<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Theorie der Volkswirtschaft</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Petr</forname>
            <surname>Maslov</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>892769734</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        í-p-/.V

K##ËÊ&amp;amp;

SSiKltmwWS

-  -  '-^r4

K
        <pb n="2" />
        PETER  MASSLOW

DIE  THEORIE  DER
VOLKSWIRTSCHAFT

Einführung  in  die  Soziologie
und  die  politische  Ökonomie

Deutsch
von
Dr.  M.  NACH  IM  SON

LEIPZIG  1912  /  VERLAG  VON  ARTHUR  KADE
        <pb n="3" />
        -3.

rj*

r-J

-?:L  z  :s:

■-&amp;gt;.

j).:.

V-  ■■

V-/

  -

i-  r_

-■V-3



T-.y.r:

&amp;gt;iT

a

a:

î'-iz.

zTvl::

.„-vi-T":
        <pb n="4" />
        ¡
        <pb n="5" />
        DIE  THEORIE  DER
VOLKSWIRTSCHAFT
        <pb n="6" />
        DIE  THEORIE  DER
VOLKSWIRTSCHAFT
EINFÜHRUNG  IN  DIE
POLITISCHE  ÖKONOMIE
VON
PETER  (MASSLOW
DEUTSCH  VON
Dr.  M.  NACHIMSON

LEIPZIG  1912
VERLAG  VON  ARTHUR  KADE
        <pb n="7" />
        t

CIEL

Hoßbcrg’schc  Buchdruckerei  Leipzig
        <pb n="8" />
        Vorwort

Die  hiermit  dem  deutschen  Publikum  übergebene  Arbeit
beschäftigte  den  Autor  schon  sehr  lange,  wurde  aber  erst  aus
folgendem  Anlaß  zur  Vollendung  gebracht.  Der  Rat  der
höheren  Landwirtschaftsschule  zu  Petersburg  schlug  uns  vor,
Vorlesungen  über  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  zu
halten.  Um  aber  die  volkswirtschaftliche  Entwicklung  charakterisieren ­
  zu  können,  muß  man  zuerst  die  Grundtendenz
dieser  Entwicklung  kennen  lernen.  Mit  anderen  Worten:  es
war  notwendig,  die  Gesetzmäßigkeit  dieser  Entwicklung  zu
entdecken.
Bei  der  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
stoßen  wir  zuerst  auf  die  Tatsache  des  fortwährenden  Wechsels
der  Wirtschaftssysteme,  von  denen  auch  die  Organisation  der
wirtschaftlichen  Ordnung  abhängt.  Die  Änderung  der  Wirtschaftssysteme ­
  steht  in  engem  Zusammenhang  mit  dem  Sinken
der  Produktivität  der  sukzessiven  Arbeitsaufwände  auf  derselben ­
  Bodenfläche  und  mit  der  Bevölkerungsvermehrung.
Deshalb  hatte  der  Autor  zunächst  diese  letzten  Fragen  ausführlich ­
  zu  behandeln.  Die  Entwicklung  der  Wirtschaft  offenbart ­
  sich  in  der  Entwicklung  und  Erweiterung  der  sozialen
Organisation  der  Produktion.  Diese  wird  dann  im  zweiten
Teile  des  vorliegenden  Werkes  behandelt.  Schließlich  kommt
der  Fortschritt  der  Wirtschaft  in  der  Ein-  und  Verteilung  der
Produktivkräfte  zum  Ausdruck  —  ein  Problem,  das  von  der
Volkswirtschaftslehre  fast  ganz  unerforscht  blieb.  Diese  Frage
wird  im  dritten  Teile  behandelt.
Als  eine  weitere  Arbeit  ist  die  Theorie  des  Arbeitslohnes,
des  Profits  und  der  Grundrente  in  Aussicht  genommen,  wobei ­
  wir  den  Einfluß  des  Sinkens  der  sukzessiven  Arbeitsauf-
        <pb n="9" />
        VIII

wände  und  der  sich  stets  ändernden  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Gesellschaft  auf  diese  ökonomischen  Kategorien
untersuchen  wollen.
Indem  wir  somit  den  allgemeinen  Teil  unserer  Arbeit  —
die  Untersuchung  über  die  Entwicklung  und  Verteilung  der
Produktivkräfte  —  der  Öffentlichkeit  übergeben,  möchten  wir
der  Hoffnung  Ausdruck  geben,  daß  die  Untersuchungsmethode,
die  wir  hier  anwenden,  bald  allgemeine  Anerkennung  linden
wird  :  die  Frage  nach  der  Entwicklung  und  Verteilung  der
Produktivkräfte  ist  und  bleibt  die  Kardinalfrage  der  politischen
Ökonomie  sowohl  wie  der  Soziologie.

Der  Verfasser
        <pb n="10" />
        Inhaltsverzeichnis

Seite

Einleitung
A.  Die  Aufgabe  der  Volkswirtschaftslehre  3
B.  Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  und  das  Prinzip  der
Kraftersparnis  12
I.  Teil:  Die  Wirtschaftssysteme
1.  Kapitel:  Änderung  der  Wirtschaftssysteme  27
2.  Kapitel:  Der  Beginn  der  Arbeitsausbeutung  und  die  Entwicklung
der  Produktivkräfte  47
3.  Kapitel:  Die  Neueinteilung  der  Produktivkräfte  infolge  der  Änderung ­
  der  Wirtschaftssysteme  63
4.  Kapitel:  Die  Rolle  der  Natur  und  der  Arbeit  in  der  wirtschaftlichen ­
  Tätigkeit  74
5.  Kapitel:  Das  Prinzip  der  Kraftersparnis  82
II.  Teil:  Die  Organisation  der  Wirtschaft
6.  Kapitel:  Die  isolierte  Wirtschaft  91
7.  Kapitel:  Die  Entstehung  des  Handwerks  101
8.  Kapitel:  Die  Gemeindewirtschaft  109
9.  Kapitel:  Die  Rayonwirtschaft  117
10.  Kapitel:  Die  Entstehung  des  Tauschwertes  145
11.  Kapitel:  Die  Entwicklung  des  Tauschverkehrs  und  die  Wirtschaftsorganisation ­
  161
12.  Kapitel:  Die  Entstehung  der  Volkswirtschaft  167
13.  Kapitel:  Die  Wirtschaftsstufen  174

III.  Teil:  Die  Verteilung  der  Produktivkräfte
14.  Kapitel:  I.  Das  allgemeine  Schema:
Verteilung  der  Produktivkräfte  in  der  Naturalwirtschaft ­
  183
II.  Die  subjektive  Wertlehre:
Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  der  Gesellschaft ­
  und  die  subjektive  Wertlehre  192
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

1
        <pb n="11" />
        —  2  —
Seite
15.  Kapitel:  Verteilung  der  Produktivkräfte  während  des  Akkumulationsprozesses ­
  199
16.  Kapitel:  Einfluß  des  Konsums  auf  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  214
17.  Kapitel:  Die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  226
18.  Kapitel:  Der  Kapitalismus  in  Rußland  243
19.  Kapitel:  Die  Weltwirtschaft  256
20.  Kapitel:  Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  unter  einzelnen
Ländern  260
Schlußwort  .  .  .  .  •  289
        <pb n="12" />
        Einleitung.
A.  Die  Aufgabe  der  Volkswirtschaftslehre.
I.
Die  politische  Ökonomie  muß  sich  das  Ziel  stecken,  die  Volkswirtschaft ­
  im  ganzen,  ihre  wichtigsten  Probleme  in  ihrer
Entwickelung  zu  behandeln.  Leider  sehen  wir,  daß  die
Nationalökonomie  wohl  einzelne  Probleme  auf  wirft,  das  Ganze
aber  nicht  genügend  analysiert.  So  wird  beispielsweise  der  Tauschwert ­
  nicht  in  seiner  Entstehung  und  Bildung  untersucht.  Ebensowenig ­
  der  Profit  oder  die  Grundrente.  Und  dennoch  kann  nur
eine  Untersuchung  über  die  Bildung  dieser  Kategorien  während
des  Übergangs  von  der  Natural-  zur  Tauschwirtschaft  eine  richtige ­
  Erklärung  dieser  Phänomene  geben.  Denn  sie  sind  doch
nicht  auf  einmal  entstanden,  haben  nicht  sofort  die  Form  angenommen, ­
  die  sie  heute  haben.
Ein  weiterer  Mangel  der  Volkswirtschaftslehre  besteht  darin,
dass  die  Volkswirte  ihre  Hauptaufmerksamkeit  auf  die  volkswirtschaftliche ­
  Tätigkeit  des  kapitalistischen  Unternehmers  und
deren  Resultate  gerichtet  haben.  Daher  begegneten  die  Volkswirte ­
  der  Arbeitstheorie  geringschätzig,  die  für  die  praktischen
Fragen  des  Wirtschaftslebens  vielleicht  weniger  von  Bedeutung
ist,  als  beispielsweise  die  Theorie  der  Produktionskosten  oder
die  Grenznutzentheorie,  die  sich  mit  dem  Prozesse  des  Austausches ­
  beschäftigen.
Für  den  Unternehmer  ist  es  gleichgültig,  aus  welcher  Quelle
der  Profit  fließt:  aus  der  Ausbeutung  des  Arbeiters,  oder  aus  der
„Produktivität”  des  Kapitals.  Von  der  Annahme  ausgehend,  daß
das  Kapital  Profit  „schafft“,  kann  man  mit  Erfolg  einem  Unter-!•
        <pb n="13" />
        4

nehmer  einen  „Kursus“  der  „politischen  Ökonomie“  zuteil  werden
lassen,  indem  man  die  Verteilung  des  Profites,  die  Bedeutung  der
„Konkurrenz“  usw.  erklärt.  Allerdings  erklären  weder  die  Grenznutzentheorie, ­
  noch  die  Theorie  der  Produktionskosten,  noch  alle
anderen  Theorien  der  sogenannten  bürgerlichen  Ökonomie  den
Zusammenhang  unserer  Wirtschaftsepoche  mit  den  anderen,  in
denen  das  Kapital  seine  Rolle  als  „Wertschöpfer“  noch  nicht  gespielt ­
  hat;  aber  diesen  Zusammenhang  erklärt,  wie  schon  erwähnt,
die  Volkswirtschaftslehre  überhaupt  nicht.
Zwar  gibt  es  eine  zahlreich  vertretene  historische  Schule  der
Nationalökonomie,  aber  gerade  in  den  Arbeiten  der  Vertreter
dieser  Schule  findet  man  am  wenigsten  eine  Analyse  der  Volkswirtschaft ­
  im  ganzen,  ein  vollständiges  Bild  des  wirtschaftlichen
Lebens.  Mit  der  sorgfältigsten  Genauigkeit  werden  einzelne  Tatsachen ­
  gesammelt,  aber  gerade  den  Zusammenhang  dieser  Tatsachen, ­
  der  die  Erscheinungen  des  modernen  Wirtschaftslebens
erklären  könnte,  gibt  die  historische  Schule  nicht.
So  suchen  wir  vergebens  bei  den  Nationalökonomen  eine  Antwort ­
  auf  die  äußerst  wichtige  Frage  der  Einteilung  der  Produktivkräfte ­
  nach  einzelnen  Produktionszweigen,  d.  h.  warum  eine
bestimmte  Anzahl  Arbeitskräfte  für  die  Produktion  der  Luxusartikel, ­
  eine  andere  für  Getreideproduktion  usw.,  verwendet  wird.
Und  doch  ist  es  unmöglich,  ohne  eine  klare  Vorstellung  von  der
Verteilung  der  Produktivkräfte,  die  Volkswirtschaft  im  allgemeinen ­
  zu  begreifen.  Ist  uns  bei  der  Untersuchung  einer  Privatwirtschaft ­
  unbekannt,  wie  groß  die  für  diese  oder  jene  Arbeit  auf  gewandte ­
  Produktivkraft  ist,  so  verstehen  wir  diese  Wirtschaft
überhaupt  nicht  mehr.  Diese  Analyse  des  Prozesses  der  Einund
  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  der  Volkswirtschaft  gibt
aber  keine  einzige  Schule  der  Nationalökonomie.  Gewiß
erwähnt  jeder  Volkswirt  das  Wachsen  der  Städte,  die  relative  wie
auch  die  absolute  Verminderung  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung ­
  in  den  kapitalistischen  Ländern,  aber  diese  in  ihrer
allgemeinen  Form  konstatierte  Tatsache  wird  weder  ausführlich
analysiert,  noch  erklärt.  Davon  schon  abgesehen,  daß  die  Verteilung ­
  der  Bevölkerung  zwischen  Stadt  und  Land  noch  keine
        <pb n="14" />
        5

Vorstellung  von  der  Verteilung  der  allgemeinen  Produktivkräfte ­
  gibt.
Die  politische  Ökonomie  steht  vor  der  Aufgabe,  die  Gesetzmäßigkeit ­
  in  der  Ein-  und  Verteilung  der  Produktivkräfte  zu  erklären, ­
  sowie  auf  die  Richtung  hinzuweisen,  in  der  sich  dieser
Prozeß  vollzieht.  Der  Leser  wird  uns  darin  zustimmen,  daß  der
Mechanismus  der  modernen  Wirtschaft  nicht  verstanden  werden
kann,  bevor  eine  Antwort  auf  diese  Frage  gegeben  ist.
Oder  betrachten  wir  eine  andere  Seite  des  modernen  Wirtschaftslebens. ­
  Es  ist  bekannt,  daß  auch  in  den  vorgeschrittensten
kapitalistischen  Ländern  in  den  kapitalistischen  Produktionszweigen ­
  nur  die  Hälfte  der  Produktivkräfte  beschäftigt  ist;  die
andere  Hälfte  und  stellenweise  sogar  zwei  Drittel  der  Bevölkerung
finden  im  Handwerk  oder  im  landwirtschaftlichen  Kleinbetrieb
Beschäftigung.  Und  dennoch  analysiert  die  politische  Ökonomie
ausschließlich  die  kapitalistischen  Verhältnisse.  Allerdings  sind
diese  in  der  heutigen  Gesellschaft  die  herrschenden,  indem  sie  die
Reste  der  alten  Wirtschaftsordnung  verdrängen,  sowie  den  sozialen ­
  Verhältnissen  das  Gepräge  geben.  Dennoch  sind  die  vorkapitalistischen ­
  Verhältnisse  noch  nicht  ganz  verschwunden;  die
nichtkapitalistische  Wirtschaft  schafft  eine  Menge  von  Produkten,
die  von  großer  Bedeutung  auch  für  ein  modernes  Land  sind.  Zieht
nun  die  politische  Ökonomie  diese  Tatsache  in  Betracht?  Bestimmt ­
  sie  die  Rolle  und  Stellung  der  vorkapitalistischen  Verhältnisse, ­
  sowie  deren  Einfluß  auf  die  wirtschaftliche  Ordnung
und  Entwicklung  eines  Landes?  Mit  nichten.  Um  dies  tun  zu
können,  müßte  die  politische  Ökonomie  sowohl  mit  der  Geschichte ­
  als  auch  mit  der  Theorie  der  Volkswirtschaft  eng  verbunden ­
  sein.
Die  Grundlagen  für  die  Lösung  dieser  Probleme  hat  schon
Marx  durch  seine  Kritik  der  politischen  Ökonomie  gegeben.  Indem
er  die  Analyse  der  erweiterten  Produktion  dargelegt  hat,  ermöglichte ­
  er  auch  das  Verständnis  des  Verteilungsprozesses  der  Produktivkräfte. ­
  Ebenso  bildet  die  Marxsche  Analyse  des  kapitalistischen ­
  Entwicklungsprozesses  die  Grundlage  der  Theorie  der
Volkswirtschaft;  noch  mehr:  Marx  gab  uns  eine  Theorie  der  indu-
        <pb n="15" />
        6

striellen  Entwicklung  seit  der  Periode  der  ursprünglichen  Akkumulation. ­
  Aber  der  Rahmen  seiner  Arbeit,  die  sich  mit  der  industriellen ­
  Entwicklung  beschäftigte,  erlaubte  ihm  nicht,  die  Volkswirtschaft ­
  im  ganzen  zu  umfassen;  ausserhalb  dieses  Rahmens
blieb  ein  großer  Teil  der  Volkswirtschaft,  nämlich  die  Landwirtschaft. ­
  Daher  ist  die  Marxsche  Theorie  unvollständig.
Noch  viel  weniger  gaben  die  anderen  Ökonomisten,  die,  wie  schon
erwähnt,  außerstande  waren,  die  Volkswirtschaft  im  ganzen  theoretisch ­
  zu  beleuchten.
Je  weniger  sich  eine  Wissenschaft  entwickelt,  um  so  selbstzufriedener ­
  sind  die  damit  beschäftigten  Leute.  Der  Stillstand
in  der  Volkswirtschaftslehre  mußte  eine  Atmosphäre  der  wissenschaftlichen ­
  Selbstzufriedenheit  schaffen,  so  daß  all  die  angeführten ­
  Fragen  wohl  als  vollständig  überflüssig  erscheinen  werden.
Trotzdem  wage  ich  es,  noch  eine  Seite  des  wirtschaftlichen  Lebens
zu  berühren,  die  ebenfalls  von  der  politischen  Ökonomie  unberücksichtigt ­
  blieb,  und  zwar  das  Verhältnis  der  Privat-  zur  Volkswirtschaft. ­

Die  Volkswirtschaft  besteht  aus  einem  Komplex  von  Privatwirtschaften, ­
  die  untereinander  durch  Austausch  ihrer  Produkte
verbunden  sind.  Es  ist  nun  klar,  daß  der  Charakter  der  Volkswirtschaft ­
  durch  den  der  Privatwirtschaften,  aus  denen  sie  besteht, ­
  bestimmt  wird.  Ebenso  ist  es  klar,  daß  die  Verteilung  der
Produktivkräfte  im  Lande,  die  Richtung  der  wirtschaftlichen
Tätigkeit  aller  Wirtschaften  im  engsten  Zusammenhänge  damit
steht,  was  und  in  welcher  Weise  die  einzelnen  Wirtschaften  produzieren ­
  und  konsumieren.
Ein  Kleinbetrieb  fordert  ein  bestimmtes  Verhältnis  der  Ausgaben ­
  für  die  Produktionsmittel  zu  denen  des  persönlichen  Verbrauches, ­
  kurz  ein  bestimmtes  Budget.  Ein  ganz  anderes  Budget
hat  ein  kapitalistisches  Unternehmen;  ebenso  der  darin  beschäftigte ­
  Arbeiter.  Es  erhellt  daraus,  daß  der  Charakter  der  Privatwirtschaften ­
  auch  die  Verteilung  der  Produktionskräfte  der
Volkswirtschaft  bestimmt.  Denn  beispielsweise  das  Überwiegen
der  Kleinbetriebe,  in  denen  durch  die  Produktionsorganisation
dem  persönlichen  Verbrauch  eine  weitaus  größere  Bedeutung  im
        <pb n="16" />
        7

Budget  zufällt,  als  den  Ausgaben  für  Produktionsmittel,  muß  die
Verteilung  der  Produktivkräfte  im  Lande  beeinflußen.  Die
Herstellung  von  Produktionsmitteln  muß  dann  eine  verhältnismäßig ­
  geringere  Anzahl  Arbeitskräfte  beschäftigen.  Diese  gegenseitige ­
  Abhängigkeit  des  Charakters  der  privaten  Wirtschaften  und
des  der  Volkswirtschaften  voneinander  blieb  völlig  ununtersucht,
obgleich  das  wirtschaftliche  Leben  genügend  Material  dafür
liefert.
11.
Im  Vorworte  zu  seiner  Schrift  „Zur  Kritik  der  politischen  Ökonomie“ ­
  gab  Marx  seine  berühmte  soziologische  Erklärung  der
geschichtlichen  Entwicklung  der  Gesellschaft:  „Auf  einer  gewissen
Stufe  der  Entwicklung  geraten  die  materiellen  Produktivkräfte  der
Gesellschaft  in  Widerspruch  mit  den  vorhandenen  Produktionsverhältnissen, ­
  oder,  was  nur  ein  juristischer  Ausdruck  dafür  ist,
mit  den  Eigentumsverhältnissen,  innerhalb  deren  sie  sich  bisher
bewegt  hatten.  Aus  Entwicklungsformen  der  Produktivkräfte
schlagen  diese  Verhältnisse  in  Fesseln  derselben  um.  Es  tritt  dann
eine  Epoche  sozialer  Revolution  ein  .  .  .“
Diese  Erklärung  der  historischen  Entwicklung  der  Gesellschaft
ist  nicht  nur  von  den  Marxisten  allgemein  anerkannt,  sondern
wird  auch  mit  einigen  Einschränkungen  fast  von  allen  Soziologen
geteilt.  Wenn  aber  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  eine  so
große,  in  den  Augen  der  Marxisten  sogar  erstklassige  Bedeutung
für  das  Verständnis  der  sozialen  Entwicklung  hat,  so  sollte  man
glauben,  daß  es  eine  genaue,  allgemein  bekannte  und  von  allen
akzeptierte  Definition  des  Begriffes  der  „Produktivkräfte“  gäbe.
Wenn  wir  keine  richtige  Vorstellung  davon  haben,  was  unter  dem
Begriffe  zu  verstehen  ist,  durch  den  alle  anderen  Begriffe  bestimmt ­
  werden,  so  können  auch  diese  anderen  weder  klar  noch
genau  sein.  Wenn  wir  nicht  wissen,  was  unter  der  „Entwicklung
der  Produktivkräfte  der  Gesellschaft“  zu  verstehen  ist,  so  sind
wir  auch  außerstande,  zu  bestimmen,  worin  der  Einfluß  dieser
Entwicklung  auf  die  soziale  Entwicklung  besteht.  Diese  doch
wohl  einleuchtende  Schlußfolgerung  wird  indes  nicht  gezogen.
        <pb n="17" />
        8

und  wir  stoßen  fortwährend  auf  Versuche,  die  gesellschaftliche
Entwicklung  durch  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  materialistisch ­
  zu  erklären,  ohne  weiter  darauf  einzugehen,  was  unter
den  Produktivkräften  zu  verstehen  sei.  Leider  findet  man  auch
bei  Marx  keine  genaue  Definition  der  „Entwicklung  der  Produktivkräfte“. ­
  Selbstredend  beweist  aber  diese  Lücke  in  der  Marxschen
  Literatur  keineswegs,  daß  die  Marxsche  Theorie  unrichtig ­
  ist.
Die  meisten  Marxisten  verstehen  unter  der  Entwicklung  der
Produktivkräfte  den  technischen  Fortschritt  im  engen  Sinne  des
Wortes,  d.  h.  die  Veränderung  der  Produktionsmittel.  Es  ist
indes  leicht  zu  beweisen,  daß  in  einigen  Perioden  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  eine  Änderung  der  sozialen  Verhältnisse  ohne
gleichzeitige  Änderung  der  Produktionstechnik  vor  sich  geht.  So
führt  die  Umwandlung  der  Handwerker  in  Heimarbeiter  zur  vollen ­
  Umwälzung  in  den  sozialen  Verhältnissen,  zur  Entstehung  des
Kapitalismus,  obgleich  die  Technik  der  Produktion  unverändert
bleibt.  Und  wie  keine  Definition  der  Produktivkräfte,  so  finden
wir  auch  keine  Analyse  der  geschichtlichen  Entwicklung  derselben. ­
  Die  letzte  Aufgabe  ist  selbstredend  schwieriger  als
die  erste,  aber  darum  ist  die  Lösung  dieser  letzten  Aufgabe
nicht  entbehrlicher.  Da  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte
die  Grundbedingung  der  sozialen  Entwicklung  bildet,  so  ist  die
Kenntnis  der  Entwickelungsgesetze  der  Produktivkräfte  notwendig, ­
  um  die  Geschichte  der  Menschheit,  wenigstens  die  wichtigsten ­
  Erscheinungen  und  Hauptetappen  dieser  Geschichte,  zu  verstehen. ­

Nicht  nur  die  Volkswirte,  sondern  auch  die  Soziologen  müssen ­
  ihre  Hauptaufmerksamkeit  der  Entwicklung  und  Verteilung
der  Produktivkräfte  zuwenden.  Und  doch  haben  sich  auch  die
letzteren  so  wenig  wie  die  Nationalökonomen  damit  beschäftigt,
d.  h.  sie  haben  die  Basis  der  Wirtschaftsordnung  unberücksichtigt
gelassen.
Diese  schmerzhaften,  aber  meiner  tiefsten  Überzeugung  nach  •
gerechten  Vorwürfe  mache  ich  ausschließlich  zu  dem  Zwecke,  um
nicht  nur  die  Gelehrten,  sondern  auch  alle  andern,  die  eine  Gesetz-
        <pb n="18" />
        9

mäßigkeit  in  den  sozialen  Erscheinungen  suchen,  dazu  zu  veranlassen, ­
  in  der  Richtung  zu  arbeiten,  und  auf  Grund  einer  Analyse ­
  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  eine  Theorie  der  Volkswirtschaft ­
  aufzubauen.  Diese  Aufgabe  kann  nur  von  dem  kollektiven, ­
  sozialen  Gedanken  gelöst  werden;  der  einzelne  Forscher  ist
bloß  imstande,  die  ersten  Schritte  in  dieser  Richtung  zu  tun  .  .  .

Ill.
Die  moderne  komplizierte  Volkswirtschaft  ist  ein  Resultat  der
Jahrtausende  dauernden  wirtschaftlichen  Entwicklung.  Vieles
im  heutigen  wirtschaftlichen  Leben  rührt  aus  den  früheren  Perioden ­
  her;  ebenso  wie  viele  Wirtschaftsformen  und  Typen.  Die
neuen  Wirtschaftsformen  sind  nur  ein  Resultat  der  allmählichen
Entwicklung  der  früheren,  schon  verschwundenen  Formen  der
Wirtschaft.  Deshalb  kann  man  den  Mechanismus  der  modernen
Wirtschaft  nur  dann  kennen  lernen,  wenn  man  den  ganzen  Prozeß ­
  der  ökonomischen  Entwicklung  der  Gesellschaft  verfolgt.
Solche  Erscheinungen  des  modernen  Wirtschaftslebens,  wie
Kapital,  Profil,  Lohnarbeit  usw.,  waren  in  der  vorkapitalistischen
Epoche  unbekannt.  Aber  auch  diese  haben  sich  allmählich  aus
den  alten  Wirtschafts  Verhältnissen  heraus  entwickelt.  Die  Aufgabe ­
  der  Volkswirtschaftslehre  besteht  nun  unter  anderem  darin,
die  Gesetzmäßigkeit  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  zu  entdecken, ­
  d.  h.  die  Ursachen  zu  finden,  warum  gewisse  Wirtschaftsformen ­
  und  Systeme  durch  andere  ersetzt  werden.
Das  moderne  Wirtschaftsleben  ist  so  kompliziert,  daß  man
ohne  Analyse  seiner  Entwicklung  die  untergeordneten,  weniger
wichtigen  Erscheinungen  für  die  Haupterscheinungen  ansehen
kann,  und,  statt  einer  Vorstellung  von  der  Wirtschaft  im  ganzen, ­
  erhalten  wir  eine  Schilderung  von  Verhältnissen,  die  nur  zwischen ­
  einzelnen  Wirtschaften  bestehen.  Nur  eine  Untersuchung
über  die  Entstehung  des  Kapitalismus  aus  der  Naturalwirtschaft
wird  uns  die  eigenartige  Gesetzmäßigkeit  in  der  modernen  Produktionsanarchie ­
  und  die  Verteilungsgeselze  der  Produktivkräfte
unter  einzelnen  Produktionszweigen  zeigen,  sowie  den  Unterschied ­
  zwischen  den  Erscheinungen  hervortreten  lassen,  die  zu
        <pb n="19" />
        10

allen  Zeiten  die  wichtigsten  Seiten  des  Wirtschaftslebens  bilden,
und  denen,  die  nur  einer  bestimmten  Periode  eigen  sind.
An  die  Analyse  des  ungeheuren  Materials,  das  uns  die  Wirtschaftsgeschichte ­
  der  Völker  liefert,  herantretend,  stoßen  wir  vor
allem  auf  eine  Reihe  wissenschaftlicher  Vorurteile  und  Begriffsverwirrungen, ­
  die  leider  auch  bei  solchen  hervorragenden  Forschern ­
  wie  K.  Bücher  zu  finden  sind,  und  die  natürlich  das  richtige ­
  Verständnis  des  wirtschaftlichen  Prozesses  hindern.  Wir
haben  uns  daher  mit  ihnen  zuerst  zu  beschäftigen.
Bekanntlich  beeinflussen  die  Naturverhältnisse  um  so  mehr
den  Charakter  der  Wirtschaftstätigkeit,  je  weniger  Kenntnisse  der
Mensch  besitzt  und  je  geringer  die  Entwicklung  seiner  Produktionsmittel ­
  ist.  Deshalb  ist  es  geboten,  bei  dem  Studium  der  Wirtschaftsgeschichte ­
  Tatsachen  aus  dem  Wirtschaftsleben  der  Völker
in  den  tropischen  Ländern  zur  Beleuchtung  der  Vergangenheit  mit
äußerster  Vorsicht  heranzuziehen.  So  kann  beispielsweise  die
stark  entwickelte  Arbeitsteilung  unter  einzelnen  wilden  Stämmen
Afrikas  oder  deren  ziemlich  intensive  Bodenbestellung,  die  durch
die  tropischen  klimatischen  Verhältnisse*)  bedingt  wird,  keineswegs ­
  als  Beweis  dafür  dienen,  daß  die  intensive  Wirtschaft  und
die  Arbeitsteilung  an  der  Schwelle  der  europäischen  Kultur  gestanden ­
  hätte.  Dennoch  ignorieren  gewöhnlich  die  Kulturhistoriker ­
  nicht  nur  die  Verschiedenheit  der  Naturverhältnisse,  sondern
auch  die  Bevölkerungsdichte,  die,  wie  wir  noch  sehen  werden,
das  System  der  Landwirtschaft,  des  Grundzweiges  der  Erwirtschaft, ­
  beeinflußt.
Übrigens  begehen  die  Volkswirte  diesen  ihren  Fehler  nur
dann,  wenn  sie  die  Wirtschaft  der  UrVölker  charakterisieren.  Bei
der  Analyse  der  mittelalterlichen  und  besonders  der  kapitalistischen ­
  Wirtschaft  wird  gewöhnlich  ein  noch  größerer  Fehler  ge-*)
  Selbstverständlich  sind  die  Wilden  der  tropischen  Länder  von  extensiver ­
  zu  intensiver  Wirtschaft  übergegangen,  d.  h.  auch  sie  haben  mit  der
Jagd  und  Viehzucht  angefangen,  auch  sie  nützten  also  zuerst  das  aus,  was
sie  in  der  Natur  fertig  vorfanden.  Nur  der  Bau  einiger  Pflanzen  forderte ­
  von  vornherein  eine  sorgfältige,  intensive  Kultur,  ebenso  wie  die
Rebenkultur  in  Europa  eine  sorgfältige  Bodenbestellung  notwendig
macht.
        <pb n="20" />
        11

macht:  die  Landwirtschaft  verschwindet  überhaupt  aus  dem  Betrachtungskreis, ­
  als  ob  die  Industrie  nur  allein  existierte.
Die  wirtschaftliche  Entwickelung  der  Gesellschaft  wird  gewöhnlich ­
  nach  den  Entwicklungsformen  des  Gewerbes  in  Stufen
geteilt.
K.  Bücher  hat  die  Entwicklungsstufen  der  Wirtschaft  der  zentral- ­
  und  westeuropäischen  Völker  wie  folgt  geschieden:  1.  die
Periode  geschlossener  Hauswirtschaft  (reine  Eigenproduktion,
tauschlose  Wirtschaft),  2.  das  Lohnwerk,  3.  das  Handwerk,  4.  das
Verlagssystem  oder  die  Hausindustrie,  5.  die  Fabrik.  Man  sieht,
daß  Bücher  nur  die  Entwicklung  der  Industrie  analysiert.  Die
Landwirtschaft,  die  zur  Zeit  des  Handwerks  den  wichtigsten
Zweig  der  Volkswirtschaft  bildete,  wird  in  seiner  Einteilung  der
Wirtschaftsstufen  überhaupt  nicht  berücksichtigt.  Der  Verteilungsprozeß ­
  der  Produktivkräfte  zwischen  der  Landwirtschaft
und  der  Industrie  beim  Übergang  zu  neuen  Formen  derselben
wird  nicht  hervorgehoben,  vielmehr  ganz  übersehen.
Ferner:  Indem  wir  nicht  sowohl  die  Geschichte,  als  eine
Theorie  der  Volkswirtschaft  geben  und  in  deren  Entwicklung
Gesetzmäßigkeit  finden  wollen,  müssen  wir  vor  allem  die  Ursachen ­
  erklären,  warum  ein  System  der  Landwirtschaft  das
andere,  d.  h.  eine  technische  Organisation  der  Erzeugung  von
Nahrungsmitteln  und  von  Rohstoffen  die  andere  ersetzt  hat.
Da  uns  die  Evolution  der  europäischen  kapitalistischen  Wirtschaft ­
  aus  den  früheren  Wirtschaftsverhältnissen  interessiert,  so
werden  wir  hauptsächlich  die  Volkswirtschaft  in  den  Ländern
gemäßigten  Klimas  im  Auge  haben.  Die  Landwirtschaft  des
alten  Ägypten,  Zentralasiens,  Perus  und  Chiles  weist  viele  beachtenswerte ­
  Besonderheiten  auf,  aber  eben  deshalb  erweist  sie
sich  nicht  als  typisch  und  kann  die  Evolution  der  Volkswirtschaft
der  UrVölker  und  die  allmähliche  Verwandlung  dieser  Wirtschaft
in  eine  kapitalistische  nicht  beleuchten.

Unsere  Theorie  der  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  basiert
auf  einer  Analyse  der  Entwicklung  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte, ­
  und  der  Analyse  der  Wirtschaft  auf  den  verschie-
        <pb n="21" />
        12

denen  Entwicklungsstufen  liegt  eine  Untersuchung  über  die  Einund
  Verteilung  der  Produktivkräfte  zugrunde.
Schon  Q  u  e  s  n  a  y  versuchte  in  seinem  „Tableau  économique“
eine  Analyse  des  Verteilungsprozesses  der  Produktivkräfte  zu
geben.  Aber  seine  Analyse  war  zu  abstrakt,  weil  er  die  Entwicklung ­
  der  Wirtschaftsformen  nicht  untersuchte  und  zu  seiner  Zeit
auch  nicht  untersuchen  konnte,  mit  denen  der  Verteilungsprozeß
der  Produktivkräfte  eng  verbunden  ist.  Abgesehen  davon  gab  es
zu  dieser  Zeit  noch  nicht  genug  Tatsachen,  die  die  Schlußfolgerungen ­
  aus  der  abstrakten  Analyse  hätten  rechtfertigen  können.  Die
späteren  Volkswirte  haben  auf  diese  Seite  des  Volkslebens  immer
weniger  geachtet.
Andererseits  wurde  schon  sehr  früh  auf  die  Notwendigkeit
hingewiesen,  in  einer  Geschichte  der  Volkswirtschaft  die  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  zu  untersuchen.  Schon  Friedrich
List  bemerkte,  daß  die  Stellung  der  Nationen  hauptsächlich  von
der  Menge  ihrer  Produktivkräfte  abhängt.  Aber  auch  List,  der
die  hervorragende  Bedeutung  der  Produktivkräfte  erkannt  hat,
gab  keine  Anlayse  von  deren  Entwicklung  und  Verteilung  in  der
Gesellschaft.  Und  die  Aufgabe,  die  von  List,  hauptsächlich  aber  von
Marx  und  Engels  gestellt  wurde,  ist,  wie  wir  schon  betont  haben,
noch  nicht  gelöst.
B.  Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  und
das  Prinzip  der  Kraftersparnis.
1.
Gewöhnlich  wird  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  mit
der  Entwicklung  der  Arbeitsproduktivität  oder  gar  mit  dem  technischen ­
  Fortschritt  verwechselt.  Indes  sind  das  ganz  verschiedene ­
  Begriffe.
Unter  technischem  Fortschritt  versteht  man  die
Erhöhung  der  Produktivität  der  Arbeit  als  Folge  verbesserter
Produktionsmittel.  So  führt  beispielsweise  die  Verbesserung  einer
Maschine  oder  eine  bessere  Verarbeitung  der  Rohstoffe  zur  Erhöhung ­
  der  Arbeitsproduktivität.  Die  Arbeitsproduktivität  ist
        <pb n="22" />
        13

somit  ein  weiterer  Begriff  als  der  technische  Fortschritt.  Denn
die  Erhöhung  der  Arbeitsproduktivität  kann
nicht  nur  durch  den  technischen  Fortschritt,  sondern  auch  durch
andere  Ursachen  hervorgerufen  werden.  So  z.  B.  durch  bessere
Ernährung  der  Arbeiter,  durch  höhere  Bildung,  durch  Fachkenntnisse, ­
  schließlich  auch  durch  die  Stimmung  der  Arbeiter.  Unter
der  Erhöhung  der  Arbeitsproduktivität  versteht  man  die  Produktion ­
  eines  größeren  Quantums  von  Gegenständen  durch  einen
Arbeiter  in  einer  Zeiteinheit  als  Folge  verschiedener  technischer,
sozialer  und  individueller  Momente.*)
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung ­
  eines  Gebietes  oder  eines  Landes  kann  gewiß  eine  Folge
der  Entwicklung  der  Arbeitsproduktivität  sein.  Sie  ist  aber  auch
bei  einer  Konstanz  der  Arbeitsproduktivität  möglich,  und  umgekehrt: ­
  auch  bei  einer  Steigerung  der  Arbeitsproduktivität  kann
ein  Stillstand  in  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung ­
  irgendeines  Gebietes  oder  Landes  eintreten.  So  können, ­
  wenn  ein  großer  Teil  der  Bevölkerung  der  produktiven
Arbeit  durch  den  Militarismus  entzogen  ist  oder  ein  großer  Teil
der  Erzeugnisse  „unproduktiv“  verbraucht  wird,  bei  gleichzeitigem ­
  Steigen  der  Produktivität  der  (selbständigen  sowohl  als
auch  der  unselbständigen)  Arbeit  die  Produktivkräfte  der  Bevölkerung ­
  sinken.
Steigt  die  Zahl  der  unproduktiven  Arbeiter,  wie  der  Dienerschaft ­
  usw.,  so  vermindern  sich  die  Produktivkräfte  des  Landes.
Umgekehrt  steigen  die  Produktivkräfte  der  Bevölkerung,  wenn
sich  die  Zahl  der  produktiven  Arbeiter  vermehrt,  obgleich  die
Produktivkraft  der  Arbeit  unverändert  bleibt.  Folglich  ist  unter
dem  Begriff  der  „Entwicklung  der  Produktivkräfte“ ­
  nicht  die  Änderung  in  einer  einzelnen
Unternehmung,  sondern  der  gesamte  Prozeß
der  wirtschaftlichen  Entwicklung  einer  Gegend ­
  oder  eines  ganzen  Landes  zu  verstehen.
Die  Produktivkraft  der  Bevölkerung  kann  also  durch  den

)  Siehe  auch  Kapital  I,  6.  Aufl.,  S.  278—279.
        <pb n="23" />
        14

Fortschritt  der  Technik  und  der  Arbeitsproduktivität  gefördert
werden,  hängt  aber  auch  von  sozialen  Faktoren  ab,  die  die  Ent-  '
Wicklung  dieser  Kraft  begünstigen  oder  hemmen.
Bei  der  Analyse  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  und  besonders ­
  der  Landwirtschaft  ist  es  notwendig,  sowohl  die  Bedeutung ­
  des  technischen  Fortschritts  und  der  Entwicklung  der
Arbeitsproduktivität  als  auch  den  Fortschritt  in  der  Produktivkraft ­
  der  Bevölkerung  gesondert  in  Betracht  zu  ziehen.
Von  diesem  Standpunkte  aus  läßt  sich  leicht  einsehen,  daß
gleichzeitig  mit  dem  technischen  Fortschritt,  hervorgerufen  beispielsweise ­
  durch  Schutzzölle,  die  allgemeine  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  eines  Landes  und  schließlich  auch  die  des  geschützten ­
  Industriezweiges  zurückgehalten  werden  kann.  Die  Verwechslung ­
  der  Begriffe:  technischer  Fortschritt  und  Entwicklung
der  Produktivkräfte  führte  gerade  in  der  Beurteilung  der  Schutzzollpolitik, ­
  wie  verschiedener  anderer  wirtschaftlicher  Erscheinungen, ­
  zu  großen  Fehlgriffen.
Andererseits  sind  der  technische  Fortschritt,  die  Entwicklung
der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung  und  die  Erhöhung  der
Arbeitsproduktivität  eng  miteinander  verbunden  und  voneinander
abhängig.  Der  technische  Fortschritt  führt  zur  Erhöhung  der
Arbeitsproduktivität,  die  ihrerseits  in  den  meisten  Fällen  die  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung  zur  Folge  hat.
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung  kann
bei  einer  Erhöhung  der  Gesamtmenge  der  Erzeugnisse ­
  des  Landes  im  Verhältnis  zu  der  sich
gleichbleibenden  Bevölkerung  vor  sich  gehen.  So
wenn  ein  geringerer  Teil  der  ländlichen  Bevölkerung  eine  größere
Menge  landwirtschaftlicher  Produkte  als  früher  erzeugt,  wobei
die  auf  Kosten  der  landwirtschaftlichen  vermehrte  Industrie-Bevölkerung ­
  ebenfalls  mehr  Gewerbeerzeugnisse  hervorbringt.  In
diesem  Falle  ist  die  Produktenmenge  im  Verhältnis  zu  der  Bevölkerung ­
  gestiegen,  und  es  findet  eine  relative  Entwicklung  der
Produktivkräfte  der  Bevölkerung  statt.
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung  kann
aber  auch  zugleich  mit  einer  Zunahme  der  Produzenten  vor  sich
        <pb n="24" />
        15

gehen.  Wenn  beispielsweise  die  landwirtschaftliche  und  industrielle ­
  Produktion  rascher  steigt  als  die  ländliche  und  gewerbliche ­
  Bevölkerung,  so  findet  eine  Entwicklung  der  Produktivkräfte
sowohl  in  der  Landwirtschaft,  als  auch  in  der  Industrie  statt.
Selbstverständlich  kann  bei  entgegengesetzten  Bedingungen
ein  Sinken  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung  eintreten.
Das  Sinken  der  Produktivkräfte  bedeutet  eine  Verminderung  der
Menge  der  von  der  gleichen  Anzahl  Produzenten  erzeugten  Gebrauchsgegenstände. ­
  So  wird  beispielsweise  ein  Land  infolge
ungünstiger  Naturverhältnisse  bei  der  gleichbleibenden  Bevölkerung ­
  weniger  landwirtschaftliche  Produkte  erhalten.  Ein  Sinken
der  Produktivkräfte  kann  aber  auch  bei  einem  Steigen  der  Gesamtsumme ­
  der  Erzeugnisse  eintreten,  wenn  sich  die  Masse  der
Produkte  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung  vermindert ­
  h  a  t.  So  wird  man  höhere  Ernten  auch  bei  einem  Sinken
der  Produktivkräfte  erhalten,  wenn  mehr  Arbeitskräfte,  die  dazu
verwendet  werden,  keine  entsprechend  höhere  Produktenmenge
  gewinnen.
Da  die  Arbeitsproduktivität  durch  den  Stand  der  gesellschaftlichen ­
  Produktionsmittel  und  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  in  bedeutendem  Maße  durch  die  Arbeitsproduktivität  bedingt ­
  wird,  so  hängen  auch  die  gesellschaftlichen  Produktivkräfte
von  dem  Stande  der  Produktionsmittel  ab.
F  olglich  wird  der  Stand  der  Produktiv  kräfte
einer  Bevölkerung  durch  die  Summe  der  Produkte ­
  bestimmt,  die  in  einem  Lande  zwecks
weiterer  Produktion  hergestellt  werden,  d.  h.
die  zur  produktiven  Konsumtion  dienen.  Die
Entwicklung  der  Produktivkräfte  äußert  sich
also  in  der  Zunahme  dieser  Produkte.
Eine  Steigerung  der  Produktivkräfte  kann  auch  stattfinden,
wenn  die  Arbeitsproduktivität  unverändert  bleibt  oder  gar  etwas
sinkt,  aber  jeder  Produzent  mehr  Arbeit  aufwendet.  So,  wenn
die  Leibeignen  gezwungen  werden,  mehr  Produkte  an  ihren
Herrn  abzugeben,  und  folglich  auch  mehr  produzieren,  um  existieren ­
  zu  können,  wobei  ihre  Arbeitsproduktivität  sich  gleich
        <pb n="25" />
        16

bleibt  oder  gar  sinkt.  Die  Änderung  des  Wirtschaftssystems  (wie
der  Übergang  von  der  Viehzucht  zum  Ackerbau),  die  durch  die
Zunahme  der  Bevölkerung  hervorgerufen  ist,  wird  von  einem  bedeutend ­
  höheren  Arbeitsaufwand  begleitet,  und  zwar  deshalb,
weil  die  Arbeitsproduktivität  mit  dem  Übergang  zu  einer  intensiven ­
  Kultur  sinkt.  Weil  man  aber  unter  diesen  Umständen  gezwungen ­
  wird,  mehr  Arbeit  aufzuwenden,  entwickeln  sich  die
Produktivkräfte  und  schreitet  auch  die  Technik  fort.
Als  gesellschaftliche  Produktivkräfte  betrachten ­
  wir  folglich  die  Summe  der  lebendigen
Arbeit  und  der  Produktionsmittel,  die  für  die
weitere  Produktion  notwendig  sind.  Die  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  der  Gesellschaft ­
  kann  also  sowohl  bei  einem  unveränderten ­
  Arbeitsaufwand  als  Folge  des  technischen
Fortschrittes  vor  sich  gehen,  als  auch  umgekehrt, ­
  bei  einem  Stillstand  der  Technik  und
bei  einem  erhöhten  Arbeitsaufwand.

II.
Die  erste  Frage,  die  sich  die  Soziologen  und  Volkswirte  bei
der  Untersuchung  der  sozialen  Entwicklung  im  allgemeinen  und
des  Wirtschaftslebens  insbesondere  stellen,  ist  die  nach  den  Ursachen ­
  dieser  Entwicklung.  Welche  Momente  sind  die  Hauptfaktoren ­
  des  wirtschaftlichen  Fortschritts?  Welche  Motive  bestimmen ­
  die  ökonomische  Tätigkeit  der  Menschen?  Ändern  sich
diese  unter  dem  Einflüsse  der  äußeren  Verhältnisse,  und  welches
sind  die  Verhältnisse,  die  diese  Änderung  bewirken?  All  diese
Fragen  werden  von  verschiedenen  Soziologen  und  Volkswirten
verschieden  beantwortet.  Die  einen  sehen  die  Ursache  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  im  Egoismus  der  Menschen;  die  anderen ­
  —  in  der  Bevölkerungszunahme  oder  in  der  geistigen  Entwicklung; ­
  wieder  andere  finden  diese  Ursache  im  technischen
Fortschritt,  in  dem  Streben  des  Kapitalisten  nach  Profit  usw.
Betrachten  wir  diese  Fragen  etwas  näher,  weil  ihre  Lösung
        <pb n="26" />
        17

für  das  Verständnis  nicht  nur  der  früheren  und  jetzigen,  sondern
auch  der  zukünftigen  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  Gesellschaft ­
  äußerst  wichtig  ist.  Um  den  Zusammenhang  zwischen
den  verschiedenen  Wirtschaftsepochen  zu  verstehen,  muß  man
zuerst  den  wichtigsten  treibenden  Faktor  des  Wirtschaftslebens
herausfinden.
Das  Grundmotiv  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  eines  modernen ­
  kapitalistischen  Unternehmers  ist  das  Streben  nach  Profit.
Dagegen  spielte  dieses  Motiv  beim  mittelalterlichen  Handwerker
oder  Bauern  keine  Rolle;  diese  streben  danach,  mit  dem  geringsten ­
  Arbeitsaufwand  den  höchsten  Erfolg  zu  erzielen.  Woher
rührt  aber  dieses  treibende  Moment  der  kapitalistischen  Tätigkeit? ­
  Gibt  es  etwas  Gemeinsames  zwischen  den  Wirtschaftszielen ­
  eines  Handwerkers  und  denen  des  Kapitalisten,  und,  wenn
diese  Frage  zu  bejahen  ist,  aus  welchem  Grunde  verwandelte
sich  das  „Wirtschaftsprinzip“  des  Handwerkers  in  das  des  kapitalistischen ­
  Unternehmers?  Welche  neuen  Änderungen  werden
schließlich  in  den  Motiven  der  Wirtschaftstätigkeit  der  Menschen
mit  der  weiteren  Entwicklung  der  Gesellschaft  vor  sich  gehen?
Vor  der  Entstehung  der  Wirtschaft  im  engeren  Sinne  dieses
Wortes  strebte  der  Mensch  instinktiv  danach,  gleich  einem  Tiere
seine  Lebensbedürfnisse  mit  möglichst  geringem  Kraftaufwand
zu  befriedigen.  Nur  dank  diesem  Triebe  konnte  der  Mensch  sowohl ­
  als  auch  das  Tier  seine  Existenz  erhalten.  Ein  Eichhörnchen, ­
  das  Vorräte  an  Nüssen  sammelt;  eine  Biene,  die  sich  Honig
und  Wachs  zubereitet;  ein  Biber,  der  sich  Vorratskämmerchen
baut;  eine  Ameise,  die  den  Boden  für  ihre  Lieblingspflanzen
düngt;  all  diese  Tiere  verwenden  ihre  Energie  instinktiv  zu  der
Zeit,  wo  sie  die  größten  Resultate  erwarten  können,  um  nicht
dann  arbeiten  zu  müssen,  wenn  sie  geringe  oder  gar  keine  Resultate ­
  erzielen  können.
Die  Anwendung  von  Werkzeugen  durch  den  Menschen  ist  ’
ein  gigantischer  Schritt  vorwärts  in  derselben  Richtung:  mit  dem
geringsten  Arbeitsaufwand  die  größten  Resultate  zu  erzielen.  Der
Mensch,  der  eine  Keule  oder  einen  Stein  für  die  Jagd  oder  für
den  Selbstschutz  usw.  benutzt,  erhebt  sich  über  das  Tierreich,
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.  2
        <pb n="27" />
        18

da  er  sein  Werkzeug  im  Kampf  gegen  die  Natur  anwendet  und
dadurch  mit  einem  geringeren  Kraftaufwand  größere  Resultate
erzielt.
Derselbe  Trieb  der  Kraftersparnis  veranlaßt  den  Menschen
schon  in  den  ersten  Perioden  der  Wirtschaftstätigkeit,  seine  Kräfte
planmäßig  auszunutzen,  d.  h.  seine  Wirtschaftstätigkeit  so  einzurichten, ­
  daß  er  nicht  mehr  Arbeit  bei  der  Gewinnung  und  Verarbeitung ­
  der  Nahrungsmittel  aufzuwenden  braucht,  als  unbedingt ­
  notwendig  ist.  Der  Mensch  braucht  Nahrung,  Kleider,
Wohnung  usw.,  sowie  Werkzeuge,  um  diese  Gegenstände  produzieren ­
  zu  können.  Es  ist  klar,  daß  der  Mensch  zur  Befriedigung
jedes  einzelnen  Bedürfnisses  einen  bestimmten  Kraftaufwand
machen  muß.  Da  er  in  seiner  Wirtschaft  nur  beschränkte  Produktivkräfte ­
  besitzt,  so  darf  er  mit  diesen  nicht  verschwenderisch
sein.  Wird  das  notwendige  Verhältnis  gestört,  nimmt  die  Produktion ­
  beispielsweise  von  Nahrungsmitteln  zuviel  Zeit  und
Arbeit  in  Anspruch,  so  werden  die  anderen  Bedürfnisse  unbefriedigt ­
  bleiben  müssen.
So  zwingt  der  zuerst  instinktive  und  dann  bewußte  Trieb  der
Kraftersparnis  zur  planmäßigen  Wirtschaftstätigkeit,  die  darin
besteht,  daß  für  die  Erzeugung  verschiedener  Gegenstände  nur
eine  bestimmte  Quantität  der  Arbeitskraft  aufgewendet  wird.
Die  Arbeitsproduktivität  bei  der  Gewinnung  der  Rohstoffe  ist
in  verschiedenen  Jahreszeiten  verschieden.  Gewisse  Arbeiten
können  überhaupt  nur  in  bestimmten  Jahreszeiten  verrichtet
werden.  Deshalb  muß  das  wirtschaftende  Subjekt  seine  Arbeit
den  Jahreszeiten  entsprechend  einrichten.  Kurz,  das  Grundmotiv, ­
  das  der  Wirtschaftstätigkeit  die  Richtung  gibt,  ist  das
Bestreben  der  Menschen  nach  Kraftersparnis.
Dieses  Moitv  ist  aber  außerstande,  die  menschliche  Tätigkeit
zu  ändern.  Wenn  die  Arbeitsproduktivität  beispielsweise  in  der
Naturalwirtschaft  unverändert  bleibt,  so  bleibt  auch  die  Organisation ­
  der  Arbeit  und  die  Verteilung  der  Produktivkräfte,  die  durch
das  Bestreben  nach  Kraftersparnis  hervorgerufen  ist,  unverändert.
Wenn  die  Technik  und  die  Werkzeuge  dieselben  sind,  so  kann
der  Mensch  trotz  seinem  Streben  nach  Kraftersparnis  in  seiner
        <pb n="28" />
        19

wirtschaftlichen  Tätigkeit  keine  Fortschritte  machen.  Folglich
ist  das  Motiv  der  Kraftersparnis  ein  konstantes  Element.  Auf  die
Entwicklung  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  und  auf  die
Änderung  der  ökonomischen  Verhältnisse  wirkt  die  Entwicklung
der  Produktivkräfte,  die  hauptsächlich  ein  Resultat  des  technischen ­
  Fortschritts  ist.
Die  Bevölkerungszunahme  und  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  müssen  einer  Untersuchung  der  wirtschaftlichen
Verhältnisse  und  ihrer  Entwicklung  zugrunde  gelegt  werden.
Erst  dann  wird  nicht  nur  die  Erklärung  verschiedener  sozialer
Erscheinungen,  sondern  auch  die  Bildung  von  Zukunftsidealen
ermöglicht.  Ob  diese  Ideale  utopisch  oder  wissenschaftlich  sind,
ob  sie  eine  progressive  oder  reaktionäre  Bedeutung  haben,  läßt
sich  danach  bestimmen,  inwiefern  sie  dem  Grundfaktor  der  Entwicklung ­
  nicht  widersprechen  und  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  nicht  hemmen.
III.
Indem  wir  von  Zukunftsidealen  sprechen,  berühren  wir  die
Frage  der  ökonomischen  Gesetze,  der  Möglichkeit,  die  wirtschaftliche ­
  Entwicklung  in  bestimmter  Richtung  zu  ändern.  Die
Meinungen  darüber  nicht  nur  des  „großen  Publikums“,  sondern
auch  der  Soziologen  sind  sehr  verwirrt.  Die  verbreitetste  vulgäre ­
  Vorstellung  von  der  ökonomischen  Theorie  und  den  „Gesetzen“ ­
  der  Volkswirtschaftslehre  besteht  darin,  daß  diese  Gesetze
etwas  dem  freien  Willen  des  Menschen  Entgegengesetztes  seien,
wider  diesen  Willen  bestimmte  Resultate  hervorriefen,  und  daß
deshalb  ein  Kampf  dagegen  aussichtslos  sei.  Kurz,  die  Geschichte
entwickle  sich  mit  fataler  Notwendigkeit,  durch  äußere  Gesetze
bestimmt,  ganz  gleich,  ob  der  Mensch  diese  Entwicklung  will
oder  nicht.
Zum  Teil  tragen  die  Volkswirte  selbst  die  Schuld  an  diesem
Mißverständnis  der  wirtschaftlichen  Gesetze,  weil  sie  es  vermieden ­
  haben,  auf  den  Zusammenhang  (viele  haben  ihn  vielleicht ­
  auch  nicht  eingesehen)  zwischen  dem  Bewußtsein  des  wirtschaftenden ­
  Subjekts  und  dem  objektiven  Prozeß  hinzuweisen,
2*
        <pb n="29" />
        20

der  als  Resultat  der  Wirtschaftstätigkeit  erscheint.  Daß  die  Menschen ­
  selbst  ihre  Geschichte  machen,  wurde  als  selbstverständlich ­
  angenommen.  Es  ist  indes  sehr  wichtig,  gerade  diesen  Zusammenhang ­
  zwischen  dem  objektiven  Prozeß  des  Wirtschaftslebens ­
  einer  Gesellschaft,  der  die  Form  von  „immanenten  Gesetzen“ ­
  angenommen  hat,  und  der  Willenstätigkeit  des  Menschen,
seinen  Bestrebungen  und  seiner  „Freiheit“  aufzuhellen.  Nur  dann
werden  die  Grundfaktoren  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
nicht  mehr  als  leere  Formel  erscheinen,  sondern  einen  realen
Inhalt  erhalten,  weil  doch  ein  „Subjekt“,  ein  lebendiger  Mensch,
wirtschaftet,  der  Bedürfnisse,  Bestrebungen  und  Leidenschaften
hat.
Adam  Smith  nahm  bei  seiner  Analyse  des  Wirtschaftslebens
der  Gesellschaft  als  Grundsatz  an,  daß  der  Egoismus  den  Menschen ­
  in  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit  leitet.  Dieser  Grundsatz ­
  ist  indes  ungenau  und  folglich  auch  unrichtig.
Es  ist  anzunehmen,  daß  jedes  wirtschaftende  Subjekt  arbeitet,
weil  es  sich  irgend  welche  Ziele  gesteckt  hat.  Aber  diese  seine
Tätigkeit  wird  durch  äußere  Verhältnisse  bestimmt.  Wenn  der
Mensch  danach  strebt,  gewisse  Produkte  zur  Befriedigung  seiner
Bedürfnisse  zu  erlangen,  so  wird  die  Art  und  Weise,  sowie  die
Richtung,  in  der  er  dem  entsprechen  kann,  durch  gewisse  äußere
Verhältnisse  bestimmt.  Zweifellos  strebt  der  Mensch,  seine  Kräfte
bei  der  Herstellung  der  Produkte  so  anzuwenden,  daß  er  mit  dem
geringsten  Arbeitsaufwand  den  größten  Erfolg  erzielen  kann.  Bei
jedem  wirtschaftenden  Subjekt  bewegt  sich  der  freie  Wille  nach
der  Richtung  des  geringsten  Widerstandes,  um  die  notwendigen
Produkte  mit  dem  geringsten  Aufwand  von  Arbeit  zu  erhalten.
Die  wirtschaftliche  Tätigkeit  jedes  Menschen  geht  unter  bestimmten ­
  Verhältnissen  vor  sich,  von  denen  die  Richtung  dieser
Tätigkeit  in  dem  Sinne  abhängt,  daß  der  größte  Erfolg  mit  dem
geringsten  Arbeitsaufwand  nur  in  einer  bestimmten  Richtung  zu
erzielen  ist.  So  braucht  beispielsweise  ein  reicher  Mann  auch
nicht  Kapitalist  zu  werden.  Aber  als  wirtschaftendes  Subjekt
wird  er  das  größte  Resultat  erzielen,  wenn  er  sein  Kapital
in  Umlauf  setzt.  Der  Arbeiter  wird  seine  Arbeitskraft  veräußern.
        <pb n="30" />
        weil  die  sozialen  Verhältnisse  ihn  keine  Möglichkeit  gewähren,
seine  Arbeitskraft  auf  eine  andere  Weise  und  mit  größerem  Erfolg ­
  zu  verwerten.
Da  die  Wirtschaftsordnung  auf  der  gegenseitigen  Beziehung
der  Menschen  untereinander  beruht,  so  kann  die  Wirtschaftstätigkeit ­
  außerhalb  des  sozialen  Milieus  unmöglich  stattfinden.
Daher  hat  dasselbe  psychologische  Moment  der  Kraftersparnis
unter  verschiedenen  sozialen  Verhältnissen  verschiedene  Resultate. ­
  Während  beispielsweise  der  Grundbesitzer  den  größten  Erfolg ­
  von  dem  Steigen  der  Rente  erwartet,  wird  dem  Pächter  deren
Sinken  das  höchste  Wirtschaftsresultat  bringen.  Das  gleiche
Wirtschaftsmotiv  wird  somit  unter  dem  Einflüsse  von  äußeren
Verhältnissen  die  Tätigkeit  und  das  soziale  Denken  des  Menschen ­
  in  ganz  verschiedene  Bahnen  lenken  und  folglich  auch
zu  ganz  verschiedenen  Resultaten  führen.  Dennoch  ist  überall
das  Resultat  dieses  Wirtschaftsprinzips  ein  und  dasselbe:  die
Entwicklung  der  Produktivkräfte.
Jedes  wirtschaftende  Subjekt  kann  das  höchste  Resultat  mit
dem  geringsten  Kraftaufwand  erzielen,  wenn  sich  die  Produktivkräfte ­
  entwickeln.  Zwar  strebt  jeder  einzelne  nicht  unmittelbar
danach,  doch  ergibt  es  sich  als  Gesamtresultat.  Der  Kapitalist
trachtet  danach,  seinen  Profit  zu  erhöhen.  Dieses  Ziel  kann  er
aber  nur  erreichen,  wenn  die  Produktivität  der  Arbeit  seiner  Angestellten ­
  steigt.  Ein  Handwerker  oder  Kleinbauer  strebt  unmittelbar ­
  nach  Erhöhung  seiner  Produktivkräfte.  Der  Lohnarbeiter ­
  kümmert  sich  nicht  so  sehr  darum,  die  Summe  der  Produkte ­
  zu  erhöhen,  als  darum,  seine  Arbeitskraft  zu  schonen.  So
treffen  die  Bestrebungen  einzelner  Personen  und  Wirtschaftsgruppen, ­
  obwohl  sie  sich  oft  durchkreuzen,  in  einem  Punkte  zusammen: ­
  in  dem  Bestreben,  ihre  Produktivkräfte  zu  entwickeln,
und  geben  dadurch  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  eine  bestimmte ­
  Richtung.  Als  Resultat  der  subjektiven,  egoistischen  Bestrebungen ­
  auf  dem  Gebiete  der  Wirtschaftstätigkeit  ergibt  sich
ein  objektiver  Prozeß,  nämlich  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  der  Bevölkerung  eines  Landes.  Der  „freie  Wille“  der
einzelnen  wirtschaftenden  Subjekte  schafft  einen  objektiv  not-
        <pb n="31" />
        22

wendigen  Prozeß  der  wirtschaftlichen  Entwicklung,  der  nicht  nur
die  Resultate  der  Wirtschaftstätigkeit,  sondern  auch  deren  Richtung ­
  bestimmt.  So  wird  durch  die  objektive  Notwendigkeit,  selbst
Resultat  der  „freien“  Tätigkeit,  die  Richtung  der  letzteren  bestimmt. ­
  Das  Bestreben  nach  Kraftersparnis  ist  der  wichtigste
Erhaltungstrieb  des  Menschen;  folglich  kann  sich  der  „freie
Wille“  des  Menschen  nur  äußern,  wenn  er  diesem  Trieb  nicht
entgegenarbeitet.  Die  wirtschaftliche  Tätigkeit  eines  Menschen
kann  also  nur  in  der  Richtung  der  Kraftersparnis  liegen,  welche
aber  von  den  äußeren  Bedingungen  abhängt.  Da  das  soziale
Milieu  nicht  durch  einen  Menschen  geändert  werden  kann,  d.  h.
da  das  wirtschaftende  Subjekt  nicht  die  ganze  Wirtschaftsordnung ­
  in  der  für  es  erwünschten  Richtung  ändern  kann,  so  wird
auch  die  Richtung  seiner  Wirtschaftstätigkeit  hinter  seinem
Rücken  unabhängig  von  ihm  bestimmt.
In  der  modernen  kapitalistischen  Gesellschaft,  bei  der  allgemeinen ­
  Anarchie  der  Produktion,  führt  dieses  Bestreben  nach
Kraftersparnis  zum  Wettbewerb  einzelner  Wirtschaften,  verschiedener ­
  Wirtschaftsformen  und  sozialen  Klassen  untereinander ­
  und  erweist  sich  gleichzeitig  als  ein  bedeutendes  Kampfmittel. ­
  Denn  die  Erhöhung  der  Arbeitsproduktivität  —  das
Resultat  dieses  Bestrebens  —  ist  eines  der  schärfsten  Kampfmittel ­
  im  modernen  Konkurrenzkampf.
Wenn  man  sagen  darf,  daß  der  Mensch  selbst  seine  Wirtschaft ­
  schafft,  so  schafft  er  aber  auch  die  Notwendigkeit,  der
er  immer  noch  in  seiner  Tätigkeit  unterliegt.
So  entspringt  die  Gesetzmäßigkeit  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  der  Zweckmäßigkeit  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit,
steht  mit  ihr  in  engem  Zusammenhang  und  wird  durch  sie  bedingt. ­
  Daher  hat  auch  der  Glaube  an  den  wirtschaftlichen
Fortschritt  eine  objektive  Grundlage  in  der  Gesetzmäßigkeit
der  wirtschaftlichen  Erscheinungen:  die  Entwicklung
der  Produktivkräfte  erweist  sich  als  Resultat
der  subjektiven  Bestrebungen  und  gleichzeitig ­
  als  notwendiger  objektiver  Faktor  der
wirtschaftlichen  Entwicklung.  Dieser  Faktor  be-
        <pb n="32" />
        23

stimmt  das  System,  die  Organisation  und  die  Form  der  Wirtschaft, ­
  insoweit  diese  von  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte
abhängt.  Eine  ökonomische  und  soziale  Prognose,  die  sich  auf
eine  .Untersuchung  über  den  Einfluß  dieses  Faktors  auf  die
Volkswirtschaft  gründet,  kann,  im  Gegensatz  zu  den  subjektiven ­
  Wünschen  und  Hoffnungen,  als  wissenschaftlich  betrachtet ­
  werden.
IV.
Zwar  sprechen  vom  Prinzip  der  Kraftersparnis  fast  alle  Volkswirte, ­
  doch  verwechseln  sie  es  gewöhnlich  mit  dem  Egoismus.
Sogar  der  bekannte  Soziolog  M.  M.  Kowalewsky  schreibt:
„Nehmen  wir  beispielsweise  einen  von  den  am  festesten  stehenden ­
  Grundsätzen,  nämlich  das  Prinzip  der  Kraftersparnis  beim
Erwerb  durch  Arbeitsteilung  und  Berufsgliederung.  Hätte  sich
die  wirtschaftliche  Tätigkeit  zu  allen  Zeiten  und  auf  allen  Kulturstufen ­
  allein  durch  den  Egoismus  leiten  lassen,  so
würde  sowohl  die  Berufsgliederung  als  auch  die  Arbeitsteilung
von  je  her  bestehen.“*)
Man  könnte  Kowalewsky  erwidern,  daß  eine  Arbeitsteilung,
wie  sie  jetzt  existiert,  in  den  früheren  Perioden  eine  Arbeitsverschwendung ­
  gewesen  wäre.  Darauf  kommt  es  aber  nicht  an.  Für
uns  genügt  es  hier  zu  konstatieren,  daß  Kowalewsky  unter  dem
Prinzip  der  Kraftersparnis  den  Egoismus  versteht,  als  ob  die
altruistische  Tätigkeit  sich  nicht  danach  richtete!  Wird  denn  ein
Mensch,  der  aus  altruistischen  Beweggründen  für  einen  anderen
arbeitet,  seine  Energie  sinnlos  zu  verschwenden  suchen?  Das
Prinzip  der  Kraftersparnis  hat  überhaupt  mit  der  Ethik  gar
nichts  zu  tun.  Es  ist  ein  Prinzip  der  Zweck-  und  Planmäßigkeit.
Alle  Erwägungen  der  „ethischen“  Nationalökonomie  mit  allen
sentimentalen  Phrasen  über  Altruismus  usw.  basieren  auf  einem
Mißverständnis  dieses  Prinzips  der  Kraftersparnis  oder  auf  einer
Gegenüberstellung  von  Altruismus  und  Egoismus.
In  der  Tat  handelt  es  sich  gar  nicht  darum,  ob  sich  einer
durch  den  Egoismus  oder  Altruismus  in  seiner  Wirtschaftstätig-*)
  M.  M.  Kowalewsky,  Soziologie,  1910,  Bd.  I,  S.  118.
        <pb n="33" />
        24

keit  leiten  läßt.  Es  genügt,  daß  das  wirtschaftende  Subjekt  kein
Idiot  ist  und  zweckmäßig  zu  handeln  versteht.  Sucht  es  dann
möglichst  an  seiner  Kraft  zu  sparen,  so  muß  es  unter  gegebenen
Bedingungen  diese  so  anwenden,  daß  es  mit  dem  geringsten  Kraftaufwand ­
  den  größten  Erfolg  erzielen  kann.  Daher  wird  die
Wirtschaftstätigkeit  eines  wirtschaftenden  Subjekts,  unabhängig
davon,  ob  es  ein  Egoist  oder  Altruist  ist,  durch  die  äußeren,
ökonomischen  Verhältnisse  bestimmt.  Ein  Unternehmer  kann
ein  sehr  guter  Mensch  sein.  Wenn  er  aber  seinen  Arbeitern  einen
bedeutend  höheren  Arbeitslohn  zahlt  als  die  anderen,  so  daß  sein
Profit  dadurch  in  nicht  geringem  Maße  geschmälert  wird,  so
wird  ein  solcher  Unternehmer  durch  die  Konkurrenz  anderer
aus  dem  Produktionsprozeß  herausgestoßen  werden.  Deshalb
entsteht  auch  bei  der  kapitalistischen  Ordnung,  unabhängig  von
den  persönlichen  Eigenschaften  der  Unternehmer  und  Arbeiter,
ein  Kampf  zwischen  diesen  beiden  Klassen.  Ebenso  strebte
in  der  vorkapitalistischen  Epoche  der  selbständige  Produzent,
wiederum  unabhängig  davon,  ob  er  Egoist  oder  Altruist  war,
danach,  seine  wirtschaftlichen  und  persönlichen  Bedürfnisse  mit
dem  geringsten  Arbeitsaufwand  zu  befriedigen.  Zu  sagen,  daß
dieses  Bestreben  aus  dem  Egoismus  herrührt,  ist  einfach
lächerlich.
        <pb n="34" />
        1.  TEIL

