103 Erstarrung, in den durch lange Gewohnheit zuletzt alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse übergegangen waren, mußte mit ungeheuren Revolutionen verknüpft ­ sein, ln langwierigen Kriegen mußten die vernachlässigten Heiligtümer ­ der Menschheit, Recht, Sitte, Freiheit, wieder erworben werden. Diese Revolutionen und Kriege mußten die Emanzipation von Amerika, d. h. eine Unterbrechung der Metallflut von Westen nach Osten, herbeiführen.“ Ohne eine Prophezeiung wagen zu wollen, möchte ich betonen : Manche Anzeichen ­ sprechen dafür, daß ein Weltkrieg die Geld- und Kreditordnung in ihrer heutigen Form wohl wesentlich verändern dürfte, und zwar in der Richtung auf die staatlich ­ kontrollierte Großnaturalwirtschaft hin. 9. Sicherung des Realienbedarfs für den Kriegsfall.® Bisher haben wir eigentlich nur die Organisationsform als solche besprochen ­ und zu zeigen versucht, wie mit Hilfe der Geld- oder Naturalwirtschaft ­ die vorhandenen Realienbestände der Armee oder der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden können. Nun müssen wir auch die Frage berühren, ­ wie denn dafür Sorge getragen werden kann, daß überhaupt die nötigen Realien vorhanden sind. Was hilft die schönste Organisation, was hilft das weitestgehende Recht, die Realien zu beschaffen, wenn sie nicht in genügender Menge vorhanden sind ! Die kriegerische Stimmung der letzten Jahre hat alle Staaten dazu veranlaßt, ­ mehr oder weniger ausreichende Berechnungen darüber anzustellen, w i e weit jedes Land im Kriegsfall imstande sein könnte, die erforderlichen Güter zu produzieren oder zu beschaffen. Es genügt aber nicht, die Berechnung für das eigene Land anzustellen, man muß auch alle jene Länder mit ins Kalkül ziehen, von denen wir im Kriegsfall ­ Realien zu erwarten haben, oder denen wir Realien liefern müssen. Was hilft es z. B. den Engländern, wenn sie in einem Krieg gegen Deutschland für sich genug Getreide beschafft haben, aber die mit ihnen verbündeten Franzosen im Vorrücken gehemmt sind, weil sie an Getreide Mangel leiden. Die Engländer müßten daher den Franzosen, um die Erreichung ­ des Kriegszieles zu ermöglichen, einen Teil ihres Getreides abgeben, wodurch ihr ganzer Verpflegsplan für die Zivil- und Militärbevölkerung in Unordnung geraten kann. Es dürfte sich daher empfehlen, alle derartigen Pläne auf die verschiedenen Bündnisfälle zu beziehen. Es finden ja gelegentlich über derartige Punkte diplomatische Verständigungen zwischen verbündeten Staaten wohl statt, doch scheinen sie über gelegentliche Erörterungen noch nicht hinauszugehen. Es genügt auch nicht, etwa die Realien als solche ins Auge zu fassen, man muß auch auf die Transportmittel und Magazine bei diesen Berechnungen Rücksicht nehmen, insbesondere dann, wenn man feststellen will, innerhalb welcher Zeit z. B. eine bestimmte Menge von Nahrungsmitteln an die Konsumorte gebracht werden kann. Man muß z. B., wenn man Rumänien als Getreideland des Dreibundes betrachtet, die Molos in Rechnung stellen, welche etwa in Deutschland zur Entladung von Getreideschiffen längs der Donau zur Verfügung stehen. Die Berechnungen über die Möglichkeit, einen Staat oder einen Staatenbund während eines Krieges mit Realien, insbesondere mit Nahrungsmitteln zu versorgen, sind weit schwieriger anzustellen, als man auf den ersten Blick meinen sollte. Auf ein und die andere Schwierigkeit werde ich noch Hinweisen. ­ Vorweg sei festgestellt, daß die Ergebnisse wede!r für Deutschland, noch für Österreich-Ungarn sehr günstig zu sein scheinen. Für Deutschland, im Falle eines Krieges, ist Ballod bei seinen Betrachtungen zu recht unerfreulichen Resultaten ­ gekommen. Wie weit sich Deutschland in günstigen Jahren auf Österreich-Ungarns ­ Hilfe verlassen kann, müßte noch genau festgestellt werden. Man kann die normale Realienverwertung nicht ohne weiters in Rechnung