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        <title>Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft</title>
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            <forname>Otto</forname>
            <surname>Neurath</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>891221816</idno>
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        DURCH  DIE  KRIEGSWIRTSCHAFT
ZUR  NATURALWIRTSCHAFT

VON

PRIVATDOZENT  DR.  OTTo[nEURATH

München  1919
Verlag  von  Georg  D.  W.  Callwey
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        Inhaltsverzeichnis.

Solte
Geleitwort  VÎI
Kriegswirtschaft.
I  Die  Kriegswirtschaftslehre  als  Sonderdisziplin-  (Weltwirtschaftliches
Archiv;  1913)  1
II.  Die  Kriegswirtschaft.  (Jahresbericht  der  Neuen  Wiener  Handelsakademie; ­
  1909)  6
.  III.  Einführung  in  die  Kriegswirtschaftslehre.  (Mitteilungen  aus  dem
Intendanzwesen  Wien;  1914)  42
IV.  Uneinlösliches  Girogeld  im  Kriegsfälle.  (Schmollers  Jahrbuch  für
Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft;  1909)  134
V.  Die  Kriegswirtschaftsrechnung  und  ihre  Grenzen.  (Weltwirtschaftliches ­
  Archiv;  1916)  137
.  VI.  Kriegswirtschaft,  Verwaltungswirtschaft,  Naturalwirtschaft.  (Europäische
Wirtsebaftszeitung;  1917)  ...»  147
Verwaltungswirtschait.
VII.  Staatskartell  und  Staatstrust  als  Organisationsformen  der  Zukunft.
(Deutsche  Wirtschaftszeitung;  1910)  152
'  VIII.  Die  städtischen  Transportmittel  und  ihre  Entwicklungsmöglichkeiten.
(Rückübersetzt  aus  dem  Französischen  in  La  régie  directe,  Genf;  1909)  156
.  IX.  Die  Wirtschaftsordnung  der  Zukunft  und  die  Wirtschaftswissenschaften.
(Verlag  für  Fachliteratur,  Berlin  und  Wien;  1917)  159
Naturalwirtschaft
X.  Die  Naturalwirtschaftslehre  und  die  Naturalrechnung  in  ihren  Beziehungen
zur  Kriegswirtschaftslehre.  (Weltwirtschaftliches  Archiv;  1916)  ...  174
XI.  Großvorratwirtschaft  und  Notenbankpolitik.  (Verlag  für  Fachliteratur,
Berlin  und  Wien;  1917)  193
XII.  Grundsätzliches  über  den  Kompensationsverkehr  im  zwischenstaatlichen ­
  Warenhandel.  (Weltwirtschaftliches  Archiv;  1917)  190
XIII.  Lebensmittelnot  und  Regierungsmacht.  (Die  Volkswirtschaft,  Wien;  1918)  199
XIV.  Das  umgekehrte  Taylorsystem.  (Kunstwart  und  Kulturwart;  1917)  .  .  205
Zukunftswirtschaft  und  Sozialisierung.
XV.  Wesen  und  Weg  der  Sozialisierung.  (Verlag  von  Georg  D.  W.  Callwey
in  München;  1919)  ,  .  .  .  .  209
XVI.  Technik  und  Wirtschaftsordnung.  (Verlag  von  Georg  D.  W.  Callwey
in  München;  1919)  '  221
XVII.  Die  Utopie  als  gesellschaftstechnische  Konstruktion.  (Bisher  ungedruckt; ­
  1919)
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        Geleitwort.

Das  vorliegende  Buch  faßt  Arbeiten  zusammen,  die  alle  von  dem  Gedanken
getragen  sind,  die  Zeit  der  freien  Verkehrs  Wirtschaft  gehe  zu  Ende,
die  Zeit  der  Verwaltungswirtschaft  beginne,  die  Geld  Wirtschaft
löse  sich  auf,  um  einer  durchorganisierten  Naturalwirtschaft  Platz  zu
machen.  Die  Arbeiten  wurden  gelegentlich  gekürzt,  um  Wiederholungen  zu
vermeiden.  Außer  kleinen  stilistischen  Glättungen  und  einigen  Unterstreichungen ­
  wurden  keine  Änderungen  vorgenommen.  Die  Gruppierung
erfolgte  in  der  Weise,  daß  den  Arbeiten  über  Kriegswirtschaft  die  über  Verwaltungswirtschaft ­
  und  Naturalwirtschaft  folgen,  während  die  Erörterungen
über  die  Zukunftswirtschaft  den  Schluß  bilden.
Aufgewachsen  in  der  Gedankenwelt  meines  Vaters,  war  ich  von  früher
Jugend  an  von  der  Anschauung  erfüllt,  daß  die  überlieferte  Wirtschaftsordnung
mit  ihren  Krisen,  ihrem  Elend  grundsätzlich  außerstande  sei,  die  Menschen
zu  beglücken.  Ich  wandte  meine  Aufmerksamkeit  allen  Entwicklungstendenzen
zu,  welche  eine  neue  Zeit  anzukündigen  schienen.  Staatskartelle,  Staätstrusts
und  ähnliche  Organisationen  schienen  mir  aussichtsreiche  Vorläufer  der  neuen
Zeit.  Allem  politischen  Leben  abhold,  beschäftigte  ich  mich  rein  betrachtend
mit  dem  Möglichen  und  Zukünftigen,  ohne  selbst  handelnd  einzugreifen.
Diese  Betrachtung  des  Kommenden  führte  mich  zu  der  Ansicht,  ein
Weltkrieg  werde  die  Verwaltungswirtschaft  der  Zukunft  heraufführen,  da
er  eine  zentrale  Beherrschung  aller  Kräfte  und  Stoffe  im  Interesse  des  Krieges
fördern  werde.  Von  dieser  Neuordnung  der  Dinge  zu  einer  Verwaltungswirtschaft ­
  im  Interesse  aller  schien  mir  nur  ein  kleiner  Schritt  zu  sein,  der  von  der
politischen  Macht  abhängen  werde.  Mit  Staunen  und  Schrecken  sah  ich,  wie
die  Menschheit  sich  dem  Weltkriege  näherte,  ohne  eine  klare  Vorstellung  davon
zu  haben,  was  ein  jahrelanger  Weltkrieg  bedeute.  Meine  bis  ins  einzelne  gehenden
Voraussagen  blieben  völlig  unbeachtet.
Während  die  Weltkriegsorganisation  in  dem  von  mir  erwarteten  Sinne  sich
entfaltete,  versuchte  ich  die  weitere  Friedenszukunft  vorauszusagen.  Sie  konnte
für  mich  nur  eine  Verwaltungswirtschaft  unter  wachsender  Berücksichtigung  des
Volksinteresses  sein.  Die  Regierungen  schienen  von  all  dem  wenig  zu  merken.
Die  Sozialisierungsmaßnahmen  Deutschlands  waren  lückenhaft  und  ziellos.  Eine
Einladung  des  Münchener  Arbeiterrates  gab  mir  Gelegenheit  —  noch  immer  in
rein  wissenschaftlicher  Weise  —  klar  zum  Ausdruck  zu  bringen,  daß  die  Zeit
für  eine  durchgreifende  Sozialisierung  reif  sei,  daß  der  Wirtschaftsplan ­
  den  Reingewinn  ersetzen  könne.
Das  Zaudern  und  Schwanken  der  zum  Handeln  Berufenen,  der  Rat  meiner
Freunde  und  manche  Zufälle  veranlaßten  mich,  endlich  nach  langem  Bedenken
das  Leben  der  Beschaulichkeit  abzuschließen  und  das  der  Tat  zu  beginnen,  um
eine  beglückende  Verwaltungswirtschaft  heraufführen  zu  helfen.  Nach  mancherlei ­
  Zwischenfällen  wurde  ich  als  Präsident  des  Zentralwirtschaftsamtes ­
  mit  der  Sozialisierung  Bayerns  betraut.  Was  ich  bisher
als  Zukunft  ersehnte,  kann  ich  nun  selbst  mitgestalten  im  Dienste  eines*  freien
Volkes,  hoffentlich  bald  im  Dienste  einer  freien  Welt.
Im  April  1919.

Neurath.
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        I.

Die  Kriegswirtschaftslehre  als  Sonderdisziplin.
(1913.)
Wenn  wir  die  üblichen  volkswirtschaftlichen  Nachschlagewerke  des  letzten
Jahrzehnts  durchblättern,  wie  das  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft  oder  das  Handwörterbuch ­
  der  Staatswissenschaften,  so  suchen  wir  vergeblich  Artikel,  welche
den  Krieg,  sowie  ■  die  mit  ihm  zusammenhängenden  Erscheinungen  behandeln.
Nicht  besser  geht  es  uns,  wenn  wir  die  verbreiteten  Hand-  und  Lehrbücher
auf  schlagen  ;  kaum,  daß  gelegentlich  der  Krieg  flüchtig  erwähnt  wird.  Während
sonst  soziale  Gesichtspunkte  allgemeinster  Art  auch  bei  recht  speziellen  kommerziellen ­
  Fragen  nichts  Seltenes  sind,  wird  der  Krieg  auffallend  stark  vernachlässigt,
ganz  gleichgültig,  ob  es  sich  um  Erscheinungen  handelt,  welche  den  Krieg  modifizieren ­
  oder  durch  ihn  modifiziert  werden.  Ferner  kann  man  z.  B.  ausführliche  Betrachtungen ­
  über  das  Eisenbahnwesen  in  die  Hand  bekommen,  in  denen  sich  ausführliche ­
  Abstecher  ins  Technische  finden,  welche  das  eben  vorliegende  Problem
der  Versorgung  gewisser  Gebiete  mit  Gütern  nur  wenig  fördern,  während  der  Tatsache ­
  keine  Erwähnung  geschieht,  daß  sehr  viele  Bahnlinien,  und  gerade  sehr
wichtige,  welche  Kontinente  durchqueren,  unter  erheblicher  Berücksichtigung  militärischer ­
  Momente  erbaut  werden,  ja  daß  manche  ausschließlich  militärischen  Erwägungen ­
  ihren  Ursprung  verdanken.  Es  dürfte  aber  nicht  mehr  lange  dauern,  und
die  umfassende  Darstellung  des  Weltverkehrsystems  wird  neben  den  kommerziellen
Momenten,  welche  die  Richtung  bestimmter  Verbindungen  bedingen,  auch  die
militärischen  erwähnen,  um  ein  vollständiges  Bild  zu  schaffen.  Aber  nicht  nur
solche  mehr  mittelbare  Beziehungen  zwischen  Krieg  und  Güterverkehr  werden
vernachlässigt,  man  beschäftigt  sich  auch  nicht  in  systematischer  Weise  mit
den  Wirkungen  des  Krieges  auf  den  Handel,  die  Industrie,  das  Bankwesen,  und
selbst  die  soziologische  Literatur  pflegt  mehr  oder  weniger  einseitig  zu  verfahren.
Die  in  der  letzten  Zeit  erschienenen  Schnften  über  einzelne  finanzielle  Fragen,
über  die  Wirkungen  des  Krieges  auf  die  Industrie,  den  Ackerbau,  den  Handel
einzelner  Länder,  über  den  Zusammenhang  zwischen  den  Produktionsformen,
welche  durch  Krieg  einerseits,  den  Frieden  andererseits  bedingt  werden,  sind
zweifellos  wertvollste  Forschungsergebnisse,  sie  ersetzen  aber  nicht  eine  systematische ­
  Untersuchung  des  gesamten  spezifischen  Komplexes.^)  Wären  wir  in
der  Volkswirtschaftslehre  so  weit  fortgeschritten,  daß  wir  ganz  allgemein  alle
möglichen  Wirtschaftsformen  studierten,  uns  die  Frage  stellten,  wie  sich  gegebene
Fornien  verändern,  wenn  dauernd  bestimmte  Regeln  gelten,  wie  hingegen,  wenn
eine  Regeländerung  eintritt,  dann  benötigten  wir  keine  eigene  Theorie
für  den  Krieg,  da  dieselbe  als  Spezialfall  schon  vorgesehen  wäre.  So  aber  entfernen ­
  wir  uns  im  allgemeinen  nur  wenig  von  den  Vorgefundenen  Kombinationen
und  wagen  es  nur  sdten,  empirisch  gewonnenes  Material  zu  neuen  Formen  zu
verbinden,  wie  dies  etwa  Physiker  und  Chemiker  heute  planmäßig  tun.«)  Es
ist  daher  dem  jetzigen  Stadium  der  Volkswirtschaftslehre  angemessen,  wenn  man
^er  Literatur  seien  etwa  genannt:  J.  Rieß  er.  Finanzielle
Kriegführung.  2.  Aufl.  Jena  1913.  A.  Jöhr,  Die  Volksim
  Kriegsfall.  2.  Aufl.  Zürich.  1913.  W.  Sombart
5.  München  und  Leipzig  1913.  '
Í  eu  rath,  Nationalökonomie  und  Wertlehre,  Zeitschr
Verwalt.  XX,  S.  53,  67,  83.

1)  Als  Beispiele  di(
f.  Volksw.,  Sozialpol.  u,

1
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        2

in  engem  Anschluß  an  die  vorhandenen  Gebilde  schrittweise  zu  Generalisierungen
übergeht,  wenn  es  auch  vielleicht  durchführbar  wäre,  aus  den  schon  bestehenden
Theorien  des  Wirtschaftslebens  durch  Variation  die  verschiedenen  Möglichkeiten
—  unter  denen  sich  auch  die  Wirtschaftsordnung  im  Kriegsfall  befinden  müßte  —
herzuleiten.
Für  den  Kriegsfall  ist  eine  spezielle  Theorie  notwendig  ;  das  ergibt  sich
daraus,  daß  sich  die  Kriegskrisis  von  den  immer  wieder  auftretenden,  für  unsere
Wirtschaftsordnung  charakteristischen  Krisen  wesentlich  unterscheidet.  Während
z.  B.  die  „normale“  Wirtschaftskrise  einen  langsamen  Verlauf  nimmt,  indem
sie  die  gesamte  Volkswirtschaft  zu  einer  sukzessiven  Liquidation  zwingt,  und
meist  von  einer  bestimmten  Stelle  beginnend  sich  auf  andere  Gebiete  ausdehnt,
tritt  die  Kriegskrisis  meist  plötzlich  ein  und  trifft  alle  Teile  der  Wirtschaft
gleichzeitig.  Die  Einberufungen  wirken  auf  Landwirtschaft  und  Industrie  einerseits ­
  wie  eine  große  Seuche,  reduzieren  aber  andererseits  nicht  das  für  ein,
Land  erforderliche  Nahrungsquantum.  Es  tritt  häufig  eine  Vermehrung  der
Zirkulationsmittel  ein,  die  anders  wirken  kann  als  in  Friedenszeiten,  weil  abweichende ­
  Begleiterscheinungen  vorliegen.  Dabei  genügt  es  keineswegs,  etwa
die  Friedenswirtschaft  herzunehmen  und  nun  zuzusehen,  wie  deren  als  isoliert  gedachte ­
  Bestandteile  im  Kriegsfall  verändert  werden,  etwa  das  Geldwesen,  der
Kredit,  die  Produktion  usw.,  man  muß  vielmehr  die  Zusammenhänge  als
Ganzes  untersuchen,  wie  es  schon  seit  langem  nicht  mehr  geschehen  ist.  Mir  ist
nicht  bekannt,  daß  seit  dem  trefflichen  Werk  des  geistvollen  Joseph  Lowe,
der  heute  so  gut  wie  vergessen  ist,  wieder  der  Versuch  gemacht  wurde,  ein  Bild
aller  dieser  Zusammenhänge  zu  entwerfen  und  vor  allem  die  Verschiebungen
des  Realeinkommens  festzustellen,  auf  das  es  ja  in  erster  Linie  ankommt.^)
Lowe  hat  in  ausgezeichneter  Weise  seine  Aufgabe  gelöst,  wenn  auch  nicht
allen  seinen  Ergebnissen  zugestimmt  werden  kann.  Daß  gerade  in  jener  Periode
eine  derartige  Untersuchung  angestellt  wurde,  kann  nicht  wundernehmen,
lieferte  doch  die  Zeit  der  Napoleonischen  Kriege  reiches  empirisches  Material,
während  gleichzeitig  die  theoretische  Nationalökonomie  sich  mächtig  entfaltet
hatte.  Hierzu  kam  noch  der  mehrfach  beachtete  Umstand,  daß  manches  auf
eine  Reichtumszunahme  Englands  während  des  Krieges  hinzudeuten  schien,  was
viele  dazu  veranlaßte,  geradezu  den  Friedensschluß  zu  fürchten.  Die  Mehrzahl ­
  der  Autoren  beschränkte  sich  aber  doch  auf  einzelne  Fragen,  so  z.  B.  P.
Colquhoun  in  seinem  ausführlichen  und  trefflichen  Werke  über  Englands
Reichtum.^)  Das  gleiche  gilt  von  verwandten  Untersuchungen  dieser  Zeit.^)
Allgemeiner  erörtern  einschlägige  Fragen  Too  ke  und  Newmarch.ß)  Dieser
Gedankenwelt  gehört  in  gewissem  Sinne  auch  das  originelle,  heute  nur  noch  wenig
benutzte  Werk  von  G  ü  1  i  c  h  an,  der  den  Versuch  unternahm,  die  Handelsgeschichte ­
  nach  Kriegs-  und  Friedensperioden  einzuteilen.  Er  berücksichtigte  in

3)  Joseph  Lowe,  The  present  State  of  England  in  regard  of  Agriculture,
Trade  and  Finance;  with  a  comparison  of  the  Prospects  of  England  and  France,
1.  Aufl.,  London  1822.  Es  existiert  eine  durch  Zusätze  und  Erörterungen  verschiedener ­
  Art  sehr  interessante  Übersetzung  des  deutschen  Nationalökonomen
L.  H.  V.  Jakob.  Lowe  war  Kaufmann  und  Gelehrter  und  vereinigte  ähnlich
wie  Ricardo  Sinn  für  die  Empirie  mit  theoretischen  Neigungen.  Zuckerkand
  1  berücksichtigt  ihn  im  Artikel  „Preis“  des  Handwörterbuchs  der  Staatswissenschaften. ­

P.  Colquhoun,  A  Treatise  on  the  Wealth,  Power,  and  Resources  of
the  British  Empire,  in  every  Quarter  of  the  World,  including  the  East  Indies:
The  Rise  and  Progress  of  the  Funding  System  explained  ;  With  observations  on
the  National  Resources  for  the  beneficial  Employment  of  a  redundant  Population, ­
  and  for  rewarding  the  Military  and  Naval  Officers,  Soldiers,  and  Seamen,
for  their  Services  to  their  Country  during  the  late  war,.  .  .  .  London  1814.
Z.  B.  J.  Sinclair  in  seinem  dreibändigen  Werk:  The  History  of  the
Public  Revenue  of  the  British  Empire,  London  1803—1804.
®)  T  h.  Too  k  e  and  W.  Newmarch,  A  history  of  prices  and  of  the
state  of  the  circulation  from  1793—1856.  London  1838—1857.
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        bewußter  Weise  den  Einfluß  des  Krieges  auf  die  Entwicklung  der  Industrienj,
wobei  er  voll  Verständnis  immer  darauf  achtete,  ob  ein  Krieg  belebend  oder
lähmend  wirkte.^)  Höheren  Ansprüchen  in  bezug  auf  systematische  und  theoretische ­
  Durchdringung  genügt  von  den  Genannten  eigentlich  nur  Lowe.  Was
Lowe  in  seinem  Werke  skizzenhaft  für  ein  konkretes  Land  zu  leisten  versuchte,
läßt  sich  aber  auch  in  weit  allgemeinerer  Form  selbst  mit  den  heute  zur  Verfügung ­
  stehenden  Mitteln  darstellen.  Es  würde  auf  diese  Weise  eine  Sonderdisziplin ­
  mit  einer  eigenen  Theorie  entstehen.  Ich  möchte  für  sie  den
Namen  „Kriegswirtschaftslehre“  in  Vorschlag  bringen.»)
Die  schon  erwähnten  Einzeluntersuchungen  wären  als  kriegswirtschaftliche  Spezialarbeiten ­
  zu  bezeichnen.
Die  augenblickliche  Situation  ist  für  die  Entfaltung  dieser  Disziplin  überaus
günstig.  Eine  Reihe  kurz  aufeinanderfolgender  Kriege  hat  bedeutsames  empirisches ­
  Material  geliefert,  der  spanisch-amerikanische  Krieg,  der  Burenkrieg,
der  russisch-japanische  Krieg,  der  italienisch-türkische  Krieg,  der  Balkankrieg.®)
Gleichzeitig  ist  aber  auch  der  Sinn  für  allgemeinere  theoretische  Zusammenfassungen ­
  gewachsen,  so  daß  auch  systematische  Leistungen  zu  erhoffen
sind  ;  Einzelarbeiten  sind  immer  nach  Kriegen  veröffentlicht  worden,  nach  den
Kriegen  Friedrichs  des  Großen  i®)  ebenso,  wie  nach  dem  deutsch-französischen
Krieg,ii)  um  zwei  Zeitalter  zu  nennen,  in  denen  die  Neigung  zu  allgemeineren
theoretischen  Erörterungen  weniger  häufig  war.  In  zusammenfassenden  Werken
der  siebziger  Jahre  sucht  man  vergebens  bedeutende  kriegswirtschaftliche  Ideen.
Auch  der  geistreiche  Lorenz  von  Steini®)  weiß  nicht  mehr  zu  sagen  als
andere  Autoren  jener  Zeit.i»)  Wenn  Probleme  angeschnitten  werden,  die  mit
dem  Krieg  Zusammenhängen,  sind  sie  vorwiegend  soziologischer  Art  und  berühren
weniger  die  Struktur  des  Marktverkehrs,  die  dadurch  veränderte  Höhe  des
Realeinkommens  und  verwandte  Probleme,  welche  das  eigentliche  Objekt  der
Kriegswirtschaftslehre  ausmachen.  Insbesondere  der  Balkankrieg  rollt  eine  Reihe
bedeutsamer  internationaler  Fragen  auf.  Alle  Staaten  Europas  sind  an  seinem
Ausgang  interessiert  und  handeln  unter  dem  Druck  eines  drohenden  Weltkrieges. ­
  Es  gab  eine  Fülle  bemerkenswerter  Tatsachen  auf  dem  internationalen
Anleihemarkt  zu  beobachten,  ebenso  auf  dem  Warenmarkt.  Das  Moratorium
in  den  Balkanstaaten  und  die  Absperrung  der  Transportwege  wirkte  auch  auf
die  unbeteiligten  Mächte.  Man  sieht  sich  mehr  als  sonst  veranlaßt,  darüber
nachzudenken,  was  für  Veränderungen  ein  Weltkrieg  erzeugen  würde,  der
Gustav  V.  Gülich,  Geschichtliche  Darstellung  des  Handels,  des
Gewerbes  und  des  Ackerbaues  der  bedeutendsten  handeltreibenden  Staaten  unserer ­
  Zeit,  5  Bde.  Jena  1830—1845.  Die  starke  Anregung,  welche  gerade  die
napoleonischen  Kriege  in  kriegswirtschaftlicher  Hinsicht  gewährten,  läßt  deutlich
das  Werk  von  A.  v.  Peez  und  P.  Dehn  erkennen:  Englands  Vorherrschaft  aus
der  Zeit  der  Kontinentalsperre.  Leipzig  1912.
8)  Vgl.  Otto  Neurath,  Die  Kriegswirtschaft.  Jahresber.  d.  Neuen
Wiener  Handelsakad.  1910,  Wien.
®)  Vgl.  z.  B.  Karl  Helfferich,  Das  Geld  im  russisch-japanischen
Krieg,  Berlin  1906.  W.  Hilsenbeck,  Die  Deckung  der  Kosten  des  Krieges
in  Südafrika,  Stuttgart  1904.  Otto  Neurath,  Die  ökonomischen  Wirkungen
des  Balkankrieges  auf  Serbien  und  Bulgarien,  Jahrb.  d.  Gesellsch.  österr.  Volkswirte ­
  1913.
10)  Struensee,  Über  die  Mittel  eines  Staates,  bei  außerordentlichen  Bedürfnissen, ­
  besonders  in  Kriegszeiten,  Geld  zu  erhalten,  vgl.  Abhandl.,  Bd.  I.
Berlin  1800.
i-  V.  H  i  r  s  c  h  f  e  1  d  ,  Die  Finanzen  Frankreichs  nach  dem  Kriege  von
1870/71.  Berlin  1875;  sowie  die  ganze  Literatur  über  die  Wirkungen  der  Kriegsentschädigung. ­

12)  L.  V.  Stein,  Die  Lehre  vom  Heerwesen.  Stuttgart  1872,  S.  18f.
13)  Vgl.  z.  B.  Fr.  Xav.  Neurnann,  Volkswirtschaftslehre,  mit  besonderer
Anwendung  auf  Heerwesen  und  Militärverwaltung.  Wien  1873,  2  Bde.  Der
'Verfasser  war  auch  an  der  Kriegsschule  und  am  Intendanzkurs  als  Lehrer  tätig.
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        4

keine  Neutralen  kennt,  wie  dies  zum  letztenmal  vor  hundert  Jahren  in  den  napoleonischen
  Kriegen  der  Fall  war.  Es  gibt  da  z.  B.  keine  „äußeren“  Anleihen
mehr,  da  jeder  kämpfende  Staatenverband  auf  sich  selbst  angewiesen  ist.  Es
wäre  eine  wichtige  Aufgabe,  auf  Grund  der  Beobachtungen,  die  man  über  die
Wirkungen  des  Balkankrieges  auf  die  Weltwirtschaft  gemacht  hat,  allgemeinere
Ergebnisse  zu  formulieren.
Merkwürdigerweise  hat  die  Friedensbewegung  sich  bisher  auf  ökonomischem
Gebiet  sehr  steril  gezeigt.  Die  jetzt  durch  das  Carnegie  Endowment  for  International ­
  Peace  angeregten  Einzeluntersuchungen  können  nicht  hierher  gerechnet
werden,  weil  sie  inhaltlich  kein  Ausfluß  der  Friedensbewegung  sind,  da  laut
Statut  die  Division  of  Economics  and  History  völlig  objektive  Arbeiten  über  die
ökonomischen  und  historischen  Ursachen  und  Wirkungen  der  Kriege  zu
fördern  hat,  daher  Ergebnisse  nicht  ausgeschlossen  sind,  welche  die  Friedensbewegung ­
  nicht  zu  unterstützen  geeignet  erscheinen.  Die  ökonomischen  Ausführungen ­
  der  Pazifisten  sind  meist  wenig  originell  und  kommen  häufig  über
recht  unzulängliche  Berechnungsversuche  nicht  hinaus,  welche  die  durch  die
Kriege  verursachten  Verluste  in  Geldsummen  zum  Ausdruck  zu  bringen  suchen.
Sie  begehen  damit  freilich  einen  Fehler,  der  auch  bei  Nichtpazifisten  recht
verbreitet  ist.  Hier,  wie  so  oft,  versagt  die  geldwirtschaftliche  Betrachtungsweise ­
  vollständig.  Besonders  verfehlt  ist  dies  Vorgehen  dort,  wo  man  den  Versuch ­
  macht,  Leistungen  in  natura  nach  irgendeinem  Maßstab  geldwirtschaftlich
umzurechnen.i^)  In  großzügiger  Weise  hat  die  Problemstellung  Normann
Angell  gefördert,  dessen  Werk  auch  in  Deutschland  einiges  Aufsehen  gemacht ­
  hat.15)  Es  leidet  darunter,  daß  es  von  vornherein  tendenziös  angelegt
ist  und  die  angeregten  Fragen  zu  wenig  gründlich  behandelt.  Dazu  kommt
noch,  daß  alle  Thesen  möglichst  übertrieben  formuliert  werden,  wodurch  sie
grotesk  und  skurril  wirken.  Wenn  auch  die  Verquickung  von  Propaganda  und
Forschung  nicht  immer  schädlich  sein  muß  —  begeistert  ja  nicht  selten  gerade
ein  bestimmtes  praktisches  Ziel  den  Forscher  und  macht  ihn  scharfsichtig  —,  so
ist  doch  gerade  auf  diesem  so  heiklen  Gebiete  von  einer  reinlichen  Scheidung
zwischen  Forschung  und  Propaganda  am  meisten  zu  erwarten,  weil  die  Resultate, ­
  die  der  Vertreter  eines  bestimmten  Zieles  von  der  Wissenschaft  erhofft,
einerseits  nicht  sehr  rasch  gefunden  Und  andererseits  nicht  in  wenigen  Sätzen
formuliert  werden  können,  sondern  viele  Klauseln  nötig  machen,  die  für  den
Parteikampf  nicht  sehr  brauchbar  sind.  Dagegen  ist  aber  selbstverständlich
nichts  einzuwenden,  daß  der  Forscher,  der  in  seinen  wissenschaftlichen  Publikationen ­
  vorsichtig  alles  abwägt  und  vieles  im  Zweifel  lassen  muß,  nebenbei
als  Vertreter  einer  Idee  zukünftige  Forschungsergebnisse  im  Interesse  praktischen ­
  Handelns  antizipiert  und  sich  für  sein  Ziel  mit  aller  Energie  einsetzt.
Gerade  der  Balkankrieg  zeigt  so  recht  deutlich,  wie  mannigfaltig  die  Folgen
sein  können,  die  der  Krieg  in  den  heute  empirisch  vorliegenden  Volkswirtschaften ­
  hervorzurufen  vermag,  und  wie  unwahrscheinlich  es  ist,  daß  sich  die
Bedeutung  des  Krieges  für  die  Volkswirtschaft  eindeutig  und  kurz  formulieren
läßt.  Wir  sehen,  wie  er  hier  schwerste  Störungen,  dort  nur  geringfügige  Veränderungen ­
  hervorruft,  vielleicht  an  anderen  Stellen  geradezu  anregend  wirkt.

1*)  Einen  geistvollen,  wenn  auch  nicht  ausreichenden  Versuch  hat  Otto
Effertz  in  seiner  kleinen,  heute  fast  ganz  vergessenen  Schrift  :  Die  Kosten  des
Heeres,  Wien  188'9,  unternlommen,  in  der  er,  entsprechend  seinen  in  „Arbeit  und
Boden“  ausgesprochenen  Grundgedanken,  eine  Berechnung  durchzuführen  sich
bemüht,  welche  alle  Kosten  auf  Arbeit  und  Boden  reduziert,  ein  Verfahren,  das
prinzipiell  den  Vorteil  besitzt,  daß  es  ebensogut  auf  geldwirtschaftlich,  wie  auf
naturalwirtschaftlich  organisierte  Gemeinwesen  anwendbar  ist.  Die  Schwierigkeiten, ­
  welche  sich  daraus  ergeben,  daß  inkommensurable  Größen,  wie  Arbeit
und  Boden,  zu  Summen  zusammengefaßt  werden,  deutet  Effertz  S.  23  an.
^5)  Normann  Angell,  Die  große  Täuschung.  Eine  Studie  über  das
Verhältnis  zwischen  Militärmacht  und  Wohlstand  der  Völker.  Leipzig  1910.
Neuerdings  unter  geändertem  Titel:  „Die  falsche  Rechnung“  in  einer  Volksausgabe
erschienen.
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        Die  Kriegswirtschaftslehre  wird  die  Staaten  in  Gruppen  teilen  und  überdies  auch
darauf  Rücksicht  nehmen,  in  welchem  Staatensystem  sich  ein  bestimmter  Staat
befindet.  Sie  wird  einen  Unterschied  zwischen  solchen  Gebieten  zu  machen
haben,  die  im  wesentlichen  die  Eigentümlichkeiten  der  Geldwirtschaft  aufweisen, ­
  welche  vor  allem  durch  eine  Häufung  leicht  kündbarer  oder  kurzfristiger ­
  Verträge  charakterisiert  ist,  und  zwischen  jenen  Gebieten,  in  denen
die  Naturalwirtschaft  überwiegt  und  das  traditionelle  Zusammengehörigkeitsgefühl ­
  manche  Schäden  leichter  ertragen  läßt.  Es  wird  von  großer  Bedeutung
sein,  ob  in  einem  Staate  die  Grundl^sitzverteilung  eine  gleichmäßige  oder  ungleichmäßige ­
  ist,  ob  man  es  mit  Heeren  der  allgemeinen  Wehrpflicht  oder
mit  Söldnerheeren  zu  tun  hat,  ob  in  Friedenszeiten  Produktionseinschränkungen
stattzufinden  pflegen  oder  aber  alle  vorhandenen  Kräfte  voll  ausgenutzt
werden.  Kurzum,  schon  eine  flüchtige  Übersicht  zeigt,  welch  reiche  Gliederung
die  neue  Disziplin  notwendigerweise  besitzen  wird  und  welche  Fülle  von
Problemen  der  Lösung  harren.
Die  Kriegswirtschaftslehre  wurde  zum  Teil  so  stark  vernachlässigt,  weil  die
Theorie  der  Volkswirtschaft  bis  jetzt  noch  nidht  genügend  elastisch  ist,  um
verschiedene  Ordnungen  der  Wirtschaft  gleichzeitig  zu  umspannen.  Die  Historiker ­
  und  Geographen  werden  durch  die  Natur  der  Dinge  dazu  gedrängt,  von
vornherein  verschiedene  Wirtschaftsstufen  und  verschiedene  Wirtschaftsformen
zu  unterscheiden  und  anschaulich  zu  schildern.  Die  theoretischen  Nationalökonomen ­
  aber  haben  vielfach,  veranlaßt  durch  unklare  naturwissenschaftliche
Analogien,  darnach  getrachtet,  eine  einzige  Wirtschaftsordnung  als  „die“  Wirtschaftsordnung ­
  zu  konstruieren  und  die  verschiedenen  empirisch  Vorgefundenen
als  unwesentliche  Variationen  anzusehen.  Viele  suchten  nach  einer  Theorie  der
Wirtschaft,  wie  man  etwa  nach  einer  Theorie  der  Astronomie  sucht.  Weit  förderlicher ­
  wäre  es  in  mancher  Hinsicht  gewesen,  wenn  man  die  verschiedenen
Wirtschaftsordnungen  mit  verschiedenen  Maschinentypen  verglichen  hätte,  die
möglicherweise  einander  so  fremd  sein  könnten,  wie  eine  Dampfmaschine  einer
Elektrisiermaschine.  Auch  noch  andere  Mängel  der  Theorie  waren  wirksam,
auf  die  hier  nicht  näher  eingegangen  werden  kann.  Was  aber  wieder  die  Behandlung ­
  der  Wirtschaft  vom  historischen  oder  geographischen  Standpunkt
aus  anlangt,  so  bestand  die  Neigung,  den  Krieg  als  Abweichung  vom  Normalzustand ­
  zu  charakterisieren.  Und  es  ist  bemerkenswert,  daß  selbst  Nationalökonomen ­
  wie  Oppenheimer  iß),  die  doch  dem  Krieg  als  Historiker  und
Soziologen  eine  ausreichende  Würdigung  zuteil  werden  lassen,  seine  Eingliederung ­
  in  die  Wirtschaftsordnung  nicht  durchführen.  Es  scheint,  daß  eben  die
heutige  Struktur  der  nationalökonomischen  Theorie  eine  solche  Eingliederung
verhindert.  ,,  i  '  i  I  .  I  I  I  i
Ein  Ausbau  der  Kriegswirtschaftslehre  zu  einer  geschlossenen  Theorie  wurde
die  Entfaltung  der  Volkswirtschaftslehre  überhaupt  sehr  fördern,  weil  man  sich
so  daran  gewöhnen  würde,  neben  der  Friedenswirtschaftslehre,  um  diesen  Ausdruck
zu  gebrauchen,  auch  eine  Kriegswirtschaftslehre  anzuerkennen.  Vielleicht  wird
auf  diesem  Wege  rascher  als  auf  einem  anderen  die  Einsicht  zum  Durchbruch
kommen,  daß  die  volkswirtschaftliche  Theorie  in  der  Lage  ist,  vielerlei  Komplexe ­
  von  Erscheinungen  zu  beschreiben,  die  verschiedene  Verschiebungsregeln
für  ihre  Elemente  auf  weisen.  Abgesehen  davon,  daß  die  Kriegswirtschaftslehre
die  Erforschung  der  konkreten  Wirklichkeit  intensiver,  als  dies  bisher  der  Fall
war,  ermöglichen  wird,  da  sie  einen  immer  vorhandenen  Faktor  bewußt  andauernd ­
  berücksichtigt,  wird  sie  mit  dazu  beitragen,  die  Entfaltung  der  Gesamtdisziplin ­
  zu  fördern.  Deren  heutigem  Zustand  entsprechend  werden  sich  in
der  Kriegswirtschaftslehre  die  soziologischen,  historischen,  logischen  und  psychologischen ­
  Bestandteile  zunächst  noch  nicht  reinlich  voneinander  trennen  lassen,
und  sie  wird  den  Mangel,  der  darin  besteht,  ebenso  zu  tragen  haben,  wie  die
übergeordnete  Gesamtdisziplin.

IG)  F.  Oppenheimer,  Der  Staat.  Frankfurt  a.  M,
        <pb n="17" />
        IL

Die  Kriegswirtschaft.
(1910.)
,,Die  höchste  zurzeit  realisierte  Einigung  der
Individuen  unter  dem  Rechtsgesetz  ist  die  des  Staates
und  der  Nation;  die  höchste  gedenkbare  Vereinigung ­
  ist  die  der  gesamten  Menschheit.“
Friedrich  List.  Nationales  System  der
politischen  Ökonomie.  Einleitung.
Der  Krieg  wird  in  den  systematischen  Werken  der  Nationalökonomie
wenig  berücksichtigt.  In  den  üblichen  Nachschlagewerken,  so  im  Handwörterbuch ­
  der  Staatswissenschaften  und  im  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft,  fehlen
die  Artikel:  Krieg  und  Heer.i)  Nur  in  den  Systemen  der  Finanzwissenschaft
wird  dem  Krieg  zuweilen  ein  breiterer  Raum  gewidmet.^)  Auch  sonst  haben
Autoren  dem  Krieg  im  Rahmen  größerer  Untersuchungen  ihr  Augenmerk  zugewendet.3)
  Monographien  über  kriegswirtschaftliche  Probleme  finden  sich
bereits  früh.*)  In  der  letzten  Zeit  nimmt  ihre  Zahl  zu,  und  man  kann  wohl
hoffen,  daß  in  nicht  allzu  ferner  Zukunft  die  Kriegswirtschaft  als
Ganzes  eine  ausreichende  systematische  Behandlung  erfahren  wird.  Gerade
die  Fragen,  welche  die  Zusammenhänge  dieser  Erscheinungen  untereinander
betreffen,  pflegen  im  Gegensatz  zu  speziellen  Problemen  nur  andeutungsweise
behandelt  zu  werden.  Eine  befriedigende  Theorie  der  Kriegswirtschaft  wäre
erst  dann  vorhanden,  wenn  man  wenigstens  an  einem  Schema  zu  zeigen  vermöchte, ­
  wie  die  wirtschaftliche  Lage  der  einzelnen  Menschengruppe  sich
während  des  Krieges  ändern  kann.  Man  müßte  gewissermaßen  eine
Art  Kataster  der  Realeinkommen  entwerfen,  der  dann  einen
annähernden  Überblick  über  die  Lust  -  und  Unlustverteilung

1)  Vgl.  F.  Naumann,  Neudeutsche  Wirtschaftspolitik.  1906,  S.  363,
2)  Vgl.  z.  B.  Ad.  Wagner,  der  nicht  nur  in  seinem  systematischen  Werk
über  Finanzwissenschaft,  sondern  auch  sonst  des  öfteren  eingehend  über  kriegswissenschaftliche ­
  Probleme  geschrieben  hat.
3)  Vgl.  z.  B.  G.  V.  G  ü  1  i  c  h,  Geschichtliche  Darstellung  des  Handels,  der
Gewerbe  und  des  Ackerbaues  der  bedeutendsten  handeltreibenden  Staaten  unserer ­
  Zeit.  5  Bde,  Jena  1830  ff.  Dieser  Autor  neigt  dazu,  die  Handelsgeschichte
nach  Kriegs-  und  Friedensperioden  einzuteilen.
Als  weiteres  Beispiel  eines  Werkes,  das  im  Zusammenhang  mit  anderen
Fragen  auch  den  Krieg  behandelt,  sei  Th.  Tookes  und  W.  Newmarchs
Geschichte  und  Bestimmung  der  Preise  während  der  Jahre  1793—1857,  deutsch
von  C.  W.  Asher,  Dresden,  2  Bde.,  1858f.,  genannt.
*)  Vgl.  z.  B.  aus  dem  XVIII.  Jahrhundert  die  treffliche  Abhandlung
Struensees,  Über  die  Mittel,  deren  ein  Staat  sich  bedienen  kann,  um  das
zu  seinen  außerordentlichen  Bedürfnissen,  besonders  in  Kriegszeiten,  nötige
Geld  zu  erhalten.  Der  Autor,  ein  früherer  Minister  Friedrichs  des  Großen,
übersetzte  im  Jahre  1776  Aufsätze  des  durch  seine  Kredittheorie  berühmten
Pinto  und  fügte  eine  Anzahl  eigener  Abhandlungen  bei,  welche  sich  zum
Teil  an  Pintos  Gedankengang  anschlossen.  Eter  erwähnte  Aufsatz  von
Struensee  findet  sich  auch  in  seinen  Berlin  1800  erschienenen  „Abhandlungen ­
  über  wichtige  Gegenstände  der  Staatswirtschaft“.  I,  S.  165  ff.
        <pb n="18" />
        7

geben  könnte.  Derartiges  ist  aber  selbst  auf  weniger  komplizierten ­
  Gebieten  des  Wirtschaftslebens  nur  selten  gelungen ­
  und  wurde  bis  jetzt  auch  nicht  allzuoft  angestrebt.
Da  der  gesamte  Zustand  in  einem  bestimmten  Zeitpunkt  Ursache  des  gesamten
Zustandes  in  einem  folgenden  Zeitpunkt  ist,  müßte  man,  um  die  gleichzeitigen
Veränderungen  überblicken  zu  können,  zur  symbolischen  Anschreibeweise  schreiten,
welche  solche  Komplexe  in  Formeln  zusammenfaßt;  auch  tabellarische  Übersichten ­
  könnten  einen  gewissen  Einblick  gewähren.  Man  könnte  z.  B.  die
Realeinkommen  der  einzelnen  Menschengruppen  nebeneinander  stellen
und  ebenso  wie  die  Verschiebung  der  Güter  die  der  Geldstücke,  der  Forderungen ­
  usw.  verfolgen.  Da  derartige  Darstellungsformen  aber  noch  nicht  genügend ­
  ausgebildet  sind,  muß  man  sich  zunächst  der  herkömmlichen  Beschreibungsmethode ­
  bedienen,  die  Stücke  des  Komplexes  herausgreift  und  sie  hintereinander ­
  betrachtet.  Dabei  geschieht  es  freilich  leicht,  daß  man  Größen  als
unveränderlich  ansieht,  die  während  der  Veränderung  der  Größe,  die  wir  eben
ins  Auge  fassen,  gleichfalls  Veränderungen  erleiden.  Auch  muß  man  öfter
vorgreifen  und  Beziehungen  verwerten,  die  man  erst  später  eingehender  besprechen ­
  kann.  Im  folgenden  wird  nicht  der  Versuch  gemacht,  den  Komplex
der  Kriegswirtschaft  als  Ganzes  darzustellen  ;  nur  die  einschlägigen  Probleme
sollen  skizziert  werden,  um  den  Rahmen  anzudeuten,  innerhalb  dessen  sich  eine
systematische  Darstellung  zu  bewegen  hätte.
Die  Tatsache,  daß  die  Nationalökonomen  bisher  den  Krieg  in  ihren  Systemen
so  wenig  gewürdigt  haben  und  auch  die  Zahl  der  Einzeluntersuchungen  keineswegs ­
  der  Wichtigkeit  des  Gegenstandes  entspricht,  hängt  damit  zusammen,
daß  noch  immer  der  Einfluß  der  englischen  Freihändler  sehr  groß  ist,  die  vielfach
die  Möglichkeit  bestritten,  der  Krieg  könne  ein  Volk  reicher  machen,  und  diel
in  ihm  lediglich  eine  Störung  des  Wirtschaftsverkehrs  erblickten.  Diese  Stellungnahme ­
  läßt  sich  zum  Teil  aus  den  zeitgenössischen  Wirtschaftsverhältnissen
erklären.  Für  die  Auffassung  vom  Kriege  waren  dieselben  überhaupt  immer
von  der  größten  Bedeutung.  Bei  den  Griechen  und  Römern  z.  B.  wurde
der  Krieg  von  vielen  Autoren  ohne  weiteres  als  eine  der  Erwerbsarteni
behandelt.  So  nennt  ihn  Aristoteles  eine  Art  Jagd.^)  Wenn  sich  die
Tiere  und  jene  Menschen,  die  seiner  Ansicht  nach  von  Natur  aus  zum  Dienen
bestimmt  seien,  nicht  freiwillig  fügten,  müsse  man  sie  eben  mit  Gewalt  zwingen.
Der  Krieg  ist  ihm  eine  natürliche  Erwerbsart,  wie  der  Ackerbau,  der  Raub,^)
der  Fischfang,  während  er  das  Leihen  gegen  Zins  und  den  Handel  zu  den
unnatürlichen  rechnete.  Besonders  Völker  auf  einer  niedrigen  Kulturstufe ­
  haben  über  den  Krieg  nie  anders  gedacht.^)  ,,Bei  sehr  vielen  Stämmen
finden  wir,  daß  die  Jagd  genossenschaftlich  von  mehreren  ausgeübt  wird  und
daß  in  ähnlicher  Weise  die  Viehraubzüge  organisiert  sind.  Ebenbürtig  neben
die  genossenschaftlichen  Kriegs-  und  Raubzüge  trat  aber  früh  die  friedliche,
gemeinsame  Arbeit.“  Wir  treffen  in  der  Geschichte  häufig  auf  Nomadenstämme, ­
  die  sich  auf  einer  nicht  allzu  hohen  Kulturstufe  befinden  und  nun
erobernd  und  raubend  in  das  Gebiet  friedlicher  Ackerbauer  einfallen.  Nicht
selten  unterwerfen  sie  sich  diese  dauernd,  die  nun  zu  Knechten  der  siegreichen

5)  Aristoteles,  Politik,  Edit.  Susemihl  I,  3,  5  und  8.
«)  Wenn  Raub,  Diebstahl,  Schmuggel  von  den  Nationalökonomen  nicht
erwähnt  zu  werden  pflegen,  wohl  aber  Ackerbau,  Handwerk,  Börsenspiel,  so  geschieht ­
  dies  teilweise  deshalb,  weil  man  stillschweigend  die  rechtlich  erlaubtejn
Güterverschiebungen  bevorzugt.  Vom  Standpunkt  der  Nationalökonomie  ist  es
aber  gleichgültig,  ob  eine  Handlung  erlaubt  ist  oder  nicht.  Vgl.  Ad.  Wagner,
Grundlagen  der  Volkswirtschaft.  3.  Aufl.  1.  S.  295.  F.  Listz.  B.  vergißt  auch
in  seinem  Nationalen  System  der  politischen  Ökonomie.  6.  Aufl.,  S.  11,  an  den
Raub.  Über  Räuberstämme  im  Altertum  s.  Diodor,  III,  49  und  V,  34.  über
staatlich  organisierte  Piraterie  Mommsen,  Röm.  Gesch.  5.  .\ufl.  III,  S.  40.
7)  Vgl.  G.  Schmoll  er:  Die  geschichtliche  Entwicklung  der  Unternehmungen. ­
  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.,  Verwalt,  u.  Volkswirtsch.  i.  D.  Reiche.  1890,
S.  745  und  748.
        <pb n="19" />
        Krieger  werden.  Es  entstehen  so  Staatswesen,  die  häufig  eine  höhere  Kultur
aufweisen  als  jene  war,  welche  jedes  Volk  für  sich  allein  besessen  hatte.  Manche
Autoren  gehen  sogar  so  weit,  alle  Staaten  auf  diese  Weise  entstehen  zu  lassen.*)
Die  Araber  z.  B.,  die  ein  solches  Nomadenvolk  waren,  kannten  keine  strenge
Scheidung  zwischen  religiöser,  militärischer  und  bürgerlicher  Organisation,^)
und  sahen  den  Krieg  als  Hauptbeschäftigung  des  freien  Mannes  an.  „Der
Unterhalt  meiner  Gemeinde“,  soll  Mohammed  gesagt  haben,  „beruht  auf  den
Hufen  ihrer  Rosse  und  den  Spitzen  ihrer  Lanzen,  solange  sie  nicht  den  Acker
bestellen;  wenn  sie  aber  anfangen,  das  zu  tun,  so  werden  sie  wie  die  übrigen
Menschen.“!*)  Die  Anschauung  vom  Krieg  als  Erwerbsmittel  wurde  in  der
Antike  von  vielen  Denkern  dahin  erweitert,  daß  das  Streben  nach  Reichtum
die  Ursache  aller  Kriege  und  Revolutionen  sei,“)  eine  Lehre,  die
auch  heute  vielfach,  besonders  unter  dem  Einfluß  der  materialistischen  Geschichtsauffassung, ­
  vertreten  wird.  Wenn  ein  Bauernvolk,  wie  die  Römer  der
frühen  Republik,  Kriege  führt,  ist  es  zunächst  darauf  bedacht,  nicht  zu  viel  Zeit
zu  verlieren,  die  man  für  die  Bestellung  der  Felder  notwendig  braucht,  ist  doch
jeder  Bauer  in  diesen  Zeiten  zugleich  Soldat.  Vom  kurzen  Kriegszug  heimgekehrt,
greift  er  wieder  zum  Pflug.  Abgesehen  davon,  daß  Beute  gemacht  und  Land
erobert  wird,  verändert  sich  durch  so  einen  Kriegszug  nicht  viel  im  Wirtschaftsgetriebe ­
  der  Sieger,  für  die  Besiegten  kann  er  zuweilen  den  Untergang  bedeuten.
Schwieriger  wird  die  Sachlage  gewöhnlich  erst  dann,  wenn  die  ursprünglidi
engen  Grenzen  des  Staatsgebietes  überschritten  werden,  und  bei  dem  Versuch,
fremde  Stämme  dem  eigenen  anzugliedern,  in  größerem  Stil  operiert  wird.
Je  länger  der  Bauer  vom  Hause  fernbleiben  muß,  desto  empfindlicher  wird  die
Wirtschaft  geschädigt,  um  so  schärfer  tritt  der  Unterschied  zwischen  dem  reichen
Bauern  hervor,  dessen  Knechte  das  Feld  weiter  bestellen  können,  und  dem  armen
Bauern,  dessen  Betrieb  nur  notdürftig  fortgeführt  wird.  Und  ziehen  die  Heere
gar  in  weite  Fernen,  so  kann  der  mäßig  begüterte  Krieger  bei  der  Rückkehr  genötigt ­
  sein,  Geld  bei  dem  reichen  Nachbar  aufzunehmen  und  sich  so  in  wirtschaftliche ­
  Abhängigkeit  von  ihm  zu  bringen.
Die  Vermögensverteilung  wurde  auch  dadurch  verändert,  daß  die
Reichen  eher  als  die  Armen  in  der  Lage  waren,  Land  in  Besitz  zu  nehmen,  das
sie  imit  ihren  Sklaven  bebauen  konnten.  Zur  Zeit  der  Gracchen  !-)  versuchte
man,  dies  Land  wenigstens  zum  Teil  wieder  unter  die  gesamte  Bevölkerung
zu  verteilen,  wie  denn  überhaupt  die  Politik,  Land  dem  Volke  anzuweisen,  das
ganze  Altertum  hindurch  geübt  wurde.  Man  nahm  dem  besiegten  Feinde  oft  das
ganze  Gebiet  oder  wenigstens  einen  Teil  desselben  weg  und  verteilte  es
unter  die  Soldaten,  eventuell  auch  unter  jene  Bürger,  die  nicht  Soldaten  waren.
Das  Herrschaftsgebiet  wurde  so  erweitert,  das  eigene  Volk  bereichert,  und
verhindert,  daß  die  Soldaten,  wenn  es  Söldner  waren,  sich  nach  dem  Kriege
als  Räuber  über  das  friedliche  Land  ergossen  !*)  oder  sofort  zum  Gegner  übergingen. ­
  Als  man  in  Rom,  ebenso  wie  in  Griechenland,  nicht  mehr  einzig  mit
Hilfe  der  Bauern  Kriege  führen  konnte,  ging  man  zum  Söldnerwesen  über,  das
besonders  in  der  hellenistischen  Epoche  blühte.^)  Die  nötigen  Truppen  wurden
auf  eigenen  Söldnermärkten  aitgeworben.  Soweit  die  Söldnerheere  tatsächlich
vorhandene  Überbevölkerung  aufnahmen,  erleichterten  sie  den  Arbeitsmarkt  nicht
unwesentlich.  Es  kam  aber  nicht  selten  vor,  daß  durch  das  Söldnerwesen  weite
Strecken  fast  entvölkert  wurden,  namentlich  dann,  wenn  die  Bevölkerung  ohnehin
schon  in  Friedenszeiten  abnahm.!’’)

*)  F.  Oppenheimer,  Der  Staat.  Frankfurt.  S.  30ff.
9)  J.  W  e  11  hau  s  en.  Das  arabische  Reich  und  sein  Sturz.  Berlin  1902,  S.  6  ff.
!*)  J.  W  e  11  h  auncn,  a.  a.  O.  S.  19.
!!)  G.  A.  Gerhard,  Phoinix  von  Kolophon.  Leipzig  1909,  S.  15.  Vgl.
O.  Neurath,  Antike  Wirtschaftsgeschichte.  Leipzig  1909,  S.  56  und  98.
!9)  Vgl.  Plutarch  und  Appian.
!*)  Vgl.  z.  B.  Diodor,  XVII,  111.
!^)  Vgl.  Polybius,  V,  63.
!ö)  Vgl.  Polybius,  XXXVII,  4.
        <pb n="20" />
        9

Die  großen  Vorteile,  die  der  Krieg  dem  Sieger  brachte,  machen  es  wohl
begreiflich,  weshalb  man,  solange  noch  eigentliche  Bürgerheere  bestanden,  die
Teilnahme  lan  einem  Feldzug  oft  mehr  als  ein  Recht  denn  als  eine  Pflicht  ansah.
Es  galt  bei  den  Römern  und  auch  bei  den  meisten  anderen  Völkern  als  Grundsatz, ­
  daß  feindliches  Staatseigentum  im  allgemeinen  an  den  siegreichen  Staat
falle,  Privateigentum  an  die  Armiee  oder  an  die  Bürgerschaft.is)  Um  Unordnung
zu  vermeiden,  gab  es  eigene  Beuteordnungen  für  die  Armee,  in  denen  genau
festgesetzt  war,  wie  systematisch  geplündert  und  die  Beute  dann  verteilt  werden
solle.Nach  siegreichen  Kriegen  betrugen  die  Einnahmen  der  Soldaten  oft
mehr  als  einen  halben  Jahressold.  Wie  wesentlich  die  Beute  gewesen  sein
muß,  kann  man  auch  daraus  entnehmen,  daß  sie  in  Bundesverträgen  eine  Rolle
spielte.18)  Da  es  in  der  römischen  Republik  durchschnittlich  jedes  zweite  Jahr
zu  einer  Verteilung  von  Beute  kam,  bildete  sie  für  viele  einen  fast  regelmäßigen
Einkommenbestandteil.19)
Dem  (modernen  Krieg  fehlt  ein  Äquivalent  der  Beute,  wenn  wir  von  der
Kaperei  und  einigen  Ausnahmefällen  absehen,  d.  h.  die  zu  erwartenden  Vorteile
sind  für  den  gemeinen  Mann  weniger  deutlich.  Und  zieht  selbst  einer  in  den
Krieg,  im  Bewußtsein,  sich  und  den  Seinen  ein  erhöhtes  Einkommen  zu  verschaffen, ­
  so  schwebt  ihm  das  Ergebnis  seiner  Tapferkeit  nicht  so  vor,  wie  dem
„beutegewohnten  Krieger“,20)  dessen  Heldentaten  die  alten  Autoren  schildern.
Doch  wäre  es  irrig,  zu  glauben,  daß  neben  der  Beute  nicht  auch  Freude  am
Kampf,  Vaterlandsliebe,  Furcht  vor  Strafe  oder  Schande  eine  hervorragende
Rolle  gespielt  hätten.
Die  Angliederung  neuer  Produktionsgebiete  war  im  Altertum,  ebenso  wie
auch  heute,  von  größter  Wichtigkeit.  Die  römische  Landwirtschaft  wurde
teilweise  dadurch  vernichtet,  daß  neu  erworbenes  Gebiet  Getreide  billiger  zu
produzieren  vermochte  und  noch  überdies  die  Regierung  zu  billigen  Preisen  oder
sogar  zeitweilig  umsonst  seit  dem  Ende  der  Republik  Getreide  in  Rom  verteilen
ließ.  Die  Großgrundbesitzer  wandten  sich  vielfach  der  Weidewirtschaft  zu,
wodurch  viele  brotlos  wurden,  da  dasselbe  Gebiet,  welches  früher  zur  Bestellung
zahlreiche  Arbeiter  benötigte,  nun  eine  große  Herde  mit  wenigen  Hirten  beherbergte. ­
  Hierzu  kam  noch  die  zunehmende  Verwendung  der  Sklaven  im  Mittelmeergebiet ­
  nach  großen  Kriegen.  Die  Kriege  brachten  am  Ende  der  römischen
Republik  große  Sklavenmassen  auf  den  Markt,  welche  den  Arbeiter  in  ähnlicher
Weise  seiner  Arbeitsgelegenheit  beraubten,  wie  die  Maschinen  in  der  modernen
Entwicklung.  Nur  brachte  die  Verwendung  der  Sklaven  keine  Erweiterung  der
Produktion  mit  sich.  Gesetzgeberische  Versuche  in  Griechenland  und  Rom,
dem  Überhandnehmen  der  Sklaverei  zu  steuern,  indem  nur  ein  bestimmter
Prozentsatz  Sklaven  verwendet  werden  sollte,  hatten  keinen  Erfolg.21)  Eine
Wandlung  trat  erst  ein,  als  in  der  römischen  Kaiserzeit  die  Eroberungskriege
abnahmen  und  überdies  geringere  Sklaven,ausbeute  lieferten.  Dies  war  mit  ein
Grund  für  die  bessere  Behandlung  der  Sklaven  und  deren  schrittweise  Befreiung,
welche  keineswegs  erst  mit  dem  Christentum  begann.  Die  Kriege  der  Antike  wurden

IC)  Vgl.  z.  B.  Plutarch,  Marcellus  19;  weiters  O.  Neurath,  a.  a.  O.
S.  9&amp;amp;
1^)  Polybius,  X,  2.
18)  Dionys  von  Halikarnass,  VI,  95;  vgl.  J.  Be  loch,  Der  italische
Bund,  S.  216  ff.
18)  Eine  große  Zahl  der  einschlägigen  Stellen  bei  A.  Langen,  Die
Heeresverpf  1  egung  im  letzten  Jahrhundert  der  Republik.  Der  III.  Abschnitt
handelt  über  Beute  und  Donativa.  Progr.  d.  kgl.  Gymn.  zu  Brieg  1881—1882.
Besonders  Livius  ist  eingehend  berücksichtigt.
Eine  tabellarische  Zusammenstellung  der  Beutefälle,  die  sehr  empfehlenswert ­
  iwäre,  könnte  insbesondere  an  die  Triumphe  anknüpfen.  Bei  Berücksichtigung ­
  der  Heeresgrößen,  der  Bemerkungen  bei  den  einzelnen  Autoren,  ob  die
Beute  klein  oder  groß  war,  könnten  wohl  brauchbare  Resultate  erzielt  werden
20)  L  i  V  i  u  s  ,  X,  17.
21)  Vgl.  Appian,  Bürgerkriege.  I,  8.
        <pb n="21" />
        10

meist  rücksichtslos  geführt,  Felder  und  Produktionsstätten  wurden  zerstört  und
dadurch  die  produktiven  Kräfte  ganzer  Länder  auf  lange  hinaus  geschädigt.
Man  sah  im  Gegner  fast  nur  den  Konkurrenten,  dem  man  möglichst  viel  wegnimmt,
den  man  möglichst  zu  schädigen  sucht;  nur  selten  behandelte  man  ihn  als  zukünftigen ­
  Untertanen.

Da  der  Handel  selbst  in  der  späten  Antike  nicht  so  stark  wie  heute  entwickelt ­
  war,  störte  der  Krie^  auch  den  Marktverkehr  nicht  allzusehr.  Nur
die  Behinderung  der  Lebensmittelzufuhr  hatte  oft  große  Kalamitäten  im  Gefolge.
Auch  das  Fehlen  unseres  weitverzweigten  Kreditapparates  bewirkte,  daß  die  Erschütterungen ­
  der  Wirtschaft  weniger  fühlbar  waren.  Dafür  waren  die  direkten
Folgen  um  so  furchtbarer,  denen  des  Dreißigjährigen  Krieges  etwa  vergleichbar.
Die  Übersichtlichkeit  aller  Verhältnisse  trug  dazu  bei,  allen  die  Vor-  und
Nachteile  eines  Krieges  klarer,  als  dies  bei  uns  möglich  ist,  vor  Augen  zu  führen.
Ein  Krieg  gegen  einen  Handelsstaat  konnte  daher,  z.  B.  in  Rom,  leicht  populär
sein.  Der  Kaufmann  erwartete  die  Beseitigung  einer  mächtigen  Konkurrenz  und
die  Eröffnung  neuer  Absatzgebiete,  für  den  Großgrundbesitzer  stand  eine  Gebietserweiterung ­
  bevor,  der  kleine  und  mittlere  Bauer  erwartete  für  seine  Söhne  neue
Hufen,  die  ärmere,  besitzlose  Bevölkerung  erhoffte  entweder  Verteilung  von
Grund  bnd  Boden  oder  aber  von  Lebensmitteln.  Auch  war  es  üblich,  daß
die  siegreichen  Feldherrn  Spenden  verteilten  und  Spiele  veranstalten  ließen.
Die  Geldleute  fanden  ebenfalls  in  den  eroberten  Gebieten  neue  Einnahmequellen,
waren  doch  die  Provinzen  vielfach  genötigt,  die  an  den  Staat  zu  zahlenden  Gelder
gegen  hohe  Zinsen  zu  entlehnen.  Auch  die  Pachtung  der  Steuern  brachte  viel  ein.
Die  gleiche  Anschauung  vom  Kriege,  wie  das  Altertum,  hatte  auch  das
Mittelalter  und  die  beginnende  Neuzeit.  Dem  Sieger  erschien  er  als
ein  Segenbringer,  dem  Besiegten  als  eine  der  großen  Geißeln.  Wechselndes
Kriegsglück  konnte  viele  Länder  verwüsten.  Die  zentralistisch  geordnete
Wirtschaft  kleinerer  oder  größerer  Körper  ließ  es  dem  Bürger  zum  Bewußtsein
kommen,  was  mit  den  einzelnen  Einrichtungen  des  Staates  bezweckt  war,  die
Heeresordnung  hatte  eine  ähnliche  Bedeutung  wie  die  Marktordnung,  alles  war
mehr  oder  weniger  staatlicher  Regelung  unterworfen.  Die  einen  billigten
den  Kriegserwerb,  die  anderen  bekämpften  ihn;  daß  aber  ein  Gewinn  durch  den
Krieg  erzielt  werden  könne,  wurde  wohl  nur  selten  geleugnet.  Besonders  die
Kolonialkriege  des  XVII.  Jahrhunderts  brachten  große  Vorteile.  Die  Kriegseinnahmen ­
  werden  denn  auch  von  den  zeitgenössischen  Autoren  ausführlidi
behandelt.22)  Dabei  kann  man  immer  wieder  auf  Ausführungen  stoßen,  die  sich
an  die  alten  Autoren  anlehnen,  insbesondere  die  Erörterungen  über  die  Beute
sind  im  wesentlichen  antiken  Ursprungs.^s)
Der  Krieg  erschien  als  ein  Mittel,  Kolonien  zu  erwerben  und  sie  unter
Ausschluß  aller  Konkurrenten  allein  auszubeuten.  Als  die  Absperrungsmaßregeln,
welche  die  Völker  gegeneinander  handhabten,  allmählich  die  Entfaltung  des
Handels  mehr  zu  schädigen  als  zu  fördern  drohten,  entstand  eine  Bewegung
für  den  Freihandel.  Den  Theoretikern  dieser  Richtung  mußte  der  Krieg
überflüssig  erscheinen,  da  ja  bei  voller  Durchführung  des  Freihandelsprinzips
die  Landesgrenzen  für  den  Wirtschaftsverkehr  belanglos  sein  mußten.  Nach
ihrer  Theorie  konnten  Kriege  daher  nur  die  Wirtschaft  stören,  nicht  aber  sie
fördern.  Insbesondere  die  Folgen  der  hohen  Zölle,  die  England  und  Frankreich
gegeneinander  anwendeten  —  erst  gegen  Ende  des  XVIII.  Jahrhunderts  machte
ein  Handelsvertrag  dieser  Politik  ein  Ende  —,  ließen  viele  die  Freihandelslehre ­
  plausibel  erscheinen.  England  konnte  vom  Freihandel  Vorteile  erwarten,
nachdem  ihm  die  merkantilistische  Politik  einen  erheblichen  Vorsprung  gesichert
hafte.  Wenn  auch  die  Vertreter  dieser  Lehre  dies  nicht  gerade  so  klar  vor  Augen
hatten,  so  haben  doch  ihre  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete  der  Handelspraxis  sie
zu  diesem  Resultat  geführt.  Die  Kriege,  welche  Absatz-  und  Produktionsgebiete

22)  Vgl.  z.  B.  C.  Klocki,  Tractatus  jurídico-,  politico-,  polemico-historicus
  de  a  erario.  Nürnberg  1651.  L.  II,  c.  87  und  sonst.
23)  Vgl.  insbesondere  die  völkerrechtliche,  respektive  naturrechtliche  Literatur,
so  H.  Grotius,  De  jure  belli  ac  pacis,  insbesondere  L.  III,  c.  6.
        <pb n="22" />
        11

verschafft  hatten,  waren  vergessen.  So  konnte  schon  am  Ende  des  XVII.  Jahrhunderts ­
  ein  Mann  wie  Dudley  North  ausrufen  :  „.  .  .  .  no  people  ever  yet
grew  rich  by  Politics;  but  it  is  Peace,  Industry  and  Freedom  that  brings
Trade  and  Wealth,  and  nothing  else.“24)  Unter  denjenigen,  welche  den
Freihandel  begründen  halfen,  gab  es  solche,  die  ihn  nicht  ganz  allgemein
forderten,  sondern  der  Meinung  waren,  reifende  Völker  bedürften  der  Privilegien ­
  und  anderer  schützenden  Maßregeln  ;  nur  solche,  die  schon  voll  entwickelt ­
  seien,  könnten  auf  sie  verzichten,  zu  ihnen  gehöre  England.^^)
Frühere  Jahrhunderte  haben,  wie  wir  sahen,  den  Verteidigungs-  und  Eroberungskrieg ­
  immer  zusammen  behandelt,  wenn  es  die  finanziellen  und  wirtschaftlichen ­
  Ergebnisse  zu  betrachten  galt,  und  sie  nur  in  moralischer  Hinsicht
einander  gegenübergestellt.  Es  ist  bemerkenswert,  daß  Ferguson,  ein  Zeitgenosse ­
  von  Adam  Smith,  mit  dem  er  auch  in  persönliche  Beziehungen  trat,
einem  Kapitel  seines  Werkes  „An  Essay  on  the  History  of  Civil  Society“  den)
Titel  gab;  „Of  national  defence  and  conquest“,  während  das  analoge  Kapitel  bei
Adam  Smith  im  5.  Buch  die  Überschrift  trägt:  „Of  the  expense  of  defence“.
Während  aber  bei  den  Freihändlern  die  Ausschaltung  des  Angriffskrieges  durch
die  nationalökonomische  Betrachtung  theoretisch  begründet  war,  wurde  sie  audi
von  Nationalökonomen  vorgenommen,  die  keine  Freihändler  waren.  Zum  Teil
mögen  dabei  moralische  Erwägungen  mitgespielt  haben.  Manche  Autoren  scheinen
sich  geradezu  zu  scheuen,  ihrem  Vaterlande  einen  Eroberungskrieg  zuzumuten.
Wir  finden  daher  in  vielen  Werken  immer  wieder  nur  die  „Landesverteidigung“
erwähnt.26)  Aber  auch  jene  Autoren,  welche  den  Eroberungskrieg  berühren,
legen  sich  dabei  eine  erhebliche  Zurückhaltung  auf  und  glauben  nicht  selten,
denselben  moralisch  begründen  zu  müssen,2’)  ehe  sie  untersuchen,  wie  man
ihn  führen  könne  und  welche  Wirkungen  er  habe.  Die  Freihändler,  welche
die  These  vertraten,  der  Krieg  bereichere  ein  Land  nicht,  haben  sich  meist
mit  allgemeinen  Betrachtungen  begnügt.  So  meint  z.  B.  Adam  Smith,
Armee  und  Flotte  seien  nicht  einmal  imstande,  ihre  Unterhaltskosten  hereinzubringen.2*) ­
  Diese  Ansicht  scheint  bei  ihm  zum  Teil  dadurch  bedingt  gewesen ­
  zu  sein,  daß  er  überhaupt  nicht  die  Möglichkeit  in  Erwägung  zieht,  eine
Armee  könne  sich  in  Feindesland  ohne  Zuschuß  von  zu  Hause  erhalten.  Über
die  Wirkungen  des  Krieges  äußert  er  sich  weit  ausführlicher  29)  als  seine  Anhänger, ­
  wie  er  ja  überhaupt  für  das  Gesamtleben  eines  Staates,  nicht  nur  für
die  reine  Marktwirtschaft  Interesse  zeigte.  Aus  der  Tatsache,  daß  die  englischen
Freihändler  sich  gegen  den  Krieg  und  gegen  jede  Wirtschaftspolitik  aussprachen,
welche  den  freien  Handel  behindere,  obgleich  Englands  Entwicklung  nicht
auf  dem  Wege  des  Freihandels,  sondern  des  Merkantilismus  erfolgt  war,  führte
Friedrich  List  dazu,  geradezu  eine  böse  Absicht  der  englischen  Theoretiker
und  Politiker  zu  vermuten,  da  sie  gewissermaßen  darauf  ausgingen,  den  anderen ­
  Staaten  den  Weg  zur  Entfaltung  zu  verbergen.  Er  meint,  es  sei  Englands
Staatsmaxime  :  30)  „Kriege  zu  führen  und  Allianzen  zu  schließen  mit  ausschließlicher ­
  Rücksicht  auf  das  Manufaktur-,  Handels-,  Schiffahrts-  und  Kolonialinteresse, ­
  den  Überschuß  an  produktiver  Kraft  auf  die  Kolonisation  und
die  Unterwerfung  barbarischer  Nationen  zu  verwenden“  und  schließlich  „d  i  e
wahre  Politik  Englands  durch  die  von  Adam  Smith  erfun-24)

  Vgl.  F.  Raffel,  Englische  Freihändler  vor  Adam  Smith.  Tübingen
1905,  S.  47.  Ähnlich  Tucker,  vgl.  Raffel,  S.  133.
23)  Vgl.  Raffel,  a.a.  O.  S.  127.
26)  Vgl.  z.  B.  Roscher-Gerlach,  System  der  Finanzwissenschaft.
5.  Aufl.  Stuttgart  1901,  II,  S.  188.
27)  Vgl.  z.  B.  Ad.  Wagner,  Finanzwissenschaft,  3.  Aufl.  Leipzig  und
Heidelberg  1883,  I,  S.  418.
28)  Vgl.  A.  Smith,  Wealth  of  nations,  B.  II,  c.  3:  „.  .  .  .  great  fleets  and
armies,  who  in  time  of  peace  produce  nothing,  and  in  time  of  war  acquire  nothing
which  can  compensate  the  expense  of  maintaining  them,  even  while  the  war  lasts“.
29)  Vgl.  A.  Smith,  a.  a.  O.  B.  IV,  c.  1.
30)  F.  List,  a.  a.  O.  B.  IV,  Kap.  33.  S.  297  f.
        <pb n="23" />
        12

denen  kosmopolitischen  Redensarten  und  Argumente  zu  verdecken, ­
  um  fremde  Nationen  abzuhalten,  diese  Politik  nachzuahme
  n“.  List  war,  ähnlich  wie  Tucker,  der  Ansicht,  bei  gleich
starken  Völkern  könne  Freihandel  herrschen.  So  lange  aber  ein  Volk  im
Werden  sei,  müsse  es  sich  mit  aller  Macht  der  fremden  Konkurrenz  zu  erwehren ­
  trachten  und,  wenn  nötig,  vor  einem  Kriege  nicht  zurückscheuen.
Seine  Meinung  ist  in  sofern  e  begründet,  als  tatsächlich  in  unserer  heutigen
Ordnung  eine  Einfuhr  von  Produkten  einen  Staat  wirtschaftlich  schwer  schädigen
kann,  während  die  Freihandelslehre,  die  den  Gegensatz  zwischen  Rentabilität
und  Produktivität  wenig  klar  erfaßte,  häufig  dazu  neigte,  jede  Vermehrung  von
Produkten  für  gut  zu  halten.  Überdies  wußte  List  aus  Erfahrung,  daß  der
schwächere  Staat  ohne  Schutzzoll-  und  Privilegienpolitik  nur  allzuleicht  in  dauernde
Abhängigkeit  von  dem  reicheren  und  mächtigeren  geraten  kann.  Namentlich
Agrarstaaten  müßten  sich,  wenn  sie  dazu  fähig  sind,  eine  Industrie  zu  verschaffen
versuchen.  Wie  die  englischen  Wirtschaftsverhältnisse  die  englischen  Denker
zur  Freihandelstheorie  führten,  so  die  deutschen  Zustände  F.  List  und  andere
seiner  Zeitgenossen  zur  Schutzzolltheorie.  Nach  List  könnte  bei  Freihandel
der  ärmere  Staat,  zumal  wenn  es  ein  Agrarstaat  ist,  geradezu  der  Sklave  des
reicheren  werden.  Selbstverständlich  kann  dies  auch  bei  merkantilistischer  Politik
Vorkommen,  nur  daß  der  Merkantilismus  das  Sich-zur-Wehr-setzen  theoretisch
kannte,  die  Freihandelslehre  aber  nicht.  List  schildert  an  einer  Stelle  3i),  wie
sich  beim  ungehinderten  Walten  der  freien  Konkurrenz  der  Weltzustand  gestalten
würde  :  „Die  Briten,  als  eine  unabhängige,  in  sich  abgeschlossene  Nation,
würden  fortan  ihr  Nationalinteresse  zur  alleinigen  Richtschnur  ihrer  Politik
nehmen.  Asien,  Afrika,  Australien  würden  durch  England  zivilisiert  und  mit
neuen  Staaten  nach  englischem  Muster  besät.  So  entstünde  mit  der  Zeit  eine
Welt  englischer  Staaten  unter  dem  Präsidium  des  Mutterstaates,  in  welcher
sich  die  europäischen  Kontinentalnationen  als  unbedeutende,  unfruchtbare  Volksstämme ­
  verlören.  Frankreich  würde  sich  mit  Spanien  und  Portugal  in  die
Bestimmung  teilen,  dieser  englischen  Welt  die  besten  Weine  zu  liefern  und  die
schlechten  selbst  zu  trinken;  höchstens  dürfte  den  Franzosen  die  Fabrikation
einiger  Putzwaren  bleiben.  Deutschland  dürfte  dieser  englischen  Welt  schwerlich
etwas  mehr  zu  liefern  haben,  als  Kinderspielwaren,  hölzerne  Wanduhren,  philologische ­
  Schriften  und  zuweilen  ein  Hilfskorps,  das  sich  dazu  hergäbe,  in  den
Wüsten  Asiens  oder  Afrikas  für  die  Ausbreitung  der  englischen  Manufakturund
  Handelsherrschaft,  der  englischen  Literatur  und  Sprache  zu  verschmachten.
Nicht  viele  Jahrhunderte  dürfte  es  anstehen,  so  würde  man  in  dieser  englischen
Welt  mit  derselben  Achtung  von  den  Deutschen  und  Franzosen  sprechen,
womit  wir  jetzt  von  den  asiatischen  Nationen  reden.“  Um  Deutschland  vor
einem  solchen  Schicksal  zu  bewahren,  trat  List  für  den  Schutzzoll  ein  und
im  Zusammenhang  damit  für  eine  deutsche  Flotte.^-)
Wir  sahen,  daß  der  Krieg  den  einzelnen  direkt  Vorteile  zu  bringen  vermag, ­
  indem  dem  Feind  weggenommen  wird,  was  er  besitzt,  bewegliche  und
unbewegliche  Habe.  Auch  scheint  es  verständlich,  daß  unter  gewissen  Umständen ­
  der  Handel  durch  siegreiche  Kriege  gefördert  werden  kann.  Die
Frage  ist  aber,  wie  die  Oesamtwirkung  des  Krieges  auf  die  Wirtschaft  anzuschlagen ­
  ist.  Es  ist  nun  eine  merkwürdige  Tatsache,  die  von  vielen  Autoren
beobachtet  wurde,  daß  große  Kriege  in  der  neueren  Zeit  weder  dem  Sieger,
noch  dem  Besiegten  so  schädlich  sind,  als  man  erwarten  sollte,  ja  daß  nidit
selten  geradezu  ein  Aufschwung  während  des  Krieges  oder  kurz  nach  demselben ­
  beobachtet  werden  kann.  Immer  wieder  wird  das  „unerwartete,  ja
wunderbar  schnelle“  ^3)  Heilen  der  Wunden,  die  der  Krieg  geschlagen  hat,
hervorgehoben.  Zum  Teil  erklärt  sich  der  wirtschaftliche  Forts(^itt  beim
Sieger  aus  der  neueinsetzenden  Spekulation,  welche,  den  Erfolg  vorwegnehmend,
die  Kurse  in  die  Höhe  schnellen  läßt,  was  mit  dazu  beiträgt,  die  Industrie  zu

31)  List,  a.  a.  O.  Kap.  11.
32)  F.  List,  a.  a.  O.  8.  349.
33)  R.  Steinmetz,  Die  Philosophie  des  Krieges.  Leipzig  1907,  S.  90.
        <pb n="24" />
        neuer  Tätigkeit  anzuregen.^^)  Aber  damit  ist  nicht  gleichzeitig  die  andere,
gleichfalls  nicht  selten  auftretende  Tatsache  erklärt,  daß  schon  während  des
Krieges  ein  allgemeiner  wirtschaftlicher  Aufschwung  zu  beobachten  ist.35)  Manche
wollen  die  heilsamen  Wirkungen  des  Krieges  darauf  zurückführen,  daß  er  alles
Unbrauchbare  ausscheide  und  nur  das  Tüchtige  und  Konkurrenzfähige  in  Handel ­
  und  Industrie  bestehen  lasse.  Aber  die  Erklärung  ist  wohl  in  anderen
Umständen  zu  suchen,  und  zwar  in  einer  Erscheinung,  die  unsere  Wirtschaft
in  allen  ihren  Teilen  wesentlich  charakterisiert.  Wir  sind  infolge  unserer ­
  Einrichtungen,  insbesondere  jener  des  Geld-,  Kredit-  und  Marktwesens,
genötigt,  unsere  produktiven  Kräfte  mehr  oder  weniger  zurückzudrängen.  Kartelle ­
  bewirken  absichtlich,  daß  nicht  so  viel  produziert  wird,  als  von  der  Bevölkerung ­
  konsumiert  werden  könnte.  Selbst  die  Staaten  sind  bemüht,  eine  ausreichende ­
  Sättigung  mit  allen  Gütern  künstlich  zu  verhindern,  sei  es  durch
Schutzzölle,  sei  es  durch  Vernichtung  schon  produzierter  Güter.  .Anderseits
könnte  dies  Verfahren  jedoch  nicht  ohne  weiteres  eingestellt  werden,  da  die
unbehinderte  Produktion  sehr  oft  den  wirtschaftlichen  Untergang  der  produzierenden ­
  Unternehmungen  mit  sich  brächte.  Da  wir  so  absichtlich  vorhandene ­
  Menschen  und  Kräfte  nicht  voll  aus  nützen,  wohl  gar  vergeuden,
besitzen  wir  auch  jederzeit  ausreichende  Reservoire.  Treten
nun  Störungen  bestimmter  Art,  wie  z.  B.  im  Kriegsfall,  ein,  so  können  nicht
selten  die  stauenden  Wehren  beseitigt  werden  und  die  produktiven  Kräfte  werden
frei.  Es  kann  dabei  ein  Wohlstand  erzeugt  werden,  der  jenen  während  des
letzten  Friedens  weit  übertrifft.  Dies  hängt  damit  zusammen,  daß  für  viele
Kreise  der  Bevölkerung  eine  Zeit  der  Produktions  entwicklung  mehr  Vorteil
bringt  als  eine  solche  einer  stagnierenden,  wenn  auch  viel  stärker  entfalteten,
Produktion.  Dies  sind  z|um  Teil  die  Gründe,  weshalb  das  wirtschaftliche
Risiko  eines  Krieges  bei  unserer  humanen  Kriegführung  verhältnismäßig  gering
ist.  Der  wirtschaftliche  Untergang  infolge  eines  unglücklich ­
  geführten  Krieges  ist  schwer  möglich,  wenn  nient  der
Sieger  ein  anderes  Verfahren  anwendet,  als  in  den  letzten
Kriegen  üblich  war.  Wären  hingegen  bereits  in  Friedenszeiten ­
  alle  unsere  Kräfte  und  Mittel  in  Bewegung  gesetzt,
so  könnte  der  Krieg  weit  größere  Verwüstungen  anrichten.
Wenn  auch  dann  die  Wunden  bald  wieder  heilen  könnten,  so
würde  doch  nur  in  ganz  seltenen  Fällen,  und  zwar  bei  direkter ­
  Okkupation  fremden  Eigentums,  der  Krieg  große
wirtschaftliche  Vorteile  mit  sich  bringen,  nie  aber  würde
dann  während  des  Krieges  ein  Aufschwung  möglich  sein,
auch  würde  der  Sieger  in  dem  Fall  viel  öfter  schwer  geschädigt ­
  werden.  Jede  Reform  unseres  Wirtschaftslebens,
die  eine  volle  Entfaltung  aller  Kräfte  und  Fähigkeiten  ermöglicht, ­
  wäre  daher  im  Interesse  des  Weltfriedens;  ganz
abgesehen  von  dem  Jammer,  den  der  Krieg  verbreitet,
würden  dann  die  stark  verringerten  Realeinkommen  eine
mächtige  und  dringende  Sprache  reden.
Nur  wenn  in  unserer  Wirtschaft  überall  das  Produktivitätsprinzip  und
nicht  das  Rentabilitätsprinzip  herrschend  wäre,  könnte  man  durch  Zusammenfassung ­
  aller  produktiven  Kräfte,  die  der  Krieg  absorbiert,  den  von  ihm  verursachten ­
  Schaden  berechnen.  Es  geht  aber  nicht  an,  bei  den  sonstigen  Betrachtungen ­
  den  Geldgewinn  in  den  Vordergrund  zu  rücken,  bei  Betrachtungen
über  Heeresausgaben  aber  plötzlich  von  den  gebundenen  Arbeitskräften  zu
sprechen.  Man  übersieht  dann  gerne,  daß  wir  ja  fortwährend  Arbeitslose  auf
den  Märkten  haben  und  daß  Auswanderung  großer  Massen  manchen  Denkern,
wie  z.  B.  M51I,  geradezu  als  eine  Erlösung  erschien.  Die  Verwendung  von

3^)  Vgl.  z.  B.  A.  Wagner,  Das  Reichsfinanzwesen.  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.,
Verw.  und  Rechtspfl.  d.  D.  Reiches.  1874,  III,  S.  64.
33)  C.  V.  Hock,  Die  Finanzen  und  die  Finanzgeschichte  der  Vereinigten
Staaten  von  Amerika.  Stuttgart  1876,  S.  470.  Tooke,  a.  a.  O.  I,  S.  55  f.
        <pb n="25" />
        14

Soldaten  in  der  Industrie  könnte  heute  zu  Schwierigkeiten  führen.  Auch  der
Hinweis  auf  die  großen  Geldausgaben  zu  Kriegszwecken  ist  an  sich  nicht  ausreichend, ­
  weil  man  erst  zeigen  müßte,  daß  bei  Bestehenbleiben  der  sonstigen
Ordnung  die  Summe,  die  sonst  den  Kriegsrüstungen  zufließt,  dann  den  Schulen
und  Krankenhäusern  zuflösse.  Diese  Erwägungen  gehen  davon  aus,  daß  eine
bestimmte  Menge  wirtschaftlicher  Kräfte  und  ebenso  eine  bestimmte  Menge
Geld  gegeben  ist,  die  wir  nun  entweder  in  der  einen  oder  anderen  Weise
verwenden  können,  während  in  Wirklichkeit  die  Dinge  weit  komplizierter  liegen,
Zu  denen,  welche  diesem  Problem  ihr  Augenmerk  zuwendeten,  gehört
Henry  George,  der  einige  Zusammenhänge  zwischen  Krieg  und  Wirtschaft
richtig  erkannte.36)  Er  sagt  von  Amerika:  „Nichts  zeigt  vielleicht  klarer  die
beständig  vor  sich  gehende  enorme  Verschwendung  von  produktiven  Kräften
als  der  Umstand,  daß  die  blühendsten  Zeiten,  welche  dieses  Land  in  allen  Geschäftszweigen ­
  erlebt  hat,  die  Zeiten  des  Bürgerkrieges  waren,  als  wir  große
Flotten  und  Armeen  unterhielten  und  Millionen  unserer  industriellen  Bevölkerung
genug  zu  tun  hatten,  um  dieselben  mit  Gütern  zur  unproduktiven  Konsumtion
oder  zu  leichtsinniger  Vernichtung  zu  versehen.  Es  ist  vergebens,  von  einer
eingebildeten  Blüte  dieser  gedeihlichen  Zeiten  zu  reden.  Die  Massen  des
Volkes  lebten  besser,  kleideten  sich  besser,  fanden  es  leichter,  ihren  Lebensunterhalt ­
  zu  gewinnen,  und  hatten  mehr  Überfluß  und  Vergnügen  als  in  gewöhnlichen ­
  Zeiten.  Im  Norden  war  mehr  tatsächlicher,  sichtbarer  Reichtum
am  Schlüsse  des  Krieges  vorhanden,  als  beim  Beginn  desselben  .  .  .  Unsere
Armeen  und  Flotten  wurden  unterhalten,  der  enorme  unproduktive  und  zerstörende ­
  Gebrauch  von  Gütern  wurde  ermöglicht  durch  die  Arbeit  und  das
Kapital,  die  damals  und  hier  produktiv  beschäftigt  waren.  Und  dadurch,  daß
die  vom  Kriege  veranlaßte  Nachfrage  produktive  Kräfte  in  Tätigkeit  setzte,
wurden  die  enormen  Verluste  des  Krieges  nicht  allein  wiederersetzt,  sondern
der  Norden  wurde  auch  reicher.  Die  Arbeitsvergeudung  beim  Hin-  und  Hermarschieren, ­
  beim  Graben  von  Laufgräben,  Aufwerfen  von  Schanzen  und
Fechten  von  Schlachten,  die  Vergeudung  von  Gütern,  die  durch  unsere  Armeen
und  Flotten  verbraucht  oder  vernichtet  wurden,  war  nicht  so  groß,  als  die
beständig  vor  sich  gehende  Vergeudung  unbeschäftigter  Arbeit  und  stillstehender
oder  nur  teilweise  benützter  Maschinen.  Es  ist  klar,  daß  diese  enorme
Verschwendung  produktiver  Kraft  nicht  den  Fehlern  in
den  Naturgesetzen,  sondern  den  sozialen  Mißgestaltungen
zuzuschreiben  ist,  welche  der  Arbeit  den  Zugang  zu  den
natürlichen  Arbeitsgelegenheiten  verweigern.  .  .  .  Die  Lähmung, ­
  welche  zu  allen  Zeiten  produktive  Kräfte  verschwendet  und  in  allen
Zeiten  industriellen  Druckes  mehr  Verluste  herbeiführt,  als  ein  großer  Krieg,
entspringt  aus  der  Schwierigkeit,  welcher  diejenigen,  die  gern  durch  ihre
Arbeit  ihre  Bedürfnisse  befriedigen  würden,  in  diesem  Bestreben  begegnen....“
Dieser  Versuch  H.  Georges,  die  anläßlich  der  Überproduktionskrisen  zutage
tretenden  Erscheinungen  bei  der  Untersuchung  der  Wirkungen  des  Krieges  auf
den  Reichtum  zu  verwenden,  ist  seither  nur  selten  wiederholt  worden,^^)  wie
denn  überhaupt  die  genaue  Analyse  der  einschlägigen  Tatbestände  viel  zu
wünschen  übrig  läßt.
Die  Ursachen  der  steigenden  Rentabilität,  die  zuweilen  während  des  Krieges
und  kurz  nach  demselben  bemerkbar  wird,  ist  oft  in  folgenden  Umständen  zu
suchen;  Alle  Bedarfsartikel  für  dje  Kriegführung  steigen  erheblich  im  Preise,
dazu  gehören  auch  die  Lebensmittel.  Dies  sichert  einer  Reihe  von  Unternehmungen
vermehrte  Einnahmen.  Die  im  Kriegsfall  notwendige  Einberufung  der  Bürger
zur  Armee  bewirkt  zuweilen  einen  erheblichen  Arbeitermangel  und  bei  gleichzeitiger ­
  Produktionssteigerung  in  gewissen  Industrien  eine  Erhöhung  der  Löhne.

H.  George,  Soziale  Probleme,  deutsch  von  Stöpel.  Berlin  1885,
S.  70  f.
3^)  Ähnlich  Wilhelm  Neurath  in  den  nachgelassenen,  nicht  veröffentlichten ­
  Manuskripten.  Dezember  1894,  unter  dem  Titel  „Aufhebung  von  Hemmnissen ­
  der  Produktion.  Krieg  macht  reich.“
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        15

Der  Krieg  selbst  bedingt  überdies  nicht  selten  die  Unterbrechung  der  Zufuhr
wichtiger  Rohprodukte  oder  Fertigfabrikate,  die  nun  im  Inland  erzeugt  oder
durch  Surrogate  ersetzt  werden.  Auch  die  Spekulation  in  Valuten  und  Effekten
bringt  oft  reichen  Gewinn.  Die  Bereicherung  einiger  Kreise  der  Bevölkerung;
der  Unternehmer,  Spekulanten  Und  Arbeiter,  bedeutet  aber  indirekt  eine  Bereicherung ­
  aller  jener,  die  diesen  Gruppen  von  Menschen  Waren  zu  liefern  haben.
Die  Vorteile  können  so  für  weite  Kreise  der  Bevölkerung  weit  größer  werden,
als  die  durch  die  Kriegführung  erzeugten  Lasten.  Hierzu  kommt  noch,  daß
die  Vermehrung  der  Umlaufsmittel  im  Falle  von  Papiergeldemission  nicht  selten
die  Produktion  anregt  und  den  anderen  Ländern  gegenüber,  falls  ein  Disagio
des  Papiers  gegenüber  dem  Metall  auftritt,  wie  ein  Schutzzoll  wirkt.  Industrien,
die  bis  dahin  ihre  Produktion  künstlich  eingeschränkt  haben  und  weniger
produzierten,  als  sie  vermochten,  können  nun  ohne  erhebliche  Mehrkosten  ihre
Produktion  erweitern  und  große  Gewinne  erzielen.  Die  vermehrte  Konsumtion
erhöht  nicht  selten  die  Umlaufsgeschwindigkeit  des  Geldes,  die  ihrerseits  wieder
stimulierend  wirkt.  Selbst  wenn  ein  derartiger  Aufschwung  nicht  von  Dauer  ist,
so  zeigt  er  doch,  daß  ruhende  Kräfte  vorhanden  waren.  Tritt  dann  ein  Rückschlag ­
  ein,  so  beweist  das  keineswegs,  daß  die  vorhandenen  Kräfte  überspannt
wurden,  sondern  nur,  daß  unsere  Wirtschaftsordnung  einen
dauernden  Fortschritt  nicht  ohne  Krisen  durchführen  kann;
das  gilt  aber  für  die  Friedenszeiten  ebenso  wie  für  die  Kriegszeiten.  Diese
Stauungen  sind  nicht  durch  Produktion  und  Konsumtion,  nicht  durch  die
politische  Ordnung  oder  die  Einkommenverteilung,  sondern  durch  den  Marktverkehr ­
  und  das  Kreditwesen  bedingt.
Wir  müssen  bei  der  Untersuchung  der  kriegswirtschaftlichen  Probleme  den
Bedarf  an  Gütern  von  dem  Bedarf  an  Zahlungsmitteln  unterscheiden. ­
  Die  Beschaffung  der  für  die  Kriegführung  nötigen  Gegenstände  ist
im  allgemeinen  nicht  allzu  schwierig.  Getreide  usw.  wird  in  Kriegszeiten  nicht
mehr  benötigt  als  sonst,  es  sei  denn,  daß  eine  starke  Rückwanderung  Militärpflichtiger ­
  stattfindet.  Höchstens  geht  die  Inlandsproduktion  zurück  und  der
Import  muß  vermehrt  werden.  Hingegen  kann  der  Heu-  und  Haferbedarf
wachsen,  wenn  z.  B.  Pferde  importiert  werden.  Andere  Kriegsartikel,  die  in
größerer  Menge  erforderlich  werden,  sind  verhältnismäßig  rasch  herstellbar,
wie  Kleidungsstücke,  Schuh  werk,  selbst  Gewehre,  Geschütze  usw.  Nur  die
Herstellung  von  Festungen,  Kriegsschiffen  usw.  erfordert  längere  Zeit;  auch  die
Verluste  an  Menschen  lassen  sich  nur  schlecht  restituieren,  wie  dies  besonders
in  den  großen  Napoleonischen  Kriegen  bemerkbar  wurde.  Die  Produktion  von
Kriegsartikeln  ist  durch  die  Kriegführung  etwas  beeinträchtigt,  doch  nicht
allzu  erheblich,  da  eine  längere  Kriegführung  nur  die  Mehrverwendung  von
Maschinen  usw.  erfordern  würde.  Alle  Schwierigkeiten,  die  daher  rühren,
daß  kein  Geld  vorhanden  ist,  gehören  auf  ein  anderes  Blatt.  Ihre  Lösung
ist  eine  Frage  der  Wirtschaftsorganisation;  es  wäre  denkbar,  daß  unsere  heutigen
Einrichtungen  sich  in  einem  großen  Kriege  unzureichend  zeigen,  werden  doch
die  schon  im  Frieden  vorhandenen  Mängel  zum  Teil  im  Kriege  doppelt  fühlbar.
Es  führt  dies  oft  dazu,  daß  viele  Institutionen  im  Krieg  abgeändert  werden,  die
sich  dann  auch  in  Friedenszeiten  als  vorteilhaft  erweisen  und  vielfach  weiterhin
bestehen  bleiben.  Aber  was  noch  wichtiger  ist,  die  Bereitwilligkeit,  Reformen
in  dieser  Hinsicht  durchzuführen,  kann  die  Quelle  des  Sieges  werden,  und  es
sind  wohl  Umstände  denkbar,  unter  denen  jener  Staat  den  Sieg  erringt  und
für  sich  Vorteile  auf  Jahrzehnte  hinaus  erwirbt,  der  im  gegebenen  Augenblick
des  Kampfes  kühn  Vorurteile  über  den  Haufen  wirft  und  mit  neuen  Formen
der  Güterverschiebung  auf  den  Platz  tritt.  Derartige  Änderungen  auf  dem
Gebiete  der  Güterzirkulation  sind  um  so  leichter  durchführbar,  je  weniger
sie  die  soziale  und  politische  Struktur  des  Volkes  berühren.  Aber  die  Umwandlung ­
  von  geldwirtschaftlichen  Institutionen  in  naturalwirtschaftliche,  die  Schaffung ­
  von  Organisationen  zur  raschen  Bedürfnisbefriedigung  können  fast  immer
auf  allgemeinen  Beifall  rechnen,  wenn  sie  ohne  Umwälzung  der  sozialen  Ordnung ­
  vorgenommen  werden,  ln  Kriegszeiten,  wo  nur  der  Gedanke  an  Sieg
und  Niederlage  maßgebend  ist,  treten  kleinliche  Erwägungen,  die  in  Friedens-
        <pb n="27" />
        16

Zeiten  oft  den  Ausschlag  geben,  zurück.  Die  Fragen  der  Rentabilität
müssen  vor  denen  der  Produktivität  weichen.  Dies  gilt  auch  bereits
in  Friedenszeiten  bei  Beschaffung  der  für  den  Krieg  nötigen  Hilfsmittel.  Im
Interesse  der  militärischen  Schlagkraft  werden  Bahnen  gebaut,  Kabel  gelegt,  die
der  Handel  dringend  bedarf,  deren  Bau  man  aber  vielleicht  unterließ,  weil  er
unrentabel  gewesen  wäre.^s)  Ein  großer  Krieg  könnte  vielleicht
jene  Reformen  in  unserem  Wirtschaftsleben  zur  Folge
haben,  welche  eine  ungehinderte  Produktion  un^  Konsumtion ­
  ermöglichen.
Der  Beginn  des  Krieges  ist  fast  ausnahmslos  mit  ernsten  wirtschaftlichen ­
  Störungen  verbunden.  Allgemeine  Erschütterung  des  Kredits  ist  eine
Haupterscheinung.  Jedermann  sucht  sich  Geld  zu  beschaffen,  und  zwar  in
erster  Reihe  durch  Kündigung  von  Krediten.  Alle  in  den  Krieg  ziehenden
Männer  wollen  einen  Vorrat  von  Metallgeld  mitnehmen,  um  im  Feindesland
nicht  völlig  von  der  Armeeverpflegung  abhängig  zu  sein.  Neuanschaffungen
von  Kleidungsstücken  und  Bedarfsartikeln  aller  Art  verursachen  erhebliche  Ausgaben. ­
  Die  Erschütterung  des  Vertrauens  bewirkt,  daß  Wechsel,  Schecks  usw.
nur  ungern  in  Zahlung  genommen  werden.  Runs  auf  Sparkassen  und  Banken
sind  in  der  ersten  Zeit  des  Krieges,  häufig  sogar  schon  vorher,  nichts  Seltenes.
Als  England  1792  Frankreich  den  Krieg  erklärte,  fanden  im  darauffolgenden
Jahre  18^00  Bankerotte  statt,  während  dieselben  in  normalen  Zeiten  durchschnittlidi
600  pro  Jahr  betrugen.^^)
Zu  den  Produktionszweigen,  welche  mit  einem  vermehrten  Absatz  bei
meist  auch  erhöhten  Preisen  rechnen  können,  gehören  alle  Unternehmungen,
welche  Kleidungsstücke  herstellen,  sowie  die  dazu  erforderlichen  Materialien.
Es  findet  ein  Mehrbedarf  an  zahlreichen  Textilartikeln  statt,  an  Tuch,  Leinen,
Decken  usw.^^)  Das  Leder-  und  Häutegeschäft  kann  mit  einer  Produktionserweiterung ­
  rechnen.  Fabriken,  die  Fahrräder,  Waggons,  Automobile,  Luftschiffe ­
  erzeugen,  werden  stark  in  Anspruch  genommen,  ebenso  Kohlen-  und
Eisengruben  und  fast  alle  Zweige  der  Metallindustrie.  Die  Holzindustrie  wird
im  allgemeinen  ihre  Produktion  ausdehnen  können.  Auch  die  Erzeugung  aller
für  den  Kriegsfall  nötigen  Heilmittel  und  Bedarfsartikel  für  die  Krankenpflege
muß  noch  erwähnt  werden.  Manche  Zweige  dieser  Industrien  gehen  freilich
zurück,  so  insbesondere  jene,  welche  Luxusartikel  erzeugen,  es  sei  denn,  daß
der  Export  derselben  aus  irgendeinem  Grunde  wächst,  oder  der  normalerweise
große  Import  zurückgeht.  Export  und  Import  können  empfindliche  Störungen
erleiden,  abgesehen  von  der  infolge  der  Truppentransporte  notwendig  werdenden
Absperrung  von  Eisenbahnlinien  für  den  Waren  transport.  Zuweilen  kann  es
auch  zu  einem  forcierten  Export  kommen,  weil  die  Unternehmer  vorhandene
Vorräte  um  jeden  Preis  los  werden  oder  die  Produktion  nicht  einstellen  wollen.
Selbstverständlich  finden  alle  ihren  Vorteil,  wenn  der  Krieg,  wie  wir  oben  aus
Georges  Schilderung  entnahmen,  auch  den  normalen  Konsum  belebt.
Bei  Industrieprodukten  kann  es  zu  erheblichen  Preiserhöhungen  kommen,
die  bei  Lebensmitteln  unter  Umständen  noch  viel  weiter  gehen,  namentlich  da
die  Zufuhr  abgeschnitten  werden  kann  oder  dies  wenigstens  zu  befürchten  ist.
Wenn  auch  die  Nachfrage  nach  Getreide  ungefähr  unverändert  bleibt,  so  ist
das  Inlandsangebot  wohl  im  allgemeinen  verringert.  Doch  darf  man  nie  vergessen, ­
  daß  selbst  dort,  wo  die  Gesetze  die  nötigen  Handhaben  nicht  gewähren,
die  Regierungen  kaum  davor  zurückschrecken  werden,  im  Interesse  der  Konsumenten ­
  jede  Art  von  Brotwucher  zu  unterdrücken.  Die  Regierung  kann  z.  B.
Preistaxen  festsetzen,  wie  solche  in  Österreich  durch  die  Gewerbeordnung

38)  K.  H  elf  f  rieh.  Das  Geld  im  Russisch-Japanischen  Kriege.  Berlin
1906,  S.  5,  über  den  Krimkrieg  und  den  Eisenbahnbau.  Vgl.  Das  neue  deutschafrikanische ­
  Kabel.
39)  Vgl.  V  o  c  k  e,  Geschichte  der  Steuern  des  britischen  Reiches.  Leipzig
1866,  S.  72.
*0)  Vgl.  V  ö  1  c  k  e  r,  Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  Kriegsfall.  Leipzig
1909,  S.  55  ff.
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        2

17

für  den  Kleinverkehr  vorgesehen  sind/i)  Ebenso  könnte  die  Regierung
die  Getreidebeschaffung  in  die  Hand  nehmen.  Sie  hat  dies  z.  B.
in  China  und  Japan  im  Frieden  getan,  indem  sie  in  den  Reisspeichern  zur  Zeit,
wo  der  Reis  billig  war,  Reis  auf  sammelte  und  ihn  dadurch  zugunsten  der  Produzenten ­
  etwas  im  Preise  hob,  um  ihn  in  teuren  Zeiten  zugunsten  der  Konsumenten ­
  abzugeben,  was  auch  die  übrigen  Reishändler  zwang,  im  Preise  herunterzugehen, ­
  eine  Nahrungsmittelpolitik,  die  der  modernen  Devisenpolitik  mancher
Banken  entspricht.^^)  Der  bekannte  Antrag  Kanitz  im  deutschen  Reichstage
forderte  im  Interesse  der  Getreideproduzenten  ähnliches,  wobei  auf  die  &amp;amp;-deutung
  dieser  Art  Maßregeln  für  den  Kriegsfall  ausdrücklich  hingewiesen
wurde.*3)  Der  gleichzeitig  in  Paris  von  dem  Abgeordneten  Jaurès  eingebrachte
  Antrag  den  Getreide-  und  Mehlimport  zu  monopolisieren,  enthielt
über  die  Verwendung  von  Vorräten  zu  Kriegszwecken  nichts.
Was  die  Beeinflussung  der  inländischen  Industrie  durch  veränderte  Exportund
  Importverhältnisse  betrifft,  so  können  manche  Industrien  große  Vorteile
erzielen,  wenn  ihnen  Konkurrenten  vom  Hals  geschafft  werden.  Ja  es  können
geradezu  neue  Industrien  entstehen,  für  die  der  Krieg  eine  Art  Prohibitivzoll
ersetzt.  So  bewirkte  z.  B.  die  Absperrung  des  Baumwollimportes  aus  den
Südstaaten  im  Bürgerkrieg  einen  Aufschwung  der  Produktion  und  Verarbeitung
von  Leinen  und  Wolle  in  den  Nordstaaten.  Auch  die  Änderung  der  Handelswege
im  Kriegsfall  kann  einem  der  kriegführenden  Staaten  Vorteil  bringen.^«)  Die
Kontinentalsperre,  die  viele  wirtschaftliche  Schäden  im  Gefolge  hatte,  ließ  in
Europa  eine  Reihe  neuer  Industrien  entstehen  und  förderte  alte.  Nach  dem
Kriege  bedürfen  solche  Industrien  häufig  der  Schutzzölle,  sollen  sie  nicht  durch
das  Ausland  erdrückt  werden  das  nun  mit  seinen  angesammelten  Produkten ­
  alles  überschwemmt,  wie  dies  z.  B.  England  nach  Aufhebung  der
Kontinentalsperre  tat.  Eingriffe  wie  die  Kontinentalsperre  können  zuweilen!
für  die  gesamte  Volkswirtschaft  günstige  Folgen  haben,  und  schwerlich  gilt
wohl  der  allgemeine  Satz,  daß  ein  Vorgehen,  das  „eine  ungewöhnlich  gewalttätige ­
  Kriegsmaßregel“  darstellt,  schon  deshalb  für  die  Volkswirtschaft  im
ganzen  keine  vorteilhaften  Folgen  haben  kann.^®)  Die  Kontinentalsperre  hat
insofern  besonders  anregend  gewirkt,  als  sie  der  Grund  einer  Reihe  neuer
Erfindungen  war.  Wollte  oder  konnte  ein  Agrikulturstaat,  der  eben  erst  begonnen ­
  hat,  ein  Industriestaat  zu  werden,  in  Friedenszeiten  keine  Prohibitivzölle
einführen,  so  konnte  er  durch  einen  Krieg  zu  einer  vollen  Entfaltung  seiner
Industrien  und  damit  oft  zu  einer  Erhöhung  seiner  Kultur  getrieben  werden.^»)
„Ein  Krieg,  der  den  Übergang  des  Agrikulturstaates  in  den  Agrikulturmanufakturstaat ­
  befördert,  ist  daher  ein  Segen  für  eine  Nation,  wie  der  Unabhängigkeitskrieg ­
  der  nordamerikanischen  Freistaaten,  trotz  der  ungeheueren  Aufopferungen,

^1)  §  51,  Abs.  1.  „Für  den  Kleinverkauf  von  Artikeln,  die  zu  den  notwendigsten ­
  Bedürfnissen  des  täglichen  Unterhaltes  gehören,  .  .  .  können  Maximaltarife ­
  festgesetzt  werden.“
^2)  Vgl.  P.  M  a  y  e  t,  Landwirtschaftliche  Versicherung  in  organischer  Verbindung ­
  mit  Sparanstalten,  Bodenkredit  und  Schuldenablösung,  Vorschläge  zur
Besserung  der  Lage  des  japanischen  Landmanns,  im  Aufträge  des  kaiserlich
japanischen  Ministeriums  des  Innern  abgefaßt.  Tokio  1888,  S.  287  ff.  Zur
Geschichte  des  Mißerntedeckungswesens.
*3)  Während  der  Antrag  in  der  Session  1893/94  noch  nichts  über  den
Kriegsfall  enthielt,  wurde  bei  der  neuerlichen  Einbringung-  in  der  Session
1894/95  die  Verwendung  der  Überschüsse  an  Getreide  zur  Ansammlung  von
Vorräten  für  außerordentliche  Bedürfnisse  (Kriegsfälle  usw.)  angeregt.
Annales  de  la  chambre  des  Députés.  Séance  du  25  janvier  1894.
*5)  Vgl.  A.  Smith,  a.  a.  O.  B.  I,  c  8.
*6)  Vgl.  Völcker,  a.  a.  O.  S.  57  ff.
Vgl.  F.  List,  a.  a.  O.  S.  159  und  vor  allem  S.  262f.
*®)  Vgl.  den  Artikel  Kontinentalsperre  von  Lexis  im  Wörterbuch  der
Volkswirtschaft.  2.  Aufl.  II,  S.  305.
*9)  F.  List.  a.  a.  O.  S.  160.
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        18

die  er  erforderte,  ein  Segen  für  alle  künftigen  Generationen  geworden  ist.  Ein
Friede  aber,  der  eine  zur  Entwicklung  einer  Manufakturkraft  berufene  Nation
wieder  in  den  bloßen  Agrikulturstand  zurück  wirft,  wird  ihr  zum  Fluch  und  ist
ihr  ohne  allen  Vergleich  schädlicher  als  der  Krieg“.^»)  Der  Krieg  kann  aber
nicht  nur  dazu  dienen,  einen  Staat  aus  der  Abhängigkeit  von  einem  anderen
zu  befreien,  sondern  auch  dazu,  dieselbe  zu  erzeugen,  oft  nur  zum  Vorteil  des,
Siegers,  zuweilen  auch  zum  Vorteil  des  Besiegten.  So  ist  z.  B.  die  Besetzung
Bosniens  für  dieses  Land  wohl  als  ein  Vorteil  zu  bezeichnen.  Häufig  handelt
es  sich  darum,  ein  Absatzgebiet  oder  ein  Produktionsgebiet  zu  erwerben,  was  z.  B.
im  amerikanischen  Bürgerkrieg  eine  nicht  unerhebliche  Rolle  spielte.^i)
Gerade  die  erwähnten  Beispiele  zeigen  aber,  daß  es
nicht  der  Krieg  als  solcher  ist,  welcher  die  Entwicklung
ermöglicht.  Dies  kann  dazu  anregen,  nach  Mitteln  und
Wegen  zu  suchen,  um  die  gleiche  Wirkung  bei  Vermeidung
von  all  dem  Jammer  und  Schmerz  zu  erzielen,  der  notwendig
mit  dem  Kriege  verbunden  ist.
Ebenso  wie  die  Regierung  unter  bestimmten  Umständen  die  Lebensmittelpreise ­
  bestimmen  dürfte,  kann  sie  aber  auch  Maßregeln  ergreifen,
um  die  Preise  der  Kohle  oder  solche  von  Industrieartikeln
zu  regulieren,  das  gleiche  kann  sie  auch  mit  dem  Leihpreise  des  Geldes  tun.
Sie  kann  entweder  auf  Grund  gesetzlicher  Bestimmungen  oder  im  Notfall
auch  ohne  dieselben  gewaltsam  eingreifen.  Vielfach  genügt  es  aber  bereits,
wenn  sie  mit  den  großen  Kartellen,  Bankhäusern  usw.  in  Verhandlungen  tritt,
an  ihren  Patriotismus  appelliert  und  diesen  Appell  unter  Umständen  durch
Versprechungen  und  Drohungen  unterstützt.  Die  großen  Organisationen ­
  erweisen  sich  iu  solchen  Fällen  als  sehr  zweckm
  ä  ß  i  g.52)  Vom  Standpunkt  der  augenblicklichen  Rentabilität  aus  kann  der
Kaufmann  an  staatsfeindlichen  Geschäften  sehr  interessiert  sein  M)  und  ebenso
z.  B.  an  Preiserhöhungen.  Selbst  wenn  der  einzelne  Kaufmann  einsieht,  daß
ein  bestimmtes  Vorgehen  der  Kaufmannschaft  und  der  Industriellen  im  In-50)

  England  wollte  die  amerikanische  Industrie  grundsätzlich  nicht  aufkommen
  lassen  und  verbot  die  Errichtung  von  Industrien,  die  Eisen  weiter
verarbeiteten  (steel  furnaces  and  slit-mills).  Vgl.  A.  S  m  i  t  h,  a.  a.  O.  B.  IV,  c.  7.
London  1868,  S.  239.  Es  'muß  betont  werden,  daß  dies  merkantilistische  Prinzipien ­
  waren  und  Adam  Smith  ein  derartiges  Vorgehen  als  Freihändler  perhorreszierte.
  Wenn  er  auch  dazu  neigt,  die  Schädlichkeit  des  Verbotes  zu  unterschätzen, ­
  so  sagt  er  doch:  „To  prohibit  a  great  people,  however,  from  making
all  that  they  can  of  every  part  of  their  own  produce,  or  from  employing  their
stock  and  industry  in  the  way  that  they  judge  most  advantageous  to  themselves,
is  a  manifest  violation  of  the  most  sacred  rights  of  mankind.“
51)  Die  Frage  des  gesicherten  Absatzgebietes  wird  in  der  Politik  vielfach
berührt.  So  wird  von  ungarischer  Seite  Österreich  nicht  selten  vorgeworfen,
es  habe  sich  dem  deutschen  Zollverein  nicht  angeschlossen  und  so  die  Entwicklung
des  Deutschen  Reiches  ermöglicht,  weil  es,  die  Konkurrenz  fürchtend,  sich
Ungarn  als  dauerndes  Absatzgebiet  sichern  wollte.  Vgl.  Ludwig  Läng  (Handelsminister ­
  im  Ministerium  Szell),  Hundert  Jahre  Zollpolitik.  Übersetzt  von  A.
Rosen.  Wien  und  Leipzig  1906,  S.  133.
52)  Vgl.  Völcker,  a.  a.  O.  S.  91.
55)  Vgl.  die  sarkastische  Schilderung  von  F.  List,  a.  a.  O.  S.  219.  Es
ist  eine  schwierige  Frage,  wie  weit  es  z.  B.  zweckmäßig  ist,  die  eigene  Industrie
knapp  vor  Beginn  des  Krieges  zu  verhindern,  den  Feind  mit  Bedarfsartikeln
zu  versorgen.  Wenn  der  Feind,  im  Fall  wir  ihm  die  Mäntel,  Flaschen  usw.
nicht  liefern,  dieselben  sicher  anderswoher  bezieht  und  wir  an  den  betreffenden
Artikeln  genug  besitzen,  so  würde  ein  Ausfuhrverbot  für  diese  Gegenstände  nur
den  Erfolg  haben,  daß  der  Feind  ebenso  gut  ausgerüstet  sein  wird,  wie  ohne
das  Verbot,  unsere  Industrie  aber  um  die  Einnahme  ärmer.  Bedenklich  wird
der  Export  dann,  wenn  er  Gegenstände  betrifft,  die  man  selbst  für  den  Kriegsfall ­
  benötigt,  z.  B.  Pferde.
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        2*

IQ

teresse  des  Staates  und  daher  schließlich  in  ihrem  eigenen  läge,  so  nützt  ihm
diese  Einsicht  nichts,  weil  sein  isoliertes  Vorgehen  in  dieser  Hinsicht  nur
seinen  Schaden  herbeiführt.  Ganze  Organisationen  können  hingegen  der  Politik
in  erheblichem  Maße  dienen.  Wenn  große  Unternehmungen  geeint  staatsfeindlich ­
  Vorgehen,  ist  es  auch  bedeutend  leichter,  gegen  sie  Maßnahmen  zu
ergreifen,  weil  man  weiß,  an  wen  man  sich  zu  halten  hat.
Eine  überaus  wichtige  Frage  ist  in  Kriegszeiten  die  des  Imports,
insbesondere  die  des  Lebensmittelimports.  Bei  jeder  Kriegsgefahr  bildet  dieser
Punkt  den  Gegenstand  lebhaftesten  Interesses.  Die  Zurückdrängung  der  Landwirtschaft ­
  durch  die  Industrie  hat  die  Lebensmitteleinfuhr  überaus  bedeutsam
gemacht.  Wenn  wir  die  durch  die  letzten  Verwicklungen  für  Österreich-Ungarn
und  Deutschland  geschaffene  Situation  voraussetzen,  ist  die  Zufuhr  auf  Schiffen
nur  über  die  Häfen  der  Ost-  und  Nordsee,  sowie  der  Adria  möglich.
Selbst  wenn  es  den  beiden  Flotten  gelingen  sollte,  die  Häfen  von  einer  eigentlichen ­
  Blockade  frei  zu  halten,  so  sind  sie  wohl  kaum  in  der  Lage,
die  beiden  schmalen  Zufahrtsstraßen,  den  Ärmelkanal  und
die  Straße  von  Otranto,  dauernd  zu  sichern.  Im  Gegensatz
dazu  ist  z.  B.  Frankreich  weit  schwerer  von  der  Zufuhr  abzuschneiden.  Was
den  Import  über  neutrale  Staaten  anlangt,  so  kommt  für  Österreich-Ungarn  die
Zufuhr  über  die  Schweiz  wegen  der  einigermaßen  gesicherten  Neutralität  dieses
Landes  in  erster  Reihe  in  Betracht;  die  Zufuhr  über  Italien,  Serbien  und  Rumänien, ­
  eventuell  einmal,  nach  ausgebauter  Bahnverbindung,  über  die  Türkei,
ist  schon,  je  nach  der  politischen  Lage,  weit  weniger  sicher.  Für  Deutschland
sind  Belgien,  die  Niederlande,  Luxemburg  und  die  Schweiz  in  erster  Reihe  zu
nennen.  Die  Frage,  wie  weit  die  Neutralität  gewahrt  wird,
ist  eine  cHf  ene.  Daß  England  und  Deutschland  mindestens  ernsthaft  erwägen,
die  Neutralität  der  Niederlande  gegebenenfalls  zu  mißachten,  ist  bekannt,  aber
auch  die  Schweiz  ist  keineswegs  vor  einem  Neutralitätsbruch  sicher.  Frankreich
hat  diesbezügliche  Feldzugspläne  ausgearbeitet,  um  längs  des  Jura  das  Rheinknie
zu  erreichen,  während  von  deutscher  Seite  die  entsprechenden  Gegenmaßregeln
an  der  Schweizer  Grenze  in  der  Form  von  Forts  geschaffen  wurden.  Die
Schweiz  selbst  ist  sich  über  ihr  Verhalten  noch  nicht  klar,  da  einerseits  von
mancher  Seite  das  Aufgeben  der  Vorlande  beim  Einmarsch  der  Franzosen  für
notwendig  erachtet  wird,  da  die  Schweizer  Armee  nur  die  Berge  zu  halten  in  der
Lage  sei,  während  von  anderer  Seite  unbedingtes  Festhalten  der  Grenze  gefordert
wird.^*)  Aber  «auch  ohne  eigentliches  Durchbrechen  der
Neutralität  ist  eine  Absperrung  der  Zufuhr  denkbar,  wenn
nämlich  den  neutralen  Staaten  nur  der  für  sie  nötige  Import ­
  zugestanden,  jeder  Überschuß  hingegen  zurückgehalten ­
  wird.  Es  wird  dann  von  den  importierenden  Staaten  abhängen,
  ob  sie  sich  eine  solche  Einschränkung  gefallen
lassen.  Als  die  Nordstaaten  im  amerikanischen  Bürgerkrieg  die  Häfen  des
Südens  blockierten,  mußte  sich  Europa  aus  anderen  Ländern  mit  Baumwolle
oder  Surrogaten  versorgenWesentlich  ist  dabei  selbstverständlich  die  Lage
des  Kriegsschauplatzes,  so  hat  z.  B.  der  Russisch-Japanische  Krieg  den  Handel
nur  wenig  direkt  berührt.  Vielumstritten  ist  die  Frage,  wie  weit  sich  einzelne
Staaten,  z.  B.  Deutschland  oder  Österreich-Ungarn,  die  eine  mehr  zentrale  Lage
haben,  im  Kriegsfall  versorgein  können,  wenn  die  Zufuhr  tatsächlich  abgeschnitten
werden  sollte.  Während  die  einen  geradezu  eine  Aushungerung ­
  für  möglich  erachten,  glauben  andere,  Staaten,  die,
w  i  e  die  genannten,  noch  keine  vollen  Industriestaaten
sind,  würden  im  Notfall  durch  geeignete  Maßnahmen  eine
Mehrproduktion  an  Getreide,  Kartoffeln  usw.  erreichen
können,  indem  alles,  was  zur  Nahrung  verwendbar  ist,  zu
anderen  Zwecken  nicht  verbraucht  werden  darf,  auch
könne  Vieh  in  größerer  Menge  geschlachtet  werden.

54)  Vgl.  darüber  „Der  Bund“.  4  /5.  April  1906,  S.  2.
55)  C.  v.  H  ock,  a.  a.  O.  S.  513.
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        20

Sehr  viel  hängt  davon  ab,  wie  feindliche  Privatschiffe  behandelt  werden.
So  hielt  sich  Franl^eich  z.  B.  im  Jahre  1870  an  die  Abmachungen  des  Pariser
Kongresses  und  respektierte  auf  Grund  dieser  Privateigentum  des  Feindes  zur
See  nicht,  weshalb  die  Deutschen  nach  dem  Kriege  Entschädigungen  für
die  geschädigten  Reeder  eintrieben.  Die  Deutschen  ihrerseits  hatten  dagegen
bereits  am  18.  Juli  1870  durch  eine  Verordnung  die  Erklärung  abgegeben,  daß
sie  französische  Handelsschiffe  nicht  wegnehmen  würden.®®)  In  früheren  Zeiten
wurde  die  Situation  besonders  dadurch  erschwert,  daß  Kaperei  betrieben  wurde,
indem  Privatschiffen  sogenannte  Kaperbriefe  ausgestellt  wurden.  Wie  weit
sich  moderne  Staaten  zu  einem  solchen  Verfahren  entschließen  würden,  kann
man  schwer  absehen,  doch  geht  die  allgemeine  Tendenz  dahin,  dem  Privateigentum ­
  möglichst  weitgehenden  Schutz  angedeihen  zu  lassen.
Im  Kriegsfall  werden  regelmäßig  für  Produkte,  die  zur  Kriegführung  benötigt ­
  werden,  Ausfuhrverbote  verhängt.®^)  Auch  wird  der  Export  von  Lebensmitteln ­
  eventuell  eingeschränkt  oder  ganz  sistiert.  Es  wäre  auch  zuviel  von
der  Bevölkerung  verlangt,  wenn  sie  eventuell  hungernd  mitansehen  müßte,  wie
Butter,  Geflügel  und  Eier  außer  Landes  gehen.®®)  Daß  man  die  Durchfuhr
von  Kriegsmaterial  verhindert,  ist  selbstverständlich.  Manchmal  genügen  an  Stelle
der  Ausñihrverböte  entsprechend  hohe  Ausfuhrzölle.®®)  Auch  die  Herabsetzung
von  Einfuhrzöllen  für  bestimmte  Artikel  kommt  in  Betracht,  ebenso  werden  weitgehende ­
  Änderungen  der  Bahntarife  häufig  vorgenommen.  Die  Wirkungen
dieser  Maßregeln  sind  im  allgemeinen  denen  in  Friedenszeiten  analog  und  dürften
nicht  allen  beteiligten  Unternehmungen  zum  Vorteil  gereichen.  Ausfuhnerbote
  für  Lebensmittel  können  zur  Folge  haben,  daß  sich  der  Preis  auf  einer
mäßigen  Höhe  hält  und  die  Landwirte  weder  Vor-  noch  Nachteil  haben.
Die  Veränderung  auf  dem  Arbeitsmarkt  wird  in  jedem  Kriege  eine
erhebliche  sein.  Die  Wirkungen  sind  aber  auf  den  einzelnen  Gebieten  sehr
verschieden.  Industrien,  welche  infolge  der  anfangs  meist  eintretenden  Absatzstockungen ­
  ohnedies  Arbeiter  entlassen  müßten,  werden  vielfach  mit  den  ihnen
übrig  bleibenden  Arbeitern  gerade  ihr  Auskommen  finden.  In  Industrien,
welche  für  die  Heeresverwaltung  arbeiten,  kann  es  dagegen  gerade  an  Arbeitern
fehlen.  Hohe  Arbeitslöhne  sind  hier  nichts  Seltenes.  Sie  werden  von  den
Unternehmern  im  allgemeinen  durch  erhöhte  Preise  wieder  hereingebracht.
Auch  andere  Industrien,  die  aus  den  oben  angeführten  Gründen  mit  einer  Produktionserweiterung ­
  rechnen  müssen,  werden  Schwierigkeiten  haben.  Insbesondere ­
  pflegt  die  Beschaffung  gelernter  Arbeiter  bestimmter  Kategorien  nicht
leicht  zu  sein.  Soweit  die  Heranziehung  ausländischer  Arbeiter  untunlich  erscheint, ­
  wird  man  vielfach  statt  der  Handarbeit  in  ausgedehntem  Maße  Maschinenarbeit ­
  verwenden  können.®®)  Zur  Bedienung  der  Maschinen  kann  man
aber  auch  Frauen,  jugendliche  Arbeiter  und  Greise,  sowie
überhaupt  ungelernte  Arbeiter  eher  verwenden.  Auf  manchen  Gebieten ­
  braucht  man  nur  die  Maschinen,  welche  man  in  Friedenszeiten  aus  Angst
vor  Überproduktion  feiern  ließ,  in  Gang  zu  setzen,  um  den  Mehrbedarf  zu  decken.
Wenn  auch  an  sich  die  Entlassungen  von  Arbeiter  auf  der  einen  Seite  den.
Neueinstellungen  auf  der  anderen  die  Wage  halten  können,  so  dürfen  wir  doch
nicht  vergessen,  daß  z.  B.  Betriebe,  welche  viele  Frauen  beschäftigen,  diesel^n
entlassen,  während  man  z.  B.  in  den  Bergwerken  kräftige  Männer  benötigt.
Besonders  fühlbar  wird  sich  häufig  der  Mangel  an  landwirtschaftlichen  Arbeitern

®®)  Vgl.  L.  W.  Lewis,  Die  Entschädigung  der  deutschen  Reederei  nach
dem  Deutsch-Französischen  Kriege.  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung
und  Rechtspflege  des  Deutschen  Reiches.  III.  S.  414.  Vgl.  aucn  VöIcker,
a.  a.  O.  S.  62  ff.
®7)  So  von  Deutschland  1870/71  für  Kohle;  vgl.  Völcker,  a.  a.  O.  S.  88,
J.  Rieß  er.  Finanzielle  Kriegsbereitschaft  und  Kriegführung.  Jena  1909,  S.  72.
®®)  Vgl.  Unruhen  in  Rouen,  „Der  österreichische  Ökonomist“.  1870,  S.  526.
®®)  Vgl.  J.  R  i  e  ß  e  r,  a.  a.  O.  S.  73.
®®)  Es  kommt  vielfach  sogar  geradezu  zur  Einführung  völlig  neuer  Hilfsmaschinen. ­
  So  während  des  Krieges  1870/71.  Vgl.  Völcker,  a.  a.  O.  S.  52.
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        21

machen,  weil  der  Bedarf  an  Agrarprodukten  unverändert  bleibt.  Sollte  der
Import  von  Agrarartikeln  gehemmt  sein,  so  muß  das  Inland,  wie  wir  sahen
sogar  für  eine  Mehrproduktion  sorgen,  die  nur  bei  vermehrter  Arbeiterzahl
möglidi  ist.
Für  die  zurückbleibenden  Arbeiter  sind  so  die  Chancen  nicht  allzu  ungünstig
und  in  manchen  Zweigen  geradezu  günstiger  als  im  Frieden,  da  die  Zahl  der
Konkurrenten  verringert  ist.  Es  kommt  in  Kriegszeiten  nicht  selten  vor,  daß
Arbeiter  aus  untergeordneten  Stellungen  aufrücken.  Für  die  Arbeiter,  welche
im  Felde  stehen,  bedeutet  der  Krieg  zunächst  nur  eine  momentane  Störung  im
Erwerbsleben,  da  ja  für  ihre  Angehörigen  bis  zu  einem  gewissen  Ausmaße
v'^on  seiten  des  Staates  gesorgt  wird.  Schwierigkeiten  ergeben  sich  erst  dann,
wenn  nach  Vollendung  des  Krieges  die  Arbeiter  wieder  zurückströmen  und  keine
entsprechende  Erweiterung  der  Produktion  stattfindet.  Soweit  letzteres  aber
der  Fall  ist,  kann  man  nicht  selten  einen  Vorteil  für  die  Arbeiter  insoferne  konstatieren, ­
  als  die  im  Felde  Gefallenen  nicht  mehr  den  Arbeitsmarkt  belasten.  Am
empfindlichsten  werden  jene  geschädigt,  welche  z.  B.  als  Unternehmer  einen
Betrieb  unterbrechen  oder  eine  besonders  qualifizierte  Stellung  endgültig  aufgeben ­
  mußten.  Diese  Schädigung  ist  derjenigen  zu  vergleichen,  welche  die
römischen  Bauern  erfuhren,  als  sie  zur  Zeit  der  Republik  zur  Führung  auswärtiger
Kriege  verwendet  wurden  und  ihr  Feld  im  Stich  lassen  mußten.  Nachdem  die
Gefahr  eines  Krieges  zwischen  Österreich-Ungarn  und  Serbien  geschwunden  war,
wurde  von  privater  Seite  eine  Aktion  eingeleitet,  um  den  zurückkehrenden  Einberufenen, ­
  die  ihre  Stellen  verloren  hatten,  irgendwie  zu  helfen,  ein  Beweis  dafür,
daß  die  staatlichen  Maßnahmen  in  dieser  Hinsicht  noch  zu  wünschen  übrig
lassen.  Die  Frage,  wie  man  nach  einem  lang  dauernden  Krieg,  während  dessen
sich  die  Industrie  und  Landwirtschaft  bereits  den  veränderten  Verhältnissen  angepaßt ­
  haben,  die  zurückkehrenden  Krieger  unterbringt,  wurde  auch  in  der  neueren
Zeit  mehrfach  aufgeworfen.  So  wurde  z.  B.  der  Vorschlag  gemacht,  die  Krieger,
ähnlich  wie  im  Altertum,  anzusiedeln,und  zwar  entweder  auf  erobertem
oder  einheimischem  Staats  land,  da  wir  jetzt  wohl  nur  ausnahmsweise  Privateigentum ­
  zu  diesem  Zweck  verwenden  würden,  obzwar  eine  Expropriation  von
agrarischem  Privateigentum  nicht  so  sehr  dem  Geist  der  modernen  Ordnung
widerstrebt,  als  die  Wegnahme  von  Mobilien  oder  sonstigen  Immobilien,  z.  B.
Fabriken,  die  sich  im  Privatbesitz  befinden.
Die  von  der  Kriegsverwaltung  benötigten  Gegenstände  werden  entweder
gekauft  oder  in  natura  beschafft.  Die  Wirkungen  des  Kaufs  haben
wir  oben  geschildert.  Er  bringt  sowohl  den  Unternehmern  als  auch  den  Arbeitern
Vorteile,  indirekt  eventuell  der  ganzen  Bevölkerung;  am  wenigsten  natürlich
jenen,  welche  weder  dem  Staat  etwas  zu  liefern  haben,  noch  jenen,  die  durch
die  Mehreinnahmen  bereichert  werden.  Die  Naturalienbeschaffung  erstreckt
sich  in  erster  Reihe  auf  das  Menschenmaterial.  Die  meisten  Großstaaten  sind
bekanntlich  zur  allgemeinen  Militärpflicht  übergegangen,  England  aber
z.  B.  behilft  sich  fast  ausschließlich  mit  Soldtruppen.  Die  Verwendung  der  gesamten ­
  Bevölkerung  zum  Kriegsdienst  ist  ohne  Schwierigkeiten  dort  durchführbar,
wo  die  Vorteile  für  alle  klar  ersichtlich  sind,  sei  es,  daß  sie  wirtschaftlicher  Art
sind,  indem  z.  B.  Grundbesitz  und  Beute  im  Falle  des  Sieges  verteilt  werden,
sei  es,  daß  die  Ehre  des  Landes  allen  am  Herzen  liegt.  Schwieriger  ist  es,
die  allgemeine  Wehrpflicht  dort  durchzuführen,  wo  bei  einem  Krieg  die  Interessen
der  Gesamtheit  nicht  auf  dem  Spiele  stehen  und  nur  bestimmte  Kreise  der  Bevölkerung ­
  an  einem  Kriege  interessiert  sind.  Dies  ist  z.  B.  bei  sehr  vielen
Kolonialkriegen  der  Fall,  die  nicht  dazu  dienen,  der  Überbevölkerung  Grund
und  Boden  zu  beschaffen.  Nur  selten  entschließt  sich  eine  Regierung,  Teile

6i)  Vgl.  z.  B.  Colquhoun,  Über  den  Wohlstand,  die  Macht  und  Hilfsquellen ­
  des  britischen  Reiches.  Deutsch  von  J.  Chr.  Fick.  Nürnberg  1815,
11,  Kap.  14,  S.  177.  Über  die  Quellen,  welche  die  Nation  besitzt,  die  Offiziere
des  Land-  und  Seedienstes,  die  Soldaten  und  Seeleute,  welche  nach  der  Rückkehr ­
  des  Friedens  ihrer  Unterhaltsmittel  beraubt  werden,  zu  belohnen,  und  ihnen
gewinn  volle  Beschäftigung  anzuweisen.
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        22

finer  Armee,  die  der  allgemeinen  Wehrpflicht  entstammt,  zu  solchen  Expeditionen
zu  kommandieren.  So  hat  z.  B.  Deutschland  seine  überseeischen  Unternehmungen
der  letzten  Jahre  mit  Freiwilligen  ausgeführt.  Dies  erklärt  auch  zum  Teil,  weshalb
England  sich  mit  Soldtruppen  behilft  und  die  allgemeine  Wehrpflicht  nur  dann
populär  wird,  wenn  es  gilt,  einen  Krieg  in  Europa  zu  führen,  vor  allem,  um  sich
gegen  einen  Einfall  zu  schützen.®^)
Es  ist  klar,  daß  in  einem  Lande,  welches  keine  allgemeine  Wehrpflicht
kennt,  der  Krieg  andere  Wirkungen  hat  als  in  einem,  welches  seine  waffenfähige
Mannschaft  einheruft.  Zwar  wird  auch  dort  ein  Teil  der  Bevölkerung  in  den
Krieg  ziehen,  aber  der  Rest  wird,  wie  bisher,  seiner  Arbeit  nachgehen  können.
Soweit  Arbeitslose  sich  anwerben  lassen,  wird  die  Kriegführung  geringe  Störungen ­
  hervorrufen,  bedenklicher  ist  es  wohl,  wenn  Leute  arbeitslos  werden,
die  nicht  durch  die  Armee  aufgesaugt  werden.  Die  Bevölkerung,  die  während
des  Krieges  in  ihrer  Tätigkeit  wenig  gestört  wird,  ist  natürlich  mehr  als  in
Ländern  mit  allgemeiner  Wehrpflicht  in  der  Lage,  der  Regierung  Geld  zur  Verfügung ­
  /u  stellen.  Es  können  höhere  Steuern  erhoben,  Anleihen  in  größerem
Umfange  untergebracht  werden.
Da  ,der  Kriegsdienst  als  Naturalleistung  erhebliche  Störungen  mit  sich
bringt,  haben  viele  Autoren  die  Forderung  aufgestellt,  die  infolge  Unfähigkeit ­
  vom  Kriegsdienst  Befreiten  sollten  eine  Steuer  von  erheblicher  Höhe  entrichten. ­
  Während  einige  Staaten,  so  z.  B.  Österreich-Ungarn,  solch  eine  Wehrsteuer ­
  besitzen,  haben  sie  andere  Staaten,  so  z.  B.  Deutschland,  abgelehnt,
unter  anderem  mit  der  Begründung,  daß  es  dem  Volksempfinden  widerstrebe,
wenn  die  Aufopferung  für  das  Vaterland  mit  einer  Geldsumme'bewertet  werde.®®)
Neben  dieser  Naturalleistung  gibt  es  noch  eine  Reihe  anderer;  so  müssen
im  Kriegsfall  dem  Staate  Pferde  zur  Verfügung  gestellt  werden,  auch  haben
die  durchziehenden  Truppen  in  Freundes-  und  Feindesland  auf  Verpflegung
und  Quartier  Anspruch.  Zum  Teil  bestehen  Bestimmungen  darüber,  in  welcher
Weise  diese  Naturalleistungen  sofort  oder  nach  dem  Kriege  vergütet  werden,
^weit  die  Vergütung  |den  Marktpreisen  entspricht,  liegt  ein  Zwangskauf  vor,
in  den  anderen  Fällen  eine  mehr  oder  weniger  schwere  Naturalbesteuerung.
Wie  die  von  der  Armee  geforderten  Leistungen  und  Güter  teilweise  bezahlt
werden,  so  auch  die  Kriegsschäden.  Die  Bestimmungen  darüber  pflegen  der
Interpretation  einen  weiten  Spielraum  zu  lassen.  Im  allgemeinen  wird  es
vom  Erfolg  des  Feldzuges  abhängen,  wie  weit  man  in  der  Wiedererstattung
der  Schäden  geht.  Frankreich  hat  z.  B.  nach  dem  Deutsch-Französischen
Kriege  seinen  Untertanen  nur  in  notdürftiger  Weise  Ersatz  geleistet.
Sind  heute  schon  im  Kriegsfall  von  vornherein  Naturalleistungen  in  erheblichem ­
  Ausmaße  vorgesehen,  so  können  dieselben  in  gewissen  Fällen  eine
noch  weit  größere  Rolle  spielen.  Namentlich  wenn  die  Bemühungen  der
Regierung,  Geld  zu  beschaffen,  fehlschlagen  und  die  Papiergeldemission  nicht
unbedenklich  ist,  kann  es  sich  als  zweckmäßig  erweisen,  statt  erst  Papiergeld
auszugeben,  um  für  dieses  Naturalien  zu  empfangen,  die  Bürger  dann  zu  besteuern ­
  und  mit  dem  so  empfangenen  Papiergeld  neuerlich  Naturalien  zu
kaufen,  eine  direkte  Naturalbesteuerung  vorzunehmen  und  die  so  empfangenen
Naturalien  sofort  zur  Heeres  Verpflegung  oder  sonst  zu  Kriegszwecken  zu  verwenden. ­
  Daß  auch  in  neuerer  Zeit  derartige  Vorkehrungen  durchführbar  sind,
beweisen  die  Naturalsteuern  der  Südstaaten  während  des  Amerikanischen  Bürgerkrieges.®^) ­

Daß  die  Naturalwirtschaft  zu  Zeiten  großer  Wirren
wieder  aufleben  könnte,  erscheint  durchaus  möglich.  Es

®2)  Ebenso  wie  heute,  waren,  es  vor  allem  Gedanken  an  eine  Invasion,  die
z.  B.  H.  H  o  m  e  in  seinem  Versuche  über  die  Geschichte  des  Menschen  veranlaßte,
für  die  allgemeine  Wehrpflicht  in  England  einzutreten.  Deutsch  Wien  1787,
I,  S.  595.
®®)  Vgl.  über  diese  Frage  Cohn,  Volkswirtschaftliche  Aufsätze.  Stuttgart ­
  .1882,  S.  175  ff.
®*)  Vgl.  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.  S.  508.
        <pb n="34" />
        23

sei  auch  daran  erinnert,  daß  in  belagerten  Städten  nicht  selten  die  Bürger  von
Staats  wegen  verpflegt  werden;  hierzu  kommt,  daß  die  Heeresverwaltung  ja
bereits  in  Friedenszeiten  einen  großen,  wohldurchgebildeten  naturalwirtschaftlichen ­
  Apparat  besitzt,  der  gewissermaßen  nur  einer  Ausdehnung  auf  die  Zivilbevölkerung ­
  bedarf.  Eine  derartige  naturalwirtschaftliche  Organisation  dürfte
zuweilen  weit  besser  wirken  als  eine  ungeordnete  Zettelgeldwirtschaft.  Rechnet
man  auch  gemeinhin  mehr  mit  letzterer  als  mit  ersterer,  so  hängt  das  zum
Teil  mit  einem  allgemein  verbreiteten  Vorurteil  zusammen,  welches  die  Naturalwirtschaft ­
  für  prinzipiell  primitiver  hält  und  die  Geldwirtschaft,  wenn  irgend
möglich,  aufrecht  erhalten  will.  Man  vergißt  dabei  ganz,  daß  riesige  Staatswesen ­
  auf  hoher  Kulturstufe,  wie  z.  B.  das  alte  Ägypten,  lange  Zeit  bei  einer
gut  organisierten  Großnaturalwirtschaft  bestanden  haben,  die  eine  Reihe  von
Vorzügen  gegenüber  unserer  Wirtschaft  aufweist.  Ohne  hier  auf  die  einzelnen
Vorteile  einer  solchen  Wirtschaftsordnung  sowie  auf  die  Vorzüge  von  Naturaliengirobanken ­
  einzugehen,  sei  jedenfalls  hervorgehoben,  daß  die  durch  den  Krieg
geschaffenen  Verhältnisse  eine  Annäherung  an  solche  Wirtschaftsformen  wohl
als  möglich  erscheinen  lassen,  weshalb  es  nicht  unzweckmäßig  wäre,  schon  in
Friedenszeiten  auch  diesem  Fhinkte  eine  erhöhte  Aufmerksamkeit  zuzuwenden.
Die  ganze  Einrichtung  des  Geldverkehrs  ist  ja  nur  eines
der  möglichen  (Mittel,  um  die  Zirkulation  der  Güter  zu
bewirken.  Es  könnte  sich  zeigen,  daß  auch  in  Friedenszeiten ­
  die  Geldeinrichtung  nicht  die  geeignetste  ist;  aber
eine  derartige  Reform  ist  für  ruhige  Zeiten  nicht  so  aktuell
wie  für  Kriegszeiten,  da  im  Kriege  natural  wirtschaftliche
Organisationen  viel  näher  liegen.
Die  bisher  besprochenen  Veränderungen  im  Kriegsfall  haben  zwar  Verschiebungen ­
  der  Realeinkommen  zur  Folge,  aber  im  allgemeinen  nicht  in  einer
bestimmten  Richtung;  weder  die  ärmeren  noch  die  reicheren  Klassen  scheinen
bei  der  Erhöhung  des  Realeinkommens  besonders  bevorzugt  zu  werden.  Nur
gewisse  Industrien,  die  eine  Art  Monopol  haben,  so  z.  B.  die  großen  Geschützund
  Panzerplattenwerke,  Werften  usw.  vermehren  wohl  das  Realeinkommen
der  Unternehmer  stärker  als  das  der  Arbeiter.  Auch  wächst  ihr  Einkommen
gegenüber  dem  Einkommen  anderer  Unternehmer.  Wenn  ein  Krieg,  wie  z.  B.
der  Amerikanische  Bürgerkrieg,  infolge  verschiedener  Umstände  die  Unternehmungslust ­
  anregt  und  bei  steigendem  Lohn  mehr  produziert  wird  und  gleichzeitig ­
  der  Konsum  steigt,  so  können  alle  Klassen  der  Gesellschaft  an  der  Mehrprockktion
  teilhaben.  Einen  entscheidenden  Einfluß  in  ganz  bestimmter  Richtung ­
  übt  auf  die  Einkommenverteilung  die  Geldbeschaffung  durch  den
Staat  aus,  je  nachdem,  ob  dieselbe  mit  Hilfe  von  Anleihen  oder  Steuern
erfolgt.
Im  Altertum  wurden  die  Kriege  ursprünglich  ohne  Schätze  und  ohne
Steuern  geführt.  Da  jeder  sich  selbst  ausrüsten  mußte,  fand  eine  Verteilung
der  Kriegslasten  insofern  statt,  als  in  vielen  Staaten  die  Ärmeren  billigere
Rüstungen  als  die  Reichen  hatten,  die  überdies  häufig  die  Pferde  der  Kavallerie
oder  die  Schiffe  beistellten.  Waren  dann  Geldmittel  nötig,  so  schritt  man  in
der  römischen  Republik  zu  einer  Art  Zwangsanleihe,  die  eingehobenen  Gelder
wurden  nach  einem  siegreichen  Krifeg  wieder  zurückgezahlt.  Derartige  Zwangsanleihen ­
  verteilten  sich  ähnlich  wie  eine  Steuer  auf  alle  Bürger,  und  es  wäre
wohl  erwägenswert,  auch  bei  uns  nach  siegreichen  Kriegen  wenigstens  einen
Teil  der  Steuern  zurückzuerstatten.ß^)  Sowohl  die  Kriegführung  mit  Hilfe  solcher
Kriegssteuern  oder  Zwangsanleihen,  als  auch  mit  Hilfe  angesammelter  Schätze  —-Perikies
  verwendete  zum  Beispiel  mit  großem  Erfolg  den  Tempelschatz  des
Athenetempels  —  ist  nicht  geeignet,  die  Ungleichheit  der  Einkommen  zu
erhöhen,  wohl  aber  trug  die  ungleiche  Ausnützung  des  Krieg^rwerbs,  die  wir
oben  kennen  gelernt  haben,  dazu  bei.  Sowohl  die  Okkupation  weiter  Landstrecken ­
  durch  die  Reichen,  als  auch  die  nur  ihnen  zugängliche  Auswucherung
der  Provinzen,  besonders  in  der  Zeit  der  Republik,  erhöhte  in  Rom  diese  Ungleiches) ­
  Steuernachlässe  nach  dem  Krieg  kommen  vor.
        <pb n="35" />
        heit  um  ein  bedeutendes.  Im  Altertum  und  auch  im  Mittelalter  war  eine  derartig
primitive  Kriegführung  zum  Teil  deshalb  möglich,  weil  die  jeweils  notwendigen
Mittel  in  Freundes-  und  Feindesland  rücksichtslos  eingetrieben  wurden,  wenn
man  sie  eben  brauchte.®®)  Die  moderne,  geordnete  Finanzwirtschaft  führte  dazu,
die  Kriege  vorwiegend  mit  Anleihen  und  Steuern  zu  führen,  deren  Wirkungen
zwar  oft,  aber  noch  immer  nicht  ausreichend  systematisch  untersucht  wurden.
Während  die  Steuern  sich  auf  alle  Kreise  der  Bevölkerung  verteilen,  bringen
innere  Anleihen  den  Inhabern  der  Obligationen  einen  Zinsengewinn,  der  meist
aus  den  Steuern  bezahlt  werden  muß.  Auch  ist  der  Kursgewinn  nicht  selten
erheblich,  da  Kriegsanleihen  meist  tief  unter  pari  begeben  werden  müssen.
Am  stärksten  tritt  dieser  Kontrast  hervor,  wenn  die  Anleihen  nur  von  einigen
wenigen  gekauft  werden,  während  bei  einer  weitgehenden  Demokratisierung  des
Staatskredits,  wie  wir  dies  in  Frankreich  sehen,  schon  der  Mittelstand,  wenn
auch  weit  schwächer  als  die  wohlhabenden  Kreise,  an  den  Vorteilen  beteiligt
ist.  Während  die  Steuern  das  Publikum  progressiv  belasten,  werden  die  Vorteile
bei  den  Anleihen  unter  die  einzelnen  Klassen  degressiv  von  oben  nach  unten
verteilt.  Es  wird  daher  von  vielen  eine  Besteuerung  jener  vorgesichlagen,
die  sonst  Anleihen  kaufen  würden.  Wenn  z.  B.  H.  George®^)  etwas  Derartiges ­
  fordert,  so  schweben  ihm  namentlich  amerikanische  Verhältnisse  vor.
Im  Freiheitskrieg  gegen  England  waren  nämlich  die  Reichen  des  Nordens  in
der  Lage  gewesen,  Obligationen  zu  kaufen,  während  der  ärmere  Süden  nur
Steuern  zahlte.®®)  Nach  dem  Krieg  mußten  gewissermaßen  die  armen  Südstaaten
die  reichen  Nordstaaten  dafür  belohnen,  daß  sie  in  der  Lage  gewesen  waren,
Obligationen  zu  kaufen.
Gegenüber  Steuern  wird  vielfach  geltend  gemacht,  daß  sie  nur  schwer
einzutreiben  seien  ;  namentlich  bestehe  die  Gefahr,  daß  Metallgeld  versteckt
oder  gar  ins  Ausland  transportiert  werde.  Eine  weitgehende  Vermögensbesteuerung ­
  wäre  nur  durchführbar,  wenn  schon
in  Friedenszeiten  Girogeld  das  normale  Zahlungsmittel
wäre  und  die  Girokonten  die  Anlegung  einer  Art  Geldkataster ­
  ermöglichten.  Im  Kriegsfall  würde  dadurch  die  Besteuerung ­
  oder  die  Aufnahme  einer  Zwangsanleihe  bei
bestehender  oder  aufgehobener  Einlöslichkeit  des  Girogeldes ­
  sehr  erleichtert  werden.
Die  Anleiheaufnahme  kann  dazu  führen,  daß  Güter,  welche  die  Volkswirtschaft ­
  heute  besitzt,  aber  nicht  in  Umlauf  bringen  kann,  weil  die  Zahlungsmittel ­
  fehlen,  dadurch  frei  werden.  Der  Staat  vermag  Kredit  zu  gewähren
und  die  Gelder  dorthin  zu  lenken,  wo  man  ihrer  bedarf.  Es  können  so  jährliche
Geldüberschüsse  erzielt  werden,  welche  die  Rückzahlung  in  der  Zukunft  ermöglichen. ­
  Es  ist  nicht  einmal  nötig,  daß  in  Zukunft  eine  Mehrproduktion
an  Gütern  stattfindet  oder  daß  sich  das  Realeinkommen  der  Gesamtheit  erhöht;
es  genügt,  wenn  die  Geldeinnahmen,  welche  dem  Staat  zur  Verfügung  stehen,
zunehmen.  Nimmt  man  im  Auslande  eine  Anleihe  auf  ®®)  und  kauft  dafür  Waren,
so  kann  die  Rückzahlung  der  Anleihe  dadurch  erfolgen,  daß  man  selbst  Waren
produziert,  sie  dem  Auslande  liefert  und  das  so  erhaltene  Geld  zur  Bezahlung
der  Schuld  und  ihrer  Zinsen  verwendet,  ln  diesem  Falle  kann  man  mit  vollem
Recht  sagen,  das  Inland  habe  die  Güter  der  Gegenwart  geWrgt  und  mit  Gütern
der  Zukunft  bezahlt.  Die  Rückzahlung  kann  aber  erfolgen,  ohne  daß  irgendeine
Produktionsverschiebung  eintritt.  Im  Inland  kann  nämlich  ein  Bedarf  an  Zahlungsmitteln ­
  herrschen,  weil  die  Zirkulation  zu  langsam  ist.  Angenommen,  die
Anleihe  vermehrt  die  Umlaufsmittel,  erhöht  die  Preise  und  erhöht  dementsprechend ­
  die  Steuern.  Die  Umlaufsgeschwindigkeit  kann  nun  wachsen,  so

®®)  Vgl.  die  Erhebung  von  Kontributionen  durch  die  Athener.  Xenophon,
Geschichte  von  Hellas.  I,  1.
®^)  H.  George,  a.  a.  O.  S.  152  f.
®®)  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.  S.  404.
®ä)  Es  sind  hier  nicht  formell  äußere  Anleihen  zu  verstehen,  die  eventuell
schließlich  im  Inland  plaziert  werden.
        <pb n="36" />
        25

daß  die  erhöhten  Steuern  bezahlt  werden  können.  Das  Ausland  erhält  das  Oeld
zurückerstattet,  ohne  daß  irgendeine  Mehrproduktion  stattfindet.  Die  Dinge
liegen  keineswegs  immer  so  einfach;  diese  Extremfälle  sollen  nur  zeigen  welch
verschiedene  ÄUderungen  im  Wirtschaftsmechanismus  die  gleiche  Vorkehrung
wie  Aufnahme  und  Rückzahlung  einer  Anleihe,  mit  sich  bringen  kann.  Man
könnte  als  extreme  Fälle  die  Oüteranleihe  und  die  Anleihe  an  Zirkulationsmitteln ­
  unterscheiden.  Gewöhnlich  sind  beide  Typen  miteinander  verbunden.
Die  Verschiedenheiten  sind  noch  größer,  wenn  man  die  Verschiebungen  innerhalb ­
  der  Gesellschaft  ins  Auge  faßt.  Es  handelt  sich  darum,  wie  die  Gelder,
die  aus  der  Anleihe  stammen,  sich  wieder  verteilen;  sie  können  in  mehrfacher
Hinsicht  die  Güterverteilung  noch  ungleicher  gestalten,  als  dies  ohnedies  sclion
der  Fall  ist,  erstens  dadurch,  daß  die  Steuerlast  zur  Aufbringung  der  Zinsen
die  Armen  drückt,  dann  aber  dadurch,  daß  bei  Bestellungen  aus  den  Anleihegeldern ­
  oft  die  Realeinkommen  der  reichen  Unternehmer  sich  rascher  vergrößern ­
  als  die  der  Arbeiter.  Nur  selten  werden  die  Gelder  aus  Anleihen  zur
Vermehrung  der  Realeinkommen  der  ärmeren  Schichten  verwendet,  was  gewissermaßen ­
  eine  Ausgleichung  gegenüber  der  Bereicherung  der  Obligationenbesitzer ­
  bewirken  würde.
Die  Anleihe  kann  entweder  einem  Schatz,  oder  der  Zirkulation  entnommen ­
  werden.  Je  nachdem,  ob  das  eine  oder  das  andere  der  Fall  ist,  ist
die  Wirkung  eine  verschiedene.  Die  Aufsaugung  von  Horten  durch  Anleihen
kann  vielfach  belebend  wirken,  indem  Gelder  flüssig  werden,  die  sonst  ruhten.
Es  kann  so  die  Produktion  gesteigert  werden,  wenn  Umlaufsmittel  fehlten.
Ähnlich  wie  die  Geldbeschaffung  aus  Horten  günstig  wirken  kann,  kann  dies
auch  bei  einer  Aufsaugung  von  Geldern  der  Fall  sein,  die  sonst  eine  Überspekulation ­
  gefördert  hätten.  Geht  dies  Geld  ins  Ausland,  so  ändert  sich  im
Inland  eventuell  nichts.  Es  ist  aber  keineswegs  gleichgültig,  in  welcher  Weise
die  Gelder  weiter  verwendet  werden.  Benützt  sie  der  Staat,  um  Eisenbahnen
zu  bauen,  indem  er  ikn  Auslände  Schienen  beschafft,  so  steigert  er  eventuell  die
Steuerfähigkeit  ebenso  wie  das  Realeinkommen  der  Bevölkerung.  Das  Ziel  der
Anleihepolitik  ist  häufig  ebenso  wie  das  der  Steuerpolitik,  die  Realeinkommen
der  Bevölkerung  zu  erhöhen,  eventuell  in  ihrer  Zusammensetzung  zu  ändern  und
gleichzeitig  das  Geldeinkommen  zu  steigern.  Diese  verschiedenen  Ziele  können
aber  nur  schwer  gleichzeitig  erreicht  werden.
Namentlich  in  Kriegszeiten  greifen  die  Staaten  besonders  gern  zu  auswärtigen ­
  Anleihen,  da  sie  den  inländischen  Markt  am  wenigsten  stören  und  vor
allem  der  ohnehin  geldbedürftigen  Industrie  nicht  noch  mehr  Geld  entziehen.  Auch
kann  eine  Anleihe  von  erheblichem  Umfange  den  Zinsfuß  steigern,  was  ebenfalls ­
  nicht  im  Interesse  des  Marktes  liegt,  der  in  Kriegszeiten,  besonders  anfangs,
erheblich  unter  der  Schwierigkeit  leidet,  Kredit  zu  erlangen.  Die  äußere  Anleihe
kann  dazu  dienen,  im  Inlande  Waren  zu  beschaffen,  sie  vermehrt  dann  den  Umlauf ­
  im  Inlande,  sie  kann  aber  auch  dazu  verwendet  werden,  im  Auslande  Waren
zu  beschaffen.  Selbst  wohlhabende  Staaten  pflegen  sich  nicht  auf  das  Inland
zu  beschränken,  sondern  Ausländsanleihen  aufzunehmen,  wie  dies  z.  B.  England
1900  in  Amerika  getan  hat.  Die  Aufnahme  einer  Anleihe  ersetzt  in  vielen  Fällen
gewissermaßen  die  Emission  von  Aktien.  Die  Gelder,  welche  so  außer  Landes
fließen,  entsprechen  den  Dividenden,  die  an  auswärtige  Aktionäre  gezahlt  werden.
Die  Aufnahme  von  Anleihen  hat  zuweilen  dieselbe  Bedeutung  wie  die  Erhöhung
des  Aktienkapitals  für  eine  Aktiengesellschaft.  Staaten  können  nicht  gut  anderen ­
  Anteile  an  den  Reinerträgen  des  Staatswesens  gewähren,  weil  das  Staatswesen ­
  nicht  die  Aufgabe  hat,  ein  Maximum  an  Reinertrag  zu  erzielen,  ganz  abgesehen ­
  davon,  daß  man  den  Aktionären  in  diesem  Falle  keinen  Einfluß  auf  die
Geschäftsführung  gewähren  könnte.  Schon  bei  den  Notenbanken,  die  Privataktiengesellschaften ­
  sind,  muß  man  fremde  Aktionäre  ausschalten.  Da  der
Staat  selbst  dann  keine  Aktien  emittieren  könnte,  wenn  er  diese  Absicht  hätte,
dienen  ihm  als  Ersatz  die  Staatsschulden,  in  erster  Reihe  die  langfristigen  oder
ewigen  Renten.  Können  die  Obligationenbesitzer  den  Schuldnerstaat  auch  nicht
offiziell  beeinflussen,  so  geschieht  dies  doch  indirekt.  Der  Staat,  dem  die  Gläubiger ­
  angehören,  pflegt  sich  sehr  viel  um  den  Schuldner  zu  kümmern  und  sudit
        <pb n="37" />
        26

ihn  vor  Unfällen  zu  bewahren,  hält  ihn  z.  B.  von  Kriegen  zurück,  die  ihm  verderblich ­
  werden  könnten.  Dies  wird  zum  Teil  dadurch  erreicht,  daß  man  damit
droht,  in  Hinkunft  Anleihen  nicht  mehr  zuzulassen.  Es  können  dann  im  weiteren
Verlaufe  besondere  Bedingungen  gestellt  werden,  nach  deren  Erfüllung  erst  die
Notierung  an  der  Börse  gestattet  wird.  Trägt  so  die  Fürsoige  für  den  verschuldeten ­
  Staat  vielfach  dazu  bei,  den  Frieden  zu  erhalten,  so  kann  das  Anleiheweisen ­
  auch  den  Krieg  fördern,  indem  armen  Staaten  Anleihen  unter  günstigen
Bedingungen  vermittelt  werden.  Die  Anleihen  ersetzen  dann  in  einem  erheblichen ­
  Ausmaß  die  früher  üblichen  Kriegssubsidien,  wie  sie  z.  B.  England  besonders ­
  häufig  auszuzahlen  pflegte.  Die  Anleihen  verbinden  die  Staaten  untereinander ­
  und  bewirken  in  vielen  Fällen  eine  Art  wechselseitiger  Kriegsversicherung. ­
  Die  jeweils  kriegfreien  Staaten  helfen  den  Krieg  führen.  Die  Verbindungen, ­
  welche  infolge  des  Weltmarktes  möglich  sind,  können  auch  oft
anderer,  sonderbarer  Art  sein.  So  floß  z.  B.  während  des  Russisch-Japanischen
Krieges  Geld  von  Japan  nach  Amerika.  Von  dort  ging  es  nach  Frankreich,
da  Zahlungen  für  die  Ablösung  des  Panamakanals  zu  leisten  waren,  ln  Frankreich ­
  kam  das  Geld  gerade  rechtzeitig  an,  um  dem  russischen  Staat  bei  der
Anleihenaufnahme  zuzufließen,  so  daß  Rußland  zum  Teil  mit  japanischem  Gelde
Japan  bekriegte.’^)
Innere  Anleihen  wird  man  besonders  dann  bevorzugen,  wenn  die  Gelder
für  Zahlungen  an  Inländer  benötigt  werden.  So  hat  sich  denn  auch  teilweise
die  Praxis  herausgebildet,  Inlandsanleihen  vorzugsweise  für  Inlandszahlungen,
Ausländsanleihen  für  Auslandszahlungen  aufzunehmen.  Werden  die  Gelder  im
Inlande  ausgegeben,  so  hat  sich  der  Geldmarkt  gegen  früher  nur  wenig  verändert, ­
  und  der  Staat  kann  möglicherweise  kurz  darauf  eine  neue  Anleihe  aufnehmen, ­
  die  ihm  dieselben  Gelder  nochmals  zuführt.  Das  Geld  wird  in  Zirkulation ­
  versetzt,  und  es  wird  nun  zum  Teil  von  der  Umlaufsgeschwindigkeit
abhängen,  wie  hoch  die  Gesamtsumme  ist,  die  der  Staat  in  einem  Jahre  an
Anleihen  aufnehmen  kann.  Wenn  diese  Möglichkeit  auch  schon  seit  langem
bekannt  ist  so  finden  sich  doch  gelegentlich  Äußerungen,  die  darauf  schließen
lassen,  daß  manche  Schriftsteller  den  Bedarf  an  Geld  in  der  Weise  berechnen,
daß  sie  die  Anleihesummen  z.  B.  einfach  addieren.
Die  Erfahrung  hat  gezeigt,  daß  die  Verwendung  von  Anleihen  häufig  die
Unternehmungslust  belebt  und  die  Zirkulation  der  Güter  beschleunigt.  Der
Staat  kann  Aufträge  in  großem  Stile  verteilen,  die  Arbeiter  werden  beschäftigt,
die  Steuerkraft  wird  dadurch  erhöht.  Namentlich  in  England  hat  man  diese
günstigen  Wirkungen  bemerkt,  was  bei  vielen  Autoren  zu  einer  Überschätzung
der  Anleihen  führte.  Aber  selbst  wenn  man  von  diesen  günstigen  Wirkungen
der  Anleihen  absieht,  können  sie  oft  einen  Staat  weit  geringer  belasten  als
eine  Steuer,  welche  den  gleichen  Ertrag  bringen  sollte.  Wenn  auch  die  Zinsenzahlung ­
  und  Amortisation  schwere  Lasten  auferlegt,  können  sie,  auf  Jahre  verteilt, ­
  noch  immer  leichter  zu  tragen  sein  als  Steuern  in  Kriegszeiten.
Zu  inneren  Anleihen  muß  der  Staat  im  allgemeinen  auch  dann  greifen,
wenn  das  Ausland  kein  Vertrauen  in  den  Kriegserfolg  hat.  Besonders  schwierig
ist  die  Begebung  von  Anleihen,  wenn  der  Untergang  eines  Staatswesens  oder
eine  Revolution  zu  erwarten  ist,  da  man  nicht  wissen  kann,  wie  sich  der  neue
Staat  den  alten  Schulden  gegenüber  verhalten  werde.^^)  Die  Aufnahme  der
70)  Vgl.  K.  H  elf  f  rieh,  a.  a.  O.  S.  170,  218.
71)  Vgl.  z.  B.  Struensee,  a.  a.  O.  I,  S.  190.
7-)  Dies  scheint  z.  B.  R  e  n  a  u  1  d  zu  tun,  wenn  er  es  für  finanziell  unmöglich ­
  erklärt,  einen  Jahresbedarf  von  22  Milliarden  für  mehr  als  10  Millionen
Krieger  in  Deutschland  zu  beschaffen.  Rieß  er  (a.  a.  O.,  S.  9)  hat  vollkommen ­
  recht,  wenn  er  auf  die  realen  Schwierigkeiten  bei  der  Verpflegung  usw.
besonderes  Gewicht  legt,  doch  scheint  er  auch  das  finanzielle  Argument  gelten
zu  lassen.  Dies  könnte  erst  dann  schlagend  sein,  wenn  man  zeigen  könnte,
daß  die  einzelnen  Anleihen,  die  nacheinander  aufgenommen  werden  müßten,
nicht  zustande  kommen  könnten.
73)  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.  S.  466,  betreffs  der  Südstaaten,  S.  498,  siehe  auch
S.  518.
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        27

inneren  Anleihen  hängt  wesentlich  von  der  gesamten  Volksstimmung  ab.  So
wurde  es  den  Nordstaaten  im  Bürgerkriege  nicht  sehr  schwer,  innere  Anleihen
aufzunehmen.’^)  Die  Bereitwilligkeit  der  Bevölkerung,  dem  Staate  Geld  zur
Verfügung  zu  stellen,  war  damals  durch  eine  Reihe  vojn  Gründen  bestimmt:
die  Liebe  zu  einem  einheitlichen  Staatswesen  war  groß,  der  Haß  gegen  die*
hochmütigen  Südstaatler  war  ebenfalls  nicht  gering.  Auch  mag  die  Humanität
eine  gewisse  Rolle  gespielt  haben,  die  in  der  Bekämpfung  der  in  den  Südstaaten ­
  herrschenden  Sklaverei  einige  Befriedigung  fand.  Aber  auch  Geldgewinn
war  zu  erhoffen.  Bei  einem  Siege  konnte  die  Schutzzollpolitik  zur  Herrschaft
gelangen,  Baumwolle,  Tabak,  Zucker,  Reis  würden  dann  innerhalb  der  Zollgrenze ­
  der  Union  produziert  werden,  der  Süden  dem  Norden  ein  günstiges
Absatzgebiet  für  seine  Industrieartikel  darbieten.  Die  Bevölkerung  des  eigenen
Landes  hatte  überdies  jenes  Vertrauen  in  den  schließlichen  Erfolg,  das  dem
Auslande  abging.  Die  Demokratisierung  des  Staatskredits  war  damals  bereits
weit  vorgeschritten,  da  die  Eigentümer  von  Geld  dieses  weniger  in  Sparkassen
deponierten,  sondern  vielmehr  Aktien  oder  Obligationen  kauften.  Die  hohen
Zinsen  der  Staatspapiere  lockten  ebenso  wie  die  erhofften  Kurssteigerungen.
Die  Demokratisierung  des  Staatskredits  wird  in  erster  Reihe  durch  Vermehrung ­
  der  Zahlstellen  erreicht.  Die  Nordstaaten  gingen  im  Bürgerkriege
zuweilen  so  weit,  den  rückständigen  Sold  in  Staatsobligationen  zu  zahlen,  was
einer  Art  Zwangsanleihe  gleichzusetzen  wäre.  Auf  diese  Weise  wurden  die
Obligationen  in  Kreise  gebracht,  die  ihnen  sonst  verschlossen  gewesen  vvären.
Heute  können  wir  in  Friedenszeiten  vielfach  die  Tendenz  beobachten,  den  Staatskredit ­
  wieder  zu  demokratisieren.  Es  war  1793  eine  Neuerung,  als  Pitt  sich
des  Zwischenhandels  bei  Emission  einer  Kriegsanleihe  bediente.  Man  hoffte
damals  durch  die  Konkurrenz  der  Obligationen  kaufenden  Bankiers  Kurssteigerungen ­
  zu  erreichen,  was  aber  zum  Teil  durch  Koalition  der  Banken  verhinoert
wurde.  Entschließt  sich  ein  Staat  dazu,  ein  eigenes  Bankinstitut  für  seine
Zwecke  auszubauen  —  wie  dies  in  Österreich  jetzt  bei  der  Postsparkasse  der  Fall
ist  —,  so  ist  die  Verwendung  eines  solchen  Instituts  für  Anleihezwecke  sehr
naheliegend.
Emittieren  die  Regierungen  Anleihen,  so  suchen  sie  nicht  selten  ihre  Absatzfähigkeit ­
  durch  mannigfache  Differenzierungen  zu  erhöhen.Die  Technik,
durch  Privilegien  Käufer  heranzuziehen,  ist  heute  schon  überaus  entwickelt.
Um  etwa  zu  verhindern,  daß  ältere,  niedriger  verzinsliche  Renten  vom  Publikum
verkauft  werden,  weil  die  Emission  höher  verzinslicher  erwartet  wird,  kann  z.  B.
der  emittierende  Staat  die  höher  verzinslichen  Papiere  als  kurzfristige  Anleihe
—  als  Schatzscheine  —  emittieren.^6)  Wer  jetzt  das  niedriger  verzinsliche  Papier
verkauft,  das  infolge  des  Krieges  im  Kurse  gefallen  ist,  hat  keine  Hoffnung
mehr,  den  Kursverlust  durch  Steigerung  des  Kurses  nach  dem  Kriege  wieder
auszugleichen.  Die  Papiere  können  als  Zahlungsmittel  an  den  Staat  erklärt
werden.^7)  Sie  können  z.  B.  auch  den  Vorzug  genießen,  zu  einem  bestimmten
Minimalkurse  als  Kautionen  dienen  zu  können.  Lieferanten  werden  dadurch
leicht  angereizt,  um  eine  geringere  Menge  Geld  Obligationen  zu  kaufen  und
diese  zu  hinterlegen.  Häufig  gibt  auch  der  Staat  den  Käufern  von  Renten  besondere ­
  Vorrechte,  falls  sie  sich  an  einer  späteren  Anleihe  ebenfalls  beteiligen
wollen.
Von  den  verschiedenen  Mitteln  der  Regierung,  im  Interesse  ihres  Kredits,
insbesondere  im  Falle  sie  neue  Renten  emittieren  will,  den  Obligationenkurs