Die  Wirtschaftssysteme
        <pb n="35" />
        Il  r

%

A*-
        <pb n="36" />
        Erstes  Kapitel.
Änderung  der  Wirtschaftssysteme.
1.
Der  wichtigste  Zweig  der  menschlichen  Tätigkeit  war  und
ist  noch  immer  die  Gewinnung  der  Nahrungsmittel  und  Rohstoffe. ­
  Der  Charakter  dieser  Tätigkeit  wird  durch  das  System
der  Landwirtschaft  in  weitem  Sinne  dieses  Wortes  bestimmt.
Unter  gewissen  Verhältnissen  wird  Viehzucht  getrieben,  d.  h.  die
wichtigsten  Produkte  der  Wirtschaftstätigkeit  sind  die  Erzeugnisse ­
  der  Viehzucht;  unter  anderen  Verhältnissen  —  Jagd  oder
Ackerbau,  oder  Ackerbau  vereinigt  mit  Viehzucht  usw.
Gewöhnlich  wird  die  Wirtschaft  des  Jägers  als  das  niedrigste
Wirtschaftssystem  betrachtet,  die  Vieh  Wirtschaft  —  als  ein
höheres,  die  extensive  Landwirtschaft  —  als  das  folgende,  und
schließlich  die  intensive  Landwirtschaft  —  als  die  höchste  Wirtschaftsstufe. ­
  Es  erweist  sich  aber,  daß  diese  Einteilung  für  das
moderne  Wirtschaftsleben  vollkommen  verfehlt  ist.  Die  Koreaner
oder  Chinesen  und  sogar  einige  wilde  Stämme  Afrikas  führen
eine  intensivere  Landwirtschaft  als  die  Europäer,  und  zwar  nicht
nur  in  solchen  Kolonien,  wie  Australien  oder  Amerika,  sondern
sogar  in  Europa  selbst.  Folgt  aber  daraus,  daß  die  Wirtschaft
in  Korea,  China  oder  bei  den  afrikanischen  Stämmen  auf  einer
höheren  Entwickelungsstufe  steht  als  die  der  Viehzüchter  von
Australien,  oder  als  die  Wirtschaft  der  Holländer  in  Afrika  und
der  Amerikaner  in  den  westlichen  Staaten?
Wenn  wir  die  Bevölkerungsdichte  mit  den  Wirtschaftssystemen ­
  einzelner  Gegenden  vergleichen,  so  finden  wir,  daß,
unabhängig  von  der  Kulturstufe  der  Einwohner  und  deren  wirtschaftlicher ­
  Entwicklung,  einer  bestimmten  Bevölkerungsdichte
ein  bestimmtes  Wirtschaftssystem  entspricht.
        <pb n="37" />
        28

Die  Einteilung  der  Wirtschaftssysteme  kann  noch  nicht  als
feststehend  betrachtet  werden,  hauptsächlich  deshalb,  weil  das
Kriterium  nicht  bestimmt  ist,  nach  dem  man  diese  Einteilung
vornehmen  soll.  Wenn  man  als  solches  Kennzeichen  des  Wirtschaftssystemes
  die  Arbeitsmenge  betrachtet,  die  auf  einer  bestimmten ­
  Bodenfläche  zur  Gewinnung  der  Nahrungsmittel ­
  aufgewendet  wird,  so  erhalten  wir  folgende  Wirtschaftsstufen: ­
  1.  Jagd  in  Verbindung  mit  dem  Sammeln  und  sogar  mit
der  Kultivierung  einiger  Nahrungspflanzen;  2.  Viehzucht  in
Verbindung  mit  Ackerbau,  der  immer  noch  eine  geringe
Rolle  spielt;  3.  Ackerbau  in  Verbindung  mit  Jagd,  oder  Ackerbau ­
  in  Verbindung  mit  Viehzucht,  ein  Nomadenackerbau,
der  aber  in  der  Wirtschaft  schon  die  erste  Stelle  einnimmt;
4.  wilde  Feldgras  Wirtschaft;  5.  Zwei-  und  Dreifeldersystem; ­
  6.  Dreifeldersystem,  verbunden  mit  künstlicher  Düngung ­
  ;  7.  F  r  u  c  h  t  w  e  c  h  s  e  1  w  i  r  t  s  c  h  a  f  t.*)  Es  ist  hier
noch  zu  bemerken,  daß  der  Ackerbau  auf  die  Jagd  unmittelbar ­
  folgen  kann,  wenn  die  Naturverhältnisse  (eine  Waldgegend) ­
  der  Entwicklung  einer  reinen  Viehzuchtwirtschaft  im
Wege  stehen.  Als  die  Hauptursache  des  Überganges  von  einem
Wirtschaftssystem  zu  einem  anderen  erweist  sich,  wie  wir  bald
sehen  werden,  die  Bevölkerungszunahme.
Die  wichtigsten  Wirtschaftssysteme  (Jagd,  Viehzucht  und
Ackerbau)  waren  schon  in  der  prähistorischen  Steinzeit  bekannt.
So  findet  man  in  den  Pfahlbauten  des  neolithischen  Zeitalters  Getreidekörner ­
  (Weizen-,  Gerste-  und  Hirsekörner)  und  Früchte
von  Obstbäumen;  dagegen  waren  zu  dieser  Zeit  Hafer,  Roggen,
*)  Eine  ähnliche  Einteilung  der  Wirtschaftsstufen  gibt  Nieboehr  in
seinem  Werke  „Slavery  as  an  industrial  System“,  Hague  1900.  Zum  Kriterium ­
  nimmt  er  die  Stellung  der  Landwirtschaft  in  der  gesamten  Wirtschaft. ­
  Indes  hängt  diese  Stellung  der  Landwirtschaft  in  der  vorkapitalistischen ­
  Epoche  hauptsächlich  von  der  Entwicklung  der  Bevölkerung  ab.
Folglich  muß  unserer  Klassifikation  der  Wirtschaftssysteme  eben  dieses
Kriterium  zugrunde  liegen:  die  Höhe  des  Arbeitsaufwandes  auf  der
gleichen  Bodenfläche  in  Zusammenhang  mit  der  Bevölkerungszunahme.
Nach  Nieboehr  sollte  die  extensive  und  intensive  Wirtschaft  eine  und
dieselbe  Entwicklungsstufe  ausmacjien,  weil  in  beiden  Fällen  die  Landwirtschaft ­
  die  erste  Stelle  einnimmt.
        <pb n="38" />
        29

Erbsen  usw.  noch  unbekannt.  Während  der  Quartärperiode
nährten  sich  die  Menschen  von  Hirschen,  Ochsen  und  Schweinen;
in  der  folgenden  Zeit  hatten  sie  auch  schon  Haustiere,  wie  den
Hund,  das  Schwein,  die  Ziege,  das  Schaf  und  das  Hornvieh.*)
Folglich  konnte  der  Mensch  schon  während  der  Steinzeit,  noch
auf  den  ersten  Stufen  der  technischen  Entwicklung,  dasjenige
Wirtschaftssystem  wählen,  das  für  die  damalige  Zeit  am  besten
paßte.  Und  in  der  Tat  trieb  schon  damals  der  Mensch  zugleich
mit  der  Jagd  Ackerbau,  wo  die  Verhältnisse  für  Viehzucht
ungünstig  wären.  Und  wenn  wir  dennoch  nicht  einen  folgerichtigen ­
  Übergang  von  der  Jagd  zur  Viehzucht  und  von  der  Viehzucht ­
  zum  Ackerbau  finden,  so  gewiß  nicht  deshalb,  weil  der
Mensch  den  Vorteil  der  höheren  Wirtschaftssysteme  nicht  gekannt
hat,  sondern  ausschließlich  deshalb,  weil  die  Jagd  oder  die  Viehzucht ­
  bei  einer  dünnen  Bevölkerung  produktiver  waren.  Die  Landwirtschaft ­
  konnte  unter  diesen  Umständen  nur  eine  ganz  geringe
Rolle  spielen.  Jetzt  noch  treffen  wir  in  den  dünn  bevölkerten
Gegenden  Volksstämme  an,  die  sich  ausschließlich  von  der  Viehzucht ­
  ernähren,  und  in  Wäldern  gar  reine  Jägervölker,  während ­
  die  Menschen  in  der  Nähe  der  dicht  bevölkerten  Pfahlbauten**) ­
  schon  eine  Feldkultur  kannten.  Mit  der  Zunahme  der
Bevölkerung  wurde  die  Jagd  bei  günstigen  Naturverhältnissen  allmählich ­
  durch  die  Landwirtschaft  ergänzt,  in  den  Steppen  durch
die  Viehzucht;  und  bei  weiterer  Bevölkerungszunahme  ging  man
auch  hier  zum  Ackerbau  über.
Gewöhnlich  verwechselt  man  die  Kulturstufen  mit  den  Wirtschaftssystemen. ­
  Indes  ist  es  möglich,  daß  die  wirtschaftliche
Entwicklung  für  eine  längere  oder  kürzere  Zeit  aufgehalten  wird,
die  Bevölkerung  aber  gleichzeitig  zunimmt  und  zu  einer  intensiven ­
  Kultur,  zu  einem  neuen  Wirtschaftssystem,  übergeht.  So
hat  China  infolge  der  Verdichtung  der  Bevölkerung  eine  intensivere ­
  Bodenkultur  als  Europa,  obgleich  es  in  seiner  ökonomi-*)
  L.  Niederle,  Die  Menschheit  im  prähistorischen  Zeitalter  (russ.
Übers.),  S.  107—108.
**)  Manche  Ansiedlungen  bestanden  aus  mehr  als  100000  Pfahlbauten. ­
        <pb n="39" />
        30

sehen  Entwicklung  im  Verhältnis  zu  Westeuropa  weit  zurückgeblieben ­
  ist,  das  eine  extensive  Wirtschaft  und  eine  dünnere  Bevölkerung ­
  hat.
Ebenso  werden  bei  einer  Untersuchung  über  die  Anfänge  der
Wirtschaftsentwicklung  die  Naturverhältnisse  häufig  außer  acht
gelassen.  So  wird  als  Beispiel  das  Wirtschaftsleben  der  Wilden
aus  den  tropischen  Gegenden  angeführt,  während  doch  die  Produktionsverhältnisse ­
  und  die  Bedürfnisse  des  Menschen  aus  der
gemäßigten  Zone,  die  seine  Tätigkeit  bestimmt,  ganz  andere  sind.
Diese  Tätigkeit  entwickelt  und  organisiert  sich  in  der  Richtung
des  geringsten  Widerstandes,  d.  h.  der  Mensch  wählt  sich  eine
«i  Beschäftigung,  die  ihm  unter  den  gegebenen  Bedingungen  seine
i|.i  notwendigsten  Bedürfnisse  am  leichtesten  befriedigen  kann,  und
die  ihm  die  höchste  Arbeitsproduktivität  verspricht.  Der  Kampf
des  Urmenschen  ums  Dasein  unterscheidet  sich  von  dem  eines
Tieres  dadurch,  daß  der  Mensch  auch  Werkzeuge,  nicht  nur  seine
eigenen  Organe  benutzen  kann.  Auch  gewisse  Tiere  bedienen  sich
gewisser  Waffen;  sie  haben  es  aber  nie  dahin  gebracht,  neue  Waffen ­
  mittels  der  schon  vorhandenen  zu  schaffen,  während  die  Menschen ­
  schon  in  der  Quartärperiode  mit  Hilfe  von  Steinen  die  sogenannten ­
  Coups  de  poing  anfertigten  (siehe  G.  u.  A.  Mortillier,
„Das  prähistorische  Leben“,  russ.  Übers.  1903,  S.  107).
ü  11.
f!
Die  Gegenstände,  die  dem  Menschen  zur  Befriedigung  seiner
wichtigsten  Bedürfnisse  notwendig  waren,  fand  er  zuerst  in  der
Natur  fertig  vor.  Schon  mit  einem  geringen  Arbeitsaufwand
konnte  er  Nahrungspflanzen  finden  und  Tiere  fangen.  Da  aber
solche  Pflanzen  und  Tiere  nur  in  beschränktem  Maße  vorhanden
waren,  so  konnte  der  Mensch  nur  bei  geringer  Bevölkerungsdichte ­
  so  existieren.
Auf  dieser  Entwicklungsstufe  des  Wirtschaftslebens  befand
sich  der  Mensch  in  der  gleichen  Abhängigkeit  von  der  Natur,  wie
das  Tier.  Er  konnte  die  Menge  seiner  Nahrungsgegenstände
nicht  vergrößern,  und  die  Zunahme  der  Bevölkerung  mußte
        <pb n="40" />
        31

entweder  zu  einer  Abwanderung  des  überflüssigen  Teils  oder  zu
dessen  Aussterben  führen.
Einige  Tiere  nehmen  zu  der  Übersiedelung  von  einem  Orte
nach  dem  zweiten  je  nach  der  Jahreszeit  Zuflucht.  Alle  Tiere
aber,  sowie  auch  der  Mensch,  zerstreuen  sich  mit  ihrer  Zunahme
über  ein  immer  größeres  Territorium.  So  wird  die  Anzahl  der
Menschen,  die  sich  auf  einer  bestimmten  Fläche  von  den  Produkten ­
  ernähren  können,  die  sie  in  der  Natur  fertig  vorfinden,
durch  die  gleichen  Bedingungen  bestimmt,  die  auch  für  die  Tiere
maßgebend  sind,  und  zwar  durch  das,  was  die  Natur  ohne  jede
rationelle  Einwirkung  des  Menschen  liefern  kann.  Diesem
„Naturgesetze“  unterliegen  sowohl  die  Wilden  der  Steinzeit  als
auch  die  modernen  Jäger  Völker,  die  vervollkommnetere  Jagdwerkzeuge ­
  gebrauchen.  Die  verbesserten  Werkzeuge  können  die
Aufnahmefähigkeit  des  Territoriums  nur  in  begrenztem  Maße  erhöhen, ­
  solange  das  Wirtschaftssystem  unverändert  bleibt  und
keine  neue  Arbeit  aufgewendet  wird.
Die  Viehzucht  liefert  schon  eine  viel  größere  Menge  von
Nahrungsgegenständen,  von  Kleidern  usw.,  je  nach  der  Anzahl
der  Haustiere,  und  so  steigt  dadurch  die  Aufnahmefähigkeit  des
Territoriums.  Bei  gewissen  Natur  Verhältnissen  (so  in  schneelosen ­
  Gegenden)  kann  die  Zahl  der  Haustiere  ziemlich  bedeutend ­
  sein.  Aber  sogar  in  den  nördlichen  Tundren  ermöglicht
die  Viehzucht  (Hirschherden)  eine  größere  Bevölkerungsdichte,
als  die  Jagd;  dennoch  tritt  auch  bei  reiner  Viehzucht  mit  der  Bevölkerungszunahme ­
  bald  das  Bestreben  zur  Ausdehnung  des
Territoriums  hervor.  10  000  Menschen  müssen  wenigstens  eine
Fläche  von  200—300  Quadratmeilen  inne  haben,  um  eine  genügende ­
  Anzahl  von  Vieh  erhalten  zu  können.
Nach  einer  eranischen  Sage  tritt  Mazda  die  Herrschaft  über
die  Welt  dem  Yima  ab.  Yima  regiert  weise  und  glücklich.  Die
Menschen  und  das  Vieh  vermehren  sich  unter  seiner  Obhut  so
sehr,  daß  er  mehrmals  die  Erde  auffordert,  sich  zu  erweitern,  damit ­
  für  die  Tiere  und  Menschen  Raum  werde.*)  Aus  der  Ge-:)

  Lamprecht,  „Deutsche  Geschichte“,  4.  Aufl.,  Bd.  I,  S.152.
        <pb n="41" />
        32

schichte  wissen  wir,  daß  die  Iraner  ebenso  wie  andere  Nomadenvölker ­
  in  der  Tat  ihr  Territorium  vergrößert  haben,  jedoch  ohne
die  Hilfe  von  Yima,  sondern  einfach  durch  die  Niederlassung  an
neuen  Orten.
Hackel,  wie  übrigens  die  meisten  Paläontologen,  ist  der
Meinung,  daß  der  südliche  Teil  Asiens  die  Wiege  der  Menschheit ­
  war.  Von  welchem  Punkte  aber  die  Menschen  auch  ausgingen, ­
  so  finden  wir,  daß  sie  überall,  zu  allen  Zeiten  und  bei
allen  Wirtschaftssystemen,  danach  strebten,  sich  über  ein  immer
größeres  Territorium  zu  zerstreuen,  um  es  möglichst  extensiv  ausnutzen ­
  zu  können.  In  Europa  führte  dieses  Bestreben,  sich  zu
zerstreuen,  zur  Aufschichtung  verschiedener  Stämme,  wobei  die
späteren  die  früheren  Einwohner  verdrängt  oder  sich  mit  ihnen
vermengt  haben.  Nicht  nur  während  der  paläolithischen  Periode
wechselten  die  Rassen  einander  ab,  sondern  auch  in  der  historischen ­
  Zeit  fand  eine  Aufschichtung  mehrerer  Stämme  auf  dem
schon  besiedelten  Territorium  statt.
Die  Hauptbeschäftigung  und  die  wichtigste  Nahrungsquelle
war  zur  Zeit  der  Quartärperiode  die  Jagd.  Die  Viehzucht  und
der  Ackerbau  waren  damals  noch  unbekannt.*)  Die  Jagd  auf
kleine  Tiere,  das  Sammeln  von  Wurzeln  usw.  gestatteten  nur
kleinen  Horden  gemeinsam  zu  leben,  die  isoliert  voneinander
wohnten.  Unter  diesen  Verhältnissen  konnte  nur  die  Promiskuität ­
  (ein  unterschiedloser  Geschlechtsverkehr  in  der  Horde)
herrschen.  Die  Tierzähmung  und  -Züchtung,  die  Jagd  auf
große  Tiere,  die  bessere  Werkzeuge  erfordert,  und  das  künstliche ­
  Aufziehen  von  Pflanzen  ermöglichen  die  Existenz  einer  dichteren ­
  Bevölkerung,  die  Bildung  einzelner  Stämme  und  Gentilorganisationen,
  die  untereinander  in  ständigen  Beziehungen
stehen,  durch  gemeinsame  Jagd  und  andere  Formen  der  gemeinsamen ­
  Arbeit  verbunden  sind.  Allmählich  ändert  sich  das  Wirtschaftsleben, ­
  ändern  sich  die  Formen  der  Familie,  sowie  die
gegenseitigen  Beziehungen  zwischen  Mann  und  Frau,  der  die
Sorge  um  die  Gewinnung  von  vegetabilischen  Nahrungsmitteln

')  D.  Niederle,  a.  a.  O.,  S.  58.
        <pb n="42" />
        33

zufällt.  Indes  bleibt  immer  noch  die  Tendenz  bestehen,  ein
immer  weiteres  Territorium  zu  besiedeln,  weil  die  Bevölkerung
fortfährt,  sich  zu  vermehren.
„Eine  Familie,“  sagt  Lippert,*)  „mit  der  Ernährungsweise  der
Urzeit  bedurfte  eines  bestimmten  Raumes  zur  Gewinnung  ihrer
Nahrung,  und  dieses  Raumbedürfnis  wuchs  mit  der  Kopfzahl.“
Aus  dem  folgenden  wird  man  ersehen,  daß  die  Menschen  auf
allen  Kulturstufen  danach  strebten,  ihr  Gebiet  möglichst  auszudehnen. ­

Die  völlig  extensive  Wirtschaft,  bei  der  der  Mensch  keine
Arbeit  auf  wendet,  um  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens  wieder  herzustellen, ­
  um  Pflanzen  zu  bauen,  Tiere  zu  züchten  usw.,  wird
ziemlich  zutreffend  „Sammelwirtschaft“  genannt.  Darunter  versteht ­
  man  gewöhnlich  eine  Wirtschaft,  in  der  man  sich  mit  der
Sammlung  von  Pflanzen  und  Wurzeln,  mit  der  Jagd  und  dem
Fischfang  beschäftigt.**)  Hierher  gehört  auch  die  Nutzung  der
natürlichen  Wälder.  Wenig  entfernt  von  diesem  Wirtschaftssystem ­
  ist  auch  die  primitive  Viehwirtschaft,  bei  der  das  Vieh
auf  den  unkultivierten  Weiden  gefüttert  wird.  Der  Arbeitsaufwand
besteht  nur  im  Hüten  des  Viehs  und  ist  folglich  sehr  gering.  Statt
das  Vieh  zu  töten,  wie  es  der  Jäger  tut,  braucht  der  Viehzüchter
hauptsächlich  dessen  Milch.***)
Gewöhnlich  betrachten  indes  die  Volkswirte  diese  extensive
„Sammelwirtschaft“  nicht  vom  Standpunkte  der  Arbeitsproduktivität ­
  aus,  sondern  von  dem  der  Leistungsfähigkeit  des  Bodens,
und  kommen  natürlich  zu  dem  Schlüsse,  daß  eine  intensive  Wirtschaft ­
  „ergiebiger“  ist  als  eine  extensive.  Die  Tatsache,  daß  die
Menschen  in  einer  dünn  bevölkerten  Gegend  eine  extensive  Wirtschaft ­
  führen,  wird  durch  deren  geringe  kulturelle  Entwicklung
erklärt.
*)  Julius  Lippert,  Kulturgeschichte  der  Menschheit,  Bd.  I,  S.  168.
**)  Ernst  Friedrich,  Einführung  in  die  Wirtschaftsgeographie,
Leipzig  1908,  S.  27.
***)  Die  Hirtenvölker  töten  sehr  ungern  ihr  Vieh  und  ernähren  sich
nur  ausnahmsweise  von  Fleisch.  Siehe  Richard  Hildebrand,  Recht
und  Sitte  auf  den  primitiven  wirtschaftlichen  Kulturstufen,  S.  26.  Über
das  Hirtenwesen  bei  den  Kirgisen,  Kaffem,  Somali,  Toda  usw.
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

3
        <pb n="43" />
        34

„Es  ist  leicht  ersichtlich,“  sagt  E.  Friedrich,  „welche  gewaltigen ­
  Vorzüge  Pflanzenbau,  Tierzucht  und  Fischzucht  haben
vor  dem  Sammeln  von  Pflanzen,  dem  Sammeln  von  Landtieren,
das  wir  Jagd,  und  dem  Sammeln  von  Meerestieren,  das  wir
Fischerei  nennen.  Beim  Pflanzensammeln  muß  der  Mensch  die
Nutzpflanzen  dort  aufsuchen,  wo  sie  gerade  stehen.  .  .  Den  beweglichen ­
  Tieren  muß  er  nachjagen  .  .  .“  usw.
Dabei  wird  aber  die  Bevölkerungsdichte  ganz  außer  acht  gelassen, ­
  die  doch  den  Menschen  erst  zwingt,  den  Boden  zu  bestellen,
das  Tier  zu  hüten,  Fische  zu  züchten,  Wälder  zu  pflanzen  usw.
In  einer  dünn  bevölkerten  und  an  Pflanzen,  Tieren  usw.
reichen  Gegend  ist  dieser  Arbeitsaufwand  ganz  überflüssig.  Auch
eine  kulturell  entwickelte  Bevölkerung  würde  unter  diesen  Verhältnissen ­
  sich  mit  einer  „Sammelwirtschaft“  begnügen.  Erst
dort,  wo  die  vorhandene  Bevölkerung  damit  nicht  mehr  auskommen
  kann,  sieht  sie  sich  gezwungen,  künstlich  Pflanzen  zu
bauen,  Tiere  und  Fische  zu  züchten  usw.  Dieser  Schritt  wird
folglich  durch  die  Not  diktiert.
In  seiner  Abhandlung  über  „Die  Abstammung  der  Arier“
(russische  Übersetzung  1897,  S.  151)  berichtet  Tylor  von  den
Jägern  des  neolithischen  Zeitalters,  daß  sie  infolge  ihrer  Vermehrung ­
  zur  Viehzucht  und  zum  Ackerbau  übergingen.
Die  Einwohner  Dänemarks  beschäftigten  sich  nach  Ranke
während  des  neolithischen  Zeitalters  mit  Jagd  und  Fischerei,
während  Ackerbau  und  Viehzucht  ihnen  unbekannt  blieben.
Cäsar  erzählt  von  den  Germanen,  daß  sie  wenig  Landwirtschaft
treiben  und  ihr  ganzes  Leben  auf  der  Jagd  und  mit  militärischen
Übungen  verbringen.  Pomponius  Mela  bemerkt,  wo  er  über  die
Kriege  eines  anderen  germanischen  Stammes  schreibt,  daß  diese
nicht  durch  das  Bestreben  dieses  Stammes  hervorgerufen  werden
konnten,  sein  Ackerfeld  auszudehnen,  weil  er  überhaupt  keinen
Ackerbau  getrieben  hat.  Strabon  erklärt  die  Beweglichkeit  der
Germanen  dadurch,  daß  sie  weder  Ackerbau  trieben,  noch  Schätze
besaßen.*)
*)  M.  Kowalewsky,  Die  ökonomische  Entwicklung  Europas,  Bd.  1
russ.,  S.  345.
        <pb n="44" />
        3*

35

Die  ältesten  Schilderungen  von  Irland  zeigen  uns  dieses  als
ein  wildes  und  waldiges  Land,  dessen  Bevölkerung  noch  ein
Hirtenleben  führt.*)  Die  Griechen  waren,  wie  aus  ihrer  Mythologie ­
  bekannt  ist,  in  der  prähistorischen  Zeit  Jäger  und  Hirten.
Die  Dichte  der  Hirtenbevölkerung  hängt  ganz  von  der  Anzahl
des  Viehes  ab,  das  sich  auf  dem  gegebenen  Platze  weiden  läßt.**)
Wie  es  in  der  Bibel  heißt,  schied  Abraham  von  seinen  Brüdern,
weil  ein  Mangel  an  Weideplätzen  bestand.  Das  gleiche  teilt
Burckhardt  von  den  Beduinen  und  King  von  den  Toda  mit.***)
So  mußte  ein  Hirtenvolk,  um  eine  vermehrte  Bevölkerung  ernähren ­
  zu  können,  entweder  das  Territorium  ausdehnen,  indem
es  die  benachbarten  Stämme  verdrängte,  oder,  wenn  das  unmöglich ­
  war,  zu  einer  intensiveren  Wirtschaftskultur  übergehen.
Also  wurde  dieser  Fortschritt  gemacht  —  nicht,  weil  die  Bevölkerung ­
  zivilisierter,  oder  weil  dadurch  ihre  Arbeit  produktiver
wurde,  sondern  umgekehrt:  die  Notwendigkeit,  zur  Befriedigung
der  Bedürfnisse  mehr  Arbeit  aufzuwenden,  gab  den  Anlaß,  die
Arbeit  zu  komplizieren  und  förderte  dadurch  die  kulturelle  Entwicklung. ­
  Beim  Ackerbau  wird  die  Arbeit  komplizierter,  intensiver ­
  und  mannigfaltiger,  wodurch  der  technische  Fortschritt  und
die  Entwicklung  der  Bedürfnisse  begünstigt  wird.
„Den  Übergang  vom  Nomadismus  zur  Ansässigkeit  hat  man
immer  nur  auf  drei  Wegen  sich  vollziehen  sehen,“  sagt  Batzelf)
„Entweder  ist  ein  Wandervolk  durch  Zwang  auf  so  enge  Gebiete
beschränkt  worden,  daß  von  umherziehendem  Hirtenleben  keine
Rede  mehr  sein  konnte,  oder  es  verlor  in  Kämpfen  seine  Herden,
oder  endlich  lebte  es  so  nahe  einem  Gebiete  stabiler  und  damit
höherer  Kultur,  daß  es  freiwillig  das  freie,  aber  entbehrungsreiche ­
  Leben  aufgab,  um  die  Ruhe  und  Genüsse  eines  stetigen
Daseins  dafür  einzutauschen.“  Diese  drei  Ursachen  lassen  sich
indes  auf  eine  zurückführen:  auf  die  Zunahme  der  Bevölkerung.

*)  Ebd.  Bd.  III,  S.  734.

**)  R.  Hildebrand,  Recht  und  Sitte  auf  den  primitiven  wirtschaftlichen ­
  Kulturstufen,  1897,  S.  29.

*••)  Ebd.  S.  30.
f)  Völkerkunde  Leipzig  1888,  Bd.  III.,  S.  57.
        <pb n="45" />
        36

Die  russischen  Annalen  charakterisieren  die  Lebensweise  der
altenSlavenwie  folgt:  „Die  Dredjanen  lebten  in  Wäldern  wie  Tiere
...  aßen  alles  Unreine..Dasselbe  wird  auch  über  die  Lebensweise ­
  einiger  anderer  slavischer  Stämme  erzählt.  Unter  „unreiner
Speise“  wird  hier  verstanden:  „ein  Aas,  Hamster  und  anderes
Unreine“.  So  blieb  bei  den  Slaven,  obzwar  sie  Ackerbau  und
Viehzucht  schon  gekannt  haben,  die  Jagd  die  Hauptbeschäftigung.
Dasselbe  wird  auch  von  den  Germanen  mitgeteilt.  Auch  hier
herrschten  bei  einer  dünnen  Bevölkerung  die  Viehzucht  und  Jagd
nicht  deshalb  vor,  weil  die  Germanen  den  Ackerbau  noch  nicht
gekannt  haben,  sondern  weil  jene  Wirtschaftssysteme  unter  den
gegebenen  Verhältnissen  vorteilhafter  waren  als  sogar  die  extensive ­
  Landwirtschaft.
Einige  Kulturhistoriker  (Hahn,  Meitzen,  Rachfall),  die  das
Leben  der  heutigen  Nomaden  Völker  beobachtet  haben,  kommen
zu  dem  Schluß,  daß  die  Hirtenstämme  vegetabilische  Nahrungsgegenstände ­
  nur  durch  Austausch  erhalten  und  daher  keine  selbständige ­
  Kulturstufe  darstellen.*)  Selbstverständlich  ist  diese
Schlußfolgerung  unzutreffend.  Im  Norden  von  Sibirien  gebrauchen ­
  die  Hirtenstämme  auch  noch  jetzt,  wenn  auch  sehr
selten,  vegetabilische  Nahrung.  Auch  die  Hottentotten,  die  zwar
mit  den  Europäern  in  Verbindung  kommen,  doch  sich  des  Austausches ­
  nicht  bedienen,  begnügen  sich  mit  den  wilden ­
  Früchten  und  Wurzeln.  Solcher  Zeugnisse  haben
wir  eine  ganze  Menge,  auch  über  die  heutigen  Hirtenvölker.
Selbstredend  gab  es  vor  zwei-  bis  dreitausend  Jahren  viel  mehr
solcher  Hirtenvölker,  die  den  Austausch  mit  Ackerbau  treibenden ­
  Völkern  gar  nicht  kannten.
HL
Die  Änderung  des  Wirtschaftssystems  kann  gewöhnlich  nur
allmählich  vor  sich  gehen.  Die  Jäger-  und  Hirtenvölker  betrachteten ­
  zuerst  den  Ackerbau  als  eine  nebensächliche  Beschäftigung, ­
  die  den  Frauen  überlassen  wurde.
*)  Hahn,  Die  Haustiere  in  ihrer  Beziehung  zur  Wirtschaft  der  Menschen ­
  (1896,  S.  133),  schreibt:  „Der  nomadisierende  Hirt  stellt  eine  scharf
ausgesprochene,  aber  keine  wirtschaftlich  selbständige  Kulturstufe  dar.“
        <pb n="46" />
        „Die  landwirtschaftliche  Bevölkerung,  speziell  im  nordöstlichen ­
  Rußland,  wanderte  immerfort  von  einem  Orte  nach  dem
andern,  drang  in  die  Wälder  hinein  und  besetzte  undurchdringliche ­
  Stellen.  Jungfräuliche  Wälder  gab  es  zu  der  Zeit  genügend,
der  Boden  versprach  keine  dauernden  Ernten,  und  so  trieb  die
Bevölkerung  eine  Brand  Wirtschaft:  der  Bauer  läßt  den  Wald  abbrennen, ­
  bebaut  das  Feld  zwei  bis  drei  Jahre,  verläßt  es  dann
und  zieht  weiter.  Um  die  Arbeit  leichter  und  produktiver ­
  zu  gestalten,  ist  es  vorteilhafter,
fortwährend  neue  Stellen  zu  bebauen,  statt  die
alten  zu  düngen:  sobald  die  Arbeit  schwieriger  wird,  sucht  sich
nun  der  Bauer  einen  neuen  freien  Platz  aus.  Daher  finden  wir
in  den  Annalen  des  15.  Jahrhunderts  keinen  einzigen  Hinweis
darauf,  daß  die  Felder  gedüngt  werden.“*)  Ebenso  sagt  Bjeljaew:
„Für  die  damalige  Zeit  war,  infolge  der  geringen  Bevölkerungsdichte, ­
  die  Brandwirtschaft  und  die  Bestellung  von  Neubrüchen
vorteilhafter  als  die  Düngung  der  schon  erschöpften  Böden.  Der
damalige  Landwirt  kehrte  auf  die  verlassene  Stelle  wohl  nicht
eher  zurück,  als  bis  das  Feld  längere  Zeit  brach  gelegen  und  neue
Kräfte  gesammelt  hatte.  Aber  auch  dies  geschah  nicht  plötzlich,
obgleich  der  jungfräuliche  Boden  schon  bedeutend  abgenommen
hatte.  Daher  war  unsere  landwirtschaftliche  Bevölkerung  auch
sehr  beweglich.“**)  Dieselbe  Erscheinung  treffen  wir  in  Nordamerika ­
  noch  im  18.  und  19.  Jahrhundert  an,  wo  die  Kolonisten
allmählich  nach  dem  Westen  zogen  und  die  früher  bestellten
Äcker  verließen.
Auch  die  Germanen  hatten,  wie  Caesar  erzählt,  keine  bestimmten ­
  Ackerfelder  inne,  sondern  mußten  jährlich,  auf  Anweisung ­
  der  Oberschaft,  von  einem  Orte  nach  dem
andern  umziehen.  (Agri  attribuunt  atque  anno  post  alio
transire  cogunt.***)
Strabón  bestätigt  ebenfalls,  daß  die  Germanen  Nomaden
*)  Aristow,  Das  Gewerbe  im  Altrußland  (russ.),  S.  158.
•♦)  Bjeljaew,  Einige  Worte  über  die  Landwirtschaft  in  Altrußland,
Wremennik,  Buch  XXII.
**•)  Caesar,  De  bello  gallico.  Lib.  VI.
        <pb n="47" />
        38

waren,  und  so  zeigt  sich,  daß  bei  allen  europäischen  Völkern  der
Felderwirtschaft  mit  festem  Wohnsitz  der  Nomadenfeldbau  der
Jäger  und  Hirtenvölker  vorausging.
Schon  zu  Tacitus’  Zeiten  finden  wir  bei  den  Germanen  eine
Agrikultur  mit  festem  Wohnsitz.  In  ähnlicher  Weise  ging  der
gleiche  Prozeß  mit  der  Verdichtung  der  Bevölkerung  bei  den
Slaven  vor  sich,  und  er  läßt  sich  noch  jetzt  in  den  dünn  bevölkerten
Gegenden  Sibiriens  und  in  den  westlichen  Staaten  Nordamerikas
konstatieren.  Es  lösen  also  infolge  der  Bevölkerungszunahme
im  ersten  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung  in  Deutschland,  in
dem  14.  und  15.  Jahrhundert  in  Rußland  und  schließlich  im
19.  Jahrhundert  in  Sibirien  und  in  den  westlichen  Staaten  Nordamerikas ­
  die  gleichen  Wirtschaftssysteme  einander  ab.
IV.
Bei  primitiver  Viehzucht  hängt  die  Größe  der  Bevölkerung
davon  ab,  in  welchem  Umfange  Herden  auf  deren  Territorium  erhalten ­
  werden  können.  Die  Zunahme  der  Bevölkerung  zwingt
die  Bevölkerung  bald,  sich  zu  zerstreuen  oder  weitere  Arbeitsaufwände ­
  zu  machen,  um  den  Bodenertrag  zu  erhöhen.
Der  Übergang  von  der  Nomadenwirtschaft  oder  von  der  Viehzucht ­
  zum  Ackerbau  kann  nur  bei  bedeutend  gesteigerten  Arbeitsaufwänden ­
  vor  sich  gehen.  Der  Ackerbau  fordert  eine  intensivere
und  kompliziertere  Arbeit.  Der  Ackerbau  veranlaßt  aber  auch  die
Bevölkerung,  ihre  Produktivkräfte  durch  Erhöhung  der  Arbeitsaufwände, ­
  durch  eine  neue  Arbeitsorganisation,  durch  Anwendung ­
  von  neuen  Werkzeugen  usw.  zu  entwickeln.  Ohne  eine
Entwicklung  der  Produktivkräfte  durch  gesteigerte  Arbeitsaufwände ­
  (intensivere  Arbeit,  längerer  Arbeitstag  usw.)  wäre  ein
Übergang  zur  ausschließlichen  Landwirtschaft  für  die  Bevölkerung ­
  des  gemäßigten  Klimas  unmöglich,  da  der  Ackerbau  sonst
so  geringe  Ernten  brächte,  daß  die  Bevölkerung  damit  nicht  auskommen
  könnte.  Daher  stellt  eine  Änderung  der  Wirtschaftssysteme, ­
  wie  beispielsweise  der  Übergang  von  der  Viehzucht  zum
Ackerbau,  einen  allmählichen,  viele  Jahrhunderte  dauernden  Prozeß ­
  der  Neueinteilung  der  Produktivkräfte  zwischen  der  Vieh-
        <pb n="48" />
        39

Zucht  und  Landwirtschaft  dar.  Sogar  jetzt,  wo  die  Agrikulturtechnik ­
  eine  relativ  entwickelte  ist,  geschieht  der  Übergang  zum
Ackerbau  nur  allmählich.  Die  Baschkiren  und  Kirgisen,  die
Hirtenvölker  sind,  brauchen  Jahrzehnte,  um  zu  einer  Wirtschaftsform ­
  überzugehen,  die  eine  Verbindung  von  Viehzucht  und  primitiver ­
  Landwirtschaft  darstellt,  und  die  Kosaken  brauchen  ebenfalls ­
  mehrere  Jahre,  um  noch  einen  Schritt  weiter  zu  tun  und
den  Kornbau  einzuführen.
Der  gesteigerte  Arbeitsaufwand,  der  beim  Übergang  zu  neuen
Arbeitssystemen  notwendig  wird,  ist  so  bedeutend,  daß  ein  Hirtenvolk, ­
  das  an  schwere  Arbeiten  nicht  gewöhnt  ist,  meist  dabei  ausstirbt. ­
  So  die  Kirgisen  in  Rußland,  die  sehr  ungern  zur  Feldwirtschaft ­
  übergehen  oder  für  den  Winter  Futter  Vorräte  machen.
Ebenso  die  Indianer  in  Amerika.  Daher  die  auffallende  Tatsache, ­
  daß  die  Hirtenvölker  dem  Übergang  zur  intensiveren  Kultur ­
  die  Kriegsgefahr  vorziehen,  der  sie  sich  im  Kampfe  um  die
Ausdehnung  ihres  Territoriums  aussetzen.
Die  Europäer  werfen  den  Hirten-  und  Jägervölkern  vor,  sie
seien  „faul“.  In  der  Tat  wird  dieser  Charakterzug  der  Wilden
von  verschiedenen  Anthropologen  hervorgehoben.  So  wird  über
die  Botokuden,  Kamtschadalen  und  Baraba  berichtet,  daß  sie  den
größten  Teil  ihres  Lebens  im  Müßiggang  verbringen.*)  Aber
auch  die  Europäer  waren  einst  nicht  anders.  Tacitus  erzählt,
daß  die  Germanen  viel  Zeit  im  „süßen  Nichtstun“  zubringen.  Die
Kelten  waren,  nach  Cicero,  dem  Ackerbau  abgeneigt.  Die  russischen ­
  Kosaken  jenseits  des  Urals  trieben  eine  extensive  Wirtschaft ­
  und  die  Bauern  aus  dem  Zentralrayon  waren  über  deren
„Faulheit“  erstaunt,  obgleich  sich  die  Kosaken  doch  besser  ernährten ­
  als  diese  Bauern.  Erst  der  Bau  einer  Eisenbahn  führte
zur  Ausdehnung  des  Saatfeldes.
Bei  einer  dünnen  Bevölkerung  wäre  eben  eine  intensive  Kultur, ­
  die  mehr  Arbeit  fordert,  eine  Arbeitsverschwendung,  und
daher  sind  auch  die  Wilden  „Faulenzer“  .  .  .
So  finden  wir,  daß  die  Produktivkräfte  der  Naturvölker  beim

')  N.  Sieber,  Skizzen  aus  der  Kulturgeschichte  (russisch),  S.  176  fF.
        <pb n="49" />
        40

Übergang  von  einem  Wirtschaftssystem  zu  dem  anderen  infolge
der  Bevölkerungszunahme  und  der  erhöhten  Arbeitsauf ­
  wände  steigen,  obgleich  bei  gleichbleibender  Technik  die
Arbeitsproduktivität  sinkt.  Mit  anderen  Worten:  die
Produktivkräfte  können  dank  den  erhöhten  Arbeitsaufwänden
auch  bei  geringem  Sinken  der  Arbeitsproduktivität  bis  zu  einem
gewissen  Grade  steigen.  Selbstverständlich  hemmt  das  Sinken
der  Arbeitsproduktivität  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  und
kann  sie  schließlich  ganz  aufhalten.  Dann  beginnt  die  Bevölkerung ­
  auszusterben.  Auf  jeden  Fall  beweisen  die  angeführten  Beispiele, ­
  daß  ein  Wachsen  der  Produktivkräfte  auch  bei  einem
Sinken  der  Arbeitsproduktivität  möglich  ist.
V.
Der  Übergang  zur  Landwirtschaft,  die  einen  bedeutenderen
Arbeitsaufwand  fordert,  um  die  notwendigen  Existenzmittel  zu
erhalten,  erhöht  aber  die  Aufnahmefähigkeit  des  Landes  in  gewaltigem ­
  Maße.  Dies  geschieht  dadurch,  daß  die  Ertragfähigkeit
des  Bodens  mit  der  Erhöhung  des  Arbeitsaufwandes  steigt.
Zuerst  wird  gewöhnlich  der  zugänglichste  und  bequemste
Boden  bestellt,  der  den  geringsten  Arbeitsaufwand  erfordert.  Erst
allmählich  geht  die  Bevölkerung  zu  der  Bearbeitung  der  anderen,
.weniger  geeigneten  Böden  über.  Der  bestellte  Boden  wird  sofort
verlassen,  sobald  er  erschöpft  ist.
Mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung  vermindert  sich  der  Landanteil ­
  jeder  einzelnen  Familie,  die  dadurch  gezwungen  wird,  das
Brachfeld  allmählich  zu  verkleinern  und  zur  Dreifelderwirtschaft
überzugehen.  Durch  Brachliegen  des  Feldes,  Düngung  und
Fruchtwechsel  wird  der  Wiederherstellungsprozeß  der  Bodenfruchtbarkeit ­
  gefördert.  Während  bei  der  Feldgras  Wirtschaft  die
Bodenfruchtbarkeit  erst  nach  zwölf  bis  zwanzig  Jahren  wiederhergestellt ­
  wird,  d.  h.  das  Ackerfeld  zwölf  bis  zwanzig  Jahre  in
der  Brache  liegen  muß,  bis  es  frische  Kräfte  gesammelt  hat,
beschleunigt  das  Brachliegen  in  Verbindung  mit  künstlicher
Düngung  diesen  Prozeß,  so  daß  das  Feld  schon  nach  zwei  oder
drei  Jahren  wieder  bestellt  werden  kann.  Der  Fruchtwechsel  er-
        <pb n="50" />
        41

möglicht,  den  Boden  auszunutzen,  auch  wenn  er  vom  Körnerbau
ausruhen  muß,  indem  man  ihn  mit  Futterpflanzen  und  Wurzelgewächsen ­
  bebaut,  die  bei  extensiver  Wirtschaft  ohne  jeden
Arbeitsaufwand  gewonnen  werden.  Die  Gartenkultur  bringt  die
maximalen  Ernten,  die  Arbeitsproduktivität  ist  aber  dabei  die
geringste.

Indem  wir  den  Entwicklungsprozeß  des  wichtigsten  Zweiges
der  menschlichen  Tätigkeit  —  der  Gewinnung  von  Nahrungsmitteln ­
  und  Rohstoffen,  die  für  die  Produktion  von  Gebrauchsgegenständen ­
  notwendig  sind  —  verfolgten,  fanden  wir,  daß  die
Änderung  im  System  der  Landwirtschaft  ausschließlich  mit  der
Zunahme  der  Bevölkerung  vor  sich  ging.  Unabhängig  von  der
Produktionstechnik  besteht  bei  einer  dünnen  Bevölkerung  die
extensive  Kultur:  die  Jagd  und  die  Viehzucht  herrscht  sowohl  bei
den  Wilden  als  auch  bei  den  auf  einer  höheren  Kulturstufe  stehenden ­
  Kolonisten  von  Amerika,  Afrika  und  Australien.  Mit  ihrer
Verdichtung  geht  die  Bevölkerung  zur  Dreifelderwirtschaft,
Bodendüngung  und  schließlich  zur  Fruchtwechselwirtschaft  und
zum  Gartenbau  über.  Bei  gleichhleibender  Bevölkerungsdichte
kann  die  landwirtschaftliche  Technik  je  nach  dem  Stand  der
Produktivkräfte  verschieden  sein,  aber  das  Wirtschafts  system
bleibt  in  diesem  Falle  unverändert.  Der  halbwilde  Einwohner
Sibiriens  führt  dieselbe  extensive  Wirtschaft,  wie  der  kapitalistische ­
  Yankee  im  fernen  Westen  Amerikas  odei  der  Holländer
in  Südafrika.  Die  Produktionsmittel,  die  Arbeitsmethoden  sind
verschieden,  die  Intensität  der  Bodenkultur  ist  dagegen  mehr
oder  weniger  gleich.  Die  Wirtschaft  eines  Chinesen  ist  ebenso
intensiv,  wie  die  eines  europäischen  Bauern  in  der  Nähe  unserer
Großstädte,  obgleich  der  letztere  sich  der  vervollkommneten
Technik  bedient.  So  existierten  in  der  vorkapitalistischen  Epoche
und  existieren  noch  jetzt  gleichzeitig  in  verschiedenen
Gegenden,  je  nach  der  Bevölkerungsdichte,  sämtliche  Wirtschaftssysteme ­
  von  der  Jagd-  und  primitiven  Viehzuchtwirtschaft  bis
zur  Gartenkultur.
        <pb n="51" />
        42

Der  technische  Fortschritt  erhöht  die  Arbeitsproduktivität  bei
allen  Wirtschaftssystemen.  Der  Jäger  von  heute,  der  sich  des
weittragenden  Gewehres  bedient,  der  Fischer,  der  ebenfalls  vervollkommnete
  Werkzeuge  gebraucht,  ebenso  wie  der  Landwirt,
der  landwirtschaftliche  Maschinen  verwendet,  sie  alle  erhalten
bedeutend  mehr  Produkte,  als  der  Urjäger  mit  seinem  steinernen
Werkzeug,  oder  als  der  Chinese,  der  seinen  Acker  mit  primitiven
Geräten  bestellt.  Dennoch  wird  kein  moderner  Landwirt  auch
mit  den  verbesserten  Werkzeugen  bei  bedeutendem  Bodenreichtum ­
  so  hohe  Ernten  pro  Flächeneinheit  erhalten  wie  der  Chinese,
da  er  keine  so  intensive  Kultur  führen  wird.  —  Der  technische
Fortschritt  erhöht  die  Arbeitsproduktivität  sowohl  in  der  extensiven ­
  als  auch  in  der  intensiven  Wirtschaft,  hebt  aber  den  Unterschied ­
  zwischen  diesen  Wirtschaftssystemen  nicht  auf.  Wenn  der
Landwirt  bei  primitiven  Werkzeugen  100  Doppelzentner  Getreide
auf  jede  Arbeitskraft  in  einer  extensiven  Wirtschaft  und  70  Doppelzentner ­
  in  einer  intensiven  Wirtschaft  erhält,  so  wird  die  Arbeitsproduktivität ­
  im  ersten  Falle  bei  vervollkommneten  Werkzeugen
auf  200  Doppelzentner  und  im  zweiten  Falle  bloß  auf  140  Doppelzentner ­
  steigen.  Daher  strebt  auch  die  Bevölkerung  danach,
trotz  des  technischen  Fortschrittes  den  Boden  extensiv  auszunutzen ­
  und  geht  zur  intensiven  Kultur  nur  bei  Mangel  an  freiem
Boden  über.
So  treten  in  der  Geschichte  der  menschlichen  Gesellschaft  in
der  Urproduktion  zwei  entgegengesetzte  Tendenzen  auf,  die  die
wirtschaftliche  Struktur  beeinflussen:  einerseits  das  Bestreben,
sich  zu  zerstreuen,  hervorgerufen  durch  das  Sinken  der
Arbeitsproduktivität  bei  sukzessiven  Arbeitsaufwänden  auf  derselben ­
  Bodenfläche;  und  andererseits  die  otwendigkeit,  eine
intensivere  Kultur  einzuführen,  um  aus  demselben  Boden  mehr
Produkte  für  die  zunehmende  Bevölkerung  zu  erhalten.  Wie
schon  erwähnt,  heben  der  technische  Fortschritt  und  die  Verbesserung ­
  der  Agrikultur  im  allgemeinen  den  Unterschied
zwischen  der  extensiven  und  intensiven  Wirtschaft  nicht  auf.  So
hat  auch  der  moderne,  gewaltige  technische  Fortschritt  die  Tendenz ­
  zur  Zerstreuung  der  Bevölkerung  nicht  neutralisiert,  weil
        <pb n="52" />
        43

die  extensive  Wirtschaft  immer  noch  produktiver  bleibt  als  die
intensive.
Danach  läßt  sich  schon  a  priori  sagen,  daß  der  Kampf
der  menschlichen  Gesellschaften  um  den  Boden  gerade  in  den
Perioden  besonders  scharf  war,  wo  die  Bevölkerungszunahme
sie  zwang,  ihr  eigenes  Territorium  auf  Kosten  des  Nachbarn  auszudehnen ­
  oder  zu  einer  intensiveren  Wirtschaftskultur  überzugehen. ­
  Solcher  Perioden  gab  es  mehrere.  Der  besonders  schroffe
Übergang  von  der  Viehzucht  zum  ansässigen  Ackerbau  rief  den
schärfsten  Kampf  hervor.  Der  Kampf  der  Hirtenvölker  untereinander ­
  ging  noch  in  der  vorhistorischen  Periode  vor  sich.  Die
Geschichte  hat  nur  einige  Episoden  des  Kampfes  zwischen
Nomaden  und  Ackerbauern  verzeichnet,  nämlich  den  Überfall  der
ansässigen,  Ackerbau  treibenden  Völker  durch  Nomadenvölker.
Einer  der  größten  Zusammenstöße  dieser  Art  war  die  sogenannte
„große  Völkerwanderung“;  einen  ähnlichen  Charakter  trugen  die
Einbrüche  der  Mongolen  in  Rußland,  der  Nomaden  in  die  alten
asiatischen  Staaten,  die  Übersiedelung  der  Kelten,  der  Germanen ­
  usw.
Während  der  Periode  des  Kornbaues  wird  der  Kampf  einzelner ­
  Gesellschaften  um  das  Land  durch  den  Klassenkampf
innerhalb  dieser  Gesellschaften  kompliziert.  So  wird  der  Übergang ­
  von  wilder  F  eidgras  Wirtschaft  zur  Dreifelderwirtschaft  von
der  Entwicklung  der  Leibeigenschaft  begleitet.  Die  Zerstreuung
der  Bevölkerung  geht  somit  nicht  nur  infolge  des  Bestrebens,
eine  extensive  Kultur  einzuführen,  vor  sich,  sondern  auch  unter
dem  Einflüsse  des  Klassenkampfes  innerhalb  der  Gesellschaft,
der  Okkupation  von  Grund  und  Boden  usw.  Mit  der  Entwicklung
des  Kapitalismus  und  der  mit  ihm  verbundenen  landwirtschaftlichen ­
  Technik  gewinnen  der  Klassenkampf  und  die  Ausbeutung
einer  Klasse  durch  die  andere  eine  immer  größere  Bedeutung.
Die  Tendenz,  sich  zu  zerstreuen,  neue  Gebiete  zu  kolonisieren,
wird  somit  nicht  nur  nicht  abgeschwächt,  sondern  sogar  gestärkt,
obgleich  schon  nicht  mehr  die  absolute,  sondern  nur  die  relative
Übervölkerung  auf  dem  Lande  von  immer  größerer  Bedeutung ­
  wird.
        <pb n="53" />
        44

VI.
Die  Tatsache,  daß  bei  sukzessivem  Arbeitsaufwand  auf  demselben ­
  Boden  die  Arbeitsproduktivität  sinkt,  wird  auch  von  den
Volkswirten  ungenau  beleuchtet,  die  sie  anerkennen.  Dies  erklärt ­
  sich  dadurch,  daß  diese  Tatsache  ohne  Zusammenhang  mit
den  Wirtschaftssystemen  betrachtet  wird,  in  denen  der  Arbeitsaufwand ­
  auf  einer  Bodeneinheit  seinen  Ausdruck  findet.  So  ist
dieser  Arbeitsaufwand  auf  die  Bodenbestellung  bei  den  Jägern,
in  der  wilden  Viehzucht-  und  Forstwirtschaft  gleich  null.  Arbeit
wird  nur  für  den  Tier  fang,  die  Viehhütung,  das  Holzfällen  usw.
aufgewendet.  Es  ist  nun  selbstverständlich,  daß  in  so  einer  Viehzuchtwirtschaft, ­
  wo  das  Gras  ohne  jede  menschliche  Arbeit
wächst,  der  Arbeitsaufwand  verhältnismäßig  sehr  gering  ist.
Den  Volkswirten  aber,  die  bloß  die  intensivere  Wirtschaftskultur
Westeuropas  beobachten,  scheint  es,  daß  zuerst  die  neuen
Arbeitsaufwände  auf  derselben  Bodenfläche  noch  von  einer  erhöhten ­
  Arbeitsproduktivität  begleitet  sind  und  daß  die  Arbeitsproduktivität ­
  erst  von  einem  bestimmten  Punkte  an  zu  sinken  beginnt. ­
  Sie  stellen  sich  gewöhnlich  die  Sache  so  vor,  daß  der  erstmalige ­
  Arbeitsaufwand  drei  Einheiten  von  Produkten,  der  zweite
—  4  und  der  dritte  —  5,  die  folgenden  Arbeitsaufwände  dagegen
schon  weniger  Produkte  einbringen.*)
Später  werden  wir  die  Bedeutung  der  Tatsache,  daß  bei
sukzessiven  Arbeitsaufwänden  die  Arbeitsproduktivität  sinkt,  für
die  kapitalistische  Gesellschaft  ausführlicher  untersuchen.  Aber
schon  aus  der  Analyse  der  Entwicklung  einzelner  Wirtschaftssysteme ­
  in  Zusammenhang  mit  der  Bevölkerungsvermehrung  erhellt, ­
  daß  die  Produktivität  der  Arbeit  bei  deren  sukzessiven  Aufwendungen ­
  von  Anfang  an  sinkt.  Denn  sonst  würde  es  eine  extensive ­
  Wirtschaft  überhaupt  nicht  geben;  es  wäre  doch  für  jeden
vorteilhafter,  zur  intensiven  Kultur  überzugehen,  wenn  die  folgenden ­
  Arbeitsauf  wände  produktiver  wären.
*)  So  schreibt  beispielsweise  David  (Sozialismus  und  Landwirtschaft, ­
  Berlin  1903,  S.  615:  „Erst  von  einer  gewissen  Intensitätsstufe  ab
wächst  der  Ertrag  nicht  mehr  entsprechend  dem  Mehraufwand.“
        <pb n="54" />
        45

Indem  wir  mm  die  Tatsache*)  des  Sinkens  der  Arbeitsproduktivität ­
  bei  sukzessiven  Aufwänden  von  Arbeit  auf  demselben
Boden  konstatieren,  haben  wir  auch  eine  der  Bedingungen
der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  des  Menschen  angegeben.  An  und
für  sich  ändert  diese  Tatsache  die  Wirtschaft  nicht,  aber  sie
zwingt  die  menschliche  Gesellschaft  zur  Änderung  des  Wirtschaftssystems, ­
  da  man  damit  rechnen  muß.  Die  Zunahme  der
Bevölkerung  erlangt  erst  in  Verbindung  damit  zur  Zeit  der
Naturalwirtschaft  eine  gewaltige  Bedeutung  für  die  Entwicklung
der  Agrikultursysteme.  Unter  dem  Drucke  der  Bevölkerungszunahme ­
  und  des  Sinkens  der  Arbeitsproduktivität  bei  neuen
Arbeitsaufwänden  ging  die  Bevölkerung  zu  neuen,  intensiveren
Wirtschaftsformen  über.  Dies  war  indes  nur  möglich,  wenn  sich
die  Produktivkräfte  —  dieser  Hauptfaktor  des  wirtschaftlichen
Fortschrittes  —  entwickelten.  Im  anderen  Falle  hätte  eine  Änderung ­
  der  Wirtschaftsformen  und  eine  Vermehrung  der  Bevölkerung ­
  nicht  stattfinden  können.  Der  Bevölkerungsüberschuß
würde  dann  aussterben  und  der  Übergang  zur  immer  intensiveren
Kultur  würde  aufgehalten  werden.

