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        <title>Die Nationalökonomie in Frankreich</title>
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            <forname>Raymund de</forname>
            <surname>Waha</surname>
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        </author>
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            <idno>890892032</idno>
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        EIGENTUM
DES
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
BIBLIOTHEK
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        1910.

DIE

NATIONALÖKONOMIE
IN  FRANKREICH

D«  raymund  de  waha

STUTTGART.
VERLAG  VON  FERDINAND  ENKE.
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        DIE
NATIONALÖKONOMIE
IN  FRANKREICH.
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DIE

NATIONALÖKONOMIE
IN  FRANKREICH
VON
Dr.  RAYMUND  DE  WAHA

STUTTGART.
VERLAG  VON  FERDINAND  ENKE.
1910.
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Das  Ubersetzungsrecht  wird  vorbehalten.

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Druck  der  Hoffmannschen  Buchdruckerei  in  Stuttgart.
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        Vorwort.

Dieses  Buch  ist  weniger  dazu  bestimmt,  einen  erschöpfenden
Bericht  über  die  nationalökonomische  Literatur  Frankreichs  zu
erstatten,  als  ein  anschauliches,  genetisches  Gesamtbild  des
volkswirtschaftlichen  Denkens  in  diesem  Lande  zu  gehen.  Es
kam  darum  nicht  so  sehr  auf  Vollständigkeit  an,  als  darauf,
eine  jede  Gedankenrichtung  durch  Herausheben  der  bedeutendem
Autoren,  in  denen  sie  sich  verkörpert,  zu  kennzeichnen.  Wiederholte, ­
  längere  Aufenthalte  in  Paris  hatten  mir  die  Gelegenheit
gegeben,  durch  Bibliothekstudien  an  der  Bibliothèque  nationale
und  im  Musée  social,  durch  den  Besuch  von  Vorlesungen  und
Vorträgen  in  den  verschiedensten  Unterrichtsanstalten,  endlich
nicht  zum  wenigsten  im  persönlichen  Verkehr  mit  Nationalökonomen ­
  und  Soziologen  der  verschiedensten  Richtungen,  mich
mit  dem  Gegenstand  vertraut  zu  machen.  Die  gesammelten
Materiahen  waren  im  Laufe  der  Zeit  derart  angewachsen,  daß
ich  mich  bei  der  Ausarbeitung,  um  überhaupt  ein  Ende  zu  erreichen, ­
  entschließen  mußte,  nicht  nur  eine  Auswahl  zu  treffen,
sondern  auch  eine  bedeutend  kürzere  und  gedrängtere  Darstellung ­
  zu  Papier  zu  bringen,  als  ursprünglich  geplant  war.
Dabei  konnten  viele  interessante  Autoren  nur  eine  allzu  flüchtige
Berücksichtigung  finden;  andere  wird  man  überhaupt  vermissen.
Das  Streben  nach  allseitiger  Berücksichtigung  auch  der  Einzelheiten ­
  mußte  sich  der  Sorge  unterordnen,  ein  übersichtliches
Gesamtbild  zu  bieten,  das  die  wesentlichen  Züge  der  Wirklichkeit ­
  möglichst  getreu  wiedergibt.  Aber  die  Beschränkung,  zu
der  dieser  Gesichtspunkt  zwang,  genügte  noch  nicht.  Weil  die
äußerste  mir  zur  Verfügung  stehende  Zeit  abgelaufen  war  und
die  Umstände  gebieterisch  zum  Abschluß  drängten,  mußte  im
letzten  Augenblick  auf  die  Aufnahme  der  sozialistischen  Autoren
        <pb n="8" />
        VI

Vorwort.

in  das  Gesamtbild  verzichtet  werden.  Ich  behalte  mir  jedoch
vor  für  den  Fall,  daß  das  vorliegende  Buch  eine  günstige  Aufnahme ­
  findet,  sobald  als  möglich  eine  selbständige  Darstellung
des  französischen  Sozialismus  folgen  zu  lassen.  Materialien  dazu  .
habe  ich  mehr  als  genügend  aus  Paris  mitgebracht.
Ich  glaube  noch  darauf  hinweisen  zu  sollen,  daß  mein
Buch  sich  nicht  bloß  an  Fachgelehrte,  sondern  überhaupt  an
Gebildete  wendet.  Ich  habe  mich  überall  bemüht,  der  Darstellung ­
  eine  möglichst  klare  und  allgemein  faßliche  Form  zu
geben.  Von  dieser  Richtschnur  wurde  nur  an  sehr  wenigen
Stellen,  deren  Übergehen  das  Verständnis  des  Ganzen  nicht
beeinträchtigt,  deswegen  abgewichen,  weil  eine  elementare  Darstellung ­
  der  dort  in  Frage  kommenden  subtilen  Materien  zu
weit  hätte  ausholen  müssen.  Um  auch  jenen  Lesern,  welche
der  französischen  Sprache  nicht  vollkommen  mächtig  sind  —
und  diese  dürften  immer  noch  die  Mehrzahl  bilden  —  das  glatte
Lesen  meines  Buches  zu  ermöglichen,  wurden  die  Zitate  in
deutscher  Übersetzung  wiedergegeben.  Nur  wenigemal  habe  ich
französisch  zitiert,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  entweder
der  genaue  Sinn,  oder  die  eigentümliche  Schönheit  des  sprachlichen ­
  Ausdrucks  der  betreffenden  Stellen  in  der  Übersetzung
nicht  wiederzugeben  waren.  Möge  die  Kenntnis  der  französischen ­
  Nationalökonomie,  welche  mein  Buch  dem  deutschen
Leser  vermitteln  soll,  anregend  und  befruchtend  auf  den  Wissenschaftsbetrieb ­
  in  Deutschland  wirken;  möge  das  Buch  Verständnis ­
  und  Wertschätzung  französischer  Geistesarbeit  auf  dem
so  wichtigen  Gebiete  der  Wirtschaftswissenschaft  in  weiten
Kreisen  fördern!
Allen,  die  mir  bei  der  Beschaffung  der  Materialien,  bei  der
Durchsicht  des  Manuskripts  und  bei  der  Korrektur  Hilfe  geleistet ­
  haben,  wiederhole  ich  an  dieser  Stelle  den  Ausdruck
meines  herzlichsten  Dankes.  Ich  kann  nicht  umhin,  bei  dieser
Gelegenheit  auch  öffentlich  das  liebenswürdige  Entgegenkommen
zu  rühmen,  das  ich  in  Paris  in  sämtlichen  Kreisen,  welche  sich
wissenschaftlich  oder  praktisch  mit  volkswirtschaftlichen  Fragen
beschäftigen,  gefunden  habe.
Luxemburg  am  2.  Februar  1910.

Dr.  R.  de  Waha.
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        Inhaltsverzeichnis.

Vorwort  .
Einleitung

Seite
V
XVII

Buch  I.  Die  liberale  Schule.
I.  Teil.  Geschichtlicher  Überblick

1

Kritik  am  Merkantilismus  1.  —  Natürliche  Ordnung  des  Wirtschaftslebens ­
  2.  —  Die  Physiokraten  3.  —  Adam  Smith  9.  —  J.  B.  Say  11.
—  Theorie  der  immateriellen  Güter  12.  —  Rolle  des  Unternehmers
in  der  Volkswirtschaft  13.  —  Begriff  der  volkswirtschaftlichen
Naturgesetze  14.  —  Says  Methode  15.  —  P.  Rosst  17.  —  Grundsätzliche ­
  Unterordnung  der  Ergebnisse  der  abstrakten  Wissenschaft
unter  die  durch  nationale,  zeitliche  und  örtliche  Besonderheiten  geschaffene ­
  Lage,  sowie  unter  die  Forderungen  von  Ethik  und  Politik
18.  —  Ch.  Dunoyer  20.  —  Der  Freiheitsbegriff,  Angelpunkt  der  Wissenschaft ­
  21.  —  Guillaumin,  Horace  Say,  Blanqui,  Faucher,  L.  Reyhaud,
J.  Garnier  25.  —  Société  d’Economie  politique,  Journal  des  Economistes ­
  27.  —  F.  Bastiat  28.  —  Die  Harmonien  des  Wirtschaftslebens
30.  —  Unterscheidung  von  unentgeltlichen  und  onerosen  Brauchbarkeiten, ­
  Negierung  der  Rente  31.  —  Der  Wert  als  das  Verhältnis  zweier
ausgetauschter  Dienstleistungen  32.  —  Das  Gesetz  der  Harmonie  von
Kapital  und  Arbeit;  das  Freihandelspostulat  als  Brennpunkt  der  Wissenschaft ­
  34.  —  Die  liberale  Schule  geht  von  der  Bekämpfung  des
Protektionismus  zu  der  des  Sozialismus  über  35.  —  M.  Chevalier  36.
—  Der  französisch-englische  Handelsvertrag  von  1860  40.  —  Courcelle-Seneuil
  42.  —  Dessen  Neueinteilung  der  Volkswirtschaftslehre  43.  —
Die  Aneignungssysteme  ;  das  Wirtschaftsleben  nicht  mehr  Naturerscheinung, ­
  sondern  Entscheidung  des  menschlichen  Willens  44.  —
Ersparungsarbeit  47.  —  Cherbuliez  48.  —  Wolowski,  Batbie  50.  —
Battdrillart  51.  —  Milderung  der  wirtschaftlichen  Gesetze  durch  individuelle ­
  und  soziale  Moral  52.  —  Léon  Say  56.  —  M.  Block  59.  —
Schlußwort  62.
II.  Teil.  Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule  .  .  63
A.  Positionen,  welche  die  liberale  Schule  inne  hat,  und  Organe,
über  die  sie  verfügt

63
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        Vili

Inhaltsverzeichnis.

Seite
Académie  des  Sciences  morales  et  politiques  63.  —  Ecole  libre  des
Sciences  politiques  64.  —  Staatliche  Lehrstühle  im  Besitz  der  liberalen ­
  Schule  66.  —  Periodica  68.
B.  Die  verschiedenen  Gruppen  innerhalb  der  liberalen  Schule  .  .  71
1.  Kapitel.  Die  Gruppe  der  Unentwegten  72
G.  de  Molinari  72.  —  Die  Nationalökonomie  im  Gewände  der  evolutionistischen
  Soziologie  Spencers;  die  Gesetze  der  Kraftersparnis
und  der  Konkurrenz  73.  —  Die  Entwicklung  beginnt  mit  dem  Krieg
75.  —  Der  Krieg  wird  durch  die  wirtschaftliche  Konkurrenz  nach
und  nach  ausgeschaltet  77.  —  Das  Schutzzollsystem;  dessen  Ablösung ­
  durch  einen  Zustand  internationaler  Interessensolidarität  79.  —
Gesetz  der  Progression  der  Werte  82.  —  Kapital  und  Arbeit;  die
Produktion  des  Menschen  82.  —  Das  Gesetz  der  Äquivalenz  der  Gewinne ­
  zwischen  den  Produktionszweigen  und  der  Gewinnanteile  einer
jeden  Kapital  art  innerhalb  eines  jeden  Produktionszweiges  85.  —  Molinaris ­
  Wirtschaftspolitik:  Freihandel,  Versicherung  gegen  den  Krieg,
Vereinfachung  des  Staates,  Vereinheitlichung  der  Märkte  und  Mobilisierung ­
  der  Arbeit,  Handel  in  Arbeit  und  Arbeitsbörsen,  self  government ­
  und  sweckmäßige  Bevormundung  87.  —  Kritik  94.  —  Frédéric
Passi/,  der  Friedensapostel  96.  —  Fres  Guyot  98.  —  Seine  volkswirtschaftlichen ­
  Naturgesetze  99.  —  Seine  subjektive  Wertlehre  100.
2.  Kapitel.  Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner  103
Paid  Leroy-Beaulieu  103.  —  Seine  Methode  ;  induktive  Fundamentierung ­
  der  Volkswirtschaftslehre  104.  —  Die  permanenten  und  universellen ­
  Naturgesetze  der  Volkswirtschaft  106.  —  Der  Freihandel  nicht
grundlegendes  Dogma,  sondern  Frage  praktischer  Zweckmäßigkeit;
Berücksichtigung  nationalwirtschaftlicher  und  allgemein  politischer
Erwägungen  in  der  Wirtschaftspolitik  108.  —  Die  Wertlehre  levons'
und  der  Oesterreich  er  109.  —  Das  Gesetz  der  Substitution  110.  —
Die  drei  Haupttendenzen  der  heutigen  Wirtschaftsepoche:  Sinken  des
Zinsfußes  111;  Kolonisierung  114:  Erweiterung  der  Befugnisse  des
Staates  115.  —  Kritik  115.  —  A.  Neymarck  117.  —  A.  Rafsalovich  118.
—  R.  G.  Lévy  119.  —  E.  d'Eichthal  119.  —  Die  Voraussicht  und  Vor  -
bedachtsamkeit  im  Wirtschaftsleben  120.  —  Die  Nationalökonomie,
ein  Produktionsproblem,  nicht  ein  solches  der  Verteilung  121.  —  Die
soziale  Solidarität  122.  —  Ch.  Gomel.  Die  Finanzgeschichte  des  Revolutionszeitalters ­
  125.
3.  Kapitel.  Die  Gruppe  der  Verwaltungsbeamten.  .  .  .  126
A.  de  Foville,  Statistiker  127.  —  R.  Stourm.  Dessen  finanzwissenschaftliche ­
  Werke.  Vergleich  mit  Ch.  Gomel  128.
4.  Kapitel.  Die  Gruppe  der  Historiker  130
P.  E.  Levasseur  130.  —  Die  Bedeutung  der  historischen  Methode  für
die  Nationalökonomie  132.  —  Die  Pflicht  des  Historikers,  aus  seinen
geschichtlichen  Erkenntnissen  eine  Doktrin  fürs  praktische  Leben  zu
        <pb n="11" />
        Inhaltsverzeichnis.

IX

Seite
folgern;  diese  Doktrin  ist  ein  erleuchteter  und  gemäßigter  Liberalismus ­
  134.  —  Die  Bevölkerungstheorie  Levasseurs  136.  —  Die  Wirtschaftsgeschichte ­
  Frankreichs  137.  —  G.  d’Avenel  140.  —  Geschichte  der
Preise  aus  sechs  Jahrhunderten  141.  —  Die  Geschichtsforschung  führt
d’Avenel  zu  Schlußfolgerungen,  die  Bastiat  auf  deduktivem  Wege,
Leroy-Beaulieu  aus  der  Beobachtung  der  Gegenwart  gewann  142.  —
d’Avenels  „Mécanisme  de  la  vie  moderner  144.  —  A.  Liesse,  Comtist
145.  —  Unterscheidung  von  feststehender  Doktrin  und  deren  jeweiliger ­
  Interpretation  146.  —  Paul  Guiraud.  Wirtschaftsgeschichte  des
Altertums  147.
Kapitel.  Die  Gruppe  der  Ingenieure  und  die  mathematische ­
  Methode  in  der  liberalen  Schule  148
Geschichtlicher  Überblick  :  Canard,  Cazaux,  Cournot,  Dupuit  148.  —
Kritik  der  mathematischen  Methode  150.  —  L.  C.  Colson.  Apologie
der  deduktiven  Methode  151.  —  Colsons  Anlehen  bei  Marshall  und
Leroy-Beaulieu  ;  die  Rettung  der  klassischen  Gesetze  152.  —  Die  Sozialpolitik ­
  der  liberalen  Schule  155.  —  Colsons  Parteinahme  für  die  Progressivität ­
  der  Steuern  und  das  Prinzip  der  Personalbesteuerung  157.
Kapitel.  Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren  .  .  159
A.  Jourdan  159.  —  Versuch,  Individualismus  und  Interventionismus
zu  verbinden  160.  —  E.  Worms  162.  —  Den  wirtschaftlichen  Naturgesetzen ­
  kommt  kein  absoluter  Charakter  zu  163.  —  Eingliederung
der  Nationalökonomie  in  die  Soziologie;  Trennung  von  Wissenschaft
und  Kunstlehre  in  der  Nationalökonomie;  Vorschläge  zur  Reorganisation ­
  des  volkswirtschaftlichen  Unterrichts  an  den  Universitäten  163.
—  F.  Faure  166.  —  Trennung  von  Wissenschaft  und  Kunstlehre;
einheitliche  Methode  für  beide  166.  —  E.  Villey,  Eklektiker  168.  —
Kritik  der  klassischen  Schule  168.  —  Die  Gesetze  der  Volkswirtschaftslehre ­
  sind  Naturgesetze  169.  —  Rechts-  und  Wirtschaftswissenschaft ­
  sind  unzertrennlich  169.  —  Prinzipielle  Bevorzugung  der  deduktiven ­
  Methode  170.  —  Die  Zukunft  gehört  der  genossenschaftlichen ­
  Entwicklung  ;  die  soziale  Solidarität  ;  Aufgabe  des  Staates  im
Wirtschaftsleben  ist  Erziehung  der  Individuen  zu  starken  Persönlichkeiten ­
  171.  —  P.  Beauregard  172.  —  A.  Souchon.  Die  mittlere  Linie
zwischen  Interventionismus  und  Nichtinterventionismus  173.  —  G.  Deschamps.
  Die  Reaktion  gegen  den  Interventionismus  und  den  deutschen ­
  Historismus  174.  —  A.  Schatz  175.  —  Ideengeschichtliche  Forschungen ­
  über  die  Anfänge  des  Liberalismus  175.  —  Liberalismus
und  Individualismus  im  XIX.  Jahrhundert  176.  —  Die  Notwendigkeit ­
  gegen  den  Interventionismus  und  Sozialismus  in  Politik  und
Wissenschaft  Front  zu  machen;  Anlehnung  an  den  englischen  Individualismus ­
  des  XVIII.  Jahrhunderts  durch  Anerkennung  der  universellen ­
  Tatsache  der  Solidarität;  genossenschaftsfreundliche  Wirtschaftspolitik ­
  unter  dem  Vorbehalt,  daß  jegliche  Politik  letztlich  auf
die  Vervollkommnung  des  Individuums  hinzielen  muß  177—183.
        <pb n="12" />
        X

Inhaltsverzeichnis.

Seite
Buch  II.  Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen.

Übersicht  184
I.  Teil.  Vorgeschichte  187

J.  de  Maistre  und  de  Bonald,  Anhänger  des  „ancien  régime“  187.  —
Die  Mehrzahl  der  französischen  Katholiken  stand  vor  1870  auf  seiten
des  ökonomischen  Liberalismus  189.  —  Die  Z/stiMenwaisgruppe  ;  de
Lamennais  polemisiert  gegen  die  liberale  Schule  und  verlangt  eine
staatliche  Arbeiterschutzgesetzgebung,  de  Coux  erneuert  die  Lehre
der  mittelalterlichen  Theologen  vom  gerechten  Lohne.  Montalembert
verhilft  dem  Interventionismus  Lamennais’  zu  einem  teil  weisen  Sieg
in  der  französischen  Pairskammer  191.  —  de  Villeneuve-Bargemont  ;
die  christliche  Nationalökonomie  192.  —  Louis  Veuillot  und  D.  Legrand, ­
  Vorläufer  der  heutigen  Sozialkatholiken  194.  —  Die  christlichen ­
  Sozialisten  ;  Identifizierung  von  Christentum  und  Sozialismus
in  der  vorachtundvierziger  Periode  194.  —  Bûchez.  Die  geschichtliche ­
  Methode  als  Grundlage  der  Gesellschaftswissenschaft;  das  Individuum ­
  ist  für  die  Gesellschaft  da,  nicht  umgekehrt  ;  Eigentum  und
Arbeit  als  soziale  Funktionen  ;  die  Produktivgenossenschaften  196.  —
Chevé,  Schüler  Bûchez’  und  K.  Marx’  199.  —  F.  Huet.  Agrarsozialismus. ­
  Recht  aller  auf  Unterstützung.  Die  sozialpolitischen  Aufgaben ­
  der  katholischen  Kirche  200.  —  A.  Ott.  Gesellschaftliche  Organisation ­
  der  Produktion  und  der  Verteilung  der  Güter;  Bûchez’
geschichtliche  Auffassung  des  gesellschaftlichen  Geschehens  und  produktivgenossenschaftliche ­
  Organisation  der  Industrie  202.
II.  Teil.  Die  Gründer  der  heutigen  Schulen  ....  205
A.  Die  Niehtinterventionisten  205
Corbière.  Die  Übereinstimmung  der  klassischen  Nationalökonomie
mit  der  katholischen  Religion  205.  —  de  Metz-Noblat.  Verbindet
Theorie  und  Praxis  des  Wirtschaftslebens  mittelst  Rossis  Korrektiv
206.  —  Die  Rolle  der  Erbsünde  im  Wirtschaftsleben;  die  Entsagung
als  Faktor  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  207.  —  Ch.  Périn  208.  —
Das  katholische  Sittengesetz  als  Grundlage  der  Nationalökonomie;
die  Entsagung  als  das  ökonomische  Prinzip  schlechthin  209.  —  Assoziation ­
  und  Patronage  211.  —  F.  Le  Play  212.  —  Die  Methode  der
Familienmonographien;  die  Voraussetzungen  Le  Plays  214.  —  Auswahl ­
  der  typischen  Familien;  deren  Beobachtung  217.  —  Die  „Autorités ­
  sociales“  219.  —  Das  Familienbudget  220.  —  Erforschung  der
Vergangenheit  durch  Beobachtung  der  in  die  Gegenwart  hineinreichenden ­
  Kulturreste  der  verschiedenen  Zeitalter  222.  —  Le  Plays
System  der  Sozialwissenschaft  223:  1.  Religion;  der  „ewige  Dekalog“
224.  —  2.  Eigentum  :  Gemeineigen,  Patronage  und  individuelles  Eigentum ­
  ;  die  Erbrechtssysteme  225.  —  3.  Familie:  patriarchalische,  unbeständige ­
  und  Stammfamilie  229.  —  4.  Arbeit  231.  —  5.  Genossenschaften ­
  232.  —  6.  Patronage  233.  —  7.  Staatsgewalt  234.  —  Kritik  235.
        <pb n="13" />
        Inhaltsverzeichn  i  s,

XI

*  Seite
B.  Die  Interventionisten  238
Catholiques  sociaux  238.  —  M.  Maignen  ;  die  Wiederherstellung  der
Zünfte  239.  —  R.  de  la  Tour  du  Pin  und  A.  de  Mun  239.  —  Gründung
der  „Cercles“  240.  —  Conseil  des  Etudes  241.  —  Association  catholique ­
  241.  —  Die  doktrinelle  Entwicklung  des  Sozialkatholizismus:
korporative  Organisation  des  Wirtschaftslebens  und  Arbeiterschutzgesetzgebung ­
  242.  —  R.  de  la  Tour  du  Pin,  der  Haupttheoretiker  der
sozialkatholischen  Schule  244.  —  Ethische  Normen  sind  die  Grundgesetze ­
  des  Wirtschaftslebens  245.  —  Der  christliche  Staat  246.  —
Die  korporative  Arbeitsordnung  246.  —  Arbeiterorganisationen  ;  Zunftpatrimonien ­
  248.  —  Das  Eigentum,  eine  soziale  Funktion  250.  —  Der
gerechte  Preis  250—251.  —  Die  Staatslehre  der  Sozialkatholiken  251.
—  Die  „Unions  de  Fribourg“  ;  die  Enzyklika  „Rerum  no  varum  “  253.
—  Die  Lütticher  Kongresse;  der  Sieg  der  deutschen  Idee  des  Wohlfahrtstaates ­
  254.  —  A.  de  Muns  Programm  von  St.  Etienne  254.
III.  Teil.  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen
in  der  Gegenwart  257
A.  Die  Niehtinterventionisten  258
1.  Kapitel.  Die  Schule  der  Réforme  sociale  258
Société  d’Economie  sociale,  Unions  de  la  Paix  sociale,  La  Réforme
sociale,  Ouvriers  des  Deux  Mondes  258.  —  Claudio-Jannet  261.  —
Verbindung  von  Herkommen  und  Konkurrenz  262.  —  Die  Triebfedern ­
  der  Arbeit  263.  —  Claudio-Jannets  Buch  über  die  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  263.  —  Ch.  de  Ribbe.  Die  „Livres  de  raison“
265.  —  E.  Rostand.  Praktische  Sozialpolitik  266.  —  A.  Béchaux.  Die
„französische  Schule“  der  Nationalökonomie  268.  —  E.  Cheysson.
Monographie  d'atelier  und  monographie  de  commune  271.  —  Delaire
275.  —  A.  Guérin,  11.  Valleroux,  Fournier  de  Flaix  276.  —  M.  Beliam,
G.  Blondel,  M.  Lepelletier  277.  —  P.  du  Maroussem.  Enquête  monographique ­
  278.  —  Die  „Musterung  der  Extreme“  279.  —  Cité  moderne ­
  und  région  rurale;  Monographie  eines  Gewerbes,  einer  Handelsbranche, ­
  einer  Landschaft,  eines  landwirtschaftlichen  Marktes,  eines
öffentlichen  Verwaltungszweiges  usw.  ;  Vereinfachung  des  Le  Playsehen
  Schemas  der  Familienmonographie  ;  neue  Gesichtspunkte  für
Auswahl  der  typischen  Familien  279.
2.  Kapitel.  Die  Schule  der  Science  sociale  287
H.  de  Tourville  und  E.  Detnolins.  Fortbildung  der  Le  Play  sch  en  Beharrungslehre ­
  zu  einer  Entwicklungslehre  287.  —  Übertragung  der
naturwissenschaftlichen  Beobachtungsverfahren  in  die  Sozialwissenschaft ­
  288.  —  Die  drei  Phasen  iri  der  Methode  Le  Plays:  Methodische ­
  Analyse,  vergleichende  Beobachtung,  Klassifikation  290.  —  Die
patriarchalische  Familie  der  Nomaden  des  Ural  als  Typus  der  einfachen ­
  menschlichen  Gesellschaft  291.  —  Nomenclature  sociale  292.
—  An  Stelle  der  Erbsysteme  tritt  die  Art  der  Kindererziehung  als
        <pb n="14" />
        XII

Inhaltsverzeichnis.

Seite
unterscheidendes  Merkmal  der  Familien  typen  298.  —  Neue  Klassifizierung ­
  der  Familien  typen  299.  —  de  Tourvilles  wirtschaftsgeschichtliche ­
  Essays;  geographisch-wirtschaftliche  und  psychologische  Interpretierung ­
  der  Geschichte  300.  —  Ecole  des  Roches  ;  Manoir  de  Calmont
  303.  —  Paul  Bureaus  Studienreisen  303.  —  Definitive  Klassifizierung ­
  der  Familien  und  Völker  durch  de  Tourville  und  Demolins:
kommunautäre  und  partikularistische  Seinsweise  304.  —  Die  „Répercussions ­
  sociales“  306.  —  Das  Ideal  höchstgespannter  Entwicklung
307.  —  A.  de  Préville,  P.  Roux,  d’Azambuja,  P.  de  Bousiers,  P.  Bureau,
L.  Poinsard  308—310.  —  Kritik  der  „Science  sociale“  310.
3.  Kapitel.  Die  Schule  von  Angers  312
Die  liberalen  Katholiken  und  katholischen  Juristen  312.  —  Die  Jesuiten ­
  Caudron  und  Forbes  313.  —  Bischof  Freppel;  der  Kongreß
von  Angers  313.  —  Société  catholique  d’Economie  politique  et  sociale
314.  —  J.  Rambaud  314.  —  Pflichten  der  Gerechtigkeit  und  Pflichten
der  Nächstenliebe  315.  —  Das  nichtinterventionistische  Programm
Bischof  Freppels;  die  katholische  Kirche  als  Hauptfaktor  der  Sozialreform ­
  316.  —  Aufnahme  Le  Playscher  Ideen  316.  —  Association  des

Patrons  du  Nord  317.
B.  Die  Interventionisten  318
4.  Kapitel.  Die  christlichen  Sozialisten  318
Das  Wiederaufleben  des  christlichen  Sozialismus  318.  —  Drei  verschiedene ­

  Weltanschauungen  innerhalb  der  sozialkatholischen  Schule;
Bildung  dreier  Gruppen  in  deren  Schoß  :  rechter  Flügel,  Zentrum,
linker  Flügel;  ihre  Entwicklung  seit  1891  320.  —  Abbé  Naudet  327.
—  Das  Eigentum  als  soziale  Funktion  und  als  historische  Kategorie;
Verschwinden  des  Lohnsystems  in  der  Zukunft  329.  —  Naudets  sozialreformerische
  Forderungen;  die  berufsständige  Organisation  als
Mittel  zu  deren  Verwirklichung  330.  —  Versuch  des  Jesuiten  Antoine
die  Lehre  der  christlichen  Demokraten  zu  einem  integrierenden  Bestandteil ­
  der  katholischen  Theologie  zu  machen  331.
5.  Kapitel.  Der  „SilIon“  336
Marc  Sangnier.  Die  Entwicklung  des  „Sillon“  336.  —  Die  volkswirtschaftlichen ­
  Ideen  der  Sillonisten  338.  —  Der  „Sillon“,  ein  Freundschaftsbund ­
  339.  —  Schwierige  Stellung  des  ,.Sillon“  340.
6.  Kapitel.  Das  sozialkatholische  Zentrum  341
Dessen  Organisationen  341.  —  Die  katholischen  Universitäten;  Ecole
des  Sciences  politiques  et  sociales  in  Lille  343.  —  Union  d'études
des  Catholiques  sociaux  345.  —  Die  literarische  Produktion  der  sozialkatholischen ­
  Schule  346.  —  Ch.  Antoine  ;  dessen  Lehrbuch  der
Nationalökonomie,  ein  Meisterstück  wissenschaftlicher  Diplomatie
346.  —  6r.  Goyau  ;  die  religiöse  Grundlegung  des  Sozialkatholizismus
348.  —  de  Pascal,  M.  Turmann,  A.  D.  Sertillanges,  R.  Jag,  Martin
Saint-Léon,  L.  de  Seilhac,  Abbé  Lemire,  J.  Brunhes  349—352.  —
        <pb n="15" />
        Inhaltsverzeichnis.

XIII

Seite
Überblick  über  die  doktrinelle  Entwicklung  des  Sozialkatholizismus
seit  1890  352.
Buch  III.  Interventionismus,  Solidarismus  und
Protektionismus.
I.  Teil.  Der  Interventionismus  an  den  Universitäten  .  .  .  355
1.  Kapitel.  Vorläufer  355
Simonde  de  Sismondi  355.  —  Dupont-White.  Der  Staats  Sozialismus  357.
2.  Kapitel.  Entstehung  und  Organisation  des  volkswirtschaftlichen ­
  Unterrichts  an  den  Rechtsfakultäten  .  359
Die  Reformpläne  von  de  Salvandy  und  Duruy  ;  die  Reform  von  1878
359.  —  Deren  Ausbau  bis  1907  ;  die  heutige  Gestaltung  des  staatswissenschaftlichen ­
  Unterrichts  an  den  Rechtsfakultäten  360.  —  Conférences ­
  payantes;  seminaristische  Übungen;  doctorat  d’Etat  und
doctorat  d’Université  363.
3.  Kapitel.  Die  interventionistische  Richtungnahme  der
Nationalökonomie  an  den  Rechtsfakultäten  364
Die  Gründe  für  diese  Erscheinung;  der  Einfluß  des  Romanisten
Paul  Gide  365.  —  Der  Sturm  gegen  Cauwès  365.  —  Der  Einfluß  der
deutschen  historisch-ethischen  Nationalökonomie  ;  Ch.  Andler  366.  —
Arbeiten  über  Deutschland  367.  —  Die  französische  Eigenart;  Geschmack ­
  für  Aktualität;  weitere  fremde  Einflüsse  368.  —  Der  deutsche ­
  Interventionismus  dringt  in  die  französische  Politik  ein  370.
4.  Kapitel.  Allgemeine  Volkswirtschaftslehre  371
Revue  d’économie  politique  371.  —  P.  Cauwès  372.  —  Der  Mensch
im  Vordergrund  des  volkswirtschaftlichen  Interesses;  der  nationale
Charakter  einer  jeden  Volkswirtschaft;  das  Gesetz  der  Arbeitsteilung
373.  —  Der  Protektionismus;  die  Befugnisse  des  Staates  375.  —  Die
Zusammengehörigkeit  von  Rechts-  und  Wirtschaftswissenschaft  376.
—  Die  Arbeit  als  Quelle  von  Eigentum  und  Wert  378.  —  M.  Bourguin.
Die  sozialistischen  Systeme  und  der  natürliche  Lauf  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  381.  —  Ausdehnung  des  Kapitalismus  und  Organisation ­
  der  kollektiven  Kräfte  sind  die  Richtlinien  der  Entwicklung ­
  des  Wirtschaftslebens  386.  —  Demokratisches  Organisationsprogramm ­
  388.  —  Kritik  391.  —  A.  Landry  392.  —  Parallele  zwischen
Bourguin  und  Landry  393.  —  Der  ponophysiokratische  Sozialismus
Effertz’  bei  Landry  393.  —  Bevorzugung  der  deduktiven  Methode;
die  „reine“  Volkswirtschaftslehre  394.  —  Landrys  Zinstheorie  395.  —
Landrys  Theorie  vom  Unternehmergewinn  397.  —  Der  soziale  Nutzen
des  Privateigentums  ;  die  wirtschaftlichen  Antagonismen  398.  —  Der
Schluß  auf  den  Sozialismus  400.
5.  Kapitel.  Wirtschaftliche  Ideen-und  Tat  ge  schichte  .  402
Revue  de  l’Histoire  des  doctrines  économiques  402.  —  A.  Dubois.  Die
dreifachen  Einflüsse,  welche  das  Entstehen  und  die  Entwicklung  der
        <pb n="16" />
        XIV

Inhaltsverzeichnis.

Seite
volkswirtschaftlichen  Ideen  bestimmen  402.  —  Der  Merkantilismus
402.  —  Die  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Ideen  von  Ch.  Gide
und  Ch.  Rist  405.  —  Charakteristik  von  Ch.  Rist  410.  —  Ch.  Turgeon.
Der  Feminismus  411.  —  L.  Brocard,  Schüler  Deschamps'.  Die  Einheitslehre ­
  411.  —  G.  Martin.  Wirtschaftsgeschichtliche  Monographien
412.  —  G.  Weill.  Detaillierte  Materialiensammlungen  413.  —  G.  Bry.
Wirtschaftsgeschichte  Englands  414.
6.  Kapitel.  Sozialpolitik  und  soziale  Gesetzgebung  .  .  414
Zeitschriften  414.  —  Parallele  zwischen  P.  Pie  und  G.  Bry  415.  —
Der  kollektive  Arbeitsvertrag  416.  —  Berufsorganisationen  der  Staatsbeamten ­
  417.  —  A.  Aftalion.  Gewerbepolitische  Enqueten  418.  —
R.  Jay.  Radikaler  Interventionismus  418.
7.  Kapitel.  Finanz  Wissenschaft  420
Zeitschriften  420.  —  P.  Cauivès  verwirft  die  Progressivität  der  Steuern,
überträgt  die  Freilassung  eines  Existenzminimums  von  den  Einkommen- ­
  auf  die  Ertragssteuern,  gibt  der  (einzigen)  Kapitalsteuer  vor  der
(alleinigen)  allgemeinen  Einkommensteuer  den  Vorzug.  Seine  Reform ­
  Vorschläge  für  Frankreich  420.  —  G.  Jèze  und  M.  Boucard  422.
—  Das  nävia  ģtï  bei  Jèze  423.  —  G.  Allix.  Dessen  Lehrbuch  der
Finanzwissenschaft  424.
II.  Teil.  Der  Solidarismus  427
1.  Kapitel.  Zur  Geschichte  des  Solidaritätsbegriffes  .  .  427
Die  Solidarität  im  Altertum;  im  römischen  Recht;  bei  A.  Smith,  A.
Comte,  P.  Leroux,  Basti  at  427.  —  Der  Solidaritätsbegriff  in  der  Gegenwart ­
  429.
2.  Kapitel.  Der  Solidarismus  bei  Léon  Bourgeois  .  .  .  432
Das  Naturgesetz  des  Zusammenschlusses  zum  Leben  432.  —  In  der
Gesellschaft  ist  der  Einzelne  das  Ergebnis  von  persönlichen  und  sozialen ­
  Faktoren  433.  —  Die  natürliche  Solidarität  schafft  die  Rechtsgründe ­
  eines  Quasikontraktes  434.  —  Korrektur  der  natürlichen  Solidarität ­
  durch  eine  gewollte;  der  solidaristische  Gerechtigkeitsbegriff
435.  —  Zahlung  der  sozialen  Schuld  durch  Mutualisierung  der  Risiken ­
  und  Vorteile;  Bourgeois’  interventionistisches  Programm  437.
—  Kritik  438.
3.  Kapitel.  Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide  440
Methode  und  Begriffsbestimmungen  440.  —  Gide  lehnt  sich  in  der
Auffassung  von  den  volkswirtschaftlichen  Naturgesetzen  und  in  der
Wertlehre  an  Marshall  an  442.  —  Die  Idee  der  Solidarität  444.  —
Die  Solidarität  kann  durch  staatliche  Intervention  und  durch  genossenschaftlichen ­
  Zusammenschluß  verwirklicht  werden  446.  —  Ausschaltung ­
  der  Berufsorganisationen  und  Gegenseitigkeitsgenossenschaften ­
  447.  —  Die  Kooperativgenossenschaften;  das  Ideal  einer
konsumgenossenschaftlichen  Organisation  des  Wirtschaftslebens  448.
        <pb n="17" />
        Inhaltsverzeichnis

XV

Seite
Die  Beseitigung  der  Lohnarbeit  und  die  Umgestaltung  des  Ligentumsbegriffes
  als  Folgen  der  Vergenossenschaftlichung  der  W  irtschaftsordnung ­
  451.  —  Kritik  455.
III.  Teil.  Der  Protektionismus  458
Definition;  Ideengeschichtliches  458.  —  E.  Théry.  L  Economiste  européen. ­
  Protektionismus  und  Bimetallismus.  Statistische  Studien
459.  —  J.  Mélme.  Zurück  zur  Scholle  !  462.  -  La  Réforme  économique ­
  und  Journal  de  l'Agriculture  466.  —  Société  d’Economie  politique
nationale  467.
Buch  IV.  Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen
und  Soziologen.
1.  Kapitel.  Überblick  -  468
Condorcet,  Vorläufer  der  deutschen  historischen  Nationalökonomie  468.
—  A.  Comte.  Kritik  am  „laisser  faire“  469.  —  Die  Soziologie  als  Naturgeschichte ­
  der  Gesellschaften  470.  —  Espinas.  Die  Volkswirtschaftslehre ­
  als  nationalwirtschaftliche  Kunstlehre  470.  —  J.  Jzoulet.  Das
Zusammenschmelzen  von  Individualismus  und  Sozialismus  durch  die
bio-soziologische  Hypothese  471.—  A.  Fouillée.  Der  „organisme  contractuel“. ­
  Der  Staat  als  Genossenschaft  der  Genossenschaften  472.
—  Ch.  Renouvier.  Staatsintervention  und  genossenschaftlicher  Zusammenschluß ­
  als  Mittel,  den  Individuen  zu  helfen,  ihre  sittliche
Persönlichkeit  zu  entwickeln  473.  —  H.  Michel  475.  —  Th.  Funclc-Brentano.
  Essay  eines  Systems  der  Volkswirtschaftslehre  476.  —
R.  Worms.  Die  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.  Ihr  Verhältnis ­
  zur  Soziologie  478.
2.  Kapitel.  Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der
Nationalökonomie:  Gabriel  Tarde  481
Definition  der  Interpsychologie  482.  —  Die  Erscheinungsformen  der
Wiederholung,  des  Gegensatzes  und  der  Anpassung  482.  —  Der  Wertbegriff ­
  483.  —  Einteilung  der  Sozial  Wissenschaften  484.  —  Kritik  der
traditionellen  Einteilung  der  Nationalökonomie  485.  —  Alle  volkswirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  sind  solche  der  Wiederholung,  der
Gegensätzlichkeit  oder  der  Anpassung  486.  —  Kritik  von  Tardes  Neueinteilung ­
  der  Nationalökonomie  487.  —  Die  volkswirtschaftliche
Wiederholung  :  die  Bedürfnisse  488.  —  Die  Arbeit  und  ihr  Gegenstück, ­
  die  Erfindung  491.  —  Das  Geld  493.  —  Das  Kapital  493.  —
Die  volkswirtschaftlichen  Gegensätze  :  die  inneren  Gegensätze  oder  die
Bestimmungsmomente  der  Preise  494.  —  Die  äußern  Gegensätze  496.
—  Die  Krisen  und  die  Rhythmen  497.  —  Die  volkswirtschaftliche
Anpassung:  individuelle  und  soziale  Harmonien-,  Erfindung  und  Gewöhnung ­
  an  regelmäßige  Bedürfnisse  498.  —  Der  wirtschaftliche
Wert  500.  —  Das  Privateigentum  502.  —  Der  Tausch  503.  —  Die
        <pb n="18" />
        XVI

Inhaltsverzeichnis

Seite
Genossenschaften  504.  —  Kritik  von  Tardes  „interpsychologischer"
Nationalökonomie  505.
3.  Kapitel.  Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie:
  Durkheim  und  Si  mia  nd  507
Parallele  von  Durkheim  und  Tarde  507.  —  Die  soziologische  Methode
Dürkheims  :  die  gesellschaftlichen  Erscheinungen  können  nur  durch
äußere,  nicht  aber  durch  innere  Wahrnehmung  erkannt  werden  508.
—  L’Année  sociologique  510.  —  Die  Arbeitsteilung,  eine  Grundtatsache ­
  des  gesellschaftlichen  Lebens  510.  —  Mechanische  und  organische ­
  Solidarität  ;  wie  beide  entstehen  511.  —  Die  Ursachen  der  Arbeitsteilung; ­
  der  Kampf  ums  Dasein  513.  —  Die  anormalen  Wirkungen
der  Arbeitsteilung  514.  —  Dürkheims  Ethik;  die  Berufsmoral  516.—
Berufsgenossenschaftliche  Organisation  der  Gesellschaft;  die  Aufgabe
der  Korporationen  518.  —  Kritik  zu  Dürkheims  Berufsethik  520.  —
F.  Simiand  522.  —  „Positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  im
Gegensatze  zur  „normativen“  522.  —  Simiands  Lohngesetze  523.  —
Wie  er  sie  gewann  525.  —  Kritik  der  soziologischen  Methode  Dürkheims ­
  und  Würdigung  der  Ergebnisse,  die  Simiand  mit  ihrer  Hilfe
gewann  527.
Anhang  529
Musée  social  529.  —  Office  social  de  renseignements  et  d’études  532.
—  Collège  libre  des  Sciences  sociales  532.  —  Ecole  des  Hautes  Etudes
sociales  533.
Schlußwort  536
        <pb n="19" />
        Einleitung.

Eine  große  Frage  beherrscht  das  volkswirtschaftliche
Denken  in  Frankreich:  die  Frage,  ob  das  Wirtschaftsleben  frei
oder  gebunden  sein  soll.  Die  Geister  scheiden  sich,  je  nach
der  Antwort,  die  sie  auf  diese  Frage  geben,  in  zwei  Lager.
Das  eine  umfaßt  die  Volkswirte,  deren  Augenmerk  in  erster  Linie
auf  die  Unternehmerklasse  gerichtet  ist,  auf  jene  Kategorie  von
Starken,  deren  Gesetz  individuelle  Selbsthilfe  und  freie  Konkurrenz ­
  sind.  Diese  Volkswirte  huldigen  alle  in  größerm  oder
geringerm  Maße  der  Anschauung,  daß  die  Einmischung  des
Staates  ins  Wirtschaftsleben  im  allgemeinen  schädlich  sei.  Man
bezeichnet  sie  als  Individualisten  oder  Nichtinterventionisten.  Die
Nationalökonomen,  welche  sich  für  die  Gebundenheit  des  Wirtschaftslebens ­
  entscheiden,  bilden  das  andere  Lager.  Ihre  Aufmerksamkeit ­
  gilt  in  erster  Linie  den  wirtschaftlich  Schwachen
und  Schutzbedürftigen,  also  entweder  der  Arbeiterklasse,  deren
Gesetz  die  Vereinigung  und  die  autoritative  Reglementierung
der  wirtschaftlichen  Beziehungen  sind,  oder  jenen  Zweigen  der
einheimischen  Produktion,  welche  die  schützende  Intervention
des  Staates  in  eine  Lage  setzen  soll,  die  jener  des  fremden
Wettbewerbs  gleich  sei.  Die  hierher  gehörenden  Volkswirte
stützen  ihre  Anschauungen  zumeist  auf  eine  historische  Auffassung ­
  vom  Wirtschaftsleben,  die  dessen  Gestaltung  von  den
Bedingungen  von  Zeit  und  Ort  abhängig  sein  läßt.  Sie  sind
Interventionisten,  Protektionisten,  oder  auch  Anhänger  einer  korporativen ­
  oder  genossenschaftlichen  Ordnung  des  Wirtschaftslebens.
Neben  den  Männern,  welche  aus  ökonomischen  Gründen
für  die  Freiheit  oder  für  die  Gebundenheit  des  Wirtschaftslebens ­
  Partei  ergreifen,  gibt  es  solche,  deren  volkswirtschaftliches ­
  Denken  sich  auf  Grundlagen  anderer  Ordnung  aufbaut.
Es  sind  dies  in  der  Hauptsache  einerseits  die  katholischen  National
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  II
        <pb n="20" />
        Einleitung.

XVIII

Ökonomen,  andererseits  die  Philosophen  und  Soziologen,  die  sich
mit  wirtschaftlichen  Fragen  beschäftigen.  Die  ökonomischen
Anschauungen  der  erstem  sind  von  deren  religiös-kirchlichem
Glauben  beeinflußt  oder  gründen  vollständig  darauf;  die  letztem
treten  von  allgemein  philosophischen  oder  sozialwissenschaftlichen ­
  Gesichtspunkten  aus  an  die  wirtschaftliche  Erscheinungswelt ­
  heran.  Darum  bleibt  jedoch  weder  den  einen,  noch  den
andern  die  Antwort  auf  die  Frage:  Freiheit  oder  Gebundenheit?
erspart.  Die  Katholiken  spalten  sich  darüber  in  zwei  Lager:
ein  nichtinterventionistisches  und  ein  interventionistisches,  während ­
  die  Philosophen  und  Soziologen  den  Fußstapfen  Condorcets
folgen  und  sich  zu  der  staatlichen  Einmischung  ins  Wirtschaftsleben ­
  und  auch  wohl  zu  dem  Prinzip  der  Vereinigung  der
Schwachen  bekennen.
Das  Gesagte  liefert  uns  die  Elemente  zu  einer  Einteilung
unseres  Stoffes,  welche  sich  eng  an  die  historische  Entwicklung
der  Dinge  anschließt.  Es  gibt  in  Frankreich,  wenn  wir  vom
Sozialismus  absehen,  vier  große  Gruppen  von  Volkswirten.  Es
sind:  1.  Die  Individualisten  oder  Nichtinterventionisten ­
  schlechthin;  sie  nennen  sich  selber  die  liberale  Schule.
2.  Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen,  die
sich  in  ein  interventionistisches  und  ein  nichtinterventionistisches
Lager  spalten.  3.  Die  Interventionisten,  Solidaristen
und  Protektion!sten,  das  sind  die  Anhänger  der  Einmischung
des  Staates  ins  Wirtschaftsleben.  4.  Die  Philosophen  und
Soziologen,  soweit  sie  sich  um  wirtschaftliche  Fragen  kümmern.
Die  Grenze  zwischen  Nichtinterventionismus  und  Interventionismus ­
  zieht  sich  in  dieser  Einteilung  mitten  durch  die
zweite  Gruppe  hindurch.  Natürlich  fehlt  es  nicht  an  Versuchen,
diese  Grenze  zu  überbrücken,  noch  an  Berührungspunkten
zwischen  den  einzelnen  Gruppen.  Das  hindert  jedoch  nicht,  daß
deren  obige,  gegenseitige  Abgrenzung  die  natürlichste,  der  tatsächlichen ­
  Gestaltung  der  Dinge  am  nächsten  kommende  sein
dürfte.
Bei  der  Ausarbeitung  des  vorliegenden  Werkes  war  das
Interesse  des  Verfassers  in  besonderer  Weise  auf  Methodenfragen ­
  gerichtet.  Der  Gedanke  lag  darum  nahe,  der  Darstellung
eine  Einteilung  des  Stoffes  zugrunde  zu  legen,  die  von  methodologischen ­
  Unterscheidungsmerkmalen  ausgegangen  wäre.  Es
        <pb n="21" />
        Einleitung.

XIX

stellte  sich  jedoch  bald  heraus,  daß  das  Voranstellen  des  Gesichtspunktes ­
  der  Methode  nur  ein  verzerrtes  Bild  der  Wirklichkeit ­
  gezeitigt  hätte.  Denn  einmal  sind  Methodenfragen  zurzeit
—  wenn  wir  von  einem  oder  zwei  Autoren  absehen,  —  in  der
französischen  Nationalökonomie  gar  nicht  auf  der  Tagesordnung;
dann  aber  würde  eine  Gruppierung  der  Volkswirte  nach  den  von
ihnen  zur  Anwendung  gebrachten  Forschungsverfahren  die  natürlichen ­
  Rahmen,  in  denen  sie  sich  bewegen,  derart  über  den  Haufen
geworfen  haben,  daß  kein  Kenner  der  tatsächlichen  Lage  diese
in  dem  kaleidoskopischen  Bilde  wiedererkannt  hätte.  Es  mußte
darum  als  das  Beste  erscheinen,  die  folgende  Darstellung,  unter
Vermeidung  jeder  künstlichen  Abfachung,  in  einer  Weise  anzuordnen, ­
  die  sich  auf  das  engste  an  die  historisch  gewordenen
Gruppierungen  anschließt.
Demgemäß  behandeln  wir  die  oben  unterschiedenen  vier
Gruppen  von  Nationalökonomen  in  der  angegebenen  Reihenfolge
in  vier  Büchern.  Der  Gesichtspunkt  möglichster  Anlehnung
an  die  tatsächlich  im  Vordergrund  stehenden  Unterscheidungsmerkmale ­
  ist  auch  für  sämtliche  Untereinteilungen  maßgebend
gewesen.
In  jedem  Buche  wird  der  Leser  zunächst  mit  dem  historischen ­
  Werdegang  der  darin  behandelten  Anschauungen  bekannt
gemacht.  Das  Hauptgewicht  wird  aber  auf  die  Darlegung  des
Standes  einer  jeden  Gruppe  und  Untergruppe  in  der  Gegenwart
gelegt.  Naturgemäß  nimmt  dabei  die  Analyse  der  Schriften  der
bedeutenderen  lebenden  Volkswirte  den  breitesten  Raum  ein;
es  wird  aber  auch  über  die  Arbeiten  der  wichtigern  Autoren
zweiter  Ordnung,  die  sich  um  die  Führer  gruppieren,  berichtet.
Nicht  am  wenigsten  Interesse  dürften  endlich  die  jedesmal  eingefügten, ­
  kurzen  Beschreibungen  wecken,  welche  die  Machtstellung, ­
  Aktionsmittel,  Unterrichtsanstalten,  Periodika  usw.,
über  die  jede  Gruppe  oder  Untergruppe  in  der  Gegenwart  verfügt, ­
  zum  Gegenstand  haben.  Die  Schilderung  jener  wissenschaftlichen ­
  Anstalten,  die  nirgends  untergebracht  werden
konnten,  weil  sie  allen  Gruppen  gleichviel  dienen,  wurde  in
einen  besondern  Anhang  verwiesen.
        <pb n="22" />
        Buch  I.
Die  liberale  Schule.
I.  Teil.
Geschichtlicher  Überblick.
„Die  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  Dinge  vom  Standpunkt ­
  der  Naturgesetze  beginnt  in  ihren  ersten  Regungen  im
XVI.,  zeigt  sich  in  steigendem  Maße  im  XVII.,  gelangt  zur
Vollendung  im  XVIII.  Jahrhundert“  (Brentano).  Ausgangspunkt ­
  für  dieselbe  war  zunächst  die  Kritik  an  den  Auswüchsen
der  Feudalordnung;  und  an  den  Maßnahmen  merkantilistischer
Wirtschaftspolitik.  In  Frankreich  riefen  die  Kritik  vornehmlich
wach  :  die  elende  Lage  der  ackerbautreibenden  Bevölkerung,
das  verschwenderische  Wohlleben  der  Hofgesellschaft,  die
drückende  und  ungleich  verteilte  Steuerlast  und  der  ungesunde
Zustand  der  öffentlichen  Finanzen.  Eine  solche  Kritik  an  einzelnen ­
  Mißständen  führte  unmerklich  zur  Kritik  sowohl  an  der
Feudalordnung  selbst  als  am  Grundgedanken  des  Merkantilismus  :
an  der  Regelung  des  Wirtschaftslebens  durch  staatliche  Bevormundung. ­

Die  Gegnerschaft  zum  Merkantilismus  fand  in  den  allgemeinen ­
  philosophischen  Anschauungen  der  Zeit  einen  wunderbar ­
  günstigen  Boden,  auf  dem  sie  sich  zur  Höhe  einer  Weltanschauung ­
  und  zur  Konstituierung  der  Nationalökonomie  als
Wissenschaft  erheben  konnte.  Die  Reaktion  gegen  die  mittelalterliche ­
  Scholastik  und  die  Wiederaufnahme  des  Studiums  des
römischen  Rechts  hatten  die  Gedankengänge  der  antiken  Stoiker
wieder  aufleben  lassen  ;  dieselben  standen  sowohl  an  der  Wiege
der  Naturrechtstheorien  Hugo  Grotius’,  Puf  endors  s  usw.,
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  1
        <pb n="23" />
        2

Die  liberale  Schule

als  an  derjenigen  des  Empirismus  in  der  englischen  Philosophie
und  des  Cartesianismus  in  Frankreich.  Das  wichtigste,  diesen
Lehren  gemeinsame  Konzept  ist  das  mit  dem  Namen  Leibniz
für  immer  verbundene  von  der  natürlichen,  prästabilierten
Ordnung  der  Dinge.
Die  Stoiker  und  mit  ihnen  die  römischen  Juristen  hatten
gelehrt,  es  bestehe  eine  volle  Übereinstimmung  zwischen  der
natürlichen  und  der  sittlichen  Ordnung,  d.  h.  es  gebe  eine  natürliche, ­
  durch  allbeherrschende  Naturgesetze  geregelte  Gesellschaftsund ­
  Wirtschaftsordnung,  mit  welcher  sich  in  vollkommener
Übereinstimmung  zu  halten  höchstes  Ziel  des  menschlichen
Handelns  und  der  staatlichen  Gesetzgebung  sei.
Descartes  und  Malebranche  lehrten  ihrerseits  :  wenn  Gott  eine
Welt  schafft,  so  muß  er  in  dieser  Schöpfung  und  durch  dieselbe
seine  größtmögliche  Verherrlichung  suchen;  das  ist  nur  dadurch
möglich,  daß  die  von  ihm  geschaffene  Welt  die  beste  und  vollkommenste ­
  ist.  Damit  ist  die  Existenz  einer  von  der  göttlichen
Vorsehung  geleiteten  Gesellschafts-  und  Wirtschaftsordnung  gegegeben.
  Die  Leitung  dieser  Ordnung  durch  die  göttliche  Vorsehung ­
  ist  nun  nicht  eine  willkürliche,  sondern  eine  fest  normierte, ­
  in  Naturgesetzen  sich  äußernde.
Wer  gegen  ein  Übermaß  von  staatlicher  Reglementierung
des  Wirtschaftslebens,  gegen  durch  positive,  gesetzliche  Einrichtungen ­
  bedingte  oder  geförderte  Mißstände  anzukämpfen
unternahm,  konnte  kein  günstigeres  und  zugleich  radikaleres
Argument  ins  Feld  führen,  als  die  von  den  Philosophen  und
Naturrechtlern  gelehrte  Existenz  einer  natürlichen,  konstanten
und  universellen  Gesetzen  unterworfenen  Ordnung  des  Wirtschaftslebens, ­
  um  die  Forderung,  dasselbe  sich  selbst  zu  überlassen,  zu
begründen.
Die  Kritik  am  Merkantilismus  erweiterte  sich  nun  nach
und  nach  zum  wissenschaftlichen  Lehrgebäude.  Diese  Entwicklung ­
  ging  parallel  in  zwei  Ländern  vor  sich  :  in  Frankreich  erreichte ­
  sie  ihren  Abschluß  im  physiokratischen  System,  in  England
in  Adam  Smith.  In  Frankreich  hatten  als  Kritiker  am  Merkantilismus ­
  und  als  beredte  Anwälte  der  notleidenden  ländlichen
Bevölkerung  insbesondere  La  Bruyère,  Vauban,  Boisguillebert  und
Cantillon  den  Physiokraten  vorgearbeitet;  desgleichen  auch
Montesquieu,  insofern  er  die  genialste  und  bekannteste  Begrün-
        <pb n="24" />
        Geschichtlicher  Überblick

3

dung  der  natürlichen  Ordnung  der  menschlichen  Gesellschaften
im  „Esprit  des  Lois“  gegeben  hat.
Die  Physiokraten  bilden  im  Gegensatz  zu  den  Merkantilisten ­
  eine  geschlossene  Gruppe,  welche  sich  um  Quesnay  scharte.
Es  hat  hervorragende  Geister  unter  ihnen  gegeben,  wie  Quesnay, ­
  der  ältere  Mirabeau,  Gournod,  Bandeau,  Le  Trosne,  Mercier
de  la  Rivière,  Dupont  de  Nemours,  Turgot.  Die  strenge  Abgeschlossenheit, ­
  die  Exklusivität  einer  ausschließlich  ihren  Anschauungen ­
  dienenden  Zeitschrift,  die  Gepflogenheit  gegenseitiger
Beräucherung  haben  sie  auf  ihre  Nachfolger  des  XIX.  und  XX.
Jahrhunderts  vererbt.
Die  physiokratische  Lehre  ist  rationalistisch  in  ihrem
methodischen  Aufbau  und  optimistisch  in  ihrer  Grundstimmung.
Beides  ^verdankt  sie  der  griechischen  Stoa  und  der  Philosophie
Descartes’  und  Malebranches.
Insbesondere  die  physiokratische  Methodik  ist  nichts
anderes  als  die  der  stoischen  Philosophie.  Aus  der  Wahrnehmung ­
  wird  die  Vorstellung,  aus  einer  Vielheit  von  gleichartigen ­
  Vorstellungen  entstehen  die  Begriffe;  diese  bedingen
Urteil  und  Schlußfolgerung.  Durch  Schlußfolgerungen  schreiten
wir  von  einer  Wahrheit  zur  andern  fort  und  sind  dadurch  in
den  Stand  gesetzt,  die  Gründe  der  Erscheinungen  zu  erforschen.
So  entsteht  die  Wissenschaft.  Das  ist  die  Lehre  Zenos.  Ähnlich ­
  argumentiert  Descartes,  genau  so  verfahren  die  Physiokraten. ­
  Freilich  steht  an  der  Basis  dieser  Argumentation  das
„nihil  in  intellectu  quod  non  prius  fuerit  in  sensu“  des  Aristoteles, ­
  oder  das  „cogito  ergo  sum“  Descartes’.  Aber  wie  bald
hat  der  Rationalismus  die  empirische  Grundlage  verlassen  und
bewegt  sich  nur  mehr  in  den  hehren,  der  Berührung  mit  der
Wirklichkeit  entrückten  Räumen  des  deduktiven  Denkens!  Ziel
der  wissenschaftlichen  Forschung  ist  den  Stoikern  wie  Descartes ­
  die  absolute  Wahrheit;  beide  haben  gemeinsam  die
felsenfeste  Überzeugung,  diese  Wahrheit  in  ihren  Lehren  gefunden ­
  zu  haben.  Genau  so  bei  den  Physiokraten.  Historische
Perspektive,  Verständnis  für  die  Relativität  der  gesellschaftlichen
Erscheinungen  gehen  ihnen  vollständig  ab.  Die  absolute  Wahrheit ­
  hat  nach  den  Stoikern  ein  untrügliches  Kriterium:  die
Katalepsis.  Sie  besteht  darin,  daß  eine  Vorstellung  mit  solcher
Klarheit,  Stärke  und  Überzeugungskraft  in  der  Seele  auftritt,
        <pb n="25" />
        4

Die  liberale  Schule

daß  ihre  Wahrheit  nicht  mehr  geleugnet  werden  kann.  Ebenso
die  Erkenntnislehre  Descartes’  und  der  Physiokraten:  die
absolute  Wahrheit  nimmt  eine  für  die  menschliche  Vernunft
unmittelbar  faßbare  Form  an:  die  Evidenz.  Diese  Evidenz,  die
Katalepsis  der  antiken  Stoiker,  ist  nach  den  Physiokraten  ihren
Lehren  eigen.  Die  Folge  davon  ist,  daß  jeder  vernünftige
Mensch,  dem  sie  vorgetragen  werden,  sich  zu  ihnen  bekennen
muß.  Sollte  aber  einer  so  verblendet  sein,  dies  nicht  zu  tun,
so  hat  die  Staatsgewalt  ihn  mit  allen  Mitteln  des  Zwanges
in  jene  Lage  absoluter  wirtschaftlicher  Freiheit  zu  setzen,
welche  die  physiokratische  Lehre  als  die  evident  richtige
hinstellt.
Der  Optimismus,  welcher  der  physiokratischen  Lehre  eigen
ist  und  die  liberale  Schule  Frankreichs  bis  heute  charakterisiert,
ist  schon  in  der  stoischen  Anschauung  von  der  Übereinstimmung ­
  der  natürlichen  und  der  sittlichen  Ordnung  gegeben.
Das  Streben  nach  dem  größtmöglichen  Gewinn  ist  zugleich  das
sittlich  Gute,  das  Gerechte.  Idealisiert  wird  jedoch  dieser  Optimismus ­
  noch  durch  den  Deismus  Descartes’  und  Ma  lehr  anches. ­
  Dieser  Deismus  gipfelt  in  der  Idee  vom  providentiellen
Finalismus:  die  göttliche  Vorsehung  leitet  die  natürliche  Gesellschafts- ­
  und  Wirtschaftsordnung,  wie  die  ganze  Natur  durch
unwandelbare,  ewige  Gesetze,  welche  die  bestmöglichen  sind
und  die  größtmögliche  Glückseligkeit  des  Menschengeschlechtes
bezwecken.  Diesem  Walten  der  göttlichen  Vorsehung  soll  der
Mensch  keine  Schranken  entgegensetzen.  Für  ihn  ergibt  sich
aus  der  Existenz  einer  bestmöglichen  „ordre  naturel“  die  Richtschnur ­
  :  „laisser  faire,  laisser  passer“.  Sich  selbst  überlassen
wird  das  Wirtschaftsleben  sich  naturnotwendig  in  der  für  die
Allgemeinheit  vorteilhaftesten  Weise  entwickeln.
Man  kann  die  physiokratische  Ideenwelt  um  zwei  Prinzipien ­
  gruppieren:
1.  Es  gibt  eine  natürliche  Ordnung  der  menschlichen  Gesellschaften ­
  ;
2.  Der  Ackerbau  (die  Rohproduktion)  allein  ist  produktiv.
Die  natürliche  Ordnung  ergibt  sich  aus  den  Naturgesetzen.
Der  physiokratische  Begriff:  „Naturgesetze“  ist  weder  mit  dem
Montesquieu  sehen  („les  rapports  nécessaires  qui  dérivent  de
la  nature  des  choses“),  noch  mit  dem  der  modernen  Wissen-
        <pb n="26" />
        Geschichtlicher  Überblick

5

schaft  (feststehende  Beziehungen  des  gleichzeitigen  Vorhandenseins ­
  und  der  Aufeinanderfolge)  identisch.  Er  besagt  die  fest
normierten  Bahnen,  in  denen  sich  die  auf  die  Glückseligkeit
des  Menschengeschlechtes  hinzielende  Leitung  des  Weltgetriebes
durch  die  göttliche  Vorsehung  bewegt.  Die  spezifisch  wirtschaftlichen ­
  Naturgesetze  lassen  sich  auf  ein  einziges,  psychologisch  in
der  Natur  des  Menschen  begründetes  Gesetz  zurückführen  :  das
wirtschaftliche  Handeln  des  Menschen  wird  von  dem  Streben
geleitet,  mit  den  geringsten  Mitteln  den  größten  Erfolg  zu  erzielen. ­
  Dieses  Prinzip  faßten  die  Physiokraten  mechanischnaturwissenschaftlich ­
  auf.  Das  Bild  von  der  natürlichen  Ordnung ­
  der  Volkswirtschaft,  welches  sie  aus  demselben  deduzieren,
stempelt  das  Wirtschaftsleben  zu  einem  mechanisch-maschinellen
Getriebe.  Zunächst  wird  die  Fiktion  des  „homo  oeconomicus“
geschaffen,  d.  h.  des  „von  allen  Besonderheiten  des  Berufes,  der
Klasse,  der  Nationalität  und  der  Kulturstufe  freien“,  abstrakten
Wirtschaftsmenschen.  Alsdann  werden  alle  wirtschaftlichen  Subjekte ­
  gleich  gesetzt  und  aus  dem  ökonomischen  Prinzip  Sätze
abgeleitet  wie:  der  aufgeklärte  Eigennutz  des  Individuums  ist
für  dieses  der  natürliche  und  hinlängliche  Wegweiser  im  gegenseitigen ­
  Verkehr;  der  Einzelne  vermag  seine  Interessen  am
besten  zu  schützen  und  zu  wahren  ;  die  individuellen  Interessen
sind  harmonisch  und  solidarisch,  ihre  Summe  identifiziert  sich
mit  dem  Gesamtinteresse  eines  Volkes;  die  Interessen  der  Individuen, ­
  der  sozialen  Klassen,  der  Berufe,  der  Völker  sind  harmonisch ­
  und  solidarisch 1 ).
x )  Man  darf  nicht  vergessen,  dass  diese  Ideen,  bevor  sie  sich  zum
Lehrgebäude  entwickelten,  mit  großer  Entschiedenheit  und  Klarheit  vereinzelt
vorgetragen  worden  waren,  so  besonders  von  W.  Petty,  Vanian,  Boisguìllebert.
Für  die  Vorgeschichte  der  Naturlehre  der  Volkswirtschaft  ist  besonders  interessant ­
  die  Entwicklung  der  Idee  von  der  Harmonie  der  Interessen.  Dieselbe
ging  in  drei  Phasen  vor  sich:  in  der  ersten  stellt  Hobbes  den  Satz  auf,  das  persönliche ­
  Interesse  sei  die  Triebfeder  der  Tätigkeit  des  Menschen  überhaupt.  Die
persönlichen  Interessen  der  in  der  Gesellschaft  vereinten  Individuen  sind  aber
divergierend,  bis  die  Furcht  eines  Tages  die  Gründung  einer  despotischen  Staatsgewalt ­
  ermöglicht,  welche  die  antisozialen  Triebe  paralysiert.
Die  zweite  Phase  wird  durch  die  Schule  des  „moral  sense“  (Cumberland,
Shaftesbury,  Hutcheson  usw.)  vertreten.  Sie  lehrt  die  Harmonie  der  idiopathischen ­
  und  sympathischen  Neigungen  und  damit  diejenige  der  persönlichen
Interessen  der  Individuen.  Diese  Harmonie  ist  aber  eine  vermöge  der  gesellschaftlichen ­
  Triebe  der  Menschen  bewußte  und  gewollte.
        <pb n="27" />
        6

Die  liberale  Schule

Für  die  Verwirklichung  des  „ordre  naturel“  werden  als
grundlegende  Voraussetzungen  postuliert:  Freiheit  der  Person,
Sicherheit  des  Eigentums,  Freiheit  der  wirtschaftlichen  Betätigung ­
  (Arbeits-,  Anbau-,  Gewerbe-,  Handelsfreiheit).
Die  Lehre  von  der  alleinigen  Produktivität  des  Ackerbaus
(Bergbaus,  Abbaus  von  Steinbrüchen)  beruht  auf  dem  Irrtum,
daß  nur  die  Rohproduktion  neue  Werte  erzeuge,  weil  sie  allein
zu  dem  vorhandenen  Stoffvorrat  neue  Stoffe  hinzufüge,  welche
den  „produit  net“  bilden 1 ).  Die  produktive,  d.  i.  die  Ackerbau
treibende  Bevölkerungsklasse  gibt  diesen  „produit  net“  an  die
Klasse  der  Grundbesitzer  ab.  Von  dieser  gelangt  er  in  die
Hände  der  „unfruchtbaren“  Klasse  der  Handwerker,  Kaufleute,
sowie  der  von  persönlichen  Diensten  Lebenden  (höhere  Berufe,
Arbeiter,  Dienstboten  usw.).  Persönliche  Dienste,  Handel,  Stoffveredlung ­
  durch  die  Gewerbe  sind  zwar  nützliche  Beschäftigungen,
aber  unfruchtbar,  denn  sie  fügen  dem  Nationalreichtum  keine
neuen  Stoffe  oder  Wertträger  bei;  ihr  Einkommen  wird  restlos
dem  „produit  net“  der  Rohproduktion  entnommen.
Die  Wirtschaftspolitik  der  Physiokraten  hat  natürlich  als
oberstes  Prinzip  die  Nichtintervention  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben. ­
  Aber  schon  sie  erkennen  tatsächlich  an,  nicht  ausdrückte ­

  der  dritten  Phase  erscheint  die  Harmonie  der  Interessen  nicht  mehr
als  eine  bewußte  und  gewollte,  sondern  als  eine  objektiv  in  der  Natur  der  Dinge
gegebene,  indem  sie  in  einer  auf  Arbeitsteilung  beruhenden  Wirtschaftsordnung
als  natürliche  Folge  aus  dem  Ineinandergreifen  der  menschlichen  Handlungen
hervorgeht.  „Das  Prinzip  der  spontanen  Wirtschaftsordnung  ist  damit  auf  die
tiefen,  beständigen  Naturtriebe  des  Menschen  fundiert.“  Dieser  Gedanke  wurde
zuerst  von  Manäeville  (The  Fable  of  the  Bees  or  Private  Vices,  Public  Benefits,
zuerst:  London  1706,  als  Flugblatt)  entwickelt.  Vgl.  Schatz  L’Individualisme
économique  et  social,  Paris  1907,  p.  43  ff.,  61  ff.
*)  Die  naheliegende  Konsequenz,  der  (natürliche)  Wert  eines  Dinges  werde
durch  die  Menge  Rohstoff  bedingt,  die  es  enthalte,  haben  die  Physiokraten  allerdings ­
  nicht  gezogen.  Für  sie  wird  der  Wert  durch  die  Konkurrenz  von  Käufern
und  Verkäufern  bestimmt.  Die  Unterscheidung  von  Markt-  und  Normal-  oder
natürlichem  Wert,  welche  seit  den  Naturrechtslehrern  Hugo  Grotius,  Pufendorf ­
  usw.  üblich  war,  wird  von  den  Physiokraten  nicht  gemacht.  Für  sie  sind
beide  identisch.  Folgerichtig  ist  dies  in  anderer  Richtung,  wenn  nämlich  die
natürliche  und  die  sittliche  Ordnung  übereinstimmen,  d.  h.  wenn  der  Preis,  wie
er  sii  h  in  dem  Streben  von  Käufer  und  Verkäufer  nach  dem  größtmöglichen
Gewinn  bildet,  sowohl  der  natürliche  als  der  gerechte  ist.  Vgl.  Brentano.  Die
Entwicklung  der  Wertlehre,  München  1908,  p.  35  ff.
        <pb n="28" />
        1 £
05  UniytrsiUI

,^ Bhr «Vs

Geschichtlicher  Überblick

*  Univi

lieh,  genau  wie  später  Smith  und  Ricardo,  die  Unzu
keit  dieses  Prinzips,  trotz  seiner  formalen  Folgerichtig

seiner  Jugend  hatte  Quesnay  die  traurige  Lage  der  ländlichöTr* 1
Bevölkerung  Frankreichs  kennen  gelernt,  und  er  sann  auf  Mittel
und  Wege  zur  Abhilfe.  So  kam  er  dazu,  aus  den  vorhandenen
Bausteinen  ein  System  der  Wirtschaftslehre  zu  konstruieren,
^  dessen  praktische  Verwirklichung  der  Not  der  Landwirtschaft
ein  Ende  machen  sollte.  Als  der  schöne  Bau  fertig  war,  schien
es  ihm,  daß  es  immer  noch  Bedürfnisse  gebe,  denen  er
nicht  gewachsen  sei.  Und  es  verschlug  ihm  nichts,  das  tadellos ­
  in  sich  abgeschlossene  Gebäude  mit  Ansätzen  zu  versehen,
welche  auf  dessen  Fundament  keinen  Platz  finden  konnten.
Weil  es  die  Interessen  der  Landwirtschaft  verlangten,  hatte  er
die  Beseitigung  der  überkommenen  Schranken  und  die  Freiheit
des  Wirtschaftslebens  verlangt.  Wo  diese  Freiheit  jenen  Interessen
schädlich  zu  werden  schien,  da  galt  auf  einmal  die  absolute  Freiheit ­
  des  laisser  faire,  laisser  passer  nichts  mehr,  und  es  wurde
an  die  Reglementierung  durch  die  Staatsgewalt  appelliert 1 ).
Ideengeschichtlich  ist  ferner  von  Interesse,  daß  die  Physiokraten
  ursprünglich  den  Freihandelsgedanken  keineswegs  in  den
Vordergrund  rückten.  Dem  Handel  überhaupt  waren  sie  nicht
günstig  gesinnt.  Sie  sehen  darin  eine  einfache  Übertragung
eines  bereits  vorhandenen  Reichtums  von  einer  Hand  in  die
andere.  Der  Gewinn,  welchen  die  handeltreibende  Klasse  erzielt, ­
  geschieht  auf  Kosten  der  Nation.  Den  Außenhandel
speziell  bezeichnet  Mercier  de  la  Rivière  als  ein  notwendiges
Übel 2 ).  Quesnay  sieht  in  demselben  einen  „Lückenbüßer
1)  Die  Handelsfreiheit  z.  B.  wurde  verlangt  vor  allem  für  den  Handel  in
Bodenprodukten  im  Innern  und  die  Ausfuhr  von  Getreide.  Sollte  aber  der
Getreidepreis  über  eine  vom  Gesetze  zu  bestimmende  Grenze  steigen,  so  sei  nach
dem  Muster  Englands  die  Getreideausfuhr  zu  verbieten.  Desgleichen  bezüglich
des  Zinsfußes.  Damit  nicht  der  verderbliche  Zustand  eintrete,  daß  der  Zinsfuß
dauernd  den  Beinertragsfuß  des  Bodens  übersteige,  müsse  das  positive  Gesetz
denselben  in  zehnjährigen  Perioden  bestimmen.  Auch  soll  der  Staat  durch  Regelung ­
  des  Heiratsalters  und  durch  Förderung  der  Kolonisation  in  dünn  besiedelten
Gebieten  auf  Beschränkung  der  Volks  Vermehrung  hinwirken,  damit  nicht  durch
übermäßiges  Anwachsen  der  Bevölkerung  die  durch  das  Unterhaltsbedürfnis  gegebene ­
  Grenze  überschritten  werde.  Vgl.  Lexis,  Art.  Physiokratisches  System
in  Elsters  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft.
2 )  Mercier  de  la  Rivière,  L’Ordre  naturel  et  essentiel  des  sociétés  politiques.
2  Bde.  1767.  Bd.  II.  cap.  37,  p.  277.
        <pb n="29" />
        8

Die  liberale  Schule

für  die  Völker,  denen  der  innere  Handel  nicht  genügt,  um  die
Produkte  ihres  Landes  vorteilhaft  abzusetzen“  x ).  Trotzdem  muß
die  Freiheit  des  auswärtigen  Handels  prinzipiell  verlangt  werden, ­
  weil  sie  dem  Naturrecht  entspricht  und  dem  Willen  der
Vorsehung,  welche  die  Arbeitsteilung  unter  den  Völkern  durch
die  Verschiedenheit  in  der  Lage,  dem  Klima,  der  Fruchtbarkeit ­
  usw.  der  einzelnen  Gebiete  begründet  hat;  weil  ein  freier
Außenhandel  dem  Überschuß  der  nationalen  Produktion  einen
guten  Preis  sichert;  weil  er  den  Staat  bereichert,  indem  er  die
Produktion  belebt;  ja  weil  er  eine  Folge  des  Eigentumsrechtes
ist,  indem  einerseits  der  Produzent  ein  Recht  darauf  hat,  seine
Produkte  nur  zu  dem  Preise  abzugeben,  der  ihm  ein  ausgedehnteres ­
  Absatzfeld  sichert,  und  andererseits  der  Konsument  das
Recht  beanspruchen  darf,  Produkte  für  sein  Geld  zu  erhalten,
welche  dem  Wert  des  gezahlten  Betrages  entsprechen 2 ).
Das  physiokratische  System  hat  als  solches  keinen  Bestand
gehabt.  Von  den  beiden  Grundideen,  auf  welchen  es  aufgebaut
ist,  der  natürlichen  Ordnung  des  Wirtschaftslebens  und  der
alleinigen  Produktivität  des  Ackerbaus,  lebte  die  erste  in  der
Form  weiter,  welche  ihr  Adam  Smith  gab,  während  die  zweite
keine  Vertreter  mehr  fand.  Denn  nach  dem  Sturze  Turgots
wurde  die  Schule  versprengt;  sie  geriet  rasch  in  Vergessenheit.
Auf  die  große  Menge  hatten  die  Physiokraten  nie  bedeutenden
Einfluß  gewonnen.  Der  Rationalismus  verlieh  ihren  Spekulationen ­
  einen  weltfremden,  esoterischen  Charakter.  In  der  zeitgenössischen ­
  Literatur  wurden  ihre  schwerfälligen  wissenschaftlichen ­
  Werke  vielfach  verhöhnt  und  verspottet.  Bekannt  ist  in
dieser  Hinsicht  z.  B.  Voltaires  Pamphlet  „L’homme  aux  quarante
ecus",  in  welchem  das  physiokratische  Postulat  der  alleinigen
Grundsteuer  geschickt  persifliert  wird.  Immerhin  war  es  aber
auf  den  direkten  Einfluß  physiokratischer  Ideen  zurückzuführen,
daß  von  den  ersten  Versammlungen  der  Revolution,  der  „Constituante“ ­
  und  der  „Législative“,  die  Freiheit  der  Personen  und
des  Eigentums,  die  Anbau-,  Gewerbe-  und  Arbeitsfreiheit  verwirklicht ­
  und  wenigstens  ein  Teil  der  innern  Schranken  des

J )  Quesnay,  Du  Commerce,  in  der  Onckenschen  Ausgabe,  Frankfurt  und
Paris  1888,  p.  484.
2 )  Vgl.  Schatz,  L’Individualisme  économique  et  social.  Paris  1907,  p.  108—104.
        <pb n="30" />
        Geschichtlicher  Überblick

9

Handels  beseitigt  wurden.  Turgots  Versuche  in  dieser  Richtung ­
  waren  bekanntlich  mißlungen  und  haben  seinen  Sturz
herbeigeführt.
In  der  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  Dinge  vom  Standpunkt ­
  der  Naturgesetze  wurden  die  Physiokraten  abgelöst  von
dem  nunmehr  nach  Frankreich  vordringenden  System  Adam
Smiths.  Smith  trat  mit  der  ganzen  Nüchternheit  des  angelsächsischen ­
  Temperaments  an  das  Studium  der  wirtschaftlichen
Dinge  heran.  An  Stelle  des  enthusiastischen  Spekulierens  in
lichten,  der  Wirklichkeit  abgewendeten  Gedankenhöhen,  wie  es
die  Physiokraten  liebten,  greifen  bei  ihm  Induktion  und  Deduktion ­
  ständig  ineinander.  Scharfes  Beobachten  gesellschaftlicher ­
  Tatsachen  und  stetes  Zurückgreifen  auf  solche  ist  ihm
Bedürfnis.  Die  Postulate  des  freien  Waltens  des  Eigennutzes
und  einer  dementsprechenden  Rechts-  und  Wirtschaftsordnung
begründet  er  mit  der  Analyse  wirtschaftlicher  Erscheinungen.
Andererseits  aber  macht  er  auch  umfassenden  Gebrauch  von  der
Deduktion  sowohl  von  allgemeinen  Tatsachen  der  menschlichen
Natur  als  von  der  rationalistisch-deistischen  Prämisse  der  durch
die  Vorsehung  prästabilierten,  harmonischen  und  wohltätigen
natürlichen  Ordnung  der  Dinge,  an  der  er  mit  religiösem  Glauben
festhält.  Sein  gesunder,  stets  auf  dem  Boden  der  tatsächlichen
Verhältnisse  fußender  Sinn  bewahrte  ihn  jedoch  vor  den  Exzessen ­
  des  Rationalismus,  vor  den  extremen  Konsequenzen  seiner
eigenen  Grundanschauungen,  welche  Ricardo  und  Karl  Marx
später  voll  ausdachten.
In  der  Produktivitätslehre  bekämpft  er  den  merkantilistischen,
  wie  den  physiokratischen  Standpunkt:  nicht  eine  günstige ­
  Handelsbilanz,  nicht  der  Ackerbau  ist  die  alleinige  Quelle
alles  Reichtums  eines  Volkes,  sondern  die  menschliche  Arbeit,
insofern  sie  nützliche,  Tauschwert  habende  Sachgüter  erzeugt.
Die  Arbeit  ist  das  Maß  des  Tauschwertes x )  aller  Güter.  Der

b  Die  Physiokraten  kennen  nur  einen  Wert:  den  Marktwert.  Smith
dagegen  fällt  in  die  alte  Zweiteilung  der  objektiven  Werttheorien  in  Gebrauchsund ­
  Tauschwert  zurück.  Dabei  wird  die  Brauchbarkeit  eines  Gutes  mit  seinem
Gebrauchswert  verwechselt,  und  dieser  als  etwas  Gleichbleibendes  angesehen.
Damit  ist  der  Widerspruch  zwischen  ihm  und  dem  wechselnden  Tauschwert
ausgesprochen.  ÿ)as  Fehlerhafte  dieser  Konstruktion  springt  in  die  Augen,
wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  daß  Smith  und  alle  objektiven  Werttheoretiker
        <pb n="31" />
        10

Die  liberale  Schule

Grad  der  Produktivität  der  Arbeit  hängt  insbesondere  von  technischer ­
  und  gesellschaftlicher  Arbeitsteilung  ab.  Vorbedingung
für  die  Teilung  der  Arbeit  ist  die  Ansammlung  von  Kapital.
Das  Kapital  ist  Arbeitsprodukt;  insoweit  es  aber  die  Arbeitsteilung ­
  fördert  und  die  Produktivität  der  Arbeit  steigert,  wird
es  Produktionsfaktor.  Im  Verlaufe  des  Produktionsprozesses
wird  es  abgenutzt  oder  verbraucht  und  muß  ersetzt  werden.
Dieser  Ersatz  wird  mit  Aufwand  von  Arbeit  und  Kapital  aus
dem  Boden  gewonnen,  welcher  als  Quelle  des  Kapitalersatzes
wiederum  Produktionsfaktor  ist.  Bei  völlig  freier  Konkurrenz
bilden  sich  die  Preise  aller  Güter  derart,  daß  die  drei  Faktoren  :
Arbeit,  Kapital,  Boden,  welche  bei  der  Produktion  mitgewirkt
haben,  daraus  die  ihnen  gebührende  Vergütung  erhalten.  So
entstehen  die  drei  Zweige  des  Einkommens  :  Lohn  für  die  Arbeiter, ­
  Gewinn  für  die  Kapitalisten,  Rente  für  die  Grundbesitzer.
In  der  optimistischen  Grundstimmung  und  in  der  Aufstellung ­
  des  Freihandelsprinzips  trifft  sich  Smith  mit  der  Lehre
der  Physiokraten.  Nicht  minder  rosig  als  diese  weiß  er  die
Harmonie  aller  Individualinteressen  und  die  segensreichen  Wirkungen ­
  der  freien  Konkurrenz  zu  schildern;  aber  sein  Begriff
von  der  Nichteinmischung  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben
unterscheidet  sich  von  dem  physiokratischen  dadurch,  daß  die
Freiheit  des  auswärtigen  Handels  bei  ihm  bereits  in  eine  zentrale ­
  Stellung  tritt,  während  es  jenen  in  erster  Linie  um  Beseitigung ­
  der  innern  Schranken  des  Handels  in  Bodenprodukten
und  der  Getreideausfuhrverbote  zu  tun  war.  Es  erklärt  sich
dies  schon  daraus,  daß  Frankreich  in  den  Tagen  der  Physiokraten ­
  noch  vorwiegend  Agrarstaat  war,  während  in  England
zur  Zeit  Adam  Smiths  die  Interessen  von  Handel  und  Gewerbe ­
  bereits  in  den  Vordergrund  gerückt  waren.
In  dem  Unterschied  zwischen  dem  lateinischen  und  dem
angelsächsischen  Temperament  ist  ein  weiterer  bedeutsamer
Unterschied  zwischen  den  beiderseitigen  Systemen  der  Physiovor

  ihm  und  nach  ihm,  dort  wo  sie  vom  Tauschwert  reden,  bestimmt  abgegrenzte ­
  Gütermengen  und  Bedürfnisse  im  Auge  haben,  dort  aber,  wo  sie  vom
Gebrauchswert  handeln,  jede  quantitative  Abgrenzung  aus  dem  Auge  verlieren
und  mit  Gattungsbegriffen,  oder,  wenn  man  will,  mit  unbestimmten  Gütermengen
und  Bedürfnissen  operieren.  Vgl.  darüber:  Brentano,  Die  ^Entwicklung  der
Wertlehre,  München  1908,  p.  42  ff.
        <pb n="32" />
        Geschichtlicher  Überblick

11

kraten  und  Adam  Smiths  begründet.  Dem  lateinischen,  an
reiner,  von  der  konkreten  Wirklichkeit  abgewendeter  Spekulation ­
  sich  erfreuenden  Denken  ist  die  Freiheit  des  Ganzen  Hauptsache. ­
  Die  Physiokraten  sind  liberale  Katholiken.  Ihre  Auffassung ­
  des  Wirtschaftslebens  ist  eine  organische:  die  allmächtigen ­
  Naturgesetze  begründen  eine  einheitliche  Volks  wirtschaft,
das  Postulat  der  freien  Entfaltung  aller  Kräfte  zielt  zunächst
auf  das  Gesamtwohl.  Adam  Smith  dagegen,  der  stets  bestrebt ­
  ist,  mit  der  konkreten  Wirklichkeit  in  Fühlung  zu  bleiben,
ist  es  in  erster  Linie  um  die  volle  Entwicklung  der  Individuen
durch  die  Freiheit  zu  tun.  Er  ist  ein  protestantischer  Individualist. ­
  Die  natürliche  Ordnung  des  Wirtschaftslebens  hat  nicht
eine  einheitliche  Volkswirtschaft  zum  Resultat,  sondern  eine
Summe  zusammenhangloser,  nicht  durch  feste  Beziehungen  verknüpfter ­
  Wirtschaftssubjekte.  Das  Postulat  der  freien  Entwicklung ­
  aller  Kräfte  bedeutet  zunächst  das  freie  Walten  des
Eigennutzes  im  individuellen  Interesse.
Die  Smithschen  Anschauungen  triumphierten,  wie  schon
angedeutet,  über  die  der  Physiokraten.  Smiths  großes  Werk
wurde  mehrfach  ins  Französische  übertragen,  1779—80  von
Blavet,  1790  von  Boucher,  1802  von  Germain  Garnier 1 ).  Weiter
hatte  der  große  Schotte  das  Glück,  in  J.  B.  Say  einen  genialen
Vulgarisator,  einen  Meister  der  Darstellung  zu  finden,  welcher
sein  Lehrgebäude  in  selbständiger  Bearbeitung  und  teilweiser
Fortbildung  einem  weiten  Leserkreise  über  die  ganze  Erde  hin
zugänglich  machte.
J.  B.  Say  (1767—1832) 2 ).  Die  prägnantesten  Eigentümlichkeiten ­
  der  Schriften  Says  sind:  zunächst  eine  materielle,

fi  Die  Bïavetsche  Übersetzung  erschien  zuerst  im  „Journal  de  l’agriculture, ­
  du  commerce,  des  finances  et  des  arts“  und  wurde  wiederholt  aufgelegt.
Die  Gorm'ersche  ging  später  (1863),  mit  Fußnoten  von  Say,  Sismondi,  Blanqui
u.  a.  versehen,  in  die  Guillauminsche  „Collection  des  principaux  économistes“ ­
  über.
2 )  Says  hauptsächlichste  Werke:  Olbie  ou  Essai  sur  les  moyens  d’améliorer ­
  les  moeurs  d’une  nation,  Paris  1802.  —  Traité  d’économie  politique  ou
Simple  Exposition  de  la  manière  dont  se  forment,  se  distribuent  et  se  consomment ­
  les  richesses,  2  Bde.,  zuerst  Paris  1803,  dann  in  häufigen  Auflagen  und
zahlreichen  Übersetzungen.  —  Catéchisme  d’économie  politique,  Paris  1817.  —
Cours  complet  d’économie  politique  pratique,  zuerst  Paris  1828—30  in  6  Bänden, ­
  dann  wiederholt  aufgelegt.  Mir  liegt  eine  Brüsseler  Ausgabe  von  1844  vor.
        <pb n="33" />
        12

Die  liberale  Schule

nämlich  die  scharfe  Betonung  des  beschreibenden  Charakters
der  politischen  Ökonomie,  in  bewußter  und  gewollter  Überbietung ­
  Adam  Smiths,  welcher  der  Nationalökonomie,  noch  an
die  Merkantilisten  anklingend,  ein  vorwiegend  praktisches  Ziel
zuweist:  „Volk  und  Herrscher  zu  bereichern 1 ).“  Aber  auch
formell  haben  die  Saysehen  Werke  ein  starkes  persönliches  Gepräge ­
  in  dem  angenehmen  und  fließenden  Stil,  in  der  hervorragenden ­
  Klarheit  der  Darstellung  und  in  der  didaktischen  Anordnung ­
  des  Stoffes.  Diesen  formellen  Eigenschaften  in  erster
Linie  verdankten  Says  Schriften  den  propagandistischen  Erfolg, ­
  die  Kenntnis  der  Volkswirtschaftslehre  Adam  Smiths
weiten  Leserkreisen  der  gesamten  zivilisierten  Welt  vermittelt
zu  haben.
J.  B.  Say  vulgarisierte  jedoch  die  Naturlehre  der  Volkswirtschaft ­
  nicht,  ohne  sie  fortzubilden.  Dies  tat  er  zunächst
durch  die  Dreiteilung  des  Stoffes  in  Produktion,  Verteilung  und
Verbrauch.  Dann  sind  zu  erwähnen  seine  scharfen,  in  der  liberalen ­
  Schule  klassisch  gebliebenen  Definitionen  der  hauptsächlichsten ­
  Begriffe,  mit  denen  die  Nationalökonomie  operiert 2 ).
Endlich  ging  er  über  Adam  Smith  hinaus  durch  seine  Theorien ­
  über  die  immateriellen  Güter  und  die  Bolle  des  Unternehmers ­
  in  der  Volkswirtschaft.
Die  Theorie  der  immateriellen  Güter  hängt  eng  zusammen
mit  der  Wertlehre.  Adam  Smith  war  noch,  gleich  den
Physiokraten,  in  der  Auffassung  befangen,  daß  der  wirtschaftliche ­
  Wert  notwendig  an  die  Materie  gebunden  sei.  Die  Wertschaffung, ­
  der  Zweck  der  wirtschaftlichen  Arbeit  des  Menschen,
bleibt  in  dieser  Auffassung  beschränkt  auf  die  Vergegenständlichung
  der  menschlichen  Arbeit  in  einem  materiellen  Gute.
Say  nimmt  nun  dem  Wertbegriff  den  Charakter  der  Materialität,
indem  er  zunächst  den  Schwerpunkt  von  der  Brauchbarkeiten
schaffenden  Arbeit  in  die  Brauchbarkeiten  selbst  verlegt;  alsdann ­
  erweitert  er  den  Umfang  des  Begriffes  der  wirtschaftlichen
Brauchbarkeit.  Eine  solche  kann  nämlich  nach  ihm  erzeugt
x )  Ofr.  insbesondere:  Traité  (2.  Ausl.  1814)  Bd.  I  Discours  préliminaire,
am  Anfang  und  pag.  LXXV;  ferner:  Cours  (Brüsseler  Ausg.  1844)  Considérations
générales,  pag.  7.
2 )  Insbesondere  in  dem  Vokabularium,  das  dem  Traité  bei  der  2.  Auflage ­
  (1814)  angehängt  wurde.
        <pb n="34" />
        Geschichtlicher  Überblick

13

werden,  Wert  haben  und  Tauschgegenstand  sein,  ohne  in  einem
materiellen  Gute  vergegenständlicht  worden  zu  sein.  Solcher
Art  sind  z.  B.  persönliche  Dienstleistungen 1 ).  Das  ist  die  vielgerühmte ­
  Theorie  der  immateriellen  Güter.  Die  wichtigste  Konsequenz ­
  derselben  ist  die  Einreihung  insbesondere  der  freien
Berufsarten  in  die  wirtschaftlich  produktiven  Klassen  der  Gesellschaft. ­
  Auch  ist  damit  ein  Argument  gewonnen  für  die  produktive ­
  Qualität  des  Handels,  welche  die  Wirtschaftslehre  des
Mittelalters  und  noch  die  Physiokraten  bestritten.
Von  größerer  Bedeutung  ist,  wenigstens  für  unsere  Zeit
des  Vorwiegens  der  Verteilungsprobleme,  Says  Klarstellung  der
Holle  des  Unternehmers  in  der  Volkswirtschaft.  Vor  ihm  waren
Kapitalist  und  Unternehmer,  Kapitalrente  und  Unternehmergewinn ­
  nicht  unterschieden  worden.  Das  entsprach  ja  auch
insofern  den  tatsächlichen  Verhältnissen,  als  vor  Beginn  des
XIX.  Jahrhunderts  in  den  Kulturstaaten  noch  überwiegend  mit
eigenen  Kapitalien  gearbeitet  wurde,  so  daß  Kapitalist  und
Unternehmer  zunächst  in  einer  Person  vereinigt  waren.  Allerdings ­
  hatte  schon  Turgot  bemerkt:  „Der  Unternehmer  muß
jährlich,  außer  den  Zinsen  für  sein  Kapital,  einen  Gewinn
machen,  der  ihn  belohne  für  seine  Sorgen,  seine  Arbeit,  seine
Fähigkeiten  und  sein  Risiko 2 ).“  Doch  hatte  Turgot  diesen
Gedanken  nicht  weiter  verfolgt.  Says  Verdienst  ist  es,  zuerst
den  grundlegenden  Unterschied  zwischen  der  Funktion  des
Kapitals,  eines  rein  materiellen  Produktionsfaktors,  und  derjenigen ­
  des  Unternehmers,  als  einer  höchst  verantwortlichen,
persönlichen  Leistung  klar  und  scharf  herausgearbeitet  zu
haben.  Damit  waren  auch  Kapitalzins  und  Unternehmergewinn
geschieden  *).
Während  diese  Unterscheidung  auf  dem  Kontinent  —  in
Deutschland  zuerst  durch  Mangoldt  —  sofort  von  der  Wissenschaft ­
  dankbar  angenommen  wurde,  verharrten  die  englischen
Nationalökonomen  noch  ein  halbes  Jahrhundert  in  der  früheren
Konfusion.
Nicht  ganz  logisch  ist  es  und  materiell  ein  Rückschritt,
wenn  Say  die  drei  Produktionsfaktoren  Adam  Smiths:  Arbeit,

')  Cours  complet,  cap.  5,  6,  13.
2 )  Turgot,  Réflexions  sur  la  formation  et  la  distribution  des  richesses,  §  86.
3 )  J.  B.  Sag,  Cours  complet,  cap.  7.
        <pb n="35" />
        14

Die  liberale  Schule

Kapital  und  Natur,  als  völlig  gleichstehend  behandelt.  Heute
sind  wir  geneigt,  die  preeminente  Stellung,  welche  Adam
Smith  für  den  Produktionsfaktor  Arbeit  vindiziert,  eher  zu
urgieren  als  zu  verwischen.  Die  liberale  Schule  in  Frankreich
folgt  dagegen  in  diesem  Punkte  bis  heute  den  Fußstapfen
J.  B.  Says.  Allerdings  erkannte  schon  Dunoyer,  wie  wir  gleich
sehen  werden,  daß  Natur  und  Kapital  besser  als  Produktionselemente
  angesprochen  werden,  weil  sie,  sollen  sie  wirtschaftlich
wirksam  werden,  als  rein  materielle  Dinge  einer  Zweckzuführung
durch  menschliche  Arbeit  bedürfen  ß.
Die  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  Dinge  vom  Standpunkte ­
  der  Naturgesetze  steht  bei  J.  B.  Say  wesentlich  auf
dem  Boden  der  Montesquieu  sehen  Auffassung.  Sie  hat  die
rationalistisch-deistische  Form,  in  der  wir  sie  bei  den  Physiokraten
  und  Adam  Smith  fanden,  abgestreift.  Sie  hat  den
Charakter  des  religiösen  Glaubensbekenntnisses  gegen  den  des
Festhaltens  an  einer  wissenschaftlich  erkannten  Wahrheit  ausgetauscht. ­
  Die  Naturgesetze  sind  nicht  mehr  die  Komponenten
einer  prästabilierten,  evidenten,  natürlichen  Wirtschaftsordnung, ­
  sondern  Regelmäßigkeiten  in  der  Aufeinanderfolge  wirtschaftlicher ­
  Erscheinungen.  Das  religionsphilosophische  Element: ­
  die  Idee  vom  providentiellen  Finalismus  scheidet  aus,
die  natürliche  Ordnung  aber  bleibt,  und  deren  Fundierung  auf
geschichtliches  und  zeitgenössisches  Tatsachenmaterial  wird
unternommen.  J.  B.  Say  lehrt:  „Die  Teile,  aus  welchen  die
Gesellschaft  besteht,  die  Tätigkeit,  welche  die  Fortdauer  ihres
Daseins  ausmacht,  werden  nicht  von  ihrer  künstlichen  Organisation, ­
  sondern  von  ihrer  natürlichen  Struktur  erzeugt.  Die

i)  Der  Name  J.  B.  Say  pflegt  ferner  mit  der  sogen.  Theorie  von  den
Absatzwegen  verbunden  zu  werden.  Diese  Theorie,  welche  sich  übrigens  schon
bei  J.  Tucker,  Mengotti  und  anderen  angedeutet  findet,  ist  im  Grunde  nichts
anderes  als  eine  zu  didaktischen  Zwecken  unzulässig  vereinfachte,  keineswegs
irrtumsfreie  Problemstellung  der  auswärtigen  Handelsbeziehungen,  die  in  dem
Satze:  Produkte  gegen  Produkte,  oder:  jeder  Kauf  und  jeder  Verkauf  ist  nur
die  Hälfte  eines  Tausches,  gipfelt.  Da  jedes  Produkt  die  Absatzgelegenheit  für
ein  anderes  bedeutet,  so  wird  ein  Produzent  umso  leichter  einen  Absatz  für
seine  Produkte  finden,  je  mehr  verschiedene  Produkte  auf  den  Markt  gebracht
werden.  Daher  die  Solidarität  aller  Produzenten  und  Gewerbe.  Diese  Theorie
wurde  später  (1890)  von  Jourdan  einem  Lehrbuch  der  Nationalökonomie  zu
Grunde  gelegt.  Siehe  unten,  p.  159.
        <pb n="36" />
        Geschichtlicher  Überblick

15

künstliche  Organisation  hat  ans  die  Belebung  der  gesellschaftlichen ­
  Tätigkeit  so  geringen  Einfluß,  daß  gerade  dort,  wo  sie
sich  darauf  beschränkt,  den  sozialen  Körper  vor  den  bchäden
zu  bewahren,  welche  dessen  Existenz  und  Entwicklung  bedrohen, ­
  die  menschlichen  Gesellschaften  an  Bevölkerungszahl
und  an  Wohlstand  am  raschesten  zunehmen.  Die  künstliche
Organisation  der  Völker  ist  nach  Ort  und  Zeit  verschieden.  Die
Naturgesetze,  welche  deren  Dasein  bedingen  und  deren  Erhalten
bewirken,  bleiben  dagegen  in  allen  Ländern  und  zu  allen  Zeiten
dieselben.“  Daher  ist  denn  auch  die  politische  Ökonomie  „die
Wissenschaft  von  diesen  natürlichen  und  konstanten  Gesetzen,
ohne  welche  die  menschlichen  Gesellschaften  nicht  bestehen
könnten“  x ).
Wie  gelangt  er  nun  zur  Erkenntnis  dieser  Gesetze?
Zunächst  durch  gewissenhafte,  wissenschaftliche  Einzelbeobachtung ­
  volkswirtschaftlicher  Erscheinungen.  „Wenn  aber
eine  Tatsache  gut  beobachtet  wurde,  wenn  wir  durch  Analyse
alles  erkannt  haben,  was  in  derselben  enthalten  ist,  und  wenn
wir  dann  sehen,  inwieweit  diese  Tatsache  mit  allen  andern
Tatsachen  zusammenhängt,  dann  können  wir  aus  denselben
ein  allgemeines  Gesetz  folgern.  Dieses  ist  dann  weiter  nichts
als  der  Ausdruck  für  das,  was  in  allen  ähnlichen  Fällen  geschieht.“ ­
  2 )
Damit  ist  aber  das  wissenschaftliche  Investigationsverfahren
noch  keineswegs  erschöpft.  Zunächst  kann  jedes  durch  gewissenhafte ­
  Beobachtung  gewonnene  und  gut  formulierte  Gesetz
zum  Obersatz  eines  deduktiven  Beweisverfahrens  werden.  Ja
die  Wirtschaftswissenschaft  setzt  sich  überhaupt  zusammen,
„ähnlich  den  exakten  Wissenschaften,  aus  einer  kleinen  Zahl
von  grundlegenden  Prinzipien  und  einer  großen  Zahl  von  Korollaren ­
  oder  Folgerungen  aus  diesen“ 3 ).  Es  empfiehlt  sich  jedoch, ­
  die  Folgerungen,  welche  aus  einem  Satze  gezogen  werden,
nicht  zu  weit  zu  führen,  ohne  wieder  Fühlung  mit  der  Erfahrung ­
  zu  nehmen.  Denn  erstens  können  sich  fehlerhafte  Glieder
in  eine  lange  Kette  von  deduktiven  Beweisführungen  schleichen,
und  zweitens  kann  das  Resultat  der  realen  Entwicklung  be-')

  J.  B.  Say,  Cours  complet,  p.  2.
2 )  ibid.
3 )  J.  B.  Say,  Traité  Bd.  I.  p.  XXIX.
        <pb n="37" />
        16

Die  liberale  Schule

deutend  von  dem  der  Deduktion  abweichen,  weil  es  uns  unmöglich ­
  ist,  alle  Umstände  in  Berechnung  zu  stellen,  welche
auf  das  definitive  Resultat  einwirken.  Deshalb  muß  man  so
oft  als  möglich  vergleichen,  ob  das  Ergebnis  der  Deduktion
von  der  tatsächlichen  Entwicklung  der  Dinge  bestätigt  wird.
Wird  nun  nach  dieser  Methode  verfahren,  so  erhellt,  daß  die
Nationalökonomie  eine  „nicht  auf  Hypothesen,  sondern  voll  und
ganz  auf  der  Erfahrung  aufgebaute  Wissenschaft  ist“  *).
Wenn  wir  die  Werke  J.  B.  Says  auf  die  Betätigung  dieser
seiner  methodologischen  Grundsätze  hin  prüfen,  so  sehen  wir,
daß  bei  ihm  wirklich  „eine  kleine  Zahl  von  grundlegenden
Prinzipien“,  welche  aus  allgemeinen  Tatsachen  induziert  wurden, ­
  und  „eine  große  Zahl  von  Korollaren  oder  Folgerungen
aus  diesen  Prinzipien“,  d.  h.  also  deduktiv  gewonnene  Erkenntnisse, ­
  die  Nationalökonomie  ausmachen.  Zur  Kontrolle  dieser
Erkenntnisse  verbraucht  er  ein  riesiges  Tatsachenmaterial.  Aber
diese  Kontrolltätigkeit  hat  den  Charakter  eines  polyhistorischen
Sammelns  von  geeigneten  Belegstücken,  welche  die  deduktiven
Folgerungen  bestätigen,  nicht  aber  eigentlich  kontrollieren.
Allerdings  war  seine  Epoche  dazu  angetan,  ihm  den  einseitigen
Charakter  seiner  Tatsachenfeststellungen  nicht  zum  Bewußtsein
kommen  zu  lassen.  Was  in  wirtschaftlichen  Dingen  zurzeit
Says  geschah,  wo  die  Schranken,  welche  die  Gesetzgebung
vergangener  Epochen  dem  Wirtschaftsleben  gezogen,  zu  fallen
begonnen  hatten,  das  war  für  ihn  die  natürliche  Ordnung  der
Dinge.  Die  Vortrefflichkeit  dieser  Ordnung  bewiesen  ihm  tagtäglich ­
  die  Wunder,  welche  die  aufstrebende  Großindustrie  vor
seinen  Augen  vollbrachte.  Die  Forderung  der  vollen  Freiheit
des  Wirtschaftslebens  erschien  ihm  so  durch  die  großartigen
Ergebnisse  ihrer  teilweisen  Verwirklichung,  also  durch  die  Erfahrung, ­
  als  einzig  richtige  für  alle  Zukunft  erwiesen.
Die  feste  Überzeugung  J.  B.  Says,  die  Nationalökonomie,
wie  er  sie  vorträgt,  sei  eine  rein  empirische  Wissenschaft,  ist
eine  Selbsttäuschung,  der  die  Wirtschaftstheoretiker  der  liberalen ­
  Schule  in  Frankreich  immer  wieder  zum  Opfer  fielen.
J.  B.  Say  lehrte  1819—1830  am  Conservatoire  National  des
Arts  et  Métiers  in  Paris,  1830  bis  zu  seinem  Tode  (1832)  am

0  Cours  complet  pag.  6—7.
        <pb n="38" />
        Geschichtlicher  Überblick  17

College  de  France.  Beide  Lehrstühle,  deren  erster  Inhaber  er
war,  blieben  bis  heute  im  Besitze  der  liberalen  Schule.
Unter  den  Zeitgenossen  und  unmittelbaren  Nachfolgern
J.  B.  Says  haben  für  die  Entwicklung  der  liberalen  Schule  Bedeutung ­
  erlangt  :  P.  Possi  und  Ch.  Dunoger x ).
Pellegrino  Rossi  (1787—1848)  war  ein  geborener  Italiener
(aus  Carrara)  und  von  Haus  aus  Jurist.  Er  hatte  seit  14  Jahren
nationalökonomische  Vorlesungen  an  der  Akademie  in  Genf  abgehalten, ­
  als  er  auf  den  durch  den  Tod  J.  B.  Says  erledigten
Lehrstuhl  für  Nationalökonomie  am  Collège  de  France  berufen
wurde 2 ).  Rossi  führte  die  Lehren  Ricardos  und  dessen  abstrakte ­
  Methodik  in  Frankreich  ein.  Für  Say  war  die  Nationalökonomie ­
  eine  Naturwissenschaft,  für  Rossi  ist  sie  eine
„Humanitätswissenschaft“ 3 ).  Als  Schüler  Ricardos  stellt  er
sich  in  entschiedenen  Gegensatz  zu  der  Anschauung  der  französischen ­
  liberalen  Schule,  welche  die  Volkswirtschaftslehre  als
eine  empirische  Wissenschaft  anspricht  und  lehrt:  „Sie  offenbart
Wahrheiten  sui  generis  .  .  .  welche  an  allen  Orten  und
zu  allen  Zeiten  wahr  sind.  Daraus  schließe  ich  (Rossi)  kühn,
daß  die  politische  Ökonomie,  insofern  sie  einen  allgemeinen
und  unveränderlichen  Charakter  hat,  eher  eine  Wissenschaft

b  Es  ist  vielleicht  nicht  ohne  Interesse,  darauf  hinzuweisen,  daß  durch
den  zwar  orthodoxen,  aber  philantropischen  Tendenzen  huldigenden  Joseph  Droz
Sismondische  Ideen  in  den  Wissensschatz  der  liberalen  Volkswirte  eindrangen.
Diese  Ideen  gipfeln  in  den  allen  spätern  „économistes“  bekannten  Sätzen  Droz'  :
„Das  Glück  eines  Staates  hängt  weniger  ab  von  der  Menge  Güter,  welche  er
besitzt,  als  von  der  Art,  wie  sie  verteilt  sind,“  und:  „Die  Lektüre  gewisser
Autoren  erweckt  den  Glauben,  die  Güter  seien  nicht  da  für  die  Menschen,  sondern ­
  die  Menschen  für  die  Güter.“  Joseph  Droz,  Economie  Politique  ou  Principes ­
  de  la  Science  des  Richesses,  Lüttich  1834,  pp.  57—58  und  p.  59.
2 )  1818—1833  war  Rossi  fleissiger  Mitarbeiter  der  in  Genf  erscheinenden
Zeitschriften:  Bibliothèque  Universelle,  Revue  Française,  und  der  von  Sismondi,
Dumont  und  Beilot  gegründeten  und  geleiteten  Annales  de  législation  et  de  jurisprudence, ­
  welche  auf  Rossis  Betreiben  umgetauft  wurden  in  „Annales  de  législation ­
  et  d'économie  politique“.  Seine  Vorlesungen  am  Collège  de  France  sind  in
vier  Bänden  erschienen,  von  denen  die  beiden  ersten  von  ihm  selbst  1840—42
veröffentlicht  wurden,  die  beiden  letzten  posthum  1851—54  erschienen.  Die
beiden  ersten  behandeln  in  36  Vorlesungen  Fragen  der  Gütererzeugung  und  des
Verkehrs,  die  beiden  andern  Probleme  der  Güterverteilung.
8 )  P.  Rossi,  Cours  d’Economie  Politique,  Brüssel  1842.  Bd.  I.  2.  Vorlesung,
p.  226  I.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

2
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        18

Die  liberale  Schule

abstrakten  Räsonnements  als  eine  Beobachtungswissenschaft
ist.  Das  Gegenteil  haben  diejenigen  behauptet,  welche  die  reine
mit  der  angewandten  Wissenschaft,  also  die  Wissenschaft  mit
der  Kunstlehre  verwechselt  haben.  Die  eigentliche  Wissenschaft
geht  von  einer  kleinen  Zahl  allgemeiner  Tatsachen  aus  und
kommt  durch  Deduktion  zu  allen  ihren  Folgerungen“  *).  Mit
denjenigen,  „welche  die  reine  mit  der  angewandten  Wissenschaft ­
  verwechselt  haben“,  ist  in  erster  Linie  Adam  Smith
gemeint.  Rossi  führt  diesen  Gedankengang  weiter,  indem  er
innerhalb  des  wirtschaftlichen  Wissensgebietes  drei  Gruppen
von  Ideen  und  Tatsachen  unterscheidet:  1.  diejenigen,  welche
die  rationelle  Volkswirtschaftslehre  ausmachen;  2.  das  Gebiet
der  angewandten  Wissenschaft  und  3.  solche  Ideen  und  Tatsachen, ­
  die  in  erster  Linie  der  Moral  und  der  Politik  angehören, ­
  aber  in  wirtschaftlichen  Dingen  eine  Rolle  spielen.
„Die  rationelle  Volkswirtschaftslehre  ist  die  Wissenschaft,
welche  die  Natur,  die  Ursachen  und  die  Bewegung  des  Reichtums ­
  untersucht,  indem  sie  von  allgemeinen  Tatsachen  der
menschlichen  Natur  und  der  Außenwelt  ausgeht.  Diese  allgemeinen ­
  Tatsachen  sind  im  wesentlichen  folgende  :  Unsere
Macht  über  die  Dinge  vermittels  der  Arbeit;  unsere  Neigung
zum  Sparen,  wenn  ein  genügendes  Interesse  uns  dazu  veranlaßt  ;
unsere  Neigung  zur  Vereinigung  unserer  Tätigkeit  und  unserer
Kräfte;  unsere  Eigentums-  und  Tauschinstinkte.  Das  sind  Tatsachen, ­
  welche  zu  allen  Zeiten  und  an  allen  Orten  existieren,  es
sind  allgemeine  Tatsachen  des  Wirtschaftslebens.  Aus  ihnen  geht
die  allgemeine,  rationelle,  unveränderliche  Wissenschaft  vom
Reichtum  hervor.  Auf  der  einen  Seite:  die  Dinge  und  ihre
Eigenschaften,  auf  der  andern  :  der  Mensch  mit  seinen  intellektuellen ­
  und  physischen  Kräften.  Diese  beiden  Elemente  sind
nun  verbunden  durch  Neigungen  und  Bedürfnisse  unserer  Natur,
deren  Intensität  und  Umfang  wechseln  kann,  die  aber  der  ganzen
Menschheit  gemeinsam  sind 2 ).“
Die  angewandte  Volkswirtschaftslehre  hat  denselben  Gegenstand ­
  wie  die.  reine  Wissenschaft:  die  Güterwelt.  Sie  betrachtet
diese  jedoch  nicht  vom  allgemein  menschlichen,  sondern  von

b  Rossi,  loe.  eit.  p.  225  i.
b  Rosst,  ibid.  p.  224  n  ff.
        <pb n="40" />
        Geschichtlicher  Überblick

19
einem  spezielleren,  mehr  nationalen  Standpunkt  aus.  Nicht  der
Reichtum  „auf  dem  Schauplatz  des  Weltalls“,  sondern  der  Reichtum ­
  „dieses  oder  jenes  Staates,  dieser  oder  jener  Genossenschaft“,
bildet  ihren  Gegenstand.  Wenn  man  von  der  reinen  zur  angewandten ­
  Wissenschaft  übergeht,  „muß  man  den  besonderen
Umständen  Rechnung  tragen,  welche  die  Prinzipien  in  ihrer
Anwendung  modifizieren  können.  .  .  .  Die  spekulative  Nationalökonomie ­
  vernachlässigt  nämlich  gewisse  Tatsachen,  gewisse
Widerstände.“  Die  hauptsächlichsten  derselben  sind:  Nation,
Zeit  und  Ort.  In  der  angewandten  Wissenschaft  muß  stets  mit
diesen  drei  Tatsachen  gerechnet  werden.  Sie  bedingen  den
Unterschied,  der  zwischen  den  Ergebnissen  der  reinen  und
jenen  der  angewandten  Wissenschaft  bestehen  kann  *).
Das  dritte  Gebiet,  welches  Rossi  in  der  Wirtschaftswissenschaft ­
  unterscheidet  :  nämlich  die  der  Moral  und  der  Politik  angehörigen
  Ideen  und  Tatsachen,  die  ins  wirtschaftliche  Leben
hinüberspielen,  ist  in  der  Hauptsache  dasjenige,  was  wir  heute
Sozialpolitik  nennen  würden.  „Der  Zweck  der  Gesellschaft  wie
der  Individuen'  ist  nicht  ausschließlich  Reichtum  zu  erwerben;
in  gewissen  Fällen  kann  dieses  Ziel  einem  höheren  untergeordnet
sein.  Nehmen  wir  an,  es  erweise  sich  als  ein  Mittel  sozialer
Bereicherung,  die  Kinder  15  Stunden  am  Tage  arbeiten  zu
lassen.  Moral  und  Politik  würden  sich  dem  widersetzen.  .  .  .
Selbst  wenn  erwiesen  wäre,  daß  ein  solches  Verfahren  den
Reichtum  fördere,  dürfte  man  es  nicht  anwenden.“  Rossi  betont ­
  wiederholt  und  nachdrücklich,  daß  in  der  Praxis  den  Vorschriften ­
  der  Moral  und  den  Anforderungen  der  Politik  der  Vorrang
vor  dem  durch  die  Volkswirtschaftslehre  als  ökonomisch  nützlich ­
  Erwiesenen  einzuräumen  sei.  „An  den  Praktikern  ist  es,
allen  Prinzipien  Rechnung  zu  tragen,  welche  zusammenwirken
müssen,  damit  die  Lösung  einer  Frage  den  teuersten  Interessen
der  Nation  und  der  Individuen  entspreche 2 ).“
Die  grundsätzliche  Unterordnung  der  Ergebnisse  der  abstrakten ­
  Wissenschaft  unter  die  durch  nationale,  zeitliche  und
örtliche  Besonderheiten  jeweilig  geschaffene  Lage,  sowie  unter
die  Forderungen  von  Ethik  und  Politik,  haben  Rossi  eine
boshafte  Glosse  von  Sainte-Beuve  eingetragen.  „Wenn  Herr  Rossi,“

*)  ibid.  2.  u.  3.  Vorlesung,  p.  225  i  ff.
2 )  Rossi  ibid.  p.  226  n .
        <pb n="41" />
        20

Die  liberale  Schule

schreibt  dieser,  „mit  seiner  hohen  Einsicht  und  nicht  minder
großen  Vorsicht  auf  eine  Schwierigkeit  stößt,  welche  seine
Wissenschaft  mit  den  leitenden  und  eifersüchtigen  sozialen  Gewalten ­
  in  Konflikt  brächte,  hält  er  an,  macht  einen  Strich,  verneigt ­
  sich,  macht  einen  Umweg  und  geht  vorüber  *)."  Zutreffender ­
  ist  die  Bemerkung  Louis  Reybauds,  Rossi  habe  vorzügliche
Ideen  anzudeuten,  aber  nicht  durchzuführen  gewußt 2 ).  Überhaupt ­
  macht  die  ganze  Art,  wie  Rossi  die  Wissenschaft  behandelt, ­
  den  Eindruck  des  Dilettantischen.  Er  schreibt  eine
elegante,  leichtflüssige  Sprache;  seine  Argumentation  ist  klar
und  durchsichtig,  dabei  streng  abstrakt;  den  Ideen  weiß  er
Relief  zu  geben.  Er  versteht  es,  Ricardos  Kosten  Werttheorie
und  Grundrentenlehre  recht  faßlich  und  anschaulich  darzustellen,
aber  hinter  all  dem  leuchtet  doch  immer  wieder  der  Diplomat
und  Staatsmann  heraus,  dessen  eigentliche  Interessen  auf  anderem,
praktischem  Gebiete  liegen,  und  für  den  die  Beschäftigung  mit
der  Wissenschaft  im  Grunde  nur  eine  Liebhaberei  ist.  Er  fand
manchen  neuen  Gedanken,  wie  z.  B.  die  oben  mitgeteilte  Dreiteilung ­
  der  Volkswirtschaftslehre,  aber  er  scheut  die  Mühe,  seine
Anschauungen  in  die  Wissenschaft  hineinzuarbeiten.  Rossi
war  bis  zur  Februarrevolution  französischer  Botschafter  beim
hl.  Stuhle,  dann  Minister  des  Innern  Pius’  IX,  als  welcher  er
nach  kaum  zweimomatlicher  Amtstätigkeit  ermordet  wurde.
Charles  Dunoyer  (1786—1868) 3 ).  Bei  Dunoyer  tritt  uns

x )  Sainte-Beuve,  P.  J.  Proudhon,  4.  Ausi.  Paris  1873,  p.  201.
2 )  Louis  Reybaud,  Economistes  Modernes,  Paris  1862,  Rossi.
3 )  Dunoyer  war  unter  der  Restauration  Journalist  und  bekämpfte  als
solcher  die  Bourbonen.  Unter  Louis  Philippe  wurde  er  Präfekt  des  Allier-,  dann
des  Sommedepartements,  schließlich  Mitglied  des  Staatsrats.  Sein  Hauptwerk
ist  „De  la  Liberté  du  Travail,  ou  simple  exposé  des  conditions  dans  les  quelles  les
forces  humaines  s’exercent  avec  le  plus  de  puissance,“  3  Bde.  Paris  1845.  Bereits ­
  1825  hatte  er  den  wesentlichen  Inhalt  des  ersten  Bandes  dieses  Werkes
unter  dem  Titel  De  l’Industrie  et  de  la  Morale  considérées  dans  leurs  rapports
avec  la  liberté  veröffentlicht.  Das  ganze  Werk  war  in  erstmaliger  Bearbeitung
1830  unter  dem  Titel:  „Nouveau  Traité  d’économie  sociale“  gedruckt  worden.
Eine  Feuersbrunst  zerstörte  die  ganze  Auflage,  und  erst  15  Jahre  später  entschloß ­
  sich  Dunoyer  zur  erneuten  Drucklegung  des  noch  einmal  umgearbeiteten
Werkes.  —  Von  Dunoyer  besitzen  wir  außerdem  noch  eine  Reihe  kleinerer
Arbeiten,  meist  Zeitschriftenartikel,  welche  nach  seinem  Tode  gesammelt,  herausgegeben ­
  wurden  als  Notices  d'économie  sociale,  Paris  1870.  Eine  Gesamtausgabe
seiner  Schriften  erschien  1885/86  (Paris,  4  Bde.).
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        Geschichtlicher  Überblick

21

die  Theorie  des  laisser  faire  in  ihrer  ganzen  Reinheit  entgegen.
Kein  französischer  Volkswirt  vor  ihm  hat  dieselbe  so  konsequent
durchdacht  und  so  rücksichtslos  vertreten.
Bei  D  u  n  o  y  e  r  ist  der  Freiheitsbegúft  Angelpunkt  der
Wissenschaft  und  Maßstab  von  allem  und  jeglichem  bis  ins
kleinste  Detail.  Das  gibt  seinen  Schriften  ein  eigentümliches
Gepräge  rigoroser  Einheit  in  Auffassung  und  Anlage.  Unter
der  Freiheit  versteht  Dun  o  y  er  nicht  nur  die  Beseitigung  aller
äußeren  Schranken  des  Wirtschaftslebens,  sondern  auch  das
Bezwingen  der  Natur  sowie  aller  Unwissenheit  und  Unfähigkeit
des  wirtschaftenden  Menschen  *).  Die  Freiheit  ist  dementsprechend
für  D  uno  y  er  nicht  in  erster  Linie  ein  a  priori  gegebenes
Naturgesetz,  sondern  das  Resultat  einer  historischen  Entwicklung, ­
  die  Folge  des  technischen  und  wirtschaftlichen  Fortschritts. ­
  Die  Menschheit  steigt  progressiv  zur  Freiheit,  zum
Wohlstand,  zur  Sittlichkeit  auf.  Dies  geschieht  in  mehreren
Entwicklungsstufen:  Wildheit,  Nomaden  wirtschaft,  Sklaven  wirtschaft, ­
  Leibeigenschaft,  Privilegiensystem,  Verwaltungszentralisation. ­
  Die  Entwicklung  der  Kultur  ist  das  Maß  der  Freiheit.
Der  Hauptfehler  an  Dunoyers  wirtschaftsgeschichtlicher
Fundamentierung  der  Freiheit  ist,  daß  deren  Ergebnis  durch
die  Voraussetzung  progressiver  Evolution  zur  Freiheit  vorbestimmt ­
  ist.  Dazu  kommt,  dass  die  charakteristischen  Momente
der  einzelnen  Entwicklungsstufen,  welche  er  unterscheidet,  denselben ­
  keineswegs  allein  eignen.  Endlich  ist  seine  Beweisführung
eine  recht  unvollkommene.
Den  historischen  Teil  seines  großen  Werkes  beschließt
Du  noyer  mit  einer  Idealschilderung  des  „régime  industriel“,
welches  auf  der  Schaffung  der  besten  Bedingungen  für  die  freie
Entwicklung  aller  produktiven  Kräfte  beruhen,  d.  h.  in  der
weitgehendsten  Nichtintervention  der  Staatsgewalt  ins  Wirt-Über

  Dunoyer  vgl.:  Edmond  Villey,  L’oeuvre  économique  de  Charles
Dun  oyer,  Paris  1889.
Ingram,  Geschichte  der  Volkswirtschaftslehre  (Übers.),  Tübingen  1890,
p.  229—232.
Luigi  Cossa,  Histoire  des  doctrines  économiques,  2.  Aud.,  Paris  1899,  p.  383.
Jos.  Rambaud,  Histoire  des  doctrines  économiques,  2.  Ausi.,  Paris  1902,
p.  312—313.
')  Ch.  Dunoyer,  De  la  Liberté  du  Travail,  Bd.  I,  p.  24.
        <pb n="43" />
        Die  liberale  Schule

22

schaftsleben  bestehen  wird.  In  dieser  Nichtintervention  geht
Dun  o  y  er  weiter  als  irgend  ein  Volkswirt  der  klassischen
Schule  vor  ihm.  Er  möchte,  daß  der  Staat  die  Hände  vom
Wegebau  ließe  und  die  Ausübung  der  ärztlichen  Praxis  sowie
aller  anderen  gelehrten  Berufe  nicht  mehr  von  dem  Bestehen
staatlicher  Prüfungen  abhängig  machte.  Von  Frauen-  und
Kinderschutz  oder  von  Reglementierung  gesundheitsschädlicher
Betriebe  will  er  nichts  wissen.  Nur  die  Garantie  der  absolutesten ­
  Freiheit  und  die  repressive,  nie  aber  die  präventive  Bekämpfung ­
  schädlicher  Handlungen  steht  dem  Staate  zu.  Außerdem ­
  verlangt  er  noch  mit  den  Physiokraten,  daß  der  Staat
„seinen  Bürgern  Gerechtigkeits-  und  Billigkeitssinn  sowie  gesellschaftliche ­
  Tugenden  anerziehe“ x ).  Diese  haben  nämlich  für
das  Wirtschaftsleben  den  allergrößten  Wert.  Für  jedes  einzelne
Gewerbe  unternimmt  Dunoyer  nachzuweisen,  wie  ausschlaggebend ­
  die  sittlichen  Eigenschaften  und  bürgerlichen  Tugenden
auf  die  Entwicklung  der  produktiven  Kräfte  einwirken.  In  echt
doktrinärem  Optimismus  befangen,  war  er  fest  überzeugt,  daß
das  Gute  und  das  Nützliche  stets  zusammenfallen 2 ).
Im  theoretischen  Teile  seines  Systems  bespricht  Dun  o  y  er
der  Reihe  nach  die  einzelnen  Gewerbe  und  Künste;  seiner
Klassifikation  derselben  liegt  Says  Theorie  der  immateriellen
Güter  zugrunde.  Diese  setzt,  wie  wir  gesehen  haben,  einen
gegenüber  der  früheren  Auffassung  Adam  Smiths  und  der
Physiokraten  erweiterten  Kreis  von  menschlichen  Bedürfnissen
voraus,  deren  Befriedigungsmittel  als  wirtschaftliche  Güter  anzusprechen ­
  sind.  Du  no  y  er  hat  nun  mit  seiner  rücksichtslosen
Konsequenz  eine  Grenze,  die  J.  B.  Say  jedenfalls  nur  unbestimmt ­
  vorschwebte,  überhaupt  nicht  mehr  gekannt,  und  die
gesamte  menschliche  Bedürfnis  weit  unterschiedslos  als  Gegenstand ­
  der  Wirtschaftswissenschaft  angesehen.  In  diesem  Sinne
gliedert  er  die  Gewerbe  und  Künste  in  solche,  welche  die  Dinge
zum  Gegenstand  haben,  und  solche,  deren  Objekt  der  Mensch
ist  („qui  s’exercent  sur  les  hommes“).
Ì  Dunoy  er,  loe.  eit.,  Buch  IV,  Kap.  7  und  Buch  XI,  Kap.  5;  vgl.  Villey,
L’Oeuvre  économique  de  Charles  Dunoyer,  Paris  1899,  p.  831.
2 )  „Ist  einmal  die  Freiheit  verwirklicht,  ...  so  werden  alle  schlechten
Mittel,  sich  zu  bereichern,  spontan  aufgegeben  werden.“  De  la  Liberté  du
Travail,  Bd.  I,  p.  339.
        <pb n="44" />
        Geschichtlicher  Überblick

23

Die  ersteren  teilt  er  ein  in  :  Bergbau-,  Transport-,  Manufakturund
  Ackerbaugewerbe.  Das  Handelsgewerbe  hat  D  uno  y  er
nach  Ausscheidung  des  Transportgewerbes  aus  seiner  Klassifizierung ­
  ausgeschlossen,  weil  er  den  Handel  für  etwas  allen
Gewerben  Gemeinsames  ansieht 1 ).  Die  Rolle  des  Handels  als
selbständiger  Erwerbsgruppe  in  der  Volkswirtschaft  entgeht  ihm.
Erklärlich  ist  ja,  daß  eine  Klassifizierung  der  Gewerbe,  welche
die  Natur  der  gewonnenen  Produkte  zum  Unterscheidungsmerkmal ­
  nimmt,  für  den  Handel  keinen  Platz  hat.  Übrigens
vermengt  Dun  o  y  er  Handels-  und  Transportgewerbe  in  seinen
Ausführungen  über  letzteres,  trotzdem  er  sie  in  seiner  Klassifikation ­
  scharf  geschieden  hatte 2 ).
Die  Gewerbe  oder  Künste,  die  den  Menschen  zum  Gegenstand ­
  haben,  teilt  Dun  o  y  er  ein  in  solche,  welche  die  Vervollkommnung ­
  a)  unserer  physischen  Natur  (Heilkunde  und
Sport),  b)  der  Einbildungskraft  und  des  Gemütes  (die  schönen
Künste),  c)  der  Intelligenz  (Unterricht),  d)  der  sittlichen  Angewöhnungen ­
  (Erziehung,  Priestertum,  Regierung)  bezwecken.
Den  Abschluß  macht  die  Erörterung  „gewisser  volkswirtschaftlicher ­
  Funktionen,  welche  allen  Klassen  der  Erwerbstätigen ­
  gemeinsam  sind  :  Genossenschaftswesen,  Handel,  unentgeltliche ­
  Eigentumsübertragung  (unter  Lebenden  oder  von  Todes
wegen).“
Was  die  Methode  betrifft,  ist  D  uno  y  er,  wie  die  meisten
Volkswirte  der  liberalen  Schule,  der  Illusion  zum  Opfer  gefallen,
er  mache  ausschließlich  von  der  Induktion  Gebrauch  und  gebe
der  Volkswirtschaftslehre  ein  empirisches  Gepräge,  während  er
in  Wirklichkeit  von  vorgefaßten  Ideen  ausgeht,  diese  deduktiv ­
  entwickelt  und  die  Geschichte  in  deren  Sinn  interpretiert.
Dunoyers  Methodik  bedeutet  einen  Rückschritt  gegenüber
J.  B.  Say  und  P.  Rossi.  J.  B.  Say  erkennt  bereits  das  verwickelte ­
  Ineinandergreifen  der  verschiedensten  Ursachen  bei  den
Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens  und  die  daraus  sich  ergebende ­
  objektive  Schwierigkeit  der  wirtschaftswissenschaftlichen
')  ibid.  Bd.  II,  pp.  111-112.
2 )  Dunoyers  Klassifikation  der  Gewerbe  oder  Künste,  „welche  die  Dinge
zum  Gegenstand  haben“,  wurde  von  Jos.  Garnier  (Eléments  de  l’Economie
Politique,  Brüssel  1850,  Teil  I,  cap.  3,  p.  59  ff.)  und  von  Stuart  Mill  ausgenommen. ­
        <pb n="45" />
        24

Die  liberale  Schule

Forschung.  Er  ist  eifrig  bestrebt,  die  Ergebnisse  der  Deduktion
durch  die  Beobachtung  des  tatsächlichen  Verlaufs  der  Dinge  zu
kontrollieren.  P.  Rossi  übt  ein  klares,  gedrängtes,  juristisch
abstraktes  Räsonnement.  Den  Anschluß  an  die  Wirklichkeit
findet  er,  indem  er  die  Ergebnisse  der  exakten  Wissenschaft  den
jeweiligen  Anforderungen  der  nationalen,  zeitlichen  und  lokalen
Bedingungen,  sowie  den  Geboten  der  Moral  und  der  Politik
unterordnet.  Dun  oyer  dagegen  fällt  in  die  doktrinär  abstrakte
Art  der  Physiokraten  zurück,  ja  sein  rücksichtsloser  Systemgeist
führt  ihn  darin  weiter,  als  jene  gegangen  waren.  Er  beugt  das
wirkliche  Leben  unter  die  Konsequenz  seines  alles  beherrschenden ­
  Freiheitsbegriffes,  unter  das  Postulat  absolutester  Nichtintervention ­
  des  Staates  und  gibt  dem  Wirtschaftsleben  wieder
den  Charakter  eines  mechanisch-maschinellen  Getriebes  ').
In  der  Produktivitätslehre  ist  D  uno  y  er  dagegen  J.  B.  Say
unbedingt  voraus.  Er  greift  auf  Adam  Smith  zurück  und
argumentiert  :  „Die  Arbeit  ist  die  einzige  schöpferische  Kraft
aller  Brauchbarkeiten,  welche  wir  aus  den  Dingen  und  ihren
Eigenschaften  ziehen.“  Gewiß  gibt  es  Naturkräfte.  „Damit  diese
aber  produzieren,  muß  der  Mensch  sie  dazu  zwingen
Als  Produktionsagenten  schafft  sie  der  Mensch.“  Ihre  Mitwirkung ­
  beim  Produktionsprozeß  ist  die  alleinige  Quelle  aller
Werte 2 ).
Ferner  ist  D  uno  y  er  bestrebt,  Says  Theorie  der  immateriellen ­
  Güter,  welche  er  seiner  Klassifizierung  der  Gewerbe
zugrunde  legt,  in  dem  Sinne  fortzubilden,  daß  er  materielle
und  immaterielle  Güter  unterschiedslos  in  eine  allgemeine

b  Vgl.  hiezu  folgende  Stelle:  „Ist  der  Gegenstand  der  Nationalökonomie
empirisch  erforschbar?  Kann  er  z.  B.  ebenso  klar,  ebenso  kategorisch  erklärt
werden  als  diejenigen,  von  denen  die  Naturwissenschaften  handeln?  Ich  zweifle
nicht  daran.  Es  gibt  nicht  mehr  Wirkungen  ohne  Ursachen  in  der  Politik  als
in  der  Chemie  .  .  .  Die  Verkettung  von  Ursache  und  Wirkung  ist  gerade  so
gut  in  der  einen  wie  in  der  andern  zu  erkennen.  Es  kostet  mir  Mühe  zu
glauben,  daß  die  ethische  Erscheinung,  welche  ich  Freiheit  nenne,  sich  der
Analyse  mehr  entziehe,  als  die  Wärme.“  Die  geringere  Sicherheit  und  Präzision ­
  nationalökonomischer  Forschungsergebnisse  im  Vergleich  zu  denen  der
Naturwissenschaften  erklärt  Dunoyer  aus  dem  subjektiven  Defekt  des  Forschers.
De  la  Liberté  du  Travail,  Bd.  I,  p.  21.
2 )  Dunoyer,  loe.  cit.  Bd.  II,  p.  36—37.
        <pb n="46" />
        Geschichtlicher  Überblick

25

Kategorie  von  Brauchbarkeiten  zusammenfaßt 1 ).  Er  knüpft  wieder
an  Adam  Smiths  Anschauung,  die  persönlichen  Dienstleistungen
überdauerten  nicht  den  Augenblick  ihrer  Erzeugung,  und  verallgemeinert: ­
  „Alle  Arbeit  vergeht  darüber,  daß  sie  geschieht,
nur  die  Brauchbarkeiten  (welche  sie  schafft),  bleiben.  Die  einen
sind  in  den  Menschen,  die  andern  in  den  Dingen 2 ).“  Hieraus
wird  Bastiat  folgern,  die  Gegenstände  des  Tauschverkehrs  seien
ausschließlich  Dienstleistungen.
In  konsequenter  Durchführung  seines  Freiheitspostulats
erhebt  endlich  D  uno  y  er  die  Forderung  der  Testierfreiheit.
Darin  trifft  er  mit  Le  Play  zusammen,  allerdings  mit  dem  Unterschied, ­
  daß  letzterer  von  derselben  Einzelerbfolge  im  Interesse
der  Erhaltung  der  Familien  und  der  Familiengüter  erhofft,
während  Dunoyer  davon  mit  Bestimmtheit  allgemeine  Durchführung ­
  gleicher  Erbteilung,  aber  aus  freier  Erwägung  erwartet.
Unter  der  Julimonarchie  wuchs  in  Paris  die  Zahl  der
Nationalökonomen,  welche  sich  um  die  Fahne  der  als  die  Wissenschaft ­
  schlechthin  geltenden  Lehre  vom  „laisser  faire“  scharten,
zu  einer  stattlichen  Gruppe  an.  Mittel-  und  Sammelpunkt  derselben ­
  war  die  Verlagsbuchhandlung  Guillaumin,  welcher  bis
1905  ein  faktisches  Monopol  aller  Veröffentlichungen  der  Anhänger ­
  der  liberalen  Schule  verblieb.  1905  trat  der  letzte  Sprosse
des  „Ökonomistengeschlechtes“  Guillaumin:  des  Begründers
des  Verlags  jüngste  Tochter,  welche  denselben  über  20  Jahre
geleitet,  ihn  an  Felix  Alcan  ab,  der  nunmehr  der  offizielle  Verleger ­
  der  liberalen  Schule  ist.  Daneben  finden  wir  unter  der
Julimonarchie  und  bis  ins  zweite  Kaiserreich  hinein  den  Salon
von  Horace  Say,  des  Sohnes  von  J.  B.  Say,  als  Treffpunkt  der
liberalen  Volkswirte  aller  Länder.
Aus  der  Zeit  der  Julimonarchie  sind  noch  zu  erwähnen:
Adolphe  Blanqui,  Nachfolger  J.  B.  Says  am  „Conservatoire  des
arts  et  métiers“,  Louis  Reybaud,  Léon  Faucher,  Joseph  Garnier  usw.
Blanqui  schrieb  eine  breit  angelegte,  etwas  oberflächliche,  aber
„Ist  es  nicht  auffallend  zu  sehen,  dass  J.  B.  Say  materielle  und  immaterielle ­
  Produkte  unterscheidet,  er,  der  doch  so  treffend  erkannte,  daß  wir
den  Stoff  nicht  schaffen  können  und  daß  wir  in  allen  Dingen  nur  Brauchbarkeiten ­
  erzeugen?“  De  la  Liberté  du  Travail,  Bd.  II,  p.  11—12.
a )  ibid.
        <pb n="47" />
        26

Die  liberale  Schule

nicht  unkritische  Geschichte  der  Nationalökonomie,  die  sich
aber  für  die  neuzeitliche  Periode  auf  englische,  französische  und
italienische  Autoren  beschränkt.  Seine  Untersuchungen  über
die  Lage  der  arbeitenden  Bevölkerung  Frankreichs,  welche  er
im  Auftrag  der  Académie  des  sciences  morales  et  politiques  unternahm, ­
  veranlaßte  ihn,  vom  Staate  Verbesserung  der  gesundheitsschädlichen ­
  Arbeiterwohnungen,  Schutz  der  in  den  Fabriken
beschäftigten  Kinder  und  Reform  der  sittlichen  Erziehung  durch
die  Volksschule  zu  verlangen 1 ).  Léon  Faucher  und  Louis
Rey  baud  vertraten  die  liberale  Nationalökonomie  in  der  Aerwe
des  Deux-Mondes.  Von  Faucher  sei  erwähnt,  dass  die  Gründung
des  deutschen  Zollvereins  ihn  zu  dem  Vorschlag  veranlaßte,
Spanien,  Frankreich,  Belgien  und  die  Schweiz  in  einen  Zollverband ­
  zusammenzufassen.  1843—44  bereiste  er  England,  von
wo  er  düstere  Eindrücke  zurückbrachte.  Der  ganze  Pessimismus
Ricardos  und  seiner  Schule  liegt  in  Fauchers  zweibändigem
Werke,  in  dem  er  die  damalige  traurige  Lage  der  englischen
Arbeiterbevölkerung  ergreifend  schildert 2 ).  Louis  Reybaud 3 )
stellte  ein  glänzendes  literarisches  Talent  in  den  Dienst  der
klassischen  Volkswirtschaftslehre.  Er  ist  der  Romantiker  der
liberalen  Schule.  Er  reitet  stets  auf  hohem  Roß.  Für  ihn  hat
die  Anhängerschaft  am  Klassizismus  den  Charakter  eines  religiösen ­
  Glaubensbekenntnisses.  Die  Art,  wie  er  die  Nationalökonomie ­
  behandelt,  schildert  er  selbst  zutreffend  in  folgendem
Passus  :  „Es  gibt  zwei  Arten,  die  politische  Ökonomie  schmackhaft ­
  zu  machen,  die  eine  ist  eine  direkte,  die  andere  eine  indirekte. ­
  Die  direkte  Methode  besteht  darin,  die  Wissenschaft
didaktisch  und  nüchtern  vorzutragen  ;  die  indirekte  wendet  sich
mehr  an  das  Empfinden  und  gibt  dem  Geiste  nur,  was  er
braucht,  damit  er  nicht  abgestoßen  werde.  Sie  besteht  darin,
die  Prinzipien  in  Tätigkeit  zu  setzen,  sie  in  einem  Gegenstand
zu  verkörpern,  welcher  Interesse  erweckt  und  dessen  Mitwirkung
bei  einer  so  trockenen  Wissenschaft  nicht  zu  verachten  ist“ 4 ).
])  Ad.  Blanqui,  Les  classes  ouvrières  en  France  pendant  l’année  1848,
Paris  1849;  vgl.  den  Art.  Blanqui  in  Listers  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft.
2 )  Léon  Faucher,  Etudes  sur  l’Angleterre,  2  Bde.,  Paris  1845.
8 )  Louis  Reybaud,  Etudes  sur  les  Réformateurs  ou  Socialistes  modernes.  2  Bde,
Paris  1840,  seither  mehrfach.  —  Jérôme  Paturot  à  la  recherche  d’une  position
sociale.  Satirisch-sozialer  Roman,  Paris  1843.  —  Economistes  modernes,  Paris  1862.
4 )  L.  Reybaud,  Economistes  Modernes,  Introduction.
        <pb n="48" />
        Geschichtlicher  Überblick

27

Louis  Reybaud  war  der  erste  unter  den  liberalen  Volkswirten, ­
  der  die  sozialistischen  und  kommunistischen  Lehren
seiner  Tage  einer  eingehenden  Beachtung  würdigte.  Erst  stand
er  ihnen  sympathisch  gegenüber,  bald  aber  wandte  er  sich  zu
deren  schroffen  Bekämpfung 1 ).  Joseph  Garnier  (1813—1881),
seit  1846  Professor  der  Nationalökonomie  an  der  „École  des  Ponts
et  Chaussées“,  ist  der  Verfasser  eines  elementaren,  äußerst  lebendig ­
  und  anregend  geschriebenen  Lehrbuchs  der  Volkswirtschaftslehre, ­
  das  eine  große  Verbreitung  fand  und  zahlreiche
Auflagen  erlebte.  Dasselbe  lehnt  sich  eng  an  J.  B.  Bay,
Malthus  und  Du  noyer  an.  Auch  Ricardos  Rententheorie
fand  darin  Aufnahme 2 ).
Das  Bedürfnis  nach  organisiertem  Zusammenschluß  machte
sich  bald  innerhalb  der  Gruppe  der  liberalen  Volkswirte  geltend. ­
  Eugen  Doire,  der  Herausgeber  der  Werke  der  Physiokraten,
  der  alte  Guillaumin,  Joseph  Garnier  und  Blaise  beschlossen ­
  bei  einem  gemeinsamen  Diner  fürderhin  monatliche
Zusammenkünfte  zwecks  Austauschs  von  Gedanken  über  volkswirtschaftliche ­
  Fragen  zu  veranstalten.  Die  Idee  fand  Anklang
unter  den  Gesinnungsgenossen,  und  man  schritt  zur  Gründung
einer  Société  des  Economistes  (1842).  Die  monatlichen  Zusammenkünfte ­
  fanden  seither  ununterbrochen  bis  heute  statt.  1847
nahm  die  Vereinigung  den  Namen  Société  d’économie  politique
an.  Es  herrscht  darin  ein  exklusiver  Geist.  Allerdings  wurde
in  den  letzten  10  —15  Jahren  auch  sorgsam  ausgewählten,
anders  denkenden  Volkswirten,  insbesondere  von  der  Le  Playsehen
  Schule,  Aufnahme  gewährt.  Doch  ist  dafür  gesorgt,  daß
die  überwiegende  Mehrheit  der  Mitglieder  überzeugungstreue
Nichtinterventionisten  sind.  Die  Gesellschaft  zählte  1845  50
Mitglieder;  zurzeit  hält  sich  deren  Zahl  zwischen  225  und  250.
Die  organisierte  liberale  Schule  schuf  sich  alsbald  ein
eigenes  Organ,  das  Journal  des  Economistes,  das  ebenfalls  bis
heute  unentwegt  und  streng  exklusiv  das  Evangelium  des
„laisser  faire“  verkündet.  Das  Journal  des  Economistes  trat  im
Mai  1842  in  die  Welt  mit  einem  programmatischen  Geleitwort
x )  Vgl.  den  Unterschied  zwischen  der  ersten  und  zweiten  Auflage  von:
Etudes  sur  les  Réformateurs  ou  Socialistes  Modernes.
b  Joseph  Garnier,  Eléments  de  l’Economie  politique,  Brüssel  und  Leipzig ­
  1850.
        <pb n="49" />
        28

Die  liberale  Schule

Reybauds,  in  welchem  dieser  die  oben  dargelegten  Anschauungen ­
  Rossis  entwickelt 1 ).  Unter  den  ersten  Mitarbeitern ­
  finden  wir  Ch.  Dunoyer,  Ad.  Blanqui,  Horace  Say,
Moreau  de  donnes,  Hippolyte  Passy,  L.  Wolowski  usw.
1843  taucht  zum  ersten  Male  der  Name  Bastiat  auf.  Ihm  war
es  beschieden,  der  berühmteste  unter  den  liberalen  Volkswirten
Frankreichs  zu  werden.
Frédéric  Bastia!  (1801—1850) 2 )  hatte  zwanzig  Jahre  volkswirtschaftlichen ­
  Studien  gewidmet,  bevor  er  vor  die  Öfi'ent-0

  Das  Journal  des  Economistes  veröffentlicht  regelmäßig  seit  bald  siebzig
Jahren  die  Sitzungsberichte  der  „Société  d’économie  politique“.  In  diesen  Berichten ­
  spiegeln  sich  alle  wichtigen  volkswirtschaftlichen  Fragen,  welche  in  sieben
Jahrzehnten  die  öffentliche  Meinung  der  verschiedenen  Länder  beschäftigten,
unter  dem  konstanten  Gesichtswinkel  der  Nichteinmischung  des  Staates  ins
Wirtschaftsleben  wieder.  Eisenbahn-  und  Kanalbauten,  Ausstellungen  und
Handelsverträge,  Staatsanleihen,  die  Beschaffung  der  französischen  Kriegsentschädigung ­
  nach  dem  siebziger  Kriege,  Deutschlands  Sozialversicherungen
und  Einkommenbesteuerung  usw.  wurden  jeweils  eingehend  in  den  Sitzungen
der  Société  d’économie  politique  erörtert.  Aber  auch  an  theoretischen  Diskussionen ­
  fehlte  es  nicht.  Die  Sitzungsberichte  erschienen  1846—1887  auch  in  Buchform, ­
  als  Annales  de  la  Société  d'économie  politique.  Seit  1.  Januar  1888  sind
diese  Annales  durch  ein  Bulletin  mensuel  ersetzt.
2 )  Bastiats  Werke  wurden  nach  seinem  Tode  von  Paillottet  und  R.  de
Fontenay  gesammelt  herausgegeben  (Bd.  I—II,  1855,  Bd.  III—VI,  1854)  und
seither  wiederholt  aufgelegt.  Band  I  enthält  Korrespondenz  und  Fragmente,
Band  II  ca.  60  Artikel,  welche  in  der  von  Bastiat  geleiteten  Wochenschrift
Le  Libre  Echange  erschienen  waren,  sowie  acht  Propagandareden  ;  Band  III  das
Werk  Cobden  et  la  Ligue.  Dieses  erschien  zuerst  1845  und  enthält  eine  Übersetzung ­
  der  hauptsächlichsten  Reden  von  Cobden,  Bright,  Fox,  Gibson
usw.  nebst  einer  von  Bastiat  dazu  verfaßten  Einleitung;  Band  IV  und  V  umfassen ­
  die  beiden  Serien  der  Sophismes  économiques  und  die  Pamphlets;  es  sind
dies  polemische  Aufsätze,  welche  seit  1844  im  Journal  des  Economistes  erschienen. ­
  Erstere  sind  gegen  die  Schutzzöllner  (1844—48),  letztere  gegen  die
Sozialisten  (nach  1848)  gerichtet.  Band  VI  enthält  die  Harmonies  économiques,
Bastiats  dogmatisches  Werk.  Die  ersten  zehn  Kapitel  hatte  Bastiat  1850  unter
diesem  Titel  veröffentlicht.  Die  Kapitel  11—25  sind  nachgelassene  Fragmente
zu  einem  nicht  fertig  gewordenen  zweiten  Teil  von  den  Herausgebern  gesammelt ­
  und  geordnet.  Bastiats  nachgelassene  Manuskripte  füllen  vier  ansehnliche
Kisten,  welche  sich  heute  im  Besitze  Frédéric  Passys  befinden.  Passy  hat  bereits ­
  testamentarisch  über  den  kostbaren  Schatz  verfügt.  Dieser  wird  nach
seinem  Tode  in  die  Hände  Alfred  Neymarcks  übergehen.  Über  Bastiat  besteht ­
  eine  ansehnliche  Literatur.  Ich  verweise  darüber  auf  das  Handwörterbuch
der  Staatswissenschaften.
        <pb n="50" />
        Geschichtlicher  Überblick

29

lichkeit  trat.  Bei  den  Physiokraten  holte  er  sich  die  grundlegende ­
  Idee  des  providentiellen  Finalismus,  mit  welcher  er  dem
Pessimismus  Ricardos  und  seiner  Schule  entgegentrat.  Aus
dem  Studium  Dunoyers  gewann  er  die  Grundlagen  seiner
Wert-  und  Rentenlehren,  sowie  die  Idee  der  allmählichen,  historisch ­
  werdenden  Verwirklichung  des  Freiheitsregims.  Die  Freihandelskampagne ­
  der  englischen  anticornlawleague  verfolgte  er
aufs  eifrigste  durch  jahrelange,  tägliche  Lektüre  des  „GlobeV
Diese  Lektüre  entwickelte  in  dem  feurigen  Sohn  der  Gascogne,
der,  wie  alle  seine  Landsleute,  ein  Enthusiast  und  eine  Kampfnatur ­
  war,  eine  glühende  Freiheitsliebe  und  eine  glänzende
polemische  Begabung.
Die  polemischen  Schriften  Bastiats,  die  Sophismes  économiques ­
  und  die  Pamphlets,  verdienen  noch  heute  gelesen  zu
werden.  Die  schwungvolle,  lebendige  und  bilderreiche  Sprache,
die  meisterhafte,  manchmal  verblüffende  Handhabung  der
Dialektik  im  Kampfe  mit  Schutzzöllnern  und  Sozialisten  geben
jenen  Werken  einen  schätzbaren  literarischen  Wert.  Bastiats
wissenschaftliche  Konstruktionen  dagegen  sind  unhaltbar.  Ja,
was  ihn  geradezu  kennzeichnet,  ist  der  Mangel  an  wissenschaftlichem, ­
  methodischem  Sinn.  Mehr  als  bei  irgend  einem  andern
liberalen  Volkswirt  tritt  bei  ihm  der  charakteristische,  methodische ­
  Fehler  der  Schule  :  den  Beweis  voraus  bestimmter
Schlußfolgerungen  anzustreben,  zutage.  Sein  dogmatisches  Werk,
die  unvollendet  gebliebenen  Harmonies  économiques,  dient  dem
Bestreben,  den  Pessimismus  Ricardos,  welchen  sich  die  Sozialisten ­
  im  Kampfe  gegen  die  klassische  Naturlehre  weidlich  zunutze ­
  zu  machen  anfingen,  aus  der  „Wissenschaft“  zu  bannen
und  durch  den  rationalistischen  Optimismus  der  Physiokraten
zu  ersetzen.
Bastiats  Gedankengang  ist  folgender 1 ):  indem  Ad.Smith
und  insbesondere  Ricardo  dem  Produktionsagens  Natur  Wert
beimessen,  legen  sie  den  Grund  zu  notwendiger  Ungerechtigkeit  im
Wirtschaftsleben.  Kommt  z.  B.  dem  Grund  und  Boden  Wertcharakter ­
  zu,  so  folgt,  daß  dessen  Eigentümer,  also  eine  beschränkte ­
  Anzahl  Menschen,  ein  der  gesamten  Menschheit  vom
Schöpfer  gegebenes  Geschenk  monopolisieren.  Das  ist  aber  eine
offenbare  Ungerechtigkeit.

1 )  Bastiat,  Oeuvres,  Bd.  VI,  p.  7  ff.
        <pb n="51" />
        30

Die  liberale  Schule

Zweitens  lehrt  Ricardo,  jedes  Anwachsen  der  Bevölkerung ­
  bringe  den  Nichtstuern,  in  deren  Besitz  sich  die  bessern
Ländereien  befinden,  eine  erhöhte  Grundrente,  während  das
Steigen  der  Nahrungsmittelpreise,  welche  die  notwendig  gewordene ­
  Inanbaunahme  unfruchtbarer,  höhere  Produktionskosten ­
  erheischender  Grundstücke  veranlaßt,  ein  zunehmendes
Elend  der  arbeitenden  Menschheit  zur  Folge  hat.  Die  natürliche
Ordnung  führt  also  nach  Ricardo  zu  progressiver  Ungleichheit.
Drittens  schließen  die  Bevölkerungsgesetze  Malthus'  auf  unvermeidlichen ­
  Bauiperismus,  indem  sie  lehren,  daß  die  Menschen
die  Tendenz  haben,  sich  ungleich  rascher  zu  vermehren,  als  die
notwendigen  Subsistenzmittel.
Die  Pessimisten  lehren  also,  daß  „die  großen,  providentiellen
  Gesetze  die  Gesellschaft  ins  Elend  stürzen“.  Sie  wollen
trotzdem  nicht,  daß  man  deren  Wirkungen  entgegen  trete,
weil  diese  durch  sekundäre  Tendenzen  gehemmt  werden.  Die
Sozialisten  schließen  aus  demselben  Satze,  jene  Gesetze  müssen
beseitigt  und  durch  andere  ersetzt  werden,  „an  die  Stelle  des
freien  Werkes  Gottes  sei  ein  künstliches,  von  Menschenhand
errichtetes  zu  setzen“.  Die  Katholiken  erkennen  ebenfalls  die
pessimistische  Lehre  an;  doch  sagen  sie,  man  müsse  den  gemeinten ­
  Gesetzen  zu  entgehen  suchen,  indem  man  auf  irdische
Interessen  verzichtet  und  den  Weg  der  Entsagung,  des  Opfers,
des  Asketismus,  der  Resignation  betritt.
Allen  diesen  hält  nun  Bastiat  die  Worte  Duponts  von
Nemours  entgegen  :  „Die  natürliche  Ordnung  ist  das  Produkt
der  Naturgesetze.  Diese  kommen  vom  Schöpfer  aller  Dinge.
Das  höchste  Wesen  ist  gut  und  konnte  nicht  das  Unglück
seiner  Geschöpfe  wollen.  Deshalb  muß  notwendig  die  natürliche ­
  Ordnung  die  vorteilhafteste  für  das  Menschengeschlecht
sein 1 ).“  Von  dieser  Grundidee  der  Stoa  und  des  rationalistischen ­
  Deismus  Descartes’  und  Malebranches  ausgehend,
entwickelt  Bastiat  die  Idee  der  empiristischen  Philosophen
des  XVII.  und  XVIII.  Jahrhunderts  von  der  Harmonie  aller
Interessen  in  geradezu  großartiger  Weise.  Er  löst  das  ganze
Wirtschaftsleben  in  Harmonien  auf.  Vorkommende  Antagonis-')

  Dupont  de  Nemours,  Origine  et  Progrès  d’une  Science  Nouvelle,  Ausgabe ­
  Guillaumin,  p.  36.
        <pb n="52" />
        Geschichtlicher  Überblick

31

men  sind  dies  nur  scheinbar.  Im  letzten  Grunde  findet  sich
immer  Übereinstimmung.  Alle  Interessengegensätze  zwischen
Produzenten  und  Konsumenten,  Arbeitgebern  und  Arbeitern,
Besitzenden  und  Besitzlosen  usw.  sind  nur  akzidentelle  Erscheinungen, ­
  welche  sich  in  die  allgemeine  Harmonie  der  Gesellschaft ­
  auflösen.
Von  großer  Bedeutung  für  den  Erweis  der  Harmonie  im
Wirtschaftsleben  ist  bei  Bastiat  das  Prinzip  der  Gerechtigkeit.
Dasselbe  war  von  der  utilitaristischen  Wirtschaftslehre,  insbesondere ­
  von  Bentham  und  Ricardo,  außer  acht  gelassen
worden.  Die  Sozialisten  nahmen  die  unbesetzte  Position  ein  und
negierten  von  ihr  aus  die  Berechtigung  von  Privateigentum,  Zins,
Erbrecht  usw.  Bastiat  ist  nun  bestrebt,  das  Tatsächliche,  das
Seiende  im  Wirtschaftsleben  an  dem  sittlichen  Postulate  der
Gerechtigkeit  zu  messen,  und  die  schließliche  Übereinstimmung
beider  zu  behaupten:  das  ist  das  Wesentliche  seiner  Harmonielehre. ­
  Alle  Einzelharmonien,  deren  sich  Bastiat  über  dem
Schreiben  immer  neue  eröffnen,  laufen  zusammen  in  die  eine
große  der  harmonischen  Evolution  des  Wirtschaftslebens:  „Das
natürliche  Resultat  des  sozialen  Mechanismus  ist  eine  konstante
Erhöhung  des  physischen,  intellektuellen  und  moralischen
Niveaus  für  alle  Klassen,  mit  Tendenz  zur  Gleichheit 1 ).“
Bastiats  vielumstrittene  Wert-  und  Rententheorie 2 ),  welche
D  uno  y  er  sehe  Ideen  zum  Ausgangspunkt  hat  und  deren  Priorität
ihm  von  Careij  streitig  gemacht  wurde,  beruht  auf  der  Unterscheidung ­
  zwischen  unentgeltlichen  und  onerosen  Brauchbarkeiten. ­
  Die  ersten  schafft  die  Natur.  Sie  haben  keinen  Wertcharakter ­
  und  sind  lediglich  Brauchbarkeiten 3 ).  Damit  ist  die

J )  Bastiat,  Oeuvres,  Bd.  I,  p.  24.
*)  Bastiat,  Oeuvres,  Bd.  VI,  p.  128  ff.
s )  „Die  natürlichen  Agentien,  selbst  wenn  sie  in  Privatbesitz  übergegangen
sind,  erzeugen  keinen  Wert,  sondern  Brauchbarkeiten,  welche  durch  die  Hand
ihrer  Besitzer  gehen,  ohne  etwas  von  sich  daran  kleben  zu  lassen  und  unentgeltlich ­
  in  die  des  Konsumenten  übergehen.“  (Oeuvres  Bd.  VI,  cap.  IX,  p.  276).
Bastiat  sucht  diese  Anschauung  durch  eine  Reihe  von  Beispielen  aus  der  Ansiedlungsgeschichte ­
  von  Nordamerika,  welche  er  im  Sinne  seiner  Theorie  interpretiert ­
  ,  zu  beweisen  (Harmonies,  cap.  9).  Die  Unentgeltlichkeit  der  Mitwirkung ­
  der  Natur  beim  Produktionsprozesse  ist  eine  Konsequenz  aus  Dunoyers
Satz,  daß  der  Faktor  Natur  erst  durch  des  Menschen  Arbeitstätigkeit  zum
Produktionselement  wird.
        <pb n="53" />
        32

Die  liberale  Schule

Existenz  der  Rente  verneint.  Der  Mehrertrag,  den  heute  ein
Besitzer  von  Naturkräften,  z.  B.  Grund  und  Boden,  Wasserfällen ­
  usw.  für  die  von  ihm  monopolisierten  natürlichen  Agentien
bezieht  und  den  wir  gemeinhin  Rente  nennen,  ist  entweder
Lohn  für  die  häufig  mühsame  Dienstbarmachung  der  betreffenden ­
  Kräfte,  oder  Zins  für  z.  B.  in  den  Boden  gesteckte  Kapitalien. ­
  Kapitalzins  aber  ist  identisch  mit  Arbeitslohn,  denn
Kapital  ist  weiter  nichts  als  aufgespeicherte  Arbeitsprodukte.
Die  Negierung  des  Wertcharakters  der  von  der  Natur  geschaffenen ­
  Brauchbarkeiten  und  damit  der  Existenz  der  Rente  ist  der
wichtigste  Punkt  in  Bastiats  Wertlehre.  Zweck  dieser  Negierung
ist,  der  sozialistischen  Kritik  an  der  Ungerechtigkeit  der  bestehenden ­
  Wirtschaftsordnung  den  Boden  zu  entziehen.  Mit  AdamSmith
und  Ricardo  und  mit  den  Sozialisten  verkündet  Bastiat  die
menschliche  Arbeit  als  den  wesentlichen,  wertbildenden  Faktor.
Die  onerosen  Brauchbarkeiten  nämlich,  welche  allein  Wert  haben,
sind  das  Produkt  menschlicher  Anstrengung  oder  Arbeit.
Es  entgeht  aber  Bastiat  nicht,  ebensowenig  wie  Ricardo,
daß  der  Wertbegriff  „menschliche  Arbeit“  zur  Erklärung  der
tatsächlichen  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens  nicht  ausreicht. ­
  Anstatt  nun  Ausnahmen  dazu  anzunehmen,  wie  Ricardo,
schlägt  Bastiat  eine  doppelte  Modifikation  des  Wertbegriffs  vor,
welche  darin  besteht"  daß  er  zwei  neue  Elemente,  neben  das
der  geleisteten  menschlichen  Arbeit,  in  denselben  einführt:  die
dem  Käufer  eines  Produktes  menschlicher  Arbeitsleistung  ersparte ­
  Arbeit  und  die  Kaufkraft  des  Milieus.
Die  dem  Käufer  ersparte  Arbeit  ist  diejenige  Anstrengung,
welche  er  nach  seiner  Schätzung  daransetzen  müßte,  um  den
begehrten  Gegenstand  durch  eigene  Arbeit  zu  beschaffen.
Die  Kaufkraft  des  Milieus  hängt  ab  von  der  Entwicklung
seiner  Kultur.  Je  kultivierter  das  Milieu,  desto  hohem  Wert
wird  in  demselben  eine  Arbeitsleistung  haben.
Bastiat  faßt  nun  die  zur  Schaffung  einer  onerosen  Brauchbarkeit ­
  geleistete  Arbeit  und  die  dem  Käufer  einer  Brauchbarkeit ­
  ersparte  Arbeit  in  den  Begriff  Dienstleistung  zusammen.  Der
Wert  entsteht,  indem  sich  mit  dessen  objektivem  Elemente  der
Dienstleistung  das  subjektive  des  Messens  zweier  Dienstleistungen
aneinander  auf  dem  Markte  verbindet.  Der  Wert  erscheint  somit ­
  als  das  Verhältnis  zweier  ausgetauschter  Dienstleistungen.
        <pb n="54" />
        Geschichtlicher  Überblick

33

Bastiats  Wertlehre  enthält  zwei  Widersprüche:  erstens
führt  er  die  Rente,  zu  deren  Negierung  er  unendlich  viel  Mühe
und  Scharfsinn  vergeudet,  durch  eine  Hintertüre  wieder  ein.
Die  Anerkennung  des  Milieus  als  wertbestimmenden  Faktors  besagt ­
  die  Anerkennung  des  Wertcharakters  von  Brauchbarkeiten,
welche  das  Milieu,  nicht  aber  menschliche  Arbeit  schafft,  mithin ­
  die  Existenz  der  Rente.  Zweitens  widerspricht  es  Bastiats
Gerechtigkeitspostulat,  dass  zwei  in  Qualität  und  Intensität
gleichwertige  Arbeitsleistungen  verschieden  entlohnt  werden
können,  sei  es  infolge  von  Verschiedenheiten  in  der  Kaufkraft
des  Milieus,  sei  es,  weil  die  Schätzung,  welche  zwei  Käufer  von
der  ihnen  durch  die  Produkte  jener  Arbeitsleistungen  ersparten
Arbeit  machen,  verschieden  ausfällt.  Diesen  Widerspruch  hat
Bas  ti  at  selbst  erkannt.  Er  begegnet  ihm  folgendermaßen:
„In  einer  Wirtschaftsordnung,  welche  auf  Verkehrsfreiheit  beruht, ­
  geschehen  die  Austauschakte  auf  der  Basis  der  Verhältnismäßigkeit ­
  der  Anstrengungen;  der  Wert  hat  in  einer  solchen
die  zunehmende  Tendenz,  sich  ausschließlich  an  der  Arbeit  zu
messen,  der  Lohn,  sich  zum  Verdienst  ins  Verhältnis  zu  setzen,
die  geleistete  Arbeit,  der  ersparten  gleich  zu  kommen  1 ). u
Die  Konkurrenz  also,  der  mächtigste,  Harmonie  erzeugende
Faktor  des  Wirtschaftslebens,  ist  es,  welche  auch  in  der  anscheinend ­
  die  Ungerechtigkeit  sanktionierenden  Wertlehre  den
Schluß  auf  die  Gerechtigkeit  ermöglichen  soll.  Ist  aber  die
Harmonie  mit  dem  Gerechtigkeitspostulat  hergestellt,  so  eröffnen ­
  sich  sofort  weitere  harmonische  Ausblicke  :  die  freie
Konkurrenz  bewirkt,  daß  jede  Erfindung,  jede  Vervollkommnung ­
  eines  Arbeitsprozesses,  jeder  technische  Fortschritt  Allgemeingut ­
  der  Menschheit  wird,  mit  andern  Worten,  daß  ein
stetig  wachsender  Teil  der  zur  Produktion  erforderlichen  Arbeitsleistungen ­
  von  Menschen  auf  die  Naturkräfte  abgewälzt  wird,
daß  also  der  Prozentsatz  der  unentgeltlichen  Brauchbarkeiten
fortwährend  im  Verhältnis  zu  dem  der  onerosen  steigt,  daß  das
Gemeingut  aller  auf  Kosten  des  Privateigentums  fortwährend
zunimmt.  „Kommunisten,“  ruft  Bastiat  aus,  „ihr  träumt  die
Gütergemeinschaft.  Aber  seht,  sie  besteht  ja  schon!  Die  soziale

] )  Bastiat,  Oeuvres,  Bd.  VI,  p.  336,  351.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

3
        <pb n="55" />
        34

Die  liberale  Schule

Ordnung  macht  alle  Brauchbarkeiten  zu  gemeinsamen,  wenn  nur
der  Tausch  der  im  Privatbesitz  befindlichen  Werte  frei  ist 1 ).“
Eine  weitere  Tendenz  zur  Gleichheit  erblickt  Bastiat  in
dem  Anwachsen  der  Kapitalien  und  dem  damit  verbundenen
Sinken  des  Zinsfußes.  Das  Gesamtresultat  der  Produktion  steigt
mit  dem  Anwachsen  der  Kapitalien  ;  da  aber  der  Zinsfuß  gleichzeitig ­
  sinkt,  sinkt  deren  relativer  Anteil  am  Produktionsresultat,
wenn  auch  der  absolute  Ertrag  immer  steigt.  Der  Anteil  der
Arbeiter  dagegen  nimmt  absolut  und  relativ  zu:  absolut  mit
dem  Anwachsen  des  Gesamtertrags  der  Produktion,  relativ  in
dem  Maße,  als  das  Sinken  des  Zinsfußes  den  Anteil  der  Kapitalisten ­
  verringert.  Das  ist  „das  große  Gesetz  der  Harmonie
von  Kapital  und  Arbeit.  Beide  haben  absolut  ein  immer  größeres
Einkommen  ;  relativ  aber  nimmt  dasjenige  des  Kapitals  ab,  das
der  Arbeit  zu 2 ).“  Wir  werden  diese  Tendenz  zur  Gleichheit,  allerdings ­
  in  etwas  weniger  naiver  und  prätentiöser  Form,  bei  Paul
Leroy-Beaulieu  wiederfinden.
Mehr  als  irgend  ein  liberaler  Nationalökonom  vor  ihm  hat
Bastiat  das  Freihandelspostulat  zum  Brennpukt  der  Wissenschaft
gemacht  und  dessen  sofortige  übergangslose  Verwirklichung  verlangt. ­
  Seine  ausgedehnte,  fieberhafte  Tätigkeit  während  der
sechs  letzten  Jahre  seines  Lebens  war  wesentlich  eine  ununterbrochene, ­
  äußerst  rege  Kampagne  in  Wort  und  Schrift  für  den
Freihandel 3 ).
Als  unmittelbare  Schüler  Bastiats  sind  zu  nennen  :  Paillottet,
  R.  de  Fontenay  (le  Revenu  Foncier  18õ4)  und  Martinelli
(Harmonies  et  Perturlations  Sociales  1853).

h  Bastiat,  Oeuvres,  Bd.  VI,  p.  127.
2 )  Bastiat,  Oeuvres,  Bd.  VI,  p.  223—226.
3 )  1846  gründete  er  in  Bordeaux  und  Paris  Freibandeisvereine.  Der
Pariser  gab  eine  Wochenschrift  „Libre  Echange“  heraus,  welche  Bastiat  leitete.
Weiter  trat  dieser  in  Paris  und  in  den  Provinzen  in  öffentlichen  Versammlungen
auf,  knüpfte  Beziehungen  mit  Arbeitern  und  Studenten  an  und  hielt  regelmäßige
Privatvorlesungen  in  der  Salle  Taranne  in  Paris.  Gleichzeitig  erschienen  im
Journal  des  Economistes  seine  Sophismes  économiques,  seit  Februar  1848  seine
Pamphlets.  1848  zog  Bastiat  als  Vertreter  des  Landesdepartements  in  die  Constituante ­
  ein  ;  der  1849  zusammengetretenen  „Legislative“  gehörte  er  ebenfalls  an.
Seine  angestrengte  propagandistische  Tätigkeit  und  sein  bereits  weit  vorgeschrittenes ­
  Lungenleiden,  an  dem  er  1850  in  Rom  starb,  machten  ihm  jedoch
eine  regere  Beteiligung  am  parlamentarischen  Leben  unmöglich.
        <pb n="56" />
        Geschichtlicher  Überblick

35

Die  literarischen  Vorzüge  der  Werke  Bastiats  sowohl  als
deren  Optimismus,  welcher  dem  französischen  Temperamente
besser  zusagte  als  der  Pessimismus  Ricardos,  verschafften  ihm
zahlreiche  Leser.  Dazu  kam  die  Hervorkehrung  des  praktischen
Gedankens  des  Freihandels  gegenüber  der  früher  mehr  im
Vordergrund  stehenden  theoretischen  Idee  der  natürlichen  Wirtschaftsordnung, ­
  sowie  die  entschiedene  Stellungnahme  gegen  den
Sozialismus,  dessen  Vorstöße  1848  die  Bourgeoisie  in  Angst
versetzt  hatten.
Auch  in  dem  engern  Kreise  der  liberalen  Nationalökonomen
verdrängten  Bastiats  Schriften  alle  früheren  derart,  daß  noch
1892  H.  St.-Marc  schreiben  konnte,  die  Anhänger  der  liberalen
Schule  pflegten  nur  Bastiat,  aber  keinen  der  großen  Klassiker
gelesen  zu  haben 1 ).  Heute  allerdings  ist  Bastiat  durch  Paul
Leroy-Beaulieu  abgelöst.
Hatten  vor  1848  die  Bemühungen  Bastiats,  wie  der
liberalen  Schule  überhaupt,  der  Bekämpfung  aller  der  Freiheit
entgegenstehenden  Schranken,  insbesondere  des  Schutzzollsystems, ­
  gegolten,  so  brachte  das  Revolutionsjahr  eine  Frontveränderung: ­
  es  begann  ein  entschlossener  Kampf  gegen  alle
Formen  des  Sozialismus.  Michel  Chevalier,  Léon  Faucher  und
Léonce  de  Lavergne  führten  eine  scharfe  Feder  im  Journal  des
Economistes,  in  der  Revue  des  Deux  Mondes  und  irn  Journal  des
Débats.  Wolowski  war  es  gelungen,  in  die  berühmte  Commission
du  Travail,  welche  im  Luxembourg,  dem  heutigen  Senatspalaste,
tagte,  gewählt  zu  werden.  Er  trat  dort  gegen  Louis  Blanc  und
die  anderen  sozialistischen  Arbeiterführer  auf.  Bastiat  aber
überflügelte  alle  in  der  Polemik  durch  seine  geistsprühenden
Pamphlets.
Die  Haltung  der  kleinen  Gruppe  der  liberalen  Volkswirte
gewann  ihnen  Sympathien  in  Kreisen  der  Agrarier  und  Industriellen, ­
  welche  bis  dahin  ausschließlich  schutzzöllnerischen
Anschauungen  zugänglich  gewesen  waren  und  die  Mitglieder  der
Gruppe  als  Revolutionäre  angesehen  hatten.  Der  so  herbeigeführte
Umschwung  der  Stimmung  in  Bourgeoiskreisen  zugunsten  der
liberalen  Wirtschaftslehre  trug  nicht  wenig  zum  Siege  des  Freihandelsprinzips ­
  im  französisch-englischen  Handelsvertrag  von
')  H.  St.-Marc,'  Etude  sur  l’enseignement  de  l’économie  politique  dans  les
universités  d’Allemagne  et  d’Autriche  Paris  1892  p.  125.
        <pb n="57" />
        36

Die  liberale  Schule

I860  bei 1 ).  Der  Mann,  dem  es  vergönnt  sein  sollte,  dem  Freihandel ­
  in  Frankreich  zum  Siege  zu  verhelfen,  war  Michel
Chevalier.
Michel  Chevalier  (1806—1879)  aus  Limoges  hatte  sich
ursprünglich  dem  Ingenieurfach  gewidmet.  Nach  glänzenden
Studien  an  der  Ecole  polytechnique  in  Paris  wurde  er  mit
23  Jahren  staatlicher  Grubeningenieur  für  das  Norddepartement.
Dem  Beispiele  mehrerer  seiner  begabtesten  Studiengenossen
folgend,  besuchte  er  eifrig  die  Vorträge  des  Saint-Simonisten
Bazard  und  trat  bald  mit  einigen  Freunden  der  Saint-Simonistischen
  Gemeinschaft  bei.  Er  wählte  zunächst  zur  speziellen
Betätigung  das  Gebiet  der  Gewerbe-  und  Verkehrspolitik.  Seine
ersten  publizistischen  Versuche,  welche  in  der  Saint-Simonistischen
Wochenschrift  L'Organisateur  erschienen  (1829),  überzeugten  ihn
und  seine  Umgebung  von  seiner  hervorragenden  schriftstellerischen ­
  Befähigung.  Diese  Entdeckung  veranlaßte  ihn,  seine
Stellung  im  Norddepartement  Ende  1830  aufzugeben;  dafür
übernahm  er  die  Leitung  der  in  Saint-Simonistischen  Besitz  gelangten ­
  Tageszeitung  Globe  (18.  Januar  1831).  In  diesem  Blatte
veröffentlichte  Chevalier  durch  18  Monate,  während  derer  er
es  leitete,  zahlreiche  Artikel.  Diese  galten  hauptsächlich  der
begeisterten  Darstellung  der  Saint-Simonistischen  Gedanken  vom
universellen  Frieden  und  von  der  möglichsten  Ausdehnung  der
Produktion,  insbesondere  durch  Förderung  des  Verkehrs.  Am  bemerkenswertesten ­
  ist  die  später  auch  in  Broschürenform  erschienene ­
  Artikelserie  Système  de  la  Méditerranée.  Diese  enthält  das
Projekt  eines  großartig  gedachten  Eisenbahnnetzes,  welches,  das
Mittelmeer  zum  Zentrum  nehmend,  über  ganz  Europa  und  Nordafrika ­
  sich  erstrecken  und  durch  Dampferlinien  verlängert
werden  sollte,  deren  Errichtung  die  Durchstechung  der  Suezund
  Panamalandenge  bedingte.  Chevaliers  Kostenanschlag
belief  sich  auf  18  Milliarden  Francs.  Die  spätere  Anlage  der
Verkehrswege  verwirklichte  in  manchen  wesentlichen  Punkten
jenen  gewaltigen  Traum.
Chevalier  blieb  sein  ganzes  Leben  hindurch  den  beiden
programmatischen  Gedanken,  die  ihm  in  der  Saint  -  Simoni  -

9  Vgl.  Weül,  Histoire  du  Mouvement  Social  en  '  France  1852—1902,
Paris  1903,  p.  20.
        <pb n="58" />
        Geschichtlicher  Überblick  37

stischen  Lehre  am  meisten  zusagten,  treu.  Er  hat  einerseits
sich  immer  mit  Vorliebe  mit  Verkehrsfragen  beschäftigt  und
den  Ausbau  von  Verkehrswegen  in  seinem  Vaterland  stets  mit
allen  ihm  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  gefördert.  Andererseits
hat  er  nie  eine  Gelegenheit  versäumt,  für  die  Idee  des  Weltfriedens ­
  einzustehen,  ein  Umstand,  der  übrigens  für  seine  spätern
Lebensschicksale  entscheidend  wurde.
Als  Leiter  des  Globe  wurde  Chevalier  in  den  Prozeß,
welcher  der  Saint-Simonistischen  Gemeinde  ein  jähes  Ende  bereitete, ­
  verwickelt  und  zu  einem  Jahr  Gefängnis  verurteilt.  Im  Gefängnis ­
  wurde  er  Mitarbeiter  des  Journal  des  Débats.  Als  solcher
bekämpfte  er  die  kriegslustigen  Pläne  der  damaligen  Opposition,
welche  die  Julirevolution  durch  Europa  tragen  und  das  unrühmliche ­
  Ende  der  napoleonischen  Epoche  an  den  Mächten  rächen
wollte.  Die  entschiedene  Stellungnahme  Chevaliers  zugunsten
der  von  der  Regierung  der  Julimonarchie  —  unter  dem  Einfluß
Talleyrands  —  befolgten  Friedenspolitik,  lenkte  die  Aufmerksamkeit ­
  der  führenden  Kreise  auf  ihn.  Er  gewann  so  die
Protektion  von  Guizot  und  Mole,  der  beiden  neben  Thiers
hervorragendsten  Staatsmänner  jener  Zeit,  wurde  nach  Verbüßung ­
  der  Hälfte  seiner  Strafe  begnadigt  und  mit  einer  Studienmission ­
  nach  Amerika  betraut.  Aus  Chevaliers  zweijähriger
Amerikareise  gingen  ein  technisches  Werk  über  den  amerikanischen ­
  Eisenbahnbau,  sowie  seine  Lettres  sur  L'Amérique  du
Nord  hervor.  Letztere  geben  in  glänzender,  farbenreicher
Sprache  wieder,  was  er  vom  politischen,  wirtschaftlichen  und
sozialen  Leben  jenseits  des  Ozeans  beobachtete.  Sie  verraten
viel  gesunden  Menschenverstand  und  praktischen  Sinn,  sowie
ein  besonders  scharfes  Augenmerk  für  die  tatsächlichen  Grundlagen ­
  der  amerikanischen  Freiheit.
1836  wurde  Chevalier  Mitarbeiter  der  Revue  des  Deux
Mondes,  was  dazu  beitrug,  seinen  Stil  klarer  und  präziser  zu
machen  und  von  dem  apokalyptischen  Schwulst  der  Saint-Simonistischen ­
  Zeit  zu  reinigen.  In  seiner  Denkweise  blieb  er  jedoch
Romantiker,  aller  abstrakten  Theorie  abhold.  Einiges  Aufsehen
erregte  seine  1838  erschienene  Schrift:  Intérêts  matériels,  welche
einen  vollständigen,  detaillierten  Plan  eines  ganz  Frankreich
umspannenden  Eisenbahnnetzes  enthält.  Chevalier  erwies
sich  in  dieser  Schrift  als  gründlichen  Kenner  der  Wirtschafts-
        <pb n="59" />
        38

Die  liberale  Schule

géographie  Frankreichs,  denn  es  wurde  später  fast  genau  so
gebaut,  wie  er  bis  ins  Einzelne  angeregt  hatte.
1840,  unter  einem  Ministerium  Thiers,  bekämpfte  er
durch  seine  Lettre  adressée  au  comte  Mole'  die  von  der  Regierung
geplante  Errichtung  der  Pariser  Forts.  Etwas  utopisch  mutet
in  diesem  Briefe  die  Schilderung,  welche  der  Autor  von  der
europäischen  Lage  gibt,  an.  Seine  Begeisteruag  für  den  Weltfrieden ­
  läßt  ihn  verkünden,  daß  Europa  einer  politischen  Einheit ­
  entgegensehe,  die  ihren  Ausdruck  in  einer  hohem  Organisation, ­
  nach  dem  Muster  des  griechischen  Amphiktyonenbundes
finden  werde.
Als  Rossi  1840  Pair  von  Frankreich  wurde,  trat  er  von
seinem  Lehrstuhl  am  College  de  France  zurück.  Dieser  ward
Chevalier  übertragen,  welcher  auch  seit  1838  Mitglied  des
Staatsrats  war.  1845  zog  er  als  Vertreter  des  Aveyrondepartements
  auf  kurze  Zeit  in  die  Abgeordnetenkammer  ein.  Dort
gelang  es  ihm,  der  Regierung  eine  Zollgesetzvorlage,  die  einige
Reformen  im  Sinne  der  Freiheit  enthielt,  abzuringen.  Doch
wurde  die  Kammer  aufgelöst,  bevor  es  zur  definitiven  Abstimmung ­
  über  die  Vorlage  kommen  konnte.
Nach  dem  Ausbruch  der  Februarrevolution  trat  Chevalier
mit  Basti  at,  Wolowski  usw.,  wie  schon  erwähnt,  gegen
die  sozialistischen  Systeme  in  die  Schranken.  Seine  Briefe  über
die  Organisation  der  Arbeit,  welche  im  Journal  des  Débats  erschienen, ­
  veranlaßten  die  revolutionäre  Regierung  ihn  nicht  nur
seines  Postens  zu  entheben,  sondern  auch  sogar  seinen  Lehrstuhl
zu  unterdrücken.  Sieben  Monate  später  wurde  Chevalier  jedoch
wieder  in  Amt  und  Würden  eingesetzt.  Da  ihn  indessen  die  Geschäfte ­
  im  Staatsrat  zu  sehr  in  Anspruch  nahmen,  überließ  er
seine  Vorlesungen  einem  Stellvertreter:  Henri  Baudrillart.  1866
nahm  er  sie  wieder  selbst  auf,  bis  1878,  ein  Jahr  vor  seinem
Tode,  sein  Lehrstuhl  an  seinen  Schwiegersohn  Paul  Leròy-Beaulieu
  überging.
Chevaliers  Vorlesungen  erschienen  in  drei  Bänden 1 ).
Die  beiden  ersten  behandeln  hauptsächlich  Fragen  des  Transportwesens; ­
  der  dritte  ist  ausschließlich  dem  Geldwesen  gewidmet. ­
  Genetische  Beschreibung  bestehender  Einrichtungen
i)  Die  beiden  ersten  Bände  zuerst  1842  u.  1844,  2.  Ausi.  1855—56;  der
dritte  Band  1850  2.  Ausi.  1856.
        <pb n="60" />
        Geschichtlicher  Überblick

39

liebt  er  besonders.  Doch  erheben  sich  diese  geschichtlichen
Exkurse  kaum  über  das  Niveau  oberflächlicher  Gegenüberstellungen. ­
  Tiefer  und  gründlicher  ist  allerdings  die  historische
Behandlung  der  Geldfragen,  wie  denn  überhaupt  der  Band  vom
Gelde  am  meisten  Anspruch  auf  Wissenschaftlichkeit  erhebt 1 ).
Für  die  theoretischen  Grundlagen  der  Nationalökonomie
zeigte  Chevalier  zeitlebens  wenig  Interesse.  Die  Prinzipien  nimmt
er  einfach  als  feststehend  an  und  kümmert  sich  nicht  um  deren
Begründung.  Allerdings  machten  seine  Anschauungen  einen
Wandel  durch,  insofern  der  frühere  Saint-Simonist  sich  nur  nach
und  nach  den  rigorosen  Lehren  des  laisser  faire,  laisser  passer
anbequemen  konnte.  In  der  ersten  Auflage  seiner  Vorlesungen
(1842  —  1844)  übt  er  scharfe  Kritik  am  Grundsätze  des  Eigeninteresses ­
  als  Triebfeder  des  wirtschaftlichen  Handelns,  verlangt
korporative  Organisation  der  Industrie  und  staatliche  Beaufsichtigung ­
  aller  Gewerbebetriebe 2 ).  In  der  zweiten  Auflage

1)  Bemerkenswert  ist  Chevaliers  Stellungnahme  in  der  Währungsfrage.
Als  er  sich  zum  erstenmale  damit  beschäftigte  (in  den  40er  Jahren),  neigte  er
zur  Goldwährung.  Im  dritten  Bande  seiner  Vorlesungen  (1.  Ausl.  1850)  begnügt
er  sich  mit  einer  Darstellung  tatsächlicher  Zustände,  ohne  Stellung  zu  nehmen.
Da  kam  die  Entdeckung  der  kalifornischen  placers  und  der  australischen  diggins
und  der  Preissturz  des  Goldes.  Der  Goldwert  im  Verhältnis  zum  Silber  sank
unter  das  in  Frankreich  gesetzlich  normierte  Verhältnis.  Chevalier  hielt  diese
Erscheinung  einen  Augenblick  für  definitiv  und  trat  mit  der  Forderung  der  Einführung ­
  der  Silberwährung  an  die  Öffentlichkeit  (De  la  baisse  probable  de,  l’or,
1859).  Später  verschloß  er  sich  jedoch  besserer  Einsicht  nicht  und  entschied
sich  endgültig  für  die  Goldwährung.  Zwischen  Wolowski,  welcher  Anhänger  des
französischen  Systems  der  Doppelwährung  mit  gesetzlich  normiertem  Verhältnis
war,  und  Chevalier  gab  es  häufig  Auseinandersetzungen  über  die  Währungsfrage
in  den  Sitzungen  der  Société  d’économie  politique.  Vgl.  Courtois,  loe.  cit.
p.  474.
2)  „Die  Unordnung,  die  Schändlichkeiten  und  Gewalttaten,  die  nur  zu
häufig  in  der  Industrie  anzutreffen  sind,  beweisen  nur  eines,  daß  sie  nämlich
nicht  unter  der  Herrschaft  des  absoluten  Individualismus  bleiben  darf.  Die  absolute ­
  Herrschaft  irgend  eines  Prinzips,  sei  es  desjenigen  der  Freiheit  oder  der
Autorität,  kann  nicht  bei  den  modernen  Völkern  gedeihen.  Den  Saturnalien  des
Eigeninteresses,  die  wir  heute  sehen  müssen,  wollen  wir  den  Sinn  für  das  Interesse ­
  der  Gesamtheit  entgegenstellen  ....  wir  müssen  uns  bemühen,  den  Produzenten ­
  den  Geist  der  Assoziation  einzuflößen,  und  ihnen  die  Vorteile  der  Solidarität ­
  zu  kosten  geben.  Jedoch  wird  man  dem  Staate  nur  ausnahmsweise  diese
oder  jene  Produktionszweige  überlassen  können.“  Unter  die  Produktionszweige,
welche  Chevalier  dem  Staate  zu  überlassen  empfiehlt,  reiht  er  auch  die  Eisen-
        <pb n="61" />
        40

Die  liberale  Schule

(1855—1856)  lautes  Chevaliers  Urteil  bereits  wesentlich  günstiger ­
  für  die  Privatinitiative  und  die  absolute,  von  jeder  staatlichen ­
  Einmischung  verschonte  Freiheit  des  Wirtschaftslebens.
Jedoch  hat  er  niemals  den  doktrinären  Standpunkt  der  klassischen ­
  Schule  in  dessen  schroffer  Reinheit  sich  zu  eigen  gemacht.
Die  von  ihm  stets  festgehaltene  Forderung,  daß  der  Staat  sich
an  dem  Ausbau  der  Verkehrswege,  insbesondere  der  Eisenbahnen ­
  beteiligen  sollte,  wird  ihm  von  seinem  orthodoxen  Biographen ­
  Reybaud  verübelt x ).  Desgleichen  rügt  Reybaud
Chevaliers  „Neigung,  die  Befugnisse  des  Staates  zu  mehren“,
bezüglich  seiner  Lieblingsthese,  die  Armee  solle  im  Interesse
größtmöglicher  Produktion  zu  öffentlichen  Arbeiten  verwendet
werden  2 ).
Chevaliers  glänzendste  Leistung  ist  der  französischenglische ­
  Handelsvertrag  von  1860,  welcher  eine  Periode  des
Freihandels  für  Frankreich  und  den  europäischen  Kontinent
überhaupt  eröffnete.  Sein  erster  Versuch,  die  französische  Zollgesetzgebung ­
  in  freiheitlichem  Sinne  zu  reformieren,  war,  wie
oben  mitgeteilt,  mißglückt.  1852  schnitt  er  die  Frage  wieder
an  durch  die  Veröffentlichung  einer  den  Schutzzoll  bekämpfenden
Schrift  :  Examen  da  système  commercial  connu  sous  le  nom  de
système  'protecteur.  Die  Pariser  Weltausstellung  von  1855  bot
Chevalier  den  Anlaß,  einen  neuen  Versuch  zur  Verwirklichung
des  Freihandels  auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung  zu  machen.
Dieser  scheiterte  jedoch  an  dem  Widerstand  des  Corps  législatif. ­
  Da  beschloß  er,  die  Bestimmung  der  Verfassung,  welche
dem  Kaiser  die  Befugnis  der  bindenden  Vertragschließung  mit
fremden  Staaten  einräumte,  für  seine  Zwecke  zu  gebrauchen.
Napoleon  selbst  war,  wie  unter  der  Julimonarchie  Guizot
und  Mole,  dem  Freihandel  günstig  gestimmt.  Er  war  1846  in
England  ein  eifriger  Hörer  der  von  der  „anticornlawleague“  verbahnen ­
  wie  die  Verkehrsanstalten  überhaupt.  Bezüglich  der  dem  Privatbetriebe
zu  überlassenden  Gewerbe  schreibt  er:  „(Dieselben)  sollen  der  Privatinitiative
überlassen  bleiben,  aber,  soviel  als  möglich,  unter  der  Ägide  des  Sinnes  zur
Assoziation  und  immer  unter  der  täglichen  Aufsicht  der  staatlichen  Autorität.“
{M.  Chevalier,  Cours  d’économie  politique,  Brüsseler  Ausgabe  von  1845,  Bd.  II,
p.  343  ff.).
1 )  Reybaud,  Economistes  Modernes,  Paris  1863,  p.  217.
2 )  Reybaud,  ibid.  p.  218.
        <pb n="62" />
        Geschichtlicher  Überblick

41

anstalteten  Vorträge  gewesen.  Chevaliers  Beziehungen  zu
ihm  und  zur  kaiserlichen  Regierung  waren  sehr  gute;  er  war
nämlich  einer  der  ersten  gewesen,  welche  sich  nach  dem  Staatsstreich ­
  vom  2.  Dezember  1851  als  Anhänger  des  neuen  Regiments ­
  im  Elysee  eingetragen  hatten.
Als  1859  in  England  eine  Whigregierung  unter  Lord  Palmerston ­
  ans  Ruder  gekommen  war,  gelang  es  den  vereinten  Bemühungen ­
  Chevaliers  und  R.  Cobdens,  Napoleon  zu  bewegen, ­
  mit  der  englischen  Regierung  Unterhandlungen  anzuknüpfen ­
  zwecks  Verwirklichung  zollfreier  Handelsbeziehungen
zwischen  beiden  Ländern.  Cobden  hätte  am  liebsten  auf  vertragsmäßige ­
  Tariffestsetzungen  überhaupt  verzichtet.  Chevalier ­
  hatte  sich  aber  gelegentlich  der  Umfrage,  welche  Napoleon
bei  den  französischen  Unternehmern  durch  eine  Kommission
vornehmen  ließ,  davon  überzeugt,  daß  nur  äußerste  Vorsicht
der  handelspolitischen  Wendung  dauernden  Erfolg  zu  sichern
vermöge.  Darum  wählte  er  den  diplomatischeren  Weg,  durch
Wahrung  des  Anscheins  eines  Zollschutzes,  der  in  minimalen
Sätzen  zum  Ausdruck  kam,  den  Produzentenkreisen  den  Freihandel ­
  schmackhafter  zu  machen.  Anfang  1860  kam  der  epochemachende ­
  Vertrag  zu  stände.  In  kurzer  Zeit  folgten  ihm  noch
zwischen  Frankreich  und  verschiedenen  Staaten  des  europäischen ­
  Festlandes  ein  Dutzend  andere,  die  der  gleiche  Geist
beseelte.
Chevalier  wurde  1860  von  Napoleon  in  den  Senat  berufen. ­
  Die  Kriegserklärung  an  Preußen  im  Juli  1870  gab  ihm
noch  einmal  Gelegenheit,  in  sensationeller  Weise  für  die  Idee
des  Weltfriedens  einzutreten,  indem  er  die  Kriegserklärung  im
Senate  mißbilligte  und  allein  von  seinen  sämtlichen  Kollegen
gegen  den  Krieg  stimmte.
Von  den  zahlreichen  Gelehrten,  welche  unter  dem  zweiten
Kaiserreich  der  liberalen  Schule  der  Nationalökonomie  angehörten, ­
  sollen  nur  noch  einige  der  hervorragendsten  hier  Beachtung ­
  finden.  Es  wird  noch  zu  reden  sein  von  Courcelle-Seneuil
  und  Cherbuliez,  Wolowski,  Batbie  und  Baudrillart,  deren
Tätigkeit  übrigens  zum  Teil  bis  weit  in  die  Zeit  der  dritten
Republik  hineinreicht.  Vorab  sei  noch  erwähnt,  daß  sich  die
liberale  Schule  in  den  40er  und  50er  Jahren  des  vorigen  Jahr-
        <pb n="63" />
        42

Die  liberale  Schule

hunderts  zwei  große  Sammelwerke  schuf.  Das  eine  ist  eine
Sammlung  von  Monographien  unter  dem  Titel:  Economie  Politique ­
  (22  Bde.  1846—52).  Das  andere  ist  ein  Wörterbuch:
Dictionnaire  de  l'Economie  Politique  (herausgegeben  von  Coquelin
und  Horace  Say,  2  Bde.  1853).
Courcelle-Seneuil  (1813—1892)  war  ursprünglich  Journalist; ­
  1852—58  war  er  Professor  der  Nationalökonomie  und  einflußreicher ­
  Berater  der  Regierung  in  Santiago  de  Chile 1 ).  1858
kehrte  er  nach  Frankreich  zurück.  Professor  Cli.  Gide  gibt  von
ihm  folgende  treffende  Charakteristik:  „Von  allen  zeitgenössischen ­
  Volkswirten  Frankreichs  hat  er  vielleicht  am  meisten
Achtung  im  Ausland,  besonders  in  England  und  den  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  genossen.  In  Frankreich  selbst  wurde
er  weniger  geschätzt,  weil  er  einen  Fehler  hatte,  den  seine
Landsleute  nur  selten  verzeihen:  er  war  etwas  langweilig  und
sehr  pedantisch.  Er  hatte  die  Lehrbücher  von  Stuart  Mill  und
Summer  Maine  übersetzt  und  sich  dabei  eine  straffe  wissenschaftliche ­
  Selbstzucht,  eine  strenge  Methode  angewöhnt.  Er
bemühte  sich,  aus  der  Volkswirtschaftslehre  ein  festgefügtes
Lehrgebäude  zu  machen,  und  in  der  Tat  rufen  seine  Werke
einen  soliden  und  überzeugenden  Eindruck  hervor.  Er  war
gleichsam  der  Pontifex  Maximus  der  klassischen  Schule  ;  seiner
Hut  waren  die  heiligen  Doktrinen  anvertraut,  und  ihm  lag  es
ob,  die  Ketzer  zu  denunzieren  und  auszurotten.  Lange  Jahre
hindurch  hatte  er  in  den  Bücherbesprechungen  des  Journal  des
Economistes  diese  Mission  mit  priesterlicher  Würde  erfüllt.  Mit
Argusaugen  wußte  er  die  leisesten  Anwandlungen  einer  Abweichung ­
  von  der  liberalen  Schule  zu  erspähen,  und  er  hauptsächlich ­
  führte  den  Feldzug  gegen  die  Professoren  der  Rechtsfakultäten, ­
  als  man  diese  von  1878  ab  zu  Professoren  der
politischen  Ökonomie  ernannte  ....  Übrigens  bewies  Courcelle-Seneuil ­
  auch  den  Schülern  Le  Plays  gegenüber  keine
größere  Nachsicht 2 ).“
*)  Courcelle-Seneuil  hat  neben  nationalökonomischen,  philosophische,  politische ­
  und  juristische  Werke,  sowie  solche  über  Buchführung  und  Banktechnik
veröffentlicht.  Seine  bedeutendsten  Schriften  sind:  Traité  théorique  et  pratique
d’économie  politique  2  Bde.,  zuerst  1857,  3.  Ausi.  1891  und:  Les  Opérations  de
Banque,  zuerst  1852.  9.  von  A.  Liesse  besorgte  Auflage  1905.
2 )  Ch.  Gide,  Die  neuere  volkswirtschaftliche  Literatur  Frankreichs,  in
Sehmollers  Jahrbuch  1895,  p.  710—711.
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        Geschichtlicher  Überblick

43

Courcelle-Seneuil  scheidet  in  der  Nationalökonomie
Theorie  und  Praxis.  Er  teilt  die  Wissenschaft  nämlich  ein  in
Plutologie  und  Ergonomie.  Philologie  ist  „die  Wissenschaft,
welche  die  Ursachen  und  die  Bedingungen  des  Reichtums  der
Gesellschaften  und  der  Individuen  feststellt“ x ).  Ergonomie
(—  Anordnung  der  Arbeit)  ist  „die  Kunstlehre,  welche  die  allgemeinen ­
  Mittel,  durch  welche  der  Reichtum  der  Gesellschaften
und  der  Individuen  vermehrt  werden  kann,  zu  erkennen
strebt“ 2 ).
Zunächst  die  Plutologie.  „DerReichtum  einer  Gesellschaft
hängt  von  der  Summe  von  Gütern  ab,  welche  sie  gewöhnlich
erzeugt  und  verbraucht,  sowie  von  der  Bevölkerungsziffer.  Der
Reichtum  der  Individuen  hängt  von  denselben  Ursachen  ab
und  außerdem  von  dem  allgemeinen  System  der  Güteraneignung,
welches  in  der  Gesellschaft,  in  der  sie  leben,  besteht.“  Daher
sind  zunächst  „die  allgemeinen  Gesetze  und  Bedingungen  der
Produktion  und  des  Verbrauches  der  Güter  zu  untersuchen.
Die  Plutologie  wird  uns  so  die  Aneignungstatsache  (ob  unter  der
Herrschaft  der  freien  Konkurrenz,  oder  unter  derjenigen  von
Autorität  und  Herkommen)  als  die  grundlegende  Kategorie  des
Wirtschaftslebens  erweisen“  3 ).
Zweitens  die  Ergonomie.  „Die  Anordnung  der  Arbeit  und
die  Aneignung  der  Güter  hängen  zum  Teil  ab  von  den  staatlichen ­
  Gesetzen  oder  den  Handlungen  der  öffentlichen  Autoritäten, ­
  zum  Teil  von  der  freien  Betätigung  der  Individuen“ 4 ).
Daher  sind  zu  unterscheiden:
1.  Polionomie,  oder  die  Lehre  von  den  Befugnissen  der
öffentlichen  Gewalt,  die  sich  in  gesetzgeberische  und  administrative ­
  gliedern.
2.  Economique,  die  Lehre  von  der  freien  Betätigung  der
Privaten.
Zu  diesen  Teilen  tritt  noch  hinzu  :
3.  Equistique  (von  dem  griechischen  oixi^co),  d.  h.  Fragen
der  Auswanderung^  und  Kolonialpolitik.
])  Courcelle-Seneuil,  Traité  d’économie  politique,  2.  Ausi.  1867  ,  Bd.  I,
p.  22.
2 )  ibid.
s )  ibid.,  p.  41  ff.
4 )  ibid.,  p.  22.
        <pb n="65" />
        44

Die  liberale  Schule

Der  grundlegende  Gedanke  der  Trennung  von  Wissenschaft ­
  und  Kunstlehre  verdient  Anerkennung.  Inhaltlich  greift
jedoch  die  Kunstlehre  im  zweiten  Teile  über  das  Gebiet  der
Nationalökonomie  hinaus  und  wird  zur  Privatwirtschaftslehre.
Es  ist  aber  im  Grunde  nur  folgerichtig,  wenn  die  individualistische ­
  Auffassung  die  Privatwirtschaftslehre  als  zum  Gebiete
der  „Wissenschaft  vom  Reichtum“  gehörig  betrachtet.  Praktisch ­
  bedeutet  Courcelle-Seneuils  Systematik  kaum  mehr
als  eine  deologische  Spielerei.  Wie  ungeeignet  sie  ist,  geht
schon  allein  daraus  hervor,  daß  er  seine  Auswanderung^  und
Kolonialpolitik,  auf  die  er  nicht  verzichten  will,  einfach  nicht
logisch  unterzubringen  weiß  und  als  unvorhergesehenes  und
unbegründetes  Glied  einem  fertigen  Schema  beiflickt.
Courcelle-Seneuil  bezeichnet  selbst  als  bedeutsame
Neuerungen,  die  er  gebracht,  einmal  die  Trennung  von  Wissenschaft ­
  und  Kunst  in  der  Nationalökonomie;  zweitens  seine  Formulierung ­
  des  Bevölkerungsgesetzes  und  drittens  Analyse  und
Vergleich  der  beiden  elementaren  Formen  der  Aneignung  der
Reichtümer  (ob  unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz
oder  unter  derjenigen  von  Autorität  und  Herkommen) l ).
Wir  fügen  als  vierte  seine  Begriffsbestimmung  der  wirtschaftlichen ­
  Arbeit  noch  bei.  Die  erste  dieser  Neuerungen,  die
Trennung  von  Wissenschaft  und  Kunst,  wurde  bereits  gewürdigt. ­
  Über  den  Wert  seines  Bevölkerungsgesetzes  gibt  sich
Courcelle-Seneuil  einer  Täuschung  hin.  Dieses  lautet:
„Die  notwendige  Bevölkerungsziffer  ist  gleich  einem  Bruch,
dessen  Zähler  aus  der  Summe  des  Einkommens  der  Gesellschaft
abzüglich  der  Summe  des  überdurchschnittlichen  Konsums  besteht, ­
  während  das  Existenzminimum  den  Nenner  ausmacht“  2 ).
„C’est  une  vérité  de  La  Palice“  würde  der  Franzose  sagen.  Und
neu  ist  sie  überdies  nicht.
Die  Tatsache  der  Aneignung  erscheint  Courcelle-Seneuil
  als  grundlegend  für  alle  wirtschaftliche  Tätigkeit.
Produzieren,  Austauschen,  Konsumieren  können  die  Menschen
erst,  wenn  eine  Aneignung,  sei  es  nun  eine  individuelle  oder
eine  kollektive,  derjenigen  Stoffe  und  Kräfte  vorausging,  mit

b  Loc.  eit.,  Bd.  I,  p.  492.
2 )  ibid.,  p.  125.
        <pb n="66" />
        Geschichtlicher  Überblick

45

denen  produziert  wird  und  die  ausgetauscht  oder  verbraucht
werden  sollen.
Jedwede  Aneignung  setzt  aber  ihrerseits  wieder  eine  vorhergegangene ­
  Arbeit  voraus,  sollte  es  auch  nur  die  Arbeit  der
Okkupation  sein.  Alle  Güter,  auch  die  freien,  unterliegen  der
Aneignung.  „Wenn  der  Boden  angeeignet  wurde,  sind  Luft,
Wasser  und  Licht,  welche  denselben  bedecken,  es  ebenfalls.
Der  Souverän  hat  das  unbestrittene  Recht,  den  Eintritt  auf  das
Territorium  eines  Volkes  Fremden  zu  untersagen.  Desgleichen
der  Besitzer  einer  Domäne  bezüglich  dieser“  ').
Die  Aneignung  ist  also  eine  fundamentale,  notwendige
Tatsache  des  Wirtschaftslebens,  unabweisbar  wie  die  ewigen
Gesetze  der  Produktion  und  des  Verbrauchs  der  Güter.  Von
diesen  unterscheidet  sie'  sich  jedoch  dadurch,  daß  die  Form,
welche  sie  jeweils  annimmt,  menschlicher  Willensbestimmung
unterliegt l  2 ).  „Die  Regeln  der  Aneignung  der  Reichtümer
machen  immer,  welche  sie  auch  seien,  eine  Organisation  der
Arbeit  aus,  oder,  in  andern  Worten,  ein  Eigentumssystem“ 3 ).  Alle
Eigentums  Ordnungen,  welche  je  bestanden  haben  oder  überhaupt ­
  denkbar  sind,  lassen  sich  auf  zwei  elementare  Modi  der
Aneignung  zurückführen:  Aneignung  durch  Freiheit  und  Aneignung ­
  durch  Autorität.  „Diese  beiden  Arten  sind  regelmäßig
in  sehr  verschiedenen  Proportionen  miteinander  verbunden  und
haben  nur  ganz  ausnahmsweise  getrennt  bestanden“ 4 ).  In  der
Menschheitsgeschichte  begegnen  wir  der  Bestimmung  der  Aneignung ­
  durch  Autorität  und  Herkommen  in  ziemlicher  Reinheit
bei  der  patriarchalischen  Familie.  Wo  der  Tausch  beginnt  und
in  dem  Maße  als  er  sich  entwickelt,  tritt  die  Freiheit  an  die
Stelle  der  Autorität.  In  unsern  heutigen  Gesellschaften  bestehen
die  beiden  Aneignungsmodi  nebeneinander.  Ja  der  Vertrag,  die
Grundlage  des  Freiheitsregimes,  ist  durch  die  Autorität  garantiert. ­
  Der  Verfasser  untersucht  nun  im  weitern  die  beiden  Systeme ­
  eingehend,  zunächst  theoretisch  in  Wesen  und  Inhalt,
dann  in  ihrer  historischen  Entwicklung  und  gegenseitigen
Durchdringung.  Dabei  wendet  er  ein  besonderes  Augenmerk
l )  ibid.,  p.  35.
*)  ibid.,  p.  199.
3 )  ibid.,  p.  201.
4 )  ibid.,  p.  202—203.
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        46

Die  liberale  Schule

auf  die  Darlegung  der  Beschränkungen,  welche  heute  noch  auf
dem  Freiheitsregime  lasten  (Schutzzoll  usw.).
Im  Gegensatz  zu  seinen  Kollegen  der  klassischen  Schule
legt  Courcelle-Seneuil  soviel  historischen  Sinn  an  den  Tag,
das  Autoritätsregime  keineswegs  absolut  zu  verwerfen,  noch  dasjenige ­
  der  Freiheit  als  das  einfach  natürliche  hinzustellen.  Von
vornherein  bezeichnet  er  beide  als  jeweiliges  Resultat  freien
menschlichen  Wollens.  Da  aber  der  Mensch  durch  eine  Reihe
von  Entwicklungsstufen  hindurchgeht,  ist  das  eine  für  diese,  das
andere  für  jene  am  besten  geeignet.  Für  die  modernen  Staaten
ist  die  Aneignung  auf  dem  Wege  der  Freiheit  ein  Ideal,  zu  dem
sie  sich  seit  hundert  Jahren  hinbewegen  *).
Courcelle-Seneuils  Theorie  der  Aneignungssysteme
vermag  die  wirtschaftsgeschichtliche  Entwicklung  in  ihrem  tatsächlichen ­
  Geschehen  zu  veranschaulichen.  Sie  hat  einen  anerkennenswerten ­
  Wahrheitsgehalt.  Wesentlich  günstiger  würde
sie  sich  präsentieren,  wenn  der  Autor  für  deren  Darstellung
den  Weg  gewählt  hätte,  auf  welchem  er  sie  gewann.  Es
liegt  auf  der  Hand,  daß  sie  das  aposteriorische  Ergebnis  einer,
wenn  auch  noch  so  sehr  auf  allgemeine  Tatsachen  beschränkten
Beobachtung  der  Geschichte  ist.  Die  Darstellung  aber  bewegt
sich  in  umgekehrter  Richtung,  indem  erst  die  zweigliedrige  Aneignungstheorie ­
  aufgestellt  und  dann  versucht  wird,  damit  die
verschiedensten  historischen  Wirklichkeiten  zu  decken.  Für
Courcelle-Seneuil  ist  das  wichtigste  Resultat  seiner  Theorie
der  Aneignungssysteme,  daß  sie,  genau  wie  die  historische  Auffassung ­
  Turgots,  Condorcets,  Aug.  Comtes  oder  Du  noyers, ­
  eine  ausgezeichnete  Grundlage  zur  deduktiven  Eruierung
des  Fortschrittscharakters  und  der  Vorzüglichkeit  des  Nichtinterventionismus ­
  bietet.  Und  einen  Fortschritt  über  J.  B.  Say
*)  ibid.,  p.  373.  ..In  einer  Gesellschaft,  deren  Mitglieder  zu  einer  ungefähr ­
  gleichen  Stufe  wirtschaftlichen  Fortschritts  gelangt  sind,  entfaltet  die
Freiheit  viel  mehr  Kräfte  als  die  Autorität,  weil  sie  die  ganze  vorhandene
Kraft  ausnutzt,  während  jede  autoritäre  Anordnung  notwendig  einen  Teil  davon
ungebraucht  läßt.  Wenn  dagegen  in  einer  Gesellschaft  nur  einige  Glieder  zu
einer  höheren  Stufe  wirtschaftlicher  Entwicklung  gelangt  sind,  während  die
Masse  ohne  Kenntnisse,  ohne  Bedürfnisse,  ohne  Tatkraft  dahinlebt  und,  ließe
man  sie  frei,  sich  dem  Müßiggang  und  tollem  Güterverbrauch  hingeben  würde,
dann  kann  die  Autorität  wohl  mehr  produktive  Kräfte  auslösen  als  die  Freiheit ­
  .  .  .“  ibid.,  p.  374.
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        Geschichtlicher  Überblick

47

und  Bas  ti  at  hinaus  bedeutet  es,  die  Freiheit  des  Wirtschaftslebens ­
  nicht  mehr  als  natürliche  Erscheinung,  die  wahrgenommen
wird,  sondern  als  Entscheidung,  die  von  Menschen  in  der  Zeit
gewollt  wurde,  und  die  unter  gewissen  Verhältnissen  besser
nicht  gewollt  wird,  aufzufassen.
Es  sei  noch  in  Kürze  auf  die  Begriffsbestimmung,  die
Courcelle-Seneuil  von  der  wirtschaftlichen  Arbeit  gibt,  hingewiesen. ­
  „Die  wirtschaftliche  Arbeit,“  sagt  er,  „hat  zwei
Formen:  das  eine  Mal  wendet  sie  die  Kräfte  der  Seele  und  des
Körpers  der  Menschen  auf  die  Umwandlung,  den  Transport
oder  die  Erhaltung  eines  materiellen  Gegenstandes  positiv  an.
Das  andere  Mal  besteht  sie  in  einer  einfachen  Anstrengung  der
Seele,  in  einem  gewissermaßen  negativen  Sichenthalten,  wenn
sie  nämlich  bestehende  Reichtümer  spart  in  Voraussicht  zukünftiger ­
  Bedürfnisse.  Diese  zweite  Form  der  Arbeit,  welche  latenter,
innerlicher  ist  als  die  andere,  ist  weder  weniger  fruchtbar,  noch
weniger  schwer  ;  der  Mensch  wird  deren  erst  dann  fähig,  wenn
er  eine  gewisse  Stufe  intellektueller  Entwicklung  erreicht  hat,
wenn  seine  Gedanken  zugleich  Gegenwart  und  Zukunft  umfassen ­
 1 ).“  Aus  dieser  Definition  folgt,  daß  die  volkswirtschaftliche ­
  Funktion  des  Kapitalisten  und  Rentiers  geradezu  als
Arbeit  erscheint 2 ).  Courcelle-Seneuil  erfand  dafür  die  Bezeichnung ­
  Ersparungsarbeit.
Wie  die  obige  Darstellung  gezeigt,  hat  Courcelle-Seneuil
  in  seiner  Zweiteilung  der  Volkswirtschaftslehre  und
seiner  Theorie  der  Aneignungssysteme  dankenswerte  und  entwicklungsfähige ­
  Elemente  in  die  klassische  Lehre  hineingetragen. ­
  Sie  fanden  jedoch  nur  wenig  Anklang.  Einigermaßen ­
  mag  sich  dies  daraus  erklären,  daß  Courcelle-Seneuil
  in  den  Kreisen  der  liberalen  Volkswirte  in  Paris  eine
wegen  seines  eigensinnigen  und  gereizten  Wesens  sehr  unbeliebte ­
  Persönlichkeit  war.  Zunächst  nahm  nur  der  Schweizer
Cherbuliez  die  Gliederung  der  Nationalökonomie  in  einen  theo-*)

  0.-8.,  loc.  eit.,  Bd.  I,  p.  30.
2 )  „Ihre  Funktion  wird  mit  einem  Teile  des  Arbeitserzeugnisses  vergütet,
der  ganz  genau  dem  von  ihnen  geleisteten  Dienste  entspricht.  Sie  sind  für
ihre  Funktion  durchaus  verantwortlich,  werden  durch  Vorwärtskommen  belohnt
oder  durch  Herunterkommen  .  .  .  bestraft.“  C.-S.  Préparation  à  l’étude  du
droit,  Paris  18,  p.  159.
        <pb n="69" />
        48

Die  liberale  Schule

retischen  und  einen  praktischen  Teil  an.  Eigentlich  rührt  ja
die  Idee  dieser  Gliederung,  wie  wir  sahen,  von  Rossi  her.  Mehr
unter  dem  Einflüsse  Rossis  und  St.  Mills,  als  unter  demjenigen ­
  Cour  celle-  Sen  euils,  wurde  sie  dann  von  den  Mathematikern ­
  unter  den  Nationalökonomen  französischer  Zunge,  den
der  österreichischen  Schule  nahestehenden  Professoren  der  Universität ­
  Lausanne,  Walras  und  Pareto,  rezipiert.  Neuerdings  gewinnt ­
  in  Frankreich  die  Auffassung  Rossis,  zum  Teil  unter
dem  Einfluß  Courcelle-Seneuils  (F.  Faure),  an  Boden.
A.  E.  Cherbuliez  (1797—1869),  ein  geborener  Schweizer,
lehrte  Nationalökonomie  an  den  Akademien  in  Genf  und  Neuchâtel, ­
  sowie  am  eidgenössischen  Polytechnikum  in  Zürich.
Später  lebte  er  in  Paris.  Cherbuliez  war  ein  streng  systematischer, ­
  abstrakt  denkender  und  mathematisch  geschulter
Geist.  Er  steht  unter  dem  Einfluß  Stuart  Mills.  In  seinem
Précis  de  la  Science  économique  et  de  ses  'principales  applications
(2  Bände,  Paris  1862)  führt  er,  das  Beispiel  Courcelle-Seneuils
nachahmend,  eine  Gliederung  der  Wirtschaftswissenschaft  in
spekulative  und  angewandte  Volkswirtschaftslehre  durch.
Der  erste  Teil,  die  reine  Wissenschaft,  ist  eine  streng  abstrakte ­
  Darlegung  der  klassischen  Lehre,  welcher  die  Einteilung
in  Produktion,  Umlauf  und  Verteilung  der  Güter  zugrunde  liegt.
Cherbuliez  betont  die  große  Komplexität  der  wirtschaftlichen
Erscheinungen,  überbietet  aber  womöglich  Dunoyers  methodologischen ­
  Optimismus  und  dessen  Verkennung  der  spezifischen
Wirkungsweise  des  menschlichen  Handelns,  wenn  er  schreibt:
„Was  hindert  die  Wissenschaft  daran,  ihre  Untersuchungen  auf
alle  mitwirkenden  Kräfte  auszudehnen  und  so  zu  Theorien  zu
gelangen,  welche  die  Wirklichkeit  nicht  mehr  Lügen  straft 1 )?“
Der  zweite  Teil  von  Cherbuliez’  Werk  trägt  den  Titel:
„Wirtschaftliche  Gesetzgebung  oder  angewandte  Volkswirtschaftslehre.“ ­
  An  der  Hand  der  Einteilung,  welche  dem  ersten  Teil
zugrunde  liegt,  läßt  der  Autor  die  wirtschaftspolitischen  Einrichtungen ­
  und  gesetzlichen  Maßnahmen,  welche  auf  die  verschiedenen ­
  Erscheinungsgebiete  Bezug  haben,  Revue  passieren
und  übt  daran  Kritik.  Die  hier  gewählte  Systematik  der  Wirtschaftspolitik ­
  mutet  zwar  etwas  sehr  logisch-mechanisch  an  und

i)  Cherbuliez,  Précis  de  la  Science  Economique,  Bd.  I,  p.  15.
        <pb n="70" />
        Geschichtlicher  Überblick

49

beruht  auf  rein  deduktiver  Grundlage,  doch  ist  sie  übersichtlich ­
  und  originell 1 ).  Cherbuliez’  Stellungnahme  zu  den  einzelnen ­
  Einrichtungen  und  gesetzlichen  Maßnahmen  lehnt  sich
eng  an  die  Anschauungen  Stuart  Mills  an,  d.  h.  er  läßt  sozialpolitische ­
  Gesichtspunkte  ausgiebig  zur  Geltung  kommen  und
anerkennt  in  vielen  Fällen  die  Berechtigung  staatlicher  Intervention. ­
  Dem  dadurch  gegebenen  Widerspruch  zu  seinem

*)  Wir  geben  hier  eine  Übersicht  davon:
Wirtschaftliche  Gesetzgebung  oder  angewandte  Nationalökonomie.
Buch  I:  Wirtschaftliche  Gesetze,  welche  einen  auf  die  Produktion  und
Akkumulation  der  Güter  bezüglichen  Zweck  haben  und  auf  diese  direkt  einwirken:
Kap.  1  :  Subventionen,  Produktionsprämien,  Monopole.
Kap.  2  :  Kritik  der  Reglementierung  der  Produktion  unter  dem  ,ancien  régime 4 .
Kap.  3:  Gewerblicher  Unterricht,  Ausstellungen.
Kap.  4:  Versicherungswesen  und  Sparkassen.
Buch  II:  Wirtschaftliche  Gesetze  und  Einrichtungen,  welche  direkt  auf
den  Güterumlauf  einwirken  :
Kap.  1  :  Kritik  des  Schutzzollsystems.
Kap.  2:  Das  Verproviantierungssystem.
Kap.  3:  Gesetzgebung  bez.  des  Geldes.
Kap.  4:  Kreditinstitute.
Kap.  5:  Allgemeine  Handelspolitik.
Buch  III:  Wirtschaftliche  Gesetze  und  Einrichtungen,  welche  zum  Zweck
haben  die  Verteilung  der  Güter  zu  modifizieren  oder  deren  Resultate  zu
korrigieren.
Kap.  1  u.  2:  Mittel,  welche  die  Lage  der  besitzlosen  Arbeiterklasse  zu  verbessern ­
  bezwecken.
a)  Direkte  Einwirkung
«)  auf  die  Löhne  :  gesetzlicher  Minimallohn  und  Recht  auf  Arbeit.
ß)  auf  das  Arbeitsangebot:  Ehebeschränkungen  und  Auswanderungspolitik. ­

y)  durch  Organisation  der  Industrie:  Organisationen  der  Arbeitgeber
und  Arbeiter,  Ausstände,  Arbeiterschutzgesetze.
b)  Mittelbare  Einwirkung
a)  durch  Maßnahmen  der  Verbrauchspolitik,  Arbeiterwohnungen,  Konsumvereine. ­

ß)  durch  Institutionen  der  wirtschaftlichen  Voraussicht  :  Unterricht  und
Erziehung  als  Mittel  zur  Beschränkung  der  Zahl  der  Proletarier,
Versicherungswesen,  Sparkassen,  Gegenseitigkeitsgenossenschaften.
Kap.  3  :  Mittel,  welche  die  Lage  der  Darlehensempfänger  zu  verbessern  bezwecken ­
  :
Zinsverbote  und  gesetzliche  Festsetzung  des  Zinsfußes,  Kreditkassen,
Pfandhäuser.
Kap.  4:  Mittel  der  Armenpolitik.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

4
        <pb n="71" />
        50

Die  liberale  Schule

streng  doktrinären  ersten  Teil  begegnet  er  mit  dem  Hinweis
auf  Rossis  Theorie,  daß  die  Lehren  der  reinen  Wissenschaft
nicht  allein  für  die  Praxis  ausschlaggebend  sein  dürfen 1 ).
L.  Wolowski  (1810—76)  kam  als  polnischer  Flüchtling
nach  Paris,  erwarb  die  französische  Staatsangehörigkeit  und
wurde  1839  Professor  für  Gewerbegesetzgebung,  dann  1855  nach
Blanquis  Tode  für  Nationalökonomie  am  Conservatoire  des  Arts
et  Métiers.  Unter  der  zweiten  und  dritten  Republik  war  er
Mitglied  der  gesetzgebenden  Versammlungen.  Als  Mitglied  der
Commission  du  Travail,  welche  1848  im  Luxembourgpalaste
tagte,  führte  er  einen  harten  Kampf  gegen  Louis  Blanc  und  die
sozialistischen  Bestrebungen  der  Pariser  Arbeiter.  Wolowski
genoß  eine  große  Autorität  in  den  Kreisen  der  liberalen  Schule.
Er  entwickelte  eine  ausgedehnte  schriftstellerische  Tätigkeit,
insbesondere  über  Geld-,  Bank-  und  Finanzfragen.  Er  war  entschiedener ­
  Bimetallist  und  trat  für  das  Monopol  der  Notenausgabe ­
  der  Banque  de  France  in  die  Schranken.  Sein  größtes  Verdienst ­
  ist,  die  ältere  deutsche  historische  Schule  durch  seine  Übersetzung ­
  der  beiden  ersten  Bände  von  Roschers  System  der  Volkswirtschaft ­
  (Paris  1875)  in  Frankreich  bekannt  gemacht  zu  haben.
In  der  Einleitung,  welche  er  zu  dieser  Übersetzung  schrieb,
machte  er  kein  Hehl  aus  seinen  Sympathien  für  historische  Behandlung ­
  der  Nationalökonomie  und  Berücksichtigung  ethischer
Momente  in  derselben 2 ).
A.  B.  Batbie  (1828—1887)  zeichnete  sich  mehr  als  Staatsrechtslehrer ­
  denn  als  Nationalökonom  aus,  verdient  aber  Erwähnung, ­
  weil  er  der  erste  Professor  der  Nationalökonomie  an
der  juristischen  Fakultät  in  Paris  gewesen  ist.  Schon  1819  war
unter  dem  liberalen  Ministerium  Decazes  ein  Lehrstuhl  für
Nationalökonomie  an  besagter  Fakultät  errichtet  worden.  Dieser
wurde  jedoch  nicht  besetzt  und  1822,  unter  dem  Einfluß  der
Oberwasser  gewinnenden  Reaktion,  wieder  beseitigt.  1847  versuchte ­
  der  Unterrichtsminister  de  Salvandy  dessen  Wiederherstellung, ­
  blieb  aber  nicht  lange  genug  am  Ruder,  um  sie
durchzusetzen.  1865  endlich  gehörte  diese  Wiederherstellung  zu
den  zahlreichen  Reformen,  welche  das  Ministerium  Duruy
*)  Cherbuliez,  loc.  vit.,  Bel.  I,  p.  10  ff.
*)  Über  Wolowski  vgl.  Antoine  Roulliet,  Wolowski,  sa  vie  et  ses  travaux.
Paris  1880.
        <pb n="72" />
        Geschichtlicher  Überblick

51

auf  dem  Gebiete  des  Unterrichtswesens  verwirklichte.  Batbie,
Professor  des  öffentlichen  Rechtes  an  der  juristischen  Fakultät
in  Paris,  wurde  auf  den  Lehrstuhl  für  Nationalökonomie  berufen.
Er  war  bereits  mit  volkswirtschaftlichen  Arbeiten  vor  die
Öffentlichkeit  getreten  und  darum  nicht  unvorbereitet,  wie  seine
Nachfolger  im  Jahre  1878  J ).  1870  gab  Batbie  das  Lehrfach
auf,  um  sich  ausschließlich  der  Politik  zu  widmen.
Henri  Baudrillart  (1821—1892)  trat  als  Philosoph  und
Historiker  an  die  Nationalökonomie  heran.  Seine  wirtschaftsgeschichtlichen ­
  Werke  haben  bleibenden  Wert 2 ).  Desgleichen
die  von  ihm  im  Auftrag  der  Académie  des  Sciences  Morales  et
Politiques  unternommene  Enquete  über  die  soziale  und  wirtschaftliche ­
  Lage  der  französischen  Landbevölkerung  (1880
bis  1893)  ö-Baudrillart
  war  eifriger  Mitarbeiter  des  Journal  des
Economistes,  der  Revue  des  Deux  Mondes  und  des  Journal  des
Débats.  1852—66  vertrat  er  Michel  Chevalier  in  dessen
Lehrtätigkeit  im  Collège  de  France;  als  Chevalier  1866  seine

9  Sein  1865  erschienenes  Werk  Cours  d’économie  politique,  2  Bde.,  ist
eine  oberflächliche,  überhastete  Arbeit,  welche  er  unternahm,  um  dem  Drängen
der  Studenten  nach  dem  Besitz  eines  Handbuchs  nachzukommen.
2 )  Insbesondere  :  J.  Bodin  et  son  temps,  mit  dem  Untertitel  :  Tableau  des
théories  politiques  et  des  idées  économiques  au  XVIme  siècle,  Paris  1853,  auf
Grund  welcher  Schrift  er  zum  Leiter  des  Journal  des  Economistes  berufen  wurde.
Ferner  Histoire  du  luxe  4  Bde.,  Paris  1880.  Dieses  Werk  ist  eine  gründlich
dokumentierte  und  kritisch  tüchtige  Arbeit.  Es  entstand  aus  Vorlesungen  über
Wirtschaftsgeschichte.  Charakteristisch  für  die  Behandlung  des  Mittelalters  und
der  Neuzeit  ist  die  zentrale  Stellung,  welche  der  Autor  seinem  Heimatland  einräumt. ­
  Frankreich  erscheint  als  der  Mittelpunkt,  von  wo  jeweils  aller  Luxus
ausgeht,  oder  wo  derselbe,  wenn  von  außen  kommend,  seinen  Höhepunkt  erreicht. ­

8 )  Diese  Enquete  sollte  eine  Parallele  bieten  zu  der  von  Louis  ßeybaud
unternommenen  Enquete  über  die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Zustände  in  der
französischen  Industrie.  Baudrill  arts  Enquete  ist  weniger  brillant  in  der  Form,
aber  kritischer  und  tiefer  greifend  als  diejenige  Reybauds.  In  einem  ersten
Bande  (1880)  behandelte  er  die  Normandie  und  die  Bretagne,  im  zweiten  (1888)  die
Provinzen,  welche  von  Anjou  ausgehend  um  die  Isle  de  France  nordöstlich  bis
zur  Picardie  reichen,  im  dritten  (1893)  die  südöstlichen  Provinzen.  Die  Einteilung ­
  nach  Provinzen  empfahl  sich,  weil  die  alte  Einteilung  Frankreichs  wirklichen ­
  geographischen,  ethnographischen  und  historischen  Verschiedenheiten  entsprach. ­
  Der  Tod  überraschte  Baudrillart,  bevor  er  das  Werk  zum  Abschluß
gebracht  hatte.  Sein  Sohn  wurde  von  der  Akademie  mit  der  Fortsetzung  beauftragt.
        <pb n="73" />
        52

Die  liberale  Schule

Vorlesungen  wieder  selbst  übernahm,  blieb  Baudrillart  an
der  Anstalt  mit  einem  provisorischen  Lehrauftrag  für  Wirtschaftsgeschichte. ­
  Bald  trat  er  jedoch  vom  Lehramt  zurück,
um  sich  ausschließlich  seiner  ausgedehnten  Forscherarbeit  zu
widmen.  1855—64  hat  er  mit  Joseph  Garnier  das  Journal
des  Economistes  herausgegeben.  Man  hat  Bau  drillart  nicht
unzutreffend  den  „aumônier“  der  liberalen  Schule  genannt.
Neben  seinem  salbungsvollen,  etwas  rührseligen  Wesen  gab  dazu
Veranlassung  seine  Auffassung  vom  Wirtschaftsleben:  diese
beruht  auf  der  Idee,  es  sei  notwendig,  daß  die  ethischen  Wahrheiten ­
  die  allzu  rigorosen  wirtschaftlichen  Gesetze  milderten.
Die  konsequente  Betonung  und  Durchführung  dieser  Idee  gibt
Baudrillarts  wissenschaftlicher  Lebensarbeit  ihr  eigentümliches ­
  Gepräge.  Im  übrigen  lehnt  er  sich  eng  an  die  Gedankengänge ­
  Bastiats  und  M.  Chevaliers  an.
Von  Bastiat  übernahm  er  den  Optimismus  und  die  Idee
der  Harmonie  im  Wirtschaftsleben,  welche  er  zu  einer  Harmonie
von  Ethik  und  Wirtschaftsleben  erweitert  ').  Auch  schließt  er
sich  Bastiats  Wertlehre  rückhaltlos  an 2 ).  Chevaliers  Einfluß ­
  äußert  sich  in  Baudrillarts  Grundidee.  Baudrillart
ist  aber  zurückhaltender  als  jener.  Jedesmal,  wenn  er  die  Notwendigkeit ­
  des  Schutzes  der  wirtschaftlich  Schwachen  betont,
tut  er  es  unter  zahlreichen  Bücklingen  nach  den  orthodoxen
Nichtinterventionisten  hin.
Baudrillarts  Grundidee  hat  vier  Ausläufer.  Diese  sind:
1.  Es  gilt  vor  allem  die  ethischen  Gesetze  zu  formulieren,  welche
Individuen  und  Gemeinwesen  bei  dem  Erwerb  und  Verbrauch  der
wirtschaftlichen  Güter  leiten  sollen;  2.  die  ethische  Wertung
wirtschaftlicher  Dinge  ist  auf  jeder  Wirtschaftsstufe  verschieden
und  bedingt  darum  auch  jeweils  verschiedene  wirtschaftspolitische ­
  Einrichtungen  und  Maßnahmen  ;  3.  umgekehrt  hängt  die
Moralität  der  Völker  und  der  verschiedenen  Klassen  innerhalb
eines  Volkes  wesentlich  von  wirtschaftlichen  Ursachen  ab;  4.  es
gibt  natürliche,  gegebene  Beziehungen  zwischen  dem  Naturrecht,

b  Baudrillart,  Des  rapports  de  l’économie  politique  et  de  la  morale,
2.  Aud.,  p.  X.

*)  Vgl.  insbesondere:  Baudrillart,  Manuel  d’économie  politique,  III,  2,
        <pb n="74" />
        Geschichtlicher  Überblick  53

d.  h.  den  Gesetzen  der  Gerechtigkeit  und  denen  des  Wirtschaftslebens ­
  i).
Bei  dem  Versuche,  die  ethischen  Gesetze  zu  formulieren,
welche  das  Handeln  der  Wirtschaftssubjekte  bestimmen  sollen,
scheidet  Baud  rill  art  den  Sensualismus,  den  Utilitarismus  und
die  auf  Sympathie,  Nächstenliebe  oder  Brüderlichkeit  begründete
Gefühlsmoral  aus.  Er  bekennt  sich  zu  einer  Moral  des  gesunden
Menschenverstandes,  als  deren  Ausgangs-  und  Kernpunkt  er  das
„Pflichtgefühl  in  der  Brust  eines  jeden“  ansieht.  Sanktion  derselben ­
  ist  die  Verantwortlichkeit 2 ).  Im  weitern  Verlauf  seiner
Überlegung  nimmt  Baudrillart  Elemente  des  Utilitarismus
und  der  Gefühlsmoral,  welche  er  anfangs  in  globo  verwirft,  mit
herein.  Bei  der  Gefühlsmoral  macht  er  „notwendige  und  nützliche ­
  Anleihen“,  aus  denen  er  die  Notwendigkeit  staatlichen
Eingreifens  ins  Wirtschaftsleben  folgert  und  Gesichtspunkte  für
die  Gestaltung  der  Beziehungen  zwischen  Arbeitgebern  und
Arbeitern  gewinnt 3 ).