7*)  Während  z.  B.  die  französische  Anleihe,  die  am  23.  und  24.  August
1870  gezeichnet  wurde,  von  kleinen  Rentnern  aufgenommen  wurde,  fand  die
Bundesanleihe  vom  20.  Juli  nur  wenig  Anklang  (Sydow,  Theorie  und  Praxis
in  der  Entwicklung  der  französischen  Staatsschuld  seit  dem  Jahre  1870.  Jena
1903,  S.  52).
75)  Vgl.  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.  S.  443.
76)  Vgl.  K.  H  elf  f  rieh,  a.  a.  O.  S.  90.
77)  Vgl.  K.  He  Iff  rieh,  a.  a.  O.  S.  93;  vgl.  C.  v.  H  o  c  k,  a.  a.  O.  S.  441;,
Über  Verwendung  bei  Zollzahlungen.  Ebenda.  S.  413.
        <pb n="39" />
        28

zu  halten,  ist  neben  der  Sperrung  der  Obligationen  auf  viele  Monate  hinaus
vor  allem  der  Ankauf  eigener  Renten  durch  Vermittlung  von  Bankhäusern  zu
erwähnen.  Dieses  Vorgehen,  das  bekanntlich  auch  von  Aktiengesellschaften
praktiziert  wird,  um  die  Aktienkurse  zu  halten,  kann  übrigens  auch  dazu  dienen,
den  Kurs  des  eigenen  Geldes  im  Ausländ  zu  halten.  Die  russische  Regierung
hat  so  den  Obligationenkurs  und  den  Rubelkurs  beeinflußt.  Die  Beeinflussung
des  russischen  Obligationenkurses  kann  man  besonders  daran  erkennen,  daß
gelegentlich  die  Anleihen  der  neutralen  Staaten  sich  schlechter  hielten  als  die
russischen.  Die  Stabilisierung  des  Wechselkurses,  der  verhältnismäßig  kleine
Schwankungen  erlitt,  wurde  zum  Teil  durch  die  Bereitwilligkeit  erreicht,  jederzeit ­
  Rubel  zu  kaufen,’^9)  außerdem  stellte  die  Russische  Reichsbank  dem  Markt
Devisen  zur  Verfügung.  Insbesondere  gab  sie  langfristige  Devisen  ab,  da  die
Handelswelt  sich  gegen  einen  etwaigen  Fall  der  russischen  Valuta  sichern
wollte.80^  Daß  noch  andere  Ursachen  mitspielten,  die  dem  Rubelkurs  günstig
waren,  so  z.  B.  große  Qetreideexporte  bei  hohem  Preis,  soll  nicht  unerwähnt
bleiben.  Wenn  die  russische  Regierung  durch  derartige  Eingriffe  auch  in  der
Lage  war,  den  Rubel-  und  Obligationenkurs  vor  plötzlichem;  Fall  zu  hindern,
so  kann  auf  die  Dauer  der  Obligationenkurs  doch  nur  dann  gehalten  werden,
wenn  ihm  die  gesamte  Marktlage  günstig  ist.  Was  eigentlich  nur  mit  vollem
Erfolg  verhindert  werden  kann,  sind  jene  Kursstürze,  die  dadurch  entstehen,
daß  eine  kleine  Störung  zu  Verkäufen  führt.  Der  Kursfall  bewirkt,  daß  am
folgenden  Tage  neue  Obligationen  auf  den  Markt  kommen,  wodurch  allein,
ohne  daß  inzwischen  irgendeine  Veränderung  erfolgt  wäre,
der  Kurs  weiter  gedrückt  wird,  was  seinerseits  wieder  Angstverkäufe  zur  Folge
hat.  Die  so  erzeugten  Baissen  können  nun  durch  zweckmäßig  eingerichtete  Maßregeln ­
  bei  Aufwendung  verhältnismäßig  geringer  Kosten  vermieden  werden,
indem  der  Kurs  in  der  bedenklichsten  Zeit  gehalten  wird.  Die  bloße  Tatsache,
daß  der  Kurs  sich  nicht  oder  nur  wenig  ändert,  wenn  auch  ungünstige  Ereignisse ­
  vorgefallen  sind,  beruhigt  viele  Obligationenbesitzer.  Auch  dann,  wenn
ein  Fall  des  Kurses  nicht  aufzuhalten  ist,  ist  oft  viel  gewonnen,  wenn  er  langsam
erfolgt,  da  dann  häufig  nicht  derselbe  Tiefstand  wie  beim  raschen  Fall  erreicht ­
  wird.  Die  Praxis  und  Theorie  der  letzten  Jahre  neigen  dazu,  derartige
Eingriffe  der  Regierungen  zu  unterstützen  und  die  früher  herrschende  Meinung ­
  von  den  großen  Vorteilen  des  unbeeinflußten  Angebotes  und  der  unbeeinflußten ­
  Nachfrage  auf  dem  Geldmarkt  zurückzudrängen.  Die  Nationalökonomie ­
  kehrt  damit  zu  jener  Anschauungsweise  zurück,  die  im  XVIII.  Jahrhundert ­
  unter  dem  Einflüsse  des  Merkantilismus  herrschte.  Damals  war  eine
derartige  Beeinflussung  der  Wechsel-  und  Obligationskurse  eine  der  Praxis  und
Theorie  gleich  vertraute  Maßnahme.  Die  Abkehr  vom  extremen  wirtscliaftlichen
  Liberalismus  führt  jetzt  auch  auf  dem  Gebiete  der  Geldlehre  dazu,  an
die  alten  Traditionen  wieder  anzuknüpfen.
Wie  wir  schon  oben  erwähnten,  kann  der  Kurssturz  der  Anleihe  auch
dadurch  verursacht  werden,  daß  die  Regierung  eine  Anleihe  auf  die  andere
folgen  läßt  und  dem  Markte  so  Geld  enteieht.  Um  dieseim  Kurssturz  bei  steigendem ­
  Diskontsatz  vorzubeugen,  stehen  der  Regierung  verschiedene  Mittel
zu  Gebote.  Sie  kann  z.  B.  die  aus  der  ersten  Anleihe  gewonnenen  Gelder  auf
dem  gleichen  Markt  für  Kriegsartikel  ausgeben8^),  wodurch  die  Geldflüssigkeit
bei  Begebung  der  zweiten  Anleihe  nicht  allzusehr  verändert  sein  wird.  Es  kann
auch  Vorkommen,  daß  der  Staat,  in  dem  die  Anleihe  emittiert  wird,  es  geradezu
als  Bedingung  der  Emission  aufsteilt,  daß  ein  Teil  der  durch  die  Anleihe  gewonnenen ­
  Gelder  im  Inlande  für  Kriegsartikel  ausgegeben  werden  müsse,  wie
dies  z.  B.  Frankreich  vom  Serbien  zugunsten  der  Schneider-Greuzot-Werke  ver-78)
  K.  Helffrich,  a.  a.  O.  S.  29,  88,  226.
79)  Vgl.  G.  F.  Knapp,  Staatliche  Theorie  des  Geldes.  Leipzig  1905,  S.  252.
89)  Vgl.  K.  Helffrich,  a.  a.  O.  S.  181.
87)  Vgl.  z.  B.  J.  Steuart,  An  inquiry  into  the  principles  of  political
economy  .  .  .  Basel  1796,  V,  S.  359.
82)  Vgl.  K.  H  elf  f  rich,  a.  a.  O.  S.  92.
        <pb n="40" />
        29

langte.  Die  Regierung  kann  aber  auch  die  Gelder  früherer  Anleihen  dem  Markte
zur  Verfügung  stellen,  wenn  sie  dieselben  nicht  sofort  benötigt,  indem  sie  sie
einer  Bank  als  Depositen  übergibt,  die  sie  ihrerseits  verleiht.s^)
Audi  bei  Besprechung  der  Anleihen  soll  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß
im  Notfälle  der  Staat  zu  Mitteln  der  Naturalwirtschaft  schreiten  kann.  Es  ist
durchaus  möglich,  daß  ein  Staat,  der  reiche  Kohlenlager,  Baumwollplantagen  usw.
besitzt,  dessen  Geldwesen  aber  völlig  zerrüttet  ist,  keine  Anleihen  mehr  erhält!
In  solchen  Fällen  kann  man  Anleihen  aufnehmen,  die  durch  die  Güter  gedeckt
werden.  Der  Staat  kann  aber  so  weit  gehen,  zu  erklären,  er
werde,  im  Falle  er  nicht  in  Geld  sollte  zahlen  können,  in
Naturalien  zahlen.  Eine  Anleihe  dieser  Art  wurde  von  den  Südstaaten  im
Amerikanischen  Bürgerkriege  untergebracht.  Sie  verpflichteten  sich,  sechs  Monate
nach  Friedensschluß  entweder  in  Geld  oder  in  Baumwolle  zu  zahlen,  die  sie
als  Naturalsteuer  von  den  Pflanzern  erhielten  oder  durch  Kauf  beschafften.
Es  wäre  sogar  möglich,  daß  ein  Staat  eine  Naturalanleihe  aufnimmt  und  die
Rückzahlung  in  anderen  Naturalien  in  der  Zukunft  verspricht.  Ein  derartiges
Vorgehen  wird  immer  dann  naheliegend  sein,  wenn  das  Geldwesen  beider  Staaten
zerrüttet  ist  und  die  Sicherheit  des  Warenmarktes  größer  ist  als  die  des  Geldmarktes. ­
  Die  Theorie  würde  einen  Fehler  begehen,  wenn  sie  diesen  Möglichkeiten ­
  nicht  rechtzeitig  ihr  Augenmerk  zuwenden  würde,  zumal  die  Praxis
bereits  in  dieser  Hinsicht  Versuche  angestellt  hat.»^)
Wir  haben  schon  mehrfach  auf  die  Geldbeschaffung  durch  Steuern  hingewiesen. ­
  Eiu  Hauptargumeint  zugunsten  der  Steuer  ist  die  bessere  Verteilung
auf  die  einzelnen  Volksklassen.  Die  sozialpolitischen  Gesichtspunkte  der  Finanzverwaltung ­
  können  dabei  mehr  berücksichtigt  werden  als  bei  der  Anleihe.
Die  Steuern  nehmen  nur  das  Inland  in  Anspruch,  während  man  Anleihen  auch
im  Auslande  aufnehmen  kann.  Es  gibt  aber  so  verschiedene  Arten  von  Steuern
und  Inlandsanleihen,  daß  man  fast  unmerkliche  Übergänge  von  einem  Typus
zum  anderen  konstruieren  kann.  Es  gibt  Steuern,  die  auf  die  Bevölkerung
ähnlich  wie  normale  Anleihen  wirken,  es  •  sind  Fälle  möglich,  in  denen  sich
die  Wirkung  der  Anleihen  wenig  von  jener  normaler  Steuern  unterscheidet.  Da
Kriegsausgaben  als  außerordentliche  Ausgaben  zu  bezeichnen  sind,  können  sie
durch  Anleihen  wohl  gedeckt  werden.  Es  wird  von  dem  allgemeinen  Reichtum
des  Landes  abhängen,  wie  weit  Steuern  möglich  sind.  England  z.  B.  hat  regelmäßig ­
  einen  großen  Teil  der  Kosten  durch  Erhöhung  der  Einkommensteuer
hereingebracht.  Rußland  hat  sich  im  Russisch-Japanischen  Kriege  zur  Erhöhung
vorhandener  Steuern  entschlossen,  ohne  aber  neue  Steuern  auszuschreiben  ;
in  weit  höherem  Maße  steigerte  Japan  seine  Steuern.ss^  Die  Wirkung  der  einzelnen ­
  Steuern  in  sozialpolitischer  Hinsicht  auf  die  Verteilung  des  Realeinkommens
ist  dieselbe  wie  in  Friedenszeiten.  Die  Erhöhung  der  Erbschafts-  und  Schenkungssteuer ­
  entspricht  ganz  den  Forderungen,  welche  eine  Reihe  moderner
Staatsmänner  gestellt  haben.  Bedenklicher  ist  schon  die  Besteuerung  der
Beamtengehälter,  welche  in  Verbindung  mit  den  verteuerten  Lebensmittelpreisen ­
  usw.  ungünstig  wirkt.  Wichtig  ist  die  Frage,  wie  weit  eine  Besteuerung
des  Vermögens  angezeigt  ist.  Zu  der  Rußland  nicht  geschritten  ist.  Nicht
selten  wurde  darauf  hingewiesen,  daß  diese  die  Produktivkraft  des  Volkes
schwäche,  was  wohl  kaum  zu  trifft.  Denn,  angenommen,  jemand  werde  sogar
genötigt,  ein  Grundstück  zu  verkaufen,  um  die  Steuer  zu  bezahlen,  so  tritt  nur
eine  Vermögensverschiebung  ein,  die  Menge  der  Grundstücke  im  Lande,  die
Menge  der  Kohle  und  des  Eisens  nimmt  deshalb  nicht  ab.  Nur  insofern  das
nötige  Geld  durch  Warenexport  beschafft  wird,  geht  ein  Teil  der  Güter  des
Inlandes  hinaus,  doch  bedeutet  diese  Tatsache  noch  lange  keine  Schwächung
der  Produktivkraft  eines  Landes,  sie  kann  im  Gegenteil  oft  zu  einer  Entwicklung
der  Produktion  anregen,  die  dem  Inlande  sehr  zugute  kommt.  Alle  diese
häufig  erwähnten  Schädigungen  würden  dann  vorliegen,  wenn  wir  in  normalen

w)  Vgl.  K.  H  elf  frieh,  a.  a.  O.  S.  218,  219.
84)  Über  die  Südstaatenanleihe  s.  C.  v.  Hock,  a.  a.  O.  S.  511  f.
w)  Vgl.  K.  Hel  ff  rieh,  a.  a.  O.  S.  106,  144.
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        30

Zeiten  eine  volle  Ausnützung  aller  produktiven  Kräfte  kennen  würden.  Dann
freilich  würde  jede  Entnahme  von  Gütern  eine  Einschränkung  des  Inlandkonsums ­
  zur  Folge  haben.
Eine  starke  Besteuerung  der  Bevölkerung  pflegt  nicht  selten  zu  bewirken,
daß  die  Zirkulationsgeschwindigkeit  des  Geldes  herabgesetzt  wird;  alles  spart,
wo  es  kann,  wodurch  die  Industrie  erheblich  geschädigt  wird  und  damit  gleichzeitig ­
  indirekt  der  Geldmarkt  in  seiner  Aufnahmefähigkeit  für  neue  Anleihen.
Insbesondere  der  Abfluß  von  Geldmitteln  ins  Ausland  erhöht  diese  schwierige
Lage,  wie  wir  an  anderer  Stelle  noch  sehen  werden,  ganz  erheblich.
In  Staaten,  in  denen  das  Geld  als  Umlaufsmittel  dient,  pflegen  daher
Kriegssteuern  weit  schwerer  zu  lasten,  als  in  solchen,  in  denen  das  Geld  wesentlich ­
  zur  Schatzbildung  verwendet  wird.  Hier  wirkt  die  Kriegssteuer  schatzvermindernd ­
  und  höchstens  indirekt  umlaufschädigend,  indem  der  einzelne  sich
bemüht,  seinen  Schatz  möglichst  bald  zu  restitutieren.  Aber  die  Störungen
sind  lange  nicht  so  erheblich  wie  in  einem  Staat,  in  dem  ohnedies  schon  alles
Geld  in  die  Zirkulation  geworfen  ist.  Wobei  nicht  zu  vergessen  ist,  daß  ja
überdies  vielfach  die  Neigung  besteht,  Geld  zurückzuziehen  und  Kredite  zu
kündigen.  In  Ländern  mit  starker  Schatzbildung  kann  die  Steuer  geradezu  belebend ­
  wirken,  das  Geld  in  Umlauf  bringen  und  so  die  Industrie  heben.
Vielumstritten  ist  seit  dem  XVIII.  Jahrhundert  die  Frage,  wie  weit  ein
Schatz  8^)  die  Kriegführung  erleichtert.  Ein  solcher  Schatz  katm  Staatseigentum ­
  sein  und,  wie  dies  im  Deutschen  Reiche  der  Fall  ist,  von  vornherein
als  Kriegsschatz  gedacht  sein.  Es  genügt  aber  schqn,  wenn  der  Staat  andere
Metallbestände  in  seignen  Kassen  hat,  die  jederzeit  zur  Verfügung  stehen.  Auch
alle  jene  Bargeldmengen  der  großen  Notenbanken  sind  hier  zu  erwähnen,  welche
nicht  zur  Notendeckung  dienen  und  die  normale  Deckung  der  sonstigen  an  die
Bank  bestehenden  Forderungen  übersteigen.  Als  im  XVIll.  Jahrhundert  die
großen  Vorteile  des  Anleihewesens  sich  besonders  in  England  zeigten,  glaubte
man  vielfach  mit  Hilfe  von  Anleihen  jede  Summe  unter  annehmbaren  Bedingungen
jederzeit  erhalten  zu  können.  Man  bekämpfte  den  Staatsschatz  und  meinte,  es
sei  besser,  ihn  zirkulieren  zu  lassen  oder  als  Notendeckung  zu  verwenden.  Eine
Reihe  von  Erfahrungen  hat  jedoch  gezeigt,  daß  ein  Metallschatz  im  Kriegsfälle ­
  von  erheblichem  Vorteil,  ja  zuweilen  von  entscheidender  Bedeutung  sein
kann.  Wenn  auch  heutzutage  keine  Kriege  mit  Hilfe  des  Schatzes  geführt
werden  können  *8),  so  vermag  er  doch  in  den  ersten  Tagen  oder  sogar  Wochen
eine  reibungslose  Bestreitung  aller  Kriegserfordernisse  zu  ermöglichen  oder
mindestens  sehr  zu  unterstützen.  Oft  kann  man  bei  Beginn  des  Krieges  Anleihen ­
  überhaupt  nicht  in  entsprechendem  Umfange  oder  nur  unter  überaus
schweren  Bedingungen  unterbringen,  während  sich  nach  kurzer  Zeit  die  Marktverhältnisse ­
  zu  bessern  pflegen.  Ist  ein  Schatz  vorhanden,  so  kann  man  sofort
mit  den  Aktionen  beginnen.  Aber  auch  vorausgesetzt,  daß  die  Begebung  der
Anleihe  selbst  keine  Schwierigkeiten  macht,  so  erfordert  die  Bewilligung  und
Unterbringung  immerhin  einige  Tage.*^)  Einige  Tage  Vorsprung  sind  aber
nicht  selten  militärisch  ausschlaggebend.Besonders  in  Preußen  war,  wie
dies  bereits  Autoren  des  XVIII.  Jahrhunderts  hervorhoben,  die  Ansammlung
eines  Staatsschatzes  alte  Tradition,  im  Gegensätze  zu  anderen  Staaten,  die  sich
mit  Anleihen  und  Steuern  behalfen.^i)  Dieser  preußische  Kriegsschatz,  der
mehrfach  gute  Dienste  leistete,  wurde  1870  dem  Norddeutschen  Bund  zur

86)  Vgl.  Struensee,  a.  a.  O.  I,  S.  199.
8’)  Über  die  Bedeutung  des  Staatsschatzes  für  den  Krieg  vgl.  Ad.  Wagner,
Finanzwissenschaft  3.  Aufl.,  I,  S.  172  f.,  wo  auch  Literaturangaben.
88)  Über  die  große  Schwierigkeit,  im  XVIII.  Jahrhundert  Kriege  so  zu
führen,  vgl.  Struensee,  a.  a.  O.  I,  S.  254.
89)  Vgl.  Ad.  Wagner,  Das  Reichsfinanzwesen.  Jahrbuch  für  Gesetzgebung, ­
  Verwaltung  und  Rechtspflege  des  Deutschen  Reiches.  III,  S.  69,  und
G.  Sydow,  a.  a.  O.  S.  51.
90)  Vgl.  darüber  schon  Struensee,  a.  a.  O.  I,  S.  246.
91)  Vgl.  Ad.  Wagner,  Das  Reichsfitnanzwesen,  a.  a.  O.  S.  64.
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        Verfügung  gestellt  und  unterstützte  sehr  erheblich  die  militärischen  Operationen, ­
  während  es  in  Frankreich  einige  Zeit  brauchte,  bis  die  nötigen  Geldsummen ­
  flüssig  waren,  obgleich  Frankreich  bereits  seit  Monaten  rüstete.®*)
Was  den  Zinsenverlust  anlangt,  der  von  vielen  gegenüber  einem  Kriegsschatz ­
  geltend  gemacht  wird,  so  wird  derselbe  wohl  durch  die  großen  Vorteile
aufgewogen,  welche  der  Schatz  gewährt.  Er  kann  sich  aber  geradezu  rentieren,
wenn  er  die  Verluste  erspart,  welche  bei  sofortiger  Begebung  einer  Anleihe’
zu  Beginn  des  Krieges  häufig  zu  erwarten  sind.  Daß  man  dem  Inlandsumlauf
Gold  entzieht,  erscheint  allen  jenen  unbedenklich,  welche  eine  goldfreie  Inlandszirkulation ­
  geradezu  anstreben  und  das  Goldgeld  nur  für  den  Weltmarkt  reservieren ­
  wollen.  Daß  man  ohne  erheblichen  Goldumlauf  innerhalb  der  Landesgrenzen ­
  ganz  gut  sein  Auskommen  finden  kann,  wenn  die  Devisen-  und  Diskontpolitik ­
  entsprechend  gehandhabt  wird,  zeigt  das  Beispiel  von  Österreich-Ungarn
seit  den  letzten  zehn  Jahren.  Ein  Kriegsschatz  kann  entweder  sukzessive  aufgesammelt ­
  werden,  oder  aber  auf  einmal,  z.  B.  aus  einer  Kriegsbeute,  gebildet
werden,  wie  der  Deutsche  Reichs-Kriegsschatz.  Struensee  dachte  sich  die
Sache  schematisch  etwa  folgendermaßen  ®3)  :  „Wenn  z.  B.  ein  Land  jährlich  von
den  Ausländern  500  0000  Taler  gewönne  und  der  Fürst  ohne  Nachteil  der
Industrie  300.000  Taler  davon  aus  dem  Umlauf  nehmen  könnte,  so  läßt  sich
der  Fall  denken,  daß  er  etwa  in  Voraussetzung  eines  bevorstehenden  Krieges
es  nötig  fände,  die  ganze  Summe  in  den  Schatz  zu  legen.  Er  kann  dies  auch
unbeschadet  der  Landeswohlfahrt  tun,  wenn  er  nur  dagegen  jährlich  200.000
Taler  an  Papiergeld  in  das  Publikum  bringt.“  Was  Struensee  hier  vorschlägt, ­
  wäre  vollgedecktes  Zettelgeld.  Im  Kriegsfälle  könnte  man  die  etwa
bestehende  Barzahlung  einstellen  und  könnte  die  ganze  Deckung  oder  einen
Teil  derselben  für  die  Kriegführung  verwenden.  Wie  wir  schon  oben  erwähnten,
wird  von  den  großen  Notenbanken  heute  zuweilen  ein  ähnlicher  Vorgang  eingeschlagen. ­
  Sie  sammeln  mehr  Gold  an,  als  zur  Notendeckung  erforderlich  ist,
aber  nicht  nur  etwa,  um  die  Notenemission  gegebenenfalls  zu  erweitern,  sondern
auch  um  dem  Staat  Bargeld  zur  Verfügung  stellen  zu  können.  Die  Banken
dienen  dann  eben  nicht  nur  dazu,  die  Menge  der  Umlaufmittel  zu  vermehren,
sondern  auch  dazu,  das  Weltgeld  zu  konzentrieren.  Von  diesem  Standpunkte
aus  wird  es  verständlich,  wenn  Notenbanken  mehr  Bargeld  und  Devisen  ansammeln, ­
  als  zur  Notendeckung  notwendig  wäre,  ja  daß  sie  zeitweilig  mehr  Metall
liegen  haben,  als  überhaupt  Noten  umlaufen.®^)  Um  diesen  Metallschatz  im
Kriegsfälle  zu  schützen,  kann  man  zur  Einstellung  der  Barzahlungen  schreiten.
Da  die  Notendeckung  selbst  bei  Goldentnahme  durch  den  Staat  zunächst  nicht
verringert  wird,  wird  die  Einstellung  der  Barzahlung  auch  im  allgemeinen  keine
weiteren  Folgen  haben  und  den  Kurs  der  Noten  eventuell  ganz  unverändert
lassen,  wie  dies  z.  B.  1870  in  Frankreich  der  Fall  war.®^)
Während  der  Metallbestand  des  Staatsschatzes  im  Kriegsfälle  sofort  zur
Verfügung  steht,  kann  über  den  Bankschatz  erst  im  Einvernehmen  mit  der  Bank
—  falls  diese  keine  Staatsbank  ist  —  verfügt  werden,  worin  viele  gegenüber  einem
übereilten  Vorgehen  der  Staatsregierung  eine  gewisse  Sicherung  erblicken.®®)  Die

®*)  G.  Sydow,  a.  a.  O.  S.  50.
®®)  Struensee,  a.  a.  O.  I,  S.  242f.
®*)  Vgl.  K.  H  e  1  f  f  r  1  c  h  ,  a.  a.  O.  Gegenüberstellung  der  Goldbestände  der
Russischen  und  der  Japanischen  Bank.  S.  68,  120,  179.
®®)  Vgl.  „Der  österreichische  Ökonomist.“  1870,  S.  400.
®®)  Wenn  J.  v.  Renauld,  Die  finanzielle  Mobilmachung  der  deutschen
Wehrkraft.  Leipzig  1901,  S.  84,  meint,  es  spräche  für  eine  Privatnotenbank
außer  vielen  andern  wirtschaftspolitischen  Gründen  auch  die  völkerrechtliche
Seite  des  Krieges,  „die  Bank  ist  damit  der  etwaigen  Wegnahme  ihrer  Bestände
durch  den  Gegner  entrückt“,  so  ist  wohl  zu  erwidern,  daß  selbst  Staaten,  welche
das  Privateigentum  sonst  voll  respektieren,  sehr  häufig  ohne  Zögern  ihre  Hand
auf  die  Barbestände  der  Notenbanken  legen  werden.  Würde  rnan  das  Völkerrecht
in  der  Praxis  so  formalistisch  behandeln,  wie  Renauld  meint,  so  wäre  es  das
einfachste,  im  Kriegsfälle  alles  Staatseigentum  den  Eingriffen  des  Feindes  dadurch
        <pb n="43" />
        32

Bereitwilligkeit  der  Bank  ist  dabei  keineswegs  immer  sogleich  zu  erreichen,  und
wenn  eine  Regierung  auch  im  Notfall  selbst  vor  einer  gewaltsamen  Wegnahme
des  Metallschatzes  nicht  zurückschreckt  —  was  z.  B.  Gambetta  1871  in
Erwägung  zog  —,  so  wird  zunächst  versucht,  auf  dem  Wege  von  Verhandlungen
das  nötige  Geld  zu  erhalten.  Freilich  geht  so  viel  Zeit  verloren  und  nicht  immer
kann  der  Staat  die  von  der  Bank  geforderten  Bedingungen  erfüllen.  Im  Jahre
1871  z.  B.  hat  sich  die  Bank,  nachdem  ihr  schon  vorher  mehrmals  Geld  entnommen ­
  worden  war,  schließlich  nur  gegen  Verpfändung  von  Domänen  dazu  verstanden, ­
  dem  französischen  Staat  weitere  Mittel  zur  Verfügung  zu  stellen.  Die  durch
einen  Staatsschatz  der  Regierung  gewährte  Unabhängigkeit  wird  aber  gerade
von  manchen  wieder  für  bedenklich  gehalten.  Struensee  behauptet  z.  B.
geradezu,  die  Angst  vor  monarchischen  Übergriffen  sei  mit  eine  Ursache  gewesen,
daß  die  Engländer  keinen  Staatsschatz  anlegten.  Während  Anleihen  und  Steuern
im  allgemeinen  vom  'Parlament  bewilligt  werden  müssen,  steht  dieser  Schatz  jeden
Augenblick  zur  Verfügung,  was,  wie  manche  meinen,  auch  ein  Anreiz  zum  Kriege
sein  kann.  Auch  im  XIX.  Jahrhundert  haben  diese  Erwägungen  keine  geringe
Rolle  gespielt,^?)  und  viele  Volksvertretungen  waren  bemüht,  den  Regierungen
alle  Mittel  vorzuenthalten,  über  die  sie  ohne  besondere  Bewilligung  verfügen
könnten.
Gerade  bei  Fragen  der  äußeren  Politik  spielt  das  Recht  der  Budgetbewilligung ­
  eine  erhebliche  Rolle.  Da  die  äußere  Politik  dem  direkten  Eingreifen  des
Parlaments  im  allgemeinen  entzogen  ist  und  die  Kriegserklärung  vielfach  durch
den  Monarchen  ohne  Zustimmung  der  Volksvertretung  erfolgen  kann,  kann  das
Parlament  nur  durch  Verweigerung  der  finanziellen  Mittel  den  Versuch  machen,
die  äußere  Politik  zu  hindern.  Die  Bedeutung  dieses  Vorgehens  ist  in  monarchischen ­
  Ländern  insofern  nicht  allzu  hoch  anzuschlagen,  als  die  Regierung  Eingriffe
in  die  äußere  Politik  weit  energischer  abzuweisen  pflegt,  als  solche  auf  anderem
Gebiete.  Im  Interesse  der  Dynastie  und  des  territorialen  Ansehens  entschließen
sich  Regierungen  noch  am  ehesten  zu  einem  Verfassungsbruch,  wie  ihn  z.  B.
Preußen  in  den  Sechzigerjahren  erlebte.  Eine  besondere  Schwierigkeit  liegt  häufig
darin,  daß  die  Regierung  ¡nur  ungenügende  Mitteilungen  über  ihre  Absichten,
machen  kann,  wenn  sie  deren  Ausführung  nicht  selbst  vereiteln  will.  Als  Bismarck ­
  im  preußischen  Landtage  1865  bei  seinen  Bemühungen,  den  Kieler  Hafen
für  Preußen  zu  erwerben,  auf  Schwierigkeiten  stieß,  betonte  er  ausdrücklich
„Könnten  wir  uns  rechtzeitig  klar  im  voraus  über  alle  Pläne  der  Zukunft
Ihnen  gegenüber  aussprechen,  ich  glaube,  Sie  würden  mehr  davon  billigen,  als
Sie  bisher  zu  tun  sich  getrauen....  Wenn  Sie  in  die  Technik  der  diplomatischen
Geschäfte  Eingeweihter  wären,  Sie  würden  uns  nicht  einmal  dadurch  drängen,  daß
Sie  Äußerungen  aussprechen,  durch  welche  Sie  das  Ministerium  in  Verlegenheit
setzen,  entweder  durch  Stillschweigen  die  Richtigkeit  anscheinend  zuzugeben  oder
in  Widerlegungen  Meinungen  zu  äußern,  die  aus  politischen  Gründen  besser  unausgesprochen ­
  bleiben.“  Trotz  des  Parlamentarismus  ist  die  äußere
Politik  mehr  oder  weniger  geheim.  Der  Demokratisierung
der  inneren  Politik  ist  bis  jetzt  keine  der  äußeren  gefolgt.
Selbst  in  Ländern  wie  England,  in  denen^das  Parlament  formell  über  die  äußere
Politik  informiert  wird,  sind  diese  Mitteilungen  keineswegs  geeignet,  ein  ausreichendes ­
  Bild  der  tatsächlichen  Verhältnisse  zu  geben.  Ein  nicht  selten  gewählter ­
  Ausweg  besteht  darin,  parlamentarischen  Ausschüssen  nähere  Details
vertraulich  mitzuteilen,  wobei  freilich  die  Gefahr  überaus  naheliegend  ist,  daß
das  Plenum  besonders  in  Zeiten  politischen  Kampfes  über  die  betreffenden
Mitteilungen  mehr  oder  minder  genau  informiert  wird,  wodurch  die  geheim

zu  entziehen,  daß  man  es  privaten  Gesellschaften  anvertraut,  die  ähnlich  wie  die
Notenbankinstitute  in  starker  Abhängigkeit  vom  Staate  stehen.  Von  dem  gewöhnlichen ­
  Privateigentum  ist  jedenfalls  immer  jenes  zu  trennen,  das  große  öffentliche
Aufgaben  erfüllt.
Renauld,  a.  a.  O.  S.  56.
Vgl.  Bismarcks  Reden.  Edit.  Reclam,  II,  S.  224.  Abgeordnetenhaus,
1.  Juni  1865.
        <pb n="44" />
        33

zu  haltenden  Fragen  zur  öffentlichen  Diskussion  gelangen.^»)  Der  gegenwärtige
Zustand  ist  nur  ungenügend  gesetzlich  geregelt.  Es  ist  fraglich,  ob  in  absehbarer
Zeit  überhaupt  eine  Regelung  möglich  ist,  etwa  in  der  Weise,  daß  bestimmten  Ausschüssen ­
  auf  Grund  gesetzlicher  Bestimmungen  Einblick  in  Aktenstücke  gewährt
wird,  die  die  äußere  Politik  betreffen.  HeuteherrschteingewissesMißtrauen
  gegen  die  Diplomatie  und  die  von  ihr  verwendeten
Dokumente.
Die  Zahlungsmittelpolitik  bei  Kriegsausbruch  kann  verschieden  sein.  Der
Staat  kann  z.  B.  den  Versuch  machen,  jede  Störung  des  Zahlungswesens  dadurch
zu  verhindern,  daß  er  die  Forderung  nach  Gold-  und  Silbergeld  befriedigt.  Besonders ­
  ein  Staatskriegsschatz  oder  ein  entsprechender  Bargeldüberschuß  der
Notenbank  kann  in  solchen  Fällen  überaus  wirksam  benutzt  werden.  Sei  es,
daß  er  teilweise  direkt  verausgabt  wird,  sei  es,  daß  er  als  Bardeckung  für  die
Notenemission  verwendet  wird.  Der  Finanzminister  kann  in  solchen  .Augenblicken
die  Erklärung  abgeben,  daß  den  Sparkassen  und  Depositenbanken,  die  einem  Run
ausgesetzt  sind,  Gold  zur  Verfügung  gestellt  werde.  Es  kann  mitunter  ganz
zweckmäßig  sein,  so  einiges  Gold  oder  Silber  abströmen  zu  lassen,  das  dann
entweder  versteckt  wird  oder  ins  Ausland  geht.  Sollte  das  Versprechen  der
dauernden  Goldabgabe  aber  nicht  das  Resultat  haben,  daß  sie  unnötig  wird,  so
wäre  es  oft  recht  bedenklich,  wenn  dies  Versprechen  gehalten  würde.loo)  Auslandszahlungen ­
  würde  man  dagegen  möglichst  lange  in  Edelmetall  leisten,  um  den
Auslandskredit  nicht  zu  erschüttern,  wie  denn  auch  bei  sogenannten  Staatsbankerotten ­
  vielfach  die  auswärtigen  Gläubiger  weiterhin  in  Gold,  die  inlänr
dischen  in  Papiergeld  bezahlt  werden.  Merkt  dagegen  eine  Notenbank,  daß  sie
die  Barzahlungen  nicht  werde  aufrecht  erhalten  können,  so  tut  sie  wohl  am
klügsten,  die  Zahlungen  sofort  einzustellen.  Es  wird  der  Österreichischen
Nationalbank  vorgeworfen,  daß  sie  sich  im  Jahre  1848  alles  Silber  absaugen  ließ.
Österreich  mußte  das  Silber  dann  für  Kriegszwecke  teuer  zurückkaufen.Wenn
die  Beruhigung  des  Verkehrs  durch  Abgabe  einer  mäßigen  Menge  von  Währungsmünzen ­
  102)  nicht  zu  erreichen  ist,  kann  der  Staat  nicht  selten  mit  Erfolg
den  Inlandverkehr  mit  Hilfe  von  uneinlöslichem  Zettel-  los)  und  Girogeld
aufrecht  erhalten.  Es  würde  so  eine  vollständige  Trennung  des  Inlandgeldes
  vom  Welt  geld  erfolgen,  die  von  vielen  Theoretikern  und  Praktikern
seit  langem  erörtert  wird.i®^)  Die  Anhänger  dieser  Richtung  sind  gewöhnlich
auch  Vertreter  der  bewußten  Regulierung  der  Wechselkurse.
Ehe  man  aber  zu  diesem  äußersten  Mittel  schreitet,  kann  zunächst  der
Versuch  gemacht  werden,  die  Goldabgabe  in  den  Fällen  einzuschränken,  wo  sie
nicht  unbedingt  erforderlich  ist.  So  hatte  z.  B.  die  Russische  Reichsbank  vor
dem  Ausbruch  des  Russisch-Japanischen  Krieges  den  Auftrag  erhalten,  möglichst
Gold  und  nur  auf  Verlangen  Papier  abzugeben,  da  man  die  Bevölkerung  an
den  Goldumlauf  gewöhnen  wollte.  Als  der  Krieg  ausbrach,  wurde  dagegen  die
Bank  angewiesen,  grundsätzlich  in  Papier  zu  zahlen  und  nur  auf  Verlangen  Gold
abzugeben.  Auch  wurden  nun,  im  Gegensatz  zu  früher,  Noten  in  kleinerer

09)  Vgl.  Bismarcks  Reden.  Edit.  Reclam,  II,  S.  176  f.  Abgeordnetenhaus. ­
  21.  Januar  1864.
100)  o.  Neurath,  Uneinlösliches  Girogeld  im  Kriegsfälle.  Jahrb.  f.
Gesetzgeb.,  Verwalt,  u.  Volkswirtsch.  i.  D.  Reiche.  XXXIII,  S.  979.
101)  K  Kram  aï-.  Das  Papiergeld  in  Österreich  seit  1848.  Leipzig  1886,  S.  7.
102)  Auch  Kurantgeld  kann  eventuell  die  Bevölkerung  beruhigen,  in  Österreich ­
  also  die  Silbergulden,  oder  sogar  bestimmtes  Scheidegeld,  in  Österreich
vor  allem  die  in  manchen  Kreisen  sehr  beliebten  Fünfkronenstücke.
103)  Sollte  die  Banknote  noch  nicht  Kurantgeld  sein,  so  wird  sie  im  Kriegsfälle ­
  gewöhnlich  dazu  gemacht.
104)  Vgl.  J.  Steuart,  a.  a.  O.  IV,  S.  78.  „Coin  we  have  called  the
money  of  the  world,  as  notes  may  be  called  the  money  of  the  society.  The
first  then  must  be  procured  when  we  pay  a  balance  to  foreigners;  the  last  is
full  as  good  when  we  pay  among  ourselves.“  Vieles  über  die  Geldreform
findet  sich  auch  bei  Law.
        <pb n="45" />
        34

Stückelung  ausgegeben,  die  das  Gold  ersetzen  sollten.^os)  Von  derartigen  Einschränkumgen
  der  Qoldabgabe,  die  zuweilen  recht  bedeutende  Beträge  zu  ersparen ­
  geeignet  sind,  bis  zur  tatsächlichen  Einstellung  der  Barzahlungen  gibt
es  eine  Menge  von  Übergängen.  So  kann  z.  B.  die  Deutsche  Reichsbank  die
Barzahlung  innerhalb  der  gesetzlichen  Bestimmungen  erschweren,  indem  sie
an  den  Zweiganstalten  keine  Noteneinlösungen  vornimmt,  da  sie  dazu  nur  verpflichtet ­
  ist,  wenn  es  die  Barbestände  und  Geldbedürfnisse  der  Zweiganstalten
gestatten.  Da  dies  eine  lokale  Einstellung  der  Barzahlungen  bedeuten  kann,
wurde  von  manchen  Seiten  verlangt,  daß  die  Einlösung  wenigstens  innerhalb
einer  bestimmten  Frist  auch  an  den  Zweiganstalten  erfolgen  müsse.  Man
darf  aber  nicht  vergessen,  daß  ja  die  Bank  im  Kriegsfall  ohnehin  alles  Interesse ­
  daran  hat,  die  Barzahlungen  aufrecht  zu  erhalten.  So  hat  denn  auch
die  Preußische  Bank  im  Jahre  1866  die  während  der  Panik  präsentierten  Noten
an  allen  Kassen  anstandslos  eingelöst.Andere  Erschwerungen  der  Einlösung
können  dadurch  erfolgen,  daß  die  Bank  etwa  die  Kassen  nur  kurze  Zeit  im
Laufe  des  Tages  öffnet,  eine  ungenügende  Zahl  von  Beamten  die  Einlösung
vornehmen  läßt,  die  Weisung  gibt,  die  Einlösung  in  möglichst  klemen  Münzen
vorzunehmen,  dieselben  dem  Publikum  vorzuzählen,  oder  gar  die  Noten  auf
ihre  Echtheit  umständlich  zu  prüfen.  Während  diese  Maßnahmen,  falls  nicht
ausdrücklich  entgegenlautende  Gesetzesbestimmungen  vorliegen,  noch  keine  teilweise ­
  Einstellung  der  Barzahlung  bedeuten,  ist  dies  der  Fall,  wenn  z.  B.  Noten
nur  in  bestimmten  Beträgen  eingelöst  werden.  Auch  eine  Besteuerung  bei
Gelegenheit  der  Einlösung  bildet  eine  teilweise  Einstellung  der  Barzahlung.!")?)
Oder  die  Bank  individualisiert  bei  der  Einlösung  in  der  Weise,  daß  sie  nur  an
bestimmte  Firmen  Münzen  abgibt,  nachdem  sie  den  Zweck  der  Einlösung  kennen
gelernt  hat.  Dies  Verfahren  praktiziert  die  österreichisch-ungarische  Bank  bei
der  Devisenabgabe  auch  in  Friedenszeiten,  und  zwar  mit  dem  besten  Erfolg.
Sie  erschwert  den  Devisenexport  zu  Arbitragezwecken,  erleichtert  hingegen
denselben,  wenn  er  zur  Begleichung  von  Zahlungen  dient.lo«)  Es  ist  daher
durchaus  erwägenswert,  dies  Prinzip  auch  im  Kriegsfall  zur  Anwendung  zu
bringen.  Man  kann  auf  diese  Weise  auch  erreichen,  daß  bei  niedrigem  Inlandzinsfuß ­
  die  Goldausfuhr  erschwert  wird.  Während  des  Kampfes  zwischen  den
Nord-  und  Südstaaten  schlug  der  Schatzsekretär  der  Union,  Chase,  —  der
seine  Vorschläge  auch  theoretisch  begründete  —  diese  Richtung  ein.  Er  hielt
die  Differenzierung  der  Diskontsätze  für  das  geeignete  Mittel.  Die  Banken
im  Innern  des  Landes  sollten  zu  einem  niedrigeren  Zinsfuß  diskontieren  dürfen,
als  die  Banken  an  den  Plätzen,  die  den  Außenhandel  vermittelten.!»®)  Dabei
wurde  der  Export  von  Münzen  zu  Zwecken  der  Arbitrage  und  zur  Begleichung
von  Zahlungen  gleich  behandelt.  Da  in  Österreich-Ungarn  die  Barzahlungen
nicht  gesetzlich  durchgeführt  sind,  können  wir  sämtliche  Methoden  der  partiellen ­
  Einlösung  ohne  gesetzgeberische  Maßregeln,  gewissermaßen  auf  dem
Verwaltungswege,  durchführen.  Die  Einstellung  der  Barzahlungen  kann  übrigens,
wenn  sie  geschickt  durchgeführt  wird  und  falls  genügendes  Vertrauen  besteht,
ohne  große  Störungen  geschehen,  wie  das  Beispiel  von  England  beweist,  das
1797  zur  Bankrestriktion  schritt.  Wie  wir  gelegentlich  der  Besprechung  des
Kriegsschatzes  betonten,  muß  die  Einstellung  der  Barzahlungen  keineswegs
mit  einer  Verschlechterung  der  Notendeckung  Hand  in  Hand  gehen.  In  ähnlicher ­
  Weise,  wie  die  Einlöslichkeit  der  Noten,  kann  der  Staat  die  Einlöslichkeit
des  Girogeldes,  bei  gleichzeitiger  Erhebung  zum  Kurantgeld,  sistieren,
indem  er  z.  B.  erklärt,  daß  rtfur  „Schecks  zur  Verrechnung“,  nicht  aber  „Schecks
zur  Barabhebung“  verwendet  werden  dürfen.  Solchen  Personen,  die  Zahlungen

!05)  K.  Hel  ff  rieh,  a.  a.  O.  S.  127.
!o»)  A  d.  Wagner,  System  der  Zettelbankpolitik.  Freiburg  i.  Br.  1873,  S.  59.
!o?)  Vgl.  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.  S.  515/516.
!08)  w  Federn,  Das  Problem  gesetzlicher  Aufnahme  der  Barzahlungen
in  Österreich-Ungarn,  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.,  Verwalt,  u.  Volkswirtsch.  i.  D.  Reiche.
XXXIV,  S.  160.
!09)  C.  V.  H  o  c  k,  a.  a.  O.  S.  457  ff.
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        35

zu  empfangen  haben,  aber  kein  Girokonto  besitzen,  könnte  ein  solches  eröffnet
werden.  Die  Barbestände  der  Depositen-  und  Qirobanken  könnte  der  Staat
zunächst  unangetastet  lassen,  sie  stünden  jeden  Augenblick  zur  Verfügung  die
Zerstreuung  des  Edelmetalles  über  das  Land  wäre  verhindert,  auch  brauchten
die  Banken,  Sparkassen  usw.  die  von  ihnen  gewährten  Kredite  nicht  zu  kündigen, ­
  was  besonders  bedenklich  ist,  soweit  es  sich  z.  B.  um  Hypothekarkredite ­
  handelt.  Abgesehen  von  der  Schädigung  der  Kreditnehmer,’lo)  würde
ein  eventuell  nötig  werdender  Massenverkauf  von  Immobilien  deren  Preise
übermäßig  herunterdrücken.  Auch  würden  die  Bestände  an  Staatspapieren
realisiert  werden,  was  einen  Sturz  der  Kurse  zur  Folge  hätte,  der  im  allgemeinetn
nicht  im  Interesse  des  Staates  sein  kann.m)  In  gewissen  Fällen  könnte  die
absolute  Uneinlöslichkeit  des  Qirogeldes  nützlich  sein.  Meist  dürfte  dagegen
die  oben  beim  Zettelgeld  angedeutete  Politik  angezeigt  sein,  d.  h.  an  die
Firmen,  die  Auslandszahlungen  zu  leisten  hätten,  wären  Devisen  und  Gold
abzugeben.  Würde  man,  statt  die  Depositen  als  uneinlösliche  Giroguthaben
zu  behandeln,  ihre  Abhebung  zwar  gestatten,  aber  in  uneinlöslichen  Noten
zahlen,  so  würde  zwar  der  Metallabfluß  vermieden  werden,  nicht  aber  die
Kündigung  der  Kredite  durch  die  Banken.  Sind  die  Girogelder  einlöslich,  so
werden  sie  vielfach  auch  dann  behoben,  wenn  sie  nur  in  uneinlöslichen  Noten
ausgezahlt  werden,  während  man  über  sie  mit  „Schecks  zur  Verrechnung“  nicht
häufiger,  vielleicht  sogar  noch  seltener  als  sonst  verfügen  dürfte,  ln  welcher
Weise  diese  Maßnahmen  durchzuführen  wären,  ob  alle  Depositen,  oder  nur  die
bei  gewissen  Banken,  in  uneinlösliche  Giroguthaben  umzuwandeln  wären,  kann
hier  nicht  näher  erörtert  werden.  Die  Verringerung  der  Bardeckung  des
Girogeldes  zugunsten  des  Staates  ist  der  Verringerung  der  Bardeckung  des
Zettelgeldes  verwandt.  Ein  Unterschied  besteht  insofern,  als  die  Deckung
des  Girogeldes  bis  jetzt  nur  unzulänglich  gesetzlich  geregelt  ist.  Die  Verringerung ­
  der  Bardeckung  ist  bei  einlöslichem  ebenso  wie  bei  uneinlöslichem  Girogeld ­
  möglich,  wie  ja  auch  bei  einlöslichem  Zettelgeld.  Gegebenenfalls  erklärt
sich  der  Staat  bereit,  aus  den  laufenden  Einnahmen  etwaige  Barabhebungen  zu
ermöglichen,  wie  er  unvollständig  gedecktes  oder  sogar  ungedecktes  Zettelgeld
einlösen  kann.  Eine  derartige  Antastung  von  Girogeld  erfolgte  z.  B.  in  Venedig,
auch  wurde  behauptet,  der  holländische  Staat  habe  die  Bardeckung  des  metallisch ­
  voll  gedeckten  uneinlöslichen  Girogeldes  der  Bank  von
Amsterdam  112)  verringert.  Struensee  hat  sich  für  eine  derartige  Verwendung ­
  der  Bardeckung  des  Girogeldes  im  Kriegsfall  ausgesprochen  und  verlangt,
daß  dies  nicht  etwa  heimlich,  sondern  bei  voller  Publizität  geschehen  solle.
Die  Heimlichkeit  wirke  nur  lähmend,  während  der  Staatskredit  wohl  ausreichend
sei,  bedenkliche  Verwirrung  zu  verhindern.  Diejenigen,  welche  für  die  Aufhebung ­
  der  Publizität  der  groben  Notenbanken  im  Kriegsfall  sind,“^)  um  den
Feind  nicht  zu  orientieren  und  das  Publikum  nicht  zu  beunruhigen,  dürften
wohl  auch  gegen  die  von  Struensee  geforderte  Veröffentlichung  sein.
Die  Goldentnahme  durch  den  Staat  kann  entweder  zwangsweise  oder  in
Form  eines  von  den  Banken  freiwillig  gewährten  Kredits  erfolgen.  Selbstverständlich ­
  kann  der  Staat  auch  in  der  Weise  Kredit  von  den  Banken  erhalten.

110)  Ob  die  Einschränkung  der  Gewährung  von  Hypothekarkrediten  durch
Sparkassen  (vgl.  J.  Rieß  er,  a.  a.  O.,  S.  35)  und  die  dadurch  bedingte
Schädigung  aller  Hypothekarkreditsuchenden  besonders  des  flachen  Landes  das
beste  Gegenmittel  ist,  scheint  fraglich.  Schließlich  ist  Liquidität  nicht  der
oberste  Zweck.
111)  O.  Neurath,  Uneinlösliches  Girogeld  im  Kriegsfall,  a.  a.  O.
112)  Vgl.  über  das  Girogeld  der  Bank  von  Amsterdam  :  J.  Steuart,
a.  a.  O.  B.  IV,  S.  251  ;  B.  IV,  c.  37,  S.  2.  Of  the  Bank  of  Amsterdam.  —
A.  Smith,  a.  a.  O.  B.  IV,  c.  3.  Digression  concerning  Banks  of  Deposit,
particularly  concerning  that  af  Amsterdam.
113)  Struensee,  a.  a.  O.  412ff.
114)  Vgl.  Ströll,  Über  das  deutsche  Geldwesen  im  Kriegsfall.  Jahrb.
f.  Gesetzgeb.,  Verwalt,  u.  Volkswirtsch.  i.  D.  R.  1899,  S.  445.

3*
        <pb n="47" />
        36

daß  sie  ihm  ein  Konto  ohne  Einzahlung  seinerseits  eröffnen.  Dies  wirkt  ähnlich
wie  eine  Vermehrung  von  Papiergeld,  während  im  ersten  Fall  die  Menge  der  Inlandsumlaufmittel ­
  nicht  verändert  und  nur  für  den  Außenverkehr  Gold  entnommen ­
  würde.  Solange  der  Staat  nur  mäßige  Kredite  in  dieser  Weise  erhält,  ist
freilich  keine  starke  Veränderung  im  Zirkulationswesen  zu  erwarten.^^^)
Im  Moment  des  Kriegsausbruches  werden  zahlreiche  Kredite  gekündigt,
und  sowohl  Handel  als  auch  Industrie  suchen  sich  durch  Wechseldiskontierung
Geld  zu  beschaffen.  Die  Politik  der  Banken  kann  nun  sehr  verschieden  sein.  Sie
können  entweder  aus  Angst  für  ihren  Barschatz  die  Kreditgewährung  erschweren,
so  wurden  zu  Beginn  des  Russisch-Japanischen  Krieges  die  Beleihungsgrenzen
bei  Lombarddarlehen  in  Rußland  herabgesetzt,  sie  können  aber  auch  im  Interesse ­
  des  Landes  die  Kreditgewährung  erleichtern,  wie  dies  die  Russische
Reichsbank,  nachdem  die  Zeit  der  Panik  vorüber  war,  besonders  gegenüber
den  Privatbanken  getan  Tiat.^i®)  Eine  Einschränkung  der  Notenemission  muß
nicht  erfolgen.  Eine  Erhöhung  des  Diskontsatzes  wird  dabei  wohl  in  den
meisten  Fällen  stattfinden.  Der  hohe  Diskontsatz  hat  auch  einen  erhöhten  Depositenzinsfuß ­
  im  Lande  zur  Folge,  der  die  Panikreserven  wieder  herbeilockt.
Die  großen  Notenbanken  werden  in  Kriegszeiten  stärker  in  Anspruch  genommen,
weil  die  kleineren  Banken  aus  Angst  die  Kreditgewährung  im  allgemeinen  einschränken.i!^)
  Auch  muß  damit  gerechnet  werden,  daß  viele  kleinere  Banken
Wechsel  zur  Rediskontierung  zur  Zentralnotenbank  bringen.  Ob  es  immer
gelingen  dürfte,  die  Banken  zu  einem  der  Gesamtheit  wünschenswerten  Verhalten ­
  zu  bewegen,  erscheint  zweifelhaft.  Bei  weitgehenden  Derouten  wäre
schließlich  sogar  eine  staatliche  Zwangsverwaltung  sämtlicher  Geldinstitute  im
Kriegsfall  nicht  unbedingt  abzuweisen.  Denn  die  bloße  Forderung,  die  kleineren
Banken  sollten  sich  nidht  vom  Augenblick  leiten  lassen,  legt  schon  die  Frage
nahe,  was  zu  tun  sei,  wenn  sie  dazu  nicht  gewillt  sind.  Wie  weit  die  Giroguthaben ­
  der  Zentralnotenbanken  im  Kriegsfall  verringert  werden,  ist  strittig.^*)
Auslandguthaben  werden  sicher  in  großer  Zahl  gekündigt,  doch  dürften  sich
bei  vermehrter  Kreditgewährung  auch  viele  Guthaben  vergrößern.
Die  Kreditgewährung  wird  im  Kriegsfall  häufig  in  der  Weise  ermöglicht,
daß  eigene  Kriegsdarlehenskassen  errichtet  werden,  welche  Lombarddarlehen ­
  gewähren.  Sie  können  dafür  entweder  Staatspapiergeld  oder  eigene
Wertzeichen  emittieren,  deren  Deckung  statt  in  Edelmetall  und  kurzfristigen
Forderungen  in  den  Lombardpfändern  besteht,  ein  Vorgang,  den  die  Theoretiker ­
  des  XVIII.  Jahrhunderts  eingehender  als  die  der  Gegenwart  erörterten.
Wer  im  Besitz  von  Waren  ist,  kann  sich  aut  diese  Weise  Zahlungsmittel  verschaffen.ii^)
  Es  fehlt  ja  nicht  an  Gütern,  sondern  an  Zahlungsmitteln;  ja,  auf
vielen  Gebieten  herrscht  Überproduktion,  da  die  Güter  nicht  sofort  absetzbar
sind.  Es  sprechen  viele  Gründe  dafür,  solche  Darlehenskassen,  wie  sie  z.  B.
1848  und  1866  von  Preußen  und  1870  vom  Norddeutschen  Bund  errichtet
wurden,  nicht  in  direkte  Verbindung  mit  den  Emissionsbanken  zu  bringen.
Man  könnte  sie  ihnen  aber  ähnlich  angliedern,  wie  der  Österreichisch-ungarischen
Bank  ihr  Pfandbriefinstitut.
Gewöhnlich  wird  bei  erheblichen  Störungen,  insbesondere  infolge  von
Niederlagen,  ein  Wechselmoratorium  gewährt,  das  die  Deckung  der
Notenbanken  bedeutend  verschlechtert.  Sie  haben  freilich  um  diese  Zeit  wohl
meist  schon  die  Barzahlungen  eingestellt.
Alle  diese  Vorkehrungen  zusammengenommen  können  eine  Vermehrung
der  Zahlungsmittel  entsprechend  dem  Bedarf  ermöglichen.  Da  sie  gelegentlich
der  Kreditgewährung,  nicht  bei  Zahlungen  des  Staates  erfolgt,  werden  manche
Gefahren  des  Staatspapiergeldes  vermieden.  Es  kann  auf  diese  Weise  gelingen,
viele  Unternehmungen  vor  dem  Untergange  zu  bewahren.  Ist  es  schon  in  Frie-115)

  Struensee,  a.  a.  O.  1,  S.  418.
116)  K.  H  elf  f  rieh,  a.  a.  O.  S.  189.
111)  Vgl.  Ad.  Wagner,  System  d.  Zettelbanken.  S.  366.
118)  Vgl.  Ströll,  a.  a.  O.  S.  191.
118)  Vgl.  Ströll,  a.  a.  O.  S.  184.
        <pb n="48" />
        37

denszeiten  unmöglich,  in  jedem  Augenblick  alle,  ja  nur  einen  erheblichen  Teil
aller  Zahlungen  in  Bar  zu  leisten,  um  wieviel  weniger  im  Kriegsfall.  Bestimmte
Typen  von  Unternehmungen,  so  z.  B.  Sparkassen,  weisen  grundsätzlich  nur
einen  geringen  Grad  von  Liquidität  auf.120)
Die  von  mancher  Seite  erhobene  Forderung,  die  Liquidität  mehr  zu  berücksichtigen, ­
  könnte  eine  weitere  Hemmung  unserer  ohnehin  schon  stark  gehemmten ­
  Produktion  und  Konsumtion  bedeuten.  Ein  Ausweg  wäre  möglich,
wenn  man  die  Realkredite  etwa  in  Rentenschulden  umwandelt  oder  statt  der
festen  Beladung  wenigstens  teilweise  Anteilschaftsbelastung  durchführt.121)
Schließlich  ist  nicht  die  Liquidität,  sondern  der  Verbrauch  das  oberste  Ziel
unserer  Wirtschaft.  Rießer  hebt  mit  Recht  gelegentlich  hervor,122)  daß
eine  völlige  ^Kriegsbereitschaft'  der  Kreditbanken  ihre  „Qeschäftsbereitschaft"
  teilweise  ausschließen  würde.  Eine  vollständige  Kriegsbereitschaft ­
  ist  ja  nie  durchführbar,  denn  dies  würde  z.  B.  heißen,  daß  Notenbanken
nur  vollgedeckte  Noten  ausgeben  dürften,  ist  doch  eine  prinzipielle  Berechnung,
wieviel  Noten  zur  Einlösung  präsentiert  werden,  unmöglich.
Die  Reserven  an  Gold,  Goldforderungen  und  leicht  realisierbaren  Auslandund
  Inlandwerten  werden  immer  nur  von  verhältnismäßig  geringer  Bedeutung
sein  können.  Ob  der  Rat,  sich  vor  Festlegung  großer  Beträge  zu  bewahren,
durchführbar  ist,  läßt  sich  schwer  diskutieren,  da  die  Statistik  über  diese  Punkte
wenig  Auskunft  gibt.  Im  großen  und  ganzen  muß  man  wohl  sagen,  daß  alle
Kreditinstitute  und  sonstigen  Unternehmungen  nur  mit  normalen  Erschütterungen
unserer  Wirtschaft  redhnen  können,  weil  nur  so  unser  Wirtschaftsbetrieb
möglich  ist.  Je  mehr  man  schwere  Erschütterungen  in  Rechnung  zieht,  desto
mehr  schädigt  man  den  normalen  Wirtschaftsbetrieb.  Daß  man  aus  diesem
Dilemma  heute  nicht  heraus  kann,  ist  eine  wesentliche
Eigentümlichkeit  unserer  Wirtschaft.  Daß  der  Krieg  zeitweilig
dazu  führt,  insbesondere  dann,  wenn  man  einmal  die  Metallwährung  aufgegeben
hat,  die  üblichen  Forderungen  an  die  Liquidität  fallen  zu  lassen,  ist,  wie  wir
sahen,  mit  eine  Ursache  gelegentlichen  Aufschwungs.  Daß  dann  freilich  wieder
Rückschläge  folgen,  gehört  mit  zu  der  eben  charakterisierten  Eigenschaft  unserer
Organisation.  Diese  Fragen  werden  deswegen  immer  wichtiger,  weil  sich  der
Liquiditätsgrad  der  Bankbilanzen  immer  mehr  verschlechtert.^^^)  Hierzu  kommt
noch,  daß  viele,  in  normalen  Zeiten  sichere,  kurzfristige  Forderungen  in  Kriegszeiten ­
  nicht  erfolgreich  hereingebracht  werden  können,  was  die  Situation  weiter
verschlimmert.
Überblicken  wir  die  durch  den  Kriegsfall  gegebenen  Schwierigkeiten  auf
dem  Gebiete  des  Zahlungsmittel-  und  Kreditwesens,  so  sehen  wir,  daß  sie  alle
schon  in  Friedenszeiten  vorhanden  sind  und  daß  es  ein  Irrtum  wäre,  den
Krieg  als  ihre  Ursache  anzusehen.  Nach  den  Erfahrungen  des  letzten  Jahrhunderts ­
  scheint  es  aber  beinahe,  daß  im  Vergleich  mit  Wirtschaftskrisen
in  Friedenszeiten  die  eigentlichen  Kriegskrisen  verhältnismäßig  milde  verlaufen. ­
  Zum  Teil  dürfte  dies  damit  Zusammenhängen,  daß  der  Krieg,
wie  wir  sahen,  nicht  selten  Kräfte  sidh  frei  entfalten  laßt,  die  sonst  zurückgedrängt ­
  waren,  und  weil  andererseits  der  Staat  tiefer  eingreift  als  in
Krisenzeiten.  In  Friedenszeiten  überläßt  man  es  gemeinhin  der  Börse
und  den  Banken,  zu  helfen,  wie  es  eben  geht,  während  in  Kriegszeiten,  wo
das  Staatswohl  in  ganz  anderer  Weise  auf  dem  Spiele  steht,  auch  energischere ­
  Eingriffe  in  die  Wirtschaftsfreiheit  gemacht  werden. ­
  Dabei  schreckt  man  prinzipiell,  wie  man  immer  wieder
sehen  kann,  vor  keinem  Schritt  zurück,  der  irgendwie  ge  -
120)  In  Deutschland  sind  61  0/0  der  Einlagen  in  Hypotheken  und  etwa  28  0/0
in  Wertpapieren  angelegt.  Vgl.  J.  R  i  e  ß  e  r,  a.  a.  O.  S.  35.
121)  VV.  Neurath,  Elemente  der  Volkswirtschaftslehre.  4.  Aufl.  Wien
1903,  S.  139.  Vgl.  Rodbertus,  Zur  Erklärung  und  Abhilfe  der  heutigen
Kreditnot  der  Grundbesitzer.  Jena  1869,  II,  S.  80.
122)  Vgl.  J.  Rießer,  a.a.O.S.  28.
123)  J.  Rießer,  a.  a.  O.  S.  31.
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        38

eignet  sein  könnte,  den  Mechanismus  in  Betrieb  zu  erhalten.
Es  läßt  sich  schwer  angeben,  unter  welchen  Umständen  die  Vorkehrungen ­
  auf  dem  Gebiete  des  Notenbankwesens  genügen,  um  die  Zahlungsund ­
  Kreditverhältnisse  im  Kriegsfall  zu  ordnen,  wann  auch  die  Verfügung
über  das  Girogold  sich  als  zweckmäßig  erweisen  würde,  wann  die  Emission
von  Staatspapiergeld  zur  Begleichung  der  Inland-,  in  letzter  Reihe  auch  der
Auslandzahlungen  nötig  wird.  Die  Verwendung  sonstiger  Zahlungsmittel,  z.  B.
von  Obligationen,  Briefmarkenzerstückelten  Noten,  wenn  die  emittierten
für  den  Kleinverkehr  nicht  ausreichen,  sei  hier  nur  erwähnt.  Bei  Staatspapiergeld ­
  wird  im  allgemeinen  Steuerfundation  vorhanden  sein,  doch  kann  dieselbe
feblpn  125)  und  der  Staat  auf  diese  Weise  Gold  sammeln  und  Papier  ausgeben
—  wenn  es  ihm  gelingt.  1st  die  Emission  der  verschiedenen  Zettelgeldarten
mit  Bedacht  geregelt,  so  braucht  gar  keine  erhebliche  Störung  der  Wirtschaft
zu  erfolgen,  es  kann  vielmehr,  wie  wir  schon  erwähnten,  geradezu  günstig
wirken,  wenn  die  Wirtschaft,  auf  einige  Zeit  wenigstens,  im  Inland  von  der
Verpflichtung,  in  jedem  Augenblick  alle  Forderungen  in  Metallgeld  erfüllen
zu  müssen,  befreit  ist.  Wenn  auch  nicht  ohne  weiteres  gesagt  werden  kann,  daß
die  Geldvermehrung  an  sich  die  Produktion  hervorruft,  so  kann  sie  doch  eine
Produktion,  die  sich  entwickeln  möchte,  darin  unterstützen.  Tritt  die  Geldvermehrung ­
  ein,  so  ist  eine  Erhöhung  der  Preise  aller  Waren  und  Dienste,
sowie  eine  Erniedrigung  des  Zinsfußes  die  Folge.  Wäre  der  Zinsfuß  im
Steigen  begriffen,  so  würde  das  Steigen  jedenfalls  langsamer  erfolgen  als
sonst.  Die  weiteren  Wirkungen  der  Zettelgeldemission  oder  der  Vermehrung
sonstiger  Zahlungsmittel  hängt  vorwiegend  davon  ab,  ob  die  Bevölkerung
durch  die  Kriegsereignisse  gehemmt  oder  angeregt  wird.  Wo  volles  Vertrauen
auf  die  Zukunft  herrscht,  wird  es  leicht  zu  einem  regen  und  gedeihlichen  Wirtschaftsbetrieb ­
  kommen,  während  die  Geldvermehrung  bei  träger  Geschäftsführung, ­
  bei  verlangsamter  Umlaufsgeschwindigkeit  nur  dazu  führt,  den  Staat
zu  immer  neuen  Emissionen  zu  drängen.  Es  tritt  keine  Mehrproduktion  ein,
keine  entsprechende  Vergrößerung  der  Steuerkraft,  keine  entsprechende  Vermehrung ­
  der  Fähigkeit,  Anleihen  zu  kaufen,  nur  eine  allgemeine  Teuerung.
Die  Kaufkraft  des  Papieres  kann  beliebig  tief  sinken,  namentlich  dann,  wenn
der  Staat  die  Steuerfundation  aufhebt.  Geschädigt  sind  verhältnismäßig  diejenigen, ­
  die  am  meisten  Papiergeld  in  der  Hand  haben.  Diese  Möglichkeit  kann
von  vornherein  das  dem  Zettelgeld  entgegengebrachte  Vertrauen  schwer  erschüttern. ­
  Hierzu  kommt  noch,  daß  Papiergeld  in  kritischen  Zeiten  weit
mehr  der  Fälschung  ausgesetzt  ist  als  anderes  Geld.^^e)  Die  Fälscher  hoffen^
es  im  Trubel  eher  unterzubringen.  Da  die  Ausgabe  falschen  Papiergeldes  den
Kurs  des  Papieres  überaus  stark  zu  drücken  pflegt,  soll  von  feindlichen  Staaten
schon  geradezu  falsches  Papiergeld  eingeschmuggelt  worden  sein,  um  dies  Ziel
zu  erreichen.
Trotz  dieser  schweren  Störungen,  die  beim  Zettelgeldumlauf  Vorkommen
können,  darf  man  nicht  vergessen,  daß  die  Realeinkommen  eines  Staates  unter
dem  Einfluß  desselben  doch  erheblich  gestiegen  sein  können.  Was  an  Fabriken
g egründet  wurde,  was  nun  an  produktiven  Kräften  befreit  wurde,  ist  auch  weiterin ­
  wirksam,  und  wenn  die  Verwirrung  überwunden  ist,  befindet  man  sich  häufig
auf  einer  höheren  Wirtschaftsstufe  als  vorher.  Es  findet  dann  eine  ähnliche  Entwicklung ­
  satt,  wie  sie  Law  in  Frankreich  hervorrief.  Über  der  Schilderung  des
finanziellen  Zusammenbruchs  und  der  Verwirrung  der  Geld  Verhältnisse  vergißt ­
  man  nicht  selten  die  Entfaltung,  welche  in  der  Welt  der  Produktion
erfolgte  und  die  nicht  wieder  rückgängig  gemacht  wurde.
Die  Realeinkommen  der  Unternehmer  und  Arbeiter  pflegen  sich,  falls  ein
wirtschaftlicher  Fortschritt  stattfindet,  bei  dieser  Gelegenheit  zu  ungunsten  der
Geldverleiher  und  Rentenbezieher,  sowie  jener,  die  fixe  Bezüge  haben,  zu  erhöhen.
Der  große  Vorteil,  der  in  diesen  Zeiten  Unternehmern  zufließt,  veranlaßt  viele

124)  Vgl.  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.  S.  448,  461.
125)  Vgl.  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.  S.  403.
126)  Vgl.  C.  V.  Hock,  S.  514.
        <pb n="50" />
        39

Geldbesitzer,  lieber  Unternehmer  zu  werden,  indem  sie  Aktien  kaufen,  statt  ihr
Geld  gegen  Zinsen  zu  verleihen.  Diese  Veränderungen  im  Inland  müssen
nicht  notwendig  das  Verhältnis  zum  Ausland  beeinflussen,  wenn  die  Zahlungen
ans  Ausland  wie  bisher  in  Gold  und  Golddevisen  geleistet  werden.  Die
Wirkungen  auf  den  Export  und  Import  hängen  dann  wesentlich  von  der  Zahlungsbilanz ­
  und  dem  eventuell  eintretenden  Disagio  der  Noten  gegenüber  dem  Goidgeld
  ab.  Im  Falle  ein  Disagio  den  Import  von  Industrieartikeln  erschwert  und
die  eigene  Industrie  im  Aufstreben  begriffen  ist,  es  aber  nicht  nötig  hat,  Rohstoffe ­
  zu  importieren,  wirkt  das  Disagio  des  Papiergeldes  ähnlich  wie  ei«
Schutzzoll,  falls  es  zu  Auslandszahlungen  ebenfalls  verwendet  werden  sollte.  Es
ist  dann  im  Interesse  der  Arbeiter  und  Unternehmer,  die  Papierwährung  aufrecht
zu  erhalten.  Wieweit  die  Bemühungen  der  Notenbanken,  in  Kriegszeiten  die
Wechselkurse  stabil  zu  erhalten,  von  Erfolg  begleitet  sind,  hängt  von  der  Größe
der  durch  den  Krieg  erzeugten  Verwirrung,  sowie  von  den  gesamten  Zahlungsverhältnissen ­
  ab.  Am  meisten  Erfolg  verspricht  eine  gleichmäßige  Handhabung
der  Devisenpolitik,  wie  sie  schon  in  Friedenszeiten  bei  manchen  Banken  üblich
ist.  Hingegen  weiß  man  aus  Erfahrung,  daß  ruckweise  Versuche,  durch  Goldund
  Devisenabgabe  ein  Disagio  zu  beseitigen,  die  Spekulation  noch  verschärfen
kann.127)  in  welcher  Weise  man  der  Devisen-  und  Valutenspekulation  zu  Leibe
geht,  kann  man  schwer  allgemein  erörtern.  Die  Österreichisch-ungarische  Bank
hat  dies  bekanntlich  erfolgreich  in  der  Weise  gemacht,  daß  sie  als  übermächtige
Käuferin  und  Verkäuferin  bei  jeder  von  ihr  als  wünschenswert  erachteten  Gelegenheit ­
  die  Spekulation  niederwarf  und  sie  so  auf  dem  Boden  der  freien  Konkurrenz ­
  zurückdrängte.  In  Kriegszeiten  wird  es  aber  zuweilen  ohne  eigentliche
gesetzgeberische  Maßregeln  in  dieser  Hinsicht  nicht  gehen,  wie  sie  z.  B.  Chase
während  des  Bürgerkrieges,  freilich  damals  ohne  wesentliche  Wirkung,  zur  Anwendung ­
  brachte.128)
Wenn  auch  die  Devisenbestände  für  die  Zwecke  der  Wechselkursregulierung
und  der  Beschaffung  von  Kriegsartikeln  von  der  größten  Bedeutung  im  Kriegsfälle ­
  sind,  so  wird  sich  doch  oft,  statt  einer  Verstärkung  der  Devisenbestände,
im  Mobilisierungsfall  eine  Stärkung  der  Goldbestände  empfehlen.  Es  besteht
nämlich  immer  die  Gefahr,  daß  von  seiten  neutraler  Mächte,
namentlich  aber  von  seiten  einer  feindlichen  Macht,  die
Erfüllung  von  Wechselforderungen  gegenüber  den  Angehörigen ­
  einer  kriegführenden  Macht  irgendwie  erschwert,
wenn  nicht  gar  unmöglich  gemacht  werden  könnte.  Es  kan«
dabei  formell  sogar  ganz  legal  vorgegangen  werden.  Die  Schwierigkeiten,  die
sich  kurze  Zeit  beim  Verkauf  englischer  Devisen  im  Jahre  1870  in  Berlin  ergaben,
weil  man  England  nicht  ganz  traute,  müssen  jedenfalls  im  Auge  behalten  werden.129)
  Entgegenstehende  völkerrechtliche  Bestimmungen,  die  auf  Abmachungen
der  Großmächte  beruhen,  geben  zwar  eine  gewisse  —  aber  keineswegs  eine  immer
ausreichende  Sicherheit.  Dies  dürfte  vielleicht  mit  die  Ursache  gewesen  sein,
weshalb  die  Österreichisch-ungarische  Bank,  gelegentlich  des  serbischen  Konfliktes, ­
  ihren  Goldschatz  auf  Kosten  des  Devisenschatzes  stärkte.  Daß  überdies
ein  großer  Goldschatz  das  Prestige  mehr  hebt  als  ein  Devisenschatz,  mag  auch
mitgewirkt  haben.^^o)  Da  die  österreichisch-ungarische  Bank  vor  allem  englische ­
  Devisen  besessen  haben  dürfte,  mußte  bei  der  damaligen  politischen
Lage  die  Vermehrung  des  Devisenbesitzes  um  so  bedenklicher  erscheinen.
Znletzt  sei  noch  auf  die  Wirkung  großer  Zahlungen  hingewiesen,  die  der
besiegte  Staat  dem  Sieger  zu  leisten  hat.  Die  großen  Geldmassen  bewirken)
nicht  selten  krisenartige  Erscheinungen,  weil  alles  sich  an  Neugründungen  macht,
die  Preise  steigen  und  die  Wirtschaft  sich  rasch  ausdehnt.  Der  Zusammenbruch ­
  erfolgt,  da  wir  nicht  gleichzeitig  die  Rentabilität  mit  der  Produktivität  und
mit  der  Liquidität  steigern  können.  Die  gesteigerte  Produktion  führt  zu  sinkender

127)  C.  V.  Hock,  a.  a.  O.
128)  Vgl.  C.  V.  H  o  c  k,  a.  a.  O.  S.  479.
129)  J.  Rießer,  a.  a.  O.  S.  26.
130)  w.  Federn,  a.  a.  O.  S.  159.
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        40

Rentabilität  und  in  der  Folge  zum  wirtschaftlichen  Zusammenbruche.  Sowohl
Deutschland  nach  dem  Französischen  Krieg  als  auch  Japan  nach  dem  Chinesischen
Krieg  1^1)  haben  diese  Folgen  zu  verspüren  bekommen.  Bleibt  auch  vieles  von
dem  bestehen,  was  die  Zeit  des  Aufschwunges  geschaffen,  so  sind  die  Schäden  noch
immer  arg  genug,  besonders  schwer  lastet  aber  auf  allen  die  Konsumbeschränkung,
obgleich  alle  Bedingungen  zu  einer  Mehrproduktion  gegeben  wären.
Durch  die  Zahlung  einer  großen  Geldsumme  wird  eine  Verschiebung  der
Realeinkommen  zweier  Völker  einen  mäßigen  Grad  kaum  überschreiten  können.
Zunächst  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  die  entzogenen  Umlaufmittel  durch
eine  Reihe  von  Vorkehrungen  ersetzbar  sind.  Wenn  überdies,  wie  dies  von  seiten
Frankreichs  1871  geschah,  die  Gelder  größtenteils  in  Form  von  Anleihen  aufgenommen ­
  werden  und  nur  ein  Teil  in  Bargeld,  der  Rest  in  Devisen  und  anderen
Geldsurrogaten  bezahlt  wird,i32)  so  braucht  der  Staat  nur  Geld  für  die  nächsten.
Jahre  zu  beschaffen,  um  die  Renten  zu  zahlen,  was  bei  entsprechenden  Produktionsverhältnissen ­
  nicht  allzu  schwierig  ist.  Der  Staat  hingegen,  welcher
die  Geldsumme  erhält,  kann  sie  zwar  in  die  Zirkulation  werfen,  erreicht  dadurch
aber  zunächst  keine  größere  Produktenmenge,  da  ja  nicht  ebenso  rasch  eine
Mehrproduktion  erfolgt.  Die  nächste  Wirkung  sind  Preissteigerungen  ;  überdies
hängt  nun  alles  davon  ab,  auf  welcher  Stufe  der  Staat  steht;  ist  er  z.  B.  ein  beginnender ­
  Industriestaat,  so  strömt  ein  großer  Teil  des  Geldes  ins  Ausland,  um
Maschinen  usw.  zu  beschaffen.  Angenommen,  Deutschland  beschafft  auf  diese
Weise  Maschinen  aus  Frankreich,  so  geht  ein  Teil  des  Geldes  nach  Frankreich,
dies  bedeutet  aber  nun  nicht  etwa,  daß  Deutschland  sich  einen  größeren  Teil  der
französischen  Realproduktion  zu  sichern  vermag,  da  ja  die  nach  Frankreich
strömenden  Gelder  in  Frankreich  zunächst  keine  Erweiterung  der  Produktion  ermöglichen. ­
  Wir  sehen  aus  all  dem,  daß  selbst  eine  große  Geldzahlung  keinen
übergroßen  Schaden  verursachen,  daß  ein  übergroßes  Einströmen  von  Geld  aber
auch  keinen  übergroßen  Nutzen  stiften  kann,  da  ja  einer  starken  Vermehrung
der  Produktion  und  Konsumtion  durch  unsere  Einrichtungen  Schranken  gesetzt
sind.  Solche  Vorteile  und  Nachteile  treten  daher  in  der  Geldwirtschaft  immer
innerhalb  einer  mäßigen  Spannweite  auf,  die  weit  größer  wäre,  wenn
wir  in  einer  Naturalwirtschaft  wären.  Angenommen,  zwei
Staaten  nützten  ihre  Produktivkräfte  voll  aus  und  man  würde
dem  Staat,  der  Eisen  -  und  Kohlengruben  hat,  seine  Kohlengruben ­
  wegnehmen  und  ausschließlich  selbst  verwenden,
so  würde  eine  entschiedene  Schädigung  des  Gegners  vorliegen. ­
  England  hat  früher  diese  Politik  mit  vollem  Erfolg  praktiziert,  es  hat
zunächst  nicht  den  Geldmarkt,  sondern  vor  allem  den  Warenmarkt  beherrscht.
Durch  geschicktes  Operieren  auf  dem  Geldmarkt  wird  die  Herrschaft  auf  dem
Warenmärkte  gefördert.  Aber  in  volle  Abhängigkeit  kann  ein  Staat  dadurch  schon
deshalb  nicht  kommen,  weil  ihm  noch  immer  die  Möglichkeit  des  Bankerotts
bleibt.  Derselbe  bedeutet  ja  für  Staaten  nicht  den  wirtschaftlichen  Untergang,
sondern  nur  die  Befreiung  von  Lasten,  mit  gleichzeitiger  Erschütterung  des  Kredite,
der  aber  meist  bald  genug  wiederkehrt.  Ist  der  Gläubigerstaat  aber  gewillt,  den
Bankerott  mit  Waffengewalt  zu  verhindern,  so  vermag  er  auch  die  unmittelbare
Abhängigkeit  zu  erzwingen,  und  demgegenüber  gibt  es  für  den  Staat  nur  ein
Mittel  —  den  Krieg.
Als  Hauptergebnis  unserer  Untersuchung  können  wir  etwa  folgendes  bezeichnen: ­
  Der  Kriegsfall  zwingt  die  Gesamtheit  in  stärkerem  Maße  als  sonst,
die  zur  Verfügung  stehende  Gütermenge  im  Gegensatz  zur  vorhandenen
Geldmenge  ins  Auge  zu  fassen.  Im  Kriegsfall  wird  es  weit  offenbarer  als
im  Frieden,  daß  die  Überlegenheit  an  Waffen,  Munition,  Verpflegung,  Transportmitteln ­
  entscheidend  ist;  womit  nicht  geleugnet  werden  soll,  daß  die  finanzielle
Überlegenheit  militärische  Niederlagen  zuweilen  kompensieren  kann.  Das  Geld
erscheint  deutlicher  nur  als  eiiieä  der  vielen  Mittel,  um  die  Güterbeschaffung  zu

131)  Vgl.  Inouy,  Geschichte  der  finanziellen  Entwicklung  Japans  in  ,,Unser
Vaterland  Japan“.  Leipzig  1904,  S.  295.
132)  Vgl.  Renauld,  a.  a.  O.  S.  73.
        <pb n="52" />
        41

ermöglichen.  Der  Staat  pflegt  in  Zeiten  der  Not  dies  Werkzeug  mit  mehr  Energie
als  sonst  zu  formen  und  zu  seinen  Zwecken  zu  gebrauchen.  Erweist  es  sich
als  unbrauchbar,  so  scheut  er  nicht  vor  Umwandlungen  der  Wirtschaftsordnungzurück.
  Namentlich  bleibt  ihm  eine  letzte  Möglichkeit  bei  vorhandenen  produktiven ­
  Kräften,  ^ber  ungenügenden  Geldverhältnissen  —  die  Naturalwirtschaft. ­

Wir  sahen,  daß  der  Krieg  seit  jeher  dem  Sieger  Vorteile  gebracht  hat,
wir  sahen,  daß  die  Schäden  für  den  Besiegten  zu  verschiedenen  Zeiten  verschieden ­
  groß  war.  Viel  bemerkenswerter  erschien  aber  die  Tatsache,  daß  der
Krieg  weniger  Schaden  verbreitet,  als  man  auf  den  ersten  Blick,  bei  der  Betrachtung ­
  der  großen  Vernichtung  von  produktiven  Kräften  und  ihrer  Verwendung
zu  Kriegszwecken,  erwarten  sollte.  Dies  hängt,  wie  wir  zu  zeigen  versuchten,
damit  zusammen,  daß  unsere  Friedenswirtschaft  keine  volle  Entfaltung  unserer
Kräfte  kennt,  und  daß  der  Krieg  zuweilen  diesen  die  Möglichkeit  gibt,  wirksam
zu  werden,  sei  es,  daß  die  Produktivität  über  die  Rentabilität  gesetzt  wird,  sei  es,-daß
  der  Zirkulationsapparat  von  Beschränkungen  befreit  wird,  die  ihm  sonst
anhaften.  Auch  die  Aufsaugung  der  durch  unsere  Wirtschaftsordnung  gegebenen
relativen  Überbevölkerung  wirkt  vielfach  belebend.  Die  Klage  über  den  großen
Schaden  des  Krieges  entspricht  daher  weit  weniger  den  Tatsachen,  als  vielmehr ­
  die  Klage  darüber,  daß  wir  in  einer  Ordnung  leben,
in  der  solch  große  Verwüstungen  keinen  übermäßigen  Schaden ­
  anrichten,  ja  zuweilen  sogar  noch  erlösend  wirken.  Die  Tatsache,
daß  der  Krieg  selbst  nicht  die  Hauptursache  dieses  Aufschwunges  ist,  regt
die  Frage  an,  wie  sich  das  gleiche  Resultat,  vielleicht  sogar  noch  mehr,  auf
friedlichem  Wege  erreichen  lasse.  Würde  eine  Reform  möglich  sein,  welche  die
unbeschränkte  Produktion  und  Konsumtion  gestattet,  so  würde  der  Krieg  eine
größere  Geißel  als  heute  sein  ;  dann  würde  er  vielleicht  auch  häufiger  unterlassen
werden.  Es  kann  daher  möglicherweise  am  meisten  erreicht
werden,  wenn  man  nicht  den  Krieg  direkt  bekämpft,  sondern
manche  Mängel  unserer  Wirtschaft,  welche  seine  Schrecken
mildern  und  seine  Vorteile  erhöhen.
        <pb n="53" />
        42

III.
Einführung  in  die  Kriegswirtschaftslehre.
(1914.)

Vorbemerkungen  zur  Aufsatzreihe.

Zweck  der  im  folgenden  abgedruckten  Vorlesungen  war  es,  eine  allgemeine ­
  Orientierung  über  die  wichtigsten  Probleme  zu  bieten  und  vor  allem
das  Wesentliche  an  den  verschiedenen  Fragestellungen  und  Betrachtungsweisen
zu  zeigen.  Von  einem  systematischen  Aufbau  würfe  abgesehen.  Ein  solcher
wäre  auch  heute  noch  sehr  schwierig  zu  geben,  da  die  Kriegswirtschaftlehre ­
  eine  junge  Disziplin  ist,  wird  doch  im  folgenden  das  erste
M  a  1  der  Versuch  gewagt,  sie  als  Ganzes  theoretisch  zu  skizzieren.  Wenn
auch  alle  kriegswirtschaftlichen  Fragengruppen  Berücksichtigung  fanden,  so  war
es  doch  andererseits  naheliegend,  vor  allem  an  die  Beschaffung  der  für  den
Krieg  erforderlichen  Mittel  anzuknüpfen.  Es  sei  ausdrücklich  hervorgehoben, ­
  daß  die  folgenden
Apologie  des  Friedens,  noch
sprung  verdanken,  sondern
tragen.
Wien,  im  Mai  1914.

Ausführungen  weder  einer
einer  des  Krieges  ihren  Urre ­
  in  objektiven  Charakter

1.  Die  Kriegswirtschaftslehre  als  Sonderdisziplin.

Die  Volkswirtschaftslehre  beschäftigt  sich  mit  der
Frage,  wie  der  Wohlstand  von  der  Art  der  gesellschaftlichen ­
  Organisationen  abhängt,  welche  die  Verteilung  der
Güter  und  deren  Erzeugung  beeinflussen.  Sie  ist  noch  nicht
genügend  durchgebildet,  um  ausreichend  abgegrenzt  werden  zu  können.  Ähnlich ­
  steht  es  begreiflicherweise  mit  ihren  Teilgebieten,  die  unter  der  mangelhaften ­
  Entwicklung  der  Gesamtwissenschaft  mit  zu  leiden  haben.  Man  kann
Wirtschaftsorganisationen  verschiedener  Art  untersuchen  und  sie  nach  verschiedenen ­
  Gesichtspunkten  klassifizieren.  Eine  dieser  Abgrenzungen  führt  uns
dazu,  die  Wirkungen  des  Krieges  und  der  Kriegsrüstungen
auf  den  Wohlstand  der  Menschen  zu  untersuchen.  Ich  habe
für  diese  Disziplin  den  Namen  Kriegswirtschaftslehre  in  Vorschlag
gebracht.  Wenn  die  Volkswirtschaftslehre  bereits  ganz  ausgebaut  wäre,  müßten
alle  Fragen,  die  sich  auf  diesem  Sondergebiete  ergeben,  bereits  beantwortet
vorliegen.  Dies  ist  nur  teilweise  der  Fall  und  man  muß  daher  vielfach,  um  die
Kriegswirtschaftslehre  einigermaßen  vollständig  abhandeln  zu  können,  neue  Betrachtungen ­
  einfügen,  die  aber  schließlich  auch  in  der  Gesamtwissenschaft
Aufnahme  finden  werden.  Die  Kriegswirtschaftslehre  regt  nämlich  zu  einer
Reihe  fruchtbarer  Fragestellungen  an,  da  gerade  durch  den  Krieg  sehr  auffallende ­
  Erscheinungen  hervorgerufen  werden,  die  einer  genauen  Untersuchung
wert  sind.
Bisher  gibt  es  zwar  schon  eine  Reihe  trefflicher  kriegswirtschaftlicher
Sonderarbeiten,  so  von  Rieß  er,  Jöhrs,  Voelcker  und  anderen,  aber  noch  keine
zusammenfassende  Darstellung.  Dies  erklärt  sich  zum  Teil  daraus,
        <pb n="54" />
        43

daß  die  Volkswirtschaftslehre  der  neuesten  Zeit  vom  sogenannten  englischen
Liberalismus  ausging,  der  die  Anschauung  vertrat,  die  Menschen  würden  am
meisten  produzieren  und  konsumieren  können,  wenn  es  keine  Zollschranken,
keine  Beschränkungen  im  Inlande,  wie  sie  zum  Beispiel  das  Gewerberecht
enthält,  geben  würde.  Dieser  Anschauungsweise  waren  nur  jene  Probleme
geläufig,  welche  sich  mit  der  freien  Konkurrenz  beschäftigten.  Der  Krieg  war
für  sie  bloß  eine  Störung  der  Produktion  und  Konsumtion.  Die  Frage,  ob  ein
Volk  durch  einen  Krieg  nicht  reicher  werden  könnte,  wurde  kaum  berührt.
Die  theoretische  Volkswirtschaftslehre  der  Folgezeit  hat  zwar  diese  Grundgedanken ­
  mehrfach  verworfen,  aber  dem  Kriege  dennoch  keine  Aufmerksamkeit
geschenkt.  Nur  einzelne  Denker  haben  sich  mit  kriegswirtschaftlichen  Fragen
beschäftigt,  so  zum  Beispiel  Lowe  im  Zeitalter  der  napoleonischen  Kriege.
Im  letzten  Jahrzehnt  waren  es  vor  allem  praktische  Gründe,  welche  zu  kriegswirtschaftlichen ­
  Untersuchungen  drängten.  Die  Rüstungen  wuchsen  überaus
rasch  an.  Die  Völker  litten  erheblich  Unter  dem  Rüstungsdruck,  die  Verwicklung ­
  des  Geld-  und  Kreditwesens  war  so  fortgeschritten,  daß  die  Erschütterungen
eines  großen  Krieges  mit  steigender  Sorge  gefürchtet  wurden.  Insbesondere
die  Marokkokrise  hat  in  Deutschland,  aber  auch  in  anderen  Staaten,  zu  kriegswirtschaftlichen ­
  Schriften  Veranlassung  gegeben.  Dazu  kam  noch,  daß  auf
Seiten  der  Friedensfreunde  die  Wirkungen  des  Krieges  und  der  Rüstungen
auf  den  Wohlstand  immer  gründlicher  untersucht  wurden.  Alle  diese  Bestrebungen ­
  verdichten  sich  mehr  und  mehr  zu  geordneter  Tätigkeit.
Es  ist  zwar  heute  noch  vielfach  die  Beschäftigung  mit  dem  Kriege  eine
Sache  der  persönlichen  Zu-  oder  Abneigung.  Die  meisten  von  denen,  die  sich
über  den  Krieg  in  irgend  einer  Richtung  äußern,  treten  entweder  für  ihn  auf
oder  bekämpfen  ihn.  Dies  Verhalten  ist  vielen  Wissenschaften  in  ihrem  Anfangszustand ­
  eigen,  wenn  aber  die  Erörterungen  weiter  fortschreiten,  merkt
man  allmählich,  daß  es  eine  ganze  Gruppe  von  Problemen  gibt,  deren  Lösung
unabhängig  von  unserem  Gefallen  oder  Mißfallen  ist.  Der
Friedensfreund  und  der  Kriegsfreund  können  sie  völlig  gleichartig  beantworten,
um  dann  im  weiteren  Verlauf,  wenn  ihre  Wünsche  zum  Ausdruck  kommen,  die
tatsächlichen  Verhältnisse,  wie  sie  die  objektive  Wissenschaft  feststellt,  zu
verwenden.  Die  Kriegswirtschaftslehre  ist  eine  Wissenschaft,  wie  die  Ballistik,
die  ebenfalls  unabhängig  davon  ist,  ob  man  für  oder  gegen  die  Verwendung  von
Kanonen  eintritt.
Die  Kriegswirtschaftslehre  besitzt  bis  jetzt  keine  Überlieferung.
Die  im  Laufe  der  Zeit  erworbenen  Erfahrungen  gehen  daher  fast  gänzlich  verloren. ­
  Nach  großen  Kriegen,  so  nach  dem  Siebenjährigen  Krieg,  wurde  in  der
Literatur  diesem  Gebiete  einige  Aufmerksamkeit  geschenkt.  Dann  vergaß  man
all  diese  Probleme.  Im  Zeitalter  der  Napoleonischen  Kriege  wendet  man
wieder  kriegswirtschaftlichen  Fragen,  durch  die  Praxis  angeregt,  das  Augenmerk ­
  zu.  Aber  im  allgemeinen  findet  man  in  der  Literatur  dieser  Zeit  kaum
einen  Nachhall  von  den  Ergebnissen,  welche  die  vorhergehende  Forschungsperiode ­
  gezeitigt  hatte.  Ähnlich  steht  es  mit  den  Kriegsperioden  der  Folgezeit.
So  hat  man  z.  B.  nach  dem  Jahre  i870/71  eine  Reihe  kriegswirtsöhaftlicher
Arbeiten  veröffentlicht,  insbesondere  wurde  ziemlich  viel  über  die  französische
Kriegsentschädigung  geschrieben.  Aber  auch  dieser  Literatur  fehlte  die  Kraft,
eine  wirkliche  Überlieferung  zu  erzeugen.  Erst  zu  Anfang  des  XX.  Jahrhunderts
beginnt  sich  eine  Tradition  herauszubilden.  Freilich  ist  das  Versäumte  nur
schwer  nachzuholen.  Man  findet  denn  aUch  ältere  kriegswirtschaftliche  Literatur
auffallend  selten  erwähnt,  ältere  Kriege  auffallend  selten  berücksichtigt.  Es
wird  wohl  noch  eine  lange  Reihe  von  Jahren  dauern,  bis  man  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  derart  gesichert  hat,  daß  sie  eine  Tradition  besitzt,  welche  nicht
mehr  abreißt.  Es  wird  dazu  die  Schaffung  eigener  Organisationen  nötig  werden,
welche  die  kriegswirtschaftliche  Forschung  zu  fördern  hätten.
Die  Entwicklung  der  Kriegswirtschaftslehre  als  Sonderdisziplin  wird  vor
allem  dazu  führen,  eine  geschlossene  Theorie  mit  zweckmäßig  gestalteten  Begriffen ­
  zu  schaffen.  Es  werden  sich  allgemeine  Vorstellungen  entwickeln,
deren  Ausbildung  dann  Aufgabe  weiterer  Arbeit  sein  wird.  Diese  allgemeinen
Vorstellungen  sind  einerseits  an  sich  reizvoll,  sie  befriedigen  unser  Streben
        <pb n="55" />
        44

nach  Erkenntnis,  sie  dienen  aber  auch  dazu,  die  Bedeutung  einzelner  Probleme
richtig  zu  erfassen.  Man  kann  keine  Wissenschaft  treiben,  indem  man  Einzeluntersuchung ­
  an  Einzeluntersuchung  reiht.  Um  eine  Einzeluntersuchung  anstellen ­
  zu  können,  muß  man  bereits  die  allgemeinen  Ziele  kennen,  die  man
verfolgt,  man  muß,  wenn  auch  nur  unbestimmt,  sich  davon  ein  Bild  zu  machen
trachten,  was  wohl  als  unwichtig  vernachlässigt  werden  darf,  was  als  wichtig
besonderer  Beachtung  wert  erscheint.  Die  Wissenschaft  gibt  uns  so  weite
Perspektiven,  sie  deutet  Entwicklungsrichtungen  an,  sie  läßt  uns  aber  auch  oft
Keime  des  Zukünftigen  erkennen,  an  denen  wir  achtlos  vorübergegangen  wären,
hätte  sie  unser  Auge  nicht  für  das  werdende  Gebilde  geschärft.

2.  Verschiedenartigkeit  der  Kriegswirkung.
Grundsätzliche  Organisations  Verhältnisse.
Wenn  wir  uns  daran  machen,  die  Wirkungen  des  Krieges  und  der  Rüstungen
zu  untersuchen,  so  zeigt  sich,  daß  wir  kaum  so  bald  dazu  gelangen  dürften,
diese  Frage  allgemein  zu  beantworten,  sind  doch  die  Wirkungen  des
Krieges  bei  den  verschiedenen  Völkern  und  zu  verschiedenen ­
  Zeiten  je  nach  der  Verschiedenheit  der  gesellschaftlichen ­
  Organisation  überaus  verschieden.  Die  scheinbar  naheliegendsten ­
  Argumente  erweisen  sich  als  verbesserungsbedürftig.  Die  ersten
tastenden  Versuche  mahnen  bereits  zur  Vorsicht.  Man  bemüht  sich  zum  Beispiel
vielfach,  die  Wirkungen  des  Krieges  etwa  in  der  Weise  zu  bestimmen,  daß
man  alle  Menschen,  welche  der  Krieg  tötet,  alle  Menschen,  welche  die  stehende
Armee  aufsaugt,  nach  ihrer  Produktionsfähigkeit  abschätzt  und  die  Gesamtheit
der  so  vernichteten  Produktivkräfte  als  reinen  Verlust  in  Abzug  bringt.  Abgesehen ­
  davon,  daß  man  außerdem  noch  den  Gewinn  des  Krieges  in  Anrechnung
bringen  muß,  ist  auch  die  angedeutete  Betrachtungsweise  nicht  immer  am
Platze;  und  zwar  deshalb  nicht,  weil  sie  davon  ausgeht,  daß  alle  Organisationen,
vor  allem  diejenige,  in  der  wir  leben,  eine  volle  Ausnützung  der  Kräfte  in
normalen  Zeiten  kennen.  Dies  ist  nun  nicht  der  Fall.  Man  kann  sich  zwar
Organisationen  denken,  welche  alle  Kräfte  voll  ausnützen,  unsere  Organisation
gehört  nicht  zu  ihnen.  Jedem  ist  der  Ausdruck  „Überproduktion“  bekannt.
Man  kennt  eine  Überproduktion  an  Büchern,  an  Tuch,  an  Ärzten  usw.  Was
bedeutet  dieses  Wort?  Offenbar  nicht,  daß  mehr  produziert  wird,  als  man
konsumieren  kann.  Denn  es  ist  doch  klar,  daß  es  immer  noch  Menschen  gibt,
welche  für  Bücher  Verwendung  hätten,  daß  es  Menschen  gibt,  die  eines  Arztes
bedürfen,  daß  es  Menschen  gibt,  welche  sich  ungenügend  bekleiden.  Unter
dem  Worte  Überproduktion  versteht  man  etwas  anderes,  es  bedeutet,  daß  die
weitere  Produktion  den  Produzenten  keine  Vermehrung  des  Reingewinnes  bringen
würde.  Tabelle  I  zeigt  uns,  wie  wir  uns  etwa  die  Tatsache  zu  erklären
haben,  daß  bei  steigender  Produktion  die  Rentabilität  abnimmt.  Wir  sehen.

Tabelle  I
Fallende  Rentabilität  bei  steigender  Produktion

Anzahl  der
produzierten
Stücke

Selbstkosten

Erlös

Reingewinn

per  Stück

im  Ganzen

per  Stück

im  Ganzen

per  Stück

im  Ganzen

in  %

100
150
200

12,0
9,3
7,5

1200
1400
1500

12,6
9.8
7.8

1260
1489
1575

0,6
0,5
0,3

60
84
75

5
6
5

wie  der  Rheingewinn  des  Produzenten  im  vorliegenden  Falle  zwar  absolut  und
prozentuell  ansteigt,  wenn  er  150  Stück  statt  100  erzeugt,  wir  sehen  aber  auch.
        <pb n="56" />
        45

daß  der  Reingewinn  sofort  fällt,  wenn  er  die  Produktion  weiter  fortsetzt.
Es  ist  dabei  angenommen,  daß  die  Stückselbstkosten  bei  steigender  Produktion
fallen,  die  Gesamtselbstkosten  aber  ansteigen;  sie  könnten  aber  auch  konstant
bleiben.  Für  einen  Fischer  z.  B.  sind  die  Selbstkosten  eines  großen  Fanges
ebenso  hoch,  wie  die  eines  kleinen  Fanges.  Je  mehr  Stücke  einer  Ware  auf
den  Markt  kommen,  desto  tiefer  fällt  der  Stückpreis,  der  Gesamterlös  kann
dabei  steigen,  wie  dies  in  unserem  Beispiel  der  Fall  ist.
Wenn  Unternehmer  im  vorhinein  wissen,  daß  bei  wachsender  Produktion
der  Reingewinn  sinken  wird,  schränken  sie  absichtlich  die  Produktion  ein.
Dies  tun  sehr  viele  Kartelle,  ja  es  gibt  solche,  die  in  erster  Reihe  zu  dem'
Zweck  geschlossen  werden,  um  eine  einverständliche  Produktionseinschränkung
zu  ermöglichen.  So  haben  zum  Beispiel  die  österreichischen  Baumwollspinner
im  Herbst  1912  eine  33  prozentige  Betriebsreduktion  vorgenommen.  Ein  Teil
der  Maschinen  mußte  ruhen,  die  Arbeiter,  welche  sie  sonst  bedienten,  mußten
feiern.
Man  hat  gelegentlich  die  Vermutung  ausgesprochen,  der  sinkende  Reingewinn ­
  deute  nichts  anderes  als  die  Tatsache  an,  daß  Arbeitskräfte  an  anderen
Stellen  nötiger  wären  als  gerade  dort,  wo  der  Reingewinn  sinkt.  Wenn  der
Reingewinn  in  der  Textilindustrie  sinke,  so  komme  das  etwa  daher,  daß  man
in  der  Landwirtschaft  Arbeiter  brauche,  dort  verzinse  sich  das  Geld  besser.
Man  vermag  auf  verschiedene  Weise  zu  zeigen,  daß  diese  Betrachtung  nicht
allgemein  gültig  ist;  am  raschesten  gelingt  es,  wenn  man  zeigt,  daß  in  einend
Fall,  in  welchem  die  Produktion  der  größeren  und  kleineren  Gütermenge
gleich  viel  kostet,  durch  die  Vernichtung  einer  Gütermenge  die  Rentabilität
erhöht  wird.  Archenholz,  dessen  Geschichte  des  Siebenjährigen  Krieges  recht
bekannt  ist,  hat  eine  Zeitlang  regelmäßige  Berichte  über  englische  Verhältnisse
veröffentlicht,  ln  einem  derselben  lesen  wir  nun  folgendes:  „Die  Fleischer  in
London  fuhren  mit  ihrem  abscheulichen  Gebrauch  fort,  große  Säcke  mit  frischem
Fleisch  des  Nachts  in  die  Themse  zu  werfen  um  es  nicht  wegen  des  Überflusses
notgedrungen  unterm  Preis  zu  verkaufen,  oder  es  umsonst  wegzugeben.  Alle
•Mittel,  diesem  Unfug  zu  steuern,  waren  vergebens.  Die  Fischhändler  in  London
hatten  einen  ähnlichen  Gebrauch.  Sie  gaben  den  auf  der  Themse  ankommenden
Fischerfahrzeugen,  noch  ehe  sie  London  eireichten,  durch  Signale  von  dem  Zustand
des  dasigen  Fischmarktes  Nachricht.  Befand  sich  dieser  wohl  versehen,  so
wurden,  um  keinen  Überfluß  zu  erzeugen,  ohnweit  Gravesend  die  ganzen  Ladungen
von  Fischen  ins  Wasser  geworfen.  Dieses  zu  hindern,  wurden  auf  Befehl  des  Lord
Majors,  der  die  Jurisdiktion  über  die  Themse  hat,  Gerichtsbeamte  nach  Gravesend ­
  beordert,  solche  Frevler  auf  der  Tat  zu  ertappen,  um  sie  nach  den  Gesetzen
zu  bestrafen.“  Kleiden  wir  diese  Schilderung  in  die  Form  eines  Schemas  (Tab.  II):
Tabelle  II

Steigerung  der  Rentabilität  durch  Gütervernichtung

Reingewinn

Anzahl  der,
produzierten
Stücke

Selbstkosten

Erlös

pcrSlück

im  Ganzen

perStück

im  Ganzen

per  Stück

im  Ganzen

in  ’/o

100
150
200

12.—
8  —
6  —

1200.-1200.

1200.—

1260
8.72
6  30

1260  —
1308  —
1260—

—  60
—.72
-.30

60.—
108  —
60.-5


9
5

Da  es  sich  im  Beispiel  der  Fischer  um  eine  Produktion  handelt,  bei  der  die
Herstellung  der  größeren  Menge  ebensoviel  kostet,  als  die  Herstellung  der
kleineren,  sind  die  Gesamtselbstkosten  in  Tabelle  II  als  konstant  mit  1200  angesetzt. ­
  Die  Verkaufspreise  sinken,  wenn  eine  größere  Menge  auf  den  Markt
kommt,  und  zwar  haben  wir  unser  Beispiel  so  gewählt,  daß  der  Gesamterlös
zunächst  steigt,  dann  aber  fällt.  Wenn  die  Fischer  200  Mengen  auf  den  Markt
bringen,  verdienen  sie  weniger,  als  wenn  sie  50  Mengen  vernichten  und  nur  150
verkaufen.  Dies  Beispiel  zeigt  jedenfalls,  daß  es  eine  „Überproduktion“  geben
        <pb n="57" />
        46

kann,  die  sicherlich  nichts  mit  einer  unzweckmäßigen  Verteilung  der  Kräfte
zu  tun  hat,  denn  durch  die  Vernichtung  der  Fische  wird  keine
Produktion  an  anderer  Stelle  gefördert.  Heute  kommt  eine
solche  Vernichtung  von  Produkten  seltener  vor,  da  man  die  rechtzeitige  Reduktion ­
  der  Produktion  vorsieht.
Wir  sehen  aus  dem  Bisherigen,  daß  unsere  Organisation  keine  volle  Ausnützung ­
  aller  Kräfte  sichert.  Dies  kann  dazu  führen,  daß  die  Anbaumöglichkeiten,
die  Viehzuchtmöglichkeiten  nicht  voll  ausgenützt  werden.  Immer  wieder  sehen
wir  verlassene  Almen,  welche  von  den  Bauern  aufgegeben  wurden,  weil  sie  einen
zu  geringen  Gewinn  abwarfen.  Die  unzulängliche  Ausnützung  der  Produktionsmittel ­
  gilt  auch  für  das  Produktionsmittel  „Mensch“.  Massenarbeitslosigkeit
ist  keine  seltene  Erscheinung.  Sie  hat  vielfach  Auswanderung  zur  Folge,  wenn
die  Menschen  in  der  Fremde  Arbeit  und  Erwerb  finden,  welche  ihnen  die  Heimat
versagte.  Im  Jahre  1913  machte  sich  dies  in  Österreich  durch  den  Ausfall  von
100  000  Mann  bei  den  Stellungen  bemerkbar,  von  denen  etwa  87  000  Mann  allein
auf  Galizien  und  die  Bukowina  entfielen.  Die  Auswanderung  ist  insbesondere
in  den  Gebieten  des  Großgrundbesitzes  sehr  stark,  welcher  eine  der  wichtigsten
Auswanderungsursachen  ist.  Bei  der  starken  Auswanderung  spielt  auch  Abenteuerlust ­
  und  Furcht  vor  dem  Militärdienst  mit,  aber  all  das  verschwindet  hinter  der
Hauptursache:  Mangel  an  Erwerbsmögliöhkeiten.  Verschlechtern  sich  die  Erwerbsmöglichkeiten ­
  im  Auslande,  so  geht  die  Auswanderung  zurück,  wie  dies  die  Hafenstatistik ­
  deutlich  zeigt  (Tabelle  III).  Im  Jahre  1907  trat  in  den  Vereinigten  Staaten

Tabelle  III.
Überseewanderung  aus  Österreich  nach  der  Hafenstatistik
in  Hunderttausenden:

1906
136

1907
154

1908
58

1909  1910
132  142

1911
92

1912
131

eine  Krise  ein,  welche  Massenentlassungen  der  Arbeiter  zur  Folge  hatte.  Die
Rückwanderungsstatistik  gibt  dementsprechend  erhöhte  Ziffern  an  (Tabelle  IV).

Tabelle  IV.

Rückwanderung  aus  d.  Verein.  Staaten  nach  Österreich-Ungarn

1908
130

in  Hunderttausenden  :
1909  1910  I  1911
49  47  !  86

1912
89

Unter  solchen  Umständen  hat  die  Armeeverwaltung  ein  unmittelbares  Interesse ­
  an  der  Verbesserung  der  Wirtschaftsverhältnisse  Galiziens.  Die  Entstehung
großer  Industrien,  die  Entfaltung  des  Kleingewerbes  könnten  eine  gewisse  Abhilfe
schaffen,  weil  auf  diese  Weise  ein  erheblicher  Teil  jener  Bevölkerungsmassen,
die  der  Großgrundbesitz  verdrängt,  im  Inlande  aufgesaugt  werden  könnten.  Die
Armeeverwaltung  selbst  kann  nur  in  geringem  Ausmaß  darauf  einwirken,  sofern
sie  nämlich  als  Käuferin  von  Waren  auf  den  Markt  tritt.  Dadurch,  daß  Heereslieferungen, ­
  sei  es  nun  durch  die  Heeresverwaltung  selbst  oder  durch  Vermittlung
des  Arbeitsministeriums,  iin  den  Hauptauswanderungsgebieten  verteilt  werden,
kann  man  gelegentlich  der  Beschaffung  des  Ausrüstungsmaterials  Soldaten  im
Lande  zurückhalten.  Es  sind  dies  sozialpolitische  Gesichtspunkte,  die  vielfach
hinter  rein  fiskalischen  zurücktreten.  Vom  Standpunkte  des  Ressorts  aus,
welches  die  Bedarfsdeckung  durchführt,  wird  man  natürlich  nur  dort  kaufen,
wo  man  die  Ware  am  billigsten  bekommt,  vom  Standpunkte  des  Gesamtstaates
aus  kann  es  möglicherweise  angiezeigt  sein,  auch  dort  zu  kaufen^  wo  die  Beschaffung ­
  teurer  ist.  Der  höhere  Preis  enthält  gewissermaßen  eine  Industrie-,
Gewerbe-  oder  Agrarunterstützung  in  sich,.
Vielfach  wird  darauf  hingewiesen,  daß  die  Auswanderung  zur  Besserung
der  heimischen  Verhältnisse  beitrage,  weil  sie  Geld  ins  Land  bringe;  dies  gilt
aber  nur  teilweise.  Gebiete,  welche  anfangs  nur  Saisonwanderung  kennen.
        <pb n="58" />
        47

gehen  zur  Dauerauswanderung  über.  Und  wenn  auch  anfangs  noch  Geld  in  die
Heimat  geschickt  wird,  so  hört  das  in  vielen  Gegenden  bald  auf  und  ein  Teil  der
Bevölkerung,  oft  die  tüchtigsten  Elemente  umfassend,  ist  für  immer  für  den  Staat
verloren.
Wir  sehen  an  den  wenigen  Beispielen,  wie  sehr  das  militärische  Interesse
mit  allgemeinen  Organisationseigentümlichkeiten  zusammenhängt.  Je  mehr  eine
Organisation  die  produktiven  Kräfte  auszunützen  vermag,  umsomehr  Lebensmittel,
umsomehr  Soldaten  sind  im  Lande.  Unsere  Organisation  ist  nicht  ausreichend
dadurch  charakterisiert,  daß  man  feststellt,  sie  weise  eine  ungleiche  Verteilung ­
  der  Güter  auf,  kenne  arm  und  reich.  Dies  genügt  keineswegs»
Unsere  Organisation  weist  einerseits  eine  ungleiche  Verteilung  der  Vermögen
auf,  andererseits  aber  auch  eine  ungenügende  Ausnützung  der  produktiven ­
  Kräfte.  Es  wird  daher  weniger  verbraucht,  als  verbraucht  werden
könnte.  Die  Bevölkerung  hat  weniger  zu  essen,  als  nach  den  natürlichen  Verhältnissen ­
  möglich  ist,  die  Armeeverwaltung  hat  nicht  so  viel  Kriegsmaterial,
nicht  so  viel  Soldaten  zur  Verfügung,  als  man  unter  Berücksichtigung  der  im
Lande  vorhandenen  produktiven  Kräfte  und  Menschenmassen  erwarten  sollte.
Die  in  Tabelle  V  gegebene  Übersicht  zeigt  deutlich,  wie  sich  die  Organisation
nach  den  Gesichtspunkten  der  Verteilung  und  der  Ausnützung  klassifizieren  läßt.
Tabelle  V.

Ausnützung  der  produktiven  Kräfte

Verteilung  unter  A  und  B

voll

gleichmäßig
ungleichmäßig

ungenügend

gleichmäßig
ungleichmäßig

Wir  sehen,  daß  im  Falle  der  vollständigen  Ausnützung  die  vorhandenen
Güter  gleichmäßig  oder  ungleichmäßig  unter  die  beiden  Klassen  A  und  B,  die  aus
gleich  viel  Menschen  bestehen  mögen,  verteilt  werden  können.  Man  kann  sich
ebenso  eine  Gesellschaft  denken,  welche  die  produktiven  Kräfte  nicht  voll  ausnützt, ­
  weniger  erzeugt  als  sie  könnte,  aber  das  reduzierte  Gesamtprodukt  gleichmäßig ­
  verteilt,  während  in  einer  anderen  Gesellschaft,  so  in  der  unseren,  einerseits ­
  die  produktiven  Kräfte  nicht  voll  ausgenützt  werden,  andererseits  auch
die  Verteilung  der  Produktion  eine  ungleichmäßige  ist.
Die  Tatsache,  daß  unsere  Gesellschaft  die  vorhandenen  Produktivmittel
ungenügend  ausnützt,  hat  auf  dem  Gebiete  der  Kriegsrüstungen  und  des  Krieges
zuweilen  Wirkungen,  die  man  nicht  von  vornherein  erwarten  sollte.  Wenn  wir
hören,  daß  durch  die  Kriegsrüstungen  und  durch  das  Kriegführen  das  Leben  der
Bevölkerung  sich  erheblich  verschlechtert,  so  erscheint  das  als  etwas  Selbstverständliches. ­
  Die  Armee  und  die  Kriegführung  überhaupt  verwenden  eben  einen
Teil  der  Produkte,  welche  sonst  von  der  Bevölkerung  konsumiert  worden  wären.
Auf  die  gelegentlich  gehörte  Bemerkung,  daß  die  Rüstungen  Geld  unter  die  Leute
bringen,  also  nicht  schlecht  auf  das  Wirtschaftsleben  wirken,  kann  man  erwidern:
Die  Bevölkerung  würde  sich  wohler  dabei  befinden,  wenn
das  Geld  dadurch  unter  die  Leute  käme,  daß  man  statt  der
Kriegsschiffe  Schulen  und  Theater  bauen  würde.  Ob  möglicherweise ­
  der  Kriegserfolg  die  Aufwendungen  lohne,  kommt  bei  dieser  Erwägung
gar  nicht  in  Frage.
Die  Kriegführung  kann  aber  gelegentlich  die  Lebensweise  der  Bevölkerung ­
  geradezu  verbessern.  Ehe  ich  diese  merkwürdige  Tatsache  bespreche,
will  ich  zwei  Schriftsteller  diese  Tatsache  mit  ihren  eigenen  Worten  beschreiben
lassen.  Beide  sind  keine  Freunde  des  Krieges,  der  erste  ist  Joseph  Lo\ye,  ein
englischer  Praktiker  aus  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts,  der  ein  auch
heute  noch  lesenswertes  Buch  über  die  Wirkungen  der  Napoleonischen  Kriege
auf  England  verfaßt  hat.  Es  heißt  in  demselben  unter  anderem  :  „Nachdefn
wir  in  den  ersten  Jahren  des  Kampfes  die  größte  Geldnot  erfahren  hatten,  schienen
sich  unsere  Hilfsquellen  mit  den  zunehmenden  Bedürfnissen  zu  erweitern  und
        <pb n="59" />
        48

fuhren  so  lange  fort,  reichlich  zu  strömen,  daß  es  einem  ordentlich  schwer  wurde,
sich  es  als  möglich  zu  denken,  daß  je  wieder  Mangel  oder  Not  eintreten  könnte.
Man  hielt  daher  die  Verlegenheit,  welche  gleich  nach  dem  Ende  des  Krieges
eintrat,  für  vorübergehend,  und  das  Publikum,  das  sich  sträubte,  den  Gedanken
von  Elend  mit  so  glänzenden  politischen  Resultaten,  als  uns  der  Krieg  brachte,
im  Zusammenhänge  zu  denken,  gab  sich  der  Erwartung  hin,  daß  alle  Not  verschwinden ­
  würde,  sobald  UUr  erst  der  Friede  recht  befestigt  wäre.  Das  Jahr  1798
wird  lange  merkwürdig  für  uns  bleiben,  da  es  sich  mitten  im  fürchterlichsten
Kriege  durch  einen  vorteilhaften  Handel  auszeichnete.  Der  Krieg  wird  nämlich
sonst  gewöhnlich  als  eine  Zeit  der  Verlegenheit  und  der  Armut  betrachtet,  und
diesmal  schien  er  unsere  Nation  mit  Glück  und  Wohlstand  zu  überschütten.
Das  individuelle  Einkommen  nahm  während  des  Krieges  beträchtlich  zu.  E  s
fand  eine  äußerst  merkwürdige  Zunahme  unserer  inneren
Landesindustrie  statt.  Die  Armee,  die  Seemacht,  die  Vermehrung  der
öffentlichen  Ämter,  welche  der  Krieg  notwendig  machte,  eröffneten  mit  einem
Male  einer  großen  Menge  von  Menschen  aus  allen  Ständen  eine  größere  'Laufbahn,
und  indem  die  neuen  Beschäftigungen  eine  große  Menge  Kandidaten  Wegnahmen,
brachten  sie  zugleich  ein  starkes  Leben  in  den  Ackerbau,  in  den  Handel  und  in  alle
Gewerbe.  Was  waren  die  Ursachen  unserer  großen  und  unerwarteten ­
  Verlegenheiten  nach  dem  Friedensschluß?  Nicht  eine
Verminderung  unserer  Erwerbsmittel  an  sich  betrachtet,  sondern  eine  allgemeine
Veränderung  in  der  Art  und  Weise,  sie  anzuwenden,  eine  plötzliche  Entfernung
des  Stachels  zur  Industrie,  nämlich  das  Aufhören  des  Krieges,  enthält  diese
Ursachen.  In  keinem  der  vorhergehenden  Kriege  war  unsere  Militärmacht  bis
zu  einer  solchen  Größe  und  zu  einem  solchen  Umfang  entwickelt  worden.  Die
Zahl  unserer  Milizen,  Soldaten  und  Matrosen,  welche  plötzlich  abgedankt  wurden,
belief  sich  auf  etwa  Zwei-  bis  Dreimalhunderttausend.  Die  meisten  kehrten  zu
produktiven  Arbeiten  zurück,  deren  eine  große  Menge  unserer  Manufakturisten,
wahrscheinlich  auch  nicht  weniger  als  Hunderttausend,  plötzlich  ihre  Beschäftigung
verloren,  die  sie  bisher  bei  Verfertigung  von  Kriegsgerätschaften,  Montierungen,
Waffen  und  anderen  zum  Kriege  nötigen  Dingen  gehabt  hatten.  Daraus  entstand ­
  eine  plötzliche  Überfüllung  von  arbeitenden  Leuten  und  ein  nicht  minder
plötzliches  Fallen  des  Arbeitslohnes.  Während  des  Krieges  gingen  alle  unsere
Anlagen  und  Unternehmungen,  sowohl  private  als  auch  öffentliche,  ins  Große;
alle  diese  Unternehmungen  waren  auf  eine  solche  Nachfrage  und  auf  solche  Zahlungsfähigkeit ­
  berechnet,  die  alles  übertraf,  was  ntan  im  Friedenszustande  in
dieser  Art  zu  sehen  gewohnt  war.  Manufakturen,  Handelshäuser,  Erziehungsanstalten ­
  und  eine  Menge  unserer  Etablissements  der  verschiedensten  .Ärt,  nicht
bloß  in  der  Hauptstadt,  sondern  auch  selbst  in  den  Provinzen,  waren  fast  sämtlich ­
  auf  eine  Nation  berechnet,  die  nicht  nur  an  Zahl,  sondern  auch  an  Reichtum
in  stetem  Wachstum  begriffen  ist.“
Der  zweite  Schriftsteller  ist  Henry  George,  Amerikaner,  einer  der  Hauptbegründer ­
  der  Bodenreformbewegung.  Er  wirkte  in  der  zweiten  Hälfte  des
19.  Jahrhunderts  und  gab  sehr  packend  die  Wirkungen  des  amerikanischen  Sezessionskrieges ­
  wieder.  Wir  lesen  in  seinen  „Sozialen  Problemen“  folgendes:  „In
Amerika  gibt  es  zu  allen  Zeiten  große  und  in  schwierigen  Zeiten  ungeheure
Mengen  von  Menschen,  die  mit  aller  Anstrengung  Arbeit  und  Gelegenheit  suchen,
für  die  durch  Arbeit  hervorgebrachten  Dinge  Arbeit  zu  geben;  nichts  zeigt  vielleicht ­
  klarer  die  beständig  vor  sich  gehende  enorme  Verschwendung  von  produktiven ­
  Kräften,  als  der  Umstand,  daß  die  blühendsten  Zeiten,  welche
dieses  Land  erlebt  hat,  die  Zeiten  des  Bürgerkrieges  n  aren,
als  wir  große  Flotten  und  Armeen  unterhielten  und  Millionen  unserer  industriellen
Bevölkerung  genug  zu  tun  hatten,  um  dieselben  mit  Gütern  zur  unproduktiven
Konsumtion  &amp;lt;^er  zu  leichtsinniger  Vernichtung  zu  versehen.  Es  ist  vergebens,
von  einer  eingebildeten  Blüte  dieser  gedeihlichen  Zeiten  zu  reden.  Die  Massen
des  Volkes  lebten  besser,  kleideten  sich  besser,  fanden  es
leichter,  ihren  Lebensunterhalt  zu  gewinnen,  und  hatten
mehr  Überfluß  und  Vergnügen  als  in  gewöhnlichen  Zeiten.
Im  Norden  war  mehr  tatsächlicher,  sichtbarer  Reichtum  am  Schlüsse  des  Krieges
vorhanden,  als  beim  Beginne  desselben.  Auch  war  es  nicht  die  große  Ausgabe
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        4

49

von  Papiergeld  oder  die  Kontrahierung  der  Schuld,  welche  diese  Prosperität
hervorbrachte.  Die  Regierungspressen  druckten  allerdings  Zahlungsversprechen;
aber  Schiffe,  Kanonen,  Waffen,  Werkzeuge,  Nahrungsmittel  und  Kleider  konnten
sie  nicht  drucken.  Auch  borgten  wir  diese  Dinge  nicht  von  anderen  Ländern:
oder  von  der  »Nachwelt«.  Die  von  unseren  Flotten  und  Armeen  verbrauchten
und  vernichteten  Güter  kamen  von  dem  damals  vorhandenen  Qütervorrate.  Und
dadurch,  daß  die  vom  Kriege  veranlaßte  Nachfrage  produktive  Kräfte  in  Tätigkeit ­
  setzte,  wurden  die  enormen  Verluste  des  Krieges  nicht  allein  wieder  ersetzt,
sondern  der  Norden  wurde  auch  reicher.  Die  Arbeitsvergeudung  beim  Hinund
  Hermarschieren,  beim  Graben  von  Laufgräben,  Aufwerfen  von  Schanzen
und  Fechten,  von  Schlachten,  die  Vergeudung  von  Gütern,  die  unsere  Armeen
und  Flotten  verbraucht  oder  vernichtet  hatten,  war  nicht  so  groß,  als  die  beständig ­
  vor  sich  gehende  Vergeudung  unbeschäftigter  Arbeit  und  stillstehender
oder  nur  teilweise  benützter  Maschinen.  Die  Lähmung,  welche  zu  allen  Zeiten
produktive  Kräfte  verschwendet  und  in  Zeiten  industriellen  Druckes  mehr  Verluste ­
  herbeiführt  als  ein  großer  Krieg,  entspringt  aus  der  Schwierigkeit,  welcher
diejenigen,  die  gerne  durch  ihre  Arbeit  ihre  Bedürfnisse  befriedigen  wurden*
in  diesem  Bestreben  begegnen."
Es  ist  natürlich  unmöglich,  eine  so  verwickelte  Erscheinung,  wie  die  hier
angedeutete,  mit  wenigen  Worten  zu  erklären,  wohl  aber  läßt  sich  andeutungsweise
zeigen,  wie  man  sich  die  Möglichkeit  einer  Wohlhabenheitsvergrößerung  während
des  Krieges  überhaupt  vorzustellen  vermag.  Gehen  wir  aut  unser  Beispiel  in  Tabelle ­
  V  zurück.  Wir  setzen  einmal  vollständige,  einmal  unvollständige  Ausnützung
der  Kräfte  voraus.  Bei  vollständiger  Ausnützung  aller  produktiven  Kräfte  kann
auf  die  Konsumenten  nicht  die  volle  Stückzahl  von  100  Gütermengen  entfallen,
wenn  der  Krieg  einen  Teil  absorbiert.  Auch  im  Falle  der  unvollständigen  Produktionsausnützung ­
  kann  im  Kriegsfälle  oder  infolge  von  Rüstungen  eine  Herabsetzung ­
  des  Friedenskonsums  stattfinden,  es  dürfte  dies  auch  der  häufigere ­
  Fall  sein,  es  ist  aber  möglich,  daß  gleichzeitig  der  Kriegsverbrauch
gedeckt  wird  und  überdies  der  Gesamtkonsum  steigt,  wenn  auf  irgendeine  Weise
die  Lähmungen,  welche  sonst  vorhanden  sind,  verschwinden.  Tabelle  VI  zeigt
uns  wieder  schematisch,  wie  diese  Veränderungen  ziffernmäßig  zu  denken  sind.
Tabelle  VI.

Frieden

Krieg

Privat-Konsum


Kriegsverbrauch ­


Privat-Konsum


Kriegsverbrauch ­


Vollständige  Ausnützung  aller  Kräfte
100

95

15

Unvollständige  Ausnützung  der  Kräfte
(  Krieg  steigert  Privat-Konsum  und  Produktion)

80

95  15

Unvollständige  Ausnützung  der  Kräfte
(Krieg  setzt  Privat-Konsum  herab,
obgleich  er  Produktion  steigert)

80

75

15

Wir  sehen  aus  den  bisherigen  kurzen  Andeutungen,  daß  die  Wirkungen
des  Krieges  auf  die  Lebensverhältnisse  der  Bevölkerung  keineswegs  gleichartig
sind,  sondern  grundsätzlich  verschieden  sein  können,  je  nachdem,  ob  im  kriegführenden
  Staat  eine  vollständige  Wer  unvollständige  Ausnützung  aller  produktiven ­
  Kräfte  stattfindet.  Es  zeigt  übrigens  diese  Betrachtung  auch,  wie  schwer
es  ist,  über  den  Krieg  ein  allgemeines  Urteil  zu  fällen.  Daß  er  in  manchen,
        <pb n="61" />
        50

Fällen  produktive  Kräfte  zur  Entfaltung  bringt,  ist,  wie
wir  sahen,  nur  dadurch  möglich,  daß  es  die  Friedensordnung ­
  in  unzulänglicher  Weise  tut.
2.  Einzelne  Momente.
Wir  haben  im  vorigen  Unterabschnitt  gesehen,  daß  grundsätzliche  Organisationsverschiedenheiten ­
  verschiedene  Wirkungen  des  Krieges  bedingen  können.
Wir  werden  nun  sehen,  daß  auch  andere  Momente  die  Wirkungen  des  Krieges
sehr  verschieden  ersciheinen  lassen  können.
Von  größter  Bedeutung  kann  zuweilen  das  Wehrsystem  sein.  Während
zum  Beispiel  in  England  die  Einberufungen  vor  allem  jene  Menschen  auf  saugen,
die  in  verschiedenen  Erwerbszweigen  weniger  benötigt  werden,  treffen  á’ie  zum
Beispiel  in  Deutschland  wichtige  und  unwichtige  Arbeitskräfte  in  gleicher  Weise.
In  England  kann  der  Fabrikant  seinen  Arbeiter,  der  sich  anwerben  lassen  will,
durch  Erhöhung  des  Lohnes  zurückzuhalten  versuchen  ;  anders  in  Deutschland.
Die  Produktion  kanin  daher  in  England  weit  eher  während  eines  Krieges  ungestört
fortgesetzt  werden,  als  in  Deutschland  oder  in  einem  anderen  Lande  der  allgemeinen ­
  Wehrpflicht.
In  ähnlicher  Weise  macht  es  einen  wesentlichen  Unterschied  aus,  ob  der
Krieg  von  einem  Industrie-  oder  von  einem  Agrar  Staat  geführt  vC^ird.  In
Serbien  z.  B.  konnte  ich  während  des  Krieges  nur  verhältnismäßig  geringe  Veränderungen ­
  der  landwirtschaftlichen  Produktion  beobachten.  Da  die  kräftigen
Männer  und  Burschen  einberufen  waren,  mußten  Kinder,  Frauen  und  Greise
an  die  Stelle  der  Einberufenen  treten.  Das  war  verhältnismäßig  leicht  möglich,
weil  diese  Familienmitglieder  auch  sonst  gewohnt  waren,  sich  am  landwirtschaftlichen ­
  Betrieb  zu  beteiligen.  Die  verwickelten  Geld-  und  Kreditverhältnisse  des
Industriestaates  fehlten  in  Serbien,  daher  auch  die  Verwirrungen,  welche  sie  im
Kriege  erleiden  könfnen.  Ganz  anders  würde  z.  B.  ein  Krieg  auf  das  kleine,  industriell ­
  hoch  entwickelte  Belgien  wirken.  Die  Einberufungen  und  die  sonstigen  durch
den  Krieg  bedingten  Vorkehrungen  würden  eine  tiefgreifende  Erschütterung
hervorrufen.  Die  einberufenen  Arbeiter  können  schwer  ersetzt  werden.  Dazu
kommt  noch,  daß  die  Verwirrungen,  welche  im  Geld-  und  Kreditwesen  auftreten
  würden,  schwere  Lähmungen  erzeugen  dürften,  denen  man  nur  mit
besonderen  Maßnahmen  wirksam  zu  begegnen  vermöchte.  Aber  es  genügt
nicht,  zwischen  Industrie-  und  Agrarstaat  zu  unterscheiden.  Man  muß  audi
z.  B.  Gebiete,  die  von  kleinen  und  mittleren  Bauern  bewohnt
werden,  von  jenen  trennen,  in  denen  der  Großgrundbesitz  vorherrscht.
In  Serbien  und  Bulgarien,  die  reine  Bauernstaaten  sind,  hinterläßt  z.  B.  jeder
Mann,  der  einberufen  ist,  auf  seinem  kleinen  Stück  Land  einige  Familieumütglieder,
  die  mit  dem  Boden  eng  verwachsen  sind  ;  anders  sind  Gebiete  des
Großgrundbesitzes,  wie  wir  ihn  z.  B.  in  Galizien  und  Rumänien  antreffen.  Es
fehlt  nach  der  Einberufung  leicht  an  Arbeitskräften,  da  die  Familienmitglieder
zu  der  bisherigen  Arbeit  nur  schwer  heranzuziehen  sind.  Vor  allem  würden
sie  aber  nicht  derart  ihre  Kräfte  anstrengen,  um  fremden  Boden  zu  bearbeiten,
wie  die  Familienmitglieder  der  Serben  und  Bulgaren,  um  den  eigenen  Boden
zu  bestellen.  Es  dürfte  z.  B.  ein  Gebiet,  wie  Galizien,  unter  der  Einberufung
mehr  leiden  als  Serbien,  obgleich  in  Galizien  infolge  der  relativen  Übervölkerung ­
  ein  Teil  des  Ausfalles  ausgeglichen  werden  dürfte.  Auch  darf  man  nicht
übersehen,  daß  Serbien  eine  weitergehende  Mobilisierung  durch  führte,  als  sie
voraussichtlich  Österreich-Ungarn  in  einem  Kriege  nötig  haben  würde.
3.  Größe  des  Krieges.
Wir  dürfen  aber  bei  den  bisherigen  Unterschieden  nicht  stehen  bleiben.
Wesentlich  ist  es  auch,  welche  Ausdehnung  ein  Krieg  erlangt.  Ein  Weltkrieg ­
  unterscheidet  sich  von  einem  Krieg  zwischen  zwei  oder  drei  Staaten
wesentlich.  Er  ist  nicht  nur  quantitativ,  sondern  auch  qualitativ  etwas  anderes.
Ich  weise  nur  auf  den  einen  Umstand  hin,  daß  in  einem  Weltkrieg  keine  Neutralen ­
  vorhanden  sind,  die  Geld,  Lebensmittel  usw.  zur  Verfügung  stellen
können.  Äußere  Anleihen  gibt  es  dann  eigentlich  nicht,  da  die  Anleihen,  die
im  Gebiet  der  verbündeten  Staaten  aufgenommen  werden,  wie  innere  Anleihen
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        51

zu  beurteilen  sind.  Die  Wirkungen  eines  Weltkrieges  lassen  sich  daher  nicht
aus  den  Wirkungen  des  kleineren  Krieges  in  der  Weise  ableiten,  daß  man  dieselben ­
  einfach  multipliziert.  Die  Kriege  der  letzten  hundert  Jahre
waren  kleine  Kriege,  ja  sie  wurden  zu  einem  erheblichen  Teil  am  Rande
der  beteiligten  Gebiete  oder  sogar  in  Kolonialländem  geführt.  Ich  erinnere
nur  an  den  russisch-japanischen,  an  den  amerikanisch-spanischen  Krieg.
Der  letzte  Weltkrieg  fand  gerade  vor  100  Jahren  statt.  Wenn  wir  Erfahrungsbeispiele ­
  für  die  Erörterung  des  Weltkrieges  benötigen,  müssen  wir
auf  die  napoleonischen  Kriege  zurückgreifen.  Sie  werden  uns  immer  viel  Lehrreiches ­
  bieten,  wenn  sich  auch  freilich  die  gesamte  gesellschaftliche  Organisation
seit  jenen  Tagen  sehr  erheblich  verändert  hat.  Aber  jene  Kriege  geben  uns
wenigstens  die  Möglichkeit,  großzügige  Maßnahmen,  wie  die  Kontinentalsperre, ­
  kennen  zu  lernen  und  unsere  Vorstellungen  zu  weiten.  Denn,  um  den
Weltkrieg  der  Zukunft  sich  einigermaßen  ausmalen  zu  können,  haben  wir  etwas
gigantische  Phantasie  nötig.

3.  Das  Problem  der  Reserven.
Es  gibt  verschiedene  Methoden,  die  für  den  Krieg  nötigen  Kräfte  bereitzuhalten. ­
  Es  kann  zunächst  die  Schaffung  von  kriegerischen  Kräften  erst  im
Augenblick  des  Krieges  erfolgen.  Die  im  Frieden  tätigen  Kräfte
werden  in  kriegerisch  verwendbare  umgewandelt.  Der  Arm,  der  sonst  den
Speer  zur  Jagd  benützt,  wendet  ihn  nun  gegen  den  Feind.  Es  können  aber
auch  Kriegsmittel  während  des  Friedens  bereits  vorbereitet  werden,
schließlich  können  im  Kriege  Kräfte  zur  Verwendung  kommen,  die  während
des  Friedens  nicht  verwendet  wurden,  weder  für  kriegerische ­
  noch  für  friedliche  Zwecke.  Es  sind  dies  natürlich  nur
extreme  Typen;  meist  werden  die  einzelnen  Möglichkeiten  miteinander  verbunden
Vorkommen.
Daß  Kräfte,  die  der  Krieg  benötigt,  im  Frieden  auch  verwendet  werden;,
ist  nichts  Seltenes.  Das  Tiroler  Aufgebot  von  1809  gehörte  z.  B.  wesentlich
zu  dieser  ersten  Gruppe.  Es  bestand  zum  geringsten  Teil  aus  militärisch  vorf
 ebildeten  Kräften,  die  Waffen  waren  überwiegend  auch  im  Frieden  verwendbar.
ensen,  Heugabeln,  Jagdgewehre  spielten  eine  wichtige  Rolle.  Ähnlich  organisiert ­
  sind  die  Milizen  primitiver  Staaten.  So  unterscheidet  sich  z.  B.  das
albanische  Kriegsaufgebot  wenig  von  der  Gesamtheit  der  waffenfähigen  Albaner
im  Frieden.
Sehr  wichtig  sind  jene  Fälle,  in  denen  die  Ausbildung  bestimmter  Fähigkeiten ­
  sowohl  für  den  Krieg,  als  auch  für  den  Frieden  von
Nutzen  ist.  Hieher  gehören  alle  Bemühungen,  die  Jugend  im  großen  Stil  im
Sport  auszubilden,  im  Skifahren,  Schwimmen  usw.  Eine  kräftige  Jugend  ist
leistungsfähiger  in  der  Industrie,  in  der  Landwirtschaft,  aber  ebenso  auch  in
der  Armee.  Es  wäre  für  die  sozial-wissenschaftliche  Forschung, ­
  aber  auch  für  die  Praxis  von  erheblicher  Wichtigkeit, ­
  wenn  man  einmal  systematisch  untersuchte,  in  welchen ­
  Fällen  die  Interessen  der  Armee  mit  jenen  der  übrigen
Bürgerschaft  zusammenfallen,  soweit  die  Ausbildung  der
verschiedensten  Fähigkeiten  in  Frage  steht.
Eine  derartige  Interessengemeinschaft  beschränkt  sich  aber  nicht  etwa  auf
die  sportliche  Ausbildung,  wir  treffen  sie,  wie  wir  schon  oben  bei  Erörterung
der  Güterausnützung  andeuteten,  auch  sonst  an.  Es  ist  z.  B.  für  eine  Kriegsmarine ­
  äußerst  wichtig,  eine  möglichst  große  Handelsmarine  zu  besitzen,  um
auf  diese  Weise  zu  gut  vorgebildeten  Matrosen  zu  kommen.  Die  Tätigkeit
eines  Matrosen  kann  nicht  rasch  gelernt  werden.  Geldmittel  reichen  nicht  hin,
um  eine  starke  Flotte  zu  schaffen.  Es  ist  ja  bekannt,  wie  sehr  die  Türken
darunter  leiden,  daß  sie  nicht  genügend  vorgebildete  Matrosen  haben.  Dies
hängt  damit  zusammen,  daß  die  Handelsschiffahrt  vorwiegend  in  Händen  der
Griechen  ruht.  In  diesem  Sinne  ist  auch  die  Bemerkung  Trubetzkois  aufzufassen, ­
  dessen  Stimme  insoferne  Anspruch  auf  Gehör  hat,  als  er  eine  hervor-4*
        <pb n="63" />
        52

ragende  Stellung  in  der  äußeren  Politik  einnimmt:  „Als  reale  Macht  wird
Amerika  noch  lange  nicht  in  der  Lage  sein,  sich  mit  Japan  zu  messen.  Mögen
in  der  neuen  Welt  ungeheure  Mittel  auf  den  Flottenbau  verwendet  werden,  aber
Geld  allein  reicht  nicht  aus,  um  eine  entsprechende  Wehrkraft  zu  schaffen.  Armee
und  Flotte  sind  nicht  nur  durch  ihre  Rüstung  allein  stark,  sondern  auch  durch
ihre  Organisation  und  ihren  Qeisit.“  Diese  Gesichtspunkte  haben  denn  auch
dazu  geführt,  daß  ein  Adam  Smith,  der  als  Vertreter  der  Freihandelslehre  Zölle  und
Bevorzugungen  bestimmter  Erwerbszweige  grundsätzlich  verwarf,  eine  Ausnahme ­
  zugunsten  der  Landesverteidigung  machte.  Er  kennt  noch
eine  zweite  Ausnahme,  die  sogenannten  Retorsionsfälle,  die  als  Repressalie
verhängt  werden;  sie  haben  für  uns  hier  kein  Interesse.  Über  die  zugunsten
der  Verteidigung  Großbritanniens  zugestandenen  Maßnahmen  äußert  er  sich
folgendermaßen:  „Es  hängt  die  Verteidigung  Großbritanniens  sehr  von  der
Zahl  seiner  Seeleute  und  Schiffe  ab.  Die  Navigationsacte  ist  deshalb  sehr
zweckmäßig  darauf  bedacht,  den  Seeleuten  und  der  Reederei  des  Landes  das
Monopol  ihres  Gewerbes  zu  geben,  teils  durch  unbedingte  Verbote,  teils  durch
schwere  Belastung  der  fremden  Reederei.  Die  wichtigsten  Vorschriften  des
Gesetzes  sind  folgende  :  Erstens  ist  allen  Schiffen,  deren  Eigner,  Führer  und
drei  Viertel  der  Mannschaft  nicht  britische  Untertanen  sind,  bei  Strafe  des
Verlustes  von  Schiff  und  Ladung,  jeder  Verkehr  mit  den  britischen  Niederlassungen ­
  und  Pflanzungen,  sowie  jeder  Küstenhandel  in  Großbritannien  untersagt. ­
  Zweitens  darf  eine  große  Zahl  der  umfänglichsten  Einfuhrartikel  nur
entweder  in  Schiffen  der  bezeichneten  Art  oder  in  Schiffen  des  Erzeugungslandes
eingeführt  werden  und  sind  sie  einem  doppelten  Fremdenzoll  unterworfen.
Drittens  dürfen  sehr  viele  Artikel  der  umfänglichsten  Art  selbst  in  britischen
Schiffen  nur  unmittelbar  aus  den  Erzeugungsländern  eingeführt  werden.  Diese
Vorschrift  war  vermutlich  gegen  Holland  gerichtet.  Als  das  Navigationsgesetz
erlassen  wmrde,  befanden  sich  England  und  Holland  zwar  nicht  im  Kriege  miteinander, ­
  doch  bestand  die  heftigste  Erbitterung  zwischen  beiden  Nationen.  Der
Nationalhaß  hatte  zu  jener  Zeit  denselben  Zweck  im  Auge,  den  der  besonnenste
Verstand  zu  empfehlen  vermochte:  die  Verminderung  der  Seemacht  Hollands,
der  einzigen,  welche  Englands  Sicherheit  zu  gefährden  imstande  war.  Für  den
auswärtigen  Handel  und  den  Zuwachs  an  Reichtum,  der  aus  demselben  entstehen ­
  kann,  ist  das  Navigationsgesetz  nicht  vorteilhaft.  Da  indessen  die  Landesverteidigung ­
  wichtiger  ist  als  Reichtum,  so  dürfte  das  Navigationsgesetz  vielleicht
die  weiteste  aller  englischen  Handelsverordnungen  sein.“  Das  Navigationsgesetz ­
  wurde  erst  1847  aufgehoben,  als  Englands  Seemacht  bereits  eine  weltbeherrschende ­
  Stellung  einnahm  und  die  Zahl  seiner  Handelsmatrosen  mehr  als
ausreichend  war.  Das  beweisen  denn  auch  die  Daten  über  die  britischen  Schiffsbauten, ­
  die  nur  kurze  Zeit  eine  Reduktion  aufwiesen.
In  Österreich-Ungarn  sind  es  vor  allem  die  Küstenbewohner  Dalmatiens,
die  als  Matrosen  der  Kriegsmarine  in  Frage  kommen.  Wir  haben  schon  oben
bei  Besprechung  der  Auswanderungsfrage  auch  dieses  Moment  berührt.  In
einer  lesenswerten  Broschüre  bespricht  der  frühere  österreichische  Handelsminister ­
  Baernreither  diese  Frage  und  betont  unter  Hinweis  auf  Mitteilungen
des  Abgeordneten  Lupis,  wie  wichtig  es  wäre,  durch  eigene  Subventionen
die  Küstenschiffahrt  zu  fördern.  „Den  ersten  großen  Anstoß  zur  Massenauswanderung ­
  gab  die  berüchtigte  Weinzollklausel  des  italienischen  Handelsvertrages. ­
  Schon  vorher  war  der  dalmatinische  Bauer,  der  auf  den  Weinbau  angewiesen ­
  ist,  in  schlechten  finanziellen  Verhältnissen,  er  mußte  für  geliehene
Gelder  20o/o  und  mehr,  in  einzelnen  Fällen  sogar  50o/o  bezahlen.  Als  dieser
Preis  infolge  des  italienischen  Handelsvertrages  (und  ich  darf  wohl  hinzufügen, ­
  auch  infolge  der  Abnahme  der  französischen  Nachfrage,  als  in  Frankreich
die  Zerstörungen  der  Phylloxera  gut  gemacht  waren)  sank,  die  Weinkultur  zudem
wegen  Bekämpfung  der  Peronospera  kostspielig  wurde  und  im  Norden  von
Dalmatien  auch  noch  die  Phylloxera  die  Weingärten  zerstörte  —  trat  die  Katastrophe ­
  ein;  ganze  Dörfer,  ja  ganze  Bezirke  wurden  bankerott.  Um  diese
Zeit  blühte  in  Neuseeland  das  Ausgraben  des  Dammaraharzes.  Viele  der  durch
die  Krisis  zu  Schaden  gekommenen  Gläubiger  borgten  ihren  Schuldnern  als
ein  letztes  Mittel  das  Geld  zur  Überfahrt  nach  Neuseeland,  jetzt  begann  Geld
        <pb n="64" />
        53

Ins  Land  zu  strömen.  In  den  darauffolgenden  Jahren  wurden  viele  Millionen
Kronen  von  Neuseeland  nach  Dalmatien  geschickt,  alte  Schulden  bezahlt,  neue
Häuser  gebaut  und  Land  gekauft.  Es  wurde  zur  Übung,  auf  2—4  Jahre  hinüberzugehen. ­
  Diese  Art  Auswanderung  nahm  aber  ein  Ende.  An  ihre  Stelle  trat
eine  Auswanderung,  die  einen  ganz  anderen  Charakter  hatte.  Der  Stein  der
Emigration  war  eben  einmal  im  Rollen,  es  wendeten  sich  die  Auswanderer  nach
Nordamerika,  Südafrika,  Australien  und  Südamerika.  Die  genannten  Länder,
vor  allem  Nordamerika,  absorbieren  und  assimilieren  fremde  Einwanderer,  besonders ­
  wenn  sie  jung  sind,  viel  leichter,  so  daß  in  der  Auswanderung  vont
Kindern  und  jungen  Personen  eine  große  Gefahr  für  Dalmatien  liegt.  Von
100  jugendlichen  Auswanderern  sind  80  dem  Vaterlande  verloren.  Sie  lernen
die  Sprache  leicht,  finden  lohnende  Arbeit,  befreien  sich  von  der  Militärpflicht,
kommen  nicht  mehr  zurück,  senden  aber  auch  ihre  Ersparnisse  nicht  mehr  nach
Hause  und  helfen  auch  ihren  armen  Verwandten  in  Dalmatien  nicht  mehr.
Gerade  in  der  letzten  Zeit  sind  Knaben  und  junge  Männer  aus  Furcht  vor  dem
Balkankrieg  in  ungewöhnlicher  Zahl  ausgewandert,  die  spät  oder  nie  wieder
kommen  werden.  Die  Bewohner  der  Seeküste  wandern  viel  leichter  aus,  als
die  Bewohner  aus  dem  Innern  des  Landes,  und  es  war  ein  großer  Fehler  der
Regierung,  daß  sie  die  Küstenschiffahrt,  die  sie  mit  einer  Subvention  von  ein,
paar  hunderttausend  Kronen  hätte  erhalten  können,  verfallen  ließ.  Baernreither
hebt  dann  auch  besonders  hervor:  Es  ist  an  eine  wesentliche  Einschränkung
der  Auswanderung  nicht  zu  denken  und  es  nützen  auch  repressive  Maßregeln
nichts,  wenn  nicht  zugleich  die  materielle  Wohlfahrt  des  Landes  gehoben  wird.
Die  645.000  Einwohner  Dalmatiens  müssen  in  dem  Landbau,  im  Gewerbe  und
im  Handel,  in  der  Schiffahrt  und  in  der  Fischerei  ihr  Auskommen  finden.  Das
zu  erreichen,  muß  die  große  Richtlinie  aller  Maßregeln  sein.  Wir  sehen  auch
in  diesem  Falle,  wie  die  sozialpolitischen  Gesichtspunkte  bedeutsam  werden
können.  Das  Interesse  am  Aufschwung  Dalmatiens  ist  den  Dalmatinern  und
der  Heeresverwaltung  gemeinsam.
Man  hat  sich  im  dein  letzten  Jahren  mehrfach  bemüht,  festzustellen,  welche
Berufsgruppen  der  Armee  die  besten  Soldaten  liefern.
Diese  Untersuchungen,  welche  zeigen  würden,  welche  Berufe  im  Interesse
der  Armee  am  meisten  zu  fördern  wären,  sind  aber  bis  heute  noch  nicht  so
einwandfrei  durchgeführt  worden,  daß  man  die  Ergebnisse  ohne  weiteres  verwerten ­
  könnte.  Da  mían  aber  jetzt  diese  Probleme  von  vielen  Seiten  her  in
Angriff  nimmt,  dürfte  ihre  Lösung  nicht  mehr  allzulange  auf  sich  warten  lassen.
Alle  diese  Fragestellungen  sind  heute  sehr  modern,  da  man  sich  über  das
Wesen  und  den  Aufbau  des  gesellschaftlichen  Körpers  möglichst  zuversichtlich
zu  unterrichten  trachtet.
Von  großer  Bedeutung  für  den  Kriegsfall  ist  die  Geburtenreserve
eines  Volkes.  Normalerweise  wird  die  Gebärfähigkeit  der  Frauen  nicht
voll  ausgenützt,  so  daß  die  Möglichkeit  besteht,  nach  großen  Kriegen  einen
Bevölkerungsverlust  durch  Vermehrung  der  Geburten  auszugleichen.  Im  allgemeinen ­
  kann  man  die  Tatsache  konstatieren,  daß  Völker  mit  niedriger  Kultur
eine  hohe  Geburtlichkeit  und  eine  hohe  Sterblichkeit  aufweisen,  während  man
mit  steigender  Kultur  eine  Abnahme  beider  Größen  konstatieren  kann.  Je
höher  also  ein  Volk  kultiviert  ist,  desto  weniger  nützt  es  die  absolute  Gebärfähigkeit ­
  der  Frauen  aus.  .
Die  Geburtenreserve  kann  nach  Kriegen  in  sehr  verschiedener  Weise
herangezogen  werden.  Als  nach  dem  30  jährigen  Kriege  die  Entvölkerung  in
manchen  Gegenden  allzu  groß  war,  soll  die  Vielweiberei  gelegentlich  gestattet
worden  sein.  Zum  Teil  wird  nach  großen  Kriegen  eine  Zunahme  der  Geburten
auch  dadurch  hervorgerufen,  daß  infolge  der  Verluste  viele  Stellungen  frei
werden,  also  die  Chance,  für  sich  selbst  und  die  Kinder  den  Lebensunterhalt
erwerben  zu  können,  wächst.  Zwar  ist  bei  zunehmendem  Reichtum  im  allgemeinen ­
  die  Neigung,  Kinder  zu  bekommen,  geringer,  aber  das  gilt  im  allgemeinen ­
  nicht,  wenn  Leute  plötzlich  wohlhabender  werden,  die  noch  die  Geburtentradition ­
  der  früheren  Schichte  aufweisen.  Gelegentlich  dürfte  die  Geburtenzunahme ­
  nach  Kriegen  auch  dadurch  gefördert  werden,  daß  viele  verlobte ­
  Paare  die  Verehelichung  beschleunigen,  wenn  der  Krieg  droht.  Ich  möchte
        <pb n="65" />
        darauf  Hinweisen,  daß  mir  in  Serbien  zur  Zeit  der  Mobilisierung  die  erhebliche
Zahl  von  Brautpaarbildern  in  den  Schaufenstern  der  Photographen  auffiel,  welche
Männer  in  Uniform  aufwiesen.  Es  dürften  viele  in  den  Krieg  gezogen  sein,
nachdem  sie  vorher  ihre  Frauen  befruchtet  hatten.  Ein  solches  Verhalten
wäre  gerade  bei  den  Serben  nicht  unverständlich,  wenigstens  konnte  ich  aus
Gesprächen  mit  Serben  die  Tatsache  entnehmen,  daß  sie  die  Fortpflanzung
vielfach  für  eine  nationale  Pflicht  ansehen.  Wir  sehen  denn  auch  häufig  nach
Kriegen  eine  statistisch  erfaßbare  Zunahme  der  Geburtlichkeit,  so  z.  B.  nach
dem  Kriege  von  1870/71.  Während  vorher  die  Geburtlichkeit  unter  40  pro
Mille  war,  betrug  sie  nach  dem  Kriege  über  40  pro  Mille.  Alle  Momente,
welche  diese  Steigerung  Hervorrufen,  kennen  wir  aber  heute  noch  nicht,  jedenfalls ­
  ist  es  wichtig,  diesen  Zusammenhang  im  Auge  zu  behalten.
Das  Geburtenproblem  ist  heute  überhaupt  noch  recht  ungeklärt.  Während
man  auf  der  einen  Seite  über  Übervölkerung  klagt  und  Hunderttausende  in
die  Fremde  ziehen  läßt,  jammert  man  gleichzeitig  über  Geburtenrückgang,
der  übrigens  im  allgemeinen  durch  einen  erheblichen  Sterblichkeitsrückgang
kompensiert  wird.  Letzterer  geht  auf  verschiedene  Momente  zurück,  unter
anderem  auch  auf  Fortschritte  der  Hygiene  und  der  Medizin.
Die  Ursachen  des  heute  zu  beobachtenden  Geburtenrückganges,  der  vor
allem  in  den  Städten  auftritt,  aber  auch  auf  dem  Land  anzutreffen  ist,  sind
mannigfacher  Art.  Zum  Teil  dürfte  auch  eine  Abnahme  der  Zeugungsfähigkeit ­
  in  manchen  Gesellschaftsklassen  eine  gewisse  Rolle  spielen,  vor
allem  aber  die  absichtliche  Verhinderung  der  Befruchtung  durch
bestimmte  Methoden  des  Geschlechtsverkehrs  oder  durch  Präventivmittel.  Auf
dem  Lande  spielt  besonders  die  Abtreibung  eine  erhebliche  Rolle,  die
aber  auch  in  den  Städten  etwas  sehr  Häufiges  ist.  Von  großer  Bedeutung
sind  die  Geschlechtskrankheiten,  welche  die  Fortpflanzung  schwer  schädigen.
Im  allgemeinen  sind  die  wohlhabenderen  und  rationeller  lebenden  Kreise
am  meisten  geneigt,  durch  geeignete  Maßnahmen  die  Kinderzahl  einzuschränken,
um  so  den  Lebensstandard  der  Kinder  aufrechterhalten  zu  kö;nnen.  Die  Einikommen
  des  Mittelstandes,  insbesondere  der  Beamtenschaft,  sind  so  niedrig,
daß  eine  Familie  schwer  mehr  als  drei  Kinder  aufziehen  kann,  wenn  die  Ausbildung ­
  der  Kinder  nicht  Zurückbleiben  soll.  Die  ärmeren  Kreise  leben  vielfach
dumpf  dahin,  bekommen  viele  Kinder  und  lassen  sie  massenhaft  dahinsterben.
Neben  diesen  bisher  erwähnten  Reserven  gibt  es  auch  Reserven  an
Erfindungen,  die  im  Kriege  Verwendung  finden  können.  Es  gibt  eine
Menge  von  Erfindungen,  die  im  Frieden  nicht  verwendet  werden,  weil  sie
keinen  ausreichenden  Gewinn  bringen.  Wir  sehen  z.  B.  die  Hebelmaschinen
wenig  in  Benützung.  Ein  großer  Teil  der  Transporte  von  Kisten,  Möbeln,
Steinen  usw.  wird  mit  Muskelkraft  vorgenommen.  Wenn  man  die  Fülle  von
Erfindungen  mit  Technik,  die  Häufigkeit  der  Verwendung
mit  Technizität  bezeichnet,  so  mxiß  man  sagen,  daß  in  unserem  Zeitalter
die  Technik  zwar  sehr  weit  fortgeschritten  ist,  nicht  aber  die  Technizität.
Die  Alten  hatten  zwar  weniger  Erfindungen,  sie  nützten  dieselben  aber  alle
aus.  Wenn  im  Kriegsfall  die  Zahl  der  Arbeitskräfte  abnimmt  und  bestimmte
Importartikel  verschwinden,  kann  es  leicht  zur  Verwendung  schon  bekannter
Erfindungen  kommen,  die  bisher  nicht  in  Gebrauch  genommen  wurden.
Aber  auch  die  Erfindungskraft  selbst  wird  in  Kriegszeiten  durch,
die  Not  oft  geschärft.  So  wurde  z.  B.  die  Rübenzuckerfabrikation  während
der  Kontinentalsperre  eingeführt.  Napoleon  der  Erste  setzte  Preise  für  die
Erfindung  neuer  Maschinen  aus.  Und  es  wurde  denn  auch  eine  Reihe  von
Erfindungen  gemacht  und  ausgenützt.  Man  kennt  zwar  die  Größe  dieser
Reserve  an  Erfindungskraft  nicht,  aber  man  muß  sie  auch  in  Rechnung  stellen.
Die  Erfindungsreserve  kann  man  aus  den  Patentpublikationen  zum  Teil  entnehmen, ­
  und  es  wäre  im  ünteresse  der  Kriegsbereitschaft  gelegen,  im  Vorhinein ­
  festzustellen,  welche  Erfindungen  im  Falle  einer  Absperrung  des  Landes
vom  Weltverkehr  verwendet  werden  könnten.  Es  gibt  viele  Maschinen,  aber
dennoch  in  brauchbarer  Qualität,  die  Surrogate  für  wichtige  Importartikel  zu
erzeugen  vermöchten.
Zu  den  bisherigen  Reserven  kommen  noch  die  Rohstoffreserven..
        <pb n="66" />
        55

Es  gibt  Bergwerke,  die  in  Friedenszeiten  anszunützen  nicht  rentabel  ist  Es
gibt,  wie  wir  schon  erwähnten,  Land,  das  für  Ackerbau  und  Viehzucht  in
Friedenszeiten  nicht  Verwendung  findet.  vienzucnr  m
Auf  die  Warenreserven,  insbesondere  auf  die  Lebensmittelreserven
werde  ich  noch  zurückzukommen  haben.  Sie  werden  in  Friedenszeiten  im  alle-emeinen
  sukzessive  aufgebraucht.  Nur  Waffenreserven  und  ein  Teil  der  Sanitñsreserven
  gehen  in  Friedenszeiten  langsam  zugrunde  und  müssen  erneuert  werden.
Von  ganz  anderer  Bedeutung  sind  die  Geldreserven.  Soweit  es  sich
um  Inlandgeldreserven  handelt,  sind  sie  von  geringer  Bedeutung,  da  es  ein  Verwaltungsproblem ­
  ist,  ob  man  die  Kriegsmittel  im  Inlande  durch  Kauf  oder  durch
Requisition  beschafft.  Es  ist  auch  denkbar,  daiß  die  Geld-  und  Kreditordnung
im  Kriegsfälle  überhaupt  suspendiert  werden  müß.  Die  Aus  la  ndsge  Id  res  erven
repräsentieren  Forderungskräfte  an  das  Ausland,  ihre  Verwertung  hängt  wesentlich
von  der  politischen  Situation  ab.  Auch  diesen  Reserventypus  werden  wir  eingehend ­
  zu  besprechen  haben.
Die  Ausführung  über  die  ungenügende  Ausnützung  der  produktiven  Kräfte
könnte  leicht  den  Eindruck  hervorrufen,  daß  alle  Reserven  solcher  ungenügender
Ausnützung  ihren  Ursprung  verdanken.  Dies  ist  nun  nicht  der  Fall.  Keine  gesellschaftliche ­
  Organisation  kann  alle  Reserven  ausschalten.  Für  jeden  Menschen,
der  in  der  gesellschaftlichen  Ordnung  eine  bestimmte  Stellung  einnimmt,  muß
z.  B.  immer  der  Nachfolger  bereit  sein,  der  ihn  ersetzen  kann,  wenn  er  ausscheiden
sollte.  Dieser  Nachfolger  wird,  solange  er  warten  muß,  eine  Stellung  innehaben,
die  seinen  Fähigkeiten  nicht  voll  entspricht.  Ähnliches  sehen  wir  auf  Schritt  und;
Tritt.  Wir  sehen  auch  bei  einer  nur  flüchtigen  Erörterung  des  Reservenproblems,
daß  wir  nur  durch  Berücksichtigung  sehr  allgemeiner  Gesichtspunkte  zu  einigermaßen ­
  brauchbarer  Urteilsbasis  gelangen  können.

