besitzt, wird der Körper überwältigt. Meine Hände stehen noch viele Minuten unwillkürlich still. Mir graut vor jedem neuen Arbeitstage, und wenn ich morgens die Arbeit aufnehme, kann ich mir kaum vorstellen, zehn Stunden diese Marter zu er tragen. Ich verlasse darum, muß die Arbeit verlassen. An jeder neuen Arbeitsstätte findet der Geist wenigstens zunächst An regung: das geht immer einige Wochen, und der gequälte Zu stand beginnt von neuem. Und doch — ich muß, hören Sie, ich muß sie zeitweilig verlassen, weil sonst die monotone Arbeit mich zermürbt. Dann lebe ich in elender Schlafstelle, von meinen Lieben getrennt, und wilde Sehnsucht quält mich.“ Bei einem Metalldreher, der tagtäglich seit sechseinhalb Jahren dieselben Stücke dreht, wirkt die Arbeit so deprimierend, daß er seine Ma schine öfters mit Vehemenz zum Stillstand bringt und davonläuft, in die Schmiede, Schlosserei, und wahrhafte Freude empfindet, wenn die Arbeitsmaschine plötzlich versagt, obgleich er als Akkordarbeiter durchaus materiellen Verlust erleidet. Ein Ma schinenschlosser wirft öfters den Antriebriemen herunter, wenn die Monotonie der Arbeit für ihn nicht mehr erträglich, oder er ölt die Maschine so oft, daß sie nachher in Öl schwimmt, um Gelegenheit zu haben, das überflüssige öl abzuwischen. Ein Schmiedegeselle schreibt poetisch: „Es klingt der Amboß unter meines Hammers Schlag, Sein Klang tönt voll in meiner Seele wieder, Denn auch da drinnen grollt es dumpf und bang, .Wenn man mir Fesseln schlägt, die Arbeit macht zur Last, Doch lustig, heiter, wenn die Arbeit Freude*.“ Ein Metallschleifer: „Ich finde kein Interesse an meiner Arbeit, und sehe ich am Feiertage auch nur die Schornsteine Unserer Fabrik, dann ist es mir, als würde ich an etwas recht Ungehöriges erinnert.“ Eine ganze Kategorie Arbeiter, die in einer Automobilfabrik beschäftigt und immer dieselbe monotone Teil arbeit zu verrichten haben, hatten gar keine Uhr mehr nötig. Sie sahen an ihrer eintönigen Beschäftigung, welche Zeit es ist Ein Metallarbeiter, der nur Weißblech-Kaffeebretter stanzt: Immer dieselbe Arbeit. Immer bumst die Maschine. In der ersten Zeit hatte ich oft zu singen oder zu flöten versucht. Das habe ich * Adolf Levenstein, „Arbeiterphilosophen und Dichter“, Morgen-Verlag Berlin W 9, 1909. 50