenden Inanspruch 
nahme der staatlicherseits so reich dotierten landwirtschaftlichen 
Kreditkassen entgegen stehen, zu überwinden. Es gibt erfreu 
licherweise schon einige Gegenden im Lande, in denen das 
Geldleihen bei den staatlichen Kreditkassen zwecks Ankaufs von 
Dünger und Vieh nicht mehr als ein Zeichen dafür angesehen 
wird, daß man vor dem wirtschaftlichen Ruin steht. Genossen 
schaften, die denen nachgebildet sind, welche sich den Bau von 
Arbeiter Wohnungen angelegen sein lassen, werden die Ansiedlung 
von Vagabunden auf dem Lande in die Hand nehmen, um sie 
wieder zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu machen. Da 
durch wird die für die Rekrutierung der Armee so dringend 
nötige Regenerierung der landwirtschaftlichen Bevölkerung ge 
fördert. Hierzu kann indirekt auch der nicht leicht und nur 
langsam zu behebende Arbeitermangel auf dem Lande beitragen. 
Bei allen, die zur Scholle zurückkehren oder an ihr festhalten, 
wirkt er als Antrieb zur Bildung möglichst zahlreicher Familien. 
Nichts ist im Interesse Frankreichs mehr zu begrüßen als das. 
Es muß ferner nach Kräften darauf hingewirkt werden, 
daß die Fabriken und industriellen Betriebe nach Möglichkeit 
aufs Land hinaus verlegt werden. Dort werden deren Arbeiter 
eine reine Luft atmen, und die Bodenparzellen, die sie bebauen 
können, und die einen Teil ihrer Arbeitskraft in Anspruch 
nehmen, werden ein höchst wichtiges Sicherheitsventil für die 
Industrie sein. Denn sie geben den Arbeitern Gelegenheit zu 
wirtschaftlicher Tätigkeit an den voraussichtlich immer zahl 
reicher werdenden Tagen, wo die Fabrik für sie keine 
Arbeit hat. 
Aber nicht nur unter der Arbeiterbevölkerung, auch in den 
Kreisen der Bourgeoisie ist auf die Stadtflucht hinzuwirken. Der 
Funktionarismus muß bekämpft und die Dezentralisation der 
Verwaltung in Angriff genommen werden. Bringt man die 
reiche Bourgeoisie soweit, daß sie möglichst viel und lang auf 
dem Lande lebt, so werden die Bodenpreise und die Grundrente 
rapide steigen. Und da das Einkommen aus der Industrie be- 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 30
        <pb n="492" />
        466 
Der Protektionismus 
ständig abnimmt, werden die Kapitalien zum Boden zurück 
kehren. 
Die soziale Anstrengung, die es zu machen gilt, besteht 
darin, für die Nahrung des Volkes zu tun, was schon für dessen 
Wohnung und Kleidung geschehen ist: die Produktion zu heben. 
Wenn die Arbeiter der Städte und die des Landes mehr Brot, 
mehr Fleisch usw. essen, wird der Boden mehr arbeiten müssen 
und mehr Arme brauchen. Kein Mensch kann sich eine Vor 
stellung machen von der gewaltigen Menge von Produkten, die 
die Menschheit zu verzehren imstande ist. Frankreichs Land 
wirtschaft vermag noch auf lange hinaus unbegrenzte Mengen 
von Menschen und Kapitalien aufzunehmen. „Erschließen wir 
so rasch als möglich diese Arbeitsgelegenheit, um jene zu er 
setzen, die zu schwinden beginnen, damit wir nicht eines Tages 
gezwungen seien, die National Werkstätten traurigen Andenkens 
wieder zu eröffnen“ *)! 
Denen, die für Melin es Ideal: Sanierung Frankreichs 
durch Rückkehr zur Scholle, in den Kampf treten wollen, will 
sein Buch eine Rüstkammer sein, in dem sie sich „Argumente 
und Waffen“ holen können. Wir haben eine gedrängte Über 
sicht dieser „Argumente und Waffen“ zu geben versucht. Gewiß 
finden sich dabei manche vorzügliche Gedanken und beherzigens 
werte Anregungen. Damit jedoch die Bewegung, die Meline 
entfachen möchte, Bedeutung erlangte, müßte vor allem deren 
Ausgangspunkt, die allgemeine, industrielle Überproduktion, 
eine Verwirklichung finden, die dem schwarzseherischen Bilde, 
das Meline sich davon gemacht, gleich käme. 
Neben Thérys „Economiste européen“ vertreten Unter 
nehmerinteressen im Sinne des Schutzzolls die beiden Wochen 
schriften La Réforme économique und Journal de VAgriculture. 
Die erstere wird von dem Abgeordneten Domergue heraus 
gegeben. Sie dient vorzugsweise industriellen Interessen. Ihr 
volkswirtschaftlicher Teil tritt neben der Geschäftsberichterstat 
tung etwas zurück; er besteht nur aus kleinern Artikeln, die 
eine streng protektionistische, häufig polemische Färbung haben. 
Wer sich über die schutzzöllnerischen Wünsche und Bestre 
bungen der verschiedensten Produzentengruppen in Frankreich 
b J. Méline, loe. eit. p. 312.
        <pb n="493" />
        Der Protektionismus 
467 
unterrichten will, wird dies am besten an der Hand von Do- 
mergues „Réforme économique“ tun können. 
Das Journal de VAgriculture ist eine äußerst sorgfältig redi 
gierte Zeitschrift. Den Schutzzoll vertritt darin vor allem der 
Herausgeber Henry Sagnier. Dessen Hauptaugenmerk ist jedoch 
darauf gerichtet, seinen Lesern gediegene Arbeiten über die 
Fortschritte der landwirtschaftlichen Betriebs- und Organisations 
technik zu bieten. Die Marktberichte und agrarstatistischen 
Nachweise des „Journal de l'Agriculture“ sind reich gegliedert 
und haben vor den Veröffentlichungen der offiziellen Statistik 
den Vorzug frühzeitigen Erscheinens und häufig auch gründ 
licherer Verarbeitung. 
Professor Cauwès hatte im Jahre 1887 versucht, der frei 
händlerischen „Société d’Economie politique“ ein schutzzöllne- 
risches Seitenstück durch Gründung einer Société d’Economie 
politique nationale gegenüberzustellen. Die Gesellschaft fristet 
jedoch nur ein kümmerliches Dasein und ist von ihrem Gründer 
aufgegeben. Der Grund für diesen Mißerfolg ist darin zu suchen, 
daß es den Vorkämpfern des Protektionismus, welche zwar die 
Mehrheit der Nation und mehrere mächtige Interessentenver 
bände hinter sich haben, bisher nicht glücken wollte, größere 
wissenschaftliche Kreise für ihre Anschauungen und Lehren zu 
interessieren. Das Banner des Interventionismus, das auf sozialem 
Gebiete von Männern der Wissenschaft voran getragen wird, 
bleibt auf handelspolitischem den Interessentengruppen über 
lassen.
        <pb n="494" />
        Buch IV. 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen 
und Soziologen. 
1. Kapitel. 
Überblick. 
Der Philosoph Condorcet war der erste, welcher der 
physiokratischen Auffassung entgegentrat, die volkswirtschaft 
lichen Naturgesetze seien die unveränderlichen Komponenten 
einer prästabilierten Wirtschaftsordnung. Für ihn sind die ge 
sellschaftlichen und folglich auch die volkswirtschaftlichen Natur 
gesetze Regelmäßigkeiten in der Aufeinanderfolge der Erschei 
nungen, deren Geltungsbereich durch die örtlichen und zeitlichen 
Bedingungen eines historisch gewordenen Milieus begrenzt wird. 
Sie vertragen sich sehr gut mit der Einmischung des Staates 
ins Wirtschaftsleben ; ja die Kunstlehre oder Politik (Art social), 
deren Ausbau Condorcet anstrebt, will eine Systemisierung 
jener Einmischung sein. Aufgabe des „Art social“, sagt Con 
dorcet, ist, die unveräußerlichen Menschenrechte mit der 
größtmöglichen Gerechtigkeit und in der weitest möglichen 
Ausdehnung zu garantieren. Um diese Aufgabe zu erfüllen, 
genügt es keineswegs, die formale Gleichheit der Rechte zu 
sichern. Das Wesentliche ist vielmehr die graduelle Beseitigung 
des Intervalls, der zwischen der rechtlichen Gleichheit und der 
tatsächlichen Ungleichheit besteht. Diese Ungleichheit ist eine 
dreifache: 1. die Ungleichheit des Besitzes; 2. die Ungleichheit 
der Lage zwischen denen, welche nichts besitzen als ihre Arbeit,
        <pb n="495" />
        Überblick 
469 
und denen, die über gesicherte Existenzmittel verfügen; 3. die 
Ungleichheit der Bildung. Durch gesetzgeberisches Eingreifen 
und Reform der Sitten wird jene dreifache Ungleichheit immer 
mehr verringert werden, ohne allerdings je vollständig zu ver 
schwinden *). 
Diese kurzgedrängte Auslese aus den Gedanken Co nd or 
ce ts genügt, um ihn als Vorläufer der deutschen historischen 
Nationalökonomie zu kennzeichnen. In geringerem Maße war 
dies Auguste Comte, der Vater der Soziologie, wenn er auch 
dieser Bausteine zugrunde legt, die er bei Condorcet vorfand. 
Die Geschichte als Forschungsinstrument der Sozialwissenschaft, 
die Möglichkeit rationeller Voraussicht des gesellschaftlichen 
Geschehens auf Grund einer mit Hilfe der geschichtlichen For 
schung aufgebauten Wissenschaft der Politik, endlich der Inter 
ventionismus statt des laisser faire sind Condorcetsche Ge 
sichtspunkte, die Comte sich zu eigen macht. Weniger aus 
geführt ist bei jenem die Anschauung Comtes, daß es not 
wendig sei, die wirtschaftlichen Erscheinungen im Zusammen 
hang mit allen andern zu betrachten. 
Comte bleibt jedoch in einem wichtigen Punkte hinter 
Condorcet zurück. Er läßt nämlich das Ziel völlig außer 
acht, welches jener als das der unter Mitwirkung von Gesetz 
gebung und Sittenreform vor sich gehenden, natürlichen histo 
rischen Entwicklung erkennt und demgemäß seinem „Art social“ 
weist. Mit der Forderung, den Abstand zwischen der formalen 
Gleichheit der Rechte und der tatsächlichen Ungleichheit des 
Besitzes, der wirtschaftlichen Lage und der Bildung schrittweise 
zu verringern, drückt Condorcet schon sehr klar jenes all 
mähliche Beseitigen aller Ausbeutung und Klassenherrschaft 
und allmähliche Heranrufen aller Menschen zu den hohem 
Gütern der Kultur aus, welches dem Eisenacher Programm des 
Vereins für Sozialpolitik zugrunde liegt. Comte scheint aber 
dafür wenig Verständnis zu haben. Allerdings übt er scharf 
und treffend Kritik am laisser faire, und betont das Recht der 
öffentlichen Gewalt, in die Beziehungen zwischen Arbeitgebern 
i) Vgl. über Condorcet Hector Denis, Histoire des Systèmes économiques 
et socialistes, Bd. II, Paris 1907, p. 31 ff. — Vgl. ferner zu Obigem Condorcet, 
Oeuvres, Paris an. XIII (1805), Bd. 8 passim.
        <pb n="496" />
        470 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
und Arbeitern regelnd einzugreifen. Darauf beschränken sich 
aber seine volkswirtschaftlichen Anschauungen 1 ). 
Comte faßte die Soziologie, deren Gründer er ist, als die 
Geschichte der menschlichen Kultur auf. Nach ihm wurde sie 
zunächst die „Naturgeschichte der Gesellschaften“. Diese ist 
bestrebt, die Analogien, welche die Gesellschaften im allgemeinen 
mit den lebenden Organismen, und die menschlichen Gesell 
schaften im besondern mit den tierischen auf weisen, so weit als 
möglich zu verfolgen 2 ). Bei Comte selbst sind schon Ansätze 
in dieser Richtung vorhanden ; er liebt es z. B., die menschliche 
Gesellschaft als „das lebendigste aller bekannten Wesen“ zu 
bezeichnen 3 ) ; doch warnt er vor voreiligen Analogien. Die 
Gefahr ist allerdings dabei vorhanden, daß man nicht bei der 
Metapher stehen bleibt, sondern die Gesellschaft als einen Or 
ganismus im eigentlichen Sinne des Wortes auffaßt und die 
biologischen Gesetze des Kampfes ums Dasein und der natür 
lichen Auslese darauf überträgt. Das taten denn auch bald 
Spencer und Huxley in England, Schaeffle in Deutschland, Espinas, 
Izoulet und in geringerm Maße auch Fouillée in Frankreich. 
Espinas, Professor an der Sorbonne in Paris, entlehnt der 
Biologie, wie Schaeffle, ihre Terminologie und ihre Klassifi 
kationen, und stellt eine durchgreifende Parallele auf zwischen 
dem Bau des menschlichen Körpers und dem der Gesellschaft. 
Für ihn sind die menschlichen Gesellschaften unmittelbare Nach 
folger und Erben tierischer Gesellschaften. Mit Spencer und 
G. de MolinarD) stellt er die Lehre auf, daß die Entwicklung 
der Menschheit derart vor sich gehe, daß die Stärksten im 
Kampfe ums Dasein siegen und durch eine Reihe von bestimmten 
Stufen zur Kultur aufsteigen. Dadurch wird die Anschauung, 
welche schon der Geschichtsauffassung Comtes anhaftet, daß 
nämlich das gesellschaftliche Leben einer notwendigen Folge 
ordnung unterworfen sei, noch urgiert. Die Volkswirtschafts 
lehre faßt Espinas als eine Kunstlehre auf. „Sie gehorcht 
') Vgl. über Comte Henry Michel, L’Idée de l’Etat, Paris 1896, p. 427 ff 
— Cìi. Gide et Ch. Rist, Histoire des Doctrines économiques, Paris 1909, p. 467 ff. 
— Vgl. ferner zu Obigem Aug. Comte, Cours de Philosophie positive, Bd. 4. 
2 ) Vgl. Henry Michel, L’Idée de l’Etat, p. 459. 
3 ) A. Comte, Cours de Philosophie positive, Bd. IV. passim. 
4 ) Über G. de Molinari vgl. oben p. 72 ff.
        <pb n="497" />
        Überblick 
471 
den Gesetzen der Evolution, wie das gesellschaftliche Gewissen, 
von dem sie nur eine Seite darstellt.“ Daraus, daß die volks 
wirtschaftlichen Systeme nicht aus universellen Ideen bestehen, 
sondern aus praktischen Erwägungen zusammengesetzt sind, 
ergibt sich für die Geschichtsepoche, in der wir leben, die Not 
wendigkeit, daß die politische Ökonomie eine national wirtschaft 
liche, protektionistische sei 1 ). 
Der Fehler der biologischen Soziologie besteht darin, der 
Freiheit, dem sittlichen Handeln des Menschen in der historischen 
Entwicklung der Gesellschaften keinen Platz zu geben, sowie 
dem Überwiegen des Staates, dem die Rolle des Gehirns im 
Organismus zufällt, über die Individuen, die lebenden Zellen 
des sozialen Körpers, keine Grenzen zu setzen. Dies erkennt 
Jean Izoulet, Professor am Collège de France, und er versucht 
in sehr ingeniöser Weise die Antinomie zwischen der bio 
soziologischen Hypothese und der Freiheit des Individuums in 
seinem ideenreichen Werke „La Cité moderne“ zu lösen. 
Auf volkswirtschaftlichem Gebiete, meint Izoulet 2 ), gibt 
es eigentlich nur zwei Ansichten, zwei Schulen, die sich be 
kämpfen : auf der einen Seite den Individualismus, der die Idee 
der Freiheit verteidigt, auf der andern den Sozialismus, der 
für die Idee der Solidarität eintritt. Die bio-soziologische Hypo 
these, d. h. die Gesellschaft als Organismus gedacht, schließt 
nun sowohl den absoluten Individualismus, als den absoluten 
Sozialismus aus, während sie andererseits zeigt, daß die soziale 
Entwicklung eine Resultante aus Freiheit und Solidarität ist, 
wie die Bewegungen der Himmelskörper die Resultante zentri 
petaler und zentrifugaler oder tangentialer Kräfte sind. 
Gegen den Individualismus und für den Sozialismus bietet 
die besagte Hypothese folgendes Argument : Der Individualismus 
beruht auf der Anschauung, das Privateigentum an den Sachen 
gründe auf dem Eigentum an der Person. Weil ein Mensch 
Eigentümer seiner physischen und seelischen Fähigkeiten ist, 
1) Espinas, Histoire des Doctrines économiques, Paris 1894, p. 341 ff. — 
Über das Hauptwerk von Espinas, Les Sociétés animales, vgl. Cauw'es, Cours 
d’Economie politique, Paris 1893, Bd. I, p. 15 ff. ; Henry Michel, L’Idée de 
l’Etat, p. 467 ff. 
2 ) Izoulet, La Cité moderne. Métaphysique de la Sociologie. 7. Aufl. 
Paris 1908, p. 643 ff.
        <pb n="498" />
        472 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
ist er rechtmäßiger Eigentümer der Produkte seiner Fähigkeiten 
und Energien. Die Prämisse dieses Räsonnements, sagt nun 
Izoulet, stimmt nicht. Denn, weit entfernt Eigentümer seiner 
physischen und seelischen Fähigkeiten zu sein, ist das Individuum 
ein gesellschaftliches Produkt. Folglich sind es auch die Pro 
dukte, die das Individuum schafft. 
Gegen den Sozialismus und für den Individualismus macht 
Izoulet geltend: Gewiß ist der Staat ein Organismus, d. h. 
nicht nur eine sittliche und rechtliche, sondern auch eine bio 
logische Solidarität. Es ist aber ein großer Irrtum, diese Soli 
darität auf eine despotische und nivellierende Gleichheit hin 
führen zu wollen. Nichts ist der Natur und ihren Gesetzen 
entgegengesetzter. Denn im selben Grade, in dem ein Organismus 
eine Solidarität ist, ist er eine Arbeitsteilung, eine Differenzierung 
in hierarchisch gegliederte Organe, die neben der sozialen ihre 
eigene, selbständige, freie Existenz haben. Differenzierung und 
Auslese, nicht Nivellierung und Gleichheit, sind in der sozio 
logischen wie in der biologischen Welt die Triebfedern des 
Fortschritts. 
Die Biologie schmilzt also, folgert Izoulet, das, was Wahres 
an Individualismus und Sozialismus ist, zusammen; sie zeigt 
aber auch, inwieweit beide unwahr sind. Das Resultat heißt: 
freiheitliche Solidarität (solidarité libertaire) ') I 
Insoweit Izoulet den absoluten Individualismus wie den 
absoluten Sozialismus verwirft und die Verbindung von „Frei 
heit“ und „Solidarität“ der Nationalökonomie als Aufgabe an 
weist, scheint er uns auf dem richtigen Wege zu sein. Daß 
aber die Zahl derer groß sein wird, die in der bio-soziologischen 
Hypothese mehr als ein anschauliches, poetisches Bild sehen, 
ist mindestens so zweifelhaft, als daß es Izoulet gelungen sein 
soll, die Antinomie zwischen jener Hypothese und der Freiheit 
des Individuums wirklich zu lösen. 
Alfred Fouillée, ein äußerst fruchtbarer philosophischer 
Schriftsteller, nimmt ebenfalls die Analogie zwischen den Lebe 
wesen und dem sozialen Organismus auf. Er verbindet sie aber 
mit der Vertragstheorie (contrat social) und macht daraus jenen 
organisme contractuel, der zwar ein physiologisches, nicht aber 
') Izoulet, loo. oit. p. 647.
        <pb n="499" />
        Überblick 
473 
ein psychologisches Individuum ausmacht, welches ein eigenes, 
von der Summe der individuellen Leben verschiedenes psychi 
sches Leben hätte 1 ). 
In dem Werke „La Propriété sociale et la Démocratie“ 
arbeitet Fouillée den Gesichtspunkt gesellschaftlichen Mit 
eigentums an jedem Privateigentum mit großer Schärfe heraus. 
Er verwirft den absoluten Eigentumsbegriff, weil dieser ver 
kennt, was wir an materiellen, intellektuellen und sittlichen 
Gütern der Gesellschaft verdanken 2 ). Er verwirft aber auch 
den absoluten Kollektivismus, erstens, weil die Gesellschaft als 
solche den Boden und die Arbeitsinstrumente nicht schafft ; 
zweitens, weil der Kollektivismus nicht nur das Recht aller 
Franzosen auf Frankreich, aller Deutschen auf Deutschland lehrt, 
sondern auch das Recht aller Menschen auf das Territorium 
einer jeden Nation, ja selbst das Recht der kommenden Mensch 
heit auf das, was die heute lebende besitzt 3 ). 
Nach Fouillée muß der Staat dafür sorgen, daß Privat- 
und Kollektiveigentum sich neben einander entwickeln. Als 
Mittel zur Vermehrung des letztem empfiehlt er zeitlich be 
schränkte Konzessionen von Ländereien, so daß die Gesellschaft 
vom Mehrwert des Bodens Nutzen habe. Als Mittel zur Ver 
mehrung des Privateigentums empfiehlt er Erleichterung des 
Volkskredits. Endlich ist Fouillée ein entschiedener Genossen 
schafter; der Staat der Zukunft wird, sagt er, „eine aus der 
Dezentralisierung hervorgehende freie Zentralisierung, eine Ge 
nossenschaft der Genossenschaften sein“ 4 ). 
Der Philosoph Charles Renouvier hat mit der bio sozio 
logischen Hypothese nichts zu tun. Er greift auf den Individua 
lismus des XVIII. Jahrhunderts zurück und lehrt, daß sich aus 
der Idee der Gerechtigkeit für den Staat das Recht und die 
Pflicht ergebe, in die politische und wirtschaftliche Ordnung 
einzugreifen, um den Individuen zu helfen, ihre Individualität, 
ihre sittliche Persönlichkeit zu entwickeln. Die Persönlichkeit 
*) Alfred Fouillée, La Science sociale contemporaine, 4. Aufl. Paris 1904, 
p. 74 ff., 110, 111 ff., 227 ff. 
2 ) A. Fouillée, La Propriété sociale et la Démocratie, Paris 1884, p. 11 ff. 
8 ) ibid. p. 27 ff. 
4 ) A. Fouillée, La Science sociale contemporaine, p. 180. Über Fouillée 
vgl. Henry Michel, L'Idée de l’Etat, p. 581 ff.
        <pb n="500" />
        474 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
und Freiheit des Individuums wird durch das Privateigentum 
gesichert. Dieses ist aber nicht nur die beste Garantie der in 
dividuellen Freiheit, sondern auch „eine historische Methode 
sozialen Fortschritts, deren Wirksamkeit durch die Erfahrung 
bewiesen ist“ x ). 
Daraus, daß die Freiheit und die Entwicklung des Indi 
viduums durch das Privateigentum bedingt sind, ergibt sich für 
den staatlichen Interventionismus die Aufgabe, „jedem Indi 
viduum eine Eigentumssphäre zu beschaffen“. Das kann nur 
durch eine Gesamtheit von restriktiven und Garantiemaßnahmen 
geschehen. Die restriktiven Maßnahmen muß man nicht in einer 
Agrargesetzgebung suchen wollen, welche der Aneignung des 
Bodens Grenzen setzt. Man muß vielmehr auf das Kapital 
zielen und zwar mittelst der progressiven Besteuerung, die „ein 
rationelles und legitimes Mittel“ darstellt, „der Anhäufung von 
Eigentum durch die Individuen ein unüberwindliches Hindernis 
entgegenzustellen“ 2 ). Die Garantie maßnahmen bestehen in der 
Sicherung des Rechtes auf Arbeit, welche einerseits durch Neu 
regelung des Arbeitsvertrages, andererseits durch ein vollständiges 
System von Versicherungen erreicht wird. Der Arbeitsvertrag 
muß frei sein und darf keine Klausel enthalten, die „der ratio 
nellen Ordnung der menschlichen Beziehungen nicht entspreche.“ 
Letztere Bedingung ist nicht erfüllt, so lange nicht dem Arbeiter 
vor allem Gewinnbeteiligung zugebilligt wird. Die Versicherung 
ist eine Garantie, welche die Glieder der menschlichen Gesell 
schaft einander dafür geben, daß sie die Freiheit und deren 
Genuß erobern werden. Das Recht auf Arbeit selbst ist schon 
eine Versicherung, welche dazu bestimmt ist, die Berechtigten 
für die Wirkungen der Verteilung der Produktionsmittel, die 
sich aus dem natürlichen Spiel der Institution des Privateigen 
tums ergibt, zu entschädigen. Ebenso sind, neben den gemein 
hin als Versicherungen bezeichneten Einrichtungen, die staat- 
licherseits erteilte, physische, intellektuelle und sittliche Er 
ziehung, sowie die bedingungslos gewährten Unterstützungen an 
solche, die sich nicht helfen können, Versicherungen. 
') Renouvier, La Science de la Morale, Paris 1869, Bd. II, p. 27. Zitiert 
bei H. Michel, L’Idée de l’Etat, p. 610. 
*) ibid. p. 50—51 bezw. p. 611.
        <pb n="501" />
        Überblick 
475 
Mehr noch als durch restriktive und Garantiemaßnahmen 
des Staates wird durch genossenschaftlichen Zusammenschluß den 
Individuen eine Eigentumssphäre geschaffen und so die Gerechtig 
keit verwirklicht werden. An den Genossenschaften vor allem 
ist es, die wirtschaftliche Frage zu lösen. Frei gewollten und 
in ihrer Zwecksetzung begrenzten Genossenschaften wird es 
besser gelingen als der Zwangsgemeinschaft des Staates, die 
menschliche Individualität zu entwickeln 1 ). 
Das Räsonnement Ren o uviers zeichnet sich durch 
logische Schärfe aus, wie H. Michel hervorhebt, so lange er 
im Bereich der philosophischen Spekulation bleibt; sobald es 
sich aber darum handelt, zur Praxis überzugehen, die Mittel zu 
bestimmen, durch welche der Staat die ihm zugewiesene inter 
ventionistische Rolle verwirklichen soll, weicht Renouvier 
zurück. Kaum hat er z. B. die progressive Steuer und die 
Gewinnbeteiligung als theoretische Forderungen aufgestellt, so 
äußert er verzagt, sie schienen praktisch nicht durchführbar. 
Davon abgesehen, bieten die idealistischen Anschauungen 
Renouviers beachtenswerte Berührungspunkte mit den Ge 
danken, welche um die Zeit, in der er schrieb (1869), für die 
deutsche historische Schule der Nationalökonomie grundlegend 
zu werden begannen. Auch heute noch bedeuten jene An 
schauungen einen gangbaren und glücklichen Weg, auf dem 
der Individualismus und der Interventionismus, die wir als die 
Geister in Frankreich scheidende Ideen kennen gelernt haben, 
zusammenkommen könnten. 