4.  Arten  der  kriegswirtschaftlichen  Bedarfsdeckung.
Gehen  wir  nun  zur  Güterbeschaffung  für  den  Kriegsfall  über.  Es  handelt
sich  sowohl  um  die  Bereitstellung  der  Kriegsmittel  im  engeren  Sinne,  als  auch
um  die  Beschaffung  von  Nahrung  und  sonstigen  Bedarfsartikeln  für  die  Armee
und  Zivilbevölkerung.  Diese  Beschaffung  kann  entweder  im  Rahmen  der  Qeldund
  Kreditordnung  in  kommerzieller  Weise  erfolgen,  oder  aber  mit  Hilfe  entsprechender ­
  Verwaltungsmaßnahmen;  im  Falle  eines  Krieges
ist  mit  erheblichen  Eingriffen  der  Staatsgewalt  zu  rechnen.
Wie  weit  solche  Eingriffe  für  die  weitere  Entwicklung  des  bürgerlichen  Lebens
von  Vorteil  oder  Nachteil  sein  können,  haben  wir  hier  nicht  näher  zu  erörtern.
Ob  man  die  Güterbeschaffung  durch  Geld  vorzieht  oder  die  Beschaffung
auf  dem  Verwaltungswege,  ist  nicht  nur  eine  Frage  des  fiskalischen  Interesses, ­
  sondern  auch  eine  von  grundsätzlicher  sozialer  Bedeutung.  Gesellschaftliche ­
  Gesichtspunkte  spielen  heute  bei  der  Güterversorgung  eine  größere
Rolle,  als  vor  etwa  einem  Menschenalter.  Diese  Tendenz  macht  sich  auch  auf
kommerziellem  Gebiete  geltend,  und  wir  können  sowohl  im  Geld-,  als  auch  im
Kreditwesen  erhebliche  Eingriffe  der  Regierungen  beobachten.  Auf  dem  Gebiete
der  Heeres  Wirtschaft  wird  man  sich  einerseits  in  militärischen  Kreisen  immer
stärker  der  Wichtigkeit  kommerzieller  Betriebsformen  bewußt  und  trachtet  darnach,
interne  Einrichtungen  dem  modernen  Geschäftsleben  entsprechend  umzugestalten;
man  sucht  aber  auch  mit  den  Banken  und  sonstigen  Instituten  unmittelbarer,  als
dies  früher  üblich  war,  in  Kontakt  zu  treten,  um  so  die  Interessen  der  Armee
besser  wahren  zu  können.  Anderseits  wird  heute  der  fiskalische  Gesichtspunkt,
der  zum  Teil  mit  jenem  des  Kaufmanns  zusammenfällt,  in  Maßnahmen  der  Heeresverwaltung ­
  und  mit  ihr  in  Verbindung  stehender  Behörden  nicht  mehr  so  ausschließlich ­
  wie  früher  eingenommen;  sozialpolitische  Momente  treten  häufig
hervor,  insbesondere  bei  der  Beschaffung  von  Naturalien  und  bei  der  Beschaffung
von  Artikeln,  die  vom  Kleingewerbe  geliefert  werden  können.  Die  Förderung
der  Landwirtschaft  ist  ebenso  ein  Ziel  des  Staatsganzen,  wie  die  Förderung  der
Armee,  die  selbst  ein  Mittel  zur  Durchsetzung  staatlicher  Zwecke  darstellt.  Es
kann  daher  ganz  gut  Vorkommen,  daß  man  den  Bedarf  für  die  Armee  so  deckt.
        <pb n="67" />
        56

daß  die  Landwirtschaft  dabei  möglichst  gewinnt.  Es  kann  das  Staalsganze  gewinnen, ­
  selbst  wenn  die  Armee  möglicherweise  teurer  einkaufen  sollte  als  sonst.
Die  Rentabilität  an  einer  einzelnen  Stelle  des  Gesellschaftskörpers  tritt  für  viele
Politiker  gegenüber  jener  des  Gesamtwohles  in  den  Hintergrund.
Wir  sehen  derartiges  häufig  im  Staatsleben.  Denken  wir  uns  ein  Eisenbahnsystem. ­
  Eine  wichtige  Verbindungslinie  soll  vom  Staat  gebaut  werden.
Es  zeigt  sich,  daß  dieselbe  unrentabel  ist,  d.  h.  die  aufgewendeten  Geldsummen
werden  durch  die  Einnahmen  nicht  entsprechend  verzinst.  Trotzdem  kann  diese
Linie  für  das  Eisenbahnsystem  im  ganzen  rentabel  sein,  weil  die  Gesamteinnahmen
aller  Strecken  zusammen  durch  die  Schaffung  dieser  Verbindungslinie  steigen.
Die  Linie  kann  aber  auch  möglicherweise  dazu  beitragen,  die  Einnahmen  des
Staates  zu  steigern,  ohne  die  Einnahmen  des  Eisenbahnsystems  zu  erhöhen.
Es  wäre  ja  möglich,  daß  durch  die  Schaffung  dieser  Linie  zwar  die  Frachteinnahmen ­
  nicht  entsprechend  wachsen,  aber  dennoch  die  an  den  Eisenbahnen
liegenden  Industrien  derart  blühen,  daß  sich  vermehrte  Steuerergebnisse  zeigen,
die  zwar  nicht  vom  Eisenbahnministerium,  wohl  aber  vom  Finanzministerium
ausgewiesen  werden.  Aber  es  sind  noch  immer  wenigstens  Mehreinnahmen  des
Staates,  welche  die  Verbindungsbahn  erzeugt.  Es  kann  aber  der  Fall  verkommen, ­
  daß  Politiker  die  Schaffung  dieser  Linie  begrüßen,  selbst  wenn  durch
dieselbe  die  Staatseinnahmen  überhaupt  nicht  zunehmen,  sondern  nur
der  Volkswohlstand,  das  Glück  und  das  Wohlbefinden  der  Bürger
steigen.
Wenn  wir  das  allgemeine  Wohl  als  ein  Ziel  staatlicher  Maßnahmen  annehmen, ­
  können  wir  nicht  ohne  weiteres  einer  Formulierung  zustimmen,  die
wir  in  einem  sonst  sehr  lesenswerten  und  anregenden  Aufsatz  Reeders  an  treffen.
„Es  obliegt  der  militärischen  Verpflegswirtschaft  im  Frieden  die  fiskalische  Aufgabe, ­
  bei  allen  Maßnahmen  dem  Prinzip  der  Wirtschaftlichkeit  volle  Geltung
zu  verschaffen.  Also  die  Aufgabe,  gute  aber  wohlfeile  Ware  anzukaufen  und
den  gesamten  Betrieb  unter  dem  Gesichtspunkte  möglichster  Ersparnis  an  Wirtschaftsspesen ­
  aller  Art  zu  organisieren,  zu  leiten,  durchzuführen.“  Es  kann  sich
ja  auf  Grund  allgemeiner  Erwägungen  als  zweckmäßig  erweisen,  daß  man  die
Armee  als  einen  selbständigen  Körper  auffaßt,  der  gewissermaßen  als  gewöhnlicher
Kaufmann  auftritt.  Es  kann  so  unter  Umständen  das  Gesamtwohl  am  meisten
gewinnen.  Es  ist  aber  auch  möglich,  daß  nur  die  Berücksichtigung  allgemeinstaatlicher ­
  Gesichtspunkte  diesen  Erfolg  sicherstellt.  Ob  das  eine  oder  andere
anzustreben  ist,  kann  nicht  von  vornherein  entschieden  werden,
es  erfordert  diese  Entscheidung  grundsätzliche  Erwägungen  von  Fall  zu  Fall.
Allgemeine  Gesichtspunkte  kommen  auch  in  Frage,  wenn  das  Prinzip  der
Zentralisation  oder  Dezentralisation  erörtert  wird.  Auch  in  diesem  Falle  reichen
rein  fiskalische  Erwägungen  keineswegs  aus.  Die  Vorteile  und  Nachteile  beider
Organisationstypen  treten  besonders  im  Kriegsfall  zutage.  Diejenigen,  welche
im  Kriegsfälle  eine  größere  Zentralisation  wünschen,  werden  auch  im  Friedensfall
für  die  Schaffung  von  Zentralisationskaders  eintreten,  während  jene,  die  im  Kriege
die  Dezentralisation  für  nötig  erachten,  auch  im  Frieden  analoge  Maßnahmen
zu  befürworten  pflegen.
Schon  in  Friedenszeiten  werden  die  rein  fiskalischen  Tendenzen
durch  andere  zurückgedrängt;  noch  stärker  dürfte  das  in
Kriegszeiten  der  Fall  sein.  Die  militärischen  Ziele  pflegen  dann
alle  anderen  in  den  Hintergrund  zu  schieben,  wenn  auch  die  leitenden  Politiker
immer  bemüht  sein  dürften,  die  Ziele  der  Gesamtheit  im  Auge  zu  behalten.  Es
gelingt  freilich  nie  ganz,  die  Fülle  der  Probleme  immer  auf  die  obersten  Ziele
hin  zu  orientieren,  vieles  geschieht  durch  die  Bestrebungen  einzelner  Organe,  die
zwar  durch  ihre  Struktur  der  Gesamtheit  angepaßt  sind,  aber  in  den
einzelnen  Aktionen  oft  ein  unabhängiges  Dasein  besitzen.
Die  Frage,  wann  die  Beschaffung  der  Güter  durch  Geld,  wann  jene  durch
Verwaltungsmaßnahmen  im  Interesse  des  Staates  vorzuziehen  ist,  wann  Mischungen
beider,  kann  nicht  allgemein  beantwortet  werden.  Die  Beschaffung  auf
kommerziellem  Wege  hat  immer  den  Vorteil  voraus,  daß  sie
der  Tradition  entspricht  und  damit  den  zahllosen  Einrichtungen ­
  Und  Gewohnheiten,  die  sich  im  Laufe  von  Jahrhun-
        <pb n="68" />
        57

d  e  r  t  e  n  gebildet  haben.  Damit  ist  nicht  gesagt,  daß  alles  überlieferte  gut
ist,  wohl  aber,  daß  die  Beseitigung  überkommener  Institutionen  mit  ihren  zahllosen, ­
  oft  unübersehbaren  Nebenwirkungen  immer  ausdrücklich  in  Rechnung  zu
stellen  ist.  Im  folgenden  werden  zunächst  die  mehr  kommerziellen  Methoden
der  Bedarfsdeckung,  sowie  die  Beschaffung  der  Geldmittel  behandelt,  weil
diese  Formen,  solange  der  Krieg  nicht  besonders  große  Dimensionen  annimmt,  mit
mäßigen  Abänderungen  erhalten  bleiben  dürften.  Im  Weltkrieg  freilich  ist
das  Zurücktreten  der  Geld-  und  Kreditwirtschaft  gar  nicht
unmöglich,  dann  haben  die  hier  an  erster  Stelle  gegebenen  Betrachtungen
geringere  Bedeutung.
5.  Aufgaben  und  Wesen  des  Geldes,
Die  grundsätzlichen  kriegsfinanziellen  Probleme  kann  man  im  allgemeinen
ruhig  öffentlich  besprechen;  es  sind  mehr  Einzelheiten  und  konkrete  Daten,
die  man  nicht  zu  veröffentlichen  pflegt.  Die  öffentliche  Erörterung  kriegswirtschaftlicher ­
  Fragen  ist  im  allgemeinen  ein  großer  Gewinn,  weil  prinzipielle
Mängel  zutage  kommen,  und  weil  die  Beseitigung  solcher  Mängel  durch  die  wissenschaftliche ­
  Erörterung  meist  wertvoller  sein  dürfte,  als  die  Verheimlichung  von
oft  recht  untergeordneten  Maßnahmen.
Die  Beschaffung  von  Geld  seitens  des  Staates  dient  einerseits  dazu,  dem
Staat  einen  Teil  der  Gütergesamtheit  zu  sichern,  anderseits  dazu,  den  Güterumsatz
innerhalb  der  Bevölkerung  sicherzustellen,  oder  der  Bevölkerung  die  Beschaffung
von  Auslandsgütern  zu  erleichtern.  Das  Geld  ist  eine  Art  Anweisung
auf  alle  möglichen  Arten  von  Gütern,  eine  Anweisung,
deren  Anweisungskraft  Änderungen  unterliegt.  Wie  man  für
eine  Theaterkarte  einen  Theatersitz,  für  eine  Eisenbahnkarte  einen  Eisenbahnsitz
erhält,  so  kann  man  sich  für  Geld  beliebige  Güter  verschaffen.  Wer  Geld  für
eine  Arbeitsleistung  als  Bezahlung  annimmt,  tut  dies,  weil  er  damit  rechnet,  für
das  Geld  sicher  irgendeine  Ware,  die  er  braucht,  zu  dem  landesüblichen  Preise
zu  bekommen.  Die  Ware,  welche  man  für  das  Geld  erhält,  ist  eigentlich  die
endgültige  Bezahlung.
Das  Vertrauen,  daß  man  für  Geld  Waren  erhält,  kann  verschiedene  Ursachen
haben.  Leben  wir  in  einem  wohlgeordneten  Staatswesen,  so  genügt  ein  Zettel,
der  als  Anweisung  dient;  der  Eigentümer  dieses  Zettels  muß  nur  die  Sicherheit
haben,  daß  der  Verkäufer  einer  Ware  diesen  Zettel  ebenso  annimmt,  wie  er  ihn
selbst  angenommen  hat.  Diese  Sicherheit  kann  durch  den  staatlichen  Zwang
garantiert  werden,  sie  kann  aber  unter  Umständen  auch  auf  rein  gesellschaftlichem ­
  Vertrauen  beruhen.  Anders  wäre  dies  alles,  wenn  Mißtrauen  eintreten
und  man  annehmen  würde,  daß  morgen  die  Staatsordnung  und  das  allgemeine  Vertrauen ­
  zu  funktionieren  aufhören.  Wer  eine  Theaterkarte  bekommt,  müßte  z.  B.
fürchten,  daß  er  auf  seinem  Sitz,  wenn  die  Vorstellung  beginnt,  einen  anderen
antrifft,  ohne  daß  es  ihm  gelingen  würde,  durch  die  Polizei  oder  durch  Richterspruch ­
  zu  seinem  Rechte  zu  kommen.  Wenn  dieser  Mann,  durch  diesen
Zufall  gewitzigt,  sich  wieder  eine  Karte  beschafft,  dürfte  er  sich  vielleicht  vom
Theaterdirektor  eine  Sicherheit  geben  lassen.  An  der  Karte  für  die  Galerie
könnte  z.  B.  ein  Stück  Schokolade  hängen,  an  der  Karte  für  eine  Loge  eine
Champagnerflasche.  Findet  der  Inhaber  der  Karte  seinen  Platz  besetzt,  so  bleibt
ihm  die  Möglichkeit,  sich  durch  den  Genuß  des  Pfandobjektes  schadlos  zu  halten,
andernfalls  gibt  er  die  Karte  mit  dem  daran  hängenden  Pfandobjekt  ab.  Es
ist  ganz  klar,  daß  die  Karten  mit  den  daran  hängenden  Pfandobjekten  eine  geringere ­
  soziale  Ordnung  voraussetzen,  als  die  Karten  ohne  Pfandobjekte.  Unser
Goldgeld  ist  mit  einer  Anweisung  zu  vergleichen,  an  der
das  Pfandobjekt  dauernd  hängt.  Die  Note  setzt  eine  höhere  Organisationsform ­
  voraus,  als  das  vollwertige  Metallgeld.  Wir  sehen  denn  auch,  daß
das  vollwertige  Metallgeld  vielfach  dann  als  regelmäßiges  Zahlungsmittel  auftritt,
wenn  Organisationsmängel  vorhanden  sind.  Die  alten  Ägypter  z.  B.  sind  vielfach ­
  mit  einem  Magazinsystem  ausgekommen,  das  späterhin  einem  Naturaliengiroverkehr ­
  zur  Grundlage  diente.  Wer  in  Nordägypten  in  einen  Staatsspeicher
        <pb n="69" />
        58

Naturalien  einzahlte,  konnte  veranlassen,  daß  eine  gleiche  Getreidemenge  in  Südägypten ­
  ausbezahlt  werde.  Die  Geldordnung  begann  erst  zu  dominieren  —  obgleich ­
  das  Naturaliengirowesen  sich  gerade  während  der  Geldordnung  weiterentwickelte ­
  —,  als  Ägypten  ein  erobernder  Staat  wurde.  Wie  kam  das?  Versetzen ­
  wir  uns  in  jene  Zeit.  Eine  ägyptische  Garnison  wird  z.  B.  in  Damaskus
stationiert.  Dorthin  kommen  Araber  aus  dem  südlichen  Arabien,  um  z.  B.  Pferde
zu  verkaufen.  Der  Ägypter  hat  daheim  im  Speicher  Getreide  liegen,  das  er  vielleicht ­
  gerne  dem  Araber  überweisen  würde.  Aber  der  Araber  erklärt  ihm,  daß
er  nach  Saba  zurück  müsse,  und  dort  kenne  man  diese  Einrichtung  nicht,  und
selbst,  wenn  man  sie  kenne,  sei  es  unmöglich,  auf  eine  Getreideüberweisung
einzugehen,  weil  beim  Ausbruch  des  Krieges  alle  Forderungsrechte  hinfällig
würden.  Der  Araber  dürfte  daher  von  dem  Ägypter  irgendein  Ding  verlangen,
das  er  gleich  mitnehmen  kann.  Es  müßte  verhältnismäßig  leicht  transportabel
und  sofort  verwendbar  sein  oder  aber  ihm  daheim  die  Möglichkeit  geben,  sich
das  zu  verschaffen,  was  er  braucht,  etwa  Papyrus,  Blausteinschmuck,  Rohsilber
oder  ähnliches  mehr.
Die  Vermehrung  solcher  Geschäfte  kann  zu  einem  systematischen  Verkehr
führen.  Es  entstanden  Kaufleute,  welche  den  internationalen  Handel  übernahmen.
Diese  fanden  bald  bestimmte  Eigenschaften  der  internationalen  Handelsartikel
heraus.  Zunächst  bevorzugten  sie  Artikel,  die  mit  einem  möglichst
geringen  Risiko  belastet  waren.  Dahin  gehörten  solche,  die  ein
weites  Absatzgebiet  hatten,  wie  Goldgefäße,  Silberschmuck,  Tonwaren,  gefärbte
Stoffe  lusw.  Vor  allem  waren  es  Schmuck-  und  Luxusgegenstände,  nicht
Artikel  des  täglichen  Lebens.  Dies  erklärt  sich  in  erster  Reihe
daraus,  daß  die  Gebrauchsartikel  des  täglichen  Lebens  nur  in  beschränkter  Menge
gekauft  wurden.  Schmuck  wurde  aber  insbesondere  von  den
Wohlhabenden  ohne  Grenzen  an  geschafft.  Man  legte  Horte
an  und  der  Schatzhandel  ist  daher  für  jene  frühe  Periode  besonders  charakteristisch.
Reiche  Männer  besaßen  nicht  einen,  sondern  zehn,  zwanzig  Dreifüße,  weit
mehr,  als  sie  je  verwenden  konnten.  Wir  können  diese  Zustände  ziemlich  deutlich
aus  den  Schilderungen  der  Ilias  und  Odyssee  kennen  lernen.  Auch  werden  die
internationalen  Händler  wohl  jene  Dinge  bevorzugt  haben,  bei  denen  das  Risiko
dadurch  verringert  wurde,  daß  der  jährliche  Zuwachs,  der  auf  den  Markt  geworfen
wurde,  klein  war  im  Verhältnis  zur  Gesamtheit  der  betreffenden  Ware.  Wenn
z.  B.  die  Getreideernte  eines  Jahres  doppelt  so  groß  ist  als  die  des  vorhergehenden,
so  merkt  man  das  an  den  Preisen  sehr  deutlich  ;  wenn  die  Goldernfe  doppelt
so  groß  ist  als  im  vorhergehenden  Jahr,  so  merkt  man  das  weit  weniger,  we5I
dieser  Zuwachs  nur  wenig  gegenüber  den  immer  im  Verkehr  befindlichen  Geldmassen ­
  ins  Gewicht  fällt.  Schließlich  werden  die  Händler  gemerkt  haben,
daß  sie  durch  das  Aufbewahren  von  Fertigfabrikaten  ein
größeres  Risiko  liefen,  als  durch  das  Aufbewahren  von  Rohstoffen. ­
  Rohes  Silber  ließ  sich  jederzeit  in  eine  Spange  oder  ln  eine  Scheibe
verwandeln.  Aber  was  sollte  der  Händler  tun,  wenn  Silberbroschen  gesucht
wurden  und  er  nur  Spangen  hatte?  Auf  diese  und  ähnliche  Weise  wurden  wohl
die  unverarbeiteten  Metalle  die  wichtigsten  internationalen  Zahlungsmittel.  Die
Einführung  gemünzten  Geldes  war  anfänglich  von  geringer,
rein  v  e  rk  ehrstechnischer  Bedeutung.  Von  wirklicher  wirtschaftlicher
Tragweite  war  erst  die  Schaffung  minderwertiger  Münzen.  Das  Geld
setzte  zunächst  keine  Organisation  voraus,  es  vermittelte  den  Verkehr
zwischen  Menschen,  die  einander  nie  mehr  nahe  traten,  wohl  gar  Ländern  angehörten, ­
  die  miteinander  im  Kriege  lagen.  Das  Edelmetall  war  dort
Bindeglied,  wo  eine  staatliche  oder  gesellschaftliche
Ordnung  fehlte.
Wie  wirkten  nun  solche  Vorgänge  auf  das  Inland  zurück?  Die  Händler
waren  nun  darauf  bedacht,  sich  im  Inland  die  für  den  internationalen  Handel
nötigen  Tauschmittel  zu  verschaffen,  und  immer  häufiger  suchte  man  sich  im
gewöhnlichen  Leben  durch  die  Veräußerung  von  Waren  Güter  des  internationalen
Handels  zu  verschaffen.  Die  Zahlungsweise,  welche  im  ungeordneten  internnationalen
  Verkehr  notwendig  war,  fand  langsam  auch  im  nationalen  Zählungsverkehr ­
  Eingang,  wo  sie  nicht  notwendig  war.  Eine  weit  höhere  Organi-
        <pb n="70" />
        59

sation,  die  auf  der  staatlichen  Ordnung  basierte,  die  entstehende  Groß  naturalwirtschaft, ­
  wurde  durch  eine  Umsatzform  verdrängt,  die  für  Feinde  und
Fremde  geschaffen  worden  war.  Das  Geld,  welches  auf  dem  internationalen
Markte  die  Fernsten  einander  annäherte,  entfernte  nun  im  Inlande  die  Nächsten
voneinander;  Brüder  beginnen  im  Inlande  einander  wie  fremde  Kaufleute  anzusehen. ­
  Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  die  eigenartige  Doppelwirkung  des  Geldes,
näher  darzustellen,  wie  es  einerseits  verbindet,  anderseits  trennt,  aufbauend  und
zersetzend,  befreiend  und  knechtend  wirkt.  Das  Gesagte  dürfte  wohl  genügen,
um  zu  zeigen,  daß  man  der  Geldordnung  an  sich  kritisch  gegenüberstehen  und
vor  allem  bei  Erörterung  prinzipieller  kriegswirtschaftlicher  Fragen  sich  davor
hüten  müsse,  sie  als  eine  Selbstverständlichkeit  Wuzunehmen.
Allmählich  aber  beginnt  das  Geld  eine  neue  Wandlung  durchzumachen,  es
unterliegt  wieder  der  organisierenden  Kraft  der  Gesellschaft.  Wir  können  uns
ein  Bild  von  dieser  Wandlung  machen,  wenn  wir  uns  in  das  Feldlager  eines
antiken  Heeres  versetzen.  Der  Feldherr  hat  von  zu  Hause  zu  wenig  Sold  bekommen. ­
  Er  prägte  nun  z.  B.  neues  Geld  aus,  das  die  alte  Bezeichnung  führte,
aber  weniger  Edelmetall  enthielt.  Der  neue  Denar  hatte  z.  B.  nur  halb  so  viel
Gold  als  der  alte.  Nichtsdestoweniger  verkündete  der  Feldherr,  daß  alte  Schulden ­
  mit  den  neuen  Denaren  gezahlt  werden  könnten,  daß  die  Händler  die  neuen
Denare  so  wie  die  alten  anzunehmen  hätten,  daß  aber  sie  ihrerseits  wieder  ihre
Abgaben  in  neuen  Denaren  leisten  könnten.  Diese  Maßnahmen  bewährten  sich
und  fanden  vielleicht  Verbreitung  im  ganzen  Lande.  Es  schien  ein  Mittel  gefunden, ­
  den  Güterumsatz  mit  weniger  Edelmetall  als  bisher  zu  ermöglichen.  Vor
allem  aber  konnte  die  Regierung  sich  jederzeit  Geld  verschaffen,  indem  sie  aus
einer  Anzahl  alter  Geldstücke  eine  größere  Anzahl  neuer  prägte.  Die  ersten
Schwierigkeiten  ergaben  sich  wohl  im  internationalen  Verkehr.  Wenn  einer
der  oben  erwähnten  Krieger  in  Damaskus  dem  Araber  neue  Denare  als  Zahlung
anbot,  zog  dieser  wohl  seine  Wage  heraus,  um  sie  zu  wiegen.  Für  ihn  sind
die  Denare  Dinge,  die  daheim  umgeschmolzen  werden,  um  als  Schmuck  zu  dienen,
er  nimmt  sie  nur,  insoferne  sie  Gold  enthalten,  der  Name,  den  die  Münzen  führen,
ist  ihm  gleichgültig,  ebenso,  ob  man  damit  im  Staate,  der  sie  geprägt  hat,  Schulden
zahlen  kann  oder  nicht.  Wenn  der  Soldat  nun  mehr  Denare  als  früher  für  ein
Pferd  zahlen  mußte,  mag  er  wohl  über  Fälschung  geklagt  haben.  Und  so  gelangt
bereits  das  Altertum  zu  zwei  Standpunkten:  der  eine  sieht  in  der  Münze  ein
Ding,  das  seine  Kaufkraft  dem  Metallgehalt  verdankt,  der  andere  sieht  darin
ein  Ding,  das  seine  Kaufkraft  staatlichen  Verfügungen  verdankt.  Beide  hatten
recht,  der  eine,  soferne  die  Münze  als  internationales,  der  andere,  soweit
sie  nur  als  nationales  Zahlungsmittel  in  Anspruch  genommen  wurde.
Vollwertiges  Geld,  das  ist  solches,  für  das  man  sich  ungefähr  so  viel  Metall
kaufen  kann,  als  in  ihm  enthalten  ist,  konnte  jederzeit  auch  international  verwendet
werden  ;  das  minderwertige  Zeichengeld  dagegen,  für  das  man  sich  mehr  Metall
im  Inlande  kaufen  konnte,  als  es  enthielt,  brachte  Nachteil,  wenn  man  es  international ­
  verwenden  wollte.  Unsere  Noten  sind  nun  eine  Art  Zeichengeld,  das
den  Endpunkt  der  Edelmetallverringerung  repräsentiert,  es  ist  stofflich  beinahe
wertlos,  aber  auch  unsere  Silbergulden,  unsere  Kronenstücke,  kurz  alle  Geldsorten,
außer  den  Zehn-  und  Zwanzigkronenstücken,  sind  Zeichengeld.
Wir  sehen  aus  diesen  kurzen  Andeutungen,  daß  wir  scharf  zwischen  W  e  11  -
g  e  1  d  und  Inlandsgeld  unterscheiden  müssen.  Wir  können  vielleicht  einmal
auch  zu  einem  Zeichengeld  gelangen,  das  zum  Weltgeld  wird,  wenn  entsprechende
internationale  Abmachungen  getroffen  werden.  Alle  Bemühungen,  eine  internationale ­
  Banknote  zu  schaffen,  zielen  ja  dahin.  Die  Verwirklichung  dieser
Projekte  scheint  freilich  heute  noch  in  weite  Ferne  gerückt  zu  sein;  zum  Teile
infolge  der  Befürchtung,  daß  im  Kriegsfälle  die  internationale  Note  völlig  versagen
könnte,  vor  allem  aber  auch  deshalb,  weil  jeder  Staat  wohl  für  sich  die  Emission
von  Noten  veranlassen  würde,  ohne  auf  die  internationalen  Abmachungen  Rücksicht ­
  zu  nehmen.  Es  gibt  viele,  welche  die  Weltnote  nur
dann  für  durchführbar  halten,  wenn  die  internationalen
Abmachungen  eine  größere  Bedeutung  als  heute  erlangt
haben  werden  und  vor  allem  die  Kriegsgefahr  sehr  herabgemindert, ­
  wenn  nicht  beseitigt  erscheint.
        <pb n="71" />
        60

Ein  Staat  mag  für  den  Kriegsfall  Auslandsgeld  sparen,  es  ist  dagegen
sinnlos,  wenn  er  Inlandsgeld  spart,  da  es  jederzeit  gedruckt  werden  kann.  Hingegen ­
  vermehrt  der  Einzelne  seine  Ansprüche  auf  die  Gütergesamtheit,  wenn
er  Inlandsgeld  anhäuft.  Der  Geldvorrat  des  Staates  verhält  sich  gegenüber
den  Gütern  der  Menschheit  so,  wie  der  Vorrat  des  Individuums  an  Inlandsgeld ­
  zu  den  Gütern  der  Nation.  Wenn  wir  den  Weltkrieg  ins  Auge
fassen,  dessen  Wirkungen  auf  die  Gesellschaft  ich  immer  wieder  berühren
werde,  so  verliert  das  Ansammeln  von  Gold  seitens  des  Staates  erheblich  an
Bedeutung.  Der  Weltkrieg  ist  ja  unter  anderem  dadurch  charakterisiert,  daß
er  keine  neutralen  Staaten  kennt.  Wenn  ein  Staat  also  Waren  erwerben
will,  die  er  zur  Kriegsführung  benötigt,  so  kann  er  sich  nur  an  seine  Bundesgenossen ­
  wenden.  Die  Bundesgenossen  eines  Weltkrieges  dürften  aber  wohl
eine  geschlossene  Geldgemeinschaft  bilden.  Dafür  sprechen  auch  Erfahrungen
während  des  Balkankrieges.  Es  wurde  zwischen  Serbien  und  Bulgarien  eine
Konvention  abgeschlossen,  auf  Grund  deren  die  beiderseitigen  Geldsorten  gegenseitig ­
  anerkannt  wurden.  Diese  Abmachung  gestattete  den  Serben,  vor  Adrianopel ­
  serbisches  Zeichengeld  zu  verwenden  und  trug  dazu  bei,  den  Goldschatz
der  Nationalbank  Zu  schützen.  Bei  Fehlen  einer  Konvention  hätten  die  serbischen ­
  Truppen  in  erster  Reihe  mit  Goldfranken  ausgerüstet  werden  müssen.
Zwischen  Serbien  und  Bulgarien  war  eine  solche  Konvention  dadurch  erleichtert,
daß  beide  die  Frankenwährung  haben,  aber  das  Fehlen  einer  gemeinsamen
Währungseinheit  bildet  kein  sonderliches  Hindernis.  Bei  einer  Konvention
zwischen  Deutschland  und  Österreich-Ungarn  z.  B.  würde  die  Mark  wohl  einer
Krone  und  zwanzig  Heller  gleichgesetzt  werden.  Aber  nicht  nur  die  Zahlungen
der  Armee,  auch  alle  übrigen  Zahlungen  zwischen  eng  verbündeten  Staaten
dürften  im  Kriegsfall,  wenn  die  Kooperation  eine  sehr  weitgehende  ist,  in
ähnlicher  Weise  geregelt  werden.  Es  kann  auf  diese  Weise  der  Verkehr  im
Bereiche  der  verbündeten  Staaten  durch  Zeichengeld  erledigt  werden,  so
daß  im  Kriegsfall  unter  Umständen  sogar  eine  Verringerung  des  Goldverkehrs
eintreten  könnte.  Als  Zeichengeld  kommt  dabei  in  Frage:  die  minderwertige ­
  Münze,  die  ein  Metallzeichen,  die  Note,  die  ein  Papierzeichen,
und  das  Girogeld,  das  ein  Buchungszeichen  repräsentiert.
Wenn  wir  von  der  Emission  neuer  Geldmengen  sprechen,  handle  es  sich
nun  um  vollwertiges  Metallgeld,  um  metallisches,  notales  oder  gírales  Zeichengeld, ­
  so  müssen  wir  wenigstens  in  großen  Zügen  uns  ein  Bild  davon  zu  machen
suchen,  welche  Geldmenge  denn  notwendig  ist,  um  den  Umsatz  zu  sichern.
Nehmen  wir  zunächst  an,  eine  bestimmte  Preishöhe  habe  die  Tendenz,  zu  verharren, ­
  und  die  Geldzirkulation  suche  sich  den  Preisen  anzupassen.  Wir  sehen
dann  bald  ein,  daß  der  Umsatz  einer  bestimmten  Gütermenge  durch  verschieden ­
  große  Geldmengen  in  gleicher  Weise  erfolgen  kann,  wenn  die  zur
Verfügung  stehende  Zeit  beliebig  groß  werden  darf.  In  Tabelle  VII  ist  angenommen, ­
  daß  der  von  uns  untersuchte  Markt  drei  Personen  A,  B,  C  umfaßt,
von  denen  jede  eine  Ware  besitzt,  die  sie  um  100  Kronen  zu  verkaufen  bereit  ist.
Tabelle  VII.

Zirkulationszeit  des  Geldes

Personen  .

A

B

C

Waren  .  .

a

b

c

Preise  •  .

100

100

100

Fall  I.
Zirkulationszeit ­
  1

A

B

C

ti
t«

a,  100  K
b,  100  K

b,  100  K
c,  100  K

c,  100  K
a,  100  K
        <pb n="72" />
        61

Fall  11.
Zirkulationszeit ­
  3

A

B

C

ti
t2
t8
t«

a,  100  K
a,  b
a,  b
b,  100  K

b
100  K
c
c

c
c
100  K
a

Fall  III.
Zirkulationszeit ­
  6

A

B

C

ti
ta
ts
t4
tö
ts
t7

a,  50  K
.  b
T
b
"’T
i-1-  “
b,  50  K

b
|-,50K
b  c
Y’  y
b  c
T’  Y
y,  50  K
c
c

c
c
y,  50  K
c  a
Y’  Y
c  a
Y’  Y
|.50K
a

Wenn  nur  ein  Zeitteil  zur  Verfügung  steht,  so  müssen  in  unserem  Falle  300  Kronen
zur  Verfügung  stehen:  Fall  I.  Es  genügen  aber  100  Kronen,  wenn  so  viel
Zeit  vorhanden  ist,  daß  die  100  Kronen  einen  ganzen  Umlauf  zu  vollenden
vermögen.  A  gibt  die  100  Kronen  dem  B  und  erhält  dafür  b,  der  B  gibt
sie  dem  C  und  erhält  dafür  c,  der  C  gibt  sie  wieder  dem  A  und  erhält  dafür  a.
Alle  Güter  haben  ihren  Platz  verändert,  die  Geldsumme  ist  wieder  an  der  alten
Stelle  angelangt  und  hat  nur  dazu  gedient,  den  Umsatz  zu  fördern.  Besitzt  A
nur  50  Kronen,  so  kann  er  nur  ein  halbes  b  kaufen,  B  natürlich  wieder  nur
1/2  c  usw.  Wir  sehen  in  unserem  Schema  wieder,  wie  Zeitpunkt  für  Zeitpunkt
die  Geldstücke  und  Waren  ihren  Platz  ändern,  bis  die  Zirkulation  vollendet
ist.  Wir  sehen,  daß  auch  mit  50  Kronen  das  Auslangen  gefunden  werden
kann,  ln  analoger  Weise  können  noch  kleinere  Geldmengen  genügen,  wenn
nur  die  Zirkulationszeit  genügend  lang  ist.  Wir  können  dies  so  ausdrücken,
daß  wir  sagen  :  die  kleinere  Geldmenge  leistet  dasselbe  für
den  Güterumsatz  wie  die  größere,  wenn  die  Zirkulationszeit ­
  größer  ist.  Wir  setzen  dabei  voraus,  daß  die  'Übertragung  des  Geldes
von  einer  Person  zur  anderen  immer  in  derselben  Zeit  erfolgt.  Dauert  diese
Übertragung  z.  B.  weniger  lang,  wenn  kleinere  Geldmengen  verwendet  werden,
so  können  wir  sagen  :  die  kleinere  Geldmenge  kann  dasselbe
leisten  wie  die  größere  und  zwar  in  der  gleichen  Zeit,  wenn
die  Zirkulationsgeschwindigkeit  wächst.
Die  Verringerung  der  Geldmenge  kann  also  durch  Verlängerung  der  Zirkulationszeit ­
  oder  durch  Erhöhung  der  Zirkulationsgeschwindigkeit  kompensiert
werden,  es  kann  aber  auch  die  Kompensation  in  der  Weise  erfolgen,  daß
die  Preise  der  Waren  fallen.  Dann  kann  die  Zirkulationsgeschwindigkeit  gleich
bleiben  und  dennoch  der  Umsatz  der  Waren  bei  verringerter  Geldmenge  unverändert ­
  vor  sich  gehen.  Greifen  wir  z.  B.  III  heraus.  Denken  wir,  der  Preis
sei  auf  50  Kronen  pro  Ware  gefallen,  so  ist  es  klar,  daß  nun  die  Zirkulationsgeschwindigkeit ­
  ebenso  groß  wäre,  wie  im  Fall  II;  die  Tabellen  VIII  und  IX
zeigen  uns  das;  über  den  Fall  I  will  ich  hier  nicht  näher  sprechen,  da  er  sich
anders  verhält.
        <pb n="73" />
        62

Tabelle  VIII.

Preise  .  .

100

100

100

Zirkulationszeit ­
  6

B

B

C

ti
t*
ts
t4
ts
te
t7

a,  50  K
b
2
b
"’Y
T
T’  ^
b,  50  K

|,50K
b  c
T’  T
b  c
T’  Y
|-,50K
c
c

c
c
|-,50K
c  a
Y’  Y
c  a
Y’  Y
-|-,50K
a

Tabelle  IX

Preise  ,  .

53

50

50

Zirkulationszeit ­
  3

A

B

C

ti
tí
ts
t«

a,  50  K
a,  b
a,  b
b,  50  K

b
50  K
c
c

c
c
50  K
a

Aus  den  bisherigen  skizzenhaften  Bemerkungen  sieht  man,  daß  die  Beziehungen ­
  zwischen  der  Geld-  und  Warenmenge,  die  umgesetzt  werden  muß,
recht  schwankend  sind  und  nicht  ohne  weiters  präzisiert  werden  können.  Genauere ­
  Nachforschungen  zeigen,  daß  dies  in  unserer  heutigen  Ordnung  überhaupt ­
  nicht  möglich  ist.  Man  kann  nie  angeben,  welche  Geldsumme ­
  für  ein  Staatswesen  heute  am  günstigsten  ist.  Veränderungen ­
  in  der  Kaufkraft  des  Geldes  sucht  man  möglichst  zu  vermeiden,
vor  allem  soweit  die  Veränderungen  die  Wirkung  von  Zunahme  oder  Abnahme
der  Geldmenge  sind.  Wir  besitzen  gewisse  Maßnahmen,  die  dazu  dienen,  die
zirkulierende  Geldmenge  den  wechselnden  Warenumsätzen  anzupassen.  Es  sei
aber  ausdrücklich  hervorgehoben,  daß  alle  diese  Vorkehrungen  zwar  bis  zu
einem  gewissen  Grade  automatisch  wirken,  aber  äußerst  unvollkommen. ­
  Diese  Unvollkommenheit  läßt  sich  wahrscheinlich
nie  ganz  beseitigen,  sondern  ist  der  Geldordnung  als  solcher ­
  eigentümlich.
Ein  Mittel,  die  Geldzirkulation  zu  regeln  und  der  Warenzirkulation  anzupassen, ­
  besteht  darin,  daß  die  Notenbanken  Noten  dann  emittieren,  wenn  ihnen
Wechsel  verkauft  werden.
Nehmen  wir  an,  was  in  Tabelle  X  schematisch  dargestellt  ist,  der  Kaufmann
B  verkaufe  seine  Ware  b  dem  Kaufmann  A.  Dieser  übergibt  ihm  statt  einer
Geldsumme  einen  Wechsel  auf  100  Kronen  lautend  —  daß  in  der  Praxis
der  Wechsel  in  etwas  anderer  Weise  zustande  kommt,  ist  hier  unwesentlich  —,
nun  will  B  etwas  von  C  kaufen.  Er  könnte  den  Versuch  machen,  zu  diesem
Zweck  den  Wechsel  zu  verwenden.  Dies  ist  aber  nicht  immer  möglich,  da  ein
großer  Teil  der  Bürger  keine  Wechsel  in  Zahlung  nimmt.  C  kann  möglicherweise ­
  ganz  außerstande  sein,  sich  über  die  Bonität  des  A  und  des  B  zu  orien-
        <pb n="74" />
        63

Tabelle  X.

F  U  11  a  r  t  o  n  s  c  h  e  s  Prinz  i  p

Zirkulations ­
 ­


Akt.

Pass.

B

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Notenbank

Akt.

Pass.

a,  b
a,  b
a,  b
b,  100
[Noten]
b

100
[Wechsel]
100
[Wechsel]
100
[Wechsel]
100
[Wechsel]
b

100
[Wechsel]
100
[Noten]
C

Personen
Waren  .
Preise  .

A
a
100

c
c
c
100
[Noten]
a
a
B
b
100

C
c
100

100
[Wechsel]
100
[Wechsel]
100
[Wechsel]

100
[Noten]
100
[Noten]
100
[Noten!

tieren.  Er  verlangt  daher  von  B  Geld.  B  kann  nun  zur  Notenbank  gehen  und
den  Wechsel  gegen  Geld  verkaufen.  Die  Notenbank  ist  damit  Gläubigerin
des  A  geworden  und  da  B  sein  Giro  auf  den  Wechsel  setzen  muß,  kann  sie
sich  auch  an  B  halten,  wenn  A  nicht  zahlen  sollte,  C  erhält  nun  von  B  das
Geld  und  gibt  B  die  Ware  c.  C  kann  seinerseits  wieder  Waren  einkaufen.
Der  Einfachheit  halber  nehmen  wir  an,  daß  er  dies  bei  A  tut,  der  so  seinerseits
wieder  in  die  Lage  versetzt  wird,  die  Wechselschuld  bei  der  Notenbank  zu
bezahlen.  Unser  Schema  zeigt,  wie  sich  Zeitpunkt  für  Zeitpunkt  die  Bilanzen
aller  Beteiligten  ändern.  In  der  Praxis  wird  A  die  Ware  b  sehr  oft  weiter
verarbeiten  und  dann  an  C  weiter  veräußern.  Wir  sehen,  die  Waren  haben
ihre  Plätze  in  derselben  Weise,  wie  in  Tabelle  VIII  dargestellt  ist,  vertauscht,
ohne  daß  diesmal  von  vornherein  Geld  vorhanden  gewesen  wäre  und  ohne  daß
am  Schluß  Geld  vorhanden  sein  müßte.  Wir  sehen,  daß  die  Menge  der  zirkulierenden ­
  Noten  im  vorliegenden  Falle  von  der  Menge  der  diskontierten  Wechsel
abhängig  ist,  die  wieder  von  der  Menge  der  umgesetzten  Waren  abhängt,
wenn  nur  Warenwechsel  diskontiert  werden.  Nimmt  der  Warenumsatz  ab,  so
kommen  weniger  Wechsel  zum  Diskont  und  die  zirkulierende  Notenmenge  verringert ­
  sich  automatisch,  da  ja  die  Wechselschuld  bezahlt  werden  muß.  Diese
automatische  Zirkulation  (Fullartonisches  Prinzip)  spielt  im  modernen  Geldund
  Kreditwesen  eine  große  Rolle,  sie  ist  für  die  Kriegswirtschaft  wn  größter
Bedeutung.
Ich  habe  absichtlich  die  Notenzirkulation  theoretisch  in  einer  Form  eingeführt, ­
  die  deutlich  erkennen  läßt,  daß  die  Notenzirkulation  als  Mittel  des
Güterumsatzes  nichts  mit  der  in  der  Öffentlichkeit  so  oft  erwähnten  Metalldeckung ­
  zu  tun  hat.  Vorgreifend  möchte  ich  nur  erwähnen,  daß  die  Metalldeckung ­
  heute  zwei  Zwecke  erfüllt:  sie  dient  dem  internationalen  Verkehr ­
  und  zuweilen  auch  der  Beruhigung  der  eigenen  Bürger.  Wenn  ein  Bürger
im  Besitz  von  Noten  ist  und  Auslandszahlungen  zu  leisten  hat,  kann  es  für  ihn
von  großer  Wichtigkeit  sein,  sich  Auslandsgeld,  also  bei  uns  Gold  zu  verschaffen.
Wenn  er  Mißtrauen  gegen  den  Staat  hat,  kann  dies  Mißtrauen  verschieden  beruhigt ­
  werden.  Zuweilen  ist  Gold  nötig,  zuweilen  aber  genügt  die  Angabe
silbernen  Zeichengeldes.  Dies  war  z.  B.  während  der  Krise  1912,  1913  in
Galizien  und  in  der  Bukowina  der  Fall,  wo  die  Menschen  massenhaft  Silber
ansammelten,  das  sie  zum  Teil  vergruben.  Der  im  Kriegsfälle  erforderliche
Münzenbedarf  hängt  so  mit  der  Dummheit  breiter  Massen  zusammen.  Denn,
daß  der  Staat  in  einle  derartige  Verwirnung  geraten  sollte,  daß  die  Kaufkraft
des  Silbers,  welche  in  zehn  Einkronenstücken  enthalten  ist,  größer  werden  sollte.
        <pb n="75" />
        64

als  die  Kaufkraft  einer  Zehnkronennote,  ist  äußerst  unwahrscheinlich.  Daran
denken  auch  die  meisten  Bürger  nicht,  welche  Silbergeld  thesaurieren.  Sie
sind  nur  davon  überzeugt,  daß  Silber  besser  als  Papier  ist,  während  doch  gerade
der  Silber  g  e  h  a  11  in  diesem  Falle  das  wesentliche  ist.  Die  Tatsache,  daß
der  Silbergulden  und  das  Zweikronenstück  bei  gleicher  Kaufkraft  verschiedenen
Silbergehalt  haben,  zeigt  ja  deutlich,  daß  jedes  von  ihnen  —  oder  mindestens
eines  von  ihnen  —  Zeichengeld  ist.  Aber  wenn  auch  diese  Betrachtungen  mit
dem  Güterumsatz  nichts  zu  tun  haben  und  rein  psychologischer  Art  sind,  so  ist
es  doch  zweckmäßig,  sie  nicht  zu  vernachlässigen,  insbesondere  dort  nicht,  wo
praktische  Zwecke  verfolgt  werden.  Es  empfiehlt  sich,  Studien  darüber  anzustellen, ­
  welches  silberne  Zeichengeld  —  man  könnte  am  besten  von  Silbernoten ­
  sprechen,  zumal  ja  denkbar  wäre,  daß  man  diese  Qeldsorten  auch  auf
dem  Wege  der  Diskontierung  emittierte  —  den  unzureichend  orientierten  Kreisen,
zu  denen  nach  den  Erfahrungen  in  Galizien  und  in  der  Bukowina  auch  Beamte,
Offiziere  Und  andere  Mitglieder  der  mittleren  Stände  gehören,  am  meisten
Vertrauen  einflößt.  In  Czernowitz  z.  B.  waren  die  Fünfkronenstücke  wenig
beliebt,  ebenso  lehnte  man  gerne  Zweikronenstücke  ab,  während  die  Silbergulden ­
  und  die  Kronenstücke  gerne  akzeptiert  wurden.  Bei  den  Fünfkronenstücken ­
  kann  man  sich  dieses  Verhalten  vielleicht  so  erklären,  daß  die  bäuerliche ­
  Bevölkerung  gerne  mit  Gulden  rechnet,  weshalb  das  Fünfkronenstück
für  sie  eine  ungeeignete  Rechenmünze  ist.  Das  Zweikronenstück  dagegen  ist
offensichtlich  kleiner  als  der  altüberlieferte  Silbergulden,  der  überhaupt  die  populärste ­
  Münze  in  Österreich-Ungarn  sein  dürfte.
Diese  flüchtigen  Andeutungen  zeigen  uns,  daß  ein  Münzenagio  verschiedenes ­
  bedeuten  kann.  Es  kann  darauf  hinweisen,  daß  viele  Auslandzahlungen
zu  leisten  sind  und  die  Bevölkerung  Auslandsgeld  dringend  benötigt,  es  kann
aber  auch  darauf  hinweisen,  daß  Mißtrauen  in  der  Bevölkerung  vorhanden  ist.
Zuweilen  treten  beide  Momente  gleichzeitig  in  Wirksamkeit,  sie  hängen  aber
nicht  innerlich  zusammen.  An  jeder  Stelle  muß  zwischen  dem  Geld,  das  auf
dem  öffentlichen  Vertrauen  und  jenem,  das  auf  seinem  Metallgehalt  beruht,
ein  grundsätzlicher  Unterschied  gemacht  werden,  ein  Unterschied,  dessen  Bedeutung ­
  heute  wieder  allgemeiner  gewürdigt  wird.  Im  Inlande  ist  das  Zeichengeld ­
  das  eigentliche  Zahlungsmittel,  nicht  ein  bloßes  Surrogat  des  vollwertigen ­
  Edelmetallgeldes.  Dies  ist  der  Grund,  weshalb  immer  mehr
Staaten  daran  gehen,  die  Inlandszirkulation  durch  Noten  und  metallisches
Zeichengeld  zu  befriedigen,  soweit  nicht  Girozahlungen  verwendet  werden,
während  man  das  Gold  für  internationale  Zwecke  ansammelt,  um  darüber  in
systematischer  Weise  verfügen  zu  können.  In  Deutschland  war  man  bis  vor
kurzem  der  Ansicht,  daß  es  sehr  zweckmäßig  sei,  möglichst  viel  Gold  zirkulieren
zu  lassen;  Beamtengehälter  wurden  in  Gold  ausgezahlt  usw.  Heute  dagegen
ist  auch  dort  die!  Tendenz  bemerkbar,  die  Note  populär  zu  machen  und  das  Gold
als  Kriegs-  und  Krisenschatz  anzuhäufen.  In  der  Bevölkerung  Deutschlands
ist  das  Goldgeld  sehr  beliebt.  Man  kann  oft  bei  Postschaltern  die  Bemerkung
des  Publikums  hören:  Bitte  Gold.  In  Österreich-Ungarn  dagegen  sind  es  nur
wenige  Gegenden,  in  denen  Bedarf  nach  Goldmünzen  besteht,  insbesondere
dort,  wo  die  Frauen  Goldmünzen  als  eine  Art  Schmuck  zu  tragen  pflegen.  Sonst
werden  bei  Postschaltem  im  allgemeinen  Goldstücke  zurückgewiesen.  Man
hat  in  Österreich-Ungarn  eine  Zeitlang  geglaubt,  daß  es  vorteilhaft  wäre,  wenn
viel  Gold  zirkulierte,  und  pumpte  gewaltsam  Gold  in  den  Verkehr,  es  strömte
bald  wieder  zurück.  So  wurden  von  1901  bis  1910  seitens  der  Notenbank
2  Milliarden  Landesgoldmünzen  verausgabt,  von  denen  1.8  Milliarden  wieder
zurückströmten.  Heute  ist  man  darauf  aus,  das  Gold  möglichst  zu  konzentrieren.
Diejenigen,  welche  für  eine  Sättigung  der  Zirkulation  mit  Gold  eintraten,  hatten
die  Vorstellung,  daß  so  das  Mißtrauen  der  Bevölkerung  zurückgedrängt  und
im  Kriegsfall  die  Nachfrage  nach  Gold  geringer  sein  werde.  Über  die  kriegswirtschaftliche ­
  Bedeutung  dieser  und  anderer  Maßnahmen  auf  dem  Gebiete  des
Geldwesens  werden  wir  noch  mehrfach  zurückkommen.
        <pb n="76" />
        5

65

6.  Beschaffung  von  Zeichengeld.
1.  Allgemeines.
Wir  haben  gesehen,  welch  scharfen  Unterschied  man  zwischen  den  Geldsorten ­
  machen  muß,  die  nur  im  Inlande  verwendbar  sind,  und  jenen,  welche
auch  im  internationalen  Verkehr  verwendet  werden  können.  Um  diesen  Unterschied ­
  möglichst  markant  hervortreten  zu  lassen,  werde  ich  die  verschiedenen
Geldbeschaffungsmethoden,  getrennt  für  inländisches  Zeichengeld  und  für  Weltgeld, ­
  erörtern.  Es  kann  zwar  unter  Umständen  auch  Zeichengeld  gegen  Weltgeld ­
  umgetauscht  werden,  aber  im  Kriegsfälle  kann  man  mit  diesen  Umtauschmöglichkeiten ­
  nicht  immer  mit  Sicherheit  rechnen  und  man  darf,  wenn  man
vorsichtig  sein  will,  nur  das  als  Weltgeld  in  Rechnung  stellen,  was  in  einem
bestimmten  Augenblick  an  Weltgeld  vorhanden  ist,  wobei  das  Weltgeld  in
erster  Reihe  in  Gold,  in  zweiter  auch  in  Golddevisen  oder  Goldguthaben  im
Auslande  bestehen  kann.  Die  Trennung  in  Weltgeld  und  Inlandsgeld  muß
deshalb  mit  Nachdruck  hervorgehoben  werden,  weil,  wie  die  Erfahrung  lehrt,
nicht  selten  die  finanzielle  Kriegsbereitschaft  eines  Staates  in  der  Weise  berechnet ­
  wird,  daß  man  ,die  Goldbestände  mit  den  Staatskassenbeständen  —  die
sowohl  aus  Zeichengeld,  als  auch  aus  vollwertigem  Goldgeld  bestehen  —  und
dem  Notenemissionsrecht  oder  Anleiherecht  zu  einer  Summe  vereinigt.  Diese
Summe  besagt  begreiflicherweise  nichts  über  die  finanzielle  Kriegsbereitschaft,
denn  Zeichengeld  kann  ja  beliebig  vermehrt  werden,  während  dies  für  Weltgeld
nicht  gilt  Wer  daher  die  fiinanzielle  Kriegsbereitschaft  eines  Staates  zu  berechnen ­
  unternimmt,  muß  vor  allem  ein  gesondertes  Zeichengeldkonto  und  ein
gesondertes  Weltgeldkonto  aufstellen.
Zunächst  wollen  wir  uns  ganz  kurz  über  die  Quellen  orientieren,  aus  denen
der  Staat  während  des  Krieges  seinen  Bedarf  an  Inlandszahlungsmitteln  in  erster
Linie  deckt.  Es  sind  dies:
a)  Kriegsschatz,
b)  Anleihen,
c)  Steuern,
d)  Schaffung  von  Zeichengeld,  sei  es  nun  papierenes,  metallisches  oder
girales  Zeichengeld.
Die  Methode  (d  ist  für  Weltgeld  unanwendbar.  Wenn  der  Staat  kein
Gold  vorrätig  hat,  ist  er  außerstande,  es  in  Kriegszeiten  herzustellen.  Die
Methode  c)  kann  zwar  auch  dazu  dienen,  Weltgeld  heranzuziehen,  das  in  der
Bevölkerung  zerstreut  ist,  sie  kann  aber  nur  dort  angewendet  werden,  wo  die
Herrschgewalt  des  Staates  wirksam  ist,  während  z.  B.  Methode  b)  sowohl  im
Inlande  als  auch  im  Auslande  Verwendung  finden  kann.
2.  Kriegsschatz.
Unter  einem  Kriegsschatz  wollen  wir  jene  Geldbestände  verstehen,  die
dem  Staat  im  Kriegsfälle  tatsächlich  zur  Verfügung  stehen.  Ob  eine  bestimmte
Geldsumme  juristisch  als  Kriegsschatz  ausgesondert  erscheint,  ist  zwar  nicht
gleichgültig,  aber  doch  eine  Frage  zweiten  Ranges.
Wenn  eine  bestimmte  Geldsumme  juristisch  nicht  als  Kriegsschatz  bezeichnet ­
  ist,  so  kann  der  Staat  im  Kriegsfall  doch  manche  Schwierigkeiten
haben,  das  Geld  in  seine  Hand  zu  bekommen.  Er  kann  sich  möglicherweise
genötigt  sehen,  Brachialgewalt  mindestens  formell  zur  Anwendung  zu  bringen,
was  dem  Prestige  nicht  eben  förderlich  ist.  Was  für  Schwierigkeiten  sich  ergeben ­
  können,  vermag  man  z.  B.  daraus  zu  entnehmen,  daß  im  deutsch-französchen
  Krieg  die  französische  Regierung  nur  nach  langem  Verhandeln  von  der
Bank  Geld  erhalten  konnte.  Gambetta  .  plante  bereits  gewaltsame  Eingriffe,
als  die  Bank  schließlich  doch  nachgab  und  dem  Staat  unter  schweren  und  demütigenden ­
  Bedingungen  —  Domänen  mußten  verpfändet  werden  —  Gelder
zur  Verfügung  stellte.
Ob  man  einen  Kriegsschatz  anlegen  solle  oder  nicht,  wurde  bereits  im
18.  Jahrhundert  viel  diskutiert.  Schon  damals  konnte  man  mit  ihm  allein  keinen
Krieg  mehr  führen  und  war  daneben  auf  andere  Geldquellen  angewiesen.  Gegen
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        66

einen  Kriegsschatz  machte  man  damals  in  England  geltend,  daß  er  die  Regierung ­
  zu  unabhängig  vom  Geldbewilligungsrecht  des  Parlaments  mache,  ein
Argument,  das  übrigens  auch  im  19.  Jahrhundert  gelegentlich  verwendet  wurde.
Man  kann  das  in  einem  Kriegsschatz  angesammelte  unterwertige  Metallgeld ­
  ans  Publikum  auszugeben  beabsichtigen,  oder  es,  was  das  österreichischungarische
  Bankstatut  gestattet,  als  Notendeckung  zu  verwenden  gedenken.
In  letzterem  Falle  übt  es  eine  wesentlich  formale  Funktion  aus,  wie  wir  noch
sehen  werden.  Rein  um  den  gesetzlichen  Ansprüchen  Genüge  zu  leisten,  wird
dann  papierenes  Zeicheugeld  durch  metallenes  Zeichengeld  gedeckt.  Metallnoten ­
  sollen  die  Zirkulation  der  Papiernoten  fördern.  Über  diese  geringe  Bedeutung ­
  eines  Kriegsschatzes  an  Inlandsgeld  darf  uns  die  Fülle  von  Erörterungen
nicht  täuschen,  die  sich  in  Deutschland  an  den  Gesetzentwurf  anschlossen,  der
den  Zweck  verfolgte,  120  Millionen  Mark  Silbermünzen  einer  Notreserve  und
120  Millionen  Mark  Goldmünzen  dem  Reichskriegsschatz  zuzuführen.
Während  ein  Kriegsschatz,  in  Silbergeld  bestehend,  immerhin  diskutiert
werden  kann,  hat  es  gar  keinen  rechten  Sinn,  von  einem  in  Noten  bestehenden ­
  Kriegsschatz  zu  sprechen,  da  es  prinzipiell  gleichgültig  ist,  ob  man  die
im  Kriegsfall  notwendigen  Notenmassen  erst  im  Kriegsfall  druckt  oder  bereits
in  Friedenszeiten  gedruckt  bereitliegen  hat  —  was  wohl  in  allen  vorsichtigen ­
  Staaten  der  Fall  sein  dürfte  —,  daß  es  nicht  immer  der  Fall  ist,
konnte  man  in  Bulgarien  während  des  Balkankrieges  beobachten.  Bulgarien
kennt,  ebenso  wie  Serbien,  neben  Goldnoten  auch  Silbernoten,  das  heißt,  die
einen  sind  in  Gold,  die  anderen  in  Silber  einlöslich.  Die  bulgarische  Nationalbank ­
  ist  zu  einer  Deckung  der  Noten  in  Silber  respektive  in  Gold  verpflichtet.
Als  der  Krieg  ausbrach,  löste  sie  die  Noten  nicht  ¡ein,  um  aber  den  Deckungsvorschriften ­
  Genüge  leisten  zu  können  und  um  andererseits  das  Silber  zu
Zahlungen  an  das  Publikum  bereit  halten  zu  können,  sah  sie  sich  plötzlich
genötigt,  die  Menge  der  Ooldnoten  rasch  zu  vermehren.  Da  sie  aber  für  diesen
Fall  keine  Vorsorge  im  Frieden  getroffen  hatte,  mußte  sie  gedruckt  vorliegende ­
  Silbernoten  in  Goldnoten  umwandeln.  Sie  tat  das  in  der  Weise,  daß
sie  mit  einem  primitiven  Stempel  das  Wort  „Silber“  durchstrich  und  rechts
und  links  davon  das  Wort  „Gold“  auf  die  Note  druckte.  Das  ist  freilich  nur
eine  rein  technische  Angelegenheit.  Gerade  dies  Beispiel  zeigt  aber  deutlich,
daß  solche  technische  Angelegenheiten  immerhin  auch  beachtet ­
  werden  müssen.  Nur  muß  man  sich  davor  hüten,  derartige
technische  Fragen  mit  prinzipiellen  zu  verwechseln.
3.  Anleihen
Weit  wichtiger  als  die  geringen  Bestände  an  Inlandsgeld,  welche  sich
in  den  offiziellen  und  nicht  offiziellen  Kriegsschätzen  vorfinden,  ist  die  Geldbeschaffung ­
  durch  Anleihen  und  Steuern.  In  beiden  Fällen  erhält  der  Staat
schon  vorhandenes  Inlandsgeld  zu  seiner  Verfügung.  In  dem  ersten  Fall,  indem
er  einen  Vertrag  mit  seinen  Bürgern  abschließt,  im  zweiten  Falle,  indem  er
sein  Hoheitsrecht  geltend  macht.  Doch  gibt  es  noch  ein  Mittelding  zwischen
den  eigentlichen  Anleihen  und  den  eigentlichen  Steuern,  das  sind  die  sogenannten ­
  Zwangsanleihen,  deren  Wesen  darin  besteht,  daß  der  Staat  den  einzelnen
Bürger  einerseits  zwingt,  ihm  Geld  zur  Verfügung  zu  stellen  —  ähnlich  wie
bei  den  Steuern  —,  während  er  andererseits  die  Zusage  macht,  die  Gelder  nach
dem  Kriege  wieder  zurückzuerstatten.  Diese  Zwangsanleihen  spielten  im  Altertum
eine  große  Rolle.  Das  Tribu  tum  der  Römer  war  eine  derartige  Zwangsanleihe.
Ehe  wir  darauf  eingehen,  die  Funktion  der  Anleihen  im  Kriegsfälle  näher
zu  beleuchten,  sei  ganz  kurz  einiges  über  das  Wesen  der  Anleihen  überhaupt
vorausgeschickt.  Man  kann  nicht  allgemein  Staatsanleihen  billigen  oder  verwerfen, ­
  es  muß  vielmehr  jeder  Fall  gesondert  untersucht  werden,  kann  man
doch  auch  sonst  nicht  allgemein  sagen,  ob  Schulden  etwas  Gutes  oder  etwas
Schlechtes  sind.  Wenn  ein  Staat  Anleihen  auf  nimmt,  so  kann  das  bedeuten:
die  Kräfte  des  Staates  sind  zu  schwach  ;  die  Folge  des  Schuldenmachens  kann
eine  Erholung  sein;  es  kann  aber  auch  Vorkommen,  daß  der  Staat  Verpflichtungen ­
  eingeht,  denen  er  erst  recht  nicht  gewachsen  ist,  und  daß  er  durch
das  Schuldenaufnehmen  die  Axt  an  die  Wurzel  seines  Gedeihens  legt,  indem
        <pb n="78" />
        67

er  nun  Jahrzehnte  lang  für  andere  roboten  muß.  Das  Schuldenmachen  kann)
aber  auch  bedeuten,  daß  der  Staat  sich  so  mächtig  entfaltet,  daß  er  seine
Kräfte  gar  nicht  allein  zu  verwerten  vermag.  Es  kann  auch  eine  Aktiengesellschaft ­
  derartige  Erfolge  erzielen,  daß  sie  die  Absatzgelegenheiten  nur  dann  auszunützen, ­
  neue  Bestellungen  nur  dann  zu  übernehmen  vermag,  wenn  sie  erweitert
wird.  Diese  Erweiterung  kann  im  allgemeinen  in  doppelter  Weise  erfolgen.  Die
Aktiengesellschaft  kann  ihr  Aktienkapital  vermehren,  indem  sie  Aktien  emittiert,
sie  kann  aber  auch  Schulden  machen,  indem  sie  z.  B.  Obligationen  emittiert.  Die
Aktienbesitzer  erhalten  einen  Anteil  am  Reingewinn,  während  die  Obligationenbesitzer ­
  Anspruch  auf  fixierte  Summen  haben.  Dem  Staat  steht  aber  nur  eine
dieser  beiden  Formen  zur  Verfügung,  um  eine  „Betriebserweiterung“  durchzuführen: ­
  die  der  Obligationenemission.  Der  Staat  kann  nicht  einzelnen  Individuen ­
  einen  Anteil  am  Reingewinn  des  Staates  zusprechen,  da  er  ja  kein  Erwerbsuntemehmen
  ist,  welches  ein  Maximum  an  Reingewinn  anstrebt.  Es  würde
auch  dem  modernen  Empfinden  widersprechen,  wenn  der  Gewinn  eines  Krieges
in  Geld  berechnet  an  Aktionäre  zur  Verteilung  käme.  Es  hat  aber  wohl  schon,
Kriege  gegeben,  deren  Erfolge  unmittelbar  in  Dividenden  zum  Ausdruck  kamen;
dahin  gehören  z.  B.  die  Kriege  der  Ostindischen  Kompagnie,  die  ein  Privatunternehmen ­
  war,  welches  Indien  als  Erwerbsobjekt  aus  nützte  und  aus  diesem  Grunde
Kriege  führte.  Der  Staat  kann  also  seinen  „Betrieb“  im  allgemeinen  nur  mit
Hilfe  von  Obligationenemissionen  erweitern.  Der  Obligationenbesitzer  kann
auf  diese  Weise  am  Gedeihen  des  Staates  Anteil  haben.
Soweit  der  Staat  Anleihen  vorwiegend  in  Inlandsgeld  aufnimmt,  werden
sich  die  Gläubiger  im  Inlande  aufhalten.  Anleihen,  welche  im  Auslande  begeben
werden,  liefern  im  allgemeinen  Weltgeld  als  Erlös.  Die  Tatsache,  daß  eine
Inlandsanleihe  in  Papiergeld  aufgenommen  wird,  besagt  noch  nichts  über  den
Rückzahlungsmodus.  Es  kann  Vorkommen,  daß  der  Staat  bei  der  Aufnahme
der  Anleihe  Papier  erhält,  aber  sich  verpflichtet,  die  Anleihe  in  vollwertigem
Metallgeld  zu  verzinsen  und  zurückzuzahlen.  1868  haben  z.  B.  die  Nordstaaten
während  des  Sezessionskrieges  eine  Anleihe  unter  diesen  Bedingungen  aufge^-nommen.

Es  kommt  auch  der  umgekehrte  Fall  vor.  Ein  Staat  nimmt  die  Anleihe
ganz  oder  überwiegend  in  Weltgeld  auf,  verpflichtet  sich  vielleicht  sogar  auch,
sie  in  Weltgeld  zurückzuzahlen,-  kann  dies  aber  dann  nicht,  und  befriedigt  alle
Gläubiger  oder  zumindest  jene,  die  im  Inland  wohnen,  mit  Zeichengeld.  Man
spricht  in  einem  solchen  Fall  insbesondere,  wenn  die  Kaufkraft  des  Zeichengeldes ­
  gegenüber  dem  Weltgeld  sehr  gesunken  ist,  wohl  schon  von  einem  Staatsbankrott. ­

Ich  will  nun  den  Unterschied  anzudeuten  versuchen,  der  zwischen  den
Wirkungen  besteht,  welche  Anleihen  und  jenen,  welche  Steuern  zur  Folge  haben.
Die  Steuern  werden  in  ähnlicher  Weise  verteilt,  wie  etwa  die  allgemeine  Wehrpflicht. ­
  Jeder  wird  herangezogen,  es  wird  nicht  gefragt,  ob  einer  Geld  eben,
flüssig  hat  oder  nicht.  Anders  bei  der  Anleihe.  Derjenige,  welcher  Geld  frei
hat,  wird  vielleicht  die  Gelegenheit  verwenden,  es  zinstragend  in  Staatspapieren
anzulegen,  während  ein  anderer,  der  möglicherweise  weit  reicher  ist,  kein  Bargeld
frei  hat,  oder  es  besser  in  Fabriken  und  anderen  Unternehmungen  verwenden  kann.
Wir  müssen  uns  ja  darüber  klar  sein,  daß  die  Entziehung  großer  Geldsummen
durch  Kriegsanleihen  häufig  auf  Kosten  der  industriellen  und  agrarischen  Produktion ­
  erfolgt,  die  schwer  darunter  leiden  können.  Das  Aufnehmen  von  Anleihen
wirkt  ähnlich  wie  das  Werben  von  Truppen  in  England.
Wir  dürfen  aber  nicht  übersehen,  daß  durch  die  Anpassung  der  Anleihen
an  die  Rentabilität  zwar  Rentabilitätsstörungen,  wie  sie  bei  Steuern  Vorkommen,
etwas  verringert  sind,  daß  aber  Unternehmen,  welche  weniger  rentabel  sind
und  daher  durch  Anleiheaufnahmen,  soweit  sie  mit  kreditiertem  Geld
arbeiten,  zunächst  getroffen  werden,  gesellschaftlich  oft  von  größter  Wichtigkeit
sind,  da  ja  die  Rentabilität  sich  keineswegs  mit  dem  öffentlichen
Nutzen  deckt.  Es  sind  dies  Probleme  sehr  prinzipieller  Natur,  die  ich  hier
nur  kurz  anzudeuten  vermochte.
Nicht  unwichtig  ist  auch  die  Erörterung  der  Frage,  wie  die  Aufnahme
von  Anleihen  auf  die  verschiedenen  Einkommenklassen  wirkt,
        <pb n="79" />
        68

an  der  Kriegsanleihe,  die  meist  dem  Staat  nur  unter  harten  Bedingungen
gewährt  wird—  wir  haben  gesehen,  welch  hohe  Zinsen  Österreich  für  seine  Anleihen ­
  zusichern  mußte,  die  während  des  Balkankrieges  aufgenommen  wurden  —
partizipieren  als  Gläubiger  in  erster  Reihe  die  wohlhabenden  Kreise
der  Bevölkerung,  während  die  Rückzahlung  und  die  Zahlung  der  Zinsen  die
gesamte  Bevölkerung  belastet,  muß  doch  das  Hauptteil  dieser  Beträge  durch
allgemeine  Steuern  aufgebracht  werden.  Die  Aufnahme  solcher  Kriegsanleihen
kann  daher  zuweilen  die  Wirkung  ausüben,  daß  die  ärmere  Bevölkerung ­
  in  erhebliche  Abhängigkeit  von  der  reicheren  kommt.
Nach  der  Befreiung  Nordamerikas  kam  es  bereits  1790  zu  einem  Konflikt
zwischen  dem  Norden  und  dem  Süden.  Die  ärmeren  Südstaaten  beschwerten
sich  darüber,  daß  sie  ohne  jede  Entschädigung  Steuern  zahlen  mußten,  um  die
Kriegsanleihen  zu  zahlen,  während  die  reicheren  Nordstaaten  großen  Gewinn
erzielten,  zumal  es  sich  um  Anleihen  handelte,  die  weit  unter  dem  Nominale
zirkuliert  hatten  und  erst  nach  dem  Kriege  in  die  Höhe  gingen.  Damals  wurde
den  Südstaaten  als  Entschädigung  die  Gründung  der  neuen  Hauptstadt  Washington ­
  in  ihrem  Gebiet  zugesichert,  die  so  ihren  Standort  Kriegsanleihen  verdankt.
Das  Gesagte  erhellt  zur  Genüge  aus  Tabelle  XI,  welche  ganz  schematisch
die  Belastung  durch  Kriegsanleihen  darstellt.
Tabelle  XI.
Belastung  durch  Kriegsanleihen

Klassen

Zahl
der
Individuen ­


Während  des  Krieges

Einkommen ­


5®/o  Steuer

10®/oige
Anleihe

Resteinkommen ­


Staats-Ein
 ­


pro
Individuum ­


im
ganzen

pro
Individuum ­


im
ganzen

pro
Individuum ­


im
ganzen

Individuum ­


im
ganzen

Wohlhabende ­


10

100

1000

5

50

50

500

45

450

&amp;gt;  600

Arme

100

10

1000

0.5

50

—

—

9,5

950

Nach  dem  Kriege

Rückzahlungsverpflichtung ­
  des
Staates

Einkommen ­


27,5%
Steuer

Anleihenrückzahlung ­


Resteinkommen ­


Individuum ­


im
ganzen

pro
Individuum ­


im
ganzen

pro
Individuum ­


im
ganzen

pro
Individuum ­


im
ganzen

550

100

1000

27,5

275

55

550

127,5

1275

10

1000

2,75

275

-

—

7,25

725

Wir  sehen,  wie  die  Regierung  während  des  Krieges  eine  5  prozentige  Steuer
auferlegt  und  gleichzeitig  eine  10  prozentige  Anleihe  auf  nimmt.  Von  den  600
Geldmengen,  welche  auf  die  Weise  hereinkommen,  müssen  aber  nur  500  zurückgezahlt ­
  werden,  weil  ja  100  durch  Steuern  aufgebracht  werden.  Wenn  die
Rückzahlung  bereits  im  nächsten  Jahre  erfolgt,  so  erhöht  sich  die  Summe,  welche
zurückgezahlt  werden  muß,  auf  550  Geldmengen.  Wenn  wir  annehmen,  daß
die  Steuer  nicht  progressiv  ist  —  um  die  Tabelle  nicht  zu  komplizieren  —,
so  kommen  wir  zu  dem  Ergebnis,  daß  zwar  auch  die  Reichen  einen  Teil  ihrer
        <pb n="80" />
        69

Anleihezinsen  auf  bringen  müssen,  aber  nur  einen  Teil,  der  Rest  trifft  die  übrige
Bevölkerung.  In  welchem  Ausmaß  dies  der  Fall  ist,  hängt  natürlich  davon
ab,  welche  Steuern  dazu  dienen  müssen,  Zinsen  und  Rückzahlung  zu  bestreiten.
Indirekte  Steuern  treffen  meist  die  ärmeren  Schichten  mehr  als  etwa  direkte.
Dies  sind  aber  Einzelheiten,  auf  die  ich  hier  nicht  näher  eingehen  kann.
Wir  sehen  daraus,  daß  wichtige  soziale  Veränderungen  mit  der  Aufnahme
von  Anleihen  in  Verbindung  stehen  können.  Dabei  muß  man  aber  noch  überdies ­
  im  Auge  behalten,  daß  in  unserem  Beispiel  die  Rückzahlung  der  Anleihe
rasch  erfolge,  also  solche  weniger  wohlhabenden  Kreise  die  Lasten  trugen,
die  den  Krieg  erlebt  hatten,  und  wohl  auch  den  Vorteil  erkannten,
der  für  sie  schließlich  darin  bestanden  hatte,  daß  sie  nicht
während  des  Krieges  mit  einer  schweren  Kriegssteuer  belastet ­
  wurden.  Wenn  aber  zwischen  der  Rückzahlung  der  Anleihe  und
der  Aufnahme  ein  langer  Zeitraum  liegt,  dann  kann  eine  Generation  mit  Verpflichtungen ­
  belastet  sein,  welche  vielleicht  für  die  Verhältnisse,  unter  denen
die  Anleihe  aufgenommen  wurde,  kein  rechtes  Verständnis  mehr  hat  oder  gar
die  Ziele  des  Krieges,  zu  dessen  Führung  die  Anleihe  aufgenommen ­
  wurde,  grundsätzlich  verwirft.  Es  kann  dann
geschehen,  daß  die  alten  Schulden  zu  schweren  inneren
Konflikten  Veranlassung  geben  und  breite  Massen  dazu
antreiben,  die  Verteilung  der  Lasten  wesentlich  zu  ändern.
Es  gibt  daher  nicht  wenige  Politiker,  welche  aus  diesem  Grunde  eine  zu  lange
Rückzahlungspflicht  nicht  gutheißen,  soweit  es  sich  nicht  um  Erfolge  handelt,
welche  auch  offenbar  den  folgenden  Generationen  in  erheblichem  Maße  zugute
kommen.  Es  ist  nicht  dasselbe,  ob  die  Nachkommen  für  einen  Damm  Annuitäten ­
  und  Zinsen  zahlen  müssen,  der,  wie  in  Holland,  ihr  Land  dauernd  vor
Schaden  bewahrt,  oder  für  eine  politische  Maßnahme,  deren  Zweck  nur  kurze
Zeit  gewürdigt  wird  und  vielleicht  auch  nur  von  einem  Teil  der  Bevölkerung.
Dies  sind  zwar  nur  psychologische  Momente.  Doch  sie  spielen  bei  Anleiheaufnahmen ­
  keine  unwichtige  Rolle.  Wenn  eine  Anleihe  dazu  dient,  direkt
oder  indirekt  die  Produktion  anzuregen,  oder  die  Einkommen  eines  Landes
sonstwie  zu  erhöhen,  so  kann  die  Rückzahlung  und  Verzinsung  derselben  relativ
leicht  erfolgen.  Das  gilt  auch,  wenn  die  Anleihe  selbst  zwar  nicht  die  Produktion ­
  anregt,  wohl  aber  zu  einer  Zeit  aufgenommen  wird,  in  der  ohnehin
das  Einkommen  im  Anwachsen  begriffen  ist.  Anders,  wenn  die
Anleihe  zu  einer  Zeit  aufgenommen  wird,  in  der  die  Einkommen  zurückgehen
und  sie  die  Erwerbsverhältnisse  nicht  verbessern  hilft,  das  bedeutet  für  die  Rückzahlung ­
  eine  schwere  Last  und  hat  in  erster  Reihe  nur  Einkommensversdiiebungen
  zur  Folge  ;  der  eine  Teil  der  Bevölkerung  verliert,  was  der  andere
gewinnt.
Wenn  man  die  Anleihen  zu  berechnen  sucht,  welche  ein  künftiger  Weltkrieg ­
  nötig  machen  könnte,  so  kommt  man  oft  zu  Ungeheuerlichen  Ziffern.
Manche  Schriftsteller  glaubten  sagen  zu  können,  daß  die  Aufbringung  solcher
Geldmassen  unmöglich  sei,  und  daß  diese  Tatsache  allein  einen  künftigen
Weltkrieg  verhindere.  Wie  ich  schon  mehrfach  erwähnte,  ist  letzteres  Argument
nicht  stichhaltig,  weil  ja  die  unmittelbare  Beschaffung  der  zur  Kriegführung
nötigen  Mittel  immer  noch  übrig  bleibt,  aber  auch  was  die  ungeheure  Gesamtsumme ­
  anlangt,  so  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  die  Anleihen,  welche
ein  Krieg  notwendig  macht,  ja  nicht  auf  einmal  aufgenommen  werden,  und  daß
das  Geld,  welches  z.  B.  gelegentlich  einer  Inlandsanleihe  aufgenommen ­
  wird,  in  kurzer  Zeit  wieder  in  den  Verkehr  zurückströmt ­
  und  neuerlich  von  der  Anleihe  pumpe  auf  gesaugt
werden  kann.  Es  findet  ein  fortwährendes  Zirkulieren  von  Geld  statt,
wie  wir  es  oben  bei  Besprechungen  des  Fullartonschen  Prinzips  kennen  gelernt
haben.  Die  schematische  Tabelle  XII  zeigt  dies  ganz  deutlich.
Im  ersten  Zeitpunkt  produzieren  die  Bürger  A,  B,  C  die  Produkte  a,  b,  c.
Jeder  von  den  dreien  habe  10  Notenmengen  und  eine  Produktenmenge.  Die
Regierung  habe  überhaupt  kein  Geld.  Sie  nimmt  nun  eine  Anleihe  von  15  Notenmengen ­
  auf.  Den  drei  Produktenmengen  stehen  wieder  30  Notenmengen  gegen-
        <pb n="81" />
        70

über,  wenn  jede  Produktenmenge  10  kostet,  so  wird  sich  der  Umsatz  etwa
in  der  Weise  gestalten,  daß  jeder  Bürger  dem  anderen  eine  halbe  Produkten*-menge
  abkauft,  der  A  dem  B,  der  B  dem  C,  der  C  dem  A  und  der  Staat  eben-Tabelle
  XII.
Zirkulation  von  Anleihen

Zeitpunkt

Vorgang

Bürger

Regierung

A

B

C

ti

Produktion  von  a,  b,  c

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

ti

Anleihe  von  15  Noten

a
5  Noten

b
5  Noten

c
5  Noten

15  Noten

ts

Bedarfsdeckung  der  Bevölkerung'■und ­
  der  Regierung

b
2
10  Noten

c
Y
10  Noten

a
Y
10  Noten

a  b  c
2’  2’  2

ti

Konsum  von  a,  b,  c

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

ts

Produktion  von  a,  b,  c

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

ts

Anleihe  von  15  Noten

a
5  Noten

b
5  Noten

c
5  Noten

15  Noten

t7

Bedarfsdeckung  der  Bevölkerung ­
  und  der  Regierung

b
2
10  Noten

c
Y
10  Noten

a
Y
10  Noten

a  b  c
Y  2’  2

ts

Konsum  von  a,  b,  c

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

t9

Produktion  von  a,  b,  c

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

usw.

usw.

usw.

usw.

usw.

usw.

falls.  Nach  dem  Verkauf  besitzt  jeder  Bürger  ivie  am  Anfang  wieder  10  Notenmengen, ­
  aber  nur  je  eine  halbe  Produktenmenge.  Die  Gesamtheit  der  Bürger
hat  dem  Staat  die  Hälfte  der  Güter  geliehen,  und  zwar  auf  dem  Umweg  über
Gelddarlehen  und  eine  Reihe  von  Kaufverträgen.  Nun  werden  die  Güter  konsumiert ­
  —  wir  wollen  annehmen,  daß  es  sich  um  Nahrungsmittel  handle  —,  und
die  Produktion  setzt  von  neuem  ein.  Darauf  beginnt  der  ganze  Prozeß  von
vorne.  Wenn  der  Prozeß  etwa  viermal  erfolgte,  beträgt  die  Gesamtsumme
der  Anleihen  60  Notenmengen,  das  ist  bereits  doppelt  so  viel,  als  Noten  überhaupt ­
  vorhanden  sind.
        <pb n="82" />
        7i

4.  Steuern.
Es  kann  nicht  meine  Aufgabe  sein,  in  einem  kurzen  Abriß,  wie  dem
vorliegenden,  die  Steuerlehre  darzustellen,  ich  kann  nicht  einmal  auf  alle
kriegswirtschaftlichen  bedeutsamen  Momente  eingehen  und  muß  mich  damit
begnügen,  auf  ein  und  das  andere  hinzudeuten.  Steuern  können,  wie  wir  gesehen
haben,  nur  im  Inlande  erhoben  werden,  sie  setzen  ebenso  wie  die  Zeichengeldemission ­
  das  Hoheitsrecht  und  vor  allem  die  Hoheitsgewalt  des  Staates  voraus. ­
  Die  Steuern  können  aber  sowohl  in  inländischem  Zeichengeld,  als  auch
in  Weltgeld  bestehen.  Soweit  sie  Weltgeld  hereinbringen,  werde  ich  auf  sie
im  nächsten  Hauptabschnitt  noch  zurückkommen.
Damit  Geldsteuern  einen  Ertrag  von  Bedeutung  hereinbringen,  muß  entweder ­
  ein  reger  Güterumsatz  oder  eine  rege  Schatzbildung  vorhanden  sein.
Wenn  der  Staat  eine  Inlandssteuer  erhebt  und  sich  dafür  Waren  kauft,  ¡so
hat  er  eigentlich  damit  die  Gesamtheit  der  Warenmengen  besteuert.  Er  hätte
aber  auch  unmittelbar  Waren  als  Steuer  einfordern  können.  Wir  werden
sehen,  daß  der  Staat  auch  durch  Emission  von  Noten  sich  einen  Teil  den
vorhandenen  Gütermenge  sichern  kann.  Es  trägt  sich  nun,  ob  man  nicht  immer
mit  Geldsteuern  zum  Ziele  kommt,  selbst  dann,  wenn  der  Güterverkehr  ein
geringer,  und  die  Hauswirtschaft,  welche  das  konsumiert,  was  sie  produziert,
noch  sehr  verbreitet  ist.  Geldsteuern  in  diesem  Falle  wirken  äußerst  ungünstig
auf  die  breiten  Massen  der  Bevölkerung,  sie  tragen  meist  dazu  bei,  einen  Teil
der  Bevölkerung  in  Abhängigkeit  von  einem  anderen  zu  bringen.
Dies  konnten  wir  sehr  gut  in  Bosnien  beobachten.  Als  Oesterreidh-Ungarn
  1878  Bosnien  okkupierte,  schaffte  es  ohne  geeignete  Übergänge  die
früher  bestehende  und  dem  Bauern  angemessene  Naturalsteuer  ab  und  ersetzte
sie  durch  eine  Geldsteuer,  die  zu  einer  schweren  Last  wurde.  Der  bosnische
Bauer  war  bis  dahin  nur  gelegentlich  dazugekommen,  seine  Bodenfrüchte  kommerziell ­
  zu  verwerten,  den  Zehent  zahlte  er  in  natura.  Eine  Naturalsteuer
kann  aber  begreiflicherweise  ein  Bauer  immer  zahlen,  indem  er  eben  einen
Teil  seines  Fruchtertrages  abliefert.  Der  Bauer,  welcher  nun  zur  Geldsteuerzahlung ­
  verpflichtet  war,  mußte  um  jeden  Preis  verkaufen.  Wer  war  der
Abnehmer  für  ihn?  Der  Dorfkaufmann,  welcher  gleichzeitig  Geldgeber  der
Gegend  zu  sein  pflegte.  Diese  Kaufleute  nahmen  den  Bauern  die  E,rnte  zu
ungünstigen  Bedingungen  ab,  und  viele  von  ihnen  benutzten  wohl  die  Gelegenheit, ­
  allerlei  Nebengeschäfte  mit  ihnen  abzuschließen,  von  denen  ein  Teil  als
wucherisch  bezeichnet  werden  kann.  Da  zur  Zeit  der  Steuerzahlung  die  Bauern
viel  Getreide  auf  den  Markt  werfen  mußten,  sank  gerade  um  diese  Zeit
begreiflicherweise  der  Preis  des  Getreides.  Auf  andere  Nachteile  der  Geldsteuer ­
  für  die  bosnische  Landwirtschaft  will  ich  hier  nicht  näher  eingehen.
Wir  können  heute  überall  in  Bosnien  kleine  Landwirte  in  Abhängigkeit  von
den  Dorfkrämern  antreffen,  die  zum  größten  Teil  Serben  sind.  Wir  sehen  aus
diesem  Beispiel,  daß  eine  in  Geld  erhobene  hohe  Kriegssteuer  in  manchen
Gegenden  Oesterreich-Ungarns,  wo  die  Hauswirtschaft  noch  eine  erhebliche
Rolle  spielt,  wie  z.  B.  im  Osten,  vielfach  nichts  anderes  zur  Folge  hätte,  als
eine  Verschuldung  bäuerlicher  Gruppen  an  die  üblichen  Geldgeber,  die  der
Majorität  nach  kleine  Kaufleute  zu  sein  pflegen.  Man  kann  nicht  allgemein
die  Geldsteuer  für  ein  Übel  erklären  —  sondern  müßte  die  einzelnen  Gebiete
und  selbst  Gebietsteile  gesonderter  Beurteilung  unterziehen.  Es  kann  eine
Geldsteuer  in  Böhmen  sich  ausgezeichnet  bewähren,  die  in  Bosnien  versagt..
Der  Schaden  wird  freilich  zuweilen  erst  spät  deutlich  merkbar.
Wenn  aber  der  Staat  aus  irgendwelchen  Gründen  den  Geldertrag  benötigt, ­
  den  ihm  die  Geldsteuer  verschafft  und  er  daher  die  Naturalsteuer
nicht  verwenden  will,  —  es  können  dabei  auch  technische  Momente  gegen
dieselbe  sprechen  —,  so  gibt  es  noch  immer  Mittel,  die  Härten  der  unmittelbaren ­
  Geldsteuererhebung  durch  spezifische  Hilfsinstitutionen  zu  mildern.  Man
hat  auch  in  Bosnien  solche  geschaffen,  aber  freilich  erst  ein  Vierteljahrhundert
nach  der  Okkupation;  es  sind  dies  die  Bezirksgetreidespeicher,  die  1905  eingeführt ­
  wurden.  Sie  geben  dem  Bauer  die  Möglichkeit,  sein  Getreide,  wenn
es  ihm  gut  dünkt,  einzulagern  und  später  zu  veräußern.  Auch  kann  er  auf  das
        <pb n="83" />
        72

eingelagerte  Getreide  Vorschüsse  erhalten.  Es  ist  sofort  einleuchtend,  daß
eine  solche  Institution  den  Bauer  vom  lokalen  Händler  unabhängig  macht
und  zu  Beginn  der  Steuerreform  von  größtem  Segen  gewesen  wäre.  Diese
Speicher  können  das  Getreide  zu  geeigneter  Zeit  verkaufen,  und  der  Bauer  kann
seine  Geldsteuer  entweder  aus  dem  Erlös  oder  aus  den  ihm  gewährten  Vorschüssen ­
  bezahlen.  Es  ist  diese  Methode  keine  Naturalbesteuerung,  sondern
eine  Geldbesteuerung  mit  zentralisierter  Veräußerung  xier
Naturalien.  Daß  derartige  Einrichtungen  im  Kriegsfälle  besonders  geeignet ­
  sind,  erhellt  schon  daraus,  daß  dann  der  Markt  oft  arg  verwirrt
ist  und  jede  Zentralisation  im  Interesse  aller  Kreise  liegt,  insbesondere  aber
auch  im  Interesse  der  Militärverwaltung,  die  in  den  Speichern  Reserven  vorfindet. ­
  Übrigens  hat  die  Militärverwaltung  diese  Speicher  auch  im  Frieden
mit  Vorteil  benützt,  da  sie  aus  ihnen  Naturalien,  so  z.  B.  Hafer,  in  großen
Quantitäten  bezog.  Die  Ausschaltung  des  Zwischenhandels  kann  den  Landwirten ­
  und  der  Armee  Gewinn  bringen.
Alle  diese  Möglichkeiten:  Geldsteuer,  Naturalsteuer,  Geldsteuer  mit  zentralisiertem ­
  Naturalienverkauf,  sowie  manche  andere  können  nebeneinander  bestehen. ­
  Die  üblichen  Steuersysteme  sind  ursprünglich  städtische  Steuern,  die
man  vielfach  ohne  ausreichende  Anpassung  aufs  flache  Land  übertragen  hat.
Neben  den  angedeuteten  grundsätzlichen  Problemen  gibt  es  noch  eine
glanze  Reihe  anderer,  die  von  erheblicher  Wichtigkeit  sind.  So  muß  man  z.  B.  die
Frage  erörtern,  wie  weit  direkte,  wie  weit  indirekte  Steuern  am  Platz  sind,  wie
weit  Besitzsteuern  —  mit  denen  z.  B.  England  im  Kriegsfälle  rechnet.  Für
die  soziale  Struktur  ist  dann  wieder  das  Überwälzungsproblem  bedeutsam,  die
Feststellung,  welche  Steuern  und  in  welchem  Ausmaß  sie  vom  ursprünglichen
Steuerzahler  auf  den  eigentlichen  Steuerträger  übergehen.  Wenn  z.  B.  der
Hausherr  eine  Steuer  zahlen  muß,  wälzt  er  sie  oft  ganz  oder  teilweise  auf  den
Mieter  über,  indem  er  die  Mietzinse  erhöht.
5.  Schaffung  von  Zeichengeld.
Mit  Vorliebe  wird  in  großen  Kriegen  zur  Schaffung  von  Zeichengeld  geschritten, ­
  um  die  nötigen  Mittel  für  die  Regierung  bereitstellen  zu  können.
Man  spricht  gemeinhin  davon,  daß  die  Notenpresse  in  Bewegung  gesetzt  wird,
obgleich  dies  nicht  die  einzige  Methode  ist,  Zeichengeld  zu  erzeugen.  Soweit
man  die  gegenwärtige  Ordnung  der  Dinge  zu  überblicken  vermag,  muß  man
wohl  annehmen,  daß  in  einem  großen  Zukunftskrieg  die  Schaffung ­
  von  Zeichengeld  eine  erhebliche  Rolle  spielen  kann.
Beginnen  wir  mit  der  Schaffung  von  Noten.  Sie  können  von  der
Bank  gedruckt  und  dem  Staat  geliehen  werden,  sie  können  auch  unmittelbar
vom  Staat  ausgehen,  für  den  praktischen  Erfolg  ist  das  im  wesentlichen  dasselbe. ­
  Wir  wollen  diese  Unterschiede  zunächst  vernachlässigen  und  uns  fragen,
was  denn  überhaupt  die  Schaffung  von  Zeichengeld  bedeute?  Dadurch,  daß
Geld  erzeugt  wird,  wird  ja  die  Menge  der  vorhandenen  Güter  zunächst  nicht
vermehrt.  Um  alles  vorhandene  Geld  kann  man  ja  nie  mehr  Waren  kaufen,
als  auf  dem  Markte  vorhanden  sind.  Das  Drucken  von  Noten  verändert  daher
nur  die  Verteilung  der  Güter.  Betrachten  wir  die  Tabelle  XIII,  die  der  Tabelle ­
  XII  nachgebildet  ist,  so  sehen  wir,  wie  die  Schaffung  von  Zeichengeld
durch  die  Regierung  im  Ausmaße  von  30  Notenmengen  die  vorhandene  Geldmenge ­
  verdoppelt.
Wenn  die  Regierung  keine  Noten  emittiert,  so  zirkulieren  die  Güter,  wie
dies  Fall  I  uns  zeigt.  Die  Produkte  a,  b,  c  kosten  je  10  Notenmengen.  Nun
kommt  die  Regierung  auf  den  Markt,  und  im  Fall  II  stehen  den  drei  Warenmengen ­
  60  Notenmengen  gegenüber.  Wir  wollen  der  Einfachheit  halber  annehmen, ­
  daß  die  Regierung  ebenfalls  von  jeder  Produktionsmenge  gleichviel
zu  kaufen  wünscht.  Die  Bürger  können  mit  30  Notenmengen  auftreten,  die
Regierung  ebenfalls  mit  30  Notenmengen.  Es  ist  durchaus  verständlich,  wenn
die  Regierung  die  Hälfte  der  Waren  erhält,  die  andere  Hälfte  die  Bürgerschaft.
Nach  Abwicklung  der  Kaufgeschäfte  zwischen  Bürgern  und  Regierung  und  der
Bürger  untereinander  besitzt  jeder  Bürger  20  Notenmengen,  von  denen  10  von
        <pb n="84" />
        73

einem  der  anderen  Bürger  herrühren,  10  von  der  Regierung.  Der  Preis  der
Waren  ist  also  von  10  Notenmengen  auf  20  Notenmengen  gestiegen.  Es  fragt
sich  nun,  welche  soziale  Bedeutung  es  hat,  wenn  der  Staat  durch  eine  Notenemission, ­
  wie  in  unserem  Falle,  die  Bürger  besteuert  —  denn  was  wir  hier
geschildert  haben,  läuft  schließlich  auf  eine  50  prozentige  Besteuerung  hinaus ­
  —  und  dadurch  die  Preise  in  die  Höhe  gehen.  Wir  setzen  dabei  zunächst
voraus,  daß  die  Notenemission  keine  Produktionsvermehrung  zur  Folge  hat  oder
Tabelle  XIII.
Noten-Emission  der  Regierung
ohne  Produktionsvermehrung

Fall  I

Zeit

Bürger

Regierung
emittiert
keine  Noten

A

B

C

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

ts

b
10  Noten

c
10  Noten

a
10  Noten

—

Fall  II

Zeit

Bürger

Regierung
emittiert
30  Noten

A

B

C

ti
tJ

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

30  Noten

b
2
20  Noten

c
T
20  Noten

a
y
20  N  oten

a  b  c
y  y  y

gerade  zur  Zeit  einer  Produktionsvermehrung  erfolgt,  sondern  nehmen  an,  daß
die  Produktenmenge  vor  und  nach  der  Emission  gleich  groß  ist.
Wenn  man  sieht,  daß  die  Waren  teurer  werden,  die  Kaufkraft  des
Geldes  also  sinkt,  dann  hört  man  oft  Klagen  über  das  „schlechte“  Geld,  welches
nun  zirkuliert,  und  es  gibt  nicht  wenige,  welche  immer  wieder  hervorheben,
wie  notwendig  „gutes“  —  damit  meinen  sie  kaufkräftiges  —  Geld  für  die  Gesamtheit ­
  sei.  Derartige  Äußerungen  findet  man  in  Zeitungen  aller  Richtungen,
auch  zuweilen  in  solchen,  deren  Leserkreis  eigentlich  gar  keinen  Vorteil  vom
„guten“  Geld  hat.  Man  kann  nämlich  nicht  allgemein  sagen,  daß  die  Bevölkerung ­
  gewinnt,  wenn  die  Kaufkraft  des  Geldes  steigt,  und  verliert,  wenn  die
Kaufkraft  des  Geldes  sinkt.  Wir  müssen  in  diesem  Falle,  wie  so  oft,  die  Bevölkerung ­
  in  verschiedene  Gruppen  sondern.
Trennen  wir  die  Bevölkerung  zunächst  in  Gläubiger  und  Schuldner. ­
  Zur  ersten  Gruppen  gehören  die  Banken,  welche  Hypothekenforderungen
in  Händen  haben,  die  Kontokorrentkredite  gewährten  oder  andere  Ansprüche
an  Dritte  besitzen  ;  zu  dieser  Gruppe  gehören  aber  auch  alle  Pensionisten,  alle
Witwen  und  Waisen,  die  bestimmte  Rentenansprüche  haben;  zur  zweiten  Gruppe
gehören  die  Hypothekenschuldner,  aber  z.  B.  auch  der  Staat,  der  die  Kupons
der  Staatspapierbesitzer  bezahlen  muß.  Setzen  wir  nun  weiter  voraus,  die
Gläubiger  und  Schuldner  seien  produzierende  Individuen,  Industrielle  oder
Landwirte,  und  zwar  produziere  jeder,  wie  dies  aus  Tabelle  XIV  zu  entnehmen
        <pb n="85" />
        74

ist,  100  Stück  irgendwelcher  Güterart,  Tuch,  Getreide  usw.  Wir  nehmen  zunächst ­
  an,  daß  die  Kaufkraft  m  sei,  und  berechnen  für  den  Schuldner  nun  die
Selbstkosten,  den  Erlös  und  den  Reingewinn  der  Produktion  vor  Anzug  der
Schulden.  Dann  subtrahieren  wir  die  Schulden  und  kommen  zum  Geldeinkommen
des  Betreffenden.  Dies  genügt  uns  aber  nicht,  da  wir  ja  mit  Änderungen  der
Kaufkraft  zu  rechnen  haben,  gestattet  doch  dasselbe  Geldeinkommen,  bei  wachsender ­
  Kaufkraft  des  Geldes  mehr  Güter  zu  kaufen  als  bei  sinkender.

Tabelle  XIV.
Kaufkraftveränderungen

Person ­


Kaufkraft  d.
Geldeinheit

Anzahl  der
produzierten
Stücke

Selbstkosten

Erlös

Reingewinn

Schulden  u.
Forderungen

Geldeinkommen ­


Preis  d.  Konsumgüter ­

pro  Stück

Realeinkommen ­
  in  Stück

Gewinn  oder|
Verlust  j

pro
Stück

im
ganzen

pro
Stück

im
ganzen

pro
Stück

im
ganzen

j  Schuldner

m
2  m
m
y

100
100
100

10
5
20

1000
500
2000

10.50
5.25
21.00

1050
525
2100

0.50
0.25
1.00

50
25
100

—20
—20
-20

30
5
80

5
2.5
10

6
2
8

Verlust
Gewinn

Gläubiger

m
2  m
m
2

100
100
100

10
5
20

1000
500
2000

10.50
5.25
21.00

1050
525
2100

0.50
0.25
1.00

50
25
100

+20
+20
+20

70
45
120

5
2.5
10

14
18
12

Gewinn
Verlust

Den  einzelnen  Bürger  interessiert  es  aber  wenig,  wieviel  Geld  er  einnimmt,
sondern  was  er  sich  dafür  kaufen  kann  —  die  Höhe  seines  Realeinkommens. ­
  Wenn  alles  doppelt  so  teuer  geworden  ist  und  das  Geldeinkommen
konstant  blieb,  so  ist  er  halb  so  reich  als  früher.  Ich  nehme  der  Einfachheit
halber  an,  daß  nur  ein  Konsumgut  in  Frage  steht,  dessen  Normalpreis  5  sei.
Wir  sehen,  daß  unter  den  von  uns  gemachten  Voraussetzungen  das  Realeinkommen ­
  des  Schuldners  6  Stück  beträgt,  wenn  wir  die  normale  Kaufkraft  m
annehmen.  Das  Realeinkommen  des  Gläubigers  beträgt  dagegen  im  gleichen
Fall  14  Stück.  Ich  möchte  mit  besonderem  Nachdruck  darauf  hinweisen,  daß
bei  kriegswirtschaftlichen  Betrachtungen  dern  Realeinkommen  immer  besonderes ­
  Augenmerk  zuzuwenden  ist.  Es  ist  immer  von  Wichtigkeit,  aber
man  kann  es  in  normalen  Zeiten  eher  vernachlässigen,  wenn  die  Preise  einigermaßen ­
  konstant  sind,  nicht  aber  in  Kriegszeiten,  in  denen  die  Preise  stark
schwanken.  Freilich  ergeben  sich  bei  der  Feststellung  des  konkreten  Realeinkommens, ­
  das  sich  aus  vielen  Gütern  zusammensetzt,  prinzipielle  Schwierigkeiten, ­
  auf  die  ich  hier  nicht  näher  eingehen  kann.  Nun  denken  wir  uns  die
Kaufkraft  des  Geldes  auf  das  Doppelte  gestiegen.  Was  bedeutet  das  für  den
Schuldner,  was  für  den  Gläubiger?  Der  Schuldner  erzielt  bei  der  Produktion
nur  die  Hälfte  des  früheren  Reingewinnes,  da  aber  die  Kaufkraft  des  Geldes
doppelt  so  groß  ist  als  früher,  so  würde  er  sich  dafür  geradesoviel  kaufen
können  als  früher.  Der  Reingewinn  ist  auf  die  Hälfte  gesunken,  da  sowohl
Selbstkosten  als  auch  Erlös  auf  die  Hälfte  gesunken  sind.  Allgemeines  Steigen
der  Kaufkraft  bedeutet,  daß  die  Preise  der  Rohstoffe  und  die  Löhne  sinken,
aber  ebenso  auch,  daß  die  Preise  der  Fertigfabrikate  sinken.  Alle  Preise
ändern  sich,  wenn  die  Kaufkraft  sich  ändert,  die  Schulden  aber  bleiben ­
  konstant!  Wer  vor  vielen  Jahren  eine  Schuld  kontrahierte,  als  die
Kaufkraft  des  Geldes  niedriger  war,  muß  die  Schuld  nach  ihrem  Nominalbetrag
zurückzahlen,  obzwar  sie  heute  weit  mehr  bedeutet  als  früher.  Wir  sehen  in
unserem  Fall,  wie  das  Geldeinkommen  des  Schuldners  von  30  auf  5  fällt.
Nun  ist  zwar  die  Kaufkraft  des  Geldes  gestiegen,  und  während  er  früher  für
        <pb n="86" />
        75

das  Geldeinkommen  5  sich  nur  1  Stück  kaufen  konnte,  kann  er  sich  jetzt  2
kaufen,  aber  für  das  Geldeinkommen  30  erstand  er  früher  6  Stück,  so  daß
sein  Realeinkommen  in  unserem  Beispiel  um  66,6  Prozent  gefallen  ist.  Umgekehrt ­
  sehen  wir,  daß  der  Gläubiger  einen  Gewinn  erzielt.
In  analoger  Weise  können  wir  den  Fall  untersuchen,  daß  die  Kaufkraft
des  Geldes  auf  die  Hälfte  sinkt,  etwa  unter  dem  Einfluß  einer  Notenemission
im  Kriegsfall,  wie  wir  sie  oben  besprochen  haben.  Da  die  Schuldsumme  unverändert ­
  bleibt,  hat  der  Schuldner  einen  erheblichen  Gewinn,  in  unserem
Falle  von  33,3  Prozent.  Der  Gläubiger  dagegen  hat  einen  Verlust.
Wie  ich  schon  flüchtig  erwähnte,  ist  es  in  der  Praxis  sehr  schwer,
das  Realeinkommen  ins  Auge  zu  fassen,  weil  die  Kaufkraft  des  Geldes
sich  verschiedenen  Waren  gegenüber  in  verschiedener  Weise  ändert  und  man
diese  Veränderungen  nicht  ohne  weiteres  addieren  kann.  Es  ist  eine  viel  erörterte
Frage,  ob  man  überhaupt  eine  theoretisch  völlig  zulässige  Methode  angeben
kann,  welche  es  gestattet,  die  „Gesamtkaufkraft“  verschiedener  Zeitpunkte  miteinander ­
  zu  vergleichen.  Auch  die  unmittelbare  Vergleichung  verschiedener  Realeinkommen ­
  macht  erhebliche  Schwierigkeiten,  wenn  diese  Realeinkommen  aus
verschiedenen  Bestandteilen  zusammengesetzt  sind.  Es  kann  ja  z.  B.  das  Wohnen
teurer,  das  Essen  billiger  geworden  sein,  und  daher  können  sich  z.  B.  die
Wohnungsverhältnisse  verschlechtert,  die  Nahrungsverhältnisse  verbessert  haben.
Wie  man  aber  die  Änderung  im  ganzen  zu  bewerten  hat,  kann  fraglich  bleiben.
Das  sind  aber  Probleme,  auf  die  ich  nur  hinweisen  wollte,  um  zur  Vorsicht
zu  mahnen.
Nach  dem  Gesagten  ist  es  klar  geworden,  daß  im  Falle  einer  Kaufkraftveränderung ­
  des  Geldes  die  Bevölkerung  nicht  als  einheitlicher  Körper  betrachtet ­
  werden  darf.  Wir  sehen  nun  auch,  wer  aus  dem  „guten“  Geld  Gewinn ­
  zieht,  wer  in  seinem  Interesse  dafür  eintreten  wird,  daß  die  Kaufkraft
des  Geldes  steigt  ;  es  sind  dies  vor  allem  die  Geldverleiher,  die  Bankiers,
daneben  aber  auch  andere  Bevölkerungsgruppen,  deren  Interessen  mit  denen
der  Bankiers  sonst  keineswegs  zusammenfallen,  nämlich  die  Beamten.  Vor
allem  sind  es  jene  Beamtenschichten,  die  nicht  verschuldet  sind.  Ein  Staatsbeamter ­
  und  Offizier  kann  im  allgemeinen  nicht  damit  rechnen,  daß  sein  Einkommen ­
  entsprechend  der  Kaufkraftveränderung  geändert  wird.  Sinkt  die
Kaufkraft  des  Geldes,  so  findet  meist  nur  nach  vielen  Verhandlungen  und  sehr
langsam  eine  entsprechende  Erhöhung  der  Gehälter  statt.  Der  Staatsbeamte
ist  daher  während  längerer  Zeiträume  seinem  Einkommen  nach  mit  einem
Rentner  vergleichbar,  der  eine  unveränderliche  Geldsumme  erhält,  unabhängig
von  der  Kaufkraft  des  Geldes.  Der  Staatsbeamte  kann  nicht  so  leicht  Änderungen ­
  der  Verträge  durchsetzen,  wie  etwa  der  Arbeiter.  Wenn  sich  die  Kaufkraft ­
  des  Geldes  erheblich  ändert,  so  kann  der  Arbeiter  durch  Streiks  seine
Position  verbessern.  Streiks  der  Beamtenschaft  sind  im  großen  und  ganzen
praktisch  nicht  in  Rechnung  zu  ziehen,  zum  Teil  sind  sie  sogar  durch  eigene
Bestimmungen  unmöglich  gemacht  oder  sehr  erschwert.  Die  Staatsbeamten
und  Offiziere  sind  daher  wesentlich  auf  die  Parlamente  angewiesen.  Alle
diese  Momente  sind  für  den  Kriegsfall  von  größter  Wichtigkeit.
Es  ist  nach  dem  Gesagten  verständlich,  daß  es  zuweilen  agrarische
Kreise  sind,  welche  der  steigenden  Kaufkraft  des  Geldes  wenig  freundlich
gegenüberstchen  und  daher  Emissionen  von  Noten  oder  minderwertigem  metallischen ­
  Zeichengeld  vielfach  begrüßen.  Es  hängt  dies  zum  Teil  damit  zusammen, ­
  daß  ein  großer  Teil  der  Landwirte  hypothekarisch  belastet  ist  und
die  sinkende  Kaufkraft  ihnen  die  Abzahlung  der  alten  Schulden  erleichtert.
Wenn  daher  während  eines  Krieges  durch  Zeichengeldausgabe
  die  Kaufkraft  des  Geldes  sehr  sinkt,  kann  dies
die  Entschuldung  der  Landwirte  fördern.
Die  Wirkungen  der  Geldvermehrung  auf  die  Kaufkraft  sind  übrigens
nicht  an  das  Zeichengeld  gebunden,  sie  können  auch  bei  vollwertigem  Geld
auftreten.  Es  wäre  durchaus  denkbar,  daß  z.  B.  die  Goldausbeute  derart  zunimmt, ­
  daß  in  Österreich-Ungarn  durch  die  vermehrten  Prägungen  von  Zehnund
  Zwanzig-Kronenstücken  die  Kaufkraft  des  Geldes  abnimmt.  Wir  besitzen
in  dieser  Beziehung  bereits  wichtige  Erfahrungen.  In  den  siebziger  Jahren
        <pb n="87" />
        76

des  19.  Jahrhunderts  wurde  in  Österreich  jedem,  der  Silber  in  die  Münze
brachte,  dasselbe  ausgeprägt,  das  heißt,  er  erhielt  für  eine  bestimmte  Menge
Silber  eine  bestimmte  Anzahl  Silbergulden,  so  wie  man  heute  für  ein  Kilogramm ­
  Gold  in  der  Münze  3274  Kronen  in  Goldmünzen  österreichischer  oder
ungarischer  Prägung  erhält.  Als  nun  Ende  der  siebziger  Jahre  in  London  der
Silbermarkt  mit  Silber  überflutet  wurde,  sank  plötzlich  der  Silberpreis,  und
zwar  so  tief,  daß  es  sich  rentierte,  in  London  mit  österreichischem  Geld
Silber  zu  kaufen  und  es  in  Wien  ausprägen  zu  lassen.  Man  erhielt  für
100  Gulden  mehr  Silber  in  London,  als  in  100  österreichischen  Gulden
Silber  enthalten  war.  Wie  erklärt  sich  diese  Erscheinung?  Sie  ist  nur  dann
verständlich,  wenn  man  sich  vor  Augen  hält,  daß  die  Kaufkraft  eines  Geldstückes ­
  nicht  an  seinen  Metallgehalt  gebunden  ist,  sie  kann  ebenso  groß
sein,  wie  die  Kaufkraft  des  Stückes  Metall,  das  in  der  Münze  enthalten  ist,
sie  kann  aber  auch  weit  größer  sein.
Ich  betone  nachdrücklich,  daß  diese  Anschauung  von  der  Unabhängigkeit
der  Kaufkraft  auch  des  frei  ausprägbaren  Geldes  von  seinem  Metallgehalt
nicht  etwa  rein  theoretischen  Untersuchungen  seinen  Ursprung  verdankt,  sondern ­
  Ende  der  siebziger  Jahre  empirisch  beobachtet  wurde.  Die  Kaufkraft
des  Silberguldens  in  Österreich-Ungarn  war  mit  dem  gesamten  Preisniveau
verknüpft,  mit  der  Eigenschaft,  als  Zahlungsmittel  zu  dienen,  insbesondere
auch  als  Schuldentilgungsmittel.  Silbergulden  waren  daher  gesucht,  während
man  mit  ungeprägtem  Silber  in  Österreich-Ungarn  bei  Zahlungen  nichts  anfangen ­
  konnte.  Eine  Zeitlang  wurde  denn  auch  das  oben  geschilderte  Geschäft ­
  gemacht,  man  kaufte  für  Gulden  Silber  und  prägte  es  aus.  Im  allgemeinen ­
  geschah  dies  wohl  auf  dem  Umwege,  daß  man  in  Wien  englische
Devisen  kaufte  und  für  diese  dann  Silber  aus  London  bezog.  Dies  dauerte
aber  nicht  lange,  da  der  Staat  die  freie  Ausprägung  sistierte,  d.  h.  für
rohes  Silber  wurde  kein  bestimmter  Preis  mehr  seitens  der  Münzstätte  bezahlt. ­
  Warum  tat  das  der  Staat?  Weshalb  ließ  er  nicht  die  Silberimporteure
weiter  verdienen,  zumal  er  selbst  Prägegebühren  erhielt?  Der  Grund  ist  u.  a.
darin  zu  suchen,  daß  die  Aufrechterhaltung  der  freien  Prägung  zu  einer  Senkung ­
  der  Kaufkraft  des  Guldens  führen  mußte.  Vor  der  großen  Silberausbeute ­
  hatte  der  Silbergulden,  welcher  als  internationales  Zahlungsmittel,  wie
heute  das  Gold,  Verwendung  finden  konnte,  häufig  ein  Agio  gegenüber  dem
Papiergulden.  Als  nun  die  starken  Silberausprägungen  einsetzten,  verschwand
dies  Agio,  da  ja  die  Kaufkraft  des  Silberguldens  größer  war  als  die  Kaufkraft
des  in  ihm  enthaltenen  Rohsilbers.  Silbergulden  und  Papiergulden  standen
nun  al  pari.  Zu  einem  Disagio  des  Silberguldens,  das  von  Bedeutung  hätte
sein  können,  konnte  es  aber  nicht  kommen,  da  nicht  einzusehen  wäre,  warum
man  silbernes  Zeichengeld  niedriger  einschätzen  sollte  als  papierenes  Zeicheng
 eld.  Aber  es  blieb  noch  immer  die  Möglichkeit  übrig,  daß  die  Kaufkraft
eider  Geldsorten  gegenüber  ausländischem  Gelde  und  gegenüber  den  inländischen ­
  Waren  sinken  konnte.  Der  gesamten  Warenmenge  standen  von  Tag
zu  Tag  größere  Geldmengen  gegenüber,  die  durch  die  freie  Ausprägung  immer
weiter  vermehrt  wurden.  Freilich,  ins  Unendliche  hätte  dieser  Prozeß  nicht
angedauert.  Schließlich  wäre  die  Kaufkraft  des  österreichischen  Geldes  so
tief  gesunken,  daß  die  Kaufkraft  des  in  einem  Silbergulden  enthaltenen  Rohsübers
  mit  der  des  Gulden  zusammengefallen  wäre.  Gleichzeitig  mit  der
Kaufkraftsenkung  des  Silberguldens  in  Österreich-Ungarn  wäre  eine  Erhöhung
des  Silberpreises  in  London  infolge  der  Ankäufe  erfolgt,  so  daß  beide  Bewegungen ­
  einander  entgegengekommen  wären.
Der  Staat  hätte  durch  die  Aufrechterhaltung  der  freien  Silberausprägung
eine  Verschiebung  der  Einkommensverhältnisse  zugelassen,  die  Schuldner  hätten
gewonnen,  die  Gläubiger  verloren.  An  sich  könnte  ja  eine  solche  Veränderung
einmal  im  Interesse  des  Staates  gelegen  sein,  aber  nur  selten  wird  ein  Staat
so  schwerwiegende  Veränderungen  von  äußerlichen  Einflüssen  abhängig  machen
wollen,  wie  es  in  diesem  Falle  die  Ereignisse  auf  dem  Londoner  Silbermarkt
gewesen  wären.  Es  hätte  übrigens  bei  den  angedeuteten  Umwälzungen  nicht
sein  Bewenden  gehabt.  Durch  die  Bemühungen,  englische  Devisen  in  Wien
zu  kaufen,  um  dafür  in  London  Silber  zu  erhalten,  trieben  die  Silberimpor-
        <pb n="88" />
        77

teure  die  englischen  Devisenpreise  in  die  Höhe,  was  allen  jenen  schadete,  die
aus  England  Maschinen  oder  Rohstoffe  beziehen  und  sich  nun  englisches  Geld
beschaffen  mußten,  um  diese  Importe  zu  bezahlen.  Englisches  Geld  erhielten
sie  aber  durch  Ankauf  englischer  Devisen,  deren  Preis  durch  die  Silberausprägung ­
  in  die  Höhe  ging.  Dadurch  würden  andererseits  aber  wieder  die
Exporteure  gewinnen,  sowie  alle  jene,  welche  im  Inlande  jene  Waren  erzeugten, ­
  die  man  sonst  aus  England  zu  importieren  pflegte.  Jede  Erhöhung
der  englischen  Devisenpreise  wirkte  ähnlich  wie  ein  Schutzzoll.
Es  fragt  sich  nun,  wie  der  Staat  den  unerwünschten  Nebenwirkungen  begegnen ­
  kann,  welche  die  Ausgabe  neuer  Geldmengen  hervorruft.  Wir  wissen
aus  den  Erörterungen  über  das  Fullartonsche  Prinzip,  sowie  über  die  Zirkulation ­
  der  Anleihen,  daß  es  vor  allem  darauf  ankomme,  die  ins  Publikum  hinausgeströmten ­
  Geldmengen  wieder  in  die  Staatskassen  oder  Notenbankkassen  zurückzupumpen. ­
  Das  ist  nun  nicht  immer  möglich,  und  man  begnügt  sich  zuweilen ­
  damit,  nur  das  übermäßige  Anschwellen  der  Noten  zu  verhindern.  Nadi
dem  Jahre  1866,  als  Österreich-Ungarn  zur  Aufrechterhaltung  der  staatlichen
Funktionen  Papiergeld  ausgeben  mußte,  half  man  sich  damit,  daß  man  die
Notenmenge,  welche  vom  Staat  emittiert  werden  durfte,  mit  312  000  000  kontingentierte. ­
  Wieso  hatten  wir  nun  bei  Staatsnoten  mit  solchen  Schwierigkeiten ­
  zu  kämpfen?  Dies  rührt  daher,  daß  die  Banknoten  dann  emittiert
wurden,  wenn  der  Markt  Geld  benötigte,  und  daß  die  Emission  auf  dem
Wege  der  Kreditgewährung  erfolgte,  also  ein  Rückströmen  garantiert  war,
während  der  Staat  dann  Noten  emittierte,  wenn  er  selbst  Geld  brauchte,
unabhängig  davon,  ob  auf  dem  Markte  Geldmangel  herrschte  oder  nicht.  Mit
der  Tatsache,  daß  die  Zahlungsmittel  aus  Papier  waren,  hatten  die  drohenden
Gefahren  nichts  zu  tun,  sondern  damit,  daß  ein  Mittel  fehlt,  die  Geldmengen
wieder  zurückzupumpen.  Pflegen  doch  Steuern  und  innere  Anleihen  in  solchen
Zeiten  zu  versagen.
Bei  Papiergeld  ist  die  Versuchung  zu  unaufhörlicher  Emission  gegeben!.
Silbergulden  kann  man  nicht  schrankenlos  vermehren,  weil  man  das  Silber  erst
beschaffen  muß.  Papier  dagegen  ist  in  beliebiger  Menge  vorhanden.  Wie  weit
man  darin  gehen  kann,  zeigt  die  französische  Assignatenwirtschaft  in  der  Zeit
der  französischen  Revolution.  1795  gab  Frankreich  Assignaten  bis  zum  Betrage ­
  von  75  Milliarden  aus.  Dieser  Vorgang  ist  durchaus  verständlich,  wenn
man  sich  vor  Augen  hält,  daß  durch  die  erste  Notenemission  bereits  die  Preise
sehr  erhöht  sein  Können.  Wenn  nun  die  Möglichkeit  fehlt,  durch  Steuern  oder
Anleihen,  eventuell  durch  Kriegskontributionen  einen  erheblichen  Teil  der  ausgegebenen
  Gelder  wieder  zurückzupumpen,  so  muß  der  Staat,  wenn  er  in  der
Folgezeit  dem  Markt  eine  ebenso  große  Güterquote  entnehmen  will,  wie  im
Jahre  vorher,  eine  größere  Notenmenge  emittieren  und  in  dieser  Weise  steigert
sich  die  Notenmenge,  welche  emittiert  werden  muß,  selbst  dann,  wenn  der
Staatsbedarf  konstant  bleibt.
Wir  sehen,  daß  die  Notenemission  im  Kriegsfall  schwere  Störungen  hervorzurufen ­
  vermag,  und  es  fragt  sich,  ob  nicht  andere  Methoden  zweckmäßiger  sein
können.  An  erster  Stelle  sei  die  Emission  von  Requisitionsbons  genannt.  Es
wäre  sehr  wichtig,  wenn  man  sich  eingehend  mit  dem  Problem  beschäftigen
wollte,  wie  die  Ausgabe  von  Noten,  wie  die  Ausgabe  von  Requisitionsbons  wirke.
Während  des  Balkankrieges  waren  beide  Methoden  zu  beobachten.  Die
Serben  suchten  möglichst  mit  Noten  zu  bezahlen,  während  die  Bulgaren  bereits
im  Anfang  des  Krieges  Requisitionsbons  als  Zahlungsmittel  an  die  Bevölkerung
verwendeten.  Ich  will  von  den  psychologischen  Wirkungen  absehen.  Die
Zahlung  mit  Noten  macht  auf  die  Bevölkerung  meist  einen  besseren  Eindruck,
als  die  Zahlung  mit  Requisitionsbons.  Der  Requisitionsbon  unterscheidet  sich
dadurch  von  der  Note,  daß  er  zunächst  kein  gesetzlich  anerkanntes  Zahlungsmittel ­
  ist.  Der  Bauer,  der  Industrielle,  der  Kaufmann,  welcher  Requisitionsbons
erhält,  hat  damit  ein  Forderungsrecht  an  den  Staat  erworben,  das  er  nach  dem
Kriege  geltend  macht.  Da  der  Bon  kein  gesetzliches  Zahlungsmittel  ist,  hat
ein  Bauer,  der  einen  auf  20  Franken  lautenden  Bon  hat,  nicht  die  Sicherheit,  daß
der  Kaufmann  ihn  mit  20  Franken  in  Zahlung  nimmt.  Der  Kaufmann  wieder
kann  ihn  schwer  zu  20  Franken  in  Zahlung  nehmen,  weil  er  nicht  weiß,  wie  ihn
        <pb n="89" />
        78

der  Lieferant  annimmt.  Die  Zirkulation  der  Bons  wird  daher  erschwert  sein,
und  wer  nicht  unbedingt  muß,  wird  die  Bons  aufzuheben  trachten.  100000  'Franken ­
  Requisitionsbons  werden  daher  auf  dem  Markte  nicht  dieselbe  Wirkung  ausüben, ­
  wie  100  000  Franken-Noten.  Wenn  die  Requisitionsbons  innerhalb  einer
Bevölkerung  ausgegeben  werden,  die  überhaupt  zuwarten  kann,  kommen  die
Bons  überhaupt  nicht  in  die  Zirkulation.  Sie  sind  Schatzscheinen  vergleichbar,
die  der  Staat  zwangsweise  der  Bevölkerung  aufgedrängt  hat,  um  dafür  Naturalien
zu  erhalten.  Nur  wenn  der  Requisitionsbon  gesetzlich  anerkanntes  Zahlungsmittel ­
  wird,  unterscheidet  er  sich  kaum  mehr  von  der  Note.  Dies  geschah
z.  B.  während  des  nord  amerikanischen  Sezessionskrieges.  Der  Requisitionsbon ­
  ist  dann  eigentlich  eine  von  den  Militärbehörden  ausgegebene ­
  Note,  die  gelegentlich  von  Requisitionen  ausgegeben  wird.  Wir
sehen,  daß  es  von  dem  Bargeldbedarf  der  Bevölkerung  abhängt,  wie  die  Emission ­
  von  Requisitionsbons  wirkt.  Sind  die  Leute  genötigt,  die  Bons  unter  dem
Nominale  als  Zahlungsmittel  zu  veräußern,  so  bedeutet  das  für  sie  eine  schwere
Schädigung.  Den  Gewinn  haben  dann  die  letzten  Inhaber  der  Requisitionsbons,
denen  dieselben  nach  Schluß  des  Krieges  zum  Nominale  eingelöst  werden,  wenn
nicht  ein  Staatsbankerott  dies  etwa  verhindern  sollte.  Nun  könnte  man  darauf
hinweisen,  daß  zwar  durch  die  Emission  von  Requisitionsbons  die  Menge  der
Zahlungsmittel,  falls  sie  in  der  ersten  Hand  verbleiben,  nicht  augenblicklich  vermehrt ­
  würde,  wohl  aber  nach  dem  Kriege,  wenin  die  Einlösung  einsetzt.  Dagegen ­
  ist  zu  bemerken,  daß  nach  Abschluß  des  Krieges  im  allgemeinen  eine
Periode  aufsteigender  Produktion  beginnt.  Die  gesteigerte  Geldmenge  trifft
mit  einer  wachsenden  Produktenmenge  zusammen.  Außerdem  hat  es  die  Regierung ­
  in  der  Hand,  die  Einlösung  sukzessive  vorzunehmen,  etwa  den  Ausgabemonaten ­
  der  Requisitionsbons  entsprechend.  Ich  will  mich  mit  diesen  Anregungen ­
  begnügen,  ohne  zu  einem  endgültigen  Urteil  über  die  Verwendbarkeit
der  Bons  in  großem  Maßstabe  zu  kommen.
Zum  Schluß  will  ich  noch  darauf  hinweisen,  daß  die  Schaffung  von  Zeichengeld ­
  nicht  auf  die  Emission  von  Noten  aus  Papier  oder  Metall  beschränkt  ist.
Es  kann  auch  girales  Geld  im  Kriegsfall  geschaffen  werden,  indem  sich  der
Staat  Konten,  z.  B.  bei  der  Notenbank,  eröffnen  läßt,  ohne  eine  Gegenleistung ­
  dafür  zu  gewähren.  Diese  Schaffung  von  Girogeld  ist  der
von  Noten  durchaus  verwandt.  Wir  können  uns  denken,  daß  der  Staat  Girozahlungen ­
  auf  Grund  dieser  Konten  leistet  und  sich  so  Güter  beschafft.  Es
kann  dies  Girogeld  dauernd  als  Girogeld  in  der  Zirkulation  bleiben,  wenn  z.  B.
durch  ein  Gesetz  verfügt  wird,  daß  eine  Abhebung  der  Konten  in  Papier  oder
Metall  unzulässig  ist.  Wir  hätten  dann  uneinlösliches  Girogeld  vor
uns,  das  den  Uneinlöslichen  Noten  entspricht,  die  uns  allen  vertraut  sind.  Über
die  Bedeutung  des  uneinlöslichen  Girogeldes  im  Kriegsfall  werde  ich  im  Zusammenhang ­
  mit  anderen  Problemen  noch  weiter  unten  näheres  ausführen.

7.  Beschaffung  von  Weltgeld.
1.  Allgemeines.
In  der  bisherigen  Darstellung  wurde  das  im  Inlande  auf  Grund  der  Staatsintervention ­
  zirkulierende  Zeichengeld  scharf  vom  Weltgelde  geschieden.  Wenn
wir  von  Weltzahlungsmitteln  im  allgemeinen  sprechen,  so  meinen  wir  damit
heute  nicht  nur  Gold  und  Goldmünzen,  sondern  auch  Anweisungen  auf  Gold,  z.  B.
Golddevisen,  oder  Schecks  auf  Länder  lautend,  welche  jederzeit  Noten  in  Gold
einlösen.  Bin  ich  im  Besitz  einer  englischen  Devise,  so  kann  ich  für  dieselbe
vom  Verpflichteten  am  Fälligkeitstage  englische  Noten  bekommen,  für  die  mir
die  Bank  von  England  wieder  jederzeit  Goldmünzen  auszahlt.  In  ähnlicher
Weise  ist  z.  B.  auch  die  deutsche  Devise  eine  Golddevise,  während  z.  B.  eine
auf  Wien  lautende  Devise,  welche  ein  Kaufmann  in  Berlin  kauft,  ihm  nicht  die
Sicherheit  gibt,  dafür  Goldmünzen  zu  erhalten,  wohl  aber  kann  er,  wie  wir
sehen  werden,  für  dieselbe  englische  oder  deutsche  Devisen  oder  Schecks  erhalten, ­
  also  auf  einem  Umwege  doch  wieder  Gold.  Die  österreichisch-ungarische
Bank  kann  solche  Schecks  abgeben,  weil  sie  im  Auslande  Goldguthaben  besitzt.
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        79

auf  die  ich  noch  zurückkommen  werde.  Ich  möchte  aber  darauf  hinweisen,  daß
manche  der  Auslandsguthaben  auch  Silberguthaben  sein  können,  so  z.  B.  wenn
die  Bank  ein  Guthaben  in  Mexiko  besitzt,  welches  die  Silberwährung  hat.
Die  Weltzahlungsmittel,  vor  allem  Gold,  aber  auch  Golddevisen  und  Goldschecks, ­
  die  im  Kriegsfall  benötigt  werden,  stammen  in  erster  Reihe  aus:
a)  Kriegsschätzen,
b)  Anleihen,
c)  Steuern.
Die  Schaffung  von  Inlandszahlungsmitteln,  welche  wir  im  vorhergehenden
Hauptabschnitt  besprochen  haben,  findet  natürlich  hier  keine  Analogie,
2.  Kriegsschatz.
Bei  den  für  den  Kriegsfall  bereitstehenden  Weltzahlungsmitteln  ist  es,  wie
schon  erwähnt,  von  untergeordneter  Wichtigkeit,  ob  sie,  wie  in  Deutschland,
zu  einem  gewissen  Teil  unter  der  ausdrücklichen  Bezeichnung  „Kriegsschatz“
im  Juliusturm  angesammelt  sind  oder  sich,  wie  bei  uns,  vorwiegend  in  den
Kassen  der  österreichisch-ungarischen  Bank  befinden.  Auch  die  russische  Notenbank ­
  weist  erhebliche  Goldbestände  auf,  die  im  Kriegsfall  große  Dienste  leisten,
auch  dann,  wenn  sie  nicht  von  der  Regierung  unmittelbar  angetastet  werden,
sondern  vorwiegend  dazu  dienen,  die  internationalen  Zahlungsbeziehungen  aufrechtzuerhalten. ­
  Ein  großer  Goldschatz  stärkt  an  und  für  sich  'das  Prestige,  weshalb ­
  er  heute  von  den  Banken  sehr  soigfältig  gehütet  wird.
Die  Bedeutung  des  Goldschatzes  ergibt  sich  aus  den  Beziehungen  desselben
zur  gesamten  Währung,  Als  Österreich-Ungarn  1892  zur  Goldwährung  überging,
geschah  dies  nicht  deswegen,  weil  an  sich  die  Zirkulation  goldener  Münzen  im
Inlande  besser  wäre,  als  die  Zirkulation  von  Papiergeld.  Biis  zum  Jahre  1892
hatte  Österreich-Ungarn  eine  Zeichengeldwährung,  da  sowohl  die  Noten,  als
auch  der  Silbergulden,  dessen  freie  Ausprägung,  wie  wir  oben  gesehen  haben,
eingestellt  worden  war,  Zeichengeld  waren.  Die  Währungsreform  von  1892
war  nicht  etwa  dadurch  besonders  bedeutsam,  daß  nun  „Gold“  als  Zahlungsmittel, ­
  sondern,  daß  dasselbe  Währungsmetall  eingeführt  wurde,
welches  die  anderen  großen  Staaten  benützen.  Daß  man  aber
in  der  ganzen  Welt  daran  ging,  von  der  Silberwährung  zur  Goldwährung  überzugehen, ­
  hing  mit  den  großen  Silberausbeuten  zusammen  und  den  dadurch  hervorgerufenen ­
  Veränderungen  aller  Preise.  Wenn  heute  massenhaftes  Gold  gefunden ­
  würde,  könnte  dies  ebenfalls  eine  plötzliche  Preisveränderung  erzeugen
und  den  Übergang  zu  einem  anderen  Währungsmetall  veranlassen.
Wie  wirkt  nun  die  Gleichheit  des  Währungsmetalles  auf  den  internationalen
Handel?  Wenn  man  von  einem  Staat  sagt,  er  habe  Goldwährung,  so  meint
man  damit  in  erster  Linie,  daß  er  Gold  ankauft.  Wenn  jemand  in  Österreich-Ungarn
  ein  Kilogramm  Gold  besitzt,  kann  er  jederzeit  bei  der  österreichen  odei
ungarischen  Münze  3274  K  in  Goldmünzen  österreichischer  oder  ungarischer
Prägung  erhalten,  oder  bei  der  österreichisch-ungarischen  Bank  3278  K  in  Noten.
Diese  Differenz  von  4  K  stellt  eine  Art  Prämie  dar,  welche  dazu  dient,  die  Verkäufer ­
  von  Gold  zu  veranlassen,  lieber  Noten  statt  Goldmünzen  zu  übernehmen.
Sie  dient  der  Gold  Sammlungspolitik  der  Notenbank.  Wenn
man  aber  für  ein  Kilogramm  Gold  immer  auf  Grund  gesetzlicher  Bestimmungen
einen  bestimmten  Preis  ausbezahlt  erhält,  so  bedeutet  das,  daß  in  Wien  oder
in  Budapest  auf  dem  Goldmarkt  der  Preis  des  Kilogrammes  Gold  nicht  unter
3278  K  sinken  kann.  Denn  wer  würde  einem  anderen  das  Kilogramm  Gold  billiger
abgeben,  wenn  er  von  der  Notenbank  3278  K  erhält?  Der  Staat  kann  so  den
Goldpreis  konstant  erhalten,  wie  er  etwa  den  Eisenpreis,  den  Rohölpreis  oder  den
Preis  irgendeiner  anderen  Ware  konstant  erhalten  könnte.
Derartige  Maßnahmen,  um  irgendwelche  Preise  konstant  zu  erhalten,  sind
zu  allen  Zeiten  vorgekommen,  es  fragt  sich  immer  nur,  in  wessen  Interesse.  Alle
derartigen  Vorkehrungen  sind  zuweilen  von  erheblicher  kriegs-  und  militärwirtschaftlicher ­
  Bedeutung.  Die  Chinesen  haben  in  alten  Zeiten  z.  B.  den  Reispreis
konstant  zu  erhalten  gesucht.  Der  Reis  ist  dort  das  Hauptnahrungsmittel  und  die
Konstanterhaltung  des  Reispreises  daher  von  großer  gesellschaftlicher  Wichtigkeit. ­
  Durch  die  Preisregulierung  konnte  die  Regierung  einerseits  den  Reis-
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bauern,  andererseits  den  Reiskonsumenten  helfen.  Wenn  der  Reispreis  sinken
wollte  und  die  Reisbauern  in  Gefahr  kamen,  kaufte  die  Regierung  so  lange  Reis  an,
bis  sie  den  Preis  genügend  gehoben  hatte,  und  lagerte  die  Frucht  in  Speichern
ein,  die  teils  für  einzelne  Provinzen,  teils  für  das  ganze  Reich  bestimmt  waren.
Stiegen  die  Preise  sehr  an,  so  wurde  Reis  aus  den  Reichs-Reispreis-Ausgleichungsspeichern
  wieder  abgegeben.
Eine  solche  Preisausgleichung  ist  natürlich  nur  dann  möglich,  wenn  gute
mit  schlechten  Ernten  in  mäßigen  Zwischenräumen  abwechseln.  Eine  ähnliche
Einrichtung  bestand  um  die  'Mitte  des  19.  Jahrhunderts  in  Paris.  Um  den  Brotpreis ­
  konstant  zu  erhalten,  wurde  eine  Zwangskasse  für  die  Bäcker  errichtet.
Wenn  der  Mehlpreis  niedrig  war,  mußten  die  Bäckjer  einen  Teil  des  Gewinnes
in  die  Kasse  abführen.  Dafür  erhielten  sie  wieder  einen  Zuschuß  aus  der  Kasse,
wenn  der  Mehlpreis  hoch  war  und  sie  dennoch  das  Brot  zum  alten  Preis  abgeben
mußten.
Die  Regierung  des  brasilianischen  Staates  S.  Paolo  hat  in  der  jüngsten  Zeit
die  Kaffeepreise  im  Interesse  der  Produzenten  beeinflußt,  indem  sie  große  Kaffeemassen ­
  emlagerte  und  dann  nach  und  nach  verkaufte.  Wir  sehen,  daß  es  in¡
all  diesen  Fällen  darauf  ankam,  Rücklagen  zu  schaffen,  im  ersten  und  dritteln
Fall  aus  Naturalien,  im  zweiten  aus  Geld  bestehend.  Was  man  so  beim  Reisoder ­
  Kaffeepreise  tun  kanp,  vermag  man  natürlich  auch  beim  Goldpreise  zu  tun.
Für  den  internationalen  Zahlungsverkehr  ist  die  Konstanz  des  Goldpreises  in
österreichischen  oder  ungarischen  Kronen  von  erheblicher  Wichtigkeit.  Wenn
nämlich  der  Preis  des  Kilogramms  Gold  konstant  ist,  dann  ist  auch  der  Preis
konstant,  den  die  österreichisch-ungarische  Bank  für  deutsche  Mark,  französische
Franken  und  andere  Goldmünzen  zahlt.  In  2790  Mark  ist  ebenso  ein  Kilogramnx
Feingold  enthalten,  wie  in  3280  Kronen  österreichischer  oder  ungarischer  Goldmünzen. ­
  Besitzt  jemand  2790  Mark  in  Gold,  die  nicht  abgenützt  sind,  so  weiß
er,  daß  er  für  dieselben  3278  Kronen  bei  der  österreichisch-ungarischen  Bank
in  Noten  oder  3274  Kronen  bei  der  Münze  in  Gold  erhält.  Die  Tatsache  der
freien  Ausprägung  von  Gold  sichert  also  der  deutschen  Mark  'in  Gold  einen,
bestimmten  Preis  in  Kronen,  solange  die  diesbezüglichen  gesetzlichen  Bestimmungen ­
  gelten.  Diese  Preiskonstanz  ist  nicht  etwas  der  Goldmaterie  Eigentümliches, ­
  sondern  ein  Produkt  der  Gesetzgebung,  ln  derselben  Weise^  wie  österreichrUngarn
  deutsche  Goldmünzen  als  Gold  ankauft,  kauft  nun  Deutschland
österreichische  und  ungarische  Goldmünzen  an.
Praktisch  stellt  sich  die  Sache  aber  ein  wenig  anders;  wenn  ein  Deutscher
in  Österreich-Ungarn  eine  Zahlung  im  Betrage  von  3278  Kronen  zu  leisten  hat,
genügt  es  nicht,  wenn  er  2790  Mark  in  Gold  besitzt.  Dieser  Betrag  würde
ihm  die  3278  Kronen  erst  dann  verschaffen,  wenn  er  sich  bei  einem  Gold  kaufenden
Schalter  der  österreichisch-ungarischen  Bank  befände.  Nun  lebt  er  aber  in  Berlin.
Er  müßte  daher  das  Gold  in  ein  Kistchen  packen,  müßte  die  Versandspesen  in
Rechnung  stellen,  ebenso  die  eventuelle  Versicherungsprämie  und,  da  der  Transport
auch  einige  Zeit  dauert,  den  inzwischen  erlittenen  Zinsenverlust.  Dabei  hätte
er  darauf  zu  achten,  daß  die  Goldmark  nicht  abgenützt  sind.  Denn  während  im
nationalen  Verkehr  auch  abgenützte  Goldmark  —  sie  verhalten  sich  dann  ähnlich
wie  Zeichengeld  —  gelten,  gelten  im  internationalen  Verkehr  nur  solche  für  voll,
die  keinen  Gewichtsverlust  aufweisen.  In  Wirklichkeit  wird  aber  der  größere  Teil
der  Zahlungen  zwischen  Österreich-Ungarn  und  Deutschland  mit  Hilfe  von  Devisen
beglichen.  Der  Deutsche  kauft  in  Berlin  eine  auf  Wien  lautende  Devise,  d.  h.
einen  in  Wien  zahlbaren  Wechsel.  Diese  Devise  kann  verschieden  im  Preise
stehen.  Kommt  sie  höher  als  der  effektive  Goldversand,  dann  würde  man  diesen
vorziehen,  d.  h.  solange  die  Deutschen  genug  Goldmark  in  der  Hand  haben,  die
sie  verschicken  können^  kann  der  Devisenkurs  nicht  über  jenen  Punkt  hinaussteigen,
  der  durch  die  Versandkosten  und  die  Einlösungskosten  des  Goldes  in
Österreich-Ungarn  gegeben  erscheint.  Man  nennt  diesen  Punkt  den  oberen  Goldpunkt ­
  für  den  Goldexport.  In  gleicher  Weise  existiert  ein  Punkt,  wo  es  dem
Österreicher  oder  Ungarn,  der  genügend  Gold  in  der  Hand  hat,  zweckmäßig  erscheint, ­
  Gold  nach  Deutschland  zu  importieren,  statt  deutsche  Devisen  zu  kaufen  ;
das  ist  dann  der  untere  Goldpunkt  für  den  Goldimport  nach  Deutschland.  Das
heißt,  dadurch,  daß  zwei  Länder  Gold  und  damit  auch  Goldmünzen  ankaufen,  ist
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für  die  Kursschwankungen  der  Devisen  eine  obere  und  eine  untere  Grenze  gegeben,
solange  in  beiden  Ländern  die  ans  Ausland  zahlenden  Kaufleute  genug  Goldmünzen ­
  in  der  Hand  haben.
Der  letzte  Zusatz  ist  wichtig.  Wenn  ein  deutscher  Kaufmann  nur  Marknoten ­
  hat,  so  kann  er  sich  jederzeit  Gold  bei  der  Deutschen  Reichsbank  besorgen,
da  dieselbe  verpflichtet  ist,  die  Marknoten  in  Gold  einzulösen.  Das  gleiche  gilt
aber  nicht  für  Österreich-Ungarn,  denn  die  Notenbank  der  Monarchie  ist  nicht
verpflichtet,  für  die  Noten  Gold  herzugeben,  obgleich  diese  Verpflichtung ­
  auf  jeder  Note  aufgedruckt  isL  In  dem  gleichem  Statut,  welches
die  Bank  verpflichtet,  auf  jede  Note  aufzudrucken,  daß  sie  in  Metallgeld  eingelöst
wird,  befindet  sich  ein  Paragraph,  der  die  Bank  von  dieser  Verpflichtung  entbindet.
Das  ist  historisch  zu  erklären.  Man  nahm  an,  daß  der  Zustand  der  fehlenden
Barzahlung  nur  ein  provisorischer  sei.  Aber  selbst  wenn  die  österreichisch-ungarische ­
  Bank  die  Barzahlungen  aufnehmen  würde,  könnte  der  Kaufmann  nicht  damit
rechnen,  Gold  zu  erhalten,  da  ihm  die  Bank  jederzeit  Silbergulden  auf  drängen
könnte,  weil  Silbergulden  —  obgleich  sie  Zeichengeld  sind  —  in  unbeschränkte^
Menge  in  Zahlung  genommen  werden  müssen,  ohne  daß  man  für  sie  Goldmünzen
erhalten  könnte.
Da  nun  Österreich-Ungarn  dem  Kaufmann,  der  eine  Zahlung  nach  Deutschland ­
  zu  leisten  hat,  kein  Gold  zur  Verfügung  stellt  und  wenig  Gold  im  Umlauf
ist,  kann  der  Kaufmann  in  Österreich-Ungarn  nicht  wie  der  Deutsche  erklären:
„Wenn  der  Devisenkurs  zu  hoch  steigt,  exportiere  ich  Gold.“  Es  könnte  daher
nach  dem  bisher  Gesagten  deh  Devisenkurs  der  englischen,  französischen  und
deutschen  Devisen  in  Wien  oder  Budapest  ohne  Grenzen  ansteigen.  Damit  dies
aber  nicht  geschieht,  hat  die  Bank  die  gesetzliche  Verpflichtung,  Devisen  zu
einem  annehmbaren  Kurse  abzugeben.  Die  obere  Grenze,  zu  der  die  Bank
noch  Devisen  abgeben  darf,  ist  aus  Geschäftsrücksichten  in  einem  Geheimvertrag
zwischen  den  Regierungen  und  der  österreichisch-ungarischen  Bank  festgesetzt
worden.
In  Deutschland  kann  das  Schwanken  der  Devisenkurse  dadurch  zwischen  zwei
Grenzen  eingeschlossen  werden,  daß  ein  Kilogramm  Gold  zu  einem  bestimmten
Preis  gekauft  wird  und  daß  für  Noten  jederzeit  Gold  abgegeben  wird.  In  Österreich-Ungarn ­
  ist  das  erste  Mittel  ebenfalls  in  Verwendung,  das  zweite  ist  aber
durch  die  Maßnahme  ersetzt,  daß  statt  Gold  Devisen  abgegeben  werden.  Die  Tatsache, ­
  daß  die  Noten  der  österreichisch-ungarischen  Bank  nicht  in  Gold,  sondern
in  Golddevisen  einlöslich  sind,  gibt  der  Bank  eine  große  Macht  auf  dem  Geldmärkte. ­
  Nicht  der  einzelne  Kaufmann  kann  Goldversendungen  vornehmen,  vielleicht ­
  zum  Schaden  des  gesamten  Zahlungswesens,  sondern  in  großem  Umfang
nur  die  österreichisch-ungarische  Bank,  welche  den  geeigneten  Zeitpunkt  zu
wählen  und  Devisenkurssteigerungen  zu  hemmen  vermag,  die  häufig  dazu  dienten,
daß  einzelne  Spekulanten  Vorteile,  die  Warenimporteure  aber  z.  B.  Nachteile
hatten.  Wir  sehen,  daß  die  Währung  eng  mit  dem  zwischenstaatlichen  Zahlungswesen ­
  zusammenhängt  und  daß  die  Inlandszirkulation  wesentlich  andere
Vorkehrungen  erheischt,  als  die  Auslandszirkulation.
Es  fragt  sich  nun,  weshalb  denn  überhaupt  die  Aufrechterhaltung  der  Devisenkurse ­
  so  wichtig  ist.  Wie  ich  schon  andeutete,  ist  sie  im  Interesse  des  internationalen ­
  Handels  gelegen.  Wenn  die  Devisenkurse  stark  schwanken,  dann
ist  dem  Kaufmann,  der  z.  B.  Waren  aus  dem  Auslande  einführt,  um  sie  zu  verkaufen, ­
  die  Kalkulation  sehr  erschwert.  Im  allgemeinen  wird  er  ja  nicht  sofort,
sondern  erst  in  einigen  Monaten  zahlen.  Sind  die  Schwankungen  der  Devisenr
kurse  sehr  groß,  so  kann  er  unverhofften  Gewinn  oder  unverhofften  Verlust
erleiden,  ganz  abgesehen  davon,  daß  er  zum  Börsenspiel  geradezu  angereizt  wird.
Er  kann  sich  in  der  Weise  vor  den  Kursschwankungen  schützen,  daß  er  ¡mit  einer
Bank  einen  Vertrag  schließt,  auf  Grund  dessen  ihm  zu  einem  bestimmten  Termin,
der  einige  Monate  entfernt  ist,  die  Devise  zu  einem  heute  schon  bestimmten ­
  Kurs  zugesichert  wird.  Dafür  muß  er  aber  der  Bank  eine  Entschädigung
für  das  Risiko  zahlen,  welches  sie  trägt,  so  daß  die  Devisenschwankungen  ständig
den  Import  belasten.  Soweit  dadurch  der  Import  erschwert  wird,  könnte  man
von  einer  Art  Schutzzoll  sprechen,  nur  daß  dieser  Schutzzoll  die  Eigenschaft  hat,
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alle  Güter  in  gleicher  Weise  zu  belasten,  diejenigen,  welche  im  Inland  dringend
zum  Aufschwung  nötig  sind  und  daselbst  gar  nicht  erzeugt  werden,  ebenso  wie
die,  welche  im  Inland  erzeugt  werden.
Wir  sehen,  daß  die  Bedeutung  der  Goldwährung  auf  internationalem  Gebiet
liegt.  Der  Goldschatz  der  Bank,  der  Bestand  an  Golddevisen  ermöglicht,  im  Auslande ­
  den  Kurs  des  österreichischen  Geldes  zu  beeinflussen,  vor  allem  aber  vermag
die  Bank  dem  Staat  in  schweren  Zeiten  beizuspringen.  Insbesondere  in.
Kriegszeiten  ist  der  Bestand  an  Auslandszahlungsmitteln
begreiflicherweise  von  hervorragender  Bedeutung.  Wenn
allgemeines  Mißtrauen  herrscht,  kann  man  nur  für  Gold  im  Ausland  sicher  Waren
erhalten.
Suchen  wir  uns  nun  von  der  geschilderten  Tätigkeit  der  österreichisichungarischen
  Bank  ein  Bild  zu  machen.  Ich  möchte  dabei  bemerken,  daß  denartige
  Maßnahmen  den  Bankpraktikem  des  18.  Jahrhunderts  wohl  vertraut  waren,
und  daß  in  der  Metternichschen  Periode  die  österreichischen  Wechselkurse  im
Auslande  durch  staatliche  Beeinflußung  gehalten  wurden.  Heute  haben  bereits
viele  Notenbanken  sich  daran  gemacht,  die  Wechselkurse  zu  regeln,  insbesondere ­
  auch  die  Deutsche  Reichsbank.  Ich  nehme  an,  wir  hätten  drei  Länder
gegeben,  Österreich-Ungarn  und  einen  Nachbarstaat,  die  beide  Devisenpolitik
treiben,  und  einen  dritten  Staat,  an  dessen  Bürger  die  Zahlungen  in  effektivem
Gold  geleistet  werden  müssen.  Ich  verwende  wieder  unsere  bisherige  Schematisierungsmethode, ­
  indem  ich  die  Bilanz  jedes  Individuums  und  jeder  Notenbank ­
  laufstelle.  Tabelle  XV  zeigt  uns  alle  Individuen  im  Besitze  von  Gütern:
gl,  g2,  g3,  g4,  gs,  ge,  g?,  gg,  gg,  gio  und  das  Individuum  D  überdies  im  Besitze
von  Gold  (Zeichen  Q).  Zunächst  beschaffe  sich  die  inländische  Notenbank  Gold
gegen  Noten.
Die  jetzt  zirkulierende  Notenmenge  n^  wäre  als  voll  gedeckt  zu  charakterisieren. ­
  Nun  nehmen  wir  an,  daß  ähnlich,  wfie  wir  dies  'bei  Besprechung  des
Fullartonschen  Prinzips  angenommen  haben,  ein  Individuum  C  gegen  einen  in
sieben  Zeitteilen  fälligen  Wechsel  Wj  von  E  das  Out  g^o  bezieht.  Die  Wechselforderung ­
  des  E  erscheint  als  Aktivum,  die  Wechselscnuld  des  C  als  Passivum.
Um  sich  Waren  von  D  kaufen  zu  können,  diskontiert  E  seinen  Wechsel  bei
der  Notenbank  und  erhält  dafür  gleichfalls  Noten.  Die  zirkulierende  Notenmenge
n^  Hg  wäre,  wenn  wir  alle  in  der  Tabelle  vorkommenden  Einheiten  g,  n,  w,  d,
als  gleich  groß  in  bezug  auf  ihre  Preishöhe  annehmen,  zur  Hälfte  durch  Gold,
zur  Hälfte  durch  Wechsel  gedeckt.  E  kauft  nun  gg  von  D  mit  Hilfe  von  ng.
D  selbst  kaufe  wieder  mit  Hilfe  der  zwei  Notenmengen  zwei  Warenmengen  von
B,  Nun  betrachten  wir  aber  auch  den  internationalen  Warenverkehr.  A  exportiere
die  Ware  gg  nach  dem  Auslande  II.  X  zahle  mit  einer  (n  neun  Zeitteilen  fälligen
Devise  d^.  Diet  von  A  erworbene  Forderung  fungiert  natürlich  unter  den  Aktien,
während  X  nun  belastet  erscheint.  A  benötigt  Geld,  um  sich  Waren  anzuschaffen,
und  verkauft  die  Devise  an  die  eigene  Notenbank,  deren  Notenumlauf  nun  zu
Ug  mit  Gold  wäre.  Mit  der  Notenmenge  ng  kauft  sich  nun  A  bei  C  die  Ware  gg.
C  ist  dadurch  in  die  L%e  versetzt,  die  eben  fällige  Wechselschuld  zu  bezahlen.
C  erhält  seinen  Wechsel  Zurück  und  gibt  die  Noten  Ug  an  die  Bank  ab.  Während
in  dem  Beispiel  Tabelle  X  die  Noten,  welche  bei  "der  Wechseldiskontierung  ausgegeben ­
  wurden,  wieder  zur  Bank  zurückkehrten,  sind  es  diesmal  Noten,  die
aus  anderen  Geschäften  herrühren,  mit  denen  C  seine  Wechselschuld  bezahlt.
Sie  sind  gelegentlich  eines  Devisenkaufes  emittiert  worden.  Die  Notenbank  merke
nun,  daß  der  Inlandsmarkt  Auslandsware  benötige.  B  suche  bereits  zwei  Devisenmengen, ­
  um  zwei  Rohstoffmengen  zu  beschaffen,  die  für  den  Betrieb  seinies
Unternehmens  notwendig  sind.  Es  ist  aber  nur  eine  Devisenmenge  im  Inlande
vorhanden,  die  durch  Export  von  gg  hereingekommen  ist.  Die  Notenbank  kann
nun,  um  diese  Devisenmenge  zu  beschaffen,  ihr  Gold  exportieren.  Es  gelangt
direkt  oder  auf  Umwegen  in  die  Notenbank  des  Auslandes  II.  Die  Noten  der
inländischen  Notenbank  wären  jetzt  metallisch  überhaupt  ungedeckt,  wohl  aber
wären  sie  durch  Devisen  vollgedeckt,  ein  Zustand,  der  auf  Grund  der  Statuten
der  österreichisch-ungarischen  Bank  unzulässig  ist.  B  kaufe  nun  diese  zwei
Devisenmengen  mit  Hilfe  von  zwei  Noteumengen  n^  und  n,,  die  eine  stammt
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        85

aus  einem  Goldverkauf,  der  im  Zeitpunkt  tg  staltgefunden  hat,  die  andere  ausi
einer  Wechseldiskontierung,  die  im  Zeitpunkt  tg  stattgefunden  hat.  Die  Devisen
verwendet  B  zur  Zahlung  an  Y  im  Auslande  II.  Y  verkauft  die  Devisen  gegen!
Noten  an  die  Notenbank,  so  wie  dies  seinerzeit  A  im  Inlande  getan  hat.  Für
die  Notenbank  des  Auslandes  sind  dies  Wechsel,  welche  inländische  und  ausländische ­
  Unterschriften  tragen.  Das  Inkasso  erfolgt  für  diese  Notenbank  in
ihrem  Inland.  Die  aus  dem  Goldimport  für  die  Auslandsbank  II  resultierende
Wechselschuld  ist  nun  beglichen.  Die  Devise  1  behält  sie  noch  in  ihrem  Portefeuille, ­
  weil  sie  noch  nicht  fällig  ist.  Y  kauft  mit  den  zwei  Notenmengen  zwei
Warenmengen  X,  eine,  die  von  X  importiert  worden  war.  X  ist  nun  im  Besitze ­
  von  zwei  Notenmengen.  Die  eine  verwendet  er  dazu,  seine  Wechselschuld
bei  der  Notenbank  zu  zahlen,  die  andere  präsentiert  er  zur  Barzahlung  —  wir
wollen  annehmen,  daß  im  Auslande  II  die  Barzahlung  herrsche.  Diese  Goldmenge ­
  dient  dem  X  dazu,  eine  Ware  gi  aus  dem  Auslande  1  zu  beziehen,  wo
man  nur  Gold  in  Zahlung  nimmt.  Wir  können  uns  auch  denken,  daß  z.  B.
der  Wechselkurs  im  Auslande  II  gegenüber  dem  Auslande  I  so  groß  ist,  daß
sich  der  Goldexport  rentiere.
Das  von  mir  hier  vorgeführte  Schema  zeigt  uns  das  Inland  im  Zustand
einer  passiven  Zahlungsbilanz,  d.  h.,  es  muß  mehr  Zahlungen  an  das  Ausland
leisten,  als  es  von  dort  her  empfängt,  es  hat  für  mehr  Kronen  Waren  gekauft,
als  verkauft.  Den  Passivsaldo  begleicht  die  Bank  durch  Goldexporte.  Es
können  auch  andere  Mittel  angewendet  werden,  z.  B.  man  kann  auch  eine
Anleihe  aufnehmen,  das  heißt,  die  Differenz  schuldig  bleiben.  Durch  den  Goldexport ­
  kam  die  Bank,  wie  wir  sahen,  in  den  Besitz  von  Devisen  und  konntei
daher  im  Inland  den  Devisenkurs  beeinflussen.  Man  könnte  nun  die  Frage
aufwerfen,  weshalb  es  denn  besser  sei,  wenn  die  Notenbank  Devisen  statt  Gold
abgibt?  Wenn  Privatleute  oder  Privatbanken  derartige  Goldexporte  vornehmen,
so  werden  sie  zuweilen  Zeitplunkte  auswählen,  die  zwar  ihnen  persönlich  Vorteile
bringen,  den  Regierungen  aber  und  der  Gesamtheit  schaden.  Die  Privatspekulanten ­
  können  durch  Gold-  und  Devisenarbitragen  Geld  verdienen  auf
Kosten  der  übrigen  Staatsbürger.  Während  die  Notenbank  im  Interesse  der
Gesamtheit  auf  einen  konstanten  Kurs  hinzuarbeiten  verpflichtet  ist,  ist  die  Kursschwankung ­
  für  den  Spekulanten  die  Quelle  des  Gewinnes.  Der  Goldexport
wird  von  der  österreichisch-ungarischen  Bank  zu  einer  für  den  Notendienst
möglichst  günstigen  Zeit  vorgenommen,  während  die  Privatleute  eine  solche
Rücksicht  nicht  kennen.
Da  man  bei  Goldexporten  kaum  ein  per  Mille  verdient,  müssen  große
Quanten  Gold  von  Privaten  exportiert  werden,  um  solche  Aktionen  einigermaßen ­
  rentabel  erscheinen  zu  lassen.  Wenn  die  Notenbank  jedermann  Gold
abgeben  müßte,  kann  auch  die  Arbitrage  sich  des  Goldes  bemächtigen.  Heute
ist  das  nicht  möglich.  Aber  auch  die  Devisenabgabe  erfolgt  nicht  immer  ohne
weiters.  In  Zeiten,  in  denen  die  Notenbank  Grund  zur  Annahme  zu  haben
glaubt,  daß  eine  ihr  unerwünschte  Devisenarbitrage  einsetzt,  erschwert  sie  auch
die  Devisenabgabe,  wobei  sie  Wege  findet,  differenzierend  vorzugehen.
Sie  gibt  die  Devise  dem  Rohstoffimporteur,  der  sie  zu  Zahlungen  braucht,
dann  billiger  ab,  als  etwa  dem  Arbitrageur,  der  mit  Devisen  nur  spekulieren
will.  So  erklärt  sich  zlum  Teil  die  Tatsache,  daß  die  Devisenkurse  gelegentlich
über  den  oberen  Goldpunkt  hinausgestiegen  sind.  Wir  sehen  hier  einen  Fall  vor
uns,  in  dem  nicht  jeder  Käufer,  der  gleichviel  für  eine  Ware  bietet,  die  gleichen
Rechte  hat,  sondern  ini  dem  die  Käufer  differenziert  werden  nach  ihrer  sozialen;
Funktion.  Die  Bank  von  Frankreich  hat  eine  ähnliche  Politik  schon  sehr  früh
verfolgt.  Die  gesetzlichen  Bestimmungen  gaben  ihr  das  Recht,  Gold-  oder
Silbermünzen  abzugeben,  wenn  jemand  Noten  zur  Einlösung  präsentierte.  Sie
gab  nun  zeitweilig,  wenn  sie  es  für  zweckmäßig  fand,  nur  Silbermünzen  ab,
die  als  Zeichengeld  vor  den  Noten  keinen  Vorzug  hatten.  Wer  Gold  wollte,
mußte  eine  Prämie  zahlen.  Sie  machte  aber  auch  einen  Unterschied.  Wer
nachwies,  daß  er  das  Gold  zur  Zahlung  von  Rohstoffimporten  benötigte,  wurde
bevorzugt.  ,
Derartige  Differenzierungen  können  im  Mobil  isierungsund
  Kriegsfall  von  entscheidender  Bedeutung  sein.  Die  Noten-
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        86

bank  ist  aber  nicht  etwa  auf  eine  Differenzierung  bei  der  Gold-  und  Devisenabgabe ­
  beschränkt,  sie  kann  auch  bei  der  Wechseldiskontierung  differenzieren,
indem  sie  z.  B.  bestimmten  Einreichern  gegenüber  die  Zensur  verschärft.
Hat  eine  Notenbank  die  Barzahlung,  wie  z.  B.  die  Deutsche  Reichsbank,
so  wird  sie  im  Kriegsfall  leicht  dazu  genötigt  sein,  sie  zu  suspendieren,
da  sonst  wahllos  Noten  präsentiert  werden  könnten  und  die  Bank  sie  in
Gold  einlösen  müßte.  Man  kann  geradezu  sagen;  die  Barzahlungsverpflichtung ­
  wird  nur  so  lange  aufrecht  erhalten,  als
man  sie  nicht  wirklich  in  Anspruch  nimmt.
Durch  die  Abhebung  von  Metall  im  Kriegsfall  wird  aber  auch  eine
gesetzliche  Bestimmung  gefährdet.  Manche  Notenbanken  sind  nämlich  durch
ein  Gesetz  verpflichtet,  die  umlaufenden  Noten  nicht  durch  Wechsel  und  andere
kurzfristige  Forderungen  zu  decken,  sondern  auch  zum  Teil  durch  Metall.
In  Österreich-Ungarn  muß  die  Notenbank  metallischer  Deckung  liegen
haben,  in  Deutschland  i/g.  Da  aber  manche  Unterschiede  in  den  übrigen
Deckungsvorschriften  bestehen  —  so  z.  B.  kann  die  österreichisch-ungarisdie
Bank  die  Lombardkredite  in  die  Notendeckung  einrechnen,  während  die  Deutsche
Reichsbank  das  nicht  darf  —,  so  kann  mau  nicht  einmal  sagen,  daß  unsere
Deckungsvorschriften  strenger  wären,  als  die  deutschen.  Diese  Deckungsvorschriften ­
  sind  ein  Überbleibsel  aus  vergangenen  Zeiten.
Sie  haben  nie  viel  Bedeutung  gehabt  und  sind  in  der  jetzigen  Form  theoretisch
nicht  zu  halten.  Ursprünglich  waren  die  Noten  der  privaten  Banken  eine  Art
Wechsel,  die  jederzeit  in  dem  üblichen  Metallgelde  einlösbar  waren.  Wer
eine  Note  akzeptierte,  rechnete  damit,  daß  er  für  sie  Münzen  erhalten  könne.
Um  dieser  Anforderung  nachkommen  zu  können,  mußten  natürlich  die  Banken
immer  einen  Vorrat  an  Münzen  liegen  haben,  je  größer  dieser  Vorrat  war,  desto
mehr  Vertrauen  konnte  der  Bank  in  bezug  auf  ihre  Einlösungsfähigkeit  entgegengebracht ­
  werden.  Aber  die  Bank  hatte  nicht  nur  Notenschulden,  sie  hatte
auch  sonstige  Passiven,  die  jederzeit  fällig  waren  ;  auch  für  diese  mußten
Münzen  bereit  liegen.  Da  aber  nie  alle  Gläubiger  auf  einmal  Zahlungen
verlangten,  brauchte  nicht  so  viel  an  Münzen  bereit  zu  liegen,  als  täglich
zurückgefordert  werden  konnte.  Wäre  die  Bank  dazu  genötigt  gewesen,  so
hätte  sie  das  ihr  geliehene  Geld  nie  verwerten  und  keine  Geschäfte  damit
machen  können.  Wie  kam  man  nun  zur  i/g-Deckung,  welche  in  der  Literatur ­
  eine  besonders  große  Rolle  spielt?  Um  das  zu  verstehen,  hilft  einem
alles  Nachdenken  nicht.  Man  muß  die  Enqueten  durchlesen,  die  vor  etwa
100  Jahren  in  England  abgehalten  wurden.  In  diesen  befragte  man  Bankdirektoren ­
  nach  ihrer  Meinung  über  die  zur  Deckung  nötigen  Münzenbestände.
Die  Antworten  fielen  begreiflicherweise  sehr  verschieden  und  oft  recht  unbestimmt ­
  aus.  Es  waren  rohe  empirische  Angaben,  die  im  großen  und  ganzen
darauf  hinausliefen,  daß  eine  Deckung  aller  sofort  fälligen  Schulden ­
  der  Bank  durch  1/3  mit  Münzen  wohl  ausreichend  zu  bezeichnen  sei.
Aus  dieser  1/3-Deckung  aller  sofort  fälligen  Schulden  wurde  1/3-Deckung  der
Notenzirkulation.  Denn  die  sofort  fälligen  Giroguthaben,  welche  die  Noten
in  ihrer  Funktion  zum  Teil  vertreten  können,  brauchen  nach  den  Bankgesetzen
Deutschlands  und  Österreich-Ungarns  nicht  mit  Metall  gedeckt  zu  sein,  obzwar
theoretisch  für  sie  eine  Deckung  in  ähnlicher  Weise  wie  für  die  Noten
nötig  oder  unnötig  ist.  Wir  sehen,  wie  man  alte  Traditionen  auf  einem  so
verstandesmäßig  zu  erfassendem  Gebiet  aufrecht  erhält.  Daß  man  übrigens
ohne  Gesetz  über  die  Notendeckung  das  Auslangen  finden  kann,  beweist  die
Bank  von  Frankreich.  Das  Notendeckungsgesetz  hilft  bei  uns  im  allgemeinen
nur  der  Bank,  wenn  sie  eine  Verweigerung  der  Notenemission  begründen
will.  Lange  Zeit  bestand  in  Österreich-Ungarn  sogar  die  Bestimmung,  daß
die  österreichisch-ungarische  Bank  überhaupt  nur  eine  bestimmte  Menge  Noten
über  den  Metallschatz  hinaus  emittieren  dürfe.  Da  dies  doch  zu  großen
Schwierigkeiten  führte,  traf  man  die  Bestimmung,  daß  die  österreichisch-ungarische ­
  Bank  600000000  Kronen  über  den  Metallschatz  hinaus  ohne  weiters
emittieren  dürfe,  wenn  damit  aber  die  Deckung  noch  nicht  erschöpft  ist,
auch  noch  mehr,  jedoch  nur  gegen  eine  Steuer  von  5  Prozent.  Der  ursprüngliche ­
  Gedanke  war  der,  daß  auf  diese  Weise  die  Bank  nur  dann  einen  Anreiz
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        87

fühlen  würde,  diese  Summe,  das  sogenannte  steuerfreie  Notenkontingent,  zu
überschreiten,  wenn  der  Zinsfuß  über  5  Prozent  betragen  sollte.  Denn  wenn
bei  der  Diskontierung  die  Bank  etwa  4  Prozent  verdient,  aber  5  Prozent
Notensteuer  zahlen  muß,  erleidet  sie  ja  einen  Verlust.  Ein  Diskontsatz,  der
5  Prozent  übersteigt,  erschien  als  das  Zeichen  wirklich  begründeter  Geldknappheit, ­
  welche  eine  Mehremission  von  Noten  rechtfertigen  dürfte.  Es  hat
sich  inzwischen  gezeigt,  daß  die  Notenbank  im  Interesse  der  Handelswelt
mehrfach  genötigt  war,  besteuerte  Noten  auszugeben,  ohne  daß  der  Diskontsatz ­
  5  Prozent  erreicht  hätte.
Wenn  man  so  die  Zufälligkeit  sieht,  welche  der  1/3-  oder  ^/^-Deckung
anhaftet,  wobei  man  s&amp;lt;ich  noch  überdies  darüber  klar  sein  muß,  daß  diese
sogenannte  Metalldeckung  in  Österreich-Ungarn  zum  Teile  aus  metallischem
Zeichengeld  besteht,  so  muß  man  sich  fragen,  ob  nicht  irgend  ein  bedeutsamer ­
  Zusammenhang  zwischen  der  M  e  t  a  11  deckung  und
der  zirkulierenden  Notenmenge  besteht.  Am  meisten  dürfte
noch  folgende  Überlegung  die  Klärung  dieser  Frage  fördern.  Wenn  viele
Noten  zirkulieren,  dann  ist  die  Wahrscheinlichkeit  groß,  daß  Leute  Devisen
kaufen  wollen,  weshalb  ein  Gold-  oder  Devisenvorrat  bereitgehalten  werden
muß.  Man  sieht,  daß  nicht  die  Notenmenge  an  sich  einen  Bestand  an  Auslandszahlungsmitteln ­
  notwendig  macht,  sondern  jener  Teil  der  Notenmenge,
welcher  zur  Beschaffung  von  Devisen  dient.  Ob  aber  viel  oder  wenig  Devisen ­
  angeschafft  werden,  hängt  vom  Außenhandel  ab.  Und  ob  es  zu  Goldexporten ­
  kommt,  die  dazu  dienen,  Devisen  herbeizuschaffen,  das  hängt  wieder
davon  ab,  ob  die  Zahlungsbilanz  eines  Landes  aktiv  oder  passiv  ist.  Die
Zahlungsbilanz  wieder  ist  oft  in  erster  Reihe  durch  die  Handelsbilanz  bestimmt. ­
  Wir  können  daher  eher  eine  Beziehung  zwischen  der  Handelsbilanz
und  der  Golddeckung  aufstellen.  Wir  sehen  daraus  auch,  daß  die  Metalldeckung, ­
  soweit  sie  aus  metallischem  Zeichengeld  besteht  —  in  Österreich-Ungarn
  aus  Silbergulden  und  Teilmünzen  der  Kronenwährung  —,  nicht  mit  der
Golddeckung  zu  einem  Ganzen  vereinigt  werden  kann,  wie  dies  so  oft  geschieht.
Das  metallische  Zeichengeld  hat  eher  den  Charakter  von  Noten  und  es  würde
manches  dafür  sprechen,  die  Zirkulation  von  metallischem  Zeichengeld  ebenso
wie  jene  von  papierenem  Zeichengeld  zu  behandeln.
Wird  mobilisiert  oder  beginnt  der  Krieg,  so  benötigt  der  Staat,  wie  wir
schon  erwähnten,  große  Mengen  an  Goldgeld.  Dies  ist  am  meisten  der  Fall,
wenn  es  sich  um  einen  Krieg  mittleren  Umfanges  handelt,  in  dem  die  neutralen ­
  Mächte  Waren  zu  liefern  vermögen.  In  einem  Weltkrieg
hat  das  Gold  wahrscheinlich  geringere  Bedeutung,  weil  ja  eine  Beschaffung
von  Waren  aus  neutralen  Gebieten  nicht  möglich  ist,  falls  es  überhaupt  Mächte
geben  sollte,  die  sich  in  einem  Weltkrieg  neutral  verhalten.  Um  das  Gold
und  die  Golddevisen  dem  Staate  zu  reservieren,  werden  die  Notenbanken
wohl  alle  Mittel  anwenden,  um  die  Gold-  und  Golddevisenabgaben  möglichst
zu  beschränken.  Wo  die  Barzahlung  besteht,  wird  sie  im  Kriegsfall  meist
aufgehoben  werden.  Dies  war  z.  B.  in  Bulgarien  während  des  Balkankrieges ­
  der  Fall,  teilweise  auch  in  Serbien,  wo  die  Einlösung  der  Geldnoten
nicht  wie  bisher  in  Gold  erfolgte,  sondern  nur  zu  drei  Vierteln  in  Gold,
zu  einem  Viertel  in  silbernem  Zeichengeld.  Was  soll  es  für  einen  Sinn
haben,  die  Barzahlung,  wo  sie  besteht,  um  jeden  Preis  aufrecht  zu  erhalten,
wie  manche  vorschlagen?  Als  1848  die  österreichische  Nationalbank,  die  Vorgängerin ­
  der  österreichisch-ungarischen  Bank,  von  einem  Run  heimgesucht
wurde,  hat  sie  die  Barzahlungen  so  lange  aufrecht  erhalten,  als  sie  konnte.
Sie  stellte  sie  ein,  als  sie  fast  kein  Geld  mehr  in  ihren  Kassen  hatte.  Diese
Bereitwilligkeit  zur  Barzahlung  bewirkt  keine  Erhöhung,  sondern  schließlich
eine  Erschütterung  des  Prestiges.  Da  die  Regierung  aber  Geld  brauchte,
um  die  Truppen  in  Italien  zu  versorgen,  mußte  das  Silber  mit  großen  Kosten
wieder  —  zum  Teil  aus  dem  Auslande  —  zurückgekauft  werden.  Viel  zweckmäßiger ­
  verfuhr  die  Bank  von  Frankreich,  welche  im  deutsch-französischen
Krieg  die  Barzahlungen  zu  einer  Zeit  einstellte,  als  die  Noten  zu  2/3  metallisch
gedeckt  waren.  Noch  weiter  ging  die  bulgarische  Regierung  während  des
Balkankrieges,  indem  sie  überhaupt  jeden  Goldexport  unmöglich  machte.  Sie
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        Tabelle  XVI.
Spezialisierte  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen  Bank  am  31.  Dezember  1913.