Nach  allem  Gesagten  tritt  auch  die  Bedeutung  der  Einteilung
in  Wirtschaftsstufen  hervor,  die  von  List  ihre  genaueste  Formulierung ­
  erhielt.  List  teilte  bekanntlich  die  wirtschaftliche  Entwicklung ­
  in  fünf  Perioden  ein,  und  zwar  in  der  Periode  der  Jagd
und  Fischerei,  der  Viehzucht,  des  Ackerbaues,  des  Ackerbaues  in
Verbindung  mit  Gewerbebetrieb,  des  Ackerbaues  in  Verbindung
mit  Gewerbe-  und  Handelsbetrieb.
Es  ist  klar,  daß  hier  eine  Verwechslung  der  Systeme  der
Wirtschaft  mit  deren  Organisation  vorliegt.  Die  Wirtschaftssysteme, ­
  Jagd,  Viehzucht  und  Ackerbau,  hängen  von  der
Bevölkerungsdichte  ab  und  erweisen  sich  als  Resultat  des  Sinkens ­
  der  Arbeitsproduktivität  bei  sukzessiven  Arbeitsaufwänden.
*)  Es  ist  eine  Tatsache,  keineswegs  aber  ein  Gesetz,  weil  eine
neue  Erfindung  denkbar  ist,  die  die  weiteren  Aufwände  von  Arbeit  produktiver ­
  machen  wird.  Dann  würde  auch  die  extensive  Kultur  ganz
verschwinden.
        <pb n="55" />
        V

46

Dagegen  erweist  sich  die  Entwicklung  der  Wirtschaftsorganisation, ­
  die  Verwandlung  der  isolierten  Wirtschaften  in  Gemeinde-,
dann  in  Gebiets-  und  schließlich  in  Volkswirtschaftsorganisationen ­
  als  Resultat  der  historischen  Entwicklung  der  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse,  der  Entwicklung  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte. ­

Die  Listsche  Einteilung  in  Wirtschaftsstufen  ist  von  den  Ökonomisten ­
  als  ungenügend  auf  gegeben  worden,  da  sie  keinen  richtigen ­
  Begriff  von  der  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  gibt.  Eine
Charakteristik  der  Wirtschaftssysteme  und  die  Erklärung  ihrer
Entstehung  ist  aber  von  großer  Bedeutung  für  das  Verständnis
der  Evolution  der  Volkswirtschaft;  nur  wenn  wir  den  Wechsel
der  Wirtschaftssysteme  im  Auge  haben,  können  wir  uns  den  Einfluß ­
  der  Bevölkerungszunahme  und  des  Sinkens  der  Arbeitsproduktivität ­
  bei  sukzessiven  Arbeitsaufwänden  auf  die  Volkswirtschaft ­
  klarmachen.  Zur  Zeit  der  Naturalwirtschaft  hatten  die
Bevölkerungsvermehrung  und  die  Art  und  Weise,  wie  die  Nahrungsmittel ­
  gewonnen  wurden,  eine  besonders  große  Bedeutung,
weil  sie  auch  die  Organisation  der  Produktivkräfte  bestimmten.
Die  Art  und  Weise,  wie  die  Nahrungsmittel  gewonnen  werden,
wird  aber  ihrerseits  durch  das  Wirtschaftssystem  bestimmt,  dessen ­
  Änderung  unter  dem  Einfluß  der  Bevölkerungszunahme  vor
sich  geht.
        <pb n="56" />
        Zweites  Kapitel.
Der  Beginn  der  A  r  b  e  i  t  s  a  u  s  b  e  u  t  u  n  g  und  die
Entwicklung  der  Produktivkräfte.
1.
Schon  auf  den  ersten  Stufen  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
ist  eine  gewisse  Arbeitsteilung  notwendig.  Uber  die  Gemeinde  erhebt ­
  sich  der  erfahrene  Organisator  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit. ­
  Gewöhnlich  ist  es  der  Älteste  des  Geschlechts.  Die  feindlichen ­
  Zusammenstöße  der  Stämme  untereinander  führten  ferner
zur  Bildung  einer  speziellen  Kriegerorganisation,  an  deren  Spitze
wiederum  gewöhnlich  der  Stammesälteste  stand.
Wie  es  scheint,  hat  die  Viehzähmung  die  Produktivität  der
Arbeit  so  erhöht,  daß  die  Ausbeutung  der  Arbeit  der  Kriegsgefangenen ­
  vorteilhaft  wurde.  Unter  dem  Einfluß  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  werden  die  Kriege  mit  der  Zeit  nicht  nur  ein  Mittel,
das  Territorium  auszudehnen,  sondern  auch  ein  Mittel  zur  Bereicherung ­
  durch  Unterjochung  und  Beraubung  der  anderen
Stämme.  Besonders  vorteilhaft  waren  sie  für  die  Häuptlinge,
denen  ein  um  so  größerer  Teil  der  Beute  zufiel,  je  fester  ihre
Stellung  als  Kriegsanführer  wurde.
Da  bei  den  Hirtenvölkern  das  Bestreben,  ihr  Territorium  auszudehnen, ­
  am  stärksten  war,  weil  ihr  Wohlstand  direkt  vom
Umfang  ihres  Landes  abhängt,  so  waren  die  Hirtenvölker  besonders ­
  kriegerisch  und  beunruhigten  stets  die  benachbarten  Länder.
Im  Laufe  der  Zeit  ergaben  sich  an  verschiedenen  Stellen  Ansiedlungen ­
  mit  verschiedener  Bevölkerungsdichte.  Während  an
einem  Orte  die  Bevölkerung  zum  Ackerbau  übergegangen  war,
trieb  sie  an  einem  anderen  noch  lange  reine  Viehzuchtwirtschaft.
So  kamen  Zusammenstöße  auch  unter  den  früher  verwandten
Stämmen  vor,  die  aber  auf  verschiedenen  Entwicklungsstufen
standen.
        <pb n="57" />
        48

Die  Kriege  der  Stämme  untereinander  hatten  indes  nicht  bloß
die  erwähnten  Folgen;  sie  führten  auch  zum  Austausch  verschiedener ­
  Erzeugnisse,  wenn  es  unmöglich  war,  die  gewünschten
Produkte  gewaltsam  zu  erhalten.  Der  Warenaustausch  entwickelte ­
  sich,  wie  die  Geschichte  lehrt,  aus  dem  Raub  und  dem
Austausch  von  Geschenken.  Nur  allmählich  nimmt  er  eine  regelmäßige ­
  Form  an,  wobei  er  entweder  direkt  durch  die  Ältesten,
Kriegsanführer  und  Könige,  oder  unter  ihrer  Kontrolle  betrieben
wurde.
Wir  können  hier  die  Evolution  des  Handels  nicht  näher  betrachten: ­
  das  gehört  in  die  Geschichte  und  nicht  in  eine  theoretische ­
  Untersuchung  über  die  Volkswirtschaft.  Uns  interessiert
bloß  die  Frage,  wodurch  der  Austausch  reguliert  wurde  und  wie
er  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  beeinflußt  hat.  Gleichzeitig ­
  mit  dem  durch  die  Arbeitsteilung  innerhalb  der  Gemeinde
verursachten  Austausch  von  Produkten  zwischen  den  Stammesverwandten, ­
  die  noch  keine  Waren  sind,  gab  es  auch  schon  einen
Warenaustausch  unter  den  Stämmen,  der  sich  als  Folge  der
Verschiedenheit  der  Naturverhältnisse  sowie  der  technischen
und  Kulturentwicklung  einzelner  Völker  entwickelt  hatte.  Besonders ­
  aber  förderte  den  Handel  die  entstehende  Herrschaftsorganisation ­
  und  hauptsächlich  die  Sklavenarbeit,  da  sie  einen
Überfluß  an  Waren  schuf.
Der  Charakter  der  Ausbeutung  der  Sklaven  sowie  anderer
Menschen,  die  sich  in  irgend  welcher  Abhängigkeit  befinden,  wird
durch  das  Wirtschaftssystem  bedingt,  das  aber  seinerseits  von
dem  Grad  der  Bevölkerungsdichte  abhängt.
Bei  einer  dünnen  Bevölkerung  gewährt  das  Eigentumsrecht  an
Grund  und  Boden  noch  keine  Möglichkeit,  die  anderen  Menschen
auszubeuten,  weil  der  Bodenreichtum  die  Monopolisierung  des
Grundeigentums  verhindert.  Die  Nomadenvölker  kennen  das
Institut  des  persönlichen  Grundeigentums  noch  nicht,  obgleich  sie
schon  Sklaven  besitzen  und  die  unterworfenen  Stämme  ausbeuten.
  In  Altrussland  kamen  Grundeigentümer  zuerst  zur  Zeit
der  Herrschaft  der  Kiewer  Fürsten  vor,  aber  der  Boden  diente
noch  nicht  als  Mittel,  die  anderen  für  sich  arbeiten  zu  lassen,  ob-
        <pb n="58" />
        49

gleich  die  Sklaverei  schon  weit  verbreitet  war  und  die  Fürsten
ganze  Dörfer  besaßen,  wo  die  Sklaven  für  sie  arbeiteten.  Wo  die
Bevölkerung  noch  dünn  war,  gründete  sich  die  Ausbeutung  ausschließlich ­
  auf  das  Eigentumsrecht  an  der  Person  des  Menschen.
Erst  mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung,  wenn  sie  gezwungen
wird,  zu  intensiverer  Kultur  überzugehen,  kann  die  Besitzergreifung ­
  des  Bodens  zur  Grundlage  für  die  Ausbeutung  der  ländlichen
Bevölkerung  werden  und  wird  dazu.  Wäre  die  intensive  Wirtschaft ­
  produktiver  als  die  extensive,  so  würde  die  Besitzergreifung
einzelner  Teile  der  Erdoberfläche  auch  noch  heute  kein  Mittel
sein,  die  Arbeit  anderer  auszubeuten.  Da  niemand  bestrebt  wäre,
seinen  Acker  auszudehnen,  so  würden  die  in  Privateigentum
übergegangenen  Äcker  einfach  unbearbeitet  bleiben.  Solange  der
Übergang  von  der  primitiven  FeldgraswirIschaft  („Nomaden^
ackerbau“)  zur  Dreifelderwirtschaft  (oder  zum  ansässigen  Ackerbau) ­
  andauerte,  war  es  nicht  der  Bodenbesitz,  sondern  das  Eigentum ­
  an  den  Produktionsmitteln,  das  die  Ausbeutung  der  ländlichen ­
  Bevölkerung  gestattete.
„In  allen  neuen  Ländern,“  sagt  Bagehot,  „mußten  alle  Freien
gleich  sein.  Jeder  hatte  zu  arbeiten,  und  jeder  besaß  auch
Land  .  .  .“  Es  gibt  eine  oft  zitierte  Geschichte  von  einem  reichen ­
  Engländer,  der  sich  mit  einem  Schiff  voll  Arbeiter  und
einer  Equipage  nach  Australien  begab.  Er  dachte,  die  Arbeiter
würden  für  ihn  ein  Haus  bauen  und  er  würde  ganz  wie  in  England ­
  in  seiner  Equipage  herum  fahren  können.  Aber  ...  er
mußte  in  seiner  Equipage  leben,  weil  seine  Arbeiter  ihn  verließen
und  für  sich  selbst  Arbeit  fanden.“  *)  „In  solchen  (dünn  bevölkerten ­
  P.  M.)  Ländern,“  fügt  Nieboehr  hinzu,  „muß  man  die  Leute
*)  Bagehot,  W.,  Physis  and  politics,  Newedition,  1896,  p.  p.  72  u.
73,  zitiert  bei  Nieboehr  a.  a.  O.  S.  300  bis  301.  „All  freemen  in  new
countries  must  he  pretty  equal;  every  one  has  labour,  and  every  one
has  land  .  .  .  There  is  a  story  often  told  of  a  great  English  capitalist
who  went  out  to  Australia  with  a  shipload  of  labourers  and  a  carriage;
his  plan  has  that  the  labourers  should  build  a  house  for  him,  and
that  he  would  keep  his  carriage,  just  as  in  England.  But  ...  he  had
try  to  live  in  his  carriage,  for  his  labourers  left  him,  and  went  away
to  work  for  themselves.“
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

4
        <pb n="59" />
        50

zwingen,  für  andere  zu  arbeiten,  d.  h.  man  muß  sie  in  Sklaven
verwandeln.“  Wir  haben  gesehen,  daß  es  noch  ein  Mittel  gab,
um  andere  auszubeuten:  das  Vor  schieß  en  von  Werkzeugen  und
anderen  Produktionsmitteln.  Die  Sklaverei  wie  auch  das  Darlehen ­
  werden  aber  überflüssig,*)  sobald  der  Ackerbauer  infolge
der  Bevölkerungszunahme  gezwungen  wird,  für  den  Grundbesitzer
zu  arbeiten,  um  ein  Stück  Land  bestellen  zu  können.  Übrigens
anerkennt  dies  auch  Nieboehr.  „Wenn  die  Bevölkerung  zunimmt,“
sagt  er,  „und  der  ganze  auch  ohne  Kapital  kultivierbare  Boden  in
Besitz  genommen  ist,  tritt  ein  ganz  anderer  Zustand  ein  .  .  .  Dem
Arbeiter  bleibt  nun  nichts  übrig,  als  bei  dem  Kapitalisten  zu  arbeiten ­
  und  zwar  für  den  Lohn,  den  der  Kapitalist  ihm  geben
will“  .  .  .  „Sobald  es  infolge  der  Bevölkerungszunahme  notwendig ­
  wurde,  Böden  geringerer  Qualität  als  die  zuerst  in  Anbau
genommenen  zu  bestellen,  erhielten  die  ersteren  alsbald  einen
gewissen  Wert.“  **)  Diese  letzte  Schlußfolgerung,  die  Nieboer
gleich  Ricardo  ***)  macht,  trifft  indes  nur  in  bezug  auf  die
moderne  kapitalistische  Wirtschaft  zu.  Während  der  Naturalwirtschaft ­
  gab  es  keine  kapitalistische  Rente,  und  die  ländliche
Bevölkerung  war  dennoch  gezwungen,  den  Grundbesitzern  einen

*)  Häufig  trifft  man  eine  sehr  oberflächliche  Erklärung  des  Übergangs ­
  von  der  Sklaverei  zur  Leibeigenschaft.  So  sagt  beispielsweise
A.  Buchenberger  (Grundzüge  der  Agrarpolitik,  Berlin  1897,  S.  7):  „Unter
Einwirkung  des  Christentums  milderte  sich  allmählich  dieses  ältere,
strengere  Recht,  und  es  bildete  sich  ein  Zustand  aus,  den  man  als
Hörigkeit,  Schollenpflichtigkeit,  Gutsuntertänigkeit  bezeichnet.“
**)  Nieboehr  a.  a.  O.  S.  308:  „When  population  increases,  and  all  land
that  can  be  cultivated  by  labour  without  the  aid  of  capital  had  been  appropriated, ­
  quite  another  state  of  things  prevails.  The  labourer  has  now
no  other  resource  but  to  sell  his  labour  to  the  capitalist  for  such
wages  as  the  latter  likes  to  give  ...,  When  a  further  increase  of  population ­
  makes  the  total  appropriation  of  the  land  possible,  the  mere
appropriation  of  the  land  possible,  the  mere  appropriation  of  it  by
the  capitalist  class  renders  the  labourers  for  ever  subjected“.
***)  Ricardo,  On  the  principles  of  political  economy  (London  1817);
„When  in  the  progress  of  society,  land  of  the  second  degree  of  fertility
is  taken  into  cultivation,  rent  immediately  commences  on  that  of  the
first  quality“  (S.  54).
        <pb n="60" />
        4

51

Teil  ihrer  Produkte  abzutreten,  und  geriet  sowohl  in  eine  wirtschaftliche, ­
  als  auch  in  eine  juristische  Abhängigkeit.
II.
Die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  zeigt  uns  sehr  deutlich,
daß  die  Wirtschaftssysteme  von  dem  Grad  der  Bevölkerungsdichte
abhängen:  die  Jäger-  und  Hirtenvölker  gingen  nicht  zum  Ackerbau ­
  über,  und  die  Ackerbauer  zogen  zuerst  eine  extensive  Kultur
vor,  nicht  etwa,  weil  sie  „unwissend“  waren,  sondern  weil  unter
den  gegebenen  technischen  Bedingungen  die  Arbeit  in  einer
extensiven  Wirtschaft  produktiver  war  als  in  einer  intensiven.
Das  trifft  nicht  nur  für  die  Vergangenheit,  sondern  auch  für  die
Gegenwart  zu:  auch  bei  hochentwickelter  Technik  wird  eine  um
so  extensivere  Wirtschaft  geführt,  je  dünner  die  Bevölkerung  ist.
Erst  infolge  der  Bevölkerungszunahme  mußte  man  zur  intensiveren ­
  Kultur  übergehen,  obgleich  die  Produktivität  der  Arbeit
dadurch  sank.  Erst  damit  wird  es  auch  den  Grundbesitzern  möglich, ­
  die  bäuerliche  Bevölkerung  durch  die  Besitzergreifung  des
Bodens  auszubeuten.  Früher  konnte  der  Bodenbesitz  diese  Rolle
nicht  spielen,  weil  Urjäger,  Hirten  und  Urackerbauer  fortwährend
von  einer  Stelle  nach  der  anderen  wänderten.  So  war  in
Altrußland  das  Mittel,  freie  Wehrleute  anzuwerben  nicht  der
Grundbesitz,  sondern  die  fahrende  Habe.  Erst  in  der  späteren
Zeit  suchten  die  freien  Wehrleute  und  Knechte  bei  den  Fürsten
um  „ein  kleines  Landgut“  nach.*)  Ebenso  waren  die  Beziehungen
der  „besseren“  Leute,  der  Grundbesitzer,  zu  den  Bauern  in  der
ersten  Periode  ganz  andere  als  später.  Das  einzige,  wodurch  die
ländliche  Bevölkerung  zu  dieser  Zeit  ausgebeutet  werden  konnte.

*)  Sjergievich,  Freie  und  Unfreie  Untertanen  der  Könige;  Kljutschewsky,
  Aufhebung  der  Knechtschaft,  u.  a.  Die  Abhängigkeit  der
Bauern,  die  sich  auf  das  Darlehen  stützte,  wird  von  einigen  Historikern
der  Tatarenherrschaft  zugeschrieben.  Das  trifft  indes  nicht  zu.  Nowgorod ­
  war  verhältnismäßig  unabhängig,  und  gerade  hier  blühten  diese
Abhängigkeitsverhältnisse,  in  denen  sich  die  Bauern  zu  ihren  Herren
befanden.  Folglich  waren  es  wirtschaftliche  Momente,  die  diese  Abhängigkeit ­
  verursachten.
        <pb n="61" />
        52

war  das  Darlehen.*)  In  der  Tat  diente  es  auch  den  Grundbesitzern ­
  als  Mittel,  die  Bauern  an  die  Scholle  zu  fesseln,  solange
die  Dreifelderwirtschaft  noch  nicht  entstanden  war.  Die  Bauern
besetzten  die  Ländereien  der  Gutsbesitzer  nicht  infolge  des
Bodenmangels,  sondern  infolge  des  Mangels  an  Produktionsmitteln. ­
  Ähnlich  war  es  in  Irland.
„These  the  Chiefs  appear  in  the  Brehon  law  as  perpetually
,giving  stock'  and  the  tribesmen  as  receiving  it.  The  remarkable
thing  is,  that  out  of  this  practice  grew,  not  only  the  familiar  incidents ­
  of  ownership,  such  as  the  right  torent  and  the  liability  to
pay  it,  together  with  some  other  incidents  less  pleasantly  familiar
to  the  student  of  Irish  history,  but,  above  and  besides  these,
nearly  all  the  wellknown  incidents  of  feudal  tenure.  It  is  by  taking ­
  stock  (Produktionsmittel  P.  M.)  that  the  free  Irish  tribesman
becomes  the  Geile  or  Kyle,  the  vassal  or  man  of  his  Chief,  owing
him  not  only  rent  but  service  and  homage  .  .  .“  (Henry  Sumner
Maine,  „Lectures  on  the  early  history  of  institutions“,  London
1875,  p.  157—158.)
Es  ist  dabei  interessant,  daß  die  allgemein  gebräuchliche  Rente
in  Irland  nur  eine  Abgabe  für  die  benutzten  Produktionsmittel
des  Herrn  darstellte.  (Ebenda,  S.  160.)
In  Westeuropa,  erzählt  Roscher,  war  „im  rohen  Mittelalter  der
Pachtschilling  meistens  so  gering,  daß  er  füglich  als  eine  bloße
Anerkennung  des  für  den  Grundherrn  fortdauernden  Eigentumsrechtes ­
  angesehen  werden  kann.“  —  Die  Hintersassen  der  großen
Landeigentümer  „stehen  um  so  abhängiger  da,  je  mehr  es
im  allgemeinen  noch  an  Kapital  (an  Produktionsmitteln. ­
  P.  M.)  und  Verkehr  mangelt.“  (Roscher,  „Grundlagen  der
Nationalökonomie“,  Stuttgart  1900,  Bd.  I,  §  155.)
Mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung  und  Umwandlung  des
Bodens  in  Privatbesitz  wurde  die  Bevölkerung  gezwungen,  zur
intensiveren  Kultur  überzugehen,  bei  der  die  Arbeitsproduktivität

*)  Nach  dem  Gesetzbuche  Jaroslaws  wohnten  die  „Gebundenen“
in  kleinen  Familien  und  arbeiteten  für  die  Grundherren.  Sowohl  den
Acker  des  Herrn  als  auch  den  ihrigen  bestellten  sie  mittels  des  Gutsinventars. ­
  Siehe  J.  Bjeljaew,  Die  Bauern  in  Altrußland,  Moskau  1879.
        <pb n="62" />
        —  53

III.

geringer  wurde.  Es  ist  aber  nicht  unbedingt  notwendig,  daß  der
Grund  und  Boden  Privatbesitz  wird,  damit  sich  eine  Grundrente
bilden  kann.  Die  indische  Dorfgemeinde  verwandelt  sich,  wenn
das  Verhältnis  zwischen  der  Anzahl  ihrer  Mitglieder  und  der  Bodenfläche ­
  einen  gewissen  Grad  erreicht  hat,  in  eine  geschlossene  Korporation, ­
  in  die  Außenstehende  nur  noch  gegen  Zahlung  einer
Rente  aufgenommen  werden.*)

Niemand  leugnet  heute  den  direkten  Zusammenhang  zwischen
dem  Wirtschaftssystem  und  der  Bevölkerungsdichte.  Es  genügt,
einen  Blick  auf  die  Weltkarte  zu  werfen  und  die  verschiedenen
Wirtschaftssysteme  mit  der  Bevölkerungsdichte  zu  vergleichen,  um
diesen  Zusammenhang  sofort  einzusehen.  Indes  werden  aus  dieser
Tatsache  nicht  die  logischen  Schlußfolgerungen  gezogen.  Dennoch ­
  ist  es  augenfällig,  daß  in  den  dünn  bevölkerten  Gegenden
nur  deshalb  keine  intensive  Wirtschaft  geführt  wird,  weil  die
Arbeit  dadurch  weniger  produktiv  wird.
Zur  Zeit  der  isolierten  und  Gemeindewirtschaft,  als  sämtliche
Produktionsmittel  in  der  eigenen  Wirtschaft  her  gestellt  wurden,
war  die  landwirtschaftliche  Technik  so  primitiv,  daß  sogar  die
äußerst  extensive  Kultur  wenig  produktiv  war  und  die  Bevölkerung ­
  sich  nur  mit  Not  ernähren  konnte.  Heute  können  die  dünn
bevölkerten  Gegenden  dank  der  extensiven  Wirtschaft  nicht  nur
sich  selbst,  sondern  auch  einen  gewaltigen  Teil  der  Stadtbevölkerung ­
  anderer  Länder  mit  Getreide  versorgen,  dagegen  hungerten
die  Bauern  häufig  in  der  isolierten  Wirtschaft.  Diese  Tatsache,
daß  die  Bauern  früherer  Zeiten  selbst  häufig  Mangel  an  Nahrungsmitteln ­
  litten,  macht  die  Volkswirte  irre,  die  die  heutige  intensive
Kultur  mit  den  modernen  Produktionsmitteln  mit  der  extensiven ­
  Kultur  der  isolierten,  Gemeinde-  und  Gebietswirtschaft  des
Altertums  oder  des  Mittelalters  vergleichen  und  die  geringe  Produktivität ­
  der  Arbeit  in  den  früheren  Zeiten  als  Folge  der  exten-*)
  H.  J.  Summer  Maine,  Village  Communities  in  the  East  and  West,
London  1876,  zitiert  nach  der  russischen  Ausgabe,  S.  106.
        <pb n="63" />
        54

siven  Kultur  erklären.  Es  ist  aber  doch  klar,  daß  man  nur
Wirtschaftssysteme  mit  gleicher  Produktionstechnik  untereinander ­
  vergleichen  kann.  Wie  wir  noch  sehen  werden,  ist  die
Arbeitsproduktivität  auch  in  den  heutigen  extensiven  Wirtschaften
bedeutend  höher  als  in  den  heutigen  intensiven  Wirtschaften.
Aus  der  Tatsache,  daß  die  Arbeit  in  der  extensiven  Kultur  bei
dem  gegebenen  Stand  der  Produktionstechnik  produktiver  ist,
folgt,  wie  wir  schon  ausgeführt  haben,  das  Bestreben  der  Bevölkerung, ­
  sich  zu  zerstreuen,  einen  immer  größeren  Teil  der  Erdoberfläche ­
  zu  besetzen.  Dieses  Bestreben  führt  nun  dazu,  daß
der  Grund  und  Boden  entweder  von  den  Ackerbauern  oder  von
den  privilegierten  Ständen  in  Besitz  genommen  wird.  So
entstehen  das  Grundeigentum  und  die  Grundrente  als  eine  Abgabe
für  die  Benutzung  des  „fremden“  Bodens.  In  der  Naturalwirtschaft ­
  wird  aber  die  Grundrente  weder  durch  die  Getreidepreise
noch  durch  den  Unterschied  in  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens
usw.  bestimmt,  sondern  vielmehr  durch  den  Grad  der  persönlichen ­
  Abhängigkeit  der  Bauern  von  den  Grundbesitzern.*)  Um
den  Teil  der  Produkte  zu  vergrößern,  den  die  Grundherren
von  den  Bauern  erhalten,  mußte  die  juristische  Abhängigkeit  der
letzteren  verstärkt  werden,  indem  man  sie  an  die  Scholle  fesselte,
in  Leibeigene  verwandelte.  „Die  Grundherren,“  sagt  Roscher
(a.  a.  O.),  „haben  im  Mittelalter  ihren  Einfluß  auf  die  Staatsgewalt ­
  dazu  benutzt,  durch  Leibeigenschaft  und  ähnliche  Einrichtungen ­
  den  Arbeitslohn  ...  zu  beschneiden,“  d.  h.  den  Anteil ­
  der  Ackerbauer  am  Produkt  zu  vermindern,  den  sich  Roscher
nur  in  der  Form  von  „Arbeitslohn“  vorstellen  kann,  da  er  die
mittelalterlichen  Verhältnisse  mit  den  heutigen  identifiziert.
Sombart  hat  unseres  Erachtens  recht,  wenn  er  die  Grundrente ­
  als  die  erste  Quelle  des  Reichtums  der  privilegierten  Klassen
darstellt.  Darunter  ist  aber  nicht  die  kapitalistische  Grundrente

•)  Nach  den  alten  Gesetzen  von  Irland  gab  es  drei  Kategorien  von
Grundrente:  die  höchste  Kategorie  wurde  von  Fremden  gezahlt;  die
gerechte  Rente  von  den  Stammesmitgliedern,  und  eine  dritte  nach  gegenseitiger ­
  Übereinkunft,  sowohl  von  Fremden  als  auch  von  Stammesmitgliedern. ­
  Maine,  a.  a.  O.  (russ.  Ausgabe),  S.  106.
        <pb n="64" />
        zu  verstehen,  die  der  Grundbesitzer  jetzt  erhält  und  deren  Höhe
in  bedeutendem  Maße  von  der  Marktlage,  den  Getreidepreisen
und  der  Konkurrenz  anderer  Länder  abhängt.  Es  handelt  sich
um  eine  Grundrente,  deren  Höhe  die  Bevölkerungsdichte  und  der
Grad  der  persönlichen  Abhängigkeit  der  Ackerbauer  von  den
Grundherren  bestimmten.  Diese  Art  von  Grundrente  entsteht
nun  nur  bei  einer  gewissen  Bevölkerungsdichte,  mit  dem  Übergang ­
  von  der  Feldgras-  zur  ansässigen  Dreifelderwirtschaft.*)
Bjeljaew  gibt  ganz  richtig  die  Ursache  der  Ausbeutung  der
Ackerbauer  in  dünn  bevölkerten  Gegenden  vor  dem  Übergang
zur  Dreifelderwirtschaft  an.  „Der  Bodenreichtum“,  sagt  er,  „und
die  Freiheit,  sich  soviel  davon  anzueignen,  wie  jeder  will,  schließen ­
  auf  den  ersten  Blick  die  Notwendigkeit  aus,  sich  auf  fremden ­
  Ländereien  niederzulassen  ...  In  der  Tat  hat  sich  aber
gerade  erwiesen,  daß  eben  dieser  Reichtum  an  freiem  Boden  eine
der  Ursachen  war,  die  die  Landleute  veranlaß  ten,  fremde  Ländereien ­
  zu  besetzen.  Will  man  jungfräulichen  Boden  bebauen,
so  muß  er  zuerst  gereinigt,  gerodet,  beackert,  dann  besät  werden.
Dazu  bedurfte  es  des  Arbeitsviehes,  der  Ackerwerkzeuge,  eines
Vorrates  an  Saat  und  Nahrung  bis  zur  nächsten  Ernte.  Kurz,  es
war  ein  Kapital  notwendig,  um  freien  Boden  zu  besetzen  .  .  .
Die  armen  Landleute  waren  somit  gezwungen,  den  Boden  der
reichen  zu  bestellen,  die  ihnen  Arbeitsvieh,  landwirtschaftliche
Werkzeuge,  ein  Haus  mit  allem  Zubehör  und  Nahrung  für  die
erste  Zeit  bis  zur  neuen  Ernte  gaben,  sowie  für  sie  die  öffentlichen
Abgaben  zahlten“  .  .  .**)  Wo  man  aber  infolge  der  Verdichtung

*)  In  Westeuropa  wird  die  Dreifelderwirtschaft  zuerst  im  Codex
Lauresham,  Ende  des  8.  Jahrhunderts,  erwähnt.  Um  diese  Zeit  beginnen ­
  die  freien  Bauern  zu  verschwinden.  In  Rußland  findet  der  Übergang ­
  zur  Dreifelderwirtschaft  vor  der  faktischen  Einführung  der  Leibeigenschaft ­
  statt.  Sowohl  in  Rußland  als  auch  in  Westeuropa  hat  somit
der  Übergang  zur  Dreifelderwirtschaft  die  Aufhebung  der  Sklaverei  und
Verwandlung  der  freien  Bauern  in  Leibeigne  zur  Folge.
**)  J.  Bjeljaew,  Die  Bauern  in  Altrußland,  S.  8.  „Die  Gebundenheit
der  Ackerleute  rührt  aus  dem  Schuldverhältnis  zwischen  ,Schmutzigen‘
und  Grundherrn  her.“  Prof.  Wladimirsky  Budanow,  Übersicht  über
die  Geschichte  des  russischen  Rechtes  (russ.),  S.  36.  Ebenso  J.  Engel-
        <pb n="65" />
        56

s»

Pr

I

der  Bevölkerung  zur  Dreifelderwirtschaft  übergegangen  war,  dort
bildete  sich  die  Hörigkeit  aus.  Auch  später,  während  in  den
dicht  bevölkerten  Gegenden  die  Leibeigenschaft  schon  blühte,
konnte  sie  dagegen  in  dünn  bevölkerten  Gebieten  nicht  aufkommen.
  Das  Gesetzbuch  Jaroslaws  kennt  nur  die  Abhängigkeit
infolge  des  Darlehens.  Dagegen  geht  aus  den  Pskower  Gesetzen
des  14.  bis  15.  Jahrhunderts  hervor,  daß  es  nicht  allein  der  Mangel ­
  an  Arbeitsmitteln  war,  was  die  Bauern  veranlaßte,  sich  auf
fremden  Ländereien  niederzulassen,  da  die  Bauern  häufig  eigenes
Inventar  besaßen.  Zu  dieser  Zeit  wirkte  schon  der  Mangel  an
freiem  Boden  .  .  .
So  war  es  zunächst  das  Darleihen  von  Produktionsmitteln,  das
die  Ausbeutung  der  Arbeit  zur  Zeit  der  Viehzucht-  und  extensiven ­
  Ackerbauwirtschaft  ermöglicht  hat,  eine  Ausbeutung,  die
sich  auf  den  „freien“  Vertrag  gründete.
Wenn  wir  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  den  Perioden
der  Jagd,  der  Viehzucht  und  des  Ackerbaues  vergleichen,  so  finden ­
  wir,  daß  man  in  der  Viehzuchtwirtschaft  mehr  Arbeit  auf
die  Herstellung  von  Produktionsmitteln  verwendet,  als  zur  Zeit
der  wilden  Jagd;  ebenso  fordert  der  Ackerbau  mehr  Produktionsmittel ­
  als  die  Viehzucht.  Die  Ausrüstung  des  UrJägers  ist  minimal; ­
  der  Viehzüchter  muß  schon  Vieh  halten,  das  er  nicht  sofort
verbrauchen  darf;  der  Ackerbauer  dagegen  ist  zur  Haltung  eines
Vorrats  von  Samen,  Getreide,  von  Produktionsmitteln  usw.  genötigt. ­
  Der  Übergang  zum  Ackerbau  fordert
also  gewissermaßen  die  Anhäufung  von  Produktionsmitteln, ­
  die  schon  notwendig  werden, ­
  um  existieren  zu  können.  Die  Unterjochung ­
  des  Schuldners  durch  die  Besitzer
dieser  Produktionsmittel  erscheint  als  Resultat ­
  dies  er  Verteilung  der  Produktivkräfte,
die  den  Übergang  zum  Ackerbau  ermöglichte.
Dagegen  fordert  der  Übergang  zur  intensiveren  Kultur,  zur

j

ti

mann.  Die  Leibeigenschaft  in  Rußland,  Leipzig  1884:  „Tatsächlich  übte
der  Grundherr  über  die  Bauern  eine  Herrschaft  aus,  eine  bedeutende
Macht,  da  der  Bauer  meistens  ¡ihm  verschuldet  war.“  S.  12—13  u.  19.
        <pb n="66" />
        57

Dreifelderwirtschaft  keine  besonderen  neuen  Produktionsmittel.
Dieser  Übergang  ruft  kein  Bedürfnis  nach  neuen  Produktionsmitteln ­
  hervor,  sondern  ist  selbst  eine  Folge  des  Mangels  an
Boden.  Im  15.  Jahrhundert  beginnt  in  Zentralrußland,  in  den
Gebieten  der  Flüsse  Oka  und  Wolga  und  im  Lande  Nowgorod,
wie  die  Grundbücher  beweisen,  die  Dreifelderwirtschaft  sich  zu
verbreiten.*)  Indes  ist  im  16.  Jahrhundert  die  faktisch  schon
herrschende  Hörigkeit  noch  nicht  gesetzlich  anerkannt.**)  Erst
dann,  als  die  Ausdehnung  des  russischen  Staates  in  der  Richtung
nach  Osten  die  Auswanderung  ermöglichte,  suchten  die
Grundbesitzer  die  Bauern  mittels  der  Staatsgewalt ­
  an  die  Scholle  zu  fesseln.  Beachtenswert  ist
dabei,  daß  man  mit  der  Abnahme  der  Bevölkerungsdichte, ­
  infolge  der  Kolonisation  von  neuen  Gegenden,  von
der  Dreifelderwirtschaft  zur  extensiven  Kultur ­
  zurückkehrte.  Diese  Tatsache  beweist  schlagend,  daß
die  extensive  Wirtschaft  produktiver  ist  als  die  intensive,  und  daß
die  Bevölkerung  zu  der  letzteren  nur  unter  dem  Zwang  der  Notwendigkeit, ­
  nur  infolge  des  Mangels  an  freiem  Boden  übergeht.
Die  Wirtschaftshistoriker  erklären  gewöhnlich  die  Umwandlung ­
  der  freien  Ackerbauer  in  Leibeigene  durch  politische
Momente  oder  gar  dadurch,  daß  die  Grundbesitzer  ihre  Interessen
erkannt  kätten.***)  Wir  haben  aber  soeben  gesehen,  daß  die  Hörigkeitsverhältnisse ­
  faktisch  früher  existierten  als  sie  gesetzlich  festgelegt ­
  wurden,  als  ob  die  Bevölkerung  sich  selbst  freiwillig  der
Unterjochung  unterworfen  hätte.  Wir  haben  auch  die  Ursache
schon  kennen  gelernt,  die  diese  Hörigkeitsverhältnisse  hervorrief: ­
  das  Darleihen  von  Produktionsmitteln.  Die
Stellung  der  Schuldner  nähert  sich  damit  der  Lage  der  Sklaven, ­
  und  die  Sklaverei  ihrerseits  wird  überflüssig,  weil  die  Grundbesitzer ­
  die  Arbeit  freier  Leute  mit  größerem  Erfolg  ausbeuten

*)  Roschkow,  Stadt  und  Land  in  der  russischen  Geschichte,
1902,  S.  27.
**)  Wladimirsky  Budanow,  a.  a.  O.,  S.  147.
***)  Siehe  beispielsweise  Inama  Sternegg,  Große  Grundherrschaften
in  Deutschland,  Leipzig  1878,  S.  73—74.
        <pb n="67" />
        58

können.  An  Stelle  der  Sklaverei  tritt  die  Leibeigenschaft;  gleichzeitig ­
  steigt  aber  auch  die  Abhängigkeit  der  früher  freien  Bevölkerung ­
  .  ,  .
Erst  später  trat  als  Resultat  der  politischen  Macht  der  Grundbesitzer ­
  das  Bestreben  der  freien  Bauern  auf,  die  einen  eigenen
Landanteil  besaßen,  sich  unter  den  Schutz  der  Großgrundbesitzer
zu  stellen  und  die  Abhängigkeit  von  ihnen  anzuerkennen.  Dieses
Bestreben  tritt  aber  in  einer  bestimmten  Periode  zutage,  nämlich
dann,  wenn  die  Leibeigenschaft  im  Entstehen  begriffen  ist.
Der  Mangel  an  freiem  Boden  führte  dazu,  daß  die  Bauern  auf
den  Ländereien  der  Grundbesitzer  sich  fest  niederließen,  und
schon  in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  stirbt  das  Recht
der  Bauern,  wegzuziehen,  von  selbst  ab,  ohne  jede  direkte  oder
indirekte  gesetzliche  Einmischung.*)  Wie  wir  schon  bemerkt
haben,  ergab  sich  im  16.  Jahrhundert  für  die  Bauern  die  Möglichkeit, ­
  auszuwandern.  Gleichzeitig  begann  aber  die  Gesetzgebung, ­
  das  Recht  der  Bauern  zur  Auswanderung  einzuschränken.**) ­

Im  15.  Jahrhundert  verbreitet  sich,  wie  erwähnt,  in  den  Gebieten ­
  der  Flüsse  Oka  und  Wolga  die  Dreifelderwirtschaft.  Gleichzeitig ­
  erhöht  sich  die  Ausbeutung  der  bäuerlichen  Arbeit.  „Zu
dem  Erfolg  der  Unterjochung  der  Bauern  hat  viel,  wennnicht
ammeisten,  die  Tatsache  beigetragen,  daß  die  Auswanderung
aus  dem  engen  Landstrich  zwischen  diesen  Flüssen  für  eine
Zeitlang  aufgehalten  wurde.“  ***)  Deshalb  existierte  die  persönliche ­
  Abhängigkeit  der  Bauern  von  den  Grundherren  de  facto
lange,  bevor  sie  de  jure  festgelegt  wurde.
*)  Kljutschewsky,  „Die  Entstehung  der  Leibeigenschaft  in  Rußland“,
zitiert  nach  dem  Artikel  von  Milukow,  „Die  Bauern“,  im  Enzyklopädischen
Wörterbuch  von  Brockhaus  und  Efron.  Die  Geschichtsschreiber  der
Leibeigenschaft  erklären  gewöhnlich  nicht,  weshalb  denn  die  Bauern
eben  in  einer  bestimmten  Epoche,  zur  Zeit  der  Entwicklung  der  Dreifelderwirtschaft, ­
  an  die  Scholle  gefesselt  werden.
**)  Wir  lassen  hier  die  Frage  unberührt,  auf  wen  sich  diese  Gesetze ­
  zuerst  bezogen  hatten:  auf  die  entlaufenen  Knechte  oder  auf  alle
Bauern  überhaupt.  Bezeichnend  ist  es  aber,  daß  diese  Gesetze  gerade
zu  dieser  Zeit  geschaffen  wurden.
•**)  Kljutschewsky,  Die  Bojarenduma,  4.  Auflage,  S.  308.
        <pb n="68" />
        59

Der  russische  Bauer  von  heute,  der  einen  Landanteil  von  fünf
Deßjätinen  besitzt,  zieht  es  vor,  noch  einige  Deßjätinen  zu  pachten ­
  und,  statt  neue  Aufwände  auf  seinem  eigenen  Boden  zu  machen,
einen  Teil  der  Produkte  dem  Grundeigentümer  abzutreten.  Eben
weil  eine  intensivere  Wirtschaft  weniger  produktiv  wäre,  strebt  er
danach,  seinen  Acker  möglichst  auszudehnen.  Nebenbei,  warum
erklären  die  Theoretiker,  die  die  Tatsache  des  Sinkens  der  Produktivität ­
  bei  sukzessiven  Arbeitsaufwänden  bestreiten,  die  doch
allbekannte  Tatsache  nicht,  daß  die  Bauern,  statt  auf  ihren  eigenen ­
  Anteilen  neue  Aufwände  zu  machen,  es  vorziehen,  bei  den
Grundbesitzern  Land  zu  pachten?  Der  Hinweis  auf  die  Unwissenheit ­
  der  Bauern  ist  mindestens  lächerlich,  da  die  Menschheit
überall  unter  gleichen  Umständen  das  gleiche  tut.
IV.
Die  Organisation  der  Herrschaft,  die  in  der  Inbesitznahme  des
Bodens  begründet  ist,  gewährt  die  Möglichkeit,  die  Volksmasse
auszubeuten.  Die  Expropriation  eines  bedeutenden  Teiles  der
Produkte  der  Dorfgemeinde  verursacht  aber  eine  bedeutende
Änderung  in  der  Verteilung  der  Produktivkräfte  der  Volkswirtschaft. ­
  Ob  diese  Produkte  in  der  Form  eines  Tributs,  einer
Steuer  oder  einer  Rente  für  die  Benutzung  des  Bodens  enteignet
werden,  auf  jeden  Fall  wird  dieser  Teil  der  Produkte  nicht  mehr
in  der  Gemeinde  verzehrt,  sondern  häuft  sich  bei  der  herrschenden ­
  Klasse  an.  Dadurch  wird  es  ermöglicht,  nicht  bloß  Leute  zu
unterhalten,  die  sich  mit  keiner  produktiven  Arbeit  beschäftigen,
sondern  auch  die  Handwerker,  die  für  diese  arbeiten.
So  bildete  die  Dorfgemeinde  zusammen  mit  der  Wirtschaft
der  Gutsherren  ein  selbständiges  wirtschaftliches  Ganzes.  Die
Ausbeutungsformen  der  Naturalwirtschaften  sind  verschieden:
entweder  gibt  der  Bauer  einen  Teil  seiner  Produkte  an  den  Grundherrn ­
  ab,  oder  er  arbeitet  auf  dem  Gute  des  Herrn.  Das  Wirtschaftssystem ­
  des  „Gutes“,  d.  h.  der  Dorfgemeinde  und  des  Herrn,
stellt  aber  im  ganzen  genommen  einen  Typus  der  Gemeindewirtschaft ­
  dar,  auf  deren  Grundlage  das  Ganze  aufgebaut  ist.
Ähnlich  den  großen  Guts  wirtschaften  entwickelte  sich  im
        <pb n="69" />
        60

Altertum  die  Oikenwirtschaft  der  Großgrundbesitzer,  mit  unfreier
Arbeit.  Auf  den  ländlichen  Gütern  der  reichen  Römer  gab  es  unfreie ­
  Müller,  Köche,  Bäcker,  Schmiede,  Zimmerleute,  Ziegelbrenner, ­
  verschiedene  Weber,  Walker,  Schneider;  außerdem  in  deren
städtischen  Häusern:  außer  zahlreicher  Dienerschaft  noch  Färber,
Vergolder,  Zimmerleute,  Weber,  Bäcker,  Walker,  Schneider,
Schuhmacher,  Juweliere,  Goldschmiede,  Maurer,  Tischler,  Dachdecker, ­
  Spiegelmacher,  Zeitungsschreiber  usw.*)  Ebenso  treffen
wir  im  Mittelalter  große  Wirtschaften  an,  wie  beispielsweise  im
Kloster  von  St.  Gallen  des  8.  Jahrhunderts**).
In  einigen  Klöstern  des  12.  Jahrhunderts  gab  es  unter  anderen:
Köche,  Gerber,  Fleischer,  Weber,  Schuhmacher,  Kürschner,  Böttcher, ­
  Maler,  Bäcker  und  Schmiede.  Den  reichen  Großgrundbesitzern ­
  standen  also  verschiedenartige  Handwerker  zu  Diensten
und  sie  konnten  also  alle  ihre  Bedürfnisse  befriedigen.  Sogar  für
qualifizierte  Arbeit  gab  es  unter  den  Hausknechten  spezielle  Handwerker.***) ­
  Allmählich  beginnen  die  Handwerker  mit  der  Zunahme ­
  der  Spezialisierung  ihrer  Arbeit  sich  in  solchen  Punkten
(Städten)  zu  konzentrieren,  wo  sie  gleichzeitig  für  mehrere  Gemeinden ­
  und  Herren  arbeiten  können,  wobei  sie  ihre  Erzeugnisse
gegen  die  Produkte  der  Landwirtschaft  austauschen.  So  entsteht
die  Ray  on  Wirtschaft:  die  umliegenden  Dörfer  und  die  Stadt  sind
jetzt  miteinander  wirtschaftlich  verbunden,  wie  einst  einzelne
Dörfer  oder  Gemeinden.  Ein  großer  Teil  der  Bevölkerung  hat
sich  von  der  Landwirtschaft  losgerissen  und  beschäftigt  sich  entweder ­
  überhaupt  mit  keiner  produktiven  Arbeit  mehr,  oder  nur
mit  Gewerbearbeiten  und  Handel.  Die  Neueinteilung  der  Produktivkräfte ­
  äußert  sich  also  nicht  nur  in  der  Ausscheidung  des
Gewerbes  und  der  Abwanderung  der  Handwerker  nach  den
*)  Ed.  Meyer  hat  meiner  Ansicht  nach  recht,  wenn  er  mit  Rodbertus
im  Gegensatz  zu  Bücher  die  Oikenwirtschaft  nicht  als  isolierte  Naturalwirtschaft ­
  betrachtet.  Die  Griechen  und  Römer  kannten  schon  einen
entwickelten  Warentausch.  Siehe  Ed.  Meyer,  Die  wirtschaftliche  Entwicklung ­
  des  Altertums,  Jena  1895.
**)  Von  Inama-Sternegg,  Grosse  Grundherrschaften  in  Deutschland,
1848,  S.  78.
***)  Ebenda,  S.  79.
        <pb n="70" />
        61

Städten,  sondern  auch  in  relativer  Verminderung  der  ländlichen ­
  Bevölkerung.
Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  war  keineswegs  ein  Resultat ­
  des  technischen  Fortschritts  in  der  Landwirtschaft.  Selbstverständlich ­
  konnte  dieser  Austausch  von  landwirtschaftlichen
und  Gewerbeerzeugnissen  nur  auf  einer  gewissen  Stufe  der  technischen ­
  und  wirtschaftlichen  Entwicklung  stattfinden,  wo  die
ländliche  Wirtschaft  mehr  zu  produzieren  begann,  als  sie  zur
Unterhaltung  der  Familienmitglieder  brauchte.  Aber  die  Zunahme ­
  der  nichtländlichen  Bevölkerung,  die  Entstehung  der
Städte,  war  eine  Folge  der  Steigerung  der  Produktivkräfte  dank
der  Verdichtung  der  Bevölkerung.  Die  Zunahme  der  Bevölkerungsdichte ­
  ermöglichte  den  Grundbesitzern,  einen  Teil  der  Produkte ­
  den  Bauern  abzunehmen.  Die  Bauern  waren  somit  gezwungen, ­
  mehr  zu  produzieren,  als  sie  zum  eigenen  Unterhalt
haben  mußten.  Die  Produktion  von  landwirtschaftlichen  Erzeugnissen ­
  wurde  gesteigert  nicht  infolge  des  technischen  Fortschrittes,
sondern  infolge  erhöhter  Arbeitsauf  wände  der  ländlichen  Bevölkerung. ­
  So  produzierten  die  freien  Bauern  der  Grenzgebiete
Russlands  nur  soviel,  wie  sie  für  den  eigenen  Unterhalt  notwendig
brauchten,  während  die  Leibeignen  des  Zentralrayons  drei  Tage
in  der  Woche  für  den  Herrn  arbeiten  mußten  und  folglich  auch
für  sich  bloß  drei  Tage  arbeiten  konnten.  Der  freie  Bauer  strengte
sich  somit  nicht  so  an,  arbeitete  nicht  so  lange,  während  der  Leibeigne ­
  mehr  produzieren  mußte,  obgleich  die  landwirtschaftliche
Technik  bei  beiden  gleich  war.  Folglich  ist  die  Verteilung  der
Produktivkräfte  zwischen  Industrie  und  Landwirtschaft  nicht  infolge ­
  der  Entwicklung  der  Technik,  sondern  der  der  Produktivkräfte ­
  vor  sich  gegangen,  die  durch  die  Verdichtung  der  Bevölkerung ­
  hervorgerufen  wurde.
Als  Resultat  der  schon  entstandenen  Gewerbe  erschien  der
technische  Fortschritt,  weil  die  Spezialisierung  der  Arbeit  der
Handwerker  zur  Vervollkommnung  der  Arbeitsmethoden,  der
Produktionsmittel,  sowie  zur  weiteren  Arbeitsteilung  führte,  die
schließlich  auf  die  Stufe  gelangen  konnte,  wie  in  der  Manufaktur,
wo  die  Erfindung  von  Maschinen  möglich  wurde.  Die  Bildung
        <pb n="71" />
        62

der  (nicht-kapitalistischen)  Grundrente,  die  sich  auf  die  Inbesitznahme ­
  von  Grund  und  Boden  durch  Privatpersonen  gründete, ­
  schuf  im  Mittelalter  die  Grundlage  der  Ausbeutung  einer
sozialen  Klasse  durch  die  andere.  Die  Verwandlung  des  Grundbesitzes ­
  in  eine  Einnahmequelle  führte  aber  zur  Bildung  der  mittelalterlichen ­
  Einrichtung  der  Rentenübertragung,  die  darin  bestand, ­
  daß  der  Grundbesitzer  für  eine  Geldsumme  die  Einnahmen
veräußerte,  die  er  aus  dem  Boden  erhielt.  So  gewinnt  das  Geldkapital ­
  die  Eigenschaft,  einen  Ertrag  zu  liefern,  weil  man  mit  Geld
eine  Einnahmequelle,  fremde  Arbeit  sich  kaufen  konnte.
        <pb n="72" />
        Drittes  Kapitel.
Die  Neueinteilung  der  Produktivkräfte  infolge ­
  der  Änderung  der  Wirtschaftssysteme.
I.
Die  Organisation  der  Produktivkräfte  in  einer  isolierten  Wirtschaft ­
  wird  durch  die  Grenzen  der  Familie  —  der  Sippschaft  oder
des  Stammes  —  beschränkt.  Die  Familie  kann  entweder  Jagd,  oder
Viehzucht,  oder  Ackerbau,  oder  Viehzucht  vereinigt  mit  Ackerbau,
oder  Jagd  vereinigt  mit  Ackerbau  usw.,  betreiben,  je  nachdem,
welche  Produktionsart  überwiegt.  Von  dem  Wirtschaftssystem  hängt
aber  in  der  isolierten  Wirtschaft  die  Organisation  und  der  Umfang
der  Produktivkräfte  ab,  die  jede  Familie  für  die  Gewinnung  von
Produktions-  und  Nahrungsmitteln  aufwenden  kann.  Das  Wirtschaftssystem ­
  bestimmt  auch  die  Arbeitsteilung  innerhalb  der
Familie,  zwischen  Mann,  Frau  und  den  übrigen  Familienmitgliedern. ­
  Die  Art  der  Arbeitsteilung  bedingt  ihrerseits  die  Formen
der  Familie,  das  Verhältnis  zwischen  den  einzelnen  Familienmitgliedern ­
  usw.*)
Wodurch  aber  das  Wirtschaftssystem  unter  den  gegebenen
geographischen  Naturverhältnissen  bestimmt  wird,  das  ist  der
Grad  der  Bevölkerungsdichte.
Es  wurde  schon  darauf  hingewiesen,  daß  ein  und  dasselbe
Wirtschaftssystem  bei  verschiedener  Technik  existieren  kann.
Der  technische  Fortschritt  erscheint  aber  hier  als  die  Haupt-•)
  Die  Rolle  des  Mannes  und  die  der  Frau  in  der  Familie,  wie
überhaupt  die  Form  der  Familie  steht  in  engem  Zusammenhang  mit
dem  Wirtschaftssystem,  genauer  gesprochen,  mit  der  Organisation  der
Produktivkräfte,  die,  wie  wir  noch  sehen  werden,  unter  verschiedenen
Wirtschaftssystemen  verschieden  ist.
        <pb n="73" />
        64

bedingung  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte,  obgleich  andererseits ­
  die  Zunahme  der  Bevölkerung,  infolge  deren  das  Wirtschaftssystem ­
  geändert  wird,  nicht  nur  auf  die  Produktionsmethoden, ­
  sondern  auch  auf  die  Technik  einwirkt.
Die  Paläontologie  gestattet  uns  jetzt,  die  Entwicklung  der
Technik  in  der  Urzeit  und  des  Gewerbes  seit  seinem  Entstehen
zu  verfolgen.  Der  Charakter  der  Werkzeuge  und  Waffen  des
Menschen  bestimmt  die  Art,  wie  der  Mensch  seine  Bedürfnisse  befriedigt. ­
  Dagegen  wird  durch  die  geographischen  Natur  Verhältnisse ­
  und  den  Grad  der  Bevölkerungsdichte  nur  die  Kategorie  der
zu  gewinnenden  Produkte  bedingt.  In  der  Nähe  von  Flüssen
herrscht  die  Fischerei,  in  den  Wäldern  die  Jagd  vor  usw.  Gabriel
de  Mortillet  (Le  Préhistorique,  Paris  1883)  teilt  die  Steinzeit  in
vier  Hauptperioden  der  technischen  Entwicklung  ein:  1.  Pierre
taillé,  durch  einfache  Schläge  verfertigt;  2.  Pierre  retouchée, ­
  auf  doppelte  Weise  bearbeitet;  3.  Pierre  polie,  mittels ­
  eines  Druckes  zubereitet  und  schließlich  4.  Os  et  bois.
Mit  der  Technik  ändert  sich  auch  das  Gewerbe  des  Menschen.
In  der  ersten  Periode  lebte  der  Mensch  wahrscheinlich  ganz  nackt
und  hatte  nichts  außer  einem  roh  bearbeiteten  Stein  (coup  de
poing).  In  den  folgenden  Perioden  waren  seine  Werkzeuge  schon
mannigfaltiger;  er  besitzt  schon  Werkzeuge,  mittels  deren  er  die
Haut  der  Tiere  abzieht  und  reinigt,  um  sie  dann  als  Kleid  zu  benutzen. ­
  In  der  letzten  Periode  bedient  sich  der  Mensch  schon  der
Nadel;  überhaupt  weisen  die  mannigfachen  Werkzeuge  bereits
aus  dieser  Zeit  auf  bedeutend  gesteigerte  und  vervielfachte  Bedürfnisse ­
  hin.  Obgleich  der  Mensch  während  der  ganzen  Steinzeit ­
  Jäger  oder  Fischer  ist,  so  geht  doch  bei  dem  gleichen  Wirtschafts ­
  system  mit  dem  technischen  Fortschritt  eine  bedeutende
wirtschaftliche  Entwicklung  vor  sich:  nicht  nur  verschiedene
Werkzeuge  und  Schmucksachen  werden  hergestellt,  sondern  es
findet  auch  ein  Austausch  der  Steinwerkzeuge  und  sogar  der  aus
der  Ferne  kommenden  Schmucksachen  statt.  Einige  Ethnologen
glauben  allerdings,  daß  die  Verbreitung  gewisser  Werkzeuge  durch
die  Wanderung  des  Urmenschen  zu  erklären  ist,  der  den  wilden
Hirschen  und  Pferden  folgte.  Wie  dem  aber  auch  sei,  eins  steht
        <pb n="74" />
        —  65  —

fest,  daß  der  Mensch  in  den  letzten  Perioden  der  Steinzeit  viel
Arbeit,  nicht  bloß  auf  unmittelbare  Nahrungsgewinnung,  sondern
auch  auf  die  Produktion  von  Werkzeugen  und  Gewerbegegenständen ­
  verwendete.  Dennoch  wurde  die  Arbeitsorganisation
ausschließlich  durch  die  Art  der  Nahrungsgewinnung  bestimmt.
Auch  der  weitere  technische  Fortschritt,  der  Übergang  zu
Bronze-  und  Eisenstoffen,  bringt  keine  Änderung  im  Wirtschaftssystem. ­
  Erst  mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung  steigt  die  Bedeutung ­
  der  Viehzucht  oder  des  Ackerbaues,  findet  eine  Änderung
der  Arbeitsform  statt.  Die  Viehzuchtwirtschaft  unterscheidet  sich
schon  sehr  bedeutend  von  der  Jagdwirtschaft,  während  die  Jagdwirtschaft ­
  der  Steinzeit  und  die  der  Bronzezeit,  ja  sogar  die  mit
Feuerwaffen,  nach  ihrer  Arbeitsorganisation  und  Verteilung  der
Produktivkräfte  einen  und  denselben  Typus  darstellen.
II.
Wollen  wir  die  Wirtschaft  eines  Jägers  oder  Fischers,  ganz
gleich  ob  es  sich  um  die  eines  ürJägers  mit  primitiven  Werkzeugen ­
  oder  um  die  eines  modernen  Jägers  mit  vervollkommneten
Waffen  handelt,  mit  der  Wirtschaft  eines  Hirten  der  Steppengebiete ­
  (eines  Kirgisen  oder  Yankes  des  fernen  Westens)  vergleichen, ­
  so  werden  wir  einen  bedeutenden  Unterschied  finden.
—  Die  wirtschaftlichen  Aufwände  des  Jägers  oder
Fischers  bestehen  bloß  in  der  Herstellung  von  Werkzeugen,  die
die  Jagd  oder  Fischerei  erfordert.  Alles  übrige  wird  sofort  verbraucht.*) ­
  Der  Arbeitsaufwand,  der  zur  Herstellung  von  Werkzeugen ­
  notwendig  ist,  bleibt  ganz  unbedeutend  im  Vergleich  mit
dem,  den  die  Gewinnung  von  Nahrungsmitteln  fordert.  In  einer
Viehzuchtwirtschaft  findet  schon  eine  andere  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  statt:  ein  bedeutender  Teil  der  Arbeit  wird  nunmehr

*)  In  der  wilden  Jagdwirtschaft  „schafft  und  besitzt  man  nicht
mehr  als  das  Unentbehrliche;  alles  andere  würde  für  diese  ruhelosen
Wanderer  ja  auch  nur  eine  Last  sein.  Ein  jeder  von  ihnen  kann  mit
jenem  alten  Philosophen  sagen:  ,Omnia  mea  mecum  porto';  und  er
trägt  wahrlich  nicht  schwer  daran.“  (E.  Grosse,  Die  Formen  der  Familie
und  die  Formen  der  Wirtschaft,  Freiburg  und  Leipzig  1896,  S.  38.)
Mas  slow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.  5
        <pb n="75" />
        66

nicht  für  die  Befriedigung  der  persönlichen,  sondern  für  die  der
wirtschaftlichen  Bedürfnisse  aufgewendet.  Der  Hirt  hat
nicht  nur  für  seine  Nahrung,  sondern  auch  für  die  seines  Viehes
zu  sorgen.  Mit  anderen  Worten,  um  sich  Nahrungsmittel  zu  verschaffen, ­
  muß  er  zuerst  sein  Vieh  füttern.  Zwar  braucht  er  noch
nicht  selbst  das  Futter  zu  pflanzen;  aber  er  muß  das  Vieh  herantreiben, ­
  hüten  usw.  Kurz,  die  Viehzuchtwirtschaft  weist  eine
andere  Verteilung  der  Produktivkräfte  auf  als  die  Jagdwirtschaft.
Vergleichen  wir  nun  die  Organisation  der  Produktivkräfte  in
der  Viehzucht  und  in  der  Ackerbauwirtschaft,  so  finden  wir,  daß
der  Ackerbauer  noch  mehr  Arbeit  für  die  Befriedigung  der  wirtschaftlichen ­
  Bedürfnisse  aufwendet  als  der  Hirt.  Die  Befriedigung ­
  der  persönlichen  Bedürfnisse  beansprucht  einen  verhältnismäßig ­
  geringen  Teil  der  gesamten  Wirtschaftsarbeit.  Die  wirtschaftlichen ­
  Ausgaben  der  Ackerbaufamilien  machen  44  Proz,
des  Budgets  aus,  während  sich  die  wirtschaftlichen  Ausgaben  bei
den  Kirgisen  auf  25  Proz.  des  Gesamtbudgets  stellen.*)  Die  persönlichen ­
  Bedürfnisse  der  Bauern  sind  viel  mannigfaltiger  als  die
der  Kirgisen.  Dennoch  machen  bei  den  letzteren  die  persönlichen
Bedürfnisse  einen  bedeutenderen  Teil  des  Gesamtbudgets  aus  als
bei  den  Bauern.
Die  angeführten  Angaben  über  die  Haushaltungen  der  Bauern
und  Kirgisen  beziehen  sich  allerdings  auf  die  Geldwirtschaft  der
Hirten  und  Ackerbauer.  Dennoch  können  wir  dieselben  Schlußfolgerungen ­
  auch  in  bezug  auf  deren  Naturalwirtschaft  machen.
Denn  zwischen  diesen  beiden  Wirtschaftsformen  besteht  ein
Unterschied  bloß  darin,  daß  in  der  Naturalwirtschaft  die  Gegenstände ­
  des  persönlichen  wie  des  wirtschaftlichen  Konsums  unmittelbar ­
  in  der  Wirtschaft  gewonnen  werden,  während  in  der
Geldwirtschaft  auch  solche  Produkte  erzeugt  werden  können,  die
gegen  Nahrungs-  oder  Produktionsmittel  ausgetauscht  werden.
*)  F.  Tscherbina,  Die  bäuerlichen  Budgets  russ.,  1900,  S.  146.  Die  von
Tscherbina  angeführten  Budgets  der  Kirgisen  können  nur  als  Illustration ­
  dienen.  Leider  ist  überhaupt  die  Bearbeitung  der  Budgets  der  Privatwirtschaften ­
  sehr  mangelhaft,  obgleich  sie  eine  gewaltige  Bedeutung^
für  die  Volkswirtschaft  haben.
        <pb n="76" />
        67

Wenn  eine  Familie  mit  Naturalwirtschaft  einen  Schlitten  braucht,
so  verfertigt  sie  ihn  selbst;  bei  der  Geld  Wirtschaft  kann  sie  einen
Schlitten  im  Austausch  gegen  Getreide  erhalten.  Die  Verteilung
der  Produktivkräfte  ist  daher  während  der  Naturalwirtschaft  eine
andere  als  während  der  Geldwirtschaft,  aber  in  beiden  Fällen
werden  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  durch  einen  gleichen  Teil
des  Budgets  gedeckt.  So  können  wir  wohl  annehmen,  daß  in
einer  Viehzuchtwirtschaft  durchschnittlich  ein  Viertel  der  Produktivkräfte ­
  für  die  Deckung  der  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  notwendig ­
  ist,  drei  Viertel  dagegen,  um  die  persönlichen  Bedürfnisse
befriedigen  zu  können.  In  einer  Ackerbauwirtschaft  erfordern
die  Gegenstände  des  persönlichen  Bedarfs  nur  ebensoviel  Produktivkräfte ­
  wie  die  des  wirtschaftlichen  Konsums.
III.
Wir  haben  soeben  die  Durchschnittstypen  der  Viehzuchtwirtschaft ­
  und  der  Ackerbauwirtschaft  verglichen.  Die  einzelnen
Wirtschaften  weichen  aber  von  dem  Durchschnittstypus  je  nach
der  Zahl  ihres  Viehes  oder  dem  Umfang  ihres  Bodens  bedeutend
ab.  In  den  Wirtschaften,  die  mehr  Vieh  oder  ein  grösseres  Ackerfeld ­
  haben,  nehmen  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  einen
größeren  Teil  der  Arbeitskräfte  in  Anspruch.  Umgekehrt  verringert ­
  sich  dieser  Teil,  wenn  die  Viehzahl  oder  der  Ackerboden
geringer  ist.  Dennoch  kann  die  Verteilung  der  Produktivkräfte
in  einer  Naturalwirtschaft  zwischen  der  Produktion  für  persönlichen ­
  und  der  für  den  wirtschaftlichen  Konsum  nur  wenig  von
dem  allgemeinen  Typus  abweichen.  Dies  erklärt  sich  folgendermaßen: ­

Da  die  wirtschaftenden  Subjekte  ihre  Bedürfnisse  nur  durch
Gegenstände  ihrer  eigenen  Wirtschaft  decken,  so  dürfen  sie  weder
zuviel  Arbeit  auf  die  Herstellung  von  Produktions-  noch  auf  die
von  Nahrungsmitteln  aufwenden.  Infolge  der  Beschränktheit  der
Arbeitskräfte  wird  jeder  unwirtschaftliche  Aufwand  für  die  Herstellung ­
  von  Produktionsmitteln  einen  Mangel  an  Nahrungsmitteln ­
  zur  Folge  haben.  Ebenso  wird  umgekehrt  eine  zu  starke
Inanspruchnahme  der  Produktivkräfte  zwecks  unmittelbarer  Be-5*
        <pb n="77" />
        68

friedigung  der  persönlichen  Bedürfnisse  eine  Einschränkung  der
Wirtschaft  und  schließlich  auch  der  persönlichen  Bedürfnisse
verursachen.
Dieser  Planmäßigkeit  in  der  Verwendung  der  Arbeitskräfte
muß  sich  jedes  wirtschaftende  Subjekt  unterwerfen,  und  so  ergibt
sich  eine  bestimmte  Verteilung  der  Produktivkräfte  unter  einzelne
Arbeitssphären  in  verschiedenen  Wirtschaftstypen.  Eine  Viehzuchtwirtschaft ­
  weist  einen  bestimmten  Typus  der  Verteilung  der
Produktivkräfte  und  eine  Ackerbauwirtschaft  einen  anderen
Typus  auf.  Diese  Stetigkeit  in  der  Verteilung  der  Produktivkräfte,
diese  strenge  Anpassung  an  die  Zahl  der  Arbeitskräfte  in  der  Familie ­
  ruft  einen  Konservatismus  der  wirtschaftlichen  Ordnung,
seine  Widerstandsfähigkeit  und  eine  Unbeweglichkeit  der  Produktionstechnik ­
  hervor.  Die  Änderung  der  Wirtschaftssysteme,
die  durch  die  Zunahme  der  Bevölkerung  hervorgerufen  wird  und
«  nach  einem  harten  Kampfe  ums  Dasein  vor  sich  geht,  führt
auch  zu  einer  Neueinteilung  der  Produktivkräfte,  die  durch  das
neue  Wirtschaftssystem  bedingt  wird.
Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  bei  verschiedenen  Wirtschaftssystemen ­
  zeigt,  daß  sie  unabhängig  von  der  Entwickelung
der  persönlichen  Bedürfnisse  vor  sich  geht.  Die  persönlichen
Bedürfnisse  der  ländlichen  Bevölkerung  sind  grösser  und  vielseitiger, ­
  als  die  eines  Nomaden.  Dennoch  nehmen  in  einer  Ackerbauwirtschaft ­
  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  einen  größeren
Teil  der  Produktivkräfte  in  Anspruch  als  die  persönlichen.  Folglich ­
  hat  der  Übergang  von  der  extensiven,  dank  den  Natur  Verhältnissen ­
  produktiveren  Viehzuchtwirtschaft  zu  der  weniger  produktiven, ­
  aber  intensiveren  Ackerbauwirtschaft  einen  erhöhten  Arbeitsaufwand ­
  für  die  Gegenstände  des  wirtschaftlichen  Bedarfs  zur
Folge.  Die  Vermehrung  der  Produktionsmittel  steigert  aber  die
Produktivkraft  der  Arbeit,  gestattet  der  ländlichen  Bevölkerung,
obwohl  sie  mehr  Arbeit  zur  Befriedigung  ihrer  wirtschaftlichen
Bedürfnisse  aufwenden  muß,  auch  die  persönlichen  Bedürfnisse
vollständiger  und  mannigfaltiger  zu  decken.  So  muß  man,  um
dem  durch  den  Übergang  zum  Ackerbau  verursachten  Sinken  der
Produktivkräfte  entgegenzuwirken,  die  Produktivkräfte  neu  ein-
        <pb n="78" />
        69

teilen,  mehr  Arbeit  auf  die  Erzeugung  von  Produktionsmitteln
auf  wenden,  d.  h.  durch  den  technischen  Fortschritt  jenes  Sinken
wettmachen.
Der  Kirgise  von  heute,  der  sich  durch  Viehzucht  ernährt,
braucht  weniger  zu  arbeiten,  um  seine  Bedürfnisse  an  Nahrung,
Wohnung  und  Kleidung  zu  decken.  Der  Ackerbauer  muß  dagegen
bedeutend  mehr  Arbeit  dafür  aufwenden.  Da  aber  die  landwirtschaftliche ­
  Arbeit  viel  mannigfaltiger  ist,  so  erhält  der  Ackerbauer ­
  auch  verschiedenartige  Produkte,  um  seine  Bedürfnisse  zu
befriedigen.  So  sieht  sich  die  Bevölkerung  mit  ihrer  Vermehrung
gezwungen,  zu  einer  intensiveren  Kultur  überzugehen,  was  jedoch
nur  bei  einem  technischen  Fortschritt  und  einer  Steigerung  der
Arbeitsaufwände  möglich  wird.  Das  wird  dadurch  erreicht,  daß
die  Arbeit  komplizierter  und  mannigfaltiger  wird,  wodurch  eben
auch  die  mannigfaltige  Befriedigung  der  Bedürfnisse  ermöglicht
wird.  Ein  Ackerbauer  hätte  mit  einem  so  geringen  Arbeitsaufwand ­
  wie  ein  Hirt  seine  Nahrung  nicht  beschaffen  können.  Daher ­
  scheint  es  dem  Ackerbauer,  daß  der  Hirt  eigentlich  nichts  tut.
Dafür  sind  aber  auch  die  Lebensbedürfnisse  eines  Ackerbauers
und  deren  Befriedigung  viel  verschiedenartiger.
Die  allgemeine  Verteilung  der  Produktivkräfte  beim  Übergang ­
  zur  intensiveren  Wirtschaft  kann  etwa  an  folgendem  Beispiel ­
  illustriert  werden:
Angenommen,  daß  auf  einer  Quadratmeile  50  Stück  Vieh  gefüttert ­
  werden  können.  Eine  aus  zwei  Personen  bestehende
Familie  kann  dabei  mit  einem  ganz  geringen  Arbeitsaufwand  ihre
Bedürfnisse  reichlich  decken  und  sich  auch  auf  fünf  Personen
vermehren.  Steigt  die  Zahl  der  Familienmitglieder  aber  bis  auf
zehn  Personen,  so  genügen  50  Stück  Vieh  nicht  mehr;  da  man
aber  auf  einer  Quadratmeile  auch  nicht  mehr  Vieh  erhalten
kann,  so  werden  die  zehn  Personen  sich  nur  ernähren  können,
wenn  sie  zugleich  mit  der  Viehzucht  auch  Ackerbau  betreiben.
Die  Bevölkerung  muß  nicht  nur  mehr  arbeiten,  sondern  ihre
Arbeit  vermannigfaltigen.  Es  müssen  mehr  Produktivkräfte  zur
Befriedigung  der  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  aufgewendet  werden. ­
  Aber  auch  die  persönlichen  Bedürfnisse  sind  verschieden-
        <pb n="79" />
        70

artiger  geworden  und  erfordern  zu  ihrer  Deckung  mehr  und  viel
kompliziertere  Arbeit.
Ist  ferner  die  Zahl  der  Familienmitglieder  auf  fünfzehn  gestiegen, ­
  so  können  sie  sich  nur  dann  gut  ernähren,  wenn  durch  den
technischen  Fortschritt  das  Sinken  der  Arbeitsproduktivität  wettgemacht ­
  wird,  oder  wenn  die  Bauern  sich  auf  ländliche  Arbeit
beschränken  und  das  Gewerbe  von  anderen  betrieben  wird.  Die
Bevölkerungsverdichtung  wird  eben  mit  dem  Fortschreiten  der
Arbeitsteilung  und  Erhöhung  der  Arbeitsproduktivität  möglich.
Da  die  folgenden  Arbeitsaufwände  von  einem  Sinken  der
Arbeitsproduktivität  begleitet  sind,  so  führt  die  Bevölkerungsvermehrung ­
  zur  Steigerung  der  nichtlandwirtschaftlichen  Bevölkerung, ­
  was  seinerseits  die  Folge  hat,  dass  landwirtschaftliche  Produkte ­
  aus  anderen  Ländern  eingeführt  werden.
So  hindert  das  Vorhandensein  von  dünn  bevölkerten  Gebieten ­
  mit  extensiver  Kultur  den  Übergang  zu  intensiver  Wirtschaft ­
  in  dichter  bevölkerten  Gegenden,  die  bei  geringerer  Arbeitsproduktivität ­
  es  doch  hätte  gestatten  können,  die  einheimische
Bevölkerung  mit  landwirtschaftlichen  Produkten  zu  versorgen.
Gewisse  Verkehrsverhältnisse  vorausgesetzt,  beginnt  die  Einfuhr
der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  aus  den  dünn  bevölkerten
Gegenden  zugleich  mit  der  Ausfuhr  von  Industrieerzeugnissen
aus  den  Gebieten  mit  dichter  Bevölkerung.  Dieser  Warenaustausch ­
  geht  in  einer  entwickelten  kapitalistischen  Wirtschaft
vor  sich  und  erweitert  bedeutend  den  Nahrungsspielraum,  indem
er  der  Industriebevölkerung  Nahrungsmittel  aus  entfernten,  dünnbevölkerten ­
  Gegenden  zuführt.
IV.
In  einer  Bauernwirtschaft  läßt  sich  der  Verbrauch  und  die
Produktion  von  verschiedenen  Gegenständen  aus  den  Haushaltungsrechnungen ­
  erkennen.  Der  Unterschied  zwischen  einer
Bauernwirtschaft  von  heute  und  einer  mit  Naturalwirtschaft
äußert  sich  darin,  daß  in  einer  heutigen  Bauernwirtschaft  die
relative  Stellung  einzelner  Produktions-  und  Konsumtionsgegenstände ­
  nicht  in  Arbeitstagen,  sondern  in  Geld  ausgedrückt  wird,
        <pb n="80" />
        71

wobei  ein  größerer  oder  kleinerer  Teil  von  diesen  Gegenständen
gekauft  wird.*)  Wir  machen  diese  Bemerkung,  weil  wir  durch
die  folgenden  Angaben  aus  den  bäuerlichen  Budgets  unsere  Ausführungen ­
  bekräftigen  wollen,  die  sich  auf  Naturalwirtschaften
beziehen.  Auf  die  Unterschiede  in  diesen  Wirtschaftstypen
kommen  wir  noch  zurück.  Jetzt  wollen  wir  bloß  den  Zusammenhang ­
  zwischen  der  Produktionsorganisation  und  dem  Verbrauch
beleuchten,  einen  Zusammenhang,  der  sowohl  in  dem  einen  als
auch  in  dem  anderen  Wirtschaftstypus  vorhanden  ist.
Vergleichen  wir  einige  Bauernwirtschaften,  die  sich  nach  dem
Umfang  ihres  Bodenbesitzes  unterscheiden.  Dieses  Merkmal
kann  allerdings  nur  annähernd  den  Stand  der  Produktivkräfte
hervortreten  lassen.  Dennoch  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  der  Umfang ­
  des  Grundbesitzes  einer  Wirtschaft  im  allgemeinen  auch  die
Größe  ihrer  Produktivkräfte  bestimmt.
Von  den  Ausgaben  kommen  auf  persönliche  und  wirtschaftliche ­
  Bedürfnisse  in  Prozenten  der  Gesamtausgaben
in  Wirtschaften:  Persönliche  Wirtschafts-Bedürfnisse
  Bedürfnisse
%  %
ackerlosen  62.80  37.20
mit  einem  Besitz  bis  5  Deßjätinen  60.62  39.38