Renouviers Schüler Henry Michel, hat in dem Werke 
„L’Idée de l’Etat“, das von großer wissenschaftlicher Gewissen 
haftigkeit und Gedankenschärfe zeugt, der Lehre des Meisters 
eine ideengeschichtliche Fundamentierung gegeben. Er führt 
die Entwicklung der Staatsidee im XIX. Jahrhundert bei den 
französischen Philosophen, Politikern, Volkswirten und Sozia 
listen vor und weiß mit großem Scharfsinn die schwachen 
Punkte der verschiedenen Anschauungen ins Licht zu stellen. 
Er dringt schließlich bis zu der logisch so fest geschmiedeten 
i) Unsern obigen Ausführungen über Renouvier liegt die Abhandlung 
über dessen Lehre zugrunde, die sich in dem Werke „ L'Idée de l’Etat“ p. 596 ff. 
seines getreuen Schülers Henry Michel befindet. Die Werke Renouviers waren 
uns nicht zugänglich.
        <pb n="502" />
        476 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Lehre Renenviers vor, die er mit großem apologetischen 
Geschick gewissermaßen als das natürliche, logische Ergebnis 
der ideengeschichtlichen Entwicklung entfaltet x ). 
Th. Funck-Brentano, ein geborener Luxemburger, zu seinen 
Lebzeiten Professor an der Ecole libre des Sciences politiques 
in Paris, hat, obwohl von Haus aus Philosoph, ein Lehrbuch 
der Nationalökonomie in Angriff genommen, von dem nur das 
erste Bändchen, welches die „Elemente“ der Wissenschaft be 
handelt, das Tageslicht erblickt hat 2 ). Es fußt auf evolutio- 
nistischer Grundanschauung, macht von den Analogien zwischen 
den Lebewesen und dem sozialen Körper nur diskret Gebrauch, 
und ist etwas oberflächlich und allzu knapp in der Beweis 
führung, was die Klarheit der Darstellung häufig beeinträchtigt. 
Neben einer im wesentlichen subjektiven Werttheorie 3 ) stellt 
Eunck 7 Brentano drei große Gesetze des Wirtschaftslebens 
auf: 1. die Koordination der Anstrengungen oder das Gesetz der 
Produktion ; 2. die Koordination der Bedürfnisse oder das Gesetz 
der Verteilung; 3. die Anpassung der Werturteile an die objek 
tive Brauchbarkeit der Dinge, oder das Gesetz des wirtschaft 
lichen und kulturellen Fortschritts der menschlichen Gesell 
schaften. 
ad. L Die Solidarität der Produktion und des Verbrauchs 
ist die bedeutsamste Tatsache des Wirtschaftslebens. Es gibt 
keine Produktion ohne Verbrauch, keinen Verbrauch, der nicht 
zugleich eine Produktion wäre. Die Solidarität von Produktion 
J ) Henry Michel, L’Idée de l’Etat. Essai critique sur l’histoire des théories 
sociales et politiques en France depuis la Révolution. Paris 1896, 3. Ausi. 1898. 
Wir müssen uns leider versagen, auf das vortreffliche Werk näher einzugehen, 
da uns dies zu weit von dem Thema der vorliegenden Arbeit abführen würde. 
2 ) Th. Funck-Brentano, Nouveau Précis d’Economie politique. Les Elé 
ments. Paris 1887. Demselben Verfasser ist eine neue, mit erläuternden Notizen 
versehene Ausgabe des „Traiclé d’Oeconomie politique“ von Montchrestien de 
Vatteville, Paris 1889 zu verdanken. 
3 ) Die Bedürfnisse allein bestimmen den Wert. Der Wert ist etwas 
wesentlich Persönliches. Es gibt allerdings auch einen „gemeinen“ Wert; dieser 
ist aber von dem persönlichen Wert nicht wesentlich verschieden, denn er be 
steht in dem übereinstimmenden Urteil, das eine Mehrheit von Individuen über 
ein Ding fällt. Funck-Brentano unterscheidet noch eine dritte Art von Wert, 
den „wirtschaftlichen“ oder „wissenschaftlichen“ Wert; dieser identifiziert sich 
jedoch mit der objektiven Brauchbarkeit eines Gutes. Funck-Brentano, Nouveau 
Précis, p. 52 ff, p. 100 ff.
        <pb n="503" />
        Überblick 
477 
und Verbrauch wird durch die Solidarität der Anstrengungen 
und jene der Bedürfnisse verwirklicht. Prinzip der Kultur und 
Erklärungsgrund des Fortschritts sind Vereinigung, Vereinfachung 
und Koordination der Arbeitsleistungen. Die Arbeitsteilung 
dagegen ist nicht Prinzip der Kultur, sondern eine Folge davon. 
Die Koordination, d. h. die gegenseitige Einordnung oder An 
passung der Anstrengungen ist das allgemeine Gesetz der mensch 
lichen Tätigkeiten. Alle Erscheinungen des Lebens der mensch 
lichen Gesellschaften verdanken der Koordination der Anstren 
gungen der Organe im Individuum, wie der Individuen in der 
Gesellschaft, ihr Entstehen. Die wirtschaftliche, politische und 
gesellschaftliche Lage eines Volkes ist der genaue Ausdruck des 
Grades von Koordination der Anstrengungen aller *). 
ad. 2. Wie alle Verrichtungen eines Produktionsprozesses 
sich gegenseitig ergänzen, solidarisch oder koordiniert sind, so 
auch die Bedürfnisse der an dem Produktionsprozeß beteiligten 
Menschen, da jeder seine Arbeitsleistung nur im Hinblick auf 
die Befriedigung seiner Bedürfnisse verrichtet und sie an diesen 
mißt. Aus diesem Zusammenhang, d. h. aus der untrennbaren 
Verbindung von Produktion und Verbrauch, folgt, daß die Pro 
duktion nur dann möglich ist, wenn die Verteilung der Güter 
einen Verbrauch sichert, der die an der Produktion beteiligten 
Arbeitsleistungen auf wiegt 2 ). 
ad. 3. Je mehr der Wert, den der Mensch den Dingen 
zuspricht, ihrer objektiven Brauchbarkeit entspricht, desto mäch 
tiger ist er und desto mehr vermag er seine Produktion zu 
steigern. So lange man die Kraft nicht erkannt hatte, die im 
Wasserdampf steckt, bewegte sich die Produktion der Mensch 
heit in engen Grenzen. Als Papin aber die Brauchbarkeit des 
Wasserdampfes entdeckt hatte, stieg die Produktionsfähigkeit 
der Menschheit ins Ungemessene. Die Völker, welche in 
der menschlichen Kultur voranschreiten, verdanken dies dem 
Umstand, daß sie ihre Bedürfnisse den ihnen zur Verfügung 
stehenden Brauchbarkeiten und Naturkräften besser als andere 
angepaßt haben 3 ). 
*) Funck-Brentano, loe. eit. p. 35—36, 79 ff. 
2 ) ibid. p. 147 ff., 153 ff 
3 ) ibid. p. 209 ff.
        <pb n="504" />
        478 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Zwei weitere Gesichtspunkte, welche sich durch das Werk 
ehen von Funck-Brentano hindurchziehen, verdienen noch 
Erwähnung: 1. Die Beobachtung, daß der dauernde Fortschritt 
einer Volkswirtschaft davon abhängt, daß die Preise der Lebens 
mittel, der Rohstoffe und der einfachsten Arbeitsverrichtungen 
sich immer niedriger stellen; 2. die Bemerkung, daß es keine 
Form menschlicher Tätigkeit gibt, die über dem, daß sie 
„Reichtümer“ produziert, nicht auch Elend erzeugte 1 ). 
Die Arbeit Funck-Brentanos hätte nur gewinnen können, 
wenn sie weniger überhastet und besser durchdacht worden 
wäre; die treffenden Gesichtspunkte, die sie enthält, bedürften 
soliderer, gründlicherer Beweise; das Gesetz der Koordination 
der Bedürfnisse als Verteilungsnorm ist speziös, ungenügend, 
dazu schwer verständlich; das mangelnde Gleichgewicht des 
Ganzen kann z. T. damit entschuldigt werden, daß es eben nur 
ein Fragment, und zwar ein essayartiges, ist. 
René Worms, maître des requêtes am Staatsrat in Paris, 
ist der Begründer und Generalsekretär des Institut international 
de Sociologie (1893), sowie der Société de Sociologie de Paris ( 1895) ; 
er ist ferner Herausgeber der Heme internationale de Sociologie, 
die ebenfalls von ihm ins Leben gerufen wurde (1893). Er hat den 
Methodenfragen in seinen Werken einen breiten Raum gegeben 2 ). 
Jede wissenschaftliche Methode, schreibt er 3 ), hat fünf 
Glieder: Beobachtung, Experimentierung, Klassifizierung, In 
duktion, Deduktion. Natürlich wechselt die Art der Verwendung 
dieser verschiedenen Verfahren mit dem Gegenstand, den es 
zu erklären gilt. Die Volkswirtschaftslehre geht mittelst Be 
obachtung vor ; sie strebt danach, sich zur Klassifizierung und 
Induktion emporzuheben, und sieht den Tag, wo sie ohne Ge 
fahr wird deduktiv verfahren können, nur in weiter Ferne vor 
i) Der Kredit fördert Produktion und Verbrauch, aber verursacht Krisen 
und Zusammenbrüche; je nach der Richtung, die der Geldumlauf einschlägt, 
bereichert er die Hauptstädte, während er das Verarmen der Provinzen veran 
laßt. ibid. p. 262 ff. Viele andere Äußerungen dieses Pessimismus passim 
durch das Ganze. 
a ) Sein Hauptwerk „Philosophie des Sciences sociales“, 3 Bde., Paris 
1903—1907 ist z. B. in der Hauptsache eine in allgemein verständlicher Sprache 
abgefaßte Auseinandersetzung über Methodenfragen. 
*) René Worms, La Science et l’Art en Economie politique, Paris 1896 
(Dissertation), p. 79 ff., 119 ff.
        <pb n="505" />
        Überblick 
479 
sich. Die Methode der volkswirtschaftlichen Kunstlehre ist und 
war immer deduktiv, weil sie wesentlich in der Anwendung des 
„Syllogismus des Handelns“ besteht*). Die Methode der volks 
wirtschaftlichen Praxis identifiziert sich in ihren großen Zügen 
mit jener der Kunstlehre, da sie die durch den Syllogismus 
gewonnene allgemeine Richtschnur des Handelns auf die kon 
kreten und besondern Umstände des Einzelfalls anwendet. 
Die Beobachtung hat in der Volkswirtschaftslehre vier Wege : 
in unsern Kulturländern des Abendlandes die Statistik und die 
Monographie; für ferne Länder die Erzählungen der Reisenden, 
d. i. die Ethnographie; für ferne Zeiten, die Erforschung der über 
lieferten Dokumente, d. i. die Geschichte i) 2 ). 
Das Verhältnis der Nationalökonomie zur Soziologie ist 
durch das Verhältnis des Wirtschaftslebens zum Gesellschaftsleben 
vorgezeichnet 3 ). Die wirtschaftlichen Erscheinungen spielen die 
Rolle der Ernährungshmküon im sozialen Körper; darum gehört 
die Volkswirtschaftslehre an die Basis aller Sozialwissenschaften. 
Sie hat übrigens auch historisch die erste Grundlage der Soziologie 
geschaffen, denn von ihr kommt die Idee der wirtschaftlichen 
Naturgesetze. Sie hat sogar der Soziologie einige konkrete 
Naturgesetze geliefert, welche nicht nur für das Gebiet des 
Wirtschaftslebens, sondern als für das gesamte soziale Gebiet 
zutreffend erkannt wurden. Das wirtschaftliche Gesetz der 
Arbeitsteilung z. B. gilt für das organische Leben, wie für sämt 
liche Zweige des gesellschaftlichen Lebens. Es ist darum zu 
einem Fundamentalprinzip der Soziologie geworden. 
Da ferner die wirtschaftlichen Erscheinungen die Grund 
lagen aller andern gesellschaftlichen Erscheinungen sind, wie 
im Individuum die Ernährungsfunktion Voraussetzung aller andern 
i) Der „Syllogismus des Handelns“, den wir unten bet der Besprechung 
von Gabriel Tarde noch näher werden kennen lernen, besteht aus folgendem: 
der Obersatz wird gewonnen, indem man die zu befriedigenden Bedürfnisse fest 
stellt; der Obersatz ist also ein Optativ. Der Untersatz wird gewonnen durch 
Entdeckung der Mittel, die zur Befriedigung der vorhandenen Bedürfnisse ge 
eignet sind. Er ist ein Indikativ. Der Schlußsatz ist ein Imperativ, eine Regel 
des Handelns. René Worms, loc. cit. p. 94. 
*) ibid. p. 125. 
3 ) ibid. p. 118 und René Worms, La Sociologie et l'Economie politique, 
Separatabdruck aus Revue internationale de Sociologie, Juni 1894, p. 1 ff.
        <pb n="506" />
        480 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
ist, so ist die Feststellung wirtschaftlicher Tatsachen von großem 
Wert für die Soziologie, wie ja auch die Wirtschaftsverfassung 
eines Volkes dessen ganzem gesellschaftlichen Leben ihr Ge 
präge gibt. Wenn bei wirtschaftlichen Tatsachen, die beobachtet 
wurden, noch keine Gesetzmäßigkeiten festgestellt sind, so kann 
eventuell der Soziologe, dem sich deren Rückwirkung auf andere 
gesellschaftliche Gebiete erschließt, die Gesetze des Ineinander 
greifens und der Evolution jener Tatsachen erkennen, und so 
seinerseits zum Ausbau der Nationalökonomie beitragen. 
Worms glaubt, daß die Soziologie in doppelter Weise der 
Volkswirtschaftslehre Dienste zu leisten vermag: 1. Der sozio 
logische Geist kann auf die Forschungsmethode der Wirtschafts 
wissenschaft vervollkommnend wirken ; 2. die von der Soziologie 
untersuchten Tatsachen können manche wirtschaftlichen Tat 
sachen in neuem Lichte zeigen. 
ad. 1. Die Nationalökonomie beschränkt sich bisher viel 
leicht etwas zu sehr auf das Studium der Tatsachen, die sich 
im Schoße der großen modernen Völker abspielen. Der sozio 
logische Geist vermag sie dazu zu bringen, sich für die wirt 
schaftlichen Erscheinungen aller Klassen und aller Zeiten zu 
interessieren, und das Verständnis in ihr zu erwecken dafür, 
daß es noch andere als die heutigen Formen der Produktion, 
des Umlaufs der Güter usw. gibt. 
ad. 2. Die ethischen, religiösen, politischen und andern 
Funktionen eines sozialen Körpers gehen zwar in gewissem 
Sinne aus der wirtschaftlichen (Ernährungs)funktion hervor; 
wenn sie aber einmal da sind, gewinnen sie eine eigene Existenz 
und üben Rückwirkungen auf die wirtschaftlichen Erscheinungen 
aus. Die ethischen Anschauungen eines Volkes haben z. B. 
eine große Wirkung auf dessen Verbrauch; die Gesetzgebung 
wirkt auf die Produktion ein, die politische Verfassung auf die 
Güter Verteilung. Da also die wirtschaftlichen Erscheinungen 
der Einwirkung zahlreicher Ursachen anderer Ordnung unter 
liegen, so können sie vollständig nur erklärt werden, nachdem 
auch alle andern Arten von gesellschaftlichen Tatsachen unter 
sucht wurden. 
Die Soziologie vermag auch auf die wirtschaftliche Kunst 
lehre befruchtend zu wirken. Indem sie die zeitliche und ört 
liche Bedingtheit und Verschiedenheit der wirtschaftlichen
        <pb n="507" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 481 
Erscheinungen vor Augen führt, zeigt sie auch, daß die wirt 
schaftspolitischen Maßnahmen zeitlich und örtlich verschieden 
gestaltet werden müssen. Weiter zeigt sie, daß, da die ver 
schiedenen gesellschaftlichen Erscheinungsgebiete untereinander 
in Wechselwirkung stehen, jeder gesetzgeberische Eingriff in 
eines derselben auf alle andern rückwirkt ; daß man also, bevor 
man eine Reform auf einem Gebiete macht, mit der größten 
Sorgfalt untersuchen soll, welche Folgen sie auf den verschiedenen 
andern Gebieten haben kann *). 
Das Obige genügt, um einen Einblick in die Anschauungen 
Worms’ über die Nationalökonomie und ihr Verhältnis zur 
Soziologie zu gewinnen. Wir wollen ihn jedoch nicht verlassen, 
ohne die wohltuende Klarheit der Darstellung, die alle seine 
Schriften, trotz der Abstraktheit der behandelten Themata 
auszeichnet, hervorzuheben. 
Es bleiben nunmehr noch zwei soziologische Richtungen, 
die beide für die Nationalökonomie von größerer Bedeutung 
sind, und die wir darum im folgenden etwas eingehender be 
trachten wollen. 
2. Kapitel. 
Die „interpsychologische" Grundlegung der Nationalökonomie: 
Gabriel Tarde. 
Gabriel Tarde, weiland Professor am Collège de France 
(gest. 1904), hat eine völlige Umgestaltung der Volkswirtschafts 
lehre auf psychologischer Grundlage durchgeführt, und die 
Wissenschaft mit einer Unmenge von feinsinnigen und über 
raschenden Anregungen und Ausblicken bereichert 1 2 ). 
Tarde sucht den Grund des Lebens und der Entwicklung 
der Gesellschaften in der Geistestätigkeit der Individuen. Sein 
1) R. Worms, La Sociologie et l’Economie politique, p. 8 ff. 
2 ) Von den zahlreichen Schriften Gabriel Tardes kommen hier in Betracht: 
Les lois de l’Imitation, Paris 1890, seither mehrere Auflagen. — L’Opposition 
universelle, Essai d’une théorie des Contraires, Paris 1897. — La Logique sociale, 
Paris 1898, davon mehrere Auflagen. — Les Lois sociales, Esquisse d’une 
Sociologie, Paris 1898, bisher 3 Auflagen. — Psychologie économique, 2 Bände, 
Paris 1902. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
31
        <pb n="508" />
        482 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Ausgangspunkt ist jedoch nicht ein individual-, sondern ein 
inter psychologisch er. Unter „Interpsychologie“ versteht er „die 
Erforschung der Erscheinungen des durch ein anderes Ich 
beeinflußten Ichs 1 )“. Jede Beeinflussung eines Ichs durch ein 
anderes Ich erzeugt ein soziales Band. Es gibt davon zwei 
Gattungen oder besser Grade: 1. Das stärkere Band, das aus 
der geistigen Ähnlichkeit, die durch die Einwirkung eines Ichs 
auf ein anderes erzeugt ward, entsteht. Diese Einwirkung ist 
erst einseitig und strebt danach gegenseitig zu werden. Bei 
spiele derselben sind das Band, das Eltern und Kinder, Lehrer 
und Schüler, überhaupt alle Menschen, die gewohnt sind, 
zusammen zu leben, zu arbeiten, mit einander verbindet. 
2. Das schwächere Band, das bei nicht auf einander einwir 
kenden Subjekten aus der Ähnlichkeit hervorgeht, die in 
jedem von ihnen durch die Einwirkung eines dritten Subjektes 
erzeugt wurde. Diese Kategorie umfaßt die Mehrheit der Leute, 
die demselben sozialen Milieu angehören. Ohne sich zu kennen, 
sind sie durch zahllose unsichtbare Fäden miteinander ver 
bunden, durch jene Denk-, Rede-, Fühl-, Handlungsweisen, die 
ihnen gemeinsam sind, weil sie von denselben Erfindern her 
rühren. 
Es ist nun eine allgemein beobachtete Tatsache, daß in 
jeder „interpsychologischen“ Gemeinschaft eine von einem Ein 
zelnen entdeckte neue Idee oder Handlung, die den Eindruck 
höherer Wahrheit oder Nützlichkeit macht, die Tendenz hat, 
sich andern Personen mitzuteilen; diese werden sie ihrerseits 
wiederum weiter verbreiten. Damit sind die beiden Grund 
tatsachen des sozialen Lebens gegeben : Erfindung und Nach 
ahmung. Wie aber das soziale Leben nur eine Kategorie des 
universellen Lebens, der universellen Harmonie, welche die gesamte 
Erscheinungswelt umfaßt, darstellt, so sind auch die Erfindung 
und die Nachahmung nur Arten der großen Gattungen An 
passung und Wiederholung 2 ). 
Die Harmonien, die sich wiederholen, können sich manch 
mal ausnahmsweise durch ihre bloße Begegnung miteinander in 
Einklang setzen und so eine höhere Anpassung bilden. Meistens 
') G. Tarde, Psychologie économique, Bd. I, p. 112. 
2 ) Tarde, ibid. p. 4 ff.
        <pb n="509" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 488 
jedoch stellen sie sich in irgend einer Beziehung einander gegen 
über, und bereiten durch gegenseitige Verletzungen das Terrain 
für höhere Harmonisierungen vor. Überall in der sozialen, 
organischen und leblosen Welt sehen wir Dinge, die gegen 
andere in Kampf treten, wenn sie sich vervielfältigen. Daher 
die Kategorie der Opposition oder Gegensätzlichkeit, die als gleich 
wertige, wenn auch weniger allgemeine Form der universellen 
Harmonie neben die Anpassung und die Wiederholung tritt 1 ). 
Jedes der drei großen Gebiete der universellen Harmonie 
besitzt eigene Formen der Anpassung, der Wiederholung und 
der Gegensätzlichkeit. Typen der leblosen, der organischen und 
der sozialen Anpassung sind die chemische Verbindung, die Be 
fruchtung und die Erfindung. Typen der Wiederholung auf den 
drei Gebieten sind die Wellenbewegung, die Zeugung und die 
Nachahmung. Typen der Gegensätzlichkeit, die den drei Sphären 
der Wirklichkeit eignen, sind : der Stoß, der Mord und der Krieg. 
Zwei große Gesetze sind den drei Formen der Anpassung, 
der Wiederholung und der Gegensätzlichkeit gemeinsam : das 
Gesetz der graduellen Amplifikation und das Gesetz der Irreversi 
bilität. Ersteres besagt die Tendenz einer jeden Form der Be 
wegung oder des Lebens zu unbegrenzter Vervielfältigung; 
letzteres die Unmöglichkeit, dieAufeinanderfolge der Erscheinungen 
umzuschalten. Die Zeugung kann nicht der Befruchtung vorher 
gehen, und eine Erfindung setzt tausend andere voraus 2 ). 
Die drei Erscheinungsformen der Wiederholung, des Gegen 
satzes und der Anpassung sind Bestandteile der einen großen 
Erscheinung der Evolution. Der Begriff der Evolution ist aber 
ein verschwommener; er klärt sich erst, wenn man ihn in die 
besagten Bestandteile auflöst 3 ). 
Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit wieder spezieller 
dem sozialen Gebiete zu. Was uns hier zunächst in die 
Augen fällt, ist der Umstand, daß sich eine Teildisziplin, die 
Nationalökonomie, einen ihr keineswegs gebührenden Vorrang 
angemaßt hat. Sie hat den KWbegriff, welcher der gesamten 
Sozial Wissenschaft angehört, monopolisieren wollen. „Der Wert,“ 
definiert Tarde, „ist ein e Qualität, die wir den Dingen beilegen, 
*) ibid. p. 32 ff. 
2 ) ibid. p. 33 ff. 
3 ) ibid. p. 106.
        <pb n="510" />
        484 Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
wie die Farbe, die aber in Wirklichkeit, wie die Farbe, nur in 
uns existiert. Er besteht in der Übereinstimmung der kollek 
tiven Urteile, die wir über die Geeignetheit der Dinge fällen, 
mehr oder weniger und durch eine größere oder geringere Zahl 
von Personen geglaubt, begehrt oder gekostet zu werden. Diese 
Qualität ist von der besonderen Art jener Qualitäten, die die Be 
zeichnung Quantitäten verdienen, weil sie geeignet scheinen, zahl 
reiche Grade aufzuweisen, ohne ihr Wesen zu ändern“ Q. Der 
Wert zerfällt in drei große Kategorien, den Wahrheitswert, den 
Brauchbarkeitswert und den Schönheitswert. Das Mehr oder Weniger 
an Wahrheit einer Idee hängt ab von der großem oder geringern 
Zahl von Personen, die die Idee annehmen, von der großem 
oder geringem anerkannten Kompetenz und Achtung, derer sie 
sich erfreuen, und von der großem oder geringem Intensität 
ihres Fürwahrhaltens. Das Mehr oder Weniger an Brauchbar 
keit eines Produktes oder Gutes hängt ab von der großem oder 
geringem Zahl von Personen, die es begehren, von dem Mehr 
oder Weniger an Macht oder Recht, die oder das sie haben, 
und von der großem oder geringem Intensität ihres Begehrens. 
Das Mehr oder Weniger eines Meisterwerkes der Natur oder der 
Kunst an Schönheit hängt ab von der großem oder geringern 
Zahl von Personen, die daran Gefallen finden, von dem großem 
oder geringem Geschmack derselben und von der großem oder 
geringem Intensität ihres ästhetischen Genusses 2 ). 
Ausgehend von dieser Werttheorie 3 ) teilt Tarde die Sozial 
wissenschaften ein in: 1. die sich mit den Wahrheitswerten be 
fassenden Wissenschaften: Sprachwissenschaft, vergleichende 
Religionswissenschaft, auch die Naturwissenschaften; 2. die 
Wissenschaften, welche die Dinge unter dem Gesichtspunkt der 
Brauchbarkeit für menschliche Zwecke betrachten : Politik, 
Rechtswissenschaft, Ethik, Nationalökonomie; 3. die Theorie der 
Schönheit, d. h. die Lehre von den schönen Künsten und von 
der Literatur. Jeder dieser drei Zweige der Sozial Wissenschaften 
kann von den Gesichtspunkten der Wiederholung, der Gegen 
sätzlichkeit und der Anpassung aus betrachtet werden. Ferner 
') Ibid. p. 63. 
2 ) Ibid. p. 63—64. 
3 ) Wir werden weiter unten die spezifisch volkswirtschaftliche Werttheorie 
Tardes kennen lernen.
        <pb n="511" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 485 
haben alle erwähnten Teilgebiete quantitativen Charakter. Es 
gibt keinen Menschen und kein Volk, der oder das nicht eine 
quantitative Mehrung an wirtschaftlichen Gütern, an Ruhm, an 
Wahrheit, an Macht oder an künstlerischer Vollkommenheit an 
gestrebt hätte. Von allen diesen Quantitäten ist aber bisher 
nur eine, die der wirtschaftlichen Güter, als solche betrachtet 
worden x ). 
Zu der Volkswirtschaftslehre übergehend wirft ihr Tarde 
des weiteren vor, ihre Grundbegriffe andern Wissenschaften ent 
lehnt zu haben, und sucht dies im einzelnen darzutun 2 ) ; dann 
polemisiert er gegen die in der klassischen Schule traditionelle 
Einteilung des volkswirtschaftlichen Wissensstoffes in Produk 
tion, Umlauf, Verteilung und Verbrauch der Güter und ersetzt 
dieselbe durch das Schema: Wiederholung, Gegensätzlichkeit 
und Anpassung. 