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verhinderte  z.  B.  auch  Zahlungen  ans  Ausland  mit  der  Post.  Wollte  jemand
ins  Ausland  verreisen  und  benötigte  dringend  Bargeld,  so  erhielt  er  ein
mäßiges  Quantum  von  der  Nationalbank  ausbezahlt,  wenn  er  durch  seinen  Paß
und  andere  Dokumente  seinen  Zweck  beweisen  konnte.  Hingegen  erhielten
Lieferanten  von  Kriegsmaterial  Gold  und  Qolddevisen  jederzeit  anstandslos
a'usgefolgt.
Wir  sehen,  welche  Bedeutung  im  Falle  eines  Krieges  von  mittlerer  Ausdehnung ­
  die  Gold-  und  Golddevisenbestände  der  Notenbank  haben.  Ich  will
an  Hand  der  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen  Bank  die  für  Kriegszwecke
wichtigen  Posten  der  Reihe  nach  besprechen.  In  Tabelle  XVI  ist  eine  ergänzte ­
  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen  Bank  veröffentlicht.  Die  in  schiefer
Schrift  eingefügten  Postentitel  sind  entweder  an  anderer  Stelle  von  der  Notenbank ­
  selbst  veröffentlicht  worden,  oder  aber  sie  beruhen  auf  Vermutungen,
die  sich  auf  die  Geschäfte  der  Bank  stützen.
Beginnen  wir  mit  dem  Metallschatz.  Wie  ich  schon  mehrfach  betonte,
muß  man  den  Goldschatz  von  jenem  Schatz  trennen,  der  nur  aus  Zeichengeld
besteht.  In  traditioneller  Weise  bildet  die  Bankbilanz  noch  immer  die  Summe
beider.  Außerdem  finden  wir  im  Metallschatz  auch  Devisen  verzeichnet.  Sie
werden  nur  juristisch  dem  Metallschatz  zugezählt,  sie  gehören  mit  den  übrigen
Devisen  zusammen  in  den  Posten  „Andere  Aktiven“.  Würde  man  aber  die
Meinung  vertreten,  die  Devisen  seien  überhaupt  dem  Metallschatz  zuzuzählen,
so  müßten  alle  Devisen  in  den  Metallschatz  eingerechnet  sein,  nicht  nur
60  Millionen.  Diese  60  Millionen  werden  nämlich  auf  Grund  des  Bankstatuts
regelmäßig  dem  Metallschatz  zugerechnet.  Was  bedeutet  dies?  Die  Deckung
der  Noten  ist  mit  2/5  festgesetzt.  Sie  wurde  aber  einmal  etwas  verringert,
indem  man  60  Millionen  Devisen  als  Gold  rechnete,  um  die  Notenemission
nicht  einstellen  zu  müssen.  Man  hätte  korrekterweise  die  Bestimmungen  folgendermaßen ­
  formulieren  müssen  :  Die  Deckung  der  österreichisch-ungarischen
Bank  beträgt  zumindest  V0  der  umlaufenden  Notenmengen,  verringert  um
60  Millionen.  Die  bankmäßige  Deckung  besteht  dafür  aus  Vö  der  Notenmenge,
vermehrt  um  60  Millionen  aus  Wechseln  und  Devisen.  Von  dieser  bankmäßigen
Deckung  muß  aber,  im  Falle  die  Metalldeckung  v/eniger  als  2/5  beträgt,  dies
Weniger,  welches  60  Millionen  nicht  übersteigen  darf,  aus  Devisen  bestehen.
Wir  sehen,  daß  der  Goldschatz  aus  Gold  in  gemünztem  und  ungemünztem  Zustande ­
  besteht.  Alles  Gold,  das  nicht  österreichische  oder  ungarische  Prägung ­
  aufweist,  wird  nach  dem  Kilogramm  in  die  Bilanz  gestellt,  und  zwar
das  Kilogramm  zu  3278  Kronen,  da  ja  die  Prägegebühr  für  die  österreichischungarische
  Bank,  wie  wir  oben  erwähnt  haben,  2  Kronen  beträgt.  Unter  den
Devisen  sehen  wir  englische  und  deutsche  ausgewiesen.
Diese  Devisentypen  sind  auch  im  Posten  „Andere  Aktiven“  vorwiegend
vertreten.  Früher  spielten  auch  die  französischen  eine  große  Rolle.  Sie  sind
heute  weniger  beliebt,  weil  sie  weniger  tragen,  dann  aber  auch,  weil  die  Bank
von  Frankreich  mit  der  Goldabgabe  Schwierigkeiten  macht.  Übrigens  sind
im  Kriegsfall  Devisen,  die  in  einem  Ort  zahlbar  gestellt
sind,  der  im  Gebiet  einer  kriegführenden  Partei  liegt,
keineswegs  immer  mit  Sicherheit  zur  Geldbeschaffung
verwendbar.  Der  Vorschlag,  Österreich-Ungarn  möge  möglichst  viele  Devisen ­
  der  Tripleentente  ansammeln,  um  im  Kriegsfall  deren  Börsen  zu  stören,
ist  nicht  ohne  weiteres  realisierbar,  da  im  Kriegsfall  wohl  auch  die  Tripleentente ­
  ein  Moratorium  erlassen  dürfte,  ganz  abgesehen  davon,  daß  es  noch
viele  andere  Mittel  und  Wege  gibt,  um  die  Bezahlung  von  Wechselsummen
hinauszuschieben.  Während  des  deutsch-französischen  Krieges  sank  auf  ein
paar  Tage  der  Kurs  der  englischen  Devisen  in  Berlin  rapid,  weil  die  Befürchtung ­
  auftauchte,  England  könnte  intervenieren  und  dann  die  Bezahlung  der
Devisen  verhindern.  Vielleicht  wird  England  im  Interesse  seines  internationalen ­
  Kredites  auch  an  den  Feind  Gold  abgeben,  wenn  er  englische  Devisen
präsentiert,  aber  sicher  ist  das  keineswegs.  Jedenfalls  wäre  es  verfehlt,  damit ­
  zu  rechnen.  Der  Posten  „Darlehen  gegen  Handpfand“  hat  insoferne  größeres ­
  kriegswirtschaftliches  Interesse,  als  sich  unter  den  Pfandobjekten  auch
Gold  befinden  kann.  Devisen  könnten  gelegentlich  einmal  sich  auch  unter
        <pb n="102" />
        91

den  Anlagen  des  Reservefonds  verstecken,  der  Hauptteil  befindet  sich  aber  im
Posten  „Andere  Aktiven^',  dessen  Schwankungen  in  erster  Reihe  mit  der  Devisenpolitik ­
  Zusammenhängen.  Man  kann  aus  den  Veränderungen  dieses  Postens
mancherlei  ablesen.  Um  ein  einfaches  Beispiel  zu  erwähnen:  Wenn  z.  B.  der
Posten  „Andere  Aktiven''  um  5  Millionen  anwächst,  der  Posten  „Goldschatz"
aber  um  5  Millionen  fällt,  dann  dürfte  dies  wohl  darauf  zurückzuführen  sein,
daß  die  Bank  Gold  exportierte  und  dafür  Devisen  erhielt.  Die  Bank  kann  aber
auch  Auslandsguthaben  erworben  haben,  über  die  sie  dann  mit  Hilfe  von
Schecks  zu  disponieren  vermag.  Die  serbische  Nationalbank  hat  zu  Beginn
des  Balkankrieges  erhebliche  Bestände  an  Auslandsguthaben  in  Paris  besessen,
die  einen  Anleiherest  repräsentierten.  Während  des  Krieges  konnte  die  Regierung ­
  über  diese  Bestände  disponieren.
Unter  den  Passiven  interessieren  uns  vor  allem  die  Regierungsguthaben.
Sie  können  aus  der  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen  Bank  nicht  einmal
annähernd  erschlossen  werden,  da  sie  sich  auf  viele  Posten  verteilen.  Unter
den  Giroguthaben  befinden  sich  Gelder  der  Regierungen,  aber  auch  unter  den
sonstigen  Guthaben  und  Forderungen.  Hierher  gehören  z.  B.  solche  Gelder,
welche  bereits  angewiesen,  aber  noch  nicht  behoben  wurden.  Die  Regierungen
haben  auch  verzinsliche  Goldguthaben  liegen.
Darunter  befinden  sich  auch  jene  Gelder,  welche  die  österreichisch-ungarische ­
  Bank  durch  Verkauf  von  Zollgoldanweisungen  einnimmt.  Nominell
wird  der  Zoll  immer  mit  Gold  bezahlt.  Die  Bank  gibt  aber  Zollgoldanweisungen, ­
  welche  die  Regierung  ebenso  wie  Gold  annimmt,  al  pari  auch  gegen
alle  Geldsorten  (Noten,  Silbergulden  usw.)  ab,  die  in  Österreich-Ungarn  gesetzliche ­
  Zahlkraft  haben.  Der  Regierung  werden  aber  nicht  diese  Zeichengeldsorten ­
  gutgeschrieben,  die  einlaufen,  sondern  entsprechende  Goldmengen.
Im  Kriegsfall  kann  die  Bank  auf  Grund  ihres  Statuts  der  Regierung  so
lange  Gold  und  Golddevisen  abgeben,  bis  der  Notenumlauf  zu  2/5  mit  Metall
und  zu  3/g  mit  Wechseln  und  Lombardforderungen  gedeckt  erscheint.  Soweit
die  Bank  der  Regierung  Noten  gibt,  muß  sie  immer  auch  für  einen  entsprechenden ­
  Metallschatz  sorgen.  Sie  kann  aber  der  Regierung  auch  dann  noch
reiche  Mittel  ohne  Verletzung  der  Statuten  zur  Verfügung  stellen,  wenn  der
Metallschatz  nicht  vergrößert  werden  kann  und  die  Deckungsgrenze  bereits
erreicht  ist,  wenn  sie  nämlich  das  Girokonto  entsprechend  vergrößert.  Die
Regierung  zahlt  z.  B.  Noten  ein  und  läßt  sich  den  Betrag  gutschreiben.  In
diesem  Fall  ist  durch  das  Bankstatut  keine  Grenze  festgesetzt,  weil  sich  die
Deckungsvorschrift  nur  auf  das  Notengeld,  nicht  aber  auf  das  Girogeld  bezieht.
Es  sind  zwar  tatsächlich  beide  Geldsorten  einander  prinzipiell  gleich  und  die
Emission  von  Notengeld  und  Girogeld  hat  ungefähr  dieselbe  Bedeutung,  aber
unser  Bankstatut  macht  diesen  Unterschied.  Wenn  auch  die  juristische
Korrektheit  nicht  das  Entscheidende  im  Kriegsfall  sein
dürfte,  so  ist  es  doch  meist  erwünscht,  wenn  man  im  Kriegsfall  unter  Beobachtung ­
  der  gesetzlichen  Bestimmungen  dennoch  die  Zeichengeldemission
erhöhen  kann,  wenn  das  Notenemissionsrecht  bereits  erschöpft  ist.
3.  Anleihen.
Wenn  ein  Staat  Weltgeld  mit  Hilfe  von  Anleihen  beschaffen  will,  hat  er
zwei  Möglichkeiten  :  er  kann  die  Anleihe  im  Inlande  oder  im  Auslande  aufnehmen. ­
  Die  im  Auslande  aufgenommene  Anleihe  kann  er  entweder  im  Inlande ­
  oder  im  Auslande  verausgaben.  Daß  ein  Staat  bei  Aufnahme  einer  Inlandsanleihe ­
  viel  Weltgeld  in  Form  von  Münzen  oder  rohem  Golde  erhalten
dürfte,  ist  sehr  unwahrscheinlich.  Die  Versuche  in  Kriegszeiten,
das  in  der  Bevölkerung  vorhandene  Geld  aufzusaugen,  sind
meist  gescheitert.  Es  wäre  ja  denkbar,  daß  der  Staat  im  Inlande  Schatzscheine ­
  emittiert,  die  nur  gegen  Gold  abgegeben  werden,  aber  erreichen  dürfte
er  damit  wenig.
Anders  steht  es  dagegen  mit  Ausländsanleihen.  Sie  liefern  Gold,  Devisen
und  Auslandsguthaben.  Das  von  Ausländsanleihen  gelieferte  Gold  wird  heute
in  Österreich-Ungarn  im  allgemeinen  nicht  dem  Verkehr  übergeben,  sondern
der  österreichisch-ungarischen  Bank.  Die  Devisen  und  Auslandsguthaben  fließen
        <pb n="103" />
        92

zum  Teil  auf  Umwegen  den  inländischen  Kaufleuten,  Industriellen  und  Agrariern
zu,  die  mit  ihrer  Hilfe  z.  B.  Rohstoffe  und  Maschinen  importieren  können.  Mit
Hilfe  einer  Ausländsanleihe  beschaffte  sich  seinerzeit  Österreich-Ungarn  Gold,
um  die  Goldwährung  einführen  zu  können.
Im  letzten  Jahrzehnt  dienen  Ausländsanleihen  immer  häufiger  dazu,  um
Waren  im  Auslande  zu  beschaffen.  Dies  gilt  insbesondere  von  Anleihen,
welche  die  militärischen  Rüstungen  kleinerer  Staaten  zu  fördern  bestimmt  sind.
Serbien  z.  B.  erhielt  von  Frankreich  Geld  unter  der  Bedingung,  daß  Schneider-Creuzot
  Bestellungen  zugewiesen  bekomme.  Der  Gläubigerstaat  kreditiert  so
eigentlich  Waren  lund  erhält  Geld  zurück.  Die  Anleihe  dient  so  indirekt  dem
Gläubigerstaat  dazu,  die  eigene  Industrie  zu  heben,  die  des  Schuldnerstaates
kann  darunter  leiden.  Diese  Beobachtung  hat  man  bereits  im  Zeitalter  der
Napoleonischen  Kriege  gemacht,  als  England  die  Subsidien  an  die  Kontinentalstaaten ­
  in  Waren  zahlte.  Durch  die  Mengen  von  Kanonen,  Gewehren,  Patronen,
Pulver  usw.,  die  so  auf  den  Kontinent  geschickt  wurden,  litt  die  kontinentale
Kriegsmittelfabrikation.  Wenn  man  die  Anleihen  in  demselben  Lande  ausgibt,
in  dem  man  sie  aufgenommen  hat,  ändert  sich  durch  die  Anleiheaufnahme  der
Zinsfuß  nicht  wesentlich.  Die  Gelder,  welche  ein  Teil  der  Bürger  dem  fremden
Staat  zur  Verfügung  stellt,  werden  von  diesem  Staat  anderen  Bürgern  wieder
ausbezahlt.  Damit  aber  in  dem  Zeitraum  zwischen  der  Anleiheaufnahme  und
der  Ausgabe  der  eingenommenen  Gelder  keine  Zinsfußerhöhung  eintritt,  kann
der  Schuldnerstaat  —  was  z.  B.  Rußland  in  Frankreich  getan  hat  —  die  Gelder
in  einer  Bank  anlegen,  welche  dieselben  sofort  kurzfristig  zu  verleihen  vermag.
Wir  sehen  aus  dem  Bisherigen,  daß  die  Ausländsanleihen  entweder  das
Gold  oder  die  Devisen  der  Notenbank  des  Schuldnerstaates  zuführen,  oder  den
Industriellen,  Agrariern  usw.  des  Schuldnerstaates,  um  ihnen  die  Beschaffung
auswärtiger  Waren  zu  ermöglichen,  oder  schließlich  Ausländern.  Dabei  kann
auch  der  Fall  Vorkommen,  daß  Gelder,  welche  in  Frankreich  bezogen  wurden,
in  England  zu  Zahlungen  dienen.  Dies  würde  dem  Zinsfuß  in  Paris  eine  steigende, ­
  in  London  eine  sinkende  Tendenz  geben.  Das  insbesondere  von  Rußland
während  des  russisch-japanischen  Krieges  befolgte  Prinzip,  Ausländsanleihen
zu  Auslandszahlungen  zu  verwenden,  war  bereits  dem  18.  Jahrhundert  bekannt.
Struensee,  ein  Minister  Friedrichs  des  Großen,  schreibt  z.  B.  :  „Zuletzt  bleibt
kein  ander  Hilfsmittel,  als  eine  auswärtige  Anleihe  nach  richtigen  Grundsätzen
zu  unternehmen.  Es  wäre  also  immer  unschädlicher  und  mit  geringerem  Verluste ­
  verbunden  gewesen,  wenn  man  sogleich  das  Geld  zu  den  erforderlichen
Ausgaben  in  der  Fremde  aufgenommen  hätte.  Alsdann  wäre  wenigstens  der
Verlust  aus  dem  nachteiligen  Wechselpreise  ganz  weggefallen.  Jeder  sieht
sogleich  ein,  daß  man  in  der  Fremde  nur  mit  dem  Gelde  der  Welt,  nicht  mit
Landesmünze  bezahlen  kann.  In  der  Welt  gibt  es  aber  gar  kein  ander  Geld
als  Gold  und  Silber,  wogegen  die  Landesmünze  ohne  allen  Nachteil  Papier
sein  kann.“
Wenn  ein  Staat  in  einem  anderen  eine  Anleihe  aufnimmt,  so  sind  die
Gläubiger  Bankiers  oder  sonstige  Privatleute  ;  dennoch  muß  mit  der  Regierung
dieser  Geldgeber  verhandelt  werden,  weil  Anleihen  als  ein  Politikum
angesehen  werden.  Die  Regierung  kann  dabei  eingreifen,  indem  sie  auf  die
Bankiers  einwirkt,  sie  kann  aber  auch  der  Anleihe  die  Notierung  an  der  Börse
verweigern,  was  den  Absatz  überaus  verringert.  Wie  solche  Verhandlungen
durchgeführt  werden,  konnten  wir  in  der  letzten  Zeit  mehrfach  beobachten.
Ich  erinnere  nur  daran,  wie  der  ungarischen  Anleihe  der  Pariser  Markt  verschlossen ­
  wurde,  weil  man  in  Frankreich  die  Rüstungen  des  Dreibundes  nicht
unterstützen  wollte.  Bekannt  sind  auch  die  Verhandlungen,  welche  China
wegen  der  Fünfmächteanleihe  führen  mußte,  bei  denen  die  Politik  keine  geringe
Rolle  spielte.  Die  Geldmärkte  sind  nicht  frei  miteinander  kommunizierende ­
  Gefäße,  wie  man  sich  das  zuweilen  denkt.  Es  kann
ganz  gut  in  einem  Lande  der  Zinsfuß  hoch,  im  anderen  niedrig  sein,  und  den^
noch  strömt  das  Geld  nicht  in  entsprechender  Menge  vom  Markte  mit  niedrigem
Zinsfuß  zum  Markte  mit  hohem  Zinsfuß  hin,  wenn  die  politische  Spannung
zwischen  den  beiden  Ländern  groß  ist.  Der  Zinsfuß  kann  z.  B.  hoch  sein,
weil  der  Gläubigerstaat  dem  kreditsuchenden  Staat  nicht  entgegenkommen,  um-
        <pb n="104" />
        93

gekehrt  kann  ein  Staat  Geld  billig  bekommen,  weil  der  Gläubigerstaat  dessen
Absichten  fördern  will.  Der  Gläubigerstaat  kann  sich  dabei  gewisse  Rechte
ausbedingen,  die  politisch  von  größter  Bedeutung  sind.  Es  kommt  übrigens
nicht  nur  auf  die  Rechte  an,  sondern  auch  auf  mannigfache  tatsächliche  Beziehungen. ­
  Der  Dreibund  entstand  zum  Teil,  weil  Bismarck  die  Entstehung
eines  französisch-russischen  Bündnisses  voraussah.  Das  Ergebnis  des  französisch-russischen ­
  Bündnisses  war,  daß  Rußland  vom  deutschen  Markte  erheblich ­
  unabhängig  wurde.  Rußland  hat  eine  Art  Anleiheallianz  gesdilossen.
Dafür  haben  sich  die  Franzosen  mehrfach  um  russische  innere  Angelegenheiten ­
  gekümmert,  insbesondere  haben  sie  die  militärischen  Vorkehrungen  gegen
Deutschland  und  Österreich-Ungarn  einer  Inspektion  unterworfen,  hat  doch
Rußland  einen  Teil  der  Anleihen  nur  deshalb  zu  günstigen  Bedingungen  bekommen,
weil  Frankreich  durch  die  Kreditgewährung  gewissermaßen  gegen  Deutschland
rüstete.  Ebenso,  wie  der  befreundete  Staat  die  Aufnahme  einer  Anleihe  fördert,
ebenso  erschwert  sie  der  politisch  abgeneigte.  Als  Rußland  1906  in  Deutschland ­
  eine  Anleihe  aufnehmen  wollte,  erklärte  die  deutsche  Regierung  dem
Berliner  Bankhaus,  welches  die  Sache  machen  sollte,  daß  sie  diese  Anleihe
nicht  für  angezeigt  halte.  Als  aber  bekannt  wurde,  daß  einige  Banken  durch
Strohmänner  und  auf  Umwegen  an  der  russischen  Anleihe  teilnehmen  wollten,
die  in  Frankreich  aufgenommen  wurde,  da  setzte  die  deutsche  Regierung  ihre
Autorität  dafür  ein,  daß  dies  unterblieb.  Die  Banken  sind  in  mehr  als  einer
Richtung  von  den  Regierungen  abhängig,  so  daß  sie  einen  Wunsch  derselben,
wenn  'er  mit  genügendem  Nachdruck  vorgebracht  wird,  zu  berücksichtigen  pflegen.
Wir  sehen,  daß  die  Regierungen  in  erheblichem  Ausmaß  die  Geld-  und
Kreditbewegungen  beeinflussen  können.  Man  darf  aber  diese  Beeinflussungsmöglichkeit ­
  nicht  üjberschätzen.  So  wurde  z.  B.  der
russisch-japanische  Krieg  von  russischer  Seite  zum  Teil  mit  japanischem  Gelde
geführt.  Die  Japaner  hatten  eine  Schuld  an  die  Vereinigten  Staaten  abzuzahlen. ­
  Die  Vereinigten  Staaten  dagegen  hatten  an  Frankreich  eine  Quote  zu
zahlen,  die  aus  der  Übernahme  des  Panamakanals  herrührte.  Als  diese  Gelder
in  Paris  ankam  ein,  wurde  eben  die  russische  Anleihe  begeben,  die  so  einen
günstigen  Absatz  fand.
Es  wäre  sehr  lehrreich,  die  Möglichkeiten  übersichtlich  zusammenzustellen,
welche  einem  Staat  zur  Verfügung  stehen,  um  den  Kreditmarkt  zu  beeinflussen.
Wir  haben  erwähnt,  daß  ein  Staat  seine  Bürger  verhindern  kann,  einem  anderen
Staat  etwas  zu  leihen.,  (Es  kann  auch  der  umgekehrte  Fall  Vorkommen.  Der
Staat  kann  seine  Bürger  verhindern,  aus  dem  Auslande  in  irgend  einer  Form
Geld  für  Betriebe  hereinzubringen.  In  den  neunziger  Jahren  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  verbot  die  japanische  Regierung,  daß  Aktien  von  Eisenbahnen,  Banken
und  industriellen  Unternehmungen  von  Ausländern  erworben  würden.  Man,
wollte  offenbar  verhindern,  daß  die  inländischen  Unternehmungen  in  fremde
Abhängigkeit  geraten.  Ähnliches  kann  auch  bei  Schuldenaufnahmen  Vorkommen.
Wir  sehen,  daß  die  Regierungen  heute  dahin  streben,  die  Kreditverhältnisse
entscheidend  zu  beeinflussen.
Da  Anleihen  auf  lange  Zeiträume  aufgenommen  werden,  ist  das  Risiko
nicht  gering.  Ganz  abgesehen  von  der  wechselnden  Zahlungsfähigkeit  eines
Staates,  ändert  sich  der  Zinsfuß  und  die  Kaufkraft  des  Geldes  in  längeren
Zeiträumen  recht  bedeutend.  Ist  das  Risiko  groß,  so  muß  die  Regierung  meist
eine  höhere  Verzinsung  bewilligen.  Sie  kann  aber  den  Absatz  der  Anleihe  auch
durch  Privilegien  erleichtern,  indem  sie  z.  B.  verfügt,  daß  bei  Kautionen  die
Anleihen  zum  Nominale  angenommen  werden,  oder  daß  bestimmte  Gelder
ganz  oder  zum  Teil  in  Renten  angelegt  werden  müssen.  Freilich  wird  auf
diese  Weise  der  Industrie  und  Landwirtschaft  nicht  selten  Geld  entzogen.
Wenn  die  Regierung  eine  Anleihe  emittiert  hat,  ist  sie  zunächst  am  Kursstand ­
  der  Anleihen  nicht  immer  interessiert,  am  meisten  dann,  wenn  sie  neue
Anleihen  beabsichtigt.  Es  kommt  nicht  selten  vor,  daß  sie  Banken  beauftragt,
den  Kurs  der  Anleihen  zu  halten.  Dies  geschah  z.  B.  während  des  russisch-japanischen ­
  Krieges  seitens  Rußlands.  Die  russischen  Renten  waren  zuweilen
geringeren  Kursschwankungen  ausgesetzt,  als  die  Renten  anderer  Staaten,  weil
einige  Bankhäuser  eingriffen.  Man  könnte  nun  meinen,  daß  dies  Kurshalten
        <pb n="105" />
        94

keinen  Gewinn  bringe,  da  doch  der  Kurs  nur  dadurch  gehalten  werde,  daß
man  die  Renten  selbst  zu  einem  höheren  Kurse  kauft.  Dies  ist  aber*
deshalb  nicht  richtig,  weil  ja  eine  relativ  geringe  Menge  von  angekauften
Renten  häufig  ausreicht,  den  Kurs  der  übrigen  zu  stützen.  Sehen  die  Rentenbesitzer, ­
  daß  sich  der  Kurs  hält,  so  verzichten  sie  auf  die  Veräußerung  der
Renten,  während  ein  geringes  Sinken  des  Kurses  oft  rasche  Kursstürze  bewirkt,
wenn  überhaupt  einmal  Mißtrauen  auf  dem  Markte  Platz  gegriffen  hat.  Einige,
die  das  Sinken  der  Kurse  beobachten,  verkaufen  rasch,  um  nicht  noch  mehr
zu  verlieren.  Durch  diese  Verkäufe  selbst  wird  der  Kurs  weiter  sinken,  was
wieder  neue  Verkäufe  zur  Folge  hat.  Umgekehrt  treibt  das  Publikum  zuweilen
auch  die  Kurse  in  die  Höhe.
Wir  sehen  schon  aus  diesen  flüchtigen  Bemerkungen,  daß  man  aus  der
Tatsache  der  Kursveränderung  nur  wenig  schließen  kann,  ebensowenig  aus  der
Höhe  des  Zinsfußes,  mit  dem  ein  Staat  seine  Anleihen  ausstatten  muß,  um
Geld  zu  bekommen.  Wenln  der  Rentenkurs  niedrig  ist,  so  glauben  viele,  daß
dies  nur  daraus  zu  erklären  sei,  daß  der  Kredit  des  Staates  unterhöhlt  ist  und
die  Zeiten  schlecht  sind.  Dies  ist  manchmal  richtig,  aber  keineswegs  immer.
Der  Kurs  der  Renten  kann  gerade  deshalb  niedrig  stehen,
weil  ein  allgemeines  Blühen  und  Gedeihen  einsetzt,
welches  den  Industriellen  große  Gewinne  sichert.  Nehmen ­
  wir  an,  im  ersten  Zeitpunkt  in  Tabelle  XVII  trage  die  Staatsrente
4  K  jährlich,  der  Zinsfuß,  zu  dem  Eimlagen  verzinst  werden,  sei  mit  4o/o  angesetzt. ­
  Das  heißt:  100  K  tragen  mir  in  der  Bank  ebensoviel,  wie  eine  Staatsrente. ­
  Wenn  ich  nun  mein  Geld  ebenso  gerne  in  Staatsrenten,  wie  als  Einlage
verzinse,  so  werde  ich  eine  Staatsrente,  die  mir  4  K  trägt,  mit  100  K  zu
kaufen  bereit  sein.

Tabelle  XVII.
Abhängigkeit  der  Rentenkurse  vom  Zinsfuß

Zeitpunkt ­


Staatsrente
trägt
jährlich

Einlagenzinsfuß ­


Kurs
der
Staatsrente

ti

4  K

4»/o

100  K

t2

4  K

8  o/o

50  K

ts

4  K

2  o/o

200  K

Nun  steige  die  Verzinsung  in  der  Bank  auf  8o/o,  die  Gründe  können  verschiedene ­
  sein.  Es  kann  dies  damit  Zusammenhängen,  daß  man  sehr  schwer
Geld  bekommt,  aber  möglicherweise  auch  damit,  daß  die  Dividenden  der
Aktiengesellschaften  im  Steigen  begriffen  sind.  Die  Banken  müßten  fürchten,
ihre  Einleger  zu  verlieren,  da  diese  ihr  Geld  lieber  zum  Aktienankauf  verwenden, ­
  als  es  in  die  Bank  zu  legen,  falls  der  Zinsfuß  nicht  in  die  Höhe
geht  und  dazu  anreizt,  Geld  lin  die  Bank  zu  tragen.  Die  Banken  können  aber
in  solchen  Zeiten  wieder  höhere  Zinsen  ihren  Einlegern  Zusagen,  weil  sie
ja  selbst  Aktien  kaufen  Und  daher  an  den  erhöhten  Gewinnen  teilnehmen.  Dies
Steigen  des  Zinsfußes,  das  mit  einem  Gedeihen  der  Industrie  zusammenfällt,
bewirkt  sofort  ein  Fallen  des  Rentenkurses  auf  die  Hälfte.  Ein  Papier,  das
mir  4  K  trägt,  würde  ich  nur  mit  50  K  bezahlen,  wenn  ich  in  der  Bank  für
100  K  8  K  Zinsen  bekomme.  Wir  sehen  an  diesem  Beispiel,  daß  zuweilen
ein  niedriger  Rentenkurs  eine  Folge  allgemeinen  Aufschwunges  sein  kann.
Umgekehrt  wie  der  steigende  Zinsfuß  wirkt  der  fallende  Zinsfuß.  Der  fallende ­
  Zinsfuß  selbst  kann  wieder  verschiedene  Ursachen  haben.  Er  kann  auf
eine  abnehmende  Geldknappheit  hinweisen,  aber  auch  auf  ein  Stagnieren  in
den  Unternehmungen,  die  sich  nur  niedrig  verzinsen.  Der  hohe  Zinsfuß  kann
auf  große  Dividenden  hindeuten,  er  kann  aber  auch  der  Ausdruck  äußersten
        <pb n="106" />
        95

Mißtrauens  sein.  Nehmen  wir  z.  B.  an,  ein  Kaufmann  leihe  fünf  anderen,
wie  wir  dies  in  Tabelle  XVIII  im  Rail  I  andeuten,  je  100  K;  jeder  zahlt  ihm
das  Geld  mit  4o/o  Zinsen  zurück.  Der  Kaufmann  leiht  zu  einer  anderen  Zeit,
im  Falle  II,  wieder  je  100  K  her.  Er  weiß  aber,  daß  durchschnittlich  jeder
fünfte  Schuldner  in  Konkurs  geht.  Will  er  nun  eine  4o/o  ige  Verzinsung
seines  Kapitals  erzielen,  sto  muß  er  30o/o  Zinsen  verlangen.  Diejenigen,  welche
dann  nicht  Konkurs  machen,  zahlen  gewissermaßen  für  denjenigen,  der  Konkurs
macht,  die  Risikoprämie  an  den  Gläubiger,  dessen  Geld  sich  freilich  nur  mit
4o/o  verzinst.  Wenn  man  daher  aus  dem  Zinsfuß  etwas  ablesen  will,  muß  man
immer  den  Zinsfuß  risikoloser  Geschäfte  ins  Auge  fassen,  da  der  Zinsfuß

Tabelle  XV'II.
Zinsfuß  und  Risikoprämie

Schuldner

Im
ganzen ­


Zinsfuß

A

B

C

D

E

der
Schuldner

des
Gläubigers ­


Fall  I

Hergeliehene
Summe

100

100

100

100

100

500

4»/o

40/0

Zurückgezahlte
Summe

104

104

104

104

104

520

Fall  II

Hergeliehene
Summe

100

100

100

100  100
!

500

30  o/o

40/0

Zurückgezahlte
Summe

130

130

130

130

Konkurs ­


520

bei  gewöhnlichen  Darlehen  immer  eine  Risikoprämie  von  wechselnder  Größe
enthält.  Solche  Risikoprämien  sind  oft  auch  in  den  Zinsen  enthalten,  die  ein
Staat  für  seine  Anleihen  bewilligen  muß.
4.  Steuer.
Was  eine  Steuer  anlangt,  die  Weltgeld  beschaffen  soll,  so  hat  sie  wohl
ebensowenig  Aussicht  auf  besonderen  Erfolg,  wie  eine  Weltgeldanleihe  im
Inland.  Wenn  man  das  im  Volke  vorhandene  Gold,  das  zu  Schmuck  usw.
verarbeitet  ist,  erhalten  will,  ist  man  immer  auf  den  guten  Willen  der  Bevölkerung ­
  angewiesen.  In  diesem  Falle  dürfte  zuweilen  die  Aufforderung  zur
Ablieferung  des  Edelmetalls  noch  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  haben.  Wir  wissen,
daß  in  den  Freiheitskriegen  Goldschmuck  von  allen  Seiten  herbeigebracht
wurde:  „Gold  gab  ich  für  Eisen“.  Wir  dürfen  aber  nie  vergessen,
daß  Leute,  die  bereit  sind,  sich  im  Felde  totschießen  zu
lassen,  oft  Schwierigkeiten  machen,  wenn  der  Steuerbeamte ­
  Ooldschmuck  von  ihnen  verlangt.  Selbst  im  günstigsten
Falle  dürfte  eine  solche  Goldsteuer  nicht  allzu  großen  Erfolg  erzielen.  Man
wird  sie  praktisch  wohl  nur  als  Notbehelf  betrachten  können.
8.  Organisation  der  unmittelbaren  Realienbeschaffung,
Nachdem  wir  nun  die  Frage  erörtert  haben,  in  welcher  Weise  der  Staat
sich  Geldmittel  beschaffen  kann,  um  im  Kriegsfall  Realien  zu  kaufen,  wollen
wir  jetzt  auf  die  schon  erwähnte  Möglichkeit  übergehen,  die  Realien
unmittelbar,  nicht  auf  dem  Umweg  durch  Geldbeschaffung
und  Kauf  dem  Staat  zur  Verfügung  zu  stellen.  Wir  sehen
auf  den  ersten  Blick,  daß  die  unmittelbare  Realienbeschaffung ­
  im  Kriegsfall  häufiger  eine  Rolle  spielen  wird,  als
in  Friedenszeiten.  Wir  müssen  dabei  die  Requisitionen  der  Armee
        <pb n="107" />
        96

im  Operationsraum  von  jenen  trennen,  die  außerhalb  des  Operationsraumes  zur
Verpflegung  der  Armee  und  der  Zivilbevölkerung  vorgenommen  werden.  Die
Armee  im  Operationsraum  wird  im  allgemeinen  bemüht  sein,  „vom  Lande  zu
leben“,  ein  Verfahren,  das  auch  in  früheren  Perioden  schon  gebräuchlich  war,
dann  aber  wieder  abkam.  Die  Napoleonischen  Kriege  haben  dieser  Methode
eigentlich  erst  wieder  zur  allgemeinen  Anerkennung  verholten.  Dies  „Leben
vom  Lande“  kann  mit  Hilfe  des  Kaufes  oder  aber  mit  Hilfe  der  Requisition
erfolgen.  Da  im  Operationsraum  Produktion,  Export  und  Import  so  gut  wie
ganz  stocken  dürften,  wird  sich  die  Beschaffung  von  Naturalien  auf  solche
beschränken,  die  als  Vorräte  vorhanden  sind.  Die  Requisition  fügt  sich  dort
nicht  einem  normalen  sozialen  Leben  ein.
Anders  verhält  es  sich  mit  /der  unmittelbaren  Realienbeschaffung
hinter  der  operierenden  Armee.  Nehmen  wir  z.  B.  an,  es  werde  in
Rußland  Krieg  geführt,  aber  in  Ungarn  zu  diesem  Zweck  requiriert.  Die  Requisition ­
  wird  sich  in  diesem  Falle  dem  normalen  sozialen  Leben  eingliedem!
und  es  umgestalten.  Wir  müssen  die  Requisition  einer  operierenden  Armee,
die  im  allgemeinen  auf  soziale  Gesichtspunkte  schwer  Rücksicht  nehmen  kann
und  so  gut  wie  ausschließlich  die  militärischen  Zwecke  im  Auge  haben  wird,
von  jener  im  Rücken  der  Armee  trennen,  die  sehr  wobl  auf  die  Wirkungen
Rücksicht  nehmen  kann,  welche  die  Requisition  ausübt.  Es  kann  z.  B.  eine
bestimmte  Quote  der  Naturalien  requiriert  oder  eine  Art  progressiver  Requisition ­
  eingeführt  werden,  derart,  daß  die  Leute,  welche  größere  Magazine  haben,
eine  größere  Quote  herzugeben  verpflichtet  werden.  Es  kann  auch  ein  Minimalvorrat ­
  der  Requisition  entzogen  bleiben,  kurzum  es  wäre  denkbar,  daß  man
in  den  einer  geordneten  Verwaltung  unterliegenden  Landesteilen ­
  —  seien  sie  nun  feindliche  oder  solche  des  eigenen
Landes  —  eine  Art  Requisitionsordnung  einführt,  die  der
Steuerordnung  zu  vergleichen  wäre.  Soweit  gegen  Schein  requiriert ­
  wird,  wäre  diese  Requisition  als  Naturalzwangsanleihe  zu  charakterisieren. ­
  Im  allgemeinen  wird  es  verabsäumt,  in  Friedenszeiten  die  eventuelle
Requisitionsordnung  systematisch  auszuarbeiten,  so  daß  die  Requisition
meist  mehr  Störungen  erzeugt,  als  unbedingt  erforderlich
ist.  Obgleich  man  eine  Requisitionslehre  in  ähnlicher  Weise  wie
die  Steuerlehre  ausgestalten  könnte,  ist  dies  bis  jetzt  unterblieben.  Selbstverständlich ­
  müßtedie  theoretischeVolkswirtschaftslehre,
wenn  sie  vollständig  ausgebaut  wäre,  auch  diese  Dinge  von
vornherein  in  sich  enthalten,  das  heißt,  die  allgemeinen  Sätze  liefern,  die
auf  diesen  konkreten  Fall  anwendbar  sind,  aber  sie  ist  zu  einem  solchen  Grade
der  Allgemeinheit  noch  nicht  gelangt,  sondern  klammert  sich  meist  noch  recht
eng  an  Abstraktionen  aus  bestimmten  Friedenserscheinungen.
Wenn  man  die  Lehre  von  der  unmittelbaren  Realienbeschaffung  ausbaut,
muß  man  auch  festzustellen  suchen,  worin  sich  die  unmittelbare  Realienbeschaffung ­
  von  der  Beschaffung  durch  Kauf  unterscheidet.  Zunächst  würde  man
wohl  den  Unterschied  darin  erblicken,  daß  die  requirierten  Güter  in  dem  einen
Fall  mit,  in  dem  anderen  ohne  Entschädigung  den  Leuten  abgenommen
werden,  wenn  man  nicht  bei  der  unmittelbaren  Beschaffung  Quittungen  als
Zahlung  gibt.  Man  kann  aber  Realien  durch  Kauf  beschaffen  und  dennoch
keine  Entschädigung  zahlen.  Dies  ist  dann  der  Fall,  wenn  man  das  Geld,  mit
dem  man  die  Waren  kauft,  vorher  durch  Kontributionen  beschafft  hat.  Ja  man
kann  das  so  ausgegebene  Geld  nochmals  mit  Hilfe  einer  Kontribution  einheben
und  den  Rest  der  Realien  dafür  beschaffen.  Wir  sehen  hier  eine  Analogie  zur
Anleihenzirkulation,  die  wir  oben  vorgeführt  haben.  Wo  dort  von  Anleihe
gesprochen  wird,  haben  wir  nun  von  Kontribution  zu  sprechen.  Im  allgemeinen ­
  wird  sich  wohl  die  Sache  so  abspielen,  daß  man  den  Städten  die  Kontributionen ­
  auferlegt  und  in  den  Agrargebieten  das  so  erhaltene  Geld  ausgibt,
aber  es  ist  auch  der  Fall  denkbar,  daß  man  das  Geld  dort  ausg&amp;amp;t,  wo  man  es
requiriert  hat.  Es  müßte  eingehend  untersucht  werden,  wie  die  unmittelbare
Requisition  wirkt,  wie  die  Güterbeschaffung  durch  Kauf  nach  vorher  vorgenommener ­
  Kontribution.  Vor  allem  liegen  wesentliche  psychologische  Unterschiede
vor.  Im  allgemeinen  macht  man  wohl  die  Beobachtung,  daß  bei  einer  Be-
        <pb n="108" />
        7

97

völkerung,  die  sich  einigermaßen  neutral  verhält,  die  Beschaffung  der  Realien
durch  Geld  viel  für  sich  hat.  Nur  nebenbei  möchte  ich  darauf  hinweisen,  daß
noch  ein  ganz  anderes  Moment  die  Kontribution  nahelegt.  Die  in  Feindesland
einmarschierende  Armee  erhält  Geldsorten  mit,  welche  im  eigenen  Lande  zirkulationsfähig, ­
  der  feindlichen  Bevölkerung  aber  fremd  sind  und  daher  vielfach
nicht  gerne  genommen  werden.  Die  Kontribution  liefert  Landesgeld,  was  die
Naturalienbeschaffung  sehr  zu  erleichtern  pflegt.  Natürlich  wäre  auch  der  Fall
denkbar,  daß  ein  Armeekommando  zwangsweise  einen  Geldwechsel  in  großem
Stile  durchführt.  Nun  kann  man  natürlich  durch  eine  Verordnung  die  Bevölkerung ­
  zwingen,  jede  beliebige  Geldsorte  anzunehmen,  man  riskiert  aber  damit
einen  Teil  des  Vorteils,  der  eben  darin  besteht,  daß  man  die  gewohnten  Verkehrsformen ­
  möglichst  aufrecht  erhält.  Insbesondere  dem  einzelnen  Mann,  der  sich
irgendwelche  Delikatessen  oder  sonstiges  einkaufen  will,  ist  es  sehr  erwünscht,
wenn  er  ohne  Hin-  und  Widerrede  erhalten  kann,  was  er  sucht.  Der  Sinn  für
die  Zukunft  ist  beim  Soldaten  meist  sehr  herabgesetzt,  der  Augenblick  gilt  ihm
alles,  und  so  besteht  wohl  einige  Wahrscheiulichkeit  dafür,  daß  die  an  die
Truppen  auszuzahlenden  Gebühren  zum  größten  Teil  konsumiert  werden.  Nur
die  von  vornherein  für  die  Familien  bestimmte  Quote  der  Gebühren  verbleibt
der  Inlandszirkulation.  Diejenigen,  welche  mit  Geldrückströmungen  aus  dem
Operationsraum  rechnen,  müßten  diesem  Problem  eingehende  Aufmerksamkeit
zuwenden.  Eine  Form  der  Beschaffung  ausländischen  Geldes  bleibe  übrigens
nicht  unerwähnt,  zumal  sie  gelegentlich  vorgekommen  ist;  der  vorrückende
Staat  kann  feindliches  Zeichengeld  selbst  erzeugen,  seien
es  nun  Noten  oder  metallisches  Zeichengeld.  Napoleon  hat
z.  B.  ersteres  gelegentlich  mit  'Erfolg  getan.  Wenn  der  vorrückende  Staat  z.  B.
feindliches  Silbergeld  erzeugt,  kann  er  den  Zahlungsverkehr  im  Operationsraum
sehr  erleichtern.  Wie  diese  Handlungsweise  staatsrechtlich  aufzufassen  ist,  kann
man  nicht  ohne  weiteres  entscheiden.  Der  vorrückende  Staat  übt  so  in  einem
nur  okkupierten,  aber  noch  nicht  annektierten  Gebiete  die  Münzhoheit  aus.
Es  fragt  sich  nun,  welche  Umstände  die  unmittelbare  Naturalienbeschaffung ­
  in  den  im  Rücken  der  Armee  befindlichen  Gebieten  nahelegen  können,  sei
es  mit  Hilfe  einer  Naturalienzwangsanleihe,  oder  mit  Hilfe  einer
Naturaliensteuer.  Denken  wir  uns  z.  B.,  daß  die  Regierung  nicht  imstande
war,  durch  Anleihen  und  Steuern  entsprechende  Geldmittel  aufzubringen;  sie
schreitet  zu  einer  massenhaften  Notenemission;  wir  haben  schon  gesehen,  daß  auf
diese  Weise,  wenn  nicht  gleichzeitig  eine  Vermehrung  der  Produktion  infolge
der  Notenvermehrung  oder  unabhängig  davon  stattfindet,  eine  Erhöhung  der
Preise  eintreten  kann.  Um  zu  den  erhöhten  Preisen  den  weiteren  Bedarf  beschaffen ­
  zu  können,  muß  die  Regierung  immer  größere  Notenmengen  emittieren,
falls  dieSteuerschraube  versagt,  was  in  Kriegszeiten  nichts
Ungewöhnliches  ist.  Diese  Preissteigerung  tritt  selbst
dann  ein,  wenn  die  Produktion  unverändert  bleibt,  um  wie
viel  mehr  erst  dann,  wenn  sie  abnimmt,  was  z.  B.  im  Falle
eines  Weltkrieges  das  Wahrscheinlichere  sein  dürfte.
Wie  die  vermehrte  Notenmenge  immer  wieder  die  Preise  erhöht  und  die
Regierung  zu  immer  neuen  Emissionen  zwingt,  wenn  sie  eine  konstante  Quote
der  Produktion  erlangen  will,  zeigt  uns  Tabelle  XIX,  die  der  Tabelle  XIII  nachgebildet ­
  ist.
Wir  sehen  zunächst,  wie  die  Bürger  in  den  Zeitpunkten  1  bis  4  miteinander ­
  Handel  treiben,  produzieren  und  konsumieren.  Mit  30  Noten  wird
die  Zirkulation  der  drei  Waren  a,  b,  c  bewirkt,  von  denen  jede  10  Notenmengen ­
  kosten  soll.  Nun  will  die  Regierung  die  Hälfte  der  vorhandenen
Güter  durch  Notenemission  in  ihre  Hand  bekommen.  Sie  erreicht  das,  wie
wir  wissen,  dadurch,  daß  sie  30  Notenmengen  druckt.  Die  Preise  steigen
auf  20,  jeder  Bürger  kann  nur  die  Hälfte  der  früheren  Warenmengen  kaufen,
die  Regierung  kauft  die  andere  Hälfte.  Im  Zeitpunkt  7  werde  die  Warenmenge ­
  konsumiert;  nehmen  wir  an,  es  seien  Nahrungsmittel  gewesen.  Die
Produktion  setzt  von  neuem  ein.  Wir  nehmen  an,  sie  sei  ebenso  groß,  wie
früher,  Nun  hat  jeder  Bürger  20  Noten  im  Besitz;  will  die  Regierung
        <pb n="109" />
        98

Tabelle  XIX.

Wirkungen  der  Notenvermehrung.

Zeitpunkt ­


Vorgang

Preis  von
a,  b,  c

Bürger

Regierung

A

B  1  C

ti

—

10

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

ti

Verkauf

—

b
10  Noten

c
10  Noten

a
10  Noten

—

t  8

Konsum

—

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

t4

Produktion

—

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

t  5

Regierung
emittiert  Noten

20

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

30  Noten

t  S

Verkauf

—

b
2
20  Noten

c
20  Noten

a
^2
20  Noten

a,  b,  c
2  2  2

tT

Konsum

—

20  Noten

20  Noten

20  Noten

—

t  8

Produktion

—

a
20  Noten

.  b
20  Noten

c
20  Noten

—

t  9

Regierung
emittiert  Noten

40

a
20  Noten

b
20  Noten

c
20  Noten

60  Noten

t  10

Verkauf

—

b
2
40  Noten

c
40  Noten

a
~Y
40  Noten

a,  b,  c
2  2  2

111

Konsum

—

40  Noten

40  Noten

40  Noten

—

t  19

Produktion

—

a
40  Noten

b
40  Noten

c
40  Noten

—

t  18

Regierung

80

a
40  Noten

b
40  Noten

c
40  Noten

120  Noten

USW.

USW.

USW.

USW.

USW.

USW.

USW.

wieder  die  Hälfte  aller  Waren  in  die  Hand  bekommen,  so  ist  sie  genötigt,
ebensoviele  Noten  zu  drucken,  als  die  Gesamtheit  der  Bürger  besitzt,  d.  h.
60  Notenmengen  ;  wir  sehen,  daß  nun  derselbe  Vorgang  wie  vorher  erfolgt,
und  daß  die  Regierung  im  Zeitpunkt  13  neuerlich  die  Notenemission  verdoppeln ­
  muß.  Dieses  sehr  vereinfachte  Schema  erklärt  uns,  wie  die  Assignatenwirtschaft ­
  wirkte.  Wie  kann  die  Regierung  dieser  Entwicklung  steuern?
        <pb n="110" />
        99

Zunächst  kann  an  die  Aufstellung  von  Preistaxen  gedacht  werden.
Soweit  die  Preissteigerungen  darauf  zurückgehen,  daß  die  Verkäufer  die  Beunruhigung ­
  der  Bevölkerung  und  den  plötzlichen  Bedarf  ausnützen  wollen,
lassen  sich  solche  Preistaxen  wohl  durchsetzen,  wenn  man  mit  genügender
Strenge  jede  Übertretung  bestraft,  wie  dies  z.  B.  in  Bulgarien  während  des
Balkankrieges  der  Fall  war.  Sowohl  Bulgarien  als  auch  Serbien  sind  nämlich ­
  mit  der  Verhängung  von  Preistaxen  vorgegangen,  ohne  daß  aber  eine
besonders  starke  Notenemission  vorangegangen  wäre.  Anders  steht  aber  die
Sache  im  Falle  einer  Assignatenwirtschaft.  Die  Preistaxen  nützen  dann  oft
nichts  mehr,  weil  die  Leute  lieber  überhaupt  darauf  verzichten,  zu  verkaufen,
wie  dies  z.  B.  1793  in  Frankreich  der  Fall  war.  Die  Preistaxe  hat
daher  im  allgemeinen  noch  immer  dann  ihren  Zweck  verfehlt, ­
  wenn  sie  Vorgänge  beeinflussen  will,  die  aus  einer
plötzlichen  Verschiebung  auf  dem  Gebiet  des  Zahlungsverkehrs ­
  herrühren.
Die  Regierung  kann  in  einem  solchen  Falle,  wenn  die  Qeldordnung  versagt, ­
  dennoch  einen  Ausweg  finden,  wenn  sie  die  unmittelbare  Versorgung ­
  der  Bevölkerung  und  der  Armee  mit  Nahrungsmitteln ­
  verfügt.  Es  ist  nicht  anzunehmen,  daß  ein  führender  Staatsmann,
um  zum  Beispiel  die  Rechte  der  Getreidespekulanten  zu  schonen,  die  Bevölkerung ­
  hungern  lassen  wird.  Wenn  das  Geldsystem  nicht  ordnungsgemäß ­
  funktioniert,  dürfte  wohl  die  Einrichtung  einer
Großnaturalwirtschaft  das  Naheliegendste  sein.  Denn
schließlich  ist  es  im  Kriegsfall  der  oberste  Grundsatz  des
Politikers,  für  das  öffentliche  Wohl  und  den  Kriegszweck
zu  sorgen;  die  traditionelle  Ordnung  ist  für  ihn  nur  ein
Mittel  zu  diesem  Zweck,  versagt  sie,  so  wird  in  Kriegszeiten  ein  Versuch ­
  mit  anderen  Mitteln  bekanntlich  weit  eher  gewagt,  als  in  Friedenszeiten.
Gewöhnlich  führt  man  aber  solche  Veränderungen  in
Kriegszeiten  übereilt  und  ungenügend  durch.  Man  verabsäumt ­
  eben  in  Friedenszeiten,  alle  Möglichkeiten  entsprechend ­
  zu  bedenken.  Wie  die  Großnaturalwirtschaft  die  Güterverteilung ­
  im  Gegensatz  zur  Geldwirtschaft  durchführt,  zeigt  Tabelle  XX.
Die  Großnaturalwirtschaft  läuft  in  letzter  Linie  darauf  hinaus,  daß  der  Staat
Naturalien  als  Steuern,  Anleihen  usw.  erhält  und  die  Gehälter  usw.  in  Naturalien
ausbezahlt.  Wir  sehen,  wie  im  Falle  der  Geldwirtschaft  die  Regierung  die  Zivilbevölkerung ­
  im  Zeitpunkt  2  besteuert;  wie  dann  die  Regierung  mit  dem  Steuererlös ­
  und  die  Bürger  mit  dem  verbliebenen  Geld  die  Waren  kaufen,  wie  auf
diese  Weise  die  Bürger  die  eine  Hälfte  der  Naturalien  erlangen,  die  Regierung
die  andere.  Die  Regierung  übergibt  die  Naturalien  der  Armee  und  im  Zeitpunkt ­
  5  wird  alles  bereits  konsumiert.  Herrscht  im  Kriegsfall  dagegen  die  Großnaturalwirtschaft ­
  und  übernimmt  die  Regierung  auch  die  Verpflegung  der  Bevölkerung, ­
  so  erhält  sie  zunächst  die  produzierten  Waren,  soweit  sie  nicht  von
den  Produzenten  etwa  selbst  konsumiert  werden,  und  verteilt  sie  etwa  zur  Hälfte
an  die  Bevölkerung,  zur  Hälfte  an  die  Armee.  Wir  sehen,  daß  das  Ergebnis  der
Güterbewegung  mit  jenem  identisch  sein  kann,  das  wir  im  ersten  Fall  erhielten.
Wenn  während  eines  Weltkrieges  die  Geld-  und  Kreditordnung  versagen
sollte,  dürfte  es  wohl  genügen,  wenn  nur  die  wichtigsten  Bedarfsartikel  von
Staats  wegen  beschafft  und  abgegeben  werden.  Die  zahlreichen ­
  Übergänge  vom  einer  Geldwirtschaft  mit  völlig
freier  Konkurrenz  zu  einer  staatlich  kontrollierten  und  zu
einer  Naturalwirtschaft  können  hier  nicht  näher  erörtert  werden.
Ausdrücklich  sei  nur  hervorgehoben,  daß  an  sich  auch  eine  Naturalwirtschaft
mit  freier  Konkurrenz  denkbar  ist,  daß  dieselbe  aber  im  Kriegsfälle  kaum  sehr
viele  Vorzüge  vor  der  Geldwirtschaft  mit  freier  Konkurrenz  haben  dürfte.
Die  Großnaturalwirtschaft  mit  Naturalanleihen  und  Naturalsteuern  ist  insbesondere ­
  dort  am  Platze,  wo  die  Bauern  wenig  Geld  zur  Verfügung  haben  und
der  Staat  auch  kein  Geld  in  den  Kassen  hat.  In  manchen  Fällen  wird  es  genügen,
wenn  der  Staat  Naturalanleihen  aufnimmt  und  sie  in  Geld  zurückzuzahlen  zusagt,
        <pb n="111" />
        100

Tabelle  XX.

Güterbewegung  in  der  Geld-  und  Naturalwirtschaft

Fall

Zeitpunkt ­


Vorgang

Zivilbevölkerung

Regierung ­


Armee

A

B

C

Geldwirtschaft

ti

Produktion

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

—

t*

Geldsteuer  von  50®/o

a
5  Noten

b
5  Noten

c
5  Noten

15  Noten

—

t8

Verkauf

b
2
10  Noten

c
2
10  Noten

a
2
10  Noten

a  b  c
2’  2’  2

—

ti

Abgabe  an  d.  Armee

b
2
10  Noten

c
2
10  Noten

a
2
10  Noten

—

a  b  c
2’  T  2

tö

Konsum

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

—

Naturalwirtschaft

ti

Produktion

a

b

c

—

—

t»

Naturalsteuer
von  lOO’/o

—

—

—

a,  b,  c

—

ts

Abgabe  an  d.  Armee
u.  Zivilbevölkerung

b
2

c
2

a
2

—

a  b  c
2’  2’  2

t4

Konsum

—

—

—

—

—

in  anderen  Fällen  wird  er  vielleicht  auch  die  Zurückzahlung  nach  Wahl  in  Geld
oder  in  Naturalien  zusichern,  wie  dies  z.  B.  bei  einer  Geldanleihe  der  Fall  war,
welche  die  Südstaaten  während  des  Sezessionskrieges  in  Paris  aufgenommen
haben.  Die  Rückzahlung  sollte  in  Geld  oder  aber  in  Baumwolle  erfolgen.  Wenn
die  Geldordnung  überall  erschüttert  ist,  würde  man  es  sehr  gut  begreifen,  wenn  die
Anleihe  selbst  in  Naturalien,  z.  B.  in  Form  von  Getreide  oder  Kriegsschiffen,
aufgenommen  und  vielleicht  in  Roheisen  zurückgezahlt  wird.  Als  die  Südstaaten
nur  mehr  über  ein  arg  zerrüttetes  Geldwesen  verfügten  und  die  Möglichkeit  für
die  einzelnen  Pflanzer,  ihre  Waren  gut  zu  verkaufen,  sehr  gering  war,  half  man.
sich  damit,  daß  man  eine  Naturalsteuer  einhob.  Jeder  Pflanzer  und  Pächter
mußte  nach  Abzug  eines  für  den  eigenen  Gebrauch  bestimmten  Vorrates
aller  seiner  Vorräte  an  Getreide,  Erdäpfeln,  Futterstoffen,  Zucker,  Zuckersaft,
Baumwolle.  Wolle,  Tabak  in  natura  der  Regierung  abliefern;  ferner  7^0  allen
geschlachteten  Schweinen,  und  zwar  in  Form  von  Schinken,  wobei  60  Pfund  Schinken ­
  für  ein  Schwein  gerechnet  wurden.  Wir  sehen  aus  diesen  Bestimmungen,  daß
die  Regierung  nicht  nur  solche  Artikel  beschaffte,  welche  sie  zur  Armeeverpflegung
        <pb n="112" />
        101

benötigte,  sondern  auch  solche,  die  offenbar  dazu  bestimmt  waren,  von  Regierungs
wegen  verkauft  zu  werden.  Den  Ertrag  konnte  dann  die  Regierung  verwenden.
.Wir  sehen  hier  ein  Beispiel  für  jene  Konzentration  des  Verkaufes,  die  wir  schon
oben  erwähnten.  Eine  derartige  Kombination  ist  z.  B.  überall  dort  sehr  am
Platze,  wo  naturalwirtschaftliche  Staaten  in  die  Geldwirtschaft  übergeführt  werden
sollen.  Man  klöhnte  sich  denken,  daß  auf  diese  Weise  z.  B.  Albanien  der  Geldwirtschaft ­
  zugeführt  werden  könnte.  Legt  man  unmittelbar  eine  Geldsteuer  auf,
so  wird  das  Land  vom  den  Zwischenhändlern  und  Geldgebern  abhängig.  Wenn
hingegen  die  Naturalsteuer  eingehoben  wird,  der  Ertrag  aber  von  der  Regierung
verkauft  wird,  entfällt  diese  Gefahr.  Die  Einhebung  von  Naturalsteuern  im
Kriegsfälle  wird  daher  besonders  in  den  östlichen  und  südlichen  Gebieten  der
Monarchie  sehr  in  Frage  kommen.  Übrigens  haben  die  Südstaaten  im  Jahre  1864
der  Regierung  noch  außer  der  Steuer  und  den  Requisitionen  ein  Kaufrecht  auf
ein  weiteres  Zehntel  aller  Waren  gesichert.
Ich  erörtere  die  Frage  der  Großnaturalwirtschaft  immer
wieder  und  mit  einigem  Nachdruck,  weil  ein  weit  verbreitetes ­
  Vorurteil  die  Naturalwirtschaft  für  primitiver  und
unentwickelter  als  die  Geldwirtschaft  an  sieht,  was  aber
keineswegs  der  Fall  ist.  Es  gibt  zwar  Naturalwirtschaftszustände  sehr
primitiver  Art,  aber  es  gibt  naturalwirtschaftliche  Organisationstypen,  die  höher
stehen  als  irgendwelche  geldwirtschaftliche  Organisationstypen.
Daß  man  in  leitenden  Kreisen  die  Möglichkeit  ins  Auge  faßt,  in  einem
Kriege  in  das  Privateigentumsrecht  ein  greif  en  zu  müssen,
beweist  das  österreichische  Kriegsleistungsgesetz.  Es  ist  bemerkenswert,  wie
geringen  Widerstand  dieses  Gesetz  eigentlich  gefunden  hat.  Vor  einer  Generation
hätte  man  vielleicht  entsprechende  Bestimmungen  im  Kriegsfälle  auf  dem  Verordnungswege ­
  erlassen  und  dabei  einen  Sturm  der  Entrüstung  erregt.  Heute
ist  man  an  Staatseingriffe  weit  mehr  gewöhnt,  ein  großer  Teil  der  Bevölkerung
begrüßt  sie  sogar.  Das  Kriegsleistungsgesetz  denkt  in  erster  Reihe  an  die
Bedarfsdeckung  der  Armee,  doch  wird  man  wohl  nicht  fehlgehen,  wenn  man  für
den  Fall  eines  Weltkrieges  auch  mit  der  Anwendung  dieses  Gesetzes  zur  Bedarfsdeckung ­
  der  Zivil  Bevölkerung  rechnet,  wenigstens  was  Lebensmittel,
Kohlen  und  einige  andere  wichtige  Artikel  anbelangt.  Der  Regierung  gibt  das
Kriegsleistungsgesetz  die  Handhabe,  Produktionsmittel  und  Arbeitskräfte  für
sich  zu  verwenden.  Die  individuelle  Freiheit  wird  auf  solche  Art  sehr  eingeschränkt ­
  ;  daß  sich  aber  diese  Einschränkung  auch  auf  die  Disziplinarordnung  erstrecken ­
  müsse,  welche  den  Militärbehörden  anvertraut  wurde,  wird  von  manchen
Seiten  bestritten.  Das  Kriegsleistungsgesetz  ist  ein  Glied  in  einer  Kette.  Es
deutet  darauf  hin,  daß  im  Kriegsfälle  die  Versorgung  der
Großstädte  und  anderer  Gebiete  wohl  von  Staats  wegen
erfolgen  dürfte,  sobald  die  normalen  Versorgungsmechanismen ­
  die  ersten  Schwächen  zeigen.  Ob  es  freilich  nicht  zweckmäßiger ­
  wäre,  diese  im  Falle  eines  Weltkrieges  wohl  kaum  vermeidliche  Organisation ­
  schon  in  Friedenszeiten  systematisch  vorzubereiten,  ist  eine  andere
Frage.
Welche  Folgen  die  Verwendung  von  Nichtkombattanten  im  Kriegsfälle  auf
Grund  des  Kriegsleistungsgesetzes  haben  kann,  läßt  sich  heute  noch  nicht  übersehen. ­
  In  vielen  Fällen  wird  es  der  Feldherr  für  zweckmäßig  erachten,  die  Hilfskräfte ­
  der  feindlichen  Armee,  welche  das  Kriegsleistungsgesetz  ihr  zur  Verfügung
stellt,  unschädlich  zu  machen,  eventuell  durch  Gefangennahme.  Wenn  eine
Armee  zurückmarschieren  muß,  wird  sie  vielleicht  in  einem
Weltkriege  nicht  nur  die  Eisenbahnlinien  zerstören,  sondern ­
  auch  die  Arbeitskräfte  mit  in  die  Gefangenschaft
schleppen,  welche  geeignet  wären,  diese  Linien  in  kurzer
Zeit  wieder  herzustellen.  Man  kann  diese  Konsequenzen  nicht  g  en  a  u
voraussehen,  daß  aber  die  Angliederung  von  Zivilpersonen  an  die  Armee  irgendwelche ­
  Folgen  zeitigen  wird,  kann  man  wohl  als  sicher  annehmen.  Man  wird
schließlich  so  weit  tommen,  Zivilarbeiter  als  eine  Art  Konterbande
zu  betrachten  ;  vor  allem  wird  man  die  in  Gefangenschaft  geratenen ­
  Zivilarbeiter  des  Feindes,  die  bereit  waren,  auf  Grund
        <pb n="113" />
        102

eines  'Kriegsleistungsgesetzes  für  ihn  zu  arbeiten,  für
sich  selbst  arbeiten  lassen.  Wenn  man  dadurch  die  eigene  Bevölkerung ­
  entlastet  und  dies  während  eines  Weltkrieges  in  großem  Maßstabe  tut,
könnte  eine  Umgestaltung  des  Arbeits  Verhältnisses  überhaupt ­
  die  Folge  sein.
Die  ganze  Struktur  des  Kriegsleistungsgesetzes  bringt  es  deutlich  zum  Ausdruck, ­
  wie  innig  im  Kriegsfall  das  Zusammenwirken  von  Militär-  und  Zivilverwaltung ­
  sich  gestalten  wird.  Die  Erfahrungen  aus  dem  Balkankriege  lassen
schließen,  daß  die  scharfen  Unterschiede  während  des  Krieges
selbst  vielfach  ganz  verwischt  werden  dürften.  Die  Armee
interessiert  sich  begreiflicherweise  heute  mehr  als  früher  für  Zivilangelegenheiten,
aber  gleichzeitig  sehen  wir  auch  eine  Zunahme  des  Interesses  für  militärische
Angelegenheiten  bei  der  Zivilbevölkerung.  Zwar  sind  auch  deutliche  antimilitärische ­
  Strömungen  vorhanden,  aber  es  ist  eine  historisch  mehrfach  beobachtete
Tatsache,  daß  Bewegung  und  Gegenbewegung,  Religiosität  und  Atheismus  usw.
gewissermaßen  einander  ergänzen.  Es  ist  z.  B.  bemerkenswert,  daß  das  interessante ­
  Buch  „Die  neue  Armee“,  worin  das  Milizsystem  auf  seine  Anwendbarkeit
in  Frankreich  untersucht  wird,  von  Jaurès  —  einem  Sozialisten  —  stammt.  Er
opponiert,  aber  seine  Opposition  legt  Zeugnis  davon  ab,  daß  der  Verfasser  sich
eingehend  mit  militärischen  Fragen  beschäftigt  hat.  Heute  nimmt  jedenfalls
unter  den  Politikern  aller  Parteien  die  Überzeugung  zu,  daß  man  der  Beschäftigung ­
  mit  militärischen  Problemen  nicht  aus  dem  Wege  gehen  kann.  Kurzum,
die  Notwendigkeit,  im  Kriegsfälle  die  gesamte  Bevölkerung  Zusammenwirken  zu
lassen,  dürfte  dazu  führen,  daß  die  Militär-  und  Zivilbevölkerung
sich  ein  immer  größeres  Gebiet  politischer  und  militärischer ­
  Einsicht  schafft,  das  Gemeingut  aller  wird.
Wir  sahen,  daß  die  auch  im  Kriegsleistungsgesetz  zum  Ausdruck  kommenden ­
  Tendenzen  unserer  Zeit  dahin  zielen,  das  öffentlich-rechtliche ­
  Verhältnis  in  ernsten  Zeiten  immer  häufiger  an  die
Stelle  des  privatrechtlichen  treten  zu  lassen.  Diese  Betonung  des
öffentlichen  Interesses  drängt  aber  von  vornherein  die  Wertschätzung  der
Geldwirtschaft  zurück,  da  diese  im  wesentlichen  ein  Produkt
unorganisierter,  individualistischer  Klassen  und  Zeitalter ­
  ist.  Die  patriarchalischen  Zustände,  die  Bedeutung  der  öffentlichen
Gewalten  für  Prcjduktion  und  Konsumtion,  wie  sie  in  früheren  Perioden
schon  vorkamen,  ist  der  Gegenwart  vertrauter  als  den  eben  verflossenen
Epochen.  Die  Gegenwart  beginnt  wieder  die  Zeit  vor  hundert  Jahren  zu
verstehen  ;  Vater  und  Sohn  sind  eben  häufig  einander  fremder  als  Großvater
und  Enkel.  Die  Bemühungen,  den  Staat  als  ein  Ganzes  aufzufassen,  sind  vor
hundert  Jahren  ähnlich  lebendig  gewesen,  wie  heute.  Damals  hat  ein  hervorragender ­
  Denker,  Adam  Müller,  zu  zeigen  gesucht,  daß  innerhalb  der  Geldordnung ­
  die  sozialere  Zeichengeldorganisation,  welche  die  unsozialere  Einrichtung ­
  des  vollwertigen  Metallgeldes  zurückzudrängen  bestimmt  war,  ein
Produkt  großer  Kriege  war.  „Wir  erinnern  uns  aus  der  Geschichte  eines
Zustandes  von  Europa,  wo  nur  der  bei  weitem  kleinere  Teil  alles  Verkehres
der  Menschen  untereinander  mit  barem  Gelde  betrieben  wurde.  Ich  möchte
sagen  :  in  allen  Verhältnissen  des  Lebens,  wo  die  Menschen  einander  unmittelbar ­
  berühren  und  erreichen  konnten,  da  waren  sie  einander  ohne  Dazwischenkunft
  des  entfremdenden  Metallgeldes  gewiß  ;  nur  für  Relationen  mit  ganz
fremden  Gegenden  und  Menschen  waren  die  spärlich  vorhandenen  Metalle
notwendig.  Man  erlaube  mir  zuförderst  diesen  Zustand  der  Dinge  natürlicher
zu  finden,  als  den  späteren.  Die  nächsten  Verhältnisse  des  Lebens  wurden
behandelt  wie  die  entferntesten,  weil  die  entferntesten  durch  die  Beweglichkeit
und  Allgemeingültigkeit  der  Metalle  zu  nahe  gerückt  wurden.  Die  notwendige
Folge  war  einerseits  ein  flaches  weltbürgerliches  Interesse  an  der  Menschheit
im  ganzen,  d.  h.  inwiefern  diese  empfänglich  war  für  den  Reiz  der  edlen
Metalle,  und  andererseits  eine  völlige  Entfremdung  von  den  näheren,  gründlicheren, ­
  vaterländischen  Angelegenheiten.“  Und  Müller  weist  darauf  hin,
daß  der  Übergang  von  der  metallistischen  Geldordnung  zum  Papiergeld  Kriege
nötig  hatte:  „Die  Rückkehr  der  Menschen  von  dem  Zustande  metallischer
        <pb n="114" />
        103

Erstarrung,  in  den  durch  lange  Gewohnheit  zuletzt  alle  ihre  gesellschaftlichen
Verhältnisse  übergegangen  waren,  mußte  mit  ungeheuren  Revolutionen  verknüpft ­
  sein,  ln  langwierigen  Kriegen  mußten  die  vernachlässigten  Heiligtümer ­
  der  Menschheit,  Recht,  Sitte,  Freiheit,  wieder  erworben  werden.  Diese
Revolutionen  und  Kriege  mußten  die  Emanzipation  von  Amerika,  d.  h.  eine
Unterbrechung  der  Metallflut  von  Westen  nach  Osten,  herbeiführen.“  Ohne
eine  Prophezeiung  wagen  zu  wollen,  möchte  ich  betonen  :  Manche  Anzeichen ­
  sprechen  dafür,  daß  ein  Weltkrieg  die  Geld-  und
Kreditordnung  in  ihrer  heutigen  Form  wohl  wesentlich
verändern  dürfte,  und  zwar  in  der  Richtung  auf  die  staatlich ­
  kontrollierte  Großnaturalwirtschaft  hin.

9.  Sicherung  des  Realienbedarfs  für  den  Kriegsfall.®
Bisher  haben  wir  eigentlich  nur  die  Organisationsform  als  solche  besprochen ­
  und  zu  zeigen  versucht,  wie  mit  Hilfe  der  Geld-  oder  Naturalwirtschaft ­
  die  vorhandenen  Realienbestände  der  Armee  oder  der  Bevölkerung
zur  Verfügung  gestellt  werden  können.  Nun  müssen  wir  auch  die  Frage  berühren, ­
  wie  denn  dafür  Sorge  getragen  werden  kann,  daß  überhaupt  die
nötigen  Realien  vorhanden  sind.  Was  hilft  die  schönste  Organisation,  was
hilft  das  weitestgehende  Recht,  die  Realien  zu  beschaffen,  wenn  sie  nicht  in
genügender  Menge  vorhanden  sind  !
Die  kriegerische  Stimmung  der  letzten  Jahre  hat  alle  Staaten  dazu  veranlaßt, ­
  mehr  oder  weniger  ausreichende  Berechnungen  darüber  anzustellen,  w  i  e
weit  jedes  Land  im  Kriegsfall  imstande  sein  könnte,  die
erforderlichen  Güter  zu  produzieren  oder  zu  beschaffen.
Es  genügt  aber  nicht,  die  Berechnung  für  das  eigene  Land  anzustellen,  man
muß  auch  alle  jene  Länder  mit  ins  Kalkül  ziehen,  von  denen  wir  im  Kriegsfall ­
  Realien  zu  erwarten  haben,  oder  denen  wir  Realien  liefern
müssen.  Was  hilft  es  z.  B.  den  Engländern,  wenn  sie  in  einem  Krieg  gegen
Deutschland  für  sich  genug  Getreide  beschafft  haben,  aber  die  mit  ihnen
verbündeten  Franzosen  im  Vorrücken  gehemmt  sind,  weil  sie  an  Getreide
Mangel  leiden.  Die  Engländer  müßten  daher  den  Franzosen,  um  die  Erreichung ­
  des  Kriegszieles  zu  ermöglichen,  einen  Teil  ihres  Getreides  abgeben,
wodurch  ihr  ganzer  Verpflegsplan  für  die  Zivil-  und  Militärbevölkerung  in
Unordnung  geraten  kann.  Es  dürfte  sich  daher  empfehlen,  alle  derartigen
Pläne  auf  die  verschiedenen  Bündnisfälle  zu  beziehen.  Es  finden  ja  gelegentlich
über  derartige  Punkte  diplomatische  Verständigungen  zwischen  verbündeten
Staaten  wohl  statt,  doch  scheinen  sie  über  gelegentliche  Erörterungen  noch
nicht  hinauszugehen.
Es  genügt  auch  nicht,  etwa  die  Realien  als  solche  ins  Auge  zu  fassen,
man  muß  auch  auf  die  Transportmittel  und  Magazine  bei  diesen
Berechnungen  Rücksicht  nehmen,  insbesondere  dann,  wenn  man  feststellen  will,
innerhalb  welcher  Zeit  z.  B.  eine  bestimmte  Menge  von  Nahrungsmitteln  an
die  Konsumorte  gebracht  werden  kann.  Man  muß  z.  B.,  wenn  man  Rumänien
als  Getreideland  des  Dreibundes  betrachtet,  die  Molos  in  Rechnung  stellen,
welche  etwa  in  Deutschland  zur  Entladung  von  Getreideschiffen  längs  der
Donau  zur  Verfügung  stehen.
Die  Berechnungen  über  die  Möglichkeit,  einen  Staat  oder  einen  Staatenbund
  während  eines  Krieges  mit  Realien,  insbesondere  mit  Nahrungsmitteln
zu  versorgen,  sind  weit  schwieriger  anzustellen,  als  man  auf  den  ersten  Blick
meinen  sollte.  Auf  ein  und  die  andere  Schwierigkeit  werde  ich  noch  Hinweisen. ­
  Vorweg  sei  festgestellt,  daß  die  Ergebnisse  wede!r
für  Deutschland,  noch  für  Österreich-Ungarn  sehr  günstig
zu  sein  scheinen.  Für  Deutschland,  im  Falle  eines  Krieges,
ist  Ballod  bei  seinen  Betrachtungen  zu  recht  unerfreulichen  Resultaten ­
  gekommen.  Wie  weit  sich  Deutschland  in  günstigen  Jahren  auf  Österreich-Ungarns ­
  Hilfe  verlassen  kann,  müßte  noch  genau  festgestellt  werden.
Man  kann  die  normale  Realienverwertung  nicht  ohne  weiters  in  Rechnung
        <pb n="115" />
        104

stellen,  sondern  muß  darauf  Rücksicht  nehmen,  daß  viele  Rohstoffe
im  Kriegsfall  anders  als  in  Friedenszeiten  verw  en  d  e  t  werden ­
  können.  Die  Kartoffeln,  welche  sonst  zur  Schnapsbereitung  dienen,
dürfte  man  in  Kriegszeiten,  wenn  Nahrungsmangel  herrscht,  direkt  konsumieren. ­
  Man  müßte  systematisch  festzustellen  trachten,  welche  Rohstoffe
irgendwie  für  Nahrungszwecke  überhaupt  Verwendung  finden  können.  Abgesehen ­
  davon,  daß  die  übliche  Produktion  durch  eine  andere  ersetzt  werden
kann,  muß  man  auch  die  Einführung  von  Surrogaten  aller  Art
in  Erwägung  ziehen.  Es  kann  die  Ernährung  im  Kriegsfall  wesentliche  Modifikationen ­
  erleiden.  Schließlich  muß  man  mit  dem  Verbrauch  von  Reserven
rechnen,  wie  sie  insbesondere  im  Vieh  gegeben  erscheinen.  Während  des  Balkankrieges ­
  z.  B.  lebten  die  Balkanstaaten  zum  Teil  von  dem  Fleisch,  das  durch
vermehrte  Schlachtungen  gewonnen  wurde.  Die  Schlachtungen  nahmen  dort
deshalb  sehr  zu,  weil  die  Soldaten  im  Frieden  seltener  Fleisch  essen,  als
dies  während  des  Feldzuges  der  Fall  war.
Schließlich  muß  noch  die  Frage  erörtert  werden,  in  welcher  Weise  denn
überhaupt  die  Produktion  während  eines  Weltkrieges  fortgeführt  werden  kann.
Während  man  bis  vor  kurzem  der  Meinung  war,  ein  Zukunftskrieg  werde
rasch  zu  Ende  sein,  beginnt  sich  jetzt  wieder  die  Anschauung  zu  festigen,
daß  ein  Weltkrieg  von  längerer  Dauer  nicht  etwas  Unmög-1
  ich  es  sei,  zumal  man  ja  nicht  mit  einer  kontinuierlichen  Kriegsführung
rechnen  dürfe.  Pausen  während  des  Krieges,  die  dennoch  keine  Rückkehr
zur  Friedensarbeit  gestatten,  müßten  mit  in  Rechnung  gezogen  werden.  In
diesem  Fall  kommen  alle  Produktionsreserven  in  Frage,  die  wir  in  Form
von  Naturschätzen,  Erfindungen  usw.  besitzen.  Vergessen  wir  nicht,  daß  dann
viele  extensiv  bebaute  Bodenflächen  vielleicht  einer  intensiven  Bearbeitung  zugeführt ­
  werden  könnten.  Almen,  die  heute  verlassen  werden,  um  Jagdzwecken
zu  dienen,  werden  während  eines  Weltkrieges  vielleicht  wieder  Vieh  ernähren.
Und  sollte  die  Almwirtschaft  nicht  rentabel  sein,  so  kann  sie  die  Regierung
wohl  trotzdem  erzwingen,  um  die  Armee  und  die  Zivilbevölkerung  entsprechend
zu  versorgen.  Wir  können  mit  einer  Erweiterung  des  Gemüseanbaues,  mit
einer  Entwicklung  der  Konservenindustrie  rechnen.  Die  Arbeitskräfte,  die  in
den  Luxusindustrien  tätig  sind,  werden  vielleicht  —  soweit  sie  nicht  einberufen ­
  werden  —  in  der  Lebensmittelindustrie  Verwendung  finden.  Es  sind
dies  alles  Fragen,  die  einer  eindringenden  Bearbeitung  harren.  Vergessen
wir  nicht,  daß  wir  bis  jetzt  nur  eine  unzureichende  Produktionsstatistik  besitzen,
und  daß  es  großer  Mühe  bedarf,  um  dieselbe  auch  nur  in  grober  Annäherung
für  den  Kriegsfall  umzurechnen.
Praktische  Fragen  dringendster  Art  treten  an  die  Zivil-  und  Militärverwaltung ­
  heran  ;  an  erster  Stelle  steht  die  Versorgung  der  Bevölkerung ­
  mit  Nahrungsmitteln  und  Kohlen.  Insbesondere  muß  die
Frage  historisch  und  systematisch  studiert  werden,  wie  die  Großstädte  entsprechend ­
  versorgt  werden  können.  Im  allgemeinen  werden  diese  Studien
immer  von  Fall  zu  Fall  angestellt,  ohne  daß  ausreichende  Vorarbeiten  vorliegen ­
  würden;  fehlen  doch  bis  jetzt  geeignete  kriegswirtschaftliche ­
  Institute.  Wenn  die  Verpflegung  der  Großstädte  in  Betracht ­
  gezogen  wird,  muß  man  einerseits  die  Möglichkeit  der  Zufuhr,  anderseits ­
  die  Möglichkeit  der  Magazinierung  erwägen.  Es  ergibt  sich  so  die  Notwendigkeit, ­
  einen  allgemeinen  Mobilisierungsplan  auszuarbeiten, ­
  der  nicht  nur  die  Armee  umfaßt,  sondern  auf  die
gesamte  soziale  Struktur  und  auch  auf  die  verbündeten
Staaten  Rücksicht  nimmt.  Wie  wichtig  für  den  militärischen  Widerstand ­
  entsprechende  Vorsorgen  sein  kölpnen'  beweist  eine  Erfahrung  aus
dem  russisch-japanischen  Kriege.  Rußland  hatte  bereits  im  Jahre  1904  einen
zweijährigen  Lebensmittelvorrat  auf  der  Insel  Sachalin  angehäuft.  Der  Vorrat
reichte  für  die  Zivil-  und  Militärbevölkerung  aus.  Hätte  er  z.  B.  nur  für  die
Militärbevölkerung  allein  ausgereicht,  so  würde  die  Insel  bald  dem  Feinde
in  die  Hände  gefallen  sein.  Dies  alles  läßt  die  Forderung  gerechtfertigt
erscheinen,  die  insbesondere  in  Deutschland  von  Kriegswirtschaftlern  vertreten
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        wird,  daß  gemischte  Kommissionen,  bestehend  aus  Zivil-  und  Militärpersonen,
ständig  die  Gesamtmobilisierungsvorkehrungen  beraten  und  ergänzen.
Im  Weltkriege  der  Zukunft  dürfte  insbesondere  die  Getreideversorgung ­
  eine  große  Rolle  spielen  und  daher  auch  das  Vorhandensein  von
Magazinen.  Wir  sehen  deutlich  im  modernen  Staat  wieder  das  Bestreben
auftauchen,  die  Getreideversorgung  der  staatlichen  Kontrolle
zu  unterstellen  oder  sogar  dem  Staate  direkt  zu  übertragen. ­
  Zu  Ende  des  19.  Jahrhunderts  haben  derartige  Anträge  die  Agrarier
Deutschlands  und  die  Sozialisten  Frankreichs  gestellt,  augenblicklich  denkt  man
in  Rußland  eifrig  über  diese  Frage  nach.  Die  Entwicklung  des  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaftswesens  (dürfte  mit  dazu  beitragen,  die  Schaffung  von
Magazinsystemen,  die  ganze  Reiche  umspannen,  zu  beschleunigen.  Wir  sehen
die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften  heute  in  der  ganzen  Monarchie  in
reger  Tätigkeit  begriffen,  sie  erleichtern  dem  Bauer  durch  Verkaufsgelegenheiten ­
  den  Absatz  seiner  Waren  und  können  durch  Schaffung  geeigneter  Lagerhäuser ­
  auch  der  Heeresverwaltung  von  großem  Vorteil  sein.  In  Serbien
scheint  das  Vorhandensein  von  Dorfspeichern  der  Armee  willkommen  gewesen
zu  sein,  auch  sollen  die  Genossenschaften  sich  in  mancher  Richtung  bewährt
haben.
In  welcher  Weise  könnte  die  Heeresverwaltung  diese  Entwicklung  des
Genossenschafts-  und  Lagerhauswesens  für  sich  ausnützen?  Die  Heeresverwaltung ­
  ist  an  zwei  Dingen  vor  allem  interessiert,  an  der  Lage,  eventuell  auch
an  der  Ausführung  des  Magazins  und  an  dem  Vorhandensein  von  Mindestvorräten. ­
  Bis  jetzt  sind  nur  einzelne  Fälle  vorgekommen,  daß  die  Armeeverwaltung ­
  mit  Genossenschaften  Lieferungsverträge  abgeschlossen  hat,  in  denen
z.  B.  ausdrücklich  bezüglich  des  von  der  Genossenschaft  zu  errichtenden
Lagerhauses  eine  Minimaldistanz  von  dem  Verpflegsmagazin  angegeben  erscheint. ­
  Es  wäre  sehr  gut  denkbar,  daß  die  Armeeverwaltung  prinzipiell  mit
allen  neu  zu  gründenden  Lagerhäusern  Verträge  abschließt,  durch  welche
bestimmt  wird,  wo  und  in  welcher  Weise  die  Magazine  anzulegen  sind,  aus
denen  die  Armeeverwaltung  Lieferungen  bezieht.
Für  einen  garantierten  Mindestvorrat  könnte  die  Armeeverwaltung  z.  B.
eine  bestimmte  Verzinsung  Zusagen.  Es  ist  hier  nicht  der  Platz,  auf  einzelne
Schwierigkeiten  einzugehen,  die  sich  insbesondere  aus  den  verschiedenen  Bedingungen ­
  ergeben,  unter  denen  die  gemeinsame  Intendanz  und  unter  welchen
die  beiden  Landwehrintendanzen  arbeiten.  Bis  jetzt  fehlt  jedenfalls  eine  systematische ­
  Überprüfung  der  Frage,  wie  sich  eine  Subventionierung  bestimmter
Lagerhaustypen,  nach  Analogie  der  Subventionierung  von  Motorfahrzeugen,
bewähren  würde.  Ein  Budgetposten  dieser  Art  könnte  leicht  von  den  Delegationen ­
  und  den  Parlamenten  bewilligt  werden,  weil  er  indirekt  eine  Förderung ­
  des  Genossenschaftswesens  bedeutet.  Freilich  müßte  dann  für  eine
Kontrolle  der  Genossenschaften,  welche  für  die  Armee  liefern,  durch  Regierungs- ­
  oder  Armeekommissäre  Sorge  getragen  werden.  Aber  das  sind  Einzelheiten, ­
  die  hier  nicht  näher  erörtert  werden  können.
Es  handelt  sich  dabei  um  Maßnahmen,  welche  nicht  beliebig  aufgeschoben
werden  können.  Es  besteht  ja  gar  keine  Garantie,  daß  die  heute  zufällig  entstehenden ­
  Lagerhäuser  sich  schließlich  zu  einem  für  Kriegszwecke  brauchbaren ­
  System  werden  ergänzen  lassen.  Später  ist  eine  Verbesserung  schwer
und  nur  mit  großen  Kosten  möglich,  während  bei  Neugründungen  Eingriffe
leicht  möglich  sind.  Aber  die  Heeresverwaltung  kann  durch  Förderung  der
Genossenschaftslagerhäuser  nicht  nur  dafür  Sorge  tragen,  daß  das  vorhandene
Getreide  unmittelbar  zu  ihrer  Verfügung  steht,  sie  kann  dadurch  geradezu
zur  Vermehrung  der  Produktion  beitragen,  das  heißt,  die  Schlagkraft  des
Landes  mächtig  heben.  Sind  Lagerhäuser  vorhanden,  so  kann  der  Bauer
unter  weit  ungünstigeren  Umständen  als  sonst  verkaufen.
Freilich  kommen  bei  der  Schaffung  eines  Lagerhaussystems  auch  rein
militärische  Punkte  in  Frage.  Nehmen  wir  z.  B.  Ostgalizien  an.  Wir  sehen,
daß  nur  Westgalizien  durch  Krakau,  Jaroslau,  Przemysl
vollwertig  gedeckt  erscheint,  die  weniger  bedeutenden  Befestigungen,
welche  weiter  nach  Osten  vorgeschoben  sind,  beschränken  sich  im  allgemeinen
        <pb n="117" />
        106

auf  die  Dnjesterlinie  und  auf  einige  Punkte  nördlich  von  Lemberg.  Der
äußerste  Osten  ist  so  gut  wie  unbefestigt.  Es  fragt  sich  nun,  ob  es  zweckmäßig ­
  ist,  auch  in  jenen  Gebieten,  die  dem  Gegner  leichter  zugänglich  sind,
Magazine  zu  errichten  und  anzufüllen.  Andererseits  wieder  würde  die  Entblößung ­
  bestimmter  Gebiete  von  Magazinen  den  Gegner  über  den  Kriegsplan
unterrichten,  sowie  die  Bevölkerung  empfindlich  beunruhigen.  Es  hat  z.  B.
1912  und  1913  sehr  deprimierend  gewirkt,  daß  manche  Ämter  und  Banken
Wertgegenstände  und  Akten  nach  dem  Westen  abtransportierten,  und  es  gibt
manche,  die  im  Interesse  des  Prestiges  dafür  sind,  solche  Objekte  aufzuopfern. ­
  Es  wäre  denkbar,  daß  man  auch  dort,  wo  ein  Einfall  des  Gegners
leichter  möglich  ist,  Magazine  anlegt  und  füllt,  um  sie  gegebenenfalls  in  die
Luft  zu  sprengen  ;  es  ist  ein  militärpolitisches  Problem,  ob
man  für  das  Prestige  so  große  Opfer  bringen  will.  Ich  habe
auf  diese  sehr  verwickelten  Fragen  hingewiesen,  um  zu  zeigen,  welche  Momente
bei  den  oben  berührten  Berechnungen  mit  zu  berücksichtigen  sind,  wenn  sie
wirklich  praktische  Bedeutung  erlangen  sollen.
Das  hier  skizzierte  Magazin  system  hat  aber  nicht  nur
militärische  Bedeutung,  sondern  vor  allem  auch  allgemeine. ­
  Es  würde  dazu  beitragen,  die  Preise  der  Lebensmittel  stärker,  als
dies  heute  möglich  ist,  zu  regeln.  Dies  wäre  insbesondere  dann  der  Fall,
v/enn,  wie  dies  Graf  Kanitz  im  Deutschen  Reichstage  verlangt  hat,  der  Staat
den  Getreideimport  in  die  Hand  nimmt.  Es  sei  übrigens  ausdrücklich  hervorgehoben, ­
  daß  Graf  Kanitz  in  der  Begründung  seines  Vorschlages  auch  die
militärische  Wichtigkeit  desselben  hervorhob.  Daß  große  Unternehmungen ­
  dieser  Art  öffentlichen  Charakter  tragen,  ist
heute  nichts  Seltenes.  Wir  sehen  insbesondere  die  Gemeinden  immer
häufiger  Gaswerke,  Elektrizitätswerke  usw.,  aber  auch  Brauhäuser,  Hotels  übernehmen. ­
  In  Italien  wird  insbesondere  auch  die  Broterzeugung  kommunalisiert.
In  Österreich-Ungarn  weist  nur  Welschtirol  zahlreiche  Gemeindebäckereien  auf.
Es  handelt  sich  dabei  um  ältere  Rechte,  welche  sogar  die  Gewerbeordnung
überdauert  haben.  Die  Gemeinden  besitzen  häufig  das  Backmonopol,  gelegentlich ­
  auch  das  Fleischausschrotungsmonopol.  Diese  Zentralisation  des
Backbetriebes  wurde  in  jüngster  Zeit  dazu  ausgenützt,  in  den  Gegenden,  welche
besonders  stark  unter  der  Pellagra  leiden,  durch  Bereitung  guten  Brotes  die
Bevölkerung  hygienisch  zu  fördern.  Es  wurden  sogenannte  Pellagrabäckereien
geschaffen,  welche  das  alte  Monopolrecht  erwarben.  Diese  Bäckereien  —
eine  befindet  sich  z.  B.  in  Riva  —  sind  ganz  modern  eingerichtet  und  besitzen ­
  elektrischen  Betrieb.  Es  ist  eine  wichtige  Frage,  wie  weit  im  Zukunftskriege ­
  die  Zentralisation  der  Brotbereitung  eine  Rolle  spielen
wird.  Soweit  diese  großen  Bäckereien  an  wichtigen  Aufmarschstraßen  liegen,
können  sie  sicher  gute  Dienste  leisten,  zumal  sie  ihre  Leistungsfähigkeit  steigern ­
  können.  Aber  im  großen  und  ganzen  scheint  die  Tendenz  vorzuherrschen, ­
  im  Operationsraum  selbst  zu  backen  und  die  Bäckereien  möglichst  nahe
an  die  Truppe  selbst  heranzuschieben  —  erspart  man  doch  so  unter  anderem
den  Transport  der  im  Brot  enthaltenen  nicht  unerheblichen  Wassermassen.
Die  Serben  haben  während  des  Balkankrieges  in  Nisch  große  Bäckereien  errichtet ­
  gehabt  und  sollen  mit  dem  Nachschub  nicht  gerade  schlechte  Erfahrungen ­
  gemacht  haben,  solange  es  ihnen  überhaupt  gelang,  das  Brot  den
Truppen,  welche  im  Gebirge  manövrierten,  zukommen  zu  lassen.  Die  Neigung, ­
  das  Backen  möglichst  nahe  der  Front  vorzunehmen,  hat  ja  auch  dazu
geführt,  daß  die  Handbäckerei  im  militärischen  Friedensbetriebe  notwendigerweise ­
  eine  so  große  Rolle  spielen  muß,  trotz  seiner  erheblichen  Unappetitlichkeit
  und  geringeren  Leistungsfähigkeit.
Ebenso  wie  der  Staat  die  Lagerhäuser  für  den  Kriegsfall  durch  Subventionierung ­
  fördern  kann,  unterstützt  er  bereits  in  reger  Weise  auch  das  Transportwesen. ­
  Bisher  sind  es  vor  allem  Lastenautomobile,  die  dabei  in  Betracht
kommen.  Wir  können  uns  aber  sehr  wohl  denken,  daß  diese  Subventionierungspolitik ­
  viel  größere  Dimensionen  annehmen  und  sich  insbesondere  auch  auf  die
landesüblichen  Fuhrwerke  erstrecken  könnte,  auf  welche  die  moderne
Armee  heute  unter  allen  Umständen  angewiesen  ist.  Es  wäre  sehr  viel  erreicht,
        <pb n="118" />
        107

wenn  für  jedes  der  charakteristischen  Gebiete  bestimmte  Typen  als  militärisch
subventionierbar  erklärt  würden.  Man  könnte  dann,  ohne  den  Gebräuchen  der  einzelnen ­
  Teile  Österreich-Ungarns  zu  nahe  zu  treten,  was  einen  erheblichen  Widerstand ­
  der  Landbevölkerung  hervorrufen  würde,  erreichen,  daß  wenigstens  die  neu
zu  erbauenden  Wagen  innerhalb  der  landesüblichen  Form  bestimmte  Bedingungen ­
  erfüllen  könnten.  Es  käme  da  insbesondere  die  Dimensionierung  der
Ladefläche  in  Betracht.  Es  wäre  von  größtem  Vorteil  für  die  Armee,  wenn
diese  Fahrzeuge  solche  Ausmaße  hätten,  daß  man  die  Kisten,  welche  die  Armee
verwendet,  ohne  Schwierigkeit  'unterbringen  kann.  Eine  solche  Neuerung  würde
auch  dazu  führen,  daß  man  bei  der  Armee  die  Kistenformen  auf  einige  Einheitstypen ­
  reduzieren  könnte,  welche  untereinander  kommensurabel  sind,  etwa
in  der  Weise,  daß  die  größte  Kiste  das  Doppelte,  Dreifache  oder  Vierfache
der  kleinsten  darstellt.  Wir  sehen  heute  eine  solche  Tendenz  zur  Vereinheitlichung ­
  auf  dem  Gebiete  der  Reisekoffer,  die  —  um  im  Eisenbahnwaggon ­
  zugelassen  zu  werden  —  eine  bestimmte  Größe  nicht  überschreiten
dürfen.  Auch  auf  dem  Gebiete  der  Papierformate  ist  eine  solche  Bewegung
miodern.  Daß  aber  die  Vereinheitlichung  der  Wagentypen  bei  den
landesüblichen  Fuhrwerken,  soweit  die  Ladefläche  in  Frage  kommt,  keine  reine
Utopie  ist,  beweisen  die  Erfahrungen,  welche  man  mit  dieser  Institution  im
fernen  Osten  gemacht  hat.  Der  Geograph  Richthofen  erzählt:  „Man  fährt
in  zweirädrigen  Karren,  die  von  zwei  Maultieren,  eines  vor  das  andere  gespannt, ­
  gezogen  werden.  Die  Karren  sind  in  ganz  China  gleich  und  von  denselben ­
  Abmessungen.  Dies  ist  bequem.  Ich  habe  mir  eine  Anzahl  Gepäckstücke
machen  lassen,  die  nach  dem  Zoll  bemessen  sind  und  auf  jedem  neuen  Karren
genau  ihren  Platz  ausfüllen.‘‘  Daß  die  Armee  solche  Einrichtungen  zu  verwenden ­
  wüßte,  kann  man  aus  einem  sehr  lesenswerten  Werke  des  Feldmarschallleutnants ­
  V.  Meixner  entnehmen.  Es  heißt  dort  von  den  Japanern  während
des  russisch-japanischen  Krieges  :  „Der  Armeetrain  umfaßte  lediglich  die  aus
einspännigen  Einheitskarren  formierten  Divisionstrains.  Die  einheitliche  Wagentype ­
  gab  der  Trainorganisation  den  Charakter  großer  Einfachheit  und  gestattete ­
  eine  vielseitige  Verwendung  der  Fuhrwerke.  So  kam  es  vor,  daß
Karren  der  Munitionskolonne  Reissäcke  führten.  Meldete  dann  der  Geschützdonner ­
  die  Einleitung  eines  Gefechtes,  so  wurde  der  Reis  abgeworfen,  um
die  vorübergehend  deponierte  Munition  abzuholen.  Munition  und  Konserven
wurden  in  Kisten  zu  40  bis  50  kg,  Reis,  Gerste  und  Hafer  in  Strohmattenpaketen ­
  zu  15  kg  versendet  und  äußerlich  durch  die  verschiedene  Farbe  der
Schnürung  kenntlich  gemacht.  Die  kleinen  Einheitspakete  erleichterten  die
Beladung  der  Karren,  da  der  Trainsoldat  imstande  war,  seinen  Karren  allein
zu  beladen,  und  da  ferner  die  Länge  des  Einheitssattels  der  Tragtiere  der
Breite  der  Ladefläche  des  Einheitskarrens  entsprach,  konnte  schon  bei  deren
Beladung  der  Zusammenstellung  von  Tragtierladungen  Rechnung  getragen
werden.“
Ich  habe  dieses  eine  Moment  herausgegriffen,  um  zu  zeigen,  welche
Ausdehnung  die  Eingriffe  der  Militärverwaltung  in  die  Technik  des  Verkehrswesen ­
  nehmen  können.  Es  ist  durchaus  denkbar,  daß  im
Interesse  der  militärischen  Rüstungen  das  gesamte  soziale ­
  Leben  an  manchen  Stellen  rationeller  als  bisher,  auch
im  Hinblick  auf  den  Friedenserfolg,  ausgestattet  werden
kann.  Das  Militärwesen  ist  an  sich  überaus  rationalistisch ­
  organisiert  und  kann,  da  es  die  Gesamtheit  durchdringt, ­
  Rationalismus  verbreiten  helfen.  Freilich  darf
man  wieder  nicht  übersehen,  daß  die  Tradition  und  der
antirationalistische  Geist  auch  viel  Lebensförderndes  in
sich  enthalten  und  daß  der  rasche  Wechsel,  der  oft  die  Folge
rationalistischen  Vorgehens  ist,  das  durch  die  Überlieferung ­
  wenig  gehemmt  wird,  bedenkliche  Folgen  nach  sich
ziehen  kann.  Es  würde  besonderer  soziologischer  Betrachtungen  bedürfen,
um  die  rationalisierende  Rolle  des  Militärwesens  für  das  gesamte  soziale
Leben  richtig  zu  würdigen.
        <pb n="119" />
        108

Aber  die  Fürsorge  für  die  Realien  kann  sich  nicht  allein  darauf  beschränken, ­
  die  innerhalb  des  Landes  erlangbaren  Quanten  zu  berücksichtigen.
Man  muß  auch  mit  dem  Import  rechnen.  Insbesondere  Lebensmittel,  Kvie
Fleisch,  wird  man  in  Kriegszeiten  in  Österreich-Ungarn  gerne  zu  importieren
suchen.  Auch  was  die  Frage  des  Importes  anlangt,  hat  man  mit  schwierigen
Problemen  verschiedenster  Art  zu  kämpfen.  So  wird  von  manchen  Seiten
nicht  mit  Unrecht  darauf  hingewiesen,  daß  man  nur  dann  im  Kriegsfälle  mit
Fleischimport  rechnen  kann,  wenn  er  bereits  in  Friedenszeiten  organisiert  ist,
da  die  Bereitstellung  geeigneter  Schiffe,  die  Organisation  des  Fleischverkehres
immerhin  erhebliche  Zeit  in  Anspruch  nimmt,  vor  allem  müssen  immer  erst
Erfahrungen  gesammelt  werden.  Dagegen  wird  von  der  anderen  Seite  erwidert, ­
  daß  die  Organisation  der  Fleischeinfuhr  in  Friedenszeiten  den  einheimischen ­
  Fleischproduzenten  eine  derartige  Konkurrenz  mache,  daß  die  inländische ­
  Produktion  darunter  schwer  leiden  würde.  Man  würde  den  Import
ermöglichen,  aber  nur  auf  Kosten  der  eigenen  Erzeugung.  Dies  sei  aber  insbesondere ­
  deshalb  sehr  gefährlich,  weil  in  einem  größeren  Kriege  das  Adriatische ­
  Meer  wohl  gesperrt  werden  dürfte.
Selbstverständlich  bringt  ein  großer  Krieg  Ausfuhrverbote  aller
Art,  sowohl  was  Kriegsmaterial,  als  auch  was  Lebensmittel  anbelangt.  Auch
im  Vorbereitungsstadium  sind  Pferdeausfuhrverbote  nichts  Seltenes.  Von  manchen ­
  Seiten  wird  gewünscht,  daß  man  diese  Ausfuhrverbote  möglichst  weit
ausdehnt  und  auch  Glasflaschen,  Tuchsorten  usw.  darunter  begreift,  wogegen
von  anderer  Seite  eingewendet  wird,  daß  dies  Artikel  seien,  welche  auf  dem
internationalen  Markte,  solange  kein  Weltkrieg  ausgebrochen  ist,  leicht  beschafft ­
  werden  könnten,  so  daß  das  Resultat  weitgehender  Ausfuhrverbote  nur
das  wäre,  daß  die  Kaufleute  dritter  Staaten  statt  jener  des  eigenen  Vorteile ­
  hätten.  Manche  sind  daher  der  Meinung,  man  solle  Ausfuhrverbote  im
allgemeinen  auf  Artikel  beschränken,  die  man  selber  benötige,  oder  die  der
Staat,  den  man  zu  hemmen  sucht,  sich  anderswo  gar  nicht  oder  nur  sehr  schwer
beschaffen  kann.
Das  Problem  des  Imports  führt  uns  zu  der  Frage,  in  welchem  Ausmaße
man  im  Kriegsfälle  auf  die  Neutralität  mancher  Einfuhrwege  rechnen  kann,
wie  sehr  man  durch  die  internationalen  Abmachungen  gedeckt  ist.  Die  Erfahrungen ­
  aus  der  Vergangenheit  sprechen  dafür,  daß  in
einem  Weltkrieg  das  Völkerrecht  nicht  allzusehr  beachtet
werden  dürfte.  In  den  militärischen  Kreisen  aller  Staaten  bringt  man
ihm  verhältnismäßig  wenig  Ehrfurcht  entgegen  ;  gerade  auf  die  Stimmung
militärischer  Kreise  kommt  es  aber  im  Kriegsfälle  wesentlich  an,  da  der  Wille
der  kommandierenden  Feldherren  begreiflicherweise  dann  weit  mehr  in  die
Wagschale  fällt  als  in  Friedenszeiten.  Wenn  man  daher  die  Bedarfsdeckung ­
  für  den  Kriegsfall  ins  Auge  faßt,  muß  man  immer
auch  den  Fall  berücksichtigen,  daß  der  Staatenbund,  dem
man  angehört,  im  Kriegsfall  auf  sich  selbst  gestellt  sein
kann.
Bekanntlich  ist  das  Prinzip,  daß  das  Privateigentum  zur  See  zu  respektieren ­
  sei,  noch  immer  nicht  durchgedrungen  —  aber  auch  wenn  es  durchgedrungen ­
  wäre,  müßte  man  vorsichtigerweise  mit  seiner  Verletzung  rechnen.
Im  Jahre  1866  wurde  das  Privateigentum  zur  See  von  Deutschland,  Italien
und  Österreich-Ungarn  respektiert.  1871  haben  die  Franzosen  das  Privateigentum ­
  zur  See  nicht  respektiert,  weshalb  es  dann  auch  die  Deutschen  nicht
respektierten.  Aber  selbst  wenn  genaue  Bestimmungen  über  die  Respektierung ­
  neutralen  Privateigentums  bestehen,  das  nicht  absolute  Konterbande  ist,
hat  der  feindliche  Admiral  noch  immer  die  Möglichkeit,  daß  er  gegen  die
Bestimmungen  des  Völkerrechts  die  Schiffe  wegnimmt  und  sie  daheim  abliefert. ­
  Die  Regierung  zahlt  dann  eventuell  später  eine  Entschädigungssumme.
Für  den  Augenblick  ist  aber  der  eine  kriegführende  Staat  um  eine  Sendung
Lebensmittel  gekommen.  Der  Schaden,  den  er  dadurch  vielleicht  in  seinen
militärischen  Operationen  erleidet,  wird  durch  eine  Qeldentschädigung,  die
später  einmal  ausgezahlt  wird,  nicht  wettgemacht.  Kurzum,  man  muß  allen
internationalen  Vereinbarungen  heute  noch  mit  größtem  Mißtrauen  gegenüber-
        <pb n="120" />
        109

stehen.  Am  genauesten  werden  sie  dann  eingehalten,  wenn  dritte  Mächte
daran  interessiert  sind.  Wenn  aber  keine  Macht  den  Exekutor  spielen  will,
können  die  offensichtlichsten  Verstöße  gegen  das  Völkerrecht  ungestraft  Vorkommen. ­
  Dafür  liefert  der  Balkankrieg  mehr  als  ein  Beispiel.  Daß  die
Großmächte  in  der  Lage  gewesen  wären,  gegenüber  den  kleinen  Balkanstaaten
das  Völkerrecht  durchzusetzen,  unterliegt  wohl  keinem  Zweifel,  es  fehlte  aber
der  Wille  dazu.  Um  wie  viel  mehr  muß  man  mit  Verletzungen
des  Völkerrechts  in  einem  Weltkrieg  rechnen,  der  keine  starken
Neutralen  kennt,  und  wo  alles  dazu  drängt,  das  Völkerrecht  auf  Schritt  und
Tritt  zu  verletzen.
Aber  nicht  nur  die  Zufuhr  zur  See  ist  durch  internationale  Abmachungen
unzureichend  gesichert,  auch  die  Neutralität  einzelner  Staaten  ist  nicht
so  unbedingt  gesichert,  wie  vielfach  geglaubt  wird.  Es
wurden  vor  einigen  Jahren,  wie  von  schweizerischer  Seite  behauptet  wurde,
in  Frankreich  Pläne  ausgearbeitet,  welche  dahin  abzielten,  Deutschland  nach
einem  Durchmärsche  durch  das  Juravorland  in  die  Flanke  zu  fallen.  In  der
Schweiz  selbst  kam  es  damals  zu  einer  erregten  Debatte  darüber,  ob  man  in
einem  solchen  Falle  das  Juravorland  aufgeben  solle,  um  die  Höhen  zu  verteidigen, ­
  oder  ob  man  dem  Feinde  am  Fuße  des  Gebirges  entgegentretert
könne.  Ähnliches  ist  ja  auch  aus  anderen  Gebieten  bekannt.  Wir  wissen,
daß  man  in  Deutschland  und  England  immer  auf  Holland  acht  hat  und  ein
Staat  den  anderen  verdächtigt,  er  wolle  die  Neutralität  dieses  Gebietes  im
Kriegsfälle  nicht  respektieren.

10.  Rückwirkungen  des  Kriegs  und  der  Rüstungen
auf  Geld  und  Kredit.
Nachdem  wir  in  den  bisherigen  Abschnitten  in  großen  Umrissen  festzustellen ­
  versuchten,  wie  organisatorisch  und  effektiv  für  den  Bedarf  der  Armee
und  der  Zivilbevölkerung  gesorgt  werden  kann,  sollen  nun  die  Rückwirkungen
des  Krieges  auf  die  Geld-  und  Kreditwirtschaft  flüchtig  skizziert  werden.
Als  erste  charakteristische  Wirkung  kriegerischer  Verwicklungen  macht  sich
die  Kündigung  der  Kredite  seitens  des  Auslandes  bemerkbar.  Wie  ich  schon
oben  erwähnt  habe,  kann  man  von  einer  Solidarität  der  Geld-  und  Kreditmärkte ­
  nicht  ohne  weiteres  sprechen  und  muß  sich  davor  hüten,  sie  wie  frei
kommunizierende  Gefäße  aufzufassen,  die  nach  einigen  Schwankungen  eine
gleiche  Diskonthöhe  aufweisen.  Gerade  in  kritischen  Zeiten  kann  die  Isolierung
der  Geldmärkte  eine  recht  erhebliche  sein.  Ich  erinnere  nur  an  die  bereits
angeführten  Kündigungen  der  Wechselpensionen  seitens  der  Franzosen  während
der  Marokkokrise  in  Deutschland  und  Österreich-Ungarn.  Die  Zurückziehung
dieser  internationalen  kurzfristigen  Kredite  erfolgte  sehr  plötzlich  und  löste
unangenehme  Nebenwirkungen  in  den  beiden  Staaten  aus.
Aber  nicht  nur  das  Ausland  kündigt  Kredite,  weil  es  Mißtrauen  hat
oder  politisch  verstimmt  ist,  auch  die  Inländer  sind  vielfach  in  Sorge.  Selbst
wenn  sie  dem  eigenen  Staate  ganz  wohlgesinnt  sind,  wollen  sie  doch  vor
allen  Eventualitäten  sichergestellt  sein  und  legen  ihre  Gelder  vielleicht  in  der
Schweiz  an.  Während  der  Balkankrise  nähmen  die  Depositen  der  Schweizer
Banken  rasch  zu.  Aus  Gesprächen  mit  Personen,  die  ihre  Gelder  ins  Ausland
bringen  wollten,  konnte  man  entnehmen,  daß  es  sich  dabei  oft  um  recht
B hantastische  Vorstellungen  von  den  Wirkungen  eines  Weltkrieges  auf  Österreich-Ungarn
  handelte.  Daß  freilich  durch  einen  Krieg  die  Gelder  gefährdet  werden ­
  können,  ist  nicht  zu  leugnen,  aber  daß  die  Zurückziehung  größerer  Guthaben ­
  und  ihre  Dislozierung  im  Auslande  unbedingt  schädlich  auf  die  Gesamtheit ­
  wirkt,  ist  sicher.  Der  Patriotismus  ist  in  Geldsachen
nur  sehr  unzureichend  entwickelt,  insbesondere  in  den  breiten
Kreisen  des  Publikums.
Die  angedeuteten  Zurückziehungen  von  Geldern  sind  nicht  die  Folge
eines  bestimmten  Geldbedarfes,  sondern  nur  die  Folge  der  Politik  oder  des
        <pb n="121" />
        no

Mißtrauens.  In  Zeiten  kriegerischer  Verwicklungen  tritt  aber  auch  ein  effektiver ­
  Geldbedarf  ein.  Das  Ausland,  welches  rüstet,  sucht  Gelder  beizuziehen.
Dies  kann  indirekt  eine  schwere  Schädigung  von  Handel  und  Industrie  bei  uns
bedeuten.  Ein  Land  wie  Frankreich  kann  seine  Produktion  ziemlich  schonen,
weil  es  als  Gläubiger  von  ganz  Europa  zunächst  die  sonstigen  Reserven  anzutasten ­
  vermag.  Die  großen  Banken  haben  im  ganzen  die  Neigung,  die  Industrie,
mit  der  sie  näher  verbunden  sind,  zu  berücksichtigen.  Dies  erklärt  wohl  auch
die  von  vielen  Seiten  behauptete  Tatsache,  daß  1912  und  1913  die  Banken
Westösterreichs  mit  der  Kündigung  der  Kredite  in  Galizien  und  in  der  Bukowina ­
  rascher  vorgingen,  als  in  Böhmen  oder  Niederösterreich.  Die  Banken
standen  letzteren  Gebieten  eben  näher  als  ersteren.
Aber  auch  ohne  daß  die  Banken  so  planvoll  Vorgehen,  kann  die  Zurückziehung ­
  der  Gelder  ziemlich  automatisch  erfolgen,  wenn  die  Zinsfußdifferenz
sich  gegen  früher  geändert  hat.  Wenn  in  einem  Lande  der  Zinsfuß  3,  in
einem  anderen  dagegen  6  Prozent  beträgt,  so  werden  die  Banken  des  zuerst
genannten  Landes  ihr  Geld  gern  in  dem  Lande  anlegen,  in  welchem  der
Zinsfuß  6  Prozent  ist.  Wenn  im  Falle  einer  politischen  Krise  der  Zinsfuß ­
  von  3  Prozent  auf  steigt,  der  von  6  auf  7,  dann  wird  möglicherweise
ein  Anreiz  zur  Zurückziehung  der  Gelder  gegeben  erscheinen.  Denn  wenn  auch
noch  immer  eine  Differenz  besteht,  so  ist  die  doch  möglicherweise  zu  klein,
um  das  erhöhte  Risiko  zu  tragen,  von  anderen  Momenten  ganz  abgesehen.
Statt  daß  die  Staatsbürger  in  so  schweren  Zeiten  einander  helfen  und
fördern,  schädigen  sie  einander  oft  auf  das  empfindlichste.  Man  zwingt
die  Gesamtheit  zu  einer  Art  Liquidation,  die  in  ruhigen  Zeiten  nicht  glatt
durchführbar  ist,  geschweige  denn  in  Kriegszeiten.  Was  ist  die  Folge  davon,
daß  man  z.  B.  in  einer  Sparkasse  Gelder  behebt?  Sie  gibt  zunächst  Geld
aus  ihren  Kassen  ab,  dann  leiht  sie  sich  Geld  bei  der  österr.-ungar.  Bank
aus,  möglicherweise  gegen  Hinterlegung  von  Staatspapieren  ;  genügt  das  auch
nicht,  so  muß  sie  daran  gehen,  Kredite  zu  kündigen,  die  sie  selbst  gewährt  hat,
mindestens  aber  wird  sie  keine  neuen  Kredite  gewähren,  was  1912  und  1913
allenthalben  zu  beobachten  war.  In  Friedenszeiten  sind  die  Schuldner  nicht
immer  in  der  Lage,  Annuitäten  und  Zinsen  gleich  zu  zahlen,  geschweige  denn
in  Kriegszeiten.  Da  nun  die  Sparkassen  wichtige  soziale  Aufgaben  als  Geldgeber ­
  nicht  bedrücken  sollen,  werden  sie  durch  die  Kündigungen  in  die
peinlichste  Lage  versetzt.
Die  Gesamtheit  des  Publikums  kündigt  auf  Umwegen
eigentlich  sich  selbst  die  Kredite.  Die  Geldgeber  und  die  Geldnehmer ­
  sind  zwar  nicht  dieselben  Personen,  aber  sie  gehören  der  gleichen
Gemeinschaft  an.  Indirekt  bekommen  es  alle  zu  spüren.  Es  würden  vielleicht
manche  glauben,  daß  eben  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens  die  Menschen
notwendigerweise  eine  zügellose  Rotte  sein  müssen  und  man  nichts  dagegen
tun  kann.  Dies  gilt  nun  nicht  so  unbedingt.  Es  ist  zwar  sicher,  daß  in
Geldsachen  bei  den  meisten  leider  die  Gemütlichkeit  aufhört,  aber  Ausnahmen
kommen  vor.  So  hatte  ich  bei  meinen  Reisen  in  Bosnien  Gelegenheit,  zu
erfahren,  daß  in  den  Kassen  der  deutschen  Kolonisten  während  des  Krieges
die  Einlagen  zugenommen  haben,  und  zwar  infolge  einer  dringenden  Aufforderung ­
  der  Leitung,  die  darauf  hinwies,  daß  eine  Kündigung  der  Gelder  die
Kassen  zwinge,  arbeitsamen  Landwirten  die  zum  landwirtschaftlichen  Betriebe
nötigen  Gelder  zu  entziehen.  Wer  Geld  einlege,  fördere  damit  die  Landwirtschaft ­
  der  eigenen  Nation,  wer  Geld  behebe,  schädige  sie.  Daß  dieser  Appell
bei  den  auf  einer  hohen  Stufe  stehenden  Kolonisten  Bosniens  wirkte,  begreift
man  leicht.  Aber  auch  in  Galizien  gelang  es  vielen  Raiffeisenkassen-Vorständen,
beruhigend  zu  wirken.
Wir  sehen  aus  diesen  wenigen  Andeutungen,  daß  die  Beruhigung  der  Einleger ­
  dort  am  leichtesten  ist,  wo  die  Kassen  klein  sind.  Man  kann  ein  paar
Dutzend  Leute  in  einem  Gasthause  versammeln  und  ihnen  darlegen,  was  sie
eigentlich  damit  tun,  wenn  sie  die  Gelder  kündigen  ;  dies  ist  bei  einer  großen
Einlegerzahl  nicht  mehr  möglich.  Aus  diesem  Grunde  sind  in  Kriegszeiten
in  mancher  Richtung  die  kleinen  Kassen  den  große  nvorzuziehen.
Nichts  erhöht  eine  Panik  mehr,  als  der  suggestive  Anblick  tobender  und
        <pb n="122" />
        in

drängender  Menschen.  Nicht  selten  heben  dann  auch  Leute  Geld  ab,  die
vorher  nie  daran  gedacht  hätten;  sie  sagen:  „Der  Nachbar  tut’s  auch.“  Dazu
kommt  noch,  daß  tatsächlich  der  zurückhaltendere  Teil  fürchten  muß,  zu
kurz  zu  kommen,  wenn  die  Sparkasse  all  ihr  Bargeld  an  die  Ängstlichen
abgegeben  hat  und  keines  übrig  behält,  wenn  schließlich  wirklich  einer  Geld
benötigt,  etwa  zu  einer  Reise  oder  zu  geschäftlichen  Zwecken.  Es  ist  für
unsere  Geld-  und  Kreditordnung  bezeichnend,  daß  die
Ängstlichen,  die  Unsozialen  auf  die  Mutigen  und  Sozialen
einen  Druck  ausüben.  Die  Ruhigen  werden  gezwungen,  die  Kopflosigkeit ­
  mitzumachen,  soll  es  ihnen  nicht  nach  dem  bekannten  Spruch  ergehen: ­
  „Den  Letzten  beißen  die  Hunde!“
Das  Gesagte  zeigt  uns,  daß  die  Banken  und  Sparkassen  in  kritischen
Zeiten  immer  damit  rechnen  müssen,  daß  die  sofort  fälligen  Gelder  behoben
werden  können.  Andere  Gelder,  welche  gegen  Kündigung  hinterlegt  wurden,
werden  gekündigt,  aber  für  diese  Kündigung  das  nötige  Bargeld  zu  besorgen,
bleibt  der  Bank  einige  Zeit.  Doch  um  dem  ersten  Ansturm  gewachsen  zu  sein,
muß  bares  Geld  bereit  liegen,  oder  es  müssen  mindestens  Guthaben,  z.  B.
bei  der  österreichisch-ungarischen  Bank,  vorhanden  sein,  welche  die  betreffende
Bank  jeden  Augenblick  in  Anspruch  nehmen  kann.  Das  Verhältnis  der  baren
oder  leicht  realisierbaren  Mittel  zu  den  sofort  fälligen  Schulden  bezeichnet
man  als  die  Liquidation  einer  Bank.  Man  kann,  wenn  man  genau  sein  will„
die  Schulden  der  Bank  ebenso  wie  ihre  Forderungen  nach  Fälligkeitstermin
unter  Berücksichtigung  der  erfahrungsmäßigen  Einhaltung  ordnen  und  einander
gegenüberstellen.
Wenn  eine  Bank  bei  500  000  K  sofort  fälligen  Forderungen  80  000  K  in
bar  liegen  hat,  ist  sie  liquider,  als  wenn  sie  nur  60  000  K  liegen  hat.  Eine
Bank  kann  sehr  illiquid  sein,  das  heißt,  die  Forderungen  der  Liquidität  nicht
erfüllen,  und  dennoch  durchaus  aktiv  sein.  Dies  zeigt  uns  Tabelle  XXI  zur
Genüge  :
Tabelle  XXL
Illiquide,  aktive  Bank

Aktiva

Passiva

Häuser
Effekten
Kassa

25000  K
4000  „
1000  „

Aktienkapital  10000  K
Sofort  fällige  Forderungen  15000  „
Saldo  5000  „

30000  K

30000  K

Die  Bank  hat  zwar  einen  Saldo  von  5000  K  zu  ihren  Gunsten,  aber  sie
kann  ihre  Gläubiger  nicht  befriedigen,  ihre  Forderungen  gleichzeitig  geltend
machen.  Trotzdem  ist  die  Bank  im  Besitz  von  Eigentum,  das  verkauft  einen
weit  größeren  Betrag  liefern  würde.  Aktivität  und  Liquidität  sind  eben  durchaus
verschiedene  Dinge.
Wenn  wir  nun  daran  gehen,  uns  die  Bedeutung  der  Liquidität  im  Kriegsfälle ­
  klar  zu  machen,  so  genügt  es  nicht,  die  einzelnen  Banken  zu  untersuchen. ­
  Wir  werden  nämlich  sehen,  daß  die  Liquidität  der  Banken  und
Unternehmungen  ein  System  bildet.  Die  erste  Bank  ist  an  die  zweite,  diese
an  die  dritte,  die  dritte  usw.  verschuldet.  Die  Liquidität  der  einen  Bank  hängt
von  der  einer  anderen  in  erheblichem  Grade  ab.  Hat  eine  Bank  Wechsel
in  der  Hand,  die  den  Giro  einer  anderen  tragen,  so  hängt  die  Realisierbarkeit
des  Wechsels  von  der  Zahlungsfähigkeit  der  girierenden  Bank  ab,  die  selbst
wieder  das  Produkt  von  Zahlungsfähigkeiten  anderer  Institute  sein  kann.
Leider  ist  bis  jetzt  die  volkswirtschaftliche  Theorie  noch  nicht  so  weit  vor-*
geschritten,  um  eine  ausreichende  Analyse  über  die  Liquidität  einer  wirtschaftlichen ­
  Gesellschaft  auch  nur  schematisch  geben  zu  können.  Ich  will  im
folgenden  versuchen,  ein  und  das  andere  Problem  anzudeuten,  das  auch  praktisch
von  Bedeutung  ist.
Die  Liquidität  eines  Systems  hängt  von  den  verschiedensten  Umständen
ab.  In  erster  Reihe  von  der  Zeit,  welche  bei  der  Abwicklung  von  Ge-
        <pb n="123" />
        112

schäften  zur  Verfügung  steht.  Die  Erwägungen,  die  wir  an  Tabelle  XXII
anzustellen  vermögen,  erinnern  uns  in  vielem  an  die  Betrachtungen,  welche
sich  an  die  Tabelle  VIII  anschlossen.
Tabelle  XXII.

Liquiditätsschema

Zeitpunkt ­


A

B

C

D

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

ti

lOOD
100  KO

100  B

100  A

100  C

100  B

100  D

lOOC

100  A

ta

100  D

—

100  KO

100  C

100  B

lOOD

lOOC

100  A

t3

100  D

—

—

—

100  KO

lOOD

lOOC

100  A

t4

100  D

—

—

—

—

—

100  KO

100  A

ts

100  KO

—

—

—

—

—

—

Es  seien  uns  vier  Personen,  A,  B,  C,  D  gegeben.  A  sei  im  Besitze  von
100  Kronen  in  Gold,  100  K  habe  er  überdies  von  D  zu  fordern,  während  er
selbst  an  B  100  K  schuldig  sei,  die  anderen  Personen  B,  C,  D  seien  der
Reihe  nach  100  K  schuldig  und  hätten  gleichzeitig  100  Forderungen  im  Besitz.
Wie  im  Falle  der  Warenzirkulation,  den  Tabelle  Vlll  darstellt,  können  alle
Verpflichtungen  glatt  abgewickelt  werden,  wenn  4  Zeitabschnitte  zur  Verfügung ­
  stehen.  Sollten  alle  Schulden  am  gleichen  Tage  fällig  sein,  so  müßten
entsprechende  Prolongationen  vorgenommen  werden.  Wird  in  Krisenzeiten  die
sofortige  Barzahlung  verlangt,  so  kann  A  noch  gerade  den  B  zahlen,  aber
C  ist  bereits  bankerott.  Wir  sehen,  wie  in  diesem  schematischen  Falle  die
Liquidität  eines  Systems  von  Personen  von  der  Zeit  abhängt,  welche  zur  Bezahlung ­
  der  Schulden  zur  Verfügung  steht.  Diese  Abhängigkeit  der  Liquidität
von  der  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  kann  bereits  in  den  Bilanzen  vorweggenommen ­
  erscheinen  und  dadurch  die  Situation  von  vornherein  verschlimmern.
D,  der  voraussieht,  daß  C  vielleicht  nicht  zahlen  kann,  wird  den  Schuldschein
oder  Wechsel  des  C  dann  gar  nicht  zum  vollen  Betrag  in  die  Bilanz  einstellen, ­
  sondern  vielleicht  nur  mit  50  K  bewerten.  Ebenso  wird  vielleicht  C
gegenüber  der  Forderung  des  B  Vorgehen,  auch  A  wird  gegenüber  D  das
gleiche  tun.  Es  können  dann  zu  einer  Zeit,  in  der  die  Schulden
noch  gar  nicht  fällig  sind,  die  Gesamtpassiven  des  Systems
durch  diese  Vorwegnahmen  bereits  größer  sein,  als  die
Gesamtaktiven!  Selbstverständlich  ist  der  vorliegende  Fall  sehr  schematisiert. ­
  Es  ist  angenommen,  daß  B  gegen  C  zahlungsunfähig  wird  in  demselben ­
  Augenblicke,  in  dem  er  von  A  Geld  bekommt.  Aber  dies  ändert  an
der  Brauchbarkeit  der  ganzen  Betrachtung  nichts.  Es  gibt  immer  eine  praktisch
bedeutsame  Dauer  der  Zahlungsabwicklung,  welche  an  irgend  einer  Stelle  der
Personenkette  ein  Abreißen  bewirken  muß.
Diejenigen,  welche  die  Aufrechterhaltung  der  Geld-  und  Kreditordnung
als  eine  der  Hauptaufgaben  der  Politik  ansehen,  treten  dafür  ein,  die  Banken
und  Sparkassen  mit  derartigen  Reserven  auszustatten,  daß  sie  allen  Anforderungen ­
  gewachsen  sein  können.  Sie  übersehen  dabei  nicht  selten,  daß  eine
volle  Kriegsbereitschaft  die  Geschäftsbereitschaft  erheblich  heruntersetzt.  E  s
könnte  dazu  kommen,  daß  man  aus  Angst  vor  einem  Kriege,
der  vielleicht  in  30  Jahren  ausbricht,  eine  ganze  Genera-
        <pb n="124" />
        8

Bibliothek  des  Instituts
für  Weltwirtsdiaft  Kiel

—  113  —
tion  lang  die  Produktion  und  Konsumtion  lähmt.  Andere
wieder  sind  der  Meinung,  daß  die  Liquidität  nur  ein  Mittel  zu  einem  Zwecke
sei,  nämlich  zu  dem,  das  Wohlsein  aller  zu  erhöhen.  Es  könne  daher  angemessener ­
  sein,  die  Banken  nur  mäßig  für  den  Kriegsfall  vorzubereiten, ­
  dafür  aber  organisatorische  Abänderungen
der  Geld-  und  Kreditordnung  für  den  Kriegsfall  ins  Auge
zu  fassen.  Insbesondere  rechnen  viele  mit  der  Verhängung  eines  Moratoriums ­
  im  Kriegsfall,  wie  es  z.  B.  in  Serbien  und  Bulgarien  während  des
Balkankrieges  erlassen  wurde.  Es  wird  in  einem  Weltkrieg  ein  Moratorium
wohl  kaum  zu  vermeiden  sein,  und  es  empfiehlt  sich  daher  wohl,  dies  Moratorium ­
  von  vornherein  in  Rechnung  zu  stellen.  Damit  ist  ja  noch  lange  nicht
gesagt,  daß  die  Banken  keine  Kriegsvorbereitungen  treffen  müssen,  nur  sind
dadurch  gewisse  Grenzen  gegeben.
Es  ist  wohl  zweckmäßiger,  man  macht  sich  das  alles  vorher  klar,  als
daß  man  von  den  Banken  und  Finanzministerien  wirkliche  Kriegsbereitschaft
erwartet,  um  dann  im  Ernstfall  —  oft  zu  spät  —  zu  erfahren,  daß  doch
diesen  Erwartungen  nicht  genügt  werden  konnte.  Derartige  peinliche  Eröffnungen ­
  in  kritischen  Zeiten  sind  nichts  Seltenes,  sie  sind  vor  allem  eine
Folge  der  zu  weit  getriebenen  Ressortautonomie  ;  der  eine  Teil  der  Gesellschaft ­
  weiß  nicht  genau,  was  der  andere  tut,  und  die
Gesamtheit  ist  sich  über  ihr  Verhalten  erst  recht  nicht  im
klaren.
Es  gibt  eine  Reihe  von  Vertretern  der  Bankkreise,  welche  mit  großem
Nachdruck  darauf  hinweisen,  daß  die  Banken  im  Kriegsfall  allen  Anforderungen ­
  genügen  könnten,  und  dennoch  sollen  die  Auskünfte,  welche  seitens
der  Banken  während  der  Marokkokrise  dem  Deutschen  Kaiser  gemacht  wurden,
ihn  nicht  befriedigt  haben.  Auch  seitens  der  Heeresverwaltungen  wird  wohl
in  vielen  Ländern  zeitweilig  mit  einer  Leistungsfähigkeit  der  Finanzverwaltungen ­
  gerechnet  —  die  selbst  wieder  von  jener  der  Banken  abhängt  —,  die
nicht  immer  ganz  den  Tatsachen  entspricht.  Die  Tendenz,  die  Geld-  und
Kreditordnung  in  Schutz  zu  nehmen,  führt  auch  dazu,  daß  der  Börse  in
Kriegszeiten  eine  Verteidigung  zuteil  wird,  während  von  anderer  Seite  gerade
die  Börse  als  Herd  der  Panik  charakterisiert  wird.  Man  weist  dabei  darauf
hin,  daß  die  tollsten  und  unmotiviertesten  Paniken  in  Friedenszeiten  gerade
an  den  Börsen  sich  gezeigt  haben,  und  daß  es  schlimm  um  einen  Staat  bestellt ­
  sei,  der  in  Kriegszeiten  allein  auf  die  Aufnahmsfähigkeit  der  Börse  für
Renten  angewiesen  ist.
Selbst  wenn  man  einen  Kriegsplan  ausarbeitet,  der  das  glatte  Funktionieren ­
  der  Banken  und  Börsen  voraussetzt,  sollte  man  auch  einen  zweiten
ausarbeiten,  der  ihr  Versagen  in  Rechnung  stellt.  Nichts  rächt  sich
mehr,  als  das  übertriebene  Vertrauen  in  die  Geld-  und
Kreditordnung.  Es  ist  schon  allzuoft  getäuscht  worden.
Überhastete  Reformen  waren  das  Ergebnis.
Wir  haben  gesehen,  daß  eine  wesentliche  Störung  der  Geld-  und  Kreditordnung ­
  durch  die  Zurückziehung  ausländischer  Gelder  erfolgt.  Manche  treten
nun  dafür  ein,  daß  ein  entwickeltes  Börsen-  und  Banksystem  diesen  Zurückziehungen ­
  durch  Ansammlung  fremder  Effekten  und  Devisen  Vorarbeiten  solle.
Überdies  sei  durch  den  Besitz  fremder  Papiere  die  Möglichkeit  gegeben,  im
Kriegsfälle  die  feindliche  Börse  zu  beunruhigen.  Abgesehen  davon,  daß  diese
Maßnahmen  große  Kosten  verursachen,  ist  es  mehr  als  fraglich,  ob  die  feindliche ­
  Börse  wirklich  auf  diese  Weise  geschädigt  werden  kann.  Wird  seitens
des  Feindes  ein  Moratorium  erlassen,  so  versagt  diese  Vorkehrung
vollständig.  Ich  erinnere  nochmal  daran,  daß  zu  Beginn  des  Deutschfranzösischen ­
  Krieges  eine  Zeitlang  in  Berlin  englische  Devisen  nicht  verkauft ­
  werden  konnten,  weil  man  fürchtete,  England  werde,  um  Frankreich
zu  Hilfe  zu  kommen,  die  Einlösung  der  englischen  Devisen  entweder  verweigern ­
  oder  mindestens  wesentlich  verzögern.  Es  ist  übrigens  strittig,  wie
weit  England  als  kriegführender  Staat  zur  Einlösung  verpflichtet  wäre;  aber
selbst  wenn  die  völkerrechtliche  Verpflichtung  bestünde,  müßte  die  Möglichkeit, ­
  daß  sie  nicht  eingehalten  würde,  ins  Auge  gefaßt  werden.  Selbstver-
        <pb n="125" />
        114

ständlich  kann  England  im  Interesse  seines  Prestiges  auf  dem  Geld-  und
Kreditmarkt  sich  ganz  korrekt  verhalten,  aber  nur  darauf  zu  bauen,  ist  nicht
unbedenklich.  Jedenfalls  wäre  es  ein  mehr  als  gewagtes  Manöver,  größere
Bestände  an  Devisen  der  Tripleentente  anzusammeln.  Die  bloße  Hinausschleppung ­
  der  Zahlung  bedeutet  schon  eine  empfindliche  Schädigung. ­

Zu  den  wichtigsten  Veränderungen  der  Geld-  und  Kreditordnung  im
Kriegsfall  gehört,  wie  schon  erwähnt,  das  Moratorium  ;  es  verschiebt  die
Zahlungsverpflichtung  bestimmter  Klassen  oder  der  ganzen  Bevölkerung  entweder ­
  für  alle  oder  nur  für  bestimmte  ausstehende  Schulden.  Das  Moratorium ­
  zwingt  den  Einleger,  der  Bank  Kredit  zu  gewähren,  es  zwingt  die
Bank,  ihren  Schuldnern  den  Kredit  zu  belassen.  Kurzum,  es  wirkt  im  wesentlichen ­
  darauf  hin,  die  Solidarität  zu  erhöhen.  Für  Serbien  und  Bulgarien
war  das  Moratorium  in  den  Zeiten  des  Balkankrieges  ein  Glück,  während
z.  B.  Galizien  und  die  Bukowina  unter  der  Kriegsgefahr  furchtbar  zu  leiden
hatten,  da  kein  Moratorium  erlassen  wurde.  Gerade  in  der  schwierigsten
Zeit  mußten  Leute  Zahlungen  leisten,  die  dies  kaum  in  normalen  Zeiten  gekonnt ­
  hätten.
Ein  Hauptzweck  des  Moratoriums  besteht  darin,  die  Schuldner  der  Banken
und  Sparkassen  zu  schützen,  es  soll  aber  auch  ein  Kaufmann  gegen  den  andern,
ein  Industrieller  gegen  den  andern  geschützt  werden.  Es  ist  nicht  nur  im
Interesse  des  Schuldners,  sondern  auch  des  Gläubigers,  dem  dadurch  vielfach
ein  zahlungsfähigerer  Schuldner  nach  dem  Kriege  gesichert  wird.  Es  kommt
ja  oft  vor,  daß  ein  Gläubiger  gerne  warten  würde,  damit  der  Schuldner  sicherholen ­
  kann,  und  nur  deshalb  zugreift,  damit  ihm  nicht  ein  anderer  Gläubiger
mit  einer  Exekution  zuvorkommt.  Es  ist  ein  analoger  Fall  wie  bei  den  Abhebungen ­
  der  Einlagen.  Der  rücksichtslose,  der  unvernünftige  Gläubiger  gibt
den  Ton  an.  Der  rücksichtsvolle,  der  bedächtige  Gläubiger  wird  geschädigt,
wenn  er  nicht  mittut.  Das  Moratorium  hilft  so  dem  vorausdenkenden  Gläubiger.
Wir  sehen  aber  nach  einer  kurzen  Überlegung,  daß  ein  Moratorium  auch
sehr  bedenkliche  Nebenwirkungen  zur  Folge  hat.  Nehmen  wir  an,  ein  Fabrikant ­
  hat  Geld  bei  einer  Bank  liegen  und  benötigt  es,  um  einen  Rohstofflieferanten ­
  zu  zahlen.  Er  kann  das  Geld  nicht  beheben,  da  ein  Moratorium
verhängt  ist.  Es  fragt  sich  nun,  wie  in  einem  solchen  Falle  geholfen  werden ­
  kann.
Wir  sahen,  daß  das  Moratorium  vor  allem  auch  dazu  dient,  die  Gesamtheit ­
  der  von  allen  Banken  gewährten  Kredite  nicht  plötzlich  zu  reduzieren.
Wenn  also  dieser  Kaufmann  etwa  10  000  Kronen  benötigt,  so  würde  es  sich
darum  handeln,  zu  bewirken,  daß  sie  den  Schuldnern  nicht  gekündigt  werden
müssen.  Dies  kann  in  der  Weise  etwa  erfolgen,  daß  die  Zahlung  an  den
Rohstofflieferanten  nicht  in  Noten  oder  Metallgeld  erfolgt,  sondern  nur  durch
Überschreibung  in  den  Büchern  der  Banken.  Den  Rohstofflieferanten  müßte
eventuell  ein  neues  Konto  eröffnet  werden.
Man  könnte  sich  aber  auch  denken,  daß  alle  großen  Banken,  die  Notenbank ­
  an  der  Spitze,  ein  Konsortium  bilden,  das  für  alle  Einlagen  gemeinsam
haftet  und  Überweisungen  von  Konto  zu  Konto  zuläßt  mit  der  ausdrücklichen
Bestimmung,  daß  eine  Barabhebung  nicht  erfolgen  darf.  Das  heißt,  das
Moratoriurn  würde  nur  insoferne  Geltung  haben,  als  man  diesem  Banksystem
Geld  entziehen  will,  nicht  aber  insoweit  man  innerhalb  des
Banksystems  Girozahlungen  leistet.  Es  würden  gewissermaßen
nur  Schecks  zur  Verrechnung,  nicht  aber  Schecks  zur  Barabhebung  ausgestellt
werden  dürfen.  Die  Gesamtheit  der  Gelder,  welche  bei  dem
Banksystem  als  Einlagen  vorhanden  sind,  bliebe  konstant.
Wenn  jeder  verpflichtet  wäre,  solche  Zahlungen  anzunehmen,  und  sich  die
zwangsweise  Eröffnung  eines  Kontos  gefallen  lassen  müßte  —  da  ja  nicht
jeder,  dem  gezahlt  wird,  bereits  Kontoinhaber  sein  würde  —  und  der  Staat
diese  Zahlungen  mit  seiner  Autorität  deckt,  hätten  wir  es  mit  staatlich  organisiertem ­
  une  in  lös  liehen  Girogeld  zu  tun.
Erfahrungen  dieser  Art  hat  man  im  Jahre  1907  während  der  nordamerikanischen ­
  Krise  gemacht,  die  audh  wir  zu  spüren  bekamen.  Damals  schloß
        <pb n="126" />
        115

sich  eine  Gruppe  von  Banken  zusammen  und  schuf  ein  Garantiesystem,  welches
eigene  Zertifikate  ausgab.  Während  aber  dieses  uneinlösliche  Girogeld,  das
als  Privatgeld  zu  bezeichnen  wäre,  nur  unvollständig  mit  Metall  gedeckt  war  —
der  Rest  war  durch  die  Forderungen  der  Banken  gedeckt  —,  gab  es  im
17.  Jahrhundert  bei  der  Bank  von  Amsterdam  vollständig  mit  Metall  gedecktes, ­
  uneinlösliches  Girogeld.  Wer  Wechselschulden  über  eine  bestimmte
Summe  zu  zahlen  hatte,  mußte  dies  in  der  Weise  tun,  daß  er,  falls  er  nidit
bereits  ein  Konto  bei  der  Bank  von  Amsterdam  besaß,  durch  Hinterlegung
von  Silber  eines  erhielt.  Durch  Giroüberweisung  konnte  er  dann  die  Wechselschuld ­
  begleichen.  Der  Empfänger  konnte  über  das  Geld  giromäßig  verfügen, ­
  aber  er  durfte  das  Silber  nicht  beheben.  Wohl  aber  konnte  er  sein
Konto  einem  Dritten  verkaufen.  Auf  diese  Weise  wollte  man  in  den  Niederlanden ­
  die  kommerziellen  Zahlungen  möglichst  konzentrieren.  Da  es  für  den
internationalen  Verkehr  sehr  wichtig  war,  in  Amsterdam  ein  Konto  zu  haben,
konnte  es  Vorkommen,  daß  Amsterdamer  uneinlösliches  Girogeld  mit  einem
Agio  gegenüber  dem  gewöhnlichen  Gelde  notierte.
Wir  sind  in  Österreich-Ungarn  an  uneinlösliches  Zeichengeld  gewöhnt,
da  wir  doch  uneinlösliche  Noten  besitzen.  Grundsätzlich  sind  diese  beiden
Geldarten  durchaus  gleichartig.  Das  uneinlösliche  Girogeld  hat  nur  den  großen
Vorteil,  daß  man  es  genau  in  seinem  Umlauf  kontrollieren  kann,  was
gerade  in  Kriegszeiten  von  erheblicher  Wichtigkeit  ist.
Seine  Deckung  ist  nach  geltendem  Recht  freilich  eine  anders  geartete.  Vor
allem  bestehen  für  dasselbe  keine  Deckungsvorschriften.  Während  die  österreichisch-ungarische ­
  Bank  ihr  Notengeld  mit  2/5  in  Metall  decken  muß,  hat
sie  bezüglich  der  Girokonten  keine  besondere  Verpflichtung.  Dies  ist  eigentlich ­
  eine  gewisse  Inkonsequenz,  da  die  Girokonten  ebenso  wie  die  Notenmenge
durch  Wechseldiskontierung  vergrößert  werden  können.  Diskontiert  einer  seinen
Wechsel  bei  der  Bank,  so  kann  er  die  ihm  zukommende  Summe  sich  entweder
bar  auszahlen  oder  aber  seinem  Girokonto  gutschreiben  lassen.
Der  Ausbau  des  Giroverkehrs  ist  so  von  großer  Bedeutung  für  den  Kriegsfall ­
  und  es  ist  durchaus  im  Interesse  der  Heeresverwaltung  gelegen,  das  Girowesen ­
  möglichst  zu  fördern.  In  welcher  Weise  dies  geschehen  kann,  ist  eine
Detailfrage.  Es  kann  dabei  die  österreich-ungarische  Bank  mitwirken  oder
aber  die  Postsparkasse,  welche  durch  ihre  weite  Verbreitung  viele  Vorteile
aufweist.  Wie  man  im  Kriegsfälle  die  Giroüberweisung
bis  zur  Armee  hinausträgt,  welche  Rolle  dabei  die  Feldpost ­
  spielen  könnte,  will  ich  hier  nicht  weiter  erörtern.
Wenn  es  zur  Schaffung  uneinlöslichen  Girogeldes  im  Kriegsfälle  kommen
sollte  —  wobei  selbstverständlich  zunächst  nur  an  solche  Zahlungen  zu  denken
ist,  die  größere  Beträge  ausmachen  —,  würde  wohl  vor  allem
die  Postsparkasse  herangezogen  werden,  da  ja  das  Postsparkassenkonto  durch
die  Einlagenbücher  weitesten  Kreisen  vertraut  ist.  In  welcher  Weise  die  Spareinlagen ­
  in  Girokonten  umzuwandeln  wären  und  in  welchem  Ausmaße,  ist
ebenfalls  eine  Detail  frage.  Jedenfalls  sehen  wir,  daß  die  Basis  für  eine  Popularisierung ­
  des  uneinlöslichen  Girogeldes  wohl  gegeben  erscheint.
Durch  die  Einführung  des  uneinlöslichen  Girogeldes  wird  die  Menge  des
für  Zahlungen  erforderlichen  Geldes  nicht  verändert,  denn  es  macht
grundsätzlich  keinen  Unterschied  aus,  ob  10  000  Kronen
auf  dem  Wege  der  Überweisung  oder  mit  Noten  gezahlt
werden.  Hingegen  wird  Geld  jeder  Art  gespart,  wenn  die  Organisation
des  Clearingverkehrs  Verwendung  findet.  Das  Wesen  des  Clearings
besteht  darin,  daß  eine  Gruppe  von  Personen  alle  Forderungen  untereinander
kompensiert,  ganz  gleich,  welchen  Charakter  sie  tragen.  Aus  der  Tabelle  XXII
würde  die  Kompensation  der  Forderungen,  die  in  einem  Zeitpunkt  zu  erledigen
wäre  ergeben,  daß  keiner  keinem  etwas  zu  zahlen  hätte,  die  Geldsumme
100  Kronen  bliebe  unverändert  bei  A^/g.  In  welcher  Weise  aber  eine  Kompensation ­
  wirkt,  die  einen  Saldo  eigibt,  zeigt  uns  Fall  II  in  Tabelle  XXIII.
Wir  sehen,  daß  in  dem  uns  bereits  bekannten  Fall  I  durch  Einführung
des  Clearings  jede  Geldzahlung  überflüssig  wird.  Im  Fall  II  dagegen  wären
b*
        <pb n="127" />
        116

Tabelle  XXIII.
Clearing

Fall

Zustand

A

B

C

D

Nötige
Geldmenge ­


Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

I

Vor  der
Kompensation

100  D

100  B

100  A

100  C

100  B

100  D

100  C

100  A

400  K

Nach  der
Kompensation

—

—

—

—

—

—

—

—

0

II

Vor  der
Kompensation

100  D

300  B

300  A

500C

500  B

100  D

100  C

100  A

1000  K

Nach  der
Kompensation

—

200

—

200

400

—

—

—

400  K

ohne  Clearing,  wenn  die  Zahlungen  im  selben  Augenblick  erfolgen  müßten,
1000  Kronen  nötig;  wenn  dagegen  der  Clearing  eingeführt  wird,  tritt  vollständige ­
  Kompensation  ein.  C  bekommt  von  der  Gesamtheit  400  Kronen,  A
und  B  zahlen  an  die  Gesamtheit  je  200  Kronen.  Die  Zahlung  wickelt  sich
in  der  Weise  ab,  daß  A  und  B  je  200  Kronen  dem  C  übergeben,  so  daß  mit
400  Kronen  das  Auslangen  gefunden  wird.  Diese  Zahlung  von  400  Kronen
kann  in  vollwertigem  Metallgeld,  in  metallischem  Zeichengeld,  in  Notengeld
oder  in  Girogeld  erfolgen.  Daß  die  Girogeldzahlung  die  Zahlungsmenge  nicht
verringert,  sehen  wir  aus  Tabelle  XXIV.
Tabelle  XXIV.