1)  Punkt  1  und  4  erörtert  Baudrillart  in  „Des  rapports  de  la  morale  et
de  l’économie  politique“,  Paris  1860,  2.  Ausi.  1863.  Punkt  2  und  3  kommen  in
der  „Histoire  du  Luxe“  vornehmlich  zur  Darstellung.
2 )  Baudrillart,  Des  rapports  de  la  morale  et  de  l’économie  politique,
2.  Ausl.,  p.  32.
8 )  Vorsichtig  und  schonungsvoll  führt  er  aus,  daß  vielfach  aus  Sorge  für
wissenschaftliche  Orthodoxie  der  Nichtinterventionismus,  den  Adam  Smith  u.  J.
B.  Say  dem  bevormundenden  Merkantilismus  gegenüber  lehrten,  allzuschroff  vertreten ­
  werde.  Zur  Verwirklichung  des  Fortschritts  ist  eine  beschränkte  staatliche ­
  Einmischung  ins  Wirtschaftsleben  geboten.  „Ich  bekenne  mich  laut  zu
denen,“  schreibt  er,  „welche  denken,  Ad.  Smith  und  J.  B.  Say  haben  dem  Staat
die  Rolle  einer  Art  moralischer  Person  allzusehr  bestritten  .  .  .  ich  bin  der
Ansicht,  dass  sie  dessen  Intervention  zu  sehr  verringert  wissen  wollten  .  .  .
Angesichts  der  gewaltigen  Mißstände,  welche  aus  der  Auffassung  entstanden
waren,  die  Ausübung  der  Nächstenliebe  gehöre  zu  den  Attributen  der  Regierungen, ­
  dieselben  hätten  gegebenenfalls  selbst  durch  Gewalt  das  körperliche  und
seelische  Heil  der  Untertanen  zu  verwirklichen,  wurde  die  politische  Ökonomie
dazu  geführt,  aus  den  Rechten  und  Pflichten  des  Staates  alle  jene  Maßregeln
auszuschalten,  welche  von  Nächstenliebe  oder  auch  nur  Wohltätigkeitssinn  inspiriert ­
  würden.  .  .  .  Wir  betrachten  es  als  ein  Recht  der  Gesellschaft  und  in
manchen  Fällen  als  ihre  Pflicht,  gewisse  Summen  zu  andern  Zwecken,  als  zur
Unterhaltung  der  öffentlichen  Macht,  der  Polizei  oder  für  Rechtsprechung
zu  verausgaben.  Dieses  Recht  ist  schwer  abzusprechen,  sobald  die  Steuern  frei
bewilligt  werden  und  deren  Verwendung  der  öffentlichen  Kontrolle  unterliegt.“
(Des  rapports  de  la  morale  et  de  l’économie  politique,  2.  Ausl.,  p.  106  ff.)
        <pb n="75" />
        54

Die  liberale  Schule

Die  Staatsintervention,  die  Baudrillart  verlangt,  beschränkt ­
  sich  auf  :  Unterricht,  öffentliche  Arbeiten,  Volkskredit,
Schutz  der  Frauen-  und  Kinderarbeit  und  Armenunterstützung*).
In  den  Beziehungen  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitern  haben
gegenseitiges  Wohlwollen  und  Nächstenliebe  zu  herrschen,  sollen
nicht  die  aus  der  strikten  Rechtsordnung  sich  ergebenden  Beziehungen ­
  zur  Bewahrheitung  des  Spruchs:  „Summum  jus,
summa  injuria“  führen 2 ).
Wie  man  sieht,  sind  Bau  drill  arts  Interventionismus  und
„Anleihen  bei  der  Gefühlsmoral“  recht  schwächlich.  Deren  Bedeutung ­
  liegt  nicht  in  ihnen  selbst,  sondern  in  der  moralphilosophischen ­
  Begründung  der  grundsätzlichen  Einmischung  des
Staates  ins  Wirtschaftsleben.
Der  Moral  der  Selbstvervollkommnung,  dem  Utilitarismus,
entnimmt  Baudrillart  das  Element  des  Eigeninteresses  als  eines
fruchtbaren  und  berechtigten  Beweggrundes  für  das  wirtschaftliche ­
  Handeln  des  Menschen.  Dieses  Eigeninteresse  aber  hebt
er  scharf  ab  von  verwerflichem  Egoismus  und  versucht,  ihm
eine  höhere  sittliche  Weihe  zu  geben  :  es  geht  auf  in  der  höheren
Einheit  des  Individuums 3 ).  Das  Individuum  steht  im  Zentrum
des  sittlichen,  wie  des  Wirtschaftslebens.  Als  Zweck  und  Bestandteil ­
  jeder  gesellschaftlichen  Organisation  ist  es  das  wesentliche ­
  Prinzip  der  Nationalökonomie.  Das  Individuum  wird  zur
Tätigkeit  veranlaßt  durch  das  Pflichtgefühl.  Es  tritt  wirtschaftlich ­
  handelnd  auf  in  der  Arbeit.  Die  Arbeit  ist  eine  exklusiv

b  ibid.  p.  107.
2 )  ibid.  p.  108.  Für  das  Fabriksystem  liegt  der  Kernpunkt  des  sittlichen
Problems  in  der  Notwendigkeit  der  Erhaltung  der  Familie,  der  sittlichen  Reinheit ­
  der  Frau,  der  Unschuld  und  der  physischen  Kraft  des  Kindes.  Zum  Teil
kann  hier  die  Gesetzgebung  helfen  durch  Schutzmaßregeln  für  Frauen-  und
Kinderarbeit.  Wirksamer  aber  als  alle  staatlichen  Mittel  wird  immer  der  Einfluß ­
  der  Sitten  sein.  Auf  diese  vermögen  Wohlfahrtseinrichtungen  der  Arbeitgeber ­
  für  die  Arbeiter,  Erziehung  zu  Häuslichkeit  und  wirtschaftlichen  Tugenden
sowie  Religiosität  bessernd  einzuwirken  (ibid.,  p.  357  ff.).
8 )  „Es  ist  nicht  richtig  zu  behaupten,  das  Bewußtsein  der  Individualität
gehe  in  Eigeninteresse  auf.  Jenes  begreift  die  Gefühle  der  Pflicht  und  der
persönlichen  Würde  in  sich,  sowie  überhaupt  alles,  was  dem  Menschen  eine  hohe
Idee  von  seinem  sittlichen  Werte  gibt.  Sicher  aber  ist,  daß  das  Eigeninteresse
einen  integrierenden  Bestandteil  der  Individualität  ausmacht.“  (Des  rapports
usw.,  p.  138).
        <pb n="76" />
        Geschichtlicher  Überblick

55
menschliche,  eine  sittliche  Tatsache,  die  grundlegende  Tatsache
des  Wirtschaftslebens.  Daraus  folgt,  daß  der  Mensch  alleiniger
Faktor  der  Produktion  ist,  alles  übrige  ist  nur  Instrument
und  Hilfsmittel.  Wenn  Boden,  Kapital  und  Arbeit  als  gleichwertige ­
  Produktionsfaktoren  betrachtet  werden,  so  liegt  das  an
ungenügender  Berücksichtigung  des  ethischen  Moments  in  der
Volkswirtschaft  *).
Neben  die  Arbeit  als  Pflicht  des  wirtschaftenden  Menschen
tritt  zweitens  die  Pflicht  der  Voraussicht  und  drittens  die  der
Moralität.  Die  Voraussicht  ist  „die  Bedingung  aller  Tugenden
und  aller  Güter,  der  Ursprung  des  nach  der  Arbeit  wichtigsten
Produktionsinstrumentes:  des  Kapitals 2 ).  Die  Moralität  ist  die
Beobachtung  derjenigen  sittlichen  Vorschriften  im  Wirtschaftsleben, ­
  welche  der  gesunde  Menschenverstand  eines  jeden  für
bindend  erkennt 3 ).  Arbeit,  Voraussicht  und  Moralität  sind  die
Vorschriften  der  individuellen  Moral.  Daneben  gibt  es  auch  eine
soziale  Moral.  Deren  Vorschriften  sind:  eine  negative  „Achte  die
Person  deines  Nächsten  und  alles,  was  deren  Entwicklung  begünstigt“, ­
  und  eine  positive  „Unterstütze  tatkräftig  die  Entwicklung ­
  deines  MitmenschenV"-Baudrillart
  hat  den  Versuch  unternommen,  die  klassische
Lehre  in  ein  ethisches  Gewand  zu  hüllen  und  damit  einige
Schroffheiten  ihrer  Gestalt  auszugleichen.  Bei  seiner  Leisetreterei ­
  und  seiner  ängstlichen  Rücksichtnahme  auf  die  doktrinäre ­
  Intoleranz  der  Orthodoxen  mußte  dieser  Versuch  kläglich
ausfallen.  In  wesentlich  günstigerem  Licht  steht  Bau  drillart
als  Wirtschaftshistoriker  da.  Aber  auch  hier  fehlt  ihm  der  Mut
oder  die  Kraft,  seine  geschichtlichen  Erkenntnisse  theoretisch
zu  verarbeiten  und  zur  Geltung  zu  bringen.

b  ibid.  p.  27,  p.  151  ff.
2 )  ibid.  p.  145.
b  Die  sittlichen  Vorschriften,  für  deren  Verbindlichkeiten  Bau  drillart
den  gesunden  Menschenverstand  als  Norm  anruft,  sind  für  ihn  eigentlich
die  der  christlichen  Moral.  Er  hat  zwar  seinem  Spiritualismus  eine  Form
gegeben,  die  für  alle  und  jede  sittliche  Anschauung  passen  soll.  Im  Grunde
aber  ist  es  ihm  um  die  christliche  Moral  zu  tun.  Vgl.  Des  rapports  usw.
p.  145—147.
4 )  ibid.  p.  146.
        <pb n="77" />
        56

Die  liberale  Schule

Mit  Baudrillart  sind  wir  bereits  weit  in  die  Periode  der
dritten  Republik  hineingelangt.  Bevor  wir  an  die  Schilderung
der  gegenwärtigen  Lage  herantreten,  seien  im  Rahmen  dieser
historischen  Skizze  nur  noch  zwei  Männer  genannt,  die  vornehmlich ­
  in  den  80er  und  90er  Jahren  des  verflossenen  Jahrhunderts ­
  auf  der  Vorderbühne  der  liberalen  Schule  kämpften
und  deren  Lebenswerk  heute  abgeschlossen  ist:  Léon  Say  und
Maurice  Block.
In  den  gesetzgebenden  Versammlungen  der  dritten  Republik
finden  wir  in  den  70er  und  80er  Jahren  des  XIX.  Jahrhunderts
mehrere  der  bekanntesten  Vertreter  der  liberalen  Schule  der
Nationalökonomie,  so  insbesondere  L.  Wolowski,  Léonce  de  Lavergne,
  Batbie,  Frédéric  Passy  usw.  Unter  ihnen  ragte  jedoch  am
meisten  Léon  Say  hervor,  welcher  1872—1882  siebenmal  Finanzminister ­
  war.
Léon  Say  (1826—1896)  war  der  Sohn  von  Horace  und  Enkel
von  J.  B.  Say.  Seine  Verdienste  um  die  klassische  Lehre,  welche
er  stets  als  ein  Familienerbstück  hochhielt,  bestehen  weniger
in  wissenschaftlichen  Leistungen,  als  in  propagandistischer
und  polemischer  Tätigkeit  und  Verwertung  der  orthodoxen
Grundsätze  in  seiner  administrativen  Praxis.  Er  verfügte  über
ein  bedeutendes  Rednertalent  und  verstand  die  Kunst,  sein
Lieblingsthema,  Finanzfragen,  lebendig,  anschaulich,  fesselnd
und  mit  überraschender  Klarheit  darzustellen.  Er  hatte  einen
gewissen  Mutterwitz,  und  zahlreiche  humorvolle  Aussprüche  von
ihm  kursierten  in  den  Pariser  Salons.
Sein  wissenschaftliches  Rüstzeug  holte  er  sich  hauptsächlich
in  den  Werken  seines  Großvaters,  sowie  in  denen  der  Physiokraten
  Turgot,  Quesnay  und  Dupont  de  Nemours,
die  er  häufig  zitiert.  Daher  kommt  es,  daß  er  im  Gegensatz ­
  zu  Bastiat  nicht  das  praktische  Dogma  des  Freihandels,
sondern  das  „gouvernement  selon  la  nature  des  choses“  zum
Angelpunkt  der  Wirtschaftswissenschaft  macht.  Er  huldigte
ebenfalls  der  physiokratischen  Anschauung,  die  orthodoxen
Grundsätze  brauchten  nur  mit  genügender  Klarheit  dargestellt
zu  werden,  damit  sie  von  allen  als  unabweisbare  Wahrheiten
anerkannt  würden.
In  dem  äußeren  Glanze,  der  mit  den  hohen  Stellungen,
die  Léon  Say  bekleidete,  verbunden  war,  sonnte  sich  auch  die
        <pb n="78" />
        Geschichtlicher  Überblick

57

liberale  Schule.  Ein  besonderer  Festtag  für  sie  war  es,  als  1878
Léon  Say  als  Minister  mit  allem  offiziellen  Pomp  in  Mugrón
ein  Bastiat  errichtetes  Denkmal  einweihen  konnte.
Bei  seiner  Finanzpolitik  ließ  er  sich  von  folgenden  Grundsätzen ­
  leiten:  einmal,  daß  jede  Steuer  ein  Übel  sei  und  nur
insofern  existenzberechtigt,  als  sie  zur  Deckung  der  öffentlichen
Ausgaben  unumgänglich  erscheine.  Vollständig  verwerflich  sei
jede  Maßnahme,  bei  welcher  es  auf  eine  Einwirkung  auf  die
ohne  Zutun  des  Staates  gewordene  Güterverteilung  abgesehen
sei.  Zweitens  aber  müsse  der  Staat  die  wirtschaftliche  Entwicklung ­
  der  Erwerbsstände  möglichst  zu  fördern  suchen  durch
Verwirklichung  weitgehendster  Freiheit  und  durch  Schaffung
von  Einrichtungen  zu  möglichster  Erleichterung  und  Hebung
des  Verkehrs  *).
Say  fiel  mit  seiner  Tätigkeit  als  Chef  des  Finanzdepartements ­
  in  eine  schwierige  Zeit.  Zunächst  galt  es,  die  Auszahlung
der  Kriegsentschädigung  von  5  Milliarden  Frs.  an  Deutschland
zu  bewirken.  Der  Betrag  derselben  war  nämlich  bereits  durch
die  beiden  großen  Anleihen  von  1871  und  1872,  gelegentlich
deren  Emission  Léon  Say  seinem  Freunde  Thiers  beratend  zur
Seite  gestanden,  aufgebracht  worden.  Die  riesige  Zahlungsoperation ­
  leitete  er  nunmehr  als  Minister  mit  großem  Geschick
und  überraschender  Schnelligkeit.  Er  war  gerade  auf  eine  solche
Arbeit  gut  vorbereitet  durch  Spezialstudien  auf  dem  Gebiete  des
internationalen  Zahlungswesens,  welche  ihn  1866  zu  einer  Übersetzung ­
  von  Goschens  „Theory  of  foreign  exchanges  (London
1861)“  veranlaßt  hatten.  1875  legte  er  den  Parlamenten  einen
Bericht  über  den  Verlauf  jener  Zahlungsoperation  vor,  welcher
„in  seiner  Klarheit  ein  Meisterwerk  ist“  2 ).
Der  großen  Mehrbelastung  des  Budgets  an  Schuldzinsen,
Tilgungsraten,  Ausgaben  zur  Reorganisation  des  Heeres,  welche
Frankreich  dem  Kriege  von  1870—1871  verdankte,  mußte  zunächst
durch  die  Schaffung  außergewöhnlicher,  meist  den  Verkehr  belastender ­
  Steuern  begegnet  werden.  Bis  1879  gelang  es  Léon

')  Vgl.  René  Stourm,  Notice  sur  la  vie  et  les  travaux  de  Léon  Say,  lue
à  l’Académie  des  Sciences  Morales  et  Politiques  le  5  juin  1897,  Paris  1897.
2 )  Ch.  Gide,  Die  neuere  volkswirtschaftliche  Literatur  Frankreichs,  in
Schindlers  Jahrbuch  1895,  p.  715.
        <pb n="79" />
        58

Die  liberale  Schule

S  a  y,  die  meisten  dieser  ihm  so  verhaßten  Hemmnisse  des  Verkehrs ­
  wieder  zu  beseitigen,  da  die  Erträge  der  ordentlichen  Steuerquellen ­
  ganz  bedeutend  gestiegen  waren.  Zugleich  hatte  er  die
bei  der  Bank  von  Frankreich  aufgenommenen  Anleihen  des  Staatsschatzes ­
  zurückzuzahlen  vermocht,  den  Zwangskurs  der  Banknoten ­
  aufheben  können  usw.  Einen  wesentlichen  Aufschwung
der  nationalen  Produktion  versprach  er  sich  von  dem  großzügigen
Programm  des  Ministerpräsidenten  Dufaure  (1878),  das  den
Ausbau  zahlreicher  Verkehrswege  aller  Art:  Eisenbahnen,  Kanäle
und  Straßen  über  das  ganze  Staatsgebiet  bezweckte.  Say  fiel
die  Aufgabe  zu,  die  nötigen  Mittel:  5,8  Milliarden  Frs.  zu  beschaffen. ­
  Er  tat  dies  auf  dem  Wege  einer  dreiprozentigen,
tilgungspflichtigen  Anleihe;  deren  Tilgungsplan  erstreckt  sich
auf  75  Jahre.  1882,  als  er  zum  letzten  Male  ins  Finanzministerium ­
  eingezogen  war,  reformierte  er  die  Berechnung  des
Voranschlags  der  budgetmäßigen  Einnahmen  dahin,  daß  demselben ­
  nicht  mehr  wie  bisher,  die  Ziffern  der  tatsächlichen  Eingänge ­
  des  vorletzten  Jahres  zugrunde  gelegt  werden  sollten,
sondern  der  nach  Maßgabe  der  Steigerungen  der  Einnahmen
der  letzten  Jahre  zu  erwartende  Betrag.
Zweck  dieser  Neuerung  war,  dem  Überhandnehmen  der
parlamentarischer  Initiative  entspringenden,  ins  Ungemessene
steigenden  Belastung  des  Ausgabenbudgets  entgegenzutreten.
Wenn  nämlich  der  Unterschied  zwischen  den  in  Anschlag  gebrachten ­
  Einnahmebeträgen  und  den  tatsächlich  zu  erwartenden
verschwand,  so  blieb  kein  Spielraum  mehr  für  Majorisierung
des  vom  Finanzminister  vorgelegten  Voranschlages  der  Ausgaben.
Says  Nachfolger  behielten  diese  Praxis  bei;  die  von  ihm  angenommene ­
  Progressionsratio  mußte  jedoch  bald  herabgesetzt
werden,  da  sich  das  Tempo  der  Steigerung  der  Eingänge  bedeutend ­
  verlangsamte.
Nach  1882  dozierte  Léon  Say  Finanz  Wissenschaft  an  der
Ecole  Ubre  des  Sciences  Politiques,  führte  eine  nachdrückliche  Polemik ­
  gegen  jeglichen  Interventionismus  und  widmete  sich  wissenschaftlichen ­
  Unternehmungen  *).  In  der  Kammer  bekämpfte
*)  Er  leitete  die  Herausgabe  des  Dictionnaire  des  Finances  (Bd.  I,  1889,
Bd.  II,  1894),  sowie  des  Nouveau  Dictionnaire  d'Economie  Politique  (2  Bde.  1891
bis  1892,  Supplementband  1897  ;  2.  Ausl.  1896).  Seine  Vorlesungen  an  der  Ecole
libre  des  Sciences  politiques  sind  niedergelegt  in  den  Schriften  Les  Solutions
        <pb n="80" />
        Geschichtlicher  Überblick

59

er  mit  äußerster  Energie  die  Schutzzollbestrebungen,  insbesondere ­
  die  Getreide-  und  Viehzoll  vorlagen.  An  allen  sozialpolitischen ­
  Debatten  nahm  er  regen  Anteil  und  trat  für  die  Selbsthilfe ­
  der  Arbeiter  ein.  Seine  drei  letzten  Lebensjahre  galten
fast  ausschließlich  einer  heftigen  Polemik,  die  er  auf  der
Kammertribüne,  im  Journal  des  Débats  und  in  der  Revue
des  Deux  Mondes  gegen  den  Sozialismus  führte.
Maurice  Block  (1816—1901),  eingeborener  Berliner,  lebte  in
Paris  und  hatte  die  französische  Staatsangehörigkeit  erworben.
Er  war  eine  frische  Kampfnatur.  Seine  gründlichen  Sprachenkenntnisse ­
  befähigten  ihn,  die  volkswirtschaftliche  Literatur
verschiedener  Völker  stets  genau  zu  verfolgen.  Er  kannte  die
ausländische  Fachliteratur  besser  als  irgend  ein  französischer
Nationalökonom.  Durch  lange  Jahre  rezensierte  er  dieselbe  im
Journal  des  Economistes,  was  ihm  Gelegenheit  gab,  seinen  polemischen ­
  Anlagen  die  Zügel  schießen  zu  lassen l ).  Besonders  lebhaft ­
  bekämpfte  er  die  deutsche  historische  Schule.  Seine  eigenen
wissenschaftlichen  Anschauungen  werden  durch  eine  strenge,
rückständige  Orthodoxie  gekennzeichnet.
Block  hat  neben  statistischen  Studien,  elementaren  Unterrichtsbüchern ­
  zum  Gebrauche  für  Volksschulen,  zwei  Handwörterbüchern ­
  des  Staats-  und  Verwaltungsrechts  für  Präfekten
und  Präfekturbeamten,  ein  originelles  Werk  unter  dem  Titel:
Les  Progrès  de  la  Science  Economique  depuis  Adam  Smith  —  Révision ­
  des  Doctrines  Economiques  (2  Bde.  Paris  1890,  2.  Ausi.  1897)
veröffentlicht.  Dasselbe  ist  nach  dem  in  der  liberalen  Schule
herkömmlichen  Plane  eines  Lehrbuchs  der  Nationalökonomie  in
Produktions-,  Umlaufs-,  Verteilungs-  und  Verbrauchslehre  gegliedert. ­
  In  jedem  Abschnitt  gibt  Block  zunächst  eine  mit  reichdémocratiques

  de  la  question  des  impôts  und  Conférences  sur  le  socialisme  d’Etat.
Erstere  behandelt  vornehmlich  die  Steuersysteme  der  italienischen  .Republiken
des  Mittelalters  und  der  Renaissance,  letztere  enthält  eine  Besprechung  der  volkswirtschaftlichen ­
  Anschauungen  und  der  wirtschaftspolitischen  Tätigkeit  zeitgenössischer ­
  Staatsmänner  (Gladstone,  Goschen,  Bismarck,  Ruzzati  usw.).
*)  Im  Amte  des  Auslandsrezensenten  des  Journal  des  Economistes  folgte
ihm  Emile  Macquart  aus  Alger,  der  zwar  weder  über  die  große  Belesenheit  und
die  scharfe  Feder  Blocks  verfügt,  noch  ihm  im  Verständnis  für  fremde  Gesichtspunkte ­
  überlegen  ist,  dafür  aber  den  Vorzug  französischer  Höflichkeit  in  höherem
Maße  besitzt,  als  sein  Vorgänger.
        <pb n="81" />
        60

Die  liberale  Schule

lieber  Polemik  gewürzte  Darlegung  der  klassischen  Lehre  in  der
orthodoxen  Fassung,  welche  ihm  geläufig  ist.  Er  stellt  sie
unter  der  prätentiösen  Aufschrift  „Der  gegenwärtige  Stand  der
Wissenschaft“  vor.  Dann  folgt  jeweils  in  kleinerm  Druck  eine
Übersicht  der  Anschauungen  zahlreicher  Nationalökonomen  der
verschiedensten  Länder,  welche  zu  dem  betreffenden  Gegenstand
Stellung  genommen  haben.  Diese  sind  dabei  weder  chronologisch, ­
  noch  nach  Schulen,  sondern  nach  Nationalitäten  oder
richtiger  nach  Sprachen  geordnet.  Die  deutschen  historischen
Nationalökonomen  nimmt  Block  besonders  aufs  Korn.  Dabei
ist  seine  immer  wiederkehrende  Schlußfolgerung,  seit  Adam
Smith  seien  die  Fortschritte  der  Wissenschaft  herzlich  geringe
gewesen.
„Der  Grundbestand  der  Wissenschaft  ist  wesentlich  unverändert ­
  geblieben,"  meint  Block;  „die  meisten  der  alten
Dogmen  haben  allen  Anstürmen  widerstanden.  Hat  man  z.  B.
je  gesehen,  daß  das  Prinzip  des  kleinsten  Mittels  eine  Ausnahme ­
  erlitten  hätte  ?*)  Die  menschliche  Natur  ist  seit  3—4000
Jahren  unverändert  geblieben.  Von  einer  Evolution  in  der
Menschheitsgeschichte  zu  reden,  ist  genau  so  unzulässig,  wie
die  etwaige  Änderung  eines  Zollsatzes  eine  Evolution  zu
nennen 2 ).  Daß  aber  die  menschlichen  Dinge  dem  Wechsel
unterworfen  sind,  hat  man  lange  vor  der  historischen  Nationalökonomie ­
  gewußt“  3 ).
Mit  Rossi  unterscheidet  Block  eine  reine  und  eine  angewandte ­
  Volkswirtschaftslehre;  Co  urcell  e-Seneuil  und  Cherbul ­
  iez  gegenüber  betont  er,  die  angewandte  Nationalökonomie
habe  sich  nicht  allein  mit  der  wirtschaftspolitischen  Gesetzgebung, ­
  sondern  auch  mit  allen  sittlichen,  politischen,  geographischen ­
  und  historischen  Einflüssen  auf  das  Wirtschaftsleben,
die  nicht  in  der  Gesetzgebung  zum  Ausdruck  kommen,  zu  befassen ­
  4 ).
Sein  Verhältnis  zur  historischen  Schule  präzisiert  Block
wie  folgt:  „Möge  die  historische  Schule  immerhin  in  wirtschaft-0
  M.  Block,  Les  Progrès  de  la  Science  Economique,  2.  Aud.,  1897,
Bd.  I,  p.  2,  3,  288.
2 )  ibid.  p.  259,  264.
3 )  ibid.  p.  259  ff.
4 )  ibid.  p.  9.
        <pb n="82" />
        Geschichtlicher  Überblick

61

liehen  Dingen  sich  an  die  durch  Ort  und  Zeit  bedingten  Unterschiede ­
  halten  ;  ich  halte  es  für  wissenschaftlicher,  vor  allem
die  identischen  Erscheinungen  festzustellen.  Gewiß  dürfen  die
Unterschiede  nicht  außer  acht  gelassen  werden,  aber  die  Ähnlichkeiten ­
  sind  viel  bedeutsamer.  Sie  beweisen,  daß  gleiche
Ursachen  gleiche  Wirkungen  hervorbringen;  jene  aber  vermögen
nur  eine  andere  Ursachenzusammensetzung  anzuzeigen
Die  Tatsachen  ändern  ;  das  Gesetz  ist  unveränderlich  ;  es  besagt
nicht,  was  für  ein  Volk  oder  eine  Epoche  im  besondern  zutrifft,
sondern  ein  permanentes,  unveränderliches  Kausalitätsverhältnis.
Darin  liegt  eben  der  Nutzen  der  Wissenschaft,  diese  Unveränderlichkeit
  in  der  Art  der  Betätigung  der  Naturkräfte  festzustellen“ ­
  x ).
Beißender,  sarkastischer  wird  Block  an  folgender  Stelle  :
„(Die  historische  Methode)  hat  in  den  Augen  gewisser  Autoren
mehrere  Vorteile:  mit  ihr  kann  man  sich  darauf  beschränken,
an  der  Oberfläche  der  Dinge  zu  bleiben  und  folglich  leichter
verständlich  sein  ;  man  wird  einen  großem  Zuhörer-  oder  Leserkreis ­
  haben,  sich  unmittelbarer  nützlich  machen  können  und
es  mit  Beweisen  zu  tun  haben,  welche  geringere  Anforderungen
an  den  Verstand  stellen.  Dafür  hat  diese  Methode  Schattenseiten, ­
  welche  den  gebildeteren  Geistern  mißfallen  müssen:  die
Tragweite  ihrer  Bedeutung  für  die  Praxis  ist  eine  geringere,  sie
vermag  nur  die  nächste  Umgebung  zu  beleuchten  und  dringt
nicht  in  die  Tiefe;  sie  begrenzt  den  Horizont  durch  Zeit  und
Ort  wie  durch  die  Einflüsse  der  Nationalität,  der  Politik,  der
Religion,  der  Vorurteile  und  der  Leidenschaften.  Die  (reine)
Wissenschaft  allein  erhebt  sich  über  Zeit  und  Ort;  ihre  gesicherten ­
  Wahrheiten  sind  unanfechtbar  usw.“  2 ).
Heiterkeit  erregt  folgender  Passus  :  „Die  neuen  Schulen
(in  erster  Linie  ist  die  historische  gemeint)  unterscheiden  sich
von  den  alten  eher  durch  die  Methoden,  die  sie  anzuwenden
behaupten,  als  durch  diejenigen,  welche  sie  wirklich  befolgen“  8 ).
Es  ist  Block  damit  Ernst  :  in  seinen  Augen  ist  die  historische
Schule  bedeutend  deduktiver  als  die  liberale,  für  die  er

ß  ibid.  p.  262,  p.  282.
2 )  ibid.  p.  18.
3 )  ibid.  p.  2.
        <pb n="83" />
        62  Die  liberale  Schule  —  Geschichtlicher  Überblick

übrigens  Deduktion  und  Induktion  vereint  in  Anspruch  nimmt,
aber  mit  Courcelle-Seneuil  betont,  das  deduktive  Verfahren
sei  das  sicherere  ’).
Wir  könnten  diese  Blutenlese  aus  Block  noch  um  manch
unterhaltendes  Stück  bereichern;  doch  wird  das  obige  wohl
genügen,  uns  über  den  Mann  und  seine  Lehren  zu  orientieren.
Wir  gehen  nunmehr  zur  Schilderung  der  Gegenwart  über.
Die  bisherige  Übersicht  hat  uns  mit  den  Männern  der  liberalen
Schule  Frankreichs  bekannt  gemacht,  die  im  Laufe  der  Zeit
am  meisten  hervortraten.  Wir  dürfen  aber  nicht  aus  dem
Auge  verlieren,  daß  hinter  diesen  Männern  jeweils  das  Gros
der  (  Schule  stand.  Für  die  Zeit  vor  1848  haben  wir  uns
darunter  einige  Dutzende,  für  die  zweite  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  jeweils  einige  Hunderte  vorzustellen.  Dieses  Gros  nahm
durchweg  einen  sehr  orthodoxen  Standpunkt  ein.  Es  hat  gewiß ­
  darunter  noch  manche,  nicht  unbedeutende  Männer  gegeben ­
  :  so  Charles  Comte,  Courtois,  VHier  me',  die  Zeitgenossen
J.  B.  Says  oder  Bastiats;  den  Statistiker  Moreau  de  Jonnès,
den  Diplomaten  und  Agrarpolitiker  Léonce  de  Lavergne,  den
Philosophen  A.  Clément,  den  Finanz  Wissenschaftler  Vuitry,  den
Krisentheoretiker  Juglar  und  viele  andere.  Eine  ausführliche
Geschichte  der  liberalen  Schule  Frankreichs  müßte  natürlich
auch  diese  Männer,  sowie  die  Philosophen,  Historiker,  Staatsmänner ­
  usw.,  welche  sich  gelegentlich  mit  wirtschaftlichen
Fragen  im  Sinne  der  liberalen  Schule  beschäftigt  haben  (Guizot,
Moté,  Talleyrand,  d’  Audi  ff  ret,  Bonnet,  Jules  Simon  ,  Germain  usw.),
berücksichtigen.  Hier  aber  galt  es  lediglich  durch  Herausheben
der  hauptsächlichsten  Züge  des  historischen  Werdeganges  der
liberalen  Schule  Frankreichs  eine  solide  Grundlage  für  dasjenige ­
  zu  schaffen,  worauf  es  in  erster  Linie  ankommt:  das
Verständnis  der  gegenwärtigen  Lage  der  Schule.

0  ibid.  p.  19.
        <pb n="84" />
        II.  Teil.
Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule.
A.  Positionen,  welche  die  liberale  Schule  Inn  e  hat,  und
Organe,  über  die  sie  verfügt.
Die  liberale  Schule  hat  in  der  Société  d’Economie  politique
ihre  offizielle  Organisation.  Sie  allein  ist  vertreten  in  der  nationalökonomischen ­
  Abteilung  der  Académie  des  Sciences  Morales  et
politiques;  die  volkswirtschaftlichen  Lehrstühle  an  der  Ecole  libre
des  Sciences  Politiques  sind  in  ihrer  Hand,  desgleichen  mehrere
Lehrstühle  an  staatlichen  Lehranstalten:  dem  Collège  de  France,
dem  Conservatoire  national  des  Arts  et  Métiers,  den  juristischen
Fakultäten  und  den  technischen  Fachhochschulen.  An  Zeitschriften
stehen  ihr  zur  Verfügung:  Journal  des  Economistes,  Economiste
Français,  Bevile  des  Deux  Mondes,  Monde  Economique  und  La
France  Economique  et  Financière.  An  Tageszeitungen  :  Journal  des
Débats,  in  geringerem  Mafie  Le  Siècle;  außerdem  mehrere  Börsenblätter. ­

Von  der  Société  d’Economie  Politique  wurde  bereits  oben,
(S.  27)  alles  Wissenswerte  gesagt  ;  es  erübrigt  also  darauf  zurückzukommen. ­

Académie  des  Sciences  Morales  et  Politiques.  Sie  wurde
1795  von  dem  Nationalkonvente  ins  Leben  gerufen  und  den
übrigen,  bereits  bestehenden  Akademien  des  Institut  de  France
angegliedert.
1803  beseitigte  Bonaparte  als  erster  Konsul  die  neue  Akademie, ­
  weil  er  von  deren  „Ideologen“  Gefahren  für  seine  herrschsüchtigen ­
  Pläne  befürchtete.  1832  trat  die  Anstalt  wieder  in
ihrer  ursprünglichen  Form  ins  Leben.  Sie  umfaßte  fünf  Klassen
zu  je  sechs  Mitgliedern,  davon  eine  für  politische  Ökonomie.
Daneben  gab  es  auch  freie  und  korrespondierende  Mitglieder.
        <pb n="85" />
        64

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

1855  schuf  Napoleon  III  eine  sechste  Klasse  von  zehn  Mitgliedern ­
  für  Politik,  Verwaltung  und  Finanzwesen.  1866  wurde
diese  Klasse  jedoch  wieder  aufgelöst  und  ihre  Mitglieder  auf
die  andern  Klassen  verteilt.  Diese  haben  seither  je  acht  Sitze.
Die  meisten  der  hervorragenden  Anhänger  der  liberalen
Schule  sind  Mitglieder  der  Académie  des  Sciences  Morales  et
Politiques  gewesen.  Wir  finden  da  die  Namen  Bossi,  Villermé,
Ad.  Blanqui,  L.  Faucher,  Hippolyte  und  Frédéric  Passy,  Garnier,
M.  Chevalier,  Wolowski,  L.  de  Lavergne,  de  Molinari,  Courcelle-Seneuil,
  Horace  und  Léon  Say,  M.  Block,  Levasseur,  Paul  Leroy-Beaulieu,
  R.  Stourm,  A.  de  Foville,  P.  Beauregard  usw.  Da  die
Ergänzung  der  verschiedenen  Klassen  der  Akademie  auf  dem
Wege  der  Kooptation  geschieht,  ist  es  für  die  liberalen  Volkswirte ­
  ein  Leichtes  gewesen,  allen  anders  Denkenden  den  Eintritt
in  die  Akademie  bis  auf  den  heutigen  Tag  zu  verwehren.
Das  Hauptaktionsmittel  der  Académie  des  Sciences  Morales
et  Politiques  sind  die  jährlichen  Preisausschreiben.  Die  nationalökonomische ­
  Klasse  verfügt  über  ein  Dutzend  zum  Teil  recht
hoher  Jahrespreise.  Diese  üben  eine  bedeutende  Zugkraft
aus.  Da  natürlich  für  die  Beurteilung  der  eingelieferten  Arbeiten ­
  die  Stellungnahme  zur  klassischen  Lehre  in  erster  Linie
maßgebend  ist,  so  erweisen  sich  die  Preisausschreiben  als  ein
vorzügliches  Mittel,  den  Nachwuchs  der  liberalen  Schule  zu
sichern.
Ecole  libre  des  Sciences  Politiques.  Diese  Anstalt  ist
eine  private,  von  Boutrny  1871  als  Ersatz  für  die  1869  eingegangene ­
  Ecole  d'Administration  gegründete,  staatswissenschaftliche ­
  Hochschule.  Sie  hat  zum  Zweck,  die  nötige
Vorbildung  zum  hohem  Staatsdienst  in  den  verschiedenen
Verwaltungszweigen,  sowie  zu  den  hohem  Stellungen  in  Privatbetrieben: ­
  Banken,  Eisenbahngesellschaften  usw.  zu  vermitteln.
Als  Lehrkräfte  sind  in  der  Hauptsache  höhere  Staats-  und
Privatbeamte,  sowie  Universitätsprofessoren  nebenamtlich  an  der
Anstalt  tätig.  Der  Geist,  der  diese  beseelt,  ist  der  des  liberalen ­
  Nichtinterventionismus.  Der  nationalökonomische  Unterricht ­
  an  derselben  liegt  ausschließlich  in  den  Händen  von  liberalen ­
  Volkswirten  (JE.  Levasseur,  A.  de  Foville,  B.  Stourm,  R.  G.
Levy,  Pierre  Leroy-Beaulieu,  Zolla),  sowie  von  sinnesverwandten
Schülern  Le  Plays  (Cheysson).  Seit  dem  Tode  Boutrnys  (1905)
        <pb n="86" />
        Positionen  und  Organe  der  liberalen  Schule

65

steht  Anatole  Leroy-Beaulieu  an  der  Spitze  der  Anstalt.  Die
Anhänger  der  liberalen  Schule  der  Volkswirtschaft  zählen  ihn
mit  Stolz  zu  den  ihrigen,  obschon  er  eigentlich  nicht  Nationalökonom, ­
  sondern  Historiker  ist.
Der  Lehrplan  der  Ecole  libre  des  Sciences  politiques ­
  umfaßt  fünf  Abteilungen,  von  denen  jede  auf  eine
besondere  Berufsgruppe  vorbereitet.  Diese  sind:  1.  Section
administrative,  mit  Verwaltungsrecht  und  Finanz  Wissenschaft  als
Hauptfächern;  2.  Section  économique  et  financière,  deren  Unterricht ­
  Nationalökonomie  und  Finanzwissenschaft  als  Haupt-,
Handelspolitik,  Wirtschaftsgeographie,  Bankwesen,  Handelsrecht
usw.  als  Nebenfächer  begreift;  3.  Section  économique  et  sociale.
Hier  werden  doziert:  Nationalökonomie,  Sozialpolitik,  Finanzwissenschaft, ­
  Arbeitergesetzgebung,  öffentliche  Hygiene,  Agrarpolitik ­
  usw.  ;  4.  Section  diplomatique,  zur  Vorbereitung  auf  den
diplomatischen  und  den  Konsulardienst;  5.  Section  générale,
deren  Lehrfächer  sich  um  öffentliches  Recht  und  politische  Geschichte ­
  gruppieren.
Der  Lehrplan  ist  in  allen  fünf  Abteilungen  auf  ein
viersemestriges  Studium  berechnet.  Tatsächlich  wird  er
meist  in  sechs  Semestern  absolviert.  Die  Studierenden  rekrutieren ­
  sich  fast  ausschließlich  aus  Studenten  der  juristischen
und  der  philosophischen  Fakultäten  in  Paris.  Die  jungen  Leute
absolvieren  gleichzeitig  ein  philosophisches  oder  das  juristische
Triennium,  und  die  eine  der  fünf  Abteilungen  der  Ecole  libre
des  Sciences  politiques.  Dies  wird  durch  die  geringe  Zahl  der
Wochenstunden  ermöglicht,  welche  die  einzelnen  Vorlesungen
an  den  Fakultäten  (2—4  Stunden)  sowohl,  als  an  dieser  Anstalt
(1—2  Stunden)  zu  haben  pflegen.
Das  Abgangsdiplom,  dessen  Erlangung  an  die  Abfassung
einer  Dissertation  und  an  das  Bestehen  einer  mündlichen  Prüfung ­
  geknüpft  ist,  berechtigt  zur  Zulassung  zu  den  Staatskonkursprüfungen, ­
  von  deren  Bestehen  die  Aufnahme  in  die
verschiedenen  staatlichen  Verwaltungen  abhängt.
Dem  Zwecke,  die  Absolventen  der  verschiedenen  Jahrgänge
in  engere  Beziehungen  zu  einander  zu  bringen,  dient  die  Société
des  anciens  élèves  et  des  élèves.  Es  besteht  ein  ziemlich  stark  entwickelter ­
  Korpsgeist  unter  den  ehemaligen  Schülern,  welche  einen
guten  Teil  der  höheren  Staatsbeamten  in  den  verschiedenen  Verde ­
  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  5
        <pb n="87" />
        66

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

waltungszweigen  ausmachen,  sowie  viele  einträgliche  Posten  als
Beamten  der  großen  Banken  und  Eisenbahngesellschaften  inne
haben.  Aus  diesem  Milieu  rekrutieren  sich  in  der  Hauptsache
die  Mitglieder  der  Beamtengruppe  der  liberalen  Schule  der
Nationalökonomie,  von  welcher  unten  zu  reden  sein  wird.
Unter  Mitwirkung  ehemaliger  Schüler  der  Anstalt  wird  von
einer  Anzahl  Professoren  derselben  eine  wissenschaftliche  Zeitschrift ­
  (seit  1886),  Annales  des  Sciences  politiques,  herausgegeben.
Mit  den  Seminarien  der  deutschen  Universitäten  haben  einige
Analogie  die  von  der  Ecole  libre  des  Sciences  politiques  eingerichteten ­
  Conférences  d'application,  sowie  auch  die  von  der  Société
d'anciens  élèves  et  élèves  ins  Leben  gerufenen  Réunions  de  travail.
Erstere  sind  :  ein  verwaltungsrechtliches  Seminar  unter  Leitung
von  Teissier,  ein  finanzwissenschaftliches  unter  Leitung  von
R.  Stourm  und  ein  solches  für  Bank-  und  Börsen  wesen,  dem
R.  6r.  Lévy  vorsteht.  Diese  Seminarien  sind  für  Absolventen  der
Anstalt  bestimmt,  und  nur  ausnahmsweise  Studierenden  im  5.
und  6.  Semester  zugänglich.  Sie  dienen  der  Ausarbeitung  und
Besprechung  größerer  Arbeiten  und  verfügen  über  Preise  zur
Prämierung  derselben.  Die  Réunions  de  travail  stehen  unter  der
Leitung  von  jüngeren  „alten  Herren“  der  Schule.  Sie  veranstalten ­
  Vortragsabende  mit  Diskussion.  Es  bestehen  zurzeit
Abteilungen  für  Geschichte  und  Diplomatie  sowie  für  Verwaltungsrecht ­
  und  Finanzwissenschaft.
Der  antiinterventionistische  Geist,  der  unter  dem  mittlern
und  hohem  Beamtentum  der  französischen  Zentralverwaltungsbehörden ­
  (Ministerien,  Conseil  d’Etat,  Cour  des  Comptes  usw.)
immer  noch  stark  verbreitet  ist,  ebenso  die  Reaktion  gegen  die
Einmischung  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben,  insbesondere  auf
sozialpolitischem  Gebiet,  welche  in  der  höheren  und  mittleren
Bourgeoisie  neuerdings  hervortritt,  werden  durch  den  Unterricht ­
  der  Ecole  libre  des  Sciences  politiques  wesentlich  gefördert. ­

Staatliche  Lehrstühle  im  Besitze  der  liberalen  Schule.
Das  Conservatoire  National  des  Arts  et  Métiers  in  Paris  besitzt
fünf  volkswirtschaftliche  Lehrstühle,  von  denen  drei  von  Anhängern ­
  der  liberalen  Schule  besetzt  sind.  Der  Unterricht  dieser
Anstalt  geschieht  in  den  Abendstunden  (nach  8  Uhr).  Die  Zuhörerschaft ­
  rekrutiert  sich  aus  kleinen  Beamten,  Handwerkern,
        <pb n="88" />
        Positionen  und  Organe  der  liberalen  Schule

67

Arbeitern  usw.  Doch  ist  dieselbe  eine  Jahre  hindurch  ständige, ­
  was  wesentlich  dazu  beiträgt,  daß  der  Unterricht  systematischer ­
  und  höher  sein  kann,  als  der  der  Volkshochschulen 1 ).
An  dieser  Anstalt  bestand  der  erste  Lehrstuhl  für  Nationalökonomie ­
  in  Frankreich.  J.  B.  Say,  Ad.  Blanqui,  L.  Wolowski
hatten  ihn  nacheinander  inne.  Heute  umfaßt  daselbst  der
volkswirtschaftliche  Unterricht:  1.  Nationalökonomie  und  Gewerbegesetzgebung ­
  (Levasseur,  mit  Prof.  Deschamps  von  der
juristischen  Fakultät  in  Paris  als  Supplent);  2.  Gewerbepolitik
und  Statistik  {A.  Liesse,  früher  A.  de  Foville)  ;  3.  Sozialpolitik
(Prof.  Paul  Beauregard  von  der  juristischen  Fakultät).  Diese  drei
Lehrstühle  gehören  der  liberalen  Schule.  Dazu  kommen  :
4.  Assurance  et  Prévoyance  Sociale  (der  Direktor  des  Musée
Social,  Mabilleau);  5.  Geschichte  der  Arbeit  (der  Sozialist,  Professor ­
  am  College  de  France,  Georges  Renard).
Am  Collège  de  France  bestehen  drei  Lehrstühle  für  Volkswirtschaftslehre. ­
  Der  erste,  für  J.  B.  Say  1830  gegründete,  gehörte ­
  ununterbrochen  der  liberalen  Schule.  Rossi,  M.  Chevalier,
Baudrillart  und  seit  1878  Paul  Leroy-Beaulieu  hatten  ihn  inne.
Der  zweite  wurde  1869  geschaffen  und  Levasseur  übertragen
mit  dem  Lehrauftrag  für  Wirtschaftsgeographie,  -geschichte
und  -Statistik.  Der  dritte,  1905  ins  Leben  gerufene,  wurde  mit
dem  aus  Lausanne  berufenen  Sozialisten  Georges  Renard  besetzt.
Der  Einfluß,  welchen  der  Unterricht  des  Collège  de  France  auf
das  Geistesleben  der  Nation  ausübt,  ist  ein  sehr  beschränkter,
die  Zuhörerschaft  eine  dilettantische  und  wechselnde.
In  Deutschland  ist  die  Meinung  verbreitet,  der  volkswirtschaftliche ­
  Unterricht  an  den  juristischen  Fakultäten  Frankreichs
liege  samt  und  sonders  in  Händen  von  Dozenten,  welche  sich
der  historisch-realistischen,  interventionistischen  deutschen  Schule
anschließen.  Es  ist  dies  ein  Irrtum,  auf  den  unten  ausführlicher ­
  einzugehen  sein  wird.  Hier  sei  nur  erwähnt,  daß  zunächst ­
  1875—78,  als  die  Volkswirtschaftslehre  als  obligatorisches
Lehrfach  in  den  Lehrplan  der  juristischen  Fakultäten  aufgenommen ­
  wurde,  mehrere  der  plötzlich  mit  volkswirtschaftlichen ­
  Lehraufträgen  betrauten  Rechtslehrer  sich  der  liberalen
x )  In  den  volkswirtschaftlichen  Vorlesungen  des  Conservatoire  des  Arts
et  Métiers  konnte  ich  eine  mittlere  Hörerzahl  von  60—60  Herren  und  Damen
jeglichen  Alters,  zumeist  Hand  eingestellte,  feststellen.
        <pb n="89" />
        68

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Schule  zuwandten,  z.  B.  Jourdan  in  Aix,  E.  Worms  in  Rennes  usw.
Aber  auch  der  Nachwuchs  in  dieser  Richtung  blieb  nicht  aus,
und  heute  gibt  es  eine  stattliche  Anzahl  von  liberalen  Volkswirten ­
  unter  den  Professoren  der  Nationalökonomie  an  den
juristischen  Fakultäten,  insbesondere  in  Paris.  Doch  davon  an
anderer  Stelle.
Von  den  an  technischen  und  sonstigen  Hochschulen,
außer  den  bereits  erwähnten,  bestehenden  Lehrstühlen  für  politische ­
  Ökonomie  sind  mit  Anhängern  der  liberalen  Schule  besetzt, ­
  diejenigen  der  Ecole  des  Ponts  et  Chaussées  (Colson)  und  des
Institut  national  agronomique  (D.  Zolla,  früher  Léonce  de  Lavergne).
Periodica.  Das  Journal  des  Economistes,  dessen  langjähriger
Direktor  G.  de  Molinari  ist,  ist  das  Hauptorgan  der  liberalen
Schule.  Sein  exklusiver  Standpunkt  wurde  bereits  hervorgehoben. ­
  Jede  Nummer  der  Zeitschrift  enthält  neben  wissenschaftlichen ­
  Aufsätzen  und  den  ebenfalls  bereits  erwähnten
Sitzungsberichten  der  Société  d'économie  politique  umfangreiche
Bücherbesprechungen,  welche,  da  die  Stellung  der  besprochenen
Autoren  zur  individualistischen  Wirtschaftstheorie  für  die  ihnen
zuteil  werdende  Würdigung  den  Maßstab  abgibt,  nach  und  nach
ein  wahres  Ketzergericht  geworden  sind.  Hier  war  die  hohe
Warte,  von  der  Cour  celle-Seneuil  und  Maurice  Block  ihre  Blitze
gegen  die  an  den  juristischen  Fakultäten  Frankreichs  aufkommenden ­
  Historiker,  sowie  gegen  die  deutsche  historische
Schule  schleuderten.
L'Economiste  Français  ist  eine  Wochenschrift,  von  Paul
Leroy-Beaulieu  1873  gegründet  und  bis  heute  herausgegeben.
Jede  Nummer,  32  Seiten  klein  Folio  stark,  umfaßt  drei  Teile  :
partie  économique,  partie  commerciale,  partie  financière.  Die  beiden
letzteren  bieten  eine  vortreffliche  volkswirtschaftliche  Chronik,
welche  allerdings  mit  ihren  Berichten  über  die  Produkten-  und
Effektenbörsen  und  ihren  finanziellen  Aufschlüssen  und  Ratschlägen ­
  in  erster  Linie  sich  an  spekulierende  Kapitalisten
wendet;  gerade  das  aber  sichert  der  Zeitschrift  einen  großen
Leserkreis  und  hat  werbende  Kraft  für  die  Lehren  des  ökonomischen ­
  Liberalismus,  dem  sie  dient.  Der  volkswirtschaftliche ­
  Teil  enthält  regelmäßig  einen  scharf  polemischen  Leitartikel ­
  von  Paul  Leroy-Beaulieu,  sowie  vier  bis  sechs
kleinere  wissenschaftliche  Aufsätze  über  volkswirtschaftliche
        <pb n="90" />
        Positionen  und  Organe  der  liberalen  Schule

69

Tagesfragen  *).  Mitarbeiter  des  Economiste  français  sind  außer
dem  Herausgeber:  dessen  Sohn  Pierre  Leroy-Beaulieu,  A.  Baffalovich,
  B.  G.  Lévy,  A.  de  Foville,  Ed.  Lozé  usw.  Aus  den
letzten  Jahrgängen  sind  die  Artikelserien  von  Pierre  Leroy-Beaulieu
  hervorzuheben,  welche  die  sibirische,  japanische,
chinesische  und  nordamerikanische  Volkswirtschaften  behandeln.
Sie  sind  zum  größten  Teile  Ergebnisse  von  Studienreisen  an  Ort
und  Stelle  und  zeichnen  sich  durch  gründliche  Beobachtungen,
klare  Darstellung  und  prägnantes  Herausheben  von  Kausalverhältnissen ­
  aus.
Die  Berne  des  Deux  Mondes,  die  weitaus  beste  und  gelesenste
der  großen,  französischen  Zeitschriften,  öffnet  der  liberalen
nationalökonomischen  Schule  seit  80  Jahren  ihre  Spalten.  In
ihr  kamen  und  kommen  zum  Wort:  Bossi,  Beybaud,  L.  Faucher,
Wolowski,  Léonce  de  Lavergne,  M.  Chevalier,  Baudrillart,  Paul  Leroy-Beaulieu,
  Vicomte  d'Avenel  usw.
Desgleichen  steht  unter  den  Tageszeitungen  das  Journal
des  Débats  seit  seiner  Gründung  der  liberalen  Schule  zur  Verfügung. ­
  In  diesem  führte  M.  Chevalier  unter  der  zweiten
Republik  eine  erbitterte  Polemik  gegen  die  damaligen  sozialistischen ­
  Neuerer.  Als  Tageszeitung  bedeutet  das  Journal  des
Débats  stets  einen  exponierten  Posten  für  die  liberalen  Volkswirte. ­
  Heute  hat  ihn  André  Liesse  in  ne,  dem  gelegentlich
Paul  Leroy-Beaulieu,  Yves  Guyot,  A.  de  Foville  und
andere  helfend  zur  Seite  stehen.
Ausschließlich  verfügt  ferner  die  liberale  Schule  über  die
Veröffentlichungen  der  volkswirtschaftlichen  Klasse  der  Académie  des
Sciences  Morales  et  Politiques.  Seit  1832  hat  sich  eine  schier  unendliche ­
  Reihe  von  Monographien,  Mitteilungen,  Berichten,  Notizen ­
  hier  aneinander  gereiht,  unter  deren  Verfassern  die  Namen
Wolowski,  Baudrillart  und  Levasseur  am  häufigsten  wiederkehren.
Den  Standpunkt  der  liberalen  Schule  vertreten  ferner  zwei
von  Professor  Paid  Beauregard  herausgegebene  Wochenschriften:
Le  Monde  Economique  und  La  France  économique  et  financière.  Sie
0  Erwähnens-  und  nachahmenswert  ist  die  dem  Handelsteil  beigefügte
Immobiliarrevue.  Sie  gibt  wöchentliche,  statistische  Übersichten  über  die
auf  dem  Wege  der  öffentlichen  Versteigerung  sowohl  als  durch  freihändigen
Verkauf  stattgehabten  Besitzübergänge  von  Grundstücken  und  Gebäuden  im
Seinedepartement.
        <pb n="91" />
        70

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

dienen  hauptsächlich  den  Interessen  der  Geschäftswelt.  Die
gegenseitige  Abgrenzung  des  Gebietes  kommt  in  den  beiden
Titeln  genügend  zum  Ausdruck.  Von  Börsenblättern,  welche
nationalökonomische  Anschauungen  im  Sinne  der  liberalen
Schule  vertreten,  sei  nur  das  von  Alfred  Neymarck  geleitete
Le  Rentier  angeführt.
Endlich  sei  noch  an  das  von  Léon  Say  und  Ghailley-Bert
herausgegebene  Nouveau  Dictionnaire  d'Economie  Politique  (2  Bde.
Paris,  Guillaumin  1891—92;  2.  Ausi.  1896;  dazu  ein  Supplementband ­
  1897)  erinnert.  Der  Umstand,  daß  die  prinzipielle  Fragen
behandelnden  Artikel  des  Wörterbuches  A.  Liesse,  Courcelle-Seneuil
  und  G.  de  Molinari  zu  Verfassern  haben,  gibt  dem  ganzen
Werke  einen  streng  orthodoxen  Charakter.  Im  übrigen  hat  fast
die  gesamte  heute  lebende  Generation  der  liberalen  Schule
Frankreichs  an  demselben  mitgearbeitet 1 ).  Zu  bedauern  ist,
daß  deren  beste  Finanzschriftsteller  die  hauptsächlichsten  finanzwissenschaftlichen ­
  Artikel  Größen  geringerer  Ordnung  überlassen ­
  haben.
Die  Aktionsmittel  der  liberalen  Schule  sind  mit  obiger
Zusammenstellung  nicht  erschöpft.  An  gelegentlicher  Mitarbeit
ihrer  Mitglieder  an  sonstigen  Publikationen,  z.  B.  an  der  Revue
d'  Economie  Politique,  der  Revue  économique  internationale,  der  Revue
politique  et  parlementaire  usw.  fehlt  es  nicht.  Auch  dürfte  die
im  Frühjahr  1908  von  Professor  Deschamps  von  der  juristischen
Fakultät  in  Paris  ins  Leben  gerufene  Revue  d'Histoire  des  Doctrines
Economiques,  welche  wirtschaftsgeschichtlichen  Studien  dienen
soll,  den  Anschauungen  des  Gründers  entsprechend,  vornehmlich
in  den  Dienst  der  individualistischen  Wirtschaftstheorie  treten.
In  den  Parlamenten  ging  der  Stern  der  liberalen  Schule  seit
Ende  der  70er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  beständig  abwärts. ­
  Die  Jahre  1881  und  1892  brachten  Revisionen  der  freihändlerischen ­
  Handelsverträge  der  60er  Jahre  in  schutzzöllnerischem
  Sinn.  Heute  ist  die  Schule  nur  mehr  durch  Paul  Beauregard ­
  in  der  Kammer  vertreten.  Kammer  und  Senat  sind  heute
für  die  natürliche  Ordnung  des  Wirtschaftslebens  und  die  staatliche ­
  Nichtintervention  nicht  zu  haben.  Freihändlerisch  sind  ja

1 )  Unter  den  Mitarbeitern  findet  sich  auch  Ludwig  Bamberger  (Art.
Socialisme  d’Etat).
        <pb n="92" />
        Die  verschiedenen  Gruppen  innerhalb  der  liberalen  Schule  71
wohl  die  Mehrheiten  in  den  gesetzgebenden  Versammlungen
Frankreichs  im  Laufe  des  XIX.  Jahrhunderts  nie  gewesen.  Für
staatliches  Eingreifen  auf  sozialpolitischem  Gebiete  haben  sich
aber  bekanntlich  die  französischen  Parlamente  später  und  zögernder ­
  bereit  gefunden,  als  die  der  anderen,  führenden  Kulturländer. ­


B.  Die  verschiedenen  Gruppen  innerhalb  der
liberalen  Schule.
Wer  heute  beobachtend  an  die  liberale  Schule  der  Nationalökonomie ­
  in  Frankreich  herantritt,  wird  bald  erkannt  haben,
daß  sich  in  ihrem  Schoße  mehrere  Gruppen  deutlich  sichtbar
voneinander  abheben.  Allen  gemeinsam  sind  geblieben:  das
unbedingte  Festhalten  an  der  Existenz  universeller  und  permanenter ­
  Naturgesetze  des  Wirtschaftslebens,  das  Dogma  von  der
individuellen  Selbsthilfe  und  der  freien  Konkurrenz,  die  optimistische ­
  Grundstimmung  und  die  grundsätzliche  Abneigung
gegen  jegliche  Einmischung  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben.
Dagegen  haben  sich,  hauptsächlich  unter  dem  Einfluß  äußerer
Verhältnisse,  verschiedene  Richtungen  herausgebildet.  Als
gruppenbildende  Faktoren  kommen  in  Betracht:  Verschiedenheiten ­
  der  persönlichen  Anlagen  und  des  Bildungsganges,  berufliche ­
  und  gesellschaftliche  Zugehörigkeit  der  einzelnen  Volkswirte, ­
  auch  politische  Momente.  Materiell  gipfeln  die  wichtigsten ­
  Unterscheidungsmerkmale  in  der  verschiedenen  Stellungnahme ­
  zu  den  in  der  Wissenschaft  anzuwendenden  Methoden
und  zu  der  Frage,  in  welchem  Maße  eine  Staatsintervention
als  zulässig  erachtet  werden  könne.
Man  wird  zu  unterscheiden  haben  :
1.  Die  Gruppe  der  Intransigenten,  Unentwegten,  Orthodoxen,
zu  welcher  G.  de  Molinari,  F.  Passy,  Yves  Guyot  usw.  zu  rechnen ­
  sind.
2.  Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner.  Hierher  gehören  :  Paul
Leroy-Beaulieu  und  die  regelmäßigen  Mitarbeiter  des  Economiste ­
  Français:  A.  Raffalovich,  d'Eichthal,  Ch.  Gomel,  R.  G.
Le'vy  usw.
        <pb n="93" />
        72

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Eng  verwandt  mit  dieser  ist:
3.  Die  Gruppe  der  Verwaltungsbeamten  oder  der  Ecole
libre  des  Sciences  Politiques:  A.  de  Foville,  R.  Stourrn  u.  a.
4.  Die  Gruppe  der  Historiker  :  Levasseur,  d’  Avenel,  A.  Liesse,
Guiraud.
5.  Die  Gruppe  der  Ingenieure.  Sie  ist  vor  allem  durch
Colson  vertreten.
6.  Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren  :  Jourdan,  E.  Worms,
Villey,  F.  Faure,  Paul  Beauregard,  Souchon,  Deschamps,  Schatz  usw.
Man  darf  sich  darunter  aber  nicht  etwa  getrennt  marschierende ­
  oder  gar  feindliche  Gruppen  vorstellen.  Höchstens
fehlt  es  etwas  an  Zusammenhang  zwischen  den  jüngeren  Universitätsprofessoren ­
  Deschampsscher  Richtung  und  den  altern
Institutsmitgliedern  G.  de  Molinari,  F.  Passy,  Paul  Leroy-B
  e  au  li  eu  usw.  Im  ganzen  sind  die  Beziehungen  zwischen
den  einzelnen  Gruppen  recht  herzliche  und  intime  ;  alle  sind  in
der  Société  d’Economie  Politique  und  im  Institut  vertreten,  bei
einzelnen  Volkswirten  ist  der  Zweifel  berechtigt,  zu  welcher
Gruppe  sie  zu  rechnen  sind.  Die  Gruppenbildung  ist  eben  nur
die  natürliche  Folge  davon,  daß  Männer,  welche  sich  durch
natürliche  Anlagen,  Bildungsgang  und  die  Generation,  der  sie
angehören,  voneinander  unterscheiden,  sich  hinwiederum  in
einer  und  derselben  volkswirtschaftlichen  Grundanschauung
treffen.

1.  Kapitel.
Die  Gruppe  der  Unentwegten.
Gustave  de  Molinari,  geb.  in  Lüttich  3.  März  1819,  kam
früh  nach  Paris,  war  als  Journalist  in  der  oppositionellen  Presse
unter  Louis  Philipp  tätig,  kehrte  nach  dem  Staatsstreich  vom
2.  Dezember  1851  nach  Belgien  zurück,  wo  er  am  Musée  de
l’Industrie  in  Brüssel  und  an  der  Antwerpener  Handelsschule
volkswirtschaftliche  Vorlesungen  hielt.  Seit  1867  lebt  er  wieder
in  Paris.  1871—76  stand  er  an  der  Spitze  des  Journal  des
Débats;  nach  J.  Garniers  Tod  (1881)  wurde  Molinari  Chefredakteur ­
  des  Journal  des  Economistes.  Er  veröffentlichte  eine
        <pb n="94" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

73

stattliche  Reihe  von  Schriften.  Auch  heute  handhabt  der
90jährige  die  Feder  noch  unermüdlich.
Professor  Gide  nennt  Molinari  „das  menschgewordene
Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage“,  den  Mann,  welcher  „den
typischen  Liberalismus  besser  als  irgend  ein  anderer  Volkswirt
in  Frankreich  und  auch  vielleicht  im  Auslande  vertritt 1 ).“  Tatsache ­
  ist,  daß  kein  klassischer  Volkswirt,  selbst  D  uno  y  er
nicht,  alle  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens  mit  solch  durchgreifender ­
  Konsequenz  in  das  Prokrustesbett  der  universellen
und  permanenten  Naturgesetze  zu  zwängen  weiß,  wie  Molinari.
Die  Nationalökonomie  tritt  bei  ihm  im  Gewände  der  evolutionistischen
  Soziologie  Herbert  Spencers,  auf.  Dabei  soll  sie
natürlich  einzig  und  allein  auf  Geschichte,  Beobachtung  und
Erfahrung  aufgebaut  sein.  Aus  Geschichte,  Beobachtung  und
Erfahrung  hat  Ch.  Darwin  die  grundlegenden,  biologischen
Naturgesetze  der  natürlichen  Auswahl  und  der  Anpassung  oder,
wie  Spencer  sagt,  des  „survival  of  the  fittest“  gewonnen.  In
nationalökonomischer  Prägung  heißen  diese  Gesetze  bei  Molinari: ­
  das  Gesetz  der  Kraftersparnis  und  das  Gesetz  der  Konkurrenz. ­
  Dazu  kommen  noch  das  Gesetz  der  Progression  der
Werte  und  allenfalls  das  Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage,  und
das  Prokrustesbett  für  die  gesamte  wirtschaftliche  Erscheinungswelt ­
  ist  fertig 2 ).
Das  Gesetz  der  Kraftersparnis  ist  nichts  anderes  als  das
ökonomische  Prinzip.  Beobachtung  und  Erfahrung  lehren,  daß
das  Leben  nur  durch  beständige  Assimilation  von  Kräften  erhalten ­
  und  entwickelt  werden  kann.  Die  Natur  liefert  den  Geschöpfen ­
  nur  einen  Teil  dieser  Kräfte  ;  die  andern  müssen  diese
sich  selbst  erwerben.  Dieser  Erwerb  geschieht  unter  dem  Antrieb ­
  von  Lust  und  Unlust.  Kraftausgabe  und  Kräftemangel
erzeugen  Unlust  oder  Leiden,  Kraftzuwachs  bedeutet  Lust.  Auf
welcher  Stufe  der  Schöpfung  sich  ein  Wesen  befinden  mag,  es
flieht  die  Unlust  und  sucht  die  Lust.  Darum  wendet  es  die

*)  Ch.  Gide,  Neuere  Strömungen  in  der  volkswirtschaftlichen  Literatur
Frankreichs,  in  Schmollers  Jahrbuch,  1895,  p.  707.
2 )  Dieser  Ideenkreis,  dessen  Darlegung  Molinari  zahlreiche  Schriften  gewidmet ­
  hat,  ist  am  zusammenhängendsten  in  dem  Werke  Notions  fondamentales
d'économie  politique  et  programme  économique,  Paris  1891,  zum  Ausdruck  gelangt.
Die  folgenden  Ausführungen  halten  sich  in  der  Hauptsache  an  dasselbe.
        <pb n="95" />
        74

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Energie  und  die  bewußte  oder  unbewußte  Intelligenz  an,  mit
der  die  Natur  es  ausgestattet  hat,  um  die  größte  Summe  von
Lebenskräften  gegen  die  geringste  Kraftausgabe  zu  erlangen:
das  ist  das  Gesetz  der  Kraftersparnis 1 ).
Das  Gesetz  der  Konkurrenz  beruht  auf  der  Ungleichheit
der  Individuen  und  der  Arten.  Die  Konkurrenz  bewirkt  das
Überleben  und  die  Anpassung  der  Stärkeren  und  den  Untergang ­
  der  Schwächeren  im  Kampfe  ums  Dasein.  Sie  tritt  in
drei  Entwicklungsstadien  auf:  dem  animalischen,  dem  politischen
und  dem  wirtschaftlichen.
In  der  Natur  leben  alle  Klassen  und  Arten  auf  Kosten  der
andern.  Jede  Klasse  hat  also  genügend  Individuen  hervorzubringen, ­
  um  sich  selbst  und  die  hohem  Klassen,  denen  sie
zur  Nahrung  dient,  zu  erhalten.  Die  Natur  hat  für  diese  Notwendigkeit ­
  vorgesorgt,  indem  sie  allen  Arten  eine  üppige  Fruchtbarkeit ­
  gab,  welche  aber  in  dem  Maße,  als  sie  sich  in  der
Skala  der  Lebewesen  erheben,  abnimmt.  In  den  niedern  Arten
ist  die  Zeugungskraft  am  stärksten,  weil  diese  alle  andern
zu  ernähren  haben.  Die  Individuen,  aus  welchen  diese  bestehen, ­
  treten  zur  Beschaffung  von  Nahrungsmitteln  miteinander
in  Konkurrenz  und  bemühen  sich  andererseits,  dem  Verzehrtwerden ­
  durch  andere  Kategorien  zu  entgehen.  In  diesem  doppelten ­
  Kampf  ums  Dasein  unterliegen  die  Schwächern.
Die  Zahl  der  Individuen  einer  jeden  Art  hat  eine  von  der
Natur  gezogene  Grenze.  Vermehrt  sie  sich  darüber  hinaus,  so
vermehren  sich  sofort  die  Arten,  denen  sie  als  Nahrung  dient,
und  verringern  ihren  Überschuß.  Dieser  leidet  auch  unter
dem  Konkurrenzkampf  der  Individuen,  welche  ihn  ausmachen.
Wenn  jedoch  eine  Art  verringert  wird,  sei  es,  weil  sie  weniger
Nahrung  findet,  sei  es,  weil  die  Arten,  welche  sie  nährt,  sich
zu  stark  mehren,  so  bewirkt  die  Reduktion  eine  Mehrung  der
Zeugung  innerhalb  der  betreffenden  Art  oder  eine  Minderung
der  Zeugung  innerhalb  der  hohem  Arten,  bis  das  von  der  Natur
gewollte  notwendige  Gleichgewicht  wieder  hergestellt  ist.
Das  ist  das  Gesetz  der  Konkurrenz.  Es  ist  hart  und  grausam. ­
  In  der  Stufenleiter  des  Lebens  wird  der  Genuß  des  einen

*)  Gr.  de  Molinari,  Notions  fondamentales  d’économie  politique  et  programme ­
  économique,  Paris  1891,  p.  2  ff.  Cfr.  auch  H.  Pesch  8.  J.  Die  philosophischen ­
  Grundlagen  des  ökonomischen  Liberalismus,  Freiburg,  1899,  p.  232  ff.
        <pb n="96" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

75

durch  das  Leiden  des  andern  erkauft.  Auch  der  Mensch  ist
diesem  Gesetze  unterworfen.  Aber  schon  in  prähistorischer  Zeit
zeigt  sich  ein  wesentlicher  Vorzug  desselben.  Während  die
niederen  Gattungen  nur  die  Macht  zu  zerstören  besitzen  und
unfähig  sind,  die  Nahrungsmittel,  von  denen  sie  leben,  zu  vermehren, ­
  ist  das  Menschengeschlecht  nicht  in  Zahl  und  Bedürfnisbefriedigung ­
  durch  die  Fruchtbarkeit  der  Arten,  von  denen  es
lebt,  begrenzt,  sondern  es  kann  sich  durch  Ausübung  seiner
Produktivkraft  vermehren  und  sich  eine  höhere  Bedürfnisbefriedigung ­
  verschaffen.
Entwicklungsgeschichtlich  beginnt  allerdings  der  Mensch,
wie  die  niederen  Tierarten,  mit  ausschließlicher  Anwendung  der
Zerstörungskraft.  Die  Konkurrenz  zwischen  Mensch  und  Tier
geschieht  zunächst  durch  den  Krieg.  In  diesem  war  der  Mensch
ursprünglich  der  physisch  schwächere  Teil.  Aber  er  besaß  eine
Intelligenz,  die  höher  war  als  diejenige  seines  Konkurrenten.
Er  erfand  und  produzierte  die  Waffen,  mit  denen  er  jene  erschlug. ­
  Von  nun  an  gehörten  ihm  allein  die  Jagdgründe,  welche
er  vorher  mit  den  fleischfressenden  Tieren  zu  teilen  genötigt  war.
Die  von  den  Konkurrenten  der  Tierwelt  befreiten  menschlichen ­
  Jägerhorden  konnten  sich  jetzt  in  ausgiebigerem  Maße
vermehren.  Da  mußte  notwendig  ein  Augenblick  kommen,  wo
die  Zahl  der  menschlichen  Individuen  über  die  erreichbaren
Subsistenzmittel  hinaus  wuchs.  Man  hatte  nun  die  Wahl,  entweder ­
  den  Überschuß  durch  Kinderaussetzung  oder  Menschenopfer ­
  zu  beseitigen,  oder  durch  Raub,  Viehzucht  oder  Ackerbau
den  notwendigen  Unterhalt  für  die  zahlreichere  Bevölkerung  zu
gewinnen.  Welchen  dieser  Wege  die  primitiven  Stämme  wählten,
das  hing  von  der  Eigenart  der  einzelnen  ab.  Die  Stärkeren
griffen  zu  Mord  und  Raub;  die  Schwächeren  versuchten  es  erst
mit  der  Viehzucht,  welche  bereits  unendlich  ergiebiger  war,  als
die  Jagd  und  gingen  dann  zum  Ackerbau  über.
In  dem  Maße  als  die  fortschrittlichen  Stämme  produzieren
lernten,  anstatt  zu  zerstören,  wurden  sie  weniger  kriegstüchtig.
Sie  unterlagen  im  Kampfe  mit  den  unkultivierten  Jägerhorden,
während  in  der  primitiven  Epoche  des  Kampfes  zwischen  den
großen  Tierarten  und  dem  Menschen  der  Sieg  denen  gehörte,
welche  des  Fortschritts  am  fähigsten  waren.  So  erklärt  sich
die  Zerstörung  der  prähistorischen  Kulturen.
        <pb n="97" />
        76

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Die  Intelligenteren  unter  den  Jägerhorden  sahen  bald  ein,
daß  sie,  anstatt  die  Besiegten  zu  töten  und  zu  verzehren,  mehr
Vorteil  hätten,  dieselben  zu  unterwerfen  und  für  sich  arbeiten
zu  lassen.  An  Stelle  vorübergehender  Einfälle  trat  so  die  permanente ­
  Okkupation  der  kultivierten  Territorien  und  die  Sklaverei
ihrer  Bevölkerung.  Die  Sklaverei  sicherte  die  Zukunft  der
Kultur  i).
Der  Mensch  war  des  Menschen  Wild  gewesen  bis  die  Entdeckung ­
  und  Inanbaunahme  der  Nährpflanzen  sowie  andere
Fortschritte,  welche  die  Produktivität  der  menschlichen  Arbeit
vermehrten,  die  geregelte  Ausbeutung  der  betriebsamen  Völkerschaften ­
  einträglicher  gestaltet  hatten  als  Raub  und  Menschenfresserei. ­
  Das  war  der  Anfang  eines  neuen  Zeitalters,  in  dem
die  Kultur,  vor  Zerstörung  gesichert,  sich  entwickeln  und  schließlich ­
  das  Übergewicht  über  die  Barbarenwelt  erlangen  konnte.
Alle  auf  dem  Wege  zur  Kultur  befindlichen  Staaten 2 )  erscheinen ­
  damals,  wenn  auch  unter  verschiedenen  Formen,  so
doch  ähnlich  organisiert;  ein  herrschendes  Volk  besitzt  ein
Territorium  mit  einer  Bevölkerung,  welche  produktiv  tätig  ist,
und  beutet  diese  Domäne  aus,  entweder  im  Gesamteigentum,
oder  häufiger  in  Parzellen,  welche  den  einzelnen  Volksgliedern
individuell  zugeteilt  sind.  Wie  der  primitive  Stamm,  konstituiert
und  organisiert  die  herrschende  Klasse  eines  Staates  sich  unter
dem  Einfluß  der  Gesetze  der  Konkurrenz  und  der  Kraftersparnis.
Ihrerseits  ist  diese  Klasse  der  Konkurrenz  kriegerischer  Raubstämme
  wie  solcher,  welche  selbst,  wie  sie,  Staaten  besitzen,
ausbeuten  und  zu  vergrößern  trachten,  ausgesetzt.  Unter  dem
Druck  dieser  doppelten  Konkurrenz  ist  sie  bestrebt  :
1.  ihre  Militärmacht  aufs  höchste  zu  entwickeln;
2.  diejenige  Regierungsorganisation  zu  schaffen,  welche  die
Eintracht  ihrer  Glieder  und  deren  Zusammenwirken  zu  gemeinnützigen ­
  Unternehmungen  am  besten  sichert;
3.  das  System  der  Beherrschung  und  Ausbeutung  der  unterjochten ­
  Bevölkerung  so  zu  verbessern,  daß  diese  die  größtmöglichen ­
  Hilfsquellen  abwirft.
Im  Verlaufe  der  geschichtlichen  Entwicklung  lehren  Be-*)

  G.  de  Molinari,  loc.  eit.  p.  10  ff.
3)  ibid.  p.  12  ff.
        <pb n="98" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

77

obacbtung  und  Erfahrung  die  Eroberer,  daß  die  Freiheit  produktiver ­
  ist,  als  die  Knechtschaft.  Je  notwendiger  die  kriegerische
Konkurrenz  ihnen  die  Mehrung  ihrer  Kräfte  und  Hilfsmittel  erscheinen ­
  läßt,  um  so  eher  sind  sie  zum  Verkauf  der  Freiheit
an  die  Unterjochten  geneigt.  So  verschwindet  die  Unfreiheit
graduell.  Je  vollkommener  die  Freiheit  wurde,  je  allgemeiner
die  meisten  Produktionszweige  durch  Beseitigung  der  Monopole
aller  Art  zugänglich  wurden,  desto  mehr  konnte  sich  die  Produktion ­
  unter  dem  Antrieb  einer  neuen  Art  von  Konkurrenz,
der  'produktiven  oder  wirtschaftlichen  verbessern.
Die  Sklaverei,  die  Hörigkeit  und  Leibeigenschaft,  die  Gemeinschaften ­
  nach  Art  des  russischen  Mir,  das  Zunftwesen  des
Mittelalters  waren  die  Etappen,  durch  welche  die  arbeitende
Menschheit  hindurch  mußte,  um  zur  Freiheit  zu  gelangen,
welche  das  Maximum  der  produktiven  Kräfte  zur  Entfaltung
bringt.
Unter  dem  doppelten  Angriff  der  Gesetze  der  Kraftersparnis
und  der  Konkurrenz  haben  die  technischen  Fortschritte  in  den
Künsten  der  Zerstörung,  der  Regierung  und  der  Produktion  dazu
beigetragen,  den  Kriegen  ein  Ende  zu  machen,  indem  sie  eine
Lage  der  Dinge  schufen,  in  welcher  der  Krieg  unproduktiv  und
schädlich  geworden  ist,  nachdem  er  vordem  produktiv  und
nützlich  gewesen  war 1 ).
Unter  den  Urmenschen  und  Raubtieren  war  der  Krieg  die
nützlichste  und  produktivste  Form  der  Konkurrenz.  Auch  für
die  Jägerhorden  und  Raubmenschen  blieb  der  Krieg  gegenüber
den  andern  Raubmenschen  und  den  friedlichen  Varietäten
produktiver  als  jeder  andere  Arbeitszweig,  jede  andere  Form,
sich  den  Unterhalt  zu  verschaffen.  Die  Produktivität  des  Krieges
stieg  noch,  als  man  die  überwundenen  Stämme  nicht  mehr  vernichtete ­
  oder  verzehrte,  sondern  zu  Sklaven  machte.  Auch
unter  den  zivilisierten  Völkern  blieb  der  Krieg  vorerst  eine
Notwendigkeit.  Er  war  direkt  produktiv  für  den  Sieger,  dessen
Territorium  sich  erweiterte  und  dessen  Sklavenscharen  sich
mehrten,  indirekt  produktiv  für  alle  Konkurrenten,  weil  der
Krieg  und  die  Kriegsbereitschaft  die  Kampffähigkeit  der  Völker
erhielt  und  vergrößerte.

*)  ibid.  p.  19  ff.
        <pb n="99" />
        78

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

So  lange  die  Kultur  den  zerstörenden  Einfällen  der  Barbaren ­
  ausgesetzt  war,  blieb  der  Krieg  eine  Notwendigkeit  für
die  Völker.  Mit  der  Erfindung  der  Feuerwaffen  ging  die  Überlegenheit, ­
  welche  den  Barbaren  ihre  physische  Kraft  und  ihr
Kampfesmut  gaben,  auf  die  zivilisierten  Völker  über.  Diese
langumstrittene  Überlegenheit  wurde  in  dem  Maße  gesichert
und  gefestigt,  als  die  Kriegskunst  mehr  Wissen,  mehr  Kapital,
mehr  Intelligenz  und  mehr  sittliche  Kraft  erforderte.  Die  barbarischen ­
  Einfälle  hörten  nunmehr  auf,  weil  sie  nicht  mehr
produktiv  waren.  Die  zivilisierten  Völker,  welche  bis  dahin  in
ihren  Gebieten  auf  der  Defensive  geblieben  waren,  strömten  nach
und  nach  auf  die  Territorien  der  Barbaren  über  und  begannen ­
  sie  zu  erobern.  In  dem  Augenblick,  in  welchem  wir
leben,  nähert  sich  diese  Eroberung  der  Vollendung.  Die  unserer
Kultur  angehörigen  Völker  beherrschen  Europa,  Amerika,
Ozeanien,  haben  die  Vorherrschaft  in  Asien  und  beginnen  Afrika
unter  sich  zu  teilen.  Sie  haben  nicht  mehr  zu  fürchten,  wie
früher,  von  den  Barbaren  unterjocht  und  enteignet  zu  werden;
vielmehr  unterjochen  und  enteignen  sie  diese.  Der  indirekte
Nutzen,  den  sie  aus  dem  Kriege  zogen,  indem  er  sie  stählte
zum  Kampfe  gegen  barbarische  Invasionen,  fällt  somit  heute
weg.  Die  zur  Selbsterhaltung  nötige  Kraftanspannung  wird
heute  durch  die  wirtschaftliche  Konkurrenz  bewirkt.  Diese  hat
aber  auch  den  direkten  Nutzen  der  kriegerischen  Konkurrenz
ausgeschaltet.
Die  wirtschaftliche  Konkurrenz  („Concurrence  industrielle“)
ist  unvergleichlich  weniger  kostspielig  als  der  Krieg  *).  Bei
letzterem  wird  der  Überwundene  ganz  oder  teilweise  vernichtet.
Ein  großer  Verlust  von  Kraft  bleibt  hierbei  unvermeidlich,  und
das  ist  ein  Schaden  für  die  Gesamtheit  der  menschlichen  Gattung.
Mit  dem  wirtschaftlichen  Wettbewerb  verbindet  sich  dagegen
nicht  notwendig  ein  Verlust  von  Kräften.  Würden  alle  Konkurrenten ­
  eine  gleiche  Geschicklichkeit  und  Tätigkeit  entwickeln,
dann  könnten  auch  alle  den  gleichen  Vorteil  erlangen.  Entfalten ­
  sie  aber  eine  ungleiche  Geschicklichkeit  und  Tätigkeit,
so  wird  eine  Verschiedenheit  des  Gewinnes  die  Folge  sein.  Allerdings, ­
  wenn  die  Konkurrenz  in  vollstem  Maße  ihren  heilsamen

')  ibid.  p.  23  ff.
        <pb n="100" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

79

Druck  ausüben  kann,  dann  werden  die  Fähigsten,  das  sind  die
mit  der  größten  Kraftersparnis  Produzierenden,  allein  die  notwendige ­
  Vergeltung  ihrer  Mühen  und  Opfer  finden.  In  diesem
Falle  erleiden  die  weniger  Fähigen  einen  Verlust,  der  dem  Unterschied ­
  der  beiderseitigen  Produktionskosten  gleichkommt.  Fahren
sie  fort  zu  konkurrieren,  dann  setzen  sie  sich  ohne  Zweifel  dem
wirtschaftlichen  Ruin  aus.  Das  bedeutet  freilich  einen  Verlust
von  Kräften  für  sie  und  für  die  Allgemeinheit  ;  aber  sie  können
diesen  Verlust,  wenn  nicht  völlig  vermeiden,  so  doch  wenigstens
vermindern,  indem  sie  die  bisherige  Beschäftigung,  welche  ihre
Kräfte  übersteigt,  verlassen  und  eine  andere  ergreifen,  die  geringere ­
  Fähigkeiten  und  Hilfsquellen  fordert.
Dem  gewaltigen  direkten  Vorteil  der  wirtschaftlichen  Konkurrenz ­
  gegenüber  ist  der  direkte  Nutzen  des  Krieges  heute
vollständig  zurückgetreten.  Das  Streben  nach  Vergrößerung
des  Territoriums  und  nach  Erwerb  von  Sklaven  hat  aufgehört;
besteht  doch  die  Möglichkeit,  durch  gewerblichen  Fleiß  und
Handel  sich  in  den  Besitz  der  Produkte  fremder  Länder  zu
setzen.  Dazu  kommt,  daß  heutzutage  die  Produktionskosten
des  Krieges  ins  Unglaubliche  wachsen.  Ein  Krieg  zwischen
den  zivilisierten  Nationen  würde  Milliarden  verschlingen,  überdies ­
  noch  einen  ungeheuren  Schaden  für  Handel  und  Industrie
der  beteiligten  sowohl  als  der  neutralen  Völker  zur  Folge  haben.
Selbst  der  Sieger  dürfte  trotz  Kriegsentschädigung  und  Kontributionen, ­
  trotz  etwaiger  territorialer  Erweiterungen  so  schwere
Opfer  an  Menschen  und  Geld  bringen  müssen,  daß  auch  für
ihn  der  Kampf  sich  nicht  mehr  rentieren  würde.  Nachdem  also
der  Krieg  ursprünglich  das  produktivste  der  Gewerbe  war,  hat
er  heute  aufgehört,  seine  Kosten  zu  decken.  Das  Gesetz  der
Kraftersparnis  bewirkt  dessen  Beseitigung.
Die  heutigen  Staaten  verharren  aber  noch  immer  bei  einer
Politik,  welche  dem  Kriegszustand  angepaßt  ist.  Despotismus
und  Zentralisation  sind  deren  Hauptmerkmale.  Nach  innen
bedeutet  sie  Freiheitsbeschränkung  und  Schutzsystem  ;  nach  außen
Vermehrung  der  Macht  des  eigenen  Volkes  und  Schwächung
der  Macht  der  konkurrierenden  Nationen 1 ).
Das  Schutzsystem  hat  seine  Berechtigung  in  der  Ver-')

  ibid.  p.  29  ff.
        <pb n="101" />
        r-80

  Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule
gangenheit  gehabt.  Mit  dem  Wegfall  der  kriegerischen  Konkurrenz ­
  ist  es  aber  völlig  zwecklos  geworden  und  kann  nur
schädlich  wirken.
In  den  ersten  Zeiten  der  Kultur  gab  es  fast  ausschließlich
nur  innern  Tausch.  Außenhandel  gab’s  nur  für  eine  kleine
Anzahl  von  Luxus  waren.  Eine  Verkehrsunterbrechung  in  Kriegszeiten ­
  beraubte  also  die  Völker  weder  der  Existenz,  noch  der
Verteidigungsmittel.  In  dem  Maße  aber,  als  sich  Industrie  und
Verkehrsmittel  entwickelten,  nahm  der  Außenhandel  zu.  Da
zeigte  sich  die  natürliche  Inkompatibilität  des  Außenhandels  und
des  Krieges.  Weil  der  Außenbezug  von  zur  Existenz  notwendigen ­
  Gütern  im  Kriegsfall  in  Frage  gestellt  werden  konnte,
so  konnte  es  nützlich  erscheinen,  den  Handel  damit  zu  unterdrücken. ­
  Allerdings  hatte  man  in  diesem  Falle  teurere  Preise
für  die  im  Inland  hergestellten  Produkte  zu  zahlen,  als  wenn
man  sie  vom  Ausland  bezogen  hätte.  Der  Preisunterschied
stellte  eine  Prämie  dar  für  die  Sicherheit  und  das  Vorhandensein ­
  von  Existenzmitteln  im  Kriegsfall.  Andererseits  sicherte
der  Schutzzoll  eine  Verwendungsgelegenheit  für  die  im  Inland
vorhandenen  Kapitalien  und  Arbeitskräfte  zu  einer  Zeit,  wo
sie  draußen  nur  schwer  und  unsicher  zu  verwerten  waren.
Auch  vermehrte  er  die  innere  Produktion  der  geschützten
Güter,  wenn  er  auch  die  Gesamtproduktion  verringerte.
Das  Schutzzollsystem  ergänzte  also  die  allgemeine  äußere
Politik  des  Kriegszustandes.  Es  schloß  Handelsbündnisse  und
-Verträge  nicht  aus,  ordnete  diese  aber  den  politischen  Bündnissen ­
  unter.  Resultat  desselben  war  aber  Vermehrung  der
Lasten  für  die  Allgemeinheit  der  Kulturvölker,  weil  die  einheimischen ­
  Konsumenten  den  einheimischen  Produzenten  für
die  geschützten  Produkte  mehr  zahlen  mußten,  als  wenn  der
Handel  frei  gewesen  wäre,  und  Verringerung  der  Produktivkraft
der  Menschheit,  wegen  der  künstlichen  Züchtung  der  verschiedenen ­
  Gewerbe  an  ungünstigem  Standort.  Das  war  aber  nur
der  geringere  Schaden  des  Kriegszustandes  und  der  ihm  angepaßten ­
  Handelspolitik.
In  dem  Maße,  als  sich  die  wirtschaftliche  Konkurrenz
entwickelte,  hat  sich  über  alle  Zoll-  und  politischen  Grenzen
hinaus  ein  Wirtschaftsstaat  gebildet,  in  welchen  jedes  Volk  seinen
        <pb n="102" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

81

Anteil  zum  Tausch  einbringt 1 ).  In  diesem  neuen  Staate,  der
sich  bereits  über  den  größten  Teil  der  Erde  erstreckt,  verkehren
Produkte,  Kapitalien  und  Arbeitsverkäufer  aller  Nationen.  Diese
haben  aufgehört,  vom  Auslande  unabhängig  zu  sein;  zum  Ersatz ­
  dafür  werden  sie  durch  die  Solidarität  der  Interessen,  welche  der
Tausch  verkehr  zwischen  ihnen  begründet,  und  zwar  umsonst,  vor
den  Gefahren  bewahrt,  gegen  welche  das  Schutzzollsystem  sie
unter  großen  Kosten  schützen  sollte.  Dieses  System  hemmt  aber,
wo  es  andauert,  die  Schaffung  und  Ausdehnung  der  Interessensolidarität, ­
  in  der  allein  ein  wirksamer  Schutz  für  die  allgemeine ­
  Sicherheit  liegt.  In  der  neuen  Lage  der  Dinge,  die  für
Produkte,  Kapitalien  und  Arbeit  einen  Weltmarkt  geschahen
hat,  ist  der  Schutzzoll  ein  Hemmnis  für  den  Fortschritt  und
die  Entwicklung  der  Industrie  und  eine  Ursache  der  Verarmung
und  Dekadenz  derjenigen  Nationen,  welche  ihm  treu  bleiben.
Früher  hatte  die  Verteuerung  des  Konsums,  die  das
Schutzzollsystem  bewirkte,  eine  doppelte  Kompensation  :  einmal
in  der  Sicherheit  der  Verproviantierung,  welche  die  Unabhängigkeit ­
  vom  Ausland  mit  sich  brachte,  dann  in  der  Verwendungsgelegenheit, ­
  welche  es  den  disponiblen  Arbeitskräften  und  Kapitalien ­
  im  Inland  sicherte.  Heute,  wo  die  Interessensolidarität
der  Völker  die  Verproviantierung  kostenlos  sichert,  wirkt  das
Schutzzollsystem,  da  es  die  Ausdehnung  des  internationalen
Handels  hemmt,  der  Sicherheit  der  Verproviantierung  eher  entgegen. ­
  Ebenso  verringert  es,  indem  es  die  inländischen  Kapitalien ­
  und  Arbeitskräfte  im  Lande  festhält,  die  Verwendungsgelegenheit ­
  derselben.
Es  ist  darum  notwendig  geworden,  die  politischen,  moralischen ­
  und  wirtschaftlichen  Gesetze  und  Einrichtungen,  welche
den  Kriegszustand  und  die  davon  beeinflußte  Handelspolitik
künstlich  aufrecht  erhalten,  zu  beseitigen.  Dieses  zu  veranlassen,
ist  die  Aufgabe  der  Nationalökonomie.  Zwar  würden  die  wirtschaftlichen, ­
  politischen  und  moralischen  Probleme,  welche  die
Schaffung  des  Friedenszustandes  stellt,  unter  dem  Antrieb  der  Gesetze ­
  der  Kraftersparnis  und  der  Konkurrenz  auch  ohne  die
Dazwischenkunft  der  Wissenschaft  gelöst,  aber  nur  auf  dem
Wege  kostspieligen  Tastens  und  Versuch  ens.  Letzteres  erspart  die

b  ibid.  p.  33.
de  Wall  a,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

6
        <pb n="103" />
        82

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Wissenschaft,  indem  sie  die  Lehren  der  Beobachtung  und  Erfahrung ­
  sammelt 1 ).
Gegenstand  der  Wirtschaftswissenschaft  sind  die  Erscheinungen ­
  der  Produktion,  der  Verteilung  und  des  Verbrauchs  von
Brauchbarkeiten.  Sie  alle  werden  durch  die  Naturgesetze  der
Kraftersparnis  und  der  Konkurrenz  regiert.
Im  Mittelpunkt  des  Wirtschaftslebens  steht  der  Wert.  Der
Wert  ist  eine  durch  Arbeit  erzeugte  Brauchbarkeit 2 ).  Die  Wirksamkeit ­
  des  Gesetzes  der  Konkurrenz  wird  auf  ein  Maximum  erhöht ­
  durch  das  Mitwirken  des  Gesetzes  der  Progression  der  Werte.
Dieses  besagt,  daß  der  Wert  eines  Gutes  nicht  bloß  proportioned ­
  zur  gesteigerten  Nachfrage,  sondern  progressiv  steigt.
„Wenn  das  Verhältnis  der  Mengen  zweier  Produkte  oder  Dienstleistungen, ­
  welche  zum  Tausch  angeboten  werden,  in  arithmetischer ­
  Progression  wechselt,  so  wechselt  das  Verhältnis  der
Werte  dieser  beiden  Produkte  in  geometrischer  Progression“ 3 ).
Die  Erzeugung  von  Brauchbarkeiten  geschieht  durch  die
Betätigung  des  Kapitals.  Man  nennt  sie  Arbeit;  sie  ist  Arbeit
des  Menschen,  Arbeit  der  Natur,  Arbeit  der  Maschinen  und
Werkzeuge.  Das  Kapital  ist  ein  persönliches,  unbewegliches
oder  bewegliches 4 ).  Persönliches  Kapital  sind  Unternehmer,  Angestellte ­
  und  Arbeiter;  unbewegliches  Kapital  sind  angeeignete
Naturkräfte,  insbesondere  Boden,  Meliorationen,  Gebäude,  Maschinen ­
  und  Werkzeuge;  bewegliches  Kapital  sind  Rohstoffe  und
Vorschüsse  an  Lebens-  und  Unterhaltsmitteln.  Diese  drei  Arten
von  Kapital  oder  Produktionsagentien  sind  in  verschiedenem

*)  ibid.  p.  52.
2 )  ibid.  p.  57.
3 )  Es  gibt  jedoch  Unterschiede  im  Aufbau  dieser  Progression,  je  nachdem
das  betreffende  Gut  oder  die  betreffende  Dienstleistung  ein  mehr  oder  weniger
notwendiges  Bedürfnis  zu  befriedigen  geeignet  ist.  Im  Falle  einer  Hungersnot
steigert  die  Verringerung  der  auf  dem  Markte  angebotenen  Getreidemengen  den
Getreidepreis  in  geometrischer  Progression.  Wenn  es  sich  um  weniger  notwendige ­
  Artikel  handelt,  z.  B.  um  Orangen,  verringert  jede  Preissteigerung  die
Nachfrage  fühlbar  und  so  wird  die  Preissteigerung  verlangsamt.  Welches  aber
auch  die  Waren  seien,  um  die  es  sich  handelt:  die  Zu-  oder  Abnahme  der  angebotenen ­
  Menge  bewirkt  immer  eine  Zu-  oder  Abnahme  des  Preises,  die  der
angebotenen  Menge  nicht  einfach  proportional  ist,  sondern  progressiv  steigt  oder
fällt,  ibid.  p.  68.
4 )  ibid.  p.  56.
        <pb n="104" />
        83

Die  Gruppe  der  Unentwegten

Verhältnis  vereinigt,  je  nach  Art  der  Produktion;  unter  dem
Einfluß  des  Fortschritts  wird  dieses  Verhältnis  verschoben  *).
Das  Gesetz  der  Kraftersparnis  hat  zur  Arbeitsvereinigung,
dann  zur  Arbeitsteilung  geführt.  Arbeitsteilung  aber  impliziert
Tausch.  Diese  drei:  Arbeitsvereinigung,  Arbeitsteilung  und  Tausch
sind  die  wesentlichen  Merkmale  des  heutigen  Wirtschaftslebens.
Der  Tausch  geschieht  nach  den  Gesetzen  von  Angebot  und
Nachfrage,  der  Konkurrenz  und  der  Progression  der  Werte.
Von  den  Ausführungen  Molinaris  über  die  drei  Kapitalarten ­
  oder  Produktionsagentien  seien  nur  diejenigen,  welche  das
persönliche  Kapital  betreffen,  herangezogen.
Die  Produktion  des  Menschen 1  2 )  gehorcht  denselben  Gesetzen
wie  die  der  andern  Brauchbarkeiten.  Sie  ist  ein  Unternehmen
wie  jedes  andere.  „Dieses  Unternehmen  muß  seine  Kosten
decken,  damit  die  Produktion  fortgesetzt  werden  könne,  und
muß  einen  Reingewinn  abwerfen,  damit  sie  vermehrt  werden
könne.  Das  geschieht  offenkundig,  wenn  die  Produktion
des  Menschen  unter  dem  Regime  der  Sklaverei  geschieht.
In  den  Sklavenstaaten  der  amerikanischen  Union  zum  Beispiel
war  die  Sklavenproduktion  ein  wichtiger  Zweig  der  Landwirtschaft; ­
  sie  war  spezialisiert  und  in  Gegenden  zentralisiert ­
  worden,  wo  sie  mit  den  geringsten  Kosten  und  dem
größten  Gewinn  bewerkstelligt  werden  konnte“ 3 ).  Aber  die
wirtschaftlichen  Naturgesetze  regieren  die  Produktion  der  Freien
ebenso  wie  die  der  Sklaven.  „Die  Produktion  des  Menschen
geschieht  immer  in  Voraussicht  eines  Gewinnes;  nur  die  Natur
dieses  Gewinnes  wechselt.  An  Stelle  des  gewerblichen  Gewinnes,
den  der  Sklavenzüchter  anstrebte,  tritt  ganz  oder  teilweise  ein
physisch-ethischer  Gewinn.  ...  In  den  unteren  Klassen  bringt  die
Produktion  des  Menschen  einen  Gewinn,  der  zugleich  gewerblich ­
  und  physisch-ethisch  ist.  Der  gewerbliche  Gewinn  besteht
in  der  so  frühzeitig  als  möglich  beginnenden  und  so  lange  als
möglich  ausgedehnten  Ausbeutung  der  Arbeit  der  Kinder;  der
physisch-ethische  besteht  in  den  Freuden  des  Familienlebens.
....  In  den  oberen  Klassen  ist  letzterer  der  einzige,  der  aus

1)  ibid.  p.  171  und  185.
2 )  ibid.  p.  90  ff.
3 )  ibid.  p.  91.
        <pb n="105" />
        Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

84

der  Produktion  des  Menschen  gewonnen  wird.  Darum  ist  die
Kinderzeugung  manchmal  überreichlich  in  den  unteren  Klassen,
während  sie  in  den  oberen  ungenügend  bleibt  und  es  von  Tag
zu  Tag  mehr  wird  Die  Produktion  des  Menschen  wird,
wie  jede  andere,  begrenzt,  einmal  durch  das  dafür  verfügbare
Kapital  und  vorher  durch  den  Gewinn,  welchen  sie  einbringen
kann,  und  dessen  Höhe,  verglichen  mit  derjenigen  des  Gewinnes
der  andern  Produktionszweige.  Bei  der  Sklavenproduktion  bestimmte ­
  die  Nachfrage  die  Höhe  des  Gewinnes  .  .  .  .,  bei  der
Produktion  der  Freien  geht  es,  genau  betrachtet,  ebenso.  Wenn
die  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  das  Angebot  übersteigt,  z.  B.
nach  einer  Seuche  oder  einem  Kriege,  oder  wenn  neue  Erfindungen, ­
  Entwicklung  von  Verkehrsmitteln,  Verringerung  von
Zöllen  das  Absatzgebiet  der  Industrie  erweitern  und  damit  das
der  Arbeit,  so  steigt  der  Gewinnanteil  des  persönlichen  Kapitals.
Die  Menge  erhält  höhere  Löhne,  sie  kann  mehr  ersparen,  und
dieses  Mehr  an  Kapital  wird  natürlicherweise  zu  den  vorteilhaftesten ­
  Verwendungen  hingezogen.  Unter  diesen  Verwendungen ­
  steht  an  erster  Stelle  die  Aufziehung  eines  Mehrs  an
Bevölkerung.  ...  Im  entgegengesetzten  Falle,  wenn  der  Absatz
aus  irgend  einem  Grunde  stockt,  sinken  die  Löhne,  die  Kapitalersparnis ­
  ist  geringer,  der  Gewinn,  den  ein  auf  die  Produktion
des  Menschen  verwendetes  Kapital  abwirft,  verringert  sich,
und  die  Bevölkerungszunahme  nimmt  ab,  bis  das  Gleichgewicht
von  Angebot  und  Nachfrage  auf  dem  Arbeitsmarkte  auf  dem
Niveau  der  Produktionskosten  zuzüglich  des  Gewinnes,  welcher
dem  der  andern  Verwendungsarten  des  Kapitals  gleichkommt,
wieder  hergestellt  ist“  ').
„Es  gibt  eigentlich  keine  Bevölkerungsgesetze.  Es  gibt  Naturgesetze, ­
  welche  die  Produktion  des  Menschen  regieren  wie  jeden
andern  Produktionszweig“ 1  2 ).
Die  Naturgesetze  der  Kraftersparnis  und  der  Konkurrenz,
welche  die  Produktion  der  Brauchbarkeiten  regieren,  bestimmen
auch  deren  Verteilung  unter  die  Faktoren  der  Produktion:  persönliches, ­
  unbewegliches  und  bewegliches  Kapital 3 ).  „Die-1

 )  ibid.  p.  95—100.
2 )  ibid.  p.  110.
3 )  ibid.  p.  172  ff.
        <pb n="106" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

85

selben  Gesetze,  welche  den  Fortschritt  veranlassen  und  dessen
Früchte  allen  zuteil  werden  lassen,  verwirklichen  Ordnung  und
Gerechtigkeit  im  Wirtschaftsleben,  indem  sie  die  Produktion  mit
dem  Verbrauch  in  Einklang  bringen  und  jedem  Produktionszweig ­
  seine  notwendige  Entlohnung  verschaffen“  x ).
„Das  Naturgesetz  der  Verteilung  der  Resultate  der  Produktion ­
  unter  die  verschiedenen  Produktionsfaktoren  ist  die
Äquivalenz' i)  2 ).“  Sie  ist  ein  Korollar  der  beiden  Gesetze  der
Kraftersparnis  und  der  Konkurrenz.  Es  besteht  Äquivalenz
zwischen  den  verschiedenen  Verwendungen,  die  man  erspartem
Kapital  geben  kann,  sei  es,  daß  man  es  in  persönlichem,  unbeweglichem ­
  oder  beweglichem  Kapital  anlege.  Denn  wenn
eine  Verwendung  vorteilhafter  ist  als  die  andern,  strömen  sofort
die  Kapitalien  dorthin,  bis  die  Konkurrenz  die  Äquivalenz  der
Entlohnung  wieder  hergestellt  hat.
Die  notwendige  Entlohnung  des  persönlichen,  beweglichen
und  unbeweglichen  Kapitals  ist  Kostendeckung  zuzüglich  des  notwendigen ­
  Unternehmergewinns.  Der  notwendige  Unternehmergewinn ­
  ist  derjenige  Bruchteil  des  Reingewinns  eines  Unternehmens, ­
  der  strikt  erforderlich  ist,  um  die  verbrauchte  Zeit
zu  entlohnen 3 ).  Der  notwendige  Unternehmergewinn  verteilt
sich  proportional  auf  die  verschiedenen  Mitwirkenden  beim
Produktionsprozeß  (persönliches,  bewegliches  und  unbewegliches
Kapital).  Erhält  einer  der  drei  über  seinen  verhältnismäßigen
Anteil  hinaus,  so  wird  es  für  die.  Kapitalien  sofort  vorteilhaft,
jenem  zuzuströmen,  sei  er  Mensch  oder  Ding,  bis  das  Gleichgewicht ­
  wieder  hergestellt  ist.  Dasselbe  Gesetz,  das  die  Äquivalenz ­
  der  Gewinne  unter  den  verschiedenen  Produktionszweigen ­
  veranlaßt,  wirkt  ebenfalls  auf  die  Gleichmachung  der
Anteile  der  drei  Kapitalarten  innerhalb  eines  jeden  Produktionszweiges ­
  hin.  Man  darf  jedoch  nicht  aus  dem  Auge  verlieren,
daß  die  notwendige  Entlohnung  nur  ein  ideeller  Punkt  ist,  zu
welchem  die  tatsächliche  Entlohnung  hinstrebt 4 ).
Außerdem  unterliegt  die  naturgesetzliche  Entlohnung  des
persönlichen  Kapitals  einer  organischen  Störung,  welche  die  Arbeiter
i)  ibid.  p.  169.
*)  ibid.  p.  174.
9 )  ibid.  p.  168.
*)  ibid.  p.  211—212.
        <pb n="107" />
        86

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

allerdings  zu  beseitigen  in  der  Lage  sind  ff.  Sie  beruht  auf
der  Verknüpfung  der  Triebfedern  physisch  -  ethischen  und
gewerblichen  Gewinnes  dort,  wo  es  sich  um  die  Produktion
von  persönlichem  Kapital  handelt.  Weil  der  Arbeiter  von  der
Kinderzeugung  neben  dem  physisch-ethischen  Gewinn  einen
gewerblichen  durch  die  Ausbeutung  der  Arbeitskraft  seiner
Kinder  erwartet,  legt  er  selbst  dann  noch  seine  Ersparnisse  in
persönlichem  Kapital  an,  wenn  der  Gewinn,  den  dieses  abzuwerfen ­
  vermag,  unter  denjenigen  von  beweglichem  und  unbeweglichem ­
  Kapital  gesunken  ist.  „Wenn  die  Kinderzeugung
wie  in  den  höheren  Klassen,  eine  Last  für  die  Eltern  wäre,
statt  ihnen  einen  gewerblichen  Gewinn  einzutragen,  würde
wahrscheinlich  die  Zeugung  ungenügend  sein  und  der  Lohn
über  seinen  notwendigen  Satz  steigen“  2 ).
Neben  die  übermäßige  Kinderzeugung  als  Ursache  der
heutigen  prekären  Lage  der  Arbeiter  tritt  deren  Abhängigkeit
von  den  Unternehmern  3 ).  Bei  jedem  Unternehmen  geschieht  der
Einkauf  von  Rohstoffen  und  die  Miete  der  benötigten  Immobilien ­
  unter  Gleichheitsverhältnissen,  die  für  die  Anwerbung
von  Arbeitern  gewöhnlich  nicht  zutreffen.  Wenn  das  Preisangebot ­
  des  Unternehmers  den  Rohstoff  Verkäufern  und  Gebäudevermietern ­
  zu  gering  erscheint,  so  können  sie  warten,  bis  die
Marktlage  sich  zu  ihren  Gunsten  bessert.  Die  Arbeiter  aber
können  nicht  warten,  weil  sie  keinen  genügenden  Vorschuß  an
Unterhaltsmitteln  besitzen.  Weil  deshalb  das  Arbeitsangebot
intensiver  ist  als  das  Lohnangebot,  kann  der  Lohn  unter  den
notwendigen  Satz  sinken.  Dieses  Sinken  „kommt  zum  Ausdruck
in  übermäßiger  Arbeitsdauer  und  ungenügender  Entlohnung.
Die  Unternehmer,  nicht  nur  die  Arbeiter,  haben  an  dieser  Sachlage ­
  Schaden.  Zunächst  veranlaßt  allerdings  ein  Sinken  der
Löhne  das  Steigen  des  Unternehmergewinns  ;  dies  aber  zieht  die
Kapitalien  in  die  betreffende  Branche,  und  die  Konkurrenz  bewirkt ­
  alsbald  das  Sinken  des  Unternehmergewinnes,  häufig  unter
die  ursprüngliche  Höhe.  Der  Konsument  profitiert  alsdann  von
der  geringen  Lohnhöhe.  Aber  nicht  lange.  Denn  ungenügend
entlohnte  Arbeit  verliert  rasch  an  Qualität,  wenn  nicht  an

')  ibid.  p.  218
2 )  ibid.  p.  219.
3 )  ibid.  p.  212  ff.
        <pb n="108" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

87

Quantität,  und  das  Ende  vom  Lied  ist  Verschlechterung  und
Verlust  von  Produktivkräften  und  Dekadenz  der  Industrie“ x ).
Um  hier  Remedur  zu  schaffen,  müssen:  L  die  Umstände,  welche
den  Arbeiter  der  Gewalt  des  Unternehmers  ausliefern,  und
2.  die  unordentlichen  Gelüste  und  die  schmutzige  Berechnung,
welche  ihn  treiben,  sich  übermäßig  zu  vermehren,  geändert
werden.  Dazu  sind  geeignet  die  Mobilisierung  der  Arbeit  mittels
Arbeitsbörsen  und  die  Verringerung  des  Gewinnes  aus  der  Ausbeutung ­
  der  Kinderarbeit.
Mit  diesen  Forderungen  sind  wir  zu  Molinaris  Wirtschaftspolitik, ­
  welche  er  in  seinem  Programme  Economique
entwickelt,  gelangt.  Sie  erstreckt  sich  auf  folgende  Gebiete  :
Freihandel,  Versicherung  gegen  den  Krieg,  Vereinfachung  des  Staates,
Vereinheitlichung  der  Märkte,  Mobilisierung  der  Arbeit,  self  government ­
  und  angängige  Bevormundung 1  2 ).
1.  Der  Freihandel.  Die  historische  Begründung  des  Freihandelspostulates ­
  bei  Molinari  wurde  oben  skizziert.  Molinari
faßt  sie  zusammen  in  den  Satz:  „Der  Freihandel  ist  die  unentbehrliche ­
  Vorbedingung  des  Fortschritts  der  Konkurrenz,
die  das  Vehikel  aller  andern  Fortschritte  ist“  3 ).
2.  Versicherung  gegen  den  Krieg.  „Da  der  Krieg,  nachdem
er  produktiv  gewesen,  schädlich  geworden  ist  und  einen  Verlust
an  vitalen  Kräften  verursacht,  welcher  nicht  mehr  durch  Erhöhung ­
  der  gemeinsamen  Sicherheit  ausgewogen  wird,  so  verlangt ­
  das  allgemeine  und  permanente  Interesse  des  Menschengeschlechtes ­
  die  Beseitigung  des  Krieges“  und  die  Reduktion
der  stehenden  Heere  der  Kulturvölker  auf  ein  Mindestmaß 4 ).
Molinari  schlägt  die  Gründung  einer  Liga  der  Neutralen  zur  Erhaltung ­
  des  Friedens  unter  den  Kulturvölkern  vor.  Ihre  Mission ­
  bestände  darin,  „ihre  Kräfte  zu  denen  eines  jeden  durch
einen  andern  angegriffenen  Staates,  welches  auch  der  Grund
oder  der  Vorwand  des  Angriffs  sei“,  zu  fügen.  „Die  Intervention ­
  der  Liga  würde  den  Krieg  unmöglich  machen.“  Auf
diese  Weise  würden  die  Kriegsrüstungen  zum  großen  Teil  unnütz ­
  werden.  Unter  dem  Druck  der  öffentlichen  Meinung
1)  ibid.  p.  219—220.
2 )  ibid.  p.  381  ff.
3 )  ibid.  p.  390.
4 )  ibid.  p.  890—391.
        <pb n="109" />
        Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

88

würden  sie  auf  ein  Mindestmaß  reduziert,  „welches  nur  mehr
in  der  zur  Gewährleistung  der  Sicherheit  im  Innern  notwendigen ­
  Polizeimacht  und  in  einem  zur  internationalen  Heeresmacht ­
  gestellten  Kontingent  bestehen  würde.  Diese  Macht  hätte
zur  Aufgabe,  jede  Nation,  ob  zivilisiert  oder  nicht,  zu  verhindern, ­
  den  Frieden  zu  brechen.  Da  nun  der  Krieg  in  der  Gemeinschaft ­
  der  Kulturvölker  verboten  wäre,  wie  er  es  zwischen
Individuen  einer  Volksgemeinschaft  ist,  würden  die  Zwistigkeiten, ­
  welche  unter  den  Staaten  entständen,  durch  Schiedssprüche, ­
  oder  durch  von  der  Liga  eingesetzte  und  anerkannte
Gerichtshöfe,  deren  Urteilssprüche  durch  das  Ligaheer  in
Vollzug  gesetzt  werden  könnten,  geregelt.  Diese  Friedensversicherung ­
  würde  der  Kulturwelt  alle  äußere  Sicherheit  verschaffen, ­
  deren  sie  gegenüber  dem,  was  von  der  unzivilisierten
Welt  bleibt,  bedarf,  und  würde  die  Kosten  ihres  Verteidigungsapparates ­
  um  wenigstens  neun  Zehntel  verringern,  sowie  ihr
die  Schäden  innerer  Kämpfe  ersparen,  welche,  nachdem  sie
nützlich  gewesen  waren,  schädlich  geworden  sind“ 1 ).
3.  Vereinfachung  des  Staates.  „Der  Staat  war  ursprünglich
und  ist  noch  in  erster  Linie  ein  Versicherungunternehmen  zum
Schutze  von  Leben  und  Eigentum.  Das  ist  seine  natürliche
Funktion  und  das  ihm  eigentümliche  Gewerbe,  ob  es  nun  von
einer  Gesellschaft,  einer  Kaste  oder  einer  Dynastie,  wie  unterm
ancien  régime,  oder  von  den  Sicherheitskonsumenten  selbst,
wie  heute,  ausgeübt  wird 2 ).  .  .  .“  So  lange  der  Staat  eine
Festung  war,  die  beständig  belagert  wurde,  oder  in  Gefahr  war,
es  zu  werden,  mußte  man  möglichst  alles  im  Innern  produzieren, ­
  zahlte  aber  auch  mehr  dafür,  was  eine  Sicherheitsprämie
bedeutete.  So  war  es  zur  Zeit  des  Kriegszustandes.  Dieses
wird  heute,  dem  Gesetz  der  Kraftersparnis  zum  Trotz,  ungerechtfertigterweise ­
  verlängert.  „Den  Staat  vereinfachen,  die
Regierungen  auf  die  Rolle  von  Sicherheitsproduzenten  reduzieren, ­
  indem  man  ihnen  alle  Attributionen  und  Funktionen

x )  ibid.  p.  392—393.  Vgl.  hierzu  auch  G.  de  Molinari,  Morale  économique, ­
  Paris  1888,  Anhang:  Projet  d’association  pour  l’établissement  d’une  ligue
des  Neutres  und  G.  de  Molinari,  Questions  d'économie  politique  et  de  droit
public,  Paris  1861,  Bd.  II,  p.  273  ff.
2 )  Molinari,  loc.  cit.  p.  361.
        <pb n="110" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

89

nimmt,  welche  sie  usurpiert  haben  und  täglich  mehr  aus  dem
Gebiete  der  Privattätigkeit  ungerechtfertigterweise  an  sich
reißen,  in  einem  Wort:  an  die  Stelle  des  sozialistischen  Staates,
der  auf  dem  Wege  ist,  universeller  Produzent  zu  werden,
den  'Nachtwächterstaat  (état  gendarme)  der  Väter  der  Nationalökonomie ­
  zu  setzen,  das  ist  der  dritte  Artikel,  keineswegs  der
unbedeutendste,  eines  volkswirtschaftlichen  Programmes“  x ).
4.  und  5.  Vereinheitlichung  der  Märkte  und  Mobilisierung  der
Arbeit.  Verallgemeinerung  der  Sicherheit,  Beseitigung  oder
Verringerung  des  Hemmnisses  der  Entfernung,  kommerzielle
und  finanzielle  Veranstaltungen,  welche  Produkte  und  Kapitalien
von  den  Orten  der  Produktion  zu  denen  des  Verbrauchs
bringen,  haben  bereits  eine  weitgehende  Vereinheitlichung  der
Produkten-  und  Kapitalmärkte  bewirkt.  Eine  Folge  davon,
zunächst  bei  Artikeln  des  Massenbedarfs,  ist  die  Vereinheitlichung ­
  und  was  man  nennen  könnte  :  „Impersonalisation“  der
Preise 2 ).
Diese  Fortschritte  sind  jedoch  erst  in  sehr  unzureichendem
Maße  auf  die  Märkte  für  persönliches  Kapital  oder  Arbeit
vorgedrungen.  Dort  ist  die  Ungleichheit  in  der  Lage  der
Kontrahenten,  die  ungleiche  Intensität  des  Bedürfnisses  zu
verkaufen  und  zu  kaufen,  der  Hauptfaktor  der  Preisbildung
—  zu  Ungunsten  des  schwächeren  Teils  „der  Arbeiter“  —  geblieben ­
  3 ).
„Der  Weg  der  Koalitionen  und  der  Arbeitseinstellungen
ist,  trotz  deren  Kostspieligkeit  und  Schädlichkeit,  auf  beschränktem ­
  Markte  das  einzige  wirksame  Mittel,  über  welches  die  Arbeiter ­
  verfügen,  um  die  ungleiche  Intensität  der  Bedürfnisse  des
Arbeitsverkäufers  und  des  Käufers  zu  mildern,  insbesondere  wenn
der  Arbeiter  isoliert  einer  kleinen  Zahl  von  mächtigen  Unternehmern ­
  gegenübersteht.  Wird  aber  die  Arbeit  leichter  zu  mobilisieren, ­
  werden  die  isolierten  und  begrenzten  Märkte  der  Ware
„Arbeit“  miteinander  verbunden,  so  daß  sie  einen  allgemeinen
Markt  ausmachen,  auf  welchem  die  Konkurrenz  wirksam  sein
kann,  ohne  auf  Hindernisse  zu  stoßen,  so  wird  der  Preis  der
Arbeit  nicht  mehr  durch  die  Intensität  der  Bedürfnisse  der

!)  ibid.  p.  394-396.
a )  ibid.  p.  398  ff.
*)  ibid.  p.  334  ff.  und  p.  405.
        <pb n="111" />
        90

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Tauschenden  bedingt.  Vielmehr  wird  das  Verhältnis  der  (angebotenen ­
  und  verlangten)  Quantitäten  denselben  bestimmen,
wie  dies  schon  für  die  Cerealien,  Rohstoffe  und  beweglichen
Kapitalien  der  Fall  ist.  Dann  werden  Koalitionen  und  Arbeitseinstellungen ­
  den  Arbeitern  nichts  mehr  nützen,  sondern  schädlich ­
  sein.  Da  jede  Koalition  zum  Zweck  hätte,  die  Arbeit  mit
Beschlag  zu  belegen  und  deren  Angebot  auf  dem  unbeschränkten
Markte  zu  suspendieren,  so  würde  sie  fehlschlagen,  wie  es  die
Talg-,  Kupfer-  und  andere  Kartelle  getan  haben.  Sobald  man
dies  eingesehen  hat,  würden  die  Koalitionen  aufhören.  Unter
dem  regulatorischen  Einfluß  unbeschränkter  Konkurrenz  würde
der  Preis  der  Arbeit,  wie  der  der  andern  Waren,  um  den  Betrag ­
  der  Produktionskosten  zuzüglich  des  notwendigen  Unternehmergewinnes ­
  gravitieren.  Alsdann  würde  der  Bürgerkrieg
zwischen  Kapital  und  Arbeit  aufhören,  wie  es  mit  dem  Kampfe
zwischen  den  Produzenten  und  den  Konsumenten  der  notwendigen ­
  Lebensmittel  geschehen  ist,  als  der  Markt  derselben  der
Konkurrenz  frei  zugänglich  wurde.“
„Die  Mobilisierbarkeit  der  Arbeit  vermehren,  das  ist  der  Fortschritt, ­
  der  verwirklicht  werden  muß,  um  die  soziale  Frage  zu
lösen.  Dieser  Fortschritt  wird  bedingt:  einmal  durch  die  Vervielfältigung ­
  und  Verbilligung  der  Verkehrsmittel  .  .  .,  dann
durch  die  Entwicklung  des  Zwischenfaktors:  Handel  in  Arbeit,
nach  dem  Beispiel  der  Zwischenfaktoren  im  Produkten-  und
Effektenhandel“  ').
Dieser  Zwischenfaktor  bestand  für  die  Sklavenarbeit.  Wenn
er  für  die  freie  Arbeit  in  der  Entwicklung  zurückgeblieben  ist,
so  liegt  das  an  den  gesetzlichen  und  administrativen  Hemmnissen, ­
  welche  den  Stellenvermittlungsbureaus  und  Auswanderungsgesellschaften ­
  entgegengestellt  werden  ;  auch  an  dem  Mißtrauen, ­
  das  Arbeiter  und  Arbeitgeber  Zwischenpersonen  entgegen
bringen 2 ).
Völlig  ungeeignet,  die  nötige  Mobilisierung  der  Arbeit
herbeizuführen,  sind  die  Gewerkvereine;  denn  nicht  nur  sind  sie
allgemein  dem  Unternehmertum  feindlich  gesinnt,  sondern  sie
haben  auch  weder  Kapital,  noch  Kredit,  noch  Geschäftssinn,

')  ibid.  p.  405—406.
s )  ibid.  p.  403  und  p.  335  ff.
        <pb n="112" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

91

noch  Marktkenntnis.  Uebrigens  bleiben  die  Arbeitsorganisationen ­
  machtlos  an  denjenigen  Orten  und  in  denjenigen  Berufen, ­
  wo  das  Angebot  die  Nachfrage  übersteigt.  Hier  kann  nur
Mobilisierung  der  Arbeit  dem  Raume  nach  helfen  und  diese
kann  nur  eintreten  „durch  Schaffung  eines  Zwischenfaktors,  der
Arbeitsproduktion  und  Arbeitshandel  trennt.  Heute  muß  der
Arbeiter  noch  zumeist  die  beiden  natürlich  voneinander  verschiedenen ­
  Funktionen  des  Arbeitsproduzenten  und  des  Händlers ­
  in  Arbeit  verrichten.  Für  letztere  besitzt  er  weder  Zeit,
noch  Mittel,  noch  nötige  Marktkenntnis.  Allem  Anscheine  nach
wird  der  Handel  in  Arbeit  in  absehbarer  Zukunft,  ähnlich  dem
Handel  in  Getreide  und  Massenkonsumartikeln  und  so,  wie  er
es  zur  Zeit  der  Sklaverei  war,  von  Privatunternehmern  organisiert ­
  werden,  welche  mit  Kapitalien  gut  versehen  sind  und
prompte  und  sichere  Informationsmittel  besitzen,  um  regelmäßig ­
  die  Arbeit  von  dort,  wo  deren  Angebot  die  Nachfrage
übersteigt,  an  Orte  zu  schaffen,  wo  die  Nachfrage  höher  ist  als
das  Angebot“ 1 ).  Das  sind  Molinaris  Arbeitsbörsen,  von  denen
er  die  Lösung  der  sozialen  Frage  erwartet!
6.  und  7.  Selfgovernment  und  angängige  Bevormundung.  Eine
unparteiische  Untersuchung  der  Ursachen  der  heutigen  Leiden
der  Arbeiterklasse  zeigt,  daß  „die  Unfähigkeit  der  Arbeiter,  ihr
persönliches  Kapital  zu  verwalten“,  der  Mangel  an  individueller
Selbstführung  die  Hauptschuld  an  allem  Übel  trägt 2 ).
Die  „Verwaltung  des  persönlichen  Kapitals“  verlangt  Sparsinn ­
  und  Voraussicht;  sie  erheischt  eine  Verteilung  des  Einkommens ­
  auf  die  gegenwärtigen  und  die  zukünftigen  Bedürfnisse, ­
  sowie  auf  die  Wiedererzeugung  des  persönlichen  Kapitals.
Dem  Sklavenbesitzer  war  diese  Verteilung  leicht;  er  legte  dem
Sklaven  einfach  die  seinen  Interessen  entsprechenden  Regeln,
Unterhalt  und  Zeugung  betreffend,  auf.  Der  freie  Arbeiter,  der
sich  selbst  diese  Regeln  auferlegen  soll,  hat  häufig  nicht  die  genügende ­
  Kenntnis  von  seinem  Interesse  und  hat  außerdem
Schwierigkeiten  und  Versuchungen  zu  überstehen,  welche  der
Sklavenbesitzer  nicht  kannte.  Er  muß  Faulheit,  Trunksucht
und  Geschlechtstrieb  selbst  bekämpfen,  was  früher  für  ihn  der

*)  ibid.  p.  388.
s )  ibid.  p.  341  ff.  und  p.  410  ff.
        <pb n="113" />
        92

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Sklavenhalter  tat.  Seine  dem  Unternehmer  gegenüber  inferiore
Stellung  bewirkt,  daß  er  ungenügenden  Lohn  erhält.  So  kommt
er  dazu,  die  Arbeitskraft  seiner  Frau  und  seiner  Kinder  auf  den
Markt  zu  bringen.
Die  Befreiung  der  Arbeiter  aus  der  früheren  Bevormundung
(Sklaverei,  Hörigkeit,  Zünfte)  haben  zweifellos  die  Produktivität
der  Arbeit  erhöht  und  zu  dem  außerordentlichen  wirtschaftlichen ­
  Aufschwung  unserer  Tage  beigetragen.  Von  den  Vorteilen ­
  der  Freiheit  haben  die  befreiten  Klassen  den  größten
Teil  gehabt:  die  tüchtigsten  Individuen  haben  sich  zum  Wohlstand ­
  aufgeschwungen,  viele  haben  ihre  Lage  verbessert.  Die
Lage  der  Mehrzahl  hat  sich  allerdings  nicht  nur  nicht  im  Verhältnis ­
  zum  Anwachsen  des  Reichtums  gebessert,  sondern  ist
auch  elender  und  unsicherer  geworden  als  vorher.  Dies  liegt:
1.  an  der  künstlichen  Verlängerung  des  Kriegszustandes  und
des  Schutzsystems,  die  den  heutigen  Existenzbedingungen
der  zivilisierten  Völker  nicht  mehr  entsprechen  und  diesen
Lasten  auferlegen,  deren  Gewicht  letztlich  auf  die  ärmsten  und
zahlreichsten  Volksklassen  fällt;  2.  an  der  ungleichen  Stellung
der  Arbeiter  gegenüber  den  Arbeitgebern,  welche  eine  Folge
ungenügender  „Mobilisierbarkeit“  der  Arbeit  ist;  3.  an  der  Unfähigkeit ­
  der  Mehrheit  der  Arbeiterklasse,  ihren  Verbrauch  und
ihre  Wiedererzeugung  so  zu  regeln,  daß  sie  ihr  persönliches
Kapital  erhalten  und  zweckdienlich  vermehren.
Diese  Unfähigkeit  hat  sich  in  ganz  bedeutender  Zunahme
der  Trunksucht  und  in  maßloser  Kinderzeugung  geäußert 1 ).  Sie
hat  physische  und  ethische  Verkommenheit,  Pauperismus  und
Kriminalität  nach  sich  gezogen;  für  die  Gesamtheit  bedeutete
sie  einen  kolossalen  Verlust  an  Produktivkräften.  „Wenn  man
bedenkt,  daß  auf  die  destruktive  Konkurrenz  des  Kriegszustandes ­
  eine  produktive  Konkurrenz,  die  immer  tätiger  wird,
gefolgt  ist,  so  kommt  man  zu  der  Einsicht,  daß  diejenigen  Völker,
in  denen  die  meisten  Individuen  leben,  welche  unfähig  sind,
ihr  persönliches  Kapital  zu  erhalten  und  zweckdienlich  zu  verb
  „Diese  ist  weniger  auf  Rechnung  des  Mangels  an  Voraussicht  zu  stellen,
denn  auf  Rechnung  des  mangelnden  Verantwortlichkeitsgefühls  der  Vaterschaft
und  der  schmutzigen  Berechnung.  Die  egoistische  Ausbeutung  der  Kinderarbeit:
das  war  die  Haupt-,  wenn  nicht  die  einzige  Ursache,  welche  die  Vermehrung
der  Kinder  veranlaßte.“  G.  de  Molinari,  ibid.  p.  348.
        <pb n="114" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

93

mehren  .  .,  im  Kampfe  ums  Dasein  untergehen  und  denen  Platz
machen  müssen,  bei  denen  die  Menge  des  self  governments
fähiger  ist  oder,  wenn  nicht,  unter  einer  Bevormundung  steht
bezw.  sich  selbst  unter  eine  solche  stellt,  welche  die  Selbstführung ­
  ersetzt"*).
Der  Unfähigkeit  zur  Selbstführung  kann  entgegen  gewirkt
werden  durch  Repressionsmittel,  durch  Erziehung  zur  Selbstbestimmung ­
  und  durch  Bevormundung 2 ).
Die  Repressionsmittel,  über  welche  die  Völker  verfügen,
sind  die  öffentliche  Meinung,  die  öffentliche  Gewalt  und  die  Religion.
Ein  volkswirtschaftliches  Programm  wird  die  graduelle  Vervollkommnung ­
  dieses  dreigliedrigen  Apparates  als  Postulat  in  sich
aufnehmen  müssen.
Nützlicher  als  diese  Vervollkommnung  wäre  die  Vervollkommnung ­
  des  Individuums  und  seiner  Fähigkeit,  sich  selbst
zu  bestimmen.  Diese  wird  aber  nie  eine  vollständige  sein
können.  Zunächst  wird  sie  dem  Kinde  stets,  dem  Greise  häufigfehlen.
  Unter  den  erwachsenen  Individuen  wird  immer  nur  ein
Mehr  oder  Weniger  davon  zu  erreichen  sein.  „Daher  die  Notwendigkeit ­
  der  Bevormundung,  d.  h.  der  Regierung  der  Unfähigen
oder  minder  Fähigen  durch  die  Fähigern.  Die  Bevormundung  kann
oktroyiert  sein  :  z.  B.  diejenige  des  Staates  oder  die  des  Familienvaters ­
  bis  zur  gesetzlichen  Großjährigkeit  der  Kinder  ;  sie  kann
eine  freie  sein,  wenn  z.  B.  ein  Individuum  seinen  Willen  demjenigen ­
  eines  anderen  Individuums  oder  einer  Kollektivität
unterwirft,  die  es  zur  Wahrung  seiner  Interessen  für  fähiger
hält,  als  sich  selbst.  Nützlich  ist  aber  die  Bevormundung  nur,
insoweit  sie  die  Entwicklung  der  Fähigkeit  der  Individuen,  sich
selbst  zu  bestimmen,  nicht  hindert.  Das  Individuum  selbst  ist
der  beste  Richter  über  das  Maß  der  ihm  zuträglichen  Bevormundung, ­
  ausgenommen  im  Falle  gänzlicher  Unfähigkeit"  3 ).
Der  moderne  Staat  hat  die  Tendenz,  seine  Bevormundung,
nachdem  die  der  Feudalordnung  und  der  Zünfte  gefallen  ist,
das  Bedürfnis  nach  Bevormundung  aber  fortbestanden  hat,  auf
alle  Klassen  der  Gesellschaft  auszudehnen.  Er  ist  aber  zu  dieser

')  ibid.  p.  350—351.
2 )  ibid.  p.  414.
3 )  ibid.  p.  415—416.
        <pb n="115" />
        94  Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule
Funktion  völlig  ungeeignet.  „Der  Hauptfehler  seiner  Bevormundung ­
  ist  identisch  mit  dem,  der  die  Abschaffung  der  früheren
Bevormundungseinrichtungen  veranlaßt  hat.  Er  besteht  darin,
daß  jene  eine  oktroyierte  ist,  daß  sie  die  Individuen,  welche
fähig  sind,  sich  selbst  zu  bestimmen,  ebenso  erfaßt,  wie  die
unfähigen.  Damit  legt  sie  der  zweckmäßigen  Betätigung  der
Fähigen  Hindernisse  in  den  Weg,  um  die  Unfähigen  vor  den
schädlichen  Wirkungen  ihrer  Unfähigkeit  zu  bewahren.  Letztlich ­
  wird  auf  diese  Weise  ein  Verlust  von  Produktivkräften
für  die  Menschheit  veranlaßt“  *).  Man  wird  also  dahin  streben
müssen,  die  erzwungene,  allgemeine  und  monopolisierte  Bevormundung ­
  des  Staates  durch  freie  und  spezialisierte  Bevormundungen ­
  zu  ersetzen.
Die  Verwirklichung  seines  volkswirtschaftlichen  Programms
will  Molinari  auf  dem  Wege  der  Erziehung  und  Aufklärung
der  öffentlichen  Meinung  erreichen.  Er  schlägt  vor,  unter  Hinweis ­
  auf  den  Cobdenklub  und  dessen  Wirken,  eine  internationale
Liga  zu  gründen,  welche  die  Kenntnis  der  volkswirtschaftlichen
Naturlehre  möglichst  verbreiten  soll  ;  daneben  soll  dieselbe  eine
permanente  Enquete  führen,  um  die  schädlichen  Folgen  der  mit
den  Naturgesetzen  im  Widerspruch  stehenden  gesetzlichen  und
Verwaltungsmaßnahmen  und  andererseits  die  nützlichen  Wirkungen ­
  der  den  Naturgesetzen  entsprechenden  Reformen  der
Öffentlichkeit  zu  beweisen.  Von  einer  so  gearteten  Bearbeitung
der  öffentlichen  Meinung  erwartet  Molinari  eine  allgemeine  Abwendung ­
  vom  Sozialismus  und  den  endgültigen  Sieg  des  „laisser
faire,  laisser  passer“  2 ).
Wir  sind  bestrebt  gewesen,  in  obigem  ein  anschauliches
Bild  von  Molinaris  volkswirtschaftlichen  Anschauungen  zu
gewinnen,  wenn  auch  mit  der  Sorge,  keinen  wesentlichen  Zug
außer  acht  zu  lassen,  diejenige  tunlichster  Kürze  sich  paaren
mußte.  Molinaris  Denken  ist  ein  naturwissenschaftlichmathematisches, ­
  seine  mechanische  Auffassung  des  Wirtschaftslebens ­
  ist  auf  soziologischer  Grundlage  fundamentiert,  wie  bei
den  Physiokraten,  wie  bei  Dun  o  y  er.  Dabei  zeichnet  sich

*)  ibid.  p.  418—419.  Vgl.  auch  den  Anhang  von  Molinaris  Werk:  Les
lois  naturelles,  p.  307  if.
2 )  Cr.  de  Molinari,  loc.  eit.  p.  422  ff.
        <pb n="116" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

95

Molinari  dadurch  aus,  daß  die  charakteristischen  Merkmale
der  Naturlehre  des  Wirtschaftslebens  bei  ihm  schärfer  hervortreten, ­
  als  bei  irgend  einem  andern  Volkswirt  der  liberalen
Schule.
Molinari  versteht  es,  das  durchgreifende  Beherrschtwerden
aller  Gebiete  des  Wirtschaftslebens  durch  die  von  ihm  formulierten ­
  Naturgesetze  mit  unerreichter  Durchsichtigkeit  vorzuführen.
Nirgends  tritt  die  Selbsttäuschung  des  induktiven  Verfahrens
bei  tatsächlich  rigorosestem  Deduzieren  mehr  hervor,  als  in
seinen  Schriften.  Sein  Bestreben,  alles  unter  dieselben  Schablonen ­
  zu  rubrizieren,  macht  vor  nichts  Halt  :  die  Produktion  des
Menschen  wird  ein  Unternehmen,  wie  jedes  andere,  die  freien
Gaben  der  Natur  werden  zu  Kapital,  und  die  Grundrente  verschwindet, ­
  im  Unternehmergewinn,  unter  dem  alles  nivellierenden
Wirken  der  Konkurrenz.  Das  Streben  nach  dem  größtmöglichen ­
  Gewinn  erhält  einen  Herrschaftsbereich,  den  ihm  noch
keiner  zu  geben  gewagt  hat,  und  Löwe  und  Höhlenbär  werden
zu  zielbewußt  handelnden  Wirtschaftssubjekten.  Die  Oberflächlichkeit ­
  des  Räsonnements  übertrifft  die  sprichwörtlich  gewordene, ­
  gelegentliche  Seichtheit  J.  B.  Says,  und  Vernunft  und
Erfahrung  werden  in  erstaunlicher  Weise  dem  Spiele  der  Phantasie ­
  und  der  vorgefaßten  Meinung  geopfert.  Abstrakter  und
von  der  Wirklichkeit  abgewendeter  als  bei  Ricardo  ist  Molinaris ­
  Betrachtungsweise  dort,  wo  es  sich  um  die  Arbeiter
handelt.  Man  weiß  in  dieser  Beziehung  nicht,  wovor  man  sich
mehr  wundern  soll:  vor  seiner  ahnungslosen  Naivität  und  Unkenntnis ­
  des  Lebens  oder  vor  dem  seinen  Anschauungen
inhärenten  Zynismus.  Kein  Volkswirt  hat  die  Wissenschaft
mehr  zu  einer  Geschäftsnationalökonomie  des  Unternehmertums
herabgewürdigt  als  Molinari,  keiner  hat  die  Ablehnung  jeglicher ­
  Staatseinmischung  ins  Wirtschaftsleben  und  das  Evangelium ­
  unbedingter  Selbsthilfe  so  rücksichtslos  weit  verfolgt
wie  er.
Trotz  aller  Durchsichtigkeit  und  Folgerichtigkeit  in  der
allseitigen  Beleuchtung  des  Wirtschaftslebens  mit  den  Naturgesetzen ­
  der  Kraftersparnis  und  der  Konkurrenz,  kann  Molinari ­
  der  Vorwurf  einer  allgemeinen  Unklarheit  und  Verworrenheit ­
  in  der  Auffassung  der  von  ihm  rezipierten  evolutionistischen
Soziologie  Herbert  Spencers,  sowie  vieler  kleiner  logischer
        <pb n="117" />
        96

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Schnitzer  im  Aufbau  seines  Systems  nicht  erspart  bleiben.  Endlich ­
  äußert  sich  der  Mangel  an  kritischer  Durchbildung  des
Urteils,  auch  ein  charakteristisches  Merkmal  der  liberalen
Schule,  bei  Molinari  in  besonderer  Weise  in  der  Kühnheit,
mit  welcher  er  Hypothesen,  ganz  oder  halbirrige  Behauptungen
und  falsche  Deutungen  tatsächlicher  Verhältnisse  als  feststehende
Resultate  der  Wissenschaft  behandelt 1 ).
Dagegen  verdient  das  Unterfangen,  das  freiwirtschaftliche
Prinzip  historisch  und  evolutionistisch  zu  fundamentieren,  genau
wie  bei  D  uno  y  er  und  Coure  eil  e-Seneuil,  Anerkennung.
Bis  ein  solches  Unternehmen  aber  einen  definitiven  wissenschaftlichen ­
  Wert  beanspruchen  kann,  muß  ein  umfassenderer  Ausbau ­
  der  historischen  und  evolutionistischen  Soziologie,  als  ihn
Comte  und  Spencer  bieten,  und  als  überhaupt  heute  erreicht
ist,  abgewartet  werden.  Zur  Begründung  des  Freihandelspostulates ­
  und  der  Weltfriedensbestrebungen  wird  man  immerhin  bei
Molinari  brauchbare  Ideen  finden.
Frédéric  Passy,  geb.  20.  Mai  1822  in  Paris,  studierte  Jurisprudenz ­
  und  trat  als  „auditeur“  beim  Staatsrat  in  Paris  ein
Er  verließ  jedoch  bald  die  Verwaltungslaufbahn  und  widmete
sich  dem  Unterrichtsfach.  Unter  dem  zweiten  Kaiserreich  war
er  Professor  der  Nationalökonomie  an  den  Lehrerseminarien  der
Departements  Seine  und  Seine-et-Oise,  sowie  an  mehreren  Privatschulen. ­
  1863—65  hielt  er  eine  Reihe  von  Propagandakursen
in  mehreren  Städten  des  Südens  (Bordeaux,  Toulon,  Nizza  usw.)
ab.  1874—1902  hatte  er  die  Professur  für  Nationalökonomie
an  der  Ecole  des  Hautes  Etudes  Commerciales  inné.  1881—89
war  er  Mitglied  der  Abgeordnetenkammer.  Heute  lebt  er  zurückgezogen ­
  in  Neuilly  bei  Paris.
Frédéric  Passy,  der  Friedensapostel,  ist  eine  auch  in
Deutschland  wohlbekannte  und  gern  gesehene  Persönlichkeit.
Seit  vierzig  Jahren  ist  er  einer  der  Vorkämpfer  der  internationalen ­
  Friedensbestrebungen.  Er  erhielt  den  ersten  Friedenspreis ­
  der  Nobelstiftung  (1901).  Sehr  treffend  charakterisiert  ihn
Professor  Ch.  Gide  in  folgendem:  „F.  Passy  ist  der  Apostel  der

0  Vgl.  H.  Pesch,  8.  J.  loc.  cit.  p.  162.
        <pb n="118" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

97

liberalen  Schule.  Letzter  Schüler  Bastiats 1 )  und  jedenfalls
der  treueste  und  begeistertste,  hat  er  seit  mehr  als  vierzig
Jahren  den  Freihandel,  den  sozialen  Frieden,  die  Ersetzung  des
Krieges  durch  internationale  Schiedsgerichte,  wie  überhaupt
alles  Große  und  Edle  mit  einer  Überzeugung  und  einem  Feuer
verteidigt,  die  weder  die  Enttäuschung  noch  das  Alter  abzukühlen ­
  vermochten.  Er  versteht  es  vortrefflich,  Vorträge  zu
halten,  ist  mehr  Redner  als  Theoretiker.  Man  findet  etwas  in
ihm  vom  Geiste  Bastiats  und  etwas  von  der  Weisheit  Franklins.
Aber  neue  Ideen  darf  man  bei  ihm  nicht  suchen“  2 ).
Passys  zahlreiche  Publikationen  sind  entweder  Gelegenheitsschriften, ­
  oder  Sammlungen  von  Vorträgen.  Er  schreibt
äußerst  lebendig  und  eindringlich.  In  der  Polemik  kann  er
rücksichtslos  scharf  werden.  Geradezu  faszinierend  ist  sein  auch
heute  noch  von  jugendlichem  Feuer  durchglühter  Vortrag.  Inhaltlich ­
  ist  Passy  bei  Bastiat  stehen  geblieben.  Für  ihn  ist
Bastiat  das  letzte  Wort  der  Wissenschaft,  das  allein  selig
machende  Evangelium.  Passys  Vérités  et  Paradoxes  (1894)  sind
eine  Fortsetzung  der  Sophismes  Bastiats.  Die  kleine  Schrift  unternimmt ­
  es,  gewisse  alltägliche  Redensarten  von  volkswirtschaftlichen ­
  und  moralischen  Gesichtspunkten  aus  zu  widerlegen,  z.  B.
„Der  Gewinn  des  einen  ist  der  Schaden  des  andern“  ;  „Wer
sein  Vaterland  liebt,  muß  das  Ausland  hassen“  ;  „Si  vis  pacem
para  bellum“  usw.  In  den  60er  und  70er  Jahren  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  war  Passys  Tätigkeit  eine  wesentlich  propagandistische ­
  ;  soweit  der  Pazifismus  in  Frage  kommt,  ist  sie  das  auch
heute  noch.  Die  Fortschritte  des  Interventionismus  auf  wirtschaftlichem ­
  Gebiet  in  den  letzten  Jahrzehnten  haben  ihn  jedoch
in  eine  defensive  Stellung  gedrängt,  aus  welcher  heraus  er  unermüdlich ­
  und  mit  unerschütterlichem  Glauben  an  den  endgültigen ­
  Sieg  des  Freihandelspostulats  und  der  Selbsthilfe  auf
sozialpolitischem  Gebiete,  Pfeil  um  Pfeil  gegen  die  heutige  Richtung ­
  der  Wirtschaftspolitik  sendet.  Seine  Argumente  entnimmt
er  samt  und  sonders  den  Schriften  Bastiats 3 ).
0  Den  er  zwar  persönlich  nicht  kannte,  dessen  gesamte,  hinterlassene
Manuskripte  er  aber  besitzt.
2 )  Ch.  Gide,  loe.  cit.  in  Schmollers  Jahrbuch,  1895,  p.  717—718.
3 )  Vgl.  F.  Passy,  Pages  et  Discours,  Paris  1901  ;  La  loi  de  la  vie,  abondance ­
  ou  disette,  Paris  1908  usw.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

7
        <pb n="119" />
        98

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Yves  Guyot,  geb.  6.  Sept.  1843  in  Dinan  (Cotes-du-Nord)
ist  Publizist  und  Mitglied  einer  Reihe  von  Kommissionen,  ständigen ­
  Ausschüssen  usw.  Vorübergehend  war  er  Mitglied  des
Pariser  Gemeinderats,  der  Abgeordnetenkammer,  sowie  drei  Jahre
Minister  der  öffentlichen  Arbeiten.
Yves  Guyot  ist  ein  äußerst  dogmatischer  Geist  und  eine
temperamentvolle  Kampfnatur.  Sein  Denken  ist  ein  naturwissenschaftlich-mathematisches. ­
  Mit  statistischen  Daten  weiß  er
virtuos  umzugehen.  Er  ist  der  unversöhnlichste  und  leidenschaftlichste ­
  Gegner  des  Sozialismus  in  Frankreich  *).  Die  Prügel,
die  ihm  gelegentlich  in  reicher  Menge  für  seine  Polemik  verabreicht ­
  wurden,  haben  seinen  Kampfesmut  womöglich  noch
gesteigert.  Mit  kaum  geringerer  Verve,  als  gegen  den  Sozialismus, ­
  kämpfte  er  übrigens  auch  gegen  Protektionismus  und
Schutzzoll 2 ).  Die  meisten  seiner  Schriften  haben  eher  den  Charakter ­
  von  Tagesliteratur  als  den  von  wissenschaftlichen  Werken.
Eine  wirkliche  Kompetenz  besitzt  er  in  Geld-,  insbesondere  Währungsfragen, ­
  sowie  in  der  Zuckerfrage 3 ).  Er  hat  auch  ein  Lehrbuch ­
  der  Nationalökonomie  verfaßt,  das  wenigstens  den  Vorzug
der  Originalität  hat 4 ).
Die  Eigenart  dieses  Werkes  beruht  auf  dem  Formelsinn  des
Autors.  Er  rechtfertigt  diesen  wie  folgt:  „Die  Menschen  streben
immer  danach,  die  Gründe  ihres  Handelns  zu  vereinfachen.
Bewußt  oder  unbewußt  gelangen  sie  so  dazu,  sich  in  ihrem
Handeln  von  irgend  welcher  Formel  bestimmen  zu  lassen.
Darum  besteht  die  Arbeit  des  Forschers  darin,  falsche  Formeln

')  Gegen  den  Sozialismus  schrieb  er  hauptsächlich:  Tyrannie  Socialiste,
1893;  Les  Principes  de  1789  et  le  Socialisme,  1894;  La  Comédie  Socialiste,
1897  ;  Les  Conflits  du  Travail  et  leur  Solution,  1903  ;  Sophismes  Socialistes  et
Faits  Economiques,  1907;  Le  Collectivisme  Futur  et  le  Socialisme  Présent  und:
La  Banqueroute  du  Socialisme  Scientifique  in:  Journal  des  Economistes  vom
15.  Juli  1906  und  vom  15.  Februar  1907.
*)  Vg.  La  Comédie  Protectionniste,  1905.
8 )  La  Question  des  Sucres,  1903;  La  Question  de  l'Or,  1908;  vgl.  auch
Guyots  Artikel  in  dem  von  ihm  und  A.  Raffalovich  herausgegebenen  Dictionnaire ­
  du  Commerce,  de  l'Industrie  et  de  la  Banque,  2  Bde.  1900,  seine  Artikel
in  Revue  du  Commerce,  de  l’Industrie  et  de  la  Banque,  sowie  Buch  V  seines
Lehrbuchs  der  Nationalökonomie.
4 )  La  Science  Economique,  Schleicher,  Paris  1881,  3.  Aufl.  1907.
        <pb n="120" />
        ■~ T| '  şşWWņņņņņķMŞWņņņ

Die  Gruppe  der  Unentwegten  99
durch  richtige  zu  ersetzen 1 ).  Das  ganze,  dicke  Lehrbuch  strotzt
denn  auch  von  Formeln.  Diese  sind  bald  Definitionen,  bald
resümierende  Sätze,  bald  induktive  oder  auch  deduktive  Naturgesetze ­
  der  Volkswirtschaft.  G.  de  Molinari,  an  den  sich
Yves  Guyot  neben  Ad.  Smith,  H.  Spencer  und  Mac
Cull  och  hauptsächlich  anlehnt,  kennt,  wie  wir  sahen,  bloß
drei  oder  vier  wirtschaftliche  Naturgesetze.  Bei  Yves  Guyot
sind  es  einige  Dutzend.  Die  Gewinnung  eines  solchen  Naturgesetzes ­
  hat  ein  recht  ansprechendes  Aussehen.  Eine  partikuläre ­
  oder  eine  allgemeine  Tatsache  wird  in  der  Form  eines
Beispiels,  einer  statistischen  Tabelle  oder  einer  graphischen
Darstellung  hingeworfen.  Dann  wird  sie  im  Sinne  der  klassischen ­
  Lehre  interpretiert,  in  eine  Formel  gefaßt  und  das  „induktive ­
  Naturgesetz“  ist  fertig.  Es  gibt  aber  auch  „deduktive ­
  Naturgesetze“.  Als  solche  bezeichnet  nämlich  Guyot  jede
Anwendung  eines  induktiven  Gesetzes  auf  einen  neuen  Fall  von
verallgemeinerter  Tragweite.
Man  darf  sich  nun  nicht,  wie  es  Guyot  selbst  geschieht,
durch  den  äußern  Schein  dieses  Verfahrens  über  dessen  eigentliche ­
  Natur  täuschen  lassen.  Hinter  dem  ganzen  Apparat  von
Beispielen  und  Zahlen  verbirgt  sich  ein  streng  abstraktes,  vorbestimmtes ­
  und  deduktives  Denken.  Dies  kommt  Guyot  ebenso
wenig  zum  Bewußstsein,  wie  den  meisten  liberalen  Volkswirten,
welche  die  Nationalökonomie,  wie  sie  sie  lehren,  für  eine  Beobachtungswissenschaft ­
  halten.
Über  die  verwickelte  Kausalität  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  setzt  sich  Guyot  mit  ungetrübter  Sorglosigkeit
hinweg.  Er  polemisiert  in  diesem  Sinne  gegen  Brentano 2 )-.  „Abstraktionen ­
  in  der  Art  des  homo  oeconomicus  gehören  zur  wissenschaftlichen ­
  Methode.  Wenn  den  Menschen,  bei  seinen  wirtschaftlichen ­
  Handlungen,  Leidenschaften,  Sympathie  oder  Haß
bestimmen,  so  handelt  er  eben  nicht  vom  wirtschaftlichen,  sondern ­
  von  andern  Gesichtspunkten  aus;  die  Wirtschaftswissenschaft ­
  aber  hat  sich  nur  um  wirtschaftliche  Handlungen,  welche
von  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten  aus  geschehen,  zu  küm-')

  ibid.  (3.  Aufl.)  p.  XI.
2 )  L.  Brentano,  Die  klassische  Nationalökonomie,  1888.
        <pb n="121" />
        100

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

mern“  *).  Dementsprechend  setzt  sich  Guyot  zum  Ziele  „die
induktiven  Naturgesetze  zu  gewinnen,  in  welchen  die  universellen ­
  und  permanenten  Beziehungen  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  zum  Ausdruck  kommen“  2 ).
Yves  Guyot  ist  auf  zwei  Dinge  sehr  stolz  :  erstens  auf
seine  Wertdefinition,  und  zweitens  auf  seine  Lösung  des  vielhundertjährigen ­
  Widerspruchs  zwischen  Gebrauchs-  und  Tauschwert, ­
  vermittelst  genau  präzisierter  Unterscheidung  der  Rollen
des  stehenden  und  des  umlaufenden  Kapitals  in  der  Volkswirtschaft. ­

Die  Wertlehre  Guyots  ist  eine  wesentlich  subjektive.  Sie
befindet  sich  zwar  noch  im  Stadium  der  Unfertigkeit,  ist  ungenügend ­
  und  verworren  begründet  und  nicht  ohne  Widersprüche, ­
  aber  einiges  Greifbare  bietet  sie  immerhin.
Zunächst  verwirft  Guyot  alle  objektiven  Werttheorien.
Insbesondere  verwirft  er  Smiths  Unterscheidung  von  Gebrauchsund ­
  Tauschwert  und  unterscheidet  statt  dessen  Brauchbarkeit
und  Wert.  Ganz  zutreffend  macht  er  gegen  Smith  geltend,
daß  derselbe  da,  wo  er  vom  Gebrauchswert  spricht,  andere
Größen  und  andere  Bedürfnisse  im  Auge  hat,  als  wo  er  vom
Tauschwert  spricht 3 ).  Den  Wert  definiert  Guyot  als  „die  Beziehung ­
  einer,  im  Besitze  eines  Individuums,  oder  einer  Gruppe
von  Individuen,  befindlichen  Brauchbarkeit  zu  den  Bedürfnissen  und
der  Kaufkraft  eines  oder  mehrerer  anderer  Individuen“ 4 ).  Dagegen
ist  der  Begriff  der  Brauchbarkeit  bei  Guyot  noch  nicht  zu  einer
bestimmten,  abgeklärten  Bedeutung  gediehen.  Manchmal  versteht ­
  er  darunter  die  objektive  Tauglichkeit  eines  Dinges  zur
Befriedigung  menschlicher  Bedürfnisse,  manchmal  die  subjektive
Schätzung  dieser  Tauglichkeit.  Aber  auch  diese  hat  wieder
0  Yves  Guyot,  loc.  eit.  p.  13.
2 )  ibid.  p.  X.,  p.  116.
3 )  ibid.  p.  80.
p.  98.  Die  Worte  „und  der  Kaufkraft“  sind  ein  Zusatz  der  3.  Ausi.
Guyot  setzt  nämlich  die  Intensität  des  Begehrs  gleich  dem  Bedürfnis  und  argumentiert: ­
  mehrere  Frauen  sehen  im  Schaufenster  eines  Juweliers  einen  Diamantenschmuck ­
  von  100  000  Frs.  und  begehren  ihn  mit  gleicher  Intensität.  Wenn
aber  unter  ihnen  nicht  einige  wären,  welche  die  Kaufkraft  besitzen,  denselben
zu  erwerben,  so  hätte  der  Juwelier  ein  wertloses  Ding  geschaffen,  als  er  den
Schmuck  zusammensetzte.  Folglich  muß  zu  dem  Bedürfnis  die  Kaufkraft  treten,
ibid.  p.  99.
        <pb n="122" />
        Die  Gruppe  der  Unentwegten

101

eine  objektive  Grundlage  in  den  notwendigen  Bedürfnissen  des
Menschen  x ).
Wenn  Guyot  nun  nicht  zu  einer  Klärung  des  Begriffes
„Brauchbarkeit“  gelangt,  so  stellt  er  denselben  doch  an  die  Stelle
des  Begriffes  „Gebrauchswert“.  Damit  ist  natürlich  wieder  die
uralte  Antinomie  zwischen  Gebrauchs-  und  Tauschwert,  oder,  wie
Guyot  sagt,  zwischen  Brauchbarkeit  und  Wert,  gegeben.  Diese
sucht  er  nunmehr  durch  eine  subtile  und  speziöse  Argumentation ­
  zu  lösen.
J.  B.  Say  hatte  die  Frage  aufgeworfen  :  „Da  der  Reichtum
eines  Volkes  aus  dem  Werte  der  Güter  besteht,  die  es  besitzt,
wie  kann  ein  Volk  umso  reicher  sein,  als  die  Güter  bei  ihm
billiger  sind?“  Sismondi  und  Proudhon  faßten  die  Frage
wie  folgt  :  in  dem  Maße,  in  welchem  eine  Brauchbarkeit  vermehrt ­
  wird,  verliert  sie  an  Wert.  Je  größer  eine  Weinernte,
desto  geringer  der  Wert  des  Weines.  Zwischen  der  Notwendigkeit ­
  der  Arbeit  und  deren  Resultat  besteht  also  ein  Widerspruch.
Je  mehr  Brauchbarkeiten  ein  Individuum  oder  eine  Nation  erzeugen, ­
  desto  ärmer  werden  sie  usw. 2 ).
Darauf  antwortete  Guyot:  um  den  hier  zum  Ausdruck
kommenden  Widerspruch  zwischen  Brauchbarkeit  und  Wert  zu
lösen,  muß  man  von  einer  genau  präzisierten  Unterscheidung
zwischen  der  Rolle  des  fixen  und  derjenigen  des  umlaufenden
Kapitals  in  der  Volkswirtschaft  ausgehen.  Dieser  Unterschied
hat  Adam  Smith  nur  unbestimmt  vorgeschwebt.  Ch.  Menier
und  ich  (Guyot)  sind  die  ersten  gewesen,  welche  denselben
darin  erkannten,  daß  das  fixe  Kapital  bei  der  Produktion  seine
identität  nicht  verliert  und  verbraucht  wird 3 ).  Mit  der  technischen ­
  Vervollkommnung  des  fixen  Kapitals  steigt  die  Produktivität ­
  der  menschlichen  Arbeit  ;  Rohstoffe  werden  beim  Produktionsprozeß ­
  weniger  verbraucht,  sie  werden  also  billiger  ;
Produkte  werden  zahlreicher  und  mit  geringern  Kosten  erzeugt,
sie  werden  ebenfalls  billiger.  In  dem  Maße,  als  das  umlaufende
Kapital  (Rohstoffe  und  Produkte)  an  Wert  verliert,  wird  umlaufendes ­
  Kapital  (Geld)  frei  und  kann  in  fixem  Kapital
0  ibid.  p.  107.
2 )  ibid.  p.  283—236.
3 )  ibid.  p.  66—68  ;  p.  X.  Ch.  Menier,  Théorie  et  Application  de  l’Impôt
sur  le  Capital,  1874.
        <pb n="123" />
        102

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

(Produktionsmittel)  angelegt  werden.  Es  steigt  also  der  Wert
des  fixen  Kapitals.  Darum  lautet  die  Antwort  auf  die  Fragestellung ­
  J.  B.  Says,  Sismondis  und  Proudhons:  „Das
Kriterium  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  ist  die  Zunahme  des
absoluten  und  relativen  Wertes  der  fixen  Kapitalien,  die  Abnahme ­
  des  Einheitswertes  der  umlaufenden  Kapitalien,  und  die
Zunahme  ihres  Gesamtwertes.“  Die  beiderseitige  Bewegung
von  Brauchbarkeiten  und  Werten  in  der  Volkswirtschaft  geht
also  keineswegs  in  entgegengesetzter  Richtung  vor  sich l ).
Was  zunächst  den  Anspruch  betrifft,  den  Unterschied
zwischen  fixem  und  umlaufendem  Kapital  zuerst  festgestellt  zu
haben,  so  kann  derselbe  denn  doch  wohl  nicht  ernst  genommen
werden.  Sodann  vermag  die  Guyotsche  Argumentation  die
Antinomie  zwischen  Brauchbarkeit  und  Wert  keineswegs  befriedigend ­
  zu  lösen.  Ist  diese  vielleicht  dadurch  beseitigt,  daß
er  den  steigenden  Gesamtwert  der  in  immer  größerer  Zahl  erzeugten ­
  Produkte  dem  sinkenden  Einheitswert  derselben  entgegenstellt? ­
  Warum  nicht  auch  die  Gesamtbrauchbarkeit  der
Brauchbarkeit  des  einzelnen  Gutes?  Und  weiter:  wie  steht  es
mit  dem  Verhältnis  von  Brauchbarkeit  und  Wert  in  einer  verfallenden ­
  Volkswirtschaft  ?
Die  Antinomie  zwischen  Brauchbarkeit  und  Wert,  oder,
wie  es  durch  die  Jahrhunderte  hieß,  zwischen  Gebrauchs-  und
Tauschwert,  ist  nur  dann  befriedigend  zu  lösen,  wenn  man  sich
vergegenwärtigt,  daß  sie  darauf  beruht,  daß  dort,  wo  von
Gebrauchswert  die  Rede  geht,  andere  Größen  und  andere  Bedürfnisse ­
  vorausgesetzt  werden,  als  dort,  wo  es  sich  um  den
Tauschwert  handelt.  Guyot  müßte  sich  also,  bevor  er  in  die
Frage  eintritt,  über  den  Begriff  „Brauchbarkeit“  in  der  Richtung
schlüssig  werden,  in  der  seine  Wertdefinition  liegt.  Damit  wäre
die  Antinomie  eigentlich  schon  gelöst.
Bevor  wir  Yves  Guyot  verlassen,  sei  noch  des  stark  ausgesprochenen ­
  Optimismus  gedacht,  der  alle  seine  Werke  auszeichnet. ­
  Temperament  und  Charakteranlage  prädestinierten
ihn  in  seltenem  Maße  zum  Vorkämpfer  der  liberalen  Schule.
Wir  gehen  nunmehr  zur  zweiten  Gruppe  über,  zur  Gruppe
der  Geschäftsmänner.

Guyot,  loc  cit.  p.  237—247.
        <pb n="124" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

103

2.  Kapitel.
Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner.
Das  Charakteristische  dieser  Gruppe  besteht  darin,  daß
die  Volkswirte,  welche  sie  ausmachen,  ihre  nichtinterventionistische ­
  Überzeugung  mit  den  Erfahrungen  ihrer  Geschäftspraxis ­
  zu  begründen  pflegen.
Paul  Leroy-Beaulieu,  geb.  9.  Dez.  1842  in  Saumur,  ist  mit
Emile  Levasseur  der  bedeutendste  unter  den  lebenden  Vertretern ­
  der  liberalen  Schule  in  Frankreich.  Man  kann  von  ihm
sagen,  daß  er  die  klassische  Lehre  methodisch  und  inhaltlich
verjüngt  hat.  Methodisch,  indem  er  das  deduktive  Räsonnement
in  weitem  Maße  tatsächlich  fallen  ließ  und  die  Wissenschaft
ernstlich  und  wirklich  auf  eine  schier  unendliche  Fülle  von
Einzelbeobachtungen  zu  stützen  unternahm.  Dies  bedingte
natürlich,  ehrlich  durchgeführt,  eine  Erkenntnis  von  Wirklichkeiten, ­
  welche  die  klassischen  Lehrsätze  in  ihren  Grundfesten
erschütterte.  Da  bleibt  aber  Leroy-Beaulieu  auf  halbem
Wege  stehen.  Wenn  er  auch  vor  Modifikationen  und  Weiterbildung ­
  der  Naturgesetze  nicht  zurückschreckt,  auch  an  den
Interventionismus  zum  Teil  weitgehende  Konzessionen  macht
und  selbst  seine  Zugehörigkeit  zur  klassischen  Schule  verleugnet,
so  ist  ihm  doch  das  Institut  der  Naturgesetze  sakrosankt,  der
staatlichen  Einmischung  ins  Wirtschaftsleben  bleibt  er  grundsätzlich ­
  abhold,  und  der  quietistische  Optimismus  des  laisser
faire  ist  auch  bei  ihm  Grundstimmung.
Paul  Lerò  y  -  Beaulieu  hat  in  den  Jahren  1864  und  1865
in  Bonn  und  Berlin  studiert;  wie  die  Mehrzahl  der  liberalen
Volkswirte  hat  er  jedoch  nie  ein  systematisches  Universitätsstudium ­
  betrieben,  geschweige  denn  absolviert.  Seit  1869  ist
er  Mitarbeiter  der  Revue  des  Deux-Mondes,  des  Journal  des
Débats  seit  1870.  —  1878  folgte  er  seinem  Schwiegervater
Michel  Chevalier  als  Professor  am  Collège  de  France,  von
1879—1881  lehrte  er  Finanzwissenschaft  an  der  École  libre  des
Sciences  politiques.  Leroy-Beaulieu  ist  ein  Schriftsteller
von  erstaunlicher  Fruchtbarkeit*)  ;  in  die  Tiefe  der  Dinge  pflegt

1 )  Die  bedeutenderen  unter  seinen  Werken  sind:  De  la  colonisation  chez
les  peuples  modernes,  2  Bde.  Guillaumin-Paris,  zuerst  1874,  6.  Ausi.  1909.  —
        <pb n="125" />
        104

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

er  jedoch  nicht  einzudringen.  Dagegen  versteht  er  es,  deren  Oberfläche ­
  hell  zu  beleuchten;  er  ist  stets  interessant,  manchmal
blendend  oder  verblüffend.  Das  alles  trägt  dazu  bei,  daß  seine
Werke  einen  größeren  Leserkreis  finden,  als  ihn  wissenschaftliche ­
  Bücher  sonst  zu  haben  pflegen.  An  Stelle  Bastiats  liest
man  heute  in  der  reaktionären,  liberalen  Bourgeoisie  Frankreichs
Paul  Leroy-Beaulieu.  In  diesen  Kreisen  wirken  übrigens  als
Reklame  für  ihn  die  ausgezeichneten  finanziellen  Ratschläge
seiner  (oben  bereits  besprochenen)  Wochenschrift  L'Economiste
Français,  deren  Befolgung  mancher  ein  Vermögen  verdankt.
Der  Grund  der  Methode  Paul  Ler  oy-Beau  lie  us  liegt  in
aufmerksamer  Beobachtung  möglichst  zahlreicher  Einzel-  und
Kollektiverscheinungen  des  zeitgenössischen  Wirtschaftslebens  *).
Als  Hilfsmittel  verschmäht  er  nicht  beständiges,  persönliches
Enquetieren  bei  zahlreichen  Angehörigen  der  verschiedensten
Berufszweige  2 ).  Auch  war  er  als  Erbe  eines  Millionenvermögens
in  der  günstigen  Lage,  sich  an  den  verschiedenartigsten  Unternehmungen ­
  im  In-  und  Auslande,  insbesondere  in  Kolonialländern ­
  zu  beteiligen,  was  ihm  Gelegenheit  zu  vielfältigen  Beobachtungen ­
  bot 3 ).  Durch  ein  jahrzehntelanges,  unermüdliches

Essai  sur  la  répartition  des  richesses  et  sur  la  tendance  à  une  moindre  inégalité
des  conditions.  Guillaumin-Paris,  zuerst  1881,  3.  Aufl.  1897.  '—  L’Etat  moderne
et  ses  fonctions.  Guillaumin-Paris,  3.  Ausi.  1900.  —  Le  Collectivisme,  examen
critique  du  nouveau  socialisme.  Paris-Guillaumin,  5.  Aufl.  1907.  —  Traité  de  la
science  des  Finances,  2  Bde.,  zuerst  1877,  7.  Aufl.  1900.  —  Traité  théorique  et
pratique  d’économie  politique,  4  Bde.,  zuerst  1895,  3.  Aufl.  1900.
1)  In  der  Vorrede  zur  2.  Auflage  seines  Traité  sagt  er:  „Meine  Methode
besteht  darin,  die  politische  Ökonomie  als  eine  lebendige  Wissenschaft  zu  behandeln, ­
  sie  in  einer  Zeit,  in  der  Erfahrungen  nach  allen  Richtungen  in  Hülle
und  Fülle  vorhanden  sind,  durch  aufmerksame  Beobachtung  zu  verjüngen,  zu
festigen  und  zu  entwickeln.“
2 )  „Ich  habe  persönlichen  Verkehr  gesucht  mit  Bankiers,  Großindustriellen,
Großgrundbesitzern,  asiatischen  und  afrikanischen  Forschungsreisenden  und  Kolonisten, ­
  Kleinindustriellen,  Kleinbauern,  kleinen  Handeltreibenden,  Handwerkern
und  Fabrikarbeitern.“  Vorwort  zur  1.  Aufl.  des  Traité.
3 )  „Seit  1870  habe  ich  mich  in  die  finanzielle  Bewegung  der  Alten  und
der  Neuen  Welt  gemischt  und  alle  Oszillationen  der  Börse  genau  studiert.  .  .  .
Ich  habe  mich  mit  Kapitalien  an  den  verschiedensten  Unternehmungen  in  verschiedenen ­
  Erdteilen  beteiligt,  bald  zu  meinem  Vorteil,  bald  zu  meinem  Schaden.
Ich  habe  unter  meinen  Augen  und  auf  meine  Rechnung  arbeiten  sehen  :  Neger
und  Araber,  französische  Landarbeiter  des  Südens  wie  des  Nordens.“  ibid.
        <pb n="126" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

105

Ansammeln  von  persönlichen  Einzelbeobachtungen  glaubt  er
nun  das  Menschenmögliche  geleistet  zu  haben,  um  die  Nationalökonomie ­
  aus  einer  „rein  scholastischen,  mit  Begriffen  operierenden ­
  Wirtschaftstheorie“  wieder  zu  einer  „reellen  auf  dem  Boden
der  Tatsachen  fußenden  Beobachtungswissenschaft“  zu  machen 1 ).
Leroy-Beaulieu  legt  sozusagen  ausschließlich  Wert  auf
zeitgenössisches,  beschreibendes  Material;  für  die  historische
Forschung  hegt  er  unverhohlene  Verachtung.  Dieselbe  wird
für  ihn  ganz  bedeutend  durch  einen  Forschungszweig  überboten,
den  er  der  Le  Play  sehen  Methodik  entlehnt.  Dieser  geht  davon ­
  aus,  „daß  alle  Typen  von  Zivilisationen,  selbst  derer,  die
wir  als  der  Vergangenheit  angehörig  betrachten,  in  der  Gegenwart ­
  auf  der  Erde  existieren.  Die  direkte  Beobachtung  am
lebendigen  Leibe  der  verschiedenen,  noch  auf  unserm  Planeten
gleichzeitig  existierenden  Kulturstufen  gibt  genauere  und  entscheidendere ­
  Ergebnisse  (als  die  historische  Forschung).  Es
sind  die  verschiedenen  Phasen  des  Tausches,  der  Arbeitsteilung ­
  usw.  .  .  .,  welche  sich  in  der  Stunde,  in  der  wir  leben,
fast  nebeneinander  auf  verschiedenen  Punkten  der  Erde  vorfinden. ­
  Der  Raum  bietet  heute  in  bezug  auf  soziale  Zustände
dieselben  Verschiedenheiten  wie  die  Zeit.  .  .  .  Auf  dem  Punkte,
in  dem  das  Eindringen  zu  den  barbarischen  oder  wilden  Völkerschaften ­
  durch  die  Europäer  heute  angelangt  ist,  kann  man  die
Sitten  und  die  wirtschaftlichen  Beziehungen  dieser  menschlichen
Gruppen  in  vollem  Leben  beobachten,  und  dies  mit  viel
größerer  Sicherheit,  als  man  die  wirtschaftlichen  Tatsachen
der  Vergangenheit  wieder  herstellt,  indem  man  mühsam  einige
Brosamen  fischt  aus  dunklen  Texten  von  Chronisten,  deren
Hauptsorge  war,  Schlachten  zu  beschreiben  oder  die  Taten
großer  Männer  zu  erzählen 2 ).“
')  ibid.
2 )  Traité  théorique  et  pratique  d’économie  politique,  3.  Aufl.,  Bd.  I,
p.  41—44.
An  anderer  Stelle  schreibt  er  :  „Ich  selbst  habe  von  dem  Anfang  meiner
wirtschaftswissenschaftlichen  Tätigkeit  an  großen  Nutzen  aus  den  Arbeiten  von
Le  Play  gezogen.  Sie  schienen  mir,  bezüglich  der  Beziehungen  der  Menschen  zu
einander  und  in  den  verschiedenen  Stadien  der  Gesellschaften,  Materialien  zu
bieten,  welche  ebenso  wichtig  und  sicherer,  präziser  sowie  kontrollierbarer  sind
als  diejenigen,  welche  durch  mühevolle,  häufig  unsichere  Forschungen  in  alten
Chroniken  gewonnen  werden  können.“  Traité,  Bd.  I,  p.  93—94.  Vgl.  auch:
        <pb n="127" />
        106

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

So  fundamentiert  erscheint  die  Nationalökonomie  als  das,
was  sie  sein  soll:  als  eine  beschreibende  Wissenschaft.  Vollständig ­
  will  jedoch  Leroy-Beaulieu  der  Geschichte  nicht
entrateli;  nicht  nur  pflegt  er  jeder  Frage,  die  er  behandelt,  eine
kurze  historische  Skizze  vorauszuschicken,  sondern  er  verschmäht ­
  auch  nicht,  die  von  Roscher  und  andern  gesammelten
wirtschaftsgeschichtlichen  Materialien  bei  seinen  Beweisführungen
zu  verwerten.
Als  wesentliches  Resultat  seiner  Forschungen  proklamiert
er  die  Existenz  permanenter  und  universeller  Gesetze  der  Volkswirtschaft ­
 x ).  Zu  allen  Zeiten  und  an  allen  Orten  haben  dieselben ­
  Ursachen,  ceteris  paribus,  dieselben  Wirkungen  in  wirtschaftlichen ­
  Dingen  gehabt.  Dieselben  Triebfedern  des  Handelns
finden  sich  bei  allen  Völkern  auf  allen  Kulturstufen 2 ).
„Jedesmal,  wo  wir  eine  wirklich  bedeutende  Menge  gesicherter  Tatsachen  aus  dem
Altertum  besitzen,  sehen  wir,  daß  die  wirtschaftlichen  Beziehungen,  mit  Ausnahme ­
  der  teilweise  unfreien  Arbeitsorganisation,  sich  in  ihrem  wesentlichen
Bestände  als  dieselben  darbieten,  wie  die  heutigen.  Alles,  was  man  vom  Handel
und  Bankwesen  in  Athen  weiß,  trägt  die  hauptsächlichsten  Züge  der  heutigen
Organisation  an  sich.  Das  moderne  Eigentum  ist  genau  dasselbe,  wie  das  der
alten  Römer,  und  de  Laveleye  glaubte  das  Eigentum  der  heutigen  zivilisierten
Völker  nicht  besser  kennzeichnen  zu  können,  als  indem  er  es  quiritisches  Eigentum ­
  nannte“  .  .  .  Traité,  Bd.  I,  p.  41.
0  „Indem  ich  alle  diese  Hilfsmittel  heranzog  (Le  Playsche  Beobachtungen
sowie  insbesondere  Roschers  historisches  Material),  indem  ich  außerdem  alle
Aufschlüsse  benutzte,  die  mein  Eifer  für  Kolonisation  mir  verschaffte,  bin  ich
immer  mehr  zur  Überzeugung  gekommen,  daß  es  positive,  permanente  und
universelle  Gesetze  gibt,  welche  die  Mitwirkung  der  menschlichen  Anstrengung
bei  der  Produktion,  sowie  die  Güterverteilung  regeln.“  Traité,  Bd.  I,  p.  94.
2 )  Leroy-Beaulieu  legt  ein  besonderes  Gewicht  darauf  ,  daß  es  neben  dem
Eigennutz  noch  andere  Triebfedern  des  menschlichen  Handelns  gebe.  Jedoch
sind  die  von  ihm  angeführten  weniger  solche,  welche  das  wirtschaftliche,  erwerbstätige ­
  Handeln  der  Menschen  bestimmen,  als  vielmehr  allgemeine,  ethische  Gesichtspunkte, ­
  insbesondere  solche,  welche  für  die  Konsumtion  erworbener  Güter
maßgebend  sind.  Z.  B.  „Andere  Triebfedern  des  menschlichen  Handelns  existieren ­
  neben  dem  persönlichen  Interesse,  entwickeln  sich  mit  der  Zeit  sogar
vielleicht  mehr  als  dieses:  so  die  religiösen  Überzeugungen,  die  Hoffnung  auf
ein  anderes  Leben,  der  feste  Vorsatz,  dieses  durch  gute  Handlungen  zu  verdienen;
oder  einfach  die  Sympathie,  die  Freude,  in  den  Augen  der  Mitmenschen  oder
in  den  eigenen  edel  zu  erscheinen  ;  das  Streben  nach  Auszeichnung,  nach  gewissen ­
  Ehren  ;  eine  Art  Luxus,  welcher  in  der  Moralisation,  Erziehung,  Unterstützung ­
  anderer  seinen  Ausdruck  sucht  .  .  .  Eine  ganze  Reihe  von  Gefühlen,
welche  in  ihrem  Uneigennützigkeitsgrad  sehr  nüanziert  sind,  aber  alle  in  dem
        <pb n="128" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

In  ihrer  Wirksamkeit  können  die  ökonomischen
gehemmt  werden  :  einmal,  indem  bei  einer  Erscheinung  Gesetze
anderer  Ordnung  mitwirken  und  die  spezifische  Wirkung  der
wirtschaftlichen  Gesetze  modifizieren  oder  neutralisieren  *)  ;  dann
aber  finden  sie  auch  mehr  oder  weniger  Widerstand  in  den
verschiedenen  kulturellen  Milieus 2 ).  Weil  sie  nicht  immer  und
in  jedem  Milieu  durchdringen,  haben  die  ökonomischen  Gesetze
nicht  den  Charakter  von  Dogmen 3 ).
Eine  Hauptaufgabe  der  Wissenschaft  besteht  darin,  die

co

Universitas

Kiel

107

efz&amp;amp;

W

Zwecke  auslauten,  daß  die  Gesellschaft  von  einem  Teile  des  Überflusses  einzelner ­
  Nutzen  habe.“  Traité,  Bd.  IV,  p.  673.  Übrigens  entkräftet  Ļeroy-Beaulieu
  selbst  den  Vorwurf,  den  er  gegen  seine  Vorgänger  erhebt,  nur  den
Eigennutz  als  Triebfeder  des  menschlichen  Handelns  gekannt  zu  haben  (Traité,
ibid.),  wenn  er  an  einer  anderen  Stelle  schreibt:  „Das  Prinzip  des  Eigeninteresses
und  das  des  Altruismus  sind  nicht  unvereinbar  :  das  eine  leitet  den  Menschen
bei  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit,  das  andere  kann  ihn  bei  der  Verwendung
seines  Besitzes  und  seines  Einkommens  leiten.“  Traité,  Bd.  I,  p.  76.
])  „Es  verhält  sich  mit  den  ökonomischen  Gesetzen  wie  mit  denen  jeder
andern  Wissenschaft,  wie  z.  B.  mit  den  Gesetzen  der  Mechanik;  sie  wirken
nicht  allein  in  den  Erscheinungen.  Häufig  werden  sie  durch  Gesetze  einer  andern ­
  Ordnung  modifiziert,  gehemmt,  ja  manchmal  annulliert  .  .  .  Nur  in  den
ganz  einfachen  Erscheinungen  zeigt  sich  deutlich  die  Wirksamkeit  der  wirtschaftlichen ­
  Gesetze.“  Traité,  Bd.  I,  p.  36.
Ļ)  „Es  gibt  soziale  Milieus,  welche  der  Wirksamkeit  der  ökonomischen
Gesetze  nicht  mehr  Widerstand  entgegensetzen,  als  die  Luft  dem  Fallen  der
Körper;  es  gibt  aber  auch  andere,  welche  sich  diesen  Gesetzen  gegenüber  verhalten ­
  wie  Wasser  oder  Quecksilber  dem  Fallen  der  Körper  gegenüber.“  Traité,
Bd.  I,  p.  40—41.  Dem  Einwand,  daß  die  liberale  Wirtschaftslehre  nur  einer
bestimmten  Entwicklungsstufe  der  Wirtschaftsgeschichte  entspreche,  tritt  Leroy-Beaulieu
  mit  diesem  Gedanken  von  der  differenziellen  Empfindlichkeit  der  verschiedenen ­
  Kulturstufen  für  die  wirtschaftlichen  Gesetze  entgegen.  „Es  ist  nicht
richtig  .  .  .  daß  die  (liberale)  Nationalökonomie  nur  eine  vielleicht  vorübergehende ­
  Phase  der  menschlichen  Gesellschaften  beobachtet,  daß  sie  Gefühle
modernen  Ursprungs  für  ewig  dagewesene  hält,  daß  sie,  nach  Lassalles  Ausdruck, ­
  eine  flüchtige,  historische  Kategorie  für  die  ganze  Geschichte  der  Vergangenheit, ­
  das  ganze  Schicksal  der  Zukunft  ansieht.  .  .  .  Die  ökonomischen
Gesetze  haben  Geltung  gehabt  auf  allen  Stufen  der  menschlichen  Entwicklung;
und  wenn  nicht  alle  sozialen  Entwicklungsstufen  für  die  wirtschaftlichen  Triebfedern ­
  gleich  durchdringlich  sind,  so  ist  doch  keine  von  ihnen  völlig  unberührt
davon  geblieben.  .  .  .  Die  Empfindlichkeit  des  menschlichen  Milieus  für  die  wirtschaftlichen ­
  Gesetze  steht  in  direktem  Verhältnis  zu  dem  Grade  der  Entwicklung
dieser  Milieus,  zur  intellektuellen  und  sittlichen  Vervollkommnung  der  Menschen,
welche  dasselbe  ausmachen.“  Traité,  Bd.  I,  p.  93—94;  vgl.  auch  p.  57  ff.
3 )  Traité,  Bd.  I,  p.  37.
        <pb n="129" />
        108

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

allgemein  gültigen  Gesetze  von  zeitlich  und  räumlich  begrenzten  zu
sondern.  Auf  diese  Weise  trennt  man  die  theoretische  Wissenschaft ­
  von  der  Kunstlehre  *).  Dieses  Verfahren  findet  in  erster
Linie  Anwendung  auf  den  Freihandel,  den  man  als  ein  rationelles, ­
  grundlegendes  Dogma  zu  betrachten  sich  gewöhnt  hat,
während  er  nur  eine  Regel  für  die  Praxis  ist.  Er  ist  eine  Frage
der  Wirtschaftspolitik.  Seine  Durchführung  oder  Nichtverwirklichung ­
  ist  abhängig  zu  machen  nicht  nur  von  den  allgemeinen
Lehren  der  Wissenschaft,  sondern  insbesondere  auch  von
nationalwirtschaftlichen  und  politischen  Erwägungen 2 ).  Übrix
 )  Äußerlich  hat  jedoch  Leroy-Beaulieu  dies  in  seinem  Traite  nicht  getan. ­
  Vgl.  Traite,  Bd.  I,  p.  I—II  und  p.  67.
2 )  „Man  hat  lange  den  Freihandel  als  eine  Art  Dogma  der  politischen
Ökonomie  angesehen,  und  viele  Leute,  selbst  Volkswirte,  tun  es  noch.  Diese
Auffassung  ist  gänzlich  verfehlt.  Zunächst  ist  die  Nationalökonomie  eine  Wissenschaft ­
  und  hat  infolgedessen  keine  Dogmen  .  .  .  Zweitens  ist  der  Freihandel
eine  jener  komplexen  und  praktischen  Fragen,  auf  welche  die  Wissenschaft  zwar
Licht  werfen  kann,  die  sie  aber  nicht  allein  zu  lösen  berufen  ist.  Hier  muß
man  an  den  Unterschied  zwischen  Wissenschaft  und  Kunstlehre  sich  erinnern  .  .  .
Was  die  Wissenschaft  lehrt,  ist,  daß  die  Ausdehnung  des  Marktes,  der  Arbeitsteilung ­
  und  der  Konkurrenz  eine  starke  Mehrung  der  Produktivität  des  Menschen
bewirkt  und  die  Regelmäßigkeit  der  Produktion  fördert;  daraus  gehen  die
verschiedenen  Vorteile  hervor,  .  .  .  welche  die  internationale  Handelsfreiheit  der
Gesamtheit  der  Völker,  die  dieselbe  annehmen,  als  Ganzem,  nicht  als  Einzelnen, ­
  verschafft.  Aber  es  wäre  fehlerhaft,  daraus  zu  schließen,  man  müßte
unter  allen  Umständen,  in  allen  Ländern,  den  absoluten  Freihandel  verwirklichen ­
  .  .  .  Wenn  es  sich  darum  handelt,  zur  Anwendung  überzugehen,  muß  man
die  allgemeinen  Lehren  der  Wissenschaft  zwar  im  höchsten  Grade  berücksichtigen ­
  .  .  .,  aber  sie  sind  nicht  die  einzigen,  welche  in  Betracht  zu  ziehen  sind.
Es  frägt  sich,  ob  in  der  Gesamtheit  der  Nationen  nicht  einige  unter  einer  unbeschränkten, ­
  internationalen  Handelsfreiheit  leiden  könnten,  selbst  wenn  die
Gesamtheit,  als  Ganzes  betrachtet,  dabei  gewinnen  würde.“
Leroy-Beaulieu  führt  dann  weiter  aus,  wie  bei  der  Beseitigung  der  innern
Zollschranken  eines  Landes  immer  gewisse  Gruppen  wirtschaftlichen  Schaden
hatten,  wenn  auch  die  große  Mehrzahl  der  Beteiligten  dabei  Nutzen  hatte.
Jedoch  waren  Kapital-  und  Bevölkerungsverschiebungen  innerhalb  eines  nationalen ­
  Wirtschaftsgebietes  von  geringerer  Bedeutung.  Anders  wird  die  Frage
im  Völkerkonzert.  Unter  anderem  könnte  der  Übergang  zum  Freihandel  Industrien, ­
  welche  zahlreiche  Arbeiter  beschäftigen,  brachlegen,  Tausende  von
Arbeitern  arbeitslos  machen  und  eventuell  zur  Auswanderung  veranlassen,  auch
Kapitalienauswanderung  nach  sich  ziehen  usw.  Dazu  kommen  politische  Erwägungen, ­
  die  von  großer  Tragweite  sein  können.  „Während  also  die
Fruchtbarkeit  der  Arbeitsteilung,  die  stimulierende  Kraft  eines  sehr  weiten
Absatzgebietes  als  wirtschaftliche  Gesetze  allgemeiner  Natur  anzusehen  sind,  ist
        <pb n="130" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

109

gens  „ist  klar  ,  daß  der  absolute  Freihandel  einen  Zustand  von
Frieden  zwischen  den  verschiedenen  Völkern  der  Erde  voraussetzt ­
  ....  Solange  aber  zwischen  den  großen  Ländern  offenkundige ­
  Feindschaft  besteht,  ist  der  absolute  Freihandel  unmöglich ­
  und  nur  durch  sukzessive  Etappen  kann  man  dazu
gelangen 1 )  Was  die  von  der  theoretischen  Wissenschaft
erleuchtete  Wirtschaftspolitik  in  der  gegenwärtigen  Weltlage
den  bedeutenderen  kontinentalen  Völkern  rät,  ist,  ein  liberales
Zollsystem  zu  haben  und  immer  mehr  auf  Erleichterung  der
internationalen  Beziehungen  hinzusteuern“  2 ).  Wenn  man  den
Freihandel  nicht  haben  kann,  bleibt  die  Wahl  zwischen  zwei
Systemen:  dem  der  autonomen  Tarife  und  dem  der  Handelsverträge. ­
  „Das  Regime  der  autonomen  Tarife  ist  ein  brutales
und  antisoziales,  welches  aus  innerer  Notwendigkeit  viel  weniger
liberal  und  haltbar  ist,  als  das  der  Handelsverträge,  und  zwar
der  tarifierten“ 3 ).  Für  dieses  entscheidet  sich  Leroy-Beaulieu. ­
  Wie  weit  sind  wir  da  von  Bastiat  entfernt!  Und  gar
Anerkennung  des  national  wirtschaftlichen  Gesichtspunktes  bei
einem  Vertreter  der  kosmopolitischen  Naturlehre  der  Volkswirtschaft! ­
  Charles  Gide  hat  recht,  wenn  er  von  Paul  Leròy-Beaulieu
  sagt,  er  sei  „der  französischste  unter  den  französischen ­
  Nationalökonomen“.
In  der  Wertlehre  bricht  Leroy-Beaulieu  mit  den  klassiere ­
  Überlegenheit  des  absoluten  Freihandels  unter  allen  Umständen  nur  ein
vorgebliches,  wirtschaftliches  Dogma,  das  gar  keinen  Anspruch  auf  Annahme
erheben  kann.“  Traité,  Dd.  I,  p.  37—38  und  97—100.
*)  „Von  einem  andern  Gesichtspunkt  aus  ist  absoluter  Freihandel  in  der
gegenwärtigen  Periode  für  die  bedeutenderen,  kontinentalen  Völker  nicht  möglich; ­
  diese  brauchen  nämlich  Geld  und  erheben  deswegen  im  Innern  indirekte
Steuern.  Diese  sind  je  nach  den  Ländern  und  deren  Lasten  sehr  verschieden
und  bedingen  z.  T.  als  Korrelat  Zölle  auf  gleichartige  Produkte.  Man  könnte
die  Zölle  überhaupt  nur  abschaffen,  wenn  man  die  indirekten  Steuern  im  Innern
beseitigte,  und  ich  habe  anderswo  nachgewiesen  (Traité  de  la  science  des  Finances,
5.  Aud.,  Bd.  I,  p.  221—287),  daß  deren  Beseitigung  bei  den  Völkern,  die
große  Lasten  haben,  weder  tunlich  noch  vorteilhaft  wäre.  Auch  gibt  es  gewisse
Produkte,  deren  Erzeugung  ein  bedeutender  Staat  heute  ohne  eine  gewisse  Tollkühnheit ­
  nicht  wesentlich  zu  mindern  riskieren  darf.  Das  ist  z.  B.  in  Frankreich
der  Fall  für  den  Getreidebau,  in  einer  Zeit,  wo  dieses  Produkt  so  bedeutend  im
Preise  sinkt.“  Traité,  Bd.  IV,  p.  102—103.
2 )  Traité,  Bd.  IV,  p.  101—102.
3 )  ibid.  p.  105—106.
        <pb n="131" />
        110

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

sehen  Traditionen  und  bekennt  sich  zur  Grenznutzenlehre  Jevons’
und  der  österreichischen  Schule.  Adam  Smith  und  dessen
Nachfolgern  wirft  er  vor,  das  Wesen  des  Gebrauchswertes  verkannt ­
  zu  haben,  indem  sie  ihn  zur  Brauchbarkeit  objektivierten
und  bald  aus  dem  Auge  verloren.  Er  selbst  unterscheidet
mit  der  österreichischen  Schule  einen  rein  subjektiven  Gebrauchswert ­
  und  einen  zwar  ebenfalls  wesentlich  subjektiven
Tauschwert,  „zu  dem  aber  in  den  meisten  Fällen  ein  objektives
Element  hinzutritt“  *).
Ein  ganz  besonderes  Gewicht  legt  er  ferner  auf  das  Gesetz
der  Substitution.  Die  Erscheinung  der  Substitution  erklärt  er
für  eine  der  wichtigsten  des  Wirtschaftslebens.  Sie  tritt  in
vierfacher  Form  auf:  erstens  als  eine  Vertretung  von  Gütern
durch  andere,  ähnliche  Güter,  deren  Surrogate,  zwecks  Befriedigung ­
  eines  und  desselben  Bedürfnisses;  zweitens,  indem  ein
Produktionsverfahren  durch  ein  anderes  ersetzt  wird;  drittens,
als  Ersatz  menschlicher  Arbeitsleistung  durch  maschinelle  Verrichtung ­
  oder  umgekehrt;  viertens,  indem  ein  Bedürfnis  einem
andern  Platz  macht 1  2  *  *  *  *  * ).  Das  Gesetz  der  Substitution  besteht  nun
eben  darin,  daß  unter  dem  Einfluß  des  Preises  ein  solcher
Ersatz  vor  sich  geht.  Das  Auftreten  von  Surrogaten  macht  jede
genaue  Berechnung  und  folglich  jede  mathematische  Formulierung ­
  der  Preisgesetze  illusorisch.  Auch  wirkt  das  Gesetz  der
Substitution  dem  dauernden  Erfolg  jeder  Kartellierung  und
jeder  Monopolbildung  entgegen.  „Das  Gesetz  der  Substitution
ist  das  Hauptmittel,  durch  das  in  vielen  Fällen,  wo  nicht
in  allen,  der  Konsument  den  übermäßigen  Prätentionen  der
Produzenten  entgeht.  Dank  den  Fortschritten  der  heutigen
Wissenschaft  wiegen  die  Wirkungen  jenes  Gesetzes  in  den  wirtschaftlichen ­
  Beziehungen  der  Menschen  zueinander  immer  mehr
vor“ 8 ).

1)  Traité,  Bd.  III,  p.  18  ff.
2 )  „Nicht  nur  für  die  Befriedigung  eines  und  desselben  Bedürfnisses  gibt
es  Surrogate,  sondern  auch  Bedürfnisse,  die  gar  nicht  zueinander  in  Beziehung ­
  zu  stehen  scheinen,  sind  beständig  miteinander  im  Kampf,  um  sich  im
Herzen  der  Menschen  den  Vorrang  streitig  zu  machen  und  jedes  für  sich  die
Kaufkraft,  über  welche  der  Mensch  verfügt,  mit  Beschlag  zu  belegen.“  Traité,
Bd.  I,  p.  87—88.
8 )  Traité,  Bd.  I,  p.  664.
        <pb n="132" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

111

Großzügig  bei  Leroy-Beaulieu  ist  das  durchgreifende
Hervorheben  dreier  Haupitendenzen  als  derjenigen,  welche  die
heutige  Wirtschaftsepoche  charakterisieren.  Diese  sind:  1.  Das
Sinken  des  Zinsfusses  und  die  damit  zusammenhängenden  Erscheinungen, ­
  deren  Endresultat  ihm  eine  Nivellierung  der  wirtschaftlichen ­
  Lage  der  verschiedenen  Klassen  zu  sein  scheint;
2.  die  moderne  Kolonisierungsbewegung,  und  3.  die  stete  Erweiterung ­
  der  Befugnisse  des  Staates.  Diese  drei  Hauptendenzen  beherrschen ­
  abwechselnd  das  ganze  Denken  Paul  Leroy-Beaulieus.
  Übrigens  hat  er  auch  jeder  derselben  ein  eigenes  Werk
gewidmet  *).
Mit  dem  Sinken  des  Zinsfußes  hängt  zusammen  :  das
Sinken  der  Grundrente  und  des  Unternehmergewinnes,  die  abnehmende ­
  Produktivität  der  industriellen  Kapitalanlagen  und
das  Steigen  der  Löhne.
Auf  eine  Verringerung  des  Zinsfußes  wirken  hin:  Die
Sicherheit  des  Verkehrs  und  das  zunehmende  Auftreten  der
Darlehen  in  Form  von  leicht  realisierbaren  Effekten  ;  die  ständige
Zunahme  der  Ersparnisse  und  der  Umstand,  daß  diese  sofort ­
  auf  den  Markt  gebracht  werden  ;  am  wirksamsten  aber  wird
der  Zinsfuß  herabgedrückt  durch  die  stufenweise  Abnahme  der
Produktivität  der  über  eine  gewisse  Grenze  hinaus  im  Boden
oder  in  der  Industrie  angelegten  Kapitalien i)  2 ).  Dem  Sinken  des

i)  Der  ersten  :  „Essai  sur  la  répartition  des  richesses  et  sur  la  tendance  à
une  moindre  inégalité  des  conditions“;  der  zweiten:  „De  la  colonisation  chez  les
peuples  modernes“  ;  der  dritten  :  „L’Etat  moderne  et  ses  fonctions.“
*)  Das  Gesetz  vom  abnehmbaren  Bodenerträge  steht  längst  fest;  anders
Leroy-Beaulieus  Aufstellung,  daß  auch  die  industriellen  Kapitalien  eine  Tendenz
zu  geringerer  Produktivität  haben.  Dieselbe  leuchtet  jedoch  sofort  ein,  wenn
man  auf  die  zweifache  Einschränkung  achtet,  welche  unser  Autor  selbst  macht.
Er  meint  nämlich  nur  eine  bestimmte  Kapitalart:  das  Anlagekapital  und  hat
zweitens  die,  wie  er  sie  nennt,  „wirtschaftliche“,  nicht  die  materielle  Produktivität ­
  im  Auge.  „Ich  betrachte  es  als  hochbedeutsam,“  schreibt  er,  „unter  den
Kapitalarten  die  äußerst  wichtige  der  installations*  genau  unterschieden  zu
haben,  was  vor  mir  nicht  geschehen  war.  Es  ist  aber  unleugbar,  daß  jedes
neue  Anwachsen  von  Kapitalien  dieser  Art,  wenn  die  hauptsächlichsten  Kulturwerke ­
  einer  Epoche  im  Verhältnis  zu  den  technischen  Kenntnissen  derselben
weit  vorgeschritten  sind,  erwarten  muß  ,  etwas  weniger  produktiv  zu  sein,  als
das  vorher  angelegte.“  So  wird  z.  B.  ein  in  einem  großen  Hafen  errichteter,
mächtiger  Kran  beträchtlich  größeren  Ertrag  abwerfen,  als  ganz  gleiche  Kräne,
die  später  mit  demselben  Kostenaufwand  in  kleineren  Häfen  zur  Aufstellung
        <pb n="133" />
        112

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Zinsfußes  wirken  jedoch  entgegen:  große  Erfindungen  und
Entdeckungen,  welche  manchmal  sofort  in  großem  Maßstab
praktisch  verwertet  werden  können;  Auswanderung  von  Kapitalien, ­
  endlich  Kriege  und  soziale  Umwälzungen.  Als  Resultante
dieser  beiden  entgegengesetzten  Ursachenreihen  ergibt  sich  eine
normale  Tendenz  zu  stufenweiser  Abnahme  des  Zinsfußes.  Die
allgemeine  Norm,  die  bei  den  zivilisierten  Völkern  die  Höhe
des  Zinsfußes  bestimmt,  ist  die  durchschnittliche  Produktivität
der  neugebildeten  und  der  disponiblen  Kapitalien 1 ).
Auffallender  noch  als  das  Sinken  des  Zinsfußes  ist  in  den
Ländern  alter  Kultur  die  starke  progressive  Abnahme  der  Bodenrente,
  selbst  schon  der  städtischen.  Leroy-Beaulieu  erweist
diese  Tendenz  für  Frankreich  statistisch.  Übrigens  wirkt  die
Abnahme  des  Zinsfußes  herabdrückend  auf  die  Grundrente  und
somit  hemmend  auf  das  Inkrafttreten  des  Ricardo  sehen  Grundrentengesetzes. ­
  Da  große  agronomische  Entdeckungen  für  das
XX.  Jahrhundert  in  sicherer  Aussicht  stehen,  ist  ein  immer
weiteres  Sinken  der  Bodenrente  zu  erwarten  -).
Was  endlich  den  durchschnittlichen  Unternehmer  gewinn  betrifft, ­
  so  tragen  zu  dessen  stufenweiser  Abnahme  in  den  Ländern
alter  Kultur  hauptsächlich  bei  :  wiederum  das  Sinken  des  Zinsfußes, ­
  welches  die  Zahl  der  Rentner  verringert  und  die  Kapitalbesitzer ­
  zur  eigenen  Verwertung  desselben  antreibt;  die  zunehmende ­
  Achtung,  die  Industrielle  und  Handeltreibende  in
der  Gesellschaft  genießen,  was  zur  Vermehrung  ihrer  Zahl
führt  und  damit  zu  gesteigerter  Konkurrenz;  Verbreitung
von  Besitz,  Kredit,  Bildung,  die  immer  mehr  Leute  in  den
Stand  setzen,  Unternehmer  zu  werden,  endlich  die  Verringerung ­
  des  Risikos  in  den  ältern  Gewerben,  indem  die  Hergelangen. ­

  Den  fundamentalen  Unterschied  zwischen  materieller  und  wirtschaftlicher ­
  Produktivität  der  Kapitalanlagen  kann  man  nicht  genug  betonen  :  „In  der
Industrie  bleibt  die  materielle  Produktivität  bei  jeder  Kapitalsteigerung  ;  manchmal ­
  nimmt  sie  sogar  zu.  Aber  die  wirtschaftliche  Produktivität,  wenn  ich  mich
so  ausdrücken  darf,  d.  h.  der  geschaffene  Nutzen  hat  die  Tendenz  abzunehmen,
wenn  über  eine  gewisse  Quantität  von  Produkten  hinausgegangen  wird.“  Das
Gesetz  vom  Grenzwert  und  Grenznutzen  kommt  dabei  zur  Geltung.  Traité,
Bd.  II,  p.  136—138.
x )  Traité,  Bd.  II,  p.  154  ff.
2 )  Traité,  Bd.  I,  p.  765  ff.
        <pb n="134" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

113

Stellungsprozesse  allgemeiner  und  besser  bekannt  und  weitgehend
festgelegt  sind 1 ).
Andererseits  haben  die  Löhne  die  Tendenz,  in  erster  Linie
durch  die  Produktivität  der  Arbeit  bestimmt  zu  werden;  da
aber  allgemein  der  Fortschritt  der  Technik  die  Produktivität
der  Arbeit  erhöht,  so  erscheint  das  Steigen  der  Löhne  als  eine
für  unsere  Zeit  normale  Tendenz.  Sie  wird  durch  zahllose
Beobachtungen  für  die  überwiegende  Mehrzahl  der  Berufszweige
bestätigt 2 ).
Das  Resultat  dieser  Gruppe  zusammenhängender  Erscheinungen ­
  :  Sinken  des  Zinsfußes,  der  Grundrente  und  des  Unternehmergewinns, ­
  Steigerung  der  Konkurrenz  und  der  Löhne,
dazu  Fallen  der  Preise  der  Massenkonsumartikel  ist  nun  eine
Tendenz  zu  größerer  wirtschaftlicher  Gleichheit  der  verschiedenen
Klassen  der  menschlichen  Gesellschaft.  Diese  Tendenz  ist  die
glänzendste  Rechtfertigung  für  die  heutige,  auf  Freiheit  der
Arbeit  gegründete  Wirtschaftsordnung.  Man  kann  sie  nicht
genug  betonen.  Lerò  y-Beaulieu  rühmt  sich,  durch  deren
Erweis  die  von  der  liberalen  Schule  arg  vernachlässigten  Verteilungsfragen ­
  in  den  Vordergrund  gerückt  zu  haben.  Er  scheint
zu  vergessen,  daß  Bas  ti  at  bereits  dieselbe  Tendenz  zur  Gleichheit ­
  als  einerseits  aus  der  Konkurrenz,  andererseits  aus  dem
Sinken  des  Zinsfußes  und  dem  Steigen  der  Löhne  hervorgehend,
gepriesen  und  sie  als  eine  der  hauptsächlichsten  wirtschaftlichen
Harmonien  hingestellt  hatte 3 ).  Bastiat  hatte  sich  allerdings
mit  einer  oberflächlichem  Beweisführung  begnügt.  Leroy-Beaulieu
  stützt  sich  seinerseits  auf  detailliertes,  empirisches
Beweismaterial;  doch  unterschätzt  er  die  Bedeutung  entgegenwirkender ­
  Tendenzen,  wie  z.  B.  diejenige  von  Kartellierungen
und  Monopolbildungen,  und  zweitens  ist  er  viel  zu  rasch  bei
der  Hand  mit  verallgemeinernden  Schlußfolgerungen  aus  Beobachtungen, ­
  welche  in  der  Hauptsache  nicht  über  Frankreich,
noch  über  die  letzten  drei  Jahrzehnte  hinaus  reichen.  Damit
fällt  er  zurück  in  den  alten  Fehler  der  liberalen  Schule.  Man
muß  jedoch  anerkennen,  daß  die  ernstliche  Berücksichtigung
')  Traité,  Bd.  II,  p.  210  ff.
2 )  Traité,  Bd.  II,  p.  295  ff.
3 )  Bastiat,  Harmonies  économiques,  Gesamtausgabe  von  1855—1856
Bd.  VI,  Kap.  7,  p.  223  ff.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

8
        <pb n="135" />
        114

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

seiner  vielseitigen  Beobachtungen  der  zeitgenössischen  Wirklichkeit ­
  Leroy-Beaulieu  zu  einem  durchwegs  vorsichtigeren  Verallgemeinern ­
  disponiert,  als  es  von  den  ältern  gehandhabt  wurde.
Die  zweite  große,  fundamentale  Tendenz  des  modernen
Wirtschaftslebens  ist  die  Kolonisationsbewegung.  Das  XIX.  Jahrhundert ­
  hat  hierin  eine  Neuauflage  der  Bewegung  des  XVI.
Jahrhunderts  erlebt.  Wenn  aber  diese  Tatsache  in  gewissen
Zeitabschnitten  besonders  hervortritt,  so  darf  man  doch  nicht
übersehen,  daß  sie  eine  universelle  und  permanente  volkswirtschaftliche ­
  Kategorie  darstellt.  Sie  war  in  der  Vergangenheit
bei  allen  Völkern,  sie  ist  in  der  Gegenwart  und  sie  bleibt  in
der  Zukunft  eine  der  wichtigsten,  volkswirtschaftlichen  Erscheinungen. ­
  Nur  wenige  Nationalökonomen,  zu  denen  Roscher  zu
zählen  ist,  haben  deren  Bedeutung  erkannt.  Die  weitaus  große
Mehrzahl  der  volkswirtschaftlichen  Lehrbücher  seit  Adam  Smith
läßt  sie  unberücksichtigt.
Der  Kolonisation  hat  die  Kulturmenschheit  stets  einen
Teil  ihres  Wohlstandes,  des  Fortschrittes  ihrer  Industrie  und
ihres  sozialen  Gesamtzustandes  verdankt.  Sie  erscheint  als
einer  der  mächtigsten  Faktoren  der  Kultur.  Für  Private  ist  sie
ungeeignet,  denn  wenn  diese  auch  als  Pioniere  und  Handelsleute ­
  bei  derselben  eine  wichtige  Rolle  spielen  können,  so
sind  sie  doch  nie  in  der  Lage,  einen  geregelten,  dauernden,
methodischen,  zivilisatorischen  Einfluß  auf  ganze  Länderstriche
auszuüben.  Nur  zu  leicht  führt  die  Kolonisierung  durch
Private  zu  schreienden  Ungerechtigkeiten  und  unmenschlicher
Unterdrückung  den  Eingeborenen  gegenüber.  Deshalb  ist  das
Kolonisationswerk  in  erster  Linie  als  Aufgabe  der  Staaten  zu
betrachten  *).
Von  allen  Fragen  des  Wirtschaftslebens  liegt  keine  Leroy-Beaulieu
  so  sehr  am  Herzen  als  die  Kolonialfrage.  Ihr
widmete  er  sein  erstes  größeres  Werk 1  2 ).  In  den  siebziger  und

1)  Traité,  Bd.  IV,  p.  635  ff.  Es  würde  zu  weit  führen,  Leroy-Beaulieu
auch  nur  in  dessen  allgemeinen  Ausführungen  über  die  Bedeutung  der  Kolonisierung ­
  an  dieser  Stelle  zu  folgen.
2 )  De  la  colonisation  chez  les  peuples  modernes,  2  Bde.,  zuerst  1874,
5.  Ausl.  1902.  Das  Werk  lehnte  sich  ursprünglich  eng  an  die  Schriften  des  Engländers ­
  Merivale  an,  ist  aber  seither  bedeutend  erweitert  und  verselbständigt
worden.
        <pb n="136" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

115

achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  kämpfte  er  unermüdlich ­
  für  die  koloniale  Expansion,  und  es  gelang  ihm  schließlich,
die  öffentliche  Meinung  Frankreichs  dauernd  für  imperialistische
Ideen  und  Gefühle  zu  gewinnen.  Er  selbst  nahm  regen  Anteil
an  Unternehmungen  in  den  Kolonien.  Vielleicht  trug  dieses
dazu  bei,  indem  es  ihn  in  direkteste  Berührung  mit  den  Bedürfnissen ­
  der  Praxis  brachte,  seine  grundsätzliche  Gegnerschaft
gegen  jede  staatliche  Einmischung  ins  Wirtschaftsleben  für  die
Kolonialpolitik  ins  gerade  Entgegengesetzte  :  in  einen  entschiedenen ­
  Interventionismus  zu  verwandeln.  Es  ist  aber  ein  unbestreitbares ­
  Verdienst  Leroy-Beaulieus,  die  Bedeutung  der
Kolonisationsfrage  betont  und  sie  in  den  Vordergrund  des
wirtschaftswissenschaftlichen  Interesses  gestellt  zu  haben.
Die  dritte,  große  Tendenz  endlich,  welche  unsere  Wirtschaftsepoche ­
  charakterisiert,  ist  die  zunehmende  Enveiterung  der
Befugnisse  des  Staates.  Leroy-Beaulieu  sieht  mit  tiefem
Schmerze  das  Überhandnehmen  des  staatlichen  Intervention  Ismus ­
  in  seinem  Vaterlande  und  bekämpft  ihn  ohne  Unterlaß ­
  in  seinen  Werken,  in  seiner  Wochenschrift:  L’Economiste ­
  français,  sowie  in  seinen  Vorlesungen  am  Collège  de
France.  Als  Aufgaben  des  modernen  Staates  erkennt  er  an:  die
Gewährleistung  von  Sicherheit  im  Innern  und  nach  außen  ;  die
Rechtspflege;  die  Wahrung  gemeinsamer  Interessen,  welche  nur
mit  Hilfe  von  gesetzlichem  Zwang  wirksam  gesichert  werden
können,  z.  B.  öffentliche  Hygiene  usw.  ;  Erhaltung  und  Verbesserung ­
  der  allgemeinen  Existenz-  und  Wohlfahrtsbedingungen
der  Nation,  z.  B.  Erhaltung  des  Forstbestandes,  Schutz  von
Jagd  und  Fischerei,  Schutz  der  Bergschätze  gegen  Raubbau  usw.  ;
endlich  positive  Mitwirkung  am  allgemeinen  Fortschritt  der
Kultur  :  Brücken-,  Wege-  und  Hafenbauten,  Post-  und  Telegraphenb ­
  etri  eh,  Konzession  und  Überwachung  von  Eisenbahnen,
Veranstaltung  von  Ausstellungen,  Pflege  des  Unterrichts,  Schutz
der  Frauen-  und  Kinderarbeit,  Schutz  der  Schwachen,  Irren  und
Kranken  *).
Daß  Leroy-Beaulieu  jedoch  trotz  dieser  grundsätzlichen
Umgrenzung  der  staatlichen  Befugnisse  vor  wichtigen  Konzessionen ­
  für  die  Handels-  und  Kolonialpolitik  nicht  zurückschreckt,

')  Traité,  Bd.  IV,  p.  678  ff.
        <pb n="137" />
        116

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

wurde  bereits  gezeigt.  Man  mag  die  Handelsvertragspolitik,  für
die  er  sich  erklärt,  als  wohl  vereinbar  mit  freihändlerischer
Grundstimmung  ansehen  ;  zweifellos  bedeutet  aber  die  Rezeption
des  national  wirtschaftlichen  Gesichtspunktes,  die  Anerkennung
einer  Schutzberechtigung  des  inneren  Marktes,  einen  Bruch  mit
dem  traditionellen  Klassizismus.  Allerdings  sagt  auch  Leroy-Beaulieu
  an  einer  Stelle,  er  rechne  sich  ebensowenig  „zu  der
fälschlich  ,die  orthodoxe 1  genannten  Schule,  welche  man  auch
wohl  die  optimistische  oder  deduktive  nennt“,  als  zu  einer  der
neueren  *).  Man  darf  gleichwohl  in  diesem  Passus  nichts  anderes
sehen,  als  die  Äusserung  eines  stark  entwickelten  Selbstgefühls.
Den  Anhängern  der  liberalen  Schule  gilt  Paul  Leroy-Beaulieu
als  ihr  hauptsächlichster  Koryphäe,  und  mit  vollem  Recht.
Gewiß  kann  man  ihm  Originalität  und  eine  gewisse  Unabhängigkeit ­
  des  Urteils  nicht  absprechen;  aber  trotz  allen  Paktierens
mit  dem  Interventionismus,  trotz  aller  methodischen  und  inhaltlichen ­
  Verjüngung  der  klassichen  Lehre,  ist  und  bleibt  er  entschiedener ­
  Anhänger  der  universellen  und  permanenten  Naturgesetze ­
  des  Wirtschaftslebens  und  grundsätzlicher  Optimist  und
Nichtinterventionist.  Auch  ist  er  nicht  frei  von  der  Auffassung,
welche  Courcelle-Seneuil  am  unverhülltesten  vertrat,  daß
die  Volkswirtschaftslehre  zugleich  eine  Privatwirtschaftslehre  ist.
Häufig  ist  sein  Standpunkt  der  des  Kapitalisten,  des  Mannes,
dem  die  Nationalökonomie  die  Kenntnis  vermitteln  soll,  wie  eiserne ­
  Kapitalien  am  fruchtbarsten  anlegen,  wie  er  sein  Vermögen
am  besten  verwalten  könne 2 ).
Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  die  reiche  Fülle  an  persönlichem ­
  Erfahrungsmaterial  den  Leroy-Beaulieu  sehen  Schriften
eine  Frische  und  Lebendigkeit  verleiht,  durch  welche  sie  sich
äußerst  vorteilhaft  von  der  „Literatur  der  Langeweile“,  wie
Thiers  die  Werke  der  klassischen  Schule  nicht  unzutreffend
kennzeichnete,  unterscheiden.  Sie  haben  jedoch  zwei  große
Fehler:  des  Verfassers  absoluten  Mangel  an  historischem  und
sozialpolitischem  Verständnis.  Letzterer  ist  eine  Folge  des  unbegrenzten, ­
  individualistischen  self-help  und  erstreckt  sich  so
ziemlich  über  die  ganze  liberale  Schule.  Ersterer  aber,  welcher

b  Traité,  Bd.  I,  p.  83.
2 )  Vgl.  Traité,  Bd.  I,  p.  75—76.
        <pb n="138" />
        117

Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

mit  Coureelle  -Seneuil  und  Baudrillart,  ja  selbst  mit
G.  de  Molinari,  als  von  der  Schule  überwunden  hätte  gelten
können,  bewirkt,  daß  Leroy-B  e  a  uli  e  u  gegenüber  historischer
und  evolutionistischer  Auffassung  des  Wirtschaftslebens  in  den
alten  Rationalismus  Bastiats  und  der  Physiokraten  zurückfällt. ­
  Dies  äußert  sich  insbesondere  bei  der  von  ihm  unternommenen ­
  Widerlegung  der  sozialistischen  Systeme  und  der
Begründung  des  Privateigentums,  für  die  er  auf  die  physiokratische
  Naturrechtslehre  zurückgreift 1 ).
In  Leroy-Beaulieus  Lehrbuch  der  Finanzwissenschaft
kommt  der  individualistische  und  staatsfeindliche  Bourgeoisstandpunkt ­
  konsequenter  zur  Geltung  als  in  seinen  sonstigen  Werken.
Im  Gegensatz  zu  den  Physiokraten  ist  er  der  Berücksichtigungsozialpolitischer
  Gesichtspunkte  bei  der  Lösung  der  Steuerprobleme ­
  abhold.  Indirekte  Steuern,  selbst  städtische  Zölle,  befürwortet ­
  er;  dagegen  bekämpft  er  lebhaft  jede  progressive
Einkommen-  und  Erbschaftssteuer.  Die  Personalbesteuerung
verwirft  er  überhaupt.  An  die  wissenschaftliche  Gründlichkeit
unserer  großen  deutschen  Werke  reicht  Leroy-Beaulieus
Finanz  Wissenschaft  nicht  heran.  Für  die  Bedürfnisse  der  Praxis
dürfte  sie  aber  jenen  häufig  vorzuziehen  sein.  Männern,  denen
die  Beschaffung  von  Mitteln  für  Staat  und  Kommunen  obliegt,
bietet  sie  eine  Fülle  von  Ideen,  eine  vortreffliche  Anleitung  zur
Sicherung  und  eventuellen  Wiederherstellung  der  finanziellen
Wohlfahrt  ihrer  Gemeinwesen,  wie  auch  eine  reiche  Fundgrube
von  Materialien  aus  der  zeitgenössischen  Finanzpolitik  großer
und  kleiner  Staaten.
Alfred  Neymarck,  Finanzier  und  Direktor  des  Börsenblattes
Le  Héritier 2 ),  ist  seit  mehr  denn  40  Jahren  Chronist  des  Wirtschaftslebens ­
  und  des  Finanzwesens  Frankreichs.  Er  hat  vor

0  Vgl.  Leroy-Beaulieu,  Le  Collectivisme,  examen  critique  du  nouveau
socialisme,  4.  Aufl.  1902.
2 )  Alfred  Neymarck  hat  wirtschaftsgeschichtliche  Monographien  über
Colbert  und  Turgot  geschrieben  (Colbert  et  son  temps,  2  Bde.,  Paris,  1875  und
Turgot  et  ses  doctrines,  2  Bde.,  Paris,  1885)  ;  den  internationalen  statistischen
Kongressen  hat  er  mehrere  Berichte  über  die  internationale  Wertpapier  Statistik
vorgelegt  (Berichte  des  internationalen  statistischen  Instituts,  Bd.  IX,  Lief.  2,
Bern,  1895;  Bd.  XI,  Lief.  2,  Petersburg,  1897;  Bd.  XII,  Lief.  1,  Christiania,
1899;  Bd.  XIII,  Lief.  8,  Budapest,  1901).
        <pb n="139" />
        118

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

einigen  Jahren  mit  der  Veröffentlichung  einer  Gesamtausgabe
seiner  Chroniken  begonnen  (Finances  Contemporaines,  Paris,  1903  ff.).
Band  I  enthält  Jahresübersichten  (1872—1901)  über  alle  volkswirtschaftlichen, ­
  finanziellen,  industriellen  und  kommerziellen
Geschehnisse  von  einiger  Bedeutung  in  Frankreich.  Band  II
ist  eine  Sammlung  von  kritischen  Besprechungen  der  Budgets
des  französischen  Staates  in  der  Periode  1872—1903  nebst  statistischen ­
  Übersichten  über  dieselben  für  die  Jahre  1869—1901.
Band  III  bietet  eine  Zusammenstellung  von  Artikeln,  die
Neymarck  in  den  Jahren  1872—1904  über  die  wichtigeren
finanzpolitischen  und  volkswirtschaftlichen  Tagesfragen  geschrieben ­
  hat  ;  dazu  treten  Übersichten  über  die  Themata,
welche  in  diesem  Zeitraum  in  den  Sitzungen  der  Académie
des  Sciences  morales  et  politiques,  der  Société  d'Economie  politique
und  der  Société  d'Economie  sociale  erörtert  wurden.  Band  IV
und  V  vereinigen  Aufsätze  aus  den  Jahren  1871—1907,  welche
der  Kritik  der  französischen  Finanzverwaltung  und  der  Besprechung ­
  sämtlicher  in  diesem  Zeitraum  in  Kammer  und  Senat
eingebrachten  Steuervorlagen  gewidmet  sind.  Für  die  Wirtschafts- ­
  und  insbesondere  die  Finanzgeschichte  der  dritten  Republik ­
  bedeuten  die  Schriften  Neymarcks  eine  reiche,  interessante, ­
  mitunter  pikante  Fundgrube,  welche  allerdings  ganz  im
Sinne  eines  schroffen  Nichtinterventionismus  gehalten  ist  und
den  Bedürfnissen  der  Zeit  nur  zu  oft  verständnislos  gegenüber ­
  steht.
Arthur  Raffalovich,  Finanzagent  der  russischen  Regierung
in  Paris  und  ständiger  Mitarbeiter  des  Economiste  français,  hat
sich  durch  seine  seit  1894  erscheinenden  Jahresberichte  über
den  Geld-  und  Effektenmarkt  in  allen  wichtigeren  Ländern
Europas  und  Amerikas  einen  Namen  gemacht 1 ).  Mit  Yves

*)  Arthur  Raffalovich,  Le  Marché  financier.  France,  Angleterre,  Allemagne, ­
  Russie,  Autriche,  Suisse,  Italie,  Espagne,  Etats-Unis.  Questions  monétaires.
1894  bis  heute.  15  Bde.  Paris,  Guillaumin-A  lean.
Yon  ihm  nennen  wir  noch:  Le  Logement  de  l’Ouvrier  et  du  Pauvre.
Paris,  1887.  —  Les  Socialistes  allemands.  Le  Programme  d’Erfurt  et  la  Satire
de  M.  Richter,  Paris,  1892.  —  Trusts,  Cartells  et  Syndicats,  2.  Aufl.,  Paris,
1905.  —  Recueil  de  Matériaux  sur  la  Situation  économique  des  Israélites  de
Russie,  d’après  l’Enquête  de  la  Jewish  Colonization  Association.  Bd.  I,  Introduction, ­
  Agriculteurs,  Artisans  et  Manoeuvres,  Paris,  1906.
        <pb n="140" />
        —4;
1

Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner  H9
Guyot  hat  er  die  Veröffentlichung  des  Dictionnaire  du  Commerce,
de  l'Industrie  et  de  la  Banque  geleitet.
Raphaël-Georges  Lévy,  Bankdirektor  und  Professor  an  der
École  libre  des  Sciences  politiques  (Bank-  und  vergleichendes  Finanzwesen), ­
  ist  Spezialist  auf  den  Gebieten  des  Geld-,  Bank-  und
Budgetwesens,  sowie  der  Branntweinbesteuerung.  R.  G.  Lévy
hat  Verständnis  für  die  deutsche,  historische  Volkswirtschaftslehre, ­
  was  man  von  seinem  Milieu  im  allgemeinen  nicht  behaupten ­
  kann.  Strenge  Wissenschaftlichkeit,  klarer  Blick  und
sicheres  Urteil  kennzeichnen  seine  zahlreichen  Monographien 1 ).
Eugène  d’Eichthal 2 ),  Mitglied  des  Verwaltungsrates  der
französischen  Südbahn  und  der  Académie  des  Sciences  morales
et  politiques,  hat  Courcelle-Seneuil  und  Marshall  studiert,
besitzt  historisches  Verständnis  und  ist  von  der  Idee  der  Relativität ­
  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  durchdrungen.  Er
sieht  seine  wissenschaftliche  Aufgabe,  abgesehen  von  der  Bekämpfung ­
  des  Sozialismus,  vor  allem  in  der  Revision  der  „wesentlichen ­
  Regeln“  der  klassischen  Nationalökonomie  auf  Grund  von
Tatsachenbeobachtung,  und  in  der  Klärung  des  sprachlichen
Ausdrucks  (élucidation  des  termes),  dessen  sich  die  Wirtschaftswissenschaft ­
  bedient.
d'Eichthals  Revision  des  Klassizismus  lehnt  sich  eng
an  diejenigen  von  Paul  Leroy-Beaulieu  und  Marshall
*)  Vgl.  unter  andern:  Raphaël-Georges  Lévy,  La  Spéculation  et  la  Banque,
Paris,  1893.  —  Mélanges  financiers,  Paris,  1895.  —  La  Fortune  mobilière  de  la
France  à  l’Etranger,  Paris,  1893.  —  L’Union  monétaire  au  moyen  d’une  Banque
centrale  universelle,  Paris,  1895.  —  Le  Monopole  de  l'Alcool,  Paris,  1897.  —
L’Industrie  et  le  Commerce  allemands,  Paris,  1898.  —  La  Hausse  du  Blé  et  la
Baisse  de  l’Argent,  Paris,  1897.  —  Qualités  monétaires  des  Valeurs  mobilières,
Paris,  1899.  —  L’Achèvement  de  notre  Réforme  monétaire,  Paris,  1900.  —  Le
Triomphe  de  l’Unité  monétaire,  Paris,  1901.  —  Anvers,  Gênes,  Hambourg,  Paris,
1901.  —  L’Allemagne  industrielle,  Paris,  1901.  —  La  Disparition  de  l’argent
comme  Métal  monétaire,  Paris,  1903.  —  Rapports  sur  le  monopole  de  l’Alcool
à  la  commission  extraparlementaire,  Paris,  1904.  —  Finances  de  Guerre  :  Russie
et  Japon,  Paris,  1904.  —  Psychologie  des  Placements,  Paris,  1905  usw.
2 )  Von  Eugène  d'Eichthal  sind  neben  ideengeschichtlichen  Werken  (Socialisme, ­
  Communisme  et  Collectivisme,  Paris,  Guillaumin,  1892.  —  Alexis  de  Tocqueville ­
  et  la  Démocratie  libérale,  Paris,  Calmann-Lévy,  1897  usw.)  hauptsächlich ­
  zu  erwähnen  :  La  Solidarité  sociale  et  ses  nouvelles  formules,  Paris,
Picard,  1903  und:  La  Formation  des  Richesses  et  ses  conditions  sociales  actuelles,
Paris,  Alcan.  1906.
        <pb n="141" />
        120

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

an.  Seine  mit  großer  Akribie  durchgeführten  Begriffsbestimmungen ­
  begründet  er  damit,  daß  die  Beobachter,  welche  zuerst
wirtschaftliche  Erscheinungen  gesehen  und  benannt  haben,  diese
nicht  nach  ihrem  innern  Wesen,  sondern  nach  partiellen,  am
meisten  in  die  Augen  springenden  Gesichtspunkten  betrachtet
und  bezeichnet  haben.  Daher  die  Unklarheiten  und  Konfusionen,
von  denen  die  Volkswirtschaftslehre  wimmele.  Bastiat  drückte
denselben  Gedanken  mit  dem  geistreichen  Schlagwort  „ce  qu’on
voit  et  ce  qu’on  ne  voit  pas"  aus 1 ).
Die  Auffassung  Leroy-Beaulieus  und  Marshalls,
daß  die  Volkswirtschaftslehre  nicht  nur  Tatsachen  zu  beobachten, ­
  sondern  auch  die  Voraussicht  zu  ermöglichen  und  die  Vorbedach ­
  tsamkeit  zu  entwickeln  habe,  wird  von  d’Eichthal
besonders  urgiert.  Aus  der  wiederholten  Beobachtung  von  Tatsachen, ­
  die  sich  im  Laufe  der  Geschichte  sehr  oft  wiederholt
haben,  sagt  er,  kann  die  Nationalökonomie  Regeln  folgern,
welche  dem  Gesetzgeber  und  Politiker  als  Grundlage  zur  Voraussicht ­
  dienen  können.  Diese  Regeln  sind  keine  Naturgesetze;
denn  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen  haben  nicht  den
Charakter  von  Unveränderlichkeit,  welcher  physisch  gewisse
Voraussichten  ermöglicht.  Ursachen  der  Veränderlichkeit  jener
Erscheinungen  sind:  Verschiedenheiten  in  der  individuellen
Schätzung  der  wirtschaftlichen  Vorteile  ;  Umstände  der  Zeit,  der
Rasse,  des  Milieus,  der  Sitten  ;  Leidenschaften,  Aberglauben  usw.
Das  Gesetz  der  großen  Zahl  bewirkt  jedoch,  daß  diese  Veränderlichkeit ­
  sich  in  bestimmten  Grenzen  hält.  Die  Ökonomik
stützt  sich  auf  den  Glauben,  daß  die  Gesamtheit  der  Tendenzen, ­
  Instinkte,  Gewohnheiten,  Voraussichten  der  Menschen
genügend  konstant  ist,  um,  bei  langer  und  sorgfältiger  Beobachtung, ­
  die  Grundlage  einer  wirklichen  Wissenschaft  abzugeben, ­
  d.  h.  einer,  wenn  auch  nicht  unbedingt  gewissen,  so
doch  genügend  sichern  Voraussieht  der  Tatsachen,  welche  inneri)

  E.  d'Eichthal,  La  Formation  des  Richesses,  Paris,  1906,  p.  II,  XIX.  —
Nach  d’Eichthal  ist  z.  JB.  die  Tatsache,  daß  durch  die  Jahrhunderte  die  Berechtigung ­
  des  Zinses  als  Entlohnung  für  das  leihweise  Überlassen  produktiver  Güter,
wie  Boden  oder  Werkzeuge,  anerkannt,  während  der  Zins  als  Entlohnung  von
Gelddarlehen  verurteilt  wurde,  eine  Folge  falscher  Vorstellungen  über  das  Wesen
der  Güter  und  Edelmetalle,  für  welche  in  erster  Linie  die  sprachlichen  Bezeichnungen ­
  dieser  Dinge  verantwortlich  zu  machen  sind.  ibid.  p.  111.
        <pb n="142" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

121

halb  einer  bestimmten  Zeitgrenze  und  in  einem  bestimmten
Milieu  zu  erwarten  stehen  *).
Diejenigen  Regeln,  welche  die  Nationalökonomie  aus  der
Tatsachenbeobachtung  schöpft,  um  der  Gesetzgebung  als  Richtschnuren ­
  zu  dienen,  lehren,  daß  „die  wesentlichen  sozialen  Bedingungen ­
  der  zeitgenössischen  Produktion  .  .  .  nicht  willkürliche ­
  sind,  sondern  die  notwendige  Frucht  eines  Jahrhunderte
langen  Ineinandergreifens  von  Ursachen  und  Wirkungen,  die  zu
einer  Wirtschaftsordnung  führen,  ...  in  der  die  Vorteile  die
Nachteile  bedeutend  überwiegen;  daß,  um  diese  Bedingungen
in  einigen  ihrer  Züge  zu  modifizieren  —  was  der  beständigen
Evolution  der  menschlichen  Dinge  entsprechen  kann  —  man
nicht  deren  festgegründetes  Prinzip  über  den  Haufen  werfen
darf,  sondern  die  Reform  gewisser  Teile  auf  den  alten  Grundlagen ­
  in  Angriff  nehmen  muß“  2 ).  Die  Pointe  gegen  den  Sozialismus, ­
  welche  diese  Programmerklärung  birgt,  kommt  bei
d’Eichthal  durchweg  zum  Vorschein.  Die  grundlegende  Bedeutung, ­
  welche  bei  ihm,  im  Anschluss  an  Courcelle-Seneuil,
die  historische  Kategorie  der  Aneignung,  und  zwar  der  individuellen
Aneignung,  hat,  trägt  einen  Kampfcharakter  dem  Sozialismus
gegenüber.  Wenn  er  ferner  seine  beliebte,  jeden  Augenblick
wiederkehrende  Behauptung  aufstellt,  die  Nationalökonomie  sei
vor  allem  ein  Produktionsproblem,  nicht  ein  solches  der  Verteilung, ­
  wie  die  Sozialreformer  aller  Schattierungen  zu  glauben
geneigt  seien  —  darum  sei  auch  möglichste  Produktivität  für
die  Besserung  der  wirtschaftlichen  Lage  aller  Volksklassen  viel
wichtiger,  als  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung  —  so  versäumt
er  nicht,  darauf  hinzuweisen,  daß  jeglicher  Sozialismus  eben
diesem  Grundirrtum  der  Überschätzung  der  Verteilungsfragen
sein  Entstehen  verdanke 3 ).