Der Begriff der Produktion, meint Tarde, kennzeichnet 
das, was er besagen will, nur sehr unvollkommen. Denn erstens 
handelt es sich nicht um eine Erzeugung wirtschaftlicher Güter, 
sondern um eine Wiedererzeugung, einen Wiederholungs-, Nach 
ahmungsprozeß. Der Begriff „Erzeugung“ oder „Produktion“ 
bezeichnet dagegen einen Erfindungsprozeß. Zweitens kommen 
im Produktionsbegriff die persönlichen Faktoren, die Erzeuger 
wirtschaftlicher Güter, ihre Rolle und ihre Beziehungen zu 
einander beim Produktionsprozeß, nicht genügend zum Aus 
druck. Die Unterscheidung der Kategorie Güterverbrauch ist un 
berechtigt; denn der Güter ver brauch ist von der Produktion 
unzertrennlich. Er besagt ein individuelles Genießen, das nur 
insofern einen sozialen Charakter annimmt, als es direkt oder 
indirekt die Wiedererzeugung der verbrauchten Artikel veran 
laßt. Der Güterumlauf oder Verkehr ist kein selbständiger, volks 
wirtschaftlicher Vorgang; er ist nichts als eine Folge und eine 
Seite der Arbeitsteilung, d. h. der Wiedererzeugung der Güter. 
Güterverteilung endlich ist ein zweideutiger Begriff : versteht man 
darunter die Ausbreitung der Güter über den Erdball, so ist die 
Verteilung eine Erscheinung der Wiedererzeugung; versteht man 
aber darunter den Tausch, „die Aneignung der Güter und die 
0 Tarde, loe. cit. p. 66 ff. 
s ) ibid. p. 68 ff.
        <pb n="512" />
        486 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
freie oder erzwungene Gemeinschaft, die unter der Herrschaft 
der obwaltenden Umstände oder der auferlegten Rechtsregeln 
zwischen den Tauschenden entsteht“, so handelt es sich um 
eine Anpassungserscheinung *). 
Den niedergerissenen Bau der Nationalökonomie baut 
Tarde wie folgt wieder auf: Alle volkswirtschaftlichen Er 
scheinungen sind solche der Wiederholung, der Gegensätzlich 
keit und der Anpassung. 
Die Kategorie der volkswirtschaftlichen Wiederholung 
umfaßt die Wiedererzeugung der Güter und deren Ursachen. 
Diese Ursachen sind zweierlei Art: 1. die Wiedererzeugung der 
Bedürfnisse, 2. die Wiedererzeugung der Arbeitsverrichtungen, 
deren Produkt die Güter sind. Demgemäß gehören hieher die 
Lehre von den Bedürfnissen und die Lehre von der Arbeit. Die 
große Bedeutung von Geld und Kapital für die Wiedererzeugung 
der Güter läßt es angemessen erscheinen, die Lehre vom Gelde 
und die vom Kapital der Erörterung der volkswirtschaftlichen 
Wiederholungserscheinungen anzugliedern 2 ). 
Die volkswirtschaftlichen Gegensätze sind innere oder 
äußere. Die ersten sind Kämpfe von Begehren und Anschau 
ungen, die sich in der Seele des Individuums abspielen. Aus 
ihnen gehen der Wert und die Preise, wie auch die äußeren, 
wirtschaftlichen Gegensätze hervor. Diese sind Konflikte von 
verschiedenen Urteilen und Begehren, aber nicht mehr in der 
Einzelseele, sondern zwischen Individuen oder Gruppen von 
Individuen. Es sind die wirtschaftlichen Konkurrenzkämpfe, die, 
wenn sie akut werden, Krisen heißen. Die Krisen sind entweder 
Arbeiterausstände und -aussperrungen, oder wirtschaftliche und 
finanzielle Krisen im engern Sinn. Endlich treten unter den 
volkswirtschaftlichen Gegensätzen neben die Kämpfe die Rhythmen. 
Die Kämpfe setzen nämlich voraus, daß die einander entgegen 
tretenden Kräfte und Handlungen gleichzeitig existieren; sie 
können aber auch auf einander folgen, und in diesem Falle 
bildet deren Gegensatz einen Rhythmus a ). 
Die volkswirtschaftliche Anpassung ist eine negative oder 
eine positive. Die negative besteht in der Beseitigung eines Gegen- 
') ibid. p. 97—99. Vgl. auch: Tarde, La Logique sociale, 2. Ausi. p. 355 ff. 
2 ) ibid. p. 143 ff., p. 150. 
3 ) Tarde, loe. cit. Bd. II, p. 1 ff.
        <pb n="513" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 487 
satzes und wird in der Hauptsache durch das Recht, speziell 
das Privateigentumsrecht verwirklicht. Das Recht erzeugt die 
negative Harmonie oder Anpassung, indem es das Feld der in 
dividuellen Tätigkeit umschreibt und Schranken, die allgemein 
als unantastbar gelten, zwischen den verschiedenen Begehrlich 
keiten aufrichtet. Die positive Anpassung von Kräften und Hand 
lungen, die einander fremd waren, geschieht durch die Erfindung. 
Die Erfindung ist die wichtigste, volkswirtschaftliche Kategorie 
und das Prinzip allen Kulturfortschritts. Sie findet ihre Voll 
endung in den verschiedenen Formen und Graden der Gemein 
schaft (Association). Als solche kommen hauptsächlich in Be 
tracht: 1. die spontane Gemeinschaft zur Wiedererzeugung von 
Produkten oder die Arbeitsteilung; 2. die spontane Gemeinschaft 
der verschiedenen Bedürfnisse oder der Tausch; 3. die eigent 
liche, als solche gewollte Gemeinschaft, sei es der Produzenten 
(Kartelle, Trusts, Arbeiterberufs ver eine), sei es der Konsumenten 
(Genossenschaften). 
Tardes Einteilungsplan, den er sämtlichen Sozial Wissen 
schaften zugrunde gelegt wissen will, zeichnet sich durch Größe 
und Einfachheit aus. Für die Volkswirtschaftslehre scheint er 
sich aber schon nicht zu eignen. Das wenigste wäre, daß 
wichtige Gebiete, wie die gesamte Verteilungslehre, Rente, Zins, 
Lohn usw. einstweilen sozusagen keinen Platz darin finden. Es 
würde jedoch wohl keine Schwierigkeit bereiten, die vom Meister 
vernachlässigten Gebiete des Wirtschaftslebens in das eine oder 
andere Glied der Trilogie: Wiederholung, Gegensatz, Anpassung 
unterzubringen. Erheblicher ist schon, daß Zusammengehöriges 
auseinander gerissen wird, und andererseits häufige Wieder 
holungen vorkommen. So behandelt Tarde das Geld unter 
der Kategorie : Wiederholungen, die Preistheorie bei der Lehre 
von den Gegensätzen, den Tausch als Anpassungserscheinung. 
Die Theorie vom wirtschaftlichen Werte wird, so weit sie über 
haupt zur Berücksichtigung kommt, teils mit der Preistheorie, 
teils mit der Lehre von den Erfindungen verknüpft. Von diesen 
spricht Tarde ausführlicher im ersten Teile unter Bedürfnissen, 
unter Arbeit und unter Kapital, dann wieder im dritten Teile 
bei den Anpassungserscheinungen. Auch vom Geld handelt er 
an mehreren Stellen. Ein anderer Mangel des Tardeschen Ein 
teilungsplanes äußert sich in dem losen Zusammenhang zwischen
        <pb n="514" />
        488 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
den einzelnen Materien, die in jedes der drei Glieder seiner 
Trilogie eingereiht wurden. Man kann sich des Eindrucks manch 
mal nicht erwehren, daß die einzelnen Fragen dorthin, wo sie 
untergebracht sind, mit den Haaren herbeigezogen werden 
mußten 1 ). Der Tardesche Aufbau der Nationalökonomie ist, so 
wie er sich zurzeit darbietet, nicht festgezimmert. 
Uns will dünken, daß die Trilogie Tardes sich mindestens 
ebenso fruchtbar erwiesen hätte, wie sie es tut, während die 
angedeuteten Mängel hätten vermieden werden können, wenn 
er sämtlichen Teilgebieten der Volkswirtschaftslehre gegenüber 
das Verfahren eingeschlagen hätte, das er in einem Schluß 
kapitel auf das Bevölkerungsproblem anwendet. Dieses betrachtet 
er nämlich nacheinander unter den drei Gesichtspunkten der 
Wiederholung, der Gegensätzlichkeit und der Anpassung. 
Um uns von der Eigenart der psychologischen Fundamen 
tierung der Volkswirtschaftslehre bei Tarde und von dem 
überraschenden Reichtum an Ideen, der seine Werke füllt, 
genügend Rechenschaft geben zu können, wird es nunmehr 
nötig sein, einen kleinen Rundgang durch sein System zu 
machen. 
I. Die volkswirtschaftliche Wiederholung. Hieher rechnet 
Tarde, wie wir oben sahen: die Bedürfnisse, die Arbeit, das 
Geld und das Kapital. 
Die Bedürfnisse definiert er als eine Verbindung von Be 
gehren und Anschauungen. Das Bedürfnis nach einem Gute 
besteht darin, daß wir die Befreiung von einem Übel oder den 
Erwerb eines Vorteils begehren, und daß wir jenes Gut für ge 
eignet halten, uns zu diesem Ziele zu führen. Die Begehren 
lassen periodisch aus, die Anschauungen sind kontinuierlich, 
wenn auch nicht immer bewußt 2 ). Ein jeder von uns dreht 
beständig in einem großem oder kleineren Kreise von periodi 
schen Begehren herum, dessen Umlaufszeiten regelmäßige oder 
unregelmäßige sind. Er gerät dabei jeden Augenblick auf den 
Weg irgend einer Laune oder Leidenschaft, die stets als Ge- 
1) Wenn z. B. von den Banken und Börsen im Kapitel: Gemeinschaften 
des dritten Teiles die Bede geht, weil sie „Gemeinschaften (associations) sind, 
. . . . welche die Anpassung des Geldes an seine Funktion als Tauschmittel be 
wirken“. ibid. p. 221 ff., p. 411—412. 
2 ) Tarde, loe. cit. Bd. I, p. 210—211.
        <pb n="515" />
        Die „interpsychologische " Grundlegung der Nationalökonomie 489 
wohnheit in den Kreis der eingeketteten Begehren sich einzu 
gliedern strebt. Jedes Bedürfnis nimmt seinen Anfang mit 
irgend einer Erfindung, denn nur durch eine solche entsteht das 
Begehren nach dem betreffenden Ding. Die Verbreitung eines 
jeden Begehrens geschieht durch Nachahmung 1 * ). 
Die Leichtigkeit und Promptheit, mit denen sich die ver 
schiedenen Ordnungen von Begehren ausbreiten, ist sehr un 
gleich. Es gibt Begehren, die in dem Maße stärker und inten 
siver werden, in dem sie sich durch Gewohnheit oder Umsich 
greifen verbreiten. Die passiven, d. s. die Verbrauchsbegehren 
haben im allgemeinen eine geringere Tendenz bei ihrer Ver 
breitung intensiver zu werden, als die ihnen entsprechenden 
aktiven oder Produktionsbegehren. Das Begehren, Musik zu 
machen, wächst rascher als das, solche zu hören. Es liegt also 
in der Natur der Dinge, daß die produktive Tätigkeit in jeder 
Ordnung rascher fortzuschreiten sucht, als die entsprechende 
Verbrauchsbegierde, und daher hie und da gezwungen ist 
anzuhalten, um diese zu erwarten. Daher die Häufigkeit der 
Krisen a ). 
Jedem Begehren geht ein Empfinden oder ein Urteil vor 
aus, welche dahin gehen, daß ein gewisses Ding möglich und 
begehrenswert ist. Diesem Empfinden oder Urteil folgt das Be 
gehren; beide zusammen machen ein Bedürfnis aus. Der Volks 
wirt darf der Einwirkung dieser Urteile oder Anschauungen auf 
die Begehren, der Macht, die sie haben, Verbrauchs- oder Pro 
duktionsbegehren in den Herzen der Menschen zu wecken, seine 
Aufmerksamkeit nicht versagen. Die Begehren wirken hin 
wiederum auch auf die Anschauungen ein. Das Begehren nach 
Zeitungslektüre erzeugt z. B. die Anschauung, daß eine unbe 
grenzte Preßfreiheit unschädlich ist. Endlich verbinden sich 
Begehren und Anschauungen als Ober- und Untersatz eines 
Syllogismus, dessen Schlußfolgerung der Ausdruck einer Pflicht 
zum Handeln, eines Wollens oder direkt eine Handlung ist. 
Das ganze Handeln des Menschen geht ans solchen, meist un 
bewußten Syllogismen hervor 3 ). 
1) ibid. p. 162 ff. 
2 ) ibid. p. 173. 
3 ) ibid. p. 185.
        <pb n="516" />
        490 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Die Ideen, die Anschauungen breiten sich viel rascher aus, 
als die Begehren und Bedürfnisse. Jeder Umwälzung der Ge 
wohnheiten und Sitten geht darum eine Umwälzung der An 
schauungen voraus. Es ist ein Glück, daß dem so ist, daß der 
Mensch sich Gedanken leichter aneignet, als Begehren. Denn 
durch die Ähnlichkeit ihrer Gegenstände bringen unsere Be 
gehren uns in Gegensatz und Kampfstellung unsern Mitmenschen 
gegenüber; die Ähnlichkeit der Gedanken dagegen ist eine der 
mächtigsten Ursachen von Harmonie unter den Menschen 1 ). 
Die wichtigsten Faktoren der Verbreitung der Anschau 
ungen sind die Presse, die Reklame und die Konversationen. 
Letztere insbesondere darf der Volkswirt nicht außer acht lassen. 
Es gibt keine wirtschaftliche Beziehung, die ohne Austausch 
von gesprochenem oder geschriebenem Wort zwischen Menschen 
sich entwickelte. „Wenn auch nur acht Tage lang die Kon 
versationen in Paris verstummten, so würde das Wirtschafts 
leben ins Stocken geraten. Es gibt keinen mächtigern Weg 
weiser des Konsums und folglich keinen mächtigern, wenn auch 
indirekten Produktionsfaktor, als das Plaudern der Individuen 
in ihren Mußestunden 2 ).“ 
Die Ausbreitung der Verbrauchsbedürfnisse geht auf zwei 
verschiedenen Wegen vor sich : von oben nach unten und von 
außen nach innen ; d. h. daß erstens innerhalb einer nationalen 
Gemeinschaft die Verbrauchsbedürfnisse immer von den hohem 
zu den niedern Klassen, von den großen Städten in die kleinen 
und von hier zum flachen Lande hinabsteigen. Diese graduelle 
Assimilierung der Bedürfnisse in den verschiedenen Bevölkerungs 
schichten ist einerseits die Quelle vieler sozialen Unruhen, an 
dererseits bewirkt sie aber auch eine Stärkung der nationalen 
Einheit und Eigenart. Zweitens streben die Verbrauchsbedürf 
nisse vornehmlich mächtiger Völker immer und überall sich den 
benachbarten Völkern mitzuteilen. Diese fremde Einfuhr schä 
digt immer die nationalen Eigenarten und kann bis zu deren 
völligem Untergang führen. Andererseits fördert sie aber den 
Handel und trägt zum Weltfrieden bei, da sie das allgemeine 
Niveau der Kultur erhöht. 
*) Ibid. p. 187. 
2 ) Ibid. p. 187 ff., p. 195.
        <pb n="517" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 491 
Die Ursachen dieser beiden Arten von Ausbreitung der 
Verbrauchsbedürfnisse sind so verschieden wie ihre Wirkungen. 
Die Bedürfnisse der hohem Klassen werden von den niedern 
aus Snobismus, oder aus dem aufkommenden Empfinden des 
Rechtes auf Gleichheit nachgeahmt; die Bedürfnisse des Aus 
landes verdanken der Neuerungssucht der Einheimischen ihr 
Umsichgreifen. Der Hang, die obern Klassen oder das Ausland 
nachzuahmen, ist eine Kraft, die lange im latenten Zustand 
vorhanden ist, bevor sie sich durch Handlungen äußert. Das 
erklärt, warum eine technische Verbesserung, die den Preis 
einer Ware vermindert, genügt, um dieser, die bis dahin einem 
engen Kreise von Reichen vorbehalten war und scheinbar nicht 
von andern Klassen begehrt wurde, eine überaus rasche Ver 
breitung in neuen Schichten der Bevölkerung zu sichern. Bisher 
pflegten die Nationalökonomen jeden Augenblick diese Ver 
breitung der latenten Begehren oder virtuellen Bedürfnisse un 
bewußt vorauszusetzen x ). 
Es gibt zwei Klassen von Bedürfnissen, die im Wirtschafts 
kaufen und das Bedürfnis zu kaufen, d. h. das Angelot und die 
Nachfrage. Angebot und Nachfrage bestehen nur in Begehren 
und Anschauungen. Sie sind darum nicht objektive Begriffe, 
die sich etwa in der Zahl der Käufer und Verkäufer auf dem 
Markte, oder in der Menge der angebotenen Waren erschöpften, 
sondern haben einen wesentlich subjektiven Inhalt. Sie werden 
durch die tausend Grade des Vertrauens oder Mißtrauens, welche 
die Anschauungen erzeugen, und durch die tausend Grade der 
Intensität der Begehren bestimmt 2 ). 
Die wirtschaftliche Arbeit ist eine Ausgabe menschlicher 
Kraft, mit dem Zweck, ein wirtschaftliches Gut zu erzeugen. 
Vom Spiel unterscheidet sie sich dadurch, daß dieses Gut zur 
Befriedigung eines von dem Begehren, das in Angriff genommene 
Werk zu vollbringen, verschiedenen eigenen oder fremden Be 
gehrens dienen soll 3 ). 
Die sogenannte Arbeit, die ein Sieg im Kriege kostet, kann 
füglich der ebenso irrtümlich sogenannten Arbeit, die eine Er- 
*) Ibid. p. 202 ff. 
2 ) Ibid. p. 176 ff. 
3 ) Ibid. p. 222. 
leben eine entscheidende Rolle spielen: das Bedürfnis zu ver-
        <pb n="518" />
        492 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
findung kostet, gleichgestellt werden. Die eigentliche Arbeit 
setzt Sicherheit der Produktion voraus, aber die Wirksamkeit 
der militärischen Operationen, wie die der Forschung des Ge 
lehrten oder Ingenieurs, welche ein Problem der Mechanik zu 
lösen versuchen, sind wesentlich unsicher. Wenn im entschei 
denden Augenblick auf dem Schlachtfeld ein richtiger Blick des 
Generals den Sieg entscheidet, so ist dieser jenem Blick, jener 
plötzlichen Idee zu verdanken, nicht aber der Anhäufung der 
frühern Anstrengungen. Und wenn unter tausend Forschern 
einer durch eine plötzliche Intuition findet, was alle suchen, so 
ist das Verdienst der Entdeckung nicht den Arbeiten des Finders 
und der andern, sondern jener Intuition zuzuschreiben. „Die 
wesentliche Wirkung der Arbeit ist nicht erzeugen, sondern 
wiedererzeugen.“ Die Arbeit ist nur deshalb sicher, ihr Ziel 
zu erreichen, weil sie eine Nachahmung ist, weil der Arbeiter 
weiß, daß die von ihm aufgewandten Mittel und Verrichtungen 
immer zu dem gleichen Resultate geführt haben. 
Arbeit und Erfindung sind also scharf zu trennen. Im 
wirklichen Leben pflegen sie allerdings eng vermischt zu sein, 
wenn auch in ganz ungleichen Dosen. Die zu militärischen 
Operationen und zur technischen Forschung nötigen Anstren 
gungen sind insoweit Arbeit, als sie in bekannten Handlungen, 
also in Nachahmung bestehen; die Erfindung beginnt, wo An 
ordnung und Orientierung des Bekannten neu werden. In der 
Arbeit des Handwerkers ist ein sehr großer Teil nachahmende 
Wiederholung, und ein sehr kleiner, der dem erstem als Würze 
dient, Erfindung. Andererseits gibt es kein geniales Werk, das 
nicht seinen Teil an Nachahmung enthielte; die Leistungen der 
größten Künstler stellen eine Mischung dar von dem, was ihnen 
zu eigen gehört, und dem, was sie von ihren Lehrern oder Ri 
valen gelernt haben l ). 
Die Arbeit unterscheidet sich von der Erfindung auch noch 
dadurch, daß sie mühsam ist, während diese einen Genuß dar 
stellt. Wenn eine Arbeit interessant ist oder Freude gewährt, 
so liegt das daran, daß sie neue Aufgaben stellt und folglich 
zu Erfindungen Anlaß gibt 2 ). 
') Ibid. p. 223 ff. 
2 ) Ibid. p. 229.
        <pb n="519" />
        Die „interpsychologische" Grundlegung der Nationalökonomie 493 
Die Wiederholung einer Arbeitsverrichtung verringert im 
allgemeinen deren ermüdende Wirkung, aber vermehrt das Be 
gehren nach der speziellen Produktion, die durch sie vollführt 
wird, sowie den Glauben an deren Nützlichkeit. Die dauernde 
Hingabe an dieselbe Arbeit hat demnach die Tendenz, den 
Augenblick, wo die Ermüdung beginnt, bis zu einem gewissen 
Punkte hinauszuschieben. Daher der Vorteil der Spezialisierung '). 
Wenn wirtschaftliche Arbeitsprozesse eine Zeitlang wieder 
holt und eine Anzahl ähnlicher Güter irgend welcher Art er 
zeugt wurden, so entsteht das Bedürfnis nach einem die Quantität 
messenden Gute, das die Ähnlichkeiten der vorhandenen Güter 
synthetisiert: das ist das Geld. Das Geld ist das einzige all 
gemein austauschbare Gut. Sein Charakter als objektiver Wert 
messer ist aber mehr scheinbar als wirklich: denn die Geld 
eigenschaft der Edelmetalle ist im Grunde rein subjektiv. Sie 
beruht auf der allgemeinen Anschauung, dem universellen 
Glauben, daß die Edelmetalle gegen irgend welches wirtschaft 
liche Gut ausgetauscht werden können 2 ). 
Das Kapital endlich gehört in die Kategorie der wirtschaft 
lichen Wiederholung, weil das, was alle Definitionen des Kapi 
tals gemein haben, ist, daß es zur Wiedererzeugung von Gütern 
dient. Tarde definiert das Kapital als den Teil früherer Pro 
dukte, der notwendig oder nützlich zur Erzeugung neuer Pro 
dukte ist. Diese neuen Produkte sind aber immer schon da 
gewesenen ähnlich. Dadurch unterscheidet sich der Produktions 
prozeß vom Erfindungsprozeß. Einen bedeutsamen Unterschied 
macht Tarde zwischen dem notwendigen und dem nützlichen 
Kapital. Das notwendige Kapital besteht ausschließlich in der 
Gesamtheit der vorhandenen Erfindungen, der bekannten Her 
stellungsprozesse und Kulturmethoden. Nützliches Kapital sind 
nebst den Rohstoffen die infolge jener Erfindungen gewonnenen 
Produkte, die ihrer Natur nach als Produktionsmittel für neue 
Produkte dienen. 
Der Mensch, der außer dem intellektuellen Erbteil der 
Vergangenheit weder Samen, noch andere Rohstoffe, noch Werk 
zeuge hätte, könnte zwar nicht sofort, wohl aber später, nach
        <pb n="520" />
        494 Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
deren Beschaffung, produzieren. Wenn er dagegen Samen, Ma 
terialien und noch so vervollkommnete Werkzeuge im Überfluß 
hätte, die Herstellungsprozesse und Kulturmethoden aber nicht 
kannte, so würde er nie und nimmer produzieren können *). 
Tarde vergleicht das notwendige Kapital mit dem Keim, 
das nützliche mit den diesen umgebenden Kotyledonen eines 
Samenkorns. „Die Volkswirte,“ meint er, „die Ersparnisse und 
Anhäufung früherer Produkte ausschließlich für Kapital halten, 
gleichen Botanikern, die über den Kotyledonen eines Samen 
korns dessen Keim vergessen würden 2 ).“ 
Das notwendige Kapital wird durch Genie und Findigkeit 
vermehrt, das nützliche durch Arbeit und Sparen. Das erste 
wird durch neue Erfindungen oder Bedürfnisverschiebungen 
zerstört, das zweite durch irgend welche physische Katastrophen 
oder kriegerische Plünderungen. Das nützliche Kapital, das 
„capital-cotylédon“, folgt dem Schicksale des notwendigen, des 
„capital-germe“, nicht umgekehrt. Durch eine neue Erfindung 
wird nicht nur die alte überholt, sondern mit ihr die ganze ihr 
angepaßte maschinelle Ausrüstung. Wenn die Luftschiffahrt 
derart vervollkommnet werden sollte, daß sie alles zu trans 
portieren vermöchte, so wären alle kostspieligen Eisenbahn 
anlagen totes Kapital. Umgekehrt, wenn alle Eisenbahnen der 
Welt zerstört würden, aber keine neue Erfindung gemacht würde, 
so würde die Kenntnis des Lokomotivbaus ihren ganzen Kapital 
wert behalten 3 ). 
II. Die volkswirtschaftlichen Gegensätze. Hierher gehören : 
die Preisbildung, die Konkurrenz, die Krisen und die Rhythmen. 
Die innern wirtschaftlichen Gegensätze, oder Kämpfe von 
Begehren und Anschauungen, die sich in der Seele des Indi 
viduums abspielen, haben die Preise als Ergebnis. Tarde be 
trachtet die Preisbildung hauptsächlich vom Standpunkt des 
Verkäufers, weil die tatsächliche Entwicklung nach ihm dahin 
geht, daß die Preise in zunehmendem Maße vom Verkäufer ein 
seitig festgesetzt werden. 
Den Fall, daß die Produzenten einer Ware sich mit ganz 
gleichen Waffen bekämpfen und wirklich ganz frei miteinander 
x ) Ibid. p. 330 ff. 
2 ) Ibid. p. 336. 
n Ibid. p. 338.
        <pb n="521" />
        Die „interpsycliologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 495 
konkurrieren, hält Tarde für äußerst selten. Für ihn ist jeder 
Verkäufer fast immer irgendwie Monopolinhaber. Ein Verkäufer 
nun, der alle Exemplare einer in begrenzter, augenblicklich nicht 
vermehrbarer Zahl bei ihm vorhandenen Ware so teuer als mög 
lich zu verkaufen sucht, wird nach Tarde seinen Preis nicht 
nach den Produktionskosten bestimmen, sondern nach Gesichts 
punkten, zu denen vorab folgende drei gehören: 1. die größere 
oder geringere Verbreitung des Bedürfnisses, das seine Ware zu 
befriedigen geeignet ist; 2. der Vermögensstand der am wenig 
sten Begüterten unter denen, die jenes Bedürfnis haben, und die 
nach Maßgabe des vorhandenen Warenvorrats noch als even 
tuelle Käufer in Betracht kommen ; 3. die Intensität des schwäch 
sten Bedürfnisses, das noch durch die vorhandene Warenmenge 
befriedigt werden kann. Die Grenznutzentheorie, die Tarde 
einer ziemlich herben Kritik unterwirft, berücksichtigt nur diesen 
letzten Gesichtspunkt *). 