54.83  45.17
53.32  46.68
52.95  47.65

von  5  bis  15
,,  15  „  25

über  25

Durchscbnittlich  54.88  45.12

Aus  dieser  Tabelle  tritt  der  direkte  Zusammenhang  zwischen
dem  Umfang  der  Wirtschaft  und  der  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  deutlich  hervor.  Je  größer  eine  Wirtschaft  ist,  je  entwickelter ­
  ihre  Produktivkräfte  sind,  eine  umso  größere  Bedeutung ­
  erlangen  die  „wirtschaftlichen  Bedürfnisse“,  oder  einen
umso  größeren  Teil  der  Arbeitskraft  der  Wirtschaft  beansprucht
die  Produktion  von  Produktionsmitteln.  Die  Produktiv-*)
  Hier  kommt  es  uns  auf  den  Unterschied  zwischen  Geld-  und
Naturalwirtschaft  auf  dem  Gebiet  der  Konsumtion  an.  Der  Grundunterschied ­
  zwischen  Wirtschaftstypen  besteht  aber  in  der  Beziehung
zu  anderen  Wirtschaften.
        <pb n="81" />
        72

kräfte  der  Wirtschaften  werden  also  unter  die
einzelnen  Produktionssphären  verteilt,  je  nach
dem  Grad  ihrer  Entwickelung.  Die  Bauernfamilie  mit
einem  Landanteil  bis  zu  5  Deßjätinen  verwendet  60,62  Proz.  ihres
Gesamtbudgets  auf  persönliche  und  bloß  39,38  Proz.  des  Budgets
auf  wirtschaftliche  Bedürfnisse,  während  bei  einem  Landanteil
von  über  25  Deßjätinen  die  Ausgaben  auf  Produktionsmittel
47,05  Proz.  und  die  persönlichen  Ausgaben  52,95  Proz.  des  Budgets ­
  ausmachen.  Die  reichere  Familie  braucht  also  einen  relativ
geringeren  Teil  ihres  Budgets,  um  die  persönlichen  Bedürfnisse
ihrer  Mitglieder  zu  decken,  und  einen  relativ  größeren  Teil  der  Gesamtausgaben ­
  für  Produktionsmittel,  da  dadurch  die  Arbeitsproduktivität ­
  erhöht  wird  und  folglich  auch  die  persönlichen  Bedürfnisse ­
  leichter  und  vollständiger  befriedigt  werden  können.
Würden  wir  uns  eine  Gesellschaft  vorstellen,  die  alle  ihre  Produkte ­
  mittels  Maschinen  erzeugt,  so  müßte  diese  Gesellschaft
noch  einen  viel  größeren  Teil  ihrer  Arbeitskraft  auf  Herstellung
von  Produktionsmitteln  verwenden,  als  es  die  in  unserer  Tabelle
angeführte  reichste  Bauernfamilie  tut.  Die  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  unterliegt  derselben  Gesetzmäßigkeit  in  einer  isolierten ­
  Wirtschaft,  wie  in  einer  Wirtschaft  mit  entwickeltem  Tauschverkehr. ­

Welchen  Wirtschaftstypus  wir  auch  nehmen,  stets  wird  die
Arbeitsorganisation  vom  Stande  der  Produktivkräfte  abhängen.
Bei  Gefahr  des  wirtschaftlichen  Ruins,  des  Hungers  und  Aussterbens ­
  muß  jede  Wirtschaft  danach  streben,  ihre  Produktivkräfe
  möglichst  rationell  einzuteilen,  und  diese  Einteilung  wird
durch  den  Stand  der  Produktivkräfte  bedingt.
Wir  haben  konstatiert,  daß  vor  allem  die  dringlichsten  Bedürfnisse ­
  befriedigt  werden.  Aber  auch  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse ­
  unterscheiden  sich  nach  dem  Grad  der  Dringlichkeit.
Am  wichtigsten  sind  für  eine  Wirtschaft  die  Gegenstände,  ohne
die  die  Reproduktion  der  Nahrungsmittel  unmöglich  ist.  Weniger
wichtig  sind  Gegenstände,  die  zu  einer  Reproduktion  auf  erweiterter ­
  Stufenleiter  dienen.
Jede  isolierte  Wirtschaft  muß  einen  Teil  ihrer  Arbeit  für  die
        <pb n="82" />
        73

Produktion  der  Gegenstände  verwenden,  die  nicht  dem
unmittelbaren  Konsum,  sondern  der  Herstellung  von  Produktionsmitteln ­
  dienen.  Der  Umfang  der  notwendigen  Produktionsmittel ­
  wird  durch  den  Stand  der  Technik  und  der  Produktivkräfte ­
  überhaupt  bestimmt.  Die  Reproduktion  aber  ganz
ohne  Produktionsmittel  ist  unmöglich.  Daher  sind  die  wirtschaftlichen ­
  Bedürfnisse  die  dringlichsten  und  werden  auch  in
einer  isolierten  Wirtschaft  am  vollständigsten  gedeckt.
Betrachten  wir  nun  von  diesem  Standpunkte  aus  die  früher
angeführten  Haushaltungen  der  bäuerlichen  Familien,  so  finden
wir,  daß  der  Konsum  mit  der  Zunahme  der  Gesamtmenge  der
in  einer  Familie  produzierten  Gegenstände  nicht  gleichen  Schritt
hält,  sondern  daß  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  immer  mehr
steigen.  Die  großen  Wirtschaften  mit  höherer  Arbeitsproduktivität ­
  dehnen  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  in  viel  größerem
Maße  aus,  als  die  persönlichen.  Deshalb  sinkt  auch  der  relative
Prozentsatz  der  persönlichen  Ausgaben  im  Gesamtbudget  mit  der
Zunahme  des  Bodenbesitzes  der  Bauernfamilie.  So  geht  gerade
in  den  großen  Wirtschaften  eine  Reproduktion  auf  erweiterter
Stufenleiter  vor  sich,  indem  die  wirtschaftlichen  Ausgaben  auch
relativ  immer  mehr  zunehmen.
In  den  Waren  produzierenden  Wirtschaften,  wo  die  Ausdehnung ­
  der  Produktion  einen  Profit  einbringen  kann,  hängt  der
persönliche  Konsum  vom  Umfang  der  Reproduktion  ab.  In
kleinen  Wirtschaften  entfällt  auf  den  persönlichen  Konsum  der
größte  Teil  der  Produkte  der  Wirtschaft  (richtiger  des  Bruttoeinkommens). ­
  Die  persönlichen  Bedürfnisse  sind  sehr  eingeengt
und  können  nur  mit  der  Ausdehnung  des  Betriebes  steigen,  wenn
mit  dem  erhöhten  persönlichen  Konsum  gleichzeitig  eine  Reproduklion
  auf  erweiterter  Stufenleiter  vor  sich  gehen  kann.  Die  Sparsamkeit ­
  erweist  sich  in  den  kleinen  Wirtschaften  als  unentbehrliche ­
  psychologische  Voraussetzung  für  die  Erweiterung  des  Betriebes. ­
  Die  Psychologie  des  wirtschaftenden  Subjekts,  sowie
auch  der  Charakter  seines  Konsums  wird  also  durch  die  Produktionsverhältnisse ­
  bestimmt.
        <pb n="83" />
        Viertes  Kapitel.
Die  Rolle  der  Natur  und  der  Arbeit  in  der  wirtschaftlichen ­
  Tätigkeit.
I.
Indem  wir  die  wirtschaftliche  Tätigkeit  der  menschlichen  Gesellschaft ­
  in  den  verschiedenen  Perioden  der  ökonomischen  Entwicklung ­
  analysieren,  müssen  wir  vor  allem  die  Rolle  dieser
Tätigkeit  feststellen,  d.  h.  die  Bedeutung  der  Arbeit  einer-  und  der
Natur  andererseits  bestimmen.
Was  für  ein  Gebiet  der  menschlichen  Tätigkeit  wir  auch
untersuchen,  wir  finden  immer,  daß  die  Arbeit  allein  ohne  Mitwirkung ­
  der  Natur  nichts  Materielles  schaffen  kann;  sie
ist  bloß  imstande,  die  Gegenstände,  die  uns  die  Natur  liefert,
unseren  Bedürfnissen  anzupassen  oder  den  Schaffensprozeß  der
Natur  zu  befördern,  indem  sie  die  natürliche  Energie  in  bestimmter ­
  Richtung  ausnutzt.
Als  der  Mensch  sich  von  den  fertigen  Gegenständen,  die  er
in  der  Natur  fand,  ernährte,  bestand  seine  Tätigkeit  bloß
darin,  diese  aufzusuchen,  Wurzeln  und  Pflanzen  zu
sammeln,  das  Tier  zu  fangen  oder  zu  erschlagen  usw.  In  der
Viehwirtschaft  vermehrt  sich  das  Vieh  auf  natürlichem  Wege,
wie  es  sich  auch  auf  den  natürlichen  Wiesen  ernährt.  Die  Arbeit
des  Menschen  beschränkt  sich  dabei  bloß  auf  die  planmäßige
Ausnutzung  der  schaffenden  Tätigkeit  der  Natur  und  auf  die
Verarbeitung  der  Natur  gegenstände,  um  sie  brauchbar  zu  machen:
auf  Erbauung  von  Häusern  aus  Holz  und  auf  ihre  Heizung,  auf
die  Anfertigung  von  Kleidern  aus  Tierfellen  usw.
In  der  Landwirtschaft  richtet  der  Mensch  seine  Energie
darauf,  den  Boden  bloß  die  notwendigen  Pflanzen  hervorbringen
zu  lassen.  Mit  dem  Übergang  zu  intensiverer  Kultur  sucht  der
Mensch  den  gleichen  Umfang  des  Ackers  besser  auszunutzen.
        <pb n="84" />
        75

und  die  menschliche  Arbeit  wird  hauptsächlich  darauf  verwendet, ­
  den  Prozeß  der  Fruchtbarwerdung  des
Bode  ns  zu  beschleunigen.  Gleichzeitig  vermannigfaltigt
  sich  die  Verarbeitung  verschiedener  Materialien,  um  die
verschiedenartigen  Bedürfnisse  zu  decken.  So  bleibt  die  Rolle
der  Natur  immer  sich  gleich:  die  Natur  ist  imstande,  für  eine
um  das  Mehrfache  größere  Bevölkerung  als  die  gegenwärtige
Produkte  und  Materialien  zu  liefern;  aber  um  diese  Naturkräfte
und  den  Naturreichtum  ausnutzen  zu  können,  muß  der  Mensch
gewisse  Produktivkräfte  besitzen,  d.  h.  er  muß  einen  bestimmten
Arbeitsaufwand  machen.
Die  Naturkräfte  sind  also  fast  unbeschränkt;  die  Natur  wird  daher ­
  auch  nicht  als  ökonomischer  Faktor  in  Betracht  gezogen.
Sie  bildet  nur  die  notwendige  Voraussetzung  der
wirtschaftlichen  Tätigkeit  des  Menschen.
Die  Naturbedingungen,  unter  denen  die  wirtschaftliche ­
  Tätigkeit  vor  sich  gehen  kann,  sind  aber  nicht  überall ­
  und  nicht  immer  die  gleichen.  Wir  haben  schon
darauf  hingewiesen,  daß  die  Zunahme  der  Bevölkerung  sie  veranlaßt, ­
  sich  zu  zerstreuen,  zu  weniger  produktiven  Wirtschaftssystemen ­
  überzugehen  und  minder  fruchtbare  Böden  zu  bebauen.
Der  Unterschied  in  der  Bodenqualität  einzelner  Grundstücke  macht
sich  in  einer  Nomadenviehwirtschaft  weniger  fühlbar  als  beim
Übergang  zum  Ackerbau.  Auf  einem  schlechteren  Boden  kann
man  allerdings  das  Vieh  nur  in  geringerer  Zahl  oder  eine  kürzere
Zeit  weiden  lassen.  In  viel  bedeutenderem  Maße  hängt  aber  die
Arbeitsproduktivität  des  Ackerbauers  von  den  Naturbedingungen
ab:  die  Menge  des  Getreides,  die  man  auf  einem  Acker  erhält,
wird  zum  unmittelbaren  Maß  der  Bodenfruchtbarkeit.  Während ­
  aber  bei  Nomadenackerbau  der  Unterschied  in  der  Bodenfruchtbarkeit ­
  sich  nur  in  der  Dauer  der  Bewirtschaftungsperiode ­
  einzelner  Grundstücke  äußert,  indem  die  minder  fruchtbaren ­
  Böden  rascher  verlassen  werden,  als  die  besseren,  führt
derselbe  Unterschied  in  der  Bodenfruchtbarkeit  bei  einer  ansässigen, ­
  Ackerbau  treibenden  Bevölkerung  zur  Entstehung  von
neuen  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnissen.
        <pb n="85" />
        76

IL
Der  Mangel  an  freiem  Boden  zwingt  den  Jäger  oder  den
Hirten,  zum  Ackerbau  überzugehen.  So  wird  es  für  die  Jägeroder ­
  Hirtenbevölkerung  schon  zu  dieser  Zeit  klar,  daß  ihre
Arbeitsproduktivität  von  dem  Umfang  ihres  Landes  abhängt,  oder
daß  die  Arbeit  umso  produktiver  ist,  je  umfangreicher ­
  die  der  Bevölkerung  zur  Verfügung  stehende  Fläche  und
folglich  je  extensiver  der  Betrieb  ist.  Dank  diesem
Umstande  strebt  die  Bevölkerung  schon  auf  den  ersten  Stufen
ihrer  Entwicklung  danach,  möglichst  viel  Land  für  sich  zu  monopolisieren ­
  und  allein  auszubeuten.  Daraus  ergibt  sich  auch  eine
gewisse  Art  des  „Patriotismus“,  der  sich  in  dem  Bestreben
äußert.  Fremde  von  der  Nutzung  des  Territoriums  auszuschließen. ­
  Die  Keime  dieses  „Patriotismus“  finden  sich  auch  schon
bei  gewissen  Tieren,  die  ebenfalls  Tiere  anderer  Arten  auf  ihrem
Gebiete  nicht  dulden  wollen.
Wenn  es  mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung  notwendig  wird,
möglichst  viele  Produkte  aus  demselben  Boden  zu  erhalten,  gewinnt ­
  auch  die  Besitzergreifung  von  großen  Landstrecken  eine
immer  größere  Bedeutung.  Solange  der  Grund  und  Boden  der
Gemeinde  gehört,  ist  für  jedes  Gemeindemitglied  klar,  daß  der
Boden  nur  eine  Bedingung  für  die  menschliche  Tätigkeit  bildet,
daß  alle  notwendigen  Produkte  nur  durch  die  Arbeit  erhalten
werden.  Geht  aber  der  Grund  und  Boden  in  den  Privatbesitz
einzelner  über,  die  für  seine  Benutzung  durch  andere  einen  Tribut
erhalten,  so  wird  es  diesen  Grundeigentümern  scheinen,  als  sei  es
der  Boden,  der  die  Produkte  erzeugt  und  sie  ihnen  liefert,  da  sie
diese  Produkte  aus  ihrem  Besitze  ohne  jede  Mühe  erhalten.  In
der  Tat  verdankt  der  Grundeigentümer  seinen  Teil  an  den  Bodenerzeugnissen ­
  nicht  seiner  Arbeit,  sondern  der  Tatsache  seines
Besitzes,  sowie  dem  Umstande,  daß  die  zusätzliche  Arbeit
weniger  produktiv  ist.  Weil  die  zusätzliche  Produktion  mehr
Arbeit  kostet,  strebt  die  Bevölkerung  danach,  eine  immer  größere
Bodenfläche  auszunutzen,  und  zahlt  dem  Grundbesitzer  dafür
einen  Teil  ihrer  Produkte.  Wären  aber  die  weiteren  Arbeitsaufwände ­
  nicht  weniger  produktiv  als  die  ersten,  so  würde  die  Be-
        <pb n="86" />
        77

Sitzergreifung  von  gewissen  Teilen  des  Erdballs  niemandem  ermöglichen, ­
  sich  einen  Teil  fremder  Produkte  anzueignen:  die
Ackerbauer  würden  aus  ihrem  Felde  so  viel  Produkte  erhalten,
als  sie  brauchen,  und  dem  Grundbesitzer  „seine“  Ländereien  ruhig
überlassen.
So  führt  der  Umstand,  daß  die  Arbeitsproduktivität  von  der
Bodenfruchtbarkeit  und  dem  Umfang  des  Bodens  infolge  des
Sinkens  der  Arbeitsproduktivität  bei  sukzessiven  Arbeitsaufwänden ­
  abhängt,  unter  gewissen  Umständen  dahin,  daß  sich  eine
falsche  Vorstellung  von  der  Rolle  der  Natur  in  der  menschlichen
Tätigkeit  herausbildet.  Das  Bestreben  nach  Ausdehnung  des
Ackerfeldes  sowohl  als  auch  der  Weiden  und  Wiesen  schafft  somit ­
  nicht  nur  die  Grundrente,  sondern  auch  die  Vorstellung  gewisser ­
  Gesellschaftsklassen,  daß  der  Boden  die  gleiche  Rolle  wie
die  Arbeit  spiele  und  „Werte“  erzeuge.  In  einer  Naturalwirtschaft,
in  der  es  noch  keine  Ausbeutung  fremder  Arbeit  gab,  konnte  diese
falsche  Vorstellung  gar  nicht  aufkommen,  weil  jeder  fühlte,  daß
die  Menge  seiner  Erzeugnisse  von  seiner  Arbeit  direkt  abhing.
Zu  dieser  Zeit  war  der  Umfang  der  Wirtschaft,  sowie ­
  der  des  Betriebes  nur  durch  die  Menge  der
Arbeit  beschränkt,  die  eine  Wirtschaft  aufzuwenden ­
  vermochte.
III.
Die  moderne  Volks-  oder  Weltwirtschaft  ist  sehr  kompliziert.
Wir  können  sie  erst  dann  verstehen,  wenn  wir  die  Naturalwirtschaft, ­
  sowie  deren  Übergang  in  die  kapitalistische  Wirtschaft
untersucht  haben.
Wie  schon  erwähnt,  erweisen  sich  die  neuen  Arbeitsaufwände ­
  auf  derselben  Bodenfläche  als  weniger  produktiv  und
minder  vorteilhaft  für  die  Bevölkerung.  Daher  wird  zuerst  der
Bevölkerungszuwachs  eine  andere  Beschäftigung  suchen,  so  in
allerhand  Gewerben,  wenn  die  Menge  der  landwirtschaftlichen
Produkte  für  die  ganze  Bevölkerung  ausreicht.
Dieser  Entwicklungsprozeß  der  Industrie,  der  als  Folge  der
Bevölkerungszunahme  und  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte
        <pb n="87" />
        78

erscheint,  wird  durch  den  Klassenkampf  beschleunigt  und  erweist ­
  sich  für  die  Bauern  als  ein  großes  soziales  übel.  Die  Entwicklung ­
  des  Warenaustausches  zwischen  Stadt  und  Land  und
der  Umstand,  daß  man  jetzt  eine  unbeschränkte  Menge  von  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnissen  gegen  Luxusartikel  veräußern  kann,
veranlassen  die  Grundbesitzer,  die  Ausbeutung  des  Bodens  zu  erhöhen ­
  und  die  Bauern  um  ihren  Besitz  zu  bringen.  So  nimmt
der  bäuerliche  Grundbesitz  mit  der  Bevölkerungsvermehrung
nicht  nur  nicht  zu,  sondern  stellenweise  sogar  ab.  Da  aber  die
zusätzliche  Produktion  immer  mehr  Arbeit  fordert,  so  wird  sich
ein  immer  größerer  Teil  der  ländlichen  Bevölkerung  einer  anderen
Beschäftigung  widmen,  da  der  weitere  Arbeitsaufwand  der  überschüssigen ­
  Bevölkerung  sehr  wenig  produktiv  wäre.
Wäre  das  ganze  Produkt  des  Bodens  in  den  Händen  der
Bauern  geblieben,  so  würde  sich  eine  größere  Bevölkerung  ernähren ­
  können.  Aber  die  Besitzergreifung  des  Bodens  durch  die
Gutsherren,  sowie  die  wachsenden  Steuern  kürzten  die  Einnahmen ­
  der  Bauern  und  schufen  somit  eine  künstliche  ländliche
Über  völkerung.  Nehmen  wir  als  Beispiel  eine  bäuerliche
Familie  von  fünf  Personen,  die  infolge  der  Besitzergreifung  des
Bodens  durch  den  Gutsherrn  oder  infolge  der  Bevölkerungszunahme ­
  im  Durchschnitt  bloß  fünf  Deßjätinen  Land  besitzt,
die  sie  selbst  bestellt.
Wächst  diese  Familie  auf  zehn  Personen  an,  so  ist  eine  Verteilung ­
  ihrer  Produktivkräfte  nach  drei  Richtungen  hin  möglich.
Wenn  dieselben  fünf  Personen  genügend  landwirtschaftliche  Produkte ­
  für  zehn  Mann  erhalten  können,  so  werden  die  übrigen
Kräfte  entweder  nicht  landwirtschaftliche  Produkte  zur  Deckung
anderer  Bedürfnisse  erzeugen  oder  die  Arbeistzeit  der  übrigen
Familienmitglieder  verkürzen  können.  Gewöhnlich  findet  beides
statt.  Wenn  aber  fünf  Personen  auf  derselben  Bodenfläche  für  die
ganze  Familie  nicht  genug  Produkte  gewinnen  können,  so  werden ­
  die  übrigen  Familienmitglieder,  wenn  sie  für  ihre  Gewerbeerzeugnisse ­
  keinen  genügenden  Absatz  finden  können,  ebenfalls
Ackerbau  treiben,  um  aus  derselben  Bodenfläche  höhere  Ernten
erhalten  zu  können.  Die  Familie  geht  somit  zu  einer  intensiveren
        <pb n="88" />
        Kultur  über,  wie  es  beispielsweise  in  China  der  Fall  ist.  Da  aber
die  neuen  Arbeitsaufwände  weniger  produktiv  sind,  so  wird  die
Familie  ein  dürftiges  Dasein  fristen.
Ein  dritter  Fall  ist  in  einer  entwickelten  Tauschwirtschaft
möglich.  Die  hinzugekommenen  fünf  Familienmitglieder  produzieren ­
  Gewerbeartikel  und  erhalten  dafür  auf  dem  Markte  die
notwendigen  landwirtschaftlichen  Produkte.  So  war  es  auch  in
Westeuropa  sowohl  wie  in  Rußland.  Infolge  der  Besitzergreifung
des  Bodens  durch  den  Adel  und  der  Ausbeutung  der  Bauern
durch  diesen  und  den  Staat  waren  die  Bauern  gezwungen,  sich
schon  bei  verhältnismäßig  geringer  Bevölkerung  mit  verschiedenen ­
  Gewerben  zu  beschäftigen,  um  existieren  und  die  verschiedenen ­
  Abgaben  entrichten  zu  können.  Je  mehr  die  bäuerliche ­
  Bevölkerung  ausgebeutet  wurde  und  je  geringer  die  Produktivität ­
  der  landwirtschaftlichen  Arbeit  war,  desto  eher  mußte
dieser  Prozeß  beginnen.  In  Rußland  beschäftigten  sich  die  Bauern
des  Industrierayons  schon  sehr  früh  während  der  Leibeigenschaft
mit  verschiedenen  nichtlandwirtschaftlichen  Gewerben.  Ebenso
verließ  in  Westeuropa  ein  Teil  des  Bevölkerungszuwachses  das
platte  Land,  während  der  andere  Teil  das  Handwerk  im  Dorfe
verrichtete.  Selbstredend  wäre  eine  überschüssige  Landbevölkerung ­
  überhaupt  unmöglich,  wenn  die  weiteren  Arbeitsaufwände
auf  demselben  Boden  nicht  minder  produktiv  wären.
Ist  die  ländliche  Bevölkerung  imstande,  die  bestellte  Bodenfläche ­
  im  Umfang  ihrer  Zunahme  auszudehnen,  d.  h.  im  oben
angeführten  Beispiele  von  fünf  auf  zehn  Deßjätinen  zu  vergrößern, ­
  so  wird  die  zusätzliche  Arbeit  der  hinzu  gekommenen
Personen  ebenso  produktiv  sein,  wie  die  der  früheren.  Daher
wird  auch  in  einer  dünn  bevölkerten  Gegend  der  Acker  in  dem
Maße  ausgedehnt,  in  dem  die  Bevölkerung  wächst.  Der  Übergang ­
  zur  Industrie  erfolgt  erst  dann,  wenn  der  Bevölkerungszuwachs ­
  gezwungen  wird,  seine  Arbeit  auf  derselben  Bodenfläche
und  somit  weniger  produktiv  aufzuwenden.
Folglich  muß  dieselbe  Ursache  —  das  Sinken  der  Produktivität ­
  der  folgenden  Arbeitsaufwände  auf  derselben  Bodenfläche
—,  die  stets  die  Bevölkerung  zwang,  sich  auszudehnen,  dort,  wo
        <pb n="89" />
        dies  unmöglich  geworden  ist,  die  Bevölkerung  veranlassen,  sich
mit  Gewerben  zu  beschäftigen,  um  die  notwendigen  Existenzmittel ­
  zu  erhalten.  Der  Übergang  eines  bedeutenden  Teiles  der
Bevölkerung  zur  Industrie  wird  durch  den  Bodenmangel  hervorgerufen, ­
  der  mit  der  Besitzergreifung  des  Bodens  durch  die
herrschenden  Klassen  geschaffen  und  infolge  der  Bevölkerungszunahme ­
  verschärft  wird.  Der  Bodenmangel  äußert  sich  darin,
daß  bei  den  gegebenen  technischen  und  sozialen  Verhältnissen  eine
Übervölkerung  entsteht,  wobei  die  weiteren  Arbeitsaufwände  des
Bevölkerungszuwachses  auf  derselben  Bodenfläche  so  wenig  produktiv ­
  sind,  daß  dieser  Zuwachs  dadurch  nicht  mehr  seine  Bedürfnisse ­
  decken  kann.
So  führte  die  Bevölkerungszunahme  zur  Entwicklung  der  Gewerbe ­
  und  förderte  den  technischen  Progreß.  Der  unglückliche
Ausdruck  von  Engels  in  dem  Vorwort  zu  seiner  Schrift  „Der  Ursprung ­
  der  Familie,  des  Privateigentums  und  des  Staates“,*)  daß
die  Erzeugung  von  Menschen  eine  ähnliche  Bedeutung  habe,  wie
die  Erzeugung  von  Waren,  hat  bei  den  Gegnern  der  materialistischen ­
  Geschichtsauffassung  viele  Scherze  hervorgerufen.  Die  Bedeutung ­
  der  Bevölkerungsvermehrung  als  Faktor  der  Entwicklung
der  Produktivkräfte  ist  dadurch  aber  gewiß  nicht  vermindert
worden.  Nicht  nur  zur  Zeit  der  Naturalwirtschaft  entwickeln
sich  die  Produktivkräfte  dank  der  Bevölkerungszunahme,  sondern ­
  auch  in  der  kapitalistischen  Gesellschaft.
Kurz  zusammenfassend  wollen  wir  wiederholen:  Die  menschliche ­
  Tätigkeit  kann  sich  nur  bei  gewissen  Bedingungen  äußern.
Die  Naturbedingungen  beeinflussen  die  Arbeitsproduktivität.
Daraus  folgt  aber  durchaus  nicht,  daß  die  Natur  eine  ebensolche
Rolle  spielt,  wie  die  Arbeit.  Wir  haben  auch  gesehen,  daß  die
*)  „Nach  der  materialistischen  Geschichtsauffassung  ist  das  bestimmende ­
  Moment  in  der  Geschichte:  die  Produktion  und  Reproduktion
des  unmittelbaren  Lebens.  Diese  ist  aber  selbst  wieder  doppelter  Art.
Einerseits  die  Erzeugung  von  Lebensmitteln,  von  Gegenständen  der
Nahrung,  Kleidung,  Wohnung  und  den  dazu  erforderlichen  Werkzeugen;
anderseits  die  Erzeugung  von  Menschen  selbst,  die  Fortpflanzung  der
Gattung.“  (Engels,  Der  Ursprung  der  Familie,  des  Privateigentums  und
des  Staates,  Vorwort).
        <pb n="90" />
        Mass  low.  Die  Theorie  d.  Volkswirlscli.

6

81

Tatsache  des  Sinkens  der  sukzessiven  Arbeitsauf  wände  auf  derselben ­
  Bodenfläche  die  Arbeitsproduktivität  beeinflußt,  woraus
wiederum  nicht  gefolgert  werden  darf,  daß  diese  Tatsache
Werte  schafft.  Sie  erscheint  nur  als  Bedingung  der
wirtschaftlichen  Tätigkeit,  als  eine  Bedingung,  die  die  Ausbeutung ­
  der  ländlichen  Bevölkerung  erst  erlaubt,  die  Arbeitsteilung ­
  unter  der  Bevölkerung  hervorruft  oder  beschleunigt,  den
Zug  in  die  Stadt  stärkt  usw.  Für  den  Grundeigentümer
ist  diese  Tatsache  von  großem  Vorteil:  sie  verwandelt  den  Bodenbesitz ­
  in  eine  Einnahmequelle,  aus  der  er  ohne  jede  Mühe  seinerseits ­
  schöpft.  Ganz  anders  natürlich  ist  die  Bedeutung  dieser
Tatsache  für  die  Gesamtheit.  Dennoch  gibt  es  nicht  wenige  „Gelehrte“, ­
  die  die  gesellschaftlichen  Erscheinungen  eben  von  diesem
antisozialen  Standpunkte  des  Grundbesitzers  aus  betrachten  .  .  .
        <pb n="91" />
        Fünftes  Kapitel.
Das  Prinzip  der  Kraftersparnis.
Um  produzieren  zu  können,  muß  der  Mensch  nicht  nur  auf
die  Natur  einwirken,  die  ihm  das  Material  liefert,  sondern  auch
bestimmte  soziale  Verhältnisse  eingehen.  Wir  kennen  keinen
.Wirtschaftstypus,  wo  die  Menschen  ganz  isoliert  für  sich  leben,
ohne  mit  anderen  Menschen  in  irgendwelche  Beziehungen  zu
treten.
Eine  Wirtschaft  ist  eben  eine  planmäßige  Organisation
der  menschlichen  Arbeitskräfte  zwecks  wirtschaftlicher  Tätigkeit, ­
  zwecks  Produktion.  Nur  diese  planmässige  Tätigkeit  gewährt ­
  der  Wirtschaft  die  Möglichkeit,  alle  ihr  Bedürfnisse  zu
decken.
Schon  auf  den  ersten  Kulturstufen  trifft  man  die  Arbeitsteilung ­
  zwischen  Mann  und  Frau,  sowie  die  gemeinsame  Arbeit
mehrerer  Personen,  wo  sie  sich  notwendig  erweist.  Das  Resultat
der  Tätigkeit  wird  dabei  mehr  oder  weniger  vorausgesehen.
Die  Zahl  der  Arbeitskräfte  in  einer  Wirtschaft  hängt  von  der
Zahl  ihrer  Mitglieder,  deren  Geschlecht  und  Alter  ab.  Die  Produktivkraft ­
  eines  Arbeiters  in  der  Wirtschaft  oder  die  Produktivkräfte ­
  der  Wirtschaft  hängen  nicht  nur  von  der  Gewandtheit  und
Kunstfertigkeit  ab,  sondern  auch  davon,  was  für  Werkzeuge  der
Arbeiter  bei  seiner  Tätigkeit  anwendet.  Wenn  der  eine  beispielsweise ­
  mit  einer  Schaufel  den  Boden  auflockert  und  ein  zweiter
ein  Gespann  Ochsen  dazu  verwendet,  so  wird  natürlich  die  Produktivität ­
  ihrer  Arbeit  sehr  verschieden  sein.  Folglich  wird  die
Produktivkraft  der  Wirtschaft  durch  die  Produktionsmittel  bedingt, ­
  die  ihr  zur  Verfügung  stehen.*)
*)  Die  anderen  Faktoren,  die  auf  den  Stand  der  Produktivkräfte  des
Landes  Einfluß  ausüben,  werden  bei  der  Analyse  der  gesamten  Volkswirtschaft ­
  betrachtet  werden,  die  einen  Komplex  einzelner,  untereinander ­
  verbundener  Wirtschaften  darstellt.
        <pb n="92" />
        ü*

83

Durch  Aufwendung  ihrer  Produktivkräfte  verschafft  sich
die  Wirtschaft  die  ihr  notwendigen  Produkte.  Die  Produktivkräfte ­
  der  Wirtschaft  erscheinen  also  als  Mittel,  Produkte  zu  ge-.
Winnen.  Und  welches  ist  das  Ziel?  Zweifellos  die  Befriedigung
der  Bedürfnisse  der  Wirtschaft.
Diese  Antwort  kann  auf  den  ersten  Blick  sinnlos  erscheinen.
Denn  der  Mensch,  nicht  die  Wirtschaft,  hat  Bedürfnisse.  Indes
gibt  es  sowohl  persönliche,  als  auch  Bedürfnisse  der  Wirtschaft.
Der  Mensch  kann  beispielsweise  kein  Bedürfnis  nach  Heu  haben.
Er  produziert  es  jedoch,  weil  das  Pferd,  das  zu  seiner  Wirtschaft
gehört,  Futter  braucht.  Das  Pferd  hilft  dem  Menschen  in  seinem
Produktionsprozeß,  indem  es  die  Produktivkräfte  des  Menschen
erhöht.  Wenn  also  der  Mensch  Heu  gewinnt,  so  bestrebt  er
damit,  seine  Produktivkräfte  zu  erhöhen,  um  seine  Bedürfnisse
decken  zu  können.
Aus  dem  angeführten  Beispiel  erhellt  auch,  daß  sich  die
Organisation  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  und  die  Erzeugung
verschiedener  Produkte  in  gewisser  Abhängigkeit  von  den  Produktionsmitteln, ­
  d.  h.  von  dem  Stand  der  Produktivkräfte  der
Wirtschaft  befindet.  Die  Produktivkräfte  der  Wirtschaft  werden
daher  nicht  nur  zur  Gewinnung  von  Produkten  aufgewendet,  die
zur  Deckung  der  unmittelbaren  Bedürfnisse  des  Menschen
dienen,  sondern  auch  zur  Produktion  von  Gegenständen,  die
seine  Produktivkräfte  vermehren:  die  Erzeugung  gewisser  Produkte ­
  hängt  nicht  nur  von  den  menschlichen  Bedürfnissen  ab,
sondern  auch  von  dem  Stand  der  Produktivkräfte  der  Wirtschaft, ­
  also  ausser  von  den  Arbeitskräften  noch  von  den  Werkzeugen ­
  und  anderen  Produktionsmitteln.
In  seiner  Produktion  handelt  der  Mensch  dem  Prinzip  der
Kraftersparnis  gemäß.  Da  seine  Produktivkräfte  beschränkt,  die
Bedürfnisse  dagegen  unbeschränkt  sind,  so  muß  er  seine  Energie
sehr  vorsichtig  verwenden.
Nicht  allein  in  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit  handelt  der
Mensch  nach  dem  Prinzip  der  Kraftersparnis,  sondern  überhaupt ­
  im  Leben.  So  wählt  er  gewöhnlich  den  kürzesten  Weg,
und  nur  ein  Betrunkener  geht  im  Zickzack.
        <pb n="93" />
        84

Die  Motive,  die  den  Menschen  veranlassen,  zu  arbeiten,
können  verschieden  sein;  das  Grundprinzip,  das  seine  Tätigkeit
reguliert,  bleibt  immer  dasselbe:  das  Streben  nach  Kraftersparnis,
das  Bestreben,  die  Arbeitskraft  am  zweckmäßigsten  anzuwenden.
Als  eines  der  Mittel,  Kraft  zu  ersparen,  erweist  sich  das
Werkzeug.  Es  ist  unmöglich,  sich  einen  Menschen  vorzustellen,
der,  im  Besitze  einer  Säge  oder  Axt,  einen  Baum  mit  einem  Messer
abhauen  würde.  Der  Trieb  nach  Kraftersparnis,  im  Kampfe  ums
Dasein  herausgebildet,  wurde  zu  einem  Instinkt,  der  auch  Tieren
eigen  ist.
Es  ist  auch  leicht  einzusehen,  daß  der  Tausch  von  Waren,
der  zwischen  einzelnen  isolierten  Wirtschaften  entsteht,  im  Grunde
genommen  ebenfalls  aus  dem  Bestreben  nach  Kraftersparnis  hervorgeht. ­
  Eine  isolierte  Wirtschaft  wird  ihre  Erzeugnisse  gegen
Produkte  einer  anderen  Wirtschaft  nur  dann  austauschen,  wenn
sie  zur  Erzeugung  dieser  Produkte  einen  größeren  Kraftaufwand
brauchen  würde,  als  zur  Produktion  der  Erzeugnisse,  die  sie  an
die  andere  Wirtschaft  veräußert.  Eine  Wirtschaft  wird  beispielsweise ­
  fünf  Doppelzentner  Getreide  gegen  einen  Pflug  Umtauschen,
wenn  die  Gewinnung  von  Getreide  ihr  etwa  fünf  Arbeitstage
kostet,  während  die  Herstellung  eines  Pfluges  bedeutend  mehr
Arbeitstage  in  Anspruch  genommen  hätte.  Würde  sie  einen
Pflug  mit  geringerem  Kraftaufwand  als  das  Getreide  hervorbringen ­
  können,  so  hätte  es  für  sie  keinen  Sinn,  Getreide  gegen
Pflug  auszutauschen.  Es  erhellt  daraus,  daß  zwischen  zwei  Wirtschaften ­
  ein  Austausch  von  Produkten  nur  dann  stattfinden
kann,  wenn  jede  die  Produkte,  die  sie  im  Austausch  erhält,  entweder ­
  überhaupt  nicht  produzieren  oder  nur  mit  größerem  Kraftaufwand ­
  produzieren  kann.  Der  Kraftaufwand  erweist  sich  somit ­
  als  das  Grundprinzip,  das  die  Beziehung  der  austauschenden
Wirtschaften  reguliert.
Folglich  ist  Streben  nach  Kraftersparnis  und  Entwickelung
der  Produktivkräfte  das  leitende  Prinzip  der  wirtschaftlichen
Tätigkeit  in  all  ihren  Formen  und  unter  allen  Verhältnissen. ­
  Dieses  Prinzip  äußert  sich  unter  verschiedenen
Verhältnissen  verschieden  und  führt  auch  zu  verschiedenen  Re-
        <pb n="94" />
        85

sultaten.  Dennoch  gewährt  es  uns  die  Möglichkeit,  uns  in  der
komplizierten  Wirtschaftstätigkeit  des  Menschen  auf  allen  Stufen
seiner  Entwickelung  leichter  zurechtzufinden.
Das  Prinzip  der  Kraftersparnis,  das,  wie  gesagt,  ein  universelles ­
  Prinzip  der  Arbeitstätigkeit  des  Menschen  ist,  besitzt  auch
die  größte  Bedeutung  für  die  Gestaltung  der  Wirtschaftsorganisation. ­
  Indem  der  Mensch  nach  möglichst  hoher  Produktivität
seiner  Arbeit  strebt,  sucht  er  auch  seine  Wirtschaft  dementsprechend ­
  zu  orgapisieren,  was  vor  allem  zur  Ausdehnung  der
auszubeutenden  Bodenfläche,  zum  extensiven  Betriebe  führt.
Wir  haben  gesehen,  daß  die  Bevölkerungszunahme  den  Ackerbauer ­
  veranlaßt,  zum  intensiveren  Betrieb  überzugehen,  also
seine  Arbeitskraft  weniger  produktiv  zu  verwenden.  Gegen  diese
objektive  Notwendigkeit  kann  der  Mensch  nur  mittels  technischer ­
  Verbesserungen  ankämpfen,  die  die  Produktivität  jeder
einzelnen  Arbeitseinheit  erhöhen.  So  entstehen  die  zwei  Tendenzen, ­
  auf  die  schon  früher  hingewiesen  wurde:  die  Tendenz,
mit  der  Bevölkerungszunahme  zu  intensiverem  Betrieb  überzugehen, ­
  und  das  Streben  nach  technischem  Fortschritt.  Soweit
diese  letzte  Tendenz  überwiegt,  geht  eine  Entwickelung  der  gesellschaftlichen ­
  Produktivkräfte  vor  sich.
Diese  Entwickelung  kann  indes  nicht  nur  als  Resultat  der  technischen ­
  Verbesserungen,  sondern  auch  der  Änderungen  in  der
Wirtschaftsorganisation  erscheinen.  Wenn  sich  in  einer  Gemeinde ­
  einer  in  einem  gewissen  Handwerk  spezialisiert  hat,  so
wird,  auch  ohne  technischen  Fortschritt,  allein  dank  der  Arbeitsteilung ­
  viel  an  Kraft  gespart,  die  Produktivkräfte  werden  auf
eine  höhere  Stufe  gebracht.  Der  gewandte  Handwerker  wird
seine  Produkte  mit  geringerem  Arbeitsaufwand  erzeugen,  als  die
übrigen  Gemeindemitglieder.  So  bildet  die  Entwickelung  des
Handwerks,  der  Hausindustrie,  des  einfachen  und  des  Warenaustausches ­
  einen  gewaltigen  Schritt  vorwärts  in  der  Richtung  der
Kraftersparnis  und  der  Entwickelung  der  Produktivkräfte.
Mit  der  Zunahme  des  Warenverkehrs,  der  die  gesellschaftlichen ­
  Produktivkräfte  erhöht,  eignet  sich  der  Vermittler  in
diesem  Verkehr,  der  Händler,  einen  Teil  des  gesellschaftlichen
        <pb n="95" />
        86

Mehrproduktes  an,  das  als  Resultat  der  gesteigerten  Produktivkräfte ­
  erscheint.  Insoweit  die  Waren,  die  er  besitzt,  notwendige
Voraussetzung  für  die  Entwickelung  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte ­
  sind,  gelingt  es  dem  Händler,  diese  Gesellschaft  auszubeuten, ­
  einen  Teil  ihres  Mehrproduktes  zu  erlangen.
Ähnlich,  wenn  das  Kapital  den  unmittelbaren  Produzenten
ausbeutet.  Der  Arbeiter  braucht  das  Kapital,  um  produzieren  zu
können,  er  kann  es  aber  nur  erhalten,  wenn  er  dem  Kapitalisten
einen  Teil  seines  Arbeitsproduktes  abtritt.  Auch  diesem  gesellschaftlichem ­
  Verhältnis  liegt  also  das  Streben  nach  Kraftersparnis ­
  zugrunde.  So  lange  die  Produktion  nicht  gesellschaftlich ­
  organisiert  ist,  ist  der  Produzent  gezwungen,  einen  Teil
seines  Mehrproduktes,  das  er  vermittelst  der  gesellschaftlichen
Produktivkräfte  erhält,  dem  jeweiligen  Besitzer  dieser  Kräfte
abzutreten.
Die  Analyse  der  Grundrente  hat  uns  gezeigt,  daß  deren  Bildung ­
  nur  dann  möglich  ist,  wenn  der  Ackerbauer,  nach  Kraftersparnis ­
  strebend,  sein  Feld  auszudehnen  sucht  und  auf  das
Eigentumsrecht  Einzelner  stößt.  Die  geringe  Produktivität  der
zusätzlichen  Arbeitsaufwände  veranlaßt  ihn,  den  Boden  der
Grundeigentümer  zu  bestellen,  und  dafür  diesen  einen  Teil  der
Produkte  abzutreten.  Die  Ausdehnung  der  bebauten  Bodenfläche
ist  ebenso  wie  die  Erhöhung  des  Kapitals  die  notwendige  Bedingung ­
  für  die  produktivere  Anwendung  der  Arbeit.  Daher  kann
sie  auch  die  Bedingung  für  die  Ausbeutung  des  Ackerbaues
werden.
Selbstverständlich  hätte  der  Arbeiter  auch  mit  den  primitiven
Werkzeugen  und  der  Bauer  immer  auf  demselben  Flecke  seiner
Erde  arbeiten  können,  aber  die  Produktivität  dieser  Arbeit  wäre
bedeutend  geringer  und  der  Arbeiter  sowohl  wie  der  Bauer  müßten ­
  schließlich  Hungers  sterben.  Ganz  gleich,  ob  die  höhere
Arbeitsproduktivität  davon  herrührt,  daß  eine  bestimmte  Landparzelle ­
  in  der  Nähe  des  Marktes  liegt,  oder  davon,  daß  sie
fruchtbarer  ist,  oder  schließlich  davon,  daß  die  weiteren  Aufwände ­
  auf  den  schon  bestellten  Böden  weniger  produktiv  sind,
—  immer  erhält  der  Grundeigentümer  den  vollen  Unterschied  in
        <pb n="96" />
        87

der  Arbeitsproduktivität  der  Aufwände  auf  den  verschiedenen
Böden.
Indem  der  Unternehmer  sich  das  Bestreben  nach  Kraftersparnis ­
  zunutze  macht,  sucht  er  gleichzeitig  diese  Ausbeutung  möglichst ­
  hoch  zu  steigern.  Der  Warenaustausch  gibt  ihm  die
Möglichkeit,  sein  Kapital  auf  Produktionsmittel  oder  Waren  zu
verwenden,  die  ihm  den  größten  Profit  versprechen.  Für  ihn  ist
es  ganz  gleich,  ob  er  diesen  Profit  unmittelbar  von  dem  Produzenten ­
  oder  im  Verkehr  vom  Konsumenten  oder  schließlich  als
Grundeigentümer  vom  Pächter  erhält.  Daher  erscheint  ihm  auch
der  Profit  als  Resultat  nicht  der  Arbeit,  sondern  des  Kapitals
selbst  oder  des  Bodens,  der  eine  Rente  abwirft.  Der  Kapitalist
wird  sich  auch  in  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit  nicht  nach
dem  Prinzip  der  Kraftersparnis  richten,  da  er  selbst  doch  keine
Arbeit  aufwendet,  sondern  er  strebt  nach  Ersparnis  des  Kapitals,
der  „Produktionskosten“.  Der  Arbeiter  sucht  natürlich  seine
Kräfte  zu  sparen,  aber  nicht  er,  sondern  der  Kapitalist  ist  der
Organisator  der  Produktion.  Daher  führt  die  Entwickelung  der
Produktivkräfte  in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  nur  insoweit ­
  zur  Kraftersparnis,  als  damit  eine  Verminderung  der  Produktionskosten ­
  verbunden  ist.  Ein  Unternehmer  wird  die  verschwenderichsten
  Arbeitsaufwände  machen  lassen,  wenn  er  dadurch ­
  einen  Profit  erzielen  kann.  An  Beispielen  für  solche  Arbeitsverschwendung ­
  mangelt  es  in  unserer  Wirtschaftsproduktion  gewiß ­
  nicht  .  .  .
Keine  einzige  Klasse  in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  strebt
unmittelbar  danach,  die  wirtschaftliche  Entwickelung  der  Gesellschaft ­
  zu  fördern.  Je  größer  die  absolute  Summe  des  kapitalistischen ­
  Profits  ist,  um  so  mehr  Arbeitskraft  wird  für  unproduktive
Zwecke  verwendet:  für  Luxuszwecke,  Militärausgaben  usw.  Aber
auch  der  Kapitalist  sucht  die  Produktionskosten  zu  vermindern.
Und  dies  kann  er  nur  erreichen,  wenn  er  die  Arbeitsproduktivität
durch  Verbesserung  der  Produktionsmittel,  rationelle  Betriebsorganisation ­
  usw.  steigert.  Insofern  nun  fördert  er  auch  die
Kraftersparnis  in  der  Gesellschaft.
Der  Arbeiter  hat  keinen  Einfluß  auf  die  Betriebsorganisation.
        <pb n="97" />
        88

Er  ist  gezwungen,  die  Werkzeuge  zu  benutzen,  die  ihm  der  Kapitalist ­
  zur  Verfügung  stellt;  unter  Verhältnissen  zu  arbeiten,  die
von  seinem  Willen  unabhängig  sind.  Der  Arbeiter  kann  daher
nichts  in  der  Richtung  der  Kraftersparnis  unternehmen.  Dennoch ­
  wirkt  die  Arbeiterklasse  mit  der  Entwickelung  des  Kapitalismus, ­
  indem  sie  ihre  eigenen  Interessen  verfolgt,  mittelbar
auch  auf  die  Einteilung  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte
und  auf  die  zweckmäßigste  Anwendung  der  Arbeit.
Der  Unternehmer  ist  bestrebt,  seinen  eigenen  Anteil  an  dem
gesellschaftlichen  Produkt  auf  Kosten  des  Anteils  der  anderen
Klassen  zu  vergrößern.  Andererseits  sucht  natürlicherweise  der
Arbeiter  seinen  Anteil  zu  vergrößern  und  die  unproduktiven  Aufwände ­
  zu  vermindern.  Dieser  Klassenkampf  wirkt  somit  in  der
kapitalistischen  Gesellschaft  auf  die  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  unter  verschiedenen  Produktionssphären.  Die  Erhöhung
des  Unternehmer  profits  führt  zur  Ausdehnung  der  Produktion
von  Luxusartikeln:  dagegen  fördert  das  Steigen  des  Arbeitslohnes
die  Produktion  für  den  Massenverbrauch.
Welche  Bedeutung  aber  dieser  Klassenkampf  für  die  Entwickelung ­
  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte  und  für  die
Kraftersparnis  hat,  darüber  weiter  unten.
        <pb n="98" />
        I

II.  TEIL

Die  Organisation  der  Wirtschaft.
        <pb n="99" />
        H

#

Has

a

.''  Æ

îi
        <pb n="100" />
        Sechstes  Kapitel.
Die  isolierte  Wirtschaft.
I.
Die  Entwicklung  der  Wirtschaftsorganisation  wird  durch
den  Umfang  der  sozialen  Organisation  der  Produktivkräfte
bedingt.  Der  Mensch  ist  ein  „gesellschaftliches  Tier“,  und  es  ist
uns  kein  Zustand  der  Wirtschaft  bekannt,  wo  der  Mensch  ganz
allein  lebte.  Schon  auf  den  ersten,  primitivsten  Kulturstufen,  als
von  einer  Wirtschaft  im  engen  Sinne  dieses  Wortes  noch  gar
keine  Rede  sein  konnte,  lebte  der  Mensch  in  kleinen  Gruppen.
Diese  ursprüngliche  Gruppe,  die  sich  Lebensmittel  verschafft,
stellt  schon  eine  gewisse  Organisation  der  Produktivkräfte  dar.
„Auf  dieser  untersten  Stufe  der  Entwickelung  leben  die  Menschen ­
  meist  noch  ganz  zerstreut  und  vereinzelt,  d.  h.  nur  in
Familien,  nicht  in  Horden,  beisammen.“*)  „Die  Wogule ­
  n,“  erzählt  Pallas  („Reise  durch  verschiedene  Provinzen  des
russischen  Reiches“,  St.-P.  1771—76,  Bd.  II,  S.  257,  zitiert  bei
Hildebrand,  a.  a.  O.,  S.  2),  „wohnen  in  ihren  Wäldern  gemeiniglich ­
  nur  in  Familien  oder  Verwandtschaften  zusammen. ­
  Weil  sie  keinen  anderen  Lebensunterhalt  als  die  Jagd
haben,  so  treibt  sie  die  Notdurft,  soweit  sie  nur  können,  voneinander ­
  getrennt  und  nicht  in  Dorfschaften  zu  wohnen,  welche  in
der  Nähe  nicht  Wild  genug  finden  würden,  um  sich  zu  ernähren.“
Ebenso  berichtet  Baily  über  die  Veddahs  (angeführt  bei  Hildebrand, ­
  ebenda):  „The  Nigala  Veddahs  are  distributed  through
their  lovely  country  in  small  septs  of  families.“  „Unter  den  auf
der  niedrigsten  Stufe  stehenden  Wilden,“  sagt  Ed.  Westermarck
(The  history  of  human  marriage,  London  1901,  S.  538;  deutsche
Übersetzung,  Jena  1893,  S.  539),  „gibt  es  noch  jetzt  Völker-*)
  R.  Hildebrand,  Recht  und  Sitten  auf  den  verschiedenen  wirtschaftlichen ­
  Kulturstufen,  Jena  1896,  I.  Teil,  S.  1—2.
        <pb n="101" />
        92

schäften,  die  zwar  Familien,  aber  keine  Stämme  bilden,  und  die
Tatsachen  lehren,  daß  der  Grund  auch  hier  in  der  Unzulänglichkeit ­
  der  vorhandenen  Nahrungsmittel  liegt.“  Man  müßte  eigentlich ­
  hinzufügen,  daß  die  Nahrungsmittel,  die  die  Wilden
sammeln,  für  eine  dichtere  Bevölkerung,  für  größere
Gruppen  ungenügend  sind.  Darauf  haben  wir  aber  schon  in
dem  Kapitel  hingewiesen,  wo  wir  über  die  Wirtschaftssysteme
sprachen.  Hildebrand  führt  dann  noch  weitere  Beispiele  solcher
„Sammelvölker“  an.  So  zitiert  er  Hector  te  Vaux  über  die
Indianer:  „The  Indians  of  the  thick  woods  of  neccessity,  from  the
scarcity  of  animals,  camp  only  in  small  numbers,  while  the
Indians  of  the  Prairies  are  invariably  to  be  found  in  large  bodies,
the  buffalo  supplying  them  with  food,  clothing,  fuel  and  all  the
requirements  of  their  simple  mode  of  life“.  Martins  (Ethnographie ­
  Amerikas,  S.  53)  sagt:  „Dort  (nördlich  vom  Amazonenstrom) ­
  gibt  es  Völkerschaften,  welche  nur  aus  einer  oder  aus
wenigen  Familien  bestehen,  vollkommen  abgeschnitten  von  aller
Gemeinschaft  mit  den  Nachbarn  .  .  .“  Bei  den  Buschmännern
„besteht  gewöhnlich,“  sagt  Lichtenstein  (Beise  im  südl.  Afrika,
S.  77,  Berlin  1812),  „eine  Horde  nur  aus  den  Gliedern  einer
einzigen  Familie“.  Als  ursprüngliche  Form  der  Wirtschaftsorganisation ­
  erscheint  also  eine  isolierte  Wirtschaft  einer
kleinen  Gruppe,  die  eine  Familie  oder  Horde  darstellt,  und  die
nur  die  unentbehrlichsten  Bedürfnisse  befriedigt.  Aber  auch  die
auf  einer  höheren  Kulturstufe  stehenden  Völker  müssen  oft  eine
isolierte  Wirtschaft  organisieren,  die  ihre  Bedürfnisse  deckt.  So
wohnen  die  Kolonisten  in  den  neuen  Ländern  oft  jahrelang  isoliert ­
  voneinander  und  müssen  ihre  ziemlich  komplizierten  Bedürfnisse ­
  nach  demselben  Prinzip  der  Wirtschaftsorganisation
befriedigen,  wie  die  „Wilden“.  Die  Wirtschaft  muß  ihre  Produktionskräfte ­
  so  einteilen,  daß  sie  ohne  fremde  Hilfe,  in  ihrer
eigenen  Wirtschaft,  all  ihre  Bedürfnisse  decken  kann.
Der  Grad  der  Isolierung  kann  natürlich  verschieden  sein.  Die
europäischen  Völker  treten  in  die  Geschichte  ein,  als  sie  schon  die
Gemeindewirtschaft  kannten,  von  der  unten  die  Bede  sein  wird.
Aber  auch  sie  lebten  in  der  isolierten  Wirtschaft.
        <pb n="102" />
        93

IL
Das  Bestreben  nach  Kraftersparnis  reguliert  die  Tätigkeit
jedes  wirtschaftenden  Subjekts.  Dieses  Bestreben  äußert  sich
in  einer  isolierten  Wirtschaft  vor  allem  darin,  daß  der
Arbeitsaufwand,  der  gemacht  wird,  um  gewisse  Produkte
hervorzubringen,  und  die  Bedürfnisdeckung  in  einem  gewissen
Verhältnis  zueinander  stehen.  Die  Mitglieder  der  Familie
haben  verschiedene  Bedürfnisse:  Nahrungs-,  Wohnungsbedürfnisse ­
  usw.  Die  Wirtschaft  darf  daher  nicht  all  ihre  Kräfte  auf
die  Hervorbringung  von  Produkten  verwenden,  die  nur  ein  Bedürfnis ­
  decken  können.  Wenn  sie  beispielsweise  nur  Häuser
baute  oder  nur  Kleider  anfertigte,  so  müßten  die  Mitglieder  der
Wirtschaft  verhungern.  Es  muß  daher  ein  bestimmtes  Verhältnis ­
  in  der  Produktion  von  Nahrungsmitteln,  von  Kleidung  usw.
eingehalten  werden.
Dieses  Verhältnis  zwischen  Arbeitsaufwand  und  Bedürfnisdeckung ­
  hängt  von  der  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses  einerseits
und  von  der  Arbeitsproduktivität  andererseits  ab.
Nehmen  wir  ein  Beispiel.  Sagen  wir,  daß  zur  Befriedigung
der  Nahrungsbedürfnisse  einer  Familie  100  Arbeitstage  im  Jahre
notwendig  sind,  zu  der  des  Kleidungsbedürfnisses  50,  zu  der  des
Wohnungsbedürfnisses  ebenfalls  50  Tage;  100  weitere  Tage
braucht  man  für  die  Herstellung  von  Produktionsmitteln  (so  beispielsweise ­
  für  die  Ernährung  eines  Pferdes,  die  Herstellung  von
Werkzeugen  usw.),  und  100  Tage  bleiben  noch  zur  Befriedigung
der  Kulturbedürfnisse.  Insgesamt  also  arbeitet  die  Familie  400
Tage  im  Jahre.  Es  ist  klar,  daß  einige  Bedürfnisse  dabei  nicht
voll  befriedigt  werden  können  und  daß  die  dringlichsten  am
besten  gedeckt  werden.  Steigt  aber  die  Arbeitsproduktivität  in
der  Wirtschaft  so,  daß  sie  in  75  Tagen  statt  100  ihre  Nahrungsbedürfnisse ­
  decken  kann,  so  bleibt  ihr  mehr  Zeit  für  die  Herstellung ­
  von  anderen  Produkten  übrig,  und  die  anderen  Bedürfnisse ­
  werden  besser  befriedigt,  oder  es  treten  neue  Bedürfnisse ­
  auf.
Jedes  Bedürfnis  kann  auf  verschiedene  Art  gedeckt  werden.
        <pb n="103" />
        94

So  das  Nahrungsbedürfnis  durch  1.  Getreide,  und  zwar:
a)  durch  Roggen,  zu  dessen  Herstellung  20  Arbeitstage  notwendig ­
  sind,  b)  durch  Weizen,  der  30  Arbeitstage  erfordert,
c)  durch  Erzeugnisse  der  Gartenkultur,  die  40  Arbeitstage ­
  brauchen;  2.  Fleisch:  a)  der  Haustiere  bei
einem  Arbeitsaufwand  von  20  Tagen,  b)  der  Vögel  oder  Küchel,
was  30  beziehungsweise  40  Tage  erfordert;  3.  a)  Milch  bei
einem  Arbeitsaufwand  von  10  Tagen,  b)  Sahne  bei  40  Arbeitstagen; ­
  4.  a)  Wasser  bei  0  Arbeit,  b)  Kwas  (säuerliches  Getränk ­
  aus  gesäuertem  Schwarzbrotteig)  bei  5  Arbeitstagen,  c)
Met  oder  Bier  bei  30  Tagen.
In  dem  angeführten  Beispiele  könnte  die  Wirtschaft,  der  für
die  Gewinnung  von  Nahrungsmitteln  nur  100  Arbeitstage  zur
Verfügung  stehen,  ihre  Bedürfnisse  nicht  durch  die  Produkte  befriedigen, ­
  deren  Herstellung  am  meisten  Arbeitskraft  beansprucht,
da  sie  dann  140  Tage  zur  Befriedigung  ihrer  Nahrungsbedürfnisse
brauchen  würde:  30  (Weizen  -j-  40  (Küchlein)  -f  40  Sahne  -}-  30
(Met  oder  Bier).  Die  Wirtschaft  muß  also  irgend  eine  Kombination ­
  der  angeführten  Gegenstände  wählen,  um  das  Nahrungsbedürfnis ­
  ihrer  Mitglieder  durch  die  Arbeit  von  100  Tagen  zu
befriedigen;  im  anderen  Fall  werden  die  übrigen  Bedürfnisse
nicht  voll  gedeckt  werden  können.  Im  angeführten  Beispiel
wird  die  Wirtschaft  Roggenbrot  statt  Weizenbrot,  Kwas  statt
Bier  usw.  brauchen  müssen.  Folglich  hängt  die  Bedürfnisbefriedigung ­
  von  dem  Stand  der  Produktivkräfte  ab,  wird  also
durch  objektive  Verhältnisse  bestimmt.
Wenn  wir  zwei  Wirtschaften  desselben  Typus,  aber  mit  verschiedenen ­
  Budgets  vergleichen,  so  sehen  wir,  daß  dieselben  Bedürfnisse ­
  in  beiden  Wirtschaften  verschieden  gedeckt  werden.
Die  Wirtschaft  mit  höherer  Arbeitsproduktivität  wird  ihre  Bedürfnisse ­
  durch  solche  Produkte  decken  können,  die  mehr  Arbeit
zu  ihrer  Erzeugung  erfordern,  die  anderen  werden  sich  dagegen
mit  Produkten  geringerer  Qualität  begnügen  müssen.
Ein  und  dasselbe  Produkt  kann  unter  verschiedenen  Umständen ­
  mit  verschiedenem  Arbeitsaufwand  hergestellt  werden
und  daher  eine  verschiedene  Rolle  in  der  Wirtschaft  spielen.  So
        <pb n="104" />
        95

fordert  der  Mais  in  Südrußland  dank  den  klimatischen  Verhältnissen ­
  viel  weniger  Arbeit  als  in  Mittelrußland,  wo  Mais  nur  in
den  Gärten  kultiviert  werden  kann.  Daher  kann  der  Mais  im
Süden  die  Stelle  des  Roggens  einnehmen,  und  zwar  nicht  nur
nach  dem  Arbeitsaufwand  auf  seine  Produktion,  sondern  auch
nach  dem  Umfang  des  Konsums,  während  er  im  Zentrum  nur  als
Surrogat,  als  Gemüse  gebraucht  wird.  In  Japan  oder  in  China
ist  der  Reis  das  verbreitetste  Produkt,  weil  er  mit  dem  verhältnismäßig ­
  geringsten  Arbeitsaufwand  gewonnen  werden  kann.  Folglich ­
  bestimmt  die  Arbeitsproduktivität,  mit  der  ein  Produkt  erzeugt ­
  wird,  den  Umfang  des  Verbrauchs  dieses  Produkts  durch
die  Wirtschaften.
Der  Verbrauchswert  eines  Gutes  ändert  sich  stets  je  nach  der
Dringlichkeit  des  Bedürfnisses  in  einem  gewissen  Zeitpunkte.  Der
relative  Arbeitswert  ist  dagegen  eine  mehr  oder  weniger  konstante
Grösse  und  ändert  sich  nur  mit  der  Veränderung  der  Arbeitsproduktivität ­
  in  der  Produktion.  Die  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses ­
  nach  einem  Gute  bestimmt  noch  nicht  seinen  relativen
Wert.  Das  Bedürfnis  nach  Wasser  kann  bei  einem  Menschen
nicht  minder  dringlich  sein,  als  das  Nahrungs-,  Wohnungs-  und
Kleidungsbedürfnis.  Da  aber  keine  oder  nur  wenig  Arbeit  notwendig ­
  ist,  um  Wasser  zu  erhalten,  so  ist  der  relative  Wert  des
Wassers  für  eine  Wirstchaft  sehr  gering  oder  gleich  Null  und
wird  als  Wirtschaftsausgabe  nicht  in  Betracht  gezogen.  Eine
Wirtschaft  wird  keine  Gegenstände,  die  die  minder  wichtigen  Bedürfnisse ­
  befriedigen,  zu  deren  Erzeugung  aber  Arbeit  notwendig
ist,  gegen  Wasser  austauschen,  das  ohne  jede  Mühe  erlangt  werden ­
  kann,  obgleich  der  Gebrauchswert  des  Wassers  sehr  hoch
ist.  Obwohl  also  die  Dringlichkeit  der  Bedürfnisse  nach  einzelnen ­
  Produkten  auf  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  der
Wirtschaft  unter  verschiedenen  Produktionssphären  einwirkt,
wird  diese  Verteilung  in  letzter  Linie  durch  die  Arbeitsproduktivität ­
  in  jeder  einzelnen  Produktionssphäre  bedingt.  Die  Verbesserung ­
  der  Produktionsmittel  erhöht  die  Arbeitsproduktivität.
Der  technische  Fortschritt  in  irgend  einer  Arbeitssphäre  gestattet
der  Wirtschaft,  hier  an  Arbeit  zu  sparen  und  andere  Bedürfnisse
        <pb n="105" />
        96

besser  zu  befriedigen  oder  Produktionsmittel  herzustellen.  Die
Erfindung  der  Wassermühle  an  Stelle  der  Handmühle  führte  zur
Verminderung  der  Mahlarbeit  und  zur  Erhöhung  des  Arbeitsaufwandes ­
  für  die  Herstellung  von  Mühlen.  Die  Neueinteilung  der
Produktivkräfte  äußert  sich  hier  wie  überhaupt  bei  dem  technischen ­
  Fortschritt  im  vermehrten  Arbeitsaufwand  für  die  Herstellung ­
  von  Produktionsmitteln  und  in  der  Ersparung  der  Arbeit,
die  für  die  unmittelbare  Verarbeitung  des  Produktes  notwendig ­
  ist.  I
Aus  dem  Gesagten  geht  hervor,  daß  die  Änderung  des  Wirtschaftssystems, ­
  d.  h.  der  Übergang  von  der  Viehzucht  zum  Ackerbau
usw.,  in  einer  isolierten  oder  überhaupt  in  einer  Naturalwirtschaft
dadurch  bedingt  wird,  daß  bei  den  veränderten  Verhältnissen
—  infolge  der  Bevölkerungszunahme  —  die  Arbeitsproduktivität
bei  der  neuen  Betriebsweise  größer  ist  als  bei  der  früheren.
Widerspricht  dies  nicht  der  von  uns  konstatierten  Tatsache
des  Sinkens  der  Arbeitsproduktivität  bei  den  sukzessiven  Aufwänden? ­
  Keineswegs.  Solange  die  Bevölkerung  noch  dünn
war  und  wilde  Tiere  sowie  Pflanzen  mehr  als  genügend  vorhanden ­
  waren,  oder  solange  das  Hirtenvolk  genug  Wiesen  und
Weiden  für  das  Vieh  hatte,  war  der  Arbeitsaufwand  dieser  Bevölkerung ­
  gering.  Mit  der  Bevölkerungsverdichtung  erweist  sich
der  Vorrat  an  wilden  Tieren  und  Pflanzen  oder  das  dem  Hirtenvolk ­
  zur  Verfügung  stehende  Wiesenfeld  als  unzureichend  zur
Ernährung  der  ganzen  Bevölkerung.  Die  vermehrte  Bevölkerung
muß  dann  ihre  Arbeit  unproduktiv  aufwenden,  nach  jetzt  selten
gewordenen  Tieren  jagen  oder  eine  verhältnismäßig  geringe  Viehzahl ­
  füttern.  Im  Verhältnis  zu  der  Bevölkerung  ist  jetzt  das
Territorium  der  Hirten-  oder  der  Jäger  Völker  kleiner.  Wenn
aber  eine  Wirtschaft  20  Stück  Vieh  halten  kann,  so  ist  ihre  Arbeit
doppelt  so  produktiv,  als  wenn  sie  nur  10  Stück  Vieh  füttern
könnte.  Infolge  der  Beschränktheit  des  Territoriums  und  der
Zunahme  der  Bevölkerung  beginnt  die  Arbeitsproduktivität  zu
sinken,  und  es  wird  notwendig,  zu  einem  neuen  Wirtschaftssystem ­
  überzugehen.  Im  Gouvernement  Orenburg  können
20  Stück  Vieh  auf  20  Deßjätinen  bei  einer  extensiven  Wirtschaft
        <pb n="106" />
        97

erhalten  werden  und  erfordern  die  Arbeit  nur  einer  Familie.  In
der  Schweiz  bei  einer  intensiven  Kultur  können  dagegen  auf  denselben ­
  20  Deßjätinen  40  Stück  Vieh  gefüttert  werden,  da  der  Boden ­
  gedüngt  wird  und  während  drei  Viertel  des  Jahrs  Stallfütterung ­
  eingeführt  ist.  Die  Erhaltung  dieser  Viehmenge  fordert  aber
die  Arbeit  nicht  von  zwei  Familien,  wie  es  bei  der  extensiven
Wirtschaft  wäre,  sondern  die  Arbeit  von  fünf  bis  sechs  Familien.
Die  Arbeit  wurde  weniger  produktiv,  aber  die  um  das  drei-  bis
vierfache  vermehrte  Bevölkerung  sah  sich  gezwungen,  eine  intensivere ­
  Wirtschaft  einzuführen.  Denn,  wenn  früher  eine  Familie
20  Stück  Vieh  halten  konnte,  weil  sie  20  Deßjätinen  Land  besaß,
so  mußtenjetzt  auf  denselben  20  Deßjätinen  fünf  bis  sechs  Familien
ihren  Unterhalt  finden,  von  denen  jede  bei  einer  extensiven
Kultur  nur  drei  bis  vier  Stück  Vieh  hätte  füttern  können,  während ­
  sie  bei  einer  intensiven  Kultur  sechs  bis  acht  Stück
halten  kann.  Die  Arbeitsproduktivität  sank  mit  der  Verdichtung
der  Bevölkerung  und  dem  Übergang  zur  intensiven  Kultur.  Daher ­
  wurde  es  vorteilhafter,  eine  intensive  Kultur  einzuführen,
weil  sich  das  Gebiet  im  Verhältnis  zur  gesteigerten  Bevölkerung
verkleinert  hat.*)
Dadurch  erklärt  sich  der  allmähliche  Übergang  von  der  Viehzucht ­
  zur  Viehzucht  vereinigt  mit  Ackerbau  und  darauf  auch  zum
Ackerbau  vereinigt  mit  Viehzucht.  Die  Produktion  von  Getreide,
sowie  die  Gewinnung  von  Pflanzennahrung  überhaupt  dehnte  sich
immer  mehr  auf  Kosten  der  Viehzucht  aus.
So  treibt  eine  isolierte  Wirtschaft,  von  dem  Prinzip  der  Kraftersparnis ­
  ausgehend,  diejenige  Kultur  (Jagd,  Viehzucht,  extensiven ­
  oder  intensiven  Ackerbau),  die  unter  den  gegebenen  Verhältnissen ­
  (gemäß  dem  Grad  der  Bevölkerungsdichte)  am  zweckmäßigsten ­
  erscheint.  In  gewissem  Umfang  läßt  sich  dieselbe
Tendenz  auch  in  der  Tauschwirtschaft  wahrnehmen.  Daher  betreibt ­
  der  Chinese  mit  seinen  primitivsten  Werkzeugen  dieselbe
*)  Die  Arbeitsproduktivität  in  der  Landwirtschaft  ist  im  Laute  der
Zeit  gestiegen,  trotz  des  Überganges  zur  intensiveren  Kultur,  aber
dank  dem  technischen  Fortschritt.  Siehe  darüber  mein  Werk:
„Die  Agrarfrage“  (russisch).
Mas  slow.  Die  Theorie  d.  Volkswirlsch.