*)  ibid.  p.  XIII  ff.  Vgl.  ebenda:  „Es  ist  der  Zweck  einer  jeden  Sozialwissenschaft, ­
  dem  Gesetzgeber  und  Politiker  Grundlagen  zur  Voraussicht  zu  beschaffen; ­
  denn  wenn  sie  die  menschlichen  Dinge,  insbesondere  die  Gesetzgebung
nicht  beeinflussen  dürfte,  so  wäre  sie,  was  sie  zu  oft  in  Deutschland  wird,  eine
bloße  Registrierung  historischer  Tatsachen  ;  wissenschaftlich  an  ihr  wäre  dann
nur  die  Methode,  welche  darin  besteht,  sich  vor  Irrtumsquellen  bei  der  Beobachtung ­
  zu  schützen.“
2 )  ibid.  p.  XXII.
3 )  ibid.  p.  II  und  passim  in  allen  Schriften.
        <pb n="143" />
        122

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Nachdem  dem  Ziele  größtmöglichster  Produktivität  der
unbedingte  Vorrang  im  Wirtschaftsleben  gesichert 1 )  und  damit
das  stetig  steigende  Wohlergehen  aller  in  erster  Linie  von  der
individualistischen  Organisation  der  Produktion  abhängig  gemacht ­
  ist,  tritt  d’Eichthal  an  das  Verteilungsproblem  heran.
Die  liberale  Schule  verneint  nicht,  sagt  er,  daß  die  soziale
Gerechtigkeit  das  beständige  und  höhere  Ziel  der  Gesellschaftsorganisation ­
  sein  soll 2 );  aber  es  ist  gefährlich  und  öffnet  dem
Kollektivismus  Tür  und  Tor,  wenn  man  die  Gerechtigkeit  zum
alleinigen  Pol  der  Wirtschaftsordnung  macht.  Die  Natur  gibt
dazu  das  Beispiel  nicht,  denn  sie  ist  von  Grund  aus  ungerecht.
Alles  in  ihr  ist  Ungleichheit,  Erdrückung  des  Schwächeren  durch
den  Stärkeren  usw. 3 ).  Die  Rolle  nun,  welche  d’Eichthal  dem
Prinzip  der  sozialen  Gerechtigkeit  tatsächlich  im  Wirtschaftsleben ­
  zuweist,  wird  durch  den  Begriff  der  sozialen  Solidarität,
den  er  in  die  liberale  Volkswirtschaftslehre  einführt,  bestimmt.
d’Eich  thaïs  Schrift  über  die  soziologische  Kategorie  der
Solidarität  wurde  der  Anlaß  zu  einer  gründlichen  Aussprache
der  Académie  des  Sciences  morales  et  politiques,  d.  h.  der
Koryphäen  der  liberalen  Schule,  über  die  Solidaritätsidee,  welche

J )  Die  Betonung  des  Vorrangs  der  Produktion  im  "Wirtschaftsleben  gibt
d’Eichthal  Anlaß  zu  einer  Bewertung  der  Juristen.  „Die  praktische  Beobachtung,“ ­
  schreibt  er,  „die  aktuelle  wie  die  historische,  führt  die  Ökonomik  zu
einer  Schlußfolgerung,  die  sie  so  zu  formulieren  wagt  :  es  wäre  ein  Unglück  für
eine  Gesellschaft  und  würde  den  Stillstand  ihrer  Fortschritte  bedeuten,  wenn  der
exklusive  juristische  Geist  auf  die  sozialen  Dinge  übergreifen  und  die  Auslese
der  Produzenten  erfüllen  würde.  .  .  .  Die  Juristen  und  Gesetzesmacher  haben
häufig  die  Tendenz,  die  Dinge  und  die  Menschen  ...  zu  immobilisieren,  und
über  den  Anteil  eines  jeden  an  einem  Kuchen,  zu  dessen  Vermehrung  sie  nichts
beitragen,  zu  schikanieren.  Wenn  der  tätigste  Teil  unserer  Generation  die  Produktion ­
  vernachlässigte,  um  sich  nur  mit  der  Regelung  der  Bedingungen  zu  beschäftigen ­
  ,  unter  denen  die  Früchte  der  Wissenschaft  und  Industrie  verteilt
werden  sollen,  so  würde  daraus  eine  allgemeine  Verarmung  erfolgen,  ohne  daß
vielleicht  eine  nennenswerte  Befriedigung  des  Gerechtigkeitssinnes  erreicht  würde.“
ibid.  p.  350/Bl.
2 )  Der  scheinbare  Widerspruch,  der  in  dieser  Formulierung  liegt,  erklärt
sich  wie  folgt:  die  größtmögliche  Produktion  ist  das  oberste  Ziel  der  Praxis,
die  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung  ist  das  oberste  Ziel  in  der  Theorie;  aber
gerade  die  Verwirklichung  des  obersten  Zieles  der  Praxis  ist  das  adäquateste
Mittel  zur  Verwirklichung  gerechter  Verteilung.  Cfr.  d’Eichthal  ibid.  p.  345  fis.
3 )  ibid.  p.  352  fis.,  p.  379  ff.
        <pb n="144" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner  123
in  den  letzten  Jahrzehnten  in  Frankreich,  hauptsächlich  durch
die  Schriften  Léon  Bourgeois',  ins  Bewußtsein  der  Massen  gedrungen ­
  ist  und  eine  ungeheure  Popularität  erlangt  hat*).  Wir
werden  unten  im  dritten  Buche  auf  diese  Idee,  welche  in  der
Volkswirtschaftslehre  nicht  nur  der  liberalen  Schule  Bürgerrecht
zu  erringen  im  Begriffe  ist,  eingehender  zu  sprechen  kommen.
Hier  wird  es  genügen  festzustellen,  daß  d’Eichthal,  und  mit
ihm  die  Akademie,  den  Solidarismus  Bourgeois’,  der  die  Fürsorge ­
  für  die  „Enterbten“  zu  einer  rechtlich  einklagbaren  Schuld
der  Besitzenden  macht,  ablehnen,  die  natürliche  Tatsache  der
sozialen  Solidarität  jedoch  und  deren  Geeignetheit,  die  Güterverteilung ­
  zu  normieren,  mehr  oder  weniger  —  Frédéric
Passy  z.  B.  mehr,  Paul  Leroy-Beaulieu  in  geringerem
Maße  —  anerkennen.  Die  Fassung,  welche  d’Eichthal  dem
Begriff  der  sozialen  Solidarität  gibt,  ist  folgende:  „Die  Fortschritte ­
  der  Wissenschaft  und  der  Kultur  prägen  die  Idee  eines
rigorosen  Bandes,  das  die  Menschen  und  die  Generationen  miteinander ­
  verbindet,  immer  tiefer  in  unsere  Herzen  und  unsere
Sprache  ein.  Durch  eine  genauere  Analyse  des  sozialen  Lebens
und  der  wirklichen  Natur  sieht  jeder  von  uns  täglich  ein  wenig
klarer,  daß  er  ein  Bruchstück,  nicht  nur  einer  familiären  oder
kommunalen  Gruppe  ist,  sondern  eines  umfassenden  Ganzen,  in
welchem  das  Glück  der  einen  in  weitem  Maße  von  dem  Glücke
der  andern  abhängt  So  entsteht  in  der  Seele  der  Zeitgenossen ­
  eine  Art  unlöslichen  Zusammenhanges  zwischen  dem
Individuum,  seinen  Ahnen,  seiner  Familie,  seinen  Verwandten,
seinen  Freunden,  seinen  Mitbürgern,  seinen  Abkömmlingen,  der
nach  und  nach  die  Idee  der  Kriege  zwischen  Völkern  beseitigt ­
  und  sich  auf  die  gesamte  lebende  und  selbst  zukünftige
Menschheit  ausdehnt.  Daraus  ist  eine  zugleich  individualistische
und  kollektivistische  Weltanschauung  entstanden  .  .  .  .,  die
gewiß  sehr  verschieden  ist  von  der,  welche  ein  übertriebener

*)  Die  gemeinte  Schrift  d’Eicbthals  wurde  in  Verbindung  mit  dem  einschlägigen ­
  stenographischen  Sitzungsbericht  der  Akademie  veröffentlicht  unter
dem  Titel  :  La  Solidarité  sociale,  ses  nouvelles  formules  par  E.  d'Eichthal.  Observations ­
  par  MM.  F.  Passy,  P.  Leroy-Beaulieu,  Levasseur,  A.  Sorel,  Juglar,
Boutroux,  Cheysson,  E.  Rostand,  de  Tarde,  Glasson  et  R.  Stourm.  Paris,
A.  Picard,  1903.
Über  Léon  Bourgeois  s.  unten,  Buch  III,  Kap.  2.
        <pb n="145" />
        124

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Individualismus  zu  gewissen  Zeiten  erzeugen  konnte.  Sie  stellt
dem  Gesetze  der  Zerstörung,  um  zu  leben,  das  der  Gesamtheit
der  lebenden  Wesen  gemein  ist,  ein  Gesetz  des  Zusammenwirkens, ­
  um  zu  leben,  entgegen,  welches  sich  nach  und  nach
im  Schoße  der  Menschheit  zu  deren  sittlichem  und  physischem
Besten  bildet,  und  aus  derselben  eine  kleine,  abseits  stehende
Welt  im  Universum  machen  wird“  *).
Die  praktische  Verwertung  der  Solidaritätsidee  als  Norm
der  Güterverteilung 1  2 )  denkt  sich  d'Dichthai,  und  darin  folgt
ihm  die  Akademie  nur  mit  größter  Zurückhaltung,  wie  folgt:
In  der  Ordnung  der  Gefühle  ist  zu  einer  immer  bewußteren
Entwicklung  jener  Tugenden  anzutreiben,  welche  man  früher
Nächstenliebe,  Brüderlichkeit,  Philanthropie,  Altruismus  nannte;
in  der  Ordnung  der  äußeren  Tatsachen  ist  die  Assoziation  zu
ermutigen,  die  als  Genossenschaft,  Unterstützungswesen,  ja  selbst
als  Zusammenwirken  von  Kapital  und  Arbeit  das  menschliche
Leben  schon  bedeutend  gebessert  hat.“  Mit  unentwegtem  Optimismus ­
  verspricht  sich  d'Eichthal  von  der  Verwirklichung  der
Solidaritätsidee  durch  genossenschaftlichen  Zusammenschluß
zu  den  verschiedensten  Zwecken  eine  wunderbare,  stetige  Besserung ­
  der  Lage  insbesondere  der  Arbeiterbevölkerung 3 ).  Aber
er  dringt  auch  bis  zum  Interventionismus  vor.  „Die  solidaristische
Weltanschauung,“  schreibt  er,  „äußert  sich  im  bürgerlichen
Leben  zugleich  durch  gesetzliche  und  sittliche  Pflichten:  die
ganze  Frage  der  Freiheit  besteht  eben  darin,  die  einen  von
den  andern  zu  unterscheiden  und  zu  bestimmen,  was  gerechtfertigterweise ­
  durch  den  staatlichen  Zwang  den  Bürgern  im
Namen  der  sozialen  oder  nationalen  Solidarität  auferlegt  werden
kann,  und  was,  aus  Achtung  vor  dem  individuellen  Recht,  oder
im  allgemeinen  wirtschaftlichen  und  sozialen  Interesse,  das  Gebiet ­
  des  industriellen  Gewissens  oder  des  wohlverstandenen

1)  d’Eichthal,  La  Formation  des  Richesses,  p.  452.  —  La  Solidarité
sociale,  p.  15.
2 )  Es  bedarf  wohl  kaum  eines  Hinweises,  daß  die  Solidaritätsidee  als
Verteilungsnorm  nur  unter  Voraussetzung  eines  anderen  ethischen  Prinzips,
z.  B.  desjenigen  der  Rechtmäßigkeit  der  individuellen  Aneignung  der  Güter,  in
Tätigkeit  treten  kann.  Die  meisten  Verfechter  jener  Idee  neigen  allerdings  dazu,
dies  aus  dem  Auge  zu  verlieren.
3 )  d'Eichthal,  Solidarité,  p.  21  ff.
        <pb n="146" />
        Die  Gruppe  der  Geschäftsmänner

125

Selbstinteresses  bleiben  darf.  Und  das  ist  das  Hauptproblem
der  zeitgenössischen  Soziologie“  *).  Welche  Gebiete  der  staatlichen ­
  Einmischung  offen  stehen  sollen,  bezeichnet  d’Eichthal
nicht  näher.  Er  begnügt  sich  damit,  darauf  hinzuweisen,  daß
in  jedem  Einzelfall  die  Bestimmung  der  Opfer,  welche  der  Staat
aus  dem  Solidaritätsgedanken  heraus  von  den  Individuen  verlangen ­
  darf,  eine  schwierige,  und  daß  „das  Wichtigste  ist,  die
Freiheit  nicht  von  vornherein  preiszugeben“  1  2 ).
Charles  Gomel,  Mitglied  des  Verwaltungsrates  der  französischen ­
  Ostbahn  und  des  Crédit  Foncier,  widmet  seine  Mußestunden ­
  finanzgeschichtlichen  Studien.  Er  hat  die  Archive  der
Bibliothèque  nationale  und  diejenigen  mehrerer  Provinzstädte
durchstöbert  und  die  gefundenen  Materialien  zu  einer  groß
angelegten  Darstellung  des  Finanzwesens  Frankreichs  in  den
letzten  Jahren  des  „ancien  régime“  und  zur  Revolutionszeit  verarbeitet ­
 3 ).  Die  bisher  erschienenen  acht  Bände  stellen  ein
historisches  Quellenwerk  ersten  Ranges  dar.  Unbefangen  ist
dasselbe  allerdings  nicht.  Einmal  mißt  Gomel  die  damalige
Finanzpolitik  der  verschiedenen,  rasch  aufeinander  folgenden
Verwaltungen  viel  zu  sehr  an  dem  absoluten  Maßstab  der
finanzwissenschaftlichen  Doktrin  Paul  Leroy-Beaulieus;
dann  fallen  die  Versuche,  sich  in  die  Mentalität  und  die  Lage
der  insbesondere  linksstehenden  Finanzpolitiker  der  Revolutionszeit ­
  hineinzudenken,  und  damit  die  psychologische  Erklärung
des  Geschehenen,  viel  zu  schwach  aus.  Es  liegt  auf  der  Hand,
daß  dieser  Mangel  nicht  selten  zu  parteiischer  Trübung  des
Urteils  führen  muß.  Das  große  Verdienst  des  Gomelschen
Unternehmens  ist,  die  ausschlaggebende  Bedeutung,  welche  die
finanzielle  Lage  Frankreichs  und  die  Finanzpolitik  der  sich  rasch
folgenden  Minister,  Versammlungen  und  Ausschüsse  für  die  Entstehung ­
  der  großen  Revolution  und  deren  Entwicklungsgang
1 )  d'  Eichthal,  La  Formation  des  Richesses,  p.  452.
2 )  d'  Eichthal,  Solidarité,  p.  17.
Die  Solidaritätsidee  wird  unten  im  2.  Kapitel  des  dritten  Buches  besprochen ­
  werden.
8 )  Charles  Gomel,  Les  Causes  financières  de  la  Révolution,  2  Bde.,  Paris,
1892—1893.  —  Histoire  financière  de  l’Assemblée  constituante,  2  Bde.,  Paris,
1896—1897.  —  Histoire  financière  de  la  Législative  et  de  la  Convention,  4  Bde.,
Paris,  1902—1905.
        <pb n="147" />
        126

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

gehabt  haben,  durch  Veröffentlichung  umfangreichen  Materials
und  durch  Aufdecken  vieler  Zusammenhänge,  welche  den
Historikern  bis  dahin  entgangen  waren,  in  helles  Licht  zu  rücken.
Daneben  enthält  Goméis  Werk  wohl  die  liebevollste  Schilderung ­
  der  Entstehungsgeschichte  des  von  der  Revolution  geschaffenen ­
  und  heute  noch  in  Frankreich  bestehenden  Ertragssteuersystems. ­


3.  Kapitel.
Die  Gruppe  der  Yerwaltungsbeamten.
Wir  haben  diese  Gruppe  bereits  in  etwa  kennen  gelernt:
es  sind  in  der  Hauptsache  Dozenten  und  frühere  Schüler  der
Ecole  libre  des  Sciences  politiques,  welche  die  staatlichen  Verwaltungsbehörden ­
  bevölkern.  Die  von  der  Schule  mitgebrachten
nichtinterventionistischen  Anschauungen  pflegen  diese  Herren
im  späteren  Leben  mit  den  Erfahrungen  der  Verwaltungspraxis
zu  begründen 1 ).  Wissenschaftliches  Organ  der  Gruppe  sind  die
bereits  genannten  Annales  des  Sciences  politiques  (erscheinen  zweibis
  dreimonatlich  seit  1886).  Dem  Geiste,  der  die  Ecole  libre
des  Sciences  politiques  durchdringt,  entsprechend,  interessieren
sich  die  hieher  zu  rubrizierenden  Volkswirte  wenig  für  die  theoretische ­
  Behandlung  der  wirtschaftswissenschaftlichen  Probleme  ;
wir  dürfen  darum  nicht  hier  tiefgründige  Auseinandersetzungen
über  die  Grundfragen  der  Wissenschaft  suchen.  Positive,  konkrete ­
  Behandlung  greifbarer  Tatsachen  und  Erscheinungen  des
Wirtschaftslebens  und  Abtun  grundsätzlicher  Fragen  mit  einigen
kurzen,  im  Vergleich  zur  komplexen  Wirklichkeit  äußerst  vereinfachten ­
  Deduktionen  kennzeichnen  die  hierher  gehörenden
Arbeiten.  Zur  nähern  Charakterisierung  dieser  Gruppe  wird  es
genügen,  die  Namen  zweier,  wissenschaftlich  hervorragender
Männer  herauszugreifen  :  Alfred  de  Foville  und  René  Stourm.
1 )  Z.  B.  dank  dem  Schutzzoll  vermag  dieses  oder  jenes  Unternehmen  mit
veralteten  Maschinen  und  überholten  Herstellungsverfahren  weiter  zu  arbeiten,
oder:  die  Praxis  zeigt,  daß  nur  schlechte  und  träge  Arbeiter  von  der  obligatorischen ­
  Sozialversicherung  Nutzen  haben  und  zwar  auf  Kosten  der  tüchtigeren
und  ehrlichen  usw.
        <pb n="148" />
        Die  Gruppe  der  Verwaltungsbeamten

127

Alfred  de  Foville,  Professor  der  Nationalökonomie  an  der
Ecole  libre  des  Sciences  politiques,  hat  in  der  Staatsverwaltung ­
  Karriere  gemacht 1 ).  Er  besitzt  in  hohem  Maße  die
dem  französischen  Charakter  eigene  Liebenswürdigkeit.  Diese
ist  der  dominierende  Zug  aller  seiner  Schriften 2 ).  Professor
Gide  sagt  von  ihm:  „Er  ist  zweifelsohne  ein  Statistiker,  wie
es  keinen  zweiten  in  der  Welt  gibt.  Geist,  Anmut  und  vollendete ­
  Kunst  weiß  er  in  diese  Wissenschaft  zu  tragen,  die  als
die  trockenste  von  allen  gilt,  unter  seiner  Feder  aber  zur  Freude
der  Leser  wird“  3 ).
Der  Nichtinterventionismus  präsentiert  sich  bei  de  Foville
als  das  selbstverständlichste  und  harmloseste  Ding  der  Welt.
Die  ewigen  Naturgesetze  der  Volkswirtschaft  stimmen  wunderbar ­
  mit  dem  Sittengesetz  überein,  und  „niemand  hat  mehr  zur
Besserung  der  Lage  der  Arbeiterbevölkerung  in  den  großen
Industriestädten  beigetragen  als  Villermé,  Llanqui,  Keybaud, ­
  Jules  Simon  usw.“ 4 ).
Als  Leiter  des  statistischen  Bureaus  im  französischen
Finanzministerium  führte  de  Foville  eine  Reorganisation  des
statistischen  Dienstes  des  Staates  durch;  insbesondere  bildete

1)  A.  de  Foville  hatte  ursprünglich  die  militärische  Laufbahn  eingeschlagen.
Als  Leutnant  nahm  er  seine  Entlassung,  studierte  .Rechts-  und  Staatswissenschaft
und  war  dann  der  Reihe  nach:  auditeur  am  Conseil  d'Etat,  Vorstand  des  statistischen ­
  Bureaus  des  Finanzministeriums,  Direktor  der  Pariser  Münze  und  seit  1900
conseiller-maître  an  der  Cour  des  Comptes.  Seit  1872  ist  er  Professor  an  der
Ecole  libre  des  Sciences  politiques,  von  1882—1893  dozierte  er  ebenfalls  am  Conservatoire ­
  des  Arts  et  Métiers.  Er  ist  ferner  Mitglied  der  Académie  des  Sciences
morales  et  politiques  und  seit  1897  Vorsitzender  der  Société  des  Etudes  économiques, ­
  einer  freien  Vereinigung  von  zumeist  früheren  Schülern  der  Ecole  des
Sciences  politiques.
2 )  de  Fovilles  hauptsächlichste  Schriften  sind:  Essais  sur  les  Variations  des
Prix,  Paris,  1873.  —  La  Transformation  des  Moyens  de  Transport  et  les  Conséquences ­
  économiques  et  sociales,  Paris,  1880.  —  L’Administration  de  l’Agriculture ­
  au  Contrôle  général  des  Finances  sous  Louis  XVI,  Paris,  1883.  —  Le
Morcellement,  Paris,  1885.  —  La  France  économique,  Statistique  raisonnée  et
comparative,  Paris,  1.  Ausi.  1887,  2.  Ausi.  1890.  —  Enquête  sur  les  conditions
de  l’habitation  en  France,  Paris,  1899.  —  La  Monnaie,  Paris,  1907.
3 )  Ch.  Gide,  Die  neuere  volkswirtschaftliche  Literatur  Frankreichs,  in
Schmoll  ers  Jahrbuch,  1895,  p.  719—720.
4 )  A.  de  Foville,  L’Economie  politique  dans  l’enseignement  secondaire,  in  :
Revue  universitaire,  15.  März,  1892,  p.  260  if.
        <pb n="149" />
        128

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

er  die  periodischen  Erhebungen  über  den  Stand  der  Landwirtschaft ­
  aus  und  gründete  das  Bulletin  de  Statistique  et  de  Législation ­
  comparée  (erscheint  seit  1877).  Fesselnd  zu  lesen  ist  sein
Werk  über  den  französischen  Nationalwohlstand  (La  France
économique,  2.  Ausi.  1890).  Durch  eine  sinnreiche  Anordnung
und  Farbengebung  von  graphischen  Darstellungen  gelingt  es
de  Foville,  die  Fluktuationen  und  Entwicklungstendenzen
des  Wirtschaftslebens  für  beliebige  Zeitabschnitte  in  übersichtlichen ­
  Gesamtüberblicken,  unter  Vermeidung  von  Durchschnittsberechnungen ­
  und  in  weitgehender,  detaillierter  Gliederung
(32  Kategorien  wirtschaftlicher  und  sozialer  Erscheinungen)  anschaulich ­
  vorzuführen.  Er  selbst  bezeichnet  das  Verfahren  als
météorologie  sociale.  Eine  andere  statistische  Arbeit  desselben  Verfassers ­
  (Le  Morcellement,  Paris  1885)  bringt  die  Fortschritte  der
Teilung  und  die  vereinzelt  auftretende  übermäßige  Parzellierung
des  Grundeigentums  in  Frankreich  unter  dem  Einfluß  des
geltenden  Erbrechtes  zur  Darstellung.  Das  letzte  Werk  de
Fo  villes  :  La  Monnaie  (Paris  1907)  ist  zur  Einführung  in  das
Verständnis  des  Geldwesens,  der  Münztechnik  und  der  Währungsfragen ­
  wegen  seiner  knappen,  konkreten,  äußerst  ansprechenden ­
  Form  hervorragend  geeignet.  Der  didaktische  Wert  der
Schriften  de  Fo  villes  ist  überhaupt  hoch  zu  veranschlagen,
wie  auch  sein  Vortrag  ein  seltenes  Lehrtalent  bekundet.
René  Stourm,  Professor  der  Finanzwissenschaft  an  der
Ecole  libre  des  Sciences  politiques,  bekleidete  seit  1863
verschiedene  Ämter  in  der  Finanzverwaltung  und  ist  heute
Administrator  des  Ch'édit  sonder.  Er  hat  mehrere  finanzgeschichtliche ­
  und  finanztechnische  Werke,  darunter  zwei  Handbücher,
veröffentlicht 1 ).  Der  Vergleich  der  finanzgeschichtlichen  Arbeiten
Stour  ms  mit  denen  Goméis  liegt  nahe,  um  so  mehr  als  sie
dieselbe  Periode  der  französischen  Finanzgeschichte  behandeln.
Gomel  sammelt  polyhistorisch  und  zergliedert  gewissenhaft
jedes  Aktenstück  ;  er  will  die  Bedeutung  der  finanziellen  Dinge

0  Von  Bene  Stourm  sind  zu  nennen:  Les  Finances  de  l’ancien  régime  et
de  la  révolution,  Origines  du  système  financier  actuel,  2  Bde.,  Paris,  1885.  —
L’Impôt  sur  l’Alcool  dans  les  principaux  pays,  Paris,  1886.  —  Bibliographie
historique  des  Finances  de  la  France  au  XVIII me  siècle,  Paris,  1900.  —  Les
Finances  du  Consulat,  Paris,  1902.  —  Systèmes  généraux  d’impôts,  Paris,  1.  Aufi.
1893,  2.  Aufi.  1905.  —  Le  Budget,  Paris,  1889,  5.  Aufi.  1906.
        <pb n="150" />
        Die  Gruppe  der  Verwaltungsbeamten

129

für  die  Gesamtgeschichte  der  Revolutionsära  nachweisen;  daß
er  sich  dabei  liebevoll  über  den  Ursprung  des  französischen
Ertragssteuersystems  verbreitet,  ist  für  einen  Nichtinterventionisten ­
  selbstverständlich.  Stourm  denkt  schärfer  und  systematischer ­
  als  Gomel;  er  begnügt  sich  in  der  Regel  damit,  den
Materialien  einige  wenige  prägnante  Züge  zu  entnehmen,  und
verwertet  sie  zur  Zeichnung  von  Gesamtbildern;  die  Finanzgeschichte ­
  bleibt  ihm  Selbstzweck,  und  er  setzt  sich  die  systematische ­
  Darstellung,  einerseits  der  Entstehung  des  französischen ­
  Ertragssteuersystems,  andererseits  der  Reorganisation  des
gesamten  Finanzwesens  der  ersten  Republik  durch  Napoleon
Bonaparte  zum  Hauptziel;  die  Technik  des  Finanzwesens  steht
für  ihn  im  Vordergrund  des  Interesses.  Natürlich  waren
Stour  ms  Forschungen  schätzenswerte  Vorarbeiten  für  Gomel;
sie  bleiben  den  Werken  des  letzteren  an  Scharfsinn  und  methodischer ­
  Durcharbeitung  überlegen.
Die  Handbücher  von  René  Stourm  (Systèmes  généraux
d'impôts  und  Le  Budget)  sind  Werke  eines  erfahrenen  und  scharfsinnigen ­
  Praktikers,  dabei  eines  unerbittlich  rückständigen
Nichtinterventionisten.  Greifbarer  als  Paul  Leroy-Beaulieu  faßt
Stourm  die  Steuerlehre  seiner  Schule  in  wenige  Leitsätze  zusammen ­
  :  die  Steuer  hat  keine  andere  Rolle,  als  den  Staatsbedarf
zu  decken  (d’être  le  pourvoyeur  des  budgets);  jeder  Versuch
mittels  der  Steuer  auf  die  Güterverteilung  einzuwirken,  oder  die
eine  oder  die  andere  Industrie  in  neue  Bahnen  zu  lenken,  überhaupt ­
  jede  ethische,  sozialpolitische  oder  protektionistische
Nutzbarmachung  der  Steuer  ist  zu  verwerfen;  innerhalb  ihres
natürlichen  Wirkungskreises  als  „Lieferantin  des  Staatshaushalts" ­
  hat  die  Steuer  gerecht  zu  sein;  dazu  muß  sie  folgende
Bedingungen  erfüllen:  1.  Mäßigkeit  des  Steuersatzes,  2.  Proportionalität, ­
  nicht  Progressivität,  3.  Entlastung  der  notwendigen
Verbrauchsgegenstände;  ferner  ist  an  dem  erprobten  System
der  Veranlagung  nach  äußern  Merkmalen  festzuhalten 1 ).  Die
Argumentation  Stourms  ist,  wie  übrigens  schon  diese  Leitsätze
verraten,  eine  streng  abstrakte,  deduktive;  seine  Darstellung
der  verschiedenen  Steuersysteme  und  des  Budgetwesens  eine

i)  René  Stourm,  Systèmes  généraux  d’impôts,  2.  Ausi.  Paris,  1905,
p.  412—413.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

9
        <pb n="151" />
        130

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

greifbar  konkrete;  gegen  die  progressive  Steuerveranlagung
und  die  Personalsteuersysteme  polemisiert  er  sehr  scharf  und
schneidig.

4.  Kapitel.
Die  Gruppe  der  Historiker.
Pierre  Emile  Levasseur,  geboren  am  8.  Dezember  1828  in
Paris,  studierte  ursprünglich  Philologie  und  Geschichte.  Seine
Recherches  historiques  sur  le  système  de  Law  (Paris  1854)  sind  die
erste  nationalökonomische  Doktordissertation  in  Frankreich  gewesen. ­
  Levasseur  begann  seine  Laufbahn  als  Lyzealprofessor
in  Alençon  und  Besançon.  1861  wurde  er  Nachfolger  des  zum
Unterrichtsminister  ernannten  Pädagogen  und  Historikers  Duruy
am  Lycée  Napoléon  in  Paris.  Seit  1868  lehrt  er  Wirtschaftsgeschichte, ­
  -geographic  und  -Statistik  am  Collège  de  France.
Zwei  weitere  Lehraufträge  für  Nationalökonomie,  Statistik  und
Wirtschaftsgeographie  wurden  ihm  1874  übertragen  ;  der  eine
am  Conservatoire  national  des  Arts  et  Métiers,  der  andere  an
der  École  libre  des  Sciences  politiques.  Seit  1868  ist  Levasseur
Mitglied  der  Académie  des  Sciences  morales  et  politiques,  seit
1905  administrateur  des  Collège  de  France.
Levasseur  hat  sich  große  Verdienste  um  die  Organisation ­
  des  volkswirtschaftlichen  und  geographischen  Unterrichts
in  den  Volksschulen  und  mittlern  Unterrichtsanstalten  seines
Vaterlandes  erworben.  Die  1907  an  den  juristischen  Fakultäten
erfolgte  Ausdehnung  des  nationalökonomischen  Unterrichts  auf
zwei  Lizentiatsjähre  ist  ebenfalls  seiner  Anregung  zu  verdanken.
Für  Volks-  und  Mittelschulen  hat  er  volkswirtschaftliche  und
geographische  Handbücher  veröffentlicht.
Die  zahlreichen  geographischen,  kartographischen  und
alpinistischen  Arbeiten  Le  vasseurs  müssen  hier  unberücksichtigt ­
  bleiben;  übrigens  repräsentieren  seine  nationalökonomischen, ­
  wirtschaftsgeschichtlichen  und  statistischen  Werke
schon  für  sich  allein  eine  stattliche  Lebensarbeit  *).  Eine  er-*)
  Von  den  Schriften  Levasseurs  seien  genannt:  Précis  d’économie  politique, ­
  zuerst  1869,  letzte  Auflage,  Paris,  1906,  Hachette  et  Cie.  —
        <pb n="152" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

131

staunliche  Arbeitskraft  und  Fruchtbarkeit,  strenge  Wissenschaftlichkeit ­
  und  Überzeugungstreue,  dabei  eine  seltene  Toleranz ­
  und  wohlwollendes  Entgegenkommen  allen  Andersdenkenden ­
  gegenüber  kennzeichnen  diesen  unermüdlichen  Mann.
Den  umfangreichen  Werken  Levasseurs  eignet  eine  ganz
aparte  Übersichtlichkeit  der  äußern  Anordnung.  Neben  detaillierten ­
  Kapitelübersichten  unterläßt  er  nie,  zusammenfassende
Überblicke  anzufügen.  Ja,  dem  Vielbeschäftigten,  dem  selbst
die  Lektüre  dieser,  oft  hundert-  und  mehrseitigen  Zusammenfassungen ­
  der  Ergebnisse  eines  Bandes  zu  viel  Zeit  rauben  sollte,
bietet  meist  noch  ein  Resümee  des  Resümees  die  wesentlichen
Tatsachen  und  Schlußfolgerungen,  deren  ausführliche  Darlegung ­
  den  Gegenstand  des  betreffenden  Bandes  ausmacht.
Die  grundlegenden  und  methodologischen  Anschauungen
Levasseurs  verdienen  besonders  Beachtung.  Sie  stellen

La  France  et  ses  Colonies,  nouvelle  édition,  3  Bde.  1890—93,  Paris,
Ch.  Delagrave.  —
La  Population  Française,  Histoire  de  la  population  avant  1789  et  démographie ­
  de  la  France  comparée  à  celle  des  autres  nations,  précédée  d'une  introduction ­
  sur  la  statistique,  3  Bde.  1889—92,  Paris,  Rousseau.  —
L’Ouvrier  américain,  2  Bde.  1898,  Paris,  Larose.  —
Dann  die  große  Wirtschaftsgeschichte  Frankreichs  in  drei  Teilen:
I.  Teil:  Histoire  des  classes  ouvrières  en  France  depuis  la  conquête  de
Jules  César  jusqu’à  la  Révolution,  2  Bde.  1859;  davon  eine  zweite  Auflage  in
2  Bden.  1900—1901,  unter  dem  erweiterten  Titel  :  Histoire  des  classes  ouvrières
et  de  l’industrie  en  France  avant  1789,  Paris,  Rousseau.  —
II.  Teil:  Histoire  des  classes  ouvrières  en  France  depuis  1789  jusqu’à
nos  jours,  2  Bde.  1868—69.  Davon  zweite  Auflage  1903—04  unter  dem  Titel:
Histoire  des  classes  ouvrières  et  de  l’industrie  en  France  de  1789  à  1870,  Paris,
Rousseau.  —
III.  Teil  :  Questions  ouvrières  et  industrielles  en  France  sous  la  Troisième
République,  1907,  Paris,  Rousseau.
Über  methodologische  Fragen  vgl.,  außer  zahlreichen  Ausführungen  in
obigen  Werken,  die  Aufsätze:
La  Méthode  en  Economie  Politique,  Paris  1898,  Broschüre,  sehr  selten  ;
Art.  Trente-Deux  Ans  d’Enseignement  au  Collège  de  France  in  :  Revue  Internationale ­
  de  l’Enseignement,  XL.  Jahrg.  p.  22  ff.;  Art.  Coup  d’oeil  sur
l’évolution  des  doctrines  et  des  intérêts  économiques  en  France,  im  Märzheft
1904  der  Revue  Economique  Internationale  p.  1  ff.  ;  ferner  zahlreiche  Auslassungen ­
  in  den  Sitzungen  der  Société  d’économie  politique,  zu  finden  im
Journal  des  Economistes,  passim  seit  1861,  sowie  in  den  Sitzungen  der  Académie ­
  des  Sciences  Morales  et  Politiques,  in  deren:  Publications,  seit  1868.
        <pb n="153" />
        132

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

unseres  Erachtens  eine  glückliche  Verbindung  der  historischen
Methodik  der  deutschen  Nationalökonomie  mit  dem  naturgesetzlichen ­
  Klassizismus  dar.
Levasseur  fühlt  sich  wesentlich  als  Wirtschaftshistoriker.
Er  legt  Wert  darauf,  nicht  mit  den  Theoretikern  der  liberalen
Schule  in  eine  Kategorie  gereiht  zu  werden,  und  beruft  sich  auf
Roscher  als  auf  seinen  Lehrmeister,  dem  er  die  Orientierung
seiner  wissenschaftlichen  Laufbahn  verdanke 1 ).  Die  Abneigung
gegen  die  reinen  Theoretiker  der  klassischen  Schule  führt
Levasseur  hie  und  da  dazu,  die  Kontinuität  zwischen  den
Autoren  der  ersten  und  denen  der  zweiten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  zu  leugnen  oder  innerhalb  des  Klassizismus  zwei
Schulen  zu  unterscheiden,  eine  theoretische  und  eine  experimentelle ­
  2 ).

1 )  „Andere  erklären,  die  Volkswirtschaftslehre  sei  eine  Wissenschaft,
welche  nur  eine  sehr  beschränkte  Zahl  von  Beobachtungen  benötige,  um  ihre
grundlegenden  Gesetze  auf  solide  Basen  zu  stellen.  Sie  sind  überzeugt,  daß  die
Vielfältigkeit  der  Details  der  Geschichte  nichts  zu  dem  stets  gleich  bleibenden
Wesen  der  Erscheinungen  beitrage,  ja  daß  dieselbe  sogar  den  Nachteil  habe,
die  Klarheit  der  wissenschaftlichen  Deduktion  zu  trüben,  weil  sie  nämlich  nur
akzidentelle  Unterschiede  aufweist.  Nach  ihnen  ist  es  unmöglich,  eine  Theorie
der  Naturgesetze  auf  dem  Haufen  von  Irrtümern  aufzubauen,  die  in  den
menschlichen  Gesellschaften  wimmeln.  Diese  Volkswirte  sind  reine  Theoretiker,
welche  die  politische  Ökonomie  als  eine  ganz  rationelle  und  deduktive  Wissenschaft ­
  auffassen.  .  .  .  Die  Volkswirte  der  ersten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts
sind  hauptsächlich  Theoretiker  gewesen;  Ricardo  und  Rossi  gehören  zu  dieser
Kategorie.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  haben  die  historische  Forschung ­
  ,  die  Beobachtung  der  Erscheinungen,  die  Sorge  für  die  Lage  der
Menschen  größere  Bedeutung  gewonnen.  Indem  sie  den  Horizont  erweiterten,
haben  sie  gewisse  Gesetze  bestätigt  und  andererseits  den  Glauben  erschüttert,
den  man  in  die  Universalität  anderer  bis  dahin  gehabt;  Roscher  ist  einer  der
ersten  gewesen,  welche  den  neuen  Weg  gebahnt  haben.  Auf  dessen  Spuren  bin
ich  vor  etwa  vierzig  Jahren  durch  das  Tor  der  Geschichte  in  das  Gebiet  der
Wirtschaftswissenschaft  eingetreten.“  L’Ouvrier  Américain,  Paris,  1898,  Bd.  I,
p.  XI.  XII.
Vgl.  die  Stelle:  „Die  theoretische  Schule  stellt  die  Volkswirtschaftslehre
dar  und  lehrt  sie  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  oder  in  einem  ihrer  Teile  vermittels ­
  einer  methodischen  Verkettung  von  Lehrsätzen  und  gelangt  durch  die
deduktive  Methode  zu  logischen  und  einfachen  Schlußfolgerungen.  Die  experimentelle ­
  Schule  (d.  i.  er  selbst),  welche  sich  auf  die  Geschichte  stützt,  stellt  sie
(die  Volkswirtschaftslehre)  in  konkreter  Weise  dar,  indem  sie  bestrebt  ist,  ihre
Beweisführung  auf  positive  Beweise  zu  stützen.  Die  Beobachtung  bewahrt  diese
Schule  vor  der  Gefahr,  die  Fühlung  mit  der  Wirklichkeit  zu  verlieren  und  be-
        <pb n="154" />
        133

Die  Gruppe  der  Historiker
Die  Bedeutung  der  historischen  Methode  für  die  Nationalökonomie ­
  beurteilt  er  folgendermaßen:
1.  Die  historische  Methode  allein  ist  nicht  ausreichend  zur
Feststellung  der  meisten  grundlegenden  Gesetze  der  Volkswirtschaftslehre. ­

2.  Die  beschreibende  und  historische  Methode  ist  besonders
wertvoll  um  zu  kontrollieren,  ob  die  auf  Grund  von  Beobachtungen ­
  gewonnenen  Schlüsse  der  Wirklichkeit  entsprechen,  ob
sie  universelle  Bedeutung  haben  oder  lokal  und  zeitlich  begrenzt ­
  sind.
3.  Das  eigentliche  Tummelfeld  für  die  historische  Methode
sind  die  Fragen  der  Volkswirtschaftspolitik.
4.  Die  historische  Methode  ist  notwendig,  um  die  Beziehungen ­
  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  zum  gesamten
Volksleben  verständlich  zu  machen.
5.  Die  historische  Methode  leistet  der  politischen  Ökonomie ­
  gute  Dienste,  indem  sie  die  Entstehung  der  volkswirtschaftlichen ­
  Theorien,  die  Kontroversen  und  die  Aufeinanderfolge  der
verschiedenen  Schulen,  sowie  die  Beziehungen  der  Systeme  zu
den  sozialen  Zuständen,  in  denen  sie  entstanden  sind,  nachweist.
6.  Aus  der  Handhabung  der  historischen  Methode  ergibt
sich  eine  exakte  Wirtschaftsgeschichte,  deren  Wert  um  so  höher
anzuschlagen  ist,  als  die  allgemeine  Geschichte  bisher  die  wirtschaftlichen ­
  Phänomene  vernachlässigte  oder  ungenügend  und
unrichtig  erfaßte.
7.  Mißbräuchlich  wird  die  historische  Methode,  wenn  man
versucht,  sie  ausschließlich  anzuwenden,  statt  sie  mit  der
Methode  direkter,  zeitgenössischer  Einzelbeobachtung  zu  verbinden. ­
  Denn  alsdann  läuft  man  Gefahr,  nur  äußere  Erscheinungsformen ­
  und  zufällige  Resultate  zu  erfassen,  ohne  bis  zur
Wesenheit  der  Dinge  vorzudringen.  Man  macht  insbesondere

fruchtet  sie  ;  sie  setzt  sie  in  die  Lage,  die  rationellen  Lehrsätze  zu  kontrollieren, ­
  in  die  verborgenen  Falten  des  Lebens  der  Völker  einzudringen  und  so
die  Verschiedenheit  der  Erscheinungen  in  derselben  Zeit  und  deren  Veränderungen ­
  in  der  Aufeinanderfolge  der  Zeiten  zu  beleuchten  ;  ihre  Forschungen  und
die  Tragweite  ihrer  Lehren  in  dem  Maße  zu  erweitern,  als  sich  die  materiellen
Interessen  der  Gesellschaften  ausdehnen  und  verschieben;  die  intimen  Beziehungen
zu  zeigen,  welche  in  jeder  Epoche  die  wirtschaftlichen  Dinge  mit  der  gesamten
sozialen  Ordnung  verbinden.“  ibid.  p.  XIII—XIV.
        <pb n="155" />
        134

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

einen  der  Wissenschaft  schädlichen  Gebrauch  von  der  historischen ­
  Methode,  wenn  man  aus  den  Änderungen,  welche  in
wirtschaftlichen  Dingen  geschehen,  dogmatisch  schlußfolgert:
erstens  deduktiv,  daß  die  Beweglichkeit  das  Wesen  der  wirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  ausmacht  und  daß  es  folglich  außer
dem  Gesetze  der  Evolution  keine  wirtschaftlichen  Gesetze  gibt;
zweitens  induktiv,  daß  die  Grundlagen  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung ­
  in  der  Zukunft  einstürzen  werden x ).
Ist  die  Wirtschaftsgeschichte  nun  allerdings  auch  für  Levasseur ­
  in  erster  Linie  Selbstzweck,  so  pocht  er  doch  auf  die
Pflicht  des  Historikers,  aus  seinen  geschichtlichen  Erkenntnissen
eine  Doktrin  fürs  praktische  Leben  zu  folgern 2 ).  Das  Bedürfnis,

1)  Levasseur  Art.  Trente-Deux  Ans  ¿'Enseignement  au  Collège  de  France,
in:  Revue  internationale  de  l’enseignement,  XL,  p.  22—23.
2 )  „Die  wirtschaftlichen  Tatsachen  bieten,  unabhängig  von  den  Folgerungen ­
  ,  welche  man  aus  ihnen  gewinnen  kann,  ein  eigenes  Interesse.  Man
muß  sie  kennen,  um  eine  Situation  zu  verstehen  und  um  in  der  Lage  zu  sein,
eine  Frage  zu  besprechen.  Die  Aufgabe  eines  Autors  besteht  darin,  zunächst
diese  Tatsachen  mit  so  viel  Präzision  und  so  zahlreich  als  möglich  zu  sammeln  ;
alsdann  aus  der  Masse  mit  kritischem  und  nüchternem  Sinn  diejenigen  auszuwählen, ­
  welche  am  geeignetsten  sind,  jene  Situation  zu  kennzeichnen;  endlich
dieselben  methodisch  zu  gruppieren  und  darzustellen.  .  .  .  Diese  Tatsachen  haben
Ursachen  und  Folgen.  Dem  Autor  liegt  es  ob,  die  Tatsachen  in  einer  Darstellung ­
  und  Verkettung  vorzuführen,  die  so  geartet  sind,  daß  Ursachen  und
Folgen  sich  von  selbst  ergeben  oder  sich  wenigstens  mutmaßen  lassen.  In  der
Wirtschaftsgeschichte,  so  wie  ich  sie  verstehe,  ist  der  Autor  nicht  bloß  ein  Erzähler; ­
  er  ist  auch  ein  Philosoph,  der  aus  der  Erfahrung  Belehrung  zieht
und  bestrebt  ist,  zugleich  die  Praxis  der  Geschäfte  durch  Beispiele  und  die
volkswirtschaftliche  Theorie  durch  die  Erforschung  der  Gesetze,  welche  die  Tatsachen ­
  regieren,  zu  beleuchten.“  L’Ouvrier  Américain,  Bd.  I,  p.  IX.
Die  Wirtschaftsgeschichte  ist  nicht  notwendig,  um  gewisse,  einfache  Erkenntnisse ­
  zu  vermitteln,  z.  B.  daß  die  Produktion  das  Resultat  des  Zusammenwirkens ­
  dreier  Faktoren  ist.  „Dagegen  ist  die  Geschichte  und  die  minutiöse
Analyse  einer  großen  Anzahl  von  Tatsachen  notwendig,  um  z.  B.  die  Verschiedenheit ­
  der  Rollen  eines  jeden  der  drei  Faktoren  in  den  vergangenen  und
zeitgenössischen  Kombinationen  der  menschlichen  Wirtschaftstätigkeit  genau  zu
bestimmen.“  ibid.  p.  XV.
„Als  Xationalökonom  bekenne  ich,  daß  die  Volkswirtschaftslehre  eine
Wissenschaft  ist,  die  auf  Beobachtung  beruht,  und  ich  weiß,  daß  die  erste
Pflicht  eines  Volkswirtes  darin  besteht,  die  Tatsachen  gewissenhaft  zu  studieren
und  darzustellen;  aber  ich  erkläre  auch,  daß  es  seine  Pflicht  ist,  aus  dem  Studium ­
  der  Tatsachen  eine  Doktrin  zu  ziehen,  sonst  ist  er  nur  ein  Sammler.“
Histoire  des  classes  ouvrières  et  de  l’industrie  en  France  avant  1789,  Bd.  I.  p.  XIV.
        <pb n="156" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

135

zu  schlußfolgern,  ist  für  den  an  konkreteres  Denken  gewöhnten
Franzosen  dringender,  als  für  den  deutschen  Gelehrten.  Levasseur ­
  tut  es  denn  auch  mit  großem  Nachdruck,  wenn  auch
stets  weitherzig  und  auf  Mäßigung  bedacht.  Sein  Glaubensbekenntnis ­
  ,  wie  er  zu  sagen  pflegt,  gipfelt  in  folgenden  Leitsätzen: ­
  „Ich  gehöre  der  liberalen  Schule  an,  derjenigen,  welche
man  manchmal  die  klassische  und  unzutreffend  die  orthodoxe
nennt.  .  .  .  Mein  Liberalismus  ist  durch  die  Geschichte  erleuchtet
und  gemäßigt;  er  weiß,  daß  die  Bedürfnisse  eines  Volkes  und
seine  Institutionen  mit  dem  Zustand  der  Kultur  wechseln  und
wechseln  müssen.  Ich  glaube,  daß  einerseits  das  Individuum
durch  seine  Arbeit,  seine  Wissenschaft  und  seine  Kapitalien  der
wesentliche  Schöpfer  des  Reichtums  ist,  und  daß  es  notwendig
ist,  ...  ihm  die  größtmögliche  Freiheit  und  den  vollen
Besitz  der  Resultate  seiner  Anstrengungen  zu  belassen,  um  so
die  ergiebigste  Produktion  und  die  gerechteste  Verteilung  zu
erreichen.  .  .  .  Andererseits  hat  der  Staat  die  nach  der  Zeitlage
in  ihrer  Anwendung  wechselnde,  aber  immer  bedeutende  Aufgabe, ­
  nicht  nur  den  Aufschwung  der  individuellen  Tätigkeit
durch  Gewährleistung  der  Sicherheit  zu  fördern,  sondern  auch
dieselbe  zu  unterstützen,  anzuregen,  zu  schützen,  in  gewissen
Fällen  durch  die  Mittel  der  staatlichen  Zwangsgewalt  zu  reglementieren. ­
  .  .  .  Ich  wiederhole,  so  oft  ich  Gelegenheit  dazu  habe,
daß  der  Mensch  das  «  und  «  alles  Wirtschaftens  ist,  daß  die
produktiven  Kräfte  kostbarer  sind,  als  die  Produkte  .  ..,  daß
die  politische  Ökonomie  eher  eine  soziale  und  ethische  denn
eine  Naturwissenschaft  ist,  weil  sie  nicht  nur  den  Reichtum,  der
Materie  ist,  zum  Gegenstand  hat,  sondern  insbesondere  von  den
Beziehungen  der  Menschen  untereinander  handelt,  insofern  diese
den  Austausch  von  Gütern  und  Diensten  betreffen" x ).
1 )  Levasseur  L’Ouvrier  Américain,  Bd.  I,  p.  XIII,  XIV  ;  Histoire  des
classes  ouvrières  et  de  l’industrie  en  France  de  1789  à  1870,  Bd.  I,  p.  XIVJ
Art.  Trente-Deux  Ans  d’Enseignement  au  Collège  de  France,  in:  Revue  Internationale ­
  de  l’Enseignement,  XL,  p.  24—25.  Noch  ausdrücklicher  ist  das  Bekenntnis ­
  zum  historischen  Relativismus  in  folgender  Stelle:  „Es  ist  mir  nicht
unbekannt,  daß  in  der  Praxis  die  liberale  Wirtschaftstheorie  weit  entfernt  ist,
allein  zu  herrschen,  ja  daß  sie  den  Anspruch  nicht  erheben  darf,  alle  verschiedenen ­
  Interessen,  welche  die  Menschen  bewegen  und  sich  den  Einfluß  auf  die
Regierungen  streitig  machen,  zu  meistern.  Um  so  weniger  würde  es  angehen,
in  der  Geschichte  die  Ereignisse  der  vergangenen  Jahrhunderte  am  Maßstabe
        <pb n="157" />
        136

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Den  Gedanken,  daß  die  verschiedenen  volkswirtschaftlichen ­
  Schulen  und  Richtungen  nützlich  sind  und  sich  gegenseitig ­
  ergänzen,  betont  Levasseur  ebenso  sehr  als  Dietzel  und
Marshall 1 ).  Vor  den  meisten  Nationalökonomen  der  liberalen
Schule  zeichnet  er  sich  dadurch  aus,  daß  er  die  Methode,
welche  er  für  die  seinige  ausgibt,  tatsächlich  allenthalben  mit
großer  Gewissenhaftigkeit  und  eiserner  Konsequenz  anwendet.
Das  will  natürlich  nicht  sagen,  daß  die  Deduktion  in  seinen
Werken  keinen  Platz  finde.  Die  Signatur  seiner  Werke  bleibt
aber:  wissenschaftliche  Selbstlosigkeit,  Liebe  zur  Tatsache  um
ihrer  selbst  willen,  geduldige,  unermüdliche  Detailforschung.
Auf  den  Inhalt  der  einzelnen  Werke  Levasseurs  soll
nur  ganz  kurz  eingegangen  werden.
Aus  seiner  französischen  Bevölkerungsgeschichte 2 )  induziert
er  eine  Bevölkerungstheorie  in  17  Sätzen,  welche  sich  etwa  wie
folgt  zusammenfassen  lassen  :  Die  Summe  der  Einwohner,  welche
ein  bestimmtes  Territorium  tragen  kann,  hängt  ab  von  :
1.  den  natürlichen  Eigenschaften  des  Bodens  und  des  Klimas  ;
2.  der  Summe  der  vorhandenen  Kapitalien,  dem  Stand
der  Technik  und  der  Arbeitsfreudigkeit  der  Bewohner,  alles
Momente,  welche  die  Produktivität  der  Arbeit  vermehren;
3.  der  Ausdehnung  der  Absatzmärkte,  die  den  Tausch  von
Fabrikaten  gegen  Nahrungsmittel  ermöglichen;

einer  im  XIX.  Jahrhundert  formulierten  Theorie  zu  messen.  Man  muß  vielmehr ­
  zunächst  die  Handlungen  und  die  Einrichtungen  jeder  Epoche  in  ihren
Beziehungen  zu  den  Sitten  und  Bedürfnissen  ihrer  Zeit  darstellen  und  sie  dann
an  sich  durch  ihre  Resultate  beurteilen.“  Histoire  .  .  .  avant  1789,  Bd.  I,  p.  XV.
1)  Levasseur,  L’Ouvrier  américain,  Bd.  I,  p.  XIV—XV.
2 )  Levasseur,  La  Population  Française.  Histoire  de  la  Population  avant
1789  et  Démographie  de  la  France  comparée  à  celle  des  autres  nations  au
y  TX  me  siècle,  précédée  d’une  Introduction  sur  la  Statistique,  3  Bde.  Paris,  1889,
91  und  93.  Mit  vielen  Tabellen  und  graphischen  Darstellungen.
Das  Werk  ist  in  4  Bücher  eingeteilt.  Buch  I:  Geschichte  der  Bevölkerung ­
  Frankreichs  vor  1789,  versucht  die  großen  Wandlungen  darzutun,  welche
im  Lauf  der  Jahrhunderte  in  Zahl,  Verteilung  und  materieller  Lage  der  Einwohner ­
  vor  sich  gegangen  sind.  Natürlich  sind  die  Materialien  historischen
Quellen  entnommen,  die  nur  selten  und  für  ganz  beschränkte  Quanten  zuverlässige ­
  ,  wirklich  statistische  Daten  bieten.  Der  Schätzung  ist  also  ein  breiter
Spielraum  gelassen.  Buch  II:  Vergleichende  Demographie  des  XIX.  Jahrhunderts.
Buch  III  :  Moralstatistik.  Buch  IV  :  Bevölkerungsgesetze  und  Gleichgewicht  der
Völker.
        <pb n="158" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

137

4.  dem  Durchschnitt  des  individuellen  Konsums,  welcher
um  so  mehr  Menschen  mit  einer  Menge  von  Gütern  zu  nähren
gestattet,  als  er  schwächer  ist 1 ).
Levasseurs  Hauptwerk  ist  die  große,  fünf  bändige  Wirtschaftsgeschichte ­
  seines  Vaterlandes.  Sie  ist  ein  „standard
work“,  vielleicht  das  bedeutendste  Erzeugnis  der  volkswirtschaftlichen ­
  Literatur  Frankreichs.  Man  muß  allerdings  nicht  darin
den  Schwung  kühner,  neuer  Ideen  oder  weite,  überraschende
Ausblicke  suchen;  das  ist  nicht  Levasseurs  Art.  Was  er
bietet  ist  eine  solide,  bürgerliche  Kost.  Die  innere  Einheit  des
dreiteiligen  Werkes  wird,  abgesehen  von  der  streng  objektiven,
einheitlichen  Methode,  durch  das  Bestreben  gewahrt,  die  Kontinuität ­
  der  nationalen  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  klar
zu  stellen.  „In  jeder  Volksgeschichte  gibt  es  eine  Konstante
und  eine  Variabele.  Der  Determinismus  sieht  nur  die  erste,  der
Chronist  die  zweite.  Der  philosophische  Historiker  muß  zu
zeigen  suchen,  wie  die  beiden  sich  durch  eine  logische  Evolution
verbinden  und  erklären,  wenn  auch  diese  Evolution  mit  Zufälligkeiten ­
  durchsät  ist 2 ).
Levasseurs  Wirtschaftsgeschichte  Frankreichs  ist  eine
Geschichte  der  Gewerbe  und  der  gewerblichen  Arbeit,  unter
Berücksichtigung  des  Handels,  aber  mit  Ausschluß  des  Ackerbaus. ­
  Hauptsache  für  ihn  ist  in  jeder  Periode  die  Organisation
der  gewerblichen  Arbeit  und  die  Lage  der  gewerblichen  Arbeiter.
Unter  Arbeitern  versteht  er  alle  in  Gewerbe  und  Handel  Tätigen  :
Arbeitgeber  und  Arbeiter,  große  und  kleine  Kaufleute  und  Angestellte. ­
  Als  Rahmen  für  sein  Thema  zieht  er  jeweilig  heran,
soweit  nötig:  die  hauptsächlichsten  Fakta  der  politischen  Geschichte, ­
  dann  Agrarpolitik,  Finanz-  und  Münzwesen,  zentrales
und  lokales  Verwaltungswesen.
Für  jede  Periode  (sieben  Perioden  vor  und  sieben  nach  der
Revolution) 3 )  stellt  und  beantwortet  Levasseur  an  der  Hand
einer  schier  unendlichen  Fülle  von  Materialien  folgende  Fragen:
b  La  Population  Française,  Bd.  Ill,  p.  27—28.
2 )  Histoire  des  classes  ouvrières  et  de  l’industrie  en  France  de  1789  à
1870,  Bd.  I,  p.  XVI—XVII.
8 )  Der  erste  Teil  :  Histoire  des  classes  ouvrières  et  de  l’industrie  en  France
avant  1789,  gliedert  den  Stoff  in  Buch  I:  La  Gaule  barbare  et  la  Gaule  romaine; ­
  Buch  II:  Les  invasions  et  la  formation  du  régime  féodal,  du  V me  au
        <pb n="159" />
        138

Die  gegenwärtige  Lage  der  sozialen  Schule

1.  Technische  und  geographische  Lage  der  hauptsächlichsten ­
  Gewerbe,  Fortschritte  ihrer  maschinellen  Ausrüstung,  ihrer
Produktion,  den  von  Kunst  und  Wissenschaft  auf  ihre  Entwicklung ­
  ausgeübten  Einfluß  ,  Kreditwesen  und  dessen  Wirkung ­
  auf  die  Produktion,  Reglementierung,  Gewerbe-  und
Handelspolitik  der  lokalen  und  zentralen  Verwaltungen;
2.  Lage  der  Kollegien,  Zünfte,  Arbeiterorganisationen,  der
freien  Berufe;  rechtliche,  materielle,  sittliche  Lage  der  Meister,
Gesellen,  Lehrlinge,  Arbeiter;  Löhne  und  Lebensbedingungen;
intellektuelle  Entwicklung  der  Arbeiterklassen  durch  Unterricht;
Unterstützungswesen  und  Wohlfahrtseinrichtungen  ;  für  die  Zeit
nach  der  Revolution  auch  :  Lage  der  Gegenseitigkeitsgenossenschaften ­
  und  des  Versicherungswesens,  Theorien  der  Volkswirte
und  Sozialisten.
„So  kommt  es,“  sagt  Levasseur,  „daß  mein  Werk  die
Geschichte  mehrerer  Gebiete  umfaßt  :  Geschichte  der  wirtschaftlichen ­
  Gesetzgebung  (mit  Ausschluß  der  Agrargesetzgebung),
Geschichte  der  Industrie,  Geschichte  der  Löhne,  Geschichte  des
Volksunterrichts,  Geschichte  der  Zollpolitik,  Geschichte  der  materiellen ­
  und  sittlichen  Lage  der  in  der  Industrie  beschäftigten
Menschen,  Geschichte  der  sozialen  Anschauungen  über  Arbeitsorganisation. ­
  Alle  diese  Teilgeschichten  greifen  ineinander  und
ergänzen  sich  gegenseitig“ 1 ).
XII me  siede;  Buch  III:  L’émancipation  de  la  bourgeoisie  au  XII me  et  XIII me
siècle;  Buch  IV:  La  Guerre  de  cent  ans,  les  premiers  Valois  et  le  XV œe  siècle;
Buch  V  :  La  Renaissance  et  le  XVI me  siècle  ;  Buch  VI  :  Le  XVII me  siècle,
Henri  IV,  Louis  XIV  et  Colbert;  Buch  VII:  Le  XVIH me  siècle  et  l’esprit
de  réforme.
Der  zweite  Teil  :  Histoire  des  classes  ouvrières  et  de  l’industrie  en  France
1789  à  1870,  gliedert  den  Stoff  in  sechs  Bücher,  entsprechend  den  Staatsverfassungen ­
  ,  welche  in  der  betreffenden  Periode  in  Frankreich  aufeinander
folgten:  Revolution,  Konsulat  und  erstes  Kaiserreich,  Restauration,  Julimonarchie,
zweite  Republik,  zweites  Kaiserreich.
Der  dritte  Teil  :  Questions  ouvrières  et  industrielles  en  France  sous  la
troisième  République,  ist  nicht  chronologisch  geordnet,  sondern  behandelt
in  18  Kapiteln  die  oben  mitgeteilten  Fragen,  die  Levasseur  bei  jeder  Periode ­
  stellt.
b  Teil  II.  Bd.  I.  p.  XI.  Dazu  kommt  eine  ausführliche  Geschichte  der
Assignaten  im  ersten  Buch  des  zweiten  Teiles.  Naturgemäß  nimmt  die  Zunftgeschichte ­
  im  ersten  Teile  einen  breiten  Raum  ein.  Levasseur  bleibt  übrigens
nicht  bei  den  französischen  Zünften  stehen,  sondern  vertieft  sich  auch  in  die
        <pb n="160" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

139

Stets  war  der  Autor  darauf  bedacht  möglichst  alle  Tatsachen ­
  aus  ersten  Quellen  zu  schöpfen.  Dazu  unternahm  er

italienischen  ,  englischen  und  deutschen.  Die  Anschauung,  daß  die  mittelalterlichen ­
  Zünfte  sich  aus  den  römischen  Kollegien  entwickelt  hätten,  bekämpft  er
aufs  entschiedenste.  Über  die  Zünfte  urteilt  Levasseur  :  die  römischen  Kollegien
gingen  in  der  Völkerwanderung  unter.  Durch  Jahrhunderte  wurden  sie  durch
nichts  ersetzt.  Die  Zünfte  entstanden  spontan  im  XII.  und  XIII.  Jahrhundert
als  wirtschaftlicher  Zusammenschluß  der  in  dem  kommunalen  Befreiungsprozeß
dieser  Periode  aus  der  Hörigkeit  zur  persönlichen  Freiheit  gelangenden  gewerblichen ­
  Bevölkerung.  Die  Zünfte  existierten  zunächst  nur  in  einigen  Städten  und
waren  weit  geöffnet.  Aber  der  Monopolgeist  war  im  Herzen  der  Einrichtung
drin.  Dieser  Geist  entwickelte  sich  in  dem  Maße,  als  die  Zünfte  an  Zahl  zunahmen. ­
  Er  diente  dem  Interesse  der  Handwerksmeister  sowohl  als  dem  der
königlichen  Gewalt,  in  deren  Augen  die  Zünfte  ein  Element  der  Ordnung  und
der  Befestigung  der  Zentralgewalt  waren.  Nach  dem  hundertjährigen  Kriege
und  im  XVI.  Jahrhundert  verbreitete  sich  das  korporative  System  schnell.
In  der  Periode  der  Religionskriege  wucherten  die  Schäden  des  Zunftwesens ­
  am  üppigsten.  Das  absolute  Königtum  des  XVII.  Jahrhunderts  unterwarf ­
  die  Zünfte  strenger  Beaufsichtigung  und  vermehrte  deren  Zahl  aus  fiskalischen ­
  Gründen;  es  stürzte  sie  in  Schulden,  indem  es  Geld  aus  ihnen  preßte;
es  hielt  die  Privilegien  und  die  hierarchischen  Ungleichheiten,  welche  mit  der
Gesamtheit  der  Institutionen  der  Monarchie  harmonierten,  aufrecht,  indem  es
selbst  autoritativ  die  Fabrikationsverfahren  reglementierte,  und  indem  es  seine
Hand  schwer  auf  den  Gesellen  lasten  ließ,  um  sie  in  Unterordnung  unter  ihre
Meister  zu  erhalten.
Im  Mitteltalter  waren  die  Zünfte  eine  vorteilhafte  Einrichtung.  Den  aufkeimenden ­
  Gewerben  gaben  sie  einen  heimischen  Herd,  den  Handwerkern  sicherten
sie  Schutz  gegen  Unterdrückung;  sie  versuchten,  wenn  auch  mit  geringem  Erfolg, ­
  loyale  Fabrikation  zu  garantieren;  ihnen  verdankten  die  Handwerksmeister
eine  geachtete,  ehrenvolle  soziale  Stellung,  sie  waren  für  Meister  und  Gesellen
eine  Stätte  fröhlicher,  geselliger  Unterhaltung.  Dagegen  hafteten  ihnen  fast  von
Anfang  an  Mißstände  an,  die  mit  der  Zeit  zunahmen  :  in  ihnen  verkörperten
sich  Routine  und  Monopoltendenzen  ;  sie  erwiesen  sich  als  ein  Hemmnis  des  gewerblichen ­
  und  des  wirtschaftlichen  Fortschritts,  sowie  der  Großindustrie;  sie
verleiteten  die  Handwerker  zu  vielen  überflüssigen  Ausgaben.
Der  Schutz  der  Zünfte  war  wahrscheinlich  im  XVI.  Jahrhundert,  sicher
aber  im  XVII.  und  XVIII.  Jahrhundert  nicht  mehr  nötig,  denn  die  allgemeine
Polizeigewalt  des  Staates  genügte  damals  zur  Sicherung  der  individuellen  Rechte.
Die  Lage  der  Gesellen  in  den  Zünften  war  eine  solche  strenger  Abhängigkeit ­
  von  den  Meistern.  Die  Zünfte  waren  eine  Art  beständiger  und  stillschweigender ­
  Koalition  gegen  jede  Lohnerhöhung.  Allerdings  vermochte  diese  das
Spiel  von  Angebot  und  Nachfrage  nie  ganz  auszuschalten  ;  aber  sie  war  wirksamer
als  die,  welche  man  heute  den  Trusts  vorwirft,  weil  die  beruflich  streng
geschiedenen  Gesellen  nicht  über  die  Kompensation  eines  freien  Marktes  verfügten. ­
  Levasseur  Histoire  avant  1789,  Bd.  II,  p.  908  ff.,  941  ff.
        <pb n="161" />
        140

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

umfassende,  jahrzehntelange  Archivstudien.  Die  ungezählten
Materialien,  welche  er  gesammelt,  hat  er  zum  geringem  Teil
in  Fußnoten  untergebracht;  die  meisten  jedoch  wurden  in  den
Text  ausgenommen,  sei  es,  um  von  den  jeweilig  behandelten
Tatsachen  ein  vollkommeneres  Bild  zu  geben,  sei  es  zur  Motivierung ­
  der  gefällten  Urteile.  Wiederholt  weist  Levasseur  übrigens ­
  mit  Stolz  darauf  hin,  daß  er  zu  jeder  Frage  genügend
Tatsachenmaterial  zusammengestellt  habe,  um  es  jedem  Leser
zu  ermöglichen,  sich  selbst  über  die  Frage  ein  Urteil  zu  bilden,
so  daß  er  nicht  darauf  angewiesen  sei,  sich  dem  Urteil  des
Autors  anzuschließen  i)  *  *  *  *  *  *  *  *  x ).
Obwohl  Levasseur  die  liberale,  nichtinterventionistische
Volkswirtschaftslehre,  dank  der  historischen  und  objektiven
Methode,  in  der  geläutertsten  und  wissenschaftlich  haltbarsten
Form  vertritt,  so  will  es  ihm  doch  nicht  gelingen,  Schule  zu
machen.  Er  steht  innerhalb  der  liberalen  Richtung  auf  einsamer
Höhe.  Allerdings  genießt  er,  wie  kein  Volkswirt  irgend  welcher
Schule,  allseitige  Sympathie  und  Achtung,  weil  er  stets  ehrlich
bestrebt  ist,  allen  Andersdenkenden  wohlwollendes  Verständnis
entgegenzubringen,  und  sich  der  Polemik  gegen  jedwede  fremde
Überzeugung  stets  enthalten  hat.
Es  gibt  allerdings  einen  Volkswirt,  der  unter  dem  Patronat
Levasseurs  gearbeitet  hat  und,  wenn  auch  nicht  ohne  Reserven, ­
  als  sein  Schüler  gelten  kann:  dieser  ist  Georges  d’Avenel.
Vicomte  Georges  d’Avenel,  geboren  1855,  seit  1876  korrespondierendes ­
  Mitglied  der  bayrischen  Akademie  der  Wisseni)

  Das  Gesamtergebnis  des  Werkes  faßt  Levasseur  wie  folgt  zusammen:
„Das  Privileg  und  die  Reglementierung  waren  die  vorherrschenden  Merkmale
der  gewerblichen  Organisation  vor  1789.  Von  1789  bis  1870  sind  die  Freiheit
und  die  Wissenschaft  die  beiden  großen  Faktoren  des  Fortschritts  gewesen;
deren  Folge  waren  Anwachsen  des  Kapitals  und  Entwicklung  zur  Großindustrie.
Die  Wirkung  dieser  Ursachen  dauerte  unter  der  dritten  Republik  fort.  Ja  die
Wirksamkeit  der  Wissenschaft  und  des  Kapitals  ist  sogar  intensiver  geworden
und  hat  die  industrielle  Konzentration  beschleunigt.  Dazu  trat,  seit  1870,  das
von  administrativem  Druck  befreite  allgemeine  Stimmrecht.  Ihm  verdanken  die
organisierten  Arbeitermassen  der  Städte  einen  steigenden  Einfluß  auf  das  Staatswesen ­
  ,  der  neben  den  des  Geldes  tritt.  Die  zeitgenössische  Periode  wird
durch  das  Vorwiegen  des  Interesses  für  die  Fragen  der  Organisation  der  Arbeit
und  der  Güterteilung  gekennzeichnet.“  Histoire  Teil  II,  Bd.  I,  p.  XIX,
und  Teil  III,  p.  IX.
        <pb n="162" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

141

schäften,  war  1875—1880  Beamter  in  der  französischen  Zentralverwaltung ­
  und  zog  sich  alsdann  ins  Privatleben  zurück,  um
sich  ausschließlich  allgemein-historischen,  wirtschaftsgeschichtlichen
  und  statistischen  Studien  zu  widmen 1 ).
Sein  großes  wirtschaftsgeschichtliches  Hauptwerk:  die  Geschichte ­
  der  Preise  aus  sechs  Jahrhunderten  in  4  Bänden,  entstand ­
  als  Beantwortung  zweier,  von  der  Académie  des  Sciences
Morales  et  Politiques  in  den  Jahren  1883  und  1889  gestellter
Preisaufgaben.  Das  von  d’Avenel  eingereichte  Manuskript
enthielt  ursprünglich  acht  Foliobände  Tabellenwerk,  in  denen
50000  Preise  nachgewiesen  waren.  Gedruckt  wurden  davon
nur  9600,  welche  in  zweieinhalb  Quartbänden  untergebracht
sind.  Die  Preise  wurden  zum  Teil  aus  Manuskripten  und
Archiven  des  Archives  Nationales  in  Paris,  sowie  aus  einigen
Familienarchiven  entnommen.  In  der  Hauptsache  standen  aber
d’Avenel  bereits  gedruckte  Quellenwerke  zur  Verfügung 2 ).
Wegen  der  vielen  verschiedenen  Münz-,  Maß-  und  Gewichtseinheiten ­
  hat  der  Verfasser  alle  Maße  in  metrische,  alle  Preise
in  Franken  übertragen.  Für  jede  einzelne  Preisangabe  ist  die
Quelle  genau  angegeben.  Natürlich  haben  die  Quellen  nicht
alle  den  gleichen  Wert.  Die  Preise  sind  in  dreißig  Gruppen
gegliedert  und  innerhalb  einer  jeden  chronologisch  für  den  Zeitraum ­
  von  1200  bis  1800  geordnet 3 ).  Begreiflicherweise  sind
die  einzelnen  Gruppen  sehr  ungleichmäßig  besetzt,  die  Preis-0
  d'Avenels  volkswirtschaftliche  Werke  sind:  Histoire  économique  de  la
Propriété,  des  Salaires,  des  Denrées  et  de  tous  les  Prix  en  général,  depuis  l’an
1200  jusqu’en  1800,  4  Bde.  Imprimerie  Nationale  (auf  Staatskosten  gedruckt)
1894-98.
La  Fortune  Privée  à  travers  sept  siècles,  Paris,  1895,  2.  Ausi.  1904.  (Ein
ausführliches  und  leicht  zugängliches  Resümee  des  vorigen).
Le  Mécanisme  de  la  Vie  Moderne  (eine  Sammlung  wirtschaftsstatistischer
Aufsätze,  die  in  der  Revue  des  Deux  Mondes  seit  10  Jahren  erscheinen),
bisher  7  Bde.,  die  Sammlung  läuft  weiter.
2 )  Insbesondere  die  vielbändigen  Sammelwerke  :  Inventaires  sommaires
des  archives  départementales  und  Documents  inédits  sur  l’histoire  de  France.
d’Avenel  glaubt  jedoch,  nicht  einmal  den  hundertsten  Teil  der  tatsächlich
existierenden  Quellen  zu  Gesicht  bekommen  zu  haben.  Vgl.  Bd.  I,  p.  XIV.
3 )  Diese  Gruppen  behandeln:  Boden-,  Getreide-,  Vieh-,  Fleisch-,  Getränkeund
  Lebensmittelpreise,  Kosten  der  Beleuchtung,  Heizung,  Wohnung,  Baumaterialienpreise ­
  und  Transportkosten,  Löhne,  Gehälter  usw.  Die  meisten
Gruppen  sind  in  mehrere  Unterabteilungen  gegliedert.
        <pb n="163" />
        142

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

angaben  aus  den  drei  letzten  Jahrhunderten  viel  zahlreicher  als
diejenigen  aus  den  drei  ersten.  Auf  Feststellung  örtlicher
Jahresschwankungen  der  Preise  hat  sich  d’Avenel  nicht  eingelassen. ­
  Um  die  wirtschaftlichen  Wandlungen  durch  sechs
Jahrhunderte  besser  zu  veranschaulichen,  hat  er  Durchschnittszahlen ­
  berechnet,  und  zwar  nicht  rein  mechanisch,  sondern
unter  Rücksichtnahme  auf  den  verschiedenen  Wert  der  Quellen 1 ).
Der  Text  des  Werkes  ist  in  drei  Bücher  geteilt:  das  erste
handelt  vom  Gelde,  das  zweite  vom  Boden,  das  dritte  von  den
Löhnen.  Ein  flüchtiger  Blick  auf  diesen  Text  zeigt  uns  schon,
wie  sehr  d’Avenel  hinter  Levasseur  an  Wissenschaftlichkeit  zurücksteht. ­
  Mit  Levasseur  erforscht  d’Avenel  ein  ungeheures,
historisches  Tatsachenmaterial;  aber  während  jener  alles  aus
seiner  Zeit  zu  verstehen  und  am  Maßstabe  der  jeweiligen  zeitgenössischen ­
  Bedürfnisse  und  des  jeweiligen  Standes  der  Kultur
zu  werten  bestrebt  ist,  bleibt  d’Avenel  auf  halbem  Wege
stehen  und  deutet  alles  im  Sinne  der  klassischen  Lehre.  Levasseur ­
  schreibt  eine  objektive  Wirtschaftsgeschichte  Frankreichs; ­
  bei  d’Avenel  wird  diese  Wirtschaftsgeschichte  zur  Apologie ­
  des  ökonomischen  Liberalismus  und  Individualismus.
d’Avenel  stellt  zwei  allgemeine  Schlußfolgerungen  auf:
1.  Die  Preise  des  Geldes,  des  Bodens,  der  Arbeit  und  aller
Waren  sind  immer  frei  gewesen;  kein  gesetzlicher  Zwang,  kein
privates  Übereinkommen  vermochte  je  dieselben  zu  unterjochen;
die  wirtschaftlichen  Evolutionen  sind  von  den  politischen  und
sozialen  unabhängig  gewesen,  sowohl  im  Mittelalter  als  in  der
Neuzeit  und  in  der  Gegenwart 2 ).  2.  „Man  lasse  die  moderne

J )  Er  macht  jedoch  darauf  aufmerksam,  daß  die  Durchschnittspreise  des
Ackerbodens  eher  höher,  als  sie  tatsächlich  gewesen,  ausgefallen  sind,  weil  nämlich ­
  die  angeführten  Preise  sich  meist  auf  Parzellenkäufe  beziehen.  Parzellen
aber  wurden  in  den  früheren  Jahrhunderten  wie  heute  relativ  höher  bezahlt
als  grosse  Flächen.  Bd.  I,  p.  XXVII.
2 )  Bd.  III,  p.  480.  Vgl.  :  „Politische  oder  gesellschaftliche  Tatsachen
und  andererseits  wirtschaftliche  Tatsachen  sind  wenigstens  zum  Teil  von  einander ­
  unabhängig.  Ein  Land  von  Unfreien  oder  Halbfreien  kann  materiell
glücklich  sein,  ein  solches  von  freien  Bürgern  kann  unglücklich  sein.  Was
schlechte  Regierungen,  infolge  von  natürlichen  Evolutionen,  die  sich,  unabhängig ­
  von  ihnen,  in  ihren  Tagen  vollzogen,  besessen  haben  —  ich  meine  den
Wohlstand  der  Masse  ihrer  Untertanen  —  werden  gute  Regierungen  mit  Eifer  und
        <pb n="164" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

143

Kultur  wirken;  die  Resultate,  die  sie  bisher  erreichte,  sind
außerordentliche.  Der  zeitgenössische  Fortschritt  wirkt  besonders ­
  zugunsten  des  Arbeiters.  Das  bewegliche  Kapital,  dann
das  unbewegliche  sind  nacheinander  von  dem  Sinken  der  Kaufkraft ­
  des  Geldes,  von  dem  Sinken  des  Zinsfußes  und  von  der
internationalen  Konkurrenz  betroffen  worden.  Was  Boden
und  Kapital  verloren  haben,  gewinnt  die  Arbeit.  Die  staunenerregenden ­
  Entdeckungen  der  letzten  hundert  Jahre  werden  die
Erniedrigung  jener  Kapitalisten,  die  nichts  anderes  als  Kapitalisten ­
  sind,  sowie  die  Erhöhung  der  Arbeit  und  des  persönlichen ­
  und  arbeitsamen  Eigentums  zur  Folge  haben“  x ).
Man  sieht:  dieses  Ergebnis,  das  Resultat  umfassender,
historischer  Detailforschung,  drückt  dieselbe  Gesetzmäßigkeit
aus,  welche  Bastiat  als  die  hauptsächlichste  der  Harmonien
des  Wirtschaftslebens  aus  deduktiver  Beweisführung  folgerte,
und  welche  Paul  Leroy-Beaulieu  als  eine  der  drei  Haupttendenzen ­
  der  zeitgenössischen  Wirtschaftsordnung  aus  der  Beobachtung ­
  der  Gegenwart  induzierte.
Es  würde  zu  weit  führen,  d’Avenel  in  seinen  vielseitigen,
hochinteressanten  Ausführungen  hier  zu  folgen.  Es  sei  nur
darauf  hingewiesen,  daß  das  häufig  übereilte  Yerallgemeinern

bona  fide  anstreben,  ohne  es  zu  erreichen,  weil  sie  mit  Naturkräften  zu  kämpfen
haben,  gegen  welche  sie  ohnmächtig  sind.“
„Die  Erfahrung  der  verflossenen  Jahrhunderte  lehrt,  daß,  selbst  wenn
nichts  in  einem  Lande  frei  wäre,  der  Preis  der  Güter  es  trotzdem  bliebe  und
von  niemand  unterjocht  werden  könnte.“
„Die  Kgl.  Ordonnanzen  von  gestern  vermochten  nicht  die  Arbeitslöhne
durch  Festsetzung  des  Maximums  zum  Sinken  zu  bringen;  die  demokratischen
Gesetze  von  morgen  würden  diese  selben  Löhne  durch  Festsetzung  des  Minimums ­
  nicht  zu  steigern  vermögen.  Obwohl  es  in  der  Theorie  Pflicht  der
Politik  ist  zu  versuchen,  durch  gesetzgeberische  Maßnahmen  den  Wohlstand
der  größten  Zahl  zu  erhöhen,  so  ist  es  praktisch  nicht  in  deren  Macht,  diese
Vermehrung  zu  verwirklichen,  nicht  einmal  dieselbe  ernstlich  zu  beeinflussen;
das  beste,  was  sie  tun  kann,  ist,  nicht  durch  unzusammenhängende  Versuche
dies  spontane  Anwachsen  des  Wohlstandes,  welches  das  freie  Spiel  der  ökonomischen ­
  Kräfte  in  unseren  Tagen  dem  Arbeiter  verschafft,  zu  hemmen.  Das
lehrt  uns  die  Geschichte  und  diese  Lehre  ist  von  hohem  Werte  im  Augenblick,
wo  gutgesinnte  und  von  den  besten  Absichten  beseelte  Leute  auf  gesetzgeberischem ­
  Wege  die  gegenwärtige  Verteilung  des  .Reichtums  zugunsten  der
Proletarierklasse  zu  revidieren  hoffen.“  Bd.  I,  p.  X—XI.
i)  ibid.  ßd.  III,  p.  480.
        <pb n="165" />
        144

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

und  der  Optimismus,  mit  dem  er  die  Apologie  des  Nichtinterventionismus ­
  bei  jeder  Gelegenheit  antritt,  ihn  in  Widersprüche
verwickeln  und  zu  manchen  gewagten  Behauptungen  verleiten.
Wie  hervorgehoben  wurde,  steht  d’Avenei  hinter  Levasseur ­
  an  Wissenschaftlichkeit  zurück;  aber  in  einer  Hinsicht
haben  seine  Werke  vor  denen  Levasseurs  einen  Vorzug:  sie
haben  einen  größeren  literarischen  Wert.  d’Av  enei  schreibt  eine
plastische,  bilderreiche  Sprache;  er  versteht  die  Kunst,  den
Geist  der  verflossenen  Jahrhunderte  in  seiner  Darstellung  fühlbar ­
  werden  zu  lassen.  Das  Bedürfnis  zur  Synthese  empfindet
er  weit  lebhafter  als  Levasseur.  Das  hat  zur  Folge,  daß  er
viel  wirksamer  als  dieser  die  großen  Zusammenhänge  in  der
Wirtschaftsgeschichte  Frankreichs  herauszuarbeiten  weiß.
d’Avenels  Aufsätze,  die  unter  dem  Sammelnamen
Le  Mécanisme  de  la  Vie  Moderne  fortlaufend  erscheinen 1 ),  haben
mehr  publizistischen  als  wissenschaftlichen  Charakter.  Die
Methode,  nach  welcher  der  Verfasser  bei  diesen  Studien  verfährt, ­
  ist  in  doppelter  Richtung  vergleichend:  zuerst  vergleicht
er  die  ausgiebigen  und  ungemein  detaillierten  statistischen  und
sonstigen  Daten  über  französische,  meist  Pariser  Verhältnisse,
Betriebe  oder  Anstalten  untereinander,  und  mit  dem  erheblichen ­
  Material,  das  er  sich  auch  aus  andern  Ländern  zu
beschaffen  weiß.  Dabei  sucht  er  die  Aufmerksamkeit  seiner
Landsleute  auf  nachahmenswerte  Fortschritte  des  Auslandes  zu
lenken  und  wird  nicht  müde,  die  wirtschaftliche  Stagnation
Frankreichs  immer  wieder  an  seinen  Vergleichen  mit  den  ausländischen ­
  Einrichtungen  nachzuweisen.  Dann  gewinnen  seine
Studien  noch  bedeutend  an  Interesse  durch  die  zahllosen
historischen,  meist  ziffernmäßigen  Vergleiche,  welche  seine
umfassenden  geschichtlichen  Quellenforschungen  ihm  an  die
Hand  geben.  Trotz  des  großen  Zahlenmaterials,  das  in  den
Aufsätzen  verarbeitet  ist,  wird  die  Darstellung  niemals  schwerfällig ­
  oder  ermüdend.  Es  gelingt  dem  Autor  immer,  interessant
und  geistreich  zu  bleiben,  spielend  weiß  er  durch  die  vielen
’)  Dieselben  behandeln  in  buntem  Durcheinander:  Pariser  Wohnungsverhältnisse ­
  —  das  moderne  Hotelwesen  —  die  weibliche  Kleidung  und  die  an
deren  Herstellung  beteiligten  Gewerbe  —  das  moderne  Kreditwesen  —  städtisches ­
  Transportwesen  —  Porzellan-  und  Steingutindustrie  —  Lebensversicherung
—  Pferderennen—  Inseraten  wesen  —  Warenhäuser  —  Schriftstellerhonorare  usw.
        <pb n="166" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

145

anregenden  und  überraschenden  Gegenüberstellungen  manchen
Einblick  in  pikante  Verhältnisse  für  den  Leser  recht  lehrreich
zu  gestalten.  Insbesondere  richtet  d’Avenel  sein  Augenmerk
darauf,  die  technische  und  wirtschaftliche  Konzentration  der
letzten  drei  bis  vier  Dezennien  deutlich  zu  veranschaulichen.
Ob  sein  Material  immer  wissenschaftlich  einwandfrei  zustande
kam,  mag  dahingestellt  bleiben.
André  Liesse,  Professor  der  Nationalökonomie  am  Conservatoire ­
  des  Arts  et  Métiers,  hat  als  volkswirtschaftlicher  Redakteur ­
  des  Journal  des  Débats  den  exponiertesten  Posten  der
liberalen  Schule  inne.  Dort  kämpft  er  Tag  für  Tag  gegen
Sozialismus,  Protektionismus  und  jeglichen  Interventionismus.
Seine  grundsätzlichen  Anschauungen  sind  streng  orthodox;
darum  wurde  er  denn  auch  für  würdig  befunden,  die  meisten
Artikel  des  Nouveau  Dictionnaire  d’Economie  politique,  welche
grundlegende  Fragen  der  Nationalökonomie  behandeln,  zu  verfassen ­
 1 ).  Methodologisch  schließt  sich  Liesse  jedoch  Auguste
Comte  und  Stuart  Mül  an.
Als  Comtist  faßt  er  die  Nationalökonomie  auf  als  einen
Teil  der  Sozial  Wissenschaft  oder  Soziologie.  „Diese  hat  zum
Gegenstand  das  Studium  der  Naturgesetze,  welche  die  Entwicklung ­
  der  menschlichen  Gesellschaften  regieren  und  folglich  das
Studium  der  gesamten  menschlichen  Tätigkeit 2 ).  Die  Soziologie
ist  allerdings  noch  nicht  definitiv  konstituiert,  aber  die  Nationalökonomie ­
  kann  schon  als  deren  hauptsächlichste  Teil  Wissenschaft ­
  angesehen  werden.  Die  Grundlagen  der  Nationalökonomie
sind  die  Physiologie  und  die  Psychologie  ;  die  Physiologie,  weil
die  Anstrengung  oder  Arbeit  eine  physiologische  Erscheinung
ist;  die  Psychologie,  weil  das  allgemeine  Grundgesetz  des
Lebens,  das  Gesetz  des  kleinsten  Mittels,  ein  psychologisches
ist.  Die  „richtige“  Methode  in  der  Nationalökonomie  ist  nicht

1)  Außer  diesen  Artikeln  und  seiner  regelmäßigen,  volkswirtschaftlichen
Chronik  im  Journal  des  Débats,  veröffentlichte  er:  Le  Travail  aux  points  de  vue
scientifique,  industriel  et  social,  Paris,  1899.  —  La  Statistique,  ses  difficultés,
ses  procédés,  ses  résultats,  Paris,  1905.  —  Portraits  de  Financiers,  Paris,  1908.
—  Außerdem  hat  er  die  8.  und  9.  Auflage  von  Courcelle-Seneuil,  Les  Opérations
de  Banque,  Paris,  1899  und  1905,  bearbeitet.
2)  A.  Liesse,  Art.  Méthode  in  :  Dictionnaire  d’économie  politique,  Bd.  II,
p.  258.  Vgl.  Art.  Sociologie,  ibid.  p.  889  ff.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

10
        <pb n="167" />
        146

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

die  Deduktion  allein,  noch  die  Induktion  allein;  nicht  die
historische  Methode  allein,  noch  die  biologische  allein,  sondern
die  Gesamtheit  aller  Verfahren,  welche  wissenschaftliche  Wahrheiten ­
  zu  erforschen  und  zu  erweisen  vermögen.  „Die  historische ­
  Methode  kann  ein  fruchtbares  Forschungsverfahren  nur
dann  sein,  wenn  man  die  Generalisationen  der  Geschichte  mit
den  Gesetzen  der  menschlichen  Natur  verbindet 1 ).“  Es  empfiehlt
sich  heute  nicht  mehr  zu  tun,  was  Baco  den  theologischen  und
metaphysischen  Begriffen  und  Anschauungen  gegenüber  tat,
nämlich  mit  allen  vorausgegangenen  Arbeiten  tabula  rasa  zu
machen.  Das  beste  Mittel,  in  der  Erkenntnis  der  Wahrheit
Fortschritte  zu  machen,  ist,  die  bestehenden  Hypothesen  und
Theorien  als  Instrumente  zu  weiterer  Forschung  zu  gebrauchen.
Deren  eventuelle  Fehler  werden  dabei  zutage  treten 2 ).
Der  wichtigste  Punkt  in  der  Methodologie  von  A.  Liesse
ist  die  Unterscheidung  zwischen  der  Doktrin,  die  aus  reiner
Theorie  und  feststehenden  Dogmen  besteht,  und  augenblicklicher ­
  Interpretation  der  Doktrin,  die  den  Bedürfnissen  der
Gegenwart  angepaßt  ist 3 ).  Diese  Unterscheidung  ist  der
Schlüssel  jener  eigenartigen  Verbindung  streng  orthodoxer  Prinzipien ­
  mit  der  Idee  der  Relativität,  welche  tatsächlich  sein
ganzes  Denken  beherrscht.  Nichts  ist  der  Klarheit  der  Beweisführung ­
  schädlicher,  sagt  er,  als  wenn  Erwägungen  der  praktischen ­
  Anwendung  die  Darstellung  der  Theorie  belasten.
Genau  wie  man  in  der  Mechanik  das  Gebiet  der  rationellen
von  dem  der  angewandten  scheidet,  muß  man  in  der  Nationalökonomie ­
  die  reine  Wissenschaft  von  der  Kunstlehre  trennen.
„Die  Nationalökonomie  als  Wissenschaft  ist  außer  Stande,  alle
praktischen  Fragen  des  wirtschaftlichen  Erscheinungsgebietes

*)  ibid.  art.  Méthode,  p.  266.
2 )  ibid.
3 )  „Die  liberale  Schule  ist  freihändlerisch,“  meint  er;  „aber  die  Verwirklichung ­
  des  Freihandels  will  sie  erst  in  hundert  Jahren.“  Oder:  „In  Frankreich
sind  7  Millionen  Arbeiter  und  Kleinbauern,  welche  das  Bedürfnis  haben,  ihre
Existenz  zu  sichern.  Sie  sind  noch  zu  unwissend  und  zu  unerfahren,  um  das
heute  selbst  tun  zu  können.  Darum  tut  ihnen  Bevormundung,  etwa  nach  dem
belgischen  System  der  Sozialversicherung,  not.  In  hundert  Jahren  vielleicht
sind  wir  so  weit,  daß  wir  jeden  auf  eigene  Füße  stellen  und  sich  selbst  überlassen ­
  können.“  (Notizen  aus  Privatgesprächen.)
        <pb n="168" />
        Die  Gruppe  der  Historiker

147

zu  lösen.  Dazu  bedarf  man  vielfacher  Erwägungen,  die  andern
Wissenszweigen  entlehnt  sind.  Der  Volkswirt  vermag  die  Aufgaben, ­
  die  ihm  gestellt  sind,  nur  dann  zu  gutem  Ende  zu
führen,  wenn  „sein  Geist  durch  allgemeine  wissenschaftliche
Studien  geschmeidig  gemacht  wurde  und  von  der  Idee  der
Relativität  vollständig  durchdrungen  ist“  *).
Das  besondere  Augenmerk,  welches  A.  Liesse  für  die
vielseitige  Bedingtheit  und  die  Komplexität  der  wirtschaftlichen
Erscheinungen  hat,  kommt  nicht  nur  in  der  reinlichen  Scheidung ­
  zwischen  orthodoxer  Theorie  und  opportunistischer  Wirtschaftspolitik ­
  zur  Geltung,  sondern  es  äußert  sich  auch  in  der
großen  Umsicht  und  dem  kritischen  Sinn,  die  er  bei  der
Aufnahme,  Prüfung  und  Gruppierung  von  Beobachtungen  bekundet. ­
  Seine  oben  angeführten  Werke  bieten  dafür  zahlreiche
Belege.  Man  mag  in  dieser  Art  etwas  wie  eine  Subtilisierung
des  gesunden,  hausbackenen  Sinnes  von  Léon  Say  erkennen;
Liesse  war  eng  befreundet  mit  diesem  und  hat  viel  mit  ihm
zusammen  gearbeitet.
Paul  Guiraud  ist  ein  Historiker  aus  der  Schule  des  berühmten ­
  Fustel  de  Coulanges.  Er  macht  die  Wirtschaftsgeschichte
des  Altertums  zum  Gegenstand  seiner  Spezialforschungen 1  2 ).
Seine  Schriften,  welche  durch  präzise  Quellenanalyse  und
plastische,  lebendige  Darstellung  gekennzeichnet  sind,  dienen
dem  Bestreben,  nachzuweisen,  daß  die  wirtschaftlichen  Fragen
im  Altertum  nicht  weniger  bewußte  Bedeutung  hatten  als  heute
und  häufig  die  Politik  bestimmten.  Er  hebt  z.  B.  hervor,  daß
Thukydides  in  den  ersten  Kapiteln  seiner  griechischen  Geschichte ­
  nur  von  wirtschaftlichen  Fragen  spricht,  um  das  frühere
Griechenland  zu  kennzeichnen.  Eine  der  größten  Umwälzungen
der  Vergangenheit,  die  Einführung  der  itgamg  in  den  meisten
hellenischen  Stadtstaaten,  ist  für  den  griechischen  Historiker
in  erster  Linie  eine  Folge  des  wachsenden  Wohlstandes.  Guiraud
sucht  auch  den  römischen  Imperialismus  ökonomisch  zu  er-1)

  A.  Liesse,  loe.  eit.  p.  259.
2 )  Paul  Guiraud,  La  Propriété  foncière  en  Grèce  jusqu’à  la  conquête
romaine,  Paris,  1893.  —  Fustel  de  Coulanges,  Paris,  1896.  —  La  Main  d’Oeuvre
industrielle  dans  l’ancienne  Grèce,  Paris,  1900.  —  La  Vie  privée  et  la  Vie  publique ­
  des  Grecs,  Paris,  1892,  3.  Ausi.  1901.  —  Etudes  économiques  sur  l’Antiquité, ­
  Paris,  1905.
        <pb n="169" />
        148

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

klären,  indem  er  das  Band,  das  ihn  mit  der  römischen  Hochfinanz ­
  verknüpfte,  unter  anderem  am  Beispiele  des  Finanziers
Rabirius  vor  Augen  führt.  Guiraud  fällt  in  den  Fehler  Georg
Ebers':  er  führt  das  Altertum  in  allzu  modernem  Gewände  vor.
Er  treibt  die  Analogie  zwischen  den  Einrichtungen  und  Verhältnissen ­
  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  mit  denjenigen  der
griechischen  Stadtstaaten  und  des  römischen  Reiches  bis  zur
vollständigen  Identifikation.  Und  innerhalb  der  antiken  Welt
erkennt  er  zu  wenig  die  Verschiedenheiten  der  aufeinander
folgenden  Entwicklungsphasen.  Es  genügt  eben  nicht,  in  der
Geschichte  nur  lesen  zu  wollen,  daß  gewisse  allgemeine  Triebfedern ­
  des  menschlichen  Handelns  zu  allen  Zeiten  dieselben
sind.  Guiraud,  der  ein  vorzüglicher  Kenner  des  klassischen
Altertums  ist,  würde  diesem  in  höherem  Maße  gerecht,  wenn
er  ein  ebenso  guter  Kenner  des  heutigen  Standes  der  Wirtschaftswissenschaft ­
  wäre.

5.  Kapitel.
Die  Gruppe  der  Ingenieure  und  die  mathematische  Methode  in
der  liberalen  Schule.
Die  Besonderheit  der  Anschauungsweise  in  wirtschaftlichen
Dingen,  welche  wir  hier  im  Auge  haben,  ist  wesentlich  durch
den  Bildungsgang  und  die  Berufsarbeit  des  Ingenieurs  bedingt.
Sie  wird  gekennzeichnet  durch  die  Verwendung  der  mathemathischen
  Methode,  das  mechanisch  -  naturwissenschaftliche
Denken  und  die  besondere  Beachtung,  welche  der  technischen
Seite  der  Unternehmen  geschenkt  wird.  Als  Vertreter  dieser
Richtung  nennen  wir  den  Bauingenieur  Colson.  Es  bedarf  jedoch
kaum  des  Hinweises,  daß  dieser  vermöge  seiner  Lehrtätigkeit  an
der  Ecole  nationale  des  Ponts  et  Chaussées  in  der
französischen  Technikerwelt  vielseitigen  Anhang  besitzt.
Das  mechanisch-naturwissenschaftliche  Denken  und  in  Verbindung ­
  damit  das  arithmetische,  ziffernmäßige  Beispielgeben  finden
wir  bereits  an  der  Wiege  der  klassischen  Schule.  Descartes
und  Hobbes  und  nach  ihnen  die  Physiokraten  pflegten  beides.
        <pb n="170" />
        Die  Gruppe  der  Ingnieure  in  der  liberalen  Schule

149

Der  erste  jedoch,  der  unseres  Wissens  in  Frankreich  den
algebraischen  Kalkül  zur  Erforschung  wirtschaftlicher  Probleme
verwandte,  war  Canard.  In  einem  kleinen  Lehrbuch  der  Nationalökonomie ­
 1 )  gibt  dieser  einen  kurzen  Überblick  über  die
Lehren  Adam  Smiths.  Das  Ganze  ist  auf  der  im  XVIII.  Jahrhundert ­
  beliebten  Analogie  der  von  wirtschaftlichen  Naturgesetzen ­
  bestimmten  Wirtschaftsordnung  mit  dem  physiologischen
Gesetzen  gehorchenden  lebenden  Organismus  aufgebaut.  Diese
uralte  Analogie,  welche  von  William  Petty  zuerst  erneuert  worden
war,  wird  von  Canard  systematisch  bis  ins  kleinste  Detail
durchgeführt.  Daneben  versucht  er  im  8.  Kapitel  seines  Buches
die  physiokratische  Anschauung,  daß  in  einem  landwirtschaftlichen ­
  Lande  alle  Steuern  auf  die  Grundbesitzer  abgewälzt
würden,  durch  eine  mathematische  Theorie  der  Steuerreperkussion
zu  widerlegen.  Canards  algebraisches  Gleichungssystem  beruht
auf  falscher  und  ungenügender  Prämissenstellung.  Darum  hat  das
Ganze  keine  Beweiskraft.  Das  Buch  Canards  fesselte  jedoch  die
Aufmerksamkeit  der  Académie  des  Sciences  morales  et  politiques,
welche  es  preiskrönte,  „obwohl,“  wie  es  in  dem  Berichte  der
Akademie  heißt,  „die  darin  entwickelten  Grundsätze  sowohl  von
Grund  aus  falsch,  als  irrtümlich  angewandt  seien.“
Bei  Cazaux  gewinnt  die  mathematische  Methode  bereits  eine
breitere  Basis,  indem  die  Wert-  und  Preislehre  des  altern
Klassizismus  zur  algebraischen  Darstellung  kommt 2 ).  Das  Buch
von  Cazaux  fand  jedoch  keine  Beachtung;  ebensowenig  das
von  Augustin  Cournot  1838  veröffentlichte  Werk  :  Recherches  sur
les  principes  mathématiques  de  la  Théorie  des  richesses.  Cournot ­
  versucht  „nachzuweisen,  daß  die  Lösung  der  generellen
Fragen,  welche  die  Theorie  der  Güterwelt  auswirft,  wesentlich
von  jenem  Zweig  der  Analysis  abhängt,  der  die  arbiträren
Funktionen  zum  Gegenstand  hat,  die  nur  gewissen  Bedingungen
zu  genügen  haben“.  Also  mit  unbestimmten  Funktionen  —
einige  wenige  ihrer  Eigenschaften  als  bekannt  vorausgesetzt ­
  —  baut  Cournot  ein  algebraisches  Gleichungssystem
auf,  das  die  absolute  Wahrheit  der  Sätze  der  klassischen

9  N.  F.  Canard,  Principes  ¿'Economie  politique,  Paris,  F.  Buisson,  an
X  (1802).

*)  Cazaux,  Eléments  ¿’Economie  privée  et  publique,  Paris,  1825.
        <pb n="171" />
        150

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Volkswirtschaftslehre  beweisen  soll.  Dabei  ist  er  nicht  einmal
ein  sehr  begeisterter  Anhänger  dieser  Lehre.  Er  übt  Kritik  am
Optimismus  der  liberalen  Schule  und  am  Freihandel,  teilt
Chevaliers  Ansichten  bezüglich  der  Einmischung  des  Staates
ins  Wirtschaftsleben  und  hält  am  Nichtinterventionismus  grundsätzlich ­
  nur  fest,  „weil  die  Freiheit  noch  das  Einfachste  und
Natürlichste  ist.“  In  seinen  spätern  Werken 1 )  verzichtete  er
selbst  auf  das  mathematische  Räsonnement,  teils  weil  es  keinen
Anklang  finde,  teils  „weil  so  viele  ethische  Ursachen,  die  man
weder  auszählen  noch  messen  kann,  auf  das  Gesetz  der  Nachfrage ­
  einwirken,“  teils  weil  der  Gebrauch  der  Mathematik  in
der  Volkswirtschaftslehre  geeignet  sei,  die  Illusion  zu  wecken,
nicht  die  unvermeidlichen  Mängel  der  Problemstellung,  sondern
die  Fehler  ausschließende  Strenge  der  Beweisführung  gebe  den
Ergebnissen  ihre  Signatur.  Das  heißt  mit  andern  Worten,  daß
aus  hypothetischen  und  unbestimmten  Prämissen  nur  hypothetische ­
  und  unbestimmte  Schlußfolgerungen  gewonnen  werden
können,  deren  Wahrheitsgehalt  durch  den  zwingenden  Charakter
des  mathematischen  Beweisverfahrens  nicht  berührt  wird.
Nach  Cournot  versuchte  Dupuit  in  einer  Reihe  von  Aufsätzen, ­
  welche  1852—1856  im  Journal  des  Economistes  erschienen,
für  den  Gebrauch  algebraischer  Gleichungssysteme  als  Methode
der  Volkswirtschaftslehre  Stimmung  zu  machen.  Beide  fanden  nur
Gehör  bei  Jevons  und  bei  dem  Franzosen  Léon  Walras,  welcher
in  den  sechziger  Jahren  nach  der  Schweiz  auswanderte  und  im
Verein  mit  seinem  geistvollen  Schüler  Pareto  die  Universität
Lausanne  zu  einer  Pflanzstätte  der  mathematischen  Nationalökonomie ­
  machte.
Die  liberale  Schule  in  Frankreich  blieb  der  mathematischen
Methode  abgeneigt;  ihre  Koryphäen,  insbesondere  E.  Levasseur

i)  A.  Cournot,  Traité  de  l’enchaînement  des  idées  fondamentales  dans  les
Sciences  et  dans  l’Histoire,  Paris,  1861.  —  Principes  de  la  Théorie  des  Richesses,
Paris,  1863.  —  Considérations  sur  la  marche  des  idées  et  des  évènements  dans
les  Temps  modernes,  Paris,  1876.  Cournot  war  zeitlebens  Professor  der  Philosophie ­
  und  Rektor  an  den  Universitäten  Grenoble  und  Dijon.  Sein  letztes  Werk
ist  eine  tiefgründige  Philosophie  des  Liberalismus  ;  im  7.  Kapitel  des  V.  Buches
entwickelt  er  eine  philosophische  Begründung  der  notwendigen  Existenz  wirtschaftlicher ­
  Naturgesetze  und  bekennt  seinen  Glauben  an  den  zukünftigen  Sieg
der  wirtschaftlichen  Freiheit  über  den  Interventionismus.
        <pb n="172" />
        Die  Gruppe  der  Ingenieure  in  der  liberalen  Schule

151

und  Paul  Leroy-Beaulieu,  nehmen  in  entschiedener  Weise
gegen  dieselbe  Stellung.  Die  von  Levasseur,  Paul  Leroy-Beaulieu,
  A.  Liesse  u.  a.  gegen  die  Verwendung  der  mathematischen ­
  Methode  in  der  Volkswirtschaftslehre  geltend  gemachten ­
  Argumente  sind  in  der  Hauptsache  folgende:  1.  Die
technische  Schwierigkeit  der  Problemstellung  ohne  weder  unklare ­
  Begriffe  noch  unrichtige  Daten  in  die  Hypothesen  einzuführen, ­
  noch  ein  nötiges  Element  auszulassen  ;  2.  die  durch  die
mathematische  Darstellung  gegebene  Immobilisierung  von  Elementen, ­
  die  ihrer  Natur  nach  variabel  sind;  3.  die  tatsächliche
Unmöglichkeit,  für  jede  Erscheinung  der  so  sehr  wechselnden
Gesamtheit  der  Erscheinungen  Rechnung  zu  tragen  ;  4.  die  Tatsache, ­
  daß  wirtschaftliche  und  andere  Beweggründe  in  endlos
verschiedener  Abstufung  die  wirtschaftlichen  Handlungen  der
Menschen  bestimmen  und  die  daraus  sich  ergebende  Schwierigkeit ­
  und  notwendige  Unbestimmtheit  des  mathematischen  Ausdrucks ­
  ;  5.  das  doppelte  Gesetz  der  Substitution  der  Bedürfnisse
und  der  Güter  untereinander  macht  jedes  mathematische  Preisgesetz ­
  unmöglich 1 );  6.  irgendwelche  Förderung  der  wissenschaftlichen ­
  Erkenntnis  durch  das  mathematische  Räsonnement  ist
bis  heute  nicht  festgestellt  worden 2 ).
Die  ablehnende  Haltung  der  liberalen  Schule  ist  trotz  der
gewichtigen  Gründe,  welche  deren  berufenste  Vertreter  gegen
die  Verwendung  der  mathematischen  Methode  in  der  Volkswirtschaftslehre ­
  vorbringen,  durch  Colson  durchbrochen
worden.
Léon  Clément  Colson,  geb.  13.  Nov.  1853  in  Versailles,
Bauingenieur,  Staatsrat,  Professor  der  Nationalökonomie  an  der
Ecole  nationale  des  Ponts  et  Chaussées  und  Professor  für  Transportwesen ­
  an  der  Ecole  des  Hautes  études  commerciales,  hat  in

J )  8.  oben  p.  110.
2 )  Vgl.  E.  Levasseur  in  :  Comptes  rendus  de  l’Académie  des  Sciences
morales  et  politiques,  Januar  1874.
Paul  Leroy-Beaulieu,  Traité  d’économie  politique,  3.  Ausi.,  Bd.  I,  p.  84
bis  90,  p.  663  ff.
André  Liesse,  Art.  Méthode,  in:  Nouveau  Dictionnaire  d’Economie  politique, ­
  Bd.  II,  p.  267  ff.
Jos.  Rambaud,  Histoire  des  Doctrines  économiques,  2.  Aufl.,  Buch  II,
Cap.  9,  p.  430  ff.
        <pb n="173" />
        152

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

der  staatlichen  Eisenbahnverwaltung  Karriere  gemacht  und  ist
Spezialist  auf  dem  Gebiete  des  Tarifwesens.  Er  hat  seine  volkswirtschaftlichen ­
  Vorlesungen  in  Form  eines  umfangreichen  Lehrbuches ­
  der  Nationalökonomie,  dessen  methodologische  und
doktrinelle  Eigentümlichkeiten  Beachtung  verdienen,  veröffentlicht ­
  *).
Colson  teilt  die  Nationalökonomie 2 )  nach  Analogie  der  rationellen ­
  und  angewandten  Mechanik  in  eine  allgemeine  Theorie
der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  (Band  I)  und  in  eine  „Vertiefung“ ­
  einiger  wichtigerer  Fragen  (Band  II—IV)  ein.  Er
begründet  diese  Einteilung  damit,  daß  das  Ineinandergreifen
aller  wirtschaftlichen  Erscheinungen  es  unmöglich  mache,  eine
Frage  gründlich  zu  erörtern,  ohne  eine  gewisse  Kenntnis  von
allen  anderen  zu  besitzen.  Darum  sei  es  nötig,  einen  Gesamtüberblick ­
  vorauszuschicken.  Dieser  Gesamtüberblick  ist  in  Wirklichkeit, ­
  was  Colson  zugibt,  eine  streng  deduktive  Wirtschaftstheorie, ­
  welche  inhaltlich  die  Lehren  der  älteren  Klassiker  erneuert. ­
  Die  Fragen,  auf  welche  Colson  im  zweiten  Teile  näher
eingeht,  sind  nach  folgendem  Gesichtspunkt  gruppiert:  alle
*)  L.  C.  Colson,  Cours  ¿'Economie  politique  professe  à  l’école  nationale
des  Ponts  et  Chaussées,  6  Bde.,  Paris  1901—1905,  2.  Ausi.  1907  —  (im  Erscheinen ­
  begriffen).
Von  sonstigen  Werken  Colsons  nennen  wir:  L’Organisation  financière  des
Ports  maritimes  en  Angleterre,  Paris,  1888.  —  Les  Chemins  de  Fer  et  le  Budget,
Paris,  1896.  —  Transports  et  Tarifs  (Leçons  professées  à  l’Ecole  des  hautes
études  commerciales),  3.  Ausi.  Paris,  1908.
2 )  Der  Ingenieur  verrat  sich  schon  in  der  Definition,  die  Colson  von
der  Nationalökonomie  gibt.  Er  definiert  sie  nämlich  als  die  Wissenschaft  „von
den  Gesetzen,  welchen  die  Erzeugung,  die  Verteilung,  der  Umlauf  und  der  Verbrauch ­
  der  Güter,  sowie  die  Leistung  von  persönlichen  Diensten  unterworfen
sind,  insoweit  diese  Gesetze  aus  dem  Geisteszustand  der  in  Gesellschaft  lebenden
Menschen  folgen.“  Durch  letzteren  Zusatz  soll  die  politische  Ökonomie  gegenüber ­
  den  technischen  und  anthropologischen  Wissensgebieten  abgegrenzt  werden.
Ein  Beispiel  erläutert  am  besten  das,  was  gemeint  ist:  Bodenmeliorationen,  z.  B.
chemischer  Dünger,  sind  ein  wesentliches  Produktionselement;  doch  gehört  die
Kunde  davon  in  das  Gebiet  der  technischen  Wissenschaften.  Die  Lehre  von  den
Bewirtschaftungsformen  des  Grundeigentums  dagegen  (ob  Teilbau,  Erbpacht,
Zeitpacht  oder  Selbstbewirtschaftung)  gehört  in  die  Nationalökonomie,  weil  der
Einfluß  der  Bewirtschaftungsform  auf  den  Produktionsertrag  von  der,  je  nach
seiner  Stellung  zum  Grund  und  Boden  verschiedenen  geistigen  Disposition  des
Bewirtschafters  abhängt.  Colson,  Cours  d’économie  politique,  2.  Ausi.,  Bd.  I,
p.  16  ff.
        <pb n="174" />
        Die  Gruppe  der  Ingenieure  in  der  liberalen  Schule

158

wirtschaftlichen  Erscheinungen  gliedern  sich  irgendwie  der  Produktion ­
  und  dem  Umlauf  der  Güter  an.  Es  gibt  fünf  große
Kategorien  der  Produktion  und  des  Umlaufs,  nämlich  :  drei  Produktionsagenten, ­
  Natur,  Arbeit  und  Kapital,  und  zwei  Einrichtungen, ­
  welche  deren  Zusammenwirken  und  den  Austausch  ihrer
Produkte  sichern,  nämlich  die  Unternehmung  und  der  Handel.
Praktisch  geht  das  Agens  Natur  in  dem  Agens  Kapital  auf,  und
die  Unternehmungen  gehören  der  Volkswirtschaftslehre  nur  durch
ihre  kommerzielle  Seite  an.  Daher:  Band  II:  Arbeit  und  Arbeiterfragen, ­
  Band  III  :  Eigentum  an  Grund  und  Boden,  Kapital  und
immateriellen  Gütern,  Band  IV  :  Fragen  des  Handels  (inklusive
Geld-,  Bank-  und  Börsenwesen).  Ein  fünfter  Band  behandelt
ferner  die  Finanzwissenschaft  und  ein  sechster  die  Transportunternehmungen,
  insbesondere  Eisenbahnen.  Die  Behandlung
der  von  Colson  im  2.  Teile  (Band  II—IV)  erörterten  Fragen
ist,  was  er  nicht  zugibt,  in  Wirklichkeit  dazu  degradiert,  scharfsinnig ­
  ausgewähltes  Tatsachenmaterial,  statistisches  und  solches
der  Einzelbeobachtung  zur  induktiven  Bestätigung  der  klassischen ­
  Theorien  des  ersten  Bandes  beizubringen.
Colsons  Lehrbuch  der  Nationalökonomie  hat  den  Vorzug
großer  Durchsichtigkeit.  Dennoch  dürfte  es  „ein  Haus  ohne
Fenster“  bleiben,  wie  Professor  Gide  es  genannt  hat.  Colson
haßt  nämlich  jeglichen  Quellennachweis  ;  aber  der  kundige
Leser  wird  bald  erkannt  haben,  daß  er  in  ausgiebigem  Maße  in
den  Lehrbüchern  von  Marshall  und  Paid  Leroy-Beaulieu  geschöpft ­
  hat.
Von  Marshall  kommt  zunächst  die  Art  der  Anwendung*
der  Mathematik  in  der  Wert-  und  Preistheorie.  Colson  will
nämlich  nicht,  wie  Cournot  und  Walras,  und  wie  es  übrigens
Marshall  im  Anschluß  an  devons  mitunter  auch  tut,  die
wirtschaftlichen  Erscheinungen  der  Wert-  und  Preisbildung  durch
das  Mittel  des  mathematischen  Kalküls  in  ihren  möglichen
Variationen  verfolgen.  Er  hält  diese  Erscheinungen  für  zu  vielgestaltig ­
  und  verwickelt,  als  daß  sie  in  ein  System  algebraischer
Gleichungen  gebracht  werden  könnten.  Dagegen  will  er  lediglich, ­
  wie  Marshall  gewöhnlich  tut,  durch  bestimmte  konkrete
Beispiele  geometrischer  Figuration  die  Preisgesetze  veranschaulichen. ­
  Damit  kommt  er  den  Denkdispositionen  seiner  mathematisch ­
  vorgebildeten  Hörer  entgegen.
        <pb n="175" />
        154

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Der  Einfluß  Marshalls  bekundet  sich  ferner  in  der  besonderen ­
  Sorgfalt,  welche  Colson  darauf  verwendet,  den  Zusammenhang, ­
  die  Kontinuität  scheinbar  voneinander  unabhängiger
Fragen  in  helles  Licht  zu  rücken.  Dieselbe  Inspiration  tritt  in
der  Formulierung  zutage,  welche  er  dem  Prinzip  des  kleinsten
Mittels  gibt  ;  er  führt  nämlich  den  Begriff  des  Familieninteresses
des  wirtschaftenden  Individuums  in  dasselbe  ein  und  formuliert
subjektiv:  „Der  Mensch  ist  beständig  bestrebt,  dasjenige,  was  er
für  die  größte  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  und  derjenigen
seiner  Familie  hält,  durch  diejenigen  Mittel  zu  erlangen,  von
denen  er  glaubt,  daß  sie  ihm  am  wenigsten  Mühe  machen“ 1 ).
In  seiner  Wert-  und  Preistheorie,  die  auf  dem  Tauschwertsbegriff ­
  Adam  Smiths  fußt,  berücksichtigt  Colson  Leroy-Beaulieus
  Gesetze  der  Substitution  und  betont  mit  Marshall
(dem  er  im  übrigen  die  mathematische  Darlegung  dieses  Gebietes ­
  entlehnt)  die  Bedeutung  des  Konsumentenüberschusses.
Insbesondere  aber  läßt  sich  Colson  die  Rettung  von  Ricardos
Rententheorie  angelegen  sein,  und  mit  Bedauern  stellt  er  fest,
daß  diese  von  einem  größeren  Bruchteil  der  liberalen  Schule
fallen  gelassen  worden  sei 2 ).

*)  Colson,  Cours  ¿'Economie  politique,  2.  Ausl.,  Bd.  I,  p.  33.
2 )  ibid.  p.  328  ff.  „Die  pessimistischen  Folgerungen,  die  man  aus  der
Rententheorie  gezogen  hat,  folgen  keineswegs  notwendig  aus  ihr.  Sie  sind  ausschließlich ­
  einer  übereilten  Verallgemeinerung  der  in  einer  bestimmten  Zeit  und
in  bestimmten  Erdteilen  gemachten  Beobachtungen  zu  verdanken.  Man  hat  den
Schülern  Ricardos  häufig  vorgeworfen,  sie  hätten  sich  durch  Mißbrauch  theoretischer ­
  Erwägungen  irre  führen  lassen  ;  im  Gegenteil,  weil  sie  sich  zu  sehr  auf
die  Beobachtung  stützten,  haben  sie  sich  schwer  geirrt.  Sie  haben  geglaubt,  das
Rentengesetz  werde  immer  die  Wirkung  haben,  die  sie  in  einem  Augenblick,  wo
die  Bevölkerung  rascher  wuchs  als  die  Produktionsmittel,  vor  ihren  Augen  sahen.
Hätten  sie  alle  Folgerungen  untersucht,  die  sich  aus  seiner  (Ricardos)  Theorie
ziehen  lassen,  so  hätten  sie  gesehen,  daß  dieselben  ganz  andere  sind,  wenn  die
Fortschritte  der  Technik  und  die  Anhäufung  der  Kapitalien  rascher  wachsen
als  die  Bevölkerung.  Die  heutige  Beobachtung  von  Erscheinungen,  welche  den  von
ihnen  (den  Schülern)  beobachteten,  entgegengesetzt  sind,  bestätigt  vollauf  das  Gesetz
Ricardos  und  bietet  zugleich  ein  sprechendes  Beispiel  von  der  Gefahr,  bei  der
Beobachtung  und  der  Induktion  in  den  volkswirtschaftlichen  Forschungen  stehen
zu  bleiben  und  nicht  Hypothesen,  die  rein  theoretisch  scheinen  mögen,  zu  untersuchen ­
  und  durch  Räsonnement  deren  wahrscheinliche  Folgerungen  zu  erforschen.
Um  alle  eventuellen  Konsequenzen  eines  Gesetzes  kennen  zu  lernen,  genügt  es
nicht,  die  Wirkung  zu  studieren,  welche  es  in  der  Vergangenheit  und  Gegen-
        <pb n="176" />
        Die  Gruppe  der  Ingenieure  in  der  liberalen  Schule

155

Der  zweite  Teil  von  Colsons  Lehrbuch  schöpft  hauptsächlich ­
  in  den  Werken  Leroy-  Beaulieus.  Daneben  sind
aber  auch  zahlreiche  zivil-  und  handelsrechtliche  sowie  kaufmännisch-, ­
  insbesondere  banktechnische  Materien  eingeflochten,
welche  gewöhnlich  in  volkswirtschaftlichen  Handbüchern  nicht
erörtert  zu  werden  pflegen  und  den  Studierenden  der  technischen
Hochschulen  den  Spezialunterricht  in  diesen  Fächern  ersetzen
sollen.
Colsons  Sozialpolitik  ist  systematischer  durchgearbeitet  als
die  seines  Gewährsmannes  Leroy-Beaulieu;  aber  auch  der
Standpunkt  des  interventionsfeindlichen  Unternehmers  kommt
bei  jenem  schärfer  zur  Geltung  als  bei  diesem  *).  Die  Argumente,
welche  die  staatliche  Einmischung  bekämpfen,  weil  diese  angeblich ­
  die  Interessen  der  Arbeiter  schädige,  weiß  Colson  virtuos
vorzutragen.  Gewinnbeteiligungssysteme  und  Produktivgenossenschaften ­
  verwirft  er  mit  der  Begründung,  daß  es  gerecht  sei,
daß  das  unvermeidliche  Risiko  jeder  Unternehmung  vom  Kapital
und  nicht,  unter  welcher  Form  es  auch  sei,  vom  Arbeiter  getragen ­
  werde.  Die  Einmischung  des  Staates  in  den  Arbeitsvertrag ­
  durch  gesetzliche  Festlegung  von  Bestimmungen,  die
jeder  Arbeitsvertrag  enthalten  müsse,  oder  von  solchen,  die  in
keinen  Arbeitsvertrag  aufgenommen  werden  dürfen  (z.  B.  Verbot
von  Geldstrafen  für  Übertretung  der  Fabrikordnung)  wird  entschieden ­
  verurteilt.
Dagegen  erkennt  Colson  grundsätzlich  Recht  und  Pflicht
des  Staates  an,  durch  gesetzliche  Normen  im  Sinne  des  Arbeiterschutzes ­
  zu  intervenieren.  „Übrigens,“  sagt  er,  „hat  die
liberale  Schule  dies  immer  anerkannt.“  Den  gesetzlichen  Schutz
begrenzt  er  aber  mit  Leroy-Beaulieu  auf  Kinder,  Minderjährige ­
  und  Frauen,  Sicherheit  und  Hygiene  der  Arbeit  für
Arbeiter  und  Publikum,  Fabrikordnung  und,  last  not  least,  Einhaltung ­
  der  abgeschlossenen  Kontrakte.  Dabei,  meint  Colson,

■wart  hatte;  man  muß  vielmehr  auch  jene  Wirkungen  untersuchen,  die  es  in
allen  denkbaren  Lagen  haben  würde,  denn  häufig  verwirklicht  die  Zukunft  die
am  wenigsten  erwarteten  Kombinationen.“  ibid.
i)  Die  französische  Regierung  schied  1902  die  Sozialpolitik  aus  Colsons
Lehrauftrag  aus  und  gründete  dafür  einen  eigenen  Lehrstuhl  an  der  Ecole  des
Ponts  et  Chaussées,  der  dem  Professor  Ch.  Gide  übertragen  wurde.
        <pb n="177" />
        156

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

kann  man  aber  nicht  zurückhaltend  genug  sein,  denn  Hauptsache ­
  bleibt  immer  die  Freiheit  des  Wirtschaftslebens.  Eine
internationale  Regelung  der  Arbeiterschutzgesetzgebung  ist  nach
Colson  nicht  durchführbar.  Den  kollektiven  Arbeitsvertrag
bezeichnet  er  als  eine  Vergewaltigung  der  Minoritäten  und  der
persönlichen  Freiheit.  Als  Form,  Übereinkünfte  zwischen  Arbeitgebern ­
  und  Arbeitern  abzuschließen,  hat  er  einen  gewissen
Nutzen,  doch  darf  er  nie  eine  gesetzliche  Sanktion  erhalten.
Die  Gewerkschaften  haben  den  Nachteil,  eine  natürliche  Tendenz ­
  zur  Monopolisierung  der  Arbeit  zu  haben.  Ob  es  ihnen  zu
verdanken  ist,  daß  die  Arbeitslöhne  immer  mehr  steigen,  ist
fraglich.  Denn  die  Löhne  der  landwirtschaftlichen  Arbeiter  und
der  Dienstboten,  die  keine  Organisationen  besitzen,  sind  in  demselben ­
  Verhältnis  gestiegen,  wie  die  industriellen  Löhne.  Das
Assoziationsrecht  der  Arbeiter  ist  jedoch  ein  natürliches,  unantastbares ­
  Recht.  Unberechtigt  wäre  dagegen  der  Gewerkschaftszwang. ­
  Das  Recht  der  Arbeiter  zu  striken,  erkennt
Colson  an,  doch  ist  er  skeptisch  bezüglich  der  Wirksamkeit
von  Arbeiterausständen.  Das  Zwangseinigungsverfahren  verurteilt
er  scharf,  berührt  aber  die  Zustände  auf  New-Zealand  nur  oberflächlich. ­
  Dem  sozialen  Versicherungswesen  gegenüber  ist  Colson
  nicht  minder  antiinterventionistisch.  Als  Form  für  die
Krankenversicherung  empfiehlt  er  die  auf  Gegenseitigkeit  beruhenden ­
  Kassen.  Anstatt  zwangsweiser  Altersversicherung  soll
man  es  den  Einzelnen  frei  lassen,  selbst  zu  bestimmen,  wie  und
wo  sie  ihre  Ersparnisse  anlegen  wollen.  Die  Unfallversicherung
ist  wesentlich  eine  Versicherung  der  Arbeitgeber,  denn  sie  tragen
das  berufliche  Risiko  und  folglich  die  Verantwortung  für
Arbeitsunfälle.  Der  Arbeitgeber  aber  kann  entweder  das  Risiko
selbst  tragen  oder  sich  bei  einer  Privatgesellschaft  versichern.
Die  Versicherung  gegen  Arbeitslosigkeit  darf  in  keinem  Falle
vom  Staate  übernommen  werden  ;  denn  das  würde  eine  fürchterliche ­
  Wahlkorruption  nach  sich  ziehen.  Der  einzige  Versicherungszweig, ­
  für  den  sich  eine  staatliche  Versicherung  rechtfertigen
  ließe,  ist  die  Versicherung  gegen  frühzeitigen  Tod.
Aber  auch  hier  könnte  durch  eine  entsprechende  Ausgestaltung
des  öffentlichen  Unterstützungswesens  für  die  Hinterbliebenen
gesorgt  werden.  Für  die  verschiedensten  Versicherungszweige
ist  jedenfalls  die  Einrichtung  von  Betriebskassen  seitens  der
        <pb n="178" />
        Die  Gruppe  der  Ingenieure  in  der  liberalen  Schule

157

Arbeitgeber,  vorausgesetzt,  daß  sie  eine  genügende  Zahl  von
Arbeitern  beschäftigen,  sehr  zu  empfehlen.  Ganz  im  Sinne
Leroy-Beaulieus  und  der  meisten  heute  lebenden  liberalen
Volkswirte  in  Frankreich  befürwortet  Colson  warm  jedwede
Wohlfahrtseinrichtungen  der  Arbeitgeber,  sowie  auch  unter
anderem  die  Gründung  von  Genossenschaften  zum  Bau  von
Arbeiterwohnungen.  An  die  Mitwirkung  des  Staates  appelliert
er  zur  Bekämpfung  von  ungesunden  Wohnungen,  Tuberkulose
und  Alkoholismus.  Vollends  ist  es  Sache  des  Staates,  die  öffentlichen ­
  Lasten  zu  verringern  und  für  regelmäßige  öffentliche
Arbeiten  zu  sorgen.
Die  Erörterungen  über  das  französische  Nationalvermögen
und  die  Einkommensverteilung,  welche  den  dritten  Band  von
Colsons  Lehrbuch  füllen  (Eigentum  an  Grund  und  Boden,
Kapital  und  immateriellen  Gütern),  beruhen  im  wesentlichen
auf  Leroy-Beaulieus  Werk:  De  la  Répartition  des  Richesses
et  de  la  Tendance  à  une  moindre  Inégalité  des  Conditions.  Ebenso
ist  der  Hauptinhalt  des  vierten  Bandes  (Handel)  eine  ausführliche ­
  Wiedergabe  von  Leroy-Beaulieus  Ausführungen  zu  der
Frage  :  Freihandel  und  Schutzzoll.  Im  fünften  und  sechsten  Bande
dagegen  wird  Colson  wieder  selbständiger.
Der  fünfte  Band  :  Finanzwissenschaft,  ist  allerdings  unter
ausgiebiger  Benützung  von  Leroy-Beaulieus  und  Stour  ms
einschlägigen  Werken  zustande  gekommen.  Aber  statt  seine
Vorlagen  zu  verflachen,  wie  es  Colson  in  der  Nationalökonomie
tut,  vertieft  er  sie  hier.  Die  methodologischen  Vorzüge  der
Werke  Leroy-Beaulieus  und  Stourms,  welche  hauptsächlich ­
  darauf  beruhen,  daß  deren  Verfasser  erfahrene  Praktiker
sind,  sind  auf  Colsons  Finanzwissenschaft  übergegangen.  Ja,
der  Wirklichkeitssinn  erscheint  bei  diesem  derart  potenziert,
daß  er  erfolgreich  gegen  die  nichtinterventionistischen  Vorurteile ­
  und  die  überkommenen,  liberalen  Anschauungen  sich
aufbäumt.  Der  Kampf  zwischen  Überlieferung  und  besserer
Erkenntnis  tritt  bei  der  Behandlung  der  Fragen  der  progressiven
Veranlagung  der  Steuern  und  der  Personalbesteuerung  offen  zutage. ­
  In  dem  Kapitel,  welches  der  allgemeinen  Steuerlehre
gewidmet  ist,  verwirft  Colson  „absolut“  die  progressive,  allgemeine ­
  Einkommensteuer,  1.  weil  jede  Progressionsskala  willkürlich ­
  ist  und  2.  weil  deren  Veranlagung  einen  unvermeidlichen
        <pb n="179" />
        158

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

inquisitorischen  Charakter  trägt*).  Bei  der  Darlegung  des  französischen ­
  Finanzwesens  gibt  er  dann  eine  eingehende  Kritik
des  bestehenden  Ertragssteuersystems  und  stellt  die  Forderung
auf,  die  Mietsteuer  zu  einer  rationellen,  mäßig  progressiven,
allgemeinen  Einkommensteuer  umzubilden,  die  nach  äußern
Merkmalen  zu  veranlagen  und  deren  Sätze  so  zu  bemessen
seien,  daß  sie  nicht  zur  alleinigen  Steuer  werde,  welche
die  Beseitigung  aller  andern  ermögliche 2 ).  Das  sakrosankte
Prinzip  der  Proportionalität  der  Steuern  durchbricht  Colson
noch  mit  andern  Forderungen:  differentielle  Behandlung  des
fundierten  und  unfundierten  Einkommens,  abgestuft  nach  dem
Grade,  in  dem  ein  Einkommen  das  eine  oder  das  andere  ist 3 );
progressive  Wertzuwachssteuer  bis  zur  vollen  Inanspruchnahme
des  Mehreinkommens  aus  „unearned  increment“  4 )  ;  endlich  progressive ­
  Erbschaftsbesteuerung 5 ).
Der  sechste  Band  des  Colson  sehen  Werkes  ist  den  Fragen
des  Transportwesens,  insbesondere  der  Eisenbahnen,  Kanäle  und
Häfen,  in  welchen  er  Spezialist  ist,  gewidmet.  In  der  Ablehnung
des  deutschen  Staatsbahnsystems  zugunsten  der  großen  französischen ­
  Aktiengesellschaften  kommt  wieder  der  Standpunkt
der  liberalen  Schule  voll  zur  Geltung.
Colson  beruft  sich  an  verschiedenen  Stellen  zur  Begründung ­
  seiner  nichtinterventionistischen  Weltanschauung  auf
„eine  langjährige,  persönliche  Erfahrung  in  öffentlichen  und
privaten  Geschäften“,  womit  er  sich  den  vorher  besprochenen
Gruppen  von  Volkswirten  anreiht.  Seine  Wertschätzung  der
deduktiven  Methode  und  der  synthetische  Zug  seines  Denkens
unterscheidet  ihn  jedoch  wieder  von  diesen,  mehr  noch  als  die
Anwendung  mathematischer  Figuration  zur  Veranschaulichung
der  Wert-  und  Preislehre.  Colsons  Räsonnement  zeugt  von
ungewöhnlicher,  synthetischer  Denkkraft  und  ist  wunderbar
durchsichtig  und  klar.  Aber  seine  allgemeine  Theorie  der  wirt-J

 )  Colson,  loe.  eit.,  Bd.  V,  p.  198  ff.,  p.  285.
2 )  ibid.  p.  306  ff.
3 )  ibid.  p.  195.
b  ibid.  p.  194—195.
5 )  Und  zwar  nicht  nur  progressiv  nach  der  Entfernung  des  Verwandtschaftsgrades, ­
  sondern  auch,  worauf  es  ja  ankommt,  nach  der  Höhe  der  Erbteile. ­
  ibid.  p.  285  ff.
        <pb n="180" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

159

schädlichen  Erscheinungen  kann  die  Ingenieurschüler,  für  die
sie  bestimmt  ist,  irre  führen,  1.  weil  sie  in  ihnen  die  Illusion
weckt,  das  Wirtschaftsleben  verhalte  sich  zu  der  ihnen  gebotenen
Wirtschaftstheorie  wie  die  angewandte  zur  rationellen  Mechanik,
und  2.  weil  über  dem  Versuche,  die  klassischen  Lehren  zu
retten,  Colson  die  umsichtigen  und  liebevollen  Interpretationen
derselben,  die  er  bei  Marshall  vorfand,  zu  allzu  vereinfachten
Gerippen  gestaltet.

6.  Kapitel.
Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren.
Durch  Dekret  vom  20.  März  1877  wurde  die  Volkswirtschaftslehre ­
  zum  obligatorischen  Unterrichtsfach  an  den  juristischen ­
  Fakultäten  Frankreichs  erhoben.  Die  Fakultäten  sahen
sich  damit  in  die  Notwendigkeit  versetzt,  mindestens  je  eines
ihrer  Mitglieder  mit  der  Abhaltung  von  Vorlesungen  über  das
neue  Fach  zu  betrauen.  Von  den  also  zu  Nationalökonomen
„beförderten“  Juristen  wandten  sich  die  einen  neueren  Richtungen ­
  zu;  von  ihnen  wird  unten  im  III.  Buch  zu  reden  sein.
Andere  aber  schlossen  sich  der  damals  noch  als  die  Wissenschaft ­
  schlechthin  geltenden  liberalen  Nationalökonomie  an.
Von  diesen  sind  Jourdan  und  Worms  zu  nennen.  Sie  fanden
Nachfolger,  und  die  juristischen  Fakultäten  sind  bis  heute  ein
Milieu  geblieben,  in  welchem  historisch-ethische  und  liberale,
interventionistische  und  nichtinterventionistische  Nationalökonomen ­
  freundnachbarlich  nebeneinander  leben.
Alfred  Jourdan  (t  1891),  weiland  Dekan  der  juristischen
Fakultät  in  Aix 1  war  Jurist,  Nationalökonom  und  Moralphilosoph. ­
  Er  war  sehr  belesen  in  der  klassischen,  volkswirtschaftlichen ­
  Literatur.  Seine  Schriften 1 )  sind  prolix  und  konfus;  er

&amp;gt;)  Von  seinen  volkswirtschaftlichen  Schriften  nennen  wir:  Du  Rôle  de
l’Etat  dans  l’Ordre  économique,  ou  Economie  politique  et  socialisme,  Paris,
1882.  —  Des  Rapports  entre  le  Droit  et  l’Economie  politique,  Paris,  1885.  —
Cours  analytique  d’Economie  politique,  2.  Ausi.,  Paris.  1890.  Dieses  Lehrbuch
hat  Says  Theorie  der  Absatzwege  zum  Leitmotiv.
        <pb n="181" />
        160

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

wirft  beständig  seine  Kenntnisse  auf  den  drei  erwähnten  Gebieten ­
  durcheinander.
Ein  Preisausschreiben  der  Académie  des  Sciences  morales  et
politiques  gab  Jourdan  Gelegenheit,  zu  der  Kardinalfrage  der
Einmischung  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben  in  ausführlicher
Weise  Stellung  zu  nehmen 1 ).  Jour  dans  Lösung  der  Preisaufgabe ­
  bietet  ein  dreifaches  :  1.  die  Anwendung  der  positivistischen
Methode  Auguste  Comtes.  Zunächst  eine  langhingezogene
Analogie  zwischen  der  Entwicklung  der  menschlichen  Gesellschaften ­
  und  derjenigen  der  tierischen  Organismen.  Alsdann
eine  Befragung  und  evolutionistische  Interpretierung  der  Geschichte. ­
  Jourdan  sagt,  diese  sei  für  die  Nationalökonomie,
was  Beobachtung  und  Experiment  für  die  Naturwissenschaften
sind.  Aus  beiden  Evolutionsreihen  gewinnt  er  2.  eine  Geschichtsauffassung, ­
  welche  sich  mit  derjenigen  Du  noyers  deckt.  Die
Freiheit  des  Wirtschaftslebens  hat  progressiv  im  Laufe  der  Geschichte ­
  zugenommen,  die  direkte  Einmischung  des  Staates  aber
ist  immer  geringer  geworden.  Die  menschlichen  Gesellschaften
sind  regelmäßig  von  der  patriarchalischen  Ordnung  ausgegangen, ­
  in  welcher  der  Satz  galt:  jedem  nach  seinen  Bedürfnissen! ­
  In  logischer  Evolution  gingen  sie  alsdann  durch  die
Stufen  der  Stadt-  und  Territorial  wirtschaft,  um  schließlich  zu
einer  Ordnung  zu  gelangen,  in  welcher  jedem  die  wirtschaftliche
Verantwortung  für  sein  Tun  überlassen  ist  und  die  Verteilung
nach  dem  Grundsatz  sich  regelt  :  jedem  nach  seinen  Leistungen
für  die  Allgemeinheit!  Der  Faktor,  dem  die  wirtschaftliche
Freiheit  ihre  allmähliche  Verwirklichung  verdankt,  ist  der
Fortschritt  und  die  Vulgarisation  der  Wissenschaft  und  der
Technik.
Dazu  kommt  ein  Drittes;  wohl  hat  sich  der  Staat  der
direkten  wirtschaftlichen  Bevormundung,  der  technischen  Reglementierung ­
  und  der  Rechte,  die  er  sich  gegenüber  Landwirti)

  Für  den  Äoss/preis  1878  stellte  die  Akademie  folgendes  Thema:  Du
Rôle  le  l'Etat  dans  l’Ordre  Economique.  Rechercher  et  montrer  quels  sont,  dans
Vordre  économique,  les  besoins  dont  la  satisfaction  requiert  le  concours  de  VEtat,
et  quelles  règles  doivent  présider  à  ce  concours.  Der  Preis  wurde  Jourdan  ex
aequo  mit  dem  Dekan  der  juristischen  Fakultät  in  Caen  Edmond  Villey  zuerkannt. ­
        <pb n="182" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

161

schaft,  Handwerk  und  Industrie  angemaßt  hatte,  begeben;
die  heutigen  Budgets  aber,  mit  den  früheren  verglichen,  zeigen,
daß  er  immer  mehr  tut  für  den  Ausbau  und  die  Vervollkommnung ­
  des  der  emanzipierten  Industrie  zur  Verfügung  gestellten
„outillage  social“.  Damit  meint  Jourdan:  technischen  Unterricht, ­
  Patentgesetzgebung,  Schutz  des  gewerblichen,  literarischen
und  künstlerischen  Eigentums,  Arbeiterschutzgesetzgebung  in
Erstreckung  auf  Frauen-  und  Kinderarbeit,  sowie  auf  Arbeit  in
gesundheitsschädlichen  Betrieben,  Einrichtung  von  Gewerbegerichten ­
  und  einiges  andere.  „Die  Geschichte  beweist  also,“
sagt  Jourdan,  „daß  eine  Entwicklung  der  wirtschaftlichen
Freiheit  mit  einer  solchen  der  Staatsintervention  Hand  in  Hand
gehen  kann“  *).
Jour  dans  Stellungnahme  zur  Frage  der  staatlichen  Einmischung ­
  ins  Wirtschaftsleben  wird  bestimmt  durch  diese  positivistische ­
  Auffassung  des  gesetzlich  Gewordenen.  Sie  läßt  sich
dahin  charakterisieren,  daß  die  Nichtintervention  zwar  prinzipielle ­
  Richtschnur  bleiben  soll,  aber  eine  kompromißliche  Verwirklichung ­
  zu  finden  habe 2 ).
Die  Anschauung  Jourdans,  daß  die  Freiheit  des  Individuums ­
  und  das  aktive  Eingreifen  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben ­
  sich  sehr  gut  miteinander  vertragen,  ist  eine  ausgezeichnete ­
  Idee,  welche  zwar  in  der  ihr  von  ihm  gegebenen  Tragweite ­
  noch  sehr  entwicklungsfähig  ist,  für  welche  aber  die
liberale  Schule  allen  Grund  hätte,  ihm  dankbar  zu  sein.  Allerb
  Jourdan,  Du  Rôle  de  l'Etat  dans  l’Ordre  économique,  p.  X.
2 )  Jourdan  hüllt  seine  Schlußfolgerung  in  die  dunkeln  Worte:  „Nos
solutions  ...  se  rattachent  à  un  principe,  à  une  doctrine  dont  la  formule  est
que  l'Etat  doit  toujours  moins  faire  dans  un  sens,  toujours  plus  dans  un  autre....
Dour  employer  une  expression  un  peu  barbare,  mais  juste,  notre  solution  du
grand  problème  du  rôle  de  l’Etat  dans  l’ordre  économique  n’est  pas  quantitative,
mais  qualitative.  Elle  n’est  pas  quantitative,  c’est  à  dire  qu’elle  ne  précise  pas
rigoureusement  la  quantité  des  services  que  l’Etat  doit  rendre  et  de  ceux  qu’on
ne  saurait  réclamer  de  lui  ;  mais  elle  caractérise  ces  services  d’une  manière
générale,  elle  en  indique  la  qualité.“  ibid.  p.  399.
Zur  Rechtfertigung  dieser  Anschauung  beruft  sich  Jourdan  ferner  noch
auf  die  römischen  Juristen.  Er  schreibt:  „Ich  folgte  dem  Beispiel  der  großen
römischen  Juristen  .  .  .  Im  allgemeinen  waren  deren  Entscheidungen  den  strikten
Rechtsgrundsätzen  konform  ;  sie  nannten  das  „secundum  juris  elegantiam“  entscheiden. ­
  Aber  manchmal  schlußfolgerten  sie  auch  .  .  .  „sed  alio  jure  utimur,
et  contra  juris  elegantiam,  utilitatis  causa,  receptum  est“  .  .  .  ibid.  p.  397.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  11
        <pb n="183" />
        162

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

dings  haftet  ihr  ein  Geburtsfehler  an:  ihr  liegt  die  mystische
soziologische  Auffassung  zugrunde,  daß  die  Entwicklung  der
menschlichen  Gesellschaften,  gleich  der  der  tierischen  Organismen, ­
  eine  spontane,  unbewußte  sei.  Levasseur,  der  den  Wert
der  Idee  für  den  Klassizismus  erkannte,  greift  sie  in  seinem
Bericht  an  die  Akademie  über  die  eingereichten  Preisaufgaben
auf,  versucht  sie  von  ihrer  seichten,  positivistischen  Grundlage  zu
befreien  und  zeichnet  sie  mit  einer  Klarheit,  welche  die  konfuse
Denkweise  Jourdans  nicht  zu  erreichen  vermochte.  Dabei
wahrt  Levasseur  vorzüglich  die  Kontinuität  der  klassischen
Lehre,  indem  er  die  neuen  Aufgaben,  welche  dem  Staate  mit
der  steigenden  Kultur  erwachsen,  als  einen  Ausfluß  der  staatlichen ­
  Funktion,  die  Sicherheit  zu  gewährleisten,  hinstellt.  Mit
der  Zunahme  der  individuellen  Freiheit  und  dem  Anwachsen
der  Gütermenge  steigt  das  Sicherheitsbedürfnis  der  Gesellschaft.
Am  Staate  ist  es,  in  zielbewußter  Weise  durch  Gesetzgebung  und
Verwaltung  für  die  Befriedigung  dieses  Bedürfnisses  zu  sorgen.
Dem  unentwegten  Verfechter  der  Orthodoxie  mag  diese
Auffassung  als  eine  schiefe  Ebene  erscheinen,  auf  die  es  gefährlich ­
  ist,  sich  zu  begeben.  Uns  deucht  aber  der  von  Jourdan ­
  und  Levasseur  eingeschlagene  Weg  für  die  Zukunft  der
liberalen  Lehre  von  fundamentaler  Bedeutung  zu  sein.  Geht
die  Schule  diesen  Weg,  so  haben  die  zurzeit  im  interventionistischen ­
  wie  im  nichtinterventionistischen  Lager  Frankreichs  sich
lebhaft  bemerkbar  machenden  Bestrebungen,  zu  einer  einheitlichen
Lehre  zu  gelangen,  alle  Aussicht  auf  Erfolg.  Wir  werden  noch
wiederholt  Gelegenheit  haben,  auf  diesen  Punkt  zurückzukommen. ­

Emile  Worms,  ein  geborener  Luxemburger,  war  Professor
der  Nationalökonomie  an  der  juristischen  Fakultät  in  Rennes;
er  lebt  seit  einigen  Jahren  zurückgezogen  in  Paris,  wo  er  regen
Anteil  an  den  soziologischen  Arbeiten  seines  Sohnes  René
Worms  nimmt 1 ).

Von  diesen  im  IV.  Buch.
Emile  Worms  ist  Verfasser  mehrerer  Handbücher  der  Nationalökonomie,
welche  für  mittlere  und  Primärschulen  bestimmt  sind.  Er  hat  außerdem  ein
Lehrbuch  der  Einanzwissenschaft  verfaßt  (2  Bde.,  Paris  1891),  sowie  eine  Reihe
von  finanzwissenschaftlichen  und  vornehmlich  deutsche,  wirtschafts-  und  ideengeschichtliche ­
  Themata  behandelnden,  kleineren  Schriften.  Seine  grundsätzlichen
        <pb n="184" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren  163
Die  wirtschaftlichen  Naturgesetze  der  Klassiker  sind  Emile
Worms  nur  „Regeln  oder  Normen“,  Gesetzmäßigkeiten,  denen
ein  absoluter  Charakter  nicht  zukommt.  Gewiß  erscheinen  sie
bei  den  Klassikern  aprioristisch  fundiert.  Aber  mehr  als  man
glaubt,  ging  das  deduktive  Räsonnement  bei  den  Klassikern
von  empirischen  Tatsachen  aus.  „Die  Ausgangspunkte  ihrer
Argumentation  mögen  für  sie  aphoristische  gewesen  sein;  sie
waren  es  aber  gewiß  nicht  für  die  gesamte  Menschheit,  die
ihnen  vorausgegangen  war,  und  bei  der  jene  in  ihren  Tagen
eingewurzelte  Überzeugungen  erst  nach  und  nach,  als  Resultat
immer  mehr  konvergierender  Feststellungen,  sich  gebildet
hatten“ x ).
Für  seine  Person  spricht  Emile  Worms  sich  für  innige
Verbindung  von  Deduktion  und  Induktion  in  der  Nationalökonomie ­
  aus.  Ein  dementsprechendes  Zusammengehen  der
deduktiven,  liberalen  Schule  und  der  konsequenter  induktiven,
historischen  würde  er  freudig  begrüßen.  Daß  die  historische
Methode  in  der  liberalen  Schule  sehr  wohl  eingebürgert  werden
könne,  habe  das  Beispiel  Cource  11  e-Seneuils  gezeigt,  der
die  Wirtschaftsgeschichte  und  den  historischen  Relativismus,
wie  wir  sahen,  in  den  Dienst  der  Orthodoxie  stellte.
Entschieden  nimmt  Emile  Worms  Partei  für  die  Trennung
von  Wissenschaft  und  Kunstlehre.  Er  erinnert  daran,  daß  diese
Trennung  von  Rossi  scharf  begründet,  aber  nicht  verwirklicht,
von  Coure  elle-Seneuil  und  Cherb  uliez  jedoch  später
durchgeführt  wurde.  Dafür,  daß  dieses  Beispiel  so  wenig  Nachahmer ­
  gefunden,  gibt  er  folgenden  Grund  an:  „Es  ist  nicht
unmöglich,  daß,  wenn  sie  (Courcelle-Seneuil  und  Cherbuliez)
nicht  mehr  Nachahmer  bei  uns  gefunden  haben  .  .  .,  politische
Gesichtspunkte  dabei  mitspielten;  in  dem  Sinne,  daß  man  es
für  geschickt  hielt,  um  diese  oder  jene  Richtung,  zu  der  man
gehörte,  zur  Geltung  zu  bringen,  über  die  Theorie  zu  täuschen,

und  methodologischen  Anschauungen  finden  sich  in  übersichtlicher  Zusammenfassung ­
  in  einer  der  Académie  des  Sciences  Morales  et  Politiques  1907  eingereichten ­
  Arbeit:  La  Méthode  d’Enseignement  en  Economie  Politique,  Paris,
Giard  et  Prière,  1907.
i)  E.  Worms,  La  Méthode  d’Enseignement  en  Economie  Politique,  Paris,
1907,  p.  7.
        <pb n="185" />
        Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

164

indem  man  diese  durch  enge  Vermengung  mit  der  Praxis
unkenntlich  machte“  *).
Emile  Worms  redet  im  weitern  einer  engern  Verbindung
von  Soziologie  und  Nationalökonomie  das  Wort.  Die  Aufnahme
soziologischer  Gesichtspunkte  und  Elemente  in  die  Nationalökonomie, ­
  die  Betonung  psychologischer,  ethischer,  religiöser,
biologischer,  hygienischer  usw.  Berührungspunkte  der  wirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  mit  der  übrigen  Erscheinungswelt  hätte
für  die  Volkswirtschaftslehre  einen  doppelten  Nutzen:  sie  würde
an  Tiefe  wie  an  Breite  der  Erkenntnis  zunehmen.  An  Tiefe,
„weil  die  Soziologie  die  Bewegung,  die  Wandlung,  die  Evolution
voraussetzt  und  in  der  Zeit  tätig  ist“ i)  2 );  an  Breite,  „weil  die
Soziologie  alle  Erscheinungskategorien  der  sozialen  Welt  in
ihrem  tatsächlichen  Zusammenhang  erhält  und  sich  nur  um
deren  Resultante,  deren  Synthese  kümmert“ 2 ).  Etwas  klarer
werden  diese  Ausblicke  in  folgender  Formulierung  :  „Eine  soziologische ­
  Nationalökonomie  wäre  also  eine  Volkswirtschaftslehre,
welche  weder  einer  Reise  durch  die  Geschichte,  noch  einer
solchen  in  Gemeinschaft  aller  andern  konstitutiven  Elemente
des  sozialen  Lebens  aus  dem  Wege  ginge“ 2 ).
Die  Nationalökonomie  soll  jedoch  keineswegs  in  der  Soziologie ­
  aufgehen,  noch  letztere  in  ersterer.  Im  Gegenteil  :  es  muß
scharf  unterschieden  werden  zwischen  :  economie  politique,  économie
sociale  und  sociologie.
Gegenstand  der  „Economie  politique“  oder  Nationalökonomie ­
  sind  vornehmlich  die  Produkte,  welche  sie  durch  die  Stufen
der  Erzeugung,  der  Verteilung  und  des  Verbrauches  verfolgt 3 ).
Die  „Economie  sociale“  oder  Sozialpolitik  befaßt  sich
ausschließlich  mit  den  Produzenten,  ja  nur  mit  einer  Kategorie
von  Produzenten:  dem  vierten  Stande.
Die  „Soziologie“  gliedert  sich,  genau  wie  die  Nationalökonomie, ­
  in  theoretische  und  in  angewandte  Soziologie.

i)  Worms,  ibid.  p.  14.
a )  ibid.  p.  20—21.
a )  „Gewiß  kann  die  Nationalökonomie  nicht  außer  acht  lassen,  daß  die
Güterwelt  durch  und  für  den  Menschen  geschaffen  wird;  nichtsdestoweniger
ist  sie  vor  allem  die  Wissenschaft  vom  Reichtum,  welche  sich  nicht  übermäßig
bei  den  Interessen  der  teilweisen  Faktoren  dieses  Reichtums  aufhalten  darf.“
ibid.  p.  38.
        <pb n="186" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

165

Die  theoretische  ist  die  Philosophie  der  Sozialwissenschaften  ;
die  angewandte  oder  „politique  sociale“  ist  die  Kunstlehre,  welche
die  verschiedensten,  gesellschaftlichen  Erscheinungen,  oder  besser
die  Individuen,  welche  deren  Faktoren  sind,  regiert.  Die  Volkswirtschaft^ ­
  olitik  und  die  Sozialpolitik  sind  Teile  derselben  *).
Für  den  Unterricht  in  den  Sozialwissenschaften  stellt
Worms  folgende  Desiderata  auf:  1.  Schaffung  von  Lehrstühlen
für  Soziologie  an  den  juristischen  Fakultäten;  2.  Zusammenfassung ­
  des  heute  auf  mehrere  Lehrstühle  für  économie  industrielle,
rurale  usw.  verteilten  Lehrstoffes  in  das  Unterrichtsfach  :  Sozialpolitik; ­
  3.  Umgestaltung  des  nationalökonomischen  Unterrichts
in  folgender  Weise:  als  Einleitung  wäre  eine  detaillierte  Beschreibung ­
  der  zeitgenössischen  nationalen  Volkswirtschaft  zu
geben.  Daran  schlöße  sich  die  Darlegung  des  Systems  der
Volkswirtschaftslehre  in  zwei  Teilen:  doktrineller  oder  theoretischer ­
  Teil  und  angewandter  Teil  oder  VolksWirtschaftspolitik.
Dem  doktrinellen  Teil  wäre  eine  kurzgefaßte  Zusammenstellung
der  Prinzipien  und  Methodenlehre  der  Soziologie  vorauszuschicken.
Im  weiteren  Verlauf  des  Unterrichts  sollen  gelegentlich  Probleme
der  Weltwirtschaft  und  solche  der  Sozialpolitik  kurz  erörtert
werden.
Von  dieser  Einrichtung  des  volkswirtschaftlichen  Unterrichts ­
  verspricht  sich  Emile  Worms  ein  Doppeltes  :  1.  Der
Umstand,  daß  eine  Beschreibung  der  bestehenden,  nationalen
Volkswirtschaft  an  die  Spitze  gestellt  wird,  wird  eine  engere
Anpassung  der  Doktrin  an  das  wirkliche  Leben  bewirken;  2.  die
Tatsache,  daß  Theorie  und  Kunstlehre  von  demselben  Lehrer
vorzutragen  sind,  wird  die  Entfaltung  innigerer  Wechselbeziehungen ­
  zwischen  Doktrin,  Gesetzgebung  und  Verwaltung
fördern.
Die  Vorschläge  Worms’,  die  Reorganisation  des  nationalökonomischen ­
  Unterrichts  betreffend,  beweisen,  daß  die  weitgehende ­
  Spezialisierung  des  staatswissenschaftlichen  Unterrichts
an  den  juristischen  Fakultäten  Frankreichs  in  den  beteiligten
Kreisen  zu  Bedenken  Anlaß  gibt.  Auf  die  in  Frage  stehende
Organisation  wird  unten  im  III.  Buche  zurückzukommen  sein.

b  Vgl.  ibid.  p.  36  ff.  Über  die  Gegenüberstellung:  économie  politique,
économie  sociale,  sociologie.  Vgl.  Wasserrab,  Die  soziale  Frage.
        <pb n="187" />
        166

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Fernand  Faure,  Professor  der  Statistik  an  der  juristischen
Fakultät  in  Paris  und  Direktor  der  Revue  'politique  et  parlamentaire
 i  rechnet  sich  zur  liberalen  Schule,  allerdings  mit  der  Beschränkung, ­
  daß  kein  Volkswirt  in  Frankreich,  mit  Ausnahme
der  reaktionären  Katholiken  und  der  Kollektivsten,  sich  vollständig ­
  mit  einer  bestimmten  Schulmeinung  identifiziere.  Der
Lehrstuhl,  den  Fernand  Faure  inné  hat,  ist  der  einzige  für
Statistik  in  Frankreich.  Da  das  Fach  nicht  obligatorischer
Prüfungsgegenstand  ist,  wird  es  von  der  Studentenwelt  in  etwas
vernachlässigt.  Mehr  noch  aber  glaubt  Professor  Faure  sich
darüber  beklagen  zu  sollen,  daß  seine  juristischen  und  nationalökonomischen ­
  Kollegen  im  allgemeinen  in  ihren  Vorlesungen
und  Schriften  die  Statistik  nur  zur  Illustrierung  ihrer  vorgefaßten
Theorien  heranzuziehen  pflegten;  keiner  aber  lasse  es  sich  einfallen, ­
  aus  den  Ergebnissen  der  statistischen  Forschung  heraus
eine  wissenschaftliche  Theorie  des  Wirtschaftslebens  zu  gewinnen ­
 1 ).  Seine  grundlegenden  Anschauungen  hat  Fernand
Faure  wohl  am  besten  in  dem  Artikel  Science  et  Art  des  Nouveau ­
  dictionnaire  d’Economie  politique  zusammengefaßt  (Bd.  Il,
p.  796  ff.).  Anlehnend  an  Montesquieu  definiert  er  die
('Wirtschafts)wissenscJiaft  als  „das  Studium  der  (wirtschaftlichen)
Erscheinungen  zu  dem  Zwecke,  die  konstanten  und  notwendigen
Beziehungen  derselben  zu  erforschen“.  Von  der  Wirtschaftswissenschaft ­
  unterscheidet  er  die  (wirtschaftliche)  Kunstlehre  als
„das  Studium  der  Erscheinungen  zu  dem  Zwecke,  die  Kombinationen ­
  zu  entdecken,  mit  deren  Hilfe  man  dieses  oder  jenes
beabsichtigte  Resultat  erreichen  kann“.  Faure  macht  sich
selbst  folgenden  Einwand  :  „Die  Wissenschaft  ist  nicht  denkbar,
wenn  die  Tatsachen  nicht  einem  universellen  Determinismus
unterliegen,  wenn  sie  nicht  gemäß  einer  konstanten  Naturordnung ­
  miteinander  verknüpft  sind.  Die  Kunstlehre  hat  nun
die  Tendenz,  die  Tatsachen  zum  Nutzen  und  nach  den  Konvenienzen
  der  Menschen  zu  modifizieren.  Wenn  die  von  der
Kunstlehre  vorgeschlagenen  Modifikationen  nicht  illusorisch

J )  F.  Faure  hat  mehrere  Artikel  des  Nouveau  dictionnaire  d’Ec.  pol.
verfaßt;  er  hat  ein  kleines  Lehrbuch  der  Statistik  (Eléments  de  Statistique,  Paris,
1906,  vergriffen)  veröffentlicht  und  arbeitet  zur  Zeit  an  einer  Histoire  des  Théories
sur  la  Statistique  aux  17 me  et  18°°«  siècles.
        <pb n="188" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

167

sind,  müssen  sie  da  nicht  notwendig  die  natürliche  Ordnung
stören,  die  regelmäßige  Verkettung  der  Erscheinungen,  deren
Entdeckung  Sache  der  Wissenschaft  ist?"  Die  Antwort  auf
diesen  Einwurf  lautet:  „Die  Handhabe,  welche  der  Mensch  auf
die  Erscheinungen  der  Außenwelt  haben  kann,  unterliegt  selbst
dem  Determinismus.  Des  Menschen  Eingreifen  kann  diese  Erscheinungen ­
  modifizieren,  sie  komplizieren,  ohne  im  geringsten
die  Notwendigkeit  der  Beziehungen  oder  der  Gesetze,  welche
sie  regieren,  zu  beeinträchtigen.“  Der  deutschen  historischen
Nationalökonomie  wirft  Faure  Konfusion  von  Wissenschaft
und  Kunstlehre  vor 1 ).  Seine  eigene  Auffassung  von  den  Aufgaben ­
  beider  vertiefend,  ergeht  er  sich  in  Gedankengängen,  aus
denen  wir  einiges  Beachtenswerte  herausgreifen  wollen.  „Grundsätzlich,“ ­
  schreibt  er,  „paßt  die  Methode  der  Wissenschaft  auch
für  die  Kunstlehre.  Nur  der  Anwendungsmodus  kann  verschieden ­
  sein.  Die  Kunstlehre  verlangt  eine  gewissenhaftere
Tatsachenbeobachtung  als  die  Wissenschaft,  insbesondere  größere
Umsicht  im  Verallgemeinern  ....  Die  Wissenschaft  behandelt
das  Allgemeine;  die  Beziehungen,  welche  sie  feststellt,  müssen
konstant,  d.  h.  von  Zeit  und  Milieu  unabhängig  sein.  Die
Kunstlehre  dagegen  erfaßt  die  Tatsachen  in  einem  gegebenen
Momente  und  Milieu.  Die  Regeln,  die  sie  formuliert,  die  Maßnahmen, ­
  die  sie  empfiehlt,  sind  notwendig  zeitlichen  und  örtlichen ­
  Bedingungen  unterworfen  Die  Wissenschaft  kann
nicht  in  die  Grenzen  eines  Landes  oder  einer  Epoche  eini)

  „Die  Unterscheidung  von  Wissenschaft  und  Kunstlehre  wird  heute  in
Frankreich  und  in  England  von  den  meisten  Nationalökonomen  und  Soziologen
angenommen,  wenn  auch  nicht  immer  richtig  gefaßt.  Ganz  anders  in  Deutschland. ­
  Die  Konfusion  von  Wissenschaft  und  Kunstlehre  ist  eines  der  hauptsächlichsten ­
  Merkmale  der  seit  mehr  als  einem  halben  Jahrhundert  von  den  meisten
Nationalökonomen  und  Soziologen  Deutschlands  veröffentlichten  Schriften.  In
deren  Augen  wäre  der  Zweck  der  Sozialwissenschaft  ein  wesentlich  praktischer:
die  Besserung  der  Lage  der  Menschen.  Die  Nationalökonomie  insbesondere
hätte  zum  Ziele,  die  Mittel  ausfindig  zu  machen,  den  Reichtum  eines  gegebenen
Landes  zu  vermehren  und  diesen  besser  unter  dessen  Volksgenossen  zu  verteilen. ­
  Das  ist  die  Auffassung  der  sogenannten  historischen  oder  ethischen
Schule  .  .  .  Allgemein  ist  zu  bemerken,  daß  der  Sozialismus  unter  allen  Formen,
vom  Kathedersozialismus  an,  dessen  Lehren  ungesichert  und  dessen  Schlußfolgerungen ­
  furchtsam  sind,  bis  zum  radikalen  Kollektivismus  stets  Wissenschaft
und  Kunst  verwechselt  hat.“  Faure,  loe.  cit.
        <pb n="189" />
        168

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

geschlossen  werden.  Es  gibt  keine  französische,  englische  oder
deutsche  Nationalökonomie.  Die  Kunstlehren  sind  einer  Epoche
und  einem  Milieu  eigen  und  können  national  sein.  Die  Wissenschaft ­
  stellt  die  Tatsachen  und  deren  Beziehungen  fest,  aber
beurteilt  sie  nicht.  Sie  stellt  die  Wirklichkeit  dar  und  fragt
nicht,  ob  diese  gut  oder  schlecht  ist.  Die  Kunstlehre  ist  nicht
denkbar  ohne  Urteil  über  die  Tatsachen,  welche  zu  ändern  oder
hervorzubringen  sind.  Die  Wissenschaft  genügt  sich  selbst.
Sie  erforscht  die  Gesetze  der  Erscheinungen,  ohne  fremde  oder
höhere  Grundlage.  Die  Kunstlehre  braucht  dagegen  als  Grundlage ­
  nicht  nur  die  von  der  Wissenschaft  formulierten  Gesetze,
sondern  sie  setzt  ein  Ideal  voraus,  zu  dessen  Verwirklichung
sie  die  besten  Mittel  ausfindig  zu  machen  hat“  *).
Edmond  Villey,  Dekan  der  juristischen  Fakultät  in  Caen,
ist  Eklektiker.  Seine  Grundstimmung  ist  jedoch  die  des  laisser
faire;  darum  ist  er  an  dieser  Stelle  zu  behandeln 2 ).
Villey  erhebt  sich  gegen  die  Begriffsbestimmung  der
Nationalökonomie  als  „science  des  richesses“  und  gegen  den
„homo  oeconomicus“  der  klassischen  Schule.  „Erstens  ist  der
Reichtum,“  sagt  er,  „nicht  Zweck,  sondern  Mittel,  und  zweitens
existiert  er  nur  mit  Bezug  auf  den  Menschen,  denn  der  Mensch
teilt  den  zur  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  geeigneten  Dingen
die  Gutseigenschaft  erst  mit.  Die  Güterwelt  kann  folglich  nicht,
unter  Absehen  vom  Menschen,  welcher  deren  Prinzip  und  Zweck
und  folglich  der  wirkliche  Gegenstand  der  Nationalökonomie  ist,
behandelt  werden.  Betrachtet  man  aber  den  Menschen  ausschließlich ­
  in  seiner  Eigenschaft  als  Gütererwerber,  indem  man
von  seinen  Gedanken,  Gefühlen,  Leidenschaften,  sittlichen  Eigenschaften, ­
  insofern  sie  nicht  direkt  auf  die  Güterwelt  Bezug
haben,  absieht,  so  betrachtet  man  ein  Gebilde  der  Phantasie,
1)  Zu  diesen  Ausführungen  von  F.  Faure  vgl.  J.  N.  Keynes,  Scope  and
Method  of  Political  Economy,  p.  31—80.
2 )  Von  Villeys  Schriften  sind  zu  nennen:
Du  Rôle  de  l’Etat  dans  l’Ordre  Economique  (dieser  Schrift  wurde  der
Rossipreis  der  Académie  des  Sciences  Morales  et  Politiques  für  1878,  exaequo
mit  der  oben  im  I.  Buch  besprochenen  Arbeit  Jourdans,  zuerkannt;  Villeys
Standpunkt  in  der  Frage  des  Interventionismus  ist  demjenigen  Jourdans  sehr
ähnlich).  Paris,  Guillaumin,  1882.  —  Le  Socialisme  Contemporain,  Paris,  Guillaumin, ­
  1895.  —  L’Oeuvre  économique  de  Charles  Dunoyer,  Paris,  Larose,  1892.
—  Principes  d’Economie  Politique,  3.  Aufl.  Paris,  Alcan,  1905.
        <pb n="190" />
        169

Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren
welches  vom  wirklichen  Menschen  sehr  verschieden  ist,  und  man
baut  eine  Wissenschaft  auf,  an  deren  Basis  sich  ein  grundlegender ­
  Irrtum  befindet“  x ).
Unter  heftigen  Angriffen  auf  J.  J.  Rousseaus  Contrat  Social
sucht  Vili  e  y  die  naturgesetzliche  Qualität  der  Gesetze  des
Wirtschaftslebens  zu  erweisen  :  „Ist  die  Gesellschaft  der  Naturzustand ­
  des  Menschen,  so  ist  die  soziale  Ordnung  notwendigerweise ­
  Naturgesetzen  unterworfen,  die  nicht  weniger  feststehen,
als  diejenigen,  welche  der  physischen  Natur  jene  großartige,  entzückende ­
  Harmonie  geben.  Vernunft  und  Beobachtung  sagen
uns,  daß  alle  Naturerscheinungen  durch  Naturgesetze  regiert
werden;  darum  ist  es  ein  Nonsens,  anzunehmen,  das  Leben  in
Gesellschaft  sei  der  Naturzustand  des  Menschen,  und  zu  leugnen,
dieser  werde  von  Naturgesetzen  regiert“  2 ).
Das  Leben  in  Gesellschaft  in  seiner  gesamten  Ausdehnung
läßt  sich  in  zwei  Formeln  ausdrücken:  Entfaltung  der  individuellen ­
  Tätigkeit  und  respektive  Begrenzung  derselben.
Die  Gesetze,  welche  die  individuelle  Tätigkeit  regieren,
sind  die  wirtschaftlichen.  Sie  besagen  „die  natürlichen  Ursachen,
welche  die  Handlungen  der  Menschen  bestimmen  und  die  Wirkungen, ­
  welche  diese  Ursachen  ihrer  Natur  nach  hervorbringen“  3 ).
Die  Gesetze,  welche  die  natürlichen  Grenzen  der  Betätigungssphäre
  der  Individuen  bestimmen,  sind  ethische  Naturgesetze. ­
  Sie  bilden  den  Inhalt  des  Naturrechtes 4 ).
Wirtschaftliche  Naturgesetze  und  Naturrecht,  Wirtschaftswissenschaft ­
  und  Rechtswissenschaft  sind  unzertrennlich  :  1.  weil
es  offenbar  unmöglich  ist,  die  Entwicklung  der  individuellen
Tätigkeiten  zu  studieren,  ohne  auf  Schritt  und  Tritt  auf  deren
Grenzen  zu  stoßen;  2.  weil  die  soziale  Nützlichkeit,  welche  den
Gegenstand  der  Wirtschaftswissenschaft  ausmacht,  mit  der  sozialen ­
  Gerechtigkeit,  dem  Gegenstand  der  Rechtswissenschaft,
identisch  ist.  Die  Wahrheit  ist  eins,  die  Wissenschaft  notwendig
auch.  „Wenn  darum  der  Volkswirt  eine  Maßnahme  für  nützlich ­
  erklärt,  die  der  Moralist  verwirft,  kann  man  a  priori

9  E-  Villey,  Principes  ¿'Economie  politique,  3.  Ausl,  1905,  p.  4—5.
a )  ibid.  p.  2.
3 )  ibid.  p.  3.
4 )  ibid.  p.  2—3,  9.
        <pb n="191" />
        170

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

behaupten,  daß  einer  von  beiden  irrt  .  .  .  Jede  der  Gerechtigkeit ­
  entsprechende  Maßnahme  kann  nur  gute  wirtschaftliche
Wirkungen  haben  ;  jede  der  Gerechtigkeit  entgegengesetzte  Maßnahme ­
  kann  nur  schlechte  wirtschaftliche  Folgen  haben“  *).
Genau  so  lesen  wir’s  in  den  philosophischen  und  theologischen ­
  Summen  des  XIII.  Jahrhunderts.  Villey  geht  aber
noch  einen  Schritt  weiter  als  die  Scholastiker.  Er  nimmt  den
Entwicklungsgedanken  aufs  Korn  und  polemisiert  leidenschaftlich ­
  gegen  jede  dynamische  Weltanschauung 2 ).  Dann  aber
kommt  eine  Verbeugung  vor  der  historischen  Entwicklung.  Das
Naturrecht,  sagt  Villey,  ist  und  bleibt  unveränderlich,  nicht
aber  die  volkswirtschaftlichen  Naturgesetze.  Die  Prinzipien  der
klassischen  Volkswirtschaftslehre  sind  keine  Dogmen  und  bedürfen ­
  einer  Revision 3 ).  Allerdings  nicht  an  der  Hand  geschichtlicher ­
  Erforschung  der  Entwicklung  des  wirtschaftlichen  Geschehens. ­
  Denn  dafür  hat  Villey  dieselbe  Verachtung  wie
Leroy  -Beaulieu.  Mit  diesem  stellt  er  jener  Erforschung  einen
Zug  der  Le  Playschen  Methodik:  Beobachtung  der  gleichzeitig
heute  auf  der  Erde  vorhandenen  Typen  verschiedener  Kulturstufen,
sowie  die  Statistik  entgegen 4 ).  Die  erneute  Untersuchung  der
klassischen  Dogmen  unternimmt  Villey  aber  doch  so  ziemlich
ausschließlich  an  der  Hand  der  Beobachtung  allgemeiner  Erscheinungen ­
  in  den  vorgeschrittensten  Kulturstaaten.  Manchmal
auch  bleibt  sie  eine  rationelle.  Wo  er  z.  B.  das  klassische
Dogma  der  Identität  von  allgemeinem  und  individuellem  Interesse ­
  prüft,  um  schließlich  unverrückt  an  demselben  festzuhalten 5 ).
Die  Deduktion  bleibt  übrigens,  trotz  aller  Beobachtung  der
Gegenwart,  in  Villeys  Methodik  vorwiegend.
Die  Beobachtung  spielt  eine  große  Rolle  in  der  Volkswirtschaft, ­
  meint  er,  kann  aber  nicht  deren  alleinige  Grundlage
sein:  1.  weil  die  Wirtschaftswissenschaft  von  der  Rechtswissenschaft ­
  unzertrennlich  ist,  und  die  wirtschaftlichen  Beziehungen
von  den  Regeln  der  Gerechtigkeit  und  des  Rechts  regiert  werden. ­
  Das  Recht  aber  hat  aphoristische  Grundlagen  ;  2.  weil

4 )  ibid.  p.  18—15.
2 )  ibid.  p.  8  ff.
3 )  ibid.  p.  25.
4 )  ibid.  p.  30—31.
5 )  ibid.  p.  44  ff.
        <pb n="192" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

171

die  Beobachtung  allein  nicht  zur  Begründung  der  Wirtschaftswissenschaft ­
  ausreicht.  Dieselbe  hat  nämlich  nicht  nur  Tatsachen ­
  festzustellen,  sondern  auch  deren  Ursachen  und  Wirkungen ­
  aufzufinden.  „Ich  leugne  entschieden,  daß  dies  durch
die  Beobachtung  allein  geschehen  könne.  Nichts  ist  so  verwickelt ­
  und  sozusagen  unergründlich,  wie  die  Erscheinungen
des  Wirtschaftslebens,  wenn  es  sich  darum  handelt,  Wirkungen
an  ihre  Ursachen  zu  knüpfen  ;  denn  die  Ursachen,  unter  deren
Einfluß  die  Erscheinungen  stehen,  sind  unendlich  verschieden
und  häufig  einander  entgegengesetzt,  und  es  ist  meist  unmöglich, ­
  den  Anteil  einer  jeden  zu  unterscheiden.  .  .  .  Man  wird
vielleicht  sagen,  diese  Unmöglichkeit  sei  eine  relative  und  vorübergehende, ­
  und  komme  von  der  Unvollkommenheit  unserer
heutigen  Beobachtungsmittel.  Ich  halte  sie  dagegen  für  eine
wesentliche  und  radikale,  weil  sie  aus  der  unendlichen  Verschiedenheit ­
  der  Ursachen,  welche  die  sozialen  Erscheinungen  beeinflußten, ­
  folgt.“  Darum  ist  ohne  die  Deduktion  die  Nationalökonomie ­
  nicht  aufzubauen.  Es  wird  aber  die  Aufgabe  der  Beobachtung ­
  sein,  die  Deduktion  zu  kontrollieren 1 ).
Das  Ergebnis  von  Villey  s  Beobachtung  der  heutigen  Wirklichkeit ­
  zwecks  Revision  der  klassischen  Dogmen  ist,  daß  der
genossenschaftlichen  Entwicklung  die  Zukunft  gehört.  Er  schreibt  :
„Das  Individuum  wird  zwischen  der  Assoziation  und  dem  Staate
erdrückt.  Die  Assoziation  will  sich  aller  Äußerungen  der  individuellen ­
  Tätigkeit  bemächtigen,  der  Staat  dieselben  reglementieren ­
  ...  Die  Assoziation  ist  das  Gesetz  der  Zukunft!“ 2 )
Bei  dieser  Lage  der  Dinge  fährt  Villey  fort,  wäre  es  unangebracht, ­
  gegen  den  Strom  schwimmen  zu  wollen.  „Das  Individuum ­
  verschwindet  und  bald  werden  nur  mehr  Kollektivitäten
vorhanden  sein.  Man  darf  sich  der  neuen  Ordnung  der  Dinge
nicht  verschließen,  sondern  man  muß  möglichst  viel  Ordnung
und  Harmonie  hineinbringen.“  Das  kann  man  durch  Förderung ­
  der  freien  Assoziation.  Sie  muß  siegreich  gegen  die  Zwangsassoziation ­
  des  sozialistischen  Zukunftsstaates  —  gegen  den
Villey  stets  kampfbereit  ist  und  bei  jeder  Gelegenheit  polemisiert ­
  —  vordringen  und  die  soziale  Solidarität  verwirklichen.

')  ibid.  p.  28  ff.
2 )  ibid.  p.  785-36.
        <pb n="193" />
        172

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Diesen  Appell  an  die  Solidarität  haben  wir  schon  bei  d’Eichthal ­
  angetroffen.  V  i  11  e  y  gleitet  allerdings  nur  flüchtig  darüber
hinweg,  um  Trost  in  dem  Gedanken  zu  suchen,  daß  die  genossenschaftliche ­
  Entwicklung  im  Grunde  keineswegs  einen  Verzicht ­
  auf  den  Individualismus  bedeute.  „Die  Genossenschaften
sind  nur  Vereinigungen  von  Individuen,“  schreibt  er,  „sie  taugen
genau  das,  was  die  Individuen  taugen,  aus  welchen  sie  bestehen,
das  Individuum  ist  das  Arbeitspferd  (cheville  ouvrière)  der  gesellschaftlichen ­
  Ordnung.  Darum  wird  man  immer  bestrebt
sein  müssen,  die  menschliche  Individualität  zu  erhöhen“  *).  Und
gerade  darin,  in  der  Erziehung  der  Individuen  zu  starken  Persönlichkeiten, ­
  sieht  Villey  die  Aufgabe,  die  dem  Staatsinterventionismus, ­
  der  sich  neben  der  genossenschaftlichen  Entwicklung ­
  in  der  Gegenwart  vordrängt,  gestellt  ist 2 ).
Paul  Beauregard,  Professor  der  Nationalökonomie  an  der
juristischen  Fakultät  in  Paris,  Mitglied  der  Académie  des  Sciences
morales  et  politiques  und  Abgeordneter  für  Paris,  hat  ein  kleines,
in  Studentenkreisen  ziemlich  verbreitetes  Handbuch  der  National-')

  ibid.  p.  740.
2 )  Villey  faßt  seine  Anschauungen  über  die  Rolle,  die  dem  Staate  im
Wirtschaftsleben  zufällt,  wie  folgt  zusammen  :  „Die  Lehre  vom  Nachtwächterstaat
  und  vom  laisser  faire  hat  heute  kaum  mehr  Anhänger.  Alle  Welt  versteht,
daß  eine  große  soziale  Anstrengung  nötig  ist,  um  aus  einem  schmerzlichen  Zustand ­
  sozialen  Unbehagens  herauszukommen,  welcher  mit  Drohungen  für  die
Zukunft  schwanger  ist.  Auch  ist  die  Tätigkeit  der  leitenden  Klassen  zu  offenkundig ­
  ungenügend,  als  daß  die  Intervention  des  Staates  nicht  notwendig  erscheinen ­
  müßte.  Aber  sie  muß  vorsichtig  und  erleuchtet  sein;  sie  darf  nicht
den  Anspruch  erheben,  alles  zu  regeln  und  überall  die  Willkür  der  Regierung
an  die  Stelle  der  freien  Übereinkunft  der  Individuen  zu  setzen,  einförmige  und
feste  Regeln  für  unendlich  wechselnde  Situationen  aufzustellen.  Sie  darf  den
Rechtsbegriff,  der  schon  so  sehr  geschwächt  ist,  nicht  verdunkeln.  Sie  darf  die
individuelle  Voraussicht  und  die  individuelle  Energie,  welche  die  grundlegenden
Bedingungen  des  menschlichen  Fortschrittes  sind,  nicht  zerstören.“
„Die  Lehre  des  Vorsehungsstaates  ist  noch  gefährlicher  als  die  des  laisserfaire:
  denn  sie  hat  die  Tendenz,  die  Individuen  zu  trägen  und  passiven  Menschen
zu  machen.“  Darum  „muß  man  dem  gleichsam  unwiderstehlichen  Drang  unserer
Tage  zur  Ausdehnung  der  staatlichen  Intervention  entgegenwirken  !...  Das
oberste  Ziel  des  Staates  ist,  freie,  sittliche  und  energische  Individuen  zu  entwickeln. ­
  Die  beständige  Sorge  einer  guten  Regierung  muß  sein,  den  Menschen
voll  zur  Geltung  zu  bringen!“  Villey,  Le  Socialisme  contemporain,  p.  150  und:
Principes  d’Economie  politique,  3.  Ausl.  p.  740—41.
        <pb n="194" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

173

Ökonomie  geschrieben 1 )  und  ist  Gründer  und  Leitet  zweier
bereits  erwähnter  Zeitschriften  Ls  Monde  Economique  und  La
France  économique  et  financière.  B  e  a  u  r  e  g  a  r  d  hält  die  Tradition
eleganter,  aber  oberflächlicher  Behandlung  der  Wissenschaft
hoch  und  ist  mehr  Geschäftsmann  und  Politiker  als  Professor
und  Gelehrter.  Als  gefälliger  und  gewandter  Konferenzler  wird
er  in  nichtinterventionistischen  Kreisen  sehr  geschätzt.
Auguste  Souchon 2 ),  Professor  der  Nationalökonomie  an  der
juristischen  Fakultät  in  Paris,  hält  Vorlesungen  über  Agrarpolitik ­
  am  Institut  agronomique.  Souchon  ist  einer  von  denjenigen ­
  jüngeren  Volkswirten,  die  ihre  Studien  unter  bestimmendem ­
  Einfluß  der  deutschen,  historisch-ethischen  Nationalökonomie ­
  gemacht,  als  Interventionisten  ins  akademische
Lehrfach  eintraten  und  dann,  von  der  allgemeinen  Reaktion,
die  der  Interventionismus  der  radikalen  Ministerien  des  beginnenden ­
  XX.  Jahrhunderts  in  der  mittleren  und  höheren
Bourgeoisie  auslöste,  erfaßt,  schließlich  zur  liberalen  Schule
übergingen.  Im  Grunde  steht  Souchon  der  ja  auch  nichtinterventionistischen ­
  Le  Play  schule  der  Réforme  sociale  näher
als  der  liberalen  Schule  ;  das  Studium  der  deutschen  historischrealistischen ­
  Volkswirte  mußte  ihn,  wenigstens  methodologisch,
am  Tage,  wo  er  sich  für  den  Nichtinterventionismus  entschied,
eher  zu  Le  Play  als  zu  Leroy-Beau  lieu  orientieren.  Souchon ­
  hatte  ursprünglich  den  Lehrstuhl  für  Agrarpolitik  an  der
juristischen  Fakultät  in  Paris  irme.  Soweit  seine  Vorlesungen  sich
nicht  an  die  Darlegung  der  französischen  Agrargesetzgebung
hielten,  fußten  sie  auf  deutschen  Autoren,  insbesondere  Frhr.
von  der  Goltz  und  Buchenberger.  Nach  der  Reform  von  1907,
welche  den  auf  das  juristische  Lizentiat  vorbereitenden  Unterricht ­
  in  der  Nationalökonomie  auf  zwei  Jahre  ausdehnte,  übernahm ­
  Souchon  den  neugegründeten,  zweiten  Lizentiatslehrstuhl
für  Nationalökonomie  in  Paris.  Damit  vollzog  er  definitiv  den

1)  Paul  Beauregard,  Eléments  d’Economie  politique,  Paris,  1889.  Yon
demselben  Verfasser  :  Essais  sur  la  Théorie  du  Salaire,  la  Main  d’oeuvre  et  son
prix,  Paris,  1887.  —  La  Théorie  de  la  Rente  foncière,  Paris,  1891.  —  La  Question ­
  des  Associations,  Paris,  1891.
2 )  A.  Souchon,  Les  Doctrines  économiques  dans  la  Grèce  antique,  Paris,
1896.  —  La  Propriété  paysanne,  Paris,  1897.  —  Les  Cartells  de  l’Agriculture
en  Allemagne,  Paris,  1903.  —  Economie  et  Législation  rurale,  in  Vorbereitung.
        <pb n="195" />
        174

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Übertritt  zur  liberalen  Schule.  Sein  Nichtinterventionismus
ist  jedoch  ein  gemäßigter  und  zurückhaltender;  er  ist  der
eifrigste  Verfechter  der  Konzentrationsidee,  d.  h.  der  Bestrebungen ­
  ,  die  darauf  hinzielen,  Interventionisten  und  Nichtinterventionisten ­
  auf  einer  mittleren  Linie  zu  einer  einheitlichen,
dem  Sozialismus  entgegentretenden,  französischen  Schule  der
Nationalökonomie  zusammenzubringen.  Von  diesen  Bestrebungen
wird  noch  wiederholt  in  dieser  Arbeit  zu  reden  sein.
Gaston  Deschamps,  Inhaber  des  Lehrstuhls  für  Geschichte
der  volkswirtschaftlichen  Theorien  an  der  juristischen  Fakultät
in  Paris,  ist  der  zielbewußte  und  energische  Vorkämpfer  des
Individualismus  und  Liberalismus  in  den  juristischen  Fakultäten
Frankreichs.  In  den  ersten  Jahren  seiner  akademischen  Lehrtätigkeit ­
  —  Ende  der  neunziger  des  vorigen  Jahrhunderts  —
hatte  Des  champs  große  Mühe,  durchzudringen.  Er  unternahm ­
  es  gleich  von  Anfang  an,  resolut  gegen  den  Strom  zu
schwimmen,  machte  Front  gegen  die  Beliebtheit,  derer  sich  die
deutschen,  historisch-realistischen  Autoren  gerade  damals  am
meisten  unter  den  Doktoranden  der  juristischen  Fakultäten  erfreuten, ­
  und  verkündete  einer  interventionistisch  gesinnten
Jugend  das  Evangelium  des  laisser-faire.  Die  Jahrhundertwende
brachte  die  Ministerien  Waldeck-Rousseau-Millerand  und  Combes,
welche  mit  dem  Interventionismus  in  der  französischen  Gesetzgebung ­
  ernst  zu  machen  begannen.  Da  erwachte  der  Individualismus ­
  in  der  mittleren  und  höheren  Bourgeoisie,  und  eine
antiinterventionistische,  reaktionäre  Flutwelle,  die  noch  täglich
ansteigt  und  durch  die  kirchenpolitische  Aktion  nur  vorübergehend ­
  verdeckt  oder  aufgehalten  werden  konnte,  begann  sich
über  das  Land  zu  ergießen.  Die  Milieus,  aus  denen  die  Studenten ­
  der  Jurisprudenz  in  ihrer  großen  Mehrheit  hervorgehen,
schickten  junge  Leute  an  die  Fakultäten,  in  denen  der  individualistische, ­
  staatsfeindliche  Bourgeoisinstinkt  geweckt  und  geschärft ­
  war.  Unter  diesem  dankbaren  Studentenmaterial  mußte
es  Professor  Deschamps,  bei  seiner  feurigen  Rednergabe  und
seinem  warmen,  entgegenkommenden  Wesen,  leicht  werden,
eine  begeisterte  Anhängerschaft  für  eine  Nationalökonomie  zu
finden,  der  es  vor  allem  um  Ablehnung  des  radikalen  Interventionismus ­
  zu  tun  ist,  damit  der  Bourgeois  seine  Ruhe  vor
dem  Arbeitersyndikat  und  dem  Staate  habe.  Der  Umstand,
        <pb n="196" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

175

daß  die  Doktoranden  der  juristischen  Fakultäten  meist  ideengeschichtliche ­
  Themata  zu  ihren  Dissertationen  zu  bevorzugen
pflegen,  kam  der  Erweiterung  und  Befestigung  von  Deschamps
Einfluß  zu  statten.  Unter  seiner  Führung  ist  eine  Generation
von  agrégés  in  die  juristischen  Fakultäten  hineingewachsen,
die  begeistert  an  ihrem  Lehrer  hangen  und  dem  Liberalismus
für  die  nächste  Zukunft  eine  ausgiebige  Vertretung  in  den
juristischen  Fakultäten  sichern.
Professor  Deschamps  ist,  wenn  wir  absehen  von  der
Revue  de  l'Histoire  des  Doctrines  économiques,  die  er  in  Gemeinschaft ­
  mit  Professor  Dubois  aus  Poitiers  im  Frühjahr  1908  gegründet ­
  hat,  mit  Publikationen  so  gut  wie  nicht  an  die  Öffentlichkeit ­
  getreten.  Seine  Anschauungen  spiegeln  sich  jedoch
wieder  in  dem  Werke  eines  seiner  Schüler  :  L’Individualisme
économique  et  social  (Paris,  1907)  von  Albert  Schatz,  das  bei
seinem  Erscheinen  Aufsehen  machte.
Albert  Schatz  ist  „professeur  agrégé“  der  Nationalökonomie ­
  an  der  juristischen  Fakultät  in  Dijon.  Wir  können  ihm
zunächst  als  wissenschaftliches  Verdienst  anrechnen,  daß  er
wertvolle  Beiträge  zur  Anfangsgeschichte  des  Liberalismus  und
Individualismus  zutage  fördert.  Insbesondere  weist  er  sehr  anschaulich ­
  nach,  wie  sich  die  philosophischen  Elemente  des
Klassizismus  in  der  paradoxalen  Fable  of  the  Bees  von  Bernard
de  Mandeville  (zuerst  als  Flugblatt,  London,  1706,  dann  wiederholt ­
  in  bedeutend  vermehrten  Auflagen)  bereits  sehr  klar  ausgesprochen ­
  vorfinden.  Nach  Schatz  haben  D.  Hume  und  Ad.
Smith  viele  Stellen  aus  Mandeville  wörtlich  übernommen.
Ethik  und  politische  Ökonomie  trennt  Mandeville  sehr  scharf;
ja  mit  seinem  Paradoxon  Private  vices,  public  benefits  stellt  er  sie
sogar  in  Gegensatz  zueinander.  Die  Nationalökonomie  fundiert
er  psychologisch,  indem  er  mit  großem  Zynismus  Hobbes'  Aufstellung, ­
  daß  das  persönliche  Interesse  die  Triebfeder  der
menschlichen  Tätigkeit  sei,  entwickelt.  Über  Hobbes  und  die
Philosophen  der  Schule  des  moral  sense  geht  aber  Mandeville
hinaus,  wo  er  die  Harmonie  der  Interessen  nicht  als  durch
despotische  Staatsgewalt  ermöglicht,  noch  als  freigewollt,  aus
den  gesellschaftlichen  Trieben  der  Menschen  sich  erklärend,
sondern  als  objektiv  in  der  Natur  der  Dinge  gegeben  nachweist, ­
  indem  sie  aus  dem  natürlichen  Ineinandergreifen  der
        <pb n="197" />
        176

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Handlungen  der  Menschen  in  einer  auf  Arbeitsteilung  beruhenden ­
  Gesellschaft  hervorgeht  *).
Von  seinem  Lieblingsautor  Mandeville  geht  Schatz
über  zu  einer  anschaulichen  Schilderung  der  verschiedenen  Erscheinungsformen ­
  des  Liberalismus  und  Individualismus  im
XIX.  Jahrhundert.  Dies  gibt  ihm  Gelegenheit,  kühne  Exkurse
in  die  Gebiete  des  wirtschaftlichen,  politischen,  religiösen,  soziologischen, ­
  anarchistischen  und  Nietzscheanischen  Individualismus
und  Liberalismus  zu  machen.  Die  Hauptsache  dabei  ist  aber
die  Einführung  des  Lesers  in  die  Anschauungen  von  Professor
Deschamps.  Ausgangspunkt  dieser  ist  die  Unterscheidung  von
Liberalismus  und  Individualismus.  Liberalismus  ist  die  Form,
welche  die  klassische  Lehre  im  XIX.  Jahrhundert  in  Frankreich
anzunehmen  strebt.  Er  preist  die  Freiheit  als  das  Ideal  und
den  Selbstzweck  des  wirtschaftlichen  Lebens.  Er  wird  durch
die  Wichtigkeit  gekennzeichnet,  die  er  den  Worten  beilegt,
und  die  Bedeutung,  welche  allgemeine  und  spekulative  Ideen
für  ihn  haben.  Individualismus  ist  die  Form,  welche  die  klassische ­
  Lehre  im  XIX.  Jahrhundert  in  England  anzunehmen  die
Tendenz  hat.  Die  Freiheit  ist  ihm  nicht  Selbstzweck,  sondern
Mittel  zur  möglichsten  Vervollkommnung  der  Individuen 2 ).
Der  Liberalismus  hat  die  Tendenz,  einen  radikalen  Antagonismus ­
  zwischen  Staat  und  Individuum  zu  schaffen,  der  nicht
in  der  klassischen  Lehre  enthalten  ist.  Der  Individualismus
paßt  sich  entgegenstehenden  Systemen,  sei  es  der  größeren
Einmischung  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben,  sei  es  einem
ethischen  Ideale  des  Seinsollens,  leichter  an,  weil  die  Freiheit
des  Wirtschaftslebens  ihm  eben  nur  ein  Mittel  ist.  Die  Tendenz
des  Liberalismus,  dem  Staate  jede  wirtschaftliche  Rolle  abzusprechen, ­
  kommt  mit  D  uno  y  er  auf  und  erreicht  ihren  Höhepunkt ­
  mit  Basti  at,  der  die  mit  großer  Mühe  von  der  Wirt-])
  Siehe  Albert  Schatz,  L’Individualisme  économique  et  social,  Paris,  1907,
p.  61  Ñ.  —  Vgl.  auch  oben  p.  5,  Fußnote.  —  Vgl.  ferner:  Le  Mercantilisme
libéral  à  la  fin  du  XVII^s  siècle.  Les  Idées  politiques  et  économiques  de  M.
de  Belesbat,  von  Albert  Schatz  und  Robert  Caillemer,  Paris,  1906  (Separatabdruck
aus:  Revue  d’économie  politique,  1906).  —  Insbesondere  aber  auch:  A.  Schatz,
L’Oeuvre  économique  de  David  Hume,  Paris,  1902  und  :  A.  Schatz,  Bernard  de
Mandeville,  Contribution  à  l’Etude  des  Origines  du  Libéralisme  économique,
Leipzig,  1903.
2 )  Schatz,  loe.  cit.  p.  196  ff.
        <pb n="198" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

177

Schaftswissenschaft  losgelösten  Begriffe  von  der  der  Wirtschaftsordnung ­
  immanenten  Gerechtigkeit,  den  providentiellen  Finalismus, ­
  den  ethischen  Gesetzen  usw.  wieder  hineinbringt  und
den  Exklusivismus  und  Dogmatismus  der  Physiokraten  neu  belebt. ­
  So  hat  der  französische  Klassizismus  die  Tendenz,  eine
esoterische  Theorie  ohne  Anwendung  zu  sein  ;  keine  Partei  wagt,
sich  im  Parlament  darauf  zu  berufen  ;  er  ist  die  Apanage  einer
Minderheit  von  Doktrinären,  der  unfruchtbare  Diskussionsgegenstand ­
  einer  Handvoll  Eingeweihter.  Der  englische  Liberalismus ­
  dagegen,  von  Stuart  Mill  dem  britischen  Temperamente ­
  angepaßt,  ist  von  einer  mächtigen,  heute  am  Ruder  befindlichen ­
  Partei  offen  als  Doktrin  anerkannt  und  gewinnt  täglich
an  Bedeutung  im  nationalen  Leben 1 ).  Die  Niederlage  des  orthodoxen ­
  Liberalismus  in  Frankreich  bedeutet  jedoch  keineswegs
diejenige  des  Individualismus,  ebensowenig  wie  schlechte  Verse
eines  Dichters  die  Poesie  zu  töten  vermögen 2 ).
Der  Individualismus,  wie  ihn  Professor  Deschamps  in
Frankreich  zu  wecken  und  zur  herrschenden  Weltanschauung  zu
machen  strebt,  will  in  der  Methode  rein  empirisch  sein.  Sein  Ziel
ist  möglichste  (Selbst-)  Vervollkommnung  des  Individuums.  Er
umfaßt  eine  philosophische  und  eine  volkswirtschaftliche  Doktrin. ­
  Als  philosophische  Doktrin  hat  er  eine  Psychologie  und
Ethik,  keine  Metaphysik.  Die  beiden  Elemente  dieser  Psychologie ­
  und  Ethik  sind  das  Individuum  und  die  Gesellschaft.  Das
Individuum  hat  alle  Kenntnis  von  der  sinnlichen  Erfahrung  und
bleibt  in  seinen  Willenshandlungen  dem  Instinkt,  dem  Gefühl
und  der  Leidenschaft  unterworfen.  Der  sittliche  Fortschritt,  der
den  Kulturmenschen  vom  Wilden  unterscheidet,  äußert  sich  in
der  Erziehung,  welche  das  persönliche  Interesse  bei  ersterem
bekommt.  Das  Leben  in  Gesellschaft  formt  in  gewissem  Maße
die  primitive  Natur  des  Menschen  um,  indem  es  diejenigen
seiner  Triebe  maskiert,  die  das  Zusammenleben  unmöglich
machen  würden.  Die  Vergesellschaftung  des  Zusammenlebens
der  Menschen  kann  durch  wirtschaftliche,  religiöse  und  'philosophische ­
  Erziehung  beschleunigt  werden.  Die  wirtschaftliche  Erziehung ­
  geschieht,  indem  das  Individuum  der  Konkurrenz,  dem

b  ibid.  p.  258  ff.
2 )  ibid.  p.  291.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

12
        <pb n="199" />
        178

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Kampfe  ums  Dasein  ausgesetzt  wird.  Das  treibt  es  zur  Anspannung ­
  aller  seiner  Kräfte  und  in  einem  gegebenen  Momente
zum  Zusammenschluß  der  Konkurrenten.  Die  religiöse  Erziehung
benützt  die  Herrschaft,  welche  die  religiösen  Gefühle  über  die
menschliche  Vernunft  ausüben,  um  die  ursprünglichen  Naturtriebe ­
  einzudämmen  und  zu  mäßigen  und  sie  durch  Achtung
vor  der  Autorität,  durch  Heilighaltung  der  Gerechtigkeit  und  durch
Unterwerfung  unter  das  christliche  Gesetz  der  Liebe  zu  ersetzen.
Die  philosophische  Erziehung  gibt  der  Persönlichkeit  des  Menschen ­
  ihre  volle  Entfaltung,  indem  sie  seinem  Geiste  wissenschaftliche ­
  und  ästhetische  Bildung  zuführt  und  ihn  lehrt,  fest
und  intelligent  zu  wollen 1 ).
Der  Individualismus  ist  weit  entfernt,  sich  mit  dem  Egoismus ­
  zu  identifizieren.  Im  Gegenteil,  er  erkennt  die  soziale  Solidarität ­
  als  eine  grundlegende  Tatsache  an.  Nicht  durch  freiwillige ­
  Absonderung  eines  Individuums,  das  an  seinesgleichen
kein  Interesse  nimmt,  wird  jenes  zu  seiner  vollen  Entwicklung ­
  gelangen,  sondern  nur  durch  das  Leben  in  Gesellschaft,
in  welchem  der  einzelne  ohne  Mitwirkung  der  anderen  nichts
vermag  und  nichts  ist.  Die  Gesellschaft  ist  nicht  eine  überlegte, ­
  rationelle  Schöpfung  des  Individuums,  welche  dieses  nach
Gutdünken  modifizieren  kann,  sondern  das  Werk  unserer  dauernden ­
  Instinkte  als  gesellschaftliche  Wesen.  Diese  Instinkte  sind
psychologischen  Gesetzen  unterworfen,  wie  die  Erscheinungen
der  äußeren  Welt  physischen  Gesetzen  unterworfen  sind.  Der
Individualismus  betrachtet  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen
als  Naturgesetzen  unterworfen,  welche  unsere  Vernunft  zu  erkennen ­
  vermag,  die  aber  allen  willkürlichen  Abänderungen
unseres  Willens  sich  entziehen 2 ;.  Somit  trennt  der  wirtschaftliche ­
  Individualismus  die  Wirtschaftsordnung  von  der  ethischen,
das  Sein  vom  Seinsollen,  und  schließt  die  radikale  und  unmittelbare ­
  Umformung  des  Individuums  und  der  Gesellschaft  aus.
Auf  Grund  von  Introspektion,  Beobachtung,  Experimentierung,
  Individual-  und  Kollektivpsychologie,  Geschichte,  Logik,

')  ibid.  p.  560  ff.
2 )  „Die  .Naturgesetze  der  Volkswirtschaft  sind  regelmäßige  Aufeinanderfolgen ­
  von  Erscheinungen,  welche  die  äußeren  Bedingungen  ausdrücken,  die
unsere  Tätigkeit  begrenzen,  bestimmen  und  regeln.“  ibid.  p.  563.
        <pb n="200" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

179

Ethik,  Anthropologie  und  Soziologie  erkennt  der  französische
Individualismus  bei  allen  Individuen  das  Vorhandensein  natürlicher, ­
  elementarer  und  instinktiver  Fähigkeiten  zur  Gründung
von  Gesellschaften  an.  Aus  einer  erst  unbewußten  Solidarität
wird  eine  bewußte,  in  dem  Maße  als  die  Schwäche  der  Isolierung
und  die  Unmöglichkeit,  einander  zu  entbehren,  erkannt  wird.
Für  das  wirtschaftliche  Handeln  der  Individuen  ist  nicht
die  Vernunft,  sondern  der  Selbsterhaltungstrieb,  das  'persönliche
Interesse  maßgebend.  Der  französische  Individualismus  behauptet,
beweisen  zu  können,  daß  dieses  persönliche  Interesse  eine  Kraft
ist,  welche  hinreicht,  die  Produktion  dem  Bedarf  anzupassen
und  eine  gerechte  Verteilung  zu  bewirken,  die  auf  der  Gleichwertigkeit ­
  des  im  freien  Tausch  frei  geschätzten  Nutzens
beruhe.  Der  französische  Individualismus,  d.  h.  Professor
Deschamps,  ordnet  alle  Sozialreform  der  Achtung  vor  der
individuellen  Freiheit  und  dem  individuellen  Eigentum  unter.
Er  erwartet  wirkliche  und  dauernde  Fortschritte  für  die  in  Gesellschaft ­
  lebenden  Menschen  nur  von  ihrer  individuellen  Vervollkommnung, ­
  ihrer  wirtschaftlichen  und  politischen  Erziehung
und  von  der  unablässigen  Entwicklung  ihrer  Initiative  und  ihres
Verantwortlichkeitsgefühles  unter  dem  Drucke  der  Konkurrenz.
Der  Individualismus  ist  keineswegs  ein  Gegner  der  Assoziation  ;
erst  durch  die  Assoziation  entwickelt  das  Individuum  seine  Individualität. ­
  Die  Revolution  hat  dieses  fundamentale  Prinzip
des  Individualismus  verkannt,  weil  sie  mehr  rationalistisch  als
individualistisch  war.  Sie  ließ  sich  durch  absolute  Prinzipien
leiten.  Die  Assoziation  muß  aber  frei  sein,  die  Entwicklung  der
Persönlichkeit  fördern  und  nicht  tyrannisch  werden.  Sie  muß
der  Konkurrenz  und  der  Staatsaufsicht  unterworfen  bleiben.  Die
Tätigkeit  des  Staates  beschränkt  Des  champs  auf:  Gewährleistung
der  Sicherheit,  der  Ordnung  und  des  Einhaltens  der  Verträge;
Unterstützung  von  isolierten  und  assoziierten  Individuen,  welche
selbst  an  der  Besserung  ihrer  Lage  arbeiten.
Die  Gegnerschaft  zum  Sozialismus,  lies:  Interventionismus,
kommt  in  Des  champs  Individualismus  in  charakteristischer
Weise  in  dem  eifrigen  Bestreben  zum  Ausdruck,  alles  mögliche
unter  der  Flagge  des  Individualismus  zu  sammeln,  um  gegen
den  Sozialismus  Front  zu  machen.  Geschickt  weiß  er  sich  z.  B.
des  Katholizismus  zu  diesem  Behufe  zu  bemächtigen,  womit  er
        <pb n="201" />
        Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

180

zugleich  ein  Moment  von  starker  Werbekraft  für  seine  Weltanschauung ­
  in  dem  Bourgeoismilieu  gewinnt,  an  das  er  sich  wendet 1 ).
Im  Laufe  des  XIX.  Jahrhunderts  stellt  sich  nach  Schatz-Deschamps
  der  Individualismus  in  seinen  verschiedenen  Formen ­
  den  verschiedenen  Gattungen  des  Sozialismus  entgegen.
Dem  utopischen  Sozialismus  tritt  der  aristokratische  Individualismus ­
  der  Spiritualisten  in  den  40er  Jahren,  dann  der  Liberalismus ­
  Bastiats  und  der  Orthodoxen  entgegen.  Dem  politischen
Sozialismus,  welcher  auf  die  Eroberung  der  öffentlichen  Gewalten,
die  soziale  Gesetzgebung,  die  plötzliche  Gleichheit  und  Emanzipation ­
  des  Proletariats  hinarbeitet,  tritt  der  politische  Liberalismus ­
  entgegen,  der  die  wirtschaftliche  und  politische  Freiheit
eng  verbindet  und  die  Achtung  der  individuellen  Freiheit  fordert.
Dem  christlichen  Sozialismus  tritt  der  christliche  Individualismus
entgegen,  welcher  die  christlichen  Ideen  der  Autorität,  Gerechtigkeit ­
  und  Liebe  mit  der  klassischen  Lehre  aussöhnt.  Dem
Sozialismus,  der  auf  der  Interpretation  der  Geschichte  fußt,  tritt
die  individualistische  Interpretierung  der  geschichtlichen  Tatsachen ­
  entgegen,  dem  Staatssozialismus,  der  nichtinterventionistische ­
  Individualismus,  welcher  den  modernen  Staat  in  die  notwendige ­
  Spezialisierung  seiner  Einmischung  ins  Wirtschaftsleben
zurückverweist.  Dem  wissenschaftlichen  Sozialismus  gegenüber

0  „Das  Christentum  führt  die  drei  Begriffe  der  Autorität,  der  Gerechtigkeit ­
  und  der  Liebe  in  den  ökonomischen  Liberalismus  ein,  ohne  den  orthodoxesten ­
  Grundsätzen  desselben  zu  nahe  zu  treten.  Weit  entfernt,  auch  nur  ein
einziges  liberales  Prinzip  in  Frage  zu  stellen,  gibt  es  denselben  Anteil  an  der
moralischen  Stützkraft,  die  es  besitzt,  und  macht  die  wissenschaftliche  Lehre
geeigneter,  ein  System  sozialer  Kunstlehre  zu  werden.  Ohne  das  Christentum
ist  der  Individualismus  allerdings  ein  vollständig  in  sich  geschlossenes  System,
aber  in  einer  christlichen  Gesellschaft,  d.  h.  in  einer  Gesellschaft,  die  wirklich ­
  und  tief  vom  Geiste  und  der  Moral  Christi  durchdrungen  ist,  ist  er  besonders ­
  leicht  durchführbar.  Denn  diese  gleichen  Ideen:  Autorität,  Gerechtigkeit,
Liebe  sind  die  wesentlichen  Grundlagen  der  Erziehung,  welche  alle  Liberalen  für
das  Individuum  verlangen,  und  die  jede  Moral  ihm  geben  muß.“  ibid.  p.  375.
—  p.  391  ff.  führt  Schatz  aus,  der  Katholizismus  habe  sich  den  Fragen  des  Wirtschaftslebens ­
  in  einer  Weise  angepaßt,  welche  sowohl  eine  intime  Konnexion
seiner  Moral  mit  der  Volkswirtschaftslehre,  als  eine  völlige,  allerdings  häufig
unbewußte  Zustimmung  zu  den  Prinzipien  der  klassischen,  liberalen  Lehre  bedeute. ­
  Schatz  versucht,  die  behauptete  Übereinstimmung  des  klassischen  Liberalismus ­
  mit  dem  Katholizismus  an  der  Hand  einer  großen  Zahl  katholischer  Autoren
des  XIX.  Jahrhunderts  nachzuweisen.
        <pb n="202" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

181

stellt  endlich  der  Individualismus  die  Methoden  der  modernen
Wissenschaft:  die  psychologische,  die  mathematische,  die  soziologische ­
  in  seinen  Dienst.
Der  Konflikt  des  individualistischen  und  des  sozialistischen
Geistes  ist  eine  konstante  Wirklichkeit.  Die  individualistische
und  die  sozialistische  Weltanschauung  sind  im  tiefsten  Grunde
un  versöhnbar,  weil  der  Sozialismus  rationalistisch  und  der  Individualismus ­
  antirationalistisch  und  empirisch  ist*).  Dei  Gegensatz ­
  zwischen  Individualismus  und  Sozialismus  gipfelt  in  der  verschiedenen ­
  Auffassung  von  dem  Existenzgrunde  der  Gesellschaft
und  der  sozialen  Holle  des  Individuums.  Für  den  Individualismus ­
  ist  die  Gesellschaft  aus  den  Bedürfnissen  der  Menschen
entstanden  und  wesentlich  utilitarisch  gerechtfertigt.  Sie  ist
„eine  amorale,  natürliche  Erscheinung,  die  eigenen  Entwicklungsgesetzen ­
  gehorcht,  auf  welche  die  Vernunft  nur  wenig
einwirken  kann“.  Für  den  Sozialismus  ist  die  Gesellschaft,  bewußt ­
  oder  unbewußt,  ein  willkürliches  Werk  des  Menschen,
welches  ein  ethisches  Ziel  hat  :  die  Gleichheit  zu  verwirklichen 2 ).
Der  Gleichheitsgedanke  ist  spezifisch  sozialistisch,  der  Individualismus ­
  erkennt  nur  eine  Gleichheit  an  :  die  der  Mittel  zur
Entwicklung  der  Persönlichkeit.
Das  Buch  von  Schatz  klingt  aus  in  eine  elegische  Klage
über  den  Interventionismus  und  Protektionismus,  welche  die
Existenz  Frankreichs  aufs  Spiel  setzen.  „Frankreich  geht  zugrunde, ­
  nachdem  es  alles  der  Chimäre  des  allgemeinen  Glücks
durch  den  Staat  und  die  Revolution  geopfert  und  alle  Franzosen ­
  unzufrieden  gemacht  hat  ohne  andern  Vorteil,  als  daß  es
den  nicht  wieder  gut  zu  machenden  Bankrott  des  Vorsehungsstaates ­
  vor  aller  Welt  offenbart,  dieses  Staates,  der  alle  Hoffnungen ­
  enttäuscht  und  alle  Befürchtungen  übertreffen  hat“  3 ).
Ein  Wort  nur  zur  Kritik.  Die  Ausführungen  Schatz’  sind
natürlich  deswegen  von  besonderem  Interesse,  weil  sie  die  individualistische ­
  Doktrin  widerspiegeln,  um  welche  Deschamps
einen  stattlichen  akademischen  Nachwuchs  und  begeisterte
Scharen  junger  Rechtsstudierender  zu  gruppieren  verstanden
hat.  Daß  man  dabei  Übertreibungen  eines  jugendlichen  Tem-0
  ibid.  p.  563  ff.
2 )  ibid.  p.  568  ff.
®)  ibid.  p.  574.
        <pb n="203" />
        182

Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

peraments,  wie  z.  B.  die  Behauptung,  der  Sozialismus  sei  ausschließlich ­
  rationalistisch,  der  Individualismus  ausschließlich
empirisch,  nicht  dem  Meister  zur  Last  legen  darf,  leuchtet  wohl
hinreichend  ein.  Offenkundig  ist  aber  auch,  daß  das  Ganze
des  Deschamps  sehen  Individualismus  noch  ein  unfertiger
Bau  ist  :  es  ist  noch  mehr  Tendenz  als  abgeschlossene  Doktrin.
Greifbare  Elemente  dieser  Tendenz  sind  etwa  :  es  ist  an  der
Zeit,  gegen  das  beständige  Vordringen  des  Interventionismus
und  Sozialismus  in  Politik  und  Wissenschaft  Front  zu  machen;
der  französische  Liberalismus  ist  zu  schwach  dazu,  darum  ist
ein  Individualismus  zu  wecken,  der  sich  an  das  englische  Beispiel ­
  eng  anlehne;  alle  nur  irgendwie  auftreibbaren  Kräfte  sind
um  dessen  Fahne  zu  sammeln;  damit  er  als  Weltanschauung
und  als  wissenschaftliches  System  erfolgreich  bestehen  könne,
muß  ihm  außer  dem  philosophischen  Fundament,  das  er  im
XVIII.  Jahrhundert  findet,  eine  empirische  Grundlegung  mit
allen  Mitteln  der  modernen  Wissenschaft  gegeben  werden;  als
Korrektiv  am  Individualismus  des  XVIII.  Jahrhunderts  ist  die
universelle  Tatsache  der  Solidarität  einzuführen,  deren  Erkenntnis ­
  eine  dem  genossenschaftlichen  Zusammenschluß  freundliche
Politik  bedingt;  jegliche  Politik  muß  aber  letztlich  auf  die  Vervollkommnung ­
  des  Individuums  hinzielen,  denn  nur  durch  diese
wird  die  möglichste  Anpassung  an  die  wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen ­
  Naturgesetze  und  damit  der  Fortbestand  und  Fortschritt ­
  der  Kultur  gesichert.
Es  liegt  ein  Widerspruch  darin,  einerseits  mit  der  französischen ­
  liberalen  Schule  tabula  rasa  zu  machen,  deren  Verjüngung ­
  durch  Leroy-Beaulieu  und  andere  zu  ignorieren
und  sie  durch  Mill  sehen  Individualismus  ersetzen  zu  wollen,
während  man  andererseits  zur  Sammlung  aller  nichtinterventionistischen ­
  Kräfte  aufruft.  Aber  auch  dies  ist  zu  einem  guten
Teil  eine  der  temperamentvollen  Übertreibungen  Schatz’,
welcher  mit  jugendlichem  Schneid  die  Herren  der  Académie
des  Sciences  morales  et  politiques  aufs  Korn  nimmt,
womit  er  übrigens  viel  böses  Blut  gemacht  hat.  Deschamps’
Art  äußert  sich  eher  in  dem  opportunistischen  Zuge,  der  bei
Schatz  ja  wohl  auch  ab  und  zu  anklingt,  und  der,  ähnlich
wie  bei  Leroy-Beaulieu,  bei  aller  nichtinterventionistischen
Grundstimmung  zu  gelegentlichem  Paktieren  mit  dem  Inter-
        <pb n="204" />
        Die  Gruppe  der  Universitätsprofessoren

183

ventionismus  geneigt  macht.  Es  ist  ja  wohl  auch  nicht  zu
leugnen,  daß,  wie  wir  schon  oben  bei  der  Besprechung  J  o  urdan ­
  s  betont  haben,  ein  sieghaftes  Wiederaufleben  einer  liberalen
Volkswirtschaftslehre  in  Frankreich  nicht  ohne  sozialpolitisches
Verständnis,  das  einem  gemäßigten  Interventionismus  für  und
Tor  öffnet,  möglich  ist.  Wir  glauben  zwar  nicht,  daß  noch
von  Deschamps  ein  ausreichendes  Verständnis  dieser  Art  zu
erwarten  sei.  Viel  eher  von  den  jungen  agrégés  der  juristischen
Fakultäten,  die  seine  Schüler  sind.  Macht  schon  die  weite
Toröffnung  von  Des  champs’  Individualismus  dieselben  an
und  für  sich  zu  Kompromissen  geneigt,  so  kommt  noch  dazu,
daß  sie  nicht  nur  Deschamps,  dem  sie  sich  allerdings  besonders ­
  anschlossen,  in  Nationalökonomie  gehört  haben,  und  daß
sich  ihr  Bildungsgang  unter  gleichzeitiger  Aufnahme  interventionistischer ­
  und  nichtinterventionistischer  Anschauungen  vollzog.
Endlich,  last  not  least,  bieten  die  außerordentlich  herzlichen,
kollegialen  Beziehungen,  welche  die  Professoren  der  juristischen
Fakultäten  Frankreichs,  welches  auch  der  Abstand  ihrer  wissenschaftlichen ­
  Standpunkte  sei,  untereinander  verbinden,  eine  vorzügliche ­
  Grundlage,  auf  welcher  gemeinsames  Arbeiten  von
Fachgenossen  nach  einheitlichen  Gesichtspunkten  und  damit
die  bereits  angedeuteten  Konzentrationsbestrebungen  in  jüngster
Zeit  Ansätze  zur  Verwirklichung  machen 1 ).  Ob  die  vielfach
ersehnte  Einheitslehre  zur  vollen  Ausreife  gelangen  wird,  ob  sie
ein  mehr  individualistisches  und  staatsfeindliches  oder  ein  mehr
interventionistisches  Gepräge  tragen  wird,  ist  heute  nicht  zu
bestimmen.  Sicher  ist,  daß  Deschamps’  Individualismus,  insoweit ­
  er  die  Selbstbestimmung  und  Selbstbetätigung  des  Individuums ­
  verkündet,  ein  vorzügliches  Erziehungsmittel  für  die
Nation  bedeutet,  das  Beachtung  weit  über  die  Kreise  der  reaktionären ­
  Bourgeoisie  hinaus  verdient,  in  welcher  es  zunächst
Anklang  gefunden  hat.
i)  Als  erster  Versuch  gemeinsamen,  wissenschaftlichen  Arbeitens  kommt
die  Schrift  Questions  monétaires  contemporaines,  Paris,  1905,  in  Betracht.  Sie
ist  von  einer  Reihe  (10)  jüngerer  Fakultätsmitglieder  verfaßt  und  mit  Vorworten
von  Cauwes,  Souchon  und  Bourguin  versehen.  Neuerdings  stellt:  Histoire  des
Doctrines  économiques,  von  Charles  Gide  und  Charles  Rist,  Paris,  1909,  eine
gemeinsame  Arbeit  nach  bereits  einheitlichem  Gesichtspunkten  dar.
        <pb n="205" />
        Buch  IL
Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen.
Wir  haben  es  bei  den  hier  in  Frage  kommenden  Richtungen ­
  nicht  so  sehr  mit  spezifisch  volkswirtschaftlichen  Schulen
zu  tun,  sondern  mit  allgemein  sozial  wissenschaftlichen,  denen
es  auf  die  Durchdringung  der  Gesellschafts-  und  Wirtschaftsordnung ­
  mit  bestimmten,  ethisch  -  religiösen  Anschauungen  in
erster  Linie  ankommt.  Darum  treten  auch  in  den  katholischen
Schulen  die  Detail  fragen  der  Wirtschafts-  und  Sozialpolitik  weit
mehr  in  den  Vordergrund,  als  dies  bei  der  klassischen  Schule
der  Fall  ist.  Die  praktische  Aktion,  die  Unterwerfung  des
Lebens  unter  Postulate,  die  von  außen  an  das  Gesellschaftsund ­
  Wirtschaftsleben  herantreten,  ist  hier  die  Hauptsorge.  Das
einigende  Band  aller  hierher  gehörigen  Gruppen  ist  eben  die
Grundanschauung,  daß  der  staatliche  Organismus  und  das  Wirtschaftsleben ­
  der  katholisch-kirchlichen  Sittenlehre  oder  doch
mindestens  dem  Dekalog  (Le  Play)  entsprechend  zu  gestalten
seien.  Darüber  allerdings,  wie  eine  solche  Gesellschafts-  und
Wirtschaftsordnung  aussehen  soll,  und  welche  Mittel  zu  deren
Verwirklichung  am  geeignetsten  erscheinen,  darüber  gehen  die
Meinungen  auseinander.  Die  Geister  scheiden  sich,  sobald  es
gilt,  Stellung  zu  nehmen  zu  den  zwei  Kardinalfragen  der  Organisation ­
  der  Gesellschaft  und  der  Einmischung  des  Staates  ins
Wirtschaftsleben.
Die  heutige  Gruppierung  der  katholischen  und  verwandten
Schulen  ist  wesentlich  durch  die  Stellungnahme  zur  Frage  der
Staatsintervention  bedingt.  Wir  unterscheiden  Interventionisten
und  Nichtinterventionisten.  Innerhalb  einer  jeden  dieser  beiden
Gruppen  begründen  die  Anschauungen,  welche  sich  auf  die
        <pb n="206" />
        Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

185

Organisation  der  Gesellschaft  beziehen,  eine  weitere  Gliederung.
Natürlich  gibt  es  auch  vermittelnde  Stellungnahmen.
Die  interventionistische  Gruppe  macht  zurzeit  einen  Konzentrationsprozeß ­
  durch.  Immerhin  ist  innerhalb  derselben  noch
ein  feudaler  rechter  Flügel,  eine  demokratisch  orientierte  Linke
und  ein  täglich  erstarkendes  Zentrum  zu  unterscheiden.  Man
hat  die  von  dieser  Gruppe  vertretenen  Anschauungen  häufig
als  christlichen  Sozialismus  bezeichnet.  Seitdem  aber  Leo  XIII.
diese  Bezeichnung  verwarf,  nennen  sich  die  hierher  gehörigen
Katholiken  vorzugsweise  Catholiques  Sociaux,  eine  Bezeichnung,
die  wahrscheinlich  von  dem  Genter  Universitätsprofessor  und
Agrarsozialisten  Huet  stammt.  Auf  dem  linken  Flügel  gibt  es
allerdings  noch  einige  sog.  christliche  Demokraten  (Abbé  Naudet,
Abbe  Six  usw.),  welche  trotz  der  ablehnenden  Stellungnahme
Leo  XIII.  an  der  Etikette  „christlicher  Sozialismus“  zur  Bezeichnung ­
  ihrer  Anschauungen  festhalten.
Der  feudale  Flügel  und  die  Linke  des  Sozialkatholizismus
verwerfen  grundsätzlich  die  bestehende  liberale  und  individualistische ­
  Wirtschafts-  und  Gesellschaftsordnung.  Beide  setzen
dem  heute  geltenden  „quiritischen“  Privateigentum  eine  Eigentumslehre ­
  entgegen,  welche  in  dem  Begriff  der  sozialen  Funktion
gipfelt.  Mit  anderen  Worten  :  das  Eigentumsrecht  ist  nicht  ein
Recht  vollkommener  Herrschaft  über  eine  Sache,  ein  jus  utendi
et  abutendi,  sondern  nur  das  Recht,  eine  Sache  zu  verwalten,
das  bestimmte  Einschränkungen  und  Pflichten  der  Allgemeinheit ­
  gegenüber  in  sich  begreift.  Der  rechte,  feudale  Flügel
(Marquis  de  la  Tour  du  Pin,  Comte  de  Mun  usw.)  verdankt ­
  diese  grundlegende  Auffassung  des  Eigentumsrechtes
Familientraditionen,  die  sich  aus  dem  Mittelalter  lebendig  erhalten
haben.  Sein  Ideal  ist  die  feudale  und  korporative  Gesellschaftsund ­
  Wirtschaftsordnung  des  XII.  und  XIII.  Jahrhunderts.  Die
Anschauungen  der  demokratischen  Linken,  soweit  sie  nicht  der
Schule  de  Muns  entlehnt  sind,  gehen  im  wesentlichen  zurück  auf
die  utopischen  Sozialisten  Bûchez  und  Ott.  Ideal  der  Linken  ist
eine  sozialistische  Zukunftsgesellschaft  im  Sinne  Bûchez’  und
Otts.  Wir  werden  sehen,  daß  diese  beiden  Ideale,  soweit  sie
sich  auf  wirtschaftliche  Dinge  beziehen,  gar  nicht  so  sehr  verschieden ­
  voneinander  sind.
Die  nichtinterventionistische  Gruppe  umfaßt  zunächst  die
        <pb n="207" />
        186

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

wenigen  liberal-katholischen  Juristen,  welche  sich  noch  um  die
Revue  catholique  des  Institutions  et  du  Droit  und  um  die  juristische
Fakultät  des  Institut  catholique  in  Lyon  scharen.  Diese  Gruppe:
die  Schule  von  Angers,  steht  auf  dem  Boden  der  bestehenden
Wirtschafts-  und  Gesellschaftsordnung.  Ihre  Wirtschaftslehre
deckt  sich  im  Wesentlichen  mit  der  der  liberalen  Schule  und
hat  diese  zur  Quelle.  Die  Schule  von  Angers  ist  im  Schwinden
begriffen.  Recht  lebenskräftig  ist  dagegen  die  hierher  gehörige
Schule  Le  Plays,  die  sich  in  zwei  Äste  spaltet:  die  Gruppe
der  Réforme  sociale  und  diejenige  der  Science  sociale.  Methodologisch ­
  ist  Le  Plays  Lehrgebäude  der  Sozial  Wissenschaft  das
weitaus  Bedeutendste,  was  auf  diesem  Gebiete  seit  den  Physiokraten
  in  Frankreich  geleistet  wurde.  Die  Lehre  Le  Plays
fußt  zwar  auf  der  bestehenden  Wirtschafts-  und  Gesellschaftsordnung. ­
  Doch  würde  wohl  die  Verwirklichung  ihrer  Ziele,
wie  wir  sehen  werden,  eine  wesentliche  Umgestaltung  dieser  Ordnung ­
  bedeuten.
Um  die  heutige  Lage  der  katholischen  und  verwandten
Schulen  zu  verstehen,  werden  wir  uns  in  kurzen  Zügen  deren
Vorgeschichte,  alsdann  deren  Entstehen  und  Werdegang  zu
vergegenwärtigen  haben.
        <pb n="208" />
        I.  Teil.
Vorgeschichte.
Die  heutigen  katholischen  sozialökonomischen  Schulen
datieren  aus  der  Zeit  nach  1848.  Doch  haben  sie  in  der  ersten
Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  Vorläufer  gehabt.  Als  solche
kommen  zunächst  die  Gesellschaftstheoretiker  und  Führer  der
Gegenrevolution  in  Frankreich  Joseph  de  Maistre  x )  und  de  Bo
nald 2 )  in  Betracht.  Beide  sind  eifrige  Verfechter  der  absolutistischen ­
  Staats-  und  Wirtschaftsordnung  des  ancien  régime.
Als  Kinder  des  XVIII.  Jahrhunderts  kennzeichnen  sie  ihr  rein
abstraktes  Räsonnement,  ihr  Mangel  an  historischem  Verständnis
und  an  kritischem  Sinn.  Methodologisch  sind  de  Maistre  und
de  Bonald  für  uns  insofern  von  besonderm  Interesse,  als  sie
in  scharfer  Ausprägung  zwei  Erscheinungen  verkörpern,  die  für
manche  spätere,  ja  für  ganze  Schulen,  typisch  sind.
de  Maistre  ist  ein  intuitiver  Geist,  der  den  Klassenstandpunkt ­
  des  Patriziers  zum  Ausgangspunkt  nimmt,  klar  und
sicher  erkennt,  was  dieser  an  gesellschaftsorganisatorischen
und  wirtschaftspolitischen  Postulaten  verlangt  und  dementsprechend ­
  diese  Postulate  streng  einheitlich  in  einem  schroffen
Absolutismus  zusammenfaßt  und  sie  alsdann  philosophisch
')  de  Maistres  (1753—1821)  hauptsächlichste  Werke  sind:  Considérations
sur  la  France,  1796;  Du  Pape,  1809;  De  l’Eglise  Gallicane,  1821;  Les  Soirées
de  St.  Pétershourg,  2  Bde.,  1821;  Examen  de  la  Philosophie  de  Bacon,  1826.
2 )  Die  hauptsächlichsten  Werke  de  Bonalds  (1753—1840)  sind:  Théorie
du  Pouvoir  politique  et  religieux,  1795.  Législation  primitive,  1802;  Recherches ­
  philosophiques,  1818.
Über  de  Maistre  und  de  Bonald  vgl.,  außer  den  betreffenden  Artikeln
der  verschiedenen  Lexika,  insbesondere  Emile  Faguet,  Politiques  et  Moralistes  du
XIX me  Siècle,  1.  Bd.  (7.  Ausi.),  Paris,  1901,  p.  1—122  und:  Victor  de  Clercq,
Les  Doctrines  Sociales  catholiques  en  France  depuis  la  Révolution  jusqu’à  nos
jours  1.  Bd.  (4.  Ausi.),  Paris,  1905,  p.  7  ff.
        <pb n="209" />
        188

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

zu  unterbauen,  oder  gar  aus  der  katholischen  Religion  zu  folgern,
unternimmt.  Was  als  Folge  des  Patrizierstandpunktes  klar  erscheint, ­
  wird  in  der  philosophischen  und  theologischen  Beweisführung ­
  unklar  und  unwahr,  de  Maistre  hinterläßt  darum
den  Eindruck  eines  Sophisten  und  paradoxalen  Geistes.
de  Bonald  bietet  ein  Gegenstück  hierzu.  Nicht  ein
a  priori  gegebenes  Klasseninteresse,  sondern  eine  metaphysische
Idee  beherrscht  sein  ganzes  Denken.  Und  da  er  fest  überzeugt
ist,  daß  die  Ideen  die  Weltgeschichte  machen,  wie  sie  ihn  absolut ­
  beherrschen,  so  unterwirft  er  alles  gesellschaftliche  Geschehen ­
  der  Idee  der  metaphysischen  Trilogie  von  Ursache,
Mittel  und  Wirkung 1 ).  Sein  Verfahren  dabei  ist  ein  virtuoses
Handhaben  der  Deduktion,  mittelst  derer  er  zu  einer  absolutistischen ­
  Staatslehre  gelangt,  der  nur  der  eine  Mangel  anhaftet,
auf  einer  petitio  principi!  zu  beruhen.  Weinand  charakterisiert
de  Donalds  Methode  vorzüglich  in  folgendem  Urteil:  „Auf
diese  Weise  (durch,  die  Anwendung  der  metaphysischen  Trilogie
von  Ursache,  Mittel,  Wirkung  auf  das  Gebiet  der  Sozial  Wissenschaft) ­
  läßt  sich  Bonald  in  seiner  streng  systematischen
Denkart  zu  dem  Irrtum  seiner  Methode  verleiten,  das  metaphysische ­
  oder  geometrische  Vorgehen  auf  die  Gesellschaftslehre
zu  übertragen.  Wie  die  Mathematiker  über  numerische  Werte,
die  Metaphysiker  über  ihre  Ideen,  verfügt  er  über  jene  freien
persönlichen  Gesellschaftskräfte,  die  man  Menschen  nennt,  ohne
Rücksicht  auf  Zeit,  Ort,  Umstände,  die  eine  unendliche  Verschiedenheit ­
  unter  ihnen  begründen,  Verschiedenheit  des  Nationalcharakters, ­
  der  Sprache,  der  Lebensart,  der  Tradition,  der  Kulturstufen, ­
  nach  denen  sich  die  Gesetze  ihrer  Beziehungen  untereinander, ­
  d.  i.  die  Sozialgesetze,  gestalten.  Für  das  politische
Problem  ist  die  Bonald  sehe  Sozialtheorie  daher  nicht  annehmbar, ­
  nicht  in  der  Absolutheit  ihrer  Methode,  nicht  in  ihren
Folgerungen,  weil  sie  von  der  konkreten  Wirklichkeit  der  politischen ­
  Lage  zu  sehr  absieht“  2 ).
1)  Diese  Trilogie  verwirklicht  sich  in  der  Familie,  der  Urzelle  und  dem
ewigen  Vorbild  einer  jeden  Gesellschaft,  in:  Vater,  Mutter  und  Kind;  in  der
bürgerlichen  Gesellschaft  in  :  König,  Minister,  Untertan  ;  in  der  Kirche  in  :  Gott,
Mittler,  Mensch  usw.
2 )  Weinand,  Art.  de  Bonald  im  Staatslexikon  der  Goerresgesellschaft,
2.  Ausi.,  Bd.  I,  p.  976.
        <pb n="210" />
        Vorgeschichte  189

Anklang  fanden  de  Maistre  und  de  Bonald  in  Frankreich ­
  nur  wenig.  Erst  unter  der  dritten  Republik  knüpfte  die
Schule  de  la  Tour  duPins  und  de  Muns  an  deren  Tradition
an.  Immerhin  ist  die  von  dieser  Schule  gepriesene  Feudalordnung ­
  des  hohen  Mittelalters  etwas  von  dem  Absolutismus,  zu
dessen  Vorkämpfern  sich  de  Maistre  und  de  Bonald  auswarfen, ­
  Verschiedenes.
Nach  Ausscheidung  von  de  Maistre  und  de  Bonald
und  ihrer  wenigen,  an  der  Wiederherstellung  des  ancien  régime
interessierten  Anhänger,  gilt  für  das  Gros  der  Katholiken  der
ersten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  daß  sie  die  aus  der  Revolution ­
  hervorgegangene  Gesellschaftsordnung  mindestens  als
Ausgangspunkt  zu  einer  sozialen  Neuordnung  annehmen.  Allerdings ­
  wurde  in  katholischen  Kreisen  das  soziale  Unbehagen,
welches  die  die  Massen  proletarisierende,  großindustrielle  Entwicklung ­
  erzeugte,  lebhaft  empfunden.  Die  Tatsache  des  Pauperismus ­
  als  Folge  der  individualistischen  und  kapitalistischen
Wirtschaftsordnung  stand  im  Vordergrund  des  Interesses.  Daß
Abhilfe  dringend  not  tue,  wurde  allgemein  anerkannt.  Über
das  Wie  gingen  aber  die  Ansichten  auseinander.
Daß  zunächst  diejenigen  Katholiken,  welche,  wie:  de  Morogues,
  de  St.  Chamans,  Chaptal  usw.,  nichts  weiter  als  Mitglieder
der  liberalen  Schule  waren,  die  soziale  Gesundung  von  einem
Über  die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Einrichtungen  des  ancien  régime
urteilt  de  Bonald  mit  unglaublichem  Optimismus.  Man  höre:  Die  Erblichkeit
der  Richterstellen  in  den  früheren  Parlamenten  sicherte  dem  Richterstande  eine
Unabhängigkeit,  die  er  nirgends  in  Europa  besaß.  Übrigens  war  das  Richteramt ­
  jedem  zugänglich,  denn  der  reichgewordene  Kaufmannssohn  konnte  eine
Stelle  kaufen.  Der  Umstand,  daß  reichgewordene  Bürgerfamilien  geadelt  zu
werden  pflegten,  war  eine  vorzügliche  Einrichtung  ;  sie  hinderte  das  übermäßige
Anwachsen  der  Vermögen,  denn  dem  Adligen  war  die  Erwerbstätigkeit  untersagt. ­
  Andrerseits  bewahrte  das  Erbrecht  die  Familien  vor  Zerstückelung  des
Familiengutes  und  vor  dem  Ruin.  Die  Zünfte  waren  eine  Art  städtischen  Adels,
welcher  den  geringsten  Individuen  und  den  niedrigsten  Berufsarten  Bedeutung
und  Würde  verliehen  usw.
Wenn  andrerseits  de  Maistre  den  abstrakten  Menschen  der  liberalen
Schule  geistreich  persifliert  und  schreibt,  es  gebe  zwar  Franzosen,  Italiener,
Russen  und  selbst  Perser,  nicht  aber  „den  abstrakten  Menschen“,  so  ist  das
allerdings  eine  berechtigte  Kritik,  aus  der  de  Maistre  jedoch  nichts  anderes  zu
folgern  weiß,  als  die  Vorzüglichkeit  der  ungeschriebenen  Verfassung  einer  absoluten, ­
  nationalen  Monarchie.
        <pb n="211" />
        190

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

unbegrenzten  laisser  faire  erwarteten,  ist  natürlich.  Nicht  minder
hielten  die  Vorkämpfer  der  großen,  katholischen  Wohltätigkeitsbewegung ­
  der  40er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  :  de  Gérando,
de  Melun,  F.  Ozanam  u.  a.  grundsätzlich  am  Nichtinterventionismus ­
  fest.  Sie  hofften  dem  Pauperismus  durch  eine  umfassende
Organisation  der  privaten  Wohltätigkeit  erfolgreich  begegnen  zu
können  und  traten  außerdem,  im  Gegensatz  zu  den  damals  in
der  klassischen  Schule  und  in  politisch-liberalen  Kreisen  vorherrschenden ­
  Anschauungen,  entschieden  für  Selbsthilfe  der
Arbeiter  und  wirtschaftlich  Schwachen  durch  korporativen  Zusammenschluß ­
  ein.  de  Melun  neigte  wohl  auch  in  seinen
letzten  Lebensjahren  zur  Wiederherstellung  der  Zünfte  *).  Die
Mehrzahl  der  französischen  Katholiken  stand  jedoch,  vor  1870,
auf  seiten  des  wirtschaftlichen  Liberalismus.  Die  spätere  Schule
von  Angers  fand  also  eine  ihr  günstige  Grundstimmung  vor,
die  sie  allerdings  nicht  vor  rapidem  Verfall  zu  bewahren
vermochte.
Die  Schule  von  Lüttich  dagegen,  die  „Catholiques  sociaux"
und  die  „Démocrates  chrétiens“  unserer  Tage,  haben  in  der
Lamennaisgiupņe,  in  dem  Sismondischüler  de  Villeneuve-Bargemont, ­
  und  in  den  christlichen  Sozialisten  :  Bûchez,  Chevé,  Fr.  Huet,
Ott  usw.  Vorläufer  gehabt.  de  Lamennais  und  seine
Freunde,  sowie  de  Villeneuve-Bargemont  verlangten  soziale ­
  Reformen  im  Wege  des  gesetzgeberischen  Eingreifens  des
Staates.  Die  christlichen  Sozialisten  strebten  die  kommunistische
Lösung  des  Verteilungsproblemes  an,  teils  im  Wege  der  Selbsthilfe ­
  der  Arbeiter,  teils  mit  Hilfe  des  Staates.  Das  einigende
Band  aber,  von  Montalembert  und  Lamennais  bis  zur
äußersten  Linken,  ist  der  Gedanke,  Christentum  und  Revolution
zu  versöhnen.  Derselbe  steigerte  sich  bis  zu  dem,  das  Christentum ­
  sei  der  höchste  Ausdruck  der  revolutionären  Prinzipien  und
umgekehrt,  die  Revolution  sei  der  höchste  Ausdruck  des  Christentums. ­
  Diese  Idee  wurde  zwar,  wie  der  utopische  Sozialismus,
durch  die  blutigen  Junitage  des  Jahres  1848  und  durch  den

0  Vgl.  das  Zitat  aus  einer  Rede  de  Meluns  bei  de  Clercq,  Les  Doctrines
Sociales  Catholiques  en  France,  3.  Auf!.,  Bd.  II  p.  10:  „Wir  werden  früh  oder
spät  zu  jenen  alten  Zünften  zurückkehren  müssen,  deren  Aufgabe  es  war,  für  alle
ihre  Mitglieder  gesunden  Menschenverstand,  Klugheit  und  Sittlichkeit  zu  haben."
        <pb n="212" />
        Vorgeschichte

191

Staatsstreich  vom  2.  Dezember  1851  brutal  erstickt,  doch  lebt
sie  seit  1894  wieder  auf 1 ).
Die  Lamennaisgruppe  gab  sich  August  1830  ein  Organ  in
der  Zeitschrift  VAvenir.  Die  bedeutendsten  Mitglieder  der  Giuppe
waren  außer  Lamennais  selbst,  der  nachmalige  Dominikaner
Lacordaire  und  Montalembert.  Lamennais  griff  im  Avenir  die
klassische  Nationalökonomie  heftig  an,  erhob  die  Forderung
nach  staatlicher  Arbeiterschutzgesetzgebung  und  verlangte  vom
Papste,  daß  er  sich  diese  Forderung  zu  eigen  machte 2 ).  Abbe
Gerbet  gewann  für  Lamennais  den  volkswirtschaftlich  vorgebildeten ­
  früheren  Emigranten  de  Coux,  der  im  Avenir
mit  den  Argumenten  Sismondis  gegen  die  großindustrielle
Entwicklung  und  gegen  die  englische  Nationalökonomie  polemisierte. ­
  Auch  hielt  de  Coux  1832  stark  besuchte,  volkswirtschaftliche ­
  Vorträge  in  Paris.  Der  positive  Teil  seiner  Anschauungen ­
  gipfelt  in  der  Lehre  vom  gerechten  Lohn  der  mittelalterlichen ­
  Theologen.  In  seinen  interventionistischen  Forderungen ­
  blieb  de  Coux  damals  recht  zaghaft  und  zurückhaltend.
1834  wurde  er  auf  den  nationalökonomischen  Lehrstuhl  der
wieder  hergestellten  katholischen  Universität  Löwen  berufen.
1845  finden  wir  ihn  wieder  in  Paris  an  der  Spitze  des  katholischen ­
  Univers]  1848  trat  er  in  der  Ere  Nouvelle  für  die  progressive ­
  Einkommensteuer  und  das  Recht  auf  Arbeit  ein 3 ).
Die  Zeitschrift  VAvenir  wurde  nach  kaum  zweijährigem
Erscheinen  durch  die  Enzyklika  Gregors  XVI.  Mirari  vos  vom
15.  August  1832  verurteilt;  dies  hatte  die  Versprengung  der
Lamennais  gruppe  zur  Folge.  Lamennais  selbst  wandte  sich
nach  seinem  Bruch  mit  Rom  mehr  noch  als  vorher  den  sozialen
Fragen  zu  und  stellte  weitgehende  Forderungen  zugunsten  der

1)  Der  Dominikanerpater  Maumus  schreibt  hiezu  in  seinem  Werk  L'Eglise
et  la  France  moderne,  Paris  1897,  p.  78:  „Die  grundlegende  und  außerordentlich ­
  fruchtbare  Idee  des  berühmten  Blattes  (Avenir),  d.  h.  die  Allianz  der  Kirche
und  Völker,  die  Einigung  zwischen  Christentum  und  Demokratie,  triumphiert  in
unsern  Tagen.  Die  Katholiken  sind  bestrebt,  den  einstigen  Traum  der  Redakteure ­
  des  Avenir  zu  verwirklichen.“  Näheres  darüber  weiter  unten.
2 )  Vgl.  de  Girard,  Ketteier  et  la  question  ouvrière,  p.  117.
3 )  de  Coux  veröffentlichte  in  Buchform:  Essais  d’économie  politique,  1832
und  Cours  d’économie  sociale,  1834.
        <pb n="213" />
        192