In zweiter Linie stellt Tarde die Idee vom gerechten Preise 
als ein hochbedeutsames Moment der tatsächlichen Preisbestim 
mung hin. Er schreibt: „Es ist von großer Wichtigkeit auf die 
Bildung der Idee vom gerechten Preise acht zu haben, weil sie 
einer der wesentlichen Faktoren des tatsächlichen Preises ist. 
Warum ist es unmöglich diese Idee auszuschalten, was man 
auch tue? Warum gelingt es ebenso wenig sie als eine meta 
physische Chimäre zu ächten, als sie dem festgelegten Preise 
gleichzusetzen, den im Grunde immer der Stärkere dem Schwa 
chem auferlegt? Ist es nicht weil das Gefühl der Sympathie 
des Menschen für den Menschen derselben Quelle sozialer Be 
ziehungen entspringt, die die Menschen in Kampfstellung gegen 
einander bringt? Wenn Eigenliebe und Stolz sich trotzen, wenn 
Tarde, loe. eit. Bd. II, p. 22 ff., p. 58. 
Tarde bestreitet, daß selbst in dem Fall freiester Konkurrenz, den er 
für eine seltene Ausnahme hält, der Preis der zum Verkauf gelangenden 
Waren durch die Produktionskosten bestimmt wird. Dieser sinkt vielmehr bis zu 
dem Punkte, wo der Gewinn der Produzenten geringer wird als jener, den letztere 
zu machen begehren und zu erlangen hoffen, wenn sie mittelst der aus dem 
sofortigen Losschlagen ihrer Waren realisierten Produktionsmittel neue Waren 
erzeugen. Es kann sein, daß sie — wie alljährlich mehrere große Geschäfts 
häuser in Paris, die ihre Warenlager räumen wollen — Interesse daran haben, 
den Preis ihres jetzigen Artikels sogar weit unter die Produktionskosten 
zu setzen, loc. eit. p. 29.
        <pb n="522" />
        496 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
die Interessen einander gegenübertreten, so findet doch anderer 
seits eine Annäherung und Harmonisierung der Gefühle statt. 
Besonders geschieht dies durch die Konversation, durch die 
gegenseitige Transfusion der Seelenzustände. Daher jene kon 
stante Gewohnheit sich untereinander zu vergleichen, sich geistig 
ineinander zu spiegeln, die bewirkt, daß die Menschen auf die 
Dauer von der Idee beherrscht werden, daß die Vorteile eines 
Geschäftes zwischen den vertragschließenden Parteien gleich zu 
teilen sind. Diese Gleichteilung der Vorteile oder auch der 
Nachteile ist ein höherer Optativ, den die nachahmende Sym 
pathie mit Notwendigkeit suggeriert. Der selbstischste Unter 
nehmer kann nicht umhin, in dem Augenblicke, wo er einen 
ungerechten Preis oder Lohn jemandem auferlegt, der ihn an 
zunehmen gezwungen ist, an die Beurteilung zu denken, die 
sein Handeln bei einem unparteiischen Dritten finden müßte. 
Der Unparteiische wird aber den Preis für gerecht halten, wenn 
in seinen Augen die beiden vertragschließenden Parteien bei 
dem Geschäfte die Befriedigung gleich intensiver, wenn auch 
unähnlicher Begehren finden . . .“ *). 
Von der Preistheorie geht Tarde über zu den äußern oder 
inter psychologischen wirtschaftlichen Gegensätzen. Sie umfassen: 
1. Die Kämpfe zwischen den Produzenten untereinander 
und zwar: a) zwischen Produzenten eines und desselben Be 
triebes (zwischen Arbeitern und Arbeitgebern) ; b) zwischen den 
Produzenten derselben Produkte innerhalb eines nationalen 
Wirtschaftsgebietes; c) zwischen Produzenten derselben Produkte, 
welche verschiedenen Volkswirtschaften angehören; d) zwischen 
Produzenten verschiedener Produkte. Letztere Konkurrenz 
erscheinung wird wenig beachtet, besteht aber dennoch, weil 
die verschiedenen Produkte sich um das Begehren der Kon 
sumenten streiten, wie auch die jeweiligen Anschauungen über 
die Geeignetheit gewisser Produkte zur Bedürfnisbefriedigung 
Änderungen unterworfen sind. 
2. Die Gegensätze zwischen den Konsumenten. Solche ent 
stehen: a) wenn welche sich den ausschließlichen Genuß ge 
wisser (seltener) Güter vorbehalten wollen; b) wenn eine Volks 
wirtschaft sich den ausschließlichen Genuß gewisser Güter sichern 
i) Tarde, loe. cit. Bd. II, p. 39—40.
        <pb n="523" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 497 
will (z. B. im Falle von Ausfuhrverboten, staatlicher Kriegs 
waffenfabrikation usw.); c) wenn Interessenkonflikte in bezug 
auf gewisse Güter entstehen (z. B. werden Maiskonsumenten es 
nicht gerne sehen, daß der Tabakbau in einer Gegend den Mais 
verdrängt). 
3. Die Gegensätze, die zwischen Produzenten und Kon 
sumenten entstehen: a) im Falle von Monopolpreisbildungen 
durch Trusts, Maximumgesetzen und staatlichen Preisfestsetzungen 
(Apotheken); b) wenn die Quantität oder die Qualität von vor 
handenen Gütern mit den Bedürfnissen in Widerstreit geraten 
(Krisen). 
4. Die Gegensätze finanzieller Natur, bei denen das Geld 
mit sich selber im Kampfe ist oder mit den Bedürfnissen der 
Produzenten und Konsumenten. Ersteres trifft zu, wenn ver 
schiedenartige Münzen auf demselben Markt um den Vorrang 
streiten, oder bei Münzverschlechterungen, wo der reale Münz 
wert zu dem nominalen in Gegensatz tritt, oder wenn das wirk 
liche Wertverhältnis von Gold und Silber dem gesetzlich fest 
gelegten nicht entspricht. Darum gehört die Frage des Bi 
metallismus hieher. Das Geld tritt in Gegensatz zu den Bedürf 
nissen der Produzenten und der Konsumenten, wenn es zu 
reichlich oder zu knapp auf dem Markte auftritt, d. h. wenn 
es der Menge der erzeugten Waren und der angebotenen Dienste, 
oder der Intensität des allgemeinen Tauschbedürfnisses quanti 
tativ nicht angepaßt ist; derselbe Gegensatz kann aber auch 
durch eine qualitative Nichtübereinstimmung von Geld und 
Tauschbedürfnis verursacht sein, wenn z. B. die Münzeinheit 
schlecht gewählt ist (franc und centime sind nach Tardes 
Ansicht zu niedrig bemessen), oder wenn die Münzstückelung 
unzweckmäßig ist 1 ). 
Was Tarde in allen diesen Erscheinungen interessiert, ist 
weniger deren ökonomische Natur, als ihr psychologischer 
Werdegang. 
Wenn die volkswirtschaftlichen Konkurrenz- oder Gegen 
satzerscheinungen sich zu akuten Konflikten zwischen Gruppen 
oder Massen von Individuen zuspitzen, so nennt man sie 
Krisen. Was alle Krisen, auch nichtwirtschaftliche, z. B. mini- 
») ibid. p. 57 ff. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich, 
32
        <pb n="524" />
        498 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
sterielle, religiöse, sittliche, sprachliche usw., Gemeinsames haben, 
ist, daß gewisse Erwartungen getäuscht werden. Das kann die 
Wirkung bewußter und gewollter menschlicher Handlungen, 
oder jene äußerer Ereignisse sein. Im ersten Fall sind die 
Krisen durch wirkliche Kriege, intensive Kämpfe, verzweifelte 
Konkurrenz verursacht. Im zweiten Fall sind sie „ein all 
gemeines Hineinfallen in denselben Graben“. Tarde nennt die 
ersteren crises-guerres, die zweiten crises-chutes. Der tiefere Grund 
der ersteren ist eine Erfindung, eine technische Neuerung, die 
eben aufkommt, und die irgendwelche Industrie, welche auf 
eine ältere Erfindung gegründet ist, niederwerfen muß, um sich 
durchzusetzen. Darum ist deren Wirkung häufig eine segens 
reiche, den Fortschritt fördernde. Der tiefere Grund der „crises- 
chutes “ ist das Fieber akuter Nachahmung, das einige Zeit oder 
selbst lange nach dem Aufkommen von Erfindungen herrscht. 
Die Krisen von 1843 und 1857 waren z. B. durch den unge 
stümen Drang nach beschleunigten und überhasteten Eisen 
bahnbauten veranlaßt. Die unmittelbare Wirkung derartiger 
Krisen ist eine allgemeine Depression der wirtschaftlichen Kräfte. 
Die „crises-guerres“ erklären sich also aus einer Erschei 
nung der Individualpsychologie, der Erfindung; die „crises- 
chutes “ aus einer Erscheinung der Interpsychologie, der Nach 
ahmung x ). 
Die Hauptfälle von rhythmischen Gegensätzen sind die Auf 
einanderfolge von Hochkonjunktur und Krise im Wirtschafts 
leben, und von Hausse und Baisse an der Börse. Man darf mit 
den rhythmischen Gegensätzen die rhythmischen Anpassungen, 
z. B. die regelmäßige Wiederholung von Arbeitsverrichtungen, 
nicht verwechseln 2 ). 
III. Die volkswirtschaftliche Anpassung. Hierher rechnet 
Tarde: die Erfindungen, das Eigentum, den Tausch und die 
Gemeinschaften. 
Die Erscheinungen der Wiederholung, Gegensätzlichkeit 
und Anpassung befinden sich in beständigem Kreislauf und be 
ständiger Wechselwirkung. Wenn deshalb die wirtschaftliche 
Anpassung auch Probleme löst, welche Wiederholung und Gegen- 
') ibid. p. 139 ff. 
*) ibid. p. 209 ff.
        <pb n="525" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 499 
sätzliclikeiten stellten, so sind diese Lösungen doch nur von 
vorübergehendem Wert, weil die Anpassung fortwährend neue 
Gegensätze erzeugt. Tarde nennt die wirtschaftlichen An 
passungen auch wohl Harmonien l ). 
Neben der uns schon bekannten Einteilung der Anpassungen 
in positive und negative kennt Tarde mehrere andere. Davon 
erwähnen wir nur die, welche auf der Unterscheidung von inneren, 
individuellen und äußeren, sozialen Harmonien beruht. Erstere 
sind die Voraussetzung letzterer. Das Beispiel der hauptsäch 
lichsten Anpassungserscheinung, der Erfindung, veranschaulicht 
dies am besten. Jede Erfindung besteht in der Vereinigung zweier 
Ideen, die bis dahin als einander fremd oder gar entgegengesetzt 
galten. Schauplatz dieser Ideenassoziation ist immer das Gehirn 
eines Individuums. Von dort aus veräußerlicht sie sich und 
breitet sich durch Arbeitsteilung aus. Die Erfindung, eine innere, 
individuelle Anpassung von früher einander fremd gebliebenen 
Elementen, ist also die Mutter der Arbeitsteilung, der äußern, 
sozialen Harmonie der verschiedenen Arbeiten, und damit auch 
des Tausches, der äußern, sozialen Harmonie der Arbeiten und 
Bedürfnisse und der Bedürfnisse untereinander. Um sich jedoch 
fortdauernd entwickeln zu können, bedarf der Tausch, außer 
der Voraussetzung von Erfindung und Arbeitsteilung, d. h. der 
Produktion für den Markt, einer Sicherung des Marktes. Damit 
ein Mann die Idee fassen könne, seinen Lebensunterhalt dadurch 
zu erlangen, daß er für die Befriedigung eines bestimmten Be 
dürfnisses der an einem Orte wohnenden Menschen arbeitet, 
muß die Mehrheit dieser aus der Phase der unbeständigen 
Launen herausgewachsen sein, und durch eine geregelte Lebens 
führung die innere, individuelle Harmonie ihrer verschiedenen 
Bedürfnisse erreicht haben, welche eine periodische Wiederkehr 
desselben Bedürfnisses garantiert 2 ). Der Tausch setzt also letzt 
lich zwei Anpassungen voraus : auf Seiten des Produzenten die 
Erfindung, auf Seiten des Konsumenten die Gewöhnung an 
regelmäßige Bedürfnisse. 
In enge Verbindung mit der Theorie von der grundlegenden 
Bedeutung der Erfindungen für das Wirtschaftsleben bringt 
b ibid p. 209 ff. 
2 ) ibid. p. 213 ff., Bd. I. p. 166 ff.
        <pb n="526" />
        500 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Tarde seine Lehre vom wirtschaftlichen Wert *). Die Erfindungen 
erzeugen die Begehren, die Begehren den Wert. Die Erfindungen 
sind dessen erste Quelle 2 ). Der Wert ist das Ergebnis entweder 
eines Konfliktes, oder eines Zusammenwirkens von Anschauungen 
und Begehren. 
Nehmen wir zunächst den Wert, der das Ergebnis eines 
Konfliktes von Begehren und Anschauungen ist, d. h. den Preis 
oder Kostenwert, den Tarde auch wohl valeur-lutte nennt. 
Robinson hat das Begehren nach einem Hasen und das 
Begehren nach einem Fisch. Er kann aber zu gleicher Zeit 
nur den einen von beiden haben. Es findet ein Kampf zwischen 
beiden Begehren in seiner Seele statt. Die Befriedigung des 
einen bezw. der Erwerb des Hasen ist nur möglich um den 
Preis des Verzichtes auf das andere Begehren bezw. auf den 
Erwerb des Fisches. Der Hase kostet den Fisch. Der Wert 
in der hier gemeinten Bedeutung, d. h. der Kostenwert oder 
Preis, ist also das Resultat des Konfliktes zwischen zwei oder 
mehreren, bewußten oder unbewußten, „teleologischen“ Syllo 
gismen, von denen jeder ein empfundenes Bedürfnis zum Ober 
satz, ein Urteil über ein Mittel zu dessen Befriedigung zum 
Untersatz, und die Pflicht, dieses Mittel zu erwerben oder zu 
behalten, zur Schlußfolgerung hat. Bei dem Konflikte, der ent 
brennt, muß eine dieser Pflichten der andern geopfert werden. 
Bis hierher ist der Kostenwert eine innere, individual 
psychologische Erscheinung, welche in dem innern Schwanken 
zwischen zwei Gütern, das durch den Verzicht auf das eine der 
selben beendet wird, besteht. Um von diesem intra-individuellen 
zu dem äußern, sozialen Sinne des Kostenwertes zu gelangen, 
genügt es, daß die beiden Güter, zwischen denen gezaudert 
wird, im Besitz zweier verschiedener Personen gedacht seien. 
In diesem Fall ist das Begehren nach einem Gute, das ein 
anderer besitzt, nur durch Tausch zu befriedigen. Über die 
Momente, welche zur Bestimmung des Kostenwertes oder Preises 
1) Über „Die Gesetze der Erfindung 1 ' und über den „wirtschaftlichen 
Wert“ siehe auch Tarde, La Logique sociale, 2. Auflage, Paris 1898, cap. 4 
p. 151 ff. bezw. cap. 8 p. 356 ff. 
2 ) Tarde, Psychologie économique, Bd. I, p. 167 ; La Logique sociale.
        <pb n="527" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 501 
im Tauschfall führen, wurde oben berichtet. Der Kosten wert, 
als Ergebnis eines Konfliktes zwischen Begehren und Anschau 
ungen, ist denn auch eine Erscheinung der wirtschaftlichen 
Gegensätzlichkeit, während der Gebrauchswert, zu dem wir jetzt 
übergehen, recht eigentlich eine Anpassungserscheinung ist 1 ). 
Der Gebrauchswert beruht darauf, daß es Begehren gibt, die 
sich unterstützen, die zusammenwirken. Darum nennt ihn Tarde 
auch wohl valeur-aide. Wenn ein Begehren uns durch seine 
Befriedigung instand setzt, ein anderes besser zu befriedigen, 
so wächst dadurch für uns der Wert, den wir der Brauchbar 
keit beilegen, die zur Befriedigung des ersten Begehrens dient. 
Die Speise, die ein Mensch zu sich nimmt, dient nicht nur 
dazu, seinen Hunger zu stillen, sondern sie wirkt mit an der 
Erzeugung aller jener Handlungen und Arbeiten, die sich im 
Gefolge seines gestillten Hungers bei ihm abwickeln werden. 
Das kleinste Stück Brot wird einen um so großem Wert haben, 
je länger und vielseitiger die Serie der Handlungen sein wird, 
welche es den Menschen, der es ißt, zu vollbringen instand setzt, 
je intensiver die Bedürfnisse sind, zu deren Befriedigung es ihn 
befähigt. Der Gebrauchswert hat, wie der Kosten wert, eine 
individualpsychologische und eine soziale oder volkswirtschaft 
liche Existenz. Individualpsychologisch mißt er sich an dem 
Grade der Zweckmäßigkeit des individuellen Handelns; volks 
wirtschaftlich mißt er sich an dem Grade des Zusammen 
wirkens der arbeitsteiligen oder richtiger arbeitsgemeinschaftlichen 
Tätigkeit 2 ). 
Der Kostenwert und der Gebrauchswert wechseln in um 
gekehrtem Verhältnis. Bei jeder Erfindung, die uns instand 
setzt, ein Gut durch Ge- oder Verbrauch in einer neuen Weise 
nutzbar zu machen, steigt dessen Gebrauchswert, während sein 
Kostenwert abnimmt. Allerdings vermehrt eine neue Erfindung 
zunächst die Begehren im Herzen der Menschen und folglich 
*) Tarde, La Logique sociale, p. 358 ff. 
2 ) Tarde drückt die Zweiteilung des Wertes in Preis und Gebrauchswert 
auch wohl wie folgt aus: „Ein Ding ist wert: 1) was sein Erwerb kostet, 
2) was es zu erwerben instand setzt, wenn man es austauscht, oder was es zu 
erzeugen beiträgt, wenn man es verbraucht.“ Tarde, La Logique sociale, 
p. 382.
        <pb n="528" />
        502 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
die Konflikte dieser Begehren; sie werden jedoch andererseits 
geschwächt durch die Konkurrenz und die Verringerung der 
Produktionskosten, welche im Gefolge der Erfindung auftreten ; 
vollends bewirken die fortwährende Zunahme der Absatzgelegen 
heiten, sowie die Fortschritte der Organisation der Arbeit und 
des Handels eine Verbindung und ein Zusammenwirken der 
Begehren, die rascher anwachsen als deren Konflikte. Man kann 
sagen, daß der wirtschaftliche Fortschritt in dem schrittweisen 
Vorrücken des Gebrauchswertes und dem entsprechenden Zurück 
weichen des Kostenwertes der Güter besteht. Der allgemeine, 
kulturelle Fortschritt hängt eng damit zusammen. Je geregelter 
und zielbewußter die Lebensführung der Menschen, je enger der 
Zusammenhang ihrer Bedürfnisse und Handlungen, desto größer 
der Gebrauchswert einer jeden einzelnen, zur Befriedigung 
eines bestimmten Bedürfnisses geeigneten Brauchbarkeit und 
desto geringer ihr Kosten wert *). 
Es bleiben noch einige Worte zu sagen über das Eigen 
tum, den Tausch und die Gemeinschaften. 
Wir haben schon angedeutet, daß Tarde das Privateigen 
tum als eine Erscheinung „negativer“ Anpassung auffaßt, weil 
es den Widerstreit der Individuen und der Gruppen dadurch 
aus der Welt schafft, daß es das Feld der individuellen Tätig 
keit mit allgemein als unantastbar geltenden Schranken umgibt. 
Das Eigentum kann aber auch als ein Mittel „positiver“ An 
passung des Menschen an den Boden oder an ein Kapital zum 
Zweck der Güter(wieder)erzeugung betrachtet werden. 
Das Eigentum verdankt seine harmonisierende, anpassende 
Kraft nicht seinem objektiven, realen Sein, sondern dem all 
gemeinen Glauben an seine Berechtigung. Sobald beim Grund 
eigentümer oder beim Kapitalisten der Glaube an sein Recht, 
oder beim Proletarier die Anerkennung dieses Rechtes Einbuße 
erleidet, nimmt die Macht des Eigentums, den Frieden zu 
sichern, ab, und die entgegengesetzten Begehren, die jener all 
gemeine Glaube gefesselt hielt, beginnen zu erstarken. Das be 
deutet, daß die Zeit einer Umwandlung des Eigentumsbegriffes 
nahe ist. Tarde tritt jedoch mit großer Entschiedenheit gegen 
die kollektivistischen Bestrebungen und für die Erhaltung des 
]) ibid. p. 357 ff., p. 382—383. — Psychologie économique, Bd. II, p. 231 ff.
        <pb n="529" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 503 
Privateigentums besonders an Grund und Boden ein. Wenn die 
Anhänglichkeit des Menschen an die Erde gelöst würde, so 
würde damit ein ganzes Heer von Gegensätzen entfesselt, und 
eine allgemeine Entwurzelung der bestehenden sozialen Ein 
richtungen hervorgerufen. Das wäre für die allgemeine Har 
monie des Wirtschaftslebens sehr gefahrbringend. Die Vertei 
lung von Grund und Boden, wie sie historisch entstanden und 
geworden ist, läßt zwar viel zu wünschen übrig. Deshalb 
soll sie jedoch nicht brutal beseitigt, sondern reformiert 
werden. Wie das geschehen soll, wird von Tarde nicht aus 
geführt i). 
Der Tausch hat sich wahrscheinlich aus Geschenken und 
Kaub entwickelt. Das beweisen einerseits die Erzählungen der 
Reisenden, die mit wilden Völkerstämmen in Berührung kamen, 
andererseits die tägliche Erfahrung auf den Spielplätzen unserer 
Schulkinder 2 ). 
Der soziale Gewinn des Tausches, vom Gesichtspunkt der 
Harmonisierung der Interessen und Ideen aus, ist um so größer, 
je gerechter der Tausch ist, d. h. je näher der wirkliche Preis 
dem gerechten kommt 3 ). 
Bei den Beziehungen der Völker untereinander kommt es 
nicht so sehr auf den Freihandel an, als auf den freien Aus 
tausch der wissenschaftlichen, künstlerischen, sittlichen Güter, 
der mit wirtschaftlichem Protektionismus sehr gut vereinbar ist. 
Man muß sich hüten, den wirtschaftlichen Protektionismus der 
modernen Völker, die sich mit Zollschranken umgeben, während 
die Personenzüge, Telegramme, Zeitungen durch 1000 Breschen 
ihrer Grenzen frei verkehren, mit jenem der barbarischen oder 
halbkultivierten Völker zu verwechseln, welcher wesentlich auf 
sittlichem und sozialem Protektionismus beruht und sich feind 
selig gegen alles Fremde abschließt. Selbst wenn die modernen 
Völker kein einziges Produkt mehr austauschen würden, so 
bliebe doch noch der Austausch all ihrer produktiven Erfin 
dungen und intellektuellen Produkte, der übrigens den 
*) Tarde, Psychologie économique, Bd. II, p. 223 ff., 298 ff. 
s) ibid. p. 346 ff. 
3 ) ibid. p. 233.
        <pb n="530" />
        504 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
wirtschaftlichen Freihandel früh oder spät nach sich ziehen 
muß i). 
Der Tausch hat die Tendenz, sich selbst auszuschalten und 
eine Wirtschaftsordnung anzubahnen, in der das Geschenkgeben, 
dem er entsprungen ist, überwiegen wird. Denn der Fortschritt 
der wirtschaftlichen Anpassung besteht darin, die Toten und 
die Naturkräfte immer mehr für die Lebenden arbeiten zu 
lassen. Wenn die von den Toten hinterlassenen Erfindungen 
und die dienstbar gemachten Naturkräfte genügen würden, alle 
Bedürfnisse der Lebenden zu befriedigen, so wären alle Pro 
dukte unentgeltlich und es gäbe keinen Tausch mehr. Einst 
weilen ist dies nicht erreicht; aber die Menge der unentgelt 
lichen Güter nimmt mit jedem Fortschritt der Kultur absolut 
und relativ zu 2 ). 
Nach Vorwegnähme des Tausches bleiben an spontanen 
Gemeinschaften noch die Arbeitsgemeinschaft, oder, was dasselbe 
ist, die Arbeitsteilung; an bewußten und gewollten, als solche 
organisierten Gemeinschaften die verschiedensten Arten von 
Genossenschaften. Tarde schließt sich in seinen Ausführungen 
zu diesem Thema eng an die bekannten, einschlägigen Unter 
suchungen von Karl Bücher (Entstehung der Volkswirtschaft) 
an. Dabei entrollt er ein Zukunftsbild, welches dem von Ch. 
Gide gezeichneten sehr nahe kommt. Es ist zweifellos, meint 
Tarde, daß die nächste Zukunft eine mächtige Entwicklung des 
genossenschaftlichen Geistes bringen wird. Wir steuern jedoch 
nicht, wie es die Sozialisten wollen, auf eine Vereinheitlichung 
und Zentralisierung des genossenschaftlichen Zusammenschlusses, 
sondern auf ein vielfach verschlungenes Netz reich gegliederter 
Genossenschaften hin. Das fortschreitende Ineinandergreifen 
der genossenschaftlichen Gruppierungen der Menschen, die zu 
nehmende Menge unentgeltlicher Güter, welche zum größten 
Teile den Erfindungen der vorausgegangenen Geschlechter zu 
verdanken ist, endlich die schrittweise Selbstausschaltung des 
Tausches, die dem Überwiegen altruistischer Gefühle der Sym 
pathie über den Egoismus die Bahn frei macht, bereiten eine
        <pb n="531" />
        Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 505 
Gesellschaftsordnung vor, in welcher der Solidaritätsgedanke in 
großartiger Weise verwirklicht sein wird 1 ). 
Am Ausgangspunkt die Harmonie des Weltalls, am Ziel 
punkt die Solidarität des Menschengeschlechtes: das sind Ge 
sichtspunkte, die so recht den mächtigen Gedankenflug Tardes 
veranschaulichen! Wenn wir nunmehr abschließend das, was 
er für die Volkswirtschaftslehre geleistet hat, würdigen sollen, 
so ist zunächst zu bedauern, daß er von der volkswirtschaft 
lichen Literatur und dem Stande der Wissenschaft in seinen 
Tagen nur eine ungenügende Kenntnis besaß; der Umstand, 
daß ihm sowohl die deutsche als die englische Sprache fremd 
geblieben waren, ist für ihn besonders nachteilig gewesen, denn 
gerade in der Richtung seiner Forschungen hätte er in den vor 
seinem Tode noch nicht ins Französische übertragenen Werken 
von Bücher, Schmoller, Böhm-Bawerk, Marshall u. a. Ansätze 
und Vergleichspunkte gefunden, deren Berücksichtigung den 
Wert seiner Arbeiten nur hätte erhöhen können. Dennoch ge 
bührt dem Autodidakten, der sich in der Einsamkeit selber 
gebildet hatte, und dem kein Gebiet menschlichen Wissens 
fremd geblieben ist, alle Achtung. Sein Versuch, die Volks 
wirtschaftslehre durchgreifend psychologisch zu fundamentieren, 
das Wirtschaftsleben aus der geistigen Tätigkeit der wirtschaf 
tenden Menschen zu erklären, stellt eine sehr fruchtbare Leistung 
dar, welche die Arbeiten der österreichischen Schule, sowie jene 
von Walras, Pareto, Marshall, Bücher u. a. vielseitig mit feinem 
Sinn und großer Gedankenkraft ergänzt. Die Werke Tardes 
sind reich an originellen Ideen und an großartigen Ausblicken, 
die allerdings hie und da ins Utopische hinauswachsen. Seine 
Sprache ist von bestrickendem Wohllaute, wenn auch nicht 
immer ganz klar; aber er redet aus der Tiefe der Seele, mit 
großer Aufrichtigkeit und Überzeugungskraft, dabei stets auf 
rhythmische und musikalische Sprachbehandlung bedacht. 