7
        <pb n="107" />
        98

intensive  Wirtschaft  wie  der  Europäer  in  der  Nähe  der  großen
Städte,  dem  die  moderne  Technik  zur  Verfügung  steht.  Ebenso
nutzt  der  Kirgise  sein  Land  extensiv  aus,  wie  es  der  Kolonist  in
Argentinien  oder  in  Australien  tut.  Der  Übergang  zum  Ackerbau
kompliziert,  wie  erwähnt,  die  Arbeit  der  isolierten  Wirtschaft:
sie  ist  gezwungen,  mehr  Arbeit  für  die  Herstellung  von  Produktionsmitteln ­
  aufzuwenden,  und  die  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  wird  jetzt  eine  andere.  Dennoch  bleibt  das  Prinzip  der
Wirtschaftstätigkeit  jedes  Subjekts  unverändert:  die  Produktivkräfte ­
  werden  so  eingeteilt,  daß  die  Bedürfnisse  mit  größtmöglicher ­
  Kraftersparnis  befriedigt  werden  können.
III.
Die  Befriedigung  der  Bedürfnisse  hängt  somit  nicht  nur  von
deren  Dringlichkeit,  sondern  hauptsächlich  von  dem  Arbeitsaufwand ­
  ab,  der  zur  Erzeugung  der  notwendigen  Produkte  gebraucht ­
  wird.  Das  Verhältnis  der  Bedürfnisdringlichkeit  und  des
Aufwandes  zueinander  bildet  auch  das  regulierende  Prinzip
der  Organisation  der  isolierten  Wirtschaften.  Die  Organisation
der  Produktion  und  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  jeder
Wirtschaft  werden  bei  gleichen  Produktionsverhältnissen  auch
in  ganz  voneinander  isolierten  Wirtschaften  gleich  sein,  obwohl
die  wirtschaftenden  Subjekte  dem  Anschein  nach  völlig  „frei“
sind.
Infolge  der  Beschränktheit  ihrer  Produktivkräfte  und  ihrer
isolierten  Lage  kann  so  eine  Wirtschaft  ihre  Bedürfnisse  nicht
mannigfaltig  decken.  Aber  innerhalb  der  Grenzen  ihrer  einfachen
Wirtschaft  wird  sie  danach  streben,  die  Bedürfnisse  mit  möglichster ­
  Kraftersparnis  zu  decken.  Der  Einwohner  Sibiriens  wird
Obst  essen,  das  er  in  der  Natur  findet,  und  keine  Treibhäuser
für  Obstgärten  bauen.  Er  wird  sich  Nägel  aus  Holz  und  nicht
aus  Gold  machen,  obgleich  auch  Gold  in  Sibirien  zu  finden  ist.
Ein  hölzerner  Nagel  kann  gute  Dienste  leisten,  wenn  auch  nicht
so  wie  ein  eiserner  oder  goldener;  da  aber  der  eiserne  Nagel
viel  Arbeit  erfordert,  so  können  die  übrigen  Bedürfnisse  nicht  befriedigt ­
  bleiben.  Würde  die  Wirtschaft  aber  eiserne  oder  goldene
        <pb n="108" />
        7

99

Nägel  ebenso  leicht  herstellen  können,  wie  hölzerne,  so  würde  sie
gewiß  keine  hölzernen  brauchen.
Die  Verletzung  dieses  Prinzips  —  des  Gleichgewichts  zwischen
den  Arbeitsaufwänden  und  der  Bedürfnisbefriedigung  —  führt
zur  Zerstörung  des  ganzen  Betriebes.  Der  auf  Kosten  der  Produktionsmittel ­
  gesteigerte  persönliche  Konsum  schmälert  die
Reproduktion  der  Produkte.  Für  eine  isolierte  Wirtschaft  kann
man  annehmen,  daß  sich,  je  mehr  Produkte  als  Produktionsmittel ­
  und  je  weniger  Produkte  unmittelbar  verbraucht  werden,
um  so  ausgedehnter  entwickelt  sich  der  Reproduktionsprozeß,
die  erweiterte  Reproduktion.  Daraus  folgt  aber  keineswegs,  daß  der
Umfang  der  Produktion  durch  den  Charakter  des  Konsums  und
nicht  umgekehrt  der  Charakter  des  Konsums  durch  den  Umfang
der  Produktion  bestimmt  wird.  Denn  die  Menge  der  Produkte,
die  als  Produktionsmittel  gebraucht  werden  kann,  hängt  von
dem  Stand  der  Produktivkräfte  ab.
Der  persönliche  sowohl  als  auch  der  wirtschaftliche  Konsum
einer  Bauernfamilie  hängt  nicht  von  dem  subjektiven  Willen  der
Familienmitglieder  ab,  sondern  von  dem  Umfang  der  Wirtschaft,
dem  Stand  der  Produktivkräfte.  Eine  arme  Familie  ist  außerstande, ­
  den  Konsum  ihrer  Wirtschaft  auf  Kosten  des  persönlichen ­
  Verbrauches  auszudehnen.  Die  wohlhabenderen  Familien
werden  dagegen  durch  den  Reproduktionsprozeß  gezwungen,
einen  größeren  Teil  ihrer  Produktivkräfte  auf  die  Herstellung
von  Produktionsmitteln  zu  verwenden.
Die  ausgedehnte  Reproduktion  ist  in  einer  isolierten  Wirtschaft ­
  in  gewisse  sehr  enge  Grenzen  eingeschlossen.  Die  Produktion ­
  kann  nur  den  Zweck  haben,  die  eigenen  Bedürfnisse  der
Wirtschaft  zu  befriedigen.  Da  nun  eine  isolierte  Wirtschaft  infolge ­
  der  Beschränktheit  ihrer  Mittel  ihre  Produktion  nicht
mannigfaltig  gestalten  kann,  so  daß  sie  immer  neue  Bedürfnisse
decken  könnte,  so  kann  die  Produktion  nur  den  Umfang  annehmen, ­
  der  notwendig  ist,  um  die  persönlichen  Bedürfnisse  der
Familienmitglieder  zu  decken.  Die  weitere  Ausdehnung  der  Produktion ­
  hat  keinen  Zweck,  da  der  Überschuß  an  Waren  unverbraucht ­
  bleiben  würde.  Daher  ist  der  Raum  für  eine  ausge-
        <pb n="109" />
        100

dehnte  Reproduktion  in  einer  Wirtschaft  umso  enger,  je  mehr
sich  diese  dem  Typus  einer  isolierten  Wirtschaft  nähert.  Die
vervollkommneteren  Werkzeuge,  die  die  Arbeitsproduktivität  bedeutend ­
  erhöhen,  können  hier  keine  Verwendung  finden,  da  die
mittels  dieser  gewonnene  Produktenmasse  in  der  Wirtschaft
nicht  verbraucht  werden  könnte.  Die  Wirtschaft  strebt  innerhalb ­
  der  Grenzen  des  eigenen  Konsums  nach  Kraftersparnis.
Eine  typische  isolierte  Wirtschaft  befindet  sich  im  Zustande
des  stabilen  Gleichgewichts,  solange  sie  isoliert  bleibt.  Eine
arme  Familie  kann  sogar,  wenn  es  unmöglich  ist,  die  Wirtschaft ­
  auszudehnen,  einen  relativen  Wohlstand  erreichen,  wobei ­
  an  Stelle  der  ausgedehnten  eine  einfache  Reproduktion ­
  tritt.  Diese  Stabilität  verursacht  aber  (obgleich  selbst
dadurch  hervorgerufen)  eine  Beschränktheit  der  Bedürfnisse,  die
durch  die  Erzeugnisse  der  eigenen  Wirtschaft  gedeckt  werden,
und  führt  zum  Stocken  in  der  Entwickelung  der  Bevölkerung.
Neue  Bedürfnisse  können  nur  durch  andere  Wirtschaften  hervorgerufen ­
  und  gedeckt  werden;  dadurch  aber  wird  das  stabile
Gleichgewicht  der  Wirtschaft  gestört  .  .  .
Noch  vor  kurzem  konnte  man  in  Sibirien  solche  Bauernwirtschaften ­
  treffen,  bei  denen  Getreide  in  den  Speichern  20  und
mehr  Jahre  unberührt  lag.  Die  Bedürfnisse  wurden  mittels  einfacher ­
  Reproduktion  gedeckt,  während  die  Überschüsse  aus  den
reichen  Ernten  lange  liegen  blieben.  Mit  der  Zunahme  der
Familienmitglieder  teilt  sich  die  Familie,  aber  auch  jede  einzelne
neue  Familie  dehnt  ihre  Produktion  nur  entsprechend  ihrem  allgemeinen ­
  Wachstum  aus.  Erst  mit  der  Entwickelung  des  Warentausches ­
  wird  die  Möglichkeit  gegeben,  die  Produktion  grenzenlos ­
  auszudehnen,  da  die  Produkte  auf  dem  Markte  abgesetzt
werden  können.*)
*)  Dem  Typus  einer  isolierten  Wirtschaft  nähert  sich  in  bezug  auf
die  Reproduktion  sehr  die  bäuerliche  „Ernährungswirtschaft“,  die  aus
sozialen  Gründen  weder  die  Produktivität  der  Arbeit  erhöhen,  noch
die  Produktion  ausdehnen  kann.  Dem  Wesen  nach  stellen  aber  diese
beiden  Wirtschaften  zwei  verschiedene  Typen  dar,  da  die  Stabilität  der
„Ernährungswirtschaft“  durch  die  ungünstigen  Bedingungen  ihrer  Entwicklung ­
  bestimmt  wird.  Siehe  darüber  meine  „Agrarfrage“.
        <pb n="110" />
        Siebentes  Kapitel.
Die  Entstehung  des  Handwerks.
Eine  isolierte  Wirtschaft  produziert  verschiedene  Gegenstände,
um  ihre  Bedürfnisse  zu  decken.  Aber  in  jeder  Wirtschaft  werden ­
  dieselben  Produkte  hergestellt.  Wir  finden  hier  eine  sich
wiederholende  Mannigfaltigkeit  der  Produktion:
dieselben  Produkte  werden  in  entsprechendem  Verhältnis  angefertigt, ­
  in  den  einzelnen  Produktionszweigen  werden  entsprechend
gleiche  Mengen  von  Arbeitskräften  verwendet.
Diese  Einförmigkeit  der  Naturalwirtschaften  wird  nicht  bloß
durch  die  Gleichheit  der  Technik  und  der  menschlichen  Bedürfnisse, ­
  sondern  auch  dadurch  bedingt,  daß  eine  isolierte  Wirtschaft ­
  außerstande  ist,  die  Befriedigung  der  Bedürfnisse  verschiedenartig ­
  zu  gestalten.  Es  ist  hier  unmöglich,  Produkte  herzustellen, ­
  die  in  jeder  Wirtschaft  nur  in  geringen  Mengen  verbraucht ­
  werden  und  deren  Herstellung  eine  längere  Lehrzeit  und
Gewandtheit  voraussetzt.  So  würde  eine  isolierte  Wirtschaft  sehr
viel  Zeit  für  die  Herstellung  von  Metallwaren  brauchen,  während
ein  Handwerker  sie  verhältnismäßig  leicht  anfertigt.  Daher  bedeutet ­
  es  einen  gewaltigen  Fortschritt  in  der  Entwicklung  der
isolierten  Wirtschaften,  wenn  das  Handwerk  ausscheidet
und  sich  verselbständigt.
Da  die  isolierte  Wirtschaft  die  Produkte  selbständig  herstellt,
die  sie  in  großer  Menge  braucht,  und  bei  den  Handwerkern  nur
solche  kauft,  deren  sie  nur  in  geringer  Anzahl  bedarf,  so  arbeitet
der  Handwerker  gleichzeitig  für  mehrere  Wirtschaften:  für  das
ganze  Dorf  (Schmiede)  oder  gar  für  einen  Rayon  (Walker,  Schaffellgerber ­
  usw.).  Der  Unterschied  zwischen  diesen  Handwerkertypen ­
  besteht  bloß  darin,  daß  der  eine  zu  Hause  Bestellungen
annimmt,  während  der  letztere,  der  noch  für  andere  Gemeinden
        <pb n="111" />
        102

arbeitet,  von  Haus  zu  Haus,  von  Dorf  zu  Dorf  zieht,  um  Arbeit
zu  erhalten.  In  einigen  Großwirtschaften  mit  Sklaven  oder
Hörigen  arbeitet  der  Handwerker  stets  nur  für  diese  Wirtschaft,
wobei  auch  der  Rohstoff  von  der  Wirtschaft  geliefert  wird.
Das  charakteristische  Merkmal  des  Handwerks  ist  die  Arbeit
des  Handwerkers  für  den  unmittelbaren  Konsumenten,  der  ihm
auch  den  Rohstoff  liefert.  Durch  die  Arbeitsteilung  unter  den
einzelnen  Wirtschaften  hervorgerufen,  fördert  die  Entstehung  des
Handwerks  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  und  vor  allem
den  technischen  Fortschritt  (Herstellung  von  verbesserten  Werkzeugen ­
  des  Handwerkers)  und  eine  zweckmäßigere  Anwendung
der  Arbeit  (Arbeitsgewandtheit  des  Handwerkers).
Es  erhellt  daraus,  daß,  je  zahlreicher  und  mannigfaltiger  die
Erzeugnisse  sind,  die  der  Handwerker  für  die  Naturalwirtschaften ­
  liefert,  diese  sich  um  so  enger  mit  der  Wirtschaft  des
Handwerkers  und  durch  diese  auch  untereinander  verbinden.
Andererseits  ist  der  Handwerker  ganz  auf  seine  Kunden  angewiesen. ­
  Die  Zunahme  der  Handwerkerzahl  ist  daher  gleichbedeutend ­
  mit  der  Zunahme  der  Wirtschaften,  die  nun  nicht  mehr
isoliert  von  den  anderen  Wirtschaften  existieren  können.
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  führte  somit  zur  Verkettung ­
  der  einzelnen  Wirtschaften  untereinander,  wobei  die  Zahl
dieser  Wirtschaften  um  so  größer  und  ihre  Verbindung  untereinander ­
  um  so  enger  ist,  je  weiter  die  Spezialisierung  der  Arbeit
fortgeschritten  ist.
Die  Zunahme  der  Handwerkerzahl  veranlaßte  diese  schließlich, ­
  für  den  Absatz  zu  produzieren.  Die  Produktion  nicht  für
den  unmittelbaren  Konsumenten,  sondern  für  den  Markt  führt
dann  zur  Ausbildung  der  Stadt-  und  Jahrmärkte.
Wir  werden  hier  nicht  die  geschichtlichen,  sondern  die  wirtschaftlichen ­
  Ursachen  der  Entstehung  der  Städte  untersuchen,
in  denen  sich  die  Handwerkerbevölkerung  allmählich  konzentriert ­
  hatte  und  sich  nicht  auf  die  Produktion  auf  Bestellung  oder
für  den  lokalen  Absatz  unmittelbar  an  die  Kunden  beschränken
konnte,  sondern  schließlich  gezwungen  war,  ihre  Produkte  an
den  Kaufmann  zu  veräußern.  Der  Kaufmann  oder  der  Verleger
        <pb n="112" />
        103

suchte  schon  einen  weiteren  Absatz  für  seine  Produkte.  Auf  dem
Boden  der  Warenproduktion  für  den  Markt  entstand  schließlich,
dank  der  zahlreichen,  den  Dörfern  entflohenen  Bevölkerung,  der
kapitalistische  Großbetrieb  mit  Lohnarbeitern.  In  den  Kulturländern ­
  sind  die  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse  überall
tonangebend.  Dennoch  existieren  innerhalb  der  modernen  nationalen ­
  Wirtschaft  als  Überbleibsel  und  Reste  der  früheren  ökonomischen ­
  Verhältnisse  alle  Übergangsformen  von  der  isolierten  bis
zur  modernen  kapitalistischen  Wirtschaft.  Diese  Reste  gestatten
uns  nun,  die  Bedeutung  einzelner  Betriebsformen  aufzuklären,
sowie  die  Ursachen  herauszufinden,  die  den  Übergang  einer  Betriebsform ­
  in  die  andere  hervorgerufen  haben.  Die  Untersuchung
der  Kustarindustrie  in  Rußland  liefert  in  dieser  Hinsicht  ein  reichhaltiges ­
  Material.  Wir  wollen  deshalb  die  Angaben  dieser  Untersuchungen ­
  etwas  näher  analysieren.
Das  Handwerk  entsteht,  wenn  die  Herstellung  irgend  eines
Produkts  aus  der  isolierten  Wirtschaft  ausgeschieden  und  von
einem  einzelnen  betrieben  wird,  der  sich  darin  spezialisiert  hat.
Dieser  Prozeß  ist  ein  langdauernder.  Auch  jetzt  noch,  wenn
einige  Industriezweige  schon  ganz  kapitalisiert  sind,  werden  die
anderen  erst  aus  der  einzelnen  Wirtschaft  ausgeschieden  und
von  den  Handwerkern  betrieben.  Deshalb  entstehen  auch  in
einer  entwickelten  kapitalistischen  Wirtschaft  jeden  Tag  neue
Handwerker,  die  sich  in  der  Herstellung  von  irgend  welchen
Produkten  spezialisieren,  obgleich  die  alten  Handwerker  immer
wieder  durch  den  kapitalistischen  Betrieb  ruiniert  werden.  Die
neuen  Handwerker  können  entweder  eine  alte  Produktion  betreiben, ­
  die  aber  erst  jetzt  aus  der  Eigenwirtschaft  ausgesondert
wurde,  oder  neue  Bedürfnisse  durch  eine  neue  Produktionsart
befriedigen.  Der  Handwerker  kann  in  diesem  Falle  entweder
auf  Bestellung  arbeiten  oder  für  den  nächsten  Markt,  und  seine
Tätigkeit  nimmt  somit  den  Charakter  einer  Produktionsform
an,  den  die  anderen  Industriezweige  längst  verloren  haben.
Die  Produktion  der  isolierten  Wirtschaft  war  den  Bedürfnissen ­
  angepaßt.  Entweder  kann  ein  Handwerker  ein  neues
Produkt  hersteilen,  um  die  neu  entstandenen  Bedürfnisse  zu  be-
        <pb n="113" />
        104

friedigen;  oder  es  ist  aus  den  Naturalwirtschaften  die  Erzeugung
gewisser  Produkte  ausgeschieden,  die  in  die  Arbeitssphäre  des
Handwerks  übergingen.  In  beiden  Fällen  findet  eine  Änderung ­
  in  der  Organisation  der  isolierten  (Natural-)  Wirtschaften
statt.
Früher  richtete  sich  die  Produktion  nach  den  Bedürfnissen
der  Familienmitglieder.  Waren  dieser  zehn,  so  wurden  Nahrung,
Kleider  und  andere  Produkte  nur  für  zehn  produziert.  Ist  aber
neben  fünf  solchen  Familien  eine  Handwerkerfamilie  mit  ebenfalls ­
  zehn  Personen  entstanden,  die  für  jene  irgend  ein  Produkt
(Schuhwaren)  verfertigt,  so  müssen  die  fünf  Naturalwirtschaften
jetzt  Produkte  nicht  nur  für  sich,  sondern  auch  für  die  Handwerkerfamilie ­
  hersteilen,  d.  h.  jede  hat  jetzt  für  zwölf  Personen
Nahrung,  Kleidung  usw.  fertigzustellen.
Die  Entstehung  des  Handwerks  ist  zweifelsohne  ein  Fortschritt ­
  in  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte,  weil  das  Handwerk ­
  andernfalls  gar  nicht  hätte  entstehen  können.  Denn
brauchte  die  Naturalwirtschaft  für  die  Erzeugung  von  Schuhwerk
ebenfalls  soviel  Arbeit,  wie  der  Schuhmacher,  so  würde  sie  das
Schuhwerk  auch  selber  verfertigen.  Es  erhellt  daraus,  daß  das
Handwerk  nur  unter  der  Bedingung  entstehen  kann,  daß  es
erstens  mit  geringerem  Arbeitsaufwand  als  die  Naturalwirtschaften ­
  die  Produkte  hersteilen  kann,  und  daß  zweitens  die  Naturalwirtschaften ­
  imstande  sind,  mehr  Lebensmittel,  als  sie  selber  unbedingt ­
  brauchen,  zu  produzieren,  um  den  Rest  gegen  die  Erzeugnisse ­
  des  Handwerks  austauschen  zu  können.  Daraus  folgt
aber  wiederum,  daß  die  Entstehung  des  Handwerks  eine  Neueinteilung ­
  der  Produktivkräfte  in  der  Naturalwirtschaft  mit  sich
bringt.
Als  Folge  dieser  Neueinteilung  der  Produktivkräfte  in  der
Naturalwirtschaft  erscheint  der  enge  Zusammenhang  zwischen
der  Entwicklung  dieser  Wirtschaft  und  der  des  Handwerks,  was
gewöhnlich  von  denen  übersehen  wird,  die  von  der  Widerstandsfähigkeit ­
  des  Kleinbetriebes  in  der  Landwirtschaft  reden.
Mit  der  Entwicklung  des  Handwerks  beginnt  die  früher  isolierte ­
  Wirtschaft  einen  immer  größeren  Teil  ihrer  Produkte  zu
        <pb n="114" />
        105

veräußern,  also  nicht  nur  für  sich,  sondern  auch  für  andere  zu
produzieren.
Die  Entstehung  des  Gewerbes  aus  der  isolierten  Wirtschaft
ist  dadurch  hervorgerufen  worden,  daß  die  Arbeit  dank  der
Spezialisierung  produktiver  wurde.  Folglich  führt  die  Ausscheidung ­
  der  Herstellung  gewisser  Produkte  aus  den  isolierten  Wirtschaften ­
  zur  Ersparnis  an  Kraft  auch  in  diesen  Wirtschaften.
Wenn  diese  nicht  zum  Austausch  ihre  Zuflucht  nehmen,  obwohl
der  Handwerker  beispielsweise  Kleider  mit  viel  geringerem
Arbeitsaufwand  produziert,  so  nur  deshalb,  weil  diese  Wirtschaft
zu  wenig  Produkte  schafft,  um  gegen  Kleider  austauschen  zu  können. ­
  Die  Erhöhung  der  landwirtschaftlichen  Produktion  wird
ihr  gestatten,  sich  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  in  den
anderen  Arbeitssphären  zwecks  Ersparnis  an  Kraft  in  der
eignen  Wirtschaft  zunutze  zu  machen.
Wenn  eine  Bauernfamilie  50  Arbeitstage  braucht,  um  für  sich
Kleider  zu  verfertigen,  während  die  Gewinnung  von  Getreide,  das
gegen  Kleider  ausgetauscht  werden  könnte,  nur  zehn  Tage  in  Anspruch ­
  nehmen  würde,  so  ist  es  nur  die  äußerste  Not,  die  diese
Bauernfamilie  zwingt,  sich  mit  der  Herstellung  von  Kleidern  zu
beschäftigen,  statt  diese  gegen  Getreide  zu  erhalten.  So  treibt  die
Entwicklung  der  Landwirtschaft  diese  zum  Austausch  ihrer  Erzeugnisse ­
  gegen  die  der  Industrie,  und  nur  das  Elend  der  bäuerlichen ­
  Bevölkerung  hindert  die  Entwicklung  des  Tauschverkehrs.
Indem  aber  die  bäuerliche  Wirtschaft  verschiedenartige  Produkte ­
  von  auswärts  her  erhält,  verwandelt  sie  sich  ebenfalls  in
eine  der  gewerblichen  ähnliche  Wirtschaft:  an  Stelle  vieler  Produkte ­
  erzeugt  sie  nun  nur  noch  irgendein  Produkt  (meistens
Nahrungsmittel),  das  sie  gegen  die  Gewerbeerzeugnisse  austauscht. ­
  Sowohl  das  Gewerbe  als  auch  die  Landwirtschaft  werden ­
  von  dem  Markt  abhängig.  Nur  der  wirtschaftliche  Stillstand
oder  gar  Rückgang  kann  gewissermaßen  diese  Entwicklung
hindern,  die  „Selbständigkeit“  der  bäuerlichen  Wirtschaft  garantieren. ­
  Die  „Ernährungswirtschaft“  (die  bloß  für  sich  arbeitet)
kann  somit  nur  unter  der  Bedingung  aufrechterhalten  werden^
daß  die  Bevölkerung  ein  elendes  Dasein  fristet.
        <pb n="115" />
        106

Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  ändert  sich  mit  der  Entstehung ­
  des  Gewerbes:  die  notwendigen  Produkte  werden  jetzt
sowohl  in  den  ländlichen,  als  auch  in  den  Handwerkerwirtschaften ­
  hergestellt.  Dennoch  bleibt  das  Verhältnis,  in  dem  für
die  Produktion  einzelner  Güter  Arbeit  aufgewendet  wird,  dasselbe, ­
  wie  in  der  isolierten  Wirtschaft.  Wenn  in  einer  isolierten
Wirtschaft  jeder  nur  ein  Paar  Stiefel  brauchte,  so  wird  er  auch
jetzt  nicht  zwei  Paar  gleichzeitig  tragen  können.  Gewiß
steigt  der  Konsum  mit  der  Entwicklung  der  Produktion;  dennoch
bleibt  die  Abhängigkeit  der  Produktion  von  dem  Umfang  des
Konsums  bestehen.
Dabei  hängt  der  Umfang  der  Produktion  in  einer  Wirtschaft
von  der  Größe  der  Produktion  in  den  anderen  Wirtschaften  ab.
Der  Schuhmacher  wird  für  längere  Zeit  ohne  Arbeit  bleiben,
wenn  der  Bedarf  an  Schuhwerken  schon  gedeckt  ist.  Da  er  nun
andere  Waren  nur  gegen  Schuhwrek  erhalten  kann,  so  muß  er
sich  Besteller  in  der  Umgebung  oder  fertige  Ware  auf  entfernteren
Märkten  zu  verkaufen  suchen.
Im  Kreise  Chwalynsk*)  arbeiten  die  Walker  einige  Monate
bei  sich  zu  Hause  für  Besteller  aus  der  Nachbarschaft.  Wenn
die  Nachfrage  der  Nachbarn  gedeckt  ist,  gehen  die  Walker  nach
den  anderen  Dörfern  und  Kreisen  und  arbeiten  dort  für  andere
Auftraggeber.  Da  die  Walker  in  einem  Rayon  wohnen,  so  arbeiten
sie  infolge  der  Konkurrenz  untereinander  im  Heimatdorfe  billiger
als  auswärts,  obgleich  sie  auch  dort  nur  auf  direkte  Bestellung
arbeiten.
Wenn  sich  das  Gewerbe  von  der  Landwirtschaft  losgelöst  hat,
ist  die  Produktionsorganisation  nicht  mehr  in  einzelnen,  sondern
in  sämtlichen  Wirtschaften  gleichzeitig  zu  betrachten.  Das  Gewerbe ­
  verbindet  die  einzelnen  Wirtschaften  eng  untereinander.
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  äußert  sich  nun  in  der
Form  der  ökonomischen  Entwicklung  des  ganzen  Komplexes
der  Wirtschaften,  die  durch  den  Tauschverkehr  untereinander
verbunden  sind.
*)  Untersuchungen  über  die  Kustari  im  Gouvernement  Saratow,
2.  Lief.  Diese  Materialien  sind  noch  nicht  veröffentlicht.
        <pb n="116" />
        —  107  —

Bücher  betrachtet  das  Wandergewerbe  als  die  erste  Form  des
Handwerks,  das  von  Ort  zu  Ort  umherzieht  und  auf  direkte  Bestellung ­
  und  mit  dem  Material  des  Bestellers  arbeitet.  Mir
scheint  das  unzutreffend  zu  sein.  Sowohl  die  apriorischen  Erwägungen ­
  als  auch  die  Tatsachen  sprechen  dagegen.
Man  darf  annehmen  (und  in  der  Tat  ist  es  auch  so),  daß  das
Handwerk  dann  entsteht,  wenn  irgendein  Mitglied  der  Gemeinde
beginnt,  nicht  nur  für  die  eigene  Familie,  sondern  auch  für  die
Nachbarn  zu  arbeiten.  Wenn  nach  dem  von  diesem  Mitgliede
betriebenen  Gewerbe  ein  Bedürfnis  entsteht,  so  wird  der  Handwerker ­
  ein  Mitglied  dieser  Gemeinde,  gewissermaßen  ihr  Beamter.
Es  erhellt  daraus,  daß  er  kein  Bedürfnis  hat,  nach  den  nächsten
Dörfern  zu  ziehen,  solange  er  in  seinem  Heimatdorfe  Arbeit  erhält. ­
  Wie  wir  noch  sehen  werden,  befanden  sich  solche  Handwerker ­
  in  der  Tat  in  der  Lage  von  Beamten  der  Gemeinde.
Wenn  aber  in  einer  Gemeinde  zwei  Handwerker,  beispielsweise ­
  zwei  Schmiede,  auftreten,  so  ist  es  klar,  daß  sie  im  Heimatdorfe ­
  nicht  genug  Arbeit  erhalten  können,  und  der  zweite  wird
sich  gezwungen  sehen,  auswärts  Beschäftigung  zu  suchen.  Oder
beide  Handwerker  werden,  nachdem  sie  den  Bedarf  der  Mitglieder ­
  ihrer  Gemeinde  an  ihren  Erzeugnissen  befriedigt  haben,
nach  anderen  Gemeinden  reisen,  um  dort  den  übrigen  Teil  des
Jahres  zu  arbeiten.  So  erweist  sich  das  Wandergewerbe  als  die
zweite  Stufe  des  Handwerks,  die  entsteht,  wenn  sich  die  Zahl  der
Handwerker  in  einigen  Gemeinden  vermehrt  hat,  so  daß  sie
keine  genügende  Beschäftigung  in  der  Heimatgemeinde  mehr
finden  können.  Die  verschiedenen  Formen  des  Handwerks  in
Saratow  bestätigen  diese  unsere  abstrakte  Analyse  vollständig.
Das  Herumwandern  der  Handwerker  beginnt  erst  dann,  wenn
ihre  Zahl  so  groß  geworden  ist,  daß  sie  binnen  einiger  Monate
die  Bedürfnisse  ihres  Dorfes  befriedigen  können.  Für  die  übrige
Zeit  gehen  sie  nach  den  anderen  Dörfern,  wobei  sie  an  dem  ihnen
gelieferten  Material  arbeiten.  Je  größer  die  Zahl  der  „überschüssigen“ ­
  Handwerker  in  einer  Gegend,  um  so  länger  ist  die
Wanderzeit,  und  ein  um  so  größeres  Gebiet  besuchen  diese  Wanderhandwerker. ­
  Umgekehrt:  je  weniger  „überflüssige“  Hand-
        <pb n="117" />
        108

werker  in  einem  Dorfe  sind,  um  so  länger  bleiben  sie  hier  ansässig. ­
  Wo  in  einer  Gemeinde  nur  ein  Handwerker  vorhanden
ist,  arbeitet  er  für  die  unmittelbaren  Besteller  aus  dem  Heimatdorf. ­
  Wenn  wir  also  annehmen,  daß  die  erste  Form  des  Handwerks ­
  das  Wandergewerbe  war,  so  müßte  nach  dieser  Annahme
die  Zahl  der  Handwerker  zuerst  größer  sein  als  später,  zur  Zeit
seiner  weiteren  Entwicklung.  Nur  das  Gewerbe  hatte  von  vornherein ­
  die  Form  eines  Wandergewerbes,  das  nicht  der  Naturalwirtschaft ­
  entwachsen  war,  sondern  von  auswärts  her  durch
fremde  Stämme  in  die  Gemeinde  hineingebracht  wurde,  die  sich
in  irgend  einem  Gewerbe  spezialisiert  hatten.
Dieser  Fall  hat  wohl  auch  Bücher  und  andere  irregeführt, ­
  die  das  Wandergewerbe  als  erste  Form  des  Handwerks  betrachten. ­
  Davon  abgesehen,  ist  das  Bedürfnis  der  Gemeinde
nach  einigen  Erzeugnissen  der  Handwerker  (Schmucksachen
usw.)  so  gering,  daß  diese  gleichzeitig  ein  ganzes  Gebiet  bedienen
können.  Auch  in  diesem  Falle  müßte  der  Handwerker  von  Dorf
zu  Dorf  umherziehen.
        <pb n="118" />
        Achtes  Kapitel.
Die  Gemeindewirtschaft.
Die  Organisation  der  Arbeit  in  verschiedenen  Wirtschaftssystemen ­
  hängt  stark  von  diesen  ab.
Die  Jagd  gestattet  keine  große  Anhäufung  von  Menschen  an
einem  Orte,  fordert  vielmehr  möglichste  Zerstreuung  über  das
Territorium,  um  Erfolg  zu  haben.  Dennoch  geben  die  Vorteile
der  Kooperation,  der  gemeinsamen  Jagd,  zuweilen  Anlaß,  in  größeren ­
  Gruppen  zu  leben,  wobei  eine  regelrechte  Arbeitsteilung
schon  bei  der  Jagd  oder  Fischerei  zu  konstatieren  ist.  Auch
bewirkte  die  Notwendigkeit  des  Selbstschutzes  gegen  die  benachbarten ­
  Stämme,  daß  die  Jägervölker  in  größeren  Gruppen  lebten.
Die  Viehzuchtwirtschaft  gestattet  eine  größere  und  festere
Kooperation.  Das  Vieh  kann  in  großen  Herden  geweidet  werden,
allerdings  unter  der  Bedingung  des  ständigen  Ortswech  -
sels.  Ein  je  größeres  Territorium  der  Stamm  inne  hat,  je  leichter ­
  er  seinen  Ort  wechseln  kann,  um  so  größere  Herden  können
geweidet  werden,  um  so  mehr  Menschen  können  Zusammenleben, ­
  und  um  so  bedeutender  ist  die  Kraftersparnis  infolge  dieses
Zusammenlebens.  Die  Einengung  des  Gebiets,  die  infolge  der
Bevölkerungszunahme  und  der  Bedrängung  durch  die  Nachbarn
eintritt,  führt  nicht  nur  den  Übergang  zum  Ackerbau  herbei,  sondern ­
  auch  das  Auseinanderfallen  der  großen  Wirtschaftsgruppe
in  viele  kleinere.  Mit  dem  Übergang  zur  ansässigen  Lebensweise
teilt  sich  das  Geschlecht  in  Familien  auf.  Die  Weide  bleibt  allerdings ­
  noch  gemeinsam,  aber  das  Vieh  beginnt,  seine  Bedeutung  in
der  Wirtschaft  zu  verlieren:  an  die  Stelle  der  Viehzucht  tritt  der
Ackerbau.  Die  wirtschaftliche  Tätigkeit  innerhalb  der  Familie
spielt  jetzt  eine  größere  Rolle  als  die  kollektive  Viehzucht  des
        <pb n="119" />
        Geschlechts.  Die  deutschen  Siedlungen  hatten  nach  Meitzen  die
Form  von  geschlossenen  Dörfern.
Der  wirtschaftliche  Zusammenhang  des  Geschlechts  löst  sich
allmählich  auf,  obgleich  er  immer  noch  nicht  ganz  verschwindet.
Der  Zusammenhang  zwischen  einzelnen  Familien  bleibt  nicht
nur  dank  dem  gemeinsamen  Viehweiden,  sondern  auch,  weil  gewisse ­
  Bedürfnisse  nur  durch  Personen  befriedigt  werden  können,
die  gleichzeitig  für  eine  ganze  Reihe  von  Wirtschaften  arbeiten,
—  durch  Handwerker.
Eine  je  größere  Rolle  der  Ackerbau  in  der  Wirtschaft  spielt,
von  um  so  größerer  Bedeutung  werden  die  Bedürfnisse  der  Wirtschaft, ­
  um  so  mehr  Arbeit  wird  auf  die  Verfertigung  von  Werkzeugen ­
  und  anderen  Produktionsmitteln  verwendet,  und  um  so
mannigfaltiger  wird  die  wirtschaftliche  Arbeit.  Gewisse  Produktionszweige ­
  fordern  eine  Spezialisierung  der  Arbeit  in  dem
Maße,  daß  nur  ein  gewandter  Handwerker  diese  ausführen  kann.
Die  Arbeitsteilung  innerhalb  der  Wirtschaft  erscheint  lange
vor  der  Entstehung  des  Handwerks,  wahrscheinlich  gleichzeitig
mit  der  Wirtschaft  selbst,  und  wird  wohl  vor  allem  durch'den
Unterschied  des  Geschlechts  und  Alters  und  durch  die  Sorge  um
die  Nachkommenschaft  hervorgerufen.  Wenigstens  trifft  man
schon  bei  den  Tieren  während  der  Aufzucht  der  Jungen  eine
Arbeitsteilung  zwischen  dem  Männchen  und  dem  Weibchen.*)
Mit  der  Entwicklung  der  Bedürfnisse,  mit  der  Entstehung  von
Wirtschaftsbedürfnissen  neben  den  persönlichen,  wird  auch  die
Arbeit  in  der  Wirtschaft  mannigfaltiger,  und  jedes  Mitglied  der
Familie  hat  auch  verschiedene  Arbeiten  auszuführen.  Wir  haben
*)  Mit  einem  Kind  auf  dem  Rücken  (die  Hände  der  Kinder  in  der
ältesten  Zeit  der  Quartärperiode  waren  organisch  dazu  angepaßt,  um
sich  am  Hals  zu  halten)  konnte  die  Frau  nicht  einem  Tier  nachjagen.
Sie  war  also  durch  Naturverhältnisse  darauf  angewiesen,  Pflanzen  zu
suchen,  diese  zuzubereiten  und  die  Hauswirtschaft  zu  führen.  Der
Mann  beschäftigte  sich  dagegen  mit  Jagd  und  darauf  auch  mit  Viehzucht. ­
  Die  Rolle  der  Frau  in  dem  sozialpolitischen  Leben  wurde  durch
die  Bedeutung  der  Pflanzennahrung  in  der  Wirtschaft  bestimmt.  Den
Schritt  von  der  Pflanzen-  und  Tiersammlung  zur  Jagd  macht  ausschließlich ­
  der  Mann;  denn  die  Frau,  die  sich  nicht  rasch  bewegen  konnte,
mußte  sich  auf  die  alte  Produktionsweise  beschränken.  Die  Mensch-
        <pb n="120" />
        Ill

schon  erwähnt,  daß  dies  zur  Entstehung  des  Handwerks  führt.
Diesen  Prozeß  werden  wir  noch  näher  kennen  lernen.  Jetzt  sei
nur  der  Einfluß  des  Handwerks  auf  die  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Wirtschaft  untersucht.
Die  Naturalwirtschaft  konnte  seit  alters  viele  Bedürfnisse  mittels ­
  Austausch  decken.  Dennoch  hat  dieser  Umstand  für  die
Verfassung  der  Naturalwirtschaft  keine  durchgreifende  Bedeutung ­
  gehabt.
Das  charakteristischste  Merkmal  der  Fronhofswirtschaft  des
12.  Jahrhunderts  in  England  ist  ihr  „Sichselbstgenügen“,  ihre
„soziale  Unabhängigkeit“.  ,,Im  Dorfe  fanden  sich  Leute,  die  alle
für  das  alltägliche  Leben  nötigen  Beschäftigungen  und  Handwerke ­
  trieben.  Da  gab  es  immer  eine  Wasser-  und  Windmühle,
welche  die  Gutsbauern  gegen  Abgaben  zu  benutzen  verpflichtet
waren  .  ,  .  Viele  Dörfer,  wenn  auch  nicht  alle,  hatten  ihren
eigenen  Schmied,  ihren  eigenen  Zimmermann.  Diese  beiden
waren  wohl  zuerst  Gemeindebeamte,  denen  unter  der  Bedingung,
daß  sie  die  Pflüge  des  Grundherrn  und  der  Bauern  ausbesserten,
Land  gegeben  wurde  .  .  .  Ein  anderer  Dorfbeamter,  dem  manchmal ­
  kraft  seines  Amtes  Land  verliehen  worden  zu  sein  scheint,
war  der  Pfandhauswärter.“
„Dies  war  der  durchschnittliche  Zustand  des  dörflichen  Lebens
in  England;  die  Bauern  bestellten  auf  herkömmliche  Weise  jahraus, ­
  jahrein  ihr  Land,  nährten  sich  von  dem  Ertrage  ihrer  Arbeit
und  kamen  mit  der  Außenwelt  nur  wenig  in  Berührung.“
(W.  J.  Ashley  „Englische  Wirtschaftsgeschichte“,  deutsch  von
K.  Oppenheim.  Leipzig,  1896,  Bd.  I,  S.  32—33.)

heit  verdankt  dem  Mann,  daß  der  Mensch  von  einem  „kriechenden*
zu  einem  „laufenden“  Tier  geworden  ist,  während  die  Frau  den  Ackerbau ­
  erfunden  hat,  der  sich  aus  der  Pflanzensammlung  entwickelt  hat.
Mit  der  Ausdehnung  des  Haushaltes,  der  allmählich  die  ganze  Arbeitszeit ­
  der  Frau  in  Anspruch  nimmt,  geht  die  Funktion  der  Nahrungsgewinnung ­
  immer  mehr  auf  den  Mann  über.  Obwohl  diese  Hauptfunktion ­
  der  Wirtschaft  auf  gewissen  Entwicklungsstufen  weniger  Arbeit
fordert  als  die  Haushaltung,  wird  dennoch  der  Mann  zum  Familienhaupt ­
  So  beginnt  die  Arbeitsteilung  zwischen  Mann  und  Frau  schon
auf  den  ersten  Entwicklungsstufen  der  Wirtschaft
        <pb n="121" />
        112

Wie  es  scheint,  war  der  Schmied  der  erste  typische  Handwerker, ­
  der  die  isolierten  Wirtschaften  untereinander  verbunden ­
  hat.*)
Der  Schmied  wird  in  den  ältesten  Sagen  erwähnt.  In  den
russischen  Sagen  figuriert  auch  ein  Gerber,  der  also  schon  vor
der  Entstehung  der  Rayonwirtschaft  für  die  Bauernfamilien
arbeitete.
Gewöhnlich  wird  die  Gemeinde  schon  von  den  Gutsherren
ausgebeutet  und  deren  Wirtschaft  gehört  eigentlich  zur  Gemeinde,
Der  Gemeindehandwerker  arbeitet  nicht  nur  für  die  Bauernwirtschaften, ­
  sondern  auch  und  hauptsächlich  für  den  Grundherrn. ­
  Aus  einer  Zählung  aus  dem  Jahre  831  unter  Ludwig  dem
Frommen  geht  schon  hervor,  daß  in  der  Nähe  des  Klosters  ganze
Straßen  oder  Stadtviertel  von  Handwerkern  bewohnt  wurden,  wie
von  Schmieden,  Riemern,  Waffenschmieden,  Bäckern,  Gerbern
usw.  „All  diese  Unfreien  mußten  für  das  Kloster  arbeiten  zum
Ersatz  der  ihnen  erlassenen  landwirtschaftlichen  Fronarbeit.“  **)
„Das  charakteristische  Merkmal  der  Gutswirtschaft,  ganz  gleich,
ob  diese  die  Arbeit  der  Kolonisten  oder  die  der  unterworfenen
Stämme  in  Anspruch  nimmt,  ist  ihre  größere  oder  geringere  Isolierung.“ ­
  ***)
Die  Gemeindewirtschaft,  sowohl  die  zuerst  isolierte,  als  auch
die  mit  den  anderen  desselben  Rayons  verbundene,  stellte  ein
selbständiges  Ganze  dar,  das  ein  selbständiges  wirtschaftliches
Leben  führte.  Wohl  konnte  ein  Handwerker  nicht  bloß  für  eine
Gemeinde  arbeiten,  sondern  von  Ort  zu  Ort  wandern;  dies  hebt
aber  die  Isolierung  der  einzelnen  Gemeinde-Wirtschaften  nicht
auf.  In  Rußland  war  dieser  Typus  der  Wanderhandwerker  wahrscheinlich ­
  sehr  verbreitet.  So  finden  wir  in  den  Aufzeichnungen
über  die  Hauswirtschaften,  daß  „Iwan  in  den  Städten  und  Dörfern ­
  das  Handwerk  eines  Schneiders  betreibt“.!)
*)  Siehe  Kulischer,  Vorlesungen  über  die  Wirtschaftsgeschichte,
S.  49  (russ.).
**)  Koldalewsky,  Die  wirtschaftliche  [Entwicklung  Europas,  Bd.  III,
S.  12  (russ.).
**•)  Ebd.  Bd.  I,  Einführung,  S.  XIV.
t)  Bjeljaew,  Die  Bauern  in  Rußland,  S.  157.
        <pb n="122" />
        113

Dagegen  führten  die  Schmiede  eine  seßhafte  Lebensweise  und
bedienten  bloß  ihre  Nachbarn.  In  einer  Hauswirtschaftsaufzeichnung ­
  von  1661  lesen  wir,  daß  sich  der  Schmied  gegen  Überlassung
eines  Stückes  Land  verpflichtet  hat,  für  das  Kloster  zu  arbeiten.*)
In  den  meisten  Fällen  trieben  die  Schmiede  zugleich  mit  ihrem
Handwerk  auch  Landwirtschaft.  „Der  Hof  von  Iwaschko  dem
Schmied  sät  drei  Körbe  und  mäht  15  Haufen  Heu.“  **)  Zimmerleute ­
  werden  in  den  Grundbüchern  seltener  erwähnt.  Von
den  anderen  Handwerkern  kann  man  in  den  Dörfern  Töpfer,
Radmacher,  Schuhmacher,  Löffelmacher,  Kistenmacher,  Böttcher ­
  treffen.  „Die  Handwerker  kamen  häufig  mit  ihren  Werkzeugen ­
  zum  Besteller  und  erhielten  von  ihm  während  der  ganzen
Arbeitszeit  Speise  und  Kleider.“  ***)
Das  Gewerbe  entwickelte  sich  schon  in  der  unabhängigen  Gemeinde; ­
  dennoch  erhält  das  „Handwerk  im  Mittelalter  den  Charakter ­
  eines  Gutsgewerbes,  konzentriert  sich  im  Herrenhofe  .  .  .
Dieses  Guts  g  e  w  e  r  b  e  wird  durch  das  Gewerbe  der  ungeteilten
Bauernhöfe  unterstützt“.  .  .  (Sokolowsky,  ebenda,  S.  11—12.)
Das  gleiche  Gemeinwesen  mit  Handwerkern  am  Herrenhofe  entwickelte ­
  sich  in  Rußland,  Deutschland,  England,  Frankreich  usw.
„In  der  einfachsten  Form  bebaut  die  Gemeinde  das  Land  gemeinschaftlich ­
  und  verteilt  seine  Produkte  unter  ihre  Glieder,
während  jede  Familie  Spinnen,  Weben  usw.  als  häusliches  Nebengewerbe ­
  treibt.  Neben  dieser  gleichartig  beschäftigten  Masse
finden  wir  den  „Haupteinwohner“,  Richter,  Polizei  und  Steuereinnehmer ­
  in  einer  Person;  den  Buchhalter,  der  die  Rechnung
über  den  Ackerbau  führt  und  alles  darauf  Bezügliche  katastriert
und  registriert;  einen  dritten  Beamten,  der  Verbrecher  verfolgt
und  fremde  Reisende  beschützt  und  von  einem  Dorf  zum  andern
geleitet;  den  Grenzmann,  der  die  Grenzen  der  Gemeinde  gegen

•)  Bjeljaew,  ebenda,  S.  158.
**)  Grundbuch  I,  286,  zitiert  nach  Sokolowsky,  Die  Wirtschaftslage ­
  der  ländlichen  Bevölkerung  Rußlands,  S.  10.
***)  M.  Kowalewsky,  a.  a.  O.,  Bd.  Ill,  S.  11.
Mas  slow.  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

8
        <pb n="123" />
        114

die  Nachbar  gemeinden  bewacht,  den  Wasseraufseher,  der  das
Wasser  aus  den  gemeinschaftlichen  Wasserbehältern  zu  Ackerbauzwecken ­
  verteilt;  den  Braminen,  der  die  Funktionen  des
religiösen  Kultus  verrichtet;  den  Schulmeister,  der  die  Gemeindekinder ­
  im  Sand  schreiben  und  lesen  lehrt;  den  Kalenderbraminen,
der  als  Astrolog  die  Zeiten  für  Saat,  Ernte  und  die  guten  und
bösen  Stunden  für  alle  besonderen  Ackerbauarbeiten  angibt;
einen  Schmied  und  einen  Zimmermann,  welche  alle  Ackerbauwerkzeuge ­
  verfertigen  und  ausbessern;  den  Töpfer,  der  alle  Gefäße ­
  für  das  Dorf  macht;  den  Barbier,  den  Wäscher  für  die
Reinigung  der  Kleider,  den  Silberschmied;  hier  und  da  den
Poeten,  der  in  einigen  Gemeinden  den  Silberschmied,  in  anderen
den  Schulmeister  ersetzt.  Dies  Dutzend  Personen  wird  auf  Kosten
der  ganzen  Gemeinde  erhalten.  Wächst  die  Bevölkerung,  so  wird
eine  neue  Gemeinde  nach  dem  Muster  der  alten  auf  unbebautem
Boden  angesiedelt.  Der  Gemeindemechanismus  zeigt  planmäßige
Teilung  der  Arbeit“  .  .  .*)
Bei  den  alten  Germanen  gab  es  wenig  Handwerker,  und  diese
arbeiteten  bloß  für  die  Gemeinde.  Nach  dem  bairischen  Volksrecht ­
  waren  die  Werkzeuge  des  Schmiedes  Gemeineigentum  des
Dorfes.
In  den  indischen  und  russischen  Gemeinden  arbeiteten  die
Schmiede  und  die  anderen  Handwerker  für  die  Gemeindemitglieder ­
  und  wurden  von  ihnen  unterhalten.  Jede  Wirtschaft  mußte
einen  Teil  ihrer  Produkte  an  die  Handwerker  abliefern;  wenn
die  Gewerbeerzeugnisse  auf  dem  Wege  des  Warenaustausches  beschafft ­
  werden  konnten,  so  gab  die  Wirtschaft  ihre  Erzeugnisse ­
  schon  nicht  mehr  an  den  Gemeindehandwerker,  sondern  an
Fremde  ab.  In  beiden  Fällen  aber  machten  die  Produkte,
die  die  Bauernwirtschaft  veräußerte,  nur  einen  geringen  Teil  ihres
Gesamtbudgets  aus.
So  bildet  die  Gemeindewirtschaft  im  ganzen,  d.  h.  einige  Naturalwirtschaften ­
  gemeinsam  mit  Handwerkern,  ein  wirtschaftliches ­
  Ganzes  und  kann  ganz  isoliert  von  den  anderen  Gemeinden

)  Kapital,  6.  Auflage,  Bd.  I,  S.  322—323.
        <pb n="124" />
        8

115

leben.  Wie  früher  jede  einzelne  isolierte  Naturalwirtschaft  ein
selbständiges  Ganzes  darstellte,  das  sich  mit  den  anderen  Wirtschaften ­
  in  keiner  Verbindung  befand,  so  bilden  auch  die  wenigen ­
  bäuerlichen  Wirtschaften  zusammen  mit  der  Wirtschaft
des  Handwerkes  eine  geschlossene  Einheit,  wobei  die  Verteilung
der  Produktivkräfte  in  jeder  Wirtschaft  von  der  Organisation  der
anderen  Wirtschaften  abhängt.  Einige  Funktionen  der  wirtschaftlichen ­
  Tätigkeit  werden  gemeinsam  ausgeführt,  so  die  Fütterung ­
  des  Viehs.  Deshalb  kann  die  Gemeindewirtschaft  als  ein
Ganzes  als  die  folgende  Stufe  in  der  Entwicklung  der  isolierten
Wirtschaft  betrachtet  werden.
Je  mehr  Arbeit  die  wirtschaftlichen  Funktionen  fordern,  die
die  allgemeinen  Bedürfnisse  decken,  um  so  mehr  Produkte  muß
jede  einzelne  Wirtschaft  an  die  abtreten,  die  die  gesellschaftlichen
Funktionen  ausüben,  das  Vieh  füttern,  das  Handwerk  verrichten ­
  usw.  In  engem  Zusammenhang  damit  steht  auch  die  Verteilung ­
  der  Produktivkräfte  in  jeder  Wirtschaft:  je  mehr  Arbeitssphären ­
  sich  von  der  Naturalwirtschaft  abgesondert  haben,  um
so  größer  muß  die  Produktenmenge  sein,  die  man  gegen  andere
Produkte  austauscht,  die  außerhalb  der  eigenen  Wirtschaft  hergestellt
  werden.
So  hat  sich  die  Gemeindewirtschaft  aus  der  isolierten  Wirtschaft ­
  entwickelt,  wobei  sich  diese  Entwicklung  in  der  Arbeitsteilung ­
  unter  den  einzelnen  Wirtschaften  äußerte.  Aus  der  Gemeindewirtschaft ­
  ging,  wie  wir  noch  sehen  werden,  die  Gebietswirtschaft, ­
  darauf  die  Volkswirtschaft  und  schließlich  die  Weltwirtschaft ­
  hervor.
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  in  der  Gemeindewirtschaft ­
  erscheint  als  ein  Resultat  der  Spezialisierung  der  Arbeit
und  ihrer  dadurch  gesteigerten  Produktivität.  Ein  Handwerker-Spezialist
  wird  viel  mehr  und  besser  produzieren  als  ein  gewöhnlicher ­
  Bauer.  Das  ist  selbstverständlich.  Aber  abgesehen  davon,
gibt  diese  Arbeitsteilung  einen  Anstoß  zur  Entwicklung
der  Technik,  da  bessere  Arbeitswerkzeuge  nur  von  spezialisierten ­
  Handwerkern  hergestellt  werden  können.
Wie  wir  bald  sehen  werden,  unterscheidet  sich  die  Rayon-
        <pb n="125" />
        —  116  —
Wirtschaft  von  der  Gemeindewirtschaft  nur  durch  ihren  Umfang,
sowie  dadurch,  daß  das  Handwerk  nicht  mehr  innerhalb,  sondern
außerhalb  der  Gemeinde  wohnt.  Der  Austausch  der  Produkte  geschieht ­
  durch  die  Vermittlung  von  Geld.  Der  Handwerker  arbeitet ­
  nicht  nur  auf  Bestellung,  sondern  auch  für  den  Markt,  obgleich
noch  für  einen  beschränkten  Kreis  des  eigenen  Rayons.
        <pb n="126" />
        Neuntes  Kapitel.
Die  Rayon  Wirtschaft.
I.
Verschiedene  theoretische  und  praktische  Fragen  des  modernen ­
  Wirtschaftslebens  sind  eng  mit  der  Frage  nach  dem  Ausgang ­
  des  Kampfes  zwischen  Klein-  und  Großbetrieb  verbunden.
So  hängt  die  praktische  Agrarpolitik  von  der  Antwort  auf  die
Frage  nach  der  Zukunft  des  landwirtschaftlichen  Kleinbetriebes
ab.  Ebenso  kann  die  Mittelstandspolitik  nur  dadurch  bestimmt
werden,  ob  Klein-  oder  Großbetrieb  im  Kampfe  ums  Dasein
siegen  wird.
Trotz  der  gewaltigen  Bedeutung  der  Frage  nach  den  Ursachen
des  Sieges  gewisser  Wirtschaftsformen  und  trotz  der  eingehenden
Erörterung  dieser  Frage  ist  sie  dennoch  streitig  geblieben.  Am
meisten  wird  auf  die  technischen  Änderungen  im  engen
Sinne  dieses  Wortes  hingewiesen,  zufolge  deren  gewisse  Wirtschaftsformen ­
  siegen  müßten.  Der  Sieg  des  Großbetriebs  wird
ausschließlich  der  modernen  Maschine  zugeschrieben.
Daher  suchen  auch  die  Verfechter  des  Kleinbetriebes,  die  dessen ­
  Lebensfähigkeit  behaupten,  zu  beweisen,  daß  die  Maschine
in  gewissen  Industriesphären  keine  Anwendung  finden  könne
und  daß  diese  Arbeitsgebiete  deshalb  für  den  Großbetrieb  unzugänglich ­
  seien.  Die  ganze  Argumentation  der  Verfechter  des
landwirtschaftlichen  Kleinbetriebes  läßt  sich  in  letzter  Linie  darauf ­
  zurückführen.  Ebenso  glauben  die  Mittelstandspoliliker
wie  -Theoretiker,  die  für  die  Aufrechterhaltung  des  Handwerks
eintreten,  daß  entweder  gewisse  Gewerbezweige  für  den  maschinellen ­
  Großbetrieb  überhaupt  unzugänglich  seien,  oder  daß  die
        <pb n="127" />
        118

Maschine  in  Kleinbetriebe  eingeführt  und  ihnen  dadurch  Lebensfähigkeit ­
  verliehen  werden  könne.
Selbstverständlich  kann  man  die  kolossale  Bedeutung  der
Technik  für  die  wirtschaftliche  Entwicklung  der  Gesellschaft
nicht  leugnen.  Der  technische  Fortschritt  ist  wohl  das  Haupt-,
aber  nicht  das  einzige  Moment  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte. ­
  Wir  haben  schon  darauf  hingewiesen,  daß  die
Entwicklung  der  Produktivkraft  der  Arbeit  nicht  bloß  eine
Folge  des  technischen  Fortschrittes  wie  der  Vervollkommnung
der  Werkzeuge  und  anderer  Produktionsmittel  ist,  sondern  auch
Resultat  verschiedener  anderer  Momente,  wie  beispielsweise  der
Erhöhung  der  Arbeitsfähigkeit  des  Arbeiters,  der  Verlängerung  der
effektiven  Arbeitszeit  usw.  Gewiß  wird  die  Entwicklung  der
Produktivkräfte  der  Bevölkerung  irgend  eines  Gebietes  durch  die
Entwicklung  der  Produktivkraft  der  Arbeit  bedingt,  dies  setzt
aber  keineswegs  einen  technischen  Fortschritt  notwendig
voraus.
Wie  wir  noch  sehen  werden,  bedeutete  der  Übergang  vom
Handwerk  zur  Arbeit  für  einen  ausgedehnten  Markt  (Kustaribetriebe)
  einen  gewaltigen  Schritt  vorwärts  in  der  Entwicklung
der  Produktivkräfte,  obgleich  die  Technik  der  Produktion  unverändert ­
  blieb.  Die  Produktivkräfte  stiegen  hier  dank  der  erhöhten ­
  Anzahl  der  Handwerker,  die  zur  Ausdehnung  der  Produktion ­
  und  des  Marktes  führte.
Schon  Karl  Bücher  machte  darauf  aufmerksam,  daß  der
Untergang  des  Handwerks  nicht  allein  der  technischen  Entwicklung ­
  zuzuschreiben  sei.  Da  aber  Bücher  selbst  sich  die  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung  nur  in  der  Form
des  Fortschrittes  der  Produktionstechnik  vorstellen  kann,  so
sucht  er  die  Ursachen  des  Niederganges  des  Handwerks  nicht  in
den  Produktionsverhältnissen,  sondern  in  der  Bedarfsgestaltung,
also  in  den  Absatzbedingungen.  Dem  gegenüber  sah  Marx  die
Ursachen  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  eines  Landes  nicht
allein  im  technischen  Fortschritt,  sondern  in  der  Entwicklung
seiner  Produktionskräfte.  Die  Entstehung  der  kapitalistischen
Produktion  in  der  Form  der  Hausindustrie  für  den  Zwischen-
        <pb n="128" />
        119

handler  und  Verleger  ging  ohne  Änderungen  der  Produklionstechnik
  bloß  als  Resultat  der  raschen  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  vor  sich.
Die  Analyse  der  Evolution  des  Handwerks  und  der  Entstehung ­
  des  Kapitalismus  wird  uns  die  Ursachen  auf  decken,  die
auch  ohne  Änderungen  in  der  Produktionstechnik  zum  Siege
des  kapitalistischen  Großbetriebs  führen  müßten.  Sie  wird  uns
auch  das  Verständnis  des  jetzt  stattfindenden  Kampfes  zwischen
dem  landwirtschaftlichen  Groß-  und  Kleinbetrieb  erleichtern.
Ebenso  werden  wir  finden,  daß  die  sozialen  Ursachen,  die  im
18.  Jahrhundert  zum  Untergang  des  Handwerks  in  einigen  Arheitssphären
  führten,  jetzt  in  allen  anderen  Gewerbezweigen  noch
wirken.  Ein  Blick  auf  die  Vergangenheit  des  Handwerks  wird
uns  die  Lösung  der  Frage  nach  seiner  Zukunft  erleichtern.
II.
Für  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  hat  die  Entstehung
des  Handwerks  eine  gewaltige  Bedeutung.  Mit  ihm  beginnt  der
Übergang  von  der  isolierten  Naturalwirtschaft  zu  den  anderen
Wirtschaftsformen,  die  sich  auf  den  Austausch  von  Produkten
gründen.
Da  die  Handwerker  zunächst  nur  solche  Produkte  herstellen,
die  jede  einzelne  Wirtschaft  nur  in  geringer  Menge  verbrauchen
kann  (sonst  würde  die  Wirtschaft  sie  selbst  produzieren),  so
arbeiten  die  Handwerker  gewöhnlich  gleichzeitig  für  mehrere
Wirtschaften.  Die  Zunahme  der  Handwerkerzahl  ruft  die  Umwandlung ­
  der  Gemeinde-  in  die  Ray  on  Wirtschaft  hervor.  Während ­
  es  in  einer  Gemeindewirtschaft  nur  wenige  Handwerker
gibt  (Schmiede,  Böttcher  und  einige  andere),  zählt  man  deren
in  einer  Ray  on  Wirtschaft  Hunderte.  In  Wien  sollen  im  Jahre
1463  ca.  100  Berufsarten  gewesen  sein,  für  Frankfurt  am  Main
gibt  Bücher  deren  Zahl  im  Jahre  1387  auf  148,  1440  auf  151
und  1500  auf  300  an.  Je  mehr  Berufsarten  und  je  größer  die
Zahl  der  Handwerker,  einen  um  so  größeren  Umfang  nimmt
die  Rayonwirtschaft  an,  für  die  die  Handwerker  arbeiten.
        <pb n="129" />
        120

Die  Handwerker  verlassen  immer  mehr  ihre  eigene  Landwirtschaft ­
  und  geben  sich  ihrer  Berufsarbeit  hin.  Sie  leben
also  von  den  durch  den  Ackerbauer  produzierten  Lebensmitteln.
Bei  der  Entstehung  der  Städte  konzentrieren  sich  in  ihnen  auch
die  Handwerker.
Im  Mittelalter  verzehrten  die  Städte  Produkte,  die  entweder
die  Regierung  oder  die  Grundherren  den  Bauern  in  der  Form
von  allerhand  Abgaben  abnahmen.  Infolgedessen  können  in  den
Städten  verschiedene  Handwerkergruppen  leben,  die  für  die
herrschenden  Klassen  oder  für  andere  Städtebewohner  arbeiten.
Mit  der  Zunahme  der  Produktionsmenge,  die  den  Bauern  abgepreßt ­
  wird,  steigt  auch  die  Zahl  derjenigen,  die  in  der  Stadt
leben  können,  und  wächst  der  Austausch  zwischen  Stadt  und
Land.  Die  somit  entstandene  Verbindung  der  einzelnen  Wirtschaften ­
  untereinander  umfaßt  aber  immer  noch  ein  ganz  beschränktes ­
  Gebiet.  Die  städtischen  Handwerker  des  Mittelalters
arbeiten  fast  ausschließlich  für  den  lokalen  Markt.
Das  Handwerk  konnte  nur  in  der  Form  der  Produktion
auf  Bestellung  für  einen  bestimmten  Konsumenten  entstehen. ­
  Erst  später,  als  die  Handwerker  imstande  waren,  mehr
zu  produzieren,  als  ihre  Nachbarn  brauchten,  begannen  sie  ihre
Produkte  auf  die  nahen  Märkte  zu  schicken.  So  umschließt  ein
wirtschaftliches  Band  einen  zunächst  noch  beschränkten  Rayon,
der  die  Stadt  und  die  umliegenden  Dörfer  umfaßt.  Aus  der  Gemeindewirtschaft ­
  hat  sich  nun  dank  der  Entwicklung  des  Handwerks ­
  eine  Rayonwirtschaft  herausgebildet,  die  sich  aus  den
Wirtschaften  der  Handwerker  der  priveligierten  Stände,  die  auf
Kosten  der  Bauern  leben,  und  aus  den  Bauernwirtschaften  zuzusammensetzt.
  Aber  immer  noch  sind  die  Grenzen  dieser  Wirtschaft ­
  eng.  Und  je  dauernder  diese  Wirtschaftsordnung  war,  um
so  fester  wurden  die  traditionellen  Verhältnisse  der  Handwerker
untereinander  einerseits  und  die  Verhältnisse  zwischen  ihnen
und  den  Konsumenten  andererseits.
Die  Rayonwirtschaft,  die  aus  Bauern-  und  Handwerkerwirtschaften ­
  besteht,  stellt  etwas  Selbständiges  dar,  kann  fast  jede
Beziehung  zu  anderen  ähnlichen  Wirtschaften  lösen,  ohne  ihr
        <pb n="130" />
        121

eigenes  Wirtschaftsleben  besonders  zu  stören.  Und  in  der  Tat
bildete  jede  mittelalterliche  Stadt  zusammen  mit  den  umliegenden ­
  Dörfern  gewissermaßen  einen  selbständigen  Staat,  der  von
den  anderen  Stadt-Staaten  mehr  abgesondert  war  als  die  modernen ­
  Groß  Staaten  voneinander.  Zuweilen  stellte  so  ein  Gebiet
auch  eine  politische  Einheit  dar.  Die  Bildung  solcher  selbstständiger ­
  Staaten  im  Mittelalter  wird  aber  durch  den  Charakter
der  Rayonwirtschaft  bestimmt.
In  Westeuropa  bildete  sich  infolge  der  Ansässigkeit  der  Bevölkerung ­
  eine  viel  besser  geregelte  Organisation  der  Rayonwirtschaft ­
  mit  einer  Stadt  an  der  Spitze,  als  in  Rußland.
„Wenn  wir  eine  Karte  des  alten  Deutschen  Reiches  zur  Hand
nehmen  und  auf  ihr  die  Orte  bezeichnen,  welchen  bis  zu  Ende
des  Mittelalters  Stadtrecht  verliehen  worden  ist  (es  mögen  ihrer
etwa  3000  sein),  so  erblicken  wir  das  ganze  Land  in  Abständen
von  durchschnittlich  4—5  Wegstunden  im  Süden  und  Westen,
von  6—8  Stunden  im  Norden  und  Osten  mit  Städten  übersät.
Nicht  alle  haben  gleiche  Bedeutung  gehabt;  aber  alle  waren  doch
zu  ihrer  Zeit  (oder  bemühten  sich  wenigstens,  es  zu  sein)  die
Mittelpunkte  territorialer  Wirtschaftsgebiete,  welche  ebenso  ein
für  sich  abgeschlossenes  Leben  führten,  wie  früher  der  Fronhof.
...  So  überzeugen  wir  uns,  daß  fast  überall  in  Deutschland  der
Bauer  aus  der  entferntesten  ländlichen  Niederlassung  den  städtischen ­
  Markt  in  einem  Tage  erreichen  und  am  Abend  wieder  daheim ­
  sein  konnte.“*)
In  Altrußland  fanden  infolge  geringer  Entwicklung  des  Gewerbes ­
  „die  Märkte  in  den  Gebietsbezirken  nur  in  bestimmten
Jahreszeiten,  in  den  Städten  dagegen  an  bestimmten  Wochentagen ­
  (hauptsächlich  am  Freitag)  statt“.**)
Infolge  der  geringeren  Bevölkerung  dauerte  die  Gemeindewirtschaft ­
  in  Rußland  länger,  und  die  Rayonwirtschaft  hat  sich  geringer ­
  entwickelt  als  in  Westeuropa.  Der  Rayon  wurde  dabei
nicht  bloß  von  den  Handwerkern,  die  auf  den  Märkten  ihre  Pro-*)
  K.  Bücher,  Die  Entstehung  der  Volkswirtschaft.  Tübingen,  1908,
S.  121.
**)  Aristow,  Das  Gewerbe  in  Altrußland,  St.  P.  1866,  S.  171—172.
        <pb n="131" />
        —  122  —

dukte  absetzten,  sondern  auch  von  den  Wanderhandwerkern  bedient, ­
  wie  von  Zimmerleuten,  Walkern,  Steinhauern,  die  in  der
Wirtschaft  des  Auftraggebers  arbeiteten.  Infolge  der  geringen
Bevölkerungsdichte  und  der  Verschiedenheit  der  Natur  Verhältnisse ­
  entwickelte  sich  schon  sehr  früh  ein  Austausch  unter  den
einzelnen  Gebieten.  Deshalb  finden  wir  in  Rußland  auch  keine
so  dauerhafte  und  typische  Entwicklung  des  Gewerbes  und  der
Rayon  Wirtschaft  wie  in  Westeuropa.  Dagegen  tritt  in  Rußland
sehr  früh  das  Handelskapital  auf.
Infolge  der  geringen  Bevölkerungsdichte  mußten  manche
Handwerker  entweder  selbst  von  Ort  zu  Ort  wandern,  um
sich  Kunden  zu  suchen  oder  ihre  Erzeugnisse  an  Kaufleute
abgeben.  Viele  jedoch  wohnten  auch  in  Rußland  in  den  Gebietsbezirken ­
  und  arbeiteten  für  ihre  Nachbarn,  wie  das  schon  aus
dem  Gesetzbuche  von  Alexis  Michailowitsch  hervorgeht.*)
Sogar  in  so  großen  Staaten  des  Mittelalters  wie  England
wurde  „das  Wort  Fremdling  (foreigner)  für  sämtliche  Nichtbürger, ­
  gleichviel  ob  Engländer  oder  Ausländer,  angewandt,  und
es  ist  zuweilen  nicht  zu  entscheiden,  ob  diese  oder  jene  damit
gemeint  sind.  Zweifellos  machte  sich  stets  eine  gewiße  Empfindung ­
  des  nationalen  Gegensatzes  geltend;  doch  ist  es  klar,  daß
fremde  Kaufleute  weniger  als  „Ausländer“  behindert  und  überwacht ­
  wurden,  als  vielmehr  darum,  weil  sie  der  Bürgerschaft  der
von  ihnen  besuchten  Stadt  nicht  angehörten.**)
Die  Briefe  des  Bürgermeisters  und  der  Stadtbehörde  von
London  während  der  Jahre  1350—1370  veranschaulichen,  daß
die  städtischen  Behörden  alle  aus  anderen  Städten  kommenden
Kaufleute,  ob  Engländer  oder  Ausländer,  in  gleicher  Weise  behandelten. ­
  Mit  anderen  Worten:  der  wirtschaftliche  Zusammenhang ­
  unter  einzelnen  Städten  und  Gebieten  war  ebenso  schwach,
wie  der  unter  einzelnen  Staaten.
Die  Kundenproduktion  und  die  Arbeit  für  den  einheimischen

*)  W.  Sergejewitsch,  Vorträge  und  Untersuchungen  (russisch)  1883,
S.  660.