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

proletari  sierten  Massen  auf 1 ).  Mit  nicht  minderer  Beredsamkeit,
als  er  sie  in  dem  berühmten  Buche  „Paroles  d’un  Croyant“
(1834)  entwickelte,  brachte  nachmalig  Montalembert,  gelegentlich ­
  der  parlamentarischen  Debatten  über  die  Arbeiterschutzvorlage ­
  von  1841,  die  interventionistischen  Anschauungen
der  einstigen  weltstürmenden  Jugendfreunde  in  ergreifender  und
auch  erfolgreicher  Weise  vor  der  französischen  Pairskammer
zum  Ausdruck.
Den  Versuch,  ein  System  der  christlichen  oder  richtiger
katholisch-kirchlichen  Nationalökonomie  der  klassischen  Lehre
entgegenzustellen,  unternahm  de  Villeneuve  -  Bargemont
(1784—1850),  welcher  unter  Karl  X.  Präfekt  des  industriellen
Norddepartements  gewesen  war 2 ).
de  Villeneuve-Bargemont  macht  sich  Sismondis
Kritik  an  der  großindustriellen  Entwicklung  zu  eigen  und  wirft
mit  ihm  der  klassischen  Schule  vor,  sie  habe  die  Produktionsfrage ­
  in  den  Vordergrund  gesetzt  statt  des  Verteilungsproblems,
und  damit  dazu  beigetragen,  das  Elend  zu  vermehren,  statt  es
zu  verringern.  Nicht  die  Güterproduktion  allein  ist  Zweck  der
Gesellschaft;  dieser  besteht  vielmehr  darin,  Wohlstand  und
Sittlichkeit  unter  den  Menschen  möglichst  zu  verbreiten.  Die
Theorien  der  englischen  Schule  vermögen  nicht  dahin  zu  führen  ;
sie  müssen  darum  verbessert  werden,  oder  sichereren  Theorien
Platz  machen“  *).
Die  Tatsache  des  Pauperismus  ist  der  empirische  Ausgangspunkt ­
  von  de  Villeneuve  -  Bargem  onts  nationalökonomischem ­
  Denken.  Zweck  der  „christlichen  Nationalökonomie“
ist,  jene  zu  bekämpfen.  Ganz  wird  die  Armut  allerdings  nie
J )  Vgl.  Lamennais'  Schriften:  Paroles  d’un  Croyant,  Paris,  1834;  Le  Livre
du  Peuple,  Paris,  1837;  De  l’Esclavage  moderne,  Paris,  1840.  Vgl.  Grünberg,
Art.  Christi.  Sozialismus  in  Elsters  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft.
2 )  Dessen  hauptsächlichsten  Werke  sind:  Economie  politique  chrétienne
on  Recherches  sur  la  nature  et  les  causes  du  paupérisme  en  France  et  en
Europe,  3  Bde.,  1834,  und:  Histoire  de  l’Economie  Politique,  1841.
Über  de  Villeneuve-Bargemont  vgl.  insbesondere:
M.  Eblé  loc.  cit.  I.  p.  10  ff.
de  Clercq  loc.  cit.  I.  p.  28  ff.
Claudio  Jannet  Art.  :  De  l’Etat  Actuel  de  la  Science  Sociale  in  :  Le  Correspondant, ­
  10.  und  25.  Sept.  1878.
3 )  de  Villeneuve-Bargemont,  Economie  politique  chrétienne,  Bd.  I  p.  82.
        <pb n="214" />
        Vorgeschichte  193
von  der  Erde  verschwinden,  denn  sie  ist  eine  1  olge  der  Erbsünde.
In  dieser  liegt  die  vollständige  Erklärung  der  Ursachen  der  Ungleichheit ­
  der  sozialen  Lage  und  folglich  der  letzte  Grund  der
Armut 1 ).
Abhilfe  gegen  den  nie  dagewesenen  Pauperismus,  welchen
die  grobindustrielle  Entwicklung  mit  sich  gebracht,  kann  nui
eine  christliche  Gesellschaftsordnung  schaffen,  in  der  dem  Aibeitei
der  gerechte  Lohn  der  mittelalterlichen  Theologen  gezahlt  wird.
Zur  Verwirklichung  einer  solchen  Gesellschaftsordnung  auf  dem
Boden  der  Prinzipien  von  89  ist  die  Einmischung  von  Kirche
und  Staat  ins  Wirtschaftsleben  erforderlich.  Die  Kirche  soll
ihre  Diener  aus  der  Sakristei  und  dem  Presbyterium  heraus
unter  die  Massen  schicken,  um  an  der  Hebung  der  sittlichen
und  materiellen  Lage  derselben  zu  arbeiten.  Der  Staat  soll  sich
angelegen  sein  lassen,  die  Lehren  des  Christentums  in  seiner
Gesetzgebung  zu  verwirklichen.  Dies  tut  er  zunächst  durch
Arbeiterschutzmaßnahmen.  Als  solche  empfehlen  sich  dringend  :
Verbot  der  Kinderarbeit,  strenge  gesundheitspolizeiliche  Vorschriften ­
  für  Fabriken  und  Werkstätten  und  Beaufsichtigung
dieser  durch  staatliche  Inspektoren,  Verbot,  Arbeiter  zu  beschäftigen, ­
  die  nicht  lesen,  schreiben  und  rechnen  gelernt  haben,
und  Schaffung  von  Fortbildungsschulen  für  erwachsene  Arbeiter,
Trennung  der  Geschlechter  bei  der  Arbeit,  Errichtung  von  Sparund ­
  Versicherungskassen  für  Arbeiter,  endlich  fakultative  Fähigkeitsprüfungen ­
  für  jugendliche  Arbeiter.  Ferner  verlangt
de  Villeneuve-Bargemont  vom  Staate  gesetzliche  Maßnahmen, ­
  welche  die  Stabilität  der  Familien  und  das  Vorwiegen
des  Grundbesitzes  über  die  Industrie  sichern,  sowie  Selbstverwaltung ­
  der  Gemeinden  und  der  Anstalten  von  öffentlichem
Nutzen.  Am  Staate  ist  es  endlich,  die  berufliche  Organisation
der  Arbeiter  zu  fördern.  Nicht  die  Wiedererrichtung  der  alten
Zünfte  will  de  Villeneuve-Bargemont,  sondern  die  Gründung ­
  von  Gewerkvereinen  nach  dem  Beispiel  der  aufblühenden
englischen  Trade  Unions.  Dabei  bleibt  er  in  den  Vorurteilen
der  Gesetzgebung  von  1791  befangen,  welche  dem  kollektiven
Arbeitsvertrag  feindlich  gesinnt  war.  Um  die  Lohnfestsetzung
sollen  sich  die  Arbeiterorganisationen  überhaupt  nicht  kümmern.

i)  ibid.  p.  111  und  p.  206.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

13
        <pb n="215" />
        194

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

Ausgehend  von  der  Auffassung,  daß  der  Hauptzweck  der
Nationalökonomie  in  einer  gerechten  Güter  Verteilung,  in  Verallgemeinerung ­
  des  Wohlstandes  und  in  Bekämpfung  der  Armut
liegt,  appelliert  deVilleneuve-Bargemont  schließlich  noch
an  die  Privatinitiative  mit  dem  Vorschlage,  eine  große,  christliche, ­
  auf  die  Familien  als  Einheit  gegründete,  die  ganze  Nation
umfassende  Wohltätigkeitsanstalt  ins  Leben  zu  rufen.
de  Villeneuve-Bargemonts  „christliche  Nationalökonomie“ ­
  stellt  einen  Versuch  dar,  der  nicht  zur  Ausreifung
gelangt  ist.  Seinen  grundsätzlichen  Standpunkt  müssen  wir
ablehnen,  weil  er  der  Suprematie  der  Kirche  über  den  Staat
Tür  und  Tor  öffnet.  Übrigens  klingen  de  Villeneuves  Anschauungen ­
  an  mehr  als  einer  Stelle  an  den  Absolutismus
de  Maistres  und  de  Bonalds  an.
Bevor  wir  uns  den  katholischen  Sozialisten  zuwenden,  sei
noch  kurz  auf  Louis  Veuillot  und  Daniel  Legrand  hingewiesen.
Beide  waren  zwar  nicht  Männer  der  Wissenschaft,  sondern
Propagandisten.  Doch  verdienen  sie  Erwähnung  unter  den  Vorläufern ­
  der  Sozialkatholiken  von  heute:  der  Fabrikant  Legrand,
weil  er  neben  Villermé,  Dupin  und  Montalembert  wohl  am  meisten
zum  Zustandekommen  der  Arbeiterschutzgesetzgebung  von  1841
beigetragen  und  durch  zwanzig  Jahre  eine  unermüdliche  Propaganda ­
  zugunsten  einer  internationalen  Regelung  des  Arbeiterschutzes ­
  führte 1 );  der  Schriftsteller  und  Journalist  Louis
Veuillot,  weil  er  stets  mit  der  ganzen  Kraft  seiner  hervorragenden ­
  schriftstellerischen  Begabung  für  die  Linderung  des
Elends  der  arbeitenden  Klassen,  das  er  selbst  in  seiner  Jugend
im  Elternhause  gesehen  und  am  eigenen  Leibe  erfahren  hatte,
eintrat.  Ihm  dünkte  allerdings  Selbsthilfe  der  Arbeiter  durch
korporative  Berufsorganisationen  wirksamer  als  gesetzgeberische
Schutzmaßnahmen.  Darin  deckten  sich  seine  Anschauungen
mit  denen  seiner  nichtinterventionistischen  Freunde  de  Melun
und  Segrétain.
Wenden  wir  uns  nun  noch  in  Kürze  zu  den  christlichen
Sozialisten.  Im  Revolutionsjahr  1848  galt  eigentlich  aller
i)  Vgl.  insbesondere  :  Darnel  Legrand,  Pétition  en  faveur  de  la  protection
ouvrière  internationale,  1841  ;  —  Respectueux  Appel  aux  Gouvernements  des
Pays  industriels  en  faveur  d’une  législation  ouvrière  internationale,  1853  ;  —
Dernier  Appel,  1857.
        <pb n="216" />
        Vorgeschichte

195

Sozialismus  für  christlich.  In  den  revolutionären  Zeitungen,  in
den  Volksalmanachs,  in  Liedern  und  Tischreden  —  das  Bankettfeiern ­
  war  damals  in  Arbeiterkreisen  sehr  in  Mode  —  in  Bilderbogen ­
  und  Plakaten,  kurz  :  in  allen  Dokumenten  der  damaligen
Zeit,  welche  uns  über  die  Volksstimmung  Auskunft  geben,  kehrt
immer  der  Gedanke  wieder  :  der  Sozialismus  ist  die  Quintessenz
des  Christentums,  Christus  war  der  erste  Sozialist  ')  1  Auch  die,
im  Grunde  nichts  weniger  als  christlich  gesinnten  Sozialistenführer, ­
  wie:  Pierre  Leroux,  Louis  Blanc,  Proudhon  u.  a.  beriefen  sich
damals,  um  ihre  Theorien  zu  begründen,  auf  die  Lehre  Christi 2 ).
Unter  den  sozialistischen  Systemschmieden  der  ersten  Hälfte
des  XIX.  Jahrhunderts  hatte  übrigens  mehr  als  einer  tatsächlich
seine  Anschauungen  aus  dem  Evangelium  und  den  Kirchenvätern
zu  folgern  unternommen.  Saint-Simon  bezeichnete  seine  Lehre
als  Nouveau  Christianisme;  der  Kollektivist  Constantin  Pecqueur,
welcher  vor  Karl  Marx  die  Begriffe  von  Klassenkampf  und
Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel  in  die  Welt  setzte,
folgert  seinen  Sozialismus  aus  dem  Willen  Gottes  und  dem
christlichen  Sittengesetz 3 ).  Desgl  .Vidal*).  Etienne  Cabet  wählt
den  Titel  Le  Vrai  Christianisme  selon  Jésus-Christ  für  ein  Buch,
in  dem  er  festgestellt  haben  will,  daß  die  wesentlichen  Sätze
des  Kommunismus  von  der  absoluten  Gütergemeinschaft  bis  zur
Beseitigung  des  Geldes  im  Evangelium  bereits  ausgesprochen
sind;  daß  Christus  selbst  Kommunist  war  und  daß  folglich
„niemand  von  sich  behaupten  kann,  er  sei  Christ,  wenn  er  nicht
Kommunist  ist“ 5 ).  Considérant  stützt  seine  sozietären  An-1)
  Vgl.  Benoit  Malón,  Exposé  des  Ecoles  Socialistes  de  France,  1872,
p.  330  if.  ;  —  Henri  Joly,  Le  Socialisme  Chrétien,  1892,  cap.  4  und  viele  andere.
2 )  Louis  Blanc  schreibt  an  den  gefangenen  Barbés:  „(Unsere  Ideen)  haben
in  allen  Zeitaltern  Apostel,  Kämpfer  und  Propheten  gehabt:  Plato,  die  hh.
Paulus,  Chrysostomus,  Basilius;  Münzer,  Campanella,  Thomas  Morus,  Morelly,
-I.  J.  Rousseau,  die  Besiegten  des  Thermidor  und,  über  allen  diesen,  den  Gekreuzigten!“ ­
  Le  Peuple,  Nummer  vom  10.  April  1849.  Vgl.  eine  Reihe  ähnlicher ­
  Zitate  bei  H.  Joly,  Le  Socialisme  Chrétien,  1892,  cap.  4.
8 )  C.  Pecqueur,  Théorie  nouvelle  d’économie  sociale  et  politique,  1842,
und:  République  de  Dieu,  union  religieuse  pour  la  pratique  immédiate  de  l’égalité ­
  et  de  la  fraternité  universelles,  1844.
4 )  François  Vidal,  De  la  Répartition  des  richesses  ou  de  la  Justice  distributive ­
  en  Economie  sociale,  Paris,  Capelle,  1846.
5 )  Cabet,  Le  Vrai  Christianisme  suivant  Jésus-Christ,  Paris  1847,  p.  216,
285,  620.  —  Vgl.  dazu  die  ausführlichen  Besprechungen  bei  Henry  Michel,
        <pb n="217" />
        196

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

schammgen  auf  „die  Autorität  des  Evangeliums  und  die  reinen
Überlieferungen  der  Religion  der  Schwachen  und  Bedrückten“  *).
Gewiß  war  bei  dem  Unterfangen,  Christentum  und  kommunistische ­
  Lösung  des  wirtschaftlichen  Verteilungsproblems  zu
identifizieren,  ein  gut  Stück  Mystizismus,  romantischer  Sentimentalität ­
  und  Iliuminatentums.  Nichtsdestoweniger  liegt  der  Idee
der  Zusammengehörigkeit  von  Christentum  und  Sozialismus  ein
wahrer  Kern  zugrunde  und  man  wird  E.  de  Laveleye  recht  geben
müssen,  wenn  er  urteilt:  „Was  auch  die  Gegner  des  Christentums ­
  dazu  sagen  mögen,  die  Emanzipationsbewegung  der  unteren
Klassen,  welche  nach  und  nach  die  Sklaverei  und  die  Leibeigenschaft ­
  überwand  und  welche  dem  Grundsatz  der  Gleichheit
aller  Menschen  in  der  amerikanischen  und  in  der  französischen
Revolution  zum  Siege  verbals,  ist  unstreitig  dem  Evangelium
entsprungen.  Alles,  was  geschieht,  um  die  Lage  der  wirtschaftlich ­
  Schwachen  zu  heben  und  das  Los  der  Armen  zu  bessern,
entspricht  den  Lehren  Christi;  so  geht  auch  offenbar  der
Sozialismus  in  seiner  allgemeinen  Tendenz  und  insofern  er,  um
mit  St.  Simon  zu  reden,  weiter  nichts  als  „die  Besserung  der
sittlichen,  intellektuellen  und  materiellen  Lage  der  Massen“  anstrebt, ­
  aus  dem  Christentum  hervor“  2 ).
Wenn  nun  auch  manche  sozialistische  Neuerer  der  besprochenen ­
  Periode  sich  auf  das  Christentum  als  die  Quelle  und
die  Grundlage  ihrer  Anschauungen  beriefen,  und  wenn  1848
von  der  Pariser  Arbeiterbevölkerung  jedem  Sozialismus  ein
christlicher  Anstrich  gegeben  wurde,  so  interessieren  uns  hier
als  Vorläufer  der  Schulen  de  Muns  und  Naudets  doch  nur
diejenigen  Sozialisten,  welche  auf  dem  Boden  des  offiziellen
Christentums:  der  katholischen  Kirche  standen.
Als  solcher  ist  zunächst  Bûchez 3 )  zu  nennen.  Bûchez
L’Idée  de  l’Etat,  Paris  1896,  p.  248  ff.,  und  bei  Gaston  Isambert,  Les  Idées
socialistes  en  France  de  1815  à  1848,  p.  298  ff.
i)  Considérant,  Le  Socialisme  devant  le  vieux  monde  ou  le  vivant  devant
les  morts,  2.  Ausi.,  Paris  1849,  p.  212.
3 )  E.  de  Laveleye,  Le  Socialisme  Contemporain,  11.  Ausi.  1902,  p.  137—138.
3 )  Philippe  Bûchez  (1796—1865)  Introduction  à  la  science  de  l’histoire,
1833,  2.  Aufl.  1842  ;  Histoire  de  la  nationalité  française,  1859  ;  Traité  de  la
politique  et  de  la  science  sociale,  1866.  Mit  Roux-Lavergne  gab  Bûchez  eine
Histoire  parlamentaire  de  la  Révolution  française  heraus  (1833—1838,  40  Bde.),
zu  welcher  er  nicht  weniger  als  33  Einleitungen  schrieb.
        <pb n="218" />
        Vorgeschichte

197

war  als  junger  Arzt  Schüler  St.  Simons  geworden.  Als  die  Saint-Simonistische
  Gemeinde  daran  ging,  sich  unter  Lazard  und
Enfantin  als  religiöse  Genossenschaft  zu  konstituieren,  trat
Bûchez  mit  A.  Comte  aus.  Unter  dem  Einfluß  der  Saint-Simonistischen
  Idee,  die  soziale  Reorganisation  der  Gesellschaft
sei  nur  auf  der  Basis  religiöser  Gefühle  möglich,  wandte  sich
Bûchez  zum  Katholizismus.  Diese  Idee  beherrschte  zeitlebens
sein  wissenschaftliches  Denken  und  seine  sozialpolitische  Tätigkeit.
Bûchez’  Hauptwerk  ist  die  Introduction  à  la  Science  de
l'histoire.  Er  wendet  sich  an  die  Geschichte  zur  Lösung  der
Frage  nach  den  Ursachen  der  sozialen  Erscheinungen.  Dabei
geht  er  von  der  Annahme  aus,  daß  in  allen  sozialen  Tatsachen
ein  gewisses  Etwas  sich  vorfinden  muß,  das  die  Erhaltung  des
gesellschaftlichen  Zusammenlebens  bewirkt.  Dieses  gewisse
Etwas,  das  Gesetz  des  gesellschaftlichen  Lebens  der  Menschheit,
will  er  erforschen.  „Die  Geschichtswissenschaft,“  schreibt  er,
„ist  die  Gesamtheit  der  Arbeiten,  deren  Zweck  ist,  durch  Erforschung ­
  der  historischen  Tatsachen  das  Gesetz  der  Entstehung ­
  der  sozialen  Erscheinungen  zu  finden,  so  daß  man
die  Zukunft  des  Menschengeschlechtes  voraussehen  und  die
Gegenwart  durch  diesen  Blick  in  die  Zukunft  beleuchten  könne“  *).
Auf  die  Geschichtsforschung  versucht  Bûchez  die  naturwissenschaftlichen ­
  Methoden  der  Beobachtung  und  der  Hypothese
zu  übertragen.  Die  Gesellschaftswissenschaft,  zu  der  er  gelangen
will,  soll  eine  soziale  Physik  oder  Physiologie  sein.  „Die  Geschichtswissenschaft,“ ­
  meint  er,  „beruht  auf  zwei  Ideen  :  der  des
Fortschrittes  und  der  der  Analogie  der  Fähigkeiten  der  Menschheit
mit  denen  des  Individuums“.  Die  Idee  des  Fortschrittes  setzt
voraus  :  1.  die  geistige  Kontinuität  der  Art,  eine  auf  dasselbe
Ziel  gerichtete,  einheitliche  Betätigung  der  aufeinander  folgenden
Generationen  ;  2.  die  Idee  der  Progressivität,  indem  jede  neue
Tatsache  sich  an  die  vorhergehenden  anlehnt,  aber  jeweils  vollkommener ­
  ist,  als  die  früheren.  Die  Analogie  der  Fähigkeiten
der  Menschheit  mit  denen  des  Individuums  bildet  ihrerseits  die
Grundlage  der  Politik 2 ).
Man  kann  nicht  behaupten,  daß  es  Bûchez  gelungen  sei,
*)  Bûchez,  Introduction  à  la  Science  de  l’histoire,  1833,  p.  1.
*)  Vgl.  M.  Eblé,  Les  Ecoles  catholiques  d’économie  politique  et  sociale  en
France,  Paris,  1905,  p.  33  ff.  und  Bûchez,  loc.  cit.
        <pb n="219" />
        198

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

„das  Gesetz  der  Entstehung  der  sozialen  Erscheinungen,  welches
die  Zukunft  des  Menschengeschlechtes  vorauszusehen  ermöglicht“,
zu  finden.  Der  positive  Inhalt  seiner  Gesellschaftslehre  gipfelt
in  dem  Satze,  das  Individuum  sei  da  für  die  Gesellschaft,  nicht
aber  die  Gesellschaft  für  das  Individuum.  Der  Mensch  kann
nur  in  Gesellschaft  leben;  die  Gesellschaft  hat  aber  einen  gemeinsamen ­
  Betätigungszweck  für  alle  ihre  Mitglieder.  Die  Erreichung ­
  desselben  macht  eine  Regierung  nötig,  „welche  die  verschiedenen ­
  Tätigkeiten  und  ihre  Formen  nach  der  Ordnung  regelt,
welche  das  zu  erstrebende  Ziel  seiner  Natur  nach  verlangt“  x ).
Bûchez  hat  eine  große  Vorliebe  für  das  Mittelalter;  dem
Vorstellungskreis  der  Feudalzeit  entnimmt  er  die  für  die  heutige
Schule  de  la  Tour  du  Pins  und  de  Muns  grundlegende
Auffassung  des  Eigentums  und  der  Arbeit  als  soziale  oder  gesellschaftliche ­
  Funktionen 2 ).  Bûchez’  Begeisterung  für  die,
durch  ein  stark  idealisierendes  Temperament  gesehene,  korporative ­
  Organisation  des  Handwerks  im  hohen  Mittelalter  veranlaßte ­
  ihn,  in  der  Produktivgenossenschaft,  in  welcher  er  eine
Nachbildung  jener  Organisation  sah,  das  Mittel  zur  sozialen
Neuordnung  zu  präkonisieren.  1834  gründeten  vier  Goldarbeiter
unter  Bûchez’  Patronat  eine  solche  Genossenschaft.  Jeder
brachte  sein  Handwerkszeug  und  einiges  Kapital  in  die  Gesellschaft ­
  ein.  Nach  dem  Gründungsstatut  sollte  das  Gesellschaftskapital, ­
  wie  einst  die  Zunftpatrimonien,  ewiges,  unaufteilbares
Eigentum  der  Genossenschaft  bleiben.  Zudem  sollte  es  jährlich
um  x / 5  des  erzielten  Reingewinnes  vermehrt  werden.  Bûchez
hoffte  durch  eine  derartige  Organisation  der  Gewerbe  die  Produktionsmittel ­
  nach  und  nach  auf  friedlichem  Wege  in  genossenschaftlichen ­
  Besitz  zu  bringen.
Die  von  Bûchez  ins  Leben  gerufene  Produktivgenossenschaft ­
  hielt  sich  bis  1870.  Sie  gab  zeitweise  eine  Zeitschrift
l’Atelier  heraus,  welche  der  Propaganda  für  Buchezsche  Ideen
diente.  Von  diesen  gingen  auf  die  heutigen  katholischen,  sozialökonomischen ­
  Schulen  über  :  die  historische  Auffassung  der
Volkswirtschaft,  die  Wertschätzung  der  korporativen  Wirtschaftsordnung ­
  des  Mittelalters  und  last  not  least  das  Postulat
der  genossenschaftlichen  Organisation  der  Produktion.
0  Bûchez,  loe.  eit.  p.  46.
-)  Bûchez,  loe.  eit.  p.  57  ;  vgl.  M.  Eblé,  loe.  eit.  p.  24—25.
        <pb n="220" />
        Vorgeschichte

199

Unter  den  Schülern  Bûchez’  verdienen  Chevé  und  Ott  Erwähnung. ­

Chevé  schrieb  zwei  kleine  Bücher 1 ),  von  denen  das  eine,
1842  erschienene,  noch  ganz  im  Zeichen  des  utopischen  Sozialismus ­
  steht,  während  das  zweite,  im  Bevolutionsjahr  1848  veröffentlichte, ­
  neben  dem  Einfluß  St.  Simons  und  Bûchez’
bereits  denjenigen  des  aufkeimenden  Marxismus  verrät.
Chevé  geht  schon  in  seinem  ersten  Werk  weiter  als
Lamennais  und  Bûchez.  Ihm  ist  es  nicht  mehr  darum  zu
tun,  die  Kirche  und  die  modernen  Ideen  zu  versöhnen.  Für
ihn  sind  beide  eins.  Revolution  und  Christentum,  christliche
und  demokratische  Gesinnung  sind  eins  und  dasselbe.  Das
Reich  Gottes  auf  Erden  wird  durch  die  ewige  Allianz  von
Katholizismus  und  Demokratie  verwirklicht  werden.  „La  religion
se  fait  peuple  et  l’Eglise  humanité“  2 ).  Chevé  ist  ein  Illuminât.
Dem  Staatssozialismus  Bûchez’  verleiht  er  einen  entschiedeneren,
wenn  auch  exaltierteren  Ausdruck,  als  es  der  Meister  getan.
„Der  Staat,“  schreibt  er,  „ist  die  allumfassende  Einheit,  der
nichts  entgeht.  Er  ist  der  hierarchische  Gewalthaber,  welcher
alle  individuellen  Handlungen  in  einer  einzigen  nationalen
Handlung  zusammenfaßt.  Er  umschließt  die  Gesellschaft  von
der  Basis  bis  zum  Gipfel  und  macht  aus  der  Gesamtheit  der
Bürger  einen  einzigen  Mann,  den  ein  einziges  Lebensprinzip
bewegt  usw.“ 3 ).
Che  vés  Werkehen  Le  dernier  mot  du  Socialisme  aus  dem
Jahre  1848  schlägt  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel
9  Chevé,  Catholicisme  et  Démocratie  ou  le  Règne  du  Christ,  1842  und:
Le  dernier  mot  du  Socialisme  par  un  catholique,  1848.  Über  Chevé  vgl.  Eblé,
loc.  cit.  p.  25  if.
2 )  Chevé,  Catholicisme  et  Démocratie,  Paris,  1842,  p.  4.
3 )  ibid.  p.  75  if.  In  folgendem  Passus  ist  der  Einfluß  Saint-Simons  erkennbar: ­
  „Enfin,  l’Etat  enveloppant  aussi  l’industrie  sous  l’immense  réseau  de
sa  prévoyance  sociale,  en  régularisera  l’action  bienfaisante.  Elle  édifiera  la
commune  nationale  sur  le  plan  de  la  communauté  religieuse,  et  ce  sera  la  dilatation ­
  dernière  de  l’Eglise  se  faisant  peuple.  Alors  le  territoire  entier  de  la
nation  deviendra  comme  un  champ  labouré  par  une  seule  main,  toutes  les  forces
productrices  comme  un  seul  atelier  dirigé  par  une  seule  tête,  et  toutes  les  voies
de  répartition  comme  un  seul  marché  pourvu  par  un  seul  homme.  Là  est  l’idéal
de  l’avenir  industriel.“  ibid.  p.  77.  (Im  Urtext  mitgeteilt,  um  dem  eigentümlichen ­
  Gepräge  der  Sprache  Chevés  durch  die  Übersetzung  keinen  Eintrag
zu  tun.)
        <pb n="221" />
        200

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

und  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  als  Grundlagen  der
Neuordnung  der  Gesellschaft  vor.  Zu  deren  Verwirklichung  ist
aber  vor  allem  nötig,  den  Kapitalzins  zu  beseitigen.
Bedeutender  als  Che  vé  ist  François  Huet  (1814—1869)0.
Franzose  von  Geburt,  war  Hu  et  Professor  der  Philosophie  an
der  Universität  Gent  und  Schüler  des  belgischen  Agrarsozialisten
Colins.  Sein  Hauptwerk  ist  Règne  Social  du  Christianisme.  Dasselbe ­
  erschien  zwar  erst  1853,  ist  aber  noch  ganz  im  Geiste  der
40er  Jahre  geschrieben.  Es  stellt  den  methodologisch  besten
Versuch  dar,  die  christlichen,  liberalen  und  kommunistischen
Anschauungen  der  Zeit  in  ein  einheitliches  System  zu  bringen.
Huet  ist  außerordentlich  bibelfest;  er  ist  unermüdlich  im  Zitieren
aus  der  hl.  Schrift.  Sein  Ideal  ist  nicht  die  mittelalterliche,
feudalkorporative  Staats-  und  Wirtschaftsordnung,  sondern  eine
solche,  die  die  Prinzipien  von  Freiheit,  Gleichheit  und  Brüderlichkeit ­
  vollkommen  verwirkliche.  Huets  Wirtschaftslehre  ist
bis  auf  zwei  Punkte  mit  derjenigen  der  liberalen  Schule  identisch. ­
  Diese  beiden  Punkte  sind:  der  Agrarsozialismus,  zur  Verwirklichung ­
  der  wirtschaftlichen  Gleichheit  aller  und  das  Recht
aller  auf  Unterstützung,  als  Konsequenz  der  universalen  Brüderlichkeit. ­

Dem  Agrarsozialismus  Huets  liegt  die  Anschauung  zugrunde, ­
  Christentum  und  Sozialismus  hätten  ein  gemeinsames
Ideal  von  Gleichheit  und  Brüderlichkeit,  da  beide  dem  gesamten
Menschengeschlecht  die  Erde  zu  gemeinsamer  Nutznießung  anweisen. ­
  Aber  auch  eine  philosophische  Grundlage  hat  der
Agrarsozialismus.  Das  Eigentum  ist  nämlich  ein  natürliches
Recht;  folglich  beruht  es  weder  auf  Arbeit,  noch  auf  Okkupation, ­
  noch  auf  Ersitzung,  sondern  auf  der  Eigenschaft  als  Mensch.
Diese  Eigenschaft  berechtigt  einen  jeden  zum  Besitz  eines  Patrimoniums, ­
  welches  ihm  von  der  Gesellschaft  anzuweisen  ist.  Die
Verwirklichung  des  Agrarsozialismus  denkt  sich  Huet  in  der
Weise,  daß  die  im  Besitz  der  Bodeneigentümer  befindlichen  ererbten ­
  Güter  bei  ihrem  Tode  unter  die  14-  bezw.  25jährigen
Volksgenossen  aufgeteilt  würden,  während  die  durch  persönliche
Arbeit  erworbenen  Güter  jeweils  einmal  vererbt  werden  könnten.
Neben  dem  Agrarsozialismus  und  der  Theorie  vom  Rechte
] )  Über  Huet  vgl.  Rambaud,  Histoire  des  doctrines  économiques,  2.  Ausl.,
Paris,  1902,  p.  674—675  und  p.  698  ff.,  sowie  M.  EbU,  loc.  cit.  p.  31  ff.
        <pb n="222" />
        Vorgeschichte

201

jedes  einzelnen  auf  Unterstützung  vertritt  Huet  die  hauptsächlichsten ­
  Postulate  der  klassischen  Schule  :  freie  Konkurrenz,
Freihandel,  Nichteinmischung  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben.
Dagegen  appelliert  er  an  das  sozialpolitische  Wirken  der  Kirche.
Christus  habe  die  Kranken  geheilt,  darum  soll  der  katholische
Klerus  den  Armen  und  Schwachen  helfen,  auch  die  Güter  dieser
Erde  zu  erwerben 1 ).  Ja  noch  weit  mehr.  Diese  Tätigkeit  des
Klerus  soll  sich  zum  sozialen  Ausbau  der  christlichen  Religion
ausgestalten.  Denn  erst  dann  wird  sie  den  Absichten  ihres
Stifters,  der  Welt  Freiheit,  Gleichheit  und  Brüderlichkeit  zu
bringen,  entsprechen.  „Ein  neuer  Geist  wird,  von  der  Religion
ausgehend,  die  soziale  Ordnung  erneuern  und,  von  dieser  zurück
sich  wendend,  die  Religion  umgestalten.  Dann  wird  endlich  der
Tag  anbrechen,  wo  der  Klerus  sich  zum  sozialen  Katholizismus
bekehrt;  wo  die  Kirche  in  einer  Gesellschaft,  die  sie  selbst  und
für  sich  selbst  geschaffen  haben  wird,  sich  voll  verwirklichen
kann,  wie  sie  es  noch  nie  und  nirgends  gekonnt;  und  wo  die
Glorie  Jesu  Christi,  des  Lehrers  des  Menschengeschlechtes,  in
unvergleichlichem  Glanze  erstrahlen  wird“ 2 ).
Bei  seinem  Erscheinen  fand  Huets  Buch  wenig  Beachtung.
Schon  waren  die  Verbindungsbrücken  zwischen  Katholizismus
und  Sozialismus  abgeschlagen.  Das  zweite  Kaiserreich  verstand

*)  Huet,  Règne  social  du  christianisme,  p.  230—232.  Vgl.  Rambaud,  loc.
eit.  p.  699—700.
2 )  Huet,  loc.  cit.  p.  410.  Vgl.  dazu  auch  folgenden  Passus:  „Ich  habe
im  Lichte  der  neu  angebrochenen  Zeiten  über  die  Sendung  des  Welterlösers
nachgedacht;  ich  habe  den  sozialen  Lehrgehalt  des  Christentums  in  den  hl.
Büchern  erforscht:  und,  indem  ich  das,  was  von  Menschen  kommt,  entfernte,
um  mich  nur  an  das  zu  halten,  was  von  Gott  kommt,  fand  ich  klar,  daß  die
Erlösung  durch  das  Christentum  nicht  nur  darin  besteht,  durch  die  Kirche  Seelen
für  den  Himmel  zu  gewinnen,  sondern  auch  hienieden  eine  freie  und  brüderliche,
bürgerliche  Gesellschaft  zu  errichten,  diejenige  nämlich,  welche  die  von  ihren
Auswüchsen  gereinigte  Revolution  zum  Siege  führen  muß.  Ich  habe  ebenfalls
die  verschiedenen,  mit  dem  Worte:  Sozialismus  bezeichneten  Lehren,  welche
unsere  Zeit  so  tief  aufgewühlt  haben,  mit  unparteiischem  Eifer  durchforscht  .  .  .
Wieder  wurde  es  mir  klar,  nachdem  ich  ausgeschieden  hatte,  was  von  den
Leidenschaften  und  der  Unwissenheit  kommt,  und  mich  an  das  hielt,  was  aus
der  allgemeinen,  geistigen  Bewegung  folgt  und  was  der  Volksinstinkt  annimmt,
daß  jene  Befreiungsgedanken,  welche  man  als  eine  neue  Offenbarung  verkündet,
entweder  die  Lehre  des  Evangeliums  getreu  widerspiegeln,  oder  eine  Folge  derselben ­
  sind.“  Huet,  ibid.  p.  3—4.
        <pb n="223" />
        202

Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

die  Sprache  der  zweiten  Republik  nicht  mehr.  Dagegen  wurde
Huets  Werk  in  den  90er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts
aktuell.  Gerade  seine  zuletzt  erwähnten  Lehren,  die  Ausgestaltung ­
  der  katholischen  Religion  und  die  Erweiterung  des  Wirkungskreises ­
  des  Klerus  betreffend,  bilden  einen  Hauptbestandteil ­
  der  Ideenwelt  des  sogen.  Amerikanismus  (Bischof  Ireland,
P.  Hecker  usw.)  und  der  unten  zu  besprechenden  christlichen
Demokraten  Frankreichs  h.
Der  letzte  von  den  hier  zu  erwähnenden  christlichen  Sozialisten ­
  aus  der  Sturm-  und  Drangperiode  der  Julimonarchie
und  der  zweiten  Republik  ist  Auguste  Ott.
Ott  bildet  ein  Bindeglied  zwischen  Bûchez  und  Lamennais ­
  einerseits  und  den  heutigen  Sozialkatholiken  andererseits. ­
  Auf  Wunsch  der  Redaktion  der  Association  Catholique
gab  er  1892  sein  1851  in  erster  Auflage  erschienenes  Buch:  Traité
d'économie  sociale  in  zweiter  Auflage  heraus 1  2 ).  Von  den  Führern
der  sozialkatholischen  Gruppe  wird  Ott  noch  immer  hoch  geschätzt ­
  3 ).
Ott  setzt  der  Volkswirtschaftslehre  ein  doppeltes  Ziel:
1.  „durch  (die  Organisation  der)  Arbeit  für  die  bestmögliche ­
  Erhaltung  der  Gesellschaft  und  des  Individuums  Sorge  zu
tragen“ 4 )  und
2.  die  Arbeitsorganisation  dem  Sittengesetz  des  Evangeliums ­
  zu  unterwerfen.  Dieses  ist  „von  der  Revolution  in  den
Worten:  Freiheit,  Gleichheit,  Brüderlichkeit  zusammengefaßt
worden.  Das  Hauptziel  der  Nationalökonomie  ist  also  die  Freiheit, ­
  Gleichheit  und  Brüderlichkeit  in  die  Organisation  der
Arbeit  einzuführen“  5 ).
Um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  ist  eine  gesellschaftliche  Organisation ­
  der  Produktion  und  der  Verteilung  der  Güter  nötig.
Diese  gesellschaftliche  Organisation  wird  durch  folgende  vier

1)  Vgl.  Rambaud,  loc.  cit.  p.  699—700.
2 )  Auguste  Ott,  Traité  d’Economie  Sociale,  2.  Aufl.,  2  Bde.,  Paris,
Schleicher,  1892.
8 )  Der  apostolische  Missionar  P.  de  Pascal  rezensierte  das  Werk  Otts  in
der  Association  Catholique  mit  den  Worten:  „das  einzige  wahrhaft  menschliche
und  christliche  Lehrbuch,  das  wir  bisher  in  unserer  Sprache  besitzen.“
4 )  A.  Ott,  Traité  d’économie  sociale,  1.  Aufl.,  p.  17.
s )  ibid.  p.  19.  Vgl.  dazu  M.  Eblé,  loc.  cit.  p.  38.
        <pb n="224" />
        Vorgeschichte

203

Mittel  erreicht:  1.  Schaffung  eines  Bedürfnisnachweises,  2.  genossenschaftliche ­
  Produktion  der  zur  Befriedigung  der  festgestellten ­
  Bedürfnisse  nötigen  Güter;  3.  Heranbildung  der  von  den
Genossenschaften  benötigten  Arbeitskräfte  ;  4.  Gewerbepolizei
und  Gewerbegerichte 1 ).
Der  Bedürfnisnachweis,  „institution  de  prévoyance“,  stellt
die  vorhandenen  Bedürfnisse  der  Gesellschaft  und  der  Individuen
fest.  Dabei  verfährt  er  nach  dem  Grundsatz  der  Gleichheit
aller  Menschen.  Durch  den  Bedürfnisnachweis  wird  Menge  und
Art  der  Produktion  bestimmt.  Diese  kann  sich  über  das
Notwendige  hinaus  auf  das  Nützliche  und  selbst  auf  Luxusgüter
erstrecken  nach  Maßgabe  der  verfügbaren  Produktionsmittel 2 ).
Die  Bedürfnisnachweisanstalt  wird  zugleich  eine  große  Kreditzentrale ­
  sein,  welche  die  Produktion  im  ganzen  Lande  beleben
und  den  Güterumlauf  kontrollieren  soll 3 ).
Die  genossenschaftliche  Organisation  der  Produktion  hat  zum
Zweck,  den  Arbeitern  die  Möglichkeit  zu  geben,  Eigentümer
der  Produktionsmittel  zu  werden.  Denn  „die  einzige,  rationelle
Grundlage  des  Eigentumsrechtes  ist  die  Arbeit,  die  Produktion
selbst.  Es  ist  eine  Forderung  der  Gerechtigkeit,  daß  der  Arbeiter ­
  Herr  sei  über  das  Produkt,  das  er  geschaffen“ 4 ).  Die
innere  Ausgestaltung  der  Produktivgenossenschaft  denkt  sich
Ott  genau  wie  Bûchez.  Die  Genossenschaften  erhalten  ihre
Aufträge  vom  gesellschaftlichen  Bedürfnisnachweis.
Die  Heranbildung  der  von  den  Genossenschaften  gebrauchten ­
  Arbeitskräfte  hat  durch  technische  Unterrichtsanstalten  zu
erfolgen,  deren  Besuch  jedermann  offen  steht.  Gewerbepolizei
und  Gewerbegerichte  endlich  sind  nötig,  um  die  Auswüchse  der
individuellen  Freiheit  zu  unterdrücken 6 ).
Neben  die  Utopien  über  die  Organisation  der  Gesellschaft,
welche  den  Grund  von  Otts  Anschauungen  ausmachen,  reiht
er  Theorien,  welche  sich  mit  der  bestehenden  Gesellschaftsordnung ­
  sehr  gut  vertragen.  Die  Arbeitsfreiheit  verteidigt  er  mit
großer  Entschiedenheit.  „Die  Freiheit  ist  die  erste,  sittliche
Ö  Ott,  loc.  cit.  p.  187.
2 )  ibid.  p.  69.
3 )  ibid.  p.  188,
4 )  ibid.  p.  252.
5 )  ibid.  p.  187.
        <pb n="225" />
        204  Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

Bedingung  der  Arbeit;  sie  ist  auch  die  beste  materielle  Grundlage ­
  derselben“  *).  Damit  die  Arbeitsfreiheit  bestehe,  muß  jeder
das  Recht  haben  zu  arbeiten  oder  nicht  zu  arbeiten;  auch
müssen  sämtliche  Berufsarten  allen  offen  stehen.  Greifbar  wird
der  Widerspruch  zu  Bûchez’  Gesellschaftslehre,  welche  der
Ott  sehen  zugrunde  liegt,  wo  dieser  äußert,  die  Gesellschaft
dürfe  die  individuelle  Freiheit  nur  insoweit  beschränken,  als
„die  Erhaltung  der  Gesellschaft  und  das  allgemeine  Wohl  es
verlangen“ 2 ).  Da  wird  also  mit  einem  Male  die  individuelle
Freiheit  das  Primäre 3 ).  Wir  dürfen  eben  nicht  vergessen,  daß
Anschauungen,  die  uns  logisch  schlechthin  unvereinbar  dünken,
in  den  48er  Köpfen  sich  sehr  wohl  miteinander  vertrugen.  Die
unverdaute  Durcheinandermischung  von  christlichen,  liberalen
und  sozialistischen  Sätzen  ist  ja  eben  der  charakteristische  Zug
jener  Sturm-  und  Drangperiode.
Die  Ausgrabung  von  Otts  Lehrbuch  im  Jahre  1892  hat
auf  das  Denken  der  sozialkatholischen  Gruppen  befruchtend
gewirkt.  Die  staatssozialistische  Grundauffassung,  der  gesellschaftliche ­
  Bedürfnisnachweis  und  Otts  Eigentumslehre  fanden
zwar  keinen  Anklang  mehr;  aber  die  wissenschaftliche  Bildung
und  das  Denken  der  hier  in  Betracht  kommenden  Kreise  vertieften ­
  sich  unter  dem  Einfluß  von  Bûchez’  geschichtlicher
Auffassung  des  gesellschaftlichen  Geschehens,  welche  ihnen  Ott
vermittelte.  Der  feudale  Flügel  empfand  den  Neudruck  von
Otts  Werk  als  eine  Stärkung  seiner  Position.  Ihm  gefiel  insbesondere ­
  Bûchez’  und  Otts  warmes  Eintreten  für  genossenschaftliche ­
  Organisation  der  Industrie  und  zwar  für  freie,  reichgegliederte, ­
  von  der  Staatsgewalt  möglichst  unabhängige  Produktivgenossenschaften. ­
  Die  Linke  holte  sich  bei  Bûchez  und
Ott  fast  ihr  ganzes  Programm.

b  ibid.  p.  124.
2 )  ibid.  p.  130.
3 )  Vgl.  M.  Eblé,  loe.  cit.  p.  40—41.
        <pb n="226" />
        Die  Gründer  der  heutigen  Schulen.

A.  Die  Nichtinterventionisten.
Das  Jahr  1848  bedeutet  einen  Wendepunkt  in  der  Geschichte ­
  der  geistigen  und  sozialen  Strömungen  des  XIX.  Jahrhunderts. ­
  An  die  Stelle  der  Sentimentalität  und  des  schwärmerischen ­
  Idealismus  des  Sturms  und  Drangs  tritt  eine  ernüchterte
Geistesverfassung,  welche  für  hochherzige,  aber  kritiklose  Zusammenwürfelung
  von  christlichen,  liberalen  und  sozialistischen
Ideen  keinen  Sinn  mehr  hat.  Zunächst  vollzieht  sich  zwischen
Katholiken  und  Sozialisten  eine  reinliche  Scheidung.  Während
aber  letztere  aus  der  48er  Krisis  eine  soziale  Doktrin,  ich  meine
den  sogenannten  wissenschaftlichen  Sozialismus,  herübergerettet
haben,  um  welchen  sie  sich  sammeln  können,  bleibt  den  Katholiken ­
  nichts  als  das  negative  Moment  der  Abwendung  von  sämtlichen ­
  bisherigen  katholischen  Sozialtheoretikern.
Es  ist  nicht  zu  verwundern,  daß  unter  diesen  Umständen
das  zweite  Kaiserreich  zunächst  eine  Annäherung  der  doktrinlos
gewordenen  katholischen  Kreise  an  die  klassische  Schule  brachte.
Insbesondere  Bastiat  gewann  Anhang  im  katholischen  Lager.
So  legen  z.  B.  die  Briefe  des  berühmten  Oratorianers  P.  Gratry
an  Frédéric  Passy  Zeugnis  ab  von  der  enthusiastischen  Verehrung, ­
  welche  dieser  bedeutende  und  einflußreiche  Ordensmann
Bastiat  entgegen  brachte.  Vollends  zum  Apologeten  der
klassischen  Lehre  wurde  Abbé  Corbière 1 ).
Corbière  versucht  in  seinem  Lehrbuch  nachzuweisen,
daß  die  klassische  Nationalökonomie  und  die  katholische  Relii)

  Corbière,  L’Economie  Sociale  au  point  de  vue  chrétien,  2  Bde.
Paris,  1863.
        <pb n="227" />
        206

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

gion  sich  sehr  gut  miteinander  vertragen.  Die  Frage,  ob  die
wirtschaftlichen  Naturgesetze  mit  dem  katholischen  Sittengesetz
in  Konflikt  kommen  können,  verneint  er  mit  dem  Hinweis,
daß  die  Wahrheiten  der  Religion  mit  den  natürlichen  Wahrheiten ­
  nicht  in  Widerspruch  stehen  können.  Darum  verlangt
er  denn  auch  Freiwaltenlassen  der  Naturgesetze.  Corbières
Methode  ist  abstraktes  Räsonnement.  Er  steht  im  Wesentlichen
auf  dem  Standpunkt  Ricardos 1 ).
Dieselbe  Richtung  wie  Corbière  vertritt  de  Metz-Noblat
 2 ),  welcher  in  den  60er  und  70er  Jahren  einen  freien
Lehrstuhl  für  Nationalökonomie  an  der  juristischen  Fakultät  in
Nancy  inne  hatte.  Wissenschaftlich  steht  er  jedoch  höher  als
jener.  Die  Volkswirtschaftslehre  faßt  de  Metz-Noblat  als
reine  theoretische  Wissenschaft  auf.  „Wenn  die  notwendige
Unterscheidung,“  schreibt  er,  „zwischen  reiner  und  angewandter
Wissenschaft  nicht  gestattet  zu  schließen,  die  Mathematik  sei
falsch,  so  darf  man  ebensowenig  schließen,  die  Volkswirtschaftslehre ­
  sei  unnütz“  3 ).  Demgemäß  setzt  er  sich  denn  auch  zum
Ziele,  in  erster  Linie  die  reine,  klassische  Wirtschaftstheorie  zu
entwickeln.  Dabei  bekennt  er  sich  zu  Malthus’  Bevölkerungsgesetz ­
  und  Ricardos  Grundrententheorie,  und  kaltblütig  reiht
er  daneben  Bastiats  Wertlehre.
Von  der  reinen  Wirtschaftswissenschaft  geht  de  Metz-Noblat
  über  zur  Praxis  des  Wirtschaftslebens.  Beide  verbindet ­
  er  mittels  des  uns  schon  bekannten  Rossi  sehen  Korrektivs. ­
  „Die  Volkswirte,“  schreibt  er,  „haben  glauben  lassen,
wahrscheinlich  selber  zu  viel  geglaubt,  daß  das  laisser  faire,
laisser  passer  immer  und  überall  das  oberste  Gesetz  ist,  daß  es
nie  und  nirgends  schlechte  Folgen  haben  kann.  Sie  haben
nicht  genug  den  Umstand  hervorgehoben,  daß  die  wirtschaftlichen ­
  Gesetze  Tendenzen,  nicht  unbeugsame  Prinzipien  ausdrücken ­
  ;  sie  haben  nicht  genug  betont,  daß  die  wirtschaftlichen
Interessen  eines  Volkes  einem  Interesse  höherer  Ordnung,  z.  B.
öffentlicher  Ordnung,  nationaler  Unabhängigkeit,  geopfert  wer-3
 )  Vgl.  M.  EbU  loc.  cit.  p.  86  ff.
2 )  de  Metz-Noblat,  Les  Lois  Economiques.  Résumé  d’un  cours  d’économie
politique  fait  à  la  faculté  de  droit  de  Nancy,  Paris,  1867;  2.  Ausl,  mit  Vorwort
von  Claudio  Jannet,  Paris,  1880  (posthum).
3 )  de  Metz-Noblat,  loc.  cit.  2.  Ausl.,  p.  XXXVII.
        <pb n="228" />
        Die  Nichtinterventionisten

207

den  müssen,  wenn  sie  mit  diesen  Interessen  in  Widerspruch
treten“  *).  Von  den  Ursachen,  welche  die  Wirkung  der  wirtschaftlichen ­
  Naturgesetze  beeinträchtigen  können,  hat  de  Metz-No
  b  lat  eine  eigentümliche  Auffassung.  Er  teilt  dieselben
in  wirtschaftliche  und  sittliche  und  gruppiert  sie  um  die
Erbsünde.
Die  reale  Welt,  führt  er  aus,  ist  eine  durch  die  Erbsünde
gefallene.  In  dieser  schlechten  Natur,  in  diesem  schlechten
Milieu  können  die  wirtschaftlichen  Naturgesetze  Wirkungen  auslösen, ­
  welche  gegen  das  Sittengesetz  verstoßen.  Das  liegt  aber
ausschließlich  an  dem  verderbten  Milieu  ;  denn  die  Naturgesetze
der  Volkswirtschaft  können  den  Wahrheiten  der  Religion  nicht
widersprechen.  Übrigens  kommen,  genau  genommen,  nicht  die
wirtschaftlichen  Naturgesetze  mit  den  sittlichen  und  sozialen
Gesetzen  in  Konflikt.  Dies  tun  vielmehr  die  Menschen,  wenn
sie  jene  Gesetze  mißbrauchen  2 ).
Die  Erbsünde  tritt  als  ein  seiendes,  ethisches  Moment  in
der  Volkswirtschaft  auf.  Aber  die  praktische  Gestaltung  des
Wirtschaftslebens  erfordert  auch  das  Eingreifen  von  sittlichen
Faktoren  des  Seinsollens.  „Das  Problem  der  materiellen  Güterwelt ­
  kommt  schließlich  auf  die  Übung  zweier  Tugenden  heraus  :
Enthaltsamkeit  und  Keuschheit.  Denn  nur  durch  Sparen  entstehen
neue  Produktionsmittel,  und  nur  durch  Keuschheit  kann  in
legitimer  und  ehrbarer  Weise  das  übermäßige  Anwachsen  der
Bevölkerung  gehindert  werden“ 3 ).  Darum  vermag  nicht  die
Wirtschaftswissenschaft  selbst,  „sondern  logisch  nur  der  Katholizismus ­
  die  ökonomische  Frage  zu  lösen“,  d.  h.  den  größtmöglichen ­
  Wohlstand  der  größten  Zahl  zu  verwirklichen.  Nur
die  Entsagung  kann  das  größtmögliche  Glück  aller  erzeugen,  und
diese  lehren  nur  die  Religionen,  unter  ihnen  am  meisten  und
besten  der  Katholizismus 4 ).
Die  Betonung  der  Entsagung  als  Faktors  des  wirtschaftlichen ­
  Fortschritts,  welche  sich  übrigens  schon  bei  de  Villeneuve-Bargemont
  und  de  Doux  findet,  und  gegen  welche
Bas  ti  at  polemisiert,  ist  eine  viel  stärkere  noch  bei  Charles
de  Metz-Noblat  loc.  cit.  p.  XXXVII  ;  ibid.  p.  470.
2 )  Vgl.  M.  EbU,  loc.  cit.  p.  86—87.

3 )  de  Metz-Noblat,  loc.  cit.  p.  556.
4 )  ibid.  p.  556—557.
        <pb n="229" />
        208

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Pé  rin.  Ja  hier  tritt  die  Entsagung  geradezu  in  Rang  und
Stellung  des  ökonomischen  Prinzips  schlechthin.
Charles  Perln  (1815—1905) x )  ist,  obwohl  Belgier  von  Geburt ­
  und  in  Belgien  lebend,  für  die  Entwicklung  der  katholischen
Sozialökonomik  in  Frankreich  von  großer  Bedeutung.  Er  war
der  Vorkämpfer  der  Nichtinterventionisten.  Um  ihn  gruppierten
sich  insbesondere  die  Juristen  und  die  Professoren  der  „Instituts
Catholiques“  Frankreichs,  welche  1890,  als  es  ihnen  gelungen
war,  Bischof  Freppel  zu  gewinnen,  zur  offiziellen  Gründung  der
Schule  von  Angers  schritten.
Périn  weicht  in  zwei  wichtigen  Punkten  von  de  Metz-N
  ob  lat  ab.  Dieser  bemüht  sich,  die  Übereinstimmung  der
klassischen  Nationalökonomie  mit  der  katholischen  Religion  zu
erweisen 2 ).  Périn  aber  erklärt  im  Namen  des  Katholizismus
dem  Klassizismus  den  Krieg  und  kämpft  aufs  heftigste  gegen
ihn  an.  Allerdings  ist  seine  ökonomische  Theorie  auch  ein
nichtinterventionistischer  Individualismus.  Zum  zweiten  ist
für  de  Metz-Noblat  die  theoretische,  reine  Nationalökonomie
')  „Charles  Périn,  geb.  1815  in  Mans,  studierte  in  Löwen  Hechts-  und
Staatswissenschaft  und  wurde  Advokat  in  Brüssel.  1844  berief  ihn  der  belgische
Episkopat  auf  den  Lehrstuhl  für  öffentliches  Recht  an  der  katholischen  Universität ­
  in  Löwen.  1845  übernahm  er  dort  den  durch  den  Abgang  de  Coux’
freigewordenen  Lehrstuhl  für  Nationalökonomie.  1881  trat  er,  infolge  eines  Zerwürfnisses ­
  mit  dem  Episkopat  von  seiner  Lehrtätigkeit  zurück  und  ging  als
Rechtsanwalt  nach  Mons.  Er  starb  1905.  Von  den  zahlreichen  Schriften  Rärins
seien  nur  diejenigen  erwähnt,  in  welchen  die  ihm  eigentümlichen  Anschauungen
am  zusammenhängendsten  zum  Ausdruck  kommen.  Es  sind  dies  :  De  la  Richesse
dans  les  Sociétés  Chrétiennes,  zuerst  1861,  seither  mehrere  Auflagen  ;  Les  Lois
de  la  Société  Chrétienne,  1875  ;  Premiers  Principes  d’Economie  Politique,  zuerst
1888,  dann  mehrfach.
2 )  „Die  Nationalökonomie  (d.  h.  die  klassische)  ist  weit  entfernt  davon,
mit  dem  Geiste  des  Evangeliums  in  Widerspruch  zu  stehen;  sie  beweist  vielmehr
in  ihrer  Art  dessen  göttlichen  Ursprung.  Sie  zeigt  nämlich,  daß  die  Einrichtungen ­
  und  die  Disziplin  der  Kirche  vollständig  mit  den  Grundsätzen  einer  ganz
modernen  Wissenschaft  übereinstimmen  (gemeint  ist  Malthus’  Bevölkerungslehre)  ;
sie  zeigt,  daß  selbst  in  rein  materiellen  Dingen  die  Religion  den  Gläubigen
immer  die  Ratschläge  und  die  Vorschriften  gegeben,  welche  am  geeignetsten
waren,  die  öffentliche  Wohlfahrt  zu  sichern  ;  sie  zeigt  endlich,  daß  alle  wirtschaftlichen ­
  Fragen  in  der  Übung  der  christlichen  Tugenden  jene  Lösung
finden,  welche  den  Schwachen  und  Unglücklichen  am  günstigsten  ist.“  de  Metz-Noblat,
  loc.  cit.  p.  XXXIX.
        <pb n="230" />
        Die  Nichtinterventionisten

209

eine  selbständige,  von  Moral  und  Religion  unabhängige  Wissenschaft. ­
  Das  katholische  Sittengesetz  als  Prinzip  des  wirtschaftlichen ­
  Handelns  verweist  er  in  die  Yolks  Wirtschaftspolitik.  Périn
dagegen  nimmt  das  katholische  Sittengesetz  zum  Ausgangspunkt
und  baut  auf  dieses  seine  Wirtschaftstheorie  auf,  dabei  Materielles ­
  und  Ethisches,  Seiendes  und  Seinsollendes  bunt  durcheinander ­
  mengend.  Die  Prinzipien,  lehrt  Périn,  d.  h.  die
höheren  und  allgemeinen  Wahrheiten,  welche  der  Wissenschaft
zugrunde  liegen,  folgen  entweder  aus  den  sittlichen  Begriffen,
die  das  Menschenleben  beherrschen,  oder  aus  den  durch  Beobachtung ­
  erkannten  Tatsachen.  Die  Beobachtung  und  Beurteilung ­
  der  Tatsachen  ist  aber  bei  Périn  immer  von  den
a  priori  gegebenen,  ethischen  Prinzipien  beherrscht.
Das  Gebiet  der  Nationalökonomie,  meint  er,  befindet  sich
auf  der  Grenze  zwischen  der  Welt  des  Geistes  und  derjenigen
der  Materie.  Die  Nationalökonomie  hat  also  zugleich  die  Gesetze
zu  erforschen,  welche  die  sittliche  Welt  beherrschen,  sowie
jene,  welche  die  materielle  Welt  regieren.  Der  Zweck  der
Nationalökonomie  ist  ein  praktischer  :  das  größtmögliche  Wohlergehen ­
  der  in  Gesellschaft  lebenden  Menschen  zu  sichern  und
zwar  unter  Umständen,  in  denen  die  materiellen  Güter  zur  Erreichung ­
  des  wesentlich  in  der  sittlichen,  nicht  in  der  materiellen
Ordnung  liegenden  Zieles  des  menschlichen  Lebens  dienen
können.  „Im  wirtschaftlichen  Handeln  der  Menschen  hängt
alles  vom  Sittengesetz  ab,  weil  die  Arbeit  naturgemäß  eine  sittliche ­
  Kraft  ist.  Wir  müssen  darum  die  Lösung  der  wirtschaftlichen ­
  Fragen  in  erster  Linie  von  den  Lehren  und  Prinzipien
der  sittlichen  Ordnung  erfragen.  Das  ist  das  Hauptmerkmal
der  wahren  Methode  der  Volkswirtschaftslehre“  *).  Das  Ziel,
das  sich  der  Mensch  legitimer  Weise  in  der  wirtschaftlichen
Ordnung  setzen  kann,  ist  an  zwei  Bedingungen  gebunden  :
1.  daß  er  sein  ganzes  Tun  und  Lassen  dem  Sittengesetz  unterordne; ­
  2.  daß  er  in  den  vom  Sittengesetz  gezogenen  Grenzen
alle  Kräfte,  alle  Brauchbarkeiten,  die  ihre  Außenwelt  der  Arbeit
zu  bieten  vermag,  in  Tätigkeit  setze.
Das  christliche  Sittengesetz,  die  Triebfeder  alles  wirtschaftb

  Ch.  Périn,  Premiers  Principes  ¿'Economie  Politique.  2.  Ausi.,  Paris,
1895,  p.  3.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich,

14
        <pb n="231" />
        210

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

liehen  Handelns  der  Menschen,  gipfelt  in  dem  Grundsatz  der
Entsagung.  „In  der  materiellen  Ordnung  wie  in  der  sittlichen
kann  etwas  wahrhaft  Großes  und  Nützliches  nur  durch  die  Entsagung ­
  geschehen  Das  Prinzip  der  Entsagung  ist  die
allgemeine  Vorbedingung  jeden  Fortschritts,  weil  es  die  erste
Vorbedingung  der  Vereinigung  des  Menschen  mit  Gott  ist  .  .  .
es  ist  das  erzeugende  und  erhaltende  Prinzip  einer  jeden  Kultur“ ­
  *).  Genau  wie  das  Leben  aus  dem  Tode  geboren  wird,  wie
der  Mensch  durch  Entsagung  die  volle  Selbstbeherrschung  erlangt, ­
  wie  die  Größe  aus  der  Demut  hervorgeht,  so  erzeugt  die
Verachtung  der  irdischen  Güter  den  Reichtum.  Das  lehrt  das
Beispiel  der  christlichen  Völker  ;  sie  blühen  und  gedeihen.  „Die
Entsagung  ist  in  der  sozialen  Ordnung  die  verborgene  Kraft,
die  alles  bewegt  und  erhält  ;  die  materielle  Blüte  und  der  Glanz
der  Kultur  der  menschlichen  Gesellschaft  sind  immer  im  direkten
Verhältnis  ....  zu  deren  Entsagung“ 2 ).
Das  Grundgesetz  der  Entsagung  erzeugt  Harmonien  im
Wirtschaftsleben 3 ).  Die  Arbeit  ist  die  allgemeinste  Betätigung
der  Entsagung.  Durch  diese  wird  die  Arbeit  eine  energische
und  intelligente.  Der  Geist  der  Entsagung  sichert  die  Freiheit*).
Die  Entsagung  schaßt  durch  Sparen  das  Kapital.  Sie  wirkt
ferner  befruchtend  auf  die  Arbeitsteilung  und  die  Arbeitsvereinigung, ­
  welche  nötig  sind,  um  die  materielle  Welt  dem  Menschen
untertan  zu  machen.  Denn  die  Arbeitskraft  des  Einzelnen  hängt
*)  Ch.  Périn,  De  la  Richesse  dans  les  Sociétés  Chrétiennes,  1861,  im
Vorwort.
2 )  Ch.  Périn,  Premiers  Principes  ¿'Economie  Politique,  Aufl.  von  1895,
p.  8—9.
3 )  ibid.  p.  67  ff.
*)  Allerdings  bedarf  die  Freiheit,  wie  Périn  sie  meint,  einer  Begriffsfestsetzung. ­
  Für  Lamennais  und  die  liberalen  Katholiken  vor  48  war  die  Freiheit
das  Primäre,  welches  Wohlergehen  und  Ordnung  in  sich  schloß.  Périn  dagegen,
und  wie  wir  sehen  werden,  auch  Le  Play,  betrachten  die  sittliche  Ordnung  und
das  materielle  Wohlergehen  als  das  Primäre;  die  Freiheit  tritt  nur  als  Mittel
hinzu,  insoweit  sie  zur  Verwirklichung  jener  als  geeignet  erscheint.  Die  vorhergehende ­
  Epoche  warf  gerne  die  Freiheit  mit  der  politischen  Demokratie  zusammen; ­
  Périn  ist  aber  sorgsam  bestrebt,  sie  auseinander  zu  halten.  Er  betont
vielmehr  die  Notwendigkeit  der  Paarung  von  Freiheit  und  Autorität.  Die  politische ­
  Demokratie  bekämpft  er  als  revolutionär,  als  aus  dem  Individualismus
hervorgehend,  als  Ohnmacht  und  Knechtschaft.  Vgl.  Ch.  Périn,  Premiers  Principes ­
  ¿’Economie,  Politique,  p.  36  ff.  und  M.  Eblè,  loe.  cit.  p.  63—64.
        <pb n="232" />
        Die  Nichtinterventionisten

211

ab  von  dessen  Fähigkeit  zur  Assoziation.  Diese  verlangt  zwei
Dinge:  Energie  des  individuellen  Wollens  und  Leichtigkeit,  sich
fremdem  Willen  zu  beugen.  Beides  wird  nur  durch  die  Übung
der  Entsagung  erworben.  Die  Entsagung  verhindert  schrankenlose ­
  Konkurrenz  und  Überproduktion.  Sie  gibt  den  Geschmack
am  Stilleben,  fördert  damit  den  Ackerbau  und  wirkt  dem  Prozeß
der  Industrialisierung  entgegen.
Die  Leichtigkeit  des  Tausches  beruht  hauptsächlich  auf
dem  Kredit.  Dieser  ist  das  Resultat  von  Gewohnheiten  der  Ehrlichkeit ­
  und  Moralität,  welche  dem  Geiste  der  Entsagung  entspringen. ­
  Die  Entsagung  und  der  Opfersinn  triumphieren
über  die  Hindernisse  des  Verkehrs  und  fördern  die  allseitige
Annäherung  der  Völker.  Daher  wohnt  ihnen  eine  Tendenz  zum
Freihandel  inne.  Der  Geist  der  Entsagung  hindert  die  Überbevölkerung; ­
  er  hilft  gegen  den  Alkoholismus  und  alle  Schäden
der  Industrialisierung.
Die  hauptsächlichsten  Kräfte  des  Wirtschaftslebens,  welche
die  Entsagung  auslöst,  sind  Arbeit  und  christliche  Nächstenliebe.
Diesen  beiden  Kräften  entsprechen  die  Betätigung  von  Assoziation, ­
  auf  Seite  der  Arbeiter,  und  Patronage,  auf  Seite  der  Arbeitgeber. ­
  Assoziation  und  Patronage  sind  wirtschaftliche  Harmonien  ;
sie  sind  imstande,  die  Wirtschaftsordnung  umzugestalten.  Unter
dieser  Umgestaltung  der  Wirtschaftsordnung  versteht  Per  in
keineswegs  eine  Änderung  der  Grundlagen  derselben;  er  hält
grundsätzlich  fest  an  der  bestehenden  Eigentumsordnung  und
an  dem  Individualismus  und  Nichtinterventionismus  der  klassischen ­
  Schule,  obwohl  er  diese  selbst  leidenschaftlich  bekämpft.
Er  bekennt  sich  zu  Ricardos  Rentenlehre  in  ihrer  ursprünglichen ­
  Reinheit  und  zu  Malthus’  Bevölkerungsgesetz,  welches
er  als  Argument  zugunsten  des  Priesterzölibats  der  katholischen
Kirche  verwertet 1 ).  Seine  Staatsauffassung  ist  die  des  Rechtsnicht
  des  Wohlfahrtstaates 2 ).  Was  ihn  aber  von  der  klassischen
1)  Vgl.  J.  Bambaud,  Histoire  des  Doctrines  Economiques,  2.  Ausi.,  1902.
p.  455—456.
2 )  Gewiß  äußert  Périn  manchmal,  die  Mißbräuche  der  Freiheit  bedürften
staatlicher  Repression  (z.  B.  Le  Socialisme  Chrétien,  p.  32)  ;  aber  welcher  Anhänger ­
  des  französischen  Klassizismus  schreibt  das  nicht?  Die  Grundstimmung
bei  Périn  ist  eine  nichtinterventionistische,  staatsfeindliche.  Die  Intervention  der
katholischen  Kirche  ruft  er  allerdings  mit  der  ganzen  Kraft  seines  leidenschaftlichen ­
  Temperaments  herbei.  Vgl.  M.  EbU,  loc.  eit.  p.  69  ff.,  p.  102.
        <pb n="233" />
        212

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Schule  trennt,  ist  die  Unterwerfung  der  Nationalökonomie  unter
das  katholische  Sittengesetz,  die  Erhebung  des  Grundsatzes  der
Entsagung  zum  wirtschaftlichen  Prinzip  xai'  èÇoxÿv.  Wesentlich
im  Geiste  des  Nichtinterventionismus  bleibt  er,  wenn  er  die
angestrebte  Sanierung  der  Wirtschaftsordnung  von  der  freien
Betätigung  der  christlichen  Nächstenliebe,  von  den  Wohlfahrtseinrichtungen ­
  der  Arbeitgeber  und  von  dem  genossenschaftlichen ­
  Zusammenschluß  der  Arbeiter  erwartet.
Durch  seinen  Nichtinterventionismus  ist  Périn  der  Vater
der  Schule  von  Angers  geworden,  keineswegs  aber  durch  seine
Theorie  der  Entsagung,  welche  von  seinen  eigenen  Anhängern
bekämpft  und  widerlegt  wird 1 ).
Gewiß  bedeuten  Entsagung  und  Selbstbeherrschung  eine
große  Kraft  im  Wirtschaftsleben  wie  auf  allen  andern  Gebieten
menschlicher  Betätigung.  Aber  die  Entsagung  zum  Prinzip  der
Wirtschaftswissenschaft  zu  machen,  ist  doch  ein  paradoxales,
utopisches  und  geradezu  unwissenschaftliches  Unterfangen.
Methodologisch  ist  Péri  ns  System  darum  unhaltbar.  Damit
soll  keineswegs  gesagt  sein,  daß  die  Einführung  des  Momentes
der  Entsagung  als  eine  der  Triebfedern  des  menschlichen  Handelns ­
  in  die  Volkswirtschaftslehre  abzuweisen  sei:  Périn  aber
verläßt  den  Boden  der  Tatsachen  und  macht  einen  Ikarusflug
nach  dem  Vorbilde  B  as  ti  at  s.
Frédéric  Le  Play  (1806—1882) 2 ).  Le  Play  ist  eine  der
x )  Vgl.  die  ausführliche  Widerlegung  bei  J.  Rambaud,  loc.  eit.  p.  453  ff.
2 )  Le  Play  wurde  am  11.  Februar  1806  in  le  Rivage  bei  Sondeur  als
Sohn  eines  Zollkontrolleurs  geboren.  Er  verlor  früh  den  Vater  und  wurde  von
seiner  Mutter,  die  eine  energische,  arbeitsame  und  tief  religiöse  Frau  war,  erzogen. ­
  Er  besuchte  das  Gymnasium  im  Havre  und  kam,  noch  sehr  jung,  an  die
Ecole  Polytechnique  in  Paris.  Er  widmete  sich  dem  Berg-  und  Hüttenfach,
besuchte  die  Ecole  des  Mines,  an  welcher  er  bald  eine  Professur  für  Metallurgie
erhielt.  1849  gab  er  diese  auf,  um  sich  seinen  sozialwissenschaftlichen  Studien
in  vollem  Maße  widmen  zu  können.  Er  wurde  dann  noch  Generalkommissär
mehrerer  Weltausstellungen,  1856  und  1867  in  Paris,  1862  in  London,  und  begründete ­
  als  solcher  die  Abteilungen  für  Arbeiterschutz  und  -Wohlfahrt,  welche
bei  den  Pariser  Weltausstellungen  von  1889  und  1900  zu  bedeutender  Entwicklung ­
  gelangten  und  zur  Einrichtung  ständiger  Ausstellungen  führten:  so  im
Musée  Social  in  Paris,  in  den  Charlottenburger  und  Münchener  Arbeitermuseen
u.  a.  m.  Unter  dem  zweiten  Kaiserreich  war  Le  Play,  für  dessen  Ideen  Napoleon ­
  III  sich  begeistert  hatte,  Senator.  Nach  70  widmete  er  sich  ausschließlich
schriftstellerischer  und  propagandistischer  Tätigkeit.  Er  starb  in  Paris  am
        <pb n="234" />
        Die  Nichtinterventionisten

213

eigenartigsten  Gestalten  des  XIX.  Jahrhunderts.  Er  hat  eine
originelle  Methode  ersonnen  und  ein  großzügiges  Lehrgebäude
der  Sozialwissenschaft  geschaffen.  Wirtschafts-  und  Gesellschaftsordnung ­
  sind  in  demselben  so  innig  verschmolzen,  daß  eine
getrennte  Darstellung  der  rein  wirtschaftlichen  Ideen  Le  Plays
nicht  angeht.  Wir  werden  darum  das  Ganze  in  kurzen,  alles
Wesentliche  in  möglichst  scharf  treffenden  Zügen  darzustellen
versuchen.

Bde.,

ohne

5.  April  1882,  kurz  nach  Gründung  der  lange  von  ihm  geplanten  und  vorbereiteten ­
  Zeitschrift  La  Réforme  Sociale.
Le  Play  veröffentlichte  an  sozial  wissenschaftlichen  Werken:
Les  Ouvriers  Européens.  Etudes  sur  les  travaux,  la  vie  domestique  et  la
condition  morale  des  populations  ouvrières  de  l’Europe,  6  Bde.  in  Folio  1855  ;
2.  Ausi.  6  Bde.  in  8 o  1877—79.  (Bd.  I:  Méthode  Sociale;  Bd.  II:  Ouvriers
d’Orient;  Bd.  III:  Ouvriers  du  Nord;  Bd.  IV—VI:  Ouvriers  d’Occident  und
zwar  Bd.  IV  :  Populations  Stables  ;  Bd.  V  :  Populations  Ebranlées  ;  Bd.  VI  :
Populations  désorganisées).
La  Réforme  Sociale  en  France  erst  2,  in  den  spätern  Auflagen  3
zuerst  1864,  7.  Aud.  1878.
L'Organisation  du  Travail,  zuerst  1870,  letzte  Auflage  1906.
U  Organisation  de  la  Famille,  1870,  4.  Ausi.  1875.
La  Constitution  de  VAngleterre,  2  Bde.,  1875.
La  Constitution  Essentielle  de  l’Humanité,  zuerst  1879,  2.  Ausi.
Datum.
La  Mähode  Sociale,  Abrégé  des  Ouvriers  Européens  1879.  Daneben
mehrere  Broschüren  und  Korrespondenz.
Über  Le  Play  besteht  eine  ausgedehnte  Literatur.  Die  obige  Darstellung
stützt  sich  im  Wesentlichen  auf  die  Urquellen.  Daneben  wurden  berücksichtigt  :
Ad.  von  Wenckstern,  Le  Play  (Dissert.)  in  Schmollers  Jahrb.  1894,  p.  1  ff.
Paul  Lenoir,  La  doctrine  de  Le  Play  et  l’économie  politique,  (Dissert.)
Caen  1898.
Maurice  Vignes,  La  Science  Sociale  d’après  les  principes  de  Le  Play  et
de  ses  continuateurs,  2  Bde.,  Paris,  1897.
F.  Auburtin,  Frédéric  Le  Play  d’après  lui-même,  Paris,  1906.
Urbain  Guérin,  La  Méthode  d’Observation  in:  Réforme  Sociale,  Jahrg.  I
(1881),  Bd.  I,  p.  443  fis.  und  Bd.  II,  p.  7  ff.
M.  Eblé,  Les  Ecoles  Catholiques  d’Economie  politique  et  sociale  en  France,
(Dissert.)  Paris,  1905,  Kap.  II,  §  1  u.  §  3,  p.  54  ff.  (enthält  eine  bemerkenswerte
Parallele  zwischen  Le  Play  und  Ch.  Périn).
J.  Rambaud,  Histoire  des  Doctrines  Economiques,  2.  Aufl.,  Paris,  1902,
p.  471  ff.
Endlich  die  Le  Play  betr.  Artikel  der  bekannten  Lexika.

'VT  1

i  !
        <pb n="235" />
        214

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Zunächst  die  Methode.  Le  Plays  Methode 1 )  besteht  in
der  Aufnahme  von  Familienmonographien  in  einem  bestimmten,
äußerst  fein  und  tiefgreifend  ausgearbeiteten  Rahmen.  Aus  dem
so  gewonnenen  Material  induziert  Le  Play  ein  festgefügtes
System,  das  er  kurzweg  „Za  Science  sociale“  nennt.  Die  Methode
Le  Plays  ist  also  möglichst  genaue  und  allseitige  Tatsachenbeobachtung ­
  auf  einem  bestimmten  Gebiete  und  Induktion  daraus.
Man  würde  sich  jedoch  täuschen,  wenn  man  glaubte,  sie  sei
voraussetzungslos.  Als  Voraussetzungen  derselben  sind  mindestens ­
  drei  zu  erwähnen:  1.  Le  Plays  Auffassung  von  Gegenstand ­
  und  Ziel  der  Sozialwissenschaft;  2.  die  Anschauung,  daß
die  Pamilie,  nicht  das  Individuum,  die  Urzelle  der  Gesellschaft
ist;  3.  die  Überzeugung,  daß  der  Mensch  nicht  von  Natur  gut,
sondern  schlecht  geboren  wird.  Hierzu  kommt  noch  allenfalls
als  von  vornherein  Gegebenes  Le  Plays  Gegnerschaft  zu  den
Prinzipien  von  1789  und  sein  Mangel  an  Verständnis  für  den
Kulturwert  der  Errungenschaften  der  großen  französischen  Revolution. ­

Le  Plays  Auffassung  von  Gegenstand  und  Ziel  der  Sozialwissenschaft ­
  geht  auf  de  Donald  zurück,  und  zwar  in  folgender ­
  Weise.
Durch  die  Lektüre  Montaignes  und  Descartes’  war
er  auf  den  Standpunkt  des  cartesianischen  Zweifels  gekommen,
bildete  sich  ein,  alles,  bis  auf  die  Gesetze  des  formalen  Denkens,
von  sich  geworfen  zu  haben,  und  suchte,  wie  Descartes,  nach
einem  Ausgangspunkt  zum  Wiederaufbau  einer  Weltanschauung.
Er  war  damals  mit  seinem  Freunde  und  späteren  Reisegenossen
Jean  Renaud,  mit  Michel  Chevalier  u.  a.  Student  an  der
Pariser  Bergakademie.  Das  Interesse  dieses  Milieus  war  in
hohem  Maße  auf  die  sozialen  Zeitfragen  gerichtet.  Während

x )  Unter  Methode  versteht  Le  Play  ein  doppeltes:  1.  Das  wissenschaftliche
Investigationsverfabren.  In  diesem  Sinne  ist  das  Wort  oben  gebraucht.  2.  Die
Mittel  und  Wege,  die  ein  Volk  gebrauchen  kann  und  soll,  um  den  sozialen
Frieden  zu  erhalten  oder  wieder  zu  gewinnen.  Diese  Mittel  sind:  a)  die  Nachahmung ­
  der  Einrichtungen,  Sitten  usw.  der  „blühenden“  Völker  und  b)  das
Zurückkehren  zu  bezw.  Festhalten  an  denjenigen  eigenen  nationalen  Traditionen
glücklicher  Epochen,  welche  mit  den  Notwendigkeiten  der  Gegenwart  in  Einklang ­
  gebracht  werden  können.  Le  Play,  Organisation  du  Travail,  p.  366.  Von
der  Methode  in  diesem  zweiten  Sinn  weiter  unten.
        <pb n="236" />
        Die  Nichtinterventionisten

215

aber  M.  Chevalier  und  Jean  Renaud  sich  für  die  Saint-Simonistischen ­
  Anschauungen  begeisterten,  fühlte  sich  Le  Play  eher
unter  dem  Einfluß  der  Erziehung,  die  er  genossen,  zu  den
reaktionären,  gesellschaftsreformatorischen  Plänen  de  Donalds
hingezogen.  Bei  de  Donald  fand  er  nun  den  Satz:  „Es  gibt
Naturgesetze  für  den  Ameisen-  und  Bienenstaat;  wie  könnte
man  glauben,  daß  es  für  die  menschliche  Gesellschaft  keine
gebe  und  daß  diese  dem  Zufall  menschlicher  Erfindungen  preisgegeben ­
  sei?“  Die  Notwendigkeit  der  Existenz  von  Naturgesetzen ­
  der  menschlichen  Gesellschaft  leuchtete  Le  Play  mit
Evidenz  ein,  und  in  ihr  hatte  er  nunmehr  den  gesuchten  Ausgangspunkt ­
  einer  Sozialphilosophie  gefunden.  „Gibt  es  solche
Gesetze,“  folgerte  er,  „so  sind  die  menschlichen  Gesellschaften
offenbar  gehalten,  sich  denselben  zu  unterwerfen;  tun  sie  dies,
so  können  sie  nicht  anders  als  glücklich  sein  ;  überschreiten  sie
aber  jene  Gesetze,  so  müssen  sie  eben  leiden“ x ).  Und  auf  Grund
der  allgemeinen  Tatsache,  daß  es  blühende  und  leidende  Völker
gibt,  stellt  Le  Play  der  Sozial  Wissenschaft  die  Aufgabe,  die
Ursachen  zu  ergründen,  welche  die  Blüte  oder  das  Siechtum
der  Völker  bedingen,  und  die  Mittel  und  Wege  ausfindig  zu
machen,  welche  deren  Blüte  zu  erhalten  oder  die  entschwundene
wieder  herzustellen  geeignet  sind.  Zu  dieser  Begriffsbestimmung
der  Sozialwissenschaft  war  Le  Play  bereits  1829  gelangt 2 ).  Sie
ist  die  Grundlage  und  der  Ausgangspunkt  seiner  späteren
Arbeiten.
Die  zweite  Voraussetzung,  welche  der  Le  Play  sehen  Methode ­
  zugrunde  liegt,  ist  die  Anschauung,  die  Familie,  nicht  das
Individuum,  sei  die  Urzelle  der  Gesellschaft.  Ihm  gilt  die
„evidente  Tatsache“,  daß  „die  Völker  nicht  aus  Individuen,
sondern  aus  Familien  bestehen.  Die  Beobachtungsarbeit,  welche
unbestimmt  wäre  und  keine  Schlußfolgerungen  zuließe,  wenn
sie  sich  an  einem  Orte  auf  die  Individuen  verschiedenen  Geschlechtes ­
  beziehen  müßte,  wird  präzis  begrenzt  und  beweiskräftig, ­
  sobald  sie  die  Familien  zum  Gegenstand  hat“ 3 ).  Le
9  F.  Auburiin,  loc.  cit.  p.  119.  Le  Play,  Les  Ouvriers  Européens,
Bd.  I,  p.  216.
2 )  Le  Play,  Les  Ouvriers  Européens,  Bd.  I,  p.  216.  v.  Wenckstern,  loc.
cit.  p.  38.
3 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  220.
        <pb n="237" />
        216

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Play  verdankte  diese  Anschauung  den  Eindrücken  seiner  ersten
Jugend:  der  reaktionäre  Freundeskreis  seines  Pariser  Onkels,
bei  dem  er  mehrere  Jahre  lebte,  die  Geistlichen,  mit  denen  er
während  der  Schulferien  auf  dem  Lande  verkehrte,  insbesondere
aber  der  Ingenieur  Dan  de  la  Vanterie,  welcher  ihn  im
Jahre  1823  auf  die  Pariser  Ecole  polytechnique  vorbereitete,
hatten  ihm  nebst  vielen  andern  revolutionsfeindlichen  Ideen
insbesondere  auch  jene,  den  Rousseau  sehen  Lehren  diametral
entgegengesetzte  Anschauungen,  die  Familie  und  den  von  Natur
schlechten  Menschen  betreffend,  tief  eingeprägt*).
Während  nun  die  Zeitgenossen  Le  Plays  sich  an  der
Idee  des  unbegrenzten  Fortschritts  berauschten  und  eine  Gestaltung ­
  der  Zukunft  anstrebten,  die,  mochte  sie  eine  individualistische ­
  oder  eine  sozialistische  sein,  immer  als  eine  Fortentwicklung ­
  der  großen  Revolution  gedacht  war,  unternahm  er
es,  gegen  den  Strom  zu  schwimmen.  Er  wollte  sein  durch  die
Revolution  bis  ins  Mark  erschüttertes  Vaterland  von  allem,  was
die  Revolution  gebracht  hatte,  befreien  und  hoffte,  dessen  Gesundung ­
  und  glückliche  Zukunft  durch  Wiederbelebung  der
gewaltsam  abgebrochenen  Traditionen  der  Vergangenheit  zu
erreichen.  Um  aber  diejenigen  Traditionen  der  Vergangenheit,
deren  treue  Befolgung  das  Glück  der  Völker  bedingt,  genau
kennen  zu  lernen,  beschloß  er,  sie  bei  denjenigen  Völkern  an
Ort  und  Stelle  zu  beobachten,  wo  sie  sich  lebendig  erhalten
hatten.  „Ich  erkannte,“  schreibt  er  1864,  „daß  ich  mir  erst
dann  genaue  Rechenschaft  von  den  Institutionen  Frankreichs
geben  würde,  wenn  ich  sie  denen  fremder  Länder  gegenüberstellte. ­
  Um  mir  nun  genügende  Vergleichsgegenstände  zu
verschaffen,  beschloß  ich,  meine  Beobachtungen  auf  die
Gesamtheit  der  europäischen  Völker  auszudehnen“ 2 ).  Es  war
das  Beispiel  Descartes,  welches  ihn  zu  diesem  Entschluß ­
  bewog.  Eine  Bestimmung  der  Studienordnung  der  Bergakademie, ­
  welche  den  Studierenden  je  zwei  Studienreisen  zwecks
Besichtigung  von  Berg-  und  Hüttenwerken  vorschrieb,  wurde
die  Veranlassung  von  Le  Plays  erster  sozial  wissenschaftlicher
Forschungsreise.  Ein  Engländer  hatte  ihm  im  Jahre  1815  ge-*)

  Le  Play,  ibid.  cap.  I,  §  4,  p.  17  ff.
2 )  Le  Play,  La  Réforme  Sociale,  1.  Ausi.,  Bd.  I,  p.  31.
        <pb n="238" />
        uw

Die  Nichtinterventionisten  217
sagt,  daß  er  in  Norddeutschland  „die  Weisheit“  finden  werde 1 ).
Dorthin  lenkte  er  denn  nun  auch  zuerst  seine  Schritte  und
durchwanderte  in  Begleitung  seines  Freundes  Jean  Renaud
Rheinprovinz,  Harz,  Erzgebirge,  Thüringen  und  Hunsrück.  Mit
der  Besichtigung  der  Berg-  und  Hüttenwerke  verbanden  die
beiden  Freunde  das  Studium  der  Verhältnisse  von  Arbeiterfamilien. ­
  Auf  dieser  Reise  arbeitete  Le  Play  jene  Methode  aus,
vermittels  welcher  er  auf  seinen  ausgedehnten,  30jährigen  Reisen
durch  alle  Länder  Europas,  durch  Nordafrika,  Zentral-  und
Kleinasien  ca.  300  außerordentlich  detaillierte  und  gründliche
Familienmonographien  aufnahm.
Die  Bestandteile  der  Le  PI  a  y  sehen  Methode  sind:  Feststellung ­
  der  allgemeinen  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnisse ­
  eines  Standorts;  Auswahl  einer  für  denselben  typischen
Familie;  direkte  Beobachtung  derselben  in  drei  Stufen:  a)  Befragung ­
  der  Familienglieder;  b)  eigene  Beobachtung,  sobald  dem
Forscher  das  nötige  Vertrauen  entgegengebracht  wird,  um  ihm
in  die  intimen  Verhältnisse  der  Familie  Einblick  zu  gewähren;
c)  Kontrolle  des  gesammelten  Materials  durch  die  Autorités
sociales.  Die  Resultate  der  Beobachtung  werden  im  Familienbudget
kristallisiert.  Der  Rest  der  Monographie  ist  eigentlich  nur  ein
Kommentar  zum  Budget.
Dieser  Überblick  bedarf  einiger  Erläuterungen.
Als  typische  Familie  für  einen  bestimmten  Standort  gilt
Le  Play  die  Arbeiterfamilie.  Darunter  versteht  er  die  Familien
von  Bauern,  Handwerkern,  landwirtschaftlichen  und  Industriearbeitern ­
  usw.,  kurz  alle  diejenigen,  welche  zu  ihrem  Unterhalt
und  zu  dem  der  ihnen  übergegliederten  öffentlich-rechtlichen
Körperschaften  auf  die  Handarbeit  ihrer  Mitglieder  angewiesen
sind.  Wo  es  keine  Unterschiede  in  Wohlstand,  Beruf,  Lebensweise ­
  usw.  gibt,  wie  z.  B.  bei  den  Hirten  der  Kirghisensteppen,
den  Küstenfischern  im  Norden  Skandinaviens  oder  den  Halbnomaden ­
  der  Atlassteppen,  genügt  es,  eine  einzige  Familie
methodisch  zu  beobachten,  um  das  ganze  Volk  zu  kennen.
Meistens  aber  leben  verschiedene  Wohlstands-  und  Berufsgruppen
durch-  und  untereinander  an  demselben  Standort.  Bestimmte
Berufsgruppen  werden  aber  an  einem  bestimmten  Standort  ge-J

 )  Le  Play,  Methode  Sociale,  p.  35.
        <pb n="239" />
        218

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

meinsame,  sie  von  andern  unterscheidende  Grundzüge  aufweisen.
Da  wird  der  Beobachter  solche  Familien  zu  wählen  haben,
welche  in  Besitz,  Einkommen,  Lebensweise,  Kinderzahl,  sittlichem ­
  und  religiösem  Denken  etwa  den  Durchschnitt  ihrer
Gruppe  darstellen.  Immer  aber  bleiben,  auch  bei  den  kompliziertesten ­
  Völkern  des  Abendlandes,  die  von  ihrer  Hände  Arbeit
lebenden  Familien  die  große  Masse  und  das  eigentliche  Volk ! ).

&amp;gt;)  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  208  ft.  —  Das  eigentliche  Beobachtungsgeschäft ­
  im  konkreten  Einzelfall  schildert  Le  Play  ganz  anschaulich:  „(Die
Monographien)  können  nur  durch  eine  lange  und  genaue  Enquete  zustande
kommen.  Um  diese  gut  zu  machen,  muß  der  Beobachter  in  alle  Teile  der
Wohnung  eindringen,  ein  Inventar  der  Möbel,  Arbeitswerkzeuge,  des  Linnens,
der  Kleider  aufnehmen;  die  Immobilien,  das  verfügbare  Bargeld,  die  Haustiere,
die  Anlage-  und  Betriebskapitalien,  kurz,  den  ganzen  Besitz  der  Familie  schätzen;
desgl.  die  Vorräte;  der  Beobachter  muß  ferner  die  Nahrungsmittel,  welche  je
nach  der  Jahreszeit  die  verschiedenen  Mahlzeiten  ausmachen,  wägen;  er  muß
die  Arbeiten  der  Familienglieder  in  ihren  Details,  in  und  außer  dem  Hause,  verfolgen. ­
  Das  Studium  der  häuslichen  Arbeiten  ist  hie  und  da  unendlich  kompliziert; ­
  das  ist  insbesondere  der  Fall  bei  den  einfachsten  Bassen,  welche  die
spinnbaren  Rohstoffe  selbst  züchten,  ihre  Kleider,  ja  selbst  die  Seife,  die  sie  zur
Wäsche  gebrauchen,  selbst  herstellen.  Noch  delikater  sind  die  Untersuchungen,
welche  zum  Gegenstand  haben:  das  geistige  und  sittliche  Leben,  die  Religion,
die  Erziehung,  die  Erholungen,  die  verwandtschaftlichen  und  freundschaftlichen
Gefühle,  die  Beziehungen  zu  den  Arbeitgebern,  den  Gesellschaftern,  den  Dienstboten ­
  und  Lehrlingen,  endlich  die  Besonderheiten  der  Geschichte  der  Familie.
Immerhin  ist  diese  letzte  Aufgabe  leichter  zu  erfüllen,  als  es  auf  den  ersten  Blick
scheint.  Denn  im  allgemeinen  erzählen  die  Arbeiter  gern  von  den  Erinnerungen
ihrer  Kindheit,  von  ihren  Eltern,  von  den  Traditionen  der  Gegend  ....  Die
autorités  sociales  der  Ortschaft  können  übrigens  diese  Erkundigungen  vervollständigen, ­
  sowohl  für  die  Gegenwart  aus  ihren  eigenen  Beobachtungen,  als  für
die  Vergangenheit  aus  den  Papieren,  welche  ihnen  ihre  Vorfahren  häufig  hinterlassen ­
  haben.“  Le  Play  gibt  dann  seinen  Schülern  Ratschläge,  wie  sie  es  bei
Aufnahme  einer  Monographie  anstellen  sollen:  „Die  Enquete,  die  ja  den  Fehler
hat,  mindestens  ungewohnt  zu  sein,  rasch  durchsetzen  wollen  ...  ;  sich  zunächst
das  Vertrauen,  dann  die  Sympathie  der  Familie  sichern,  indem  man  sie  über  den
Zweck  allgemeinen  Nutzens  und  die  Hingebung  des  Beobachters  unterrichtet;
die  Aufmerksamkeit  der  Familienglieder  durch  Erzählungen,  welche  sie  interessieren ­
  können,  wach  halten  ;  sie  durch  Geldentschädigungen  für  die  Zeitverluste,
die  ihnen  aus  der  Enquete  erwachsen,  schadlos  halten  ;  die  Weisheit  der  Männer,
die  Anmut  der  Frauen,  die  Liebenswürdigkeit  der  Kinder  mit  dem  nötigen  Takte
loben  und  allen  in  richtig  abwägender  Weise  kleine  Geschenke  austeilen.  Aber
alle  diese  Elemente  des  Erfolges  bleiben  unfruchtbar  oder  werden  sogar  schädlich, ­
  wenn  sie  nicht  durch  die  Haupttugend  befruchtet  werden  :  den  wissenschaftlich ­
  kritischen  Sinn  des  Beobachters.“  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  221  ff.
        <pb n="240" />
        Die  Nichtinterventionisten

219

Unter  Autorités  sociales  versteht  Le  Play  „Männer,  welche
durch  ihre  Tugend  Muster  des  Privatlebens  geworden  sind;
welche  durch  das  Beispiel,  das  sie  am  häuslichen  Herd,  wie  an
ihrer  Arbeitsstätte  geben,  durch  die  gewissenhafte  Befolgung  des
Dekalogs  und  der  Gewohnheiten  des  sozialen  Friedens  die  Liebe
und  die  Achtung  aller  derer,  die  um  sie  leben,  sich  erwerben,
welche  endlich  in  ihrer  Nachbarschaft  die  Entwicklung  von  Wohlstand ­
  und  Frieden  fördern“ 1 ).  Le  Play  hat  in  allen  Gegenden
und  bei  allen  Familien,  welche  er  zum  Gegenstand  seiner  Enquete ­
  machte,  den  wohltuenden  Einfluß  solcher  Menschen  feststellen ­
  können.  Bald  erfüllte  deren  Ruf  die  Gegend,  und  er
kannte  sie,  bevor  er  noch  eine  Familie  zur  Beobachtung  ausgewählt. ­
  Meistens  waren  es  dann  Gutsbesitzer,  Geistliche,  Lehrer.
Häufig  aber  waren  es  bescheidene  Handwerker  oder  Bauern,
welche  einen  weitreichenden,  segensreichen  Einfluß  auf  Familien
ausübten,  die  von  ihnen  unabhängig  waren.  Und  Le  Play
erhielt  wohl  erst  davon  Kenntnis,  wenn  er  bereits  in  die  Verhältnisse ­
  der  von  ihm  beobachteten  Familien  eingedrungen  war.
Auf  die  Autorités  sociales  legt  Le  Play  außerordentlichen
Wert.  Von  ihnen  wurde  er  in  seinen  konservativen  Anschauungen ­
  bestärkt:  „Diese  Männer  aus  allen  Ständen,“  schreibt  er,
„haben  mein  Denken  in  glücklichster  Weise  beeinflußt.  Sie
haben  die  Irrtümer,  welche  die  Anschauungen,  die  Sitte  und
die  Einrichtungen  meines  Vaterlandes  trotz  der  Unterweisungen
meiner  ersten  Lehrer  meinem  Geiste  eingeprägt  hatten,  beseitigt.
Von  ihnen  lernte  ich  das  Wahre  vom  Falschen  in  einer  Menge
von  Dingen,  über  die  ich  im  Zweifel  geblieben,  unterscheiden,
und  ich  erkannte,  daß  sie  die  wahren  Lehrer  der  Sozialwissenschaft
sind.  Diese  Wahrheit  erkannte  ich  klar  im  Jahre  1845.  Ich
hatte  mich  während  sechzehnjährigen,  ausdauernden  Forschungen
häufig  darüber  gewundert,  daß  ich  in  der  Sozialwissenschaft
noch  nicht  eine  unbekannte  Wahrheit  entdeckt  hatte,  während
ich  solchen  Entdeckungen  auf  metallurgischem  Gebiete  bereits
einen  gewissen  Ruf  verdankte.  Ich  sah  nunmehr  ein,  daß  die
sozialen  Wahrheiten  sehr  einfacher  Natur  sind.  Ich  erkannte,
daß  sie  von  jenen  Männern,  welche  die  Kunst  verstehen,  den
Frieden  in  ihrer  Umgebung  herrschen  zu  machen,  sicher  ge-')

  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  446.
        <pb n="241" />
        220  Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

wahrt  werden.  Ich  glaubte  endlich,  die  langersehnte  Entdeckung
gemacht  zu  haben,  daß  der  Fortschritt  der  sozialen  Verfassungen
im  Umgang  der  Weisen  unserer  Zeit  zu  lernen  sei.  .  .  .  Aber
auch  darin  wurde  ich,  wenn  auch  angenehm,  enttäuscht:  denn
ich  stellte  bald  fest,  daß  Plato  zwanzig  Jahrhunderte  vor  mir
die  wahren  Meister  der  Sozialwissenschaft  erkannt  und  in  denselben ­
  Worten  beschrieben  hatte,  wie  ich.  Der  einzige  Unterschied ­
  zwischen  ihm  und  mir  ist,  daß  ich  jene  Männer  autorités
sociales  nannte,  während  er  sie  vielleicht  zutreffender  als  göttliche ­
  Menschen  bezeichnete“  *).
Über  das  Familienbudget,  den  Kristallisationspunkt  einer
jeden  Monographie,  schreibt  Le  Play:  „Wie  man  durch  das
Studium  meiner  in  dem  Werk  Ouvriers  Européens  enthaltenen
Monographien  feststellen  kann,  laufen  alle  Handlungen,  welche
die  Existenz  einer  Arbeiterfamilie  ausmachen,  direkt  oder  indirekt ­
  auf  eine  Einnahme  oder  Ausgabe  hinaus.  Es  liegt  nun
in  der  Natur  der  Dinge,  daß  die  Einnahmen  einer  Familie,  in
Geld  geschätzt,  der  Summe  der  Ausgaben  und  Ersparnisse  gleich
sind.  Daraus  folgt,  daß  ein  Beobachter  eine  Familie  vollständig
kennt,  wenn  er  nach  Analyse  sämtlicher  Elemente,  welche  in
den  beiden  Teilen  des  häuslichen  Budgets  enthalten  sind,  zu
einer  genauen  Übereinstimmung  der  beiden  Summen  gelangt.
Dieses  Prinzip  der  Methode  scheint  auf  den  ersten  Blick  die
Sozialwissenschaft  auf  das  Studium  der  materiellen  Elemente
des  menschlichen  Lebens  zu  reduzieren.  In  Wirklichkeit  führt
es  auf  dem  direktesten  Wege  zum  entgegengesetzten  Resultat.
Diese  Wahrheit  wird  häufig  auffallend  evident  durch  die  Vergleichung ­
  von  Familienbudgets.  Ja  häufig  ist  eine  einzige  Ziffer
in  diesem  Sinne  beredter  als  eine  lange  Rede.  So  kann  man
z.  B.  an  der  Verkommenheit  des  Schiffsausladers  aus  den  Pariser ­
  Vororten  keinen  Zweifel  mehr  haben,  wenn  man  durch
die  Lektüre  seines  Budgets  (Ouvriers  Européens,  Bd.  VI:  IX,  15)
erfahren  hat,  daß  er  jährlich  185  Frs.,  gleich  12%  seines  Einkommens ­
  ausgibt,  um  sich  im  Wirtshaus  zu  berauschen,  während ­
  er  keinen  Centime  auf  die  Erziehung  seiner  fünf  4-  bis
14jährigen  Kinder  verwendet“  2 ).
*)  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  388—389  (Ouvriers  Européens,  Bd.  I,
Buch  I,  cap.  12  §  5).  8.  auch  Plato,  IIsqí  roiç  Nóyoiç,  Buch  XII.
2 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  225  ff.
        <pb n="242" />
        Die  Nichtinterventionisten

221

Le  Play  unterscheidet  vier  Einnahmequellen  der  Arbeiterfamilie ­
  :  a)  Einnahmen  aus  der  Bewirtschaftung  des  Eigentums  ;
b)  Subventionen  (Nutznießungsrechte,  Zuwendungen  von  Sachgütern ­
  und  Dienstleistungen);  c)  Arbeitslohn  und  d)  event.  Gewinn ­
  aus  häuslichen  Gewerben.  Dementsprechend  gliedert  er
das  Einnahmebudget  in  vier  Abteilungen.  Das  Ausgabenbudget
hat  fünf  Kapitel,  nämlich  Ausgaben  für:  a)  Nahrung,  b)  Wohnung, ­
  c)  Kleidung,  d)  sittliche  Bedürfnisse,  Erholung  und  Gesundheitspflege, ­
  e)  Schuldentilgung,  Steuern,  Versicherung  und
event.  Verlust  aus  häuslichen  Gewerben.  Je  zwei  Tabellen
treten  ergänzend  zum  Budget,  nämlich:  ein  Inventar  des  Immobiliar- ­
  und  Mobiliarbesitzes  der  Familie  und  ein  Spezialkonto
der  von  der  Familie  betriebenen  Nebengewerbe,  dessen  Saldo
in  Gewinn  oder  Verlust  im  Familienbudget  gebucht  wurde.
Mittels  doppelter  Spalten  in  allen  Konten  führt  Le  Play
eine  strenge  Scheidung  zwischen  Einnahmen  oder  Ausgaben  in
Geld  und  solchen  in  natura,  welche  er  mit  großer  Präzision  in
Geldeswert  schätzt,  durch.  Diese  Einrichtung  belehrt  in  bequemster ­
  und  übersichtlichster  Weise  über  den  Grad  des  geldoder
  natural  wirtschaftlichen  Charakters  des  Lebens  in  den  beobachteten ­
  Standorten  und  Berufsgruppen.  Da  der  Beobachter
ferner  durch  sie  veranlaßt  wird,  die  Ein-  und  Ausgänge  in  natura
(einschließlich  Arbeit  für  eigene  Rechnung)  zu  buchen,  so  muß
den  in  Le  Playschem  Rahmen  aufgenommenen  Familienbudgets
ein  höherer,  wissenschaftlicher  Wert  zuerkannt  werden,  als  den
von  Engel  bevorzugten  Haushaltungsbüchern  eignet.  Die  von
Le  Play  aufgenommenen  Familienbudgets  sind  nicht  Durchschnittsberechnungen, ­
  sondern  die  genaue  Rechnungsablegung
eines  bestimmten  meist  des  letzten  Wirtschaftsjahres  der  beobachteten ­
  Familien.
Zu  jedem  Budget  tritt  ein  erläuternder  Text,  den  eine
detaillierte  Beschreibung  des  Standorts  der  Familie  und  der
lokalen  Arbeitsorganisation  einleitet;  derselbe  schließt  mit  einer
Geschichte  der  Familie  und  einer  Darstellung  der  für  das  Leben
derselben  erheblichen  „Elemente  der  sozialen  Verfassung“  des
betreffenden  Landes  x ).
x )  „In  diesem  (letzten)  Abschnitt  werden  die  sozialen  Erscheinungen  erwähnt, ­
  denen  der  Arbeiter  passiv  gegenübersteht,  und  deren  gute  oder  schlimme
Folgen  ihm  nicht  zugeschrieben  werden  können.  So  muß  man  häufig  bei  den
        <pb n="243" />
        222

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Von  den  300  Familien,  über  welche  Le  Play  auf  seinen
Forschungsreisen  1829—56  erschöpfendes  Material  gesammelt,
hat  er  57  in  ausführlichen  Monographien  beschrieben.  Diese
bilden  den  Inhalt  seines  sechsbändigen  Werkes  Les  Ouvriers
Européens.  9  davon  behandeln  Familien  aus  dem  Orient  (Nordafrika, ­
  Ungarn,  Bulgarien,  europäisches  und  asiatisches  Rußland); ­
  9  solche  aus  dem  Norden  (Norddeutschland,  England,
Skandinavien);  39  solche  aus  dem  Ocident  (Mittel-,  West-  und
Südeuropa).  Aus  seinen  57  Monographien  induziert  Le  Play
sein  groß  angelegtes  System  der  Sozialwissenschaft.  Dasselbe  kam
erstmals  zusammenhängend  zur  Darstellung  in  dem  1864  erschienenen ­
  Werke:  La  Besonne  Sociale.  Bevor  wir  in  dessen
Darlegung  eintreten,  ist  noch  ein  Wort  über  Le  Plays  Stellungnahme ­
  zur  Geschichte  vorauszuschicken.
Ein  flüchtiger  Blick  über  das  Lebenswerk  Le  Plays  genügt ­
  schon,  um  uns  erkennen  zu  lassen,  daß  sein  Hauptaugenmerk, ­
  trotz  aller  Beobachtung  der  tatsächlichen,  lebendigen
Gegenwart,  auf  die  Erforschung  der  Vergangenheit  gerichtet  ist.
Er  durchwandert  die  Welt  um  die  Vergangenheit,  die  Geschichte
in  den  Überlieferungen  zu  studieren,  die  bis  in  die  Gegenwart
hinein  reichen.  Paul  Leroy-Beaulieu  hat,  wie  wir  gesehen
haben,  diesen  Zug  der  Le  Play  sehen  Methodik  übernommen
und  vielfältig  angewandt.  Es  wäre  aber  ein  Irrtum,  Le  Play
für  den  ersten  Pfadfinder  in  dieser  Richtung  anzusehen.  Wir
wissen  nicht,  ob  er  Turgot  gelesen  hatte.  Turgot  spricht
schon  den  Grundgedanken  jenes  Verfahrens  in  folgendem  Passus
seines  „Deuxième  Discours  sur  les  Progrès  successifs  de  l’esprit
humain“  mit  voller  Klarheit  aus:  „In  ihrer  unendlichen  Mannigfaltigkeit ­
  bietet  die  gegenwärtige  Lage  des  Erdballs  gleichzeitig
alle  Nuancen  der  Barbarei  und  der  Kultur.  Sie  zeigt  uns  gewissermaßen ­
  unter  demselben  Gesichtswinkel  die  Bewegungen
und  die  Spuren  aller  Schritte  des  menschlichen  Geistes,  das
Bild  aller  Stufen,  die  er  durchwandert  hat,  die  Geschichte  aller
Zeitalter.“

Monographien  französischer  Arbeiter  die  unmoralischen  Gesetze  der  Schreckensherrschaft ­
  hier  erwähnen  (gemeint  ist  die  zwangsweise  gleiche  Erbteilung),  welche
periodisch  in  den  armen  Familien  den  häuslichen  Herd,  der  mit  großer  Mühe
durch  Opferwilligkeit  und  Vorsorge  der  Eltern  geschaffen  wurde,  zerstört.“  Le
Play,  Méthode  Sociale,  p.  238—239.
        <pb n="244" />
        Die  Nichtinterventionisten

223

Für  Geschichtsforschung  im  gewöhnlichen  Sinne  hatte  L  e
Play  persönlich  wenig  Geschmack.  Doch  war  er  weit  entfernt
davon,  deren  Hilfe  zu  verschmähen  oder  zu  verachten,  wie
Leroy-Beaulieu.  Seine  Korrespondenz  mit  seinem  Freunde
und  Schüler  de  Ribbe,  von  dem  wir  zu  sprechen  haben  werden, ­
  legt  Zeugnis  ab  für  die  große  Wertschätzung,  welche  er
dessen  historischen  Arbeiten  entgegenbrachte.  Er  selbst  macht
von  den  gesicherten  Ergebnissen  historischer  Forschung  in  seinen
Werken  ausgiebigen  Gebrauch.
Le  Plays  System  der  Sozialwissenschaft  gipfelt  in  dem,  was
er  Constitution  essentielle  de  l’humanité  nennt.  Es  ist  dies  „der
Inbegriff  der  Anschauungen,  der  Sitten  und  der  Einrichtungen,
welche  die  beiden  wesentlichen  Bedürfnisse  des  Menschen  befriedigen“. ­
  Diese  beiden  Bedürfnisse  sind  :  Die  Kenntnis  des  Sittengesetzes ­
  und  der  Besitz  des  täglichen  Brotes.  Geschichte  und  zeitgenössische ­
  Beobachtung  der  europäischen  Völker  lehren  uns
die  Elemente  der  „wesentlichen  Verfassung 11  einer  menschlichen
Gesellschaft  kennen.  Die  Familie,  welche  aus  der  menschlichen
Natur  folgt,  als  soziale  Einheit  vorausgesetzt,  gibt  es  dieser
Elemente  sieben  und  zwar  vier  sittliche  und  drei  materielle.  Die
ersteren  zerfallen  in  zwei  Grundlagen  (fondements),  der  Dekalog
und  die  väterliche  Autorität,  und  zwei  Bindeinittel  (ciments),
Religion  und  Souveränität  ;  die  drei  materiellen  sind  :  das  Grundeigentum ­
  in  seinen  drei  Formen  als  Gemeineigen,  Patronage
und  individuelles  Eigen.  Die  Gesellschaftsordnung  eines  Volkes
ist  gut,  wenn  sie  1.  diese  7  Elemente  und  2.  die  Jahrhunderte
alten  Gebräuche  (coutumes),  welche  deren  Erhaltung  sichern,
aufweist.  Kennzeichen  einer  schlechten  Sozialverfassung  sind
dagegen  :  Das  teilweise  Fehlen  der  sieben  wesentlichen  Elemente
(und  der  daraus  folgenden  Gebräuche)  und  deren  Ersatz  durch
geschriebene  Gesetze.  Das  natürliche  Ziel  der  wesentlichen
Verfassung  der  menschlichen  Gesellschaften  ist  das  Glück  der
Gruppen  wie  der  Individuen.  Die  hauptsächlichsten  Kennzeichen ­
  dieses  Glückes  sind  die  Stabilität  der  bestehenden  Einrichtungen ­
  und  der  soziale  Frieden 1 ).  Das  ist  das  System  Le
Plays  in  kürzester  Zusammenfassung.  Um  uns  dessen  Ver-')

  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  132  ff.;  ibid.:  Vocabulaire  social,  Artikel
Constitution  essentielle,  Constitution  sociale,  Besoins  essentiels  usw.
        <pb n="245" />
        224

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

ständnis  zu  erleichtern,  werden  wir  gut  tun,  uns  an  eine  andere
Gruppierung  der  Elemente  desselben  zu  halten,  nämlich  an  diejenige, ­
  welche  Le  Play  seinem  zweiten  großen  Werke  La  Réforme ­
  Sociale  zugrunde  legt.  Dort  unterscheidet  er  sieben  Kategorien ­
  der  Sozialreform.  Es  sind:  Religion,  Eigentum,  Familie,
Arbeit,  Genossenschaft,  private  Beziehungen,  Staatsgewalt.  Bei  allen
Völkern  haben  sich  Einrichtungen  auf  diesen  sieben  Gebieten
herausgebildet.  Wenn  sie  derart  sind,  daß  sie  die  beiden
wesentlichen  Bedürfnisse  der  Menschheit  (Kenntnis  des  Sittengesetzes ­
  und  Besitz  des  täglichen  Brotes)  befriedigen,  so  ist  ein
Volk  glücklich.  Diese  so  gearteten  Einrichtungen  machen  eben
die  Constitution  essentielle  de  l’humanité  aus.
1.  Religion.  Le  Play  unterscheidet  Sittengesetz  und
Religion.  Da  der  Mensch  von  Natur  zum  Bösen  neigt,  braucht
er  die  Hilfe  des  Sittengesetzes,  um  nicht  zugrunde  zu  gehen.
Dieses  Sittengesetz  nennt  Le  Play  mit  Bischof  Dupanloup
den  ewigen  Dekalog.  Er  versteht  darunter  die  den  Menschen
von  Gott  in  der  Uroffenbarung  gegebenen  sittlichen  Vorschriften,
welche  allen  blühenden  Völkern,  Zeiten  und  Religionen  gemeinsam ­
  waren  oder  sind.  Der  jüdische  Dekalog  gibt  die  beste
Zusammenstellung  dieser  Vorschriften.  Le  Play  ist  bestrebt,
die  Übereinstimmung  der  Sittengesetze  der  andern  großen  Religionen ­
  mit  jenem  Dekalog  nachzuweisen.  Andererseits  schreibt
er:  „Auf  meinen  weiten  Reisen  habe  ich  immer  nach  Familiengruppen ­
  geforscht,  welche  ohne  Hilfe  des  der  Obhut  der  väterlichen ­
  Gewalt  anvertrauten  Dekalogs  sich  hätten  bilden  können.
Ich  habe  häufig  eine  Belohnung  für  den  Nachweis  einer  solchen
sozialen  Erscheinung  ausgesetzt.  Aber  alle  meine  Anstrengungen ­
  blieben  fruchtlos.  Ich  habe  nie  erfahren,  daß  die  Anhänger ­
  dieser  Neuerung  die  geringste  Nachbarschaft  zu  gründen
vermocht  hätten“  x ).
Der  Dekalog  ist  die  erste  und  wesentlichste  Grundlage  der
menschlichen  Gesellschaften.  Er  wird  geschützt  durch  die
väterliche  Autorität  und  die  Religion.  Von  ersterer  wird  bei
der  Erörterung  der  Familie  zu  reden  sein.  Die  Religion  definiert
Le  Play  als  „den  Inbegriff  der  Dogmen  und  Riten,  welche
durch  Ausübung  des  Kultus  die  väterliche  Autorität  unterstützen

')  Le  Play,  Les  Ouvriers  Européens,  Bd.  IV.  Indroduction,  §  1.
        <pb n="246" />
        Die  Nichtinterventionisten

225

zwecks  Sicherung  der  Befolgung  des  Dekalogs  und  der  Erhaltung ­
  des  sozialen  Friedens“  *).  Dieser  unbestimmte  und  äußerliche ­
  Religionsbegriff  verengerte  sich  bei  Le  Play  immer  mehr
zu  dem  des  kirchlichen  Katholizismus.  Ebenso  wurde  aus  dem
Dekalog,  als  Grundlage  und  Vorbedingung  speziell  der  Reorganisation ­
  der  Gesellschaftsordnung  Frankreichs,  zunächst  ein
durch  das  Evangelium  vervollkommnetes  Sittengesetz,  dann  aber
immer  mehr  das  katholisch-kirchliche.  Es  ist  dies  ein  Denkprozeß, ­
  der  weder  bei  Le  Play,  noch  bei  seinen  Schülern
beider  Observanzen  bis  heute  zur  klaren  und  vollen  Ausreifung
gedieh.  Insbesondere  die  Gruppe  der  Science  Sociale  verwahrt
sich  entschieden  dagegen,  daß  die  Le  Play  sehe  Lehre  das
katholisch-kirchliche  Sittengesetz  und  die  katholische  Religion
als  wesentliche  Elemente  einer  gedeihlichen  Sozialordnung  hinstelle. ­
  Um  sichern  Boden  unter  den  Füßen  zu  behalten,  empfiehlt ­
  es  sich  darum,  bei  dem  Satze  Le  Plays  stehen  zu  bleiben: ­
  „Die  methodische  Erforschung  der  zeitgenössischen  Völker
hat  mir  gezeigt,  daß  das  materielle  und  sittliche  Wohlergehen,
wie  die  wesentlichen  Bedingungen  der  Blüte  überhaupt,  in  direktem ­
  Verhältnis  zu  der  Kraft  und  Reinheit  der  religiösen
Überzeugungen  stehen“  2 ).
Le  Play  hatte  zwei  Gründe,  seine  religiösen  Anschauungen
niemals  vollständig  mit  seiner  Soziallehre  zu  identifizieren  :  einmal ­
  die  Beobachtung,  welche  er  auf  seinen  Reisen  gemacht,
daß  es  auch  außerhalb  des  Katholizismus  und  selbst  des
Christentums  glückliche  Völker  gebe,  und  zweitens  das  Bestreben, ­
  um  seine  Fahne  der  sozialen  Reorganisation  Frankreichs
alle  nur  irgendwie  geeigneten,  auch  nicht  katholischen  Kräfte
zu  sammeln 3 ).
Der  unsicheren  Stellungnahme  Le  Plays  und  seiner  Schüler
in  dieser  Frage  tragen  wir  Rechnung,  indem  wir  sein  System  und
die  von  ihm  sich  ableitenden  Schulen  nicht  als  katholische
schlechthin,  sondern  als  den  katholischen  Schulen  verwandt  bezeichnen. ­

2.  Eigentum.  Bezüglich  der  geschichtlichen  Entwicklung
des  Eigentums  vertritt  Le  Play  die  der  deutschen  Nationalb
  Le  Plat/,  Art.  Religion  im  Vocabulaire  Social  (Méthode  Sociale,  p.  472).
2 )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I,  1.  Ausl.,  p.  48,  4.  And.,  p.  98.
b  F.  Auburtin,  Frédéric  le  Play,  p.  153—154.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  15
        <pb n="247" />
        226

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Ökonomie  geläufigen  Grundanschauungen.  Das  bewegliche,  viel
früher  als  das  unbewegliche  persönlich  gewordene  Eigentum
scheidet  er  aus  der  Betrachtung  aus.  Seine  Aufmerksamkeit
gilt  überwiegend  dem  Grundeigentum,  das  er  in  Gemeineigen,
Patronage  und  individuelles  Eigen  gliedert.  Gemeineigen  ist
„eine  auf  Überlieferung  beruhende  Besitzart  von  Grund  und
Boden,  bei  welcher  dieser  einer  Nachbarschaft,  einer  Gemeinde
oder  einer  Mehrheit  von  Gemeinden  gehört“*).  Patronage  und
individuelles  Eigentum  sind  beide  Privateigentum 2 ).  Unter
Patronage  versteht  Le  Play  alle  Rechtsverhältnisse,  bei  denen
der  Grundbesitzer  andern  Familien  die  Bewirtschaftung  seines
Bodens  überläßt 3 ).  Der  Begriff  Patronage  umfaßt  im  weitesten
Sinn  Sklaven-  und  Hörigenwirtschaft  ebensowohl  als  alle  Arten
von  Pacht.  Das  wesentliche  Merkmal  dieser  Eigentumsart  liegt
nach  Le  Play  darin,  daß  die  väterliche  Autorität  des  Grundbesitzers ­
  sich  über  seine  blutsverwandten  Angehörigen  hinaus
auf  andere  Familien  erstreckt.  Das  individuelle  Eigentum  endlich
ist  „diejenige  Besitzart,  bei  der  Eigentum  und  Bewirtschaftung
des  Bodens  ausschließlich  einer  Familie  zustehen“ 4 ).
Le  Play  bezeichnet  diese  drei  Arten  des  Grundeigentums
als  die  materiellen  Grundlagen  der  Constitution  essentielle  de
l’humanité.  Die  beste  Sozialverfassung  ist  darum  diejenige,  welche
drei  Arten  des  Bodenbesitzes  nebeneinander  aufweist.  Die  Entwicklung ­
  der  menschlichen  Kultur  zeigt  aber,  daß  der  sittliche
und  materielle  Fortschritt  ein  immer  größeres  Vorwiegen  des
individuellen  Grundeigentums,  d.  h.  des  selbstbewirtschafteten
Einfamilienbesitzes  erheischt 5 ).
Der  wichtigste  Bestandteil  von  Le  Plays  Eigentumslehre
ist  seine  Erbrechtstheorie.  Er  führt  alle  Erbrechtssysteme  auf
drei  Typen  zurück  :  a)  die  zwangsweise  Erhaltung  des  Familiengutes; ­
  b)  die  zwangsweise  Gleichteilung  und  c)  die  Testierfreiheit. ­

Die  zwangsweise  Erhaltung  des  Familiengutes  besteht  darin,
daß  es  der  Hauptsache  nach  auf  einen  einzelnen  Erben  über-3
 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  449.
-)  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I  (1.  Auf!.),  p.  97.
3 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  467,  471.
4 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  471.
5 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  471.
        <pb n="248" />
        Die  Nichtinterventionisten

227

geht  (oder  im  Gemeineigentum  der  Familie  verbleibt).  Unwesentlich ­
  ist,  daß  dieser  meist  der  älteste  Sohn  ist.  Dieses
System  besteht  noch  unter  den  Bauern  von  Biscaya,  in  einzelnen
Teilen  Deutschlands,  Österreichs  und  Skandinaviens  und  bei
dem  englischen  Adel.  Fruchtbar  erweist  es  sich  nur,  wenn  mit
dem  Privileg  der  Geburt  die  Tugenden  der  Ahnen  vererbt
werden.  Geschieht  dies,  so  bewirkt  das  System  die  Heranbildung ­
  einer  Elite  und  trägt  zur  Stabilität  der  Staaten  bei.
Es  hat  jedoch  den  doppelten  Nachteil,  einmal  die  Verfügungsfreiheit ­
  des  Besitzers  einzuschränken  und  häufig  auf  ein  bloßes
Nutznießungsrecht  herabzudrücken  ;  dann  aber  auch  die  väterliche ­
  Autorität  zu  begrenzen  und  deren  Träger  zu  hindern,  selbst
den  würdigsten  Nachfolger  zu  wählen.  Das  System  wird  endlich
ungerecht  und  drückend  empfunden,  wenn  es  auf  den  Adel
allein  beschränkt  bleibt,  wie  in  Frankreich  vor  der  Revolution  *).
Die  zwangsweise  gleiche  Erbteilung  wurde  Frankreich  durch
den  Nationalkonvent  und  den  Napoleonischen  Code  Civil
auferlegt.  Zweck  und  Wirkung  derselben  ist,  die  väterliche
Autorität,  die  Familien  und  alle  häuslichen  Traditionen  der
Vergangenheit  brutal  zu  zerstören.  Sie  zerstört  die  väterliche
Autorität,  weil  sie  den  Familienvater  der  wirksamsten  Sanktion
derselben  entkleidet  ;  sie  zerstört  die  Fruchtbarkeit  der  Ehe  und
gefährdet  die  Zukunft  des  Volkes,  weil  sie  den  Eltern  kein
anderes  Mittel,  den  sozialen  Rang  und  „die  Arbeitsstätte“  2 )  der
Familie  den  zukünftigen  Geschlechtern  zu  erhalten,  übrig  läßt,
als  sich  auf  die  Zeugung  eines  oder  höchstens  zweier  Kinder
zu  beschränken  ;  sie  zerstört  endlich  die  Stabilität  des  Familienherdes,
  indem,  wenn  mehrere  Kinder  vorhanden  sind,  keines
derselben  ihn  zu  übernehmen  vermag  und  derselbe  folglich  zur
Veräußerung  gelangen  muß.  Die  zwangsweise  gleiche  Erbteilung ­
  ist  von  jeher  von  den  Siegern  den  unterjochten  Völ-J

 )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I,  cap.  2,  §  19.
2 )  Wir  übersetzen  mit  „Arbeitsstätte“  den  Begriff  „atelier“  der  Le  Playseben ­
  Terminologie.  Derselbe  bedeutet  den  Betrieb,  aus  dem  eine  Familie  ihren
Lebensunterhalt  zieht  oder  genauer,  „den  Ort,  wo  die  ein  Bewerbe  oder  einen
freien  Beruf  kennzeichnenden  Arbeiten  ausgeführt  werden“.  Unter  „atelier“
versteht  also  Le  Play  ebensowohl  einen  Bauernhof,  ein  Jagdrevier  oder  eine
Fischbank,  wie  eine  Werkstätte,  eine  Fabrik,  einen  Laden  oder  ein  Bureau  usw.
Ofr.  Méthode  Sociale,  p.  445.
        <pb n="249" />
        228

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

kern  auferlegt  wurde,  um  deren  Sozialordnung  zu  zerrütten
und  sie  in  Abhängigkeit  zu  erhalten.  Schon  die  ersten  Eroberer ­
  Indiens,  die  Arya,  haben  es  auf  die  Urbevölkerung,  die
Çoudra,  angewandt.  Desgl.  die  Engländer  in  Irland  und  auf
der  Insel  Mauritius  *).
Die  Testierfreiheit  endlich  ist  das  System,  bei  welchem  der
Familienvater  über  das  Ganze,  oder  doch  mindestens  die  Hälfte
seines  Besitzes  frei  verfügen  kann.  Letzteres  ist  in  Deutschland
und  in  Italien  der  Fall,  ersteres  in  den  angelsächsischen  Ländern.
Die  unbegrenzte  Testierfreiheit  ist  die  logische  Folge  der  individuellen ­
  Freiheit,  welche  die  Verfassungen  des  XIX.  Jahrhunderts
zur  Grundlage  der  heutigen  Gesellschaftsordnungen  erhöhen.
Der  bedeutendste  Vorzug  der  Testierfreiheit  besteht  darin,  daß
sie  den  Familienvater  in  die  Lage  setzt,  die  Erhaltung  des
Herdes  der  „Arbeitsstätte“  und  des  sozialen  Ranges  der  Familie,
durch  Einsetzung  des  Würdigsten  zum  Haupterben,  mit  einer
angemessenen  Ausstattung  der  übrigen  Geschwister  zu  verbinden. ­
  Le  Play  behauptet  eines  der  wichtigsten  Resultate
seiner  langjährigen  Beobachtungen  sei  die  Feststellung  der  allgemeinen ­
  Tatsache,  daß  diejenigen  Völker,  welche  die  Eigentums-Ordnung
  auf  die  Gewohnheit  testamentarischer  Regelung  der
Erbfolge  gründen,  sich  durch  Gottes-  und  Nächstenliebe,  Arbeitslust ­
  und  Fruchtbarkeit  der  Ehen  auszeichnen 2 ).  Die  Testierfreiheit ­
  war  das  Recht  Roms  in  den  Jahrhunderten  seiner  Größe;
sie  ist  das  Recht  der  angelsächsischen  Völker,  welche  sich  über
alle  Teile  der  Erde  ausgedehnt  haben  und  die  mächtigsten
und  blühendsten  der  Gegenwart  sind 3 ).  In  unsern  Tagen
empfiehlt  es  sich,  zu  Erziehungszwecken  die  Testierfreiheit  durch
ein  gesetzliches  Erbfolgerecht,  welches  die  Erhaltung  des  Familiengutes ­
  und  die  Anerbensitte  sanktioniere,  zu  stützen 4 ).
Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  Le  Play  gewichtiges  Material
gegen  die  zwangsweise  gleiche  Erbteilung  des  Code  Civil  beibringt. ­
  Wenn  wir  jedoch  näher  zusehen,  so  finden  wir,  daß

x )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I,  cap.  2,  §  20.  Cfr.  Auburtin,  loc.
cit.  pag.  741  if.,  Rambaud,  loc.  cit.,  2.  And.,  p.  476—477.
2 )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I  (1.  And.),  §  21,  p.  130.
3 )  Vgl.  Auburtin,  loc.  cit.  p.  176.
4 )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I  §  22.
        <pb n="250" />
        Die  Nichtinterventionisten

229

dasselbe  sich  weniger  gegen  die  gleiche  Erbteilung,  als  gegen
die  Teilung  in  natura  richtet.  Es  käme  zweifellos  der  Erhaltung
einer  lebenskräftigen  Landbevölkerung  in  Frankreich  zu  statten,
wenn  die  Sitte  sich  verallgemeinerte,  daß,  statt  der  Teilung  in
natura,  ein  Kind  den  Hof  übernähme,  mit  der  Verpflichtung,
seine  Geschwister  in  Geld  abzufinden.  Ob  aber  hierzu  die  Bevorzugung ­
  des  Anerben  nötig  ist,  ist  nicht  erwiesen;  und  ob
die  von  Le  Play  gewünschte  Testierfreiheit  die  von  ihm  erhoffte ­
  allgemeine  Betätigung  der  Anerbensitte  nach  sich  ziehen
würde,  ist  angesichts  der  Wirkungen  jener  Freiheit  in  den
Vereinigten  Staaten  mindestens  zweifelhaft.  Andererseits  ist  zuzugeben, ­
  daß  die  Testierfreiheit  dem  Wesen  einer  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  entspricht.  Denn  es  scheint  gerecht, ­
  daß  derjenige,  der  ein  Vermögen  erwirbt,  auch  frei
darüber  soll  verfügen  können.
3.  Familie.  Die  Familie  ist  der  Brennpunkt,  in  dem  alle
Elemente  des  Le  Play  sehen  Systems  konvergieren.  Sie  ist  die
soziale  Urzelle,  die  „ewige“  Organisationsform,  welche  die  Befriedigung ­
  der  wesentlichen  Bedürfnisse  der  Menschheit:  Befolgung ­
  des  Sittengesetzes  und  Besitz  des  täglichen  Brotes  am
besten  garantiert.  Le  Play  definiert  die  Familie  als  „die
soziale  Einheit,  welche  die  an  demselben  Herd  wohnenden
Personen  umfaßt“ x ).  Grundlage  der  Familie  sind  die  natürlichen ­
  Gefühle  der  Gatten-,  Eltern-,  Kindes-,  Geschwisterliebe.
Elemente  der  Familie  sind  :  der  häusliche  Herd,  die  Frau  und
die  Ehe,  die  väterliche  Autorität,  Achtung  vor  dem  Alter,  Erziehung ­
  der  Jugend,  unverheiratete  Geschwister  und  häusliche
Dienstboten  2 ).  Die  Familie  ist  nötig,  um  die  Achtung  vor  dem
Weibe  zu  sichern.  Sie  wird  von  der  väterlichen  Autorität  beherrscht. ­
  Die  väterliche  Autorität  ist  „eines  der  vier  sittlichen
Elemente  der  Sozialordnung.  Sie  ist  die  von  Gott  gegebene
Gewalt,  welcher  obliegt,  die  Beobachtung  des  Dekalogs  und  die
Herrschaft  des  sozialen  Friedens  zu  sichern“  3 ).
Unter  Zugrundelegung  der  drei  unterschiedenen  Erbsysteme  :
zwangsweise  Erhaltung  des  Familiengutes,  zwangsweise  gleiche

J )  Le  Play,  Methode  Sociale,  p.  457.
2 )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  ßd.  I,  1.  Ausi.  p.  166  ff.
3 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  445.
        <pb n="251" />
        Ü30

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Erbteilung  und  Anerbensitte  (als  Betätigung  der  Testierfreiheit),
stellt  Le  Play  eine  dreigliedrige  Klassifizierung  der  Familien
auf  in  :  patriarchalische,  unbeständige  und  Stammfamilien.
Die  patriarchalische  Familie  gruppiert  verheiratete  und  unverheiratete ­
  Abkömmlinge  eines  gemeinsamen  Stammvaters  um
denselben  Herd  und  unter  dessen  absolute  Autorität.  Das
Patrimonium  ist  Gemeineigentum  der  Familie.  Diese  Art  besteht
noch  bei  den  Nomaden  Zentralasiens  und  des  Atlas,  in  Südrußland ­
  und  bei  den  Slawen  des  Balkans,  doch  ist  sie  in  der
Auflösung  begriffen.  Ein  bedeutsamer  Nachteil  derselben  ist,
daß  sie  bei  der  Güterverteilung  der  Verschiedenheit  der  Fähigkeiten ­
  und  der  Arbeitsleistung  ihrer  Mitglieder  nicht  Rechnung
trägt,  und  darum  Trägheit,  Mittelmäßigkeit,  Mangel  an  Initiative
und  kulturelle  Stagnation  fördert 1 ).
Ein  Gegenstück  dazu  bietet  die  unbeständige  Familie  (famille
instable).  Sie  entsteht  mit  der  Ehe  eines  Paares  und  vergeht
mit  dessen  Tod.  Der  Familienherd  überlebt  selten  eine  Generation. ­
  Die  väterliche  Autorität  ist  sehr  gering  in  ihr.  Sie  ist
das  Resultat  der  zwangsweisen  gleichen  Erbteilung,  deren  Nachteile ­
  ihr  anhaften 2 ).  Folgen  derselben  sind  :  Mangel  an  Initiative
und  Überwiegen  des  Geistes  der  Neuerung  bei  den  Kindern,
Unbeständigkeit  der  politischen  Einrichtungen  der  Nation,  Anämie ­
  der  Rasse  usw.
Als  idealer  Typus  erweist  sich  dagegen  die  Stammfamilie
(famille-souche).  Sie  beruht  auf  der  Anerbensitte.  Der  Anerbe
bleibt  bei  den  Eltern  am  Familienherde,  der  die  Jahrhunderte
überdauert;  allenfalls  bleiben  auch  die  unverheirateten  Geschwister ­
  einer  jeden  Generation.  Diejenigen  aber,  welche  heiraten ­
  ,  wandern  aus  und  gründen  neue  Herde.  Sie  erhalten
Ausstattungen  aus  den  Ersparnissen  des  Stammherdes.  Die
Vorzüge,  welche  Le  Play  an  der  Stammfamilie  zu  rühmen
weiß,  sind  schier  unzählbar.  Es  seien  nur  einige  der  hervorstechendsten ­
  angeführt  :  die  Stammfamilie  verbindet  in  der
glücklichsten  Weise  die  Stabilität  und  die  Erhaltung  der  Überlieferungen ­
  mit  der  Berücksichtigung  der  Anforderungen  des
Fortschritts.  Sie  erhält  ihren  Herd,  ihr  Familiengut,  ihre  relib
  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I,  1.  Ausi.,  §  24,  p.  168  und  Methode
Sociale,  p.  457.
2)  Le  Play,  Réforme  Sociale,  ibid.  p.  169  und  Méthode  Sociale,  ibid.
        <pb n="252" />
        Die  Nichtinterventionisten

231

giösen  und  sittlichen  Traditionen  durch  die  Jahrhunderte;  andererseits ­
  zwingt  sie  ihre  Sprößlinge,  welche  sie  hinausschickt,
zur  Anspannung  all  ihrer  Kräfte  und  zur  Anpassung  an  die
Notwendigkeiten  des  jeweiligen  Augenblicks,  um  sich  im  Kampfe
ums  Dasein  siegreich  zu  behaupten.  Die  väterliche  Autorität
ist  stark  in  der  Stammfamilie  ;  in  der  freien  Wahl  des  Anerben
verfügt  sie  über  eine  wirksame  Sanktion.  Die  Stammfamilie
blüht  und  gedeiht  in  allen  Gewerben,  ja  selbst  in  den  hauptsächlichsten ­
  freien  Berufen,  Man  denke  nur  an  die  Ärzte-,
Richter-,  Soldatengeschlechter.  Sie  fördert  die  Fruchtbarkeit
der  Ehen  und  die  Erschließung  der  Kolonialländer  ;  vermag  den
Aktien-  und  ähnlichen  Handelsgesellschaften  in  der  Ausbeutunggroßer
  Gewerbe-  und  Handelsbetriebe  eine  wirksame  und  erfreuliche ­
  Konkurrenz  zu  machen  ;  sichert  die  Erhaltung  der  in
Privatbesitz  befindlichen  Waldbestände  ;  bietet  den  Kindern  eine
vorzügliche  Erziehung  und  den  Greisen,  Witwen  und  Waisen
eine  sichere  Unterkunft;  vermag  die  untern  Klassen  besser  als
alle  Genossenschaften  und  Kreditorganisationen  zu  heben  und
ist  ein  ausgezeichneter  Wall  gegen  das  Aufkommen  des  Pauperismus ­
  usw.  usw.  Die  Stammfamilie  existiert  vielfach  in
den  angelsächsischen,  deutschen  und  slawischen  Ländern;  die
Landbevölkerung  Frankreichs  gibt  sie  nur  widerstrebend  auf 1 ).
4.  Arbeit.  Die  menschlichen  Gesellschaften  ziehen  ihren
Unterhalt  aus  zwei  Quellen:  den  spontanen  Produkten  des
Bodens  und  des  Meeres  und  der  durch  das  Sittengesetz  befruchteten ­
  Arbeit  des  Menschen 2 ).

i)  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  457  ;  Réforme  Sociale,  Bd.  I,  cap.  2,
sowie  passim  durch  das  ganze  Werk.
*)  Le  Play,  ibid.  p.  79  ff.
Le  Play  unterscheidet:  Travaux  oder  Arts  usuels  und  Arts  libéraux.
Ersterer  gibt  es  acht  Arten.  Diese  sind:  Ausbeutung  der  spontanen  Naturprodukte, ­
  Ausbeutung  der  Steppen  durch  Weidewirtschaft,  Seefischerei,  Waldbau, ­
  Ausbeutung  von  Berg-  und  Hüttenwerken,  Ackerbau,  Industrie,  Handel.
Die  freien  Berufsarten  gruppiert  Le  Play  nach  dem  Grade  der  sittlichen  Eigenschaften, ­
  die  sie  erheischen,  wie  folgt:  Krieger,  Ingenieure,  Lehrer,  Gelehrte,
Literaten  und  Künstler,  Rechtsanwälte,  Arzte,  Richter,  Religionsdiener  und
öffentliche  Verwaltungsorgane.  Die  Anschauungen  Le  Plays  über  die  Rolle  und
den  Wert  der  verschiedenen  Berufsarten  sind  nicht  ohne  Interesse.  Die  Gewerbe
(arts  usuels)  haben,  meint  er,  den  menschlichen  Geist  sicherer  als  die  philosophischen ­
  Systeme  des  Altertums,  des  Mittelalters  und  der  Renaissance  auf  der
        <pb n="253" />
        232

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Die  Arbeit  betrachtet  Le  Play  hauptsächlich  unter  dem
Gesichtspunkt  ihres  sittlichen  Wertes.  „Da  ein  Volk  seine  Kraft
aus  der  intellektuellen  und  sittlichen  Ordnung  eher  als  aus
der  materiellen  zieht,  so  ist  eine  selbst  wenig  produktive  Arbeit
für  dasselbe  fruchtbringender  als  der  Reichtum  .  .  .  Das  oberste
Ziel  der  Arbeit  ist  die  Tugend,  nicht  der  Reichtum:  diese  Wahrheit ­
  enthält  im  Keime  die  ganze  Sozial  Wissenschaft“  a ).
Die  Arbeitsfreiheit  ist  für  Le  Play  die  einzige  glückliche
Neuerung,  welche  die  Revolution  gebracht  hat.  Durch  Beseitigung ­
  der  feudalen  und  zünftischen  Zwangsverfassung  wurde  das
Feld  frei  für  die  Entwicklung  des  freien  Patronage 2 ).
5.  Genossenschaften.  Le  Play  unterscheidet  Communautés ­
  und  Corporations.  Erstere  sind  entweder  communautés  de
travailleurs,  z.  B.  Zünfte,  Produktivgenossenschaften,  Gewerkvereine ­
  usw.,  oder  communautés  de  capitaux,  d.  s.  insbesondere
die  Aktiengesellschaften.  Unter  corporations  versteht  Le  Play
die  religiösen  Genossenschaften  und  Orden  3 ).
Le  Play  ist  den  Genossenschaften,  welcher  Art  sie  auch
seien,  nicht  hold.  Die  familiale  Organisation  der  Gesellschaft
und  der  Produktion  —  er  nennt  sie  auch  wohl  die  „individuals ­
  ahn  zur  Erkenntnis  der  Wahrheit  geleitet;  sie  haben  einen  leider  zuviel  unterschätzten ­
  Bildungswert  für  den  Verstand  und  vermögen  das  Herz  besser  vor
Korruption  zu  bewahren  als  die  freien  Berufe.  —  Der  Ackerbau  ist,  wenn  mit
der  Institution  der  Stammfamilie  verbunden,  dasjenige  Gewerbe,  dessen  Interessen ­
  sich  am  vollständigsten  mit  denen  der  Gesamtheit  decken.  —  Der  Waldbau ­
  ist  das  einzige  Gewerbe,  welches  dem  Staate  vorzubehalten  das  allgemeine
Interesse  gebietet,  so  lange  der  Waldbesitz  nicht  in  Händen  von  Stammfamilien
ist.  —  Das  Bergwerksgewerbe  ist  das  bodenständigste  von  allen  ;  besser  als  irgend
ein  anderes  schafft  es  die  Solidarität  der  aufeinanderfolgenden  Generationen.  —
Die  Industrie  vermehrt  die  Kräfte  eines  Volkes,  wenn  Testierfreiheit  und  Patronage ­
  sie  befruchten;  muß  sie  aber  diese  Stützen  entbehren,  so  schwächt  sie  das
Volk  und  erzeugt  den  Pauperismus.  —  Kolonien  sind  ein  notwendiges  Element
einer  Sozialverfassung,  welche  auf  der  Stammfamilie  beruht.  Sie  tragen  wesentlich ­
  zur  Erhaltung  der  Stabilität  der  Sozialverfassung  des  Mutterlandes  bei,  indem ­
  sie  dessen  überschüssige  Bevölkerung  aufnehmen.  —  Die  freien  Berufsarten
machen,  je  nach  dem  Stande  der  Sitten,  die  Kraft  oder  die  Schwäche  eines
Volkes  aus.  Denn  von  ihnen  geht  die  Tugend  oder  die  Korruption  aus.  Zur
Bildung  von  Stammfamilien  sind  sie  nur  teilweise  und  in  geringerem  Maße  als
die  Gewerbe  geeignet.  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I,  cap.  4.
*)  Le  Play,  Réforme  Sociale,  1.  Ausi.,  Bd.  I,  p.  237,  239,  240.
2 )  ibid.  cap.  4  und  Bd.  Il,  cap.  6.  Über  Patronage  s.  unten  sub  6.
3 )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  1.  Ausi.,  Bd.  I,  §  41,  p.  358.
        <pb n="254" />
        Die  Nichtinterventionisten

233

listische“  —  ist  in  seinen  Augen  nun  einmal  das  unbedingt
anzustrebende  Ideal,  dem  genossenschaftliche  Gebilde  nur  zu
leicht  ins  Gehege  kommen.  Dies  tun  in  sehr  unerwünschter
Weise  z.  B.  die  Aktiengesellschaften  und  zwar  infolge  der  zwangsweisen ­
  gleichen  Erbteilung.  Indem  diese  nämlich  die  Schaffung ­
  und  Erhaltung  von  familialen  Arbeitsstätten  hindert,  fördert
sie  die  ungemessene  Vermehrung  von  unpersönlichen,  aktiengesellschaftlichen ­
  Arbeitsstätten,  welche  kein  günstiger  Boden
sind  für  die  Entwicklung  harmonischer  Beziehungen  zwischen
Arbeitgebern  und  Arbeitern  *).  Andererseits  haben  die  Versuche,
die  alten  Zünfte  in  der  Form  von  Produktivgenossenschaften
wieder  aufleben  zu  lassen,  keine  günstigen  Resultate  gezeitigt 2 ).
Die  gesellschaftliche  Organisation  der  Produktion  ist  darum
nur  für  ganz  große  Unternehmungen,  welche  die  Kräfte  auch
der  stärksten  Unternehmerfamilie  übersteigen,  geeignet 3 ).
6.  Private  Beziehungen.  Unter  dieser  Rubrik  behandelt
Le  Play  die  wichtige  Frage  der  Beziehungen  zwischen  Arbeitgebern ­
  und  Arbeitern.
Die  großen  Entdeckungen  des  XVIII.  und  XIX.  Jahrhunderts ­
  haben  eine  Entwicklung  der  Industrie  nach  sich  gezogen, ­
  aus  welcher  der  Pauperismus  hervorging.  Es  ist  dies
eine  neue  Erscheinung  in  der  Weltgeschichte  und  die  große
Frage  unserer  Zeit.  Das  Mittel,  ihn  zu  überwinden,  lehren  uns
die  Überlieferungen  der  Vorzeit:  es  heißt  Patronage.
Der  Patronage  oder  die  Schutzherrschaft  ist  „der  Inbegriff
der  Anschauungen,  Sitten  und  Einrichtungen,  welche  mehrere
Familien  zu  deren  voller  Zufriedenheit  unter  die  Autorität  eines
Oberhauptes  :  des  Arbeitgebers,  vereinigen“  4 ).  Er  besteht  in  den
„Sitten  und  Einrichtungen,  welche  die  Sicherheit  der  un  vorsorglichen ­
  Massen  zu  gewährleisten  imstande  sind“ 6 ).  Der  Patronage, ­
  der  früher  zwangsweise  organisiert  war,  beruht  heute  auf
einem  freiivillig  dauernden,  womöglich  sich  auf  Generationen
hinaus  erstreckenden  Arbeitsverhältnis.  Er  legt  dem  Arbeit-')

  ibid.  §  44,  p.  363  ft.
2 )  ibid.  §  43,  p.  358  ft.
3 )  ibid.  §  45,  p.  371  ff.
4 )  ibid.  p.  467.
5 )  ibid.  Bd.  II,  p.  15,  22.
        <pb n="255" />
        234

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

geber  eine  Reihe  von  Pflichten  auf,  insbesondere  diejenige,  die
Beobachtung  der  sechs  Coutumes  des  Ateliers  zu  sichern.  Diese
sind:  1.  Ständige  Arbeitsverhältnisse.  2.  Wechselseitige  Verständigung ­
  über  den  Lohn.  3.  Verbindung  der  Fabrikarbeit
mit  häuslichem  Nebenerwerb.  4.  Spartätigkeit.  5.  Schaffung
eines  Eigenbesitzes,  namentlich  eines  kleinen  Hauses.  6.  Schutz
und  Hochachtung  der  Frau 1 ).  Der  Patronage  ist  nach  Le  Plays
Ansicht  wirksamer  als  alle  Arbeitersyndikate  und  Wohltätigkeitsanstalten, ­
  von  staatlichen  Maßnahmen  gar  nicht  zu  reden,
um  den  Arbeitern  Wohlstand  zu  verschaffen  und  die  Harmonie
der  sozialen  Klassen  zu  sichern 2 ).
7.  Staatsgewalt.  Die  Staatsgewalt  ist  für  Le  Play  wesentlich ­
  nur  ein  Auswuchs  und  eine  Ergänzung  der  väterlichen
Autorität.  „Die  Souveränität,“  sagt  er,  „eines  der  vier  sittlichen
Elemente  der  Sozialordnung,  ist  die  höhere  Gewalt,  welche  im
Verein  mit  der  Religion  durch  Gerechtigkeit  und  Zwangsgewalt
die  väterliche  Autorität  unterstützt,  um  die  Befolgung  des  Dekalogs ­
  und  die  Herrschaft  des  sozialen  Friedens  zu  sichern.  Bei
den  einfachen  Völkern  wird  die  Souveränität  durch  den  Stellvertreter ­
  Gottes  selbst:  den  Familienvater,  ausgeübt.  Bei  den
entwickelteren  Völkern  umfaßt  die  Souveränität  fünf  Stufen  :
die  Theokratie  in  der  Seelsorge;  die  väterliche  Autorität  in  der
Familie;  die  Demokratie  in  der  Gemeinde;  die  Aristokratie  in
der  Provinz;  die  Monarchie  im  Staate“ 3 ).
Auf  seinen  Reisen  durch  England  hatte  sich  Le  Play  von
den  Grundsätzen  des  self-hep  und  self-government  durchdrungen.
Sie  sind  es,  welche  seine  Stellungnahme  zur  Staatsgewalt  bestimmen. ­
  Mit  seinen  die  politische  Organisation  betreffenden
Dezentralisationsplänen  wollen  wir  uns  nicht  an  dieser  Stelle
befassen;  was  dagegen  die  Rolle  angeht,  welche  er  den  öffentlichen ­
  Gewalten  im  Wirtschaftsleben  zuweist,  so  muß  diese
ja  wohl  logischerweise  der  weitgehendste  Nichtinterventionismus
sein.  Das  Schutz-  und  Versicherungsbedürfnis  der  Arbeiterklasse
will  er  durch  den  Patronalismus  befriedigen;  für  die  in  Stamm-Le

  Play,  Méthode  Sociale,  p.  450.
2 )  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  H,  cap.  6.
3 )  Le  Play,  Méthode  Sociale,  p.  476.
        <pb n="256" />
        Die  Nichtinterventionisten

235

farailien  organisierte  Volkswirtschaft  fordert  er  Beseitigung  aller
innern  und  äußern  Schranken  der  Konkurrenz  *).
Le  Plays  Methode  und  System  tragen  beide  den  Stempel
ausgesprochener  Eigenart.  Man  wird  nicht  fehlgehen,  wenn
man  die  Bedeutung  des  Lebenswerkes  dieses  schaffensgewaltigen
Mannes  weniger  in  dem  Familialismus  sucht,  als  in  dem  Unterfangen, ­
  für  diesen,  sowie  für  das  auf  ihn  aufgebaute  sozialethische ­
  System  eine  umfassende  induktive  Fundamentierung  zusammenzutragen. ­
  Wir  werden  rückhaltlos  anerkennen  müssen,
daß  Le  Play,  insoweit  sein  Blick  nicht  durch  vorgefaßte  Meinungen ­
  verdunkelt  war,  einen  bemerkenswerten  Scharfblick  bekundet, ­
  und  daß  seine  Werke  eine  Fülle  von  wertvollem  Material
enthalten,  welches  von  einer  seltenen  Beobachtungsgabe  Zeugnis
ablegt.  Eine  andere  Eigenschaft  der  Werke  Le  Plays  ist
deren  faszinierende  Kraft,  welcher  sich  kein  Leser  wird  entziehen ­
  können.  Vielleicht  erklärt  sich  diese  aus  der  Tiefe
der  Überzeugungen  einer  machtvollen  Persönlichkeit,  aus  der
erdrückenden  Fülle  von  beobachteten  Einzeltatsachen  und  aus
der  unerbittlichen,  durchgreifenden  Konsequenz,  mit  welcher
diese  in  der  gewollten  Richtung  verarbeitet  werden.
Die  Familienmonographie  an  sich,  wie  sie  Le  Play  ausgebaut ­
  und  betätigt  hat,  ist  ein  bereits  sehr  brauchbares  und
dankenswertes  Hilfsmittel  der  Sozialforschung;  Leroy-Beaulieu
  nennt  sie  das  „soziale  Mikroskop“.  Sie  wurde  durch  eini)

  Le  Play,  Réforme  Sociale,  1.  Aufl.,  Bd.  II,  cap.  6,  §  51,  p.  39  ff.
Zur  Anbahnung  der  von  ihm  für  Frankreich  erstrebten  Sozialreform  verlangt ­
  Le  Play  allerdings  von  der  staatlichen  Gesetzgebung  die  Beseitigung  der
gesetzlichen  Hindernisse,  welche  der  Wiederherstellung  der  Constitution  essentielle ­
  de  l'humanité  in  Frankreich  entgegen  stehen.  In  dieser  Richtung  lautet
Le  Plays  Programm:  Wiederherstellung  der  Achtung  vor  Gott,  vor  der  väterlichen ­
  Geivalt  und  vor  der  Frau.  Um  die  Achtung  vor  Gott  wieder  herzustellen
und  der  Religion  den  Rang,  der  ihr  im  Herzen  des  Individuums,  wie  in  der
Familie  und  der  Gesellschaft  gebührt,  wieder  zu  geben,  ist  volle  Freiheit  aller
Kulte  und  Trennung  von  Kirchen  und  Staat  nötig.  Die  Achtung  vor  der  väterlichen ­
  Autorität  wird  aus  der  Einführung  der  Testierfreiheit  hervorgehen.  Die
Achtung  vor  der  Frau  erheischt  gesetzlichen  Schutz  gegen  Verführung  und  Aufhebung ­
  des  Art.  340  des  Code  civil:  La  recherche  de  la  paternité  est  interdite. ­
  Le  Play,  Réforme  Sociale,  1.  Aud.,  Bd.  Il,  §  68,  p.  358.  Ch.  Auburtin
loc.  cit.  p.  362  ff.  V.  Wenkstern,  loc.  cit.  p.  63.
        <pb n="257" />
        236

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

zelne  Schüler  Le  Plays,  einerseits  durch  Cheysson  und  insbesondere ­
  du  Maroussem,  andererseits  durch  H.  de  Tourville
  und  seine  Freunde  fortgebildet.  Zu  beanstanden  ist  aber
die  von  Le  Play  —  und  vielen  seiner  Schüler  bis  heutigentags
—  betätigte  Auswahl  der  typischen  Familien.  Du  Maroussem
bemerkt  treffend,  daß  in  stark  arbeitsteiligen  Gegenden  das
Auswahl  verfahren  Le  Plays  keine  genügenden  Anhaltspunkte
über  den  numerischen  Wert  der  Schicht,  welche  die  Monographie ­
  kennzeichnen  soll,  zu  bieten  vermag 1 ).  Schlimmer
noch  ist  die  nahezu  ausschließliche  Beschränkung  der  Auswahl
auf  erwünschte  Typen,  auf  „glückliche“  Familien;  diese  entsprechen ­
  keineswegs  der  durchschnittlichen  Wirklichkeit,  sie
sind  vielmehr  Ausnahmen.  Die  Monographiensammlung  aber
erhält  durch  diese  Auswahl  einen  tendenziösen,  weltfremden
Charakter,  der  mit  der  wissenschaftlichen  Akribie  der  einzelnen
Monographie  in  grellem  Widerspruch  steht.  Die  wissenschaftliche ­
  Beweiskraft  des  monographischen  Materials  Le  Plays
erleidet  infolgedessen  schwere  Einbuße.  Und  selbst  wenn  die
Familienmonographie  als  solche  eine  genügende  Grundlage  für
ein  System  der  Sozialwissenschaft  abgeben  würde,  was  wir  bestreiten, ­
  so  müßte  die  Le  Play  sehe  Sammlung  aus  obigen
Gründen  mindestens  vielseitig  ergänzt  werden.
Daß  auch  schon  die  eingangs  festgestellten  Voraussetzungen
der  Methode  der  ganzen,  großartigen  Forscherarbeit  Le  Plays
eine  a  priori  gegebene  Tendenz  auf  drücken,  bedarf  keines  weiteren ­
  Nachweises 2 ).
1)  P.  du  Maroussem,  les  Enquêtes.  Pratique  et  Théorie,  Paris,  1900.
p.  11—13.
2 )  Das  Familienbudget  als  Zentrum  der  Familienmonographie  wurde,  wie
wir  sehen  werden,  von  de  TourviUe  aufgegeben.  Die  Gründe,  welche  diesen
dazu  bestimmten,  faßt  Paul  de  Bousiers  wie  folgt  zusammen:  1.  Le  Plays  Ansicht, ­
  daß  alle  Handlungen,  welche  die  Existenz  einer  Arbeiterfamilie  ausmachen,
direkt  oder  indirekt  auf  eine  Einnahme  oder  Ausgabe  hinauslaufen,  wird  durch
die  Tatsachen  widerlegt.  Die  wesentlichste  Funktion  der  Familie,  die  Erziehung
der  Kinder,  entzieht  sich  beispielsweise  erschöpfender  Wiedergabe  in  Ziffern.
Das  Budgetschema  Le  Plays  kennt  zwar  eine  Rubrik:  Ausgaben  für  sittliche
Bedürfnisse,  Erholung  und  Gesundheit  mit  den  Unterabteilungen  :  Kultus,  Unterricht, ­
  Unterstützung  und  Almosen  ;  von  der  Kindererziehung  aber  geht  nirgends
die  Rede.  2.  Viele  Handlungen  des  Familienlebens  mögen  auf  eine  Einnahme
oder  Ausgabe  hinauslaufen,  aber  diese  steht  in  gar  keinem  Verhältnis  zu  der
wirklichen  Bedeutung  der  betreffenden  Handlung  :  wenn  z.  B.  aufgezeichnet  wird,
        <pb n="258" />
        Die  Nichtinterventionisten

237

Gehen  wir  von  der  Methode  zum  System  über,  so  fällt
uns  zunächst  dessen  Anspruch  in  die  Augen,  ewig  wahre,  absolute ­
  Gesetze  des  sozialen  Lebens  zu  bieten.  Nach  dem,  was  wir
von  der  Erziehung  und  Denkweise  Le  Plays  wissen,  kann  uns
das  nicht  wundernehmen.  Die  konkreten  Gesetze,  welche  Le
Play  aufstellt,  folgert  er  aus  der  Organisation  der  Sà-rm/hmà
Diese  sind:  treue  Beobachtung  des  Dekalogs,  Testierfreiheit,
ungeteilter  Erbübergang,  Achtung  vor  der  Tradition,  Permanenz
des  ArbeitsVerhältnisses,  Ausübung  des  Patronage  durch  die
oberen  Klassen  der  Gesellschaft  usw.  Wir  werden  sehen,  daß
Le  Plays  Schüler  de  Tourville,  Demolins,  de  Bousiers,
Pinot  und  But  el  einen  fundamentalen  Beobachtungsfehler
in  der  Bestimmung  des  wesentlichen  Merkmals  der  Stammfamilie ­
  (ungeteilter  Erbübergang)  in  überzeugender  Weise  nachgewiesen ­
  haben.  Damit  fielen  die  ewig  wahren  und  absoluten
Gesetze  Le  Plays.
Es  muß  ferner  zum  mindesten  befremden,  daß  ein  naturwissenschaftlich ­
  vorgebildeter  Mann  wie  Le  Play  das  gesamte
soziale  Geschehen  in  ein  System  ausschließlich  ethischer  Gesetze
konnte  zusammenfassen  wollen 1 ).  Indem  Le  Play  die  Tatdaß

  der  Unterricht  der  drei  Kinder  der  Baschkirenfamilie  im  Ural  der  Familie
eine  Jahresausgabe  von  0.63  fr.  verursacht,  so  möchte  man  glauben,  dort  sei  es
nicht  weit  her  mit  dem  Unterricht.  In  Wirklichkeit  aber  wird  den  Kindern  vom
Mullah  ein  mehrjähriger  unentgeltlicher  Schulunterricht  erteilt.  3.  Es  ist  nicht
möglich  den  Verkaufs  wert  z.  B.  des  Grundbesitzes  einer  Familie  in  Gegenden
abzuschätzen,  wo,  wie  bei  den  Baschkiren  der  asiatischen  Steppe,  der  in  Kultur
genommene  Boden  unverkäuflich  ist  und  alle  15  Jahre  neu  aufgeteilt  wird.  Wenn
Le  Play  es  dennoch  tut,  so  sind  diese  Ziffern  rein  willkürlich.  4.  Le  Play  selbst
hat  übrigens  zahlreiche  Tatsachen  beobachtet  und  in  den  Textkommentaren  zu
seinen  Familienbudgets  erwähnt,  die  in  diesen  selbst  gar  keinen  Ausdruck
finden.  —  Paul  de  Bousiers,  la  Méthode  Sociale,  ses  Procédés  et  ses  Applications
(par  E.  Demolins,  R.  Pinot  et  P.  de  Rousiers).  Erstes  Faszikel  der  neuen  Folge
der  Zeitschrift:  La  Science  Sociale,  Januar  1904.  p.  25—30.
i)  Allerdings  schreibt  der  Le  Playschüler  Claudio  Jannet  bez.  der  wirtschaftlichen ­
  Naturgesetze  der  Klassiker  :  „Die  zahlreichen  Wahrheiten,  welche
die  (liberalen)  Volkswirte  auf  dem  Gebiete  der  eigentlichen  Chrematistik  bewiesen ­
  haben,  finden  Platz  in  diesem  Ensemble  (dem  Systeme  Le  Plays);  wenn
Le  Play  sie  nicht  behandelt,  so  ist  es,  weil  er  sie  für  definitiv  bewiesen  hält,
und  weil  sie  für  ihn  nur  untergeordnete  Bedeutung  haben  gegenüber  den  großen
Wahrheiten,  die  vernachlässigt  wurden.“  Claudio-Jannet.  de  l’Etat  actuel  de  la
Science  sociale,  Art.  in  :  le  Correspondant  vom  15.  und  25.  Sept.  1878,  p.  1075.
        <pb n="259" />
        l.n

238  Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

sache,  daß  die  soziale  Erscheinungswelt  ein  Tummelfeld  nicht
nur  für  das  Seinsollen,  sondern  auch  für  verschiedene  Ordnungen ­
  des  Seins  abgibt,  nicht  gebührend  beachtete,  geriet  er
in  Widerspruch  nicht  nur  mit  der  historischen  und  realen  Wirklichkeit, ­
  sondern  auch  mit  einem  wichtigen  Elemente  seiner
Constitution  essentielle  de  l'humanité.  Die  grundlegende  Voraussetzung ­
  des  Le  Play  sehen  Systems,  welche  er  durch  seine  induktiven ­
  Forschungen  für  erhärtet  hält,  daß  nämlich  die
Völker,  die  den  Gesetzen  des  „ewigen  Dekalogs“  gehorchen,
nicht  anders  als  glücklich  sein  können,  während  diejenigen,
welche  jene  Gesetze  überschreiten,  leiden,  steht  im  Widerspruch
mit  dem  durch  die  hl.  Bücher  aller  Religionen  anerkannten
historischen  Geschehen,  ja  mit  diesen  Religionen  selbst,  da  sie
die  Vergeltung  für  das  Tun  und  Lassen  der  Menschen  großenteils ­
  ins  Jenseits  verlegen.
Eine  befriedigende  Sozial  Wissenschaft  ist  also  Le  Plays
sozialethisches  System  nicht.  Immerhin  bilden  die  Ergebnisse
seiner  Forschungsreisen  ein  äußerst  eindrucksvolles,  überzeugendes ­
  Material  zur  Begründung  der  Anschauung,  daß  die  ethischen
Kräfte  im  Wirtschafts-  und  Gesellschaftsleben  eine  wesentliche
Rolle  spielen.  Der  Geist,  in  dem  Le  Play  seine  Beobachtungen
aufnahm,  und  die  von  ihm  betätigte  Auswahl  des  Stoffes  macht
denselben  natürlich  in  erster  Linie  geeignet  zur  Begründung
oder  Erhärtung  von  Gesellschafts-  und  Wirtschaftstheorien
konservativer  Richtung.
B.  Die  Interventionisten,
Die  Gruppe  der  Catholiques  Sociaux,  oder  die  korporative
Schule,  wie  man  sie  auch  wohl  genannt  hat,  entwickelte  sich
aus  einer  religiös-politischen  Bewegung  und  schuf  sich  erst  nach
und  nach  eine  volkswirtschaftliche  Doktrin,  im  Gegensatz  zu
Le  Play,  der  zunächst  in  dreißigjähriger  mühevoller  Arbeit
eine  Lehre  ausbaute  und  dann  erst  an  die  Propaganda  herantrat.
Als  Vorläufer  des  Catholicisme  social  haben  wir  de
Maistre  und  de  Bonald  bezeichnet;  in  gewissem  Maße  auch
die  Stürmer  und  Dränger  der  Julimonarchie.  Ein  Zusammenhang ­
  zwischen  den  Interventionisten  der  vorachtundvierziger
Periode  und  den  heutigen  hat  zunächst  nicht  bestanden.  Erst
        <pb n="260" />
        Die  Interventionisten

239

mit  dem  Neudruck  des  Ottschen  Lehrbuchs  im  Jahre  1892  und
dem  damit  zusammenhängenden  Aufkommen  des  heutigen
christlichen  Sozialismus  läßt  sich  der  direkte  Einfluß  der  früheren
auf  die  heutige  sozialkatholische  Schule  nachweisen.
Die  Entstehungsgeschichte  dieser  Schule  ist  kurz  folgende 1 ):
Der  Industrielle  Maurice  Maignen,  Sohn  eines  Leibgardisten
Ludwig  XVIII.,  gründete  1852  in  Paris  unter  dem  Pseudonym
Maurice  le  Prévost  einen  Wohltätigkeitsverein,  der  sich
speziell  mit  der  Organisation  von  Lehrlingsvereinen  befaßte.
1855  ging  Maignen  einen  Schritt  weiter  und  sammelte  einige
der  aus  diesen  „Patronages  d’apprentis“  h  er  vorgegangenen  Gesellen ­
  um  sich  zu  einem  Gesellenverein  unter  dem  Namen
„Association  des  jeunes  ouvriers  de  Notre  Dame  de  Nazareth“.
Nach  außen  hin  sowohl  als  für  ihre  Mitglieder  hatte  die  Vereinigung ­
  lediglich  einen  religiös-geselligen  Zweck.  Maignen
aber  sah  darin  nichts  weniger  als  eine  Vorstufe  zur  Wiederherstellung ­
  der  Zünfte.  Er  hatte  seine  Jugend  „als  Arbeiter  in  den
Pariser  Vororten  verlebt;  das  Elend  und  die  Verwahrlosung  der
dortigen  Arbeiterbevölkerung  hatte  tiefe  Eindrücke  in  ihm
hinterlassen  und,  zu  Wohlstand  gelangt,  faßte  er  den  Entschluß,
sein  Leben  der  Besserung  der  materiellen  und  sittlichen  Lage
der  Arbeiter  zu  widmen.  Die  legitimistische  Erziehung,  die  er
im  Elternhause  genossen,  lenkte  seine  Gedanken  naturgemäß
auf  die  Einrichtungen  des  ancien  régime,  und  der  Einfluß  Louis
Veuillots  und  de  Meluns  förderten  in  ihm  das  Ausreisen
der  Überzeugung,  daß  die  Lösung  der  Arbeiterfrage  nur  von
der  korporativen  Organisation  der  Gewerbe  zu  erwarten  sei.
1865  nahm  sein  Gesellen  verein  den  Namen  „Cercle  des
jeunes  ouvriers“  an.  1867  bereiste  er  die  Rheinprovinz,  um  die
von  Kolping  ins  Leben  gerufenen  „sozialen  Vereine“  zu  studieren,
und  kehrte  dann  nach  Frankreich  zurück,  nunmehr  von  der
Notwendigkeit,  die  alte  Zunftverfassung  wieder  herzustellen,  fest
überzeugt.
Kurz  nach  Niederwerfung  der  Pariser  Commune  1871  trat
Maignen  mit  zwei  französischen  Offizieren:  Marquis  René  de
la  Tour  du  Pin  und  Graf  Albert  de  Mun,  von  denen  er  gehört

*)  Victor  de  Clercq,  Les  Doctrines  sociales  catholiques  en  France,  3.  Aufl.
1905,  Bd.  II,  p.  10  ff.
        <pb n="261" />
        240

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

hatte,  daß  sie  sich  mit  sozialen  Reorganisationsplänen  trügen,
in  Verbindung.  Die  beiden  Herren  hatten  sich  als  Kriegsgefangene ­
  in  Aachen  in  das  Studium  von  Kellers  gegen  den
Liberalismus  gerichteten  Kommentar  zum  Syllabus  Pius  IX. 1 )
vertieft  und  den  Plan  gefaßt,  eine  Gegenrevolution  einzuleiten,
die  Beseitigung  der  im  Gefolge  der  Ereignisse  von  1789  in
Frankreich  geschaffenen  individualistischen  Gesellschafts-  und
Wirtschaftsordnung  in  Angriff  zu  nehmen  und  die  Wiederherstellung ­
  des  „christlichen  Staates“  des  hohen  Mittelalters  zu
betreiben.  Maignen  wußte  die  beiden  für  seinen  Gesellenverein, ­
  als  für  den  ersten  Anfang  der  Wiederbelebung  der  Zunftordnung, ­
  zu  begeistern.  Das  Zusammentreffen  faßten  die  Herren
in  der  Folge  als  ein  providentielles  auf.  De  la  Tour  du  Pin
und  de  Mun  traten  als  Redner  im  „Cercle  des  jeunes  ouvriers
du  boulevard  Montparnasse“  auf  und  leiteten  alsbald  eine  Bewegung ­
  zur  Gründung  ähnlicher  Vereinigungen  ein,  zunächst  in
anderen  Pariser  Stadtvierteln,  dann  aber  auch  in  der  Provinz.
Das  Unternehmen  hatte  Erfolg,  am  meisten  allerdings  in  den
Kreisen  des  legitimistischen  Adels.  Viele  Offiziere  und  Zivilisten
dieser  Kreise  traten  bei,  weil  sie  die  Bewegung  für  geeignet
hielten,  die  Monarchie  wieder  herzustellen.  In  Paris  gab  es  bald
ein  halbes  Dutzend  Cercles,  in  der  Provinz  stieg  deren  Zahl
rasch  auf  sechshundert.
Die  Rekrutierung  von  Arbeitern  blieb  eine  mäßige,  weil
die  praktische  Ausübung  der  katholischen  Religion  als  Aufnahmebedingung ­
  verlangt  wurde.  Der  Pariser  Kanonikus  Brettes,
welcher  in  Le  Pia  y  schern  Sinne  gewünscht  hatte,  daß  die
Cercles  allen  Arbeitern  offen  stünden,  um  sie  nach  und
nach  für  die  Anschauungen  und  Pläne  des  Unternehmens  zu
gewinnen,  drang  nicht  durch.  Ziel  der  Bewegung  war,  wie
schon  angedeutet,  von  Anfang  an  die  Beseitigung  der  durch  die
Revolution  geschaffenen,  individualistischen  Wirtschafts-  und
Gesellschaftsordnung  und  Wiederherstellung  des  christlichen
Staates  des  Mittelalters,  d.  h.  in  erster  Linie  der  korporativen
Gewerbeverfassung.  Die  Cercles  sollten  Zentren  zur  Propaganda ­
  dieser  Idee  sein.  Bis  diese  jedoch  in  allen  Details
programmatisch  ausgebaut  wäre  und  der  Kampf  gegen  den

i)  Emile  Keller,  L’Encyclique  du  8  décembre  1864  et  les  principes  de  1789.
        <pb n="262" />
        Die  Interventionisten

241

Liberalismus  auf  der  ganzen  Linie  ausgenommen  werden  könnte,
beschränkte  man  sich  in  allen  Aufrufen  und  Reden  darauf,  als
Zweck  der  Oeuvre  des  Cercles  zu  bezeichnen:  die  Arbeiter  dem
Christentum  wieder  zu  gewinnen  und  die  gegenseitige  Annäherung ­
  der  sozialen  Klassen  zu  fördern.
Zwei  Umständen  insbesondere  hatte  die  Bewegung  ihren
raschen  Aufschwung  zu  verdanken:  erstens,  daß  sie  dem  starken
Bedürfnis  nach  politischen  und  sozialen  Reformen,  welches  die
Ereignisse  der  Jahre  1870—71  in  Frankreich  geweckt  hatten,
entgegen  kam,  und  zweitens  der  großen  Anziehungskraft,  welche
de  Muns  glänzende  Rednergabe  ausübte.
Gleich  anfangs  wurde  eine  Einrichtung  geschaffen,  erst
Conseil  de  Je'sus  Ouvrier,  dann  Conseil  des  Etudes  genannt,  deren
Aufgabe  sein  sollte,  zunächst  eine  der  katholischen  Religion
entsprechende  Lösung  der  Arbeiterfrage,  dann  aber  auch  den
detaillierten  Ausbau  einer  katholischen  Soziallehre  überhaupt  in
Angriff  zu  nehmen.  In  diesem  Ausschuß  finden  wir  Maignen,
de  la  Tour  du  Pin,  de  Mun,  Félix  de  Eoquefeuil,  Keller,  de  Breda,
den  apostolischen  Missionar  P.  de  Pascal,  Milcent,  Delalande  u.  a.
Man  teilte  das  Arbeitsgebiet  in  drei  Abteilungen  :  Arbeit,  Eigentum, ­
  Kredit.  Der  Conseil  des  Etudes  kam  nie  über  die  erste
Abteilung  hinaus x ).  Es  zeigte  sich  bald,  daß  der  tüchtigste
Kopf  der  Gruppe  der  Marquis  de  la  Tour  du  Pin  war.  Ihm
hauptsächlich  ist  der  allmähliche  Ausbau  der  Doktrin  zu  verdanken. ­
  De  Breda  enquetierte  über  die  Anfänge  korporativen
Zusammenschlusses  der  Arbeiter,  aber  auch  über  deren  Lage
überhaupt,  in  mehreren  industriellen  Großbetrieben  des  nördlichen ­
  und  östlichen  Frankreich.  Milcent  und  Delalande  arbeiteten
sozialpolitische  Gesetzentwürfe  aus,  welche  de  Mun  und  Lecour-Grandmaison
  vor  die  Abgeordnetenkammer  brachten.
1876  wurde  die  Monatsschrift  l’Association  Catholique  gegründet. ­
  Noch  war  man  so  wenig  zu  feststehenden,  geklärten
Grundsätzen  gekommen,  daß  man  alle  Katholiken,  auch  die
liberalen  und  Nichtinterventionisten,  zur  Mitarbeit  aufrief.
Charles  Périn  war  es,  der  den  Leitartikel  der  ersten  Nummer

i)  Der  Conseil  des  Etudes  veröffentlichte  unter  dem  Titel:  Questions  sociales ­
  et  ouvrières,  Paris  1882,  eine  Sammlung  von  Gutachten  seiner  Mitglieder
über  die  Frage  der  Organisation  der  Arbeit.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

16
        <pb n="263" />
        242

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

der  Zeitschrift  verfaßte  1  Er  wagte  es,  ihn  mit  dem  Satze  zu
schließen:  „Die  Arbeitsfreiheit  so  gut  als  die  vollständige  persönliche ­
  Freiheit  der  Arbeiter  sind  in  unsere  Sitten  und  in  unser
Recht  eingedrungen;  es  geht  nun  einmal  heute  nicht  mehr  an,
dem  Menschen  eine  gesetzliche  Bindung  an  das  von  ihm  ausgeübte ­
  Gewerbe  aufzuerlegen.“
Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  das  Zusammengehen  Périns
und  seiner  Freunde,  in  der  Hauptsache  Juristen,  Rechtsprofessoren ­
  der  Instituts  Catholiques  und  Schüler  Le  Plays,
mit  den  Männern,  welche  die  Wiederherstellung  der  Gebundenheit ­
  des  Feudalstaates  anstrebten,  nicht  von  langer  Dauer  sein
konnte.  Die  Scheidung  vollzog  sich  1878  in  Chartres.  De  Mun
hatte  dort  gelegentlich  einer  Wallfahrt  eine  zündende  Rede
gegen  die  Arbeitsfreiheit  und  für  die  Wiederherstellung  der  korporativen ­
  Organisation  der  Gewerbe  gehalten.  Wenige  Tage
darauf  sammelte  Perln  seine  Freunde  in  derselben  Stadt  um
sich  und  legte  feierlich  Protest  ein  gegen  alle  Versuche,  die
Zünfte,  in  welcher  Form  es  auch  sei,  wiederherzustellen.  Die
Herren  traten  alsdann,  mit  alleiniger  Ausnahme  von  Hervé-Bazin,
Professors  der  Rechte  am  Institut  Catholique  von  Angers,  aus
der  „Oeuvre  des  Cercles“  aus.
Diese  ging  nunmehr  eifriger  als  je  an  die  Ausarbeitung
einer  Doktrin.  Die  Hauptetappen  in  dieser  Entwicklung  werden
durch  Reden  de  Muns  und  Aufsätze  de  la  Tour  du  Pins  dargestellt ­
  i).  Später  treten  hinzu  :  die  Arbeiten  der  internationalen
Unions  de  Fribourg  1884—89  und  die  Beschlüsse  der  Lütticher
Kongresse  1886,  87,  90.  Ihren  Höhepunkt  und  vorläufigen  Abschluß ­
  erreichte  die  sozialkatholische  Doktrin  in  Leos  XIII  Enzyklika ­
  „Rerum  no  varum  “  vom  15.  Mai  1891  und  in  de  Muns
Rede  von  St.  Etienne  vom  18.  Dezember  1892.
Die  doktrinelle  Entwicklung  des  Sozialkatholizismus  geht
in  bewußtem  und  gewolltem  Gegensatz  zur  klassischen  Lehre

9  Die  Reden  de  Muns  erscheinen  in  einer  Sammelausgabe,  von  der  bisher
sieben  Bände  vorliegen  (Discours  du  Comte  Albert  de  Mun,  accompagnés  de
notices  par  Charles  Geoffroy  de  Grandmaron,  Paris,  3.  Aufl.  1895  ff.).  Die
Aufsätze  de  la  Tour  du  Pins  ei  schienen  in  der  Zeitschrift  VAssociation  catholique. ­
  Die  wichtigsten  wurden  in  Buchform  unter  dem  Titel:  Vers  un  Ordre
Social  Chrétien,  Jalons  de  Route  1882—1907,  Paris  1907,  gesammelt  herausgegeben. ­
        <pb n="264" />
        Die  Interventionisten

243

vor  sich.  Der  Liberalismus  überhaupt  in  Religion,  Volkswirtschaft ­
  und  Politik  soll  ausgerottet  und  durch  eine  christliche
Gesellschafts-  und  Wirtschaftsordnung  ersetzt  werden.  Man  setzte
auf  dem  Gebiete  der  Wirtschaftslehre  ein  und  zwar  mit  der
Arbeiterfrage.
Die  vorgefaßte  Idee,  das  große  Ideal  der  sozialkatholischen
Wirtschaftslehre  ist  die  korporative  Organisation  des  Wirtschaftslebens. ­
  Durch  diese  soll  zunächst  das  große  Problem  der  Sozialversicherung ­
  gelöst  werden.  Im  weiteren  soll  sie  allmählich  die
Beseitigung  der  bestehenden,  individualistischen  Wirtschaftsordnung ­
  bewirken  und  den  christlichen  Staat  der  Zukunft  herbeiführen. ­
  Von  der  Gesetzgebung  des  bestehenden  Staates  verlangen ­
  andererseits  die  Sozialkatholiken  die  Befriedigung  des
Schutzbedürfnisses  der  Arbeiter.  Also  :  korporative  Organisation
des  Wirtschaftslebens  und  Arbeiterschutzgesetzgebung  sind  die  beiden
Hauptgegenstände  der  sozialkatholischen  Wirtschaftslehre.  Dieselben ­
  durchdringen  und  befruchten  sich  gegenseitig.  Nichtsdestoweniger ­
  besteht  zwischen  beiden  ein  latenter  Gegensatz:
die  korporative  Organisation  der  Gewerbe  bezweckt  eine  wesentliche ­
  Umgestaltung  der  Wirtschaftsordnung,  während  die
Arbeiterschutzgesetzgebung  sich  auf  dem  Boden  der  bestehenden
vollzieht.
Dieser  Gegensatz  blieb  lange  unentwickelt.  Nicht  daß  er
nicht  ab  und  zu  zutage  getreten  wäre x )  ;  aber  erst  in  den
90er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  gelangte  er  dauernd  an
die  Oberfläche.  Es  hing  dies  damit  zusammen,  daß  die  den
bürgerlichen  Kreisen  angehörenden  Anhänger  der  sozialkatholischen ­
  Schule  der  aus  der  Revolution  hervorgegangenen  Staats-0

  Schon  1884  schreibt  z.  B.  Graf  de  Ségur-Lamoignon:  „Was  wir  vertreten ­
  und  vom  Staate  verlangen,  ist  nicht  dessen  administrative  Einmischung,
sondern  dessen  gesetzgeberische  Mitwirkung  in  der  Reglementierung  der  Arbeit,
so  zwar,  daß,  wenn  diese  einmal  feststeht,  die  Arbeiter  wieder  die  Freiheit
haben,  welche  sie  seit  dem  Aufkommen  der  sogenannten  Arbeitsfreiheit  im  Jahre
1791  nicht  mehr  haben.  Was  wir  wollen,  das  sind  auf  der  Gerechtigkeit
fußende  Gesetze,  welche  die  Rechte  und  Pflichten  eines  jeden  so  sicher  stellen,
daß  der  Staat  und  seine  Bureaukratie  nicht  nur  die  Pflicht  nicht  mehr  haben,
sondern  selbst  das  Recht  nicht  mehr  und  das  Bedürfnis,  sich  jeden  Augenblick
in  Fragen  einzumischen,  welche  das  ausschließliche  Gebiet  der  Welt  der  Arbeit
bleiben  und  sich  dem  offiziellen  Eingriff  der  Staatsgewalt  entziehen  müssen.“
de  Ségur-Lamoignon  in:  Association  Catholique,  Jahr  1884,  Bd.  I,  p.  426.
        <pb n="265" />
        244

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Ordnung  nicht  so  fremd  und  schroff  ablehnend  gegenüber
standen,  als  die  feudalen  Gründer  der  Oeuvre  des  Cercles,
deren  Denken  sich  im  wesentlichen  von  Famihentraditionen
nährte.  So  kam  es,  daß  die  feudalen  Herren  sich  mehr  um  die
Korporationsidee,  die  Geistlichen  und  Bürgerlichen  mehr  um  diejenige ­
  der  Staatsintervention  gruppierten.  Die  Fühlungnahme  mit
deutschen  katholischen  Sozialpolitikern  auf  den  Lütticher  Kongressen ­
  stärkte  die  Position  der  Geistlichen  und  Bürgerlichen.
Die  Enzyklika  von  1891  führte  ihnen  bedeutenden  Zuwachs
insbesondere  aus  dem  niederen  Klerus  zu.  Aber  wir  wollen
nicht  zu  weit  vorauseilen.  Von  der  Entwicklung  des  Sozialkatholizismus ­
  nach  der  Enzyklika  „Berum  no  varum  “  wird  weiter
unten  zu  reden  sein.  An  dieser  Stelle  bleibt  uns  dagegen
einiges  über  den  inneren  Ausbau  der  Ideenwelt  der  Schule  in
der  Entstehungsperiode  vorzuführen.
De  la  Tour  du  Pin 1 )  legt  Wert  darauf  festzustellen,  daß  die
sozialkatholische  Lehre  in  Frankreich  nicht  fremden  Ursprungs
sei.  Gewiß  hatte  er  im  Verein  mit  de  Mun  die  von  Bischof
Ketteier  in  Deutschland  ins  Leben  gerufene  katholisch-soziale  Bewegung ­
  studiert.  Als  französischer  Militärattache  in  Wien  hatte
er  ferner  mit  der  feudalen  Reformpartei,  die  sich  um  die  Grafen
V.  Blome  und  Belcredi,  den  Freiherrn  v.  Vogelsang,  den  Fürsten
Liechtenstein  u.  a.  scharte,  regen  Verkehr  und  Ideenaustausch
gepflegt.  Dennoch  schreibt  er:  „Es  sind  nicht  fremde,  in  der
Schule  des  Auslandes  gelernte  Doktrinen,  welche  ich  eingeführt
hätte  und  die  meine  Freunde  alsdann  angenommen  hätten;  es
sind  vielmehr  Überzeugungen,  welche  bei  allen  Völkern  alter
christlicher  Kultur  traditionell  sind  und  die  bei  uns  durch  ein
philosophisches  System,  das  seinerseits  fremder  Herkunft  ist:  den
Liberalismus,  in  den  Hintergrund  gedrängt  wurden“  2 ).  Und  mit
rührender  Naivität,  zugleich  einen  echt  militärischen  Zug  seines
Denkens  enthüllend,  erzählt  der  Marquis,  wie  seine  Anschauungen
entstanden:  „Mein  Vater  pflegte  mir  zu  sagen,  wenn  er  mich
über  unser  kleines  Gut  führte  :  „  „Erinnere  dich  stets,  daß  du
nur  der  Verwalter  dieses  Bodens  für  dessen  Bewohner  sein
*)  Marquis  de  la  Tour  du  Pin  la  Char  ce,  Vers  un  Ordre  Social  Chrétien,
Paris  1907,  p.  IX—X.
2 )  Marquis  de  la  Tour  du  Pin  la  Charce,  Vers  un  ordre  social  chrétien,
Paris  1007,  p.  6.
        <pb n="266" />
        Die  Interventionisten

245

wirst.““  Das  war  der  soziale  Begriff  des  Eigentums.  Ähnlich
d.  h.  durch  praktisches  Beispiel  belehrte  er  mich  über  den
familialen  Arbeitslohn  und  die  anderen  wirtschaftlichen  Dinge.
.  .  .  Für  mich  war  damit  alles  darüber  gesagt,  und  mit  fertigen
Ideen  über  diese  Dinge  kam  ich  zu  anderen  Menschen  und
anderen  Völkern“ 1 ).  Später  allerdings,  in  den  Unions  de
Fribourg  und  den  Lütticher  Kongressen,  wurde  die
Fortbildung  der  Lehre  in  Gemeinschaft  mit  Italienern,  Schweizern,
Deutschen  und  Belgiern  vorgenommen.
De  la  Tour  du  Pin  leugnet  dagegen  keineswegs  den
starken  Einfluß,  welchen  Le  Play  auf  sein  Denken  ausübte.
Wir  finden  diesen  schon  gleich  in  den  grundlegenden  Theorien
der  sozialkatholischen  Schule.  De  la  Tour  du  Pin  unterscheidet ­
  in  der  Sozialwissenschaft  drei  Gebiete  :  1.  die  soziale
Ethik  oder  die  Philosophie  der  Kultur  (Gegenstand  derselben
sind:  Mensch,  Sittengesetz,  Erbsünde);  2.  die  soziale  Geschichte
oder  die  Entwicklung  der  Kultur  (der  antike  Staat,  der  christliche ­
  Staat,  der  moderne  Staat);  3.  die  soziale  Ökonomik  oder
das  Leben  in  der  Kultur  (Arbeit,  Eigentum,  Tausch) 2 ).
ad  1.  Gegenstand  der  Sozialwissenschaft  ist  nach  delà
Tour  du  Pin  nicht  der  abstrakte  Mensch,  sondern  die  Gesellschaft, ­
  nicht  das  Naturrecht  allein,  sondern  auch  die  historisch
gewordenen  Rechte.  Die  Gegenüberstellung  der  verschiedenen
Gesetzgebungen  und  des  Naturgesetzes  zeigt  die  tiefe  Wahrheit
der  Le  Play  sehen  Schlußfolgerungen,  daß  nämlich  der  vollständigste ­
  Ausdruck  des  Naturgesetzes  im  Dekalog  sich  findet,
und  daß  das  Gedeihen  der  menschlichen  Gesellschaften:  Familien, ­
  Korporationen,  Völker,  im  direkten  Verhältnis  zur  Beobachtung ­
  jenes  Gesetzes  steht 3 ).  Nicht  wirtschaftliche  Naturgesetze, ­
  sondern  ethische  Normen  sind  die  Grundgesetze  der  Gesellschaftsordnung ­
  und  des  Wirtschaftslebens 4 ).  Für  den  Christen  sind
diese  Gesetze  nicht  nur  diejenigen  des  Dekalogs,  sondern  auch
deren  Ergänzung  durch  das  Gesetz  der  Liebe  :  das  Evangelium 5 ).
*)  ibid.  p.  4.
2 )  ibid.  p.  201—202.
s )  ibid.  p.  203.
*)  ibid.  p.  129.
5 )  ibid.  p.  203.  Zur  Methode  Le  Plays  schreibt  de  la  Tour  du  Pin:
daraus,  daß  wir  auf  dem  Wege  der  Deduktion  aus  feststehenden  Pr  in-
        <pb n="267" />
        246

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

ad  2.  Dem  antiken  und  dem  modernen  liberalen  Staat
stellt  de  la  Tour  du  Pin  den  christlichen  Staat  des  hohen
Mittelalters  entgegen.  „Die  christliche  civitas  beruht  auf  dem
Gefühle  der  Gemeinschaft  und  der  Tatsache  der  Assoziation;
sie  nimmt  bald  feudale,  bald  kommunale,  bald  korporative
Formen  an,  meist  alle  drei  nebeneinander;  sie  ist  immer  von
dem  Gefühle  der  Solidarität  aller  ihrer  Teile  beseelt  Sie
lebt  durch  einen  Austausch  von  Dienstleistungen,  welcher  der
Zweck  aller  Arbeit  und  die  Bedingung  aller  Privilegien  ist.
Recht  und  Pflicht  sind  darin  untrennbar,  wie  Ursache  und
Wirkung;  jede  Grundabgabe  entspricht  einer  Last.  Die  Kirche,
eine  religiöse  Gesellschaft,  ist  darin  wie  die  Seele  der  bürgerlichen ­
  Gesellschaft.  Deren  Lehre  und  Gottesdienst  beherrschen
alle  Akte  des  gesellschaftlichen  Lebens  ;  ein  einheitlicher  Geist
beseelt  so  die  Masse  der  Menschen  und  die  Gesamtheit  der
zivilisierten  Völker“  *).  Die  Organisation  des  christlichen  Staates
baut  sich  auf  der  des  Wirtschaftslebens  auf;  darum  zunächst
von  diesem.
ad  3.  Das  Gesetz  der  Arbeit  ist  die  Grundlage  der  ganzen
Sozialökonomik,  weil  es  das  Grundgesetz  des  menschlichen
Lebens  ist.  „Die  Arbeit  hat  nicht  die  Produktion  der  Güter
zum  Zweck  (wie  die  liberale  Schule  lehrt),  sondern  den  Menschen
ihren  Lebensunterhalt  zu  verschaffen.  Die  Grundbedingung
einer  guten  Wirtschaftsordnung  ist,  daß  sie  zunächst  dem  Arbeiter, ­
  dann  dem  ganzen  Volke  die  zum  Leben  nützlichen  Güter
in  genügender  Menge  verschaffe“ 2 ).  Das  standesgemäße  Auskommen ­
  ist  das  Kriterium  einer  christlichen  Lösung  des  Verteilungsproblems. ­
  Die  Früchte  einer  jeden  Unternehmung  sind
unter  den  Arbeitgeber  und  die  Arbeiter  nach  Maßgabe  dieses
Kriteriums  zu  verteilen.  Die  Erfordernisse  eines  standesgemäßen

zipien  vorgehen,  während  unsere  Freunde  (der  Réforme  Sociale)  induktiv  aus
den  beobachteten  Tatsachen  aufbauen,  folgt  keineswegs,  daß  die  Differenz  der
Methoden  ein  Auseinandergehen  der  Resultate  mit  sich  bringen  müsse.  Sicher
ist,  daß  die  induktive  Methode  nicht  alle  unsere  Prinzipien  zu  erweisen  vermag,
aber  sie  widerlegt  keins  ....  Wenn  wir  verschiedene  Wege  gehen,  halten  wir
dieselben  doch  für  wesentlich  konvergierend.“  de  la  Tour  du  Pin  in  der  Association ­
  Catholique,  Jahrgang  1882,  Bd.  II,  p.  255.
*)  de  la  Tour  du  Pin  loc.  cit.  p.  206—207.
2 )  ibid.  p.  209.
        <pb n="268" />
        \

Die  Interventionisten

247

Auskommens  sind:  der  Besitz  eines  Familienherdes,  die  jedem
Stande  entsprechende  Befriedigung  der  notwendigen  Bedürfnisse
und  die  Möglichkeit  des  Sparens  für  das  Alter.  Der  Arbeitgeber
ist  durch  das  christliche  Sittengesetz  im  Gewissen  verpflichtet,
seinen  Arbeitern  ein  standesgemäßes  Leben  zu  ermöglichen,
und  zwar  nicht  nur  durch  Zahlung  eines  auskömmlichen  Lohnes,
sondern  auch  durch  Wohlfahrtseinrichtungen,  welche  die  Hygiene, ­
  die  Disziplin  und  die  Moralität  der  Arbeitsstätte  betreffen.
Diese  Arbeiterschutzpflicht  ist  durch  staatliches  Gesetz  zu  sanktionieren. ­
  Allerdings  ist  der  heutige  Staat,  die  Frucht  der
Revolution,  außerstande,  die  standesgemäße  Existenz  der  Arbeiter ­
  zu  sichern  *).  Ja  die  Arbeitsfreiheit,  auf  welcher  die  heutige
Wirtschaftsordnung  beruht,  ist  von  allen  Arbeitsorganisationen
—  die  Sklavenwirtschaft  nicht  ausgenommen  —  die  unvollkommenste. ­
  Die  Arbeitsfreiheit,  d.  h.  die  unbeschränkte  Konkurrenz, ­
  hat  zur  Wirkung,  daß  die  Arbeit  dann  am  schlechtesten ­
  entlohnt  wird,  wenn  die  Bedürfnisse  der  Arbeiter  am
größten  sind.  Sie  erzeugt  eine  dauernde  Unsicherheit  für  Arbeitgeber ­
  und  Arbeiter;  sie  ist  der  Gesellschaft  schädlich,  weil
sie  den  Klassenhaß  entfacht  und  den  Gegensatz  der  Interessen
statt  deren  Harmonie  erzeugt 2 ).  Überall,  wo  die  Lehren  und
Gepflogenheiten  der  liberalen  Nationalökonomie  eindrangen,
haben  sich  dieselben  Übel  gezeigt  :  Anwachsen  des  Proletariats,
Desorganisation  der  Familien,  Entfremdung  von  Arbeitgebern
und  Arbeitern,  Unbeständigkeit  der  wirtschaftlichen  und  sozialen
Beziehungen,  Abnahme  der  beruflichen  Tüchtigkeit,  sittliche
Dekadenz  und  Vorzeichen  einer  kommenden,  wirtschaftlichen 3 ).
Die  Arbeitsorganisation,  welche  dem  „sozialen  Frieden  am
günstigsten  ist  und  welche  die  unerläßliche  Vorbedingung  der
vollen  Ausübung  der  gegenseitigen  Pflichten  von  Arbeitgebern
und  Arbeitern  darstellt,  ist  die  korporative“ 4 ).
Das  Prinzip  der  korporativen  Arbeitsordnung  liegt  in  der
Anerkennung  eines  eigenen  Rechtes  der  Mitglieder  der  Korpoiation
  dieser  und  einander  gegenüber,  und  eines  eigenen  Rechtes

')  ibid.  p.  11  ff.
2 )  ibid.  p.  209.
3 )  ibid.  p.  20—21.
4 )  ibid.  p.  14.
        <pb n="269" />
        248

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

der  Korporation  dem  Staat  gegenüber 1 ).  Im  Mittelalter  garantierten ­
  die  Zunftstatuten  jedem  Mitgliede  das  seiner  Rangstellung, ­
  ob  Meister,  Geselle  oder  Lehrling  zukommende,  eigene
Recht.  Den  verschiedenen  Eigenrechten  war  die  gleiche  Achtung ­
  gesichert.  Diese  Rechte  waren  so  kombiniert,  daß  sie
Schutz  für  alle  Interessen  bedeuteten;  sie  waren  „harmonisch
solidarisiert“.  Das  eigene  Recht  der  Zunft  dem  Staate  gegenüber ­
  gab  ihr  eine  der  Kommune  ähnliche  Stellung.  Die  öffentliche ­
  Gewalt  gab  ihr  nicht  ihre  Gesetze,  sondern  bestätigte  nur
die  selbstgegebenen.  Auch  übte  die  Zunft  die  Gewerbegerichtsbarkeit ­
  aus 2 ).
Trotz  seiner  Eingenommenheit  für  die  Zunftverfassung  des
hohen  Mittelalters,  will  de  la  Tour  du  Pin  die  Korporationen
„nicht  auf  ihre  alten  Typen  zurückführen“,  sondern  den  christlichen ­
  Staat  der  Zukunft  durch  Förderung  der  Arbeitersyndikate, ­
  aber  auch  der  Organisation  der  Arbeitgeber  herbeiführen ­
  3 ).  Allerdings  stellt  er  nicht  ohne  Melancholie  fest,  daß
die  Korporationen  der  nächsten  wirtschaftlichen  Epoche  eher
demokratische  sein  werden,  weil  nämlich  die  Arbeiter  wesentlich
mehr  als  die  Arbeitgeber  von  der  durch  das  Gesetz  von  1884
gewährleisteten  Koalitionsfreiheit  Gebrauch  gemacht  haben 4 ).
Die  Frage,  ob  die  beruflichen  Arbeiter-  und  Arbeitgeberorganisationen ­
  freie  oder  obligatorische  sein  sollen,  beantwortet  de
la  Tour  du  Pin  nach  langem  Schwanken  dahin,  daß  „weder
das  eine  noch  das  andere“  das  Richtige  sei.  Man  soll  vielmehr
den  Organisationen  Privilegien  geben,  damit  sie  sich  spontan
aus  freien  zu  obligatorischen  entwickeln 5 ).
Eine  der  wichtigsten  und  nächsten  Aufgaben  der  Arbeitersyndikate ­
  wird  die  Lösung  des  Versicherungsproblemes  mittels
Wiederherstellung  der  unteilbaren,  unveräußerlichen  Zunftpatriibid.

  p.  22.
*)  ibid.  p.  22  ff.
3 )  Desgl.  de  Mun,  Rede  vom  15.  Jan.  1876,  in  der  gesammelten  Ausgabe
Bd.  I,  p.  181.
4 )  de  la  Tour  du  Pin  loe.  eit.  p.  215.  Diese  Feststellung  de  la  Tour  du
Pins  trifft  heute  nicht  mehr  zu.  Nach  Ch.  Gide,  Economie  sociale,  Paris.  1905,
p.  108,  gab  es  1903  bereits  2757  Arbeitgebersyndikate  mit  205  663  Mitgliedern
in  Frankreich.
s )  ibid.  p.  24.
        <pb n="270" />
        Die  Interventionisten

249

monien  sein.  Dieselben  sind  durch  „komplementären  Lohn“
von  den  Arbeitgebern  aufzubringen.  Die  Arbeiter  haben  darauf ­
  ein  förmliches  Anrecht  ;  denn  die  Zunftpatrimonien  wurden,
wie  die  Kirchen-  und  Emigrantengüter,  vom  heutigen  liberalen,
der  Revolution  entsprungenen  Staate  widerrechtlich  geraubt.
Daraus  erwächst  die  Pflicht  der  Wiedererstattung  *).
Die  Vorteile,  welche  die  Herren  der  Association  Catholique ­
  der  korporativen  Wirtschaftsorganisation  nachzusagen
wissen,  sind  sehr  zahlreich.  Einige  der  hauptsächlichsten  sind  :
die  Korporation  gibt  den  geeignetsten  Boden  ab  zur  Übereinkunft ­
  bezw.  der  Arbeitsbedingungen  ;  das  Zunftpatrimonium  ist
die  beste  Versicherung  für  deren  Mitglieder  für  die  Zeit  des
Nichtarbeitens,  welches  auch  dessen  —  natürlich  legitimer  —
Grund  sei  ;  die  Zunft  ermöglicht  allen  das  Aufsteigen  innerhalb
des  Berufes;  sie  ist  der  geeignetste  Wahlkörper  für  die  politischen ­
  Körperschaften,  weil  sie  die  besten  Garantien  für  eine
kompetente  und  überlegte  Interessenvertretung  bietet  usw. 2 ).
Der  bedeutendste  Vorteil  dürfte  aber  der  sein,  daß  die  korporative ­
  Organisation  der  Gewerbe  der  bestehenden  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  ein  Ende  zu  machen  verspricht.  De
la  Tour  du  Pin  denkt  sich  den  Übergang  zum  christlichen
Staat  der  Zukunft  etwa  wie  folgt  :  in  dem  Maße,  als  die  Arbeitersyndikate ­
  erstarken,  „werden  sie  ihre  Forderungen  an
komplementärem  Lohn  in  Form  von  Unfall-,  Kranken-,  Alters-,
Arbeitslosenversicherung  in  die  Höhe  schrauben  ;  sie  werden  die
betreffenden  Kassen  selbst  zu  verwalten  verlangen  und  Garantien ­
  fordern,  welche  die  Unternehmer  nur  geben  können,  indem
sie  ihr  Anlagekapital  damit  hypothekarisch  belasten  ;  die  Folge

J )  ibid.  p.  26  ff.  Vgl.  dazu  auch:  „Die  christliche  Sozialreform  der  Volksklassen ­
  hat  zur  notwendigen  Bedingung  die  Konstituierung  eines  Kollektiveigentums ­
  unter  all  dessen  alten  und  modernen  Formen  zu  deren  Gunsten.
Darauf  haben  sie  ein  wirkliches  Anrecht.  Und  wer  von  Anrecht  spricht,  darf
nicht  vor  der  Berechtigung  einer  zu  erstrebenden  Wiedererstattung  zurückschrecken. ­
  Der  Staat  und  die  besitzenden  Klassen  haben  die  Beute  am  Volke
zu  ihrem  Vorteil  erobert.  Vom  Staat  und  von  den  wohlhabenden  Klassen  muß
man  dieses  Jahrhunderte  alte  Erbteil  wieder  einfordern,  nicht  plötzlich,  durch
gewaltsame  Konfiszierung,  sondern  durch  das  Spiel  von  Einrichtungen,  welche
Reserven  fürs  Volk  schaffen.“  de  la  Tour  du  Pin,  loc.  cit.  p.  245.
2 )  ibid.  p.  210.
        <pb n="271" />
        250

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

wird  sein,  daß  dieses  so  nach  und  nach  in  den  Besitz  der
Arbeitersyndikate  übergeht“  4 ).
Weniger  als  die  auf  die  Kategorie  Arbeit  bezüglichen
Fragen  sind  die  beiden  andern  Kategorien  der  sozialkatholischen
Wirtschaftslehre:  Eigentum  und  Tausch  oder  Kredit  bis  heute
ausgebaut.
„Das  Eigentum,“  schreibt  de  la  Tour  du  Pin,  „ist  nicht
wie  die  römischen  Juristen  lehrten,  das  Recht  vollkommener
Herrschaft  einer  Person  über  eine  Sache  unter  Ausschluß  aller
andern,  sondern  wie  die  Doktoren  des  Mittelalters  sagten  :  die
Frucht  einer  in  der  Gesellschaft  vollführten  Arbeit,  .  .  .  welche
zwar  ein  Verfügungsrecht  des  Besitzers  über  jene  Frucht,  aber
auch  eine  Pflicht  desselben  der  Gesellschaft,  d.  h.  den  Armen
daran  Anteil  zu  gewähren,  begründet“ 2 ).  „Die  Armen  haben
ein  gewisses,  natürliches  Recht  an  den  von  andern  angeeigneten
Gütern,  und  zwar  in  dem  Maße,  als  ihre  Existenzmittel  von
denselben  ausschließlich  abhängig  sind“ 3 ).  Das  Eigentum  ist
demnach  eine  soziale  Funktion.
Das  ist  nach  de  la  Tour  du  Pin  die  christliche  und
einzig  wahre  Auffassung  des  Eigentumsrechtes.  Der  Liberalismus ­
  aber  hat  den  Eigentumsbegriff  gefälscht,  das  Eigentum  in
Frage  gestellt,  indem  er  nicht  zwischen  unbeweglichem  und  beweglichem ­
  Eigentum  unterschied  und  beide  durch  Aufteilung
der  Güter  der  toten  Hand  und  der  Familiengüter  zu  mobilisieren ­
  sich  unterfing 4 ).
Was  endlich  die  Lehre  vom  Tausch  oder  Kredit  betrifft,
so  gipfelt  sie  natürlich  in  den  schärfsten  Anklagen  gegen
die  kapitalistische  Wirtschaftsordnung,  welche  die  Verallgemeinerung ­
  des  Zinses  und  das  Überwuchern  der  Spekulation
erzeugte.  Die  natürliche  Ordnung  des  Tausches  beruht  auf  der
Äquivalenz  der  ausgetauschten  Güter  oder,  wenn  man  das

*)  ibid.  p.  155—156.  Eine  ausführliche  Schilderung  von  der  Art  und
Weise,  wie  der  Übergang  aus  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  in  die
korporative  der  Zukunft  sich  vollziehen  wird,  bietet  der  Artikel:  L,e  Glas  d'un
Regime,  von  de  la  Tour  du  Pin.  Association  Catholique,  Februar  1892,  abgedruckt ­
  in:  Vers  un  Ordre  Social  Chrétien,  p.  149  ff.
2 )  ibid,  p.  210,  262.
3 )  ibid.  p.  62.
4 )  ibid.  p.  210.
        <pb n="272" />
        Die  Interventionisten

251

Zwischenglied  des  Preises  derselben  in  Betracht  zieht,  auf  dem
gerechten  Preis.  Statt  dessen,  kann  man  sagen,  werden  heute
nicht  nur  alle  Dinge,  sondern  auch  alle  Dienstleistungen  gekauft ­
  und  verkauft,  ohne  daß  jemand  dabei  an  das  wesentliche
Gesetz  des  Tausches:  die  Äquivalenz,  denkt.  Der  Grund  dafür
ist,  „daß  man  gemeinhin  als  Wert  der  Dinge  das  Bedürfnis,
welches  der  Käufer  oder  Kreditnehmer  nach  ihnen  haben
kann,  genommen  hat,  statt  deren  Kostenpreis  und  gemeine
Brauchbarkeit“  x ).
Die  Staatslehre  der  sozialkatholischen  Feudalen,  welche
hauptsächlich  von  de  Ségur-Lamoignon  und  de  la  Tour
du  Pin  ausgebaut  wurde,  lehnt  sich  eng  an  die  Le  Play  sehe
an 2 ).  Beiden  sind  dieselben  dezentralistischen  und  konservativen
Züge  gemeinsam.  Nur  tritt  bei  den  Sozialkatholiken  neben  die
Familie  die  Korporation  als  Grundlage  des  Staates.  Das  soziale
Leben  des  Menschen,  sagt  de  la  Tour  du  Pin,  bewegt  sich
um  eine  Achse,  deren  beide  Pole  Familienherd  und  Arbeitsstätte ­
  (atelier)  sind.  Die  Herde,  d.  h.  die  Familien,  gruppieren
sich  im  Laufe  der  Geschichte  in  lokale  Organisationen,  in  Gemeinden. ­
  Die  Arbeitsstätten  gruppieren  sich  in  Berufsgemeinschaften. ­
  „Der  Schlüssel  der  sozialen  Wiedergeburt  ist  in  der
Erkenntnis  gegeben,  daß  die  Elemente  der  wirtschaftlichen,  der
sozialen  und  der  politischen  Ordnung  identisch  sind  Die
kommunale  Organisation  der  Familienherde  und  die  korporative ­
  Organisation  der  Arbeitsstätten  sind  die  wesentlichen  Organismen ­
  der  bürgerlichen  Gesellschaft.“  Auf  ihnen  baut  sich
die  Provinz  und  auf  den  Provinzen  der  Staat  auf.  Jede  Provinz
soll  eine  nach  Herden  gewählte  „Chambre  des  Communes“
haben,  der  die  politische  Gesetzgebung  und  Kontrolle  der
Staatsverwaltung  zustehe,  und  eine  von  den  Korporationen  gewählte ­
  „Chambre  des  Etats“,  welche  die  wirtschaftlichen  Interessen ­
  von  Landwirtschaft,  Industrie,  Handel  und  der  freien
Berufe  vertrete.  Die  Zentralgewalt,  an  deren  Spitze  eine  zum
Herrschen  berufsmäßig  erzogene  Familie  kraft  eigenen  Rechtes
zu  stehen  hat,  soll  darauf  bedacht  sein,  die  Selbstverwaltungsrechte ­
  der  Kommunen  und  kommunalen  Verbände  zu  achten.

b  ibid.  p.  211.
2 )  Vgl.  Art.  La  Réfection  Sociale,  de  la  Tour  du  Fin  loe.  cit.  p.  490  fí.
        <pb n="273" />
        252

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Auch  Le  Plays  auf  die  Familie  bezüglichen  Postulate
dem  bestehenden  Staate  gegenüber  macht  sich  de  la  Tour
du  Pin  zu  eigen:  Schutz  der  Frau  gegen  Verführung  ;  Wiederherstellung ­
  der  Unauflöslichkeit  der  Ehe,  der  väterlichen  Gewalt, ­
  der  Familiengüter  ;  Abschaffung  der  zwangsweisen  gleichen
Erbteilung  und  Testierfreiheit  für  den  Familienvater.  Im  Gegensatz ­
  zu  Le  Play,  der  die  Umformung  der  Sozialordnung  in
dem  von  ihm  gewünschten  Sinne  grundsätzlich  von  der  Privatinitiative ­
  erwartet,  fordert  de  la  Tour  du  Pin  die  Intervention ­
  des  Staates,  z.  B.  zur  Konstituierung  von  Familiengütern,
durch  eine  Spezialgesetzgebung.
Der  religiösen  Gesellschaft,  d.  h.  der  katholischen  Kirche,
hat  endlich  die  bürgerliche  Gesellschaft  volle  Freiheit  zu  gewähren ­
  und  deren  Vorschriften  in  ihrer  Politik  und  Verwaltung
zu  betätigen.  Dissidenten  sind  tolerant  zu  behandeln,  Juden
wie  Ausländer  *).
Die  sozialkatholische  Doktrin,  wie  sie  uns  in  obigem  entgegentrat, ­
  stellt  sich  zweifellos  als  ein  rein  deduktives,  aus
einigen  aphoristischen  Grundsätzen  gewonnenes  Gebäude  dar.
Da  sie  aber  nicht  nur  Theorie  sein  wollte,  sondern  nach  unmittelbarer ­
  Umsetzung  in  die  Praxis  strebte,  ergaben  sich  naturgemäß ­
  Unsicherheiten  und  Schwankungen  bezüglich  der  Anpassung ­
  an  die  gegebene  Wirklichkeit.
In  der  Frage  der  korporativen  Wirtschaftsorganisation  herrschte
ursprünglich  die  Anschauung  vor,  das  gemischte  Syndikat  sei
die  anzustrebende  Form.  1884,  gelegentlich  der  Kammerdebatte
über  den  Waldeck-Rousseauschsn  Gesetzentwurf  trat  de  Mun
jedoch  für  Anerkennung  der  bestehenden  Arbeitersyndikate  ein,
forderte  aber  auch,  daß  ihnen  die  Sozialversicherung  obliegen
sollte 2 ).  Später  gewann  die  Lösung  des  Versicherungsproblems
nach  deutschem  Muster  Anhänger  unter  den  Sozialkatholiken.
Seit  1900  haben  de  la  Tour  du  Pin  und  de  Mun  sich  dazu
verstanden,  die  christlich-demokratische  Forderung  getrennter
beruflicher  Organisation  in  das  sozialkatholische  Programm  aufzunehmen. ­

0  ibid.  p.  213.
2 )  Ofr.  de  Muns  Kammerrede  vom  7.  Juni  1884,  in  der  gesammelten  Ausgabe, ­
  Bd.  1,  p.  417  ff.
        <pb n="274" />
        Die  Interventionisten

253

Die  Ausarbeitung  eines  befriedigenden  Programms  von
Arbeiterschutzgesetzgebung  war  naturgemäß  nicht  weniger  Unsicherheiten ­
  und  Schwankungen  unterworfen.  Anfangs  stand  nur
fest,  daß  der  gesetzliche  Frauen-  und  Kinderschutz  durchaus
ungenügend  sei,  und  daß  eine  wirksame  Arbeiterschutzgesetzgebung ­
  international  sein  müsse 1 ).  Diese  Anschauung  weckte
das  Bedürfnis  nach  internationaler  Verständigung  zwecks  Aufstellung ­
  eines  einheitlichen  Arbeiterschutzprogramms.  So  kamen
auf  Anregung  des  Conseil  des  Etudes  der  Oeuvre  des  Cercles
die  Unions  de  Fribourg  und  die  Lütticher  Kongresse  zustande.
Die  Unions  de  Fribourg  waren  1884—89  jährlich  in  Freiburg ­
  i.  d.  Schweiz  tagende  Versammlungen  katholischer  Sozialpolitiker ­
  verschiedener  Länder.  Sie  standen  unter  dem  Einfluß
der  korporativen  Feudalen  Österreichs  (Blome,  Vogelsang)
und  der  ihnen  sinnesverwandten  Franzosen  (de  Nun,  de  la
Tour  du  Pin).  Aber  auch  demokratisch  fundierte  interventionistische ­
  Anschauungen  (Hitze,  Descurtins  usw.)  wußten
sich  bereits  Geltung  zu  verschaffen.  Die  Unions  de  Fribourg ­
  hatten  mehr  den  Charakter  intimer  Beratungen;  die
Öffentlichkeit  derselben  war  eine  beschränkte.  Es  galt  eben,
erst  vorsichtig  miteinander  Fühlung  zu  nehmen  und  das  Terrain
auf  die  Möglichkeit  einer  internationalen  Verständigung  hin  zu
sondieren.  Die  Unions  de  Fribourg  beschäftigten  sich
hauptsächlich  mit  der  Kritik  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung ­
  und  mit  der  Frage  nach  den  geeignetsten  Mitteln  und
Wegen  zur  Wiederherstellung  der  korporativen  Organisation  der
Gewerbe.  Daneben  wurden  die  Probleme  der  Sozialversicherung
und  der  staatlichen  Arbeiterschutzgesetzgebung  besprochen.
Kardinal  Mermillod,  Bischof  von  Lausanne  und  Genf,  überbrachte ­
  Leo  XIII.  die  Akten  der  Unions  de  Fribourg,  und  der
Papst  verarbeitete  dieselben  zur  Enzyklika  „Rerum  novarum“
vom  15.  Mai  1891 2 ).