Vor allem enthält die Bedürfnislehre Tardes viele wert 
volle Beobachtungen und kostbare Anregungen. Wir glauben 
jedoch nicht, daß seine Gegenüberstellung von Erfindung und 
Arbeit Anklang finden wird. Sie beruht auf einer derart sub 
tilen Abstraktion — Tarde erkennt selbst an, daß in der Wirk- 
l ) ibid. p. 384 ff
        <pb n="532" />
        506 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
lichkeit Arbeit und Erfindung aufs innigste verbunden zu sein 
pflegen — daß mit ihr nicht viel mehr als eine gefährliche 
Fehlerquelle für das Räsonnement gewonnen ist. Es würde der 
Wirklichkeit näher kommen, die Erfindung als eine besondere, 
intensive Art von Arbeit zu behandeln. Warum nicht sagen: 
die Arbeit ist entweder Erfindung oder Nachahmung? Glück 
licher als jene Gegenüberstellung, die wir beanstanden, ist die 
Einreihung der Erfindungen — Herstellungsprozesse und Kultur 
methoden — unter den Kapitalbegriff, wenn auch die Rolle von 
Rohstoffen und Produktionsinstrumenten im Vergleich zu der 
der Erfindungen zu sehr herabgemindert wird. 
Der Umstand, daß Tarde den Erfindungen eine über 
ragende Rolle im Wirtschaftsleben zuschreibt, hat unter anderm 
zur Folge, daß bei ihm die Rolle des Unternehmers gegenüber 
der des Arbeiters im Produktionsprozeß stark in den Vorder 
grund tritt. Denn die Tätigkeit des Unternehmers besteht in 
viel höherm Maße in Erfindung, als die des Arbeiters, die sich 
fast ganz in Nachahmung erschöpft. Gewiß tritt Tarde uner 
müdlich gegen den orthodoxen Liberalismus in die Schranken 
und stellt den Menschen ins Zentrum des wirtschaftswissen 
schaftlichen Interesses. Aber seine Volkswirtschaftslehre hat 
darum nicht weniger einen ausgesprochenen Charakter von 
Unternehmer-, nicht Arbeiterfreundlichkeit. 
Die psychologische Grundlegung, welche Tarde der National 
ökonomie gibt, hat nicht nur ein bisher ungeahntes Hervortreten 
der Rolle von Erfindung und Nachahmung im Wirtschaftsleben, 
sowie vor allem eine vielseitige Bereicherung der Bedürfnislehre 
bewirkt, sondern auch eine weitausholende Bestätigung der 
subjektiven Werttheorie gezeitigt. Über die Grenznutzentheorie 
urteilt Tarde allzu abfällig, offenbar weil er deren Tragweite 
nur teilweise erkannt hat; man darf aber nicht übersehen, daß 
er auch sie glücklich ergänzt hat. Immerhin ist seine Wert- 
und Preislehre ungenügend ausgebaut. 
Den Gesamteindruck, den Tardes interpsychologische 
Soziologie und speziell sein Werk „Psychologie économique“ 
beim Leser hinterläßt, hat Professor Mahaim aus Lüttich in fol 
gende treffende Worte gekleidet: „L’impression générale que 
laisse ce livre est celle d’une majestueuse et harmonieuse forêt. 
Elle a des allées grandioses, des perspectives infinies admirable-
        <pb n="533" />
        ment ménagées; elle offre à plus d’un endroit 
Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomi 
d’arbres démesurés; elle réserve souvent autant d'étonneffreïTf 
que de joie; elle foisonne d’essences rares et variées; elle a des 
clairières et aussi des lacunes. Mais elle présente des matériaux 
sans nombre pour les constructions futures 1 )“. 
Emile Durkheim, Professor der Soziologie an der Sorbonne 
in Paris 2 ), bietet mit seinem Schüler Simiand ein Gegenstück 
zu Tarde. Dieser war ein intuitiver Geist, von künstlerischer, 
dichterischer Veranlagung ; Durkheim dagegen ist ein nüchtern 
systematisch, streng methodisch denkender Theoretiker. Tarde 
subjektiviert das Wirtschafts- und das gesamte gesellschaftliche 
Leben, und sucht es aus der seelischen Tätigkeit der Menschen 
zu erklären; für ihn sind die wirtschaftlichen und gesellschaft 
lichen Erscheinungen wesentlich psychologischer Natur. Durk 
heim objektiviert das soziologische Erscheinungsgebiet und er 
richtet eine Scheidewand zwischen der Seinsweise psychischer 
Phänomene und jener, die den gesellschaftlichen Erscheinungen 
eigentümlich ist. Für ihn sind die psychischen Phänomene 
eine unbestimmte Materie, die durch die Tatsache der „Asso 
ziation“ zu neuen Wesen und zu einer neuen Ordnung von 
Wirklichkeiten umgewandelt werden 3 ). 
1 ) Ernest Mahaim, L’Economie politique de M. Tarde, in „Revue 
d'économie politique“, 1903, p. 34. 
2 ) Von Dürkheims Werken kommen für uns in Betracht: De la Division 
du travail social, Paris 1893, 2. Auflage 1902. — Les Règles de la Méthode 
sociologique, Paris 1895, 4. Auflage 1907; deutsche Übersetzung 1907. 
3 ) Durkheim versucht die im Grunde auf Condorcet zurückreichende 
Auffassung (vgl. H. Denis, Histoire des Systèmes économiques et socialistes, 
Bd. II, Paris 1907, p. 31), daß die gesellschaftlichen Erscheinungen eine 
ihnen eigentümliche Seinsweise haben und nicht durch innere Wahrnehmung, 
d. h. durch Erscheinungen der Individualpsychologie erklärt werden können, 
induktiv zu beweisen. (Durkheim, Les Règles de la Méthode sociologique, cap. 5). 
Es würde über den Rahmen des vorliegendes Werkes hinausführen, wenn wir 
darauf näher eingehen wollten. Übrigens kommen wir am Schluß dieses Kapitels 
bei der Besprechung der Methode Simiands auf diesen Punkt noch zurück. 
3. Kapitel. 
Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie: 
Dürkheim und Simiand. 
7*lV
        <pb n="534" />
        508 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Bei Tarde ist die psychologische Betrachtungsweise ge 
wissermaßen eine konvexe Linse, die ihm die Erscheinungen des 
Wirtschaftslebens in einem durch sie a priori bestimmten Brenn 
punkt zeigt ; Durkheim dagegen will mit einem Minimum an 
Voraussetzungen — daß das Prinzip der Kausalität, nicht als 
rationale Notwendigkeit, sondern auch schon als empirisches 
Postulat, als Produkt einer Induktion, für die sozialen Erschei 
nungen Geltung hat — an deren Einzelbeobachtung herantreten. 
So groß nun aber auch die Verschiedenheiten des Tempe 
raments, der Methode und der Grundauffassung zwischen Tarde 
und Durkheim sein mögen, wir werden sehen, daß wenigstens 
auf volkswirtschaftlichem Gebiete des letztem Schüler Simiand 
zu Ergebnissen kommt, welche sich mit dem Ausgangspunkte 
Tardes decken. Nach vielem Beobachten und Vergleichen 
gelangt Simiand nämlich zu der Erkenntnis, daß die Er 
klärung der Erscheinungen des Wirtschaftslebens letztlich im 
menschlichen Handeln zu suchen ist. 
Nach dem oben Gesagten gipfelt die induktive Methode, 
mit deren Hilfe Durkheim eine neue Soziologie aufbauen 
will, darin, daß sie 1. unabhängig von jeder a priori gegebenen 
Orientierung, 2. objektiv, 3. ausschießlich soziologisch ist *). 
Der Umstand zunächst, daß die Soziologie aus den großen 
philosophischen Lehrsystemen hervorgegangen ist, hat bewirkt, 
wie Durkheim mit Recht hervorhebt, daß sie der Reihe nach 
positivistisch, evolutionistisch, spiritualistisch gewesen ist, während 
sie sich damit hätte begnügen sollen, die Soziologie einfachhin 
zu sein. So lange der Soziologe den Philosophen nicht genügend 
ausgezogen hat, betrachtet er die sozialen Dinge nur von ihrer 
allgemeinsten Seite, d. h. von der, von welcher aus sie den 
andern Dingen des Weltalls am meisten gleichen. Auf diese 
Weise läßt sich aber nichts Neues im Gegenstand der Forschung 
nachweisen. Andererseits muß die Soziologie auch von den 
praktischen Normen des gesellschaftlichen Seinsollens unabhängig 
bleiben: sie darf weder individualistisch, noch sozialistisch, noch 
kommunistisch sein. Sie muß die Theorien des Seinsollens als 
solche grundsätzlich ignorieren; dagegen vermag sie ihnen in 
sofern wissenschaftlichen Wert zuzuerkennen, als diese Theorien 
0 Durkheim, Les Règles de la Méthode sociologique, p. 172 ff.
        <pb n="535" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
509 
soziale Tatsachen sind, welche Bedürfnisse äußern, die in der 
Gesellschaft vorhanden sind. 
Die Methode Dürkheims will ferner objektiv und aus 
schließlich soziologisch sein. Das bedeutet, daß sie von der 
Anschauung beherrscht ist, daß die gesellschaftlichen Erschei 
nungen objektive Dinge oder Kräfte sind, und zwar, wie schon 
angedeutet, Dinge sui generis. Man hat häufig geglaubt, sagt 
Durkheim, die gesellschaftlichen Phänomene entzögen sich 
wegen ihrer außerordentlichen Komplexität der wissenschaft 
lichen Erforschung, oder sie seien doch wenigstens nur dann 
faßbar, wenn man sie auf ihre einfachsten, psychischen oder 
organischen Bedingungen zurückführte, d. h. sie ihres eigen 
tümlichen Wesens entkleidete. Demgegenüber ist zu betonen, 
daß eine gesellschaftliche Tatsache nur durch eine andere ge 
sellschaftliche Tatsache erklärt, wie eine Naturkraft nur durch 
eine andere Naturkraft erzeugt werden kann. Um also die gesell 
schaftlichen Tatsachen zu erklären, muß man nach Energien 
forschen, die fähig sind, sie zu erzeugen. Diese Forschung kann 
allein durch äußere Beobachtung geschehen. Da das direkte 
Experimentieren dem Soziologen unmöglich ist, bleibt ihm nur 
das indirekte Experiment, oder das „Vergleichen concomitante!' 
Variationen“. Dieses Verfahren hat vor der sogenannten histo 
rischen Methode Comtes den Vorzug, daß es den Kausalnexus 
der Erscheinungen von innen erreicht; denn es forscht nach 
nicht vorbestimmten Kausalbeziehungen, während Comte nach 
Gesetzmäßigkeiten sucht, die der Ausdruck der Richtung sein 
sollen, in der sich die geschichtliche Entwicklung der Mensch 
heit im allgemeinen bewegt. Die vergleichende Methode er 
möglicht ferner auch eine bessere und kritischere Auswahl der 
Materialien, als das Verfahren Comtes oder jedes andere 1 ). 
Die soziologische Methode Dürkheims, die in Obigem 
kurz skizziert wurde, erhebt natürlich den Anspruch, genau wie 
die psychologische Methode Tardes, die für alle Sozial Wissen 
schaften geeignetste zu sein. Er selbst hat sie nur auf dem 
Gebiete der Ethik angewandt. Er hat jedoch mehrere Gruppen 
von Schülern herangebildet, die an der Hand der Methode des 
‘) Eine ausführliche Darlegung der Durkheimschen Methode bietet dessen 
Bändchen „Des Règles de la Méthode sociologique“. Zu Obigem vgl. speziell 
dort p. 153 ff.
        <pb n="536" />
        510 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Meisters die Erforschung und den Ausbau der allgemeinen So 
ziologie, der Religionsgeschichte, der juridischen oder ethischen 
Disziplinen, der Volkswirtschaftslehre usw. in Angriff genommen 
haben. Uns interessiert hier nur die volkswirtschaftliche Gruppe, 
in welcher Simiand eine überragende Stellung einnimmt. 
Wir werden unten über seine Arbeiten berichten. Durkheim 
hat 1898 ein Jahrbuch, L’Année Sociologique, gegründet, welches 
den Hauptsammelpunkt der Arbeiten seiner Schüler darstellt. 
Jeder Band des Jahrbuches enthält in einem ersten, kleinern 
Teile zwei oder drei Aufsätze, welche die von diesem oder jenem 
Schüler mit Hilfe der Methode des Meisters auf irgend einem 
Spezialgebiete gewonnenen Ergebnisse zur Darstellung bringt. 
Daran schließt sich ein zweiter, wesentlich größerer Teil, der 
aus methodisch gruppierten, kritischen Besprechungen aller er 
reichbar gewesenen Veröffentlichungen des betreffenden Jahres, 
die für irgend einen Zweig der Soziologie von Interesse sind, 
besteht. Diese Rezensionen, an denen alle Schüler Dürkheims 
beteiligt sind, bieten ihren Verfassern Gelegenheit, sich mit den 
Methoden der besprochenen Autoren auseinander zu setzen, 
und allen gegenüber die Vorzüge ihrer Methode zu preisen. 
Die moralphilosophischen Forschungen Dürkheims sind 
für uns insofern von Interesse, als sie zum Ziel haben, die Ar 
beitsteilung zur Grundlage einer neuen Ethik zu machen, und 
zum Hauptergebnis, zu einem Programm berufsgenossenschaft 
licher Organisation der Gesellschaft zu führen. 
Für Durkheim ist die Arbeitsteilung eine objektive Grund 
tatsache nicht nur des Wirtschaftslebens, wie Ad. Smith ge 
lehrt, und des organischen Lebens, wie Darwin gezeigt hat, 
sondern auch des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Er be 
obachtet demgemäß: 1. welches die gesellschaftliche Funktion 
der Arbeitsteilung ist, d. h. welchem gesellschaftlichen Bedürfnis 
sie entspricht; 2. welches ihre Ursachen und Bedingungen, und 
3. welches ihre hauptsächlichsten anormalen Formen sind 1 ). 
Man beachte, daß diese Fragestellung, wie jene anderer induktiv 
sein wollender Systeme, die wir kennen gelernt haben, bereits 
eine Doktrin enthält. Sie setzt zum mindesten eine Begriffs- 
i) Durkheim, De la Division du Travail social, 2. Aufl., p. 3 ft’., 8 ff.
        <pb n="537" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
511 
bestimmung der Arbeitsteilung voraus, die normale und patho 
logische Wirkungen derselben unterscheidet. 
Die natürliche, normale Funktion der Arbeitsteilung ist 
nach Durkheim nicht eine volkswirtschaftliche; deren be 
merkenswerteste Wirkung ist nicht, die Leistung der geteilten 
Verrichtungen zu vergrößern, sondern eine (Arbeits)gemeinschaft 
zwischen diesen zu erzeugen, ein Gefühl der Solidarität in den 
an ihnen beteiligten Personen zu wecken. Durkheim ver 
anschaulicht dies an dem Beispiel der ehelichen Gemeinschaft, 
die der sexuellen Arbeitsteilung ihr Entstehen verdankt. Es 
ist nun eine evidente Tatsache — das können wir zugeben —, 
daß die Arbeitsteilung in der heutigen Gesellschaft sehr ent 
wickelt ist und eine weit verzweigte Solidarität erzeugt. Diese 
Solidarität, die aus der Arbeitsteilung fließt, ist aber von be 
sonderer Art. Durkheim unterscheidet nämlich (zunächst) 
zwei Arten von Solidarität: 1. jene, welche aus Ähnlichkeiten 
folgt; 2. jene, welche ihre Quelle in Unähnlichkeiten hat; letz 
tere identifiziert sich mit der Solidarität, die aus der Arbeits 
teilung entspringt 1 ). 
Die Solidarität aus Ähnlichkeiten ist die der primitiven 
Gesellschaften; in der menschlichen Gruppe, die sich sorgfältig 
nach außen abschließt, ist die physische und psychische Ähnlich 
keit der Individuen eine große. Das Individuum inkarniert den 
Gattungstypus seiner Rasse und seiner Gruppe. Die wirtschaft 
lichen Einrichtungen sind dem Kommunismus nahe; gemein 
same Anschauungen erzeugen eine Moral, die allen das gleiche 
Ideal zu verwirklichen gebietet, und die aus Regeln besteht, 
welche von allen unterschiedslos geübt werden. Diese allge 
meine, einförmige Praxis verleiht jenen Regeln eine übermensch 
liche religiöse Autorität, die sie der Diskussion mehr oder 
weniger entrückt. In den Gesellschaften, wo die Solidarität aus 
Ähnlichkeiten stark entwickelt ist, gehört das Individuum sich 
nicht an; die persönlichen Rechte sind noch nicht von den 
dinglichen unterschieden. Wegen der Analogie, welche jene 
Solidarität mit der Kohäsion der Molekülen in den leblosen 
Körpern bietet, bezeichnet Durkheim sie als mechanische. 
b Ibid. p. 19 ff., p. 99.
        <pb n="538" />
        512 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Die Solidarität aus Unähnlichkeiten ist ganz anderer Natur ; 
sie entwickelt sich mit dem Erstarken der Persönlichkeit. Die 
mechanische Solidarität ist nur in dem Maße möglich, als das 
Individuum in der Kollektivität aufgeht; die Solidarität aus 
Arbeitsteilung ist nur möglich, wenn jeder eine ihm eigene 
Aktionssphäre, folglich eine Persönlichkeit hat. Denn eine 
Person sein, heißt eine selbständige Quelle von Tätigkeit sein. 
Eine Tätigkeit wird um so reicher und intensiver, je mehr sie 
sich spezialisiert. Die Fortschritte der individuellen Persönlich 
keit hängen von denen der Arbeitsteilung ab; diese von dem 
Verschwinden der Schranken, welche die primitiven mensch 
lichen Gruppen voneinander trennen. Wenn diese Schranken 
zu fallen beginnen und die Individuen verschiedener Gruppen 
mit einander in Verkehr treten, bilden sich arbeitsteilige, gesell 
schaftliche Funktionen heraus. Diese hängen aber voneinander 
ab und stellen ein solidarisches Ganzes dar. In jeder Arbeits 
gruppe entstehen alsbald Anschauungen, welche sich in sitt 
lichen Regeln kondensieren, die auch ohne gesetzliche Sanktion 
Gehorsam erzwingen. Sie bilden die Berufsmoral. Dadurch, daß 
sich diese Regeln nicht auf das gemeinsame Leben in der Ge 
sellschaft, sondern auf die verschiedenen Formen der beruflichen 
Tätigkeit beziehen, haben sie einen zeitlichem Charakter, der, 
ohne ihnen ihre zwingende Gewalt zu nehmen, sie der Ein 
wirkung der Menschen zugänglicher macht. Über jede einzelne 
Berufsmoral hinaus erzeugt die Arbeitsteilung ferner Regeln, die 
das friedliche und geordnete Zusammenwirken der geteilten 
Funktionen sichern. Die Arbeitsteilung schafft darum nicht nur 
berufliche Solidaritäten, sondern auch eine gemeinsame, gesell 
schaftliche Solidarität. 
Die charakteristische Wirkung der Spezialisierung der 
Funktionen, d. h. der Arbeitsteilung, ist also einerseits die Ent 
wicklung der Persönlichkeit, andererseits die Abhängigkeit des 
Individuums von der Gesellschaft zu fördern. Die Individualität 
des Ganzen wächst mit der der Teile; die Gesellschaft wird in 
dem Maße fähiger, als Ganzes zu leben, als jedes ihrer Elemente 
mehr eigenes Leben hat. Die Solidarität, die aus der Arbeits 
teilung folgt, ähnelt denn auch der, welche man bei den hohem 
Tieren beobachtet. Jedes Organ hat bei diesen eine eigene 
Selbständigkeit, und dennoch ist die Einheit des Organismus
        <pb n="539" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
513 
nm so größer, je ausgesprochener die Individualität des be 
treffenden Wesens ist. Durkheim bezeichnet denn auch die 
Solidarität aus Unähnlichkeiten als organische. 
Es gibt also zwei Arten von Solidarität, oder, wie Durk 
heim auch wohl sagt, zwei Ströme gesellschaftlichen Lebens, 
denen zwei Typen gesellschaftlicher Struktur entsprechen. Der 
Strom, der seinen Ursprung in den Ähnlichkeiten hat, fließt 
zuerst allein und identifiziert sich mit dem gesellschaftlichen 
Leben überhaupt. Nach und nach aber teilt er sich in Kanäle 
und fließt spärlicher, während der Strom, der in den Unähn 
lichkeiten seine Quelle hat, immer größer wird. Der erstere ver 
schwindet aber nie ganz x ). 
Die wichtigsten Ursachen der Arbeitsteilung sind nach Durk 
heim: 1. das Anwachsen der „sittlichen Dichtheit“ der Gesell 
schaft, welches von dem Anwachsen ihrer „materiellen Dicht 
heit“ unzertrennlich ist; 2. die Zunahme des „Volumens“ der 
Gesellschaft, aber nur, wenn sie mit dem Anwachsen der Dicht 
heit derselben verbunden ist. Als sekundäre Faktoren der Ar 
beitsteilung treten hinzu : 3. der Umstand, daß die Individuen 
von den ursprünglichen Gruppen in dem Maße unabhängiger 
werden, in welchem der Verkehr mit Individuen anderer Gruppen 
in ihnen die überkommenen sittlichen Anschauungen ihrer 
eigenen Gruppe verwischt; 4. das progressive Zurücktreten der 
ererbten Fähigkeiten den selbsterworbenen gegenüber 2 ). 
Unter „sittlicher“ oder „dynamischer Dichtheit“ der Ge 
sellschaft versteht Durkheim die Annäherung der Individuen 
verschiedener Gruppen und den Verkehr, der daraus folgt. 
Diese Annäherung kann ihre Wirkung nur ausüben, wenn der 
materielle Abstand zwischen den Individuen gleichzeitig abnimmt. 
Die materielle Dichtheit entwickelt sich im Laufe der Geschichte : 
1. durch relativen Bevölkerungsanwachs auf einem bestimmten 
Gebiet; 2. durch Städtebildung; 3. durch Fortschritte in der 
Anlage und Schnelligkeit von Verkehrsmitteln. Die sittliche 
Dichtheit ist der materiellen direkt proportional und wird durch 
sie gemessen. Die materielle und sittliche Kondensierung der 
Gesellschaft bewirkt die Entwicklung der Arbeitsteilung. Aber 
]) Dürkheim, loc. cit. p. 99 ff., 205 ff., 398 ff. 
-) Ibid. p. 237 ff., 267 ff. 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 
33
        <pb n="540" />
        514 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
auch die Ausdehnung des „Volumens der Gesellschaft“, d. h. 
der absoluten Bevölkerungszahl, hat jene Wirkung. Wie jedoch 
das Beispiel von China und Rußland zeigen, ist das Anwachsen 
der absoluten Bevölkerungszahl nur dann ein die Arbeitsteilung 
förderndes Moment, wenn gleichzeitig mit der Zahl der Indi 
viduen auch die Zahl der sozialen Beziehungen zunimmt. 
Die Zunahme der Gesellschaft an Dichtheit und Volumen 
bewirkt das Fortschreiten der Arbeitsteilung, indem sie die In 
tensität des Kampfes ums Dasein stärkt. So lange die mensch 
lichen Gesellschaften aus getrennt lebenden Gruppen bestehen, 
werden die Glieder einer jeden Gruppe durch die Wände, welche 
die einzelnen Gruppen trennen, vor den ähnlichen Organen an 
derer Gruppen geschützt. Wenn aber diese Wände verschwinden, 
ist es unvermeidlich, daß die ähnlichen Organe verschiedener 
Gruppen sich erreichen, miteinander in Kampf treten und sich 
bestreben, einander aus dem Felde zu schlagen. In welcher 
Weise dies auch geschehe, es folgt immer daraus ein Fortschritt 
in der Richtung auf Spezialisierung. Der kleine Meister wird 
Vorarbeiter, der Kleinhändler Angestellter, zwei Unternehmer 
grenzen ihr Produktionsgebiet gegenseitig ab usw. Die Arbeits 
teilung ist also ein Ergebnis des Kampfes ums Dasein. 
Neben der Arbeitsteilung erzeugt dieser auch das Bedürfnis 
nach reichlichem und bessern Produkten. Dieses Bedürfnis ist 
also keineswegs die Ursache der Arbeitsteilung. Ein intensiverer 
Kampf ums Dasein verlangt eine größere Verausgabung von 
Kräften. Damit das Leben sich erhalte, muß der Kräfteersatz 
der Kraft ausgab e entsprechen. Eine reichlichere und gewähltere 
Nahrung wird nötig. Wenn wir uns also spezialisieren, ge 
schieht es nicht, um mehr und besser zu produzieren, sondern 
um in den neuen Arbeitsbedingungen, in die wir treten, leben 
zu können. 
Die normale Wirkung der Arbeitsteilung ist Solidarität. 
Es kommt aber vor, daß jene geradezu einen Bruch dieser be 
wirkt. Das geschieht erstens dann, wenn bei spezialisierten 
Funktionen die solidarischen Organe nicht genügend Fühlung mit 
einander haben *). Wenn die Produzenten den Markt nicht mehr 
zu überblicken vermögen, und die Produktion infolgedessen 
*) Durkheim, loe. eit. p. 343 ff.
        <pb n="541" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
515 
Bremse und Regel verliert, ist unausbleiblich, daß sie das rich 
tige Maß bald in der einen, bald in der andern Richtung über 
schreitet. Dann entstehen Krisen, d. h. die Arbeitsteilung führt 
zu einem Bruch der Solidarität. Ebenso bildete sich der Anta 
gonismus zwischen Kapital and Arbeit heraus, als die aufkommende 
Großindustrie eine derartige Umwälzung der gewerblichen Ver 
hältnisse mit sich brachte, daß die Fühlung, die unter der 
frühem Ordnung Arbeitgeber und Arbeiter hatten, verloren 
ging. Die gegenüberstehenden Interessen haben eben die Zeit 
noch nicht gehabt, sich mit einander ins Gleichgewicht zu 
setzen, ihre neuen Beziehungen zu regeln*). Eine zweite 
anormale Form der Arbeitsteilung ist die erzwungene Speziali 
sierung 2 ). Die Arbeitsteilung erzeugt die Solidarität nur in dem 
Maße, in welchem sie spontan ist. Spontaneität besagt das 
Fehlen, nicht nur von jedem formellen Zwang, sondern auch 
von jeder Art von Ungleichheit in den äußeren Bedingungen 
des Kampfes ums Dasein. Die Form der Arbeitsteilung, welche 
sich in einer Klassen- oder Kasteneinteilung verkörpert, erzeugt 
von dem Tage an, wo sie keine Basis mehr in den Sitten hat 
und sich folglich nur mehr durch Gewalt aufrecht erhält, nicht 
Solidarität sondern Klassenkampf. Ein dritter Fall pathologischer 
Gestaltung der Arbeitsteilung ist dann gegeben, wenn die funk 
tionelle Tätigkeit der einzelnen Organe eine ungenügende ist 3 ). 