**)  W.  J.  Ashley,  Englische  Wirtschaftsgeschichte.  Leipzig,  1906.
L  Teil,  S.  107—108.
        <pb n="132" />
        Markt  setzten  also  eine  beschränkte  Anzahl  von  Handwerkern
voraus,  weil  die  Zahl  der  Auftraggeber  ebenfalls  beschränkt  ist.
Selbstverständlich  kam  auch  zu  dieser  Zeit  ein  Warenaustausch
unter  einzelnen  Gebieten  vor,  gewisse  Produkte  wurden  in  entfernten ­
  Städten  und  Ländern  verkauft,  aber  dieser  Handel  spielte
eine  ganz  geringe  Rolle.  In  der  Hauptsache  arbeiteten  die  Handwerker ­
  für  den  nächsten  Markt.  Daher  waren  die  Handwerker
auch  bestrebt,  nicht  nur  die  Zufuhr  auswärtiger  Waren,  sondern
auch  die  einheimische  Produktion  zu  beschränken.  Allmählich
werden  die  Zahl  der  Handwerker  und  ihrer  Gehilfen,  die
Warenpreise  usw.  reguliert,  der  Einfuhr  fremder  Waren  werden
Hindernisse  in  den  Weg  gelegt,  der  Handel  mit  Gewerbeerzeugnissen ­
  wird  Nichthandwerkern  verboten,  und  sonstige  derartige
Maßregeln  werden  unternommen,  um  den  Handwerkern  ein  auskömmliches ­
  Dasein  zu  sichern.
Zu  Ende  des  Mittelalters  ist  dennoch  eine  Umwälzung  vor
sich  gegangen,  die  von  gewaltigen  Folgen  begleitet  war,  und  die
die  scheinbar  feste  Rayonwirtschaft  auflöste  und  zur  Bildung  der
Volkswirtschaft  führte.  Der  Übergang  zur  Produktion
für  einen  ausgedehnten  Markt  außerhalb  der  Stadtgrenzen  erscheint ­
  somit  als  eine  neue  Stufe  in  der  Entwicklung  des  Gewerbes, ­
  das  jetzt  die  Form  der  Hausindustrie  annimmt.  Die
Produktion  für  einen  unbestimmten  Markt  schuf  die  Volkswirtschaft. ­
  Die  Erzeugnisse  entfernter  Städte  erscheinen  jetzt  auf
dem  einheimischen  Markt,  und  ebenso  arbeiten  die  einheimischen
Handwerker  nicht  nur  für  ihre  Nachbarn,  sondern  auch  in  zunehmendem ­
  Umfange  für  die  entfernten  Märkte,  wohin  ihre
Erzeugnisse  durch  die  Händler  und  Verleger  gebracht  werden.
III.
Gewöhnlich  wird  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  aus
der  Rayonwirtschaft  und  die  Auflösung  des  mittelalterlichen
Handwerks  dadurch  erklärt,  daß  die  Städte  und  später  auch
ganze  Länder  die  Freiheit  des  inneren  Handels  proklamiert
hätten.  Diese  Erklärung  kann  man  indes  nicht  als  befriedigend
betrachten,  weil  doch  die  Frage  eben  darin  besteht,  woher  das
        <pb n="133" />
        124

Bedürfnis  nach  diesem  intermunizipalen  Handel  rühren  mag,
der  die  alte  Gewerbeverfassung  zerstörte.
Ebenso  ungenügend  ist  Bûchers  Hinweis  auf  die  Änderung
im  volkswirtschaftlichen  Bedarf,  die  diese  Umwälzung  zum
großen  Teil  hervorgerufen  haben  soll.  Denn  Bücher  erklärt
nicht,  warum  diese  Änderung  des  Bedarfs  stattgefunden  hat.
Es  erscheint  unglaubhaft,  aber  es  ist  dennoch  eine  Tatsache,
daß  die  große  Enquete  des  Vereins  für  Sozialpolitik  weniger  Anhaltspunkte ­
  für  die  Lösung  dieser  Frage  darbietet,  als  die  Untersuchung ­
  über  die  Kustarbetriebe  im  Gouvernement  Saratow,  die
1901  unter  meiner  Leitung  vorgenommen  wurde.  Auf  Grund
dieser  Untersuchung  lassen  sich  folgende  Tatsachen  konstatieren:
Als  erste  Form  des  Handwerks  erscheint  die  Arbeit  auf  Bestellung, ­
  die  Produktion  für  den  unmittelbaren  Konsumenten.
Der  Handwerker  kennt  noch  keine  Arbeit  für  den  Markt,  arbeitet
bloß,  soweit  er  Aufträge  erhält.
Gewisse  Gewerbezweige,  obwohl  sehr  frühe  entstanden,  behalten ­
  immer  noch  ihre  ursprüngliche  Form.  Andere  dagegen
sind  schon  zur  nächsten  Entwicklungsphase  übergegangen,  zur
Marktarbeit.  Wieder  andere  bilden  die  Kustargewerbe,  die  für
einen  umfangreichen  und  unbestimmten  Markt  arbeiten,  obgleich
sie  eine  gewisse  Selbständigkeit  dem  Großkapital  gegenüber  noch
behalten.  Schließlich  nahmen  einige  die  Form  der  kapitalistischen ­
  Hausindustrie  (des  Verlagssystems)  an.  Eine  genaue  Untersuchung ­
  all  dieser  Gewerbeformen  gestattet  uns,  die  Wirtschaftstypen ­
  in  ihren  verschiedenen  Entwicklungsstufen,  sowie  die  Ursachen ­
  kennen  zu  lernen,  die  den  Übergang  von  einer  Form  zu
der  anderen  hervorgerufen  haben.
Die  Bestellungsarbeit  kommt  in  zweierlei  Formen  vor.  Entweder ­
  arbeitet  der  Handwerker  in  seiner  eigenen  Betriebsstätte
auf  Bestellung  der  Nachbarn,  oder  er  geht  ins  Haus  des  Bestellers. ­
  In  beiden  Fällen  arbeitet  der  Handwerker  gewöhnlich
an  dem  Material  seines  Kunden.
Heute  kann  man  nur  in  den  abgelegenen  Gegenden  solche
Handwerker  finden,  die  für  ihre  Arbeit  in  natura  entlohnt  werden. ­
  Bloß  einzelne  Handwerker,  wie  Böttcher  und  Schaffell-
        <pb n="134" />
        125

gerber,  wandern  von  Dorf  zu  Dorf,  arbeiten  im  Hause  des  Kunden, ­
  erhalten  dabei  Kost  und  alles  andere,  einen  Teil  ihres  Lohnes
aber  auch  in  Geld.  Nur  in  ganz  abgelegenen  Gegenden  gibt
es  Handwerker,  die  ausschließlich  in  natura  entlohnt  werden.
Gewisse  soziale  Verhältnisse  veranlassen  einen  immer  größeren ­
  Teil  der  Bevölkerung,  sich  mit  Gewerben  zu  beschäftigen.
Die  Expropriation  des  bäuerlichen  Grundbesitzes  oder  die  Enteignung ­
  der  Produkte  der  kleinen  bäuerlichen  Wirtschaften,  die
einen  Teil  der  vorhandenen  Bevölkerung  oder  den  natürlichen
Zuwachs  zwingt,  eine  Beschäftigung  außerhalb  der  Landwirtschaft ­
  zu  suchen,  —  jedes  dieser  Momente  oder  alle  zusammen,
die  eine  Erhöhung  der  Handwerkerzahl  bewirken,  rufen  auch  eine
Änderung  des  Charakters  des  Gewerbes  hervor.
Mit  der  Zunahme  der  Handwerkerzahl  in  irgend  einem  Gebiet ­
  —  auf  dem  platten  Lande  oder  in  der  Stadt  —  wird  es  für
viele  von  ihnen  unmöglich,  sich  durch  reine  Kundenproduktion
zu  unterhalten,  und  sie  sehen  sich  gezwungen,  den  Konsumenten
aufzusuchen  oder  für  einen  unbestimmten  Markt  zu  arbeiten.
Ein  Wanderhandwerker  zieht  nach  einem  anderen  Orte,  wenn
er  in  seinem  Heimatdorfe  nicht  genug  Bestellungen  erhält;  ein
ansässiger  wird  dagegen  im  gleichen  Falle  die  Bestellungs-  durch
Marktarbeit  zu  ergänzen  suchen.
Der  Charakter  der  Rayonwirtschaft  wird  auch  dann,  wenn
die  Handwerker  für  den  Markt  zu  arbeiten  beginnen,  noch  nicht
geändert,  weil  dieses  Absatzgebiet  noch  ein  lokales  ist  und  nur
die  nächsten  und  unmittelbaren  Konsumenten  der  Handwerkserzeugnisse ­
  umfaßt.  Der  Stadtbasar  und  der  Jahrmarkt  erleichtern ­
  bloß  den  Verkehr  zwischen  dem  Handwerker  und  dem
Konsumenten  seiner  Erzeugnisse.  So  kann  man  für  die  Rayonwirtschaft ­
  als  typische  Form  des  Handwerks  die  annehmen,  bei
der  der  Handwerker  seine  Erzeugnisse  unmittelbar  an  den  Konsumenten ­
  absetzt.
Auf  dieser  Entwicklungsstufe  aber  beginnt  schon  das  Handelskapital ­
  als  Vermittler  in  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  einzudringen, ­
  da  der  Handwerker  das  Rohmaterial  häufig  nur  vom
Händler  erhalten  kann.
        <pb n="135" />
        126

Die  Handwerker  der  Stadt  Kusnetzk  *)  arbeiten  noch  heute,
wie  die  mittelalterlichen  Handwerker,  entweder  für  den  Besteller
mit  seinem  Material,  oder,  wenn  sie  sich  Material  auf  dem  lokalen
Markte  verschaffen,  für  den  unmittelbaren  Konsumenten,  der
ihnen  ihre  Erzeugnisse  auf  dem  Markte  abnimmt.  Eine  Abhängigkeit ­
  des  Konsumenten  vom  Produzenten  oder  umgekehrt
existierte  zu  dieser  Zeit  noch  nicht.
Von  185  Handwerkerwirtschaften  kaufen  Material:

absolut  in  Proz.
auf  den  Basaren  und  Jahrmärkten  116  62^/^
bei  bestimmten  Personen**)  5  3
auf  verschiedene  Weise  1
erhalten  Material  vom  Besteller  63  34
Verkaufen  ihre  Erzeugnisse:
den  einheimischen  Konsumenten  16  9
auf  den  Basaren  und  Jahrmärkten  32  17
den  Auftraggebern  111  60
auf  entfernten  Märkten  1
Zwischenhändlern  6  3^4
den  Verlegern  stückweise  8  4
auf  verschiedene  Weise  11  6

Wie  man  sich  aus  der  angeführten  Tabelle  überzeugen  kann,
hat  das  Handwerk  hier  noch  einen  „mittelalterlichen  Charakter“,
obgleich  keine  Zünfte  vorhanden  sind  und  im  Innern  volle  Freiheit ­
  des  Handels  herrscht.  Die  Handwerker  erhalten  das  Rohmaterial ­
  von  den  Kunden  geliefert  oder  kaufen  es  bei  den  Bauern,
auf  den  Märkten  oder  schließlich  in  den  städtischen  Läden.  Ebenso
veräußern  sie  ihre  Erzeugnisse  entweder  unmittelbar  an  die
Besteller  oder  an  die  benachbarten  Kunden,  oder  sie  bringen

*)  Die  Kustargewerbe  im  Gouvernement  Saratow.  1.  Lief.  1904.
Die  hier  angeführten  Angaben  beziehen  sich  auf  verschiedene  Gewerbearten, ­
  die  noch  nicht  für  einen  ausgedehnten  Markt  arbeiten.  Dieselben
Gewerbearten,  die  hier  ihren  Handwerkscharakter  behielten,  haben  sich
in  den  anderen  Rayons  zu  Kustar-  und  Fabrikbetrieben  entwickelt.
**)  ln  diesem  Falle  tritt  eine  gewisse  auf  dem  Kredit  basierende
Abhängigkeit  des  Käufers  vom  Verkäufer  ein.
        <pb n="136" />
        127

ihre  Produkte  auf  die  Märkte.  Der  Zwischenhandel  spielt  noch
eine  sehr  geringe  Rolle.
Stark  wird  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  durch  den
Übergang  zur  nächsten  Stufe  des  Gewerbes,  zur  Kustarform,  gefördert. ­
  Zwischen  der  Bestellungsarbeit  und  der  Arbeit  für  einen
lokalen  Markt  ist  noch  kein  wesentlicher  Unterschied.  Denn
der  Produzent  und  der  Konsument  sind  noch  nicht  voneinander
geschieden.  Die  Herstellung  der  Produkte  paßt  sich  dem  lokalen
Bedarf  an.  Die  Rayonwirtschaft  wird  durch  nichts  gestört,  erleidet ­
  keine  Änderungen.  Erst  die  Arbeit  für  den  großen  und
unbestimmten  Markt  ruft  eine  volle  Umwälzung  in  den  wirtschaftlichen ­
  Verhältnissen  hervor  und  verwandelt  die  Rayonwirtschaft ­
  in  die  Volkswirtschaft.
Dieser  Übergang  zur  Arbeit  für  den  entfernten  Markt  ist,  wie
schon  erwähnt,  eine  Folge  der  gestiegenen  Zahl  der  Handwerker.
Durch  die  Verkleinerung  ihres  Grundbesitzes  gezwungen,  wenden
sich  immer  mehr  Bauern  den  Gewerben  zu.  Mit  der  Zunahme
der  Zahl  der  Handwerker  steigt  aber  auch  die  Konkurrenz  unter
ihnen,  sinken  die  Preise  ihrer  Erzeugnisse.  Dieser  letzte  Umstand ­
  veranlaßt  die  Handwerker,  zur  Massenproduktion  überzugehen, ­
  um  auf  diese  Weise  den  durch  das  Sinken  der  Preise  verursachten ­
  Einnahmeausfall  zu  ersetzen.  So  stört  die  Vermehrung
der  Handwerker  das  frühere,  stabile  Gleichgewicht  der  Rayonwirtschaft ­
  und  veranlaßt  sie,  ein  Absatzgebiet  für  ihre  Produkte
auf  entfernten  Märkten  zu  suchen.  Der  Verkehr  mit
den  entfernten  Märkten  ist  aber  nur  durch  die  Vermittlung  des
Handelskapitals  möglich,  weil  der  Handwerker  doch  nicht  gleichzeitig ­
  das  Gewerbe  treiben  und  seine  Erzeugnisse  auf  den  Märkten ­
  herumführen  kann.
Wie  wir  bald  sehen  werden,  kämpften  die  Handwerker  gegen
ihre  Unterjochung  durch  das  Handelskapital,  indem  sie  ihre  Produktion ­
  beschränkten.  Als  aber  diese  Mittel  die  Zunahme  der
Handwerkerzahl  nicht  aufhalten  konnten,  sahen  sich  auch  die
anderen  Handwerker  gezwungen,  ihre  Produktion  zu  vermehren,
um  den  Verlust  aus  dem  Sinken  des  Preises  auszugleichen.
Der  Zwischenhändler  kann  seinen  Anteil  nur  durch  Ver-
        <pb n="137" />
        128

kürzung  des  Anteils  des  Handwerkers  erhalten,  weil  es  für  den
Konsumenten  doch  gleichgültig  ist,  wer  ihm  die  Produkte  liefert:
der  Handwerker  selbst  oder  der  Zwischenhändler.  Mit  der  Zunahme ­
  der  Handwerkerzahl  und  der  Steigerung  ihrer  Konkurrenz
untereinander  steigt  auch  dieser  Anteil  des  Zwischenhändlers  am
Produkt  des  Handwerkers.  Je  mehr  sich  also  das  Gewerbe  entwickelt, ­
  um  so  geringer  wird  der  Anteil  des  Handwerkers  an
seinem  Produkt.  Der  Handwerker  muß  also  immer  mehr  produzieren, ­
  um  existieren  zu  können.  Daher  steigert  der  Kustar
auch  bei  gleichbleibender  Technik  die  Produktion,
indem  er  seine  Kräfte  intensiver  ausnützt.
So  geht  die  Umwandlung  des  Handwerks  in  Kustargewerbe
und  Hausindustrie  infolge  der  Zunahme  der  Handwerkerzahl
und  der  Handwerkererzeugnisse  vor  sich,  also  infolge  der
Steigerung  der  Produktivkräfte,  aber  ohne
Änderung  der  Produktionstechnik.
Allerdings  kommt  diese  Entwicklung  hauptsächlich  dem
Zwischenhändler  zugute.  Aber  auch  der  Kustar  verdient  jetzt
mehr  als  der  Handwerker.
Im  Seilergewerbe  des  Gouvernements  Saratow  entfallen  auf
den  Handwerker,  der  für  den  lokalen  Markt  arbeitet,  23  Proz.
des  herausgearbeiteten  Wertes,  während  derjenige,  der  für  den
Zwischenhändler  arbeitet,  nur  16  Proz.  des  Wertes  erhält.
Dennoch  ist  der  durchschnittliche  Verdienst  eines  Kustars,  der
für  den  Zwischenhändler  arbeitet,  größer  als  der  eines  selbständigen ­
  Handwerkers,  Der  erstere  bekommt  72  Rubel  jährlich, ­
  der  Handwerker  arbeitet  aber  nur  63,7  Rubel  heraus.  Die
Beschränktheit  des  lokalen  Absatzgebietes  gestattet  dem  selbständigen ­
  Handwerker  nicht,  ebensoviel  Produkte  zu  erzeugen  und
abzusetzen,  wie  der  für  den  Zwischenhändler  arbeitende  Kustar.
Erst  die  Stückarbeit  für  den  Verleger  (also  die  Hausindustrie)
verkürzt  wiederum  den  Verdienst  des  Kustars  auf  43,7  Rubel,
wobei  der  Anteil  des  Kustars  an  seinem  Produkt  jetzt  gar  auf
12  Proz.  herabsinkt.
Folglich  verdient  der  Kustar  mehr  als  der  Handwerker,  obgleich ­
  er  schon  einen  geringeren  Anteil  an  dem  Produkt  hat;
        <pb n="138" />
        129

in  der  Hausindustrie  sinkt  aber  dieser  Anteil  des  Arbeiters  an
dem  Produkt  so  herab,  daß  auch  sein  Verdienst  verkürzt  wird.
Indem  wir  die  Bedingungen  betrachtet  haben,  die  die  Entwicklung ­
  des  Kleinbetriebs  aus  einer  niedrigeren  Form  zur
höheren  hervorrufen,  haben  wir  gefunden,  daß  die  Zunahme  der
Handwerkerzahl  den  ersten  Anstoß  dazu  gibt.  Solange  das  Angebot ­
  an  Handwerkserzeugnissen  infolge  der  geringen  Zahl  der
Handwerker  oder  der  Einschränkung  der  Produktion  durch  die
Zünfte  (wie  es  im  Mittelalter  der  Fall  war)  nicht  übermäßig  groß
ist,  kann  das  Handwerk  aufrechterhalten  werden  und  es  erhält ­
  sich  auch.  Unter  diesen  Bedingungen  wird  sich  auch  die
Ray  on  Wirtschaft  lange  erhalten,  ohne  in  die  Volkswirtschaft  überzugehen. ­

Dieser  Prozeß  geht  heute  noch  in  Rußland  vor  sich.  Die
„überschüssige“  ländliche  Bevölkerung,  die  die  Not  aus  dem
Dorfe  in  die  Stadt  hinein  jagt,  füllt  die  Reihen  der  Gewerbetreibenden, ­
  die  aber  unter  dem  Drucke  der  eigenen  Konkurrenz
sich  aus  selbständigen  Handwerkern  in  Kustari  verwandeln,  also
für  einen  Zwischenhändler  zu  arbeiten  beginnen.*)
Der  große  Unterschied  in  der  Entwicklung  des  Gewerbes  im
heutigen  Rußland  und  am  Ausgang  des  Mittelalters  besteht  darin,
daß  heute  die  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnisse  den
Übergang  des  Handwerks  in  die  fortgeschritteneren  Produktionsformen ­
  bis  zum  kapitalistischen  Großbetrieb  gestatten,  während
sich  das  Gewerbe  im  16.,  17.  und  18.  Jahrhundert  nur  allmählich
entwickeln  konnte.  Dennoch  sind  die  wirtschaftlichen  Ursachen ­
  der  Evolution  des  Gewerbes  dieselben  im  heutigen
Rußland  wie  im  westeuropäischen  Mittelalter.
Wir  haben  ferner  oben  erwähnt,  daß  der  Kustar,  der  für

*)  Es  ist  beachtenswert,  daß  sich  die  Lohnarbeiter  der  städtischen ­
  Kustari  und  Handwerker  aus  den  bäuerlichen  und  nicht  den
städtischen  Elementen  rekrutieren.  Die  städtische  Bevölkerung  paßt
sich  den  städtischen  Verhältnissen  besser  an  und  beutet  die  aus  dem
Dorfe  kommenden  Bauern  aus.  Nur  in  Gewerbezweigen,  die  qualifizierte ­
  Arbeit  fordern,  dominieren  die  städtischen  Arbeiter.
Mas  slow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

9
        <pb n="139" />
        130

einen  Zwischenhändler  arbeitet,  mehr  verdient,  als  der  selbständige ­
  Handwerker,  der  für  den  einheimischen  Markt  produziert. ­
  Der  Grund  liegt  darin,  daß  der  Handwerker  infolge  der
Konkurrenz  nicht  genug  Arbeit  findet,  während  der  Kustar  regelmäßiger ­
  und  dauernder  beschäftigt  ist.  Daher  ist  auch  der  jährliche ­
  Gesamtabsatz  einzelner  Kategorien  der  Gewerbetreibenden
verschieden,  je  nach  dem  Charakter  des  Betriebes.  In  der  Stadt
Kusnezk  gibt  es  solcher  Gewerbetreibenden  1050.  Der  jährliche
Durchschnitt  bei  einzelnen  Betriebsarten  ist  verschieden.  Im
Durchschnitt  produziert  eine  Familie  bei  Arbeit
auf  Bestellung  für  304  Rubel
für  die  einheimischen  Konsumenten  „  375  „
„  den  lokalen  Markt  „  422  „
„  Zwischenhändler  „  610
„  Verleger  im  Akkord  „  744
auf  verschiedene  Weise  ,,  821  „
Noch  deutlicher  wird  die  Abhängigkeit  der  Produktion  einzelner ­
  Gewerbetreibenden  vom  Charakter  des  Gewerbes,  wenn
man  nicht  sämtliche,  sondern  bloß  einzelne  Gewerbearten  für
sich  betrachtet.
So  produziert  ein  Schuhmacher  durchschnittlich  im  Jahre
bei  Arbeit

auf  Bestellung
für  den  lokalen  Markt
„  Zwischenhändler
„  Verleger  im  Akkord

für  257  Rubel

„  462
„  548
„  569

Der  Verdienst  des  Gewerbetreibenden  im  Verhältnis  zur  Absatzsumme ­
  sinkt  in  dem  Maße,  wie  seine  Abhängigkeit  von  der
Zwischenperson  steigt.  Der  Verdienst  eines  auf  Bestellung  arbeitenden ­
  Gewerbetreibenden  macht  41  Proz.  des  Wertes  seiner  Erzeugnisse ­
  aus;  beim  Absatz  auf  dem  Markte  dagegen  nur  31  Proz.,
bei  Arbeit  für  einen  Zwischenhändler  nur  30  Proz.  und  bei
Akkordarbeit  für  den  Verleger  gar  nur  20  Proz.  Folglich  ist  die
Summe  der  Erzeugnisse,  die  ein  für  den  Verleger  arbeitender
        <pb n="140" />
        131

Schuhmacher  herausarheitet,  noch  um  21  Proz.  zu  vergrößern,
die  ihm  der  Verleger  abzieht.  Der  Wert  seiner  Erzeugnisse  beträgt ­
  somit  nicht  569  Rubel,  sondern  688,5  Rubel,  da  119,5  Rubel
nicht  ihm,  sondern  dem  Verleger  zufallen.
Ähnlich  liegen  die  Verhältnisse  bei  den  Schmieden.  Diejenigen ­
  unter  ihnen,  die  ihre  Erzeugnisse  auf  dem  lokalen
Markte  absetzen,  verkaufen  für  450  Rubel,  wobei  auf  den  Reingewinn ­
  44  Proz.  kommen.  Dagegen  stellt  sich  der  Verdienst  der
Schmiede,  die  ihre  Erzeugnisse  dem  Zwischenhändler  verkaufen,
auf  36  Proz.  des  Wertes;  ihr  Gesamt  ver  dienst  aber  macht
1447  Rubel  aus.  Bei  den  Schmieden,  die  für  Verleger  arbeiten
und  deren  Arbeitslohn  nur  26  Proz.  des  Wertes  ihrer  Erzeugnisse
ausmacht,  ist  der  Gesamtverdienst  gleich  998  Rubeln.
Ein  paar  andere  Beispiele  mögen  hier  noch  als  Illustration
angeführt  werden.  Der  Ertrag  einer  Wirtschaft  ist  bei  der  Produktion ­
  von
Bast-  jochpn  Ricroen-  Schuh-  Töpfer-  Strick-  Schauschuhen ­
  werk  werk  waren  waren  fein
in  Rubeln
für  den  lokalen  Markt  7.6  65  258  158  28  203  64
„  Zwischenhändler  18  74  2013  203  30.5  431  78
„  entfernte  Märkte  —  87  1766  —  38  232
Aus  den  angeführten  Angaben  ist  nun  ersichtlich,  daß  der
Umfang  der  Produktion  jedes  einzelnen  Betriebes  von  dem  Absatzgebiet ­
  abhängt,  für  das  er  arbeitet.  Je  größer  das  Absatzgebiet, ­
  um  so  umfangreicher  ist  auch  die  Produktion.  Denn  der
lokale  Markt  gestattet  dem  Gewerbetreibenden  nicht,  seine  Produktivkräfte ­
  vollständig  auszunützen.
Die  Bedingungen  des  Absatzes  wirken  nicht  nur  auf  den  Umfang ­
  der  Produktion  der  Gewerbetreibenden,  sondern  auch  auf
die  Höhe  ihres  Arbeitslohnes.  Um  für  einen  entfernten  Markt
arbeiten  zu  können,  muß  der  Kustar  einen  Teil  seines  Verdienstes
an  den  Zwischenhändler  oder  Verleger  abtreten.  Der  relative
Anteil  des  Gewerbetreibenden  an  dem  Produkt  nimmt  also  mit
dem  Steigen  seiner  Abhängigkeit  ab,  wie  dies  aus  folgendem  her-9*
        <pb n="141" />
        132

vorgeht.  Das  Verhältnis  des  Verdienstes  eines  Gewerbetreibenden ­
  zum  Bruttowert  seines  Produktes  war  bei

Mattenmachern ­


für  den
len  Markt  .  .  66.0  57.0  63.4
;rnten  „  .  .
jchenhändler

in  Prozenten

in  rrozeiiien
63.4  64.1  18.0  37.8  29.
72.5  —.—  66.25  74.8  —.—  —.—  —.

im  Ak-57.7

  48.0

.2  58.7  27.4
—.  .  .—  69.8  38.0
60.81  51.3  12.7  35.9  38.0  58.2  23.0
32.0  11.1  24.4  18.2  45.9  —

So  stehen  die  Gewerbetreibenden  vor  einem  Dilemma:  entweder
ihre  Erzeugnisse  auf  dem  lokalen  Markt,  aber  nur  für  eine  geringe
Summe  abzusetzen,  um  einen  höheren  Verdienst  herauszuschlagen, ­
  oder  sich  der  Vermittlung  des  Zwischenhändlers
zu  bedienen,  um  regelmäßiger  und  mehr,  wenn  auch  bei
einem  relativ  geringeren  Verdienst,  produzieren  zu  können.  Die
reichen  Kustari  verkaufen  ihre  Erzeugnisse  auf  den  entfernten
Märkten  selbst.  Diese  spielen  häufig  auch  die  Rolle  von  Zwischenhändlern ­
  für  die  anderen  Kustari  und  haben  dabei  einen
doppelten  Verdienst:  sie  setzen  ihre  eigenen  Erzeugnisse  vorteilhafter ­
  ab  und  verdienen  noch  an  denen  der  anderen  Kustari.

Parallel  mit  der  Änderung  in  den  Produktionsbedingungen,
die  durch  die  Zunahme  der  Handwerkerzahl  hervorgerufen  wird,
ändern  sich  auch  die  Bedingungen,  unter  denen  der  Handwerker
sein  Material  erhält.  Zuerst  bekam  er  das  Rohmaterial  vom
Besteller  geliefert.  Mit  dem  Übergang  zur  Marktarbeit  muß  der
Handwerker  sich  selbst  das  Material  verschaffen.  Solange  aber
sein  Betrieb  noch  von  geringem  Umfange  ist,  kann  er  das  Rohmaterial ­
  leicht  im  Nachbarladen  erhalten  und  hängt  vom  Zwischenhändler ­
  in  keiner  Weise  ab.  Erst  mit  der  Ausdehnung  des
Absatzgebietes,  für  das  der  Handwerker  arbeitet,  und  mit  der
steigenden  zeitlichen  Trennung  zwischen  der  Produktion  und
dem  Absätze  kommt  der  Kustar  in  Abhängigkeit  vom  Zwischenhändler, ­
  dem  Materiallieferanten.  Da  er  weiter  produzieren  muß,
ohne  vorher  seine  Ware  abgesetzt  zu  haben,  so  ist  er  auch  viel-
        <pb n="142" />
        —  133  —

fach  gezwungen,  das  Rohmaterial  auf  Kredit  zu  nehmen.  Der
Zwischenhändler  verwandelt  sich  somit  in  einen  Verleger,  der
auch  das  Rohmaterial  liefert.  Aus  dem  selbständigen  Handwerker ­
  ist  ein  Kustar  geworden,  der  bald  darauf  zu  einem  Hausarbeiter ­
  herabsinkt.  Der  letztere  kauft  schon  nicht  mehr  das
Material,  sondern  erhält  es  zur  Verarbeitung  gegen  Stücklohn.
Das  Rohmaterial  der  1050  Gewerbetreibenden  der  Stadt

Kusnezk  wurde  zahl  der
Wirtschaften
vom  Besteller  geliefert  ....  16
auf  dem  Markte  gekauft  .  .212
bei  bestimmten  Personen  gekauft  625
vom  Verleger  bezogen  177
auf  verschiedene  Weise  bezogen  .  20

Rubel

Proz.  d.  Gesamt,
wert.  d.Materials

1  996  0,4
41  357,5  9,7
252  427  57,5
128  255  29,4
12  586,5  3

Insgesamt:  1050  436  622  100

Von  welcher  gewaltigen  Bedeutung  für  die  Gewerbetreibenden
die  Bedingungen  sind,  unter  denen  sie  das  Rohmaterial  erhalten,
geht  aus  folgenden  Angaben  über  das  Verhältnis  des  Verdienstes
der  Gewerbetreibenden  zum  Bruttowert  des  Produktes  hervor:

Es  erhalten  das  Rohmaterial ­


Schuhmachergewerbe
der  Ver-Zahl
  dienst
der  Wertsumme  in  Proz.
Re-  in  Rubeln  der
triebe  Wertsumme ­


Handschuhmachergewerbe
der  Ver-Zahl
  Wert-  dienst
der  summe  in  Proz.
Be-  in  der
triebe  Rubeln  Wertsumme ­


auf  den  Märkten  .  36  59  960,5  78  2  146  43
bei  bestimmt.  Pers.  404  146  087  45  20  16  693  22
beim  Verleger  .  .  17  8  045  24  50  86  060  8

Da  die  Kaufbedingungen  des  Rohmaterials  mit  den  Absatzverhältnissen ­
  der  Waren  eng  verbunden  sind,  so  ist  es  unmöglich,
festzustellen,  was  ein  Gewerbetreibender  beim  Ankauf  von  Rohmaterial, ­
  und  was  er  beim  Verkauf  seiner  Ware  verliert.  Es
unterliegt  aber  keinem  Zweifel,  daß  die  Handwerker  mit  dem
Übergang  zur  „höheren  Betriebsweise“  sowohl  beim  Rohmaterialankauf ­
  als  auch  beim  Absätze  ihrer  Waren  verlieren.*)

*)  Bei  der  Bearbeitung  der  Enquete  in  Saratow  sah  man  das  deutlich ­
  ein;  es  war  aber  unmöglich,  diese  Momente  tabellarisch  zu
scheiden.
        <pb n="143" />
        134

Ähnliche  Angaben  erhielt  man  über  die  Kustari  in  Chwalynsk.*)

Der  reine  Verdienst  der  Gewerbetreibenden  macht  in  Prozenten ­
  des  Materialwertes  aus:
bei  Matten-  im  Joch-  im  Handschuh-  im  Riemenflechterei ­
  gewerbe  gewerbe  gewerbe
Ankauf  des  Rohmaterials
auf  den  Märkten  148  186,86  70  41,25
Das  Rohmaterial  liefert
der  Verleger  133  44,22  22  15
Auch  aus  diesen  Angaben  geht  deutlich  hervor,  daß  die  Gewerbetreibenden ­
  beim  Ankauf  von  Rohmaterialien  übervorteilt
werden.  So  sehen  wir,  daß  auf  einer  gewissen  Entwicklungsstufe
des  Gewerbes  mit  der  Zunahme  der  Handwerkerzahl  die  Notwendigkeit ­
  einlritt,  zur  Arbeit  für  den  Zwischenhändler  seine  Zuflucht  zu
nehmen,  um  die  Gewerbeerzeugnisse  absetzen  zu  können.  Dieser
Schritt,  den  die  Handwerker  tun,  und  der  die  Rayonwirtschaften
zu  einer  Volkswirtschaft  verbindet,  erhöht  zunächst  den  Verdienst
der  Handwerker  und  gestattet  einer  größeren  Anzahl  von  ihnen,
darin  eine  Beschäftigung  zu  suchen.  Gleichzeitig  steigt  aber  die  Abhängigkeit ­
  der  Gewerbetreibenden  von  den  Zwischenpersonen,
die  ihnen  nicht  nur  die  Erzeugnisse  abnehmen,  sondern  auch  das
Material  liefern.
Indem  also  der  Gewerbetreibende  seinen  Verdienst  erhöhen
will,  muß  er  einen  immer  steigenden  Teil  seines  Produktes  an  den
Zwischenhändler  abtreten.  Bald  wird  er  zu  einem  einfachen
Hausarbeiter  herabgedrückt,  der  alles  vom  Verleger  erhält  und
nur  noch  gegen  Stücklohn  arbeitet.
Ein  Vergleich  des  Umfanges  der  Produktion  auf  verschiedenen ­
  Entwicklungsstufen  des  Gewerbes  beweist,  daß  zunächst  eine
Erhöhung  dieser  Produktion  ohne  Änderung  der  Produktionstechnik ­
  eintritt.  Diese  Entwicklung  führt  zur  Bildung  der  Volkswirtschaft, ­
  während  die  Einführung  der  Maschine  den  Übergang
zur  Weltwirtschaft  bedeutet.

•)  Diese  Enquete  ist  dank  der  reaktionären  Semstwo  noch  nicht
veröffentlicht.
        <pb n="144" />
        135

IV.
Unsere  Analyse  der  Entwicklung  des  Gewerbes  führte  uns
zu  der  Schlußfolgerung,  daß  das  Gewerbe  aus  Bestellarbeit  zur
Marktarbeit,  zur  Arbeit  für  den  Zwischenhändler  und  schließlich
für  den  Verleger  übergegangen  ist,  ganz  unabhängig  von  den
äußeren  Verhältnissen,  wie  der  Zunftgesetzgebung,  dem  Einfuhrverbot ­
  usw.,  die  in  Westeuropa  im  Mittelalter  angeblich  den
entscheidenden  Einfluß  auf  das  Gewerbe  ausgeübt  haben.
Ebenso  ist  die  landläufige  Erklärung  des  Übergangs  zur  Arbeit
für  den  entfernteren  Markt  durch  die  Proklamierung  des  Freihandels ­
  nicht  stichhaltig.  Von  all  diesen  Momenten  kann  jetzt
in  Rußland  keine  Rede  sein,  und  dennoch  sehen  wir  auch  hier
den  gleichen  Entwicklungsprozeß,  wie  er  ehemals  in  Westeuropa ­
  vor  sich  gegangen  ist.  In  der  Tat  findet  der  Übergang
von  einer  Form  des  Gewerbes  zu  der  anderen  bei  bestimmten
Produktionsbedingungen  statt,  und  zwar  infolge  der  Zunahme
der  Handwerkerzahl,  durch  die  die  Arbeit  für  den  lokalen  Markt
weniger  vorteilhaft  wird,  als  die  für  den  Zwischenhändler.
Solange  es  nur  wenige  Handwerker  gibt,  werden  sie  für  ihre
Nachbarn  selbständig  arbeiten,  wenn  ihnen  auch  nichts  im  Wege
steht,  ihre  Erzeugnisse  auf  entferntere  Märkte  zu  bringen.  Erst
beim  Steigen  der  Konkurrenz  unter  den  Handwerkern,  wenn  das
Angebot  die  Nachfrage  übersteigt,  tritt  der  Zwischenhändler  als
Vermittler  zwischen  den  Handwerkern  und  dem  entfernten
Markte  auf.  Wo  die  Handwerker  bloß  für  ihren  lokalen
Markt  arbeiten,  führen  sie  einen  scharfen  Kampf  gegen  die  auswärtige ­
  Konkurrenz,  gegen  die  Einfuhr  von  Waren  aus  anderen
Städten.  Im  Mittelalter  gelang  es  ihnen,  diese  Einfuhr  gesetzlich ­
  zu  verbieten.  Jetzt  können  sie  nur  durch  Ermäßigung  der
Preise  für  ihre  Erzeugnisse  die  Konkurrenz  fernzuhalten
suchen.  Der  Sieg  fällt  aber  auf  keinen  Fall  ihnen  zu,  weil  die
Kustari,  die  für  den  Zwischenhändler  arbeiten  und  eine  Massenproduktion ­
  betreiben,  immer  billiger  verkaufen  können,  als  die
Handwerker,  die  nur  für  den  lokalen  Markt  produzieren.
Man  kennt  den  Kampf  der  mittelalterlichen  Zünfte  für  die
        <pb n="145" />
        Einschränkung  der  Produktion.  Aber  schon  im  12.  Jahrhundert
finden  wir  einen  ausgedehnten  Handel  mit  Tuch  in  Hamburg,
Wien,  sowie  in  den  Rheinstädten  usw.  Im  14.  und  15.  Jahrhundert ­
  zeichnen  sich  die  flämischen  und  italienischen  Städte
durch  ihr  entwickeltes  Kustargewerbe  aus.
Den  Übergang  zur  Arbeit  für  den  Zwischenhändler  förderten
hauptsächlich  folgende  Momente:  1.  Immigration  von  fremden
Handwerkern;  2.  Entwicklung  und  Ausdehnung  der  Produktion
auf  dem  platten  Lande*)  und  3.  die  Heranziehung  der  Frauen
zur  Gewerbearbeit.
Nach  Ashley  ist  „wohl  anzunehmen,  daß  die  Verhältnisse  bei
Herstellung  der  Wollwaren  sich  im  fünfzehnten  Jahrhundert  auf
zweifache  Art,  wie  folgt,  gestalteten.  I.  In  den  Städten  wurden
aus  den  ehemaligen  großen  Gilden  oder  Zünften  kleine,  eng  begrenzte ­
  Körperschaften,  die  ihrer  Aufsicht  über  die  Industrie
verlustig  gingen;  H.  das  Gewerbe  selbst  aber  breitete  sich  von
den  Städten  über  das  flache  Land  aus,  und  es  entstand  eine  neue
Klasse  von  Gewerbsleuten,  die  sich  clothiers  oder  clothmakers
  (Tücher  oder  Tuchmacher)  nannten.  Diese  verfügten
über  ein  gegen  früher  beträchtliches  Kapital  und  machten  eine
verhältnismäßig  große  Anzahl  von  Arbeitern  von  sich  abhängig.“
(Ashley,  a.  a.  O.,  Teil  II,  S.  234.)
Die  Hugenotten,  Italiener  usw.,  die  nach  England  und
Deutschland  übersiedelten,  machten  den  einheimischen  Zünften
Konkurrenz,  drückten  den  Warenpreis  herunter  und  arbeiteten ­
  nicht  nur  allein  für  Zwischenhändler,  für  einen  entfernteren
Markt,  sondern  zwangen  auch  die  einheimischen  Handwerker,  zur
Marktarbeit  überzugehen,  d.  h.  sich  der  Vermittlung  der  Zwischenhändler ­
  zu  bedienen.  Im  gleichen  Sinne  wirkten  auch  die
Kustari,  die  auf  dem  platten  Lande  arbeiteten.
In  vielen  Industriesphären  tritt  im  16.  Jahrhundert  ein  Sinken ­
  der  Preise  für  fertige  Erzeugnisse  hervor,  da  die  Rohstoffe
*)  Nicht  nur  die  Textilindustrie,  sondern  auch  das  Töpfergewerhe
nahm  auf  dem  platten  Lande  im  14.  und  15.  Jahrhundert  bedeutenden
Umfang  an.  Die  Bauern  produzierten  nicht  nur  für  den  eigenen  Bedarf ­
  und  den  Herrenhof,  sondern  auch  für  die  entfernten  Städte.
        <pb n="146" />
        137

stärker  im  Preise  stiegen  als  die  fertigen  Erzeugnisse.*)  Eben
dieser  Umstand  mußte  auch  die  Zunfthandwerker  zwingen,  für
einen  entfernteren  Markt  zu  arbeiten.
Trotz  aller  gesetzlichen  Einschränkungen  der  Konkurrenz
konnten  die  mittelalterlichen  Handwerker  ebensowenig  wie  die
Kustari  im  Gouvernement  Saratow  ihre  Selbständigkeit  aufrechterhalten. ­
  Sowohl  für  den  Absatz  ihrer  Erzeugnisse,  als  auch  für
den  Ankauf  von  Rohmaterial  waren  sie  auf  die  Zwischenhändler
angewiesen,  sobald  ihre  Produktion  einen  bedeutenden  Umfang
angenommen  hatte.  Die  meisten  unter  ihnen  konnten  schon  nicht
mehr  sich  selbst  das  Rohmaterial  verschaffen.  Sie  waren  auf
den  Kredit  des  Zwischenhändlers  angewiesen  und  mußten
schließlich  zur  Stückarbeit  übergehen.
V.
Die  Enquete  über  die  Kustargewerbe  in  der  Stadt  Kusnezk
wirft  auch  helles  Licht  auf  das  Verhältnis  zwischen  dem  Umfang ­
  der  Produktion  und  der  Art,  wie  sich  der  Handwerker  das
Rohmaterial  verschafft.
Die  Schuhmacher,  die  sich  selbständig  das  Rohmaterial
auf  dem  Markte  verschaffen,  produzieren  jährlich  für  165  Rubel. ­
  Die  anderen,  die  das  Rohmaterial  stets  bei  bestimmten
Personen  kaufen,  d.  h.  bei  ihnen  borgen  müssen,  schaffen  Erzeugnisse ­
  für  jährlich  360  Rubel.  Wieder  andere,  die  für  den
Verleger  mit  seinem  Material  arbeiten,  erzeugen  in  einem  Jahre
für  473  Rubel.
Das  Jahresprodukt  der  entsprechenden  Kategorien  der  Handschuhmacher ­
  stellt  sich  wie  folgt:  73  Rubel,  834  Rubel  und
*)  Siehe  Wiebe,  Geschichte  der  Preisrevolution  im  XVI.  bis
XVII.  Jahrh.  S.  125.  Im  Kapitel  über  den  Wert  werden  wir  noch  ein
Sinken  der  Preise  für  Wollgewebe  zu  dieser  Zeit  konstatieren  können.
Siehe  auch  Kulischer,  Die  Entwicklung  des  Profits,  Bd.  I  (russ.),  S.  508
bis  513.  Leider  gibt  Kulischer  der  angeführten  Tatsache  des  Preissinkens ­
  eine  verkehrte  Erklärung.  Nach  ihm  hat  die  Ausdehnung  des
Marktes  den  Preissturz  verursacht,  während  doch  gerade  das  Sinken
der  Preise  zur  Ausdehnung  des  Marktes  führte.  Übrigens  begeht  hier
Kulischer  denselben  Fehler  wie  alle  anderen  Volkswirte,  so  beispielsweise ­
  K.  Bücher.
        <pb n="147" />
        138

1537  Rubel.  Die  Hausarbeiter  erzeugen  hier  also  das  Zwanzigfache ­
  von  dem,  was  die  selbständigen  Handwerker  hersteilen.
Dagegen  sinkt  der  Verdienst  eines  Gewerbetreibenden  im  Verhältnis ­
  zum  Wert  der  Waren  mit  dem  Steigen  seiner  Abhängigkeit. ­
  Während  der  Verdienst  der  selbständigen  Schuhmacher
76  Proz.  des  Warenwertes  ausmacht,  verdient  ein  Schuhmacher,
der  das  Rohmaterial  auf  Kredit  erhält,  nur  45  Proz.  und  ein
Schuhmacher,  der  gegen  Stücklohn  arbeitet,  gar  nur  24  Proz.
des  Produktenwertes.  Die  entsprechenden  Zahlen  für  die  Handschuhmacherkategorien ­
  sind:  43  Proz.,  22  Proz.  und  8  Proz.
Wie  schon  erwähnt,  verdient  der  Hausarbeiter  trotzdem
mehr  als  der  selbständige  Handwerker,  der  infolge  der  Konkurrenz ­
  seine  Produktivkräfte  nicht  ausnutzen  kann.
Bücher  konstatiert,  daß  es  in  Westeuropa  im  17.  bis  18.  Jahrhundert ­
  „trotz  aller  Schranken,  mit  welchen  der  Zugang  zum
Meisterrechte  versperrt  blieb,  nicht  gelungen  war,  Übertretung  zu
verhüten.  Bei  den  Bäckern  und  Metzgern,  die  als  Typen  der
Wohlhabenheit  angeführt  zu  werden  pflegen,  war  das  Reihenbacken ­
  und  Reihenschlachten  fast  allgemein  üblich,  d.  h.,  es
waren  so  viele  Meister  da,  daß  nicht  jeder  Bäcker  jeden  Tag
frisch  hacken  und  jeder  Metzger  ein  Stück  Vieh  jede  Woche
schlachten  konnte.“  (Bücher,  a.  a.  O.,  S.  192.)
Nicht  die  Änderung  der  „Volkswirtschaftlichen  Bedarfsgestaltung“ ­
  hat  also  den  Untergang  des  Handwerkes  verursacht.
Diese  Änderung  in  der  Bedarfsgestaltung  ist  eher  ein  Resultat  der
Änderung  in  den  Produktionsbedingungen,  die  ihrerseits  durch
die  Zunahme  der  Handwerkerzahl  hervorgerufen  wurde.  Erst
wenn  der  Zwischenhändler  die  Handwerkererzeugnisse  billiger
zu  verkaufen  begann  als  selbst  der  Handwerker,  änderte  sich
auch  der  volkswirtschaftliche  Bedarf.  Der  Zwischenhändler
konnte  aber  Handwerkererzeugnisse  auf  entfernten  Märkten  zu
billigen  Preisen  liefern,  wenn  die  Konkurrenz  die  Handwerker
zwang,  ihm  ihre  Ware  billig  zu  verkaufen.
Noch  minder  befriedigend  löst  W.  S  o  m  b  a  r  t  die  Frage  des
Untergangs  der  Handwerker.  Sombart  sucht  die  „Existenzbedingungen“ ­
  des  Handwerks  festzustellen,  und  mit  der  Gründlichkeit
        <pb n="148" />
        139

eines  Professors  findet  er  ihrer  so  viele,  daß  er  diese  Frage  nur
verdunkelt.  Er  unterscheidet  „formelle  und  reale  Existenzbedingungen“ ­
  des  Handwerks.
Zu  den  „formellen“  zählt  er:  1.  Ermöglichung  handwerksmäßiger ­
  Selbständigkeit;  2.  Übermittelung  des  handwerksmäßigen ­
  Könnens;  3.  Schutzgesetzgebung.
Als  „reale“  Existenzbedingungen  erscheinen:  1.  Gestaltung
der  BevölkerungsVermehrung;  2.  Technik;  3.  Gestaltung  der  Absatzverhältnisse ­
  u.  a.  m.*)
Der  geehrte  Volkswirt  könnte  natürlich  noch  mehr  solche
„Existenzbedingungen“  anführen  und  würde  dennoch  in  der
Frage  des  Untergangs  des  Handwerks  keinen  Schritt  weiterkommen. ­
  Eben  deshalb,  weil  er  das  entscheidende  Moment
ganz  außer  acht  läßt,  nämlich  den  Stand  und  die  Entwicklung
der  Produktivkräfte.
Selbstredend  sind  gewisse  Bedingungen  notwendig,  wenn
eine  Wirtschaftsform  existieren  soll.  Auch  der  Kapitalismus  bedarf ­
  diese  Bedingungen.  Was  hat  aber  diese  „Bedingungen“  sowie
die  Wirtschaftsform  geändert?  Wenn  wir  die  Lage  der  Gewerbetreibenden ­
  in  der  Stadt  Kusnezk  mit  der  der  mittelalterlichen  Handwerker ­
  vergleichen,  fällt  uns  bald  die  große  Ähnlichkeit  in  der
Entwicklung  des  Gewerbes  auf,  obgleich  die  „Existenzbedingungen“ ­
  beider  sehr  verschieden  sind:  eine  andere  Gesetzgebung,
eine  andere  Bevölkerungsvermehrung  usw.  Dagegen  ist  die  Produktivität ­
  der  Arbeit  des  Handwerks  sich  gleich  geblieben,  daher
auch  die  auffallende  Ähnlichkeit  in  der  Entwicklung  des  Gewerbes ­
  und  in  der  dadurch  bedingten  Nachfrage  nach  Handwerkererzeugnissen. ­
  Sobald  aber  in  irgend  einer  Produktionssphäre ­
  die  Arbeitsproduktivität  so  gestiegen  ist,  daß  die  Produktion ­
  die  Nachfrage  dauernd  übersteigt,  so  wird  auch  das
stabile  Gleichgewicht  gestört,  in  dem  sich  das  Handwerk  befindet, ­
  und  die  von  Sombart  aufgezählten  Bedingungen  werden
die  Umwandlung  des  Handwerks  in  einen  Kustarbetrieb  nicht
aufhalten.

')  Der  moderne  Kapitalismus  I,  S.  122  ff.
        <pb n="149" />
        140

Sombart  betrachtet  sehr  sorgsam  die  „Bestrebungen“  des
Handwerks,  als  ob  sich  diese  Bestrebungen  von  denen  eines
Bauern,  eines  Kustars  oder  eines  Kapitalisten  unterschieden.
Durch  die  Analyse  dieser  „Bestrebungen“  sucht  Sombart  die  Entwicklung ­
  des  Gewerbes  zu  erklären.  Wie  konnte  aber  dasselbe
Bestreben  nach  einem  „guten  Auskommen“  (!)  in  dem  einen  Falle
zur  Herrschaft  des  Handelskapitals  über  das  Handwerk  führen,
während  in  dem  anderen  —  das  Handwerk  seine  Selbständigkeit ­
  bewahrt  hat?

VI.
Auch  zur  Zeit  der  Handwerksproduktion  und  der  Rayonwirtschaft ­
  findet  ein  intermunizipaler  Handel  statt,  der  auch  die
Grenzen  des  Rayons  überschreitet.  Dieser  Handel  spielte  aber
eine  ganz  geringe  Rolle  in  der  Rayonwirtschaft.  Er  beschränkte
sich  auf  die  Produkte,  die  aus  irgend  welchen  Ursachen  in  der
eigenen  Wirtschaft  nicht  erzeugt  werden  konnten:  auf  Metalle,
Salz,  Pflanzen-  und  Tierprodukte  aus  Gebieten  mit  anderen  klimatischen ­
  Verhältnissen  usw.  So  entsteht  der  Handel  als  Folge
der  Verschiedenheit  der  Naturverhältnisse  in  einzelnen
Gebieten  und  Ländern.  Die  Verarbeitung  der  Rohstoffe  befindet ­
  sich  aber  in  den  Händen  der  Handwerker  und  nicht
der  Kustari.  Erst  mit  der  Zunahme  ihrer  Zahl  beginnen
die  Handwerker  für  die  Zwischenhändler  zu  arbeiten,  und
diese,  die  Handwerkererzeugnisse  auszuführen,  die  auf  dem
lokalen  Markt  keinen  Absatz  finden.  Ein  Schmied  kann  für
den  lokalen  Markt  arbeiten,  weil  seine  Produkte  in  größerem
Maße  von  den  Bauern  gekauft  werden.  Dagegen  muß  ein  sich
spezialisierender  Handwerker  bald  einen  entfernteren  Markt  aufsuchen, ­
  um  Absatz  für  seine  Erzeugnisse  zu  suchen.  Daher  gelangen ­
  solche  Gegenstände  wie  Gewehre,  Messer  usw.  sehr  früh
auf  den  entfernten  Markt.  Ebenso  müssen  die  Erzeugnisse  der
Seiden-  und  Wollweber  nach  entfernten  Märkten  gebracht  werden,
die  für  die  herrschenden  Klassen  arbeiten,  da  die  Bauern  sich
selbst  Kleider  verfertigen.  Andererseits  beschränkten  sich  die
Bäcker,  Fleischer  und  Zimmerleute,  die  die  Bedürfnisse  der  ein-
        <pb n="150" />
        141

heimischen  Bevölkerung  befriedigten,  auf  den  lokalen  Markt,
weil  erstens  überall  die  gleichen  Handwerker  zu  finden  sind,
und  weil  zweitens  ihre  Erzeugnisse  sich  für  den  Transport  nicht
eignen.  Nimmt  die  Zahl  dieser  Handwerker  zu,  so  stellt  sich
die  Erscheinung  ein,  auf  die  Bücher  schon  hingewiesen  hat,  nämlich ­
  das  Reihenbacken  und  Reihenschlachten,  d.  h.,  daß  nicht
jeder  Bäcker  jeden  Tag  frisch  backen  und  nicht  jeder  Metzger
jede  Woche  ein  Stück  Vieh  schlachten  kann.*)  Wie  es  scheint,
war  dies  ein  ziemlieh  verbreitetes  Mittel  gegen  die  Überproduktion. ­
  Im  Kreis  Chwalynsk  des  Gouvernements  Saratow  arbeiten
in  einigen  Dörfern  die  Schuhmacher  nur  3—4  Tage  in  der
Woche.  Es  ist  klar,  daß  unter  solchen  Umständen  eine  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  nicht  stattfinden  konnte,  und  daß
sich  diese  Handwerker  bis  auf  den  heutigen  Tag  zu  erhalten  vermochten, ­
  wo  sie  vom  Kapital  unterworfen  wurden.  Aus  den
gleichen  Gründen  mußte  auch  die  Reparaturarbeit  für  den  Besteller ­
  handwerksmäßig  organisiert  bleiben.
Wir  sehen  also  aus  den  angeführten  Beispielen  der  verschiedenen ­
  Gewerbeformen,  daß  der  handwerksmäßige  Betrieb  um  so
länger  andauern  konnte,  je  geringer  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  in  seiner  Produktionssphäre  war.  Die  Enquete  über  die
Kustarbetriebe  im  Gouvernement  Saratow  bestätigt  diese  Schlußfolgerungen, ­
  die  man  aus  der  Entwicklung  des  mittelalterlichen
Handwerks  ziehen  kann.  So  können  sich  die  Schneider,  Näherinnen ­
  und  Wirkerinnen  mit  Bestellungsarbeit  für  die  Nachbarn
begnügen,  während  die  Hutmacher  für  die  Zwischenhändler  oder
Verleger  arbeiten  müssen,  weil  ihre  Spezialisierung  ihnen  gestattet, ­
  viel  mehr  zu  produzieren,  als  in  der  Nachbarschaft  Nachfrage ­
  vorhanden  ist.  Die  Walker,  deren  es  in  Kusnezk  nur  wenige
gibt,  arbeiten  hauptsächlich  auf  unmittelbare  Bestellung,  während
die  Handschuhmacher  und  Kummetmacher  meistens  für  den
entfernten  Markt  arbeiten.  Die  Tischler  und  Böttcher,  sowie  die
Ziegler  können  für  ihre  Erzeugnisse  auf  dem  lokalen  Markte  Absatz ­
  finden;  dagegen  müssen  die  Handwerker,  deren  spezielle

’)  Entstehung  der  Volkswirtschaft,  S.  192.
        <pb n="151" />
        —  142  —
Beschäftigung  die  Produktion  von  Eimern,  Sieben,  Spindeln,
Kämmen  ist,  ihre  Erzeugnisse  nach  anderen  Dörfern  ausführen.
Ebenso  arbeiten  die  Spezialisten  unter  den  Schmieden  für  die
Zwischenhändler,  während  die  gewöhnlichen  Schmiede  auf  Bestellung ­
  arbeiten.  Für  den  Zwischenhändler  arbeiten  auch  die
Kringel-  und  Pfefferkuchenbäcker,  sowie  die  meisten  Schuhmacher, ­
  während  nur  die,  die  sich  mit  Flick-  und  Reparaturarbeit ­
  beschäftigen,  für  die  unmittelbaren  Kunden  arbeiten.
•Je  größer  also  die  Zahl  der  Gewerbetreibenden,  oder  je  weiter
die  Arbeitsteilung  in  irgend  einer  Produktionssphäre  fortgeschritten ­
  ist,  um  so  bedeutender  ist  die  Macht  des  Kapitals  über  den
Handwerker.  Die  Arbeitsproduktivität  eines  Spezialisten  ist  natürlich ­
  viel  bedeutender  als  die  eines  gewöhnlichen  Schmiedes,
Schneiders  usw.  Aber  eben  deshalb  ist  der  lokale  Markt  für  den
Spezialisten  zu  eng,  und  er  nimmt  zur  Arbeit  für  den  Zwischenhändler ­
  seine  Zuflucht.  Die  Umwandlung  des  Handwerks  in
das  Kustargewerbe,  das  sich  in  Abhängigkeit  vom  Kapital  befindet, ­
  hängt,  wie  diese  Enquete  beweist,  von  der  Menge  der
in  einer  gewissen  Produktionssphäre  hergestellten  Erzeugnisse
ab.  Solange  diese  Menge  noch  gering  ist  und  den  Bedarf  der
Nachbarschaft  daran  nicht  übersteigt,  solange  also  die  Handwerkererzeugnisse ­
  die  Grenzen  der  Rayonwirtschaft  nicht  überschreiten, ­
  bleibt  der  Handwerker  selbständig,  arbeitet  er  für  die
unmittelbaren  Konsumenten  usw.  Erst  wenn  die  Produktion  infolge ­
  der  Zunahme  der  Handwerkerzahl  oder  der  erhöhten
Arbeitsproduktivität  steigt,  die  durch  die  Arbeitsteilung,  den
technischen  Fortschritt  hervorgerufen  wird,  beginnt  der  Untergang ­
  des  Handwerks  und  dessen  Unterjochung  durch  das  Kapital. ­
  Der  Kampf  gegen  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte
nahm  im  Mittelalter  die  Form  der  Produktionseinschränkung,
der  Bekämpfung  der  „Störer“  usw.  an.
In  meiner  „Agrarfrage“  kam  ich  zu  einer  ähnlichen  Schlußfolgerung, ­
  nämlich  der,  daß  der  ländliche  Kleinbetrieb  nur  dann
aufrechterhalten  werden  kann,  wenn  keine  Entwicklung  der
Produktivkräfte  stattfindet.  Wo  sich  die  Produktivkräfte  infolge
des  technischen  Fortschrittes  oder  der  aus  den  Natur  Verhältnissen
        <pb n="152" />
        143

heraus  erhöhten  Arbeitsproduktivität  entwickeln,  siegt  der  kapitalistische ­
  Großbetrieb.  In  der  Landwirtschaft  wie  in  der  Industrie ­
  führt  jeder  Schritt  in  der  Entwicklung  der  Arbeitsproduktivität ­
  zum  Untergang  des  selbständigen  Kleinbetriebes,  auch
wenn  die  Produktionstechnik  keine  Fortschritte  gemacht  hat.
VII.
Die  Änderung  in  der  Wirtschaftsform  einzelner  Unternehmungen ­
  bedingt  eine  Änderung  des  Charakters  der  gesamten  Volkswirtschaft. ­

Die  Entwicklung  des  Handwerks,  das  die  Gemeindewirtschaften ­
  vereinigt,  führt  zur  Bildung  der  Rayonwirtschaften,  die
aus  der  Stadt  und  den  umliegenden  Dörfern  bestehen.  Auf  dieser
Entwicklungsstufe  gibt  es  noch  keine  Volkswirtschaft,  solange  die
Wirtschaften  des  ganzen  Landes  noch  nicht  untereinander  verknüpft ­
  sind.
Die  Entwicklung  des  Handelskapitals,  der  Kustarbetriebe  und
der  Manufaktur,  die  für  den  entfernten  Markt  arbeiten,  bildet
die  Grundlage  der  Volkswirtschaft.  So  ist  die  Umwandlung  des
Handwerkers  in  einen  Kustar  von  großer  sozialpolitischer  Bedeutung. ­
  In  einigen  Gewerben  beginnt,  wie  schon  oben  bemerkt
worden  ist,  dieser  Prozeß  sehr  früh.  Eine  entscheidende  Bedeutung ­
  gewinnt  aber  dieser  Prozeß  erst,  wenn  der  größte
Teil  der  Erzeugnisse  der  Volkswirtschaft  für  den  entfernten
Markt  produziert  wird.  Ist  aber  der  Prozeß  der  Umwandlung
des  Handwerks  in  das  Kustargewerbe  schon  soweit  vorgeschritten,
dann  herrschen  im  Lande  die  kapitalistischen  Verhältnisse.*)  Ob
ein  Betrieb  in  dieser  Form  bleiben  oder  die  Form  einer  Fabrik
annehmen  wird,  hängt  jetzt  ganz  davon  ab,  ob  es  dem  Kapital
wünschenswert  erscheint,  diesen  weiteren  Schritt  vorzunehmen.
Gewöhnlich  führt  zwar  die  weitere  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  zum  Siege  der  Fabrik,  aber  diese  Entwicklung  geht  in  den