J )  Insbesondere  Loesewitz,  ein  in  Paris  lebender  Deutscher,  welcher  sich
der  sozialkatholischen  Bewegung  angeschlossen  hatte,  trat  als  Mitarbeiter  der
Association  Catholique,  des  Monde  und  des  Contemporain  in  zahlreichen  Artikeln
mit  Energie  und  Begeisterung  für  internationalen  Arbeiterschutz,  wie  auch  für
die  korporative  Organisation  des  Wirtschaftslebens  ein.
2 )  Die  Originale  dieser  Akten  befinden  sich  zurzeit  teils  in  dem  in  Freiburg ­
  i.  d.  Schweiz  befindlichen  Archiv  des  Bistums  Lausanne,  teils  im  Privat-
        <pb n="275" />
        254

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Die  Association  Catholique  und  die  sozialkatholische
Schule  in  Frankreich  feierten  das  Erscheinen  dieser  Enzyklika
als  einen  großen  Triumph  des  Interventionismus  und  der  Korporationsidee. ­
  Und  wenn  auch  die  Nichtinterventionisten  über
die  Enzyklika  zu  jubeln  vorgaben  und  sie  in  ihrem  Sinne  interpretierten, ­
  so  wird  doch  jeder  unbefangene  Leser  derselben  anerkennen ­
  müssen,  auch  wenn  er  nicht  über  deren  Ursprung
und  Quellen  unterrichtet  ist,  daß  sie  tatsächlich  eine  Parteinahme ­
  für  den  Interventionismus  und  für  den  beruflichen  Zusammenschluß ­
  der  Arbeiterklasse  bedeutet.
Die  Lütticher  Kongresse  waren  ebenfalls  internationale
Versammlungen  katholischer  Sozialpolitiker,  welche  in  den
Jahren  1886,  1887  und  1890  in  Lüttich  tagten.  Sie  boten  das
Schauspiel  eines  lebhaften  und  hartnäckigen  Kampfes  zwischen
Interventionisten  und  Nichtinterventionisten.  Der  Sieg  blieb
1890  endgültig  auf  seiten  der  deutschen  Idee  des  Wohlfahrtsstaates. ­
  Für  Frankreich  bedeutete  das  einen  Triumph  der
Sozialkatholiken  der  Schule  de  Muns  über  die  Anhänger  Le
Plays  und  Per  ins.  Die  Beschlüsse  des  dritten  Lütticher  Kongresses, ­
  die  berufliche  Organisation  der  Arbeiter  und  die  aufzustellenden ­
  Arbeiterschutzforderungen  betreffend,  waren  ganz  im
Sinne  der  Schule  de  Muns.
Ihren  Höhepunkt  erreichte  deren  Doktrin,  wie  bereits  angedeutet, ­
  in  Leos  XIII.  Enzyklika  „Herum  novarum“.  Im  engen
Anschluß  an  diese  formulierte  de  Mun  am  18.  Dezember  1892
in  St.  Etienne  ein  sozialpolitisches  Programm,  welchem
Leo  XIII.  durch  Handschreiben  vom  7.  Januar  1893  die  päpstliche ­
  Sanktion  erteilte.  De  Muns  Programm  von  St.  Etienne
bleibt  hinter  dem  Stande,  den  die  Entwicklung  der  sozialkatholischen ­
  Ideen  damals  bereits  erreicht  hatte,  aus  taktischen
Gründen  zurück.  Das  Endziel  der  korporativen  Wirtschaftsordnung ­
  wird  darin  nicht  betont,  die  Festsetzung  eines  Minimallohnsatzes, ­
  sei  es  nun  durch  den  Staat  oder  die  Arbeiterorganisationen, ­
  überhaupt  nicht  erwähnt x ).  Da  es  aber  das  erste  zubesitz ­
  der  Herren  Staats-  und  Ständerat  G.  Python  und  Altnationalrat  Universitätsprofessor ­
  Descurtins.  Obige  Informationen  wurden  uns  von  Graf  Albert
de  Mun  geliefert.
')  De  Mun  batte  in  einem  offenen  Brief  an  die  Schule  von  Angers,  welcher ­
  einen  Einigungsversuch  darstellt  und  an  der  Spitze  der  Januarnummer
        <pb n="276" />
        Die  Interventionisten

255

sammenhängende  Glaubensbekenntnis  der  Schule  darstellt,  dem
überdies  die  päpstliche  Sanktion  zuteil  wurde,  und  da  es  ein
anschauliches  Bild  gibt  von  dem,  was  man  damals  für  genügend
ausgereift  hielt,  um  vor  die  große  Öffentlichkeit  gebracht  werden
zu  können,  so  möge  es  in  wortgetreuer  Übersetzung  wiedergegeben ­
  sein:  „Unsere  Forderungen  müssen  dahin  zielen,  dem
Volke  den  Genuß  seiner  wesentlichen  Rechte,  welche  die  individualistische ­
  Gesellschafts-  und  Wirtschaftsordnung  verkennt,
zu  sichern.  Dieselben  sind:  eine  den  Interessen  und  Bedürfnissen ­
  des  Volkes  entsprechend  organisierte  Volksvertretung
statt  der  rein  zahlenmäßigen;  Schutz  des  Familienherdes  und
des  Familienlebens;  Möglichkeit  für  jeden,  sich  und  seine
Familie  von  den  Früchten  seiner  Arbeit  zu  ernähren;  Garantie
gegen  die  Unsicherheit  der  Existenz,  welche  Unfälle,  Krankheit,
Arbeitslosigkeit  und  Alter  mit  sich  bringen;  Versicherung  gegen
unvermeidliches  Elend  ;  Möglichkeit  der  Gewinnbeteiligung
für  den  Arbeiter  und  der  Besitzanteilnahme  an  dem  Unternehmen, ­
  in  welches  er  seine  Arbeit  steckt;  Schutz  gegen  die
Spekulationsmanöver,  welche  die  Ersparnisse  des  Volkes  vernichten ­
  und  es  zum  Elend  verdammen,  während,  wie  die  Enzyklika ­
  sagt,  einige  wenige  sich  die  absolute  Herrschaft  über  Industrie ­
  und  Handel  anmaßen  und  die  Güterwelt  für  sich  monopolisieren.“ ­

„Zwei  Kräfte  vermögen  die  Verwirklichung  dieses  Programms ­
  zu  bewirken:  die  Berufsorganisation  und  die  Gesetzgebung.“ ­

„Die  berufliche  Organisation,  für  welche  wir  die  weitgehendste
Freiheit  verlangen,  vermag:  die  Vertretung  der  Arbeit  in  den
gewählten  Versammlungen  der  Nation  zu  sichern,  in  jedem
landwirtschaftlichen  oder  industriellen  Berufe  den  (Normal-,
nicht  den  Minimal-)satz  des  gerechten  Lohnes  festzusetzen,  den
Opfern  von  Unfällen,  Krankheiten  oder  Arbeitslosigkeit  Entschädigungen ­
  zu  garantieren,  Alterskassen  zu  schaffen,  Streitigkeiten ­
  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitern  durch  Einrichtung

1891  der  Association  Catholique  veröffentlicht  wurde,  die  Forderung  des  Minimallohnsatzes ­
  als  unerläßlich  hingestellt  und  nur  die  Konzession  angeboten,  dessen
Feststellung  den  Korporationen  zu  überlassen,  wenn  die  Staatsgewalt  ihn  wirklich ­
  nicht  aufzuerlegen  vermöge.
        <pb n="277" />
        256

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

ständiger  Einigungsämter  zu  verhindern,  die  Versicherung  gegen
das  Elend  korporativ  zu  organisieren,  endlich  den  Arbeitern  ein
gewisses  Kollektiveigentum  zu  verschaffen,  ohne  den  Fortbestand
des  Privateigentums  zu  gefährden.“
„Die  Gesetzgebung  wird  Familienherd  und  -leben  durch  Beschränkung ­
  der  Frauen-  und  Kinderarbeit,  Verbot  der  Nachtarbeit, ­
  Beschränkung  der  Arbeitszeit  Erwachsener  und  obligatorische ­
  Sonntagsruhe  schützen  ;  auf  dem  Lande  werden  in
diesem  Sinne  Acker  und  Ernte,  sowie  die  nötigsten  Geräte  und
das  nötigste  Vieh  der  Möglichkeit  der  Beschlagnahme  zu  entziehen ­
  sein.  Die  Gesetzgebung  wird  ferner  durch  Verringerung
der  Steuerlast,  insbesondere  der  Verbrauchssteuern,  die  Lebenshaltung ­
  des  Arbeiters  und  des  Landmannes  entlasten.  An  der
Gesetzgebung  ist  es,  die  Gewinnbeteiligung  und  die  Bildung  von
Produktivgenossenschaften  zu  begünstigen.  .  Aufgabe  der  Gesetzgebung ­
  ist  es  endlich,  das  Nationalvermögen,  die  Ersparnisse  des
Volkes  und  die  öffentliche  Moral  durch  Maßnahmen  zu  schützen,
welche  zum  Gegenstand  haben:  Bekämpfung  der  Spekulation
und  des  Börsenspiels,  Reform  des  Gesellschaftsrechtes  (im  Sinne
der  Erschwerung  der  Bildung  von  Aktiengesellschaften),  Ausschluß ­
  der  Fremden  von  der  Leitung  der  großen  öffentlichen
Dienstzweige,  Verbot  für  die  Staatsbeamten  und  Volksvertreter,
an  finanziellen  Spekulationen  sich  zu  beteiligen.“
        <pb n="278" />
        III.  Teil.
Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der
Gegenwart.
In  der  Gegenwart  haben  wir  zu  unterscheiden  :
A.  Bei  den  Nichtinterventionisten:  die  beiden  Le  Playschulen,
  welche  man  nach  dem  Titel  ihrer  beiderseitigen  Zeitschriften ­
  die  Schule  der  Réforme  sociale  und  die  der  Science
sociale  zu  benennen  pflegt;  dazu  die  sogenannte  Schule  von
Angers,  das  sind  die  liberalen  Katholiken.
B.  Bei  den  Sozialkatholiken:  einen  rechten,  feudalen  Flügel;
einen  linken,  demokratischen,  zu  dem  wir  neben  den  christlichen
Demokraten  oder  katholischen  Sozialisten  die  Gruppe  des  Sillon
zu  rechnen  haben;  endlich  ein  von  Tag  zu  Tag  erstarkendes
Zentrum,  welches  eine  bunte  Menge  verschiedener  Nuancen  interventionistischen ­
  Denkens  beherbergt.
Die  Sozialkatholiken  lieben  es,  die  nichtinterventionistischen,
katholischen  Gruppen  als  Konservative  zu  bezeichnen,  weil  sie
an  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  festhalten.  Sich
selbst  nennen  sie  mit  Vorliebe  Sozialreformer.  Sie  unterhalten
Beziehungen  mit  den  historisch-ethischen  Nationalökonomen  an
den  Universitäten.  Zwischen  der  Le  Play  sehen  Schule  der
Réforme  sociale  und  der  Schule  von  Angers  bestehen  oder  richtiger ­
  bestanden,  da  letztere  im  Absterben  ist,  vielfache  Personalunionen. ­
  Ähnliche  intime  Beziehungen  verbinden  beide  mit
der  liberalen  Schule.  Die  Le  Play  sehe  Schule  der  Science
sociale  bildet  dagegen  eine  kleine,  abseits  stehende  Gruppe,  die
aber  auf  die  Öffentlichkeit  im  In-  und  Auslande  einen  größeren
Einfluß  ausübt  als  die  orthodoxe  Le  Play  schule.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

17
        <pb n="279" />
        258

Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

A.  Die  Nichtinterventionisten.
1.  Kapitel.
Die  Schule  der  Réforme  sociale.
Le  Play  gründete  1856,  einer  Anregung  der  „Académie
des  Sciences  Politiques  et  Morales“  nachkommend,  die  „Société
internationale  des  Etudes  pratiques  d’Economie  sociale“  kurz
Société  d’Economie  sociale  genannt.  Sie  hat  zum  Zweck,
die  materielle  und  sittliche  Lage  der  Arbeiterbevölkerung  (im
weitern,  Le  Play  sehen  Sinne)  bei  allen  Völkern  mittels  der
Methode  der  Familienmonographien  zu  erforschen.  Die  Gesellschaft ­
  ist  nach  dem  Muster  der  Société  d'Economie  politique  der
liberalen  Schule  organisiert.  Im  Winter  hält  sie  monatliche
Sitzungen  ab,  in  welchen  die  sozialpolitischen  Tagesfragen  des
In-  und  Auslandes  zur  Erörterung  gelangen.  Ihren  Sitz  hat
sie  in  Paris,  Rue  de  Seine  54,  wo  sie  ihren  Mitgliedern  sowie
jedem  Interessenten  eine  Bibliothek  zur  Verfügung  stellt.
In  Brüssel  wurde  1881  von  Beernaert,  Baron  de  Moreau
und  mehreren  andern  Politikern  der  katholischen  Partei  Belgiens ­
  eine  Société  belge  d’Economie  sociale  ins  Leben  gerufen,
welche  ebenso  gut  wie  die  Pariser  eine  offizielle  Organisation
der  Le  Playschule  darstellt,  und  welche  seit  1884  die  gesamte ­
  sozialpolitische  Gesetzgebung  des  belgischen  Staates  inspiriert. ­

1871  benützte  Le  Play  das  Erwachen  sozialer  Reformbestrebungen, ­
  welches  im  Gefolge  der  Katastrophe  von  1870
bis  71  in  Frankreich  eintrat,  zur  Schaffung  einer  Propagandaorganisation: ­
  Unions  de  la  Paix  sociale.  Es  sind  dies  Vereinigungen, ­
  welche  die  Anfertigung  von  Monographien  nach  Le
Play  scher  Methode  und  die  Verbreitung  der  Le  PI  a  y  sehen
Ideen  durch  Abhaltung  von  Vorträgen  und  Einrichtung  von
Volksbibliotheken  zum  Zwecke  haben.  Die  Unions  de  la
Paix  sociale  sind  über  ganz  Frankreich  verbreitet;  in  Paris
finden  seit  1882  jährliche  Kongresse  derselben  statt.  Sie  sind
        <pb n="280" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

259

nach  Provinzen,  zurzeit  in  23  Gruppen  organisiert.  Die  Gesamtzahl ­
  der  Mitglieder  der  beiden  Sociétés  (l’Economie  sociale  und
der  Unions  de  la  Paix  sociale,  und  damit  ungefähr  die  Zahl  der
orthodoxen  Anhänger  Le  Plays,  dürfte  augenblicklich  das
dritte  Tausend  überschritten  haben.
Wenige  Monate  vor  seinem  Tode  gründete  Le  Play  endlich ­
  die  Zeitschrift:  La  Réforme  sociale.  Sie  erscheint  halbmonatlich ­
  seit  1.  Januar  1881  in  Stärke  von  je  fünf  Bogen.
Sie  bietet  eine  reichhaltige  Sammlung  beschreibender  Monographien, ­
  ausgezeichnete  Übersichten  über  die  soziale  Bewegung
aller  Länder,  eine  Chronik  der  sozialen  Gesetzgebung  des  Inund
  Auslandes,  die  Sitzungsberichte  der  Société  d’économie  sociale ­
  usw.  Nach  dem  von  Le  Play  seinen  Schülern  ans  Herz
gelegten  Rat  vermeidet  die  Réforme  sociale  jede  Polemik
und  theoretische  Auseinandersetzung.
Die  Atmosphäre  der  Société  d’Economie  sociale  war  von  Anfang ­
  an  und  ist  noch  heute  vom  autoritären  Geiste  Le  Plays
durchtränkt.  Das  „jurare  in  verba  magi  stri"  war  und  ist  das
Motto  von  Claudio-Jannet,  Focillon,  Urbain  Guérin,  de  liïbbe,  Delaire,
Cheysson,  E.  de  Curzon,  His  de  Butenval,  Auburtin  usw.  Allerdings
ist  die  Methode  Le  Plays  fortgebildet  worden  und  zwar  nicht
nur  durch  Außenstehende  wie  Carrol  Wright,  durch  Sezessionisten
wie  de  Tourville  und  Demolins  und  durch  du  Maroussem,  sondern
auch  durch  getreue  Schüler  des  Meisters  wie  de  Ribbe  und
Cheysson.  Aber  in  der  orthodoxen  Le  Play  schule  gilt  die  überkommene ­
  Lehre  noch  heute  als  sakrosankt.  Noch  heute  sind
die  unverrückbaren  Grundlagen  der  Constitution  essentielle  einer
menschlichen  Gesellschaft  :  treue  Beobachtung  des  Dekalogs,
Testierfreiheit,  ungeteilte  Vererbung  des  Familiengutes,  Permanenz ­
  des  Arbeitsverhältnisses,  Achtung  vor  Gott,  vor  der
väterlichen  Autorität  und  vor  der  Frau,  Patronage.  Die  Familienmonographien ­
  werden  zur  immer  weitern  Unterbauung  dieser
Lehre  fortgesetzt,  de  Tourville  hatte  1876  die  Gründung
der  Ecole  des  Voyages  angeregt;  diese  bestand  in  Vortragszyklen, ­
  welche  Focillon  mehrere  Jahre  hindurch  zur  Ausbildung ­
  von  Enquêteuren  abhielt.  Focillon  s  noch  von
Le  Play  gutgeheißene  Anleitung  zu  der  Aufnahme  von
Familienmonographien  wurde  das  Vademekum  aller  Enquê-
        <pb n="281" />
        260  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

teure‘).  Ergänzend  tritt  Urbain  Guérins  Erläuterung  daneben ­
  1  2 ).
Ist  eine  Familienmonographie  von  irgend  einem  Mitgliede
der  Société  d’Economie  sociale  oder  der  Unions  ausgenommen, ­
  so  wird  sie  einer  strengen  Kontrolle  bez.  der  gewissenhaften ­
  Befolgung  der  F  o  c  i  11  o  n  sehen  Anleitung  und  der
Orthodoxie  der  Schlußfolgerungen  durch  den  Redaktionsausschuß
der  Ouvriers  des  Deux  Mondes  unterworfen,  bevor  sie  zur
Veröffentlichung  in  dieser  offiziellen  Sammlung  zugelassen  wird.
Bis  jetzt  erschienen  in  derselben  etwa  108  Familienmonographien,
welche  dreizehn  Bände  füllen.  Die  Jahresproduktion  beläuft
sich  auf  drei  bis  vier  Monographien.  Der  Sammlung  haftet  der
große  Fehler  an,  daß  sie  sich  fast  ausschließlich  auf  Monographien ­
  von  im  Le  Play  sehen  Sinne  „glücklichen“  Arbeiterfamilien ­
  beschränkt.  Wiederholten  Anregungen  du  Mar  ou  ssems,
  Béchaux  ',  Blondels,  Lepelletiers  der  Wirklichkeit ­
  näher  zu  treten  und  Monographien  auch  sozialistischer,
atheistischer  usw.  Arbeiterfamilien  aufzunehmen,  haben  sich  die
ältern  Le  Playschüler  immer  noch  widersetzt.
Eine  interessante  Erscheinung  in  der  Geschichte  der  Le
Play  schule  bilden  die  intimen  Beziehungen,  welche  sie  vom
Anfang  an  mit  den  liberalen  Volkswirten  pflegte.  In  den  50er
und  60er  Jahren  finden  wir  Villermé,  Dupin,  Batbie  usw.  unter
den  Mitgliedern  der  Société  d’économie  sociale;  heute
gehören  dazu  Frédéric  Passy,  Paul  Leroy-Beaulieu,  E.  Levasseur  u.  a.
In  den  Sitzungen  der  Gesellschaft  geben  Fragen,  über  welche
die  Anschauungen  der  liberalen  Schule  und  der  Anhänger
Le  Plays  auseinandergehen,  z.  B.  die  zwangsweise  gleiche  Erbteilung, ­
  das  homestead  u.  a.  m.,  häufig  Anlaß  zu  pikanten
Diskussionen  insbesondere  zwischen  Levasseur  und  Cheysson.
Sie  bewirken,  daß  die  Sitzungen  der  Société  d’économie ­
  sociale  zu  einer  der  beliebtesten  Attraktionen  der  Pariser
Universitätswelt  geworden  sind.  Der  Beitritt  der  jeweiligen

1)  Ad.  Focillon,  Instruction  sur  l’Observation  des  Faits  Sociaux  selon  la
Méthode  des  Monographies  de  Famille  propre  à  l’ouvrage  intitulé  :  Les  Ouvriers
Européens.  (Mehrfach  aufgelegt  und  von  der  Société  d’Economie  sociale  herausgegeben.) ­

2 )  Urbain  Guérin,  La  Méthode  d’Observation,  in  :  La  Réforme  Sociale  1881,
Bd.  I,  p.  443  ff.,  Bd.  II,  p.  7  ff
        <pb n="282" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

261

liberalen  Koryphäen  zur  Société  d’économie  sociale  erklärt  sich
in  erster  Linie  aus  der  beiderseitigen,  nichtinterventionistischen
Grundstimmung 1 ).  Dazu  kommt,  daß  Le  Play  stets  die
Taktik  befolgte,  möglichst  alle  „Gutgesinnten“  um  sich  zu
gruppieren  ;  waren  sie  einmal  Mitglieder  einer  Organisation
seiner  Schule  geworden,  so  konnten  sie  auch  nach  und  nach
für  seine  Ideen  gewonnen  werden.
In  diesem  Sinne  öffneten  die  getreuen  Schüler  des  Meisters
etwa  seit  der  Jahrhundertwende  auch  interventionistisch  gesinnten ­
  Katholiken  die  Pforten  der  Société  d’économie
sociale.  Für  die  Aufnahme  von  Familienmonographien  nach
Le  Play  schern  Rezepte  hat  man  in  diesen  „Gutgesinnten“
willige  Kräfte  gefunden.  Aber  die  Georges  Blondel,  Abbé  Lemire,
Lepelletier,  Brants  usw.  beginnen  in  die  überkommenen  Lehren
des  Meisters  einen  interventionistischen  Einschlag  hineinzutragen.
Wir  wollen  nunmehr  einen  Rundgang  durch  die  Société
d’économie  sociale  unternehmen,  um  uns  mit  den  hervorragenderen ­
  Le  Play  Schülern  bekannt  zu  machen.  Dabei  werden
wir  Gelegenheit  haben,  uns  über  die  Fortbildung  der  Methode
des  Meisters  durch  Cheysson  und  du  Maroussem  zu  unterrichten.
Claudio-Jannet 2 ),  weiland  Professor  der  Nationalökonomie
am  Institut  Catholique  in  Paris  (f  1896),  hat  die  rein
volkswirtschaftliche  Seite  der  Doktrin  Le  Plays  ausgestaltet.
„Die  zahlreichen  Wahrheiten,“  schreibt  er,  „welche  die  (liberalen)

1)  Die  liberalen  Volkswirte  nehmen  auch  an  der  Propagandatätigkeit  der
Le  Playschule  tätigen  Anteil.  1894  wurde  von  der  Société  d’  Economie
Sociale  ein  Comité  de  Défense  et  de  Progrès  social  ins  Leben  gerufen,
welches  die  Bekämpfung  des  Sozialismus  und  die  Verbreitung  der  Le  Playschen
Lehre  zum  Zweck  hat.  Dieser  Ausschuß  veranstaltete  Vorträge  in  Paris  und  in
der  Provinz  und  veröffentlichte  populäre  Broschüren  ;  bisher  erschienen  davon
etwa  40.  Unter  deren  Autoren  finden  wir  neben  den  eigentlichen  Le  Playschülern ­
  auch:  Paul  Leroy-Beaulieu,  Levasseur  usw.  An  der  Spitze  des  Ausschusses ­
  steht  der  Direktor  der  Ecole  libre  des  Sciences  Politiques  :  Anatole
Leroy-Beaulieu.
2 )  Von  seinen  Schriften  sind  zu  nennen:  Les  Etats-Unis  contemporains,
1.  Ausl.  1875,  die  späteren  Auflagen  in  2  Bdn.,  4.  Ausl.  1889.  —  Le  Socialisme
d’Etat  et  la  Réforme  Sociale,  1889.  —  Le  Capital,  la  Spéculation  et  la  Finance,
1892.  —  Des  Syndicats  entre  Industriels  pour  régler  la  Production  en  France,
in  Bd.  60  der  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  1894.  —  Histoire  des
Doctrines  économiques  et  sociales  (posthum  und  unvollendet)  1897.
        <pb n="283" />
        262  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Volkswirte  auf  dem  Gebiete  der  eigentlichen  Chrematistik  bewiesen ­
  haben,  finden  in  diesem  Ensemble  (dem  System  Le  Plays)
Platz;  wenn  Le  Play  sie  nicht  behandelt,  so  ist  es  deshalb,
weil  er  sie  für  definitiv  bewiesen  hält  und  weil  sie  für  ihn
gegenüber  den  großen  Wahrheiten,  die  vernachlässigt  wurden,
nur  untergeordnete  Bedeutung  haben"  x ).
Claudio-Jannet  ist  jedoch  weit  entfernt,  sich  ohne
weiteres  mit  der  klassischen  Nationalökonomie  zu  identifizieren.
Er  wirft  ihr  vielmehr  vor,  daß  sie  eine  autonome  Wissenschaft ­
  sein  will,  welche  höchstens  in  gewissen  Fällen  den  Postulaten ­
  der  Ethik  nachgibt,  anstatt  mit  ihr  gänzlich  verbunden
zu  sein  und  auf  ihr  sich  aufzubauen.  Anstatt  wie  die  Klassiker
besondern  Erscheinungen  bestimmter  Epochen  an  einem  bestimmten ­
  Orte  allgemeine  Bedeutung  zuzusprechen  und  die  Einwirkung ­
  von  ethischen  Anschauungen,  Staat  und  Familie  auf
das  Wirtschaftsleben  zu  vernachlässigen,  soll  man  den  Faktor
Herkommen  neben  dem  der  Konkurrenz  in  volkswirtschaftlichen
Untersuchungen  beachten,  und  zwischen  Erscheinungen  universellen ­
  Charakters  und  solchen,  die  zeitlich  und  lokal  beschränkt
sind,  unterscheiden  lernen.  Alsdann  wird  man  die  übereilten
Verallgemeinerungen  und  die  Irrtümer  der  Klassiker  vermeiden,
ohne  die  Existenz  allgemein  gültiger  Gesetze  der  Volkswirtschaft
negieren  zu  müssen 2 ).
Drei  Dinge  kennzeichnen  also  die  Volkswirtschaftslehre
Claudio-Jannets:  1.  an  ihrer  Basis  steht  das  Sittengesetz;
2.  mit  der  deutschen  historischen  Schule  ist  sie  bestrebt,  die
örtlichen  und  zeitlichen  Bedingungen  einer  Volkswirtschaft,  den
Einfluß  des  Herkommens,  der  Staatsgewalt  usw.  auf  sie  zu  beachten ­
 3 );  3.  sie  hält  unbedingt  fest  an  der  Existenz  universeller

*)  Claudio  Jannet,  De  l’Etat  actuel  de  la  Science  sociale,  Art.  in:  Le
Correspondant  vom  10.  und  25.  Sept.  1878.  p.  1075.
-)  ibid.  p.  882  und  in  der  von  Claudio  Jannet  verfaßten  Einleitung  zur
2.  Ausi.  von  de  Metz-Noblat,  Résumé  d’un  Cours  d’Economie  politique  fait  à  la
Faculté  de  Droit  de  Nancy,  Paris,  1880,  p.  XVIII  ff.
3 )  Über  die  deutschen  Kathedersozialisten  äußert  sich  Claudio  Jannet  unter
an  derm  :  „Selbstverständlich  haben  Ad.  Wagner  und  die  Kathedersozialisten
recht,  wenn  sie  für  die  Verteilungslehre  den  Hauptplatz  in  der  Wissenschaft
beanspruchen.  Aber  hatte  nicht  Le  Play  lange  vor  ihnen  das  Kriterium  der
sozialen  Zustände  in  den  Frieden  und  die  Sicherheit  gelegt,  welche  sie  den
        <pb n="284" />
        Die  Schule  der  Reforme  sociale

263

und  permanenter  Naturgesetze  des  Wirtschaftslebens,  welche  aus
der  Natur  des  Menschen  fließen.  Die  Gesetze  dieser  Art  treten
neben  die  ewigen,  absoluten,  ethischen  Gesetze  Le  Plays.
Den  Einfluß  des  ethischen  Prinzips  auf  die  Produktion
sucht  und  findet  Claudio-Jannet  in  den  Triebfedern  der
Arbeit.  Diese  sind  nach  Cicero  und  der  christlichen  Sittenlehre
die  vier  Kardinaltugenden  :  prudentia,  fortitude,  temperanza,
justitia.  „Diese  Kardinaltugenden  sind  auch  die  wirtschaftlichen
Tugenden  xai'  èŞoxyi’,  und  ihnen  gebührt  der  erste  Platz  in  der
Analyse  der  Güterproduktion“ 1 ).  Für  die  Verteilungslehre  sind
die  von  Dekalog  und  Evangelium  gelehrten  Pflichten  der  Gerechtigkeit ­
  und  Nächstenliebe  maßgebend.
Claudio-Jannet  ist  jedoch  nicht  nur  theologisch  gebildeter ­
  als  Le  Play,  er  ist  auch  katholischer.  Er  wirft  dem
Meister  vor,  daß  er  nur  „die  Notwendigkeit  einer  positiven
Religion  betont,  nicht  aber  die  doch  so  verschiedenen  sozialen
Wirkungen  der  falschen  Kulte  und  der  wahren  Religion  untersucht“ ­
  2 ).
Claudio-Jannet  schrieb  ein  Buch  über  die  Vereinigten
Staaten 3 ),  welches  eine  Widerlegung  des  berühmten  Werkes
de  Tocquevilles  über  denselben  Gegenstand  sein  wollte.  Es
erregte  allerdings  einiges  Aufsehen  und  erlebte  in  Frankreich
wie  in  Amerika  mehrere  Auflagen;  der  orthodoxen  Le  Playschule ­
  aber  hat  es  einen  schlechten  Dienst  erwiesen.
De  Toc  qu  evill  e  hatte  sein  Werk  mit  der  Schlußfolgerung
abgeschlossen,  der  Grundzug  der  Entwicklung  der  Union,  die
große  providentielle  Tatsache  der  schrittweisen  Verwirklichung
der  Gleichheit  verbürge  ihr  eine  glückliche  Zukunft.  Claudio-Jannet
  unternahm  nun  an  der  Hand  eines  reichlichen  Materials,
das  er  auf  einer  Studienreise  durch  Befragung  einer  Reihe  von

arbeitenden  Klassen  verschaffen?“  loc.  cit.  p.  883.  Roscher  lobt  er  sehr,  weil
er  an  den  Naturgesetzen  der  Volkswirtschaft  festhält.  Diejenigen  Historiker,
welche  das  nicht  oder  nicht  ausdrücklich  tun,  schilt  er  als  Sophisten,  ibid.
p.  1068—69.
b  ibid.  p.  884.
2 )  ibid.  p.  1076.
3 )  Claudio  Jannet,  Les  Etats-Unis  Contemporains  ou  les  Moeurs,  les
Institutions  et  les  Idées  depuis  la  guerre  de  la  Sécession,  Paris,  1876.  4.  Ausi.
        <pb n="285" />
        264  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Staatsmännern,  Geistlichen,  Journalisten  und  „autorités  sociales“
in  verschiedenen  Staaten  der  Union  gewann,  aus  deren  Geschichte ­
  und  damaligen  Lage  genau  das  Gegenteil  von  dem
herauszulesen,  was  de  Tocqueville  gesehen  hatte.  Für
Claudio-Jannet  war  das  große  Werk  Washingtons  und
der  andern  Begründer  der  Union:  die  Bundesverfassung  und
mit  ihr  das  ganze  öffentliche  und  private  Leben  immer  mehr
durch  das  Eindringen  der  falschen  Dogmen  der  Volkssouveränität,
des  von  Natur  guten  Menschen  und  der  Gleichheit  aller  verderbt ­
  worden.  Claudio-Jannet  stellt  fest,  daß  die  Religion,
d.  h.  alle  protestantischen  Bekenntnisse  unheilbarer  Dekadenz
verfallen  sind;  daß  die  Korruption  im  öffentlichen  Leben  und
die  Unredlichkeit  in  geschäftlichen  Dingen  nie  dagewesene
Proportionen  erreichen  ;  daß  der  Typus  der  amerikanischen
Familie  der  der  „Familie  instable“  ist,  in  welchem  die  väterliche ­
  Autorität  auf  ein  Mindestmaß  gesunken  ist,  die  Achtung
vor  der  Frau  überhaupt  nicht  besteht,  da  die  Leichtigkeit  der
Ehescheidung  sie  jeden  Augenblick  über  Bord  zu  werfen  gestattet, ­
  die  systematische  Unfruchtbarkeit  der  Ehen  die  Zukunft
der  Nation  aufs  ernstlichste  gefährdet  usw.  Für  CI  au  di  o-Jann
  et  war  das  amerikanische  Volk  überhaupt  sittlich  bankrott
und  einer  vollständigen  Auflösung  in  naher  Zukunft  verfallen,
wenn  nicht  zwei  in  ihm  vorhandene  Kräfte  es  heilten  und  zu
Blüte  und  Gedeihen  führten:  die  noch  vorhandenen  Musterfamilien,
  insbesondere  unter  den  Farmern  Virginiens,  welche  die
guten  Traditionen  der  Vergangenheit  bewahrt  haben,  und  der
Katholizismus 1 ).  Claudio-Jannets  Anathema  über  die  Vereinigten ­
  Staaten  erhielt  die  ausdrückliche  Sanktion  Le  Plays
in  einem  Vorwort,  das  dieser  zu  seinem  Buche  schrieb.
Die  Vereinigten  Staaten  fielen  aber  keineswegs  in  naher
Zukunft  der  Auflösung  und  dem  Untergang  zum  Opfer,  sondern
sie  gediehen  sittlich,  kulturell  und  wirtschaftlich  zu  immer
höherer  Blüte,  ohne  daß  man  gerade  behaupten  könnte,  sie  verdankten ­
  ihren  Aufschwung  den  „  Stammsamilien“  Virginiens  oder
dem  Katholizismus.  In  den  Kreisen  der  Le  Play  schule  fing
man  an,  sich  zu  sagen,  Claudio-Jannet  müsse  drüben  die

*)  Claudio  Jannet,  Les  Etats-Unis,  cap.  24—26;  speziell  p.  462,  480  der
1.  Ausl.
        <pb n="286" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

265

Augen  schlecht  geöffnet  haben  und  recht  einseitig  informiert
worden  sein.  Ende  der  80er  Jahre  bereiste  nun  der  Le  Playschüler ­
  Paul  de  Rousiers  und  bald  nach  ihm  Paul  Bureau  die
amerikanische  Union,  um  die  heimgebrachten  Beobachtungsresultate ­
  Claudio-Jannets  zu  kontrollieren.  Wir  werden  im
folgenden  Kapitel  die  Ergebnisse  dieser  neuen  Studienreisen
erfahren  und  sehen,  wie  aus  dem  anathematisierten  Yankeestaate ­
  und  aus  dem  amerikanischen  Familientypus  das  Musterland ­
  und  die  Musterfamilie  geworden  sind,  welche  die  Le  Playschule ­
  der  Science  sociale  allen  Völkern  der  Erde  zur  Nachahmung ­
  empfehlen.
Charles  de  Ribbe  *),  der  Biograph  Le  Plays,  ist  der  Historiker ­
  der  Schule.  Seine  Werke  haben  die  Schilderung  des
Familienlebens  im  alten  Frankreich  insbesondere  im  XV.  und
XVI.  Jahrhundert  zum  Gegenstand.  Als  Quellen  dienen  ihm
in  erster  Linie  die  sogenannten  Livres  de  raison  (im  XVI.  Jahrhundert ­
  libri  rationum,  im  XV.  libri  domus  meae  genannt).  Es
waren  dies  Familien-  und  Haushaltsbücher,  in  welche  der
Familienvater  die  wesentlichsten  Ereignisse  seines  Lebens  und
seiner  häuslichen  Verwaltung  einzutragen  pflegte.  Die  Sitte,
Livres  de  raison  zu  führen,  war  nach  de  Ribbe  in  der
Provence  und  in  Südfrankreich  überhaupt  verbreiteter  als  in
den  anderen  Landesteilen.  Ein  gut  geführtes  Livre  de  raison
hatte  gewöhnlich  zwei  Teile:  im  ersten  wurden  Ursprung  und
Genealogie  der  Familie,  ihre  verwandtschaftlichen  Beziehungen,
einige  Worte  über  Eltern  und  hervorragende  Familienmitglieder,
Datum  der  Eheschließung,  der  Geburt  der  Kinder,  des  Todes
der  Eltern  usw.  eingetragen.  Im  zweiten  wurden  aufgezeichnet:
alle  Akte  der  Vermögensverwaltung;  Guthaben  und  Schulden;
Inventar,  Ursprung  und  Natur  des  Immobiliarbesitzes;  Kontrakte,
Pachtverträge  usw.  Der  Familienvater  rechtfertigte  in  kurzen
Worten,  was  er  im  Interesse  des  Patrimoniums  zu  tun  für  gut

i)  Dessen  hauptsächlichste  Werke  sind:
Les  Familles  et  la  Société  en  France  d’après  des  documents  originaux,
2  Bde.,  4.  Ausi.,  1879.  —  La  Vie  domestique,  ses  modèles  et  ses  règles  d’après
des  documents  originaux,  2  Bde.,  2.  Ausi.,  1877.  —  Une  Famille  au  XVI me
siècle,  Broschüre,  in  12.  —  Le  Livre  de  Famille,  Broschüre,  in  12.  —  Le  Play,
d’après  sa  correspondance,  in  18.  —  La  Société  provençale  à  la  fin  du  Moyen-Age,
  in  8.
        <pb n="287" />
        266  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

befunden,  schrieb  Erfahrungen  nieder  zur  Belehrung  seiner
Nachfolger,  gab  Ratschläge,  auch  solche,  welche  die  Religion
und  die  Sitten  betrafen  (z.  B.  die  bekannten  Ermahnungen  des
hl.  Ludwig  an  seine  Kinder)  usw.
Seine  Livres  de  raison  hat  de  Ribbe  selbst  bei  alten
Familien  aufgesucht  und  gesammelt.  Er  sieht  eine  Anwendung
der  Beobachtungsmethode  Le  Plays  auf  die  Geschichtsforschung
darin,  daß  er  aus  den  in  den  Livres  de  raison  vermerkten
Tatsachen  ein  getreues  Bild  des  französischen  Familienlebens
im  XV.  und  XVI.  Jahrhundert  gewinnt.  Von  den  beobachteten
Familien  sagt  er:  „Viele  sind  hervorragende  Typen,  aber  dennoch ­
  keine  Ausnahmen.  In  ihnen  äußern  sich  in  verschiedenem
Grade  ein  fester  Bestand  guter  Grundsätze  und  die  angestammte
Gewohnheit,  danach  zu  handeln.  Für  die  Sozial  Wissenschaft
sind  diese  Familien  unvergleichliche  Muster,  denn  es  genügt,
deren  Beispiel  nachzuahmen,  um  auf  den  rechten  Weg  zurückzukehren“ ­
  i).
Tiefe  Überzeugung,  Wärme  und  Liebe  zum  Gegenstände
sprechen  aus  den  Werken  de  Ribbes.  Seine  jedesmalige
Schlußfolgerung  ist  :  die  christlichen  Traditionen  der  alten  französischen ­
  Familie  haben  Frankreich  groß,  stark,  mächtig,  ruhmreich ­
  gemacht.
Eugène  Rostand 1  2 ),  Direktor  der  Sparkasse  in  Marseille,  ist
praktischer  Sozialpolitiker.  Er  hat  eine  Reihe  von  karitativen
Anstalten  und  Wohlfahrtseinrichtungen  ins  Leben  gerufen
(Kreditkassen,  Arbeitslosenversicherung,  Arbeiterwohnungsgenossenschaften, ­
  antialkoholische  Vereine  usw.),  an  deren  Spitze
er  steht.  Seine  Werke  sind  von  frischer  Kampfesstimmung  und
Unternehmungslust  beseelt.  Rostands  Grundgedanke  ist  „prak-1)

  De  Rübe,  La  Vie  Domestique,  ses  Modèles  et  ses  Règles,  Bd.  I,
p.  XVII—XVIII.
2 )  Bedeutendere  Schriften  Rostands:
La  Question  d’Economie  sociale  dans  une  grande  ville,  1889.  —  La
Réforme  des  Caisses  d’Epargne  françaises,  2  Bde.,  1890—1892.  —  Une  Visite
à  quelques  Institutions  de  Prévoyance  en  Italie,  1891.  —  Le  Concours  des
Caisses  d’Epargne  au  Crédit  agricole,  1897.  —  L’Action  sociale  par  l’Initiative
privée,  gesammelte  Aufsätze,  bisher  4  Bde.  1893—1897—1902—1907,  2.  Aud.
im  Erscheinen  begriffen.
        <pb n="288" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

267

tischer,  fragmentierter,  sukzessiver  Fortschritt  (in  Sozialpolitik)
durch  Privatinitiative,  freie  Genossenschaft  und  lokale  Tätigkeit“ ­
  i).  Seine  Hauptsorge  ist  die  sittliche  Hebung  des  Volkes.
Er  ist  Individualist  im  besten  Sinne  des  Wortes;  in  der  Arbeiterklasse ­
  sieht  er  nicht  eine  pauperistische,  hilfsbedürftige  Masse,
sondern  eine  emporsteigende  neue  Gesellschaftsklasse.  Demgemäß ­
  legt  er  in  Le  Plays  Lehre  vom  Patronage  das  Hauptgewicht ­
  darauf,  daß  derselbe  ein  freiwillig  dauerndes  Arbeitsverhältnis ­
  verlangt  und  zum  Ziele  haben  soll,  sich  selbst  unnötig ­
  zu  machen,  indem  er  den  Arbeiter  zum  Sparen  und  zur
Selbstbestimmung  erzieht  und  ihn  so  zur  wirtschaftlichen  Unabhängigkeit ­
  führt 1  2 ).
Rostand  ist  entschiedener  Regionalist.  Gegen  jedwede
Zentralisation,  gegen  alle  Arten  von  Sozialismus  zieht  er  mit
dem  feurigen  Temperamente  des  Südländers,  das  ihm  in  hohem
Maße  eigen  ist,  zu  Felde.  Eine  Lieblingsidee  von  ihm  in  dieser
Richtung  ist  die  Selbstausscheidung  (  „  auto  -  élimination“  )  des
Sozialismus.  Der  Sozialismus  geht  nämlich  nach  Rostands
Ansicht  an  sich  selbst  zugrunde  :  einerseits  wird  er  durch  Anarchismus ­
  überwuchert,  andererseits  drängt  die  logische  Entwicklung ­
  der  Dinge  zum  Revisionismus  der  Bernstein,
V.  Voll  mar,  Jaurès  usw.,  welche  zwar  das  alte  Schild  beibehalten, ­
  aber  die  Lösung  der  Arbeiterfragen  „der  Schule  des
praktischen  Fortschritts“  entlehnen.  Indem  die  Revisionisten
die  Genossenschaftsbewegung  an  sich  reißen,  versetzen  sie  dem
marxistischen  Sozialismus  den  Todesstoß 3 ).
Die  volkswirtschaftlichen  Anschauungen  Rostands,  ebensowohl ­
  als  sein  Anspruch,  die  Sozialpolitik  ausschließlich  der
Privatinitiative  zu  überlassen,  bringen  ihn  der  liberalen  Schule
sehr  nahe;  im  Anschluß  an  Le  Play  und  Claudio-Jannet
betont  er  jedoch  scharf  das  ethische  Moment  im  Wirtschaftsleben ­
  :  „Bei  Le  Play  sind  nicht  mehr  die  Güter,  sondern  die

1)  E.  Rostand,  L’Action  sociale  par  l’Initiative  privée,  Bd.  IV,  p.  1.
2 )  Vgl.  u.  a.  Rostands  Festrede  bei  der  Enthüllung  des  Le  Playdenkmals
in:  Fêtes  du  Centenaire  de  Le  Play.  Compte  rendu  général  analytique,  Paris,
1907,  p.  6.
3 )  E.  Rostand,  L’Action  sociale  par  l’Initiative  privée,  Bd.  IV,  p.  581  ff.
        <pb n="289" />
        268  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Menschen  und  deren  Beziehungen  untereinander  Gegenstand  der
Sozialwissenschaft“  *).
A.  Béchaux 1  2 ),  Professor  a.  D.  der  Nationalökonomie  am
Institut  Catholique  in  Lille,  zur  Zeit  in  Paris  lebend,  schrieb
ein  Buch  über  die  französische  Nationalökonomie,  bei  welchem
der  Wunsch  der  Vater  des  Gedankens  war 3 ).
Béchaux  führt  darin  aus,  man  dürfe  die  französischen
Volkswirte  nicht  der  altehrwürdigen  klassischen  Schule  zurechnen. ­
  „In  England  wie  in  Frankreich  und  Deutschland
zwang  der  vom  freien  Spiel  der  Interessen  und  des  Egoismus
gezeitigte  Antagonismus  Regierungen  und  private  Initiativen,
welche  sich  ihrer  Pflicht  bewußt  waren,  zu  beständigem,  unaufhaltsamem ­
  Eingreifen  ins  Wirtschaftsleben.  So  kam  es,  daß
nach  und  nach  die  französische  Nationalökonomie  ihre  Methoden
und  ihre  Lehren  änderte;  mehr  als  früher  nahm  sie  fortan
Rücksicht,  nicht  nur  auf  die  tauschfähigen  Produkte,  sondern
auch  insbesondere  auf  die  arbeitenden  Produzenten“ 4 ).  Seit
Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts  entwickelte  sich  in  Frankreich
eine  neue  Schule  der  Volkswirtschaft,  welche  zurzeit  die  große
Mehrheit  der  französischen  Nationalökonomen  umfaßt.  Diese
Schule  nimmt  eine  Mittelstellung  zwischen  der  „utilitären“  englischen ­
  und  der  „autoritären“  deutschen  ein.
In  der  Methode  stellt  die  französische  Schule  dem  „Nur-Räsonnement“
  der  Engländer  und  dem  „Nur-Geschichte“  der

1)  ibid.  p.  624.  —  Unter  der  Präsidentschaft  Rostands  (1906)  feierte  die
¡Société  d'Economie  sociale  das  Centenarium  Le  Plays  und  den  fünfzigsten  Jahrestag ­
  ihres  Bestehens.  Bei  dieser  Gelegenheit  wurde  Le  Play  im  Luxembourggarten ­
  in  Paris  ein  Denkmal  gesetzt.
2 )  Von  seinen  "Werken  sind  zu  nennen:
L’Ecole  de  la  Paix  Sociale  devant  le  Socialisme,  Paris,  1901.  —  Les
Revendications  ouvrières  en  France,  2.  Ausi.  1894.  —  Les  Ecoles  économiques
au  XX me  siècle.  Band  I  :  L’Ecole  économique  française,  Paris,  1902  (ins  Deutsche
übersetzt  von  G.  Wampach,  Leipzig  1903).  —  Band  II:  L’Ecole  individualiste.
Le  Socialisme  d’Etat,  Paris,  1907.
Als  korrespondierendes  Mitglied  der  Académie  des  Sciences
morales  et  politiques  veröffentlichte  Béchaux  eine  Reihe  von  kleineren
Schriften  (1898—1909)  in  den  Comptes  Rendus  der  Akademie.
3 )  A.  Béchaux,  L’Ecole  économique  française,  Paris,  1902  (übersetzt  von
G.  Wampach).
4 )  ibid.  Übersetzung,  p.  14—15.
        <pb n="290" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

269
Deutschen  einen  gemäßigten  Empirismus  gegenüber.  Ohne  ganz
auf  das  Räsonnement  zu  verzichten,  „benützt  die  französische
Schule  vorzugsweise  das  induktive  Verfahren  und  gelangt  auf
diesem  Wege  zur  Erkenntnis  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen
und  der  mannigfachen  Beziehungen  der  produzierenden  Menschheit“ ­
  x ).  Das  induktive  Verfahren  stützt  sich  auf  streng  wissenschaftliche ­
  Einzel-,  auf  statistische  Massenbeobachtungen,  auf
Monographien,  auf  mündliche  und  schriftliche  Enqueten.  Auch
die  Geschichtsforschung  wird  als  induktives  Hilfsmittel  herangezogen. ­
  Diese  ist  aber  in  Frankreich  nicht  Selbstzweck,
sondern  dient  vielmehr  der  Ergründung  des  Zusammenhanges
der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  mit  dem  Gesamt  Wirtschaftsleben, ­
  dessen  Teilerscheinungen  sie  sind,  und  der  Feststellung,
ob  anderswie  gewonnene  Schlußfolgerungen  universelle  und  permanente ­
  Gültigkeit  oder  nur  örtlich  und  zeitlich  beschränkte
beanspruchen  können 2 ).
Der  Lehrgehalt  der  französischen  Schule  läßt  sich  füglich
um  drei  Kategorien  von  wirtschaftlichen  Kräften  gruppieren.
Diese  Kategorien  sind:  a)  primäre  Kräfte  oder  die  Naturgesetze
der  Volkswirtschaft,  b)  sekundäre  :  die  wirtschaftlichen  Gebräuche,
und  c)  tertiäre  :  die  Einmischungsbefugnisse  des  Staates  ins  Wirtschaftsleben. ­

ad  a).  „Die  französische  Nationalschule  hält  an  der  Existenz ­
  volkswirtschaftlicher  Naturgesetze  fest,  nimmt  aber  als
solche  nur  diejenigen  an,  welche  durch  langjährige  Erfahrung
erhärtet  und  auf  vollkräftige  Beweise  gestützt  sind 3 ).  Die
Nationalökonomie  rächt  sich  an  den  Gemeinwesen,  die  bewußt
oder  unbewußt  ihre  Gesetze  übertreten.  Die  Sanktion  der  wirtschaftlichen ­
  Gesetze  besteht  in  der  sich  mit  Naturnotwendigkeit

*)  ibid.  Übersetzung,  p.  20.
2 )  ibid.  p.  20  if.  Vgl.  Levasseur,  De  la  Methode  en  Economie  politique,
in  Revue  Bleue,  1898,  p.  49  if.
3 )  Béchaux,  ibid.  Übersetzung,  p.  8.  Im  1.  Kap.  des  II.  Buches  (Originalausgabe, ­
  p.  28  if.)  wird  die  Unhaltbarkeit  einer  Reihe  von  früheren  volkswirtschaftlichen ­
  Naturgesetzen  (Bevölkerungsgesetz  Malthus,  ehernes  Lohngesetz  usw.)
festgestellt;  diese  werden  dem  britischen  Liberalismus  in  die  Schuhe  geschoben, ­
  und  die  Befreiung  davon  wird  der  „französischen  Schule“  als  Verdienst
angerechnet.
        <pb n="291" />
        270  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

vollziehenden  Schmälerung  oder  gar  dem  Verluste  des  Wohlstandes“ ­
  x ).
ad  b).  Damit  eine  Volkswirtschaft  fortschreite  und  gedeihe, ­
  bedarf  sie  neben  dem  Freiwaltenlassen  der  Naturgesetze
gewissenhafter  Beobachtung  der  „wirtschaftlichen  Gebräuche“.
Damit  ist  gemeint,  was  Le  Play  die  Pflichten  des  Patronage
nennt 2 ).
ad  c).  Die  französische  Nationalökonomie  läßt  die  staatliche ­
  Einmischung  ins  Wirtschaftsleben  nur  dann  zu,  wenn  die
individuelle  und  kollektive  Initiative  bestehenden  Schäden  und
Mißbräuchen  gegenüber  ohnmächtig  und  fruchtlos  ist.  Für
die  Zentralgewalt  vindiziert  sie  nur  jene  Funktionen,  die  von
der  Gemeinde  und  der  Provinz  nicht  erfüllt  werden  können 3 ).
Die  Einmischung  der  öffentlichen  Gewalt  ins  Wirtschaftsleben ­
  vollzieht  sich  in  der  Hauptsache  auf  den  Gebieten  der
Finanz-,  der  Handels-  und  der  Sozialpolitik.  In  der  Finanzpolitik ­
  steht  die  französische  Schule  nach  Béchaux  auf  dem
Boden  des  in  Frankreich  bestehenden  Ertragssteuersystems;  in
der  Handelspolitik  bekennt  sie  sich  zu  Leroy-Beaulieus  System ­
  der  Handelsverträge,  in  der  Sozialpolitik  deckt  sich  ihr
Standpunkt  mit  demjenigen  des  (von  der  Brüsseler  Le  Playgesellschaft ­
  inspirierten)  belgischen  Staates.  „Alle  belgischen
sozialpolitischen  Gesetze  über  Familie  und  Herd,  Arbeit,  Arbeitslohn ­
  und  Genossenschaftswesen  stehen  auf  dem  Boden  der  individuellen ­
  Freiheit“ 4 ).  Béchaux  gibt  Frankreich  den  Rat,
sich  in  der  Regelung  der  Sozialversicherung  dem  Vorgehen
Belgiens  anzuschließen  und  sich  von  dem  deutschen  Zwangssystem ­
  fern  zu  halten 5 ).  Was  endlich  das  schwierige  Problem
des  internationalen  Arbeiterschutzes  betrifft,  so  steht  ihm  die
französische  Schule  abwartend  gegenüber.  Sympathisch  ist  ihr
dabei,  daß  die  völkerrechtliche  Entwicklung  notwendig  mäßigend
auf  den  modernen  Staatsimperialismus  wirken  muß 6 ).

b  ibid.  Buch  II,  Kap.  1,  p.  25  ff.
2 )  ibid.  p.  42  ff.
s )  ibid.  Buch  II,  Kap.  3,  p.  58  ff.
4 )  ibid.  p.  128.
5 )  ibid.  p.  128.
6 )  ibid.  p.  143  ff.
        <pb n="292" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

271

Béchaux’  Buch  hat  eine  symptomatische  Bedeutung.
Daß  die  von  ihm  geschilderte  französische  Schule  der  Nationalökonomie ­
  heute  bereits  eine  greifbare  Existenz  habe,  glaubt  er
wohl  selber  nicht.  Dagegen  sind  Entwicklungstendenzen  in
dieser  Richtung  unzweifelhaft  festzustellen.  Diese  hängen  damit
zusammen,  daß  das  Paktieren  der  Regierungen  Waldeck-Rousseau-Millerand
  und  Combes  mit  dem  Sozialismus
und  deren  resolutes  Ernstmachen  mit  den  interventionistischen
Forderungen  der  radikalen  und  radikal-sozialistischen  Parteiprogramme ­
  in  der  mittleren  und  höheren  Bourgeoisie  Frankreichs ­
  eine  in  starkem  Wachstum  befindliche  reaktionäre  Strömung ­
  erzeugt  haben.  Diese  Strömung  ist,  wie  wir  bereits  im
I.  Buche  sahen,  nicht  ohne  Einwirkung  auf  die  wissenschaftlichen ­
  Kreise  geblieben.  Wer  mit  den  wirtschaftswissenschaftlich ­
  interessierten  Kreisen  in  Frankreich  Fühlung  hat,  wird
bestätigen  können,  daß  nicht  nur  gewisse  Le  Playschüler
(Béchaux,  Delaire  u.  a.)  die  Rezeption  der  Le  Play  sehen
nichtinterventionistischen  Sozialpolitik  seitens  der  liberalen
Schule  und  im  Anschluß  daran  das  Ineinanderaufgehen  der
liberalen  Schule  und  jener  der  Réforme  sociale  in  naher  Zukunft ­
  erwarten,  sondern  daß  ein  Streben  nach  doktrinaler
Vereinheitlichung  aller  nichtsozialistischen,  volkswirtschaftlichen
Weltanschauungen  in  täglich  steigendem  Maße  ins  Bewußtsein
der  Träger  derselben  tritt.  Ob  diese  Bewegung  zur  vollen  Entwicklung ­
  gelangen  wird,  vermögen  wir  nicht  zu  entscheiden.
Jedenfalls  hat  aber  Béchaux  tatsächlich  vorhandenen  Tendenzen, ­
  welche  von  der  liberalen  und  katholischen  Rechten  bis
weit  in  die  demokratisch  und  interventionistisch  gesinnten
Kreise  der  juristischen  Fakultäten  hineinreichen,  einen,  wenn
auch  verfrühten,  Ausdruck  gegeben.  Und  auch  die  Richtung,
in  welcher  die  angestrebte  Vereinheitlichung  sich  anbahnt,  hat
Béchaux  richtig  gekennzeichnet.  Zuerst  ein  negatives  Moment:
entschiedene  Gegnerschaft  zu  allem  Sozialismus,  dann  ein  positives: ­
  gemäßigter  Interventionismus  oder,  was  dasselbe  ist,  gemäßigter ­
  Nichtinterventionismus.
E.  Cheysson,  von  Haus  aus  Ingenieur  wie  Le  Play,  hat
einen  Lehrstuhl  für  Sozialpolitik  an  der  Ecole  libre  des
Sciences  politiques  inné.  Er  ist  der  glänzendste  Schrift-
        <pb n="293" />
        272  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

steiler  der  Schule  der  Réforme  sociale 1 ).  Er  hat  die  sozialökonomischen ­
  Abteilungen  der  Pariser  Ausstellungen  1889  und
1900,  sowie  das  vom  Grafen  de  Chambrun  gestiftete  Musée  social
organisiert.
Cheysson  bildete  Le  Plays  Methode  der  Familienmonographien ­
  fort,  indem  er  sie  mit  der  Statistik  in  Verbindung
brachte  und  durch  die  Monographie  d'Atelier  und  die  Monographie
de  Commune  ergänzte.
Wir  haben  gesehen,  wie  Le  Play  die  Auswahl  der  monographisch ­
  zu  behandelnden  Familientypen  zwar  nach  bestimmten
Grundsätzen  in  qualitativer  Hinsicht,  aber  ohne  genügende
Anhaltspunkte  für  die  quantitative  Bestimmung  der  Ausdehnung
des  Milieus,  das  sie  kennzeichnen  sollten,  vornahm.  Cheysson
hält  an  den  Grundsätzen  Le  Plays  bezüglich  der  qualitativen
Auswahl  fest.  Man  soll  stabile,  ortsansässige,  in  Le  Play  schern
Sinne  glückliche  Typen,  d.  h.  also  solche,  die  das  tägliche  Brot
haben  und  nach  den  Vorschriften  des  Dekaloges  leben,  auswählen ­
  2 ).  Andererseits  aber  bieten  die  durch  die  offiziellen
statistischen  Erhebungen  bestimmten  Kategorien  scharf  und
präzis  umgrenzte  Milieus  als  quantitative  Grundlagen  für  die
Monographien.  Die  Statistik  marschiert  in  der  Vorhut  und
stellt  die  Durchschnitte  fest;  sie  umgrenzt  die  Oberflächen  in
Maß  und  Zahl.  Die  Monographie  dringt  in  die  Tiefe,  belebt
und  kontrolliert  die  Resultate  der  Statistik  durch  detaillierte
Erforschung  einzelner  Individualtypen 3 ).

q  Die  zahlreichen  Publikationen  Cheyssons,  die  sich  auf  Arbeiterversicherung, ­
  Wohlfalirtseinrichtungen  und  Statistik  beziehen,  sind  verstreut  (meist  in
der  Réforme  Sociale  und  in  den  Comptes  rendus  der  Académie  des  Sciences
politiques  et  morales,  deren  Mitglied  Cheysson  ist).  Gemeinsam  mit  Toqué  hat
er  die  Budgets  compares  des  cent  Monographies  de  famille  bearbeitet,  welche  1890
vom  internationalen  statistischen  Institut  herausgegeben  wurden.  Diese  Arbeit
ist  eine  statistische  Wiederholung  in  Tabellen  der  Resultate  jener  Monographien
(Ouvriers  européens  und  Ouvriers  des  Deux  Mondes),  welche  die  (orthodoxe)
Schule  Le  Plays  bis  1890  veröffentlicht  hatte.  —  Vgl.  Ch.  Gide,  Die  neuere  volkswirtschaftliche ­
  Literatur  Frankreichs  in  Schm  oilers  Jahrbuch,  1895,  p.  727—28.
2 )  E.  Cheysson,  La  Monographie  de  Familie  in:  La  Réforme  Sociale,  1.  u.
16.  Nov.  1896,  p.  607.
3 )  E.  Cheysson,  La  Monographie.  La  Statistique  et  ses  deux  grandes
méthodes  (Enquête  et  Monographie)  in:  La  Réforme  Sociale,  1.  Nov.  1895,
p.  644  ff.
        <pb n="294" />
        Die  Schule  der  Reforme  sociale

273

Weiter  sagt  Cheysson:  Le  Play  hatte  den  Menschen
in  der  Familie,  am  Herde  beobachtet  und  baute  aus  seinen
Beobachtungen  eine  Sozialwissenschaft.  Die  Familienbeobachtung ­
  genügt  jedoch  nicht.  Die  großen  volkswirtschaftlichen
Fragen:  Freihandel  oder  Schutzzoll,  Bank-  und  Geldwesen,
Arbeiterorganisationen,  Arbeitseinstellungen,  Wohlfahrtseinrichtungen,
  Genossenschaftswesen  (coopération  et  mutualité)  usw.
entstehen  an  der  Arbeitsstätte  und  müssen  dort  beobachtet  werden.
Die  Monographie  der  Arbeitsstätte  (Monographie  d’Atelier) ­
 1 )  bietet  größere  Schwierigkeiten  als  die  Familienmonographie.
Sie  ergeben  sich  1.  aus  der  Komplikation  des  Milieus,  2.  aus
der  Komplexität  des  Gegenstandes  und  3.  aus  dem  Mangel  eines
dem  Familienbudget  entsprechenden  Kristallisationspunktes.
ad  1.  Die  Familienmonographie  wählt  mit  Vorliebe  die
stabilen  Typen  und  die  einfachen  Organisationsformen;  ihr
Gegenstand  ist  die  ewig  sich  gleichbleibende  Zelle  und  soziale
Einheit  der  Menschheit.  Die  Monographie  der  Arbeitsstätte
dagegen  will  in  der  Gegenwart  gegebene,  örtlich  und  zeitlich
bedingte,  komplizierte  und  in  Verfall  geratene  Organisationsformen ­
  erforschen.
ad  2.  Die  Ungleichartigkeit  unter  den  Arbeitsstätten  ist
größer  als  unter  den  Familien  ;  folglich  ist  es  schwieriger,  einen
genügend  elastischen,  für  alle  passenden  Rahmen  aufzustellen.
ad  3.  Die  Arbeitgeber  haben  ein  legitimes  Interesse,  ihre
Bücher  geheim  zu  halten.  Daher  ist  eine  Gruppierung  der
Monographie  der  Arbeitsstätte  um  ein  Budget,  wie  bei  der  Le
Play  sehen  Familienmonographie,  ausgeschlossen.
1887  legte  Cheysson  dem  in  Rom  tagenden,  internationalen ­
  statistischen  Kongreß  den  „Rahmen“,  d.  h.  das  Schema
einer  Monographie  d'Atelier  vor,  welches  er  dem  Le
Play  sehen  Rahmen  der  Familienmonographie,  den  wir  kennen
gelernt  haben,  zur  Seite  stellt.  Der  Cheysson  sehe  Rahmen
umfaßt  zwei  Teile  :  Organisation  commerciale  und  Organisation  du
Travail.
Im  ersten  Teile  wird  als  Einleitung  eine  Beschreibung  des
Milieus  (geographische  Lage  des  zu  beobachtenden  Betriebes,
Allgemeines  über  die  Bevölkerung  des  Standorts)  und  eine  alli)
  Cheysson,  La  Monographie  d’Atelier,  in:  La  Réforme  Sociale,  1.  Dez.
1896,  p.  779  ff.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

18
        <pb n="295" />
        274  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

gemeine  Orientierung  über  Geschichte,  wirtschaftliche  Lage  und
lokale  Verhältnisse  des  Industriezweiges,  dem  der  zu  beobachtende ­
  Betrieb  angehört,  verlangt.  Daran  schließt  sich  alsdann
eine  möglichst  detaillierte  Erforschung  der  finanziellen  und
kommerziellen  Organisation  des  zu  beobachtenden  Betriebes.
Der  zweite  Teil  behandelt  in  mehreren  Abteilungen  und
Unterabteilungen  die  Arbeitsorganisation  und  Arbeiterverhältnisse: ­
  Gliederung  des  Betriebes,  Rekrutierung  und  Verteilung
des  Personals,  Löhne,  Arbeitszeit,  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen ­
  (staatliche,  patronale  und  solche  der  Selbsthilfe,  zu
welch  letzteren  Cheysson  die  Syndikate  und  alle  Arten  von
Genossenschaften  rechnet).  Mit  der  Frage  nach  den  Sitten  der
Arbeiterfamilien  und  der  Art  der  Beziehungen  zwischen  Arbeitern ­
  und  Arbeitgebern,  welche  das  Schema  abschließen,
greift  Cheysson  in  die  Familienmonographie  über.  Nichts
hindert  übrigens,  daß  im  Anschluß  an  eine  Arbeitsstättenmonographie ­
  eine  oder  mehrere  Monographien  der  in  Betracht  kommenden ­
  Arbeiterfamilien  aufgenommen  werden 1 ).
Einen  dritten  Rahmen  hat  Cheysson  für  die  Monographien ­
  von  (Landgemeinden  (Monographie  de  Commune)
aufgestellt.  Derselbe  wurde  dem  internationalen  statistischen
Kongreß  1895  in  Bern  vorgelegt.  Er  soll  dazu  dienen,  Fragen
wie:  Bevölkerungswesen,  Ein-  und  Auswanderung,  Verhältnis
von  Groß-  und  Kleingrundbesitz,  Groß-  und  Kleinindustrie  usw.
zu  konkreter  Darstellung  zu  bringen.  Gemeindemonographien
gibt  es  allerdings  schon  in  großer  Anzahl  für  alle  Kulturländer.
Aber  abgesehen  von  deren  sehr  ungleichem  Wert  und  schweren
Vergleichbarkeit  behandeln  weitaus  die  meisten  nur  die  Geschichte
ihrer  Gemeinde.  Cheysson  weist  nun  die  lokalgeschichtlichen
Aufzeichnungen  nicht  als  gänzlich  interesselos  ab;  für  ihn  ist
aber  die  gegenwärtige  wirtschaftliche  und  soziale  Lage  der
menschlichen  Niederlassungen  die  Hauptsache.  Demgemäß
möchte  er  denn  auch,  daß  in  allen  (Land)gemeinden  Frankreichs, ­
  und  so  weit  als  möglich  auch  aller  übrigen  Länder,
ortsansässige  Gebildete  die  Ausarbeitung  von  Monographien  der
betreffenden  Ortschaft  nach  dem  von  ihm  ausgearbeiteten  einheitlichen ­
  Plane  in  Angriff  nähmen.  Der  offiziellen  Statistik

i)  ibid.  p.  785  ff.
        <pb n="296" />
        %

Die  Schule  der  Reforme  sociale

275

würde  auf  diese  Weise  eine  überlegene,  eminent  vergleichbare
und  damit  wissenschaftlich  wertvolle  Quellensammlung  ergänzend ­
  zur  Seite  gestellt.
Der  „Rahmen“  der  Gemeindemonographie  zerfällt  ebenfalls ­
  in  zwei  Teile.  In  den  ersten  verweist  Cheysson  die
politische,  demographische  Wirtschafts-  und  Sozialgeschichte
der  Gemeinde.  Der  zweite,  wichtigere,  befaßt  sich  mit  der
Gegenwart  in  folgenden  Hauptabteilungen  :  Territorium,  Bevölkerung, ­
  Ein-  und  Auswanderung,  Bewirtschaftungssysteme,
Kulturarten,  landwirtschaftlicher  Unterricht,  landwirtschaftliche
Nebengewerbe,  Arbeiterverhältnisse,  Löhne,  Wohnungs-,  Kleidungs- ­
  und  Nahrungsverhältnisse  der  Landbewohner,  wirtschaftliche ­
  Gesamtlage  der  Gemeinde,  Genossenschaftswesen,  Sparvereine, ­
  Unterstützungswesen,  sittliche  und  soziale  Lage  der
Gemeinde.
Cheysson  hebt  nachdrücklich  hervor,  daß  die  Ausarbeitung ­
  solcher  Monographien  Residenz  am  Ort,  Liebe  zur  Gemeinde ­
  und  enge  Fühlungnahme  mit  ihren  Bewohnern,  insbesondere ­
  mit  den  „Autorités  sociales“,  erheischt 1 ).
Die  von  Cheysson  aufgestellten  „Rahmen“  zu  Monographien ­
  von  Arbeitsstätten  und  (Land)gemeinden  werden  alljährlich ­
  den  Preisausschreiben  der  Société  d'encouragement
à  l’Industrie  nationale  und  der  Société  des  agriculteurs ­
  de  France  zugrunde  gelegt.  Ob  mit  irgend  welchem
nennenswerten  Erfolg  ist  uns  nicht  bekannt.  Wir  werden  gleich
sehen,  daß  Cheyssons  Versuche,  die  Methode  des  Meisters
in  der  eben  mitgeteilten  Weise  fortzubilden,  einerseits  von  du
Maroussem,  andererseits  von  de  Tourville  und  Demolins  weit  überholt ­
  wurden.  Sie  können  füglich  als  eine  schüchterne  Episode
in  der  Geschichte  der  Le  Pia  y  sehen  Methodik  gelten.
Eine  Darstellung  der  Tätigkeit  der  orthodoxen  Le  Playschule ­
  darf  nicht  vorübergehen  an  A.  Delaire,  dem  einstigen
Privat  Sekretär  Le  Plays.
Delaire  war  1887—1907  Leiter  der  Zeitschrift  und  Generalsekretär ­
  der  Organisationen  der  Schule.  Mit  großer  Hingebung
widmete  er  sich  zwanzig  Jahre  hindurch  der  bescheidenen,  aufreibenden ­
  Kulissenarbeit,  welche  die  Organisation  der  Propa-*)
  Cheysson,  La  Monographie  de  Commune,  in:  La  Réforme  Sociale,
16.  Dez.  1896,  p.  852  ff.
        <pb n="297" />
        276  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

ganda  und  die  Vorbereitung  der  jährlichen  Kongresse  verlangten. ­
  Er  entging  jedoch  nicht  dem  Schicksal  seines  Vorgängers
E.  Demolins;  wie  dieser  wurde  er  eines  Tages  plötzlich  aufs
Pflaster  gesetzt.  Del  aire  schrieb  eine  Reihe  von  Propagandabroschüren. ­

Von  den  ältern  Le  Playschülern  erwähnen  wir  noch
Urbain  Guérin,  Hubert  Valleroux,  Fournier  de  Flaix.  Von  den
jungem  :  Maurice  Belioni,  Georges  Blondel,  M.  Lepelletier.  Unsern
Rundgang  durch  die  Société  d  ’Economie  sociale  schließen
wir  ab  mit  Pierre  du  Maroussem,  der  eine  aparte  Stellung  einnimmt. ­

Urbain  Guérin  ist  einer  von  den  Männern,  die  auf  zwei
Pferden  reiten.  Man  könnte  ihn  ebensowohl  zum  äußersten
linken  Flügel  des  Sozialkatholizismus,  als  zur  orthodoxen  Schule
Le  Plays  rechnen.  In  sozialpolitischen  Fragen  ist  er  entschiedener ­
  Interventionist.  Die  gegenwärtige  Wirtschaftsordnung  und
die  liberale  Schule  bekämpft  er  leidenschaftlich  in  seinem  1891
erschienenen  Buche  VEvolution  sociale.  Andererseits  hat  er  eine
bereits  erwähnte  Anleitung  zur  Ausarbeitung  von  Familienmonographien ­
  in  Le  Play  schern  Sinne  geschrieben  und  eine
Reihe  solcher  Monographien  verfaßt.  Am  Familialismus  des
Meisters  hält  er  um  so  zäher  fest,  als  er  sich  von  dessen  Patronalismus ­
  losgesagt  hat 1 ).
Hubert  Valleroux  hat  über  Genossenschafts-  und  Armenwesen ­
  geschrieben 2 ),  Fournier  de  Flaix  über  Finanzgeschichte
und  Bankfragen 3 ).
1)  Über  Guérin  vgl.  Ch.  Gide,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich,  in
Schmollers  Jahrbuch,  1895,  p.  728—729.
2 )  Werke  von  H.  Valleroux  :  Les  Associations  coopératives  en  France  et
à  l’Etranger,  Paris,  1886.  —  Les  diverses  Législations  de  l’Europe  concernant
les  Associations  coopératives,  Paris,  1893.  —  Les  Corporations  d’arts  et  métiers
et  les  Syndicats  professionnels  en  France  et  à  l’Etranger,  Paris,  Alcan.  —  La
Charité  avant  et  depuis  1789  (vom  Institut  preisgekrönt),  Paris,  Alcan.
3 )  Werke  von  Fournier  de  Flaix  :  Etudes  économiques  et  financières,
2  Bde.,  Paris,  1883.  —  La  Réforme  de  l’Impôt,  Paris,  1885.  (Diese  beiden  sind
Beiträge  zur  Geschichte  der  fiskalischen  Theorien  des  XVII.  und  XVIII.  Jahrhunderts ­
  in  den  verschiedenen  Staaten  Europas).  —  Traité  de  Critique  et  de
Statistique  comparée,  Paris,  1889  (behandelt  dasselbe  Thema  für  das  XIX.  Jahrhundert). ­
  —  Pendant  une  Mission  en  Russie,  2  Bde.,  1894  (verspricht  zwar  von
Rußland  zu  sprechen,  kommt  aber  nicht  über  Hamburg  und  Berlin  hinaus-Heute
  veraltet,  von  Jules  Hurets  Reisebriefen  überholt).
        <pb n="298" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

277

Maurice  Bellom,  Bergingenieur  und  Professor  der  Nationalökonomie ­
  an  der  Ecole  des  Mines,  gibt  ein  groß
angelegtes  Werk  über  die  Arbeiterversicherung  in  allen  Ländern
der  Erde  heraus  und  hat  ein  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre ­
  verfaßt,  das  demnächst  erscheinen  soll.  Auch  die  Fragen
der  Organisation  des  volkswirtschaftlichen  Unterrichts  hat  er
zum  Gegenstand  internationaler  Enqueten  gemacht 1 ).
Georges  Blondei,  Professor  der  Nationalökonomie  an  der
Ecole  des  Hautes  Etudes  commerciales,  ist  ein  Enquêteur ­
  so  ganz  nach  dem  Herzen  Le  Plays.  Seit  1883  hat  er
sich  durch  zahlreiche  Studienreisen  und  gründliche  Forschungen
mit  den  deutschen  und  englischen  Verhältnissen  bekannt  gemacht. ­
  Die  Gabe  der  Beobachtung  und  der  präzisen  Darstellung ­
  des  Beobachteten  steht  ihm  reichlich  zur  Verfügung.
Seine  Enqueten  über  deutsche  Verhältnisse,  zirka  30  an  der
Zahl,  von  denen  einige  zu  stattlichen  Bänden  angewachsen  sind,
zeichnen  sich  alle  durch  jene  Eigenschaft  aus,  welche  Le  Play
seinen  Schülern  so  angelegentlich  zu  empfehlen  pflegte  :  mit  dem
eigenen  Urteil  zurückzuhalten,  sparsam  mit  Schlußfolgerungen
zu  sein,  aber  den  ganzen  Nachdruck  auf  möglichst  genaue  und
reichliche,  vorurteilsfreie  Tatsachenschilderung  zu  legen.  In  gewissem ­
  Sinne  verfolgen  Blondels  Schriften  eine  Tendenz  :  er
will  seine  Landsleute  durch  Schilderung  der  gewaltigen  wirtschaftlichen ­
  Fortschritte  Deutschlands  und  Englands  zu  intensiverem ­
  Schaffen  aufrütteln 2 ).
Maurice  Lepelletier,  seit  1896  Professor  der  Nationalökonomie
L’Impôt  dans  les  diverses  Civilisations.  Première  Série.  (I.  Anciennes
Civilisations  d’Orient.  II.  La  Grèce  ancienne.  III.  Les  Romains.  IV.  Le
Moyen-Age.)  2  Bde.  Paris,  Alcan.
0  Maurice  Bellom,  Les  Lois  d’Assurance  ouvrière  à  l’Etranger,  bisher
9  Bände,  1893—-1907.  —  L’Enseignement  économique  et  social  dans  les  Ecoles
techniques  à  l’Etranger  et  en  Fiance  avec  un  Plan  de  réformes,  Paris,  1908.  —
La  Mission  sociale  des  Elèves  des  Ecoles  techniques  à  l’Etranger  et  en  France,
avec  un  Programme  d’action,  Paris,  1908.
2 )  Georges  Blondel,  Etudes  sur  les  Populations  rurales  de  l’Allemagne  et
la  Crise  agraire.  Avec  la  collaboration  de  Charles  Brouilhet,  Lucien  de  Sainte-Croix,
  Edouard  Julhiet,  Louis  Quesnel.  Avec  9  cartes  et  plans,  Paris,  1897.
Essor  industriel  et  commercial  du  Peuple  allemand  ,  3.  Ausi.,  Paris,  1900.  —
La  Politique  protectionniste  en  Angleterre.  Un  nouveau  danger  pour  la  France,
Paris,  1903  usw.  —  Den  bibliographischen  Nachweis  sämtlicher  Enqueten
Blondels  s.  im  Handw.  d.  Staatsw.
        <pb n="299" />
        278  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

am  Institut  catholique  in  Paris  und  seit  1907  Generalsekretär
der  Société  d’Economie  sociale,  ist  bestrebt,  einem  mäßigen
Interventionismus  in  das  Programm  der  Le  Playschule  Eingang
zu  verschaffen.  Unter  an  derm  vertritt  er  auch  die  Ansicht,  daß
den  Arbeitern  die  ausschließliche  Verwaltung  der  von  Arbeitgebern ­
  geschaffenen  Wohlfahrtseinrichtungen  zu  überlassen  sei.
Pierre  du  Maroussem 1 )  ist  der  eifrigste  Schüler  Le
Plays,  was  die  Methode  betrifft.  Aber  obwohl  er  der  Société
d'  Economie  sociale  angehört,  ist  er  nichts  weniger  als  ein
orthodoxer  Hüter  der  Lehre  des  Meisters.  In  den  neunziger
Jahren  hielt  er  freie  Vorlesungen  über  Le  Play  sehe  Methodik
an  der  staatlichen  Rechtsfakultät  in  Paris.
Du  Maroussem  geht  aus  von  der  Familienmonographie
Le  Plays;  unter  Benützung  von  Cheys  so  ns  oben  mitgeteilten
Anregungen  zu  deren  weiteren  Ausbildung  gelangte  er  bald  zu
einer  gewissen  Virtuosität  in  der  Praxis  des  Enquetierens.  Er
wendet  die  monographische  Forschungsmethode  weit  über  das
Gebiet  des  Familienlebens  hinaus  an  und  schafft  ein  System
monographischer  Rahmen,  welches  den  Anspruch  erhebt,  die
gesamten  wirtschaftlichen  und  sozialen  Erscheinungen  im  Leben
eines  Volkes  zu  erfassen.
Der  Erweiterung  des  Anwendungsgebietes  der  Monographie
entsprechend  wählt  du  Maroussem  zu  ihrer  Bezeichnung  den
Ausdruck  Enquete  Monographique.  Mit  Cheys  son  übt  er  Kritik
an  Le  Plays  Aus  wähl  verfahren  und  schließt  sich  dessen
Vorschlag  an,  die  Kategorien  der  offiziellen  Statistik  zur  Grundlage ­
  der  Typenauswahl  zu  machen.  Darüber  hinaus  aber

1 )  Du  Maroussem  veröffentlichte  sein  System  (Les  Enquêtes.  Pratique  et
Théorie.  Paris,  1900)  nach  Aufnahme  von  18  Monographien.  Diese  sind:
Les  Charpentiers  de  Paris,  300  p.,  Paris,  Rousseau;  Les  Ebénistes  du  Faubourg
St.  Antoine,  311  p.,  Paris,  Rousseau;  Le  Jouet  parisien,  304  p.,  Paris,  Rousseau;
Les  Halles  centrales  de  Paris,  304  p.  (in  Verbindung  mit  C.  Guérin),  Paris,
Rousseau  ;  l’Alimentation  à  Paris,  300  p.,  herausgegeben  vom  Office  du  Travail  ;
Le  Vêtement  à  Paris,  721  p.,  Paris,  herausgegeben  vom  Office  du  Travail;  Les
Associations  ouvrières  de  Production,  613  p.  (in  Verbindung  mit  A.  Fontaine),
herausgegeben  vom  Office  du  Travail;  La  Viande,  le  Sucre,  l’Alcool  (diese  drei
im  Manuskript);  Les  Métayers  en  communauté  du  Confolentais,  les  Fermiers
montagnards  du  Haut-Forez,  le  Piqueur  sociétaire  de  la  Mine  aux  Mineurs  de
Monthieux  (diese  drei  als  Nr.  65,  80  und  89  der  Sammlung:  Les  Ouvriers  des
deux  Mondes).
        <pb n="300" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

279

verwirft  er  die  Grundsätze  auch  der  qualitativen  Auswahl
Le  Plays,  an  denen  Cheysson  noch  festhält.  Erstens  ist  die
sogenannte  „glückliche  ,Familie'  nicht  ein  Typus,  sondern  ein
gutes  Beispiel,  folglich  eine  Ausnahme“ 1 ).  Sie  ist  also  nicht
geeignet,  über  die  durchschnittliche  Beschaffenheit  eines  bestimmten ­
  Milieus  zu  orientieren.  Zweitens  ist  die  Annahme
Le  Plays,  der  Besitz  des  täglichen  Brotes  und  das  Leben  nach
den  Vorschriften  des  Dekaloges  seien  die  absoluten  Bedingungen
des  Glückes  bei  allen  Völkern  und  zu  allen  Zeiten,  unrichtig.
Denn  das  Glück  ist  etwas  wesentlich  Belatives,  von  wechselnden
Bedingungen  Abhängiges  *).
Man  wird  also  in  einer  durch  die  Statistik  nach  Zahl  und
Maß  begrenzten  Gruppe  nicht  eine  „glückliche“  Familie  zur
monographischen  Behandlung  herausgreifen,  sondern  jedesmal
je  drei  Familien  und  zwar  die  beiden  Extreme  und  eine  mittlere.
Durch  dieses  Mittel  gewinnt  man  „l'amplitude  d’oscillation  de
la  variabilité  des  détails“  3 ).  „Das  ist  die  neue  monographische
Induktion  .  .  .,  welche  sich  in  dem  Aphorismus  ausdrücken  läßt:
a  tribus  disce  omnes“ 4 ).
Dieses  Prinzip  der  „Musterung  der  Extreme“,  demzufolge
jede  monographische  Enquete  aus  drei  Monographien  bestehen
muß,  liegt  du  Maroussems  eigenen,  eingangs  erwähnten  Enqueten ­
  zugrunde.  Er  gibt  demselben  einen  großzügigen,  leider
ab  und  zu  etwas  paradoxen  Ausbau.  Du  Maroussem  hat
überhaupt  einen  paradoxen  Zug,  welcher  dem  Geltendmachen
seiner  Ideen  nicht  förderlich  ist.
Die  oberste,  umfassendste  soziale  Gruppe,  welche  es  zu
enquetieren  gibt,  ist  ein  Volk  oder  ein  Land.  Für  du  Maroussem ­
  ist  es  Frankreich.  Also  ein  kontinentales  Volk  von
38  Millionen  Einwohnern  auf  bestimmtem,  abgegrenztem  Gebiet.
So  weit  die  Statistik  zur  Umgrenzung  des  Milieus.  Die  Geschichte ­
  hat  aus  diesem  Ganzen  ein  vielfarbiges  Schachbrett
gemacht,  auf  welchem  vielfache,  ineinandergreifende  Gruppierungen ­
  sich  gebildet  haben.  Mittels  der  „Musterung  der  Extreme“ ­
  finden  wir  nun  unter  diesen  Gruppen  zwei  entgegen-')
  P.  Du  Maroussem,  Les  Enquêtes.  Pratique  et  Théorie.  Paris,  1907,  p.  13.
2 )  ibid.  p.  12.
3 )  ibid.  p.  16.
4 )  ibid.  p.  16.
        <pb n="301" />
        280  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

gesetzte  Endpunkte  einer  langen  Evolution.  Die  eine  ist  Paris:
La  Cité  Moderne,  die  andere  „ein  in  diesem  Bauernlande  sehr
ausgedehntes  Milieu:  La  Region  Rurale 111 ).
Bleiben  wir  zunächst  bei  der  Cité  Moderne,  im  konkreten
Fall:  Paris 2 ).  Wir  werden  sie  zweckmäßig  in  drei,  leicht  zu
isolierende  Untergruppen  einteilen:  1.  Le  Métier,  2.  le  Marché,
3.  l'Organisation  d'intérêt  général.  Diese  drei  Untergruppen  bilden
drei  Beobachtungsgebiete,  denen  je  eine  Art  von  Monographie
entspricht.
Die  Monographie  einer  (gewerblichen)  Berufsart  (Monographie
de  Métier)  besteht  aus  drei  auf  einandergeschichteten  Enqueten:
a)  Enquête  bibliographique,  b)  Enquete  personnelle,  c)  Enquete  mono,
graphique  im  engern  Sinne.
Die  Enquête  bibliographique  erstreckt  sich  auf  die  Technologie ­
  der  zu  beobachtenden  Berufsart,  deren  Geschichte  und
die  etwa  bereits  bestehenden  Monographien  zeitgenössischer
Beobachter.  Sie  ist  ein  Vorbereitungsstadium  für  den  Enquêteur.
Die  Enquête  personnelle  hat  sich  an  die  von  Le  Play  als
„autorités  sociales“  bezeichneten  Personen  zu  wenden,  deren  es
in  jeder  Berufsart  gibt.  Du  Maroussem  gliedert  sie  nach
ihrer  Zugehörigkeit  zu  wirtschaftlichen  und  sozialen  Organisationen ­
  (Verbandsausschüsse,  Arbeitergenossenschaften,  Liga
gegen  die  Warenhäuser,  Lehrer  der  technischen  Schulen,  Wohltätigkeitsanstalten ­
  usw.).  Er  rät,  mit  dem  persönlichen  Befragen
bei  denen  anzufangen,  welche  „den  Dingen  am  nächsten  stehen“,
also  bei  Arbeitern,  Aufsehern,  kleinen  Arbeitgebern  in  erster
Linie.  Die  Kunst  der  persönlichen  Enquete  besteht  darin,  sich
Beziehungen  zu  verschaffen  und  das  Vertrauen  der  Leute  zu
gewinnen.
Die  Enquete  monographique  im  engern  Sinn  ist  die  Beschreibung ­
  einer  jeden,  durch  die  Statistik  in  Zahl  und  Maß  abgegrenzten ­
  Zone  mittels  individueller  Analyse  der  ausgewählten ­
  Muster.  Jede  Zone  einer  Industrie,  z.  B.  jener  der  Luxusmöbel ­
  im  Faubourg  St.  Antoine  in  Paris,  löst  sich  in  zwei
weitere  Untergruppen  auf:  Arbeitsstätten  und  Familien.  Erstere

*)  ibid.  p.  18.
2 )  ibid.  p.  19  ff.
        <pb n="302" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

281

entsprechen  der  wirtschaftlichen,  letztere  der  sozialen  Ordnung.
Beiden  entspricht  je  eine  Art  von  monographischer  Enquete.
Zunächst  die  Enquete  der  Arbeitsstätten 1 ).  Hat  man  mittels
der  offiziellen  Statistik  eine  in  Zahl  und  Maß  bestimmte  Zone
einer  Industrie  herausgegriffen,  z.  B.  die  Spezialität  der  Kunsttischlerei ­
  innerhalb  der  Luxusmöbelindustrie,  so  sind  innerhalb
derselben  drei  Einheiten  nach  dem  Grundsatz  der  Musterung
der  Extreme  zur  monographischen  Behandlung  auszuwählen.
Man  wird  also  den  bedeutendsten  und  den  kleinsten,  sowie
einen  mittlern  Betrieb  der  Zone  monographisch  analysieren.
Über  die  relative  Bedeutung  der  verschiedenen  Betriebe  einer
Zone  kann  meist  schon  jeder  beliebige  Arbeiter  derselben  den
Enquêteur  aufklären.  Du  Maroussem  hat  einen  Rahmen
zur  Aufnahme  von  Arbeitsstättenmonographien  entworfen,  welchen ­
  er  für  geeignet  hält,  allen  Betriebsformen  :  dem  Handwerk,
der  Hausindustrie  und  der  Fabrik,  angepaßt  zu  werden 2 ).
Schwieriger  als  bei  der  Arbeitsstättenmonographie,  bei
welcher  die  Bedeutung  der  Betriebe  die  Rangordnung  zur
Musterung  der  Extreme  abgibt,  gestaltet  sich  die  Auswahl  der
Typen  in  der  sozialen  Ordnung,  d.  h.  bei  der  Familienmonographie.
  Es  gibt  eine  Reihe  von  Gesichtspunkten,  nach  welchen
Familien  gruppiert  werden  können.  Du  Maroussem  zählt
sieben  auf:  1.  Ursprung  der  Familie  (ob  eingesessen  oder  eingewandert, ­
  in-  oder  ausländisch),  2.  Dauer  ihres  Aufenthalts  am
Ort,  3.  religiöse,  politische,  berufsgenossenschaftliche  Zugehörigkeit, ­
  4.  Kinderzahl,  5.  Lohnhöhe  des  Familienvaters,  6.  Sittlichkeit ­
  (Einigkeit  in  der  Familie,  wie  weit  sind  deren  Mitglieder
dem  Spiele,  den  Weibern,  dem  Alkoholgenuß  ergeben),  7.  Geist
der  Neuerung  (äußert  sich  in  Kleidung,  Nahrung,  Bildungsdrang). ­
  In  jeder  Zone  eines  Gewerbes  wird  nun  immer  eine
von  den  in  diesen  sieben  Rubriken  bezeichneten  Fragen  „an
')  ibid.  p.  87  ff.
2 )  Die  Hauptlinien  dieses  Rahmens  sind:  1.  Milieu;  2.  Organisationsform
des  Unternehmens  ;  3.  soziale  Stellung  des  Leiters  des  Unternehmens  ;  4.  kommerzielle ­
  Organisation  [a)  Ankauf  der  Rohstoffe  und  Absatzmärkte,  b.  Verkaufspreise] ­
  ;  5.  Arbeitsorganisation  (Haupt-  und  Nebenbetriebe);  6.  Personal  [a)  Handels-, ­
  b)  technisches,  c)  Arbeiterpersonal,  Löhne,  Arbeitszeit];  7.  Umsatz  des
Unternehmens;  8.  Produktionskosten  und  Unternehmergewinn;  9.  Besondere
Bemerkungen,  du  Maroussem,  loc.  cit.  p.  47  ff.
        <pb n="303" />
        282  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

der  Tagesordnung“  sein.  Diese  gibt  alsdann  den  geeigneten
Gesichtspunkt  zum  Aufbau  der  Serie  der  Familien  ab 1 ).
Die  Familienmonographien  hat  dh  Maroussem  zum  Teil
nach  dem  bewährten  Schema  Le  Plays  ausgenommen.  Da
dies  aber  viel  Zeit  in  Anspruch  nahm,  stellte  er  einen  vereinfachten ­
  Rahmen  auf,  welcher  immerhin  an  den  großen  Zügen
des  Schemas  des  Meisters  festhält.  Demselben  liegt  das  Familienbudget ­
  in  der  von  Le  Play  geschaffenen  Anordnung  zugrunde,
jedoch  unter  Weglassung  der  Einnahmen  und  Ausgaben  in
natura.  Der  Text  des  vereinfachten  Schemas  beschränkt  sich
auf  eine  kurze  Skizzierung  von:  Zivilstand,  materieller  Einrichtung ­
  und  Geschichte  der  Familie 2 ).
Die  Enquête  monographique  im  engern  Sinne,  d.  h.
also  die  Auswahl  und  Beschreibung  von  je  drei  Mustern  von
Arbeitsstätten  und  Familien  ist  so  oft  zu  wiederholen,  als  es
Zonen  in  dem  betreffenden  Gewerbe  gibt.
Die  Monographie  eines  Handelsbetriebes  (Monographie  de
Marché 3 )  schließt  sich  eng  an  die  Monographie  de  Métier
an.  Auch  bei  ihr  ist  zwischen  der  wirtschaftlichen  und  sozialen
Ordnung  zu  unterscheiden.  In  der  ersten  hat  man  die  Monographie ­
  von  Handelshäusern,  in  der  zweiten  die  von  Familien
von  Handelsangestellten.  Den  Aufbau  der  Serien  und  die  Auswahl ­
  der  Muster  wird  man  ähnlich  wie  bei  der  Arbeitsstättenund
  Familienmonographie  einer  gewerblichen  Berufsart  machen.
Unter  der  Monographie  d'Organisation  d'intérêt  général 4 )  versteht ­
  du  Maroussem  die  monographische  Beschreibung  von
freien  und  von  Zwangsgemeinschaften.  Freie  Gemeinschaften

1)  In  der  Pariser  Zuckerraffinerie  ist  z.  B.  die  Frage  des  Eindringens
der  Fremden  an  der  Tagesordnung.  Man  wird  also  zur  monographischen  Behandlung ­
  wählen:  a)  eine  italienische  Familie  mit  zahlreichen  Kindern,  b)  eine
schon  lange  ansässige  italienische  Familie  mit  mittlerer  Kinderzahl,  c)  eine
französische  Familie  mit  einem  oder  zwei  Kindern.  Anderes  Beispiel:  Im
Pariser  Zimmermannsgewerbe  bestehen  noch  die  mittelalterlichen  Bruderladen
(compagnonnages)  fort.  Man  wird  demgemäß  zu  wählen  haben:  a)  eine  entschieden ­
  dem  Gesellenladen  und  seinen  überkommenen  Riten  ergebene  Familie,
b)  die  Familie  eines  „compagnon“  ohne  Begeisterung,  c)  eine  außerhalb  der
Gesellenladen  stehende  Familie  usw.  Du  Maroussem,  loc.  cit.  p.  41  ff.J
2 )  ibid.  p.  67  ff.
8 )  ibid.  p.  82  ff.
4 )  ibid.  p.  105  ff.
        <pb n="304" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

283

sind  z.  B.  anarchistische  Geheimbünde,  Bruderladen,  Gewerkvereine ­
  usw.  Zwangsgemeinschaften  sind  (in  diesem  Zusammenhange) ­
  (Stadt)gemeinden,  (Stadt)gemeindeverbände,  kirchliche
Gemeinden.
Die  Monographie  einer  (Stadt)gemeinde  wird  so  viele  Zweigmonographien ­
  umfassen,  als  es  städtische  Dienstzweige  gibt.
Hat  man  die  Organisation  einer  (Stadt)gemeinde,  deren
sämtliche  Dienstzweige,  die  in  ihr  vorhandenen  freien  Gemeinschaften, ­
  die  verschiedenen  Zonen  aller  Gewerbe  und  Handelsbranchen ­
  monographisch  aufgenommen,  so  bleibt  noch  eine
Anzahl  reicher,  unabhängig  lebender  Familien  übrig.  Diesen
ist,  unter  Zugrundelegung  der  „Musterung  der  Extreme“  mittels
der  Familienmonographie  zu  Leibe  zu  rücken,  welche  Le  Play
auf  die  Arbeiterfamilie  beschränkte.  Es  ist  dies  das  Milieu,  das
de  Ribbe  für  die  Vergangenheit  mittels  Analyse  der  Livres
de  raison  beschrieben  hat.  „Einige  Monographien  von  Elitefamilien,“ ­
  meint  du  Maroussem,  „welche  die  öffentliche  Gewalt ­
  seit  langen  Jahren  in  Händen  haben,  fördern  das  Verständnis ­
  der  Lebenskraft  einer  Stadt  oder  eines  Landes  besser
als  Tausende  von  Arbeitermonographien“  x ).
Die  zweite  große  volkswirtschaftliche  Gruppe,  welche  sich
im  Laufe  der  Jahrhunderte  in  Frankreich  herausgebildet  hat,
ist  die  Région  Rurale.  Du  Maroussem  bezeichnet  als  solche
„jede  Bodenfläche  von  beliebiger  Ausdehnung,  auf  welcher  die
Mehrheit  der  Bevölkerung  sich  der  Landwirtschaft  (Forst-  und
Weidewirtschaft  sowie  Ackerbau)  widmet  und  eine  sogenannte
Bauernbevölkerung  ausmacht“  1  2 ).  Das  Hauptmerkmal,  welches
die  Région  rurale  von  der  Cité  moderne  unterscheidet,
ist,  „daß  sie  ein  Ganzes  ausmacht,  das  sich  gegebenenfalls  selbst
zu  genügen  vermag,  während  die  Stadt  ihre  Nahrung  und  Rohstoffe ­
  von  außen  bezieht“ 3 ).  Selbst  in  den  progressivsten  landwirtschaftlichen ­
  Milieus  werden  auch  heute  noch  die  erzeugten
Produkte  in  weitem  Maße  am  Orte  der  Produktion  konsumiert.
Der  Verkehr  ist  daher  zugleich  geschlossen  und  nach  außen

1)  ibid.  p.  117—118.
2 )  ibid.  p.  119.
3 )  ibid.  p.  121.
        <pb n="305" />
        284

Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

geöffnet,  was  die  Beobachtung  im  Vergleich  zu  industriellen
Milieus  bedeutend  erschwert.
Die  Untergruppen  der  Région  rurale  entsprechen  denen
der  Cité  moderne.  Sie  sind:  1.  die  Landschaft,  2.  der  Markt,
3.  die  freie  und  Zwangsgemeinschaft.  Daher  ebenfalls  drei  Gruppen
von  Monographien.
Die  Landschaft  ')  ist  ein  Produkt  des  Territoriums  und  der
Geschichte.  Auf  nebeneinander  liegenden,  homogenen  Flächen
erzeugt  dieselbe  landwirtschaftliche  Spezialität  dieselbe  Anordnung ­
  der  Arbeitsstätten,  dieselben  technischen  und  ethischen
Sitten,  dieselben  Pferde-  und  Viehrassen,  dieselbe  Fruchtfolge,
dieselbe  Lebensweise  usw.  Die  monographische  Behandlung
einer  Landschaft  umfaßt,  wie  die  Monographie  einer  gewerblichen ­
  Berufsart,  drei  Enqueten  :  Enquête  bibliographique,
Enquête  personnelle,  Enquête  monographique  im
engern  Sinn.  Die  Enquête  bibliographique  bietet  Schwierigkeiten.
Da  eine  Landschaft  selten  mit  den  heutigen  administrativen
Einteilungen  zusammenfällt,  ist  es  nicht  leicht,  die  nötigen
quantitativen,  d.  h.  statistischen  Unterlagen  für  eine  monographische ­
  Enquete  zusammenzubringen.  Die  Enquete  personnelle,
für  welche  in  erster  Linie  die  Ackerbauinspektoren,  Tierärzte,
Notare,  Pfarrer,  Lehrer  usw.  in  Frage  kommen,  muß  zu  einem
allgemeinen  Überblick  über  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse
der  Landschaft,  sowie  zur  genauen  Abgrenzung  dreier  Zonen
innerhalb  derselben  führen.  Diese  sind  :  a)  das  Herz  der  Landschaft, ­
  d.  i.  die  Fläche,  in  der  die  spezifischen  Merkmale  der
Landschaft  (Viehzucht,  Halbpacht  usw.)  besonders  gut  ausgeprägt ­
  sind  ;  b)  die  Grenzen,  in  denen  bereits  eine  Mischung  dieser
Merkmale  mit  denen  angrenzender  Landschaften  festgestellt
wurde;  c)  die  Vorstadtlandschaft,  d.  h.  die  vorzugsweise  Milchwirtschaft ­
  und  Gärtnerei  treibenden  Ortschaften.  Aus  jeder
dieser  drei  Zonen  macht  man  mindestens  eine  Gemeinde  zum
Gegenstand  der  Enquête  monographique  im  engern  Sinn.
Diese  baut  zunächst  für  jede  Gemeinde  zwei  Serien  auf:
eine  wirtschaftliche  :  die  Serie  der  Betriebe,  und  eine  soziale  :
die  Serie  der  Familien.  Allerdings  greifen  in  der  Regel  Arbeitsstätte ­
  und  Familie  in  der  Région  rurale  untrennbar  inein  -

0  ibid.  p.  124  fl.
        <pb n="306" />
        Die  Schule  der  Réforme  sociale

285

ander.  Deswegen  ist  aber  die  zweifache  Gruppierung  nach  dem
wirtschaftlichen  und  dem  sozialen  Gesichtspunkt  nicht  unnötig.
Die  Betriebe  ordnet  man  nach  dem  Bewirtschaftungssystem  :
Halbpacht,  Geldpacht,  Selbstbewirtschaftung,  und  nach  ihrer
Bedeutung,  für  welche  die  Zahl  der  Hektare  und  der  Viehstand
Anhaltspunkte  geben.  Die  Gruppierung  der  Familien  geschieht
nach  teilweise  andern  Gesichtspunkten  als  in  den  Städten.  Die
Momente  des  Ursprungs  der  Familien  und  der  Dauer  ihres  Aufenthalts ­
  am  Orte  fallen  bei  einer  eingesessenen  landwirtschaftlichen ­
  Bevölkerung  fort.  Desgleichen  die  religiöse  Zugehörigkeit, ­
  da  in  dieser  Beziehung  meist  Homogeneität  auf  dem  Lande
besteht.  Dagegen  tritt  ein  in  den  Städten  fast  unbekanntes
Moment  in  den  Vordergrund:  die  Form  der  Familie,  ob  patriarchalische, ­
  Stamm-  oder  unbeständige  Familie.  In  einer  Landschaft ­
  wird  man  nie  die  patriarchalische  Form  und  die  der
Stammfamilie  nebeneinander  finden.  Innerhalb  beider  wird  man
aber  viele  Abstufungen,  von  der  alten  klassischen  Form  bis  zur
Lockerung  der  Familienbande  und  deren  völliger  Auflösung,
antreffen.  Von  sonstigen  Gesichtspunkten  für  die  Gruppierung
der  Familien  kommen  in  Betracht:  die  Kinderzahl,  die  soziale
Rangstellung  und  berufliche  Tüchtigkeit  (entspricht  der  Lohnhöhe ­
  in  den  Städten),  der  Geist  der  Neuerung  (mißt  sich  am
Verschwinden  der  örtlichen  Mundarten),  die  Sittlichkeit.
Hat  man  die  beiden  Serien  aufgestellt,  so  wählt  man  in  jeder
drei  zu  beschreibende  Einheiten  nach  dem  Grundsatz  der
„Musterung  der  Extreme“  aus.  Zur  Aufnahme  der  Familienmonographien ­
  dient  das  Schema  Le  Plays*),  zu  derjenigen  der
Monographien  von  landwirtschaftlichen  Betrieben  das  von  du
Maroussem  für  städtische  Arbeitsstätten  aufgestellte.
In  zweiter  Linie  kommt  die  „Monographie  de  Marche“ 2 ).
Unter  einem  landschaftlichen  Markte  versteht  du  Maroussem: ­
  1.  Die  Gesamtheit  der  Käufe  und  Verkäufe,  welche
täglich  und  direkt  zwischen  einerseits  Bauern,  Pächtern  usw.,
andererseits  Müllern,  Bäckern,  Viehhändlern  usw.  abgeschlossen
werden.  Ein  guter  Teil  derselben  ist  Naturaltausch.  2)  Den
monatlichen  Jahrmarkt  des  Hauptortes.  Mit  diesem  ver-1)

  Oder  das  vereinfachte  von  du  Maroussem.
2 )  loc.  cit.  p.  181  fis.
        <pb n="307" />
        286  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

bindet  sich  in  steigendem  Maße  ein  börsemnäßiger  Handel  in
einem  Café  des  Hauptortes,  bei  welchem  Getreidehändler  und
Müller  nicht  präsente  Produkte  kaufen.  Die  monographische
Behandlung  der  wirtschaftlichen  Seite  eines  solchen  landschaftlichen ­
  Marktes  wird  füglich  durch  eine  solche  des  Zentralmarktes,
des  Pariser  Getreidemarktes,  ergänzt.  Will  man  das  Milieu
auch  sozial  erfassen,  so  genügt  je  eine  Monographie  eines  Getreidehändlers ­
  und  eines  Müllers,  denn  es  herrscht  in  diesem
Milieu  eine  große  Homogeneität.
Die  Monographie  d'Organisation  d'intérêt  général  *)  im  Gebiete
der  Région  rurale  unterscheidet  sich  in  nichts  von  dergleichen ­
  Kategorie  bei  der  Cité  moderne.  Aus  praktischen
Gründen  reiht  du  Maroussem  hierher  den  Staat  und  seine
Dienstzweige,  für  deren  monographische  Beschreibung  er  „Rahmen“ ­
  entwirft i)  2 ).
Was  endlich  die  mit  Hilfe  der  Landschaftsmonographie
nicht  erreichten  Überreste  der  alten,  großgrundbesitzenden
Familien  betrifft,  so  ist  ihnen  mittels  der  Familienmonographie
Le  Plays  beizukommen 3 ).
Somit  wäre  aus  dem  kleinen,  unscheinbaren  Werkzeug,
mit  welchem  Le  Play  durch  30  Jahre  das  Familienleben  der
verschiedenen  Völker  zu  sezieren  unternahm,  um  die  Grundlagen ­
  zu  einer  Sozial  Wissenschaft  zu  gewinnen,  eine  komplizierte,
neuzeitliche  Maschine  geworden.  Mit  dieser  Maschine  bezweckt
du  Maroussem,  alle  wirtschaftlichen  und  sozialen  Erscheinungen ­
  im  Leben  eines  Volkes  monographisch  zu  erfassen  und
damit  eine  völlig  neue,  konkrete  Grundlage  für  eine  Volkswirtschaftslehre ­
  zu  gewinnen 4 ).  „Jedes  wirtschaftswissenschaftliche
Studium,“  schreibt  er,  „muß,  um  konkret  zu  sein,  von  einer
gewissen  Anzahl  von  Monographien  von  Arbeitsstätten  oder
Landschaften,  von  Märkten  und  von  freien  und  Zwangsgemeinschaften ­
  ausgehen“ 6 ).  Eine  Volkswirtschaftslehre  wird  sich  nur
dann  von  Irrtümern  freihalten  und  wirklich  bildend  für  den
Geist  sein,  wenn  sie,  statt  von  abstrakten  Gesichtspunkten  auszugehen ­
  und  mit  Abstraktionen  zu  operieren,  sich  konkrete
i)  und  ')  loc.  eit.  p.  188  ff.
s )  ibid.  p.  200.
4 )  ibid.  p.  205—206.
5 )  ibid.  p.  204.
        <pb n="308" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

287

Fragestellung  zur  Regel  macht  und  sich  unmittelbar  mit  konkreten ­
  Materien  befaßt*).
Du  Maroussem  nähert  sich  mit  seinen  Anschauungen
über  die  Grundlegung  einer  Volkswirtschaftslehre  dem  Standpunkt ­
  der  deutschen  historischen  Schule.  Niemand  wird  leugnen
wollen,  daß  die  von  ihm  ausgestaltete  und  betätigte  Forschungsmethode ­
  monographischer  Enquete  hervorragend  dazu  geeignet
ist,  wertvolle  und  eminent  vergleichbare  Materialien  zum  Aufbau ­
  einer  Volkswirtschaftslehre  zu  beschaffen.  Ob  aber  ihre
systematische  Durchführung  im  wissenschaftlichen  Forschungsbetriebe ­
  eines  Landes  nicht  schon  daran  scheitern  würde,  daß
sie  zu  sehr  auf  die  spezielle,  persönliche  Begabung  ihres  Schöpfers
zugeschnitten  ist,  bleibt  in  Frage  gestellt.

2.  Kapitel.
Die  Schule  der  Science  sociale.
Die  Le  Playschule  der  Science  sociale  bietet  ein  klassisches
Schauspiel  tragischer  Ironie.  Wir  haben  die  Lehre  Le  Plays
als  eine  Lehre  des  Beharrens  kennen  gelernt;  sie  predigt  Abkehr
von  den  durch  die  große  französische  Revolution  irre  geleiteten
Entwicklungstendenzen  des  sozialen  Lebens  und  Konsolidierung ­
  der  sozialen  Ordnung  in  den  Organisationsformen  der
Vergangenheit.  Le  Plays  Schüler  H.  de  Tourville 2 )  und
1)  du  Maroussem  polemisiert  in  diesem  Sinne  gegen  die  bei  den  nationalökonomischen ­
  Doktorthesen  an  den  juristischen  Fakultäten  in  Frankreich  und  bei
den  Aufsätzen  der  Revue  d'Economie  politique  übliche  Fragestellung.  Man
schreibt  z.  B.,  sagt  er,  „Über  die  Verteilung  der  Güter  im  kapitalistischen  Zeitalter“, ­
  statt  über  das  viel  eindrucksvollere  Thema  „Wie  entstanden  die  großen
Vermögen  z.  B.  in  Paris  oder  in  Chicago?“  oder  „Über  den  Kleingrundbesitz
(im  allgemeinen)“,  statt  die  Frage  konkret  mit  Brentano  zu  formulieren:  „Warum
gibt  es  in  Altbayern  keine  Junker?“  usw.,  loe.  cit.  p.  203  ff.
2 )  Henri  de  Tourville  (1842—1903)  entstammt  einer  Patrizierfamilie  von
Rouen.  Er  studierte  erst  Jurisprudenz,  dann  Theologie.  1873—1881  war  er
Vikar  der  Pfarrei  St.  Augustin  in  Paris.  Er  lernte  dort  Le  Play  und  dessen
Milieu  kennen  und  wurde  ein  eifriger  Schüler  des  Meisters.  Durch  Krankheit
gezwungen,  die  Seelsorgepraxis  aufzugeben,  zog  er  sich  auf  sein  Landgut  Tourville, ­
  später  in  das  Heim  der  Schule  der  Science  sociale  den  „Manoir  de
Galmont“  zurück  und  lebte  fortan  ausschließlich  der  Wissenschaft.  1881—1883
        <pb n="309" />
        288

Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

E.  Demolins 1 )  haben  nun  mit  einer  kleinen  Gruppe  von  Anhängern ­
  das  Meisterstück  fertig  gebracht,  in  organischer,
logischer  Fortbildung  der  Methodik  und  Gedankengänge  Le
Plays  eine  den  modernen  Fortschritt  bejahende  Entwicklungslehre ­
  auszubilden.
Le  Play  war  bei  der  Begründung  und  Ausgestaltung
seiner  Methode  davon  ausgegangen,  daß  eine  wissenschaftliche
arbeitete  er  die  unten  zu  besprechende  Nomenclature  sociale  aus.  1900—1903
veröffentlichte  er,  nur  widerstrebend  und  dem  Drängen  Demolins’  nachgebend,
seine  wirtschaftsgeschichtlichen  Essays  (Histoire  de  la  Formation  particularise:
l’Origine  des  grands  Peuples  modernes)  in  30  Artikeln  der  Zeitschrift  La  Science
sociale.  Obwohl  H.  de  Tourville  selbst  nur  recht  wenig  veröffentlicht  hat,  so
war  er  doch  der  Spiritus  rector  der  Le  Playschule  der  Science  sociale.  Wie
einst  Lamennais  in  la  Chenaie,  so  versammelte  de  Tourville  seine  Freunde  in  Tourville ­
  und  später  in  Calmont  um  sich  und  lehrte  sie  seine  Weltanschauung.  In
den  letzten  Jahren  seines  Lebens  hatte  er  die  Leitung  der  Zeitschrift  :  La  Science
sociale  in  die  Hand  genommen,  weil  der  Herausgeber  Demolins  durch  die
Gründung  der  „Ecole  des  Koches“  (s.  u.)  vollständig  in  Anspruch  genommen
war.  De  Tourville  hinterließ  auch  Manuskripte  über  theologische  Gegenstände,
welche  bisher  noch  nicht  veröffentlicht  wurden.
i)  Edmond  Demolins  (1851—1907),  geboren  in  Marseille,  studierte  Geschichte ­
  und  ließ  sich  1873  in  Paris  als  Schriftsteller  nieder.  Er  lernte  alsbald
Le  Play  kennen  und  lebte  8  Jahre  in  intimem,  täglichem  Verkehr  mit  ihm.
Bei  der  Gründung  der  Zeitschrift  La  Réforme  sociale  bestellte  ihn  der  Meister
zum  Leiter  derselben.  Nach  seinem  Austritt  aus  der  Société  d’Economie
sociale  (1886)  gründete  Demolins  die  Zeitschrift  La  Science  sociale,  das  Organ
der  neuen  Le  Playschule.  1898  rief  er  die  Ecole  des  Roches  (s.  u.)  ins  Leben.
Demolins  hat  zahlreiche  Schriften  verfaßt,  von  denen  im  obigen  Text,  als  für
die  Ausgestaltung  von  Methode  und  Lehre  der  Schule  der  Science  sociale  erheblich, ­
  folgende  berücksichtigt  wurden  :
E.  Demolins,  l’Etat  actuel  de  la  Science  sociale,  in  Bd.  XV  von:  La  Science
sociale,  p.  5  ff.  1893.  —  A  quoi  tient  la  Supériorité  des  Anglo-Saxons  ?  Paris,
1897,  davon  26  Auflagen  und  Übersetzungen  ins  Englische,  Deutsche,  Spanische,
.Russische,  Rumänische,  Polnische,  Arabische  usw.  —  l’Education  nouvelle:
l’Ecole  des  Roches.  Paris,  1898,  davon  7  Auflagen  und  mehrere  Übersetzungen.
—  Les  Grandes  Routes  des  Peuples,  Essai  de  Geographie  sociale.  Comment
la  Route  crée  le  Type  social,  2  Bde.,  Paris,  1901—1902.  —  In  Gemeinschaft  mit
Robert  Pinot  und  Paul  de  Roussiers  veröffentlichte  Demolins  :  La  Méthode  sociale,
ses  Procédés  et  ses  Applications.  Faszikel  1  der  neuen  Folge  von:  La  Science
sociale.  Paris,  Jan.  1904.  —  Endlich  ist  zu  nennen:  E.  Demolins,  Classification
sociale  résultant  des  Observations  faites  d’après  la  Méthode  de  la  Science  sociale.
Faszikel  10—11  der  neuen  Folge  von  La  Science  sociale,  Paris,  Jan.  1905  und
Répertoire  des  Répercussions  sociales,  posthum  herausgegeben  von  Paul  Descamps,
Faszikel  41—42  obiger  Zeitschrift,  Paris,  Nov.—Dez.  1907.
        <pb n="310" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

289

Sozial  Wissenschaft  nur  mittels  Übertragung  der  in  den  Naturwissenschaften ­
  erprobten  Beobachtungsverfahren  auf  das  soziale
Gebiet  zu  gewinnen  sei.  „Die  Reisen  verhalten  sich  zur  Wissenschaft ­
  der  menschlichen  Gesellschaften,“  sagt  er,  „wie  die
chemische  Analyse  zu  derjenigen  der  Mineralien,  wie  das  Kräutersammeln ­
  zur  Botanik,  oder  allgemeiner:  wie  die  Beobachtung
der  Tatsachen  zu  allen  Naturwissenschaften“ 1 );  und  an  anderer
Stelle:  „Ich  habe  auf  die  Beobachtung  der  menschlichen  Gesellschaften ­
  Regeln  angewandt,  welche  denen  analog  sind,  die
meinen  Geist  zum  Studium  der  Mineralien  und  Pflanzen  erzogen ­
  hatten“  2 ).

')  Le  Play,  La  Méthode  Sociale,  1879,  Avertissement.
2 )  Le  Play,  Les  Ouvriers  Européens,  1.  Ausi.  1855,  Bd.  I,  p.  X.  Vgl.
ebenda  auch  folgenden  Passus,  der  in  bezug  auf  Sprache  und  Gedankenflug ­
  an  Descartes'  Discours  sur  la  Méthode,  oder  Bacos  Novum  Organon
heranreicht:  „La  Science  sociale  suivra,  dans  son  développement  progressif,
les  mêmes  phases  qu’ont  parcourues  l’astronomie,  la  physique,  la  chimie,  l’histoire
naturelle,  et,  en  général,  les  connaissances  fondées  sur  l’observation  des  faits.
Dans  la  première  période  de  l’histoire  de  ces  sciences,  en  effet,  la.  description ­
  et  le  classement  des  phénomènes  tenaient  peu  de  place  :  ils  étaient,  d’ailleurs,
subordonnés  à  quelque  idée  conçue  a  priori,  à  quelque  théorie  fondée  sur  un
fait  saillant,  mais  incomplètement  observé.  Dans  la  dernière  période,  aussi
féconde  que  l’autre  avait  été  stérile,  la  méthode  contraire  a  été  suivie.  On  s’est
soustrait  par  degrés,  autant  que  le  comporte  la  faiblesse  de  l’esprit  humain,  au
joug  des  idées  préconçues  :  on  a  pris  l’étude  attentive  des  phénomènes  pour  base
de  leur  appréciation,  on  n’a  tenu  ces  phénomènes  pour  suffisamment  connus  que
lorsqu’on  a  pu  en  donner  le  poids,  la  mesure  et  l’image  exacte;  et  c’est  alors
seulement  qu’on  a  cru  pouvoir  en  présenter  la  théorie.  Sous  l’empire  de  cette
méthode  les  forces  les  plus  précieuses,  celles  qui  s’emploient  à  la  recherche  de
la  vérité,  ne  s’épuisent  plus  dans  des  discussions  sans  fin  ;  les  controverses  scientifiques, ­
  promptement  ramenées  à  la  vérification  contradictoire  de  certains  faits,
sont  désormais  tranchées  par  la  force  même  de  l’évidence.
La  Science  sociale,  au  contraire,  est  restée  dans  l’état  d’impuissance  qui  a
caractérisé  la  première  période  des  sciences  naturelles  ;  elle  se  compose  surtout
de  systèmes  qui  se  révèlent  en  général  par  l’antagonisme  mutuel  de  leurs  auteurs  ;
en  sorte  qu’il  est  vrai  de  dire  que  cette  science  a  pour  ennemis  les  plus  ardents
ses  propres  adeptes.  Les  débats  concernant  l’organisation  du  travail,  de  la  propriété, ­
  des  échanges,  sont  presque  aussi  épineux  que  l’étaient,  pendant  les  derniers ­
  siècles,  ceux  qui  concernaient  la  transmutation  des  métaux,  la  panacée
universelle,  le  phlogistique,  etc.;  ils  s’éteindront  sans  retour  possible  comme  ces
classiques  controverses,  sous  l’influence  de  la  méthode  expérimentale.“  {Le  Play,
Les  Ouvriers  européens,  Introduction,  p.  X.)
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

19
        <pb n="311" />
        290  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Dieses  Hervorheben  der  Analogie  der  Sozial  Wissenschaft
mit  den  Naturwissenschaften  wurde  von  Le  Play  später  im
Hintergründe  gelassen.  De  Tourville  dagegen  knüpft  gerade
daran  an;  ihm  und  Demo  lins  ist  es  darum  zu  tun,  die  Sozialwissenschaft ­
  in  möglichst  engem  Anschluß  an  die  Naturwissenschaften ­
  zu  entwickeln.  Ja  für  sie  wird  die  Sozialwissenschaft ­
  geradezu  zu  einer,  wir  möchten  sagen,  exakten
Naturwissenschaft.  „Damit  es  eine  Sozialwissenschaft  gebe,“
schreibt  Demo  lins,  „müssen  die  sozialen  Erscheinungen  notwendig ­
  infolge  der  Natur  der  Dinge  aufeinander  einwirken,
sich  reperkutieren,  und  zwar  unabhängig  vom  menschlichen
Willen“  i).  Dadurch  wird  der  freie  Wille  des  Menschen  keineswegs ­
  ausgeschaltet.  Seine  Rolle  im  sozialen  Leben  ist  genau
dieselbe,  wie  dort,  wo  er  sich  die  Naturgesetze  des  Dampfes  oder
der  Elektrizität  nutzbar  macht  :  „Der  Mensch  bedient  sich  der
Gesetze,  die  Gott  geschaffen  hat,  für  seine  Zwecke:  das  ist  das
Geheimnis  der  Verbindung  der  menschlichen  Freiheit  mit  der
bestehenden  Ordnung“  2 ).
Unter  Zugrundelegung  dieses  prinzipiellen  Gesichtspunktes
geht  Henri  de  Tourville  daran,  die  Methode  Le  Plays  zu
zergliedern  und  in  umfassender  Weise  umzugestalten.  Er  unterscheidet ­
  drei  Phasen  in  dem  induktiven  Verfahren  des  Meisters  :
1.  die  methodische  Analyse,  2.  die  vergleichende  Beobachtung,
3.  die  wissenschaftliche  Klassifikation 3 ).
Die  methodische  Analyse  hat  die  Arbeiterfamilie,  als  die  elementarste ­
  Form  der  eine  menschliche  Gesellschaft  ausmachenden
Zellen,  zum  Gegenstand.  Wie  nun  die  Naturwissenschaften  ihre
Gesetze  nur  aus  der  Beobachtung  von  gesunden,  normalen
9  Demolins,  Répertoire  des  Répercussions  sociales  (posthum)  fascio.  41
und  42  der  Science  Sociale,  Neue  Folge,  Nov.—Dez.  1907,  p.  32.
-)  H.  de  TourviUe,  La  Science  sociale  est-elle  une  Science  ?  Erster  Artikel
in:  La  Science  sociale.  Bd.  I,  1886,  p.  12.  Wenn  de  Tourville  hier  von  „bestehender ­
  Ordnung“  (ordre  établi)  spricht,  so  hat  das  seinen  Grund  darin,  daß
nach  der  Lehre  der  Science  Sociale  jede  Sozialordnung  ihre  eigenen  Gesetze  hat:
„Wollt  ihr  in  der  Armee  Disziplin  oder  Zuchtlosigkeit?  Beide  haben  ihre  Gesetze.“ ­
  De  Tourville,  loc.  cit.  ebenda.  Vgl.  Demolins:  „Die  Voraussagungen
der  Science  sociale  setzen  die  Erhaltung  der  bestehenden  Sozialordnung  voraus.“
Demolins,  loc.  cit.  p.  25.
3 )  Henri  de  Tourville,  La  Science  sociale  est-elle  une  Science?  Drei  Artikel
in  der  Zeitschrift:  La  Science  Sociale,  Bd.  I  (1886),  p.  17  ff.
        <pb n="312" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

291

Exemplaren  der  Tier-  und  Pflanzenwelt  gewinnen  können,  so
muß  auch  die  Sozialwissenschaft  zur  Gewinnung  der  Lebensgesetze ­
  der  menschlichen  Gesellschaften  gesunde,  normale
Familientypen  in  normalem  Milieu  zum  Gegenstand  ihrer  Beobachtungen ­
  machen  *).
Le  Play  erkannte  nun  allerdings,  daß  es  außer  den  Arbeiterfamilien, ­
  welche  er  zum  Gegenstände  seiner  Beobachtungen
machte,  auch  noch  andere  soziale  Institutionen  gibt.  Aber  er
fühlte  sich  nicht  bewogen,  sein  Beobachtungsinstrument:  die
Familienmonographie,  auch  zu  deren  Erforschung  auszugestalten,
um  so  weniger,  als  er  alle  außerhalb  der  Familie  existierenden
sozialen  Institutionen  für  aus  derselben  hervorgegangen  ansah.
Darin  bestärkte  ihn  der  Umstand,  daß  er  in  den  Steppen  des
Ural  eine  menschliche  Gesellschaft  antraf,  welche  ganz  in  der
Arbeiterfamilie  aufging.  Die  patriarchalische  Familie  der
Nomadenhirten  des  Ural,  welche  alle  im  Okzident  spezialisierten
sozialen  Funktionen  in  sich  vereinte,  galt  Le  Play  fortan
als  Typus  der  einfachen,  menschlichen  Gesellschaft  und  als  grundlegender ­
  Vergleichspunkt  für  alle  übrigen  menschlichen  Gesellschaften. ­
  So  wurde  Le  Plays  Familienmonographie  nun  doch
der  Ausgangspunkt  der  vergleichenden  Beobachtung  der  menschlichen ­
  Gesellschaften;  seit  der  Auffindung  der  Nomadenfamilie
der  Steppen  des  Ural  hatte  sie  tatsächlich  dazu  gedient,  nicht
mehr  nur  den  einfachen  Typus  der  glücklichen  Familie,  sondern
auch  den  einfachen  Typus  der  glücklichen  menschlichen  Gesellschaft ­
  zu  beschreiben 2 ).
Indem  nun  Le  Play  die  menschlichen  Gesellschaften  des
Okzidents  mit  der  Bachtiarenfamilie  des  Ural  verglich,  erkannte ­
  er,  daß  jede  vollständige  Gesellschaft 3 )  notwendig  zwei
Arten  von  Funktionen  in  sich  schließt:  die  höheren  Funktionen ­
  der  Leitung,  welche  außergewöhnliche,  seltene,  spezielle ­
  Fähigkeiten  erfordern,  aber  zur  Existenz  und  zum
Gedeihen  der  Gesellschaft  unumgänglich  notwendig  sind;  die
niederen  Funktionen  der  materiellen  Verrichtungen,  für  welche
b  ibid.  p.  101.
2 )  ibid.  p.  291  ff.
3 )  Unter  vollständiger  Gesellschaft  ist  nach  der  Le  Playschen  Terminologie ­
  eine  Gruppierung  zu  verstehen,  welche  die  Existenz  und  die  Fortpflanzung
der  Kasse  vollständig  zu  gewährleisten  imstande  ist.  ibid.  p.  294.
        <pb n="313" />
        292

Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

eine  gewöhnliche,  allgemein  anzutreffende  Befähigung  genügt.
Jede  gut  geordnete  Gesellschaft  umfaßt  daher  zwei  Klassen  :
eine  niedere,  (hand)arbeitende  und  eine  höhere,  nicht(hand)-arbeitende,
  welche  einen  Patronage  über  die  erstere  ausübt 1 ).
In  der  patriarchalischen  Familie  repräsentiert  der  Patriarch  die
höhere  Klasse;  in  den  komplizierten  Gesellschaften  des  Abendlandes ­
  setzt  sie  sich  zusammen  aus  Arbeitgebern  und  Angehörigen
der  liberalen  Berufe.  Stand  und  Wert  einer  Gesellschaft  messen
sich  an  den  Resultaten  des  Patronage.
So  weit  gelangte  Le  Play 2 ).  Die  vergleichende  Beobachtung ­
  der  menschlichen  Gesellschaften  liefert  jedoch  nicht
nur  den  Schlüssel  zur  gesellschaftlichen  Organisation  der  Menschheit ­
  (Notwendigkeit  zweier  Klassen),  sondern  sie  führt  auch
naturgemäß  zur  Klassifikation:  „Indem  man  alle  beobachteten
Gesellschaften  der  Reihe  nach  der  einfachen  Gesellschaft  gegenüber ­
  stellt,  reihen  sich  deren  Einrichtungen  nach  und  nach  in
diejenige  Ordnung,  gemäß  welcher  sie  sich  von  dem  elementaren
Typus  unterscheiden“  3 ).  Diese  Ordnung  der  sozialen  Einrichtungen
hat  Henri  de  Tourville  in  seiner  Nomenclature  sociale
aufgestellt.  Er  gewann  dieselbe  aus  dem  vergleichenden  Studium
der  57  Familienmonographien  Le  Plays.
Die  erste  Kategorie  in  de  Tour  villes  Nomenclature  wird
von  den  Tatsachen  gebildet,  „welche  sich  am  besten  ohne  vorangehende ­
  Tatsachen  desselben  Wissenszweiges  erklären  lassen.“
Es  ist  das  Territorium  mit  seinen  geographischen  Besonderheiten.
Die  weiteren  Klassen  von  Erscheinungen  reihen  sich  in  der
Ordnung  ihrer  Bedingtheit  durch  die  vorhergehenden  an.  Durch
das  Territorium  wird  in  erster  Linie  die  Arbeiterorganisation  bedingt, ­
  durch  diese  das  Eigentum  usw.  de  Tour  ville  gelangt
in  dieser  Weise  zur  Aufstellung  von  25  Kategorien  von  sozialen
Erscheinungen,  welche  ihrerseits  wieder  in  Varietäten,  diese  in
Arten  und  Elemente,  326  an  der  Zahl,  zerfallen.  Wir  müssen
uns  hier  auf  die  Wiedergabe  der  großen  Linien  der  „Nomenclature“ ­
  beschränken.

b  ibid.  p.  203—4.
2 )  Begreiflicherweise  arbeitet  de  Tourville,  seiner  eigenen  Weltanschauung
entsprechend,  das  Sozialaristokratische  in  der  Lehre  des  Meisters  besonders  scharf
heraus.
3 )  de  Tourville  loc.  eit.  p.  293.
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Die  Schule  der  Science  sociale

293

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II.  La  Race  hors  de  sou  Territoire  national
III.  L’Action  de  l’Etranger  sur  la  Race
IV.  L’Histoire  de  la  Race
V.  Le  Rang  de  la  Race
        <pb n="315" />
        294  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Die  Tabelle  bedarf  einiger  Erläuterungen,
Zu  c,  d,  e,  f:  Das  Eigentum,  sagt  de  Tourville,  ist  eine  soziale  Erscheinung, ­
  welche  unfehlbar  als  Folgeerscheinung  der  Arbeit  auftritt.  Der
Standort  nützt  nichts  ohne  die  Arbeit,  die  Arbeit  nützt  nichts  ohne  das  Eigentum. ­
  Die  Abhängigkeit  des  Eigentums  von  der  Arbeit  ist  derart,  daß  dessen
Form  jederzeit  von  der  der  Arbeit  bestimmt  wird.  Bedingt  der  Standort  gemeinschaftliche ­
  Arbeit,  so  entsteht  Gemeineigentum;  ergibt  sich  aus  der  Natur
des  Territoriums,  daß  die  zur  Beschaffung  des  Lebensunterhalts  nötige  Arbeit
einzeln  verrichtet  werden  muß,  so  entsteht  Privateigentum  oder  Eigentum  der
einzelnen  Haushalte.
Vom  sozialen  Gesichtspunkte  aus  gibt  es  vier  Arten  von  Eigentum-.  1  .Das
Grundeigentum  ;  2.  die  Fahrnis.  Diese  ist  gleichsam  ein  inferiores  Eigentum,  das
bei  ihren  Besitzern  bedeutend  weniger  soziale  Eigenschaften  voraussetzt,  als  der
Grundbesitz;  3.  der  Lohn,  eine  noch  prekärere  Eigentumsart;  4.  die  Ersparnisse,
d.  h.  das  Mittel,  jede  der  drei  andern  Arten  von  Eigentum  zu  mehren,  oder
von  einer  tieferstehenden  Art  zu  einer  hohem  aufzusteigen.
Zu  h:  Der  Existenzmodus,  d.  h.  die  Befriedigung,  welche  die  Nahrungs-,
Klei  dungs-,  Wohnungs-  usw.  -  Bedürfnisse  finden.  Er  verhält  sich  zu  den
Existenzmitteln  (a—f)  wie  die  Ausgaben  zu  den  Einnahmen.
Zu  i  :  Phasen  der  Existenz  einer  Familie  sind  :  Geburt  der  Kinder,  ihre
Etablierung,  Wanderungen,  Unfälle  und  Krankheiten,  Todes-  und  Unglücksfälle,
Schuldenaufnahme  usw.
Die  neun  ersten  Klassen  könnte  man  zusammenfassen  als  :  Organisation
der  Arbeiterfamilie.  Aus  der  aufeinander  folgenden  Beobachtung  ihrer  Elemente
ergibt  sich,  daß  es  Lagen  im  Dasein  gibt,  in  denen  sich  die  Arbeiterfamilie
nicht  selbst  zu  genügen  vermag  und  der  Hilfe  des  Patronage  (j)  bedarf.  Zur
Ausübung  dieses  ist  die  Befähigung  zum  Herrschen,  zur  Behandlung  der  Menschen ­
  erforderlich.  Darüber  hinaus  muß  der  „Schutzherr“  über  drei  Arten  von
speziellen  Befähigungen  verfügen  können,  um  der  Arbeiterfamilie  zu  helfen.
Diese  sind:  Handel  (k),  intellektuelle  Kultur  (1)  und  Religion  (m).  In  „komplizierten“ ­
  menschlichen  Gesellschaften  werden  diese  speziellen  Befähigungen
durch  drei  verschiedene  Berufsklassen  repräsentiert.  Untereinander  sowohl,  als
mit  der  Arbeiterklasse  stehen  dieselben  im  Verhältnis  der  Nachbarschaft  (n).
Diese,  welche  scheinbar  unorganisiert  ist,  hat  ihre  Führer:  die  autorités  sociales.
Gemeinsame  Interessen  bestimmter  Gruppen  einer  Nachbarschaft  führen  wohl
auch  zur  Bildung  von  Genossenschaften  aller  Art  (o).  Ferner  gibt  es  eine  Reihe
von  Interessen  in  jeder  menschlichen  Gesellschaft,  welche  durch  öffentlich-rechtliche ­
  Zwangsgemeinschaften  gewahrt  werden  (p—u),  Auswanderung  und  Kolonisation ­
  (v)  leiten  über  zu  den  Beziehungen  eines  Volkes  zu  den  übrigen  Völkern
(v,  X  und  z).  Die  Geschichte  eines  Volkes  (y)  im  Sinne  der  Science  sociale
ist  zu  verstehen  als  kritische  Würdigung  dessen,  was  die  Historiker  darüber
lehren,  an  der  Hand  des  in  der  Gegenwart  Beobachteten.  Vgl.  de  Tourville
loc.  cit.  3.  Artikel,  Scienne  sociale,  Bd.  II,  p.  503  if.
Ein  charakteristisches  Merkmal  der  „Nomenclature“  d  e
Tour  vili  es  ist  der  enge  Zusammenhang,  der  logische  Aufbau ­
  ihrer  einzelnen  Teile  in  der  Ordnung  ihres  Bedingtseins.
        <pb n="316" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

295

Seine  und  Demo  lins’  Schüler  pochen  immer  wieder  darauf,
daß  das  Le  Pia  y  sehe  Modell  der  Familienmonographie  die
beobachteten  Tatsachen  zwar  in  eine  Reihe  von  Fächern  verteilt, ­
  aber  nicht  deren  Beziehungen  untereinander  nachweist.
De  Tourvilles  „Nomenclature“  dagegen  lege  den  Aufbau  des
sozialen  Körpers,  die  Interdependenz  der  sozialen  Erscheinungen
klar  zutage  *).
Die  neun  ersten  Kategorien  der  „Nomenclature“  bilden
einen  Rahmen  für  sich  zur  Aufnahme  von  Familienmonographien. ­
  Derselbe  tritt  an  die  Stelle  von  Le  Plays  Schema
für  Familienbudgets.  Die  Gründe,  welche  de  Tour  vi  Ile  bestimmten, ­
  dieses  aufzugeben,  wurden  bereits  berührt  (siehe
oben  p.  236)2).  De  Tourvilles  „Nomenclature“  dient  im
ganzen  wie  in  ihren  einzelnen  Teilen  einem  mehrfachen  Zwecke  :
einmal  will  sie  ein  Werkzeug  in  der  Hand  von  Enqueteuren  zur
Aufnahme  von  Monographien  über  jede  Art  von  sozialen  Erscheinungen ­
  sein;  zweitens  bedeutet  sie  eine  Klassifikation
analog  den  in  den  naturwissenschaftlichen  üblichen,  in  welche
jede  beobachtete  soziale  Erscheinung  nach  Gattung,  Varietät
und  Art  untergebracht  werden  kann.  In  dieser  zweiten  Funktion
vermag  sie  aber  mehr  Dienste  zu  leisten,  als  eine  naturwissenschaftliche ­
  Klassifikation;  denn  während  diese  nur  ein  methodisches ­
  Hilfsmittel  zum  Zwecke  übersichtlicher  Anordnung  darstellt, ­
  entspricht  die  „Nomenclature“  tatsächlichen  Beziehungen
der  Erscheinungen  zueinander,  ist  im  stände,  mitwirkende  Ursachen ­
  und  Wechselwirkungen  von  Erscheinungen  durch  den
Platz,  den  sie  denselben  anweist,  aufzudecken 2 ).  Wie  ferner  mit
ihrer  Hilfe  die  Gesetze  der  Science  sociale  gewonnen  werden,
werden  wir  weiter  unten  sehen.
De  Tourville  trat  1883  mit  seiner  „Nomenclature“  vor  die
Öffentlichkeit.  In  der  Société  d  'Economie  sociale  fand  dieselbe, ­
  da  sie  am  Werke  des  Meisters  zu  rütteln  unternahm,  eine
eisig  kalte  Aufnahme.  Nur  sehr  wenige  Le  Play-Schüler  schlossen
sich  de  Tourville  an.  Zu  diesen  zählte  vor  allen  sein  Freund
EdmondDemolins,  der  langjährige  Vertraute  des  Meisters,  den
dieser  selbst  zum  Leiter  der  Redaktion  der  Réforme  sociale
b  Vgl.  u.  a.  Robert-Pinot,  Le  Paysan  jurassien.  Monographie  du  Jura
Bernois  in  Science  Sociale,  Bd.  IV  (1887),  7.  Artikel,  p.  630.
3 )  H.  de  Tourville,  loo.  oit.  p.  495—496.
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        296  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

bestimmt  hatte.  Demolins  trat  mit  dem  ganzen  Feuer  seines
Marseiller  Temperaments  auf  die  Seite  de  Tourvilles  und  begann ­
  das  Arbeiten  nach  dessen  „Nomenclature“.  Desgleichen
P.  Prieur.  1886  eröffnete  Demo  lins  im  Gebäude  und  unter
dem  Patronate  der  französischen  geographischen  Gesellschaft
Vorlesungen  über  die  „Nomenclature“  de  Tourvilles  und
dessen  Auffassung  der  Lehre  Le  Plays.  Diese  Vorlesungen,
welche  ein  getreues  Spiegelbild  von  der  fortschreitenden  Entwicklung ­
  der  methodologischen  und  doktrinellen  Anschauungen
der  Schüler  de  Tourvilles  gaben  und  noch  immer  geben,
werden  im  Durchschnitt  von  etwa  120  Hörern  besucht.  Demo ­
  li  ns  wurde  in  deren  Abhaltung  1898,  als  er  die  Ecole
des  Roches  in  der  Normandie  (s.  unten  p.  303)  gründete,  von
Paul  Bureau,  Professor  an  der  juristischen  Fakultät  des  Institut ­
  Catholique  in  Paris  abgelöst.
Im  Dezember  1886  wurde  Demo  lins  plötzlich  seines
Amtes  als  Herausgeber  der  Réforme  sociale  entsetzt  und
vollzog  nunmehr  mit  de  Tour  ville  und  Prieur  die  Sezession.
Schon  im  Januar  1887  erschien  die  erste  Nummer  der  Monatsschrift ­
  La  Science  sociale,  welche  Demolins  fortan  als  Organ
der  neuen  Le  Play-Schule  herausgab.  Als  Gegenstück  zur
Société  d’Economie  sociale  gründeten  de  Tourville  und
Demo  lins  die  Société  internationale  de  la  Science  sociale,  welche
zur  Zeit  etwa  300  Mitglieder  zählt.
Demolins  und  de  Tourville  hatten  Glück  mit  ihrer
Sezession  und  gewannen  in  kürzester  Frist  eine  rege  und  ausdauernde ­
  Schar  von  Mitarbeitern.  Mit  der  „Nomenclature“  als
Werkzeug  der  wissenschaftlichen  Forschung  ausgerüstet,  zogen
diese  in  die  Welt  hinaus,  um  die  verschiedensten  sozialen  Erscheinungen ­
  zu  beobachten  und  zu  beschreiben.  So  kam  eine
stattliche  Anzahl  von  Monographien  zu  stände,  welche  zumeist
in  der  Science  sociale  veröffentlicht  wurden.  Einige  derselben ­
  wurden  von  entscheidender  Bedeutung  für  die  Grundlegung ­
  der  Doktrin  der  neuen  Le  P  lay-Schule  *).
9  Es  sind  :  R.  Pinot,  Le  Paysan  Jurassien.  Monographie  du  Jura  bernois
(in:  La  Science  Sociale.  Bd.  III  und  IV  (1887),  7  Artikel);  Paul  de  Bousiers,
La  Vie  Américaine,  2  Bde.,  Paris,  1891  ;  Fernand  Butel,  La  Vallée  d’Ossau.
Etude  sur  la  Population  originaire  et  la  prétendue  famille-souche  des  Pyrénées
(in:  Science  sociale,  Bd.  XIII,  XIV  und  XV  (1892—1893),  7  Artikel).
        <pb n="318" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

297

Le  Play  hatte,  wie  wir  gesehen  haben,  drei  Arten  von
Familientypen  unterschieden:  die  patriarchalische  Familie,  die
Stammfamilie  und  die  unbeständige  Familie.  Unterscheidungsmerkmal ­
  war  das  Erbsystem.  Die  auf  Testierfreiheit  und  Einzelerbfolge ­
  gründende  Stammfamilie  galt  ihm  als  Ideal.  Als
Muster  der  Stammfamilie  hatte  er  in  seinem  Werk  L'Organisation
de  la  Familie  eine  von  ihm  beobachtete  Familie  von  Bergbewohnern ­
  der  Pyrenäen  (la  famille  Melouga)  hingestellt 1 ).
Demo  lins  glaubte  nun  entdeckt  zu  haben,  daß  diese  Familie
nach  der  von  Le  Play  aufgenommenen  Monographie  derselben
eher  gemein  wirtschaftliche  Züge  aufweise  und  infolgedessen  zum
patriarchalischen  Typus  gehöre.  Die  Bergbewohner  wurden  infolgedessen ­
  in  verschiedenen  Gegenden  mittels  de  Tour  villes
„Nomenclature“  einer  Enquete  unterworfen,  um  diesen  Punkt
aufzuhellen.  Pinot  übernahm  den  beimischen  Jura,  de  Tourville
  und  Dem  oli  ns  die  Auvergne  und  Butel  die  Vallée
d’Ossau  in  den  Pyrenäen.  Gleichzeitig  bereiste  Paul  de  Bousiers ­
  die  von  Claudio-Jannet  und  Le  Play  so  verschrienen
Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  welche  sich,  der  Prophezeiung
Olaudio-Jannets  entgegen,  in  blühendem  Aufschwung  befanden. ­

Die  Erforschung,  insbesondere  der  Vallée  d'Ossau  ergab,  daß
der  pyrenäischen  Familie  allerdings  der  von  Le  Play  als  für
die  Stammfamilie  wesentlich  angesehene  Zug  des  ungeteilten
Erbübergangs  eigen  war.  Andererseits  aber  stellte  Butel  fest,  daß
dort  „Arbeit  und  Eigentum  zum  größten  Teil  kollektiv  organisiert ­
  sind;  daß  der  Erbe  Autorität  über  seine  Brüder  behält;
daß  das  Los  der  jüngeren  Kinder  sich  nie  ganz  von  dem  der
Gemeinschaft  trennt;  daß  endlich  die  Familienmitglieder  zwar
zum  Teil  auswandern,  aber  mit  der  Absicht,  wieder  zu  kommen,
nicht,  um  sich  draußen  ein  eigenes  Heim  zu  gründen“  2 ).  Alles
das  sind  charakteristische  Züge  der  patriarchalischen  Familie.
Die  große  Zahl  von  unverheiratet  bleibenden  Kindern  erklärt
sich  aus  der  Beschränktheit  der  Hilfsquellen  und  den  Schwierigkeiten ­
  der  Kultur  im  Gebirge 2 ).
Paul  de  Bousiers  berichtete  in  seinen  Briefen  an  Demolins
aus  Amerika,  die  dortige  angelsächsische  Familienformation  beb
  Le  Play,  L’Organisation  de  la  Famille,  p.  82,  128,  187—188.
2 )  Butel,  La  Vallée  d’Ossau  in  :  La  Science  sociale,  Bd.  XIV,  p.  235  ff.
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        298  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

finde  sich  in  voller  Blüte,  indem  sie  alle  Vorteile  aufweise,
welche  Le  Play  für  die  Stammfamilie  in  Anspruch  nimmt.
Hohe  Sittlichkeit,  Erziehung  der  Kinder  zu  persönlicher  Initiative ­
  und  großer  Tüchtigkeit,  Ansiedlung  derselben  draußen,  fern
vom  väterlichen  Herde,  wo  sie  zumeist  aus  eigener  Kraft  neue
Stammfamilien  gründen  usw.  Bei  alledem  keineswegs  Einzelerbfolge, ­
  trotz  der  Testierfreiheit,  sondern  gleiche  Erbteilung,
wie  bei  der  unbeständigen  Familie.  Jedoch  spielt  das  väterliche
Erbe  bei  dem  glänzenden  Fortkommen  der  Sprößlinge  amerikanischer ­
  Familien  wirtschaftlich  nur  eine  untergeordnete  Rolle 1 ).
Le  Play  selbst  hatte  bemerkt,  daß  die  nordische  Stammfamilie,
  welche  er  in  Norwegen  und  in  England  beobachtet
hatte,  sich  von  der  südlichen  der  Pyrenäen  usw.,  die  er  als
Muster  hinstellte,  dadurch  unterschied,  daß  jene  stärkere,  unternehmungslustigere ­
  Individuen  erzeugte  und  die  Außenansiedlung
der  Kinder  systematischer  durchführte  als  letztere 2 ).  De  Tourville
  knüpfte,  auf  den  neugewonnenen  Beobachtungen  fußend,
hier  an,  um  die  Art  der  Kindererziehung  statt  der  Erbsysteme  zur
Grundlage  einer  neuen  Klassifikation  der  Familientypen  zu
machen  und  damit  der  überkommenen  Lehre  des  Meisters  eine
ungeahnte  neue  Orientierung  zu  geben.  „Le  Play  hat  geglaubt,“ ­
  verkündet  nunmehr  Demo  lins  als  Sprachrohr  seines
Freundes,  „was  die  Stammfamilie  erzeuge,  sei  deren  Erbmodus  ;
dieser  ist  aber  nur  eine  Folge  aus  etwas  Tieferem  und  Absoluterem, ­
  welches  das  grundlegende  Wesen  der  Stammfamilie  ausmacht, ­
  nämlich:  die  jedem  Kinde  gegebene  Befähigung,  sich
durch  sich  selbst  eine  unabhängige  Existenzgrundlage  zu
schaffen“  3 ).
Fortan  gilt  also  nicht  mehr  die  Erhaltung  und  ungeschmälerte ­
  Erbübergabe  des  Gutes  der  Familie  als  deren  wesentliche
Funktion,  sondern  die  die  Fortpflanzung  krönende  Erziehung
der  Kinder.  „Die  Kindererziehung  differenziert  die  Familien
und  die  Gesellschaften,“  schreibt  Pinot.  „Das  Kind  wird  als
ungeselliges  Wesen  geboren.  Die  Familie  erzieht  es,  um  es  zu
befähigen,  an  den  Gruppierungen  der  Arbeit,  des  Eigentums,  des
9  Vgl.  Paul  de  Bousiers,  La  Vie  Américaine,  2  Bde.,  Paris,  1891.
2 )  Le  Play,  L’Organisation  de  la  Famille,  p.  83.
3 )  Demolins,  L’Etat  actuel  de  la  Science  sociale,  in  :  La  Science  sociale,
Bd.  XV  (1893),  p.  13—14.
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        Die  Schule  der  Science  sociale

299

Patronage,  der  Religion  usw.,  welche  die  Existenzmittel  und  die
sittlichen  Einflüsse  an  jedem  Standort  in  besonderer  Weise  gestalten, ­
  teilzunehmen“  *).
Vorläufig  wurde  Le  Plays  Klassifikation  der  Familientypen
durch  folgende  ersetzt:
1.  Die  'patriarchalische  Familie.  „Sie  befähigt  die  jungen
Generationen  dazu,  in  Frieden  unter  der  Autorität  des  Familienoberhauptes ­
  zu  wohnen,  gewöhnt  sie  daran,  alle  ihre  Anstrengungen ­
  der  Gemeinschaft  zu  widmen  und  ganz  von  ihr  abzuhängen. ­
  Das  Individuum  ist  vernichtet  und  den  verschiedenen
Gruppierungen  des  Privatlebens  gänzlich  unterworfen.“
2.  Die  quasi-patriarchalische  Familie  oder  falsche  Stammfamilie.
„Diese  befähigt  die  jungen  Generationen  zu  den  größten  Opfern
für  die  Erhaltung  des  väterlichen  Herdes  ;  sie  weckt  eine  solche
Liebe  zu  diesem  Herde  in  den  Herzen  ihrer  Kinder,  daß
diese  unverheiratet  bleiben,  um  unter  der  Autorität  des  (allein
verheirateten)  Erben  in  Gemeinschaft  zu  leben.  Sind  die  Kinder
gezwungen  auszuwandern,  so  gehören  ihre  Ersparnisse  dem
Herde,  wohin  sie  eines  Tages  zurückkehren.  Die  individuelle
Initiative  ist  wenig  entwickelt,  das  Individuum  bleibt  den  Gruppierungen ­
  des  Privatlebens  (Arbeitsgemeinschaften,  Gemeinweiden ­
  usw.)  untergeordnet.“
3.  Die  Stamm-  oder  partikularistische  Familie.  „Sie  setzt  die
jüngeren  Generationen  in  stand,  sich  selbst  zu  helfen;  sie  bildet
ihre  Kinder  dazu  heran,  sich  draußen  definitiv  auf  einem  neuen
Gute  anzusiedeln,  sie  entwickelt  die  individuelle  Initiative  bis
zum  Paroxysmus.  Das  Individuum  organisiert  und  beherrscht
die  öffentlich-  und  privatrechtlichen  Gruppierungen  ;  der  einzelne
triumphiert  über  den  Staat.“
4.  Die  unbeständige  Familie.  „Sie  befähigt  die  jüngeren
Generationen  zu  nichts,  wenn  sie  sie  nicht  zu  allem  unfähig
macht.  Sie  erzieht  ihre  Kinder,  ohne  in  ihnen  die  Achtung  vor
Autorität  und  Tradition  zu  entwickeln,  wie  es  die  patriarchalische ­
  und  quasi-patriarchalische  Familie  tun,  aber  auch,  ohne
in  ihnen  den  geringsten  eigenen  Wert  zu  erzeugen,  den  geringx

 )  R.  Pinot,  La  Classification  des  Espèces  de  la  Famille  établie  par  Le
Play  est-elle  exacte?  in:  La  Science  sociale,  II.  Folge,  Faszikel  1,  (1904),
p.  58—59.
        <pb n="321" />
        300

Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

sten  Gedanken  von  self-help  zu  wecken,  wie  es  die  partikularistische
  Familie  tut.  Die  Eigenschaften  der  Subordination  und
der  Initiative  fehlen  beiden,  und  das  Individuum,  das  in  Wirklichkeit ­
  nicht  erzogen  wurde,  das  zu  nichts  befähigt  wurde,  ist
das  vorbestimmte  Material  zum  Staatsdiener“  *).
Es  galt  nunmehr,  die  neugewonnene  Erkenntnis  zu  vertiefen ­
  und  wissenschaftlich  auszugestalten.  Diesem  Bestreben
verdanken  de  Tourvilles  herrliche,  wirtschaftsgeschichtliche
Essays 2 )  ihre  Entstehung.  De  Tourville  greift  den  Euhemerismus
  Snorri  Sturlusons 3 )  und  die  Gedankengänge  Gobineaus,  die
Entstehung  und  Differenzierung  der  Rassen  betreffend,  auf  und
unterbaut  sie  wirtschaftlich.
Am  Anfang  des  Menschengeschlechtes  steht  die  patriarchalische ­
  Familienformation  allein  da.  Aus  ihr  ging  die  partikularistische
  oder  Stammîamiìie  in  folgender  Weise  hervor  :  Die  Asen
oder  Odinssöhne  bevölkerten  aus  Iran  kommend  die  Küsten
der  norwegischen  Fjords.  Die  Küstenfischerei,  d.  h.  die  Notwendigkeit, ­
  sich  zu  längeren  Ausfahrten  in  Fischerbarken  zu
verteilen,  und  das  weite  Auseinanderliegen  der  vorhandenen,
kleinen,  anbaufähigen  Bodenflächen  machten  von  einem  bestimmten ­
  Momente  an  die  Erhaltung  der  patriarchalischen  Gemeinschaft ­
  unmöglich.  Die  Familien  wurden  gezwungen,  sich
in  getrennte  Haushalte  aufzulösen.  Das  rauhe  Seeleben  entwickelte ­
  die  persönliche  Initiative  und  hohe  männliche  Tugenden
in  den  Individuen.  Eine  Folge  davon  war  die  weitgehendste
Beschränkung  der  Entwicklung  der  öffentlichen  Gewalten.  Die
Odinssöhne  wurden  unter  dem  Einfluß  des  Territoriums  die
stärkste  Rasse  der  Welt.  Ein  Teil  von  ihnen  wanderte  später
hinab  in  die  sächsische  Ebene.  Hier  siedelten  sie  sich  in  ein-!

 )  R.  Pinot,  ibid.  p.  63—64.  Vgl.  auch:  Deniolins,  L’Etat  actuel  de  la
Science  sociale,  loc.  cit.  p.  14  ff.
2 )  Erst  spät  und  auf  wiederholtes  Drängen  Dernolins  entschloß  sich  de
Tourville  zu  deren  Drucklegung.  Sie  erschienen,  rund  33  an  Zahl,  unter  dem
Titel:  Histoire  de  la  Formation  Particulariste.  Les  Origines  des  grands  Peuples
modernes,  in:  Science  sociale,  1900—1903,  Bd.  XXX—XXXIV.  Es  besteht  auch
eine  Ausgabe  derselben  in  Buchform.
3 )  Snorri  Sturluson  (1178—1241),  isländischer  Skalde  und  Historiker,
gilt  als  der  Verfasser  der  jungem  Edda.  Euhemerismus  nennt  man  die  darin
betätigte  Vergötterung  hervorragender  Menschen.
        <pb n="322" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

301

zelnen  Haushalten  auf  mittleren  Gütern  an  und  erwarben  durch
den  Ackerbau  die  „Formation  rurale“,  d.  h.  die  sittlichen  Eigenschaften ­
  und  die  Signatur  eines  Bauernvolkes.  Diese  trugen  die
Franken  von  dort  nach  Frankreich,  insbesondere  aber  die  Angeln
und  Sachsen  nach  England.
In  England  hat  sich  die  partikularistische  Familie  durch
die  Jahrhunderte  rein  erhalten,  was  für  Deutschland,  Frankreich, ­
  Italien,  Spanien,  wohin  sie  bei  der  Völkerwanderung
ebenfalls  drang,  nicht  zutrifft.  „Die  grundlegende  Ursache
dieses  Unterschiedes  ist,  daß  am  Ausgangspunkte  die  sächsische
Auswanderung  in  Großbritannien  sich  ganz  ungezwungen  auf
reichem  Boden  entwickeln  konnte,  ohne  sich  mit  einer  kommunautären
  Bevölkerung  zu  vermengen,  welche  zu  einem  römischbarbarischen ­
  Staatsabsolutismus  geeignet  gewesen  wäre“  x ).  Von
England  aus  wurde  die  partikularistische  Familie  nach  Amerika,
Australien,  Südafrika  usw.  getragen.  Die  in  der  sächsischen
Ebene  erworbene  „Formation  rurale“  hat  die  Angelsachsen  zu
unvergleichlichen  Pionieren  und  Kolonisten  gemacht.  Körperkraft, ­
  persönliche  Initiative  und  die  Hilfsquellen  des  Bauerngutes
haben  den  Geist  der  Unabhängigkeit  in  ihnen  wach  erhalten.
Die  gewaltige  und  plötzliche  Entwicklung  der  englischen
Industrie  erklärt  sich  aus  dem  kampflustigen  sächsischen  Temperament ­
 2 ).  In  den  Kolonien  besitzt  England  auch  heute  noch
eine  sächsische,  ackerbautreibende  Bevölkerung  mit  mittlerem
und  kleinerem  Besitz.  Übrigens  hat  die  industrialisierte,  sächsische ­
  Bevölkerung  der  englischen  Städte  die  wesentlichen
Merkmale  der  sächsischen  „Formation  rurale“  bewahrt;  diese
bestehen  nämlich  in  dem  lebendigen  Streben  eines  jeden  Individuums, ­
  sich  einen  mittleren  oder  wenigstens  kleineren  Landbesitz ­
  zu  schaffen,  der  ihm  eine  Garantie  für  seine  Unabhängigkeit ­
  bietet,  welches  auch  sein  Beruf  sei 3 ).

*)  De  Tourville,  loc.  cit.  Bd.  34,  p.  509.
2 )  De  Tourville,  loc.  cit.  Bd.  35,  p.  123.
3 )  Vgl.  den  Passus:  „.  .  .  .  même  les  Populations  urbaines  altèrent  en
somme  peu  le  type  saxon  traditionnel.  Elles  sont  demeurées  profondément
attachées  au  rôle  du  domaine  dans  la  liberté  privée,  en  même  temps  qu’elles
ont  donné  comme  un  coup  de  fouet  nouveau  à  l’énergie  antique  de  la  race  en
élargissant  par  l’industrie  le  champ  de  la  lutte,  la  puissance  des  effets  de  l’initiative ­
  personnelle,  les  ressources  pour  monter  par  soi-même.“  ibid.  p.  124.
        <pb n="323" />
        302  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

De  Tour  villes  wirtschaftsgeschichtliche  Essays,  aus
welchen  wir  hier  nur  den  wichtigsten  Gedankengang  in  dessen
Hauptzügen  kurz  skizziert  haben,  mögen  mit  anfechtbarem,
historischem  Material  operieren.  Worauf  es  aber  dabei  ankommt, ­
  ist  die  geographisch-wirtschaftliche  und  psychologische
Interpretation  der  Geschichte.  Das  Territorium  bestimmt  die
Art  der  Arbeitsverfassung,  beide  die  Eigentumsordnung,  diese
mit  den  beiden  ersten  die  Art  der  Familienformation  und  der
Kindererziehung,  und  diese  hinwiederum  die  körperliche  und
psychische  Qualität  der  Individuen  usw.  Niemand  hat  klarer,
präziser,  überzeugender  die  jeweilige,  wirtschaftliche  Bedingtheit
aller  sukzessiven  Entwicklungsphasen  in  der  Geschichte  Englands, ­
  Frankreichs,  Deutschlands  nachgewiesen  als  de  Tourville.
  Daß  dabei  in  einseitiger  Weise  das  Territorium  und  die
Art  der  Familienformation,  ob  kommunautäre  (patriarchalische)
oder  partikularistische,  als  bestimmende,  alles  erklärende  Faktoren ­
  des  historischen  Geschehens  in  den  Vordergrund  gestellt
werden,  soll  nicht  geleugnet  werden.  Aber  geistreich,  gedankenkräftig ­
  und  originell  ist  diese  Art  der  Geschichtsbetrachtung.
Demolins  hat  sie  allerdings  durch  seine  Übertreibungen  kompromittiert ­
  *).
*)  Edmond  Demolins,  Les  Grandes  Routes  des  Peuples.  Essai  de  Géographie
sociale.  Comment  la  Route  crée  le  Type  social.  2  Bde.,  Paris,  1901—1902.
In  diesem  Werke  entwickelt  Demolins  die  Theorie,  daß  das  Territorium
die  Bildung  der  wesentlichen  Züge  der  Volkspsychologie  entscheidend  beeinflußt, ­
  dahin  fort,  daß  auch  die  Wege,  welche  die  verschiedenen  Völker  für  ihre
Wanderungen  wählten,  differenzierend  auf  ihre  sozialen  Einrichtungen  und  ihre
psychischen  Eigenschaften  eingewirkt  haben.  Der  ursprüngliche  Typus  verwandelte ­
  sich  so  unter  dem  Einfluß  der  durchwanderten  und  in  Besitz  genommenen
Gegenden  in  verschiedene,  ungleichartige  Typen.  Professor  Gide  wirft  Demolins
mit  Recht  vor,  daß  es  ihm  mitunter  vorkommt,  den  Tatsachen  eine  willkürliche
Erklärung  zu  geben,  oder  sie  auch  künstlich  so  zu  gruppieren,  wie  es  seiner
vorgefaßten  Anschauung  entspricht.  Er  stellt  z.  B.  fest,  was  man  übrigens  schon
seit  langem  weiß,  daß  die  Chinesen  ein  Volk  von  Kleinbauern  und  Kleingewerbetreibenden ­
  sind,  die  in  Familiengemeinschaften  (kommunautärer  Familienformation) ­
  leben.  Es  muß  nunmehr  eine  Straße  gefunden  werden,  welche  die  Fähigkeit ­
  besitze,  die  Menschen  ausschließlich  zum  Kleinbetrieb  im  Ackerbau,  Gewerbe ­
  und  Handel  zu  erziehen.  Dieselbe  darf  außerdem  die  kommunautäre
Familienformation  nicht  gefährden,  sondern  muß  sie  sogar  stärken.  Auf  dieser
Straße  müssen  die  Chinesen  nach  China  eingewandert  sein.  Vgl.  Ch.  Gide,
Rezension  des  I.  Bandes  des  fraglichen  Werkes  von  Demolins  in:  Revue  d’économie
politique,  1901.
        <pb n="324" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

303

Dagegen  hat  er  sich  Verdienste  um  die  Gruppe  der
Science  sociale  erworben,  als  er  seine  Aufmerksamkeit  praktischen ­
  Erziehungsfragen  zuwandte.  Seine  Werke:  A  quoi  tient
la  Supériorité  des  Anglo-Saxons?  und:  VEducation  nouvelle,  welche
die  Überlegenheit  der  angelsächsischen,  partikularistischen  Familienformation ­
  und  des  ihr  zugrunde  liegenden  englischen  Erziehungssystems ­
  dartun  wollen,  haben  zahlreiche  Auflagen  erlebt
und  sind  in  mehreren  Sprachen  übersetzt  worden.  Im  Anschluß
an  diese  literarischen  Arbeiten  gründete  Demolins  1889  die
Ecole  des  Rockes  in  der  Normandie.  Es  ist  dies  eine  Mittelschule, ­
  deren  Lehr-  und  Erziehungsmethode  jener  der  englischen ­
  Mittelschulen  aufs  genaueste  nachgeformt  ist.  Hier
sollen  starke  Individualitäten  herangebildet  werden,  dazu  bestimmt, ­
  den  wirtschaftlichen  Unternehmungsgeist  in  Frankreich
neu  zu  beleben.  Die  Gründung  glückte,  heute  wird  die  Ecole
des  Roches  von  einigen  hundert  Zöglingen  besucht.
Noch  in  anderer  Richturg  zog  die  Gruppe  der  Science
sociale  die  praktischen  Konsequenzen  aus  der  Neuorientierung
ihrer  Lehre.  In  den  80er  Jahren  war  ein  großes  Landgut,  das
Manoir  de  Calmont,  errichtet  und  eine  Familie  (Dufresne)  auf
demselben  angesiedelt  worden,  die  das  Muster  einer  Stammfamilie ­
  im  ursprünglichen  Le  Play  sehen  Sinne  sein  sollte.
Einzelerbfolge  und  sorgsame  Pflege  der  Tradition,  dauerndes
Dienstverhältnis  der  benötigten  Arbeitskräfte,  Patronage  usw.
sollten  dort  in  musterhafter  Weise  gepflegt  werden.  Als  die
nordische,  partikularistische  Familienformation,  welche  durch  ihr
Leben  in  getrennten  Haushalten  und  Heranbilden  der  Kinder
zu  unternehmungslustigen  Auswanderern  gekennzeichnet  wird,
das  Ideal  der  Schule  geworden,  gab  man  der  Kindererziehung
in  der  Familie  Dufresne  eine  völlig  neue  Richtung,  und
Henri  de  Tour  ville  bezog  die  Wohnung,  welche  beim  Bau
des  Manoir  de  Calmont  für  die  aufs  Altenteil  zurückgezogenen ­
  Eltern  bestimmt  gewesen.
Die  Aufnahme  von  Monographien  sozialer  Erscheinungen
jeder  Art  wurde  unterdessen  eifrig  fortgesetzt;  Paul  Bureau
insbesondere  reiste  im  Aufträge  der  Société  de  la  Science  sociale
nach  den  Vereinigten  Staaten  und  nach  Norwegen,  um  die  bisherigen ­
  Beobachtungen,  die  partikularistische  Familienformation
betreffend,  möglichst  eingehend  zu  kontrollieren  und  zu  vervoll-
        <pb n="325" />
        304  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

ständigen 1 ).  Aber  auch  aus  vielen  andern  Gegenden  wurden
Monographien  eingesandt.  Andererseits  ließ  Demolins  durch
Schüler  der  Ecole  des  Roches  Le  Plays  Familienmonographien ­
  und  eine  Reihe  von  den  in  der  Sammlung  Les  Ouvriers
des  Deux  Mondes  erschienenen  mittels  de  Tourvilles  „Nomenclature“ ­
  umarbeiten.  Aus  diesen  Materialien  ging  nun  die  von
de  Tour  ville  und  Demolins  ausgearbeitete,  von  letzterem
1905  veröffentlichte  Klassifikation  hervor 2 ),  die  einstweilen  von
der  Schule  für  definitiv  angesehen  wird.
Alle  menschlichen  Gruppierungen,  führt  Demolins  aus,
in  erster  Linie  die  Familien,  lassen  sich  auf  zwei  Formationen
zurückführen:  entweder  hat  die  Gemeinschaft  (Arbeits-,  Eigentumsgemeinschaft, ­
  Familie,  Stadt,  Staat  usw.)  die  Tendenz,
das  Individuum  zu  überwiegen,  oder  das  Individuum  strebt
nach  Emanzipation  von  den  Banden  der  Gemeinschaft.  Im
ersten  Falle  ist  die]  Seinsweise  der  sozialen  Gruppierungen
eine  kommunautäre,  im  zweiten  eine  partikularistische.  Jede  dieser
Formationen  umfaßt  drei  Gattungen,  welche  je  eine  Entwicklungsphase ­
  derselben  darstellen 3 ).
Die  menschlichen  Gesellschaften  mit  kommunautärer
Seinsweise  sind  entweder:  a)  sociétés  stables,  b)  sociétés  instables
oder  c)  sociétés  ébranlées.
Sociétés  stables  sind,  was  noch  von  patriarchalischen  Familien ­
  in  den  asiatischen  Steppen  und  afrikanischen  Oasen  übrigbleibt. ­
  Ihre  Stabilität  wird  bedingt  durch  die  Natur  des  Bodens, ­
  der  nur  schwer  anbaufähig  gemacht  werden  kann  und  die
Art  der  Arbeit  :  Hirtenberuf  (Art  pastoral).
Sociétés  instables  entstanden  durch  Expansion  von  patriarchalischen ­
  Familien  auf  Urböden,  die  nicht  zur  Weidewirtschaft
geeignet  waren.  Arbeitsarten  dieser  Böden  sind:  Flußfischfang,
Jagd,  Sammeln  von  wilden  Früchten.  Diese  Arbeitsarten  lockern

b  Paul  Bureau  veröffentlichte  die  Resultate  seiner  Studienreisen  in:  Le
Homestead  ou  l’Insaisissabilité  de  la  petite  Propriété  foncière,  Paris,  1896  und:
Le  Paysan  des  Fjords  de  Norwège  in:  La  Science  sociale,  Neue  Folge:  Faszikel
19,  20,  21,  Paris,  1906.
2 )  Edmond  Demolins  Classification  sociale  résultant  des  observations  faites
d’après  la  Méthode  de  la  Science  sociale,  Faszikel  10  und  11  der  neuen  Folge
von  La  Science  sociale,  Januar  1905.
3 )  E.  Demolins,  loc.  cit.  p.  9  ff.
        <pb n="326" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

305

die  patriarchalische  Familien  Verfassung:  a)  weil  sie  ausgedehntes
Umherschweifen  nötig  machen,  b)  weil  sie  körperliche  Gewandtheit ­
  und  Kraft  verlangen  und  damit  die  Autorität  von  den
Greisen  auf  jüngere  Leute  übergeht.
Sociétés  ébranlées  entstanden  durch  Expansion  von  patriarchalischen ­
  Familien  auf  Böden,  welche  in  Kultur  genommen
wurden.  Der  Ackerbau  erschüttert  die  patriarchalische  Familiengemeinschaft, ­
  weil  er  viel  Arbeit  erfordert.  Diese  begünstigt
die  Entwicklung  des  individuellen  Eigentums.  Die  Faulen  und
Unfähigen  bleiben  aber  umso  hilfloser  am  väterlichen  Herd
zurück,  als  die  Tüchtigeren  nicht  mehr  für  die  Gemeinschaft,
sondern  für  sich  selbst  und  ihre  Einzelhaushalte  arbeiten.  In
dieser  schwierigen  Lage  befinden  sich  alle  asiatischen  Völker,
diejenigen  des  östlichen  und  südlichen  Europas  und  die  Bevölkerungen ­
  Südamerikas.
Die  partikularistische  Formation  kann  sein  :  a  )  ébauchée,
b)  ébranlée,  c)  développée.
Sociétés  ébauchées  dieser  Formation  waren  die  Küstenbewohner ­
  Norwegens,  die  Odinssöhne,  welche  von  dort  aus  die
sächsische  Ebene,  dann  England  und  dessen  Kolonien  in  allen
Weltteilen  bevölkert  haben.  Von  ihnen  war  bereits  die  Rede.
Sociétés  ébranlées.  Die  partikularistische  Formation  hat  sich
ausgebreitet:  1.  auf  Böden,  die  vorher  von  kommunautären
Völkern  bewohnt  waren;  2.  auf  Böden,  die  noch  jungfräulich
waren,  oder  durch  Ausrottung  ihrer  Bewohner  vakant  gemacht
wurden.  Im  ersteren  Falle  ist  die  partikularistische  Seinsweise
durch  Berührung  mit  der  kommunautären  erschüttert  worden.
Das  trifft  in  Mitteleuropa  zu.  Im  zweiten  Falle  hat  sie  sich,
dank  der  Isolierung,  entwickelt.  Daher  die
Sociétés  développées  dieses  Typus  in  England,  Nordamerika,
Australien,  Südafrika.  In  diesen  Ländern  hat  das  menschliche
Individuum  die  höchste  Entwicklung  erreicht.  Die  kommunautäre
Formation  geht  aus  von  der  Stabilität  und  entwickelt  sich  in
der  Richtung  auf  Unbeständigkeit  (instabilité)  und  Erschütterung
(ébranlement).  Sie  ist  also  einer  fortschrittlichen  Entwicklung
nicht  fähig.  Daraus  folgt,  daß  die  kommunautären  Völker  notwendig ­
  der  Dekadenz  entgegengehen.  Manche  sind  schon
durch  die  alleinige  Tatsache  der  Berührung  mit  einer  höheren
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  20
        <pb n="327" />
        306

Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Formation  untergegangen.  Darin  liegt  eine  Bestätigung  von
Darwins  Gesetzen  der  Zuchtwahl  und  des  Überlebens  des
Passendsten x ).
Ein  kommunautäres  Volk,  das  von  der  Stabilität  in  die
Unstabilität  herabsinkt,  ist  verloren.  Ein  solches,  dessen  Seinsweise ­
  zur  Phase  der  Erschütterung  übergeht,  kann  sich  zur
partikularistischen  Formation  entwickeln  (Beispiel:  Die  Asen
oder  Odinssöhne  in  Norwegen).
Die  partikularistische  Formation  kann  auch  erschüttert  werden, ­
  insbesondere  durch  Berührung  mit  kommunautären  Seinsweisen ­
  (Beispiel:  Deutschland,  Frankreich).  Aber  im  Gegensatz
zu  diesen  ist  erstere  wesentlich  fortschrittsfähig.  Sie  hat  sich
tatsächlich,  insbesondere  seit  Entdeckung  der  Kohlenlager  und
Inangriffnahme  der  Ausbeutung  der  reichen  Naturschätze  Nordamerikas ­
  entwickelt.  Durch  die  ihr  innewohnende  Entwicklungskraft ­
  vermag  die  partikularistische  Formation  alle  sozialen
Typen  kommunautärer  Seinsweise  aus  dem  Felde  zu  schlagen.
Desgleichen  die  höhere  Gattung  partikulärer  Art  die  niederen
derselben  Art 2 ).
Das  „dernier  cri"  der  Science  sociale  ist  Demolins’
Répertoire  des  Répercussions  sociales,  welches  nach  dessen  Tode
von  Paul  Descamps  veröffentlicht  wurde 3 ).
Die  „Répercussions"  sind  die  Kausalbeziehungen  der  beobachteten ­
  Tatsachen.  Um  jene  aufzufinden,  ordnet  man  die
in  einer  Monographie  enthaltenen  Tatsachen  einzeln,  in  der
Reihenfolge  von  de  Tour  villes  „Nomenclature"  und  vergleicht
alsdann  jede  Tatsache  mit  allen  andern.  Hat  man  die  Kausalbeziehungen, ­
  die  sich  aus  einer  Monographie  gewinnen  lassen,
aufgefunden,  so  klassifiziert  man  sie  ebenfalls.  Da  jede  eine
Ursache  als  Subjekt  und  eine  Wirkung  als  Objekt  hat,  so  kann
man  sie  nach  Ursachen  oder  nach  den  Wirkungen  klassifizieren.
Beides  geschieht  an  der  Hand  der  „Nomenclature" 4 ).
Demolins  hat  auf  diese  Weise  mehrere  Tausende  von
')  ibid.  p.  14  ff.
2 )  ibid.  p.  15.
3 )  Als  Faszikel  41—42  der  neuen  Folge  von  :  Iai  Science  sociale,  Nov.-Dez.
  1907.
4 )  Demolins,  loe.  eit.  p.  9  ff.
        <pb n="328" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

Kausalbeziehungen  festgestellt*).  Sie  bilden  den
Répertoire  des  Répercussions  sociales.
Hat  man  eine  größere  Anzahl  von  analogen  Kausalbeziehungen ­
  einer  Ordnung  (d.  h.  in  einer  Abteilung  der  Nomenclature) ­
  gesammelt,  so  kann  man  sie  in  einer  b  or  mei  zusammenfassen. ­
  Diese  stellt  alsdann  ein  soziales  Gesetz  dar.  Auch  solcher
hat  De  mol  ins  bereits  einige  formuliert 1  2 ).
Die  Schule  der  Science  sociale  gelangte  in  fortschreitender ­
  Entwicklung  dazu,  den  Schlußfolgerungen  und  Postulaten
Le  Plays  so  ziemlich  in  allem  das  genaue  Gegenstück  gegenüberzustellen. ­
  Die  wichtigsten  praktischen  Forderungen,  welche
Le  Play  zur  Verwirklichung  der  Constitution  essentielle  de  l’humanité ­
  aufstellte,  sind  :  treue  Beobachtung  des  Dekalogs,  Testierfreiheit, ­
  Einzelerbfolge,  Erhaltung  des  Familienherdes  durch
Generationen,  Achtung  vor  der  Tradition,  Permanenz  des  Arbeitsverhältnisses, ­
  womöglich  ebenfalls  durch  Generationen,  Lösung
der  modernen  Arbeiterfragen  durch  Patronage.  An  der  treuen
Beobachtung  der  Vorschriften  des  Dekalogs  haben  die  Anhänger
de  Tourvilles  nicht  gerüttelt.  Dagegen  ist  für  sie  an  Stelle
des  Beharrungszustandes  und  der  Achtung  der  Tradition  als
Ideal  die  höchstgespannte,  fortschrittlichste  Entwicklung  getreten. ­
  Die  vom  Boden  völlig  losgelöste  Yankeefamilie  ist  zum
Vorbild  geworden 3 ).  Die  amerikanische  Einrichtung  des  homestead, ­
  welche  von  der  orthodoxen  Le  Play  schule  so  hoch  geschätzt ­
  wird,  wird  bekämpft 4 ).  Die  Unfähigkeit  des  Patronage
zur  Lösung  der  Arbeiterfragen  wird  erkannt  und  statt  dessen

1)  Z.  ß.  :  Die  Streulage  der  anbaufähigen  Bodenparzellen  längs  der  norwegischen ­
  Fjords  zwingt  zur  Ansiedlung  in  Einzelhaushalten,  oder  :  die  doppelte
Arbeitsstätte  der  Familie  bei  den  Tuaregs  erzeugt  das  Matriarchat,  oder:  Bei
den  chinesischen  Bauern  des  Ning-Po-Fu  stützt  die  Familiengemeinschaft  die
Individuen,  schädigt  aber  deren  Entwicklung  zur  Persönlichkeit  usw.
2 )  Z.  B.  :  Bei  (menschlichen)  Gesellschaften  kommunautärer  Formation
gewähren  die  Patronageeinrichtungen  den  Arbeitern  einen  gewissen  Schutz  gegen
das  äußerste  Elend  ;  sie  sind  aber  außer  stände  deren  Lage  zu  bessern.  Bei
Völkern  partikularistischer  Seinsweisen  dagegen  haben  Wohlfahrtseinrichtungen
die  Tendenz,  den  Arbeiter  zu  befähigen,  durch  eigene  Kraft  seine  Lage  zu  bessern.
Loc.  cit.  p.  16  usw.
3 )  Paul  Bureau,  L’Oeuvre  de  Henri  de  Tourville,  Paris,  1903,  p.  21.
4 )  Paul  Bureau,  Le  Homestead  ou  l’Insaisissabilité  de  la  petite  Propriété
foncière,  Paris,  1894.

tehr

*4

co

Università;
        <pb n="329" />
        308  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

die  berufliche  Organisation  der  Arbeiter  und  der  kollektive
Arbeite  ver  trag  verlangt  *).
Die  Schule  der  Science  sociale  hat  in  der  kurzen  Zeit
ihres  Bestehens  eine  stattliche  Literatur  zutage  gefördert.
A.  de  Préville  hat  den  afrikanischen  Kontinent  zum  Gegenstand ­
  seiner  Spezialstudien  gemacht  und  in  dem  Werke  „Les
Sociétés  africaines“  eine  Ergänzung  zu  Demolins’  „Les  grandes ­
  Routes  des  Peuples“  geschaffen.  —  P.  Roux  hat  mehrere
Familienmonographien  in  Deutschland  ausgenommen,  welche
dartun  sollen,  wie  der  Typus  der  partikularistischen  Familie
(Odinssöhne)  sich  beim  Verbleiben  bei  ausschließlichem  Ackerbau ­
  oder  beim  Übergang  z.  B.  zu  Viehzucht  und  intensiver
Bodenkultur  entwickelt 2 ).  —  d’Azambuja  hat  sein  Augenmerk
P  Edmond  Bouchié  de  Belle,  Frédéric  le  Play,  sa  Méthode  et  sa  Doctrine,
Faszikel  36  der  neuen  Folge  von  La  Science  sociale,  Mai  1907.  Bouchié  de  Belle
schreibt  unter  andern:  :  „Es  war  ein  schwerer  Beobachtungsfehler  von  seiten
Le  Plays,  die  Arbeiterfragen  ausschließlich  durch  Patronage  lösen  zu  wollen...  .
Seit  dem  Tode  Le  Plays  haben  die  alten  Gebräuche  des  Patronage  beständig
abgenommen.  Sie  bestehen  nur  mehr  in  einer  geringen  Zahl  von  Arbeitsstätten
und  werden  auch  da  nirgends  vollständig  angewandt.  Trotzdem  beweist  die
Erfahrung,  daß  die  neue  Ordnung  der  Dinge  nicht,  wie  es  Le  Play  glaubte,
notwendig  Unordnung  und  Leiden  in  der  Arbeiterklasse  verursacht.  Es  gibt
Länder,  in  denen  der  Wohlstand  dieser  Klasse  vielmehr  ohne  Unterlaß  steigt
und  deren  Lage  sich  hebt,  während  der  Patronage  dort  nur  eine  untergeordnete
Rolle  spielt.  England  und  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  bieten  dafür
das  beste  Beispiel.  Das  Verschwinden  der  alten  Patronagebeziehungen  zwischen
Arbeitgebern  und  Arbeitern  ist  nicht  eine  Folge  gewollter  Mißachtung  der  traditionellen ­
  Pflichten  seitens  der  beiden  Parteien,  sondern  eine  Folge  der  Natur
der  Dinge  und  der  neuen  Arbeitsbedingungen  Die  Konkurrenz  versetzt
die  einzelnen  Betriebe  in  eine  Lage,  welche  langfristige  Arbeitsverträge,  Bindung
mehrerer  Generationen  einer  Familie  an  eine  Fabrik  unmöglich  macht.  Der
Patronage  vermag  die  Löhne  nicht  vor  dem  Sinken  zu  bewahren,  «
loc.  cit.  p.  75—76.  —  Über  den  beruflichen  Zusammenschluß  der  Arbeiter  und
den  kollektiven  Arbeitsvertrag  vergleiche:
E.  Demolins,  L’Organisation  du  Travail.  Réglementation  ou  Liberté.
Faszikel  4  der  neuen  Folge  von  La  Science  sociale,  Paris,  1904  (Geschichte  des
Berufsgenossenschaftswesens)  und:  Paul  Bureau,  Le  Contrat  de  Travail.  Le  Rôle
des  Syndicats,  Paris,  1902.  (Ein  begeistertes  Plaidoyer  für  den  kollektiven
Arbeitsvertrag.)  Vgl.  dazu  meine  Besprechung  in  :  Archiv  für  Sozialwissenschaft
und  Sozialpolitik,  Neue  Folge,  20.  Bd.,  1.  Heft,  p.  193.
2 )  Paul  Roux,  Le  Bauer  de  la  Lande  du  Lunebourg.  —  Le  littoral  de  la
Plaine  saxonne;  le  type  des  Marschen.  Faszikel  23  und  35  der  Neuen  Folge
der  Science  sociale.
        <pb n="330" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

309

der  griechischen  Welt  zugewandt  und  in  Mazedonien  und  Hellas
enquetiert  *).  —  Paul  de  Rousiers  hat  eine  Reihe  ganz  vorzüglicher ­
  Monographien  veröffentlicht,  welche  brennende  wirtschaftliche ­
  Fragen  der  Gegenwart  zum  Gegenstand  haben,  de  Rousiers ­
  Arbeiten  beruhen  auf  umfassenden  und  sehr  gewissenhaft
durchgeführten  Enqueten  und  legen  Zeugnis  ab  für  die  Geeignetheit ­
  der  „Nomenclature“  de  Tourvilles,  als  Führer  des
Beobachters  wirtschaftlicher  Erscheinungen  zu  dienen 2 ).  Paul
de  Rousiers  ist  einer  der  eifrigsten  Mitarbeiter  des  Musée  social
Mit  Paul  Bureau  leitet  er  seit  Dem  o  lin  s’  Tod  (1907)  die  Zeitschrift ­
  La  Science  sociale 4 ).  —  Von  den  mit  Begeisterung
und  Temperament,  mit  hingehender  Liebe  für  die  Arbeiterwelt
geschriebenen  Werken  Paul  Bureaus  sind  außer  den  bereits
erwähnten  noch  zu  nennen  :  „La  Participation  aux  Bénéfices“
und  „La  Diminution  du  Revenu“.
Der  jüngste  Stern  der  Schule  der  Science  sociale  ist  Léon
Poinsard.  Er  hat  ein  umfangreiches  Werk  geschrieben 5 ),  in
welchem  er  der  Reihe  nach  alle  Völker  der  Erde,  deren  Rasse,
Volkswirtschaft,  Wirtschafts-  und  Sozialpolitik,  öffentliches  Leben
bespricht.  Seine  Materialien  entnimmt  er  der  Geographie,

Ö  d'Azambuja,  Le  Conflit  des  Races  en  Macédoine  d’après  une  Monographie ­
  de  famille  grecque.  —  L’Histoire  expliquée  par  la  Science  sociale:  la
Grèce  ancienne.  Faszikel  2  und  28—29  der  genannten  Folge.
2 )  Die  hauptsächlichsten  Monographien  von  de  Rousiers  sind:  Hambourg
et  l’Allemagne  contemporaine,  versucht  den  partikularistischen  Familientypus
beim  Übergang  zum  Handel  zu  schildern.  Ferner  das  schon  erwähnte  Werk:
La  Vie  américaine,  2  Bde.,  Paris,  1891;  La  Question  ouvrière  en  Angleterre;
Le  Trade-Unionisme  en  Angleterre;  Les  Industries  Monopolisées  aux  Etats-Unis;
  Les  Syndicats  industriels  de  Producteurs  en  France  et  à  l’Etranger,
Paris,  1901,  usw.
:î )  Siehe  unten:  Anhang.
4 )  Die  Zeitschrift  La  Science  sociale  erschien  1886—1903  als  Monatschrift;
um  dem  Übelstande  abzuhelfen,  welcher  sich  daraus  ergab,  daß  die  meisten
Monographien  sich  über  mehrere  Nummern  erstreckten,  wird  seit  1.  Januar  1904
jede  Arbeit  als  selbständiges  Faszikel  ausgegeben.
s )  Léon  Poinsard,  La  Production,  le  Travail  et  le  Problème  social  dans
tous  les  Pays  au  début  du  20"w  siècle,  2  Bde.,  Paris,  Alcan,  1907.  —  Von  andern ­
  Werken  desselben  Verfassers  nennen  wir  noch:  Comment  se  prépare  l’Unité
sociale  du  Monde;  le  Droit  international  au  20™e  siècle.  Faszikel  82  der  Neuen
Folge  von  La  Science  sociale,  1907.  —  La  Question  monétaire  und:  Vers  la
Ruine,  Paris,  Firmin-Didot.
        <pb n="331" />
        310  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Ethnographie  und  Geschichte,  insbesondere  aber  den  nach  Le
PlayscherMethode  oder  de  Tourvilleschem  Schema  aufgenommenen
Monographien.  Statistisches  Material  zieht  er  hin  und  wieder  auch
heran,  doch  hat  er  wenig  Vertrauen  zu  demselben.  Daß  der
Entwicklungsgrad  partikularistischer  Seinsweise  als  bestimmende
Ursache  der  großem  oder  geringern  Blüte  eines  Volkes  hingestellt ­
  wird,  ist  für  einen  Schüler  de  Tourvilles  und  Demolins’
selbstverständlich.
Die  soziale  Frage  ist  für  Poinsard  wesentlich  eine  Erziehungsfrage. ­
  Die  Arbeiterschutzgesetzgebung  in  den  kontinentalen ­
  Ländern  Europas,  das  deutsche  Zwangsversicherungssystem,
sind  für  ihn  Symptome  des  Sinkens  des  partikularistischen
Geistes,  d.  h.  der  persönlichen  Initiative.  Den  Freihandel  hält
er  für  richtig  für  Länder,  in  denen  ein  Produktionszweig  unbedingtes ­
  Übergewicht  über  die  andern  hat,  z.  B.  Ackerbau  in
Rußland  und  in  der  Türkei,  Industrie  und  Handel  in  England.
Wo  aber  Ackerbau  und  Industrie  nebeneinander  bestehen,  z.  B.
in  Frankreich,  Deutschland,  den  Vereinigten  Staaten,  scheint
Poinsard  der  Schutzzoll  eher  angebracht  zu  sein.  Nicht  minder
als  in  den  Werken  de  Tourvilles  und  Demolins'  tritt  bei  Poinsard
das  deterministische  Streben  zutage,  welches  darin  besteht,  alles
wirtschaftliche  und  soziale  Geschehen  möglichst  restlos  als  Naturgeschehen,
  als  Wirkung  von  Naturgesetzen,  wie  sie  sich  im
Territorium,  in  der  Arbeitsverfassung,  in  der  Eigentumsordnung
usw.  in  absteigender  Bedingtheit  äußern,  aufzufassen.  Poinsard
hält  sich  jedoch  auf  höherer  Warte  als  Demolins  und  verliert
sich  nicht  in  dessen  unwissenschaftlichen  Spielereien.
Ein  Wort  noch  zur  Kritik  der  Methode  und  Lehre  der
Gruppe.
Le  Plays  Fragestellung  :  welches  sind  die  Ursachen  der
Blüte  und  des  Siechtums  der  Völker?  ist  auch  für  die  Schule
der  Science  sociale  grundlegend  geblieben.  Aber  während
Le  Play  die  Antwort  in  den  Lebensgesetzen  der  Familie,  speziell ­
  der  „Stammfamilie“  sucht,  forscht  de  Tour  vi  11  e  nach  „den
Gesetzen  der  verschiedenen  Gruppierungen,  welche  die  meisten
Äußerungen  menschlicher  Tätigkeit  unter  Menschen  notwendig
machen“  *).  Immerhin  bleibt  aber  auch  für  die  Anhänger
b  H.  de  Tour  ville,  La  Science  sociale  est-elle  une  science?  1.  Artikel,
in:  Science  sociale,  Bel.  I  (1886),  p.  20.
        <pb n="332" />
        Die  Schule  der  Science  sociale

311

de  Tour  villes  die  Familie  die  wichtigste  menschliche  Gruppe,
und  ihre  Klassifikationen  der  sozialen  Gebilde  sind  in  erster
Linie  solche  der  Familien.
Es  war  ein  großer  Fortschritt,  als  die  Mitglieder  der  Schule
der  Science  sociale  die  Kindererziehung  als  differenzierendes
Moment  der  Familien  an  die  Stelle  des  Erb  systems  setzten.  Einmal
entsprach  dies  einer  tatsächlich  tiefem  Erkenntnis  der  Wirklichkeit ­
  als  sie  Le  Play  besessen;  andererseits  aber  wurde  gerade ­
  dadurch  erst  die  Bahn  frei  für  den  Evolutionismus.  Im
Keime  ist  derselbe  allerdings  schon  in  der  Nomenclature  sociale
de  Tour  villes  enthalten.  Denn  dieses  Erzeugnis  eines  systematisch ­
  und  tief  denkenden  Geistes,  welches  zunächst  nur  ein  vervollkommnetes ­
  Forschungsinstrument  an  der  Stelle  von  Le  Plays
Familienmonographie  sein  will,  ist  tatsächlich  auch  eine  soziale
Doktrin.  Die  Orientierung  der  Schlußfolgerungen  einer  jeden
Monographie,  welche  in  den  Rahmen  der  „Nomenclature“  hinein
ausgenommen  wird,  ist  a  priori  gegeben,  sie  liegt  in  der  letztlichen
  Bedingtheit  einer  jeden  wirtschaftlichen  und  sozialen  Erscheinung ­
  durch  die  geographische  Beschaffenheit  des  Territoriums.
Die  ganze  Einseitigkeit,  der  ganze  Determinismus  oder,  wenn
man  will,  der  historische  Materialismus,  der  die  Lehre  der
Schule  kennzeichnet,  ist  bereits  in  der  „Nomenclature“  enthalten.
Die  konstruktive  Tätigkeit  der  Schule  der  Science  sociale ­
  bestand  bisher  überwiegend  im  Aufstellen  von  konkreten ­
  Kausalreihen  zwischen  allen  auf  unserem  Planeten  vorhandenen ­
  Territorien  und  den  beiden  Arten  von  Familien-  und
Gesellschaftsformationen.  Zwischenglieder  sind  dabei  die  Arbeitsverfassung ­
  und  Eigentumsordnung.  Nichts  hindert,  daß  in  der
Folge  auch  die  weiteren  Kategorien  der  „Nomenclature  sociale“
ausgebaut  werden.
Das  Einschachtelungsverfahren,  durch  welches  Demolins
Tausende  und  Abertausende  von  beobachteten  Erscheinungen
in  die  Fächer  und  Unterfächer  der  „Nomenclature“  unterbringt,
um  Kausalzusammenhänge  zu  eruieren,  ist  recht  schwerfällig
und  kompliziert.  Es  mag  sein,  daß  man  mittels  dieses  Verfahrens ­
  das  eine  oder  das  andere  Mal  zur  Aufdeckung  eines  vorher
nicht  beachteten  Kausalzusammenhanges  gelangt.  Jedenfalls  aber
dürfte  in  weitaus  den  meisten  Fällen  auch  ohne  diese  Einschachtelung, ­
  und  zwar  mit  wesentlich  geringerem  Aufwand  an  Zeit
        <pb n="333" />
        312  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

und  Mühe,  dieser  Zusammenhang  aus  jeder  gut  gemachten  Beobachtung ­
  erkennbar  sein.  Die  von  Demolins  mittels  seines
Verfahrens  gewonnenen  „sozialen  Gesetze“  sind  entweder  Binsenwahrheiten ­
  oder  solche  Formulierungen  von  Kausalbeziehungen,
die  jedem,  der  auch  nur  eine  nach  de  F  curvili  eschem
Schema  aufgenommene  Monographie  gelesen  hat,  vollständig
vertraut  sind.
Die  Science  sociale  de  Tour  villes  gelangt,  im  Gegensatz ­
  zu  derjenigen  Le  Plays,  notwendig  dazu,  den  rein  wirtschaftlichen ­
  Fragen  den  Vorrang  über  die  sozialen  zu  geben,
und  die  Gefahr,  das  Produktionsinteresse  vor  alle  andern  zu
stellen,  wird  immer  groß  sein  für  eine  Doktrin,  welche  in  der
Entfesselung  des  struggle  for  life  den  Höhepunkt  menschlicher
Kultur  erblickt.
Die  Schule  der  Science  sociale  hat  eine  Reihe  von
Arbeiten  zutage  gefördert,  welche  trotz  ihrer  Einseitigkeit  und
ihres  Determinismus  beim  künftigen  Aufbau  eines  befriedigenden
Systems  der  Volkswirtschaft  als  Bausteine  ebenso  gut  werden
in  Betracht  zu  ziehen  sein,  als  die  Detailforschungen  der  deutschen ­
  historischen  Schule.  Wer  sich  übrigens  der  Mühe  unterziehen ­
  will,  die  wirtschaftsgeschichtlichen  Essays  von  Henry
de  Tour  vil  le  zu  lesen,  wird  es  nicht  zu  bereuen  haben.  Mit
der  Kraft  und  Tiefe  Augustineischen  Denkens  entwickelt  dieser
Mann  die  geographisch-wirtschaftliche  und  psychologische  Begründung ­
  seiner  individualistisch-evolutionistischen  Weltanschauung. ­
  Einen  überzeugenderen  Anwalt  als  de  Tour  ville  hat
der  Entwicklungsgedanke,  ,,die  beherrschende  wissenschaftliche
Idee  unseres  Zeitalters“  (Schmoller),  wohl  noch  nicht  gehabt.

3.  Kapitel.
Die  Schule  von  Angers.
Die  Schule  von  Angers  ist  die  Schule  der  liberalen  Katholiken. ­
  Sie  wird  gekennzeichnet  durch  das  Bestreben  ihrer  Mitglieder, ­
  die  Grundsätze  des  ökonomischen  Liberalismus  mit  der
katholischen  Lehre  zu  vereinbaren.  Sie  rekrutiert  sich  in  der
Hauptsache  aus  Professoren  der  juristischen  Fakultäten  der
        <pb n="334" />
        Die  Schule  von  Angers

313

Instituts  catholiques,  aus  katholischen  Arbeitgebern  nach  dem
Herzen  des  Freiherrn  v.  Stumm  und  aus  Schülern  Le  Plays,.
Mehrere  Juristen,  welche  sich  um  de  Metz-Noblat  und  Charles
Périn  scharten,  gründeten  1873  die  Zeitschrift  Revue  catholique
des  Institutions  et  du  Droit.  Diese  vertritt  den  entschiedenen
Nichtinterventionismus  im  katholischen  Lager.  Der  Le  Playschüler ­
  Claudio-Jannet,  Professor  am  Institut  catholique  in  Paris,
trug  in  der  Folge  am  meisten  zur  Verbreitung  der  Anschauungen ­
  der  katholischen  Juristen  bei.  1888  veröffentlichte  er
eine  Artikelserie  in  Le  Correspondant,  welche  den  Grundsatz  der
Staatseinmischung  ins  Wirtschaftsleben  leidenschaftlich  bekämpft
und  viel  beachtet  wurde 1 ).  Kurz  darauf  eröffnete  der  Jesuit
Caudron  in  der  Zeitschrift  der  französischen  Jesuiten:  Etudes,
eine  heftige  Polemik  gegen  die  Anhänger  des  Interventionismus,
d.  h.  gegen  die  um  de  la  Tour  du  Pin  und  de  Mun  gruppierten ­
  Sozialkatholiken.  In  seinem  ersten  Artikel 2 )  führt
Caudron  aus,  die  Nächstenliebe  allein  sei  imstande,  die  soziale
Frage  zu  lösen;  es  sei  darum  unangebracht,  eine  Sozialgesetzgebung ­
  zu  verlangen,  welche  aus  Werken  der  Nächstenliebe
Pflichten  der  Gerechtigkeit  zu  machen  sich  unterfange.  Die
Polemik  mit  der  Zeitschrift  der  Sozialkatholiken  :  l'Association
catholique  wurde  so  lebhaft,  daß  Caudrons  Ordensobern  die
Fortsetzung  der  Veröffentlichung  seiner  Artikel  untersagten 3 ).
Er  begab  sich  nun  mit  seinem  Ordensbruder  Forbes  S.  J.  zum
dritten  internationalen  Kongreß  katholischer  Sozialpolitiker  nach
Lüttich,  und  beide  verteidigten  dort  die  nichtinterventionistischen ­
  Grundsätze  mit  äußerster  Energie.  In  Lüttich  gewann
jedoch  diesmal  (1890)  die  deutsche  Idee  des  Wohlfahrtsstaates
endgültig  die  Oberhand.  Die  geschlagenen  nichtinterventionistischen ­
  Katholiken  Frankreichs  sammelten  sich  nunmehr  um
Bischof  Freppel  in  Angers,  wo  sie  zunächst  den  eben  dort  tagenden ­
  (September  1890)  Kongreß  katholischer  Juristen  zur  unwidersprochenen ­
  Entwicklung  ihrer  Anschauungen  benutzen

')  Die  Artikel  erschienen  1889  auch  in  Buchform  unter  dem  Titel:  Le
Socialisme  d’Etat  et  la  Réforme  sociale.
2 )  Caudron,  S.  J.,  Justice  et  Charité  dans  les  rapports  de  Patrons  à
Ouvriers,  Art.  in  der  Februarnummer  1890  von:  Etudes.
s )  Victor  de  Clercq,  Les  Doctrines  sociales  catholiques  en  France,  Paris,
1905,  Bd.  II,  p.  45.
        <pb n="335" />
        314  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart
konnten.  Im  Anschluß  an  diesen  Kongreß  wurde  alsdann  unter
dem  Vorsitz  Bischof  Freppels  die  Société  catholique  d'Economie
politique  et  sociale  gegründet.  Sie  setzte  sich  die  Einigungaller
  Volkswirte  und  Soziologen,  welche  den  Staatssozialismus
ablehnen,  zum  Zweck.  Die  Sozialkatholiken  gelten  der  Schule
von  Angers  selbstverständlich  als  mit  dem  Staatssozialismus  behaftet. ­
  Von  den  Gründern  der  Société  catholique  d’Economie
  politique  et  sociale  sind  zu  nennen  :  Bischof  Freppel
von  Angers,  der  Rektor  des  Institut  catholique  von  Paris,  Msgr.
d'Hülst,  Claudio-Jannet,  Charles  Périn  usw.  Die  Gesellschaft  hat
nur  ein  kurzes  Dasein  gehabt.  Es  gelang  ihr  nie,  einen  rechten
Einfluß  auf  weitere  Kreise  der  Katholiken  Frankreichs  zu  gewinnen. ­
  Einmal  wegen  des  frühen  Todes  ihrer  bedeutendsten
Mitglieder  (Bischof  Freppel,  Msgr.  d’Hülst,  CIaudio-Jaline ­
  t);  insbesondere  aber  infolge  der  Enzyklika  Herum  novarum
vom  15.  Mai  1891,  welche  entschieden  und  klar  für  den  Interventionismus ­
  und  die  de  Mansche  Richtung  Stellung  nahm.
Unter  den  heutigen  Vertretern  der  Anschauungen  der
Schule  von  Angers  sind  zu  erwähnen  :  Joseph  Bamhaud,  Professor
der  Nationalökonomie  am  Institut  catholique  in  Lyon  *),  d'Haussonville'*), ­
  Henri  Jolij 3 ),  Hubert  Volleroux 4 ),  Théry 5 ),  der  Kapuzinerpater ­
  Ludovic  de  Besse,  sowie  mehrere  Le  Play-  Schüler.
Die  wirtschaftstheoretischen  Anschauungen  der  Schule
unterscheiden  sich  in  nichts  von  denen  der  orthodoxen  Liberalen.
Rambauds  Handbuch  der  Nationalökonomie  könnte  ebensogut
von  einem  Mitarbeiter  des  Journal  des  Economistes  geschrieben
sein.  Mit  großer  Lebhaftigkeit  tritt  er  in  allen  seinen  Werken
für  die  völlige  Unabhängigkeit  der  Nationalökonomie  von  der

9  Josef  Bamhaud,  Le  Socialisme  et  les  Lois  économiques,  Paris,  1890.
—  Elements  (l'Economie  politique,  Paris,  1895,  2.  Aufl.,  1896.  —  Histoire  des
Doctrines  économiques,  Paris,  1899,  2.  Aufl.,  1902.
-)  Comte  d'Haussonville,  Misères  et  Remèdes,  Paris,  1886.  —  Socialisme
et  Charité,  1896.
3 )  Henri  Joly  hat  insbesondere  philosophische,  ethische,  kriminalistische
und  biographische  Werke  geschrieben.  Hierher  gehört:  Le  Socialisme
chrétien,  Paris,  1892.  Er  vertritt  mit  Cheysson  die  Le  Playschule  im  Institut  de
France.
4 )  Über  Hubert  Valleroux  siehe  oben  p.  276.
5 )  Gustave  Théry,  Exploiteurs  et  Salariés.  Paris.  Lecoffre,  o.  I).
        <pb n="336" />
        Die  Schule  von  Angers

315

Ethik  ein.  Gewiß  ist  das  Handeln  des  Menschen  dem  Sittengesetz ­
  unterworfen  ;  für  den  Nationalökonomen  gibt  es  aber  nur
Naturgesetze  des  Wirtschaftslebens.  Je  nachdem  der  Mensch
seine  Handlungsweise  einrichtet,  treten  diese  oder  jene  Naturgesetze ­
  in  Kraft 1 ).
Für  den  Wirtschafts-  und  Sozialpolitiker,  d.  h.  für  die
Praxis,  stellt  sich  die  Frage  jedoch  anders:  einerseits  gibt  es
außer  den  volkswirtschaftlichen  Naturgesetzen  ein  christliches
Sittengesetz,  welches  Vorschriften  der  Gerechtigkeit  und  solche
der  Nächstenliebe  enthält.  Andererseits  können  die  Menschen  in
ihrem  wirtschaftlichen  Handeln  diese  Vorschriften  beobachten
oder  nicht.  Nur  soweit  Pflichten  der  strikten,  austauschenden
Gerechtigkeit  in  Betracht  kommen,  darf  und  soll  der  Staat  in
die  Arbeits-  und  Wirtschaftsordnung  eingreifen.  Dagegen  hat
„allgemein  genommen,  der  Staat  nicht  das  Recht,  in  allem,
was  das  Gebiet  der  Nächstenliebe,  selbst  insoweit  sie  eine  Pflicht
ist,  betrifft,  die  industrielle  Arbeit  zu  reglementieren“ 2 ).
Wie  weit  in  concreto  die  Pflichten  der  Gerechtigkeit
reichen  und  wo  die  pflichtgemäße  und  wo  die  freiwillige
Nächstenliebe  beginnt,  ist  nicht  feststellbar,  da  die  Ansichten
darüber  geteilt  sind.  Bischof  F  rep  pel  stellte  in  Angers  die
Formel  auf  „Schutz  der  individuellen  Rechte  und  Repression  der
Mißbräuche,  welche  dem  Sittengesetz  offenbar  entgegen  sind".
Diese  Formel  dient,  vermöge  ihrer  Dehnbarkeit,  bis  heute  dazu,
verschiedene  Grade  nichtinterventionistischen  Denkens  zu  decken.
Manche,  welche,  wie  Schyrgens,  einer  Annäherung  an  die  Sozialkatholiken ­
  das  Wort  reden 3 ),  sehen  die  übermäßige  Frauenund
  Kinderarbeit  als  durch  Gesetz  zu  bekämpfenden  Mißbrauch
an.  Andere,  wie  Théry,  „verstehen  nicht,  kraft  welchen
Rechtes  der  Staat  das  Recht  der  Frau  auf  Arbeit  beschränken
könnte“ 4 ).

*)  J.  Rambauä,  Eléments  ¿'Economie  politique,  2.  Ausl.,  Paris,  1896,
passim,  und:  Le  Socialisme  et  les  Lois  économiques,  Paris,  1891.  p.  444  fl’.
-)  Déclaration  in:  Revue  cath.  des  Instit.  et  du  Droit,  1889,  Bd.  II,  p.  412.
3 )  Schyrgens,  Vorschläge  zur  Verständigung  in:  Revue  cath.  des  Instit.  et
du  Droit,  1891,  Bd.  I.  Vgl.  M.  EbU,  Les  Ecoles  catholiques  ¿'Economie  politique ­
  et  sociale  en  France,  Paris,  1905,  p.  192  ff.
4 )  Théry,  Discours  au  Congrès  d’Angers,  in:  Revue  cath.  des  Instit.  et
du  Droit,  1890,  Bd.  II,  p.  452.
        <pb n="337" />
        316  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Nach  enger  Umgrenzung  der  Rechte  des  Staates  stellen
die  Anhänger  der  Schule  von  Angers  ihre  positiven  Reformvorschläge ­
  auf.  Als  Hauptfaktor  der  Sozialreform  gilt  ihnen
die  katholische  Kirche 1 ),  neben  dieser  die  individuelle  und  genossenschaftliche ­
  Initiative.  Bischof  Freppel  formulierte  folgende ­
  Programmpunkte:  „Unbeschränkte  Arbeitsfreiheit  ;  Vereinsfreiheit ­
  für  Arbeitgeber  und  Arbeiter,  insbesondere  zur  Bildung ­
  gemischter  Organisationen  (welche  er  für  die  besten  hält)  ;
ungestörte  Entwicklungsfreiheit  für  die  bestehenden  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, ­
  die  ihre  Lebensfähigkeit  erwiesen
haben;  Freiheit  für  die  (gemischten)  Organisationen,  die  Rechtsfähigkeit ­
  zu  erlangen  und  ein  korporatives  Patrimonium  zu  besitzen; ­
  Freiheit,  Stiftungen  zu  sozialpolitischen  Zwecken  zu
machen,  denn  ohne  solche  ist  nichts  Wirksames  zu  erreichen;
endlich  Freiheit  für  die  Katholiken  und  die  Kirche,  kirchliche
Unterstützungs-  und  Versicherungsanstalten  (Instituts  de  prévoyance ­
  et  de  secours),  Krankenhäuser,  Greisenasyle,  Refugien  zu
gründen,  zu  dotieren  und  zu  verwalten  ;  Freiheit  für  die  Kirche,
ihre  barmherzigen  Schwestern  in  den  Dienst  der  Arbeiter  zu
stellen.  In  dieser  Ideenrichtung  suchen  wir  die  Lösung  der
sozialen  Frage,  ohne  unsere  Zuflucht  zu  den  täuschenden  und
gefährlichen  Lehren  des  Staatssozialismus  zu  nehmen.  .  .  .  Drei
Worte  machen  die  Devise  unserer  Société  d’Eco  no  mi  e
politique  et  sociale  aus.  Es  sind:  Gerechtigkeit,  Nächstenliebe, ­
  Freiheit“  2 ).
Die  detaillierte  Ausgestaltung  der  grundlegenden  Idee  des
Nichtinterventionismus  geschah  unter  Aufnahme  einer  Reihe
von  Le  Play  sehen  Ideen.  Solche  sind:  Reform  der  Regierung
im  Sinne  der  Dezentralisation,  Gemeindeautonomie,  Wiederherstellung ­
  der  alten  Organisation  Frankreichs  in  Provinzen,  Einführung ­
  der  Testierfreiheit  zur  Stärkung  der  Einheit  der  Familie
und  zur  Verhütung  unbegrenzter  Parzellierung  des  Bodens.
Die  Le  Play  sehe  Inspiration  wird  man  ferner  auch  an
folgenden  Postulaten  erkennen  :  Arbeitskonflikte  sind  durch
Patronage  zu  lösen,  den  die  Arbeitgeber  über  die  Arbeiter,
„unter  der  wohltuenden  Bevormundung  der  Kirche“,  in  und
1 )  Ch.  Antoine  loc.  cit.  p.  260.
2 )  Rede  des  Bischofs  Freppel  bei  der  Gründung  der  Société  cash,  d’économie ­
  pol.  et  soc.  in:  Revue  cat  h.  des  Instit.  1890,  Bd.  II,  p.  426.
        <pb n="338" />
        Die  Schule  von  Angers

817

außerhalb  der  Fabrik  ausüben  sollen.  Den  Pflichten  der  Arbeitgeber ­
  stehen  nicht  Rechte  der  Arbeiter  gegenüber.  Die  Vorteile, ­
  welche  die  herrschenden  Klassen  den  arbeitenden  zuwenden, ­
  sind  freiwillige,  nicht  pflichtgemäße  Wohltaten.  Sie  sind
Werke  der  Nächstenliebe,  nicht  Pflichten  der  Gerechtigkeit.  Zur
Wiederherstellung  des  sozialen  Friedens  sind  geeignet:  freie,
christliche  (gemischte)  Berufsorganisationen,  Bau  von  Arbeiter  -
Wohnungen  durch  die  Arbeitgeber  und  durch  Genossenschaften
der  Arbeiter,  Schaffung  von  Einrichtungen  zur  Förderung  des
Sparsinns,  Bekämpfung  des  Alkoholismus,  Hausarbeit  der  Frau,
allenfalls  auch  Schutz  der  Frauen-  und  Kinderarbeit  und  Beschränkung ­
  der  Arbeitszeit  für  Frauen  und  Kinder 1 ).
Die  Schule  von  Angers  verfügt  über  eine  Propagandaorganisation ­
  :  VAssociation  des  Patrons  du  Nord.  Es  ist  dies  ein
Arbeitgeberbund,  welcher  sich  die  Verwirklichung  der  sozialpolitischen ­
  Anschauungen  der  Schule  von  Angers  zum  Ziele
setzt.  Er  veröffentlicht  eine  Zeitschrift  Conférences  d'Etudes
sociales  de  Notre-Dame  du  Haut-Mont.  Das  Programm  der  Organisation ­
  kommt  in  folgenden  Worten  zum  Ausdruck:  „Keine
rein  theoretischen  Auseinandersetzungen  mehr;  Verbleiben  auf
dem  Terrain  praktischer  Anwendungen  unter  der  weisen  Leitung
der  Kirche  und  ihrer  Vertreter;  Förderung  aller  bereits  ins
Leben  gerufenen  sittlichen  Reformen  und  sozialen  Einrichtungen
durch  Privatinitiative 2 ).  Selbstverständlich  steht  die  Association ­
  des  Patrons  du  Nord  allen  Arbeiterorganisationen
feindlich  gegenüber.
Die  Zeitschrift  Revue  catholique  des  Institutions  et  du  Droit
und  damit  der  theoretische  Brennpunkt  der  Schule  von  Angers
wird  heute  nur  mehr  mit  Mühe  von  Joseph  Rambaud  und
seinen  Kollegen  von  der  freien  juristischen  Fakultät  in  Lyon

b  Bericht  über  den  Kongreß  von  Angers  in:  Revue  cath.  des  Instit.  et
du  Droit,  1890,  Bd.  II,  p.  461  ff.  Vgl.  Ch.  Antoine  loc.  eit.  p.  261—262.
2 )  Revue  cath.  des  Instit  et  du  Droit,  1891,  Bd.  I,  p.  434;  vgl.  Ch.  Antoine, ­
  Cours  d’Economie  sociale,  3.  Ausi.,  Paris,  1905,  p.  263.  Der  sozialpolitischen ­
  Gesetzgebung  gegenüber  erklärte  der  Kongreß  „des  Oeuvres  sociales  du
Nord"  1893:  „Wir  stehen  auf  dem  Boden  der  gegenwärtigen  Praxis  (patriarchalische ­
  Wohlfahrtspolitik)  und  vertagen  den  Wunsch  nach  sozialpolitischen
Gesetzen  auf  bessere  Zeiten.“  Conférences  d’Etudes  sociales  de  Notre-Dame  du
Haut-Mont,  1893,  p.  115.  Vgl.  Ch.  Antoine  loc.  cit.  p.  264.
        <pb n="339" />
        318  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

aufrechterhalten.  Man  darf  heute  sagen,  daß  die  zukünftige
Führung  im  katholischen  Lager  dem  nichtinterventionistischen
Flügel  nicht  gehören  wird.

B.  Die  Interventionisten.
4.  Kapitel.
Die  christlichen  Sozialisten.
Die  Enzyklika  Leos  XIII.  vom  15.  Mai  1891  über  die
Arbeiterfrage  und  dessen  Schreiben  vom  20.  Februar  1892  an
die  französischen  Katholiken,  durch  welches  er  sie  aufforderte,
die  bestehende  republikanische  Staatsform  loyal  zu  akzeptieren,
wurden  Ausgangspunkt  einer  neuen,  intensiven  Entwicklung  des
Sozialkatholizismus  in  Frankreich.  Sie  war  jedoch  keineswegs
eine  einheitliche.
Durch  die  päpstlichen  Schreiben  war  die  politische  Frage
der  Staatsverfassung  in  den  Vordergrund  gerückt  worden.  Über
ihr  entzweiten  sich  nunmehr  die  Geister.  Die  feudalen  Herren,
welche  die  sozialkatholischen  Anschauungen  aus  Familientraditionen ­
  und  aus  den  Prinzipien  mittelalterlicher  Staatsauffassung ­
  gefolgert  hatten,  suchten  die  päpstlichen  Äußerungen
im  Sinne  ihrer  royalistischen  Bestrebungen  zu  interpretieren.  Die
Bürgerlichen  und  die  aus  deren  Kreisen  hervorgegangenen  Geistlichen ­
  dagegen  nahmen  größtenteils  die  päpstlichen  Anregungen,
die  republikanische  Staatsform  anzuerkennen,  als  eine  Sanktion,
die  den  Prinzipien  von  1789  und  der  modernen  Staatsordnung
vom  römischen  Stuhle  zu  teil  werde,  mit  Freuden  auf.  Von
besonderer  Bedeutung  aber  wurde  es,  daß  die  tatsächlich  nach
links  gesteuerten  päpstlichen  Schreiben  im  niederen  Klerus  ein
mächtiges  Echo  fanden.
Der  seit  Jahrhunderten  in  ärmlichen  und  gedrückten  Verhältnissen ­
  lebende  niedere  Klerus  in  Frankreich  war  in  seinem
intimsten  Denken  und  Fühlen  von  jeher  demokratisch  gesinnt.
Nie  war  diese  Gesinnung  so  gewaltsam  niedergehalten  worden
als  im  XIX.  Jahrhundert.  Der  Cäsarismus  Napoleons  I.  hatte
        <pb n="340" />
        Die  christlichen  Sozialisten

319

im  Konkordate  von  1801  eine  Kirchenordnung  in  Frankreich
geschaffen,  die  den  niedern  Klerus  rechtlos  der  Willkür  der
Bischöfe  preisgab.  Der  Staatsstreich  Napoleons  III.  vom  2.  Dezember ­
  1851  zerstörte  brutal  die  freiheitlichen  Hoffnungen,
welche  die  Februarrevolution  und  die  zweite  Republik  in
ihm  geweckt  hatten.  Und  nun  kommt  der  unfehlbare  Papst
und  appelliert  an  die  intimsten,  durch  Generationen  verhaltenen
Herzenswünsche  dieses  Klerus  !  Das  ewige  Zurückhalten  und
Niederdrücken  aller  Energien  und  Kräfte  desselben  durch  die
konkordatären  Bischöfe  ward  durch  den  päptlichen  Aufruf,  mit
Einsetzen  aller  Kräfte  an  dem  Ausbau  der  politischen  Demokratie
und  an  der  sozialen  Neugestaltung  der  durch  die  kapitalistische
Wirtschaftsordnung  geschaffenen  Verhältnisse  tätig  mitzuwirken,
durchbrochen.  Der  sozialkatholischen  Schule  erwuchs  mit  einem
Schlage  aus  den  Reihen  des  niederen  Klerus  und  aus  dessen  unmittelbarem ­
  Laienmilieu  ein  gewaltiger  Zuwachs.  Dieser  brachte
ihr  aber  auch  einen  Sauerteig  demokratischer  Gesinnung,  der
bald  mit  dem  überkommenen  feudalen  Elemente  in  Kampf  geraten ­
  mußte.
Einer  der  ersten  Gedanken,  welche  mit  dem  jungen  Klerus
in  die  sozialkatholische  Schule  einzogen,  war,  auf  die  nationalen,
demokratischen  Traditionen  zurückzugreifen.  Die  feudalen  Herren
taten  zunächst  willig  mit  und  gemeinsam  suchte  man  den  hochbetagten ­
  Achtundvierziger  Auguste  Ott  in  seiner  einsamen  Zurückgezogenheit ­
  auf,  um  von  ihm  eine  Neuauflage  seines  vor  vierzig
Jahren  erschienenen  Handbuches  der  Nationalökonomie  zu  erbitten.
Ott  willfahrte  diesem  Wunsche.  Die  wenig  veränderte  1892
veröffentlichte  zweite  Auflage  seines  Werkes  blieb  durch  einige
Jahre  das  offizielle  Handbuch  der  sozialkatholischen  Schule.
Durch  dasselbe  drangen  in  diese  die  oben  besprochenen  sozialistischen ­
  Anschauungen  Bûchez’  ein.  In  den  Reformforderungen
decken  sich  diese  allerdings  so  ziemlich  mit  den  Postulaten
der  christlichen  Gesellschaftsordnung,  welche  de  la  Tour  du  Pin,
de  Mun  usw.  ausgearbeitet  hatten.  Aber  die  Begründung  ist  eine
wesentlich  verschiedene.  Und  das  war  es,  worauf  es  den  neugewonnenen ­
  Elementen  vor  allem  ankam  :  eine  wissenschaftliche
Theorie  der  politischen  und  sozialen  Demokratie  zu  gewinnen.
Die  heutigen  Führer  der  sozialkatholischen  Schule:  Henri
Lorin,  Savatier  usw.,  insbesondere  aber  die  Linke:  Abbé  Daudet 7
        <pb n="341" />
        320  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Abbé  Gayraud,  Abbé  Six,  Dehon,  Fonsegrive  usw.  verdanken  Ott
und  Bûchez  vor  allem  den  Entwicklungsgedanken,  die  historische ­
  Auffassung  des  Wirtschafts-  und  Gesellschaftslebens.  Dazu
kommen  an  grundlegenden  Ideen  —  vom  Detail  der  Reformforderungen ­
  wird  weiter  unten  zu  reden  sein  —  der  Gedanke
bürgerlicher  und  politischer  Gleichheit  aller,  die  Theorie  des
Rechtes  des  Individuums  auf  Existenz  durch  Arbeit,  das  Postulat
höchstmöglicher  Entwicklung  der  Persönlichkeit  der  größten
Zahl,  die  Forderung,  daß  die  Führung  im  sozialen  Leben  nicht
auf  der  Geburt,  sondern  auf  persönlichen,  intellektuellen  und
sittlichen  Eigenschaften,  auf  persönlicher  Arbeit  beruhen  soll.
Nicht  von  Bûchez,  sondern  von  den  liberalen  Katholiken  der
vorachtundvierziger  Periode,  insbesondere  von  der  Lamennaisgruppe,
  kommt  der  ebenfalls  durch  Ott  vermittelte  Gedanke
der  Priorität  der  Rechte  des  Individuums  über  diejenigen
einer  jeden  sozialen  Gruppierung.
Die  neu  entfesselten  Kräfte  des  niedern  Klerus  hatten  naturgemäß ­
  das  Bedürfnis  kräftigen,  lebensfrohen  Bichauslebens.  Es
dauerte  nicht  lange,  so  schlossen  sich  diese  neuen  Stürmer  und
Dränger  unter  Führung  von  Abbé  Naudet,  Abbé  Gayraud,
Abbé  Six  usw.  zu  einer  eigenen,  links  stehenden  Gruppe  zusammen, ­
  welche  sich  den  Namen  christliche  Demokraten  oder
katholische  Sozialisten  gab.  Sie  entwickelten  bald  eine  rege
Propaganda  in  Presse  und  Kongressen.  Die  Zeitschrift  La  Quinzaine ­
  (Herausgeber:  Fonsegrive)  trat  in  den  Dienst  ihrer  Bestrebungen, ­
  daneben  gründeten  sie  1894  La  Démocratie  chrétienne
(Monatsschrift,  Herausgeber  :  Abbé  Six)  und  La  Justice  sociale
(Tageszeitung,  Herausgeber  :  Abbé  Naudet).  Kleinere  Periodika
mit  beschränktem  Aktionsradius  entstanden  ferner  noch  in
mehreren  Städten  der  Provinz:  Montpellier,  Toulouse,  Lille  usw.
Zwischen  der  Démocratie  chrétienne  und  der  Association
catholique  war  bald  eine  lebhafte  Polemik  im  Gange,  welche  viel
zur  Klärung  des  anfangs  noch  etwas  unsichern  Standpunktes
der  christlichen  Demokraten  beitrug.
In  der  sozialkatholischen  Schule  wirken  also,  seit  dem  Eintritt ­
  der  katholischen  Sozialisten,  drei  verschiedene  Weltanschauungen ­
  zusammen:  1.  der  Standpunkt  der  Gründer  :  die  mittelalterliche ­
  Auffassung  der  hierarchisch  gegliederten  Gesellschaftsordnung ­
  auf  korporativer  Grundlage  ;  2.  der  Standpunkt  der
        <pb n="342" />
        Die  christlichen  Sozialisten

321

bisherigen  bürgerlichen  Anhänger:  positive  Begründung  eines
umfassenden,  staatlichen  Arbeiterschutzes  durch  die  vorhandenen
Mißstände,  unter  grundsätzlichem  Festhalten  an  der  bestehenden
individualistischen  Gesellschaftsordnung  ;  3.  der  Standpunkt  der
neuzuströmenden  Elemente  aus  dem  Milieu  des  niedern  Klerus  ;
am  Ausgangspunkt  :  der  Entwicklungsgedanke,  der  Individualismus, ­
  der  demokratische  Gleichheitsbegriff,  die  Idee  der  politischen ­
  Demokratie;  am  Zielpunkt:  das  Ideal  einer  christlichen,
demokratischen  Gesellschaftsordnung,  welche  zwar  auch  auf  der
Vergenossenschaftlichung  der  Produktionsmittel  beruhen  wird,
aber  keine  Klassenhierarchie  kennt,  sondern  in  der  die  Führerrollen ­
  ausschließlich  nach  Maßgabe  des  persönlichen  Wertes  der
Individuen  verteilt  werden.
Die  gemäßigten  und  die  nach  links  stürmenden  Elemente,
welche  Leos  XIII.  Aufforderung,  die  republikanische  Staatsform
anzuerkennen,  freudig  Folge  leisteten,  drohten  bald  in  der  sozialkatholischen ­
  Schule  die  Oberhand  zu  gewinnen.  Eine  Folge
davon  war,  daß  sich  mehrere  der  feudalen  Gründer  der  Schule
ihrerseits  zu  einem  rechten  Flügel  absonderten,  welcher  unter
Führung  von  de  la  Tour  du  Pin  und  de  Ségur-Lamoignon  den
(theoretischen)  Ausbau  des  monarchischen,  dezentralistischen,
mittelalterlichen  Staatsideals  auf  Grund  der  korporativen  Wirtschaftsordnung ­
  in  Angriff  nahm.  Diesem  Beginnen  sind  eine
Reihe  von  Artikeln  der  Association  catholique  in  den
Jahren  1891  bis  heute  gewidmet x ).
Wir  haben  also  innerhalb  des  sozialkatholischen  Lagers
einen  rechten  und  einen  linken  Flügel  zu  unterscheiden.  Die
Gegnerschaft  zwischen  diesen  beiden  füllt  das  letzte  Jahrzehnt
des  XIX.  Jahrhunderts.  Der  Abstand  war  zeitweilig  ein  bedeutender, ­
  heute  aber  überwiegen  unbedingt  die  Tendenzen  zur
Einheit.  Zwischen  beiden  Extremen  gravitieren  Elemente,  welche

1 )  „Die  Oeuvre  des  Cercles“  schreibt  de  la  Tour  du  Pin,  „glaubte  sieb
nicht  über  die  durch  die  Enzyklika  von  1891  gekrönte  Position  hinauswagen  zu
sollen,  da  andere  päpstliche  Äußerungen  (die  Aufforderung,  die  Republik,  d.  h.
eine  demokratische  Gesellschaftsorganisation,  anzuerkennen)  das  Terrain  außerordentlich ­
  schwierig  gestalteten.  Aber  die  Zeitschrift  l’Association  catholique
setzte  unter  Führung  des  Grafen  de  Ségur-Lamoignon  den  Kampf  fort  und
drang  vom  wirtschaftlichen  Gebiet  auf  das  der  gesellschaftlichen  Organisation
vor.“  de  la  Tour  du  Pin,  Vers  un  ordre  social  chrétien,  Paris,  1907,  p.  IV.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  21
        <pb n="343" />
        322  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

entweder  dem  einen  der  beiden  Flügel  grundsätzlich  nahe  stehen,
aber  stets  zu  vermitteln  bestrebt  sind,  oder  die,  auf  dem  Boden
der  bestehenden  individualistischen  Gesellschaftsordnung  fußend,
ein  größeres  oder  geringeres  Ausmaß  sozialpolitischer,  gesetzlicher ­
  wie  der  Privatinitiative  entspringender  Veranstaltungen
verlangen.  Diese  Elemente,  die  aus  den  verschiedensten  Milieus
stammen,  stehen  samt  und  sonders  der  historisch-ethischen
Nationalökonomie  der  juristischen  Fakultäten  nahe  und  rekrutieren ­
  sich  sogar  zum  Teil  direkt  aus  deren  Lehrkräften.  Wir
werden  sie  als  sozialkatholisches  Zentrum  ansprechen.
Der  Abstand  zwischen  dem  rechten  und  dem  linken  Flügel
der  Schule  war  in  den  Jahren  1898—1899  am  größten.  Die
damalige  Lage  charakterisiert  de  la  Tour  du  Pin  vortrefflich
wie  folgt:  „Der  ganze  Aufbau  der  Oeuvre  des  Cercles,  deren
Grundlagen,  deren  allgemeine  Richtung  und  deren  berufene
Kommentare  beruhen  auf  einer  hierarchischen  Auffassung  der
Gesellschaft  .  .  .  .,  während  die  demokratische  Gesellschaft  im
Gegenteil,  so  wie  sie  aus  der  Revolution  hervorging,  wesentlich
individualistisch  ist  ...  .  Die  Demokratie  baut  sich  auf  der
bürgerlichen  Gleichheit  auf.  Dieses  antisoziale  System  legt  die
öffentliche  Gewalt  in  die  Hände  des  am  wenigsten  aufgeklärten
Teiles  der  Nation,  weil  er  der  zahlreichste  ist;  und  das  im
Namen  einer  behaupteten  Gleichheit  der  Individuen,  welche  den
Triumph  des  Individualismus  auf  die  Negation  der  Individualität
aufbaut.  Die  Gründer  der  Oeuvre  des  Cercles  zielen  darauf
hin,  an  die  Stelle  der  formlosen  demokratischen  Gesellschaft,
die  auf  dem  Individualismus  fußt,  eine  Gesellschaft  zu  setzen,
welche  gemäß  ihrer  Auffassung  von  der  Pflicht  in  einer  sozialen
Hierarchie  organisiert  sei.  Deshalb  ist  es  nicht  möglich,  eine  Brücke
zu  schlagen  einerseits  zwischen  ihrer  Auffassung,  ihrem  Programm
und  ihren  Zielen,  und  andererseits  einer  sozialen  Ordnung,  die
ihnen  schlecht,  ungerecht,  in  jeder  Beziehung  mißraten  und
verfehlt  erscheint.  Darum  hört  die  Oeuvre  des  Cercles  dort
auf,  wo  die  Tätigkeit  der  christlichen  Demokratie  einsetzt  ;  deshalb ­
  gibt  es  keinen  Anschluß  in  den  Methoden  und  keine
Ähnlichkeit  in  dem  Geiste,  welche  jede  dieser  beiden  Richtungen
kennzeichnen;  in  einem  Worte:  keine  Kontinuität  ....  (Die
christlichen  Demokraten)  konnten  sich  durch  die  Umstände  für
berechtigt  halten,  sich  zur  Verteidigung  der  religiösen  Inter-
        <pb n="344" />
        Die  christlichen  Sozialisten

323

essen  eher  auf  den  Standpunkt  des  gemeinen  Rechtes  als  auf
den  des  christlichen  Rechtes  zu  stellen  ;  und  für  die  politische
Aktion  eher  den  Standpunkt  des  neuen  Rechtes  als  den  der
Tradition  und  des  historischen  Rechtes  einzunehmen.  Aber
gerade  darum  besteht  weder  Gemeinsamkeit  des  Ursprungs,
noch  Ähnlichkeit  der  Geistesrichtung,  noch  Kontinuität  der  Bestrebungen ­
  zwischen  den  Kämpfern  von  1871  und  denen  von
1891;  im  Gegenteil,  sie  sind  durch  eine  klar  bestimmte  Grenzlinie ­
  getrennt,  welche  man  in  der  Geschichte  der  christlichen
sozialen  Bewegung  unbedingt  feststellen  muß“  *).
Die  Überbrückung  des  von  de  la  Tour  du  Pin  so  scharf
betonten  Abstandes  zwischen  dem  rechten  und  dem  linken
Flügel  ließ  nicht  lange  auf  sich  warten.  Schon  1896  hatte  die
Redaktion  der  Association  catholique  die  Réunions  françaises ­
  des  Revues  catholiques  sociales  ins  Leben  gerufen.  Ausgesprochener ­
  Zweck  dieser  Zusammenkünfte  war,  die  getrennt
Marschierenden  zu  vereinigen  und  eine  gemeinsame  Doktrin
auszuarbeiten.  Außer  der  Association  catholique  beteiligten
sich  an  diesen  Veranstaltungen  die  Sociologie  catholique,
eine  1891  gegründete,  rechts  stehende  sozialkatholische  Zeitschrift,
die  Démocratie  chrétienne,  die  Quinzaine,  die  Justice
sociale,  sowie  mehrere  christlich  demokratische  Organe  der  Provinz. ­
  Die  Association  catholique  berichtet  über  dieZusammenkünfte,
  in  welchen  de  Muns  und  Lemires  Bestrebungen,  die  beiderseitige ­
  Annäherung  durch  Ablenken  von  den  Fragen  politischer
und  sozialer  Doktrin  und  Anregung  gemeinschaftlicher,  sozialpolitischer, ­
  praktischer  Tätigkeit  (Ausarbeitung  und  Einbringen  sozialpolitischer ­
  Gesetzentwürfe  in  der  Kammer,  Gründung  landwirtschaftlicher ­
  Genossenschaften  usw.)  zu  fördern,  nicht  ohne  Erfolg ­
  blieben.  1901  nahm  die  Einrichtung  den  Namen  Union
d’Etudes  des  Catholiques  sociaux  an.  Sie  wirkt  heute  noch  fort.
Bei  einem  1896  in  Reims  abgehaltenen  Kongresse  hatten
sich  die  christlichen  Sozialisten  als  ausschließliche  Arbeiterpartei
konstituiert.  Das  war  der  praktische  Ausdruck  der  Lehre,  daß
die  Führung  in  der  Gesellschaftsordnung  der  Zukunft  nicht  den

')  Marquis  de  la  Tour  du  Pin,  Art.  Contribution  à  l’étude  du  Mouvement
social  chrétien,  in  :  l'Association  catholique,  1899,  Bd.  II,  p.  206  ff.  Cfr.  M.  Elle,
loc.  cit.  p.  227—228.
        <pb n="345" />
        324  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  ia  der  Gegenwart

sogenannten  höheren  Klassen,  sondern  nur  der  persönlichen
Tüchtigkeit  gebühre,  de  Mun  brandmarkte  damals  dieses  Beginnen ­
  nicht  mit  Unrecht  als  eine  Klassenabsonderung,  die
schlimmer  sei  als  diejenige,  welche  die  christlichen  Demokraten
zu  bekämpfen  behaupteten.  Seine  Proteste  wurden  zunächst  nicht
beachtet.  1900  gelang  es  ihm  jedoch,  die  christlichen  Demokraten ­
  dazu  zu  bringen,  auf  die  exklusive  Arbeiterpartei  zu  verzichten ­
  und  die  von  ihnen  geschaffenen  Organisationen  den  Angehörigen ­
  aller  Klassen  zu  öffnen.  Die  Démocratie  chrétienne
korrigierte  dementsprechend  ihren  prinzipiellen  Standpunkt.  Man
errichtete  ein  christlich-soziales  Generalsekretariat,  welches  zwischen ­
  den  Arbeitervereinigungen  der  katholischen  Sozialisten  und
der  Oeuvre  des  Cercles  Verbindungen  herstellen  sollte.
Andererseits  willigten  de  Mun  und  de  la  Tour  du  Pin  endgültig ­
  ein,  das  von  dem  christlich-demokratischen  Kongresse  in
Lyon  (1897)  erhobene  Postulat  paralleler  Berufsorganisationen
der  Arbeitgeber  und  Arbeiter  mit  gemeinsamen  Ausschüssen  als
Programmpunkt  der  sozialkatholischen  Schule  anzunehmen.  Wir
haben  gesehen,  daß  sie  im  Grunde  immer  für  gemeinsame  Organisationen ­
  nach  dem  Muster  der  alten  Zünfte  gewesen  waren.
Eine  bedeutsame  Förderung  der  Einheitsbestrebungen  innerhalb
der  sozialkatholischen  Schule  bedeuten  ferner  die  beiden  Werke
von  Goyau  und  Tur  mann,  in  welchen  die  gemeinsamen  Momente
der  beiderseitigen  Doktrin  eindrucksvoll  herausgearbeitet
werden  *).
Das  größte  Hindernis  einer  Einigung  im  sozialkatholischen
Lager  war  die  Divergenz  der  politischen  Anschauungen.  Der
rechte  Flügel  ist  entschieden  royalistisch  gesinnt,  der  linke  Flügel
sieht  sein  Ideal  in  der  politischen  Demokratie,  der  republikanischen ­
  Staatsverfassung.  Es  gelang  den  Anhängern  de  Muns,
ein  erfolgreiches  vermittelndes  Eingreifen  des  Papstes  auf  diesem
Gebiete  zu  erreichen.  1891—92  hatte  Leo  XIII.  die  demokratischen ­
  Geister  wachgerufen  und  ausdrücklich  und  dringend  zur
Anerkennung  der  Republik  und  zur  tätigen  Mithilfe  an  ihrem
9  Max  Turmann,  Le  Développement  du  Catholicisme  social  depuis
l’Encyclique  Rerum  novarum,  Paris,  1900.  —  Georges  Goyau,  Autour  du  Catholicisme ­
  social,  gesammelte  Aufsätze  aus  la  Quinzaine  und  Revue  des  Deux  Mondes,
bisher  4  Bde.  1900—1909;  1.  und  2.  Bd.  in  4.  Ausl.  1901—1902.  Wir  kommen
unten  auf  diese  beiden  Werke  zurück.
        <pb n="346" />
        Die  christlichen  Sozialisten

325

Ausbau  ermahnt.  In  der  Enzyklika  Graves  de  communi  vom
18.  Januar  1901  hält  der  Papst  allerdings  an  dem  Ausdruck
Demokratie  zur  Bezeichnung  dessen,  was  die  Sozialkatholiken
anstreben  sollen,  fest.  Aber  er  versucht  den  Schwerpunkt  der  Bedeutung ­
  des  Ausdruckes  zu  verlegen,  indem  er  ihm  den  üblichen
Sinn  einer  politischen  Staatsverfassung  nimmt  und  ihn  definiert
als  „nichts  anderes  denn  ein  christliches  Wohltun  im  Volke“
Die  christlichen  Demokraten  in  Frankreich  nahmen  diese  Enzyklika ­
  enthusiastisch  auf;  Abbé  Six  veröffentlichte  alsbald  in
der  Démocratie  chrétienne  eine  Artikelserie  (März  bis  April
1901),  in  welcher  er  resolut  den  Gedanken  der  politischen  Demokratie ­
  zugunsten  der  vom  Papste  bezeichneten  sozialen  in  den
Hintergrund  stellt,  und  P.  Antoine  8.  J.  gab  der  Doktrin  der
Gruppe  eine  der  Enzyklika  angepaßte  neue  Fassung.  Es  ist
nicht  zu  leugnen,  daß  die  Taktik  der  christlichen  Demokraten,
die  Enzyklika  „Graves  de  communi“  für  sich  in  Anspruch  zu
nehmen  und  sich  mit  derselben  zu  identifizieren,  ihnen  Zuwachs
von  Anhängern  und  Einfluß  brachte.  Indem  sie  sich  fortan
ausschwiegen  über  das  Postulat  der  republikanischen  Staatsform
als  derjenigen,  welcher  sich  die  christliche  Demokratie  am  besten
anpasse,  und  über  die  Anschauung,  daß  die  gesellschaftliche
Stellung  eines  jeden  ausschließlich  durch  seine  persönliche
Tüchtigkeit  und  seine  persönlichen  Leistungen  bestimmt  sein
dürfe,  kamen  sie  der  Einheitsbewegung,  der  Konzentration  im
sozialkatholischen  Lager  entgegen.  Die  Anschauungen  Bûchez’
und  Otts,  welche  sich  ja  weitaus  mit  denen  von  de  la  Tour
du  Pin  und  de  Mun  decken,  vertraten  die  katholischen  Sozialisten ­
  aber  auch  fernerhin  mit  Entschiedenheit  r  korporative
Organisation  der  Volkswirtschaft,  Vergenossenschaftlichung  der
Produktionsmittel,  Beseitigung  der  Lohnarbeit  und  besonders
die  historische  Auffassung  des  Wirtschafts-  und  Gesellschaftslebens. ­

Mittlerweile  bestieg  ein  neuer  Papst  den  Stuhl  Petri,  und
dieser  ließ  es  sich  angelegen  sein,  dem  Aufblühen  des  katholischen ­
  Sozialismus  alsbald  Riegel  vorzuschieben.  Das  Motu  proprio ­
  Pius’  X.  vom  18.  Dezember  1903  schrieb  den  Katholiken
Einheit  der  sozialen  Bewegung  und  Einheit  der  sozialen  Lehre
vor  und  zog  scharf  gegen  alle  Sonderbestrebungen  zu  Felde.
Man  sollte  glauben,  damit  sei  der  rechte  Flügel  der  Feudalen
        <pb n="347" />
        326  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

ebenso  getroffen  gewesen  wie  der  linke  der  katholischen  Sozialisten. ­
  Das  war  aber  keineswegs  der  Fall.  Das  soziale  und
wirtschaftliche  Programm  des  rechten  Flügels  war  vorsichtig
und  zurückhaltend  geblieben;  die  Frage  der  politischen  Organisation, ­
  bezüglich  welcher  die  Feudalen  allerdings  einen  intransigenten ­
  Standpunkt  vertraten,  war  durch  Leos  Xin.  Enzyklika
„Graves  de  communi“  außer  Gefechtslinie  gestellt.  Der  linke
Flügel  dagegen,  der  sich  die  radikalere  Programmsassung  Bûchez'
zu  eigen  gemacht,  hatte  für  diese  nicht  das  Gros  der  sozialkatholischen ­
  Schule  hinter  sich.  Deswegen  traf  das  päpstliche
Motu  proprio  ausschließlich  die  exponierte  Position  der  katholischen ­
  Sozialisten  und  bedrohte  sowohl  die  Integrität  ihrer
Doktrin  als  ihre  Existenz  als  Sondergruppe.
Dann  kam  im  August  1907  die  Enzyklika  gegen  die
Modernisten,  welche  alsbald  eine  Verurteilung  der  Justice
sociale  des  Abbé  Naudet  nicht  wegen  ihres  katholischen
Sozialismus,  sondern  wegen  exegetischer  Seitensprünge  zur  Folge
hatte.  Die  Schädigung,  welche  dem  Blatte  durch  diese  Verurteilung ­
  widerfuhr,  übertrug  sich  naturgemäß  auf  die  ganze  von
ihm  vertretene  Richtung.  Die  Einheitsbewegung  in  der  sozialkatholischen ­
  Schule,  welche  unter  dem  Drucke  Roms  fortschritt,
entzog  den  links  stehenden  Führern  einen  zunehmenden  Teil
ihrer  Gefolgschaft,  und  ihre  Isolierung  wurde  immer  deutlicher.
Die  christlich-demokratischen  Periodika  in  der  Provinz  verschwanden, ­
  die  Quinzaine  stellte  ihr  Erscheinen  ein,  die
Justice  sociale  dürfte  im  Augenblick,  wo  wir  diese  Zeilen
schreiben,  dasselbe  getan  haben,  die  Démocratie  chrétienne
fristet  nur  mehr  ein  kümmerliches  Dasein.  Allerdings  bestehen
noch  mehrere  der  unter  christlich-demokratischer  Flagge  segelnden, ­
  von  Leon  Harmel  zuerst  im  Val-des-Bois  und  in  der  Gegend
von  Reims  ins  Leben  gerufenen  Cercles  chrétiens  d'Etudes  sociales.
Diese  haben  sich  von  dort  aus  zunächst  nach  Osten  und
Norden,  dann  auch  vereinzelt  über  das  übrige  Frankreich  verbreitet. ­
  Es  sind  Arbeitergruppen,  welche  unter  Mithilfe,  wenn
auch  nicht  unter  der  förmlichen  Leitung  von  Arbeitgebern,  Geistlichen ­
  usw.,  gemeinsame  volkswirtschaftliche  Belehrung  durch
Lektüre,  Vorträge,  Diskussionen  usw.  suchen.  Es  ist  mit  Sicherheit ­
  anzunehmen,  daß  diese  Arbeitergruppen  in  naher  Zukunft
sich  in  irgend  einer  Form  der  von  Rom  und  vom  sozialkatho-
        <pb n="348" />
        Die  christlichen  Sozialisten

327

lischen  Zentrum  erstrebten  einheitlichen  Organisation  aller  katholischen ­
  Kräfte  im  Lande  anschließen  werden.
Es  bleibt  noch  über  Lehrinhalt  und  Methodik  des  katholischen ­
  Sozialismus  ausführlicher  zu  berichten.  Um  uns  ein
klares  Bild  davon  zu  machen,  wird  es  genügen,  aus  der  ziemlich
umfangreichen,  christlich-demokratischen  Literatur  die  Fassung
herauszugreifen,  welche  der  hauptsächlichste  Begründer  der  Richtung, ­
  Abbé  Naudet,  der  Lehre  gibt.  Dabei  wird  es  nicht  ohne
Interesse  sein,  die  Darstellung  derselben  bei  dem  Jesuiten  Antoine, ­
  auf  welche  oben  bereits  hingewiesen  wurde,  zum  Vergleiche ­
  heranzuziehen.
Selbstverständlich  unterordnen  beide  die  Wirtschaftslehre
der  christlichen  Ethik,  was  die  Anwendung  der  deduktiven  Methode ­
  bedingt.  Bei  Naudet  geht  aber  die  historische  Methode
Hand  in  Hand  mit  jener.  Er  huldigt  dem  Evolutionismus.  Man
kann  seine  Fassung  der  christlich-sozialistischen  Lehre  als  eine
organische  Verbindung  der  Gedankengänge  Bûchez’  mit  denen
von  de  la  Tour  du  Pin  bezeichnen.  Der  1901  eingeschlagenen
Taktik  seiner  Gruppe  getreu,  verschweigt  Naudet,  daß  er  die
politische  Demokratie  für  den  natürlichen  und  rationellen  Endpunkt ­
  der  laufenden  historischen  Entwicklung  hält,  und  daß
es  ihm  eine  Forderung  der  Gerechtigkeit  zu  sein  scheint,  daß
die  christlich-sozialistische  Gesellschaftsordnung  der  Zukunft
keine  Klassenhierarchie  mehr  kenne,  sondern  die  soziale  Stellung
eines  jeden  nur  mehr  von  dessen  intellektuellen  und  sittlichen
Eigenschaften  und  tatsächlicher  Arbeitsleistung  abhängig  sei.
Die  von  P.  Antoine  der  christlichen  Demokratie  gegebene
Fassung  ist  ihrerseits  ein  Muster  virtuoser  Handhabung  des
scholastischen  Räsonnements.  Von  den  christlich-demokratischen
Gedankengängen  bleibt  bei  ihm  eigentlich  nicht  viel  mehr  übrig
als  die  verwässerte  Deutung,  welche  Leo  XIII.  dem  Begriff
Demokratie  in  der  Enzyklika  „Graves  de  communi“  gegeben.
Diesen  unternimmt  P.  Antoine  der  Theologie  des  hl.  Thomas
von  Aquino  einzugliedern  und  mit  ihm  die  christliche  Demokratie
zum  integrierenden  Bestandteil  der  katholischen  Lehre  zu  machen.
„Die  christlichen  Sozialisten  fordern,“  schreibt  Abbé
Naudet 1 ),  „1.  Beibehaltung  des  Privateigentums,  aber  Umi)
  Abbe  Paul  Naudet,  Die  Ziele  des  christlichen  Sozialismus,  Art.  in:
Dokumente  des  Fortschritts,  Januar  1909,  p.  57  ff.
        <pb n="349" />
        328  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

bildung  desselben  im  Sinne  des  Evangeliums  ;  2.  Neuordnung
aller  gesellschaftlichen  Verhältnisse  auf  berufsständischer  Basis
in  gleicher  Berücksichtigung  aller  Klassen;  3.  internationale
Arbeiterschutzgesetzgebung  und  Vereinigung  aller  sozial  Gesinnten ­
  in  den  verschiedenen  Ländern  zwecks  friedlicher  Wandlung ­
  unserer  Gesellschaftsordnung.“
Zur  Eigentumsh&amp;amp;geübergehend,  fährt  Naudet  fort  :  „Unsere
Ansicht  von  Rechten  und  Pflichten  des  Eigentums  geht  im
letzten  Grunde  auf  die  Grundprinzipien  unserer  Religion  zurück,
wie  sie  sich  schon  in  den  zehn  Geboten,  in  vollerer  Form  aber
in  den  Urzeiten  des  Neuen  Testaments  bei  den  Kirchenvätern
finden.  Moderne  Forschungen  können  keinen  Zweifel  darüber
lassen,  daß  die  ersten  Christen  auf  kommunistischem  Boden  standen
und  in  Sachen  der  Eigentumsverteilung  streng  egalitäre,  demokratische ­
  Prinzipien  vertraten.  Aber  eine  historische  Kontinuität
dieser  Ideen  durch  die  Zeiten  des  Mittelalters  hindurch  läßt
sich  kaum  nachweisen,  und  so  muß  der  christliche  Sozialismus,
wie  er  sich  im  XIX.  Jahrhundert  entwickelte,  als  ein  Kind
seiner  Zeit,  als  eine  Anwendung  christlicher  Prinzipien  auf
die  neuen  Fragen  einer  neuen  Geschichtsepoche  aufgefaßt
werden.“  .  .  .
„Der  Ausgang  unserer  Kritik  der  heutigen  Sozialordnung
ist  die  Erkenntnis  ihrer  Ungerechtigkeit.  Vom  Standpunkte  jener
Gleichheit  aller,  wie  sie  ein  Grundprinzip  des  Christentums
bildet,  verurteilen  wir  die  Ungerechtigkeit  der  Gesetze,  die  gegen
den  Armen,  der  aus  Hunger  ein  Stück  Brot  stiehlt,  so  überaus
hart,  und  gegen  den  Finanzier,  der  auf  zugrunde  gerichteten
Existenzen  anderer  seine  eigene  aufbaut,  so  überaus  mild  sind.
Wir  verurteilen  die  Ungerechtigkeit  der  Sitten,  die  sich  vor  den
Götzen  des  Reichtums  neigen,  ohne  seinem  Ursprung  nachzuforschen ­
  ;  wir  verurteilen  die  Ungerechtigkeit  des  heutigen  sozialen ­
  Lebens,  in  dem  so  viele  trotz  aller  Anstrengung  nicht  den
baren  Lebensunterhalt  gewinnen  können.  Wir  glauben  nicht,
daß  das  Heilmittel  früherer  Jahrhunderte,  die  private  Mildtätigkeit, ­
  geeignet  ist,  alle  diese  Übel  zu  heilen;  Gerechtigkeit
muß  vorerst  geschaffen  werden  ;  dann  erst,  wenn  ihr  Werk  getan,
wenn  jedem  das  Seine  geworden,  mag  mildtätige  Unterstützung
ein  Übriges  tun.  Niemand  sei  gezwungen,  aus  ihren  Händen
gebeugten  Hauptes  zu  empfangen,  was  er  aufrechten  Sinnes  als
        <pb n="350" />
        Die  christlichen  Sozialisten

329

ihm  gehörig  betrachten  muß  Die  Beseitigung  des  großen
Massenphänomens  des  Elends  kann  nur  von  einer  Änderung
unserer  ganzen  sozialen  Ordnung  erwartet  werden.“
„Eine  dreifache  Ungerechtigkeit  ist  die  Basis  selbst  der
gegenwärtigen  Ordnung  :  Verletzung  des  natürlichen  Rechtes,  weil
inmitten  unserer  christlichen  Zivilisation  viele  Menschen  nicht
ihren  physischen  Lebensunterhalt  gewinnen  können;  V  erletzung
des  historischen  Rechts,  weil  ihnen  der  Wohlstand  ihrer  Väter
entzogen  ist;  Verletzung  des  christlichen  Rechts,  weil  das  soziale
Elend  seine  Rückwirkung  auf  die  Moralprobleme  ausübt  und
befriedigende  Entwicklung  des  seelischen  Lebens  verhindert.
Der  christliche  Sozialismus  kann  die  Absolutheit  des  Eigentums
im  Sinne  des  römischen  Rechtes  nicht  als  vereinbar  mit  den
Prinzipien  des  Christentums  anerkennen.  Schon  der  hl.  Thomas
von  Aquin  sagte  :  für  uns  kann  jeder  Eigentümer  nur  als  eine
Art  Verwalter  des  ihm  anvertrauten  Objektes  gelten,  und  er  ist
verpflichtet,  dasselbe  im  Interesse  der  Gesamtheit  zu  verwalten,
im  Namen  und  Aufträge  des  einzigen  wahren  Eigentümers,
Gottes  selbst.“  Folgt  eine  Darlegung  der  Eigentumslehre,  wie
wir  sie  bereits  bei  de  la  Tour  du  Pin  kennen  gelernt  haben.
Dann  kommt  Naudet  zu  der  spezifischen,  evolutionistischen
Auffassung  der  katholischen  Sozialisten:  „Die  Kirche  selbst  hat
keine  im  einzelnen  festgelegte  Theorie  des  Eigentums  über  die
obgenannten  sozialen  Verpflichtungen  hinaus.  Sie  hat  ehedem
das  Feudalsystem  akzeptiert,  sie  fügt  sich  heute  dem  Kapitalismus, ­
  sie  wird  nach  unserer  Ansicht  später  auch  andere  Formen
des  Eigentums  sanktionieren  :  für  uns  christliche  Sozialisten  ist
das  Eigentum  nur  eine  historische  Kategorie,  keineswegs  unantastbar
und  zweifellos  vor  wichtigen  Entwicklungen  und  Wandlungen
stehend.  Wir  glauben,  daß  die  Entwicklung  konstitutioneller
Einrichtungen  in  der  Industrie,  die  Ausbreitung  der  Produktivgenossenschaften, ­
  die  wachsende  Anteilnahme  der  Arbeiter  am
Besitze  der  Produktionsmittel  ganz  neue  Formen  des  Eigentums
herbeiführen  werden.“
„Wir  glauben  auch  nicht,  daß  die  gegenwärtige  Form  der
Lohnarbeit  für  immer  bestehen  wird.  Aus  der  Sklaverei  von
ehedem  ist  die  Hörigkeit  geworden  und  aus  dieser  das  heutige
System  der  kapitalistischen  Lohnarbeit;  werden  neue  Formen
der  Arbeit  nachfolgen?  Die  Kirche  als  solche  hat  keine  eigent-
        <pb n="351" />
        330  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart
liehe  Theorie  auch  gegenüber  diesen  Problemen;  sie  kann  nur
fordern,  daß  das  Endergebnis  den  Prinzipien  der  Gerechtigkeit
und  den  Notwendigkeiten  des  seelischen  Lebens  entspreche,
daß  der  Arbeiter  hinreichend  viel  verdiene,  um  leben  und  seine
seelischen  Fähigkeiten  entwickeln  zu  können.  Wir  christlichen
Sozialisten  hingegen  sind  fest  überzeugt  davon,  daß  das  Lohnsystem ­
  keineswegs  den  Endpunkt  der  Entwicklung  bedeutet,
daß  es  ebenso  verschwinden  werde,  wie  Sklaverei  und  Hörigkeit
verschwunden  sind,  daß  neue  Entwicklungsformen  an  seine
Stelle  treten  werden.  Wir  christlichen  Sozialisten  lehnen  auch
jenen  Zustand  der  Gegenwart  ab,  in  dem  die  Arbeitskraft  als
Ware  behandelt  wird,  abhängig  von  dem  Gesetz  von  Angebot
und  Nachfrage.  Wir  fordern  andere  Einrichtungen,  die  der
Würde  der  Arbeit  besser  entsprechen;  wir  fordern  ferner  ein
Existenzminimum  für  Bemessung  der  Arbeitslöhne  und  zwar  nicht
ein  Minimum,  das  bloß  die  physische  Existenz  gewährleistet,
sondern  ein  solches,  das  mit  den  Forderungen  unserer  heutigen
Zivilisation  im  Einklang  ist;  nicht  bloß  Nahrung  muß  es  gewähren, ­
  sondern  auch  geistige  Güter  ;  nicht  bloß  Befriedigung
des  Notwendigsten,  sondern  auch  Freude  am  Leben.  Wir  sind
auch  entschiedene  Anhänger  der  Arbeiterschutzgesetzgebung,  der
obligatorischen  Versicherung  gegen  Krankheit,  Unfall  und  Älter.  Wir
fordern,  daß  das  Einkommen  des  Mannes  hinreiche,  um  seine
Familie  zu  ernähren  und  seiner  Gattin  einen  Platz  am  häuslichen ­
  Herde  zu  sichern.  Wir  fordern,  daß  die  Gesundheitsabnützung ­
  des  Arbeiters  in  der  Fabrik  nicht  eine  solche  sei,
daß  er  kranke  Kinder  in  die  Welt  setzt.  Wir  fordern,  daß  ihm
abends  hinreichende  Muße  bleibe,  um  an  allen  geistigen  Gütern
Anteil  nehmen  und  am  Sonntag  seinen  religiösen  Pflichten  genügen ­
  zu  können.“
„All  dies  sind  Ziele;  wichtiger  vielleicht  noch  als  ihre
Formulierung  ist  das  Finden  der  Wege,  um  zu  ihnen  zu  gelangen.
Die  christlichen  Sozialisten  halten  einen  dieser  Wege  für  den
besten,  und  zwar  die  berufsständige  Organisierung  der  Gesellschaft. ­
  Zunächst  soll  die  Organisierung  der  Arbeiter  in  Gewerkschaften ­
  in  jeder  Weise  begünstigt  werden,  alle  Arbeiter  der
Fabrik  sollen  zu  einer  Einheit  werden,  welche  sich  allen  Mißbräuchen ­
  widersetzt,  jede  Verletzung  ihrer  Lebensinteressen
zurückweist.  Diese  Gewerkschaften  sollen  arbeitslose  Mitglieder
        <pb n="352" />
        Die  christlichen  Sozialisten

331

unterstützen,  vor  allem  aber  kollektive  Arbeitsvertrüge  mit  den
Unternehmern  schließen.  Dem  Gesetz  obliegt  es,  dieselben  mit
allen  notwendigen  Garantien  zu  umkleiden.  Ferner  sollen  durch
Gesetzesspruch  ständige  Kommissionen,  aus  Arbeiter-  und  Unternehmerdelegierten ­
  zusammengesetzt,  geschahen  werden,  welche
die  Arbeitsbedingungen  regeln  und  Arbeitskonflikte  verhindern.
Die  Gewerkvereine  werden  auch  für  die  berufliche  Ausbildung
der  jungen  Arbeiter  zu  sorgen  haben,  ja,  späterhin  selbst  gegenüber ­
  den  Konsumenten  Garantien  für  die  Unschädlichkeit  der
Fabrikate  übernehmen  müssen.  In  noch  fernerer  Zukunft  endlich ­
  soll  ihnen  die  Möglichkeit  geboten  werden,  sich  in  Produktivgenossenschaften ­
  zu  organisieren  und  die  Produktionsmittel  in
ihre  eigene  Regie  zu  übernehmen.  Selbst  für  das  politische
Leben  eröffnen  sich  aus  dieser  berufsständigen  Gliederung  neue
Ausblicke.  Ein  Senat,  zusammengesetzt  aus  den  Vertretern  der
Gewerkvereine  und  Produktivgenossenschaften,  der  ökonomischen ­
  Problemen  und  nicht  politischen  Kämpfen  sein  Augenmerk ­
  zuwendet,  mag  die  Stelle  der  heutigen  politischen  Vertretungskörper ­
  einnehmen  und  uns  von  nichtigen  und  zugleich
verheerenden  Parteikämpfen  befreien.  "
„Um  diesem  Endziel  den  Weg  zu  bahnen,  fordern  die
christlichen  Sozialisten  zunächst  die  Ausbildung  einer  Kreditorganisation
  zur  Beförderung  der  Produktivgenossenschaften;
ferner  die  oben  erwähnte  Schaffung  von  Kommissionen  zur
Festlegung  der  Arbeitsbedingungen;  sie  fordern  ferner  die  Anerkennung ­
  der  Rechtsfähigkeit  der  Berufsvereine,  um  diesen  jede
Wirksamkeit,  vor  allem  aber  den  Erwerb  industriellen  Eigentums ­
  und  Bildung  von  Produktivgenossenschaften  zu  erleichtern.
Unsere  Partei  erstrebt  ferner  Begünstigungen  aller  Verbindungen
der  Gewerkvereine  selbst  über  die  Landesgrenzen  hinaus;  ja
überhaupt  berühren  wir  uns  gerade  in  dieser  Linie  mehr  als
in  jeder  anderen  mit  den  Bestrebungen  der  anderen  sozialistischen ­
  Gruppen,  denn  auch  wir  sind,  schon  aus  dem  Geiste
der  katholischen  Kirche  heraus,  durchaus  international  gesinnt.“ ­