J ) Hieher gehört auch folgende Argumentation Dürkheims: Man hat der 
Arbeitsteilung vorgeworfen, sagt er, sie erniedrige die menschliche Natur und 
mindere das Individuum, indem sie es zu der Rolle einer Maschine herab 
drücke. Der Mensch, der sein ganzes Leben nur Messergriffe oder Nadelköpfe 
macht, verkommt allerdings geistig und körperlich. Die Arbeitsteilung erzeugt 
jedoch diese Wirkung nicht dank einer Notwendigkeit ihrer Natur, sondern nur 
in außergewöhnlichen und anormalen Umständen. Das normale Spiel einer jeden 
spezialisierten Funktion verlangt, daß das Individuum sich nicht eng darin ein 
schließe, sondern daß es beständige Beziehungen zu den benachbarten Funk 
tionen unterhalte, deren Bedürfnisse und die Veränderungen dieser kenne usw. 
Die Arbeitsteilung setzt voraus, daß der Arbeiter, weit entfernt über seinen ein 
förmigen Verrichtungen gebeugt zu bleiben, seine Mitarbeiter nicht aus dem 
Auge verliere, auf sie einwirke und selber deren Einwirkung empfange. Sie er 
zeugt das erhebende Bewußtsein, daß die Arbeitsverrichtungen des Einzelnen, 
so spezialisiert und monoton sie auch seien, ein gesellschaftliches Ziel haben und 
mit andern solidarisch sind. Durkheim, loe. cit. p. 362 ff. 
2 ) Durkheim, loe. cit. p. 367 ff. 
3 ) ibid. p. 383 ff.
        <pb n="542" />
        516 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Dies trifft z. B. zu, wenn in einem Betrieb die einzelnen Funk 
tionen derart verteilt sind, daß sie die Arbeiter nicht genügend 
beschäftigen, oder daß sie schlecht ineinander greifen. 
Nachdem Durkheim alle Wirkungen der Arbeitsteilung, 
die sich nicht unter den Solidaritätsbegriff bringen lassen, als 
pathologische ausgeschieden hat, geht er daran, seine auf der 
Arbeitsteilung als der Quelle der organischen Solidarität fußende 
Ethik aufzubauen. 
Es wurde oben ausgeführt, daß der mechanischen Soli 
darität und dem Gesellschaftstypus, den sie verwirklicht, die 
Vorschrift entspricht, welche den Individuen gebietet, ein für 
alle gleiches Ideal zur Richtschnur ihres Handelns zu nehmen. 
Diese Vorschrift, meint nun Durkheim, vermag ihre Aufgabe 
nur zu erfüllen, weil sie ethischen Charakter hat. Andererseits 
entspricht der organischen Solidarität und dem arbeitsteiligen 
Gesellschaftstypus, den sie verwirklicht, jene andere Vorschrift, 
welche dem Individuum gebietet, eine bestimmte berufliche Tätig 
keit zu wählen und sich ihr ganz zu widmen. Beide Vorschriften 
entsprechen demselben gesellschaftlichen Bedürfnis, befriedigen 
es aber auf verschiedene Weise. Aus dem ethischen Charakter der 
einen können wir den ethischen Charakter der anderen induzieren. 
Beide ethische Regeln drücken die Bedingungen der Soli 
darität aus; die erste jene der Solidarität, die aus Ähnlichkeiten 
folgt, die andere jene der Solidarität, die aus Unähnlichkeiten 
d. h. Arbeitsteilung sich ergibt. Man kann darum sagen, daß 
es das charakteristische Merkmal der ethischen Regeln ist, die 
grundlegenden Bedingungen der gesellschaftlichen Solidarität 
auszudrücken. Sittlich ist alles, was eine Quelle von Solidarität 
ist, d. h. alles, was den Menschen dazu zwingt, auf seinen 
Nebenmenschen zu achten und seine Handlungen nach andern 
Beweggründen und Impulsen, als denen seines Egoismus einzu 
richten. Die Gesellschaft ist also nicht, wie man häufig geglaubt 
hat, eine der Moral fremde Erscheinung; sie ist die notwendige 
Vorbedingung der Ethik. Sie ist nicht eine Nebeneinanderstellung 
von Individuen, die beim Eintritt eine in ihnen liegende Moral 
mitbringen, vielmehr ist der Mensch ein sittliches Wesen nur 
deshalb, weil er in Gesellschaft lebt, weil die Sittlichkeit darin 
besteht, mit einer Gruppe solidarisch zu sein und mit dieser 
Solidarität wechselt.
        <pb n="543" />
        Die „positive“ Grundlegung 1 der Nationalökonomie 517 
In den höheren Gesellschaften ist es also nicht Pflicht, 
unsere Tätigkeit auszudehnen, sondern sie zu konzentrieren und 
zu spezialisieren. Wir müssen eine bestimmte Aufgabe wählen 
und uns ihr ganz widmen. Gewiß müssen wir auch daran 
wirken, in uns den kollektiven Typus, in dem Maße als er vor 
handen ist, zu verwirklichen. Es gibt gemeinsame Gefühle und 
Ideen, ohne die man nicht Mensch ist. Die Vorschrift, die uns 
befiehlt uns zu spezialisieren, bleibt durch die entgegengesetzte 
Regel begrenzt. Wir müssen die Spezialisierung nicht so weit 
führen als möglich, sondern so weit als nötig. Der Teil, der 
einer jeden der beiden Regeln zukommt, kann nur durch die 
Erfahrung bestimmt werden. 
Die Moral der arbeitsteiligen Gesellschaften ist in der 
Hauptsache eine Berufsmoral; da aber die Entwicklung der 
beruflichen Spezialisierung mit der der Persönlichkeit Hand in 
Hand geht, so folgt, daß die Berufsmoral in zunehmendem 
Maße im Kulte der Persönlichkeit gipfelt, d. h. daß sie etwas 
Menschlicheres, folglich Rationaleres hat, als die Ethik der 
frühern Gesellschaften, die allen dasselbe Ideal zu verwirklichen 
vorschreibt. Mit andern Worten, sie knüpft unsere Tätigkeit 
nicht an transzendentale Ziele. Sie verlangt von uns nur, sanft 
und gerecht für unsere Nebenmenschen zu sein, unsere Berufs 
pflichten gut zu erfüllen, daran zu arbeiten, daß jeder zu der 
Funktion berufen werde, die er am besten zu erfüllen in der 
Lage ist, und daß er den gerechten Lohn für seine Anstrengungen 
empfange *). 
Wenn die Berufsmoral die sittliche Entwicklung der arbeits 
teiligen Gesellschaften sichern soll, so bedarf sie einer detail 
lierten Ausgestaltung. Rechtsanwalt und Richter, Soldat und 
Professor, Arzt und Priester usw. haben nun allerdings eine 
genügend entwickelte Berufsmoral. Das gleiche kann man von 
den wirtschaftlichen Berufen nicht sagen. Wer heute die laufen 
den Ideen feststellen wollte über das, was die Beziehungen von 
Arbeitgebern und Arbeitern, von Produzenten und Konsumenten, 
von Konkurrenten untereinander sein sollten, der würde kaum 
einige verschwommene Allgemeinheiten finden über die Treue 
und Hingebung der Lohnempfänger ihren Arbeitgebern gegen- 
') Durkheim, loe. eit. p. 392 ff.
        <pb n="544" />
        518 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
über, über die Mäßigung, mit der diese ihr wirtschaftliches Über 
gewicht ausüben sollen, ferner vielleicht noch eine gewisse Miß 
billigung allen zu unlautern Wettbewerbs. Das ist alles, was 
das berufliche Gewissen der wirtschaftlichen Berufe enthält. 
Zudem haben diese Ideen kaum rechtliche Sanktionen. Die 
Grenze zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem, Gerechtem und 
Ungerechtem hat nichts Bestimmtes. Und da die neu ent 
standenen wirtschaftlichen Berufe heute die meisten Leute in 
Anspruch nehmen, so läuft der größte Teil der Existenz der 
größten Zahl außerhalb von jedem sittlichen Handeln ab. 
Um diesem Zustand von Gesetzlosigkeit ein Ende zu machen, 
bedarf es einer Organisation, in der die heute fehlenden Regeln 
sich entwickeln können. Denn die organisierte Kollektivität ist 
die einzige moralische Persönlichkeit, die über den individuellen 
Persönlichkeiten steht, und welche die nötige Kontinuität und un 
begrenzte Dauer, sowie die sittliche und materielle Überlegenheit 
hat, die unumgänglich notwendig sind, um den Individuen Gesetze 
aufzuerlegen. Der Staat vermag diese Aufgabe nicht zu erfüllen. 
Das Wirtschaftsleben entzieht sich dessen Kompetenz und Einwir 
kung, weil es ein sehr spezielles und sich täglich mehr spezialisieren 
des Gebiet ist. Die Tätigkeit eines Berufes kann wirksam nur durch 
eine Gruppe reglementiert werden, die diesem Berufe nahe genug 
steht, um dessen Räderwerk genau zu kennen, dessen Bedürfnisse 
zu empfinden und dessen Wandlungen zu folgen. Das kann nur 
eine Organisation aller Berufsangehörigen, also die Korporation. 
Die heutigen Arbeitgeber- und Arbeiterberufsvereine sind 
nur ein rudimentärer Anfang von Berufsorganisation. Denn sie 
sind private Vereinigungen ohne gesetzliche Reglementierungs 
gewalt; ihre Zahl ist in einem und demselben Berufe nicht be 
grenzt; daß sie von einander verschieden sind, ist berechtigt 
und notwendig, daß sie aber keine regelmäßige Fühlungnahme 
mit einander haben, ist verwerflich. Damit eine Berufsmoral 
und ein berufliches Recht sich in den verschiedenen wirtschaft 
lichen Berufen bilden können, muß die Korporation, statt ein 
einheitsloses Aggregat zu bleiben, wieder eine bestimmte, organi 
sierte Gruppe, eine öffentliche Einrichtung werden, welche die 
gegenseitigen Beziehungen von Arbeitgebern und Arbeitern 
regelt, und beide Teile mit gleicher Autorität verpflichtet. 
Die Geschichte der römischen Kollegien und der mittel-
        <pb n="545" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
519 
alterlichen christlichen Zünfte lehrt, daß die Rolle der Korpo 
ration eher eine sittliche, denn eine ökonomische ist. Die Be 
rufsorganisation ist vor allem eine sittliche Macht, die fähig ist, 
den Egoismus der Individuen zu bändigen und im Zaume zu 
halten, sowie zu verhindern, daß das Gesetz des Stärkern sich 
in den gewerblichen und Handelsbeziehungen allzu brutal durch 
setze. Die Geschichte der frühern Korporationen lehrt ferner, 
daß die Rahmen der beruflichen Gruppen immer mit dem 
Rahmen des Wirtschaftslebens übereinstimmen müssen: die alte 
korporative Ordnung verschwand, weil sie ihre lokale Organisation 
nicht aufzugeben vermochte, als der Markt von einem lokalen 
zu einem nationalen und Weltmarkt wurde. Die Korporationen, 
deren wir heute benötigen, müssen alle Berufsangehörigen eines 
Volkes umfassen. Durkheim bleibt bei nationalen Korpo 
rationen stehen, weil der gegenwärtige Stand der Rechtsent 
wicklung internationalen Organisationen noch keine Sanktionen 
an die Hand geben würde. 
Die Beziehungen der Korporationen zum Staate dürfen 
nicht, wie es im XVII. und XVIII. Jahrhundert geschehen ist, zu 
einer engen Unterordnung jener unter diesen ausarten. Die 
beiden Organe müssen ein gegenseitig genau abgegrenztes Maß 
von Autonomie haben. Den gesetzgebenden Versammlungen 
des Staates liegt ob, die allgemeinen Grundsätze der gewerb 
lichen Gesetzgebung festzusetzen; an der Korporation ist es, 
diese im Detail auszubilden. 
Im Wesen der Korporation liegt es, daß sie sich nicht auf 
berufliche Reglementierung beschränke, sondern daß sie auch 
die Sozialversicherung ihrer Mitglieder in die Hand nehme, das 
gesellige Leben pflege usw. Ja, sie scheint berufen, eine der 
wichtigsten Grundlagen der politischen Organisation zu werden. 
Die geschichtliche Entwicklung lehrt, daß die Korporation, 
welche anfangs (Rom) außerhalb der politischen Ordnung stand, 
die Tendenz hat, sich dieser in dem Maße, als das Wirtschafts 
leben sich entwickelt, einzugliedern. Statt ein Aggregat von 
an einander gereihten territorialen Kreisen zu sein, scheint der 
Staat ein umfassendes System von nationalen Korporationen 
werden zu wollen. Das ist das natürliche Ziel, das sich dem 
Entwicklungsgang unserer Gegenwart bietet 1 ). 
9 Durkheim, loe. cit. p. I—XXXVII.
        <pb n="546" />
        520 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Soweit das System und das Zukunftsprogramm Dürkheims. 
Wir versagen uns, in moralphilosophische Erörterungen darüber 
einzutreten, weil uns das zu weit von dem eigentlichen Gegen 
stand des vorliegenden Werkes abbringen würde. Desgleichen 
kann von einer kritischen Besprechung der eingangs skizzierten 
Methode Dürkheims abgesehen werden, weil wir gleich unten 
bei der Besprechung Simiands uns noch eingehender damit zu 
befassen haben werden. Wir beschränken uns darum auf wenige 
Bemerkungen, speziell zu der tatsächlichen Gestalt, welche die 
induktive Methode bei unserm Autor annimmt. 
Obwohl Durkheim sich nicht gerade durch Verständnis 
für transzendentale Momente bei seinen sozialwissenschaftlichen 
Forschungen hervortut, so weist er doch bemerkenswerte Be 
rührungspunkte mit hervorragenden Vertretern transzendentaler 
Weltanschauung auf. Mit Le Play hat er gemein bei dem 
Versuche, ein sozialethisches System induktiv zu fundamentieren, 
aphoristische Momente mit voraussetzungslos sein wollender 
Tatsachenbeobachtung zu vermengen. Mit de la Tour du Pin 
teilt er das Ideal einer korporativen Gesellschaftsordnung. 
Wenn Durkheim das Wesen der Arbeitsteilung darin 
sieht, daß sie die von ihm organisch benannte Solidarität er 
zeugt, so ist das weniger eine Induktion aus Beobachtung der 
Wirklichkeit, denn eine aphoristische Begriffsbestimmung, die 
einen derartigen Abstraktionsgrad erreicht, daß sie von der 
Wirklichkeit nur mehr ein bedenklich irreales Bild gibt 1 ). Ferner 
verwirft Durkheim die Soziologie Auguste Comtes, weil 
sie die gesuchten Kausalbeziehungen vorher bestimmt, indem 
sie darin a priori den Ausdruck der Richtung sieht, in der sich 
die Geschichte der Menschheit im allgemeinen bewegt. Ja, ist 
denn vielleicht der Gang der Dinge, den Durkheim annimmt, 
&gt;) Es ist Durkheim weniger darum zu tun, die Wirklichkeit darzustellen 
oder zu erklären, als aus ihrer Beobachtung ein ideelles Prinzip des Seinsollens, 
eine Norm der Ethik zu gewinnen. Er beobachtet nun, daß die Arbeitsteilung 
in einem Fall Solidaritäten, in dem andern das Gegenteil erzeugt. Flugs be 
zeichnet er Fälle der ersten Art als normale, wesentliche Wirkungen der Arbeits 
teilung, während er solche der zweiten Art als pathologische Wirkungen der 
selben hinstellt. Welches Kriterium hat er hierfür? Kein anderes als die 
Begriffsbestimmung: das Wesen der Arbeitsteilung besteht darin, Solidaritäten 
zu erzeugen. Wir haben es also im Grunde mit einer petitio principii zu tun.
        <pb n="547" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
521 
von der einförmigen, in sich abgeschlossenen Gesellschaft zu 
der arbeitsteiligen, von der mechanischen zur organischen Soli 
darität durch das Mittel der Arbeitsteilung, nicht eine mindestens 
ebenso unhistorische Voraussetzung, als die von Comte? Durk 
heim ist viel zu sehr rationalistischer Theoretiker, als daß es 
ihm gelingen sollte, das Ergebnis einer Beobachtung so unbe 
fangen zu formulieren, daß die Formel nicht schon eine in dem 
beobachteten Gegenstand nicht enthaltene Doktrin enthielte! 
Durkheim passiert aber nicht nur das Mißgeschick, welches 
alle jene trifft, die in den Geisteswissenschaften entweder mit 
der Induktion allein, oder mit der Deduktion allein glauben 
auskommen zu können, sondern er beobachtet auch schlecht. 
Gewiß erzeugt die gesellschaftliche oder berufliche Arbeitsteilung 
Solidaritäten, wie sie auch Rechte und Pflichten begründet. 
Aber tut sie das etwa allein? Gibt es nicht neben ihr noch 
viele andere Quellen von Solidaritäten, von Rechten und Pflichten ? 
Anzufangen mit der allgemeinsten aller wirtschaftlichen Er 
scheinungen, wie Gide sagt, dem Konsum : erzeugt dieser nicht 
Solidaritäten, die sich in Genossenschaften verkörpern, welche 
die beruflichen, arbeitsteiligen Differenzierungen der Individuen 
nivellieren ? Erzeugt die Gemeinsamkeit der Risiken nicht etwa 
die Solidarität der Gegenseitigkeitsgenossenschaft? Noch mehr, 
hat Durkheim wirklich den Beweis erbracht, daß, um Soli 
daritäten oder um Rechte und Pflichten zu erzeugen, eine ein 
heitlich oder arbeitsteilig organisierte Kollektivität nötig ist? 
Wir glauben es nicht. Die sittliche Rolle der Arbeitsteilung 
im Leben der menschlichen Gesellschaft hat er jedenfalls weit 
überschätzt. 
Zum dritten — und damit wollen wir uns bescheiden — 
beruht die enge, gegenseitige Bedingtheit der Fortschritte der 
Arbeitsteilung und der Entwicklung der Persönlichkeit, das Auf 
gehen dieser in den Berufsmenschen bei Durkheim auf einem 
sehr zu beanstandenden, aphoristischen Persönlichkeitsbegriff. 
Gide ist z. B. im Gegensatz zu Durkheim der Ansicht, daß 
der Mensch erst dann so recht seine Persönlichkeit zu entwickeln 
beginnt, wenn er am Abend seine Arbeitsjacke auszieht und im 
für alle gleichen Gesellschaftskleide sich in irgend welcher, alle 
Berufe nivellierender konsumgenossenschaftlicher Tätigkeit selbst 
los für das Wohl seiner Mitmenschen betätigt.
        <pb n="548" />
        522 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Henry Michel hat Recht, wenn er zu Dürkheims Werk 
„De la Division du Travail social“ fragend äußert: „(L'esprit) 
se prend à craindre que sur tout ce livre, d’une construction 
en apparence si solide, où règne une méthode qui se flatte d’être 
strictement positive, la métaphysique, phantôme mal exorcisé, 
ne continue à planer, invisible, mais présente 1 )?“ 
François Simiand, Bibliothekar am Handelsministerium in 
Paris, hat schätzenswerte Beiträge zur Lohntheorie mittelst der 
„indirekt experimentellen“ Methode Dürkheims gewonnen 2 ). 
Er ist von der Überzeugung durchdrungen, daß die National 
ökonomie den Anspruch, eine Wissenschaft zu sein, erst dann 
wird erheben können, wenn sie mit Hilfe jener Methode durch 
greifend positiv fundamentiert sein wird. 
In der heutigen volkswirtschaftlichen Literatur, führt Si 
miand aus 3 ), liegt allen Theorien ausdrücklich oder still 
schweigend eine Fragestellung folgender Art zugrunde : Welches 
ist die wirtschaftlichste Produktion und wie ist sie zu verwirk 
lichen? Welches ist die beste Art der Verteilung? Wie kann 
man der größten Zahl die größtmögliche Menge von Gütern 
verschaffen? usw. Die heutige Nationalökonomie ist darum 
nicht eine Erforschung von Ursachen und Wirkungen, sondern 
ein Studium von Mitteln im Hinblick auf ein Ziel. Selbst jene 
Volkswirte, welche den Anspruch erheben, die reine Ökonomik 
zu lehren, sehen i^ire Hauptaufgabe darin, die Gleichgewichts 
bedingungen eines ideellen Marktes, den sie „freien Markt“ 
nennen, zu bestimmen. Aber bedeutet das Unterfangen, die 
Bedingungen des Gleichgewichts eines Marktes eher als jene 
eines gestörten Gleichgewichtes desselben bestimmen zu wollen 
nicht, daß man stillschweigend ein Analytisches Postulat voraus- 
') Henry Michel, L’Idée de l’Etat, Paris 1896, p. 481—482. 
2 ) François Simiand, Le Salaire des ouvriers des Mines de charbon en 
Prance. Contribution à la Théorie économique du salaire. Paris 1907. — 
H. Simiand war so freundlich, uns außerdem mehrere schriftliche Notizen, 
sowie den Bürstenabzug einer von ihm dem Soziologenkongreß in Heidelberg 
(1908) gemachten Mitteilung, die später in der Revue de Métaphysique ver 
öffentlicht wurde, zur Verfügung zu stellen. Wir verweisen auch auf seine zahl 
reichen Rezensionen in den verschiedenen Jahrgängen der Année sociologique. 
3 ) F. Simiand, La Méthode positive en Science économique, in: Revue 
de Métaphysique 1908. (Wir zitieren nach dem eben angeführten Bürstenabzug.)
        <pb n="549" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
523 
setzt, jenes nämlich, daß das Gleichgewicht der normative, 
ideale Zustand des Marktes ist? 
Die positive Wissenschaft fragt: Wie ist diese oder jene 
Tatsache zu erklären ? Welches sind deren Ursachen, welches 
deren Wirkungen? Sie fragt nicht: Wie ist dieses oder jenes 
Resultat zu erreichen ? Die praktische und normative Forschung 
ist der positiven lange vorausgeeilt, weil die Praxis dringender 
Lösungen bedarf, selbst wenn die Wissenschaft noch nicht be 
steht. Aber logisch geht das Erkennen dem Urteilen voraus; 
hier wie anderswo ist die Kenntnis der Ursachen einer Erschei 
nung und der Gesetze, die sie beherrschen, die unbedingt not 
wendige Basis für die Praxis, die auf diese Erscheinung ein 
wirken will, wenn sie aus einer empirischen zu einer rationellen 
werden soll 1 ). 
Um die wirtschaftliche Wirklichkeit zu erklären, genügt 
es jedoch nicht, unter Vermeidung jedweder normativer Frage 
stellung mit irgend welchem Beobachtungsmittel an die Erfor 
schung der Ursachen und Wirkungen der Erscheinungen heran 
zutreten. Man muß sich vielmehr von vornherein darüber klar 
werden, daß die Erscheinungen des Wirtschaftslebens ihrem 
Wesen nach gesellschaftliche, kollektive Erscheinungen sind. 
Sie können darum nicht durch innere Wahrnehmung erkannt 
werden. Es ist unzulässig, Erscheinungen gesellschaftlicher 
Natur durch individuelle erklären zu wollen. An die volle 
Wirklichkeit der volkswirtschaftlichen Phänomene ist nur durch 
objektive Beobachtung, durch äußere Wahrnehmung heranzu 
kommen. Simiand hat diesen Grundsatz der Durkheim sehen 
Methodologie am ausführlichsten am Beispiel der Lohnbewegungen 
in der französischen Kohlenindustrie veranschaulicht. 
Die offizielle Statistik lieferte ihm gerade für diesen In 
dustriezweig ausgiebige Materialien. Durch das „Vergleichen 
konkomitanter Variationen“ nach Durkheim schern Rezept, 
d. h. durch die Untersuchung der Beziehungen zwischen den 
Löhnen und deren verschiedenen Begleiterscheinungen gelangt 
Simiand zu der Feststellung, daß sich in dem beobachteten 
') Vgl. die Rezensionen von Simiand in l'Année sociologique, Bd. VI, 
p. 507—511; Bd. VII, p. 568, 616—620; Bd. Vili, p. 527-536, 584—586; 
Bd. IX, p. 517—519; Bd. X, p. 509-511.
        <pb n="550" />
        524 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Gebiete zwei Gruppen von Erscheinungen regelmäßig wieder 
holen. Diese Gruppen oder Zyklen sind: 1. wenn der Verkaufs 
preis der Kohlen steigt, so steigen gleichzeitig, wenn auch 
weniger rasch, der Arbeitslohn pro Tonne und der durchschnitt 
liche Tagesverdienst der Arbeiter, während ihre durchschnitt 
liche Tagesleistung stationär bleibt oder sinkt; 2. wenn der 
Verkaufspreis der Kohlen sinkt, so sinkt nach einiger Zeit auch 
der Arbeitslohn pro Tonne, während die durchschnittliche Tages 
produktion steigt; das Steigen dieser hat zur Folge, daß der 
Tagesverdienst stationär bleibt oder doch wenigstens in weit 
geringerm Maße sinkt, als es der Arbeitslohn pro Tonne tut 1 ). 
Die Frage nach der Ursache dieser beobachteten Lohn 
erscheinungen beantwortet Simiand dahin, daß sie im Handeln 
der Arbeitgeber und der Arbeiter zu suchen sei. Dieses Handeln 
hat einen genau bestimmten Gegenstand und wird durch scharf 
umgrenzte Tendenzen geleitet. Gegenstand des Handelns der 
Arbeitgeber und Arbeiter sind Gewinn und Anstrengung 2 ). Die 
in Betracht kommenden Tendenzen des beiderseitigen Handelns 
sind (man beachte die Reihenfolge); 1. die Tendenz, den be 
stehenden Gewinn zu erhalten ; 2. die Tendenz, die Anstrengung 
nicht zu steigern; 3. die Tendenz, den Gewinn zu erhöhen; 
4. die Tendenz, die Anstrengung zu verringern. 
Simiand stellt nun folgende Sätze auf 3 ): 
A. In einem und demselben wirtschaftlichen Subjekte siegt 
eine jede der angeführten Tendenzen im Konfliktfall über die 
nächstfolgende. 
B. Die Tendenzen gleicher Rangstufe bei Arbeitgebern und 
Arbeitern finden sich im Konfliktfalle miteinander ab, so zwar, 
daß beide eine nur teilweise Befriedigung erreichen. Wenn 
1) Simiand, Le Salaire des Ouvriers des Mines de charbon en France, 
Paris 1907, p. 95—97, p. 179. 