Begleichung  des  Clearingsaldos  durch  Noten-  und  Girozahlung

Fall

A

B

C

D

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

Notenzahlung ­


1000
[Noten]

200

1000
[Noten]

200

1000  [Not  ]
400

—

1000
[Noten]

—

800
[Noten]

—

800
[Noten]

—

1400
[Noten]

—

1000
[Noten]

—

Girozahlung

1000
[Girokonto]

200

1000
[Girokonto]

200

1000
[Girokonto]
400

—

1000
[Girokonto]

—

800
[Girokonto]

—

800
[Girokonto]

—

1400
[Girokonto]

—

1000
[Girokonto]

—

Durch  die  Verwendung  von  Girogeld  erspart  man  Metallgeld  und  Notengeld, ­
  so  wie  man  durch  die  Verwendung  von  Girogeld  Notengeld  &amp;gt;md  Metallgeld ­
  erspart  ;  der  Clearing  dagegen  erspart,  wie  wir  eben  gesehen  haben,
jede  Art  von  Geld.  Soweit  zu  Beginn  kriegerischer  Verwicklungen  der  Mangel
an  Zahlungsmitteln  störend  empfunden  wird,  kann  durch  Ausdehnung  des
Clearings  Abhilfe  geschaffen  werden.  Freilich  funktioniert  diese  Organisation
im  allgemeinen  nur  dann  gut,  wenn  sie  bereits  in  Friedenszeiten  entsprechend
populär  gemacht  wurde.  In  Österreich-Ungarn  ist  der  Clearing  auf  einen  recht
kleinen  Kreis  von  Personen  und  Banken  beschränkt.
Diese  Andeutungen  führen  uns  zu  dem  Ergebnis,  daß  die  Liquidität  eines
Systems  nicht  nur  von  der  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  abhängig  ist,  sondern
        <pb n="128" />
        ►

117

auch  von  der  Organisationsform.  Es  kann  beim  Vorhandensein  einer
Clearingorganisation  eine  Gruppe  von  Konkursen  vermieden  werden,  die  sonst
eingetreten  wäre.  Eine  gute  Organisation  vermag  zwar  nicht  den  Mangel
der  Nahrungsmittel,  Kanonen  usw.  zu  ersetzen,  aber  zu  verhindern,  daß  nicht
trotz  Vorhandenseins  genügender  Produktions-  und  Konsumtionsquellen  alles
darbt  und  jede  Maßnahme  gelähmt  wird.  Manche  wollen  sich  mit  dem  Hinweis ­
  darauf  beruhigen,  daß  es  in  allen  Ländern  in  dieser  Richtung  gleich
schlecht  gestellt  sei.  Das  trifft  wohl  nicht  mehr  ganz  zu.  In  Deutschland
.  und  Frankreich  werden  Organisationen  für  den  Kriegsfall  bereits  eifrig  er-^
  örtert,  für  Österreich-Ungarn  wären  sie  aber  besonders  wichtig,  weil  wir  im
Hinblick  auf  unsere  Gesamtentwicklung,  insbesondere  was  die  Industrie  anlangt, ­
  manchen  schweren  Mangel  aufzuweisen  haben.
Die  Beschaffung  der  für  den  Krieg  erforderlichen  Ware  kann  auch  in
der  Weise  erfolgen,  daß  Noten  emittiert  werden  oder  daß  Girogeld ­
  vermehrt  wird.  Ich  habe  bereits  darüber  gesprochen,  welche  Wirkungen ­
  dies  auf  die  Preise  ausübt  und  wie  die  Realeinkommen  der  Bevölkerung ­
  dadurch  beeinflußt  werden.  Es  ist  für  kriegswirtschaftliche  Untersuchungen ­
  selbstverständlich  von  der  größten  Wichtigkeit,  die  Veränderungen
in  der  Kaufkraft  des  Geldes  nachzuweisen.  Aber  dies  allein  genügt  nicht,
man  muß  auch  festzustellen  suchen,  wie  sich  die  Löhne  verändert  haben.  Da
ergeben  sich  nun  mannigfache  Schwierigkeiten.  Vielfach  geht  man  in  der
Weise  vor,  daß  man  die  Löhne  bestimmter  Arbeitertypen  zu  einer  Zeit  feststellt ­
  und  dann  die  Löhne  derselben  Typen  zu  einer  anderen  Zeit.  Diese
Methode  ist  aber  ungeeignet,  wenn  starke  Verschiebungen  vorgekommen  sind.
Ich  will  dies  ganz  kurz  anzudeuten  versuchen.  In  Tabelle  XXV  sehen  wir
drei  Typen  von  Arbeitern:  arbeitslose,  ungelernte  und  gelernte  Arbeiter,  vertreten. ­

Tabelle  XXV.
►  Steigender  Gesamtreallohn
bei  fallendem  Reallohn  der  einzelnen  Kategorien

Zeitpunkt ­


Kategorien

Arbeitslose

Ungelernte
Arbeiter

Gelernte
Arbeiter

Summe
aller  Individuen

ti

Reallohn
jeder  Kategorie

0

10

20

—

Individuen

A,  B,  C

D,  E,  F

0

A,  B,  C,  D,  E,  F

Gesamt-Reallohn
jeder  Kategorie

0

30

0

30

ts

Reallohn
jeder  Kategorie

0

6

12

—

Individuen

0

A,  B,  C

D,  E,  F

A,  B,  C,  D,  E,  F

Gesamt-Reallohn
jeder  Kategorie

0

18

36

54

In  jeder  Klasse  sei  eine  bestimmte  Anzahl  von  Individuen  enthalten,  der
Reallohn  werde  für  jede  Kategorie  festgestellt.  Im  ersten  Zeitpunkt  sind
die  Reallöhne  der  Reihe  nach:  0,  10,  20.  Im  zweiten  Zeitpunkt  dagegen:
0,  6,  12.  Wir  sehen,  daß  die  Real  löhne  der  einzelnen  Klassen
gesunken  sind.  Dennoch  hat  der  Wohlstand  der  Bevölkerung
zugenommen.  Wir  nehmen  nämlich  in  unserem  Schema  an,  daß  alle  Arbeitslosen ­
  Arbeit  gefunden  haben  und  alle  ungelernten  zu  gelernten  Arbeitern  aufgerückt ­
  sind.  Die  Person,  welche  früher  nichts  erhielt,  bekommt  jetzt  6,
        <pb n="129" />
        118

die,  welche  10  erhielt,  erhält  jetzt  12;  für  die  verschiedenen  Arten  der  Arbeitsleistungen ­
  sind  die  Leute  jetzt  freilich  schlechter  bezahlt;  während  früher
die  ungelernten  10  bekamen,  erhalten  sie  jetzt  nur  6.  Die  Gesamtbevölkerung
erhält  aber  jetzt  54  Reallohn  statt  wie  früher  30.  Dieser  eine  Hinweis  zeigt
zur  Genüge,  wie  es  schwer  ist,  die  Rückwirkungen  der  Veränderungen,  welche
das  Geld-  und  Kreditwesen  betreffen,  richtig  zu  würdigen,  solange  die  Übersichtlichkeit ­
  mangelt.  Dies  ist  ein  weiteres  Moment,  welches  dafür  spricht,
daß  im  Kriegsfälle  die  Schaffung  einer  Großnaturalwirtschaft  von  leitenden
Politikern  gewünscht  werden  kann.  Wenn  sie  sich  auch  nur  auf  Nahrungsmittel, ­
  Kohle  und  einige  wichtige  andere  Bedarfartikel  erstreckt,  so  ist  damit ­
  doch  sehr  viel  für  die  Durchsichtigkeit  der  Güterbewegung  geschehen,
und  gerade  sie  erleichtert  viele  Maßnahmen.  Nichts  ist  störender  als  die
Unmöglichkeit,  sich  über  das  Schicksal  der  Geldsummen  und  Güter  zu  unterrichten. ­


11.  Rückwirkungen  des  Kriegs  und  der  Rüstungen
auf  Produktion  und  Handel.
Ich  habe  schon  gelegentlich  darauf  hingewiesen,  daß  die  Ausgaben  für
Rüstungen  und  Kriegszwecke  auf  die  Produktion  und  den  Handel  in  sehr
verschiedener  Weise  wirken  können.  Sie  vermögen  unter  Umständen  den
Handel,  die  Landwirtschaft,  die  Industrie  gewisser  Art  erheblich  zu  schädigen.
Man  entzieht  ihnen  Geld,  das  sie  zur  Erweiterung  der  Betriebe  brauchen,
und  führt  es  jenen  Industriellen  und  Landwirten,  welche  für  die  Armee  liefern,
sowie  den  Soldaten  zu.
Wohl  kommt  das  Geld  wieder  in  Zirkulation,  aber  nachdem  vorher  die
Geldentziehungen  bereits  Betriebsreduktionen  zur  Folge  gehabt  haben  können,
nachdem  bereits  Arbeitskräfte  der  Landwirtschaft  und  der  Industrie  entzogen
wurden.  Die  Geldsummen,  welche  für  die  Armee  verwendet  werden,  drücken
zum  Teil  einen  Entgang  an  Schulbildung,  eine  Verschlechterung  der  Hygiene,
eine  Reduktion  der  Produktion  aus.  Es  gibt  Völker,  welche  durch  die  Auferlegung ­
  von  Steuern  nur  zu  einer  erhöhten  Produktion  angeregt
werden.  In  ihrem  Bemühen,  den  alten  Lebensstandard  wieder  zu  erreichen,
erweitern  sie  ihn  nicht  selten,  andere  wieder  zahlen  die  Steuern  und  schränken
sich  mehr  ein.  Dies  letztere  ist  vor  allem  bei  südlicheren  Völkern  nichts
Seltenes,  auch  Osteuropäer  weisen  häufig  dieses  Verhalten  auf.  Indirekt  kann
so  die  Militärmacht  empfindlich  geschädigt  werden.  Denn  eine  vermehrte
Sterblichkeit,  der  Analphabetismus  wirken  ungünstig  auf  die  Armee  zurück.
Es  bedarf  konkreter  Nachforschungen,  ob  die  Aufnahme  von  Anleihen  oder
Steuern  auf  ein  Land  lähmend  oder  anregend  wirkt.
Die  indirekten  Wirkungen  auf  Produktion  und  Gesundheit  müssen  immer
im  Auge  behalten  werden  ;  oft  beachtet  man  sie  erst,  wenn  es  bereits  zu  spät
ist.  Der  Vorteil,  der  unmittelbar  für  die  Armee  erlangt  wird,  kann  mittelbar
ihr  wieder  verloren  gehen.  Es  kann  schließlich  dazu  kommen,  daß  die  Förderung ­
  der  Hygiene,  des  Schulwesens,  der  Produktion  von  der  Armee  gefordert
wird,  um  die  mittelbaren  Schädigungen  zu  paralysieren.  Die  ersten  Anregungen
zur  deutschen  Arbeiterschutzgesetzgebung,  die  sich  in  der  zweiten  Hälfte  des
19.  Jahrhunderts  entwickelte,  gehen  zum  Teil  auf  die  Beobachtungen  eines
Offiziers  zurück,  der  in  den  Rheinlanden,  wo  sich  die  Industrie  überaus  rasch
ausgebreitet  hatte,  erschreckende  Rückgänge  der  Tauglichkeit  bei  den  Stellungen ­
  beobachtete.  Es  war  klar,  daß  durch  Fürsorge  für  die  Arbeiter,  Verringerung ­
  der  Arbeitszeit,  Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen  usw.  Abhilfe
geschaffen  werden  konnte.
Für  Österreich-Ungarn  sind  solche  Erwägungen  von  größter  Wichtigkeit,
weil  die  Monarchie  unter  den  Rüstungen  weit  schwerer  leidet,  als  etwa
Deutschland,  das  in  lebhaftestem  Aufschwung  begriffen  ist.  Österreich-Ungarn
entwickelt  sich  an  sich  langsamer  als  Deutschland,  durch  die  Aufwendungen
für  die  Armee  wird  die  Entwicklung  nicht  beschleunigt.  Die  Armee  hat
        <pb n="130" />
        119

aber  das  allergrößte  Interesse  daran,  daß  sich  die  Industrie ­
  und  Landwirtschaft  Österreich-Ungarns  mächtig  entfaltet. ­
  Man  ist  sich  dieser  Interessengemeinschaft  heute  sowohl  in  Kreisen
der  Produzenten,  als  auch  der  Armee  nicht  genügend  bewußt,  oder  zieht  daraus
nicht  die  Folgerungen.  Österreich-Ungarn  muß  heute  alle  Kräfte  anspannen,
um  nicht  ins  Hintertreffen  zu  kommen.  Es  ist  fast  beleidigend,  wie  man  in
den  Kreisen  hoher  deutscher  Beamten  und  deutscher  Bankiers,  die  mit  dem
auswärtigen  Dienst  zu  tun  haben,  über  Österreich-Ungarns  Wirtschaftspolitik
spricht.  Je  größere  Ansprüche  die  Armee  im  Interesse  der  Monarchie  stellt,
desto  mehr  wird  sie  unwillkürlich  dazu  gedrängt,  sich  mit  der  Gesamtbevölkerung ­
  eins  zu  fühlen,  deren  Sorgen  und  Nöte  möglichst  genau  kennen
zu  lernen  und  an  ihrer  Beseitigung,  soweit  es  an  ihr  ist,  mitzuwirken.
Es  ist  zweifellos  möglich,  daß  die  Armee  ihre  Stärke  durch  eine  Art
Hypertrophie  erhöhen  kann,  aber  dauernd  kann  sie  nur  ein  kraftvolles  Organ
des  Staates  sein,  wenn  sie  der  gesamten  Organisation  angepaßt ­
  ist.  Ihre  größte  Förderung  erfährt  sie  dann  durch  die  Stärkung
des  Oesamtorganismus,  wie  wir  dies  z.  B.  in  Deutschland  beobachten  können.
Wo  die  Grenzen  zu  ziehen  sind,  läßt  sich  freilich  im  Konkreten  schwer  fesU
stellen.
Die  Bemühungen,  den  gesamten  sozialen  Körper  zu  einer  regeren  Produktion
anzutreiben,  werden  zum  Teil  durch  natürliche  Eigenschaften  der  Bevölkerung,
zum  Teil  durch  organisatorische  Mängel  gehemmt.  Wie  ich  bereits  zu  Beginn
dieser  ganzen  Darstellung  hervorgehoben  habe,  leben  wir  in  einer  Ordnung,
welche  das  Gespenst  der  sogenannten  Überproduktion  fürchtet  und  immer
darauf  aus  ist,  zu  verhindern,  daß  nicht  so  viel  produziert  wird,  als  man
verzehren  könne,  da  dadurch  der  Reingewinn  sinken  würde,  und  damit  auch
die  Entwicklungsmöglichkeit  der  Industrie  und  Landwirtschaft.  Wie  dieser
Organisationsdefekt  zu  beseitigen  wäre,  ist  eine  viel  diskutierte  Frage.  E  s
ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  der  während  eines  Weltkriegs ­
  aufs  höchste  angespannte  Rationalismus  auch  hier
einen  Ausweg  findet.  Denn  darüber  kann  wohl  kein  Zweifel
herrschen,  der  Staat,  dem  es  während  eines  Weltkriegs
gelingt,  alle  vorhandenen  produktiven  Kräfte  aufs  äusserste
  auszunützen,  hat  große  Chancen  für  sich.
Ich  will  nun  noch  mit  wenigen  Worten  die  Wirkungen  des  Krieges  auf
die  Marktpreise  berühren.  Die  einzelnen  Warengruppen  verhalten  sich  ungleichartig. ­
  Während  die  Nahrungsmittelpreise  leicht  steigen  können,  dürften
die  Grundstückpreise  meist  plötzlich  sinken.  Erfahrungsgemäß  ist  der  Grundstückmarkt ­
  in  kriegerischen  Zeiten  den  Grundstückverkäufern  sehr  ungünstig.
Es  wäre  aber  verfehlt,  anzunehmen,  daß  automatisch  die  geringere  Nachfrage
nach  Grundstücken  auch  den  Preis  der  Grundstücke  senken  muß.  Ich  hatte
während  des  Balkankrieges  Gelegenheit,  in  einigen  Gegenden  Syrmiens  zu
erfahren,  daß  die  Grundstückpreise  trotz  der  bedrohlichen  Situation  nicht
gesunken  waren,  nur  wurden  Grundstücke  seltener  als  sonst  gekauft.  Woher
rührte  diese  Erscheinung  ?  Die  wohlsituierten  Bauern  dieser  Gegenden  hatten
es  nicht  unbedingt  nötig,  ihre  Grundstücke  zu  verschleudern,  und  erklärten,
zuwarten  zu  wollen,  bis  der  Preis  wieder  in  die  Höhe  gehe.  Das  heißt,  im
Kriegsfall  wird  im  allgemeinen  bei  konstantem  Umsatz  von  Grundstücken  der
Preis  sinken,  bei  abnehmendem  aber  eventuell  der  Preis  gleich  bleiben.
Während  die  Veränderung  der  Grundstückpreise  im  allgemeinen  nur  kleine
Kreise  der  Bevölkerung  trifft,  haben  unter  einer  Erhöhung  der  Lebensmittelpreise ­
  alle  schwer  zu  leiden.  Abgesehen  davon,  daß  infolge  einer  A  b  -
Sperrung  der  Zufuhr  Mangel  eintreten  kann,  ist  mit  der  Ansammlung
von  Vorräten  durch  die  Armee  und  durch  Privatpersonen  zu  rechnen,  insbesondere ­
  aber  mit  den  Bemühungen  der  Kaufleute,  durch  spekulative  Anhäufung ­
  von  Reserven  und  dadurch  erzeugte  Preissteigerungen  erhebliche  Gewinne ­
  zu  erzielen.  Der  Umstand,  daß  die  Nahrungsmittel  von
allen  benötigt  werden,  legt  der  Regierung  die  Kontrolle
über  den  Lebensmittelmarkt  überaus  nahe.  Eine  solche  Kontrolle
ist  sowohl  im  Interesse  der  Armee,  als  auch  in  jenem  der  Zivilbevölkerung
        <pb n="131" />
        120

gelegen.  Ich  wies  schon  darauf  hin,  daß  der  Staat  die  Möglichkeit  hat,  Preistaxen ­
  zu  erlassen.  In  Österreich  dient  diesem  Zwecke  eine  Bestimmung  der
Gewerbeordnung,  deren  Anwendung  bereits  vor  einiger  Zeit  ernstlich  in  Erwägung ­
  gezogen  wurde.  Freilich  bezieht  sich  diese  Bestimmung  nur  auf  die
Erlassung  von  Preistaxen  für  den  Kleinhandel.  Aber  es  ist  klar,  daß,  wenn
der  Kleinhandel  bestimmte  Maximalpreise  nicht  überschreiten  darf,  er  auf
den  Großhandel  drückt  und  ihn  zur  Herabsetzung  der  Preise  zwingt.  In
Serbien  und  Bulgarien  wurden  während  des  Balkankrieges  Preistaxen  verhängt
und  deren  Durchführung  zum  Teil  mit  großer  Strenge  erzwungen.  Wir  sehen
auch  auf  diesem  Gebiet,  daß  der  Staat  im  Kriegsfall  eine  größere  organisierende ­
  Kraft  als  im  Frieden  entfalten  dürfte,  selbst  wenn  er  nicht  dazu
schreiten  sollte,  die  Nahrungsmittel  oder  wenigstens  die  wichtigsten  derselben
selbst  zu  verkaufen  und  dem  Privat  Umsatz  ganz  zu  entziehen. ­

Mit  wenigen  Worten  will  ich  den  Einfluß  der  Rüstungen  und  der  Kriegsführung ­
  auf  die  Verkehrsmittel  streifen.  Wir  sehen,  daß  m  allen  Staaten  ein
nicht  unerheblicher  Teil  der  Eisenbahnlinien  entweder  vorwiegend  aus  strategischen ­
  Gründen  erbaut  wurde,  oder  mindestens  bei  der  Errichtung  auf
strategische  Momente  Rücksicht  genommen  wurde.  Wenn  Eisenbahnlinien  nicht
allen  strategischen  Anforderungen  entsprechen,  so  kann  dies  unter  Umständen
schwere  Belastungen  der  Bevölkerung  zur  Folge  haben.  Das  Schmalspursystem
Bosniens  war  eine  der  Hauptursachen,  weshalb  Österreich-Ungarn  daselbst
größere  Truppenmassen  frühzeitig  ansammeln  mußte,  um  im  Kriegsfälle  bereit
zu  sein.  Abgesehen  davon,  daß  der  Verkehr  doch  auch  einige  Störungen  erlitt,
müssen  die  großen  Ausgaben  ins  Auge  gefaßt  werden,  welche  eine  solche
Truppenkonzentration  nach  sich  zieht.  Schwere  Verluste  erlitt  ein  großer
Teil  der  Einberufenen,  da  für  die  Sicherung  der  Anstellungen  solcher  Einberufener ­
  bis  heute  keine  entsprechenden  Maßnahmen  seitens  des  Staates  getroffen ­
  wurden.  Auch  darf  man  nicht  vergessen,  daß  die  dauernde  Dislozierung ­
  großer  Truppenmassen  in  Gebieten,  die  nicht  dafür  eingerichtet  sind,
eine  erhebliche  Steigerung  der  Krankheitsziffer  zur  Folge  hat.  Die  Unterbringung ­
  von  solchen  Truppenmassen  ist  fast  schwieriger  durchzuführen,  als
die  einer  marschierenden  Armee,  die  täglich  ihren  Rayon  wechselt.
Im  Kriegsfälle  kann  die  Heeresverwaltung  das  rollende  Material  der
Eisenbahnen  entweder  zum  Transport  von  Mannschaft  und  Kriegsmaterial  oder
zum  Transport  von  Lebensmitteln  verwenden.  Zu  letzterem  Zweck  wird  sie  an
dem  Vorhandensein  verschiedener  Spezialtypen  von  Waggons  sehr  interessiert
sein.  Insbesondere  seien  hier  die  Kühlwaggons  erwähnt,  welche  z.  B.  die
serbische  Armee  während  des  Balkankrieges  verwendete.  Sie  bewährten  sich
im  engeren  Bereich  sehr  gut,  weniger  gut  aber  in  einem  größeren,  weil  in
letzterem  Falle  das  Fleisch  häufig  verdorben  ankam.  Solchen  Übelständen
kann  durch  entsprechende  Vorsorgen,  insbesondere  durch  Schaffung  genügend
zahlreicher  Eiserzeugungsstellen  und  Eisfüllungsstationen  abgeholfen  werden.
Rußland  scheint  in  dieser  Richtung  große  Vorkehrungen  getroffen  zu  haben.
Auch  in  Österreich-Ungarn  nimmt  die  Zahl  der  Kühlwaggons  zu.  Es  ist
klar,  daß  die  Heeresverwaltung  der  Vermehrung  des  Kühlwaggonparks  ähnlidie
Aufmerksamkeit  schenkt,  wie  den  Lastautomobilen.
Der  normale  Verkehr  erleidet  im  Kriegsfall  meist  sehr  erhebliche  Störungen.
Nicht  immer  werden  aber  ausreichende  Maßnahmen  getroffen,  dieselben  auf
das  Minimum  zu  reduzieren.  Es  soll  im  Jahre  1870/71  mehrfach  vorgekommen
sein,  daß  Fabriken  feiern  mußten,  weil  die  Kohlen  infolge  Waggonmangels
nicht  transportiert  werden  konnten.  Daran  soll  bei  mehr  als  einer  Gelegenheit
nicht  der  effektive  Mangel  an  Waggons  schuld  gewesen  sein,  sondern  die  unzulängliche ­
  Instradierung.  Angeblich  war  bei  der  Ausarbeitung  der  Transportpläne ­
  für  die  Armee  auf  die  Bedürfnisse  der  Industrie  an  der  Westgrenze
nicht  immer  ausreichend  Sorge  getragen  worden.
Jedenfalls  dürfte  die  rasche  Entwicklung  der  Industrie  und  der  Landwirtschaft ­
  dazu  führen,  daß  der  Mobilisierungsplan  auf  die  Unternehmungen  aller
Art  möglichst  Rücksicht  nehmen  wird  ;  insbesondere  dort,  wo  die  militärischen
Zwecke  dadurch  gar  nicht  gefährdet  erscheinen.  Es  gibt  im  Staatsleben  mehr
        <pb n="132" />
        121

als  eine  Gelegenheit,  wo  Schaden  dadurch  vermieden  werden  kann,  daß  bestimmte ­
  Probleme  nur  überhaupt  berücksichtigt  werden.  Es  wird  nicht  bei
einzelnen  Beratungen  in  dieser  Hinsicht  verbleiben,  man  wird  einmal  daran
gehen  müssen,  das  gesamte  Verkehrssystem,  sowie  überhaupt  das  ganze  Wirtschaftssystem ­
  im  Hinblick  auf  den  Kriegsfall  einheitlich  zu  organisieren.
Dann  wird  man  auch  ernstlich  die  Frage  behandeln,  wie  weit  Rohstoffreserven ­
  im  Friedensfall  am  Platze  sind,  insbesondere  Kohlenreserven.
Im  Kriegsfall  werden  solche  Dinge  allzu  leicht  überstürzt.  Vorkehrungen,  die
in  Friedenszeiten  billig  zu  treffen  sind,  verlangen  dann  leicht  einen  unverhältnismäßig ­
  großen  Kostenaufwand,  wenn  man  dann  überhaupt  noch  gute
Arbeit  zu  leisten  imstande  ist.  Man  vergißt  von  einer  Mobilisierung  zur  nächsten,
was  man  an  wirtschaftlichen  Erfahrungen  gesammelt  hat,  während  die  rein
militärischen  Erfahrungen  recht  zuverlässig  aufbewahrt  zu  werden  pflegen.
Die  Kontinuität  der  kriegswirtschaftlichen  Erfahrung
fehlt.  Während  in  früheren  wirtschaftlichen  und  staatswissenschaftlichen  Handbüchern ­
  sich  noch  Artikel  über  Heer  u.  dgl.  fanden,  die  freilich  meist  recht
unzulänglich  waren,  fehlen  dieselben  in  den  modernen  Standardwerken  vollkommen. ­
  Im  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft  oder  im  Handwörterbuch  der
Staatswissenschaften  sucht  man  vergeblich  nach  den  Schlagworten  Heer,  Krieg
usw.  Daß  nicht  Platzmangel  daran  schuld  ist,  beweist  das  Vorhandensein  von
Artikeln  über  Wasenmeisterei,  Hebammen  usw.  Wir  vergessen  daher  rasch
die  wirtschaftlichen  Ereignisse  der  letzten  Kriege.  Wo  findet  man  zuverlässiges
Material  über  die  Runs  im  Jahre  1870/71  gesammelt?  Es  ist  manchmal
nicht  einmal  möglich,  mit  Sicherheit  festzustellen,  ob  in  einer  deutschen  Stadt
in  dieser  Zeit  eine  Kriegslombardkasse  funktionierte  oder  nicht,  geschweige
denn,  daß  man  immer  über  ihre  Geschäftsführung  unterrichtet  wäre.  Wie  anders
wären  wir  heute  daran,  wenn  alle  einschlägigen  Beobachtungen  sofort  gemacht
und  aufgezeichnet  worden  wären,  wenn  sie  etwa  in  der  Art  wie  die  militärischen
Kriegsbeobachtungen  sofort  notiert  worden  wären.  Wie  wichtig  wäre  es,
wenn  neben  die  detaillierten  historischen,  strategischen
Studien  auch  solche  kriegswirtschaftlicher,  verpflegstechnischer
  Art  träten!
Auch  die  kriegswirtschaftlich  bedeutsamen  Vorkommnisse  der  Gegenwart
werden  nirgends  systematisch  gesammelt.  Recht  gute  Nachweise  findet
man  bei  den  Friedensfreunden,  die  bemüht  sind,  wenigstens  die  Zeitschriften
und  wichtigsten  Zeitungsartikel  über  diese  Materie  bibliographisch  zusammenzufassen. ­
  Wir  besitzen  eben  keine  kriegswirtschaftliche  Zentralstelle, ­
  welche  die  wichtigsten  Vorkommnisse  der  Gegenwart  aufzeichnen ­
  und  die  Vergangenheit  durchforschen  könnte.  Dies  ist  mit  eine
Ursache,  weshalb  die  kriegswirtschaftliche  Organisation, ­
  die  Ordnung  des  Verkehrswesens  und  die  Produktion ­
  im  Kriegsfall  so  schwer  durchzuführen  ist.
Es  seien  nun  noch  einige  Bemerkungen  über  den  internationalen
Markt  angefügt.  Der  Krieg  verändert  häufig  die  Absatzwege  bestimmter
Warengruppen.  Aber  es  werden  nicht  nur  die  Wege  verschoben,  vielfach
werden  bestimmte  Konsumenten  überhaupt  ausgeschaltet.  Um  nur  ein  Beispiel ­
  hervorzuheben:  Frankreich  verkauft  Konfektionswaren  an  die  ganze  Welt.
Als  der  deutsch-französische  Krieg  dazu  führte,  daß  Paris  eingeschlossen  wurde,
nahmen  die  Bestellungen  Hollands,  Italiens,  Rußlands  usw.  ihren  Weg  nach
Berlin,  statt  nach  Paris,  und  die  militärischen  Erfolge  hatten  unmittelbare
Einkommensvermehrung  hervorgerufen.  Damals  ging  auch  der  französische
Champagnerhandel  zurück,  während  Deutschland  für  seinen  Champagner  neue
Absatzgebiete  eroberte.  In  ähnlicher  Weise  kann  der  Handel  dritter  Staaten
durch  einen  Krieg  beeinflußt  werden.
Ich  komme  nun  zu  Problemen  von  noch  größerer  Tragweite.  Ein  Krieg
von  längerer  Dauer  kann,  wenn  sich  die  Produktion  an  die  geänderten  Verhältnisse ­
  anzupassen  vermag,  ähnlich  wie  ein  Schutzzoll  wirken.
Derartige  Wirkungen  von  einiger  Erheblichkeit  dürfte  im  allgemeinen  nur
ein  Weltkrieg,  wie  jener  vor  hundert  Jahren,  ausüben.  Was  für  Vorkommnisse
den  Weltkrieg  charakterisieren  werden,  wissen  wir  nicht  genau.  Sehr  wahr-
        <pb n="133" />
        scheinlich  ist  es,  daß  der  Boykott  eine  erhebliche  Rolle  spielen  wird,  wie  er
z.  B.  in  der  Türkei  und  in  Serbien  gegen  österreichisch-ungarische  Waren  zeitweilig ­
  geübt  wurde.  Der  Boykott  verengt  den  Absatz  des  Gegners,  er  fördert
den  Absatz  der  eigenen  Industrie,  die  nun  nicht  mit  jener  des  Auslandes  konkurrieren ­
  muß.  Der  Boykott  wirkt  wie  ein  Prohibitivzoll,  nur  daß  er  nicht
formell  von  der  Regierung  ausgeht.  Freilich  dürfte  man  in  Zukunft  für  einen
Boykott  der  Privatpersonen  die  Regierungen  verantwortlich  machen.  Es  wäre
denkbar,  daß  man,  im  Falle  man  die  Macht  dazu  hat,  sie  zur  Abnahme  bestimmter ­
  Warenquanten  zwingt,  die  sie  dann  an  die  Bevölkerung  nach  ihrem
Ermessen  weiter  veräußern  kann.  Derartige  und  andere  Pressionen  gegenüber
Regierungen  wird  man  um  so  leichter  anwenden,  als  in  der  Mehrzahl  der  Fälle
ein  großzügig  organisierter  Boykott  von  der  Regierung  zumindest  geduldet,
wenn  nicht  gar  gefördert  zu  sein  pflegt.
Wir  leben  heute  in  einem  Zeitalter,  das  schutzzöllnerischen  Qedankengängen
  stark  anhängt.  Es  ist  dies  eine  von  Zeit  zu  Zeit  wiederkehrende
Denkweise.  Wenn  ein  Zeitalter  dem  Staat  keine  Eingriffe  gestattete  und  infolge ­
  der  ungezügelten  Konkurrenz  schwere  Schäden  sich  bemerkbar  machten,
pflegte  man  in  der  Forderung  nach  Regierungshilfe  und  Schutzmaßnahmen  aller
Art  keine  Grenze  finden  zu  können  ;  wenn  dann  durch  übermäßige  Kontrolle
der  Unternehmungsgeist  gelähmt  und  vielfach  Unfähige  privilegiert  werden,
wendet  sich  der  Zorn  aller  gegen  die  Aufsicht  der  Regierung.  Da  die  Menschen
wenig  aus  der  Geschichte  zu  lernen  pflegen,  begnügt  man  sich  meist  nicht
mit  der  Beseitigung  der  Schäden,  sondern  geht  von  einem  Extrem  ins  andere
über.  Die  schrankenlose  Gewerbefreiheit  wird  durch  eine  Gewerbeordnung
abgelöst,  der  zufolge  eine  Konditorei  ohne  besondere  Konzession  zwar  kalte,
nicht  aber  warme  Limonaden  verkaufen  darf,  weil  letzteres  nur  einem  Kaffeehaus ­
  zukommt.  Den  Schutzzoll  verteidigen  viele  als  Erziehungszoll.  Sie
weisen  darauf  hin,  daß  der  unentwickelten  Industrie  geholfen  werden  müsse.
Daß  sie  hilfsbedürftig  sei,  spreche  nicht  gegen  ihre  tatsächlichen  Fähigkeiten.
Ein  dreißigjähriger  Schwächling  könne  mit  Leichtigkeit  einen  fünfjährigen
Athleten  erdrosseln.  Es  war  bekanntlich  der  Schutzzoll,  der  Deutschlands
Industrie  der  englischen  gegenüber  konkurrenzfähig  gemacht  hat.  Es  gibt
aber  freilich  Schutzzölle,  die  nicht  dazu  beitragen,  die  Produktion  zu  vergrößern ­
  und  zu  vervollkommnen,  sondern  einer  kleinen  Gruppe  von  energischen
Männern  die  Möglichkeit  geben,  Waren  minderer  Qualität  zu  hohen  Preisen  zu
verkaufen,  ohne  die  Konkurrenz  des  Auslandes  fürchten  zu  müssen.  In  Zeiten,
die  dem  Freihandel  gewogen  sind,  wird  man  für  die  schutzzöllnerische  Wirkung
des  Krieges  kein  rechtes  Verständnis  haben.  Der  Krieg  ist  für  Freihändler,
wie  ich  schon  einmal  erwähnte,  nur  eine  Störung  der  Produktion,  während
der  Schutzzöllner  in  ihm  unter  Umständen  eine  Anregung  zur  Produktion  sieht,
wenn  dafür  Sorge  getragen  wird,  daß  Fabriken,  die  während  eines  Krieges
errichtet  wurden,  nach  dem  Kriege  nicht  schutzlos  dem  Auslande  preisgegeben
werden,  wie  dies  nach  den  Napoleonischen  Kriegen  zum  Teil  der  Fall  war,
als  die  Kontinentalsperre  aufgehoben  wurde,  ohne  durch  entsprechende  Schutzzölle ­
  ersetzt  zu  werden,  die  als  Übergang  hätten  dienen  können.
Wir  besitzen  eine  ausgezeichnete  Schilderung  der  Kontinentalsperre
von  Peetz  und  Dehn.  Napoleon  wollte  den  englischen  Handel  treffen,  soweit
er  Industrie-  und  Kolonialartikel  betraf  ;  merkwürdigerweise  verhinderte  er
nicht  die  Zufuhr  von  Getreide  nach  England,  was  wohl  eine  der  ersten  Taten
eines  modernen  Napoleon  gewesen  wäre.  Auch  in  einem  modernen  Weltkriege ­
  würde  eine  Kontinentalsperre  der  Industrie  manche  Förderung,  aber
auch  manche  Lähmung  bringen.  Die  Lyoner  Seidenindustrie  beschäftigte  im
Jahre  1788  ungefähr  9000  Webstühle;  deren  Zahl  ging  infolge  der  Revolution ­
  auf  ungefähr  3000  zurück,  während  die  Kontinentalsperre  sie  im  Jahre
1810  auf  ungefähr  14  000  ansteigen  machte.  In  20  Jahren  hatte  sich  die  Anzahl ­
  verfünffacht.  Auch  die  nordfranzösische  Tuchindustrie  florierte  während
der  Kontinentalsperre.  Es  gab  damals  Natiohalökonomen,  die  sich  dieser
Wirkungen  voll  bewußt  waren  ;  sie  erklärten  mit  aller  Präzision,  die  man  nur
wünschen  kann,  Frankreich  habe  durch  die  Kontinentalsperre  eine  eigene  Industrie ­
  bekommen  und  Mitteleuropa  sei  industriell  von  England  unabhängig  ge-
        <pb n="134" />
        123

worden,  Napoleon  soll  zu  einem  Textilfabrikanten  die  Äußerung  gemacht
haben:  „Wir  beide  führen  gegen  England  Krieg.“  Während  der  Kontinentalsperre ­
  entstanden,  wie  ich  schon  erwähnte,  zahlreiche  Rübenzuckerfabriken.
Wie  rasch  sich  dieselben  entfaltet  haben  müssen,  kann  man  daraus  entnehmen,
daß  nach  der  Aufhebung  der  Kontinentalsperre  in  Frankreich  allein  deren  200
zugrunde  gehen  konnten.
Während  der  napoleonischen  Kriege  hat  aber  Frankreich  auch  schwere
Verluste  erlitten.  Es  büßte  fast  den  ganzen  Kolonialhandel  ein,  den  Handel
mit  Zucker,  Kaffee,  Baumwolle,  Indigo.  Zum  Teil  wurde  freilich  gerade  dadurch ­
  die  Entwicklung  der  Zuckerindustrie  gefördert.  Schwere  Verluste  erlitt
auch  die  deutsche  Exportindustrie,  die  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  ohnedies ­
  nicht  sehr  entwickelt  war.  Vor  allem  war  es  die  Sonneberger  Spielwarenindustrie, ­
  die  Schaden  zu  verzeichnen  hatte,  ebenso  die  schlesische  Leinenindustrie, ­
  die  Portugal,  Spanien  usw.  mit  ihren  Produkten  versorgte.  Auch
Hamburg  als  ein  Zwischenhandelszentrum  hatte  große  Verluste.  Ebenso  die
ostdeutsche  Landwirtschaft,  die  nach  England  Getreide,  Holz,  Hanf  und  Flachs
exportierte.
Wie  sehr  der  Zwischenhandel  durch  Kriege  leiden  kann,  zeigen  die  Ziffern
der  Tabelle  XXVI  für  1869  und  1870:
Tabelle  XXVI.

Import  nach  Hamburg

Ware

Quantitätsbezeichnung ­


1869

1870

Baumwolle

Paket

253  000

187  000

Kaffee

Pfund

130,000  000

78,600  000

Zedernholz

Quadratfuß

986  000

451  000

Reis

Säcke

283  000

172  000

Dieser  Rückgang  der  Warenziffern  entspricht  dem  Rückgang  der  Schifffahrt, ­
  der  freilich  in  einem  Weltkriege  noch  ganz  andere  Dimensionen  annehmen ­
  dürfte,  Tabelle  XXVll  gibt  eine  Übersicht  für  Hamburg  und  Bremen.
Noch  instruktiver  sind  Zusammenstellungen,  welche  die  Veränderungen  monatsweise ­
  geben.

Tabelle  XXVII.
Lähmung  der  Schiffahrt  durch  den  Krieg

Hafen

Jahr

Angekommene  |  Abgefahrene
Seeschiffe  ca.

Hamburg  .  .
do«  •  •  •
Bremen  .  •  .
do*  *  •  •

1869
1870
1869
1870

5200
4100
3000
2400

5200
4100
3200
2400

Es  gibt  nun  Leute,  welche  die  Anschauung  vertreten,  daß  jener,  der  eine
Kontinentalsperre  verhänge,  sich  selbst  ebensosehr  schädige  wie  den  Gegner.
Man  kann  zwar  ohne  weiteres  zugeben,  daß  durch  derartige  Eingriffe  in  den
        <pb n="135" />
        124

internationalen  Handel  im  allgemeinen  beide  beteiligten  Parteien  zu  leiden
haben  ;  ob  aber  beide  gleich  viel  leiden,  das  ist  eine  durchaus  konkrete
Frage;  eine  allgemeine  Antwort  läßt  sich  auf  dieselbe
nicht  geben.  Norman  Angell  hat  in  seinem  Buche  „Die  große  Täuschung“
obige  Behauptung  aufgestellt,  ohne  daß  es  ihm  aber  gelungen  wäre,  sie  zu
beweisen.  Seine  sehr  lesenswerten  Ausführungen  zeigen  nur,  daß  die  Komplikation ­
  des  heutigen  Weltmarkts  eine  isolierte  Beeinflussung  in  einer  einzigen
Richtung  schwer,  ja  unmöglich  macht.
Wenn  wir  von  den  Schädigungen  sprechen,  die  ein  Weltkrieg  der  Zukunft
nach  sich  ziehen  kann,  empfiehlt  es  sich,  einen  Blick  auf  die  Ziffern  des  internationalen ­
  Handelsverkehrs  zu  werfen.  Denken  wir  uns  einen  Zusammenprall
zwischen  Tripleentente  und  Dreibund.  Welche  Handelsentwicklung  Deutschlands ­
  Rußland  gegenüber  steht  auf  dem  Spiele,  welche  Vorteile  kann  eventuell
England  dadurch  erringen,  daß  Deutschland  zeitweilig  ausgeschaltet  wird?
Tabelle  XXVIII  gibt  uns  davon  einen,  wenn  auch  nur  ungefähren  Begriff.
Tabelle  XXVIII.
Rußlands  Handel  mit  Deutschland  und  England

in  Millionen  Rubel

Einfuhr  aus:
Deutschland  .
England  .  .  •

1906
270
104

1907
316
115

1908
320
121

1909
363
127

1910
450
154

1911
488
155

Ausfuhr  nach:
Deutschland  .
England  .  .  .

1906
284
225

1907
291
228

1908
279
220

1909
387
289

1910
391
315

1911
490
337

Die  zunehmende  Beteiligung  Deutschlands  am  russischen  Außenhandel  trägt
natürlich  nicht  dazu  bei,  einen  Krieg  mit  Rußland  besonders  wünschenswert
erscheinen  zu  lassen,  zumal  Deutschlands  Politik  überhaupt  darauf  aus  ist,  es
sich  mit  Rußland  nicht  ganz  zu  verderben.  In  einem  Weltkrieg  kann
England  unter  Umständen  Deutschlands  Seehandel  völlig
lahmlegen  und  Rußland  allein  mit  Waren  versorgen.  Zwar
wissen  wir,  daß  auch  kleine  Flotten  Erfolge  erzielen  können,  wie  dies  bei
Lissa  der  Fall  war,  aber  solche  Erfolge  sind  überaus  unwahrscheinlich. ­
  Freilich,  wenn  der  Krieg  siegreich  für  Deutschland  endigt,
kann  es  den  Handelsvertrag  mit  Rußland  zu  seinen  Gunsten  einrichten  ;  aber
ob  die  während  des  Krieges  erlittenen  Schäden  damit  ausreichend ­
  gedeckt  sind,  bleibt  fraglich,  zumal  man  selbst  nach
einem  siegreichen  Kriege  kaum  alle  jene  Bezieh^ungen  beseitigen  könnte,  welche
die  Engländer  inzwischen  in  Rußland  angeknüpft  haben  dürften.  Dazu  kommt
noch,  daß  in  solchen  Fällen  auch  dritte  Staaten  Boden  gewonnen  haben  können,
und  aut  deren  Tätigkeit  hat  selbst  der  Sieger  begreiflicherweise  nur  geringen
Einfluß.  Die  Intervention  Dritter  läßt  Zollkriege  also  überaus  bedenklich
erscheinen.  Österreich-Ungarn  ist  aus  dem  Zollkrieg  mit  Rumänien  geschädigt
hervorgegangen,  es  hat  auch  durch  den  Zollkrieg  mit  Serbien  schwer  gelitten.
Die  Italiener  und  Deutschen,  die  politischen  und  militärischen  Bundesgenossen
der  Monarchie  haben  die  Gelegenheit  benützt  und  haben  sich  in  Serbien  sofort
festgesetzt.  Als  der  Zollkrieg  zu  Ende  war,  hat  Österreich-Ungarn  nur  einen
Teil  der  früheren  Position  wieder  gewonnen.
        <pb n="136" />
        —  125  —

12.  Der  Kriegserfolg.
1.  Eroberung  und  Einflußsphäre.
Wir  müssen  uns  nun  darüber  unterrichten,  welche  Wirkungen  denn  ein
siegreicher  Krieg  ausübt.  Beginnen  wir  mit  der  Okkupation  eines  Gebietsteiles. ­
  Norman  Angell  behauptet  einfach:  „Reichtum,  Wohlfahrt  und  Wohlbe^
finden  einer  Nation  hängen  in  keiner  Weise  von  ihrer  politischen  Macht  ab“.
Dies  wäre  dann  der  Fall,  wenn  es  keine  Zollgrenzen  geben  und  man  keine  Bevorzugung ­
  bestimmter  Bevölkerungsgruppen  kennen  würde.  Durch  die  Verschiebung ­
  der  Zollgrenzen  kann  man  aber  erhebliche  Vorteile  erzielen  ;  man
kann  Absatzgebiete  bekommen,  die  einem  früher  verschlossen  waren.  Bevor
Österreich-Ungarn  Bosnien  okkupierte,  mußte  es  beim  Import  nach  diesem  Lande
die  türkischen  Zölle  zahlen,  nach  der  Okkupation  fielen  dieselben  weg.
Die  Eroberung  eines  Gebietsteiles  kann  aber  auch  schwere  Schäden  für
den  Eroberer  nach  sich  ziehen.  In  der  Literatur  Rußlands  und  Österreich-Ungarns
  bespricht  man  häufig  die  Wirkungen  eines  Kriegs  zwischen  diesen
beiden  Staaten.  Angenommen  Österreich-Ungarn  wäre  siegreich  und  ein  Teil
von  Russisch-Polen  würde  annektiert.  Das  Resultat  wäre,  daß  Russisch-Polen,
welches  jetzt  den  ganzen  Osten  mit  Waren  versorgt  und  eine  gewaltige  Industrie
besitzt,  vom  Osten  durch  Zölle  ferngehalten  würde.  Es  wäre  für  Rußland
Ausland,  wie  heute  etwa  England.  Innerhalb  Österreich-Ungarn  müßte  die
polnische  Industrie  einen  Ersatz  suchen.  Sie  müßte  hier  mit  der  österreichischen
und  Ungarischen  Industrie  kämpfen.  Galizien  dürfte  ihr  sofort  als  Absatzgebiet
zufallen.  Die  westösterreichische  Industrie  könnte  sich  einer  ^Inischen  gegenüber ­
  dort  kaum  halten.  Ich  weise  nur  flüchtig  auf  solche  Probleme  hin  und
lasse  andere  Fragen  ganz  aus  dem  Spiel.  So  würde  z.  B.  die  Angliederung
größerer  Polenmassen  in  Deutschland  zweifellos  Mißstimmung  erregen,  da  man
dort  jede  Stärkung  des  Polentums  in  Deutschland  oder  in  der  Monarchie  fürchtet.
Wir  sehen  an  diesem  einen  Beispiel,  daß  man  sich  gleichzeitig  mit  der  militärischen ­
  Eroberung  die  Folgen  derselben  auf  Produktion  und  Handel  ausmalen ­
  muß,  soll  man  nicht  nachträglich  Probleme  lösen  müssen,  von  denen
man  im  Vorhinein  nicht  weiß,  ob  man  ihnen  gewachsen  ist.
Von  größter  Wichtigkeit  ist  auch  die  Angliederung  von  Rohstoff  gebiet ­
  en.  Es  ist  z.  B.  für  Deutschland  sehr  bedeutsam,  die  Baumwollgebiete
Mesopotamiens  seiner  Einflußsphäre  einzugliedern.  Nur  so  kann  es  hoffen,
vom  nordamerikanischen  Baumwollmarkt  unabhängig  zu  werden.  Nicht  nur
im  Kriegsfall,  auch  im  Falle  eines  wirtschaftlichen  Konfliktes  ist  Deutschlands
Abhängigkeit  von  Amerika  eine  Bedrohung  der  Industrie.  Die  Vereinigten
Staaten  könnten  z.  B.  als  Repressalie  einen  erheblichen  Ausfuhrzoll  auf  Baumwolle ­
  legen.  Daß  Ausfuhrzölle  Vorkommen,  ist  ja  bekannt.  So  kennen  wir
in  der  Monarchie  einen  Ausfuhrzoll  auf  Hadern,  die  zur  Papierfabrikation  benötigt ­
  werden;  es  ist  dies  ein  industriefördernder  Zoll,  während  der  Ausfuhrzoll
Chiles  auf  Salpeter  ein  Finanzzoll  ist.  Um  von  den  Vereinigten  Staaten  in
Krieg  Und  Frieden  unabhängig  zu  sein,  aber  auch  aus  einigen  anderen  Gründen,
ist  Deutschland  bestrebt,  Berlin  mit  Bagdad  zu  verbinden.  Es  ist  aus  diesem
Grunde  für  Deutschland  sehr  wichtig,  daß  der  ganze  Schienenstrang  von  Berlin
bis  Bagdad  über  Gebiete  läuft,  die  deutschem  Einfluß  zugänglich  sind.  Deutschland ­
  braucht  die  Freundschaft  der  Türkei,  es  ist  an  einem  dreibundfreundlichen
Bulgarien  und  Rumänien  ebenfalls  direkt  interessiert.  Diese  großzügigen  Ideen
sind  aber  nicht  etwa  erst  ein  Ergebnis  der  letzten  Zeit.  Schon  der  große
deutsche  Nationalökonom  Friedrich  List  hat  Kleinasien  als  die  prädestinierte
Interessensphäre  Deutschlands  angesehen.  Ich  habe  diesen  einen  Gedankengang
hervorgehoben,  um  zu  zeigen,  welche  Dimensionen  internationale  Pläne  annehmen ­
  können.  Bei  uns  ist  man  wenig  gewöhnt,  derartige  Ideen  zu  verfolgen, ­
  da  wir  selbst  ¡nur  geringe  internationale  Interventionsmöglichkeiten  haben.
In  England  sind  weit  gewaltigere  Pläne,  offizielle  und  nichtoffizielle,  an  der
Tagesordnung,  auch  Rußland  beschäftigt  sich  immer  mehr  mit  derartigen  Kombinationen ­
  größten  Stils.
        <pb n="137" />
        126

Es  fragt  sich  nun,  wie  kann  ein  Staat  erobertes  Gebiet  oder  Interessenr
Sphären  ausnützen?  Er  kann  seinen  Bürgern  weitgehendste  Vorteile  verschaffen.
Eine  bekannte  Bevorzugung  kommt  bei  der  Vergebung  von  Eisenbahnkonzessionen ­
  vor.  Gerade  in  dem  eben  erwähnten  Gebiet  Kleinasiens  geht  der  Kampf
der  Mächte  um  die  Eisenbahnkonzessionen.  Rußland  hat  ein  Grenzgebiet  der
Türkei  gegen  fremde  Eisenbahnkonzessionen  sperren  lassen.  Würde  Rußland
besiegt,  so  wäre  das  Recht,  an  der  russisch-türkischen  Grenze  Eisenbahnen
bauen  zu  lassen,  auch  ein  Kampfpreis.
Aber  die  Eroberungen  müssen  sich  nicht  unmittelbar  auf  kommerzielle
Ausnützungsobjekte  beziehen.  Oft  genügt  es,  gewisse  wichtige  Positionen
in  die  Hand  zu  bekommen;  ich  erinnere  nur  an  die  Besetzung  Maltas,  Gibraltars, ­
  Zyperns  durch  die  Engländer,  an  die  zahlreichen  Positionen,  welche
die  Engländer  sich  längs  der  arabischen  Küste  verschafft  haben.  Der  persische
Meerbusen  ist  heute  ganz  von  englischen  Stationen  eingerahmt,  während  die
Scheichs  des  arabischen  Hinterlandes  zum  Teil  eine  Art  Vasallen  Englands
sind,  das  ihnen  Gewehre  usw.  liefert.  Der  Besitz  oder  Verlust  dieser  Positionen ­
  bedeutet  sehr  viel  in  kommerzieller  Beziehung.
Es  handelt  sich  bei  all  diesen  Dingen  um  die  Aufteilung  der  Erde  unter
einige  große  Mächte.  So  sollen  bereits  Verhandlungen  im  Gange  sein,  die  darauf
abzielen,  Afrika  gänzlich  unter  Deutschland,  Frankreich  und  England  aufzuteilen, ­
  soweit  sich  nicht  Italien  bereits  festgesetzt  hat.  Man  hört  von  Bemühungen,
die  darauf  abzielen,  einen  Teil  der  portugiesischen  Kolonien  für  Deutschland
zu  gewinnen.  Der  Anteil,  den  die  Naturvölker  an  diesen  Vorgängen  nehmen,
ist  sehr  untergeordnet,  weil  sie  schwer  patriotische  Neigungen  für  den  einen
oder  den  anderen  europäischen  Staat  empfinden  können.  Dies  ist  auch  die
Ursache,  daß  die  Eroberer  selbst  wenig  Sinn  für  die  unterjochten  Stämme  haben.
Es  gibt  genug  leitende  Politiker  in  Deutschland,  welche  von  einer  Eingeborenennutzung ­
  im  selben  Sinne  denken,  wie  von  der  Bodennutzung,  das  Empfinden
den  Negern  gegenüber  ist  oft  nicht  viel  von  dem  verschieden,  das  man  früher
den  Sklaven  entgegenbrachte.
Um  die  kommerzielle  Bedeutung  der  Einflußsphären  verfolgen  zu
können,  empfiehlt  es  sich,  häufiger  als  dies  heute  geschieht,  Karten  zu  entwerfen, ­
  welche  die  Einflußsphären  verschiedenen  Grades  zum  Ausdruck  bringen.
Diese  überaus  wichtigen  Fragen  werden  überhaupt  bis  jetzt  viel  zu  wenig
systematisch  erforscht.  Man  bevorzugt  ungebührlich  die  formell  festgelegten
politischen  Verhältnisse  vor  den  tatsächlich  wirksamen.
Der  Staat,  der  ein  Gebiet  erobert  oder  sich  eine  Interessensphäre  schafft,
kann  seinen  Bürgern  auch  noch  andere  Vorteile  verschaffen.  Er  kann  ihnen
die  Beamten-  und  Offiziersstellen  geben,  wie  dies  z.  B.  seitens  Rußlands  in  den
polnischen  Landteilen  geschieht.  Österreich-Ungarn  hat  seine  in  Bosnien  zugunsten ­
  seiner  Bürger  ausgenützt;  nur  langsam  konnten  die  einheimischen  Bosniaken
  in  Landesämter  einrücken.  England  nützt  in  dieser  Weise  seine  Macht
vor  allem  in  Indien  aus,  das  die  hohe  Schule  vieler  Militärs  und  Beamten  ist.
Es  ist  wohl  nicht  nötig,  auf  derartige  Fälle  weiter  hinzuweisen.  Norman
Angell  und  seine  Anhänger  werden  auf  derartige  Argumente  erwidern,  die
insbesondere  auch  durch  den  Balkankrieg  eine  Stütze  erfahren,  daß  die  Unmöglichkeit, ­
  durch  Kriege  einen  wirklich  wirtschaftlichen  Erfolg  zu  erzielen,
nur  für  Völker  gelte,  die  vollkommen  kultiviert  sind.  Es  fragt  sich  nur,  für
welche  Völker  dann  die  Norman  Angellsche  Annahme  eigentlich  Geltung  hat?
Für  einen  Weltkrieg  schon  nicht,  denn  Rußland  und  Deutschland  würden  sich
wohl  nicht  scheuen,  mit  Expropriationen  vorzugehen  ;  haben  wir  doch  in
Friedenszeiten  in  Preußisch-Polen  entsprechende  Beispiele  dafür,  daß  der  moderne
Staat  die  Expropriation  unter  sein  politisches  Rüstzeug  aufgenommen  hat.
Daß  kommerzielle  Vorteile  mit  dem  Sieg  verbunden  sind,  kann  man  aus
einer  Reihe  von  Friedensverträgen  mit  aller  Deutlichkeit  entnehmen.  Ich  verweise ­
  nur  auf  den  russisch-japanischen  Frieden.  Rußland  gesteht  auf  Grund
desselben  den  Japanern  ausdrücklich  in  Korea  vorwiegende  militärische  Und
wirtschaftliche  Interessen  zu.  Die  russische  Regierung  erklärte  weiter,  daß
sie  keine  territorialen  Begünstigungen  in  der  Mandschurei  besitze,  noch  sonstige ­
  Konzessionen,  welche  das  Hoheitsrecht  von  China  berühren.  Auch  wurden
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        127

den  Japanern  längs  der  russischen  Küste  Fischfangrechte  eingeräumt,  um  die
fast  ein  neuer  Krieg  heraufbeschworen  worden  wäre.  Die  Russen  haben  keinen
so  entwickelten  Fischfang,  wie  die  Japaner,  welche  die  Fische  nicht  nur  als
Nahrungsmittel,  sondern  auch  zur  Düngung  verwenden.  Der  Fischfang  ist
daher  von  großer  Bedeutung  für  Japan.  Derartige  Beispiele  ließen  sich  leicht
vermehren.

2.  Beute  und  sonstige  Kriegs  erfolge.
Daß  durch  Okkupation  und  Schaffung  von  Interessensphären  der  siegreiche
Staat  seinen  Bürgern  erhebliche  Vorteile  verschaffen  kann,  haben  wir  zur  Genüge ­
  gesehen;  das  ist  auch  im  allgemeinen  bekannt.  Weniger  klar  pflegt  man
sich  darüber  zu  sein,  daß  kriegerische  Erfolge  oder  militärische  Pressionen
auch  unmittelbar  dazu  führen  können,  daß  Gegenstände  dem  Feinde  weggenommen ­
  werden  oder  er  zu  konkreten  Handelsgeschäften  gezwungen  wird.
Daß  es  in  einem  Kriege  nicht  ohne  Beutemachen  abgeht,  ist  leicht  begreiflich.
Die  Seele  der  Menschen  wird  durch  den  Krieg  wesentlich
umgewandelt  und  aus  allen  Kriegen  können  wir  mehr  oder  weniger  krasse
Fälle  von  Beutemachen  zusammenstellen.  Aber  dieses  Beutemachen  der  Soldaten ­
  verbleibt  in  verhältnismäßig  engen  Grenzen,  zumal  ihm  schon  um  der
Disziplin  willen  entgegengewirkt  werden  muß.  Anders  steht  es  aber  mit  der
Wegnahme  von  Waren,  Schiffen  usw.  in  großem  Maßstabe.  Daß  derlei  in  solchen ­
  Dimensionen  möglich  ist,  daß  man  den  Gegner  dadurch  empfindlich  zu
schädigen  vermag,  ist  heute  vielfach  vergessen,  weil  seit  den  Napoleonischen
Kriegen,  in  denen  diese  Methoden  reichlich  zur  Anwendung  kamen,  bald
hundert  Jahre  vorüber  sind.  In  welcher  Weise  z.  B.  die  Engländer  vor  hundert
Jahren  operierten,  zeigt  Tabelle  XXIX,  die  ich  dem  trefflichen  Werk  von
Peez  und  Dehn  entnehme.  Wir  sehen  aus  derselben,  daß  die  Engländer

Tabelle  XXIX.
Von  den  Engländern  weggenommene  und  in  ihre  Flotte  eingestellte  Schiffe.

1801
1802
1803
1804
1805
1806

2800
2800
2300
2500
2500
2600

1807
1808
1809
1810
1811
1812

2800
3200
3500
3900
4000
3900

jährlich  etwa  3000  Schiffe  weggenommen  haben,  in  zwölf  Jahren  also
ungefähr  32  000,  das  ist  siehr  viel,  selbst  wenn  die  kleinsten  gekaperten
Segelboote  in  diese  Ziffer  mit  eingeschlossem  sind.  Mit  solchen  Vorkommnissen, ­
  vielleicht  in  noch  größerem  Maßstabe,  muß
man  im  Weltkriege  der  Zukunft  rechnen.  Wenn  die  Engländer
Gelegenheit  dazu  finden,  werden  sie  die  großen  Dampfer  der  Hamburg-Amerika-Linie
  möglichst  rasch  in  ihre  Hand  zu  bekommen  suchen.  Eine  derartige  Kaperung
ist  umso  naheliegender,  als  die  meisten  großen  Dampfer  ihre  eigene  Kriegsbestimmung ­
  haben,  also  einen  Teil  der  Kriegsflotte  bilden  dürften.
Die  Engländer  haben  ebenso  wie  andere  Staaten  immer  jene  Bestimmungen
des  Seekriegsrechtes  anerkannt,  die  ihnen  den  meisten  Vorteil  brachten.  Daß
sie  diesen  Standpunkt  einnehmen,  kann  man  aus  allen  öffentlich  geführten  Verhandlungen ­
  über  diesen  Gegenstand  entnehmen.  1778  vertraten  die  Engländer
die  Anschauung,  die  neutrale  Flagge  decke  die  Ware  nicht.  Erst  nach  dem
Krimkriege  wurde  diese  Bestimmung  abgeändert.  Aber  wenn  auch  die  Tendenz
da  ist,  im  Seekriegsrecht  möglichst  viele  neutrale  Positionen  anzuerkennen,  so
wird  doch  schließlich  immer  derjenige,  welcher  die  Seemacht  hat,  auch  das
Seerecht  bestimmen.
Aber  auch  die  Wegnahme  von  Warenlagern  muß  man  erwarten,
selbst  wenn  dadurch  die  Neutralität  und  das  Völkerrecht  verletzt  werden  sollten.
Es  wäre  ja  ein  großer  Fortschritt  auf  dem  Gebiete  der  internationalen  Organisation,
        <pb n="139" />
        i

128

wenn  das  Völkerrecht  sich  durchzusetzen  vermöchte,  aber  viele  Erfahrungen
zeigen,  daß  man  vorsichtigerweise  mit  dem  Bruch  desselben  rechnen  muß.  Vergessen ­
  wir  nie  daran,  daß  die  europäischen  Truppen,  die  in  China  als  Vertreter ­
  der  europäischen  Zivilisation  auftraten,  nicht  nur  gegenüber  der  Bevölkerung
sich  manchen  Übergriff  erlaubten,  sondern  auch  aus  dem  Palast  Gegenstände
wegführten,  die  nicht  militärischen  Zwecken  dienten.  Die  so  erbeuteten  astronomischen ­
  Instrumente,  deren  Wegnahme  Bülow  im  Reichstag  zugestand,  wurden
auch  nicht  zurückerstattet,  sondern  als  nachträgliches  Geschenk  der  chinesischen
Regierung  behalten.  In  solchen  Dingen  gibt  übrigens  meist  derjenige  den  Ton
an,  der  die  brutalere  und  rücksichtslosere  Kampfmethode  wählt.  Wenn  z.  B.
die  Feinde  in  ein  Land  eindringen  und  auf  völkerrechtswidrigen ­
  Widerstand  stoßen,  üben  sie  leicht  Repressalien,
und  dann  bleibt  es  bekanntlich  nicht  beim  Au  g  um  Aug,
Zahn  um  Zahn  stehen,  sondern  es  heißt  bald  Leben  um  Aug,
Arm  um  Finger.  Die  Brutalität,  die  Völkerrechts  Widrigkeit ­
  wird  rasch  überboten,  es  dauert  nicht  lange,  und  eine
allgemeine  Verwilderung  reißt  ein.  Diese  Verwilderung  droht
insbesondere  dort,  wo  man  mit  Menschen  einer  fremden  Kultur  zusammenstößt,
deren  Verhalten  von  dem  unseren  abweicht.
Wie  man  in  der  Napoleonischen  Zeit  gegen  kommerzielles  Eigentum  verfuhr, ­
  ist  sehr  lehrreich.  Die  Ein|griffe  kannten  bald  keine  Grenzenl  mehr  und
veranlaßten  Luden  zu  dem  Ausspruch:  „Wehrlosigkeit  führt  zur  Knechtschaft.“
Im  Oktober  1806  beschlagnahmten  die  Franzosen  für  8  Millionen  Mark  Waren
in  Sachsen  und  verkauften  sie  um  5,6  Millionen  Mark  im  April  1807  an  die  Sachsen
zurück.  Das  heißt,  sie  zogen  eigentlich  den  Zwischengewinn  für  die  Kontriibutionskasse
  ein.  Ähnlich  gingen  sie  in  Hamburg  und  1809  in  Triest  vor.  Es
würde  ermüden,  wollte  ich  die  zahllosen  Eingriffe  hier  zusammenstellen.  Es
wäre  verfehlt,  zu  glauben,  daß  derartiges  heute  unmöglichwäre. ­
  In  100  Jahren  ändert  sich  die  Welt  nicht  so  grundsätzlich. ­
  Die  französischen  Zolleinnahmen  gingen  von  54  Millionen  Mark  im
Jahre  1807  auf  21  Millionen  Mark  im  Jahre  1809  zurück,  aber  der  einmalige
Ertrag  aus  der  Beschlagnahme,  Versteigerung  usw.  von  den  Kolonialwaren
betrug  120  Millionen  Mark.  Man  sieht  bereits  aus  diesen  Ziffern,  um  was  für
Warenmassen  es  sich  gehandelt  hat.  Diese  Massenkonfiskationen  drängten
dazu,  die  Zirkulation  (dieser  Warenmengen  im  Interesse  der  Napoleonischen  Herrschaft ­
  auch  ohne  Handels  weg  zu  ermöglichen.  Sehr  bezeichnend  ist  in  dieser
Richtung  ein  Brief  Napoleons  an  Bernadotte:  „Ich  werden  Ihnen  für  20  Millionen ­
  Francs  Kolonialwaren  geben,  die  ich  in  Hamburg  habe.  Sie  geben  mir
für  20  Millionen  Francs  Eisen.  Sie  werden  in  Schweden  für  die  Ausfuhr  kein
Geld  haben.  Treten  Sie  die  Kolonialwaren  den  Kaufleuten  ab,  die  den  Zoll
zahlen,  und  Sie  können  sich  dann  des  Eisens  entledigen.  Ich  brauche  in  Antwerpen ­
  Eisen  und  habe  Überfluß  an  Kolonialwaren.“  Das  ist  der  Ton,
in  dem  in  einem  Weltkrieg  geschrieben  wurde  und  wohl  auch
wieder  geschrieben  würde,  wenn  es  zu  einem  solchen  komme ­
  n  s  o711  e.
Man  hört  zuweilen,  daß  ein  Staat  keine  Armee  brauche,  denn  was  könnte
der  Sieger  tun?  Das  was  Napoleon  getan  hat.  Hamburg  mußte  vom  Mai  1813  bis
zum  Mai  1814  gegen  40  Millionen  Mark  an  Napoleon  zahlen.  Ein  zeitgenössischer
Schriftsteller  hat  berechnet,  daß  die  Hamburger  in  diesem  Zeitraum  für  5  Millionen ­
  Mark  bereits  10  000  Mann  hätten  auf  die  Beine  stellen  können,  das  heißt,
eine  Armee,  die  bei  der  Abwehr  des  Napoleonischen  Angriffes  wohl  in  Betracht
gekommen  wäre.  Wenn  ich  es  auch  nicht  für  zulässig  halte,  so  leichthin  von
einer  Versicherung  des  Handels  gegen  den  Feind  durch  Aufwendung  von  Rüstungsgeldern ­
  zu  sprechen,  weil  der  Versicherungsbegriff  doch  heute  schon  eine  zu  präzise
Bedeutung  hat,  um  zu  einer  so  unbestimmten  Analogie  verwendet  werden  zu
dürfen,  so  zeigt  dies  vorliegende  Beispiel,  daß  es  doch  wohl  lohnt,  darüber  nachzudenken,
  was  für  Folgen  militärische  Wehrlosigkeit  haben  kann.
Wie  wenig  Neutralität  hilft,  zeigt  das  Verfahren  der  Engländer  während  der
Napoleonischen  Kriege.  Sie  befürchteten,  Napoleon  könne  in  Dänemark  einfallen. ­
  Daraufhin  erschienen  sie  vor  Kopenhagen,  bombardierten,  ohne  daß
        <pb n="140" />
        9

129

Kr.eg  gewesen  wäre,  die  Stadt,  nahmen  die  Flotte  weg  und  schleppten
an  Bauholz  und  anderen  Materialien  weg,  was  sie  erlangen  konnten.  Die
Neigung  der  Menschen,  im  Kriege  Gegenstände  dem  Feinde  wegzunehmen,
ist  Uralt.  Der  Philosoph  Aristoteles  vertritt  auf  einer  hohen  Kulturstufe  die  Anschauung, ­
  daß  die  Kriegskunst  eine  Form  der  Erwerbskunst  sei,  die  mit  der
Jagd  und  der  Landwirtschaft  zu  den  natürlichen  Erwerbskünsten  gehöre.  Zu
den  unnatürlichen  rechnete  er,  was  heute  vielen  sonderbar  erscheinen  dürfte,
das  Geldgeschäft  und  den  Handel.
Heute  beginnt  man  in  der  Theorie  den  Krieg  wieder  mehr  als  früher  als
Erwerbszweig  anzusehen.  Man  darf  in  dem  kriegerischen  Verhalten ­
  der  Menschen  nicht  zu  rasch  an  einen  ununterbrochenen ­
  Fortschritt  glauben.  Wie  oft  glaubte  man  nicht  schon,  daß
die  völkerrechtlichen  Bindungen  allgemeine  Anerkennung  gefunden  hätten.  Nach
dem  Dreißigjährigen  Kriege  begann  eine  Milderung  der  Kriegssitten  und  der
politischen  Feindschaften.  In  den  70er  Jahren  des  18.  Jahrhunderts  konnte
noch  Iselin  schreiben,  daß  nun  das  Kriegführen  weit  milder  geworden,  daß  überhaupt, ­
  wer  die  andern  in  Ruhe  lasse,  auch  selbst  in  Ruhe  gelassen  werde.
„Ludwig  XIV.  hatte  von  seinen  Nachbarn  alle  die  Übel  zu  befürchten,  welche
er  ihnen  zugefügt  hat.  Er  hat  sie  auch  nachher  zum  Teile  von  ihnen  erlitteni
Es  war  also  natürlich,  daß  in  solchen  Zeiten,  wo  ein  offenbarer  oder  verdeckter
Haß  alle  Völker  beseelte,  jedes  trachten  mußte,  sich  zu  verstärken  und  and  ene
zu  schwächen.  Zu  Ende  des  18.  Jahrhunderts  verhalten  sich  die  Sachen  ganz
anders.  Keine  Macht,  die  ruhig  sein  will,  hat  von  der  andern  das  geringste
mehr  zu  befürchten.  Es  kann  also  keine  mehr  mit  Gerechtigkeit  erobern.“  Wie
anders  verhält  sich  das  Napolepnische  Zeitalter.  „Während  der  Kriege  von
1792  bis  1815  war  das  Völkerrecht  auf  das  geringste  zusammengeschwunden.“
Ich  habe  bisher  die  Wegnahme  beweglicher  Güter  ins  Auge  gefaßt.  Aber
der  Sieger  kann  auch  zur  Expropriation  von  Grundeigentum  schreiten.  Der
Balkankrieg  gibt  gleich  ein  gutes  Beispiel.  Die  Serben  haben  in  Alt-Serbien
Land  parzelliert  und  verteilen  12  Joch  pro  Familie  an  Leute  aus  Altserbien,
aus  dem  ehemaligen  Reichsserbien  und  an  Südslaven  aus  Österreich-Ungarn.
Der  Zehent,  der  früher  den  türkischen  Vakufs  zugeflossen  ist,  wurde  abgeschafft;
den  Serben  wurde  ein  Vorkaufsrecht  eingeräumt,  wenn  türkische  Vakufsgüter
veräußert  werden  sollten.  Kurzum,  wir  haben  einen  Fall  von  Bevorzugung  der
eigenen  Bürger  vor  uns,  der  sich  im  unmittelbaren  Erwerb  von  Grundstücken
äußert.  Wir  sehen  so  Methoden  auftauchen,  welche  im  alten  Rom  gang  und
gäbe  wären.  Diese  Verteilung  von  Grundbesitz  schwebte  vielen  Serben  bereits
vor,  als  der  Balkankrieg  begann.
Wie  ich  schon  erwähnt  habe,  ist  dies  Vorgehen  aber  nicht  etwas  Isoliertes.
Wir  sahen,  daß  in  Preußen  polnische  Güter  zu  Gunsten  der  Deutschen  expropriiert ­
  wurden.  Was  heute  die  Deutschen  den  Polen  tun,  können  morgen
die  siegreichen  Russen  den  Deutschen  tun.  Die  Russen  suchen  bei  den
Ruthenen  Ostgaliziens  den  Glauben  wachzuhalten,  daß  im  Falle  einer  russischen ­
  Invasion  eine  Expropriation  der  Polen  und  Juden  zugunsten  der  Ruthenen
erfolgen  werde.  Aber  die  Parzellierung  liegt  heute  überhaupt
in  der  Luft,  sie  ist  für  viele  ein  soziales  Postulat  und  nicht
nur  für  eine  kleine  radikale  Gruppe.  Es  gibt  heute  sehr  konservativ ­
  gesinnte  Leute,  welche  der  Ansicht  sind,  den  hungernden  Massen  Galiziens ­
  könne  nur  durch  eine  teilweise  Parzellierung  des  Großgrundbesitzes
geholfen  werden,  nur  so  könne  man  diese  Menschen  an  das  Vaterland  fesseln.
Es  gibt  bereits  Großgrundbesitzer,  welche  es  für  eine  patriotische  Pflicht  der
Großgrundbesitzer  ansehen,  daß  ein  Teil  der  Bodenfläche  an  die  bodenlose
Agrarbevölkerung  abgegeben  werde.  Wir  sehen  denn  auch  in  Rumänien  die
Bodenreform  auf  dem  Marsche,  ebenso  in  England,  wo  bekanntlich  Lloyd  George
für  sie  eintritt.  Wenn  solche  Ideen  in  Friedenszeiten  einen  großen  Einfluß
ausüben,  um  wie  viel  mehr  in  Kriegszeiten,  wenn  der  eine  kriegführende  Teil
durch  Versprechungen  hinsichtlich  zukünftiger  Parzellierungen  einen  Teil  der
gegnerischen  Bevölkerung  auf  seine  Seite  zu  bringen  vermag,  so  wie  man  die
eigenen  Leute  durch  Versprechungen  anzuspornen  vermag.  Es  wurde  in  der
letzten  Zeit  immer  schwerer,  Kriegsbegeisterung  zu  erregen,  weil  der  Kriegs-
        <pb n="141" />
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gewinn  für  breite  Massen  nicht  unmittelbar  genug  zutage  trat.  Am  offenbarsten ­
  war  meist  nur,  daß  die  Lieferanten  von  Kanonen
und  anderem  Kriegsmaterial  riesige  Gewinne  einstreichen
konnten.  Wenn  man  wieder,  wie  ehedem,  Bauernhufen  an  die  Sieger
verteilt,  wird  der  Einzelne,  ähnlich  wie  in  alten  Zeiten,  aus  patriotischen  und
egoistischen  Gründen  in  den  Kampf  ziehen.  Manche  österreichische
und  ungarische  Politiker  weisen  darauf  hin,  wie  wichtig
für  Österreich-Ungarn  die  Lösung  der  Agrarfrage  sei,  in
Bosnien  vor  allem  jene  der  Kmetenfrage,  damit  nicht  eines
Tages  die  Russen  und  Serben  als  Befreier  der  armen  agrarischen ­
  Bevölkerung  sich  einen  Anhang  im  eigenen  Lande
zu  verschaffen  wüßten.
Nur  nebenbei  möchte  ich  die  Zerstörungen  erwähnen,  welche  der  Krieg  zur
Folge  haben  kann.  Sie  dürften  sich  auf  einen  verhältnismäßig  engen  Bereich
beschränken.  Zerstörte  Häuser  und  Fabriken  pflegen  bald  wieder  neu  zu  erstehen. ­
  Nur  wenn  ein  Land  bereits  im  Niedergang  begriffen  ist,  können  solche
Zerstörungen  dauernde  Lähmungen  im  Gefolge  haben.
3.  Einfluß  auf  den  Warenabsatz.
Durch  Kriegserfolge  oder  entsprechende  militärische  Pressionen  kann  man
aber  auch  den  Warenabsatz  fördern.  Ein  überaus  krasses  Beispiel  ist  der
im  XIX.  Jahrhundert  geführte  Opiumkrieg.  Einer  der  chinesischen  Kaiser  sah
ein,  daß  sein  Volk  unter  dem  Opiumgenuß  zugrunde  gehe.  Opium  wirkt
bekanntlich  unvergleichlich  zerstörender  als  Alkohol.  Er  verbot  also  den  Opiumimport. ­
  Dadurch  wurden  vor  allem  englische  Kaufleute  betroffen,  die  das
Opium  aus  Indien  importierten.  Es  wurde  nun  das  Gesetz  umgangen  hnd
Opium  eingeschmuggelt.  Dies  veranlaßte  die  chinesische  Regierung  zu  einem
energischen  Schritt.  Es  wurde  gegen  die  Schmuggler  eingeschritten  und  eine
größere  Quantität  Opium  ins  Meer  geworfen.  Die  Engländer  intervenierten
zugunsten  der  Schmuggler.  Es  kam  zu  einem  Notenwechsel.  Das  Ergebnis  war
ein  Krieg,  in  welchem  die  Engländer  nicht  nur  Schadenersatz  für  die  Schmuggler
erlangten,  sondern  auch  die  Opiumeinfuhr  durchsetzten.  Es  gab  damals  zahlreiche ­
  englische  Politiker,  welche  in  diesem  Kriegserfolg  eine  unerhörte  Verletzung ­
  jeglicher  Moral  erblickten,  wurde  doch  eine  um  das  Wohl  des  Volkes
besorgte  Regierung  gezwungen,  die  Verseuchung  desselben  durch  ein  gefährliches ­
  Gift  zuzugestehen.
Aber  ein  Staat  kann  seine  Macht  noch  weiter  ausnützen,  indem  er  von
einem  anderen  Staate  z.  B.  geradezu  verlangt,  daß  er  bestimmte  Waren  von
seinen  Bürgern  kaufe.  Eine  derartige  diplomatische  Aktion  hat  Österreich-Ungarn
  den  Serben  gegenüber  unternommen.  In  den  Forderungen,  welche
Österreich-Ungarn  am  5.  April  1906  gegenüber  Serbien  geltend  machte,  heißt
es:  „Um  zu  einem  billigen  Ausgleich  zu  gelangen,  stellt  daher  die  österreichischungarische ­
  Delegation  folgende  Forderungen  fest:
1.  tunlichste  Vereinfachung  der  Tarifsystematik  ;
2.  sorgfältige  Revision  des  Tariftextes;
3.  Vereinbarung  der  künftigen  Zollquote;
4.  Sicherstellung  des  Prinzips,  daß  bei  staatlichen  Lieferungen  die  österreichischen ­
  und  ungarischen  Erzeugnisse  bei  Parität  von  Preis  und  (Qualität  nicht
ausgeschaltet  werden.  Letzteres  hätte  namentlich  zu  gelten  bezüglich  der
eben  im  Zuge  befindlichen  Frage  der  Lieferung  von  Geschützen,  sowie  bezüglich
der  Zuwendung  der  Salzlieferungen,  in  welch  beiden  Fragen  weder  Preis  noch
auch  Qualität  zu  ungunsten  der  Erzeugnisse  Österreich-Ungarns  berufen  werden
können.“  Wir  sehen,  wie  die  ersten  Forderungen  sich  auf  Punkte  beziehen,  welche
in  Verträgen  seit  jeher  geregelt  werden,  Punkt  4  dagegen  stellt  eine  weitgehende ­
  Einschränkung  der  freien  Entschließung  dar.  In  der  ersten  Hälfte  handelt
es  sich  noch  um  Feststellung  eines  Lieferungsgrundsatzes,  im  zweiten  dagegen
um  Einführung  eines  Kaufzwanges.
Die  Serben  waren  bereit,  in  allen  Punkten  zuzustimmen,  nur  bezüglich  der
Anschaffung  der  Artillerie  und  des  Artillieriematerials  weigerten  sie  sich  und
erklärten,  „durch  das  fachmännische  Gutachten  der  Artilleriekommission  gebunden
        <pb n="142" />
        9*

131

zu  sein".  In  einem  späteren  Schreiben  heißt  es  nochmals:  „Die  Königlidie
Regierung  behält  sich  daher  das  Recht  vor,  die  Kanonen-  und  Munitionsbestellung
dann  und  dort  zu  plazieren,  wann  und  wo  dies  die  Staatsinteressen  erfordern."
Die  serbische  Antwortnote  wies  insbesondere  darauf  hin,  daß  die  serbische  Regierung ­
  der  österreichischen  und  ungarischen  Industrie  Lieferungen  im  Betrage
von  26  Millionen  Dinars  in  Aussicht  stelle,  d.  h.  von  50  Prozent  aller  bevorstehenden ­
  Staatsbestellungen.  Bekanntlich  folgte  ein  Zollkrieg,  in  dem  es  Österreich
nicht  gelang,  den  Sieg  über  Serbien  davonzutragen.  Wir  sehen,  was  ein  Staat
heutzutage  überhaupt  von  einem  anderen  fordern  kann.  Wir  können  uns  selbstverständlich ­
  auch  Friedensverträge  denken,  in  denen  der  eine  Staat  vom  anderen
bestimmte  Waren  zu  beziehen  sich  verpflichtet.
4.  Kriegsentschädigung.
Ehe  ich  die  flüchtige  Skizze  schließe,  möchte  ich  noch  auf  die  Bedeutung
von  Kriegsentschädigungen  hinweisen.  In  der  Gegenwart  bestehen  Kriegsentschädigungen ­
  im  allgemeinen  aus  Geld  oder  Anweisungen  auf  Geld,  Devisen,
Schecks  usw.  Sie  kann  in  verschiedener  Weise  Verwendung  finden.  Man  kann
einen  Teil  als  Schatz  hinterlegen,  das  taten  z.  B.  die  Deutschen  nach  dem  Kriege
mit  Frankreich  und  die  Japaner  nach  dem  Kriege  mit  China.  Ein  Teil  wird
aber  wohl  immer  bald  in  die  Zirkulation  des  eigenen  Landes  übergehen.  Es
strömen  viele  Auslandsdevisen  herein,  und  das  Ergebnis  kann  eine  Senkung  der
Devisenkurse  im  Inlande  sein,  während  die  eigenen  Devisen  im  Auslande  steigen.
Das  heißt,  der  Import  ausländischer  Waren  wird  sehr  erleichtert,  der  Export  sehr
erschwert.  Dies  kann  der  Industrie  des  beteiligten  Staates  zum  Vorteil,  der
eigenen  zum  Nachteil  gereichen.
Eine  der  wichtigsten  Wirkungen  der  Kriegsentschädigungen  besteht  darin,
daß  noch  lange,  ehe  die  Anleihe  in  die  Zirkulation  gelangt  ist,  .alle  Preise  steigen.
Dies  konnte  man  nach  1870/71  deutlich  beobachten.  Diese  Preissteigerungen
bewirken,  daß  die  Industrie  unter  schweren  Belastungen  die  Produktion  beginnt
und  daß  dadurch  Krisen  heraufbeschworen  werden  können,  die  auf  verringerte
Reingewinne  bei  starker  Schuldenbelastung  zurückzugehen  pflegen.  Die  Krise
von  1873  wütete  in  Deutschland  wohl  deshalb  besonders  stark,  weil  die  Kriegsentschädigung ­
  zu  Preissteigerungen  und  zu  riskanten  Geschäften  Veranlassung
gab.  Wir  begreifen,  daß  eine  in  Geld  bestehende  Kriegsentschädigung ­
  die  Verhältnisse  der  Staaten  zueinander
immer  nur  in  einem,  mäßigen  Grade  zu  beeinflussen  vermag.
Man  darf  nicht  annehmen,  daß  jedes  Quantum  an  Kriegsentschädigung  mehr
auch  einen  entsprechenden  Nachteil  für  den  Besiegten  bedeute,  ln  Frankreich
bewirkte  die  Entziehung  der  großen  Geldmassen,  daß,  wo  es  irgend  anging,
Zeichengeld  in  Verwendung  genommen  wurde.  Überdies  wirkte  die  Kriegsentschädigung ­
  teilweise  wie  ein  Schutzzoll.  Die  französische  Industrie  wurde  zu
erneuter  Tätigkeit  angeregt.  Auch  in  Japan  trug  die  chinesische  Kriegsentschädigung ­
  zur  Entstehung  der  Krise  bei.
Ganz  anders  ist  die  Wirkung,  wenn  die  Kriegsentschädigung  sich  auf
viele  Jahre  erstreckt,  wenn  sie  in  Form  von  Aktien  oder  Obligationen  gegeben
wird.  Noch  schwerer  ist  die  Wirkung,  wenn  nicht  Geld,  sondern  Waren  als
Kriegsentschädigung  weggenommen  werden  oder  Produktionsstätten, ­
  Kohlengruben,  Fabriken  und  dergleichen.
Wenn  ich  die  Gefahren  einer  Kriegsentschädigung  besonders  hervorhebe,
so  geschieht  dies  deshalb,  weil  man  dieselben  leicht  übersieht.  Ich  möchte  aber
nicht  unerwähnt  lassen,  daß  selbst  die  Krise  nicht  all  das  zerstört,  was  von
ihr  entstanden  ist.  Und  der  Aufschwung  Deutschlands  nach  dem  Deutsch-französischen ­
  Krieg,  der  erhalten  blieb,  geht  wohl  zum  Teil  auf  die  Kriegsentschädigung ­
  zurück.  Vor  allem  muß  man  sich  über  eins  klar  sein.  Wenn  in  einer
Krise  200  Fabriken  zugrunde  gehen,  so  muß  das  nicht  bedeuten,  daß  die  Fabriken
ihren  Betrieb  einstellen  und  verfallen.  Es  kann  nur  heißen,  daß  sie  den  Eigentümer ­
  wechseln.  Der  erste  Eigentümer  macht  Konkurs,  der  nächste  übernimmt
die  Fabrik  zu  einem  geringeren  Preis  und  kann  nun  viel  leichter  rentabel  produzieren. ­
        <pb n="143" />
        132

Jedenfalls  sehen  wir  aber,  daß  eingehende  Forschungen  erforderlich  sind,  um
jene  Form  der  Kriegsentschädigung  ausfindig  zu  machen,  die  dem  Sieger  den
größten  Vorteil  bringt.  Tribute,  die  früher  allgemein  verbreitet
waren,  widersprechendem  heute  so  stark  entwickelten  Souveränitätsgefühl. ­
  Es  fragt  sich  aber,  ob  es  nicht  Sieger
geben  kann,  die  dies  Gefühl  nicht  weiter  schonen.

Schlußbemerkungen.

Ich  hoffe,  daß  es  mir  gelungen  ist,  zu  zeigen,  welcher  Reichtum  von  Problemen
sich  eröffnet,  wenn  man  daran  geht,  die  Kriegswirtschaftslehre  als  Ganzes  ins
Auge  zu  fassen.  Mit  einer  Stellungnahme  zum  Problem  des
Krieges  und  Friedens  hat  die  Kriegswirtschaftslehre  zunächst ­
  nichts  zu  tun.  Das  möchte  ich  am  Schluß  nochmals  mit  allem
Nachdruck  wiederholen.  Sie  untersucht  Zusammenhänge,  sie
sucht  aber  nicht,  Stimmung  zu  machen.  Nach  Feststellung  der  Tatbestände ­
  bleibt  dem  Kriegsfreund  die  Möglichkeit,  zu  sagen:  Aus  diesen  Ausführungen ­
  entnehme  ich,  daß  es  auf  Grund  meiner  Anschauungen  am  besteu
ist,  von  Zeit  zu  Zeit  einen  Krieg  zu  führen  oder  mindestens  immer  zum  Kriege
zu  rüsten,  während  der  Friedensfreund  sagen  kann:  Aus  den  Ergebnissen  der
Kriegswirtschaftslehre  ergibt  sich  mir  die  Notwendigkeit,  das  Kriegführen  besonders ­
  heftig  zu  bekämpfen.  Ich  habe  aber  vor  allem  auch  zu  zeigen  gesucht,
daß  es  sich  um  überaus  verwickelte  Zusammenhänge  handelt  und  es  ein  Wagnis
ist,  sich  ohne  eingehende  Untersuchungen  und  sehr  reifliche  Überlegungen
für  irgendeinen  Standpunkt  zu  entscheiden.  Bei  jedem  einzelnen  Problem  konnte
ich  meist  auf  wesentliche  und  kaum  zu  lösende  Schwierigkeiten  hinweisen.  Freilich, ­
  die  Wirklichkeit  wartet  nicht  darauf,  daß  man  alle  Probleme  löst,  ehe  man
handelt,  und  immer  wieder  ist  der  Mensch  gezwungen,  energisch  und  ohne  zu
zögern,  auf  Gebieten  vorzugehen,  die  er  keineswegs  übersieht.  Aber  wenn  er
schon  ohne  ausreichende  Einsicht  handeln  muß,  dann  soll  er  dies  wenigstens
wissen.  Dann  wird  die  Neigung  Zurückbleiben,  unaufhörlich  an  der  Erringung
von  Einsicht  zu  arbeiten.  Daran  können  alle  Parteien  in  gleicher  Weise  mitwirken.

Ich  kann  am  Schluß  nur  nochmals  wiederholen,  daß  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  vor  allem  einer  ununterbrochenen  Pflege  benötigt.  Alle  Kultur  beruht  auf
Erfahrungen  und  deren  den  Verhältnissen  entsprechende  Verwertung.  Die  Kriegswirtschaftslehre ­
  wird  immer  bedeutsamer,  weil  die  Kriegslasten  immer  stärker
anwachsen,  weshalb  man  ihre  Einwirkung  auf  den  Volkskörper
systematisch  studieren  muß,  soll  nicht  einmal  ein  Zusammenbruch ­
  stattfinden,  den  man  nicht  vorausgesehen  hat.
Alle  diese  Probleme  haben  dazu  geführt,  daß  ich  die  Gesamtorganisation
in  den  Mittelpunkt  der  Betrachtung  gerückt  habe.  Insbesondere  auch  die  Organisation ­
  der  internationalen  Welt.  Nur  wenn  man  ganze  Staatenverbände  berücksichtigt, ­
  kann  man  die  Wirkungen  eines  Weltkrieges  einigermaßen  richtig  prophezeien ­
  lernen.  Aber  auch  das  kann  nicht  die  Arbeit  einzelner  ¡sein.  Nur  emsige
Zusammenarbeit  wird  Erfolge  in  dieser  Richtung  bringen.  Insbesondere  dürfte
das  Zusammenwirken  von  Armee-  und  Zivilverwaltung  in  der  nächsten  Zeit  eine
größere  Rolle  spielen  als  bisher.  Armee  und  Zivilverwaltung  haben  ihr  eigenes
Leben.  Das  hat  einen  bestimmten  sozialen  Zweck,  aber  diese  Selbständigkeit  kann
auch  zu  Reibungen  führen  und  zu  unnützer  Kraftverschwendung.  Derartige
Konflikte  kommen  aber  nicht  nur  zwischen  Armee  und  Zivil  vor.  Auch  innerhalb
der  Armeeverwaltung  und  innerhalb  der  Zivilverwaltung  gibt  es  Rivalitäten,  die
zuweilen  lähmend  wirken.  Diese  lähmenden  Wirkungen  sind  umso  stärker,
je  fremder  man  einander  gegenübersteht,  je  seltener  gemeinsam  gearbeitet  wird.
Wird  die  Kriegsorganisation  zu  etwas,  das  alle  Teile  der  Armee  und  Zivilverwaltung ­
  angeht,  an  der  also  gemeinsame  Kommissionen  dauernd  mitwirk  en,  dann
nimmt  auch  das  gegenseitige  Verstehen  zu,  und  es  wird  allen  klar,  daß
        <pb n="144" />
        —  133  —
eine  starke  Armee  sich  dauernd  nur  in  einem  starken  Volkskörper  erhält.  Eine
Armee,  die  auf  Kosten  der  Volksgesundheit  sich  erhält,
treibt  Raubbau.  Freilich:  in  welchem  Falle  die  Armee  den  Volkskörper
zu  stark  in  Anspruch  nimmt,  wann  dagegen  durch  eine  Schwächung  der  Armee
die  Gesamtheit  leidet,  das  kann  man  allgemein  kaum  angeben.  Aber  daß  man
überhaupt  diesen  grundlegenden  Fragen  dauernde  Aufmerksamkeit  zuwendet,
wäre  bereits  ein  gewisser  Erfolg.  W^nn  das  Verständnis  für  den  Volkskörper
zunimmt,  dann  werden  auch  die  einzelnen  Institutionen  richtiger  gewertet  werden,
als  dies  heute  vielfach  der  Fall  ist.
Alle  Teile  des  Staates  haben  ein  Interesse  daran,  daß  die  übrigen  Teile  gedeihen. ­
  In  diesem  Interesse  für  einander  besteht  das  wahre  Staatsgefühl.  Die
Einheit  des  Staates  besteht  vor  allem  darin,  daß  man  sich  gegenseitig  kennt.  Diese
gegenseitige  Kenntnis  fördert  alle  Wissenschaften,  die  sich  mit  dem  Staatsorganismus ­
  beschäftigen.  Zu  ihnen  gehört  auch  die  Kriegswirtschaftslehre.
        <pb n="145" />
        134

IV.
Uneinlösliches  Girogeld  im  Kriegsfälle.
(1909.)
Während  sich  die  Begründer  der  klassischen  Nationalökonomie  noch  mit
vielen  Fragen  beschäftigten,  welche  die  allgemeine  staatliche  Ordnung  betrafen,
wenn  sie  auch  schon  mit  Vorliebe  sich  marktwirtschaftlichen  Problemen  zuwandten, ­
  haben  sich  die  Nachfolger  fast  ausschließlich  letzteren  gewidmet.
Dies  hatte  zwar  den  großen  Vorteil,  daß  gewisse  Probleme  selbständig  erörtert
und  streng  theoretisch  behandelt  wurden,  anderseits  wurden  aber  gewisse  Zusammenhänge ­
  fast  völlig  vernachlässigt,  so  z.  B.  die  Stellung  des  Krieges  im
Wirtschaftsleben.
Bis  tief  ins  18.  Jahrhundert  hinein  hatte  man  den  Krieg  ganz  harmlos
als  Einnahmequelle  behandelt,  wobei  natürlich  gewisse  Kosten  in  Rechnung
gestellt  werden  mußten.  Freihändler  gelangten  in  erster  Reihe  dazu,  den
Krieg  ganz  allgemein  als  wirtschaftlich  schädlich  anzusehen,  selbst  für  den
siegreichen  Staat.  Daß  daneben  manche  Liberale,  wie  z.  B.  Wilhelm  v.  Humboldt, ­
  aus  anderen  Gründen  für  den  Krieg  eintraten,  gehört  nicht  hierher.
Gerade  bei  den  Engländern  ist  die  Anschauung,  daß  der  Krieg  hur  schädlich
sei,  schwer  verständlich,  da  ihrem  offenen  Blick  doch  kaum  entgehen  konnte,
daß  ihr  Vaterland  den  Beweis  liefere,  wie  viel  man  dem  Krieg  verdanken  könne.
Während  ein  Ferguson  noch  von  der  Eroberung  und  Landesverteidigung
spricht,  behandelt  sein  Freund  Adam  Smith  nur  noch  letztere  eingehender.
Der  Krieg  wurde  von  den  meisten  Freihändlern  für  unproduktiv  erklärt  und
dementsprechend  in  der  Folgezeit  wenig  berücksichtigt.
Viele  Gegner  der  Freihandelslehre,  so  z.  B.  Friedrich  List,  gedachten
freilich  wieder  des  Krieges,  aber  die  meisten  waren  doch  so  von  liberalen  und
mehr  oder  weniger  verworrenen  kosmopolitischen  Ideen  erfüllt,  daß  es  zu
einer  wirtschaftlichen  Würdigung  nicht  kam.  Eine  Wirtschaftspolitik  des  Krieges
entsprechend  der  Kolonialpolitik,  der  Agrarpolitik,  der  Börsenpolitik  wurde
nicht  geschaffen.  Erst  die  moderne  Schutzzollbewegung,  in  Verbindung  mit
der  .raschen  Entwicklung  des  Heerwesens,  hat  die  Aufmerksamkeit  neuerlich
aut  die  Kriegswirtschaft  gelenkt.  Zunächst  waren  es  vorwiegend  finanzielle ­
  Probleme,  welche  die  Gelehrten  anzogen,  aber  in  steigendem  Maße  wurden
auch  die  übrigen  Gebiete  durchforscht,  auf  denen  sich  Einflüsse  des  Krieges
beobachten  ließen.  Eine  systematische  Behandlung  der  Kriegswirtschaft ­
  fehlt  jedoch  bis  jetzt.  Im  folgenden  soll  ein  einzelnes
Problem  berührt  werden,  das  durch  die  letzten  Vorgänge  in  Österreich-Ungarn
aktuell  geworden  ist.
Selbst  in  wirtschaftlich  völlig  gesicherten  Ländern  pflegen  vor  Beginn  des
Krieges  und  kurz  nach  Beginn  desselben  zahlreiche  Guthaben  bei  den  Sparkassen
und  Banken  behoben  zu  werden.  Die  größten  Institute  sind  so  einem  Run
ausgesetzt,  der  häufig  durch  gefährliche  Spekulanten  und  andere  unlautere
Elemente  gefördert  wird.  Die  Sparer  pflegen  gewöhnlich  Gold  zu  verlangen,
und  um  beruhigend  zu  wirken,  kommt  man  häufig  diesem  Verlangen  nach,
selbst  dann,  wenn  Annahmezwang  und  Zwangskurs  für  uneinlösliches  Bankpapiergeld ­
  besteht.  Man  kann  den  Einlegern  diesen  Gefallen  jedoch  nur  so
lange  ohne  Gefahr  tun,  als  die  Reservebestände  nicht  zu  empfindlich  ange^
tastet  werden  und  so  lange  nicht  etwa  gar  Kredite  gekündigt  und  Papiere  veräußert ­
  werden  müssen,  um  dem  Ansturm  zu  genügen.  Wenn  aber  irgendwelche
wirtschaftliche  Störungen  durch  das  planlose  Verlangen  einer  unsinnigen  Menge
zu  befürchten  sind,  ist  es  wohl  Pflidit  jeder  Regierung,  zu  bewirken,  daß  dem
Verlangen,  Gold  in  Strümpfen  zu  verstecken  oder  Brot  und  Fleisch  mit  Gold
        <pb n="146" />
        zu  bezahlen,  Schranken  gesetzt  werden.  Die  Notwendigkeit,  die  sich  für  die
Sparkassen  z.  B.  ergibt,  Staatspapiere  zu  realisieren,  ist  sehr  bedenklich,  weil
der  Kurs  derselben  dadurch  fällt  und  die  Unterbringung  weiterer  Anleihen
erschwert  wird;  auch  sind  die  Sparkassen  so  außerstande,  neue  Renten  anzukaufen. ­
  Alle  Beruhigungsversuche,  Versprechungen  der  Regierungen  oder  der
Zentralnotenbanken,  Geld,  vor  allem  das  viel  begehrte  Gold  zur  Verfügung  zu
stellen,  haben  natürlich  nur  insofern  Sinn,  als  sie  den  Geldabfluß  aufhalten.
Sollte  das  durch  die  Versprechungen  allein  nicht  erreicht  werden,  so  wäre  es
zuweilen  überaus  bedenklich,  sie  zu  halten.  Der  Regierung  müßte  von  vornherein ­
  ein  Mittel  in  die  Hand  gegeben  werden,  um  im  Notfall  diese  Schwierigkeiten ­
  vermeiden  zu  können.  Bekanntlich  ist  es  nicht  der  sogenannte  Angstbedarf ­
  allein,  der  Geld  absaugt.  Die  Auslandszahlungen  nehmen  erfahrungsgemäß ­
  zu,  insbesondere  anfangs,  wenn  Kriegsbedarf  durch  den  Staat  oder
durch  Firmen  beschafft  werden  muß.  Der  Goldabfluß  ins  Ausland  kann
nicht  erheblich  eingeschränkt  werden,  ohne  den  Kredit  zu  erschüttern.  Es
hat  sich  nun  keineswegs  als  zweckmäßig  erwiesen,  den  Auslandskredit  zu
erschüttern,  um  dem  Publikum  in  liberalster  Weise  Metallgeld  für  seine
Horte  zur  Verfügung  zu  stellen.  Was  hat  es  der  österreichischen  Nationalbank ­
  genützt,  daß  sie  im  Jahre  1849  die  Barzahlung  möglichst  lange  aufrecht
erhielt?  Das  Silber  wurde  verschleppt  und  mußte  dann  um  jeden  Preis
wieder  beschafft  werden.  Das  Beste  ist,  im  Falle  der  Abfluß  ins  Inland
nicht  von  selber  aufhört,  resolut  die  Hähne  zu  sperren.  Doch  ist  es  zweckmäßig, ­
  die  Vorkehrungen  nicht  erst  im  Notfall  zu  treffen,  da  Not  zwar
erfinderisch,  aber  keineswegs  bedächtig  macht.  Was  die
Not  schafft,  ist  meist  unbeliebt,  und  man  schreibt  dem  Papiergeld  mit  Annahmezwang ­
  und  Zwangskurs  wohl  gar  die  bösen  Folgen  zu,  die  es  zu  verringern ­
  bestimmt  ist.  So  war  z.  B.  das  Papiergeld  des  Jahres  1866  in
Österreich  sehr  unbeliebt,  während  sich  das  uneinlösliche  Bankpapiergeld,  das
in  aller  Ruhe  geschaffen  wurde,  großer  Beliebtheit  erfreut,  so  daß  z.  B.
die  Umwechslung  des  uneinlöslichen  Staatspapiergeldes  in  uneinlösliches  Bankpapiergeld ­
  als  ein  großer  Fortschritt  angesehen  wurde.  Wesentlich  für  eine
Währung  mit  uneinlöslichem  Bankpapiergeld  ist  nur,  daß  für  Auslandszahlungen ­
  Gold  in  genügender  Menge  zur  Verfügung  steht.  Nur  der
Bevölkerung  wegen,  zumal  der  ländlichen,  muß  man  einiges  Silber-  und  Goldgeld ­
  umlaufen  fassen.  Die  gegenwärtige  österreichische  Währung  ist  derart
eingerichtet,  daß  die  tatsächlich  bestehende  Barzahlung  jederzeit  in  eine
gesetzliche  umgewandelt  werden  kann.  Im  Kriegsfall  z.  B.  kann  die
Österreichisch-ungarische  Bank,  ohne  eine  gesetzliche  Ermächtigung ­
  nötig  zu  haben,  die  Banknoteneinlösung  beliebig  einschränken
und  z.  B.  nur  für  genügend  dokumentierte  Auslandszahlungen  Gold  zur  Verfügung ­
  stellen.
Es  fragt  sich  nun,  ob  nicht  ähnliche  Vorkehrungen  möglich  wären,  welche
den  Ansturm  auf  die  Sparkassen  und  verwandte  Institute  unschädlich  zu
machen  geeignet  erscheinen.  Es  soll  einerseits  das  Zahlungswesen  möglichst
unverändert  bleiben,  anderseits  möglichst  viel  Gold  in  den  Zentralreserven
gesammelt  werden.  Es  erscheint  erwägenswert,  alle  Guthaben  bei  Banken, ­
  Sparkassen  und  verwandten  Instituten  im  Kriegsfall  für  un  ein  lösliche ­
  Giroguthaben  zu  erklären,  über  die  nur  mit  Schecks  „zur
Verrechnung^'  verfügt  werden  könnte.  Dies  hätte  u.  a.  folgende  Vorteile. ­
  Die  vorhandene  Geldmenge,  über  welche  der  Einzelne  verfügen  kann,
bleibt  völlig  unverändert,  da  man  zwar  Goldgeld  versteckt,  mit  Girogeld  aber
nicht  entsprechend  sparen  würde.  Zahlungen  könnten  ungehindert  geleistet
werden,  zumal  dann,  wenn  das  G  i  r  o  g  e  1  d  zum  Kurantgeld  erhoben
würde.  Man  zahlt  dann  dem  Hausherrn  den  Zins,  dem  Fleischer  das  Fleisch,
dem  Angestellten  das  Gehalt  ini  Girogeld.  Nur  eine  verhältnismäßig  geringe
Menge  Scheidegeld  müßte  für  den  Detailverkauf  in  Umlauf  bleiben.  Muß
jemand  an  einen  anderen  Zahlungen  leisten,  der  kein  Konto  besitzt,  so  wird
demselben  zwangsweise  eines,  z.  B.  bei  der  Postsparkasse,  eröffnet,  welche
ja  ihr  Filialnetz  bis  in  die  kleinsten  Ortschaften  erstreckt.  Es  würden  voraussichtlich ­
  keine  Schwierigkeiten  auftreten,  die  man  nicht  beim  Papiergeld  ohne-
        <pb n="147" />
        136

hin  schon  kennt  ;  so  könnte  man  zur  Einführung  des  Zwangskurses  für  Girogeld ­
  kommen  und  schließlich  zu  Preistaxen  schreiten,  was  übrigens  gelegentlich ­
  der  letzten,  durch  die  Kriegsgefahr  verursachten  Preissteigerungen  der
Lebensmittel  in  Österreich  bereits  in  Erwägung  gezogen  wurde.  Es  spricht
für  das  uneinlösliche  Girogeld,  daß  die  Wiederaufnahme  der  Barzahlung  leicht
zu  bewerkstelligen  ist,  da  die  Hoffnung  besteht,  viele  Einleger,  welche  den
Vorteil  der  Giroeinrichtung  in  der  Not  kennen  lernten,  würden  nun  auch  in
Friedenszeiten  davon  Gebrauch  machen.  Auch  an  das  Zettelgeld  hat  man
sich  in  Frankreich,  wo  das  Thesaurieren  besonders  auf  dem  Lande  unglaubliche ­
  Mengen  beanspruchte,  bekanntlich  erst  im  Jahre  1870/71  gewöhnt.  Wenn
sich  das  uneinlösliche  Girogeld  etwa  ähnlich  bewähren  sollte,  wie  das  uneinlösliche ­
  Bankpapiergeld,  so  wäre  die  Trennung  von  Binnengeld  und  Außengeld ­
  wieder  um  einen  Schritt  weiter  gekommen.  Man  könnte  so  die  Metallreserven ­
  für  den  Fall  wirtschaftlicher  Not  und  kriegerischer  Verwicklungen
in  den  Zentralstellen  konzentrieren.  Freilich  müßte  eine  geeignete  Gesetzgebung ­
  die  Deckung  des  Girogeldes  regeln,  so  wie  z.  B.  die  Deckung
des  uneinlöslichen  Bankpapiergeldes  in  Österreich-Ungarn  geregelt  hat.  Auch
das  Argument,  die  Einführung  des  uneinlöslichen  Girogeldes  würde  eine  große
Umwälzung  bedeuten,  was  übrigens  keineswegs  der  Fall  ist,  spräche  nicht
gegen  dasselbe,  da  ein  großer  mitteleuropäischer  Krieg,  zum
mindesten  provisorisch,  eine  gewaltige  Umwälzung  der
Wirtschaftsordnung  bedeuten  würde,  und  zwar  voraussichtlich ­
  in  der  Weise,  daß  manche  Ideen  des  Staatssozialismus ­
  verwirklicht  würden.  Die  Staatsgewalt
würde  wahrscheinlich  mehrfach  in  entscheidender  Weise
eingreif  en,  nicht  nur,  um  den  Nominalbedarf,  sondern
vor  allem,  um  den  Realbedarf  zu  decken.
Das  uneinlösliche  Girogeld  wäre  das  normale  Zahlungsmittel  im  Kriegsfall, ­
  was  den  Vorschlägen  jener  entgegenkommt,  welche  ganz  allgemein  mit
einer  Erweiterung  des  Girowesens  rechnen.  Auszahlungen  in  Gold  hätten
nur  in  zwei  Fällen  zu  erfolgen  :  an  Mitglieder  der  kämpfenden
Armee  und  ans  Ausland.  Geldzahlungen  aus  dem  Ausland  an  Inländer ­
  wären  als  Giroguthaben  zu  buchen.
Käme  der  Staat  in  äußerste  Not,  so  könnte  er  die  Metallreserven  antasten,
das  Girogeld  wäre  dann  ungenügend  gedeckt,  entsprechend  dem  ungenügend
gedeckten  Papiergeld,  das  man  so  oft  mit  Erfolg  verwendet  hat.  Daß  manche
Nachteile  der  Papiergeldemission  beim  Girogeld  wegfallen  würden,  liegt  auf
der  Hand.  Der  Auslandkredit  kann,  wenn  die  sonstigen  Verhältnisse  günstig
sind,  durch  das  Vorhandensein  eines  Gesetzes  wachsen,  das  die  Regierung  zur
Schaffung  uneinlöslichen  Girogeldes  ermächtigt.  Man  kann  dann  sicher  damit
rechnen,  daß  alles  verfügbare  Gold  dem  Auslande  zur  Verfügung  gestellt  wird
und  nicht  ins  Publikum  fließt,  um  in  Strümpfen  und  Kasten  versteckt  zu
werden.  Bei  wirtschaftlichen  Krisen  ist  häufig  nicht  die  im  Inland  zirkulierende ­
  Goldmenge,  noch  weniger  die  von  den  Einzelnen  thesaurierte  Goldmenge
für  den  Auslandkredit  entscheidend,  ausschlaggebend  sind  die  Reserven,
welche  jederzeit  flüssig  sind.
Es  ist  möglich,  daß  das  uneinlösliche  Girogeld,  das  bei  manchen ­
  Banken  des  17.  Jahrhunderts  bestanden  hat,  bald  ebenso  zum  Handwerkszeug ­
  der  Währungspolitiker  gehören  wird,  wie  heute  das  uneinlösliche  Staatsoder ­
  Bankpapiergeld.  Es  wäre  zweckmäßig,  die  Eigenschaften  dieses  Girogeldes ­
  zu  untersuchen,  ehe  es  einmal  irgendwo  im  Falle  der  Not  eingeführt
wird  ;  denn  es  ist  der  Wissenschaft  angemessen,  der  Praxis  vorauszugehen,
und  nicht  erst  dann  zu  erscheinen,  wenn  das  Unglück  schon  geschehen  ist,
um  es  dann  wissenschaftlich  zu  beschreiben  und  vielleicht  nachträgliche  Heilmittel ­
  zu  erfinden.
        <pb n="148" />
        137

V.
Die  Krîcgswîrtschaftsrcchnung  und  ihre  Grenzen.
(1916.)
1.  Einleitung.
Der  Weltkrieg  begann,  ehe  die  Kriegswirtschaftslehre  i)  dem  Ganzen  der
Wirtschaftswissenschaften  eingefügt  worden  war.  Während  eine  reiche  Wirklichkeit ­
  erfaßt  werden  will,  muß  man  die  ersten  Grundlagen  dieses  werdenden
Wissenszweiges  erst  schaffen,  was  um  so  schwieriger  ist,  als  die  neue
Wirtschaftsform  unserer  Tage  auf  die  Begriffswelt  der  gesamten
Wirtschaftswissenschaften  nicht  ohne  Einfluß  bleibt.  Die  Gegenwart  legt,
wie  schon  hervorgehoben  wurde,  eine  stärkere  theoretische  und  geschichtliche
Berücksichtigung  der  Naturalwirtschaft  und  Verwaltungswirtschaft  nahe,  vor
allem  aber  verlangt  die  Naturalrechnung  2)  als  praktische  Forderung
des  Tages  in  Anwendung  auf  Geld-  und  Naturalwirtschaft  eine  systematisch
ausgestaltete  Berücksichtigung.  Die  Naturalrechnung  muß  sich  nicht  darauf
beschränken,  Ausfuhr,  Einfuhr,  Erzeugung,  Verbrauch  und  Vorratsbildung,  sowie ­
  die  Produktivkräfte  mengenmäßig  zu  erfassen,  sie  kann  auch  Aufbau  und
Wirkungsweise  der  Kriegswirtschaft  als  Ursachen  von  Reichtumsveränderungen
betrachten.  Tausende  und  Abertausende  werden  sich  von  den  Vorteilen  und
Nachteilen  des  Krieges  ein  Bild  zu  machen  suchen.  Kann  es  auch  nicht
Sache  der  Wissenschaftler  als  solcher  sein,  in  dem  Kampfe  der  Parteien  die
Bewertungen  zu  beeinflussen,  welche  den  Beurteilungen  zugrunde
liegen,  so  können  doch  die  Tatbestände  einer  Kriegswirtschaftsrechnung,
sowie  die  Grenzen  der  rechnenden  Betrachtungsweise  streng
wissenschaftlich  untersucht  werden.

1)  Ich  konnte  soeben  feststellen,  daß  die  Namen  „Kriegswirtschaft“  und
„Kriegswirtschaftslehre“  schon  vor  einem  Jahrhundert  bestanden  haben,  dann
aber  wieder  vergessen  wurden.  Ein  launiger  Zufall  wollte  es,  daß  der  Autor,
der  damals  das  erste  Buch  über  „Kriegswirtschaftslehre“  herausgab,  ebenso
hieß  wie  jener  Autor,  welcher  das  erste  deutsche  Buch  unter  diesem  Titel
jetzt  veröffentlichte.  Das  1819  in  Erlangen  erschienene  Buch:  „Lehrbuch  der
Kriegswirtschaftslehre  ....  von  C.  M.  Morin  ....  frei  übersetzt,  mit
einer  Einleitung,  berichtigenden  Zusätzen  und  Anmerkungen  versehen  von
Ferdinand  von  Schmid“  beschäftigt  sich  vor  allem  mit  der  Heeresökonomie, ­
  doch  werden  insbesondere  in  den  Darlegungen  Schmids  zahlreiche
kriegswirtschaftliche  Fragen  allgemeinerer  Natur  erörtert  und  auch  einiges
wertvolle  historische  Material  beigebracht.  Ich  gedenke,  auf  dieses  bemerkenswerte ­
  Werk  an  anderer  Stelle  zurückzukommen.
2)  Otto  Neurath,  Die  Naturalwirtschaftslehre  und  die  Naturalrechnung ­
  in  ihren  Beziehungen  zur  Kriegswirtschaftslehre  (Weltwirtsch.  Archiv
Bd.  8,  Heft  2,  S.  245).  Es  wäre  wohl  an  der  Zeit,  eine  Übersicht  über  naturalwirtschaftliche ­
  Vorkommnisse  und  Anschauungen  systematisch  zusammenzustellen, ­
  Fälle,  in  denen  die  Bevölkerung  gewisse  Bedarfsartikel  nur  gegen  Naturallieferungen ­
  erhält  ;  Fälle,  in  denen  Verwaltungsbeamte  gewisse  Erlaubnisse
nur  gewähren,  wenn  die  Ablieferung  von  Naturalien  erfolgt  ;  Fälle,  in  denen
die  Beistellung  von  Verpflegung  und  von  anderen  Naturalien  eine  Forderung
der  Arbeiter  ist  ;  Fälle,  in  denen  im  internationalen  Verkehr  Kompensationen
auf  naturalwirtschaftlicher  Basis  durchgeführt  werden.
        <pb n="149" />
        138

Im  Laufe  der  Zeiten  wurde  immer  wieder  die  Frage  erörtert,  ob  bestimmte ­
  Kriege,  ob  Kriege  überhaupt  Staaten  reicher  machen.  Wenn  solche
Fragen  gestellt  werden,  will  man  in  letzter  Linie  erfahren,  wie  das  menschliche ­
  Glück  von  bestimmten  Ereignissen  und  Einrichtungen,  von  bestimmten
Organisationsformen  der  Gesellschaft  und  der  Menschheit  abhänge.  Mit  der
Beantwortung  solcher  Fragen  beschäftigen  sich  die  Wirtschaftswissenschaften, ­
  welche  den  Reichtum  ganzer  Völker,  einzelner
Menschengruppen  oder  Individuen  oder  der  ganzen
Menschheit  untersuchen,  wobei  der  Begriff  Reichtum  im
allgemeinsten  Sinne  verstanden  werden  kann,  indem  derselbe ­
  den  Genuß,  welchen  Nahrung,  Wohnung,  Kleidung
gewähren,  ebenso  berücksichtigt,  wie  den  Genuß,  welchen ­
  Familienglück,  Theaterbesuch  usw.  hervorrufen,
während  auf  der  anderen  Seite  das  Leid,  welches  aus
der  Arbeitsmühsal,  aus  Krankheiten  usw.  erwächst,  ebenfalls ­
  in  Rechnung  gestellt  wird.
Das  18.  Jahrhundert  hat  unbefangener  als  das  19.  die  Reichtumsrechnung ­
  in  den  Mittelpunkt  wissenschaftlicher  Erörterungen  gestellt.  Teleologie ­
  und  Unklarheiten  brachten  die  Reichtumsbetrachtungen  vielfach  in  Verruf ­
  3),  doch  begegnen  wir  immer  wieder  dem  Reichtum  der  Weltwirtschaft*), ­
  der  Volkswirtschaft,  der  Privatwirtschaft.  Wie  wir
den  Begriff  Reichtum  für  die  Kriegswirtschaftsrechnung  auch  abgrenzen,  in
letzter  Linie  hängt  er  mit  dem  menschlichen  Glück  zusammen,  das  sich  aus
Lust  und  Unlust®)  aufbaut,  die  wir  als  Sensationen®)  bezeichnen
wollen.  Sie  sind  uns  ebenso  gegeben  wie  Farben,  Töne,  Drucke  und  andere
Tatbestände  der  Welt.
Man  kann  die  Lustverteilung  innerhalb  einer  menschlichen  Gruppe
untersuchen,  die  Veränderungen  derselben,  und  schließlich  dort,  wo  es  möglich ­
  ist,  die  Gesamtlust  ins  Auge  fassen.  Diese  Berechnungsweise  kann
aus  einer  bestimmten  Auffassung  vom  Zusammenleben  der  Menschen  herrühren, ­
  die  man  als  atomistische  zu  bezeichnen  pflegt,  sie  kann  aber  auch
neben  einer  Staatsauffassung  bestehen,  die  alle  Vorgänge  als  untrennbare
Elemente  eines  ursprünglichen  Zusammenhanges  ansieht,  der  in  letzter  Linie
nur  als  Einheit  ausreichend  beschrieben  und  erfaßt  werden  könne.  Die  vorliegende ­
  Arbeit  geht  darauf  nicht  weiter  ein  ;  auch  darauf  nicht,  ob  diese  Berechnungsweise, ­
  welche  einem  utilitaristischen  Rationalismus  zum  Ausgangspunkt ­
  dienen  kann,  mit  irgendwelchen  Moralanschauungen  in  Übereinstimmung ­
  oder  Widerspruch  steht.’)  Ebensowenig  soll  die  Frage  erörtert  werden,
ob  die  Menschen  utilitaristisch-rationalistisch  handeln,  noch  soll  daraus,  daß
gewisse  Gebiete  der  rationalistischen  Berechnung  zugänglicher  sind  als  andere,
geschlossen  werden,  daß  sie  auch  nur  für  den  Rationalismus
wesentlicher  als  andere  wären.

3)  Auch  neuere  begriffliche  Erörterungen  über  den  Utilitarismus  leisten
für  unsere  Fragengruppe  nicht  allzuviel;  vergl.  z.  B.  Sidwigck,  Methods
cf  Ethics.  1875.
*)  Roscher  spricht  ebenso  wie  frühere  Autoren  vom  „Menschheit ­
  s  v  e  r  m  ö  g  e  n“  (Grundl.  d.  Nationalökon.  §  53).
®)  Vergl.  W.  St.  Jevons,  The  theory  of  political  economy,  Ed.  2,
London  1879,  S.  40:  '^Pleasure  and  pain  are  undoubtedly  the  ultimate  objects
ot  the  calculus  economics.”
®)  Vergl.  Otto  Neurath,  Probleme  der  Kriegswirtschaftslehre  (Ztschr.
f.  d.  ges.  Staatswiss.  1913,  S.  448  f.).
’)  Vergl.  Kant,  Kritik  der  praktischen  Vernunft  (Rosenkranz,  VIII,
S.  133):  „Die  Vernunft  bestimmt  in  einem  praktischen  Gesetz  unmittelbar  den
Willen,  nicht  vermittelst  eines  dazwischen  kommenden  Gefühls  der  Lust  und
Unlust“,  und  S.  146:  „So  wird  fremder  Wesen  Glückseligkeit  das  Objekt  des
Willens  eines  vernünftigen  Wesens  sein  können“;  S.  147:  „Das  gerade  Widerspiel ­
  des  Prinzips  der  Sittlichkeit  ist  :  wenn  das  der  eigenen  Glückseligkeit
zum  Bestimmungsgrunde  des  Willens  gemacht  wird.  .  .  .“
        <pb n="150" />
        139

Im  folgenden  soll  der  Versuch  gemacht  werden,  die  Kriegswirtschaftsrechnung ­
  als  Naturalrechnung  zu  skizzieren  und  die  grundsätzlichen
Grenzen  derselben  festzustellen.  Um  diese  Betrachtungen  der  Theorie  der
Wirtschaftswissenschaften  eingliedern  zu  können,  mußte  eine  kurze  Darlegung
einiger  grundsätzlicher  Erwägungen  über  die  Reichtumsberechnung  vorausgeschickt ­
  werden.

2.  Lust  und  Unlust,
Wir  gehen  davon  aus,  daß  jeder  Mensch  in  der  Lage  ist,  von  irgendwelchen ­
  Lebensverhältnissen  auszusagen,  ob  sie  ihm  angenehmer  oder  unangenehmer ­
  als  andere  sind  oder  von  ihm  für  gleich  angenehm  angesehen
werden.  Wir  wollen  die  Lust  oder  Unlust,  welche  ein  Individuum  N  empfindet, ­
  mit  (N)  bezeichnen.  Angenommen,  wir  haben  den  Reichtum  einer
Gruppe  von  Personen  zu  untersuchen,  welche  nur  aus  den  zwei  Personen  A
und  B  besteht.  Wir  kennen  nun  die  Lust,  welche  beide  Personen  im  Zeitpunkt ­
  1  empfinden,  und  dann  die  Lust,  die  beide  im  Zeitpunkt  2  empfinden.
Angenommen,  A  empfände  im  ersten  Zeitpunkt  mehr  Lust  als  im  zweiten  und
B  ebenfalls  im  ersten  Zeitpunkt  mehr  Lust  als  im  zweiten.  Der  Gesamtreichtum ­
  der  aus  A  und  B  gebildeten  Gruppe  ist  offenbar  im  zweiten  Zeitpunkt
kleiner  als  im  ersten:
(A)i  &amp;gt;  (A)2  und  (B),  &amp;gt;  (BL
daher:  (A),  -j-  (B),  ^  (A&amp;gt;j  -j-  (B);
Wenn  aber  »B),  %&amp;gt;  (B  i,  so  ist  zunächst  ein  Schluß  unmöglich.
(A),  &amp;gt;  (AL  und  (BL  &amp;lt;  (B),
dann  ist:  (Ah  iB),  ?  (A',  (BL
Unter  diesen  Voraussetzungen  kann  nur  dann  unter  Umständen  eine
Reichtumsberechnung  erfolgen,  wenn  angenommen  wird,  daß  die  Sensationen
verschiedener  Individuen  miteinander  vergleichbar  sind.  Wenn  diese  Voraussetzung ­
  auch  bei  manchen  Bedenken  erregen  dürfte,  so  muß  doch  hervorgehoben ­
  werden,  daß  die  Praxis  dies  oft  annimmt,  so  zum  Beispiel,  wenn
eine  Zuwendung  dem  gemacht  wird,  der  davon  die  größere  Freude  hat.  Aber
selbst  diese  Annahme  hilft  nicht  immer,  z.  B.  schon  dann  nicht,  wenn  die  Bedingungen ­
  gelten:  ¡
(A),  &amp;gt;  (BL  &amp;gt;  (A.)  &amp;gt;  (B),
dann:  (A),  -j-  (B),  ?  (A);  -j-  (B)a
Wenn  wir  nun  ein  Individuum  vor  uns  hätten,  wäre  in  diesem  Falle  die
Möglichkeit  der  Vergleichung,  wenn  auch  nicht  der  Berechnung,
dadurch  gegeben,  daß  unmittelbar  die  Gesamtsensationen  betrachtet  würden.
Das  Individuum  faßt  die  Sensationen  (A)i  und  (B)i,  die  es  gesondert  erlebt,
gleichzeitig  ins  Auge  und  vergleicht  die  Gesamtsensation  mit  jener,  welche  es
sich  vorstellt,  wenn  es  wieder  (Ajg  und  (Bjg  sich  vorstellt,  die  es  unter  anderen
Umständen  erleben  würde.  Wenn  nun  von  einem  Staatsmann  verlangt  wird,
daß  er  sich  immer  von  der  Rücksicht  auf  das  Gesamtglück  leiten  lassen  müsse,
wird  eigentlich  von  ihm  erwartet,  daß  er  in  solchen  Fällen,  wie  der  eben  angedeutete, ­
  sich  derart  lebhaft  in  das  Glück  verschiedener  Personen  gleichzeitig
hineinversetzt,  daß  er  die  so  auftretende  En^findung  mit  jener  vergleicht,  Welche
er  erlebt,  wenn  er  sich  in  einen  anderen  Glückszustand  der  Gruppe  hineinversetzt. ­
  Wenn  wir  auch  jene  Fälle  weiter  untersuchen  können,  in  denen  B  e  -
rechnung  möglich  ist,  so  steht  uns  doch  kein  Hilfsmittel  zur  Verfügung,
jenen  Fällen  wissenschaftlich  näher  zu  treten,  in  denen  eine  derartige  Gesamtempfindung ­
  vorliegt.
In  den  bisherigen  Beispielen  haben  wir  die  Reichtumsverhältnisse  miteinander ­
  verglichen,  unter  denen  die  gleiche  Gruppe  A  und  B  in  verschiedenen
Zeitpunkten  lebt.  Wir  können  aber  auch  den  Reichtum  von  Gruppen  miteinander
vergleichen,  die  aus  verschiedenen  Personen  bestehen.  Angenommen,  wir  wüßten
über  die  Lüste  von  fünf  Personen  A,  B,  C,  D,  E,  daß:
(A)  =  (B)  =  (C)  =  (D)  =  (E),
        <pb n="151" />
        dann  könnte  man  über  die  beiden  Gruppen  A  und  B,  sowie  C,  D  und  E  aussagen  r
(v4-  (B)  (C|  -j-  (D)  -j-  (E).
Wir  würden  zu  dem  Ergebnis  kommen,  daß  die  erste  Gruppe  weniger
Glück  aufweist  als  die  zweite.  Diese  so  gebildete  Glücksmenge  würde  vielleicht
einen  Iselin  *)  bei  seinen  Erörterungen  fördern,  heute  würde  wohl  vor  allem
die  Frage  lauten:  „Wie  groß  ist  die  auf  den  Kopf  entfallende  Glücksmenge?“
Die  beiden  Menschengruppen  würden  bei  dieser  Betrachtungsweise  gleich
glücklich  erscheinen.
Wir  sehen,  daß  es  einen  guten  Sinn  haben  kann,  von  der  Lust  zu
sprechen,  die  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  entfällt  ;  es  wäre  naheliegend,
den  Begriff  der  auf  den  Kopf  entfallenden  Lust  allgemein  einzuführen.
Die  auf  den  Kopf  entfallende  Lust  einer  Gruppe  kann  zuweilen  mit
der  auf  den  Kopf  entfallenden  Lust  einer  zweiten  Gruppe  verglichen  werden,
ohne  daß  man  die  Summen  miteinander  vergleichen  könnte  ;  so  ist  die  auf
den  Kopf  entfallende  Lust  in  der  Gruppe  A  und  B  größer,  als  in  der  Gruppe
C,  D  und  E:
(A)  =  (B)  &amp;gt;  fC)  =  (D)  =  (E),
(A)  +(B)  ?  (C)  +  (D)+  (E).
Aber  nicht  einmal  die  auf  den  Kopf  entfallende  Lust  kann  immer  herausgehoben ­
  werden.  Es  gibt  Fälle,  in  denen  wir  weder  über  die  Lust,  die  auf
den  Kopf  einer  Gruppe  entfällt,  noch  über  die  Gesamtlust  etwas  aussagen
können,  so  etwa  wenn:
(A)  &amp;gt;  (C)  &amp;gt;  (D)  &amp;gt;  (E)  &amp;gt;  (B),
(A)  +  (B)  ?  (C)  -f  (D)  -f  (E).
Wir  sehen,  wie  selbst  in  einfachen  Fällen,  in  denen  wir  zahlreiche  Annahmen ­
  machten,  welche  die  Berechnung  erleichtern,  sich  daraus,  daß  die
Sensationen  nur  vergleichbare,  nicht  auch  meßbare  Größen  sind,  Grenzen  für
die  Betrachtung  ergeben.  Grundsätzlich  könnten,  auch  wenn  die  in  Frage
kommenden  Gruppen  eine  verschiedene  Anzahl  von  Individuen  aufweisen,  die
auf  den  Kopf  entfallenden  Lüste  miteinander  verglichen  werden,  wodurch  wir
z.  B.  in  die  Lage  versetzt  wären,  den  Reichtum  eines  Staates  pro  Kopf  zu
berechnen,  während  die  Einwohnerzahl  sich  geändert  hat.  Aber  diese  an  sich
denkbare  Vergleichbarkeit  ist  nicht  allgemein  durchführbar,  weil  sich
Grenzen  aus  sehr  abstrakten  Erwägungen  heraus  ergeben,  noch  lange  ehe  man
zu  den  Schwierigkeiten  der  konkreten  Lusterhebungen  gelangt  ist.
Wenn  man  sich  auch  von  vornherein  darüber  klar  sein  muß,  daß  die
rationalistische  Lebensbeschreibung  nur  einen  Teil  der  Lust  und  Unlust  wirklich
zu  erfassen  vermag,  so  muß  man  andererseits  dennoch  folgerichtig  alle  Arten
von  Lust  und  Unlust  zusammenstellen,  die  einer  solchen  vollständigen  Betrachtung ­
  zugrunde  gelegt  werden  müßten.  Gerade  solche  Versuche  zeigen  uns,
wie  weit  wir  von  einer  umfassenden  Behandlung  dieser  Dinge  entfernt  sind®).

3.  Bedingungen  der  Lust  und  der  Unlust.
Durch  Untersuchung  der  Lust  und  Unlust  Bedingungen  wird  eine
Annäherung  an  jene  Begriffsgebiete  angebahnt,  welche  den  üblichen  Einkommenslehren ­
  angehören.  Eine  durchgehende  Auseinandersetzung  mit  ihnen
ist  hier  nicht  beabsichtigt.  Anpassung  an  dieselben  ist  nur  so  weit  erwägens-8)

  Iselin,  Träume  eines  Menschenfreundes.  I,  Karlsruhe  1784.  Die  wirtschaftliche ­
  Ordnung.  1.  Teil.  Wirtschaftliche  Grundbegriffe,  S.  67:  „der  Schöpfer
will,  daß  die  größte  mögliche  Anzahl  Menschen  auf  der  Erde,  die  größte
mögliche  Anzahl  Wesen  in  seiner  ganzen  Schöpfung,  die  größte  mögliche  Glückseligkeit ­
  in  dem  vollkommensten  Ebenmaße  genieße“.
®)  Vgl.  Steinmetz,  Die  Philosophie  des  Krieges,  Leipzig  1907,  vor
allem  S.  46  ff.  Über  die  Freuden  des  Krieges,  S.  158,  vgl.  Grundsätzliches  bei
Müller-Lyer,  Soziologie  der  Leiden.  A.  Langen.  München.
        <pb n="152" />
        141

wert,  als  der  Grundgedanke  dieser  Darstellung,  eine  allgemeine ­
  Grundlage  jedweder  Naturalrechnung  zu  erlangen,
die  sich  ebenso  ungezwungen  auf  naturalwirtschaftliche,  wie  auf  geldwirtschaftliche ­
  Vorgänge  anwenden  läßt,  nicht  darunter  leidet.
Daß  die  unmittelbare  Erhebung  der  Lust-  und  Unlustdaten  in  genügender
Vollständigkeit  gegenwärtig  aussichtslos  erscheint,  sei  es,  daß  wir  dieselben
zur  Feststellung  der  Sensationenverteilung,  sei  es,  daß  wir  sie  zur  Berechnung
des  Gesamtreichtums  benötigen,  ist  genügend  hervorgehoben  worden.  Wir
vermögen  ja  noch  nicht  einmal  in  eng  begrenzten  Fällen  für  experimentelle
Zwecke  Behagen  und  Schmerz  eindeutig  zu  bezeichnen  und  zu  beschreiben.
Wohl  aber  kann  man  in  erheblichem  Ausmaß  die  Bedingungen
der  Lust  und  Unlust  erfassen  oder  mindestens  Anzeiger  ihrer  Änderungsrichtung ­
  beschreiben.  Die  Lust-  und  Unluständerungen  hängen  im  wesentlichen
von  zwei  Gruppen  von  Bedingungen  ab  ;  die  eine  Gruppe  umfaßt  die  Fähigkeiten ­
  des  Individuums,  Lust  und  Unlust  zu  empfinden,  die
andere  Gruppe  die  „Reize“,  welche  Lust  und  Unlust  hervorrufen.

Daß  ein  Mensch  in  einer  Berufsart  mehr  zu  essen  bekommt,  als  in  einer
anderen,  ist  leicht  feststellbar,  schwieriger  fällt  es  dagegen,  zu  erheben,  wie
weit  die  Fähigkeiten,  Lust  und  Unlust  zu  empfinden,  durch  verschiedene  Umstände ­
  beeinflußt  werden.  Insbesondere  gilt  dies,  wenn  verschiedene  Perioden
und  verschiedene  geographische  Gebiete  miteinander  verglichen  werden  sollen.
Eine  Arbeitsleistung,  die  in  einer  Gegend  bereits  erhebliche  Unlust  erweckt,
mag  in  einer  anderen  kaum  empfunden  werden.  Diese  Umstände  bereiten  der
Beurteilung  des  Lebensstandards  auf  Grund  von  Haushaltungsrechnungen  große
Schwierigkeiten.  Wenn  man  z.  B.  feststellen  würde,  daß  eine  bestimmte  Arbeiterkategorie ­
  mit  ihren  Geldeinkommen  heute  dieselben  Güter  kaufen  kann  wie
vor  fünfzig  Jahren,  würde  man  sagen  können,  daß  die  Sensationengesamtheit
die  gleiche  geblieben  ist?  Selbst  wenn  man  ganz  davon  absieht,  daß  die  relative ­
  Stellung  dieser  Arbeitergruppe  zu  anderen  Arbeitergruppen  verschoben
erscheint,  dürfte  heute  die  unmittelbare  Lust-  und  Unlustempfindung  sich
erheblich  von  der  damaligen  unterscheiden.  Eine  Lebensweise,  die  damals  als
angenehm  galt,  kann  heute  vielleicht  schon  als  unerträglich  empfunden  werden,
oder  umgekehrt.  Wenn  man  derlei  auch  nicht  genau  erfassen  kann,  so  muß
man  darauf  bei  der  Erläuterung  von  Daten  um  so  mehr  Rücksicht  nehmen.
Im  allgemeinen  kann  man  mit  einiger  Sicherheit  sagen,  daß  in  einer  bestimmten ­
  Gegend  diejenigen,  welchen  mehr  Brot,  mehr  Fleisch  usw.  zur  Verfügung ­
  steht,  sich  wohler  fühlen  als  diejenigen,  welchen  davon  weniger  zur
Verfügung  steht.  Es  fehlt  freilich  wieder  jede  Berechnungsgrundlage,  wenn
etwa  der  Brotkonsum  bei  einer  Gruppe  größer  ist,  dafür  aber  der  Fleischkonsum ­
  geringer.  Weder  die  Berücksichtigung  der  Qewichtsmengen,  noch  jene
der  Kalorien,  noch  andere  Hilfsmittel  führen  uns  zu  einem  brauchbaren  Ergebnis.
Die  Kleidernutzung,  die  Büchernutzung,  welche  mit  dem  Konsum  von  Brot,
Zucker  usw.  auf  eine  Stufe  zu  stellen  wäre,  läßt  sich  nicht  in  gleicher  Weise
feststellen.  Wir  müssen  uns  eben  an  die  Nutzungsquellen  halten  und  erheben,
wieviel  Bücher,  Kleider,  Wohnraum  usw.  dem  Einzelnen  zur  Verfügung  stehen.
Es  sind  dies  ja  Daten,  die  umfassendere  Haushaltungsbeschreibungen  ohnedies
zu  erfassen  suchen.  In  ähnlicher  Weise  müßte  man  aber  auch  den  Theaterbesuch, ­
  Vergnügungsreisen  usw.  und  als  Ursachen  der  Unlust  die  Arbeitszeit,
Krankheiten  usw.  feststellen.  Durch  entsprechende  Anwendung  des  Taylorsystems, ­
  das  freilich  zu  ganz  anderen  Zwecken  erdacht  wurde,  könnte  man
Daten  darüber  erhalten,  wie  viele  Menschen  bis  zur  Übermüdung  arbeiten,  wie
viele  unter  ihrer  Intelligenz  beschäftigt  sind  und  derlei  mehr.  Der  Zusammenhang ­
  zwischen  den  einzelnen  Daten  und  der  Lust  und  Unlust  mag  dabei  freilich
nicht  immer  gleichartig  sein.  Gerade  solche  ungemein  konkreten  Untersuchungen
leisten,  wie  wir  zu  zeigen  versuchten,  abstraktesten  Forderungen  Genüge.  Bisher
hat  man  Haushaltungsrechnungen  von  dieser  Seite  her  in  der  Theorie  viel  zu
wenig  Aufmerksamkeit  geschenkt  ;  vor  allen  Dingen  sie  auch  zu  wenig  dazu
verwendet,  um  in  Verbindung  mit  anderen  Daten  sie  zur  Schaffung  einer
        <pb n="153" />
        142

ganze  Völker  umfassenden  Naturalrechnung  zu  verwerten.  Am  meisten  haben
noch  Geldtheoretiker  sich  ihrer  zu  allgemeinen  Zwecken  angenommen  lo).
Aber  selbst  wenn  wir  die  angedeuteten  Daten  besäßen,  würden  wir  immer
nur  die  Sensationsgesamtheiten  bestimmter  Zeitabschnitte  vor  uns  haben.  Es
würde  aber  eine  Angabe  darüber  fehlen,  in  welchem  Ausmaß  diese  Sensationen
für  die  Zukunft  gesichert  erscheinen.  Wenn  ein  großer  Jahresertrag  an  Getreide
durch  übermäßige  Ausnutzung  des  Bodens  erreicht  wird,  so  muß  das  zum
Ausdruck  gebracht  werden.  Die  Sicherung  der  zukünftigen  Sensationen  hängt
vor  allem  von  der  Organisation  eines  Landes  ab,  aber  auch  von  den  produkr
tiven  Kräften.  Wenn  wir  eine  bestimmte  Organisationsform  als  konstant  voraussetzen, ­
  haben  wir  im  Interesse  der  Reichtumsbeschreibung  in  erster  Reihe
die  produktiven  Kräfte  und  Hemmungen,  Wasserkräfte,  Maschinen,  Arbeitskräfte, ­
  Bodenkräfte  usw.  zu  erfassen.  Aber  es  fehlt  dazu  noch  die  staatliche
Macht,  die  Erfindungskraft,  die  Organisationskraft,  die  Dummheit,  die  Trägheit
und  vieles  andere.
Nicht  grundsätzliche  Erwägungen  sind  es,  welche  die  zuletzt  erwähnten ­
  Kräfte  unberücksichtigt  lassen.  Es  geschieht  wohl  vorwiegend  deshalb,
weil  wir  sie  nicht  genügend  abschätzen  können.  Besäßen  wir  ein  Maß  für
die  Erfindungskraft,  könnten  wir  etwa  ihre  Bedeutung  in  latenten  Pferdekräften ­
  ausdrücken,  wir  würden  sie  sofort  genau  so  in  Rechnung  stellen,
wie  wir  die  ungenützte  Wasserkraft  in  einen  Wasserkraftkataster  aufnehmen.
Der  Staatsmann,  welcher  handelnd  eingreift,  der  Beobbachter,
  der  die  Entwicklung  vergleichend  abschätzen
will,  müssen  all  diese  Kräfte  irgendwie  ins  Auge  fassen.
Die  wirtschaftswissenschaftlichen  Darstellungen  heben  nun  im  allgemeinen
viel  zu  wenig  hervor,  wie  klein  und  inselhaft  innerhalb  des  gewählten
Rahmens  das  Gebiet  der  Wirtschaftsbetrachtung,  der  rationalistischen  Rechnung ­
  überhaupt  ist.  Dies  dürfte  mit  ein  Grund  sein,  weshalb  die  Märuier
der  Tat  den  Wirtschaftswissenschaften  oft  so  mißtrauisch  gegenüberstehen.
Sie  fühlen  instinktiv,  daß  Tatsachen  von  gleicher  Tragweite  und  gleichem
Wirklichkeitscharakter  in  wirtschaftswissenschaftlichen  Darstellungen  oft  eine
sehr  ungleiche  Würdigung  erfahren.

4.  Kriegswirtschaftsrechnung  und  Statistik.
Die  bisherigen  Betrachtungen  führen  uns  zu  der  Forderung  nach  einem
Ausbau  der  Wohlhabenheitsstatistik  im  weitesten  Sinne.  Dieselbe  würde  vor
allem  die  Verbrauchsstatistik  behandeln  müssen,  deren  Ausgestaltung
in  den  letzten  Friedensjahren  bereits  eingesetzt  hatte,  die  aber  vor  allem  durch
die  Notwendigkeiten  des  Krieges  gefordert  wurde.  Während  des  Krieges
ist  mancher  Beitrag  zur  Verbrauchsstatistik  geliefert  worden,  wobei  auch  erfolgreich ­
  mit  den  Mitteln  der  Konjunkturalstatistik  gearbeitet  wurde.  Die
Durchführung  solcher  Berechnungen  setzt  voraus,  daß  man  im  Interesse  der
Vergleichbarkeit  den  Altersaufbau  der  Bevölkerung  und  manches  andere  berücksichtigt. ­
  Während  man  auf  diese  Weise  für  den  Brot-,  Fleisch-,  Zuckerusw.
  Verbrauch  eine  Art  Kopfquote  berechnen  kann,  die  einen  guten  Sinn
hat,  gilt  dies  von  einer  Kopfquote  des  Eisen-,  Kohle-  usw.  Verbrauchs  keineswegs ­
  in  gleicher  Weise.  Es  müßte  z.  B.  schon  der  Kohlenverbrauch  für  den
Haushalt  von  jenem  für  die  Industrie  geschieden  werden.  Noch  bedenklicher
wird  die  Berechnung  der  Kopfquote,  wenn  Außenhandelsziffern  in  Frage  stehen.
Vielfach  hat  man  geradezu  den  Eindruck,  daß  es  manchen  schon  genug  scheine,
wenn  neben  die  allzuwenig  besagende  absolute  Zahl  nur  irgendeine
Verhältniszahl  tritt.  Auf  anderen  Gebieten,  so  etwa,  wenn  die  Säuglingssterblichkeit ­
  erörtert  wird,  stellt  man  viel  umfangreichere  Betrachtungen
darüber  an,  auf  welche  Weise  man  eine  Verhältniszahl  gewinnen  will.  Als
ein  sehr  lehrreiches  Beispiel  dafür,  wie  man  auf  Grund  wirtschaftlicher  Eric) ­

  Vgl.  z.  B.  F.  Frhr.  v.  W  i  e  s  e  r,  Über  Messung  der  Veränderungen  des
Geldwertes  (Verhandl.  d.  Vereins  f.  Sozialpol.  in  Wien  1909,  S.  546  ff.).
        <pb n="154" />
        143

Wägungen  die  Bildung  von  Verhältniszahlen  versuchen  kann,  sei  die  Regenstatistik ­
  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  erwähnt.  Die  amerikanische
Statistik  geht  u.  a.  darauf  aus,  festzustellen,  welche  Bedeutung  der  Regenfall
für  die  Bevölkerung  hat.  Die  einzelnen  Messungen  der  Regenmenge  werden
zu  diesem  Zwecke  mit  der  Bewohnerzahl  der  Fläche  kombiniert,  auf  die
sich  der  Regen  fall  erstreckt.  Ein  Sinken  der  durchschnittlichen  Regenmenge  in
diesem  Sinne  muß  z.  B.  keine  Veränderung  des  Klimas  bedeuten,  sondern  kann
aut  eine  Veränderung  der  Siedelung  hinweisen  Es  ist  anzunehmen,  daß  die
weitere  Entwicklung  der  Wohlhabenheitsstatistik  auch  derartigen  Fragen  vermehrte ­
  Aufmerksamkeit  schenken  wird.
Außer  der  Verbrauchsstatistik  benötigen  wir  auch  eine  Nutzungsstatistik, ­
  welche  feststellen  müßte,  wieviele  Kleider,  Tische,  Bücher  usw.
benutzt  werden.  Eine  Feststellung  des  jährlichen  Zuwachses  genügt  keineswegs, ­
  nicht  einmal  zur  Erfassung  der  Abnutzung,  wenn  wir  uns  in  Zeiten
größerer  Veränderungen  bewegen.i^)  Auch  Bibliotheksbesuch,  Zeitungslektüre,
Besuch  der  Theater  usw.  läßt  sich  erfassen  und  verwerten.
Zur  Nutzungsstatistik  gehört  auch  die  Behausungsstatistik.  Ihre
heute  schon  weit  gediehene  Entwicklung  hängt  vor  allem  damit  zusammen,
daß  Wohnungen  als  Mietobjekte  Gegenstände  des  freien  Verkehrs  und  der  Besteuerung ­
  sind,  und  daß  Wohnungsverhältnisse  mehrfach  zu  sozialpolitischen
Zwecken  untersucht  wurden.
Die  Bedingungen  der  Unlust  erfassen  wir  insbesondere  durch  Arbeitszeitstatistiken, ­
  Unfallstatistiken,  sowie  durch  Zusammenstellungen  über  Morbidität ­
  und  Mortalität.
Wir  sehen,  wie  sich  heute  auf  demokratischer  Basis  mehr  im  Rahmen
kriegswirtschaftlicher  Diktaturen  eine  Geistesrichtung  entfaltet,  welche  mit  jener
des  aufgeklärten  Absolutismus  in  mehr  als  einer  Richtung  verwandt  ist.  Der
aufgeklärte  Absolutismus  kannte  in  der  Erforschung  der  Lebensverhältnisse
seiner  Untertanen  keine  Schranken,  war  er  doch  bereit,  überall  beglückend
einzugreifen.i^)  Diese  Ideen  der  Volksbeglückung  brachten  die  Beamtenschaft
des  Absolutismus,  welche  das  Staatsganze  im  Auge  hatte,  in  Konflikt  mit  dem
Adel  und  den  Ständen,  die  sich  der  zentralistischen  Wohlfahrtspolitik  ebenso
wie  der  dazu  gehörigen  Statistik  widersetzten.  Das  Ideal  derselben  sah  ein
F.  Zizek,  Die  statistischen  Mittelwerte,  1908,  S.  196.
12)  Nur  für  stabile  Zeiten  kann  man  Robert  Meyers  Bemerkung
gelten  lassen  (Das  Wesen  des  Einkommens.  Berlin  1887,  S.  161):  „Der  Fall
periodischer  Herbeischaffung  von  Teilquantitäten  dauerbarer  Güter  entspricht
aber  in  weitem  Umfang  den  tatsächlichen  Verhältnissen  der  Volkswirtschaft,
indem  der  volkswirtschaftliche  Bedarf  an  Kleidungsstücken,  Möbeln,  Instrumenten, ­
  Büchern  usw.  sich  zu  einem  ziemlich  kontinuierlichen  gestaltet.  Vom
Standpunkt  der  Volkswirtschaft  führt  also  jenes  Verfahren,  die  in  jeder  Einkommensperiode ­
  fertig  werdenden  Gebrauchsgüter  dem  Einkommen  zuzuzählen,
wenn  anders  die  Bedingungen  regelmäßiger  Produktion  vorhanden  sind,  zu
einem  Ausdruck  für  das  Einkommen,  welcher  auch  für  das  Maß  der  Bedarfsbefriedigung ­
  in  dieser  Periode  einen  Ausdruck  gewährt,  der  für  die  praktischen ­
  Bedürfnisse  in  den  allermeisten  Fällen  ausreichen  wird.“
13)  Vergl.  z.  B.  Shad  well,  England,  Deutschland  und  Amerika.  Berlin
1908,  der  überhaupt  in  trefflicher  Weise  zeigt,  wie  man  Statistik  und  Beschreibung ­
  miteinander  verbinden  kann,  um  eine  Grundlage  für  vergleichende
Betrachtungen,  soweit  solche  möglich  sind,  zu  gewinnen.  Darüber,  wie  man
Anschaffungen  von  Schuhen,  Kleidern  usw.  zu  beurteilen  hat,  wie  man  überhaupt ­
  derartige  Daten  erfassen  kann,  bringt  wertvolle  Bemerkungen  R.  E.  May
vor  :  Kosten  der  Lebenshaltung  und  Entwicklung  der  Einkommensverhältnisse
in  Hamburg  seit  1890  (Schriften  d.  Ver.  f.  Sozialpol.  Bd.  145,  IV.  Teil,
S.  266  f.,  367  f.  und  sonst).
11)  Vergl.  Karl  Pribram,  Die  amtliche  Statistik  Österreichs  am  Scheidewege, ­
  S.  2  und  Die  Statistik  als  Wissenschaft  in  Österreich  im  19.  Jahrhundert
nebst  einem  Abrisse  seiner  allgemeinen  Geschichte  der  Statistik  (Stat.  Monatsschr.
  1913).
        <pb n="155" />
        144

Mann  wie  Kaunitz^')  in  einer  Universal-Tabelle,  „so  die  Population, ­
  Getraid,  Wein-  und  andere  Fechsung,  Viehzucht,  Manufacturen  etc.  einer
jeden  Provinz  enthielte“.  Diese  Universal-Tabelle,  deren  Tendenz  den
oben  angedeuteten  statistischen  Grundlagen  einer  Naturalberechnung  nahekommt, ­
  war  ajs  Hilfsmittel  umfassender  staatsmännischer  Wirksamkeit  gedacht: ­
  „da  ja  nur  gute  Populations-,  Culturs-,  Manufacturs-  und  Commercial-Tabeilen
  etc.  der  Grund  von  aller  Aufsicht  einer  wahren  Staats-Oeconomie
seyen,  ohne  welche  man  niemahlen  mit  gehöriger  Verläßlichkeit  in  das  Große
arbeiten  kann“.  Diesen  Tendenzen  entsprach  es,  daß  man  alle  Kreise,  die
irgendwie  an  der  Verwaltung  mitwirkten,  auch  die  Geistlichen,  mit  nationalökonomischer ­
  Bildung  auszustatten  suchte.  Aber  kaum  hatte  der  Absolutismus ­
  die  Hemmungen  des  Adels  und  der  Stände  einigermaßen  beiseite  geschoben ­
  und  wirklich  bedeutsame  Ansätze  zu  einer  trefflichen  Universalstatistik ­
  geschaffen,  die  auch  die  Produktionsstatistik  umfaßte,  als  schon
der  sich  entfaltende  Liberalismus  und  Individualismus,  sowie  die  überhandnehmende ­
  Geldbetrachtung  die  weitere  Entwicklung  verhinderten.
Die  Geldbetrachtung,  die  in  einem  individualistischen  Denken  wurzelte
und  den  Individualismus  wieder  ihrerseits  förderte,  ließ  die  konkreten  Bedingungen ­
  der  Wirtschaft  vielfach  stark  in  den  Hintergrund  treten  und  bevorzugte ­
  Geldsummen  als  Ausdruck  staatlichen  Reichtums.  Überdies  wurde
überhaupt  das  Interesse  an  der  Volkswirtschaft  als  einem  wohl  organisierten
Ganzen  zurückgedrängt,  die  Idee  eines  Wirtschaftsplanes  verschwand  und  das
Nebeneinander  der  Einzelnen  trat  in  den  Vordergrund.  Dazu  kam  noch,  daß
der  wirtschaftliche  Liberalismus  mit  dem  politischen  eng  verbunden  war,  welcher ­
  in  den  Bemühungen  der  absolutistischen  Statistik  entweder  bereits  eine
unmittelbare  Verletzung  der  persönlichen  Sphäre  oder  mindestens  die  Vorbereitungen ­
  zu  einer  solchen  erblickte.  So  kam  es,  daß  schließlich  das  Recht
des  Staates  auf  statistische  Erhebungen  immer  mehr  eingeschränkt  und  seitens
der  Bürger  sorgfältig  darauf  geachtet  wurde,  daß  nicht  auf  dem  Umwege
über  die  Statistik  die  Lust  der  Regierungen,  planmäßig  leitend  einzugreifen,
begünstigt  würde.
Der  Krieg  scheint  nun  auf  diesem  Gebiete  die  schon  vorher  einsetzende
Bewegung  zugunsten  statistischer  Erfassung  aller  Wohlfahrtsbedingungen
mächtig  gefördert  zu  haben.  Denn  selbst  jene,  welche  jede  Vielregiererei
fürchten,  fordern  heute  mehr  oder  weniger  energisch  Klarheit  über  die  Grundlagen ­
  der  Vojkswohlfahrt.  Die  bevorstehende  Neugestaltung  und  die  Bemühung, ­
  die  Kriegsfolgen  zu  übersehen,  verlangt,  daß  an  Zentralstellen  übersichtliche ­
  Tabellen  ein  möglichst  zuverlässiges  Bild  von  der  Güterbewegung,
der  Güterverteilung  und  anderen  wesentlichen  Tatsachen  geben.
Wir  sahen  freilich,  daß  nur  die  Lustverteilung  auf  diese  Weise  einigermaßen ­
  zuverlässig  erfaßt  werden  kann,  daß  wir  dagegen  nicht  immer  imstande
sind,  die  Daten  über  Wohnung,  Nahrung,  Kleidung  usw.  zu  einer  einheitlichen
Reichtums-  oder  Lustgröße  zusammenzufassen  und  mit  jenen  aus  einer  anderen
Periode  zu  vergleichen.  Diese  Tatsache  hat  mit  dazu  beigetragen,  daß  man
immer  wieder  den  Versuch  machte,  innerhalb  der  Geldrechnung  durch  Erfassung ­
  des  Geldeinkommens  und  der  Kaufkraft,  zu  brauchbaren  Ziffernsummen
zu  gelangen,  die  einen  unmittelbaren  Vergleich  gestatten.  Alle  Geldziffern
oder  auf  Grund  von  Geldziffern  irgendwie  berechneten  Indexziffern  können
aber  nur  durch  naturale  Deutung  einen  Sinn  für  die  Reichtumsbetrachtung ­
  erhalten.  Und  ebenso  wie  wir  auf  dem  Umwege  über  die  Geldrechnung
zu  einheitlichen  Reichtumsziffern  gelangen,  können  wir  dies  ja  auch  unmittelbar, ­
  wenn  wir  uns  dazu  entschließen,  etwa  eine  bestimmte  Menge  Wohn  raum
einer  bestimmten  Menge  Brot,  dieses  wieder  einer  bestimmten  Menge  Fleisch
und  so  weiter  in  Bezug  auf  die  Reichtumsbedeutung  gleichzusetzen.  Vor  dieser
unmittelbaren  Bezifferung  der  Wichtigkeit  schreckt  man  aber  weit  mehr  zurück ­
  als  vor  der  ebenso  begründeten  oder  unbegründeten  Bezifferung,  die  auf
dem  Umwege  über  die  Geldrechnung  auf  ähnliche  Weise  gewonnen  wird.

15)  Henryk  Grossmann,  Die  Anfänge  und  geschichtliche  Entwicklung ­
  der  amtlichen  Statistik  in  Österreich  (Stat.  Monatsschr.  1916,  S.  409).
        <pb n="156" />
        10

145

Selbstverständlich  kann  man  durch  Verbindung  der  Geldeinkommen  und
der  Kaufkraft  in  Bezug  auf  bestimmte  Gegenstände  gewisse  Eigentümlichkeiten ­
  des  Standards  feststellen,  welche  eben  Wohnung,  Nahrung  usw.  der
Menge  nach  nebeneinander  stellen.  Gegen  derartige  Ergebnisse  ist  oft
nichts  Wesentliches  einzuwenden.i«)  Grundsätzlich  aber  ist  wohl  die  unmittelbare ­
  Erfassung  des  Lebensstandards  vorzuziehen.
Statistische  Erhebungen,  die  auf  die  Reichtumsbetrachtung  hin  orientiert
sind,  stimmen  zum  Teil  mit  solchen  überein,  welche  die  Möglichkeiten  der
Bedarfsdeckung  ohne  unmittelbare  Beziehung  auf  die  Lust-  und  Unlustbedingungen ­
  gewissermaßen  nur  technisch  untersuchen.  Diese  technische  Rechnung
stellt  fest,  welche  Mengen  eines  Stoffes  im  Inlande  unter  gewissen  Bedingungen
erzeugt  werden  können,  welche  eingeführt,  welche  ausgeführt  werden.  Diese
allgemeinen  Betrachtungen  können  durch  Hinweis  auf  die  innere  Ökonomie
ergänzt  werden,  indem  z.  B.  noch  der  Weg  der  Rohstoffmengen  im  Inlande
verfolgt  wird,  die  einzelnen  Industrien  mit  ihrem  Eingang  und  Ausgang  in
Rechnung  gestellt  erscheinen.Diese  Erhebungen  setzen  eine  Ausgestaltung
der  Erzeugungsstatistik  voraus  i*),  wie  sie  durch  den  Krieg  ebenfalls  gefördert
wurde.  Auch  dort,  wo  bisher,  wie  in  Österreich,  die  gewerbliche  Erzeugungsstatistik ­
  nur  für  wenige  Erzeugungszweige  bestand,  ist  sie  während  des  Krieges
durch  die  staatliche  Kontrolle  praktisch  sehr  ausgedehnt  worden.
Innerhalb  der  Staaten  müßten  die  statistischen  Zentralen  in  der
Lage  sein,  führend  aufzutreten,  selbst  dann,  wenn  die  Erhebungen  dezentralisiert ­
  erfolgen  sollten.  Daß  es  gelingen  sollte,  eine  Weltwirtschaftsstatistik ­
  auf  Grund  einheitlicher  Erhebungen  zu  schaffen,  ist  sehr  unwahrscheinlich. ­
  Wohl  aber  kann  für  eine  einheitlichere  wissenschaftliche
Verarbeitung  Sorge  getragen  werden.  Dazu  ist  es  nötig,  daß
einer  bestimmten  Auffassung  von  den  angestrebten  Zielen ­
  allgemein  Geltung  verschafft  wird.  Die  obigen  Darlegungen ­
  sollten  zeigen,  daß  hierzu  die  Naturalrechnung
eine  geeignete  begriffliche  Grundlage  zu  geben  vermöchte. ­

Nur  auf  Grund  einer  solchen  systematisch  geschaffenen  oder  improvisierten ­
  Universalstatistik  sind  wir  imstande,  eine  einigermaßen  befriedigende
Kriegs  Wirtschaftsrechnung  für  die  einzelnen  Volkswirtschaften ­
  und  für  die  Weltwirtschaft  zu  entwerfen.