*)  Man  sieht  daraus,  wie  groß  der  Irrtum  der  russischen  „Volkstümler“ ­
  ist,  die  im  Kustargewerhe  die  „nationale  Form“  des  Gewerbes
erblicken.
        <pb n="153" />
        144

%
verschiedenen  Produktionssphären  in  verschiedenem  Tempo
vor  sich.
Somit  haben  wir  nicht  nur  die  landläufigen  Vorstellungen
von  den  Ursachen  der  Entwicklung  des  Kapitalismus  widerlegt,
sondern  auch  eine  gründlichere  Erklärung  dieser  Erscheinung
gegeben.
Zum  Schlüsse  möchten  wir  noch  hinzufügen,  daß  die  Einführung ­
  des  neuen  Terminus  „Ray  on  Wirtschaft“  notwendig  war,
weil  diese  Form  der  gesellschaftlichen  Wirtschaft  irgendwie  bezeichnet ­
  werden  muß.  Der  Begriff  der  Stadtwirtschaft,  den
Bücher  eingeführt  hat,  trifft  nicht  das  Richtige,  schon  weil  die
Handwerker  auch  außerhalb  der  Städte  wohnen  konnten.  Und
auch  abgesehen  davon,  umfaßt  die  Stadt  doch  nicht  das  ganze
Gebiet;  ohne  die  Landwirtschaft  könnte  keine  Stadt  existieren.
        <pb n="154" />
        Zehntes  Kapitel.
Entstehung  des  Tauschwertes.
I.
Bei  der  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  haben
wir  gesehen,  daß  die  Erweiterung  der  Wirtschaftsorganisation
mit  dem  Fortschritt  des  Warenaustausches  eng  verbunden  ist.
Zuerst  entsteht  der  einfache  Austausch  von  Gegenständen,  die
noch  keine  Waren  sind,  innerhalb  der  Gemeinde,  dann  der
Warenaustausch  zwischen  einzelnen  Gemeinden  desselben  Gebietes ­
  und  schließlich  auch  der  Warenverkehr  zwischen  den  Gebieten. ­
  Zunächst  hat  der  Austausch  nur  eine  geringe  Bedeutung;
erst  später,  mit  der  Entwicklung  der  Warenproduktion  werden
die  meisten  Produkte  für  den  Markt  hergestellt.
Was  dient  aber  als  Kriterium  des  Austauschverhältnisses?
Warum  werden  die  Waren  gerade  in  dieser  Proportion  gegeneinander ­
  ausgetauscht?
Da  die  Geldwirtschaft  aus  dem  einfachen  Warentausch  entstanden ­
  ist,  wo  die  Produkte  gegeneinander  und  nicht  gegen
Geld  ausgetauscht  werden,  so  liegt  auch  der  Ursprung  des
Tauschwertes  in  der  Naturalwirtschaft,  aus  der  sich  die  Geldwirtschaft ­
  entwickelt  hat.  Haben  aber  die  in  einer  Naturalwirtschaft ­
  erzeugten  Produkte  einen  Tauschwert,  und,  wenn  diese
Frage  zu  bejahen  ist,  wie  wird  er  bestimmt?
Selbstverständlich  muß  jedes  Produkt  einen  Gebrauchswert ­
  haben.  Denn  sonst  würde  es  niemand  erzeugen  oder
kaufen.  Ein  Produkt  muß  in  irgend  welcher  Hinsicht  nützlich
sein,  irgend  ein  Bedürfnis  befriedigen.  Abgesehen  davon,  erfordert ­
  die  Gewinnung  und  Bearbeitung  jedes  Gegenstandes  einen
gewissen  Kraftaufwand,  den  eine  Naturalwirtschaft  nur  in  beschränktem ­
  Maße  machen  kann.  Sie  darf  nicht  beliebig  Produkte
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

10
        <pb n="155" />
        146

einer  Kategorie  hersteilen,  weil  sie  infolge  der  Beschränktheit
ihrer  Arbeitskräfte  dann  die  anderen  Bedürfnisse  nicht  würde
befriedigen  können.  Sie  muß  also  ihre  Produktivkräfte  nach
einem  Plane  verwenden,  um  ihre  Bedürfnisse  mit  dem  geringsten
Arbeitsaufwand  zu  decken.
Nach  diesem  Prinzip  richtet  sich  auch  die  Herstellung  der
Gegenstände  der  Wirtschaft.  Steigen  die  Produktivkräfte  einer
Wirtschaft,  so  kann  auch  die  Gewinnung  von  gewissen  Produkten ­
  vermehrt  werden.  Folglich  wird  der  relative  Wert  der
einzelnen  Gegenstände  durch  die  Arbeitsmenge  bestimmt,  die  notwendig ­
  ist,  um  sie  herzustellen.  Die  Arbeitsmenge  erweist  sich
somit  als  das  einzige  Maß  des  Wertes,  weil  nur  die  Beschränktheit ­
  der  Arbeitskräfte  auch  die  Produktenmenge  beschränkt,  die
„Seltenheit“  der  Gegenstände  bedingt.*)
So  haben  die  Gegenstände  einer  Naturalwirtschaft  nicht  nur
einen  Verbrauchswert,  sondern  auch  einen  relativen  Arbeitswert, ­
  je  nachdem,  welchen  Teil  der  Gesamtproduktivkraft  der
Wirtschaft  die  Herstellung  dieses  Produktes  erheischt.  Die  Produkte, ­
  deren  Produktion  viel  Arbeit  erfordert,  werden  höher  geschätzt ­
  und  sparsamer  verbraucht,  als  die  anderen,  die  mit  weniger ­
  Mühe  erzeugt  werden.  So  wird  das  Prinzip  der  Kraftersparnis ­
  zum  Kriterium  des  relativen  Wertes  einzelner  Gegenstände ­
  der  Wirtschaft.  Jedes  Familienmitglied  weiß  sehr  gut,
wieviel  Arbeit  die  Produktion  jedes  Gegenstandes,  etwa  eines
Scheffels  Korn  oder  einer  Elle  Leinen,  erheischt.
Denken  wir  uns  nun  einen  Austausch  zwischen  einzelnen
Wirtschaften,  wobei  Korn  gegen  Leinen  ausgetauscht  wird.  Wenn
die  Familie,  die  Leinen  gegen  Korn  austauschen  will,  soviel  Arbeit ­
  auf  wendet  oder  aufwenden  muß,  um  einen  Scheffel  Korn
zu  erzeugen,  wie  ihr  eine  Elle  Leinen  kostet,  so  wird  sie  nur  dann
zum  Austausch  ihre  Zuflucht  nehmen,  wenn  sie  für  eine  Elle
Leinen  mehr  als  einen  Scheffel  Korn  erhalten  wird;  sonst  wird
sie  doch  das  Korn  in  der  eigenen  Wirtschaft  erzeugen.
*)  Infolge  der  Kompliziertheit  der  modernen  Wirtschaft  können
viele  Volkswirte  kein  Wertmaß  finden.  Als  solches  wird  zuweilen  die
„Seltenheit“  der  Gegenstände  betrachtet.
        <pb n="156" />
        147

Ebenso  die  andere  Wirtschaft,  die  Korn  gegen  Leinen  austauschen
  will.  Auch  sie  hat  ein  bestimmtes  Maß  des  Wertes  für
die  Gegenstände  der  Wirtschaft  und  wird  den  Austauschakt  vollziehen, ­
  wenn  sie  dabei  an  Arbeitskraft  sparen  kann.  Wenn  sie  etwa
eine  Elle  Leinen  nur  in  sechs  Arbeitsstunden  und  einen  Scheffel
Korn  in  vier  Stunden  produzieren  kann,  wird  sie  Korn  gegen
Leinen  austauschen,  wenn  man  ihr  mehr  als  vier  Sechstel  Ellen
Leinen  für  einen  Scheffel  Korn  gibt.  Für  beide  Wirtschaften
gibt  es  ein  gewisses  Minimum  in  der  Verwertung  der  Gegenstände. ­
  Die  erste  Wirtschaft,  die  Leinen  vorschlägt,  wird  für
eine  Elle  Leinen  mindestens  einen  Scheffel  Korn  verlangen;  die
zweite  dagegen  für  einen  Scheffel  Korn  mindestens  vier  Sechstel
oder  zwei  Drittel  Ellen  Leinen  fordern.  Das  Austauschverhältnis
zwischen  Leinen  und  Getreide  ist  also  durch  den  relativen
Arbeitswert  dieser  Gegenstände  in  den  einzelnen  Familien  eng
begrenzt.  Die  Schwankungen  innerhalb  dieser  Grenzen  werden,
wie  wir  bald  sehen  werden,  durch  Nachfrage  und  Angebot  bestimmt. ­

Aus  dieser  Analyse  der  Bildung  des  Tauschwertes  geht  hervor, ­
  daß  bei  normalen  Verhältnissen  der  Austausch  zwischen  einzelnen ­
  Familien  nur  infolge  der  verschiedenen  Arbeitsproduktivität ­
  in  verschiedenen  Arbeitssphären  einzelner  Wirtschaften  entstehen ­
  konnte.  Ob  es  natürliche  oder  technische  Momente  sind,  die
diesen  Unterschied  bedingen,  ist  ganz  gleich:  er  muß  aber  bestehen, ­
  um  den  Austausch  von  Waren  für  beide  vorteilhaft  zu
machen.
Die  Geschichte  des  Handels  zeigt,  daß  der  Austausch  infolge
des  Unterschiedes  in  den  natürlichen  Verhältnissen  entstanden
ist.  Aber  schon  auf  den  frühesten  Kulturstufen  gibt  es  einen
Unterschied  auch  in  den  technischen  Kenntnissen  bei  einzelnen
Stämmen,  die  verschiedene  Wirtschaftssysteme  haben,  wie  bei
den  Jägern,  Hirten  und  Ackerbauern.  Mit  der  Ausscheidung  des
Handwerks,  die  eine  bedeutende  Erhöhung  der  Arbeitsproduktivität ­
  zur  Folge  hat,  entsteht  auch  innerhalb  der  einzelnen  Gemeinde ­
  ein  Austausch  von  Produkten.  Die  Verschiedenheit  der
Arbeitsproduktivität,  hervorgerufen  durch  die  Verschiedenheit
10*
        <pb n="157" />
        148

der  Natur  Verhältnisse,  hat  eine  geringe  Bedeutung  im  Verhältnis
zum  Unterschied  in  der  Arbeitsproduktivität,  der  als  Folge  der
Arbeitsteilung  und  Berufsbildung  entsteht.
Die  Gemeindehandwerker  waren  wohl  Beamte  der  Gemeinde,
die  sich  auch  mit  Landwirtschaft  beschäftigten.  Erst  mit  dem
Fortschreiten  der  Technik  und  der  Spezialisierung  der  Arbeit
geben  sie  ihre  landwirtschaftliche  Tätigkeit  ganz  auf,  beschäftigen ­
  sich  ausschließlich  mit  Gewerbearbeit  und  scheiden  aus  der
Gemeinde  aus.  Wie  sich  dann  der  Austausch  zwischen  den
Handwerkererzeugnissen  und  den  Produkten  der  bäuerlichen  Naturalwirtschaften ­
  reguliert,  ist  aus  der  angeführten  Analyse  klar.
Dieser  Austausch  von  Produkten  macht  diese  aber  noch  nicht
zu  Waren,  weil  hier  noch  keine  Konkurrenz,  kein  Angebot
im  engen  Sinne  des  Wortes  vorhanden  ist.  Der  Handwerker
arbeitet  nur  auf  Bestellung.  Dennoch  wird  der  relative  Wert
seiner  Produkte  genau  durch  die  darauf  aufgewendete  Arbeitsmenge ­
  bestimmt.  Das  Verhältnis,  nach  dem  seine  Produkte  gegen ­
  Erzeugnisse  der  Gemeindemitglieder  ausgetauscht  werden,
wurde  schon  lange  in  der  Gemeinde  selbst  bestimmt.  Dadurch
gewinnen  auch  die  Handwerkererzeugnisse  einen  bestimmten
Arbeitswert,  die  auf  entfernten  Märkten  als  Waren  verkauft
werden.  Das  Maß  des  Wertes  gab  ihnen  die  Gemeinde.
Mit  der  Entwicklung  des  Austausches  unter  einzelnen  Gemeinden ­
  bilden  sich  auch  Märkte,  neutrale  Punkte,  wo  verschiedene ­
  Gemeinden  ihre  Waren  austauschen.  Es  ist  natürlich,
daß  jede  Gemeinde  solche  Produkte  auf  den  Markt  bringt,  bei
deren  Herstellung  die  Produktivität  ihrer  Arbeit  infolge  natürlicher ­
  oder  technischer  Momente  am  größten  ist.  Der  Umstand,
daß  die  Produzenten  selbst  ihre  Erzeugnisse  gegeneinander  austauschen, ­
  führt  dazu,  daß  diese  im  Verhältnis  zu  ihrem  Arbeitswert ­
  ausgetauscht  werden,  den  die  Waren  schon  in  der  Naturalwirtschaft ­
  erhalten  haben.  Deshalb  hat  auch  der  Austausch,
vorgenommen  durch  die  Produzenten  selbst,  einen  ganz  anderen ­
  Charakter,  als  der  Warenaustausch  durch  Zwischenhändler.
Bücher  stellt  daher  mit  Recht  den  Markt  dem  Handel  der
Kaufleute  gegenüber.  „Markt  und  stehender  Handel  schließen
        <pb n="158" />
        149

einander  aus.  Wo  es  einen  Berufsstand  von  Kaufleuten  gibt,
braucht  man  keine  Märkte;  wo  es  Märkte  gibt,  braucht  man  keine
Kaufleute.“  „Nur  da,  wo  ein  Land  begehrte  Erzeugnisse  nicht
selbst  hervorbringt  und  diese  aus  dem  Auslande  herzugeführt  werden ­
  müssen,  wird  sich  schon  auf  der  Stufe  der  Hauswirtschaft
dafür  ein  eigener  Berufsstand  bilden,  der  Ankauf,  Transport  und
Vertrieb  jener  Waren  in  seiner  Hand  vereinigt  .  .  .“  *)  Bücher
erklärt  aber  nicht,  noch  sucht  er  zu  erklären,  warum  sich  nur
der  Handel  mit  fremden  Waren  in  den  Händen  der  Kaufleute
befand,  warum,  wie  Lamprecht  bewiesen  hat,  in  Westeuropa
noch  im  11.  Jahrhundert  kein  innerer  Handel  zwischen  den  Gutsbezirken ­
  existiert  hat,  zwischen  denen  gewöhnlich  nur  Geschenke
ausgetauscht  wurden.  Der  Warenaustausch  konnte  eben  nur
unter  Wirtschaften  auftreten,  die  sich  durch  natürliche  und  soziale ­
  Momente  voneinander  unterscheiden:  zwischen  Ackerbauern^ ­
  und  Hirten,  zwischen  fruchtbaren  und  nichtfruchtbaren
Gebieten  oder  zwischen  Wirtschaften,  die  sich  mit  Spezialberufen ­
  abgeben,  und  bäuerlichen  Wirtschaften.
II.
Die  wichtigsten  und  notwendigsten  Bedarfsgegenstände  werden ­
  in  der  Naturalwirtschaft  gewöhnlich  selbst  erzeugt.  Der
Handel  beschränkt  sich  zunächst  auf  Gegenstände,  die  in  der  Umgebung ­
  nicht  hergestellt  werden  können.  Wodurch  wird  nun
der  Wert  dieser  Produkte,  die  von  auswärts  kommen,  bestimmt?
Etwa  durch  deren  „Seltenheit“?
Es  ist  klar,  daß  die  Naturalwirtschaft  kein  Wertmaß  für
tropische  oder  andere  Produkte  hat,  die  von  der  Ferne  her  kommen, ­
  wie  Metalle  und  Mineralien  aus  gewissen  Ländern.  Das
einzige,  was  hier  wertbestimmend  sein  kann,  sind  die  Surrogate, ­
  die  an  Stelle  der  auswärtigen  Produkte  die  gleichen  Bedürfnisse ­
  befriedigen  können.  So  können  beispielsweise  das  Bedürfnis ­
  nach  Schmuck  auch  einheimische  Gegenstände  zum  Teil
decken.  Im  übrigen  wird  aber  eine  Naturalwirtschaft  auch  einen
viel  höheren  Preis  für  die  ihr  ganz  unbekannten  Gegenstände
*)  „Die  Entstehung“  usw.,  S.  117.
        <pb n="159" />
        zahlen.  Die  äußerste  Grenze  ist  hier  der  Wohlstand  der  Wirtschaft, ­
  der  Umfang  der  Produkte,  die  sie  für  die  auswärtigen
Waren  geben  kann.
Dagegen  besitzt  der  Kaufmann  wohl  einen  Maßstab  für  den
Wert  seiner  Waren.  Denn  diese  haben  an  der  Stelle,  wo  er  sie
kauft,  einen  bestimmten  Wert.  So  wird  dort  beispielsweise  ein
Pfund  Eisen  gegen  eine  Elle  Leinwand  ausgetauscht,  da  man
Leinwand  auch  dort  produziert,  wo  Eisen  gewonnen  wird.
Eine  Elle  Leinwand  ist  für  den  Kaufmann  das  Minimum  des
Wertes  von  einem  Pfund  Eisen.  Er  kann  aber  dem  auswärtigen
Käufer,  der  nicht  weiß,  wieviel  Arbeit  die  Gewinnung  von  Eisen
fordert,  ein  Pfund  Eisen  für  2,  3,  4  und  mehr  Ellen  Leinen  verkaufen. ­
  Es  hängt  bloß  vom  Verhältnis  des  Angebots  zur  Nachfrage ­
  ab.*)  Ähnlich  verhält  es  sich  auch  jetzt,  wo  der  Handel
in  Gegenden  eindringt,  die  keinen  Maßstab  für  den  Wert  der
auswärtigen  Waren  besitzen.  Die  „W  i  1  d  e  n“  werden  auf
diese  Weise  durch  die  „zivilisierten“  Händler  ausgebeutet,  indem
die  „zivilisierten“  ihnen  gegen  wertlose  Schmucksachen  sehr  teure
Gegenstände  abnehmen.  Dieser  „Austausch“  spielt  in  der  Volkswirtschaft ­
  dieselbe  Rolle,  wie  Diebstahl,  Raub  usw.  In  gewissen
geschichtlichen  Perioden  nimmt  auch  der  Raub  eine  bedeutende
Stelle  ein.  Nicht  durch  ihn  wrid  indes  die  Evolution  der  Wirtschaft ­
  bestimmt.
Die  Einseitigkeit  dieses  Handels  gewährt  dem  Kaufmann
große  Vorteile  und  ruft  eine  Konkurrenz  anderer  Kaufleute  hervor, ­
  die  den  Preis  der  Ware  —  in  unserem  Beispiel  des  Eisens  —
herabsetzt.  So  nähert  sich  der  Wert  des  Eisens  dem  wirklichen
Wert  des  Leinens.  Um  aber  diese  Konkurrenz  zu  verhindern,
suchten  die  Kaufleute  im  Altertum  und  im  Mittelalter  den  Handel
zu  monopolisieren,  indem  sie  den  Handelsweg  verheimlichten,  Abmachungen ­
  untereinander  trafen  oder  den  Staat  zu  Hilfe  riefen.
Obgleich  in  der  Volkswirtschaft  schon  längst  eine  Arbeitsteilung ­
  vordrang,  ein  Austausch  zwischen  Stadt  und  Land  so-*)
  Die  ostindische  Kompanie  hatte  einen  Profit:  bei  der  9.  Expedition ­
  —  von  160  Proz.,  bei  der  10.  —  von  148  Proz.,  bei  der  11.  —  von
340  Proz.  und  bei  der  12.  —  von  134  Proz.
        <pb n="160" />
        151

wie  innerhalb  der  Stadt  existierte,  der  eine  viel  größere  Bedeutung ­
  hatte  als  der  Handel  mit  auswärtigen  Waren,  zog  das  Handelskapital ­
  diesem  inneren  Warenaustausch  den  Handel  zwischen
einzelnen  Ländern  mit  seiner  räuberischen  Ausbeutung  vor.  „Im
Altertum  hatten  die  Kaufleute  ein  Monopol  auf  dem  Markte.  Der
Mittelmeerhandel  kann  nach  der  jeweiligen  Herrschaft  einzelner
Nationen,  der  Phönicier,  der  Griechen  und  Karthager,  in
Perioden  eingeteilt  werden.  Sowohl  die  griechischen  Städte  als
auch  die  Karthager  (wie  auch  die  italienischen,  holländischen
und  englischen  Städte  .  .)  sicherten  sich  stets  dort,  wohin  sie  gelangten, ­
  Monopol  auf  den  Handel,  Ebenso  handelten  die  römischen ­
  Kaufleute,  insbesondere  in  Europa,  wo  sie  keine  Konkurrenten ­
  fanden.  Die  Kaufleute  reisten  gewöhnlich  in  Karawanen;  da
sie  ein  Ganzes  bildeten,  so  bestimmten  sie  auch  gemeinsam  die
Warenpreise  und  ließen  keine  Konkurrenz  unter  sich  aufkommen.“
  *)
„Die  Lateiner  brachten  nach  Alexandrien  öl  aus  Andalusien,
von  den  Balearen  und  aus  Tunis,  Honig  aus  Kreta,  Seife  aus
Genua,  Venedig,  Pisa  und  Gaeta,  Stahl,  Blei,  Eisen,  Kupfer,  Zinn
und  noch  viele  andere  Waren.“**)
So  beschränkte  sich  der  Handel  hauptsächlich  auf  exotische
Waren,  die  aus  natürlichen  Gründen  nur  in  einer  bestimmten
Gegend  erzeugt  werden  konnten.
Eben  weil  man  solche  Waren  bedeutend  über  ihrem  Wert
absetzen  konnte,  zogen  die  Kaufleute  dem  inneren  Tauschverkehr
den  Handel  mit  diesen  exotischen  Waren  vor.  Weil  die  Kaufleute ­
  noch  außerstande  waren,  die  Waren  unter  ihrem  Wert  zu
kaufen,  suchten  sie  diese  über  ihrem  Wert  abzusetzen.
„Solange,“  sagt  Marx,  „das  Handelskapital  den  Produktenaustausch ­
  unentwickelter  Gemeinwesen  vermittelt,  erscheint  der
kommerzielle  Profit  nicht  nur  als  Übervorteilung  und  Prellerei,

*)  Kulischer,  Die  Evolution  des  Kapitalprofits  (russ.),  Bd.  1,  S.  128.
**)  Ad.  Beer,  Allg.  Geschichte  des  Welthandels,  Bd.  1,  S.  184,  Wien
1860.  Nach  England  brachten  die  Kaufleute  Purpur,  Tuch,  kostbare
Steine,  Gold,  Gewänder,  Schminke,  Wein,  öl,  Elfenbein,  Messing,  Kupfer,
Zinn,  Schwefel,  Glas  usw.  Ashley,  a.  a.  O.  Bd.  I,  S.  70.
        <pb n="161" />
        152

sondem  entspringt  größtenteils  aus  ihr.  Abgesehen  davon,  daß
es  den  Unterschied  zwischen  den  Produktionspreisen  verschiedener ­
  Länder  ausbeutet  .  .  .  bringen  es  jene  Produktionsweisen
mit  sich,  daß  das  Kaufmannskapital  sich  einen  überwiegenden
l  eil  des  Mehrproduktes  aneignet.“*)
III.
Zugleich  mit  dem  Warenaustausch,  dem  Handel  mit  auswärtigen ­
  Produkten,  der  noch  eine  geringe  Rolle  spielt,  entwickelt ­
  sich  aber  auch  der  Austausch  von  Produkten  innerhalb
der  Gemeinde,  wo  der  Arbeitswert  als  Maß  des  Wertes  gilt.
Nach  Engels  gilt  „das  Marxsche  Wertgesetz  allgemein,  soweit ­
  überhaupt  ökonomische  Gesetze  gelten,  für  die  ganze  Periode
der  einfachen  Warenproduktion,  also  bis  zur  Zeit,  wo  diese  durch
den  Eintritt  der  kapitalistischen  Produktionsform  eine  Modifikation ­
  erfährt.  Bis  dahin  gravitieren  die  Preise  nach  den  durch
das  Marxsche  Gesetz  bestimmten  Werten  und  oszillieren  um
diese  Werte,  so  daß,  je  voller  die  einfache  Warenproduktion  zur
Entfaltung  kommt,  desto  mehr  die  Durchschnittspreise  längerer,
nicht  durch  äußere  gewaltsame  Störungen  unterbrochener
Perioden  innerhalb  der  Vernachlässigungsgrenzen  mit  den  Werten ­
  zusammenfallen.  Das  Marxsche  Wertgesetz  hat  also  ökonomisch ­
  allgemeine  Gültigkeit  für  eine  Zeitdauer,  die  vom
Anfang  des  die  Produkte  in  Waren  verwandelnden  Austausches
bis  ins  15.  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung  dauert  .  .  .“  (Neue
Zeit  1895,  S.  39.)
Die  Wirtschaftshistoriker,  die  sich  auf  die  Tatsache  stützten,
daß  die  Kaufleute  im  Alterum  und  im  Mittelalter  die  Waren  über
ihrem  Wert  verkauften,  erwiderten  Engels,  daß  die  Waren  gerade
zu  dieser  Zeit  nicht  nach  ihrem  Werte  ausgetauscht  wurden,  daß
die  städtischen  Handwerker  bestrebt  waren,  durch  Taxen  die
Warenpreise  künstlich  hoch  zu  halten,  und  daß  die  Städter  durch
ähnliche  Mittel  die  Preise  der  landwirtschaftlichen  Produkte
herabdrückten.  Daraus  folgt  aber  noch  keineswegs,  daß  die
Tauschverhältnisse  nicht  durch  die  Arbeit  reguliert  wurden.
*)  „Kapital“,  Bd.  III,  1  S.  314-315.
        <pb n="162" />
        153

Gewiß,  wie  wir  gesehen  haben,  dient  der  Arbeitswert  nicht
als  Kriterium  im  Tauschverkehr,  wo  der  eine  Kontrahent  ein
Monopol  besitzt.  Nur  die  Konkurrenz  der  Kaufleute  untereinander ­
  konnte  sie  zwingen,  die  Waren  zu  ihrem  Wert  zu  verkaufen, ­
  Daher  auch  ihr  Bestreben,  die  Konkurrenz  unmöglich ­
  zu  machen.  Die  Geschichte  des  Altertums  und  des
Mittelalters  ist  voll  von  solchen  Kriegen  der  Kaufleute  untereinander. ­
  Der  Kampf  zwischen  den  Griechen  und  Phöniciern,
zwischen  den  griechischen  Republiken,  sowie  auch  der  Kampf
zwischen  den  italienischen  Republiken  —  oder  die  Bildung  des
Hansabundes  —  alles  dies  war  durch  das  Bestreben  hervorgerufen, ­
  sich  das  Handelsmonopol  zu  sichern  und  so  die  Konsumenten ­
  wie  die  Produzenten  zu  übervorteilen.
Dieser  Handel  drang  aber  in  die  Naturalwirtschaften  kaum
ein.  Er  existierte  hauptsächlich  für  die  herrschenden  Klassen,
Sklavenhalter,  feudale  Grundherren,  den  Staat,  kurz  für  die  Besitzer ­
  des  Mehrproduktes,  das  sie  durch  Raub,  Steuern  usw.  sich
angeeignet  hatten.
Gleichzeitig  mit  diesem  Handel  existierte  zunächst  innerhalb
der  Gemeinde  —  und  darauf  auch  innerhalb  der  Gebietswirtschaft ­
  —  ein  Tausch  verkehr,  der  durch  den  Arbeitswert  reguliert
und  durch  die  Arbeitsteilung  innerhalb  der  Gemeinde,  des
Rayons  oder  zwischen  Stadt  und  Land  und  selbst  in  der  Stadt
hervorgerufen  wurde.
Eine  Warenproduktion  von  Massenartikeln  ist  nur  dann
möglich,  wenn  diese  außerhalb  der  Gemeinde  billiger  hergestellt
werden  können.  Der  Handwerker,  der  für  den  Markt  arbeitet,
muß  seine  Produkte  billiger  abgeben,  weil  sonst  jeder  es  vorziehen ­
  wird,  sie  bei  seinen  Nachbarn  zu  bestellen.  In  der  Tat
ist  auch  die  Marktware  stets  billiger  als  die  beim  Handwerker
bestellten  Artikel.  So  konnten  die  Preise  für  Massenkonsumartikel ­
  nicht  viel  von  deren  Wert  ab  weichen:  der  relative  Arbeitswert ­
  hielt  die  Preisschwankungen  in  engen  Grenzen  eingeschlossen. ­
  Die  Preistaxen  der  Zünfte  halfen  ihnen  sehr  wenig,
insofern  sich  der  Tausch  verkehr  auf  die  Zünfte  untereinander
beschränkte.  Nur  gegenüber  den  übrigen  Konsumenten,  haupt-
        <pb n="163" />
        154

sächlich  gegenüber  der  Bevölkerung  des  platten  Landes,  hatten
sie  dadurch  Vorteil.
Deshalb  wollten  auch  die  Kaufleute  nicht  mit  Erzeugnissen
des  Handwerks  Handel  treiben,  weil  man  sie  nicht  über  ihrem
Wert  verkaufen  konnte.  Das  Handelskapital  unterwarf  sich
dem  internationalen  Verkehr,  der  ihm  reichliche  Gelegenheit  zur
Plünderung  gab.  Erst  die  Entwicklung  des  Kustargewerbes  gestattete ­
  den  Kaufleuten,  die  Produzenten  auszubeuten.  Die  Zunahme ­
  der  Handwerkerzahl  zwang  diese,  ihre  Erzeugnisse  unter
deren  Wert  zu  verkaufen,  und  so  konnte  das  Handelskapital  sich
auch  die  Massenproduktion  unterwerfen.
Es  ist  charakteristisch,  daß  der  Tauschverkehr  zwischen  den
Handwerkern  und  Bauern  oder  unter  den  Handwerkern  selbst,
der  keinen  Profit  gab,  als  nicht  anstößig  betrachtet  wurde,  während ­
  der  Zwischenhandel  noch  im  13.  bis  14.  Jahrhundert  in
England  als  berüchtigt  galt.  In  einer  Verordnung  von  Heinrich ­
  III.  heißt  es  (Ashley  a.  a.  O.  I,  S.  186)  :
„Es  sei  auch  von  seiten  unseres  Herrn  und  Königs  besonders
anbefohlen,  daß  kein  Fürkäufer  in  irgend  einer  Stadt  geduldet
werde  —  d.  h.  keiner,  der  offenkundig  ein  Unterdrücker  der
Armen  und  der  öffentliche  Feind  der  ganzen  Gemeinde  und  des
Landes  ist;  der,  seinem  eigenen  schändlichen  Gewinne  nachgehend, ­
  wobei  er  die  Armen  unterdrückt  und  die  Reichen  täuscht,
Korn,  Fische,  Heringe  oder  andere  zu  Wasser  oder  zu  Lande  eingeführte ­
  Verkaufsartikel  gleich  beim  Ausladen  aufkauft,  sie  fortführt ­
  und  zu  einem  ungehörig  hohen  Preise  zu  verkaufen
trachtet.“
Dagegen  schien  das  Verhältnis,  nach  dem  die  Produkte  des
Massenkonsums  ausgetauscht  wurden,  normal.  Thomas  von
Aquino  sprach  daher  auch  von  einem  „gerechten“  Preis,  den  die
Waren  wirklich  kosten,  und  der  im  Tausch  verkehr  auch  gelten
muß.  Der  Warentausch  fand  unter  den  unmittelbaren  Produzenten ­
  statt,  und  der  „normale“  Preis  der  Waren  war  auch  ihr
Arbeitswert.
Indem  der  Handwerker  auch  selbst  seine  Ware  auf  den  Markt
bringt  und  unmittelbar  an  den  Konsumenten  absetzt,  gestattet
        <pb n="164" />
        155

er  dem  Kaufmann  nicht,  die  Konsumenten  auszubeuten.  Um
einen  hohen  Profit  zu  erhalten,  muß  der  Kaufmann  mit  auswärtigen ­
  Waren  handeln  oder  einheimische  nach  dem  Ausland
bringen,  um  sie  dort  weit  über  ihrem  Wert  verkaufen  zu  können.
Die  Geschichte  der  Preisbewegung  gestattet  leider  nicht,  die
Änderungen  in  den  Preisen  der  Handwerker-  und  Kustarerzeugnisse
  festzustellen.  Nur  wenige  Angaben  können  wir  hier  anführen. ­

Es  ist  bekannt,  daß  die  Umwandlung  des  Handwerks  in
Kustarbetriebe  am  frühesten  im  Tuchgewerbe  vor  sich  gegangen
war.  Es  wurde  schon  erwähnt,  daß  diese  Umwandlung  schon
im  Mittelalter  stattgefunden  hatte.*)  Schon  zu  dieser  Zeit  wird
das  Tuch  nach  den  entferntesten  Märkten  gebracht.  Nun  mußte
dieser  Prozeß  dazu  führen,  daß  die  Tuchpreise  sanken:  die
Zwischenhändler,  die  bei  Kustari  das  Tuch  abnahmen,  konnten ­
  es  auch  billiger  verkaufen  als  die  Handwerker,  da  die
Zwischenhändler  das  Tuch  unter  seinem  Arbeitswert  erhielten.
Und  in  der  Tat  sehen  wir,  daß  die  Tuchpreise  noch  lange  vor
der  Einführung  neuer  technischer  Verbesserungen  relativ  sinken,
obgleich  die  Wollpreise  gleichzeitig  steigen.  So  waren  die
Preise:**)
Frankreich
1451/1500  1501/25  1551/75  1601/25  1651/1675
Tuch  III.  Qualität  .  100  108  137  95  70
Gesamtdurchschnitt  100  136  174  189  227
Münster
1501/20  1521/50  1551/60  1603/52  1653/1720
Tuch  94  93  92  —  —
Gesamtdurchschnitt  97  123  148  —  —
England
1501/20  1511/50  1551/60  1603/52  1653/1720
Tuch  113  106  134  (105)  (121)
Gesamtdurchschnitt  101  105  159  223  356
(  '1%*)  Schon  unter  Karl  dem  Großen  hat  der  Tuchhandel  einen  großen
Umfang  angenommen.  Siehe  Dschivigelew,  Der  Handel  in  Westeuropa
(russ.).  S.  Pet.  1904.  S.  25.
**)  G.  Wiebe,  Zur  Geschichte  der  Preisrevolution  im  16.  bis  17.  Jahrh.,
1895.  S.  379—386.
        <pb n="165" />
        156

Elsaß
Tuch  70  86  108  182  133
Gesamtdurchschnitt  92  116  171  318  269
Da  gleichzeitig  mit  den  Händlern,  die  die  Erzeugnisse  der
Kustari  veräußern,  auch  Handwerker  ihre  Waren  feilbieten,  so
können  auch  die  Händler  die  Waren  nur  zu  dem  Arbeitswert
veräußern.  Der  Kapitalist  kann  somit  nicht  den  Konsumenten,
sondern  den  Produzenten  ausbeuten.  Sein  Profit  ist  nunmehr
nicht  der  Zuschlag  zum  Preise,  sondern  Abzug  vom  Werte,  indem ­
  er  dem  Kustar  weniger  auszahlt,  als  dessen  Produkt  wert
ist,  als  ein  Handwerker  dafür  erhält.  So  bildet  die  Ausdehnung
der  Warenproduktion  und  Verwandlung  des  Handwerkers  in
einen  Kustar  den  Boden  für  die  Ausbeutung  des  Produzenten
durch  das  Handelskapital.
Im  Altertum,  in  der  Blütezeit  der  griechischen  Republiken,
und  noch  früher  bei  den  Phöniciern,  nahm  der  auswärtige  Handel ­
  einen  ausgedehnten  Umfang  an,  wirkte  auf  die  Entwicklung
dieser  Staaten  ein  und  war  die  Hauptursache  der  Kriege  zwischen
ihnen.  Dennoch  führte  das  auf  diesem  Wege  akkumulierte
Kapital  nicht  zur  Entwicklung  der  kapitalistischen  Wirtschaft,
solange  das  Handelskapital  nicht  begonnen  hatte,  den  freien  Produzenten, ­
  den  Kustar,  auszubeuten,  und  sich  auf  die  Ausbeutung
des  Konsumenten  beschränkte.
Selbstverständlich  gab  das  Handelskapital  seine  Ausbeutung ­
  der  Konsumenten  nicht  auf,  als  es  zugleich  auch  die
Produzenten  exploitierte.  Aber  diese  Prellerei  des  Konsumenten
—  hauptsächlich  des  kleinen  Unternehmers  —  erweist  sich  nunmehr ­
  bloß  als  Extraprofit;  die  Hauptsache  ist  die  Ausbeutung
der  Arbeiter  selbst.  Dagegen  beutet  der  Kaufmann  im  Altertum
und  Mittelalter  fast  ausschließlich  den  Konsumenten  aus.  Die
Oikenwirtschaft  verbrauchte  das  durch  Ausbeutung  der  Sklaven
erhaltene  Mehrprodukt  selbst.*)  Ibre  kolossalen  Reicbtümer
benutzten  die  Römer  nur  im  besten  Falle  für  Landerwerbungen;
*)  Allerdings  gab  es  schon  auch  zur  Zeit  der  Sklaven  eine  Produktion ­
  für  den  Markt.  Aber  diese  war  weder  für  die  Oikenwirtschaft
noch  für  die  Gutswirtschaft  des  Mittelalters  typisch.
        <pb n="166" />
        157

gewöhnlich  dienten  sie  ihnen  bloß  zum  persönlichen  Genuß,  indem ­
  sie  in  unglaublichem  Luxus  schwelgten.  Ebensowenig  führten ­
  die  Plünderungen  der  Spanier  nach  der  Entdeckung  Amerikas
zur  Entstehung  einer  kapitalistischen  Produktionsweise.  Erst
wenn  der  „freie“  Produzent  ausgebeutet  werden  kann,  wenn
nicht  allein  die  Verbraucher  von  Luxusartikeln,  sondern  sämtliche ­
  Wirtschaften  in  den  Verkehr  hineingezogen  werden,  wird
der  Boden  für  diese  Produktionsweise  geschaffen.  Obgleich  die
Kapitalakkumulation  eine  der  Bedingungen  war,  die  die  Entwicklung ­
  des  Kapitalismus  förderten,  führte  sie  dennoch  nicht
unmittelbar  dazu.  Die  Sklavenwirtschaft  des  Altertums  und
der  griechisch-römischen  Welt  war  nicht  die  Vorläuferin  der
kapitalistischen  Wirtschaft:  beide  sind  aus  der  Gemeinde-  und
Gebietswirtschaft  entstanden.  Die  Sklavenwirtschaft  besaß  nicht
die  Elemente  für  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  und  kann  auch
dessen  Entstehung  nicht  erklären.  Obgleich  sie  einen  bedeutenden ­
  Platz  in  der  Geschichte  der  Volkswirtschaft  einnimmt,
hat  sie  für  die  Theorie  der  kapitalistischen  Wirtschaftsentwicklung ­
  keine  besondere  Bedeutung,  da  der  Kapitalismus  nicht
aus  der  Oikenwirtschaft,  sondern  aus  der  Gemeindewirtschaft  entstanden ­
  ist.  Die  Wirtschaft  des  Altertums  bildet  auch  keine
Zwischenstufe  in  der  Entwicklung  von  der  Gemeinde-  zur  kapitalistischen ­
  Wirtschaft.  Sie  stellt  vielmehr  ein  abgeschlossenes  Ganzes
dar,  das  mit  der  Auflösung  der  Sklaverei  seinen  Abschluß  fand.
Daher  können  wir  auch  die  Entstehung  und  Bildung  des  Tauschwertes ­
  weder  im  Handel  des  Altertums,  noch  in  dem  des  Mittelalters ­
  suchen.
Im  Mittelalter  findet  aber  ein  zweifacher  Handel  statt:  ein
Monopolhandel,  der  sich  auf  die  Ausbeutung  des  Konsumenten,
auf  die  Ungleichheit  der  Tauschwerte  gründet,  der  aber  eine
relativ  unbedeutende  Rolle  in  der  Volkswirtschaft  spielte,  und
ein  Tauschverkehr  auf  Grundlage  des  Arbeitswertes.  Dieser
Tauschverkehr  existierte  bis  zur  Entwicklung  der  Kustarform
des  Gewerbes  nicht  in  der  Form  eines  Warentausches,  sondern
in  der  Form  eines  durch  die  Arbeitsteilung  innerhalb  der  Gemeinde ­
  hervorgerufenen  Austausches  von  Produkten.  Der
        <pb n="167" />
        158

Warenaustausch  ging  zu  dieser  Zeit  fast  ausschließlich  in  der
ersten  Form,  der  des  Monopolhandels  vor  sich.  Er  spielte  aber  eine
so  geringe  Rolle,  daß  man  diese  Periode  der  Volkswirtschaft  als
Naturalwirtschaft  bezeichnet,  als  Produktion  für  eigenen  Verbrauch. ­

Der  Monopolhandel  ist  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  in  der
prähistorischen  Zeit  entstanden.  Die  Entwicklung  der  Wirtschaft
ging  aber  im  allgemeinen  unter  dem  Einfluß  des  Fortschrittes
der  Produktivkräfte  vor  sich.  Der  Handel  hat  selbstredend  auf  die
sozialen  Verhältnisse  jeder  Epoche  zurückgewirkt,  spielte  aber
nicht  die  entscheidende  Rolle.  Um  Luxusgegenstände  erwerben
zu  können,  wurde  die  Ausbeutung  der  Sklaven  verschärft.  Dennoch ­
  war  die  Entwicklung  der  Wirtschaftsformen  durch  die  Vorgänge ­
  bedingt,  die  innerhalb  der  isolierten  Gemeinde-  und  Rayonwirtschaft ­
  wirkten.  Selbst  die  erhöhte  Ausbeutung  der  Sklavenarbeit ­
  war  nur  auf  einer  gewissen  Stufe  der  wirtschaftlichen
Entwicklung  möglich.
Von  ganz  anderer  Bedeutung  war  dagegen  der  Tausch  verkehr,
der  sich  auf  den  relativen  Arbeitswert  stützte.  Selbst  durch
die  Arbeitsteilung  innerhalb  der  Wirtschaft  hervorgerufen,  wirkte
er  auf  diese  und  somit  auch  auf  die  Wirtschaft  zurück.
Die  weitere  Entwicklung  der  Produktivkräfte,  die  zur  Arbeit
für  den  Markt  veranlaßt,  führt  zur  Entstehung  des  Warentausches, ­
  indem  sie  die  Produkte  in  Waren  verwandelt  ;  an
Stelle  des  individuellen  Kriteriums  des  Warenwertes,  des  relativen ­
  Arbeitswertes,  tritt  das  gesellschaftliche  Kriterium,  die  gesellschaftlich ­
  notwendige  Arbeitszeit.
Auf  dem  Markte  verschwinden  die  individuellen  Eigenschaften ­
  der  einzelnen  Arbeit  bei  der  Herstellung  der  Waren.  Denn
für  den  Konsumenten,  der  viele  Waren  gleicher  Qualität  auf  dem
Markte  findet,  ist  es  natürlich  gleichgültig,  ob  der  Produzent  viel
oder  wenig  Arbeit  auf  seine  Ware  verwendet  hat.  Mag  der  einzelne ­
  Produzent  mehr  oder  weniger  als  die  durchschnittlich  notwendige ­
  Arbeitszeit  verwendet  haben,  mag  auch  der  Käufer  der
Ware  etwas  über  oder  unter  dem  durchschnittlichen  Arbeitswert
zahlen,  je  nach  dem  wie  sich  die  Nachfrage  und  das  Angebot
        <pb n="168" />
        159

stellt,  die  Masse  der  Waren  wird  im  großen  und  ganzen  nach
ihrem  Arbeitswert  ausgetauscht  werden,  da  jeder  Käufer,  der
doch  gleichzeitig  als  Verkäufer  auftritt,  danach  strebt.
Die  Zunahme  des  Tausch  Verkehrs  mit  Waren,  die  in  dem
eigenen  Rayon  hergestellt  und  nach  ihrem  Arbeitswert  ausgetauscht ­
  werden,  fördert  die  Entwicklung  der  Tausch-  und  Verkehrsverhältnisse, ­
  so  daß  auch  die  Waren,  die  früher  über  ihrem
Wert  verkauft  wurden,  nunmehr  zu  ihrem  Arbeitswert  abgesetzt
werden  müssen.  Denn  das  Handelskapital  müßte  sonst  den  Verkehr ­
  mit  diesen  „exotischen“  Waren  ausdehnen,  bis  die  Konkurrenz ­
  den  Profit  der  Kaufleute  auf  den  Durchschnitt  herabdrücken
würde.
Hört  aber  die  Ausbeutung  der  ländlichen  Bevölkerung  durch
das  Handelskapital  auf,  wenn  der  Warenverkehr  sich  dem  Austausch ­
  von  Äquivalenten  nähert?
Nehmen  wir  zunächst  zum  Beispiel  den  Austausch  von  Produkten ­
  unter  selbstständigen  Produzenten  —  zwischen  einem
Handwerker  und  einem  Ackerbauer.  Der  Handwerker,  der
Schuhe  (einschließlich  des  Rohmaterials)  in  10  Stunden  verfertigt, ­
  tauscht  sie  gegen  5  Scheffel  Getreide  aus,  deren  Produktion ­
  ebenfalls  10  Stunden  Arbeit  erfordert.  Jeder  erhält  somit
das  volle  Äquivalent  seiner  Arbeit.
Welche  Änderung  tritt  in  diesem  Tausch  Verhältnis  ein,  wenn
das  Handelskapital  zwischen  diesen  Produzenten  auftritt?
Es  wurde  schon  darauf  hingewiesen,  daß  der  Kapitalprofit  in  den
ersten  Zeiten  dadurch  gebildet  wird,  daß  der  Kaufmann  die  Ware
über  ihrem  Wert  verkauft.  Im  angeführten  Beispiel  ist  es  aber
unmöglich,  weil  jeder  dieselben  Waren  zu  ihrem  wirklichen
Werte  kaufen  kann.  Der  Kaufmann  muß  sie  deshalb  nach  entfernten ­
  Gegenden  ausführen,  um  sie  zu  höheren  Preisen  abzusetzen. ­
  Nur  auf  diese  Weise  kann  er  die  ländliche  Bevölkerung ­
  ausbeuten.  Erst  die  Entwicklung  des  Kustargewerbes  gibt
den  Handelsleuten  die  Möglichkeit,  die  Waren  unter  ihrem  Wert
zu  erhalten  und  auch  am  Orte  ihrer  Erzeugung  mit  Profit  zu  verkaufen. ­
  So  entwickelt  sich  ein  Handel  auch  in  Produkten  des
Massenkonsums.  Nach  dem  Profit  in  diesen  Handelszweigen
        <pb n="169" />
        160

richtet  sich  jetzt  auch  der  Profit,  der  aus  dem  Handel  mit  auswärtigen ­
  Waren  fließt.  So  verwandelt  sich  der  Handelsprofit,
der  aus  der  Ausbeutung  des  Konsumenten  im  Zirkulationsprozesse
entspringt,  in  einen,  der  durch  die  Ausbeutung  des  Produzenten
im  Produktionsprozesse  gewonnen  wird.
Der  Produzent  wurde  als  Sklave,  Höriger  oder  Schuldner
usw.  schon  längst  ausgebeutet,  aber  die  auf  solche  Weise  erhaltenen ­
  Produkte  waren  mit  dem  Handelskapital  nicht  verbunden,
sondern  wurden  unmittelbar  konsumiert.  Allerdings  kamen  die
Überschüsse  auch  in  den  Handel;  doch  bildete  sich  der  Handelsprofit ­
  nicht  auf  diese  Weise.  Nur  die  unmittelbare  Ausbeutung  der
Produzenten  gab  dem  Kapital  die  Möglichkeit,  sich  grenzenlos
auszudehnen,  die  Organisation  der  Produktion  zu  ergreifen  und
die  Produzenten  zu  seinem  „freien“  Sklaven  zu  machen.
Wie  der  Kaufmann  bei  den  Kustari  Waren  unter  ihrem  Wert
kauft,  um  darauf  seinen  Profit  aufzuschlagen,  so  zahlt  er  auch
dem  Bauer  jetzt  weniger  für  landwirtschaftliche  Produkte,  als  sie
wert  sind.  Auch  hier  will  er  seinen  Profit  haben.
Der  Tausch  verkehr  mit  „exotischen“  Waren  hob  die  Naturalwirtschaft ­
  nicht  auf,  förderte  aber  den  technischen  Fortschritt  in
gewaltigem  Maße.  Besonders  groß  war  die  Bedeutung  des  Handels ­
  mit  Waren,  die  zur  Produktion  von  Produktionsmitteln
dienten.  Schon  in  der  Steinzeit  wurden  die  besseren  Steinsorten
nach  den  entferntesten  Gegenden  gebracht.  Mit  dem  Eintritt  in
die  Bronze-  und  Eisenzeit  gewinnt  der  Verkehr  noch  größere  Bedeutung.*) ­
  Immerhin  hat  nicht  dieser  Handel  mit  auswärtigen
Waren,  sondern  der  Tausch  verkehr  mit  Gegenständen,  die  an
Ort  und  Stelle  produziert  werden,  den  Boden  für  die  kapitalistische ­
  Wirtschaftsweise  geschaffen.
*)  Für  uns  ist  die  Frage,  ob  Bronze  oder  Eisen  zuerst  angewendet
und  ob  Bronze  wirklich  aus  Britannien  nach  Europa  gebracht  wurde,
Nebensache.  Eins  ist  klar,  daß  der  Verkehr  in  diesen  Metallen  bedeutend ­
  war.  Siehe  Wiebel,  Die  Kultur  der  Bronzezeit  Nord-  und
Mitteleuropas,  Kiel  1865,  sowie  G.  Beck,  Die  Geschichte  des  Eisens,
II.  Aufl.,  Bd.  I,  S.  590-597.
        <pb n="170" />
        Elftes  Kapitel.
Die  Entwicklnng  des  Tauschverkehrs  und  die
Wirtschaftsorganisation.
Die  Entwicklung  des  Tauschverkehrs  stand  in  engem  Zusammenhänge ­
  mit  der  Wirtschaftsorganisation,  wie  dies  schon
aus  unserer  Analyse  der  Gemeinde-  und  Rayonwirtschaft  hervorgeht. ­

Die  Ausscheidung  des  Handwerks  aus  der  Naturalwirtschaft
ging  deshalb  vor  sich,  weil  die  Gewerbeerzeugnisse  in  der  Handwerkerwerkstatt ­
  produktiver  hergestellt  werden  konnten  als  in  der
Bauernhütte.  Gewisse  Gegenstände  konnten  überhaupt  nur  von
spezialisierten  Handwerkern  produziert  werden,  die  ihre  Arbeit
vorher  erlernen  mußten.  So  führte  die  Entstehung  des  Handwerks, ­
  selbst  Resultat  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte,  zum
Tausch  verkehr  innerhalb  der  Wirtschaftsorganisation,  innerhalb ­
  der  Gemeinde-  und  Rayonwirtschaft.
Gleichzeitig  entwickelte  sich  wiederum  infolge  der  Verschiedenheit ­
  der  Arbeitsproduktivität  ein  Warenaustausch  zwischen
den  einzelnen  Wirtschaftsorganisationen.  Die  Ackerbauer  und
Hirten  tauschten  die  Erzeugnisse  ihrer  Wirtschaft  gegen  Fische,
Metalle  usw.  aus,  weil  die  Bewohner  der  Flußufer  oder  der  eisenreichen ­
  Gegenden  jene  Gegenstände  .gewinnen  konnten,  die  die
Einwohner  anderer  Gebiete  nicht  hatten.
Zur  Zeit  des  Handels  mit  „auswärtigen“  Produkten,  wo  der
Tauschverkehr  noch  nicht  den  Charakter  einer  ständigen  Institution ­
  hatte,  diente  als  allgemeines  Tauschmitiel  das  Vieh.
So  war  es  in  Altgriechenland,  wie  aus  der  Ilias  und  Odyssee  bekannt ­
  ist.  So  war  es  auch  bei  den  Galliern  und  Slawen.  Die
Gallier  erhielten  im  Austausch  gegen  Vieh:  Wein,  Pferde,  Gold,
Silber,  Erz,  Eisen,  Färberröte.*)
*)  Ad.  Beer,  Allg.  Geschichte  des  Welthandels,  1860,  Bd.  I,  S.  225.
Mas  slow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

11
        <pb n="171" />
        i

162

Die  Ursache  dieses  Handels  zwischen  den  entfernten  Gegenden
war  der  Unterschied  in  ihrem  natürlichen  Reichtum.  Es  wurden
eben  Gegenstände  gegeneinander  ausgetauscht,  die  nur  an  bestimmten ­
  Orten  gewonnen  werden  konnten.  Aus  einigen  Ländern
wurden  Metalle,  aus  anderen  Pelze,  aus  den  tropischen  Gegenden
tropische  Früchte  eingeführt.
Dagegen  führt  die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Handwerks ­
  zur  Entwicklung  des  Tausch  Verkehrs  auch  innerhalb
der  Wirtschaftsorganisation.  Gewisse  Gewerbe  scheiden  schon
in  der  Gemeindewirtschaft  aus  dem  Hauswerk  aus;  der  größte
Teil  der  Gewerbe  aber  erst  zur  Zeit  der  Rayonwirtschaft.  Sogar
die  Weberei  wurde  erst  im  13.  Jahrhundert  handwerksmäßig  betrieben.*) ­

Mit  der  Entwicklung  des  Handwerks  bildeten  die  sozialen  Verhältnisse ­
  ein  immer  wichtigeres  Moment  für  die  Entwicklung
der  Produktivkraft.  Die  Zunahme  der  Handwerkerzahl,  die  Arbeitsspezialisierung ­
  usw.  schaffen  jetzt  die  Bedingungen  für  den
Verkehr.
Zur  Zeit  der  Gemeindewirtschaft  fand  der  Verkehr  nur  periodisch ­
  statt.  ,,Die  fränkische  Zeit  kennt  nur  vorübergehende ­
  Märkte.  Alle  Märkte  der  fränkischen  Zeit  werden
(unter  dem  rechtlichen  Gesichtspunkt)  auf  dem  platten  Lande
abgehalten.  Der  Markt  bei  Paris  kommt  und  geht  geradeso  wie
der  Markt  bei  irgend  welchem  Dorfe.  Aus  diesem  Grunde  gibt  es
in  der  fränkischen  Zeit  keine  Städte  im  Rechtssinn.  Die  Stadtgemeinde ­
  ist  rechtlich  von  der  Dorfgemeinde  noch  nicht  unterscheidbar. ­
  Es  gibt  nur  Landrecht,  kein  Stadtrecht.“  **)
Bei  der  Entstehung  der  Rayonwirtschaft  „schuf  sich  jede
Stadt  mit  ihrer  Ausbildung  einen  mehr  oder  weniger  weiten
Wirtschaftskreis,  innerhalb  dessen  sie  für  die  Richtung
*)  G.  Schmoller,  Die  Straßburger  Tücher-  und  Weberzunft,  Straßburg ­
  1879,  S.  359.  Noch  zur  Zeit  Karls  des  Großen  war  die  Weberei
ein  Haushandwerk.  „Die  Töchter  Karls  des  Großen  saßen  am  Spinnrocken ­
  und  wirkten  wollenes  Gewand  nach  alter  Sitte“  (Lamprecht,
Deutsche  Geschichte,  Bd.  II,  Buch  5,  S.  53).
••)  Rud.  Sohm,  Die  Entstehung  des  deutschen  Städtewesens,  1890,
S.  18.
        <pb n="172" />
        11

163

und  die  Erfolge  der  Produktion  und  des  Absatzes  bestimmend
wurde.  Insoweit  dieser  Einfluß  reichte,  stand  auch  das  Lehen
auf  dem  Lande  in  dem  Banne  der  Stadtwirtschaft  und  der  spezifisch ­
  städtischen  Interessen.  Die  ländliche  Umgebung  der  Stadt
wurde  mit  dieser  zu  einem  wirtschaftlichen  Ganzen,  einer  in  sich
ziemlich  geschlossenen  Wirtschaftseinheit  verschmolzen,  innerhalb ­
  deren  eine  volkswirtschaftliche  Arbeitsteilung  und  ein
System  von  geregelten  Vorgängen  sich  aushildete,  bestimmt,
der  Deckung  der  Bedürfnisse  dieses  ganzen  Wirtschaftskreises
wenigstens  in  der  Hauptsache  zu  genügen.“  (Inama-Sternegg,
Deutsche  Wirtschaftsgeschichte,  Bd.  III,  2,  S.  32.)
Die  Stadt  wird  somit  zum  Zentrum,  wo  sich  die  industrielle
Bevölkerung  konzentriert.  Die  Zunahme  der  Handwerker  und
deren  Verwandlung  in  Kustari  ändert  diese  Lage  der  Dinge.  Die
Erzeugnisse  der  Kustari  werden  nach  Gegenden  ausgeführt,  wo
früher  nur  Handwerkererzeugnisse  zu  haben  waren.  Es  beginnt
somit  der  Kampf  zwischen  dem  „auswärtigen“  Kustar  und  dem
einheimischen  Handwerker,  ein  Kampf,  der  unbedingt  mit  dem
Siege  des  Kapitals  enden  mußte,  das  die  Stelle  des  Kustars  vertrat. ­
  Die  Handwerke  wehren  sich  lange  gegen  diese  Konkurrenz,
ebenso  wie  sie  auf  jede  Weise  bemüht  waren,  die  Vermehrung
ihrer  eigenen  Zahl  hintanzuhalten  und  ihre  Selbständigkeit  gegenüber ­
  dem  Kapital  zu  wahren.  So  führt  Schmoller  einen  Erlaß
des  Straßburger  Stadtrates  von  1330,  betreffs  der  Frauenarbeit,
an,  aus  dem  das  Bestreben  der  Handwerker,  ihre  Zahl  möglichst ­
  einzuschränken,  deutlich  hervorgeht.*)
Folglich  läßt  sich  in  der  Entwicklung  sowohl  des  Tauschverkehrs ­
  als  auch  der  Warenproduktion  eine  bestimmte  Reihenfolge ­
  beobachten.  Zuerst  werden  die  Produkte  ausgetauscht,  die
in  verschiedenen  Gegenden  aus  natürlichen  Gründen  mit  verschiedener ­
  Arbeitsproduktivität  her  gestellt  werden  können.  Dann
treten  auf  den  Markt  solche  Produkte,  deren  Austausch  infolge
der  Unterschiede  in  den  Wirtschaftsorganisationen  —  Unterschiede, ­
  die  selbst  ein  Resultat  der  geographischen  Naturver-•)
  G.  Schmoller,  Die  Straßburger  Tücher-  und  Weberzunft,  Straßburg ­
  1879,  S.  4.
        <pb n="173" />
        164

hältnisse  und  des  verschiedenen  Grades  der  Bevölkerungsdichte ­
  sind,  —  vorteilhaft  wird.  So  tauschen
die  Hirtenvölker  Produkte  der  Viehzucht,  die  Ackerbau  treibenden ­
  Völker  die  Erzeugnisse  der  Landwirtschaft  usw.  aus.  Die  Entwicklung ­
  des  Handwerks  bringt  einen  Tauschverkehr  in  Gewerbeerzeugnissen. ­
  Aber  all  diese  Stadien  des  Tauschverkehrs
mit  Produkten,  die  in  den  angeführten  Wirtschaftsorganisationen
hergestellt  werden,  zersetzen  die  alte  Natural-  und  Handwerkerwirtschaft ­
  noch  nicht,  die  Jahrhunderte-  und  sogar  jahrtausendelang ­
  dauert.
Eine  neue  Produktionsform  bildet,  wie  wir  gesehen  haben
das  Kustargewerbe,  das  aus  dem  Handwerk  entstanden  ist  und
dem  Kapitalisten  einen  Profit  abwirft.  Es  bedeutet  den  Einzug
einer  kapitalistischen  Produktionsweise.  Gleichzeitig  verwandelt
das  Handelskapital  die  isolierten,  selbständigen  Natural-  und
Stadt  wirtschaften  in  eine  Volkswirtschaft.
Aus  unserer  Charakteristik  der  isolierten  Gemeinde-  und
Rayonwirtschaft  sieht  man,  daß  sowohl  die  eine  als  auch  die  andere ­
  eine  gewisse  Vereinigung  produktiver  Arbeitskräfte  in  einer
einzelnen  Wirtschaft  oder  in  einem  Komplex  von  Wirtschaften
darstellt.  Diese  Wirtschaften  können  völlig  voneinander  isoliert
existieren.  Ein  Rayon  kann  alle  Beziehungen  zu  den  anderen
Gebieten  lösen,  ohne  dabei  das  eigene  Wirtschaftsleben  zu  stören.
Und  in  der  Tat  bildete  jede  mittelalterliche  Stadt  mit  den  umliegenden ­
  Dörfern  einen  Staat  im  Staate,  wobei  die  einzelnen
Städte  wirtschaftlich  voneinander  mehr  getrennt  waren,  als  die
heutigen  Staaten.
Wann  wird  aber  das  wirtschaftliche  Band  zwischen  den
Städten  gefertigt?  Erst  dann,  wenn  jede  Stadt  nicht  nur  für  sich
und  die  urmliegenden  Dörfer  produziert,  sondern  auch  für  die
entfernteren  Märkte,  folglich,  wenn  das  Handwerk  zu  einem
Kustar  geworden  ist.
Solange  die  Zahl  der  Handwerker  gering  ist,  solange  sie  hauptsächlich ­
  für  den  lokalen  Markt  arbeiten  und  nur  den  Überschuß
ihrer  Erzeugnisse  an  die  Händler  verkaufen  oder  selber  nach  anderen ­
  Städten  ausführen,  ist  auch  das  wirtschaftliche  Band,  das  die
        <pb n="174" />
        165

einzelnen  Städte  zusammenfaßt,  nicht  dauerhaft.  Die  Händler,  die
den  Verkehr  zwischen  den  Städten  vermitteln,  werden  noch  als
„Fremde“  betrachtet,  weil  der  Zusammenhang  zwischen  den
Städten  noch  kein  notwendiger  ist.  Anders,  wenn  ein
großer  Teil  der  Handwerker  zu  Kustari  geworden  ist,  die  für
fremde  Märkte  arbeiten,  ohne  die  sie  und  auch  die  Konsumenten
dieser  Produkte  nicht  existieren  können;  ebenso  wie  früher  der
Handwerker  auf  den  lokalen  Markt  und  die  städtischen  Einwohner ­
  auf  die  einheimischen  Handwerker  angewiesen  waren.
In  diesem  Entwicklungsstadium  tritt  die  Volks-  an  die  Stelle  der
Ray  on  Wirtschaft,  werden  sämtliche  Gebiete  des  Staates  untereinander ­
  verbunden.  '
Die  Produktion  für  den  entfernten  Markt  beginnt  sehr  früh,
aber  bloß  die  von  Produkten,  die  aus  natürlichen  Gründen  nur
in  bestimmten  Gegenden  hergestellt  werden  können.  Entscheidend ­
  für  die  wirtschaftliche  Umwälzung  ist  die  Produktion  von
Gegenständen  für  den  entfernten  Markt,  die  früher  überall  bloß
für  den  lokalen  Markt  hergestellt  wurden.
Die  Umwandlung  des  Handwerks  in  Kustarbetriebe  ist  somit
von  großer  sozialpolitischer  Bedeutung:  sie  bedeutet  den  Zusammenschluß ­
  aller  Gebiets  wirtschaften  in  eine  Volkswirtschaft.
In  einem  Lande,  wo  dieser  Umwandlungsprozeß  schon  begonnen ­
  hat,  ist  der  Kapitalismus  fest  eingewurzelt,  obgleich  die
Maschinenproduktion  noch  nicht  entwickelt  ist.  Die  Umwandlung ­
  des  Kustargewerbes  in  Fabrikproduktion  kann  langsam  vor
sich  gehen.  Dennoch  herrscht  schon  das  Kapital,  das  die  Betriebsform ­
  wählt,  die  ihm  vorteilhafter  ist.  Daher  irren  sich  diejenigen ­
  sehr,  die  in  den  Kustarbetrieben  eine  Art  „volkstümlicher ­
  Produktion“  sehen  und  diese  der  kapitalistischen  gegenüberstellen. ­
  Ein  Kampf  zwischen  diesen  Betriebsformen  findet
allerdings  statt,  aber  nur  als  Kampf  zwischen  zwei  kapitalistischen ­
  Produktionsarten.
Der  Übergang  zur  Produktion  für  den  entfernten  Markt  kann
nur  allmählich  stattfinden.  Da  die  Ursache  des  Tauschverkehrs
in  der  Verschiedenheit  der  Arbeitsproduktivität  in  einzelnen
Familien  und  Gebieten  liegt,  so  werden  allmählich  jene  Familien
        <pb n="175" />
        und  Gebiete  in  den  Tauschverkehr  hineingezogen,  wo  eine
Änderung  der  Produktivkraft  der  Arbeit  vor  sich  geht.  Wenn
die  Produktion  oder  die  Gewinnung  eines  Gegenstandes  in  einer
Gegend  aus  natürlichen  Gründen  produktiver  ist  als  in  einer
anderen,  so  wird  dieser  Gegenstand  nach  der  anderen  Gegend
ausgeführt  werden,  wenn  der  Unterschied  in  der  Arbeitsproduktivität ­
  die  Transportkosten  übersteigt.  Das  gleiche  läßt  sich  auch
von  den  Produkten  sagen,  die  aus  Gegenden  gebracht  werden,
wo  die  Arbeit  infolge  sozialer  Verhältnisse  produktiver  ist.  Steigt
die  Arbeitsproduktivität  im  Transportwesen,  werden  bessere,  vervollkommnete
  Verkehrsmittel  eingeführt,  so  wird  sich  auch  der
Warenverkehr  erhöhen,  weil  jetzt  Waren  aus  entfernteren  Gebieten ­
  oder  aus  solchen  hergebracht  werden,  wo  die  Arbeit  wenn
auch  nur  wenig  produktiver  ist  als  am  Orte,  wo  der  Warenaustausch ­
  stattfindet.  Durch  eine  neue  Produktionsorganisation
wird  die  Änderung  in  der  Arbeitsproduktivität  in  verschiedenen
Gewerbezweigen  verschieden  sein.  Das  Kapital  unterwirft  sich
darum  diejenigen  Gewerbezweige  zuerst,  in  denen  dadurch  die
Arbeit  in  ihrer  Produktivität  am  stärksten  gesteigert  wird.  Dagegen ­
  bleiben  diejenigen  Produktionssphären  lange  Domänen
des  Landwerkerbetriebs,  wo  eine  Änderung  in  der  Produktionsorganisation ­
  keine  besonderen  Vorteile  für  das  Kapital  mit
sich  bringen  würde.  Deshalb  finden  wir  auch  im  Zeitalter  der
Weltwirtschaft  in  einigen  Produktionssphären  alle  Übergangsstadien ­
  in  der  Produktionsorganisation,  von  der  bäuerlichen
Naturalwirtschaft  und  den  kleinen  Handwerkerbetrieben  bis  zu
gewaltigen  Fabriken  mit  mehreren  Tausenden  von  Arbeitern.
Es  kommt  immer  darauf  an,  wie  die  Arbeitsproduktivität  durch
die  neue  Produktionsorganisation  beeinflußt  wird.  Wird  sie  in
irgend  einem  Arbeitszweige  oder  in  irgend  einem  Lande  dadurch
nur  wenig  berührt,  so  bleibt  sie  auf  den  ersten  Stufen  der  Produktionsorganisation ­
  stehen.  So  sind  noch  heute  die  meisten
Gewerbezweige  in  ursprünglichen  Betriebsformen  organisiert.
Wir  haben  daher  auch  unsere  Analyse  der  Volkswirtschaft  mit  der
Untersuchung  über  diese  ursprünglichen  Produktionsformen  begonnen, ­
  wodurch  uns  das  Gesamtbild  erst  klar  wird.
        <pb n="176" />
        Zwölftes  Kapitel.
Die  Entstehung  der  Volkswirtschaft.
1.
Die  Bedeutung  des  mittelalterlichen  Handels  für  die  Entwicklung ­
  des  Kapitalismus  ist  in  der  volkswissenschaftlichen  Literatur
höchst  unbefriedigend  aufgehellt  worden.
Wir  haben  gesehen,  daß  der  Entstehung  des  Kapitalismus
notwendig  die  beiden  Verkehrsformen  vorausgingen:  der  Monopolhandel ­
  und  der  Tausch  verkehr  auf  der  Basis  des  Arbeitswertes. ­
  Der  Monopolhandel  war  notwendig  für  die  Bildung  von
Profit  aus  dem  Handelskapital  und  für  dessen  Akkumulation  bis
zu  dem  Grade,  wo  es  fähig  wurde,  „sich  selbst  zu  vermehren“.
Gleichzeitig  führte  die  Entwicklung  des  Verkehrs  mit  Gegenständen ­
  des  Massenkonsums  innerhalb  der  Gebietswirtschaften
und  zwischen  diesen  zur  Entstehung  der  Kustar-  und  Hausindustrie, ­
  die  für  den  Markt  arbeitet.  Nachdem  aber  diese  Gewerbeform ­
  entstanden  war,  bei  der  das  Handelskapital  den  Produzenten ­
  ausbeuten  konnte,  verlor  auch  der  Handel  seinen
doppelten  Charakter;  der  Verkehr  mit  „auswärtigen“  Waren
konnte  auch  auf  anderer  als  Monopolbasis  stattfinden,  die  Waren
konnten  schon  nach  ihrem  Wert  verkauft  werden,  da  der  Händler
seinen  Profit  durch  die  Ausbeutung  des  Produzenten  erhielt.  Die
Entwicklung  des  Verkehrs  in  Massenprodukten  förderte  auch  die
Entwicklung  der  Transportmittel,  und  so  konnte  der  Tauschhandel ­
  auf  der  Basis  des  Arbeitswertes  nicht  nur  den  unmittelbaren ­
  Verkehr  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten  oder
zwischen  den  Handwerkern  und  Ackerbauern,  sondern  auch  den
        <pb n="177" />
        168

Monopolhandel  mit  Luxusgegenständen  ersetzen.  Die  Gebietswirtschaft ­
  dehnt  sich  zu  einer  Volkswirtschaft  aus,  bis  die  Entstehung ­
  des  Großbetriebes  auch  die  nationalen  Grenzen  niederreißt ­
  und  den  Weltmarkt  und  die  Weltwirtschaft  schafft.
Die  Umwandlung  der  Rayonwirtschaft  in  eine  Volkswirtschaft ­
  infolge  der  Entwicklung  des  Handels  und  der  Zunahme
der  Kustari  führte  zur  Bildung  von  größeren  Territorialeinheiten,
von  Großstaaten.  Diese  Entwicklungsperiode  umfaßt  in  Westeuropa ­
  die  Zeit  vom  16.  bis  zum  18.  Jahrhundert.
So  erscheint  die  Volkswirtschaft  als  Resultat  der  Umwandti
  lung  des  selbständigen  Produzenten  in  einen  Kustar,  der  für  den
j  Zwischenhändler  oder  Verleger  arbeitet,  und  in  einen  Arbeiter
'  der  Manufaktur.  Während  dieser  Periode,  die  von  Marx  die
Periode  der  ursprünglichen  Akkumulation  genannt  wurde,  werden ­
  alle  Grundlagen  der  alten  Wirtschaftsordnung  zerstört  und
wird  das  Fundament  der  neuen  Verhältnisse  gelegt.
Schon  im  Mittelalter  geht  der  erwähnte  Prozeß  der  Verwandlung ­
  des  Handwerkers  in  einen  Kustar  in  einigen  Gewerbezweigen
—  hauptsächlich  in  der  Weberei  —  vor  sich.  Die  Ausdehnung
des  Handels  mit  Wollwaren  steigert  den  Bedarf  an  Wolle  und
I  führt  dann  zur  Ausdehnung  der  Schafzucht  in  England  und  Frankreich.*) ­
  Aber  erst  Ende  des  15.  und  Anfang  des  16.  Jahrhunderts
geht  die  gewaltige  Umwälzung  in  den  Agrarverhältnissen  vor
sich,  die  durch  die  Entwicklung  der  Schafzucht  hervorgerufen
wurde  und  die  Marx  so  drastisch  geschildert  hat.**)
Das  Steigen  der  Wollpreise  veranlaßte  die  Landlords,  die
Bauern  zu  legen,  und  deren  Ackerfelder  in  Wiesen  zu  verwandeln.
Trotz  der  Steigerung  der  Wollpreise  sind  die  Preise  für  Tuch
nicht  nur  nicht  gestiegen,  sondern  sogar  gesunken.  Dies,  wie  auch
die  Agrarrevolution  selbst,  findet  eine  Erklärung  in  den  Änderungen, ­
  die  in  der  Industrie  vor  sich  gingen,  —  in  der  Umwandlung  des
Handwerkers  in  einen  Kustar.