2 ) Unter Gewinn versteht Simiand: auf seiten der Arbeitgeber das Ver 
hältnis des Lohnes, der für die auf die Erzeugung einer Tonne Kohlen ver 
wandte Arbeit gezahlt werden muß, zum Verkaufspreis; auf seiten der Arbeiter 
den Tagesverdienst. Unter Anstrengung versteht er: auf seiten der Arbeitgeber 
die Leitung des Betriebes, die Organisation der Produktion, die technische und 
wirtschaftliche Initiative usw. ; auf seiten der Arbeiter die tägliche Wirkung 
des Tagesverdienstes, die in Zeit und Intensität geschätzte, pro Tag gelieferte 
Arbeitsmenge. Simiand, loc. cit. p. 291—294. 
s ) Ibid. p. 295—299.
        <pb n="551" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
525 
z. B. die Tendenz der Arbeiter, ihren Tagesverdienst zu erhalten, 
mit der Tendenz der Arbeitgeber, ihren Reingewinn pro Tonne 
zu erhalten, in Konflikt kommt, d. h. wenn die volle Befriedi 
gung der einen dieser beiden Tendenzen von der Nichtbefriedi 
gung der andern abhängt, so findet ein Kompromiß zwischen 
beiden statt. 
C. Entsteht ein Konflikt zwischen Tendenzen verschiedener 
Rangstufe, so siegt die Tendenz höheren Ranges, einerlei, ob 
sie Arbeitgeber- oder Arbeitertendenz ist, über die Tendenz 
niedern Ranges der andern Partei. Wenn z. B. die Befriedigung 
der Tendenz der einen Partei, den bestehenden Gewinn zu er 
halten, von der Nicht- oder geringern Befriedigung der Tendenz 
der andern Partei, ihre Anstrengung nicht zu erhöhen, abhängt, 
so wird die erstere Tendenz, einerlei, ob sie auf seiten der 
Arbeitgeber oder auf seiten der Arbeiter sei, über die zweite 
Tendenz der andern Partei den Sieg davontragen. Der Arbeit 
geberwiderstand gegen Erhöhung der relativen Arbeitskosten, 
d. h. des Lohnes pro Tonne Kohlen, ist stark genug, den Ar 
beitern eine Vermehrung ihrer Anstrengung oder Tagesleistung 
aufzuerlegen ; aber der Arbeiterwiderstand gegen eine Lohn 
herabsetzung ist stark genug, die Arbeitgeber zu größerer An 
strengung zu zwingen, oder ihr Streben nach größerm Gewinn 
zu vereiteln. 
Der Faktor, welcher die in den obigen Sätzen ausgedrückten 
Vorgänge hervorruft, ist das Steigen und Fallen der Kohlen 
preise. 
Eine bemerkenswerte Nutzanwendung der Forschungs 
ergebnisse Simiands geht dahin, daß die Arbeiterausstände 
keineswegs die Ursache von Lohnschwankungen sind, sondern 
daß sie nur eine Form darstellen, in welcher die oben näher 
bezeichneten Tendenzen im Konfliktfalle sich durchzusetzen 
streben. Darum hat auch der Ausgang eines Ausstands nichts 
Zufälliges, noch Willkürliches, sondern er liegt in der Richtung, 
welche jene Tendenzen, d. h. die wirklichen Ursachen der Lohn 
schwankungen, vorbestimmen 1 ). 
Simiand hat seine Forschungsergebnisse in der Haupt 
sache durch scharfsinniges, aber äußerst gewissenhaftes und 
b Simiand, loc. eit. p. 360.
        <pb n="552" />
        526 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
recht langwieriges Vergleichen und Gegenüberstellen reich ge 
gliederter, statistischer Zahlenmaterialien aus über 50 Jahren 
(1847—1902) gewonnen. Ergänzend zog er neben den Angaben 
der offiziellen Statistik auch Monographien, Zeitungsausschnitte 
usw. mit heran. Er schildert selbst das Verfahren, das er ein 
geschlagen hat, recht anschaulich. Zunächst galt es, schreibt 
er, die Quellen auszuwählen und zu ordnen. Aus ihnen mußte 
dann ein geordnetes Tatsachenmaterial, das geeignet war, in 
erklärender Weise verarbeitet zu werden, ausgelesen werden. 
Nach summarischer Rekognoszierung der allgemeinen Richtung 
der beobachteten Erscheinungen begann das Suchen nach Be 
ziehungen, nach Regelmäßigkeit von Beziehungen zwischen 
einer jeden Tatsache und allen denen, die für fähig gehalten 
wurden, auf sie einzuwirken. Nach vielfachem Probieren mit 
Hypothesen von Kausalbeziehungen gelang es, eine zusammen 
hängende und präzise Gesamtheit von Beziehungen zwischen 
einer Anzahl von Elementen festzustellen. Diese Gesamtheit 
bildete einen Zyklus, der sich mehrere Male in verschiedenen 
Milieus identisch wiederfand. Eine so ausgesprochene Regel 
mäßigkeit rechtfertigte ein tieferes Erforschen ihrer Ursachen. 
Zunächst wurden dazu die bereits untersuchten Tatsachen 
in kleinere, eng begrenzte Gruppen geordnet und wieder beob 
achtet. Dies führte zur Bestätigung der frühern Resultate und 
zur definitiven Aufstellung der typischen Zyklen von Erschei 
nungen. Jetzt galt es, die Ursachen aufzufinden, durch die die 
Zyklen sich erklärten. Die bisher festgestellten Beziehungen 
hatten nicht das Aussehen von rein mechanischen. Darum lag 
die Idee nahe, ihre Ursache in einem menschlichen Handeln zu 
suchen. 
Die Tatsachen bewiesen bald, daß dieses menschliche 
Handeln nicht ein willkürliches und spontanes sein konnte. 
Nunmehr stellte sich die Frage, ob ein menschliches Handeln 
vorliegen könnte, das a priori vorauszusehen sei, indem man 
von einigen allgemeinen und traditionellen volkswirtschaftlichen 
Postulaten über die Richtung des wirtschaftlichen Handelns 
ausging. Hier lautete die Antwort, daß a priori nur auf mehrere 
mögliche Handlungsweisen geschlossen werden könne, unter 
denen die tatsächlich zutreffende nur durch Beobachtung des 
wirklichen Geschehens zu erkennen sei. Die naheliegende Idee,
        <pb n="553" />
        Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
527 
sich zu deren Feststellung an die Absichten und Erklärungen 
der interessierten Parteien zu halten, erwies sich als trügerisch ; 
nur durch eine objektive Analyse, die unabhängig blieb von 
der Interpretation, welche die Individuen selbst von ihrem 
Handeln geben können, konnten die wirklichen Tendenzen, 
deren Wirkung die festgestellten Tatsachen waren, festgestellt 
und formuliert werden *). 
Die letztem methodologischen Aufstellungen drücken eine 
Bestätigung der Durkheimschen These aus, daß sich die gesell 
schaftlichen Erscheinungen — zu denen die volkswirtschaft 
lichen gehören — ihrer Natur nach der innern Wahrnehmung 
entziehen. Simiand legt darauf mindestens so viel Wert, als 
auf seine Lohngesetze i) 2 ). Wir wollen ihm zugeben, daß die 
psychologischen Dispositionen oder Tendenzen, welche er als 
Ursachen der Lohnschwankungen in der französischen Kohlen 
industrie eruiert hat, „einen kollektiven Charakter haben, gesell 
schaftliche Gruppen als solche kennzeichnen 3 ).“ Diese Fest 
stellung genügt aber noch nicht, um das im Grunde auf 
Condorcet zurückreichende Postulat der Durkheimschen Metho 
dologie zu beweisen, daß alle gesellschaftlichen und folglich auch 
die wirtschaftlichen Erscheinungen nur durch äußere Wahrneh 
mung erkannt werden können. Es ist ja zweifellos wahr, daß 
„das Leben der Gesellschaft etwas mehr als die Summe der 
Leben ihrer einzelnen Glieder ist 4 ).“ Das schließt jedoch keines 
wegs aus, daß in erster Linie, wie Marshall schreibt, „die Tätig 
keit des Ganzen zusammengesetzt ist aus der seiner Bestandteile, 
und daß man bei den meisten wirtschaftlichen Problemen den 
besten Ausgangspunkt in den Motiven findet, welche den Einzelnen 
bewegen, wobei letzterer nicht als isoliertes Atom, sondern als 
ein Glied einer besondern Erwerbs- oder Wirtschaftsklasse be 
handelt wird 5 )“. Der Beobachtung der Handlungen der Einzelnen 
und der Gemeinschaften, wie auch der Motive und der Ergeb 
nisse dieser Handlungen „dient“ aber, sagt Schm oller, „stets 
i) Simiand, loc. cit. p. 487 ff. 
*) ibid. p. 496. 
") ibid. 
4 ) Marshall, Handbuch der Volkswirtschaftslehre, Bd. I, deutsche Über 
setzung von H. Ephraim und A. Salz, Stuttgart 1905, p. 72. 
5 ) ibid. p. 72—73.
        <pb n="554" />
        528 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
vereint innere und äussere Wahrnehmung“ l ). Die gesellschaftlichen 
Erscheinungen mögen noch so sehr Phänomene sui generis sein, 
die Auflösung derselben in ihre Bestandteile und die Beobachtung 
dieser mittels der innern Wahrnehmung, die uns „unmittelbare 
Gewißheit über uns selbst und durch Vergleichung mit den 
Worten, Mienen und Handlungen der andern auch über diese 
gibt 2 )“, bleibt ein hervorragendes Mittel der volkswirtschaftlichen 
Beobachtung. Dies ist übrigens umso mehr noch deswegen der 
Fall, weil, wie Stuart Mill sehr richtig feststellt, die Verbindungs 
weise der Kräfte, mit denen die Wirtschaftslehre sich beschäftigt, 
mehr mechanischer als chemischer Natur ist. Das heißt, wenn 
wir die Wirkung zweier wirtschaftlicher Kräfte getrennt kennen, 
„ so können wir ziemlich genau ihre vereinte Wirkung vorher 
sagen, ohne auf eine besondere Erfahrung warten zu müssen 3 )“. 
Was die Lohngesetze Simiands betrifft, so begrüßen wir 
sie mit Freuden als eine schätzenswerte Förderung der Wissen 
schaft. Landry bemerkt allerdings unter anderm dazu, daß 
sie zwar darüber Aufschluß geben, warum in einem bestimmten 
Momente die Löhne steigen oder fallen, daß sie aber nicht zu 
erklären vermögen, warum die Löhne der französischen Kohlen 
industrie seit 50 Jahren beträchtlich gestiegen sind. Um diese 
Erscheinung zu erklären, hätte Simiand, meint Landry, über 
das Gebiet der Kohlenindustrie hinaus nach Ursachen suchen 
müssen, und besonders die enge, gegenseitige Abhängigkeit der 
Löhne verschiedener Industrien nicht außer acht lassen dürfen 4 ). 
Das wird aber wohl noch kommen; denn Simiand teilt uns 
am Anfang seines Buches mit, daß seine Untersuchungen über 
die Löhne in der Kohlenindustrie nur einen kleinen Bruchteil 
der viel umfassenderen Forschungen über das Lohnproblem dar 
stellen, welche er in Angriff genommen hat. Wir dürfen auf 
die Ergebnisse gespannt sein, welche die Nationalökonomen 
unter den Schülern Dürkheims, und speziell Simiand, mit 
der Methode des Meisters noch zu Tage fördern werden. 
i) Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Bd. I, 1. bis 
3. Ausl., Leipzig 1900, p 101. 
s ) ibid. 
3 ) Marshall, loe. cit. p. 77. 
4 ) Landry, Quelques travaux récents de Théorie économique in Revue 
d'économie politique, 1907, p. 694.
        <pb n="555" />
        Anhang. 
Wir haben im Laufe der vorliegenden Arbeit eine Reihe 
von Einrichtungen und Anstalten kennen gelernt, die der Pflege 
der ökonomischen Wissenschaft dienen. Da sie alle grundsätz 
lich oder tatsächlich im Dienste der einen oder andern Lehr 
meinung stehen, fanden sie ihren natürlichen Platz bei der Be 
sprechung der einzelnen Schulen. Es gibt jedoch außerdem 
noch einige derartige Anstalten in Frankreich, die weder prin 
zipiell noch wirklich einer besonderen Richtung angehören, und 
folglich im Rahmen dieses Werkes bisher nicht Platz finden 
konnten. Von diesen einige Worte an dieser Stelle. 
Das vom Grafen de Chambord 1894 gestiftete Musée Social 
hat zum Zweck Veröffentlichungen, Dokumente und Aufschlüsse 
über die verschiedensten sozialpolitischen Fragen und alle be 
stehenden Einrichtungen, welche der Hebung der materiellen 
und sittlichen Wohlfahrt der Arbeiter dienen, zu sammeln, und 
allen Interessenten unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Die 
Anstalt erweitert ihre Tätigkeit immer mehr in dem Sinne, daß 
sie auf Grund ihrer reichhaltigen Sammlungen vielfache, sach 
kundige Anregungen zur Begründung oder Verbesserung sozialer 
Wohlfahrtseinrichtungen gibt. An der Spitze des Musée Social 
steht ein Direktorium von sieben Mitgliedern, welche auf sieben 
Jahre von der Gesellschaft des Musée Social gewählt werden. 
Zu seinen Lebzeiten ernannte der Stifter die Mitglieder des 
Direktoriums, dessen Präsident zur Zeit der ehemalige Minister 
J. Siegfried ist. Die Zahl der Mitglieder und Mitarbeiter des 
Musée Social beläuft sich auf etwa 250. Die liberale Schule 
und die Le Play sehe Schule der Réforme Sociale sind besonders 
stark darin vertreten. Auch republikanische Politiker wie : Emile 
Loubet, Deschanel, Waldeck-Rousseau, Maruéjouls usw., sowie ent 
schiedene Interventionisten aus verschiedenen Lagern: Meline, 
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. 34
        <pb n="556" />
        530 
Anhang 
Charles Gide, Milcent, Delalande, B. Jay usw. nehmen (oder nahmen) 
tätigen Anteil an den Arbeiten des Musée Social. 
Die laufenden Geschäfte besorgen Sekretariat und Direktion, 
an deren Spitze der Professor am Conservatoire des Arts et 
Métiers Léopold Mabilleau steht. Die Beschaffung sozialpolitischen 
Materials und die Erteilung von Auskünften werden in drei 
Gruppen erledigt: 1. Abteilung für gewerbliche und Arbeiter 
fragen, 2. Abteilung für Landwirtschaft, 3. Abteilung für Gegen 
seitigkeitsgenossenschaften (Mutualités). Schwierigere Fälle werden 
Spezialausschüssen, deren es sieben gibt, zur Begutachtung unter 
breitet. Diese Ausschüsse sind : 1. Der Ausschuß für Beziehungen 
mit Gesellschaften, die sich mit sozialen Fragen beschäftigen ; 
2. der landwirtschaftliche Ausschuß ; 3. der Ausschuß für Arbeiter 
organisationen ; 4. der Ausschuß für soziales Versicherungswesen; 
5. der Ausschuß für Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber; 
6. der juristische Ausschuß ; 7. der Ausschuß für Enqueten und 
soziale Studien. 
Die gesamte soziale Bewegung des In- und Auslandes wird 
Tag für Tag verfolgt ; es werden Dokumentensammlungen darüber 
angelegt , die reichhaltige Materialien aufweisen, insbesondere : 
Berichte der zahlreichen Korrespondenten, welche die Anstalt 
im In- und Ausland hat; Ausschnitte aus Zeitschriften und 
Zeitungen; Drucksachen der verschiedensten sozialpolitischen 
Vereinigungen; eingehende Berichte der Delegierten, welche 
das Musée Social bei großem Arbeiterausständen usw. an Ort 
und Stelle sendet, um genaue Enqueten aufzunehmen. Das 
Musée Social ist bestrebt, sich über die verschiedenen Gewerbe, 
deren Arbeitsverhältnisse, über neue zur Anwendung kommende 
Lohnsysteme usw. möglichst vollständig zu dokumentieren. Ferner 
werden jährlich etwa ein Dutzend junge Gelehrte zu Studien 
reisen ins Ausland gesandt. Die Ergebnisse dieser Reisen werden 
in einer Sammlung von Monographien mit dem Titel Biblio 
thèque du Musée Social veröffentlicht x ). 
*) Die hauptsächlichsten, bisher in dieser Sammlung erschienenen Mono 
graphien sind: Ch. Gide, Les Sociétés coopératives de consommation. — Paul 
de Bousiers, Le Trade-Unionisme en Angleterre, — Paul de Bousiers, Les In 
dustries monopolisées (trusts) aux Etats-Unis. — Léon de Seilhac, Les Congrès 
ouvriers en France (1876—1897). — Louis Vigouroux, La Concentration des 
forces ouvrières dans l’Amérique du Nord. — Louis Vigouroux, L’Evolution
        <pb n="557" />
        531 
Anhang 
Dem Publikum stellt die Anstalt unentgeltlich zur Ver 
fügung: Die auf dem eben dargelegten Wege gewonnene Doku 
mentensammlung ; eine permanente, sozialpolitische Ausstellung, 
deren Grundstock die in der Pariser Weltausstellung von 1889 
zusammengekommenen Dokumente usw. bilden; endlich eine 
ausgedehnte volkswirtschaftliche Bibliothek, die zurzeit etwa 
25000 Bände umfaßt, nebst Lesesälen und Arbeitszimmern. 
Jährlich finden ferner im Winter im Gebäude des Musée Social 
(Rue Las Cases 5, Paris) wöchentliche Vorträge statt. Viele 
dieser Vorträge sind Referate der von Studienreisen zurück 
gekehrten Delegierten über ihre Reise. Außer der bereits er 
wähnten Monographiensammlung gibt die Anstalt eine Zeit 
schrift Le Musée Social heraus. Seit 1902 umfaßt diese zwei 
verschiedene Publikationen: die erste erscheint monatlich unter 
dem Titel Annales du Musée Social; sie unterrichtet über die 
soziale Bewegung überhaupt und speziell über die Tätigkeit der 
verschiedenen Verwaltungszweige der Anstalt; die andere, Mé 
moires et Documents, erscheint unregelmäßig und enthält meist 
Monographien von Le Playschülern. Eine Zeitlang überwogen 
sogar unter diesen die (Residenten Anhänger der Gruppe der 
Science sociale. 
Das Musée social hat ferner eine Serie von Anweisungen 
drucken lassen, welche kurz und präzis über die Art und Weise 
unterrichten, wie die hauptsächlichsten Typen sozialer Institu 
tionen (Gewerk-, Kredit-, Konsumvereine, Altersrentenkassen, 
Genossenschaften zum Bau von Arbeiterwohnungen usw.) am 
besten einzurichten sind. Der an der Anstalt beamtete Sozial- 
katholik Léon de Seil li ac hat eine Sammlung von ausführ 
lichen Anweisungen dieser Art als „Manuel d’Economie sociale“ 
(Paris 1904) veröffentlicht. Ein Pracht werk, das vom Musée 
Social herausgegeben wird, führt den Titel „L’Economie sociale 
à l’Exposition universelle de 1900“. Es reproduziert, mit Er 
gänzungen nach den neuesten statistischen Erhebungen, die 
graphischen Darstellungen und sonstigen Dokumente, die bei 
der Pariser Weltausstellung von 1900 preisgekrönt wurden. Die 
Herausgabe des Werkes wird von Cheysson geleitet. 
Das Musée social bildet sich allmählich zur Zentrale, be- 
sociale en Australasie. — L. Mabilleau, Rayneri und de Rocqutgny, La Prévoyance 
sociale en Italie. — de Rocquigny, Les Syndicats agricoles et leur oeuvre usw.
        <pb n="558" />
        532 
Anhang 
sonders der Gegenseitigkeitsgenossenschaften Frankreichs aus, 
und ist zur mächtigen Triebkraft der genossenschaftlichen Or 
ganisation der französischen Bevölkerung erstarkt. Der wissen 
schaftlichen Forschung bietet es die am bequemsten zugängliche 
und zugleich reichhaltigste volkswirtschaftliche Dokumenten- 
und Büchersammlung der Seinestadt. 
Zum Teil nach dem Muster des Musée social wurde 1900 
in Lyon das Office social de renseignements et d’études ge 
gründet. Zweck dieser Anstalt ist in erster Linie ein regionales 
Zentrum sozialer Studien zu sein. An Stelle der durch Spezial 
delegierte vorgenommenen Enqueten, wie sie das Musée social 
organisiert hat, will das Lyoner Office die Beobachtung sozialer 
Ereignisse und Tatsachen durch wissenschaftlich gebildete 
Männer vornehmen lassen, welche an Ort und Stelle ansässig 
sind und das Milieu gründlich kennen. Dieses System ist gewiß 
sehr zweckmäßig und würde, wenn ernstlich durchgeführt, 
zweifellos ausgezeichnete Resultate liefern. Außerdem organisiert 
die Lyoner Anstalt Vorträge über volkswirtschaftliche Tages 
fragen. Ihre Gründer beabsichtigen, deren Rahmen durch die 
Einrichtung einer Ecole libre des sciences sociales et économiques 
speziell für angehende Industrielle und Kaufleute zu erweitern. 
Die Tätigkeit der ganzen Anstalt liegt in der Hauptsache noch 
in der Zukunft. 
Das Collège líbre des Sciences Sociales ist ein privates 
Lehrinstitut in Paris (Rue Serpente 28), welches sein Entstehen 
hauptsächlich der Initiative von Fri. Dick May verdankt. Es 
gelang ihr, mehrere Parlamentarier (Léon Bourgeois, Delbet, Abbé 
Lemire u. a.), Hochschullehrer (Aulard, Lavisse, R. Jay usw.) 
und sonstige Nationalökonomen (den bekannten Statistiker Ber 
tillon, du Maroussem usw.) für die Gründung (1895) der Anstalt 
zu interessieren. Zweck der Anstalt ist, eine Gelegenheit zur 
wissenschaftlichen Darlegung und Begründung der verschiedensten 
volkswirtschaftlichen Anschauungen zu bieten. Tatsächlich sind 
so ziemlich alle Richtungen in der Anstalt vertreten. Unter den 
Dozenten finden wir : den apostolischen Missionar de Pascal, 
Abbé Naudet, den Sozialisten Rouanet, den Syndikalisten 
Lagardelle, sowie eine ganze Reihe dazwischen liegender 
Namen, die man gar nicht gewohnt ist beisammen zu finden. 
Die Vorlesungen behandeln fast ausschließlich Spezial-
        <pb n="559" />
        Anhang 533 
fragen; sie finden abends statt (47 2 —67 a Uhr), und zwar jähr 
lich in vier Serien, von denen jede etwa drei Monate in An 
spruch nimmt. Dem Zwecke beruflicher Ausbildung von Ge 
werbeinspektoren, Bankbeamten usw. dienen Vorlesungen über 
Fabrikinspektion, Bank- und Börsentechnik usw., welche von 
Männern und Frauen der Praxis abgehalten werden. Die wenig 
zahlreichen Hörer der Anstalt setzen sich zusammen teils aus 
meist slavischen Universitätsstudenten, teils aus Volksschullehrern 
und -lehrerinnen. Die Anstalt besitzt eine Bibliothek von ca. 
8000 Bänden, welche zum größten Teil aus statistischen Ver 
öffentlichungen verschiedener Staaten besteht. Ein Lesezimmer 
steht Professoren und Hörern zur Verfügung. Eine ausgezeich 
nete Einrichtung sind die häufigen, mindestens wöchentlichen 
Visites industrielles et sociales. Unter Führung eines Dozenten 
werden regelmäßig soziale Wohlfahrtseinrichtungen, gewerbliche 
und landwirtschaftliche Betriebe in Paris und der nächsten Um 
gegend besucht. Die unmittelbare Anschauung der Praxis, die 
durch diese Exkursionen vermittelt wird, besitzt einen eminenten 
Unterrichtswert und verdiente, besonders an den Universitäten, 
Nachahmung 7- 
Die Ecole des Hautes Etudes sociales wurde 1898—1900 
von mehreren Gründern und Mitgliedern des Collège libre des 
Sciences sociales, an ihrer Spitze wieder Fri. Dick May, in Paris 
(Rue de la Sorbonne 16) ins Leben gerufen. Gegenüber dem 
etwas chaotischen Charakter des Unterrichts, den das Collège 
bietet, bedeutet die Organisation dieser jüngern Anstalt einen 
Fortschritt. Sie besteht aus vier Abteilungen und bleibt weitern 
Angliederungen offen. Die vier Abteilungen sind: 1. Ecole de 
Morale et de Pédagogie; 2. Ecole sociale; 3. Ecole de Jour 
nalisme; 4. Ecole d’Art. Zweck der Anstalt, besonders aber 
der Ecole sociale, ist die wissenschaftliche Erörterung von spe 
ziellen Tagesfragen, die in den akademischen Vorlesungen 
nicht zur Sprache zu kommen pflegen. Über dieses Ziel geht 
die Abteilung für Journalistik hinaus: sie will die theoretische 
und praktische Vorbereitung auf einen bestimmten Lebensberuf 
bieten. Grundsätzlich steht die Schule allen Anschauungen 
') Volkswirtschaftliche Exkursionen werden außerdem zurzeit nur vom 
staats wissenschaftlichen Seminar des Institut catholique in Lille, sowie von der 
Le Playsehen Société (l'Economie sociale veranstaltet.
        <pb n="560" />
        534 
Anhang 
offen. Der Unterricht soll jedoch statutengemäß, im Gegen 
satz zu dem des Collège libre des Sciences sociales, vor allem 
die Darstellung von Tatsächlichem im Auge haben. Wir sagen 
„soll", denn in Wirklichkeit nimmt die Ideologie einen breiten 
Raum im Lehrplan der Schule ein. 
An der Spitze der Ecole des Hautes Etudes sociales steht, 
neben Fri. Dick May, der Dekan der Faculté des lettres der 
Pariser Universität, H. Crois et. Der Lehrkörper setzt sich 
zum größten Teil aus Universitätsprofessoren zusammen; dazu 
kommen aber auch Schriftsteller, Künstler, Privatgelehrte aus 
allen Lagern. Die Schule zählt etwa 300 eingeschriebene Hörer, 
teils Volksschullehrer und -lehrerinneu, teils Universitätsstudenten 
und -Studentinnen. Die zeitliche Abgrenzung des Unterrichts 
fällt mit der der Pariser Universität zusammen. Doch sind 
nicht alle Vorlesungen zweisemestrige. Eine ganze Reihe, be 
sonders von auswärtigen Dozenten aus der französischen Pro 
vinz, aus Belgien, Italien, Rußland usw. erledigen ihre Vor 
lesungen in wenigen Stunden, wie dies ähnlich an der Ecole 
des Sciences politiques et sociales des Institut catholique in 
Lille 1 ) geschieht. 
Die Abteilung Ecole sociale, die uns hier speziell interessiert, 
wird von den Professoren der Pariser Rechtsfakultät F. Faure 
und Ch. Gide geleitet. Sie umfaßt vier Unterabteilungen. 