5  Ursächliche  Zurechnungen  der  Reichtumsveränderungen,.
Bisher  wurde  nur  die  Frage  erörtert,  wie  man  überhaupt  Daten  für  eine
Reichtumsbetrachtung  gewinnen  könnte.  Nun  fragt  es  sich,  was  wir  mit  denselben ­
  anfangen  können,  wenn  wir  sie  bereits  besitzen.
Vor  allem  wird  die  Frage  gestellt  werden:  Wie  hat  der  Krieg  auf  den
Reichtum  gewirkt?  Soweit  die  Schmerzen  und  Freuden  zu  berücksichtigen
sind,  welche  der  Krieg  unmittelbar  erzeugte,  stehen  wir  vor  einer  kaum  zu
lösenden  Aufgabe.  Man  begnügt  sich  daher  vielfach  mit  einer  weit  engeren

1®)  Vergl.  z.  B.  Tyszka,  Löhne  und  Lebenskosten  in  Westeuropa  im
IQ.  Jahrhundert.  Leipzig  1914,  und  Tyszka,  Lebenshaltung  der  arbeitenden
Klassen.  Jena  1912.  Mit  Beispielen  für  beides.
!■')  Als  Typus  einer  solchen  technisch  orientierten  Naturalrechnung  sei
etwa  C.  Ballod,  Autarkie  oder  Weltwirtschaft  ?  (Europ.  Staats-  u.  Wirtschaftsztg.
  1916,  S.  1067)  erwähnt.  Es  setzt  sich  so  eine  Art  der  Naturalrechnung ­
  durch,  wie  sie  z.  B.  Popper-Lynkeus  in  seiner  allgemeinen
Nährpflicht  gefordert  hat.  Mit  der  Frage,  welche  Einrichtungen  die  Bedarfsdeckung ­
  sichern,  hat  die  grundsätzliche  Verwendung  der  Naturalrechnung ­
  zunächst  nichts  zu  tun.  Vergl.  W.  L.  Hausmann, ­
  Der  Goldwahn,  1911,  S.  280  f.
O.  N  er  schm  an  n.  Gewerbliche  Produktionsstatistik,  Leipzig  1916.
ist  ein  Beispiel  für  das  in  dieser  Richtung  wachsende  Interesse.
        <pb n="157" />
        146

Fragestellung  und  will  nur  wissen,  wie  denn  der  Krieg  das  Essen,  Trinken,
Wohnen  usw.  beeinflußte,  das  heißt:  jene  Sphäre,  die  man  gemeinhin  unter
„Realeinkommen“  versteht.
Was  meint  man  aber  damit,  wenn  man  dem  Krieg  irgendwelche  Veränderungen ­
  der  Sensationen  oder  ihrer  Bedingungen  zurechnet?  Man  verfährt
gemeinhin  so,  daß  man  die  Reichtumsverhältnisse  vor  dem  Kriege  mit  jenen
nach  dem  Kriege  vergleicht  und  den  Unterschied  auf  den  Krieg  zurückführt.
Dies  Verfahren  ist  jedenfalls  unzureichend,  ja  verfehlt,  weil  man  dabei
nicht  sieht,  welcher  Teil  dieser  Veränderungen  vielleicht  auch  in  der  weiteren
Friedensentwicklung  aufgetaucht  wäre.  Wie  notwendig  diese  Betrachtungsweise ­
  ist,  zeigt  uns  das  Beispiel  des  Dreißigjährigen  Krieges.  Es  liegen
schwerwiegende  Anhaltspunkte  dafür  vor,  daß  der  Niedergang  Deutschlands
nach  demselben  nicht  so  sehr  den  Verwüstungen,  als  vielmehr  dem  schon
vorher  einsetzenden  wirtschaftlichen  Zusammenbruch  zugeschrieben  werden
müsse.i^)  Ein  anderes  Beispiel  bietet  Galizien.  Die  starken  Störungen,  welche
während  des  Balkankrieges  dort  zu  beobachten  waren,  sind  zum  Teil  nur  eine
Fortsetzung  von  krisenhaften  Zuständen  gewesen,  die  schon  vorher  eingesetzt ­
  haben.20)
Selbst  wenn  wir  feststellen  könnten,  wie  die  friedliche  Entwicklung  verlaufen ­
  wäre,  wie  dagegen  die  kriegerische  verlaufen  ist,  so  sind  wir  doch  noch
immer  nicht  imstande,  dem  Kriege  etwas  Bestimmtes  an  Erfolg  unter  allen
Umständen  zuzuweisen.  Wenn  freilich  die  Friedensentwicklung  die  Eigenschaften ­
  A.  B.  C.  gehabt  hätte,  die  kriegerische  dagegen  die  Eigenschaften
A’.  B\  C\,  so  daß  wir  A  mit  A\  B  mit  B’,  C  mit  C’  vergleichen  könnten,  und
etwa  alle  drei  größer  fänden,  wäre  eine  solche  Zurechnung  denkbar.  Aber
es  kann  ja  auch  eine  derartige  Wandlung  eintreten,  daß  A.  B.  C.  durch  E.  F.  G.
ersetzt  wird,  derart,  daß  keine  der  neuen  Eigenschaften  oder  nicht  alle
derselben  mit  den  alten  überhaupt  in  Bezug  gesetzt  werden  können.  Und
dann  fehlt  die  Möglichkeit,  eine  „Differenz“  zu  bilden  und  sie  dem  Kriege
zuzuschreiben,  auch  stehen  wir  wieder  vor  der  Schwierigkeit,  Gewinne  auf
der  einen  Seite  gegenüber  Verlusten  auf  der  anderen  abwägen  zu  müssen.
Dazu  kommt  noch,  daß  man  die  gesamte  zukünftige  Entwicklung  zu  den
Kriegsfolgen  rechnen  müßte.  Wenn  man  diese  Schwierigkeiten  überdenkt,
muß  man  davor  zurückschrecken,  leichthin  von  den  Kriegswirkungen
zu  sprechen,  als  ob  deren  Grenze  und  Wesen  auch  nur  im  entferntesten  klargestellt ­
  werden  könnte.
Man  wird  sich  wohl  im  allgemeinen  darauf  beschränken  müssen,  die  Zustände ­
  vor  dem  Kriege  in  ihrer  Wirkung  auf  den  Reichtum  zu  beschreiben,
ebenso  die  Veränderungen  während  des  Krieges  und  die  Veränderungen  nach
demselben.  Darüber,  wie  der  Krieg  wirkt,  haben  wir  nur  sehr  unzulängliche
Anhaltspunkte,  und  es  bedarf  umfassender  vergleichender  Arbeiten  und  theoretisch-abstrakter ­
  Analysen,  ehe  wir  einigermaßen  haltbare  wissenschaftliche
Urteile  darüber  aussprechen  können.
Die  Erkenntnis  von  der  Unzulänglichkeit  unserer  Einsicht,  von  der  noch
größeren  Beschränkung  unserer  Berechnungen  sollte  grundsätzlich  alle  wirtschaftswissenschaftlichen ­
  Arbeiten  beherrschen.  Viele  Möglichkeiten
und  die  Grenzen  der  Einsicht  zu  sehen,  ist  die  Aufgabe
des  Gelehrten,  einheitliches  Tun,  ohne  Rücksicht  auf  alle
diese  Schranken,  ist  Aufgabe  des  Tätigen.  Kräftiges  und  zielbewußtes ­
  Handeln  tritt  so  in  einen  Gegensatz  zu  vielerwägendem  Denken.
Es  wäre  aber  völlig  verfehlt,  die  Tätigen  dadurch  fördern  zu  wollen,
daß  man  Einsicht  und  Einheitlichkeit  dort  vortäuscht,  wo  man  selbst  Schranken
und  Mannigfaltigkeit  der  Möglichkeit  sieht.  Die  Wissenschaft  fördert  den
Tätigen  um  so  mehr,  je  deutlicher  sie  ihm  zeigt,  was  er  durchschauend  und
berechnend  zu  leisten  vermag,  welche  Hilfsmittel  zur  Auswahl  bereit  liegen,
und  was  nun  über  die  Berechnung  hinaus  seinem  Entschluß
zu  tun  übrigbleibt.

19)  Vergl.  R.  Hoenigger,  Der  Dreißigjährige  Krieg  und  die  deutsche
Kultur  (Preuß.  Jahrbücher  Bd.  138,  1909),  und  Fritz  Kaphahn,  Die  wirtschaftlichen ­
  Folgen  des  Dreißigjährigen  Krieges  für  die  Altmark.  1911.
20)  Otto  Neurath,  Kriegswirtschaftliche  Eindrücke  aus  Galizien  (Der
österr.  Volkswirt  l./II.  1913).
        <pb n="158" />
        147

VI.
Kriegswirtschaft,  VerwaltungsWirtschaft,
Naturalwirtschaft.
(1917.)
Wir  alle  fühlen,  daß  wir  große  Veränderungen  unserer  Lebensordnung
erleben,  dennoch  fällt  es  schwer,  anzugeben,  worin  diese  Wandlungen  eigentlich ­
  bestehen,  und  sie  zu  großen  Gruppen  zusammensufassen.  Wir  vermögen
nur  jene  Tatbestände  festzuhalten,  die  wir  begrifflich  zu  erfassen  vermögen.
Es  ist  daher  eine  unabweisbare  Notwendigkeit,  solche  Begriffe  als  Handwerkzeuge ­
  zu  schaffen,  die  zur  Bearbeitung  der  gegenwärtigen  Wirklichkeit  geeignet ­
  sind.  Während  des  letzten  Weltkrieges,  der  vor  ungefähr  einem  Jahrhundert ­
  die  Welt  erschütterte,  wurde  dies  versäumt.  Die  Revolutionskriege
hatten  ebenso  wie  die  Kriege  Napoleons  die  meisten  jener  Einrichtungen  und
Maßnahmen,  wenn  auch  in  geringerem  Umfang,  gezeitigt,  welche  wir  in  den
eben  verflossenen  Kriegsjahren  als  Neuerungen  einzuführen  glaubten.  Das
Fehlen  eines  entsprechenden  begrifflichen  Gefäßes  war  eine  wesentliche  Ursache, ­
  weshalb  wir  aus  jenen  bedeutsamen  Tatsachen  so  wenig  an  Erkenntnis
für  den  bevorstehenden  Weltkrieg  geschöpft  hatten.  Auch  damals  hatte  man
Rationierung,  Produktionszwang,  Zentralisation  der  Verteilung  und  vieles  andere
gekannt  und  viele  der  schweren  Erfahrungen  gesammelt,  welche  uns  jetzt
bei  den  ersten  Versuchen  nicht  erspart  blieben.  Die  Theorie  der  napoleonischen
Epoche  und  der  Folgezeit  war  aber  im  allgemeinen  auf  verkehrswirtschaftliche ­
  Erwägungen  beschränkt,  sChob  durchweg  die  Geldrechnung  in  den  Vordergrund, ­
  statt  die  Dinge  unmittelbar  zu  erfassen,  und  erschwerte  durch  Anwendung ­
  derselben  auf  die  Wirtschaftlichkeitsbetrachtung  die  Verarbeitung
jener  Erscheinungen.  Es  ergibt  sich  für  uns,  um  diesen  Fehler  zu  vermeiden,
die  drängende  wissenschaftliche  Aufgabe,  eine  den  heutigen  Ereignissen  angemessene ­
  Begriffswelt  zu  schaffen,  ganz  gleich,  ob  man  diese  Ereignisse  für
Vorläufer  kommender  Dinge  oder  für  Teilerscheinungen  eines  flüchtigen  Zwischenspiels ­
  der  Weltgeschichte  hält.
Die  Verkehrswirtschaft  beherrschte  das  Denken  der  Menschen
durch  ein  Jahrhundert;  auch  solche,  welche  diese  Lebensordnung  bekämpften,
bedienten  sich  ihrer  Begriffe.  So  kam  es,  daß  für  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  kein  Platz  im  Rahmen  der  überlieferten  Wirtschaftstheorie
war,  weil  diese  die  in  Kriegszeiten  besonders  häufige  organisierte  Regelung
von  Erzeugung,  Verbrauch,  Vorratsbildung  usw.  zu  erörtern  nicht  gewohnt
war.  Als  daher  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  die  Kriegswirtschaftslehre
als  Forderung  aufgestellt  wurde,  war  damit  zugleich  das  Programm  für  eine
weitere  Ausgestaltung  der  Wirtschaftstheorie  gegeben.  In  einer  vollständigen
Wirtschaftslehre  müßten  sich  ja  alle  Erscheinungen  der  Kriegszeit  als  Spezialfälle ­
  vorfinden.  Solange  das  freilich  nicht  der  Fall  war,  mußte  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  diese  Lücken,  so  gut  es  ging,  auf  eigene  Faust  auszufüllen
suchen.
Wenn  wir  nun  die  Ansicht  aussprechen,  daß  die  Erfahrungen  dieses
Krieges  für  die  Erkenntnis  unverloren  bleiben  werden,  so  stützen  wir  dieselbe
vor  allem  auf  die  Tatsache,  daß  die  Einrichtungen  der  gegenwärtigen
Kriegswirtschaft  weit  tiefer  in  das  Leben  eingegriffen  haben,  als  jene  der
napoleonischen  Epoche,  vor  allem  aber  auch  darauf,  daß  eine  zunehmende
Zahl  von  Männern  in  der  gegenwärtigen  Lebensordnung  etwas  Bedeutsames
erblickt  und  dementsprechend  ihr  gedankliche  Aufmerksamkeit  zulo* ­
        <pb n="159" />
        148

wendet.  Eine  solche  Richtung  von  einiger  Stärke  fehlte  aber  vor  einem  Jahrhundert. ­
  Der  Siegeslauf  der  Ideen  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  wurde
durch  die  Lebensordnung  des  damaligen  Weltkrieges  nicht  aufgehalten.
An  der  gegenwärtigen  Lebensordnung  fällt  vor  allem  in  die  Augen,  daß
sich  die  Menschen  durch  sie  stärker  als  früher  in  ihren  Entschließungen ­
  beeinflußt  fühlen,  was  im  allgemeinen  als  Last  empfunden
wird.  Insbesondere  die  Erzeugung  und  der  Verbrauch  vieler  Dinge  unterliegt
zahllosen  Regelungen,  ebenso  die  gesamte  Verteilung  der  Lasten  und  Annehmlichkeiten. ­
  ln  der  Verkehrswirtschaft  wird  jeder  Mensch  als  Kaufmann
angesehen,  der  durch  Kauf  und  Verkauf  Gewinn  zu  erzielen  trachtet.  Da
man  Qewinnzunahme  als  Belohnung,  Gewinnabnähme  als  Strafe  bestimmter
Maßnahmen  auffassen  könnte,  dürfte  man  mit  Recht  die  Frage  aufwerfen,
wodurch  sich  denn  die  Lebensordnung  der  Verkehrswirtschaft  von  der  gegenwärtigen ­
  Lebensordnung  grundsätzlich  unterscheidet,  die  in  vielen  Fällen  Unterlassung ­
  von  Arbeit  bestraft,  die  Durchführung  belohnt.  Ein  wesentlicher
Unterschied  ist  wohl  darin  zu  erblicken,  daß  die  Verkehrswirtschaft  zwar  Nachteile ­
  an  gewisse  Maßnahmen  oder  Unterlassungen  knüpft,  diese  aber  nicht
grundsätzlich  steigert,  wenn  der  Einzelne  bei  diesen  Maßnahmen  oder  Unterlassungen ­
  beharrt.  Anders  steht  es  z.  B.  dagegen  heute.  Wenn  einem  Menschen ­
  bestimmte  Arbeiten  im  Rahmen  eines  Produktionsplanes  vorgeschrieben
sind,  und  er  verringert  die  Arbeit,  wobei  er  bereit  ist,  die  Strafe  in  Kauf  zu
nehmen,  so  sucht  die  Zentralgewalt  dies  möglicherweise  dadurch  zu  verhindern, ­
  daß  sie  die  Strafe  steigert  und  schließlich  bis  zur  Drohung  mit  der
Vernichtung  der  Einzelperson  geht.  Die  Verkehrswirtschaft  kennt  nur  den
psychologischen  Druck  der  Marktverhältnisse,  welcher  ja  zuweilen
nicht  unerheblich  ist,  die  gegenwärtige  Lebensordnung  dagegen  einen  grundsätzlich ­
  unbeschränkten  Druck.
Die  größere  Ausbreitung  der  organisierten  Wirtschaft  und  der  entsprechenden ­
  Ideenwelt,  was  sich  vor  allem  darin  äußert,  daß  eine  doch  immerhin
beachtenswerte  Zahl  von  Denkern  die  neue  Ordnung  der  Dinge  als  Vorläuferin
kommender  Wandlungen  begrüßt,  während  dies  in  den  napoleonischen  Kriegen
weit  weniger  der  Fall  war,  erklärt  sich  vor  allem  daraus,  daß  die  Abbröckelung ­
  der  Verkehrswirtschaft  schon  lange  vor  dem  Weltkrieg ­
  eingesetzt  hatte.  Gewisse  verwaltungswirtschaftliche  Maßnahmen  hatten
ohnehin  immer  bestanden  ;  hierzu  zählt  ja  das  ganze  Steuersystem.  Dazu
kam  noch,  daß  der  Staat  immer  häufiger  in  das  Kartellgetriebe  regelnd  eingriff
und  sich  an  Kartellen  beteiligte.  Man  mußte  bereits  viele  Jahre  vor  dem
Kriege  in  solchen  „S  t  a  a  t  s  k  a  r  te  11  e  n“  und  „S  t  a  a  t  s  t  r  u  s  t  s“  eine  Wirtschaftseinrichtung ­
  erblicken,  die  eine  große  Zukunftsbedeutung  hatte.  Abgesehen ­
  von  solchen  verwaltungswirtschaftlichen  Erscheinungen  staatlicher  Art
haben  auch  die  Kartelle  selbst  einen  Teil  ihrer  Wirksamkeit  auf  wesentlich ­
  verwaltungswirtschaftliche  Maßnahmen  gegründet.  Wenn  etwa  ein  Außenseiter ­
  durch  Preisherabsetzungen  niederkonkurriert  wurde,  war  kein  unmittelbarer ­
  Reingewinn  zu  erzielen.  Vielmehr  bestand  der  Vorteil  darin,  daß  weitere
Außenseiter  abgeschreckt  wurden.  Überdies  gab  es  Kautionen,  die  verfallen
konnten,  also  unmittelbare  Strafleistungen  ermöglichten.  Wir  sehen  so  allerlei
Übergänge,  welche  von  der  Verkehrswirtschaft  zur  gegenwärtigen  Lebensordnung ­
  führen.  '
Während  wir  nun  für  die  an  dem  einen  Ende  stehende  Verkehrswirtschaft
eine  abstrakt-schematische  Bearbeitung  besitzen,  fehlt  eine  solche  für  die  entgegengesetzte ­
  Lebensordnung,  welche  sich  während  des  Weltkrieges  in  erheblichem ­
  Maße  durchsetzte,  vorher  anbahnte.  Wir  haben  nicht  einmal  einen
allgemeinen  Namen  dafür,  daß  nicht  der  Einzelne  durch  seine  Tauscherwägungen ­
  den  Ausschlag  gibt,  sondern  eine  Zentralstelle,  welche  unter  Umständen ­
  die  Willensentschließungen  aller  vereinigen  mag.  Wir  bringen  dafür
den  Ausdruck  „Verwaltungswirtschaft“  in  Vorschlag.  Die  Verwaltungswirtschaft ­
  treffen  wir  ebenso  dort  an,  wo  Kartelle  eine  zentrale  Führung  in  der
Fland  haben,  wie  dort,  wo  dieselbe  Regierungsstellen  anvertraut  ist,  wir  finden
sie  aber  ebenso  auch  innerhalb  der  geschlossenen  Hauswirtschaft,  innerhalb
jedes  Unternehmens,  welches  im  allgemeinen  zwischen  seinen  Teilen  keine
        <pb n="160" />
        149

verkehrswirtschaftlichen  Beziehungen  kennt.  Man  spricht  zwar  von  „Staatssozialismus“,
  doch  hat  dieser  Ausdruck  außer  seiner  Bedeutungsenge  den  Nachteil, ­
  daß  dem  Wortteil  „Sozialismus“  eine  erhebliche  Gefühlsbetonung  anhaftet. ­
  Abgesehen  davon,  daß  nur  die  staatliche  Verwaltungswirtschaft  so  erfaßt ­
  würde,  wird  sie  auch  noch  als  gemeinwirtschaftlich  durch  dies  Wort
erklärt.  Die  Verwaltungswirtschaft  kann  aber  durchaus  Klasseninteressen  verfolgen. ­

Wir  haben  die  zentrale  Regelung  innerhalb  einer  Organisation  als  das
Kennzeichen  der  Verwaltungswirtschaft  bezeichnet.  Sie  fällt,  was  ausdrücklich ­
  hervorgehoben  werden  muß,  nicht  notwendig  mit  Polizeiherrschaft
zusammen.  Wir  können  uns  Verwaltungswirtschaften  denken,  welche  ganz  auf
freier  Entschließung  der  Beteiligten  beruhen,  wie  andererseits  die  freie  Konkurrenz ­
  einst  nur  durch  strenge  Polizeimaßnahmen  aufrecht  erhalten  wurde,
welche  sich  gegen  alle  Arten  Abmachungen  von  Arbeitern  und  Verkäufern
wandten,  welche  dazu  bestimmt  waren,  Löhne  und  Preise  zu  erhöhen.
Was  die  Verwaltungswirtschaft  vor  allem  charakterisiert,  ist  die  Verwendung ­
  eines  Wirtschaftsplanes  als  Grundlage  ihrer  Maßnahmen.  Damit
eine  Zentralstelle  Vorschriften  über  Verbrauch,  Erzeugung  usw.  erlassen  kann,
muß  sie  sich  über  die  Wirkungen  dieser  Maßnahmen  im  klaren  sein  und  zu
diesem  Zweck  die  ganze  Wirtschaftsordnung  überblicken.
Ein  solcher  Wirtschaftsplan  fehlt  in  der  Verkehrswirtschaft  grundsätzlich.
Jeder  einzelne  strebt,  wie  erwähnt,  nach  einem  Maximum  an  Geldeinkommen.
Man  kann  ja  nachträglich  festzustellen  sich  bemühen,  daß  auf  diese  Weise
die  Versorgung  aller  am  besten  durchgeführt  wird.  Aber  diese  Erwägungen  über
die  Wirtschaftlichkeit  der  Verkehrswirtschaft  sind  nicht  notwendige  Voraussetzung ­
  ihres  Bestandes.
Während  in  der  Verkehnswirtschaft  der  letzten  Jahrzehnte  die  Geldberechnung ­
  im  Vordergrund  stand,  muß  die  Verwaltungswirtschaft  die  Dinge
unmittelbar  ins  Auge  fassen,  und  daher  die  Erzeugung,  die  Vorratsbildung,  den
Verbrauch,  die  Ausfuhr,  die  Einfuhr  und  die  gesamte  innere  Ökonomie  mengenmäßig ­
  feststellen.  Indem  sie  so  die  verschiedenen  Veränderungen  mengenmäßig
feststellt  und  sich  einen  Überblick  darüber  verschafft,  wie  dies  alles  die  Versorgung ­
  der  Menschen  beeinflußt,  was  vor  allem  in  der  Konsumstatistik  zum
Ausdruck  kommt,  treibt  sie  Naturalrechnung,  welche  heute  eine  weit  größere
Rolle  spielt,  als  früher.
Es  fragt  sich  nun,  auf  welche  Weise  sich  die  Verwaltungswirtschaft
während  des  Weltkrieges  durchsetzen  konnte.  Sie  gibt  vor  allem  die  ¡Möglichkeit,
viele  Maßnahmen  rascher  als  die  Verkehrswirtschaft  zu  verwirklichen.  Wenn
auf  dem  Umwege  über  sinkende  Reingewinne  und  ähnliche  Veränderungen
die  Industrie  auf  Kriegsfuß  umgeschaltet  werden  soll,  geht  leicht  kostbare
Zeit  verloren.  Weit  rascher  erfolgt  derlei,  wenn  man  zum  Beispiel  die  Erzeugung ­
  gewisser  Gegenstände  einstellt  oder  erheblich  verringert.
Überdies  hatte  die  Verkehrswirtschaft,  wie  sie  empirisch  vorlag,  nicht
die  Fähigkeit,  alle  vorhandenen  Kräfte  auszunützen.  Es  gab  immer  wieder
Depressionen,  Krisen,  Arbeitslosigkeit,  sowie  Unterbenützung  von  Kräften  aller
Art.  Man  denke  nur  an  die  zahllosen  Zwischenhändler,  welche  unsere  Straßen
füllen.  Sie  sind  alle  ein  Beweis  für  die  Unfähigkeit  der  eben  verflossenen
Lebensordnung,  die  vorhandenen  Kräfte  wirklich  erfolgreich  zu  nützen.  Noch
deutlicher  tritt  dies  dort  zutage,  wo  das  Streben  nach  Reingewinn  zur  Verringerung ­
  der  Erzeugung  führte,  zur  Stillegung  ganzer  Unternehmungen,
während  gleichzeitig  Bedarf  nach  dem  nun  seltener  gewordenen  Gegenstand
besteht,  Arbeiter  vielleicht  arbeitslos  sind.  Es  war  für  das  eben  verflossene
Zeitalter  charakteristisch,  daß  es  die  Fülle  von  Erfindungen,  die  ihm  zu  Gebote
standen,  die  Fülle  hygienischer  Möglichkeiten  nicht  erheblich  ausnützte.  Wollen
wir  unter  Technik  den  Inbegriff  an  technischen  Kenntnissen,  unter  Technizität ­
  den  Grad  ihrer  Anwendung  verstehen,  so  wies  das  eben  verflossene
Zeitalter  zwar  eine  hohe  Technik,  aber  eine  recht  niedrige  Technizität  auf.
Die  Verwaltungswirtschaft  erkennt  nun  Minderausnützung  im  Interesse  vermehrten ­
  Reingewinns  nicht  an.  Sie  will  grundsätzlich  alle  Kräfte  heranziehen,
möge  das  Erzeugnis  dann  wie  immer  unter  die  einzelnen  Klassen  verteilt  werden.
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        150

Daß  die  Verwaltungswirtschaft  dies  grundsätzliche  Streben  im  Einzelfall ­
  nicht  immer  verwirklichen  konnte,  ging  auf  organisationstechnische  Mängel
zurück.  So  hatte  man  vielfach  die  Zentralisation  der  Bewirtschaftung
ohne  ausreichende  Einsicht  in  die  Verhältnisse  in  eine  technische  Zentralisation
verwandelt.  Das  heißt,  man  hat  sich  daran  gemacht,  dort  große  Vorräte  einzulagern, ­
  die  Verarbeitung  zentralisiert  vorzunehmen,  wo  vielleicht  eine  bloße
Regelung  der  Erzeugung  und  der  Verteilung  am  Platz  gewesen  wäre.  Aber
derlei  Mißgriffe,  wie  sie  im  Weltkriege  vor  einem  Jahrhundert  ebenfalls  vorgekommen ­
  sind,  betreffen  nicht  die  Verwaltungswirtschaft  als  solche.
Weit  triftiger  ist  dagegen  der  Hinweis  darauf,  daß  in  der  Verwaltungswirtschaft ­
  der  Anreiz  für  den  Einzelnen,  bestimmte  Arbeiten  zu  verrichten,
wesentlich  kleiner  ist,  als  in  der  Verkehrswirtschaft,  wo  die  Erzeugungssteigerung ­
  —  freilich  gelegentlich  auch  die  Erzeugungsverringerung  —  sich
sofort  im  Geldeinkommen  anzeigt.  Aber  dieser  Hinweis  spricht  nur  dafür,
daß  man  in  der  Verwaltungswirtschaft  das  Prämiensystem  unter  genauer
Berücksichtigung  aller  Arbeitsleistungen  unvergleichlich  stärker  ausbauen  muß,
als  es  bisher  geschehen  ist,  wenn  man  die  Leistungen  entsprechend  steigern
will.  Das  Taylorsystem,  welches  für  die  Verwaltungs  Wirtschaft ­
  der  Fabriken  erfunden  wurde,  kann  in  erweitertem
Maßstabe  auch  für  die  Verwaltungswirtschaft  der  Staaten
herangezogen  werden.
Schließlich  sei  noch  ein  Moment  von  sehr  wesentlicher  Bedeutung  hervorgehoben, ­
  welches  bisher  viel  zu  wenig  theoretisch  gewürdigt  wurde.  Die
gegenwärtige  Verwaltungswirtschaft  schärft  eine  Verteilung  des  Verbrauchs,
wie  sie  in  einer  Verkehrswirtschaft,  ganz  gleich,  welche  Verteilung  der  Geldeinkommen ­
  man  auch  annimmt,  überhaupt  nicht  möglich  ist.  Die  gegenwärtige
Verwaltungswirtschaft  setzt  z.  B.  eine  gleichmäßige  Verteilung  von  Brot  und
Fleisch  durch  und  überläßt  den  Reichen  die  Ausnützung  ihres  höheren  Einkommens ­
  auf  anderen  Gebieten,  ln  einer  Verkehrswirtschaft  würde  bei  freier
Verfügungsgewalt  über  die  Einkommen  seitens  der  Wohlhabenden  immer  eine
volle  Befriedigung  der  üblichen  Ernährung  angestrebt  werden,  ehe  man  an
die  Befriedigung  der  Luxusbedürfnisse  geht,  und  falls  Mangel  an  Nahrungsmitteln ­
  herrscht,  auch  unter  Schädigung  der  breiten  Massen.  Gleichmäßige
Verteilung  der  notwendigen  Nahrungsmittel  ist  in  der  Verkehrswirtschaft,  wenn
Mangel  an  Nahrungsmitteln  herrscht,  welcher  nicht  durch  vermehrten  Anbau
gehoben  werden  kann,  nur  bei  gleicher  Verteilung  der  Geldeinkommen  möglich.
Das  Vordringen  der  Verwaltungswirtschaft  hat  aber  noch  andere  charakteristische ­
  Erscheinungen  im  Gefolge,  ln  ihrer  voll  ausgebildeten  Form  ist  sie
grundsätzlich  Naturalwirtschaft,  indem  sie  unmittelbar  Naturalien  beschafft ­
  und  unmittelbar  verteilt.  Es  kann  zeitweilig  Vorkommen,  daß  eine
Zunahme  der  Verwaltungswirtschaft  die  Geldwirtschaft  fördert.  Das  ist  z.  B.
dann  der  Fall,  wenn  die  Verwaltungsmacht  dazu  verwendet  wird,  den  Handel
zu  fördern.  Oder  wenn  durch  Auferlegung  von  Geldsteuern,  was  ein  verwaltungswirtschaftlicher ­
  Akt  ist,  die  Bewohner  zum  Handel  gezwungen  werden,
der  ihnen  einen  Geldertrag  zum  Zwecke  der  Steuerzahlung  liefern  soll.  Wenn
aber  die  Verwaltungswirtschaft  einmal  alles  durchdringt,  drängt  sie  die  Verkehrswirtschaft ­
  zurück  und  damit  die  Geldwirtschaft,  wenn  eine  solche  vorhanden ­
  ist.
Die  Geld  Wirtschaft  ist  in  ihrer  entwickelten  Form  immer  Verkehrswirtschaft, ­
  doch  kann  es  Mischgebilde  geben,  in  denen  sich  geldwirtschaftliche ­
  und  verwaltungswirtschaftliche  Einrichtungen  miteinander  verbinden. ­
  Aber  die  Naturalwirtschaft  tritt  uns  heute  nicht  nur  auf  dem  Boden
der  Verwaltungswirtschaft  entgegen,  wo  Beschlagnahmungen  usw.  eine  große
Rolle  spielen.  Auch  auf  dem  Gebiete  der  Verkehrswirtschaft  begegnen  uns
immer  mehr  naturalwirtschaftliche  Einrichtungen.  Die  Verkehrswirtschaft  kann
nämlich  an  sich  ebenso  gut  Naturalwirtschaft  wie  Geldwirtschaft  sein.  Wir
sehen,  wie  der  Naturallohn  heute  häufiger  auftritt,  ja  wie  gelegentlich
sogar  die  Forderung  aufgestellt  wird,  einen  Teil  der  Beamtengehälter  in  Naturalien ­
  zu  zahlen.  Auch  der  Tauschhandel  blüht  und  hat  bereits  stellenweise ­
  zu  einer  behördlichen  Regelung  geführt.  Alles  spricht  dafür,  daß  in
        <pb n="162" />
        151

absehbarer  Zeit  dieser  Tauschhandel  in  größerem  Stil  organisiert  wird,  indem
bestimmte  gesperrte  Artikel  wie  Zucker,  Petroleum  usw.  bestimmten  Gebieten
nur  gegen  die  Verpflichtung  übergeben  werden,  bestimmte  Mengen  Butter,
Milch  usw.  abzuliefern.  Damit  gleitet  freilich  der  Tauschhandel  bereits  in  das
verwaltungswirtschaftliche  Fahrwasser  hinüber.  Im  internationalen  Handelsverkehr ­
  tritt  der  Tauschhandel  in  der  Form  der  Kompensationen  auf.
Der  Export  bestimmter  Waren  wird  an  den  Import  bestimmter  anderer  geknüpft. ­
  Ja,  Schweden  hat  sogar  Goldzahlungen  ausdrücklich  zurückgewiesen
und  die  Bezahlung  in  Waren  verlangt.  Vielleicht  entwickelt  sich  hieraus  eine
Art  Vorratswirtschaft  für  Zwecke  des  internationalen  Handels,  was  um  so  naheliegender ­
  wäre,  als  ja  die  Zukunftswirtschaft  in  erheblichem  Ausmaß  Vorratswirtschaft ­
  sein  wird.  Die  Edelmetallvorräte  der  Banken  könnten  so  durch
Vorräte  andere  rmarktgängiger  Waren  ersetzt  werden,  die  überdies ­
  nicht  so  ausschließlich  als  Saldoware  wie  das  Gold,  sondern  auch  als
unmittelbare  Gebrauchsgegenstände  Verwendung  finden  könnten.
Das  Auftreten  der  naturalwirtschaftlichen  Erscheinungen
war  in  allen  großen  Kriegen  zu  beobachten,  wurde  aber  nicht  einheitlich
gewürdigt,  weil  man  naturalwirtschaftliche  Vorkommnisse  für  grundsätzlich
primitiven  Charakters  hielt.  Man  übersah  ganz,  daß  es  in  hoch  entwickelten
Kulturen,  wie  im  alten  Ägypten,  Großnaturalwirtschaften  gegeben  hat  und
vielleicht  einmal,  wenigstens  in  gewissem  Ausmaß,  wieder  geben  kann.  Kurzum,
wir  sehen,  wie  während  des  Weltkrieges  die  vordringende  Verwaltungswirtschaft
die  Geldwirtschaft  einschränkt,  wie  aber  auch  auf  dem  noch  übrig  bleibenden
verkehrswirtschaftlichen  Gebiet  ebenfalls  eine  Ausbreitung  naturalwirtschaftlicher
Vorgänge  zu  beobachten  ist.
        <pb n="163" />
        """  -  -

—  152  —

VIL
Staatskartell  und  Staatstrust  als  Organisationsformen
der  Zukunft.
(1910.)
Die  sich  mehrenden  Eingriffe  des  deutschen  und  österreichischen  Staates
auf  dem  Gebiete  der  Produktion  und  des  Handels  lassen  immer  deutlicher  bestimmte ­
  Typen  erkennen,  die  vielleicht  eine  große  Zukunft  vor  sich  haben.
Man  mag  dieser  Entwicklung  feindlich  oder  freundlich  gegenüberstehen,  man
wird  nicht  umhin  können,  sich  die  vorhandenen  Tendenzen  näher  anzusehen.
Es  sind  vor  allem  zwei  Vorkommnisse  der  letzten  Zeit,  welche  auch  Kreise,
die  sich  mit  allgemeinen  Fragen  der  Wirtschaftsorganisation  wenig  beschäftigen, ­
  klar  gemacht  haben,  daß  wir  bedeutsamen  Wandlungen  entgegengehen.
Das  eine  Vorkommnis  ist  die  Erlassung  des  deutschen  Gesetzes  über  den  Absatz ­
  von  Kalisalzen,  das  andere  das  Vorgehen  der  österreichischen  Regierung
aut  dem  Gebiete  der  Rohölproduktion,  ln  beiden  Fällen  spielte  die  Staatsgewalt ­
  innerhalb  der  wirtschaftlichen  Verbände  eine  große  Rolle  und  war  bemüht, ­
  die  Produktions-  und  Verkaufsorganisationen  zu  festigen.  Manche  Reformen ­
  lassen  sich  so  leichter  durchführen,  als  wenn  der  Staat  sich  damit  begnügt, ­
  von  außen  her  durch  die  Rechtsprechung  und  Verwaltungsmaßregeln
allein  die  großen  Organisationen  zu  bekämpfen.  Es  ist  ein  in  der  Geschichte
der  Staatsordnungen  nicht  unbekannter  Ausweg,  eine  Institution,  die,  einem
dringenden  Bedürfnis  entsprechend,  sich  ohne  Hilfe  der  Staatsgewalt,  vielleicht ­
  gegen  dieselbe  entwickelt  hat,  nicht  weiter  zu  bekämpfen,  sondern  selbst
in  die  Hand  zu  nehmen.  Die  Macht  der  Kartelle  nimmt  in  Deutschland  und
Österreich  unaufhaltsam  zu,  v/obei  manche  bedenkliche  Nebenerscheinungen
nicht  ausbleiben.  Vielen  Praktikern  und  Theoretikern  ist  es  seit  langem  klar,
daß  ein  Kampf  gegen  die  Kartelle  von  außen  her  auf  unüberwindliche  Schwierigkeiten ­
  stößt.  Man  hörte  daher  häufig  die  Meinung,  daß  nur  eine  Verstaatlichung ­
  vieler  Produktionszweige  dauernd  helfen  könne.  Besonders  auf  dem
Gebiete  des  Bergbaus  hat  dieser  Gedanke  Anklang  gefunden.  Eine  Verstaatlichung ­
  auf  anderen  Gebieten  stößt  aber  auf  großen  Widerstand.  Es  würde
sich  da  um  gewaltige  Umwälzungen  handeln,  die  man,  wenn  möglich,  vermeidet, ­
  selbst  dann,  wenn  viele  der  Beteiligten  sich  nicht  so  sehr  gegen  diese
Reformen  sträubten.  Unter  diesen  Umständen  hat  die  Idee,  dem  Staat  innerhalb ­
  der  Organisation  eine  regulierende  Gewalt  zuzuweisen,  ihn  gewissermaßen ­
  als  Teilhaber  und  Interessenten  einzufügen,  für  jene  etwas  Bestechendes,
welche  den  Einzelunternehmer  möglichst  erhalten  wissen  wollen.  Der  Staat
tritt  so  an  die  Stelle  der  leitenden  Persönlichkeiten  eines  Trust  oder  eines
Syndikats.  Was  die  Abhängigkeit  der  Einzelunternehmer  anlangt,  so  muß
daraut  hingewiesen  werden,  daß  dieselbe  heute  ohnehin  unvermeidlich  erscheint.
Wir  sehen  auf  Schritt  und  Tritt,  wie  früher  selbständige  Firmen  in  Abhängigkeit ­
  von  Lieferanten  oder  Abnehmern  gelangen,  wie  sie  in  steigendem  Maße
in  Kartellen  einen  Teil  ihrer  früheren  Unabhängigkeit  verlieren  und  vor  allem,
wie  sie  immer  enger  mit  den  großen  Banken  verknüpft  werden.  Wir  sehen
allenthalben  den  persönlichen  Einzelunternehmer  der  Aktiengesellschaft  weichen,
kurzum,  die  Entschließungsfreiheit  wird  auf  dem  Gebiete  der  Produktion  und
des  Handels  bei  den  bestehenden  Organisationsformen  unaufhaltsam  eingeschränkt. ­
  Kollektives  Handeln  ersetzt  immer  mehr  das  seit
dem  Siege  der  Handelsfreiheit  bestehende  individuelle.
Für  den,  der  in  Abhängigkeit  gerät,  ist  es  kein  sehr  großer  Unterschied,  ob  die
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        153

Leitung  des  Verbandes  von  übermächtigen  Privatunternehmern  allein  oder
aber  unter  Mitwirkung  des  Staates  ausgeübt  wird.  Nur  die  Stellung  der
wenigen  regierenden  Produzenten  oder  Zentraldirektoren  der  Verbände  wird
bei  dieser  Erweiterung  der  staatlichen  Betätigung  verringert.  Es  kann  sehr
leicht  in  kurzer  Zeit  so  weit  kommen,  daß  man  gar  nicht  mehr  die  Frage  aufwerfen ­
  wird,  ob  man  freie  Konkurrenz  oder  Organisation  vorzieht,  sondern
nur  noch,  welche  Form  der  Organisation.
Eine  besondere  Konstellation  hat  es  mit  sich  gebracht,  daß  augenblicklich ­
  sowohl  in  Deutschland,  als  auch  in  Österreich  der  Staat  verhältnismäßig
leicht  eingreifen  konnte.  Er  erschien  für  viele  der  beteiligten  Produzenten,
Konsumenten  und  Händler  als  Retter  in  der  Not,  da  die  Verbände
sich  von  selbst  nicht  fest  genug  zusammenschließen  wollten,  und  weil  andererseits ­
  die  amerikanischen  Trusts  ihre  Wirksamkeit  auch  in  Europa  immer  mehr
ausdehnen.  Der  Staat  konnte  nun  in  beiden  Fällen  Eingriffe  vornehmen,
die  zum  großen  Teil  im  Interesse  beteiligter  Unternehmer  sind.  Er  konnte
es  sich  angelegen  sein  lassen,  die  Bildung  oder  Erhaltung  großer  Organisationen ­
  zu  unterstützen,  was  ihm  bei  den  Kaliproduzenten  bis  jetzt  besser  gelungen ­
  ist  als  bei  den  Rohöl-  und  Petroleumproduzenten.  Dadurch,  daß  in
beiden  Fällen  Fragen  des  Exportes  zu  lösen  waren,  fällt  auf  den  Staat  in  weiteren ­
  Kreisen  nicht  das  sonst  so  gefürchtete  "Odium,  er  unterstützte  Einzelinteressen ­
  zuungunsten  der  einheimischen  Konsumenten.  Besonders  das  Kaligesetz ­
  zeigt  ganz  deutlich,  in  wie  starkem  Maße  der  Inlandskonsum  durch  die
Einmischung  des  Staates  gewinnen  kann.  Man  sieht  aber  gerade  an  diesem
Beispiel,  daß  gar  keine  eigene  Gesetzgebung  zu  einer  derartigen  Wirksamkeit
unbedingt  erforderlich  ist,  hat  doch  der  agrarfreundliche  Staat  schon  früher,
als  er  nur  Kartellmitglied  war,  die  Bevorzugung  kaufender  landwirtschaftlicher ­
  Verbände  durchgesetzt.
Die  Form  der  staatlich  beeinflußten  Verbände  kann  verschieden  sein.
Der  Staat  kann  als  Produzent  oder  Abnehmer  vertreten  sein,  wie  dies
in  unseren  beiden  Beispielen  der  Fall  ist.  In  Österreich  hat  der  Staat  besonders ­
  gelegentlich  der  Notstandsaktion  zugunsten  der  Rohölproduzenten  durch
Errichtung  von  Reservoirs  —  die  manche  für  überflüssig  erklären  —,  sowie
durch  Einführung  der  Rohölheizung  auf  einer  seiner  Strecken  sich  sehr  engagiert. ­
  Der  Staat  kann  aber  überdies  durch  die  Gesetzgebung  das  Recht  erhalten, ­
  sein  Veto  einzulegen  oder  sogar  eigenmächtig  Preise  festzusetzen  und
die  Produktion  zu  kontingentieren.  Der  Staat  kann  eine  Beziehung  zwischen
Preisen,  Löhnen,  Export-  und  Inlandsverkauf  festsetzen,  so  daß  automatisch
jenes  Vorgehen  gefördert  wird,  welches  allen  Beteiligten,  den  Produzenten,
den  Konsumenten  und  den  Arbeitern,  Vorteile  verschafft.  In  welcher
Weise  dies  möglich  ist,  zeigt  das  Kaligesetz  mit  genügender  Deutlichkeit.
Wenn  so  Gebilde  geschaffen  werden,  in  denen  der  Staat  fortwährend
tätig  ist  und  an  deren  Gedeihen  er  entweder  als  Mitunternehmer  oder  als
Teilhaber  am  Gewinn  interessiert  ist,  wobei  die  Selbständigkeit  der  Einzelunternehmer ­
  einigermaßen  gewahrt  erscheint,  so  kann  man  wohl  zweckmäßig
von  einer  neuen  Organisationsform,  dem  „Staatskartei  F',  sprechen.  Geht
die  Zentralisation  weiter,  erhält  der  Staat  die  Übermacht,  bekommt  er  z.  B.
die  Majorität  der  Aktien  der  Hauptwerke  in  seine  Hand  und  beeinflußt  er
dann  auch  die  technische  Organisation  der  Unternehmungen  entscheidend,  so
kann  man  von  einem  „S  t  a  a  t  s  t  r  u  s  t“  sprechen,  der  sich  von  einem  eigentlichen ­
  Staatsmonopol  erheblich  unterscheiden  kann.  Es  sind  freilich  Formen
des  Staatstrusts  denkbar,  die  zum  völligen  Monopol  hinüberführen.
Wenn  aut  diese  Weise  die  Wirksamkeit  des  Staates  entweder  durch  die
privatwirtschaftliche  Position  oder  durch  ausdrückliche  gesetzliche  Bestimmungen ­
  geregelt  erscheint,  kann  man  die  Macht  des  Staates  auf  einem  anderen
Gebiet,  wo  sie  heute  vielen  überaus  bedrohlich  erscheint,  um  so  leichter  einschränken. ­
  Das  Vorgehen  des  Staates  gegenüber  der  Standard  Oil  Company
in  Österreich  hat  in  vielen  Kreisen  zu  ernsten  Besorgnissen  Anlaß  gegeben.
Man  sah  mit  einem  Mal  klar,  was  sonst  nur  weniger  deutlich  war,  welch  ungeheure ­
  Macht  dem  Staate  ohne  ausdrückliche  Bewilligung  der  Gesetzgebung
zur  Verfügung  steht.  Der  Staat  konnte  in  kurzer  Zeit  den  Amerikanern  und
        <pb n="165" />
        154

ihren  Verbündeten  ungeheuren  Schaden  zufügen,  und  es  wurde  mit  Recht  hervorgehoben ­
  :  Wer  bürgt  dafür,  daß  morgen  nicht  irgend  ein  österreichischer
Industrieller  in  derselben  ,,legalen“  Weise  behandelt  wird?  Der  Staat  kann
z.  B.  bestimmte  Tarifermäßigungen  aufheben  und  sie  für  „alle“  derart  äbändern,
  daß  die  bekämpften  Firmen  allein  darunter  leiden.  Der  Staat  kündigte ­
  Gleise,  die  zur  Zuführung  von  Rohmaterial  unbedingt  erforderlich  sind,
ja  er  ging  so  weit,  die  Telephonapparate  wegzunehmen  und  Füllständer  für
Rohöl  innerhalb  24  Stunden  zu  kündigen,  alles  Eingriffe,  die  formell  nicht
über  die  legale  Auflösung  bestehender  Verträge  hinausgingen.  Der  Staat
kann  aber  auch  seine  Verwaltungsmacht  zur  Anwendung  bringen,  indem  er
plötzlich  in  ungewohnter  Weise  für  Hygiene  und  Sicherheit  Sorge  trägt.
Wenn  auch  viele  dieses  Vorgehen  als  Notwehr  zu  verteidigen  suchten,  so
konnten  sie  sich  doch  einer  gewissen  Beklemmung  nicht  erwehren.  Wir  sehen
aber  an  diesem  markanten  Beispiel,  daß  einerseits  das  Bedürfnis  nach  einer
Erweiterung  der  Staatsgewalt  auf  wirtschaftlichem  Gebiet  manchmal  überaus
groß  ist,  und  daß  andererseits  der  Absolutismus  auf  diesem  Gebiet  selbst
von  der  Mehrzahl  jener  perhorresziert  wird,  welche  die  Angriffe  an  sich
billigen.  Derartige  absolutistische  Maßnahmen,  welche  die  wirtschaftliche
Sicherheit  bedenklich  zu  schädigen  geeignet  erscheinen,  könnten  vermieden
werden,  wenn  der  Staat  normalerweise  einen  genügenden  Einfluß  besitzt,
um  z.  B.  den  Kampf  gegen  einen  auswärtigen  Trust  aufnehmen  zu  können.
Wenn  Österreich  für  die  Rohölerzeugung  und  die  Petroleumproduktion  ein
dem  Kaligesetz  verwandtes  Gesetz  erhält,  braucht  man  nicht  mehr  solch  bedenkliche ­
  Eingriffe  vorzunehmen,  die  aller  Willkür  Tür  und  Tor  öffnen.
Die  allgemeine  Stimmung  der  deutschen  und  österreichischen  Unternehmer,
sowie  die  bisherigen  Erfahrungen  deuten  darauf  hin,  daß  eine  Verallgemeinerung ­
  des  Staatskartells  zunächst  auf  mehr  Zustimmung  rechnen  kann,  als  der
Staatstrust  oder  gar  das  Staatsmonopol.  Es  wäre  sogar  nicht  ausgeschlossen,
daß  iiie  Staatskartelle  ein  Mittel  sein  könnten,  um  den  von  vielen  so  gefürchteten ­
  Privattrusts  entgegenzuarbeiten.  Es  liegt  dann  in  der  Hand  der  Gesamtheit, ­
  den  Bureaukratismus  möglichst  zurückzudrängen,  dessen  Maöhtentfaltung
überall  dort  gefürchtet  wird,  wo  der  Staatseinfluß  zunimmt.  Gegen  ihn
protestieren  bereits  weite  Kreise  der  Bevölkerung,  und  besonders  die  Vertreter ­
  der  Industrie  und  des  Handels  sind  seine  heftigsten  Gegner.  Es  ist
ein  überaus  schwieriges  Problem,  wie  man  in  unserer  Entwicklung  die  Freiheit ­
  der  Persönlichkeit  und  die  verantwortungsvolle  Initiative  möglichst ­
  viel  wahren  kann,  während  die  Freiheit  der  Konkurrenz  sich  immer
mehr  ihrem  Ende  nähert.  Diese  Frage  hängt  aber  nicht  mit  der  Tatsache
zusammen,  daß  staatliche  Organisationen  entstehen,  sondern  damit,  daß  Riesenorganisationen ­
  entstehen.  Die  Stellung  des  Einzelindiyiduums  im  Trust,  ja
in  irgend  einem  großen  Unternehmen  ist  vielfach  weniger  frei  als  innerhalb
der  Bureaukratie.  Die  Rechte  sind  zuweilen  weit  geringer,  die  Abhängigkeit
dementsprechend  größer.  Es  mögen  nicht  wenige  sein,  die  den  Worten  jenes
deutschen  Professors  zustimmen,  der  bei  der  letzten  Generalversammlung  des
Vereins  für  Sozialpolitik  erklärte,  er  sei  zurzeit  noch  lieber  Staatsprofessor  als
Trustprofessor.
Mit  der  Entstehung  der  Staatskartelle  würde  die  Entwicklung  in  dieser
Richtung  noch  nicht  ihr  Ende  gefunden  haben.  Der  Staat  wird  dann  nicht
umhin  können,  sich  auch  andere  Verbände  in  ähnlicher  Weise  staatlich  zu
assimilieren,  so  Arbeiterverbände  und  vor  allem  die  wohl  allmählich
immer  mehr  anwachsenden  Konsumenten  verbände.  Abnehmerverbände
sind  ohnedies  unter  den  Staatskartellen  vorhanden,  die  vielleicht  zunächst  in
Österreich  realisiert  werden.  Erst  wenn  die  wichtigsten  Interessentengruppen
in  solchen  Verbänden  vereinigt  sind,  kann  man  auch  mit  Erfolg  daran  gehen,
die  Produktionseinschränkungen,  die  unsere  heutige  Wirtschaft  in  so  trauriger
Weise  charakterisieren,  endlich  zu  beseitigen,  ohne  dadurch  Krisen  heraufzubeschwören. ­

Wenn  Verbände,  wie  sie  durch  das  Kalisyndikat  gut  repräsentiert  werden,
allgemeinere  Verbreitung  finden,  dürfte  auch  die  Frage  der  Kommunalisierung ­
  der  Fleisch-  und  Brotversorgung  einige  Aussicht
        <pb n="166" />
        155

auf  Lösung  in  jenen  Ländern  haben,  welche  Mittelstandspolitik  treiben.  Heute
würde  die  Kommunalisierung  in  den  meisten  Fällen  den  Untergang  der  selbständigen ­
  Fleischer  und  Bäcker  bedeuten.  Will  man  sie  nicht  direkt  zu  abhängigen ­
  Gesellen  machen,  so  würde  ein  Kommunalkartell  in  vielen  Fällen
ein  geeigneter  Ausweg  sein,  der  ja  möglicherweise,  aber  nicht  notwendig
den  Übergang  zum  eigentlichen  Kommunalbetrieb  bilden  kann.
Die  Verwirklichung  der  hier  skizzierten  Formen  ist  insofern  erleichtert,
als  sie  eine  Verringerung  der  Reibungsflächen  zwischen  den  einzelnen  Interessentengruppen ­
  mit  sich  bringen.  Die  Kampf  organisation  würde
immer  mehr  der  Kooperationsorganisation  weichen.  Wenn
auch  bei  voller  Entwicklung  der  Verbände  jeder  möglichst  großen  Gewinn
erlangen  will,  so  wird  er  doch  jederzeit  den  fremden  Vorteil  fördern,  sobald
er  selbst  davon  Nutzen  hat;  dazu  ist  aber  Übersichtlichkeit  nötig,  sowie  die
Möglichkeit,  das  jeweils  Gewünschte  durchführen  zu  können.  Heute  fehlt
meist  beides,  begreift  aber  auch  der  Einzelne  vielleicht,  daß  er  z.  B.  durch
Schädigung  der  Kaufkraft  seiner  Angestellten  indirekt  den  Absatz  aller  Produzenten ­
  schädigt,  so  fehlt  ihm  doch  jede  Möglichkeit,  dies  zu  ändern.
Nicht  unerwähnt  bleiben  soll  auch,  daß  Organisationen  dieser  Art,  wie
dies  besonders  die  Trusts  beweisen,  eine  Vereinigung  verschiedenartiger  Produktionszweige ­
  ermöglichen,  die  dann  Zusammenwirken.  Innerhalb  der
Organisationen  kann  die  Geldrechnung  auf  ein  Minimum
reduziert  werden,  und  es  wäre  nicht  ausgeschlossen,
daß  die  Staatskartelle  und  Staatstrusts  auch  hier  neue
Bildungen  vorbereiten.
        <pb n="167" />
        156

VIH.
Die  städtischen  Transportmittel  und  ihre
Entwicklungsmöglichkeiten.
(1909.)
Aus  der  Geschichte  der  Eisenbahnen  können  wir  wohl  manches
über  die  zukünftige  Entwicklung  der  Transportmittel  in  den
großen  Städten  lernen.  Einige  Zeit  wurde  die  Frage  erörtert,  ob  die
Eisenbahnlinien  von  ihren  Eigentümern  oder  von  der  Gesamtheit  derer  ausgebeutet ­
  werden  sollen,  welche  miteinander  konkurrierend  die  Fahrgelegenheiten ­
  in  Umlauf  setzen.*)  Erinnern  wir  uns,  wie  lange  die  Ansichten  über
die  Bedeutung  des  Verkehrs  von  Reisenden  und  Waren  auseinandergingen.
Manche  Gründe  sprechen  dafür,  daß  der  Straßenverkehr  eine  ähnliche  Entwicklung ­
  wie  der  Eisenbahnverkehr  nehmen  wird.
Wir  können  heute  in  den  meisten  großen  Städten,  insbesondere  am  Eingang ­
  der  Geschäftszentren,  Verkehrsstauungen  beobachten.  Die  erste  Abhilfe
bestand  darin,  daß  ein  Teil  der  Schienenwege  oberhalb,  ein  anderer  unterhalb
der  Fahrstraße  angelegt  wurde,  was  den  Erfolg  hatte,  daß  Geschwindigkeit
und  Sicherheit  vermehrt  wurden.  An  vielen  Orten  bemühte  man  sich,  die
Überquerung  der  Tramwaylinien  durch  Fußgänger  dadurch  einzuschränken,  daß
man  Brücken  und  unterirdische  Passagen  anlegte.  Trotz  dieser  verschiedenen
Vorkehrungen  finden  die  erwähnten  Stauungen  statt,  die  man  immer  wieder,
wie  man  in  Berlin,  Paris  und  London  beobachten  kann,  auf  eine  lächerlichprimitive ­
  Art  durch  Polizisten  abzustellen  sucht.  Diese  Stauungen  rühren  zum
Teil  daher,  daß  alle  Fahrzeuge  den  kürzesten  Weg  suchen.  Insbesondere ­
  in  Stadtteilen,  deren  Haupt-  und  Nebenstraßen  ungefähr  von  gleicher
Breite  sind  (was  z.  B.  in  Berlin  von  den  der  Leipziger-  und  Friedrichstraße
parallelen  Straßen  gilt),  weisen  eng  benachbarte  Parallelstraßen  eine  vollkommen ­
  verschiedene  Intensität  des  Verkehrs  auf.  Nur  selten  wird  die  Verfügung ­
  getroffen,  daß  etwa  von  zwei  Parallelstraßen  die  eine  ausschließlich
dem  Lastenverkehr,  die  andere  ausschließlich  dem  der  Leichtfuhrwerke  dienen
soll.  Oft  sind  übrigens  solche  Bestimmungen  durch  ästhetische  Rücksichten
bestimmt.  Die  durch  derartige  Vorschriften  bedingten  Umwege  würden  oft
ganz  unbedeutend  sein,  während  die  so  erreichte  Entlastung  des  Verkehrs
beträchtlich  wäre.  Man  könnte  diesen  Schwierigkeiten  durch  Polizeiverordnungen ­
  über  den  Wagenverkehr  abhelfen,  und  indem  man  den  Verkehr  auf
einen  möglichst  großen  Flächenraum  ausdehnt,  indem  man  etwa  gewisse  Straßen
für  gewisse  Fuhrwerkstypen  bestimmt.
Wenn  man  die  Stauungspunkte  ins  Auge  faßt,  welche  meist,  aber  nicht
immer,  mit  Straßenkreuzungen  zusammenfallen,  so  kann  man  konstatieren,  daß
die  Stauungen  im  Laufe  des  Tages  sich  ändern.  Diese  Schwankungen  hängen
zum  Teil  mit  der  mehr  oder  minder  großen  Intensität  des  wirtschaftlidhen
und  gesellschaftlichen  Lebens  zu  verschiedenen  Tageszeiten  zusammen.  Groß
ist  die  Zahl  der  Wagen,  die  ebensogut  zu  anderen  als  den  von  ihnen  gewählten
Zeiten  fahren  könnten.  Man  vermag  dem  in  gewissem  Grade  abzuhelfen,
wenn  man  zu  bestimmten  Stunden  den  Verkehr  gewisser  Wagentypen  beschränkt. ­
  Vor  allem  könnte  so  der  Wagenverkehr  geregelt  werden.  Der
Verkehr  wäre  so  nicht  nur  räumlich,  sondern  auch  zeitlich

*)  Vergl.  L.  Camphausen,  Versuch  eines  Beitrags  zur  Eisenbahngesetzgebung, ­
  Köm  1838.
        <pb n="168" />
        157

verteilt.  Aber  mit  derlei  Vorschriften  findet  man  gegenüber  dem  ununterbrochenen ­
  Anwachsen  des  Verkehrs  nicht  das  Auslangen.  Eine  Möglichkeit
radikaler  Abhilfe  sei  im  folgenden  kurz  angedeutet:
Bis  jetzt  dienen  die  Trambahnlinien  in  den  Städten  so  gut  wie  ausschließlich ­
  dem  Transport  von  Personen;  die  Fälle,  in  welchen  man  sie  für  andere
Transportzwecke  verwendet,  insbesondere  für  den  Pcsidienst,  sind  selten.
Daher  werden  Trambahnlinien  fast  nur  in  den  Hauptverkehrsadern  angelegt,
wo  der  Personenverkehr  am  einträglichsten  ist.  Wenn  man  den  Warentransport ­
  durch  Trambahnen  ausgestaltete  und  systematisch  regelte,  könnte  man
Straßen,  welche  heute  der  Trambahnlinien  entbehren,  mit  solchen  versehen
und  sie  so  auch  dem  Personentransport  eröffnen.
Diese  Ausdehnung  des  Trambahnnetzes  kann  allmählich  geschehen. ­
  Zunächst  könnte  man  gemischte  Züge  organisieren,  welche  nicht
nur  die  Reisenden,  sondern  auch  das  Gepäck,  zumindest  das  leichte  Gepäck
zu  den  Bahnhöfen  befördern  und  von  dort  abholen  könnten.  Hierzu  würde
es  genügen,  gewisse  Haltestellen  zu  vergrößern,  indem  man  z.  B.  bewegliche
Plattformen  errichtet,  auf  welche  man  das  Gepäck  aufstapelt,  um  es  dann
durch  eine  einfache  Hebel  Vorrichtung  in  den  Trambahnwagen  zu  laden,  so
daß  der  Aufenthalt  der  Wagen  nicht  länger  zu  währen  brauchte,  als  gegenwärtig. ­
  Es  ist  verwunderlich,  daß  solche  Vorrichtungen  nicht  überhaupt  in
Verwendung  sind,  nicht  einmal  bei  den  Eisenbahnen,  wo  man  täglich  beobachten ­
  kann,  daß  die  Verladung  des  Gepäcks  in  Personenzüge  oft  mehr
Zeit  in  Anspruch  nimmt,  als  das  Aus-  und  Einsteigen  der  Reisenden,  ein  Nachteil, ­
  welcher  vermieden  wäre,  wenn  die  auf  einer  beweglichen  Plattform  aufgestapelten ­
  Gepäckstücke  mit  dieser  in  die  Waggons  geschoben  würden.
Die  vollständige  Aufsaugung  des  gegenwärtigen  Stadtverkehrs ­
  durch  die  Straßenbahnen,  insbesondere  durch  die  der  Kommune, ­
  kann  sich  aut  verschiedene  Weise  abspielen.  Zum  Beispiel  könnte  die
Kommune  Schienen  in  allen  Straßen  legen  und  den  Interessenten,  besonders
Kaufleuten  und  Industriellen,  gestatten,  gegen  eine  gewisse  Entschädigung  und
unter  der  Bedingung,  einen  bestimmten  Stundenplan  einzuhalten,  diese  Linien
mit  eigenen  Wagen  zu  befahren.  Es  wäre  auch  möglich,  jene  Straßen  und
Zeiten,  wo  der  Personenverkehr  weniger  dicht  ist,  dem  Warenverkehr  zuzuweisen. ­

Später  könnte  der  gesamte  Betrieb  unter  einer  einzigen  Leitung  vereinigt
werden  und  ganz  in  die  Hände  der  Kommunen  übergehen,  wobei  es  den  interessierten ­
  Firmen  gestattet  bleiben  könnte,  ihre  eigenen  Wagen  beizustellen,
wie  dies  heute  bei  den  Eisenbahnen  der  Fall  ist.
Ist  man  einmal  so  weit,  so  verschwindet  der  sonstige  Verkehr  von  Wagen,
Fiakern,  Automobilen  usw.  im  Innern  der  Stadt  vielleicht  ganz  oder  wird  auf
ein  Minimum  beschränkt.  Mit  fortschreitender  Entwicklung  wird  man  wohl
in  jeder  Stadt  zwei  Linien  sehen,  eine  für  die  Eiltransporte,  die  andere  für
die  Lastentransporte.  Ausweichstellen  und  Verzweigungen  —  insbesondere  für
die  großen  Geschäfte  —  werden  die  Stauungen  verhüten,  wenn  Waren  zu  verladen ­
  sind.  Man  könnte  natürlich  für  diese  Zwecke  vervollkommnete  und
überall  gleichartige  Apparate  verwenden,  wie  dies  in  Häfen  und
vielen  großen  Industrieunternehmen  geschieht,  statt  daß  man  sich  auf  unwürdige ­
  Weise,  wie  dies  heute  in  den  Städten  der  Fall  ist,  der  menschlichen
Kraft  bedient,  um  von  mehreren  Männern  im  Schweiße  ihres  Angesichts  und
auf  eine  Weise,  die  oft  sehr  zu  wünschen  übrig  läßt,  Lasten  zu  transportieren,
die  ein  Kran  in  wenigen  Sekunden  an  den  &amp;amp;stimmungsort  schaffen  könnte.
Die  angedeutete  Zurückgebliebenheit  ist  nicht  vereinzelt.  Aufzüge  z.  B.  und
insbesondere  Lastenaufzüge  sind  noch  lange  nicht  allgemein  verbreitet.
Man  kann  vorläufig  nicht  voraussehen,  ob  man  nicht  in  den  weniger
wichtigen  Straßen  schmalspurige  Linien  ein  richten  wird,  die  für  den  Handwagenverkehr ­
  bestimmt  wären,  oder  mindestens  neben  allen  Linien,  welche
dem  Wagen  verkehr  dienen.  Viele  Umstände  sprechen  zugunsten  der  Einführung ­
  schmalspuriger  Linien,  zumal  diese  auch  dem  Verkehr  von  Haus  zu
Haus  dienen  könnten,  für  den  aber  auch  leicht  konstruierte  Schwebebahnen
oder  „Trottoirs  roulants“  in  Betracht  kämen.
        <pb n="169" />
        Diese  Entwicklungsmöglichkeiten,  wie  wir  sie  eben  in  großen  Zügen
dargelegt  haben,  entsprechen  der  modernen  Tendenz  zur  Kommunalisierung.
Sind  doch  die  Transportmittel  besonders  geeignet,  von  der  Gesamtheit  verwaltet ­
  zu  werden.  Die  restlose  Kommunalisierung  der  Transportmittel  würde
auch  die  Lösung  einer  Reihe  von  Problemen  beschleunigen,  die  man  bis
heute  immer  durch  eine  Politik  der  „terrains  communaux“  zu  lösen  versuchte.
Die  allgemeine  Kommunalisierung  der  städtischen  Transportmittel  könnte  auf
die  Verteilung  der  Produktionszentren  von  entscheidendem  Einfluß  sein.  Man
könnte  durch  eine  entsprechende  Tarifpolitik  viel  mehr,  als  es  jetzt
möglich  ist,  die  Umwandlung  gewisser  Stadtteile  in  Industrieviertel  begünstigen ­
  ;  die  Versuche  dieser  Art  wären  häufiger  als  heutzutage.  Tarifdifferenzierungen ­
  könnten  leichter  als  heute  durchgeführt  werden.  Man  könnte
z.  B.  für  lange  Strecken  einen  verhältnismäßig  geringeren  Preis  festlegen,  als
für  kleine  Distanzen.
Zweifellos  werden  all  diese  Reformen,  deren  Verwirklichung  wohl  nur
eine  Frage  der  Zeit,  vielleicht  einer  sehr  nahen  Zeit  ist,  neue  Schwierigkeiten
verursachen,  insbesondere  auf  dem  Gebiete  der  Wirtschaftspolitik  wie  in  Bezug ­
  auf  den  Arbeitskontrakt.  Es  wird  keine  leichte  Aufgabe  sein,  die  möglichen
Schäden  dieses  neuen  Systems  zu  vermeiden  oder  zu  mildern.  Mag  dieses
gelingen  oder  nicht,  die  Kommunalisierung  wird  trotzdem  fortschreiten,  denn
sie  genügt  in  angemessener  Weise  einer  Reihe  wirklich  vitaler  Bedürfnisse  ;
indem  sie  unser  wirtschaftliches  Leben  einheitlicher  organisiert,  hilft  sie
dem  Einzelnen  alles  sichern,  was  zu  seiner  Existenz  notwendig  ist.
        <pb n="170" />
        159

IX.
Die  Wirtschaftsordnung  der  Zukunft  und  die
Wirtschaftswissensch  aften.
(1917.)
Die  Wirtschaftsform  des  Weltkrieges  und  die  durch  ihn  bedingten
dauernden  Veränderungen  konnte  man  schon  vorher  in  großen  Umrissen  aus
der  gesamten  Entwicklungsrichtung  und  den  besonderen  Bedingungen  des
Krieges  ableiten.  Man  mußte  annehmen,  daß  ein  jahrelang  dauernder  Weltkrieg ­
  verwaltungswirtschaftliche  und  n  a  t  u  r  al  Wirtschaft  liehe
Einrichtungen  begünstigen  und  die  Schaffung  eines  Wirtschaftsplanes
nahegelegt  werde,  um  auf  Grund  desselben  die  vorhandenen  Kräfte  im  Interesse
des  Staates  zu  verteilen  und  möglichst  vollständig  auszunützen.  Über  die  Kriegszeit ­
  konnte  man  leichter  als  über  die  Friedenszeit  bestimmtere  Aussagen  machen,
weil  der  Krieg  das  Handeln  der  Menschen  wesentlich  eindeutiger  als  der  Frieden
bestimmt.  In  großen  Kriegen  siegt  im  allgemeinen  die  zentralisierte  Staatsgewalt ­
  über  den  Individualismus,  während  wir  neben  Friedenswirtschaften  mit
hochentwickeltem  Individualismus  solche  kennen,  in  denen  die  Regierungen
durch  planmäßiges  Eingreifen  dem  Einzelnen  seine  Stellung  im  Rahmen  des
Ganzen  anzuweisen  bemüht  sind.  Wir  sehen  denn  auch  jetzt  schon  einander
widerstreitende  Kräfte  den  kömmenden  Friedenszustand  vorbereiten.  Die  einen
suchen  die  bisherigen  organisatorischen  Maßnahmen  zu  fördern,  um  sie  in  den
Frieden  hinüberzuretten,  weil  sie  den  Einzelnen  vor  den  Zufälligkeiten  der
Konjunktur  schützen  und  die  Kräfte  zielbewußt  auszunützen  gestatten,  ganz
abgesehen  davon,  daß  auch  eine  unmittelbarere  Beeinflussung  der  Einkommen
dadurch  ermöglicht  werde.  Andere  wieder  halten  die  Kriegswirtschaftsmaßnahmen ­
  für  grundsätzlich  verfehlt  und  unerträglich  und  sehnen  den  freien  Wettbewerb ­
  herbei,  der  alles  Untüchtige  ausmerze  und  zur  Tätigkeit  ansporne.  Und
wenn  die  Verkehrswirtschaft  unschöne  Formen  des  Erwerbs  und  manches)
Elend  im  Gefolge  habe,  so  sei  auf  der  anderen  Seite  das  in  einer  Wirtschaftsbureaukratie
  durch  Streberei  erworbene  Einkommen  ebensowenig  erfreulich
wie  die  durch  die  Sicherung  des  Daseins  bedingte  Stumpfheit.
Sollte  man  sogar  imstande  sein,  auf  Grund  verwickelter  Beweisführungen
die  Wirkungen  der  einen  und  der  anderen  Wirtschaftsform  unbestritten  festzustellen, ­
  so  genügt  das  noch  lange  nicht,  um  den  Willen  einheitlich  zu  beeinflussen. ­
  Was  den  einen  als  Vorteil  erscheint,  erscheint  vielleicht  den  anderen
als  Nachteil.  Übrigens  sind  wir  von  einem  einigermaßen  übereinstimmenden
Urteil  über  die  Kausalzusammenhänge  noch  recht  weit  entfernt.  Sind  wirklich
tiefere  Widerstände  gegen  die  organisierte  Wirtschaft  vorhanden,  so  wird  auf
das  Argument,  daß  die  Verkehrswirtschaft  im  Kriege  versagt  habe,  gar  rasch
die  Antwort  gegeben,  nur  die  zufällig  zu  Kriegsbeginn  herrschende  Form  der
Verkehrswirtschaft  habe  versagt,  die  wirklich  freie  Verkehrswirtschaft  würde
die  Versorgung  gewährleistet  haben,  gerade  die  Unvollständigkeit  der  Verkehrsfreiheit, ­
  das  Bestehen  gewisser  Kartelle  und  anderer  Monopole  sei  schuld
an  allem  gewesen.  Wieder  andere  werden  vielleicht  zugeben,  daß  für  Zeiten
großer  plötzlicher  Umwälzungen  regulierende  Eingriffe  zweckmäßig  sein
könnten,  in  Zeiten  der  Ruhe  und  kontinuierlichen  Entwicklung  aber  belebe  die
freie  Konkurrenz  das  Wirtschaftsleben  und  sichere  die  wirtschaftlichste  Bedarfsbefriedigung. ­
  So  bedeutsam  Einsicht  und  Erfahrung  sind,  man  darf  ihre
historische  Tragweite  nicht  überschätzen.  Wir  müssen  daher  festzustellen
        <pb n="171" />
        160

suchen,  welche  Bedingungen  als  Ergebnis  einer  jahrzehntelangen  Entwicklung
gegenwärtig  wirksam  werden.
Wenn  es  auch  schwierig  ist,  unmittelbar  die  Friedenswirtschaft  der  Zukunft ­
  zu  schildern,  so  können  wir  doch  durch  genauere  Betrachtung  der
Übergangswirtschaft  manchen  Hinweis  auf  die  weitere  Entwicklung  erhalten  ;
denn  daß  die  Friedenswirtschaft,  wie  sie  vor  dem  Kriege  bestand,  ohne
grundsätzliche  Änderungen  wieder  aufleben  könnte  und  die  Übergangswirtschaft ­
  ein  reines  Zwischenspiel  ist,  kann  wohl  als  ausgeschlossen  gelten.  Die
Übergangswirtschaft  ist  einigermaßen  erkennbar,  weil  sie  durch  Vorbereitungen
schon  eingeleitet  ist  und  Anhänger  verschiedener  Richtungen  sie  für  längere
oder  kürzere  Zeit  als  organisierte  Wirtschaft  in  Aussicht  nehmen.
Die  einen  wünschen  den  Wirtschaftsplan  der  Übergangszeit,  damit  er
Unordnung  bei  der  Neueinrichtung  der  Wirtschaft  vermeiden  helfe.  Sie
glauben  z.  B.  nicht,  daß  der  Automatismus  des  Marktes  ausreiche,  Rohstoffe
in  den  richtigen  Proportionen  zu  importieren,  oder  Arbeitskräfte  zweckmäßig
zu  verteilen.  Die  anderen  fürchten  über  diese  Unordnung  hinaus  die  Möglichkeit ­
  von  Krisen,  das  heißt,  von  Schädigungen  der  Wirtschaft,  vor  allem
gelegentlich  großer  Veränderungen,  welche  aus  dem  Automatismus  des  Marktes
selbst  hervorgehen  würden.  Trat  während  des  Weltkrieges  infolge  der  Absperrung ­
  Nahrungsmittelmangel  ein,  so  konnte  man  doch  nicht  von  Krisen
sprechen,  weil  diese  Einschränkungen  nicht  organisch  bedingt  waren.  Wenn
auch  schwere  Fehler  bei  der  Beschaffung  der  Verpflegung  gemacht  wurden,
so  war  man  doch  in  den  leitenden  Kreisen  grundsätzlich  darauf  aus,  die  Produktion ­
  und  den  Konsum  zu  fördern,  während  die  Verkehrswirtschaft  das
Streben  nach  Reingewinn  als  allein  berechtigt  anerkennt  und  daher  unter
Umständen  eine  unmittelbare  oder  mittelbare  Einschränkung  der  Bedarfsbefriedigung, ­
  welche  den  Reingewinn  des  Produzenten  erhöht,  grundsätzlich
zuläßt.  Die  Kriegswirtschaft  hat  unmittelbar  die  möglichst  günstige  Bedarfsbefriedigung ­
  teils  durch  Gewährung  hoher  Reingewinne,  die  wie  Prämien
wirkten,  angestrebt,  teils  durch  unmittelbaren  Produktionszwang,  sowie  durch
die  Bestrafung  der  Produktionseinschränkung  oder  der  Mißverwendung  von
Produkten.
Die  bevorstehende  Übergangswirtschaft,  welche  z.  B.  die  Verteilung  des
Frachtraums  auf  die  verschiedenen  Gruppen,  die  Verteilung  der  produktiven
Mittel  auf  die  notwendige  und  die  Luxusproduktion  durchführen  wird,  kann  im
Gegensatz  zur  freien  Verkehrswirtschaft  als  Verwaltungswirtschaft  bezeichnet
werden,  womit  weder  etwas  darüber  ausgesagt  werden  soll,  ob  der  Staat  oder
ein  System  von  Verbänden  diese  Regelung  in  die  Hand  nirnmt,  ebensowenig
aber  auch  darüber,  welche  Machtfaktoren  ausschlaggebend  sein,  werden  oder  in
welchem  Sinne  die  Verteilung  der  Produktion  vor  sich  gehen  werde,  während
im  Namen  „Staatssozialismus“  über  alle  diese  Momente  gleichzeitig  etwas
ausgesagt  erscheint.
Daß  die  Sorge  nicht  unberechtigt  ist,  es  könne  eine  Krise  sofort  nach  dem
Kriege  oder  nach  kurzem  Aufschwung  auftreten,  zeigt  die  Erfahrung.  Lowe
schildert  in  seinen  Betrachtungen  über  die  Napoleonische  Periode  eingehend
„the  evils  of  transition“  —  die  Leiden  der  Übergangszeit.  Manche  vertreten
denn  auch  die  Ansicht,  daß  nach  Friedensschluß  die  Verpflegung  breiter
Massen  sich  schlechter  gestalten  werde  als  während  des  Krieges,  während
es  doch  offenbar  ist,  daß  die  technischen  Bedingungen  für  die  Bedarfsbefriedigung ­
  mindestens  unverändert  sein  werden.  Arbeitslosigkeit,  Unterbenützung ­
  der  Produktionsmittel  usw.  kann  eine  Übergangsorganisation  unmöglich ­
  machen.  Tut  sie  das,  dann  ist  ihr  nicht  mehr  und  nicht  weniger  als  die
Lösung  des  Krisenproblems  praktisch  gelungen.
Alles  drängt  nun  in  diese  Richtung,  denn  die  Neigung  der  Mensdhen,
Drosselungen  der  Produktion  zu  ertragen,  ist  heute  ebenso  im  Schwinden
begriffen,  wie  der  Fatalismus,  mit  dem  man  früher  Krisen  hinnähm,  die  man
als  unvermeidliche  Nebenwirkungen  des  Marktgetriebes  oder  der  Wandlungen
der  Produktionsrichtung  anzusehen  vielfach  geneigt  war.  Die  Menschen  haben
sich  nun  daran  gewöhnt,  daß  alles  Eingriffen  zugänglich  sei  und  daß  man
schwerwiegende  Maßnahmen  über  Nacht  durchführen  könne.  Das  Konstruieren
        <pb n="172" />
        11

161

wirtschaftlicher  Möglichkeiten,  wie  es  früher  gelegentlich  ein  Fourier,  Gäbet,
Popper-Lynkeus,  Atlanticus,  Wilhelm  Neurath,  Hertzka,  Franz  Oppenheimer
usw.  versuchten,  ist  heute  an  der  Tagesordnung;  die  Utopie  ist  gesellschafts^
fähig  geworden.  Es  dürfte  nicht  allzu  lange  dauern,  und  die  Wirtschaftstheorie
wird  darangehen,  systematisch  verschiedene  mögliche  Wirtschaftsordnungen  auf
ihre  Wirtschaftlichkeit  hin  zu  untersuchen.  Freilich  müßte  auch  noch  immer
festgestellt  werden,  wie  weit  eine  an  sich  wirtschaftlichere  Ordnung  verwirklicht ­
  werden  kann.  Der  Glaube,  daß  man  umfassende  Neuerungen  nur  im  Laufe
von  Jahrzehnten  durch  vorsichtiges  Tasten  erfolgreich  einführen  könne,  ist
wesentlich  erschüttert  worden.  Vielleicht  sind  manche  bereit,  in  die  gegenteilige ­
  Anschauung  zu  verfallen,  und  schätzen  die  historisch  überlieferte  Seelenverfassung, ­
  die  Gewöhnung  und  vieles  andere  allzu  gering  ein.
Als  Grundlage  wirtschaftlicher  Untersuchungen  fordert  der  Zeitgeist  eine
Übersicht  überd  ie  zur  Verfügung  stehenden  Mengen  an
produktiven  Mitteln  (Maschinen,  Wasserkräften,  Arbeitskräften,  Erfindungen ­
  usw.),  über  die  Rohstoffe  usw.,  sowie  über  den  Bedarf.  Ist  so  das
technisch  Mögliche  erkannt,  so  vermag  man  festzustellen,  wie  weit  Einrichtungen ­
  als  Mittel  der  Bedarfsbefriedigung  zu  dienen  vermögen.  Die  mengenmäßige ­
  Erfassung  der  technischen  Möglichkeit,  deren  organisatorische  Verwirklichung ­
  in  Frage  steht,  kann  man  als  Naturalrechnung  der  Geldrechnung ­
  gegenüberstellen,  welche  vor  allem  mit  Preisen  und  Reingewinnen
sich  beschäftigt  und  vielfach  von  der  Anschauung  ausgeht,  ein  größeres  Geldeinkommen ­
  eines  Volkes  bedeute  auch  ein  günstigeres  Dasein.
Geldrechnung  war  es,  wenn  Colquhoun  die  Kriegswirtschaft  Englands ­
  während  der  Napoleonischen  Kriege  in  der  Weise  beschrieb,  daß
er  die  Produktion  an  Milch,  Fleisch,  den  Import  an  Baumwolle  und  so  weiter
nicht  in  Mengen,  sondern  in  Pfund  Sterling  angab.  Geldrechnung  war  es,  wenn
kürzlich  als  Verlustposten  der  Sommerzeit  der  Gewinnentgang  aufgezeigt
wurde,  welcher  Stadtverwaltungen  dadurch  erwächst,  daß  sie  durch  Ersparung
an  Gasbeleuchtung  für  den  eigenen  Betrieb  weniger  gewinnen,  als  sie  durch
den  geringeren  Gasverkauf  an  die  Bevölkerung  verlieren.  Es  war  ein  Zeichen  der
vordringenden  Naturalrechnungj,  daß  von  vielen  Seiten  dagegen  eingewendet
wurde,  in  letzter  Linie  sei  die  Sommerzeit  eine  Ersparung  an  Kohlen  und
Arbeitskräften.  Würde  die  Sommerzeit  von  der  freien  Konkurrenz  abhängen,
Gasfabriken  würden  sich  ihr  wohl  entgegenstemmen  und  vielleicht  die  Anschauung ­
  verbreiten,  die  Sommerzeit  sei  nicht  mehr  modern.
Die  Naturalrechnung  ist  für  leitende  Kreise  heute  im  wesentlichen  ausschlaggebend. ­
  Sie  dürfte  auch  der  Ausgangspunkt  der  Wirtschaftswissenschaften ­
  werden.  An  sich  bedeutet  sie  keine  soziale  oder  wirtschaftliche  Stellungnahme, ­
  sondern  ist  eine  Betrachtungswei  se.  Man  kann  Wirtschaftseinrichtungen ­
  und  Wirtschaftsordnungen  der  Naturalrechnung  unterwerfen  und
etwa  feststellen,  daß  z.  B.  unter  gewissen  Bedingungen  die  Verkehrswirtschaft
wirtschaftlicher  sei  als  die  Verwmtungswirtschaft.  Es  wäre  denkbar,  daß  die
Verkehrswirtschaft,  wie  sie  zu  Beginn  des  Krieges  herrschte,  zwar  Produktionseinschränkungen ­
  und  ähnliches  kenne,  aber  durch  die  Anspannung  der  Kräfte
ein  günstigeres  Ergebnis  liefere  als  die  Verwaltungswirtschaft,  welche  die
Produktion  organisatorisch  fördere,  aber  psychologisch  lähme.  Wesentlich  wäre
die  Neuorientierung  der  Fragestellung.  Nicht  die  Veränderungen  der  Preise,
des  Zinsfußes,  des  Arbeitslohnes  stehen  im  Vordergründe,  sondern  ihr  Einfluß ­
  auf  die  Bedarfsbefriedigung.  Auch  können  Ordnungen  auf
ihre  Wirtschaftlichkeit  hin  untersucht  werden,  in  denen  diese  Größen  überhaupt ­
  nicht  Vorkommen.
Die  Naturalrechnung  dürfte  auch  eine  Neugestaltung  der  Statistik ­
  bedingen.  Produktion,  Konsum,  Export,  Import,  Vorratsbildung  werden
im  Zusammenhang  mengenmäßig  erfaßt  werden  müssen.  Die  Konsumstatistik, ­
  welche  bisher  vielfach  ein  sozialpolitisches  Anhängsel  war,  dürfte
nun  in  den  Mittelpunkt  des  wirtschaftlichen  Interesses  rücken.
Während  man  die  Naturalrechnung  als  Grundlage  der  wirtschaftstheoretischen ­
  Analyse  auf  alle  wirtschaftlichen  Vorgänge  anwenden  kann,  wird  sie
von  der  freien  Verkehrswirtschaft  praktisch  nicht  benötigt,  weil  diese  ja
        <pb n="173" />
        162

nur  das  Streben  nach  einem  Maximum  des  Reingewinnes  kennt.  Die  Verwaltungswirtschaft ­
  dagegen,  wie  sie  die  Übemangswirtschaft  darstellen  wird,
benötigt  die  Naturalrechnung,  um  einzelne  Schritte  tatsächlich  unternehmen
zu  können.
Die  Verwaltungswirtschaft  der  Übergangszeit  kann  sich  auf  eine  weitgehende ­
  staatliche  Kontrolle  der  Markt  Verhältnisse  beschränken  und
nur  gewisse  Import-  und  Produktionszweige  zentralisieren,
sie  kann  zu  einer  Verstaatlichung  bedeutsamer  Produktionszweige, ­
  zu  einer  Verstaatlichung  des  Kredits  und  Zwischenhandels ­
  führen,  sie  kann  aber  auch  die  Form  eines  Verbandssystems
annehmen,  wie  es  etwa  Wilhelm  Neurath  in  seinem  Pankartellismus  vorgeschlagen ­
  hatte.  Ein  System  von  Verbänden  übt  ähnliche  Wirkungen  auf  Produktion ­
  und  Verteilung  wie  ein  staatlicher  Apparat  aus.  Es  bleibt  aber  die
freie  Vereinbarung  zwischen  in  gewissem  Sinne  unabhängigen  Faktoren
gewahrt.  Die  Einkommensverteilung  kann  bei  den  verschiedenen  Möglichkeiten
im  ganzen  die  gleiche  sein.  Ein  System  von  Verbänden  verhält  sich  in  mehr
als  einer  Richtung  anders  als  Einzelkartelle.  Es  hat  kein  Interesse  daran,  den
Reingewinn  zu  erhöhen,  indem  es  Arbeitskräfte  entläßt  oder  Rohstoffe  nicht
nützt,  weil  es  unmittelbar  die  Nachteile  zu  spüren  bekommt.  Ein  Verbandssystem ­
  kann  unter  Umständen  die  Produktion  so  regeln,  daß  die  einzelnen  Verbände ­
  von  der  vollen  Ausnützung  aller  Kräfte  Vorteil  haben,  wobei  es  beliebig
große  Differenzen  zwischen  den  einzelnen  Einkommen  geben  mag.  Es  fragt
sich  nun,  wie  eine  derart  staatlich  oder  verbandsmäßig  organisierte  Übergangswirtschaft ­
  wirkt.
Die  ganze  Tendenz  führt  notwendigerweise  zu  einer  gewissen  Stabilisierung ­
  der  Wirtschaft  ;  stürmische  Veränderungen  mit  krisenhaften  Folgen
entfallen,  wenn  Verbände  in  freier  Vereinbarung  oder  unter  staatlichem  Einfluß ­
  Preise,  Produktion,  Löhne  und  so  weiter  bestimmen.  Der  wirkliche
Bedarf  wirkt  unmittelbar  auf  die  Produktion.  Jede  Änderung
der  Produktion  muß  in  dem  ganzen  System  einen  vereinbarten  Platz  finden  ;
daß  Einzelne  durch  eigenwilliges  Verhalten  vielleicht  die  ganze  Wirtschaft
erschüttern  und  eventuell  sich  auch  selbst  schwer  schädigen,  ist  nicht  gut
möglich.  Diese  Stabilisierungsneigung  tritt  uns  auch  sonst  entgegen,  wenn  wir
die  Verfügungen  über  Wohnungsmieten  oder  die  Bestimmungen  über  Minimallöhne ­
  ins  Auge  fassen.  Hieher  zählt  auch  die  wachsende  Neigung,  den  Bauern
ein  gewisses  Stück  Land  zu  garantieren,  indem  man  es  dem  Zugriff  des
Gläubigers  entzieht,  wie  dies  in  manchen  Ländern  seit  langem  geschieht.
Siedlungspolitische  Anregungen  aller  Art  durchschwirren  die  Luft.  So  verschieden ­
  ihre  Ursprünge  und  Ziele  sind,  eines  haben  sie  gemeinsam:  die
Verringerung  oder  Ausschaltung  des  freien  Verkehrs  und  die  Schaffung  gemeinwirtschaftlicher ­
  Grundlagen  für  die  Verteilung  und  Ausnützung  von  Grund
und  Boden.  Was  man  früher  für  einen  Segen  hielt,  die  Eingliederung  des
Bauern  in  den  Marktverkehr,  in  die  Geldordnung,  sehen  heute  immer  mehr
Menschen  als  nicht  unbedenklich  au,  weil  dadurch  der  Bauer  in  seiner  Stabilität ­
  erschüttert  werde.  Welche  fördernden  oder  lähmenden  Wirkungen  eine
solche  allgemeine  Stabilisierung  des  Daseins  psychologisch  und  soziologisch
auszuüben  vermag,  bleibe  ununtersucht.  Viele  werden  der  Meinung  sein,  daß  der
Wegfall  der  Konjunktur,  welche  vernichtet  und  erhebt,  den  Menschen  einen
wesentlichen  Anreiz  zur  Entfaltung  nehme.  Andere  wieder  werden  die  Meinung
vertreten,  daß  man  ein  gesichertes  wirtschaftliches  Dasein,  eine  Beseitigung
des  Elends,  dazu  verwenden  könne,  um  die  frei  werdenden  Kräfte  auf  anderen
Gebieten  zu  verwerten.  Gerade  die  Absorption  höherer  Fähigkeiten  durch  die
wirtschaftlichen  Vorgänge  drücke  die  Kultur  nieder.  Mancher  nimmt  lieber  das
Risiko  des  freien  Verkehrs  auf  sich,  ehe  er  sich  der  Gnade  und  Ungnade  eines
Verbandes  oder  einer  Stadtgemeinde  ausliefern  will,  welche  vielleicht  die
aus  Lieferungsverträgen  herrührende  Verpflegung  vor  allem  politischen  Parteigängern ­
  zuweisen  werde.  Und  er  sieht  nicht  ohne  Bedenken  die  Protektion
an  Stelle  der  Konjunktur  treten,  der  sie  sich  jetzt  schon  manchmal  vermähle.
Die  Stabilisierungstendenz  ergreift  in  wachsendem  Ausmaß  die  Arbeitsverhältnisse. ­
  Es  spielt  an  sich  eine  geringe  Rolle,  welche  Form  gewählt  wird.
        <pb n="174" />
        163

um  Arbeitslosigkeit  und  ungenügende  Einkommen  zu  beseitigen.  Die  Höhe
der  Einkommen  wird  im  mer  mehr  von  der  Machtverteilung
abhängen.  Es  dürfte  aber  auch  die  Verteilung  der  Arbeitskräfte  zentral
beeinflußt  werden.  Eine  Zeitlang  mag  über  den  Krieg  hinaus  mit  den  Bestimmungen ­
  über  die  Arbeitsverpflichtung  das  Auslangen  gefunden  werden,
später  wird  man  aber  wohl  zu  anderen  Mitteln  greifen,  da  der  unmittelbare
Zwang  drückend  empfunden  wird.  Vielleicht  wird  der  Weg  eingeschlagen
werden,  daß  man  Betriebe  bestimmter  Kategorie  beschränkt  und  ihnen  den
Zuzug  von  Arbeitern  sperrt.  Der  einzelne  Arbeiter  würde  dann  nicht  zu  einer
bestimmten  Arbeit  genötigt,  sondern  nur  in  der  Wahl  etwas  beschränkt  sein.
Der  Widerstand  gegen  solche  Maßnahmen  dürfte  durch  die  Vorteile,  welche
sich  aus  der  Stabilisierung  der  Einkommen  und  Verringerung  der  Arbeitslosigkeit ­
  für  viele  ergeben  würden,  wohl  wettgemacht  werden.  Gelegentlich
konnte  man  die  Anschauung  vertreten  finden,  nach  dem  Kriege  werde  unter
ungünstigeren  Arbeitsbedingungen  als  vor  demselben  gearbeitet  werden,  und
wenn  man  früher  von  8  bis  7  Uhr  gearbeitet  habe,  so  werde  man  nunmehr
von  7  bis  8  Uhr  arbeiten  müssen,  während  gleichzeitig  die  Möglichkeiten  einer
Massenarbeitslosigkeit  erwogen  wurden,  welche  dadurch  möglich  werde,  daß
zahlreiche  Arbeitskräfte  aus  dem  Kriege  zurückkehren  würden,  ein  großer  Teil
aller  Posten  aber  mit  früher  unbenützten  oder  unterbenützten  Arbeitskräften
besetzt  sei,  die  sich  schon  vollkommen  angepaßt  hätten.  Wenn  wir  sogar  annehmen, ­
  daß  die  Fülle  von  Arbeitskräften  nicht  verwendet  werden  könne,
was  aber  in  einer  planmäßigen  Verwaltungswirtschaft  wohl  unmöglich  ist,  weil
ja  mehr  als  genug  Arbeiten  im  Interesse  aller  zu  verrichten  sind,  so  würde
dennoch  die  Arbeitslosigkeit  nur  als  Konsequenz  der  freien  Verkehrswirtschaft
eintreten.  Eine  organisierte  Verwaltungswirtschaft  dagegen  würde  wohl  zu  dem
Mittel  einer  allgemeinen  Arbeitszeitverkürzung  greifen.  Schon  vor  dem  Kriege
ist  es  ja  vorgekommen,  daß  Kartelle,  welche  Arbeitseinschränkungen  Vornahmen, ­
  es  den  Arbeitern  freistellten,  zwischen  der  Entlassung  eines  Teiles
der  Arbeiter  und  Feierschichten  zu  wählen.  Im  allgemeinen  wählten  die  Arbeiter
im  Qemeinschaftsinteresse  Feierschichten.  Würden  in  der  organisierten  Übergangswirtschaft ­
  durch  Erfindungen  die  Produktionsleistungen  der  Maschinen
plötzlich  auffallend  gesteigert  werden,  so  würde  wohl  kaum  eine  allgemeine
Arbeiterentlassung,  sondern  eine  allgemeine  Arbeitszeitverkürzung
die  Folge  sein.  Vor  hundert  Jahren  freilich,  als  die  freie  Verkehrswirtschaft
einigermaßen  ausgebildet  herrschte,  führte  die  Erfindung  der  Maschinen  dazu,
daß  man  Kinder  zur  Arbeit  verwendete  und  infolge  der  gesteigerten  Entlassungen ­
  die  Arbeitszeit  verlängerte,  bis  auf  qualvollen  Umwegen,  welche
vielfach  die  Staatsordnung  erschütterten,  die  Arbeitszeitverkürzung  eintrat.  Die
Verkürzung  der  Arbeitszeit  scheint  übrigens  in  der  Tendenz  unseres  Zeitalters
zu  liegen  und  kann  wohl  ohne  Schädigung  der  Konkurrenzfähigkeit  erfolgen,
wenn  sie  in  allen  Staaten  durchgeführt  wird.
Eine  solche  Entwicklung  ist  um  so  wahrscheinlicher,  als  die  Naturalrechnung ­
  den  Gedanken  klar  hervortreten  läßt,  die  Produktion  sei  nur
um  des  Konsums  willen  da,  und  eine  Erweiterung  der  Produktion  könne
im  allgemeinen  nur  genützt  werden,  wenn  auch  die  Konsumzeit  verlängert
wird.  Viele  Dinge,  wie  Bücher,  Wohnung  usw.  werden  ungenügend  genützt,
weil  ihre  Eigentümer  die  Zeit  darauf  verwenden  müssen,  immer  neue  Gegenstände ­
  herzustellen.  Die  überlieferte  Wirtschaftsordnung  suchte  ja  mit  Hilfe
der  Mode  und  anderen  Maßnahmen  eine  künstliche  Verschwendung  einzuführen,
um  den  Mangel  an  Konsumzeit  teilweise  wett  zu  machen.  Es  unterliegt  wohl
keinem  Zweifel,  daß  die  überkommene  Proportion  zwischen  Konsumzeit  und
Produktionszeit  bei  allen  Klassen  der  Bevölkerung  weit  vom  Optimum  entfernt
ist.  Ein  großer  Teil  der  Menschen  beschäftigt  einander  gegenseitig, ­
  ohne  daß  ein  Mehrgenuß  erzielt  würde.  In  mancher
Flinsicht  wird  dieses  Verhalten  durch  den  Volkscharakter  bedingt.  Während  in
einzelnen  Gebieten  der  Unternehmer  sich  häufig  die  Frage  vorlegt,  wie  weit
er  durch  Betriebserweiterungen  seine  Konsumzeit  verringere,  tut  er  das  in
anderen  seltener.  Die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  dürfte  auch  durch  die  nach
dem  Kriege  zunehmende  Verwendung  der  Technik  begünstigt  werden,  welche
11*
        <pb n="175" />
        164

selbst  wieder  auf  sehr  verschiedene  Ursachen  zurückgeht,  zum  Teil  darauf*,
daß  der  Krieg  zahlreiche  technische  Hilfsmittel,  insbesondere  Verkehrsmittel
schuf,  welche  später  weiten  Kreisen  zur  Verfügung  stehen  werden  (Automobile,.
Seilbahnen  usw.),  ebenso  Fabriksanlagen  zur  Herstellung  technischer  Hilfsmittel, ­
  zum  Teil  aber  darauf,  daß  er  die  technischen  Kenntnisse  weit  verbreitete ­
  und  die  technischen  Bedürfnisse  erhöhte  ;  haben  doch  viele  Bauern
jetzt  zum  ersten  Male  die  Vorteile  der  Technik  kennen  gelernt.
Was  aber  die  Sorge  vor  Überschuß  an  Arbeitskräften  anlangt,  die  mit
dem  Hinweis  auf  den  Rohstoffmangel  sofort  nach  Friedensschluß  begründet
wird,  so  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  man  die  Möglichkeit  hat,  Arbeiten ­
  ausführen  zu  lassen,  welche  wenig  fremde  Rohstoffe  benötigen,  wie
Kanalbauten,  Wiederherstellungsarbeiten  usw.
Die  Ausgestaltung  der  Verbände  dürfte  zu  einer  weitgehenden  Ausschaltung ­
  des  Zwischenhandels  führen,  dessen  ursprüngliche  Funktion, ­
  Produzenten  und  Konsumenten  aufzuspüren  und  miteinander  zu  verbinden,
schon  seit  langem  wesentlich  verringert  war.  Während  des  Krieges  begann
man  allgemein  den  Vorwurf  zu  erheben,  es  werde  Kettenhandel  getrieben,
d.  h.,  eine  überflüssige  Zwischenstufe  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten
eingeschoben.  Und  nun  murrt  man  in  weiten  Kreisen  darüber,  daß  überflüssige
Geschäftsleute  von  der  Gesamtheit  erhalten  werden  müßten.  Man  hört  nicht
mehr  das  alte  Schlagwort,  daß  die  Konkurrenz  die  Ware  verbillige,  sondern
das  neue,  je  mehr  Geschäftsleute  neben-  oder  hintereinander  am  Absatz  eines
Artikels  beteiligt  seien,  desto  teurer  würde  er  verkauft.  Man  weist  darauf  hin,
wie  Haus  neben  Haus  Geschäftsleute  der  gleichen  Branche  ihre  Waren  abgeben, ­
  wie  der  Käufer  die  Wohnungsmiete  und  den  standesgemäßen  Unterhalt
jedes  dieser  Verkäufer  zahlen  muß,  obgleich  ein  Bruchteil  der  so  beschäftigten
Personen  ausreichen  würde,  die  Verteilung  zu  ermöglichen.  Die  Übergangswirtschaft ­
  vermag  nun  die  Überführung  solcher  überflüssiger  Zwischenhändler
in  wirtschaftlich  bedeutsamere  Tätigkeiten  reibungsloser  als  die  Verkehrswirtschaft ­
  durchzuführen,  welche  dies  oft  nur  durch  Vernichtung  zahlloser  Existenzen
konnte.  Es  ist  charakteristisch,  daß  gerade  viele  Handelshochschullehrer  für  den
„sozialen  Handel“  eintreten,  für  einen  Handel,  der  eigentlich  mehr  ein  Verteilungsapparat ­
  ist.  Daß  aber  der  Handel  dazu  in  erheblichem  Ausmaß
ausgestaltet  werden  dürfte,  dafür  sprechen  gar  viele  Anzeichen.
Die  Verwaltungswirtschaft,  wie  sie  der  Krieg  zum  Teil  bereits  durchgesetzt ­
  hat,  wie  sie  die  Übergangswirtschaft  noch  weiter  ausbauen  dürfte,  ermöglicht ­
  aber  noch  viel  weiter  gehende  Eingriffe.  Sie  kann  ohne  übermäßige  Umwälzungen ­
  einen  wesentlichen  Einfluß  auf  die  Naturaleinkommen  Aller  ausüben.
Die  vom  Einzelnen  konsumierten  Naturalien  im  weitesten  Umfang,  ob  er  sie
nun  gekauft  hat  oder  nicht,  wollen  wir  als  Naturaleinkommen  bezeichnen.
Bisher  fehlte  in  der  geldwirtschaftlich  orientierten  wirtschaftswissenschaftlichen
Begriffswelt  dafür  ein  eigener  Name.  Man  kannte  nur  ein  Realeinkommen  als
den  Inbegriff  der  Dinge,  welche  man  für  sein  Geldeinkommen  kaufte,  und  ein
Naturaleinkommen  als  den  Inbegriff  der  Dinge,  welche  man  konsumierte,  ohne
sie  für  Geld  gekauft  zu  haben.  Die  Schichtung  der  Naturaleinkommen  kann
in  der  freien  Verkehrswirtschaft  nur  unter  grundsätzlichen  Veränderungen  der
ganzen  Struktur  einer  Gesellschaft  verändert  werden.  Die  Verwaltungswirtschaft
kann  dies  durch  allgemeine  Anwendung  der  Preisstaffelung  nach  dem
Einkommen  tun,  wenn  sie  nämlich  die  Verfügung  trifft,  daß  die  Käufer  mit
niedrigerem  Einkornmen  für  dieselbe  Ware  einen  niedrigeren  Preis  zahlen,  als
Käufer  mit  einem  höheren  Einkommen.  Diese  Preisstaffelung  hat  nun  im  Kriege
in  vielen  Städten  erhebliche  Anwendung  gefunden,  auch  wurde  schon  auf  genossenschaftlicher ­
  Basis  gelegentlich  eine  Staffelung  der  Mieten  nach  Kinderzahl ­
  und  Einkommen  versucht.  Die  Preisstaffelung  hat  den  Vorteil  großer
Elastizität  ;  man  kann  weitgehende  Veränderungen  der  Naturaleinkommen  durchführen, ­
  ohne  daß  die  Geldgewinne  der  Verkäufer  sich  ändern  müßten.  In
Friedenszeiten  wurde  gelegentlich  die  Preisstaffelung  von  Unternehmern  auch
angewendet,  um  ihren  Reingewinn  zu  erhöhen,  jetzt  hat  sie  vor  allem  einkommenspolitische ­
  Bedeutung.  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  daß  das  Prinzip ­
  der  Preisstaffelung  sich  noch  weiter  verbreiten  wird,  insbesondere  auch
        <pb n="176" />
        165

bei  der  Übernahme  von  Waren,  indem  die  gezahlten  Preise  in  vielen  Fällen  auf
die  Produktionskosten  Rücksicht  nehmen  werden.  Ein  solcher  Vorgang  könnte
Einkommensteile  ausschalten,  welche  daher  rühren,  daß  die  einen  unter  günstigeren ­
  lokalen  Verhältnissen  als  die  anderen  produzieren.  Ob  derlei  allgemein
durchzuführen  sich  empfiehlt,  ist  eine  andere  Frage.  Jedenfalls  neigt  die  Entwicklung ­
  zu  einer  Berücksichtigung  der  Produktionskosten  hin,  und  es  wird
wohl  auch  die  Theorie  ein  System  der  Produktion  überdenken  müssen,  das
nach  diesen  Grundsätzen  stattfindet.  Am  leichtesten  ist  die  Preisstaffelung  dort
durchführbar,  wo  eine  Weiterveräußerung  der  Waren  von  vornherein  leicht
zu  verhindern  ist  ;  während  des  Krieges  war  dies  auch  bei  Lebensmitteln  nicht
schwer,  weil  dieselben  rationiert  waren.  Es  ist  klar,  daß  auch  eine  weitere
Ausgestaltung  der  Preisstaffelung  —  die  Einzelheiten  können  wir  hier  übergehen ­
  —  den  Kaufmann  notwendigerweise  zu  einem  ausführenden  Organ  der
Produzenten  oder  einer  Zwischenhandelszentrale  macht,  weil  er  ja  sonst  die
Tendenz  hätte,  nur  Käufer  der  wohlhabenden  Klasse  anzunehmen.  Während
beim  Bestehen  der  Einheitspreise  wachsende  Nachfrage  der  Wohlhabenden
die  Preise  auch  für  die  Armen  erhöht,  kann  sie  dieselben  beim  Bestehen  der
Preisstaffelung  verringern.
Wir  sehen,  wie  der  geldwirtschaftlich  aufgebaute  freie  Marktverkehr  eine
Einschränkung  nach  der  anderen  erfährt.  Auch  nach  anderer  Richtung  dürfte
das  Auftreten  eines  Systems  von  Verbänden  eine  gewisse  Beeinträchtigung  der
Qeldmacht  nach  sich  ziehen.  Wenn  Verbände  —  zunächst  entwickeln  sich
jene  für  Rohstoffe,  Halbfabrikate,  Lebensmittel  —  gleichzeitig  miteinander
verhandeln  sollten,  werden  von  vornherein  die  verschiedenen  Preise  untereinander ­
  in  Beziehung  gesetzt  werden  müssen.  Während  sonst  die  Preise
durch  sukzessive  Marktvorgänge  sich  aufeinander  einstellten,  würde  es
nun  naheliegen,  von  vornherein  ein  Preissystem  zu  vereinbaren  oder  staatlich ­
  zu  bestimmen.  Die  Höhe  der  Preise  kann  durch  die  Macht  der  Verbände
und  des  Staates  so  festgesetzt  werden,  daß  bestimmte  Typen  von  Naturaleinkommen ­
  festgelegt  erscheinen.  Es  ist  dabei  sehr  gut  möglich,  daß  bei
vorher  nicht  bestimmbaren  Produktionen,  wie  dies  z.  B.  grundsätzlich  von
Ernteerträgen  gilt,  eine  entsprechende  Beteilung  am  Naturalertrag  festgesetzt
wird.  Würden  einmal  für  eine  längere  Periode  die  Preise  festgestellt  sein,
dann  gäbe  es  keine  Nachfrage  mehr,  die  den  Preis  beeinflußt,  sondern,  soweit ­
  Geldzeichen  verwendet  werden,  bildeten  sie  nur  eine  Art  Anweisungen,
die  zu  beliebigem  Virement  innerhalb  der  zur  Verfügung  stehenden  Warenmengen ­
  berechtigten.  Wenn  freilich  einmal  die  Verbandswirtschaft  so  weit
fortgeschritten  ist,  dürfte  sich  selbst  dieser  Rest  des  Geldwesens  verändern.
Es  kann  sich  zeigen,  daß  es  zuweilen  nicht  zweckmäßig  ist,  dem  Gelde  die
Eigenschaft  zu  lassen,  beliebige  Warenarten  zu  kaufen.  Es  bestünde  ja  die
Gefahr,  daß  bestimmte  Gegenstände  in  anderen  Mengen  gekauft  werden,  als
dem  im  Verhandlungswege  oder  durch  behördliche  Bestimmung  festgelegten
Wirtschaftsplan  entspricht.  Man  könnte  dann  die  absolute  Virementsfähigkeit
des  Geldes  beschränken,  indem  man  nur  bestimmte  Warengruppen  zur  beliebigen ­
  Auswahl  freigibt,  zwischen  anderen  aber  ein  beschränktes  Virement
bestehen  läßt.  Die  Kriegswirtschaft  hat  ähnliche  Einrichtungen  gebracht.  Man
konnte  gelegentlich  Brot,  Mehl,  Kartoffeln,  Hülsenfrüchte  wahlweise  auf  Grund
derselben  Karte  bekommen,  aber  nicht  etwa  die  Kaffeeanweisung  in  eine  Kartoffelanweisung ­
  verwandeln.
Aber  ganz  abgesehen  von  diesen  Einschränkungen,  welche  sich  auf  die
Eigentümlichkeit  des  Geldes  beziehen,  in  gewissem  Sinne  eine  Anweisung  auf
unbeschränkte  Warenarten  zu  sein,  müssen  wir  mit  Verringerungen  der  Geldmacht ­
  rechnen.  So  entfällt  in  einer  verbandsmäßig  organisierten  Verwaltungswirtschaft ­
  bereits  die  Möglichkeit  einer  Inflation  oder  eines  Analogons  dazu.
Wenn  über  den  Warentausch  eines  Jahres  zwischen  Verbänden  verhandelt
wird,  verschwindet  immer  mehr  die  Möglichkeit,  durch  Geld-  oder  Kreditschöpfung ­
  die  Marktmacht  einzelner  Faktoren  zu  stärken.  Einen  Ersatz  würde
die  Gewährung  unmittelbarer  Verfügungsgewalt  durch  den  Staat  bieten.  In
der  Verbandswirtschaft  wird  so  vieles  klarer  und  durchsichtiger  zutage  treten.
Macht  wird  als  Macht  erscheinen  und  nicht  in  der  Geldform  verborgen  sich
        <pb n="177" />
        166

kundtun.  Daß  die  ganze  Entwicklung  sich  in  dieser  Richtung  bewegt,  kann
wohl  als  sehr  wahrscheinlich  angenommen  werden.
ln  ähnlicher  Richtung  wird  wohl  auch  die  Entwicklung  des  bargeldlosen ­
  Zahlungsverkehrs  wirken.  Soweit  er  organisierend  eingreift,
wird  durch  ihn  mittelbar  die  Naturalwirtschaft  begünstigt,  da  nur  sie,
nicht  aber  die  (Feldwirtschaft  einer  auf  einem  Wirtschaftsplan ­
  auf  gebauten  Organisation  fähig  ist.  Der  bargeldlose  Zahlungsverkehr ­
  fördert  in  diesem  Sinne  nicht  nur  die  Entthronung  des  Goldes,
sondern  hilft  auch  die  Entthronung  des  Geldes  anbahnen.  Das  Geld,
wohl  ursprünglich  meist  ein  Geschöpf  des  Außenhandels,  drang  vor  Jahrtausenden ­
  in  die  in  verschiedenem  Maßstabe  organisierten  Naturalwirtschaften
ein.  Es  wirkte  bald  befreiend,  bald  zerstörend.  Hatte  es  früher  die  Fernsten
zu  Nächsten  gemacht,  so  machte  es  dann  die  Nächsten  zu  Fernsten,  schuf
Mitglieder  derselben  Gemeinschaft  zu  Konkurrenten  und  Gegnern  um.  Der
Geldgeber  wurde  zum  Feinde  aller,  seine  Hand  war  gegen  jedermann  und
jedermanns  Hand  gegen  ihn.  Erst  die  Entstehung  minderwertigen  Geldes
machte  es  wesentlich  von  gesellschaftlicher  und  staatlicher  Geltung  abhängig
und  trug  zu  seiner  Sozialisierung  bei.  Ihren  Höhepunkt  erreicht  dieselbe  durch
den  bargeldlosen  Zahlungsverkehr,  welcher  die  ohnehin  im  Gange  befindliche
Zentralisierung  des  Kredites  begünstigt.  Die  Macht  der  Banken  über  Produktion ­
  und  Verteilung  dürfte  in  absehbarer  Zeit  ebenso  gemeinwirtschaftlich
kontrolliert  werden  wie  jene  der  großen  Verbände,  sei  es  nun  durch  Eingliederung ­
  der  Banken  in  das  System  von  Verbänden  der  Produzenten,  Kreditgeber
und  Konsumenten,  sei  es  durch  unmittelbare  staatliche  Eingriffe.  Die  Entwicklung ­
  des  bargeldlosen  Zahlungsverkehrs  erhöht  zunächst  etwas  die  Bankmacht, ­
  ermöglicht  aber  dem  Staat  Interventionen  aller  Art,  erleichtert  die
Kontrolle  der  Einkommen,  die  Kontrolle  der  Zahlungen  und  gibt  vor  allem
ein  Mittel  an  die  Hand,  den  Verkehr  mit  dem  Auslande  genau  zu  überwachen,
insbesondere  dann,  wenn  uneinlösliches  Girogeld  (d.  i.  ausschließliche ­
  Verwendung  von  Verrechnungsschecks  mit  Kontenzwang  bei  größeren
Zahlungen)  als  Kurantgeld  eingeführt  wird.  Vorbilder  aus  dem  18.  Jahrhundert ­
  könnten  wohl  dazu  anregen.  Die  so  erfolgte  Zentralisation  der  Zahlungen, ­
  die  Übersichtlichkeit  der  Marktvorgänge  in  Verbindung  mit  dem  Verbandssystem, ­
  wie  es  die  Übergangswirtschaft  mehr  oder  weniger  ausgestalten
dürfte,  führt  dann  wohl  dazu,  daß  die  oben  angedeutete  Befreiung  vom  Gelde
noch  weiter  durchgeführt  und  nun  Ware  gegen  Ware  durch  Vermittlung  der
Zentralen  getauscht  wird.  Das  Naturaleinkommen  des  Einzelnen  wird  wohl
der  Angelpunkt  werden,  um  den  sich  die  Wirtschaft  dreht.  Über  Naturaleinkommen ­
  zu  verfügen,  müßte  Bestreben  der  Banken  sein,  welche  dann  eben
neben  Maschinen,  Grund  und  Boden  den  Verbänden  Naturaleinkommen  für
Arbeiter  kreditieren  würden,  wie  sie  heute  Geld  kreditieren.  Die  Schichtung
der  Einkommen,  die  mehr  als  heute  Ergebnis  politischer  Machtverhältnisse
wäre,  würde  sich  zunächst  nicht  allzu  sehr  ändern,  wohl  aber  dürfte  die  Gesamtproduktion ­
  ein  anderes  Bild  zeigen  ;  vor  allem  werden  gewisse  Gewinne
aus  reinen  Geldgeschäften,  Zwischenhandelsgewinne  und  ähnliche  Einkommensbestandteile ­
  völlig  entfallen.  Ob  der  unmittelbare  Einfluß  aller
Machtfaktoren  auf  die  Naturaleinkommen  nicht  schließlich ­
  anders  wilrken  wird  als  die  Ausübung  von  Macht  auf
dem  Umwege  über  die  Geldordnung,  ist  eine  zweite  Frage.
Der  Übergang  zu  einer  geldlosen  Wirtschaft  ist  freilich  durch  das  Bestehen ­
  der  aushaftenden  Schulden,  insbesondere  der  Staatsschulden,  wesentlich ­
  erschwert,  da  sich  ein  Analogon  in  der  Naturalwirtschaft  nicht  ohne  weiteres ­
  schaffen  läßt.  Es  ist  für  die  Geldschulden  wesentlich,  daß  sie  ein  konstantes ­
  Nominale  aufweisen.  Dies  bedeutet  z.  B.  bei  sinkender  Kaufkraft  eine
Begünstigung  der  Schuldner.  Das  Bestehen  von  Geldschulden  kann  bei  Veränderungen ­
  der  Konsumgütermenge  die  Verteilung  wesentlich  umgestalten.  Es
fragt  sich  nun,  ob  man  derlei  Eigentümlichkeiten  in  eine  Naturalrechnung
hinübernehmen  wird.  Vielleicht  wird  man  sich  gerade  bei  Erörterung  dieser
Fragen  allmählich  darauf  besinnen,  die  Grundsätze  festzulegen,  welche  man
bezüglich  zukünftiger  Verpflichtungen  anzuwenden  bestrebt  sein  will.  Man
        <pb n="178" />
        167

könnte  ja  Bestimmungen  treffen,  welche  die  Verteilung  nicht  ändern  wollen.
Das  wäre  etwa  in  der  Weise  zu  erreichen,  daß  eine  Pension  den  Anspruch  auf
die  der  entsprechenden  Einkommensklasse  zukommende  Naturaleinkommenstype
gewähren  würde.  Denn  der  gelegentlich  gemachte  Vorschlag,  man  müsse  die
Pensionen  so  gestalten,  daß  das  Naturaleinkommen  konstant  bliebe,  könnte  in
Zeiten  erheblichen  Produktionsrückganges  eine  Bevorzugung  der  Rentenbezieher
bedeuten,  die  wohl  auch  nicht  beabsichtigt  wäre.  Es  könnte  bei  all  dem  eine
Bestimmung  getroffen  werden,  welche  das  Hinabsinken  von  Naturaleinkommen
unter  ein  Minimum  grundsätzlich  verhindert.  Es  kommt  hier  nicht  darauf  an,
die  verschiedenen  Möglichkeiten  zu  erwägen,  sondern  nur  die  Tatsache  hervorzuheben, ­
  welcher  Art  die  Bedenken  gegen  die  Geldschulden  sind  und  wie
ihre  Überführung  in  Naturalrenten  grundsätzlich  zu  behandeln  wäre.
Diese  Wandlungen  sind  um  so  bedeutungsvoller,  als  eine  Reihe  von  Erscheinungen, ­
  die  ganz  anderen  Ursprungs  sind,  auf  eine  unmittelbare  Durchsetzung ­
  naturalwirtschaftlicher  Einrichtungen  hindeuten.  Die  Industrieunternehmungen ­
  haben  während  des  Krieges  immer  deutlicher  eingesehen,  daß
die  Beschaffung  von  Lebensmitteln  für  die  Arbeiterschaft  ebenso  ein  Teil  der
Industriepolitik  ist  wie  die  Beschaffung  von  Rohstoffen.  Vielfach  haben  sie
dieselbe  geradezu  in  die  Hand  genommen,  sei  es  nun,  daß  sie  idie  Arbeitslöhne
nicht  erhöhten  und  dafür  den  Arbeitern  die  von  ihnen  benötigten  Lebensmittel
zum  alten  Preis  lieferten,  sei  es,  daß  sie  selbst  die  Produktion  von  Lebensmitteln
in  Angriff  nahmen  oder  Agrarland  pachteten.  Es  wäre  nicht  ausgeschlossen,
daß  sich  so  eine  Art  „erweiterter  gemischter  Werke“  entwickelt  und  die  Lebensmittelproduktion ­
  von  Unternehmerverbänden  entweder  geradezu  durchgeführt
oder  mindestens  fortlaufend  kontrolliert  wird,  wie  dies  ja  seitens  mancher
Städte  bereits  geschieht.  In  letzter  Linie  führt  dies  zu  einer  Art  Naturallohn, ­
  der  den  Arbeitern  gezahlt  wird.  Angebahnt  ist  derlei  schon  durch
gleitende  Lohnskalen,  worden,  welche  auf  die  Veränderung  der  Lebensmittelpreise ­
  usw.  Rücksicht  nahmen.
Auf  dem  angedeuteten  Wege  kann  sich  übrigens  eine  Interessenf
 emeinschaft  zwischen  Industrie  und  Landwirtschaft  anahnen, ­
  insbesondere,  wenn  Banken,  welche  Industrieunternehmen  finanzieren,
gleichzeitig  die  für  die  Arbeiterversorgung  erforderlichen  Agrargebiete  mit
Kredit  versehen.  Es  kann  vielfach  so  auch  für  die  Industrie  ein  sicheres  Absatzgebiet ­
  geschaffen  werden.  Welche  weiteren  Folgen  ein  solches  Ineinandergreifen ­
  haben  könnte,  läßt  sich  nicht  völlig  übersehen.  Jedenfalls  könnte  es
manche  Interessengegensätze  beseitigen,  wozu  die  verbandsmäßige  Wirtschaftsorganisation ­
  überhaupt  Anlaß  gibt.  Sie  kann  auch  den  Gegensatz  zwischen
Import  und  Produktion  verringern,  wenn  der  Import  den  Produzenten  selbst
übergeben  oder  mindestens  ihnen  der  Reingewinn  aus  dem  Import  überwiesen
wird.  Da  die  Butterimporteure  Molkereien  zugrunde  richten  können,  hat  man
vielfach  die  Konsumenten  durch  eine  Importerschwerung  belastet,  während
die  Produzenten  mit  Vorteil  für  sich  selbst  Butter  importieren  könnten,  solange ­
  der  Mehrgewinn  beim  Import  den  Mindergewinn  bei  der  Produktion
wettmacht.
Aber  nicht  nur  die  Arbeitslöhne  nehmen  immer  mehr  naturalen  Charakter
an.  Man  hat  bereits  den  Vorschlag  gemacht,  einen  Teil  der  Beamtengehälter
in  Naturalien  auszuzahlen  oder,  was  dasselbe  ist,  den  Beamten  von  Staats  wegen
Naturalien  zu  einem  gleichbleibenden  Preis  zu  liefern.  Im  Rahmen  einer  verbandsmäßigen ­
  Verwaltungswirtschaft  bedeutet  das  eine  Verbindung  der  verschiedenen ­
  Preisbildungen.  Während  sonst  der  Lohn  aut  einem  Markt  gebildet ­
  wurde,  der  Lebensmittelpreis  auf  einem  anderen,  dürfte  nun  zwischen
beiden  eine  Art  untrennbarer  Verbindung  hergestellt  werden,  welche  sich
schließlich  zu  einem  vollständigen  Preissystem  ausgestaltet,  das  durch  einheitliche ­
  Beratung  festgestellt  wird  und  eigentlich  bereits  naturalwissenschaftlichen ­
  Charakter  trägt.  Das  Geld  ist  dann  kein  wirkender  Faktor
mehr.
In  diesem  Rahmen  erweist  es  sich  als  durchaus  bedeutsam,  daß  während
des  Krieges  der  Tauschhandel  immer  mehr  zugenommen  hat.  Es  hängt
von  den  Zentralstellen  ab,  in  welchem  Ausmaß  sie  diese  in  der  Entwicklungs-
        <pb n="179" />
        168

richtung  liegende  Erscheinung  ausnützen  wollen.  In  einigen  Gebieten  hat  man
bereits  damit  begonnen,  den  Naturaltausch  zu  organisieren.  Der  Naturaltausch
könnte  dem  oben  an  gedeuteten  System  angegliedert  werden.  Die  ganze  Bewegung ­
  scheint  bereits  so  weit  gediehen,  daß  sie  nicht  mehr  ganz  aufzuhalten
ist.  Demgegenüber  spielt  es  eine  untergeordnete  Rolle,  daß  die  Ausbreitung
der  Beschlagnahmungen  und  der  Requisitionen  in  bäuerliche  Kreise,  welche
früher  daran  nicht  gewöhnt  waren,  größere  Geldsummen  brachte  und  so  gewissermaßen ­
  die  Geldwirtschaft  begünstigte.
Die  Naturalwirtschaft  tritt,  wie  wir  sahen,  gegenwärtig  in  enger  Verbindung ­
  mit  der  Verwaltungswirtschaft  auf.  Die  Geldwirtschaft  dagegen  ist  in
entfalteter  Form  wesentlich  Verkehrswirtschaft.  Der  Krieg  hat  die  einzelnen
Staaten  auf  sich  selbst  gestellt  und  auch  dadurch  die  Geldordnung  erschüttert,
die  in  erster  Reihe  internationalen  Charakter  hat.  Und  wenn  auch  nach  dem
Kriege  die  freiwillige  oder  erzwungene  wirtschaftliche  Autarkie  nicht  allzu
lange  fortdauern  sollte,  so  wird  dennoch  die  naturalwirtschaftliche  und  verwaltungswirtschaftliche ­
  Entwicklung  sich  auch  auf  dem  internationalen  Markt
geltend  machen.  Dieser  Weltkrieg  hat  ebenso  wie  andere  langdauernde  ^roße
Kriege  dazu  beigetragen,  die  Differenzierung  der  einzelnen  Ländergebiete
wesentlich  zu  verringern.  Ähnlich  wie  in  den  napoleonischen  Kriegen  wurde
die  Absperrung  die  Ursache  bedeutsamer  Erfindungen  und  Neugestaltungen.
Jeder  Staat  bemüht  sich,  alle  Zweige  der  Landwirtschaft  und  Industrie  zu  entwickeln. ­
  Die  ganze  wirtschaftliche  Tendenz  des  Zeitalters  macht  es  nun
äußerst  unwahrscheinlich,  daß  die  geschaffenen  Produktionszweige  nach  dem
Kriege  der  fremden  Konkurrenz  frei  ausgeliefert  werden.  Dazu  kommt  noch,
daß  die  Beseitigung  der  fremden  Unternehmer  und  Unternehmungen  die  Staatskontrolle ­
  wesentlich  erleichtert  und  fremden  Staaten  jede  Interventionsmöglichkeit ­
  erschwert.  Es  wird  auch  nach  dem  Weltkriege  ein  reger  internationaler
Handelsverkehr  bestehen,  derselbe  dürfte  aber  stark  gemeinwirtschaftlich  orientiert ­
  sein,  da  die  Staaten  wohl  darauf  aus  sein  werden,  jene  Artikel  importieren ­
  zu  lassen,  die  man  am  notwendigsten  braucht,  und  jene  exportieren  zu
lassen,  die  man  am  wenigsten  selbst  benötigt.  Es  ist  durchaus  wahrscheinlich,
daß  der  bereits  während  des  Krieges  im  großen  Stil  begonnene  Kompensationsverkehr, ­
  bei  dem  Warenmengen  gegen  Warenmengen  ausgetauscht  wurden,
wenn  auch  die  Zahlung  in  Geld  erfolgte,  auch  nach  dem  Kriege  fortdauern
wird.  Für  bestimmte  Warenkontingente,  welche  mengenmäßig  aufgezählt  werden,
dürfte  man  wieder  bestimmte  Warenkontingente  zubilligen.  Die  Handelsverträge ­
  würden  weniger  von  Zöllen  als  von  Warenmengen  sprechen,  welche
die  Staaten  einander  zugestehen.  Wir  werden  der  Naturalwirtschaft  auch
im  internationalen  Handel  begegnen.  Dies  um  so  mehr,  als  die
staatliche  Einfuhrkontrolle  wohl  längere  Zeit  gegenseitig  ausgeübt  werden
wird.  Dabei  wird  immer  wieder  die  Naturalrechnung  maßgebend  sein.  Die
bloße  Tatsache,  daß  ein  Export  Geld  hereinbringt,  wird  nicht  genügen,  um
ihn  staatlich  begehrenswert  zu  machen.  Der  Export  von  wichtigen  Metallwaren ­
  und  ähnlichem  dürfte  wohl  nur  dann  erfolgen,  wenn  dafür  wichtige
Artikel  hereinkommen,  nicht  etwa  kostbare  Unterwäsche  oder  Edelsteine.  Es
wird  wohl  stärker  als  bisher  darauf  hingewiesen  werden,  daß  alle  großen  Industrien ­
  schließlich  von  Steuergeldern  und  Monopolbeiträgen  erhalten  werden.
Während  in  der  freien  Verkehrswirtschaft  der  Preis  als  eine  automatisch  festgestellte ­
  Größe  im  allgemeinen  nicht  gemein  wirtschaftlich  beurteilt  wurde,
ist  ein  von  Verbänden  unter  staatlicher  Kontrolle  festgestellter  Preis  ein  unmittelbares ­
  Ergebnis  von  Machtfaktoren  und  wird  als  eine  Leistung  der  Gesamtheit ­
  empfunden  werden.  Die  gemeinwirtschaftliche  Kritik  wird  bei  jeder
Position  einsetzen  und  Export  und  Import  werden  vom  Standpunkt  der  Naturalrechnung ­
  aus  als  Mittel  einer  möglichst  wirtschaftlichen  Bedarfsbefriedigung
beurteilt  werden.
Dieser  naturalwirtschaftliche  Geist  dürfte  bereits  in  den  Friedensverhandlungen
  zum  Ausdruck  kommen,  und  es  ist  möglich,  daß  Kriegsentschädigungen ­
  in  Form  von  Naturalien  bezahlt  werden,  nicht  in  Form  von  Geld.
Es  ist  ja  eine  bekannte  Tatsache,  daß  die  größte  Geldentschädigung  die  Machtverhältnisse ­
  nicht  wesentlich  verschieben  kann,  wenn  die  Zahlung  nicht  wie
        <pb n="180" />
        169

ein  Tribut  auf  lange  Jahre  verteilt  wird,  weil  die  plötzliche  Einströmung  in
das  Land  des  Siegers  die  ungünstigen  Wirkungen  einer  Inflation  zeigt,  während ­
  der  Besiegte  das  Ausströmen  von  Geld  durch  neue  Geldschöpfungen  usw,
kompensieren  kann.  Ganz  anders  steht  es  aber,  wenn  Metallmengen,  Kohlenmengen ­
  usw.  als  Kriegsentschädigung  verlangt  werden,  oder  gewisse  Produktionsergebnisse ­
  zu  einem  bestimmten  Teil  dem  Sieger  zufallen.  Es  wäre  auch
nur  im  Sinne  dieser  Entwicklung,  wenn  stellenweise  in  der  nächsten  Zeit
Naturalsteuern  auftreten  würden.
Es  spricht  vieles  dafür,  daß  die  Struktur  der  Zukunftswirtschaft ­
  in  den  meisten  Ländern  zunächst  die  Form  gemeinwirtschaftlich
orientierter  Verbände  annehmen  wird,  wie  wir  einen  solchen  in  Friedenszeiten
etwa  im  deutschen  Kalisyndikat  vor  uns  sahen.  Solche  Staatskartelle
und  Staatstrusts,  um  diese  Namen  zu  gebrauchen,  waren  ja  bereits  in
Friedenszeiten  voraussichtliche  Formen  der  Zukunft.  Die  Beamtenschaft  hat
sich  während  des  Krieges  nicht  derart  entwickelt,  daß  sie  die  Verwaltung  der
Wirtschaft  gleich  in  die  Hand  nehmen  könnte.  Und  eine  Umwandlung  der
Unternehmer  in  Staatsbeamte,  die  gelegentlich  angenommen  wird,  scheint  nicht
eben  naheliegend.  Denn  wenn  auch  die  Verfügungsgewalt  der  Einzelunternehmer ­
  und  der  Verbände  über  ihre  Produktion  heute  geringer  ist  als  früher
und  wohl  nie  wieder  die  alte  werden  dürfte,  so  ist  doch  anderseits  der  Einfluß ­
  des  Unternehmertums  auf  die  gesamte  Staatswirtschaft  durch  die  enge
Fühlungnahme  mit  Regierungskreisen  in  mancher  Hinsicht  auch  gewachsen.
Für  die  oben  angedeutete  Entwicklungsrichtung  ist  es  überdies  ziemlich  gleichgültig, ­
  ob  die  naturalwirtschaftlich  orientierte  Verwaltungswirtschaft  von  staatlich ­
  kontrollierten  Verbänden  oder  vom  Staate  selbst  geleitet  wird.  D  i  e
Einkommensverteilung  würde  freilich  eine  andere  seim.
Aber,  ob  nun  die  eine  oder  die  andere  Form  gewählt  wird,  der  Personenkreis,
welcher  Einfluß  hat,  ist  zunächst  im  großen  und  ganzen  derselbe,  und  ob
einer  Bankdirektor  oder  Sektionschef  heißt,  macht  keinen  allzu  großen  Unterschied ­
  aus,  ebensowenig,  ob  der  Mann,  welcher  seine  Tochter  heiratet,  in  eine
Bank  oder  in  ein  Amt  hineinkommt.
Durch  die  Kriegs  Wirtschaftsorganisation  hat  das  Unternehmertum ­
  trotz  aller  eigennützigen  Maßnahmen  organisatorisch  eine  gemeinwirtschaftliche ­
  Orientierung  erhalten,  welche  wohl  nicht  mehr  ganz  rückgängig ­
  gemacht  werden  kann.  Das  Verbandssystem,  welches  der  Krieg  in
fast  allen  Ländern  schuf,  fußt  in  letzter  Linie  auf  Organisationen,  welche
ursprünglich  dem  persönlichen  Vorteil  dienen  sollten.  Der  Gang  der
Entwicklung  führt  dazu,  daß  diese  für  bevorzugte  Angehörige ­
  der  Kartelle  und  ähnlicher  Verbindungen  gedachten ­
  Anlagen  nun  staatlich  ausgenützt  werden.  Gerade  die
Tatsache,  daß  das  Verbandswesen  während  des  Friedens  gleichzeitig  auf  gemeinwirtschaftlicher ­
  und  individualwirtschaftlicher  Basis  gefördert  wurde,  zeigt,
daß  die  Tendenz  dazu  tiefer  liegt  und  ihre  weitere  Entfaltung  dem  Geist  des
Zeitalters  entspricht,  mag  das  Bewußtsein  Einzelner  heute  vielfach  noch  so
individualistisch  gerichtet  sein.  Auch  der  weniger  soziale  Unternehmer  ist
als  Mitglied  der  Leitung  eines  Kriegsverbandes  organisatorisch  genötigt,  wenigstens ­
  zeitweilig  neben  seinen  privaten  Interessen  die  der  Gesamtheit  zu  verfolgen. ­
  Vielfach  denkt  er  auch  unwillkürlich  gemeinwirtschaftlicher,  als  wenn
er  nur  eine  verhältnismäßig  kleine  Sphäre  beherrscht.  Er  sieht  klarer  als
sonst,  daß  der  Fortschritt  des  Ganzen  auch  ihm  nützlich  ist,  vor  allem  vermag ­
  er  einen  Vorteil  des  Ganzen,  der  ihm  nützt,  zu  verwirklichen,  wozu  er
früher  vielleicht  nicht  imstande  war.  Die  Beamtenschaft  wieder  hat  die  organisatorischen ­
  Fähigkeiten  der  Unternehmer  schätzen,  sich  gegen  gewisse  Übergriffe ­
  schützen  gelernt  und  vermag  mit  ihnen  leichter  als  früher  zusammenzuarbeiten. ­
  Daß  neben  den  staatlich  kontrollierten  Verbänden  auch  die  eigentlichen ­
  Monopole  eine  Rolle  spielen  werden,  kann  man  wohl  annehmen.  Neben
fiskalischen  Gründen  mögen  auch  solche  der  gesicherten  Bedarfsdeckung  dabei ­
  mitspielen.  Dabei  erfolgende  Verstaatlichungen  dürften  aber  die  Einkommen ­
  der  herrschenden  Klassen  zunächst  nicht  grundsätzlich  antasten,  sondern ­
  nur  ihre  Machtsphäre  beschränken.
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        170

Wo  aber  nicht  zu  einer  eigentlichen  Verstaatlichung  geschritten  wird,
wird  durch  die  Einfügung  der  Unternehmer  in  die  Wirtschaftsleitung  der
absolutistische  Geist,  welcher  der  Verwaltungswirtschaft  auf  dem  Gebiete  der
Produktion  ohnehin  innewohnt,  vielleicht  sogar  noch  gestärkt  werden.  Die
Unternehmer  —  auch  sehr  sozial  gesinnte  wie  z.  B.  Abbé  —  haben  einen  Produktionskonstitutionalismus,
  welcher  den  Arbeitern  einen  Einfluß  auf  den  Produktionsvorgang ­
  ermöglichen  würde,  meist  bekämpft.  Und  wenn  sich  nun
auch  die  Unternehmer  in  ihrer  neuen  Stellung  im  Rahmen  gemein  wirtschaftlich ­
  kontrollierter  Verbände  staatlich  verhalten  müßten,  so  werden  sie  dennoch
weiter  die  ihnen  unterstehenden  Wirtschaftsgebiete  absolutistisch  verwalten
wollen,  was  ja  auch  von  vielen  Beamten  angestrebt  wird.  Es  macht  nicht
den  Eindruck,  als  ob  dies  in  nächster  Zeit  anders  werden  sollte.  Wohl
aber  kann  mit  einer  öffentlichen  Kontrolle  der  Gesamtergebnisse ­
  gerechnet  werden,  die  in  immer  demokratischerem ­
  Geiste  stattfinden  würde.  Innerhalb  der  Produktion ­
  dürfte  eine  Art  aufgeklärter  Wirtschaftsabsolutismus
herrschend  sein.  Ob  dieser  in  einer  fernen  Zukunft  einmal  genossenschaftlichen
Formen  weichen  wird,  bleibe  hier  ununtersucht.  Ebenso,  in  welcher  Weise
die  stark  zentral  beeinflußte  Wirtschaft  der  Zukunft  —  ganz  gleich,  ob  sie
nun  den  Einzelnen  größere  oder  geringere  Freiheit  läßt  —  später  einmal
überwunden  werden  wird.
Die  Arbeiterschaft,  welche  ebenfalls  an  Einfluß  auf  die  Staatsgewalt ­
  gewonnen  hat,  dürfte  immer  mehr  die  Wohnungs-,  Einkommens-  und
Lebensmittelpolitik,  die  Frage  der  Arbeiterverteilung  und  der  Auswanderung
unmittelbar  beeinflussen,  aber  ihr  Einfluß  auf  die  Industrie-  und  Handelspolitik ­
  dürfte  in  der  Übergangswirtschaft  wohl  vorzugsweise  auf  den  Weg
über  die  Vertretungskörper  beschränkt  sein.  Von  dorther  ist
aber  mit  einer  gemeinwirtschaftlicheren  Orientierung  zu
rechnen.
Es  sind  einander  in  mannigfacher  Weise  durchkreuzende  Tendenzen,  welche
die  zukünftige  Wirtschaftsordnung  vorbereiten.  Im  großen  und  ganzen  sieht
man  eine  Abkehr  von  der  geldwirtschaftlich  orientierten  Verle ­
  e  h  r  s  w  i  r  t  s  c  h  a  f  t  zur  naturalwirtschaftlich  aufgebauten
Verwaltungswirtschaft,  welche  grundsätzlich  die  Naturalrechnung ­
  eines  Wirtschaftsplans  allen  Maßnahmen  zugrunde  zu  legen
sucht.  Ebenso,  wie  sidi  die  freie  Verkehrswirtschaft  nie  ganz  durchsetzte,
dürfte  sich  auch  die  Verwaltungswirtschaft  nicht  ganz  durchsetzen.  Wir  können
sogar  von  vornherein  vermuten,  daß  sich  späterhin  auflösende  Momente  und
Widerstände  gegen  individuelle  Beschränkungen  zeigen  werden,  welche  die
Unterordnung  des  Einzelnen  unter  die  Gesamtheit  aufzuheben ­
  bemüht  sein  werden.  Daß  freilich  die  einmal  beseitigte  Geldwirtschaft ­
  wiederkehren  werde,  ist  sehr  unwahrscheinlich,  weil  die  Geldordnung ­
  mit  unzweckmäßigen  Eigentümlichkeiten  anderer  Herkunft  behaftet  war,
die,  einmal  beseitigt,  kaum  wieder  geschaffen  werden  dürften.  Eher  wäre  es
denkbar,  daß  kleinere  Gruppen  abgegrenzte  wirtschaftliche  Rechte  und  staatliche ­
  oder  verbandsmäßige  Unterstützung  erhalten,  so  daß  sie  die  von  ihnen
erstrebten  Daseinsformen  ungestört  verwirklichen  könnten  und  ihnen  eine  gewisse ­
  Selbständigkeit  und  Eigenart  im  Rahmen  größerer  Gemeinschaften  gewahrt ­
  wäre.  Die  Erörterung  solcher  fernen  Möglichkeiten  bleibe  einem  späteren ­
  Zeitpunkt  überlassen.
All  diese  Veränderungen  bedeuten  wahrscheinlich  das  Ende  der  Krisen
und  Depressionen.  Damit  wird  aber  auch  jene  unfreiwillige  Reserve
an  produktiven  Kräften  verschwinden,  welche  in  früheren  Zeiten  infolge ­
  Unterbenützung  bestand  und  die  gegenwärtige  Kriegführung  wesentlich
erleichterte.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  die  nun  der
Wirtschaft  geschenkte  Fähigkeit,  ihre  Kräfte  auszunützen, ­
  den  Frieden  zwischen  den  Völkern  erleichtern  wird,
zumal  der  in  der  früheren  Wirtschaftsform  steckende
Drang  zur  Expansion  nach  außen,  ehe  noch  das  eigene
        <pb n="182" />
        171

Volk  ausreichend  befriedigt  ist,  nun  wesentlich  abgeschwächt ­
  sein  dürfte.  Man  wird  vielleicht  daran  gehen,  das  eigene
Land  zu  beglücken,  ehe  man  sich  bemüht,  ferne  Völker  mit  den  von  ihnen  zunächst ­
  verschmähten  Geschenken  der  Kultur  auszustatten.
Wir  sahen,  wie  die  Einschränkung  der  Geldmacht,  das  Vordringen  der
Naturalwirtschaft  überall  sichtbar  wird.  Wenn  dennoch  diesen  naturalwirtschahlichen
  Strömungen  so  wenig  Aufmerksamkeit  geschenkt  wird,  hängt  dies
wesentlich  damit  zusammen,  daß  die  Wirtschaftswissenschaften,  welche  die
allgemeine  Meinung  beeinflussen,  die  Naturalwirtschaft  fast  völlig  vernachlässigten. ­
  Die  theoretische  Nationalökonomie  hatte  für  verwaltungswirtschaftlich ­
  organisierte  Naturalwirtschaften  wenig  Interesse,  weil  die  zahlreichen  anregenden ­
  Fragestellungen  des  freien  Tauschverkehrs  in  ihnen  fehlen.  Wenn
auch  gelegentlich  geldlose  Betrachtungen  angestellt  wurden,  so  waren  sie  fast
ausschließlich  im  Hinblick  auf  eine  geldwirtschaftliche  Verwendung  oder  zumindest ­
  tauschwirtschaftlich  orientiert  und  fast  immer  von  dem  Wunsche  geleitet, ­
  Einheiten  der  Wertschätzung  einzuführen.  Dazu  kam  noch  die  allgemeine ­
  Anschauung,  daß  geldlose  Wirtschaftsformen  nur  primitiven  Zeitaltern ­
  angehören.  Man  unterließ  es  aber,  den  Nachweis  zu  führen,  daß  naturalwirtschaftliche ­
  Einrichtungen  grundsätzlich  den  geldwirtschaftlichen  unterlegen ­
  sein  müßten.  Aus  dieser  Geistesverfassung  heraus  erklärt  sich  die  fast
völlige  Vernachlässigung  historisch  überlieferter  hochentwickelter  naturalwirtschaftlicher ­
  Einrichtungen.  So  wurde  Preisigkes  Darstellung  des  ägyptischen
Korngiroverkehrs  volkswirtschaftlich  so  gut  wie  gar  nicht  gewürdigt.  Sobald
man  einmal,  was  in  absehbarer  Zeit  zu  erwarten  ist,  die  Naturalwirtschaften
zu  studieren  beginnen  wird,  dürften  sich  reiche  Quellen  für  den  Forscher  eröffnen, ­
  welche  bisher  regelmäßig  übersehen  wurden.  Vereinzelte  Notizen  werden
sich  zu  einem  Bilde  fügen  und  man  wird  zu  einer  Geschichte  der  N  a  -
turalwirtschaft  gelangen,  welche  die  nie  ganz  verschwundenen  naturalwirtschaftlichen ­
  Neigungen  und  Einrichtungen  entsprechend  zu  würdigen  vermag.
Was  bisher  als  zufällige  Ausnahme  erschien,  wird  an  einen  bedeutsamen  Platz
gerückt  werden.  Die  Naturalwirtschaft  wird  dann  als  Organisation  früherer
Zeiten  erscheinen,  sie  wird  aber  auch  als  das  Ende  umfassender  Organisationsbestrebungen ­
  auftreten.  Die  Geldwirtschaft  dagegen  wird  sich  als  ein  Zwischenstadium
  erweisen,  da  sie  grundsätzlich  nicht  imstande  ist,  sich  derart  vollkommen
durchzuorganisieren  wie  die  Naturalwirtschaft.
Gedanklich  ist  die  Naturalwirtschaft  durch  die  große  Ausdehnung,  welche
die  Heereswirtschaft  während  des  Krieges  erfahren  hat,  sehr  gefördert
worden,  ln  ihr  sieht  man  das  Bild  einer  Großnaturalwirtschaft.
Und  wenn  auch  die  zukünftige  Entwicklung  kaum  die  Bahnen  der  Heereswirtschaft ­
  einschlagen  dürfte,  so  liefert  sie  doch  ein  nicht  unwichtiges  Modielll
Die  Veränderung  der  Geldordnung  und  die  teilweise  Überführung  in  planmäßige ­
  Verwaltungswirtschaft  mit  mehr  oder  weniger  ausgesprochen  naturalwirtschaftlichem ­
  Charakter  bedeutet  seelisch  eine  wesentlich  geringere  Wandlung, ­
  als  etwa  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  oder  ähnliche  Reformen.  Das
Geld  ist  zwar  mit  durchaus  konservativen  Zügen  durchsetzt  und  zum  Teil  nur
aus  der  Tradition  verständlich,  aber  dennoch  stark  rationalistisch  gestaltet,
so  daß  eine  rationalistisches  Denken  befriedigende  Neugestaltung  in  diesem
bisherigen  seelischen  Rahmen  verbleibt.
Es  wird  freilich  noch  einige  Zeit  dauern,  bis  man  allgemein  einsieht,  daß
eine  Wirtschaftsordnung  denkbar  ist,  in  welcher  Produktion  und  Verteilung
ohne  Zugrundelegung  eines  einheitlichen  Maßes,  weder  des  bisherigen
Geldes,  noch  eines  Arbeitsgeldes,  noch  sonst  einer  ähnlichen  Einrichtung,  geregelt ­
  werden.  Die  Produktionszweige  würden  gleichartige  Mengen  von  Brot,
Kleidung,  Wohnung  usw.,  liefern,  während  die  Einkommen  der  Einzelnen  sich
aus  Wohnung,  Kleidung,  Nahrung  usw.  zusammensetzen.  Die  Naturaleinkommen
könnten  in  Typen  gruppiert  werden,  welche  durch  bestimmte  Mengen  und
Qualitäten  von  Nahrung,  Wohnung,  Kleidung  usw.  charakterisiert  erscheinen.
Diese  Möglichkeit  muß  deshalb  betont  werden,  weil  selbst  radikale  Reformer
noch  jene  Tradition  des  Individualismus  und  Atomismus  festhalten  wollen.
        <pb n="183" />
        172

welche  alle  Vorkommnisse  in  Einzelteile  zerlegen  will,  von  denen  jeder  zahlenmäßig ­
  für  sich  erfaßbar  sei,  um  durch  Addition  das  Ganze  ableiten  zu  können,
wie  dies  das  Geld  leisten  sollte.
Wirtschaftsordnung  und  wirtschaftliches  Denken  ändern  sich  so  in  grundsätzlicher ­
  Weise.  Die  Menschen  werden  in  der  neuen  Ordnung  wohl  nicht
edler  sein  als  bisher,  dennoch  können  viele  unerfreuliche  Vorkommnisse  wegfallen, ­
  welche  durch  gewisse  organisatorische  Eigentümlichkeiten  der  Verkehrswirtschaft ­
  möglich  gemacht  oder  fast  erzwungen  wurden.  Wenn  auch  eine
Wirtschaftsordnung  Kultur  nicht  automatisch  fordern  kann,  so  kann  man  es
mindestens  vermeiden,  sie  unter  das  Niveau  zu  senken,  welches  durch  die
Charaktereigenschaften  der  einzelnen  Individuen  ermöglicht  wäre.  Nicht  wenige
haben  nun  die  Anschauung  vertreten,  daß  die  verflossene  Friedenswirtschaft
durch  die  freie  Konkurrenz,  durch  das  Auf  zwingen  und  Auf  schwatzen  unerwünschter ­
  Waren  die  Verbreitung  minderwertiger  Produkte  gefördert  habe.
Die  freie  Konkurrenz  habe  ein  System  von  gegenseitiger  Unterdrückung  gefördert ­
  und  zu  oft  unerfreulichen  Maßnahmen  Veranlassung  gegeben.  Die
Menschen,  welche  ohne  diese  Form  des  Kampfes  an  einer  Förderung  der  Gesamtheit ­
  hätten  arbeiten  wollen,  seien  immer  an  die  Wand  gedrückt  worden.
Auch  in  der  Zukunftswirtschaft,  wie  sie  als  wahrscheinlich  bevorsteht,  würden
entgegenstehende  Charaktere  einander  gegenübertreten,  es  besteht  aber  die
Möglichkeit,  daß  die  Gesamtorganisation  sich  nicht  von  vornherein  gegen  jene
ausspricht,  welche  unmittelbaren  kulturellen  Einfluß  auszuüben  trachten.  Die
Gegner  werden  gewissermaßen  auf  gleicher  Basis  einander  gegenübertreten.
Die  Bedenken  gegen  die  Verwaltungswirtschaft  sind  freilich  auch  nicht  unerheblich. ­

Von  allen  Seiten  hört  man  seit  Jahren  die  Anschauung  vertreten,  die
Wirtschaftswissenschaften  gingen  einer  Krise  entgegen.  Die
einen  suchten  dies  mehr  äußerlich  zu  erklären,  andere  vermuteten  tieferliegende
Ursachen.  Die  obigen  Darlegungen  deuten  darauf  hin,  daß  die  grundsätzliche
Umwandlung  des  Denkens  auch  die  Wirtschaftswissenschaften  ergreifen  werde.
Konsumgenuß  und  Arbeitsleid  werden  in  den  Vordergrund  der  Betrachtungen
treten.  Die  Wirtschaftlichkeit  der  verschiedenen  Wirschaftsordnungen  wird
systematisch  untersucht  werden.  Preis,  Lohn,  Zinsfuß  usw.  werden  als  Bestandteile ­
  gewisser  Ordnungen  in  Frage  kommen,  und  zwar  nur  als  Bedingungen
der  Bedarfsbefriedigung.  Daneben  wird  man  aber  auch  Ordnungen  zu  würdigen
vermögen,  welche  all  diese  Einrichtungen  gar  nicht  kennen.
Diese  Wandlung  wird  eine  völlige  Umgruppierung  der  Wirtschaftswissenschaften ­
  zur  Folge  haben.  Was  die  Volkswirtschaftslehre,  die  Privatwirtschaftslehre, ­
  die  Finanzwissenschaft  Bedeutsames  geleistet  haben,  bleibt  un  verloren.
Es  erhält  aber  eine  neue  Stelle  im  Rahmen  der  umfassenden  Wirtschaftstheorie,
die  freilich  in  einem  anderen  Sinne  Theorie  als  die  bisherige  wäre.  Das  naturale
Wesen  aller  Leistungen  wird  mehr  Berücksichtigung  als  bisher  erfahren.  Die
Finanzwissenschaft  insbesondere  wird  einer  grundsätzlichen  Umgestaltung  bedürfen, ­
  da  sie  allzu  sehr  geldwirtschaftlich  orientiert  war.  Aber  selbst  die
Überleitung  in  die  Staatswissenschaftslehre  dürfte  nicht  recht  möglich  sein,
weil,  wie  wir  oben  hervorgehoben  haben,  Privatwirtschaft  und  Staatswirtschaft ­
  nicht  mehr  einander  ausschließende  Begriffe  sein  werden.  Preisstaffelung
und  Steuerstaffelung  werden  vielleicht  im  selben  Hauptabschnitt  zu  behandeln
sein.  Produktionsprämien,  welche  etwa  eine  Behörde  auszahlt,  werden  ihren
Wirkungen  gemeinsam  mit  gewissen  Reingewinnen  zusammengestellt  werden.
Die  Stagnation  in  den  Wirtschaftswissenschaften  wird  so  einem  mächtigen
Aufschwung  Platz  machen,  historische  und  theoretische  Interessen  werden  ebenso
wie  praktische  zu  ihrem  Rechte  kommen.  Dadurch,  daß  die  Wirtschaftswissenschaften ­
  die  neue  Gestaltung  der  Dii^e  wirklich  aufnehmen  und  durchforschen,
wird  sie  sie  für  die  Zukunft  erhalten.  Die  gegenwärtigen  Veränderungen  des  Weltkrieges ­
  hätten  sich  vielleicht  auch  bei  einer  anderen  Wirtschaftsform  durchge-
        <pb n="184" />
        —  173  —
setzt,  daß  aber  davon  etwas  Wesentliches  über  die  Zeit  des  Krieges  hinaus  zurückbleibt, ­
  ist  für  unser  Zeitalter  charakteristisch.  Und  wie  das  Bestreben,  einen
Wirtschaftsplan  durchzusetzen,  wobei  sich  naturalwirtschaftliche
Tendenzen  bemerkbar  machten,  eine  bedeutsame  Wirkung  des  Krieges  auf  praktischem ­
  Gebiet  war,  so  dürfte  die  Durchsetzung  der  Naturalrechnung  als
Grundlage  aller  wirtschaftswissenschaftlichen  Betrachtungen  eine  seiner  wichtigsten ­
  Wirkungen  auf  dem  Gebiete  der  Wirtschaftswissenschaften  sein.  Die
Naturalrechnung  wird,  wo  es  sich  um  die  Erörterung  geldwirtschaftlicher  Fragen
handelt,  ebenso  angewendet  werden,  wie  dort,  wo  naturalwirtschaftliche
Probleme  erörtert  werden.  Es  fragt  sich  nun,  wie  rasch  die  Wissenschaft  diese
Umwandlungen  durchführen  wird.  Alles  spricht  dafür,  daß  sie  unvermeidbar ­
  sind.
        <pb n="185" />
        174

X.
Die  Naturalwirtschaftslehre  und  die  Naturalrechnun^
in  ihren  Beziehungen  zur  Kriegswirtschaftslehre.  )
(1916.)
Die  Wandlungen,  welche  unsere  gesamte  Ordnung  erfahren  hat,  führten
dazu,  daß  man  sich  nun  allgemein  mit  der  Kriegswirtschaftslehre  beschäftigt.
So  wertvoll  auch  ein  großer  Teil  dieser  Literatur  ist,  der  auf  wirtschaftliche,
politische  und  soziologische  Fragen  eingeht,  so  ist  doch  bis  jetzt  wenig  für
die  theoretische  Durchdringung  der  Kriegswirtschaft  geschehen,  deren  Erscheinung ­
  ausführlich  beschrieben,  deren  Bedeutung  für  die  Volksgesamtheit
in  mehr  als  einer  Hinsicht  erörtert  wird.  Gerade  eine  theoretische  Basis
sichert  aber  erst  eine  ausreichende  Ausnützung  des  Gelernten  in  der  Zukunft.
Die  bemerkenswertesten  Einzelheiten  verwehen,  die  bedeutsamsten  Wandlungen
werden  vergessen,  wenn  nicht  irgendwelche  prinzipielle  Allgemeinerfahrungen ­
  theoretischer  Art  sich  gestalten  lassen,  die  als  Vermächtnis
Zurückbleiben.
Die  Geschichte  zeigt  zur  Genüge,  welche  große  Wirkungen  Theorien  dadurch ­
  ausüben,  daß  sie  durch  ihre  knapp  formulierten  Ergebnisse  die  allgemeine ­
  Meinung  beeinflussen.  Es  ist  gewiß  ungemein  bemerkenswert,  daß
noch  während  des  Krieges  1870/71  namentlich  „in  der  Westschweiz  die  Weisheit ­
  der  Behörden  gepriesen  wurde,  welche  die  Heilung  der  Krise,  abgesehen
von  der  Tarifierung  der  Sovereigns,  sich  selbst  überlassen  und  damit  das
Land  vor  unabsehbarem  Unheil  bewahrt  hätte'L^)  Dabei  waren  die  damaligen
und  die  Wirtschaftsverhältnisse  vor  dem  Weltkrieg  nicht  so  grundverschieden,
um  eine  solche  Differenz  der  Anschauungen  zu  erklären.  Aber  damals  herrschte
eben  der  klassische  Liberalismus,  der  übrigens  auch  heute  noch  weit  mehr
Menschen  beeinflußt,  als  man  vielfach  annimmt.  Seine  ausgebreitete  Wirksamkeit ­
  verdankt  der  klassische  Liberalismus  nicht  so  sehr  Schilderungen  von  Zuständen, ­
  auch  nicht  zusammenfassenden  Betrachtungen  über  das  Wesen  der
liberalen  Wirtschaftsordnung,  als  vielmehr  seiner  abstrakten  Theorie,  deren
Ergebnisse  sich  dann  breiten  Kreisen  mitteilten.
Schon  im  Interesse  der  Praxis  wäre  es  daher  gelegen,  wenn  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  eine  entsprechende  theoretische  Ausbildung  erführe.  Selbstverständlich ­
  könnte  sieh  die  theoretische  Kriegswirtschaftslehre  nicht  von  der
volkswirtschaftlichen  Theorie  unterscheiden,  wenn  dieselbe  bereits  ein  allseitig
entwickeltes  Ganzes  wäre  ;  aber  das  ist  sie  nicht,  und  viele  Fragen,  welche  die
Kriegswirtschaft  betreffen,  wurden  von  ihr  sehr  stiefmütterlich  behandelt,  weil
sie  eben,  ohne  es  vielfach  selbst  zu  wissen,  eine  sehr  enge  Typengruppe  von
Friedenswirtschaften  untersuchte  und  nicht  die  Gesamtheit  möglicher  Wirtschaftsordnungen, ­
  unter  denen  sich  dann  selbstverständlich  auch  die  jetzt  in
Erscheinung  tretende  Kriegswirtschaft  mit  ihren  Besonderheiten  befinden  müßte.
1)  Vergl.  Otto  Neurath,  Nationalökonomie  und  Wertlehre.  (Ztschr.
f.  Volksw.  Sozialpol.  u.  Verwalt.  Bd.  XX,  S.  69,  88  f.)  —  Otto  Neurath,
Probleme  der  Kriegswirtschaftslehre.  (Ztschr.  f.  d.  ges.  Staatswiss.  Jahrg.
1913,  S.  489  ff.)  —  Otto  Neurath,  Einführung  in  die  Kriegswirtschaftslehre. ­
  (Mitteil.  a.  d.  Intendanzwesen.  Wien  1914.  Abschnitt  Vlll.  Organisation ­
  der  unmittelbaren  Realienbeschaffung.)
2)  A.  Jöhrs,  Die  Volkswirtschaft  der  Schweiz  im  Kriegsfall.  Zürich
1912.  S.  33.
        <pb n="186" />
        175

Die  Kriegswirtschaftslehre  verhält  sich  zur  theoretischen  Volkswirtschaftslehre
eigentlich  ähnlich  wie  die  Landwirtschaftschemie  zur  Chemie.  „Landwirtschaft“ ­
  ist  ebensowenig  ein  chemischer  Begriff,  wie  „Krieg“  ein  wirtschaftlicher. ­

Es  fragt  sich  nun,  woher  es  kommt,  daß  diese  theoretische  Entwicklung
der  Kriegswirtschaftslehre  so  sehr  auf  sich  warten  läßt.  Es  sind  dabei  mehrere
Gründe  im  Spiel.  Man  pflegt  der  Theorie  den  Vorwurf  der  Weltfremdheit
zu  machen.  Im  allgemeinen  trifft  die  volkswirtsöhaftliche  Theorie  eher  der
umgekehrte  Vorwurf,  sie  klammert  sich  allzu  eng  an  eine  bestimmte  Wirklichkeit ­
  an  und  verliert  dadurch  oft  die  Fähigkeit,  größeren  Wandlungen  rasch
gerecht  zu  werden.  Wenn  die  volkswirtschaftliche  Theorie  sich  von  der  Wirklichkeit ­
  mehr  freigemacht  hätte,  so  wäre,  wie  ich  schon  hervorhob,  ein  System
möglicher  Wirtschaftsformen  entworfen  worden,  unter  denen  sich  die  wirklichen ­
  als  Spezialfälle  befunden  hätten.  Die  theoretische  Basis  hätte  so  allgemein ­
  sein  können,  daß  jede  neue  Wirklichkeit  entweder  schon  in  ihr  enthalten ­
  gewesen  wäre,  oder  aber  unter  die  allgemeinen  Betrachtungen  hätte
untergeordnet  werden  können.  Die  bisherige  volkswirtschaftliche  Theorie  steht
meist  in  einem  überengen  Zusammenhang  mit  der  Geldwirtschaft ­
  und  hat  bisher  die  Naturalwirtschaft  fast
ganz  vernachlässigt.  Unsere  gegenwärtige  Kriegswirtschaft  ist  nun
bereits  zu  einem  erheblichen  Teil  eigentlich  Naturalwirtschaft  oder  zumindest
eine  Geldwirtschaft,  die  in  mehr  als  einer  Hinsicht  auf  dem  Naturalkalkul
basiert  ist  und  deren  Geldordnung  wesentlicher  Macht  entkleidet  wurde.  Nun
soll  diese  Materie  durch  eine  Theorie  erfaßt  werden,  welche  ihr  nicht  entspricht.
Man  mag  sich  politisch  zu  der  neuen  Ordnung  der  Dinge  stellen  wie  man
will,  jedenfalls  erfordert  sie  eine  abstrakte  schematische  Analyse,  wie  man  sie
der  Geldordnung  in  so  mannigfacher  Form  zuteil  werden  ließ.  Wir  müssen
nun  auf  jene  gemeinsamen  Ideen  zurückgreifen,  die  in  der  volkswirtschaftlichen ­
  Begriffswelt  geeignet  erscheinen,  Geldwirtschaft  und  Naturalwirtschaft ­
  und  die  verschiedenen  Mischgebilde  erfolgreich  zu  umfassen.
Die  ältesten  Wurzeln  der  Nationalökonomie  finden  wir  in  der  Lehre  von  der
Hauswirtschaft  einerseits,  in  der  Lehre  von  der  Staatswirtschaft  andererseits,
die  Verkehrswirtschaft  ist  erst  ein  verhältnismäßig  späteres  Objekt  der  Llntersuchung.
  Der  Gegenstand  der  Theorie  und  der  Praxis  war  der  Reichtum^),
wobei  unter  Reichtum  das  Realeinkommen  im  weitesten  Sinne  verstanden  wurde.
Die  Frage,  wie  wird  ein  Volk,  wie  wird  die  Mensch&amp;amp;ieit  glücklich  und  reich,
steht  lange  im  Vordergrund  der  volkswirtschaftlichen  Literatur.  Bei  Adam
Smith  spielt  das  Realeinkommen  noch  immer  eine  entscheidende  Rolle.^)  Er
sucht  gelegentlich  den  Zusammenhang  zwischen  bestimmten  Organisationsformen ­
  der  Wirtschaft  und  dem  Reichtum  festzustellen.  Seine  Nachfolger  haben
die  von  ihm  so  eingehend  geschilderte  Geld-  und  Kreditordnung  immer  mehr
zum  Gegenstand  ihrer  Untersuchung  gewählt  und  die  Frage,  wie  denn  die  verschiedenen ­
  möglichen  Ordnungen  auf  den  Reichtum  einwirken,  stark  in  den
Hintergrund  treten  lassen.  Wenn  auch  die  Kaufkraft  des  Geldes,  und  damit
indirekt  das  Realeinkommen  immer  wieder  erörtert  wird,  eine  konsequente
Analyse  der  Reichtumsänderung  erfolgt  im  allgemeinen  nicht.  Dabei  muß  man
sich  vor  Augen  halten,  daß  der  subjektive  Charakter  der  Fragestellung:  wie
kann  man  ein  Volk  am  reichsten  machen?  ganz  verschwindet,  wenn  man  fragt:
wie  wirkt  die  jeweilige  Wirtschaftsordnung  auf  das  Realeinkommen  der
Menschen?  Wie  weit  sich  die  Anschauung  späterer  Autoren  von  der  ursprünglichen ­
  Fragestellung  entfernt,  mag  eine  Stelle  aus  B  ü  s  c  h  5)  belegen  :  „Ich
werde  keinen  Mann  deswegen  reich  nennen,  weil  er  eine  schöne  Garderobe

3)  Aristoteles,  Nikomach.  Ethik  p.  1094:
Smith,  Wealth  of  nations.  London  1868,  Bd.  I,  S.  5:  „and  a  general
plenty  diffuses  itself  through  all  the  different  ranks  of  the  society“  und  S.  32:
„The  real  recompence  of  labour,  the  real  quantity  of  the  necessaires  and  conveniences ­
  of  life“.
5)  Büsch,  Sämtl.  Sehr.  IX.  Abhandl.  Von  dem  Geldumlauf  in  anhaltender
Rücksicht  auf  die  Staatswirtschaft  und  Handlung.  2.  verm.  u.  verb.  Aufl.  S.  431.
        <pb n="187" />
        176

und  ein  kostbares  Hausgerät  hat.  Denn  deren  Verbrauch  trägt  nicht  zu  seinem
ferneren  Auskommen  bei.  Aber  den  Mann,  der  liegende  Gründe  hat,  die  ihm
entweder  die  Geldeinkünfte  geben  oder  deren  Ertrag  er  für  Geld  verkaufen
und  daraus  sein  Auskommen  nehmen  kann,  den  Mann  nenne  ich  reich
Ich  werde  nun  in  der  Folge,  wenn  ich  vom  Nationalreichtum  rede,  alles  Eigentum ­
  einzelner  und  aller  Mitglieder  darunter  verstehen,  dessen  Nutzung  entweder
in  Geld  gegeben  wird  oder  einen  Geldeswert  hat.''  Das  heißt,  wenn  z.  B.  die
Geldschätzung  in  einem  späteren  Jahre  eine  größere  Summe  ausweist  als  in
einem  früheren,  so  würde  man  sagen,  der  Nationalreichtum  hat  zugenommen,
wenn  z.  B.  auch  die  Gesamtheit  der  Realeinkommen  gesunken  wäre.  Diese  Konsequenz ­
  wurde  freilich  meist  nicht  überdacht  und  im  allgemeinen  herrschte
wohl  die  Anschauung  vor,  daß  einem  größeren  Nationalreichtum  in  Geld  ausgedrückt ­
  auch  ein  größeres  Realeinkommen  entspreche.
Dieser  Sieg  der  reinen  Geldrechnung  ist  die  Ursache,  daß  in  dem  so
mühsam  gearbeiteten  Werk  von  Colquhoun®),  das  für  die  Kriegswirtschaft
der  napoleonischen  Epoche  viel  wertvolles  Material  liefert,  fast  sämtliche
Daten  in  Pfund  Sterling  ausgedrückt  sind.  Gerade  in  Kriegsperioden,  wo
die  Preise  sich  rasch  ändern,  ist  damit  ungemein  wenig  über  jene  Dinge  ausgesagt, ­
  die  uns  z.  B.  heute  besonders  interessieren.  Colquhoun  gibt  den  Import
von  Baumwolle  usw.  in  Pfund  Sterling  an,  er  gibt  die  Lebensmittelproduktion
in  Pfund  Sterling  an.  Von  einer  Naturalrechnung  keine  Spur.  Und  wie
wichtig  wäre  es  z.  B.,  zu  erfahren,  welche  Quantitäten  Baumwolle,  Lebensmittel
England  damals  importierte,  welche  Mengen  Lebensmittel  damals  produziert
wurden.  Wenn  man  die  Arbeit  Colquhouns  etwa  mit  einer  rein  ernährungstechnischen ­
  Ballods  oder  mit  der  umfassenden  Poppers^)  vergleicht,  die
die  reine  Naturalrechnung  durchführen,  so  sieht  man  den  Unterschied  in  der
Betrachtungsweise.  Aber  diese  Arbeiten,  welche  vor  dem  Weltkrieg  erschienen,
wurden  zu  rein  praktischen  Zwecken  verfaßt  und  hatten  eigentlich  keinen  Anschluß ­
  an  eine  Theorie.  Dabei  erscheint  die  Geldwirtschaft  keineswegs  immer
als  solche  in  der  Theorie,  oft  werden  z.  B.  die  Verschiebungen  der  Güterquantitäten ­
  abgehandelt,  ohne  daß  von  Geld  die  Rede  ist,  aber  die  Auswahl  der
Verschiebungsmodalitäten,  die  Art  der  Betrachtung  umfassen  nicht  alle  möglichen ­
  Verschiebungsarten,  sondern  bevorzugen  gewisse  Tauschtypen,  die  ihre
volle  Bedeutung  durch  die  geldwirtschaftliche  Verwertung  erlangen.  Im  Hinblick ­
  auf  dieselbe  wurde  ja  auch  die  ganze  Abstraktion  in  erster  Reihe  vorgenommen. ­
  Eine  Theorie,  welche  die  Verschiebung  der  Güter  und  deren  Einfluß ­
  auf  den  Reichtum  wirklich  allgemein  behandeln  wollte,  müßte  auch
jene  Verschiebungen  erörtern  können,  die  etwa  der  Staat  autoritativ  vornimmt.
Es  könnte  sich  dann  etwa  zeigen,  daß  auf  diese  Weise  nur  ein  geringerer  Reichtum ­
  einer  Gruppe  von  Individuen  oder  aller  Individuen  erreichbar  ist,  als  z.  B.
durch  freie  Konkurrenz  oder  durch  einen  Tausch  zwischen  Monopolbesitzern.
Wenn  aber  auch  die  siegreiche  Theorie  der  Marktwirtschaft  sich  überallhin
verbreitete,  so  wurde  doch  immer  wieder  von  nationalökonomischer  Seite  das
Bedürfnis  gefühlt,  den  Wohlstand,  das  Realeinkommen  der  einzelnen  Menschengruppen ­
  zu  erfassen.  Aber  diese  Bestrebungen  behielten  meist  eine  gewisse
untheoretische  Form  und  litten  überdies  darunter,  daß  die  Geldbetrachtung  im
Vordergrund  stand.  Die  Erfassung  des  Realeinkommens  erfolgte  in  seiner  für
die  Lebensverhältnisse  wesentlichen  Gestalt  erst  durch  die  Haushaltungsbudgets
und  Familienmonographien,  die,  an  ältere  Vorbilder  anknüpfend,  doch  erst  in  den
letzten  Jahrzehnten  langsam  den  Charakter  einer  Naturalrechnung  erhalten. ­
  Freilich,  zu  einer  umfassenden  Darstellung  aller  Gesellschaftsklassen
ist  man  noch  nicht  vorgedrungen,  man  hat  auch  nicht,  um  ein  einfaches  Beispiel
zu  geben,  das  Schema  einer  Gesellschaft  entworfen,  die  etwa  mit  zwei  Güterarten ­
  auskäme,  deren  Verteilung  durch  verschiedene  Momente  beeinflußt  wird,

6)  P.  Colquhoun,  A  treatise  on  the  wealth,  power,  and  resources  of  the
British  Empire.  London  1814,  deutsch  erschienen  1815;  übersetzt  von  Fick.
’’)  Ballod,  Die  Nahrungsmittelfrage  für  Deutschland  im  Kriegsfälle.
(Verwaltung  und  Statistik,  August  1913,  S.  225  ff.)  —  Poppe  r-Lynkeus,
Allgemeine  Nährpflicht  1912.
        <pb n="188" />
        177

durch  die  Art  der  Preisbildung,  durch  die  Zölle  usw.  Es  liegt  aut  der  Hand,
daß  sich  derlei  in  abstraktschematischer  Form  ausführen  läßt.
Auch  bisher  wurden  solche  Rechnungen  versucht,  aber  meist  nur,  um  für
bestimmte  Reformprojekte  Propaganda  zu  machen,  so  von  Theodor
Hertzka,  Josef  Popper-Lynkeus,  Franz  Oppenheimer  u.  A.
Während  diese  Autoren  konkrete  Naturalrechnungen  entwarfen,  um  nachzu-.
weisen,  wieviel  Boden,  Rohstoffe  und  ^Arbeitsstunden  nötig  wären,  eine  bestimmte
Menschenmenge  zu  ernähren,  haben  andere  Autoren  diese  Betrachtung  nur  im
allgemeinen  angestellt  und  zu  zeigen  versucht,  welcher  Unterschied  zwischen
der  technisch  möglichen  Befriedigung  und  der  in  der  Marktordnung  möglichen
bestehe,  wie  Sismondi,  Henry  George,  Wilhelm  Neurath,  Rudolf ­
  Golds  cheid  u.  A.  m.  Es  bleibt  nun  noch  übrig,  diese  gelegentlich
skizzierte  Naturalrechnung  auszugestalten  und  ihr  eine  selbständige  Stellung
im  Rahmen  der  theoretischen  Nationalökonomie  zu  geben.
Die  Darstellungen  würden  etwa  folgenden  Charakter  annehmen.  Es  sei
eine  gewisse  Menge  Rohstoffe,  Menschenkräfte  usw.  gegeben.  Welche  Menge
von  Produkten  kann  man  so  erzeugen,  wie  kann  man  sie  verteilen,  wenn  be-&amp;lt;
stimmte  Bedingungen  vorliegen  ?  Zunächst  kann  man  diese  Frage  rein  technisch
behandeln,  dann  aber  auch  die  Organisation  der  Wirtschaft  mit  in  Rechnung
stellen.  Es  wird  ja  durcFi  gewisse  Organisationsformen
die  absolute  Menge,  welche  erzeugt  wird,  sich  ändern,
durch  andere  wieder  die  Verteilung.  Was  man  für  gut,  was  man
für  schlecht  hält,  ist  dabei  ganz  gleichgültig.  Die  Naturalrechnung  ist  eine
durchaus  objektive  Angelegenheit.  Nun  kann  man  dann  Zusehen,  wie  irgendein
Typus  der  Geldwirtschaft  als  eine  der  vielen  möglichen  Ordnungen  die  Produktion ­
  und  Konsumtion  beeinflußt.  Der  Geldkalkul  kann  z.  B.  eine  Zunahme
der  Einkommen  ergeben,  während  die  Realeinkommen  gesunken  sind,  er  ist  für
die  Naturalrechnung  an  sich  ganz  gleichgültig,  vielmehr  nur  eine  Organisationsform. ­
  Diese  Betrachtungsweise  gibt  begreiflicherweise  die  Basis  für
einen  sehr  freien  Standpunkt  ab,  nichtsdestoweniger  finden  wir  ihn  in  aller
Schärfe  verhältnismäßig  selten  durchgeführt.  Selbst  bei  vielen  Sozialisten,  die
doch  die  Dissonanz  zwischen  Geldkalkul  und  Realeinkommen  hervorheben,  spielt
die  geldtheoretische  Grundlage  ihrer  Argumentationen  eine  merkwürdig  starke
Rolle.  Es  zeigt  sich  dies  besonders,  wenn  man  ihre  Darlegungen  im  einzelnen
verfolgt.  So  fehlt  z.  B.  bei  Marx,  der  doch  diese  Dissonanz  oft  genug  in  Bausch
und  ^gen  hervorhebt,  eine  theoretisch  durchgebildete  Naturafrechnung.
Die  Wichtigkeit  der  unabhängigen  Naturalrechnung,  die  sich  auf  umfassenden ­
  Produktions  -  und  Konsumtionsstatistiken  aufbaut,  ist  heute
praktisch  fast  allgemein  zugestanden.  Aber  noch  mehr  ist  geschehen,  man
hat  nicht  nur  die  Naturalrechnung  in  den  Vordergrund  geschoben,  man  hat  auch
die  Naturalwirtschaft  auf  Kosten  der  Geld  Wirtschaft  begünstigt.
Das  kam  schrittweise  und  wie  von  selbst.  Wir  stehen  heute  in  einer  stark  naturalwirtschaftlichen ­
  Ordnung  drin,  ohne  daß  es  zu  wirklichen  Umstürzen  gekommen ­
  wäre,  wie  ja  auch  oft  im  politischen  Leben  alte  Formen  äußerlich  erhalten ­
  bleiben,  während  der  Inhalt  schon  große  Wandlungen  durchgemacht  hat.
An  sich  hat  ja  der  Naturalkalkul  mit  der  Naturalwirtschaft  nicht  mehr  zu  tun  als
mit  der  Geldwirtschaft.  Wir  können  die  Geldwirtschaft  dem  Naturalkalkul
unterwerfen,  wir  können  auch  die  Naturalwirtschaft  dem  Naturalkalkul  unterwerfen. ­
  Es  ist  z.  B.  sehr  gut  möglich,  daß  wir  irgendeinen  Geldwirtschaftstypus
untersuchen  und  feststellen,  daß  er  bei  gleicher  Anfangssituation  in  bezug  auf
Menschenkräfte,  Rohstoffe  usw.  innerhalb  einer  bestimmten  Produktionsperiode
ein  höheres  Realeinkommen  liefert,  als  etwa  ein  bestimmter  NaturalwirtschaftS"
typus.  Die  Naturalrechnung  ist  eine  Rechnungsart,  die  Naturalwirtschaft ­
  eine  gesellschaftliche  Einrichtung.
Die  Naturalrechnung  wurde  aber  infolge  des  Krieges  häufiger  und  systematischer ­
  als  sonst  angewendet  und  scheint  eben  vielen  gezeigt  zu  haben,  daß
die  Geldwirtschaft,  wie  sie  vor  dem  Kriege  bestand,  nicht  den  Anforderungen
entspreche,  die  man  im  Kriege  seitens  der  am  Siege  interessierten  Kreise  an  sie
zu  stellen  für  gut  fand.  Man  merkte  zu  deutlich,  daß  der  Krieg  mit  Munition
und  Verpflegung,  aber  nicht  mit  Geld  geführt  werde.  Und  während  vor  dem
12
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        178

Kriege  vor  allem  die  Geld-  und  Finanzfragen  in  der  Literatur  kriegswirtschaftlich ­
  eingehend  erörtert,  während  vorwiegend  Bank-  und  Kreditorganisationen ­
  für  den  Kriegsfall  besprochen  wurden,  sind  jetzt  die  Produktions-  und
Verteilungsorganisationen  an  erste  Stelle  gerückt,  und  viele  Geld-  und  Finanzprobleme, ­
  so  wichtig  und  bedeutsam  sie  auch  noch  immer  sein  mögen  —
findet  doch  die  Zentralisation  der  Industrie  zum  Teil  bankmäßig  statt  —,  sind
an  zweite  Stelle  getreten.  Im  Vordergrund  steht  die  Frage:  wie  gelingt  es,  alle
Kräfte  für  den  Sieg  nutzbar  zu  machen?  Es  wäre  ja  ein  sehr  interessantes
Problem,  festzustellen,  weshalb  man  diese  Frage  im  Frieden  mit  geringerer
Intensität  stellte,  wieso  gar  viele  sie  überhaupt  nicht  stellten,  sondern  Produktionseinschränkungen, ­
  Massenarbeitslosigkeit,  Auswanderung ­
  und  derlei  wie  eine  Art  Fatum  hin  nahmen  oder
mindestens  als  etwas,  das  nicht  durch  die  Grundlagen  der  Markt-  und  Kreditordnung ­
  bedingt  war.  Dabei  kann  man  nicht  einmal  sagen,  daß  dies  daher
rühre,  weil  die  herrschenden  Kreise  der  wohlhabenderen  Bevölkerung  weniger
von  den  Krisen  betroffen  worden  seien,  sie  hatten  unter  ihnen  genügend  zu
leiden.  Der  Gründe  gibt  es  viele,  einer  ist  die  große  Schwierigkeit,  welche
sich  dem  Verstehen  der  Geldwirtschaft  entgegenstellt.  Wenn  man  die  Krisentheorien ­
  seit  hundert  Jahren  betrachtet,  kommt  einem  das  genügend  deutlich
zum  Bewußtsein.  Aber  welches  nun  auch  die  Gründe  dieser  unzureichenden
Einsicht  waren,  der  Krieg  kümmerte  sich  nicht  darum,  Mangel  trat  ein,  und  die
vorhandenen  organisatorischen  Ansätze  reichten  zusammen  mit  der  Gemütsverfassung ­
  aus,  daß  man  sofort  daran  ging,  durch  Staats-  und  Verbandseingriffe
aller  Art  mit  ganzer  oder  teilweiser  Umgehung  des  Geldkalkuls  die  notwendigen
Kräfte  und  Rohstoffe  unmittelbar  für  die  Kriegszwecke  heranzuziehen.  Es
wurde  bis  zu  einem  gewissen  Grade  eine  staatliche  Naturalwirtschaftsverwaltung ­
  großen  Stils  geschaffen,  die  besonders  in  Deutschland
eine  erhebliche  Durchbildung  erfahren  hat.  Hat  man  früher  Fabriken  stillgelegt,
um  das  Geldeinkommen  der  Kartellmitglieder  zu  erhöhen,  so  legt  man  jetzt.
Fabriken  still,  um  wichtigere  Produkte  statt  unwichtigerer  zu  erzeugen.  Den
führenden  Stellen  ist  die  Naturalrechnung  entscheidend.
Dabei  wird  aber  auf  die  überkommene  Ordnung  wesentlich  Rücksicht  genommen. ­
  Der  Fabrikant,  den  man  zur  Produktion  heranzieht,  erhält  eine  ausreichende ­
  Entschädigung,  auch  sonst  ist  so  viel  von  der  Geldwirtschaft  übrig
geblieben,  daß  handelsmäßige  Gewinne  in  reichem  Maße,  nach  Anschauung  sehr
vieler  in  zu  reichem  Maße  noch  erzielbar  sind.  Aber  nicht  das  ist  wesentlich,
ob  die  Geldeinkommen  noch  eine  große  Rolle  spielen,  wesentlich  ist,  daß  sie
für  den  Produktions-  und  Verteilungsvorgang  nicht  mehr  so  entscheidend  sind
wie  früher.  Die  Geldordnung  ist  in  mehr  als  einer  Richtung  ihrer  Macht  entkleidet. ­
  So  durch  Organisation  der  Produktion  und  Verteilung  von  Produkten
seitens  des  Staates  oder  staatlich  kontrollierter  Verbände,  dann  dadurch,  daß  die
Abgabe  von  Rohstoffen  usw.  an  einzelne  Personen  autoritativ  beschränkt  erscheint
und  daß  auch  innerhalb  dieser  Abgabe  alle  möglichen  Einschränkungen  vorgenommen ­
  werden,  sei  es  durch  autoritative  Verfügung,  sei  es  durch  Appell  an
bestimmte  Kreise  der  Bevölkerung.  So,  wenn  z.  B.  lokal  verlangt  wird,  daß
die  wohlhabenderen  Kreise  auf  den  Konsum  von  Schweinefleisch  verzichten
sollen,  um  der  armen  Bevölkerung  zu  Hilfe  zu  kommen,  so,  wenn  wohlhabende
Kreise  die  nur  den  ärmeren  zugänglichen  Nahrungsmittel  nicht  konsumierten,
sondern  sich  an  den  Luxuskonsum  im  engeren  Sinne  hielten.  Hierher  gehören
auch  die  Ansätze  zur  Preisdifferenzierung,  die  dahin  gehen,  daß  z.  B.  dieselbe
Ware  an  Reiche  zu  einem  höheren  Preis  als  an  Arme  abgesetzt  wird,  wobei  hervorzuheben ­
  ist,  daß  die  Preisdifferenzierung  ja  auch  in  der  freien  Marktwirtschaft ­
  Vorkommen  kann,  dort  aber  im  Interesse  des  Reingewinnes  erfolgt.
Wenn  wir  nun  in  Anbetracht  dessen,  daß  die  Naturalwirtschaft  in  der
Gegenwart  sich  so  entfaltet  hat,  ihr  eine  entsprechende  Theorie  schaffen,  so
gewinnen  wir  damit  die  Möglichkeit,  alle  bedeutsamen  Veränderungen  theoretisch ­
  festhalten  und  den  Einfluß  der  einzelnen  Einrichtungen  wirklich  studieren ­
  zu  können,  ganz  unabhängig  davon,  ob  man  nun  darin  beginnende  Dauerformen
  sieht  und  begrüßt,  wie  etwa  Jaffé,  oder  die  Neubildungen  nur  für
vorübergehend  hält  und  sie  als  Dauergebilde  ablehnt,  wie  etwa  Fuchs.
        <pb n="190" />
        179

Die  gegenwärtige  Ordnung  dürfte  von  dem  freien  Markt  der  Geld-  und
Kreditwirtschaft  ungefähr  ebenso  weit  entfernt  sein  wie  von  der  staatlichen ­
  Großnaturalwirtschaft.  Nichtsdestoweniger  versucht  man  die
geldwirtschaftliche  Theorie  noch  immer  anzuwenden,  oder  wenn  man  dies  schon
unterlassen  muß,  so  rechnet  man  mit  der  ganzen  gegenwärtigen  Ordnung  gewissermaßen ­
  nur  wie  mit  einer  vorübergehenden  Störung  und  versucht  vielfach
keine  entsprechende  Umbildung  der  Theorie.  Wollen  wir  mit  der  Ausweitung
der  Theorie  Ernst  machen,  so  müssen  wir  eine  Fülle  von  Möglichkeiten  untersuchen, ­
  Geldwirtschaften  verschiedener  Art  und  Naturalwirtschaften  verschiedener
Art.  Wir  können  recht  exti'erae  Typen  von  Naturalwirtschaftsordnungen  zu
diesem  Zweck  entwerfen.  Wir  können  uns  z.  B.  denken,  daß  die  wirtschaftliche
Diktatur  alle  Produktion  an  die  einzelnen  Industrie-  und  Agrarverbände  verteilt,
deren  Bestand  wir  uns  unverändert  denken  wollen  —  wir  können  natürlich ­
  auch  eine  durch  den  Staat  durch  geführte  Produktion
uns  vorstellen  oder  sonst  eine  Ordnung  —,  wobei  der  Luxusproduktion,  der
Produktion  notwendiger  Artikel  gewisse  Mengen  von  Rohstoffen,  Maschinen  usw.
auf  Grund  einer  umfassenden  Naturalrechnung  zugewiesen  werden.  Die  Beziehungen ­
  der  Verbände  zueinander,  die  wir  etwa  in  einem  Pankartellism
  u  s  8)  organisiert  denken  können,  seien  den  bisherigen  immerhin  soweit  verwandt, ­
  daß  Leistungen  mit  Gegenleistungen  in  natura  bezahlt  werden.  Die
Löhne  der  Angestellten  und  Arbeiter,  die  Einkommen  der  Unternehmer  können
wir  in  Form  von  Brot-,  Milch-,  Wohnungs-  usw.  Karten  denken,  die  aber  nicht
nur  zum  Ankauf,  sondern  bereits  als  Anweisungen  zum  Bezug  dieser
Dinge  unmittelbar  berechtigen.  Selbst  wenn  ein  Virement  möglich  ist,  entspricht
die  Gesamtheit  der  Anweisungen  der  Gesamtheit  der  vorhandenen  Produkte.
Banken,  welche  eine  Fabrik  finanzieren,  kreditieren  ihr  etwa  die  Arbeitslöhne  in
natura,  Rohstoffe  usw.  und  erhalten  von  ihr  dafür  einen  Teil  der  fertigen  Produkte. ­
  Die  Arbeitslöhne  werden  der  Bank  wieder  von  den  Verbänden,  welche
Agrarartikel,  Wohnungen  usw.  besitzen,  zur  Verfügung  gestellt,  wie  jetzt
etwa  Einlagen.  Ebenso  können  wir  uns  Naturalanleihen,  Naturalsteuern  usw.
In  dem  eben  skizzierten  theoretischen  Modell  habe  ich  alle  wichtigeren
historisch  bekannten  natural  wirtschaftlichen  Einrichtungen  höherer  Form  zu
vereinigen  gesucht  und  dennoch  so  viel  von  der  heutigen  Ordnung  beibehalten,
daß  wir  an  diesem  Modell  für  die  jetzige  Wirtschaft  und  die  der  Vergangenheit
vieles  lernen  können.  Wir  könnten  natürlich  die  Großnaturalwirtschaft  auch
rein  staatlich  denken  oder  rein  privat  wirtschaftlich  aufgebaut,
sie  kann  kommunistisch  sein  oder  sonstigen  Verteilungs-  und  Regiemngsformen
  entsprechen.  All  das  ist  für  die  Naturalwirtschaft  grundsätzlich  nebenin ­
  einer  Naturalwirtschaft  wie  der  angedeuteten  treten  die  LohnempHnger
nur  mit  den  Unternehmern  in  Verhandlung,  nicht  aber  nochmals,  v/ie  heute,
mit  den  Warenverkäufern.  In  der  oben  skizzierten  Ordnung  ist  der  Verkäufer
von  Waren  zu  einem  reinen  Abgabeorgan  geworden,  ähnlich  wie  heute,  wenn
er  zum  Höchstpreis  mit  tarifiertem  Gewinn  abgeben  muß.  Wir  sehen  übrigens
auch  jetzt  schon  die  Tendenz  sehr  stark  entwickelt,  den  Geldlohn  wenigstens
zu  einem  erheblichen  Teil  in  Naturallohn  umzuwandeln,  sei  es,  daß  bestimmte
Unternehmungen  ihren  Arbeitern  die  Lebensmittel  billig  beschaffen,  oder  sonstwie ­
  für  die  Naturalverpflegung  Sorge  tragen.  Zum  ausgesprochenen  Naturallohn ­
  ist  dann  nur  noch  ein  kleiner  Schritt.  Er  dürfte  bei  längerer  Knegsdauer
  auch  vielfach  eingeführt  werden,  weil  nur  er  das  Zufallsmoment  aus
der  Entlohnung  ausschaltet.  Die  obigen  Naturalanweisungen  können  wir  uns
fix  oder  variabel  denken,  etwa  auf  die  Wochenquote  lautend,  die  fallswmse
autoritativ  bestimmt  wird,  wie  z.  B.  jetzt  gelegentlich  durch  Magistrate.  Die
wechselnden  Preise  der  Waren  würden  durch  ihre  wechselnde  Menge  ersetzt
werden,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  die  Festsetzung  auf  Grund  allgemeiner
volkswirtschaftlicher  Erwägungen  oder  zentralisierter  Abmachungen  erfolgte.
In  einem  naturalwirtschaftlichen  Pankartellismus  wäre,  wenn  ein  naturalwirt-Wilhelm

  Neurath,  Vorträge  1902,  S.  271.