Die  Darstellung  des  Jesuiten  Antoine  beginnt  mit  einer
philosophischen  Definition  der  Demokratie.  „Die  Demokratie,“
sagt  er,  „ist  in  ihrem  wesentlichen  Begriff  eine  Organisation  der
Gesellschaft,  in  welcher  alle  sozialen,  juridischen  und  wirf-
        <pb n="353" />
        332  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

schaftlichen  Kräfte  in  voller  hierarchischer  Entwicklung  und  im
richtigen  Verhältnis  zueinander  derart  am  Gemeinwohl  zusammenwirken, ­
  daß  das  letzte  Resultat  ihrer  Tätigkeit  in  besonderer ­
  Weise  den  unteren  Klassen  zum  Vorteil  gereicht“  *).
Das  Gemeinwohl  ist  also  das  generische,  das  besondere  Wohl
der  unteren  Klassen  das  spezifische  Ziel  der  Demokratie.  Beide
Ziele  folgen  aus  der  Natur  der  christlichen  Gesellschaftsordnung.
Ja,  die  christliche  Demokratie  identifiziert  sich  mit  der  christlichen ­
  Gesellschaftsordnung,  denn  die  Verwirklichung  des  Gemeinwohles, ­
  so  wie  diese  es  sich  zum  Ziele  setzt,  führt  logischerweise ­
  zu  einem  besonderen  Schutze  der  zahlreichsten  und
schwächsten  Klassen.  Darum  kann  man  sagen,  daß  die  christliche ­
  Demokratie  aus  dem  Wesen  des  Christentums  sich  ergibt;
„die  hl.  Schriften  enthalten  alle  Elemente  derselben  und
man  kann  sagen,  daß  die  christlichen  Gesellschaften  der  Vergangenheit ­
  virtuell  demokratische  Gesellschaften  waren“ 2 ).
Das  Wesen  der  christlichen  Demokratie,  die  virtuelle  Demokratie, ­
  ist  durch  deren  Ziel  gegeben;  zu  ihr  tritt  die  konkrete
Demokratie,  d.  h.  deren  zufälligen  Merkmale,  welche  in  den
Mitteln  zur  Verwirklichung  jenes  Zieles  bestehen.  Man  kann
nicht  genug  betonen,  daß  das  Wesen  der  christlichen  Demokratie ­
  im  Zusammenwirken  aller  sozialen,  rechtlichen  und  wirtschaftlichen ­
  Kräfte  zum  Schutze  und  zur  Hebung  der  Lage  der
unteren  Klassen  besteht.  Mittel  zur  Verwirklichung  dieses  Zusammenwirkens ­
  und  deswegen  zufällige  Merkmale  der  christlichen ­
  Demokratie  sind:  die  Form  der  Staatsverfassung,  die
rechtliche  Regelung  der  Beziehungen  der  Klassen  zueinander,
die  Art  der  Güterverteilung,  die  Anteilnahme  aller  sozialen
Elemente  an  der  Regierung.  „Es  sind  dies  Modalitäten  des
Seins,  welche  nichts  Permanentes  oder  Absolutes  an  sich  haben
und  nach  den  Umständen  wechseln.  „Man  muß  sorgfältig  beachten, ­
  daß  das  zufällige  Merkmal:  Form  der  Staatsverfassung
und  eventuell  politische  Demokratie  nicht  Voraussetzung,  sondern ­
  lediglich  unwesentliche  Folgerung  aus  der  Begriffsbestimmung ­
  der  christlichen  Demokratie  ist.  Die  soziale  Demokratie
ist  das  Primäre,  sie  muß  notwendig  von  allen  Katholiken  anb

  Ch.  Antoine,  Cours  d’Economie  sociale,  3.  Ausl.,  Paris,  1905,  p.  279  ff.
2 )  ibid.  p.  280.
        <pb n="354" />
        Die  christlichen  Sozialisten

333

genommen  werden,  weil  sie  sich  aus  dem  Wesen  des  Evangeliums ­
  ergibt  und  ein  Grund  zur  Eintracht  ist“  ;  die  politische
Demokratie  aber  ist  ein  Sekundäres,  Zufälliges,  „das  man  erlaubterweise ­
  annehmen  oder  verwerfen  kann“  *).
Bei  Antoine  vollzieht  also  die  christliche  Demokratie
einen  vollständigen  Rückzug  bezüglich  der  Frage  der  republikanischen ­
  Staatsverfassung.  Sie  verzichtet  ausdrücklichst  darauf,
sich  fortan  mit  einer  bestimmten  Regierungsform  zu  identifizieren. ­
  Aber  auch  alle  andern  Ideen  des  katholischen  Sozialismus: ­
  die  korporative  Organisation  des  Wirtschaftslebens,  die
Vergenossenschaftlichung  der  Produktionsmittel,  die  Beseitigung
der  Arbeitgeber  und  der  Lohnarbeit,  die  Verwerfung  der  Klassenhierarchie ­
  und  die  Forderung,  daß  die  soziale  Stellung  eines
jeden  ausschließlich  durch  seinen  persönlichen  Wert  und  seine
persönliche  Arbeitsleistung  bestimmt  werde  usw.,  alles  dies  läßt
Antoine  fallen  mit  der  Begründung,  daß  diese  Anschauungen
„in  keinerlei  Weise  aus  dem  Begriff  der  christlichen  Demokratie
folgen“ 2 ).  Diese  selbst  aber  ist  fortan  (seit  der  Enzyklika
Graves  de  communi)  „ein  integrierender  und  notwendiger  Bestandteil ­
  des  Katholizismus“ 3 ).
Die  Deutung  der  christlichen  Demokratie  durch  Antoine,
welche  sich  formell  auf  die  Rettung  des  Ausdrucks  „Demokratie“
reduziert,  macht  zunächst  den  Eindruck  größter  Harmlosigkeit.
Man  würde  sich  aber  einer  schweren  Täuschung  hingeben,
wenn  man  bei  diesem  Eindruck  stehen  bliebe  und  hinter  der
Sache  weiter  nichts  sehen  wollte,  als  etwa  eine  große  Virtuosität ­
  im  Umfallen.  In  Wirklichkeit  hat  Antoine  durch  seine
Darstellung  der  christlichen  Demokratie  dieser  einen  großen
Dienst  erwiesen.  Er  hat  sie  nämlich  zugleich  in  der  katholischen ­
  Theologie  fest  verankert  und  ihr  die  Bahn  für  die  zukünftige ­
  Entwicklung  frei  gemacht.
Vergegenwärtigen  wir  uns  die  Situation  :  von  den  Gesinnungsgenossen ­
  de  la  Tour  du  Pins,  und  zwar  nicht  nur
in  Frankreich,  wurde  —  und  wird  heute  noch  —  der  Begriff

')  ibid.  p.  281-282.
2 )  ibid.  p.  290.
3 )  ibid.  p.  292.
        <pb n="355" />
        334  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

christliche  Demokratie  oder  katholischer  Sozialismus  leidenschaftlich ­
  bekämpft.  Die  Enzyklika  Leos  XIII.  „Graves  de
communi“  und  die  ersten  Akte  Pius’  X.  zeigen,  daß  der  päpstliche ­
  Stuhl,  der  Anfang  der  90er  Jahre  in  entschieden  demokratischem ­
  Fahrwasser  schwamm,  sich  den  Reaktionen  willfährig ­
  erweist  und  sich  von  den  nach  links  Vordrängenden  zurückzieht. ­
  In  dieser  Sachlage  kommt  nun  die  scholastische
Methode  den  christlichen  Demokraten  zur  Verteidigung  ihrer
Stellung  zu  Hilfe.  P.  Antoine  nimmt  die  scholastische  Operation ­
  der  Unterscheidung  von  Wesentlichem  und  Zufälligem
am  Begriffe  „christliche  Demokratie“  vor;  als  Wesentliches  an
demselben  stellt  er  den  längst  von  der  katholischen  Theologie
rezipierten  Grundsatz  des  Interventionismus  hin.  Indem  er
nun  diesem  Prinzip,  in  engem  Anschluß  an  die  Enzyklika  „Graves
de  communi“,  den  Namen  :  christliche  Demokratie  gibt,  rückt  der
letztere  Begriff  in  die  ehrwürdige  Theologie  des  hl.  Thomas  von
Aquin  und  in  den  geheiligten  Bestand  der  offiziellen,  kirchlichen
Wissenschaft  ein.  Andererseits  macht  Antoine  alle  Ideen,  die
wir  als  eigentlichen  Inhalt  des  christlichen  Sozialismus  kennen
gelernt  haben,  zu  Akzidenzien,  die  mit  dem  Wesen  desselben
nichts  zu  tun  haben.  Und  indem  er  so  weit  geht,  sie  einfach
fallen  zu  lassen  —  was  ihm  kein  Opfer  kostet,  da  er  selbst  dem
Zentrum,  nicht  dem  linken  Flügel  des  katholischen  Sozialismus
angehört,  wenn  auch  seine  Sympathien  mehr  nach  links  als
nach  rechts  gehen  —  dokumentiert  er,  daß  es  der  christlichen
Demokratie  vor  allem  um  eine  rechtgläubige  Fundamentierung
zu  tun  ist,  und  entzieht  den  Angriffen  von  rechts  die  Flanke,
welche  sie  denselben  bot.  Die  endgültige  Wirkung  dieser,  von
den  christlichen  Demokraten  seit  1901  zum  Teil  versuchten  und
von  Antoine  am  vollkommensten  durchgeführten  Taktik  ist,
den  Begriff  Demokratie,  dem  alles  Definieren  Leos  XIII.  und
Antoines  selbstverständlich  seine  historische,  traditionelle  Bedeutung ­
  nicht  nehmen  kann,  in  zunehmendem  Maße  in  der  sozialkatholischen
  Schule  zu  akkreditieren.  Der  Morgen  ist  nicht  fern,
wo  diese  in  dem  verwunderten  Bewußtsein  erwachen  wird,  durch
und  durch  demokratisch  zu  sein,  und  dann  ist  der  Augenblick
gekommen,  von  dem  —  als  Zufälliges  und  Unwesentliches  —
der  Diskussion  einstweilen  entrückten  Ideenschatz  der  Stürmer
und  Dränger  der  90er  Jahre  das  in  den  Begriff  der  christ-
        <pb n="356" />
        Die  christlichen  Sozialisten

335

liehen  Demokratie  wieder  aufzunehmen,  was  den  Zeitumständen
entsprechen  mag 1 ).

i)  Als  Outsider  des  christlichen  Sozialismus  sind  noch  zu  erwähnen:
Paul  Lapeyre  und  die  1887—1907  erschienene  Monatsschrift  Revue  du  Christianisme ­
  social.
Paul  Lapeyre  ist  ein  etwas  unklarer  Geist.  Er  schrieb  Le  Socialisme
catholique  (Bd.  I:  Les  Vérités  mâles,  Bd.  II:  Les  Vérités  femelles),  Paris,  1894.
Ein  wunderliches  und  zusammenhangloses  Buch,  in  dem  der  Geist  der  vorachtundvierziger
  Epoche  spukt.  Ferner:  Le  Catholicisme  social,  3  Bde.,  Paris,  1900.
In  diesem  geht  der  Verfasser  von  Bûchez’  Anschauung  aus,  das  Individuum  sei
in  erster  Linie  für  die  Gesellschaft  da,  nicht  umgekehrt,  und  entwickelt  eine
Gesellschaftslehre,  der  das  Postulat  zugrunde  liegt:  das  Individuum  hat  die
Pflicht,  der  Gesellschaft  nach  Maßgabe  seiner  Fähigkeiten  zu  dienen  ;  die  Gesellschaft ­
  hat  die  Pflicht,  das  Recht  des  Individuums  auf  Arbeit  zu  sichern  und  die
Leistungen  des  Individuums  nach  Maßgabe  der  Bedürfnisse  desselben  zu  entlohnen. ­
  An  Bûchez’  Eigentumslehre  geht  jedoch  Lapeyre  vorbei.  Seine  Werke
kommen  wohl  nur  als  Curiosa  in  Betracht,  als  eine  verspätete  Verkörperung  des
unfertigen,  utopischen  Geisteszustandes  der  Sturm  und  Drangperiode  des  Julikönigtums. ­

Die  von  Chastand  herausgegebene  Zeitschrift  Revue  du  christianisme  social
verfolgte  nicht  wissenschaftliche  Zwecke,  sondern  ausschließlich  solche  der  Propaganda. ­
  Die  leitenden  Ideen  der  Zeitschrift  sind  folgende:  „Daß  die,  welche
sagen:  Vater,  zukomme  uns  dein  Reich!  nicht  darunter  verstehen:  dein  Reich
komme  im  Himmel!  denn  diese  Bitte  wäre  zweifellos  überflüssig  genug,  aber:
es  komme  schon  auf  Erden!“  Ferner:  „(Wir  wenden  uns  an)  jene,  welche,  wenn
sie  sagen:  Unser  tägliches  Brot  gib  uns  heute!  nicht  darunter  verstehen:  Vater,
ein  jeder  gewinne  sein  Leben,  wie  er  es  eben  kann,  .  .  .  sondern  an  jene,  welche
denken,  daß  viele  Menschen  in  der  Welt  und  selbst  an  ihrer  Seite  Recht  darauf
hätten,  ihr  tägliches  Brot  zu  haben,  es  aber  nicht  haben.  .  .  .  Wir,  die  wir
unser  tägliches  Brot  haben,  verlangen  für  alle  das  Recht  auf  Brot.  .  .  .  Wir,
die  wir  eine  Familie  haben,  welche  wir  kennen,  weil  wir  sie  bei  andern  Gelegenheiten ­
  als  bei  Nacht  sehen,  verlangen  für  alle  das  Recht  auf  eine  Familie.  .  .  .
Wir  haben  unsern  wöchentlichen  Ruhetag  und  verlangen  ihn  für  alle  .  .  .  Wir
haben  Zeit  krank  zu  sein  und  verlangen  für  alle  das  Recht  auf  Krankheit  .  .  .
Wir  haben  Bücher  und  verlangen  für  alle  das  Recht  auf  Unterricht  .  .  .  Wir
haben  durch  das  Evangelium  Seelenfrieden  empfangen,  wir  verlangen  für  alle
das  Recht  auf  Trost,  Sicherheit,  Sieg  über  Egoismus  und  Tod:  in  einem  Wort,
das  Recht  auf  Seelenheil.“
        <pb n="357" />
        336  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

5.  Kapitel.
Der  „Sillon“ 1 ).
Während  die  Führer  der  christlichen  Demokratie  sich  von
ihren  Anhängern  verlassen  sehen,  und  die  gelehrte  Diplomatie
des  Jesuiten  Antoine  ihr  die  Wege  einer  günstigeren  Zukunft
ebnen  will,  tritt  eine  Jungmannschaft  frisch  in  den  Kampf  für
das  Ideal  der  christlichen  Demokratie.
Marc  Sangnier,  der  Begründer  und  Führer  des  Sillon,  war
Schüler  des  Collège  Stanislas,  als  er  regelmäßige  Diskussionen ­
  über  Christentum  und  Demokratie  mit  einer  Anzahl
Studiengenossen  in  einem  Keller  der  Schule  veranstaltete.  Diese
Zusammenkünfte,  von  ihren  Teilnehmern  euphemistisch  Réunions
de  la  „Crypte“  genannt,  erfreuten  sich  sonderbarerweise  des
wohlwollenden  Schutzes  der  Leiter  der  Anstalt.  Als  M.  Sangnier ­
  dann  die  Ecole  polytechnique  bezog,  verpflanzte  er
die  Veranstaltung  dorthin.  Im  intimen  Kreise  von  Gesinnungsgenossen ­
  las  und  besprach  man  die  Evangelien  und  die  Briefe
des  hl.  Paulus.  In  den  kontradiktorischen  Versammlungen,
die  allen  Schülern  der  Anstalt  zugänglich  und  vom  damaligen
Gouverneur  derselben,  General  André,  dem  späteren  Kriegsminister, ­
  gefördert  wurden,  wurde  leidenschaftlich  über  die
Fragen  der  Organisation  einer  christlich-demokratischen  Gesellschaftsordnung ­
  debattiert.  Überall,  wo  M.  Sangnier  hinkam,
machte  er  für  sein  christlich-demokratisches  Ideal  Propaganda.
Gewiß  waren  seine  Ideen  noch  sehr  unklar  und  unfertig,  aber
seine  enthusiastische,  überschäumende  Natur  machte  Eindruck
und  wußte  sich  Gehör  zu  verschaffen.  1898  finden  wir  ihn  als
Sekondeleutnant  in  Toul.  Jeden  Samstag  hielt  er  dort  vor  einem
ganzen  Bataillon  Vorträge  über:  Armee  und  Demokratie.  Die
*)  Das  hier  verwertete  Material  ist,  abgesehen  von  mündlicher  Information,
zwei  Briefen  von  Marc  Sangnier  an  den  Direktor  des  Temps  entnommen;  dieselben ­
  erschienen  in  Nr.  16  868  und  16  869  —  30.  und  31.  August  1907  —
dieser  Zeitung.  Daneben  wurden  herangezogen  :  die  Zeitschrift  le  Sillon  und  das
Wochenblatt  VEveil  démocratique  ;  der  Bericht  des  siebenten  Kongresses  des  Sillon
(1908);  die  Flugschrift:  Jean  Desgranges,  Qu’est-ce  que  le  Sillon?  o.  D.  Paris
und  Limoges;  endlich:  L.  Cousin,  Catéchisme  d’Economie  politique  et  sociale
du  „Sillon“  4.  Ausi.  o.  D.  Paris  und  Lyon.
        <pb n="358" />
        Der  Sillon

337

Leute  beteiligten  sich  mit  steigendem  Interesse  an  den  Diskussionen, ­
  und  Sangnier  gewann  unter  ihnen  begeisterte  Anhänger. ­
  In  Paris  setzten  er  und  seine  Studiengenossen  vom
Collège  Stanislas  die  Réunions  de  la  Crypte  fort,  allerdings ­
  nicht  mehr  wie  anfangs  im  Keller  des  Gymnasiums,  und
gewannen  immer  mehr  die  Aufmerksamkeit  katholischer  und
sozialistischer  Kreise.  1899  wurde  Le  Sillon,  eine  von  Paul  Benaudin
  1894  gegründete  literarische  Zeitschrift,  das  Organ  der  von
M.  Sangnier  ins  Leben  gerufenen  religiös  -  demokratischen
Bewegung.  Der  Name  der  Zeitschrift  ging  auf  das  ganze  Unternehmen ­
  über.  Noch  war  der  Sillon  in  der  Hauptsache  eine
Gruppe  von  Intellektuellen  insbesondere  von  Studenten.  Von
1899  an  unternahmen  M.  Sangnier  und  seine  Freunde  es,  die
katholischen  Arbeiter-  und  Gesellenvereine  für  sich  zu  gewinnen, ­
  indem  sie  "diese  veranlaßten,  ohne  Mittun  der  Präsides
selbständige  Cercles  d'Etudes  zu  bilden.  In  Paris  wurden  Kongresse ­
  von  Delegierten  der  Cercles  d’Etudes  abgehalten.
Sangniers  Gedanke  war,  durch  die  Cercles  d  Etudes  entschiedene ­
  Anhänger  heranzubilden,  welche  alsdann  in  Volksversammlungen ­
  usw.  für  die  Bewegung  Propaganda  zu  machen
hätten.  Das  Schlagwort  zur  Bezeichnung  dieser  Propaganda  ist
„Erziehung  des  Volkes  zur  Demokratie“.  Die  ersten  in  Paris  abgehaltenen ­
  Volksversammlungen  führten  zu  blutigen  Zusammenstößen ­
  mit  antiklerikalen  Manifestanten.  Die  kontradiktorischen
Versammlungen  des  Sillon,  bei  denen  Führer  der  Radikalsozialisten ­
  und  Sozialisten  wie  F.  Buisson,  Jules  Guesde  usw.  nicht
verschmähten  aufzutreten,  trugen  viel  zur  Klärung  der  Ideen
der  „Sillonisten“  bei.  In  dem  Maße  als  dies  geschah,  wuchs
die  Zahl  der  Anhänger  aus  Arbeiterkreisen.  Viel  tat  zur  Verbreitung ­
  der  Bewegung  die  individuelle  Propaganda  in  den
Lyzeen,  Seminarien,  Kasernen,  Bureaus,  Fabriken  usw.  Die
Zahl  der  Cercles  d’Etudes  beläuft  sich  heute  auf  vier-  bis
fünfhundert.  1906  wurden  auf  100  Anhänger  der  Bewegung
33  Industrie-  und  13  Landarbeiter,  27  Angestellte,  12  Angehörige
freier  Berufe,  9  Priester,  3  Arbeitgeber,  3  Berufslose  berechnet.
Die  Cercles  d’Etudes  gruppieren  sich  meist  um  Sillons  régionaux, ­
  welche  sich  in  den  meisten  Hauptstädten  der  alten  Provinzen ­
  gebildet  haben.  Das  Sillon  central  in  Paris  gibt  Propagandabroschüren ­
  heraus,  ferner  die  Zeitschrift  Le  Sillon  (Auflage
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  22
        <pb n="359" />
        338  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

ca.  6000)  und  das  Wochenblatt  VEveil  démocratique  (Auflage  ca.
50  000).  Die  Organisation  der  ganzen  Bewegung  ist  eine  straff
zentralistische.  Allerdings  wird  großer  Wert  darauf  gelegt,  zu
betonen,  der  Sillon  sei  vor  allem  ein  freies  Freundschaftsband;
Zwangsbeiträge  werden  von  den  Mitgliedern  der  Organisationen
nicht  erhoben;  Ein-  und  Austritt  stehen  jedem  jederzeit  frei.
Aber  die  jährlichen  Kongresse  in  Paris  geben  strenge  Direktiven;
alle  drei  Monate  finden  in  Paris  Besprechungen  der  Führer
statt,  und  die  Zentralleitung  legt  den  größten  Wert  darauf,  mit
jedem  Cercle  d’Etudes  draußen  in  der  Provinz  und  mit  jedem
tätigen  Genossen  in  möglichst  enger,  dauernder  Fühlung  zu  sein.
M.  Sangui  er  hat  längst  die  Offizierslaufbahn  aufgegeben,  um
sich  ganz  der  Leitung  der  Bewegung  zu  widmen.  Was  uns  natürlich ­
  in  erster  Linie  hier  interessiert,  ist  die  Doktrin  des  Sillon.
Marc  Sangnier  formuliert  diese  wie  folgt:  „Wir  sind
Demokraten.  Die  Demokratie  ist  für  uns  diejenige  soziale  Organisation, ­
  welche  das  Gewissen  und  die  Verantwortung  als
Bürger  bei  einem  jeden  am  höchsten  zu  entwickeln  bestrebt
ist.  Wir  lieben  die  Demokratie  nicht  bloß  wegen  der  materiellen ­
  Vorteile,  welche  sie  der  zahlreichsten  und  am  meisten
enterbten  Klasse  zu  verschaffen  vermag,  sondern  hauptsächlich,
weil  sie  uns  fähig  zu  sein  scheint,  die  Bürger  zu  höherer  Würde
zu  erheben,  ihre  intellektuellen  und  sittlichen  Fähigkeiten  zu
vergrößern.  ...  Wir  sind  Republikaner,  weil  die  Republik  uns
die  vollkommenste  Form  der  politischen  Demokratie  zu  sein
scheint.  Auf  wirtschaftlichem.  Gebiete  ist  uns  der  Gedanke  der
genossenschaftlichen  Organisation  (der  Produktion  und  des  Verbrauchs) ­
  sympathisch;  wir  ziehen  sie,  unter  sonst  gleichen  Umständen, ­
  der  Lohnarbeit  vor;  unter  allen  Umständen  streben  wir
nach  einer  Umformung  der  Gesellschaftsordnung,  welche  die
Masse  des  Proletariates  zu  einer  wirtschaftlichen  Würde  erhebe,
die  bisher  den  Arbeitgebern  allein  eigen  war.  Wir  wollen
also  mit  allen  Kräften  daran  arbeiten,  in  Frankreich  eine  demokratische ­
  Republik  zu  verwirklichen.  Wir  verhehlen  uns  nicht,
daß  das  heutige  Frankreich  viel  eher  einer  enthaupteten  Monarchie ­
  als  einer  Republik  ähnlich  und  daß  unsere  Wirtschaftsorganisation ­
  nichts  weniger  als  demokratisch  ist“ 1 ).
b  Marc  Sangnier,  II.  Brief  an  den  Direktor  des  Temps  ;  Temps  vom
31.  August  1907.
        <pb n="360" />
        Der  Sillon

339
Zur  Verwirklichung  der  Ziele  des  Sillon  hält  Sangnier
drei  Mittel  für  geeignet:  eine  gesetzgeberische,  eine  wirtschaftliche
und  eine  religiös-sittliche  Aktion.
Auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung  will  er  erreichen:  umfassenden ­
  Arbeiterschutz,  Maximalstundentag  nicht  nur  für  Frauen
und  Kinder,  sondern  auch  für  erwachsene  Arbeiter  ;  Festsetzung
eines  Minimallohnsatzes,  wöchentlichen  Ruhetag,  Altersversicherung ­
  usw.  Unter  wirtschaftlicher  Aktion  versteht  er  den  Zusammenschluß ­
  der  Proletarier  in  Genossenschaften  und  Berufsvereinen, ­
  welche  nach  und  nach  die  bestehende  Gesellschaftsordnung ­
  in  eine  christlich-demokratische  überführen  und  die
gesetzgeberische  Aktion  in  steigendem  Maße  entbehrlich  und
überflüssig  machen  werden x ).  Die  sittlich-religiöse  Aufgabe  des
Sillon  besteht  in  der  Durchdringung  der  Nation  mit  christlichdemokratischem ­
  Geist.  Das  wichtigste  Hindernis,  welches  sich
diesem  Geiste  entgegensetzt  ,  ist  der  Gegensatz  zwischen  allgemeinem ­
  und  persönlichem  Interesse.  Um  das  Privatinteresse
dem  allgemeinen  zu  opfern,  ist  sittliche  Kraft  erforderlich.  Das
Christentum  ist  eine  unvergleichliche  Quelle  dieser  Kraft.
Die  Sillonisten  wollen  also  eine  christlich  -  demokratische
Gesellschaftsordnung  durch  das  dreifache  Mittel  der  Sozialgesetzgebung, ­
  des  genossenschaftlichen  Zusammenschlusses  von  Produzenten ­
  und  Konsumenten  und  der  sittlich-religiösen  Volkserziehung ­
  herbeiführen.  Man  darf  jedoch  nicht  außer  acht
lassen,  daß  das  volkswirtschaftliche  Programm,  welches  wir
hier  greifbar  machten,  in  der  Sillon  bewegung  nur  eine  sekundäre ­
  Rolle  spielt.  Die  Sillon  propaganda  operiert  in  erster
Linie  mit  dem  Gefühl;  der  Sillon  ist  zunächst  und  vor  allem
ein  Freundschaftsbund,  der  seine  Anhänger  durch  das  Band
gemeinsamer  religiöser  und  demokratischer  Empfindungen  umschlingen ­
  will.  Daß  man  im  Kampfe  der  Diskussionen  in  den
Versammlungen  immer  mehr  gezwungen  wurde,  zu  den  wirtschaftlichen ­
  Fragen  präzis  Stellung  zu  nehmen  und  daß  dies
im  Sinne  der  vorgefundenen  sozialkatholischen  und  christlichb
  Den  evolutionistischen  Gedanken  formuliert  M.  Sangnier  wie  folgt:
„Wir  sind  zugleich  Revolutionäre  und  Traditionalisten.  Der  Fortschritt  ist  für
uns  die  Tradition  auf  dem  Marsch:  wir  wollen  das  Werk  unserer  Väter  fortführen ­
  und  das  in  Angriff  nehmen,  was  die  besten  unter  ihnen  getan  hätten
wenn  sie  in  unsern  Tagen  gelebt  hätten.“  loc.  cit.  II.
        <pb n="361" />
        340  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

demokratischen  Theorien  geschah,  war  natürlich.  Aber  am
Tage,  wo  die  Führer  des  „Sillonisme“  zur  Einsicht  gelangen
würden,  daß  z.  B.  eine  kollektivistische  Gesellschaftsordnung,
d.  h.  die  Verstaatlichung  der  Produktionsmittel,  geeigneter  sei,
die  Lage  der  unteren  Klassen  zu  verbessern  und  die  „wahre“
Demokratie  zu  verwirklichen,  als  das  korporative  Ideal,  d.  h.
die  Vergenossenschaftlichung  des  Wirtschaftslebens,  würden  sie
das  Programm  des  Sillon  in  diesem  Sinne  ändern  können,
ohne  daß  dadurch  dessen  Wesen  als  christlich-religiöser  und
demokratischer,  proletarierfreundlicher  Freundschaftsbund  berührt ­
  würde.  Aus  dieser  Feststellung  ergibt  sich  klar  der  prinzipielle ­
  Unterschied  zwischen  der  Gruppe  der  christlichen  Demokraten ­
  und  der  noch  weiter  links  stehenden  Sill  on  gruppe.
Der  Sillon  wird  von  den  rechtsstehenden  Sozialkatholiken
und  den  Führern  der  sozialkatholischen  Organisationen  seit
etwa  10  Jahren  wegen  seines  Republikanismus  und  seiner  beharrlichen ­
  Weigerung,  seine  Cercles  d’Etudes  in  jene  Organisationen ­
  aufgehen  zu  lassen  oder  mit  ihnen  in  Verbindung
zu  bringen,  auf  das  heftigste  und  leidenschaftlichste  bekämpft.
Es  ist  ihm  trotzdem  gelungen,  bis  heute  in  leidlich  guten  Beziehungen ­
  mit  dem  Vatikan  zu  bleiben;  die  Verbote,  durch  welche
viele  Bischöfe  ihren  Klerikern  den  Beitritt  untersagten,  sind  infolge ­
  der  formlosen  Organisation  des  Sillon  ziemlich  wirkungslos.
Mit  den  ethisch-historischen  Nationalökonomen  an  den  juristischen ­
  Fakultäten  des  Staates  unterhalten  die  Führer  des  Sillon
die  besten  Beziehungen x ).  Die  sozialkatholische  Schule  wird  in
steigendem  Maße  mit  der  stetig  fortschreitenden  Bewegung  zu
rechnen  haben.  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  daß  die  zukünftige ­
  Entwicklung  der  sozialkatholischen  Einheitsdoktrin  vom
Sillon  her  im  Sinne  der  christlich-demokratischen  Anschauungen ­
  entscheidend  wird  beeinflußt  werden.

i)  Diese  werden  wesentlich  dadurch  gefördert,  daß  jene  immer  und  immer
wieder  betonen,  der  Sillon  sei  nicht  konfessionell  und  vertrage  sich  auch  mit
dem  Freidenkertum  recht  gut,  sofern  dieses  nur  aufrichtig  demokratisch  und
proletarierfreundlich  sei.
        <pb n="362" />
        Das  sozialkatholische  Zentrum

341

6.  Kapitel.
Das  sozialkatholische  Zentrum.
Das  sozialkatholische  Zentrum  ist  nicht  eine  homogene
Gruppe  wie  etwa  der  rechte  oder  der  linke  Flügel  der  Schule.
Wir  haben  bereits  wiederholt  Gelegenheit  gehabt,  über  dessen
Zusammensetzung  Andeutungen  zu  geben.  Es  birgt  Anhänger
der  korporativen  Wirtschaftsordnung,  welche  je  nach  Herkunft,
Erziehung  usw.  bald  mehr  nach  rechts,  bald  nach  links  neigen  ;
es  birgt  aber  auch  viele  Katholiken,  welche  auf  dem  Boden
der  bestehenden  individualistischen  Gesellschaftsordnung  stehen,
die  jedoch  bezüglich  des  Grades  der  Abhängigkeit  der  volkswirtschaftlichen ­
  Anschauungen  von  Religion  und  Moral,  sowie
bezüglich  des  Ausmaßes  der  staatlichen  Einmischung  ins  Wirtschaftsleben ­
  noch  nicht  zu  einheitlichen  Anschauungen  gekommen ­
  sind.  Gemeinsam  ist  allen  das  Bekenntnis  zur  grundsätzlichen ­
  Notwendigkeit  dieser  Einmischung  und  der  Wille  zur
Vereinheitlichung  der  Anschauungen  und  der  sozialkatholischen
Bewegung.  Dieser  Wille  wird,  wie  wir  gesehen  haben,  vom
gegenwärtigen  Papste  nachdrücklichst  unterstützt.
Das  Schwergewicht  der  Betätigung  des  sozialkatholischen
Zentrums  liegt  nach  wie  vor  auf  dem  Gebiete  der  praktischen
Organisation  und  Propaganda.  Zwar  ist  die  von  Maignen,  de
Mun,  de  la  Tour  du  Pin  u.  a.  in  den  siebziger  Jahren  ins  Leben
gerufene  Oeuvre  des  Cercles  abgeflaut.  Es  bestehen  nur  mehr
wenige  der  ursprünglichen  Cercles.  Dagegen  hat  sich  in  den
letzten  Jahren  unter  Führung  insbesondere  von  Henri  Lorin,
P.  de  Pascal,  Savatier,  J.  her  olle,  Zamanski  usw.  die  Association  de
la  Jeunesse  catholique  gebildet,  welche  zurzeit  etwa  300000  Mitglieder ­
  zählt  und  in  raschem  Wachsen  begriffen  ist.  Diese
Jugendorganisation  hat  zum  Zweck,  eine  Generation  von  Wählern ­
  heranzubilden,  mit  deren  Hilfe  die  sozialkatholische  Schule
zur  herrschenden  politischen  Partei  in  Frankreich  werde l ).  Eine
i)  Über  die  Association  de  la  Jeunesse  catholique  und  ihre  Ziele  unterrichten ­
  sehr  gut:  Henri  Basire,  L’Orientation  sociale  de  la  Jeunesse  catholique,
3.  Ausl.,  Paris,  1905  und  :  Jos.  Zamanski,  L’Action  sociale  dans  l’Association
catholique  de  la  Jeunesse  française,  Paris,  1907.  Beide  Broschüren  enthalten  zugleich ­
  eine  kurze  Zusammenfassung  der  sozialkatholischen  Doktrin  der  Gegenwart.
        <pb n="363" />
        342  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

politische  Kampforganisation  mit  unmittelbarem  Gegenwartszweck ­
  ist  die  Action  libérale  'populaire.  Sie  hat  eine  Reihe  ländlicher ­
  Kreditkassen,  insbesondere  in  der  Côte  d’Or,  ferner  zahlreiche ­
  Gegenseitigkeitsgenossenschaften,  etwa  vierzig  Volkssekretariate ­
  mit  unentgeltlicher  Rechtsauskunft  und  ebensolcher  ärztlicher ­
  Pflege,  sowie  mehrere  andere  Organisationen  geschaffen.
Dem  Volksverein  für  das  katholische  Deutschland  in  M.-Gladbach
haben  die  französischen  Sozialkatholiken  die  Einrichtung  der
sozialwissenschaftlichen  Kurse  abgelauscht.  Diese  Veranstaltungen,
Semaines  sociales,  werden  abwechselnd  in  den  bedeutenderen
Städten  des  Landes  unter  reger  Beteiligung  des  Episkopats  und
von  Universitätsprofessoren  abgehalten.  Erfolgreich  ist  besonders ­
  die  von  Frau  Professor  Jean  Brunhes  ins  Leben  gerufene
Ligue  sociale  des  acheteurs.  Sie  umfaßt  sechs  Abteilungen,
welche  sich  die  Erforschung  und  die  Besserung  der  Lage  der
Heimarbeiterinnen  und  häuslichen  Dienstboten,  sowie  der  in
den  Konfektions-,  Wäscherei-,  Konditorei-  und  Friseurbranchen
beschäftigten  Arbeiterinnen  zum  Ziel  gesetzt  haben.  Eine  ganze
Reihe  Pariser  Häuser  haben  sich  bereits  den  von  dieser  Liga
im  Interesse  der  Arbeiterinnen  gestellten  Einkaufsbedingungen
angepaßt.
Im  Sinne  des  Sozialkatholizismus  wirken  ferner  zahlreiche
karitative  und  sozialpolitische  weibliche  Unternehmungen,  welche
teils  im  Anschluß  an  jene  Konsumentenliga  ins  Leben  traten,
teils  aus  der  allgemeinen  feministischen  Bewegung,  die  mit  dem
beginnenden  XX.  Jahrhundert  in  Frankreich  kräftig  eingesetzt
hat,  hervorgingen  *).  Auf  dem  Gebiete  der  Arbeiterorganisation ­
  sind  auf  sozialkatholischer  Seite  die  Unions  des  Travailleurs ­
  libres  zu  erwähnen.  Es  sind  Arbeitervereine  (nicht  Berufsvereine),
  welche  ihren  Mitgliedern  gegen  einen  wöchentlichen
Beitrag  von  0,25  Fr.  einen  Arbeitsnachweis,  konsumgenossenschaftliche ­
  Einrichtungen,  Hilfskassen,  unentgeltliche  Rechtsauskunft ­
  und  ebensolchen  ärztlichen  Beistand,  Vorträge  und
gesellige  Veranstaltungen  bieten.  Die  erste  dieser  Unions  entstand ­
  1901  in  Grenelle  (Paris);  heute  hat  sich  die  Organisation ­
  über  mehrere  Stadtteile  von  Paris  ausgedehnt  und  beginnt ­
  auf  die  Provinz  überzugreifen  (Nancy).  Die  Mitglieder-')

  Vgl.  Max  Tarmanti,  Initiatives  feminines,  Paris,  1906,
        <pb n="364" />
        Das  sozialkatholische  Zentrum

343

zahl  ist  mit  10000  eher  zu  niedrig  bemessen.  Was  die  Arbeiterberufsvereine ­
  betrifft,  so  bildet  deren  Gründung  und  Ausbreitung
zwar  einen  wesentlichen  Programmpunkt  der  sozialkatholischen
Doktrin  ;  das  ganze  Zukunftsideal  der  korporativen  Wirtschaftsordnung ­
  ist  auf  dieselben  aufgebaut.  Bis  jetzt  aber  ist  man  im
sozialkatholischen  Lager  in  der  Hauptsache  darauf  angewiesen,
Einfluß  auf  Arbeitsbörsen,  „gelbe“  und  „rote“  Syndikate  zu  erstreben. ­

Der  volkswirtschaftliche  Unterricht  an  den  katholischen
Universitäten  Frankreichs 1 )  bewegt  sich  traditionell  im  Fahrwasser ­
  des  Nichtinterventionismus.  Eine  Ausnahme  macht  jedoch ­
  Lille.  Dort  besteht  eine  1893  gegründete  Ecole  des
Sciences  sociales  et  politiques,  welche  mit  der  juristischen
Fakultät  des  dortigen  Institut  catholique  verbunden  ist.  An  derselben ­
  kommen  katholische  Volkswirte  aller  Richtungen  und
auch  des  Auslandes  zum  Wort.  Die  Schule  ist  in  erster  Linie
für  Juristen,  welche  sich  der  politischen  Laufbahn  oder  der
Journalistik  widmen  wollen,  sowie  für  junge  Geistliche  bestimmt.
Sie  umfaßt  drei  Abteilungen:  1.  allgemeine  Vorlesungen,
2.  Spezialvorlesungen,  3.  praktische  Arbeiten.  Neuerdings  wurden ­
  noch  „Conférences  d’Anthropologie  et  de  Biologie“  angegliedert. ­
  Die  Vorlesungen  der  ersten  Abteilung  sind  die  durch
die  staatlichen  Unterrichtsprogramme  für  die  juristischen  Fakultäten ­
  vorgeschriebenen  staatsrechtlichen  und  nationalökonomischen ­
  Vorlesungen.  Diese  erstrecken  sich  auf  vier  Jahre  und
bereiten  auf  das  juristische  Lizentiat  bezw.  auf  das  „Doctorat ­
  ès-sciences  politiques  et  économiques“  vor.  Zu  den  vorgeschriebenen ­
  Lehrfächern:  Staats-,  Verwaltungs-  und  Völkerrecht, ­
  vergleichendes  Verfassungsrecht  und  Geschichte  des
öffentlichen  Rechts  in  Frankreich,  treten  an  der  katholischen
Universität  Lille:  Naturrecht,  Kirchenrecht  und  Apologetik.  Die
Vorlesungen  der  nationalökonomischen  Abteilung  sind:  Nationalökonomie ­
  für  das  Lizentiat  und  Nationalökonomie  für  das  Doktorat,
dann  die  Doktoratsfächer  :  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen

&amp;gt;)  Bis  August  1909  bestanden  sechs  Instituts  catholiques  in  Paris,  Lyon,
Lille,  Angers,  Toulouse  und  Bordeaux.  Durch  päpstliches  Breve  wurden  neuerdings ­
  diejenigen  von  Lyon,  Angers,  Toulouse  und  Bordeaux  aufgehoben.  Nur
die  von  Paris  und  Lille  bestehen  zur  Zeit  fort.
        <pb n="365" />
        344  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Doktrinen,  Gewerbegesetzgebung,  Finanzwissenschaft  und  Steuergesetzgebung. ­
  Gegenüber  anderen  Fakultäten  ist  diese  Besetzung ­
  der  volkswirtschaftlichen  Fächer,  welche  sich  auf  das
strikte  Minimum  beschränkt,  eher  dürftig.  Um  so  reichhaltiger
ist  dafür  der  Lehrplan  der  Spezialvorlesungen.  Wir  haben  uns
darunter  Vorträge  über  öffentlich-rechtliche,  staatswissenschaftliche ­
  und  geschichtliche  Themata  vorzustellen,  von  denen  jedes
in  zwei,  vier,  sechs  bis  zwanzig  Stunden  erledigt  wird.  Auf
den  einzelnen  Wochentag  kommen  eine  bis  zwei  dieser  Spezialvorlesungen. ­
  Sie  erstrecken  sich  auf  das  ganze  Studienjahr
(November  bis  Juni).  Sie  werden  zum  Teil  von  Professoren
der  Universität  abgehalten,  zum  Teil  von  auswärtigen  Herren  ').
Die  Leitung  der  Ecole  des  Sciences  sociales  et
politiques  in  Lille  setzt  ihren  Stolz  darin,  jedes  Jahr  vollständig ­
  neue  Programme  von  Spezialvorlesungen  zu  bieten 2 ).
Die  Zahl  der  an  der  Anstalt  Studierenden  wird  als  „sehr  groß“
angegeben.  Die  dritte  Abteilung:  Praktische  Arbeiten,  umfaßt
einen  „Cercle  d’Etudes“  für  öffentliches  Recht  und  einen  solchen
für  Nationalökonomie.  Beide  veranstalten  Seminararbeiten,  Exkursionen ­
  und  Übungen  in  parlamentarischer  Debatte 3 ).
1)  Seit  dem  Rücktritt  des  Le  Playschülers  Béchaiix  liegt  der  nationalökonomische ­
  Unterricht  am  Institut  catholique  von  Lille  in  den  Händen  der  Sozialkatholiken: ­
  M.  Vanlaer,  E.  Duthoit  und  Boissard.
2 )  Probeweise  seien  einige  Vorlesungen  aus  den  drei  letzten  Jahren  angeführt ­
  :
Ch.  Brun,  Le  Mouvement  regionalste  en  France.  —  Martin  Saint-Léon,
La  Question  des  Classes  moyennes,  Petite  industrie,  Petit  commerce,  Petite  culture, ­
  Petits  fonctionnaires.  —  Cetty,  Stadtpfarrer  in  Mülhausen:  La  Législation
sociale  et  le  Mouvement  syndical  en  Allemagne.  —  Paul  de  Rousiers,  Le  Mouvement ­
  d’exportation  et  la  Politique  douanière  de  l’Allemagne.  —  Plichon,  Le
Rachat  des  Chemins  de  fer.  —  Carton  de  Wiard,  l’Action  sociale  en  Belgique.
—  Max  Turmann,  Les  Coopératives  de  Consommation.  —  Martin  Saint-Léon,
Les  Partis  revolutionäres  en  France:  Socialistes,  Syndicalistes,  Anarchistes.  —
Duval-Arnould,  Les  Transports  en  commun  dans  les  grandes  villes  et  particulièrement ­
  à  Paris.  —  Selosse,  Les  nouveaux  travaux  de  la  Conférence  de  la
Haye.  —  Boissard,  Les  Emprunts  d’Etat,  usw.
3 )  Der  uns  vorliegende  Jahresbericht  der  Schule  schweigt  sich  über  das
nationalökonomische  Cercle  d’Etudes  aus.  Das  Hauptaugenmerk  des  Professors
der  Nationalökonomie  E.  Duthoit  scheint  auf  das  System  der  Verhältniswahl
gerichtet  zu  sein  ;  das  von  ihm  und  Professor  Fleurquin  geleitete  Cercle  d'Etudes
de  Droit  public  veranstaltete  ausschließlich  Vorträge  über  Fragen  der  Wahlsysteme. ­
  Der  Behandlung  der  in  Deutschland  und  in  der  Schweiz  üblichen
        <pb n="366" />
        Das  sozialkatholisclie  Zentrum

345

Die  wichtigste  Einrichtung,  über  welche  die  sozialkatholische
Schule  verfügt,  ist  —  von  unserem  Gesichtspunkte  aus  —  die
schon  früher  erwähnte  Union  d'Etudes  des  Catholiques  sociaux.  In
diesem  Ausschuß  verkörpern  sich  die  Tendenzen  zur  Vermittlung ­
  zwischen  der  bestehenden  individualistischen  Gesellschaftsordnung ­
  und  der  christlichen  korporativ-feudalen  des  hohen
Mittelalters,  in  deren  Richtung  die  Entwicklung  der  sozialkatholischen
  Doktrin  seit  zwanzig  Jahren  liegt.  Unter  dem
Einfluß  von  A.  de  Muti,  Abbé  Lemire,  Henri  Lorin,  Savatier,  Zamanski
  u.  a.  lenkt  die  Union  d’Etudes  die  Aufmerksamkeit
der  sozialkatholischen  Kreise  von  den  prinzipiellen  Fragen,  ob
individualistische  oder  korporative,  ob  hierarchische  oder  demokratisch ­
  gleichheitliche  Wirtschafts-  und  Gesellschaftsordnung
ab  und  auf  unmittelbare  praktische  Reformfragen  hin.  Es
leuchtet  ein,  daß  diese  Taktik  die  Vereinheitlichung  der  sozialkatholischen ­
  Bewegung  zu  fördern  geeignet  ist.  Zur  Lösung
der  heiklen  Frage,  ob  mittelalterliche  Zwangskorporationen  oder
freie  Berufsgenossenschaften,  hat  die  Union  d’Etudes  die
elegante  Kompromißformel  :  „freie  Gruppierungen  in  den  gesetzlich ­
  organisierten  Gewerben“  vorgeschlagen 1 ).  Im  übrigen  hat
der  Ausschuß  Programmsätze  formuliert 2 ),  Gesetzesvorlagen  ausgearbeitet ­
  und  debattiert 3 )  und  wissenschaftliche  Arbeiten  seiner
Mitglieder  und  Mitarbeiter  veranlaßt 4 ),  alles  Dinge,  welche
Wahlsysteme  wurde  viel  Zeit  und  Raum  gewidmet.  Die  Herren  Duthoit  und
Fleurquin  geben  übrigens  eine  Vierteljahrschrift  Le  Proportionnalité  heraus,
welche  der  Propaganda  für  den  Proporz  dient.  Im  übrigen  ist  Professor  Duthoit
ein  entschiedener  Anhänger  von  de  la  Tour  du  Pin  und  eifriger  Mitarbeiter  der
Association  catholique.
])  Max  Turmann,  Le  Développement  du  Catholicisme  social  depuis
b  Encyclique  Rerum  novarum,  Paris,  1900,  p.  80  ff.
2 )  Z.  B.  die  früher  erwähnte  Einigung  auf  getrennte  Berufsorganisationen
der  Arbeitgeber  und  Arbeiter  mit  gemeinschaftlichen  Ausschüssen,  statt  gemeinschaftlicher ­
  Organisationen  (syndicats  mixtes).
8 )  Z.  B.  die  von  de  Mun  in  der  Kammer  eingebrachten  Vorlagen  die
Sozial  Versicherung  betreffend,  auch  die  zahlreichen  von  Abbé  Lemire  meist  selbst
ausgearbeiteten  und  von  ihm  in  der  Kammer  eingebrachten  sozialpolitischen
Gfesetzprojekte.
4 )  Z.  B.  die  Arbeiten  des  Stenographen  der  luxemburgischen  Kammer
J.  Depoin  über  Börsenwesen,  Spekulation  und  moderne  Formen  des  Wuchers
(Association  catholique,  1898,  Bd.  II,  p.  58  ff.),  welche  einem  1897  in  den
„Réunions  françaises  de  Revues  catholiques  sociales“  zustande  gekommenen
        <pb n="367" />
        346  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

schätzenswerte  Beiträge  zum  Detailausbau  der  sozialkatholischen
Doktrin  darstellen.
Die  literarische  Produktion  der  sozialkatholischen  Schule
ist  eine  erhebliche.  In  der  Leitung  der  Zeitschrift  VAssociation
catholique  wurde  de  Segur-Lamoignon  1898  von  Savatier  abgelöst.
Diesem  steht  seit  kurzem  Zamanski  als  Generalsekretär  zur
Seite.  Die  offizielle  Zeitschrift  der  Schule  hat  seit  1890  in
La  Sociologie  catholique  einen  Ableger 1 ).  Die  Association  de
la  Jeunesse  catholique  hat  sich  in:  Les  Annales  de  la
Jeunesse  catholique  ein  vierteljährlich  erscheinendes  Organ  gegeben. ­
  Mehrere  Sammlungen  kleinerer  und  größerer  Monographien, ­
  teils  Dutzendware,  teils  Arbeiten  von  wissenschaftlichem ­
  Werte 2 ),  haben  jede  mehrere  hundert  Nummern  erreicht
und  wachsen  rasch  weiter.  So  die  von  dem  katholischen  Großverlag ­
  Bloud  et  Cie.  herausgegebenen  Sammlungen:  Questions  de
Sociologie  und  Science  et  Religion.  Desgleichen  die  von  der  Action
populaire,  einer  kleinen  Gruppe  von  Sozialkatholiken,  veröffentlichten ­
  Traktate.  Dieselbe  Vereinigung  gibt  auch  ein  Jahrbuch:
Guide  social  heraus,  welches  knapp  über  die  soziale  Bewegung-Frankreichs
  und  dürftig  über  die  des  Auslandes  berichtet.  An
Flugschriften  der  verschiedensten  Art  fehlt  es  nicht.
An  die  Stelle  des  Ott  sehen  Lehrbuches  der  Volkswirtschaftslehre ­
  ist  das  1896  zum  ersten  Male  aufgelegte  „Cours
d’Economie  sociale“  des  Jesuiten  Ch.  Antoine  (3.  Ausl.,  Paris
1905)  als  offizielles  Lehrbuch  der  sozialkatholischen  Schule  getreten. ­
  Es  ist  aus  Vorlesungen  hervorgegangen,  welche  an
der  katholischen  Universität  Angers  abgehalten  wurden.  Es
ist  ein  Meisterstück  wissenschaftlicher  Diplomatie.  Der  Autor
verbindet  die  Achtung  vor  den  Grundsätzen  des  scholastischen
Naturrechtes,  der  katholischen  Moraltheologie  und  der  Enzykliken

Programm  zur  Reglementierung  der  Börse  zugrunde  liegen.  Hauptpunkte  desselben ­
  sind:  Verbot  des  Terminhandels,  Registrierungspflicht  einer  jeden  Eigentumsübertragung ­
  von  Wertpapieren,  möglichste  Prohibieruug  alles  unpersönlichen
Eigentums,  also  vor  allem  aller  Inhaberpapiere  usw.
’)  1905  nahm  die  Association  Catholique  den  Untertitel  Revue  du  Mouvement ­
  catholique  social  an  ;  sie  erscheint  seither  in  verringertem  Umfang.
2 )  Eine  vorzügliche  Arbeit  ist  z.  B.  Victor  de  Clercq,  Les  Doctrines  sociales
catholiques  en  France  depuis  la  Révolution  jusqu’à  nos  jours,  Bd.  145—146  der
Sammlung:  Science  et  Religion,  4.  Ausi.,  Paris,  1905.
        <pb n="368" />
        Das  sozialkatholische  Zentrum

347

Leos  XIII.  mit  einem  hoch  entwickelten  Sinn  für  das  Tatsächliche. ­
  Mit  bewundernswerter  Grazie  und  Eleganz  geht  er  einen
Weg  der  mittleren  Linie,  häufig  an  die  Art  Pellegrino  Possis  erinnernd ­
 1 ).
Die  deutsche  ethisch-historische  Schule,  die  christlichen
Sozialpolitiker  Deutschlands,  die  französischen  Universitätslehrer
und  der  französische  Sozialkatholizismus  sind  dem  Verfasser  alle
nur  eins:  die  große  interventionistische  Schule  der  Nationalökonomie. ­
  Sie  bewegt  sich  in  den  Traditionen  des  christlichen
Staates  des  Mittelalters,  welche  die  französische  Revolution  gewaltsam ­
  unterbrochen  hat.  Nach  dieser  Verbeugung  nach  rechts
bekennt  sich  der  Verfasser  zur  bestehenden  individualistischen
Wirtschaftsordnung,  entwickelt  die  römisch-rechtliche  Eigentumslehre ­
  als  die  einzig  richtige,  von  der  katholischen  Theologie
sanktionierte,  und  behandelt  das  Corporations-  und  Genossenschaftswesen ­
  als  Dinge  von  untergeordneter  Bedeutung.
Die  starke  Seite  des  Antoine  sehen  Lehrbuches  liegt  darin,
daß  es  immer  und  überall  von  dem  Gesichtspunkt  geleitet  ist,
die  Lehre  und  Politik  des  Sozialkatholizismus  müßten  nicht  nur
den  a  priori  aufzustellenden  Grundsätzen  entsprechen,  sondern
auch  der  Kontrolle  der  Beobachtung  und  Erfahrung  unterworfen
sein.  Deduktion  und  Induktion  müssen  sich  also  die  Hand
geben.  Die  Quellen,  aus  denen  die  christliche  Nationalökonomie
die  Prämissen  der  Deduktion  schöpft,  sind  einerseits  :  das  kirchliche ­
  Dogma,  die  volkswirtschaftlichen  Anschauungen,  welche
uns  in  den  Enzykliken  Leos  XIII.  entgegen  treten,  das  Naturrecht ­
  und  dessen  Anwendungen  in  der  Moraltheologie  ;  andererseits: ­
  die  Gesetze  der  „reinen“  Ökonomik.  Aus  diesen  beiden
Arten  von  Quellen  sind  die  unmittelbaren  Regeln  der  menschlichen ­
  Tätigkeit  zu  folgern.  Die  Rolle  der  Induktion  ist:  1.  die
allgemeinen  Grundsätze  der  menschlichen  Tätigkeit  durch  das

b  Au  einer  Stelle  (p.  14  der  3.  Ausi.)  macht  Antoine  sich  übrigens  ein
Argument  zu  eigen,  welches  wir  bei  P.  Rossi  begegneten:  „Die  Wissenschaft,
welche  das  materielle  Gedeihen  der  Gesellschaft  und  die  Güterwelt  zum  Gegenstand ­
  hat,  muß  jener  andern  untergeordnet  sein,  die  das  gesamte  Gedeihen,
die  Gesamtentwicklung  des  sozialen  Körpers  zum  Gegenstand  hat.  Die  Sozialökonomie ­
  ist  notwendig  der  allgemeinen  Politik  untergeordnet  und  im  Konfliktsfalle ­
  muß  diese  über  jene  den  Vorrang  haben:  der  Teil  muß  dem  Ganzen
weichen.“
        <pb n="369" />
        348  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Studium  der  Tatsachen  zu  bestätigen;  2.  diejenigen  Geister  zu
überzeugen,  für  die  die  Lehren  der  Geschichte  und  der  Erfahrung ­
  heller  leuchten,  als  die  der  rationellen  Analyse;  3.  in  jedem
konkreten  Fall  die  Wahl  desjenigen  aphoristischen  Prinzips  zu
bestimmen,  welches  zur  Anwendung  zu  kommen  hat,  d.  h.  die
Opportunität  der  Verwirklichung  einer  rationell  als  an  sich  guten
Einrichtung  in  einem  gegebenen  Falle  zu  bestimmen 1 ).
Das  Lehrbuch  Antoines  umfaßt  zwei  Teile:  eine  Grundlegung ­
  der  christlichen  Gesellschaftslehre  und  eine  Abhandlung
über  die  wirtschaftliche  Ordnung  in  drei  Abschnitten:  Produktion, ­
  Verteilung,  Verbrauch.  Naturgemäß  nehmen  alle  Fragen
der  staatlichen  Intervention,  also  insbesondere  die  Arbeiterfragen,
einen  breiten  Raum  ein.  Der  hervorragende  Sinn  des  Autors
für  das  Wirkliche,  Mögliche  und  Opportune  kommt  in  allen
Detailfragen  wirksam  zur  Geltung  und  bewirkt,  daß  das  Ganze
den  Eindruck  einer  eleganten  Abfindung  der  Scholastik  mit  der
kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  hinterläßt 2 ).
Georges  Goyau 3 ),  der  über  eine  hervorragende  schriftstellerische ­
  Begabung  verfügt,  ist  bestrebt,  die  religiöse  Fundamentierung ­
  des  Sozialkatholizismus  in  seinen  Schriften  in  den
Vordergrund  zu  stellen.  Seine  Art  wird  vorzüglich  durch  folgenden ­
  Passus  illustriert,  den  man  als  das  Leitmotiv  aller  seiner
Werke  bezeichnen  kann  :  „Der  Sozialkatholizismus  ist  eine  Doktrin. ­
  Er  umfaßt  zwar  viele  Detailfragen  der  praktischen  Anwendung, ­
  über  die  noch  lange  wird  gestritten  werden.  Aber
die  Hl.  Schrift,  speziell  das  Neue  Testament,  liefert  ihm  seine
grundlegenden,  für  jeden  Christen  unwiderleglichen  Maximen.
')  Ch.  Antoine  loc.  cit.  p.  13  ff.
2)  Ganz  besonders  charakteristisch  für  die  Methodik  Antoines  ist  seine
IPeridefinition.  „Der  Wert,“  schreibt  er,  „ist  die  Fähigkeit  der  Dinge,  wegen
ihrer  inneren  oder  äußeren  Vorzüge  geschätzt  zu  werden,  oder  kürzer:  die
Schützbarkeit  (estimabilite)  eines  Dinges  wegen  deasen  absoluter  oder  relativer
Güte.  Der  Wert  ist  ethisch,  ästhetisch,  politisch,  wirtschaftlich,  je  nachdem  die
Vorzüge  der  einen  oder  andern  dieser  Ordnungen  angehören.  So  definiert,  vermeidet ­
  dieser  allgemeine  Wertbegriff  zwei  Klippen:  er  ist  weder  vollständig
objektiv,  noch  rein  subjektiv.“  Ch.  Antoine  loc.  cit.  p.  300—301.
3 )  Georges  Goyau,  Autour  du  Catholicisme  social,  bisher  4  Bde.,  Paris,
1898—1909.  Gesammelte  Aufsätze  aus  La  Quinzaine  und  nach  deren  Eingehen
(1907)  aus  Revue  des  Deux  Mondes  (Bd.  1  und  2  in  3.  und  4.  Aufl.,  Paris  1901
bis  1902).  —  Derselbe  veröffentlichte  unter  dem  Pseudonym  Léon  Grégoire,  Le
Pape,  les  Catholiques  et  la  Question  sociale,  3.  Aufl.  Paris,  1899.
        <pb n="370" />
        Das  sozialkatholische  Zentrum

34W

Sein  Katechismus  ist  sehr  einfach  :  er  enthält  zwei  große  Abschnitte, ­
  von  denen  der  eine  die  Beziehungen  des  Menschen  zu
den  irdischen  Gütern,  der  andere  die  Beziehungen  der  Menschen
untereinander  betrifft.  An  der  Spitze  des  ersten  Abschnittes
stehen  folgende  wesentlichen  Sätze:  Im  Schweiße  deines  Angesichts ­
  sollst  du  dein  Brot  essen  (Genesis);  wer  nicht  arbeiten
will,  soll  auch  nicht  essen  (Paulus);  die  Güter  sind  zum  gemeinsamen ­
  Gebrauche  aller  da  (Thomas  von  Aquin).  Der  zweite
Abschnitt  wird  von  der  Idee  beherrscht,  daß  der  Wille  des
Menschen,  selbst  wenn  er  durch  Verträge  festgestellt  und  ratifiziert ­
  ist,  gegen  die  natürliche  Gerechtigkeit  nicht  gelten  kann  ;
daß  diese  natürliche  Gerechtigkeit  allen  die  Pflicht  und  das
Recht  zum  Leben  verleiht  ;  daß  diese  Pflicht  unverletzlich  und
dieses  Recht  unveräußerlich  ist  ;  daß  gewisse  Mißbräuche  unserer
Wirtschaftsordnung  an  sich  schlecht  und  dem  christlichen  Rechte
entgegen  sind,  selbst  wenn  die,  welche  darunter  leiden,  sie  akzeptieren. ­
  Das  ist  das  Credo  der  Sozialkatholiken“  *).
Der  apostolische  Missionar  de  Pascal,  Professor  am  Collège ­
  libre  des  Sciences  sociales,  wirft  sich  zum  Verteidiger ­
  des  Gesetzes  der  historischen  Kontinuität  auf  und  macht
sich  die  soziologische  Analogie  der  menschlichen  Gesellschaft
mit  dem  lebenden  Organismus  zu  eigen 2 ).
Max  Turmann,  Professor  der  Staats  Wissenschaften  an  der
Universität  Freiburg  in  der  Schweiz,  hat  ein  von  der  französischen ­
  Akademie  preisgekröntes  Werk  geschrieben,  welches  einen
vollständigen  Überblick  über  die  Entwicklung  der  Doktrin  seiner
Schule  seit  der  Enzyklika  Rerum  novarum  geben  will 3 ).  Er
gruppiert  die  sozialkatholischen  Anschauungen  um  die  Begriffe  :
Arbeit,  Familie,  berufliche  Organisation,  Intervention  der  öffentlichen ­
  Gewalten,  Kapitalismus,  internationaler  Arbeiterschutz.
Dabei  stellt  er  unter  anderem  fest,  daß  die  Sozialkatholiken  das
Eigentum,  das  private  wie  das  kollektive,  schützen,  aber  den
Kapitalismus,  d.  h.  „das  System,  welches  dem  Kapital  eine  über-‘)
  Gr.  Goyau,  Autour  du  Catholicisme  social,  Bd.  I,  p.  14—15.
2 )  P.  de  Pascal,  Les  lois  essentielles  de  la  Société,  in:  Association  catholique, ­
  1900,  Bd.  Il,  p.  102  ft’.  Vgl  dazu:  M.  Eblé,  Les  Ecoles  catholiques  d’Economie
  politique  et  sociale  en  France,  Paris,  1905,  p.  323  ff.
8 )  Max  Turmann,  Le  développement  du  Catholicisme  social  depuis  l’Encyclique ­
  Herum  novarum,  Paris,  1900.
        <pb n="371" />
        350  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

wiegende  und  mißbräuchliche  Stellung  zum  Schaden  der  Arbeit
einräumt,“  verdammen.  In  vielen  Punkten  jedoch,  die  den
Kapitalismus  betreffen,  sei  man  noch  zu  keiner  definitiven
Lösung  gekommen  *).  Das  Werk  von  Tur  mann  hat  den  schätzbaren ­
  Vorzug,  den  deduktiven,  scholastisch-philosophischen  Aufbau ­
  des  sozialkatholischen  Systems  bis  in  die  letzten  Verästelungen ­
  der  schier  endlos  detaillierten,  interventionistischen  Maßnahmen ­
  überraschend  klar  vor  Augen  zu  führen.  Während  aber
der  Sozialkatholizismus  für  de  la  Tour  du  Pin  etwas  spezifisch
Französisches  ist,  sucht  ihn  Tur  mann  als  international  zu  erweisen ­
  2 ).
Der  Dominikaner  A.  D.  Sertillanges,  Professor  der  Ethik
am  Institut  catholique  in  Paris,  hat  Vorlesungen  über  den  Sozialismus
veröffentlicht 3 ),  in  welchen  seine  Sympathien  für  die  christlichen ­
  Demokraten  und  sein  nach  links  gerichteter  Standpunkt
zum  Ausdruck  kommen.  Neben  den  bereits  früher  erwähnten
Peden  von  A.deMun  sind  diese  V  orlesungen  von  Sertillanges
die  beste  Quelle  zur  Orientierung  über  die  vielen  Berührungspunkte ­
  zwischen  dem  Sozialkatholizismus  und  dem  Sozialismus.
Diesem  letzteren  am  nächsten  von  allen  Sozialkatholiken
steht  Raoul  Jay,  Professor  an  der  juristischen  Fakultät  des  Staates
in  Paris.  Er  hat  sich  durch  eine  Reihe  von  streng  wissen-')

  ibid.  p.  151  ff.,  p.  169.
2 )  Von  andern  Werken,  welche  sich  mit  der  Darstellung  der  sozialkatholischen ­
  Doktrin  befassen,  sind  noch  die  Dissertationen  von  Nonicat  und  M.  EbU
zu  nennen,  sowie  das  ganz  vorzügliche  Werk  von  Oscar  de  Férenzì,  L’Union
des  Catholiques  de  France.  Das  Kapitel:  Catholicisme  social  dieses  Werkes
zeichnet  in  scharfen,  eindrucksvollen  Zügen  alle  wesentlichen  Elemente  der
sozialkatholischen  Doktrin.  Die  Dissertation  von  Pierre  Monicat  (Contribution
à  l’Etude  du  Mouvement  social-chrétien  au  XIX me  siècle,  Lyoner  Dissertation,
1900)  kann  als  Einführung  in  die  Ideenwelt,  die  uns  hier  beschäftigt,  und  als
Materialiensammlung  empfohlen  werden.  Die  Dissertation  von  Maurice  EbU
(Les  Ecoles  catholiques  d’Economie  politique  et  sociale  en  France,  Pariser
Dissertation,  1905)  gibt  insofern  ein  unrichtiges  Bild  von  der  tatsächlichen  Lage
der  Dinge,  als  sie  im  Übereifer  rationaler  Analyse  die  trennenden  Momente  im
katholischen  Lager  viel  zu  scharf  betont  und  geradezu  künstlich  ausbaut.  Der
Verfasser  muß  sich  bewußt  gewesen  sein,  daß  er  zu  weit  gegangen,  denn  im
Schlußkapitel  gibt  er  sich  redlich  Mühe,  möglichst  viele  Berührungspunkte  der
verschiedenen  Standpunkte  aufzudecken,  welche  eine  zukünftige  Vereinheitlichung ­
  der  Anschauungen  in  sichere  Aussicht  stellen.
3 )  A.  D.  Sertillanges,  Socialisme  et  Christianisme,  Paris,  1905.
        <pb n="372" />
        Das  sozialkatholische  Zentrum

351

schaftlichen  und  gründlichen  Arbeiten  über  Arbeiterschutz-  und
Arbeiterversicherungsfragen  einen  Namen  gemacht.  Er  ruft  die
Staatshilfe  gegen  die  von  ihm  geschilderten  Mißstände  in  weitgehendstem ­
  und  einschneidenstem  Maße  an.  Er  ist  der  radikalste ­
  Interventionist  unter  den  Sozialkatholiken  sowohl,  als
unter  den  Professoren  der  Nationalökonomie  an  den  juristischen
Fakultäten  Frankreichs 1 ).
Zwei  tüchtige  Männer  der  Wissenschaft  besitzen  die  Sozialkatholiken ­
  in  den  am  Musée  social  beamteten  Herren  Etienne
Martin  Saint-Léon  und  Léon  de  Seilhac.  Ersterer  hat  eine
bereits  in  zweiter  Auflage  vorliegende  Zunftgeschichte  Frankreichs ­
  geschrieben,  welche  sich  den  großen  wirtschaftsgeschichtlichen ­
  Werken  Le  vasseurs  und  d’Avenels  ebenbürtig  zur
Seite  stellt.  Viel  bemerkt  wurde  desselben  Autors  populärwissenschaftliche ­
  Darstellung  der  Kartellfrage;  er  hat  für  diese
hauptsächlich  die  einschlägige  deutsche  und  amerikanische
Literatur  benützt 2 ).  Léon  de  Seilliac  hat  die  französische  Arbeiterbewegung ­
  zum  Gegenstand  seiner  Spezialforschungen  gemacht
und  bereits  eine  Reihe  mustergültiger  Monographien  darüber
veröffentlicht.  Diese  zeichnen  sich  durch  reichhaltige  und  vielseitige ­
  Dokumentierung,  welche  übrigens  eine  intime,  persönliche ­
  Fühlungnahme  des  Autors  mit  den  verschiedenen  sozialistischen ­
  Milieus  verrät,  und  durch  eine  große  Lebendigkeit  der
Darstellung  aus 3 ).
Der  praktisch  erfolgreichste  unter  den  französischen  Sozialkatholiken ­
  ist,  neben  Albert  de  Mun,  Abbé  Lemire,  der  zwar
wenig  schriftstellerisch 4 ),  um  so  mehr  aber  parlamentarisch  tätig

1)  Näheres  über  Raoul  Jay  siehe  unten:  Buch  III,  1.  Kapitel.
2 )  Etienne  Martin  Saint-Léon,  Histoire  des  Corporations  de  Métiers.  Depuis
leurs  origines  jusqu’à  leur  suppression  en  1791,  2.  AuflL,  Paris,  1909.
Derselbe,  Cartels  et  Trusts,  2.  Ausi.,  Paris,  1904.
3 )  Leon  de  Seilhac,  Les  Congrès  Ouvriers  en  France  de  1876  à  1897,
Paris,  1899.  —  Les  Grèves,  Paris,  1901.  —  Le  Monde  Socialiste,  Paris,  1904.
—  Derselbe  hat  ferner  ein:  Manuel  pratique  d’économie  sociale  (Paris,  1904)
verfaßt,  welches  praktische  Auskünfte  und  Anweisungen  über  die  Gründung
und  Geschäftsleitung  von  Berufsvereinen  und  jeder  Art  von  Genossenschaften  gibt.
4 )  Neben  Abbé  Lernires  zahlreichen  Gesetzentwürfen,  welche  in  der  Sammlung ­
  der  Drucksachen  der  französischen  Abgeordnetenkammer,  sowie  auch  in
der  Association  catholique,  abgedruckt  sind  (1894—1909),  sind  von  ihm  zu  nennen:
        <pb n="373" />
        ¿352  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

ist.  Er  ist  der  Urheber  der  französischen  Homestead-  und
Arbeiterwohnungsgesetzgebung,  sowie  einer  Reihe  anderer  sozialpolitischer ­
  Gesetze 1 ).  Er  ist  der  Gründer  der  Ligue  française
du  Coin  de  Terre  et  du  Foyer  und  Vorsitzender  der  Société  des
Jardins  ouvriers  de  Paris  et  de  la  Banlieue.
Einen  hervorragenden  Rang  unter  den  französischen  Sozialkatholiken ­
  behauptet  ferner  Jean  Brunhes,  Professor  der  Geographie ­
  und  Anthropogeographie  an  den  Universitäten  Freiburg
in  der  Schweiz  und  Lausanne 2 ).  Brunhes  begründete  den
Unterricht  der  Anthropogeographie  in  Frankreich,  wo  er
Schule  machte,  durch  mehrjährige  Vorlesungen,  welche  er
im  Collège  libre  des  Sciences  sociales  in  Paris  abhielt ­
 3 ).  Er  und  seine  Gattin  sind  eifrige  Mitarbeiter  der  sozialkatholischen ­
  Zeitschriften  (Anthropogeographie,  Frauenfrage,
soziale  Wohlfahrtspflege)  und  tätige  Mitglieder  bezw.  Gründer
einer  ganzen  Reihe  von  Wohlfahrtseinrichtungen  in  Frankreich
und  der  französischen  Schweiz.
Damit  schließen  wir  unsere  Aufzählung  sozialkatholischer
Schriftsteller,  welche  auf  Vollständigkeit  keinen  Anspruch  erhebt,
sondern  nur  ein  anschauliches  Bild  des  Milieus  geben  will.
Das  Resultat  der  Entwicklung  der  sozialkatholischen  Doktrin
in  den  letzten  20  Jahren  ist  in  großen  Zügen  etwa  folgendes  :
der  sozialkatholische  Aufbau  der  menschlichen  Gesellschaft
bedingt  vier  Faktoren.  Diese  sind:  1.  Leitende  Mitwirkung
der  Kirche,  2.  gemäßigte,  progressive  sozialpolitische  Gesetzgebung, ­
  3.  genossenschaftliche  Selbsthilfe,  4.  private  Wohlsahrts-Le

  Cardinal  Manning  et  son  Action  sociale,  1899;  Le  Coin  de  Terre  et  le  Foyer,
Monatschrift  von  L.  verfaßt,  erscheint  seit  1897  ;  ferner  Premier  Compte  Rendu
du  Congrès  international  des  Jardins  ouvriers  (1903—06).
P  Z.  B.  das  Gesetz  vom  15.  Nov.  1894  betreffs  die  Konstituierung  eines
Kollektivpatrimoniums  zugunsten  der  „inscrits  maritimes“,  eine  Novelle  zu  dem
Gesetz  vom  2.  Nov.  1892  betreffs  Schutz  der  Frauen-  und  Kinderarbeit;  eine
Gegenvorlage  vom  16.  Nov.  1896  betreffs  die  Wahl  der  Senatoren  durch  berufliche ­
  Organisationen  usw.
2 )  Von  Jean  Brunhes  erwähnen  wir:  La  Méthode  géographique  appliquée
aux  Sciences  sociales,  Paris,  Alcan,  und  das  preisgekrönte  Werk:  Les  Irrigations, ­
  Paris,  1898,  welches  die  Bewässerungsanlagen  in  den  Mittelmeerländern
geographisch  und  volkswirtschaftlich  behandelt.
3 )  Die  ersten  dieser  Vorlesungen  behandelten:  das  Haus  als  sozialgeographische ­
  Tatsache  in  der  Mittelmeerwelt;  die  soziale  Bolle  des  Wassers  usw.
        <pb n="374" />
        Das  sozialkatholische  Zentrum

353

pflege.  Die  praktische  Betätigung  dieser  vier  Faktoren  bestellt
in  :  Begünstigung  der  Wiederherstellung  von  Berufsorganisationen
und  zwar  paralleler,  der  Arbeitgeber  und  Arbeiter  mit  gemeinsamen ­
  Ausschüssen;  Festsetzung  eines  Minimallohnes  durch
öffentlich-rechtliche  Norm,  Festsetzung  des  Normallohnes  in  jedem
Berufe  durch  die  berufliche  Gerichtsbarkeit  oder  die  Berufsorganisation ­
  unter  Bestätigung  durch  staatliche  Behörden  ;
Schaffung  von  Arbeiterausschüssen,  Einigungsämtern  usw.  ;  allmähliche ­
  Ersetzung  des  Arbeitslohnes  durch  Gewinnbeteiligung  ;
gesetzliche  Festsetzung  des  Maxima]  arbeitstages  für  erwachsene
Arbeiter,  Frauen  und  Kinder;  Regelung  der  normalen  Arbeitsdauer ­
  durch  die  Berufsorganisationen;  Verbot  der  Frauenarbeit
in  den  Bergwerken;  Verbot  der  Nachtarbeit  der  Frauen  und
jugendlichen  Arbeiter;  Arbeitsverbot  für  Wöchnerinnen;  allgemeines ­
  Verbot  der  Sonntagsarbeit;  hygienische  Arbeitsbedingungen ­
  und  Uns  all  verhütungs  Vorschriften;  obligatorische,
von  den  Arbeitgebern  allein  zu  speisende  Unfallversicherung  ;
Mitwirkung  des  Staates  bei  Kranken-,  Arbeitslosen-  und  Altersversicherung ­
  ;  Schaffung  unveräußerlicher  Familiengüter  und  eines
kollektiven  Patrimonialbesitzes  der  Berufsorganisationen  der  Arbeiter; ­
  Förderung  aller  sozialen  Wohlfahrtspflege,  welche  privater
Initiative  entspringt;  Schaffung  mit  Gesetzgebungsgewalt  ausgerüsteter ­
  Körperschaften,  welche  von  den  Berufsorganisationen
gewählt  werden;  Verbot  für  Staatsbeamte  und  Volksvertreter,
sich  an  finanziellen  Spekulationen  zu  beteiligen;  Reglementierung ­
  der  Börse;  Erschwerung  der  Gründung  von  Aktiengesellschaften ­
  usw.  usw. 1 ).
Wie  man  sieht,  sind  seit  de  Muns  Programm  von  St.
Etienne  Fortschritte  gemacht  worden.  Die  korporativen  Grundsätze ­
  der  Gründer  des  Sozialkatholizismus  und  die  damit  zusammenhängenden ­
  Forderungen  sind  keineswegs  beiseite  gestellt;
im  Gegenteil,  sie  haben  sich,  bei  aller  Zurückhaltung  des  rechten
royalistischen  Flügels  in  den  90er  Jahren,  hauptsächlich  durch
den  Einfluß  des  Neudrucks  von  Otts  Lehrbuch,  siegreich  behauptet ­
  und  präzisiert.  Andererseits  erstarkte  aber  auch  die

J )  Vgl.  zu  dieser  Zusammenstellung:  Comte  A.  de  Mun,  Discours  et  Ecrits
divers,  Bd.  6  und  7,  Paris,  1904  passim;  Ch.  Antoine  loc.  cit.  p.  266  ff.,  M.  Turmann
  loc.  cit.  passim  ;  Association  catholique,  passim,
de  Wall  a,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

23
        <pb n="375" />
        354  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Tendenz,  sich  mit  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung  abzufinden, ­
  und  die  Postulate  interventionistischer  Gesetzgebung
wurden  in  detaillierter  Weise  ausgebaut.  Es  ist  heute  noch
nicht  abzusehen,  ob  sich  die  sozialkatholische  Schule  schließlich
als  Ganzes  für  das  Ideal  einer  korporativen  Wirtschafts-  und
Gesellschaftsordnung,  zu  welchem  der  rechte  und  der  linke
Flügel  hinstreben,  entscheiden  wird,  oder  ob  man,  unter  grundsätzlichem ­
  Festhalten  an  der  bestehenden  individualistischen
Ordnung,  bei  einem  mehr  oder  weniger  weitgehenden  staatlichen ­
  Interventionismus  wird  stehen  bleiben.
        <pb n="376" />
        Buch  III.
Interventionismus,  Solidarismus  und
Protektionismus.
I.  Teil.
Der  Interventionismus  an  den  Universitäten.
1.  Kapitel.
Vorläufer.
Als  Vorläufer  der  hier  zu  besprechenden  Volkswirte  kommen ­
  Sismondi  und  Dupont-White  in  Betracht.  Eine  Kontinuität
zwischen  diesen  und  den  neueren  Interventionisten  besteht  jedoch ­
  nicht.
Ch.  L.  Simonde  de  Sismondi  (1773—1842)*)  war  der  erste,
der  die  Stimme  gegen  die  klassische  Schule  zu  erheben  wagte.
Wenn  auch  von  italienischer  Abstammung  und  meist  in  Genf
lebend,  gehört  er  doch  dem  französischen  Kulturkreise  an.
Durch  seine  Methode  greift  er  der  historisch-realistischen
Schule  vor.  Er  trat  als  Historiker  an  das  wirtschaftliche  Er-*)
  Von  Sismondis  Schriften  kommen  für  uns  hauptsächlich  in  Betracht:
Nouveaux  Principes  ¿'Economie  politique  ou  de  la  Richesse  dans  ses  rapports  avec
la  Population,  2  Bde.  Paris  1819  ;  2.  wesentlich  vermehrte  Auflage,  Paris  1827  ;
und  Etudes  sur  l’Economie  politique,  2  Bde.  Paris  1836—38.  —  Vgl.  den  ausführlichen ­
  bibliographischen  Nachweis  der  Schriften  Sismondis  in  dem  vorzüglichen ­
  Aufsatz  von  Ludwig  Elster,  Simonde  de  Sismondi,  in  Jahrbücher  für
N.-Ök.  u.  Stat.  Neue  Folge,  Bd.  14,  1887,  p.  321—382.  —  Vgl.  ferner  zu
obigen  Ausführungen:  A.  Aftalion,  L’Oeuvre  économique  de  Simonde  de  Sismondi, ­
  Paris,  Pedone,  1899.  —  Ch.  Rist,  Sismondi  et  les  Origines  de  l’Ecole
critique,  in:  Histoire  des  doctrines  économiques  von  Charles  Gide  und  Charles
Rist,  Paris,  Larose,  1909,  p.  197—229.
        <pb n="377" />
        356

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

sch  einungsgebiet  heran  und  beobachtete  auf  seinen  Reisen  durch
England  Tatsachen,  welche  nicht  mit  den  einfachen,  übereilten
Verallgemeinerungen  der  orthodoxen  Volkswirte  übereinstimmten.
Durch  seinen  Appell  an  das  Gefühl,  seine  Sympathie  für  die
Arbeiter,  seine  Kritik  der  grobindustriellen  Entwicklung,  des
Konkurrenzsystems,  sowie  des  persönlichen  Interesses  als  alleiniger
Triebfeder  des  wirtschaftlichen  Handelns  arbeitete  er  der  im
weitern  Verlauf  des  XIX.  Jahrhunderts  spontan  wieder  auflebenden ­
  Reaktion  gegen  das  laisser  faire  vor.  Durch  seinen
Appell  an  die  Staatsintervention  endlich  ist  er  ein  Vorläufer  der
Katheder-  und  Staatssozialisten.  Er  war  der  erste,  der  Arbeiterschutzgesetze ­
  verlangte,  und  der  dem  Staate  wieder  eine  aus
dem  historischen  Ineinandergreifen  von  Volkswirtschaft,  Recht
und  Sitte  sich  ergebende  Rolle  im  Wirtschaftsleben  vindizierte.
Sismondis  unmittelbarer  Einfluß  auf  die  Zeitgenossen
war  gering;  von  den  klassischen  Volkswirten  nahmen  Blanqui
und  DroZj  wie  wir  im  I.  Buch  gesehen  haben,  von  ihm  die  Gedanken ­
  an,  daß  den  Verteilungsfragen  nicht  minder  Aufmerksamkeit ­
  zuzuwenden  sei  als  der  Produktion  der  Güter,  und  daß
staatliche  Arbeiterschutzgesetze  notwendig  seien,  ohne  jedoch
darum  auf  die  klassischen  Lehren  zu  verzichten.  Die  von
Théodore  Fix  1833  gegründete  Revue  mensuelle  d’Economie  politique,
die  nur  ein  kurzes  Dasein  fristete,  stellte  sich  anfangs  in  den
Dienst  Sismondis,  ging  aber  bald  zur  klassischen  Schule
über.  Als  direkten  Schüler  Sismondis  kann  man  nur  den
jungverstorbenen  Buret  ansehen.  Sein  Buch  „La  Misère  des
classes  laborieuses  en  France  et  en  Angleterre“  (2  Bde.  Paris,
1841)  ist  von  Sismondischen  Ideen  erfüllt.  Wir  haben  im
II.  Buch  gesehen,  daß  auch  de  Villeneuve-Bargemont  häufig  bei
Sismondi  schöpft.  Mehr  Beachtung  fand  letzterer  bei  den
Sozialisten.  Louis  Blanc  entnimmt  ihm  seine  Argumente  gegen
die  freie  Konkurrenz,  Rodbertus  seine  Krisentheorie,  Karl  Marx
eine  Reihe  von  Anschauungen,  die  er  in  den  §§  60  und  61  des
kommunistischen  Manifestes  auszählt,  und  von  denen  die  Ideen
von  der  Konzentration  des  Kapitals  in  den  Händen  Weniger
und  der  zunehmenden  Verelendung  der  Massen  die  Hauptsache
sind.  Erst  nach  dem  siegreichen  Durchdringen  der  deutschen,
historisch-ethischen  Schule  erinnerte  man  sich  Sismondis;
seine  Werke  wurden  neu  gedruckt  und  übersetzt,  und  die  Insto-
        <pb n="378" />
        V  orläufer

357

rische  Kritik  ließ  es  sich  angelegen  sein,  dem  seit  Knies  als
Sozialisten  Geltenden  gerecht  zu  werden.  Von  französischen
Arbeiten  über  Sismondi  verdienen  die  eingangs  zitierten  von
Aftalion  und  Rist  gelesen  zu  werden.
Dupont  White  war  ein  unter  dem  zweiten  Kaiserreich  vereinzelt ­
  dastehender  Vorkämpfer  des  Interventionismus  und
Staatssozialismus*).  Er  hat  die  leitenden  Ideen  des  Staatssozialismus ­
  sehr  klar  erfaßt  und  ausgedrückt.  Der  Lektüre  der
Werke  von  Comte  und  Littré  verdankt  er  das  Bestreben,  das
Individuum  in  enge  Verbindung  mit  dem  sozialen  Milieu  zu
bringen,  und  die  Idee,  der  Fortschritt  als  solcher  sei  das  Ziel
der  menschlichen  Gesellschaften.  Unter  dem  Einflüsse  Bûchez’
weist  er  dem  Staate  die  Aufgabe  zu,  für  den  Fortschritt  zu
sorgen 1  2 ).  Er  begründet  diese  Forderung  mit  begeisterten  Dithyramben, ­
  denen  die  Idee  zugrunde  liegt,  der  Staat  habe  einen
weit  hohem  sittlichen  Wert  als  das  Individuum 3 ).  Mit  großer
Schärfe  arbeitet  Dupont-White  den  evolution!stischen  Gedanken ­
  heraus,  daß  der  Wirkungskreis  des  Staates  sich  mit
zunehmender  Kultur  notwendig  erweitere.  Das  mit  dem  Fortschritt ­
  der  Kultur  sich  ausdehnende  wirtschaftliche  Betätigungsgebiet ­
  des  Staates  umfaßt:  Wohltätigkeit  und  Nächstenliebe;
staatliche  Inangriffnahme  gewerblicher  Betriebe  ;  sukzessive
Schutzmaßnahmen  für  die  Arbeit  von  Frauen,  Kindern  und
Sklaven  ;  Beeinflussung  der  Güterverteilung  in  einer  dem  Fühlen
einer  jeden  Epoche  entsprechenden  Weise  mittels  „einer  den
hohem  Klassen  aufzuerlegenden  Steuer,  deren  Ertrag  zur

1 )  Von  Dupont-Whites  Werken  behandeln  volkswirtschaftliche  Fragen:
Capital  et  Travail,  Paris  1847.  —  LTndividu  et  FE  tat,  Paris  1856,  erlebte
mehrere  Auflagen.  —  Eine  mit  Einleitung  versehene  Übersetzung  von  Stuart
Mills  Liberty,  Paris  1860.  —  Ferner  mehrere  Artikel,  die  in  der  Revue  des
Deux  Mondes  erschienen  sind.
2 )  Der  Staat,  den  Dupont-White  meint,  ist  der  Staat  von  1789,  der  moderne ­
  konstitutionelle  Staat.
3 )  Z.  B.  „Der  Staat  ist  das  Prinzip  dessen,  was  in  uns  das  Höchste  ist.  .  .  .
Der  Staat  ist  der  Mensch  ohne  Leidenschaften,  der  Mensch  auf  einer  Höhe,  wo
er  mit  der  Wahrheit  selbst  in  Verkehr  tritt,  wo  er  nur  Gott  und  seinem  Gewissen ­
  begegnet.  .  .  .  Der  Staat  ist  ein  Zwischenwesen  zwischen  den  Individuen
und  der  Vorsehung  .  .  .,  der  Mittler  zwischen  der  absoluten  Vernunft  und  dem
menschlichen  Geist.“  Dupont-White,  LTndividu  et  l’Etat,  p.  163  if.,  p.  165-Ähnliche
  Stellen  passim  durch  das  ganze  Buch.
        <pb n="379" />
        358

Der  Interventionism  us  an  den  Universitäten

Unterstützung  und  Belohnung  der  Arbeit  verwendet  wird“  *).
Dupont-White  stellt  die  Frage  nach  der  Abgrenzung  der
respektiven  Betätigungssphären  des  Staates  und  der  Individuen
und  beantwortet  sie  wie  folgt:  „Nichts  bietet  sich  bisher,  was
als  Kriterium  dienen  könnte  für  die  Trennung  dessen,  das  dem
Staate,  von  dem,  was  dem  Individuum  gehört.  Man  wird  in
jedem  Einzelfalle,  je  nach  der  Lage,  das  Gleichgewicht  zwischen
diesen  beiden  Kräften  herstellen“ 2 ).  Und  ferner  :  „Bedenkt
doch,  wenn  ihr  vom  Individuum  und  dem  Staate  redet,  daß  es
sich  dabei  um  zwei  Kräfte,  wie  das  Leben  und  das  Recht,
handelt  Am  Recht  ist  es,  dem  Leben  auf  Schritt  und
Tritt  zu  folgen,  indem  es-  dasselbe  eindämmt  oder  anfeuert,  je
nachdem  es  ein  Übriges  tut  oder  ausläßt“  3 ).  Mit  dem  vollen
Optimismus  Bastíais,  gegen  den  Dupont-White  sich  so
temperamentvoll  auflehnt,  schließt  er,  daß  dem  Individuum
bei  aller  Ausdehnung  der  Staatstätigkeit  keine  Gefahr  drohe,
weil  das  Individuum  „das  Leben“  und  darum  „unvergänglich“ ­
  sei 4 ).
Der  Staatssozialismus  von  Dupont-White  ist  in  Deutschland ­
  von  Adolf  Wagner  und  andern  an  Intensität  erreicht  und  an
systematischem  Ausbau  übertreffen  worden.  In  Frankreich
aber  stellt  er  einen  Höhepunkt  dar,  hinter  dem  das  interventionistische ­
  Denken  seither  zurückgeblieben  ist.  Die  weitere
Entwicklung  dieses  ist  eng  mit  dem  Eindringen  der  Nationalökonomie ­
  in  die  französischen  Universitäten  verknüpft.  Darum
zunächst  davon.

’)  Dupont-White,  Capital  et  Travail,  p.  353,  398.  —  LTndividu  et  l’Etat,
p.  81  ff.
2 )  Dupont-  White,  LTndividu  et  l’Etat,  p.  298  ff.
8 )  Dupont-White,  Einleitung  zu  Mills  Liberty  p.  VU,  XIII.
4 )  ibid.  p.  LXXXIX.
Über  Dupont-AVhite  vgl.  Ch.  Rist,  Le  Socialisme  d’Etat,  in:  Gide  et  Rist,
Histoire  des  doctrines  économiques,  Paris  1909,  p.  509—513;  Henry  Michel,
L’Idée  de  l’Etat,  Paris  1896,  p.  572—578.
        <pb n="380" />
        Entstehung  und  Organisation  des  Volkswirtschaft!.  Unterrichts  etc.  359

2.  Kapitel.
Entstehung  und  Organisation  des  volkswirtschaftlichen  Unterrichts ­
  an  den  Rechtsfakultäten.
Bis  1878  gab  es  an  den  Universitäten  in  Frankreich  so
gut  wie  keinen  volkswirtschaftlichen  Unterricht.  Von  den  großartigen ­
  Reformplänen  der  Unterrichtsminister  de  Salvandy  unter
der  Julimonarchie  und  Duruy  unter  dem  zweiten  Kaiserreich,
welche  die  Errichtung  eigener  staatswissenschaftlicher  Fakultäten ­
  bezweckten,  war  nur  ein  bedeutungsloses  Bruchstück  zur
Verwirklichung  gekommen:  ein  freier  Lehrstuhl  für  Nationalökonomie ­
  an  der  juristischen  Fakultät  in  Paris  (1864),  den  der
Titular  Batbie  nach  dem  großen  Kriege  aufgab,  wie  wir  im
I.  Buch  gesehen  haben,  um  sich  ganz  der  Politik  zu  widmen.
An  der  juristischen  Fakultät  in  Nancy  hielt  andererseits  der
liberal-katholische  de  Metz-Noblat  in  den  siebziger  Jahren  freie
volkswirtschaftliche  Vorlesungen.  Darin  erschöpfte  sich  der
nationalökonomische  Unterricht  an  den  französischen  Universitäten ­
  Diesem  trostlosen  Zustande  wurde  durch  die  Dekrete
vom  26.  März  1877  und  28.  November  1878,  welche  die  Nationalökonomie ­
  zum  obligatorischen  Prüfungsgegenstand  für  das
juristische  Lizentiat  erhoben  und  an  jeder  der  14  juristischen
Fakultäten  des  Landes  einen  Lehrstuhl  für  das  neue  Fach
schufen,  ein  Ende  gemacht.  Die  Vorlesung  über  Volkswirtschaftslehre ­
  fand  im  ersten  juristischen  Studienjahre  Platz.  Zu
verdanken  war  die  Reform  von  1878  einerseits  den  Bemühungen
von  Duruy,  Carnot,  Jules  Simon,  de  Parieu,  andererseits  dem
wiederholt  geäußerten  Verlangen  der  Volkswirte  der  liberalen
Schule,  die  von  ihnen  vertretene  Wissenschaft  möge  in  den
staatlichen  Universitäten  Aufnahme  finden.

i)  Daß  allerdings  an  andern  Hochschulen  des  Staates,  am  Collège  de
France,  am  Conservatoire  des  Arts  et  Métiers,  an  der  landwirtschaftlichen  Akademie ­
  usw.,  ferner  an  der  Ecole  libre  des  Sciences  politiques  die  Nationalökonomie ­
  schon  früher  vertreten  war,  haben  wir  im  I.  Buch  erfahren.  Über  die
Vorgeschichte  des  Unterrichts  in  Nationalökonomie  an  den  juristischen  Fakultäten ­
  Frankreichs  vergi.  Henri  Hauser,  L’Enseignement  des  Sciences  sociales,
Paris,  1903,  Buch  H,  p.  89  ff.,  p.  143  ff.
        <pb n="381" />
        360

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Die  liberalen  Volkswirte  waren  überzeugt  gewesen,  daß
der  nationalökonomische  Unterricht  nur  Leuten  aus  ihren
Reihen  würde  anvertraut  werden  können.  Aber  die  Statuten
der  juristischen  Fakultäten  gestatteten  nicht,  andern  als  „agrégés“,
oder  ausnahmsweise  Doktoren  der  Rechte,  Lehrstühle  zu  geben.
Zudem  galt  das  Prinzip,  daß  jedes  Mitglied  einer  Fakultät
grundsätzlich  als  zum  Dozieren  sämtlicher  an  derselben  vertretenen ­
  Disziplinen  befähigt  zu  gelten  habe.  Dementsprechend
wurden  die  nationalökonomischen  Lehrstühle,  soweit  nicht  ältere
Herren,  wie  Jourdan  in  Aix,  aus  spezieller  Neigung  sich  dafür
zur  Verfügung  stellten,  dem  dienstältesten  „agrégé“  der  betreffenden ­
  Fakultät  zugeteilt.  So  sahen  sich  denn  Romanisten
und  Zivilrechtler  zu  Nationalökonomen  bombardiert  und  „durch
fünfzehn  Jahre“,  schreibt  Henri  St.  Marc,  „bürgte  nichts,  gar
nichts  dafür,  daß  ein  Professor  der  Nationalökonomie  an  den
französischen  Universitäten  ein  einziges  Werk  über  die  Wissenschaft ­
  gelesen  habe,  die  er  zu  lehren  beauftragt  war“ l ).
Erst  1891  wurde  durch  Reglement  eine  „agrégation“  in  Nationalökonomie ­
  geschaffen,  wodurch  erreicht  wurde,  daß  etwa  seit
1893  volkswirtschaftlich  gebildete  Lehrkräfte  in  die  juristischen
Fakultäten  einziehen.
Durch  eine  Reihe  von  Dekreten  aus  den  Jahren  1889  bis
1907  wurde  die  Reform  von  1878  ganz  im  Sinne  der  ursprünglichen ­
  Pläne  von  de  Salvandy  und  Duruy  ausgebaut.  Veranlassung ­
  dazu  war  das  Militärgesetz  von  1889.  Dieses  hatte
die  Begünstigung  der  einjährigen  Dienstzeit,  welche  den  Lizentiaten ­
  der  Philosophie  und  der  Naturwissenschaften  gewährt
wurde,  für  Juristen  an  den  Besitz  des  Doktordiplomes  gebunden. ­
  Begreiflicherweise  wurde  nunmehr  von  den  Studierenden
der  Rechte  auf  dieses  Diplom,  welches  bis  dahin  ein  seltener
Luxusgegenstand  geblieben  war,  Sturm  gelaufen,  und  die  Notwendigkeit, ­
  den  für  das  juristische  Doktorat  verlangten  Wissensstoff ­
  aktueller  zu  gestalten,  wurde  eine  dringende.  Fakultäten
und  Regierung  entschlossen  sich  zu  einer  Spaltung:  das  juristische ­
  Triennium  und  das  dieses  abschließende  Lizentiat
blieben  unberührt;  aus  dem  vierten,  auf  das  Doktorat  vor-’)

  Henry  St.  Marc,  Etude  sur  l’Enseignement  de  l’Economie  politique
dans  les  Universités  d’Allemagne  et  d’Autriche,  Paris,  1892,  p.  125.
        <pb n="382" />
        Entstehung  und  Organisation  des  Volkswirtschaft!.  Unterrichts  etc.  361

bereitenden  Studienjahr  wurden  die  staats-  und  verwaltungsrechtlichen ­
  Disziplinen  ausgeschieden  und  mit  einer  Reihe  neugeschaffener, ­
  volkswirtschaftlicher  und  verwaltungsrechtlicher
Lehrfächer  zu  einer  Gruppe  verbunden,  welche  den  Gegenstand
eines  staats  wissenschaftlich  en,  dem  vierten  juristischen  parallelen
Studienjahres  abgab.  Beide  schließen  fortan  mit  einem  besondern ­
  Doktorate  ab  :  das  juristische  mit  dem  doctorat  ès-sciences
juridiques,  das  staatswissenschaftliche  mit  dem  doctorat  ès-sciences
'politiques  et  économiques.  Die  Fächer  des  staatswissenschaftlichen
vierten  Studienjahres  sind:  a)  öffentlich-rechtliche:  Geschichte ­
  des  öffentlichen  Rechtes  Frankreichs,  Verwaltungsrecht,
Völkerrecht,  vergleichendes  Verfassungsrecht  und  französisches
Staatsrecht;  b)  volkswirtschaftliche:  «)  Pflichtfächer:
Nationalökonomie,  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehren,
französische  Finanzgesetzgebung  und  Finanzwissenschaft  ;  ß)  Wahlfächer, ­
  von  denen  mindestens  zwei  gehört  werden  müssen:  gewerbliche ­
  Gesetzgebung  und  Gewerbepolitik,  landwirtschaftliche
Gesetzgebung  und  Agrarpolitik,  koloniale  Gesetzgebung  und
Kolonialpolitik.  Für  diese  Fächer  wurden  1895—1898  an  den
vierzehn  juristischen  Fakultäten  Lehrstühle  errichtet.  1898  trat
dazu  je  eine  fakultative  Vorlesung  über  Finanzgesetzgebung  im
letzten  Semester  des  juristischen  Trienniums;  1905  wurde  das
an  Wichtigkeit  und  Ausdehnung  täglich  zunehmende  Fach  der
gewerblichen  Gesetzgebung  und  Gewerbepolitik  als  obligatorisches ­
  dem  Lehrplan  des  dritten  Lizentiatsjahres  eingegliedert. ­
  1907  endlich  reihte  man  auf  Anregung  Levasseurs  je  einen
zweiten  Jahreskurs  über  Nationalökonomie  als  obligatorisches
Fach  in  das  zweite  juristische  Studienjahr  ein.  Damit  fand  die
durch  einige  zwanzig  Jahre  zwischen  den  Rechtsfakultäten
und  dem  Unterrichtsministerium  erörterte  Frage,  ob  nicht
schon  das  juristische  Triennium  in  ein  privatrechtliches  und
ein  staats  wissenschaftliches  zu  spalten  sei,  eine  vorläufig  negative ­
  Lösung.  Heute  existieren  also  an  den  Rechtsfakultäten
Frankreichs  an  volkswirtschaftlichen  Lehrstühlen  :  3  x  14—42
für  Nationalökonomie  (1.  2.  und  4.  Studienjahr);  2  X  14  —  28
für  Finanzwissenschaft  und  -gesetzgebung  (3.  und  4.  Studienjahr); ­
  14  für  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehren  (4.
Studienjahr);  14  für  Gewerbepolitik  und  -gesetzgebung  (3.  Studienjahr); ­
  8  für  Kolonialgetzgebung  und  -politik  (4.  Studienjahr);
        <pb n="383" />
        362

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

7  für  Agrargesetzgebung  und  -politik  (4.  Studienjahr).  Außerdem ­
  gibt  es  noch  an  der  juristischen  Fakultät  in  Paris  einen
von  der  Gräfin  de  Chambrun  gestifteten  Lehrstuhl  für  Sozialpolitik ­
  (Prof.  Ch.  Gide),  sowie  einen  Lehrstuhl  für  Statistik
(Prof.  F.  Faure).
Die  volkswirtschaftlichen  Vorlesungen  an  den  juristischen
Fakultäten  sind  meist  zwei-  bis  vierstündig  und  erstrecken  sich
auf  das  ganze  Studienjahr  ;  das  akademische  Viertel  kennt  man
in  Frankreich  nicht.  Die  Reform  von  1907,  durch  welche  der
nationalökonomischen  Vorlesung  im  ersten  Studienjahr  des  juristischen ­
  Trienniums  eine  weitere  im  zweiten  Studienjahr  beigegeben ­
  wurde,  hat  bereits  die  Veröffentlichung  zweier,  erweiterter ­
  Handbücher  für  Prüfungskandidaten  zur  Folge  gehabt 1 ).
Wie  diese  beiden  Vorlesungen  sich  gegenseitig  ergänzen,  wird
sich  erst  herausstellen  müssen.  Die  Einteilung  des  Stoffes  in
Volkswirtschaftslehre  und  Volkswirtschaftspolitik  hat  keine
Aussicht,  in  Frankreich  Nachahmung  zu  finden.  Die  Vorlesung
über  Nationalökonomie  im  vierten,  dem  Doktoratsjahre,  wird  zumeist ­
  der  eingehenderen  Darlegung  irgend  eines  Spezialgebietes
gewidmet.  In  der  Vorlesung  über  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen ­
  Lehren  wird  der  Tatgeschichte  mehr  oder  weniger
Raum  gegeben.  Allerdings  genießt  die  Wirtschaftsgeschichte,
für  welche  eigene  Lehrstühle  an  den  juristischen  Fakultäten
nicht  bestehen 2 ),  bei  weitem  nicht  dieselbe  Achtung  wie  in
Deutschland.  Die  Vorlesungen  über  Gewerbegesetzgebung  und

9  Charles  Gide,  Cours  ¿'Economie  politique,  Paris,  1909,  Larose  et  Penin,
eine  erweiterte  Bearbeitung  der  allbekannten  „Principes  ¿'Economie  politique“
desselben  Verfassers.  —  Ad.  Landry,  Manuel  ¿’Economique,  Paris,  1908,  Giard
et  Prière.  —  Wir  kommen  unten  auf  beide  zu  sprechen.
2 )  Wirtschaftsgeschichtliche  Lehrstühle  gibt  es  an  französischen  Hochschulen ­
  drei:  der  1869  für  Levasseur  am  College  de  France  geschaffene  Lehrstuhl ­
  (Wirtschaftsgeschichte,  -geographic  und  -Statistik);  der  1900  aus  dem  Volkshochschulunterricht ­
  der  Stadt  Paris  an  das  Conservatoire  national  des  Arts  et
Métiers  herübergenommene  Lehrstuhl  für  Geschichte  der  Arbeit  (früher  Andre
Réville,  jetzt  Georges  Renard);  endlich  der  für  denselben  Georges  Renard  (früher
Professor  an  der  Universität  Lausanne  und  Herausgeber  der  Revue  socialiste)
1905  am  Collège  de  France  geschaffene  Lehrstuhl  ebenfalls  für  Geschichte  der
Arbeit.  Levasseur  liest  über  diejenigen  Gebiete,  über  welche  seine  im  I.  Buch
besprochenen  Werke  handeln.  Renard  liest  über  französische  und  englische
Arbeiterverhältnisse  im  XIX.  Jahrhundert.  Auch  der  jetzige  Inhaber  des  für
        <pb n="384" />
        Entstehung  und  Organisation  des  Volkswirtschaft!.  Unterrichts  etc.  363

-politik  umfassen  programmäßig  die  Arbeitergesetzgebung  und
die  auf  den  Schutz  des  gewerblichen  Eigentums  bezügliche.  Da
es  den  Dozenten  jedoch  schwer  wird,  auch  nur  den  ersten  ungeheuer ­
  angewachsenen  Teil  dieses  Gesamtgebietes  in  einer
vierstündigen  Vorlesung  zu  absolvieren,  dürfte  eine  Zweiteilung
des  Lehrauftrages  in  naher  Zukunft  .bevorstehen.
1895  wurde  an  den  Rechtsfakultäten  die  Einrichtung  der
Conférences  payantes  geschaffen 1 ).  Diese  können  von  Professoren,
„agrégés“  und  Doktoren  der  Rechte  abgehalten  werden.  Sie
sind  in  der  Praxis  meist  weiter  nichts  als  Repetitorien  zu  den
ordentlichen  Vorlesungen.  Baoul  Jay,  Professor  für  Gewerbegesetzgebung ­
  und  -politik  in  Paris,  hat  den  Versuch  gemacht,
die  „conférences“  zu  seminaristischen  Übungen  umzugestalten.
Dieselben  bestehen  in  Vorträgen  der  Teilnehmer  über  Themata,
welche  am  Anfang  des  Schuljahres  verteilt  werden,  nebst  daran
anschließender  Diskussion.  Einige  seiner  Schüler,  heute  Professoren ­
  an  Provinzfakultäten,  haben  das  Verfahren  dorthin
übertragen.  Der  Einrichtung  fehlt  die  Seminarbibliothek  und
genügende  Anleitung  zu  selbständigem,  wissenschaftlichem  Arbeiten. ­
  Versuche,  volkswirtschaftliche  Autoren  gemeinsam  zu
lesen,  zu  interpretieren  und  zu  besprechen,  sowie  die  Studierenden ­
  in  direkte  Berührung  mit  Quellen  und  Literatur  zu
bringen  und  zu  deren  kritischen  Benützung  anzuleiten,  sind
von  Ch.  Bist  und  Gariel  in  Montpellier  gemacht  worden.  Schatz
hat  in  Aix  versucht,  eine  Gruppe  von  Studierenden  zum  Enquetieren
  über  die  Konzentrationsbewegung  in  dem  dortigen
Hut-  und  Schuhgewerbe  anzuleiten,  aber  mit  geringem  Erfolg.
Die  Aussichten  zur  Ausgestaltung  von  Seminarien  nach  deutschem
Muster  an  den  juristischen  Fakultäten  Frankreichs  bleiben  gering.
Als  1898  die  speziell  für  Ausländer  bestimmte  Einrichtung
der  doctorats  d’université  ins  Leben  gerufen  wurde,  bot  sich  den
juristischen  Fakultäten  die  Gelegenheit,  die  1895  geschaffene
Spezialisierung  der  Doktorate  weiter  auszubauen.  Einige,  insbesondere ­
  Dijon  und  Nancy,  machten  davon  Gebrauch  und
jMboulaye  am  Collège  de  France  gegründeten  Lehrstuhls  für  vergleichende
Rechtswissenschaft,  Flach,  pflegt  wirtschaftsgeschichtliche  Themata  (Agrargeschichte ­
  Frankreichs,  Wirtschaftsgeschichte  Chinas,  der  Urvölker  Amerikas  usw.)
in  seinen  Vorlesungen  zu  behandeln.
&amp;gt;)  Kollegiengelder  bestehen  bekanntlich  in  Frankreich  nicht.
        <pb n="385" />
        364

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

richteten  ein  „doctorat  d'université“  ausschließlich  für  volkswirtschaftliche ­
  Fächer  ein.  Der  Zuspruch,  dessen  sich  diese
Neuerung  erfreut,  ist  vorläufig  ein  geringer.  Das  doctorat  d'Etat
ès-sciences  politiques  et  économiques  dagegen  wird  zurzeit  jährlich
von  durchschnittlich  150  Kandidaten  in  Paris  und  von  je  20
bis  30  an  den  übrigen  Fakultäten  bestanden.  Die  Jahresproduktion ­
  an  staatswissenschaftlichen  Doktoren  beträgt  also  in
Frankreich  etwa  450.  Die  Themata  der  Dissertationen  werden
in  der  überwiegenden  Mehrzahl  den  Gebieten  der  Geschichte
der  volkswirtschaftlichen  Lehren  und  der  Gewerbepolitik  entnommen. ­
  Seit  dem  Bestehen  des  staats  wirtschaftlichen  Doktorats ­
  ist  bereits  eine  stattliche  Anzahl  ganz  vorzüglicher  ideengeschichtlicher ­
  und  beschreibender  Dissertationen  zustande
gekommen,  welche  als  wertvolle  Bausteine  der  Wissenschaft
mehr  Beachtung  verdienen,  als  sie  in  Deutschland  bisher
fanden  a ).

3.  Kapitel.
Die  interventionistisehe  Richtungnalime  der  Nationalökonomie
an  den  Rechtsfakultäten.
Die  Wirkung  des  Reformwerkes,  durch  welches  der  volkswirtschaftliche ­
  Unterricht  an  den  juristischen  Fakultäten  Frankreichs ­
  organisiert  wurde,  ist  im  großen  und  ganzen  eine  den
Wünschen  und  Erwartungen  der  liberalen  Schule  entgegengesetzte ­
  gewesen.  Als  es  ihr  nicht  gelang,  ihren  Mitgliedern

0  Einige  der  tüchtigsten  Arbeiten  sind:  A.  Aftalion,  L’Oeuvre  économique ­
  de  Rimonde  de  Sismondi,  Pariser  Dissertation,  Paris,  1899.  —  Emile
Bridrey,  La  Théorie  de  la  Monnaie  au  XIV™e  siècle;  Nicole  Oresme.  Dissert,
von  Caen,  Paris,  1906.  —  Edgard  Depitre,  Le  Mouvement  de  Concentration
dans  les  Banques  allemandes.  Dissertât,  von  Paris,  Paris,  1905.  —  M.  Eblé,
Les  Ecoles  Catholiques  d’Economie  politique  et  sociale  en  France.  Dissert,  von
Paris.  Paris  1905.  —  R.  Bomboy,  L’Impôt  sur  le  revenu  en  Prusse,  Pariser
Dissertation,  Paris  1908  usw.  —  Weitere  Details  über  den  volkswirtschaftlichen
Unterricht  an  den  französischen  Rechtsfakultäten  siehe  in  :  H.  Hauser,  loe.
cit.  p.  148  ff.  sowie  in  den  dort  angegebenen  Quellen.  Ferner  in:  H.  St.  Marc,
loe.  cit.;  Ch.  Gide,  L’Ecole  économique  française  dans  ses  rapports  avec  l’Ecole
anglaise  et  l’Ecole  allemande,  in:  Festgaben  zu  Schmollers  70.  Geburtstag,  XVI.
        <pb n="386" />
        Interventionist.  Richtungnahme  der  Nationalökonomie  a.  d.  Rechtsfakultäten.  365

Eintritt  in  die  Fakultäten  zu  verschaffen,  versuchte  sie  doch
wenigstens  die  jungen  „agrégés“,  denen  allenthalben  das  Lehrfach ­
  der  Nationalökonomie  übertragen  wurde,  für  sich  zu  gewinnen ­
  x ).  Aber  nur  wenige  ließen  sich  für  die  orthodoxe  Lehre
einspannen 2 ).  Die  meisten  wandten  sich  den  deutschen  historisch-ethischen ­
  Nationalökonomen  oder  Stuart  Mül  zu.  Die
Gründe  dafür  waren  mannigfache.  In  erster  Linie  sind  dieselben ­
  im  juristischen  Bildungsgang  zu  suchen.  Paul  Gide,
Professor  des  römischen  Rechtes  in  Paris,  hatte  in  den  60  er
Jahren  die  historische  Behandlung  des  römischen  Rechtes  nach
deutschem  Muster  an  Stelle  der  traditionellen,  dogmatischen
Pandekteninterpretation  eingeführt  und  damit  in  den  französischen ­
  Rechtsfakultäten  Schule  gemacht.  Die  deutschen  Romanisten ­
  wurden  in  den  70er  Jahren  daselbst  eifrig  studiert;
die  jungen  „agrégés“  hatten  mit  der  deutschen  historischen
Methode  Fühlung  genommen  und  waren  für  dieselbe  begeistert.
Sie  blieben  auch  nicht  unberührt  von  der  Welle  allgemeinen
Interesses  für  deutsches  Wesen  und  deutsche  Kultur,  welche  im
Gefolge  der  Ereignisse  von  1870—71  durch  das  gebildete  Frankreich ­
  zog.  Ferner  kam  für  ihre  Orientation  die  durch  das  juristische ­
  Studium  geförderte  Disposition  „die  Autorität  des
Staates  anerkannt  wissen  zu  wollen“  3 )  in  Betracht.
Als  erster  „Ketzer“  erschien  Gauwès,  Professor  an  der
juristischen  Fakultät  in  Paris,  mit  seinem  Précis  d’économie  'politique ­
  (Paris  1879)  auf  dem  Plan.  H.  St.  Marc  berichtet  darüber  :
„(Gauwès)  negierte  die  Existenz  von  Naturgesetzen  der  Volkswirtschaft, ­
  erklärte,  es  sei  nötig,  vor  allem  die  wirtschaftliche
Gesetzgebung  zu  behandeln,  bekannte  sich  zu  Lists  nationalem
System  der  politischen  Ökonomie  und  trat  mit  Entschiedenheit
für  den  Schutzzoll  ein.  Dieses  Buch  verursachte  im  Lager  der
klassischen  Nationalökonomen  einen  ungeheuren  Skandal.  Das
ehrwürdige  Journal  des  Economistes  verlor  darüber  seine  ganze
Reserve  und  überschüttete  den  Verfasser  mit  Schmähungen.
Man  versuchte  sogar,  aber  ohne  Erfolg,  Cauwès  von  seinem  Lehr-J
 )  H.  St.  Marc,  loe.  eit.  p.  122.
2 )  E.  Worms  in  Rennes,  Rambaud  in  Lyon,  Beauregard  in  Paris,  bis  zu
einem  gewissen  Grade  Villey  in  Caen  u.  a.  Jourdan  in  Aix  hatte  sich  schon
früher  mit  Nationalökonomie  beschäftigt  und  zur  liberalen  Schule  bekannt.
3 )  H.  St.  Marc,  loe.  cit.  p.  122.
        <pb n="387" />
        366

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

stuhl  wegzubringen“  *).  1883  folgte  die  erste  Auflage  der  Principes ­
  d’économie  politique  von  Charles  Gide.  Dieser  war  damals
Professor  in  Montpellier.  Er  nahm  den  assoziationistischen
Sozialismus  Ch.  Fouriers  und  den  Historismus  Stuart  Mills  zur
Grundlage,  übte  Kritik  an  der  freien  Konkurrenz  und  äußerte
Zweifel  bezüglich  der  ewigen  Dauer  der  Lohnarbeit.  1887  trat
die  von  Gide  und  Gauwès  gegründete  Revue  d’économie  politique ­
  ins  Leben,  die  sich  zum  Hauptziele  setzte  den  Lehren  des
Auslandes,  besonders  jenen  der  deutschen  Professoren,  die  Tore
weit  zu  öffnen.
Die  neunziger  Jahre  brachten  die  unter  der  Leitung  von
A.  Bonnet  veranstalteten  Übersetzungen  der  Werke  von  Bücher,
Ad.  Wagner,  Schmoller  u.  a.,  welche  einem  bedeutend  erweiterten
Kreise  von  Professoren  und  Studierenden  die  direkte  Fühlungnahme ­
  mit  der  deutschen  Wissenschaft  ermöglichten 2 ).  Gewiß
waren  schon  um  die  Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts  die  Werke
von  Rau,  List,  Roscher  übersetzt  worden,  hatten  aber  wenig  Beachtung ­
  gefunden.  Erfolgreicher  war  der  belgische  Nationalökonom ­
  E.  de  La  vele  y  e  gewesen,  durch  dessen  Werke  der
deutsche  Kathedersozialismus  in  den  siebziger  Jahren  in  Frankreich ­
  bekannt  wurde,  und  der  nicht  unwesentlich  auf  die  von
den  1878  zu  Professoren  der  Nationalökonomie  gemachten  jungen
Juristen  eingeschlagene  Richtung  einwirkte.  Auch  Maurice
Block  trug  seit  1874  im  Journal  des  Economistes  durch  seine
Chroniken  und  Rezensionen  der  Veröffentlichungen  der  deutschen ­
  Professoren,  obgleich  er  diesen  nichts  weniger  als  Wohlwollen ­
  bekundete,  mit  dazu  bei,  die  Aufmerksamkeit  auf  sie  zu
lenken.  Von  einem  wirklich  durchgreifenden  Studium  der  deutschen ­
  Wissenschaft  an  den  juristischen  Fakultäten  kann  aber
erst  seit  dem  Erscheinen  der  oben  erwähnten  Übersetzungen
deutscher  Werke  in  den  neunziger  Jahren  die  Rede  sein.  Wir
haben  im  1.  Buch  gesehen,  wie  sich  unter  Führung  von  Professor ­
  Deschamps  seit  den  radikal-interventionistischen  Ministerien ­
  der  Jahrhundertwende  eine  im  Steigen  begriffene,  indib

  ibid.  p.  122—123.
2 )  Bibliothèque  internationale  d’Econoinie  politique  und  :  Bibliothèque
socialiste  internationale,  publiées  sous  la  direction  de  Alfred  Bonnet,  chez  Criard
et  Brière,  Paris.
        <pb n="388" />
        Interventionist.  Richtungnahme  der  Nationalökonomie  a.  d.  Rechtsfakultäten  367

vidualistische  Reaktion  gegen  die  deutsche  Wissenschaft  an  den
juristischen  Fakultäten  Frankreichs  geltend  macht.
Der  Mann,  der  am  meisten  dazu  beigetragen  hat,  die
deutsche,  historisch-ethische  und  interventionistische  Nationalökonomie ­
  in  Frankreich  einzuführen  und  populär  zu  machen,
ist  der  Sozialist  Charles  Andler,  Professor  der  deutschen  Literaturgeschichte ­
  an  der  Ecole  normale  supérieure  und  an  der
Sorbonne  in  Paris.  Sein  Buch  über  die  Entstehungsgeschichte
des  Staatssozialismus  in  Deutschland  offenbart  genaue  Sachkenntnis ­
  und  tiefes  Verständnis  für  die  historische  Methode 1 ).
Zahlreiche  Studentengenerationen,  welche  heute  als  Professoren
an  den  „lycées“  und  den  „facultés  des  lettres“  tätig  sind,  wurden
von  Andler  einerseits  mit  dem  Geiste  deutscher  Wissenschaft
und  deutschen  Interventionismus  in  Wirtschafts-  und  Sozialpolitik ­
  vertraut  gemacht,  andererseits  mit  sozialdemokratischen
Ideen  erfüllt.  Von  seinen  Schülern  haben  E.  Milhaud 2 ),  A.  Lichtenberger*),
  A.  Landry 4 )  deutsche  Verhältnisse  und  Einrichtungen
zum  Gegenstand  von  Spezialstudien  gemacht.
Von  Professoren  der  Rechtsfakultäten,  welche  dies  getan
haben,  kommen  vornehmlich  St.  Marc 5 )  und  Souchon 6 )  in
Ö  Charles  Andler,  Les  Origines  du  Socialisme  d’Etat  en  Allemagne,  Paris
1897.  —  Le  manifeste  communiste,  Traduction  nouvelle,  Introduction  historique
et  Commentaire,  Bd.  8—10  der  Bibliothèque  socialiste,  Paris  1901  ;  seither  wiederholt ­
  aufgelegt.
s )  Edgard  Milhaud,  zurzeit  Professor  an  der  Universität  Genf:  La  Démocratie ­
  socialiste  allemande,  Paris  1903.  —  La  Tactique  socialiste  et  les  décisions
des  congrès  socialistes  internationaux,  Bd.  30—31  der  Bibliothèque  socialiste
Paris  1905.
3 )  André  Liehtenberger,  chargé  de  cours  an  der  Sorbonne,  Le  Socialisme
utopique,  Etude  sur  quelques  précurseurs  du  Socialisme,  Paris  1898.  —  Le  Socialisme ­
  et  la  Révolutions  française,  Paris,  Alcan.  —  Le  Socialisme  au  N  VTTTme
siècle,  Paris,  Alcan.
4 )  Adolphe  Landry  wird  unten  ausführlicher  besprochen.
5 )  Henri  St.  Marc,  weiland  Professor  in  Bordeaux,  Etude  sur  l’Enseignement ­
  de  l’Economie  politique  dans  les  universités  d’Allemagne  et  d’Autriche,
Paris  1892.
6 )  Über  Auguste  Souchon  vgl.  oben  Buch  I,  p.  173.  —  In  dem  Buche
„Les  Cartells  de  l’agriculture  en  Allemagne“,  Paris  1903,  unternimmt  Souchon
die  Verhältnisse  der  Getreide-,  Fleisch-,  Butter-,  Milchverkaufsgenossenschaften,
sowie  der  Spiritus-  und  Zuckerkartelle  darzulegen.  Dabei  ist  von  besonderem
Interesse  die  Ansicht  des  Verfassers,  die  Kartellierung  der  Landwirte  und  deren
Unterwerfung  unter  eine  Produktionsbeschränkung  sei  wohl  möglich.
        <pb n="389" />
        368

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Betracht.  Viele  Doktordissertationen  der  jüngsten  Zeit  beschäftigen ­
  sich  ebenfalls  mit  deutschen  Verhältnissen.  Von  diesen
seien  nur  zwei  genannt:  die  von  der  Pariser  Rechtsfakultät
preisgekrönte  Arbeit  von  Depitre,  zurzeit  agrégé  und  chargé
de  cours  an  derselben  Fakultät,  über  die  Konzentration  im  deutschen ­
  Bankgewerbe x ),  und  die  Abhandlung  von  Bombo  y  über
die  preussische  Einkommensteuer 2 ).  In  demselben  Zusammenhang ­
  ist  an  die  Arbeiten  über  die  deutsche  Versicherungsgesetzgebung ­
  von  Be  Horn 3 )  und  an  die  zahlreichen  Monographien
über  die  deutsche  Volkswirtschaft  von  dem  durch  seine  Studienreisen ­
  diesseits  der  Vogesen  wohlbekannten  Blondel 4 )  zu  erinnern. ­
  Werfen  wir  einen  Blick  über  den  Kreis  fach  wissenschaftlicher ­
  Werke  hinaus,  so  fällt  zunächst  die  in  den  siebziger
Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  erschienene,  in  Frankreich  viel
beachtete  Studie  von  J.  J.  Weiß  „Au  Pays  du  Rhin“  in  die
Augen,  die  von  Bewunderung  für  deutsches  Wesen  erfüllt  ist
und  viele  treffliche  Reflexionen  und  Anregungen  enthält.  Als
mehr  feuilletonistische  Beschreibung  aktueller  Verhältnisse  verdienen ­
  die  glänzenden,  launig  gehaltenen  und  von  einer  guten
Beobachtung  zeugenden  Reisebriefe  von  Jules  Huret 5 )  und
die  nüchterneren,  mehr  auf  die  Beschreibung  der  technischen
Einrichtung  industrieller  Großbetriebe  gerichteten  Studien  des
Ingenieurs  Victor  Gambon 3 )  Erwähnung.
Wenn  nun  auch  die  Aufmerksamkeit,  welche  die  uns  hier
beschäftigenden  wissenschaftlichen  Kreise  Frankreichs  der  deutschen ­
  Nationalökonomie  und  der  deutschen  Volkswirtschaft  geschenkt ­
  haben,  eine  große  ist,  so  muß  man  sich  doch  hüten,
deren  Wirkungen  zu  überschätzen.  Der  Geist  der  historischen
Methode,  die  Liebe  zur  geschichtlichen  Tatsache  um  ihrer  selbst
willen,  das  Verständnis  für  die  Relativität  des  wirtschaftlichen

x )  Edgard  Depitre,  Le  Mouvement  de  concentration  dans  les  Banques  allemandes, ­
  Paris  1905.
2 )  R.  Bombog,  L’Impôt  sur  le  revenu  en  Prusse,  Paris  1908.
8 )  Über  M.  Bellom  vgl.  oben  Buch  II,  p.  277.
4 )  Über  G.  Blondel  vgl.  oben  ibid.
5 )  Jules  Huret,  Rhin  et  Westphalie.  —  De  Hambourg  aux  Marches  de
Pologne.  —  Berlin.  Paris  1907—1909,  zahlreiche  Auflagen.
G )  Victor  Cdmbon,  De  France  en  Allemagne,  Paris  1887.  —  L’Allemagne
au  travail,  2.  Ausi.  Paris  1909.
        <pb n="390" />
        Interventionist.  Richtungnahme  der  Nationalökonomie  a.  d.  Rechtsfakultäten  369

Geschehens  sind  trotz  allem  nur  unvollkommen  in  die  französischen ­
  Juristen-Volks  wirte  eingedrungen.  Das  erklärt  sich  zunächst ­
  aus  dem  französischen  Temperament,  dem  die  Geduldarbeit, ­
  die  Gegenwart  durch  die  Vergangenheit  zu  erklären,
nicht  entspricht.  Vielleicht  hängt  es  auch  mit  dem  bewußten
oder  unbewußten  Empfinden  zusammen,  daß  die  Kontinuität
zwischen  Gegenwart  und  Vergangenheit  durch  den  gewaltsamen
Riß  der  großen  Revolution  in  Frankreich  unterbrochen  ist.
Sicher  ist  die  mangelhafte  Aufnahmefähigkeit  für  die  historische
Methode  durch  den  rationalistischen,  von  absoluten  Prinzipien
und  allgemeinen  Ideen  eingenommenen  Geist,  der  das  französische ­
  Ingenium  kennzeichnet,  mitverschuldet.  Die  Eigenproduktion ­
  der  Franzosen  in  Wirtschaftsgeschichte  ist  denn  auch
gering.  Anders  ist  es  mit  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Lehren.  Hier  ist  die  Ideenspekulation  zu  Hause,  für  welche  der
lateinische  Volkscharakter  und  die  Erziehung  zu  rationalistischem
Denken  so  wunderbar  vorbestimmen.  Dennoch  darf  man  auch
auf  diesem  Gebiete  nicht,  ebensowenig  wie  auf  dem  der  Tatgeschichte, ­
  allzuviel  Verständnis  für  die  zeitliche  und  örtliche
Bedingtheit  der  Erscheinungen  suchen.  Der  Hang  des  Franzosen
zum  Absoluten,  das  Bedürfnis  zu  schlußfolgern,  die  gehobenen
Schätze  nicht  uneigennützig,  um  ihrer  selbst  willen,  ins  Sonnenlicht ­
  zu  stellen,  sondern  sofort  praktisch  im  Dienste  vorhandener
Anschauungen  und  Bestrebungen  zu  verwerten,  drängen  sich
immer  in  den  Vordergrund.  Professor  Schatz  in  Dijon  definiert ­
  die  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Lehren  im  Anschluß
an  Professor  Des  champ  s  :  „Gegenstand  und  Nutzen  derselben
ist,  die  Elemente  der  Information  zu  sammeln,  die  uns  in
die  Lage  setzt,  den  wirtschaftlichen  Systemen  unser  Vertrauen
zu  schenken  oder  zu  verweigern“ 1 ).  Professor  Gide  urteilt  zutreffend: ­
  „Der  französische  Volkswirt  erforscht  die  Einrichtungen ­
  der  Gegenwart  und  Vergangenheit  nicht  mit  der
olympischen  Ruhe  eines  deutschen  Gelehrten,  für  welchen
jede  Einrichtung  gut  ist,  wenn  sie  den  Umständen  der  Zeit
und  des  Milieus  angepaßt  ist.  Er  hat  keine  uneigennützige
Liebe  für  die  Tatsachen;  er  will  sie  zum  Angriff  auf  die  be-1)

  A.  Sciiatz,  L’Individualisme  économique  et  social,  Paris  1907,  p.  4.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  24
        <pb n="391" />
        370

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

stehende  Wirtschaftsordnung  oder  zur  Verteidigung  derselben
verwerten“  ‘).
Mehr  als  die  historische  hat  die  realistische,  unmittelbare
Tatsachenbeobachtung  in  Frankreich  Anklang  gefunden.  Professor ­
  Gide  meint  allerdings,  daß  mehr  Geschmack  für  Aktualität ­
  als  wissenschaftlicher  Beobachtungsgeist  bei  den  französischen ­
  Volkswirten  anzutreffen  sei 2 ).  Nichtsdestoweniger  werden
wir  tüchtige  Männer  der  Wissenschaft  kennen  lernen,  die  den
deutschen  Gelehrten  in  der  Handhabung  der  realistischen  und
selbst  der  historischen  Methode  keineswegs  nachstehen.
Die  folgende  Darstellung  wird  uns  zeigen,  daß  bei  den
Volkswirten  der  französischen  Universitäten  neben  den  deutschen
Einflüssen  solche  von  Stuart  Mill,  Carey;  Dupont-White;  von  den
subtilen  Theoretikern  der  österreichischen  Schule  ;  von  Ch.  Fourier
und  den  assoziationistischen  Sozialisten  der  vorachtundvierziger
Periode;  von  A.  Comte  und  den  Soziologen  usw.  anzutreffen  sind.
Das  alle  umschlingende  Band  ist  aber  der  Interventionismus
deutscher  Herkunft.  Mehr  als  die  Methode  der  deutschen  historischen ­
  Schule  ist  er  zum  Allgemeingut  der  Volkswirte  der
französischen  Universitäten  geworden.  Auf  dem  Wege  über
diese  ist  der  deutsche  Interventionismus  auch  in  die  französische
Politik  eingedrungen.  Cauwès  hat  die  französische  Abteilung
der  internationalen  Vereinigung  für  gesetzlichen  Arbeiterschutz
eingerichtet  und  deren  Arbeiten  geleitet,  bis  Mill  er  and  ihn
ablöste,  und  die  ans  Ruder  kommenden  Linksparteien  deren
Forderungen  zu  verwirklichen  unternahmen.  Gide  ist  es  in
erster  Linie  zu  verdanken,  daß  das  sozialpolitische  Programm
der  radikalsozialistischen  Partei,  das  in  den  Gesetzen  von  1897
die  Organisation  des  ländlichen  Kredits  betreffend,  dem  Unfallversicherungsgesetz ­
  von  1898  und  mehreren  andern  bereits  einen
Anfang  von  Verwirklichung  gefunden  hat,  sich  mit  dem  Eisenacher ­
  Programm  des  Vereins  für  Sozialpolitik  und  den  Ausgestaltungen, ­
  die  dieses  im  Laufe  der  Jahre  erfahren  hat,  deckt 3 ).
Gide  meint,  diese  Übereinstimmung  sei  dadurch  erleichtert
Ch.  Gide,  L’Ecole  économique  française  dans  ses  rapports  avec  l’Ecole
anglaise  et  l’Ecole  allemande,  in:  Festgaben  zu  Schmollers  70.  Geburtstag,
XVI,  p.  22.
2 )  ibid.
3 )  ibid.  p.  12  ft.
        <pb n="392" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre

371

worden,  daß  die  deutsche  Nationalökonomie  und  die  französische
radikalsozialistische  Partei  mit  denselben  Gegnern  zu  kämpfen
hatten:  rechts  die  individualistische  liberale  Schule,  links  der
marxistische  Sozialismus  *).
Die  wissenschaftliche  Tätigkeit  der  Volkswirte  der  französischen ­
  Universitäten  bewegt  sich  in  der  Hauptsache  auf  den
Gebieten  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre,  der  Geschichte
der  volkswirtschaftlichen  Anschauungen  und  der  Sozialpolitik
und  sozialen  Gesetzgebung.  Die  andern  Gebiete  treten  neben
diesen  dreien  zurück.  Wir  werden  diesem  Tatbestände  Rechnung ­
  tragen,  indem  wir  unsere  Darstellung  ihm  entsprechend
anordnen.  Am  Schlüsse  fügen  wir  noch  ein  Wort  über  die
dem  Universitätsmilieu  entstammende  ßnanz  wissenschaftliche
Literatur  bei.

4.  Kapitel.
Allgemeine  Volkswirtschaftslehre.
Dem  gesamten  volkswirtschaftlichen  Forschungsgebiet  steht
die  bereits  erwähnte,  von  Gide  und  Gauwès  1887  gegründete
wissenschaftliche  Monatsschrift  Revue  d’économie  politique  zur
Verfügung.  In  den  ersten  Jahren  veröffentlichte  sie  überwiegend
Artikel  ausländischer  Gelehrter,  unter  denen  Brentano  und
Schmoller  die  ersten  waren.  Wenn  heute  Fremde  seltener  daran
kommen,  so  ist  es,  weil  die  Zeitschrift  sich  mittlerweile  einen
ständigen  Redaktionsstab  in  den  juristischen  Fakultäten  des
eigenen  Landes  herangezogen  hat.  Grundsätzlich  steht  sie  allen
Ansichten  offen,  und  wenn  auch  naturgemäß  die  Interventionisten
unter  ihren  Mitarbeitern  überwiegen,  so  kommen  darin  doch
auch  liberale  Volkswirte,  wie  Levasseur,  Villey  und  Deschamps,
  regelmäßig  zum  Wort.  Man  kann  übrigens  sagen,
daß  so  ziemlich  alle  Volkswirte  der  französischen  Rechtsfakultäten ­
  an  der  Zeitschrift  mitarbeiten.  Die  Bücherbesprechungen,
welche  inländische  und  ausländische  Fachliteratur  ausgiebig  heranziehen, ­
  sind  zumeist  von  Ch.  Gide,  G.  Martin,  A.  Landry,
Ch.  Bist  u.  a.  verfaßt.  Die  letzten  Jahrgänge  der  Revue

')  ibid.  p.  13.
        <pb n="393" />
        372

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

d’économie  politique  geben  ein  anschauliches  Bild  von  der  überragenden ­
  Bedeutung,  welche  die  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen ­
  Anschauungen  und  die  sozialpolitischen  Fragen  in  der
französischen  Nationalökonomie  immer  mehr  gewinnen.
Der  Nestor  unter  den  interventionistischen  Volkswirten  der
französischen  Rechtsfakultäten  ist  Paul  Cauwès  Professor  in
Paris.  Er  war  von  Haus  aus  Rechtshistoriker.  Als  er  1878
zum  Professor  der  Nationalökonomie  ernannt  wurde,  trat  er
mit  einer  entschiedenen  Abneigung  gegen  den  absoluten  Doktrinarismus ­
  der  klassischen  Schule  in  das  neue  Gebiet  ein.  In
bewußter  und  gewollter  Gegnerschaft  zu  dieser  Schule  griff  er
denn  auch  gleich  anfangs  —  zu  seiner  eigenen  Einführung  in
die  Nationalökonomie  —  zu  den  Werken  von  List,  Carey
und  Schmoller.  Da  er  der  wirtschaftlichen  Gesetzgebung  als
Jurist  eine  größere  Bedeutung  beimaß,  als  der  theoretischen
Volkswirtschaftslehre,  schöpfte  er  das  Material  seiner  Vorlesungen, ­
  außer  in  den  Werken  der  genannten  Autoren,  immer
mehr  in  den  Vorbereitungsarbeiten,  Enqueten,  Gutachten  usw.
zu  wirtschafts-  und  sozialpolitischen  Gesetzen.  Es  ist  einleuchtend, ­
  daß  ein  solches  Material,  das  zumeist  erstlich  im
Hinblick  auf  die  Begründung  gesetzgeberischer  Maßnahmen  zusammengetragen ­
  war,  zum  Aufbau  einer  interventionistischen
Doktrin  geeignet  sein  mußte.
In  seiner  Definition  der  Nationalökonomie  unterscheidet
Cauwès  Gegenstand  und  Zweck  derselben.  Ihr  Gegenstand
„sind  die  Nützlichkeitsgesetze,  welche  die  Arbeit  in  Gesellschaft
regeln“;  ihr  Zweck,'„dasWohl  der  Individuen  und  der  Kollektivitäten ­
  auf  dem  Wege  einer  gerechten  Verteilung  der  Dienst-')

  Der  oben  erwähnte  Leitfaden  zum  Studium  der  politischen  Ökonomie
(Précis  d’économie  politique,  Paris,  1879)  von  Cauwès  ist  in  der  dritten  Auflage ­
  zu  einem  stattlichen,  vierbändigen  Werke  angewachsen.  Es  führt  den  Titel  :
Cours  d’Economie  politique  contenant  avec  l’exposé  des  principes  l’analyse  des
questions  de  législation  économique,  4  Bde.,  Paris  1893.  Eine  längst  nötig  gewordene ­
  neue  Auflage  konnte  wegen  langwieriger  Krankheit  des  Verfassers
immer  noch  nicht  zustande  kommen.  Da  dessen  Anschauungen  jedoch  seit  1893
weiter  evoluiert  haben,  wurden  bei  unsern  obigen  Ausführungen,  welche  sich  in
der  Hauptsache  an  die  dritte  Auflage  des  Cauwèsschen  Lehrbuches  halten,  Aufzeichnungen ­
  aus  dessen  Vorlesungen  der  letzten  Jahre,  sowie  aus  persönlichen
Unterredungen  mit  ihm  ergänzend  berücksichtigt.
        <pb n="394" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre  373
leistungen  und  Produkte  zu  sichern“  4 ).  Damit  ist  gegenüber
der  „Wissenschaft  von  den  Reichtümern“  der  liberalen  Schule
der  Faktor  Mensch  in  den  Vordergrund  gerückt;  durch  die
praktische  Zwecksetzung  ist  die  Volkswirtschaftslehre  als  ethische
Wissenschaft  gekennzeichnet.  Denn  es  ist  das  Charakteristikum
der  ethischen  Wissenschaften,  die  Erforschung  der  Wahrheit
mit  der  Verfolgung  praktischer  Ziele  zu  verbinden.  Weil  die
Nationalökonomie  eine  ethische  Wissenschaft  ist,  ist  die  Trennung
von  Wissenschaft  und  Kunstlehre  in  ihr  ihrer  intimen  Natur
zuwider 2 ).
Die  Nützlichkeitsgesetze,  welche  den  Gegenstand  der  politischen ­
  Ökonomie  ausmachen,  sind  nicht  gut  denkbar,  außer  in
Beziehung  zu  einem  bestimmten  Milieu.  Dieses  Milieu  ist  normal
ein  im  nationalen  Staate  organisiertes  Volk,  auf  bestimmtem
Standort  und  in  einem  bestimmten  Stadium  historischer  Entwicklung. ­
  Daher  der  nationale  Charakter  einer  jeden  Volkswirtschaft ­
  und  folglich  der  nationale  Charakter  der  weitaus
meisten  volkswirtschaftlichen  Erkenntnisse 3  4 ).  Durch  die  vergleichende ­
  Beobachtung  verschiedener  Volkswirtschaften  wird
man  allerdings  auch  zu  einigen  Sätzen  gelangen  können,  die
wenigstens  für  die  Völker  gleicher  Kultur  allgemeine  Geltung
haben.  Man  wird  z.  B.  feststellen  können,  daß  das  industrielle
Entwicklungsstadium  der  modernen  Staaten  überall  den  Fortschritt ­
  der  Technik  zum  Ausgangspunkt  gehabt  hat;  daß  es
durch  soziale  und  wirtschaftliche  Symptome  gekennzeichnet
wird,  welche  in  den  verschiedenen  Ländern  sozusagen  identische
Merkmale  aufweisen.  Die  vergleichende  Beobachtung  hat  ferner
den  Vorteil,  den  Fortschritt  nachzuweisen,  der  von  einer  Wirtschaftsstufe ­
  zur  andern  geführt  hat 4 ).  Darüber  hinaus  wird
man  auch  zur  Erkenntnis  einiger  grundlegender  Gesetze  von
universellem  Charakter  gelangen  können.  Es  sind  das  aber
nicht  diejenigen,  welche  die  klassische  Schule,  teils  durch  übereilte ­
  Verallgemeinerung  einiger  Beobachtungen,  teils  rein  deduktiv
aufgestellt  hat.  Die  Tatsachen  strafen  sie  Lügen.  Die  wirklichen ­
  universellen  und  permanenten  Gesetze  der  Volkswirtschaft
3  P.  Cauivès,  loe.  eit.  Bd.  I,  p.  7.
*)  ibid.  p.  30  ff.
8 )  ibid.  p.  30  ff.,  p.  34  ff.
4 )  ibid.  p.  28  ff.
        <pb n="395" />
        374

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

sind  das  von  Ad.  Smith  erkannte  Gesetz  der  Arbeitsteilung  und
dessen  Korollare  :  Spezialisierung  der  Arbeitsleistungen  und
Funktionen,  kombinierte  Produktion  der  Güter,  direkte  und
indirekte  Entlohnung  der  Arbeit,  Austausch  von  Gütern  und
Dienstleistungen  *).
Daraus  aber,  daß  sich  die  wirtschaftliche  Tätigkeit  aller
Völker  auf  einige  einfache  Elemente  zurückführen  läßt,  folgt
durchaus  nicht,  daß  man  immer  und  überall  dieselben  Richtschnuren ­
  des  Handelns,  dieselben  Tendenzen,  dieselben  wirtschaftlichen ­
  Einrichtungen  finden  müsse.  Die  Beobachtung  der
Gegenwart  und  die  historische  Kritik  weisen  vielfältig  Verschiedenheiten ­
  nach.  „Es  gibt  in  der  Wirklichkeit  mehrere
Volkswirtschaften,  welche  den  verschiedenen  Stufen  der  Kultur
entsprechen,  sowie  der  Natur  von  Klima  und  Boden,  der  Ausdehnung ­
  und  Energie  der  produktiven  Kräfte“  2 ).
Die  nachdrückliche  Hervorkehrung  des  nationalen  Charakters ­
  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen,  welche  eine  der  Eigentümlichkeiten ­
  der  Cauwèsschen  Nationalökonomie  ausmacht,
wird  von  ihm,  außer  mit  den  Argumenten  Fr.  Lists,  mit
folgendem  Staatsbegriff  begründet  :  der  (National-)Staat  synthetisiert ­
  1.  die  Kraft,  welche  aus  der  territorialen  Souveränität,  der
Organisation  der  öffentlichen  Gewalt,  dem  Systeme  der  Gesetzgebung ­
  hervorgeht;  2.  die  Kraft,  welche  in  intellektuellen  und
sittlichen  Traditionen,  in  Gemeinsamkeit  der  Abstammung,  der
Sprache,  der  Einrichtungen,  der  Sitten  liegt  ;  3.  die  Kraft,
welche  in  der  Konvergenz  der  wirtschaftlichen  Kräfte  besteht.
„Die  Konvergenz  der  produktiven  Kräfte  und  die  wirtschaftliche ­
  Einheit  sind  das  Ergebnis  einer  Gesamtheit  von  Kräften,
welche  man  die  konstitutiven  Kräfte  der  Nationalwirtschaft
nennen  kann.  Frankreich  ist  eines  von  den  Ländern,  dessen
Wirtschafts  Verfassung  am  meisten  Zusammenhang  hat“ 3 ).

3  ibid.  p.  22.  Man  kann  einen  Widersprach  hierzu  in  späteren  Ausführungen ­
  Oauwès’  finden,  wo  er  nämlich  sagt,  Tausch  und  Tauschwert  gehörten
nur  bestimmten  Wirtschaftsorganisationen  an.  Die  patriarchale  und  agrarkommunistische ­
  Organisationen  kennten  kaum  den  Tausch,  ibid.  p.  262.
-)  ibid.  p.  27.
0  ibid.  p.  184  fi.  Die  konstitutiven  Kräfte  der  französischen  Nationalwirtschaft ­
  sind  nach  Cauwès  :  a)  Die  einheitliche,  auf  der  Idee  der  nationalen
Einheit  beruhende  Anlage  der  Verkehrswege  ;  b)  das  Hauptzentrum  Paris,  und
        <pb n="396" />
        Allgemeine  Yolkswirtschaftslehre

375

Die  wichtigste  Folgerung  aus  dem  national  wirtschaftlichen
Konzepte  ist  der  Protektionismus.  Derselbe  nimmt  einen  breiten
Raum  in  Gauwès  Nationalökonomie  ein 1 ).  Die  „Theorie  des
rationellen  Schutzes“  beruht  auf  dem  Prinzip  der  harmonischen
und  progressiven  Entwicklung  der  nationalen  Produktivkräfte.
Im  weiteren  fußt  sie  auf  der  Solidarität  der  auf  nationalem
Wirtschaftsgebiet  sich  zusammenfindenden  Gewerbezweige.  Das
Moment  der  Garantie  für  die  nationale  Unabhängigkeit,  die  der
Schutzzoll  bietet,  wird  von  Gauwès  besonders  stark  betont.  Die
Nützlichkeit  und  Legitimität  des  Protektionismus  beleuchtet
Gauwès  nicht  bloß  vom  Standpunkt  der  Produzenten,  sondern
behauptet  sie  auch  für  die  Konsumenten.  Bemerkenswert  ist  die
Virtuosität,  mit  welcher  er  vielfach  Zitate  aus  freihändlerischen
Autoren  für  das  nationalwirtschaftliche  Prinzip  und  den  Protektionismus ­
  zu  verwerten  versteht.  Seine  Hauptargumente  entnimmt ­
  er  jedoch,  außer  aus  Friedrich  List,  aus  der
Geschichte  der  Zollpolitik  der  bedeutendsten  Staaten  im
XIX.  Jahrhundert.
Gauwès'  Protektionismus  reiht  sich  seiner  „eklektischen  Lehre
von  den  Befugnissen  des  Staates“  ein.  Er  unterscheidet  wesentliche
und  fakultative  Funktionen  des  Staates.  Wesentliche  sind  nicht,
wie  Leroy-Beaulieu  zu  glauben  scheint,  diejenigen  öffentlichen ­
  Dienstzweige,  ohne  die  kein  Staat  denkbar  wäre.  Solche
gibt  es  nicht 2 ).  Wesentliche  Funktionen  des  Staates  sind  vielmehr ­
  diejenigen,  welche  zur  Erhaltung  der  sozialen  Ordnung,
wie  sie  in  den  Kulturstaaten  der  Jetztzeit  zum  Ausdruck  kommt,
unumgänglich  notwendig  sind 3 ).  Fakultative  Befugnisse  hat  der

einige  Nebenzentren,  welche  Teile  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  um  sich  festhalten ­
  ;  c)  die  Gemeinsamkeit  der  öffentlichen  Lasten  ;  d)  die  rationelle  Berücksichtigung ­
  aller  bestehenden  Interessen  bei  der  Verteilung  öffentlicher  Arbeiten,
loc.  cit.  p.  136  —  138.
1)  ibid.  Bd.  II,  p.  477  ff.
2 )  Wie  Leroy-Beaulieu  selbst  bemerkt,  gibt  es  keine  einzige  Funktion  des
Staates,  welche  nicht  in  bestimmten  Ländern  zu  bestimmten  Zeiten  durch  Private
gleichzeitig  mit  dem  Staate  ausgeübt  worden  wäre  (Hermandad  in  Spanien,
Special  constables  in  England  usw.).  Deshalb  sagt  auch  Leroy-Beaulieu  ganz
folgerichtig,  nichts  sei  schwerer  als  zu  sagen,  welche  die  wesentlichen  Funktionen
des  Staates  seien.  Cauicès,  loc.  cit.  Bd.  I,  p.  188.
3 )  D.  h.  die  gesetzliche  Regelung  der  Rechte  und  Pflichten  der  Bürger
untereinander  und  dem  Staate  gegenüber;  zentrale  und  lokale  Verwaltungstätig-
        <pb n="397" />
        376

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Staat  als  Förderer  des  Fortschritts.  Die  wirtschaftliche  Tätigkeit ­
  kann  der  Staat  fördern:  1.  indem  er  ergänzend  neben  die
Privatinitiative  tritt,  entweder  dort,  wo  diese  sich  nicht  hingewagt ­
  hätte  (Ausbau  von  Verkehrswegen,  Schaffung  langfristiger ­
  Kreditinstitute  usw.),  oder  in  Industriezweigen,  welche
sich  ihrer  Natur  nach  zum  Monopol  eignen  (Post  und  Telegraph,
Tabakindustrie  usw.) 1 );  2.  indem  er  die  Privatinitiative  direkt
unterstützt  (durch  Unterricht,  Ausstellungen,  Prämien  verteil  ungen,
Steuerbegünstigungen,  Bestellungen  für  öffentliche  Dienstzweige,
Zollschutz  usw.);  3.  indem  er  die  privaten  Betriebe  durch  Arbeiterschutzgesetze ­
  usw.  reglementiert 2 ).
Folgerichtig  ist  es,  wenn  Dauwes  das  Maß  der  Staatsintervention ­
  abhängig  macht  von  den  in  einer  bestimmten
Epoche  bei  einem  bestimmten  Volke  vorhandenen  Bedürfnissen
in  dieser  Richtung.  1893  erschien  ihm  noch  die  obligatorische,
staatliche  Arbeiterversicherung  nicht  für  Frankreich  geboten.
Auch  heute  noch  bleibt  er  sehr  zurückhaltend  in  dieser  Frage.
Darum  ist  er  jedoch  nicht  weniger  Anhänger  eines  progressiven
Interventionismus.  „Die  Rolle  des  Staates,“  schreibt  er,  „wächst
mit  steigender  Kultur,  denn  dem  intensivern  Leben  müssen
stärkere  und  zahlreichere  Organe  entsprechen“  3 ).
Neben  die  Idee  von  „dem  nationalen  System  der  politischen
Ökonomie“  tritt  grundlegend  bei  Cauwès  die  Überzeugung
von  der  engen  Zusammengehörigkeit  von  Rechts-  und  Wirtschaftswissenschaft. ­
  Er  hat  die  rechtsgeschichtliche  Entwicklung  beständig ­
  mindestens  so  sehr  vor  Augen  als  die  wirtschaftskeit,
  um  über  die  Beobachtung  der  Gesetze  zu  wachen;  Rechtspflege  zur  Schlichtung ­
  von  Streitigkeiten  zwischen  Privaten;  präventive  und  repressive  Polizei.
Ergänzend  treten  hierzu:  ein  Strafsystem  zur  Gewährleistung  der  Sicherheit  im
Innern;  eine  Armee  zur  Gewährleistung  der  Sicherheit  nach  außen;  diplomatische ­
  Vertretung  im  Ausland  ;  endlich  das  öffentliche  Finanzwesen.  Cauwès
loe.  cit.  p.  189.
')  Mit  Michel  Chevalier  (Cours  d’économie  politique,  Bd.  I,  4.  Vorlesung)
ist  Cauwès  der  Ansicht,  daß  Staatsbetriebe  keineswegs  teurer  wirtschaften  als
private.  Ja,  er  stellt  den  Betrieb  des  französischen  Tabakmonopols,  der  Münze
usw.  geradezu  als  Muster  für  Privatbetriebe  hin.  Er  meint  auch,  die  Privatindustrie ­
  würde  wahrscheinlich  keine  so  künstlerisch  vollendeten  Waren  liefern,
wie  die  Gobelins-  und  Porzellanmanufakturen  des  französischen  Staates,  da  jene
die  Herstellung  von  Massenprodukten  einträglicher  fände.  loc.  cit.  p.  197.
a )  ibid.  p.  261  ff.
3 )  ibid.
        <pb n="398" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre  377

geschichtliche.  Zwischen  beiden  konstruiert  er  folgenden  Parallelismus ­
  :  die  kritische  Erforschung  der  Rechtsinstitutionen  führt
zur  Bestimmung  derjenigen,  welche  dem  vollkommensten  sozialen ­
  Zustande  am  besten  entsprechen.  Sie  machen  ein  System
natürlicher  oder  rationeller  Gesetze  aus,  das  aus  zwei  Elementen
besteht,  einem  konstanten  und  einem  progressiven.  Das  konstante ­
  Element  umfaßt  die  Grundsätze,  die  sich  den  Menschen
in  allen  Gesellschaften  aufdrängen,  z.  B.  den  Grundsatz,  der
sich  selbst  Recht  zu  schaffen  verbietet,  oder  jenen,  der  das
Halten  geschworener  Treue  befiehlt.  Das  progressive  Element
geht  aus  der  Vergleichung  ähnlicher  Institutionen  verschiedener
positiver  Gesetzgebungen  hervor.  Aus  diesen  beiden  Elementen
wird  ein  idealer  Typus  von  natürlichem  und  rationellem  Recht
gewonnen,  der  sich  gewissermaßen  als  Muster  für  die  vorgeschrittensten ­
  Gesellschaften  anbietet.  Das  geschieht  namentlich
für  die  Formen  des  Eigentumserwerbs.  In  der  Volkswirtschaftslehre ­
  liegen  die  Dinge  genau  so.  Das  progressive  Element  ist
durch  die  historische  Entwicklung  gegeben:  die  Überlegenheit
der  Privateigentumsordnung  über  das  Gemeineigen,  der  Freiheit
der  Verträge  über  deren  oppressive  Reglementierung  usw.  Das
konstante  Element  besteht  in  dem  Gesetze  der  Arbeitsteilung
und  dessen  Korollaren.  Der*  ideale  Typus,  die  normale  Volkswirtschaft ­
  in  vorgeschrittenster  Kultur  besteht  wesentlich  in
gleichzeitiger  Entwicklung  aller  produktiven  Kräfte  und  in  einem
Verteilungssystem,  das  allen  eine  gerechte  Arbeitsentlohnung
sichert 1 ).  Aus  dem  engen  Parallelismus  der  wirtschaftlichen
und  der  rechtlichen  Entwicklung  ergibt  sich  die  Notwendigkeit,
schließt  Gauwès,  „das  Wirken  der  freien,  wirtschaftlichen
Kräfte  und  das  der  Gesetzgebung  gleichzeitig  zu  studieren,  und
sich  von  deren  Wechselwirkungen  genau  Rechenschaft  zu  geben.
Das  heißt,  daß  die  Rechtswissenschaft  und  die  politische  Ökonomie ­
  zwei  Schwesterwissenschaften  sind,  welche  einander  zu  lange
fremd  waren,  aber  sich  in  der  Zukunft  gegenseitig  unterstützen
müssen.  Das  bleibt  meine  wissenschaftliche  Überzeugung  und
der  Hauptdaseinsgrund  meines  Werkes“  2 ).
Diese  Anschauung  betätigt  Gauwès,  indem  er  in  seinem
Lehrbuch  wie  in  seinen  Vorlesungen  die  positive,  wirtschafts-')

  ibid.  Bd.  I,  p.  27  ff.
2 )  ibid.  Bd.  IV,  p.  606.
        <pb n="399" />
        378

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

politische  Gesetzgebung  —  insbesondere  Frankreichs  —  ausgiebig ­
  berücksichtigt.  Neuerdings  geht  er  so  weit,  daß  er  am
liebsten  die  Wertlehre  und  alle  theoretischen  Erörterungen  aus
der  Nationalökonomie  verbannen  möchte.  Diese  sollte  sich,
seiner  Ansicht  nach,  darauf  beschränken,  ein  auf  historischer
und  realistischer  Beobachtung  fußender  Kommentar  der  wirtschaftspolitischen ­
  Gesetzgebung  zu  sein  *).  Die  auszuschaltenden
theoretischen  Elemente  könnten  vorteilhaft  durch  eine  größere
Berücksichtigung  der  Entwicklung  der  Technik  ersetzt  werden.
Gauwes  hat  in  seinen  Vorlesungen  der  letzten  Jahre  die  Fortschritte ­
  der  Technik  auf  verschiedenen  Gebieten  und  deren  gemeinwirtschaftliche ­
  Bedeutung  weitgehend  mit  einbezogen.
Die  Abneigung  gegen  den  Doktrinarismus  der  klassischen
Schule  hält  Gauwès  nicht  davon  ab,  ihm  seine  Anschauungen
über  Eigentum  und  Wert  zum  großen  Teile  zu  entnehmen.  Wir
finden  hier  Anlehen  aus  den  Naturrechtslehrern  und  aus  Courcelle-Seneuil,
  aus  Ad.  Smith,  Ricardo  und  Bastiat,  nebst  einem  österreichischen ­
  Einschlag  (Böhm-Bawerk).  Es  ist  jedoch  zu  beachten,
daß  die  hierauf  bezüglichen  Gedankengänge  Cauwès’  zu  einem
definitiven  Abschluß  bis  heute  noch  nicht  gelangt  sind.  Wenn
er  das  Wertproblem  aus  der  Wirtschaftswissenschaft  hinausschaffen ­
  möchte,  so  ist  es  vielleicht  auch  mit  deswegen,  weil
er  eine  ihn  befriedigende  Lösung  desselben  immer  noch  nicht
zu  finden  vermag.
Die  Produktion  der  Güter,  sagt  Gauwès,  setzt  als  erste
Handlung  die  Aneignung  voraus.  Die  Aneignung  aber  ist  Arbeit.
In  ihr  liegt  der  Grund  zur  Entstehung  des  Gutscharakters.
Dieser  besteht  nämlich  in  der  Brauchbarkeit  eines  Dinges;
brauchbar  wird  aber  ein  Ding  nur  durch  Aneignung  oder  Arbeit.
Freie  Güter  gibt  es  nicht.  Wie  Güter  oder  Brauchbarkeiten
nur  durch  Arbeit  entstehen,  so  auch  das  Eigentum.  Arbeit  und
nur  Arbeit  ist  das  einzige  Mittel,  durch  welches  Eigentum  eri)

  Die  Wertschätzung  der  Rechtswissenschaft  äußert  sich  bei  Gauwès
unter  anderem  auch  darin,  daß  ihm  die  1895  in  Frankreich  verwirklichte  Spaltung ­
  des  juristischen  Doktorats  in  ein  doctorat  en  droit  ès-sciences  juridiques
und  ein  doctorat  en  droit  ès-sciences  politiques  et  économiques  ein  Greuel  ist.
Er  sagt  nämlich,  sie  ermögliche  es,  Leuten,  welche  Gott  weiß  wie  durch  das  juristische ­
  Lizentiat  geschlüpft  sind,  docteurs  en  droit  zu  werden,  ohne  je  ordentliche ­
  Rechtskenntnisse  erworben  zu  haben.
        <pb n="400" />
        Allgemeine  Y  olkswirtseh  as  tslehre

379

worben  wird.  Auch  der  Ertrag  von  Grund  und  Boden  ist  nur
Einkommen  von  Arbeit  und  Kapital,  die  in  ihm  aufgespeichert
wurden.  Darum  ist  auch  Ricardos  Rententheorie  entschieden
zu  verwerfen.  In  der  Arbeit  liegt  der  Grund  zur  Berechtigung
des  Eigentums.  Dieses  ist  keineswegs  eine  Schöpfung  des
positiven  Rechts.  Es  ist  keine  historische  Kategorie.  Die  positiven ­
  Gesetze  können  es  organisieren,  schützen,  gewährleisten;
sie  sind  aber  nicht  dessen  Quelle.  Das  Eigentum  ist  eine  naturrechtliche ­
  Institution.  Es  trägt  das  Prinzip  seiner  Rechtmäßigkeit ­
  in  sich  und  dieses  Prinzip  ist,  daß  es  Arbeitsprodukt  ist*).
Neben  diesen  rationalistischen  Elementen  enthält  Cauwès  ’
Eigentumslehre  auch  christlich-feudale  und  modern-sozialpolitische. ­
  „Behaupten,“  schreibt  er,  „daß  das  aus  der  Arbeit  hervorgegangene ­
  Eigentum  ein  Recht  und  keine  Funktion  ist,  das
heißt  eine  juristische  Wahrheit  aussprechen,  die  Regel  des  forum
externum  ;  es  ist  aber  nicht  übertrieben,  das  Eigentum  als  wirkliche ­
  Delegation  anzusehen,  für  die  man  Gott  im  Gewissen  verantwortlich ­
  ist“  2 ).  Andererseits  erkennt  Cauwès  der  Gesellschaft ­
  das  Recht  zu,  z.  B.  den  unverdienten  Wertzuwachs  von
brach  liegen  gelassenen  Bauterrains  für  sich  in  Anspruch  zu
nehmen.
In  der  Wert\e,lire  Cauwès’  ist  der  Zusammenhang  ein
noch  loserer.  Sie  ist  verworren  und  durchaus  inkonsequent.
Wie  die  Arbeit  den  Gutscharakter  und  das  Eigentum  erzeugt,
so  auch  den  Wert.  „Der  Wert  der  Objekte  des  Eigentums  hat
zur  alleinigen  Quelle  die  Arbeit 3 ).“  Nichtsdestoweniger  hat  er
auch  das  Urteil  des  Bedürfenden  bezüglich  des  Brauchbarkeitsgrades ­
  eines  Gutes,  oder  die  Intensität  des  Begehrens,
oder  die  Seltenheit  der  vorhandenen  Gütermenge,  oder  die
dem  Käufer  ersparte  Arbeit  zur  Quelle.  Wie  reimt  sich  das
zusammen?  Gebrauchs-  und  Tauschwert  unterscheidend,  definiert ­
  Cauwès  erstem  mit  Böhm-Bawerk  als  das  Urteil,  das
jeder  von  uns  über  den  Grad  der  Brauchbarkeit  der  Dinge
fällt.  Wie  aber  dieses  Urteil  ausfalle,  dessen  objektive  Grundlage, ­
  die  Brauchbarkeit  der  Dinge,  ist  immer  Arbeitsprodukt.

] )  Cauwès,  loe.  eit.  B.  I,  p.  260  ff.,  Bd.  Ill,  p.  342  ff.
2 )  ibid.  Bd.  IH,  p.  374.
3 )  ibid.  Bd.  ni,  p.  348.
        <pb n="401" />
        380

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Noch  mehr:  nur  vom  Standpunkt  der  Privatwirtschaft  ist  der
Gebrauchswert  vom  subjektiven  oder  Seltenheitsmoment  bestimmt; ­
  volkswirtschaftlich  ist  er  rein  objektiv 1 ).  Um  den
Tauschwert  auch  aus  der  Arbeit  zu  erklären,  greift  Gauwes
zu  Bastiat:  „Die  beim  Tausch  im  Konkurrenzsystem  hingegebenen ­
  Dinge  haben  den  Wert  der  Anstrengung,  welche  man
machen  müßte,  um  sich  die  Dinge  zu  verschaffen,  deren  man
bedarf.  Ihr  Wert  ist  also  die  Summe  der  dem  Käufer  ersparten
Arbeit 2 )“.  Prinzip  und  Maß  des  Tauschwertes  ist  die  dem
Käufer  ersparte  Arbeit,  aber  durch  das  Spiel  der  Konkurrenz
werden  geleistete  Arbeit  (Produktionskosten)  und  ersparte  Arbeit
tatsächlich  gleichwertig.  „Im  Konkurrenzsystem  wiegen  sich
zwei  Tendenzen  auf.  Die  eine,  welche  den  Wert  in  Proportion
zu  dem  dem  Käufer  geleisteten  Dienst  zu  stellen  strebt,  die
andere,  welche  den  Wert  auf  das  Niveau  der  vom  Produzenten
geleisteten  Arbeit  zurückzuführen  und  festzuhalten  bestrebt  ist.
Der  natürliche  Wert  beim  Tauschen  im  Konkurrenzsystem  ist  den
Produktionskosten  proportional;  diese  sind  das  Äquivalent  der
dem  Käufer  ersparten  Arbeit“  3 ).  Hierin  besteht  das  Gesetz  des
normalen  Wertes,  das  Bastiat  erkannt  hatte  und  das  der  distributiven ­
  Gerechtigkeit  entspricht 4 ).  Die  Verbindung  mit  dem  subjektiven ­
  Wertmomente  wird  schließlich  durch  Gleichsetzung  der
Quantität  der  ersparten  Arbeit  mit  der  Intensität  des  Begehrens
wieder  angeknüpft 5 ).  Man  wird  es  begreiflich  finden,  daß
Gauwès  von  solcher  Werttheorie  selbst  unbefriedigt  bleibt.
Das  Hauptverdienst  von  Gauwès  ist,  als  erster  die  historische, ­
  realistische  und  interventionistische  Nationalökonomie  in
Frankreich  importiert  zu  haben.  Von  Courcelle-Seneuil
und  Maurice  Block  ist  er  leidenschaftlich  bekämpft  worden.
1)  „Die  Österreicher,“  schreibt  Gauwès,  „lassen  den  Gebrauchswert  von
der  Seltenheit  oder  Ungenügendheit  eines  Gutes  in  bezug  auf  die  zu  befriedigenden ­
  Bedürfnisse  abhängen.  Das  ist,  wenigstens  vom  Standpunkt  der  Volkswirtschaft, ­
  nicht  richtig:  ein  Ding  hört  nicht  deswegen  ans,  ein  Gut  zu  sein,  weil
es  im  Überfluß  vorhanden  ist.  Nur  vom  Standpunkt  der  Privatwirtschaft  steht
die  Intensität  des  Begehrens  und  folglich  der  Gebrauchswert  im  umgekehrten
Verhältnis  zu  den  vorhandenen  Gütermengen.“  ibid.  Bd.  I,  p.  264.
2 )  ibid.  Bd.  I,  p.  311.
3 )  ibid.  Bd.  I,  p.  304  ff.,  p.  311.
4 )  ibid.
5 )  ibid.
        <pb n="402" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre

381

Später  versuchte  es  das  Journal  des  Economistes  ihm  und  seinen
Kollegen  gegenüber,  welche  seinen  Fußstapfen  gefolgt  waren,
mit  der  Politik  des  Totschweigens.  Allerdings  ohne  Erfolg.
Cauwès  seinerseits  ist  auch  stark  in  der  Polemik.  Er  wird
zwar  nie  so  gehässig  persönlich,  wie  seine  Gegner,  aber  er  versäumt ­
  keine  Gelegenheit,  dem  „laisser  faire“  zu  Leibe  zu  rücken.
Immer  temperamentvoll,  manchmal  mit  beißender  Schärfe.
Maurice  Bourguin,  Professor  der  Nationalökonomie  an  der
juristischen  Fakultät  in  Paris,  hat  von  allen  Professoren  der
französischen  Rechtsfakultäten  den  deutschen  Kathedersozialismus ­
  am  vollkommensten  in  sich  aufgenommen.  Sein  Buch
„Les  Systèmes  socialistes  et  l’Evolution  économique“ 1 )  hat  ihm
mit  einem  Schlage  eine  führende  Rolle  unter  den  Interventionisten
Frankreichs  gesichert.  Bourguin  hat  diesen  Erfolg  nicht  minder
dem  Aktualitätscharakter  seines  Werkes,  als  dessen  methodischen
und  inhaltlichen  Vorzügen  zu  verdanken.  Das  kam  so:  die
Ministerien  Waldeck-Kousseau-Mülerand  und  Combes,  welche  mit
dem  Interventionismus  in  Frankreich  ernst  zu  machen  begannen,
waren  mit  den  sozialistischen  Parteien  verbündet.  Dies  trug
wesentlich  dazu  bei,  die  Grenzen,  welche  die  staatliche  Einmischung ­
  ins  Wirtschaftsleben  vom  Kollektivismus  trennt,  in
der  Auffassung  weiter  Kreise  zu  verdunkeln.  Die  dadurch  in
Bourgeoiskreisen  ausgelöste  individualistische  Reaktion  schlug
bald,  wie  wir  im  I.  Buche  gesehen  haben,  hohe  Wellen  in  den
juristischen  Fakultäten.  Mit  überlegener  Kraft  trat  jener  nunmehr ­
  Bourguins  tief  durchdachtes  Buch  entgegen,  in  dem  der
Verfasser  die  Grenze  zwischen  dem  Sozialismus  und  der  tatsächlichen, ­
  wirtschaftlichen  Entwicklung,  deren  integrierender
Bestandteil  der  Interventionismus  ist,  deduktiv  und  induktiv
scharf  zeichnet.
Wer  in  dem  Buche  von  Bourguin  neue  Tatsachen  oder
Ideen  suchen  wollte,  würde  wohl  nicht  auf  seine  Rechnung
kommen.  Was  es  bietet,  ist:  scharfe  und  subtile  Analyse,  gründliches, ­
  kraftvolles  Räsonnement,  umfassende  Dokumentierung
mit  Beobachtungsmaterial,  durchaus  evolutionistisches  Denken,

*)  Zuerst  Paris,  1904,  seither  mehrfach;  ins  Deutsche  übersetzt  von
L.  Katzenstein,  Leipzig,  1906.
        <pb n="403" />
        382

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Umsicht  und  Sicherheit  im  Erkennen  von  in  den  Tatsachen
enthaltenen  Entwicklungstendenzen,  konkrete,  substantielle,
immer  eindrucksvolle  Darstellung.
Die  sozialistischen  Systeme  der  Gegenwart  werden  zunächst
einer  theoretischen  Erörterung  unterworfen.  Bourguin  ordnet
sie  nach  einem  doppelten  Einteilungsgrund  a)  je  nachdem  bei
ihnen  das  Eigentum  an  den  Produktionsmitteln  und  die  Leitung
der  Unternehmungen  dem  Staate,  den  Gemeinden  oder  freien
Genossenschaften  zusteht,  b)  je  nachdem  sie  den  Wert  in  Arbeitseinheiten ­
  bestimmen,  oder  die  heutige  Wertbestimmung  in  Metallgeld ­
  beibehalten.  Dementsprechend  werden  unterschieden:
1.  der  reine  Kollektivismus,  2.  Staats-  und  Kommunalsozialismus,
3.  korporativer  oder  sozietärer  Sozialismus 1 ).
Der  reine  Kollektivismus  ergibt  sich  als  Folgerung  aus  den
Schriften  von  K.  Marx  und  F.  Engels.  Zwei  Züge  kennzeichnen ­
  ihn:  alle  Produktionsmittel  gehören  der  nationalen
Gemeinschaft,  und  der  Wert  der  Arbeit  und  der  Produkte  wird
von  der  staatlichen  Behörde  in  Arbeitseinheiten  abgeschätzt,
deren  Summe  von  der  aufgewendeten  Arbeitsmenge  bestimmt
wird.  „Der  reine  Kollektivismus  bildet  einen  unteilbaren,  streng
einheitlichen  Block,  infolge  der  eigentümlichen  Verfassung  seines
Wertsystems;  es  ist  darum  unmöglich,  daß  derselbe  sich  stufenweise ­
  verwirkliche“ 2 ).  Seine  revolutionäre  Verwirklichung  ist
ebenso  unmöglich:  1.  weil  der  auf  die  Arbeitseinheit  gegründete
Wert  die  Doppelrolle  des  Preises  als  Instrument  des  Gleichgewichts ­
  und  als  Faktor  des  Fortschritts  nicht  erfüllen  kann;
2.  weil  die  Wirtschaftsordnung,  welche  die  Werte  nach  der  Arbeitsdauer ­
  festsetzt,  mit  der  Freiheit  unvereinbar  ist;  3.  weil
dieselbe  der  Staatsgewalt  Aufgaben  auferlegt,  die  über  menschliche ­
  Kräfte  gehen 3 ).  Die  Unmöglichkeit  des  reinen  Kollekti-*)
  Anarchismus,  Kommunismus,  Agrarsozialismus,  Vergesellschaftung  der
Produktionsmittel  durch  progressive  Erbschaftsbesteuerung  u.  a.  bleiben  also  unberücksichtigt. ­

*)  M.  Bourguin,  loc.  cit.  1.  Aufl.  p.  310.
3 )  Schon  die  übermäßige  Verwickeltheit  der  Berechnung  der  Durchschnitte ­
  der  Arbeitseinheiten,  die  für  jeden  Betrieb  nach  den  Verschiedenheiten
der  Produktivität  der  natürlichen  Agentien  gesondert  berechnet  werden  müßten,
macht  dieselbe  praktisch  undurchführbar.  Vollends  die  Anpassung  der  Produktion
an  den  Bedarf  stellt  eine  Aufgabe  dar,  der  ein  staatlicher  Beamtenkörper  nie
und  nimmer  gerecht  zu  werden  vermöchte,  ibid.  p.  73.
        <pb n="404" />
        Allgemein  e  Yolkswirtschaftslehre

385

vismus  ergibt  sich  somit  schon  aus  theoretischer  Analyse  seines
hypothetischen  Funktionierens 1 ).
Die  andern  Arten  von  Sozialismus  versucht  Bourguin
nicht  theoretisch  zu  widerlegen;  er  begnügt  sich  zunächst  mit
einer  rationalen  Analyse  derselben,  an  der  Hand  der  Tatsachen
werden  sie  später  kritisch  beleuchtet.  Als  Staatssozialismus  bezeichnet ­
  er  denjenigen  Sozialismus,  welcher  die  Produktion
ganz  oder  teilweise  dem  Staate  zuweist,  ohne  jedoch  die  bestehende ­
  Ordnung  des  Wertes  umzuwandeln.  Theoretisch  könnte
derselbe  durch  sukzessive  Ausdehnung  der  öffentlichen  Betriebe
auf  Kosten  der  privaten  bis  zur  völligen  Sozialisierung  der  Produktion ­
  verwirklicht  werden.  Eng  damit  verwandt  ist  der
Kommunateozi&amp;amp;lisvtms.  Auch  der  korporative  oder  sozietäre  Sozialismus ­
  läßt  die  bestehende,  auf  dem  Metallgeld  als  Wertmesser
beruhende  Ordnung  bestehen.  Dessen  wichtigste  Form  ist  der
Kooperatismus,  d.  h.  in  erster  Linie  die  Konsumvereinsverbände.
Um  nun  festzustellen,  ob  die  eine  oder  andere  Form  des
Sozialismus  wirklich,  wie  deren  Anhänger  behaupten,  in  der
gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung  progressiv  entsteht  und
daraus  in  der  Zukunft  notwendig  folgen  wird,  insbesondere
aber  auch  um  die  tatsächlichen  Entwicklungstendenzen  der
Gegenwart  genau  zu  eruieren,  tritt  Bourguin  eine  allgemeine
Untersuchung  der  zeitgenössischen  Tatsachen  an.  Die  hauptsächlichsten ­
  wirtschaftlichen  Erscheinungen  unserer  Zeit  werden
an  der  Hand  eines  reichhaltigen  Materials,  dessen  statistischer  Teil
in  einer  Reihe  von  dem  Buche  beigegebenen  Anlagen  untergebracht ­
  ist,  unter  dem  „dynamischen  Gesichtspunkte  ihrer
Entwicklung“  für  die  wichtigsten  Kulturländer  untersucht.  Die
präzise,  gründliche  Fragestellung,  die  solide  Dokumentierung,
besonders  aber  die  durchaus  evolutionistische  Auffassungsweise
machen  diesen  Teil  von  Bourguins  Werk,  der  doch  mit  den
Materialien  eines  jeden  Handbuchs  und  zahlloser  Monographien
operiert,  eindrucksvoll  und  interessant.  Zur  Sprache  kommen  :  die
Konzentration  in  Industrie  und  Handel  ;  die  Grenzen  derselben
(die  Hausindustrie  dauert  fort,  in  gewissen  Industriezweigen
nehmen  die  selbständigen  Existenzen  zu,  der  Kleinhandel  hat
im  großen  und  ganzen  seine  Position  bewahrt)  ;  der  Einfluß  des

b  ibid.  p.  60  ft.
        <pb n="405" />
        Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

384

Kapitalismus  auf  die  Landwirtschaft,  deren  Entwicklungstendenzen ­
  ;  die  Kooperativgenossenschaften,  Berufsvereine  der
Arbeitgeber  und  Arbeiter;  die  Wandlungen  des  Arbeitsvertrags  ;
die  zunehmende  Einmischung  von  Staat  und  Kommunen  ins
Wirtschaftsleben  (Schutzgesetzgebung  und  Sozialversicherung,
Unternehmen  des  Staates  und  der  Kommunen).
Angesichts  seines  umfassenden  Tatsachenmaterials  läßt  nun
Bourguin  die  sozialistischen  Systeme,  diesmal  in  Begleitung
des  Individualismus,  von  neuem  aufmarschieren  und  mißt
sie  daran.
Der  natürliche  Lauf  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  unserer ­
  Tage  führt  nicht  zum  Individualismus;  die  Kollektivbedürfnisse ­
  sind  zu  komplex  geworden,  als  daß  eine  individualistische
Politik  sie  zu  befriedigen  vermöchte.  Die  Privatinitiative  versagt
den  Bedürfnissen  gegenüber,  deren  Befriedigung  im  öffentlichen
Interesse  aber  nicht  lohnend  ist.  „Die  Staaten,  welche  im  Konkurrenzkampf ­
  oben  sind,  sind  diejenigen,  deren  Gesetzgebung
die  Arbeiter  am  besten  gegen  die  niederdrückenden  Anstrengungen ­
  im  Kampfe  ums  Dasein  und  gegen  die  Gewaltmißbräuche
des  Kapitals  schützt“  *).  Die  Ausdehnung  der  Befugnisse  des
Staates  ist  die  normale  Entwicklung  einer  wesentlichen  Kraft
der  modernen  Kultur 2 ).
Der  reine  Kollektivismus,  dessen  theoretische  Unmöglichkeit
bereits  dargetan  wurde,  hat  ebensowenig  die  Tatsachen  für  sich.
Vermöge  seines  Wertsystems,  das  auf  autoritativer  Abschätzung
aller  Werte  in  Arbeitseinheiten  beruht,  ist  er  nur  durch  Revolution ­
  möglich.  Eine  totale  und  gleichzeitige  Umwandlung  der
Wirtschaftsorganisation  müßte  aber  an  den  vorhandenen  Widerständen ­
  scheitern 3 ).
Die  Richtung  der  wirtschaftlichen  Evolution  ist  auch  nicht
die  des  progressiven  Staats-  oder  Kommunalsozialismus.  Gewiß  bedeutet ­
  die  Verbreitung  der  staatlichen  und  kommunalen  Betriebe ­
  eine  direkte  Entwicklung  zu  einer  kollektiven  Eigentumsordnung ­
  hin.  Diese  Verbreitung  wird  aber  aufhören  dort,  wo
der  Widerstand  der  Masse  kleiner  Privatunternehmer  beginnt,
d.  h.  daß  es  eine  große  Zahl  von  Produktionsgebieten  gibt,  auf

')  ibid.  p.  808.
2 )  ibid.  p.  303  ff.
3 )  ibid.  p.  311  ff.
        <pb n="406" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre

385

welche  sie  nicht  übergreifen  kann;  dazu  kommt,  daß  auch  die
Verwaltungskapazität  des  Staates  ihre  Grenzen  hat.  Man  mag
den  Staats-  oder  Kommunalsozialismus  als  einen  Zukunftstraum
hinstellen.  Wissenschaftlich  läßt  seine  bisherige  Entwicklung,
die  gewiß  eine  äußerst  verwickelte  und  umfassende  ist,  wenn
sie  auch  noch  weit  davon  entfernt  bleibt,  sich  auf  das  ganze
Wirtschaftsleben  zu  erstrecken,  den  Schluß  auf  dessen  wahrscheinliche ­
  Verallgemeinerung  in  der  Zukunft  nicht  zu.  Das
Ereiheitsbedürfnis  ist  in  unsern  demokratischen  Staaten  für  die
Individuen  wie  für  die  Kollektivitäten  ein  großes  geworden.
Die  bestehenden  Genossenschaften  und  Gewerkvereine  werden
nicht  freiwillig  auf  ihre  Unabhängigkeit  verzichten  und  die
Zwangsdisziplin  des  Kollektivismus  annehmen.  Der  soziale  Zustand, ­
  der  sich  aus  den  zeitgenössischen  Verhältnissen  heraus
entwickelt,  und  der  durch  das  Aufblühen  und  die  Macht  der
wirtschaftlichen  Genossenschaften  gekennzeichnet  wird,  bereitet
der  Verwirklichung  des  Kollektivismus,  des  Staats-  und  des
Kommunalsozialismus  mehr  Hindernisse,  als  der  Zustand  von
unorganisiertem  Individualismus,  der  aus  der  Revolution  hervorging ­
  l ).
Die  Verwirklichung  des  korporativen  oder  sozietären  Sozialismus ­
  ist  sowohl  in  der  Richtung  der  Produktivgenossenschaften,
als  in  derjenigen  der  Konsumvereine  denkbar.  Die  bisherige
Entwicklung  der  Dinge  spricht  gewiß  nicht  zugunsten  eines  irgendwie ­
  erheblichen  Fortschreit  ens  der  Produktivgenossenschaften.
Die  Konsumvereinsbewegung  dagegen  hat  zweifellos  eine  beachtenswerte ­
  Erfahrung  für  sich;  auch  scheint  es  wahrscheinlich,
daß  sie  noch  große  Produktionsgebiete  erobern  wird.  Im  Vergleiche ­
  zum  Kapitalismus  sind  aber  deren  Fortschritte  noch
schwache;  in  Amerika  hat  sie  sich  überhaupt  noch  nicht  eingebürgert. ­
  Zudem  wird  sie  immer  auf  diejenigen  Gewerbezweige ­
  verzichten  müssen,  die  sich  ihrer  Natur  nach  nicht  zur
ausschließlichen  Benützung  durch  ihre  Mitglieder  eignen,  z.  B.
Eisenbahnen,  Seeschiffahrt,  große  Textilindustrie  usw.  Jedenfalls ­
  ist  aber  auch  die  moderne  Gesellschaft  ein  viel  zu  komplexes ­
  Milieu,  als  daß  eines  der  Elemente  derselben,  also  z.  B.
die  Konsumvereine,  sich  alle  andern  unterwerfen  oder  dieselben
b  ibid.  p.  334  ft.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

25
        <pb n="407" />
        386

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

in  sich  aufnehmen  könnte.  Der  Versuch  müßte  an  den  Widerstandskräften ­
  aller  andern  scheitern 1 ).
Welches  sind  nun  die  Wege,  welche  die  wirtschaftliche
und  soziale  Entwicklung  tatsächlich  geht?
„Die  beiden  großen  Tatsachen,“  antwortet  Bourguin,
„welche  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  unserer  Tage  ihr
eigentümliches  Gepräge  geben,  sind  die  Ausdehnung  des  Kapitalismus ­
  und  die  Organisation  der  kollektiven  Kräfte.“  Die  moderne
Gesellschaft  besteht  aus:  1.  großen,  kapitalistischen  Unternehmungen, ­
  die  den  größten  Teil  der  Produktion  und  des  Umlaufs ­
  der  Güter  beherrschen;  in  den  Aktiengesellschaften,  Kartellen ­
  und  Trusts  erreichen  sie  das  Maximum  an  Kraft;  2.  kleinen
landwirtschaftlichen,  industriellen  und  kommerziellen  Betrieben  ;
3.  gewissen  andern  kollektiven  Organisationsformen,  wie:  Konsumvereinen ­
  ,  landwirtschaftlichen  Genossenschaften,  Arbeiterberufsvereinen, ­
  gewerblichen  Unternehmen  des  Staats  und  der
Gemeinden  usw.,  deren  wirtschaftliche  Bedeutung  seit  etwa
30  Jahren  rasch  wächst.  „Man  findet  also  zugleich  in  unsern
modernen  Staaten  die  Elemente  einer  mächtigen  industriellen
und  finanziellen  Aristokratie  und  die  einer  breiten,  landwirtschaftlichen, ­
  industriellen  und  kommerziellen  Demokratie,  deren
Kräfte  sich  unter  dem  regulierenden  Einfluß  des  Staates  im
Gleichgewicht  halten.  In  der  Zukunft  wird  die  Genossenschaft,
so  weit  man  voraussehen  kann,  indem  man  die  vorhandenen
Entwicklungslinien  der  lebenskräftigsten  und  fortschrittlichsten
Organe  in  Gedanken  fortführt,  eine  bedeutendere  Rolle  spielen
als  heute.  Kapitalistische  Gesellschaften  und  Koalitionen,  Syndikate ­
  kleiner  landwirtschaftlicher  und  industrieller  Unternehmer,
verschiedenartige  kooperative  Genossenschaften,  Verbände  derselben, ­
  die  Produktionsunternehmen  betreiben,  Unternehmungen
der  Staaten  und  Kommunen,  Berufsvereinigungen  der  Arbeitgeber ­
  und  Arbeiter  werden  die  wesentlichen  Elemente  der  wirtschaftlichen ­
  Verfassung  der  Zukunft  sein,  ....  Die  Kulturstaaten
scheinen  also  berufen,  regelmäßigere  Organisationsformen  anzunehmen, ­
  in  denen  die  sozialen  Elemente,  welche  so  lange  verstreut ­
  waren,  solidarischer  und  besser  aneinander  geordnet  sein
werden.  Es  ist  schließlich  unvermeidlich,  daß  dieselben  Bande

')  ibid.  p.  344  ff.
        <pb n="408" />
        Allgemeine  Yolkswirtschaftslehre

387

der  Koordination  und  Solidarität  mit  den  Fortschritten  der
Kolonisation  und  des  Verkehrs  sich  zwischen  den  Nationen
entwickeln.  Schon  heute  haben  die  Produzentenkoalitionen  und
die  Arbeiterverbände  die  Tendenz,  sich  über  die  Landesgrenzen
hinaus  auszudehnen  Der  Zusammenhang  der  wirtschaftlichen ­
  Interessen  wird  zweifelsohne  die  Kultureinheit  in  der  Welt
herstellen,  welche  die  Gemeinsamkeit  der  religiösen  Anschauungen
im  Mittelalter  in  Europa  verwirklicht  hatte“  *).
Der  historische  Determinismus  Bourguins  kommt  in  dem
Urteil,  daß  die  allgemeine  Konzentrations-  und  Föderationsbewegung ­
  ein  großer  historischer  Strom  ist,  den  keine  menschliche ­
  Gewalt  aufhalten  oder  ablenken  könnte,  voll  zur  Geltung.
Gesetze,  die  das  Handwerk  schützen,  Warenhäuser,  Kartelle  und
Trusts  bekämpfen  wollen  u.  a.  m.,  werden  die  natürliche  Entwicklung ­
  nicht  aufhalten.  Desgleichen  ist  der  Fortschritt  der
Arbeiterschutzgesetzgebung,  der  Sozialversicherung  usw.  nicht
zu  verhindern.  „Das  soziale  Ideal  unserer  Tage  kann  nur  als  eine
Resultante  der  historischen  Entwicklung  aufgefaßt  werden“ 2 ).
Der  wesentliche  Zug  dieses  Ideals,  welches  sich  progressiv  bei
den  modernen  Völkern  bildet,  ist  dessen  demokratischer  Charakter.
„Es  besteht  nicht  in  einem  von  der  Wirklichkeit  abgewendeten
absoluten  Prinzip  ;  es  besteht  in  der  Idee  der  durch  die  sittliche
und  materielle  Entwicklung  der  größten  Zahl  zu  verwirklichenden ­
  Gerechtigkeit“  3 ).
Neben  der  historischen  Auffassung  des  wirtschaftlichen  Geschehens ­
  ist  das  demokratische  Fühlen  und  Denken  grundlegend
für  Bourguins  Weltanschauung.  Die  Idee,  die  er  sich  von
der  Demokratie  macht,  bringt  er,  wie  die  eben  zitierte  Definition
zeigt,  in  engsten  Zusammenhang  mit  dem  Hauptpunkt  des  Eisenacher ­
  Programms  des  Vereins  für  Sozialpolitik.  Andererseits
verbindet  er  sie  mit  dem  von  Ch.  Gide  und  L.  Bourgeois
erneuerten  Begriff  der  Solidarität,  den  wir  im  folgenden  Kapitel
dieses  Buches  besprechen  werden.  Das  Gefühl  verbreitet  sich
in  unsern  Tagen,  meint  Bourguin,  daß  der  Einzelne  die  Kulturgüter, ­
  die  er  genießt,  nur  zum  geringsten  Teile  sich  selbst,  zum
weitaus  größten  der  Arbeit  vieler  vorhergegangener  Generationen

1)  ibid.  p.  348,  p.  350—351.
2 )  ibid.  p.  352.
3 )  ibid.  p.  353.
        <pb n="409" />
        388

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

und  dem  Zusammenwirken  vieler  Zeitgenossen  verdankt.  Daraus
entwickelt  sich  die  Bereitwilligkeit,  Opfer  für  die  Besserung  der
Lage  der  Arbeiterklassen  zu  bringen 1 ).
Es  genügt  jedoch  nicht,  die  allgemeine  Idee  eines  demokratischen ­
  Ideals  der  Prüfung  durch  die  historische  Methode
zu  unterwerfen.  Dieses  Ideal  bleibt  sehr  unbestimmt,  wenn  man
es  nicht  zu  einem  Organisationsprogramm  ausarbeitet,  dessen
Linien  genau  gezeichnet  sein  müssen.  Hier  gilt  es  nun  besonders, ­
  um  sich  vor  Irrtümern  und  abenteuerlichen  Zukunftsvisionen ­
  zu  schützen,  sich  gewissenhaft  an  die  realistische  Beobachtung ­
  der  vorhandenen  Entwicklungskräfte  zu  halten.  Wir
können  Bourguin  unmöglich  in  alle  Details  des  Organisations-Programms,
  das  er  aus  den  Entwicklungstendenzen  der  Gegenwart ­
  induziert,  folgen.  Wir  wollen  nur  einige  Hauptzüge  desselben ­
  skizzieren.
Das  Privateigentum  wird  in  der  Wirtschaftsordnung  der  Zukunft ­
  durch  die  Steuergesetze  und  die  Ausdehnung  der  Arbeiterschutzgesetze ­
  von  seinem  absoluten  Charakter  einbüßen  und
sich  eine  „Legierung“  mit  kollektiven  Rechten  gefallen  lassen
müssen.  Das  kollektive  Eigentum  wird  eine  große  Ausdehnung
erfahren 2 ).
Die  Wohlfahrtseinrichtungen  der  Arbeitgeber  scheinen  gegenüber ­
  dem  self  help  der  Arbeiter  zum  Rückgang  verurteilt 3 ).  Die
Berufsvereine  der  Arbeiter  haben  eine  große  Zukunft.  Nichtsdestoweniger ­
  bleibt  die  fortschreitende  Entwicklung  der  Arbeiter-1)
  ibid.  p.  354—355.
2 )  ibid.  p.  385—386.
3 )  Aber  deswegen  soll  sich  doch  der  Arbeitgeber  keineswegs  auf  die  Rolle
eines  Arbeitskäufers  beschränken.  Der  Arbeitgeber  der  Zukunft  wird  seine  Arbeiter ­
  nicht  als  Untergebene  und  Beschützte,  sondern  als  Menschen  behandeln,
welche  Rechte  haben,  die  den  seinen  gleich  sind.  Diese  Rechte  freier  Männer
wird  er  den  Arbeitern  nicht  nur  in  ihrem  Privatleben,  in  ihrem  Gewissen  und
in  der  Ausübung  ihrer  politischen  Rechte,  sondern  auch  an  der  Arbeitsstätte,
als  Kontrahenten  im  Arbeitsvertrag,  anerkennen.  Er  wird  sich  an  den  gerechten
Lohn  und  die  normale  Arbeitszeit,  welche  unter  Anerkennung  durch  die  Gewerkvereine ­
  für  seinen  Bezirk  und  sein  Gewerbe  gelten,  halten.  Er  wird  loyal  mit
den  Arbeiterorganisationen  unterhandeln.  Er  wird  für  die  Hygiene,  die  Annehmlichkeit, ­
  die  Ästhetik  der  Arbeitsstätte  sorgen.  Will  er  absolut  Wohlfahrtseinrichtungen ­
  errichten,  so  möge  er  es  für  die  Kinder  tun.  Diejenigen,  welche
die  Erwachsenen  angehen,  überlasse  er  der  Initiative  und  Leitung  der  Arbeiter,
ibid.  p.  360  ff.
        <pb n="410" />
        Allgemeine  Yolkswirtsch  aftslehre

389

schutzgeseizgebung  und  der  obligatorischen  Sozialversicherung  notwendig. ­
  Letztere  wird  sich  möglicherweise  auf  Kosten  der
Militärausgaben  entwickeln.  Die  natürliche  Entwicklung  der
Dinge  erheischt  eine  Förderung  der  Konzentrations-  und  Föderationsbestrebungen ­
  durch  die  Gesetzgebung 1 ).  Die  Lohnarbeit
wii’d  in  der  Wirtschaftsordnung,  zu  der  uns  die  historische  Entwicklung ­
  trägt,  nicht  beseitigt  werden,  sondern  eine  nie  dagewesene ­
  Ausdehnung  erhalten.  Kapitalismus,  Genossenschaften,
Staats-  und  Kommunalsozialismus  erweitern  beständig  deren
Feld.  Das  Arbeiterproletariat  aber  und  der  Klassenkampf  werden
verschwinden 2 ).  In  den  genossenschaftlichen  Organisationen

*)  So  werden  die  Rechte  der  Berufsvereine  gesetzlich  abgegrenzt  und
ihre  Patrimonia  gesetzlich  sicher  gestellt  werden  ;  es  werden  Interessevertretungen
der  in  Berufsvereinen  Organisierten  mit  Befugnissen  bezüglich  bindender  Regelung ­
  der  Arbeitsbedingungen  und  der  Gewerbeinspektion  ausgerüstet  werden,
ibid.  p.  865.
2 )  Mit  der  Lohnarbeit  ist  die  Eigenschaft  als  Proletarier  keineswegs  notwendig ­
  verbunden.  Diese  folgt  aus  ungenügendem  Lohn,  Unsicherheit  der
Existenz,  Abhängigkeit  vom  Arbeitgeber.  Alle  drei  Ursachen  verschwinden
progressiv.  Damit  speziell  die  Lohnarbeit  aufhöre,  das  Proletariat  zu  erzeugen,
muß  sie  allerdings  einige  tiefgreifende  Änderungen  erfahren.  Diese  haben
bereits  eingesetzt.  Es  sind:  1.  Steigen  der  Löhne.  Die  steigende  Bewegung  der
Löhne,  welche  schon  mehrere  Jahrzehnte  andauert,  wird  in  der  Zukunft  eine
raschere  sein,  weil  deren  Ursachen  mit  zunehmender  Kraft  wirken  werden.
Durch  wissenschaftliche  Entdeckungen  und  Verbreitung  technischer  Kenntnisse
wird  die  Produktivität  der  Arbeit  in  Ackerbau  und  Industrie  wachsen.  Damit
Hand  in  Hand  steigen  die  Löhne  und  die  Produkte  werden  billiger.  In  allen
Ländern,  welche  nicht  ausnahmsweise  Lasten  zu  tragen  haben,  haben  die  Fortschritte ­
  der  Produktion  und  des  Verkehrs  die  Produktionskosten  selbst  der
landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  so  sehr  verringert,  daß  das  Leben  seit  dreißig
Jahren  trotz  der  steigenden  Löhne  billiger  geworden  ist.  2.  Die  Arbeit  wird
zunehmend  weniger  mühsam,  kürzer  und  weniger  gefährlich.  3.  Der  Arbeitsvertrag ­
  wird  immer  mehr  die  Spuren  der  frühern  Unterwerfung  des  Arbeiters
unter  den  Arbeitgeber  verlieren;  seine  Entwicklung  liegt  in  der  Richtung  auf
genaue  Abmessung  der  Dienste  in  kollektiven  Arbeitsverträgen.  4.  Die  Sicherheit ­
  der  Existenz  wird  eine  größere  mit  dem  weitern  Ausbau  der  Sozialversicherungsgesetze. ­
  Allerdings  bleiben  noch  als  Proletariat  bildende  Kräfte  die  Arbeitslosigkeit, ­
  das  sweating  system  in  der  Hausindustrie  und  die  Abwanderung
der  Landarbeiter  in  die  Städte.  Letztere  ist  wesentlich  ein  Ubergangsstadium.
Was  aber  die  beiden  ersten  betrifft,  so  ist  Abhilfe  gegen  sie  das  große  Problem
der  Zukunft.  Man  darf  jedoch  zuversichtlich  hoffen,  daß  das  Erstarken  der
Arbeiterorganisationen  und  die  Fortbildung  der  staatlichen  Schutzgesetzgebung
auch  dieser  großen  Plagen  der  modernen  Gesellschaft  Herr  werden.  „Wenn
        <pb n="411" />
        390

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

der  Zukunft  wird  es  nicht  ohne  Opfer  für  die  individuelle  Freiheit ­
  abgehen.  Wenn  z.  B.  die  Arbeiterberufsvereine  zahlreich
und  stark  genug  sind,  werden  sie  die  Isolierten  zum  Beitritt
zwingen  können,  unter  Strafe  der  Ausstoßung  aus  dem  betreffenden ­
  Berufe.  Sollten  sie  alsdann  ihre  Macht  mißbrauchen,
um  Individuen  ihrer  politischen  oder  religiösen  Überzeugung
wegen  zu  verfolgen  und  aus  dem  Berufe  auszuschließen,  so  ist
der  Moment  zu  staatlichem  Eingreifen  zum  Schutze  der  Bedrohten ­
  gekommen.  Die  individuelle  Freiheit  wird  überhaupt
in  der  Gesellschaftsordnung  der  Zukunft  nur  durch  ein  verwickeltes ­
  System  von  Gegengewichten,  welche  die  Rechte  der
Einzelnen  wahren,  ohne  die  wohltuende  Entwicklung  der  Kollektivitäten ­
  zu  hindern,  aufrecht  erhalten  werden  können.  Insbesondere ­
  bedeuten  die  staatlichen  und  kommunalen  Unternehmungen ­
  eine  ernste  Gefahr  für  die  Freiheit.  Die  Gesetzgebung ­
  des  Staates  wird  unbedingt  gegen  diesen  selbst  und
gegen  die  Kommunen  ernstliche  Garantien  schaffen  müssen;
die  öffentlichen  Betriebe  müssen  vor  den  Wechselfällen  der

alsdann  die  Lohnarbeit  diese  Umwandlungen  erfahren  hat,  wird  zwar  der  Interessengegensatz ­
  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  wie  zwischen  Produzenten ­
  und  Handelsleuten,  Detaillisten  und  Konsumenten,  kurz,  wie  zwischen
allen  denen,  welche  sich  über  die  Bedingungen  eines  Vertrages  zu  einigen  haben,
fortbestehen,  aber  der  Klassenkampf,  der  gehässige  und  gewalttätige  Antagonismus
wird  verschwinden,  weil  er  keine  Daseinsberechtigung  mehr  haben  wird.  Der
Klassenkampf  ist  eine  Revolte  der  Arbeiterklasse  gegen  einen  bestimmten  Zustand ­
  wirtschaftlicher  Abhängigkeit.  Aber  wenn  man  annimmt,  daß  die  Arbeiter
eines  Tages  durch  hohem  Lohn  Wohlstand  haben,  daß  ein  kürzerer  Arbeitstag
sie  in  den  Stand  setzt,  einen  hohem  Kulturgrad  zu  erreichen,  daß  sorgfältig  abgeschlossene ­
  Kontrakte  die  Summe  der  für  einen  bestimmten  Preis  zu  liefernden
Anstrengungen  begrenzen,  dann  werden  die  Arbeiter  sich  als  Verkäufer  von
Arbeit  in  derselben  Lage  von  Unabhängigkeit  und  Gleichheit  den  Arbeitgebern
gegenüber  befinden,  wie  die  Verkäufer  von  Rohstoffen  oder  Maschinen.  Es
wird  natürlich  zwischen  ihnen  und  den  Arbeitskäufern  ein  Interessengegensatz
fortbestehen;  derselbe  wird  aber  keinen  Grund  mehr  haben,  sich  in  Klassenkampf ­
  umzuwandeln.  Wenn  die  Arbeitsverkäufer  die  Herrschaft  der  Arbeitgeber ­
  nicht  mehr  zu  ertragen  haben,  werden  sie  nicht  mehr  Grund  haben,  die
Unternehmer,  mit  denen  sie  in  Geschäftsbeziehungen  stehen,  zu  hassen,  als  die
Rohstoffverkäufer.  Um  so  weniger,  wenn  die  Unternehmer  mit  organisierten
Arbeitern  abschließen  und  von  jeder  Aufsicht  entbunden  sind.  Die  Arbeitgeber
werden  ihrerseits  die  Forderungen  der  Arbeiter  und  das  Steigen  der  Löhne  mit
derselben  Kaltblütigkeit  zu  ertragen  wissen,  mit  der  sie  heute  das  Steigen  der
Kohlen-  oder  Baumwollpreise  hinnehmen.“  ibid.  p.  366  ff.,  p.  377.
        <pb n="412" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre  391
Wahlen  und  vor  politischen  Einflüssen  überhaupt  möglichst
sichergestellt  werden*).
Unter  Berücksichtigung  der  möglichen  Ursachen  von  Stillstand ­
  oder  Rückschritt  und  der  Faktoren  beschleunigter  Evolution, ­
  welche  in  entgegengesetzter  Richtung  auf  das  Leben  der
Völker  einwirken,  schließt  Bourguin:  „Es  ist  nicht  wahrscheinlich, ­
  daß  irgend  welche  Elemente  die  parallele  und  sukzessive ­
  Entwicklung  der  kultivierten  Völker  zu  einem  Zustand
von  Kapitalismus,  kollektiver  Organisation  und  Demokratie,  in
welchem  die  Arbeiterklassen  an  Macht,  Wohlstand  und  Kultur
wachsen  werden,  umkehren  oder  auch  nur  lange  aufhalten
können“  2 ).
Der  Zukunftsstaat  Bourguins,  der  sich  als  das  natür-J
 )  „Es  gibt  keine  Garantien,  die  für  das  Individuum  notwendiger  wären,
als  diejenigen,  welche  die  Leitung  gewerblicher  Betriebe  durch  den  Staat  umgeben ­
  müssen.  Hier  gilt  es,  die  den  Kollektivsten  teuere  Unterscheidung
zwischen  der  Regierung  der  Menschen  und  der  Verwaltung  der  Dinge  anzuwenden, ­
  indem  man  die  öffentlichen  Unternehmungen  streng  von  der  politischen
Regierung  trennt.  Das  Wesentliche  ist,  daß  diese  Untersuchungen  im  Interesse
der  Allgemeinheit  verwaltet  werden,  und  daß  deren  Reingewinn  den  Kollektivitäten ­
  zu  gute  komme.  Was  die  Verwaltung  betrifft,  ist  es  im  allgemeinen
Interesse,  daß  sie  unabhängigen  Behörden,  welche  den  politischen  Einflüssen
entrückt  sind,  und  die  über  ein  autonomes  Budget  verfügen,  angehöre  ;  es  kann
sogar  vorteilhaft  sein,  daß  sie  Pachtgesellschaften  anvertraut  werde,  welche  den
betreffenden  Dienstzweig  für  Rechnung  des  Staates  unter  dessen  Kontrolle  verwalten ­
  und  einen  bestimmten  Anteil  am  Gewinn  erhalten.“  ibid.  p.  383.  Ganz
im  Sinne  dieser  Anschauungen  sind  fünf  Vorträge  gehalten,  welche  Bourguin
1901  an  der  Ecole  professionnelle  des  Postes  et  Télégraphes  hielt,  und  die  unter
dem  Titel:  De  UApplication  des  Lois  ouvrières  aux  ouvriers  et  employés  de
l’Etat  (Paris,  Rousseau,  1902)  veröffentlicht  wurden.  Bourguin  verlangt  darin,
daß  der  Staat  als  Unternehmer  dem  gemeinen  Rechte,  wie  jeder  andere  Unternehmer, ­
  unterstehe.  Dementsprechend  müßten  die  Arbeiter  und  Angestellten
staatlicher  Betriebe  genau  dieselben  Rechte  haben,  wie  die  bei  privaten  Unternehmern ­
  beschäftigten  Arbeiter.  Insbesondere  die  Rechte,  sich  zu  organisieren,
in  den  Ausstand  zu  treten,  kollektive  Arbeitsverträge  mit  dem  Staate  abzuschließen ­
  usw.  Bourguin  ist  der  Ansicht,  daß  die  Beamten  der  staatlichen  Betriebe, ­
  unbeschadet  der  ihnen  vom  Staate  gewährten  Alterspensionen,  ein  Recht
auf  alle  durch  das  Unfallversicherungsgesetz  von  1898  vorgesehenen  Entschädigungen ­
  haben.  Er  verlangt  ferner,  daß  die  staatlichen  Betriebe,  wie  alle  andern,
der  Gewerbeinspektion  unterworfen  werden.  Wie  jeden  andern  Unternehmer
sollen  die  Fabrikinspektoren  den  Unternehmer  „Staat“  wegen  Nichtbeobachtung
von  Arbeiterschutzbestimmungen  gerichtlich  belangen  können.
2 )  ibid.  p.  385.
        <pb n="413" />
        392

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

liehe  Resultat  der  historischen  Entwicklung  präsentiert,  ist
gewiß  solide  genug  aufgebaut,  um  den  wirklich  demokratisch
und  fortschrittlich  gesinnten  Elementen  der  französischen  Intelligenz ­
  ein  Leitstern  zu  sein,  dessen  Licht  nicht  leicht  zu  verdunkeln ­
  ist.  Sein  robuster  Realismus  und  Determinismus  wird
bei  allen,  welche  sich  damit  vertraut  machen,  etwaige  Furcht
vor  dem  roten  Gespenst  zwangsweiser  Enteignung  verscheuchen.
Nicht  das  geringste  Verdienst  des  Werkes  ist  es,  ein  warmes
Interesse  für  die  Lage  verelendeter  Arbeiterklassen  wachzurufen
und  zu  tätiger,  opferfreudiger  Mitarbeit  an  der  steten  Besserung
derselben  anzufeuern.  Allerdings  macht  sich  Bourguin  durch
seine  rationalistische  Kantonnierung  der  sozialistischen  Systeme,
welche  den  wirklich  vorliegenden  sozialistischen  Reformvorschlägen ­
  nur  unvollkommen  gerecht  wird,  deren  Widerlegung
etwas  zu  leicht.  Beispielsweise  hätten  auch  die  Vorschläge
Rignanos,  das  kollektive  Eigentum  an  den  Produktionsmitteln
durch  stufenweise  Erbschaftsbesteuerung  in  drei  Generationen
zu  verwirklichen,  verdient,  an  den  tatsächlichen  Entwicklungstendenzen ­
  der  Gegenwart  gemessen  zu  werden.  Die  wichtige
Frage  der  progressiven  Besteuerung  im  Zukunftsstaat  ist  überhaupt ­
  zu  wenig  berücksichtigt.  Das  gleiche  gilt  für  die  Organisationsform ­
  „Kommunalsozialismus“.  Endlich  ist  Bourguins
Optimismus  bezüglich  der  zukünftigen  Gestaltung  der  Dinge,
wenngleich  er  sich  streng  an  tatsächliche  Grundlagen  hält,
manchmal  doch  etwas  kühn  und  erinnert  lebhaft  an  denjenigen
der  unentwegten  Individualisten  de  Molinari  oder  Yves
Guyot.  Aber,  wie  Bourguin  selber  sagt,  der  Optimismus  ist
eine  soziale  Kraft,  die  Unwahrscheinliches  wirklich  machen
kann.  Und  dann  kommt  es  ja  auch  schließlich  nicht  auf  den
einzelnen  Detailausblick  an:  die  beherrschende  Idee  der  Entwicklung ­
  und  die  reale  Fundamentierung  der  gezeichneten  Hauptwege ­
  des  wirtschaftlichen  Werdens  geben  dem  Buche  Bourguins ­
  einen  hohen  wissenschaftlichen  Wert;  in  dieser  Hinsicht
kann  sich  keine  zukunftsstaatliche  Utopie  der  alten  und  neuen
Zeit  mit  ihm  messen.
Adolphe  Landry  *),  Maitre  de  Conférences  für  Geschichte
])  Von  Ijanärys  Schriften  kommen  hier  in  Betracht:  L’utilité  sociale  et
la  Propriété  individuelle,  Paris  1901  (Doktordissertation  der  philosophischen
Fakultät  in  Paris).  —  L’Intérêt  du  Capital,  Paris  1904.  —  Un  Economiste
        <pb n="414" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre

393

der  wirtschaftlichen  Lehren  an  der  Ecole  pratique  des  Hautes
Etudes,  ist  Schüler  von  Ch.  Andler  und  Otto  Effertz.  Zu  Bourguin
  bildet  er  gewissermaßen  ein  Gegenstück.  Bourguin  ist
Jurist  und  historisch-realistischer  Nationalökonom  ;  Landry  ist
Philosoph  und  rationalistischer  Volkswirt.  Bourguin  faßt  die
Entwicklungslinien  der  Tatsachen  ins  Auge  und  schließt  auf
eine  zukünftige  Wirtschaftsordnung,  an  deren  Basis  Privateigentum ­
  und  Lohnarbeit  bleiben  werden,  wenn  auch  die  genossenschaftlichen ­
  Organisationsformen  überwiegen.  Landry  blickt
auf  die  Richtung  und  Ausbreitung  der  Ideen  und  schließt  auf
den  sozialistischen  Zukunftsstaat.  Bourguin  faßt  die  wirtschaftliche ­
  Entwicklung  deterministisch  als  ein  Naturgeschehen
auf,  an  dem  der  Wille  der  Menschen  nichts  zu  ändern  vermag.
Landry  sieht  in  dem  progressiven  Entstehen  einer  sozialistischen
Gesellschaftsordnung  nicht  die  Wirkung  von  Naturkräften,  sondern
die  Wirkung  des  Willens  von  immer  mehr  den  Sozialismus  als
Endziel  wollenden  Menschen.
Landry  ist  ein  gründlicher  Kenner  der  volkswirtschaftlichen ­
  Literatur  des  Auslandes,  insbesondere  auch  Deutschlands.
Von  Charles  Andler  ist  er  auf  Otto  Effertz'  „ponophysiokratischen“
  Sozialismus  aufmerksam  gemacht  worden.  Dieser
verwirft  bekanntlich  die  Privateigentumsordnung  wegen  der  ihr
notwendig  anhaftenden  Antagonismen  zwischen  individuellen  und
allgemeinen  Interessen,  und  baut  die  kollektivistische  Gesellschaftsordnung ­
  der  Zukunft  ponophysiokratisch,  d.  h.  auf  Arbeit
und  Boden  als  Produktionsfaktoren,  Wertmesser  und  Verteilungsnormen ­
  auf 1 ).  Landry  wurde  ein  begeisterter  Anhänger  von
Effertz,  dessen  Lehre  von  den  wirtschaftlichen  Antagonismen
er  sich  ganz  zu  eigen  gemacht  hat.  Auch  ist  Lan  drys  Methode ­
  von  derjenigen  Effertz’  beeinflußt;  beide  sind  abstrakt
deduktiv,  wenn  auch  Landry  die  übermäßigen  Vereinfachungen
von  Effertz’  Räsonnement  durch  progressive  Komplizierung

méconnu:  Otto  Effertz,  Paris  1906  (Separatabdruck  aus  Revue  d’économie  politique). ­
  —  Manuel  d’Economique,  Paris  1908.  —  Le  Problème  du  Profit  (Separatabdruck ­
  aus  Revue  d’économie  politique),  Paris  1908.
*)  Otto  Effertz,  Arbeit  und  Boden,  Leipzig,  1893.  —  Les  Antagonismes
économiques,  Paris,  1906  (mit  Vorwort  von  Ch.  Andler).  —  Über  Effertz  vgl.
den  Artikel  Sozialismus  von  G.  Adler  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften. ­
        <pb n="415" />
        394

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

seiner  Hypothesen  vorteilhaft  ergänzt.  Im  Anschluß  an  Effertz
macht  Landry  auch  von  der  mathematischen  Methode:  d.  h.
von  algebraischen  Formeln,  geometrischer  Figuration  und  arithmetischer ­
  Beispielgebung  häufig  Gebrauch.
Die  Tatsachenbeobachtung  betrachtet  Landry  als  ein
vorbereitendes  Stadium  der  Nationalökonomie.  Immerhin  gibt  er
zeitgenössischem  Beobachtungsmaterial  einen  breiten  Raum  in
seinem  Handbuch.  Die  Induktion  aus  den  Tatsachen  kann
nach  seiner  Ansicht  nur  geringe  Resultate  in  der  Volkswirtschaftslehre ­
  geben,  a)  weil  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen
hochgradig  komplex  sind,  b)  weil  der  Volkswirt  nicht  experimentieren ­
  kann,  c)  weil  die  Nationalökonomie  in  ihren  Forschungen ­
  immer  auf  menschliche  Handlungen,  die  vom  menschlichen ­
  Willen  abhängen,  kommen  muß,  d.  h.  auf  Tatsachen
der  innern  Erfahrung,  deren  Verfolgung  für  die  Induktion
schwieriger  und  langwieriger  ist,  als  für  die  Deduktion  ] ).  Die
Deduktion  ist  nach  Landry  in  der  Wirtschaftswissenschaft  besonders ­
  fruchtbar,  hauptsächlich  weil  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  immer  einen  quantitativen  Charakter  haben  und
meßbar  sind.  Es  gibt  keine  wirtschaftliche  Frage,  die  der  Deduktion ­
  nicht  zugänglich  wäre.  Wenn  es  wegen  der  Komplexität
der  Erscheinungen  unmöglich  wird,  induktiv  zu  einem  Resultat
zu  kommen,  kann  man  es  immer  noch  auf  deduktivem  Wege,
z.  B.  in  der  Frage  nach  den  Erklärungsgründen  des  Zinses.
„Die  Deduktion,“  schreibt  Landry,  „ermöglicht,  die  Probleme
der  Wirtschaftswissenschaft  vollständig  zu  lösen,  die  wirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  in  einer  für  den  Geist  vollkommen  befriedigenden ­
  Weise  zu  erklären.  Vom  Einfachen  zum  Zusammengesetzten ­
  vordringend,  kann  sie  in  ihre  ersten  Prämissen  diejenigen ­
  psychologischen  Daten  aufnehmen,  welche  die  Triebfedern ­
  des  ganzen  Wirtschaftslebens  ausmachen;  und  die  Tatsachen, ­
  zu  denen  sie  uns  führt,  indem  sie  von  diesen  Daten
ausgeht,  werden  dadurch  vollkommen  verständlich  für  uns“  2 ).
Das  von  Landry  jeweils  angewandte  Verfahren  ist  denn
auch  ein  abstrakt-deduktives,  das  von  sehr  einfachen  Hypothesen ­
  ausgeht  und  diese  progressiv  kompliziert,  um  sich  möglichst ­
  der  konkreten  Wirklichkeit  zu  nähern.  Durch  Beobach-*)
  Ad.  Landry,  Manuel  d’Economique,  p.  45  fi.
2 )  ibid.  p.  50.
        <pb n="416" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre

395

tung  kontrolliert  er  die  Ergebnisse  der  Deduktion;  die  der  Beobachtung ­
  zur  Komplikation  seiner  Hypothesen  entnommenen
Elemente  pflegt  er  durch  arithmetische  Beispielgebung  zu  veranschaulichen. ­
  Nichtsdestoweniger  bleibt  sein  Räsonnement
äußerst  subtil.
Lan  dry  s  Handbuch  der  Nationalökonomie,  das  für
Studierende  der  juristischen  Fakultäten  bestimmt  ist,  entsprang ­
  dem  Bestreben,  eine  reine  Volkswirtschaftslehre  nach
dem  Vorbilde  Effertz’  zu  schaffen.  Es  dürfte  kaum  seinem
Zwecke,  ein  Handbuch  für  Studierende  zu  sein,  gerecht  werden  ;
dazu  ist  es  viel  zu  subtil-abstrakt  und  viel  zu  ausführlich  in
theoretischen  Erörterungen.  Die  grundsätzlichen  Anschauungen
des  Verfassers,  welche  er  Effertz  verdankt,  kommen  in  der
Hauptsache  erst  in  dem  der  Eigentumsfrage  gewidmeten  Anhang, ­
  und  auch  dort  nicht  ohne  Zurückhaltung,  zum  Ausdruck.
Im  übrigen  schöpft  er  meist  aus  Philippovich,  Böhm-Bawerk,
Wiese,  Mengen,  in  der  Wertlehre  auch  aus  Marshall  und  Colson.
Neben  der  Eigentumsfrage  hat  Landry  in  seinem  Handbuch
sowohl,  als  in  seinen  frühern  Werken,  die  Fragen  des  Kapitalzinses ­
  und  des  Unternehmergewinns  selbständig  vertieft.
Die  Zinstheorien  teilt  Landry  in  vier  Gruppen:  1.  die,
welche  sich  weder  an  das  halten,  was  erklärt,  daß  das  Kapital
einen  Zins  erhält,  noch  an  das,  was  erklärt,  das  es  einen  fordert, ­
  d.  h.  Theorien,  welche  sich  weder  an  die  Nachfrage  nach,
noch  an  das  Angebot  von  Kapitalien  halten  (  Walras,  Lehr)-,
2.  die,  welche  erforschen,  warum  das  Kapital  einen  Zins  erhält
(K.  Marx,  Turgot,  H.  George,  Wiesen,  Mengen)  ;  3.  die,  welche
untersuchen,  warum  das  Kapital  einen  Zins  fordert  (Senior)]
4.  die,  welche  sowohl  danach  fragen,  warum  das  Kapital  einen
Zins  erhält,  als  danach,  warum  es  einen  solchen  fordert  (Böhm-Bawerk).
  Landry  fällt  über  alle  bisherigen  Zinstheorien,  nach
minutiöser  Analyse  derselben,  das  Urteil,  daß  sie  entweder  unvollständig, ­
  oder  nicht  bestimmt  (explicite)  genug,  oder  daß
deren  Elemente  unglücklich  angeordnet  seien  *).
Landry  entwickelt  selbst  eine  Zinstheorie,  welche  diese
drei  Klippen  vermeiden  will.  Hier  deren  Hauptzüge 2 ).

J )  ibid.  p.  621  ff.
2 )  ibid.  p.  631  ff.
        <pb n="417" />
        396

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

A.  Kapitalnachfrage.  Es  gibt  fünf  Gründe,  warum  ein  Mann
bereit  sein  kann,  einen  Zins  für  die  Überlassung  eines  Kapitals
zu  zahlen.  Diese  fünf  Gründe  können  sowohl  miteinander,  als
mit  entgegenwirkenden  Kräften  in  mannigfache  Verbindungen
treten.  Es  sind:  1.  der  Umstand,  in  der  Gegenwart  mehr  Bedürfnisse ­
  zu  haben,  als  man  in  der  Zukunft  haben  wird  ;  2.  die
Aussicht  auf  Vermehrung  der  Hilfsmittel;  3.  die  Entwertung
zukünftiger  Güter  im  Verhältnis  zu  gegenwärtigen;  4.  die  Produktivität ­
  des  Kapitals;  5.  die  Tatsache,  daß  es  möglich  ist,
Gebrauchsgüter  zu  schaffen,  aus  denen  man  Genüsse  ziehen
wird,  deren  Gesamtnutzen  dem  überlegen  sein  wird,  was  diese
Güter  werden  gekostet  haben.
B.  Kapitalangebot.  Wenn  man  von  den  zahlreichen  Kapitalien ­
  absieht,  deren  Verwendung  als  solche  kein  Opfer  impliziert, ­
  die  sich  also  mit  einer  minimalen  Entlohnung  begnügen,
bleiben  als  Gründe,  warum  ein  Mann  für  die  Überlassug  eines
Kapitals  einen  Zins  verlangt  :  1.  die  Tatsache,  daß  die  Kapitalisation
  ein  Opfer  erheischt,  dessen  Bedeutung  schneller  wächst
als  die  Höhe  des  zurückgelegten  Kapitals;  2.  die  Entwertung
der  zukünftigen  Güter.
Wie  entsteht  nun  der  Zins?  Landry  formuliert  folgendes
Gesetz:  „Auf  der  einen  Seite  gibt  es  eine  gewisse  Anzahl  von
Verwendungsmöglichkeiten  für  Kapitalien,  bei  welchen  sie  einen
Mehrwert  abwerfen  ;  man  kann  diese  Möglichkeiten  nach  Maßgabe ­
  des  Abnehmens  der  Mehrwerte  ordnen,  und  man  hat  so
die  Kurve  der  Kapitalnachfrage.  Andererseits  kann  man  die  virtuellen ­
  Kapitalien  nach  den  Mehrwerten  ordnen,  welche  sie  einbringen ­
  müssen,  um  als  Kapitalien  verwendet  zu  werden  :  so
hat  man  die  Kurve  des  Kapitalangebots  Die  tatsächliche
Entlohnung  des  Kapitals  —  der  Zins  —  wird  durch  die  Begegnung ­
  der  beiden  Kurven  angegeben  werden.  Wie  der  Wert
der  Waren  zugleich  dem  Grenzgebrauchswert,  den  diese  Waren
für  die  Käufer  haben,  und  dem  Grenzopfer,  das  die  Verkäufer
sich  auferlegen,  wenn  sie  dieselben  hergeben,  gleichkommt,  so
kommt  der  Zins  zugleich  dem  Grenzmehrwert,  den  die  verwendeten ­
  Kapitalien  geben  werden  und  dem  Grenzopfer,  das
die  Kapitalisation  bedeutet,  gleich“  ’).

')  ibid.  p.  639.  Landry  führt  in  diese  Formel  noch  eine  weitere  Verwicklung ­
  durch  Berücksichtigung  der  Verschiedenheit  der  Dauer  des  Kapital-
        <pb n="418" />
        Allgemeine  Volkswirtschaftslehre

397

Landrys  Zinstheorie,  welche  sich  als  eine  Fortbildung
derjenigen  von  Wieser  und  Böhm-Beiwerk  darstellt,  ist  nicht  minder ­
  subtil  und  speziös  als  die  der  Österreicher.  Professor
Gide  meint,  Landry  habe  die  Zinsfrage  durch  seine  Spekulationen ­
  keineswegs  geklärt.  Unsere  Ansicht  geht  dahin,  dab
er,  um  die  Klippen  wirklich  zu  vermeiden,  an  denen  er  vorbeikommen ­
  will,  1.  die  Frage  der  Legitimität  des  Zinses  nicht
über  den  Erklärungsversuchen  seiner  Tatsächlichkeit  vernachlässigen ­
  dürfte,  2.  sich  vorerst  eine  breitere  historische  Fundamentierung ­
  durch  Studium  des  Zinsproblems  im  Altertum  und
Mittelalter  sowie  in  den  verflossenen  Jahrhunderten  der  Neuzeit
beschaffen  müßte.
Noch  viel  unbefriedigender  als  die  Zinstheorie  ist  Landrys
Theorie  vom  Unternehmer  gewinn.  In  äußerst  subtilen  Ausführungen ­
  schaltet  er  vorerst  das  Kapital,  die  Geschicklichkeit  des
Unternehmers  und  die  Art  und  Weise  der  Risikoberechnung
als  Quellen  des  Unternehmergewinnes  aus.  Als  solche  gilt  ihm
das  Seltenheitsmoment  des  Zusammentreffens  von  Kapitalien
und  Fähigkeiten  in  einer  physischen  Person  l ).  Er  macht  sich
selbst  den  Einwurf,  daß  man  Unternehmer  sein  kann,  sowohl
ohne  Kapital,  als  ohne  spezielle  Fähigkeiten  zu  besitzen.
Letzteres  ist  der  Fall  bei  allen  unpersönlichen  Unternehmungsformen, ­
  also  besonders  bei  den  meisten  Aktiengesellschaften.
Darauf  antwortet  er,  daß  die  Unternehmer  ohne  Kapital  oder
ohne  spezielle  Fähigkeiten  immer  nur  einen  verschwindend  gebedarfs

  bezw.  der  Bereitwilligkeit  der  Hingabe  ein.  Er  versucht  zunächst  nachzuweisen, ­
  daß  der  Zins  nicht  unregelmäßig  (auf  einem  Markte)  schwanken  kann,
sondern  der  Dauer  der  Anlage  proportional  sei.  Dementsprechend  korrigiert  er
obige  Formel  wie  folgt:  In  der  Kurve  der  Nachfrage  wird  jedes  Kapital  für
den  Zinsfuß  figurieren,  den  es  abwerfen  kann,  wenn  man  diejenige  Anlagedauer
für  dasselbe  annimmt,  welche  dessen  höchsten  Mehrertrag  pro  Zeiteinheit  erzeugen ­
  wird.  In  der  Kurve  des  Angebots  wird  jedes  Kapital  mit  dem  Zinsfuß
auftreten,  den  es  fordert,  wenn  man  diejenige  Anlagedauer  für  dasselbe  annimmt,
welcher  das  geringste  Opfer  pro  Zeiteinheit  von  seiten  des  Kapitalisten  entspricht,
ibid.  p.  642—643.
b  „Um  Unternehmer  zu  sein,  muß  man  zugleich  Kapitalien  und  Fähigkeiten ­
  haben;  obwohl  nun  beide  relativ  sehr  verbreitet  sind,  so  ist  doch  deren
Verbindung  relativ  selten;  deswegen  wird  der  Unternehmer  aus  der  gleichzeitigen
Verwendung  beider  mehr  erzielen,  als  wenn  er  sie  getrennt  verwendet  hätte."
Landry,  loe.  cit.  p.  675,  und:  Le  Problème  du  Profit,  p.  14.
        <pb n="419" />
        898

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

ringen  Teil  der  in  einer  Volkswirtschaft  vorhandenen  Unternehmer ­
  darstellen  und  folglich  unbeachtet  bleiben  können.  Es
liegt  auf  der  Hand,  daß  man  sich  in  einer  Zeit,  deren  Entwicklungstendenzen ­
  in  der  Richtung  kollektiver  Unternehmungsformen ­
  liegen,  nicht  mit  L  a  n  d  r  y  s  Erklärung  des  Unternehmergewinnes ­
  zufrieden  geben  kann.  Wir  erkennen  seine  subtilen
Analysen  jedoch  gern  als  dankenswerte  Beiträge  an,  welche
der  wissenschaftlichen  Forschung  als  Anregung  dienen  können 1 ).
Die  Hauptsache  bei  Landry  ist  die  Effertz  entlehnte
Lehre  vom  sozialen  Nutzen  des  Privateigentums 2 ).  Sie  beruht  auf
dem  Nachweis  von  Antagonismen  oder  Verletzungen,  welche
das  allgemeine  Interesse  durch  individuelle  Interessen  in  einer
auf  das  Privateigentum  aufgebauten  Wirtschaftsordnung  erleidet.
Genauer  umgrenzt  sind  es  die  Gegensätze  zwischen  Produktivität
=  allgemeinem  Interesse  und  Rentabilität  —  Privatinteresse.
Als  Autoren,  welche  vor  Effertz  dieser  Frage  Aufmerksamkeit
geschenkt  hatten,  nennt  Landry  Sismondi,  Cournot,  Proudhon,
llertzka  und  die  Grenznutzentheoretiker  bis  zu  Bernoulli  hinauf.
Nach  Ausschaltung  der  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung
zwar  tatsächlichen  oder  möglichen,  aber  nicht  aus  dem  Wesen
des  individualistischen  Charakters  derselben  sich  ergebenden
Läsionen  des  allgemeinen  Interesses  durch  private,  hält  Landry
—  darin  von  Effertz  abweichend  —  nur  an  denen  fest,  welche
für  ihn  notwendig  mit  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung
verknüpft  sind.  Er  teilt  diese  Verletzungen  ein  :  A)  in  solche,
deren  Quelle  in  der  Art  und  Weise  liegt,  wie  die  Produktion
geleitet  wird,  B)  in  solche,  deren  Quelle  in  der  Art  und  Weise
der  Güterverteilung  liegt.  In  der  Kategorie  A  äußert  sich  der
Gegensatz  zwischen  Rentabilität  und  Produktivität  :  1.  dadurch,
daß  eine  Unterproduktion  rentabel  wird,  2.  dadurch,  daß  eine
Überproduktion  rentabel  wird,  3.  dadurch,  daß  bei  der  Produktion ­
  die  Zukunft  der  Gegenwart  geopfert  wird.
ad  1.  Der  Fall  rentabler  Unterproduktion  tritt  ein:  a)  wenn
sich  den  Unternehmern  die  Möglichkeit  bietet,  durch  Verringerung ­
  der  Produktion  ihren  Brutto-  und  Reinertrag  zu  erhöhen.
*)  Landry,  Manuel  d’Economique,  p.  665  ff.  und  :  Le  Problème  du  Profit.
2 )  Landry,  L’Utilité  sociale  de  la  Propriété  individuelle,  Paris,  1901  und:
Manuel  d’Economique,  Anhang  I,  p.  761  ff.  —  Vgl.  0.  Effertz,  Les  Antagonismes ­
  économiques,  Paris,  1906,  2.  Teil,  cap.  4.
        <pb n="420" />
        Allgemeine  Volkswirtscliaftslehre

399

Es  ist  der  klassische  Fall  des  Monopols.  Eine  Wirkung  dieses
Antagonismus  wird  sein,  daß  die  vorhandenen  Produktionsmittel
auf  Produktionszweige  angewendet  werden,  die  nicht  die  vorteilhaftesten ­
  (für  die  Gesamtheit)  unter  den  möglichen  sind  ;
b)  wenn  die  Individuen  durch  Begrenzung  ihrer  Produktion
ihre  Produktionskosten  um  einen  hohem  Betrag  zu  verringern
vermögen,  als  die  dadurch  bewirkte  Minderung  ihres  Bruttoertrages ­
  beträgt.
ad  2.  Ursachen  von  Überproduktion,  die  für  Private
rentabel,  für  die  Allgemeinheit  schädlich  ist,  können  sein:
a)  Ein  Privater  kann  durch  die  Verwendungsart,  welche  er
seinen  Produktionsmitteln  gibt,  diejenigen  anderer  schädigen
(z.  B.  Abforstung);  b)  die  Verwendung,  die  ein  Privater  seinen
Produktionsmitteln  gibt,  kann  eine  rentable  oder  rentablere
Verwendung  der  Produktionsmittel  anderer  hindern;  c)  durch
die  Produktion  von  Privaten  kann  die  Brauchbarkeit  früherer
Güter  verringert  werden  ;  d)  die  Reklame  und  e)  die  Spekulation
bedeuten  der  Allgemeinheit  schädliche  Zweckzuführungen  von
Produktionsmitteln.
ad  3.  Eine  Läsion  des  allgemeinen  Interesses  dadurch,
daß  bei  der  Produktion  die  Zukunft  der  Gegenwart  geopfert
wird,  ist  im  Falle  unrationellen  Wirtschaften  gegeben.
Die  Kategorie  B,  welche  die  Verletzungen  des  allgemeinen
lutei  esses  umfaßt,  deren  Quelle  in  der  Güter  Verteilung  liegt,
wird  von  Landry  mit  folgender  Argumentation  abgetan:  „Es
gibt  eine  beste  Verteilung  der  Güter.  Dies  ist,  wenn  man  sich
mit  annähernder  Schätzung  begnügen  will,  die  egalitäre.  Wenn
alle  Individuen  dieselbe  Summe  auszugeben  haben,  wird  der
Grenznutzen,  den  sie  sich  mit  der  Geldeinheit  verschaffen
können,  gleich  sein.  Wenn  aber  der  eine  mehr,  der  andere
weniger  auszugeben  hat,  wird  dieser  Grenznutzen  von  einem
Individuum  zum  andern  wechseln.  Was  einige  kaufen  können,
die  es  nicht  gekauft  hätten,  wenn  die  Verteilung  eine  gleiche
gewesen  wäre,  wird  für  sie  iveniger  Brauchbarkeit  darstellen,
als  was  jene,  deren  Einkommen  unter  dem  Durchschnitt  bleibt,
an  Brauchbarkeiten  verlieren  werden.  Das  Ergebnis  wird
eine  Verringerung  der  Gesamtsumme  des  Wohlstandes  sein“ 1 ).