Diese sind: 1. Soziologie; 2. Ideengeschichte; 3. Wirtschafts 
geographie, -geschichte und -politik; 4. Fragen der Praxis. In 
der ersten Unterabteilung liest Hector Denis, Professor an 
der Universität Brüssel, über Nationalökonomie. In der zweiten 
lesen der bekannte sozialistische Schriftsteller F our nie re über 
Geschichte des Sozialismus und Aupe tit über mathematische 
Volkswirtschaftslehre. Die dritte Unterabteilung umfaßt : a) eine 
umfangreiche Gruppe von wirtschaftsgeschichtlichen Vorlesungen 
über eng umgrenzte Spezialfragen ; b) anthropo- und wirtschafts 
geographische Vorlesungen mehrerer Dozenten, die sich um Vidal 
de la Blache, Professor an der Sorbonne in Paris, gruppieren, 
und sich zur Aufgabe gestellt haben, unter dessen Leitung an 
dem Ausbau der von Jean Brunhes durch mehrjährige Vor 
lesungen am Collège libre des Sciences sociales nach Frankreich 
b Vgl. oben p. 343.
        <pb n="561" />
        Anhang- 
535 
importierten Anthropogeographie zu arbeiten x ). Die letzte Unter 
abteilung, Fragen der Praxis, bietet Vorlesungen mit anschließen 
der Diskussion über aktuelle, volkswirtschaftliche Themata. Hier 
lesen z. B. der Le Playschüler Paul Bureau über die Be 
rechtigung des Grundeigentums und die Bodenverteilung in den 
verschiedenen Ländern, der Professor an der Pariser Rechts 
fakultät Souchon, der Sozialist Rouan et und der Gewerk 
schaftssekretär K e ü f e r über den gesetzlichen Minimallohn usw. 
In den Abendstunden (8—10 Uhr) finden an der Ecole des 
Hautes Etudes sociales häufig Vorträge statt über wirtschafts- 
und sozialpolitische Tagesfragen, z. B. über Arbeiterausstände 
von beteiligten Gewerkschaftspräsidenten oder Arbeitersekretären. 
Diese Vorträge sind meist stark besucht. 1901—1902 dienten 
sie der Propaganda für den Solidarismus von L. Bourgeois, 
seither häufig dem Werben für sozialistische Ideen. 
Es bleibt noch hervorzuheben, daß der Sozialist Georges 
lienard, Professor am Collège de France und am Conservatoire 
national des Arts et Métiers, an der Ecole des Hautes Etudes 
sociales ein Seminar abhält, in dem er wissenschaftliche Arbeiten 
leitet, die sich an seine Vorlesungen über Geschichte der Arbeit 
an erstem Anstalten anschließen. 
Die Gründung des Collège libre des Sciences sociales und 
der Ecole des Hautes Etudes sociales bedeutet eine Reaktion 
gegen die staatliche Unterrichtsreform von 1895, welche den 
Unterricht der volkswirtschaftlichen Fächer den juristischen 
Fakultäten zuwies. In dem Lehrplan und der Organisation der 
beiden Anstalten ist die soziologische Auffassung zum Ausdruck 
gebracht, daß die politische Ökonomie als Zweig der Sozial 
wissenschaft ihren natürlichen Platz im Kreise philosophischen 
Unterrichts habe. 
J ) Siehe oben p. 352.
        <pb n="562" />
        Schlusswort. 
Am Ende unseres Rundgangs durch die französische 
Nationalökonomie drängt sich naturgemäß die Frage auf: 
Welches sind die allgemeinen Schlußfolgerungen, die sich aus 
dem vor unsern Augen entrollten Gesamtbild ergehen? Wir 
sind uns der Gefahr vorzeitiger Verallgemeinerung, welcher jede 
Beantwortung dieser Frage ausgesetzt ist, bewußt, und verhehlen 
uns nicht, daß große Vorsicht dabei not tut. Immerhin scheint 
uns, daß einige Schlußfolgerungen gewagt werden können. 
Unsere Darstellung hat in erster Linie gezeigt, daß in bezug 
auf die Methode kein Gegensatz zwischen den beiden großen 
Lagern, in die sich die Nationalökonomen in Frankreich spalten, 
besteht. Wir haben Beobachtung und Geschichte bei den Indi 
vidualisten wie bei den Interventionisten angetroffen, genau wie 
wir aphoristische Ausgangspunkte und deduktives Räsonnement 
hüben und drüben vorfanden. „Man kann den Individualismus,“ 
schreibt Professor Dolléans, „ebenso gut auf Beobachtung und 
Geschichte gründen, wie andere volkswirtschaftliche Lehren. 
Die gründliche Analyse der verschiedenen Anschauungen zeigt 
uns, daß deren Geschmeidigkeit und Komplexität weniger von 
der Etikette abhängen, mit der man sie schmückt, als vom 
wissenschaftlichen Geiste desjenigen, der sie verteidigt. Die Wahl 
einer Doktrin wird durch Gefühlsmomente, Interessen, Erziehung 
und Milieu bestimmt; der wissenschaftliche Charakter der ge 
wählten Doktrin, d. h. deren Wahrheitsgehalt, hängt dagegen 
von der Bildung und der intellektuellen Tüchtigkeit jener ab, 
che sie vertreten 1 ).“ Individualisten, wie Leroy-Beaulieu 
und Levasseur, um nur die hervorragendsten herauszugreifen, 
haben in unsern Tagen die Wissenschaft durch induktive For- 
’) Ed. DolUans, Rezension von A. Schatz, L’Oeuvre économique de David 
Hume, in Revue d'Economie ‘politique, 1906, p. 407.
        <pb n="563" />
        Schlußwort 
537 
schung um ein Bedeutendes gefördert; andererseits sind Sozial 
katholiken, wie de la Tour du Pin und de Mun, von 
aphoristischen Ausgangspunkten aus zu wirtschaftspolitischen 
Programmpunkten gelangt, die den tatsächlichen Bedürfnissen 
der Gegenwart und den der wirtschaftlichen Entwicklung im 
manenten Tendenzen entsprechen; aber auch die Analysis und 
das deduktive Verfahren Lan dry s ist gewiß nicht unnütz. 
Was speziell den französischen Individualismus und Liberalismus 
betrifft, so ist ihm allerdings der Vorwurf zu machen, daß es 
ihm an sozialpolitischem Verständnis mangelt und daß er das 
Unternehmerinteresse noch zu sehr mit dem Interesse der Ge 
samtheit identifiziert ; aber die scharfe Abfuhr, die unter andern 
noch Bier mann der Lehre des laisser faire wegen der apho 
ristischen und abstrakten Methode, auf der sie fuße, zu teil 
werden läßt, kann ihn nicht treffen 1 ). 
Eine zweite Feststellung von allgemeiner Tragweite, die 
sich aus unserer Darstellung ergibt, ist, daß die französischen 
Volkswirte das Bedürfnis, aus der wissenschaftlichen Erkenntnis 
eine Richtschnur für das praktische Leben zu gewinnen, in 
ganz besonderer Weise empfinden. Während in Deutschland 
beispielsweise die Methode das wichtigste Unterscheidungs 
merkmal der volkswirtschaftlichen Schulen abgibt, so daß wir 
von einer abstrakten und einer historisch-realistischen Schule 
reden, scheiden sich in Frankreich die Geister über der prak 
tischen Frage der Einmischung oder Nichteinmischung des 
Staates ins Wirtschaftsleben. Bastia! hatte das Freihandels 
postulat zum Hauptpunkt der Wissenschaft gemacht ; Levasseur 
betont, daß, wenn auch die Wirtschaftsgeschichte in erster Linie 
Selbstzweck sei, so sei es doch Pflicht des Historikers, aus seinen 
geschichtlichen Erkenntnissen eine Doktrin fürs praktische Leben 
zu folgern; Le Play hat dreißig Jahre lang in drei Weltteilen 
enquetiert, nicht um Kenntnisse um ihrer selbst willen zu 
sammeln, sondern um zur Aufstellung absoluter Gesetze zu ge 
langen, unter die er das Leben der Menschheit beugen wollte; 
(he Doktrin der Sozialkatholiken geht nahezu restlos in Richt 
schnuren fürs praktische Leben auf; die Selbsterkenntnis führt 
Gide dazu, von sich und seinen Kollegen zu sagen, daß sie 
i) Biermann, Staat und Wirtschaft, ßd. I, Leipzig 1905.
        <pb n="564" />
        538 
Schlußwort 
die Einrichtungen der Gegenwart und Vergangenheit nicht er 
forschen, um sie in ihrer zeitlichen und örtlichen Bedingtheit 
zu verstehen, sondern um sie im Dienste ihrer Anschauungen 
und Bestrebungen zu verwerten; als Landry merkt, daß die 
Deduktion ihn nicht zu den gewünschten Schlußfolgerungen zu 
führen vermag, verschmäht er es nicht, auf die Induktion, die 
er erst so sehr in den Schatten gestellt hatte, zurückzugreifen, 
um die erstrebte Richtschnur des Handelns zu gewinnen; ja, selbst 
ein Fanatiker der „positiven“ Methode, wie S imi and, der gegen 
jede normative Volkswirtschaftslehre mobil macht, will die Ge 
setze des wirtschaftlichen Seins nicht so sehr um ihrer selbst 
willen aufdecken, als damit sie der Handlungsweise der wirt 
schaftenden Menschen einen rationellen Untergrund bieten! 
Eine dritte Erscheinung, deren wiederholtes Auftreten auf 
eine entwicklungsfähige Tendenz von allgemeiner Bedeutung 
schließen läßt, ist der Versuch, Individualismus und Interven 
tionismus zu, verbinden. Rossi hatte schon die Auffassung 
vertreten, daß die Ergebnisse der abstrakten Wissenschaft den 
Forderungen von Ethik und Politik, sowie der durch nationale, 
zeitliche und örtliche Besonderheiten jeweils geschaffenen Lage 
unterzuordnen seien. Jourdan meint, die Geschichte lehre, 
daß eine Entwicklung der Freiheit des Individuums mit einer 
solchen der Staatsintervention sehr gut Hand in Hand gehen kann. 
Levasseur verbindet Interventionismus und Individualismus 
in der Weise, daß er das Interventionsbedürfnis, das mit stei 
gender Kultur in der Gesellschaft wächst, als einen Ausfluß des 
Sicherheitsbedürfnisses anspricht, dessen Bestehen nie von der 
klassischen Nationalökonomie angefochten wurde. A. Liesse 
stellt der Doktrin, die aus reiner Theorie und feststehenden 
Dogmen besteht, die den Bedürfnissen der jeweiligen Gegenwart 
angepaßte Interpretation der Doktrin gegenüber. Faure unter 
scheidet theoretische Wissenschaft und wissenschaftliche Kunst 
lehren, die einer Epoche und einem nationalen Milieu eigen 
sind. Claudio - Jannet redet einer Verbindung von „Her 
kommen“ und „Konkurrenz“ das Wort. Souchon, Bêchaux, 
Brocart, Izoulet u. a. streben eine Einheitslehre an, welche 
auf Grund allseitiger Vertiefung der wirtschaftlichen Tatsachen 
kenntnis eine mittlere Linie schaffe, auf der sich Interventionisten 
und Nichtinterventionisten treffen könnten. Die ungefähre Lage
        <pb n="565" />
        Schlußwort 
539 
dieser mittlern Linie wird durch die von vielen geäußerte, aber 
wohl von Renouvier am gründlichsten durchgearbeitete Idee 
bestimmt, daß die Pflege und Ausbildung der Individualität Ziel 
und Maß für die staatliche Intervention abzugeben habe. 
Die wichtigsten Berührungspunkte von Individualismus 
und Interventionismus — das ist unsere vierte Schlußfolgerung — 
sind, außer der Gemeinsamkeit der Methoden, das beiderseitige 
Festhalten an universellen und permanenten Gesetzen der Volks 
wirtschaft, und die von Vertretern beider Grundanschauungen, 
teilweise als Folgerung aus dem Solidaritätsgedanken erhobene For 
derung genossenschaftlicher Organisation des Wirtschaftslebens. 
Was zunächst die Existenz universeller und permanenter 
Gesetze der Volkswirtschaft betrifft, so ist ja ohne weiteres be 
greiflich, daß die individualistischen Volkswirte daran festhalten. 
Aber wie de Molinari die Gesetze des Wirtschaftslebens in 
den grundlegenden biologischen Naturgesetzen findet, so setzt 
Gauwès an die Stelle der wirtschaftlichen Gesetze der Klassiker 
das Gesetz der Arbeitsteilung und dessen Korollare; und wie 
Leroy-Beaulieu die Existenz universeller und permanenter, 
volkswirtschaftlicher Gesetze als wesentliches Resultat seiner 
induktiven Forschung proklamiert und deren Sonderung von 
zeitlich und räumlich begrenzten Gesetzen als eine Hauptaufgabe 
der Wissenschaft hinstellt, so bekennt sich Gide zu der Auf 
fassung, daß Montesquieu und die Physiokraten die Idee einer 
konstanten Ordnung der Erscheinungen definitiv aus dem natur 
wissenschaftlichen Gebiet in das sozial wissenschaftliche herüber 
getragen haben, und daß die Wirtschaftswissenschaft, insofern 
sie die spontanen Beziehungen der in Gesellschaft lebenden 
Menschen erforscht, auf dem Wege ist, eine Naturwissenschaft 
zu werden. 
Es ist zweitens auffallend, wie groß die Zahl der Volks 
wirte aller Schulen ist, die eine berufs- oder konsumgenossen 
schaftliche Organisation des Wirtschaftslebens anstreben. Bei 
der liberalen Schule sind esd’Eichthal, Villey, Deschamps, 
Schatz; bei den Katholiken die Gruppe der Feudalen und die 
christlichen Sozialisten ; bei den Interventionisten und Solidaristen 
vor allem Gide mit seinem großen internationalen Anhang; 
bei den Philosophen und Soziologen Fouillée, Renouvier, 
Tarde und Durkheim.
        <pb n="566" />
        540 
Schlußwort 
Niemand wird übrigens leugnen wollen, daß sich nach 
dieser Richtung hin in der Gegenwart bedeutende Möglichkeiten 
eröffnen. Immerhin hat Bourguin mit überzeugender Kraft 
nachgewiesen, daß die Volkswirte, welche auf eine genossen 
schaftliche Organisation des Wirtschaftslebens hinzielen, nur die 
eine Seite der tatsächlichen Entwicklungstendenzen der Gegen 
wart ins Auge fassen. „Zwei Wege sind es“, sagt Bourguin, 
„welche die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Kultur 
völker in der Gegenwart geht: Ausdehnung des Kapitalismus 
und Organisation der kollektiven Kräfte.“ Und wenn wir näher 
zusehen, so gewahren wir, daß im Grunde der Stand der öko 
nomischen Wissenschaft in Frankreich mit dem der Tatsachen 
übereinstimmt. Dem Wachstum des Kapitalismus entspricht 
&lt;lie starke Position der individualistischen Wirtschaftslehre, die 
mit dem Geschäftsleben in vielfacher, enger Fühlung geblieben 
ist; die Organisation der kollektiven Kräfte hingegen und damit, 
wie Bourguin sagt, der Fortschritt der Demokratie haben ihr 
ideologisches Gegenstück in den Genossenschaftsidealen und in 
allen Schattierungen des Interventionismus und Sozialismus. 
Das lebenskräftige Nebeneinandermarschieren und vielfache 
Ineinandergreifen von Individualismus und Interventionismus 
in der französischen Nationalökonomie scheint uns aber des 
halb ein glückliches zu sein, weil es in so adäquater Weise die 
von Bourguin kraftvoll und tiefgreifend gezeichnete Wirklich 
keit widerspiegelt.
        <pb n="567" />
        Verlag von FERDINAND ENKE in STUTTGART. 
Tübinger 
staatswissenschaftliche Abhandlungen 
herausgegeben von 
Dr. Carl Johannes Fuchs 
o. Prof, der Volkswirtschaftslehre an der Universität Tübingen. 
1. Heft: Stephinger, Privatdoz. Dr. phil. et rer. pol. Ludwig, 
Die Geldlehre Adam Müllers, gr. 8°. 1909. geh. M. 8.—. 
2. Heft: Brennecke, Werner, Die Landwirtschaft im Herzog 
tum Braunschweig, gr. 8°. 1909. geh. M. 3.60. 
3. Heft: Linneweber, Gisbert, Die Landwirtschaft in den 
Kreisen Dortmund und Hörde. gr.8°. 1909. geh. m. 5.40. 
4. Heft: Kaiser, C., Die Wirkungen des Handwerkergesetzes 
in Württemberg und Baden. gr. 8°. 1909. geh. m. 3.— 
Prof. Dr. Gustav Cohn: 
System der National-Oekonomie 
Ein Lesebuch für Studierende 
Vier Bände 
I. Bd.: Grundlegung, gr. 8°. 1885. geh. M. 12.—. 
II. Bd.: Finanzwissenschaft, gr. 8°. 1889. geh. M. 16.—. 
III. Bd.: Nationalökonomie des Handels und desV erkehrs wesens. 
gr. 8°. 1898. geh. M. 24.—. 
Zur Politik des deutschen Finanz-, Verkehrs 
und Verwaltungswesens 
Reden und Aufsätze 
8°. 1905. geh. M. 14.—. 
Zur Geschichte und Politik desVerkehrswesens 
8°. 1900. geh. M. 14.—.
        <pb n="568" />
        Verlag von FERDINAND ENKE in STUTTGART. 
Die soziale Frage im Lichte der Philosophie 
Vorlesungen über Sozialphilosophie und ihre Geschichte 
von 
Prof. Dr. Ludwig Stein 
Zweite verbesserte Auflage 
gr. 8°. 1903. geh. M. 13.— ; in Leinw. geb. M. 14.40. 
Philosophische Strömungen der Gegenwart 
von Prof. Dr. Ludwig Stein 
gr. 8°. 1908. geh. M. 12.— ; in Leinw. geb. M. 13.60. 
Theorie, Ursprung 
und Geschichte der Friedensidee 
Kulturphilosophische Wanderungen 
von 
Dr. Samuel Max Melamed 
gr. 8°. 1909. geh. M. 8.40; in Leinw. geb. M. 9.40. 
Preisgekrönt vom internationalen Friedensbureau in Bern. 
Friedensbewegung — Haager Konferenz 
Abrüstungsfrage 
von 
Generalarzt Dr. A. Villaret 
8°. 1907. geh. M. —.80. 
V. Bar, Geh. Rat Prof. Dr. L., Lehrbuch des inter 
nationalen Privat- und Strafrechts. ^ h 8 M.7?-¡ 
in Leinw. geb. M. 8.—. 
Bozi, Oberlandesgerichtsrat A., Die natürlichen 
Grundlagen des Strafrechts. m°3.2o. 
Cohn, Prof. Dr. Georg, Gemeinderschaft undHaus- 
(TPnnQQPnQrhaft Vortrag gehalten in der internationalen Ver- 
gciiuaaci lacuali. einigung für vergleichende Rechtswissenschaft 
und Volkswirtschaftslehre zu Berlin am 16. Okt. 1897. 8°. 1898. geh. M. 4.—.
        <pb n="569" />
        Verlag von FERDINAND ENKE in STUTTGART. 
Gmelin, Dr. H., Studien z. spanischen Verfassungs 
geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. 
gr. 8°. 1905. geh. M. 8.—. 
Günther, Prof. Dr. S., Ziele, Richtpunkte und Metho 
den der modernen Völkerkunde. 
Harburger, Prof. Dr. Heinrich, Straf rechtspraktikum. 
Strafrechtliche Fälle zum akademischen Gebrauch und zum Selbststudium. 
8°. 1892. geh. M. 3.—. 
Kindermann, Prof.Dr.C., Parteiwesen undEntwick- 
1 «1 tier in ihren Wirkungen auf die Kultur der modernen Völker. 
IUII &amp; gr. 8°. 1907. geh. M. 3.—. 
Krohne, Geh. Rat Prof. Dr. K., Lehrbuch der Ge- 
fíinOTliçlílinHp unter Berücksichtigung der Kriminalstatistik und 
ldllglliaiVUllUC Kriminalpolitik. Mit 15 Tafeln. 8°. 1899. geh. 
M. 11.— ; in Leinw. geb. M. 12.—. 
Kurella, Dr. H., Naturgeschichte des Verbrechers. 
Grundzüge der kriminellen Anthropologie und Kriminalpsychologie für 
Gerichtsärzte, Psychiater, Juristen und Verwaltungsbeamte. Mit zahlreichen 
anatomischen Abbildungen und Verbrecherporträts. 8°. 1893. geh. M. 7.—. 
Lippert, Julius, Die Geschichte der Familie. 
8°. 1884. geh. M. 6.—. 
Lippert, Julius, Kulturgeschichte der Menschheit 
in ihrem organischen Aufbau. Zwei Bände. gr. 8°. 1886 u. 1887. 
geh. M. 20.— ; in Halbfranz geb. M. 25.—. 
Makarewicz, Prof. J., Einführung in die Philo- 
cnnhfP H AS ^trilfrAPflfs »ns entwicklungsgeschichtlicher 
supine uea cui &lt;ui emu» Grundlage 8°. i906. geh. 
M. 10.— ; in Leinw. geb. M. 11.60. 
Meili, Prof. Dr. F., Institutionen der vergleichen 
den Rechtswissenschaft. Ein G ™ n h dn ¿ 8 ; 8&gt; i°; 1898 
Meurer, Prof. Dr. Chr., Die Juristischen Personen 
nach Deutschem Reichsrecht. 8°. 1901. geh. M. 11.—. 
Mittermaier, Prof. Dr. W., Die Parteistellung der 
Staatsanwaltschaft ™ re / 8 0 ™ ie ^ e e h n strafverfahren - 
Müller, Prof. Dr. R., Einleitung in die Gesellschafts- 
HinlnmP Für Gebildete bearbeitet. 8°. 1909. geh. M. 4.— ; in 
DlUlUglC. Leinw. geb. M. 5.-. 
Ri vier, Prof. Dr. A., Lehrbuch des Völkerrechts. 
Zweite verbesserte Auflage, kl. 8 o . 1899. geh. M. 8.— ; in Leinw. 
geb. M. 9.—.
        <pb n="570" />
        Verlag von FERDINAND ENKE in STUTTGART. 
Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 
In den Grundzügen dargestellt 
von Max Dessoir 
Mit 16 Abbildungen und 19 Tafeln 
30 Bogen. Lexikon-Format. 1906. geh. M. 14.— ; in Leinw. geb. M. 17.—. 
Philosophisches Lesebuch 
von Prof. Dr. M. Dessoir und Prof. Dr. P. Menzer 
Zweite vermehrte Auflage 
8°. 1905. geh. M. 5.60; in Leinw. geb. M. 6.40. 
Aus G. C. Lichtenbergs Korrespondenz 
von Dr. Erich Ebstein 
Mit Tafel- und Textabbildungen, kl. 8 °. 1905. geh. M. 2.40. 
Moderne Philosophie 
Ein Lesebuch zur Einführung in ihre Standpunkte und Probleme 
von Privatdozent Dr. M. Frischeisen-Köhler 
gr. 8°. 1907. geh. M. 9.60; in Leinw. geb. M. 10.80. 
Wirkl. Geh.-Rat Prof. Dr. W. Wundt. 
Ethik 
Eine Untersuchung der Tatsachen und Gesetze 
des sittlichen Lebens. 
Dritte umgearbeitete Auflage 
Zwei Bände, gr. 8°. 1903. geh. M. 21.— ; in Leinw. geb. M. 24.20. 
Logik 
Eine Untersuchung der Prinzipien der Erkenntnis und 
der Methoden wissenschaftlicher Forschung. 
Dritte umgearbeitete Auflage 
Drei Bände. 
I. Band: Allgemeine Logik und Erkenntnistheorie. 
gr. 8°. 1906. geh. M. 15.— ; in Leinw. geb. M. 16.60. 
II. Band: Logik der exakten Wissenschaften. 
gr. 8°. 1907. geh. M. 15.— ; in Leinw. geb. M. 16.60. 
III. Band : Logik der Geisteswissenschaften. 
gr. 8°. 1908. geh. M. 15.80; in Leinw. geb. M. 17.40. 
Prinzipien der mechanischen Naturlehre 
Ein Kapitel aus einer Philosophie der Naturwissenschaften 
Zweite umgearbeitete Auflage der Schrift: 
Die physikalischen Axiome und ihre Beziehung zum Kausalprinzip. 
8°. 1910. geh. M. 5.60; in Leinw. geb. M. 6.60.
        <pb n="571" />
        i 
-
        <pb n="572" />
        n
        <pb n="573" />
        m 
^_-
        <pb n="574" />
        *9 
.
        <pb n="575" />
        <pb n="576" />
        BSÜ, 
L 
tá
        <pb n="577" />
        4. 
$ |š l“ P 
o 
418 
Der Interventionismus an den Universitäten 
siert den Klassenkampf ; auf die Dauer wird es ihm unmöglich 
sein, von dem revolutionären „allgemeinen Arbeiterbund“ (C. G. T.) 
unabhängig zu bleiben x ). 
Wir könnten diese Blutenlese aktueller Fragen aus den 
Lehrbüchern von Br y und Pie noch um manch interessantes 
Stück bereichern; das Vorgeführte genügt jedoch, um den Geist 
zu charakterisieren, welcher den sozialpolitischen Unterricht an 
den französischen Rechtsfakultäten beseelt. 
Neben Pie und Bry stehen als Spezialisten in der Gewerbe 
politik am meisten im Vordergrund A stai ion und Jay. 
Albert Aftalion, Professor in Lille, dessen vorzügliche Ar 
beit über Sismondi bereits erwähnt wurde, enquetiert fleißig 
über die Verhältnisse der im Norddepartement vertretenen Indu 
strien. Er ist ein gründlicher Kenner vor allem der Textil 
industrie 2 ). 
Raoul Jay, Professor in Paris, wurde bereits im II. Buche bei 
der Besprechung der sozialkatholischen Schule, der er angehört, 
genannt. Er tritt für die sozialreformerischen Forderungen 
dieser Schule ein, aber urgiert sie. Seine zahlreichen Arbeiten 
zeichnen sich durch gediegene Wissenschaftlichkeit und radi 
kalsten Interventionismus aus. Obwohl Jay Anhänger der obli 
gatorischen Syndikate ist, vertritt er die Ansicht, daß die Wohl 
fahrtseinrichtungen der Arbeitgeber und der genossenschaftliche 
Zusammenschluß der Arbeiter nur wenig zur Besserung der 
Lage der Arbeiter zu tun vermögen; allein der Staat ist imstande, 
durch gesetzgeberische Intervention die schweren Mißstände zu 
beseitigen, an denen die Arbeiterklasse krankt. Die Wirksam 
keit der Gewerkvereine ist in der Hauptsache darauf beschränkt, 
anregend auf die staatliche Schutzgesetzgebung zu wirken und 
') Paul Pie, ibid. p. 264 ff. 
2 ) Von den Enqueten Aftalions sind besonders beachtenswert: La Crise 
de l'Industrie linière et la concurrence victorieuse de l’Industrie cotonnière, 
Paris 1904. — Le Développement de la Fabrique et le travail à domicile dans 
les Industries de l’habillement, Paris 1906. 
s ) Raoul Jay, La Limitation légale de la journée de travail en Suisse, 
1891. — Une Corporation moderne, 1892. — L’Organisation du Travail par les 
Syndicats professionnels, 1894. — Un projet d’assurance contre le chômage dans 
le canton de Bâle-Ville, 1895. — La Protection légale des Travailleurs, 1904. 
Alle bei Larose, Paris. — Ferner zahlreiche Artikel in: Revue d’économie 
politique.
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