12*
        <pb n="191" />
        180

schaftlicher  Markt  ähnlich  dem  unseren  bestände,  eine  allgemeine  und  durchgehende ­
  Anteilschaftsbeteiligung  möglich.
Der  Roheisenverband  könnte  an  der  Naturalproduktion  oder  an  den  Naturalien, ­
  welche  für  das  Produkt  erhalten  werden,  jenes  Verbandes  beteiligt  sein,
welchem  er  Fertigfabrikate  liefert,  dieser  wieder,  der  etwa  Maschinen  liefert,
könnte  an  den  Produkten  beteiligt  sein,  welche  die  Fabriken  liefern,  welche
diese  Maschinen  erhalten.  An  keiner  Stelle  brauchte  eine  Abmachung  auf  feste
Mengen  einzutreten,  was  bei  einem  Pankartellismus  in  der  Geldordnung  unbedingt ­
  nötig  wäre,  weil  an  irgend  einer  Stelle  Geldsummen,  nicht  Anteilsrechte ­
  auf  Geldsummen  auftauchen  müßten.  In  dem  naturalwirtschaftlichen
Marktverkehr  dagegen  könnte  überall  die  Anteilschaft  durchgeführt  sein,  weil
ja  von  der  Naturalproduktion  immer  ein  Anteil  abgegeben  werden  kann.  Ob
das  wünschenswert  und  politisch  durchführbar  ist,  kümmert  unsere  theoretische
Betrachtung  ebensowenig,  wie  die  rein  geldtheoretische  Betrachtung  die  Frage,
ob  alle  ihre  Abstraktionen  und  Konstruktionen  in  der  Realität  Vorkommen.
Alles  das  sind  Modelle,  an  denen  wir  unsere  Beobachtungsgabe  und  unsere
Einsicht  schulen.
Auch  der  Außenhandel  wäre  in  der  Naturalwirtschaftslehre  entsprechend ­
  zu  behandeln.  Wir  könnten  uns  in  einer  staatlich  kontrollierten  Großnaturalwirtschaft ­
  den  Staat  als  Verwalter  von  Warenkontingenten  denken,  über
deren  Export  er  entscheidet.  Er  würde  etwa  den  Export  genau  umschriebener
Mengen  an  die  Bedingung  knüpfen,  daß  seitens  eines  anderen  Staates  der  Import ­
  von  anderen  Waren  zugesichert  werde.  In  gewissem  Sinne  kamen  ja
ähnliche  Einrichtungen  auch  heute  schon  vor,  z.  B.  in  den  Abmachungen
zwischen  Rumänien  und  den  Mittelmächten.  Auch  sonst  kann  der  Staat  weltwirtschaftlich ­
  bedeutsame  Eingriffe  naturalwirtschaftlicher  Art  vornehmen,  wenn
er  z.  B.  sich  die  Disposition  über  den  gesamten  Schiffsraum  eines  Landes  vorbehält. ­
  Auch  in  diesem  Falle  würde  wohl  eine  umfassende  Naturalrechnung  für
die  Verteilung  maßgebend  sein.  Die  Geldentschädigung,  welche  die  einzelnen
Exporteure  und  Importeure  der  Schiffahrtsgesellschaft  dann  zahlen,  wären
nicht  entscheidend  für  die  Verteilung  des  Schiffsraums.  Auch  hier  ist  die  Verbandsbildung ­
  im  Vorrücken  begriffen,  ja  es  kommen  bereits  Abmachungen  auf
längere  Zeiträume  vor.  Wir  müßten  so  den  Versuch  machen,  weltwirtschaftliche
Modelle  naturalwirtschaftlicher  Art  zu  entwerfen  und  die  Wirkungen  solcher
Einrichtungen  untersuchen.  Wenn  wir  uns  dann  genauer  mit  rein  naturalwirtschaftlichen ­
  Modellen  des  Weltverkehrs  beschäftigt  haben,  können  wir  an  die
Mischformen  herantreten,  die  uns  nach  dem  Kriege  voraussichtlich  entgegentreten ­
  werden.  Denn  daß  der  Staat  auch  nach  dem  Kriege  die  Weltwirtschaft
stärker  als  früher  zu  beeinflussen  trachten  wird,  unterliegt  doch  wohl  keinem
Zweifel,  zumal  man  politische  Momente  eine  entscheidende  Rolle  spielen  lassen
dürfte.
Wir  können  durch  solche  Betrachtungen  unseren  theoretischen  Horizont
wesentlich  erweitern  und  auf  diese  Weise  auch  den  Fragen  der  Gegenwart ­
  leichter  gegenübertreten.  Keime  werden  früher  als  solche  erkannt  und
viele  Erscheinungen  erst  in  ihrer  vollen  Bedeutung  gewürdigt  werden.  Es
hängt  dann  von  der  politischen  Stellungnahme  des  Einzelnen  ab,  ob  er  die  so
entdeckten  Keime  pflegen  und  hegen,  oder  aber  vernichten  will.  Derlei
Wünsche  zu  erzeugen  ist  nicht  mehr  Aufgabe  der  Wissenschaft.  Aber  auch
die  historische  Forschung  würde  von  einem  Ausbau  der  Naturalwirtschaftslehre ­
  im  angedeuteten  Sinne  wesentlich  gewinnen.  Wir  verfolgen  erfahrungsgemäß ­
  jene  Vorgänge  am  genauesten,  denen  wir  auch  theoretisch  einen  gewissen ­
  Reiz  abzugewinnen  vermögen.  Es  ist  wohl  kein  Zufall,  daß  man  jetzt
auch  in  der  Vergangenheit  mehr  kriegswirtschaftlich  Interessantes  findet,  obgleich ­
  das  diesbezügliche  Material  seit  jeher  leicht  greifbar  vorlag.  Ähnlich
steht  es  mit  den  naturalwirtschaftlichen  Erscheinungen.  Während  man  die
Entwicklung  der  Geldwirtschaft  bis  in  alle  feinsten  Verzweigungen  verfolgte,
isolierte  Sonderbarkeiten  untersuchte,  hat  man  die  naturalwirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  sehr  obenhin  erforscht  und  die  doch  historisch  gegebenen
höheren  naturalwirtschaftlichen  Institutionen  in  der  nationalökonomischen ­
  Literatur  so  gut  wie  gar  nicht  gewürdigt.  Erwähnte  man
        <pb n="192" />
        181

sie,  so  brachte  man  sie  nicht  miteinander  in  Verbindung,  sondern  ließ  sie  als
gelegentliche  Ergebnisse  einsam  ihr  Leben  fristen.
Im  allgemeinen  herrscht  die  überkommene  Meinung,  daß  die  Naturalwirtschaft ­
  mit  einem  reichen  kulturellen  Leben,  mit  einer  internationalen  Verbindung ­
  der  Völker  unvereinbar  sei.  Immer  noch  ist  eigentlich  die  Anschauung ­
  verbreitet,  daß  es  drei  Stufen  der  Wirtschaft  gebe,  Naturalwirtschaft,
Geldwirtschaft  und  Kreditwirtschaft,  ganz  gleich,  wie  man  diese  Folge  späterhin ­
  abzuändern  unternahm.  Die  Auffassung,  daß  die  Naturalwirtschaft  eine
Reihe  von  Stufen  habe,  ebenso  wie  die  Geld  Wirtschaft,  und  daß  es  Stufen  der
Naturalwirtschaft  gebe,  die  Stufen  der  Geldwirtschaft  überlegen  seien,  finden
wir  nirgends  recht  vertreten.  Es  hängt  dies  damit  zusammen,  daß  im  allgemeinen ­
  durch  die  historische  Verknüpfung  die  Geldwirtschaft  wie  eine  Infektion ­
  alle  Völker  ergriff  und  die  naturalwirtschaftlichen  Keime  meist  tötete.
Es  läßt  sich  zeigen,  worauf  diese  Eigentümlichkeit  der  Geldwirtschaft  beruhte, ­
  welche  zuerst  die  Fähigkeit  besaß,  fernste  Völker  miteinander  zu  verbinden, ­
  freilich  auch  die  Fähigkeit  hatte,  innerhalb  der  Völker  dissoziierend
zu  wirken.  Trotzdem  kam  es  im  Laufe  der  Geschichte  dazu,  daß  sich  stellenweise ­
  naturalwirtschaftliche  Reste  erhielten  und  zu  höheren  Formen  entfalteten,
sowie  dazu,  daß  gelegentlich  naturalwirtschaftliche  Formen  neu  auftauchten,
wie  im  untergehenden  römischen  Reich.  Man  sollte  nun  erwarten,  daß  man
sich  auf  diese  seltenen  Dinge  mit  besonderem  Eifer  stürzte  —  keineswegs^
Der  altägyptische  Naturaliengiroverkehr,  der  eine  überaus  hochentwickelte
naturalwirtschaftliche  Institution  darstellt,  deren  Vorhandensein  unserem  Zeitalter ­
  zur  Ehre  gereichen  würde,  ist  kaum  beachtet  worden.^)  Es  wäre  doch
ungemein  reizvoll,  zu  studieren,  wie  denn  eine  solche  Einrichtung  verallgemeinert ­
  wirken  würde.  In  der  hellenistischen  Zeit  scheint  jeder  größere  Landmann ­
  sein  Girokonto  im  Staatsspeicher  besessen  zu  haben,  welches  ihm  z.  B.
ermöglichte,  Pachteinzahlungen,  die  ihm  imendwo  gemacht  wurden,  an  einer
beliebigen  anderen  Stelle  des  Landes  in  Empfang  zu  nehmen,  wobei  es  oft
ebensowenig  zu  einer  Versendung  des  Kornes  kam,  wie  etwa  heute  im  Postanweisungsverkehr ­
  zu  einer  Versendung  des  Geldes.  Es  wäre  doch  wohl  am
Platze,  wenn  in  den  Abschnitten  über  Naturalwirtschaft,  die  wir  in  den  verschiedenen ­
  Lehr-  und  Wörterbüchern  finden,  derlei  Tatsachen  regelmäßig  besprechen ­
  würden.  Oder,  um  etwas  Kriegswirtschaftliches  zu  erwähnen  :  Weshalb ­
  hat  man  sich  zwar  etwas  mit  den  Geldsteuern  und  Geldanleihen  des
Sezessionskrieges  und  der  napoleonischen  Kriege,  aber  nicht  ebenso  eingehend
mit  ihren  Naturalsteuern  und  sonstigen  Eingriffen  naturalwirtschaftlicher  Art
beschäftigt?  i*’)
Diese  wenigen  Hinweise  mögen  genügen.  Sobald  man  auf  naturalwirtschaftliche ­
  Fragen  nur  ein  wenig  sein  Augenmerk  prinzipiell  richtet,  fließt
einem  Material  allenthalben  zu.  Es  werden  auf  einmal  Tatsachen  vereinigt,
die  sonst  vereinzelt  waren,  und  die  Fülle  der  Erscheinungen,  deren  wir  uns
klarer  bewußt  werden,  bereichert  sich  erheblich  ;  die  Theorie  wird  überdies
durch  die  Wirklichkeit  zu  reicherer  Entfaltung  genötigt.  Man  beginnt  allerlei
Parallelen  zu  ziehen,  die  Kreditnaturalwirtschaft  mit  der  Kreditgeldwirtschaft
zu  vergleichen  und  derlei  mehr.  Es  läßt  sich  die  Frage  aufwerfen,  wie  und
ob  sich  Überproduktionskrisen  in  einer  Naturalwirtschaft  einstellen  können,  die
z.  B.  rein  marktmäßig  organisiert  ist,  und  man  würde  auf  diese  Weise  dazu
kommen,  festzustellen,  ob  dieselben  etwa  an  die  Geldordnung  als  solche  oder
an  den  Marktverkehr  gebunden  sind,  vielleicht  auch  nur  an  den  Marktverkehr
der  Qeldwirtschaft  oder  an  anderes.  Kurzum,  die  Breite  der  Erörterungen
würde  so  erheblich  zunehmen.  Die  Frage  der  Vorratswirtschaft,  der
Magazinsysteme,  der  staatlichen  Rohstoffmonopole  und
vieles  andere  könnten  einmal  geldwirtschaftlich,  dann  wieder  naturalwirtschaftlich ­
  analysiert  werden,  anschließend  daran  könnte  man  diese  Probleme  im
®)  F.  Preisigke,  Girowesen  im  griechischen  Ägypten,  enthaltend  Korngiro, ­
  Geldgiro,  Girobanknotariat  mit  Einschluß  des  Archivwesens.
IC)  Vergl.  das  wichtige  Werk  von  Carl  Frhrn.  v.  Hook,  Die  Finanzen
und  die  Finanzgeschichte  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.
        <pb n="193" />
        Rahmen  einer  Misch  organisation  wie  der  heutigen  theoretisch  wohl  besser  als
bisher  behandeln.  Theorie,  gegenwärtige  Wirklichkeit,  Geschichte ­
  und  Prophetie  würden  so  einander  befruchtend  durchdringen.
Da  die  Systematik  der  Kriegswirtschaftsieh  re  ii)  bereits
zur  Diskussion  gestellt  ist,  möchte  ich  für  eine  ausgiebige  Pflege  der  durch
die  Naturalrechnung  geleiteten  Betrachtungsweise  vor
allem  in  den  theoretischen  Abschnitten  eintreten.  Ich  glaube
im  obigen  zur  Genüge  gezeigt  zu  haben,  daß  eine  eingehendere  Behandlung
der  Naturalrechnung  und  der  Naturalwirtschaftslehre  die
Kriegswirtschaftslehre  wesentlich  fördern  würde,  selbstverständlich
auch  das  Ganze  der  Volkswirtschaftslehre,  welche  durch  all  diese  Wandlungen
der  Betrachtungsweise  mit  neuem  Leben  erfüllt  werden  dürfte.  Dann  wäre  die
volkswirtschaftliche  Theorie  derart  befreit  von  überkommenen  Schranken,  daß
sie  die  kriegswirtschaftlichen  Fragen  innerhalb  der  eigenen  Begriffswelt  restlos
behandeln  könnte.  Eine  Kriegswirtschaftslehre  als  Sonderdisziplin  würde  aber
als  Zusammenfassung  für  praktische  Zwecke  auch  dann  noch  ihren  Wert  behalten. ­
  Heute  muß  sie  aber  Fragen  erörtern,  welche  die  allgemeine  Volkswirtschaftslehre ­
  recht  unzureichend  behandelt  hatte.  Wenn  man  einmal  mit
einer  Naturalwirtschaftstheorie  Ernst  macht,  gewinnt  eine  Menge  von  wertvollen ­
  Betrachtungen  erhöhte  Bedeutung,  die  bisher  gerne  beiseite  geschoben
wurden,  weil  man  sie  nicht  systematisch  zu  verwerten  wußte.  Die  Autoren
werden  danach  eingeteilt  werden  können,  ob  sie  die  Naturalrechnung  berücksichtigten ­
  oder  aber  nicht.  Derartige  Wirkungen  der  Systematik  sind  ja
immer  von  besonderer  Tragweite  in  der  Geschichte  aller  Wissenschaften  gewesen. ­
  Die  Systematik  sichert  bestimmten  Anschauungsweisen  eine  ausgiebige
Würdigung,  während  sie  andere  vernachlässigt.  Jede  Ausweitung  der  Systematik, ­
  die  eine  größere  Zahl  von  Anschauungsweisen  noch  einzugliedern  vermag, ­
  ist  wohl  als  Fortschritt  anzusehen,  wenn  sie  logisch  einwandfrei  ist.
Es  wäre  sicherlich  eine  der  Theorie  würdige  Aufgabe,  die  Naturalwirtschaft ­
  erforscht  zu  haben,  noch  ehe  vielleicht  die  Wirklichkeit  der  Großnatural
  Wirtschaft  in  noch  umfassenderem  Maße  als  bisher  zum  Durchbruch ­
  verhilft.  Am  meisten  dient  die  Theorie  der  Praxis  dann,
wenn  sie  in  gewissem  Sinne  wirklichkeitsfremd  ist;  der
Wirklichkeit  auch  vorauseilt,  nicht  nur  ihr  nachfolgt.

11)  Vergl.  Georg  v.  Mayr,  Volkswirtschaft,  Weltwirtschaft,
Wirtschaft  1915,  S.  28  ff.

Kriegs-
        <pb n="194" />
        183

XI.
Großvorratswirtschaft  und  Notenbankpolitik.
(1917.)
Die  geldwirtschaftlichen  Einrichtungen  sind  dadurch  charakterisiert,  daß
sie  irgendwie  mit  Geldzahlungen  Zusammenhängen,  d.  h.  mit  der  Übertragung
mannigfachster  Dinge  und  Leistungen,  ohne  daß  im  Augenblick ­
  der  Erwartungsübertragung  die  Menge  und  Art  der  zu  erwartenden  Dinge
und  Leistungen  bestimmt  wäre.  Die  naturalwirtschaftlichen  Einrichtungen  sind
dadurch  charakterisiert,  daß  sie  mit  bestimmten  Leistungen  und  Dingen  rechnen,
sei  es,  daß  diese  unmittelbar  verwaltet  werden,  oder  daß  Anweisungen  auf
bestimmte  Mengen  oder  Anteile  von  näher  bestimmten  Dingen  und
Leistungen  eine  Rolle  spielen.  Zwischen  diesen  Formen  gibt  es  allerlei
Übergänge.  Insbesondere  müssen  wir  den  Fall  ins  Auge  fassen,  daß  die  Mannigfaltigkeit ­
  der  Auswahl,  welche  für  die  Anweisungen  in  Frage  kommt,  verschieden ­
  groß  sein  kann.  Man  wird  daher  keine  strenge  Scheidung  in  Geldwirtschaft ­
  und  Naturalwirtschaft  vornehmen  können.
Wenn  wir  eine  Zunahme  der  Naturalwirtschaft  annehmen,  so  meinen  wir
damit,  daß  die  Anweisungen  auf  unbestimmte  Arten  von  Dingen  und  Leistungen ­
  eine  geringere  Rolle  als  früher  spielen.  Von  Naturalwirtschaft  im
gegenwärtigen  Zeitalter  zu  sprechen,  widerstrebt  vielen,  weil  sie  die  Naturalwirtschaft ­
  als  eine  primitive  Organisationsform  ansehen  und  wohl  gar  der
Hauswirtschaft  gleichsetzen.  Dazu  besteht  aber  keine  Veranlassung.  Wir
wollen  Naturalwirtschaften  aller  Stufen  unterscheiden  und  neben  naturalen
Staatswirtschaften  auch  eine  Weltwirtschaft  auf  naturaler  Grundlage  in  Erwägung ­
  ziehen.  Jedenfalls  wollen  wir  von  der  Stufenfolge  Naturalwirtschaft,
Geldwirtschaft,  Kreditwirtschaft  absehen.  Um  die  Tatsachen  von  diesem  Standpunkt ­
  aus  vollkommen  beschreiben  zu  können,  bedarf  es  eigentlich  einer  neuen
Namengebung.  Im  folgenden  wollen  wir  uns  darauf  beschränken,  den  Begriff
der  Kauf  breite  des  Geldes  neu  einzuführen  und  ihn  der  K  a  u  f  -
stärke  gegenüberzustellen.  Wir  sagen  von  einer  Geldsumme,  ihre  Kaufbreite ­
  sei  unbeschränkt,  wenn  man  für  sie  Waren  aller  Art  kaufen  kann,
wir  sagen,  ihre  Kaufbreite  sei  beschränkt,  wenn  man  für  sie  bestimmte  Waren
nicht  kaufen  kann.  Kann  man  für  eine  bestimmte  Geldsumme  nur  eine
Warenart  kaufen,  so  ist  das  Geld  zu  einer  Naturalanweisung  geworden,  welche
aber  nach  Geldeinheiten  berechnet  erscheint.  Wenn  man  für  dieselbe  Geldmenge ­
  mehr  Stück  einer  Ware  kaufen  kann  als  vorher,  so  wollen  wir  sagen,
die  Kaufstärke  des  Geldes  gegenüber  dieser  Ware  ist  gestiegen.  Der
übliche  Ausdruck  Kaufkraft  bezieht  sich  im  allgemeinen  auf  das  Verhalten  des
Geldes  der  Warengesamtheit  gegenüber.
ln  der  gegenwärtigen  Kriegswirtschaft  begegnen  wir  der  Naturalwirtschaft ­
  an  mehr  als  einer  Stelle.  Vor  allem  zeigt  sie  sich  auf  dem  Gebiete  des
Tauschhandels,  im  Großverkehr  ebenso  wie  im  Kleinverkehr.  Man  erhält ­
  für  einzelne  Zigarren  Mehl,  für  Waggons  Kohle  unter  Umständen  Waggons
Sauerkraut.  Die  Preisbildung  findet  dabei  meist  in  der  Weise  statt,  daß  Geldpreise ­
  zugrunde  gelegt  werden,  teils  in  der  Weise,  daß  eine  freie  Preisbildung
erfolgt.  Gelegentlich  ist  der  Naturaltausch  auch  behördlich  organisiert  worden,
indem  die  Abgabe  von  Sperrartikeln,  wie  Petroleum,  Zucker  usw.,  an  die  Ablieferung ­
  gewisser  Mengen  von  Butter,  Eiern  und  dergleichen  mehr  gebunden
wurde.  Manche  Waren  nehmen  insoferne  eine  bevorzugte  Stellung  ein,  als
man  für  sie,  so  häufig  für  Tabak,  in  gewissen  Gebieten  mannigfache  Dinge
erhalten  kann.
        <pb n="195" />
        184

Es  spielt  aber  nicht  nur  der  Tausch  von  Waren  gegen  Waren,  sondern
auch  jener  von  Waren  gegen  Leistungen  eine  erhebliche  Rolle.  Man
sieht,  wie  immer  häufiger  der  Arbeitslohn  in  Naturalien  ausbezahlt  wird,  oder
der,  welcher  den  Geldlohn  auszahlt^  sofort  für  das  Geld  Naturalien  liefert.
Auch  Behörden  geben  in  dieser  Weise  Lebensmittel  und  andere  Dinge  an  ihre
Beamten  ab,  und  es  ist  sogar  der  Vorschlag  aufgetaucht,  einen  Teil  der  Beamtengehälter ­
  überhaupt  in  Naturalien  auszuzahlen.
Aut  dem  Gebiete  des  Außenhandels  bedeutet  die  Ausbreitung  des  Kompensationsverkehrs, ­
  mit  dessen  Erweiterung  in  der  Zukunft  gerechnet
werden  muß,i)  eine  Erweiterung  der  Naturalwirtschaft.  Es  findet  zwar  eine
Bezahlung  der  Waren  beiderseits  in  Geld  statt,  aber  mit  der  Geldzahlung  ist
gleichzeitig  die  Ablieferung  von  Naturalien  verbunden,  da  der  eine  Staat
z.  B.  Getreide  nur  dann  hinausläßt,  wenn  Kohle  hereinkommt.  Wenn  daher
für  Kohle  Geld  hereinkommt,  so  ist  es  keine  Anweisung  auf  beliebige  Warengattungen, ­
  weil  dieses  Geld  sofort  für  das  Getreide  abgegeben  werden  muß,
dessen  Verkauf  mit  dem  der  Kohle  untrennbar  verbunden  erscheint.  Selbst
wenn  die  Person,  welche  Kohle  verkauft,  mit  jener,  welche  Getreide  kauft,
nicht  zusammenfällt,  ist  doch  durch  die  staatliche  Intervention  die  Verbindung
beider  Geschäfte  bewirkt.
Die  Kauf  breite  des  Geldes  ist  im  zwischenstaatlichen
Verkehr  erheblich  verringert  worden,  weil  es  wenige  Waren  gibt,  welche
nicht  Ausfuhrverboten  unterliegen,  die  im  allgemeinen  nur  durch  Kompensationsabmachungen ­
  durchbrochen  werden.  Ja,  viele  Ausfuhrverbote  werden  zu
dem  Zwecke  erlassen,  um  Kompensationsmittel  in  die  Hand  zu  bekommen.  Im
innerstaatlichen  Verkehr  ist  die  Kaufbreite  des  Geldes  durch  alle
Arten  von  Rationierung  beschränkt  worden,  so  daß  heute  mit  einer  allgemeinen ­
  Verringerung  der  Kaufbreite  des  Geldes  gerechnet
werden  muß.  Diese  Verringerung  der  Kaufbreite  wird  wohl  auch  in  der  Übergangswirtschaft, ­
  vielleicht  sogar  späterhin  eine  gewisse  Rolle  spielen,  wenn
es  dazu  kommen  sollte,  daß  ein  aut  Naturalrechnung  aufgebauter  Wirtschaftsplan ­
  für  die  Maßnahmen  der  Verwaltungswirtschaft  ausschlaggebend ­
  sein  sollte.
Diese  Veränderungen  können  auf  die  Geldordnung  nicht  ohne  wesentlichen
Einfluß  bleiben.  In  der  völlig  freien  Verkehrswirtschaft  hängt  die  Frage,
ob  jemand  eine  Sache,  die  er  brauchen  kann,  kauft  oder  nicht,  nur  von  den
Preisverhältnissen  ab.  In  der  überlieferten  Geldwirtschaft  gab  es  aber  immer
daneben  Fälle,  in  denen  auch  noch  andere  Umstände  in  Frage  kamen.  So
konnte  in  vielen  Ländern  nicht  jeder  beliebige  Mensch  eine  Apotheke  kaufen.
Er  mußte  vielmehr  gewisse  Bedingungen  erfüllen.  Aber  solche  Einschränkungen ­
  der  Wahlfreiheit  waren  für  den  Geldbesitzer  so  selten,  daß  man  von
der  Kaufbreite  zu  sprechen  gar  nicht  notwendig  hatte.  Anders  heute,  wo  die
Kaufbreite  uns  überall  vor  Augen  geführt  wird,  wo  gewisse  Menschen  zu
niedrigen  Preisen  eine  Ware  bekommen,  während  andere  sie  zu  den  höchsten
nicht  erhalten  können.  Diese  Erscheinungen  werden  nun  vielfach  so  beschrieben, ­
  als  ob  es  sich  um  Veränderungen  innerhalb  der  Geldordnung,
nicht  um  solche  der  Geldordnung  selbst  handle.
Daß  ein  solcher  Wandel  eingetreten  ist,  beweist  die  Tatsache,  daß
Schweden  Gold  Zahlungen  in  Verbindung  mit  währungspolitischen  Vorgängen
ablehnte,  oder  daß  Bauern  Geld  Zahlungen  ablehnten.  Wäre  die  Geldordnung
unverändert  geblieben,  so  könnte  der  äußerste  Mangel  keinen  Anlaß  bieten,
Geldzahlungen  irgendwelcher  Art  abzulehnen,  sondern  nur  dazu  führen,  daß
die  Preise  bis  zum  äußersten  an  steigen.  Schweden  würde  dann  eben  für  seine
Waren  sehr  viel  Gold,  die  Bauern  innerhalb  des  Staates  sehr  viel  Noten  oder
Metallgeld  fordern.  Die  Forderung  sofortiger  Zahlung  eines  naturalen  Gegenwertes ­
  ist  ein  Ergebnis  der  Rationierung,  der  Ausfuhrverbote,  kurzum  aller
Erschwerungen,  die  Waren  für  Geld  erhalten  zu  können,  welche  man  benötigt.
Otto  Neurath,  Die  Naturalwirtschaftslehre  und  der  Naturalkalkul
in  ihren  Beziehungen  zur  Kriegswirtschaftslehre.  Weltwirtschaftliches  Archiv,
Oktober  1916,  S.  254  f.  Robert  Liefmann,  Geld  und  Gold,  1916,  S.  230.
        <pb n="196" />
        185

Man  drückt  dies  vielfach  so  aus,  daß  man  von  einer  „Verschlechterung  der
Valuta“  spricht.  Diese  Formulierung  ist  aber  ungenau  und  läßt  das  Charakteristische ­
  nicht  deutlich  genug  hervortreten.
Ein  einfaches  Beispiel  möge  dies  beleuchten,  ln  einem  Staate  hätte
jeder  ein  Geldeinkommen  von  100  Kronen,  für  das  er  sich  10  Stück  der  einzig
vorhandenen  Warengattung  zum  Preise  von  je  10  Kronen  kaufen  möge.  Wenn
die  Menge  der  Geldzeichen  verdoppelt  wird,  könnte  es  wohl  Vorkommen,  daß
die  Preise  auf  das  Doppelte  steigen  und  die  Naturaleinkommen  unverändert
bleiben.  Man  würde  dann  wohl  sagen,  die  Kaufkraft  des  Geldes  und  damit
der  Geldeinkommen  sei  auf  die  Hälfte  gesunken.  Denken  wir  uns  aber  nun
den  Fall,  die  Ware  werde  rationiert,  jedem  werde  eine  Ration  von  10  Stück
zugebilligt  und  gleichzeitig  der  Höchstpreis  mit  5  Kronen  festgesetzt.  Jeder
kann  sich  nun  für  50  Kronen  von  seinen  100  Kronen  Geldeinkommen  10  Stück
der  Ware  wie  bisher  kaufen,  der  Rest  von  50  Kronen  würde  in  diesem  erdachten ­
  Fall  unverwendbar  bleiben  —  ein  Fall,  den  die  Verkehrswirtschaft
der  freien  Konkurrenz  nicht  kennen  kann.  1st  dies  nun  eine  „Valutaverschlechterung“ ­
  im  alten  Sinne?  Doch  wohl  nicht.  Die  Kaufkraft  des  halben
Einkommens  ist  auf  das  Doppelte  gestiegen  und  die  Kaufkraft  der  anderen
Einkommenshälfte  auf  den  unendlichsten  Teil  gesunken.  Daß  aber  dasselbe
Geld  innerhalb  derselben  Wirtschaft  mehrere  Kaufkräfte  haben  kann,  ist  in
der  bisherigen  Theorie  nicht  vorgesehen.  Wir  dürfen  das  so  ausdrücken
können  :  Die  Kaufbreite  eines  Teiles  des  Geldeinkommens  wurde  auf  Null
heruntergesetzt,  während  die  Kaufbreite  eines  anderen  Teiles  bei  verdoppelter
Kaufstärke  unverändert  blieb.
Ähnliches  geht  nun  heutzutage  vor  sich,  nur  daß  dies  nicht  so  deutlich
sichtbar  wird,  weil  die  Kaufbreiteneinschränkungen  in  jenen  Teilen  der  Geldeinkommen, ­
  welche  frei  bleiben,  in  der  Form  von  Kaufkraftverringerungen
sichtbar  werden.  Wir  müssen  uns  eben  daran  gewöhnen,  daß  innerhalb  desselben ­
  Geldeinkommens  die  Geldstücke  verschiedene  Kaufbreite  und  auch  verschiedene ­
  Kaufstärke  haben  können.  So  kann  es  Vorkommen,  daß  Marmelade
auf  Karten  gekauft  billiger  ist,  als  ohne  Karten  gekaufte  Marmelade.  Daß  dasselbe ­
  Geldstück  verschiedene  Kaufkraft  haben  kann,  je  nach  dem  Einkommen,
innerhalb  dessen  es  sich  befindet,  mag  auch  erwähnt  werden.  So  zahlt  etwa
der  Wohlhabende  bei  einer  Preisstaffelung  nach  dem  Einkommen  für  dieselbe
Ware  mehr  als  der  Arme.  Manchmal  kann  diese  verschiedene  Kaufstärke  im
Hinblick  auf  einen  Gegenstand  mit  einer  verschiedenen  Kaufbreite  Hand  in
Hand  gehen,  wenn  z.  B.  Schwerarbeiter  nicht  nur  billiger,  sondern  auch  reichlicher ­
  Fleisch  zubemessen  erhalten.  Wir  sehen,  wie  die  Lehre  von  den
Anweisungen  auf  Dinge  aller  Art  —  die  Geldlehre  —  mit
der  Lehre  von  den  Anweisungen  auf  bestimmte  Dinge  eng
verbunden  werden  muß,  um  die  Erscheinungen  der  Gegenwart  voll  würdigen
zu  können.  Allmählich  wird  man  ja  so  weit  kommen,  die  Mystik  des  Geldes
aufzugeben  und  das  Geld  wie  Brot-  und  Fleischmarken  als  ein  schlichtes
Werkzeug  anzusehen.  Vielleicht  wird  man  seine  Wirksamkeit  dann  auch  besser
verstehen  als  bisher.  Es  wäre  denkbar,  daß  man  die  Wirksamkeit  der  Geldordnung ­
  erst  dann  voll  kennen  wird,  bis  sie  in  der  überlieferten  Form  gar
nicht  mehr  besteht.  Die  Geldtheorie  würde  so  zu  einem  Treppenwitz  der  Wirtschaftslehre. ­

Wir  sehen  schon  aus  dem  Bisherigen,  daß  man  von  dem  überlieferten
Begriff  „Kaufkraft  des  Geldes“  nicht  so  ohne  weiteres  Gebrauch  machen
kann.  Es  kann  eine  wesentliche  Erhöhung  der  Kaufstärke  im  Hinblick  auf
gewisse  rationierte  Artikel  eintreten  und  im  Hinblick  auf  andere  Artikel  eine
Erniedrigung,  ja  ein  Versagen  der  Kauffähigkeit  überhaupt,  was  nach  außen
bin  nach  Ansicht  vieler  einen  peinlichen  Eindruck  macht  und  den  Gedanken
an  einen  Zusammenbruch  der  Währung  nahelegt.  Es  ist  klar,  daß  eine  Erhöhung ­
  der  Beamtengehälter  ohne  Veränderung  der  Rationierungsbestimmungen
leicht  zu  einer  starken  Preissteigerung  der  frei  erhältlichen  Waren  führt,  so
daß  der  Zweck  der  Geldeinkommenserhöhung  vereitelt  wird.  Es  fragt  sich
aber,  ob  man  nur  die  beiden  Möglichkeiten  hat,  entweder  die  Geldeinkommen ­
  niedrig  zu  lassen  und  damit  auch  die  Realeinkommen,  oder  die
        <pb n="197" />
        18Ö

Geldeinkommen  zu  erhöhen,  ohne  letztlich  die  Realeinkommen  wesentlich  beeinflussen ­
  zu  können.  Der  Einfluß  auf  die  Geldordnung  ist  eben  immer
nur  am  Rande  möglich,  während  der  Automatismus  des  Marktes  sein  Spiel
treibt,  unbekümmert  um  solche  Geldeinkommenserhöhungen.  Dies  kam  ja
im  ehernen  Lohngesetz  und  verwandten  Betrachtungen  deutlich  genug  zum
Ausdruck.
Wir  sehen  aber,  wie  solche  Eingriffe  auf  dem  Wege  der  Verwaltungswirtschaft ­
  mit  erheblichem  Erfolg  möglich  sind.
Die  Preisstaffelung  ist  ein  solcher  Eingriff,  der  darauf  beruht,  den
einheitlichen  Markt  zu  zerlegen  und  die  Kaufbreite  des  Geldes  auf  bestimmten
Gebieten  einzuschränken.  Das  Geld  des  reichen  Mannes  kann  das  Fleisch  des.
Armen  nicht  kaufen,  welches  weniger  kostet.  Dies  setzt  voraus,  daß  die  freie
Warenbewegung  aufgehoben  ist,  daß  die  Ware  vom  Armen  nicht  zum  Reichen
wandert.  Mit  diesen  und  ähnlichen  Bestimmungen,  die  sich  auf  die  Zuweisung
von  Kohle  an  Industriebetriebe  beziehen  mögen,  wobei  etwa  die  weniger  zahlungskräftige ­
  Industrie  reichlicher  und  billiger  Kohle  erhalten  kann,  wenn  dies
def  Verwaltungszentrale  gut  scheint,  wird  freilich  eine  ganze  Reihe  von  Begriffen ­
  erschüttert.  Der  Begriff  des  Volksvermögens  ebenso  wie  jener
des  Volkseinkommens  gerät  ins  Schwanken,  weil  es  keinen  einheitlichen
Preis  für  die  einzelnen  Dinge  mehr  gibt,  weder  für  denselben  Ort,  noch  für
denselben  Menschen.  Ohne  diese  Gedankengänge  weiter  zu  verfolgen,  sei
nun  die  Frage  gestellt,  wie  sich  dies  alles  innerhalb  der  Übergangswirtschaft
geltend  machen  kann.
Wenn  die  Übergangswirtschaft  eine  in  erheblichem  Ausmaße  planmäßige ­
  Verwaltungswirtschaft  aufweisen  wird,  dürfte  die  Verteilung  der  Waren
durch  die  Zentralstellen  in  erheblichem  Maße  beeinflußt  werden  ;  sie  werden
wohl  auch  den  Laderaum  der  Wasser-  und  Landtransportmittel  vergeben.  Da
die  Neigung  bestehen  dürfte,  die  Verpflegung  der  Bevölkerung  durch  monopolartige ­
  Gebilde  zu  sichern  und  vor  allem  vor  zu  starken  Schwankungen  zu
sichützen,  da  weiters  das  Bestreben  vorhanden  sein  dürfte,  Vorräte  aller  Art
sicherzustellen,  über  die  fallweise  verfügt  werden  kann,  so  liegt  die  Schaffung
einer  Groß  Vorrats  Wirtschaft  nach  Ansicht  mancher  nicht  mehr  ferne.
Eine  Großvorratswirtschaft  dürfte  sich  aber  nicht  nur  unter  dem  Gesichtspunkte ­
  der  Verteilung,  sondern  auch  unter  dem  der  Sparsamkeit  empfehlen.
Ein  zentraler  Vorrat  kann  wesentlich  kleiner  sein  als  die  Summe  zahlloser
kleiner  Vorräte  der  Einzelunternehmungen,  deren  Übermaß  uns  die  Führung
des  Weltkrieges  lange  Zeit  ermöglicht  hat.  Wir  können  wohl  annehmen,  daß
die  Neigung  bestehen  wird,  Baumwolle,  Getreide,  Metalle  aller  Art  und  vieles
andere,  soweit  diese  Dinge  nicht  sofort  verarbeitet  werden,  in  zentralen  Lagern
zu  vereinigen  und  im  Namen  des  Staates  oder  großer  Verbände  zu  verwalten.
Diese  Großvorräte  würden  nun  in  sehr  verschiedener  Weise  Verwendung
finden  können.  Einerseits  würden  sie  dazu  dienen,  Ansprüche  der  Industrie,  die
sich  aut  gewisse  Rohstoffe  erstrecken,  fallweise  zu  befriedigen,  anderseits  aber
auch  dazu,  Lebensmittel  bereitzustellen,  die  etwa  die  vermehrte  Arbeiterschaft
eines  Industriebezirkes  benötigen  wird.  Denn  wenn  auch  nach  einigen  Jahren
mit  einem  erhöhten  Bodenertrag  zu  rechnen  ist,  so  kann  doch  einige  Jahre
Mangel  herrschen.  Es  ist  aber  nicht  ausgeschlossen,  daß  selbst  nach  Überwindung ­
  dieses  Mangels  das  Getreidemonopol  eine  zentrale  Verteilung  voraussetzt. ­
  Wenn  eine  Bank  einer  Industrie  Kredit  gewährte,  müßte  sie,  damit  dieser
Kredit  verwertbar  ist,  in  vielen  Fällen  gleichzeitig  die  Zuweisung  von  Rohstoffen, ­
  Lebensmitteln  und  derlei  mehr  seitens  der  Zentralen  durchsetzen.  Die
Geldbewilligung  fiele  daher  mit  der  Anweisung  von  bestimmten ­
  Warengattungen  zusammen.  Geld  würde  den  Industriellen ­
  vielfach  ebensowenig  nützen,  wie  in  einem  System  von  Lebensmittelkarten ­
  einem  Geld  nützt,  wenn  man  keine  Karten  hat.
In  ähnlicher  Weise  würden  die  Großvorräte  auch  auf  dem  internationalen
Markte  sich  geltend  machen.  Durch  einige  Zeit  nach  dem  Kriege  wird  sicherlich,
vielleicht  aber  auch  noch  späterhin  mit  Ausfuhr-  und  Einfuhrverboten  hantiert
werden,  Kompensationsabmachungen  werden  in  Kraft  sein  ;  Baumwolle,  Kupfer,
Kalisalze,  Farbstoffe,  Getreide  und  manches  andere  wird  einen  beliebten  Gegen-
        <pb n="198" />
        187

stand  internationaler  Abmachungen  bilden.  In  den  Handelsverträgen  dürften
solche  Kompensationsabmachungen  einen  erheblichen  Raum  einnehmen  und  die
Bedeutung  der  Zollsätze  verringern  ;  es  ist  auch  anzunehmen,  daß  sie  bereits
in  den  Friedensabmachungen  auftreten  werden,  insbesondere  dort,  wo  sich
Staaten  gewisse  Rohstoffe  dauernd  sichern  wollen.  Stellt  man  sich  aber  die
Folgen  einer  solchen  Kompensationspolitik  vor,  so  sieht  man,  daß  die  Abgabe ­
  einer  Devise  einem  Importeur  wenig  nützt,  wenn  er  nicht  gleichzeitig ­
  das  Ergebnis  der  Kompensationsverhandlungen  in  Form  der  AusfuhrerlaubnisausdemfremdenStaat,der
  Einfuhrerlaubnis
nach  dem  eigenen  Staat,  die  aut  gewisse  Mengen  lautet,  zugewiesen
erhält.
Daß  das  Gold  künftig  entthront  werden  könne,  wird  von  manchen  ernstlich ­
  erwogen  ;  daß  es  sich  aber  vielleicht  sogar  um  eine  Beschränkung  des
Geldes  als  einer  Anweisung  auf  Waren  aller  Art  handeln  könne,  wird  nicht
im  selben  Ausmaß  in  den  Mittelpunkt  der  Betrachtung  gerückt.  Und  doch  ist
dies  wohl  das  Bedeutsamere.  Wir  stehen  möglicherweise  nicht  nur  vor  dem
Beginn  großer  Veränderungen,  sondern  bereits  mitten  in  ihnen  darin,  es  handelt
sich  vielleicht  nur  noch  darum,  dies  klar  zu  erkennen  und  dementsprechend
zu  handeln.  Die  Geldrechnung  würde  ja  durch  diese  Veränderungen  zunächst ­
  nicht  beeinträchtigt  werden  ;  es  würden  nur  Überweisungen  von  Geldeinheiten ­
  ohne  gleichzeitige  Überweisung  der  dazu  gehörigen  Warenmengen ­
  seltener  werden.  Vielleicht  führt  das  innerhalb  gewisser  Grenzen  sogar
dazu,  daß  die  Geldüberweisung  gar  nicht  gesondert  erfolgt,  sondern  daß  unmittelbar ­
  eine  Überweisung  von  Naturalien  oder  Anweisungen  auf  solche  stattfindet, ­
  die  aber  in  Geld  verrechnet  werden.  Die  Geldmenge  im  alten  Sinne
würde  dadurch  eingeschränkt  werden,  eine  Wirkung,  welche  insbesondere  für
den  Währungspolitiker  von  Bedeutung  werden  mag,  wenn  man  nämlich  daran
geht,  die  überkommene  Geldordnung  möglichst  schonend  der  neuen  Richtung
ain  zupassen.
Soweit  der  Übergang  zu  diesem  Zustand  im  Rahmen  der  Übergangswirtschaft ­
  stattfindet,  kann  dies  mit  einer  Verringerung  der  zirkulierenden ­
  Geldmenge  Hand  in  Hand  gehen,  worauf  viele  Währungspoliliker
Gewicht  legen  dürften.  Diese  Verringerung  ist  um  so  eher  möglich,  je  systematischer ­
  eine  eventuelle  Verbindung  zwischen  Kreditgewährung,  Devisenabgabe ­
  usw.  einerseits  und  der  Naturalienbewegung  anderseits  durchgeführt ­
  wird.  Wie  man  Geldzeichen  ersparen  kann,  zeigt  der  naturwirtschaftliche
Teil  der  Heereswirtschaft,  welche  als  eine  Art  Großnaturalwirtschaft  aufzufassen
ist.  Der  Soldat,  welcher  von  der  Armee  verpflegt  wird,  seine  Montur  faßt,
erhält  nicht,  wie  in  der  alten  Zeit,  eine  Geldsumme  ausbezahlt,  um  sich  dafür
bei  der  Armee  all  das  zu  kaufen,  sondern  es  wird  ihm  der  Bedarf  unmittelbar
zugewiesen  und  zum  Teil  nicht  einmal  geldmäßig  verrechnet.  Die  Monturmagazine ­
  führen  die  Montur  nach  Mengen,  welche  der  Abnützung  entsprechend
in  den  Büchern  in  natura  abgeschrieben  werden.  Würde  die  Armee  ihre  Umsätze ­
  ebenfalls  in  Geld  ausführen,  so  wäre  der  Geldbedarf  ein  noch  größerer,
ganz  gleich,  ob  es  sich  dabei  um  Noten  oder  Girogeld  handeln  sollte.  Umgekehrt ­
  können  wir  nun  Zusehen,  ob  wir  den  geldlosen,  nicht  nur  den  bargeldlosen ­
  Verkehr  —  zunächst  unter  Beibehaltung  der  Geldrechnung  —
auch  an  anderer  Stelle  einführen  könnten.
Das  Gesagte  genügt  wohl,  um  die  erforderliche  Fragestellung  ausreichend
zu  beleuchten.  Es  sei  aber  noch  darauf  hingewiesen,  daß  in  diesem  Rahmen  die
Einführung  der  Naturalsteuern  (vgl.  Herlt)  eine  sehr  ernsthaft  zu  erwägende ­
  Angelegenheit  wird,  zumal  dies  ein  Weg  wäre,  (die  Geldzirkulation  auf
dem  flachen  Lande  wesentlich  einzuschränken.  Dadurch  würde  eine  Reihe  von
Fragen  aufgerollt,  welche  insbesondere  mit  der  Abhängigkeit  handelsungewohnter ­
  Bauern  von  Geldgebern  in  Verbindung  stehen.  Im  internationalen  Verkehr ­
  würde  vielleicht  einmal  die  Entstehung  eines  internationalen  Warenclearings ­
  in  Frage  kommen.  Von  anderen  naturalwirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  sei  etwa  noch  die  Möglichkeit  erwähnt,  Naturalanlei  he  n  aufzunehmen, ­
  deren  Rückzahlung  in  Naturalien  erfolgen  könnte,  die  möglicherweise ­
  anderer  Art  als  die  entliehenen  sein  könnten.  Auch  hier  würden  gewisse
        <pb n="199" />
        Erscheinungen  sich  umgestalten,  die  wir  schon  im  Frieden  kennen,  wenn  nämlich
die  Gewährung  von  Anleihen  in  Geld  mit  sofortiger  ¿Warenlieferung  für  das
Geld  seitens  des  Gläubigers  verbunden  ist.
Diese  naturalwirtschaftliche  Strömung  regt  jetzt  allmählich  dazu  an,  die
vorhandenen  Geldeinrichtungen  irgendwie  näher  mit  den  sachlichen  Verhältnissen ­
  in  Beziehung  zu  setzen.  Vor  allem  kommt  auch  die  Umgestaltung  des
Notenbankwesens  in  Frage,  zumal  auf  diesem  Gebiete  sich  der  überlieferungsmäßige ­
  Charakter  unserer  Geldordnung  besonders  deutlich  ausdrückt.  Liefmann
  zieht  zum  Beispiel  die  Umwandlung  der  Golddeckung  in  eine  Naturaldeckung ­
  in  Erwägung,  womit  der  Anschluß  an  Gedanken  Laws  und  anderer
gewonnen  wird,  welche  ebenfalls  die  naturale  Notendeckung,  wenn  auch  zum
Teil  eine  Deckung  durch  Grundstücke,  nicht  durch  Waren  ins  Auge  faßten.
Vom  hier  vertretenen  Standpunkte  aus  hat  die  Golddeckung  als  Notendeckung
keine  unmittelbare  Bedeutung,  da  sie  wohl  nur  als  Saldoreserve  aüfgefaßt
werden  kann,  welche  größere  Schwankungen  der  Zahlungsbilanz  ausgleichen
hilft.  Es  hätte  mehr  Sinn  gehabt,  den  Goldvorrat  mit  der  Zahlungsbilanz  als
mit  dem  Notenumlauf  in  Verbindung  zu  setzen.  Faßt  man  aber  die  Goldreserve
als  Reserve  im  Interesse  der  Zahlungsbilanz  auf,  dann  würde  sie  überflüssig,
wenn  man  die  internationale  Zahlungsbilanz  durch  Warentausch  entsprechend
regeln  könnte.  Der  naturalwirtschaftliche  Zug  des  nationalen  und  internationalen
Handels,  den  wir  oben  anzudeuten  versuchten,  verlangt  zwar  eine  enge  Beziehung ­
  zwischen  den  Großvorräten  und  der  Kreditgewährung,  Devisenabgabe ­
  usw.,  die  so  weit  gehen  kann,  daß  Geld  allein  ohne  gleichzeitige  Sicherung
von  Sachbewegungen  seine  Bedeutung  verliert,  macht  aber  keine  Notendeckung
erforderlich.  Dennoch  mag  man  diese  Form  für  angemessen  finden,  um  einen
Übergang  herzustellen  und  die  in  Geldsachen  so  wenig  einsichtsvolle  Menge
seelisch  zu  beruhigen.  Dabei  darf  man  freilich  nicht  aus  dem  Auge  verlieren,
daß  Waren  als  bloße  Saldoreserve  nicht  unbedenklich  sind,  wenn  nicht  durch
umfassendere  Abmachungen  der  Absatz,  insbesondere  auf  dem  internationalen
Markt,  gesichert  ist.  Denn  die  Eigenschaft  des  Goldes,  jederzeit  absetzbare
Ware  zu  sein,  kann  nicht  ohne  weiteres  ersetzt  werden,  wenn  nicht  über  die
früher  üblichen  Handelsbeziehungen  hinaus  Kompensationsverträge  eine  größere
Rolle  spielen.
Überhaupt  muß  man  bei  den  Erwägungen  praktischer  Natur  —  wobei
wir  eine  Reihe  weiterer  Probleme,  so  solche  der  Produktion  und  des  Absatzes,
gar  nicht  berühren  —  sich  darüber  klar  sein,  daß  alle  diese  Vorschläge,  welche
natural  gedeckte  Noten  betreffen,  ihre  besondere  Bedeutung  durch  die  umgebenden ­
  Wirtschaftseinrichtungen  erhalten.  Allzu  leicht  nimmt  man  an,  daß
man  die  Geldordnung  zu  beherrschen  wisse,  was  aber  nicht  der
Fall  ist.  Zu  einer  Zeit,  da  die  absolute  Kontingentierung  des  Notenumlaufes
wohl  schon  ausreichend  theoretisch  verworfen  war,  hat  Leonhardt  im  Hinblick
auf  die  österreichisch-ungarische  Bank  einmal  die  bedeutsamen  Worte  ausgesprochen, ­
  welche  die  Lage  des  Praktikers  nicht  übel  kennzeichnen;  „Hatte
die  absolute  Begrenzung  der  Notenemission  auch  zunächst  den  Zweck,  eine
Korrektur  gegen  eine  zu  willige  und  zu  weitgehende  Kreditgewährung  der
Bank  zu  sein,  so  gab  sie  doch  auch  der  aufmerksam  und  sorgsam  prüfenden
Verwaltung  der  Bank  einen  Rückhalt,  der  ihr  in  manchen  Fällen  ihre  ablehnende ­
  Flaltung  erleichterte.  Eines  solchen  Rückhaltes  zu  entbehren,  dürfte
auch  nicht  in  dem  Wunsch  einer  künftigen  Bankverwaltung  sein.“  Solange  man
nicht  den  innigen  Zusammenhang  zwischen  Geld-  und  Sachbewegung  schafft,
wie  er  oben  angedeutet  wurde,  scheint  die  konservative  Stellungnahme  der
Notenbank  durchaus  verständlich.  Sie  ist  um  so  begreiflicher,  als  ja  das
Vertrauen  mancher  Reformer  zur  Einsicht  einer  Staatsverwaltung  oder  eines
Parlaments  doch  wohl  etwas  zu  weit  geht.
Wir  sind  nicht  imstande,  angeben  zu  können,  welches  die  „richtige  Geldmenge“ ­
  für  Kredit-  und  Zirkulationszwecke  ist.  Alle  bisherigen  Versuche,
diese  Menge  anzugeben,  sind  gescheitert.  Sie  müssen  auch  scheitern,  weil  eben
das  Geld  nicht  beherrscht  werden  kann.  Vielleicht  ist  diese  Nichtbeherrschbarkeit ­
  der  Zirkulation,  deren  Geschwindigkeit  zum  Beispiel  sich  jeder
Regelung  entzieht,  die  Ursache,  weshalb  eine  Unsicherheit  dem  Gelde  gegenüber
        <pb n="200" />
        189

seit  jeher  zu  bemerken  ist.  Die  Beherrschbarkeit  des  Geldes  würde  aber  das
Ende  der  freien  Verkehrswirtschaft  bedeuten,  sie  würde  dazu  führen,  daß  man
ein  klares  Bild  von  der  Bewegung  der  Dinge  und  Leistungen  erhielte  und
die  Geldbewegung  mit  dieser  aufs  engste  verknüpft  wäre.  Der  bargeldlose
Zahlungsverkehr  arbeitet  einer  solchen  Entwicklung  insoferne  vor,  als
er  dazu  beiträgt,  die  Beherrschung  des  Geldes  zu  erhöhen,  insbesondere ­
  sein  Ausströmen  ins  Ausland  und  sein  Hereinströmen  genau  zu  erfassen,
aber  auch  den  inneren  Verkehr  genau  kennen  zu  lernen.  Es  scheint  daher  eine
Reform,  welche  nur  darauf  aus  ist,  in  der  im  ganzen  unveränderten  Geld-  und
Kreditordnung  die  Golddeckung  durch  eine  Naturaliendeckung  zu  ersetzen,
nicht  unbedenklich  zu  sein,  während  sie  als  Teil  einer  umfassenderen ­
  Maßnahme  wohl  bedeutsam  werden  kann.
Sollte  die  Entwicklung  ungefähr  den  von  uns  angedeuteten  Weg  nehmen,
dann  hat  die  Auffassung  vom  Geld  in  den  letzten  drei  Jahrhunderten  drei
große  Perioden  erlebt.  Einst  war  das  Geld  ein  Hilsmittel,  um  die  vorhandenen ­
  produktiven  Kräfte  zu  beleben  und  miteinander  zu  verknüpfen.  Die
Vertreter  der  Geldwirtschaft  priesen  das  Geld  als  ein  Werkzeug,  welches  den
Reichtum  des  Landes  durch  seine  Vermehrung  vermehre.  Dann  wurde  das
Geld  mehr  als  Tauschmittel  aufgefaßt;  es  sollte  einen  Austausch  erleichtern,
der  in  ähnlicher  Weise  ohne  dasselbe,  wenn  auch  wesentlich  unzweckmäßiger,
hätte  stattfinden  können,  wobei  aber  die  Kaufkraft  des  Geldes  wesentlich  von
seiner  Menge  abhing.
Schließlich  würde  das  Geld  als  selbständige  Wesenheit  überhaupt  aus  der
Betrachtung  verschwinden  und  nur  noch  als  Recheneinheit,  gebunden  an  die
Dinge,  sein  Leben  weiterfristen,  bis  es  vielleicht  auch  diesen  Schatten  von
Wesenheit  einmal  verliert.  Wir  stehen  heute  mitten  in  einer  großen  Wandlung,
und  es  ist  uns  in  ähnlicher  Weise  wie  längst  vergangenen  Zeitaltern  wieder
einmal  vergönnt,  in  die  Werkstatt  der  sich  umformenden  Wirtschaftsordnung
hineinzublicken,  wo  Versuche  und  Bestrebungen  aller  Art  nebeneinander  bestehen,
bis  einmal  ein  Ergebnis  erzielt  wird,  das  späteren  Geschlechtern  als  geschlossene ­
  Einheit  entgegentritt.
        <pb n="201" />
        190

XII.
Grundsätzliches  über  den  Kompensationsverkehr
im  internationalen  Wa  enhandel.
(1917.)
1.  Kompensationsverkehr.
In  der  letzten  Zeit  melden  die  Zeitungen  unaufhörlich,  daß  neue  Exportund
  Import  Organisationen  verschiedenster  Art  gegründet  werden.  Dies
hängt  eng  mit  den  Friedensschlüssen  im  Osten  zusammen,  wird  doch  der  „gegenseitige ­
  Austausch  der  Warenüberschüsse''  ausdrücklich  im  Friedensvertrag  mit
der  Ukraine  hervorgehoben.  Neben  die  sonst  in  Friedensverträgen  üblichen
Handelsabmachungen,  die  sich  auf  Zollsätze  und  damit  Zusammenhängendes
beziehen,  tritt  nun,  mehr  oder  weniger  scharf  ausgesprochen,  die  Kompensationsabmachung, ­
  die  den  Austausch  bestimmter  Warenarten,
sowie  bestimmter  Warenmengen  vorsieht.  Da  sehr  vieles  dafür  spricht,
daß  der  internationale  Ko  mpensations  verkehr  zu  einem  üblichen
Instrument  der  Handelspolitik,  mindestens  auf  einige  Zeit,  werden  wird,  empfiehlt ­
  es  sich,  sein  Wesen  näher  zu  betrachten  und,  ohne  zu  ihm  Stellung  zu
nehmen,  ihn  als  Bestandteil  umfassenderer  Veränderungen  zu  begreifen.
2.  Kriegswirtschaft  und  Naturalwirtschaft.
Der  Kompensationsverkehr  im  internationalen  Warenhandel  gehört  zu  jener
Gruppe  von  Kriegserscheinungen,  die  man  am  zweckmäßigsten  als  naturalwirtschaftlich
  gerichtete  bezeichnet.  Um  Mißverständnisse  zu  vermeiden,
sei  hervorgehoben,  daß  unter  „N  at  uralwirtschaft"  in  diesem  Sinne  nicht
die  „geschlossene  Hauswirtschaft"  verstanden  wird,  sondern  jede  Wirtschaftsform, ­
  in  welcher  Abmachungen,  Leistungen  und  derlei  mehr  sich  auf  Mengen
und  Anteile  bestimmter  Art  beziehen,  während  in  der  Qeldwirtschaft
bei  den  Abmachungen  und  Leistungen  die  Art  der  Mengen  und  Anteile  unbestimmt ­
  bleibt.  In  der  Naturalwirtschaft  wird  etwa  einem  Beamten  eine  bestimmte ­
  Menge  Brot,  Kleiderstoff,  Wohnung  usw.  als  Gehalt  zugewiesen,
in  der  Geldwirtschaft  eine  bestimmte  Geldsumme,  das  heißt  der  Anspruch
aut  Dinge  verschiedenster  Art,  der  dann  durch  Vermittlung  des  Marktes
realisiert  wird.  Wir  kennen  in  der  Geschichte  des  Altertums  ganze  Staaten,
welche  naturalwirtschaftlich  verwaltet  wurden  ;  so  hat  man  im  ältesten  Ägypten
die  Steuern  in  Naturalien  eingehoben,  die  Beamtengehälter  in  Naturalien  ausbezahlt. ­
  Reste  solcher  naturalwirtschaftlichen  Einrichtungen  lebten  z.  B.  im
Zeitalter  Alexander  des  Großen  wieder  auf  ;  wir  treffen  in  Ägypten  einen  ausgebildeten ­
  Naturaliengiroverkehr  an,  welcher  dem  modernen  Geldgiroverkehr ­
  durchaus  an  die  Seite  gestellt  werden  kann.  Naturalwirtschaftliche
Einrichtungen  können  grundsätzlich  ebenso  auf  hauswirtschaftlichem,  wie  auf
volkswirtschaftlichem  und  weltwirtschaftlichem  Gebiet  wirksam  werden.  Dabei
kann  es  zu  einer  naturalen  Kreditwirtschaft  kommen  und  ein  naturalwirtschaftliches
  System  verwickeltster  Art  ausgebildet  werden.  Ist  der  Tausch  ausschlaggebend, ­
  so  sprechen  wir  von  einer  naturalen  Verkehrswirtschaft,
sind  die  Entscheidungen  staatlicher  oder  privater  leitender  Stellen  bestimmend,
dann  empfiehlt  es  sich,  von  naturaler  Verwaltungswirtschaft  zu
sprechen.  In  Kriegszeiten  hat  die  unmittelbare  Verfügungsgewalt  über
        <pb n="202" />
        191

Gegenstände  und  Leistungen  aller  Art  eine  so  überragende  Bedeutung,  daß
auch  in  Zeitaltern  entwickelter  geldlicher  Verkehrswirtschaft  im  Falle  großer
Kriege  stellenweise  Erscheinungen  der  Naturalwirtschaft  auftreten,  wenn  auch
andererseits  nicht  übersehen  werden  darf,  daß  gerade  große  Kriege  in  anderer
Richtung  die  Hauptförderer  der  Geldwirtschaft  sind.  In  welcher  Weise  die  Verfügung ­
  über  große  Warenmengen  den  Kompensationsverkehr  zwischen  den
führenden  Stellen  herausfordert,  möge  ein  Brief  Napoleon  I.  an  Bernadotte
vom  8.  August  1811  beweisen:  „Ich  werde  Ihnen  für  20  Mill.  Fres.  Kolonialwaren ­
  geben,  die  ich  in  Hamburg  habe.  Sie  geben  mir  für  20  Mill.  Fres.  Eisen.
Ich  brauche  in  Antwerpen  Eisen  und  habe  Überfluß  an  englischen  Kolonialwaren.“ ­
  Dieser  Brief  aus  den  Jahren  der  Kontinentalsperre  könnte  ebenso
heute  in  den  Jahren  der  Weltblockade  geschrieben  werden.  Tauschte  man
damals  Kolonialwaren  gegen  Eisen,  so  tauscht  man  heute  in  ähnlicher  Weise
Erz  gegen  Kohle  ein.  Die  Art  der  Waren  steht  im  Vordergrund,  die
Geldmenge  tritt  in  ihrer  Bedeutung  wesentlich  zurück  ;  im  Augenblick  der
Zahlung  ist  bereits  die  Gegenleistung  festgelegt.  Das  Geld  hat  eben  stellenweise ­
  seine  Eigentümlichkeit,  Anweisung  auf  beliebige  Waren  und  Leistungsarten ­
  zu  sein,  eingebüßt  —  seine  Kaufbreite  ist  eingeschränkt  ;  es  dient  mehr
dazu,  die  getauschten  Mengen  durch  Verwendung  einer  gemeinsamen  Skala
leichter  zu  bestimmen.
Die  Naturalwirtschaft  zeigt  sich  während  des  Weltkrieges  auf  vielen  Gebieten, ­
  wobei  sie  zum  Teil  auf  ganz  verschiedene  Ursachen  zurückgeht.  Die
Innen  Wirtschaft  kennt  heute  den  Tauschhandel,  nicht  nur  den
Tauschhandel  in  kleinem  Stil,  der  darin  besteht,  daß  Zigarren  gegen  Mehl  getauscht ­
  werden,  sondern  auch  den  Tauschhandel  in  großem  Stil,  der  darin
besteht,  daß  z.  B.  Kohlengruben  Kohle  waggonweise  abgeben,  um  waggonweise ­
  Sauerkraut  für  ihre  Arbeiter  zu  erhalten.  Rohstoffe  aller  Art  werden
so  gegen  Fertigfabrikate  beschafft  ;  man  kann  übrigens  auch  die  Beschaffung
von  Lebensmitteln  für  die  Arbeiter  zur  Beschaffung  von  Produktionsrohstoffen
zählen.  Diese  Art  der  Lebensmittelbeschaffung  bringt  es  mit  sich,  daß  der
Naturallohn  heute  wieder  eine  große  Rolle  spielt.  Bleibt  auch  die  Form
des  Geldlohns  erhalten,  so  liegt  doch  in  Wirklichkeit  Naturallohn  vor,  wenn
die  Fabrik  den  Arbeitern  vertragsmäßig  für  ihren  Geldlohn  Naturalien  zu
bestimmten  Preisen  in  bestimmten  Mengen  liefert.  Die  Lebensmittelabgabestellen ­
  vieler  Beamtenkörper  wären  hier  zu  erwähnen.  Übrigens  spielt  auch
der  organisierte  Naturaltausch  heute  schon  eine  große  Rolle,  er  beruht
z.  B.  darauf,  daß  wichtige  Bedarfsartikel  an  ganze  Gemeinden  nur  dann  über
eine  bestimmte  Menge  hinaus  abgegeben  werden,  wenn  die  Lieferung  von
Milch,  Butter  und  Eiern  eine  gewisse  Höhe  erreicht.  Eine  solche  Organisation,
die  sich  in  Deutschland  bewährt  zu  haben  scheint,  ist  unter  Umständen  nicht
nur  dazu  angetan,  die  bäuerliche  Bevölkerung  erfolgreich  zur  Lieferung  von
Lebensmitteln  anzuhalten,  sondern  kann  sie  auch  vor  einer  zu  starken  Belastung ­
  durch  die  Preiserhöhung  der  Industrieartikel  bewahren.  Schließlich
muß  darauf  verwiesen  werden,  daß  alle  Rationierung  naturalwirtschaftlichen ­
  Charakter  an  sich  trägt,  daß  alle  Arten  der  Naturalienaufbringung ­
  durch  Requisitionen  und  verwandte  Maßnahmen  hierher  zu  rechnen  sind.
3.  Zur  Systematik  des  Kompensationsverkehrs.
Diesen  und  ähnlichen  Tatbeständen  entspricht  auf  dem  Gebiete  der  Außenwirtschaft
  der  Kompensationsverkehr.  Am  bekanntesten  ist  der
Austausch  von  Waren  gegen  Waren,  doch  können  auch  andere  Tauschobjekte
m  Frage  kommen.  So  hat  man  z.  B.  in  Norwegen  während  dieses  Krieges
immer  mit  Nachdruck  darauf  hingewiesen,  daß  nicht  nur  Erze  und  Fische,
sondern  auch  Tonnage  gegen  Waren  in  Tausch  gegeben  werden  kann.  Schließlich ­
  können  in  gleicher  Weise  Wasser  rechte,  Hafenrechte  oder  auch  politische
und  sonstige  Gegenleistungen  in  Frage  kommen.
Durch  den  Kompensationsverkehr  tritt  die  Naturalbetrachtung  überall  in
den  Vordergrund,  auch  dort,  wo  es  sich  um  Gelderörterungen  handelt.  Selbst
breiteren  Kreisen  wird  heute  zum  Bewußtsein  gebracht,  daß  Valutafragen
        <pb n="203" />
        192  -

in  letzter  Linie  aufs  engste  mit  naturalen  Vorgängen,  mit  Produktion  und  Export, ­
  Verbrauch  und  Import  Zusammenhängen.  Wenn  wir  heute  von  einer
„schlechten  Valuta“  sprechen,  so  drücken  wir  damit  zum  Teil  aus,  daß  das
deutsche  Geld  im  Auslande  nicht  gern  genommen  wird,  weil  Deutschland  für
dies  Geld  keine  Waren  zu  liefern  imstande  oder  willens  ist.  Wirklich  durchgeführte ­
  Ausfuhrverbote  können  die  Valuta  schädigen,  selbst  dann,  wenn  genügend ­
  viel  Waren  im  Inlande  vorhanden  sind.  Deutschland  kann  dagegen
seine  Valuta  verbessern,  wenn  es  Waren  in  genügendem  Maße  abgibt,  wobei
drr  Preis  infolge  der  allgemeinen  Not  eine  wesentlich  geringere  Rolle  als  in
Friedenszeiten  spielt.  Zahlungen  ins  Ausland  leisten  heißt  im  gewissen  Sinne
die  Verpflichtung  auf  sich  nehmen,  dem  Auslande  späterhin  Waren  oder  Leistungen ­
  irgendwelcher  Art  zur  Verfügung  zu  stellen.  Ein  Staat,  welcher  in
großen  Mengen  Waren  einführt,  Zahlungen  leistet  und  dann  ein  allgemeines
Ausfuhrverbot  erläßt  und  durchführt,  Ankäufe  von  Grund  und  Boden  durch
Ausländer  verhindert,  die  Beteiligung  derselben  an  Unternehmungen  verbietet,
bewirkt  damit  eine  Art  Bankerott.  Die  im  Auslande  befindlichen  Gelder
und  Anweisungen,  welche  auf  diesen  Staat  lauten,  werden  damit  wertlos.
Zwischen  diesem  äußersten  Fall  und  dem  freien  Verkehr  gibt  es  zahlreiche
Zwischenstufen.  Die  Aus-  und  Einfuhrverbote  gestalten  sich  immer  mehr  zu
einem  geschlossenen  Ganzen  aus,  und  es  ist  zunächst  nicht  abzusehen,  wann
diese  Bewegung,  welche  grundsätzliche  Veränderungen  der  ganzen  deutschen
Geldordnung  mit  sich  bringt,  ihr  Ende  erreicht.
Die  Weigerung  Schwedens,  Gold  in  Zahlung  zu  nehmen,  hing  in  gewissem
Sinne  mit  der  Überzahl  an  Ausfuhrverboten  zusammen,  fehlte  doch  die  Sicherheit, ­
  für  dies  Gold  jederzeit  Waren  erhalten  zu  können.  Wer  nur  Geld,
aber  keine  Ware  hat  oder  versprechen  kann,  tritt  heute  wesentlich  zurück.
Die  Aus-  und  Einfuhrverbote  erzwingen,  wie  wir  sahen,  Vereinbarungen
über  Ausfuhr  und  Einfuhr  von  Waren  ;  in  ähnlicher  Weise  bedingen  die  Preisfestsetzungen ­
  seitens  der  Regierungen  und  Zentralen,  daß  die  Kompensationsverträge ­
  in  steigendem  Maße  auch  Preisbestimmungen  aufnehmen.  Was
hilft  einem  Staat  das  Recht,  bestimmte  Waren  aus  einem  anderen  Staat  beziehen ­
  zu  können,  wenn  die  Preise  ins  Ungemessene  gesteigert  werden?  Auf
die  Einzelheiten  solcher  Abmachungen,  insbesondere  aut  den  gegenseitigen
Schutz  vor  Bewucherung  durch  Lieferanten  einzugehen,  ist  hier  nicht  der  Ort.
Aber  die  Abmachung,  daß  bestimmte  Warenarten  und  bestimmte  Warenmengen ­
  zu  mehr  oder  weniger  bestimmten  Preisen  aus-  und  eingeführt  werden,
genügt  noch  nicht.  Die  liefernden  Unternehmer  können  Schwierigkeiten  machen,
die  Eisenbahnen  können  mit  der  Beistellung  von  Transportmitteln  zögern.  In
den  Kompensationsverträgen,  welche  die  Schweiz  und  Deutschland  miteinander
getroffen  haben,  wird  daher  ausdrücklich  festgesetzt,  daß  die  Regierungen  die
Lieferungen  bei  den  Lieferern  betreiben  und  den  Transport  der
Waren  fördern  werden.  Die  Wichtigkeit  solcher  Abmachungen  erhellt
daraus,  daß  die  Möglichkeiten,  ohne  Änderung  der  Gesetze  bestimmte  Maßnahmen ­
  zu  verhindern,  sowohl  für  Private  wie  für  Behörden  zahllos  sind.  Als
die  österreichische  Regierung  auf  die  Raffinerie  Limanowa  einige  Jahre  vor
dem  Krieg  einen  erheblichen  Druck  ausüben  wollte,  verzögerte  sie  die  Beistellung ­
  der  Zisternenwagen,  ließ  die  Fernsprecher  abhängen  —  wozu  sie  ohne
weiteres  in  der  Lage  war,  weil  nach  österreichischem  Recht  kein  Benutzungsrecht ­
  der  Partei  besteht  —  und  kündigte  die  Schleppgleise.  Derartige  Maßnahmen ­
  größeren  und  kleineren  Stils  spielen  dort,  wo  Verwaltungswirtschaft
und  Verkehrswirtschaft  Zusammentreffen,  immer  eine  große  Rolle.  Eine  nicht
unwichtige  Aufgabe  verwaltungswirtschaftlicher  Studien  könnte  es  sein,  festzustellen, ­
  welche  Eingriffe  ähnlicher  Art  innerhalb  der  bestehenden
Ordnung  dem  Staate  und  gewissen  privaten  Stellen  möglich  sind.  Dies  zu
wissen,  ist  sowohl  für  jene  von  Wichtigkeit,  welche  mit  Besorgnis  den  Leviathan
Staat  sich  regen  sehen,  der  erst  allmählich  sich  seiner  Kräfte  bewußt  wird,  als
auch  für  jene,  welche  im  Staat  den  Hort  der  Ordnung  und  Sicherheit  begrüßen ­
  und  möglichst  viele  Änderungen  der  Wirtschaftsordnung  kurzerhand
auf  dem  Verwaltungswege  durchführen  wollen.
Der  einfachste  Fall  des  Kompensationsverkehrs  liegt  wohl  vor,  wenn  einfe
        <pb n="204" />
        193

Regierung  an  eine  andere  Regierung  Waren  liefert  und  von  ihr  Waren
erhält,  sei  es,  daß  die  Regierungen  die  Waren  selbst  erzeugen  und  verbrauchen,
oder  aber  von  Privaten  geliefert  bekommen  und  an  Private  abgeben.  Es  kann
aber  der  Kompensationsverkehr  auch  in  der  Weise  vor  sich  gehen,  daß  die
Regierungen  nur  über  die  Ausfuhr  und  Einfuhr  von  Waren  durch  private  Unternehmungen ­
  Abmachungen  treffen.  Derartige  Verträge  sind  den  Kontingentabmachungen ­
  verwandt,  wie  sie  schon  vor  dem  Kriege  bestanden  haben.
So  war  ein  Viehkontingent  festgesetzt,  welches  rumänische  Exporteure  nach
Österreich-Ungarn  bringen  durften.  Die  Zuckerkonvention  kannte  ein  Exportkontingent. ­
  Während  es  sich  aber  damals  im  allgemeinen  um  JVlaximalkontingentrechte
  handelte,  stehen  heute  die  Minimalkontingent  pflichten  im  Vordergrund. ­
  Die  beteiligten  Staaten  verpflichten  sich  vor  allem,  bestimmte  Warenmengen ­
  zu  liefern,  die  Lieferung  zu  gestatten  oder  zu  fördern.  Die  Festsetzung
solcher  Kontingente  spielte  während  des  Krieges  eine  große  Rolle.  1915  erhielt
Österreich-Ungarn  Lebensmittel  aus  Italien,  während  es  selbst  Holz  ausführte  ;
1916  lieferte  England  an  Spanien  Kohle  und  empfing  dafür  Erze.  Die  gegenseitige ­
  Gewährung  von  Ausfuhrerlaubnissen  hat  begreiflicherweise  dazu  geführt,
daß  die  Organisation  der  Ausfuhr  zum  Teil  vor  allem  im  Interesse  der  Einfuhr
erfolgt  ist.  Holland  schuf  einen  Ausfuhrtrust  in  diesem  Sinne,  ebenso  hat
die  Türkei  ihre  Ausfuhrkommission  nicht  zuletzt  im  Interesse  der  Einfuhr  eingerichtet. ­
  Diese  Verknüpfung  der  Einfuhr-  und  Ausfuhrorganisation ­
  ist  besonders  beachtenswert.
In  welcher  Weise  die  verschiedenen  Ausfuhr-  und  Einfuhrerlaubnisse  voneinander ­
  abhängig  gemacht  werden  können,  mag  ein  Beispiel  zeigen.
Deutschland  verbot  die  Einfuhr  von  Fein  webwaren  über  eine  bestimmte  Menge
aus  der  Schweiz.  Die  Schweiz,  welche  ein  besonderes  Interesse  daran  hat,  die
hoch  im  Preise  stehenden  Feinwebwaren  abzusetzen,  antwortete  mit  einem
Verbot  auf  die  Ausfuhr  von  Qrobwebwaren,  die  Deutschland  notwendig  brauchte.
Schließlich  einigte  man  sich  dahin,  daß  Deutschland  die  Ausfuhrerlaubnis  der
Schweiz  bezüglich  bestimmter  Jahresmengen  von  Qrobwebwaren  durch  die  Einfuhrerlaubnis ­
  bezüglich  bestimmter  Mengen  von  Fein  web  waren  erkaufen  müsse.
4.  Der  Kompensationsverkehr  im  Rahmen
der  Wirtschaftsordnung.
Alle  angedeuteten  Maßnahmen,  welche  im  vorstehenden  nur  in  Umrissen
und  an  wenigen  Beispielen  erörtert  wurden,  setzen  grundsätzlich  eine  gewisse
Kontrolle  der  Aus-  und  Einfuhr  im  Rahmen  der  Gesamtwirtschaft ­
  voraus.  Diese  Kontrolle  kann  sich  auf  eine  staatliche  Erfassung ­
  der  Produktion,  des  Verbrauchs  und  der  Vorratsbildung  beschränken  und
im  übrigen  nur  die  Ausfuhr  und  Einfuhr  betreffen,  sie  kann  aber  auch  weitergehen ­
  und  mit  einer  Bewirtschaftung  bestimmter  Waren  verknüpft  sein,
was  heute  etwa  vom  Getreide  gilt.  Die  Bewirtschaftung  wieder  kann  sich
lediglich  auf  Verfügungen  bezüglich  Produktion,  Verkehr  und  Verbrauch  erstrecken,
oder  sie  kann  zu  einer  zentralisiert  geleiteten  Produktion  und  Einlagerung,  also
zu  einer  technisch  zentralisierten  Organisation  führen.  Welche  Zwecke  diese
Zentralisation  der  Kontrolle  und  Bewirtschaftung  im  einzelnen  verfolgt,  kommt
für  die  Hauptfrage  nicht  weiter  in  Betracht.  Sie  kann  zum  Beispiel  dazu  dienen,
die  Luxusproduktion  einzuschränken,  um  die  Notbedarfsproduktion  entsprechend
zu  fördern.  Es  kann  auf  diese  Weise  auch  erreicht  werden,  daß  nicht  einige  große
kaufkräftige  Firmen  gewisse  Rohstoffe  allein  in  die  Hand  bekommen  und  kleinere
Betriebe  stillgelegt  werden,  wobei  möglicherweise  die  erwähnten  Rohstoffe
von  den  großen  Firmen  zunächst  nicht  einmal  verbraucht  werden  können.
Die  Kontrolle  des  Kompensationsverkehrs  kann  sich  zunächst  ausschließlich
auf  die  exportierten  Quantitäten  beziehen,  indem  Ausfuhr-  und  Einfuhrerlaubnisse ­
  nur  in  bestimmtem  Umfang  bewilligt  werden.  Zu  dieser  Quantitätskontrolle ­
  kann  die  Devisenkontrolle  treten,  die  in  gewissem  Sinne  eine
wesentliche  Ausdehnung  der  Beeinflussung  bedeutet.  Es  können  an  die  Abgabe
von  Devisen  die  verschiedensten  Bedingungen  gestellt  werden,  wie  dies  gelegentlich ­
  devisenpolitischer  Maßnahmen  in  Friedenszeiten  auch  geschehen  ist.
lA
        <pb n="205" />
        194

Schließlich  kommt  auch  die  Tr  ansportraum  kontrolle  dazu,  wie  sie  insbesondere ­
  hinsichtlich  des  Schiffsraums  von  Staats  wegen  in  der  Übergangswirtschaft ­
  ausgeübt  werden  dürfte.  Nicht  unerwähnt  bleibe,  daß  all  diese  Maßnahmen ­
  durch  Absatzkontrollen  und  ähnliche  Bestimmungen  ergänzt  werden
können.  So  kommen  Verträge  vor,  denen  zufolge  eine  bestimmte  Ware  nur
dann  einem  Staat  zur  Verfügung  gestellt  wird,  wenn  er  sie  nicht  an  feindliche
Staaten  weiterverkauft,  es  wird  der  eigenen  Industrie  ein  Rohstoff  nur  dann
zur  Verfügung  gestellt,  wenn  das  Fertigîabrikat  der  Armee  dient,  oder  als  Exportartikel ­
  zur  Erlangung  anderer  Waren  Verwendung  findet.
Die  angedeuteten  Punkte  zeigen  bereits,  daß  der  Kompensationsverkehr
verwaltungswirtschaftliche  Einrichtungen  voraussetzt,  insbesondere  aber  mit  dem
Vorhandensein  eines  Wirtschaftsplanes  rechnen  muß.  Der  Abschluß
von  Kompensationsverträgen  erfordert  eine  weit  genauere  Kenntnis  der  gesamten ­
  Wirtschaftsverhältnisse  seitens  der  vertragschließenden  Stellen,  als  etwa
der  Abschluß  von  Zollverträgen,  ist  doch  der  Eingriff  weitgehender.  Der
Einfluß  von  ungünstigen  Zollsätzen  kann  durch  die  wirtschaftlichen  Individuen
weit  eher  wettgemacht  werden  als  der  Einfluß  von  bestimmten  Kontingenten.
Beginnt  man  nur  einigermaßen  umfangreiche  Kompensationsverträge  abzuschließen, ­
  so  erzwingt  man  damit  die  Anlage  einer  Naturalrechnung,
welche  die  Produktionsmengen,  die  Einfuhr-  und  Ausfuhrmengen,  die  Vorratsmengen, ­
  die  Konsummengen  und  die  Bewegung  der  Rohstoffe  und  Energien
erfaßt.  Die  Rohstoffbilanz  ganzer  Staaten,  einzelner  Industriezweige,  einzelner
Zweige  der  Urproduktion  wird  zur  unabweislichen  Notwendigkeit.  Wenn  derlei
bisher  dazu  dienen  mochte,  nachträglich  festzustellen,  ob  die  freie  Verkehrswirtschaft, ­
  in  der  historisch  gegebenen  Form,  wirklich  vorteilhaft  für
bestimmte  Zwecke  war,  so  dient  die  Rohstoffbilanz  im  Rahmen  der  Verwaltungswirtschaft ­
  geradezu  als  Grundlage  der  einzelnen  Entschließungen.  Die
Mängel  der  Pr&amp;amp;luktions-,  Konsumtions-,  Einfuhr-  und  Ausfuhrstatistik  und
der  Transportstatistik  treten  daher  heute  weit  deutlicher  als  sonst  zutage.
Allenthalben  tauchen  Anregungen  auf,  diese  Mängel  zu  beseitigen.  Dazu  bedarf ­
  es  aber  wohl  einer  umfassenden  Neugestaltung  des  statistischen  Dienstes.
Die  zahlreichen  Statistiken  müssen  aufeinander  abgestimmt  und  miteinander
verknüpft  werden,  es  muß  zur  Schaffung  einer  Universalstatistik  kommen, ­
  will  man  das  angedeutete  Ziel  erreichen.  Verwirft  man  es  aber,  so  ist
das  Vorhandensein  einer  solchen  Übersicht  immerhin  wertvoll.
Vereinzelte  Kompensationsverträge  können  leicht  unbeabsichtigte  Wirkungen ­
  hervorrufen.  Sie  vermögen  ähnliche  Veränderungen  wie  vereinzelte
Höchstpreise  zur  Folge  zu  haben.  Die  verschiedenen  Importe  und  Exporte
hängen  aufs  engste  miteinander  zusammen,  und  eine  kurze  Überlegung  zeigt
die  Notwendigkeit  von  Kompensationssystemen  ebenso  wie  die  Notwendigkeit ­
  von  Höchstpreissystemen,  wenn  man  überhaupt  einmal
diese  Wege  einzuschlagen  für  gut  finden  sollte.  Die  Zentralisation ­
  aller  Kompensationsabmachungen  liegt  ungemein  nahe.  Die  Ausarbeitung
solcher  Kompensationssysteme  in  Verbindung  mit  der  Ausarbeitung  eines  Wirtschaftsplanes ­
  wäre  eine  wichtige  Aufgabe  der  Nationalökonomie.
Die  Verallgerneinerung  des  Kompensationsverkehrs  drängt  im  allgemeinen
zu  einer  Stabilisierung  der  Wirtschaft.  Meist  wird  es  sich  um  Lieferungsverträge ­
  von  längerer  Frist  handeln.  Die  Tageskonjunktur  wird  dadurch
merklich  zurückgedrängt.  Wenn  irgendwo  Geld  investiert  wird,  kann  mit
einer  längeren  Absatzperiode  gerechnet  werden,  da  entsprechende  Vereinbarun-6
 en  vorliegen.  Das  Risiko  vieler  Unternehmungen  kann  so  verringert  werden.
•a  die  Preisbildung  in  den  Kompensationsverträgen  mit  berücksichtigt  werden
dürfte,  ist  mit  einer  Preisbildung  durch  Verbände  zu  rechnen,  die  überdies
unter  staatlicher  Kontrolle  stehen  können.  Die  Preise  erhalten  so  einen  konventionelleren ­
  Charakter,  der  Automatismus  des  Marktes  kann  möglicherweise
wesentlich  ausgeschaltet  werden.  Das  erschwert  den  Umsatz  auß^erhalb  des
einheitlich  geregelten  Großverkehrs  bedeutend.  So  etwas  wie  ein  Marktpreis,
aut  den  man  sich  berufen  könnte,  würde  dann  wohl  bald  fehlen.  Die  Schwankungen ­
  der  Devisenkurse  hören  ganz  auf,  wenn  vertragsmäßige  Umrechnungskurse ­
  eingeführt  werden,  wie  dies  zum  Beispiel  jetzt  zwischen  Deutschland,
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        195

Österreich-Ungarn  einerseits,  der  Ukraine  andererseits  bis  zum  15.  Juni  1918
geschehen  ist.  Der  Umrechnungskurs  von  1  Mk.  gleich  75  Kop.  und  1  Kr.
gleich  50  Kop.  gilt  nicht  nur  für  Truppenkäufe,  für  den  Eisenbahn-  und
Telegraphenverkehr,  sondern  auch  für  „unmittelbaren  Warenaustausch  von  monopolisierten ­
  Waren  zwischen  den  Staaten“  sowie  für  „staatlich  genehmigte
Waren  Verträge  zwischen  unter  staatlicher  Aufsicht  stehenden  Zentralorganisationen ­
  der  betreffenden  Länder“  sowie  „für  Zahlungen  in  der  Ukraine  aus
sonstigen  Warenverträgen,  durch  welche  bestimmte  und  von  den  Regierungen
im  voraus  zu  vereinbarende  Mengen  ein-  und  ausgeführt  werden,  sowie  für
Waren,  die  freie  Ein  -  und  Ausfuhr  genießen  werden“.  Die  freie  Preisbildung ­
  bleibt  nur  für  den  Valutaverkehr  übrig  sowie  für  die  wenigen  Geschäfte, ­
  welche  nicht  unter  jene  obigen  Bestimmungen  fallen.  Da  die  Ukraine
die  Neigung  hat,  den  Außenhandel  zu  zentralisieren,  ist  es  gar  nicht  unwahrscheinlich, ­
  daß  ähnliche  Abkommen  über  die  Valuta  auch  in  Hinkunft  eine
wesentliche  Rolle  spielen  werden.
Sollte  der  Kompensationsverkehr  in  der  Übergangswirtschaft  oder  späterhin ­
  größere  Bedeutung  erlangen,  so  liegt  es  nahe,  daß  das  Lagerhauswesen ­
  weiter  ausgestaltet  und  die  Qroßvorratswirtschaft  in  mehrfacher ­
  Richtung  gefördert  wird.  Die  Zentralwarenlager  ermöglichen  es,  plötzlichen ­
  Bedarf  zu  decken,  was  im  Rahmen  der  verhältnismäßig  starren  Kompensationsvereinbarungen ­
  erschwert  ist.  Hauptsächlich  würden  Großvorräte  dazu
verwendet  werden,  den  gelegentlichen  Produktionsausfall,  z.  B.  infolge  einer
Mißernte,  zu  decken.  Auch  können  große  Warenvorräte,  insbesondere  Rohstoffvorräte, ­
  die  Verhandlungsposition  erheblich  stärken.  Dazu  kommt  noch,  daß
die  Großvorratswirtschaft  von  militärischer  Seite  begünstigt  werden  dürfte,
da  sie  die  Möglichkeit  gewährt,  über  die  jederzeit  greifbaren  Rohstoffvorräte
eine  ausreichende  Übersicht  zu  gewinnen.  Die  Methoden  der  Rohstoffabschätzungen ­
  zu  Kriegsbeginn  waren  von  sehr  zweifelhaftem  Wert.  In  welcher
Weise  solche  Großvorräte  im  Interesse  der  heimischen  Produktion  und  des
heimischen  Konsums  umgesetzt  werden  können,  ist  eine  andere  Frage.  Unerörtert
bleibe,  ob  solche  Großvorräte  der  Regierung,  Verbänden  oder  einzelnen  gehören ­
  werden,  in  welcher  Weise  sie  belehnt,  veräußert,  benutzt  werden  können.
Auch  fragt  es  sich,  ob  die  räumliche  Zentralisierung  solcher  Vorräte  immer
von  Vorteil  ist,  und  ob  nicht  vieles  für  eine  Verteilung  der  Vorräte  spricht.
Welche  Vorräte  bei  den  einzelnen  Unternehmen  liegen  müssen,  damit  der  Betrieb ­
  ohne  Unterbrechung  arbeiten  kann,  ist  eine  Frage  der  Technik.  Dagegen
würde  bei  einer  Verallgemeinerung  der  Kompensationsvorräte  und  einer  Ausdehnung ­
  der  Verwaltungswirtschaft  die  Notwendigkeit,  Konjunkturvorräte
liegen  zu  haben,  im  wesentlichen  entfallen.  Wenn  die  Qroßvorratswirtschaft
gegenüber  der  Kleinvorratswirtschaft  mit  ihren  zersplitterten  Vorräten  arbeitsund
  materialsparend  ist,  würde  sie,  vom  Standpunkt  der  Rationalisierung  der
Wirtschaftsordnung  aus,  manche  Unterstützung  erfahren.  Sie  würde  aber
andererseits  ebenso  wie  der  Kompensationsverkehr  alle  jene  Einwände  gegen
sich  haben,  welche  gegen  die  Verwaltungswirtschaft  überhaupt  mit  Recht
oder  Unrecht  vorgebracht  werden.
5.  Der  Kompensationsverkehr  und  die  zwischenstaatlichen ­
  Beziehungen.
Daß  eine  Ausdehnung  der  Kompensationsverträge  die  Beziehungen
zwischen  den  Staaten  nicht  unbedeutend  verändern  kann,  liegt  aut  der
Hand.  Ja,  wir  sehen  mancherlei  Anzeichen,  die  bereits  solche  Veränderungen
andeuten.  In  den  Friedensverhandlungen  spielen  Warenlieferungsverpflichtungen ­
  bereits  eine  erhebliche  Rolle  ;  es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  dieser
naturalwirtschaftliche  Zug  in  den  großen  Friedensschlüssen  dieses  Weltkrieges
in  verstärktem  Maße  zum  Ausdruck  kommen  wird.  Darauf  deutet  ein  Ausspruch ­
  Helfferichs  in  seiner  Rede  vom  16.  März  1918  hin:  „Wir  begegnen
der  Drohung  der  Rohstoffsperre  mit  der  Forderung  der  Rohstofflieferung“.
Führt  Derartiges  zu  Abmachungen  über  gegenseitige  Belieferung,  so  liegen
Kompensationsverträge  vor.  Solche  Kompensationsverträge  würden  dann  wohl
13*
        <pb n="207" />
        196

einen  integrierenden  Bestandteil  der  Handelsverträge  bilden  und  wahrscheinlich ­
  wichtiger  als  die  Zollverträge  sein.  Daß  ein  gänzlich  besiegter
Staat  zur  Ablieferung  von  Rohstoffen  ohne  Gegenleistungen  gezwungen
würde,  läge  heute  näher  als  vor  einem  Menschenalter,  doch  wird  im  allgemeinen ­
  Bezahlung,  wenn  auch  vielleicht  zu  verhältnismäßig  niedrigem  Preise,,
geleistet  werden.  Oft  wird  aber  die  Verpflichtung,  einen  bestimmten  Rohstoff, ­
  wenn  auch  zu  hohen  Preisen,  zu  liefern,  als  eine  Art  Tribut  empfunden
werden,  den  man  möglichst  bald  abschütteln  müsse.  Dies  ist  auch  der  Grund,
weshalb  von  manchen  Seiten  die  Eroberung  feindlichen  Gebietes,  das  Rohstoffquellen ­
  enthält,  so  eifrig  befürwortet  wird.  Man  zweifelt  in  manchen  Kreisen
daran,  daß  mit  Rohstofflieferungsverpflichtungen  allein  das  Auslangen  gefunden ­
  werde.  Dieser  Zweifel  hängt  mit  der  Umgestaltung  der  gesamten
Weltbeziehungen  zusammen.  Die  finanzielle  Beteiligung  an  heute  feindlichen
Unternehmungen  ist  wohl  auf  lange  hinaus  sehr  erschwert  und  damit  auch  die
Beeinflussung  der  ausländischen  Produktion.  Früher  konnte  man  sich  ausländische ­
  Erze  durch  finanzielle  Beteiligung  an  Gruben  und  Hüttenwerken
sichern,  nach  dem  Weltkrieg  wird  dieser  Weg  wohl  auf  lange  hinaus  vielfach
ungangbar  sein.  Vielleicht  ist  aber  dieser  Zweifel  nicht  berechtigt,  und  man
gewöhnt  sich  allseitig  daran,  die  Kompensationsverträge  mit  ihren  Lieferungsverpflichtungen ­
  als  normale  Bestandteile  zwischenstaatlicher  Vereinbarungen  anzusehen ­
  und  einzuhalten.  Daß  freilich  nach  dem  Kriege  die  politische  Beeinflussung ­
  eine  größere  Bedeutung  für  Produktion  und  Handel  haben  wird  als
vor  dem  Krieg,  scheint  ziemlich  sicher.
Sollte  der  Kompensationsverkehr  nur  einigermaßen  von  Wichtigkeit  sein,
so  wird  er  staatliche  Zusammenschlüsse  in  mehr  als  einer  Richtung ­
  nahelegen.  So  kann  es  z.  B.  Vorkommen,  daß  ein  Staat  zwar  Waren  zur
Ausfuhr  besitzt,  aber  nicht  solche,  die  als  Monopolartikel  bei  Verhandlungen
eine  große  Rolle  spielen  können.  Es  liegt  dann  nahe,  daß  ein  Staat,  welcher
keine  solchen  Monopolartikel  besitzt,  sich  mit  einem  anderen  verbindet,  der
mit  diesen  auf  dem  Weltmarkt  erfolgreich  aufzutreten  vermag.  So  könnte
Österreich-Ungarn  etwa  durch  die  handelspolitische  Verbindung  mit  Deutschland ­
  an  den  Kompensationsverträgen  Anteil  bekommen,  welche  dieser  Staat
etwa  auf  Grund  seines  Kalisalzmonopols  abzuschließen  in  der  Lage  ist.  Verhältnismäßig ­
  kleine  Mengen  an  Monopolartikeln  können  Kompensationsverträgen
über  weit  wichtigere  Mengen  anderer  Waren  zugrunde  gelegt  werden,  wobei
die  Preise  nicht  durch  den  Druck  mit  dem  Monopolartikel  beeinflußt  werden
müssen.  Erwähnt  sei  noch,  daß  auch  sonstige  Abmachungen  zwischen  handelspolitisch ­
  verbundenen  Staaten  in  Frage  kommen,  so  über  die  Weiterverwendung ­
  von  Waren,  die  infolge  gemeinsamer  Abmachungen  importiert  werden.
Wenn  zwei  Staaten  eine  Ware  gemeinsam  importieren,  liegt  es  nahe,  daß  sie
beim  Export  derselben  einander  nicht  Konkurrenz  machen.
Bisher  wurde  der  Kompensationsverkehr  insofern  ins  Auge  gefaßt,  als
es  sich  um  den  Austausch  von  Ware  gegen  Ware,  und  zwar  Zug  um  Zug
handelt.  Wir  müssen  aber  auch  den  Fall  erwägen,  daß  ein  Staat  heute  Waren
benötigt,  während  er  erst  in  der  Zukunft  Waren  rückliefern  kann.  So
hat  Deutschland  aus  der  Schweiz  Waren  bezogen,  ohne  daß  ihm  gleich  eine
Rücklieferung  möglich  war.  Die  Rücklieferungsverpflichtung  nach  dem  Kriege
beruht  im  wesentlichen  auf  der  Valutaanleihe,  die  seitens  Deutschlands  mit  der
Schweiz  abgeschlossen  wurde.  Heute  spielt  bereits  die  Frage  in  der  Schweiz
eine  gewisse  Rolle,  was  man  mit  den  nach  dem  Kriege  einströmenden  Waren
unternehmen  werde,  und  manche  vermuten,  daß  die  Schweiz  in  erheblichem
Maße  Zwischenhändler  werden  wird.  In  solchen  Fällen  ist  es  nicht  ausgeschlossen, ­
  daß  Kompensationsverträge  abgeschlossen  werden,  welche  die  Gegenleistung ­
  in  einem  erheblich  späteren  Zeitpunkt  vorsehen.  Wir  können  darin
eine  Art  naturalwirtschaftlicher  Kreditabmachungen  sehen.
Bisher  behandelten  wir  den  Fall,  daß  von  den  in  Frage  kommenden
Staaten  jeder  die  Ware  benötigt,  welche  der  andere  anbietet.  Wir  müssen
aber  auch  mit  der  Möglichkeit  rechnen,  daß  ein  Staat  Waren  benötigt,  die  ein
dritter  Staat  liefern  könnte,  welcher  seinerseits  die  Ware  benötigt,  die  der
zweite  Staat  besitzt.  Wir  kommen  so  zur  Notwendigkeit,  den  Tausch
        <pb n="208" />
        197

zwischen  drei  Staaten  zu  erwägen.  Der  indirekte  Tausch  zwischen
mehr  als  zwei  Personen  wurde  seitens  der  Theorie  insbesondere  als  Grundlage
des  Geldverkehrs  behandelt,  während  der  direkte  Tausch  zwischen  mehr  als
drei  Personen  bisher  wenig  Berücksichtigung  gefunden  hat.  Wir  können  uns
beim  zwischenstaatlichen  Kompensationsverkehr  den  Fall  denken,  daß  gleichzeitig ­
  mehrere  Staaten  über  Warenverschiebungen  verhandeln  und  eine  Art
internationalen  Warenclearing  schaffen,  der  übrigens  auch  auf
dem  Gebiete  des  Transportwesens  manche  Rationalisierung  zur  Folge  haben
kann.  ln  diesem  Zusammenhang  wäre  die  Frage  zu  erwägen,  in  welcher
Weise  Ausfuhrerlaubnisse,  die  einem  Staat  gewährt  werden,  von  diesem  einem
dritten  übertragen  werden  können.
Die  Entwicklung  eines  solchen  internationalen  Warenclearings  würde  nicht
nur  die  Bedeutung  des  Goldes,  sondern  auch  die  des  Geldes  verringern.
Es  wurde  schon  von  anderer  Seite  darauf  hingewiesen,  daß  die  Ausschaltung
des  Goldes  die  Machtstellung  Englands  zu  erschüttern  geeignet  ist  ;  die  Ausgestaltung ­
  des  Kompensationsverkehrs,  der  internationale  Warenclearing  würde
dazu  führen,  daß  die  Staaten,  deren  Bürger  die  Finanzierung  internationaler
Geschäfte  in  der  Hand  hatten,  ihren  Einfluß  wesentlich  einbüßen  würden.
Die  staatlichen  Vereinbarungen  drängen  zu  einer  möglichst  unmittelbaren  Verbindung ­
  zwischen  Erzeugern  und  Verbrauchern,  wie  überhaupt  die  Verwaltungswirtschaft ­
  an  mehr  als  einer  Stelle  Zwischenglieder  unserer  Wirtschaftsordnung ­
  auszuschalten  sucht.
Die  im  vorstehenden  angedeuteten  Veränderungen  drängen  zu  einer  Umgestaltung ­
  der  Wirtschaftsorganisation.  Der  Kompensationsverkehr
legt  die  Schaffung  von  Verbänden,  Banken  und  ähnlichen  Instituten  nahe,  die
gleichzeitig  dem  Export  und  dem  Import  dienen.  So  wurde  vor  kurzem
die  „Allgemeine  galizisch-ukrainische  Warenaustausch  -Gesellschaft“  gegründet, ­
  in  welcher  Banken  und  Firmen  beider  Länder  vertreten  sind.  Ein
anderes  Beispiel  ist  die.  in  Österreich  gegründete  „Ein-  und  Ausfuhrgesellschaft ­
  der  chemischen  Industrie  m.  b.  H.“,  die  als  Organ  des  Kriegsverbandes
im  Aufträge  des  Handelsministeriums  den  Import  aus  der  Ukraine  organisiert.
Sie  soll  auch  den  Warenaustausch  mit  Deutschland  pflegen,  wobei  sie  die  Beschaffung ­
  von  Devisen  selbst  in  die  Hand  nimmt.  Noch  umfassender  als  die
beiden  erwähnten  Organisationen  ist  etwa  die  „Europäische  Handelsgesellschaft“ ­
  für  Rohstoffimporte,  an  welcher  Deutschland,  Österreich  und  Ungarn
beteiligt  sind.  Derartige  Einrichtungen  entstehen  heute  in  großer  Zahl.  Sie
stehen  zum  Teil  mit  großen  Verbänden  in  Zusammenhang,  an  denen  der  Staat
in  gewissem  Ausmaß  beteiligt  ist.  „S  t  a  a  t  s  k  a  r  t  e  11  e“  und  „Staatstrusts“
  vom  Typus  des  Kalisyndikats  scheinen  in  der  nächsten  Zukunft  erheblich ­
  an  Bedeutung  zu  gewinnen.  Es  ist  wohl  an  der  Zeit,  auch  diese
Organisationsformen  im  Zusammenhang  mit  den  oben  erwähnten  im  Rahmen
einer  Theorie  der  Verwaltungswirtschaft  entsprechend  zu  würdigen. ­

Es  wird  von  der  bisherigen  Wirtschaftsentwicklung  der  einzelnen  Staaten
abhängen,  ob  die  angedeutete  Organisation  des  Ausfuhr-  und  Einfuhrverkehrs
von  den  Unternehmungen  oder  von  den  Banken  in  die  Hand  genommen
wird.  Letztere  dürften  vor  allem  in  Österreich  und  Ungarn  durch  eine  solche
Entwicklung  an  Bedeutung  gewinnen.  Man  muß  damit  rechnen,  daß  einzelne
Banken  die  Produktion  gewisser  Artikel  finanzieren  werden,  um  so  Kompensationsobjekte ­
  in  die  Hand  zu  bekommen,  welche  die  Einfuhr  gewisser  Waren
ermöglichen.  Die  Banken  und  Verbände  werden  durch  den  Kompensationsverkehr ­
  weit  stärker  als  durch  viele  andere  Veränderungen  zu  einer  Durchorganisierung
  des  Wirtschaftslebens  genötigt.  Eine  weitergehende ­
  Organisierung  der  Wirtschaft  kann  z.  B.  dahin  führen,  daß  Produktion ­
  und  Import  nicht  im  selben  Maße  wie  bisher  in  Konkurrenz  treten.  Sind
Produzenten  und  Importeure  in  derselben  Vereinigung  zusammengeschlossen,
so  kann  ein  Gewinnrückgang  bei  der  Produktion  durch  den  Importgewinn  aufgewogen ­
  werden.  Eine  andere  Wirkung  ist  die,  daß  der  Zwischenhändler
seine  Funktion  verändert,  ein  Verteilungsorgan,  ein  Kommissionär  wird,  eine
^Erscheinung,  die  bereits  durch  die  Kartelle,  z.  B.  das  deutsche  Kohlenkartell,
        <pb n="209" />
        198

angebahnt  wurde.  In  welchem  Ausmaß  auch  eine  Ausschaltung  von  Personen,
nicht  nur  ein  Funktionswechsel,  stattfinden  würde,  läßt  sich  schwer  übersehen.
6.  Ergebnis.
Zusammenfassend  läßt  sich  wohl  sagen,  daß  der  Kompensationsverkehr, ­
  als  Ergebnis  der  Not  entstanden,  einer  Weiterentwicklung ­
  grundsätzlich  fähig  ist,  zumal  er  in  Übereinstimmung
mit  der  gesamten  Bewegungsrichtung  der  nächsten  Zukunft  zu  stehen  scheint.
Der  Kompensationsverkehr  hängt  aufs  engste  mit  dem  Wirtschaftsplan  der
Innenwirtschaft  zusammen,  er  kann  möglicherweise  auch  eine  zwischenstaatliche ­
  Organisation  vorbereiten.  Ein  internationaler  Warenclearing  ist  wesentlich ­
  leichter  zu  verwirklichen  als  eine  internationale  Notenbank,  welche  einen
Zusammenschluß  der  Staaten  voraussetzt,  wie  er  in  absehbarer  Zeit  wohl
nicht  erwartet  werden  kann.  Die  hier  gegebene  Übersicht  soll  nur  gewisse
Möglichkeiten  andeuten,  nicht  aber  für  bestimmte  Organisationsformen  eintreten
  oder  sie  bekämpfen.  Wie  man  sich  aber  auch  persönlich  zum  internationalen ­
  Kompensationsverkehr  stellen  mag,  es  liegt  hier  ein  Tatbestand ­
  vor,  der  wissenschaftlicher  Untersuchung  bedarf, ­
  Man  hat  vor  dem  Weltkrieg  versäumt,  über  sein  Wesen  und  seine
möglichen  Wirkungen  ausreichend  nachzudenken  ;  vielleicht  gelingt  es  uns,  dem
Weltfrieden  mit  besserer  gedanklicher  Vorbereitung  gegenüberzutreten.
        <pb n="210" />
        199

XIII.
Lebensmittelnot  und  Regierungsmacht.
(1918.)
Am  1.  September  brachten  alle  Zeitungen  den  Aufruf  des  Ernährungsministers, ­
  welcher,  erfüllt  von  der  Befürchtung,  die  Versorgung  weiter  Kreise
der  Bevölkerung  könne  durch  Verschleppung  der  Ernte  gefährdet  werden,  sich
mit  Worten  eindringlichster  Mahnung  an  alle  wendet  ;  er  beschwört,  er  warnt
und  droht  schließlich  mit  einem  für  Österreich  ungewöhnlichen  Nachdruck  ;
die  Arreststrafe  solle  im  höchsten  Ausmaß  neben  der  Geldstrafe  gegen  Käufer
und  Verkäufer  zur  Anwendung  kommen,  welche  die  staatlichen  Bestimmungen
umgehen  und  sich  mit  dem  Schleichhandel  befassen.  Vor  allem  wird  der
Tauschhandel  hervorgehoben,  der  heute  in  der  Form  auftritt,  daß  die  Städter
scharenweise  das  flache  Land  überfluten,  um  gegen  Hingabe  von  Tabak,
Zucker,  Bettwäsche,  Porzellan,  Schuhen,  Schmuck,  Möbeln  und  sonstiger  Habe
sich  Kartoffeln,  Fett,  Mehl  und  anderes  zu  verschaffen.
Die  traurigsten  Zeiten  des  untergehenden  römischen  Reiches  sind  durch
ähnliche  Bestimmungen  charakterisiert.  Auch  damals  sollten  barbarische  Strafen
die  Durchsetzung  der  Höchstpreise,  der  Steuerbestimmungen  und  anderes  erzwingen. ­
  Der  grundsätzliche  Mißerfolg  dieser  Maßnahmen  sollte  alle  jene
bedenklich  stimmen,  welche  die  Autorität  des  Staates  mit  so  schweren  Aufgaben ­
  belasten.  Wird  die  Drohung  nicht  verwirklicht  —  und  wir  sahen  schon
während  des  Krieges,  wie  etwa  die  Preistreibereiverordnung  im  wesentlichen
unwirksam  blieb  —,  so  ist  die  Wirkung  jeder  künftigen  Strafdrohung  weiter
abgeschwächt.  Abgesehen  davon,  daß  so  die  Staatsautorität  leidet,  wird  neben
der  Erhöhung  der  Schleichhandelspreise  eine  Ausdehnung  des  Bestechungsund ­
  des  übelsten  Denunziantenwesens  gefördert,
Strafen  sind  nur  dort  wirklich  am  Platz,  wo  einzelne  getroffen  werden,
welche,  von  dem  Verhalten  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Menschen  abweichend, ­
  durch  die  übliche  Organisation  nicht  beeinflußt  werden.  Es  ist
aber  unmöglich,  durch  Strafen  allein  eine  Organisation  zu  schaffen,  welche
der  Mehrzahl  widerstrebt.  Keine  Armee  kann  sich  schlagen,  in  welcher  so
gut  wie  alle  Soldaten  nur  aus  Angst  vor  dem  Henker  Krieg  führen.  Wo
gibt  es  aber  in  Österreich,  außer  einigen  ganz  edeldenkenden  Menschen  und
Schwachköpfen,  Männer  oder  Frauen,  welche  nicht  sofort  jede  Gelegenheit
ausnützen  würden,  um  sich  Lebensmittel  auf  irgend  welchen  Nebenwegen  zu
besorgen?  Der  1.  September  war  ausgefüllt  von  Gesprächen,  welche  darin
gipfelten  :  „Wie  machen  wir  es  nun,  daß  wir  das  Mehl,  welches  wir  .  .  .  nun
doch  bekommen  Das  kann  auch  nicht  Wunder  nehmen,  wenn  man  bedenkt,
daß  nicht  wenige  Behörden,  halböffentliche  Anstalten  und  Großunternehmungen
auf  Schleichhandelswegen  für  ihre  Beamten  und  Arbeiter  sich  Lebensmittel  verschaffen, ­
  wenn  man  bedenkt,  daß  Angestellte  und  Arbeiter  „Mehlgeld“  und
andere  Zulagen  mit  der  ausdrücklichen  Widmung  erhalten,  sich  Lebensmittel
wie  sie  es  könnten  zu  besorgen.  Ist  es  vielleicht  kein  Bankerott  der  staatlichen
Organisation,  wenn  sie  den  von  Arbeitern  und  Angestellten  geäußerten  Wunsch
ablehnt,  ihre  vollständige  Versorgung  restlos  in  die  Hand  zu  nehmen?  Nach
allen  Erfahrungen  der  Geschichte  würde  selbst  die  Todesstrafe  unwirksam
bleiben  ;  in  den  wenigen  Fällen,  in  welchen  sie  zur  Anwendung  käme,  würde
man  jene  bemitleiden,  die  sich  hängen  ließen.
Welches  ist  nun  die  Organisation,  die  der  Staat  schaffen
könnte,  um  von  vornherein  den  Schleichhandel  auszuschalten?  Denn,  daß
der  freie  Handel  imstande  sein  sollte,  die  breiten  Massen  mit  Lebensmitteln
        <pb n="211" />
        200

zu  versorgen,  nimmt  man  heute  in  leitenden  Kreisen  kaum  an,  wobei  man  die
Fähigkeit  des  Kaufmannes,  mit  den  Kleinerzeugern  in  Beziehung  treten  zu
können,  oft  wesentlich  in  ihrer  Bedeutung  unterschätzt.  Der  freie  Handel
würde  in  der  jetzigen  Zeit  die  Lebensmittelversorgung  breiter  Massen  nicht
sichern  können,  weil  er  seine  Waren  nach  der  Kauffähigkeit  der  Einzelnen
verteilt.  Bei  Mangel  an  Ware  ist  eine  gleichmäßige  Verteilung  des  Notbedarfs
nur  bei  einigermaßen  gleichem  Einkommen  denkbar.  Die  Personen  mit  hohen
Einkommen  würden  ihre  Bedürfnisse  möglichst  vollständig  zu  befriedigen  trachten ­
  und  unter  Umständen  den  Ärmeren  nicht  einmal  den  Notbedarf  übrig
lassen.  Diese  Folge  könnte  selbst  dann  eintreten,  wenn  der  Handel  eine  produktionssteigernde ­
  Wirkung  ausüben  sollte,  wie  viele  wohl  nicht  mit  Unrecht
annehmen.
Die  Kriegswirtschaft  unserer  Tage  hat  nun  den  Versuch  gemacht,  eine
gleichmäßigere  Verteilung  des  Notbedarfes  durch  Rationierung  und  Höchstpreise, ­
  teilweise  auch  durch  staatliche  Bewirtschaftung  durchzusetzen.  Man
konnte  das  Geld  nicht  mehr  wie  früher  beliebig  verwenden  ;  seine  Kaufbreite
wurde  eingeschränkt.
Da  nun  Geld,  weder  auf  dem  innenstaatlichen  Markte  noch  auf  den^  Weltmärkte, ­
  die  frühere  Sicherheit  gewährt,  beliebige  Waren  zu  kaufen,  trachten
immer  mehr  Menschen  darnach,  sich  statt  Geld  unmittelbar  die  erforderlichen
Waren  zu  beschaffen.  So  tritt  allmählich  der  Tauschhandel  an  die  Stelle  des
Geldverkehrs.  Möglich  wird  er  dadurch,  daß  die  staatlichen  Bestimmungen
über  die  Innenwirtschaft  nicht  lückenlos  wirksam  sind,  sondern  teils  unter  Zustimmung ­
  der  Behörden,  teils  gegen  ihren  Willen  durchbrochen  werden,  während ­
  im  zwischenstaatlichen  Verkehr  die  in  Kompensationsverträgen  bewilligten ­
  Ausnahmen  von  den  Ausfuhrverboten,  ganz  abgesehen  vom  Schmuggel,
geradezu  wesentliche  Instrumente  des  internationalen  Warenaustausches  geworden ­
  sind.  Nicht  einmal  ein  so  wohlorganisierter  Staat  wie  Deutschland
vermochte  zu  verhindern,  daß  in  vielen  Gebieten  die  fleischlosen  Wochen
wenig  eingehalten  werden,  in  zahlreichen  Gastwirtschaften  Lebensmittel  ohne
Marken  erhältlich  sind,  und  ähnliche  Erscheinungen  mehr  auftreten.
Aber  selbst  eine  lückenlose  Durchführung  aller  Maßnahmen,  wie  sie  auch
der  Aufruf  des  Ernährungsministers  vorsieht,  würde  äußerstenfalls  die  gleichmäßige ­
  Verteilung  des  Vorhandenen  sichern,  aber  keine  Gewähr  dafür
bieten  können,  daß  die  Produktion  ihr  Maximum  erreicht.  Mit  Strafdrohungen ­
  und  Geldprämien  ist  das  Auslangen  nicht  mehr  zu  finden.  Daß
Geldprämien  auf  dem  Lande  vielfach  versagen,  ist  sehr  begreiflich.  Wenn
einmal  die  Hypothekarschulden  abgezahlt  sind,  sehen  viele  Bauern  ihr  Ziel
in  einer  Verringerung  ihrer  Plage.  Aber  selbst  jene,  welche  noch  weiter  ihre
Lebenslage  durch  einen  Mehrverbrauch  verbessern  wollen,  trachten  ihre  Macht
über  Gegenstände  zur  unmittelbaren  Beschaffung  des  Benötigten  zu  verwenden.
Für  Geld  gibt  ihnen  die  Gesamtheit  das,  was  sie  brauchen,  entweder  überhaupt
nicht  oder  zu  sehr  hohen  Preisen.  Der  Staat,  welcher  für  beschlagnahmtes
Getreide  Geld  auszahlt,  sorgt  eben  nicht  dafür,  daß  der  Bauer  auch  Wagenschmiere, ­
  Schuhe,  Bindfaden,  Stricke,  Web  waren  und  anderes  erhalten  kann.
Er  verhält  sich  ihm  gegenüber  ähnlich  wie  gegenüber  dem  Arbeiter,  dessen
Versorgung  in  die  Hand  zu  nehmen  er  ablehnt,  ihm  Geld  gebend,  damit  er
irgendwie  sein  Auskommen  finde.
Die  Verteilung  der  Lebensmittel,  die  Steigerung  ihrer  Erzeugung,  alles
das  hängt  von  der  Verteilung  der  Machtmittel  und  der  Art  ihrer
Anwendung  ab.  Früher  einmal  war  die  Verteilung  der  Geldmacht  ausschlaggebend, ­
  heute  ist  es  mehr  die  Verteilung  der  tauschbaren  Gegenstände.  Der
Bauer  besitzt  in  den  Lebensmitteln,  die  er  in  der  Hand  hat,  eine  gewisse  Macht.
Da  der  Staat  nicht  beliebig  große  Mengen  von  Soldaten  zur  Requisition,  diesem
geschäftigen  Müßiggang,  verwenden  kann  und  mag,  der  gar  oft  nur  dazu
dient,  Menschen  zu  quälen  und  Ungerechtigkeiten  auszuüben,  ist  doch  z.  B.  ein
Bauer,  welcher  sein  Getreide  unterirdisch  aufbewahrt,  mächtiger  als  einer,  der
es  in  Scheuern  zur  Schau  stellen  muß.  Ein  einzelner  Arbeiter  ist  wesentlich
machtloser  als  ein  Bauer,  da  er  während  eines  Streiks  von  seiner  Nah  rungsquelle
  abgeschnitten  werden  kann,  über  welche  der  Bauer  immer  verfügt.
        <pb n="212" />
        201

Es  fragt  sich  nun,  könnte  nicht  auch  der  Staat  sich  die  Verfügungsgewalt
über  jene  Gegenstände  sichern,  welche  heute  so  wirksam  sind?  Der  Städter
bringt  dem  Bauern  Tabak?  Wer  gibt  dem  Städter  in  Österreich  den  Tabak?
Der  Staat  !  Wer  versetzt  den  Städter  in  die  Möglichkeit,  aufs  Land  fahren  zu
können?  Der  Staat,  indem  er  die  Bahnen  für  den  technisch  äußerst  unvollkommenen ­
  Rucksackverkehr  zur  Verfügung  stellt,  der  ebenso  wie  das  „Anstellen“ ­
  ein  Schandfleck  für  den  Rationalismus  dieses  Zeitalters  bleiben  wird.
Wer  gibt  Arbeitern,  Beamten,  zum  Teil  absichtlich,  die  Möglichkeit,  die  Höchstpreise ­
  zu  überschreiten?  Der  Staat  und  die  Fabriken,  welche  der  Staat  durch  hohe
Preise  dazu  befähigt,  indem  den  erwähnten  Kreisen  statt  Naturalien  erhöhte  Gehälter ­
  zugewiesen  werden.  Die  Behörden  drücken  oft  beide  Augen  zu,  wenn
Kohlengruben  einen  Teil  der  Kohle  verwenden,  um  im  Tauschhandel  Lebensmittel
zu  beschaffen,  wenn  Petroleumgruben  das  gleidie  tun.  Ja,  es  kommt  vor,  daß
sie  Überschreitung  von  Höchstpreisen  nahelegen,  um  Streiks  zu  verhindern.
Wenn  der  Tauschhandel  solche  Wunder  wirkt,  weshalb  nimmt  ihn  der  Staat
nicht  in  die  Hand?  Vor  allem  deshalb  nicht,  weil  Vorurteile  gegen  ihn  bestehen, ­
  insbesondere  manche  für  die  Valuta  vieles  befürchten.  Es  fragt  sich,
ob  man  im  Interesse  einer  klaglosen  Ernährung  nicht  auch  die  Valuta  schädigen
dürfe  ;  vor  allem  aber  zeigt  sich,  wie  wir  unten  andeuten  werden,  daß  diese
Sorge  an  sich  unberechtigt  ist.  Es  bleibt  vor  allem  die  Scheu  vor  dem  Ungewohnten, ­
  dem  Neuen  bestehen.  Man  läßt  nicht  gerne  die  alteingewurzelte
Anschauung  fahren,  daß  die  Geldordnung  unter  allen  Umständen  das  vollkommenste ­
  Werkzeug  der  Wirtschaft  sei.
Heute  findet  der  Tauschhandel,  insbesondere  in  der  Nähe  der  Großstädte,
in  völlig  ungeregelter  Weise  statt.  Die  Bewohner  von  Wien  stürzen  sich  mit
Tabak,  Zucker,  Leinwand,  Schmuck  usw.  auf  die  Bauernschaft  und  überbieten
einander,  ohne  systematisch  die  Mehrerzeugung  anzuregen.  Der  Staat  könnte
mit  der  gleichen  Menge  Tabak,  Zucker,  Leinwand  usw.  durch  systematisches
Vorgehen  einerseits  größere  Mengen  Lebensmittel  aufbringen,  anderseits  aber,
und  das  ist  sehr  wichtig,  durch  Schaffung  geeigneter  Naturalprämien  die
Mehrproduktion  anregen.  Der  Staat  könnte  z.  B.  Tabakprämien
schaffen,  den  Mehrerlös  an  Lebensmitteln  zu  Naturalprämien  für  Bergarbeiter
verwenden,  den  Mehrertrag  an  Kohle  in  Verbindung  mit  einem  Überschuß  an
Lebensmitteln  zu  Prämien  für  Städter,  welche  Wolle,  Messing,  Leinwand  usw.
abliefern  oder  gewisse  staatswichtige  Arbeiten,  etwa  bei  der  Lebensmittelverteilung ­
  usw.,  auf  sich  nehmen.  Es  müßte  systematisch  festgestellt  werden,  wo
überall  geeignet  angewendete  Naturalprämien  ungeweckte  Kräfte  beleben ­
  könnten.  Menschen,  welche  für  Geld  kaum  zu  einer  Arbeitsleistung
zu  haben  sind,  können  für  Naturalien  leicht  zu  einer  solchen  veranlaßt  werden.
Der  gesamte  Sammeldienst  könnte  mit  weit  geringerem  Personenaufwande  durchgeführt ­
  werden,  wenn  Seife,  Kohle  usw.  als  Prämien  dienten,  was  ja  gelegentlich ­
  mit  Erfolg  geschehen  ist  ;  so  wurde  z.  B.  für  die  Ablieferung  von  Gerberrinde ­
  Leder  gezahlt  und  ähnliches  mehr.  Der  Bauer  müßte  auf  diese  Weise
Industrieartikel,  wie  Stricke,  Wagenschmiere,  Kleider  usw.  erhalten,  was  überdies ­
  seine  Produktionsfähigkeit  förderte,  der  Städter  vor  allem  Lebensmittel,
was  ebenfalls  seine  Leistungsfähigkeit  steigert.
Diese  Art  Maßnahmen,  welche  durch  allgemeine  Steigerung  der  Leistungen
die  Gesamtversorgung  bessern,  die  Verteilung  gleichmäßiger  gestalten  könnten,
würden  vor  allem  deshalb  besser  als  Strafen  sein,  weil  sie  die  verhaßteste
Form  des  Zwanges  vermeiden.  Wer  keine  Butter  abliefert,  bekommt  eben
keinen  Tabak,  kein  Leder,  keine  Textilprämie,  im  übrigen  ist  er  in  seinem  Tun,
wenn  nicht  grobe  Verstöße  vorliegen,  unberührt.  Die  Strafdrohung  dagegen
führt  zu  Untersuchungen,  Verfolgungen,  Bedrückungen  aller  Art.  Der  Ausfall
der  Prämie  ist  selbst  schon  die  Strafe,  sie  ereilt  den  Täter  unfehlbar.  Die
Strafe  für  Schleichhandel  dagegen  ist  unsicher,  wer  ihr  entgeht,  hat  seinen
Vorteil  gesichert.  Überdies  darf  man  nicht  übersehen,  daß  der  Drang  zum
Schleichhandel  wesentlich  verringert  wird,  wenn  man  auf  ehrlichem  Wege  eine,
wenn  auch  vielleicht  etwas  kleinere,  Menge  Kohle,  Tabak,  Butter  usw.  erlangen ­
  kann.  Die  Behörde  hat  dann  übrigens  die  Macht  über  Rohstoffe  möglichst ­
  lange  in  ihrer  Hand,  die  sie  heute  oft  leichtsinnig  weggibt,  ohne  eine
        <pb n="213" />
        202

entsprechende  Gegenleistung  zu  fordern.  Die  Prämie  ist  übrigens  für  die
moderne  Betriebsorganisation  innerhalb  der  Fabrik  charakteristisch.  Es  wäre
eine  bedeutsame  Aufgabe,  die  dort  gesammelten  Erfahrungen  dazu  zu  verwenden, ­
  ein  geeignetes  Naturalprämiensystem  mit  wirksamen  Staffelungen ­
  auszuarbeiten.