')  Landry,  Manuel,  p.  793.
        <pb n="421" />
        400

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Daraus  nun,  daß  die  angeführten  Verletzungen  des  allgemeinen ­
  Interesses  durch  die  Privatinteressen  notwendig  mit  der
individualistischen  Wirtschaftsordnung  verknüpft  sind,  aus  deren
Wesen  fließen,  folgt,  daß  alle  Verbesserungen  dieser  Wirtschaftsordnung ­
  —  Erziehung  der  Individuen  zu  sittlichem  Handeln,
genossenschaftliche  Selbsthilfe,  staatliches  Eingreifen  ins  Wirtschaftsleben ­
  —  jene  Antagonismen  nicht  aus  der  Welt  schaffen
können.  Dies  kann  nur  durch  Beseitigung  der  individualistischen
Wirtschaftsordnung  geschehen.  In  seiner  Doktordissertation
schließt  Landry  auf  diese  Beseitigung  zugunsten  einer  sozialistischen ­
  Gesellschaftsordnung.  In  seinem  Handbuch  —  sieben
Jahre  später  —  ist  er  vorsichtiger  geworden.  „Begrifflich,"
schreibt  er,  „ist  die  sozialistische  Gesellschaftsordnung  eine  Ordnung, ­
  in  welcher  die  Verletzungen  des  allgemeinen  Interesses,
welche  in  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  notwendig
aus  dem  Privateigentum  folgen,  nicht  mehr  nötig  sein  werden.
Diese  Feststellung  könnte  aber  nicht  genügen  uns  zu  bestimmen,
der  sozialistischen  Wirtschaftsordnung  vor  der  individualistischen
den  Vorzug  zu  geben.  Man  muß  hierzu  die  Gesamtheit  der
Verletzungen,  die  dem  allgemeinen  Interesse  heute  widerfahren,
die  wesentlichen  und  die  zufälligen,  gegen  diejenigen,  welche
das  allgemeine  Interesse  im  sozialistischen  Staate  sicher  erleiden
würde,  abwägen“  ').
Damit  berührt  Landry  den  wunden  Punkt  seiner  und
Effertz’  ganzer  Argumentation.  Es  trifft  zweifellos  zu,  daß
die  bestehende  Wirtschaftsordnung  eine  Reihe  von  Kräfteverlusten ­
  involviert.  Der  Schluß  auf  die  sozialistische  Wirtschaftsordnung, ­
  im  Ideengang  unserer  beiden  Autoren,  wird  aber  erst
dann  diskutabel,  wenn  einwandfrei  erwiesen  ist,  daß  in  ihr  die
Antagonismen  zwischen  allgemeinen  und  privaten  Interessen
quantitativ  und  qualitativ  geringer  sind  als  in  einer  individualistischen ­
  Ordnung.  Diesen  Beweis  bleibt  uns  aber  Landry  sowohl ­
  als  Effertz  schuldig.
Landry  sucht  schließlich  auf  anderem  Wege  den  Schluß
auf  den  Sozialismus  dennoch  zu  rechtfertigen.  Die  Deduktion
versagt,  da  muß  denn  die  so  sehr  in  den  Schatten  gestellte  Induktion ­
  helfen.  „Um  eine  Richtschnur  für  unser  Handeln  zu
        <pb n="422" />
        de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

26

Allgemeine  Volkswirtschaftslehre

401

gewinnen,“  schreibt  Landry,  „dürfen  wir  uns  nicht  darauf  beschränken ­
  zu  untersuchen,  ob  die  Einführung  der  sozialistischen
Ordnung  oder  die  Erhaltung  der  gegenwärtigen  wünschenswert
ist.  Wir  müssen  vielmehr  danach  fragen,  welche  Wirksamkeit
unser  Handeln  haben  wird,  je  nachdem  wir  ihm  die  eine  oder  die
andere  Richtung  geben.  Es  scheint  nun,  daß  wir  —  nicht  durch
die  Macht  der  Dinge,  sondern  durch  den  Willen  der  Menschen
—  uns  zu  der  sozialistischen  Wirtschaftsordnung  hinbewegen.
Die  Ungleichheit  wächst,  die  Zahl  derer,  die  an  dem  Aufkommen
des  Sozialismus  Interesse  haben  oder  zu  haben  glauben,  wird
täglich  größer  ;  die  Ausbreitung  sozialistischer  Ideen  in  den
unteren  Klassen  wird  durch  die  Verbreitung  der  Bildung  gefördert. ­
  Selbst  bei  den  Bevorzugten  der  heutigen  Ordnung  —
soweit  sie  der  Uneigennützigkeit  fähig  sind  —  kommt  dem
Sozialismus  zugute,  daß  sie  mehr  und  mehr  das  Bedürfnis  empfinden, ­
  die  Herrschaft  des  Geistes  auf  sozialem  Gebiete  ebensosehr ­
  als  auf  dem  des  Naturgeschehens  zur  Geltung  zu  bringen,
indem  man  eine  rationelle  Wirtschaftsorganisation  an  die  Stelle
derjenigen  setzt,  welche  zum  großen  Teile  das  Resultat  geschichtlicher ­
  Zufälligkeiten  ist.  Der  Umstand,  daß  die  sozialistischen
Ideen  um  sich  greifen,  ist  zwar  kein  unmittelbarer  Grund,  um
sie  anzunehmen.  Wenn  man  aber  die  Überzeugung  gewinnen
sollte,  daß  ihnen  beschießen  ist  zu  siegen,  dann  müßte  auch
der,  welcher  die  Erhaltung  der  gegenwärtigen  Ordnung  lieber
sähe,  sich  fragen,  ob  er  nicht  besser  täte,  anstatt  fruchtlose  Bemühungen ­
  auf  jene  Erhaltung  zu  verwenden,  an  der  Klärung
und  Richtigstellung  der  bei  den  Sozialisten  Kurs  habenden  Anschauungen ­
  mitzuwirken,  an  der  intellektuellen  und  sittlichen
Hebung  der  Massen  mitzuarbeiten  und  so  dazu  beizutragen,  daß
das  Aufkommen  des  Sozialismus  unter  möglichst  günstigen  Bedingungen ­
  sich  verwirkliche“  x ).
In  diesem  Schlußpassus  Landrys  kommt  der  Schüler  von
Oh.  Andler  zur  Geltung;  es  sind  dieselben  Gesichtspunkte,
welche  dreißig  Jahrgänge  von  Normaliens  —  Schüler  Andlers
—  in  die  philosophischen  Fakultäten  und  Lyzeen  Frankreichs
hinausgetragen  haben.
i)  ibid.  p.  812—818.
        <pb n="423" />
        402

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

5.  Kapitel.
Wirtschaftliche  Ideen-  und  Tatgeschichte.
Der  Pflege  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Ideen
ist  die  von  den  Professoren  Deschamps  und  Dubois  1908
gegründete  Revue  de  PHistoire  des  Doctrines  économiques
(Monatsschrift)  gewidmet.  Es  wurde  bereits  erwähnt,  daß  die
Arbeiten  aus  diesem  Gebiete  auch  in  der  Revue  d'économie  politique ­
  einen  breiten  Raum  einnehmen.  Wir  befinden  uns  in
vollem  Einklang  mit  den  tatsächlichen  Zuständen,  wenn  wir
der  wirtschaftlichen  Tatgeschichte  gleichsam  als  Anhängsel  zur
Ideengeschichte  Platz  geben.
A.  Dubois,  Professor  in  Poitiers,  ist  der  Verfasser  einer
vorzüglichen  Ideengeschichte,  von  der  bisher  der  erste  Band
vorliegt  i).  Er  bringt  in  drei  Kapiteln  die  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen ­
  Lehren  vom  griechisch-römischen  Altertum  bis
zu  den  Physiokraten  zur  Darstellung.  Das  erste  Kapitel  behandelt ­
  die  ökonomischen  Anschauungen  der  griechischen  Philosophen; ­
  von  den  römischen  wird  nur  sehr  kurz  gesprochen.
Das  zweite  umfaßt  die  Periode  des  Mittelalters,  das  dritte,  das
den  Hauptinhalt  des  Buches  ausmacht,  behandelt  den  Merkantilismus. ­
  Dubois  untersucht  die  Anschauungen,  die  er  für
charakteristisch  für  jede  Periode  hält,  indem  er  sich  auf  folgende ­
  Gesichtspunkte  stützt:  die  volkswirtschaftlichen  Ideen
entstehen  und  entwickeln  sich  unter  dreifachen  Einflüssen.
Diese  sind:  1.  das  jeweilige  wirtschaftliche  und  soziale  Milieu.
Es  liefert  die  Materialien  zu  den  aufkommenden  Ideen  und  bestimmt ­
  deren  Tendenz.  2.  Das  allgemeine  intellektuelle  Milieu
und  die  Auffassung  von  dem  letzten  Ziele  des  Menschen.  Von
diesen  hängt  wesentlich  die  Auffassung  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  ab.  3.  Die  jeweiligen  Träger  der  volkswirtschaftlichen ­
  Ideen,  also  der  Einfluß  der  Individualitäten.
Im  Merkantilismus  sieht  Dubois  weniger  ein  System,  als
eine  den  Trägern  verschiedener  Ideen  gemeinsame  Auffassungsweise ­
  der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Erscheinungen.  Der
*)  A.  Dubois,  Précis  de  l’Histoire  des  Doctrines  économiques  dans  leurs
rapports  avec  les  faits  et  les  institutions,  tome  1 er  :  L’Epoque  antérieure  aux
Physiocrates.  Paris  1903.
        <pb n="424" />
        Wirtschaftliche  Ideen-  und  Tatgeschichte

403

Merkantilismus  ist  der  Ausdruck  der  Anstrengungen,  die  gemacht ­
  wurden,  um  den  Übergang  der  Stadtwirtschaften  in
nationale  zu  bewerkstelligen  und  das  Gedeihen  der  letzteren  zu
sichern.  Die  verschiedenen  und  sich  zum  Teil  widersprechenden ­
  Ideen,  die  man  mit  dem  Worte  Merkantilismus  bezeichnet,
lassen  sich  in  zwei  Gruppen  zusammenfassen  :  1.  die  Ideen,
welche  sich  auf  die  Währungssysteme  und  auf  das  Steigen  und
Fallen  der  Preise  infolge  vorhandener  Menge  von  Edelmetallen
oder  eingetretener  Seltenheit  derselben  in  einem  nationalen
Wirtschaftsgebiet  beziehen;  2.  die  Lehren  von  der  Bereicherung
der  Völker  durch  Ansammeln  von  Edelmetallen,  d.  i.  der  Merkantilismus ­
  im  engeren  Sinn.  Mit  der  Idee  der  Anhäufung  von
Edelmetallen  ist  —  bei  den  verschiedenen  Autoren  in  verschiedenem ­
  Maße  —  die  der  Entwicklung  der  nationalen  Produktivkräfte ­
  verbunden.
Die  merkantilistische  Theorie  ist  eine  Mischung  von  wahren
und  falschen  Anschauungen.  Die  reinen  Merkantilisten  betrachten ­
  die  Edelmetalle  als  Güter  höherer  Art.  Sie  glauben
an  eine  Art  von  Transsubstantiation,  infolge  der  die  Edelmetalle
die  Quintessenz  aller  konsumierbaren  Güter  in  sich  konzentrierten. ­
  In  Wirklichkeit  sind  aber  die  Edelmetalle  nur  ein
nicht  konsumierbares  Äquivalent,  ein  Instrument  zur  Erleichterung ­
  des  Tauschverkehrs.  Darum  sind  sie  nur  ein  Mittel,  nicht
ein  Ziel,  geschweige  denn  das  höchste  Gut.  Es  ist  auch  philosophisch ­
  unhaltbar  zu  behaupten,  ein  virtueller  Zustand  eines
Gutes  sei  dem  aktuellen  überlegen.
Der  Gutsbegriff  der  Merkantilisten  ist  jedoch  nicht  einheitlich. ­
  Sie  verstehen  unter  Nationalreichtum  nicht  nur  die  Menge
der  angehäuften  Edelmetalle,  sondern  manchmal  auch  die  Gesamtheit ­
  der  Dinge,  die  geeignet  sind,  die  Bedürfnisse  der  Individuen ­
  zu  befriedigen.  Dementsprechend  raten  sie  neben
Thésaurisation  und  Sparsamkeit  gelegentlich  auch  produktive
Ausgabe  der  Edelmetalle 1 ).
Über  die  verschiedenen  Verfahren  merkantilistischer  Wirtschaftspolitik ­
  urteilt  Dubois:  Die  Maßregeln,  die  darauf  hinzielen, ­
  die  Edelmetalle  im  Lande  zu  behalten,  sind  nicht  zu
rechtfertigen,  weil  das  Ziel  ein  verfehltes  ist.  Die  künstliche

')  Dubois,  loe.  eit.  p.  264.
        <pb n="425" />
        404

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Herabsetzung  des  Zinsfußes  ist  verwerflich,  weil,  auch  angenommen, ­
  ein  niedriger  Zinsfuß  sei  immer  eine  Ursache  und
ein  Zeichen  von  Volkswohlstand,  keine  gesetzliche  Maßnahme
ihn  zu  verwirklichen  vermag.  Die  Reglementierung  der  Gewerbe
hat  den  Nachteil,  den  Erfindungsgeist  zu  schädigen,  ohne  dem
nationalen  Gewerbe  immer  den  Sieg  über  die  fremde  Konkurrenz
zu  sichern.  Die  Getreideausfuhr  verb  ote  vermögen  weiter  nichts
—  wenn  sie  auch  in  Kriegszeiten  zu  entschuldigen  sind  —  als
den  Ackerbau  zugrunde  zu  richten  und  Hungersnöte  zu  erzeugen.
Die  Privilegien  sind  zu  verteidigen,  wenn  es  sich  darum  handelt,
neue  Industriezweige  zu  belohnen,  aber  die  moderne  Einrichtung
der  Patente  ist  weit  zweckentsprechender.  Die  Luxusgesetze
sind  gefährlich  für  den  Fortschritt,  weil  häufig  was  heute  Luxus
ist,  morgen  Allerweltsgut  sein  kann  ;  sie  sind  aber  auch  unwirksam, ­
  wie  eine  Jahrhunderte  alte  Erfahrung  lehrt.  Die  einzige
Maßnahme  merkantilistischer  Wirtschaftspolitik,  die  noch  heute
diskutabel  ist,  ist  der  Protektionismus,  d.  h.  die  Intervention  des
Staates,  um  die  nationale  Produktion  in  eine  Lage  zu  setzen,  die
jener  des  fremden  Wettbewerbs  gleich  sei 1 ).
Der  merkantilistische  Protektionismus  war  wesentlich  ein
solcher  der  Industrie.  Schien  ein  Interessengegensatz  zwischen
Ackerbau  und  Industrie  zu  bestehen,  so  wurde  regelmäßig
ersterer  der  letzteren  geopfert.  Dubois  läßt  es  dahingestellt
sein,  ob  dieses  Verfahren  richtig  war.  Jedenfalls,  meint  er,
konnte  es  nicht  ewig  währen,  denn  ein  dauernder  Fortschritt
der  Industrie  ist  ohne  eine  gleichzeitige  Aufwärtsbewegung  der
Landwirtschaft  nicht  denkbar.  Immerhin  haben  die  Merkantilisten ­
  recht  gehabt,  an  die  Zukunft  der  Industrie  ihrer  Länder
zu  glauben.  Aber  aus  der  Tatsachenbeobachtung  allein  ist  die
Frage  nicht  zu  lösen,  ob  die  französische  und  die  englische  Industrie ­
  ihren  tatsächlichen  Aufschwung  dem  Protektionismus
verdanken.  Seine  Ansicht  über  diesen  Punkt  formuliert  Dubois
dahin,  daß  der  internationale  Freihandel  als  Ideal  und  sogar
als  normale  Regel  anzusehen  sei,  der  Protektionismus  aber  —
abgesehen  von  dem  unbedingt  zu  verurteilenden  Prohibitionismus ­
  —  in  einem  gegebenen  Augenblick  für  ein  Volk  nötig  sein
könne.  Die  unmittelbaren  Opfer,  die  ein  Land  sich  durch  einen

b  ibid.  p.  266  ff.
        <pb n="426" />
        Wirtschaftliche  Ideen-  und  Tatgeschichte

405

Schutzzoll  auferlegt,  sind  nicht  unfruchtbar,  wenn  dieser  dazu  dient,
die  nationale  Unabhängigkeit  zu  sichern  oder  das  Aufkommen
gewisser  neuer  Industriezweige  zu  fördern  oder  eingesessene  Industrien ­
  vor  dem  Untergang  zu  bewahren,  der  ihnen  infolge
von  vorübergehenden  Umwälzungen  auf  dem  Weltmarkt  droht.
Der  merkantilistische  Protektionismus  wurde  zweifellos  in  der
Theorie  übertrieben  und  in  der  Praxis  häufig  schlecht  angewandt: ­
  an  sich  war  er  aber  eine  Notwendigkeit  der  Zeit 1 ).
Die  Änderung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  zeitigte
naturgemäß  eine  antimerkantilistische  Reaktion  :  die  Lehre  von
der  Erreichung  günstiger  Handelsbilanzen  ohne  Zollschutz  und
gesetzliche  Reglementierung  der  Gewerbe.  An  die  Erörterung
dieser  Reaktion  schließt  Dubois  eine  Darlegung  der  Fiskalsysteme,
  nämlich  des  im  Frankreich  des  ancien  régime  bestehenden, ­
  der  Vorschläge  von  Vauban  und  Boisguilbert  und  der  Versuche ­
  von  Law.
Ein  Vorzug,  den  Dubois'  Buch  vor  vielen  anderen  französischen ­
  Arbeiten  hat,  ist,  daß  der  Verfasser,  ähnlich  wie  Levasseur ­
  in  seinen  großen  wirtschaftsgeschichtlichen  Werken,
die  Bedingtheit  des  wirtschaftlichen  Denkens  und  die  Faktoren,
welche  dasselbe  bestimmen,  jeweils  hervorhebt.  Er  bleibt  jedoch
nicht  dabei  stehen,  sondern  gibt  auch  gelegentlich,  wie  unsere
obigen  Ausführungen  dartun,  Urteile  über  den  absoluten  Wert
der  behandelten  Lehren  ab.
Die  Professoren  Ch.  Gide  (Paris)  und  Ch.  Rist  (Montpellier)
haben  in  jüngster  Zeit  ein  gemeinsam  verfaßtes  Lehrbuch  der
Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehren  veröffentlicht,  das
dort  einsetzt,  wo  Dubois’  Werk  einstweilen  aufhört 2 ).  Gide
und  Rist  ordnen  die  wirtschaftlichen  Anschauungen  nach  Verwandtschaftsgruppen, ­
  innerhalb  jeder  Gruppe  aber  dann  chronologisch. ­
  Dabei  halten  sie  sich  nicht  an  den  Zeitpunkt  der  Entstehung ­
  der  einzelnen  Doktrinen,  der  manchmal  schwer  feststellbar ­
  ist,  sondern  an  das  greifbare  Moment  der  Reifezeit,  des
Höhepunkts  einer  jeden  Anschauung.  Es  werden  fünf  Epochen
unterschieden:  1.  Die  Gründer  der  Volkswirtschaftslehre  (die

x )  ibid.  p.  268  ft.
2 )  Charles  Gide  et  Charles  Rist,  Histoire  des  Doctrines  économiques  depuis
les  Physiocrates  jusqu’à  nos  jours,  Paris  1909.
        <pb n="427" />
        406

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Physiokraten,  Ad.  Smith,  die  Pessimisten).  2.  Die  erste  Hälfte
des  XIX.  Jahrhunderts  oder  das  Aufkommen  der  Gegnerschaft
zur  klassischen  Schule  (Sismondi,  Saint-Simon,  der  assoziationistische
  Sozialismus,  Friedrich  List,  Proudhon).  3.  Die  Mitte
des  XIX.  Jahrhunderts  oder  die  Glanzperiode  des  Liberalismus
(Stuart  Mill,  Bastiat).  4.  Die  zweite  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts, ­
  die  ein  vierfaches  Schisma  zur  Ausreise  brachte:  in  der
Richtung  der  Methode  die  historische  Schule;  in  der  Sozialpolitik ­
  den  Staatssozialismus  ;  bezüglich  der  grundlegenden  Auffassungen ­
  der  Wissenschaft  den  Marxismus,  endlich  durch  Einführung ­
  des  ethischen  Moments  in  die  Nationalökonomie  die
christlichen  Schulen.  5.  In  jüngster  Zeit  eine  Art  Revision  der
klassischen  Lehren  :  der  Hedonismus  (Walras  und  die  Österreicher) ­
  und  die  Anwendungen  der  Rententheorie  (Hermann,
Mangoldt,  Schäffle,  Menger,  Pareto;  Stuart  Mill,  Henry  George;
Gossen,  Walras;  Webb,  Fabian  society);  endlich  der  Solidarismus,
  der  eine  Brücke  zwischen  Individualismus  und  Sozialismus
schlagen  will,  und  der  Anarchismus,  der  den  Liberalismus  auf
die  Spitze  treibt.
Man  kann  natürlich  an  der  Auswahl  der  für  die  einzelnen
Epochen  in  den  Vordergrund  gestellten  Anschauungen  und
Autoren  manches  auszusetzen  finden;  wir  wollen  uns  jedoch
nicht  dabei  aufhalten  und  vielmehr  gebührend  betonen,  daß  dem
ganzen  Aufbau  des  Buches  entschieden  evoluì  ionistisch  e  Gesichtspunkte ­
  zugrunde  liegen.  Die  Tatgeschichte  wurde  nur  herangezogen, ­
  wo  es  unumgänglich  nötig  schien,  um  die  Erscheinungen
der  Ideengeschichte  zu  erklären.  An  Zitaten  wurde  nicht  gespart, ­
  um  die  Studierenden  der  Rechtsfakultäten,  für  die  das
Lehrbuch  in  erster  Linie  bestimmt  ist,  möglichst  in  direkte  Berührung ­
  mit  den  zur  Darstellung  gebrachten  Autoren  zu  bringen.
Das  reichhaltige,  monographische  Material,  das  sich  in  Frankreich ­
  besonders  seit  Ende  der  80er  Jahre  auf  dem  Gebiete  der
Ideengeschichte  angesammelt  hat,  wurde  in  ausgiebigem  Maße
verwertet,  so  daß  das  Lehrbuch  in  vielen  Einzelpunkten  Neues
bietet.
Die  von  Rist  verfaßten  Abschnitte  des  Werkes  offenbaren
einen  von  den  unmittelbaren,  realen  Tatsachen  abgewendeten
Geist,  der  sich  in  unermüdlichen  Ideenzergliederungen  gefällt.
Gide  fand  seinerseits  gerade  in  einer  ideengeschichtlichen  Arbeit
        <pb n="428" />
        í 60  Università*
Wirtschaftliche  Ideen-  und  Tatgeschichte  I  o  4(jAsi.
ein  dankbares  Feld,  um  sein  stetes  Bestreben  den  Waty^ÿsgehalt
  aus  jeder  menschlichen  Äußerung  herauszuschälehsand,
die  verborgenen  Zusammenhänge  scheinbar  weit  abstehender
Gedankengänge  aufzuweisen,  zu  betätigen.  Bei  beiden  erscheint
als  eines  der  Hauptergebnisse  der  ideengeschichtlichen  Forschung
die  Erkenntnis,  daß  das  Gebiet  der  theoretischen  Wissenschaft,
der  reinen  Ökonomik,  auf  dem  konvergierende  Tendenzen  zunehmend ­
  überwiegen,  sich  immer  schärfer  abhebt  von  dem  der
Wirtschaftspolitik,  auf  dem  sich  die  Divergenzen  zunehmend
konsolidieren.  Es  ist  vielleicht  nicht  unnötig  hervorzuheben,
daß  das  Lehrbuch  von  Gide  und  Rist  der  sozialistischen  Gedankenarbeit ­
  —  bei  aller  prinzipiellen  Ablehnung  des  Kollektivismus ­
  —  mit  einem  in  Deutschland  zum  mindesten  ungewohnten ­
  Wohlwollen  gegenüber  tritt.
Wir  können  es  uns  nicht  versagen,  den  schönen  und  anschaulichen ­
  Vergleich,  mit  dem  unsere  Autoren  ihr  umfangreiches ­
  Werk  beschließen,  in  Kürze  wiederzugeben.
Nach  einem  evolutionistischen  Glaubensbekenntnis,  das
darin  gipfelt,  daß  der  Begriff  der  wissenschaftlichen  Wahrheit
zu  Beginn  des  XX.  Jahrhunderts  nicht  identisch  ist  mit  dem,
was  er  im  Anfang  des  XIX.  war,  und  daß  alles  darauf  hindeutet, ­
  daß  er  sich  in  der  Zukunft  noch  weiter  verändern  wird,
schreiben  Gide  und  Rist:  Wenn  man  die  Geschichte  der
volkswirtschaftlichen  Anschauungen  in  den  letzten  150  Jahren
mit  einem  Gesamtblick  überschaut,  so  glaubt  man  vor  einem
geöffneten  Fächer  zu  stehen.  Am  Griff  sind  die  Stäbe  so  eng
aneinander  gepreßt,  daß  sie  ein  Block  zu  sein  scheinen.  In  dem
Maße,  als  der  Blick  zum  Umkreis  vordringt,  gewahrt  er,  wie  die
Stäbe  nach  verschiedenen  Richtungen  auseinander  gehen.  Aber
sie  trennen  sich  nicht  ganz.  Denn  in  dem  Maße,  in  dem  sie
auseinandergehen,  entfaltet  sich  ein  gemeinsames  Gewebe  zwischen
ihnen,  das  sie  zu  einer  neuen  Einheit  verbindet.  Ja,  diese  Einheit ­
  ist  widerstandsfähiger  als  die  künstliche,  die  sich  aus  dem
Aufeinanderliegen  der  Stäbe  am  Handgriff  ergab.
Bei  den  Physiokraten,  mehr  noch  bei  Ad.  Smith,  erscheint
die  Nationalökonomie  als  ein  schöner,  einheitlicher  Lehrkörper.
Aber  die  Zeit  läuft  voran,  die  Wissenschaft  schreitet  fort  und
man  erkennt,  daß  die  Einheit  am  Ausgangspunkte  eine  mehr
scheinbare  als  wirkliche  war.  Die  häufig  kontradiktorischen
        <pb n="429" />
        408

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Anschauungen,  die  Smith  zu  vereinbaren  verstand,  führen  zu
immer  entgegengesetzteren  Theorien.  Verschieden  geartete
Lehren  über  die  Verteilung  der  Güter  und  den  Wert,  historische
und  abstrakte  Methode,  Liberalismus  und  Sozialismus  sind  ebenso
viele  Auffassungen,  von  denen  jede  ihren  Weg  mit  wechselndem
Glücke  verfolgt.  Eine  jede  umgibt  sich  aber  mit  einem  Netze
von  Beobachtungen  und  Tatsachen  und  bringt  ihren  Teil  an
neuen  Wahrheiten  bei.  So  bildet  sich  nach  und  nach  um  jeden
großen  Strom  des  volkswirtschaftlichen  Denkens  ein  immer
widerstandsfähigeres  und  ausgedehnteres  Gewebe,  das  ein  wissenschaftliches ­
  Gemeingut  darstellt,  aus  dem  noch  die  markantesten
Züge  der  großen  Systeme  hervorleuchten.  Von  einem  bestimmten
Augenblicke  an  halten  aber  die  Stäbe  den  Blick  nicht  mehr  fest,
sondern  das  Gewebe  des  Fächers  zieht  ihn  an,  d.  i.  die  Gesamtheit ­
  der  gesicherten  Wahrheiten,  die  das  dauernde  Ergebnis  der
Systeme  ausmachen.
Während  aber  die  Einheit  der  das  Seiende  erklärenden
Wissenschaft  die  Verschiedenheit  der  ein  Seinsollendes  vorschreibenden ­
  Schulen  zu  überstrahlen  strebt,  beginnt  eine  neue
Einteilung,  die  weniger  scholastisch  und  für  den  Fortschritt  der
Wissenschaft  fruchtbarer  ist  als  die  alte,  diese  frisch  zu  untermauern, ­
  so  daß  ein  neuer  Fächer  sich  unter  dem  alten  zu  bilden
scheint.
An  erster  Stelle  erblickt  hier  das  Auge  die  immer  schärfer
ausgesprochene  Trennung  zwischen  theoretischer  Systemisierung
und  Beobachtung  konkreter  Erscheinungen,  zwischen  reiner
Ökonomik  und  beschreibender  Wissenschaft.  Es  sind  das  zwei
gleich  nötige  Forschungsgebiete,  denen  Eigenschaften  entsprechen,
welche  selten  in  einer  Person  vereinigt  sind.  Aber  die  Volkswirtschaftslehre ­
  kann  weder  der  Theorie  noch  der  Beobachtung
entrateli.  Wir  fühlen  nicht  weniger  lebhaft  als  früher  das  Bedürfnis, ­
  die  Verkettung  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  und
ihre  gegenseitigen  Beziehungen  zu  erfassen.  Andererseits  können
wir  nicht  darauf  verzichten,  die  in  beständiger  Umwandlung
befindliche  wirtschaftliche  Organisation  der  Welt  immer  wieder
von  neuem  zu  beschreiben.  Die  beiden  gemeinten  Methoden
entwickeln  sich  unter  unsern  Augen  und  schreiten  gleichzeitig
voran,  und  die  große  Streitfrage,  welche  der  andern  überlegen
sei,  scheint  heute  definitiv  beseitigt.
        <pb n="430" />
        409

Wirtschaftliche  Ideen-  und  Tatgeschichte

An  zweiter  Stelle  gewahren  wir  eine  immer  weiter  gedeihende ­
  Aufteilung  der  Volkswirtschaftslehre  in  selbständige
Zweigwissenschaften,  deren  Zusammenhang  ein  immer  loserer
wird.  Die  Preistheorie  und  die  Verteilungslehre  haben  eine  Entwicklung ­
  genommen,  die  eine  Verselbständigung  beider  rechtfertigt ­
  ;  die  Sozial  Ökonomie  hat  sich  ihr  Gebiet  abgesteckt  und
führt  ein  eigenes  Dasein,  die  Bevölkerungslehre  hat  die  Proportionen ­
  einer  besonderen  Disziplin,  die  sich  Demographie  nennt,
angenommen  ;  die  Steuerlehre  ist  zur  Finanz  Wissenschaft  geworden; ­
  die  Statistik  hat  ihre  eigenen  Methoden  und  übergießt
alle  übrigen  Gebiete  mit  reichem  Lichte;  die  Beschreibung  des
kommerziellen  und  industriellen  Mechanismus,  der  Banken  und
der  Börsen,  die  Klassifizierung  der  Gewerbe  und  das  Studium
ihrer  Umwandlungen  verhalten  sich  zur  Nationalökonomie  wie
die  Zoologie,  die  beschreibende  Botanik  oder  die  Morphologie
zur  Naturgeschichte.
Ein  Gebiet  aber  bleibt,  auf  dem  die  Verschiedenheit  und
der  Kampf  fortdauern  und  wahrscheinlich  nie  aufhören  werden  :
die  Wirtschafts-  und  Sozialpolitik.  Das  Bild,  das  die  Nationalökonomie ­
  in  der  Zukunft  zweifellos  bieten  wird,  wird  darum
sein:  auf  dem  Gebiete  der  Wissenschaft,  zunehmende  Einheit
und  zunehmendes  Zusammenarbeiten,  dank  der  Vervollkommnung ­
  der  Methoden  ;  auf  dem  Gebiete  der  Praxis,  Mannigfaltigkeit ­
  und  Kampf  um  das  Übergewicht  zwischen  den  verschiedenen
wirtschaftlichen  Idealen 1 ).
9  Gide  und  Rist  beschließen  ihr  Lehrbuch  mit  einem  höchst  beachtenswerten, ­
  aktuellen  Appell  zugunsten  der  Freiheit  der  Wissenschaft.  Wir  halten
ihn  für  wichtig  genug,  um  hier  in  wortgetreuer  Übersetzung  mitgeteilt  zu  werden  :
„Wessen  Wissenschaft  und  Unterricht  am  meisten  bedürfen  um  sich  zu  entwickeln, ­
  ist  breite  und  volle  Freiheit;  Freiheit  in  den  Methoden,  Freiheit  in  den
Theorien,  Freiheit  in  den  Idealen  und  Systemen,  denn  diese  sind  manchmal  wertvolle ­
  Stimuli  der  wissenschaftlichen  Forschung,  indem  sie  die  Gefühle  ins  Treffen
führen.  Nichts  wäre  der  Wissenschaft  schädlicher  als  Dogmatismus,  woher  er
auch  kommen  mag.  Leider  ist  hierin  keine  Schule  und  kein  Land  vor  Kritik
gesichert.“
„Schon  Sismondi  klagte  den  triumphierenden  Liberalismus  an,  die  Nationalökonomie ­
  in  eine  Orthodoxie  umzuwandeln.  Aber  der  Liberalismus  ist  nicht  der
einzige,  der  einen  solchen  Vorwurf  verdiente.  Vor  wenigen  Jahren  erklärte  in
Deutschland  der  Führer  der  historischen  Schule,  Schmoller,  in  einer  Berliner
Rektoratsrede,  daß  man  in  Zukunft  weder  reine  Marxisten  noch  reine  Smithianer
zum  öffentlichen  Unterricht  zulassen  könne.  Sollte  die  deutsche  historische
        <pb n="431" />
        410

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Auf  Charles  Gide  kommen  wir  im  zweiten  Kapitel  des
III.  Buches  ausführlicher  zu  sprechen.  Von  Charles  Bist  ist
dagegen  noch  an  dieser  Stelle  einiges  zu  sagen.  Bist  kokettiert
mit  der  mathematischen  Methode 1 ).  Er  strebt,  wie  Landry,
nach  der  reinen  Ökonomik  und  pocht  mit  großem  Nachdruck
auf  die  Existenz  universeller  und  permanenter  Naturgesetze  der
Volkswirtschaft.  Mit  dem  Interventionismus  macht  er,  was
Lerò  y-Beaulieu  mit  dem  Freihandel  macht  :  er  spricht  ihm
den  Charakter  einer  grundlegenden  Anschauung  ab.  Der  Interventionismus ­
  ist  für  ihn  lediglich  eine  Norm,  zu  der  man  von
den  entgegengesetztesten  Grundsätzen  aus  gelangen  kann.
Übrigens  hängt  nach  Bists  Anschauung  die  Lösung  der  Interventionsfrage ­
  keineswegs  von  volkswirtschaftlichen  Gesichtspunkten ­
  allein  ab,  sondern  auch  von  politischen  :  von  der  Auffassung, ­
  die  man  vom  Interesse  der  Allgemeinheit  hat  und  von
dem  Vertrauen,  das  die  bestehende  Begierungsform  in  jeder
Epoche  und  in  jedem  Lande  besitzt 2 ).
Charles  Turgeon,  Professor  in  Bennes,  hat  den  Lehrstuhl
für  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehren  inne.  In  einem
methodologischen  Aufsatz  über  dieses  Wissensgebiet 3 )  gibt  er
Schule  den  Ostrazismus  gegen  ihre  Gegner  erneuern  wollen,  unter  dem  sie
einst  selbst  gelitten?  Wir  in  Frankreich  können  uns  nicht  schmeicheln,  viel
weniger  exklusiv  gewesen  zu  sein.  Die  Gleichgültigkeit  und  selbst  die  Feindschaft, ­
  die  man  lange  für  die  mathematische  Schule  bei  uns  hatte,  gereicht  uns
nicht  besonders  zur  Ehre.  Übrigens  hat  sich  der  Sozialismus  die  Intoleranz,  die
man  der  .bürgerlichen'  Volkswirtschaftslehre  mit  so  viel  Recht  vorgeworfen  hat,
in  nicht  geringerem  Maße  zuschulden  kommen  lassen.  Als  die  marxistischen
Theorien  von  gewissen  Marxisten  angegriffen  wurden,  kamen  jenen  Verteidiger
zu  Hilfe,  die  sich  nicht  weniger  autoritär  und  unversöhnlich  zeigten,  als  die  des
Liberalismus  gewesen  waren,  als  dieser  sich  durch  neue  Tendenzen  bedroht
glaubte.  Wenn  sich  darum  eine  Lehre  aus  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Anschauungen  ergibt,  so  ist  es  die,  daß  es  notwendig  ist  nie  aufzuhören,  die
erworbenen  Wahrheiten  mit  kritischem  Sinn  zu  kontrollieren  und  neue  Beobachtungen ­
  und  Erfahrungen  wohlwollend  aufzunehmen,  um  das  Gebiet  der  Volkswirtschaftslehre ­
  ohne  Unterlaß  zu  erweitern  und  zu  vertiefen.“  Gide  et  Rist,
loc.  eit.,  p.  737.
1 )  Siehe  die  Artikel  von  Rist  in  „Revue  de  Métaphysique  et  de  Morale“
1904,  1907,  1908.
2 )  Ch.  Rist,  Origine  et  caractères  du  socialisme  d’Etat,  in  „Revue  d’économie ­
  politique“,  1907,  p.  321  ff.
3 )  Charles  Turgeon,  Introduction  à  l’histoire  des  doctrines  économiques,  in
Revue  d’Economie  politique,  1906  p.  505  ff.
        <pb n="432" />
        Wirtschaftliche  Ideen-  und  Tatgeschichte

411

einige  Andeutungen  über  die  Art  und  Weise,  wie  er  es  auffaßt.
Mit  Professor  Dubois  hält  er  es  für  angebracht,  „jedes  Werk
in  die  Umstände,  die  es  begleiten,  einzuordnen,  jede  Doktrin  in
das  Milieu,  das  sie  erzeugte,  zurückzuversetzen,  jeden  Schriftsteller ­
  in  die  Atmosphäre,  in  der  er  lebte,  hinzustellen“ 1 ).  In
seinem  Werke  über  den  Feminismus  —  T  urge  on  ist  ein  Vorkämpfer ­
  dieses  in  Frankreich  —  tritt  er  dagegen  als  einer  jener
rationalistisch  denkenden  Lateiner  auf,  deren  Augenmerk  auf
das  Absolute  gerichtet  ist 2 ).
Turgeons  Anschauungen  über  den  Feminismus  werden
von  zwei  Gesichtspunkten  geleitet:  1.  Die  Familie  in  ihrer  heutigen ­
  Organisation  ist  die  notwendige  Basis  des  sozialen  Körpers  ;
2.  der  Frau  sind  alle  Rechte  zuzuerkennen,  aber  ohne  sie  von
auch  nur  einer  Pflicht  zu  entbinden.  Die  intellektuelle  Emanzipation ­
  der  Frau  hält  Turgeon  für  vollauf  berechtigt,  weil  die
Frau  dem  Manne  nicht  geistig  inferior  ist.  Jedoch  bleibt  die
Mutterschaft  die  erste  Pflicht  der  Frau.  In  der  Praxis  wird
dieselbe  meist  der  geistigen  Ausbildung  und  Tätigkeit  entgegenstehen. ­
  Das  wichtigste  ist  die  wirtschaftliche  Emanzipation  der
Frau.  Nur  allzu  gerechtfertigt  sind  die  Forderungen,  welche
der  Frau  nach  und  nach  alle  Berufe  zugänglich  machen  wollen
und  es  auch  zweifellos  erreichen  werden.  Ob  aber  damit  die
Frage  der  Entlohnung  weiblicher  Arbeit,  welche  durchschnittlich ­
  um  die  Hälfte  hinter  dem  Lohne  zurückbleibt,  der  für
männliche  Arbeit  gezahlt  wird,  eine  befriedigende  Lösung  finden
wird,  ist  nicht  vorauszusehen.  Grundsätzlich  unbestreitbar  ist
ferner  das  politische  Wahlrecht  der  Frauen.  Was  die  zivilrechtliche ­
  Emanzipation  der  Frauen  betrifft,  so  will  Turgeon
zwar  die  Autorität  des  Ehegatten  gewahrt  wissen,  aber  er  tritt
entschieden  ein  für  alle  einschlägigen  Reformen,  die  zurzeit  bei
den  französischen  Parlamenten  anhängig  sind.  Ebenso  entschieden ­
  bekämpft  er  aber  auch  die  eheliche  und  mütterliche
Emanzipation  der  Frau,  denn  vor  allem  muß  die  Existenz  und
das  Gedeihen  der  Familie  gewahrt  bleiben,  weil  sie  die  notwendige ­
  Grundlage  der  menschlichen  Gesellschaft  ist.
Lucien  Brocard,  Professor  in  Nancy,  hat  eine  geistvolle

i)  ibid.  p.  521.
s )  Charles  Turgeon,  Le  Féminisme  français,  2  Bde.  Paris  1902.
        <pb n="433" />
        412

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Studie  über  die  wirtschaftlichen  Anschauungen  des  Marquis  de
Mirabeau  veröffentlicht*).  Seine  grundsätzlichen  Anschauungen
sind  von  Professor  Deschamps  beeinflußt;  sie  gehen  dahin,
nicht,  wie  die  deutschen  Nationalökonomen,  erst  das  Milieu,
dann  durch  dieses  das  Individuum  vervollkommnen  zu  wollen,
sondern  als  erstes  die  sittliche  Erziehung  und  die  Selbstvervollkommnung ­
  des  Individuums  in  Angriff  zu  nehmen,  allerdings
unter  gleichzeitiger  Besserung  des  Milieus.  Brocard  ist  bestrebt, ­
  die  schon  mehrfach  erwähnte  Tendenz  zur  Vereinheitlichung ­
  der  Wirtschaftslehre  zu  fördern;  auf  Grund  allseitiger
Vertiefung  der  Tatsachen  des  Wirtschaftslebens  soll  eine  Einheitslehre ­
  gewonnen  werden,  in  der  sich  die  Volkswirte  von  der
sozialkatholischen  und  liberalen  Hechten  bis  weit  in  die  Reihen
des  Sozialismus  hinein  zusammenfinden.
Germain  Martin,  Professor  in  Dijon,  hat  zwei  größere,
wirtschaftsgeschichtliche  Werke  verfaßt,  welche  den  uneigennützigen ­
  Geist  deutscher  Wissenschaft  atmen.  Sie  sind  nicht
geschrieben,  um  Schlußfolgerungen  für  oder  wider  die  bestehende
Wirtschaftsordnung  zu  gewinnen,  sondern  lediglich  um  aus  gewissenhaftem ­
  Quellenstudium  heraus  einige  Stücke  nationaler
Vergangenheit  wieder  aufleben  zu  lassen.  Das  erste 2 )  schildert
bis  ins  feinste  Detail  die  Beziehungen  des  französischen  Staates
zur  Industrie  unter  Ludwig  XIV.  und  Ludwig  XV.  Das  andere 3 )
ist  eine  mit  amüsanten  Details  gespickte  Geschichte  der  französischen ­
  Gesellenladen  seit  dem  XV.  Jahrhundert.  Ein  besonderes ­
  Augenmerk  schenkt  der  Verfasser  dem  berühmten  Gesetz
Le  Chapelier  von  1791,  welches  alle  Berufsgenossenschaften  in
Frankreich  verbot  und  erst  1884  außer  Kraft  gesetzt  wurde.
Martin  gibt  zwei  Erklärungsgründe  für  dieses  Gesetz,  welche
dessen  prinzipielle  Bedeutung  wesentlich  herabsetzen.  Nach
ihm  war  dasselbe  :  1.  nur  ein  Gelegenheitsgesetz,  eine  Polizeimaßregel, ­
  die  ihr  Entstehen  der  Furcht  vor  Aufständen  verdankte; ­
  2.  nur  eine  in  der  Reihe  der  vielen  Maßregeln,  durch

J )  Lucien  Brocard,  Les  doctrines  économiques  et  sociales  du  Marquis  de
Mirabeau.  Paris  1902.
2 )  Germain  Martin,  La  grande  Industrie  en  France  sous  le  règne  de
Louis  XIV  et  sous  celui  de  Louis  XV.  Paris,  Rousseau.
s )  G.  Martin,  Les  Associations  ouvrières  au  XVIII m e  siècle.  Paris,
Rousseau.
        <pb n="434" />
        Wirtschaftliche  Ideen-  und  Tatgeschichte

413

die  seit  dem  XV.  Jahrhundert,  ganz  im  Sinne  des  ancien  régime,
die  Bruderladen  bekämpft  wurden.  Als  prinzipielle  Äußerung
des  liberal-individualistischen  Geistes  wurde  das  Gesetz  erst
später  angesprochen.
Die  Werke  Martins  haben  den  Charakter  von  vielleicht
nicht  genügend  verarbeiteten  Materialiensammlungen;  sie  sind
in  klassisch  schöner  Sprache  geschrieben.
Georges  Weill,  Lyzealprofessor  in  Paris,  ist  ein  Historiker,
der  auf  Grund  seiner  geschichtlichen  Arbeiten  und  interventionistischen ­
  Anschauungen  beansprucht,  der  Gruppe  der  Volkswirte ­
  der  juristischen  Fakultäten  zugezählt  zu  werden.  Die
Schriften  von  Weill 1 )  verdienen  Beachtung  als  reichhaltige
Materialiensammlungen.  Die  ungenügende  Verarbeitung  derselben
ist  um  so  bedauerlicher,  als  Weill  nicht  nur  interessant  zu  erzählen ­
  weiß,  sondern  auch  künstlerische  Gestaltungskraft  und
Eleganz  der  Darstellung  besitzt.  Aber  nur  selten  läßt  er  sie
seine  Zettelkästen  beleben.  Der  bleibende  Eindruck,  den  seine
Arbeiten  hinterlassen,  ist  der  einer  erschöpfenden  Detaillierung
der  behandelten  Gegenstände.  In  seinem  Werke  über  Saint-Simon
  durchleuchtet  er  das  Leben  und  die  Lehre  des  Meisters
bis  in  die  verborgensten  Winkel.  Die  Geschichte  der  saintsimonistischen
  Schule  verfolgt  die  Lebensschicksale  der  Saint  -
Simonisten,  deren  spätere  Rolle  im  öffentlichen  und  Wirtschaftsleben, ­
  sowie  alle  Äußerungen  saint-simonistischen  Geistes  in
Presse,  Literatur,  Salons,  Diners,  geheimen  Zusammenkünften
usw.  durch  das  XIX.  Jahrhundert,  soweit  sie  nur  irgend  erreichbar ­
  waren.  Auch  an  Anekdoten  aus  dem  Leben  der  Saint-Simonisten
  fehlt  es  nicht.
Die  außerordentlich  reichhaltige  Geschichte  der  sozialen
Bewegung  in  Frankreich  in  der  zweiten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  vermittelt  einen  gründlichen  Einblick  in  die  Geschichte
der  französischen  Arbeiterbewegung  und  der  sozialistischen  Parteien; ­
  sie  ergänzt  die  großen  Geschichtswerke  Levasseurs,
von  denen  wir  im  I.  Buche  gesprochen  haben,  insofern  glücklich, ­
  als  Weill  insbesondere  aus  Zeitungen  umfassende  Materialien ­
  zur  Beleuchtung  der  von  Levasseur  weniger  beachteten
b  Georges  Weill,  Un  précurseur  du  socialisme.  Saint-Simon  et  son  oeuvre.
Paris,  Perrin,  1894.  —  L’Ecole  Saint-Simonienne.  Paris,  Alcan,  1896.  —  Histoire
du  Mouvement  social  en  France  1852—1902.  Paris,  Alcan,  1904.
        <pb n="435" />
        414

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

politischen  Seite  der  sozialen  Bewegung  beibringt.  Die  ungeheure ­
  Stoffmenge  der  Weillschen  Bücher  ist  keineswegs  breit
sondern  immer  in  gedrängter  Kürze  vorgeführt.
Ein  Wirtschaftshistoriker,  der  als  Inhaber  eines  Lehrstuhls
und  Verfasser  eines  Lehrbuchs  für  Gewerbegesetzgebung  und
-politik  uns  auf  dieses  Gebiet  überleiten  wird,  ist  Georges  Bry,
Dekan  der  Rechtsfakultät  in  Aix.  Er  hat  eine  englische  Wirtschaftsgeschichte ­
  verfaßt,  die  eine  gründliche  Kenntnis  der  einschlägigen, ­
  insbesondere  englischen  Literatur  bekundet,  und  mit
der  im  Laufe  der  Jahrhunderte  so  häufig  rücksichtslosen  englischen ­
  Wirtschaftspolitik  scharf  ins  Gericht  geht 1 ).  Brys
Haupttätigkeit  liegt  jedoch  auf  dem  Gebiete,  dem  seine  Lehrtätigkeit ­
  gewidmet  ist,  und  zu  dem  wir  jetzt  übergehen.

6.  Kapitel.
Sozialpolitik  und  soziale  Gesetzgebung.
Die  monographische  Literatur  ist  auf  diesem  Gebiete  in
jüngster  Zeit  in  Frankreich  noch  weit  mehr  angewachsen,  als
auf  dem  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Ideen.  Ein
annähernd  erschöpfender  Bericht  über  diese  Literatur  würde
Bände  füllen.  Wir  werden  uns  darum  wie  bei  den  beiden  ersten
Gruppen  darauf  beschränken,  nur  die  am  meisten  hervorstechenden ­
  Namen  zu  nennen.
Die  Professoren  P.  Pie  und  J.  Godart  gründeten  1900  die
Monatsschrift  Questions  pratiques  de  Législation  ouvrière  et
d’Economie  sociale,  die  sich  die  wissenschaftliche  Förderung
der  Fragen  des  hier  einschlägigen  Gebietes  zur  Aufgabe  setzte.
Godart  ist  zurückgetreten  ;  Pie  aber  gesellte  sich  neue  Kräfte,
Hochschullehrer  und  Männer  der  Praxis  bei,  und  wußte  der
Zeitschrift  in  parlamentarischen  und  in  wissenschaftlichen  Kreisen
bald  hohes  Ansehen  zu  gewinnen.  Er  sorgt  dafür,  daß  sowohl
die  Gewerbepolitik  und  -gesetzgebung  des  Auslandes,  als  die
parlamentarische  Behandlung  französischer  Gesetzesvorlagen  (im
b  Georges  Bry,  Histoire  industrielle  et  économique  de  l’Angleterre  depuis
les  origines  jusqu’à  nos  jours,  Paris  1900.
        <pb n="436" />
        Sozialpolitik  und  soziale  Gesetzgebung

415

Plenum,  in  Kommissionen  und  Subkommissionen)  in  der  Zeitschrift ­
  ausführlich  zur  Sprache  kommen.  Im  Dienste  der  Sozialpolitik ­
  steht  ferner  die  1908  von  A.  Artaud  gegründete
Monatsschrift  Revue  populaire  d’Economie  sociale.  Diese
will  nicht  der  wissenschaftlichen  Forschung  dienen,  sondern  der
methodischen  Belehrung  möglichst  weiter  Kreise  über  die  bisherigen ­
  Ergebnisse  der  Wissenschaft.  Unter  den  Mitarbeitern
sind  Vertreter  der  verschiedensten  Anschauungen  (F.  Passy,
Cauwès,  Gide,  Blondel  usw.).  Man  muß  dem  Herausgeber  Artaud ­
  das  Zeugnis  ausstellen,  daß  er  redlich  bemüht  ist,  mit
gewissenhafter  Unparteilichkeit  alle  wichtigeren  Anschauungen
über  die  Hauptfragen  der  Sozialpolitik  in  leichtfaßlicher,  knapper
Form  zur  Darstellung  kommen  zu  lassen.
Das  Fach  der  Gewerbegesetzgebung  und  -politik  kommt
zusammenhängend  zur  Darstellung  in  den  beiden  umfangreichen
Lehrbüchern  der  Professoren  Paul  Pie 1 )  und  Georges  Bry 2 ).
Ein  Blick  auf  diese  Werke  genügt,  um  uns  von  dem  zu  überzeugen, ­
  was  übrigens  Pie  in  seinem  Vorwort  ausdrücklich  betont,
daß  Gewerbegesetzgebung  und  -politik  in  Frankreich  weniger
als  volkswirtschaftliche,  denn  als  juridische  Disziplin  aufgefaßt
werden.  Beide  Lehrbücher  tragen  den  Charakter  von  Kommentaren ­
  zur  französischen  Arbeitergesetzgebung.  Die  inländische
monographische  Literatur  wird  von  beiden  Autoren  ausgiebig
berücksichtigt.  Die  gewerbepolitische  Literatur  des  Auslandes
kennt  und  verwertet  Pie  mehr  als  Bry.  Die  Disposition  bei
Bry  ist  glücklicher,  klarer,  in  sichererem  Gleichgewicht;  die
Darstellung  ist  bei  Pie  lebendiger,  anregender,  ausführlicher.
Beide  huldigen  fortschrittlich-demokratischen  Grundanschauungen; ­
  Pie  als  begeisterter,  voranstürmender  Fahnenträger,
Bry  gewissermaßen  widerstrebend  im  Nachtrab.  Bry  verweilt
gern  bei  theoretischen  Erörterungen,  die  Pie  spielend  überspringt. ­
  Wenn  sich  letzterer  jedoch  einmal  dabei  aufhält,  so  wird
1)  Paul  Pie,  Traité  élémentaire  de  Législation  industrielle.  Les  Lois
ouvrières.  3.  Aufl.  Paris  1909.
2 )  Georges  Bry,  Cours  élémentaire  de  Législation  industrielle.  Lois  du
Travail  et  de  la  Prévoyance  sociale.  Questions  ouvrières.  3.  Aufl.  Paris  1908.
Der  Teil  der  beiden  Lehrbücher,  welcher  das  programmäßig  zur  Gewerbegesetzgebung ­
  gehörige  Gebiet:  Schutz  des  gewerblichen  Eigentums,  behandelt,
soll  erst  veröffentlicht  werden.
        <pb n="437" />
        416

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

seine  Darstellung  bei  dem  Bestreben,  alles  und  jedes  Einschlägige ­
  heranzuziehen,  überladen  und  unklar,  Bry  pflegt  folgende
Reihenfolge  bei  der  Behandlung  der  verschiedenen  Fragen  einzuhalten ­
  :  theoretische  Erörterung  der  Frage,  erläuternde  Besprechung ­
  der  darauf  bezüglichen  französischen  Gesetzgebung,
kurzer  Hinweis  auf  die  einschlägige  Gesetzgebung  und  die  Einrichtungen ­
  anderer  Länder.  Pie  dagegen  beginnt  konkret  damit,
daß  er  die  Geschichte,  welche  die  in  Frage  stehende  Einrichtung
in  Frankreich  gehabt,  kurz  skizziert;  daran  schließt  sich  ein
Rundgang  durch  fremde  Gesetzgebungen  ;  an  dritter  Stelle
kommen  die  geltende  französische  Gesetzgebung,  sowie  die  den
Parlamenten  vorliegenden  Gesetzesvorlagen,  über  die  Pie  viel
detaillierter  berichtet  als  Bry;  die  Darstellung  schließt  bei
Pie  mit  einer  kritischen  Besprechung  der  französischen  Gesetzgebung ­
  und  einer  persönlichen  Stellungnahme,  die  recht
häufig  darin  besteht,  dem  französischen  Gesetzgeber  diese  oder
jene  Einrichtung  des  Auslands  zur  Nachahmung  zu  empfehlen.
Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  das  Verfahren  Pies  den  Anforderungen ­
  wissenschaftlicher  Kritik  in  höherem  Maße  gerecht  wird
als  das  von  B  r  y.  Man  wird  P  i  c  auch  dafür  Dank  wissen,  daß
er  stets  bestrebt  ist,  den  Einfluß  der  sozialpolitischen  Gesetzgebung ­
  auf  Zivil-  und  Handelsrecht  in  klares  Licht  zu  stellen
und  so  die  „Sozialisierung“  des  Rechtes  nachzuweisen.  Ein
letzter  Unterschied  zwischen  den  beiden  Lehrbüchern,  den  wir
hervorheben  wollen,  ist,  daß  Bry  an  der  traditionellen,  würdevollen, ­
  akademischen  Sprache  der  Wissenschaft  festhält,  während
Pie  ausgiebigen  Gebrauch  von  der  lebendigeren,  den  Bedürfnissen ­
  der  Polemik  angepaßten  Ausdrucksweise  der  politischen
Presse  und  der  parlamentarischen  Rednerbühne  macht.
Es  entspricht  der  Entwicklung,  die  die  Dinge  in  der  Industrie ­
  in  der  Gegenwart  nehmen,  daß  beide  Autoren  der  Besprechung ­
  des  kollektiven  Arbeitsvertrags  einen  breiten  Raum  gewähren. ­
  Beide  begrüßen  es,  daß  die  Jurisprudenz  der  französichen
  Gerichte  sich  seit  Ende  der  neunziger  Jahre  des  verflossenen ­
  Jahrhunderts  dem  kollektiven  Arbeitsvertrag  günstig  erweist; ­
  Pie  insbesondere  tritt  mit  großer  Lebhaftigkeit  für  eine
baldige  gesetzliche  Sanktionierung  jener  Vertragsform  ein.  Er
billigt  auch  rückhaltlos  alle  Vorschläge,  die  dahin  zielen,  die
Befugnisse  der  Arbeiterberufsvereine  zu  erweitern,  selbst  ihnen
        <pb n="438" />
        Sozialpolitik  und  soziale  Gesetzgebung

417

die  vollen  Rechte  von  Zivilpersonen  zu  verleihen.  Über  die
Furcht,  es  könnte  dies  zu  einer  übermäßigen  Ausdehnung  der
Güter  der  toten  Hand  führen,  macht  er  sich  lustig.  Der  Besitz
bedeutender  Güter  seitens  der  Arbeitersyndikate  kann  nach
seiner  Ansicht  nur  zur  Folge  haben,  daß  diese  weiser  werden
und  Achtung  gewinnen  vor  einer  Gesellschaftsordnung,  die  ihnen
den  Erwerb  jener  Güter  ermöglicht;  er  wird  auch  das  Gefühl
der  Verantwortlichkeit  bei  den  organisierten  Arbeitern  stärken
und  ihnen  heilsame  Furcht  einflößen  vor  leichtfertigem  Dransetzen ­
  ihres  Besitzes  *).
Eine  andere  hochaktuelle  Frage,  zu  der  Pie  Stellung
nimmt  —  Br  y  geht,  soweit  wir  sehen  konnten,  nicht  darauf
ein  —  ist  das  heikle  Problem,  in  welchem  Maße  den  Staatsdienern ­
  das  Recht,  sich  zur  Verteidigung  von  beruflichen  Interessen ­
  zu  organisieren,  zuzugestehen  sei.  Nach  Ablehnung  verschiedener ­
  vorgeschlagener  Lösungen  dieser  „fast  unlösbaren
Frage“  spricht  sich  Pie  für  die  durch  ein  Kammervotum  vom
13.  April  1908  sanktionierte  Theorie  der  Ministerien  Waldeck-Rousseau
  und  Clemenceau  aus.  Diese  Theorie  nimmt  als  Kriterium
die  Natur  des  Vertrages,  der  zwischen  dem  Staate  und  den  von
ihm  Beschäftigten  abgeschlossen  wurde.  Das  Recht  beruflicher
Organisation  ist  denen  zuzugestehen,  denen  der  Staat  als  Unternehmer ­
  und  Arbeitgeber  gegenüber  tritt.  Dem  Gesetzgeber
bleibt  vorbehalten,  die  Ausübung  dieses  Rechtes  zu  begrenzen.
Tritt  der  Staat  jedoch  als  öffentliche  Gewalt  auf,  so  sind  die
Leute,  denen  er  die  Ausübung  der  öffentlichen  Dienstzweige
anvertraut,  durch  einen  öffentlich-rechtlichen  Vertrag  mit  ihm
verbunden,  welches  auch  ihre  Rangstufe  in  der  Beamtenhierarchie ­
  sei.  Mit  einem  derartigen  Vertrage  sind  berufsvereinliche
  Rechte  unvereinbar.  Pie  beeilt  sich,  den  Eindruck  von
Mangel  an  fortschrittlichem  Sinn,  den  diese  Lösung  hervorbringen ­
  könnte,  zu  mildern,  indem  er  hinzufügt,  daß  nichts  die
Staatsbeamten  hindert,  die  Form  der  Gegenseitigkeitsgenossenschaft ­
  zu  wählen,  um  sich  zur  Vertretung  gemeinsamer  Interessen ­
  zusammen  zu  schließen.  Die  Gegenseitigkeitsgenossenschaft ­
  (mutualité)  ist  von  Natur  friedliebend  und  achtet  die
bestehende  Autorität.  Der  Berufsverein  (syndicat)  aber  symboli-1

 )  Paul  Pie,  loe.  eit.  p.  422  ff.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

27
        <pb n="439" />
        418

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

siert  den  Klassenkampf  ;  auf  die  Dauer  wird  es  ihm  unmöglich
sein,  von  dem  revolutionären  „allgemeinen  Arbeiterbund“  (C.  Gr.  T.)
unabhängig  zu  bleiben  x ).
Wir  könnten  diese  Blutenlese  aktueller  Fragen  aus  den
Lehrbüchern  von  Br  y  und  Pie  noch  um  manch  interessantes
Stück  bereichern  ;  das  Vorgeführte  genügt  jedoch,  um  den  Geist
zu  charakterisieren,  welcher  den  sozialpolitischen  Unterricht  an
den  französischen  Rechtsfakultäten  beseelt.
Neben  Pie  und  Bry  stehen  als  Spezialisten  in  der  Gewerbepolitik ­
  am  meisten  im  Vordergrund  A  stai  ion  und  Jay.
Albert  Aftalion,  Professor  in  Lille,  dessen  vorzügliche  Arbeit ­
  über  Sismondi  bereits  erwähnt  wurde,  enquetiert  fleißig
über  die  Verhältnisse  der  im  Norddepartement  vertretenen  Industrien. ­
  Er  ist  ein  gründlicher  Kenner  vor  allem  der  Textilindustrie ­
  2 ).
Raoul  Jay,  Professor  in  Paris,  wurde  bereits  im  II.  Buche  bei
der  Besprechung  der  sozialkatholischen  Schule,  der  er  angehört,
genannt.  Er  tritt  für  die  sozialreformerischen  Forderungen
dieser  Schule  ein,  aber  urgiert  sie.  Seine  zahlreichen  Arbeiten
zeichnen  sich  durch  gediegene  Wissenschaftlichkeit  und  radikalsten ­
  Interventionismus  aus.  Obwohl  Jay  Anhänger  der  obligatorischen ­
  Syndikate  ist,  vertritt  er  die  Ansicht,  daß  die  Wohlfahrtseinrichtungen ­
  der  Arbeitgeber  und  der  genossenschaftliche
Zusammenschluß  der  Arbeiter  nur  wenig  zur  Besserung  der
Lage  der  Arbeiter  zu  tun  vermögen;  allein  der  Staat  ist  imstande,
durch  gesetzgeberische  Intervention  die  schweren  Mißstände  zu
beseitigen,  an  denen  die  Arbeiterklasse  krankt.  Die  Wirksamkeit ­
  der  Gewerkvereine  ist  in  der  Hauptsache  darauf  beschränkt,
anregend  auf  die  staatliche  Schutzgesetzgebung  zu  wirken  und
*)  Paul  Pie,  ibid.  p.  264  ff.
2 )  Von  den  Enqueten  As  talions  sind  besonders  beachtenswert:  La  Crise
de  l'Industrie  linière  et  la  concurrence  victorieuse  de  l’Industrie  cotonnière,
Paris  1904.  —  Le  Développement  de  la  Fabrique  et  le  travail  à  domicile  dans
les  Industries  de  l’habillement,  Paris  1906.
s )  Raoul  Jay,  La  Limitation  légale  de  la  journée  de  travail  en  Suisse,
1891.  —  Une  Corporation  moderne,  1892.  —  L’Organisation  du  Travail  par  les
Syndicats  professionnels,  1894.  —  Un  projet  d’assurance  contre  le  chômage  dans
le  canton  de  Bâle-Ville,  1895.  —  La  Protection  légale  des  Travailleurs,  1904.
Alle  bei  Larose,  Paris.  —  Ferner  zahlreiche  Artikel  in  :  Revue  d’économie
politique.
        <pb n="440" />
        Sozialpolitik  und  soziale  Gesetzgebung

419

deren  Funktionieren  zu  überwachen.  Für  den  Augenblick  verlangt ­
  Jay:  Ausdehnung  der  bestehenden  Arbeiterschutzgesetze
auf  die  Handelsangestellten  und  Familienarbeitsstätten  ;  Erhöhung ­
  der  Altersgrenze  für  den  Eintritt  von  Kindern  in
Fabriken;  Beschränkung  der  Arbeitszeit  für  alle  Arbeiter  auf
zehn  Stunden,  Sonntagsruhe,  Verbot  der  Nachtarbeit  für  Frauen,
Schutzgesetze  für  Schwangere  und  Wöchnerinnen;  gesetzliche
Festsetzung  eines  Minimallohnes  für  sämtliche  Gewerbe  ;  strengere
Handhabung  der  Arbeiterschutzmaßregeln  durch  Einstellung
einer  großem  Zahl  von  Gewerbeinspektoren  und  Verschärfung
der  auf  Übertretungen  gesetzten  Strafen.  Sollte  wirklich  die
Industrie  durch  diese  Maßregeln  geschädigt  werden,  so  müßte
man  dem  die  dauernde  und  unersetzliche  Schädigung,  welche
die  Arbeiter  unter  den  heutigen  Zuständen  erleiden,  entgegenstellen ­
  und  eventuell  den  geschädigten  Industrien  durch  Prämien
unter  die  Arme  greifen.  Jay  glaubt  jedoch  nicht  an  diese
Schädigung  der  Industrie.  Vielmehr  erwartet  er  von  durchgreifender ­
  Erhöhung  der  Löhne,  Verringerung  der  Arbeitszeit
und  den  sonstigen  von  ihm  präkonisierten  Maßnahmen  eine
Steigerung  der  Produktivität  der  Arbeit  und  eine  Vervollkommnung ­
  der  Technik,  welche  dem  Arbeitgeber  sogar  Gewinn
bringen  werden.  Die  sozialkatholische  Forderung  eines  von
Berufsorganisationen  gewählten  Parlamentes  stützt  Jay  unter
anderm  mit  dem  Argument,  daß  ein  solches  Parlament  geeignet
sei,  gerechtes  Empfinden  und  Achtung  vor  dem  Allgemeinwohl
in  die  Arbeiterkreise  zu  tragen  *).
Daß  Raoul  Jay  bei  seinem  großen  sozialpolitischen  Verständnis ­
  ein  begeisterter  Anhänger  des  kollektiven  Arbeitsvertrages ­
  ist,  bedarf  wohl  keines  besondern  Hinweises 2 ).  Seinen
radikalen  Forderungen  legt  er  durchweg  ein  gutes  und  genaues
Beobachtungsmaterial  zugrunde.  Jay  ist  ein  Mann,  der  aus
langjähriger,  enger  Fühlung  mit  Arbeiterkreisen  deren  Lage,
Schwierigkeiten  und  Aspirationen  genau  kennt  ;  aus  allen  seinen
Schriften  spricht  tiefe  Sachkenntnis  und  warme  Überzeugung.

] )  Raoul  Jay,  La  Protection  legale  des  Travailleurs,  Paris  1904.
2 )  Raoul  Jay,  Le  Contrat  collectif  de  Travail,  Artikel  in  Revue  d'Economie
politique,  1907,  p.  561  ff.  und  649  if.
        <pb n="441" />
        420

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

7.  Kapitel.
Finanz  Wissenschaft.
Frankreich  besitzt  zwei  finanzwissenschaftliche  Zeitschriften.
Die  eine,  Bulletin  de  Statistique  et  de  Législation  comparée,
wird  vom  Finanzministerium  herausgegeben.  Sie  wurde  1877
gegründet  und  erscheint  monatlich.  Sie  veröffentlicht  in-  und
ausländische  Finanzstatistik  und  Gesetzestexte,  und  stellt  eine
reichhaltige  und  wertvolle  Sammlung  von  Dokumenten  dar.  Die
andere,  Revue  de  Science  et  de  Législation  financières,  wurde
1903  von  Boucard  und  Jèze  gegründet  und  erscheint  vierteljährlich. ­
  Sie  dient  in  erster  Linie  der  Erörterung  von  Fragen
des  öffentlichen  Rechnungs-  und  Budgetwesens  im  In-  und  Auslande; ­
  Steuerfragen  bleiben  im  Hintergründe.
Die  hauptsächlichsten  finanzwissenschaftlichen  Werke,  die
aus  dem  Milieu  der  Rechtsfakultäten  stammen,  haben  die  Professoren ­
  Gauwès,  Jèze  und  Allix  zu  Verfassern.
Paul  Gauwes  widmet  den  größten  Teil  des  vierten  Bandes
seines  Cours  d'Economie  politique  der  Finanzwissenschaft.  Er  greift
die  finanzwissenschaftlichen  Fragen  womöglich  noch  konkreter
an  als  die  volkswirtschaftlichen,  und  veranschaulicht  alles  in
ausgiebiger  Weise  durch  Ziffern,  die  der  Wirklichkeit  entlehnt
sind.  Er  geht  auf  das  öffentliche  Rechnungswesen  nicht  ein,
verweilt  dagegen  hauptsächlich  bei  der  Steuerlehre.  Mit  lebhaftem ­
  Eifer  spricht  er  sich  für  proportionale  Besteuerung,  aber
mit  Freilassung  eines  Existenzminimums  aus.  Die  sogenannte
Opfertheorie  verwirft  er,  weil  die  Gleichheit  der  Opfer  logisch
zur  progressiven  Besteuerung  führt;  ja,  er  glaubt  auch,  die  übermäßigste ­
  Progression  befriedige  das  System  der  Gleichheit  der
Opfer  nur  unvollständig 1 ).  Jede  Steuerprogression  aber  ist
hauptsächlich  darum  verwerflich,  weil  ihre  Begrenzung  notwendig ­
  eine  willkürliche  ist,  und  weil  sie,  wenn  logisch  ausgebaut, ­
  zur  Verwirklichung  des  Sozialismus  führt 2 ).  Die  Freilassung ­
  eines  Existenzminimums  bedeutet  keineswegs  eine  Konzession ­
  an  das  System  der  progressiven  Besteuerung,  denn  die

b  Paul  Cauw'es,  Cours  d’Economie  politique,  Bd.  IV,  p.  270.
2 )  ibid.  p.  277.
        <pb n="442" />
        Finanzwissenschaft

421

Proportionalität  kann  dort  keine  Anwendung  mehr  finden,  wo
keine  Steuerfähigkeit  vorhanden  ist.  Diese  aber  verschwindet
unterhalb  einer  gewissen  Grenze  *).,
Die  Gerechtigkeit  verlangt  die  Proportionalität  der  Steuer.
Eine  Einheitssteuer  muß  streng  proportional  sein;  wenn  aber
mehrere  Steuern  nebeneinander  bestehen,  so  kann  es  sein,  daß
die  Proportionalität  der  Besteuerung  nur  dadurch  erreicht  wird,
daß  progressive  Steuern  neben  solche  treten,  die  umgekehrt
progressiv  wirken,  d.  h.  die  kleinen  Einkommen  mehr  als  proportional ­
  belasten.  Solcher  Art  sind  z.  B.  Verbrauchssteuern.
Besser  jedoch  als  das  Korrektiv  direkter  progressiver  Steuern
ist  in  derartigen  Fällen  die  möglichste  Herabsetzung  der  Verbrauchssteuern, ­
  die  das  Prinzip  der  Proportionalität  am  meisten
verletzen 2 ).
Gauwes  ist  nicht  Anhänger  der  einzigen  Steuer;  er  würde
aber  die  von  Ménier  vorgeschlagene  einzige  Kapitalsteuer 3 )  der
einzigen  allgemeinen  Einkommensteuer  vorziehen:  1.  wegen  der
Leichtigkeit  der  Feststellung  des  steuerbaren  Gegenstandes  bei
der  Kapitalsteuer,  2.  wegen  der  großen  Unsicherheit  bei  der
Einkommensteuer,  auf  wen  sie  schließlich  übergewälzt  wird.
Indem  man  den  Produzenten  nach  Maßgabe  seiner  Kapitalien
besteuert,  erreicht  man  die  Befreiung  des  Verkehrs  von  jedem
Hemmnis  und  eine  bedeutende  Vereinfachung  der  Steuererhebung.
Die  Kapitalsteuer  hat  ferner  im  Vergleich  zur  Verbrauchssteuer
den  Vorteil,  daß  sie  eine  Fähigkeit  trifft,  während  diese  ein
Bedürfnis,  und  zwar  häufig  ein  wesentliches,  belastet.  Wenn
auch  die  Steuer  übergewälzt  wird,  d.  h.  wenn  ein  Steuervorschuß
von  jemandem  gemacht  werden  muß,  so  ist  es  richtiger,  ihn
dem  Kapitalisten  als  dem  Verbraucher  zur  Last  zu  legen 4 ).
Zu  der  Steuerreform  in  Frankreich  nimmt  Gauwès  in
folgender  Weise  Stellung:  Es  ist  eine  schwere  Unvorsichtigkeit,
ein  ganzes  Steuersystem  in  globo  zu  beseitigen,  um  ganz  neue
und  folglich  mehr  oder  minder  aleatorische  Einnahmen  an  dessen
Stelle  zu  setzen.  Es  würde  sich  viel  eher  empfehlen,  die  be-*)
  ibid.  p.  274—275  fis.
2 )  ibid.  p.  279.
3 )  Charles  Ménier,  Théorie  et  Application  de  l’Impôt  sur  le  Capital,
Paris  1874.
4 )  Cauwès,  loc.  cit.  p.  813  fis.
        <pb n="443" />
        422

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

stehenden  Ertragssteuern  eine  nach  der  andern  umzugestalten
und  die  experimentelle  Methode  weiter  zu  führen,  die  1890  für
das  bebaute  Eigentum,  1892  für  die  Tür-  und  Fenstersteuer  in
Angriff  genommen  wurde.  Um  einerseits  der  ungenügenden
Produktivität  der  direkten  Steuern  abzuhelfen,  andererseits  die
nicht  proportionalen  indirekten  Steuern  beseitigen  zu  können,
und  überhaupt  den  übergroßen  Anteil  der  indirekten  Steuern
an  den  Gesamteinnahmen  des  Staates  zu  verringern,  würde  sich
die  Einführung  einer  komplementären,  gemischten  Steuer  auf
Einkommen  und  Kapital  empfehlen.  Sie  wäre  streng  proportional ­
  zu  gestalten  und  ihre  Sätze  müßten  niedrig  bemessen
werden.  Sie  hätte  die  wünschenswerte  Wirkung,  daß  das
Kapital  doppelt  belastet  wäre:  einmal  durch  die  bestehenden
Steuern,  deren  Sätze  man  zum  Teil  erhöhen  (für  die  Erbschaftsund ­
  Schenkungssteuer),  zum  Teil  beibehalten  könnte  (bei  den
Steuern  auf  Güter  der  toten  Hand,  Pferde,  Kutschen,  Billards,
Cercles  usw.);  zweitens  durch  die  neue  Kapitalsteuer,  die  nach
den  Kapitalsarten  verschieden  bemessene  Sätze  haben  müßte.
Seinen  Steuerreformplan,  der  teils  auf  Ideen  von  Me'nier,  teils
auf  der  Gesetzvorlage  Maujan  fußt,  wünschte  Cauwès  in  sukzessiven ­
  Etappen  durchgeführt  zu  sehen,  um  so  wenig  als  möglich
Beunruhigung  bei  den  Massen  der  Steuerzahler  hervorzurufen  *).
Gaston  Jèze,  früher  Professor  in  Lille,  seit  kurzem  in  Paris,
hat  in  Gemeinschaft  mit  Max  Boucard,  maître  des  requêtes  im
Conseil  d’Etat,  zwei  Lehrbücher  der  Finanz  Wissenschaft  und
französischen  Finanzgesetzgebung,  ein  größeres  und  ein  kleineres,
veröffentlicht 1  2 ).  Im  Augenblicke,  in  dem  wir  diese  Zeilen
schreiben,  beginnt  das  Erscheinen,  nunmehr  unter  dem  alleinigen
Namen  von  Jèze,  einer  völlig  umgearbeiteten  und  bedeutend
erweiterten  Auflage  beider  Werke 3 ).
Jèze  versteht  unter  Finanzwissenschaft  —  in  dem

1 )  ibid.  p.  444  ff.
2 )  Boucard  et  Jèze,  Eléments  de  la  Science  des  finances  et  de  la  Législation ­
  financière  française,  2  Bde.,  2.  Auflage,  Paris  1902,  und:  Cours  élémentaire ­
  de  Science  des  finances  et  de  Législation  financière  française,  3.  Auflage,
Paris  1904.
8 )  G.  Jèze,  Eléments  de  la  Science  des  finances  usw.,  auf  4—5  Bände
berechnet;  davon  liegt  vor:  Bd.  I,  Le  Budget,  Paris  1909.  —  Cours  élémentaire
usw.  ;  davon  wurden  33  Bogen  als  erste  Lieferung  eben  ausgegeben.
        <pb n="444" />
        Finanzwissenschaft

423

gegenwärtigen  Stande  der  wissenschaftlichen  Erkenntnis  —  eine
Gesamtheit  von  Vorschriften,  Verfahren  und  Kombinationen,
deren  Wirksamkeit  eine  größere  oder  geringere  ist.  Das  aufmerksame ­
  Studium  der  finanziellen  Einrichtungen  der  verschiedenen ­
  Länder  führt  nach  Jèze  zu  der  Überzeugung,
daß  man  sich  hüten  muß,  die  Theorien  für  definitiv  zu
halten,  die  in  einem  gegebenen  Augenblicke  am  solidesten
und  am  wenigsten  bestreitbar  zu  sein  scheinen.  Ein  Volk
zieht  dieses,  ein  anderes  jenes  Finanzsystem  vor.  Ja  mehr
noch:  bei  einem  und  demselben  Volke  wechseln  die  Anschauungen ­
  in  Finanzsachen  von  einer  Generation  zur  andern.  Die
Mittel  der  Analyse,  über  die  wir  verfügen,  sind  aber  ungenügend,
um  diesen  Wechsel  vollständig  zu  erklären.  Übrigens  sind  die
finanziellen  Verfahren  nur  Lösungen  von  Problemen,  die  sich
bei  den  verschiedenen  Völkern  verschieden  stellen,  und  die  vor
allem  zeitlichen  Veränderungen  unterliegen.  Daraus  ergibt
sich  eine  gewisse  Unbeständigkeit  in  den  Lehren  der  Finanzwissenschaft. ­

Es  gibt  jedoch  Vorschriften,  deren  praktischer  Wert  durch
die  Erfahrung  in  gewissen  Grenzen  allenthalben  bestätigt  wurde,
und  die  man  infolgedessen  als  einigermaßen  feststehend  ansehen
kann.  Die  hauptsächlichsten  Beispiele  davon  bieten  das  Budgetwesen, ­
  die  öffentliche  Rechnungsführung  und  die  Verwaltung
der  öffentlichen  Schulden.  Die  auf  das  Steuer  wesen  bezüglichen
Verfahren  scheinen  beständigem  Wechsel  unterworfen.  Man
darf  sich  darüber  nicht  wundern.  Denn  zunächst  streben  die
theoretischen  Steuersysteme  nach  Verwirklichung  eines  gewissen
Gerechtigkeitsideals.  Die  Idee  der  Gerechtigkeit  aber  wechselt
mit  der  Denkweise  der  Völker  und  der  aufeinander  folgenden
Generationen.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  nie  ein  bestimmtes
Steuersystem  als  absolut  gerecht  gelten  wird,  weil  die  Idee  der
Gerechtigkeit  voraussichtlich  nie  eine  einheitliche  und  definitive
sein  wird.  Ein  anderer  Grund  für  den  steten  Wechsel  der
Steuersysteme  liegt  darin,  daß  die  jeweilige  Finanzpolitik  durch
bewußte  oder  unbewußte  Klasseninteressen  bestimmt  zu  sein
pflegt.  Wenn  man  das  in  einem  gegebenen  Augenblick  in  einem
Lande  bestehende  Steuersystem  betrachtet,  so  kann  man  mit
Sicherheit  bestimmen,  welche  Volksklasse  dort  die  politische
Macht  besitzt.
        <pb n="445" />
        424

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

Da  es  die  menschlichen  Kräfte  übersteigt,  sich  ganz  den
Vorurteilen  seiner  Epoche  und  seines  Landes  zu  entziehen,  so
können  alle  aufgestellten  finanzwissenschaftlichen  Thesen  nur
einen  relativen  Wert  beanspruchen  und  bleiben  streitig.  Sichern
Boden  bieten  nur  die  positive  Gesetzgebung  und  die  Geschichte
der  finanziellen  Einrichtungen.  Darum  hält  sich  J  è  z  e  vorzugsweise ­
  an  diese  *).
Die  grundlegenden,  methodologischen  Anschauungen  von
Jèze,  welche  in  den  obigen  Sätzen  zum  Ausdruck  kommen,
sind  deswegen  von  besonderem  Interesse,  weil  sie  den  Geisteszustand ­
  eines  streng  wissenschaftlich  denkenden  Mannes  erkennen ­
  lassen,  der  als  echter  Lateiner  hinauszog,  um  die  absolute ­
  Wahrheit  zu  erringen,  aus  der  Beobachtung  der  Wirklichkeit ­
  aber  die  Überzeugung  gewann,  daß  es  in  seinem  Wissensgebiete ­
  nur  bedingte  Wahrheiten  gibt,  und  sich  nun  mit  einem
gewissen  Mißtrauen  gegen  jedwede  wissenschaftliche  Verallgemeinerung ­
  an  die  partikulären  Tatsachen  der  Gesetzgebung
und  Geschichte  festklammert.  Jèze  macht  zurzeit  denselben
Prozeß  durch,  den  die  deutsche  Nationalökonomie  im  XIX.  Jahrhundert ­
  erlebt  hat.
Wir  können  es  nicht  billigen,  daß  Jèze  auch  in  der  neuen
Auflage  seiner  Werke  —  soweit  bis  jetzt  ersichtlich  —  an  der
Auffassung  festzuhalten  scheint,  die  Finanzwissenschaft  sei  sozusagen ­
  ausschließlich  eine  Lehre  vom  Budget-  und  öffentlichen
Rechnungswesen.  Die  Lehre  von  den  Staatseinnahmen  ist  und
bleibt  die  Hauptsache  in  der  Finanz  Wissenschaft.  Einen  sehr  guten
Eindruck  macht  dagegen  die  äußerst  reichhaltige  Dokumentierung
  mit  positivem  Material  aus  allen  Ländern,  sowie  die  konkrete ­
  Darstellung.  Jèze  legt  das  Hauptgewicht  auf  die  Technik
des  Finanzwesens,  wie  denn  auch  seine  Werke  in  erster  Linie  den
Bedürfnissen  der  Beamten  der  Finanz  Verwaltung  dienen  sollen.
Edgard  Allix,  Professor  in  Caen,  hat  ein  Lehrbuch  der
Finanzwissenschaft  und  Finanzgesetzgebung  veröffentlicht,  das
sich  durch  knappe,  leicht  verständliche  und  übersichtliche
Darstellung  empfiehlt  *).  Es  will  nicht  persönliche  Forschungs-')
  Jèze,  Cours  élémentaire  de  Science  des  finances  et  de  Législation  financière ­
  française,  4.  Ausi.  1909—10,  p.  V  ff.
2 )  Edgard  Allix,  Traité  élémentaire  de  Science  des  finances  et  de  Législation ­
  financière  française,  Paris,  1906,  2.  Auflage  1909.
        <pb n="446" />
        Finanzwissenschaft

425

resultate  des  Verfassers  bieten,  sondern  lediglich  ein  möglichst
klar  abgefaßtes  Handbuch  für  Examenskandidaten  sein.  Außer
in  den  französischen  Budgets  und  Staatsrechnungen  hat  Allix
hauptsächlich  in  den  Werken  von  Stourm,  aber  auch  bei  Cauwès,
Leroy-Beaulieu,  Colson,  Boucard  und  Jèze  usw.  geschöpft.  Die
Analyse,  die  er  vom  französischen  Budgetwesen  gibt,  ist  sehr
anschaulich  und  konkret.  In  der  Behandlung  des  Steuerwesens
weicht  All  ix  insofern  von  seinen  Gewährsmännern  ab,  als  er  sich
nicht  auf  eine  Theorie  der  speziellen  Steuerlehre  einläßt,  sondern
statt  dessen  die  zurzeit  in  Preußen,  England,  Italien  und  Frankreich ­
  bestehenden  Steuersysteme  genetisch  und  beschreibend  zur
Darstellung  bringt.  Daran  fügt  er  eine  kritische  Übersicht  über
die  von  den  Finanzministern  der  letzten  zwölf  Jahre  den  französischen ­
  Kammern  vorgelegten  Einkommensteuervorlagen*).
Der  überwiegend  referierende  Charakter  der  Darstellung  von
Allix  hindert  nicht,  daß  seine  persönliche  Auffassung  hinreichend
zum  Ausdruck  kommt.  Sie  geht  dahin,  daß  das  französische
Ertragssteuersystem  sich  überlebt  habe,  und  daß  es  an  der  Zeit
sei,  es  durch  eine  Personalbesteuerung,  etwa  im  Sinne  der
jüngsten  Einkommensteuervorlage  von  Caillaux  zu  ersetzen.
Eine  begrüßenswerte  Neuerung  des  Allixschen  Handbuches
ist  die  in  einem  vierten  Teile 2 )  angegliederte  Darstellung  des
Finanzwesens  der  französischen  Kolonien.  Allix  verdient  ferner
Lob  dafür,  daß  er  mehrere  Doktordissertationen  der  letzten
Jahre  bei  Gelegenheit  verwertet.  Die  äußere  Ausstattung  seines
Handbuches  ist  gefälliger  und  übersichtlicher,  als  die  des  auch
für  die  Vorbereitung  zu  den  Staatsprüfungen  bestimmten  kleinern
Werkes  von  Jèze 8 ).

*)  Zur  Sprache  kommen  die  Vorlagen  von  Doumer  (1896),  Cochery  (1896),
Peytral  (1898),  Caillaux  (1900),  Bouvier  (1903),  sowie  die  zweite  Vorlage  von
Caillaux  (1907),  deren  Text  übrigens  am  Schlüsse  des  Buches  in  der  2.  Auflage
mitgeteilt  wird.
2 )  Das  Handbuch  ist  in  vier  Teile  geteilt,  von  denen  der  erste  vom  Budgetwesen, ­
  der  zweite  von  den  Einnahmen  des  Staates,  der  dritte  von  den  lokalen
und  der  vierte  von  den  kolonialen  Finanzen  handelt.
3 )  Eine  Darstellung  der  finanzwissenschaftlichen  Literatur  in  Frankreich
dürfte  sich  nicht  mit  den  im  Laufe  dieser  Arbeit  zur  Sprache  gekommenen
finanzwissenschaftlichen  Werken  begnügen.  Von  synthetischen  Werken,  um  nur
bei  der  jüngsten  Vergangenheit  zu  bleiben,  wären  noch  V.  Rémy,  Traité  de  la
comptabilité  publique,  Paris  1894;  Caillaux,  Privat-Deschanel  et  Touchard,  Les
        <pb n="447" />
        426  Der  Interventionismus  an  den  Universitäten  —  Finanzwissenschaft

Wir  beschließen  damit  unsern  Rundgang  durch  die  französischen ­
  Rechtsfakultäten,  dessen  Zweck  nicht  war,  jeden  einzelnen ­
  Dozenten  auf  Herz  und  Nieren  zu  prüfen,  sondern  durch
Herausgreifen  einer  Anzahl  der  bekannteren  Persönlichkeiten
ein  symptomatisches  Bild  von  Richtung  und  Art  der  wissenschaftlichen ­
  Tätigkeit  in  diesem  Milieu  zu  geben.
Impôts  en  France.  Traité  technique,  2  Bde.  usw.  zu  erwähnen.  Man  dürfte
ferner  nicht  an  den  Steuerreformprojekten  der  Finanzminister  der  letzten  12  bis
20  Jahre  vorübergehen.  Der  Umstand,  daß  die  Frage  der  Reform  der  direkten
Steuern  seit  20  Jahren  in  Frankreich  an  der  Tagesordnung  ist,  hat  natürlich
auch  zum  Entstehen  einer  umfangreichen  monographischen  Literatur  Anlaß  gegeben. ­
  So  sind  z.  B.  in  den  letzten  Jahren  einige  gediegene  Arbeiten  über  die
allgemeinen  Einkommensteuern  der  deutschen  Bundesstaaten  veröffentlicht  worden ­
  (z.  B.  Jacques  Derbanne,  La  Réforme  des  impôts  d’Etat  en  Prusse.  —  Gaspard ­
  Wampach,  L’Impôt  sur  le  revenu  en  Allemagne,  Paris,  1907.  —  R.  Bombay, ­
  L’Impôt  sur  le  revenu  en  Prusse,  Pariser  Dissertation  1908  usw.).  Einige
staats-  oder  verwaltungsrechtliche  Werke  befassen  sich  auch  mit  finanzwissenschaftlichen ­
  Fragen  (z.  B.  Viollet,  Histoire  des  Institutions  politiques  et  administratives ­
  de  la  France;  A.  Esmein,  Cours  élémentaire  d’histoire  du  droit  français ­
  usw.).  Weiter  zurück  liegen  die  bekannten  Werke  von  de  Parieu,  de
Broglie,  Vuitry  usw.  usw.  Wir  müssen  es  uns  jedoch  versagen,  im  Rahmen  der
vorliegenden  Arbeit  näher  auf  die  französische  Finanzliteratur  einzugehen.
        <pb n="448" />
        II.  Teil.
Der  Solidarismus.
1.  Kapitel.
Zur  Geschichte  des  Solidaritätsbegriffes.
Es  gibt  kein  Schlagwort,  das  zurzeit  in  Frankreich  in  der
soziologischen  und  nationalökonomischen  Literatur,  in  der
Tagespresse,  in  Vorträgen  und  politischen  Reden,  in  Wahlaufrufen ­
  und  Flugblättern  häufiger  gebraucht  würde  und  einen
bessern  Klang  hätte  als  das  Wort  Solidarität.  Dessen  begrifflicher ­
  Inhalt  ist  jedoch  weder  im  wissenschaftlichen,  noch  im
allgemeinen  Sprachgebrauch  vollständig  geklärt.
Es  handelt  sich  dabei  zunächst  um  eine  ganz  alte  Sache,
die  in  der  Gegenwart  machtvoll  ins  Bewußtsein  speziell  des
französischen  Volkes  getreten  ist.  Als  ethische  Anschauung,
welche  die  kollektive  Verantwortung  der  Mitglieder  eines  Ganzen
besagt,  liegt  die  Idee  der  Solidarität  des  gesamten  Menschengeschlechtes ­
  der  alttestamentlichen  Lehre  von  der  Erbsünde  zugrunde. ­
  Desgleichen  kannten  viele  ältere  Strafrechte  die  Solidarhaft
  z.  B.  einer  Sippe  für  die  Verbrechen  ihrer  Mitglieder,
oder  einer  Gemeinde  für  Steuern,  die  von  einzelnen  Bürgern
nicht  entrichtet  wurden.  Auch  ins  Privatrecht  ist  der  Begriff
frühzeitig  eingedrungen.  Das  römische  Recht  z.  B.  verwertet
ihn  bei  der  Aufstellung  der  Rechtskategorie  der  Solidarobligation
als  Verpflichtung  eines  jeden  von  mehreren  an  einem  Schuldverhältnis ­
  Reteiligten,  die  ganze  Leistung  zu  bewirken 1 ).  Die
i)  Die  französischen  Juristen  des  ancien  régime  hatten  die  obligatio  in
solidum  des  römischen  Rechtes  mit  „solidité“  übersetzt.  Der  Code  Civil  gebraucht
jedoch  dafür  den  Ausdruck  „solidarité“.  Vgl.  Ch.  Gide  und  Ch.  Rist,  Histoire
des  doctrines  économiques,  Paris  1909,  p.  671.
        <pb n="449" />
        428

Der  Solidarismus

der  analogisierenden  Soziologie  des  XIX.  Jahrhunderts  teure
Idee,  daß  alle  Menschen  ein  Ganzes  bilden,  wie  die  Teile  eines
Körpers,  war  im  Altertum  schon  den  Stoikern  und  dem  Apostel
Paulus J )  geläufig.  Die  Solidarität,  welche  in  der  Vererbung  der
Tugenden  und  Laster  besteht,  war  ebenfalls  schon  den  heiligen
Büchern  der  Religionen  des  Altertums,  wie  auch  der  klassischen
Literatur  bekannt.
Im  XVIII.  Jahrhundert  taucht  der  Solidaritätsgedanke  in
der  Bedeutung  gegenseitiger  Abhängigkeit  der  in  Gesellschaft
lebenden  Menschen  bei  Ad.  Smith  auf.  Diese  Abhängigkeit  rückt
Smith  als  Ergebnis  der  von  ihm  zu  klassischer  Darstellung  gebrachten ­
  allgemeinen  Tatsache  der  Arbeitsteilung  in  helles
Licht.  Im  übrigen  war  der  Individualismus  der  Aufklärungszeit
eher  dazu  angetan,  die  Erkenntnis  jener  gegenseitigen  Abhängigkeit ­
  hintanzuhalten.  Die  Solidarität  aller  Gewerbe  und
aller  Völker  als  Interessengemeinschaft  begegnete  uns  bei  der
Theorie  der  Absatzwege  von  J.  B.  Say.  Auch  die  Biologie  bemächtigte ­
  sich  des  Begriffes  und  bezeichnete  die  Teile  eines
Organismus  als  solidarisch,  wenn  Änderungen,  die  einer  derselben ­
  erleidet,  auf  die  andern  rückwirken.  Dann  kam  Auguste
Comte.  Ihm  gilt  der  Begriff  als  seine  eigene  Erfindung,  und
es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  er  ihn  zum  mindesten  kraftvoll
synthetisiert  hat.  „Die  neue  Philosophie,“  schreibt  er,  „läßt  die
Verbindung  eines  jeden  mit  allen  unter  einer  Menge  verschiedener ­
  Gesichtspunkte  hervortreten,  so  daß  das  intime  Gefühl
der  auf  alle  Zeiten  und  Orte  sich  erstreckenden  sozialen  Solidarität ­
  unwillkürlich  ein  familiäres  wird“ 2 ).  Comte  unterscheidet ­
  eine  statische  und  eine  dynamische  Solidarität  und  gebraucht ­
  den  Begriff  sowohl  in  naturwissenschaftlichem  Sinne,
z.  B.  zur  Bezeichnung  des  Zusammenhangs  der  Gestirne  im
Weltenraum,  als  in  sozialwissenschaftlichem 3 ).  Der  utopische
Sozialist  Pierre  Leroux  spricht  zur  selben  Zeit  von  dem  „Naturgesetz ­
  der  Solidarität“.  Von  ihm  drang  der  Gedanke  zu  den
Fourieristen  und  zu  Proudhon,  blieb  aber  in  diesem  sozialistischen
Milieu  vorläufig  unentwickelt.  Das  Wort  „fraternité“  hatte  1848
*)  Paulus  Römerbrief,  XII.  4,  5.
*)  Auguste  Comte,  Discours  sur  l’Esprit  positif.
*)  Auguste  Comte,  Cours  de  Philosophie  positive,  3.  Aufl.,  Paris  1869,  Bd.
IV,  p  252,  270.
        <pb n="450" />
        Zur  Geschichte  des  Solidaritätsbegriffes

429

noch  einen  guten  Klang  in  Arbeiterkreisen  und  bedurfte  keines
Ersatzes.
Bei  Bastiat  tritt  die  Idee  auf  in  der  Bedeutung  kollektiver
Verantwortlichkeit  der  Glieder  eines  Ganzen 1 ).  Gelegentlich
blitzen  aber  außerdem  bei  ihm  intuitive  Ausblicke  auf  eine
Fülle  von  Solidaritätserscheinungen  auf,  welche  erst  die  Soziologie ­
  unserer  Tage  systematisch  zu  erforschen  begonnen  hat 2 ).
Die  Rolle,  welche  die  Solidaritätsidee  im  Geistesleben  der
französischen  Nation  in  der  Gegenwart  spielt,  mag  durch  folgende
Übersicht  veranschaulicht  werden:
1.  Die  liberalen  Volkswirte,  insbesondere  de  Molinari
und  Yves  Guyot,  sprechen  von  einer  Solidarität,  welche  sich
aus  Arbeitsteilung  und  Arbeitsvereinigung,  Tausch  und  Konkurrenz ­
  ergibt.  Sie  besteht  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitern,
zwischen  Produzenten  und  Konsumenten  und,  wie  J.  B.  Say
sagte,  zwischen  allen  Gewerben  und  allen  Völkern 3 ).
2.  Die  Biologie  stellt  als  Ergebnis  ihrer  Forschungen  hin,
daß  die  Solidarität  als  gegenseitige  Abhängigkeit  aller  Teile
desselben  Körpers  a)  das  Charakteristikum  des  Lebens  ist;  b)
um  so  vollkommener  und  intensiver  ist,  als  das  Individuum  auf
höherer  Stufe  steht;  c)  im  direkten  Verhältnis  zur  Difl'erenzieb

  Bastiat,  Harmonies  économiques,  cap.  21,  Ausgabe  Paillottet,  Paris
1854,  p.  559  ff.
2 )  Zum  Beispiel:  „La  société  tout  entière  n’est  qu’un  ensemble  de  solidarités ­
  qui  se  croisent.  Cela  résulte  de  la  nature  communicable  de  l’intelligence.
Exemples,  discours,  littérature,  découvertes,  sciences,  morale  etc.,  tous  ces  courants ­
  inaperçus  par  lesquels  correspondent  les  âmes,  tous  ces  efforts  sans  liens
visibles  dont  la  résultante  cependant  pousse  le  genre  humain  vers  un  équilibre,
vers  un  niveau  moyen  qui  s’élève  sans  cesse,  tout  ce  vaste  trésor  d’utilités  et  de
connaissances  acquises,  où  chacun  puise  sans  le  diminuer,  que  chacun  augmente
sans  le  savoir,  tout  cet  échange  de  pensées,  de  produits,  de  services  et  de  travail, ­
  de  maux  et  de  biens,  de  vertus  et  de  vices  qui  font  de  la  famille  humaine
une  grande  unité,  et  de  ces  milliards  d’existences  éphémères  une  vie  commune,
universelle,  continue,  tout  cela  c’est  la  Solidarité.“  ibid.  p.  562.
8 )  Yves  Guyot  schreibt  z.  B.  in  „La  Morale  de  la  Concurrence“:  „Der
Produzent  ist  beständig  um  das  Wohlergehen  der  Konsumenten  besorgt  ...  er
denkt  an  die  ganze  Menschheit  .  .  .  Der  Kaufmann,  der  Transportunternehmer
sind  beständig  auf  der  Suche  nach  dem,  was  den  Leuten,  für  die  sie  arbeiten,
am  besten  passen  könnte,  sowie  nach  Mitteln,  ihren  Kundenkreis  zu  erweitern,
d.  h.  einer  größeren  Anzahl  von  Menschen  Dienste  zu  erweisen.“  Zitiert  bei
Ch.  Gide  und  Ch.  Rist,  Histoire  des  Doctrines  économiques,  Paris  1909,  p.  693.
        <pb n="451" />
        430

Der  Solidarismus

rung  der  Teile  steht.  Wo  die  Teile  homogen  sind,  kann  jeder
derselben  sich  selbst  genügen;  wo  sie  unähnlich  sind,  ergänzt
jeder  den  andern  und  kann  isoliert  weder  leben  noch  wirken x ).
3.  Die  Soziologen,  insbesondere  Schäffle  und  Espinas,
haben  diese  biologischen  Kenntnisse  dazu  verwertet,  Analogien
zwischen  ihnen  und  gesellschaftlichen  oder  wirtschaftlichen  Erscheinungen, ­
  die  sie  beobachteten,  zu  konstruieren 2 ).  Z.  B.  :  in
der  menschlichen  Gesellschaft,  wie  im  lebenden  Organismus,
steht  die  Solidarität  der  Glieder  im  direkten  Verhältnis  zu  ihrer
Differenzierung.  Bei  einer  von  Jagd  und  Fischfang  lebenden
wilden  Horde  fügt  darum  die  Trennung  eines  Individuums  vom
ganzen  demselben  weniger  Schaden  zu,  als  ihm  ein  Boykott  in
einer  zivilisierten  Gesellschaft  bereiten  würde 3 ).  Von  dieser
Analogienkonstruktion  hat  sich  jedoch  die  Soziologie  nach  und
nach  losgesagt.  Damit  wurde  die  Beobachtung  gesellschaftlicher ­
  und  volkswirtschaftlicher  Solidaritätserscheinungen  bei
ihr  selbständiger  und  führte  zu  einer  soziologischen  Theorie
der  Solidarität  :  An  dieser  Entwicklung  sind  in  Frankreich
hauptsächlich  Fouillée,  Izoulet,  Durkheim  beteiligt.  Wir
werden  darauf  im  folgenden  Buche,  das  der  Erörterung  der
Nationalökonomie  bei  den  Soziologen  gewidmet  ist,  zurückzukommen ­
  haben.
4.  Der  tatsächlichen,  natürlichen  und  gesellschaftlichen
Solidarität,  welche  vom  Willen  des  Individuums  unabhängig  ist,
stellten  Charles  Gide  und  Léon  Bourgeois  je  eine  Theorie  gewollter ­
  Solidarität  entgegen,  welche  beide  großen  Anklang
gefunden  haben.  Die  Theorie  Bourgeois'  ist  eine  juridischwirtschaftliche, ­
  diejenige  G  id  es  eine  spezifisch-nationalökonomische. ­
  Von  ihnen  werden  wir  unten  zunächst  zu  sprechen
haben.
5.  Die  Durchdringung  des  Volksbewußtseins  im  Frankreich
der  Gegenwart  mit  dem  Solidaritätsgedanken  ist  eine  Gesamtwirkung ­
  komplexer  Ursachen.  Das  Bedürfnis,  der  Idee  von  der
Vereinigung  der  Individuen  in  ein  Ganzes  kraftvoll  Ausdruck  zu
geben,  lag  überhaupt  durch  das  ganze  XIX.  Jahrhundert  sozusagen
in  der  Luft.  Man  kann  darin  zunächst  eine  natürliche  Reaktion
0  Vgl.  Ch.  Gide  und  Ch.  Rist,  Histoire  des  Doctrines  économiques,  p.  675.
2 )  Vgl,  Henry  Michel,  L’Idée  de  l’Etat,  Paris  1898,  p.  459  ff.
3 )  Vgl.  Gide  und  Rist,  loc.  cit.  p.  674—675.
        <pb n="452" />
        Zur  Geschichte  des  Solidaritätsbegriffes

431

gegen  die  Übertreibungen  und  Schäden  des  Individualismus
sehen.  Es  wurde  gestärkt  durch  die  Philosophie  liuskins  und
Carlyles,  sowie  durch  die  Vulgarisation  der  naturwissenschaftlichen
Lehre  von  der  Vererbung.  Im  Volksempfinden  machte  auch
die  Verbindung  des  Solidaritätsgedankens  mit  der  Erkenntnis
der  Übertragung  von  Krankheiten  durch  deren  Bakterien  einen
tiefen  Eindruck.  In  Frankreich  speziell  trugen  die  Fortschritte
demokratischer  Gesinnung  zur  Popularisierung  der  Idee  bei.
Ganz  besonders  kam  dieser  auch  zu  statten,  daß  das  Schlagwort ­
  „fraternité“  unter  der  dritten  Republik  rasch  verblaßte
und  gebieterisch  nach  einem  Ersatz  verlangte.  Die  „Brüderlichkeit“, ­
  das  dritte  Glied  der  Devise  der  großen  Revolution  (Liberté, ­
  Egalité,  Fraternité)  und  das  zündende  Schlagwort  des
Jahres  1848,  veraltete  als  rührselig  sentimentaler  Begriff  ebenso
rasch,  wie  der  1848er  Geist,  der  sie  auf  den  Schild  erhob.  Die
republikanische  und  sozialistische  Presse  holte  dafür  den  Begriff
„solidarité“  aus  dem  Arsenal  des  vorachtundvierziger  Sozialismus
hervor.  Die  Strömung,  welche  von  der  charitativen  Armenunterstützung ­
  zu  dem  Rechte  auf  Krankengeld,  Invaliden-  und  Altersrente ­
  der  Sozialversicherung  führte,  bemächtigte  sich  des  Begriffes ­
  und  stellte  ihn  dem  der  Caritas  gegenüber,  welche  nach
landläufiger  Auffassung,  nicht  im  ursprünglichen,  christlichen
Sinn,  etwas  für  den  Empfänger  Degradierendes  hat.
Die  Volkstümlichkeit  der  Solidaritätsidee  stieg  noch  gewaltig, ­
  als  Léon  Bourgeois  sie  in  eine  präzise,  juridische
Formel  brachte  und  sie  zum  Hauptpunkt  der  radikalen  und
radikal  -  sozialistischen  Parteiprogramme  erhob.  Gleichzeitig
schleuderte  Sully  Prudhomme  sein  berühmtes  Sonett:
„Le  laboureur  m’a  dit  en  songe,  fais  ton  pain,
Je  ne  te  nourris  plus,  gratte  la  terre  et  sème.
Le  tisserand  m’a  dit“  usw.
das  heute  jedes  Kind  in  Frankreich  auswendig  herzusagen  weiß,
ins  Land  hinaus.  Einige  Jahre  vorher  schon  hatte  Charles
Gide,  den  die  Lektüre  der  Schriften  von  A.  Comte  und  Bastiat,
mehr  aber  noch  die  der  Fourieristischen  Literatur,  mit  dem
Solidaritätsgedanken  vertraut  gemacht  hatte,  ihn  zum  Grundpfeiler ­
  eines  volkswirtschaftlichen  Systems  gemacht,  das  eine
geläuterte  und  zeitgemäße  Erneuerung  des  sozietären  Sozialismus
der  vorachtundvierziger  Periode  darstellt.  Die  zahlreichen  Auf-
        <pb n="453" />
        432

Der  Solidarismus

lagen  und  Übersetzungen  in  fremde  Sprachen  von  Gides  kleinem
Lehrbuch  der  Nationalökonomie  haben,  neben  seiner  Lehrtätigkeit ­
  an  den  Rechtsfakultäten  in  Montpellier  und  Paris,  seinem
Solidarismus  weit  über  die  Grenzen  seines  Vaterlandes  hinaus
Freunde  erworben.

2.  Kapitel.
Der  Solidarismus  bei  Léon  Bourgeois.
Léon  Bourgeois  *),  Leader  der  radikalen  und  radikal-sozialistischen ­
  Parteien,  gewesener  Kammer-  und  Ministerpräsident,
eifriger  und  erfolgreicher  Mitarbeiter  der  Friedenskonferenzen
im  Haag  usw.,  entnimmt  der  Soziologie  den  Begriff  der  tatsächlichen, ­
  natürlichen  Solidarität  und  baut  darauf  weiter.  Die  biologische ­
  Wissenschaft,  führt  Bourgeois  aus i)  2 ),  lehrt,  daß  nicht
nur  der  Kampf  ums  Dasein,  sondern  auch  der  Zusammenschluß
zum  Leben,  die  gegenseitige  Abhängigkeit  der  Teile  eines  Organismus, ­
  ein  Grundgesetz  der  Natur  ist.  Diese  Abhängigkeitsbeziehungen ­
  zwischen  den  Teilen  der  lebenden  Wesen  bestehen
auch  zwischen  diesen  selbst,  sowie  zwischen  deren  Gesamtheit
und  dem  Milieu,  in  dem  sie  sich  befinden.  Die  Gesetze  der
Vererbung,  der  Anpassung,  der  Zuchtwahl  sind  bloß  verschiedene
Gesichtspunkte  desselben  allgemeinen  Gesetzes  gegenseitiger  Abhängigkeit, ­
  des  Gesetzes  der  Solidarität  der  Elemente  des  universellen ­
  Lebens.  Auch  der  Mensch  ist  diesem  Gesetz  unterworfen. ­
  Zwar  ist  die  menschliche  Gesellschaft  kein  Organismus;
aber  die  Wirkungen  der  natürlichen  Solidarität  äußern  sich  auch
in  den  Erscheinungen  des  Lebens  in  Gesellschaft.  Die  Assoziation ­
  der  disziplinierten,  individuellen  Tätigkeiten  —  durch
i)  Zu  Bourgeois  Solidarismus  vgl.:  Léon  Bourgeois,  Solidarité,  6.  Aud.
Paris  1907.  —  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarité,  Paris  1907.  Vorwort
von  Croiset,  Dekan  der  faculté  des  lettres  in  Paris.  Sammlung  von  Vorträgen
von  L.  Bourgeois,  sowie  von  mehreren  Universitätsprofessoren  {Barlú,  Rauh,
F.  Buisson,  Ch.  Gide,  X.  Léon,  H.  La  Pontaine,  E.  Boutroux).  —  La  Solidarité
sociale,  ses  nouvelles  formules  von  E.  d’Eichthal  und  La  Solidarité  sociale  comme
principe  des  lois  von  Ch.  Brunot.  Paris  1903  (enthält  auch  :  Observations  zum
Solidarismus  von  F.  Passy,  P.  Leroy-Beaulieu,  Levasseur,  A.  Sorel,  Juglar,  Boutroux, ­
  Cheysson,  E.  Rostand,  de  Tarde,  Glasson  R.  Stourm).  —  Ch.  Gide  et  Ch.
Rist,  Histoire  des  doctrines  économiques,  Paris  1909,  Les  Solidaristes,  p.  671  ff.
a )  L.  Bourgeois,  Solidarité,  6.  Ausi.  p.  39  if.
        <pb n="454" />
        Der  Solidarismus  bei  Léon  Bourgeois

483

Gewalt  zur  Zeit  der  Autoritätsordnungen,  durch  Übereinkommen
zur  Zeit  der  Freiheitsordnung  —  vermochte  allein  die  menschlichen ­
  Gruppen  zu  bilden  und  lebensfähig  zu  machen.  So  ist
das  Gesetz  der  Solidarität  eine  Bedingung  der  Entwicklung
der  menschlichen  Gesellschaften.
In  einer  menschlichen  Gesellschaft  nun  ist  der  Einzelne
das  Ergebnis  von  'persönlichen  und  sozialen  Faktoren 1 ).  Den
Keim  der  ersteren  bringt  ein  jeder  bei  der  Geburt  mit;  deren
Entwicklung  macht  den  rein  persönlichen  Teil  des  individuellen
Seins  aus.  Die  sozialen  Faktoren,  die  aus  Arbeitsteilung,  Vererbung ­
  usw.  herrühren,  modifizieren  und  bereichern  die  Natur
und  den  Besitz  des  Individuums.  Sie  stellen  in  dem  Gesamtpatrimonium ­
  eines  jeden  ein  unentgeltlich  und  anstrengungslos,
durch  die  alleinige  Tatsache  des  Eintritts  in  die  Gesellschaft
erworbenes  Teilpatrimonium  dar.  Das  Individuum  ist  den  vorhergegangenen ­
  Generationen  und  den  Zeitgenossen  gegenüber
Schuldner  dieses  Patrimoniums.  Es  ist  auch  Schuldner  der  Gesellschaft ­
  selbst  gegenüber,  aus  deren  Kultur  es  Nutzen  zieht,
und  deren  gemeinsames  Patrimonium  es  mitgenießt,  d'Haussonville ­
  faßt  die  Schilderung,  welche  Bourgeois  von  den  vielfachen ­
  Schulden  des  Individuums  der  Gesellschaft,  der  Vorzeit
und  Mitwelt  gegenüber  gibt 2 ),  in  folgende  eindrucksvollen  Sätze
zusammen  :  „L'homme  fait  partie,  qu’il  le  veuille  ou  non,  d’une
société  dont  il  devient  débiteur  dès  sa  venue  au  monde  par
tout  ce  qu’elle  a  fait  et  préparé  pour  lui.  Dette  sa  nourriture,
chacun  des  aliments  qu’il  consommera  étant  le  fruit  d’une  longue ­
  culture.  Dette  son  langage,  car  chacun  des  mots  qui  naîtront ­
  sur  ses  lèvres  contient  et  exprime  une  somme  d’idées  que
d’innombrables  ancêtres  y  ont  accumulée  et  fixée.  Dettes  et  de
quelle  valeur!  le  livre  et  l’outil  que  l’école  et  batelier  vont
lui  offrir.  Dette  à  chaque  pas  qu’il  fait  sur  une  route  construite
à  travers  les  marais  et  la  montagne;  dette  à  chaque  tour  de
roue  de  la  voiture,  du  wagon  et  de  l’hélice;  dette  envers  tous
les  morts  qui  ont  laissé  cet  héritage  ;  dette  envers  ceux  dont  la
conscience  a  tiré  sa  race  de  l’état  de  violence  et  de  haine  et
l’a  conduite  peu  à  peu  vers  l’état  de  paix  et  d’accord“  3 ).
b  Vgl.  Ch.  Brunot,  La_Solidarité  sociale  comme  principe  des  lois,  p.  27  if.
2 )  L.  Bourgeois,  loc.  cit.  p.  118  if.
8 )  d'Haussonville,  Art.  Solidarité  in  Revue  des  Deux  Mondes  vom  15.  Dez.  1900.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  os
        <pb n="455" />
        434

Der  Solídarismus

Bourgeois  geht  nun  daran,  die  aus  der  gegebenen  Solidarität ­
  folgende  soziale  Schuld  in  eine  rechtlich  klagbare  zu
verwandeln  und  ihr  eine  gesetzliche  Sanktion  zu  geben.  Die
Schuld  des  Individuums  der  Vor-  und  Mitwelt  gegenüber,  sagt
er  x ),  hat  alle  Merkmale  der  nicht  durch  Rechtsgeschäft  hervorgerufenen ­
  Schuldverhältnisse,  der  Quasikontrakte 2 ).  Die  natürliche ­
  Solidarität  schafft  in  der  menschlichen  Gesellschaft  alle
Causae  des  Quasikontrakts  :  Familien-  und  andere  Verbindungen,
Geschäftsführung  ohne  Auftrag  als  Folge  der  Arbeitsteilung,
Bereicherung  auf  Kosten  anderer  infolge  ungerechtfertigt  erhobener ­
  Werte  (unearned  increment),  beständige  Schädigungen
dritter  usw.  Ein  Quasikontrakt  ist  auch  die  Gemeinschaft,  das
Miteigentum  aller  Bürger  eines  Staates  an  den  öffentlichen  Domänen ­
  und  Anstalten,  an  dem  Kredit,  dem  Ansehen,  dem  wissenschaftlichen, ­
  literarischen,  technischen  Erbe  ihres  Vaterlandes.
Ja,  der  Staat  selbst  ist  das  Ergebnis  eines  Quasikontraktes 3 ).
Die  Tatsache,  daß  der  Mensch  durch  seinen  Eintritt  in
die  menschliche  Gesellschaft  ein  Schuldverhältnis  dieser,  der
Vorwelt  und  den  Zeitgenossen  gegenüber  eingeht,  sowie  die
rechtliche  Qualität  dieses  Schuld  Verhältnisses  wären  somit  festgestellt. ­
  Die  soziale  Schuld  ist  nun  aber  eine  differenzielle.
Der  Anteil  der  Individuen  und  sozialen  Klassen  an  dem
gemeinsamen  Patrimonium  ist  ein  so  verschiedener,  daß  ein
großer  Teil,  nämlich  die  „Enterbten“,  den  Besitzenden  gegenüber ­
  in  die  Rolle  des  Gläubigers  einrücken.  Schuldner  sind  alle,
welche  von  der  Tatsache  der  natürlichen  Solidarität  Vorteil  hatten,
')  Bourgeois,  loo.  oit.  p.  115  fis.,  132  fis.
2 )  Bourgeois  entnimmt  dem  Code  civil  (Art.  1871—1381),  die  Lehre  von
den  Quasikontrakten.  Er  hält  sich  jedoch,  im  Gegensatz  zu  dem  in  diesem
Punkte  sehr  lückenhaften  Code  civil,  an  den  Gattungsbegriff  des  Quasikontraktes
und  versteht  darunter  ein  nicht  rechtswidriges,  nicht  durch  Rechtsgeschäft  hervorgerufenes ­
  Schuldverhältnis.
3 )  „Dort,  wo  die  Notwendigkeit  der  Dinge  die  Menschen  in  Beziehungen
zu  einander  setzt,  ohne  daß  ihr  vorhergehender  Wille  die  Bedingungen  des  abzuschließenden ­
  Vertrages  vereinbaren  konnte,  wird  das  Gesetz,  das  diese  Bedingungen ­
  feststellt,  nur  eine  Interpretierung  und  eine  Vertretung  der  Übereinkunft ­
  sein,  die  vorher  hätte  stattfinden  müssen,  wenn  die  Beteiligten  hätten
gefragt  werden  können.  Die  Präsumption  der  Zustimmung,  die  sie  gegeben
hätten,  wird  die  einzige  Grundlage  des  Rechtes  sein.  Der  Quasikontrakt  ist
nichts  anderes  als  das  retroaktive  Zugestehen  eines  Vertrags.“  Bourgeois,  loc.
cit.  p.  132.
        <pb n="456" />
        Der  Solidarismus  bei  Léon  Bourgeois

435

nämlich  alle  jene,  die  Vermögen  gemacht  haben,  was  sie  nur
durch  die  Mitwirkung  zahlloser  anonymer  Mitarbeiter  tun  konnten.
Sie  üben  nicht  Wohltätigkeit,  wie  man  ihnen  bisher  sagte,  wenn
sie  die  Bedürftigen  unterstützen,  sondern  sie  zahlen  lediglich
eine  Schuld.  Gläubiger  sind  zunächst  die  Gesellschaft  selbst  und
unsere  Nachfolger;  ja  die  Tatsache,  daß  wir  in  den  Genuß  des
von  der  Vergangenheit  überkommenen  Patrimoniums  eingetreten
sind,  begründet  die  Pflicht  nicht  nur  seiner  integralen  Vererbung
auf  die  später  geborenen  Geschlechter,  sondern  auch  seiner  Vermehrung ­
  *).  Gläubiger  sind  ferner  aber  auch  die  Enterbten,  die
Besitzlosen,  die  von  der  natürlichen  Solidarität  nicht  ausschließlich ­
  Vorteil  hatten.  Sie  werden  durch  den  Staat  und  durch  die
zahlreichen  Einrichtungen  vertreten,  die  man  früher  Unterstützungsanstalten ­
  nannte,  heute  aber  als  Gegenseitigkeitsgenossenschaften ­
  und  „Werke  der  Solidarität“  (—  staatliche  Schutz-  und
Versicherungseinrichtungen)  bezeichnet 2 ).
Ausgangspunkt  in  Bourgeois’  System  ist  also  die  natürliche ­
  Solidarität.  Sie  ist  ungerecht  oder  hat  doch  wenigstens
keinen  Gerechtigkeitscharakter  (ajuste),  insofern  sie  den  einen
Vorteile  zu  genießen  gibt,  die  sie  nicht  selbst  verdient  haben,
und  andere  unter  Schädigungen  leiden  macht,  die  sie  ebenso
wenig  selbst  verschuldet  haben.  Die  Gerechtigkeit  muß  nun  im
Gewände  des  Quasikontraktes  einspringen,  um  einen  Ausgleich
zwischen  den  Bevorzugten  der  natürlichen  Solidarität  und  deren
Benachteiligten  zu  bewirken.  Der  Gerechtigkeit  geschieht  Genüge
durch  Korrigier  un  g  der  natürlichen  Solidarität  durch  eine  gewollte.
Die  Solidarität  rückt  so  aus  dem  Gebiete  des  Naturgegebenen
in  die  Sphäre  des  vom  menschlichen  Willen  Abhängigen,  des
Sittlichen.  Sie  wird  zur  Richtschnur  des  menschlichen  Handelns,
zum  ethischen  Prinzip.
Dadurch,  daß  die  Gerechtigkeit  zum  Bindeglied  zwischen  der
natürlichen  und  der  gewollten  Solidarität  wird,  erfährt  sie  eine
Modifikation.  Ihr  Stützpunkt  wird  nämlich  verlegt.  „Die  Ge-*)

  Der  Rechtsgrund  dieser  Verpflichtung  liegt  darin,  daß  das  gemeinsame
Kapital  der  menschlichen  Gesellschaft  ein  den  lebenden  Menschen  an  vertrautes
Depositum  ist,  das  eine  in  beständiger  Entwicklung  begriffene,  lebende  Organisation ­
  darstellt,  deren  Evolution  ihrer  Natur  nach  nicht  ohne  die  Kontinuität
beständiger  Anstrengungen  aller  vor  sich  gehen  kann.  Bourgeois,  Solidarité,  p.  139.
-)  Vgl.  Ch.  Gide  und  Ch.  Rist,  Histoire  des  doctrines  économiques,  p.  680  ff.
        <pb n="457" />
        436

Der  Solidarismus

rechtigkeit  zwischen  isolierten  Individuen“,  schreibt  Bourgeois,
„ist  nicht  dieselbe,  die  zwischen  Individuen  gilt,  die  in  einer
menschlichen  Gesellschaft  solidarisiert  sind.  Die  Solidarität  ist
eine  der  freien  Willensbestimmung  und  folglich  der  Gerechtigkeit
vorausgehende  Tatsache;  Freiheit  und  Gerechtigkeit  können
darum  nur  unter  Berücksichtigung  und  Voraussetzung  der  Solidarität ­
  definiert  werden 1 ).  Das  heißt  mit  andern  Worten:  das
do  ut  des,  das  Prinzip  der  kommutativen  Gerechtigkeit,  gilt  erst
dann  unter  den  Menschen,  wenn  die  Bevorzugten  der  sozialen
Solidarität  den  Enterbten  und  der  Gesellschaft  gegenüber  ihre
Schuld  abgetragen  haben.  Die  individuellen  Rechte  sind  erst
dann  gleich,  wenn  jedes  Individuum  sich  von  den  Obligationen,
die  sein  Recht  belasten,  befreit  hat.
Brunot  veranschaulicht  diesen  Teil  der  Theorie  Bourgeois’ ­
  sehr  gut,  indem  er  die  Korrektur,  welche  die  solidaristische
  Definition  der  Gerechtigkeit  an  der  überkommenen  vornimmt, ­
  mit  der  physikalischen  Prozedur  vergleicht,  die  darin
besteht,  zur  genauen  Feststellung  von  Temperaturen  die  Veränderungen ­
  des  Nullpunktes  zu  berücksichtigen.  „Im  allgemeinen,“
schreibt  Brunot,  „nehmen  die  Gesetze  die  Geburt  als  sozialen
Nullpunkt  an.  Es  war  schon  viel,  ihn  durch  Beseitigung  der
Sklaverei  und  der  Privilegien  des  Adels  zu  erreichen.  Aber  die
Sozial  Wissenschaft  hat  sich  vervollkommnet,  wie  die  Physik;  sie
stellt  heute  fest,  daß  der  Nullpunkt  für  ganze  Kategorien  verändert ­
  ist;  sie  kann  sich  infolgedessen  nicht  mehr  mit  dem
scheinbaren  und  irrtümlichen  Nullpunkt  zufrieden  geben,  sondern
sie  muß  einen  genauen  Grad  haben.  Dorthin  müssen  die  individuellen ­
  Rechte  zurückgebracht  werden,  wenn  sie  wirklich
gleich  sein  sollen  Der  ganze  Sinn  der  solidaristischen
Doktrin  ist,  den  sozialen  Nullpunkt  zu  korrigieren,  die  Nettogerechtigkeit ­
  an  die  Stelle  der  Bruttogerechtigkeit  zu  stellen 2 ).
Die  Gleichstellung  der  individuellen  Rechte,  die  als  Ziel
und  Ergebnis  der  Nullpunktkorrektur  auftritt,  läuft  nicht  auf
eine  Nivellierung  der  sozialen  Lagen  hinaus.  Der  Solidarismus
läßt  es  sich  angelegen  sein,  die  soziale  Schuld  genau  zu  umgrenzen. ­
  Bourgeois  argumentiert  wie  folgt:  „Da  es  offenbar
unmöglich  ist,  den  Wert  der  Schuld  der  einen  und  des  Gut-*)
  Bourgeois,  Essai  d’une  Philosophie  de  la  solidarité,  p.  22,  32,  41.
2 )  Ch.  Brunot,  loe.  eit.  p.  70—72.
        <pb n="458" />
        Der  Solidarismus  bei  Léon  Bourgeois

437

habens  der  andern  ziffernmäßig  festzustellen,  so  kann  man  die
Beteiligten  nur  auf  indirektem  Wege  in  die  relativ  gleiche  Lage
bringen,  in  der  sie  ihre  Freiheit  ohne  Ungerechtigkeit  gebrauchen
können.  Die  Zahlung  der  sozialen  Schuld  eines  jeden  an  alle
wird  erreicht,  indem  man  die  sozialen  Risiken  und  Vorteile
unter  alle  Mitglieder  der  Gesellschaft  verteilt.  Dies  geschieht
durch  Mutualisierung  der  Risiken  und  Vorteile,  d.  h.  indem  die
Risiken  gemeinsam  getragen  werden,  ohne  daß  man  vorher  weiß,
wen  ein  Risiko  und  wen  ein  Vorteil  treffen  wird,  und  indem
der  Zugang  zu  den  verschieden  gearteten  sozialen  Vorteilen  für
alle  offen  gehalten  wird“  x ).  Nach  Bourgeois  umfaßt  die  soziale
Schuld  in  concreto  :
1.  Unentgeltlichkeit  des  Unterrichts  auf  allen  Stufen.  Da
das  intellektuelle  Kapital  in  höherm  Maße  kollektives  Eigentum
ist  als  jedes  andere,  muß  jedermann  darin  frei  schöpfen  können.
Damit  das  Recht  auf  Belehrung  nicht  illusorisch  sei,  muß  die
Arbeitszeit  gesetzlich  beschränkt  werden.
2.  Sicherstellung  eines  Existenzminimums  für  alle.
3.  Versicherung  gegen  die  von  Natur  zufälligen  und  allen
gemeinsamen  Risiken  des  Lebens.
Die  Ableistung  der  sozialen  Schuld  wird  durch  spontane
Beiträge  zu  den  „Werken  der  Solidarität“  (Wohlfahrtseinrichtungen) ­
  und  durch  Zahlung  von  Steuern,  d.  i.  von  Zwangsbeiträgen, ­
  bewirkt.  Letzteres  rechtfertigt  sich  aus  der  natürlichen ­
  Funktion  des  Staates,  das  Einhalten  der  Verträge  zu
sichern.  Die  Steuern  werden  zweckmäßig  progressiv  sein,  denn
das  gemeinsame  Patrimonium  und  die  Vorteile,  die  der  einzelne
daraus  zieht,  befinden  sich  in  beständiger  Aufwärtsbewegung 2 ).
Bourgeois  beschließt  die  Darstellung  seiner  Solidaritätslehre ­
  mit  den  stolzen  Worten:  „Die  Erkenntnis  der  Naturgesetze
der  Solidarität  der  Wesen  führt  zu  einer  Gesamttheorie  der
Rechte  und  Pflichten  des  in  Gesellschaft  lebenden  Menschen  .  .  .
Diese  Theorie  hält  die  politische  und  bürgerliche  Gleichheit
energisch  aufrecht,  festigt  und  garantiert  die  individuelle  Freiheit, ­
  sichert  allen  menschlichen  Fähigkeiten  die  ausgedehnteste
Entwicklung.  An  Stelle  der  sittlichen  Pflicht  der  Nächstenliebe,

*)  Bourgeois,  Essai  d’uiie  Philosophie  de  la  Solidarité,  p.  81  ff.
2 )  ibid.  p.  94.
        <pb n="459" />
        438

Der  Solidarismus

die  das  Christentum  formuliert  hat,  und  des  schon  bestimmtem
Begriffes  der  republikanischen  Freiheit,  der  aber  noch  abstrakt
und  ohne  Sanktion  ist,  setzt  sie  eine  quasikontraktuelle  Obligation, ­
  die  einen  Rechtsgrund  hat  und  folglich  gewissen  Sanktionen ­
  unterworfen  werden  kann,  nämlich  der  Sanktion  der
Schuld  des  Menschen  den  Menschen  gegenüber,  welche  Quelle
und  Maß  der  rigorosen  Pflicht  der  sozialen  Solidarität  ist.  So
erscheint  die  Doktrin  der  Solidarität  in  der  Geschichte  der  Ideen
als  die  Entwicklung  der  Philosophie  des  XVIII.  Jahrhunderts
und  als  die  Vollendung  der  politischen  und  sozialen  Theorie  der
französischen  Revolution“  *).
Zur  Beurteilung  von  Bourgeois’  Solidarismus  muß  man
dessen  Elemente  auseinander  halten.  Als  soziologische  Kategorie,
d.  h.  zur  Bezeichnung  von  natürlichen  und  gesellschaftlichen,
vom  menschlichen  Willen  unabhängigen  Erscheinungen,  bedeutet
der  Solidaritätsbegriff  die  Errungenschaft  eines  dem  modernen
Denken  lange  fremd  gebliebenen  Gesichtspunktes.  Diese  Errungenschaft ­
  ist  ein  Verdienst  der  Soziologie.  Als  ethisches
Prinzip  führt  die  Solidaritätsidee  ein  großes  und  weites  Gebiet
aus  der  Sphäre  der  Freiheit  und  Nächstenliebe  in  die  der  Pflicht
und  Gerechtigkeit  über.  Aber  hierin,  wie  in  so  vielen  Dingen,
war  die  Praxis  der  Theorie  voraus  geeilt:  Arbeiterschutz  und
Arbeiterversicherung  hatten  längst  in  Europa  eingesetzt,  bevor
Bourgeois  die  Solidaritätslehre  heranzog,  um  dem  französischen
Steuerzahler  die  moderne  Sozialversicherung  und  ihre  Lasten
plausibel  zu  machen.
Croises,  Dekan  der  faculté  des  lettres  der  Universität  Paris,
begegnet  dem  Unterfangen  Bourgeois’,  die  Solidaritätsidee  an
die  Stelle  des  christlichen  Begriffes  der  Nächstenliebe  zu  setzen,
mit  dem  Bemerken,  das  Volksempfinden  würde  der  neuen  Idee
keine  so  warme  Aufnahme  bereiten,  wenn  es  nicht  darin  einen
breiten  Raum  für  das  Gefühl  bewahrte.  Darum  solle  man  bei
der  fernern  Entwicklung  des  Solidaritätsbegriffes  „den  guten
alten  Begriff  der  Liebe  nicht  ausschließen“  *).
Was  nun  die  Verbindung  der  juridischen  Idee  vom  Quasikontrakte ­
  mit  der  der  Solidarität  angeht,  so  ist  nicht  zu  leugnen,

Ö  Bourgeois,  Solidarité,  p.  154  ff.
2 )  Croiset,  Vorwort  zu  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarité,  p.  XIII.
        <pb n="460" />
        Der  Solidarismus  bei  Léon  Bourgeois

439

daß  sie  ungemein  viel  zum  Erfolg  des  Solidarismus  Léon  Bourgeois’ ­
  beigetragen  hat.  Dennoch  bleibt  sie  sehr  anfechtbar.
Professor  Gide,  für  den  sie  „ein  geistvoller  Kunstgriff,  fast  ein
Wortspiel“  ist,  macht  sehr  richtig  dagegen  geltend,  daß  Ausgangspunkt ­
  und  Schlußfolgerungen  Bourgeois’  ihrer  nicht  bedürfen. ­
  „Die  Schuld  ist  nicht  feststellbar,“  meint  er,  „deren  Betragmuß
  erst  durch  Gesetz  bestimmt  werden.  Warum  sie  denn  nicht
lieber  unmittelbar  auf  das  Gesetz  (statt  auf  den  Quasikontrakt),
auf  die  staatliche  Gewalt,  Gesetze  zu  machen,  gründen?“  J )  Gide
hebt  ferner  hervor,  daß  Bourgeois  ein  erheblicher  logischer
Schnitzer  unterläuft.  Bourgeois  stellt  nämlich  als  Forderung
der  Solidarität  zur  Korrektur  des  sozialen  Nullpunktes  die  Mutualisierung
  der  sozialen  Risiken  und  Vorteile  auf.  Ganz  willkürlich
und  unvermittelt  heißt  es  aber  dann,  daß  zwar  noch  die  Risiken,
aber  nicht  mehr  die  Vorteile,  sondern  bloß  die  Zugangswege  zu
den  Vorteilen  mutualisiert  werden  sollen.  „Warum,“  fragt  Gide,
„ist  in  dem  einen  Fall  die  Solidarität  eine  vollständige,  in  dem
andern  nicht?“  Die  Antwort  ist  leicht:  „Die  logische  Anwendung ­
  von  Bourgeois’  Prinzip  würde  zum  Kommunismus  führen,
darum  macht  er  auf  halbem  Wege  Halt“  *).  Die  Idee  selbst  der
Mutualisiemng  der  sozialen  Risiken  und  Vorteile  kritisiert  Gide
äußerst  treffend  wie  folgt:  „Mit  der  Mutualisiemng  der  Risiken
und  Vorteile  sind  wir  weit  vom  Quasikontrakt  weg  angelangt.
Denn  etwas  anderes  ist  ein  Vertrag  oder  Quasikontrakt,  der  auf
der  Gleichwertigkeit  der  Leistungen,  auf  dem  do  ut  des,  gründet,
und  etwas  anderes  ist  eine  Gegenseitigkeitsgenossenschaft
(mutualité),  deren  charakteristische  Merkmale  eben  die  Idee
einer  exakten  Gleichwertigkeit  der  Leistungen  ausschließen.
Der  Solidarismus,  der  aus  dem  Quasikontrakt  hervorgeht,  führt
zum  Individualismus;  der  Solidarismus,  aus  dem  die  Gegenseitigkeitsgenossenschaft ­
  herausführt,  weist  nach  dem  Sozialismus ­
  hin“  8 ).
Bourgeois  stellt,  wie  wir  sahen,  ein  interventionistisches
Programm  auf.  Trotzdem  erhebt  er  den  Anspruch,  nicht  zu
den  Interventionisten  gerechnet  zu  werden,  da  er,  weit  entfernt
die  Rolle  des  Staates  im  Wirtschaftsleben  auszudehnen,  dieselbe
*)  CA.  Gide  et  CA.  Bist,  Histoire  des  doctrines  économiques,  p.  683.
*)  ibid.  p.  682.
3 )  ibid.  p.  682.
        <pb n="461" />
        440

Der  Solidarismus

beschränke,  indem  er  ihr  einen  streng  rechtlichen  Charakter
gebe,  d.  h.  indem  er  sie  ans  die  Interpretation  frei  zugestandener
Verträge  reduziere 1 ).  In  der  Vorrede,  welche  Bourgeois  zu
Buissons  Buch  „La  Politique  radicale“  schrieb,  weist  er  darauf
hin,  daß  der  Solidarismus  sich  im  Assoziationismus  ebensogut
und  besser  verwirklichen  könne,  als  im  Interventionismus.  Den
Beweis  dafür  finden  wir,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  in  den
Schriften  von  Charles  Gide.
Der  Eindruck,  den  uns  Bourgeois’  auf  der  Idee  vom
Quasikontrakt  fußender  Solidarismus  zurückläßt,  ist  der  einer
mit  vollendetem  Geschick  aufgeputzten  Programmidee,  die  etwas
ungemein  Bestechendes  für  die  Zeitgenossen  hat.  Sie  bleibt  bis
auf  weiteres  ein  wirksamer  Resonanzboden  für  das  radikalsozialistische ­
  Parteiprogramm.

3.  Kapitel.
Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide.
Charles  Gide,  Inhaber  des  von  der  Gräfin  de  Chambrun
gestifteten  Lehrstuhles  für  Sozialökonomie  an  der  Rechtsfakultät
in  Paris,  ist  der  Vorkämpfer  eines  Solidarismus,  dessen  kühnes
Endziel  die  Vergenossenschaftlichung  des  Wirtschaftslebens  ist.
Gide  war  einer  der  ersten  Professoren  der  Nationalökonomie
an  den  juristischen  Fakultäten,  welche  nach  der  Reform  von
1878  der  liberalen  Schule  entgegen  traten.  Von  allen  seinen
.  Kollegen  hat  er  wohl  die  Methode  des  deutschen  Historismus
am  vollkommensten  sich  angeeignet.  Er  hat  sie  jedoch  nicht
bei  den  deutschen  Nationalökonomen  gelernt;  Roscher,  den  er
als  Student  las,  schien  ihm  sogar  ganz  unverdaulich.  Seine
Lehrmeister  waren  die  Soziologen  von  A.  Comte  bis  Renouvier,
Secrétan  und  Fouillée,  die  deutschen  historischen  Juristen,  Stuart
Mill  und  Charles  Fourier.  In  den  jüngsten  Auflagen  seiner  Werke
tritt  der  Einfluß  Marshalls  zunehmend  zu  Tage 2 ).
1)  Bourgeois,  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarité,  p.  92.  —  Brunet,
loe.  eit.  p.  77.
2 )  Von  Gides  Werken  nennen  wir:  Principes  d’Economie  politique,  zuerst
Paris  1883,  11.  Auflage  1908.  —  Davon  Übersetzungen  ins  Englische  (2.  Aud.,
Boston  1904),  Polnische  (2.  Aufl.,  Krakau  1900),  Tschechische  (Prag  1894),
Spanische  (Madrid  1896),  Russische  (Petersburg  1896),  Schwedische  (2.  Aufl.,
        <pb n="462" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

441

Yon  dem  Studium  der  Soziologen  rührt  Gides  Vorliebe
für  biologische  Analogien  her.  In  seinen  Augen  ist  die  Nationalökonomie ­
  für  den  sozialen  Körper,  was  die  Physiologie  für  den
menschlichen  ist.  Er  stellt  fest,  daß  in  der  Gegenwart  eine
Tendenz  zur  Scheidung  von  reiner  V  olkswirtschaftslehre  und
Sozialökonomie  besteht.  Die  erstere  will  die  spontanen  Beziehungen
der  in  Gesellschaft  lebenden  Menschen  erforschen.  Ihr  Gegenstand ­
  ist  das  Seiende.  Sie  strebt  danach,  sich  als  Naturwissenschaft ­
  zu  konstituieren.  Die  Sozialökonomie  befaßt  sich  mit  den
gewollten  Beziehungen,  die  die  Menschen  in  Form  von  Genossenschaften, ­
  geschriebenen  Gesetzen  oder  irgendwie  gearteten  Einrichtungen ­
  unter  sich  zur  Besserung  ihrer  Lage  schaffen.  Sie
ist  eine  ethische  Disziplin  und  eine  Kunstlehre.  Die  beiderseitigen ­
  Gebiete  der  reinen  Volkswirtschaftslehre  und  der  Sozialökonomie ­
  greifen  jedoch  zu  sehr  ineinander,  als  daß  eine  getrennte ­
  Behandlung  beider  angebracht  wäre  ').  *  Ihre  enge  Zusammengehörigkeit ­
  ist  um  so  mehr  zu  betonen,  als  die  klassische
Schule  eine  absolute  Scheidewand  zwischen  Wissenschaft  und
Kunstlehre  aufstellt.  Für  sie  erschöpft  sich  die  Kunstlehre  im
„laisser  faire“;  die  Wissenschaft  erklärt  nur,  sie  rät  nichts  und

Helsingfors  1903),  Holländische  (2.  Ausl.,  Groningen  1903),  Deutsche  (von  Dr.
Weiß  von  Wellenstein,  Wien  1904).  —  Oeuvres  choisies  de  Fourier,  mit  Einleitung ­
  von  Gide.  Paris  1890.  —  La  Coopération,  Conférences  de  Propagande,
Paris  1900,  2.  Ausl.  1906.  —  Les  Sociétés  coopératives  de  consommation,  Paris
1904.  —  Rapport  général  sur  l’Economie  sociale  à  l’Exposition  de  1900,  Paris
1903.  Davon  eine  Volksausgabe  unter  dem  Titel:  Economie  sociale.  Les  Institutions ­
  du  Progrès  social  au  début  du  XX me  siècle,  Paris  1905.  —  Cours
d’Economie  politique,  Paris  1909.  —  Ch.  Gide  et  Ch.  Rist,  Histoire  des  doctrines
économiques  depuis  les  Physiocrates  jusqu’à  nos  jours,  Paris  1909.  —  Bei  den
obigen  Ausführungen  wurden  ferner  noch  mehrere  kleinere  Arbeiten  von  Gide
berücksichtigt,  insbesondere  :  Quatre  Ecoles  d’Economie  sociale.  Conférences
données  à  l’aula  de  l’université  de  Genève  sous  les  auspices  de  la  société  chrétienne ­
  suisse  d’économie  sociale.  L’Ecole  de  Le  Play,  par  Claudio-Jannet^
l’Ecole  collectiviste  par  G.  Stiegler-,  l’Ecole  nouvelle  par  Ch.  Gide;  l’Ecole  de  la
Liberté  par  Frédéric  Passt/.  Genf  und  Paris  1890.  —  L’Idée  de  Solidarité  en
tant  que  programme  économique,  Art.  in:  Revue  internationale  de  Sociologie,
1893,  Bd.  I,  p.  385  ff.  —  L’Ecole  économique  française  dans  ses  rapports  avec
l’Ecole  anglaise  et  l’Ecole  allemande,  in  :  Festgaben  zu  Schmollers  70.  Geburtstag, ­
  Leipzig  1908,  XVI.  —  La  Solidarité  économique,  Vortrag  in:  Essai  d’une
Philosophie  de  la  solidarité,  Paris  1907,  p.  207  ff.  usw.
')  Ch.  Gide,  Cours  d’Economie  politique,  p.  3.
        <pb n="463" />
        442

Der  Solidarismi!s

schreibt  nichts  vor.  Will  sie  jedoch  ihre  Aufgabe  erfüllen,  so
muß  sie  ihren  Forschungen  ein  praktisches  Ziel  setzen  :  aus  der
Erkenntnis  der  Vergangenheit  das  lehren,  was  wir  zu  tun  vermögen ­
  und  was  wir  tun  sollen  *).
Die  Erforschung  der  Vergangenheit,  des  Werdeganges  der
Dinge,  mit  andern  Worten  die  historische  Methode  ist  in  der
zweiten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  der  leitende  Gesichtspunkt ­
  der  Volkswirtschaftslehre  geworden.  Die  alte  Schule  hielt
sich  an  das  Bestehende,  Bleibende,  die  neue  hält  sich  an  das
Wechselnde.  Die  alte  Schule  betrachtete  die  ökonomischen
Tatsachen  unter  dem  Gesichtspunkt  eines  supponierten  stabilen
Gleichgewichts  in  bezug  auf  Koexistenz  und  Wechselwirkung.
Die  neue  Schule  untersucht  die  Dinge  in  ihrer  Aufeinanderfolge,
in  der  Art,  wie  alte  Institutionen  sich  nach  und  nach  umformen
und  neue  erzeugen,  die  um  so  mehr  von  ihrem  Ausgangspunkte
abweichen,  je  weiter  sie  sich  davon  entfernen.  Auguste  Comte
hat  diese  beiden  Auffassungen  unter  der  Bezeichnung  „état
statique 1  11  und  „état  dynamique“  einander  mit  großer  Kraft  entgegengestellt. ­
  Die  Idee  einer  Entwicklung  statt  der  der  Per-,
  manenz,  der  dynamische  Gesichtspunkt  an  Stelle  des  statischen
entspricht  dem  wissenschaftlichen  Denken  unserer  Zeit 2 ).
Gide  weiß  nicht  nur  anregend  über  den  Evolutionismus
und  die  historische  Methode  zu  reden;  auf  jeder  Seite  seiner
Werke  gibt  er  das  Beispiel  historisch-realistischer  Behandlung
der  Dinge.  Bis  zu  welchem  Grade  er  Evolutionist  ist,  mag  man
daraus  erkennen,  daß  seine  Anschauungen  in  manchen  Punkten,
wie  wir  gleich  sehen  werden,  sich  in  beständigem  Flusse  befinden, ­
  wie  die  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens,  deren  Beobachtung ­
  er  sich  widmet.
An  der  Existenz  von  volkswirtschaftlichen  Naturgesetzen
hat  Gide  immer  festgehalten.  Montesquieu  und  die  Physiokraten
haben  für  ihn  die  Idee  einer  konstanten  Ordnung  der  Erscheinungen ­
  definitiv  aus  dem  naturwissenschaftlichen  Gebiet  in  das
1  sozial  wissenschaftliche  herüber  getragen.  Der  Schwierigkeit,  die
sich  aus  der  Willensfreiheit  der  im  Wirtschaftsleben  handelnd

1)  Quatre  Ecoles  ¿'Economie  sociale,  L’Ecole  nouvelle  par  Ch.  Gide,
p.  131—132.
2 )  ibid.  p.  121  ff.
        <pb n="464" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

443

auftretenden  Menschen  ergibt,  begegnet  er  mit  dem  Hinweis,
daß  die  nämlichen  Gründe  im  Durchschnitt  vernünftig  denkende
Menschen  zu  den  nämlichen  Handlungen  bestimmen.  Und  er
bekennt  sich  zu  Marshalls  Definition:  „Ein  soziales  Gesetz  ist  die
Feststellung,  daß  eine  bestimmte  Verhaltungsweise  unter  bestimmten ­
  Umständen  von  den  Gliedern  einer  sozialen  Gruppe
erwartet  werden  kann“ 1 ).  Ja,  die  Gewißheit  der  Voraussicht  ist
sogar  häufig  größer  in  wirtschaftlichen  Dingen,  als  beim  Naturgeschehen.
  „Man  kann  das  Eintreten  einer  Handelskrise  länger
vorher  sagen,  als  das  Losbrechen  eines  Zyklons,  und  der  Verkehr ­
  auf  der  Eisenbahn  von  Lyon  nach  Marseille  ist  weniger
veränderlich  als  die  Wassermenge  des  Rhône,  dessen  Ufern  entlang ­
  die  Bahn  fährt  :  dennoch  wird  diese  von  Menschen,  der  Fluß
aber  vom  Himmel  gespeist“  2 ).  Wenn  jedoch  im  allgemeinen
unsere  Voraussicht  in  wirtschaftlichen  Dingen  wie  bei  vielen
Naturerscheinungen  immer  kurzsichtig  und  unsicher  ist,  so  ist
der  Grund  dafür  nicht  die  Freiheit  des  menschlichen  Willens,
sondern  unsere  mangelhafte  Kenntnis  der  Ursachen  der  Erscheinungen ­
  3 ).
In  der  Wertlehre  ging  Gide  ursprünglich  von  der  Anschauung ­
  aus,  der  Wert  eines  Gutes  werde  durch  die  zu  dessen
Herstellung  benötigte  Arbeit  bestimmt.  Eigene  Tatsachenbeobachtung ­
  sowohl,  als  das  Bekanntwerden  mit  den  Werken
der  Österreicher  und  Paretos,  brachten  ihn  jedoch  der  Theorie
vom  Grenznutzen  immer  näher.  Heute  entscheidet  er  sich  finden ­
  Standpunkt  Marshalls,  der,  davon  ausgehend,  daß  die  wirtschaftlichen ­
  Güter  als  Bedürfnisbefriedigungsmittel  und  als
Resultat  von  Arbeit  anzusehen  sind,  die  Grenznutzen-  und  die
Arbeitstheorie  nebeneinander  bestehen  läßt 4 ).
J )  A.  Marshall,  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre,  übersetzt  von  Ephraim
und  Salz,  Stuttgart  1905,  Bd.  I,  p.  87.
*)  Ch.  Gide  loe.  cit.  p.  7.
8 )  ibid.  p.  8.
4 )  Vgl.  Marshall,  loe.  cit.  II.  Buch,  p.  98  ff.  —  Folgende  Stellen  aus
Gides  jüngstem  Werk  veranschaulichen  seine  nunmehrige  Stellungnahme  in  der
Wertfrage:  „Muß  man  unbedingt  zwischen  beiden  (der  Arbeite-  und  der  Greuznutzentheorie)
  wählen?- 4  fragt  er.  Die  Antwort  lautet:  „Nein,  denn  jede  der
beiden  Theorien  stellt  eine  Seite  der  Wahrheit  dar.  Warum  sollte  der  Wert
nicht  zwei  Seiten,  zwei  Pole  haben?  Wir  müssen  die  grobe  Idee,  die
Arbeit  schaffe  den  Wert,  beiseite  stellen;  aber  wir  müssen  annehmen,  daß  die
        <pb n="465" />
        444

Der  Solidarismus

Wir  kommen  nunmehr  zur  Idee  der  Solidarität.  Die
„Société  chrétienne  suisse  d’Economie  sociale“  hatte  im  Jahre
1890  an  der  Universität  Genf  einen  Vortragszyklus  veranstaltet,
der  den  Vertretern  von  verschiedenen  nationalökonomischen
Schulen  Gelegenheit  zur  Entwicklung  ihres  Programmes  bieten
sollte.  Frédéric  Passy  trug  dort  das  Evangelium  des  laisser
faire  vor,  Claudio  Jannet  brachte  die  Lehre  Le  Plays  zur
Darstellung,  G.  Stiegler  warb  für  den  Kollektivismus,  Ch.  Gide
endlich  führte  die  neue,  an  den  französichen  Rechtsfakultäten
aufkommende  historisch-realistische  und  interventionistische
Richtung  als  Schule  der  Solidarität  ein.  „Die  Solidarität,“
äußerte  er  damals,  „ist  nicht,  wie  die  Freiheit  und  Gleichheit
oder  selbst  die  Brüderlichkeit,  ein  wohlklingendes  Wort  oder
ein  reines  Ideal;  sie  ist  eine  Tatsache,  eine  der  durch  Wissenschaft ­
  und  Geschichte  am  besten  festgestellten  Tatsachen,  die
bedeutsamste  Entdeckung  unserer  Zeit.  .  .  .  Die  Tatsache  der
Solidarität,  der  Interdependenz  der  Menschen,  macht  täglich
Fortschritte:  sie  ist  vielleicht  der  Fortschritt  schlechthin“ 1 ).
Gide  faßt  zwar  die  tatsächliche,  in  der  menschlichen
Gesellschaft  gegebene  Solidarität  oder  gegenseitige  Abhängigkeit
Anstrengung,  welche  zur  Erzeugung  eines  Gutes  notwendig  ist,  auf  unser  Begehren ­
  einwirkt  ....  Wir  können  die  Dinge  schätzen,  sei  es  wegen  des  Genusses, ­
  den  uns  ihr  Besitz  verschafft,  sei  es  wegen  der  Anstrengung,  die  uns  ihre
Beschaffung  gekostet  hat.  Ist  nicht  die  intensivste  aller  Lieben,  die  Mutterliebe,
aus  diesen  beiden  Elementen  zusammengesetzt?  Die  beiden  Gefühle:
Schätzung  des  Genusses,  den  der  Besitz  eines  Gutes  verschafft,  und  Schätzung
des  Opfers,  das  für  dessen  Beschaffung  gebracht  werden  mußte,  oder  der  Anstrengung, ­
  die  dessen  Ersatz  eventuell  nötig  machen  wird,  sind  gleichzeitig  oder
nacheinander  in  unserm  Denken  vorhanden,  und  zwischen  beiden  fliegt  der  Wert
hin  und  her,  wie  der  Ball  zwischen  zwei  Raketts.  Aber  jedes  dieser  Gefühle
ist  unendlich  komplex.“  Gide  faßt  schließlich  seine  Anschauung  in  zwei  Leitsätze ­
  zusammen:  ..Ein  Gut  hat  um  so  großem  Wert,  je  intensiver  das  Bedürfnis
ist,  dem  es  entspricht,“  und  „Die  Intensität  dieses  Bedürfnisses  wächst  im  Verhältnis ­
  zu  den  Genüssen,  die  die  Menschen  von  dem  Gute  erwarten,  so  lange
sie  es  nicht  besitzen,  und  im  Verhältnis  zu  den  Opfern,  die  sie  für  dessen  Wiedererlangung ­
  bringen  müßten,  wenn  sie  es  verloren  hätten.“  Gide,  Cours  d’économie ­
  politique,  p.  49  fis.,  p.  61—62.
9  Quatre  Ecoles,  p.  152.  Es  wäre  richtiger  gewesen,  meint  Gide  später,
eine  neue  Bewegung  statt  einer  neuen  Schule  anzukündigen,  denn  alle  Schulen,
von  der  äußersten  Rechten  bis  zur  äußersten  Linken,  haben  sich  seither  auf  die
Solidarität  berufen,  und  der  Begriff  ist  Gemeingut  der  Nation  geworden.  Vgl.
Gide  et  Rist,  Histoire  des  doctrines  économiques,  p.  677.
        <pb n="466" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

445

der  Menschen  als  eine  „amoralische“  Naturerscheinung  auf,  doch  *
gelingt  es  ihm  nicht,  auch  nur  einen  Augenblick  ethische  Vorstellungen ­
  von  dem  Begriff  fernzuhalten.  Die  Solidarität  besteht
zunächst  darin,  sagt  er  mit  Buskin  und  Carlyle,  daß  unsere
Handlungen  sich  um  uns  in  Schwingungen  von  Leiden  und  Freuden ­
  ins  Unendliche  reperkutieren.  Jedes  Gute,  das  einem  andern
widerfährt,  trägt  zu  unserm  eigenen  Besten  bei,  und  jedes  Übel,
das  einem  andern  zustößt,  kann  auch  uns  zum  Übel  werden.
Die  Erkenntnis  der  natürlichen  Solidarität  zeigt,  daß  wir  durch
die  Art,  wie  wir  unser  Unternehmen  geführt,  unsere  Käufe  gemacht, ­
  durch  das  Beispiel,  das  wir  gegeben  haben,  usw.  häufig
die  Miturheber  der  Fehler  und  des  Elends  anderer  sind.  Wir
oder  unsere  Kinder  sind  ausgesetzt,  die  Opfer  der  Übel,  der
Krankheiten,  der  Verkommenheit  anderer,  an  denen  wir  Mitschuld ­
  haben,  zu  werden  l ).
Eine  andere  Art  natürlicher  Solidarität  ist  die,  welche  sich
aus  Arbeitsteilung,  Tausch  und  Konkurrenz  ergibt 2 ).  Eine
dritte  die,  welche  sich  in  den  Gruppierungen  der  Menschen  untereinander: ­
  Familie,  Gemeinde,  Genossenschaft,  Staat,  Menschheit
usw.  äußert 3 ).
Die  natürlichen  Solidaritäten  bewirken  Ungleichheiten  und
Elend  unter  den  Menschen.  Es  ist  darum  eine  der  schönsten
Errungenschaften  der  modernen  Wissenschaft,  das  Gesetz  der
Solidarität,  des  Zusammenwirkens  zum  Leben,  dem  blinden
Walten  der  Natur  abgelauscht  und  zur  Korrektur  der  schäd-  .
liehen  Wirkungen  dieses  Waltens  in  den  Dienst  des  menschlichen ­
  Willens  gestellt  zu  haben.  Die  Solidarität,  das  Zusammenwirken ­
  zum  Leben,  ist  aus  einer  naturnotwendigen  zu  einer
gewollten,  zur  Richtschnur  des  menschlichen  Handelns,  zum
ethischen  Prinzip  geworden 4 ).
Die  liberalen  Volkswirte  sagen,  die  Tauschwirtschaft  verwirkliche ­
  schon  alle  wünschenswerte  Solidarität  und  die  einzige
mit  der  Gerechtigkeit  vereinbare.  Das  ist  nicht  richtig.  Der
Tausch,  und  alle  davon  abgeleiteten  Verteilungsarten  (Lohn,
*)  Gide &amp;gt;  Cours  ¿’Economie  politique,  p.  35  ff.  —  Gide  et  Rist,  Histoire
des  doctrines  économiques,  p.  697  ff.
2 )  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarité,  p.  209  ff.
3 )  Gide  et  Rist,  loe.  cit.  p.  697-698.
4 )  Gide,  Cours  d’Econ.  pol.  p.  36  ff.
        <pb n="467" />
        446

Der  Solidarismus

Zins,  Pacht),  verwirklichen  die  Gerechtigkeit,  die  Gleichwertigkeit ­
  der  Leistung  nur  dort,  wo  die  Tauschenden  schon  gleich
sind.  Niemand  wollte  z.  B.  den  Tausch,  der  zwischen  der
Kongogesellschaft  und  den  Negern,  zwischen  einem  Unternehmer
und  seinen  Heimarbeiterinnen  geschieht,  für  eine  Verwirklichung
der  Solidarität  ansehen  *).
Diese  kann  durch  staatliche  Intervention  oder  durch  genossenschaftlichen ­
  Zusammenschluß  erreicht  werden.  Die  Staatsintervention ­
  ist  überall  angebracht,  wo  das  Gesetz  durch  Reglementierung ­
  der  Arbeit,  der  ungesunden  Wohnungen,  der  Lebensmittelfälschungen ­
  die  Schädigung  der  Massen  verhindern  kann  ;
ferner  dann,  wenn  das  Gesetz  durch  gewisse  Formen  obligatorischer ­
  Versicherung  den  Geist  der  Solidarität  den  verschiedenen
Klassen  der  Bevölkerung  einzuflößen  bestrebt  ist.  Obwohl
Zwangsform,  ist  die  staatlich  oktroyierte  Solidarität  nicht  ohne
hohen  sittlichen  Wert.  Höher  steht  aber  die  frei  gewollte,  in
genossenschaftlichem  Zusammenwirken  sich  äußernde  Solidarität;
die  gesetzlich  erzwungene  kann  unumgänglich  sein,  um  den
Boden  zu  ebnen,  auf  dem  sich  später  das  freie,  genossenschaftliche ­
  Leben  entfalten  wird 1  2 ).
Wollte  man  nun  a  priori  die  Merkmale  der  Genossenschaft
bestimmen,  die  das  günstigste  Milieu  für  die  solidarische  Erziehung ­
  abgeben  würde,  so  wäre  zu  sagen:  der  Gegenstand
einer  solchen  Genossenschaft  müßte  der  allgemeinst  mögliche
sein.  Er  müßte  eine  Ursache  der  Annäherung,  nicht  des  Antagonismus ­
  unter  den  Menschen  sein.  Er  dürfte  sich  nicht  in
zufälligen  und  ausnahmsweisen  Tatsachen  des  Lebens  verwirklichen, ­
  sondern  in  der  regelmäßigsten  und  dauernsten  Tätigkeit.
Damit  ist  eigentlich  schon  die  Konsumgenossenschaft  deutlich
1)  Gide  et  Bist,  loc.  cit.  p.  698  ff.
2 )  Gide,  Cours  d’Econ.  pol.  p.  36  ff.
Übrigens  ist  ein  wirklich  demokratischer  Staat,  d.  h.  ein  solcher,  in  dem
Gesetz  und  Verwaltung  der  ehrliche  Ausdruck  des  Willens  der  Mehrheit  sind,
im  Grunde  eine  freie  Genossenschaft.  Der  einzige  Unterschied,  den  man  geltend
machen  kann,  ist,  daß  in  die  durch  Vertrag  entstandene  Genossenschaft  eintritt,
wer  will,  während  man  in  die  Genossenschaft,  die  man  Staat  nennt,  durch  die
Geburt  eintritt.  Der  Unterschied  ist  aber  nicht  wesentlich,  denn  1.  gibt  es  Genossenschaften, ­
  deren  Beitritt  tatsächlich  obligatorisch  ist,  und  2.  kann  man
immerhin  aus  einem  Staatsverbande  austreten.  Essai  d'une  Philosophie  de  la
Solidarité,  p.  223.
        <pb n="468" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

447

erkennbar  gezeichnet.  Gide  dringt  nunmehr  auf  dem  Wege
der  Elimination  zu  ihr  vor 1 ).
Zunächst  schaltet  er  die  Aktien-  und  sonstigen  Handelsgesellschaften ­
  als  völlig  ungeeignet  zur  Verwirklichung  seiner
Ziele  aus.
Dann  spricht  er  den  Berufsorganisationen  ihr  Urteil.  Gewiß
sind  sie  eine  der  ältesten  und  solidesten  Erscheinungsformen
menschlicher  Solidarität.  Da  sie  aber  eng  mit  der  Arbeitsteilung ­
  verbunden  sind,  tragen  sie  wie  eine  Erbsünde  alle  deren
Fehler:  sie  haben  die  Tendenz,  die  Menschen  zu  differenzieren  ;
sie  degradieren  sie  gewissermaßen,  indem  sie  ihnen  das  Stigma
der  Berufsarbeit  auf  drücken  ;  sie  machen  aus  dem,  was  nur  ein
Mittel  sein  soll,  dem  Beruf,  den  Zweck  des  Lebens;  sie  ziehen
einen  Zunftegoismus  groß,  der  nicht  weniger  furchtbar  ist  als
der  individuelle,  und  sich  ebenso  gut  wie  dieser  im  Widerspruch
zum  allgemeinen  Interesse  befinden  kann.  Die  Berufsgenossenschaften ­
  sind  ferner  ein  Kampfmittel  zur  Verteidigung  von
Berufsinteressen;  sie  sind  eine  bewaffnete  Solidarität.  Gide  ist
der  Ansicht,  daß  ihre  Bolle  in  der  Zukunft  eine  vorübergehende ­
  sein  wird.  Die  berufliche  Existenz  wird  in  dem  Leben
eines  jeden  Menschen  eine  immer  mehr  zurücktretende  Bedeutung ­
  haben.
Eine  andere  Form  des  genossenschaftlichen  Zusammenschlusses ­
  sind  die  auf  Gegenseitigkeit  beruhenden  Assoziationen.
Auch  sie  sind  eine  der  ältesten  Formen  menschlicher  Solidarität,
und  zwar  eine  sittlich  sehr  hochstehende;  denn  ihr  Wesen  besteht ­
  darin,  daß  z.  B.  in  den  Kranken-  und  Lebensversicherungsgenossenschaften ­
  die  Starken  und  Gesunden  den  Schwachen
und  Kranken  zu  Hilfe  kommen.  Sie  verwirklichen  so  die  kommunistische ­
  Formel:  von  jedem  nach  seinen  Kräften,  jedem
nach  seinen  Bedürfnissen.  Schattenseiten  der  Gegenseitigkeitsgenossenschaften ­
  sind  aber:  in  den  Assoziationen,  welche  Sparoder ­
  Altersrentenzwecken  dienen,  herrscht  das  Prinzip  der  Tontine, ­
  d.  h.  die  Überlebenden  teilen  sich  die  von  den  früher
Verstorbenen  gezahlten  Beiträge;  ferner  ist  das  Betätigungsgebiet ­
  der  Gegenseitigkeitsgenossenschaften  beschränkt,  und
zwar  auf  das,  was  man  den  pathologischen  Zustand  des  sozialen

&amp;gt;)  ibid.  p.  224  ff.
        <pb n="469" />
        448

Der  Solidarismus

Körpers  genannt  hat.  Die  Gegenseitigkeitsgenossenschaften  sind
Versicherungsanstalten  gegen  Risiken,  von  denen  jeder  hofft,
daß  sie  ihn  nicht  treffen  werden.
Ganz  anders  liegen  die  Dinge  bei  den  Kooperativgenossenschaften ­
  i).  Sie  kommen  in  den  verschiedenen  Ländern  unter
den  verschiedensten  Formen  auf:  Konsumgenossenschaften  in
England,  Produktivgenossenschaften  in  Frankreich,  Kreditgenossenschaften ­
  in  Deutschland,  landwirtschaftliche  Genossenschaften ­
  in  Dänemark,  Baugenossenschaften  in  den  Vereinigten
Staaten.  Alle  diese  Genossenschaften  haben  Ansätze  zur  Umformung ­
  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung  gemacht  und  berechtigen ­
  zur  kühnen  Hoffnung,  daß  der  Kapitalismus  werde
überwunden  werden.  Allen  gemeinsam  sind:  1.  der  Zweck
wirtschaftlicher  Emanzipation  gewisser  Gruppen  von  Zwischenelementen ­
  der  verschiedensten  Art;  2.  der  Zweck,  das  Konkurrenzsystem ­
  durch  ein  solches  der  Solidarität  zu  ersetzen,  und
*  dem  „Jeder  für  sich“  gegenüber  das  „Jeder  für  alle“  zur  Geltung ­
  zu  bringen;  3.  der  Zweck,  das  Privateigentum  nicht  zu
beseitigen,  sondern  zu  verallgemeinern,  indem  es  allen  unter
»  Form  von  Anteilscheinen  an  irgendwie  gearteten  Genossenschaften ­
  zugänglich  gemacht  wird  ;  4.  der  Zweck,  dem  Kapital
die  führende  Rolle  in  der  Produktion  zu  nehmen  und  Profit
und  Dividende  aus  der  Welt  zu  schaffen;  5.  die  Erziehung  der
Mitglieder  einer  Genossenschaft  zu  einer  Reihe  von  Dingen  :
a)  ihren  eigenen  Interessen  dadurch  zu  dienen,  daß  sie  ihre
•  Fähigkeiten  im  Dienste  der  Gesamtheit  verwerten  ;  b)  den  Zweck
ihrer  wirtschaftlichen  Fähigkeit  vom  Profitmachen  in  die  Bedürfnisbefriedigung ­
  zu  verlegen;  c)  die  wirtschaftlichen  Beziehungen ­
  sittlicher  zu  gestalten  durch  Beseitigung  der  Reklame,
des  Betrugs,  der  Lebensmittelfälschung,  des  Sweatingsystems,
kurz,  jeder  Art  von  Ausbeutung  des  Menschen  durch  den  Menschen ­
  und  jeglichen  Antagonismus  (zwischen  Käufer  und  Verkäufer, ­
  zwischen  Hausbesitzer  und  Mieter,  zwischen  Gläubiger
und  Schuldner,  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeiter).
Unter  den  verschiedenen  Arten  von  Kooperativgenossenschaften ­
  gibt  es  jedoch  eine,  die  sowohl  durch  ihre  natürlichen
Vorzüge,  als  durch  die  Entwicklung,  welche  die  Dinge  in  den

b  Gide,  Cours  cTEcod.  pol.,  p.  515  ff.
        <pb n="470" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

449

Kulturstaaten  nehmen,  dazu  bestimmt  scheint,  alle  andern  zu
überflügeln  :  das  ist  die  Konsumgenossenschaft x ).
Die  Tatsache  des  Verbrauchs  ist  zunächst  die  universellste
aller  wirtschaftlichen  Tatsachen,  denn  jeder  Mensch  konsumiert.
Der  Verbrauch  ist  kein  zufälliger,  pathologischer  Akt,  er  ist  der
normale,  beständige  Akt  des  Lebens.  Er  strebt  seiner  Natur
nach  nach  Gleichförmigkeit  und  nähert  die  Menschen  einander,
während  die  Produktion  die  Tendenz  hat,  Menschen  und  Dinge
zu  differenzieren.
Der  Konsumverein  bewirkt  in  diesem  Sinn  eine  gewisse
Beseitigung  der  Arbeitsteilung,  indem  er  z.  B.  Arbeiter  zu
Bäckern  und  Krämern,  Professoren  zu  Wirten  macht  ;  er  zwingt
uns,  uns  selbst  zu  bedienen,  statt  uns  auf  automatische  Berufsorganisationen ­
  zu  stützen.  Der  Produktion  wohnen  Konkurrenz
und  Rivalität  inne;  der  Konsumverein  eint  die  Menschen  zu
täglicher  Zusammenarbeit.  Der  Tausch  beruht  auf  dem  „do  ut
des“  ;  die  Konsumgenossenschaft  auf  dem  Grundsatz  „Jeder  für
alle“.  Sie  hat  einen  hohem  sittlichen  Wert  als  der  Tausch,
1.  weil  sie  nicht  nur  eine  Geldzahlung  impliziert,  sondern  auch
ein  gewisses  persönliches  Opfer  an  Zeit,  Arbeit  und  Unabhängigkeit ­
  ;  2.  weil  sie  nicht  eine  bloß  einmalige  augenblickliche
Handlung  darstellt,  sondem  eine  unbegrenzte  Mitarbeit  der  beteiligten ­
  Parteien.
In  dem  Maße,  als  die  Menschheit  zu  reichlicherer  Güterversorgung ­
  fortschreitet,  entwickelt  sich  die  solidaristische  Bedürfnisdeckung. ­
  Die  bisher  in  den  Kulturstaaten  vorhandenen
Konsumvereine  stellen  nur  eine  grobe,  unvollkommene  Form
dieses  Genossenschaftstypus  dar.  Die  Möglichkeiten  eines  solchen
Typus  sind  unbegrenzt.  Er  kann  ebensogut  zur  Befriedigungimmaterieller
  als  zu  der  materieller  Bedürfnisse  dienen.  Alle
freien  Kirchen  sind  Konsumgenossenschaften.  Ja,  der  Konsumverein ­
  wird  der  Arbeiterklasse  weit  größere  Dienste  leisten,  als
die  Berufsgenossenschaft,  weil  die  Kraft  der  Arbeiter  weit  mehr
in  ihrer  Konsum-  als  in  ihrer  Produktionsfähigkeit  liegt.
Von  der  Konsumvereinsbewegung  erwartet  Gide  eine
x )  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarité,  p.  229  ff.  —  Gide,  Cours  d’Econ.
polit,  p.  725  ff.  —  Gide  et  Rist,  Histoire  des  doctrines  économiques,  p.  690  ff.
—  Gide,  La  Coopération,  passim.  —  Gide,  De  la  Solidarité  comme  programme
économique,  in:  Revue  internationale  de  Sociologie,  1893.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

29
        <pb n="471" />
        450

Der  Solidarismi]  s

völlige  Umwälzung  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung.  Er
steht  selbst  an  der  Spitze  eines  Verbandes  von  Konsumvereinen,
welche  allerdings  einen  harten  Stand  den  Kleinhändlern  und
den  sozialistischen  Kooperativen  gegenüber  haben.  Die  Gidesehen
  Konsumvereine  haben  ihre  Anhänger  zumeist  unter  der
hugenottischen  Bevölkerung  Frankreichs;  da  sie  ihre  Jahresversammlungen ­
  in  Nîmes  abzuhalten  pflegen,  hat  man  ihnen
den  Namen:  Schule  von  Nîmes  beigelegt 1 ).  Hier  die  Hauptzüge
des  hochzielenden  Programms  der  „Schule  von  Nîmes“  :  Die
schweren  wirtschaftlichen  und  sozialen  Schäden  der  Gegenwart
sind  das  Werk  des  Kapitalismus.  Den  Konsumenten,  nicht  den
Produzenten,  liegt  es  ob,  die  Gesellschaft  zu  reorganisieren,
weil  die  Konsumenten  notwendigerweise  das  allgemeine  Interesse
zum  Ausgangspunkte  nehmen,  während  die  Produzenten  nur
das  berufliche  Interesse  im  Auge  haben.  Zur  Erreichung  ihres
Zieles,  der  Verwirklichung  der  Gerechtigkeit  in  der  Wirtschaftsordnung, ­
  brauchen  die  Konsumenten  weiter  nichts,  als  sich  zur
Befriedigung  aller  ihrer  Bedürfnisse,  der  materiellen,  intellektuellen, ­
  ästhetischen,  sittlichen,  religiösen,  zusammenzuschließen.
Zunächst  werden  sie  alles,  was  sie  nötig  haben,  direkt  bei  den
Produzenten  kaufen;  wenn  die  Konsumgenossenschaften  dann
reich  und  zahlreich  genug  geworden  sind,  werden  sie  selbst  in
eigenen  Fabriken  und  auf  eigenem  Boden  alles  produzieren,
was  sie  brauchen.  Dadurch  eignen  sie  sich  den  Gewinn  des
Zwischenhändlers  und  des  Produzenten  an,  aber  sie  behalten
davon  nur,  was  zur  Ausdehnung  der  Bewegung  nötig  ist;  der
Rest  geht  teils  an  die  Mitglieder  zurück  nach  Maßgabe  ihrer
Käufe,  teils  als  Gewinnbeteiligung  an  die  Arbeiter  der  konsumgenossenschaftlichen
  Betriebe.  Besser  noch  wird  es  sein,  wenn
die  Konsumverbände  durch  Hergäbe  von  Kapitalien  an  Produktivgenossenschaften, ­
  die  sich  in  ihrem  Schoße  bilden,  die
Entwicklung  auch  dieser  Genossenschaftsform  fördern.
Von  den  zahlreichen  und  großen  Wirkungen,  die  Gide

i)  Der  Gideache  Konsumvereinsverband  „Union  coopérative  des  sociétés
françaises  de  consommation"  besitzt  ein  Verbandsorgan  „l’Emancipation“,  das
monatlich  erscheint  und  von  Gide  redigiert  wird.  Seit  1893  veröffentlicht  der
Verband  ferner  jährlich  einen  „Almanach  de  la  Coopération  française“.  Auch
dieser  wird  zum  größten  Teil  von  Gide  verfaßt;  er  verfolgt  Propagandazwecke
und  wendet  sich  in  erster  Linie  an  die  Arbeiterbevölkerung.
        <pb n="472" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

451
sich  von  der  konsumgenossenschaftlichen  Organisation  des  Wirtschaftslebens ­
  verspricht,  nennen  wir  nur  die  hauptsächlichsten  :
Der  korporative  Egoismus  wird  bis  zu  dem  Grade  veredelt  werden, ­
  wo  er  alle  Menschen  umfaßt.  Die  menschliche  Individualität ­
  wird  eine  ungeahnte  Entwicklung  erhalten.  Jedes  Individuum, ­
  bis  auf  die  tiefsten  Stufen  animalischen  Lebens  hinab,
entwickelt  sich  nämlich  naturgemäß  im  umgekehrten  Verhältnis
zum  Leben  für  sich,  und  in  direktem  Verhältnis  zum  Leben
für  andere.  Ebenso  gewinnt  die  Individualität  des  Menschen
eine  um  so  größere  Fülle,  je  mehr  er  Glied  eines  sozialen  Ganzen
(Familie,  Sippe,  Stamm,  Volk,  Genossenschaft)  wird,  und  für
dieses  zu  leben  und  im  Bedarfsfall  zu  sterben  bereit  ist.
Christus,  der  vollendetste  Typus  menschlicher  Individualität,
hat  sich  für  die  ganze  Menschheit  aufgeopfert.  Die  Entfaltung
der  Konsumgenossenschaften  wird  bewirken,  daß  niemand  sich
mehr  wird  bereichern  können,  ohne  daß  alle  andern  an  seiner
Bereicherung  Anteil  haben.  Sie  wird  die  Menschen  dazu  erziehen, ­
  im  Hinblick  auf  Erfolge  zu  arbeiten,  die  dem  einzelnen
nicht  mehr  nützen  werden,  als  allen  andern.  Die  Konsumgenossenschaften ­
  werden  das  Kapital  aus  der  führenden  Rolle,
die  es  in  den  Aktiengesellschaften  und  in  der  ganzen  heutigen
Wirtschaftsordnung  inne  hat,  in  die  dienende  hineinzwingen,
die  ihm  gebührt.  Die  Ungerechtigkeit,  die  darin  liegt,  daß  die
Konsumenten  den  Produzenten  geopfert  werden,  wird  beseitigt
werden.  Die  Produktion  wird  nur  mehr  auf  Bestellung  arbeiten
und  weder  zu  viel  noch  zu  wenig  erzeugen.  Die  wirtschaftlichen ­
  Krisen  werden  unmöglich  sein.  Die  internationalen
Handelsbeziehungen  werden  durch  Verträge  geregelt  werden,
welche  die  Konsum  verbände  eines  Landes  mit  denen  der  andern
abschließen.  So  wird  nach  und  nach  der  Kapitalismus  überwunden ­
  und  die  Wirtschaftsordnung  ohne  andere  Enteignung
sozialisiert  als  die,  welche  aus  dem  freien  Spiel  der  gegenwärtigen
wirtschaftlichen  Gesetze  sich  ergibt.
Eine  bedeutsame  Folge  der  Vergenossenschaftlichung  der
Wirtschaftsordnung  wird  die  Beseitigung  der  Lohnarbeit  sein 1 ).
Die  Beseitigung  der  Lohnarbeit  war  das  Ideal  des  französischen
Proletariats,  bis  um  die  Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts  der  Kol-1

 )  Ch.  Gide,  Cours  d’Econ.  polit.,  p.  666  ff.
        <pb n="473" />
        452

Der  Solidarismus

lektivismus  diesen  Bestrebungen  eine  andere  Orientierung  gab.
Heute  ist  die  Beseitigung  der  Lohnarbeit  einer  der  wichtigsten
Punkte  des  radikal  -  sozialistischen  Parteiprogramms.  „Die
Schule,“  sagt  Gide,  „welche  sich  in  der  wirtschaftlichen  Ordnung ­
  die  solidaristische  oder  kooperatistische,  in  der  politischen
Ordnung  aber  die  radikal-sozialistische  Partei  nennt“ 1 )»  wirft
der  Lohnarbeit  vor  :  1.  einen  unvermeidlichen  Interessenkonflikt
zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeiter  zu  schaffen,  2.  den  Arbeiter
an  guter  Arbeit  und  am  Erfolg  oder  Mißerfolg  des  Unternehmens ­
  interesselos  zu  machen.  Die  Lohnarbeit  ist  eine  historische ­
  Kategorie,  die  auf  Sklaverei  und  Hörigkeit  folgte,  sie  ist
mit  dem  kapitalistischen  Wirtschaftssystem  verknüpft  und  wird
mit  diesem  verschwinden.  Der  Kollektivismus  sucht  die  Beseitigung ­
  der  Lohnarbeit  dadurch  zu  erreichen,  daß  er  das
'  Privateigentum  abschafft  und  die  Produktionsmittel  verstaatlicht.
Das  würde  aber  nicht  eine  Abschaffung,  sondern  eine  Verallgemeinerung ­
  der  Lohnarbeit  bedeuten,  da  es  auf  die  Ausschaltung ­
  eines  jeden  selbständigen  Unternehmens  hinausläuft,  und
die  vorhandenen  Arbeitgeber  durch  einen  neuen,  großen,  die
Nation,  deren  Lohnarbeiter  wir  alle  sein  würden,  zu  ersetzen
strebt.  Abschaffung  der  Lohnarbeit  und  Abschaffung  des  Eigentums ­
  sind  zwei  kontradiktorische  Ziele,  zwischen  denen  man
wird  wählen  müssen.  Das  einzige  Mittel,  um  das  erstere  zu
erreichen,  ist,  die  Lohnarbeiter  in  Eigentümer  zu  verwandeln.
Auf  dem  Wege  durch  den  kollektiven  Arbeitsvertrag  und  die
Gewinnbeteiligung  wird  man  zu  einer  Arbeitsorganisation  gelangen, ­
  in  der  die  Arbeiter  als  freie  Mitglieder  von  für  den  eigenen ­
  Bedarf  produzierenden  Konsumgenossenschaften,  oder  von
diesen  kommanditierten  Produktivgenossenschaften,  Miteigentümer ­
  der  Unternehmen  sein  werden,  in  denen  sie  beschäftigt ­
  sind.
Die  politische  Evolution  der  Menschheit  geht  in  drei  aufeinander ­
  folgenden  Phasen  vor  sich:  absolute  Monarchie,  konstitutionelle ­
  Monarchie,  Republik.  Es  ist  natürlich  anzunehmen,
daß  die  Etappen  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  denen  der
politischen  entsprechen  werden  :  erst  Zwangsordnung  oder
Sklaverei  und  Hörigkeit  ;  dann  Lohnarbeit  ;  als  Übergangsx

 )  ibid.  p.  666.
        <pb n="474" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide  453

stadium  Gewinnbeteiligung  und  ein  begrenzter,  den  Arbeitern
gewährter  Anteil  an  Besitz  und  Leitung  der  Unternehmungen;
als  letzte  Phase:  genossenschaftlicher  Mitbesitz  der  Arbeiter  an
allen  Unternehmungen.  Es  besteht  jedoch  Grund  zur  Annahme,
daß  das  Aufkommen  der  Demokratie  in  der  wirtschaftlichen
Sphäre  sich  noch  langsamer  und  schwieriger  als  in  der  politischen ­
  gestalten  wird.
Eine  Konsequenz  des  Solidarismus,  deren  Verwirklichung
näher  liegt  als  die  Beseitigung  der  Lohnarbeit,  wird  die  allmähliche ­
  Umgestaltung  des  Eigentumsbegriffes  sein 1 ).  In  dem  Maße,
wie  das  Eigentum  als  Ergebnis  eines  anonymen  Zusammenarbeitens,
  eines  Zusammenwirkens  von  Ursachen,  die  zu  einem
guten  Teil  unpersönlich  sind,  erscheint,  wird  es  sich  immer
mehr  kollektiven  Zwecken  anpassen.  Aus  dem  „dominium  ex
jure  Quiritium“  der  altrömischen  Bauern,  dem  „jus  utendi  et
abutendi“,  wird  wieder,  wie  im  christlichen  Mittelalter,  eine
„soziale  Funktion“  mit  Lasten  und  Pflichten  der  Kollektivität
gegenüber  werden.
Noch  auf  andere  Weise  gelangt  Gide  zu  der  Theorie:
Eigentum  —  soziale  Funktion.  Er  war  ursprünglich  davon
ausgegangen,  das  Privateigentum  entstehe  durch  Arbeit 2 ).  Die
Beobachtung  der  Tatsachen  lehrte  ihn  aber  nach  und  nach,
daß  das  meiste  Privateigentum  in  der  Gegenwart  andere  Entstehungsgründe, ­
  als  die  persönliche  Arbeit  seines  Trägers  hat.
„Die  tatsächliche  Entstehungsgeschichte  des  heutigen  Privateigentums,“ ­
  schreibt  er,  „treibt  eine  tiefe  Kerbe  in  das  optimistische ­
  Prinzip,  jeder  erhalte  in  dieser  Welt  das  Äquivalent
des  Produktes  seiner  Arbeit“ 3 ).  Andererseits  war  es  Gide  aufgefallen, ­
  daß  weder  das  römische  Recht,  noch  das  aus  der  Revolution ­
  h  er  vorgegangene  Code  civil  die  Arbeit  unter  den  Mitteln
des  Eigentumserwerbs  auf  zählen.  Die  abgeleiteten  Eigentumserwerbsarten ­
  des  römischen  Rechts  und  des  Code  civil  (Kauf,
Schenkung,  Erbschaft  usw.)  können  natürlich  nicht  in  Betracht
kommen,  um  das  Eigentumsrecht  zu  erklären  ;  aber  auch  die
ursprünglichen  (occupatio,  accessio,  usucapió),  von  beiden  Rechten ­
  anerkannten,  befriedigten  Gide  nicht.  Und  da  die  Naturq

  Gide  et  Rist,  Histoire  des  doctrines  économiques,  p.  691Æ
2 )  Principes  d’Economie  politique,  1.  Ausi.  1883.
a )  Cours  d’Econ.  pol.,  p.  479.
        <pb n="475" />
        454

Der  Solidarismus

rechtsth  eorie  ihm  revolutionär  zu  sein  schien 1 ),  blieb  er  schließlich ­
  bei  der  sozialen  Nützlichkeit  als  Rechtsgrund  des  Eigentums
stehen.  „Geschichte  und  Erfahrung  lehren,“  sagt  er,  „daß  bisher ­
  das  Privateigentum  das  beste  Mittel  und  die  conditio  sine
qua  non  der  Nutzbarmachung  der  Güter  ist“  *).  Aus  dieser
Auffassung,  daß  die  soziale  Nützlichkeit  die  Grundlage  des
Eigentumsrechtes  ist,  folgert  Gide  nun,  daß  das  Individuum
nicht  für  sich  selber  Eigentümer  ist,  sondern  für  die  Gesellschaft, ­
  mit  andern  Worten,  daß  das  Eigentum  „im  vollsten
Sinne  des  Wortes  eine  öffentliche  Funktion“  ist 3 ).
x )  „Wenn  das  Eigentumsrecht  ein  Naturrecht  ist,  was  soll  man  zu  den
vielen  Menschen  sagen,  die  davon  ausgeschlossen  sind  und  es  fordern!“  Cours
d'Econ.  polit.,  p.  467.  Ein  Argument  der  Naturrechtler  hält  Gide  jedoch  fest:
das  Eigentum  ist  eine  unumgängliche  Bedingung  der  persönlichen  Unabhängigkeit, ­
  weil  der,  der  nichts  besitzt,  in  die  Notwendigkeit  versetzt  ist,  in  den  Dienst
eines  andern  zu  treten,  um  seinen  Lebensunterhalt  zu  gewinnen.  Darum  muß
man  das  Ziel  verfolgen,  jedem  Menschen  ein  Minimum  von  Eigentum  zu
sichern,  ibid.
-)  Gide,  Cours  d’Econ.  polit.,  p.  468.
3 )  ibid.  Gides  Anschauungen  über  das  Eigentum  an  Grund  und  Boden
zeigen,  daß  er  im  Grunde  noch  nicht  auf  die  Arbeitstheorie  verzichtet  hat.  Von
der  Nützlichkeitstheorie  aus  rechtfertigt  er  die  heutige  Gestaltung  des  Eigentumsrechtes ­
  an  Grund  und  Boden  ;  die  Arbeitstheorie  zieht  er  jedoch  neben  der
Nützlichkeitstheorie  heran,  um  Bedenken  gegen  jene  Gestaltung  zu  formulieren.
Das  freie  Grundeigentum,  führt  er  aus,  ist  jungen  Datums.  Es  ist  die  gegenwärtige ­
  Phase  einer  langen,  geschichtlichen  Entwicklung.  Das  immerwährende
Ansteigen  der  Bevölkerung  macht  es  heute  noch  nötiger  als  früher,  diejenige
Art  von  Bodenkultur  zu  wählen,  welche  die  Ernährung  der  größtmöglichen
Menschenzahl  auf  gegebener  Fläche  ermögliche.  Bis  heute  haben  die  Individuen,
wenn  sie  Eigentümer  des  Grund  und  Bodens  waren,  den  besten  Nutzen  daraus
gezogen,  und  bis  zum  Beweise  des  Gegenteils  ist  anzunehmen,  daß  freie  Grundeigentümer ­
  die  geeignetsten  Elemente  sind,  die  soziale  Funktion  der  Bodenbewirtschaftung ­
  zu  erfüllen.  Trotzdem  greift  die  heutige  Gestaltung  des  Eigentumsrechtes ­
  an  Grund  und  Boden  in  doppelter  Richtung  über  den  sozialen
Nutzen,  den  sie  zu  bieten  vermag,  hinaus.  Es  war  unnötig:  1.  das  Eigentumsrecht ­
  auf  Böden  auszudehnen,  die  nicht  Gegenstand  einer  effektiven  Arbeit  gewesen ­
  sind;  2.  dem  Grundbesitz  eine  unbeschränkte  Dauer  zu  geben.
ad  1.  Es  ist  ein  Vorzug,  den  das  islamitische  Recht  vor  denen  des
Abendlandes  hat,  individuelles  Eigentum  nur  an  Böden  anzuerkennen,  die  Gegenstand ­
  einer  tatsächlichen  Arbeit  gewesen  sind  und  die  es  „lebende“  Böden  nennt
im  Gegensatz  zum  Brachland  oder  „toten“  Land,  das  Gemeineigentum  bleiben
muß.  Unsere  abendländischen  Rechte  haben  es  ermöglicht,  daß  Urwälder  und
Prairien,  die  nie  gerodet  oder  in  Anbau  genommen  worden  waren,  teuer  verkauft ­
  wurden;  daß  die  Sanddünen  des  Hérault  und  Gard,  die  nie  anders  als
        <pb n="476" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

455

Wir  wollen  die  Darstellung  von  Grides  volkswirtschaftlichen ­
  Anschauungen  nicht  weiter  verfolgen  ;  das  Gesagte  genügt,
um  uns  über  alles  Wesentliche  zu  unterrichten.  Gide  schreibt
eine  leichtflüssige,  konkrete,  geistreiche  Sprache;  seine  Werke
verdanken  ihre  große  Verbreitung  und  Beliebtheit  nicht  zum
wenigsten  der  schriftstellerischen  Begabung  des  Verfassers.  Ein
Anflug  von  Selbstironie  eignet  allem,  was  aus  seiner  Feder  fließt.
Er  berührt  aber  nur  leicht  die  Oberfläche;  tiefe  und  starke
Überzeugungen  bleiben  darunter  erkennbar.  Gide  schreibt  einmal ­
  bezüglich  der  Rolle,  die  die  historische  Methode  bei  den
Nationalökonomen  der  französischen  Rechtsfakultäten  spielt  :
„Der  Geschmack  für  Aktualität,  der  in  Frankreich  vielleicht
etwas  zu  sehr  entwickelt  ist,  ist  nicht  mit  der  realistischen  und
noch  weniger  mit  der  historischen  Methode  der  deutschen  Schule
zu  verwechseln.  Die  Aktualisten  unter  den  Nationalökonomen
widmen  sich  nicht  der  Geduldarbeit,  die  Gegenwart  durch  die
Vergangenheit  zu  erklären.  Der  französische  Volkswirt  erforscht
die  Einrichtungen  der  Gegenwart  und  Vergangenheit  nicht,  um
sie  in  ihrer  zeitlichen  und  örtlichen  Bedingtheit  zu  verstehen,
sondern  um  sie  zum  Angriff  auf  die  bestehende  Wirtschaftsordnung, ­
  oder  zu  deren  Verteidigung  zu  benützen“ x ).  Bei  der
Lektüre  von  Gides  Schriften  wÿd  man  manchmal  versucht
sein,  dieses  Urteil  für  eine  Selbstkritik  zu  halten.
Der  Einfluß  der  Soziologen  auf  Gide  ist  ein  großer.  Er
ist  zunächst  einer  der  wenigen  Nationalökonomen  (und  Soziologen), ­
  welche  Auguste  Comte  gelesen  haben  ;  wenn  er  in  den  Fall
durch  den  Wind  vom  Meer  her  gepflügt  wurden,  ihren  glücklichen  Besitzern
Vermögen  einbrachten  am  Tage,  wo  man  zufällig  entdeckte,  daß  Wein  stocke
darin  vom  Phylloxera  unberührt  gediehen;  daß  die  Bauplätze  in  den  großen
Städten,  wo  nie  ein  Pflug  gewesen,  unendlich  hohem  Wert  haben,  als  die  bestbebauten ­
  Ländereien  usw.
ad  2.  Kanal-  und  Eisenbahnbauten  beruhen  nur  auf  Konzessionen  für
99  Jahre;  ist  es  denn  nötig,  daß  die  Inanbaunahme  des  Bodens,  die  geringere
Kapital-  und  Arbeitsinvestition  benötigt,  auf  ewigen  Rechten  beruhe?  Gewiß
sind  der  Boden  und  seine  natürlichen  Eigenschaften  von  unbegrenzter  Dauer;
aber  die  hineingesteckte  Arbeit  wirkt  nur  eine  beschränkte  Zeit.  Darum  kann
man  denn  auch  nicht  sagen,  die  Natur  des  Objektes  verlange  eine  unbegrenzte
Aneignung.  Gide,  Cours  d’Econ.  polit.,  p.  527  if.
b  Ch.  Gide,  L’Ecole  économique  française  dans  ses  rapports  avec  l’Ecole
anglaise  et  l’Ecole  allemande,  in  Festgaben  zu  Schmollers  70.  Geburtstage,
XVI,  p.  22.
        <pb n="477" />
        456

Der  Solidarismus

kommt,  einen  Gedanken  vorzutragen,  der  sich  schon  bei  Comte
findet,  verfehlt  er  nicht,  die  meist  packende  Formulierung,  die
jener  ihm  gegeben,  zu  zitieren.  Auch  ist  der  Positivismus  Comtes
nicht  so  ganz  spurlos  an  Gide  vorübergegangen.  Was  an  Bausteinen ­
  für  Historismus  und  Evolutionismus  bei  Comte  vorhanden ­
  ist,  stellt  Gide  in  helles  Licht.  Die  Solidaritätsidee
hat  er  in  erster  Linie  bei  Comte  und  den  Fourieristen  geschöpft.
Der  pessimistische  Zug,  den  er  bei  ihr  in  den  Vordergrund
stellt,  kommt  von  anderswoher  :  wahrscheinlich  von  Ruskin,
Ibsen,  Tolstoi.  Bei  den  Soziologen  Renouvier,  Secretan  und  Fouillée
fand  er  bereits  einen  umfassenden  Ausbau  des  Solidaritätsgedankens ­
  sowie  Ansätze  zu  seinem  Kooperatismus  und  seiner
heutigen  Eigentumslehre.
Eine  schwache  Seite,  aber  zugleich  auch  eine  starke  der
Schriften  Gides  liegt  in  der  bewußten  Unfertigkeit  mancher
Grundanschauungen.  Man  fühlt  so  gut  heraus,  daß  den  Verfasser ­
  die  Ansicht,  die  er  vorträgt,  nicht  voll  befriedigt,  und
daß  sein  Geist  ruhelos  weiter  nach  besseren  Lösungen  strebt;
so  z.  B.  sieht  Gide  seine  Werttheorie,  in  der  er  sich  mit  Marshall
trifft,  im  Grunde  nicht  für  definitiv  an,  ebensowenig  wie  er  sich
mit  der  sozialen  Nützlichkeit  als  alleiniger  Grundlage  des  Privateigentums, ­
  wie  sehr  er  auch  glaubt,  sich  dafür  entschieden  zu
haben,  zufrieden  zu  geben  vermag.  Auch  bezüglich  der  Zukunftsaussichten ­
  des  Genossenschaftswesens,  besonders  der  Produktivgenossenschaften, ­
  will  es  ihm  nicht  gelingen,  aus  schmerzlichen
Schwankungen  herauszukommen.  In  solchen  Fällen  überträgt
die.  Unbefriedigtheit  des  Autors  sich  auf  den  aufmerksamen
Leser.  Andererseits  ist  es  aber  auch  ein  schätzenswerter  Vorzug,
statt  sich  von  vornherein  auf  die  eine  oder  die  andere  Kategorie
festzulegen,  in  die  alle  späteren  Beobachtungsresultate  wohl  oder
übel  untergebracht  werden,  die  Geschmeidigkeit  des  Geistes  zu
bewahren,  die  sich  in  der  Bereitschaft  und  dem  Streben  äußert,
bisherige  Ansichten  den  Fortschritten  der  wissenschaftlichen  Erkenntnis ­
  anzupassen.
Der  Solidarismus  oder  Kooperatismus  Gides  läuft  auf
ein  großzügiges,  soziales  Reorganisationsprogramm  hinaus,  das
dem  korporativen  Ideal  der  Sozialkatholiken  sehr  nahe  kommt.
Weniger  wie  de  la  Tour  du  Pin  und  Abbé  Naudet  ist  es  Gide
gelungen,  den  utopischen  Charakter,  der  den  Quellen  eignet,
        <pb n="478" />
        Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

457

aus  denen  sie  beiderseits  geschöpft,  zurückzulassen.  Andererseits ­
  hat  er  aber  mit  der  Solidaritätsidee  einen  solideren  Bau  errichtet, ­
  als  Léon  Bourgeois.  Daß  sich  der  restlosen  Vergenossenschaftlichung ­
  des  Wirtschaftslebens,  wie  Gide  sie  programmmatisch
  entwickelt,  bis  auf  weiteres  unüberwindliche  Hindernisse  ^
entgegenstellen,  verhehlt  er  sich  nicht.  Aber  hier  tritt  bei  ihm
der  Zukunftstraum,  der  sich  leichtbeschwingt  über  die  derzeitigen
realen  Bedingungen  des  Wirtschaftslebens  hinaushebt,  in  seine
Rechte.  Bourguin  hat  die  Grenzen,  bis  zu  denen  sich  dem
Gide  sehen  Zukunftsstaat  Möglichkeiten  der  Verwirklichung  eröffnen, ­
  scharf  gezeichnet.  Wir  verweisen  auf  sein  oben  wiedergegebenes ­
  Urteil 1 ).
Es  ist  Gide  hoch  anzurechnen,  daß  er  mehr  noch  als
Levasseur  und  Marshall  gezeigt  hat,  wie  der  Historismus  in  der
Nationalökonomie  sich  sehr  gut  mit  dem  Festhalten  an  Naturgesetzen ­
  des  Wirtschaftslebens  verträgt.  Sein  weiteres  Verdienst
ist  es,  Anschauungen  und  Gedankengänge  der  vorachtundvierziger
  Sozialisten  für  die  moderne  Wissenschaft  fruchtbar  gemacht
und  dem  öden  Kollektivismus  gegenüber  zur  Geltung  gebracht
zu  haben.  Ob  die  Gidesche  Solidaritätsidee  bei  ihrem  pessimistischen ­
  Zuge  sich  in  der  Wissenschaft  definitiv  einbürgern
wird,  erscheint  fraglich.  Immerhin  hat  sie  im  Dienste  edler
Gefühle  eines  hochherzigen  Mannes  dazu  beigetragen,  Mittel  und
Wege  nachzuweisen,  um  vorhandenes  Elend  und  bestehende  Ungerechtigkeiten ­
  aus  der  Welt  zu  schaffen.

b  Siehe  oben  p.  385.
        <pb n="479" />
        III.  Teil.
Der  Protektionismus.
Protektionismus  nennt  man  eine  Wirtschaftspolitik,  die
durch  staatliche  Schutzmaßnahmen  die  einheimische  Produktion
oder  einzelne  Zweige  derselben  begünstigt.  Deren  Hauptmittel
ist  der  Schutzzoll  ;  es  gibt  aber  noch  viele  andere  Maßnahmen,
in  denen  sich  der  Protektionismus  verwirklicht,  z.  B.  Prämien
für  die  Produktion,  für  die  Ein-  und  Ausfuhr;  Steuerbegünstigungen ­
  ;  Erteilung  von  Monopolen  ;  Sicherung  ausländischer
Märkte  namentlich  in  überseeischen  Besitzungen  ;  Förderung  der
nationalen  Schiffahrt  usw.  Als  Teil  der  merkantilistischen  Wirtschaftspolitik ­
  hat  das  Schutzsystem  seine  Theoretiker  lange  vor
dem  „laisser  faire“  gehabt*).  Abgesehen  von  den  Handelsverträgen ­
  der  sechziger  Jahre  überwog  es  während  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  in  der  Wirtschaftspolitik  Frankreichs;  aber  nur  sehr
wenige  Männer  der  Wissenschaft  traten  dafür  ein.  Dagegen  spielt
es  eine  große  Rolle  in  Zeit-  und  Denkschriften  von  Interessenverbänden, ­
  in  der  Tagespresse,  in  der  politischen  Propagandaliteratur, ­
  in  den  Diskussionen  der  gesetzgebenden  Versammlungen ­
  usw.
Theoretische  Verfechter  fanden  die  merkantilistischen  Anschauungen ­
  in  der  ersten  Hälfte  des  verflossenen  Jahrhunderts
in  Ferner,  Ganilh  und  Louis  Say.  Ferrier 1  2 )  trat  unter  der  Restauration ­
  und  dem  Julikönigtum  für  die  Schutzbestrebungen
der  französischen  Industrie  gegen  die  Lehren  J.  B.  Says  und
1)  Eine  ausführliche  Bibliographie  und  vorzügliche  Behandlung  der  französischen ­
  merkantilistischen  Literatur  findet  sich  bei  A.  Dubois,  Précis  de  l’histoire
des  Doctrines  économiques,  Paris  1903,  Bd.  I,  p.  146  ff.
2 )  Ferrier,  Du  Gouvernement  dans  ses  rapports  avec  le  Commerce.
Paris  1802.
        <pb n="480" />
        Der  Protektionismus

459

der  liberalen  Schule  in  die  Schranken.  Er  wurde  als  Polemiker
und  Tagesschriftsteller  sehr  geschätzt.  G  a  nil  h 1 )  war  ein  vielseitig ­
  belesener  Gelehrter,  dessen  Schriften  sich  durch  kluge
Mäßigung  und  Zurückhaltung  auszeichnen.  Er  weiß  die  Argumente ­
  der  Schutzzöllner  mit  großem  Geschick  vorzutragen.
Louis  Say 2 )  ein  Bruder  von  Jean-Baptiste,  zieht  in  mehreren
dickbändigen  Werken  gegen  die  freiwirtschaftlichen  Lehren  der
liberalen  Schule  zu  Felde.  Er  verleiht  dem  nationalwirtschaftlichen ­
  Gesichtspunkt  mit  großer  Entschiedenheit  Ausdruck  und
ist  überzeugt,  daß  die  Industrie  eines  Landes  nur  durch  den
Schutz  der  Gesetzgebung  zur  Blüte  gelangen  kann.  Albert
Schatz  hat  nachgewiesen,  daß  sich  außerdem  bemerkenswerte
Ansätze  zur  Grenznutzentheorie  bei  Louis  Say  finden 3 ).  Dieser
ist  nicht  ohne  Einfluß  auf  Friedrich  List  gebheben 4 ).
Im  weiteren  Verlauf  des  XIX.  Jahrhunderts  versuchte  der
Mathematiker  Cournot,  wie  oben  (p.  150)  erwähnt,  wider  den
Stachel  des  die  Wissenschaft  beherrschenden  „laisser  faire“  zu
locken;  er  blieb  aber  unbeachtet.  Nach  langer  Zeit  war  der
erste  bedeutendere  und  viel  gehörte  Theoretiker  des  Protektionismus ­
  Paul  Cauw'es,  dessen  Anschauungen  wir  im  1.  Kapitel
dieses  Buches  zur  Darstellung  gebracht  haben.  Cauwès  schöpft
ausgiebig  in  den  Werken  von  Friedrich  List.  Er  betont  das
national  wirtschaftliche  Prinzip,  als  dessen  Konsequenz  der  Protektionismus ­
  erscheint,  mit  leidenschaftlichem  Nachdruck.  Neben
ihm  sind  als  Vorkämpfer  des  Protektionismus  in  der  Gegenwart
besonders  Edmond  Théry  und  Jules  Méline  zu  erwähnen.
Edmond  Théry  ist  Mitarbeiter  des  „Figaro“  und  langjähriger ­
  Herausgeber  der  von  ihm  begründeten  Wochenschrift

1 )  Ganilh,  Des  Systèmes  d’économie  politique,  1809.  —  Traité  de  l’économie ­
  politique,  1815.
2 )  Louis  Say,  Principales  causes  de  la  richesse,  1818.  —  Considérations
sur  l’industrie  et  la  législation  sous  le  rapport  de  leur  influence  sur  la  richesse
des  Etats,  et  Examen  critique  des  principaux  ouvrages  qui  ont  paru  sur  l’Economie ­
  politique.  Paris  1822.  —  Traité  de  la  richesse  individuelle  et  de  la  richesse ­
  publique,  Paris  1827.  —  Etudes  sur  la  richesse  des  nations  et  réfutation
des  principales  erreurs  en  Economie  politique,  Paris  1836.  (A.  Blanqui  brandmarkt ­
  letzteres  Werk  mit  den  Worten:  „Véritable  pamphlet  contre  les  maîtres
de  la  science,  son  frère  compris“).
3 )  Albert  Schatz,  L’Individualisme  économique  et  social.  Paris  1907,  p.  153  fl'.
4 )  Vgl.  Gide  et  Bist,  Histoire  des  doctrines  économiques,  p.  304,  Fußnote  1.
        <pb n="481" />
        460

Der  Protektionismus

l'Economiste  européen.  Seine  Spezialität  sind  statistische  Studien.
Er  weiß  statistische  Materialien  mit  einer  Virtuosität,  die  jener
von  Yves  Guyot  in  nichts  nachsteht,  zu  handhaben  und  zu
interpretieren.  Gauwès  schrieb  über  Thérys  Methode  die
schmeichelhaften  Worte:  „Sie  erkennt  die  Souveränität  der  Tatsachen ­
  an  und  nimmt  in  allen  Dingen  das  Interesse  der  nationalen ­
  Arbeit  und  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  des
Landes  zur  Richtschnur“ 1 ).
Thérys  zahlreiche  Werke  sind  meist  gesammelte  Aufsätze,
die  zuerst  im  „Economiste  européen“  erschienen.  Dieser  veröffentlicht, ­
  neben  Thérys  endlosen  Artikelserien,  regelmäßige
Berichte  über  die  Effekten-  und  Produktenbörsen.  Er  dient  der
Propaganda  für  Bimetallismus  und  Protektionismus.
Eine  der  interessantesten  Artikelserien  Thérys  ist  die
unter  dem  Titel  „Histoire  économique  de  l’Angleterre,  de  l’Allemagne, ­
  des  Etats-Unis  et  de  la  France  de  1890  à  1900“  in  Buchform ­
  (Paris  1902)  erschienene.  Sie  bietet  eine  zusammenfassende
Darstellung  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  genannten
vier  Mächte  im  letzten  Jahrzehnt  des  XIX.  Jahrhunderts,  und
sucht  die  Ursachen  und  wirtschaftlichen  Folgen  dieser  Entwicklung ­
  festzustellen.  Des  Verfassers  protektionistische  Anschauungen ­
  beherrschen  das  Gesamtbild 2 ).

0  Cauwès,  Vorwort  zu  Théry,  Les  Progrès  économiques  de  la  France,
Paris  1908.
2 )  Über  England  urteilt  Théry:  Durch  die  Krisis  der  Jahrhundertwende
wurde  das  englische  Portefeuille  stärker  betroffen,  als  das  der  andern  Mächte
Europas.  Die  neueste  Entwicklung  des  Imperialismus  scheint  zu  einer  Verringerung ­
  des  englischen  Außenhandels  führen  zu  wollen.  Die  Entwicklung  der  englischen ­
  Volkswirtschaft  in  dem  in  Betracht  kommenden  Zeitraum  wird  durch
zwei  Tatsachen  gekennzeichnet:  Die  progressive  Abnahme  des  Unternehmergewinns ­
  der  Industrie  und  die  progressive  Zunahme  des  Defizits  an  Nahrungsmitteln. ­
  Diese  beiden  Tatsachen  sind  wesentlich  der  deutschen  und  amerikanischen
Konkurrenz  zu  verdanken.  Während  Englands  Ausfuhr  nur  um  9,2  °/ 0  in  dem
betreffenden  Zeitraum  zunahm,  wuchs  der  deutsche  Export  um  30,9  %,  der  amerikanische ­
  um  59,9  "/g.  Wenn  jedoch  Amerika  England  die  Vorherrschaft  zur
See  nicht  abläuft,  so  werden  lange  Jahre  vergehen,  bis  England  seine  Reserven
an  Kapital  erschöpft.  In  Deutschland  hat  die  1879  eröffnete  Schutzzollära  Handel
und  Industrie  zu  unerhörtem  Aufschwung  geführt.  Deutschland  hat  aus  dem
methodischen  Ausbau  seiner  Schiffahrtsstraßen  und  seiner  Handelsflotte  bedeutenden ­
  Nutzen  gezogen.  Die  Kartellierungen  haben  vielen  Industriezweigen  eine
        <pb n="482" />
        Der  Protektionismus

461

Eine  kurzgedrängte  aber  sehr  reichhaltige  statistische  Übersicht ­
  über  die  Entwicklung  der  französischen  Volkswirtschaft
und  des  Staatshaushalts  in  den  ersten  dreißig  Jahren  der  dritten
Republik  bietet  der  Band  „La  France  économique  et  financière
pendant  le  dernier  quart  de  siècle“  (Paris  1900).  Ein  anderes
Werk  „Les  Progrès  économiques  de  la  France“  (Paris  1908)
widmet  Théry  der  Apologie  des  französischen  Schutzzollsystems
von  1892.  Er  versucht  darin  nachzuweisen,  daß  große  wirtschaftliche ­
  Fortschritte  im  Gefolge  des  Zolltarifs  von  1892  gemacht ­
  wurden.  Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  Thérys  Ziffernmaterial ­
  eine  aufsteigende  Bewegung  von  Außenhandel,  Getreide-,
Wein-,  Zucker-,  Eisenproduktion,  Eisenbahn-  und  Wasserstraß  enverkehr,
  Kreditgenossenschaften,  Emissionen,  Sparkasseneinlagen
usw.  zum  Ausdruck  bringt.  Schattenseiten,  wie  das  Sinken  der
Weinpreise,  die  geringe  Entwicklung  der  Handelsflotte,  die  Stagnation ­
  der  Bevölkerung  läßt  er  nicht  unerwähnt.  Es  liegt  aber
auf  der  Hand,  daß  ein  Vergleich  der  wirtschaftlichen  Entwicklung ­
  Frankreichs  seit  1892  mit  der  gleichzeitigen  Entwicklunganderer
  Länder,  oder  mit  anderen  Perioden  der  französischen
Wirtschaftsgeschichte  z.  B.  der  des  zweiten  Kaiserreichs,  das
optimistische  Urteil  Thérys  in  bedenklichem  Lichte  erscheinen
lassen  würde.  Es  wäre  sogar  gar  nicht  schwer,  die  Wirkungen
des  Zolltarifs  von  1892  in  einem  der  Auffassung  Thérys  genau
entgegengesetzten  Sinne  zu  interpretieren.
Weniger  einseitig  und  sehr  lehrreich  sind  Thérys  Artikel-Sicherheitsgewähr
  für  die  Zukunft  gegeben.  Die  sicheren  Gewinnaussichten,
welche  sie  geschaffen,  haben  Banken  und  Private  veranlaßt,  Kapitalien  in  großem
Maßstab  in  neuen  Unternehmungen  anzulegen.  Amerika  verdankt  seinen  außerordentlichen ­
  Aufschwung  in  erster  Linie  seiner  Schutzzollpolitik,  welche  der
nationalen  Industrie  den  nationalen  Markt  sicherte  und  so  die  Monopolisation
der  hauptsächlichsten  Industriezweige  durch  die  Trustbildungen  ermöglichte.
Außerdem  kommen  aber  der  amerikanischen  Volkswirtschaft  noch  eine  Reihe
anderer,  nicht  zu  unterschätzender  Faktoren  zugute:  der  enorme  regelmäßige
Bevölkerungszuwachs,  die  besonderen  Eigenschaften  des  Volkes,  die  Vervollkommnung ­
  der  maschinellen  Ausrüstung,  die  gewaltige  Entwicklung  der  Verkehrsmittel ­
  und  der  natürliche  Reichtum  des  Bodens.  Das  wirtschaftliche  Zurückbleiben ­
  Frankreichs,  das  Théry  nicht  leugnet,  führt  er  in  der  Hauptsache  zurück
auf  die  Vernachlässigung  des  dringend  notwendigen  Ausbaues  der  Binnenwasserstraßen, ­
  sowie  auf  den  Mangel  an  Unternehmungsgeist.  Durch  ausführliche
statistische  Gegenüberstellungen  rückt  er  den  Aufschwung  der  landwirtschaftlichen ­
  Produktion  in  Frankreich  seit  1892  in  helles  Licht.
        <pb n="483" />
        462

Der  Protektionismus

serien  über  den  ökonomischen  Aufschwung  Italiens  und  die
Finanzpolitik  Luzzatis  (Economiste  européen  1903)  und  über
Japans  Volks-  und  Finanzwirtschaft  (1904).  Sie  beweisen,  daß
die  französischen  Konsularberichte  aus  diesen  Ländern,  die
Thérys  wichtigstes  Quellenmaterial  bilden,  vorzüglich  sind.
Leider  glückt  es  Théry  nicht  immer,  die  wünschenswerte  Klarheit ­
  der  Darstellung  zu  erreichen,  was  die  Lektüre  seiner
Schriften  bei  dem  ohnehin  mit  Zahlenmaterial  gespickten  Text
mitunter  schwierig  gestaltet.
Jules  Mélme,  früherer  Ministerpräsident  und  Parteiführer
der  rechtsstehenden  Republikaner,  hat  ein  viel  bemerktes,  auch
ins  Deutsche  übertragenes  Buch  geschrieben,  das  die  Stadtflucht
als  Reaktion  gegen  die  Landflucht  wecken  will  ').  Er  geht  davon ­
  aus,  daß  heute  in  schutzzöllnerischen  wie  freihändlerischen
Kulturstaaten  eine  allgemeine  industrielle  Überproduktion  vorhanden ­
  sei.  Die  beständige  Verbesserung  der  Maschinen  vergrößert ­
  das  Übel.  Sie  macht  die  menschliche  Arbeit  in  zunehmendem ­
  Maße  entbehrlich  in  der  Industrie.  Die  Arbeitslosigkeit, ­
  welche  in  England,  Deutschland,  Frankreich  eine
beunruhigende  Ausdehnung  annimmt  —  auf  Frankreichs  Landstraßen ­
  laufen  über  400000  arbeitslose  Vagabunden  herum  —
ist  ein  deutliches  Symptom  jenes  Übermaßes  an  industriellen
Produktionsmitteln,  das  sich  noch  immer  steigern  wird.  Mehr
aber  noch  als  die  Industrie  hat  die  Landflucht  den  Kleinhandel
angefüllt.  Viele  Tausende  kleiner  Landeigentümer  sind  in  die
Städte  gezogen  und  fristen  als  Wirte,  Krämer  usw.  ein  armes
Dasein.
Was  soll  nun  aus  denen  werden,  die  durch  die  trügerische
Anziehungskraft  der  Städte  auf  falsche  Bahnen  gelockt  wurden,
und  ihre  Beschäftigung  bald  verlieren  werden  oder  schon  verloren ­
  haben?  Was  aus  den  kommenden  Generationen?  Was
aus  den  400000  Vagabunden  Frankreichs?  Ihnen  allen  ruft
Méline  zu:  „Zurück  zur  Scholle!“  Der  Boden  allein  ist  fähig,
alle  ungenutzten  Kräfte  aufzunehmen.  Die  Industrie  hat  ihren
Höhepunkt  erreicht;  mindestens  kann  sie  nicht  mehr  so  rasch
voranschreiten  wie  bisher 2 ).
])  Jules  Méline,  Le  Retour  à  la  Terre  et  la  Surproduction  industrielle,
Paris  1905.  Ins  Deutsche  übersetzt  von  K.  zu  Putlitz,  1905.
2 )  Méline,  loe.  cit.  p.  96  Ñ.
        <pb n="484" />
        Der  Protektionismus

463

Meline  entwickelt  dann  ein  umfassendes,  agrarpolitisches
Programm,  das  auf  eine  völlige  Umgestaltung  der  Struktur
der  französischen  Volkswirtschaft,  und  auf  eine  durchgreifende
Verjüngung  der  Nation  durch  Rückkehr  zur  Scholle  hinzielt.
Die  Landflucht  hat  eine  Reihe  von  Ursachen,  die  es  zu
beheben  gilt.  Meline  faßt  sie  zusammen  in  zwei  Sammelbegriffe ­
  :  die  Agrarkrisis  der  siebziger  und  achtziger  Jahre  des
vorigen  Jahrhunderts  und  die  Anziehungskraft  der  Städte.  Die
Agrarkrisis  war  veranlaßt  durch  das  Sinken  der  Preise  der
landwirtschaftlichen  Produkte  infolge  fremder  Konkurrenz;
Sinken  der  Grundrente  und  des  Kaufwertes  des  Bodens  war  die
unausbleibliche  Folge.  Der  Zolltarif  von  1892  hat  die  Ursache
der  Agrarkrisis,  die  niedrigen  Preise  der  Ackerbauerzeugnisse,
aus  der  Welt  geschafft.  Er  hat  bewirkt,  daß  Getreide  und
Wein,  Vieh  und  Zuckerrüben  wieder  in  rasch  steigendem  Maße
gezogen  wurden,  so  daß  nicht  nur  die  Bedürfnisse  des  inländischen ­
  Marktes  befriedigt  werden  konnten,  sondern  auch  landwirtschaftliche ­
  Produkte  heute  exportiert  werden.  Die  heutige
wirtschaftliche  Lage  ist  genau  das  umgekehrte  von  der,  die  vor
30  Jahren  bestand.  Damals  stieg  die  Industrie  und  die  Landwirtschaft ­
  sank  ;  heute  sinkt  zwar  die  Industrie  noch  nicht,
aber  sie  hat  ihren  Höhepunkt  erreicht,  während  die  Landwirtschaft ­
  kräftig  steigt.  Sie  bietet  vielen  Arbeitern  und  Handeltreibenden ­
  mehr  Sicherheit  und  mehr  materielle  Vorteile,  als
die  prekäre  Arbeit  und  die  ständige  Arbeitslosigkeit  der  großen
Städte.  Schon  ist  die  Landflucht  in  vielen  Departements  ins
Stocken  geraten.  Es  gibt  aber  doch  noch  viele  Schwierigkeiten,
die  dem  Aufschwung  der  Landwirtschaft  entgegen  stehen.  Sie
gilt  es  zu  beseitigen.
Die  Anziehungskraft  der  Städte  wird  man  wirksam  bekämpfen, ­
  indem  man  ihr  ein  Äquivalent  zugunsten  der  Landwirtschaft ­
  entgegenstellt.  Ackerbau  und  Industrie  müssen  völlig
gleichgestellt  werden.  Dies  ist  zunächst  zu  erreichen  durch
eine  Reihe  von  Abänderungen  der  Bodengesetzgebung  des  Code
Civil  und  des  Code  de  Procédure  civile,  sowie  durch  Erleichterung ­
  des  auf  der  Landwirtschaft  lastenden  Steuerdrucks.  Heute
nehmen  die  direkten  Steuern  21  %,  die  direkten  und  die  indirekten ­
  zusammen  36—41  °/ 0  des  landwirtschaftlichen  Einkommens ­
  vorweg.  Dazu  kommen  die  Hypothekarzinsen.  Angesichts
        <pb n="485" />
        464

Der  Protektionismus

dieser  Tatsachen  nimmt  es  nicht  Wunder,  daß  der  Bauer  auch
jetzt  noch  einen  schweren  Stand  hat,  und  daß  das  Kapital  sich
vom  Ackerbau  fern  hält.  Ebenso  dringend  nötig  wie  die  Steuererleichterung ­
  ist  die  des  Grundstückverkehrs,  ohne  daß  man
jedoch  bis  zur  Torrensakte  zu  gehen  braucht.
Andere  Mittel  zur  Bekämpfung  der  Landflucht  sind  Erziehung ­
  und  Unterricht.  Da  die  Industrie  so  viele  Landbewohner ­
  hypnotisiert,  muß  man  bestrebt  sein,  ihnen  in  nachdrücklicher ­
  Weise  einzuprägen,  daß  der  Ackerbau  vom  sittlichen
und  vom  wissenschaftlichen  Standpunkt  aus  das  erste  aller  Gewerbe ­
  ist.  Um  wieviel  stehen  die  agrikulturchemischen  Kenntnisse, ­
  nach  denen  der  rationelle  Landwirt  heute  den  Boden  bewirtschaftet, ­
  höher  als  die  Anweisung,  die  den  Industriearbeiter
lehrt,  tagaus  tagein  denselben  monotonen  Handgriff  an  seiner
Maschine  vorzunehmen  !
Die  Frauen  tragen  einen  großen  Teil  der  Schuld  an  der
Landflucht.  Das  scheinbare  Wohlleben  und  die  Mode  der  Städte
üben  einen  starken  Reiz  auf  sie  aus.  Dem  ist  durch  soliden
landwirtschaftlichen  Unterricht  für  die  weibliche  Landjugend
entgegenzuwirken,  so  daß  sie  das  Leben  auf  dem  Lande  und
die  Arbeit  in  Haus  und  Hof  schätzen  und  lieben  lerne.  Andererseits ­
  muß  aber  auch  das  Landleben  anregender  und  angenehmer ­
  gestaltet  werden.  Die  intellektuellen  und  Unterhaltungsbedürfnisse ­
  der  Landbewohner  müssen  auf  das  ausgiebigste ­
  durch  alle  hierzu  geeigneten  Mittel  befriedigt  werden.
Hier  öffnet  sich  der  genossenschaftlichen  Tätigkeit  ein  weites
Feld.
Der  vielhundertjährige,  mißtrauische  Individualismus  der
französischen  Bauern  hat  nicht  verhindert,  daß  das  Genossenschaftswesen ­
  unter  der  französischen  Landbevölkerung  kräftig
Fuß  gefaßt  hat.  Die  Verkaufsgenossenschaften  werden  das
große  Mittel  zur  Emanzipation  der  Landwirtschaft  sein,  indem
sie  Produzenten  und  Konsumenten  in  direkte  Beziehungen
setzen,  und  die  viel  zu  zahlreichen  Zwischenfaktoren  nach  und
nach  ausschalten.  Dem  beruflichen  Risiko,  das  in  der  Landwirtschaft ­
  leider  größer  ist  als  in  der  Industrie,  ist  durch
Gegenseitigkeitsgenossenschaften  beizukommen.  Nicht  zu  unterschätzen ­
  ist  die  Bedeutung  des  Baues  von  Krankenhäusern  für
Landbewohner,  die  an  Pflege  und  Komfort  alles  leisten,  was
        <pb n="486" />
        Der  Protektionismus

465

städtische  Krankenhäuser  den  Industriearbeitern  zu  bieten  vermögen. ­
  Auch  die  Altersversicherung  ist  auf  dem  Lande  durch
homestead  oder  auf  genossenschaftlicher  Grundlage  —  mit
Leistungen  in  natura  —  durchzuführen.  Einige  Mühe  wird  es
noch  kosten,  die  Vorurteile,  die  einer  befriedigenden  Inanspruchnahme ­
  der  staatlicherseits  so  reich  dotierten  landwirtschaftlichen
Kreditkassen  entgegen  stehen,  zu  überwinden.  Es  gibt  erfreulicherweise ­
  schon  einige  Gegenden  im  Lande,  in  denen  das
Geldleihen  bei  den  staatlichen  Kreditkassen  zwecks  Ankaufs  von
Dünger  und  Vieh  nicht  mehr  als  ein  Zeichen  dafür  angesehen
wird,  daß  man  vor  dem  wirtschaftlichen  Ruin  steht.  Genossenschaften, ­
  die  denen  nachgebildet  sind,  welche  sich  den  Bau  von
Arbeiter  Wohnungen  angelegen  sein  lassen,  werden  die  Ansiedlung
von  Vagabunden  auf  dem  Lande  in  die  Hand  nehmen,  um  sie
wieder  zu  nützlichen  Gliedern  der  Gesellschaft  zu  machen.  Dadurch ­
  wird  die  für  die  Rekrutierung  der  Armee  so  dringend
nötige  Regenerierung  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  gefördert. ­
  Hierzu  kann  indirekt  auch  der  nicht  leicht  und  nur
langsam  zu  behebende  Arbeitermangel  auf  dem  Lande  beitragen.
Bei  allen,  die  zur  Scholle  zurückkehren  oder  an  ihr  festhalten,
wirkt  er  als  Antrieb  zur  Bildung  möglichst  zahlreicher  Familien.
Nichts  ist  im  Interesse  Frankreichs  mehr  zu  begrüßen  als  das.
Es  muß  ferner  nach  Kräften  darauf  hingewirkt  werden,
daß  die  Fabriken  und  industriellen  Betriebe  nach  Möglichkeit
aufs  Land  hinaus  verlegt  werden.  Dort  werden  deren  Arbeiter
eine  reine  Luft  atmen,  und  die  Bodenparzellen,  die  sie  bebauen
können,  und  die  einen  Teil  ihrer  Arbeitskraft  in  Anspruch
nehmen,  werden  ein  höchst  wichtiges  Sicherheitsventil  für  die
Industrie  sein.  Denn  sie  geben  den  Arbeitern  Gelegenheit  zu
wirtschaftlicher  Tätigkeit  an  den  voraussichtlich  immer  zahlreicher ­
  werdenden  Tagen,  wo  die  Fabrik  für  sie  keine
Arbeit  hat.
Aber  nicht  nur  unter  der  Arbeiterbevölkerung,  auch  in  den
Kreisen  der  Bourgeoisie  ist  auf  die  Stadtflucht  hinzuwirken.  Der
Funktionarismus  muß  bekämpft  und  die  Dezentralisation  der
Verwaltung  in  Angriff  genommen  werden.  Bringt  man  die
reiche  Bourgeoisie  soweit,  daß  sie  möglichst  viel  und  lang  auf
dem  Lande  lebt,  so  werden  die  Bodenpreise  und  die  Grundrente
rapide  steigen.  Und  da  das  Einkommen  aus  der  Industrie  bede
  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  30
        <pb n="487" />
        466

Der  Protektionismus

ständig  abnimmt,  werden  die  Kapitalien  zum  Boden  zurückkehren. ­

Die  soziale  Anstrengung,  die  es  zu  machen  gilt,  besteht
darin,  für  die  Nahrung  des  Volkes  zu  tun,  was  schon  für  dessen
Wohnung  und  Kleidung  geschehen  ist:  die  Produktion  zu  heben.
Wenn  die  Arbeiter  der  Städte  und  die  des  Landes  mehr  Brot,
mehr  Fleisch  usw.  essen,  wird  der  Boden  mehr  arbeiten  müssen
und  mehr  Arme  brauchen.  Kein  Mensch  kann  sich  eine  Vorstellung ­
  machen  von  der  gewaltigen  Menge  von  Produkten,  die
die  Menschheit  zu  verzehren  imstande  ist.  Frankreichs  Landwirtschaft ­
  vermag  noch  auf  lange  hinaus  unbegrenzte  Mengen
von  Menschen  und  Kapitalien  aufzunehmen.  „Erschließen  wir
so  rasch  als  möglich  diese  Arbeitsgelegenheit,  um  jene  zu  ersetzen, ­
  die  zu  schwinden  beginnen,  damit  wir  nicht  eines  Tages
gezwungen  seien,  die  National  Werkstätten  traurigen  Andenkens
wieder  zu  eröffnen“  *)!
Denen,  die  für  Melin  es  Ideal:  Sanierung  Frankreichs
durch  Rückkehr  zur  Scholle,  in  den  Kampf  treten  wollen,  will
sein  Buch  eine  Rüstkammer  sein,  in  dem  sie  sich  „Argumente
und  Waffen“  holen  können.  Wir  haben  eine  gedrängte  Übersicht ­
  dieser  „Argumente  und  Waffen“  zu  geben  versucht.  Gewiß
finden  sich  dabei  manche  vorzügliche  Gedanken  und  beherzigenswerte ­
  Anregungen.  Damit  jedoch  die  Bewegung,  die  Meline
entfachen  möchte,  Bedeutung  erlangte,  müßte  vor  allem  deren
Ausgangspunkt,  die  allgemeine,  industrielle  Überproduktion,
eine  Verwirklichung  finden,  die  dem  schwarzseherischen  Bilde,
das  Meline  sich  davon  gemacht,  gleich  käme.
Neben  Thérys  „Economiste  européen“  vertreten  Unternehmerinteressen ­
  im  Sinne  des  Schutzzolls  die  beiden  Wochenschriften ­
  La  Réforme  économique  und  Journal  de  VAgriculture.
Die  erstere  wird  von  dem  Abgeordneten  Domergue  herausgegeben. ­
  Sie  dient  vorzugsweise  industriellen  Interessen.  Ihr
volkswirtschaftlicher  Teil  tritt  neben  der  Geschäftsberichterstattung ­
  etwas  zurück;  er  besteht  nur  aus  kleinern  Artikeln,  die
eine  streng  protektionistische,  häufig  polemische  Färbung  haben.
Wer  sich  über  die  schutzzöllnerischen  Wünsche  und  Bestrebungen ­
  der  verschiedensten  Produzentengruppen  in  Frankreich

b  J.  Méline,  loe.  eit.  p.  312.
        <pb n="488" />
        Der  Protektionismus

467

unterrichten  will,  wird  dies  am  besten  an  der  Hand  von  Domergues
  „Réforme  économique“  tun  können.
Das  Journal  de  VAgriculture  ist  eine  äußerst  sorgfältig  redigierte ­
  Zeitschrift.  Den  Schutzzoll  vertritt  darin  vor  allem  der
Herausgeber  Henry  Sagnier.  Dessen  Hauptaugenmerk  ist  jedoch
darauf  gerichtet,  seinen  Lesern  gediegene  Arbeiten  über  die
Fortschritte  der  landwirtschaftlichen  Betriebs-  und  Organisationstechnik ­
  zu  bieten.  Die  Marktberichte  und  agrarstatistischen
Nachweise  des  „Journal  de  l'Agriculture“  sind  reich  gegliedert
und  haben  vor  den  Veröffentlichungen  der  offiziellen  Statistik
den  Vorzug  frühzeitigen  Erscheinens  und  häufig  auch  gründlicherer ­
  Verarbeitung.
Professor  Cauwès  hatte  im  Jahre  1887  versucht,  der  freihändlerischen ­
  „Société  d’Economie  politique“  ein  schutzzöllnerisches
  Seitenstück  durch  Gründung  einer  Société  d’Economie
politique  nationale  gegenüberzustellen.  Die  Gesellschaft  fristet
jedoch  nur  ein  kümmerliches  Dasein  und  ist  von  ihrem  Gründer
aufgegeben.  Der  Grund  für  diesen  Mißerfolg  ist  darin  zu  suchen,
daß  es  den  Vorkämpfern  des  Protektionismus,  welche  zwar  die
Mehrheit  der  Nation  und  mehrere  mächtige  Interessentenverbände ­
  hinter  sich  haben,  bisher  nicht  glücken  wollte,  größere
wissenschaftliche  Kreise  für  ihre  Anschauungen  und  Lehren  zu
interessieren.  Das  Banner  des  Interventionismus,  das  auf  sozialem
Gebiete  von  Männern  der  Wissenschaft  voran  getragen  wird,
bleibt  auf  handelspolitischem  den  Interessentengruppen  überlassen. ­
        <pb n="489" />
        Buch  IV.
Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen
und  Soziologen.