Die  Durchführung  der  oben  angedeuteten  Pläne  bedarf  einer  weitgehenden
Berücksichtigung  lokaler  Verhältnisse  und  ist  auch  nur  innerhalb  gewisser
Grenzen  durchführbar.  Wenn  man  in  großem  Stil  den  staatlichen  Tauschhandel
einführt,  der  in  Verbindung  mit  der  Naturalverpflegung  der  Arbeiter
und  Beamten  viele  Kreise  befriedigen  dürfte,  dann  kann  man  gegen  den  restlichen ­
  Schleichhandel  als  einer  Sonderbetätigung  Einzelner,  die  sich  nicht
allgemeiner  Förderung  erfreut,  erfolgreich  mit  exemplarischen  Strafen  Vorgehen. ­
  Der  vielleicht  für  den  Einzelnen  weniger  ergiebige  Tauschverkehr
mit  der  Regierung  hätte  den  Vorteil,  daß  das  Risiko  des  Schleichhandels  wegfiele, ­
  sowie  seine  großen  Aufwendungen  an  Mühe  und  Geld.  Nach  den  bisherigen
Erfahrungen  wäre  es  wohl  zweckmäßig,  falls  dies  möglich  ist,  die  e  i  n  -
gelebten  Händler  innerhalb  der  staatlichen  Organisation  zu  verwenden  ;
zum  Teil  deshalb,  um  sie  nicht  zum  Schleichhandel  zu  zwingen.  Ob  man
freilich  überhaupt  dem  Staat  solche  Macht  anvertrauen  und  die  Lebensordnung
in  der  angedeuteten  Richtung  umgestalten  will,  ist  eine  andere  Frage.
Die  Einführung  von  Naturaltauschorganisationen  in  gewissem  Umfang
bedeutet,  daß  die  Menschen  in  vielen  Fällen  wieder  alle  Kräfte  anspannen
werden,  die  Bauern  ebenso  wie  die  Kohlenarbeiter,  weil  erwünschter  Lohn
winkt.  Es  wird  vielleicht  jene  zermürbende  Hoffnungslosigkeit  vielfach  ihr
Ende  finden,  welche  heute  die  meisten  erfüllt,  wenn  sie  sehen,  daß  vernünftig
angewendete  Arbeit  ihnen  nicht  die  erwünschten  Gegenstände  ins  Haus  bringt,
wohl  aber  die  sinnlose  Kraftverschwendung,  welche  dem  Rucksackverkehr,
dem  Kaffeehaushandel,  dem  Herumspüren  und  Herumschnüffeln  bei  Bekannten,
dem  Anstellen  innewohnt.  Es  würde  wieder  ein  größerer  organisatorischer
Zug  in  unser  Leben  kommen  und  jener  Kleinkram  aus  dem  Dasein  verschwinden,
der  heute  so  vielen  zum  Ekel  wird.  Das,  was  Österreich  zu  bieten  vermag,
solle  es  klar  und  einfach  ins  Haus  liefern,  und  in  wahrhaft  durchdachter
Arbeitsteilung  mit  der  Herbeischaffung  Beamte  und  Angestellte  betrauen,
nicht  müde  Mütter  und  unmündige  Kinder,  die  ihre  Zeit  verschwenden.  Werden
diese  Lähmungen  beseitigt,  die  einander  immer  mehr  steigern,  dann  würden
wir  in  der  nächsten  Zukunft  nur  jene  Entbehrungen  zu  ertragen
haben,  welche  unvermeidlich  sind.  Lernen  wir  die  Technik  der  Lebensmittelversorgung ­
  ebenso  ausbilden,  wie  wir  die  Technik  der  Betriebsorganisation ­
  beherrschen  lernen  !
Die  Auszahlung  der  Prämie  erfolgt  wohl  zunächst  am  besten  in  der
Weise,  daß  für  eine  bestimmte  Menge  abgelieferter  Waren  oder  geleisteter
Arbeit  einerseits  Geld  ausbezahlt,  anderseits  das  Recht  erteilt  wird,  für  einen
erheblichen  Teil  dieses  Geldes  eine  bestimmte  Ware  oder  bestimmte  Waren
zu  kaufen,  sei  es,  daß  dies  gleich  oder  in  einem  späteren  Zeitpunkt  geschieht.
Es  kann  auch  die  Form  gewählt  werden,  daß  die  Naturalprämie  unmittelbar
ausgefolgt  wird,  ohne  daß  überhaupt  eine  Geldzahlung  oder  auch  nur  eine
Geldverrechnung  dazwischen  tritt.  In  vielen  Fällen  wird  es  sich  empfehlen,
die  Prämie  zu  staffeln.  Für  die  erste  Getreidemenge,  welche  über  eine  bestimmte ­
  Menge  abgeliefert  wird,  erhalte  der  Bauer  eine  kleinere  Naturalprämie ­
  neben  der  Geldprämie,  als  etwa  für  die  nächste  und  übernächste.  Wie
weit  man  für  Großgrundbesitzer  und  Kleingrundbesitzer  verschiedene  Prämiensätze ­
  anwenden,  wie  weit  man  überhaupt  über  eine  sehr  grobe  Organisation
hinaus  feinere  Unterschiede  machen  will,  hängt  von  der  Personenzahl  ab,
welche  man  für  eine  solche  Organisation  zur  Verfügung  stellt.  Es  genügt
aber  meist,  wenn  die  gröbsten  Ungerechtigkeiten  vermieden  werden.  Schließlich ­
  sind  wir  ja  Ungerechtigkeiten  zur  Genüge  gewöhnt.  Die  Frage,  wie
weit  ganze  Gemeinden,  wie  weit  Einzelpersonen  Prämien  erhalten  sollen,  wird
verschieden  beantwortet  werden  können.  Bei  der  Verteilung  der  Prämien
muß  wohl  dem  Empfänger  eine  gewisse  Wahl  gelassen  werden,  soll  nicht
ein  unerwünschter  nachträglicher  Tauschhandel  die  Folge  sein,  welcher  viele
        <pb n="214" />
        203

empfindlich  schädigen  dürfte.  Es  soll  ja  gerade  dafür  gesorgt  werden,  daß
der  Bauer  rasch  und  zuverlässig  zu  den  begehrten  Industrieartikeln,  der  Städter
rasch  und  zuverlässig  zu  den  begehrten  Agrarartikeln  kommt,  soweit  diese
überhaupt  verfügbar  sind.  Eine  Hauptschwierigkeit  bildet  die  Beschaffung
der  Anfangsvorräte,  weil  ja  späterhin  durch  die  wechselseitigen  Produktionssteigerungen, ­
  die  der  organisierte  Tauschhandel  zur  Folge  hätte,  sowie  durch
die  Vorräte,  welche  für  die  ersten  eingetauscht  werden,  eine  entsprechende
Quelle  für  weitere  Tauschgeschäfte  gegeben  erscheint.  Was  die  Form  der
.Anweisung  anlangt,  so  bedeutet  wohl  die  Ausgabe  einer  Art  von  Lebensmittelkarten ­
  mit  wahlweiser  Verwendung,  wie  sie  gelegentlich  vorgekommen  ist,
gegenüber  dem  jetzigen  Zustand  die  geringste  Änderung,  was  psychologisch
zweifellos  von  Bedeutung  ist.  Die  reinen  Naturalanweisungen  ohne  dazwischentretende ­
  Geldzahlung  haben  den  Vorteil,  daß  manche  unkontrollierte  Geldbewegungen ­
  ausgeschaltet  werden.  Die  Naturalanweisungen,  welche  als  Prämien ­
  ausgegeben  würden,  besäßen  wohl  eine  geringe  Zirkulationsfähigkeit,
insbesondere  dann,  wenn  sie  auf  Namen,  wie  die  gegenwärtigen  Bezugsscheine, ­
  lauten.
Die  valuta  politischen  Wirkungen  decken  sich  im  ungünstigsten
Falle  mit  jenen,  welche  Rationierungen  und  Einschränkungen  der  Kaufbreite,
sowie  Ausfuhrverbote  auch  jetzt  ausüben.  Soweit  die  Beamten  einen  Teil
ihres  Gehaltes  in  den  Lebensmittelabgabestellen  ihrer  Ämter  gegen  Lebensmittel ­
  verrechnen,  wird  die  Menge  des  zirkulierenden  Geldes  verringert.  Daß
man  die  unmittelbar  gelieferten  Artikel  für  Geld  nicht  erhält,  ändert  die  Kaufkraft ­
  des  übrigen  Geldes  nicht  anders,  als  heute  die  Kaufbreitenbeschränkung,
welche  darin  besteht,  daß  man  für  Geld  nur  eine  beschränkte  Menge  Brot,
nicht  aber  weiteres  Brot  erhalten  kann.  Der  Einfluß  auf  das  Inlandsgeld  ist
auch  weniger  wichtig.  Die  Geldbeziehungen  zum  Ausland  hängen  aber  wesentlich ­
  davon  ab,  wie  weit  der  Ausländer  für  die  österreichisch-ungarischen  Noten
Waren  erhalten  kann.  Dies  wieder  hängt  wesentlich  von  der  Exportfähigkeit
Österreichs  ab.  Sollte  der  organisierte  Naturalaustausch  die  Produktion  erhöhen, ­
  dann  würde  die  für  den  Export  zur  Verfügung  stehende  Warenmenge
steigen  und  damit  die  österreichisch-ungarische  Valuta  im  Auslande  sich  heben.
Eine  daneben  auftretende  psychologische  Wirkung  auf  die  Valuta  ist  nicht
anzunehmen,  zumal  ja  nichts  im  Wege  steht,  trotz  des  organisierten  Naturaltausches ­
  den  Bauern  allmählich  Gelegenheit  zu  geben,  das  von  ihnen  thesaurierte
  Notengeld  gegen  Waren  einzutauschen.  Es  handelt  sich  ja  um  Veränderungen ­
  auf  der  Warenseite,  für  welche  die  Empfindlichkeit  nicht  groß
ist,  während  bekanntlich  die  Empfindlichkeit  für  Veränderungen  auf  der  Geldseite ­
  sehr  erheblich  ist.  Eine  Bestimmung,  welche  die  Geldqualität  der  Noten
änderte,  würde  wohl  sehr  starkes  Aufsehen  erregen.  Der  ungeregelte  Tauschhandel ­
  wirkt  auf  die  Valuta  dagegen  jedenfalls  ungünstig  ein,  vor  allem,
weil  er  das  Vertrauen  in  die  Staatsorganisation  überhaupt  erschüttert  und
den  Staatskredit  empfindlich  schädigt.  Es  ist  auch  klar,  daß  in  Geld  ausbezahlte ­
  Frühdruschprämien,  selbst  wenn  sie  ihren  Zweck  zunächst  erfüllen,
aut  die  Dauer  nicht  wirksam  bleiben,  weil  der  Bauer  die  teilweise  Unverwendbarkeit ­
  des  erhaltenen  Geldes  feststellt.  Auch  führt  die  Ausgestaltung
der  Geldprämien  leicht  zur  Assignatenwirtschaft.
Es  ist  dringend  an  der  Zeit,  das  hier  aufgerollte  Problem  endlich  grundsätzlich ­
  in  größerem  Kreise  zu  erörtern.  Die  bisherigen  Fälle  durchgeführter
Tauschhandelsorganisation  geben  zwar  gewisse  Anhaltspunkte,  sind  aber  zur
Beurteilung  nicht  ausreichend,  weil  ein  ganzes  System  in  seiner  Wirksamkeit
sich  oft  wesentlich  von  einer  Einzelmaßnahme  im  Rahmen  eines  ganz  anders
gearteten  Systems  unterscheidet.  Wie  so  oft  auf  dem  Gebiete  gesellschaftlicher ­
  Erscheinungen,  muß  ein  Entschluß  auf  Grund  von  Überlegungen
gefaßt  werden.  Es  handelt  sich  um  das  Versorgungssystem  des  nächsten
Jahres.  Allzu  leicht  kommt  der  Zeitpunkt,  wo  es  heißt  :  zu  spät.  Nur  wer
den  Mut  hat,  auch  große  Dinge  in  Angriff  zu  nehmen,  vermag  den  Schwierigkeiten ­
  unserer  Tage  erfolgreich  zu  trotzen.  Es  muß  endlich  klargestellt
werden,  ob  eine  Tauschhandelsorganisation  durchführbar  und  wirksam  ist  oder
nicht.  Das  beharrliche  Schweigen  der  Theoretiker  und  Praktiker  diesem  schwie-
        <pb n="215" />
        —  204  —
rigen  Fragenkomplex  gegenüber  ist  unwürdig  und  entspricht  nicht  dem
Ernste  der  gegenwärtigen  Situation.  Durch  den  Aufruf  des  Ernährungsministers ­
  muß  diese  Sache  irgendwie  ins  Rollen  gebracht  werden,  soll  nicht  die
Lebensmittelversorgung  unter  der  erschütterten  Staatsautorität  bald  empfindlich ­
  leiden.  In  schwierigen  Zeiten,  als  die  Erlassung  gewisser  Gesetze  in
Frage  stand,  sprach  Tiberius  die  beherzigenswerten  Worte  aus:  „Die  vielen
Gesetze,  welche  die  Vorfahren  erdachten,  die  vielen  Gesetze,  welche  der  göttliche ­
  Augustus  darüber  gab,  haben  diesen  Zustand  nur  noch  mehr  gefestigt,
jene,  indem  man  sie  vergaß,  diese,  indem  man  sie,  was  noch  weit  verbrecherischer ­
  ist,  mißachtete.  Solange  man  nämlich  nach  dem  strebte,  was  noch
nicht  verboten  ist,  muß  man  fürchten,  daß  es  verboten  werde,  hat  man  aber
erst  einmal  sich  über  Verbotenes  ungestraft  hinweggesetzt,  so  sind  Furcht
und  Scham  dahi  n.“
        <pb n="216" />
        205

XIV.
Das  umgekehrte  Taylor-System
Auch  etwas  zur  Auslese  der  Tüchtigen.
(1918.)

Das  letzte  Jahrzehnt  vor  dem  Kriege  machte  uns  in  Deutschland  mit  den
Bemühungen  der  Amerikaner  bekannt,  die  Arbeit  in  der  Industrie  und  im
Bureau  wissenschaftlich  zu  erforschen  und  derart  auszugestalten,  daß  alle
Handgriffe  möglichst  zweckmäßig  ausgeführt,  die  zu
jeder  Arbeit  geeignetsten  Menschen  herangezogen  würden. ­
  Die  Abwehr  dieser  auch  bei  uns  theoretisch  und  praktisch  geförderten ­
  wissenschaftlichen  Betriebslehre,  die  man  vielfach  in  ihrem  ganzen
Umfange  als  Taylorsystem  zu  bezeichnen  pflegt,  beschränkte  sich  nicht
nur  aut  die  Anhänger  einer  Entfaltung  des  wahren  Menschentums  und  die
Gegner  des  sogenannten  „Amerikanismus'*'.  Auch  in  der  Arbeiterschaft  bemerkte ­
  man  starke  Abneigung  dagegen.  Durch  Anwendung  des  Taylorsystems
gewinnen  die  Arbeiter  nur,  sofern  ihnen  eine  Teilnahme  am  Mehrgewinn  zugesichert ­
  wird,  sie  müssen  aber  Entlassungen  und  Überanstrengung  befürchten. ­
  Die  Arbeitsbedingungen  wurden  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts
durch  die  Einführung  der  Maschinen  wesentlich  verschlechtert,  weil  die  entlassenen ­
  oder  eine  Entlassung  fürchtenden  Arbeiter  den  Lohn  drückten  und
überdies  Frauen,  Kinder,  Greise  zur  Arbeit  herangezogen  werden  konnten.
Aut  dem  Umwege  über  schwerste  Erschütterungen  wurden  die  Arbeitsbedingungen ­
  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  langsam,  zum  Teil  unter  staatlichem
Druck  verbessert.  Das  Taylorsystem  ist  nun  als  arbeitsparendes  Mittel  dem
Maschinensystem  innerlich  verwandt.  Seine  allgemeine  Einführung  ohne
entsprechende  Maßnahmen  des  Staates  oder  der  Arbeiterorganisationen  könnte
für  die  Arbeiterschaft  manches  Bedenkliche  nach  sich  ziehen.
Aber  viele  fürchten,  daß  das  Taylorsystem,  selbst  dann,  wenn  es  zum
Vorteil  der  Arbeiter  eingeführt  wird,  die  allgemeine  Mechanisierung
des  Daseins  vermehren  würde.  Dies  ist  nun  keineswegs  notwendigerweise
der  Fall,  ja,  es  stecken  gerade  im  Taylorsystem  Elemente,  welche
es  zu  einer  Haupttriebkraft  eines  neuen  Humanismus
machen  könnten.
Während  des  Krieges  wandte  man  sich  überall  der  bewußten  Lebensgestaltung ­
  zu  und  ist  heute  mehr  als  früher  darauf  aus,  die  Kräfte  für
bestimmte  Zwecke  wirklich  erfolgreich  anzuwenden.  Wenn  wir  unter  der
Technik  eines  Zeitalters  den  Inbegriff  seiner  Erfindungen  verstehen,  unter
Technizität  deren  Anwendung,  so  wies  der  bisherige  Friedenszustand  bei
hoher  Technik  eine  verhältnismäßig  niedrige  Technizität  auf.
Der  Krieg  hat  in  mehr  als  einer  Richtung  die  Organisation  unserer  Wirtschaft ­
  verändert,  indem  nicht  der  Reingewinn  der  Unternehmer  für  die  meisten
Maßnahmen  ausschlaggebend  blieb.  Immer  häufiger  wurden  durch  staatliche
Verfügung  die  jeweils  als  zweckmäßig  erkannten  Wege  eingeschlagen.  Es
wurden  Produktionen  durchgeführt,  welche  an  sich  nicht  gewinnbringend  wären,
sondern  es  nur  durch  besondere  Aufwendungen  aus  öffentlichen  Mitteln  wurden.
Aber  es  kam  auch  zur  Anwendung  des  Produktionszwanges  und  ähnlicher
Maßnahmen.  Die  Erzeugung  von  Munition,  Waffen  usw.  stand  im  Vordergrund. ­
  Die  Kriegführung  wurde  nach  rein  technischen
Gesichtspunkten  durchgeführt.  Auf  ihrem  Gebiete  scheint
sich  die  Technizität  grundsätzlich  auszuleben.  Wenn  auch
        <pb n="217" />
        206

die  Riesenbetriebe  Amerikas  innerhalb  ihrer  Betriebsorganisation  feiner  durchgebildet ­
  sind,  so  gehen  sie  doch  grundsätzlich  auf  ein  Maximum  des  Reingewinnes ­
  aus,  während  die  Kriegführung  das  ganze  Volk  einem  Zweck  unterordnet. ­
  Daß  freilich  die  tatsächliche  Durchführung  der  Kräfteausnützung  infolge ­
  mangelnder  Durchbildung  der  Methoden  und  unseres  Denkens  noch  im
Anfangsstadium  steht,  muß  man  immer  im  Auge  behalten.
Wir  beginnen  mit  vieler  Mühe  und  Sorgfalt,  unter  den  Gesunden,  aber
auch  unter  den  Kriegsbeschädigten  die  für  vorhandene  Berufe  und  Organisationsformen ­
  geeigneten  Menschen  herauszusuchen,  und  diese  Strömung  dürfte
sich  nach  dem  Kriege  mächtig  entfalten.  Läge  es  nicht  im  Interesse  einer
weitblickenden  Kulturpolitik,  diese  Bestrebungen  mit  umfassenderen  zu
verbinden,  welche  die  bewußte  Lebensgestaltung  auf  den  ganzen  gesellschaftlichen ­
  Körper  ausdehnen?  Es  würde  so  für  die  fraglichen  Bestrebungen  die
Teilnahme  vieler  gewonnen  werden,  welche  jetzt  noch  vielfach  vor  Industrialisierung ­
  und  Amerikanisierung  zurückschrecken.  All  das  wird  aber  vermieden,
wenn  wir  auch  das  ,,umgekehrte  Ta  y  1  o  r  s  y  s  t  e  m“  anwenden,  welches
nicht,  wie  das  bisher  übliche  Taylorsystem,  darauf  aus  ist,  mit  den  Berufen
als  etwas  Gegebenem  zu  rechnen,  sondern  die  Menschen  in  den  Vordergrund ­
  rückt  und  nun  die  möglichen  Berufe  und  Organisationsformen  daraufhin ­
  prüft,  wie  sehr  sie  den  Menschen,  wie  wir  sie  vorfinden,  entsprechen.
Vielleicht  sind  die  vorhandenen  Berufe  und  Organisationsformen  für  die  Menschen ­
  nicht  ausreichend  geeignet,  vielleicht  müßten  zur  Erreichung  des  vollen
Menschentums  zum  Zweck  der  besten  Ausnützung  aller  Kräfte  für  die  jeweils
erstrebten  Ziele  neue  Berufsformen,  neue  Organisationsformen  geschaffen
werden  !
Vor  dem  Weltkrieg  wurden  alle  von  der  Gegenwart  derart  gefangen  genommen, ­
  daß  Betrachtungen  über  die  Wirtschaftsform  eines  Weltkrieges  kaum
beachtet  wurden.  Nun  hat  eine  solche  Fülle  von  Veränderungen  sich  angebahnt,
daß  jedermann  sich  mit  der  Zukunft  beschäftigt.  Dadurch,  daß  man  sich  die
nächste  Zukunft  mehr  oder  weniger  erfreulich  ausmalt,  glaubt  man  nun  eine
größere  Freiheit  des  Urteils  erworben  zu  haben.  Es  besteht  aber  neuerlich
die  Gefahr  der  Beengung.  Um  uns  von  ihr  zu  befreien,  sollten  wir  auch  an
die  übernächste  Zukunft  denken.  Vielleicht  hilft  uns  dies,
die  nächste  Zukunft  fruchtbarer  zu  gestalten.
Die  Verkehrswirtschaft  hat  die  Menschen  von  zahllosen  Bindungen  lokaler
Art  erlöst  und  ihnen  eine  weitgehende  Entschlußfreiheit  gegeben,  anderseits
hat  sie  solche  Marktbedingungen  geschaffen,  daß  die  Einzelnen  auf  Grund
ihres  freien  Entschlusses  sich  zu  einer  Lebensform  verstehen  mußten,  d  i  e
für  die  Mehrzahl  grundsätzlich  gleicher  Art  war  und  auf
die  unterschiedlichen  Neigungen  und  Anlagen  nur  in  geringem  Maße  Rücksicht ­
  nahm.  Nur  einem  Teil  der  Menschen  war  diese  Lebensform,  die  von
jedem  erhebliche  Einsicht  in  die  Folgen  seines  Tuns,  Ellbogenbenützung  usw.
fordert,  angemessen.  Ein  Teil  beugte  sich  notgedrungen  unter  das  Joch.  Eine
dritte  Gruppe  konnte  ihre  Fähigkeiten  überhaupt  nicht  recht  verwerten  ;  während ­
  der  mächtig  rauschende,  gleichmacherische  Strom  die  andern  mit  sich
forttrug,  wurden  hier  Menschen  an  den  öden  Strand  geworfen,  wo  sie  kümmerlich ­
  dahinlebten.
Die  Epoche  der  freien  Verkehrswirtschaft,  deren  Ausklingen  wir  miterleben,
ging  von  dem  öffentlich  anerkannten  Streben  nach  einem  möglichst  großen
Reingewinn  aus.  Das  führte  eben  nicht  zu  einer  Ausnützung  aller  Kräfte.
Und  wenn  auch  der  einzelne  Unternehmer  innerhalb  seines  Betriebes  in  Bezug
aut  die  Reingewinnerhöhung  rationell  verfuhr,  so  folgte  daraus  noch  nicht,  daß
die  Lebensordnung  der  freien  Verkehrswirtschaft  als  Ganzes  ebenfalls  rationell
verfuhr.  Das  Vordringen  der  Verwaltungswirtschaft,  welche
teils  auf  staatlichen  und  halbstaatlichen  Stellen,  teils  auf  privaten  Verbänden
fußt,  erklärt  sich  unter  anderem  daraus,  daß  man  jetzt  eine  vollständigere  Verwendung ­
  aller  Kräfte,  eine  Beseitigung  der  Unterbenützung  und  Nichtbenützung
von  Fähigkeiten  anstrebt.  Diese  natural  wirtschaftlich  gerichtete  Verwaltungswirtschaft, ­
  welche  sich  wohl  ebensowenig  vollständig  wie  die  geldwirtschaftlich
gerichtete  Verkehrswirtschaft  durchsetzen  wird,  neigt,  wie  es  scheint,  dazu.
        <pb n="218" />
        207

aut  Grund  zentralistischer  Maßnahmen  eine  gewisse  gleichartige  Gestaltung
der  Wirtschaftsorganisation  zu  fördern.  Die  g  le  ich  mache  rische  Tendenz ­
  der  freien  Verkehrs  Wirtschaft  würde  so  durch  eine
gleichmacherische  Tendenz  der  Verwaltungswirtschaft  abgelöst ­
  werden.  Hier  wie  so  oft  wohnt  dem  sich  stürmisch  entfaltenden
Rationalismus  zunächst  ein  Hang  zur  Gleichmacherei  inne.  Die,  wenn  auch
nicht  erhebliche,  Zahl  derer  nimmt  in  bezeichnender  Weise  zu,  die  sich  mit
den  Grundsätzen  eines  militarisierten  Arbeitsstaates  abfinden  wollen,  wie  ihn
Po  p  p  e  r  -  L  y  n  k  e  u  s  („Die  allgemeine  Nährpflicht“)  vorschlägt.
Es  ist  übrigens  sehr  begreiflich,  daß  man  eine  allgemeine  Gleichartigkeit
der  Lebensgestaltung  nicht  ungerne  hinnimmt,  wenn  gleichzeitig  eine
Verbesserung  aller  Lebens  Verhältnisse  eintritt.  Wenn  die  Verwaltungswirtschaft ­
  mit  ihren  Verbänden  der  Erzeuger,  Verbraucher,  mit  ihren
staatlich  kontrollierten  Banken,  mit  ihren  Staatsmonopolen  usw.  wirklich  die
Kräfte  besser  nützt,  die  Arbeitslosigkeit  beseitigt,  Krisen  unmöglich  macht  und
das  Massenelend  verringert,  so  wird  es  wohl  einige  Zeit  brauchen,  bis  sich
eine  einschneidende  Kritik  gegen  die  Gleichförmigkeit  der  Lebensgestaltung
wendet.  Aber  der  Wunsch  nach  dem  Nebeneinander  verschiedener ­
  Lebens-  und  Organisationsformen  dürfte  sich
dann  so  kräftig  wie  vielleicht  noch  nie  geltend  machen,
und  es  wäre  nicht  ausgeschlossen,  daß  die  der  Mannigfaltigkeit ­
  der  Menschen  an  gepaßte  Mannigfaltigkeit  der
Lebensformen  ge*rade  ein  Kennzeichen  der  übernächsten
Zukunft  würde.
Der  Weltkrieg  arbeitet  nun  auch  dieser  übernächsten  Zukunft  vor.  Viele
überlieferte  Formen  sind  zerstört,  Wünsche  entgegengesetztester  Art  sind  rege
geworden.  Daß  davon  nur  eine  Gruppe  siegen  sollte,  ist  heute  weniger
wahrscheinlich  als  früher,  weil  der  Gedanke  an  die  Gleichberechtigung ­
  verschiedener  Lebensformen  sich  durchsetzt,  zum  Teil  ein
Ergebnis  jener  skeptischen  Lebensanschauung,  welche  ein  Kind  des  Rationalismus ­
  ist.  Soweit  diese  Anschauung  aufbauend  wirkt,  bemüht  sie  sich,  möglichst ­
  vielen  Lebensformen  gleichzeitig  das  Dasein  zu  erleichtern,  wie  sie  ja
auch  den  Versuch  macht,  verschiedenen  Nationalitäten  innerhalb  desselben  Verbandes ­
  ein  vollentfaltetes  Kulturdasein  zu  schaffen.
Die  Mannigfaltigkeit  der  Wünsche  macht  sich  in  verschiedenster ­
  Weise  geltend,  wenn  wir  ganz  von  dem  Bestreben  nach  einer  Verringerung ­
  der  Lasten  absehen.  Viele  Menschen  würden  z.  B.  lieber  drei  Viertel
des  Jahres  als  Industriearbeiter,  ein  Viertel  als  Landarbeiter  tätig  sein,  statt
ununterbrochen  in  der  Fabrik  zu  leben.  Andere  wieder,  welche  sich  beruflich
weiterbilden  möchten,  würden  Halbtagarbeit  mit  Halblohn  annehmen,  wenn  sie
derlei  bekommen  könnten.  Es  gibt  Lehrer,  welche  in  ihrer  Wirksamkeit  gewinnen ­
  würden,  wenn  sie  etwa  jedes  fünfte  Jahr  in  einer  Verwaltung  verwendet ­
  würden.  Alle  solchen  Möglichkeiten  sind  stellenweise  verwirklicht,
aber  auch  nicht  infolge  allgemeiner  Grundsätze,  sondern  meist  nur  infolge
zufälliger  Umstände.
Wie  wir  auch  das  Ziel  des  gesellschaftlichen  Planes  abgrenzen  wollen,
so  läge  es  jedenfalls  im  Interesse  des  Volkswohlstandes  und  der  Volksgesundheit, ­
  die  Berufe  und  deren  Organisation  derart  zu  gestalten  und  zu  verteilen,
daß  die  gegebenen  Menschentypen  am  besten  verwertet  werden  können.  Vielleicht ­
  ergäbe  eine  Überprüfung  der  vorhandenen  Berufe  und  Organisationstypen, ­
  daß  sie  die  gegebenen  Menschenkräfte  nicht  recht  ausnützen.  Hat  man
bisher  gefragt,  welche  Menschen  am  geeignetsten  sind,  bestimmte  Stellen  in
gegebenen  Organisationsformen  auszufüllen,  so  erhebt  sich  nun  die  umgekehrte
Frage,  welche  Organisationsformen  und  Berufe  am  geeignetsten ­
  wären,  die  vorhandenen  menschlichen  Fähigkeiten ­
  und  Kräfte  zu  nutzen.
Schon  vor  dem  Kriege  wurde  gelegentlich  (Sigfried  Kraus,  Über  das  Berufsschicksal ­
  Unfallverletzter.  Cotta)  darauf  hingewiesen,  daß  wir  in  den
Landstreichern,  Hausierern  und  den  Angehörigen  vieler  anderer  Minderberufe,
welche  von  Invaliden  und  Mindertauglichen  aufgesucht  werden,  Menschen  vor
        <pb n="219" />
        —  208  —
uns  haben,  die  in  unserer  Lebensordnung  sich  nur  ungenügend  betätigen
können.  Zum  Teil  sind  sie  in  ihrer  technischen  Leistungsfähigkeit  beschränkt.
Wenn  aber  jemand  etwa  nur  zu  drei  Vierteln  leistungsfähig  ist,  pflegt  er  in
noch  geringerem  Maße  als  gerade  zu  drei  Vierteln  sich  betätigen  zu  können,
weil  wir  keine  Maßnahmen  getroffen  haben.  Mindertaugliche  zu  verwerten.
Zum  Teil  sind  es  aber  Menschen,  welche  technisch  voll  leistungsfähig  wären,
aber  der  Lebensform  der  freien  Konkurrenz  nicht  gewachsen  sind.  Sie  würden
sofort  volltauglich  werden,  wenn  sie  an  die  geeignete  Stelle  kämen,  die  zu
suchen  oder  sich  zu  schaffen  sie  aber  unfähig  sind.  Menschen,  die  einem  geruhigen ­
  Typus  angehören,  der  in  der  Zeit  der  Patrimonialverfassung  der  normale ­
  war,  sind  heute  die  Verstoßenen,  ja  die  Umhergetriebenen.  Manchmal
finden  sie  in  irgend  einem  Minderberuf  einen  Unterschlupf,  eine  Lösung,  die
weder  für  sie,  noch  für  die  Gesamtheit  wirklich  rationell  ist.  Psychisch  Defekte, ­
  welche  als  Einzelne  überhaupt  nicht  verwendbar  sind,  können  in  entsprechend ­
  organisierten  Gruppen  Erhebliches  leisten  und  so  die  Lasten  verringern, ­
  welche  sie  sonst  der  Gesamtheit  auflegen.
Was  so  von  Defekten,  Kranken,  sozial  Abnormalen  behauptet  werden
kann,  dürfte  aber  auch  von  sehr  vielen  gelten,  die  wir  als  sozial  durchaus  normal ­
  ansehen.  Wissen  wir  denn,  ob  nicht  die  Mehrzahl  der  Menschen  heute  in
Organisationsformen  lebt,  denen  sich  anzupassen  einen  großen
Teil  ihrer  Kraft  aufsaugt?  Wissen  wir  denn,  ob  nicht  die  Mehrzahl ­
  der  Menschen,  die  deshalb  als  sozial  normal  gilt,  weil  sie  diese  Kraft  zur
Anpassung  aufbringt,  unvergleichlich  mehr  leisten  würde,  wenn  wir  sie  in
anderen  Organisationsformen  arbeiten  ließen?
Der  Ruf  nach  mannigfaltigerer  Berufsgestaltung  wird  durch  den  Krieg
besonders  nahegebracht.  Die  Kriegsbeschädigten,  deren  Differenzierung  ja  viel
größer  als  die  der  Gesunden  ist,  müssen  untergebracht  werden.  Man  widmet
nun  weit  mehr  Mühe  der  Frage,  wie  ihre  Tauglichkeit  für  vorhandene  Berufe
und  Arbeitsweisen  ermittelt  werden  kann,  als  der  anderen  Frage,  welche  Organisationsformen, ­
  welche  Berufe  man  umgestalten  oder  neu  schaffen  müsse,  um
sie  möglichst  günstig  zu  beschäftigen.  Vielleicht  könnten  sehr  viele  eine  Halbtagarbeit ­
  voll  ausfüllen.  Wäre  es  nicht  naheliegend,  ganze  Fabriksorganisationen ­
  auf  Halbtagarbeit  einzurichten  und  die  dabei  erwachsenden  Mehrkosten
aus  den  Mitteln  für  die  Invalidenfürsorge  zu  bestreiten?  Ist  aber  einmal  der
Damm  gebrochen,  dann  wird  man  von  allen  Seiten  mit  derlei  Vorschlägen
kommen.  Die  allgemeine  Einführung  der  Halbtagarbeit  für  verheiratete  Fabrikarbeiterinnen ­
  mit  kleinen  Kindern  z.  B.  erscheint  dann  als  eine  Selbstverständlichkeit. ­
  Man  würde  dann  ebenso,  wie  man  heute  Einzelversuche  bezüglich ­
  bestimmter  Einwirkungen  der  Betriebe  anstellt,  den  Einfluß  ganzer  Betriebsorganisationen, ­
  Berufsanordnungen  untersuchen  können.  Man  würde  sich
bemühen,  in  Versuchsanlagen  den  Einfluß  des  Wechsels  landwirtschaftlicher  und
industrieller  Arbeit  zu  erproben,  der  nicht  zum  wenigsten  auf  der  Hoffnung
beruht,  welche  der  Einzelne  in  sich  hegt,  daß  es  nun  bald  „.Vgrarferien“,  daß
es  nun  bald  „Industrieferien“  gibt.  Urlaube  und  Rekonvaleszentenfürsorge
werden  oft  durch  einen  Wechsel  der  Beschäftigung  ersetzt  werden  können.
Freilich  erfordert  dies  alles,  daß  der  heute  sich  mächtig  entfaltende  Wille,
die  Kriegswirkungen  möglichst  rasch  zu  überwinden,  ein  klares  Ziel  vorfindet.
Dann  ist  es  möglich,  daß  wir  nach  dem  Kriege  durch  organisatorische  Reformen ­
  nicht  nur  die  dauernden  Schädigungen,  welche  der  Krieg  mit  sich
bringt,  wett  machen,  sondern  darüber  hinaus  ein  glücklicheres  Dasein  schaffen,
als  vor  dem  Kriege  bestanden  hat.
Es  wäre  für  die  gesamte  Kriegsfürsorge,  für  die  gesamte  Sozialpolitik  und
nicht  zuletzt  für  die  gesamte  Volkswohlfahrtspflege  von  Bedeutung,  das  „umgekehrte ­
  Taylorsystem“  praktisch  auszugestalten,  von  Bedeutung,  so  viel  verschiedenartige ­
  Berufsformen,  so  viel  verschiedenartige  Organisationstypen  zu
haben,  daß  möglichst  zahlreiche  Menschen  ihren  Fähigkeiten  und  Neigungen
entsprechend  beschäftigt  werden  können.  Schafft  geeignete  Berufe
und  geeignete  Organisationsformen  für  geeignete  Menschen ­
  !
        <pb n="220" />
        14

209

XV.
Wesen  und  Weg  der  Sozialisierung.
Gesellschaftstechnisches  Gutachten,  vorgetragen  in  der
8.  Vollsitzung  des  Münchener  Arbeiterrates  am  25.  Januar  1919.
Ehe  ich  meine  Ausführungen  beginne,  möchte  ich  meiner  Freude  über
die  an  mich  ergangene  Einladung,  vor  Ihnen  über  Sozialisierung  zu  sprechen,
Ausdruck  geben.  Eine  Reihe  von  wirtschaftsgeschichtlichen  und  wirtschaftstheoretischen ­
  Umständen,  die  ich  seit  langem^  beobachtete  und  untersuchte,
machten  es  mir  bereits  vor  dem  Weltkrieg  wahrscheinlich,  daß  wir  einer
zentral  verwalteten  Wirtschaft  mit  naturwirtschaftlichem
Einschlag  entgegengingen,  deren  Kommen  durch  einen  Jahre  dauernden
Weltkrieg  ungemein  beschleunigt  werden  würde.  Da  die  Mehrzahl  meiner  Voraussagen ­
  über  die  Struktur  und  das  Wesen  einer  solchen  Kriegswirtschaft  eingetroffen ­
  ist,  glaube  ich  heute  mit  um  so  größerer  Berechtigung  Möglichkeiten
der  nächsten  Zukunft  erörtern  zu  dürfen.
Ich  fasse  meinen  Vortrag  als  ein  gesellschaftstechnisches  Gutachten ­
  darüber  auf,  wie  man  gewisse  gesellschaftliche  Konstruktionen  durchführen ­
  kann  und  welche  Eigenschaften  sie  aufweisen.  Vor  allem  werde  ich
daher  zu  zeigen  suchen,  wie  bestimmte  Maßnahmen  unsere  Wohnung,  Nahrung,
Kleidung,  Arbeitszeit,  kurz  unsere  Lelbenslage  beeinflussen.  Welche  Machtmittel ­
  den  Erfolg  dieser  Maßnahmen  sichern,  welche  Machtverteilung  sie  zur
Folge  haben,  bleibe  dagegen  ununtersucht;  in  diesem  Sinne  sind  die  folgenden
'Darlegungen  unpolitisch.
Die  großen  Umwälzungen  unserer  Tage  zielen  offensichtlich  auf  leine
einheitliche  Regelung  der  Wirtschaft  und  eine  Umgestaltung  der  Einkommensverteilung ­
  ab.  Der  Entschluß  zur  ,,Sozialisierung“  ist  einerseits  durch  die
Unwirtschaftlichkeit  der  überlieferten  Ordnung  mit  ihren  Krisen,  ihrer  zeitweiligen ­
  Massenarbeitslosigkeit  und  ihren  Depressionen  bedingt,  die  vor  allem
auf  die  „Anarchie  und  Regellosigkeit  des  Marktes  und  der  Produktion“  zurückzuführen ­
  sind,  andererseits  durch  die  unbegrünidete  und  nicht  begründbare
Verteilung  der  Einkommen.  Eine  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel  würde
die  überlieferte  Unwirtschaftlichkeit  ebenso  wie  die  überlieferte  Einkommensund ­
  Lebenslagenverteilung  beseitigen.  Eine  Wirtschaft  sozialisieren  heißt,
sie  einer  planmäßigen  Verwaltung  zugunsten  der  Gesellschaft ­
  durch  die  Gesellschaft  zu  führen.
Die  Sozialisierung  setzt  voraus,  daß  ein  Wirtschaftsplan  durch  irgendeine ­
  entscheidende  Zentralstelle  verwirklicht  wird.  Eine  solche  Verwaltungswirtschaft ­
  mit  sozialistischer  Verteilung  eintritt,  das  heißt:
rechteten  Menschengruppe  günstigere  Lebenslagen  sichern;  in  Sparta  sicherte
eine  Art  Verwaltungswirtschaft  den  Spartiaten  die  Arbeitserträge  der  Heloten.
Sie  muß  auch  nicht  unbedingt  in  der  Hand  des  Staates  liegen;  der  Ausdruck
Verwaltungswirtschaft  ist  daher  mit  dem  Ausdruck  Staatssozialismus  nicht  bedeutungsgleich. ­

Einen  Sozialisten  nennen  wir  den,  der  für  eine  Verwaltungswirtschaft ­
  mit  sozialistischer  Verteilung  eintritt,  das  heißt:
einer  Verteilung,  welche  nach  allgemein  gültigen  Grundsätzen  unter
Berücksichtigung  persönlicher  Leistungen  und  persönlicher
Eigentümlichkeiten,  wie  Alter,  Geschlecht,  Gesundheitszustand  usw.
erfolgt,  aber  keine  Gruppenvorrechte,  keine  Vorrechte  der  Geburt,  des  Standes,
des  Erbrechtes  usw.  kennt.  Die  Lebenslagen  der  Einzelnen  können  innerhalb
einer  sozialistischen  Ordnung  grundsätzlich  sehr  erhebliche  Unterschiede  auf-
        <pb n="221" />
        210

weisen,  so  könnten  zum  Beispiel  gewisse  gesellschaftlich  erwünschte  Höchstleistungen ­
  besonders  prämiiert  werden.
Von  einer  vollständigen  Verwirklichung  des  Sozialismus  kann  man  im
allgemeinen  aber  erst  dann  sprechen,  wenn  sowohl  die  sozialistische  Verteilung,
als  auch  die  planmäßige  Verwaltung  der  Produktion  durch  die  Gesellschaft ­
  erfolgt.  Daß  der  Sprachgebrauch  in  dieser  Hinsicht  freier  ist,  zeigt
aber  etwa  die  Bezeichnung:  sozialistische  Monarchie.  Sie  erscheint
gegeben,  wenn  ein  Monarch  die  sozialistische  Wirtschaftsordnung  auf  Grund
seiner  absoluten  Gewalt  verwirklicht.  So  könnte  auch  die  planmäßige  Produktion ­
  und  Verteilung  nach  allgemein  gültigen  Grundsätzen  durch  ein  Zusammenwirken ­
  von  Industrie  verbänden,  Agrarverbänden,  Konsum ­
  e  n  t  e  n  ve  rb  än  d  en  usw.  erfolg  eh.  Wenn  dagegen  die  Gesellschaft
durch  eine  entsprechend  gewählte  Volksvertretung  Produktion  und  Verbrauch
zentralistisch  und  in  gewissem  Sinne  bürokratisch  regelt,  dann  ist  eine  sozialdemokratische ­
  Lebensordnung  gegeben.  Es  kann  aber  auch  an
die  Stelle  der  demokratisch  gewählten  Volksvertretung  mit  ihrem  Verwaltungsapparat ­
  unter  Umständen  das  politischen  Zwecken  dienende  Rätesystem
treten;  übereinandergestaffelte  Räte  als  Leiter  der  Produktion,  die  sich  schließlich
zu  einem  Rat  der  Räte  zusammenschließen,  sollen  gewissermaßen  die  Bürokratie
an  allen  Stellen  durch  Vertretungskörper  ersetzen.  Daß  die  Arbeiter  jedes
Betriebes  dabei  an  dessen  „Gewinn“  beteiligt  sind,  ist  dem  Rätesystem  nicht
eigewtümlich.
Nach  dem  bisher  Gesagten  kann  man  im  eigentlichen  Sinn  des  Wortes
nur  von  einer  Sozialisierung  der  Gesamtwirtschaft,  d.  h.  von
ihrer  planmäßigen  Umgestaltung  sprechen.  Es  wäre  irreführend,  zu  sagen,
eine  einzelne  Fabrik  sei  „sozialisiert“  worden,  weil  ihre  Arbeiter  sie  in  Besitz ­
  nahmen,  oder  irgend  ein  Bergwerk  sei  „sozialisiert“  worden,  weil  es  verstaatlicht ­
  wurde,  wenn  nicht  gleichzeitig  die  Gesamtwirtschaft  planmäßig  geleitet ­
  wird,  sondern  die  alte  Regellosigkeit  der  Produktion  und
der  Verteilung  andauert.  Nur  als  Mittel  einer  planmäßigen  Wirtschaftsgestaltung ­
  soll  man  Änderungen  in  den  Eigentumsverhältnissen,  Verstaatlichungen,
Besitzergreifung  durch  Arbeiterräte  als  Sozialisierungen  bezeichnen.  Wie  sollte
denn  auch  ein  einzelner  Arbeiterrat  oder  eine  einzelne  Produktionsgenossenschaft
die  Planmäßigkeit  der  Gesamtwirtschaft  verbürgen  !  ?
Wirtschaftspläne  werden  ausschließlich  durch  Großorganisat
  i  o  n  e  n  verwirKlicht,  deren  bedeutsamste  heute  der  Staat  ist.  In  diesem  Sinne
hat  man  denn  auch  von  marxistischer  Seite  die  Entwicklung  der  gemischten
Werke  und  der  Kartelle  selbst  dann  begrüßt,  wenn  deren  Macht  zunächst  der
Arbeiterschaft  höchst  lunerwünscht  war.  In  diesem  Geiste  müßte  eigentlich
auch  heute  die  Sozialisierung  vor  allem  in  der  Ausgestaltung  und
Vervollständigung  der  Großorganisationen  erblickt  werden,  die
ja  noch  gewaltiger  Entwicklung  vor  allem  durch  Schaffung  neuer  Zwischenund
  Bindeglieder  fähig  sind.  Soweit  man  diese  Großorganisationen  durch  gesellschaftlichen ­
  Einfluß  dem  Kampf  gegen  jede  Unwirtschaftlichkeit,  der  Förderung ­
  des  Glückes  Aller  und  der  sozialistischen  Verteilung  dienstbar  machen
kann,  müßten  sie  folgerichtig  seitens  der  Sozialdemokratie  ausgebaut  werden.
Gesellschaftstechnisch  wäre  es  naheliegend,  Genossenschaften,  Kartelle, ­
  Banken,  Gemischte  Werke,  Gewerkschaften,  Konsum ­
  e  n  t  e  n  v  e  r  b  ä  n  d  e  ,  Handelskammern,  Landwirtschaftskammern ­
  und  andere  Großorganisationen  neben  dem  Staat  als  Diener
der  Sozialisierung  zu  verwenden.  Es  wäre  durchaus  denkbar,  daß
man  diesen  Gebilden  in  ihrer  Gesamtheit  gewissermaßen  das  Mandat  übertrüge,
die  Sozialisierung  nach  gewissen  allgemeinen  Grundsätzen  durchzuführen.  Dies
hätte  unter  der  Leitung  und  nach  der  Anweisung  einer  machtvollen  Volksregierung ­
  zu  geschehen,  welche  durch  Kommissare  und  besondere,  neu  einzurichtende ­
  staatliche  Stellen  diese  Wirtschaftsmaßnahmen  dem  Staatsbetrieb
einzugliedern  hätte.  Das  Ziel  würde  vor  allem  dadurch  erreicht  werden,  daß
das  System  der  Verbände  ausgestaltet,  Produktion  und  Konsum  ¡möglichst
unmittelbar  miteinander  verbunden  werden.  Die  Verstaatlichung  würde  ein
wichtiges  Mittel  sein,  um  gewisse  Verbindungen  zu  erleichtern  oder  um  Wider-
        <pb n="222" />
        14*

211

stand  zu  beseitigen.  Vor  allem  würden  aber  die  staatlichen  Stellen  die  maßgebende ­
  Willensbildung  auf  dem  Gebiete  der  Produktion  und  des  Verbrauchs
in  der  Hand  haben.
Dieses  Vorgehen  würde  den  großen  Vorteil  gewähren,  daß  ein  ausgebildeter ­
  gesellschaftstechnischer  Apparat  zur  Verfügung  stünde
und  eine  große  Zahl  fähiger  und  entsprechend  vorgebildeter  Köpfe
verwendet  werden  könnte,  deren  Mitarbeit  die  Wirtschaftlichkeit  der  Sozialisierung ­
  wesentlich  erhöhte.  Die  Schwierigkeiten,  welche  sich  einem  solchen
Plan  entgegenstellen,  sind  vorwiegend  politischer  Natur.  Auf  der  einen
Seite  mißtrauen  sozialdemokratische  Kreise  den  Unternehmern  und  den  mit
gesellschaftlich  oder  gemütsmäßig  verbundenen  Kreisen  aufs  äußerste.
Sie  ubergeben  den  Unternehmern  nicht  gern  weitgehende  Machtbefugnisse,
mag  dies  auch  durch  deren  Fachkenntnis  geredhtf^igt  scheinen,  wen  jede
Macht  leicht  auch  politisch  verwendet  werden  kann.  Auf  der  andern  Seite  ist
die  Zahl  der  Unternehmer  und  ihrer  Anhänger  zunächst  gering,  welche  die
Sozialisierung  auf  alle  Fälle  für  unabwendbar  ansehen  und  ernstlich  daran  denken,
innerhalb  der  neuen  Ordnung  die  Produktion  und  Verteilung  in  veränderter
Stellung  mit  zu  leiten.  Gar  viele  von  ihnen  sind  zu  äußerstem  Widerstand
entschlossen  und  wollen,  wie  gewisse  politische  Konservative,  mit  fliegenden
Fahnen  untergehen.  Zum  Teil  ist  dies  Verhalten  durch  die  Sorge  begründet,
die  Sozialisierung  werde  eine  Vernichtung  ihrer  Existenz  bedeuten,  zum  Teil
durch  die  Annahme,  es  sei  doch  noch  möglich,  die  Sozialisierung  endgültig
abzuwehren  und  eine  Wiederkehr  der  überlieferten  Zustände  herbeizuführen.
Auch  gibt  es  nicht  wenige,  welche  davon  überzeugt  sind,  eine  sozialisierte  Ordnung ­
  werde  noch  unwirtschaftlicher  sein  als  eine  nichtsozialisierte.
Die  Sozialisierung  ist  dort  am  leichtesten  möglich,  wo  die  Durch  organisation ­
  und  Zentralisation  der  Wirtschaft  besonders  weit  fortgeschritten ­
  ist;  die  planmäßige  Verwaltung  aller  Kräfte  liegt  dort  am  nächsten,
wo  die  Not  zu  weitgehendster  Sparsanikeit  drängt.  Ein  Volk,  welches,
wie  das  deutsche,  weitgehend  organisiert  und  überdies
in  Not  ist,  wird  daher  der  Sozialisierung  besonders  zugänglich ­
  sein.  Die  Organisationen,  welche  die  eben  verflossene  Kriegsnot
schuf,  werden  von  der  gegenwärtigen  Friedensnot  gerne  übernommen  und
fortgeführt.
Eine  demokratische  und  sozialistische  Verwaltung  der  Gesamtwirtschaft ­
  kann  auch  eine  weitgehende  Demokratisierung  der  Betriebe
mit  sich  bringen.  Dies  ist  aber  keineswegs  notwendig.  Es  kann  innerhalb
einzelner  Betriebe,  ja  ganzer  Betriebsgruppen  eine  Art  Absolutismus  herrschen,
wie  ja  auch  innerhalb  einer  sozialistischen  Milizarmee  der  Feldherr,  trotz
seiner  Abhängigkeit  vom  Volke,  gegenüber  dem  einzelnen  Soldaten  weitgehende
Rechte  besitzen  kann.  Volkskommissare  und  verantwortliche  Beamte  mit  großer
Machtvollkommenheit  sind  mit  Demokratie  durchaus  vereinbar.  Eine  Demokratisierung ­
  der  Betriebe.^  die  soweit  geht,  daß  die  technische  Leitung  durch  Arbeiterräte, ­
  die  Verwaltung  ganzer  Betriebsgruppen  durch  Ausschüsse  höherer
Ordnung  erfolgt,  bedeutet  gesellschaftstechnisch  eine  Lähmung  der  Produktion. ­
  Die  gesarnte  gesellschaftliche  und  geschichtliche  Erfahrung  zeigt,
daß  Ausschüsse  für  (eine  derartige  Leitung  ungeeignet  sind.  Nur  dort,  wo
der  Gemeinschaftsgeist,  wie  etwa  in  kleinen  Bauerngruppen,  lebendig  ist,  kann
von  einer  autoritären  Organisation  abgesehen  werden;  auch  da  müßte  man  im
Interesse  des  Gemeinschaftsgeistes  wohl  manche  Produktionsverringerung  in  Kauf
nehmen.  Falsch  ist  es,  wenn  man  vom  Rätesystem  produktionstechnisch ­
  eine  Verbesserung  der  Lebenslage  erwartet.
Das  als  politische  Einrichtung  geschaffene  Rätesystem  führt  durch  sein
Hervorheben  des  Einzelbetriebes  im  Wirtschaftlichen  leicht  zu  einer  Pflege
des  Streikwesens,  das  mit  einer  durchsozialisierten  Gesellschaft  völlig
unvereinbar  ist  ;  für  sie  ist  der  Streik  le  i  n  e  Form  des  Bürgerkrieges.
Würde  das  Streiken  innerhalb  einer  sozialisierten  Wirtschaft  anerkannt  werden,
so  könnte  das  nur  eine  Bevorrechtung  der  in  den  lebenswichtigen  Betrieben
beschäftigten  Arbeiter  gleichkommen.  Die  Arbeiter  des  Verkehrswesens,  der
Elektrizitätswerke,  der  Wasserwerke  usw.  könnten  jederzeit  an  ihren  Volksge-
        <pb n="223" />
        212

nossen  Erpressung  ausüben,  welche  zufällig  in  weniger  lebenswichtigen  Betrieben ­
  beschäftigt  sind.  In  einer  sozialisierten  Wirtschaft  werden  die  Lebenslagen ­
  und  Löhne  aller  Menschen  durch  öffentlich-rechtliche  Bestimmungen ­
  nach  allgemeinen  Grundsätzen  festgesetzt,  nicht  werden  sie  zwischen
dem  Einzelnen  und  einer  ihm  Vorgesetzten  Stelle  durch  Verträge  bestimmt.
Daß  Arbeiterausschüsse  der  Fabriken  dazu  dienen  können,  die  Arbeitsverhältnisse ­
  und  gewisse  gewerbehygienische  Maßnahmen  zu  kontrollieren,  gehört  auf
ein  anderes  Blatt,  da  diese  Funktion  nichts  mit  der  Betriebsleitung  zu  tun  hat.
Hingegen  bestehen  gegen  zentrale  Arbeiterausschüsse  in  den  Kontrollstellen ­
  der  Regierung,  die  von  Arbeitern  aus  den  Fabriken  und  dem  Schacht
beschickt  werden,  keine  Bedenken.
Die  Gesamtorganisation,  deren  Schaffung  wir  erörterten,  kann  nur  dann
die  Wirtschaftlichkeit  der  Lebensordnung  erhöhen,  wenn  sie  über  einen  ausreichenden ­
  Wirtschaftsplan  verfügt.  Es  genügt  nicht,  die  Produktionsmöglichkeiten ­
  und  den  Verbrauch  im  ganzen  zu  kennen,  man  muß  die  Bewegung ­
  und  das  Schicksal  aller  Rohstoffe  und  Energien,  der  Menschen  und
Maschinen  durch  die  Wirtschaft  hin  verfolgen  können.  Neben  die  Rohstoff-Und
  Energiebilanz,  welche  Erzeugung,  Verwandlung  (Verbrauch),  Vorratsbildung, ­
  Einfuhr,  Ausfuhr  des  ganzen  Landes  behandelt  und  etwa  nach  einzelnen
Rohstoffen,  wie  Kupfer,  Eisen  usw.,  verfolgt,  muß  die  Bilanz  der  einzelnen
Industriezweige,  der  Landwirtschaft  usw.  treten.  Man  muß  erkennen  können,
welche  Mengen  an  Kohle,  Eisen,  Kalk  usw.,  Maschinen,  Menschen  usw.  für
die  Hüttenwerke  in  Anspruch  genommen  werden,  welche  Mengen  an  Erz,
Schlacke  usw.  gewonnen  werden,  was  davon  in  die  Industrie,  in  die  Landwirtschaft ­
  übergeht.
Um  solche  Übersichten  im  Stile  eines  Ballod-Atlanticus  oder  Popper-Lynkeus
  entwerfen  zu  können,  dazu  bedürfen  wir  einer  Universalstatistik, ­
  welche  in  zusammenhängenden  Übersichten  ganze  Länder,  ja  die  Welt
umfaßt.  Wäre  eine  solche  Universalstatistik,  ein  solcher  Wirtschaftsplan  seit
jeher  Ziel  unseres  Strebens,  so  würde  die  gesamte  Wirtschaftsstatistik  niemals
in  den  jetzigen  planlosen  Zustand  gekommen  sein.  An  zahllosen  Stellen  werden
wirtschaftsstatistische  Erhebungen  gemacht.  Kartelle,  Gewerkschaften,  ja  einzelne ­
  Vereine  neben  den  verschiedenen  staatlichen  und  kommunalen  Behörden,
die  ihre  eigenen  statistischen  Ämter  besitzen,  machen  statistische  Zusammenstellungen. ­
  Aber  im  allgemeinen  weiß  dabei  die  Rechte  nicht,  was  die  Linke
tut.  Die  Statistiken  können  gemeinhin  nur  schwer  oder  gar  nicht  miteinander
verknüpft  oder  verglichen  werden.  Erhebungsrubriken,  welche  in  einer  Statistik
berücksichtigt  werden,  werden  in  der  ergänzenden  vernachlässigt,  welche  von
einer  anderen  Stelle  in  Angriff  genommen  wird.  Dazu  kommen  zahllose  Lücken,
welche  oft  leicht  vermieden  werden  könnten,  wenn  jeder  erhebenden  Stelle
das  Gesamtschema  bekannt  wäre,  innerhalb  dessen  die  Einzelstatistik  ihren
Platz  bekommen  soll.  Durch  die  Universalstatistik  müßte  jede  Einzelstatistik
erst  Sinn  und  Bedeutung  erhalten.
Selbstverständlich  müßten  durch  eine  entsprechende  Verfügung  die  mengenmäßigen ­
  Kenntnisse  Verwertung  finden,  welche  heute  von  Einzelunternehmungen,
Banken  usw.  geheim  gehalten  werden.  Gewisse  staatliche  Wirtschaftsstatistiken
werden  sorgfältig  gehütet,  ja  sogar  vor  manchen  staatlichen  Stellen,  z.  B.  den
Steuerbehörden,  geheim  gehalten.  Innerhalb  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung ­
  war  letzten  Endes  jeder  darauf  aus,  seine  Konkurrenten  über  die  eigene
Lage  zu  täuschen,  nicht  selten  auch  die  Behörden.  Die  sozialisierte  Wirtschaft ­
  kennt  keine  wirtschaftsstatistischen  Geheimnisse.
Der  aufgeklärte  Absolutismus  des  18.  Jahrhunderts  hatte  das  menschliche  Glück
als  Ziel  der  staatlichen  Tätigkeit  bezeichnet.  Umfassende  statistische  Übersichten ­
  sollten  den  Staatsmann  befähigen,  für  das  Glück  aller  Bürger  zu  sorgen.
Als  man  den  Absolutismus,  die  Staatsherrschaft  stürzte  und  dem  wirtschaftlichen
Liberalismus,  dem  Geschehen-  und  Gewährenlassen,  der  freien  Konkurrenz,
zum  Siege  verhalf,  da  beseitigte  man  so  rasch  als  möglich  das  statistische
Wesen.  Abgesehen  davon,  daß  man  in  der  Statistik  ein  Mittel  der  staatlichen
Herrschaft  erblickte,  die  man  auf  dem  Gebiete  der  Produktion  und  des  Handels
energisch  bekämpfte,  sah  man  in  den  statistischen  Erhebungen  oft  eine  un-
        <pb n="224" />
        213

berechtigte  Einschränkung  der  persönlichen  Freiheit.  Produktion  und  Handel
wurden  Privatsache.  In  ähnlicher  Weise  wird  z.  B.  jetzt  durch  ein  Gesetz,
welches  verbietet,  jemanden  um  sein  Religionsbekenntnis  zu  fragen,  die  Religionsstatistik ­
  erschwert  oder  unmöglich  gemacht.
Die  Wirtschaftspläne  müßten  von  einer  eigenen  Stelle  entworfen  werden,
welche  die  gesamte  Volkswirtschaft  wie  einen  riesigen  Betrieb  anzusehen  hätte.
Die  Geldpreise  würden  für  ihre  Übersichten  keine  Rolle  spielen,  werden  sie
doch  im  Rahmen  einer  Verwaltungswirtschaft,  solange  das  Geld  überhaupt
noch  besteht,  wesentlich  willkürlich  durch  Verbände,  durch  den  Staat
oder  andere  leitende  Instanzen  festgesetzt,  während  sie  ehedem  automatische
Ergebnisse  des  Wettbewerbs  waren.  Die  Naturalrechnungszentra  1  e,
wie  wir  die  erwähnte  Stelle  nennen  könnten,  hätte  einerseits  den  jeweiligen
Wirtschaftsablauf  darzustellen,  vor  allem  aber  Wirtschaftspläne  für  die
Zukunft  zu  entwerfen.  Aus  diesen  Wirtschaftsplänen  müßte  die  Volksvertretung ­
  entnehmen  können,  welche  mengenmäßigen  Verschiebungen  etwa
der  Bau  von  Talsperren,  eine  allgemeine  Zementierung  der  Düngergruben
und  ähnliches  mehr  im  Rahmen  der  Gesamtwirtschaft  zur  Folge  haben  würden.
Die  Bedeutung,  die  Durchführbarkeit  jeder  Einzelmaßnahme  würde  aus  der
Betrachtung  des  Ganzen  ersichtlich  werden.
Um  den  dann  schließlich  von  der  Volksvertretung  gewählten  Plan  durchführen ­
  zu  können,  muß  jeder  deutsche  Freistaat  ein  Zentralwirtschaftsamt ­
  besitzen.  Es  genügt  nicht,  die  Wasserwirtschaft,  die  Kohlenwirtschaft, ­
  die  Ernährungswirtschaft  usw.  zu  zentralisieren.  Es  muß  in  jedem
Staats  wesen  eine  Stelle  vorhanden  sein,  welche  die  gleichzeitigen ­
  Veränderungen,  die  Zusammenhänge  zwischen
den  verschiedenen  Gebieten  in  jedem  Augenblick  im  Auge
hat,  um  gegebenenfalls  eingreifen  zu  können.  Selbstverständlich ­
  müßte  jedes  Zentralwirtschaftsamt  eine  Abteilung  für  Reichsfragen  besitzen,
die  ihrerseits  mit  der  Reichszentrale  in  Verbindung  zu  stehen  hätte.  Kompetenzfragen ­
  und  ihre  politischen  und  gesellschaftstechnischen  Folgen  bleiben  hier

Vor  einer  Zersplitterung  der  kommenden  Verwaltungswirtschaft  kann  nicht
nachdrücklich  genug  gewarnt  werden.  Die  Kriegswirtschaft  zeigt  uns
am  besten,  welchen  ungeheuren  Umfang  staatliche  Eingriffe  annehmen  können,
ohne  daß  es  zu  einem  wirklich  umfassenden  Gesamtplan  kommen  müßte.  Nicht
einmal  das  Preissystem  wurde  als  Ganzes  voll  erfaßt.  Fehlte  es  an  Zucker,
so  erhöhte  man  wohl  die  Rübenpreise,  ohne  die  zahllosen  Nebenwirkungen  ausreichend ­
  zu  beachten,  die  eine  solche  vereinzelte  Preisveränderung  ausübt.
Fragen  wir  uns  nun,  wie  man  die  Ergebnisse  solcher  W^irtschaftspläne  verwenden ­
  kann.  Sie  geben  vor  allem  eine  uns  bisher  unbekannte  schematisierende
Übersicht  über  den  Wirtschaftsablauf,  zwingen  unser  Denken,  die  Geldrechnung
abzutun  und  uns  mit  der  Naturalrechnung  zu  beschäftigen,  Produktion  und
Verbrauch  werden  einander  näher  gerückt,  Dinge  und  Menschen  treten  uns
plastischer  gegenüber.  Die  Verschleierungen,  welche  durch  „Valuta“,  „Devisenkurse“, ­
  „Konjunktur“,  „Depression“  usw.  erzeugt  werden,  sind  plötzlich  beseitigt. ­
  Alles  wird  durchsichtig  und  beherrschbar.
Auf  Grund  des  Wirtschaftsplanes  gestalten  sich  alle  Verhandlungen  über
Arbeitslohn  und  Arbeitszeit  völlig  anders  als  bisher.  Besäßen  wir
eine  Naturalrechnungszentrale,  so  könnte  man  in  großen  Zügen  Wirtschaftspläne
für  den  7-,  8-  und  9  stündigen  Arbeitstag  entwerfen  und  nun  fragen,  ob  längere
Freizeit  und  Konsumzeit  und  kleinere  Warenmenge  oder  kürzere  Konsumzeit ­
  und  größere  Warenmenge  innerhalb  bestimmter  Grenzen  vorzuziehen  ist.
Während  die  überlieferte  Ordnung  den  Achtstundentag  nur  als  Mittel  zur  Leistungssteigerung ­
  anerkennen  kann,  kommt  in  den  Entschließungen  der  Gesellschaft
einer  sozialisierten  Wirtschaft  die  Freizeit  unmittelbar  als  Gut  in  Frage.
Noch  wichtiger  als  für  die  Bestimmung  der  Arbeitszeit  ist  das  Entwerfen  von
Wirtschaftsplänen  für  die  Bestimmung  des  Arbeitslohnes.  Der  gegenwärtige ­
  Zustand  weist  auf  diesem  Gebiet  alle  Mängel  der  freien  Konkurrenz
ohne  deren  Vorzüge  auf.  Die  Arbeiter  stellen  Unter  Streikdrohung  immer  neue
Lohnforderungen,  man  gewährt  sie  ihnen  vielfach  und  belastet  durch  Preis-
        <pb n="225" />
        214

erhöhiingen  die  gesamte  Wirtschaft,  damit  auch  die  Arbeiterschaft,  Weitere
Lohnerhöhungen  bewirken  neue  Preiserhöhungen,  und  es  wird  die  bekannte
Schraube  ohne  Ende  wirksam.  Es  hilft  wenig,  wenn  sozialdemokratische  Führer
die  Arbeiter  darauf  hin  weisen,  daß  eine  Oeldlohnerhöhimg  letzten  Endes  bedeutungslos ­
  sei,  wenn  die  Menge  der  Produkte  nicht  vermehrt  wird.  Innerhalb
der  überlieferten  Ordnung  können  solche  Betrachtungen  nicht  viel  Einfluß
ausüben,  weil  der  Markt,  auf  welchem  der  Geldpreis  der  Arbeit  bestimmt
ist,  von  dem  Markt,  auf  welchem  der  Preis  der  Verbrauchsgegenstände  bestimmt
wird,  völlig  getrennt  ist.  Der  Arbeiter  sieht  nicht  unmittelbar,  was  seine  Forderungen ­
  bedeuten.  Ganz  anders  würden  sich  die  Verhandlungen  gestalten,
wenn  der  gesamten  Arbeiterschaft  ein  Wirtschaftsplan  vorgelegt  Und
nun  auf  Grund  der  vorliegenden  Daten  festgestellt  würde,  wieviel  Brot,  wieviel
Fleisch,  wieviel  Wohnung,  wieviel  Kleidung  usw,  auf  den  Einzelnen  höchstens
entfallen  könne.  Die  Klarheit  allein,  welche  diesem  Verhandeln  anhaftet,  hat
bereits  eine  reinigende  Wirkung,  Es  muß  dann  nur  noch  entschieden  werden,
welche  Vorzugsversorgung  Schwerarbeitern,  Kindern,  Kranken  zuteil  werden
muß,  wie  man  besonders  wichtige  Leistungen  belohnen  will,  ob  man  Erfinder,
Dichter,  Techniker,  Ärzte,  die  Großes  für  die  Allgemeinheit  geleistet  haben,,
etwa  wie  im  alten  Athen  im  Prytaneum  (Ehren-Altersheim)  speisen  will.  Die
Bestimmung  der  Kriegsrationen  hat  uns  gezeigt,  daß  derlei  gesellschaftstechnisch
nicht  übermäßig  schwierig  ist  und  nicht  so  leicht  zu  ernstlichen  Zwistigkeiten
führt,  wie  etwa  Geldlohn  Verhandlungen,  Auch  die  Versorgung  der  Arbeitslosen
durch  Abgabe  von  Naturalien  würde  viele  Erörterungen  über  die  Zulänglichkeit
  oder  Unzulänglichkeit  der  bisher  gezahlten  Geldbeträge  beseitigen.  Die
Arbeitslosenfrage  spielt  übrigens  innerhalb  einer  durchsozialisierten  Wirtschaft
keine  Rolle,  da  diese  die  Arbeitslosigkeit  planmäßig  beseitigt.
Man  kann  aber  nur  dann  über  den  Naturallohn  der  Arbeiter  verhandeln,
wenn  man  ihn  auszuzahlen  vermag.  Dazu  bedarf  es  umfassender  Maßnahmen,
die  Verteilungsorganisationen  des  Krieges  dürften  für  diese  Zwecke  kaum  ausreichen, ­
  Es  bedarf  einer  weitgehenderen  Verknüpfung  der  einzelnen  Wirtschaftsglieder, ­
  Um  auf  diesem  Gebiete  die  Sozialisierung  vorbereiten  und  eine
planmäßige  Versorgung  Aller  einleiten  zu  können,  wäre  im  Augenblick  die
Schaffung  großer  Industrie-  oder  Bankkonzerne  erwägenswert,  welche  die  Versorgung ­
  der  Arbeiterschaft  unter  deren  Kontrolle  in  die  Hand  zu  nehmen
hätten;  ihre  spätere  Eingliederung  in  die  sozialistische  Wirtschaft  bleibe  hier
unerörtert.  Es  kam  bereits  während  des  Krises  mehrfach  vor,  daß  große  Werke
mit  Landgebieten  Pacht-  oder  Lieferungsverträge  abschlossen  oder  sogar  Landgüter
kauften,  um  Lebensmittel  für  ihre  Arbeiter  zu  erlangen.  Wir  können  uns  ohne
Schwierigkeiten  vorstellen,  daß  ein  solcher  Industrie-  oder  Bankkonzern,  welcher
für  die  Arbeiter  nunmehr  Lebensmittel  in  ähnlicher  Weise  besorgt,  wie  er  sonst
Rohstoffe  für  eine  Industrie  beschafft,  alles  an  wenden  wird,  um  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  und  den  Import  zu  steigern.  So  würde  z,  B,  ein  solcher
Konzern  langfristige  Investitionskredite  gewähren  und  für  Meliorationen  aller
Art  Sorge  tragen.  Selbstverständlich  würde  auf  diese  Weise  eine  unmittelbare
Interessengemeinschaft  zwischen  Industrie  und  Landwirtschaft  entstehen,  der
ähnlich,  welche  innerhalb  eines  gemischten  Werkes  zwischen  Gruben,  Hüttenwerken ­
  und  den  verarbeitenden  Betrieben  besteht.  Es  würde  schließlich  wohl
dazu  kommen,  daß  die  Industrie,  bzw,  der  Bankkonzern,  gleichzeitig  landwirtschaftliche, ­
  bergbauliche  und  industrielle  Geschäfte  betreibt.  Selbstverständlich
würde  die  Industrie  ihre  Produkte  der  mit  ihr  verknüpften  Landwirtschaft  zuführen
und  so  zum  Teil  eine  Art  Naturaltausch  ermöglichen.  Ein  solcher
Naturaltausch  würde  insbesondere  dann  an  Bedeutung  gewinnen,  wenn  Anbauprämien ­
  in  Form  von  Industrieprodukten  gewährt  würden  und  überhaupt  die
Versorgung  der  Landwirte  mit  Industriepixxmkten  möglichst  einheitlich  und  übersichtlich ­
  erfolgte.
In  welchem  Ausmaß  der  Staat  in  diese  Organisationen  eingreift,  hängt
von  dem  Verhalten  der  in  Frage  kommenden  Verbände  ab.  Jedenfalls  kann  unter
Heranziehung  der  landwirtschaftlichen  Genossenschaften  und  sonstiger  Organisationen ­
  durch  eine  solche  Maßnahme  die  Sozialisierung  der  Oesamtwirtschaft
ein  gut  Stück  vorwärts  gebracht  werden.  In  welcher  Weise  man  die  früher
        <pb n="226" />
        215

selbständigen  Unternehmer  entlohnt,  welche  nunmehr  als  Beauftragte  der  Gesamtheit ­
  vergehen,  ist  eine  Frage  für  sich.  Wichtig  ist,  daß  eine  übersichtliche
Gesamtorganisation  geschaffen  wird,  aus  deren  dichtmaschigem  Netz  nur  wenig
Produkte  entschlüpfen  können.  Das  Schicksal  der  bäuerlichen  Betriebe  steht
dabei  ebenfalls  an  zweiter  Stelle.  Sozialisiert  muß  von  oben  werden.
Was  mit  dem  Einzelnen  zu  geschehen  hat,  ergibt  sich  aus  der  Anlage  des
Ganzen,  ein  Gedanke,  der  nicht  oft  genug  hervorgehoben  werden  kann,  soll
nicht  die  ganze  Sozialisierungsbewegung  zu  einer  Kleinarbeit  werden,  die  unter
Umständen  eine  Reihe  scheinbarer  Lokalerfolge  erzielt,  im  ganzen  aber  die
Wirtschaft  lähmt  und  hemmt.  Was  an  organisierenden  Kräften  in  den  Dienst
der  Sozialisierungsidee  gestellt  werden  kami,  sollte  herangezogen  werden.  Die
Verstaatlichung  durch  Bureaukratisierung  setzt  weit  mehr  Vorarbeiten  voraus;  sie
kann  nur  dort  rasch  erfolgen,  wo  es  sich  um  einfache  und  klare  Verhältnisse
handelt  und  der  überlieferte  Beamtenapparat  der  Aufgabe  gewachsen  ist,  was
unter  .Umständen  von  Bergbau-,  Wasserkraft-  und  ähnlichen  Betrieben  gilt.
Auf  anderen  Gebieten  könnte  sich  der  Staat  zunächst  mit  der  Leitung  der  Verbände ­
  usw.  begnügen,  solange  seinen  Plänen  kein  Widerstand  geleistet  wird.
Auch  dies  ist  Sozialisierung,  sie  schlägt  nur  einen  anderen  Weg  ein  als  die
sofortige  Verstaatlichung.
Ähnliche  Interessengegensätze  wie  zwischen  Industrie  und  Landwirtschaft
bestehen  zwischen  Produzenten  und  Importeuren.  Wenn  der  Import
einer  Ware  rein  geldwirtschaftlich  gerechnet  8  Millionen  Mark  Gewinn  bringt,
wenn  durch  die  hierbei  eintretende  Preissenkung  die  Produktion  einen  Mindergewinn ­
  von  4  Millionen  Mark  aufweist,  so  werden  die  Produzenten  alles  tun,
um  diesen  Import  zu  verhindern.  Wären  dagegen  Produzenten  und  Importeure
in  einem  Verband  vereinigt,  so  würden  sie  sogar  im  Rahmen  der  überlieferten
Ordnung  so  lange  importieren,  als  der  Importgewinn  den  Produktionsverlust
wettmacht.
In  jeder  großen  Importorganisation  liegt  heute  ein  naturalwirtschaftlicher  Zug,
da  der  zwischenstaatliche  Kompensationsverkehr  eine  täglich
wachsende  Rolle  spielt.  Wenn  auch  die  Geldverrechnung  beim  Kompensationsverkehr ­
  fortbesteht,  so  ist  doch  das  Geld,  welches  die  Vertragscliließenden  erhalten, ­
  für  sie  nicht  Anweisung  auf  beliebige  Warenarten,  sondern  nur  auf  jene,
deren  Ausfuhr  der  andere  Vertragschließende  gestattet.  Die  Kaufbreite
des  Geldes  ist  nicht  mehr  unbeschränkt.  Daß  bei  den  Kompensationsverträgen
Menge  und  Art  der  Waren,  nicht  Geldsummen  im  Vordergrund  stehen,  zeigen
uns  alle  Abmachungen  und  Verhandlungen  der  letzten  Zeit.
Der  Kompensationsverkehr  erzwingt  heute  eine  weitgehende  Organisation
der  Aus-  und  Einfuhr.  Er  legt  aber  damit  auch  eine  Organisation  der  inländischen ­
  Vorratshaltung  nahe.  In  Lagerhäusern  nTüssen  die  exportreifen
Waren  ebenso  wie  die  eben  importierten  eingelagert  werden.  Die  Übersichtlichkeit ­
  des  gesamten  Warenverkehrs  wächst  dadurch  bedeutend,  was  durchaus
im  Interesse  einer  planmäßigen  Verwaltungswirtschaft  und  damit  auch  der
Sozialisierung  gelegen  wäre.  Eine  Großvorratswirtschaft  wurde
voraussichtlich  auch  für  die  zwischenstaatliche  Zahlungspolitik  und  für  die
Notenbankpolitik  von  Bedeutung  werden,  wenn  auch  Verknüpfungen  dieser
Art  nur  mit  besonderer  Vorsicht  gemacht  werden  dürfen,  jedenfalls  nur  im
Rahmen  umfassender  Maßnahmen,  nicht  etwa  für  sich  allein.
Wo  wir  hinblicken,  sehen  wir  heute  ein  Vordringen  naturalwirtschaftlicher ­
  Tendenzen.  Der  Tauschhandel  in  kleinem  Stil  ist  ja  jedermann
zum  Überdruß  bekannt.  Aber  auch  in  größerem  Umfang  ist  der  Austausch
von  Naturalien  vorgekommen.  Einzelne  Regierungspräsidenten  haben  während
des  Krieges  die  Abgabe  von  Zucker  usw.  an  die  bäuerliche  Bevölkerung  mit
Erfolg  von  der  Lebensmittelablieferung  abhängig  gemacht.  Wie  weit  die  Zerrüttung ­
  unseres  Geldwesens,  wie  weit  die  Rationierungen  die  Naturalwirochatt
förderten,  soll  hier  nicht  weiter  erörtert  werden.  Wohl  aber  sei  wenigstens
ganz  flüchtig  darauf  hingewiesen,  daß  mit  der  Einführung  von  Na  t  u  r  a  1  -
steuern  und  ähnlicher  Einrichtungen  ernstlich  gerechnet  werden  ^uß.
Das  Geld-  und  Kreditwesen  ist  derart  gefährdet,  daß  rnöghcherweise  der  Staat
nur  dann  über  die  erforderlichen  sachlichen  Mittel  verfügen  kann,  wenn  er  sie
        <pb n="227" />
        216

unmittelbar  in  die  Hand  bekommt.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  ein  Staat,
welcher  über  Naturalmengen  gebietet,  im  Auslande  größeren  Kredit  genießt
als  einer,  welcher  bloß  Geld  anbieten  kann,  dessen  Kaufkraft  unbestimmt  und
zweifelhaft  ist.  Gerade  in  Zeiten  der  Unruhe  und  Unsicherheit  sind  Naturalien
erwünschte  Pfandgegenstände.  Wir  sehen  ja  auch,  wie  die  Entente  vor  allem
Maschinen,  Rohstoffe  usw.  fordert,  wie  ja  auch  die  Mittelmächte  vor  allem
Naturalien  von  Rumänien,  von  der  Ukraine  zu  erlangen  trachteten.
Wir  müssen  uns  endlich  von  veralteten  Vorurteilen  befreien  und  in  der
Großnaturalwirtschaft  eine  vollwertige  Wirtschaftsform  erblicken,  welche
heute  um  so  bedeutsamer  ist,  als  jede  vollständige  Verwaltungswirtschaft ­
  letzten  Endes  Naturalwirtschaft  ist.  Sozialisieren  heißt
daher  die  Naturalwirtschaft  fördern.  An  der  zersplitterten,  unbeherrschbaren
Geldordnung  festhalten  und  gleichzeitig  sozialisieren  wollen,  ist  ein  innerer
Widerspruch.  Es  gehört  zum  Wesen  des  Geldes,  daß  es  nicht  geleitet  werden
kann,  und  alle  Versuche,  die  „richtige  Geldmenge“  zu  bestimmen,  sind  vergebliches ­
  Bemühen.  Die  bisherigen  geldpolitischen  Bestrebungen  waren  praktisch ­
  ergebnislos,  theoretisch  unzulänglich,  nicht  weil  die  Bearbeiter  unfähig
waren,  sondern  weil  das  Geld  ein  ungeeignetes  Objekt  all  dieser  Bemühungen
war.  Wenn  man  einmal  das  Wesen  des  Geldes  voll  erkannt  haben  wird,  dann
wird  es  allen  wie  Schuppen  von  den  Augen  fallen,  und  die  Entwicklung  von
Jahrhunderten  wird  wie  ein  großer  Irrtum  erscheinen.  Späteren  Geschlechtern ­
  mag  es  dann  Vorbehalten  sein,  zu  zeigen,  welche  befruchtenden,
welche  vernichtenden  Wirkungen  das  unaufhörliche  Streben  nach  einer  vollkommenen ­
  Geldordnung  erzeugt  hat.
In  einer  Großnaturalwirtschaft,  in  einer  sozialisierten  Wirtschaft  ist  das
Geld  keine  treibende  Kraft  mehr.  Es  gibt  dann  keinen  „Reingewinn“,
um  dessentwillen  produziert  würde.  Geld  kann  höchstens  als  Anweisung  aut
allerlei  Gegenstände  und  Leistungen  bestehen  bleiben,  welche  der  einzelne
Verbraucher  erhält,  um  seinen  Verbrauch  einrichten  zu  können.  Es  hängt
vom  gesamten  Wirtschaftsplan  ab,  in  welchem  Ausmaß  die  Mannigfaltigkeit
des  Einzeldaseins  Berücksichtigung  finden  kann.  Eins  werde  vorweg  festgestellt ­
  :  Innerhalb  einer  sozialisierten  Wirtschaft  kann  eine
weit  größere  Mannigfaltigkeit  der  Lebensweise  ermöglicht ­
  werden,  als  innerhalb  der  freien  Verkehrs  Wirtschaft.
Die  freie  Konkurrenz  erzwang  eine  weitgehende  Gleichartigkeit.  Die  Arbeitszeit ­
  z.  B.  paßte  sich  der  „Weltarbeitszeit“  an,  da  ja  alles  auf  alles  durch  Vermittlung ­
  des  Marktes  einwirkte.  Ganz  anders  innerhalb  der  sozialisierten  Wirtschaft. ­
  Es  kann,  wenn  es  die  Gesellschaft  wünscht,  neben  dem  achtstündigen
Arbeitstag  für  Durchschnittsarbeiter  ein  sechsstündiger  für  Kriegsbeschädigte
und  Alternde  Geltung  haben.
Die  Ausschaltung  des  Reingewinns  ist  eine  notwendige  Folge  der
Sozialisierung;  selbst  in  einer  nur  teilweise  durchgeführten  Verwaltungswirtschaft, ­
  wie  es  die  Kriegswirtschaft  war,  wurde  der  Reingewinn  im  wesentlichen ­
  willkürlich  festgesetzt.  Wenn  durch  Verbände  oder  durch  den  Staat
Mindestlöhne  und  Höchstpreise  festgelegt  sind,  ist  der  Reingewinn  im  wesentlichen ­
  mitbestimmt.  Er  ist  dann  eigentlich  ein  verwaltungsmäßig  bestimmtes
Geldeinkommen  und  ist  weder  geeignet,  Anreiz  für  Leistungen,  noch
ein  auch  nur  vermeintlicher  Anzeiger  für  die  Wirtschaftlichkeit ­
  einer  Maßnahme  zu  sein.  In  der  überlieferten  Wirtschaftsordnung ­
  entschied  man  die  Frage,  ob  eine  Mühle  oder  ein  Hüttenwerk  zu  bauen
sei,  auf  Grund  des  Reingewinns,  welchen  das  eine  oder  das  andere  Unternehmen ­
  abwarf.  Verzinste  sich  das  eine  mit  5  v.  H.,  das  andere  mit  6  v.  H.,
so  galt  letzteres  für  wirtschaftlicher.  Wenn  höherer  Reingewinn  durch  bessere
Maschinen,  sparsamere  Behandlung  der  Rohstoffe  erzielt  wurde,  war  er  tatsächlich ­
  ein  Anzeiger  der  Wirtschaftlichkeit,  er  konnte  aber  unter  Umständen
wachsen,  wenn  der  Unternehmer  Produkte  vernichtete  oder  Produktionsmöglichkeiten ­
  ungenützt  ließ.  Der  Reingewinn  war  aber  nicht  nur  ein  Anzeiger,  er
war  gleichzeitig  die  Prämie  für  den  Unternehmer,  durch  welche  seine  Maßnahmen ­
  belohnt  wurden.  Der  Reingewinn  förderte  so  die  Entwicklung  der
Technik,  er  förderte  aber  auch  den  Mißbrauch  an  Menschenkraft.
        <pb n="228" />
        217

Was  tritt  nun  an  die  Stelle  des  Reingewinns  in  einer  sozialisierten  Wirtschaft? ­
  Die  größere  oder  geringere  Wirtschaftlichkeit  eines  Systems  von  Maßnahmen ­
  kann  nur  durch  den  Vergleich  der  Gesamtpläne  festgestellt ­
  werden.  Die  Naturalrechnungszentrale  hätte  etwa  einen  Wirtschaftsplan ­
  unter  der  Annahme  zu  entwerfen,  daß  ein  Elektrizitätswerk  gebaut  und
die  Landwirtschaft  in  gewisser  Weise  verbessert  wird,  und  einen  zweiten  unter
der  Annahme,  daß  ein  Kanal  gegraben  und  ein  Hüttenwerk  errichtet  wird.
Nun  hat  die  Wirtschaftsleitung,  vor  allem  die  Volksvertretung,  zu  entscheiden,
ob  sie  die  eine  Gestaltung  der  Lebenslagen  oder  die  andere  vorzieht,  die  bessere
Versorgung  mit  Elektrizität  und  Lebensmitteln  nebst  anderen  Wirkungen,  oder
die  bessere  Versorgung  infolge  Ausgestaltung  des  Imports  und  vermehrter
Eisenerzeugung.  Keine  Einzelheiten  irgendwelcher  Art  können
dieser  Entscheidung  zugrunde  gelegt  werden,  weder  Geldeinheiten ­
  noch  Arbeitsstunden.  Es  muß  unmittelbar  die  Erfreulichkeit
  der  beiden  Möglichkeiten  beurteilt  werden.  Vielen  erscheint  es  unmöglich, ­
  so  zu  verfahren,  und  doch  ist  man  es  nur  nicht  auf  diesem  Gebiet
gewöhnt.  Denn  der  Entscheidung,  ob  neue  Schulen  oder  Krankenhäuser  errichtet ­
  werden  sollen,  hat  man  auch  bisher  nicht  Unterrichts-  oder  Krankheitseinheiten ­
  zugrunde  gelegt,  sondern  unmittelbar  die  Gesamtheit  der  Veränderungen, ­
  welche  durch  Schulen,  und  jene,  welche  durch  Krankenhäuser  bewirkt ­
  werden,  wenn  auch  nur  in  großen  Umrissen  einander  gegenübergestellt.
Oder  entschiW  ein  Feldherr  auf  Grund  irgendwelcher  „Kriegseinheiten“,  wohin
er  seine  Kanonen,  seine  Trains,  seine  Soldaten  dirigieren  solle?  Entschied  er
auf  Grund  irgendwelcher  „Schießeinheiten“,  welche  Mengen  an  Granaten,  Minen,
Kleinmunition  usw.  er  aut  bestimmte  Punkte  schleudern  solle?  Wir  werden
eben  Erzeugung  und  Verbrauch,  die  Verteilung  von  Wohnung,  Nahrung,  Kleidung, ­
  Bildung,  Arbeit  und  Mühsal  usw.  in  ähnlicher  Weise  durch  unmittelbare
Betrachtung  der  verschiedenen  Möglichkeiten  zu  bestimmen  haben.  Wer  davor
zurückschreckt,  möge  seine  Hände  von  der  Sozialisierung  lassen.  Es  ist  kindlich, ­
  zu  glauben,  man  könne  eine  der  gewaltigsten  Umgestaltungen  aller  Zeiten
durchführen  helfen,  ohne  mit  der  Überlieferung  in  entscheidenden  Punkten
zu  brechen.
Ebenso,  wie  wir  den  Wirtschaftsplan  als  Ersatz  für  einen  „Wirtschaftlichkeitsanzeiger“ ­
  einführen,  müssen  wir  auch  einen  „Anreizersatz“
schaffen.  An  die  Stelle  des  Reingewinns  muß  die  Prämie  für  erhöhte
Leistung  treten.  Daß  es  nicht  leicht  fällt,  die  Leistung  leitender  Persönlichkeiten ­
  entsprechend  zu  beurteilen  und  zu  belohnen,  unterliegt  keinem
Zweifel.  Die  ausschlaggebenden  Menschen  wirken  auch  im  allgemeinen  nicht
ausschließlich  um  solchen  Erfolges  willen,  wohl  aber  ein  großer  Teil  der
Betriebsleiter.  Es  muß  die  Methodik  der  modernen  Betriebslehre  auch  auf
diese  Gebiete  zur  Anwendung  kommen.  Was  die  Rationalisierung  der  Arbeit
innerhalb  eines  Einzelbetriebes  leistet,  das  wird  sie  eben  auch  innerhalb  des
Riesenbetriebes  „Volkswirtschaft“  zu  leisten  haben.  Technisch
im  einzelnen  beurteilbare  Erfolge  werden  entsprechend  belohnt  werden.  Der
Leiter  eines  Betriebes  innerhalb  einer  sozialisierten  Wirtschaft  würde  aber
nicht  nur  Prämien  dafür  bekommen,  daß  er  viel  erzeugt  und  die  Rohstoffe
sparsam  verwendet,  sondern  auch  dafür,  daß  er  Arbeitsverhältnisse  verbessert,
die  Krankheitsziffer  der  Arbeiter  herabdrückt  usw.
Diese  Gestaltungsform  fügt  sich  der  Sozialisierung  aufs  beste  ein,  welche
vor  allem  auch  als  Technisierung  aufzufassen  ist.  Techniker,  Ärzte  und
Volkswirte  werden  in  gemeinsamer  Arbeit  durch  unmittelbare  Verwendung
aller  Errungenschaften  der  Technik,  der  Medizin  und  der  gesellschaftlichen
Organisation  das  Glück  aller  zu  fördern  haben.  Wenn  einmal  die  freie  yerkehrswirtschaft
  gebrochen  und  die  sozialisierte  Wirtschaft  an  ihre  Stelle
getreten  ist,  dann  bedeutet  die  Durchführung  des  Taylorsystems,  die  allgemeine ­
  Einführung  der  wissenschaftlichen  Betriebsführung,  nicht  mehr,  wie
bisher,  Bedrückung  der  Arbeiterschaft,  nicht  möglicherweise  Massenentlassungen
und  Aussaugung  der  besten  Kräfte.  Die  Arbeiterschaft  selbst  wird  ja  diese
Dinge  in  die  Hand  nehmen  und  dann  jede  Neuerung  begrü^n,  welche  ihr
Dasein  verbessert  ;  wir  können  uns  z.  B.  denken,  daß  die  Einführung  des
        <pb n="229" />
        218

Taylorsystems  innerhalb  einer  Fabrik  unmittelbar  die  Verkürzung  der  Arbeitszeit ­
  zur  Folge  hat.
Wir  müssen  diese  Dinge  morgen  in  Angriff  nehmen,  sollen  wir  den
Untergang  unseres  Wirtschaftslebens  aufhalten  und  jene  Lähmungen  beseitigen
können,  welche  der  teilweisen  Sozialisierung,  den  unbestimmten  Erwartungen
anhaften.  Ein  Wirtschaftsplan,  welcher  die  Durchführung  aller  technischen
Neuerungen  gestattet,  kann  uns  noch  retten,  er  kann  aber  heute  nur,  wenn
die  Entscheidung  darüber  in  den  Händen  Aller  liegt,
verwirklicht  werden.  Man  wird  hohe  Prämien  denen  versprechen  müssen,
welche  diese  Organisation  rasch  und  klaglos  durchzuführen  vermögen,  ihnen
Ehre  und  Ruhm  sichern,  wie  sie  ehedem  den  großen  Feldherren  winkten.
Wie  die  große  französische  Revolution  ihre  Armeeführer  aus  der  Erde
stampfte,  so  muß  die  große  deutsche  Revolution  ihre  Wirtschaftsgenerale ­
  aus  der  Erde  stampfen  und  sie  nehmen,  wo
sie  sie  findet.  Jeder  Mann  an  der  Drehbank  muß  den  Marschallstab  unter
seinem  Werkzeug  haben.  Mit  Kleinmütigkeit  und  Vorsicht  wird  nichts  Großes
geschaffen  ;  Klarheit  und  Einfachheit  allein,  gepaart  mit  dem  Willen,  das
Erstrebte  zu  verwirklichen,  sichern  den  Erfolg.
Der  neue  Geist  der  Sozialisierung  muß  alles  durchdringen  ;  jede  Einzelmaßnahme ­
  muß  unter  diesem  Gesichtspunkt  betrachtet  werden.  Aller  G  e  -
winnbeteiligung  des  Staates  an  großen  Unternehmungen  kann  daher
keine  entscheidende  Bedeutung  beigemessen  werden,  da  sie  noch  auf  dem  überlieferten ­
  Reingewinnwesen  der  Geldordnung  beruht.  Das  gleiche  gilt  von  der
gesamten  Steuerpolitik,  welche  nur  als  Übergangsmaßnahme  in  Frage
kommt.  Eine  vollständig  sozialisierte  Wirtschaft  kennt  keine  Steuern,  da  ja
alle  Lebenslagen,  alle  Einkommen  unmittelbar  von  der  Gesamtheit  bestimmt ­
  werden,  die  Steuer  aber  selbständige  Einkommen  voraussetzt  !
Wenn  wir  alles  unter  dem  Gesichtspunkt  auffassen,  daß  die  Volkswirtschaft ­
  ein  Riesenbetrieb  ist,  welcher  vor  allem  auf  Prämien  für  Leistungen
aufgebaut  ist,  dann  müssen  wir  arbeitslose  Renten  aller  Art  auf  ein  Mindestmaß ­
  einschränken,  sie  im  allgemeinen  nur  Greisen,  Kranken  und  Jugendlichen
zubilligen.  Die  Frage  der  Ablösung  des  alten  Unternehmertums  müßte  ebenfalls ­
  unter  diesem  Gesichtswinkel  betrachtet  werden.  Es  ist  von  größter
Wichtigkeit  für  den  Fortbestand  der  Lebensordnung,  daß  wohlerworbene  Rechte
gewahrt  werden,  ihre  Form  wird  aber  durch  die  jeweilige  Gesellschaftsordnung ­
  bestimmt.  Es  liegt  nun  nicht  im  Interesse  der  Gesamtheit,  die  Unternehmer ­
  durch  arbeitslose  Renten  zu  entschädigen.  Es  wäre  zweckmäßiger,
ihnen  als  Entschädigung  erhöhte  Arbeitseinkommen  zu  bewilligen,  falls  sie
innerhalb  der  neuen  Ordnung  weiter  verwendet  werden.  Die  Höhe  der  Entschädigung ­
  hätte  die  durchschnittliche  Lebenslage,  die  „Konsumquote‘^  des
Unternehmereinkommens  zu  berücksichtigen,  nicht  aber  jenen  Einkommensteil,
welcher  der  „Kapitalisierung“  zu  dienen  pflegte.  Überhaupt  ist  die  plötzliche
Ausschaltung  einer  Gruppe  von  Menschen,  unter  denen  sich  sehr  fähige  Köpfe
befinden,  ungemein  bedenklich.  Wenn  man  überhaupt  einmal  der  Rentenfrage
gelegentlich  der  Sozialisierung  zu  Leibe  gehen  sollte,  wäre  es  auch  denkbar,
die  Frage  der  Anleihen  unter  diesem  Gesichtspunkt  zu  erörtern  und  die
Möglichkeit  ins  Auge  zu  fassen,  sie  durch  erhöhte  Arbeitseinkommen  abzulösen, ­
  um  ihnen  die  lähmende  Wirkung  zu  nehmen,  welche  sie  innerhalb  der
Volkswirtschaft  allzuleicht  ausüben.
Die  bisherigen  Ausführungen  haben  an  einigen  Beispielen  zu  zeigen
versucht,  welche  Fülle  von  Verknüpfungen,  welche  Mannigfaltigkeit  von  Möglichkeiten ­
  die  Sozialisierung  in  sich  beschließt.  Da  die  Sozialisierung,  wenn
überhaupt,  sofort  ins  Werk  gesetzt  werden  müßte,  um  die  Unsicherheit
und  Halbheit  zu  beseitigen,  die  heute  alles  lähmt  und  unsere  Wirtschaft  ernstlich ­
  bedroht,  um  jene  immer  mehr  um  sich  greifende  Unruhe  zu  beheben,
welche  in  breiten  Kreisern  auftritt,  weil  die  wirtschaftlichen  Früchte
der  Revolution  auf  sich  warten  lassen,  bedarf  es  auch  besonderer  Vorkehrungen, ­
  welche  die  Umgestaltung  der  Geldordnung  für  die  Übergangszeit
einleiten.
Wenn  man  auch  nicht  die  Geldordnung  sozialisieren  kann,  so  vermag
        <pb n="230" />
        219

man  doch  manches  an  ihr  übersichtlicher  zu  gestalten  und  über  sie  eine  gewisse ­
  Herrschaft  auszuüben.  Vor  allem  müßte  uneinlösliches  Giro
geld  geschaffen  werden.  Zahlungen  über  eine  bestimmte  Summe  dürften
nur  durch  Überweisung  auf  ein  Bank-  oder  Postkonto  beglichen  werden,  Abhebungen ­
  wären  unzulässig.  Damit  wäre  erreicht,  daß  man  jederzeit  die  Geldzirkulation
  zu  überschauen  vermag.  Der  Zwang,  sein  Geld  in  die  Bank  zu
legen,  würde  alles  Hamstern  unmöglich  machen  ;  Steuerhinterziehung  und  Geldflucht ­
  wären  wesentlich  erschwert,  in  mancher  Hinsicht  sogar  unmöglich  gemacht. ­
  ln  welcher  Weise  diese  Reform  auch  das  Kreditwesen  beeinflussen
könnte,  müßte  im  einzelnen  erörtert  werden,  innerhalb  des  Rahmens  eines
grundlegenden  gesellschaftstechnischen  Gutachtens  möge  das  Gesagte  genügen.
Zum  Schluß  muß  noch  einiges  über  die  Durchführbarkeit  der  Sozialisierung ­
  bemerkt  werden,  weil  gerade  über  diesen  Punkt  die  sonderbarsten  Anschauungen ­
  und  Gerüchte  bestehen.  Die  oben  angedeuteten  Maßnahmen  lassen
sich  im  allgemeinen  sofort  in  Angriff  nehmen,  und  was  noch  bedeutsamer
ist  :  sie  lassen  sich  bereits  innerhalb  eines  einzelnen  Staates
durchführen,  es  bedarf  nicht  einer  Sozialisierung  der  Weltwirtschaft.
Während  in  der  freien  Konkurrenz  die  Arbeitsbedingungen  jedes  Staates  wesentlich ­
  von  den  Arbeitsbedingungen  des  Konkurrenzstaates  abhingen,  hat  es  die
sozialisierte  Wirtschaft  in  der  Hand,  die  Produktionslasten  in  mannigfachster
Weise  auf  die  Gesamtheit  ihrer  Mitglieder  zu  verteilen.  Der  Staat  tritt  wie
ein  einziger  großer  Trust  allen  anderen  Staaten  gegenüber  und  regelt  die
Arbeits-  und  Produktionsbedingungen  als  innere  Angelegenheit.  Er  kann  z.  B.
den  Export  durch  erhöhte  Sparsamkeit  seiner  Bewohner  ermöglichen.
Im  augenblicklichen  Zeitpunkt  sind  die  internationalen ­
  Verhältnisse  einer  Sozialisierung  ganz  besonders
günstig,  weil  der  Krieg  die  Rechte  fremder  Staaten  und  Unternehmer  an
unseren  Betrieben  so  gut  wie  ganz  beseitigt  hat,  es  sich  also  fast  ausschließlich ­
  um  eine  Auseinandersetzung  zwischen  Volksgenossen  handelt.  Es  ist  kaum
anzunehmen,  daß  eine  so  günstige  Gelegenheit  je  wieder
komm  t.
Es  ist  ärmlich,  die  Sozialisierung  mit  dem  Argument  zu  bekämpfen,  d  i  e
Entente  werde  die  vergesellschafteten  Betriebe  beschlagnahmen. ­
  Wenn  die  Entente  irgend  einen  Betrieb  ernstlich  beschlagnahmen ­
  will,  fragt  sie  nicht  darnach,  ob  er  privater  oder  staatlicher
Besitz  ist.  Oder  hat  vielleicht  die  Entente  danach  gefragt,  wem  die  landwirtschaftlichen ­
  Maschinen  gehören,  die  man  ihr  abliefern  muß?  Und  glaubt
man  wirklich,  daß  solche  Tagesargumente  in  die  Wagschale  fallen,  wenn  es
darum  geht,  die  Forderungen  gewaltiger  Volksmassen  zu  befriedigen,  wenn
es  darum  geht,  Krisen,  Elend,  Sorge  auf  Jahrhunderte  hinaus  zu  beseitigen?
Auch  das  oft  gehörte  Argument,  der  Auslandskredit  werde  Einzelnen ­
  leichter  als  dem  Staate  gewährt,  ist  nicht  allzu  kräftig.  Er  gilt  nur
für  die  Periode  der  Unsicherheit  und  Unruhe.  Wenn  einmal  die  Sozialisierung ­
  in  größtem  Stil  im  Gange  ist,  dann  verliert  der  Einzelne  seine  Kreditfähigkeit, ­
  während  die  des  Staates  wächst.  Wenn  ein  Staat  über  gute  Pfandobjekte ­
  verfügt,  erhält  er  jederzeit  Kredit,  zumal  der  sozialisierte  Staat  technisch ­
  weit  leistungsfähiger  und  exportfähiger  wäre.  Die  internationalen ­
  Kompensationsabmachungen  weisen  ohnehin  auch  nach  dieser  Richtung, ­
  die  Verhandlungen  der  Waffenstillstandskommission  ebenso.
Schließlich  soll  noch  hervorgehoben  werden,  daß  eine  vorbildliche
Sozialisierung  eine  ungeheuere  politische  Bedeutung  hätte.  Es  ist  ausgeschlossen, ­
  daß  die  deutsche  Arbeiterschaft  Errungenschaften  erzielt,  auf
welche  die  englische  verzichtet.  Wirrnis  und  Toben  haben  freilich  nichts  Verlockendes, ­
  was  lockt,  ist  die  Idee,  die  Klarheit  und  der  Erfolg.  Welch  günstige ­
  Folgen  es  für  Deutschland  hätte,  in  einer  Staatengemeinschaft  zu  leben,
welche  ebenfalls  in  Sozialisierung  begriffen  ist,  braucht  nicht  weiter  erörtert
zu  werden.  Jedenfalls  würden  die  Führer  einer  solchen  Bewegung  im  Auslande ­
  nicht  gerade  die  heftigsten  Gegner  Deutschlands  sein.
Zum  Schluß  sei  eine  kurze  Zusammenfassung  gestattet  :  Die  innerpolitische ­
  Lage*  drängt  zur  Sozialisierung.  Die  gesell-
        <pb n="231" />
        schaftstechnisch  vollkommenste  Form  ihrer  Durchführung ­
  bestünde  in  Heranziehung  der  überlieferten  Qroßorganisationen,
  Kartelle,  Genossenschaften  usw.  unter
gleichzeitiger  Ausdehnung  der  staatlichen  Verwaltungswirtschaft. ­
  Die  politischen  Verhältnisse  können  aber
andere  Gestaltungen  begünstigen.  Sozialisiert  kann  mit
Erfolg  nur  im  ganzen  und  von  oben  her  werden.  Wenn
man  überhaupt  sozialisieren  will,  dann  müßte  es  sofort ­
  und  rasch  geschehen,  weil  Verzögerung  und  Unsicherheit ­
  lähmen.  Der  augenblickliche  Zeitpunkt  ist
zur  Sozialisierung  besonders  geeignet,  weil  die  Kriegsorganisationen ­
  noch  bestehen,  die  Not  nach  einer  planmäßigen ­
  Verwaltung  aller  Kräfte  geradezu  schreit,  und
die  Unterbrechung  der  internationalen  Beziehungen  die
selbständige  Inangriffnahme  der  Sozialisierung  erleichtert. ­

Voraussetzung  der  Sozialisierung  ist  Festsetzung  eines  umfassenden ­
  Wirtschaftsplanes  und  Schaffung  einer  alles  regelnden ­
  wirtschaftlichen  Zentralstelle.
        <pb n="232" />
        221

XVI.
Technik  und  Wirtschaftsordnung.
(1919.)
Techniker  und  Volkswirte  zu  gemeinsamer  Arbeit  vereinigen  ist
heute  eine  drängende  Aufgabe.  Dazu  müssen  freilich  die  Geister  erst  vorbereitet ­
  werden.  Die  technische  Vorbildung  breiter  Kreise  ist  eine  unzulängliche,
wenn  auch  immerhin  die  Mittelschulen  manches  auf  diesem  Gebiete,  insbesondere ­
  im  Rahmen  des  Physikunterrichtes,  leisten.  Dagegen  liegt  die  volkswirtschaftliche ­
  Bildung  ganz  im  argen  ;  unser  Schulsystem  kennt  die  Volkswirtschaftslehre ­
  als  Unterrichtsgegenstand  nicht.  Und  dennoch  fordert  heute
die  gesellschaftliche  Neugestaltung  von  jedem  Einzelnen  ein  erhebliches  Maß
volkswirtschaftlicher  Einsicht.  So  gut  es  geht,  wird  man  durch  Vorträge,
Lehrkurse,  Museen  und  andere  Hilfsmittel  der  Darstellung  den  heute  schon
Gereiften  ersetzen  müssen,  was  ihnen  durch  Jahrzehnte  vorenthalten  wurde.
Die  wirtschaftstheoretischen  Erörterungen,  welche  im  Streit  der  Schulen
eine  wichtige  Rolle  spielten,  werden  dabei  zurücktreten  müssen!  Es  bedarf
einer  gewissen  unmittelbaren  Anschauung  von  den  Grundlagen  des  Wirtschaftens
  und  seiner  organisatorischen  Eigentümlichkeiten.  Während  technische
und  technologische  Vorträge,  Ausstellungen  und  Veröffentlichungen  zu
zeigen  haben,  wie  die  Naturkräfte  nutzbar  gemacht  werden,  wie  aus  einer  bestimmten ­
  Menge  Holz  durch  Anwendung  gewisser  Maschinen  und  Methoden
etwa  eine  bestimmte  Menge  Papiergarngewebe  hergestellt  werden  kann,  hat
die  Wirtschafts  betrachtung  zu  zeigen,  wie  die  Wälder  eines  Staates  für
die  Papiergewinnung  ausgenützt  werden,  welche  Waldmengen  infolge  der  Errichtung ­
  von  Papierfabriken  herangezogen  werden,  auf  welche  Weise  Einrichtungen, ­
  etwa  Zölle,  die  Grundbesitzverteilung  oder  der  Kredit  hiebei  eine
ausschlaggebende  Rolle  spielen.
Die  technischen  und  wirtschaftlichen  Erscheinungen  hängen  aufs  innigste
miteinander  zusammen,  nicht  bloß  äußerlich,  indem  etwa  die  technischen  Vorgänge ­
  gewissermaßen  Elemente  der  Wirtschaft  sind;  nein,  es  liegt  eine  tiefergehende ­
  Gemeinsamkeit  vor,  welche  technischem  und  wirtschaftlichem  Denken
eignet.  Das  Zeitalter,  welches  jetzt  anbricht,  wird  gerade  durch  dies  Ineinandergreifen
  und  Zusammenwirken  technischen  und  wirtschaftlichen  Denkens ­
  und  Schaffens  gekennzeichnet  sein.  Wenn  wir  von  „T  e  c  h  n  i  k“  sprechen,
so  haben  wir  immer  eine  bewußte  Gestaltung  im  Auge,  deren  Ziel  und
Weg  klar  beschrieben,  womöglich  berechnet  werden  kann.  Dadurch  unterscheidet ­
  sich  die  Technik  von  der  Kunst,  welche  mit  unbewußten  Teilhandlungen ­
  und  nicht  näher  bestimmbaren  Allgemeinfolgen  rechnen  muß.  Die
ästhetischen  Wirkungen  einer  Kirche,  eines  Bildes  sind  nicht  in  derselben  Weise
theoretisch  ableitbar,  wie  etwa  die  Hubwirkungen  einer  Pumpe.  Die  Technik
bringt  eine  Auswahl  aus  den  Kausalzusammeinhängen,  mit  denen  sich  die
Physik  und  Chemie  beschäftigt.  Unter  Technik  schlechthin  versteht  man  vor
allem  die  bewußte  Anwendung  der  chemischen  und  physikalischen  Kräfte,
doch  kann  man  auch  von  Biotechnik  reden  und  meint  dann  die  systematische
Beeinflussung  der  Lebenserscheinungen;  in  gleichem  Sinne  gibt  es  eine  Gesundheitstechnik, ­
  die  man  Hygiene  zu  nennen  pflegt.  Wir  können  aber  den
Ausdruck  noch  weiter  fassen  und  die  bewußte  Gestaltung  der  menschlichen
Gesellschaft  diesen  Techniken  zu  ordnen  und  so  von  einer  Gesellschaftstechnik ­
  sprechen,  zu  der  dann  auch  die  Wirtschaft  zählt.
Wir  sprechen  hier  von  „Wirtschaft“  in  einem  so  allgemeinen  Sinne,
daß  ebenso  das  Dasein  eines  Negerstammes  wie  jenes  unserer  Kultur  damit
umspannt  ist.  Hier  wie  dort  können  wir  die  Frage  stellen:  Welche  Lebens-
        <pb n="233" />
        222

Ordnung,  welche  Einrichtungen,  welche  Maßnahmen  bedingen,  daß  unter  gegebenen ­
  Umweltverhältnissen  (Wald,  Feld,  Sumpf,  Wiese,  Bodenschätze,
Wasserläufe  usw.)  jedes  Volk  eine  bestimmte  Lebenslage  aufweist,  die
sich  aus  Wohnung,  Nahrung,  Kleidung,  Bildung,  Luxus,  Arbeit  und  Mühsal  usw.
aufbaut  ?
Die  Entwicklung  des  technischen  Denkens  erfolgte  nicht  auf  allen  Gebieten ­
  gleichzeitig,  so  hat  die  Maschinentechnik  lange  inselhaft  bestanden;
maschinentechnische  Probleme  w'urden  zu  allen  Zeiten  erörtert,  aber  entscheidende ­
  Bedeutung  für  unser  Dasein  haben  sie  vor  allem  um  die  Wende  des
18.  und  19.  Jahrhunderts  gewonnen,  als  die  moderne  Fabriksentwicklung  einsetzte. ­
  Die  Inselhaftigkeit  der  maschinentechnischen  Betrachtung  leuchtet  uns
aus  der  zeitgenössischen  Literatur  deutlich  entgegen;  der  Engländer  Babbage,
welcher  eine  gewaltige  Rechenmaschine  baute,  suchte  sich  zunächst  über  den
Bau  von  Maschinen  überhaupt  möglichst  vollständig  zu  unterrichten  und  unternahm ­
  zu  diesem  Zweck  Reisen,  auf  denen  er  zahlreiche  Fabriken  besichtigte,
um  sich  deren  Maschinen  bis  in  alle  Einzelheiten  erklären  zu  lassen.  Die
Ergebnisse  dieser  Reisen  legte  er  in  einem  Werke  über  das  Fabriksystem  nieder,
welches  durch  die  Fülle  feiner  Beobachtungen  überrascht.  Mit  Nachdruck
werden  insbesondere  Unscheinbare  Änderungen  an  einer  Schraube,  an  einem
Hebel  hervorgehoben,  welche  die  Leistung  der  Maschine  wesentlich  steigern.
Obgleich  sich  aber  der  Verfasser  nicht  eng  an  die  technische  Fragestellung
hält  und  sogar  volkswirtschaftliche  Fragen  erörtert,  so  sucht  man  dennocli
eins  in  diesem  Buche  vergeblich  :  eine  Würdigung  der  Handgriffe  des
Arbeiters.
Und  doch  wissen  wir  heute  auf  Grund  der  Forschungen  Taylors  und
vieler  anderer,  daß  es  für  die  Leistung  einer  Maschine  von  größter  Bedeutung
ist,  welche  Bewegungen  der  Arbeiter  ausführt,  um  sie  zu  bedienen.  Es  ist
für  die  Zeit  Babbages  charakteristisch  und  psychologisch  bemerkenswert,  daß
ein  Gelehrter,  welcher  in  tausenden  Fällen  die  technische  Bedeutsamkeit  einer
Schraube,  eines  Hebels  sofort  erfaßt,  die  technische  Bedeutsamkeit  jenes  Bestandteiles ­
  der  Maschine,  welchen  in  gewissem  Sinne  der  Arbeiter  verkörpert,
glatt  übersah.  Es  hat  mehrere  Jahrzehnte  gedauert,  bis  neben  die  Maschinentechnik ­
  die  Arbeitstechnik  trat.  Als  man  ihr  Aufmerksamkeit  schenkte,
zeigte  es  sich,  daß  die  meisten  Handgriffe  des  Alltags  unzweckmäßig  ausgeführt ­
  werden,  daß  man  zum  Beispiel  seit  Tausenden  von  Jahren  die  Ziegel
falsch  legte.
Sobald  einmal  die  Maschinentechnik  aus  ihrer  Isoliertheit  befreit  war,
sobald  man  daran  ging,  den  technischen  Gedanken  weiter  auszudehnen,  lag
es  nahe,  die  Beziehungen  zwischen  den  einzelnen  Maschinen,  das  Zusammenwirken ­
  der  Arbeiter  innerhalb  einer  ganzen  Fabrik  systematisch  zu  untersuchen ­
  und  neben  der  Arbeitstechnik  die  Betriebstechnik  zu  behandeln.
Es  galt  festzustellen,  welche  Wege  ein  Werkstück  innerhalb  einer  Fabrik  zurücklegt, ­
  es  galt  zu  wissen,  wie  die  chemischen  Eigenschaften  des  Düngers
bestimmte  Gestaltung  der  Düngergruben  und  vieles  andere  voraussetzten,  wie
die  Prämien  der  Arbeiter  festgesetzt  werden  müssen,  um  bestimmte  Ergebnisse
zu  erzielen.  Die  gesamte  Buchhaltung  war  im  iwesentlichen  traditioneller  Art
gewesen,  nun  war  eine  durchwegs  zielbewußte  Betriebsbuchhaltung  zu  konstruieren, ­
  kurzum  der  Betrieb  mit  all  seinen  Maschinen,  Geräten,  Menschen  usw.
wie  eine  einzige  große  Maschine  zu  behandeln,  innerhalb  deren  seelische  Hebel
ebenso  wie  mechanische  auftreten!
Warum  sollen  wir  aber  an  den  Grenzen  eines  industriellen  oder  landwirtschaftlichen ­
  Betriebes  Halt  machen?  Verhalten  sich  nicht  die  Teile  eines
solchen  Betriebes  oft  ähnlich,  wie  selbständige  Betriebe  zueinander?  Ist  es
nicht  eine  bloße  Rechtsfrage,  ob  Bergwerk  und  Hütte  zusammen  einen  Betrieb ­
  bilden  oder  zwei  Unternehmern  gehören?  Kann  man  nicht  die  Leitung
einer  Gruppe  von  landwirtschaftlichen  und  industriellen  Betrieben  ebenso  steigern, ­
  wie  die  Leistung  eines  Einzelbetriebes?  Kann  man  nicht  eine  Volkswirtschaft, ­
  ja  die  ganze  Weltwirtschaft  wie  einen  Riesenbetrieb  ansehen  und
so  nicht  nur  in  übertragenem  Sinne  von  einer  „Gesellschaftstechnik“  sprechen?
Stufenweise  sind  wir  so  von  der  Maschinentechnik  über  die  A  r  b  e  i  t  s  -
        <pb n="234" />
        223

t  e  c  h  n  ¡  k  und  Betriebstechnik  zur  Gesellschaftstechnik  fortgeschritten. ­

Die  Maschinentechnik  hat  sich  entwickelt,  ehe  man  auch  nur  die  ersten
Anfänge  der  Arbeits-  und  Betriebstechnik  entworfen  hatte.  Aber  auch  von
der  anderen  Seite  her  war  manches  geschehen;  gesellschaftstechnische  Fragestellungen ­
  bewegten  die  Menschen  in  verschiedenartigster  Form.  Vor  allem
waren  es  die  Utopisten,  die  Gesellschaftsordnungen  in  der  Weise  konstruierten, ­
  wie  dilettantische  Erfinder  unsystematische  Maschinen  konstruierten.
Ein  Plato,  ein  Campanella,  ein  Thomas  Morus  sind  in  gewissem  Sinne  Vorläufer ­
  jener  Gesellschaftstechniker,  welche  uns  eine  nicht  allzu  ferne
Zukunft  schenken  wird.  Ihre  Utopien  sind  von  einem  oft  schrankenlosen
Rationalismus  erfüllt.  Bestimmte  Wirkungen  gesellschaftlicher  Art  werden  durch
ganz  bestimmte  Einrichtungen  angestrebt,  wobei  auf  Sitte  und  Herkommen
wenig  Gewicht  gelegt  wurde.  In  vielen  dieser  Utopien  werden  maschinentechnische ­
  Neuerungen  neben  gesellschaftstechnischen  eingeführt  und  man  merkt
deutlich,  wie  e  i  n  Geist  alles  durchdringt.  •
Die  gleichzeitigen  Wirkungen  der  erwähnten  Techniken  vermochten  nur
Wenige  mit  einem  Blick  zu  überschauen,  zahllose  Irrtümer  rühren  daher,  auch
zahllose  Leiden.  Die  Maschinentechniker  wußten  wenig  oder  nichts  von  den
gesellschaftstechnischen  Problemen.  Die  Verkünder  des  modernen  Maschinenzeitalters ­
  schilderten  die  Wirkungen  der  Technik  in  den  leuchtendsten  Farben.
Man  mußte  in  kürzester  Zeit  ein  Paradies  auf  Erden  erwarten.  Häuser,  Transportmittel, ­
  Kleider  und  vieles  andere  konnte  mit  geringstem  Kraftaufwand
hergestellt  werden.  Und  dennoch  —  die  Zeit  um  die  Wende  des  18.  und
des  19.  Jahrhunderts  brachte  in  dem  industriell  am  weitesten  vorgeschrittenen
England  das  entsetzlichste  Elend.  Die  Lebenslage  der  Menschen  erreichte
einen  Tiefstand;  achtzehnstündige  Arbeitszeit  war  nichts  Seltenes,  kleine  Kinder,
schwache  Frauen,  Greise  verriditeten  unter  ungesunden  Verhältnissen  die  ausmergelnde ­
  Fabriksarbeit  jener  Tage;  Arbeitslosigkeit,  Wohnungselend  war  an
der  Tagesordnung.  Wie  kam  es  zu  solch  fürchterlichen  Erscheinungen?
Die  überlieferte  Lebensordnung  besaß  keine  automatisch  wirkende  Einrichtung, ­
  welche  die  Vorteile  technischer  Neuerungen  gleichzeitig  allen  hätte
zuteil  werden  lassen.  Eine  Industrie  führte  eine  Maschine  ein,  welche
20  Prozent  Arbeit  ersparte.  Wurde  nun  etwa  die  Arbeitszeit  aller  Arbeiter
verkürzt?  Nein,  zunächst  wurde  gewöhnlich  ein  Fünftel  der  Arbeiter  entlassen. ­
  Diese  Entlassung  von  Arbeitern  bedeutete  nicht  nur  Brotlosigkeit  für
die  Entlassenen,  sie  gab  auch  dem  Unternehmer  die  Möglichkeit,  den  Weiterarbeitenden ­
  mit  Entlassung  zu  drohen,  wenn  sie  nicht  zu  ungünstigeren  Bedingungen ­
  als  bisher  arbeiten  wollten,  waren  doch  die  Arbeitslosen  bereit,
zu  den  niedrigsten  Löhnen  eine  größere  Anzahl  Stunden  als  bisher  Dienst  zu
tun.  Dazu  kam  inoch,  daß  in  den  handwerksmäßigen  Betrieben  vorwiegend
kräftige  Leute  verwendet  worden  waren,  nun  aber  auch  kleine  Kinder  und
schwache  Frauen  an  den  Maschinen  sidi  nützlich  machen  konnten.  Wurde
dadurch  das  Leben  von  Tausenden  gebrochen,  was  tat’s,  den  Unternehmern
standen  neue  Scharen  zu  Gebote.  Was  half  es  diesem  leidenden  Geschlecht,
wenn  ihm  als  Trost  verkündet  wurde,  die  Verbilligung  der  Produktion  durch
die  Maschine  werde  schließlich  wieder  mehr  Menschen  als  bisher  beschäftigen,
das  Elend  und  der  Hunger  seien  nur  „Übergangserscheinungen“.  Oder  wird
ein  Gesellschaftstechniker  solche  Zerstörung  des  Menschentums  in  technischer
Hinsicht  milder  beurteilen,  wenn  er  feststellen  kann,  daß  die  Unternehmer
gar  nicht  bösen  Willens  waren,  sondern  durch  die  Reingewinn-,  Preis  und
Lohnverhältnisse,  durch  die  Konkurrenz  und  durch  die  Konjunktur  —  worunter
man  alles  zusammenfaßt,  was  als  Erklärung  gut  genug  ist,  ohne  im  einzelnen
begriffen  zu  werden  —  zu  ihrem  Verhalten  genötigt  wurden?  Wird  dieser
Mangel  dadurch  kleiner,  wenn  man  zeigt,  daß  einzelne  Industriestaaten  bessere ­
  Lebensbedingungen  aufweisen  als  gewisse  Agrarstaaten,  gleichzeitig  über
die  Massenarbeitslosigkeit,  die  Unterernährung,  das  Gespenst  der  Krisen  und  Depressionen, ­
  kurz  die  Sorge  fortwährend  die  Welt  bedrückt?  Um  die  Bedeutung
der  Maschinentechnik  für  die  Lebenslage  der  Menschen  voll  würdigen  zu  können,
bedarf  es  eben  der  Einsicht  in  die  gesellschaftstechnischen  Zusammenhänge.
        <pb n="235" />
        224

Ist  es  unverständlich,  wenn  die  Arbeiterschaft,  welche  seit  langem  weiß,
wie  die  plötzliche  Einführung  des  Maschinensystems  gewirkt  hat,  der  modernen
Arbeitstechnik,  der  modernen  Betriebstechnik,  all  dem,  was  man  als  Taylorismos ­
  bezeichnet,  mit  dem  allergrößten  Mißtrauen  gegenübersteht  ?  Wie
einst  bloße  Kenner  der  Maschinentechnik  deren  Segen  für  die  Menschen  priesen,
ohne  die  verderblichen  Eigentümlichkeiten  der  überlieferten  Lebensordnung  genügend ­
  zu  berücksichtigen,  so  verkünden  heute  viele  Kenner  der  Arbeitsund ­
  Betriebstechnik  ein  glückliches  Zeitalter,  das  mit  der  Durchführung  der
neuen  Methoden  anheben  werde.  Immer  wieder  erzählen  uns  die  Anhänger
Taylors  von  den  großen  Gewinnen,  welche  die  Fabriken  erzielen,  welche  das
Taylorsystem  einführen,  von  den  Lohnerhöhungen,  die  sie  ihren  Arbeitern
zahlen,  und  übersehen,  daß  all  diese  Vorteile  jiicht  zuletzt  darauf  beruhen,  daß
die  Fabriken,  welche  zuerst  die  Neuerungen  einführen,  eine  Art  Monopolstellung ­
  einnehmen.  Sie  können  um  so  leichter  den  Arbeitern  höhere
Löhne  zahlen,  als  sie  systematisch  die  geeignetsten  Arbeiter  aus  der  Fülle
des  Angebots  aussieben  und  den  anderen  Fabriken  den  weniger  geeigneten
Rest  lassen.  Eine  plötzliche  allgemeine  Einführung  des  Taylorsystems  könnte
beim  Weiterbestehen  der  freien  Verkehrs  Wirtschaft  eine
ähnliche  Katastrophe,  wie  seinerzeit  die  Einführung  des  Maschinensystems,  zur
Folge  haben.  Wie  lange  wird  es  noch  dauern,  bis  die  Kenner  der  Arbeits-  und
Betriebstechnik  ausreichende  Einsicht  in  die  Gesellschaftstechnik,  die  Kenner
der  Gesellschaftstechnik  ausreichende  Einsicht  in  die  Arbeits-  und  Betriebstechnik ­
  besitzen?
Die  Lücke,  die  hier  klafft,  muß  bald  gefüllt  werden.  Die  Verwüstungen
des  Krieges,  die  Notwendigkeit  des  Wiederaufbaues  drängen  zu  einer  weitgehenden
Taylorisierung,  und  es  besteht  die  Gefahr,  daß  ein  Mißerfolg  gesellschaftlicher
Art  das  ganze  System  auf  lange  hinaus  in  Mißkredit  bringen  kann.  Nur  wenn
die  Arbeiter  selbst  in  ihrem  eigenen  Interesse,  weil  sie  davon  Verkürzung  ihrer
Arbeitszeit  oder  andere  Verbesserungen  ihrer  Lebenslage  erwarten,  für  die
Taylorisierung  eintreten,  kann  sie  heute  eingeführt  werden.  Wir  wissen  ja,
wie  sich  bisher  die  Arbeiterverbände  gegen  technische  Neuerungen  vertragsmäßig ­
  zu  sichern  suchten,  wie  in  England  gewisse  rationellere  Arbeitsweisen
auf  Kriegsdauer  nach  langen  Verhandlungen  unter  der  Bedingung  zugelassen
wurden,  daß  nach  dem  Kriege  wieder  unrationeller  gearbeitet  wird.  Die
Einführung  arbeits-  Und  betriebstechnischer  Neuerungen  setzt  die  Einführung
gesellschaftstechnischer  Neuerungen  voraus.  Das  bedeutet  aiber  nicht,  daß  man
mit  der  methodischen  Ausgestaltung  der  Arbeits-  und  Betriebstechnik  warten
muß.  Im  Gegenteil,  es  würde  sich  empfehlen,  die  noch  vorhandene  kurze  Spanne
Zeit  bis  zur  allgemeinen  Einführung  der  modernen  wissenschaftlichen  Betriebsorganisation ­
  zu  einem  wissenschaftlichen  Ausbau  aller  einschlägigen  Fragen  zu
verwenden,  ohne  in  irgendeiner  Weise  Partei  zu  ergreifen.  Ein  Maschinentechniker ­
  unserer  Tage  kümmert  sich  in  seinem  Konstruktionsbureau  auch
nicht  um  die  gesellschaftlichen  Wirkungen,  welche  die  von  ihm  gebaute  Maschine
ausüben  wird,  er  beantwortet  bestimmte  an  ihn  gestellte  Fragen.  In  gleicher
Weise  kann  man  aber  auch  Arbeits-  und  Betriebstechnik  betreiben.
Man  kann  eine  Arbeit  auf  ihre  Leistung  hin  untersuchen,  ebenso  aber
auch  feststellen,  wie  sie  auf  Gesundheit  und  Behagen  des  Arbeiters
einwirkt.  Tun  wir  denn  nicht  das  gleiche  auf  dem  Gebiete  der  Maschinentechnik?
Wir  konstruieren  ja  nicht  nur  Maschinen,  welche  bloß  besonders  viel  leisten,
sondern  ebenso  Maschinen,  welche  dabei  möglichst  wenig  Staub  erzeugen,
Maschinen,  welche  dabei  möglichst  wenig  Lärm  verursachen.  Die  Gewerbehygiene ­
  umfaßt  unter  anderem  einen  Teil  der  Maschinentechnik,  der  darauf  abzielt,
die  Gesundheit  und  das  Behagen  des  Arbeiters  zu  erhöhen.  Nichts  wäre  naheliegender ­
  als  die  Schaffung  einer  wissenschaftlichen  Forschungsanstalt ­
  für  Arbeits-  und  Betriebstechnik,  welche  diesen  Fragen
ihr  Augenmerk  zuzuwenden  hätte,  ohne  dabei  nach  irgendeiner  Richtung  einen
einseitigen  Interessenstandpunkt  vertreten  zu  müssen.
Die  nächste  Arbeit  wäre  es  dann,  die  Gesellschaftsordnungen  zu  füiden,
mit  deren  Hilfe  bestimmte  Formen  der  Arbeits-  und  Betriebstechnik,  welche
Leistung,  Gesundheit  und  Behagen  gleichzeitig  berücksichtigen,  erfolg-
        <pb n="236" />
        15

225

reich  cingeführt  werden  können.  Ist  es  h^end  jemandem  zweifelhaft,  daß  die  Beantwortung ­
  dieser  Fragen  jeden  Techniker  aufs  äußerste  interessieren  muß?  Aber
nicht  nur  hier,  wo  es  sich  um  Menschen  handelt,  führen  uns  die  modernsten
Bestrebungen  aus  dem  Gebiete  der  Technik  in  das  Gebiet  der  Wirtschaft,
Die  Bemühungen,  technische  Vereinheitlichungen  durdhzuführen,
  sind  ebenfalls  wirtschaftlicher  und  gesellschaftstechnischer  Art.  Es
handelt  sich  um  eine  vorwiegend  technische  Fragestellung,  so  lange  man  aus
den  zahllosen  Formen  der  Schrauben  und  Automobilbereifungen  die  zweckmäßigsten ­
  aussondert.  Wir  gehen  aber  bereits  ins  wirtschaftliche  Gebiet  über,  wenn
wir  unter  gleich  guten  Formen  eine  als  Typus  auswählen,  um  so  unnützen  Kraftaufwand ­
  hei  der  gleichzeitigen  Herstellung  mehra-er  gleich  guter  Formen  zu
vermeiden.  Die  Normung  und  Typisierung  geht  so  schrittweise  ins  Gebiet
der  Gesellschaftstechnik  hinüber,  nodi  mehr  gilt  dies  von  der  Spezialisierung^
deren  Durchführung  große  wirtschaftliche  Umwälzungen  zur  Folge  haben  kann.
Kurzum,  wo  wir  hinWicken,  sehen  wir  die  modernsten  technischen  Bestrebungen
eng  mit  wirtschaftlichen  verbunden,  Maschinen-,  Arbeits-,  Betriebs-  und  Gesellschaftstechnik ­
  hängen  untereinander  zusammen  und  sind,  wie  wir  eingangs  sahen,
auch  geistig  in  mehr  als  einer  Hinsicht  einander  verwandt.
Diese  Verwandtschaft  wird  immer  deutlicher  zutage  treten,  weil  wir  die
Volkswirtschaft  als  Ganzes  zu  meistern  unternehmen.  So  lange  die  freie  Verkehrswirtschaft ­
  in  erheblidiem  Ausmaß  herrschte,  nahm  man  vielfach  an,  die
Bedürfnisse  aller  würden  am  besten  befriedigt  werden,  wenn  nur  jeder  seinem
Vorteil  nachjage.  Wenn  der  Unternehmer  den  größtmöglichen  Reingewinn
anstrebe,  werde  er  von  selbst  möglichst  gute  und  möglichst  viel  Waren  erzeugen,
um  seine  Abnehmer  zu  befriedigen,  ^währe  sich  eine  Ware  und  erziele  ihr
erster  Erzeuger  besonders  hohe  Gewinne,  so  komme  alsbald  die  Konkurrenz,
erzeuge  ebenfalls  diese  Ware,  ihre  Menge  nehme  zu,  ihr  Preis  sinke,  was  alles
für  den  Konsumenten  sehr  vorteilhaft  sei.  Es  zeigte  sich  aber,  daß  innerhalb
der  überlieferten  Ordnung  dies  Verfahren  zu  traurigen  Ergebnissen  führte.  Wie
die  plötzliche  Neueinführung  arbeitsparender  Maschinen  unter  Umständen  wirken
könne,  haben  wir  schon  gesehen.  Die  bloße  Tendenz,  die  Produktion  um  des
Reingewinnes  willen  auszudehnen,  kann  namenloses  Elend  mi  sich  bringen;
steigt  die  Produktion  immer  mehr,  so  kann  ein  Augenblick  eintreten,  in  dem
durch  einen  Mehrabsatz  zu  billigeren  Preisen  kein  erhöhter  Reingewinn  mehr
erzielt  werden  kann  und  die  Unternehmer,  welche  mit  Kreditverpflichtungen
belastet  sind,  zum  Konkurs  gedrängt,  mindestens  aber  zu  einer  Produktionseinschränkung ­
  veranlaßt  werden.  Arbeiter  werden  entlassen,  Waren  Unter  Verlust ­
  losgeschlagen,  viele  Betriebe  eingestellt,  bis  schließlich  „die  Krise  überstanden“ ­
  ist.  Manche  nicht  unbedeutende  Denker  sahen  in  all  dem  nicht  eine
Minderwertigkeit  der  Gesellschaftsmaschine,  sondern  sprachen  nicht  ungern  von
dem  „Heilungsprozeß  der  Wirtschaft“,  von  der  „Wellenbewegung“  der  Entwicklung. ­
  Nicht  wenige  nahmen  derlei  „historisch“  hin,  andere  waren  sogar  empört,
wenn  Einzelne  im  Kampf  für  das  menschliche  Glück  Änderungen  anstrebten,  und
nannten  ein  solches  Streben  wohl  gar  materialistisch  und  gemein.
Die  überlieferte  Wirtschaftsordnung  der  freien  Konkurrenz  wurde  durch  den
Krieg  wesentlich  verändert.  Man  erkannte  plötzlich,  daß  große  gemeinsame
Ziele  am  besten  durch  einheitliches  Vorgehen  erreicht  würden.  Man  traute
dem  Gewinnstreben  als  alleinigen  Anreiz  nicht;  es  konnte  ja  auch  allzu  leicht
Vorkommen,  daß  ein  staatsfeindliches  Verhalten  im  freien  Wettbewerb  höher
bezahlt  würde.  Einfuhr-  und  Ausfuhrverbote,  zentrale  Bewirtschaftung  der  Ernährung, ­
  der  Metalle,  der  Kohle  und  vieler  anderer  Rohstoffe  waren  an  der
Tagesordnung,  wr  allem  im  Interesse  der  Heeresverwaltung  und  der  breiten
Massen.  Aber  nicht  nur  bei  uns,  auch  im  feindlichen  Auslande  wurde  so  verfahren. ­
  Als  Amerika  die  Farbenproduktion  in  Angriff  nahm,  suchte  nicht  jede
einzelne  Fabrik  in  überlieferter  Weise  sich  eines  Chemikers  zu  bemächtigen,
damit  nun  an  zahllosen  Stellen  chemische  Experimente  luntemommen  würden.
Man  fand  es  weit  zweckmäßiger,  ein  großes  Laboratorium  für  alle  Fabriken
gemeinsam  zu  errichten  und  nun  möglichst  arbeitsparend  die  erforderlichen
Versuche  durchzuführen,  um  die  Ergebnisse  allen  zugänglich  zu  machen.  Die
Gesamtheit  der  chemischen  Fabriken  bildete  in  dieser  Hinsicht  gewissermaßen
        <pb n="237" />
        226

einen  einzigen  arbeitsteilig  eingerichteten  Betrieb.  Der  Geist  der  Verwaltungswirtschaft, ­
  welcher  sich  so  durdisetzt,  läßt  technischem  Denken
breiteren  Raum.  Abgesehen  davon,  daß  nun  das  Urteil  der  Techniker  über
mengenmäßige  Leistungen  oft  mehr  gilt  als  jenes  der  Bankleute  über  Reingewinne, ­
  wird  überdies  der  technischen  Anschauungsweise  nunmehr  größere
Wirksamkeit  verstattet.
Verwaltungswirtschaft  streben  mehr  oder  weniger  bewußt  alle  an,  die
Sozialisierung  der  Wirtschaft  fordern.  Die  Erörterungen  auf  diesem
Gebiete  werden  große  Anforderungen  gerade  an  die  Techniker  stellen,  welche
in  Gemeinschaft  mit  den  Volkswirkchaftern  zu  zeigen  haben,  wie  man  sich  eine
sozialisierte  Wirtschaft  überhaupt  denken  könne.  Denn  ehe  man  eine  so  gewaltige
Umwälzung  vornimmt,  wird  man  doch  wohl  über  ihre  Durchführbarkeit,  über
die  Wege  ihrer  Verwirklichung  ins  klare  zu  kommen  trachten.  Wir  werden
unsere  Lebensordnung  wie  eine  Maschine  umzukonstruieren  suchen  und  dabei
durchaus  rationalistisch  Vorgehen,  gleichgültig,  ob  wir  das  Ergebnis  verwirklichen ­
  oder  nicht.
Wenn  wir  aber  nun  die  Umgestaltung  der  Wirtschaft  ernstlich  bedenken,
dann  ist  das  erste,  was  wir  brauchen,  ein  Wirtschaftsplan.  Die  Verwaltungswirtschaft ­
  des  Krieges  hat  in  dieser  Richtung  nur  Stückwerk  geleistet.
Die  einzelnen  Kriegszentralen  haben  zwar  verwaltungsmäßig  eing^riffen,  es
fehlte  aber  eine  Stelle,  welche  die  Gesamtwirtschaft  in  großen  Zügen  erfaßt
hätte.  Man  hat  nicht  einmal  die  verschiedenen  untereinander  zusammenhängenden ­
  Preise  gleichzeitig  geändert,  sondern  bei  Zuckerbedarf  die  Zuckerrübenpreise
erhöht,  ohne  zu  bedenken,  daß  auf  diese  Weise  der  Kartoffelanbau  beeinflußt,
die  Fütterung  des  Viehes,  die  Fettwirtschaft  und  vieles  andere  in  Mitleidenschaft ­
  gezogen  wurde.  Was  wir  brauchen,  ist  eine  klare  Übersicht ­
  über  die  Bewegung  der  Rohstoffe  und  Energien.  Jede
chemische  Fabrik  weiß  genau,  welche  Mengen  Kupfer  in  sie  eingeh  en,  wie
viel  davon  als  Kupfervitriol  austritt,  wie  viel  in  Form  anderer  Verbindungen.
Sie  kennt  nicht  nur  die  Endergebnisse,  sie  weiß  auch,  wie  viel  von  jedem  Rohstoffe ­
  bestimmte  Stellen  passiert.  Derartiges  fehlt  uns  auf  volkswirtschaftlichem
Gebiet.  In  Deutschland  ist  man  während  des  Krieges  darangegangen,  die
Belastung  der  Bahnen  durch  die  einzelnen  Waren  mengenmäßig  zu  bestimmen.
Es  zeigte  sich,  daß  zahllose  unzweckmäßige  Transporte  vorkamen;  daß  Kartoffeln ­
  vom  Westen  nach  dem  Osten  und  vom  Osten  nach  dem  Westen  tran^ortiert
wurden,  was  schließlich  ein  einheitlicher  Transportplan  verhinderte.  Freilich,
eine  solche  wirtschaftliche  Maßnahme  kann  den  Einnahmen  der  Eisenbahnen
schaden.  Die  unnützen  Transporte  können  viel  einbringen.  Aber  schließlich  ist  die
Gesamtwirtschaft  und  nicht  die  Rentabilität  der  Bahnen  das  Ziel'  unseres  Strebens.
Wir  fangen  erst  langsam  an,  die  Energien  zentral  zu  bewirtschaften.  Wäre
es  gar  so  schwierig,  ein  Zentralwirtschaftsamt  m  schaffen,  welches
die  Einheitlichkeit  des  Vorgehens  ermöglicht  ?  Wo  bleibt  die  Naturalrechnungszentrale,
  weldie  den  Wirtschaftsplan  entwirft,  so  daß  durch
Maßnahmen  unterer  Amtsstellen  gewissermaßen  Teilaufgaben  jenes  Gesamtplanes ­
  gelöst  würden?  Warum  entwerfen  wir  nicht  schon  längst  einen  Plan  der
Pläne  ?  Weil  wir  nicht  technisch  denken.  Popper-Lynkeus,  ein
Techniker,  hat  den  Versuch  gemacht,  eine  Gesamtwirtschaft  im  Rohen  durchzurechnen. ­
  Er  stellte  fest,  wie  viel  Arbeit  nötig  sei,  um  für  den  jährlichen
Menschenzuwachs  die  erforderlichen  Wohnungen,  Kleider  usw.  herzustellen,  wie
viel  Holz,  wie  viel  Ziegel,  wie  viel  Transportmittel  usw.  man  dazu  braucht.  Er
verfuhr  dabei  so  wie  ein  leitender  Fabriksdirektor.  Die  Bedeutung  dieses  Versudtes
Poppers,  eine  Naturalrechnung  der  Wirtschaft  ungestört  von  jeder  Geldbetrachtung ­
  zu  entwerfen,  ist  völlig  unabhängig  von  der  Richtigkeit  seiner
sonstigen  Anschauungen  über  Wirtschaft  und  Lebensordnung,  ebenso  von  der
Durchführbarkeit  seiner  Reformvorschläge.  Sollte  eine  Amtsstelle,  welche  über
alle  geistigen  Hilfsmittel  einer  Nation  verfügt,  nicht  vollkommener  ausführen
können,  was  so  ein  Einzelner  in  Angriff  nahm?
Ein  solcher  Wirtschaftsplan  setzt  freilich  eine  Umgestaltung  unserer
Statistik  voraus,  die  ganz  im  argen  liegt.  Zahllose  Stellen  gaben  sich  mit
wirtschafts-statistischen  Erhebungen  ab,  öffentliche  Ämter,  Kartelle,  Gewerk-
        <pb n="238" />
        15*

227

schäften  usw.,  wobei  einheitliches  Vorgeihen  iinterblieb.  Vieles  blieb  unberücksichtigt, ­
  vieles  blieb  absichtlich  geheim.  Um  die  'Grundlagen  für  einen
Wirtschaftsplan  zu  schaffen,  müßte  das  erwähnte  Zentralwirtschaftsamt  eine
Art  Universalstatistik  entwerfen,  innerhalb  deren  jede  Statistik  ihren
besonderen  Platz  erhält.  Wenn  einmal  ein  solcher  Plan  in  Angriff  genommen
ist,  dann  wird  auch  zwischen  den  einzelnen  Statistiken  jene  Übereinstimmung
in  Fragestellung  und  Gruppierung  erzielt  werden,  welche  bisher  gefehlt  hat.
Jede  einzelne  Statistik  würde  erst  durch  das  Ganze,  welchem  sie  dient.  Form,  Sinn
und  Bedeutung  erlangen.
Hiezu  bedarf  es  des  innigsten  Zusammenwirkens  von  Technikern,
Ärzten  und  Volks  Wirtschaftern.  Nur  so  kann  erreicht  werden,
daß  man  die  Menschen,  Stoffe  und  Kräfte  in  ihrer  Bedeutung  erfaßt  und  in
ihren  durch  den  Wirtschaftsmechanismus  bedingten  Bewegungen  verfolgt.  Tediniker
  und  Ärzte  müßten  es  als  ihr  unbedingtes  Recht  fordern,  im  Rahmen  einer
solchen  Zentrale  wirken  zu  können.  Freilich,  die  Durchführung  einer  solchen
Maßnahme  hängt  nicht  bloß  davon  ab,  daß  man  ihre  Vernünftigkeit  einsieht  Der
Wille  bedarf  eines  gewissen  inneren  Antriebes.  All  diese  Neugestaltungen
werden  nur  dann  wirklich  erfolgreich  durchgeführt,  wenn  der  Mensch  berechtigter- ­
  oder  un  berechtigerweise  das  Vertrauen  hat,  er  könne  das  Dasein  beherrschen, ­
  und  darin  auch  ein  Ideal  erblickt.  Nur  eine  Menschheit,  welche
nicht  übermäßig  an  der  Überlieferung  hängt,  kann  sich  zum  Herrn  der  Lebensordnung ­
  machen,  die  man  bisher  als  eine  Art  Schicksal  hingenommen  hat.
Gewiß,  es  ist  ein  Wagnis,  sich  dem  Rationalismus  hinzugeben.  Aber  was
ist  kein  Wagnis?  War  etwa  der  Weltkrieg  kein  Wagnis?  Hat  man  ihn
auch  so  vorsichtig  ins  Werk  gesetzt,  wie  heute  viele  die  Neugestaltung  unserer
Lebensordnung  ins  Werk  gesetzt  sehen  wollen?
Es  wäre  vermessen,  die  Bedeutung  der  Überlieferung  für  unser  Dasein  gering
einzuschätzen  oder  jeden  zu  mißachten,  der  an  Überliefertem  hängt.  Es  ist  aber
auch  notwendig,  daß  man  die  Tradition  von  heute  als  den  Rationalismus  von
gestern  erkennen  lernt.  Als  in  den  Kirchen  die  ersten  elektrischen  Lichter  aufflammten, ­
  da  trauerten  viele  um  die  traditionelle  Kerze,  und  dennoch  war  die
Kerze  eine  Überwindung  des  Kienspans  gewesen.  Auch  unser  Rationalismus
wird  einmal  Tradition  werden,  wenn  vielleicht  auch  eine  weniger  feste  als
jene,  die  wir  übernommen  haben.  Oft  geht  die  Weltgeschichte  sonderbare  Wege,
läßt  nach  rationalistischen  Zeitaltern  solche  festgefügter  Tradition  folgen,  oder
sie  pflegt  den  Rationalismus  auf  einem  Gebiet  und  läßt  ihn  auf  anderem  verkommen. ­
  Unser  Zeitalter  drängt  jedenfalls  dazu,  das  Leben  bewußt  zu  gestalten.
Wir  werden  zum  Rationalismus  und  Utilitarismus  gezwungen.  Wer  werden
die  Führer  sein?  SichJerlich  nicht  die,  welche  dies  alles  schmerzlich  als
Schicksal  hinnehmen,  sondern  jene,  welche  im  Überlieferten  ein  Gefängnis
sehen,  aus  dem  man  die  Menschen  befreien  müsse,  um  sie  an  die  Sonne  des
Glücks  zu  führen,  jene,  welche  sich  nicht  sdiämen,  im  Glück,  in  der  Seligkeit
des  Daseins  ein  herrliches  Ziel  der  Menschheit  zu  erblicken!  Gegen  den  Zeus
der  Überlieferung,  den  Beherrscher  des  ewig  Gestrigen  bäumt  sich  der  alles
bewußt  umgestaltende  Zeitgeist  prometheisch  auf:
Wer  half  mir
Wider  der  Titanen  Übermut?
Wer  rettete  vom  Tode  mich?
Von  Sklaverei?
Ich  Dich  ehren,  wofür?
Hast  Du  die  Schmerzen  gelindert
Je  des  Beladenen?
Hier  sitz  ich,  forme  Völker
Nach  meinem  Bilde,
Ein  Geschlecht,  das  mir  gleich  sei.
Zu  genießen  und  zu  freuen  sich
Und  Dein  nicht  zu  achten
,  :  Wie  ich!
        <pb n="239" />
        228

XVII.
Die  Utopie  als  gesellschaftstechnische  Konstruktion.
(1919.)
Wir  leben  heute  in  einer  Zeit  bewußter  Lebensgestaltung.
Breite  Kreise  der  Bevölkerung  fühlen  sich  gedrängt,  ihrem  Willen  für  oder
gegen  bestimmte  Bestrebungen  Ausdruck  zu  geben.  Immer  deutlicher  wird
es,  daß  es  die  Schaffung  einer  neuen  Lebensordnung  gilt.  Auf  die  Dauer
werden  daher  nur  solche  Parteien  entscheidend  zu  wirken  vermögen,  welche
dies  Ziel  klar  und  sichtbar  verfolgen,  deren  Programme  die  Umrißlinien  der
erstrebten  Zukunft  entwerfen.  Sie  werden  von  den  Wünschen  und  Gedanken
erfüllt  sein,  die  seit  Jahrhunderten  und  Jahrtausenden  in  Phantasieschöpfungen
zahlreicher  Dichter  und  Denker  lebendig  waren,  in  den  „Utopien“,  welche
keine  rechte  Heimat  unter  den  Menschen  zu  finden  vermochten.
Die  meisten  Menschen  glaubten  mit  einer  gewissen  herablassenden  Milde
und  Nachsicht,  wenn  nicht  gar  mit  mitleidigem  Spott  von  Utopien  und  Utopisten
sprechen  zu  dürfen.  Träumereien  und  Träumer  waren  sie  für  die  Mehrzahl.
Und  doch  finden  wir  bei  den  Utopisten  prophetische  Ideengänge,  die  denen
verschlossen  blieben,  welche,  stolz  auf  ihren  Wirklichkeitssinn,  am  Gestern
klebten  und  so  nicht  einmal  das  Heute  zu  beherrschen  vermochten.  Utopien
als  Schilderungen  unmöglicher  Vorkommnisse  zu  bezeichnen  ist  durchaus  unberechtigt, ­
  kann  man  doch  einer  erdachten  Lebensordnung  so  gut  wie  niemals
ansehn,  ob  sie  nicht  irgendwo  und  irgendwann  Wirklichkeit  wird.  Weit  sinnvoller ­
  ist  es  wohl,  alle  Lebensordnungen,  die  nur  in  Gedanken  und  Bildern,
nicht  aber  in  der  Wirklichkeit  vorhanden  sind,  als  Utopien  zu  bezeichnen,
das  Wort  Utopien  jedoch  nicht  dazu  zu  verwenden,  etwas  über  ihre  Möglichkeit ­
  oder  Unmöglichkeit  auszusagen.  Utopien  wären  so  den  Konstruktionen
der  Ingenieure  an  die  Seite  zu  stellen,  man  könnte  sie  mit  vollem  Recht  als
gesellschaftstechnische  Konstruktionen  bezeichnen.
Auch  die  Maschinentechnik  hat  in  ähnlich  phantastischer  Weise  wie  die
Gesellschaftstechnik  begonnen.  Die  Dichtung  von  Dädalus  und  Ikarus  führt
uns  in  die  Märchenzeit  der  technischen  Konstruktion.  Auch  die  Zeichnungen
Leonardos,  die  sich  mit  Flugmaschinen  beschäftigen,  sind  noch  wesentlich
phantastischer  Art.  Vor  allem  fehlt  ihnen  die  Einordnung  in  ein  System
technischer  Konstruktionen.  Erst  einem  späteren  Zeitalter  war  es  Vorbehalten,
die  Einfälle  der  Flugtechniker  in  strengere  Bahnen  zu  lenken,  sie  für  geordnete ­
  praktische  Arbeit  nutzbar  zu  machen.  Wir  selbst  haben  diese  letzte
Periode  noch  mit  erlebt,  haben  es  noch  mit  erlebt,  wie  Kreß  ein  Phantast  gescholten ­
  wurde,  weil  er  mit  im  ganzen  vernünftigen  Mitteln  das  erstrebte,
was  wenige  Jahre  später  als  Selbstverständlichkeit  galt.
Die  Gesellschaftstechnik,  um  diesen  Ausdruck  zu  gebrauchen,  beginnt  auch
mit  märchenhaften  Erzählungen  vom  goldenen  Zeitalter,  von  der  fernen  Insel
Atlantis  geht  dann  zu  bewußten  Gestaltungen  über,  wie  sie  uns  ein  Morus,  ein
Gäbet,  ein  Bellamy  und  schon  sehr  ausgestaltet  ein  Rathenau  schenkten,
um  schließlich  auch  systematische  Konstruktionen  ins  Leben  zu  rufen,  wie
sie  etwa  Ballod  oder  Popper  skizzierten.  Was  gestern  als  Phantastenwerk ­
  galt,  erscheint  heute  bereits  als  wissenschaftliche  Vorarbeit  für  die
Gestaltung  der  Zukunft.  Wir  sind  eben  zu  der  Überzeugung  gelangt,  daß  ein
gewaltiger  Teil  unserer  Lebensordnung  zielbewußt  geformt  werden  kann,  daß
insbesondere  Verbrauch  und  Erzeugung  mengenmäßig  bestimmt  und  geregelt
werden  können,  selbst  wenn  wir  Sitte  und  Sittlichkeit,  Religion  und  Liebe
zunächst  gesellschaftstechnisch  noch  nicht  beherrschen  können  oder  wollen.
        <pb n="240" />
        229

Eine  gesellschaftstechnische  Konstruktion  behandelt  unsere  ganze  Gesellschaft, ­
  vor  allem  unsere  Wirtschaft,  ähnlich  wie  einen  riesigen  Betrieb.  Der
Gesellschaftstechniker,  welcher  sich  auf  seine  Arbeit  versteht  und  eine  Konstruktion ­
  liefern  will,  die  für  praktische  Zwecke  als  erste  Anleitung  verwendbar ­
  sein  soll,  muß  die  seelischen  Eigenschaften  des  Menschen,  seine  Lust
am  Neuen,  seinen  Ehrgeiz,  sein  Hängen  an  der  Überlieferung,  seinen  Eigensinn, ­
  seine  Dummheit,  kurz,  alles,  was  ihm  eignet  und  sein  gesellschaftliches
Handeln  im  Rahmen  der  Wirtschaft  bestimmt,  genau  so  berücksichtigen,  wie
etwa  der  Ingenieur  die  Elastizität  des  Eisens,  die  Bruchfestigkeit  des  Kupfers,
die  Farbe  des  Glases  und  ähnliches  mehr.  Die  Hebel  und  Schrauben  der
Lebensordnung  sind  gar  sonderlicher  und  feiner  Art.  Aber  die  Schwierigkeit ­
  der  Aufgabe  hat  noch  nie  einen  mutigen  Denker  und  Tatmann  geschreckt.
Fragen  wir  uns  nun,  was  wir  von  dieser  Entwicklung  der  Gesellschaftstechnik ­
  zu  erwarten  haben,  was  für  Wege  sie  unserem  Denken  und  Tun  eröffnet, ­
  Wenn  wir  z.  B,  die  Frage  aufwerfen,  wie  eine  Gesellschaftsordnung
beschaffen  sein  müsse,  in  welcher  es  keine  Hungernden  gebe,  keine  Kreditkrisen, ­
  keine  Lebenslagen,  welche  durch  Glück  und  Vorrecht  bestimmt  sind,
so  können  wir  mehrere  gleich  richtige  Lösungen  unter  ganz  bestimmten
Voraussetzungen  finden.  Wenn  wir  etwa  fragen,  welche  Lebensordnung  wir
in  den  nächsten  Jahrzehnten  zu  erwarten  haben,  so  müssen  wir  grundsätzlich
mehrere  Antworten  geben,  da  ja  infolge  unserer  unzulänglichen  Einsicht  in  die
Voraussetzungen  des  Geschehens  sich  uns  mehrere  Möglichkeiten  darbieten.
Bisher  fehlte  eine  derartige  wissenschaftliche  Behandlung  der  Fragestellung.
Man  erdachte  gemeinhin  nicht  ganze  Gruppen  von  Utopien,  sondern
schuf  meist  eine  einzelne  Utopie  aus  einer  grundsätzlich  unwissenschaftlichen
Seelenstimmung  heraus.  Schreck-  und  Lockbilder  waren  die  Utopien,  um  die
Menschen  zu  bestimmtem  Tun  anzutreiben.  Oft  waren  sie  auch  nur  Phantasiestücke, ­
  um  die  Leser  zu  belustigen  oder  zu  belehren.  Insbesondere  in  Zeitaltern ­
  einer  strengen  Zensur  war  die  Utopie  nicht  selten  der  Ausweg  für
revolutionäre  und  satirische  Gedankengänge,  In  Bildern  fremder  Völker,  märchenhafter ­
  Gemeinschaften  sah  man  sein  eigenes  Geschick.  Oft  mengen  sich
die  verschiedenen  Ziele  und  Wirkungen  der  Utopien  und  verhindern  eine  einfache ­
  Gliederung  in  wenige  Gruppen.  Sie  gleichen  so  der  Welt  und  den  Träumen, ­
  deren  Vielgestalt  auch  solchen  Bemühens  spottet.
Deutlicher  heben  sich  jene  Utopien  ab,  welche  die  nächste  Gegenwart  zu
beschreiben  unternehmen  und  als  Prophezeihungen  auftreten,  die  gleichzeitig
die  Ursachen  ihrer  eigenen  Verwirklichung  werden  wollen.  Sie  sind  es
vor  allem,  die  zur  streng  wissenschaftlichen  Arbeit  Anlaß  geben.  Oder  ist
es  etwa  nicht  Wissenschaft,  wenn  Ballod-Antlanticus  und  Popper-Lynkeus,  gestützt ­
  auf  die  Hilfsmittel  der  modernen  Statistik,  ausrechnen,  wie  viel  Jahre
jeder  Mensch  in  Deutschland  arbeiten  müsse,  damit  der  Notbedarf  der  Nation
gedeckt  werden  kann?  Bisher  hat  die  Wirtschaftslehre  solchen  Versuchen
teils  ablehnend,  teils  verständnislos  gegenübergestanden.  Ja  gelegentlich  wurde
die  Beschäftigung  mit  zukünftigen  und  möglichen  Wirtschaftsordnungen  als
wesentlich  unwissenschaftlich  betrachtet,  obgleich  doch  gerade  die  so  erfolgreiche ­
  Maschinentechnik  ganz  bewußt  neue  Formen  konstruiert,  die  nie  vorher
bestanden  haben.  Die  Utopien  wurden  in  die  Geschichte  der  Wirtschaftslehre
verwiesen,  während  sie  in  die  Theorie  hineingehörten,  so  wie  die  Konstruktion
neuer  Brücken  und  Flugzeuge  in  der  Theorie  des  Maschinenbaus  abgehandelt
wird.  Freilich,  Ballod-Atlanticus  und  Popper-Lynkeus  haben  nur  eine  Möglichkeit ­
  durchgerechnet,  haben  nur  eine  einzige  Konstruktion  versucht  und  nur
eine  Naturalrechnung  vorgelegt,  aus  der  zu  entnehmen  ist,  wie  viel  Wohnraum,
  wie  viel  Nahrung,  wie  viel  Kleidung  aus  wie  viel  Rohstoffen  unter
Zuhilfenahme  von  wie  viel  Arbeitszeit  geschaffen  werden  kann.  Es  wäre
wissenschaftlich  vollkommener,  wenn  sie  mehrere  Möglichkeiten  behandelten.
Jeder  Fabrikleiter,  jeder  gut  geschulte  Landwirt,  der  die  technischen
Grundlagen  seines  Betriebes  überschauen  will,  arbeitet  nach  Art  von  Ballod
und  Popper;  sollte  die  Volkswirtschaft,  die  Weltwirtschaft  einer  solchen  Behandlung ­
  unzugänglich  sein?  Freilich,  ein  Zeitalter,  das  an  der  Geldrechnung
hängt,  das  vom  freien  Wettbewerb,  von  der  Planlosigkeit  des  Marktes  mehr
        <pb n="241" />
        230

erwartet  als  von  einer  klaren,  übersichtlichen  Verwaltung^  achtet  die  Geheimnisse ­
  der  Unternehmer  so  sehr,  daß  es  auf  eine  umfassende  Wirtschaftsstatistik
verzichtet  und  über  die  wichtigsten  Dinge  unseres  Lebens  nichts  weiß.
Aus  diesem  untechnischen,  gestaltungsfeindlichen  Denken  heraus  erklärt  sich
vor  allem  die  geringe  Wertschätzung  der  Utopie  der  gescllschaftstechnischen
Konstruktion.
Die  gewaltigen  Umgestaltungen  des  Krieges  haben  der  Utopie  neues
Leben  eingehaucht.  Die  Generale  und  Politiker  der  letzten  Jahre  haben  unter
Verachtung  der  überlieferten  Gesellschaftsordnung  alles  dem  militärischen  Erfolge ­
  dienstbar  zu  machen  gesucht.  Kein  Eingriff  war  ihnen  zu  groß,  wenn
er  den  Sieg  zu  verheißen  schien.  Die  Bande  der  Familie  wurden  erschüttert,
Menschenmengen  hin  und  her  geschoben,  Industrien  von  Grund  aus  umgewandelt ­
  —  alles  in  der  kürzesten  Zeit.  Um  der  Vernichtung  willen  wurde
gezeigt,  was  Menschenkraft  zu  leisten  vermag.  Ist  es  so  unverständlich,  wenn
immer  mehr  Menschen  die  Frage  aufwerfen,  ob  man  nicht  in  ähnlicher  Weise
Friedensziele  erstreben  könne,  wie  man  so  lange  Kriegsziele  erstrebt
habe?  Ist  es  so  unverständlich,  wenn  die  Menschen  nun  ungeduldig  an  die
Pforte  der  Zukunft  pochen  und  fragen,  ob  'der  Jammer,  den  sie  früher  gekannt,
weiter  dauern  müsse,  ob  nicht  die  großen  Generale  und  Politiker  des  Kampfes
um  das  menschliche  Glück  unter  Mißachtung  überlieferter  Formen,  unter  Umstellung ­
  der  Industrien  neue  Lebensordnungen  heraufführen  könnten?  Ist  es
so  unverständlich,  daß  heute  das  Volk  nach  Utopien  schreit,  nach  gewaltigen
Gemälden  seines  zukünftigen  Schicksals?  Ist  es  so  unverständlich,  daß  heute
so  Viele  tappend  und  unsicher,  voll  Haß  und  Erbitterung,  geleitet  von  einem
unbestimmten  Drange,  das  Gewesene  zertrümmern  wollen,  von  dem  dumpfen
Glauben  geleitet,  das  müsse  genügen,  um  den  Neubau  zu  erzwingen?
Was  wir  so  bei  den  Massen  sehen,  das  begegnet  uns  auch  überall
in  den  Kreisen  der  ruhigen  Gestalter,  Ist  es  nicht,  als  ob  ein  neuer  Geist  die
Techniker  erfüllt,  welche  immer  drängender  nach  Vereinlieitlichungen  verlangen,
nach  Normung,  Typisierung,  Spezialisierung,  welche  immer  drängender  fordern,
daß  die  Arbeit,  der  Betrieb,  kurzum  alles,  wbs  technisch  beherrsdht  werden
kann,  nach  allgemeinen  Grundsätzen,  möglichst  erfolgreich,  mibglichst  rationell
gestaltet  werden  soll?  Zeichnen  nicht  alle  Vertreter  dieser  Bestrebungen  letzten
Endes  wichtige  Linien  in  dem  großen  Gemälde,  das  die  Zukunft  schildern  soll?
Ist  nicht  der  heute  bereits  anerkannte  Gedanke  einer  umfassenden  Energie-  und  Kraftverwaltung, ­
  der  Gedanke  einer  öffentlichen  Sicherung  aller  Daseinsbedingungen
utopistisch?  Ist  er  nicht  gesellschaftstechnische  Konstruktion?
Utopien  können  die  verschiedensten  Ziele  verfolgen,  sic  können  außermenschlichen ­
  Idealen  dienen,  der  Größe  Gottes,  der  Größe  der  Nation  und  ihrer
Herrschaft,  sie  können  aber  auch  darauf  ausgehen,  eine  Welt  zu  schildern,  in
welcher  die  Menschen  mit  all  ihren  Fehlern  und  Gebresten  so  glücklich  zu  leben
vermögen,  als  es  eben  die  natürlichen  Grundlagen,  Land  und  Meer,  Rohstoffe
und  Klima,  Menschenzahl  und  Erfindungsgeist,  Bildung  und  Arbeitswille  gestatten.
Ob  man  nun  dies  Streben  nach  Glück,  nach  Seligkeit,  nach  Freude  preist,
ob  man  'es  für  niedrig  und  gemein  erklärt,  jedenfalls  läßt  sich  das  Glück  als
Wirkung  gesellschaftlicher  Einrichtungen  durdiaus  wissenschaftlich  behandeln.
Und  gerade  die  Utopien  der  nächsten  Jahre  dürften  der  Entwicklung  einer  umfassenden ­
  Glückslehre  durchaus  förderlich  sein.
Sind  wir  uns  einmal  darüber  klar,  daß  Utopien  als  gesellschaftstechnische
Konstruktionen  uns  vor  vielen  Irrgängen  'bewahren  können,  daß  sie  den  Geist
gelenkig  zu  machen,  ihn  von  seinen  zufälligen  Einfällen  zu  befreien  vermögen,
dann  müssen  wir  wohl  fordern,  daß  unsere  Schulen  sich  mit  gesellschaftstechnischen ­
  Konstruktionen  beschäftigen.  Es  müßte  freilich  vermieden  werden,
daß  sich  die  Menschen  auf  eine  bestimmte  Utopie  festlegen,  es  müßten  vielmehr
ganze  Gespanne  von  Utopien  nebeneinander  entworfen  und  untersucht
werden.  Vor  allem  wird  der  gewaltige  Schatz  geschichtlicli  gegebener  Utopien ­
  eine  zweckmäßige  Grundlage  solchen  Wissenschaftsbetriebs  abgeben.  An
ihrer  Hand  wird  man  die  Frage  erörtern  können,  welche  Arten  der  Berufswahl, ­
  der  Entlohnung  usw.  denkbar  sind,  welche  Kombinationen  verschiedenartiger ­
  Einrichtungen  in  Betracht  kommen  und  ähnliches  mehr.  Vielleicht
        <pb n="242" />
        231

stehen  wir  am  Beginn  einer  Utopistik  als  Wissenschaft.  Sie  würde
jedenfalls  unserer  Jiugend  bessere  Dienste  leisten,  als  die  überlieferte  Wirtschaftslehre ­
  und  Soziologie,  die,  auf  die  Vergangenheit  und  die  zufällige  Gegenwart ­
  beschränkt,  den  gewaltigen  Umwälzungen  der  Kriegszeit  und  der  Revolution ­
  in  keiner  Weise  gewachsen  waren.
Sich  zu  viel  mit  dem  Möglichen  beschäftigen,  hat  allerdings  manches
Bedenkliche  an  sich,  insbesondere  für  den  jugendlichen  Menschen,  aber  bisher
hat  man  dem  Möglichen  auf  gesellschaftlichem  Gebiet  zu  wenig  Raum  geschenkt. ­
  Abgesehen  davon,  dan  die  Utopien  den  Heranwachsenden  über  viele
tatsächliche  Zusammenhänge  belehren,  erkennt  man  doch  dann  erst  voll  das
Wirkliche,  wenn  man  auch  das  Mögliche  überschaut,  schenkt  sie  ihm  noch
überdies  eine  gewisse  Unbefangenheit  und  reift  sein  eigenes  Urteil.
Wie  reizvoll  ist  es  doch,  seine  eigene  Zeit  wie  die  Utopia  des  Thomas
Morus  zu  schildern  und  umgekehrt  dessen  etwas  leere  Darstellungen  mit
der  Fülle  der  Gegenwart  ausgestattet  zu  denken!
Welch  stolzer  Anblick  wäre  es,  wenn  wir  dahin  kämen,  daß  wir,  die
Entwicklung  erlebend,  fortwährend  auf  Erscheinungen  stießen,  die  wir  längst
vorausgedacht,  ja  vielleicht  vorausgewollt  hatten!  Gerade  auf  gesellschaftlichem
Gebiet  haben  wir  es  mit  sehr  bekannten  Elementarkräften  zu  tun,  Erscheinungen
wie  die  Radioaktivität  treten  wohl  kaum  neu  auf.  Es  ist  dies  Gebiet  der  reinen
Mechanik  verwandt,  die  auch  immer  neue  Konstruktionen  zuläßt,  aber  keine
•neuen  Kräfte  kennt.  Einst  mag  ein  Geschlecht  kommen,  welches  in  der  bewußten ­
  Gestaltung  unseres  Lebäis,  in  der  bewußten  Gestaltung  unseres  Glücks
erst  das  wahre  Menschentum  sieht  und  alles,  was  vorher  war,  wie  ein  vorgeschichtliches ­
  Zeitalter  betrachtet,  in  das  sich  dann  viele  zurücksehnen  mögen,
wie  wir  uns  in  längst  vergangene  Tage  zurücksehnen,  freilich  oft  nur  deshalb, ­
  weil  wir  den  Ekel  und  die  Wirrnis  der  Vergangenheit  im  geschichtlichen ­
  Verlauf  ähnlich  leicht  vernachlässigen,  wie  im  eigenen  Leben.
Es  ist  eine  schwere  Aufgabe,  die  Ideen  der  Zukunft  erfolgreich  vorzubereiten, ­
  denken  wir  daher  nicht  verächtlich  von  jenen,  welche  die  Grundlagen ­
  der  überlieferten  Wirtschafts-  und  Gesellschaftslehre  schufen.  Sie  haben
den  Besten  ihrer  Zeit  genug  getan  und  ihrerseits  einer  frohen  Jugend  die  Wege
geebnet.  Warum  jene  Jugend  es  nicht  verstand,  diesen  Geist  des  Werdens
zu  bewahren,  mag  die  Weltgeschichte  beurteilen,  wir  können  jedenfalls  das
große  Werk  beginnen,  von  jetzt  an  bewußt  die  Zukunft  und  das
Mögliche  zu  pflegen.  Das  gilt  für  die  unter  uns,  die  gleich  den  Alten
von  den  Säulen  des  Herkules  aus  zuschauen,  wie  die  Sonne  weit  draußen,
untergeht,  größer  als  anderswo  in  der  Welt,  und  tatenlos  von  einer  fernen
Atlantis  träumen,  das  gilt  aber  auch  für  die,  welche  wie  Kolumbus  und
die  Seinen  den  Entschluß  und  die  Kraft  aufbringen,  die  Anker  zu  lichten,
um  mit  vollen  Segeln  auf  jenes  beglückende  Eiland  zuzusteuem.
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        Vom  gleichen  Verfasser  erschien  früher:

Lesebuch  der  Volkswirtschaftslehre.  Verlag  von
G.  A.  Gloeckner  in  Leipzig.
Serbiens  Erfolge  im  Balkankriege.  Eine  Wirtschaftliehe
  und  soziale  Studie.  Wien  1913,  Manzsche  Verlags-  und
Universitäts-Buchhandlung.  Preis  M.  1.—.
Antike  Wirtschaftsgeschichte.  2.,  umgearbeitete  Auflage. ­
  (Aus  Natur  und  Geisteswelt  Band  258.)  Verlag  von
B.  G.  Teubner  in  Leipzig.  Preis  kart.  M.  1.60,  geb.  M.  1.90
und  50®/o  Teuerungszuschlag.
Die  Sozialisierung  Sachsens.  1919.  Verlag  des  Chemnitzer ­
  Arbeiter-  und  Soldatenrates  in  Chemnitz.
Heilpem,  Dr.  Wilhelm,  und  Dr.  Otto  Neurath,
Der  Kompensationsverkehr  im  zwischenstaatlichen ­
  Warenhandel.  Verlag  für  Fachliteratur
in  Berlin  und  Wien.  Preis  M.  3.60.

Aus  vorliegendem  Buche  gesondert  veröffentlichte  Aufsätze:
Großvorratwirtschaft  und  Notenbankpolitik.
Verlag  für  Fachliteratur  in  Berlin  und  Wien.  Preis  M.  2.40.
Die  Wirtschaftsordnung  der  Zukunft  und  die
Wirtschaftswissenschaften.  Verlag  für  Fachliteratur
in  Berlin  und  Wien.  Preis  M.  1.80.
Technik  und  Wirtschaftsordnung.  Verlag  von  Georg
D.  W.  Callwey  in  München.  Preis  50  Pfg.
Wesen  und  Weg  der  Sozialisierung,  e.  und  7.  Auflage ­
  April  1919.  Verlag  von  Georg  D.  W.  Callwey  in  München.
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        208

uns  haben,  die  in  unserer  Lebensordnung  sich  nur  ungenügend  betätigen
können.  Zum  Teil  sind  sie  in  ihrer  technischen  Leistungsfähigkeit  beschränkt.
Wenn  aber  jemand  etwa  nur  zu  drei  Vierteln  leistungsfähig  ist,  pflegt  er  in
noch  geringerem  Maße  als  gerade  zu  drei  Vierteln  sich  betätigen  zu  können,
weil  wir  keine  Maßnahmen  getroffen  haben.  Mindertaugliche  zu  verwerten.
Zum  Teil  sind  es  aber  Menschen,  welche  technisch  voll  leistungsfähig  wären,
aber  der  Lebensform  der  freien  Konkurrenz  nicht  gewachsen  sind.  Sie  würden
sofort  volltauglich  werden,  wenn  sie  an  die  geeignete  Stelle  kämen,  die  zu
suchen  oder  sich  zu  schaffen  sie  aber  unfähig  sind.  Menschen,  die  einem  geruhigen ­
  Typus  angehören,  der  in  der  Zeit  der  Patrimonialverfassung  der  normale ­
  war,  sind  heute  die  Verstoßenen,  ja  die  Umhergetriebenen.  Manchmal
finden  sie  in  irgend  einem  Minderberuf  einen  Unterschlupf,  eine  Lösung,  die
weder  für  sie,  noch  für  die  Gesamtheit  wirklich  rationell  ist.  Psychisch  De^
fekte,  welche  als  Einzelne  überhaupt  nicht  verwendbar  sind,  können  in  entsprechend ­
  organisierten  Gruppen  Erhebliches  leisten  und  so  die  Lasten  verringern, ­
  welche  sie  sonst  der  Gesamtheit  auflegen.
Was  so  von,  Defekten,  Kranken,  sozial  Abnormalen  behauptet  werden
kann,  dürfte  aber  auch  von  sehr  vielen  gelten,  die  wir  als  sozial  durchaus  normal ­
  ansehen.  Wissen  wir  denn,  ob  nicht  die  Mehrzahl  der  Menschen  heute  in
Organisationsformen  lebt,  denen  sich  anzupassen  einen  großen
Teil  ihrer  Kraft  aufsaugt?  Wissen  wir  denn,  ob  nicht  die  Mehrzahl ­
  der  Menschen,  die  deshalb  als  sozial  normal  gilt,  weil  sie  diese  Kraft  zur
Anpassung  aufbringt,  unvergleichlich  mehr  leisten  würde,  wenn  wir  sie  in
anderen  Organisationsformen  arbeiten  ließen?
Der  Ruf  nach  mannigfaltigerer  Berufsgestaltung  wird  durch  den  Krieg
besonders  nahegebracht.  Die  Kriegsbeschädigten,  deren  Differenzierung  ja  viel
größer  als  die  der  Gesunden  ist,  müssen  untergebracht  werden.  Man  widmet
nun  weit  mehr  Mühe  der  Frage,  wie  ihre  Tauglichkeit  für  vorhandene  Berufe
und  Arbeitsweisen  ermittelt  werden  kann,  als  der  anderen  Frage,  welche  Organisationsformen, ­
  welche  Berufe  man  umgestalten  oder  neu  schaffen  müsse,  um
sie  möglichst  günstig  zu  beschäftigen.  Vielleicht  könnten  sehr  viele  eine  Halbtagarbeit ­
  voll  ausfüllen.  Wäre  es  nicht  naheliegend,  ganze  Fabriksorganisationen ­
  auf  Halbtagarbeit  einzurichten  und  die  dabei  erwachsenden  Mehrkosten
aus  den  Mitteln  für  die  Invalidenfürsorge  zu  bestreiten?  Ist  aber  einmal  der
Damm  gebrochen,  dann  wird  man  von  allen  Seiten  mit  derlei  Vorschlägen
kommen.  Die  allgemeine  Einführung  der  Halbtagarbeit  für  verheiratete  Fabrikarbeiterinnen ­
  mit  kleinen  Kindern  z.  B.  erscheint  dann  als  eine  Selbstverständlichkeit. ­
  Man  würde  dann  ebenso,  wie  man  heute  Einzelversuche  bezüglich ­
  bestimmter  Einwirkungen  der  Betriebe  anstellt,  den  Einfluß  ganzer  Betriebsorganisationen, ­
  Berufsanordnungen  untersuchen  können.  Man  würde  sich
bemühen,  in  Versuchsanlagen  den  Einfluß  des  Wechsels  landwirtschaftlicher  und
industrieller  Arbeit  zu  erproben,  der  nicht  zum  wenigsten  auf  der  Hoffnung
beruht,  welche  der  Einzelne  in  sich  hegt,  daß  es  nun  bald  „Agrarferien“,  daß
es  nun  bald  „Industrieferien“  gibt.  Urlaube  und  Rekonvaleszentenfürsorge
werden  oft  durch  einen  Wechsel  der  Beschäftigung  ersetzt  werden  können.
Freilich  erfordert  dies  alles,  daß  der  heute  sich  mächtig  entfaltende  Wille,
die  Kriegswirkungen  möglichst  rasch  zu  überwinden,  ein  klares  Ziel  vorfindet.
Dann  ist  es  möglich,  daß  wir  nach  dem  Kriege  durch  organisatorische  Reformen ­
  nicht  nur  die  dauernden  Schädigungen,  welche  der  Krieg  mit  sich
bringt,  wett  machen,  sondern  darüber  hinaus  ein  glücklicheres  Dasein  schaffen,
als  vor  dem  Kriege  bestanden  hat.
Es  wäre  für  die  gesamte  Kriegsfürsorge,  für  die  gesamte  Sozialpolitik  und
nicht  zuletzt  für  die  gesamte  Volkswohlfahrtspflege  von  Bedeutung,  das  „umgekehrte ­
  Taylorsystem“  praktisch  auszugestalten,  von  Bedeutung,  so  viel  verschiedenartige ­
  Berufsformen,  so  viel  verschiedenartige  Organisationstypen  zu
haben,  daß  möglichst  zahlreiche  Menschen  ihren  Fähigkeiten  und  Neigungen
entsprechend  beschäftigt  werden  können.  Schafft  geeignete  Berufe
und  geeignete  Organisationsformen  für  geeignete  Menschen ­
  !
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