1.  Kapitel.
Überblick.
Der  Philosoph  Condorcet  war  der  erste,  welcher  der
physiokratischen  Auffassung  entgegentrat,  die  volkswirtschaftlichen ­
  Naturgesetze  seien  die  unveränderlichen  Komponenten
einer  prästabilierten  Wirtschaftsordnung.  Für  ihn  sind  die  gesellschaftlichen ­
  und  folglich  auch  die  volkswirtschaftlichen  Naturgesetze ­
  Regelmäßigkeiten  in  der  Aufeinanderfolge  der  Erscheinungen, ­
  deren  Geltungsbereich  durch  die  örtlichen  und  zeitlichen
Bedingungen  eines  historisch  gewordenen  Milieus  begrenzt  wird.
Sie  vertragen  sich  sehr  gut  mit  der  Einmischung  des  Staates
ins  Wirtschaftsleben  ;  ja  die  Kunstlehre  oder  Politik  (Art  social),
deren  Ausbau  Condorcet  anstrebt,  will  eine  Systemisierung
jener  Einmischung  sein.  Aufgabe  des  „Art  social“,  sagt  Condorcet, ­
  ist,  die  unveräußerlichen  Menschenrechte  mit  der
größtmöglichen  Gerechtigkeit  und  in  der  weitest  möglichen
Ausdehnung  zu  garantieren.  Um  diese  Aufgabe  zu  erfüllen,
genügt  es  keineswegs,  die  formale  Gleichheit  der  Rechte  zu
sichern.  Das  Wesentliche  ist  vielmehr  die  graduelle  Beseitigung
des  Intervalls,  der  zwischen  der  rechtlichen  Gleichheit  und  der
tatsächlichen  Ungleichheit  besteht.  Diese  Ungleichheit  ist  eine
dreifache:  1.  die  Ungleichheit  des  Besitzes;  2.  die  Ungleichheit
der  Lage  zwischen  denen,  welche  nichts  besitzen  als  ihre  Arbeit,
        <pb n="490" />
        Überblick

469

und  denen,  die  über  gesicherte  Existenzmittel  verfügen;  3.  die
Ungleichheit  der  Bildung.  Durch  gesetzgeberisches  Eingreifen
und  Reform  der  Sitten  wird  jene  dreifache  Ungleichheit  immer
mehr  verringert  werden,  ohne  allerdings  je  vollständig  zu  verschwinden ­
  *).
Diese  kurzgedrängte  Auslese  aus  den  Gedanken  Co  nd  orce ­
  ts  genügt,  um  ihn  als  Vorläufer  der  deutschen  historischen
Nationalökonomie  zu  kennzeichnen.  In  geringerem  Maße  war
dies  Auguste  Comte,  der  Vater  der  Soziologie,  wenn  er  auch
dieser  Bausteine  zugrunde  legt,  die  er  bei  Condorcet  vorfand.
Die  Geschichte  als  Forschungsinstrument  der  Sozialwissenschaft,
die  Möglichkeit  rationeller  Voraussicht  des  gesellschaftlichen
Geschehens  auf  Grund  einer  mit  Hilfe  der  geschichtlichen  Forschung ­
  aufgebauten  Wissenschaft  der  Politik,  endlich  der  Interventionismus ­
  statt  des  laisser  faire  sind  Condorcetsche  Gesichtspunkte, ­
  die  Comte  sich  zu  eigen  macht.  Weniger  ausgeführt ­
  ist  bei  jenem  die  Anschauung  Comtes,  daß  es  notwendig ­
  sei,  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen  im  Zusammenhang ­
  mit  allen  andern  zu  betrachten.
Comte  bleibt  jedoch  in  einem  wichtigen  Punkte  hinter
Condorcet  zurück.  Er  läßt  nämlich  das  Ziel  völlig  außer
acht,  welches  jener  als  das  der  unter  Mitwirkung  von  Gesetzgebung ­
  und  Sittenreform  vor  sich  gehenden,  natürlichen  historischen ­
  Entwicklung  erkennt  und  demgemäß  seinem  „Art  social“
weist.  Mit  der  Forderung,  den  Abstand  zwischen  der  formalen
Gleichheit  der  Rechte  und  der  tatsächlichen  Ungleichheit  des
Besitzes,  der  wirtschaftlichen  Lage  und  der  Bildung  schrittweise
zu  verringern,  drückt  Condorcet  schon  sehr  klar  jenes  allmähliche ­
  Beseitigen  aller  Ausbeutung  und  Klassenherrschaft
und  allmähliche  Heranrufen  aller  Menschen  zu  den  hohem
Gütern  der  Kultur  aus,  welches  dem  Eisenacher  Programm  des
Vereins  für  Sozialpolitik  zugrunde  liegt.  Comte  scheint  aber
dafür  wenig  Verständnis  zu  haben.  Allerdings  übt  er  scharf
und  treffend  Kritik  am  laisser  faire,  und  betont  das  Recht  der
öffentlichen  Gewalt,  in  die  Beziehungen  zwischen  Arbeitgebern

i)  Vgl.  über  Condorcet  Hector  Denis,  Histoire  des  Systèmes  économiques
et  socialistes,  Bd.  II,  Paris  1907,  p.  31  ff.  —  Vgl.  ferner  zu  Obigem  Condorcet,
Oeuvres,  Paris  an.  XIII  (1805),  Bd.  8  passim.
        <pb n="491" />
        470

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

und  Arbeitern  regelnd  einzugreifen.  Darauf  beschränken  sich
aber  seine  volkswirtschaftlichen  Anschauungen 1 ).
Comte  faßte  die  Soziologie,  deren  Gründer  er  ist,  als  die
Geschichte  der  menschlichen  Kultur  auf.  Nach  ihm  wurde  sie
zunächst  die  „Naturgeschichte  der  Gesellschaften“.  Diese  ist
bestrebt,  die  Analogien,  welche  die  Gesellschaften  im  allgemeinen
mit  den  lebenden  Organismen,  und  die  menschlichen  Gesellschaften ­
  im  besondern  mit  den  tierischen  auf  weisen,  so  weit  als
möglich  zu  verfolgen 2 ).  Bei  Comte  selbst  sind  schon  Ansätze
in  dieser  Richtung  vorhanden  ;  er  liebt  es  z.  B.,  die  menschliche
Gesellschaft  als  „das  lebendigste  aller  bekannten  Wesen“  zu
bezeichnen 3 )  ;  doch  warnt  er  vor  voreiligen  Analogien.  Die
Gefahr  ist  allerdings  dabei  vorhanden,  daß  man  nicht  bei  der
Metapher  stehen  bleibt,  sondern  die  Gesellschaft  als  einen  Organismus ­
  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  auffaßt  und  die
biologischen  Gesetze  des  Kampfes  ums  Dasein  und  der  natürlichen ­
  Auslese  darauf  überträgt.  Das  taten  denn  auch  bald
Spencer  und  Huxley  in  England,  Schaeffle  in  Deutschland,  Espinas,
Izoulet  und  in  geringerm  Maße  auch  Fouillée  in  Frankreich.
Espinas,  Professor  an  der  Sorbonne  in  Paris,  entlehnt  der
Biologie,  wie  Schaeffle,  ihre  Terminologie  und  ihre  Klassifikationen, ­
  und  stellt  eine  durchgreifende  Parallele  auf  zwischen
dem  Bau  des  menschlichen  Körpers  und  dem  der  Gesellschaft.
Für  ihn  sind  die  menschlichen  Gesellschaften  unmittelbare  Nachfolger ­
  und  Erben  tierischer  Gesellschaften.  Mit  Spencer  und
G.  de  MolinarD)  stellt  er  die  Lehre  auf,  daß  die  Entwicklung
der  Menschheit  derart  vor  sich  gehe,  daß  die  Stärksten  im
Kampfe  ums  Dasein  siegen  und  durch  eine  Reihe  von  bestimmten
Stufen  zur  Kultur  aufsteigen.  Dadurch  wird  die  Anschauung,
welche  schon  der  Geschichtsauffassung  Comtes  anhaftet,  daß
nämlich  das  gesellschaftliche  Leben  einer  notwendigen  Folgeordnung ­
  unterworfen  sei,  noch  urgiert.  Die  Volkswirtschaftslehre ­
  faßt  Espinas  als  eine  Kunstlehre  auf.  „Sie  gehorcht

')  Vgl.  über  Comte  Henry  Michel,  L’Idée  de  l’Etat,  Paris  1896,  p.  427  ff
—  Cìi.  Gide  et  Ch.  Rist,  Histoire  des  Doctrines  économiques,  Paris  1909,  p.  467  ff.
—  Vgl.  ferner  zu  Obigem  Aug.  Comte,  Cours  de  Philosophie  positive,  Bd.  4.
2 )  Vgl.  Henry  Michel,  L’Idée  de  l’Etat,  p.  459.
3 )  A.  Comte,  Cours  de  Philosophie  positive,  Bd.  IV.  passim.
4 )  Über  G.  de  Molinari  vgl.  oben  p.  72  ff.
        <pb n="492" />
        Überblick

471

den  Gesetzen  der  Evolution,  wie  das  gesellschaftliche  Gewissen,
von  dem  sie  nur  eine  Seite  darstellt.“  Daraus,  daß  die  volkswirtschaftlichen ­
  Systeme  nicht  aus  universellen  Ideen  bestehen,
sondern  aus  praktischen  Erwägungen  zusammengesetzt  sind,
ergibt  sich  für  die  Geschichtsepoche,  in  der  wir  leben,  die  Notwendigkeit, ­
  daß  die  politische  Ökonomie  eine  national  wirtschaftliche, ­
  protektionistische  sei 1 ).
Der  Fehler  der  biologischen  Soziologie  besteht  darin,  der
Freiheit,  dem  sittlichen  Handeln  des  Menschen  in  der  historischen
Entwicklung  der  Gesellschaften  keinen  Platz  zu  geben,  sowie
dem  Überwiegen  des  Staates,  dem  die  Rolle  des  Gehirns  im
Organismus  zufällt,  über  die  Individuen,  die  lebenden  Zellen
des  sozialen  Körpers,  keine  Grenzen  zu  setzen.  Dies  erkennt
Jean  Izoulet,  Professor  am  Collège  de  France,  und  er  versucht
in  sehr  ingeniöser  Weise  die  Antinomie  zwischen  der  biosoziologischen ­
  Hypothese  und  der  Freiheit  des  Individuums  in
seinem  ideenreichen  Werke  „La  Cité  moderne“  zu  lösen.
Auf  volkswirtschaftlichem  Gebiete,  meint  Izoulet 2 ),  gibt
es  eigentlich  nur  zwei  Ansichten,  zwei  Schulen,  die  sich  bekämpfen ­
  :  auf  der  einen  Seite  den  Individualismus,  der  die  Idee
der  Freiheit  verteidigt,  auf  der  andern  den  Sozialismus,  der
für  die  Idee  der  Solidarität  eintritt.  Die  bio-soziologische  Hypothese, ­
  d.  h.  die  Gesellschaft  als  Organismus  gedacht,  schließt
nun  sowohl  den  absoluten  Individualismus,  als  den  absoluten
Sozialismus  aus,  während  sie  andererseits  zeigt,  daß  die  soziale
Entwicklung  eine  Resultante  aus  Freiheit  und  Solidarität  ist,
wie  die  Bewegungen  der  Himmelskörper  die  Resultante  zentripetaler ­
  und  zentrifugaler  oder  tangentialer  Kräfte  sind.
Gegen  den  Individualismus  und  für  den  Sozialismus  bietet
die  besagte  Hypothese  folgendes  Argument  :  Der  Individualismus
beruht  auf  der  Anschauung,  das  Privateigentum  an  den  Sachen
gründe  auf  dem  Eigentum  an  der  Person.  Weil  ein  Mensch
Eigentümer  seiner  physischen  und  seelischen  Fähigkeiten  ist,

1)  Espinas,  Histoire  des  Doctrines  économiques,  Paris  1894,  p.  341  ff.  —
Über  das  Hauptwerk  von  Espinas,  Les  Sociétés  animales,  vgl.  Cauw'es,  Cours
d’Economie  politique,  Paris  1893,  Bd.  I,  p.  15  ff.  ;  Henry  Michel,  L’Idée  de
l’Etat,  p.  467  ff.
2 )  Izoulet,  La  Cité  moderne.  Métaphysique  de  la  Sociologie.  7.  Aufl.
Paris  1908,  p.  643  ff.
        <pb n="493" />
        472

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

ist  er  rechtmäßiger  Eigentümer  der  Produkte  seiner  Fähigkeiten
und  Energien.  Die  Prämisse  dieses  Räsonnements,  sagt  nun
Izoulet,  stimmt  nicht.  Denn,  weit  entfernt  Eigentümer  seiner
physischen  und  seelischen  Fähigkeiten  zu  sein,  ist  das  Individuum
ein  gesellschaftliches  Produkt.  Folglich  sind  es  auch  die  Produkte, ­
  die  das  Individuum  schafft.
Gegen  den  Sozialismus  und  für  den  Individualismus  macht
Izoulet  geltend:  Gewiß  ist  der  Staat  ein  Organismus,  d.  h.
nicht  nur  eine  sittliche  und  rechtliche,  sondern  auch  eine  biologische ­
  Solidarität.  Es  ist  aber  ein  großer  Irrtum,  diese  Solidarität ­
  auf  eine  despotische  und  nivellierende  Gleichheit  hinführen ­
  zu  wollen.  Nichts  ist  der  Natur  und  ihren  Gesetzen
entgegengesetzter.  Denn  im  selben  Grade,  in  dem  ein  Organismus
eine  Solidarität  ist,  ist  er  eine  Arbeitsteilung,  eine  Differenzierung
in  hierarchisch  gegliederte  Organe,  die  neben  der  sozialen  ihre
eigene,  selbständige,  freie  Existenz  haben.  Differenzierung  und
Auslese,  nicht  Nivellierung  und  Gleichheit,  sind  in  der  soziologischen ­
  wie  in  der  biologischen  Welt  die  Triebfedern  des
Fortschritts.
Die  Biologie  schmilzt  also,  folgert  Izoulet,  das,  was  Wahres
an  Individualismus  und  Sozialismus  ist,  zusammen;  sie  zeigt
aber  auch,  inwieweit  beide  unwahr  sind.  Das  Resultat  heißt:
freiheitliche  Solidarität  (solidarité  libertaire)  ')  I
Insoweit  Izoulet  den  absoluten  Individualismus  wie  den
absoluten  Sozialismus  verwirft  und  die  Verbindung  von  „Freiheit“ ­
  und  „Solidarität“  der  Nationalökonomie  als  Aufgabe  anweist, ­
  scheint  er  uns  auf  dem  richtigen  Wege  zu  sein.  Daß
aber  die  Zahl  derer  groß  sein  wird,  die  in  der  bio-soziologischen
Hypothese  mehr  als  ein  anschauliches,  poetisches  Bild  sehen,
ist  mindestens  so  zweifelhaft,  als  daß  es  Izoulet  gelungen  sein
soll,  die  Antinomie  zwischen  jener  Hypothese  und  der  Freiheit
des  Individuums  wirklich  zu  lösen.
Alfred  Fouillée,  ein  äußerst  fruchtbarer  philosophischer
Schriftsteller,  nimmt  ebenfalls  die  Analogie  zwischen  den  Lebewesen ­
  und  dem  sozialen  Organismus  auf.  Er  verbindet  sie  aber
mit  der  Vertragstheorie  (contrat  social)  und  macht  daraus  jenen
organisme  contractuel,  der  zwar  ein  physiologisches,  nicht  aber

')  Izoulet,  loo.  oit.  p.  647.
        <pb n="494" />
        Überblick

473

ein  psychologisches  Individuum  ausmacht,  welches  ein  eigenes,
von  der  Summe  der  individuellen  Leben  verschiedenes  psychisches ­
  Leben  hätte 1 ).
In  dem  Werke  „La  Propriété  sociale  et  la  Démocratie“
arbeitet  Fouillée  den  Gesichtspunkt  gesellschaftlichen  Miteigentums ­
  an  jedem  Privateigentum  mit  großer  Schärfe  heraus.
Er  verwirft  den  absoluten  Eigentumsbegriff,  weil  dieser  verkennt, ­
  was  wir  an  materiellen,  intellektuellen  und  sittlichen
Gütern  der  Gesellschaft  verdanken 2 ).  Er  verwirft  aber  auch
den  absoluten  Kollektivismus,  erstens,  weil  die  Gesellschaft  als
solche  den  Boden  und  die  Arbeitsinstrumente  nicht  schafft  ;
zweitens,  weil  der  Kollektivismus  nicht  nur  das  Recht  aller
Franzosen  auf  Frankreich,  aller  Deutschen  auf  Deutschland  lehrt,
sondern  auch  das  Recht  aller  Menschen  auf  das  Territorium
einer  jeden  Nation,  ja  selbst  das  Recht  der  kommenden  Menschheit ­
  auf  das,  was  die  heute  lebende  besitzt 3 ).
Nach  Fouillée  muß  der  Staat  dafür  sorgen,  daß  Privatund
  Kollektiveigentum  sich  neben  einander  entwickeln.  Als
Mittel  zur  Vermehrung  des  letztem  empfiehlt  er  zeitlich  beschränkte ­
  Konzessionen  von  Ländereien,  so  daß  die  Gesellschaft
vom  Mehrwert  des  Bodens  Nutzen  habe.  Als  Mittel  zur  Vermehrung ­
  des  Privateigentums  empfiehlt  er  Erleichterung  des
Volkskredits.  Endlich  ist  Fouillée  ein  entschiedener  Genossenschafter; ­
  der  Staat  der  Zukunft  wird,  sagt  er,  „eine  aus  der
Dezentralisierung  hervorgehende  freie  Zentralisierung,  eine  Genossenschaft ­
  der  Genossenschaften  sein“  4 ).
Der  Philosoph  Charles  Renouvier  hat  mit  der  bio  soziologischen ­
  Hypothese  nichts  zu  tun.  Er  greift  auf  den  Individualismus ­
  des  XVIII.  Jahrhunderts  zurück  und  lehrt,  daß  sich  aus
der  Idee  der  Gerechtigkeit  für  den  Staat  das  Recht  und  die
Pflicht  ergebe,  in  die  politische  und  wirtschaftliche  Ordnung
einzugreifen,  um  den  Individuen  zu  helfen,  ihre  Individualität,
ihre  sittliche  Persönlichkeit  zu  entwickeln.  Die  Persönlichkeit

*)  Alfred  Fouillée,  La  Science  sociale  contemporaine,  4.  Aufl.  Paris  1904,
p.  74  ff.,  110,  111  ff.,  227  ff.
2 )  A.  Fouillée,  La  Propriété  sociale  et  la  Démocratie,  Paris  1884,  p.  11  ff.
8 )  ibid.  p.  27  ff.
4 )  A.  Fouillée,  La  Science  sociale  contemporaine,  p.  180.  Über  Fouillée
vgl.  Henry  Michel,  L'Idée  de  l’Etat,  p.  581  ff.
        <pb n="495" />
        474

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

und  Freiheit  des  Individuums  wird  durch  das  Privateigentum
gesichert.  Dieses  ist  aber  nicht  nur  die  beste  Garantie  der  individuellen ­
  Freiheit,  sondern  auch  „eine  historische  Methode
sozialen  Fortschritts,  deren  Wirksamkeit  durch  die  Erfahrung
bewiesen  ist“ x ).
Daraus,  daß  die  Freiheit  und  die  Entwicklung  des  Individuums ­
  durch  das  Privateigentum  bedingt  sind,  ergibt  sich  für
den  staatlichen  Interventionismus  die  Aufgabe,  „jedem  Individuum ­
  eine  Eigentumssphäre  zu  beschaffen“.  Das  kann  nur
durch  eine  Gesamtheit  von  restriktiven  und  Garantiemaßnahmen
geschehen.  Die  restriktiven  Maßnahmen  muß  man  nicht  in  einer
Agrargesetzgebung  suchen  wollen,  welche  der  Aneignung  des
Bodens  Grenzen  setzt.  Man  muß  vielmehr  auf  das  Kapital
zielen  und  zwar  mittelst  der  progressiven  Besteuerung,  die  „ein
rationelles  und  legitimes  Mittel“  darstellt,  „der  Anhäufung  von
Eigentum  durch  die  Individuen  ein  unüberwindliches  Hindernis
entgegenzustellen“  2 ).  Die  Garantie  maßnahmen  bestehen  in  der
Sicherung  des  Rechtes  auf  Arbeit,  welche  einerseits  durch  Neuregelung ­
  des  Arbeitsvertrages,  andererseits  durch  ein  vollständiges
System  von  Versicherungen  erreicht  wird.  Der  Arbeitsvertrag
muß  frei  sein  und  darf  keine  Klausel  enthalten,  die  „der  rationellen ­
  Ordnung  der  menschlichen  Beziehungen  nicht  entspreche.“
Letztere  Bedingung  ist  nicht  erfüllt,  so  lange  nicht  dem  Arbeiter
vor  allem  Gewinnbeteiligung  zugebilligt  wird.  Die  Versicherung
ist  eine  Garantie,  welche  die  Glieder  der  menschlichen  Gesellschaft ­
  einander  dafür  geben,  daß  sie  die  Freiheit  und  deren
Genuß  erobern  werden.  Das  Recht  auf  Arbeit  selbst  ist  schon
eine  Versicherung,  welche  dazu  bestimmt  ist,  die  Berechtigten
für  die  Wirkungen  der  Verteilung  der  Produktionsmittel,  die
sich  aus  dem  natürlichen  Spiel  der  Institution  des  Privateigentums ­
  ergibt,  zu  entschädigen.  Ebenso  sind,  neben  den  gemeinhin ­
  als  Versicherungen  bezeichneten  Einrichtungen,  die  staatlicherseits
  erteilte,  physische,  intellektuelle  und  sittliche  Erziehung, ­
  sowie  die  bedingungslos  gewährten  Unterstützungen  an
solche,  die  sich  nicht  helfen  können,  Versicherungen.

')  Renouvier,  La  Science  de  la  Morale,  Paris  1869,  Bd.  II,  p.  27.  Zitiert
bei  H.  Michel,  L’Idée  de  l’Etat,  p.  610.
*)  ibid.  p.  50—51  bezw.  p.  611.
        <pb n="496" />
        Überblick

475

Mehr  noch  als  durch  restriktive  und  Garantiemaßnahmen
des  Staates  wird  durch  genossenschaftlichen  Zusammenschluß  den
Individuen  eine  Eigentumssphäre  geschaffen  und  so  die  Gerechtigkeit ­
  verwirklicht  werden.  An  den  Genossenschaften  vor  allem
ist  es,  die  wirtschaftliche  Frage  zu  lösen.  Frei  gewollten  und
in  ihrer  Zwecksetzung  begrenzten  Genossenschaften  wird  es
besser  gelingen  als  der  Zwangsgemeinschaft  des  Staates,  die
menschliche  Individualität  zu  entwickeln 1 ).
Das  Räsonnement  Ren  o  uviers  zeichnet  sich  durch
logische  Schärfe  aus,  wie  H.  Michel  hervorhebt,  so  lange  er
im  Bereich  der  philosophischen  Spekulation  bleibt;  sobald  es
sich  aber  darum  handelt,  zur  Praxis  überzugehen,  die  Mittel  zu
bestimmen,  durch  welche  der  Staat  die  ihm  zugewiesene  interventionistische ­
  Rolle  verwirklichen  soll,  weicht  Renouvier
zurück.  Kaum  hat  er  z.  B.  die  progressive  Steuer  und  die
Gewinnbeteiligung  als  theoretische  Forderungen  aufgestellt,  so
äußert  er  verzagt,  sie  schienen  praktisch  nicht  durchführbar.
Davon  abgesehen,  bieten  die  idealistischen  Anschauungen
Renouviers  beachtenswerte  Berührungspunkte  mit  den  Gedanken, ­
  welche  um  die  Zeit,  in  der  er  schrieb  (1869),  für  die
deutsche  historische  Schule  der  Nationalökonomie  grundlegend
zu  werden  begannen.  Auch  heute  noch  bedeuten  jene  Anschauungen ­
  einen  gangbaren  und  glücklichen  Weg,  auf  dem
der  Individualismus  und  der  Interventionismus,  die  wir  als  die
Geister  in  Frankreich  scheidende  Ideen  kennen  gelernt  haben,
zusammenkommen  könnten.
Renouviers  Schüler  Henry  Michel,  hat  in  dem  Werke
„L’Idée  de  l’Etat“,  das  von  großer  wissenschaftlicher  Gewissenhaftigkeit ­
  und  Gedankenschärfe  zeugt,  der  Lehre  des  Meisters
eine  ideengeschichtliche  Fundamentierung  gegeben.  Er  führt
die  Entwicklung  der  Staatsidee  im  XIX.  Jahrhundert  bei  den
französischen  Philosophen,  Politikern,  Volkswirten  und  Sozialisten ­
  vor  und  weiß  mit  großem  Scharfsinn  die  schwachen
Punkte  der  verschiedenen  Anschauungen  ins  Licht  zu  stellen.
Er  dringt  schließlich  bis  zu  der  logisch  so  fest  geschmiedeten
i)  Unsern  obigen  Ausführungen  über  Renouvier  liegt  die  Abhandlung
über  dessen  Lehre  zugrunde,  die  sich  in  dem  Werke  „  L'Idée  de  l’Etat“  p.  596  ff.
seines  getreuen  Schülers  Henry  Michel  befindet.  Die  Werke  Renouviers  waren
uns  nicht  zugänglich.
        <pb n="497" />
        476

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Lehre  Renenviers  vor,  die  er  mit  großem  apologetischen
Geschick  gewissermaßen  als  das  natürliche,  logische  Ergebnis
der  ideengeschichtlichen  Entwicklung  entfaltet x ).
Th.  Funck-Brentano,  ein  geborener  Luxemburger,  zu  seinen
Lebzeiten  Professor  an  der  Ecole  libre  des  Sciences  politiques
in  Paris,  hat,  obwohl  von  Haus  aus  Philosoph,  ein  Lehrbuch
der  Nationalökonomie  in  Angriff  genommen,  von  dem  nur  das
erste  Bändchen,  welches  die  „Elemente“  der  Wissenschaft  behandelt, ­
  das  Tageslicht  erblickt  hat 2 ).  Es  fußt  auf  evolutionistischer
  Grundanschauung,  macht  von  den  Analogien  zwischen
den  Lebewesen  und  dem  sozialen  Körper  nur  diskret  Gebrauch,
und  ist  etwas  oberflächlich  und  allzu  knapp  in  der  Beweisführung, ­
  was  die  Klarheit  der  Darstellung  häufig  beeinträchtigt.
Neben  einer  im  wesentlichen  subjektiven  Werttheorie 3 )  stellt
Eunck  7  Brentano  drei  große  Gesetze  des  Wirtschaftslebens
auf:  1.  die  Koordination  der  Anstrengungen  oder  das  Gesetz  der
Produktion  ;  2.  die  Koordination  der  Bedürfnisse  oder  das  Gesetz
der  Verteilung;  3.  die  Anpassung  der  Werturteile  an  die  objektive ­
  Brauchbarkeit  der  Dinge,  oder  das  Gesetz  des  wirtschaftlichen ­
  und  kulturellen  Fortschritts  der  menschlichen  Gesellschaften. ­

ad.  L  Die  Solidarität  der  Produktion  und  des  Verbrauchs
ist  die  bedeutsamste  Tatsache  des  Wirtschaftslebens.  Es  gibt
keine  Produktion  ohne  Verbrauch,  keinen  Verbrauch,  der  nicht
zugleich  eine  Produktion  wäre.  Die  Solidarität  von  Produktion
J )  Henry  Michel,  L’Idée  de  l’Etat.  Essai  critique  sur  l’histoire  des  théories
sociales  et  politiques  en  France  depuis  la  Révolution.  Paris  1896,  3.  Ausi.  1898.
Wir  müssen  uns  leider  versagen,  auf  das  vortreffliche  Werk  näher  einzugehen,
da  uns  dies  zu  weit  von  dem  Thema  der  vorliegenden  Arbeit  abführen  würde.
2 )  Th.  Funck-Brentano,  Nouveau  Précis  d’Economie  politique.  Les  Eléments. ­
  Paris  1887.  Demselben  Verfasser  ist  eine  neue,  mit  erläuternden  Notizen
versehene  Ausgabe  des  „Traiclé  d’Oeconomie  politique“  von  Montchrestien  de
Vatteville,  Paris  1889  zu  verdanken.
3 )  Die  Bedürfnisse  allein  bestimmen  den  Wert.  Der  Wert  ist  etwas
wesentlich  Persönliches.  Es  gibt  allerdings  auch  einen  „gemeinen“  Wert;  dieser
ist  aber  von  dem  persönlichen  Wert  nicht  wesentlich  verschieden,  denn  er  besteht ­
  in  dem  übereinstimmenden  Urteil,  das  eine  Mehrheit  von  Individuen  über
ein  Ding  fällt.  Funck-Brentano  unterscheidet  noch  eine  dritte  Art  von  Wert,
den  „wirtschaftlichen“  oder  „wissenschaftlichen“  Wert;  dieser  identifiziert  sich
jedoch  mit  der  objektiven  Brauchbarkeit  eines  Gutes.  Funck-Brentano,  Nouveau
Précis,  p.  52  ff,  p.  100  ff.
        <pb n="498" />
        Überblick

477

und  Verbrauch  wird  durch  die  Solidarität  der  Anstrengungen
und  jene  der  Bedürfnisse  verwirklicht.  Prinzip  der  Kultur  und
Erklärungsgrund  des  Fortschritts  sind  Vereinigung,  Vereinfachung
und  Koordination  der  Arbeitsleistungen.  Die  Arbeitsteilung
dagegen  ist  nicht  Prinzip  der  Kultur,  sondern  eine  Folge  davon.
Die  Koordination,  d.  h.  die  gegenseitige  Einordnung  oder  Anpassung ­
  der  Anstrengungen  ist  das  allgemeine  Gesetz  der  menschlichen ­
  Tätigkeiten.  Alle  Erscheinungen  des  Lebens  der  menschlichen ­
  Gesellschaften  verdanken  der  Koordination  der  Anstrengungen ­
  der  Organe  im  Individuum,  wie  der  Individuen  in  der
Gesellschaft,  ihr  Entstehen.  Die  wirtschaftliche,  politische  und
gesellschaftliche  Lage  eines  Volkes  ist  der  genaue  Ausdruck  des
Grades  von  Koordination  der  Anstrengungen  aller  *).
ad.  2.  Wie  alle  Verrichtungen  eines  Produktionsprozesses
sich  gegenseitig  ergänzen,  solidarisch  oder  koordiniert  sind,  so
auch  die  Bedürfnisse  der  an  dem  Produktionsprozeß  beteiligten
Menschen,  da  jeder  seine  Arbeitsleistung  nur  im  Hinblick  auf
die  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  verrichtet  und  sie  an  diesen
mißt.  Aus  diesem  Zusammenhang,  d.  h.  aus  der  untrennbaren
Verbindung  von  Produktion  und  Verbrauch,  folgt,  daß  die  Produktion ­
  nur  dann  möglich  ist,  wenn  die  Verteilung  der  Güter
einen  Verbrauch  sichert,  der  die  an  der  Produktion  beteiligten
Arbeitsleistungen  auf  wiegt 2 ).
ad.  3.  Je  mehr  der  Wert,  den  der  Mensch  den  Dingen
zuspricht,  ihrer  objektiven  Brauchbarkeit  entspricht,  desto  mächtiger ­
  ist  er  und  desto  mehr  vermag  er  seine  Produktion  zu
steigern.  So  lange  man  die  Kraft  nicht  erkannt  hatte,  die  im
Wasserdampf  steckt,  bewegte  sich  die  Produktion  der  Menschheit ­
  in  engen  Grenzen.  Als  Papin  aber  die  Brauchbarkeit  des
Wasserdampfes  entdeckt  hatte,  stieg  die  Produktionsfähigkeit
der  Menschheit  ins  Ungemessene.  Die  Völker,  welche  in
der  menschlichen  Kultur  voranschreiten,  verdanken  dies  dem
Umstand,  daß  sie  ihre  Bedürfnisse  den  ihnen  zur  Verfügung
stehenden  Brauchbarkeiten  und  Naturkräften  besser  als  andere
angepaßt  haben 3 ).

*)  Funck-Brentano,  loe.  eit.  p.  35—36,  79  ff.
2 )  ibid.  p.  147  ff.,  153  ff
3 )  ibid.  p.  209  ff.
        <pb n="499" />
        478

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Zwei  weitere  Gesichtspunkte,  welche  sich  durch  das  Werkehen ­
  von  Funck-Brentano  hindurchziehen,  verdienen  noch
Erwähnung:  1.  Die  Beobachtung,  daß  der  dauernde  Fortschritt
einer  Volkswirtschaft  davon  abhängt,  daß  die  Preise  der  Lebensmittel, ­
  der  Rohstoffe  und  der  einfachsten  Arbeitsverrichtungen
sich  immer  niedriger  stellen;  2.  die  Bemerkung,  daß  es  keine
Form  menschlicher  Tätigkeit  gibt,  die  über  dem,  daß  sie
„Reichtümer“  produziert,  nicht  auch  Elend  erzeugte 1 ).
Die  Arbeit  Funck-Brentanos  hätte  nur  gewinnen  können,
wenn  sie  weniger  überhastet  und  besser  durchdacht  worden
wäre;  die  treffenden  Gesichtspunkte,  die  sie  enthält,  bedürften
soliderer,  gründlicherer  Beweise;  das  Gesetz  der  Koordination
der  Bedürfnisse  als  Verteilungsnorm  ist  speziös,  ungenügend,
dazu  schwer  verständlich;  das  mangelnde  Gleichgewicht  des
Ganzen  kann  z.  T.  damit  entschuldigt  werden,  daß  es  eben  nur
ein  Fragment,  und  zwar  ein  essayartiges,  ist.
René  Worms,  maître  des  requêtes  am  Staatsrat  in  Paris,
ist  der  Begründer  und  Generalsekretär  des  Institut  international
de  Sociologie  (1893),  sowie  der  Société  de  Sociologie  de  Paris  (  1895)  ;
er  ist  ferner  Herausgeber  der  Heme  internationale  de  Sociologie,
die  ebenfalls  von  ihm  ins  Leben  gerufen  wurde  (1893).  Er  hat  den
Methodenfragen  in  seinen  Werken  einen  breiten  Raum  gegeben 2 ).
Jede  wissenschaftliche  Methode,  schreibt  er 3 ),  hat  fünf
Glieder:  Beobachtung,  Experimentierung,  Klassifizierung,  Induktion, ­
  Deduktion.  Natürlich  wechselt  die  Art  der  Verwendung
dieser  verschiedenen  Verfahren  mit  dem  Gegenstand,  den  es
zu  erklären  gilt.  Die  Volkswirtschaftslehre  geht  mittelst  Beobachtung ­
  vor  ;  sie  strebt  danach,  sich  zur  Klassifizierung  und
Induktion  emporzuheben,  und  sieht  den  Tag,  wo  sie  ohne  Gefahr ­
  wird  deduktiv  verfahren  können,  nur  in  weiter  Ferne  vor
i)  Der  Kredit  fördert  Produktion  und  Verbrauch,  aber  verursacht  Krisen
und  Zusammenbrüche;  je  nach  der  Richtung,  die  der  Geldumlauf  einschlägt,
bereichert  er  die  Hauptstädte,  während  er  das  Verarmen  der  Provinzen  veranlaßt. ­
  ibid.  p.  262  ff.  Viele  andere  Äußerungen  dieses  Pessimismus  passim
durch  das  Ganze.
a )  Sein  Hauptwerk  „Philosophie  des  Sciences  sociales“,  3  Bde.,  Paris
1903—1907  ist  z.  B.  in  der  Hauptsache  eine  in  allgemein  verständlicher  Sprache
abgefaßte  Auseinandersetzung  über  Methodenfragen.
*)  René  Worms,  La  Science  et  l’Art  en  Economie  politique,  Paris  1896
(Dissertation),  p.  79  ff.,  119  ff.
        <pb n="500" />
        Überblick

479

sich.  Die  Methode  der  volkswirtschaftlichen  Kunstlehre  ist  und
war  immer  deduktiv,  weil  sie  wesentlich  in  der  Anwendung  des
„Syllogismus  des  Handelns“  besteht*).  Die  Methode  der  volkswirtschaftlichen ­
  Praxis  identifiziert  sich  in  ihren  großen  Zügen
mit  jener  der  Kunstlehre,  da  sie  die  durch  den  Syllogismus
gewonnene  allgemeine  Richtschnur  des  Handelns  auf  die  konkreten ­
  und  besondern  Umstände  des  Einzelfalls  anwendet.
Die  Beobachtung  hat  in  der  Volkswirtschaftslehre  vier  Wege  :
in  unsern  Kulturländern  des  Abendlandes  die  Statistik  und  die
Monographie;  für  ferne  Länder  die  Erzählungen  der  Reisenden,
d.  i.  die  Ethnographie;  für  ferne  Zeiten,  die  Erforschung  der  überlieferten ­
  Dokumente,  d.  i.  die  Geschichte i)  2 ).
Das  Verhältnis  der  Nationalökonomie  zur  Soziologie  ist
durch  das  Verhältnis  des  Wirtschaftslebens  zum  Gesellschaftsleben
vorgezeichnet 3 ).  Die  wirtschaftlichen  Erscheinungen  spielen  die
Rolle  der  Ernährungshmküon  im  sozialen  Körper;  darum  gehört
die  Volkswirtschaftslehre  an  die  Basis  aller  Sozialwissenschaften.
Sie  hat  übrigens  auch  historisch  die  erste  Grundlage  der  Soziologie
geschaffen,  denn  von  ihr  kommt  die  Idee  der  wirtschaftlichen
Naturgesetze.  Sie  hat  sogar  der  Soziologie  einige  konkrete
Naturgesetze  geliefert,  welche  nicht  nur  für  das  Gebiet  des
Wirtschaftslebens,  sondern  als  für  das  gesamte  soziale  Gebiet
zutreffend  erkannt  wurden.  Das  wirtschaftliche  Gesetz  der
Arbeitsteilung  z.  B.  gilt  für  das  organische  Leben,  wie  für  sämtliche ­
  Zweige  des  gesellschaftlichen  Lebens.  Es  ist  darum  zu
einem  Fundamentalprinzip  der  Soziologie  geworden.
Da  ferner  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen  die  Grundlagen ­
  aller  andern  gesellschaftlichen  Erscheinungen  sind,  wie
im  Individuum  die  Ernährungsfunktion  Voraussetzung  aller  andern

i)  Der  „Syllogismus  des  Handelns“,  den  wir  unten  bet  der  Besprechung
von  Gabriel  Tarde  noch  näher  werden  kennen  lernen,  besteht  aus  folgendem:
der  Obersatz  wird  gewonnen,  indem  man  die  zu  befriedigenden  Bedürfnisse  feststellt; ­
  der  Obersatz  ist  also  ein  Optativ.  Der  Untersatz  wird  gewonnen  durch
Entdeckung  der  Mittel,  die  zur  Befriedigung  der  vorhandenen  Bedürfnisse  geeignet ­
  sind.  Er  ist  ein  Indikativ.  Der  Schlußsatz  ist  ein  Imperativ,  eine  Regel
des  Handelns.  René  Worms,  loc.  cit.  p.  94.
*)  ibid.  p.  125.
3 )  ibid.  p.  118  und  René  Worms,  La  Sociologie  et  l'Economie  politique,
Separatabdruck  aus  Revue  internationale  de  Sociologie,  Juni  1894,  p.  1  ff.
        <pb n="501" />
        480

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

ist,  so  ist  die  Feststellung  wirtschaftlicher  Tatsachen  von  großem
Wert  für  die  Soziologie,  wie  ja  auch  die  Wirtschaftsverfassung
eines  Volkes  dessen  ganzem  gesellschaftlichen  Leben  ihr  Gepräge ­
  gibt.  Wenn  bei  wirtschaftlichen  Tatsachen,  die  beobachtet
wurden,  noch  keine  Gesetzmäßigkeiten  festgestellt  sind,  so  kann
eventuell  der  Soziologe,  dem  sich  deren  Rückwirkung  auf  andere
gesellschaftliche  Gebiete  erschließt,  die  Gesetze  des  Ineinandergreifens ­
  und  der  Evolution  jener  Tatsachen  erkennen,  und  so
seinerseits  zum  Ausbau  der  Nationalökonomie  beitragen.
Worms  glaubt,  daß  die  Soziologie  in  doppelter  Weise  der
Volkswirtschaftslehre  Dienste  zu  leisten  vermag:  1.  Der  soziologische ­
  Geist  kann  auf  die  Forschungsmethode  der  Wirtschaftswissenschaft ­
  vervollkommnend  wirken  ;  2.  die  von  der  Soziologie
untersuchten  Tatsachen  können  manche  wirtschaftlichen  Tatsachen ­
  in  neuem  Lichte  zeigen.
ad.  1.  Die  Nationalökonomie  beschränkt  sich  bisher  vielleicht ­
  etwas  zu  sehr  auf  das  Studium  der  Tatsachen,  die  sich
im  Schoße  der  großen  modernen  Völker  abspielen.  Der  soziologische ­
  Geist  vermag  sie  dazu  zu  bringen,  sich  für  die  wirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  aller  Klassen  und  aller  Zeiten  zu
interessieren,  und  das  Verständnis  in  ihr  zu  erwecken  dafür,
daß  es  noch  andere  als  die  heutigen  Formen  der  Produktion,
des  Umlaufs  der  Güter  usw.  gibt.
ad.  2.  Die  ethischen,  religiösen,  politischen  und  andern
Funktionen  eines  sozialen  Körpers  gehen  zwar  in  gewissem
Sinne  aus  der  wirtschaftlichen  (Ernährungs)funktion  hervor;
wenn  sie  aber  einmal  da  sind,  gewinnen  sie  eine  eigene  Existenz
und  üben  Rückwirkungen  auf  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen
aus.  Die  ethischen  Anschauungen  eines  Volkes  haben  z.  B.
eine  große  Wirkung  auf  dessen  Verbrauch;  die  Gesetzgebung
wirkt  auf  die  Produktion  ein,  die  politische  Verfassung  auf  die
Güter  Verteilung.  Da  also  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen
der  Einwirkung  zahlreicher  Ursachen  anderer  Ordnung  unterliegen, ­
  so  können  sie  vollständig  nur  erklärt  werden,  nachdem
auch  alle  andern  Arten  von  gesellschaftlichen  Tatsachen  untersucht ­
  wurden.
Die  Soziologie  vermag  auch  auf  die  wirtschaftliche  Kunstlehre ­
  befruchtend  zu  wirken.  Indem  sie  die  zeitliche  und  örtliche ­
  Bedingtheit  und  Verschiedenheit  der  wirtschaftlichen
        <pb n="502" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  481

Erscheinungen  vor  Augen  führt,  zeigt  sie  auch,  daß  die  wirtschaftspolitischen ­
  Maßnahmen  zeitlich  und  örtlich  verschieden
gestaltet  werden  müssen.  Weiter  zeigt  sie,  daß,  da  die  verschiedenen ­
  gesellschaftlichen  Erscheinungsgebiete  untereinander
in  Wechselwirkung  stehen,  jeder  gesetzgeberische  Eingriff  in
eines  derselben  auf  alle  andern  rückwirkt  ;  daß  man  also,  bevor
man  eine  Reform  auf  einem  Gebiete  macht,  mit  der  größten
Sorgfalt  untersuchen  soll,  welche  Folgen  sie  auf  den  verschiedenen
andern  Gebieten  haben  kann  *).
Das  Obige  genügt,  um  einen  Einblick  in  die  Anschauungen
Worms’  über  die  Nationalökonomie  und  ihr  Verhältnis  zur
Soziologie  zu  gewinnen.  Wir  wollen  ihn  jedoch  nicht  verlassen,
ohne  die  wohltuende  Klarheit  der  Darstellung,  die  alle  seine
Schriften,  trotz  der  Abstraktheit  der  behandelten  Themata
auszeichnet,  hervorzuheben.
Es  bleiben  nunmehr  noch  zwei  soziologische  Richtungen,
die  beide  für  die  Nationalökonomie  von  größerer  Bedeutung
sind,  und  die  wir  darum  im  folgenden  etwas  eingehender  betrachten ­
  wollen.

2.  Kapitel.
Die  „interpsychologische"  Grundlegung  der  Nationalökonomie:
Gabriel  Tarde.
Gabriel  Tarde,  weiland  Professor  am  Collège  de  France
(gest.  1904),  hat  eine  völlige  Umgestaltung  der  Volkswirtschaftslehre ­
  auf  psychologischer  Grundlage  durchgeführt,  und  die
Wissenschaft  mit  einer  Unmenge  von  feinsinnigen  und  überraschenden ­
  Anregungen  und  Ausblicken  bereichert 1  2 ).
Tarde  sucht  den  Grund  des  Lebens  und  der  Entwicklung
der  Gesellschaften  in  der  Geistestätigkeit  der  Individuen.  Sein

1)  R.  Worms,  La  Sociologie  et  l’Economie  politique,  p.  8  ff.
2 )  Von  den  zahlreichen  Schriften  Gabriel  Tardes  kommen  hier  in  Betracht:
Les  lois  de  l’Imitation,  Paris  1890,  seither  mehrere  Auflagen.  —  L’Opposition
universelle,  Essai  d’une  théorie  des  Contraires,  Paris  1897.  —  La  Logique  sociale,
Paris  1898,  davon  mehrere  Auflagen.  —  Les  Lois  sociales,  Esquisse  d’une
Sociologie,  Paris  1898,  bisher  3  Auflagen.  —  Psychologie  économique,  2  Bände,
Paris  1902.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

31
        <pb n="503" />
        482

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Ausgangspunkt  ist  jedoch  nicht  ein  individual-,  sondern  ein
inter  psychologisch  er.  Unter  „Interpsychologie“  versteht  er  „die
Erforschung  der  Erscheinungen  des  durch  ein  anderes  Ich
beeinflußten  Ichs 1 )“.  Jede  Beeinflussung  eines  Ichs  durch  ein
anderes  Ich  erzeugt  ein  soziales  Band.  Es  gibt  davon  zwei
Gattungen  oder  besser  Grade:  1.  Das  stärkere  Band,  das  aus
der  geistigen  Ähnlichkeit,  die  durch  die  Einwirkung  eines  Ichs
auf  ein  anderes  erzeugt  ward,  entsteht.  Diese  Einwirkung  ist
erst  einseitig  und  strebt  danach  gegenseitig  zu  werden.  Beispiele ­
  derselben  sind  das  Band,  das  Eltern  und  Kinder,  Lehrer
und  Schüler,  überhaupt  alle  Menschen,  die  gewohnt  sind,
zusammen  zu  leben,  zu  arbeiten,  mit  einander  verbindet.
2.  Das  schwächere  Band,  das  bei  nicht  auf  einander  einwirkenden ­
  Subjekten  aus  der  Ähnlichkeit  hervorgeht,  die  in
jedem  von  ihnen  durch  die  Einwirkung  eines  dritten  Subjektes
erzeugt  wurde.  Diese  Kategorie  umfaßt  die  Mehrheit  der  Leute,
die  demselben  sozialen  Milieu  angehören.  Ohne  sich  zu  kennen,
sind  sie  durch  zahllose  unsichtbare  Fäden  miteinander  verbunden, ­
  durch  jene  Denk-,  Rede-,  Fühl-,  Handlungsweisen,  die
ihnen  gemeinsam  sind,  weil  sie  von  denselben  Erfindern  herrühren. ­

Es  ist  nun  eine  allgemein  beobachtete  Tatsache,  daß  in
jeder  „interpsychologischen“  Gemeinschaft  eine  von  einem  Einzelnen ­
  entdeckte  neue  Idee  oder  Handlung,  die  den  Eindruck
höherer  Wahrheit  oder  Nützlichkeit  macht,  die  Tendenz  hat,
sich  andern  Personen  mitzuteilen;  diese  werden  sie  ihrerseits
wiederum  weiter  verbreiten.  Damit  sind  die  beiden  Grundtatsachen ­
  des  sozialen  Lebens  gegeben  :  Erfindung  und  Nachahmung. ­
  Wie  aber  das  soziale  Leben  nur  eine  Kategorie  des
universellen  Lebens,  der  universellen  Harmonie,  welche  die  gesamte
Erscheinungswelt  umfaßt,  darstellt,  so  sind  auch  die  Erfindung
und  die  Nachahmung  nur  Arten  der  großen  Gattungen  Anpassung ­
  und  Wiederholung 2 ).
Die  Harmonien,  die  sich  wiederholen,  können  sich  manchmal ­
  ausnahmsweise  durch  ihre  bloße  Begegnung  miteinander  in
Einklang  setzen  und  so  eine  höhere  Anpassung  bilden.  Meistens

')  G.  Tarde,  Psychologie  économique,  Bd.  I,  p.  112.
2 )  Tarde,  ibid.  p.  4  ff.
        <pb n="504" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  488

jedoch  stellen  sie  sich  in  irgend  einer  Beziehung  einander  gegenüber, ­
  und  bereiten  durch  gegenseitige  Verletzungen  das  Terrain
für  höhere  Harmonisierungen  vor.  Überall  in  der  sozialen,
organischen  und  leblosen  Welt  sehen  wir  Dinge,  die  gegen
andere  in  Kampf  treten,  wenn  sie  sich  vervielfältigen.  Daher
die  Kategorie  der  Opposition  oder  Gegensätzlichkeit,  die  als  gleichwertige, ­
  wenn  auch  weniger  allgemeine  Form  der  universellen
Harmonie  neben  die  Anpassung  und  die  Wiederholung  tritt 1 ).
Jedes  der  drei  großen  Gebiete  der  universellen  Harmonie
besitzt  eigene  Formen  der  Anpassung,  der  Wiederholung  und
der  Gegensätzlichkeit.  Typen  der  leblosen,  der  organischen  und
der  sozialen  Anpassung  sind  die  chemische  Verbindung,  die  Befruchtung ­
  und  die  Erfindung.  Typen  der  Wiederholung  auf  den
drei  Gebieten  sind  die  Wellenbewegung,  die  Zeugung  und  die
Nachahmung.  Typen  der  Gegensätzlichkeit,  die  den  drei  Sphären
der  Wirklichkeit  eignen,  sind  :  der  Stoß,  der  Mord  und  der  Krieg.
Zwei  große  Gesetze  sind  den  drei  Formen  der  Anpassung,
der  Wiederholung  und  der  Gegensätzlichkeit  gemeinsam  :  das
Gesetz  der  graduellen  Amplifikation  und  das  Gesetz  der  Irreversibilität. ­
  Ersteres  besagt  die  Tendenz  einer  jeden  Form  der  Bewegung ­
  oder  des  Lebens  zu  unbegrenzter  Vervielfältigung;
letzteres  die  Unmöglichkeit,  dieAufeinanderfolge  der  Erscheinungen
umzuschalten.  Die  Zeugung  kann  nicht  der  Befruchtung  vorhergehen, ­
  und  eine  Erfindung  setzt  tausend  andere  voraus  2 ).
Die  drei  Erscheinungsformen  der  Wiederholung,  des  Gegensatzes ­
  und  der  Anpassung  sind  Bestandteile  der  einen  großen
Erscheinung  der  Evolution.  Der  Begriff  der  Evolution  ist  aber
ein  verschwommener;  er  klärt  sich  erst,  wenn  man  ihn  in  die
besagten  Bestandteile  auflöst 3 ).
Wenden  wir  jetzt  unsere  Aufmerksamkeit  wieder  spezieller
dem  sozialen  Gebiete  zu.  Was  uns  hier  zunächst  in  die
Augen  fällt,  ist  der  Umstand,  daß  sich  eine  Teildisziplin,  die
Nationalökonomie,  einen  ihr  keineswegs  gebührenden  Vorrang
angemaßt  hat.  Sie  hat  den  KWbegriff,  welcher  der  gesamten
Sozial  Wissenschaft  angehört,  monopolisieren  wollen.  „Der  Wert,“
definiert  Tarde,  „ist  ein  e  Qualität,  die  wir  den  Dingen  beilegen,

*)  ibid.  p.  32  ff.
2 )  ibid.  p.  33  ff.
3 )  ibid.  p.  106.
        <pb n="505" />
        484  Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

wie  die  Farbe,  die  aber  in  Wirklichkeit,  wie  die  Farbe,  nur  in
uns  existiert.  Er  besteht  in  der  Übereinstimmung  der  kollektiven ­
  Urteile,  die  wir  über  die  Geeignetheit  der  Dinge  fällen,
mehr  oder  weniger  und  durch  eine  größere  oder  geringere  Zahl
von  Personen  geglaubt,  begehrt  oder  gekostet  zu  werden.  Diese
Qualität  ist  von  der  besonderen  Art  jener  Qualitäten,  die  die  Bezeichnung ­
  Quantitäten  verdienen,  weil  sie  geeignet  scheinen,  zahlreiche ­
  Grade  aufzuweisen,  ohne  ihr  Wesen  zu  ändern“  Q.  Der
Wert  zerfällt  in  drei  große  Kategorien,  den  Wahrheitswert,  den
Brauchbarkeitswert  und  den  Schönheitswert.  Das  Mehr  oder  Weniger
an  Wahrheit  einer  Idee  hängt  ab  von  der  großem  oder  geringern
Zahl  von  Personen,  die  die  Idee  annehmen,  von  der  großem
oder  geringem  anerkannten  Kompetenz  und  Achtung,  derer  sie
sich  erfreuen,  und  von  der  großem  oder  geringem  Intensität
ihres  Fürwahrhaltens.  Das  Mehr  oder  Weniger  an  Brauchbarkeit ­
  eines  Produktes  oder  Gutes  hängt  ab  von  der  großem  oder
geringem  Zahl  von  Personen,  die  es  begehren,  von  dem  Mehr
oder  Weniger  an  Macht  oder  Recht,  die  oder  das  sie  haben,
und  von  der  großem  oder  geringem  Intensität  ihres  Begehrens.
Das  Mehr  oder  Weniger  eines  Meisterwerkes  der  Natur  oder  der
Kunst  an  Schönheit  hängt  ab  von  der  großem  oder  geringern
Zahl  von  Personen,  die  daran  Gefallen  finden,  von  dem  großem
oder  geringem  Geschmack  derselben  und  von  der  großem  oder
geringem  Intensität  ihres  ästhetischen  Genusses 2 ).
Ausgehend  von  dieser  Werttheorie 3 )  teilt  Tarde  die  Sozialwissenschaften ­
  ein  in:  1.  die  sich  mit  den  Wahrheitswerten  befassenden ­
  Wissenschaften:  Sprachwissenschaft,  vergleichende
Religionswissenschaft,  auch  die  Naturwissenschaften;  2.  die
Wissenschaften,  welche  die  Dinge  unter  dem  Gesichtspunkt  der
Brauchbarkeit  für  menschliche  Zwecke  betrachten  :  Politik,
Rechtswissenschaft,  Ethik,  Nationalökonomie;  3.  die  Theorie  der
Schönheit,  d.  h.  die  Lehre  von  den  schönen  Künsten  und  von
der  Literatur.  Jeder  dieser  drei  Zweige  der  Sozial  Wissenschaften
kann  von  den  Gesichtspunkten  der  Wiederholung,  der  Gegensätzlichkeit ­
  und  der  Anpassung  aus  betrachtet  werden.  Ferner
')  Ibid.  p.  63.
2 )  Ibid.  p.  63—64.
3 )  Wir  werden  weiter  unten  die  spezifisch  volkswirtschaftliche  Werttheorie
Tardes  kennen  lernen.
        <pb n="506" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  485

haben  alle  erwähnten  Teilgebiete  quantitativen  Charakter.  Es
gibt  keinen  Menschen  und  kein  Volk,  der  oder  das  nicht  eine
quantitative  Mehrung  an  wirtschaftlichen  Gütern,  an  Ruhm,  an
Wahrheit,  an  Macht  oder  an  künstlerischer  Vollkommenheit  angestrebt ­
  hätte.  Von  allen  diesen  Quantitäten  ist  aber  bisher
nur  eine,  die  der  wirtschaftlichen  Güter,  als  solche  betrachtet
worden x ).
Zu  der  Volkswirtschaftslehre  übergehend  wirft  ihr  Tarde
des  weiteren  vor,  ihre  Grundbegriffe  andern  Wissenschaften  entlehnt ­
  zu  haben,  und  sucht  dies  im  einzelnen  darzutun  2 )  ;  dann
polemisiert  er  gegen  die  in  der  klassischen  Schule  traditionelle
Einteilung  des  volkswirtschaftlichen  Wissensstoffes  in  Produktion, ­
  Umlauf,  Verteilung  und  Verbrauch  der  Güter  und  ersetzt
dieselbe  durch  das  Schema:  Wiederholung,  Gegensätzlichkeit
und  Anpassung.
Der  Begriff  der  Produktion,  meint  Tarde,  kennzeichnet
das,  was  er  besagen  will,  nur  sehr  unvollkommen.  Denn  erstens
handelt  es  sich  nicht  um  eine  Erzeugung  wirtschaftlicher  Güter,
sondern  um  eine  Wiedererzeugung,  einen  Wiederholungs-,  Nachahmungsprozeß. ­
  Der  Begriff  „Erzeugung“  oder  „Produktion“
bezeichnet  dagegen  einen  Erfindungsprozeß.  Zweitens  kommen
im  Produktionsbegriff  die  persönlichen  Faktoren,  die  Erzeuger
wirtschaftlicher  Güter,  ihre  Rolle  und  ihre  Beziehungen  zu
einander  beim  Produktionsprozeß,  nicht  genügend  zum  Ausdruck. ­
  Die  Unterscheidung  der  Kategorie  Güterverbrauch  ist  unberechtigt; ­
  denn  der  Güter  ver  brauch  ist  von  der  Produktion
unzertrennlich.  Er  besagt  ein  individuelles  Genießen,  das  nur
insofern  einen  sozialen  Charakter  annimmt,  als  es  direkt  oder
indirekt  die  Wiedererzeugung  der  verbrauchten  Artikel  veranlaßt. ­
  Der  Güterumlauf  oder  Verkehr  ist  kein  selbständiger,  volkswirtschaftlicher ­
  Vorgang;  er  ist  nichts  als  eine  Folge  und  eine
Seite  der  Arbeitsteilung,  d.  h.  der  Wiedererzeugung  der  Güter.
Güterverteilung  endlich  ist  ein  zweideutiger  Begriff  :  versteht  man
darunter  die  Ausbreitung  der  Güter  über  den  Erdball,  so  ist  die
Verteilung  eine  Erscheinung  der  Wiedererzeugung;  versteht  man
aber  darunter  den  Tausch,  „die  Aneignung  der  Güter  und  die

0  Tarde,  loe.  cit.  p.  66  ff.
s )  ibid.  p.  68  ff.
        <pb n="507" />
        486

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

freie  oder  erzwungene  Gemeinschaft,  die  unter  der  Herrschaft
der  obwaltenden  Umstände  oder  der  auferlegten  Rechtsregeln
zwischen  den  Tauschenden  entsteht“,  so  handelt  es  sich  um
eine  Anpassungserscheinung  *).
Den  niedergerissenen  Bau  der  Nationalökonomie  baut
Tarde  wie  folgt  wieder  auf:  Alle  volkswirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  sind  solche  der  Wiederholung,  der  Gegensätzlichkeit ­
  und  der  Anpassung.
Die  Kategorie  der  volkswirtschaftlichen  Wiederholung
umfaßt  die  Wiedererzeugung  der  Güter  und  deren  Ursachen.
Diese  Ursachen  sind  zweierlei  Art:  1.  die  Wiedererzeugung  der
Bedürfnisse,  2.  die  Wiedererzeugung  der  Arbeitsverrichtungen,
deren  Produkt  die  Güter  sind.  Demgemäß  gehören  hieher  die
Lehre  von  den  Bedürfnissen  und  die  Lehre  von  der  Arbeit.  Die
große  Bedeutung  von  Geld  und  Kapital  für  die  Wiedererzeugung
der  Güter  läßt  es  angemessen  erscheinen,  die  Lehre  vom  Gelde
und  die  vom  Kapital  der  Erörterung  der  volkswirtschaftlichen
Wiederholungserscheinungen  anzugliedern 2 ).
Die  volkswirtschaftlichen  Gegensätze  sind  innere  oder
äußere.  Die  ersten  sind  Kämpfe  von  Begehren  und  Anschauungen, ­
  die  sich  in  der  Seele  des  Individuums  abspielen.  Aus
ihnen  gehen  der  Wert  und  die  Preise,  wie  auch  die  äußeren,
wirtschaftlichen  Gegensätze  hervor.  Diese  sind  Konflikte  von
verschiedenen  Urteilen  und  Begehren,  aber  nicht  mehr  in  der
Einzelseele,  sondern  zwischen  Individuen  oder  Gruppen  von
Individuen.  Es  sind  die  wirtschaftlichen  Konkurrenzkämpfe,  die,
wenn  sie  akut  werden,  Krisen  heißen.  Die  Krisen  sind  entweder
Arbeiterausstände  und  -aussperrungen,  oder  wirtschaftliche  und
finanzielle  Krisen  im  engern  Sinn.  Endlich  treten  unter  den
volkswirtschaftlichen  Gegensätzen  neben  die  Kämpfe  die  Rhythmen.
Die  Kämpfe  setzen  nämlich  voraus,  daß  die  einander  entgegentretenden ­
  Kräfte  und  Handlungen  gleichzeitig  existieren;  sie
können  aber  auch  auf  einander  folgen,  und  in  diesem  Falle
bildet  deren  Gegensatz  einen  Rhythmus a ).
Die  volkswirtschaftliche  Anpassung  ist  eine  negative  oder
eine  positive.  Die  negative  besteht  in  der  Beseitigung  eines  Gegen-')
  ibid.  p.  97—99.  Vgl.  auch:  Tarde,  La  Logique  sociale,  2.  Ausi.  p.  355  ff.
2 )  ibid.  p.  143  ff.,  p.  150.
3 )  Tarde,  loe.  cit.  Bd.  II,  p.  1  ff.
        <pb n="508" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  487

satzes  und  wird  in  der  Hauptsache  durch  das  Recht,  speziell
das  Privateigentumsrecht  verwirklicht.  Das  Recht  erzeugt  die
negative  Harmonie  oder  Anpassung,  indem  es  das  Feld  der  individuellen ­
  Tätigkeit  umschreibt  und  Schranken,  die  allgemein
als  unantastbar  gelten,  zwischen  den  verschiedenen  Begehrlichkeiten ­
  aufrichtet.  Die  positive  Anpassung  von  Kräften  und  Handlungen, ­
  die  einander  fremd  waren,  geschieht  durch  die  Erfindung.
Die  Erfindung  ist  die  wichtigste,  volkswirtschaftliche  Kategorie
und  das  Prinzip  allen  Kulturfortschritts.  Sie  findet  ihre  Vollendung ­
  in  den  verschiedenen  Formen  und  Graden  der  Gemeinschaft ­
  (Association).  Als  solche  kommen  hauptsächlich  in  Betracht: ­
  1.  die  spontane  Gemeinschaft  zur  Wiedererzeugung  von
Produkten  oder  die  Arbeitsteilung;  2.  die  spontane  Gemeinschaft
der  verschiedenen  Bedürfnisse  oder  der  Tausch;  3.  die  eigentliche, ­
  als  solche  gewollte  Gemeinschaft,  sei  es  der  Produzenten
(Kartelle,  Trusts,  Arbeiterberufs  ver  eine),  sei  es  der  Konsumenten
(Genossenschaften).
Tardes  Einteilungsplan,  den  er  sämtlichen  Sozial  Wissenschaften ­
  zugrunde  gelegt  wissen  will,  zeichnet  sich  durch  Größe
und  Einfachheit  aus.  Für  die  Volkswirtschaftslehre  scheint  er
sich  aber  schon  nicht  zu  eignen.  Das  wenigste  wäre,  daß
wichtige  Gebiete,  wie  die  gesamte  Verteilungslehre,  Rente,  Zins,
Lohn  usw.  einstweilen  sozusagen  keinen  Platz  darin  finden.  Es
würde  jedoch  wohl  keine  Schwierigkeit  bereiten,  die  vom  Meister
vernachlässigten  Gebiete  des  Wirtschaftslebens  in  das  eine  oder
andere  Glied  der  Trilogie:  Wiederholung,  Gegensatz,  Anpassung
unterzubringen.  Erheblicher  ist  schon,  daß  Zusammengehöriges
auseinander  gerissen  wird,  und  andererseits  häufige  Wiederholungen ­
  vorkommen.  So  behandelt  Tarde  das  Geld  unter
der  Kategorie  :  Wiederholungen,  die  Preistheorie  bei  der  Lehre
von  den  Gegensätzen,  den  Tausch  als  Anpassungserscheinung.
Die  Theorie  vom  wirtschaftlichen  Werte  wird,  so  weit  sie  überhaupt ­
  zur  Berücksichtigung  kommt,  teils  mit  der  Preistheorie,
teils  mit  der  Lehre  von  den  Erfindungen  verknüpft.  Von  diesen
spricht  Tarde  ausführlicher  im  ersten  Teile  unter  Bedürfnissen,
unter  Arbeit  und  unter  Kapital,  dann  wieder  im  dritten  Teile
bei  den  Anpassungserscheinungen.  Auch  vom  Geld  handelt  er
an  mehreren  Stellen.  Ein  anderer  Mangel  des  Tardeschen  Einteilungsplanes ­
  äußert  sich  in  dem  losen  Zusammenhang  zwischen
        <pb n="509" />
        488

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

den  einzelnen  Materien,  die  in  jedes  der  drei  Glieder  seiner
Trilogie  eingereiht  wurden.  Man  kann  sich  des  Eindrucks  manchmal ­
  nicht  erwehren,  daß  die  einzelnen  Fragen  dorthin,  wo  sie
untergebracht  sind,  mit  den  Haaren  herbeigezogen  werden
mußten 1 ).  Der  Tardesche  Aufbau  der  Nationalökonomie  ist,  so
wie  er  sich  zurzeit  darbietet,  nicht  festgezimmert.
Uns  will  dünken,  daß  die  Trilogie  Tardes  sich  mindestens
ebenso  fruchtbar  erwiesen  hätte,  wie  sie  es  tut,  während  die
angedeuteten  Mängel  hätten  vermieden  werden  können,  wenn
er  sämtlichen  Teilgebieten  der  Volkswirtschaftslehre  gegenüber
das  Verfahren  eingeschlagen  hätte,  das  er  in  einem  Schlußkapitel ­
  auf  das  Bevölkerungsproblem  anwendet.  Dieses  betrachtet
er  nämlich  nacheinander  unter  den  drei  Gesichtspunkten  der
Wiederholung,  der  Gegensätzlichkeit  und  der  Anpassung.
Um  uns  von  der  Eigenart  der  psychologischen  Fundamentierung ­
  der  Volkswirtschaftslehre  bei  Tarde  und  von  dem
überraschenden  Reichtum  an  Ideen,  der  seine  Werke  füllt,
genügend  Rechenschaft  geben  zu  können,  wird  es  nunmehr
nötig  sein,  einen  kleinen  Rundgang  durch  sein  System  zu
machen.
I.  Die  volkswirtschaftliche  Wiederholung.  Hieher  rechnet
Tarde,  wie  wir  oben  sahen:  die  Bedürfnisse,  die  Arbeit,  das
Geld  und  das  Kapital.
Die  Bedürfnisse  definiert  er  als  eine  Verbindung  von  Begehren ­
  und  Anschauungen.  Das  Bedürfnis  nach  einem  Gute
besteht  darin,  daß  wir  die  Befreiung  von  einem  Übel  oder  den
Erwerb  eines  Vorteils  begehren,  und  daß  wir  jenes  Gut  für  geeignet ­
  halten,  uns  zu  diesem  Ziele  zu  führen.  Die  Begehren
lassen  periodisch  aus,  die  Anschauungen  sind  kontinuierlich,
wenn  auch  nicht  immer  bewußt 2 ).  Ein  jeder  von  uns  dreht
beständig  in  einem  großem  oder  kleineren  Kreise  von  periodischen ­
  Begehren  herum,  dessen  Umlaufszeiten  regelmäßige  oder
unregelmäßige  sind.  Er  gerät  dabei  jeden  Augenblick  auf  den
Weg  irgend  einer  Laune  oder  Leidenschaft,  die  stets  als  Ge-1)
  Wenn  z.  B.  von  den  Banken  und  Börsen  im  Kapitel:  Gemeinschaften
des  dritten  Teiles  die  Bede  geht,  weil  sie  „Gemeinschaften  (associations)  sind,
.  .  .  .  welche  die  Anpassung  des  Geldes  an  seine  Funktion  als  Tauschmittel  bewirken“. ­
  ibid.  p.  221  ff.,  p.  411—412.
2 )  Tarde,  loe.  cit.  Bd.  I,  p.  210—211.
        <pb n="510" />
        Die  „interpsychologische  "  Grundlegung  der  Nationalökonomie  489

wohnheit  in  den  Kreis  der  eingeketteten  Begehren  sich  einzugliedern ­
  strebt.  Jedes  Bedürfnis  nimmt  seinen  Anfang  mit
irgend  einer  Erfindung,  denn  nur  durch  eine  solche  entsteht  das
Begehren  nach  dem  betreffenden  Ding.  Die  Verbreitung  eines
jeden  Begehrens  geschieht  durch  Nachahmung 1  * ).
Die  Leichtigkeit  und  Promptheit,  mit  denen  sich  die  verschiedenen ­
  Ordnungen  von  Begehren  ausbreiten,  ist  sehr  ungleich. ­
  Es  gibt  Begehren,  die  in  dem  Maße  stärker  und  intensiver ­
  werden,  in  dem  sie  sich  durch  Gewohnheit  oder  Umsichgreifen ­
  verbreiten.  Die  passiven,  d.  s.  die  Verbrauchsbegehren
haben  im  allgemeinen  eine  geringere  Tendenz  bei  ihrer  Verbreitung ­
  intensiver  zu  werden,  als  die  ihnen  entsprechenden
aktiven  oder  Produktionsbegehren.  Das  Begehren,  Musik  zu
machen,  wächst  rascher  als  das,  solche  zu  hören.  Es  liegt  also
in  der  Natur  der  Dinge,  daß  die  produktive  Tätigkeit  in  jeder
Ordnung  rascher  fortzuschreiten  sucht,  als  die  entsprechende
Verbrauchsbegierde,  und  daher  hie  und  da  gezwungen  ist
anzuhalten,  um  diese  zu  erwarten.  Daher  die  Häufigkeit  der
Krisen a ).
Jedem  Begehren  geht  ein  Empfinden  oder  ein  Urteil  voraus, ­
  welche  dahin  gehen,  daß  ein  gewisses  Ding  möglich  und
begehrenswert  ist.  Diesem  Empfinden  oder  Urteil  folgt  das  Begehren; ­
  beide  zusammen  machen  ein  Bedürfnis  aus.  Der  Volkswirt ­
  darf  der  Einwirkung  dieser  Urteile  oder  Anschauungen  auf
die  Begehren,  der  Macht,  die  sie  haben,  Verbrauchs-  oder  Produktionsbegehren ­
  in  den  Herzen  der  Menschen  zu  wecken,  seine
Aufmerksamkeit  nicht  versagen.  Die  Begehren  wirken  hinwiederum ­
  auch  auf  die  Anschauungen  ein.  Das  Begehren  nach
Zeitungslektüre  erzeugt  z.  B.  die  Anschauung,  daß  eine  unbegrenzte ­
  Preßfreiheit  unschädlich  ist.  Endlich  verbinden  sich
Begehren  und  Anschauungen  als  Ober-  und  Untersatz  eines
Syllogismus,  dessen  Schlußfolgerung  der  Ausdruck  einer  Pflicht
zum  Handeln,  eines  Wollens  oder  direkt  eine  Handlung  ist.
Das  ganze  Handeln  des  Menschen  geht  ans  solchen,  meist  unbewußten ­
  Syllogismen  hervor 3 ).

1)  ibid.  p.  162  ff.
2 )  ibid.  p.  173.
3 )  ibid.  p.  185.
        <pb n="511" />
        490

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Die  Ideen,  die  Anschauungen  breiten  sich  viel  rascher  aus,
als  die  Begehren  und  Bedürfnisse.  Jeder  Umwälzung  der  Gewohnheiten ­
  und  Sitten  geht  darum  eine  Umwälzung  der  Anschauungen ­
  voraus.  Es  ist  ein  Glück,  daß  dem  so  ist,  daß  der
Mensch  sich  Gedanken  leichter  aneignet,  als  Begehren.  Denn
durch  die  Ähnlichkeit  ihrer  Gegenstände  bringen  unsere  Begehren ­
  uns  in  Gegensatz  und  Kampfstellung  unsern  Mitmenschen
gegenüber;  die  Ähnlichkeit  der  Gedanken  dagegen  ist  eine  der
mächtigsten  Ursachen  von  Harmonie  unter  den  Menschen 1 ).
Die  wichtigsten  Faktoren  der  Verbreitung  der  Anschauungen ­
  sind  die  Presse,  die  Reklame  und  die  Konversationen.
Letztere  insbesondere  darf  der  Volkswirt  nicht  außer  acht  lassen.
Es  gibt  keine  wirtschaftliche  Beziehung,  die  ohne  Austausch
von  gesprochenem  oder  geschriebenem  Wort  zwischen  Menschen
sich  entwickelte.  „Wenn  auch  nur  acht  Tage  lang  die  Konversationen ­
  in  Paris  verstummten,  so  würde  das  Wirtschaftsleben ­
  ins  Stocken  geraten.  Es  gibt  keinen  mächtigern  Wegweiser ­
  des  Konsums  und  folglich  keinen  mächtigern,  wenn  auch
indirekten  Produktionsfaktor,  als  das  Plaudern  der  Individuen
in  ihren  Mußestunden 2 ).“
Die  Ausbreitung  der  Verbrauchsbedürfnisse  geht  auf  zwei
verschiedenen  Wegen  vor  sich  :  von  oben  nach  unten  und  von
außen  nach  innen  ;  d.  h.  daß  erstens  innerhalb  einer  nationalen
Gemeinschaft  die  Verbrauchsbedürfnisse  immer  von  den  hohem
zu  den  niedern  Klassen,  von  den  großen  Städten  in  die  kleinen
und  von  hier  zum  flachen  Lande  hinabsteigen.  Diese  graduelle
Assimilierung  der  Bedürfnisse  in  den  verschiedenen  Bevölkerungsschichten ­
  ist  einerseits  die  Quelle  vieler  sozialen  Unruhen,  andererseits ­
  bewirkt  sie  aber  auch  eine  Stärkung  der  nationalen
Einheit  und  Eigenart.  Zweitens  streben  die  Verbrauchsbedürfnisse ­
  vornehmlich  mächtiger  Völker  immer  und  überall  sich  den
benachbarten  Völkern  mitzuteilen.  Diese  fremde  Einfuhr  schädigt ­
  immer  die  nationalen  Eigenarten  und  kann  bis  zu  deren
völligem  Untergang  führen.  Andererseits  fördert  sie  aber  den
Handel  und  trägt  zum  Weltfrieden  bei,  da  sie  das  allgemeine
Niveau  der  Kultur  erhöht.

*)  Ibid.  p.  187.
2 )  Ibid.  p.  187  ff.,  p.  195.
        <pb n="512" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  491

Die  Ursachen  dieser  beiden  Arten  von  Ausbreitung  der
Verbrauchsbedürfnisse  sind  so  verschieden  wie  ihre  Wirkungen.
Die  Bedürfnisse  der  hohem  Klassen  werden  von  den  niedern
aus  Snobismus,  oder  aus  dem  aufkommenden  Empfinden  des
Rechtes  auf  Gleichheit  nachgeahmt;  die  Bedürfnisse  des  Auslandes ­
  verdanken  der  Neuerungssucht  der  Einheimischen  ihr
Umsichgreifen.  Der  Hang,  die  obern  Klassen  oder  das  Ausland
nachzuahmen,  ist  eine  Kraft,  die  lange  im  latenten  Zustand
vorhanden  ist,  bevor  sie  sich  durch  Handlungen  äußert.  Das
erklärt,  warum  eine  technische  Verbesserung,  die  den  Preis
einer  Ware  vermindert,  genügt,  um  dieser,  die  bis  dahin  einem
engen  Kreise  von  Reichen  vorbehalten  war  und  scheinbar  nicht
von  andern  Klassen  begehrt  wurde,  eine  überaus  rasche  Verbreitung ­
  in  neuen  Schichten  der  Bevölkerung  zu  sichern.  Bisher
pflegten  die  Nationalökonomen  jeden  Augenblick  diese  Verbreitung ­
  der  latenten  Begehren  oder  virtuellen  Bedürfnisse  unbewußt ­
  vorauszusetzen x ).
Es  gibt  zwei  Klassen  von  Bedürfnissen,  die  im  Wirtschaftskaufen ­

  und  das  Bedürfnis  zu  kaufen,  d.  h.  das  Angelot  und  die
Nachfrage.  Angebot  und  Nachfrage  bestehen  nur  in  Begehren
und  Anschauungen.  Sie  sind  darum  nicht  objektive  Begriffe,
die  sich  etwa  in  der  Zahl  der  Käufer  und  Verkäufer  auf  dem
Markte,  oder  in  der  Menge  der  angebotenen  Waren  erschöpften,
sondern  haben  einen  wesentlich  subjektiven  Inhalt.  Sie  werden
durch  die  tausend  Grade  des  Vertrauens  oder  Mißtrauens,  welche
die  Anschauungen  erzeugen,  und  durch  die  tausend  Grade  der
Intensität  der  Begehren  bestimmt 2 ).
Die  wirtschaftliche  Arbeit  ist  eine  Ausgabe  menschlicher
Kraft,  mit  dem  Zweck,  ein  wirtschaftliches  Gut  zu  erzeugen.
Vom  Spiel  unterscheidet  sie  sich  dadurch,  daß  dieses  Gut  zur
Befriedigung  eines  von  dem  Begehren,  das  in  Angriff  genommene
Werk  zu  vollbringen,  verschiedenen  eigenen  oder  fremden  Begehrens ­
  dienen  soll 3 ).
Die  sogenannte  Arbeit,  die  ein  Sieg  im  Kriege  kostet,  kann
füglich  der  ebenso  irrtümlich  sogenannten  Arbeit,  die  eine  Er-*)
  Ibid.  p.  202  ff.
2 )  Ibid.  p.  176  ff.
3 )  Ibid.  p.  222.

leben  eine  entscheidende  Rolle  spielen:  das  Bedürfnis  zu  ver-
        <pb n="513" />
        492

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

findung  kostet,  gleichgestellt  werden.  Die  eigentliche  Arbeit
setzt  Sicherheit  der  Produktion  voraus,  aber  die  Wirksamkeit
der  militärischen  Operationen,  wie  die  der  Forschung  des  Gelehrten ­
  oder  Ingenieurs,  welche  ein  Problem  der  Mechanik  zu
lösen  versuchen,  sind  wesentlich  unsicher.  Wenn  im  entscheidenden ­
  Augenblick  auf  dem  Schlachtfeld  ein  richtiger  Blick  des
Generals  den  Sieg  entscheidet,  so  ist  dieser  jenem  Blick,  jener
plötzlichen  Idee  zu  verdanken,  nicht  aber  der  Anhäufung  der
frühern  Anstrengungen.  Und  wenn  unter  tausend  Forschern
einer  durch  eine  plötzliche  Intuition  findet,  was  alle  suchen,  so
ist  das  Verdienst  der  Entdeckung  nicht  den  Arbeiten  des  Finders
und  der  andern,  sondern  jener  Intuition  zuzuschreiben.  „Die
wesentliche  Wirkung  der  Arbeit  ist  nicht  erzeugen,  sondern
wiedererzeugen.“  Die  Arbeit  ist  nur  deshalb  sicher,  ihr  Ziel
zu  erreichen,  weil  sie  eine  Nachahmung  ist,  weil  der  Arbeiter
weiß,  daß  die  von  ihm  aufgewandten  Mittel  und  Verrichtungen
immer  zu  dem  gleichen  Resultate  geführt  haben.
Arbeit  und  Erfindung  sind  also  scharf  zu  trennen.  Im
wirklichen  Leben  pflegen  sie  allerdings  eng  vermischt  zu  sein,
wenn  auch  in  ganz  ungleichen  Dosen.  Die  zu  militärischen
Operationen  und  zur  technischen  Forschung  nötigen  Anstrengungen ­
  sind  insoweit  Arbeit,  als  sie  in  bekannten  Handlungen,
also  in  Nachahmung  bestehen;  die  Erfindung  beginnt,  wo  Anordnung ­
  und  Orientierung  des  Bekannten  neu  werden.  In  der
Arbeit  des  Handwerkers  ist  ein  sehr  großer  Teil  nachahmende
Wiederholung,  und  ein  sehr  kleiner,  der  dem  erstem  als  Würze
dient,  Erfindung.  Andererseits  gibt  es  kein  geniales  Werk,  das
nicht  seinen  Teil  an  Nachahmung  enthielte;  die  Leistungen  der
größten  Künstler  stellen  eine  Mischung  dar  von  dem,  was  ihnen
zu  eigen  gehört,  und  dem,  was  sie  von  ihren  Lehrern  oder  Rivalen ­
  gelernt  haben l ).
Die  Arbeit  unterscheidet  sich  von  der  Erfindung  auch  noch
dadurch,  daß  sie  mühsam  ist,  während  diese  einen  Genuß  darstellt. ­
  Wenn  eine  Arbeit  interessant  ist  oder  Freude  gewährt,
so  liegt  das  daran,  daß  sie  neue  Aufgaben  stellt  und  folglich
zu  Erfindungen  Anlaß  gibt 2 ).

')  Ibid.  p.  223  ff.
2 )  Ibid.  p.  229.
        <pb n="514" />
        Die  „interpsychologische"  Grundlegung  der  Nationalökonomie  493

Die  Wiederholung  einer  Arbeitsverrichtung  verringert  im
allgemeinen  deren  ermüdende  Wirkung,  aber  vermehrt  das  Begehren ­
  nach  der  speziellen  Produktion,  die  durch  sie  vollführt
wird,  sowie  den  Glauben  an  deren  Nützlichkeit.  Die  dauernde
Hingabe  an  dieselbe  Arbeit  hat  demnach  die  Tendenz,  den
Augenblick,  wo  die  Ermüdung  beginnt,  bis  zu  einem  gewissen
Punkte  hinauszuschieben.  Daher  der  Vorteil  der  Spezialisierung  ').
Wenn  wirtschaftliche  Arbeitsprozesse  eine  Zeitlang  wiederholt ­
  und  eine  Anzahl  ähnlicher  Güter  irgend  welcher  Art  erzeugt ­
  wurden,  so  entsteht  das  Bedürfnis  nach  einem  die  Quantität
messenden  Gute,  das  die  Ähnlichkeiten  der  vorhandenen  Güter
synthetisiert:  das  ist  das  Geld.  Das  Geld  ist  das  einzige  allgemein ­
  austauschbare  Gut.  Sein  Charakter  als  objektiver  Wertmesser ­
  ist  aber  mehr  scheinbar  als  wirklich:  denn  die  Geldeigenschaft ­
  der  Edelmetalle  ist  im  Grunde  rein  subjektiv.  Sie
beruht  auf  der  allgemeinen  Anschauung,  dem  universellen
Glauben,  daß  die  Edelmetalle  gegen  irgend  welches  wirtschaftliche ­
  Gut  ausgetauscht  werden  können 2 ).
Das  Kapital  endlich  gehört  in  die  Kategorie  der  wirtschaftlichen ­
  Wiederholung,  weil  das,  was  alle  Definitionen  des  Kapitals ­
  gemein  haben,  ist,  daß  es  zur  Wiedererzeugung  von  Gütern
dient.  Tarde  definiert  das  Kapital  als  den  Teil  früherer  Produkte, ­
  der  notwendig  oder  nützlich  zur  Erzeugung  neuer  Produkte ­
  ist.  Diese  neuen  Produkte  sind  aber  immer  schon  dagewesenen ­
  ähnlich.  Dadurch  unterscheidet  sich  der  Produktionsprozeß ­
  vom  Erfindungsprozeß.  Einen  bedeutsamen  Unterschied
macht  Tarde  zwischen  dem  notwendigen  und  dem  nützlichen
Kapital.  Das  notwendige  Kapital  besteht  ausschließlich  in  der
Gesamtheit  der  vorhandenen  Erfindungen,  der  bekannten  Herstellungsprozesse ­
  und  Kulturmethoden.  Nützliches  Kapital  sind
nebst  den  Rohstoffen  die  infolge  jener  Erfindungen  gewonnenen
Produkte,  die  ihrer  Natur  nach  als  Produktionsmittel  für  neue
Produkte  dienen.
Der  Mensch,  der  außer  dem  intellektuellen  Erbteil  der
Vergangenheit  weder  Samen,  noch  andere  Rohstoffe,  noch  Werkzeuge ­
  hätte,  könnte  zwar  nicht  sofort,  wohl  aber  später,  nach
        <pb n="515" />
        494  Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

deren  Beschaffung,  produzieren.  Wenn  er  dagegen  Samen,  Materialien ­
  und  noch  so  vervollkommnete  Werkzeuge  im  Überfluß
hätte,  die  Herstellungsprozesse  und  Kulturmethoden  aber  nicht
kannte,  so  würde  er  nie  und  nimmer  produzieren  können  *).
Tarde  vergleicht  das  notwendige  Kapital  mit  dem  Keim,
das  nützliche  mit  den  diesen  umgebenden  Kotyledonen  eines
Samenkorns.  „Die  Volkswirte,“  meint  er,  „die  Ersparnisse  und
Anhäufung  früherer  Produkte  ausschließlich  für  Kapital  halten,
gleichen  Botanikern,  die  über  den  Kotyledonen  eines  Samenkorns ­
  dessen  Keim  vergessen  würden 2 ).“
Das  notwendige  Kapital  wird  durch  Genie  und  Findigkeit
vermehrt,  das  nützliche  durch  Arbeit  und  Sparen.  Das  erste
wird  durch  neue  Erfindungen  oder  Bedürfnisverschiebungen
zerstört,  das  zweite  durch  irgend  welche  physische  Katastrophen
oder  kriegerische  Plünderungen.  Das  nützliche  Kapital,  das
„capital-cotylédon“,  folgt  dem  Schicksale  des  notwendigen,  des
„capital-germe“,  nicht  umgekehrt.  Durch  eine  neue  Erfindung
wird  nicht  nur  die  alte  überholt,  sondern  mit  ihr  die  ganze  ihr
angepaßte  maschinelle  Ausrüstung.  Wenn  die  Luftschiffahrt
derart  vervollkommnet  werden  sollte,  daß  sie  alles  zu  transportieren ­
  vermöchte,  so  wären  alle  kostspieligen  Eisenbahnanlagen ­
  totes  Kapital.  Umgekehrt,  wenn  alle  Eisenbahnen  der
Welt  zerstört  würden,  aber  keine  neue  Erfindung  gemacht  würde,
so  würde  die  Kenntnis  des  Lokomotivbaus  ihren  ganzen  Kapitalwert ­
  behalten 3 ).
II.  Die  volkswirtschaftlichen  Gegensätze.  Hierher  gehören  :
die  Preisbildung,  die  Konkurrenz,  die  Krisen  und  die  Rhythmen.
Die  innern  wirtschaftlichen  Gegensätze,  oder  Kämpfe  von
Begehren  und  Anschauungen,  die  sich  in  der  Seele  des  Individuums ­
  abspielen,  haben  die  Preise  als  Ergebnis.  Tarde  betrachtet ­
  die  Preisbildung  hauptsächlich  vom  Standpunkt  des
Verkäufers,  weil  die  tatsächliche  Entwicklung  nach  ihm  dahin
geht,  daß  die  Preise  in  zunehmendem  Maße  vom  Verkäufer  einseitig ­
  festgesetzt  werden.
Den  Fall,  daß  die  Produzenten  einer  Ware  sich  mit  ganz
gleichen  Waffen  bekämpfen  und  wirklich  ganz  frei  miteinander

x )  Ibid.  p.  330  ff.
2 )  Ibid.  p.  336.
n  Ibid.  p.  338.
        <pb n="516" />
        Die  „interpsycliologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  495

konkurrieren,  hält  Tarde  für  äußerst  selten.  Für  ihn  ist  jeder
Verkäufer  fast  immer  irgendwie  Monopolinhaber.  Ein  Verkäufer
nun,  der  alle  Exemplare  einer  in  begrenzter,  augenblicklich  nicht
vermehrbarer  Zahl  bei  ihm  vorhandenen  Ware  so  teuer  als  möglich ­
  zu  verkaufen  sucht,  wird  nach  Tarde  seinen  Preis  nicht
nach  den  Produktionskosten  bestimmen,  sondern  nach  Gesichtspunkten, ­
  zu  denen  vorab  folgende  drei  gehören:  1.  die  größere
oder  geringere  Verbreitung  des  Bedürfnisses,  das  seine  Ware  zu
befriedigen  geeignet  ist;  2.  der  Vermögensstand  der  am  wenigsten ­
  Begüterten  unter  denen,  die  jenes  Bedürfnis  haben,  und  die
nach  Maßgabe  des  vorhandenen  Warenvorrats  noch  als  eventuelle ­
  Käufer  in  Betracht  kommen  ;  3.  die  Intensität  des  schwächsten ­
  Bedürfnisses,  das  noch  durch  die  vorhandene  Warenmenge
befriedigt  werden  kann.  Die  Grenznutzentheorie,  die  Tarde
einer  ziemlich  herben  Kritik  unterwirft,  berücksichtigt  nur  diesen
letzten  Gesichtspunkt  *).
In  zweiter  Linie  stellt  Tarde  die  Idee  vom  gerechten  Preise
als  ein  hochbedeutsames  Moment  der  tatsächlichen  Preisbestimmung ­
  hin.  Er  schreibt:  „Es  ist  von  großer  Wichtigkeit  auf  die
Bildung  der  Idee  vom  gerechten  Preise  acht  zu  haben,  weil  sie
einer  der  wesentlichen  Faktoren  des  tatsächlichen  Preises  ist.
Warum  ist  es  unmöglich  diese  Idee  auszuschalten,  was  man
auch  tue?  Warum  gelingt  es  ebenso  wenig  sie  als  eine  metaphysische ­
  Chimäre  zu  ächten,  als  sie  dem  festgelegten  Preise
gleichzusetzen,  den  im  Grunde  immer  der  Stärkere  dem  Schwachem ­
  auferlegt?  Ist  es  nicht  weil  das  Gefühl  der  Sympathie
des  Menschen  für  den  Menschen  derselben  Quelle  sozialer  Beziehungen ­
  entspringt,  die  die  Menschen  in  Kampfstellung  gegeneinander ­
  bringt?  Wenn  Eigenliebe  und  Stolz  sich  trotzen,  wenn
Tarde,  loe.  eit.  Bd.  II,  p.  22  ff.,  p.  58.
Tarde  bestreitet,  daß  selbst  in  dem  Fall  freiester  Konkurrenz,  den  er
für  eine  seltene  Ausnahme  hält,  der  Preis  der  zum  Verkauf  gelangenden
Waren  durch  die  Produktionskosten  bestimmt  wird.  Dieser  sinkt  vielmehr  bis  zu
dem  Punkte,  wo  der  Gewinn  der  Produzenten  geringer  wird  als  jener,  den  letztere
zu  machen  begehren  und  zu  erlangen  hoffen,  wenn  sie  mittelst  der  aus  dem
sofortigen  Losschlagen  ihrer  Waren  realisierten  Produktionsmittel  neue  Waren
erzeugen.  Es  kann  sein,  daß  sie  —  wie  alljährlich  mehrere  große  Geschäftshäuser ­
  in  Paris,  die  ihre  Warenlager  räumen  wollen  —  Interesse  daran  haben,
den  Preis  ihres  jetzigen  Artikels  sogar  weit  unter  die  Produktionskosten
zu  setzen,  loc.  eit.  p.  29.
        <pb n="517" />
        496

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

die  Interessen  einander  gegenübertreten,  so  findet  doch  andererseits ­
  eine  Annäherung  und  Harmonisierung  der  Gefühle  statt.
Besonders  geschieht  dies  durch  die  Konversation,  durch  die
gegenseitige  Transfusion  der  Seelenzustände.  Daher  jene  konstante ­
  Gewohnheit  sich  untereinander  zu  vergleichen,  sich  geistig
ineinander  zu  spiegeln,  die  bewirkt,  daß  die  Menschen  auf  die
Dauer  von  der  Idee  beherrscht  werden,  daß  die  Vorteile  eines
Geschäftes  zwischen  den  vertragschließenden  Parteien  gleich  zu
teilen  sind.  Diese  Gleichteilung  der  Vorteile  oder  auch  der
Nachteile  ist  ein  höherer  Optativ,  den  die  nachahmende  Sympathie ­
  mit  Notwendigkeit  suggeriert.  Der  selbstischste  Unternehmer ­
  kann  nicht  umhin,  in  dem  Augenblicke,  wo  er  einen
ungerechten  Preis  oder  Lohn  jemandem  auferlegt,  der  ihn  anzunehmen ­
  gezwungen  ist,  an  die  Beurteilung  zu  denken,  die
sein  Handeln  bei  einem  unparteiischen  Dritten  finden  müßte.
Der  Unparteiische  wird  aber  den  Preis  für  gerecht  halten,  wenn
in  seinen  Augen  die  beiden  vertragschließenden  Parteien  bei
dem  Geschäfte  die  Befriedigung  gleich  intensiver,  wenn  auch
unähnlicher  Begehren  finden  .  .  .“  *).
Von  der  Preistheorie  geht  Tarde  über  zu  den  äußern  oder
inter  psychologischen  wirtschaftlichen  Gegensätzen.  Sie  umfassen:
1.  Die  Kämpfe  zwischen  den  Produzenten  untereinander
und  zwar:  a)  zwischen  Produzenten  eines  und  desselben  Betriebes ­
  (zwischen  Arbeitern  und  Arbeitgebern)  ;  b)  zwischen  den
Produzenten  derselben  Produkte  innerhalb  eines  nationalen
Wirtschaftsgebietes;  c)  zwischen  Produzenten  derselben  Produkte,
welche  verschiedenen  Volkswirtschaften  angehören;  d)  zwischen
Produzenten  verschiedener  Produkte.  Letztere  Konkurrenzerscheinung ­
  wird  wenig  beachtet,  besteht  aber  dennoch,  weil
die  verschiedenen  Produkte  sich  um  das  Begehren  der  Konsumenten ­
  streiten,  wie  auch  die  jeweiligen  Anschauungen  über
die  Geeignetheit  gewisser  Produkte  zur  Bedürfnisbefriedigung
Änderungen  unterworfen  sind.
2.  Die  Gegensätze  zwischen  den  Konsumenten.  Solche  entstehen: ­
  a)  wenn  welche  sich  den  ausschließlichen  Genuß  gewisser ­
  (seltener)  Güter  vorbehalten  wollen;  b)  wenn  eine  Volkswirtschaft ­
  sich  den  ausschließlichen  Genuß  gewisser  Güter  sichern

i)  Tarde,  loe.  cit.  Bd.  II,  p.  39—40.
        <pb n="518" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  497

will  (z.  B.  im  Falle  von  Ausfuhrverboten,  staatlicher  Kriegswaffenfabrikation ­
  usw.);  c)  wenn  Interessenkonflikte  in  bezug
auf  gewisse  Güter  entstehen  (z.  B.  werden  Maiskonsumenten  es
nicht  gerne  sehen,  daß  der  Tabakbau  in  einer  Gegend  den  Mais
verdrängt).
3.  Die  Gegensätze,  die  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten ­
  entstehen:  a)  im  Falle  von  Monopolpreisbildungen
durch  Trusts,  Maximumgesetzen  und  staatlichen  Preisfestsetzungen
(Apotheken);  b)  wenn  die  Quantität  oder  die  Qualität  von  vorhandenen ­
  Gütern  mit  den  Bedürfnissen  in  Widerstreit  geraten
(Krisen).
4.  Die  Gegensätze  finanzieller  Natur,  bei  denen  das  Geld
mit  sich  selber  im  Kampfe  ist  oder  mit  den  Bedürfnissen  der
Produzenten  und  Konsumenten.  Ersteres  trifft  zu,  wenn  verschiedenartige ­
  Münzen  auf  demselben  Markt  um  den  Vorrang
streiten,  oder  bei  Münzverschlechterungen,  wo  der  reale  Münzwert ­
  zu  dem  nominalen  in  Gegensatz  tritt,  oder  wenn  das  wirkliche ­
  Wertverhältnis  von  Gold  und  Silber  dem  gesetzlich  festgelegten ­
  nicht  entspricht.  Darum  gehört  die  Frage  des  Bimetallismus ­
  hieher.  Das  Geld  tritt  in  Gegensatz  zu  den  Bedürfnissen ­
  der  Produzenten  und  der  Konsumenten,  wenn  es  zu
reichlich  oder  zu  knapp  auf  dem  Markte  auftritt,  d.  h.  wenn
es  der  Menge  der  erzeugten  Waren  und  der  angebotenen  Dienste,
oder  der  Intensität  des  allgemeinen  Tauschbedürfnisses  quantitativ ­
  nicht  angepaßt  ist;  derselbe  Gegensatz  kann  aber  auch
durch  eine  qualitative  Nichtübereinstimmung  von  Geld  und
Tauschbedürfnis  verursacht  sein,  wenn  z.  B.  die  Münzeinheit
schlecht  gewählt  ist  (franc  und  centime  sind  nach  Tardes
Ansicht  zu  niedrig  bemessen),  oder  wenn  die  Münzstückelung
unzweckmäßig  ist 1 ).
Was  Tarde  in  allen  diesen  Erscheinungen  interessiert,  ist
weniger  deren  ökonomische  Natur,  als  ihr  psychologischer
Werdegang.
Wenn  die  volkswirtschaftlichen  Konkurrenz-  oder  Gegensatzerscheinungen ­
  sich  zu  akuten  Konflikten  zwischen  Gruppen
oder  Massen  von  Individuen  zuspitzen,  so  nennt  man  sie
Krisen.  Was  alle  Krisen,  auch  nichtwirtschaftliche,  z.  B.  mini-»)

  ibid.  p.  57  ff.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich,

32
        <pb n="519" />
        498

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

sterielle,  religiöse,  sittliche,  sprachliche  usw.,  Gemeinsames  haben,
ist,  daß  gewisse  Erwartungen  getäuscht  werden.  Das  kann  die
Wirkung  bewußter  und  gewollter  menschlicher  Handlungen,
oder  jene  äußerer  Ereignisse  sein.  Im  ersten  Fall  sind  die
Krisen  durch  wirkliche  Kriege,  intensive  Kämpfe,  verzweifelte
Konkurrenz  verursacht.  Im  zweiten  Fall  sind  sie  „ein  allgemeines ­
  Hineinfallen  in  denselben  Graben“.  Tarde  nennt  die
ersteren  crises-guerres,  die  zweiten  crises-chutes.  Der  tiefere  Grund
der  ersteren  ist  eine  Erfindung,  eine  technische  Neuerung,  die
eben  aufkommt,  und  die  irgendwelche  Industrie,  welche  auf
eine  ältere  Erfindung  gegründet  ist,  niederwerfen  muß,  um  sich
durchzusetzen.  Darum  ist  deren  Wirkung  häufig  eine  segensreiche, ­
  den  Fortschritt  fördernde.  Der  tiefere  Grund  der  „criseschutes
  “  ist  das  Fieber  akuter  Nachahmung,  das  einige  Zeit  oder
selbst  lange  nach  dem  Aufkommen  von  Erfindungen  herrscht.
Die  Krisen  von  1843  und  1857  waren  z.  B.  durch  den  ungestümen ­
  Drang  nach  beschleunigten  und  überhasteten  Eisenbahnbauten ­
  veranlaßt.  Die  unmittelbare  Wirkung  derartiger
Krisen  ist  eine  allgemeine  Depression  der  wirtschaftlichen  Kräfte.
Die  „crises-guerres“  erklären  sich  also  aus  einer  Erscheinung ­
  der  Individualpsychologie,  der  Erfindung;  die  „criseschutes
  “  aus  einer  Erscheinung  der  Interpsychologie,  der  Nachahmung ­
  x ).
Die  Hauptfälle  von  rhythmischen  Gegensätzen  sind  die  Aufeinanderfolge ­
  von  Hochkonjunktur  und  Krise  im  Wirtschaftsleben, ­
  und  von  Hausse  und  Baisse  an  der  Börse.  Man  darf  mit
den  rhythmischen  Gegensätzen  die  rhythmischen  Anpassungen,
z.  B.  die  regelmäßige  Wiederholung  von  Arbeitsverrichtungen,
nicht  verwechseln 2 ).
III.  Die  volkswirtschaftliche  Anpassung.  Hierher  rechnet
Tarde:  die  Erfindungen,  das  Eigentum,  den  Tausch  und  die
Gemeinschaften.
Die  Erscheinungen  der  Wiederholung,  Gegensätzlichkeit
und  Anpassung  befinden  sich  in  beständigem  Kreislauf  und  beständiger ­
  Wechselwirkung.  Wenn  deshalb  die  wirtschaftliche
Anpassung  auch  Probleme  löst,  welche  Wiederholung  und  Gegen-')

  ibid.  p.  139  ff.
*)  ibid.  p.  209  ff.
        <pb n="520" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  499

sätzliclikeiten  stellten,  so  sind  diese  Lösungen  doch  nur  von
vorübergehendem  Wert,  weil  die  Anpassung  fortwährend  neue
Gegensätze  erzeugt.  Tarde  nennt  die  wirtschaftlichen  Anpassungen ­
  auch  wohl  Harmonien  l ).
Neben  der  uns  schon  bekannten  Einteilung  der  Anpassungen
in  positive  und  negative  kennt  Tarde  mehrere  andere.  Davon
erwähnen  wir  nur  die,  welche  auf  der  Unterscheidung  von  inneren,
individuellen  und  äußeren,  sozialen  Harmonien  beruht.  Erstere
sind  die  Voraussetzung  letzterer.  Das  Beispiel  der  hauptsächlichsten ­
  Anpassungserscheinung,  der  Erfindung,  veranschaulicht
dies  am  besten.  Jede  Erfindung  besteht  in  der  Vereinigung  zweier
Ideen,  die  bis  dahin  als  einander  fremd  oder  gar  entgegengesetzt
galten.  Schauplatz  dieser  Ideenassoziation  ist  immer  das  Gehirn
eines  Individuums.  Von  dort  aus  veräußerlicht  sie  sich  und
breitet  sich  durch  Arbeitsteilung  aus.  Die  Erfindung,  eine  innere,
individuelle  Anpassung  von  früher  einander  fremd  gebliebenen
Elementen,  ist  also  die  Mutter  der  Arbeitsteilung,  der  äußern,
sozialen  Harmonie  der  verschiedenen  Arbeiten,  und  damit  auch
des  Tausches,  der  äußern,  sozialen  Harmonie  der  Arbeiten  und
Bedürfnisse  und  der  Bedürfnisse  untereinander.  Um  sich  jedoch
fortdauernd  entwickeln  zu  können,  bedarf  der  Tausch,  außer
der  Voraussetzung  von  Erfindung  und  Arbeitsteilung,  d.  h.  der
Produktion  für  den  Markt,  einer  Sicherung  des  Marktes.  Damit
ein  Mann  die  Idee  fassen  könne,  seinen  Lebensunterhalt  dadurch
zu  erlangen,  daß  er  für  die  Befriedigung  eines  bestimmten  Bedürfnisses ­
  der  an  einem  Orte  wohnenden  Menschen  arbeitet,
muß  die  Mehrheit  dieser  aus  der  Phase  der  unbeständigen
Launen  herausgewachsen  sein,  und  durch  eine  geregelte  Lebensführung ­
  die  innere,  individuelle  Harmonie  ihrer  verschiedenen
Bedürfnisse  erreicht  haben,  welche  eine  periodische  Wiederkehr
desselben  Bedürfnisses  garantiert 2 ).  Der  Tausch  setzt  also  letztlich ­
  zwei  Anpassungen  voraus  :  auf  Seiten  des  Produzenten  die
Erfindung,  auf  Seiten  des  Konsumenten  die  Gewöhnung  an
regelmäßige  Bedürfnisse.
In  enge  Verbindung  mit  der  Theorie  von  der  grundlegenden
Bedeutung  der  Erfindungen  für  das  Wirtschaftsleben  bringt

b  ibid  p.  209  ff.
2 )  ibid.  p.  213  ff.,  Bd.  I.  p.  166  ff.
        <pb n="521" />
        500

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Tarde  seine  Lehre  vom  wirtschaftlichen  Wert  *).  Die  Erfindungen
erzeugen  die  Begehren,  die  Begehren  den  Wert.  Die  Erfindungen
sind  dessen  erste  Quelle  2 ).  Der  Wert  ist  das  Ergebnis  entweder
eines  Konfliktes,  oder  eines  Zusammenwirkens  von  Anschauungen
und  Begehren.
Nehmen  wir  zunächst  den  Wert,  der  das  Ergebnis  eines
Konfliktes  von  Begehren  und  Anschauungen  ist,  d.  h.  den  Preis
oder  Kostenwert,  den  Tarde  auch  wohl  valeur-lutte  nennt.
Robinson  hat  das  Begehren  nach  einem  Hasen  und  das
Begehren  nach  einem  Fisch.  Er  kann  aber  zu  gleicher  Zeit
nur  den  einen  von  beiden  haben.  Es  findet  ein  Kampf  zwischen
beiden  Begehren  in  seiner  Seele  statt.  Die  Befriedigung  des
einen  bezw.  der  Erwerb  des  Hasen  ist  nur  möglich  um  den
Preis  des  Verzichtes  auf  das  andere  Begehren  bezw.  auf  den
Erwerb  des  Fisches.  Der  Hase  kostet  den  Fisch.  Der  Wert
in  der  hier  gemeinten  Bedeutung,  d.  h.  der  Kostenwert  oder
Preis,  ist  also  das  Resultat  des  Konfliktes  zwischen  zwei  oder
mehreren,  bewußten  oder  unbewußten,  „teleologischen“  Syllogismen, ­
  von  denen  jeder  ein  empfundenes  Bedürfnis  zum  Obersatz, ­
  ein  Urteil  über  ein  Mittel  zu  dessen  Befriedigung  zum
Untersatz,  und  die  Pflicht,  dieses  Mittel  zu  erwerben  oder  zu
behalten,  zur  Schlußfolgerung  hat.  Bei  dem  Konflikte,  der  entbrennt, ­
  muß  eine  dieser  Pflichten  der  andern  geopfert  werden.
Bis  hierher  ist  der  Kostenwert  eine  innere,  individualpsychologische ­
  Erscheinung,  welche  in  dem  innern  Schwanken
zwischen  zwei  Gütern,  das  durch  den  Verzicht  auf  das  eine  derselben ­
  beendet  wird,  besteht.  Um  von  diesem  intra-individuellen
zu  dem  äußern,  sozialen  Sinne  des  Kostenwertes  zu  gelangen,
genügt  es,  daß  die  beiden  Güter,  zwischen  denen  gezaudert
wird,  im  Besitz  zweier  verschiedener  Personen  gedacht  seien.
In  diesem  Fall  ist  das  Begehren  nach  einem  Gute,  das  ein
anderer  besitzt,  nur  durch  Tausch  zu  befriedigen.  Über  die
Momente,  welche  zur  Bestimmung  des  Kostenwertes  oder  Preises

1)  Über  „Die  Gesetze  der  Erfindung 1 '  und  über  den  „wirtschaftlichen
Wert“  siehe  auch  Tarde,  La  Logique  sociale,  2.  Auflage,  Paris  1898,  cap.  4
p.  151  ff.  bezw.  cap.  8  p.  356  ff.
2 )  Tarde,  Psychologie  économique,  Bd.  I,  p.  167  ;  La  Logique  sociale.
        <pb n="522" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  501

im  Tauschfall  führen,  wurde  oben  berichtet.  Der  Kosten  wert,
als  Ergebnis  eines  Konfliktes  zwischen  Begehren  und  Anschauungen, ­
  ist  denn  auch  eine  Erscheinung  der  wirtschaftlichen
Gegensätzlichkeit,  während  der  Gebrauchswert,  zu  dem  wir  jetzt
übergehen,  recht  eigentlich  eine  Anpassungserscheinung  ist 1 ).
Der  Gebrauchswert  beruht  darauf,  daß  es  Begehren  gibt,  die
sich  unterstützen,  die  zusammenwirken.  Darum  nennt  ihn  Tarde
auch  wohl  valeur-aide.  Wenn  ein  Begehren  uns  durch  seine
Befriedigung  instand  setzt,  ein  anderes  besser  zu  befriedigen,
so  wächst  dadurch  für  uns  der  Wert,  den  wir  der  Brauchbarkeit ­
  beilegen,  die  zur  Befriedigung  des  ersten  Begehrens  dient.
Die  Speise,  die  ein  Mensch  zu  sich  nimmt,  dient  nicht  nur
dazu,  seinen  Hunger  zu  stillen,  sondern  sie  wirkt  mit  an  der
Erzeugung  aller  jener  Handlungen  und  Arbeiten,  die  sich  im
Gefolge  seines  gestillten  Hungers  bei  ihm  abwickeln  werden.
Das  kleinste  Stück  Brot  wird  einen  um  so  großem  Wert  haben,
je  länger  und  vielseitiger  die  Serie  der  Handlungen  sein  wird,
welche  es  den  Menschen,  der  es  ißt,  zu  vollbringen  instand  setzt,
je  intensiver  die  Bedürfnisse  sind,  zu  deren  Befriedigung  es  ihn
befähigt.  Der  Gebrauchswert  hat,  wie  der  Kosten  wert,  eine
individualpsychologische  und  eine  soziale  oder  volkswirtschaftliche ­
  Existenz.  Individualpsychologisch  mißt  er  sich  an  dem
Grade  der  Zweckmäßigkeit  des  individuellen  Handelns;  volkswirtschaftlich ­
  mißt  er  sich  an  dem  Grade  des  Zusammenwirkens ­
  der  arbeitsteiligen  oder  richtiger  arbeitsgemeinschaftlichen
Tätigkeit 2 ).
Der  Kostenwert  und  der  Gebrauchswert  wechseln  in  umgekehrtem ­
  Verhältnis.  Bei  jeder  Erfindung,  die  uns  instand
setzt,  ein  Gut  durch  Ge-  oder  Verbrauch  in  einer  neuen  Weise
nutzbar  zu  machen,  steigt  dessen  Gebrauchswert,  während  sein
Kostenwert  abnimmt.  Allerdings  vermehrt  eine  neue  Erfindung
zunächst  die  Begehren  im  Herzen  der  Menschen  und  folglich

*)  Tarde,  La  Logique  sociale,  p.  358  ff.
2 )  Tarde  drückt  die  Zweiteilung  des  Wertes  in  Preis  und  Gebrauchswert
auch  wohl  wie  folgt  aus:  „Ein  Ding  ist  wert:  1)  was  sein  Erwerb  kostet,
2)  was  es  zu  erwerben  instand  setzt,  wenn  man  es  austauscht,  oder  was  es  zu
erzeugen  beiträgt,  wenn  man  es  verbraucht.“  Tarde,  La  Logique  sociale,
p.  382.
        <pb n="523" />
        502

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

die  Konflikte  dieser  Begehren;  sie  werden  jedoch  andererseits
geschwächt  durch  die  Konkurrenz  und  die  Verringerung  der
Produktionskosten,  welche  im  Gefolge  der  Erfindung  auftreten  ;
vollends  bewirken  die  fortwährende  Zunahme  der  Absatzgelegenheiten, ­
  sowie  die  Fortschritte  der  Organisation  der  Arbeit  und
des  Handels  eine  Verbindung  und  ein  Zusammenwirken  der
Begehren,  die  rascher  anwachsen  als  deren  Konflikte.  Man  kann
sagen,  daß  der  wirtschaftliche  Fortschritt  in  dem  schrittweisen
Vorrücken  des  Gebrauchswertes  und  dem  entsprechenden  Zurückweichen ­
  des  Kostenwertes  der  Güter  besteht.  Der  allgemeine,
kulturelle  Fortschritt  hängt  eng  damit  zusammen.  Je  geregelter
und  zielbewußter  die  Lebensführung  der  Menschen,  je  enger  der
Zusammenhang  ihrer  Bedürfnisse  und  Handlungen,  desto  größer
der  Gebrauchswert  einer  jeden  einzelnen,  zur  Befriedigung
eines  bestimmten  Bedürfnisses  geeigneten  Brauchbarkeit  und
desto  geringer  ihr  Kosten  wert  *).
Es  bleiben  noch  einige  Worte  zu  sagen  über  das  Eigentum, ­
  den  Tausch  und  die  Gemeinschaften.
Wir  haben  schon  angedeutet,  daß  Tarde  das  Privateigentum ­
  als  eine  Erscheinung  „negativer“  Anpassung  auffaßt,  weil
es  den  Widerstreit  der  Individuen  und  der  Gruppen  dadurch
aus  der  Welt  schafft,  daß  es  das  Feld  der  individuellen  Tätigkeit ­
  mit  allgemein  als  unantastbar  geltenden  Schranken  umgibt.
Das  Eigentum  kann  aber  auch  als  ein  Mittel  „positiver“  Anpassung ­
  des  Menschen  an  den  Boden  oder  an  ein  Kapital  zum
Zweck  der  Güter(wieder)erzeugung  betrachtet  werden.
Das  Eigentum  verdankt  seine  harmonisierende,  anpassende
Kraft  nicht  seinem  objektiven,  realen  Sein,  sondern  dem  allgemeinen ­
  Glauben  an  seine  Berechtigung.  Sobald  beim  Grundeigentümer ­
  oder  beim  Kapitalisten  der  Glaube  an  sein  Recht,
oder  beim  Proletarier  die  Anerkennung  dieses  Rechtes  Einbuße
erleidet,  nimmt  die  Macht  des  Eigentums,  den  Frieden  zu
sichern,  ab,  und  die  entgegengesetzten  Begehren,  die  jener  allgemeine ­
  Glaube  gefesselt  hielt,  beginnen  zu  erstarken.  Das  bedeutet, ­
  daß  die  Zeit  einer  Umwandlung  des  Eigentumsbegriffes
nahe  ist.  Tarde  tritt  jedoch  mit  großer  Entschiedenheit  gegen
die  kollektivistischen  Bestrebungen  und  für  die  Erhaltung  des

])  ibid.  p.  357  ff.,  p.  382—383.  —  Psychologie  économique,  Bd.  II,  p.  231  ff.
        <pb n="524" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  503

Privateigentums  besonders  an  Grund  und  Boden  ein.  Wenn  die
Anhänglichkeit  des  Menschen  an  die  Erde  gelöst  würde,  so
würde  damit  ein  ganzes  Heer  von  Gegensätzen  entfesselt,  und
eine  allgemeine  Entwurzelung  der  bestehenden  sozialen  Einrichtungen ­
  hervorgerufen.  Das  wäre  für  die  allgemeine  Harmonie ­
  des  Wirtschaftslebens  sehr  gefahrbringend.  Die  Verteilung ­
  von  Grund  und  Boden,  wie  sie  historisch  entstanden  und
geworden  ist,  läßt  zwar  viel  zu  wünschen  übrig.  Deshalb
soll  sie  jedoch  nicht  brutal  beseitigt,  sondern  reformiert
werden.  Wie  das  geschehen  soll,  wird  von  Tarde  nicht  ausgeführt ­
  i).
Der  Tausch  hat  sich  wahrscheinlich  aus  Geschenken  und
Kaub  entwickelt.  Das  beweisen  einerseits  die  Erzählungen  der
Reisenden,  die  mit  wilden  Völkerstämmen  in  Berührung  kamen,
andererseits  die  tägliche  Erfahrung  auf  den  Spielplätzen  unserer
Schulkinder 2 ).
Der  soziale  Gewinn  des  Tausches,  vom  Gesichtspunkt  der
Harmonisierung  der  Interessen  und  Ideen  aus,  ist  um  so  größer,
je  gerechter  der  Tausch  ist,  d.  h.  je  näher  der  wirkliche  Preis
dem  gerechten  kommt 3 ).
Bei  den  Beziehungen  der  Völker  untereinander  kommt  es
nicht  so  sehr  auf  den  Freihandel  an,  als  auf  den  freien  Austausch ­
  der  wissenschaftlichen,  künstlerischen,  sittlichen  Güter,
der  mit  wirtschaftlichem  Protektionismus  sehr  gut  vereinbar  ist.
Man  muß  sich  hüten,  den  wirtschaftlichen  Protektionismus  der
modernen  Völker,  die  sich  mit  Zollschranken  umgeben,  während
die  Personenzüge,  Telegramme,  Zeitungen  durch  1000  Breschen
ihrer  Grenzen  frei  verkehren,  mit  jenem  der  barbarischen  oder
halbkultivierten  Völker  zu  verwechseln,  welcher  wesentlich  auf
sittlichem  und  sozialem  Protektionismus  beruht  und  sich  feindselig ­
  gegen  alles  Fremde  abschließt.  Selbst  wenn  die  modernen
Völker  kein  einziges  Produkt  mehr  austauschen  würden,  so
bliebe  doch  noch  der  Austausch  all  ihrer  produktiven  Erfindungen ­
  und  intellektuellen  Produkte,  der  übrigens  den

*)  Tarde,  Psychologie  économique,  Bd.  II,  p.  223  ff.,  298  ff.
s)  ibid.  p.  346  ff.
3 )  ibid.  p.  233.
        <pb n="525" />
        504

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

wirtschaftlichen  Freihandel  früh  oder  spät  nach  sich  ziehen
muß  i).
Der  Tausch  hat  die  Tendenz,  sich  selbst  auszuschalten  und
eine  Wirtschaftsordnung  anzubahnen,  in  der  das  Geschenkgeben,
dem  er  entsprungen  ist,  überwiegen  wird.  Denn  der  Fortschritt
der  wirtschaftlichen  Anpassung  besteht  darin,  die  Toten  und
die  Naturkräfte  immer  mehr  für  die  Lebenden  arbeiten  zu
lassen.  Wenn  die  von  den  Toten  hinterlassenen  Erfindungen
und  die  dienstbar  gemachten  Naturkräfte  genügen  würden,  alle
Bedürfnisse  der  Lebenden  zu  befriedigen,  so  wären  alle  Produkte ­
  unentgeltlich  und  es  gäbe  keinen  Tausch  mehr.  Einstweilen ­
  ist  dies  nicht  erreicht;  aber  die  Menge  der  unentgeltlichen ­
  Güter  nimmt  mit  jedem  Fortschritt  der  Kultur  absolut
und  relativ  zu 2 ).
Nach  Vorwegnähme  des  Tausches  bleiben  an  spontanen
Gemeinschaften  noch  die  Arbeitsgemeinschaft,  oder,  was  dasselbe
ist,  die  Arbeitsteilung;  an  bewußten  und  gewollten,  als  solche
organisierten  Gemeinschaften  die  verschiedensten  Arten  von
Genossenschaften.  Tarde  schließt  sich  in  seinen  Ausführungen
zu  diesem  Thema  eng  an  die  bekannten,  einschlägigen  Untersuchungen ­
  von  Karl  Bücher  (Entstehung  der  Volkswirtschaft)
an.  Dabei  entrollt  er  ein  Zukunftsbild,  welches  dem  von  Ch.
Gide  gezeichneten  sehr  nahe  kommt.  Es  ist  zweifellos,  meint
Tarde,  daß  die  nächste  Zukunft  eine  mächtige  Entwicklung  des
genossenschaftlichen  Geistes  bringen  wird.  Wir  steuern  jedoch
nicht,  wie  es  die  Sozialisten  wollen,  auf  eine  Vereinheitlichung
und  Zentralisierung  des  genossenschaftlichen  Zusammenschlusses,
sondern  auf  ein  vielfach  verschlungenes  Netz  reich  gegliederter
Genossenschaften  hin.  Das  fortschreitende  Ineinandergreifen
der  genossenschaftlichen  Gruppierungen  der  Menschen,  die  zunehmende ­
  Menge  unentgeltlicher  Güter,  welche  zum  größten
Teile  den  Erfindungen  der  vorausgegangenen  Geschlechter  zu
verdanken  ist,  endlich  die  schrittweise  Selbstausschaltung  des
Tausches,  die  dem  Überwiegen  altruistischer  Gefühle  der  Sympathie ­
  über  den  Egoismus  die  Bahn  frei  macht,  bereiten  eine
        <pb n="526" />
        Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  505

Gesellschaftsordnung  vor,  in  welcher  der  Solidaritätsgedanke  in
großartiger  Weise  verwirklicht  sein  wird 1 ).
Am  Ausgangspunkt  die  Harmonie  des  Weltalls,  am  Zielpunkt ­
  die  Solidarität  des  Menschengeschlechtes:  das  sind  Gesichtspunkte, ­
  die  so  recht  den  mächtigen  Gedankenflug  Tardes
veranschaulichen!  Wenn  wir  nunmehr  abschließend  das,  was
er  für  die  Volkswirtschaftslehre  geleistet  hat,  würdigen  sollen,
so  ist  zunächst  zu  bedauern,  daß  er  von  der  volkswirtschaftlichen ­
  Literatur  und  dem  Stande  der  Wissenschaft  in  seinen
Tagen  nur  eine  ungenügende  Kenntnis  besaß;  der  Umstand,
daß  ihm  sowohl  die  deutsche  als  die  englische  Sprache  fremd
geblieben  waren,  ist  für  ihn  besonders  nachteilig  gewesen,  denn
gerade  in  der  Richtung  seiner  Forschungen  hätte  er  in  den  vor
seinem  Tode  noch  nicht  ins  Französische  übertragenen  Werken
von  Bücher,  Schmoller,  Böhm-Bawerk,  Marshall  u.  a.  Ansätze
und  Vergleichspunkte  gefunden,  deren  Berücksichtigung  den
Wert  seiner  Arbeiten  nur  hätte  erhöhen  können.  Dennoch  gebührt ­
  dem  Autodidakten,  der  sich  in  der  Einsamkeit  selber
gebildet  hatte,  und  dem  kein  Gebiet  menschlichen  Wissens
fremd  geblieben  ist,  alle  Achtung.  Sein  Versuch,  die  Volkswirtschaftslehre ­
  durchgreifend  psychologisch  zu  fundamentieren,
das  Wirtschaftsleben  aus  der  geistigen  Tätigkeit  der  wirtschaftenden ­
  Menschen  zu  erklären,  stellt  eine  sehr  fruchtbare  Leistung
dar,  welche  die  Arbeiten  der  österreichischen  Schule,  sowie  jene
von  Walras,  Pareto,  Marshall,  Bücher  u.  a.  vielseitig  mit  feinem
Sinn  und  großer  Gedankenkraft  ergänzt.  Die  Werke  Tardes
sind  reich  an  originellen  Ideen  und  an  großartigen  Ausblicken,
die  allerdings  hie  und  da  ins  Utopische  hinauswachsen.  Seine
Sprache  ist  von  bestrickendem  Wohllaute,  wenn  auch  nicht
immer  ganz  klar;  aber  er  redet  aus  der  Tiefe  der  Seele,  mit
großer  Aufrichtigkeit  und  Überzeugungskraft,  dabei  stets  auf
rhythmische  und  musikalische  Sprachbehandlung  bedacht.
Vor  allem  enthält  die  Bedürfnislehre  Tardes  viele  wertvolle ­
  Beobachtungen  und  kostbare  Anregungen.  Wir  glauben
jedoch  nicht,  daß  seine  Gegenüberstellung  von  Erfindung  und
Arbeit  Anklang  finden  wird.  Sie  beruht  auf  einer  derart  subtilen ­
  Abstraktion  —  Tarde  erkennt  selbst  an,  daß  in  der  Wirkl

 )  ibid.  p.  384  ff
        <pb n="527" />
        506

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

lichkeit  Arbeit  und  Erfindung  aufs  innigste  verbunden  zu  sein
pflegen  —  daß  mit  ihr  nicht  viel  mehr  als  eine  gefährliche
Fehlerquelle  für  das  Räsonnement  gewonnen  ist.  Es  würde  der
Wirklichkeit  näher  kommen,  die  Erfindung  als  eine  besondere,
intensive  Art  von  Arbeit  zu  behandeln.  Warum  nicht  sagen:
die  Arbeit  ist  entweder  Erfindung  oder  Nachahmung?  Glücklicher ­
  als  jene  Gegenüberstellung,  die  wir  beanstanden,  ist  die
Einreihung  der  Erfindungen  —  Herstellungsprozesse  und  Kulturmethoden ­
  —  unter  den  Kapitalbegriff,  wenn  auch  die  Rolle  von
Rohstoffen  und  Produktionsinstrumenten  im  Vergleich  zu  der
der  Erfindungen  zu  sehr  herabgemindert  wird.
Der  Umstand,  daß  Tarde  den  Erfindungen  eine  überragende ­
  Rolle  im  Wirtschaftsleben  zuschreibt,  hat  unter  anderm
zur  Folge,  daß  bei  ihm  die  Rolle  des  Unternehmers  gegenüber
der  des  Arbeiters  im  Produktionsprozeß  stark  in  den  Vordergrund ­
  tritt.  Denn  die  Tätigkeit  des  Unternehmers  besteht  in
viel  höherm  Maße  in  Erfindung,  als  die  des  Arbeiters,  die  sich
fast  ganz  in  Nachahmung  erschöpft.  Gewiß  tritt  Tarde  unermüdlich ­
  gegen  den  orthodoxen  Liberalismus  in  die  Schranken
und  stellt  den  Menschen  ins  Zentrum  des  wirtschaftswissenschaftlichen ­
  Interesses.  Aber  seine  Volkswirtschaftslehre  hat
darum  nicht  weniger  einen  ausgesprochenen  Charakter  von
Unternehmer-,  nicht  Arbeiterfreundlichkeit.
Die  psychologische  Grundlegung,  welche  Tarde  der  Nationalökonomie ­
  gibt,  hat  nicht  nur  ein  bisher  ungeahntes  Hervortreten
der  Rolle  von  Erfindung  und  Nachahmung  im  Wirtschaftsleben,
sowie  vor  allem  eine  vielseitige  Bereicherung  der  Bedürfnislehre
bewirkt,  sondern  auch  eine  weitausholende  Bestätigung  der
subjektiven  Werttheorie  gezeitigt.  Über  die  Grenznutzentheorie
urteilt  Tarde  allzu  abfällig,  offenbar  weil  er  deren  Tragweite
nur  teilweise  erkannt  hat;  man  darf  aber  nicht  übersehen,  daß
er  auch  sie  glücklich  ergänzt  hat.  Immerhin  ist  seine  Wertund
  Preislehre  ungenügend  ausgebaut.
Den  Gesamteindruck,  den  Tardes  interpsychologische
Soziologie  und  speziell  sein  Werk  „Psychologie  économique“
beim  Leser  hinterläßt,  hat  Professor  Mahaim  aus  Lüttich  in  folgende ­
  treffende  Worte  gekleidet:  „L’impression  générale  que
laisse  ce  livre  est  celle  d’une  majestueuse  et  harmonieuse  forêt.
Elle  a  des  allées  grandioses,  des  perspectives  infinies  admirable-
        <pb n="528" />
        ment  ménagées;  elle  offre  à  plus  d’un  endroit

Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomi

d’arbres  démesurés;  elle  réserve  souvent  autant  d'étonneffreïTf
que  de  joie;  elle  foisonne  d’essences  rares  et  variées;  elle  a  des
clairières  et  aussi  des  lacunes.  Mais  elle  présente  des  matériaux
sans  nombre  pour  les  constructions  futures 1 )“.

Emile  Durkheim,  Professor  der  Soziologie  an  der  Sorbonne
in  Paris 2 ),  bietet  mit  seinem  Schüler  Simiand  ein  Gegenstück
zu  Tarde.  Dieser  war  ein  intuitiver  Geist,  von  künstlerischer,
dichterischer  Veranlagung  ;  Durkheim  dagegen  ist  ein  nüchtern
systematisch,  streng  methodisch  denkender  Theoretiker.  Tarde
subjektiviert  das  Wirtschafts-  und  das  gesamte  gesellschaftliche
Leben,  und  sucht  es  aus  der  seelischen  Tätigkeit  der  Menschen
zu  erklären;  für  ihn  sind  die  wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen ­
  Erscheinungen  wesentlich  psychologischer  Natur.  Durkheim ­
  objektiviert  das  soziologische  Erscheinungsgebiet  und  errichtet ­
  eine  Scheidewand  zwischen  der  Seinsweise  psychischer
Phänomene  und  jener,  die  den  gesellschaftlichen  Erscheinungen
eigentümlich  ist.  Für  ihn  sind  die  psychischen  Phänomene
eine  unbestimmte  Materie,  die  durch  die  Tatsache  der  „Assoziation“ ­
  zu  neuen  Wesen  und  zu  einer  neuen  Ordnung  von
Wirklichkeiten  umgewandelt  werden  3 ).
1 )  Ernest  Mahaim,  L’Economie  politique  de  M.  Tarde,  in  „Revue
d'économie  politique“,  1903,  p.  34.
2 )  Von  Dürkheims  Werken  kommen  für  uns  in  Betracht:  De  la  Division
du  travail  social,  Paris  1893,  2.  Auflage  1902.  —  Les  Règles  de  la  Méthode
sociologique,  Paris  1895,  4.  Auflage  1907;  deutsche  Übersetzung  1907.
3 )  Durkheim  versucht  die  im  Grunde  auf  Condorcet  zurückreichende
Auffassung  (vgl.  H.  Denis,  Histoire  des  Systèmes  économiques  et  socialistes,
Bd.  II,  Paris  1907,  p.  31),  daß  die  gesellschaftlichen  Erscheinungen  eine
ihnen  eigentümliche  Seinsweise  haben  und  nicht  durch  innere  Wahrnehmung,
d.  h.  durch  Erscheinungen  der  Individualpsychologie  erklärt  werden  können,
induktiv  zu  beweisen.  (Durkheim,  Les  Règles  de  la  Méthode  sociologique,  cap.  5).
Es  würde  über  den  Rahmen  des  vorliegendes  Werkes  hinausführen,  wenn  wir
darauf  näher  eingehen  wollten.  Übrigens  kommen  wir  am  Schluß  dieses  Kapitels
bei  der  Besprechung  der  Methode  Simiands  auf  diesen  Punkt  noch  zurück.

3.  Kapitel.
Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie:
Dürkheim  und  Simiand.

7*lV
        <pb n="529" />
        508

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Bei  Tarde  ist  die  psychologische  Betrachtungsweise  gewissermaßen ­
  eine  konvexe  Linse,  die  ihm  die  Erscheinungen  des
Wirtschaftslebens  in  einem  durch  sie  a  priori  bestimmten  Brennpunkt ­
  zeigt  ;  Durkheim  dagegen  will  mit  einem  Minimum  an
Voraussetzungen  —  daß  das  Prinzip  der  Kausalität,  nicht  als
rationale  Notwendigkeit,  sondern  auch  schon  als  empirisches
Postulat,  als  Produkt  einer  Induktion,  für  die  sozialen  Erscheinungen ­
  Geltung  hat  —  an  deren  Einzelbeobachtung  herantreten.
So  groß  nun  aber  auch  die  Verschiedenheiten  des  Temperaments, ­
  der  Methode  und  der  Grundauffassung  zwischen  Tarde
und  Durkheim  sein  mögen,  wir  werden  sehen,  daß  wenigstens
auf  volkswirtschaftlichem  Gebiete  des  letztem  Schüler  Simiand
zu  Ergebnissen  kommt,  welche  sich  mit  dem  Ausgangspunkte
Tardes  decken.  Nach  vielem  Beobachten  und  Vergleichen
gelangt  Simiand  nämlich  zu  der  Erkenntnis,  daß  die  Erklärung ­
  der  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens  letztlich  im
menschlichen  Handeln  zu  suchen  ist.
Nach  dem  oben  Gesagten  gipfelt  die  induktive  Methode,
mit  deren  Hilfe  Durkheim  eine  neue  Soziologie  aufbauen
will,  darin,  daß  sie  1.  unabhängig  von  jeder  a  priori  gegebenen
Orientierung,  2.  objektiv,  3.  ausschießlich  soziologisch  ist  *).
Der  Umstand  zunächst,  daß  die  Soziologie  aus  den  großen
philosophischen  Lehrsystemen  hervorgegangen  ist,  hat  bewirkt,
wie  Durkheim  mit  Recht  hervorhebt,  daß  sie  der  Reihe  nach
positivistisch,  evolutionistisch,  spiritualistisch  gewesen  ist,  während
sie  sich  damit  hätte  begnügen  sollen,  die  Soziologie  einfachhin
zu  sein.  So  lange  der  Soziologe  den  Philosophen  nicht  genügend
ausgezogen  hat,  betrachtet  er  die  sozialen  Dinge  nur  von  ihrer
allgemeinsten  Seite,  d.  h.  von  der,  von  welcher  aus  sie  den
andern  Dingen  des  Weltalls  am  meisten  gleichen.  Auf  diese
Weise  läßt  sich  aber  nichts  Neues  im  Gegenstand  der  Forschung
nachweisen.  Andererseits  muß  die  Soziologie  auch  von  den
praktischen  Normen  des  gesellschaftlichen  Seinsollens  unabhängig
bleiben:  sie  darf  weder  individualistisch,  noch  sozialistisch,  noch
kommunistisch  sein.  Sie  muß  die  Theorien  des  Seinsollens  als
solche  grundsätzlich  ignorieren;  dagegen  vermag  sie  ihnen  insofern ­
  wissenschaftlichen  Wert  zuzuerkennen,  als  diese  Theorien

0  Durkheim,  Les  Règles  de  la  Méthode  sociologique,  p.  172  ff.
        <pb n="530" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

509

soziale  Tatsachen  sind,  welche  Bedürfnisse  äußern,  die  in  der
Gesellschaft  vorhanden  sind.
Die  Methode  Dürkheims  will  ferner  objektiv  und  ausschließlich ­
  soziologisch  sein.  Das  bedeutet,  daß  sie  von  der
Anschauung  beherrscht  ist,  daß  die  gesellschaftlichen  Erscheinungen ­
  objektive  Dinge  oder  Kräfte  sind,  und  zwar,  wie  schon
angedeutet,  Dinge  sui  generis.  Man  hat  häufig  geglaubt,  sagt
Durkheim,  die  gesellschaftlichen  Phänomene  entzögen  sich
wegen  ihrer  außerordentlichen  Komplexität  der  wissenschaftlichen ­
  Erforschung,  oder  sie  seien  doch  wenigstens  nur  dann
faßbar,  wenn  man  sie  auf  ihre  einfachsten,  psychischen  oder
organischen  Bedingungen  zurückführte,  d.  h.  sie  ihres  eigentümlichen ­
  Wesens  entkleidete.  Demgegenüber  ist  zu  betonen,
daß  eine  gesellschaftliche  Tatsache  nur  durch  eine  andere  gesellschaftliche ­
  Tatsache  erklärt,  wie  eine  Naturkraft  nur  durch
eine  andere  Naturkraft  erzeugt  werden  kann.  Um  also  die  gesellschaftlichen ­
  Tatsachen  zu  erklären,  muß  man  nach  Energien
forschen,  die  fähig  sind,  sie  zu  erzeugen.  Diese  Forschung  kann
allein  durch  äußere  Beobachtung  geschehen.  Da  das  direkte
Experimentieren  dem  Soziologen  unmöglich  ist,  bleibt  ihm  nur
das  indirekte  Experiment,  oder  das  „Vergleichen  concomitante!'
Variationen“.  Dieses  Verfahren  hat  vor  der  sogenannten  historischen ­
  Methode  Comtes  den  Vorzug,  daß  es  den  Kausalnexus
der  Erscheinungen  von  innen  erreicht;  denn  es  forscht  nach
nicht  vorbestimmten  Kausalbeziehungen,  während  Comte  nach
Gesetzmäßigkeiten  sucht,  die  der  Ausdruck  der  Richtung  sein
sollen,  in  der  sich  die  geschichtliche  Entwicklung  der  Menschheit ­
  im  allgemeinen  bewegt.  Die  vergleichende  Methode  ermöglicht ­
  ferner  auch  eine  bessere  und  kritischere  Auswahl  der
Materialien,  als  das  Verfahren  Comtes  oder  jedes  andere 1 ).
Die  soziologische  Methode  Dürkheims,  die  in  Obigem
kurz  skizziert  wurde,  erhebt  natürlich  den  Anspruch,  genau  wie
die  psychologische  Methode  Tardes,  die  für  alle  Sozial  Wissenschaften ­
  geeignetste  zu  sein.  Er  selbst  hat  sie  nur  auf  dem
Gebiete  der  Ethik  angewandt.  Er  hat  jedoch  mehrere  Gruppen
von  Schülern  herangebildet,  die  an  der  Hand  der  Methode  des
‘)  Eine  ausführliche  Darlegung  der  Durkheimschen  Methode  bietet  dessen
Bändchen  „Des  Règles  de  la  Méthode  sociologique“.  Zu  Obigem  vgl.  speziell
dort  p.  153  ff.
        <pb n="531" />
        510

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Meisters  die  Erforschung  und  den  Ausbau  der  allgemeinen  Soziologie, ­
  der  Religionsgeschichte,  der  juridischen  oder  ethischen
Disziplinen,  der  Volkswirtschaftslehre  usw.  in  Angriff  genommen
haben.  Uns  interessiert  hier  nur  die  volkswirtschaftliche  Gruppe,
in  welcher  Simiand  eine  überragende  Stellung  einnimmt.
Wir  werden  unten  über  seine  Arbeiten  berichten.  Durkheim
hat  1898  ein  Jahrbuch,  L’Année  Sociologique,  gegründet,  welches
den  Hauptsammelpunkt  der  Arbeiten  seiner  Schüler  darstellt.
Jeder  Band  des  Jahrbuches  enthält  in  einem  ersten,  kleinern
Teile  zwei  oder  drei  Aufsätze,  welche  die  von  diesem  oder  jenem
Schüler  mit  Hilfe  der  Methode  des  Meisters  auf  irgend  einem
Spezialgebiete  gewonnenen  Ergebnisse  zur  Darstellung  bringt.
Daran  schließt  sich  ein  zweiter,  wesentlich  größerer  Teil,  der
aus  methodisch  gruppierten,  kritischen  Besprechungen  aller  erreichbar ­
  gewesenen  Veröffentlichungen  des  betreffenden  Jahres,
die  für  irgend  einen  Zweig  der  Soziologie  von  Interesse  sind,
besteht.  Diese  Rezensionen,  an  denen  alle  Schüler  Dürkheims
beteiligt  sind,  bieten  ihren  Verfassern  Gelegenheit,  sich  mit  den
Methoden  der  besprochenen  Autoren  auseinander  zu  setzen,
und  allen  gegenüber  die  Vorzüge  ihrer  Methode  zu  preisen.
Die  moralphilosophischen  Forschungen  Dürkheims  sind
für  uns  insofern  von  Interesse,  als  sie  zum  Ziel  haben,  die  Arbeitsteilung ­
  zur  Grundlage  einer  neuen  Ethik  zu  machen,  und
zum  Hauptergebnis,  zu  einem  Programm  berufsgenossenschaftlicher ­
  Organisation  der  Gesellschaft  zu  führen.
Für  Durkheim  ist  die  Arbeitsteilung  eine  objektive  Grundtatsache ­
  nicht  nur  des  Wirtschaftslebens,  wie  Ad.  Smith  gelehrt, ­
  und  des  organischen  Lebens,  wie  Darwin  gezeigt  hat,
sondern  auch  des  gesamten  gesellschaftlichen  Lebens.  Er  beobachtet ­
  demgemäß:  1.  welches  die  gesellschaftliche  Funktion
der  Arbeitsteilung  ist,  d.  h.  welchem  gesellschaftlichen  Bedürfnis
sie  entspricht;  2.  welches  ihre  Ursachen  und  Bedingungen,  und
3.  welches  ihre  hauptsächlichsten  anormalen  Formen  sind 1 ).
Man  beachte,  daß  diese  Fragestellung,  wie  jene  anderer  induktiv
sein  wollender  Systeme,  die  wir  kennen  gelernt  haben,  bereits
eine  Doktrin  enthält.  Sie  setzt  zum  mindesten  eine  Begriffsi)

  Durkheim,  De  la  Division  du  Travail  social,  2.  Aufl.,  p.  3  ft’.,  8  ff.
        <pb n="532" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

511

bestimmung  der  Arbeitsteilung  voraus,  die  normale  und  pathologische ­
  Wirkungen  derselben  unterscheidet.
Die  natürliche,  normale  Funktion  der  Arbeitsteilung  ist
nach  Durkheim  nicht  eine  volkswirtschaftliche;  deren  bemerkenswerteste ­
  Wirkung  ist  nicht,  die  Leistung  der  geteilten
Verrichtungen  zu  vergrößern,  sondern  eine  (Arbeits)gemeinschaft
zwischen  diesen  zu  erzeugen,  ein  Gefühl  der  Solidarität  in  den
an  ihnen  beteiligten  Personen  zu  wecken.  Durkheim  veranschaulicht ­
  dies  an  dem  Beispiel  der  ehelichen  Gemeinschaft,
die  der  sexuellen  Arbeitsteilung  ihr  Entstehen  verdankt.  Es
ist  nun  eine  evidente  Tatsache  —  das  können  wir  zugeben  —,
daß  die  Arbeitsteilung  in  der  heutigen  Gesellschaft  sehr  entwickelt ­
  ist  und  eine  weit  verzweigte  Solidarität  erzeugt.  Diese
Solidarität,  die  aus  der  Arbeitsteilung  fließt,  ist  aber  von  besonderer ­
  Art.  Durkheim  unterscheidet  nämlich  (zunächst)
zwei  Arten  von  Solidarität:  1.  jene,  welche  aus  Ähnlichkeiten
folgt;  2.  jene,  welche  ihre  Quelle  in  Unähnlichkeiten  hat;  letztere ­
  identifiziert  sich  mit  der  Solidarität,  die  aus  der  Arbeitsteilung ­
  entspringt 1 ).
Die  Solidarität  aus  Ähnlichkeiten  ist  die  der  primitiven
Gesellschaften;  in  der  menschlichen  Gruppe,  die  sich  sorgfältig
nach  außen  abschließt,  ist  die  physische  und  psychische  Ähnlichkeit ­
  der  Individuen  eine  große.  Das  Individuum  inkarniert  den
Gattungstypus  seiner  Rasse  und  seiner  Gruppe.  Die  wirtschaftlichen ­
  Einrichtungen  sind  dem  Kommunismus  nahe;  gemeinsame ­
  Anschauungen  erzeugen  eine  Moral,  die  allen  das  gleiche
Ideal  zu  verwirklichen  gebietet,  und  die  aus  Regeln  besteht,
welche  von  allen  unterschiedslos  geübt  werden.  Diese  allgemeine, ­
  einförmige  Praxis  verleiht  jenen  Regeln  eine  übermenschliche ­
  religiöse  Autorität,  die  sie  der  Diskussion  mehr  oder
weniger  entrückt.  In  den  Gesellschaften,  wo  die  Solidarität  aus
Ähnlichkeiten  stark  entwickelt  ist,  gehört  das  Individuum  sich
nicht  an;  die  persönlichen  Rechte  sind  noch  nicht  von  den
dinglichen  unterschieden.  Wegen  der  Analogie,  welche  jene
Solidarität  mit  der  Kohäsion  der  Molekülen  in  den  leblosen
Körpern  bietet,  bezeichnet  Durkheim  sie  als  mechanische.

b  Ibid.  p.  19  ff.,  p.  99.
        <pb n="533" />
        512

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Die  Solidarität  aus  Unähnlichkeiten  ist  ganz  anderer  Natur  ;
sie  entwickelt  sich  mit  dem  Erstarken  der  Persönlichkeit.  Die
mechanische  Solidarität  ist  nur  in  dem  Maße  möglich,  als  das
Individuum  in  der  Kollektivität  aufgeht;  die  Solidarität  aus
Arbeitsteilung  ist  nur  möglich,  wenn  jeder  eine  ihm  eigene
Aktionssphäre,  folglich  eine  Persönlichkeit  hat.  Denn  eine
Person  sein,  heißt  eine  selbständige  Quelle  von  Tätigkeit  sein.
Eine  Tätigkeit  wird  um  so  reicher  und  intensiver,  je  mehr  sie
sich  spezialisiert.  Die  Fortschritte  der  individuellen  Persönlichkeit ­
  hängen  von  denen  der  Arbeitsteilung  ab;  diese  von  dem
Verschwinden  der  Schranken,  welche  die  primitiven  menschlichen ­
  Gruppen  voneinander  trennen.  Wenn  diese  Schranken
zu  fallen  beginnen  und  die  Individuen  verschiedener  Gruppen
mit  einander  in  Verkehr  treten,  bilden  sich  arbeitsteilige,  gesellschaftliche ­
  Funktionen  heraus.  Diese  hängen  aber  voneinander
ab  und  stellen  ein  solidarisches  Ganzes  dar.  In  jeder  Arbeitsgruppe ­
  entstehen  alsbald  Anschauungen,  welche  sich  in  sittlichen ­
  Regeln  kondensieren,  die  auch  ohne  gesetzliche  Sanktion
Gehorsam  erzwingen.  Sie  bilden  die  Berufsmoral.  Dadurch,  daß
sich  diese  Regeln  nicht  auf  das  gemeinsame  Leben  in  der  Gesellschaft, ­
  sondern  auf  die  verschiedenen  Formen  der  beruflichen
Tätigkeit  beziehen,  haben  sie  einen  zeitlichem  Charakter,  der,
ohne  ihnen  ihre  zwingende  Gewalt  zu  nehmen,  sie  der  Einwirkung ­
  der  Menschen  zugänglicher  macht.  Über  jede  einzelne
Berufsmoral  hinaus  erzeugt  die  Arbeitsteilung  ferner  Regeln,  die
das  friedliche  und  geordnete  Zusammenwirken  der  geteilten
Funktionen  sichern.  Die  Arbeitsteilung  schafft  darum  nicht  nur
berufliche  Solidaritäten,  sondern  auch  eine  gemeinsame,  gesellschaftliche ­
  Solidarität.
Die  charakteristische  Wirkung  der  Spezialisierung  der
Funktionen,  d.  h.  der  Arbeitsteilung,  ist  also  einerseits  die  Entwicklung ­
  der  Persönlichkeit,  andererseits  die  Abhängigkeit  des
Individuums  von  der  Gesellschaft  zu  fördern.  Die  Individualität
des  Ganzen  wächst  mit  der  der  Teile;  die  Gesellschaft  wird  in
dem  Maße  fähiger,  als  Ganzes  zu  leben,  als  jedes  ihrer  Elemente
mehr  eigenes  Leben  hat.  Die  Solidarität,  die  aus  der  Arbeitsteilung ­
  folgt,  ähnelt  denn  auch  der,  welche  man  bei  den  hohem
Tieren  beobachtet.  Jedes  Organ  hat  bei  diesen  eine  eigene
Selbständigkeit,  und  dennoch  ist  die  Einheit  des  Organismus
        <pb n="534" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

513

nm  so  größer,  je  ausgesprochener  die  Individualität  des  betreffenden ­
  Wesens  ist.  Durkheim  bezeichnet  denn  auch  die
Solidarität  aus  Unähnlichkeiten  als  organische.
Es  gibt  also  zwei  Arten  von  Solidarität,  oder,  wie  Durkheim ­
  auch  wohl  sagt,  zwei  Ströme  gesellschaftlichen  Lebens,
denen  zwei  Typen  gesellschaftlicher  Struktur  entsprechen.  Der
Strom,  der  seinen  Ursprung  in  den  Ähnlichkeiten  hat,  fließt
zuerst  allein  und  identifiziert  sich  mit  dem  gesellschaftlichen
Leben  überhaupt.  Nach  und  nach  aber  teilt  er  sich  in  Kanäle
und  fließt  spärlicher,  während  der  Strom,  der  in  den  Unähnlichkeiten ­
  seine  Quelle  hat,  immer  größer  wird.  Der  erstere  verschwindet ­
  aber  nie  ganz  x ).
Die  wichtigsten  Ursachen  der  Arbeitsteilung  sind  nach  Durkheim: ­
  1.  das  Anwachsen  der  „sittlichen  Dichtheit“  der  Gesellschaft, ­
  welches  von  dem  Anwachsen  ihrer  „materiellen  Dichtheit“ ­
  unzertrennlich  ist;  2.  die  Zunahme  des  „Volumens“  der
Gesellschaft,  aber  nur,  wenn  sie  mit  dem  Anwachsen  der  Dichtheit ­
  derselben  verbunden  ist.  Als  sekundäre  Faktoren  der  Arbeitsteilung ­
  treten  hinzu  :  3.  der  Umstand,  daß  die  Individuen
von  den  ursprünglichen  Gruppen  in  dem  Maße  unabhängiger
werden,  in  welchem  der  Verkehr  mit  Individuen  anderer  Gruppen
in  ihnen  die  überkommenen  sittlichen  Anschauungen  ihrer
eigenen  Gruppe  verwischt;  4.  das  progressive  Zurücktreten  der
ererbten  Fähigkeiten  den  selbsterworbenen  gegenüber 2 ).
Unter  „sittlicher“  oder  „dynamischer  Dichtheit“  der  Gesellschaft ­
  versteht  Durkheim  die  Annäherung  der  Individuen
verschiedener  Gruppen  und  den  Verkehr,  der  daraus  folgt.
Diese  Annäherung  kann  ihre  Wirkung  nur  ausüben,  wenn  der
materielle  Abstand  zwischen  den  Individuen  gleichzeitig  abnimmt.
Die  materielle  Dichtheit  entwickelt  sich  im  Laufe  der  Geschichte  :
1.  durch  relativen  Bevölkerungsanwachs  auf  einem  bestimmten
Gebiet;  2.  durch  Städtebildung;  3.  durch  Fortschritte  in  der
Anlage  und  Schnelligkeit  von  Verkehrsmitteln.  Die  sittliche
Dichtheit  ist  der  materiellen  direkt  proportional  und  wird  durch
sie  gemessen.  Die  materielle  und  sittliche  Kondensierung  der
Gesellschaft  bewirkt  die  Entwicklung  der  Arbeitsteilung.  Aber

])  Dürkheim,  loc.  cit.  p.  99  ff.,  205  ff.,  398  ff.
-)  Ibid.  p.  237  ff.,  267  ff.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

33
        <pb n="535" />
        514

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

auch  die  Ausdehnung  des  „Volumens  der  Gesellschaft“,  d.  h.
der  absoluten  Bevölkerungszahl,  hat  jene  Wirkung.  Wie  jedoch
das  Beispiel  von  China  und  Rußland  zeigen,  ist  das  Anwachsen
der  absoluten  Bevölkerungszahl  nur  dann  ein  die  Arbeitsteilung
förderndes  Moment,  wenn  gleichzeitig  mit  der  Zahl  der  Individuen ­
  auch  die  Zahl  der  sozialen  Beziehungen  zunimmt.
Die  Zunahme  der  Gesellschaft  an  Dichtheit  und  Volumen
bewirkt  das  Fortschreiten  der  Arbeitsteilung,  indem  sie  die  Intensität ­
  des  Kampfes  ums  Dasein  stärkt.  So  lange  die  menschlichen ­
  Gesellschaften  aus  getrennt  lebenden  Gruppen  bestehen,
werden  die  Glieder  einer  jeden  Gruppe  durch  die  Wände,  welche
die  einzelnen  Gruppen  trennen,  vor  den  ähnlichen  Organen  anderer ­
  Gruppen  geschützt.  Wenn  aber  diese  Wände  verschwinden,
ist  es  unvermeidlich,  daß  die  ähnlichen  Organe  verschiedener
Gruppen  sich  erreichen,  miteinander  in  Kampf  treten  und  sich
bestreben,  einander  aus  dem  Felde  zu  schlagen.  In  welcher
Weise  dies  auch  geschehe,  es  folgt  immer  daraus  ein  Fortschritt
in  der  Richtung  auf  Spezialisierung.  Der  kleine  Meister  wird
Vorarbeiter,  der  Kleinhändler  Angestellter,  zwei  Unternehmer
grenzen  ihr  Produktionsgebiet  gegenseitig  ab  usw.  Die  Arbeitsteilung ­
  ist  also  ein  Ergebnis  des  Kampfes  ums  Dasein.
Neben  der  Arbeitsteilung  erzeugt  dieser  auch  das  Bedürfnis
nach  reichlichem  und  bessern  Produkten.  Dieses  Bedürfnis  ist
also  keineswegs  die  Ursache  der  Arbeitsteilung.  Ein  intensiverer
Kampf  ums  Dasein  verlangt  eine  größere  Verausgabung  von
Kräften.  Damit  das  Leben  sich  erhalte,  muß  der  Kräfteersatz
der  Kraft  ausgab  e  entsprechen.  Eine  reichlichere  und  gewähltere
Nahrung  wird  nötig.  Wenn  wir  uns  also  spezialisieren,  geschieht ­
  es  nicht,  um  mehr  und  besser  zu  produzieren,  sondern
um  in  den  neuen  Arbeitsbedingungen,  in  die  wir  treten,  leben
zu  können.
Die  normale  Wirkung  der  Arbeitsteilung  ist  Solidarität.
Es  kommt  aber  vor,  daß  jene  geradezu  einen  Bruch  dieser  bewirkt. ­
  Das  geschieht  erstens  dann,  wenn  bei  spezialisierten
Funktionen  die  solidarischen  Organe  nicht  genügend  Fühlung  mit
einander  haben  *).  Wenn  die  Produzenten  den  Markt  nicht  mehr
zu  überblicken  vermögen,  und  die  Produktion  infolgedessen

*)  Durkheim,  loe.  eit.  p.  343  ff.
        <pb n="536" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

515

Bremse  und  Regel  verliert,  ist  unausbleiblich,  daß  sie  das  richtige ­
  Maß  bald  in  der  einen,  bald  in  der  andern  Richtung  überschreitet. ­
  Dann  entstehen  Krisen,  d.  h.  die  Arbeitsteilung  führt
zu  einem  Bruch  der  Solidarität.  Ebenso  bildete  sich  der  Antagonismus ­
  zwischen  Kapital  and  Arbeit  heraus,  als  die  aufkommende
Großindustrie  eine  derartige  Umwälzung  der  gewerblichen  Verhältnisse ­
  mit  sich  brachte,  daß  die  Fühlung,  die  unter  der
frühem  Ordnung  Arbeitgeber  und  Arbeiter  hatten,  verloren
ging.  Die  gegenüberstehenden  Interessen  haben  eben  die  Zeit
noch  nicht  gehabt,  sich  mit  einander  ins  Gleichgewicht  zu
setzen,  ihre  neuen  Beziehungen  zu  regeln*).  Eine  zweite
anormale  Form  der  Arbeitsteilung  ist  die  erzwungene  Spezialisierung ­
 2 ).  Die  Arbeitsteilung  erzeugt  die  Solidarität  nur  in  dem
Maße,  in  welchem  sie  spontan  ist.  Spontaneität  besagt  das
Fehlen,  nicht  nur  von  jedem  formellen  Zwang,  sondern  auch
von  jeder  Art  von  Ungleichheit  in  den  äußeren  Bedingungen
des  Kampfes  ums  Dasein.  Die  Form  der  Arbeitsteilung,  welche
sich  in  einer  Klassen-  oder  Kasteneinteilung  verkörpert,  erzeugt
von  dem  Tage  an,  wo  sie  keine  Basis  mehr  in  den  Sitten  hat
und  sich  folglich  nur  mehr  durch  Gewalt  aufrecht  erhält,  nicht
Solidarität  sondern  Klassenkampf.  Ein  dritter  Fall  pathologischer
Gestaltung  der  Arbeitsteilung  ist  dann  gegeben,  wenn  die  funktionelle ­
  Tätigkeit  der  einzelnen  Organe  eine  ungenügende  ist 3 ).
J )  Hieher  gehört  auch  folgende  Argumentation  Dürkheims:  Man  hat  der
Arbeitsteilung  vorgeworfen,  sagt  er,  sie  erniedrige  die  menschliche  Natur  und
mindere  das  Individuum,  indem  sie  es  zu  der  Rolle  einer  Maschine  herabdrücke. ­
  Der  Mensch,  der  sein  ganzes  Leben  nur  Messergriffe  oder  Nadelköpfe
macht,  verkommt  allerdings  geistig  und  körperlich.  Die  Arbeitsteilung  erzeugt
jedoch  diese  Wirkung  nicht  dank  einer  Notwendigkeit  ihrer  Natur,  sondern  nur
in  außergewöhnlichen  und  anormalen  Umständen.  Das  normale  Spiel  einer  jeden
spezialisierten  Funktion  verlangt,  daß  das  Individuum  sich  nicht  eng  darin  einschließe, ­
  sondern  daß  es  beständige  Beziehungen  zu  den  benachbarten  Funktionen ­
  unterhalte,  deren  Bedürfnisse  und  die  Veränderungen  dieser  kenne  usw.
Die  Arbeitsteilung  setzt  voraus,  daß  der  Arbeiter,  weit  entfernt  über  seinen  einförmigen ­
  Verrichtungen  gebeugt  zu  bleiben,  seine  Mitarbeiter  nicht  aus  dem
Auge  verliere,  auf  sie  einwirke  und  selber  deren  Einwirkung  empfange.  Sie  erzeugt ­
  das  erhebende  Bewußtsein,  daß  die  Arbeitsverrichtungen  des  Einzelnen,
so  spezialisiert  und  monoton  sie  auch  seien,  ein  gesellschaftliches  Ziel  haben  und
mit  andern  solidarisch  sind.  Durkheim,  loe.  cit.  p.  362  ff.
2 )  Durkheim,  loe.  cit.  p.  367  ff.
3 )  ibid.  p.  383  ff.
        <pb n="537" />
        516

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Dies  trifft  z.  B.  zu,  wenn  in  einem  Betrieb  die  einzelnen  Funktionen ­
  derart  verteilt  sind,  daß  sie  die  Arbeiter  nicht  genügend
beschäftigen,  oder  daß  sie  schlecht  ineinander  greifen.
Nachdem  Durkheim  alle  Wirkungen  der  Arbeitsteilung,
die  sich  nicht  unter  den  Solidaritätsbegriff  bringen  lassen,  als
pathologische  ausgeschieden  hat,  geht  er  daran,  seine  auf  der
Arbeitsteilung  als  der  Quelle  der  organischen  Solidarität  fußende
Ethik  aufzubauen.
Es  wurde  oben  ausgeführt,  daß  der  mechanischen  Solidarität ­
  und  dem  Gesellschaftstypus,  den  sie  verwirklicht,  die
Vorschrift  entspricht,  welche  den  Individuen  gebietet,  ein  für
alle  gleiches  Ideal  zur  Richtschnur  ihres  Handelns  zu  nehmen.
Diese  Vorschrift,  meint  nun  Durkheim,  vermag  ihre  Aufgabe
nur  zu  erfüllen,  weil  sie  ethischen  Charakter  hat.  Andererseits
entspricht  der  organischen  Solidarität  und  dem  arbeitsteiligen
Gesellschaftstypus,  den  sie  verwirklicht,  jene  andere  Vorschrift,
welche  dem  Individuum  gebietet,  eine  bestimmte  berufliche  Tätigkeit ­
  zu  wählen  und  sich  ihr  ganz  zu  widmen.  Beide  Vorschriften
entsprechen  demselben  gesellschaftlichen  Bedürfnis,  befriedigen
es  aber  auf  verschiedene  Weise.  Aus  dem  ethischen  Charakter  der
einen  können  wir  den  ethischen  Charakter  der  anderen  induzieren.
Beide  ethische  Regeln  drücken  die  Bedingungen  der  Solidarität ­
  aus;  die  erste  jene  der  Solidarität,  die  aus  Ähnlichkeiten
folgt,  die  andere  jene  der  Solidarität,  die  aus  Unähnlichkeiten
d.  h.  Arbeitsteilung  sich  ergibt.  Man  kann  darum  sagen,  daß
es  das  charakteristische  Merkmal  der  ethischen  Regeln  ist,  die
grundlegenden  Bedingungen  der  gesellschaftlichen  Solidarität
auszudrücken.  Sittlich  ist  alles,  was  eine  Quelle  von  Solidarität
ist,  d.  h.  alles,  was  den  Menschen  dazu  zwingt,  auf  seinen
Nebenmenschen  zu  achten  und  seine  Handlungen  nach  andern
Beweggründen  und  Impulsen,  als  denen  seines  Egoismus  einzurichten. ­
  Die  Gesellschaft  ist  also  nicht,  wie  man  häufig  geglaubt
hat,  eine  der  Moral  fremde  Erscheinung;  sie  ist  die  notwendige
Vorbedingung  der  Ethik.  Sie  ist  nicht  eine  Nebeneinanderstellung
von  Individuen,  die  beim  Eintritt  eine  in  ihnen  liegende  Moral
mitbringen,  vielmehr  ist  der  Mensch  ein  sittliches  Wesen  nur
deshalb,  weil  er  in  Gesellschaft  lebt,  weil  die  Sittlichkeit  darin
besteht,  mit  einer  Gruppe  solidarisch  zu  sein  und  mit  dieser
Solidarität  wechselt.
        <pb n="538" />
        Die  „positive“  Grundlegung 1  der  Nationalökonomie  517
In  den  höheren  Gesellschaften  ist  es  also  nicht  Pflicht,
unsere  Tätigkeit  auszudehnen,  sondern  sie  zu  konzentrieren  und
zu  spezialisieren.  Wir  müssen  eine  bestimmte  Aufgabe  wählen
und  uns  ihr  ganz  widmen.  Gewiß  müssen  wir  auch  daran
wirken,  in  uns  den  kollektiven  Typus,  in  dem  Maße  als  er  vorhanden ­
  ist,  zu  verwirklichen.  Es  gibt  gemeinsame  Gefühle  und
Ideen,  ohne  die  man  nicht  Mensch  ist.  Die  Vorschrift,  die  uns
befiehlt  uns  zu  spezialisieren,  bleibt  durch  die  entgegengesetzte
Regel  begrenzt.  Wir  müssen  die  Spezialisierung  nicht  so  weit
führen  als  möglich,  sondern  so  weit  als  nötig.  Der  Teil,  der
einer  jeden  der  beiden  Regeln  zukommt,  kann  nur  durch  die
Erfahrung  bestimmt  werden.
Die  Moral  der  arbeitsteiligen  Gesellschaften  ist  in  der
Hauptsache  eine  Berufsmoral;  da  aber  die  Entwicklung  der
beruflichen  Spezialisierung  mit  der  der  Persönlichkeit  Hand  in
Hand  geht,  so  folgt,  daß  die  Berufsmoral  in  zunehmendem
Maße  im  Kulte  der  Persönlichkeit  gipfelt,  d.  h.  daß  sie  etwas
Menschlicheres,  folglich  Rationaleres  hat,  als  die  Ethik  der
frühern  Gesellschaften,  die  allen  dasselbe  Ideal  zu  verwirklichen
vorschreibt.  Mit  andern  Worten,  sie  knüpft  unsere  Tätigkeit
nicht  an  transzendentale  Ziele.  Sie  verlangt  von  uns  nur,  sanft
und  gerecht  für  unsere  Nebenmenschen  zu  sein,  unsere  Berufspflichten ­
  gut  zu  erfüllen,  daran  zu  arbeiten,  daß  jeder  zu  der
Funktion  berufen  werde,  die  er  am  besten  zu  erfüllen  in  der
Lage  ist,  und  daß  er  den  gerechten  Lohn  für  seine  Anstrengungen
empfange  *).
Wenn  die  Berufsmoral  die  sittliche  Entwicklung  der  arbeitsteiligen ­
  Gesellschaften  sichern  soll,  so  bedarf  sie  einer  detaillierten ­
  Ausgestaltung.  Rechtsanwalt  und  Richter,  Soldat  und
Professor,  Arzt  und  Priester  usw.  haben  nun  allerdings  eine
genügend  entwickelte  Berufsmoral.  Das  gleiche  kann  man  von
den  wirtschaftlichen  Berufen  nicht  sagen.  Wer  heute  die  laufenden ­
  Ideen  feststellen  wollte  über  das,  was  die  Beziehungen  von
Arbeitgebern  und  Arbeitern,  von  Produzenten  und  Konsumenten,
von  Konkurrenten  untereinander  sein  sollten,  der  würde  kaum
einige  verschwommene  Allgemeinheiten  finden  über  die  Treue
und  Hingebung  der  Lohnempfänger  ihren  Arbeitgebern  gegen-')

  Durkheim,  loe.  eit.  p.  392  ff.
        <pb n="539" />
        518

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

über,  über  die  Mäßigung,  mit  der  diese  ihr  wirtschaftliches  Übergewicht ­
  ausüben  sollen,  ferner  vielleicht  noch  eine  gewisse  Mißbilligung ­
  allen  zu  unlautern  Wettbewerbs.  Das  ist  alles,  was
das  berufliche  Gewissen  der  wirtschaftlichen  Berufe  enthält.
Zudem  haben  diese  Ideen  kaum  rechtliche  Sanktionen.  Die
Grenze  zwischen  Erlaubtem  und  Unerlaubtem,  Gerechtem  und
Ungerechtem  hat  nichts  Bestimmtes.  Und  da  die  neu  entstandenen ­
  wirtschaftlichen  Berufe  heute  die  meisten  Leute  in
Anspruch  nehmen,  so  läuft  der  größte  Teil  der  Existenz  der
größten  Zahl  außerhalb  von  jedem  sittlichen  Handeln  ab.
Um  diesem  Zustand  von  Gesetzlosigkeit  ein  Ende  zu  machen,
bedarf  es  einer  Organisation,  in  der  die  heute  fehlenden  Regeln
sich  entwickeln  können.  Denn  die  organisierte  Kollektivität  ist
die  einzige  moralische  Persönlichkeit,  die  über  den  individuellen
Persönlichkeiten  steht,  und  welche  die  nötige  Kontinuität  und  unbegrenzte ­
  Dauer,  sowie  die  sittliche  und  materielle  Überlegenheit
hat,  die  unumgänglich  notwendig  sind,  um  den  Individuen  Gesetze
aufzuerlegen.  Der  Staat  vermag  diese  Aufgabe  nicht  zu  erfüllen.
Das  Wirtschaftsleben  entzieht  sich  dessen  Kompetenz  und  Einwirkung, ­
  weil  es  ein  sehr  spezielles  und  sich  täglich  mehr  spezialisierendes ­
  Gebiet  ist.  Die  Tätigkeit  eines  Berufes  kann  wirksam  nur  durch
eine  Gruppe  reglementiert  werden,  die  diesem  Berufe  nahe  genug
steht,  um  dessen  Räderwerk  genau  zu  kennen,  dessen  Bedürfnisse
zu  empfinden  und  dessen  Wandlungen  zu  folgen.  Das  kann  nur
eine  Organisation  aller  Berufsangehörigen,  also  die  Korporation.
Die  heutigen  Arbeitgeber-  und  Arbeiterberufsvereine  sind
nur  ein  rudimentärer  Anfang  von  Berufsorganisation.  Denn  sie
sind  private  Vereinigungen  ohne  gesetzliche  Reglementierungsgewalt; ­
  ihre  Zahl  ist  in  einem  und  demselben  Berufe  nicht  begrenzt; ­
  daß  sie  von  einander  verschieden  sind,  ist  berechtigt
und  notwendig,  daß  sie  aber  keine  regelmäßige  Fühlungnahme
mit  einander  haben,  ist  verwerflich.  Damit  eine  Berufsmoral
und  ein  berufliches  Recht  sich  in  den  verschiedenen  wirtschaftlichen ­
  Berufen  bilden  können,  muß  die  Korporation,  statt  ein
einheitsloses  Aggregat  zu  bleiben,  wieder  eine  bestimmte,  organisierte ­
  Gruppe,  eine  öffentliche  Einrichtung  werden,  welche  die
gegenseitigen  Beziehungen  von  Arbeitgebern  und  Arbeitern
regelt,  und  beide  Teile  mit  gleicher  Autorität  verpflichtet.
Die  Geschichte  der  römischen  Kollegien  und  der  mittel-
        <pb n="540" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

519

alterlichen  christlichen  Zünfte  lehrt,  daß  die  Rolle  der  Korporation ­
  eher  eine  sittliche,  denn  eine  ökonomische  ist.  Die  Berufsorganisation ­
  ist  vor  allem  eine  sittliche  Macht,  die  fähig  ist,
den  Egoismus  der  Individuen  zu  bändigen  und  im  Zaume  zu
halten,  sowie  zu  verhindern,  daß  das  Gesetz  des  Stärkern  sich
in  den  gewerblichen  und  Handelsbeziehungen  allzu  brutal  durchsetze. ­
  Die  Geschichte  der  frühern  Korporationen  lehrt  ferner,
daß  die  Rahmen  der  beruflichen  Gruppen  immer  mit  dem
Rahmen  des  Wirtschaftslebens  übereinstimmen  müssen:  die  alte
korporative  Ordnung  verschwand,  weil  sie  ihre  lokale  Organisation
nicht  aufzugeben  vermochte,  als  der  Markt  von  einem  lokalen
zu  einem  nationalen  und  Weltmarkt  wurde.  Die  Korporationen,
deren  wir  heute  benötigen,  müssen  alle  Berufsangehörigen  eines
Volkes  umfassen.  Durkheim  bleibt  bei  nationalen  Korporationen ­
  stehen,  weil  der  gegenwärtige  Stand  der  Rechtsentwicklung ­
  internationalen  Organisationen  noch  keine  Sanktionen
an  die  Hand  geben  würde.
Die  Beziehungen  der  Korporationen  zum  Staate  dürfen
nicht,  wie  es  im  XVII.  und  XVIII.  Jahrhundert  geschehen  ist,  zu
einer  engen  Unterordnung  jener  unter  diesen  ausarten.  Die
beiden  Organe  müssen  ein  gegenseitig  genau  abgegrenztes  Maß
von  Autonomie  haben.  Den  gesetzgebenden  Versammlungen
des  Staates  liegt  ob,  die  allgemeinen  Grundsätze  der  gewerblichen ­
  Gesetzgebung  festzusetzen;  an  der  Korporation  ist  es,
diese  im  Detail  auszubilden.
Im  Wesen  der  Korporation  liegt  es,  daß  sie  sich  nicht  auf
berufliche  Reglementierung  beschränke,  sondern  daß  sie  auch
die  Sozialversicherung  ihrer  Mitglieder  in  die  Hand  nehme,  das
gesellige  Leben  pflege  usw.  Ja,  sie  scheint  berufen,  eine  der
wichtigsten  Grundlagen  der  politischen  Organisation  zu  werden.
Die  geschichtliche  Entwicklung  lehrt,  daß  die  Korporation,
welche  anfangs  (Rom)  außerhalb  der  politischen  Ordnung  stand,
die  Tendenz  hat,  sich  dieser  in  dem  Maße,  als  das  Wirtschaftsleben ­
  sich  entwickelt,  einzugliedern.  Statt  ein  Aggregat  von
an  einander  gereihten  territorialen  Kreisen  zu  sein,  scheint  der
Staat  ein  umfassendes  System  von  nationalen  Korporationen
werden  zu  wollen.  Das  ist  das  natürliche  Ziel,  das  sich  dem
Entwicklungsgang  unserer  Gegenwart  bietet 1 ).

9  Durkheim,  loe.  cit.  p.  I—XXXVII.
        <pb n="541" />
        520

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Soweit  das  System  und  das  Zukunftsprogramm  Dürkheims.
Wir  versagen  uns,  in  moralphilosophische  Erörterungen  darüber
einzutreten,  weil  uns  das  zu  weit  von  dem  eigentlichen  Gegenstand ­
  des  vorliegenden  Werkes  abbringen  würde.  Desgleichen
kann  von  einer  kritischen  Besprechung  der  eingangs  skizzierten
Methode  Dürkheims  abgesehen  werden,  weil  wir  gleich  unten
bei  der  Besprechung  Simiands  uns  noch  eingehender  damit  zu
befassen  haben  werden.  Wir  beschränken  uns  darum  auf  wenige
Bemerkungen,  speziell  zu  der  tatsächlichen  Gestalt,  welche  die
induktive  Methode  bei  unserm  Autor  annimmt.
Obwohl  Durkheim  sich  nicht  gerade  durch  Verständnis
für  transzendentale  Momente  bei  seinen  sozialwissenschaftlichen
Forschungen  hervortut,  so  weist  er  doch  bemerkenswerte  Berührungspunkte ­
  mit  hervorragenden  Vertretern  transzendentaler
Weltanschauung  auf.  Mit  Le  Play  hat  er  gemein  bei  dem
Versuche,  ein  sozialethisches  System  induktiv  zu  fundamentieren,
aphoristische  Momente  mit  voraussetzungslos  sein  wollender
Tatsachenbeobachtung  zu  vermengen.  Mit  de  la  Tour  du  Pin
teilt  er  das  Ideal  einer  korporativen  Gesellschaftsordnung.
Wenn  Durkheim  das  Wesen  der  Arbeitsteilung  darin
sieht,  daß  sie  die  von  ihm  organisch  benannte  Solidarität  erzeugt, ­
  so  ist  das  weniger  eine  Induktion  aus  Beobachtung  der
Wirklichkeit,  denn  eine  aphoristische  Begriffsbestimmung,  die
einen  derartigen  Abstraktionsgrad  erreicht,  daß  sie  von  der
Wirklichkeit  nur  mehr  ein  bedenklich  irreales  Bild  gibt 1 ).  Ferner
verwirft  Durkheim  die  Soziologie  Auguste  Comtes,  weil
sie  die  gesuchten  Kausalbeziehungen  vorher  bestimmt,  indem
sie  darin  a  priori  den  Ausdruck  der  Richtung  sieht,  in  der  sich
die  Geschichte  der  Menschheit  im  allgemeinen  bewegt.  Ja,  ist
denn  vielleicht  der  Gang  der  Dinge,  den  Durkheim  annimmt,

&amp;gt;)  Es  ist  Durkheim  weniger  darum  zu  tun,  die  Wirklichkeit  darzustellen
oder  zu  erklären,  als  aus  ihrer  Beobachtung  ein  ideelles  Prinzip  des  Seinsollens,
eine  Norm  der  Ethik  zu  gewinnen.  Er  beobachtet  nun,  daß  die  Arbeitsteilung
in  einem  Fall  Solidaritäten,  in  dem  andern  das  Gegenteil  erzeugt.  Flugs  bezeichnet ­
  er  Fälle  der  ersten  Art  als  normale,  wesentliche  Wirkungen  der  Arbeitsteilung, ­
  während  er  solche  der  zweiten  Art  als  pathologische  Wirkungen  derselben ­
  hinstellt.  Welches  Kriterium  hat  er  hierfür?  Kein  anderes  als  die
Begriffsbestimmung:  das  Wesen  der  Arbeitsteilung  besteht  darin,  Solidaritäten
zu  erzeugen.  Wir  haben  es  also  im  Grunde  mit  einer  petitio  principii  zu  tun.
        <pb n="542" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

521

von  der  einförmigen,  in  sich  abgeschlossenen  Gesellschaft  zu
der  arbeitsteiligen,  von  der  mechanischen  zur  organischen  Solidarität ­
  durch  das  Mittel  der  Arbeitsteilung,  nicht  eine  mindestens
ebenso  unhistorische  Voraussetzung,  als  die  von  Comte?  Durkheim ­
  ist  viel  zu  sehr  rationalistischer  Theoretiker,  als  daß  es
ihm  gelingen  sollte,  das  Ergebnis  einer  Beobachtung  so  unbefangen ­
  zu  formulieren,  daß  die  Formel  nicht  schon  eine  in  dem
beobachteten  Gegenstand  nicht  enthaltene  Doktrin  enthielte!
Durkheim  passiert  aber  nicht  nur  das  Mißgeschick,  welches
alle  jene  trifft,  die  in  den  Geisteswissenschaften  entweder  mit
der  Induktion  allein,  oder  mit  der  Deduktion  allein  glauben
auskommen  zu  können,  sondern  er  beobachtet  auch  schlecht.
Gewiß  erzeugt  die  gesellschaftliche  oder  berufliche  Arbeitsteilung
Solidaritäten,  wie  sie  auch  Rechte  und  Pflichten  begründet.
Aber  tut  sie  das  etwa  allein?  Gibt  es  nicht  neben  ihr  noch
viele  andere  Quellen  von  Solidaritäten,  von  Rechten  und  Pflichten  ?
Anzufangen  mit  der  allgemeinsten  aller  wirtschaftlichen  Erscheinungen, ­
  wie  Gide  sagt,  dem  Konsum  :  erzeugt  dieser  nicht
Solidaritäten,  die  sich  in  Genossenschaften  verkörpern,  welche
die  beruflichen,  arbeitsteiligen  Differenzierungen  der  Individuen
nivellieren  ?  Erzeugt  die  Gemeinsamkeit  der  Risiken  nicht  etwa
die  Solidarität  der  Gegenseitigkeitsgenossenschaft?  Noch  mehr,
hat  Durkheim  wirklich  den  Beweis  erbracht,  daß,  um  Solidaritäten ­
  oder  um  Rechte  und  Pflichten  zu  erzeugen,  eine  einheitlich ­
  oder  arbeitsteilig  organisierte  Kollektivität  nötig  ist?
Wir  glauben  es  nicht.  Die  sittliche  Rolle  der  Arbeitsteilung
im  Leben  der  menschlichen  Gesellschaft  hat  er  jedenfalls  weit
überschätzt.
Zum  dritten  —  und  damit  wollen  wir  uns  bescheiden  —
beruht  die  enge,  gegenseitige  Bedingtheit  der  Fortschritte  der
Arbeitsteilung  und  der  Entwicklung  der  Persönlichkeit,  das  Aufgehen ­
  dieser  in  den  Berufsmenschen  bei  Durkheim  auf  einem
sehr  zu  beanstandenden,  aphoristischen  Persönlichkeitsbegriff.
Gide  ist  z.  B.  im  Gegensatz  zu  Durkheim  der  Ansicht,  daß
der  Mensch  erst  dann  so  recht  seine  Persönlichkeit  zu  entwickeln
beginnt,  wenn  er  am  Abend  seine  Arbeitsjacke  auszieht  und  im
für  alle  gleichen  Gesellschaftskleide  sich  in  irgend  welcher,  alle
Berufe  nivellierender  konsumgenossenschaftlicher  Tätigkeit  selbstlos ­
  für  das  Wohl  seiner  Mitmenschen  betätigt.
        <pb n="543" />
        522

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Henry  Michel  hat  Recht,  wenn  er  zu  Dürkheims  Werk
„De  la  Division  du  Travail  social“  fragend  äußert:  „(L'esprit)
se  prend  à  craindre  que  sur  tout  ce  livre,  d’une  construction
en  apparence  si  solide,  où  règne  une  méthode  qui  se  flatte  d’être
strictement  positive,  la  métaphysique,  phantôme  mal  exorcisé,
ne  continue  à  planer,  invisible,  mais  présente 1 )?“
François  Simiand,  Bibliothekar  am  Handelsministerium  in
Paris,  hat  schätzenswerte  Beiträge  zur  Lohntheorie  mittelst  der
„indirekt  experimentellen“  Methode  Dürkheims  gewonnen 2 ).
Er  ist  von  der  Überzeugung  durchdrungen,  daß  die  Nationalökonomie ­
  den  Anspruch,  eine  Wissenschaft  zu  sein,  erst  dann
wird  erheben  können,  wenn  sie  mit  Hilfe  jener  Methode  durchgreifend ­
  positiv  fundamentiert  sein  wird.
In  der  heutigen  volkswirtschaftlichen  Literatur,  führt  Simiand ­
  aus 3 ),  liegt  allen  Theorien  ausdrücklich  oder  stillschweigend ­
  eine  Fragestellung  folgender  Art  zugrunde  :  Welches
ist  die  wirtschaftlichste  Produktion  und  wie  ist  sie  zu  verwirklichen? ­
  Welches  ist  die  beste  Art  der  Verteilung?  Wie  kann
man  der  größten  Zahl  die  größtmögliche  Menge  von  Gütern
verschaffen?  usw.  Die  heutige  Nationalökonomie  ist  darum
nicht  eine  Erforschung  von  Ursachen  und  Wirkungen,  sondern
ein  Studium  von  Mitteln  im  Hinblick  auf  ein  Ziel.  Selbst  jene
Volkswirte,  welche  den  Anspruch  erheben,  die  reine  Ökonomik
zu  lehren,  sehen  i^ire  Hauptaufgabe  darin,  die  Gleichgewichtsbedingungen ­
  eines  ideellen  Marktes,  den  sie  „freien  Markt“
nennen,  zu  bestimmen.  Aber  bedeutet  das  Unterfangen,  die
Bedingungen  des  Gleichgewichts  eines  Marktes  eher  als  jene
eines  gestörten  Gleichgewichtes  desselben  bestimmen  zu  wollen
nicht,  daß  man  stillschweigend  ein  Analytisches  Postulat  voraus-')

  Henry  Michel,  L’Idée  de  l’Etat,  Paris  1896,  p.  481—482.
2 )  François  Simiand,  Le  Salaire  des  ouvriers  des  Mines  de  charbon  en
Prance.  Contribution  à  la  Théorie  économique  du  salaire.  Paris  1907.  —
H.  Simiand  war  so  freundlich,  uns  außerdem  mehrere  schriftliche  Notizen,
sowie  den  Bürstenabzug  einer  von  ihm  dem  Soziologenkongreß  in  Heidelberg
(1908)  gemachten  Mitteilung,  die  später  in  der  Revue  de  Métaphysique  veröffentlicht ­
  wurde,  zur  Verfügung  zu  stellen.  Wir  verweisen  auch  auf  seine  zahlreichen ­
  Rezensionen  in  den  verschiedenen  Jahrgängen  der  Année  sociologique.
3 )  F.  Simiand,  La  Méthode  positive  en  Science  économique,  in:  Revue
de  Métaphysique  1908.  (Wir  zitieren  nach  dem  eben  angeführten  Bürstenabzug.)
        <pb n="544" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

523

setzt,  jenes  nämlich,  daß  das  Gleichgewicht  der  normative,
ideale  Zustand  des  Marktes  ist?
Die  positive  Wissenschaft  fragt:  Wie  ist  diese  oder  jene
Tatsache  zu  erklären  ?  Welches  sind  deren  Ursachen,  welches
deren  Wirkungen?  Sie  fragt  nicht:  Wie  ist  dieses  oder  jenes
Resultat  zu  erreichen  ?  Die  praktische  und  normative  Forschung
ist  der  positiven  lange  vorausgeeilt,  weil  die  Praxis  dringender
Lösungen  bedarf,  selbst  wenn  die  Wissenschaft  noch  nicht  besteht. ­
  Aber  logisch  geht  das  Erkennen  dem  Urteilen  voraus;
hier  wie  anderswo  ist  die  Kenntnis  der  Ursachen  einer  Erscheinung ­
  und  der  Gesetze,  die  sie  beherrschen,  die  unbedingt  notwendige ­
  Basis  für  die  Praxis,  die  auf  diese  Erscheinung  einwirken ­
  will,  wenn  sie  aus  einer  empirischen  zu  einer  rationellen
werden  soll 1 ).
Um  die  wirtschaftliche  Wirklichkeit  zu  erklären,  genügt
es  jedoch  nicht,  unter  Vermeidung  jedweder  normativer  Fragestellung ­
  mit  irgend  welchem  Beobachtungsmittel  an  die  Erforschung ­
  der  Ursachen  und  Wirkungen  der  Erscheinungen  heranzutreten. ­
  Man  muß  sich  vielmehr  von  vornherein  darüber  klarwerden, ­
  daß  die  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens  ihrem
Wesen  nach  gesellschaftliche,  kollektive  Erscheinungen  sind.
Sie  können  darum  nicht  durch  innere  Wahrnehmung  erkannt
werden.  Es  ist  unzulässig,  Erscheinungen  gesellschaftlicher
Natur  durch  individuelle  erklären  zu  wollen.  An  die  volle
Wirklichkeit  der  volkswirtschaftlichen  Phänomene  ist  nur  durch
objektive  Beobachtung,  durch  äußere  Wahrnehmung  heranzukommen. ­
  Simiand  hat  diesen  Grundsatz  der  Durkheim  sehen
Methodologie  am  ausführlichsten  am  Beispiel  der  Lohnbewegungen
in  der  französischen  Kohlenindustrie  veranschaulicht.
Die  offizielle  Statistik  lieferte  ihm  gerade  für  diesen  Industriezweig ­
  ausgiebige  Materialien.  Durch  das  „Vergleichen
konkomitanter  Variationen“  nach  Durkheim  schern  Rezept,
d.  h.  durch  die  Untersuchung  der  Beziehungen  zwischen  den
Löhnen  und  deren  verschiedenen  Begleiterscheinungen  gelangt
Simiand  zu  der  Feststellung,  daß  sich  in  dem  beobachteten

')  Vgl.  die  Rezensionen  von  Simiand  in  l'Année  sociologique,  Bd.  VI,
p.  507—511;  Bd.  VII,  p.  568,  616—620;  Bd.  Vili,  p.  527-536,  584—586;
Bd.  IX,  p.  517—519;  Bd.  X,  p.  509-511.
        <pb n="545" />
        524

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Gebiete  zwei  Gruppen  von  Erscheinungen  regelmäßig  wiederholen. ­
  Diese  Gruppen  oder  Zyklen  sind:  1.  wenn  der  Verkaufspreis ­
  der  Kohlen  steigt,  so  steigen  gleichzeitig,  wenn  auch
weniger  rasch,  der  Arbeitslohn  pro  Tonne  und  der  durchschnittliche ­
  Tagesverdienst  der  Arbeiter,  während  ihre  durchschnittliche ­
  Tagesleistung  stationär  bleibt  oder  sinkt;  2.  wenn  der
Verkaufspreis  der  Kohlen  sinkt,  so  sinkt  nach  einiger  Zeit  auch
der  Arbeitslohn  pro  Tonne,  während  die  durchschnittliche  Tagesproduktion ­
  steigt;  das  Steigen  dieser  hat  zur  Folge,  daß  der
Tagesverdienst  stationär  bleibt  oder  doch  wenigstens  in  weit
geringerm  Maße  sinkt,  als  es  der  Arbeitslohn  pro  Tonne  tut 1 ).
Die  Frage  nach  der  Ursache  dieser  beobachteten  Lohnerscheinungen ­
  beantwortet  Simiand  dahin,  daß  sie  im  Handeln
der  Arbeitgeber  und  der  Arbeiter  zu  suchen  sei.  Dieses  Handeln
hat  einen  genau  bestimmten  Gegenstand  und  wird  durch  scharf
umgrenzte  Tendenzen  geleitet.  Gegenstand  des  Handelns  der
Arbeitgeber  und  Arbeiter  sind  Gewinn  und  Anstrengung 2 ).  Die
in  Betracht  kommenden  Tendenzen  des  beiderseitigen  Handelns
sind  (man  beachte  die  Reihenfolge);  1.  die  Tendenz,  den  bestehenden ­
  Gewinn  zu  erhalten  ;  2.  die  Tendenz,  die  Anstrengung
nicht  zu  steigern;  3.  die  Tendenz,  den  Gewinn  zu  erhöhen;
4.  die  Tendenz,  die  Anstrengung  zu  verringern.
Simiand  stellt  nun  folgende  Sätze  auf 3 ):
A.  In  einem  und  demselben  wirtschaftlichen  Subjekte  siegt
eine  jede  der  angeführten  Tendenzen  im  Konfliktfall  über  die
nächstfolgende.
B.  Die  Tendenzen  gleicher  Rangstufe  bei  Arbeitgebern  und
Arbeitern  finden  sich  im  Konfliktfalle  miteinander  ab,  so  zwar,
daß  beide  eine  nur  teilweise  Befriedigung  erreichen.  Wenn
1)  Simiand,  Le  Salaire  des  Ouvriers  des  Mines  de  charbon  en  France,
Paris  1907,  p.  95—97,  p.  179.
2 )  Unter  Gewinn  versteht  Simiand:  auf  seiten  der  Arbeitgeber  das  Verhältnis ­
  des  Lohnes,  der  für  die  auf  die  Erzeugung  einer  Tonne  Kohlen  verwandte ­
  Arbeit  gezahlt  werden  muß,  zum  Verkaufspreis;  auf  seiten  der  Arbeiter
den  Tagesverdienst.  Unter  Anstrengung  versteht  er:  auf  seiten  der  Arbeitgeber
die  Leitung  des  Betriebes,  die  Organisation  der  Produktion,  die  technische  und
wirtschaftliche  Initiative  usw.  ;  auf  seiten  der  Arbeiter  die  tägliche  Wirkung
des  Tagesverdienstes,  die  in  Zeit  und  Intensität  geschätzte,  pro  Tag  gelieferte
Arbeitsmenge.  Simiand,  loc.  cit.  p.  291—294.
s )  Ibid.  p.  295—299.
        <pb n="546" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

525

z.  B.  die  Tendenz  der  Arbeiter,  ihren  Tagesverdienst  zu  erhalten,
mit  der  Tendenz  der  Arbeitgeber,  ihren  Reingewinn  pro  Tonne
zu  erhalten,  in  Konflikt  kommt,  d.  h.  wenn  die  volle  Befriedigung ­
  der  einen  dieser  beiden  Tendenzen  von  der  Nichtbefriedigung ­
  der  andern  abhängt,  so  findet  ein  Kompromiß  zwischen
beiden  statt.
C.  Entsteht  ein  Konflikt  zwischen  Tendenzen  verschiedener
Rangstufe,  so  siegt  die  Tendenz  höheren  Ranges,  einerlei,  ob
sie  Arbeitgeber-  oder  Arbeitertendenz  ist,  über  die  Tendenz
niedern  Ranges  der  andern  Partei.  Wenn  z.  B.  die  Befriedigung
der  Tendenz  der  einen  Partei,  den  bestehenden  Gewinn  zu  erhalten, ­
  von  der  Nicht-  oder  geringern  Befriedigung  der  Tendenz
der  andern  Partei,  ihre  Anstrengung  nicht  zu  erhöhen,  abhängt,
so  wird  die  erstere  Tendenz,  einerlei,  ob  sie  auf  seiten  der
Arbeitgeber  oder  auf  seiten  der  Arbeiter  sei,  über  die  zweite
Tendenz  der  andern  Partei  den  Sieg  davontragen.  Der  Arbeitgeberwiderstand ­
  gegen  Erhöhung  der  relativen  Arbeitskosten,
d.  h.  des  Lohnes  pro  Tonne  Kohlen,  ist  stark  genug,  den  Arbeitern ­
  eine  Vermehrung  ihrer  Anstrengung  oder  Tagesleistung
aufzuerlegen  ;  aber  der  Arbeiterwiderstand  gegen  eine  Lohnherabsetzung ­
  ist  stark  genug,  die  Arbeitgeber  zu  größerer  Anstrengung ­
  zu  zwingen,  oder  ihr  Streben  nach  größerm  Gewinn
zu  vereiteln.
Der  Faktor,  welcher  die  in  den  obigen  Sätzen  ausgedrückten
Vorgänge  hervorruft,  ist  das  Steigen  und  Fallen  der  Kohlenpreise. ­

Eine  bemerkenswerte  Nutzanwendung  der  Forschungsergebnisse ­
  Simiands  geht  dahin,  daß  die  Arbeiterausstände
keineswegs  die  Ursache  von  Lohnschwankungen  sind,  sondern
daß  sie  nur  eine  Form  darstellen,  in  welcher  die  oben  näher
bezeichneten  Tendenzen  im  Konfliktfalle  sich  durchzusetzen
streben.  Darum  hat  auch  der  Ausgang  eines  Ausstands  nichts
Zufälliges,  noch  Willkürliches,  sondern  er  liegt  in  der  Richtung,
welche  jene  Tendenzen,  d.  h.  die  wirklichen  Ursachen  der  Lohnschwankungen, ­
  vorbestimmen 1 ).
Simiand  hat  seine  Forschungsergebnisse  in  der  Hauptsache ­
  durch  scharfsinniges,  aber  äußerst  gewissenhaftes  und

b  Simiand,  loc.  eit.  p.  360.
        <pb n="547" />
        526

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

recht  langwieriges  Vergleichen  und  Gegenüberstellen  reich  gegliederter, ­
  statistischer  Zahlenmaterialien  aus  über  50  Jahren
(1847—1902)  gewonnen.  Ergänzend  zog  er  neben  den  Angaben
der  offiziellen  Statistik  auch  Monographien,  Zeitungsausschnitte
usw.  mit  heran.  Er  schildert  selbst  das  Verfahren,  das  er  eingeschlagen ­
  hat,  recht  anschaulich.  Zunächst  galt  es,  schreibt
er,  die  Quellen  auszuwählen  und  zu  ordnen.  Aus  ihnen  mußte
dann  ein  geordnetes  Tatsachenmaterial,  das  geeignet  war,  in
erklärender  Weise  verarbeitet  zu  werden,  ausgelesen  werden.
Nach  summarischer  Rekognoszierung  der  allgemeinen  Richtung
der  beobachteten  Erscheinungen  begann  das  Suchen  nach  Beziehungen, ­
  nach  Regelmäßigkeit  von  Beziehungen  zwischen
einer  jeden  Tatsache  und  allen  denen,  die  für  fähig  gehalten
wurden,  auf  sie  einzuwirken.  Nach  vielfachem  Probieren  mit
Hypothesen  von  Kausalbeziehungen  gelang  es,  eine  zusammenhängende ­
  und  präzise  Gesamtheit  von  Beziehungen  zwischen
einer  Anzahl  von  Elementen  festzustellen.  Diese  Gesamtheit
bildete  einen  Zyklus,  der  sich  mehrere  Male  in  verschiedenen
Milieus  identisch  wiederfand.  Eine  so  ausgesprochene  Regelmäßigkeit ­
  rechtfertigte  ein  tieferes  Erforschen  ihrer  Ursachen.
Zunächst  wurden  dazu  die  bereits  untersuchten  Tatsachen
in  kleinere,  eng  begrenzte  Gruppen  geordnet  und  wieder  beobachtet. ­
  Dies  führte  zur  Bestätigung  der  frühern  Resultate  und
zur  definitiven  Aufstellung  der  typischen  Zyklen  von  Erscheinungen. ­
  Jetzt  galt  es,  die  Ursachen  aufzufinden,  durch  die  die
Zyklen  sich  erklärten.  Die  bisher  festgestellten  Beziehungen
hatten  nicht  das  Aussehen  von  rein  mechanischen.  Darum  lag
die  Idee  nahe,  ihre  Ursache  in  einem  menschlichen  Handeln  zu
suchen.
Die  Tatsachen  bewiesen  bald,  daß  dieses  menschliche
Handeln  nicht  ein  willkürliches  und  spontanes  sein  konnte.
Nunmehr  stellte  sich  die  Frage,  ob  ein  menschliches  Handeln
vorliegen  könnte,  das  a  priori  vorauszusehen  sei,  indem  man
von  einigen  allgemeinen  und  traditionellen  volkswirtschaftlichen
Postulaten  über  die  Richtung  des  wirtschaftlichen  Handelns
ausging.  Hier  lautete  die  Antwort,  daß  a  priori  nur  auf  mehrere
mögliche  Handlungsweisen  geschlossen  werden  könne,  unter
denen  die  tatsächlich  zutreffende  nur  durch  Beobachtung  des
wirklichen  Geschehens  zu  erkennen  sei.  Die  naheliegende  Idee,
        <pb n="548" />
        Die  „positive“  Grundlegung  der  Nationalökonomie

527

sich  zu  deren  Feststellung  an  die  Absichten  und  Erklärungen
der  interessierten  Parteien  zu  halten,  erwies  sich  als  trügerisch  ;
nur  durch  eine  objektive  Analyse,  die  unabhängig  blieb  von
der  Interpretation,  welche  die  Individuen  selbst  von  ihrem
Handeln  geben  können,  konnten  die  wirklichen  Tendenzen,
deren  Wirkung  die  festgestellten  Tatsachen  waren,  festgestellt
und  formuliert  werden  *).
Die  letztem  methodologischen  Aufstellungen  drücken  eine
Bestätigung  der  Durkheimschen  These  aus,  daß  sich  die  gesellschaftlichen ­
  Erscheinungen  —  zu  denen  die  volkswirtschaftlichen ­
  gehören  —  ihrer  Natur  nach  der  innern  Wahrnehmung
entziehen.  Simiand  legt  darauf  mindestens  so  viel  Wert,  als
auf  seine  Lohngesetze i)  2 ).  Wir  wollen  ihm  zugeben,  daß  die
psychologischen  Dispositionen  oder  Tendenzen,  welche  er  als
Ursachen  der  Lohnschwankungen  in  der  französischen  Kohlenindustrie ­
  eruiert  hat,  „einen  kollektiven  Charakter  haben,  gesellschaftliche ­
  Gruppen  als  solche  kennzeichnen 3 ).“  Diese  Feststellung ­
  genügt  aber  noch  nicht,  um  das  im  Grunde  auf
Condorcet  zurückreichende  Postulat  der  Durkheimschen  Methodologie ­
  zu  beweisen,  daß  alle  gesellschaftlichen  und  folglich  auch
die  wirtschaftlichen  Erscheinungen  nur  durch  äußere  Wahrnehmung ­
  erkannt  werden  können.  Es  ist  ja  zweifellos  wahr,  daß
„das  Leben  der  Gesellschaft  etwas  mehr  als  die  Summe  der
Leben  ihrer  einzelnen  Glieder  ist 4 ).“  Das  schließt  jedoch  keineswegs ­
  aus,  daß  in  erster  Linie,  wie  Marshall  schreibt,  „die  Tätigkeit ­
  des  Ganzen  zusammengesetzt  ist  aus  der  seiner  Bestandteile,
und  daß  man  bei  den  meisten  wirtschaftlichen  Problemen  den
besten  Ausgangspunkt  in  den  Motiven  findet,  welche  den  Einzelnen
bewegen,  wobei  letzterer  nicht  als  isoliertes  Atom,  sondern  als
ein  Glied  einer  besondern  Erwerbs-  oder  Wirtschaftsklasse  behandelt ­
  wird 5 )“.  Der  Beobachtung  der  Handlungen  der  Einzelnen
und  der  Gemeinschaften,  wie  auch  der  Motive  und  der  Ergebnisse ­
  dieser  Handlungen  „dient“  aber,  sagt  Schm  oller,  „stets
i)  Simiand,  loc.  cit.  p.  487  ff.
*)  ibid.  p.  496.
")  ibid.
4 )  Marshall,  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre,  Bd.  I,  deutsche  Übersetzung ­
  von  H.  Ephraim  und  A.  Salz,  Stuttgart  1905,  p.  72.
5 )  ibid.  p.  72—73.
        <pb n="549" />
        528

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

vereint  innere  und  äussere  Wahrnehmung“  l ).  Die  gesellschaftlichen
Erscheinungen  mögen  noch  so  sehr  Phänomene  sui  generis  sein,
die  Auflösung  derselben  in  ihre  Bestandteile  und  die  Beobachtung
dieser  mittels  der  innern  Wahrnehmung,  die  uns  „unmittelbare
Gewißheit  über  uns  selbst  und  durch  Vergleichung  mit  den
Worten,  Mienen  und  Handlungen  der  andern  auch  über  diese
gibt 2 )“,  bleibt  ein  hervorragendes  Mittel  der  volkswirtschaftlichen
Beobachtung.  Dies  ist  übrigens  umso  mehr  noch  deswegen  der
Fall,  weil,  wie  Stuart  Mill  sehr  richtig  feststellt,  die  Verbindungsweise ­
  der  Kräfte,  mit  denen  die  Wirtschaftslehre  sich  beschäftigt,
mehr  mechanischer  als  chemischer  Natur  ist.  Das  heißt,  wenn
wir  die  Wirkung  zweier  wirtschaftlicher  Kräfte  getrennt  kennen,
„  so  können  wir  ziemlich  genau  ihre  vereinte  Wirkung  vorher
sagen,  ohne  auf  eine  besondere  Erfahrung  warten  zu  müssen 3 )“.
Was  die  Lohngesetze  Simiands  betrifft,  so  begrüßen  wir
sie  mit  Freuden  als  eine  schätzenswerte  Förderung  der  Wissenschaft. ­
  Landry  bemerkt  allerdings  unter  anderm  dazu,  daß
sie  zwar  darüber  Aufschluß  geben,  warum  in  einem  bestimmten
Momente  die  Löhne  steigen  oder  fallen,  daß  sie  aber  nicht  zu
erklären  vermögen,  warum  die  Löhne  der  französischen  Kohlenindustrie ­
  seit  50  Jahren  beträchtlich  gestiegen  sind.  Um  diese
Erscheinung  zu  erklären,  hätte  Simiand,  meint  Landry,  über
das  Gebiet  der  Kohlenindustrie  hinaus  nach  Ursachen  suchen
müssen,  und  besonders  die  enge,  gegenseitige  Abhängigkeit  der
Löhne  verschiedener  Industrien  nicht  außer  acht  lassen  dürfen 4 ).
Das  wird  aber  wohl  noch  kommen;  denn  Simiand  teilt  uns
am  Anfang  seines  Buches  mit,  daß  seine  Untersuchungen  über
die  Löhne  in  der  Kohlenindustrie  nur  einen  kleinen  Bruchteil
der  viel  umfassenderen  Forschungen  über  das  Lohnproblem  darstellen, ­
  welche  er  in  Angriff  genommen  hat.  Wir  dürfen  auf
die  Ergebnisse  gespannt  sein,  welche  die  Nationalökonomen
unter  den  Schülern  Dürkheims,  und  speziell  Simiand,  mit
der  Methode  des  Meisters  noch  zu  Tage  fördern  werden.
i)  Schmoller,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre,  Bd.  I,  1.  bis
3.  Ausl.,  Leipzig  1900,  p  101.
s )  ibid.
3 )  Marshall,  loe.  cit.  p.  77.
4 )  Landry,  Quelques  travaux  récents  de  Théorie  économique  in  Revue
d'économie  politique,  1907,  p.  694.
        <pb n="550" />
        Anhang.
Wir  haben  im  Laufe  der  vorliegenden  Arbeit  eine  Reihe
von  Einrichtungen  und  Anstalten  kennen  gelernt,  die  der  Pflege
der  ökonomischen  Wissenschaft  dienen.  Da  sie  alle  grundsätzlich ­
  oder  tatsächlich  im  Dienste  der  einen  oder  andern  Lehrmeinung ­
  stehen,  fanden  sie  ihren  natürlichen  Platz  bei  der  Besprechung ­
  der  einzelnen  Schulen.  Es  gibt  jedoch  außerdem
noch  einige  derartige  Anstalten  in  Frankreich,  die  weder  prinzipiell ­
  noch  wirklich  einer  besonderen  Richtung  angehören,  und
folglich  im  Rahmen  dieses  Werkes  bisher  nicht  Platz  finden
konnten.  Von  diesen  einige  Worte  an  dieser  Stelle.
Das  vom  Grafen  de  Chambord  1894  gestiftete  Musée  Social
hat  zum  Zweck  Veröffentlichungen,  Dokumente  und  Aufschlüsse
über  die  verschiedensten  sozialpolitischen  Fragen  und  alle  bestehenden ­
  Einrichtungen,  welche  der  Hebung  der  materiellen
und  sittlichen  Wohlfahrt  der  Arbeiter  dienen,  zu  sammeln,  und
allen  Interessenten  unentgeltlich  zur  Verfügung  zu  stellen.  Die
Anstalt  erweitert  ihre  Tätigkeit  immer  mehr  in  dem  Sinne,  daß
sie  auf  Grund  ihrer  reichhaltigen  Sammlungen  vielfache,  sachkundige ­
  Anregungen  zur  Begründung  oder  Verbesserung  sozialer
Wohlfahrtseinrichtungen  gibt.  An  der  Spitze  des  Musée  Social
steht  ein  Direktorium  von  sieben  Mitgliedern,  welche  auf  sieben
Jahre  von  der  Gesellschaft  des  Musée  Social  gewählt  werden.
Zu  seinen  Lebzeiten  ernannte  der  Stifter  die  Mitglieder  des
Direktoriums,  dessen  Präsident  zur  Zeit  der  ehemalige  Minister
J.  Siegfried  ist.  Die  Zahl  der  Mitglieder  und  Mitarbeiter  des
Musée  Social  beläuft  sich  auf  etwa  250.  Die  liberale  Schule
und  die  Le  Play  sehe  Schule  der  Réforme  Sociale  sind  besonders
stark  darin  vertreten.  Auch  republikanische  Politiker  wie  :  Emile
Loubet,  Deschanel,  Waldeck-Rousseau,  Maruéjouls  usw.,  sowie  entschiedene ­
  Interventionisten  aus  verschiedenen  Lagern:  Meline,
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  34
        <pb n="551" />
        530

Anhang

Charles  Gide,  Milcent,  Delalande,  B.  Jay  usw.  nehmen  (oder  nahmen)
tätigen  Anteil  an  den  Arbeiten  des  Musée  Social.
Die  laufenden  Geschäfte  besorgen  Sekretariat  und  Direktion,
an  deren  Spitze  der  Professor  am  Conservatoire  des  Arts  et
Métiers  Léopold  Mabilleau  steht.  Die  Beschaffung  sozialpolitischen
Materials  und  die  Erteilung  von  Auskünften  werden  in  drei
Gruppen  erledigt:  1.  Abteilung  für  gewerbliche  und  Arbeiterfragen, ­
  2.  Abteilung  für  Landwirtschaft,  3.  Abteilung  für  Gegenseitigkeitsgenossenschaften ­
  (Mutualités).  Schwierigere  Fälle  werden
Spezialausschüssen,  deren  es  sieben  gibt,  zur  Begutachtung  unterbreitet. ­
  Diese  Ausschüsse  sind  :  1.  Der  Ausschuß  für  Beziehungen
mit  Gesellschaften,  die  sich  mit  sozialen  Fragen  beschäftigen  ;
2.  der  landwirtschaftliche  Ausschuß  ;  3.  der  Ausschuß  für  Arbeiterorganisationen ­
  ;  4.  der  Ausschuß  für  soziales  Versicherungswesen;
5.  der  Ausschuß  für  Wohlfahrtseinrichtungen  der  Arbeitgeber;
6.  der  juristische  Ausschuß  ;  7.  der  Ausschuß  für  Enqueten  und
soziale  Studien.
Die  gesamte  soziale  Bewegung  des  In-  und  Auslandes  wird
Tag  für  Tag  verfolgt  ;  es  werden  Dokumentensammlungen  darüber
angelegt  ,  die  reichhaltige  Materialien  aufweisen,  insbesondere  :
Berichte  der  zahlreichen  Korrespondenten,  welche  die  Anstalt
im  In-  und  Ausland  hat;  Ausschnitte  aus  Zeitschriften  und
Zeitungen;  Drucksachen  der  verschiedensten  sozialpolitischen
Vereinigungen;  eingehende  Berichte  der  Delegierten,  welche
das  Musée  Social  bei  großem  Arbeiterausständen  usw.  an  Ort
und  Stelle  sendet,  um  genaue  Enqueten  aufzunehmen.  Das
Musée  Social  ist  bestrebt,  sich  über  die  verschiedenen  Gewerbe,
deren  Arbeitsverhältnisse,  über  neue  zur  Anwendung  kommende
Lohnsysteme  usw.  möglichst  vollständig  zu  dokumentieren.  Ferner
werden  jährlich  etwa  ein  Dutzend  junge  Gelehrte  zu  Studienreisen ­
  ins  Ausland  gesandt.  Die  Ergebnisse  dieser  Reisen  werden
in  einer  Sammlung  von  Monographien  mit  dem  Titel  Bibliothèque ­
  du  Musée  Social  veröffentlicht x ).

*)  Die  hauptsächlichsten,  bisher  in  dieser  Sammlung  erschienenen  Monographien ­
  sind:  Ch.  Gide,  Les  Sociétés  coopératives  de  consommation.  —  Paul
de  Bousiers,  Le  Trade-Unionisme  en  Angleterre,  —  Paul  de  Bousiers,  Les  Industries ­
  monopolisées  (trusts)  aux  Etats-Unis.  —  Léon  de  Seilhac,  Les  Congrès
ouvriers  en  France  (1876—1897).  —  Louis  Vigouroux,  La  Concentration  des
forces  ouvrières  dans  l’Amérique  du  Nord.  —  Louis  Vigouroux,  L’Evolution
        <pb n="552" />
        531

Anhang

Dem  Publikum  stellt  die  Anstalt  unentgeltlich  zur  Verfügung: ­
  Die  auf  dem  eben  dargelegten  Wege  gewonnene  Dokumentensammlung ­
  ;  eine  permanente,  sozialpolitische  Ausstellung,
deren  Grundstock  die  in  der  Pariser  Weltausstellung  von  1889
zusammengekommenen  Dokumente  usw.  bilden;  endlich  eine
ausgedehnte  volkswirtschaftliche  Bibliothek,  die  zurzeit  etwa
25000  Bände  umfaßt,  nebst  Lesesälen  und  Arbeitszimmern.
Jährlich  finden  ferner  im  Winter  im  Gebäude  des  Musée  Social
(Rue  Las  Cases  5,  Paris)  wöchentliche  Vorträge  statt.  Viele
dieser  Vorträge  sind  Referate  der  von  Studienreisen  zurückgekehrten ­
  Delegierten  über  ihre  Reise.  Außer  der  bereits  erwähnten ­
  Monographiensammlung  gibt  die  Anstalt  eine  Zeitschrift ­
  Le  Musée  Social  heraus.  Seit  1902  umfaßt  diese  zwei
verschiedene  Publikationen:  die  erste  erscheint  monatlich  unter
dem  Titel  Annales  du  Musée  Social;  sie  unterrichtet  über  die
soziale  Bewegung  überhaupt  und  speziell  über  die  Tätigkeit  der
verschiedenen  Verwaltungszweige  der  Anstalt;  die  andere,  Mémoires ­
  et  Documents,  erscheint  unregelmäßig  und  enthält  meist
Monographien  von  Le  Playschülern.  Eine  Zeitlang  überwogen
sogar  unter  diesen  die  (Residenten  Anhänger  der  Gruppe  der
Science  sociale.
Das  Musée  social  hat  ferner  eine  Serie  von  Anweisungen
drucken  lassen,  welche  kurz  und  präzis  über  die  Art  und  Weise
unterrichten,  wie  die  hauptsächlichsten  Typen  sozialer  Institutionen ­
  (Gewerk-,  Kredit-,  Konsumvereine,  Altersrentenkassen,
Genossenschaften  zum  Bau  von  Arbeiterwohnungen  usw.)  am
besten  einzurichten  sind.  Der  an  der  Anstalt  beamtete  Sozialkatholik
  Léon  de  Seil  li  ac  hat  eine  Sammlung  von  ausführlichen ­
  Anweisungen  dieser  Art  als  „Manuel  d’Economie  sociale“
(Paris  1904)  veröffentlicht.  Ein  Pracht  werk,  das  vom  Musée
Social  herausgegeben  wird,  führt  den  Titel  „L’Economie  sociale
à  l’Exposition  universelle  de  1900“.  Es  reproduziert,  mit  Ergänzungen ­
  nach  den  neuesten  statistischen  Erhebungen,  die
graphischen  Darstellungen  und  sonstigen  Dokumente,  die  bei
der  Pariser  Weltausstellung  von  1900  preisgekrönt  wurden.  Die
Herausgabe  des  Werkes  wird  von  Cheysson  geleitet.
Das  Musée  social  bildet  sich  allmählich  zur  Zentrale,  besociale
  en  Australasie.  —  L.  Mabilleau,  Rayneri  und  de  Rocqutgny,  La  Prévoyance
sociale  en  Italie.  —  de  Rocquigny,  Les  Syndicats  agricoles  et  leur  oeuvre  usw.
        <pb n="553" />
        532

Anhang

sonders  der  Gegenseitigkeitsgenossenschaften  Frankreichs  aus,
und  ist  zur  mächtigen  Triebkraft  der  genossenschaftlichen  Organisation ­
  der  französischen  Bevölkerung  erstarkt.  Der  wissenschaftlichen ­
  Forschung  bietet  es  die  am  bequemsten  zugängliche
und  zugleich  reichhaltigste  volkswirtschaftliche  Dokumentenund
  Büchersammlung  der  Seinestadt.
Zum  Teil  nach  dem  Muster  des  Musée  social  wurde  1900
in  Lyon  das  Office  social  de  renseignements  et  d’études  gegründet. ­
  Zweck  dieser  Anstalt  ist  in  erster  Linie  ein  regionales
Zentrum  sozialer  Studien  zu  sein.  An  Stelle  der  durch  Spezialdelegierte ­
  vorgenommenen  Enqueten,  wie  sie  das  Musée  social
organisiert  hat,  will  das  Lyoner  Office  die  Beobachtung  sozialer
Ereignisse  und  Tatsachen  durch  wissenschaftlich  gebildete
Männer  vornehmen  lassen,  welche  an  Ort  und  Stelle  ansässig
sind  und  das  Milieu  gründlich  kennen.  Dieses  System  ist  gewiß
sehr  zweckmäßig  und  würde,  wenn  ernstlich  durchgeführt,
zweifellos  ausgezeichnete  Resultate  liefern.  Außerdem  organisiert
die  Lyoner  Anstalt  Vorträge  über  volkswirtschaftliche  Tagesfragen. ­
  Ihre  Gründer  beabsichtigen,  deren  Rahmen  durch  die
Einrichtung  einer  Ecole  libre  des  sciences  sociales  et  économiques
speziell  für  angehende  Industrielle  und  Kaufleute  zu  erweitern.
Die  Tätigkeit  der  ganzen  Anstalt  liegt  in  der  Hauptsache  noch
in  der  Zukunft.
Das  Collège  líbre  des  Sciences  Sociales  ist  ein  privates
Lehrinstitut  in  Paris  (Rue  Serpente  28),  welches  sein  Entstehen
hauptsächlich  der  Initiative  von  Fri.  Dick  May  verdankt.  Es
gelang  ihr,  mehrere  Parlamentarier  (Léon  Bourgeois,  Delbet,  Abbé
Lemire  u.  a.),  Hochschullehrer  (Aulard,  Lavisse,  R.  Jay  usw.)
und  sonstige  Nationalökonomen  (den  bekannten  Statistiker  Bertillon, ­
  du  Maroussem  usw.)  für  die  Gründung  (1895)  der  Anstalt
zu  interessieren.  Zweck  der  Anstalt  ist,  eine  Gelegenheit  zur
wissenschaftlichen  Darlegung  und  Begründung  der  verschiedensten
volkswirtschaftlichen  Anschauungen  zu  bieten.  Tatsächlich  sind
so  ziemlich  alle  Richtungen  in  der  Anstalt  vertreten.  Unter  den
Dozenten  finden  wir  :  den  apostolischen  Missionar  de  Pascal,
Abbé  Naudet,  den  Sozialisten  Rouanet,  den  Syndikalisten
Lagardelle,  sowie  eine  ganze  Reihe  dazwischen  liegender
Namen,  die  man  gar  nicht  gewohnt  ist  beisammen  zu  finden.
Die  Vorlesungen  behandeln  fast  ausschließlich  Spezial-
        <pb n="554" />
        Anhang  533
fragen;  sie  finden  abends  statt  (47 2 —67 a  Uhr),  und  zwar  jährlich ­
  in  vier  Serien,  von  denen  jede  etwa  drei  Monate  in  Anspruch ­
  nimmt.  Dem  Zwecke  beruflicher  Ausbildung  von  Gewerbeinspektoren, ­
  Bankbeamten  usw.  dienen  Vorlesungen  über
Fabrikinspektion,  Bank-  und  Börsentechnik  usw.,  welche  von
Männern  und  Frauen  der  Praxis  abgehalten  werden.  Die  wenig
zahlreichen  Hörer  der  Anstalt  setzen  sich  zusammen  teils  aus
meist  slavischen  Universitätsstudenten,  teils  aus  Volksschullehrern
und  -lehrerinnen.  Die  Anstalt  besitzt  eine  Bibliothek  von  ca.
8000  Bänden,  welche  zum  größten  Teil  aus  statistischen  Veröffentlichungen ­
  verschiedener  Staaten  besteht.  Ein  Lesezimmer
steht  Professoren  und  Hörern  zur  Verfügung.  Eine  ausgezeichnete ­
  Einrichtung  sind  die  häufigen,  mindestens  wöchentlichen
Visites  industrielles  et  sociales.  Unter  Führung  eines  Dozenten
werden  regelmäßig  soziale  Wohlfahrtseinrichtungen,  gewerbliche
und  landwirtschaftliche  Betriebe  in  Paris  und  der  nächsten  Umgegend ­
  besucht.  Die  unmittelbare  Anschauung  der  Praxis,  die
durch  diese  Exkursionen  vermittelt  wird,  besitzt  einen  eminenten
Unterrichtswert  und  verdiente,  besonders  an  den  Universitäten,
Nachahmung  7-Die
  Ecole  des  Hautes  Etudes  sociales  wurde  1898—1900
von  mehreren  Gründern  und  Mitgliedern  des  Collège  libre  des
Sciences  sociales,  an  ihrer  Spitze  wieder  Fri.  Dick  May,  in  Paris
(Rue  de  la  Sorbonne  16)  ins  Leben  gerufen.  Gegenüber  dem
etwas  chaotischen  Charakter  des  Unterrichts,  den  das  Collège
bietet,  bedeutet  die  Organisation  dieser  jüngern  Anstalt  einen
Fortschritt.  Sie  besteht  aus  vier  Abteilungen  und  bleibt  weitern
Angliederungen  offen.  Die  vier  Abteilungen  sind:  1.  Ecole  de
Morale  et  de  Pédagogie;  2.  Ecole  sociale;  3.  Ecole  de  Journalisme; ­
  4.  Ecole  d’Art.  Zweck  der  Anstalt,  besonders  aber
der  Ecole  sociale,  ist  die  wissenschaftliche  Erörterung  von  speziellen ­
  Tagesfragen,  die  in  den  akademischen  Vorlesungen
nicht  zur  Sprache  zu  kommen  pflegen.  Über  dieses  Ziel  geht
die  Abteilung  für  Journalistik  hinaus:  sie  will  die  theoretische
und  praktische  Vorbereitung  auf  einen  bestimmten  Lebensberuf
bieten.  Grundsätzlich  steht  die  Schule  allen  Anschauungen
')  Volkswirtschaftliche  Exkursionen  werden  außerdem  zurzeit  nur  vom
staats  wissenschaftlichen  Seminar  des  Institut  catholique  in  Lille,  sowie  von  der
Le  Playsehen  Société  (l'Economie  sociale  veranstaltet.
        <pb n="555" />
        534

Anhang

offen.  Der  Unterricht  soll  jedoch  statutengemäß,  im  Gegensatz ­
  zu  dem  des  Collège  libre  des  Sciences  sociales,  vor  allem
die  Darstellung  von  Tatsächlichem  im  Auge  haben.  Wir  sagen
„soll",  denn  in  Wirklichkeit  nimmt  die  Ideologie  einen  breiten
Raum  im  Lehrplan  der  Schule  ein.
An  der  Spitze  der  Ecole  des  Hautes  Etudes  sociales  steht,
neben  Fri.  Dick  May,  der  Dekan  der  Faculté  des  lettres  der
Pariser  Universität,  H.  Crois  et.  Der  Lehrkörper  setzt  sich
zum  größten  Teil  aus  Universitätsprofessoren  zusammen;  dazu
kommen  aber  auch  Schriftsteller,  Künstler,  Privatgelehrte  aus
allen  Lagern.  Die  Schule  zählt  etwa  300  eingeschriebene  Hörer,
teils  Volksschullehrer  und  -lehrerinneu,  teils  Universitätsstudenten
und  -Studentinnen.  Die  zeitliche  Abgrenzung  des  Unterrichts
fällt  mit  der  der  Pariser  Universität  zusammen.  Doch  sind
nicht  alle  Vorlesungen  zweisemestrige.  Eine  ganze  Reihe,  besonders ­
  von  auswärtigen  Dozenten  aus  der  französischen  Provinz, ­
  aus  Belgien,  Italien,  Rußland  usw.  erledigen  ihre  Vorlesungen ­
  in  wenigen  Stunden,  wie  dies  ähnlich  an  der  Ecole
des  Sciences  politiques  et  sociales  des  Institut  catholique  in
Lille 1 )  geschieht.
Die  Abteilung  Ecole  sociale,  die  uns  hier  speziell  interessiert,
wird  von  den  Professoren  der  Pariser  Rechtsfakultät  F.  Faure
und  Ch.  Gide  geleitet.  Sie  umfaßt  vier  Unterabteilungen.
Diese  sind:  1.  Soziologie;  2.  Ideengeschichte;  3.  Wirtschaftsgeographie, ­
  -geschichte  und  -politik;  4.  Fragen  der  Praxis.  In
der  ersten  Unterabteilung  liest  Hector  Denis,  Professor  an
der  Universität  Brüssel,  über  Nationalökonomie.  In  der  zweiten
lesen  der  bekannte  sozialistische  Schriftsteller  F  our  nie  re  über
Geschichte  des  Sozialismus  und  Aupe  tit  über  mathematische
Volkswirtschaftslehre.  Die  dritte  Unterabteilung  umfaßt  :  a)  eine
umfangreiche  Gruppe  von  wirtschaftsgeschichtlichen  Vorlesungen
über  eng  umgrenzte  Spezialfragen  ;  b)  anthropo-  und  wirtschaftsgeographische ­
  Vorlesungen  mehrerer  Dozenten,  die  sich  um  Vidal
de  la  Blache,  Professor  an  der  Sorbonne  in  Paris,  gruppieren,
und  sich  zur  Aufgabe  gestellt  haben,  unter  dessen  Leitung  an
dem  Ausbau  der  von  Jean  Brunhes  durch  mehrjährige  Vorlesungen ­
  am  Collège  libre  des  Sciences  sociales  nach  Frankreich

b  Vgl.  oben  p.  343.
        <pb n="556" />
        Anhang-

535

importierten  Anthropogeographie  zu  arbeiten x ).  Die  letzte  Unterabteilung, ­
  Fragen  der  Praxis,  bietet  Vorlesungen  mit  anschließender ­
  Diskussion  über  aktuelle,  volkswirtschaftliche  Themata.  Hier
lesen  z.  B.  der  Le  Playschüler  Paul  Bureau  über  die  Berechtigung ­
  des  Grundeigentums  und  die  Bodenverteilung  in  den
verschiedenen  Ländern,  der  Professor  an  der  Pariser  Rechtsfakultät ­
  Souchon,  der  Sozialist  Rouan  et  und  der  Gewerkschaftssekretär ­
  K  e  ü  f  e  r  über  den  gesetzlichen  Minimallohn  usw.
In  den  Abendstunden  (8—10  Uhr)  finden  an  der  Ecole  des
Hautes  Etudes  sociales  häufig  Vorträge  statt  über  wirtschaftsund
  sozialpolitische  Tagesfragen,  z.  B.  über  Arbeiterausstände
von  beteiligten  Gewerkschaftspräsidenten  oder  Arbeitersekretären.
Diese  Vorträge  sind  meist  stark  besucht.  1901—1902  dienten
sie  der  Propaganda  für  den  Solidarismus  von  L.  Bourgeois,
seither  häufig  dem  Werben  für  sozialistische  Ideen.
Es  bleibt  noch  hervorzuheben,  daß  der  Sozialist  Georges
lienard,  Professor  am  Collège  de  France  und  am  Conservatoire
national  des  Arts  et  Métiers,  an  der  Ecole  des  Hautes  Etudes
sociales  ein  Seminar  abhält,  in  dem  er  wissenschaftliche  Arbeiten
leitet,  die  sich  an  seine  Vorlesungen  über  Geschichte  der  Arbeit
an  erstem  Anstalten  anschließen.
Die  Gründung  des  Collège  libre  des  Sciences  sociales  und
der  Ecole  des  Hautes  Etudes  sociales  bedeutet  eine  Reaktion
gegen  die  staatliche  Unterrichtsreform  von  1895,  welche  den
Unterricht  der  volkswirtschaftlichen  Fächer  den  juristischen
Fakultäten  zuwies.  In  dem  Lehrplan  und  der  Organisation  der
beiden  Anstalten  ist  die  soziologische  Auffassung  zum  Ausdruck
gebracht,  daß  die  politische  Ökonomie  als  Zweig  der  Sozialwissenschaft ­
  ihren  natürlichen  Platz  im  Kreise  philosophischen
Unterrichts  habe.

J )  Siehe  oben  p.  352.
        <pb n="557" />
        Schlusswort.

Am  Ende  unseres  Rundgangs  durch  die  französische
Nationalökonomie  drängt  sich  naturgemäß  die  Frage  auf:
Welches  sind  die  allgemeinen  Schlußfolgerungen,  die  sich  aus
dem  vor  unsern  Augen  entrollten  Gesamtbild  ergehen?  Wir
sind  uns  der  Gefahr  vorzeitiger  Verallgemeinerung,  welcher  jede
Beantwortung  dieser  Frage  ausgesetzt  ist,  bewußt,  und  verhehlen
uns  nicht,  daß  große  Vorsicht  dabei  not  tut.  Immerhin  scheint
uns,  daß  einige  Schlußfolgerungen  gewagt  werden  können.
Unsere  Darstellung  hat  in  erster  Linie  gezeigt,  daß  in  bezug
auf  die  Methode  kein  Gegensatz  zwischen  den  beiden  großen
Lagern,  in  die  sich  die  Nationalökonomen  in  Frankreich  spalten,
besteht.  Wir  haben  Beobachtung  und  Geschichte  bei  den  Individualisten ­
  wie  bei  den  Interventionisten  angetroffen,  genau  wie
wir  aphoristische  Ausgangspunkte  und  deduktives  Räsonnement
hüben  und  drüben  vorfanden.  „Man  kann  den  Individualismus,“
schreibt  Professor  Dolléans,  „ebenso  gut  auf  Beobachtung  und
Geschichte  gründen,  wie  andere  volkswirtschaftliche  Lehren.
Die  gründliche  Analyse  der  verschiedenen  Anschauungen  zeigt
uns,  daß  deren  Geschmeidigkeit  und  Komplexität  weniger  von
der  Etikette  abhängen,  mit  der  man  sie  schmückt,  als  vom
wissenschaftlichen  Geiste  desjenigen,  der  sie  verteidigt.  Die  Wahl
einer  Doktrin  wird  durch  Gefühlsmomente,  Interessen,  Erziehung
und  Milieu  bestimmt;  der  wissenschaftliche  Charakter  der  gewählten ­
  Doktrin,  d.  h.  deren  Wahrheitsgehalt,  hängt  dagegen
von  der  Bildung  und  der  intellektuellen  Tüchtigkeit  jener  ab,
che  sie  vertreten 1 ).“  Individualisten,  wie  Leroy-Beaulieu
und  Levasseur,  um  nur  die  hervorragendsten  herauszugreifen,
haben  in  unsern  Tagen  die  Wissenschaft  durch  induktive  For-’)
  Ed.  DolUans,  Rezension  von  A.  Schatz,  L’Oeuvre  économique  de  David
Hume,  in  Revue  d'Economie  ‘politique,  1906,  p.  407.
        <pb n="558" />
        Schlußwort

537

schung  um  ein  Bedeutendes  gefördert;  andererseits  sind  Sozialkatholiken, ­
  wie  de  la  Tour  du  Pin  und  de  Mun,  von
aphoristischen  Ausgangspunkten  aus  zu  wirtschaftspolitischen
Programmpunkten  gelangt,  die  den  tatsächlichen  Bedürfnissen
der  Gegenwart  und  den  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  immanenten ­
  Tendenzen  entsprechen;  aber  auch  die  Analysis  und
das  deduktive  Verfahren  Lan  dry  s  ist  gewiß  nicht  unnütz.
Was  speziell  den  französischen  Individualismus  und  Liberalismus
betrifft,  so  ist  ihm  allerdings  der  Vorwurf  zu  machen,  daß  es
ihm  an  sozialpolitischem  Verständnis  mangelt  und  daß  er  das
Unternehmerinteresse  noch  zu  sehr  mit  dem  Interesse  der  Gesamtheit ­
  identifiziert  ;  aber  die  scharfe  Abfuhr,  die  unter  andern
noch  Bier  mann  der  Lehre  des  laisser  faire  wegen  der  aphoristischen ­
  und  abstrakten  Methode,  auf  der  sie  fuße,  zu  teil
werden  läßt,  kann  ihn  nicht  treffen 1 ).
Eine  zweite  Feststellung  von  allgemeiner  Tragweite,  die
sich  aus  unserer  Darstellung  ergibt,  ist,  daß  die  französischen
Volkswirte  das  Bedürfnis,  aus  der  wissenschaftlichen  Erkenntnis
eine  Richtschnur  für  das  praktische  Leben  zu  gewinnen,  in
ganz  besonderer  Weise  empfinden.  Während  in  Deutschland
beispielsweise  die  Methode  das  wichtigste  Unterscheidungsmerkmal ­
  der  volkswirtschaftlichen  Schulen  abgibt,  so  daß  wir
von  einer  abstrakten  und  einer  historisch-realistischen  Schule
reden,  scheiden  sich  in  Frankreich  die  Geister  über  der  praktischen ­
  Frage  der  Einmischung  oder  Nichteinmischung  des
Staates  ins  Wirtschaftsleben.  Bastia!  hatte  das  Freihandelspostulat ­
  zum  Hauptpunkt  der  Wissenschaft  gemacht  ;  Levasseur
betont,  daß,  wenn  auch  die  Wirtschaftsgeschichte  in  erster  Linie
Selbstzweck  sei,  so  sei  es  doch  Pflicht  des  Historikers,  aus  seinen
geschichtlichen  Erkenntnissen  eine  Doktrin  fürs  praktische  Leben
zu  folgern;  Le  Play  hat  dreißig  Jahre  lang  in  drei  Weltteilen
enquetiert,  nicht  um  Kenntnisse  um  ihrer  selbst  willen  zu
sammeln,  sondern  um  zur  Aufstellung  absoluter  Gesetze  zu  gelangen, ­
  unter  die  er  das  Leben  der  Menschheit  beugen  wollte;
(he  Doktrin  der  Sozialkatholiken  geht  nahezu  restlos  in  Richtschnuren ­
  fürs  praktische  Leben  auf;  die  Selbsterkenntnis  führt
Gide  dazu,  von  sich  und  seinen  Kollegen  zu  sagen,  daß  sie

i)  Biermann,  Staat  und  Wirtschaft,  ßd.  I,  Leipzig  1905.
        <pb n="559" />
        538

Schlußwort

die  Einrichtungen  der  Gegenwart  und  Vergangenheit  nicht  erforschen, ­
  um  sie  in  ihrer  zeitlichen  und  örtlichen  Bedingtheit
zu  verstehen,  sondern  um  sie  im  Dienste  ihrer  Anschauungen
und  Bestrebungen  zu  verwerten;  als  Landry  merkt,  daß  die
Deduktion  ihn  nicht  zu  den  gewünschten  Schlußfolgerungen  zu
führen  vermag,  verschmäht  er  es  nicht,  auf  die  Induktion,  die
er  erst  so  sehr  in  den  Schatten  gestellt  hatte,  zurückzugreifen,
um  die  erstrebte  Richtschnur  des  Handelns  zu  gewinnen;  ja,  selbst
ein  Fanatiker  der  „positiven“  Methode,  wie  S  imi  and,  der  gegen
jede  normative  Volkswirtschaftslehre  mobil  macht,  will  die  Gesetze ­
  des  wirtschaftlichen  Seins  nicht  so  sehr  um  ihrer  selbst
willen  aufdecken,  als  damit  sie  der  Handlungsweise  der  wirtschaftenden ­
  Menschen  einen  rationellen  Untergrund  bieten!
Eine  dritte  Erscheinung,  deren  wiederholtes  Auftreten  auf
eine  entwicklungsfähige  Tendenz  von  allgemeiner  Bedeutung
schließen  läßt,  ist  der  Versuch,  Individualismus  und  Interventionismus ­
  zu,  verbinden.  Rossi  hatte  schon  die  Auffassung
vertreten,  daß  die  Ergebnisse  der  abstrakten  Wissenschaft  den
Forderungen  von  Ethik  und  Politik,  sowie  der  durch  nationale,
zeitliche  und  örtliche  Besonderheiten  jeweils  geschaffenen  Lage
unterzuordnen  seien.  Jourdan  meint,  die  Geschichte  lehre,
daß  eine  Entwicklung  der  Freiheit  des  Individuums  mit  einer
solchen  der  Staatsintervention  sehr  gut  Hand  in  Hand  gehen  kann.
Levasseur  verbindet  Interventionismus  und  Individualismus
in  der  Weise,  daß  er  das  Interventionsbedürfnis,  das  mit  steigender ­
  Kultur  in  der  Gesellschaft  wächst,  als  einen  Ausfluß  des
Sicherheitsbedürfnisses  anspricht,  dessen  Bestehen  nie  von  der
klassischen  Nationalökonomie  angefochten  wurde.  A.  Liesse
stellt  der  Doktrin,  die  aus  reiner  Theorie  und  feststehenden
Dogmen  besteht,  die  den  Bedürfnissen  der  jeweiligen  Gegenwart
angepaßte  Interpretation  der  Doktrin  gegenüber.  Faure  unterscheidet ­
  theoretische  Wissenschaft  und  wissenschaftliche  Kunstlehren, ­
  die  einer  Epoche  und  einem  nationalen  Milieu  eigen
sind.  Claudio  -  Jannet  redet  einer  Verbindung  von  „Herkommen“ ­
  und  „Konkurrenz“  das  Wort.  Souchon,  Bêchaux,
Brocart,  Izoulet  u.  a.  streben  eine  Einheitslehre  an,  welche
auf  Grund  allseitiger  Vertiefung  der  wirtschaftlichen  Tatsachenkenntnis ­
  eine  mittlere  Linie  schaffe,  auf  der  sich  Interventionisten
und  Nichtinterventionisten  treffen  könnten.  Die  ungefähre  Lage
        <pb n="560" />
        Schlußwort

539
dieser  mittlern  Linie  wird  durch  die  von  vielen  geäußerte,  aber
wohl  von  Renouvier  am  gründlichsten  durchgearbeitete  Idee
bestimmt,  daß  die  Pflege  und  Ausbildung  der  Individualität  Ziel
und  Maß  für  die  staatliche  Intervention  abzugeben  habe.
Die  wichtigsten  Berührungspunkte  von  Individualismus
und  Interventionismus  —  das  ist  unsere  vierte  Schlußfolgerung  —
sind,  außer  der  Gemeinsamkeit  der  Methoden,  das  beiderseitige
Festhalten  an  universellen  und  permanenten  Gesetzen  der  Volkswirtschaft, ­
  und  die  von  Vertretern  beider  Grundanschauungen,
teilweise  als  Folgerung  aus  dem  Solidaritätsgedanken  erhobene  Forderung ­
  genossenschaftlicher  Organisation  des  Wirtschaftslebens.
Was  zunächst  die  Existenz  universeller  und  permanenter
Gesetze  der  Volkswirtschaft  betrifft,  so  ist  ja  ohne  weiteres  begreiflich, ­
  daß  die  individualistischen  Volkswirte  daran  festhalten.
Aber  wie  de  Molinari  die  Gesetze  des  Wirtschaftslebens  in
den  grundlegenden  biologischen  Naturgesetzen  findet,  so  setzt
Gauwès  an  die  Stelle  der  wirtschaftlichen  Gesetze  der  Klassiker
das  Gesetz  der  Arbeitsteilung  und  dessen  Korollare;  und  wie
Leroy-Beaulieu  die  Existenz  universeller  und  permanenter,
volkswirtschaftlicher  Gesetze  als  wesentliches  Resultat  seiner
induktiven  Forschung  proklamiert  und  deren  Sonderung  von
zeitlich  und  räumlich  begrenzten  Gesetzen  als  eine  Hauptaufgabe
der  Wissenschaft  hinstellt,  so  bekennt  sich  Gide  zu  der  Auffassung, ­
  daß  Montesquieu  und  die  Physiokraten  die  Idee  einer
konstanten  Ordnung  der  Erscheinungen  definitiv  aus  dem  naturwissenschaftlichen ­
  Gebiet  in  das  sozial  wissenschaftliche  herübergetragen ­
  haben,  und  daß  die  Wirtschaftswissenschaft,  insofern
sie  die  spontanen  Beziehungen  der  in  Gesellschaft  lebenden
Menschen  erforscht,  auf  dem  Wege  ist,  eine  Naturwissenschaft
zu  werden.
Es  ist  zweitens  auffallend,  wie  groß  die  Zahl  der  Volkswirte ­
  aller  Schulen  ist,  die  eine  berufs-  oder  konsumgenossenschaftliche ­
  Organisation  des  Wirtschaftslebens  anstreben.  Bei
der  liberalen  Schule  sind  esd’Eichthal,  Villey,  Deschamps,
Schatz;  bei  den  Katholiken  die  Gruppe  der  Feudalen  und  die
christlichen  Sozialisten  ;  bei  den  Interventionisten  und  Solidaristen
vor  allem  Gide  mit  seinem  großen  internationalen  Anhang;
bei  den  Philosophen  und  Soziologen  Fouillée,  Renouvier,
Tarde  und  Durkheim.
        <pb n="561" />
        540

Schlußwort

Niemand  wird  übrigens  leugnen  wollen,  daß  sich  nach
dieser  Richtung  hin  in  der  Gegenwart  bedeutende  Möglichkeiten
eröffnen.  Immerhin  hat  Bourguin  mit  überzeugender  Kraft
nachgewiesen,  daß  die  Volkswirte,  welche  auf  eine  genossenschaftliche ­
  Organisation  des  Wirtschaftslebens  hinzielen,  nur  die
eine  Seite  der  tatsächlichen  Entwicklungstendenzen  der  Gegenwart ­
  ins  Auge  fassen.  „Zwei  Wege  sind  es“,  sagt  Bourguin,
„welche  die  wirtschaftliche  und  soziale  Entwicklung  der  Kulturvölker ­
  in  der  Gegenwart  geht:  Ausdehnung  des  Kapitalismus
und  Organisation  der  kollektiven  Kräfte.“  Und  wenn  wir  näher
zusehen,  so  gewahren  wir,  daß  im  Grunde  der  Stand  der  ökonomischen ­
  Wissenschaft  in  Frankreich  mit  dem  der  Tatsachen
übereinstimmt.  Dem  Wachstum  des  Kapitalismus  entspricht
&amp;lt;lie  starke  Position  der  individualistischen  Wirtschaftslehre,  die
mit  dem  Geschäftsleben  in  vielfacher,  enger  Fühlung  geblieben
ist;  die  Organisation  der  kollektiven  Kräfte  hingegen  und  damit,
wie  Bourguin  sagt,  der  Fortschritt  der  Demokratie  haben  ihr
ideologisches  Gegenstück  in  den  Genossenschaftsidealen  und  in
allen  Schattierungen  des  Interventionismus  und  Sozialismus.
Das  lebenskräftige  Nebeneinandermarschieren  und  vielfache
Ineinandergreifen  von  Individualismus  und  Interventionismus
in  der  französischen  Nationalökonomie  scheint  uns  aber  deshalb ­
  ein  glückliches  zu  sein,  weil  es  in  so  adäquater  Weise  die
von  Bourguin  kraftvoll  und  tiefgreifend  gezeichnete  Wirklichkeit ­
  widerspiegelt.
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        Verlag  von  FERDINAND  ENKE  in  STUTTGART.

Tübinger
staatswissenschaftliche  Abhandlungen
herausgegeben  von
Dr.  Carl  Johannes  Fuchs
o.  Prof,  der  Volkswirtschaftslehre  an  der  Universität  Tübingen.
1.  Heft:  Stephinger,  Privatdoz.  Dr.  phil.  et  rer.  pol.  Ludwig,
Die  Geldlehre  Adam  Müllers,  gr.  8°.  1909.  geh.  M.  8.—.
2.  Heft:  Brennecke,  Werner,  Die  Landwirtschaft  im  Herzogtum ­
  Braunschweig,  gr.  8°.  1909.  geh.  M.  3.60.
3.  Heft:  Linneweber,  Gisbert,  Die  Landwirtschaft  in  den
Kreisen  Dortmund  und  Hörde.  gr.8°.  1909.  geh.  m.  5.40.
4.  Heft:  Kaiser,  C.,  Die  Wirkungen  des  Handwerkergesetzes
in  Württemberg  und  Baden.  gr.  8°.  1909.  geh.  m.  3.—
Prof.  Dr.  Gustav  Cohn:

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I.  Bd.:  Grundlegung,  gr.  8°.  1885.  geh.  M.  12.—.
II.  Bd.:  Finanzwissenschaft,  gr.  8°.  1889.  geh.  M.  16.—.
III.  Bd.:  Nationalökonomie  des  Handels  und  desV  erkehrs  wesens.
gr.  8°.  1898.  geh.  M.  24.—.
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Zur  Geschichte  und  Politik  desVerkehrswesens
8°.  1900.  geh.  M.  14.—.
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Prof.  Dr.  Ludwig  Stein
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gr.  8°.  1903.  geh.  M.  13.—  ;  in  Leinw.  geb.  M.  14.40.
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gr.  8°.  1908.  geh.  M.  12.—  ;  in  Leinw.  geb.  M.  13.60.
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gr.  8°.  1909.  geh.  M.  8.40;  in  Leinw.  geb.  M.  9.40.
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gr.  8°.  1905.  geh.  M.  8.—.
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Lippert,  Julius,  Kulturgeschichte  der  Menschheit
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Meurer,  Prof.  Dr.  Chr.,  Die  Juristischen  Personen
nach  Deutschem  Reichsrecht.  8°.  1901.  geh.  M.  11.—.
Mittermaier,  Prof.  Dr.  W.,  Die  Parteistellung  der
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Zweite  vermehrte  Auflage
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der  Methoden  wissenschaftlicher  Forschung.
Dritte  umgearbeitete  Auflage
Drei  Bände.
I.  Band:  Allgemeine  Logik  und  Erkenntnistheorie.
gr.  8°.  1906.  geh.  M.  15.—  ;  in  Leinw.  geb.  M.  16.60.
II.  Band:  Logik  der  exakten  Wissenschaften.
gr.  8°.  1907.  geh.  M.  15.—  ;  in  Leinw.  geb.  M.  16.60.
III.  Band  :  Logik  der  Geisteswissenschaften.
gr.  8°.  1908.  geh.  M.  15.80;  in  Leinw.  geb.  M.  17.40.
Prinzipien  der  mechanischen  Naturlehre
Ein  Kapitel  aus  einer  Philosophie  der  Naturwissenschaften
Zweite  umgearbeitete  Auflage  der  Schrift:
Die  physikalischen  Axiome  und  ihre  Beziehung  zum  Kausalprinzip.
8°.  1910.  geh.  M.  5.60;  in  Leinw.  geb.  M.  6.60.
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418

Der  Interventionismus  an  den  Universitäten

siert  den  Klassenkampf  ;  auf  die  Dauer  wird  es  ihm  unmöglich
sein,  von  dem  revolutionären  „allgemeinen  Arbeiterbund“  (C.  G.  T.)
unabhängig  zu  bleiben  x ).
Wir  könnten  diese  Blutenlese  aktueller  Fragen  aus  den
Lehrbüchern  von  Br  y  und  Pie  noch  um  manch  interessantes
Stück  bereichern;  das  Vorgeführte  genügt  jedoch,  um  den  Geist
zu  charakterisieren,  welcher  den  sozialpolitischen  Unterricht  an
den  französischen  Rechtsfakultäten  beseelt.
Neben  Pie  und  Bry  stehen  als  Spezialisten  in  der  Gewerbepolitik ­
  am  meisten  im  Vordergrund  A  stai  ion  und  Jay.
Albert  Aftalion,  Professor  in  Lille,  dessen  vorzügliche  Arbeit ­
  über  Sismondi  bereits  erwähnt  wurde,  enquetiert  fleißig
über  die  Verhältnisse  der  im  Norddepartement  vertretenen  Industrien. ­
  Er  ist  ein  gründlicher  Kenner  vor  allem  der  Textilindustrie ­
  2 ).
Raoul  Jay,  Professor  in  Paris,  wurde  bereits  im  II.  Buche  bei
der  Besprechung  der  sozialkatholischen  Schule,  der  er  angehört,
genannt.  Er  tritt  für  die  sozialreformerischen  Forderungen
dieser  Schule  ein,  aber  urgiert  sie.  Seine  zahlreichen  Arbeiten
zeichnen  sich  durch  gediegene  Wissenschaftlichkeit  und  radikalsten ­
  Interventionismus  aus.  Obwohl  Jay  Anhänger  der  obligatorischen ­
  Syndikate  ist,  vertritt  er  die  Ansicht,  daß  die  Wohlfahrtseinrichtungen ­
  der  Arbeitgeber  und  der  genossenschaftliche
Zusammenschluß  der  Arbeiter  nur  wenig  zur  Besserung  der
Lage  der  Arbeiter  zu  tun  vermögen;  allein  der  Staat  ist  imstande,
durch  gesetzgeberische  Intervention  die  schweren  Mißstände  zu
beseitigen,  an  denen  die  Arbeiterklasse  krankt.  Die  Wirksamkeit ­
  der  Gewerkvereine  ist  in  der  Hauptsache  darauf  beschränkt,
anregend  auf  die  staatliche  Schutzgesetzgebung  zu  wirken  und
')  Paul  Pie,  ibid.  p.  264  ff.
2 )  Von  den  Enqueten  Aftalions  sind  besonders  beachtenswert:  La  Crise
de  l'Industrie  linière  et  la  concurrence  victorieuse  de  l’Industrie  cotonnière,
Paris  1904.  —  Le  Développement  de  la  Fabrique  et  le  travail  à  domicile  dans
les  Industries  de  l’habillement,  Paris  1906.
s )  Raoul  Jay,  La  Limitation  légale  de  la  journée  de  travail  en  Suisse,
1891.  —  Une  Corporation  moderne,  1892.  —  L’Organisation  du  Travail  par  les
Syndicats  professionnels,  1894.  —  Un  projet  d’assurance  contre  le  chômage  dans
le  canton  de  Bâle-Ville,  1895.  —  La  Protection  légale  des  Travailleurs,  1904.
Alle  bei  Larose,  Paris.  —  Ferner  zahlreiche  Artikel  in:  Revue  d’économie
politique.
        <pb n="571" />
        <pb n="572" />
        <pb n="573" />
        <pb n="574" />
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        <pb n="576" />
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      </div>
    </body>
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