*)  Eugen  Rübling,  Die  Handelswege  des  Mittelalters,  Ulm  1901,  S.  29.
**)  Das  Kapital,  Bd.  I,  Kap.  27.  Die  sog.  ursprüngliche  Akkumulation. ­
        <pb n="178" />
        169

IL
Die  Zunahme  der  Handwerkerzahl  als  Folge  der  ländlichen
Übervölkerung“  (dank  der  Besitzergreifung  des  Bodens),  die  sich
mit  Gewerben  zu  beschäftigen  begann,  vollbrachte  die  Umwälzung
in  den  Produktionsbedingungen  des  Gewerbes,  indem  sie  das
Handwerk  zu  einem  Kustargewerbe  machte,  das  für  den  Zwischenhändler ­
  arbeiten  mußte.
Die  gewöhnliche  Erklärung  dieses  Prozesses  geht  von  der
Änderung  in  den  Transportmitteln  aus,  die,  wie  wir  glauben  bewiesen ­
  zu  haben,  selbst  erst  ein  Resultat  der  Entwicklung  des
Gewerbes  war.
Sombart  zieht  außer  dem  Verkehrs-  auch  noch  das  Bedarfsmoment ­
  zur  Erklärung  dieser  Erscheinung  heran.  Er  schreibt:
„Als  seit  dem  16.  Jahrhundert  die  gesamte  Produktionswirtschaft ­
  der  bekannten  Welt,  hauptsächlich  durch  die
gewaltige  Entwicklung  des  Verkehrs,  die  Ausdehnung ­
  der  Produktionsgebiete  ihren  ersten  großen  Aufschwung
nahm,  als  an  die  Stelle  der  lokal  begrenzten  Absatzgebiete  mehr
und  mehr  größere  Verkehrsrelationen  traten,  konnte  das  Handwerk ­
  diese  größeren  Funktionen  nicht  mehr  erfüllen.  Es  mußte
an  seine  Stelle  eine  Form  der  gewerblichen  Produktion  treten,
welche  den  Anforderungen  eines  so  gewaltig  erweiterten  Wirtschaftsgebietes ­
  zu  entsprechen  imstande  war.  Diese  neue  Form
der  gewerblichen  Produktion  wie  des  Vertriebes  der  Waren  war
die  privatkapitalistische.“*)  Dann  verweist  er  noch  auf  die  Bedürfnisse ­
  des  entwickelteren  industriellen  Lebens.
Aber  auch  die  Nachfrage  nach  neuen  Produkten  konnte  in
den  entfernten  Gegenden  erst  entstehen,  wenn  in  der  Produktion ­
  dieser  Waren  eine  Umwälzung  stattgefunden  hatte,  wenn
sie  schon  nach  diesen  Gegenden  ausgeführt  wurden.  Die  Ursachen ­
  dieser  Umwälzung  müssen  also  in  den  Produktionsbedingungen ­
  selbst  liegen,  und  nicht  außerhalb.  Sie  erklären
sich  auch  vollauf  durch  die  Zunahme  der  Handwerkerzahl,  die
*)  Artikel  Hausindustrie,  Bd.  IV  des  Handwörterbuches  der  Staatswissenschaft, ­
  1.  Aufl.
        <pb n="179" />
        170

ihrerseits  auf  die  Verdrängung  der  Bauern  aus  ihrem  Besitz  zurückzuführen ­
  ist.  Die  Entstehung  des  Kustargewerbes  durch  die
Bedürfnisse  der  höheren  Form  des  Gewerbes  zu  erklären,  ist  eine
reine  Tautologie.  Denn  es  gilt  doch  eben  die  Entstehung  dieser
höheren  Form  des  Gewerbes  (des  Kustargewerbes)  zu  erklären.
Die  Reorganisation  der  Produktion  und  der  gesellschaftlichen
Beziehungen,  die  durch  die  Verwandlung  des  Handwerks  in  ein
Kustargewerbe  her  vor  gerufen  wurde,  wurde  von  Marx  übersehen,
weil  ihm  noch  kein  Material  zur  Verfügung  stand,  das  diese  Evolution ­
  beleuchten  konnte.  Die  Manufaktur,  die  Marx  als  die  erste
Form  der  kapitalistischen  Produktionsweise  betrachtet,  erweist  sich
als  eine  neue  Organisationsform,  die  erst  auf  ein  entwickeltes  Kustargewerbe ­
  folgte.  Der  Kapitalist  brauchte  nur  die  von  ihm  beschäftigten ­
  Hausarbeiter  in  einer  Werkstatt  zu  vereinigen.  Die
Arbeitsteilung,  die  die  Manufaktur  aufweist,  bestand,  allerdings
in  geringem  Maße,  auch  in  der  Hausindustrie  und  im  Handwerk.
Die  Manufaktur  ist  also  bloß  die  Vollendung  des  schon  längst
begonnenen  Prozesses  der  Kapitalisierung  der  Produktion.
Wie  die  Produktion,  so  wird  auch  der  Konsum  durch  die
Entwicklung  des  Kustargewerbes  geändert.  Solange  der  Handwerker ­
  auf  Bestellung  oder  für  den  lokalen  Markt  arbeitete,  fand
nur  eine  einfache  Reproduktion  statt.  Der  Handwerker  konsumierte ­
  soviel,  wie  er  produziert  hatte.  Eine  Akkumulation  ging
entweder  überhaupt  nicht  oder  nur  sehr  langsam  vor  sich.  Die
Ausdehnung  der  Produktion  war  ein  Resultat  nicht  sowohl  der
Akkumulation  als  der  Zunahme  der  Handwerkerzahl.
Die  Entwicklung  des  Kustargewerbes  gibt  der  Kapitalakkumulation ­
  einen  bedeutenden  Anstoß.  Der  Kustar  verbraucht
schon  nicht  mehr  den  ganzen  Ertrag  seiner  Arbeit;  ein  Teil  davon
fällt  dem  Kapitalisten  zu.  Der  Zwischenhändler  verbraucht
ebenfalls  nicht  alles,  was  er  von  den  Kustari  erhält,  sondern  verwandelt ­
  einen  Teil  in  Kapital.
Technisch  wurde  der  Übergang  zur  Fabrik  (Maschinenproduktion) ­
  durch  die  detaillierte  Arbeitsteilung  in  den  Manufakturen ­
  vorbereitet,  die  die  Arbeit  jedes  einzelnen  Arbeiters  sehr
vereinfacht  hat;  die  sozialen  Vorbedingungen  dafür  ent-
        <pb n="180" />
        171

standen  mit  der  Entwicklung  einer  Lohnarbeiterschaft  und  einer
Kapitalistenklasse.  Die  Verteilung  der  Produktivkräfte
der  Gesellschaft  hat  schließlich  den  Boden  geschaffen  für
die  Akkumulation  des  Kapitals  in  den  Händen  der  Zwischenhändler, ­
  Verleger  und  Besitzer  der  Manufakturen,  die  den  aus
den  Hausarbeitern  herausgepreßten  Mehrwert  zur  Vermehrung
des  Grundkapitals  gebrauchten.  So  führte  die  Akkumulation  des
Kapitals  in  den  Händen  der  Zwischenhändler  usw.  zur  Ausdehnung ­
  der  Produktion  von  Produktionsmitteln  und  zur  relativen ­
  Verminderung  der  Produktion  von  Konsumtionsmitteln.
HI.
Die  Entwicklung  des  Tausches  und  die  Entstehung  eines
nationalen  Marktes  fördert  die  weitere  Entwicklung  der  Industrie
sowie  das  Wachstum  der  Städte  und  erhöht  die  Aufnahmefähigkeit ­
  des  Territoriums  für  den  Bevölkerungszuwachs.  Zur  Zeit
des  Handwerks  konnte  die  ländliche  Bevölkerung  nicht  nach  der
Stadt  auswandern,  weil  die  städtischen  Handwerker  die  Bedürfnisse ­
  der  Einwohner  der  Stadt  und  der  umliegenden  Dörfer  nach
Gewerbeerzeugnissen  schon  befriedigten.  So  ermöglicht  die  Entwicklung ­
  der  Industrie  eine  stärkere  Bevölkerungsvermehrung.
Die  Zunahme  der  industriellen  Bevölkerung  schafft  ihrerseits
einen  Markt  für  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse.  Es  findet
ein  Austausch  zwischen  landwirtschaftlichen  und  Gewerbeerzeugnissen ­
  statt;  es  steigt  die  Nachfrage  nach•  Bodenprodukten,
und  es  bildet  sich  eine  kapitalistische  Rente  heraus.  Um  mehr
Produkte  zu  erhalten,  geht  man  zur  intensiveren  landwirtschaftlichen ­
  Kultur  über.  Zuerst  geschah  das  in  England,  wo  die
Grundbesitzer  als  erste  große  Warenproduzenten  eine  intensivere
Wirtschaft  einführten.  Gleichzeitig  beginnt  die  Expropriation  des
bäuerlichen  Bodens,  weil  die  Ausdehnung  der  Produktion  von
landwirtschaftlichen  Erzeugnissen  für  den  Markt  jetzt  vorteilhaft ­
  ist.  Das  Bauernlegen  gibt  nun  der  kapitalistischen  Produktion ­
  einen  starken  Anstoß,  indem  es  ihr  die  Armee  der  Proletarier
verschafft.
        <pb n="181" />
        172

In  dem  berühmten  Kapitel  über  „die  ursprüngliche  Akkumulation“ ­
  gibt  Marx  ein  grelles  Bild  des  Raubes,  der  Vergewaltigung
und  Ausbeutung,  die  den  Entstehungsprozeß  der  „Volkswirtschaft“ ­
  begleitet  haben,  einen  Prozeß,  der  nicht  nur  zur  Vermehrung ­
  der  industriellen  und  Verdichtung  der  Bevölkerung
überhaupt  und  zur  Neueinteilung  der  Produktivkräfte  zwischen
Land  und  Stadt,  Gewerbe  und  Landwirtschaft  führt,  sondern
eine  neue  Verteilung  der  Produktivkräfte  zwischen  den  einzelnen
Ländern  mit  sich  bringt.  Dieser  Verteilungsprozeß  der  Produktivkräfte ­
  steht  in  engem  Zusammenhang  mit  der  Tatsache
des  abnehmenden  Bodenertrages;  darauf  kommen  wir  aber  noch
zurück.
Die  Verdichtung  der  Bevölkerung  und  besonders  die  Zunahme
der  gewerblichen  Bevölkerung  erhöht  die  Nachfrage  nach  Produkten ­
  der  Landwirtschaft  und  Rohmaterialien  für  die  Industrie.
Bei  gegebenem  Territorium  kann  man  dieser  erhöhten  Nachfrage
nur  durch  Intensivierung  des  Betriebes,  also  durch  relativ  höhere
Aufwände,  entgegenkommen,  wodurch  aber  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  verteuert  und  die  Getreidepreise  erhöht  werden.
Die  Industriebevölkerung  zieht  daher  vor,  ihre  Erzeugnisse  gegen
landwirtschaftliche  Produkte  aus  Gegenden  mit  extensiver  Kultur
auszutauschen,  wo  diese  billiger  gewonnen  werden.  Die  Industriebevölkerung ­
  ist  also  nicht  nur  an  der  freien  Ausfuhr  ihrer
Erzeugnisse,  sondern  auch  an  freier  Einfuhr  landwirtschaftlicher
Produkte  interessiert.  Umgekehrt  wollen  die  Grundbesitzer  sich
durch  Zollmauern  möglichst  gegen  die  auswärtige  Konkurrenz
schützen.  Trotz  dem  Widerstande  der  Grundbesitzer  werden
nach  den  Industrieländern  mit  intensiver  Landwirtschaft  Produkte ­
  der  Landwirtschaft  eingeführt.  Dies  führt  nun  zur  Neueinteilung ­
  der  Produktivkräfte  nicht  nur  unter  den  Ländern,  sondern ­
  auch  im  Industrielande  selbst.  Da  Fabrikate  aus-  und  Rohstoffe ­
  und  Lebensmittel  eingeführt  werden,  so  nimmt  relativ  die
Industriebevölkerung  immer  mehr  zu,  die  ländliche  dagegen  ab.
Da  zudem  die  Intensivierung  des  Betriebes  unvorteilhaft  wird,  so
vermindern  die  Grundbesitzer  ihre  Arbeiterzahl,  und  die  ländliche
Bevölkerung  zieht  nach  den  Städten  oder  wandert  nach  den
        <pb n="182" />
        173

Kolonien  aus,  um  von  dort,  indem  sie  eine  extensive  Wirtschaft
führt,  Bodenprodukte  nach  dem  Mutterlande  zu  senden.
In  solchen  gewaltigen  Staaten  wie  Rußland  und  den  Vereinigten ­
  Staaten  von  Nordamerika,  wo  zugleich  mit  den  dichtbevölkerten ­
  auch  dünnbevölkerte  Gegenden  vorhanden  sind,  geht
der  Verteilungsprozeß  der  Produktivkräfte  auf  folgende  Weise
vor  sich:  die  dichtbevölkerten  Gebiete  beschäftigen  sich  mit  Gewerben; ­
  die  ländliche  Bevölkerung  nimmt  hier  ab  und  wandert
nach  den  dünn  bevölkerten  Gegenden  aus.  Diese  letzteren  beginnen ­
  Bodenprodukte  nach  den  Industriegegenden  und  nach
auswärts  zu  schicken.  So  sehen  wir,  daß  die  Entwicklung
der  Weltwirtschaft  zur  einseitigen  Verteilung  der  Produktivkräfte
in  der  Volkswirtschaft  führt,  indem  sich  einzelne  Gebiete  oder
Länder  mit  Gewerben,  die  anderen  hauptsächlich  mit  Landwirtschaft ­
  beschäftigen.  In  den  einen  nimmt  die  ländliche  Bevölkerung ­
  ab;  in  den  anderen  wird  das  Ackerfeld  immer  mehr  ausgedehnt. ­
        <pb n="183" />
        Dreizehntes  Kapitel.
Die  Wirtschaftsstufen.
Indem  wir  die  Evolution  der  Wirtschaftsformen  untersuchten,
sahen  wir,  daß  die  wirtschaftliche  Entwicklung,  die  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  und  der  Wirtschaftsformen,  in  engem
Zusammenhang  mit  dem  Umfang  der  sozialen  Organisation  der
Produktivkräfte  steht.  In  einer  isolierten  Wirtschaft  sind  die
Arbeitskräfte  der  Familie  oder  des  Geschlechts  selbständig  und
unabhängig  von  den  anderen  organisiert.  In  einer  Gemeindewirtschaft ­
  sind  alle  Familien  dieser  Gemeinde  oder  des  Stammes
untereinander  verbunden.  Die  Rayonwirtschaft  umfaßt  schon
die  Produktion  eines  ganzen  Gebietes,  der  Stadt  mit  den  umliegenden ­
  Dörfern.  Die  Volkswirtschaft  dehnt  sich  über  den
ganzen  Staat  aus  und  bildet  die  Übergangsstufe  zur  Weltwirtschaft, ­
  wo  sich  die  Wirtschaft  eines  Landes  mit  der  der  anderen
Länder  eng  verbindet.  Von  dem  Umfang  der  gesellschaftlichen
Organisation  der  Wirtschaften  hängt  deren  Form  ab.  Die
isolierte  Wirtschaft  produziert  alles  selbst,  was  sie  braucht.  Die
Gemeindewirtschaft  (mit  Handwerkern,  Hirten  usw.)  kennt  schon
einen  Austausch  von  Gegenständen,  aber  keine  Geldwirtschaft.
Die  Ray  on  Wirtschaft  basiert  auf  dem  Austausch  der  Waren  unter
den  Produzenten,  während  die  Volkswirtschaft  durch  die  Massenproduktion ­
  für  den  unbestimmten  Markt  charakterisiert  wird.
Die  Weltwirtschaft  schließlich  entsteht,  wenn  der  Kapitalismus
schon  zur  Herrschaft  gelangt  ist.  Dabei  bleibt  noch  die  frühere
politische  Staatsorganisation,  aber  es  bildet  sich  zwischen  einzelnen ­
  Ländern  ein  wirtschaftliches  Band,  das  sie  immer  enger
aneinanderbindet.
Selbstverständlich  geht  die  Umwandlung  einer  Wirtschafts-
        <pb n="184" />
        form  in  eine  andere  nur  langsam  vor  sich.  Die  Entwicklung  der
neuen  Formen  geschieht  allmählich,  wobei  man  auch  Übergangsformen ­
  konstatieren  kann,  die  von  geringerer  Bedeutung  sind.  So
kann  man  mehrere  Entwicklungsstufen  des  Gewerbes  wahrnehmen, ­
  von  der  Bestellungsarbeit  für  den  unmittelbaren  Produzenten ­
  bis  zur  Hausarbeit  für  den  Verleger.  Ebenso  ist  die  Manufaktur ­
  eine  Übergangsform  zwischen  der  kapitalistischen  Produktion ­
  in  der  Form  von  Hausindustrie  und  der  Fabrik,  die  mit
Maschinen  arbeitet.  Von  einigen  Volkswirten  wird  die  Manufaktur ­
  als  eine  selbständige  Produktionsform  betrachtet.
So  nehmen  wir  als  Maß  stab  für  die  Einteilung  in  Wirtschaftsstufen ­
  den  Umfang  der  sozialen  Organisation  der  Produktivkräfte, ­
  und  unser  allgemeines  Schema  kann  wie  folgt  dargestellt
werden:

Organisation  der
Wirtschaft.
I.  Isolierte  Wirtschaft
H.  Gemeindewirtschaft
III.  Rayonwirtschaft.
IV.  Volkswirtschaft
»
V.  Weltwirtschaft

Gewerbeformen.
1.  Arbeitsteilung  nur  innerhalb ­
  der  Wirtschaft
2.  Kundenproduktion  bei  geliefertem ­
  Material
f  3.  Bestellungsarbeit.
1^4.  Marktarbeit
5.  Arbeit  für  Zwischenhändler ­
  (Kustar)
6.  Arbeit  für  Verleger  (Hausindustrie) ­

7.  Manufaktur
8.  Fabrik.

So  kommt  die  Evolution  der  Wirtschaft  einmal  in  der  Ausdehnung ­
  der  sozialen  Organisation  der  Produktivkräfte, ­
  von  der  isolierten  bis  zur  Weltwirtschaft  zum  Ausdruck, ­
  wo  sich  die  Produktion  einzelner  Länder  in  engem  Zusammenhang ­
  befindet;  andererseits  aber  auch  in  der  Entwicklung
der  Gewerbeformen,  die  mit  dem  Umfang  der  Wirtschaftsorganisation ­
  eng  verbunden  ist.  In  einer  isolierten  Wirtschaft  kann  es
        <pb n="185" />
        176

nur  eine  Gewerbeform  geben:  die  Arbeitsteilung  innerhalb  der
Wirtschaft.  In  einer  Gemeindewirtschaft  können  dagegen  noch
andere  als  die  zweite  Gewerbeform  herrschen;  ebenso  können  in
der  Rayonwirtschaft  usw.  auch  andere  Gewerbeformen  vorhanden ­
  sein.  Die  in  unserer  Tabelle  angeführten  Gewerbeformen  sind
nur  die  typischen.  So  ist  die  Fabrik  die  herrschende  Betriebsform ­
  zur  Zeit  der  Weltwirtschaft,  obgleich  sich  noch  alle  anderen
Gewerbeformen  erhalten  haben.

Unserer  Klassifikation  steht  am  nächsten  die  Büchersche  Einteilung ­
  in  Wirtschaftsstufen.  Dennoch  scheint  diese  uns  ungenügend ­
  zu  sein.  Bücher  teilt  die  Wirtschaftsstufen  (die  Wirtschaftsorganisation ­
  nach  unserer  Terminologie)  nach  der  Länge
des  Weges  ein,  welchen  die  Güter  vom  Produzenten  bis  zum  Konsumenten ­
  zurücklegen.  Er  unterscheidet  auf  Grund  seines  Maßstabes
  folgende  Wirtschaftsstufen:

1.  Geschlossene  Hauswirtschaft.
2.  Stadtwirtschaft.
3.  Volkswirtschaft.

Da  nun  die  „Länge  des  Weges“,  den  ein  Gut  vom  Produzenten
bis  zum  Konsumenten  zurücklegt,  gewöhnlich  durch  den
Umfang  der  gesellschaftlichen  Organisation  der  Produktivkräfte
bestimmt  wird,  so  muß  im  allgemeinen  die  Büchersche  Einteilung
mit  der  unserigen  zusammenfallen.  Aber  erstens  erscheint  die
„Länge  des  Weges“  nur  als  ein  Merkmal  der  volkswirtschaftlichen
Organisation  der  Produktivkräfte,  und  es  ist  unzweckmäßig,  darauf ­
  die  Klassifikation  aufzubauen.  Andererseits  läßt  Bücher  eine
der  wichtigsten  Formen  der  Wirtschaftsorganisation  außer  aeht,
nämlich  die  Gemeindewirtschaft,  in  der  es  ebenso  Kundenproduktion ­
  gibt  wie  in  der  Stadt.  Die  „Länge  des  Weges“  ist  in
beiden  Fällen  die  gleiche.
Ferner  beruht  die  Büchersche  Klassifikation  auf  der  Analyse
bloß  der  west  europäischen  Wirtschaft.  Denn  Rußland  hat  kein
städtisches  Handwerk,  das  Gewerbe  blieb  in  den  Dörfern  und  bediente ­
  mehr  oder  weniger  umfassende  Gebiete,  Städte  wie  umliegende ­
  Dörfer.  Die  Stadt  war  also  nicht  notwendige  Bedingung
        <pb n="186" />
        177

der  Organisation  der  Rayonwirtschaft.  Die  Handwerker  zogen
von  Dorf  zu  Dorf  oder  verkauften  ihre  Erzeugnisse  auf  den  Märkten. ­
  Überhaupt  versucht  Bücher  gar  nicht,  die  Entwicklung  und
die  Organisation  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte  zu  erforschen; ­
  die  „Länge  des  Weges“,  den  die  Güter  vom  Produzenten ­
  bis  zum  Konsumenten  zurücklegen,  kann  nicht  als  wichtigstes ­
  Kennzeichen  der  Entwicklung  dienen  und  folglich  auch
nicht  zur  Basis  einer  Einteilung  in  Wirtschaftsstufen  gemacht
werden.
Im  Zusammenhang  mit  seiner  Einteilung  in  Wirtschaftsstufen
führt  K.  Bücher  folgende  Gewerbeformen  in  ihrer  geschichtlichen
Entwicklung  an:  1.  Hauswerk,  2.  Lohnwerk,  3.  Handwerk,  4.  Verlagsystem, ­
  5.  Fabrik.  Man  sieht,  daß  hier  gewisse  und  wichtige
Gewerbeformen  zusammengefaßt  werden,  obgleich  sie  bedeutende
Unterschiede  aufweisen.  So  die  Kundenarbeit  mit  dem  Material
des  Bestellers  und  die  Arbeit  mit  dem  eigenen  Material.  Diese  letzte
Gewerbeform  entwickelt  sich  zur  Marktarbeit  und  zur  Arbeit  für
einen  Zwischenhändler,  während  die  Arbeit  mit  dem  gelieferten  Material ­
  die  erste  Form  des  Gewerbes  war.  Ebenso  ist  die  Arbeit  für
einen  Zwischenhändler  von  der  Arbeit  für  den  Verleger  zu  unterscheiden. ­
  Die  Arbeit  für  einen  Zwischenhändler  bildet  die  Übergangsstufe ­
  zur  kapitalistischen  Produktion;  die  Arbeit  für  den
Verleger  bedeutet  schon  die  typische  kapitalistische  Produktionsweise. ­

Da  Bücher  kein  genügendes  Material  besaß,  konnte  er  auch
nicht  die  Bedeutung  der  einzelnen  Gewerbeformen  erfassen.  Erst
die  detaillierte  Enquete  im  Gouvernement  Saratow  über  die  Kustari
  und  Handwerker  beleuchtete  alle  Seiten  dieser  Frage  (nicht
nur  die  technischen  Bedingungen,  sondern  auch  die  Arbeitsproduktivität, ­
  den  Wert  des  Materials,  der  Erzeugnisse,  den  Umfang ­
  der  Produktion,  den  Verdienst  usw.  in  jeder  einzelnen ­
  Betriebsstätte)  und  gestattete  nicht  nur,  die  Unterschiede  der
einzelnen  Gewerbeformen  herauszufinden,  die  scheinbar  ähnlich
sind,  sondern  auch,  den  Zusammenhang  zwischen  der  Produktionsform ­
  und  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  festzustellen.
Aus  unserer  Untersuchung  über  die  Gewerbeformen  ging  auch
Mass  low.  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.
        <pb n="187" />
        178

klar  hervor,  daß  deren  Entwicklung  von  einem  Fortschritt  der  gesellschaftlichen ­
  Produktivkräfte  begleitet  ward.
Die  Sombartsche  Klassifikation  der  Gewerbeformen  ist  noch
viel  weniger  glücklich  als  die  Büchersche.
Als  Merkmal  für  die  Gewerbeform  nimmt  Sombart  nicht  den
Umfang  der  gesellschaftlichen  Wirtschaft,  sondern  den  Umfang
der  Privatwirtschaftsorganisation  und  erhält  folgende  Gewerbeformen: ­

1.  Individualbetrieb
2.  Familienbetrieb
3.  Gehilfenbetrieb
4.  Erweiterter  Gehilfenbetrieb
5.  Individualbetrieb  im  großen
6.  Gesellschaftlicher  Betrieb  im  kleinen
7.  Manufaktur
8.  Fabrik.
Abgesehen  davon,  daß  ein  Individualbetrieb  kaum  je  vor  dem
Familienbetrieb  existierte,  ist  die  ganze  Klassifikation  Sombarts
unhistorisch.  So  kann  ein  „Gehilfenbetrieb“  auch  „Familienbetrieb“ ­
  sein,  sowie  ein  Handwerker-,  ein  Kustar-  oder  ein  Betrieb
eines  Hausarbeiters.  Alle  von  Sombart  aufgezählten  „Gewerbeformen“ ­
  sind  absolut  mit  der  Wirtschaftsentwicklung  nicht  verbunden, ­
  weil  sie  alle,  ausgenommen  die  Manufaktur  und  die
Fabrik,  weder  mit  der  Wirtschaftsorganisation,  noch  mit  den
Wirtschaftsstufen  in  Zusammenhang  stehen.
Ob  Gehilfenbetrieb  oder  Alleinbetrieb,  hängt  von  den  technischen ­
  Bedingungen  der  Produktionsart  und  nicht  von  der  Entwicklungsstufe ­
  der  Wirtschaft  ab.  Überhaupt  kann  nicht  der
Umfang  der  Privat  Wirtschaft  zum  Maßstab  der  sozialen  Wirtschaftsentwicklung ­
  gnommen  werden,  da  diese  durch  ihren  Umfang, ­
  sowie  durch  Zusammenhang  einzelner  Wirtschaften  untereinander ­
  bestimmt  wird.  Die  große  Gutswirtschaft  des  Mittelalters
bestand  zur  Zeit  der  Rayonwirtschaft,  während  der  Kleinbetrieb
des  Kustars  oder  Hausarbeiters  nur  zu  der  Zeit  entstehen  konnte,
wo  sich  eine  Volkswirtschaft  gebildet  hatte.  Gewisse  Gewerbezweige ­
  forderten  die  gemeinsame  Arbeit  der  ganzen  Gemeinde,
        <pb n="188" />
        179

andere  dagegen  die  Einzelarbeit,  wie  die  Kunstarbeit.  So  ist  es
mindestens  unzweckmäßig,  sich  solcher  Merkmale  als  Kennzeichen ­
  der  Gewerbeformen  zu  bedienen.
Die  Wirtschaftssysteme  werden,  wie  wir  zu  beweisen  bemüht
waren,  durch  den  Grad  der  Bevölkerungsdichte  bestimmt  und
bedingt.  Die  Organisation  der  Wirtschaft  und  die  Gewerbeformen
hängen  vom  Grad  der  Arbeitsteilung  und  der  Entwicklung  der
sozialen  Produktivkräfte  ab,  wobei  diese  Entwicklung  ein  Resultat ­
  nicht  bloß  des  technischen  Fortschrittes,  sondern  auch  der
Bevölkerungszunahme  ist,  die  die  Arbeitsteilung  fördert  (zum
Übergang  von  Landwirtschaft  zur  Gewerbearbeit  veranlaßt),  und
die  Änderung  in  dem  Wirtschaftssystem  hervorruft.
Indem  wir  also  den  Umfang  der  sozialen  Organisation  der
Produktivkraft  zur  Grundlage  unserer  Klassifikation  der  Wirtschaftsstufen ­
  machten,  gaben  wir  das  Hauptmerkmal  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  an.  In  einer  isolierten  Wirtschaft  sind
die  Arbeitskräfte  einer  Familie  organisiert;  in  einer  Gemeindewirtschaft ­
  sind  mehrere  Wirtschaften  vereinigt;  in  einer  Gebietswirtschaft ­
  gibt  es  schon  eine  gesellschaftliche  Organisation  von  mehreren
Dörfern,  größtenteils  mit  einer  Stadt  als  Zentrum.  Eine  Volkswirtschaft ­
  umfaßt  die  Wirtschaften  des  ganzen  Landes;  die  Weltwirtschaft ­
  schließlich  verbindet  einzelne  Länder  untereinander.
Da,  je  umfangreicher  die  Wirtschaftsorganisation,  um  so
länger  auch  meistens  (nicht  stets)  der  Weg  ist,  den  das  Gut  vom
Produzenten  bis  zum  Konsumenten  durchläuft,  so  fällt  die
Büchersche  Einteilung  in  Wirtschaftsstufen  zum  Teil  mit  der
unsrigen  zusammen.  Äußerlich  hat  die  Schmollersche  Einteilung
in  Wirtschaftsstufen  mit  der  unserigen  noch  mehr  Ähnlichkeit.
Auch  Schmoller  unterscheidet  die  Wirtschaftsstufen  nach  dem
Umfang  der  sozialen  Organisation  der  Produktionskräfte.  Nur
nimmt  er  als  Hauptmerkmal  dieser  Organisation  die  politische
Organisation  und  das  Territorium,  das  von  der  gesellschaftlichen
Wirtschaft  umfaßt  wird.  Wohl  fällt  die  Ausdehnung  der  sozialen ­
  Organisation  der  Produktion  mit  der  Entwicklung  der  politischen ­
  Organisation  und  dem  von  ihr  umfaßten  Territorium
meist  zusammen,  dennoch  ist  das  Schmollersche  Einteilungs-12*
        <pb n="189" />
        180

prinzip  kaum  passend.  Denn  die  politische  Ökonomie  hat  es
mit  der  Organisation  der  Produktion  und  nicht  mit  der  politischen
Organisation  zu  tun.
Auch  Marx  und  Engels  haben  die  Entwicklung  der  Wirtschaft
vom  Standpunkte  der  Entwicklung  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte ­
  betrachtet  —  von  einem  Standpunkt,  der  allein  das  Verständnis ­
  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  und  der  sozialen  Ordnung ­
  ermöglicht.
Dem  Wesen  nach  gehen  also  auch  wir  von  dem  gleichen
Standpunkte  aus  wie  Marx  und  Engels.  Doch  hat  weder  der  eine
noch  der  andere  die  von  uns  angeführte  Einteilung  in  Wirtschaftsstufen ­
  gegeben.
        <pb n="190" />
        III.  TEIL

Die  Verteilung  der  Produktivkräfte
        <pb n="191" />
        Vierzehntes  Kapitel.
I.  Das  allgemeine  Schema.

1.  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  der
Naturalwirtschaft.
Im  ersten  Kapitel  haben  wir  schon  darauf  hingewiesen,  daß
der  Mensch  in  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit,  ebenso  wie  das
Tier  im  Kampfe  ums  Dasein,  nach  dem  Prinzip  der  Kraftersparnis ­
  handelt.  Wie  Molieres  Held  keine  Ahnung  hat,  daß  er  Prosa
spricht,  so  wußte  auch  das  wirtschaftende  Subjekt  nicht,  daß  es,
diesem  Prinzip  gemäß  handelnd,  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  der  Gesellschaft  förderte  und  dadurch  die  moderne  ökonomische ­
  Ordnung  schuf.
Wir  haben  auch  gesehen,  daß  die  Organisation  der  Wirtschaftssysteme ­
  von  der  Bevölkerungsdichte  abhängt,  und  daß  dieses ­
  System  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  jeder  Wirtschaft
bestimmt.  Jetzt  wollen  wir  nun  untersuchen,  wie  sich  die  Verteilung ­
  der  Produktivkräfte  gestaltet,  und  zwar  zuerst  in  der  einfachsten ­
  Wirtschaft,  in  der  Naturalwirtschaft.
Hier  wird  nur  zur  Befriedigung  der  eignen  Bedürfnisse  produziert. ­
  Die  Bedürfnisse  der  Menschen  sind  aber  sehr  verschieden, ­
  wobei,  wie  wir  schon  bemerkt  haben,  jedes  Bedürfnis  mit
seiner  Befriedigung  seine  relative  Dringlichkeit  verliert.  An
seine  Stelle  tritt  dann  ein  anderes  Bedürfnis.  Es  wirkt  hier  ein
bestimmtes  psychologisches  Gesetz,  wonach  die  Empfindung  bei
der  Wiederholung  des  Reizes  abgeschwächt  wird.  Kein  Gegenstand ­
  ruft,  nachdem  einmal  das  Bedürfnis  nach  ihm  befriedigt
worden  ist,  noch  solche  Empfindungen  hervor,  wie  zu  Anfang.
Nicht  allein  die  Bedürfnisse  müssen  indes  in  Betracht  gezogen
werden,  sondern  auch  der  Umfang  der  Produktivkräfte.  Jeder
        <pb n="192" />
        184

muß  die  Produktivkräfte  in  seiner  Wirtschaft  so  einteilen,  daß  er
seine  Bedürfnisse  möglichst  gut  befriedigen  kann,  und  zwar  vor
allem  die  notwendigsten.
Um  die  Einteilung  der  Produktivkräfte  in  der  Naturalwirtwirtschaft
  zu  illustrieren,  wollen  wir  das  Schema  anwenden,  das
Menger  ganz  willkürlich  zum  Aufbau  seiner  Werttheorie  gebraucht.*) ­
  Wenn  wir  die  Bedürfnisse  einer  Wirtschaft  nach
ihrer  Wichtigkeit  einteilen  (wir  bezeichnen  diese  Einteilung  durch
römische  Ziffern,  so  beispielsweise  das  Nahrungsbedürfnis  als
I,  das  Wohnungsbedürfnis  als  II  usw.,  während  wir  die  Reihen
der  Bedürfnisse  dem  Grade  ihrer  Dringlichkeit  gemäß  durch  arabische ­
  Zahlen  bezeichnen),  so  erhalten  wir  folgende  Tabelle:

V  VI  VII
4  2  1
1  1  0
0  0

II  III  IV
9  7  5
6  5  2
3  3  1
2  2  0
1  0

1
10
8
5
4
3
2
1
0

0

Das  erste  Bedürfnis,  beispielsweise  das  Bedürfnis  nach
Nahrung,  ist  das  wichtigste,  und  solange  es  nicht  befriedigt  wird,
ist  seine  Dringlichkeit  gleich  10.  Je  mehr  Getreide  aber  produziert
wird,  umso  geringer  wird  das  Bedürfnis  danach.  Wenn  die  ersten
10  Doppelzentner  Getreide  dazu  dienen,  den  Hunger  zu  stillen,
und  das  dringende  Bedürfnis  nach  diesem  Getreide  als  das  höchste
zu  betrachten  ist,  so  können  die  nächsten  100  Doppelzentner  nur
als  Viehfutter  benutzt  werden,  und  der  Grad  ihrer  Notwendigkeit
sinkt  auf  8.  Die  nächsten  100  Doppelzentner,  die  als  Geflügelfutter
dienen,  befriedigen  noch  weniger  dringliche  Bedürfnisse  usw.
*)  Leider  geht  die  Mengersche  Schule  bei  der  Analyse  der  wirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  vom  Standpunkte  eines  Krämers  aus.  Statt
eine  gesellschaftliche  Produktion  und  Wirtschaft  zu  analysieren,  betrachtet ­
  sie  diese  als  privatwirtschaftliche  Erscheinungen.  Das  führt
sie  zu  dem  unfruchtbaren  Versuch,  den  Wert  der  Produkte  durch
deren  Grenznutzen  zu  bestimmen.  Ausführlicher  darüber  unten.
        <pb n="193" />
        185

Wenn  wir  unter  der  Zahl  III  das  Bedürfnis  nach  Schuhen  verzeichnen, ­
  so  wird  die  Dringlichkeit  bei  dem  ersten  Paar  Schuhe
gleich  5  Einheiten  und  bei  dem  nächsten  gleich  2  sein.  Wenn
wir  ferner  unter  V  das  Bedürfnis  nach  Schmuck  verstehen,  so
ist  es  zunächst  gleich  4  Einheiten,  bald  darauf  sinkt  es  aber  auf  1.
Es  erhellt  daraus,  daß  man  bestrebt  sein  muß,  vor  allem  die
dringlichsten  Bedürfnisse  nach  Nahrung,  Kleidung,  Wohnung
usw.  zu  befriedigen.  Sobald  aber  diese  erst  gedeckt  sind,  wird
man  beispielsweise  nicht  noch  ein  Paar  Stiefel  kaufen,  denn  das
Bedürfnis  danach  ist  jetzt  geringer  als  das  nach  Schmucksachen.
Man  sieht,  daß  das  Grenznutzenprinzip  von  großer  Bedeutung
für  die  Einteilung  der  Produktivkräfte  der  Wirtschaft  in  einzelne
Gewerbezweige  ist,  aber  der  Grad  der  Befriedigung  jedes  einzelnen ­
  Bedürfnisses  wird  durch  die  Produktivkräfte  der  Wirtschaft, ­
  d.  h.  durch  den  Arbeitsaufwand  bestimmt,  der  zur  Erzeugung ­
  der  Produkte  notwendig  ist.  Nehmen  wir  an,  daß  eine
Wirtschaft  bei  den  gegebenen  technischen  Bedingungen  nur
1000  Einheiten  von  Produktivkräften  (Arbeitstage  im  Jahre)  besitzt, ­
  und  zwar  drei  Arbeiter,  die  zusammen  in  einem  Jahre
1000  Tage  arbeiten.  Wenn  zur  Erzeugung  eines  Gegenstandes
oder,  was  dasselbe  ist,  zur  Befriedigung  des  Nahrungsbedürfnisses
(dessen  Dringlichkeit  gleich  10  ist)  100  Arbeitstage  notwendig
sind  und  ebensoviel  zur  Deckung  anderer  Bedürfnisse,  so  werden
die  Wirtschaftskräfte  folgendermaßen  eingeteilt  werden:
I  II  III  IV  V
10  9  7  5  4
8  6  5
5  '
4
Die  meisten  Produktivkräfte  verwendet  man  auf  die  Produktion ­
  von  Nahrungsmitteln  (400  Tage),  zur  Befriedigung  des  Wohnungsbedürfnisses ­
  etwas  weniger  (200  Tage),  der  Bedürfnisse  an
Kleidung  wiederum  nur  200  Tage,  während  für  die  Deckung  aller
übrigen  Bedürfnisse  etwa  nur  je  100  Arbeitstage  übrig  bleiben.
Steigt  aber  die  Arbeitsproduktivität  so,  daß  man  in  60  Tagen
ebensoviel  produziert,  wie  früher  in  100  Tagen,  so  können  auch
        <pb n="194" />
        186

weniger  dringliche  Bedürfnisse  befriedigt  werden.  Unsere  Tabelle
wird  dann  etwa  so  sein:
1  II  III  IV  V  VI
10  9  7  5  4  2
8  6  5  2
5  3  3
4  2  2
3
2
Zur  Befriedigung  des  Nahrungsbedürfnisses  würde  man
jetzt  bloß  360  Tage,  der  Wohnungs-  und  Kleidungsbedürfnisse
240  Tage,  für  das  Bedürfnis  nach  Schuhwerk  120,  für  Schmucksachen ­
  60  Tage  und  für  die  Befriedigung  neuer  Bedürfnisse ­
  ebenfalls  60  Tage  brauchen.  Mit  der  Vermehrung
der  Bedürfnisse  ging  auch  eine  Neueinteilung  der  Produktivkräfte ­
  vor  sich.  So  hängt  der  Grad,  in  dem  man  die  Bedürfnisse ­
  befriedigen  kann,  ausschließlich  von  der  Arbeitsproduktivität ­
  ab.  Und  dieser  Grad  der  Bedürfnisdeckung  bestimmt  auch
den  „Grenznutzen“  des  Getreides,  wie  auch  aller  anderen  Gegenstände. ­
  Dank  der  erhöhten  Arbeitsproduktivität  sank  der  Grenz-/
nutzen  der  Gegenstände  in  unserer  Tabelle  auf  zwei  herab.  Die
Dringlichkeit  der  Bedürfnisse  beeinflußt  die  Einteilung  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Wirtschaft,  aber  der  relative  Wert  einzelner
Produkte  wird  durch  die  auf  ihre  Erzeugung  verwendete  Arbeit
bestimmt,  da  ausschließlich  davon  die  Möglichkeit  abhängt,  gewisse ­
  Produkte  zu  erhalten  und  die  Dringlichkeit  der  Bedürfnisse
abzuschwächen.*)
Wir  haben  schon  darauf  hingewiesen,  daß  in  einer  Natural-*)
  Tugan-Baranowsky  macht  einen  interessanten,  aber  erfolglosen
Versuch,  die  Arbeitswerttheorie  mit  der  Theorie  des  Grenznutzens  zu
vereinigen.  Er  schreibt:  „Nehmen  wir  an,  daß  das  Bedürfnis  I  das
nach  Brot  und  das  Bedürfnis  V  das  nach  Gold  darstellt,  so  werden  wir
leicht  einsehen,  warum  Gold  teurer  ist  als  Getreide.  Gewiß  ist  der
abstrakte  Wert  des  Brotes  größer  als  der  des  Goldes,  aber  auch  der
Vorrat  an  Gold  ist  doch  viel  geringer  als  der  an  Getreide“  (Die  Grundlagen ­
  der  politischen  Ökonomie,  S.  63).  Daraus  folgert  der  Autor,  daß,
obschon  der  abstrakte  Nutzen  des  Getreides  größer  ist  als  der  des
Goldes,  der  Grenznutzen,  d.  h.  der  konkrete  Nutzen  jeder  Goldeinheit,
        <pb n="195" />
        187

Wirtschaft  die  verschiedenen  Produkte  einen  verschiedenen  relativen ­
  Wert  haben,  je  nach  dem,  wieviel  Arbeit  auf  ihre  Erzeugung
verwendet  wurde.  Die  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses  oder  der
„Grenznutzen“  hat  keinen  Einfluß  auf  den  relativen  Wert  der
Produkte,  weil  die  Menge  der  Produkte  und  folglich  deren  Dringlichkeit ­
  von  dem  Arbeitsaufwand  abhängt.  Da  der  Arbeitsaufwand ­
  den  „Grenznutzen“  der  Produkte  bestimmt,  so  bestimmt
er  auch  ihren  relativen  Wert  für  die  Wirtschaft.  So  ist  beispielsweise ­
  das  Wasser  für  den  Menschen  dringlich  notwendig,  aber
dessen  Grenznutzen  ist  in  der  Nähe  des  Flusses,  wo  man  ohne
Mühe  Wasser  bekommen  kann,  gleich  Null  .  .  .
2.  Die  Einteilung  der  Produktivkräfte  in  der
Tauschwirtschaft.
Aus  der  Analyse  der  Einteilung  der  Produktivkräfte  in  der
Naturalwirtschaft  haben  wir  gesehen,  daß  diese  Einteilung  einerseits ­
  durch  die  Dringlichkeit  der  Bedürfnisse  nach  einzelnen
Produkten  und  andererseits  durch  die  Größe  des  Arbeitsaufwandes, ­
  der  für  die  Erzeugung  der  Produkte  notwendig  ist,  bestimmt ­
  wird.  Da  nun  die  Technik  in  der  Naturalwirtschaft  nur
geringe  Fortschritte  macht  und  da  die  Bedürfnisse  ebenfalls  mehr
oder  weniger  unverändert  bleiben,  so  bleibt  auch  die  Einteilung
der  Produktivkräfte  in  der  Naturalwirtschaft  sich  stets  gleich.
Mit  dem  Übergang  der  Naturalwirtschaft  in  die  Tauschwirtschaft ­
  wird  die  Produktion  der  Waren  von  den  Bedürfnissen
der  Gesellschaft  im  ganzen  abhängig,  da  jeder  nunmehr  für  den
Markt,  für  andere  produziert.  Die  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Gesellschaft  richtet  sich  nicht  nach  der  Verden ­

  des  Brotgetreides  dennoch  übersteige.  Tugan  vergißt  aber  dabei,
daß  der  Vorrat  an  Gold  sowohl  als  auch  an  Getreide  von  dem  Arbeitsaufwand ­
  abhängt,  der  zu  beider  Gewinnung  notwendig  ist.  Wird  mehr
Arbeit,  als  notwendig  ist,  zur  Gewinnung  von  Gold  und  wenig  Arbeit
auf  die  Getreideproduktion  aufgewendet,  so  sinkt  der  „konkrete  Nutzen“
des  Goldes,  steigt  der  des  Getreides.  So  wird  der  Grenznutzen  der
Produkte  in  letzter  Linie  durch  den  Arbeitsaufwand  zu  ihrer  Erzeugung
bestimmt,  während  der  Grad  der  Dringlichkeit  einzelner  Bedürfnisse
nur  die  Einteilung  der  Produktivkräfte  beeinflußt.
        <pb n="196" />
        188

4

teilung  in  der  Einzelfamilie,  sondern  umgekehrt:  die  Einteilung
der  Produktivkräfte  in  der  Familie  hängt  von  ihrer  Verteilung  in
der  Gesellschaft  ab.  Das  Prinzip  der  Einteilung  der  Produktivkräfte ­
  bleibt  indes  immer  dasselbe:  die  Gesellschaft  verwendet
ihre  Arbeitskraft  auf  die  Produktion  einzelner  Gegenstände  entsprechend ­
  der  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses  nach  ihnen.  Nur
in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  treten  an  Stelle  des  Arbeitsaufwandes ­
  die  Produktionskosten,  die  mit  dem  Arbeitsaufwand
nicht  ganz  identisch  sind.
Jeder  trägt  seine  Ware  dorthin,  wo  Nachfrage  danach  vorhanden ­
  ist.  Diese  wird  durch  die  Gesamtheit  der  gesellschaftlichen ­
  Bedürfnisse  bestimmt.  Indes  fällt  das  Bedürfnis  keineswegs ­
  immer  mit  der  Möglichkeit  zusammen,  sich  die  notwendigen ­
  Waren  zu  verschaffen.  Diese  Möglichkeit  wird  durch  die
Menge  der  Erzeugnisse  der  eigenen  Wirtschaft  bedingt.  Aber
jeder  wird  selbstverständlich  seine  Erzeugnisse  vor  allem  gegen
solche  austauschen,  deren  er  besonders  dringend  bedarf.  Folglich ­
  werden  auch  in  einer  Tauschwirtschaft  die  Bedürfnisse  nach
dem  oben  angeführten  Schema  befriedigt.  Der  Grad  der  Befriedigung ­
  hängt  hier  allerdings  von  der  Kaufkraft  der  einzelnen ­
  Wirtschaft  ab,  da  die  Gegenstände,  die  in  der  eigenen
Wirtschaft  nicht  produziert  werden,  auf  dem  Markte  gekauft
werden  können.  Aber  die  Kaufkraft  jeder  Wirtschaft  ist  doch
durch  deren  Produktivkraft  begrenzt,  ebenso  wie  die  Produktivkräfte ­
  der  Gesellschaft  überhaupt.
Das  Schema  des  Verbrauches  durch  Wirtschaften,  die  ganz
beschränkte  Kaufkraft  besitzen,  wird  sich  so  gestalten  (wir
brauchen  die  obigen  Bezeichnungen):  Wenn  zur  Deckung  der
Bedürfnisse  eines  jeden  Grades  50  Mark  notwendig  sind  und  die
Wirtschaft  500  Mark  jährlich  darauf  verwenden  kann,  so  werden
die  Bedürfnisse  in  folgender  Reihenfolge  befriedigt:

I  II
10  9
8  6
5

III
7
5

IV
5

V

4
        <pb n="197" />
        189

d.  h.  es  werden  gedeckt:  die  Bedürfnisse  nach  Nahrung,  Kleidung,
Wohnung,  Schuhwerk  und  nach  Schmucksachen.
Die  reicheren  Familien  können  ihren  Konsum  erhöhen  und
mannigfaltiger  gestalten.  Es  treten  aber  bei  ihnen  auch  neue
Bedürfnisse  auf,  die  die  ärmeren  Familien  gar  nicht  kennen.

Hier  erhalten  wir
1  11  111
10  9V2  9
8  7  6
5  6  3
4  3  2
3  2  1
2  1  0
1  0
0

folgendes  Schema  der
IV  V  VI  Vll
8V2  8  7  6V2
6  6  5  usw.
2  0  2
1  1
0

Bedürfnisbefriedigung  :
Vlll  IX  X
6  5  4  usw.

Das  gesellschaftliche  Bedürfnis  nach  jedem  einzelnen  Produkte ­
  wird  durch  das  Bedürfnis  der  Summe  der  Familien  gebildet. ­
  Es  folgt  daraus,  daß  jene  Produkte  in  größerem  Umfange
erzeugt  werden  müssen,  deren  alle  Wirtschaften  bedürfen,  während ­
  die  Gegenstände  in  verhältnismäßig  geringem  Maße  erzeugt
werden,  nach  denen  bloß  die  reichsten  Wirtschaften  fragen.  Wenn
die  Erzeugung  von  gewissen  Waren  viel  Arbeit  erfordert,  so  werden ­
  sie  nur  in  geringem  Maße  hergestellt,  bleiben  „selten“  und
werden  nur  von  den  wohlhabendsten  Familien  gebraucht.  Der
hohe  Preis  dieser  Güter  wird  also  nicht  durch  deren  Seltenheit
bestimmt,  wie  die  österreichische  Schule  behauptet,  sondern  umgekehrt: ­
  die  „Seltenheit“  dieser  Produkte  hängt  davon  ab,  daß
ihre  Produktion  sehr  viel  Arbeit  erheischt  und  sie  daher  nur  von
wenigen  gebraucht  werden  können.
So  müssen  die  gesellschaftlichen  Produktivkräfte,  wo  sehr
viele  Familien  mit  geringer  Kaufkraft  und  wenige  reiche  vorhanden ­
  sind,  oder,  mit  anderen  Worten,  wo  die  große  Volksmasse ­
  in  Dürftigkeit  lebt,  während  einzelne  Familien  im  Luxus
schwelgen,  hauptsächlich  auf  die  Erzeugung  der  allernotwendigsten ­
  Gegenstände,  der  einfachsten  Nahrungsmittel  und  primitiven
Häuser  usw.  verwendet  werden,  sowie  auf  die  Herstellung  von
        <pb n="198" />
        190

Luxusartikeln  („seltenen  Gegenständen“).  Die  Erhöhung  der  Kaufkraft ­
  der  Bevölkerung  infolge  des  technischen  Fortschrittes  und
der  Verbilligung  der  Waren  oder  dank  dem  gesteigerten  allgemeinen ­
  Wohlstände  führt  dagegen  zur  Ausdehnung  der  Massenproduktion ­
  von  Gegenständen,  die  neue  Bedürfnisse  der  Massen
befriedigen.  '
Vergleicht  man  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  Rußland ­
  einerseits  und  in  Deutschland  oder  in  den  Vereinigten
Staaten  andererseits,  so  wird  man  leicht  herausfinden,  daß  Rußland ­
  den  ersten  Typus  der  Volkswirtschaft  (siehe  das  erste
Schema)  darstellt,  während  sich  Deutschland  und  die  Vereinigten
Staaten  dem  zweiten  Typus  nähern.  In  Rußland  wird  hauptsächlich ­
  für  den  unmittelbaren  Konsum  der  Volksmassen  produziert, ­
  während  in  Deutschland  ein  viel  größerer  Teil  der  Bevölkerung ­
  mit  der  Erzeugung  minder  notwendiger  Produkte  beschäftigt ­
  ist.
So  bleibt  das  Prinzip  der  Einteilung  der  Produktivkräfte  überall ­
  das  gleiche.  In  einer  isolierten  Wirtschaft  sowohl  als  auch  in
einer  Gemeinde-,  Stadt-  und  Volkswirtschaft.  In  all  diesen  Wirtschaftstypen ­
  ist  Planmäßigkeit  in  der  Organisation  zu  finden,
die  durch  die  Verschiedenheit  im  Grade  der  Bedürfnisse  bestimmt ­
  wird.  Während  aber  in  einer  isolierten  Wirtschaft  und
zum  Teil  noch  in  der  Stadt  für  den  unmittelbaren  Konsumenten
produziert  wurde,  wird  mit  der  Entwicklung  des  Austausches  für
den  Markt  gearbeitet,  auch  wenn  dort  für  das  Produkt  vielleicht
keine  Nachfrage  vorhanden  ist.  In  diesem  Falle  wird  nicht  mehr
vorausberechnet,  nach  wieviel  Waren  gefragt  wird.  Der  Grad
des  gesellschaftlichen  Bedürfnisses  nach  irgend  einer  Ware  wird
erst  festgestellt,  wenn  die  Waren  schon  auf  dem  Markte  sind.
Dieses  gesellschaftliche  Bedürfnis  wird  aus  der  Summe  der  Bedürfnisse ­
  aller  Einzelfamilien  gebildet  und  muß  sich  nach  dem
Dringlichkeitsgrade  der  einzelnen  Bedürfnisse  richten.
Aus  der  Analyse  der  Entstehung  des  Tauschwertes  wissen  wir
schon,  daß  jedes  wirtschaftende  Subjekt  danach  strebt,  seine
Waren  nicht  unter  ihrem  Arbeitswert  zu  veräußern.  Danach
strebt  auch  jeder  Käufer,  da  der  Verkäufer  von  gewissen  Er-
        <pb n="199" />
        191

Zeugnissen  gleichzeitig  auch  als  Käufer  von  anderen  auftritt.
Betrachten  wir  beispielsweise  eine  Markgenossenschaft,  die  aus
1000  Wirtschaftseinheiten  besteht,  mit  einer  Kaufkraft,  wie  wir
sie  in  dem  Schema  A  dargestellt  haben,  so  werden  folgende  Produkte ­
  notwendig  sein:
I.  Nahrungsmittel  (Grad  der  Notwendigkeit:  10,  8,
5,  4)  je  50  Mark  auf  jedes  Bedürfnis,  zusammen  200  Mark
pro  Wirtschaft  oder  200  000  Mark  für  die  Markgenossenschaft. ­

II.  Wohnung  (Grad  der  Notwendigkeit:  9,  6)  je  50  Mark,
gleich  100  Mark  pro  Wirtschaft,  oder  insgesamt
100  000  Mark.
III.  Kleidung  (Grad  der  Notwendigkeit:  7,  5)  zusammen
100  000  Mark.
IV.  Schuhwerk  (Grad  der  Notwendigkeit:  5)  zusammen
50  000  Mark.
V.  Schmucksachen  (Grad  der  Notwendigkeit:  4)  zusammen ­
  50  000  Mark.
Wenn  nun  beispielsweise  Schuhwerk  statt  für  50  000  Mark
für  100  000  Mark  hergestellt  wurde,  so  wird  eine  Hälfte  des
Schuhwerkes,  da  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  beschränkt  ist,
überhaupt  keinen  Absatz  finden;  oder  die  gesamte  Menge  des
Schuhwerkes  wird  bedeutend  unter  ihrem  Wert  abgesetzt  werden. ­
  Jeder  Schuhmacher  kann  aber  seine  Bedürfnisse  nur  dann
decken,  wenn  er  seine  Erzeugnisse  nach  ihrem  Arbeitswerte  veräußert. ­
  Nur  in  diesem  Falle  reicht  seine  Kaufkraft  dazu  aus.
Es  erhellt  daraus,  daß  ein  Teil  der  Schuhmacher  sein  Handwerk
aufgeben  muß,  um  sich  irgend  einer  anderen  Beschäftigung  zu
widmen.  So  wirkt  der  Dringlichkeitsgrad  der  Bedürfnisse  auf  die
planmäßige  Verteilung  der  gesellschaftlichen  Produktivkräfte,
aber  dies  geschieht  jetzt  durch  Vermittlung  des  Marktes,  wo  die
Konkurrenz  einen  Druck  auf  die  Produzenten  ausübt  und  sie  veranlaßt, ­
  Waren  bloß  in  bestimmtem  Umfange  zu  produzieren.
Wie  in  der  Naturalwirtschaft  der  technische  Fortschritt,  das
Sinken  des  relativen  Wertes  einzelner  Produkte,  so  führt  auch
das  Fallen  des  Tauschwertes  (Preises)  in  der  Tauschwirtschaft
        <pb n="200" />
        192

oder  die  Erhöhung  des  allgemeinen  Wohlstandes  zur  Steigerung
der  Nachfrage  nach  diesen  Produkten.  Dieser  Vorgang  wird  aus  dem
entsprechenden  ohigen  Schema  klar.  In  der  Naturalwirtschaft
wird  in  diesem  Falle  nicht  nur  der  Konsum  vergrößert,  sondern ­
  es  findet  auch  eine  Neueinteilung  der  Produktivkräfte
statt.  In  der  Geldwirtschaft  nimmt  derselbe  Vorgang  nur  eine
andere  Form  an:  er  äußert  sich  in  relativer  Verminderung  der
j  Geldausgaben  für  die  notwendigsten  Bedürfnisse  und  Erhöhung
i  der  Ausgaben  für  andere  Bedürfnisse.
,  II.  Die  subjektive  Wertlehre,
i  Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  der  Gesellschaft ­
  und  die  subjektive  Wertlehre.
,  Die  unter  den  bürgerlichen  Gelehrten  verbreitetste  Wertlehre,
^  die  subjektive  Werttheorie,  sucht  alle  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens ­
  dahin  zu  erklären,  daß  die  Produkte  einen  subjek-I
  ■”  tiven  Wert  hätten.  Dieser  hängt  von  der  „Seltenheit“  der  Gegenstände ­
  ab.  Je  seltener  ein  Gegenstand  ist,  umso  größer  ist  sein
'  subjektiver  Wert.  Wovon  hängt  aber  die  „Seltenheit“  der  Gegen-;
  stände  ab?  Zweifelsohne  von  der  Verteilung  der  Produktivkräfte
in  der  Wirtschaft.  In  je  geringerem  Umfang  ein  Produkt  hergestellt ­
  wird,  umso  „seltener“  erscheint  es.  Folglich  steht  der  „subi
  V  jektive  Wert“  im  engen  Zusammenhang  mit  der  Verteilung  der
I  Produktivkräfte.  Da  man  aber  eine  Analyse  dieses  Verteilungsi
  Prozesses  sowohl  bei  den  Anhängern  als  auch  bei  den  Gegnern
dieser  Lehre  vergebens  sucht,  so  hängt  der  ganze  Streit  um  diese
Theorie  in  der  Luft.
Wir  haben  schon  das  Prinzip  der  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Gesellschaft  untersucht.  Jedes  wirtschaftende  Subjekt ­
  richtet  sich  in  seiner  Tätigkeit  nach  dem  Prinzip  des  kleinsten ­
  Kraftmaßes  und  sucht  seine  Produktivkräfte  so  zu  verteilen,
daß  es  seine  notwendigsten  Bedürfnisse  befriedigen  kann.  Hat
eine  Wirtschaft  1000  Arbeitstage  zur  Verfügung,  und  braucht
man  für  die  Befriedigung  der  Bedürfnisse  jeder  Klasse  100  Tage,
so  werden  nur  folgende  Bedürfnisse  gedeckt  werden  können:
(I)  die  notwendigsten  Nahrungsbedürfnisse,  deren  Dringlichkeits-
        <pb n="201" />
        193

quotient  gleich  10  ist,  (II)  die  Wohnungsbedürfnisse,  und  so
weiter,  folgendermaßen:
I  II  III  IV  V
10  9  7  5  4
8  6  5
5
4
Wäre  zur  Befriedigung  eines  jeden  Bedürfnisses  das  gleiche
Quantum  Arbeit  notwendig,  so  wäre  die  Einteilung  der  Produktionskräfte ­
  sehr  leicht  und  einfach.  Das  ist  aber  nicht  der
Fall.  Nicht  allein,  daß  die  Deckung  jedes  Bedürfnisses  verschiedenen ­
  Arbeitsaufwand  notwendig  macht,  es  kann  sogar  jedes
Bedürfnis  durch  verschiedene  Produkte  befriedigt  werden,  die
einen  verschiedenen  Arbeitsaufwand  und  verschiedene  Arbeitsmittel ­
  erfordern.  So  kann  das  Nahrungsbedürfnis  mit  Brot,
Fleisch,  Milch,  Kartoffeln  usw.  befriedigt  werden.  Da  die  Bedürfnisbefriedigung ­
  um  so  vollkommener  ist,  je  verschiedenartiger ­
  die  Nahrung  ist,  da  ferner  das  Gefühl  der  Befriedigung  um
so  stärker  wird,  je  größer  das  Quantum  des  verbrauchten
Produkts  ist,  so  läßt  sich  auch  der  Prozeß  der  Befriedigung  jedes ­
  Bedürfnisses  durch  das  gleiche  Schema  darstellen,  das  wir
für  die  Befriedigung  aller  Bedürfnisse  angewendet  haben.  Mit
anderen  Worten:  das  Nahrungsbedürfnis,  das  in  unserem
Schema  mit  10  bezeichnet  ist,  kann  zerlegt  werden  in  das  Bedürfnis ­
  nach  Brot  gleich  4,  nach  Fleisch  gleich  2,  nach  Milch
gleich  2,  nach  Kartoffeln  gleich  2  usw.
Da  jede  Wirtschaft  nur  beschränkte  Produktivkräfte  besitzt,
so  verteilt  sie  diese  so,  daß  die  Bedürfnisse  aller  Mitglieder  nicht
nur  befriedigt  werden,  sondern  daß  dies  auch  mit  dem  geringsten
Kraftaufwand  geschieht.  Sie  wird  deshalb  solche  Produkte  herstellen,
  die  am  wenigsten  Arbeit  von  ihr  fordern.
Angenommen,  das  Nahrungsbedürfnis  kann  durch  folgende
Gegenstände  gedeckt  werden:  Getreide  (I),  Fleisch  (II),  Gemüse
(III)  und  Getränke  (IV).  Jedes  einzelne  Bedürfnis  kann  durch
verschiedene  Arten  dieser  Produkte  befriedigt  werden.  So  durch
(a)  Roggen,  der  50  Arbeitstage  fordert  (b)  Weizen,  für  den
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.
        <pb n="202" />
        194

100  Arbeitstage  notwendig  sind,  durch  (a)  Rindfleisch  (50  Tage)
oder  (b)  Hausgeflügel  (200  Tage)  oder  (c)  Küchelfleisch  (400
Tage);  (a)  Kraut  (50  Tage),  oder  (b)  Spargel  (200  Tage);  (a)
Kwas  (10  Tage),  oder  (hj  Bier  (100  Tage),  oder  (c)  Met  (300  Tage).
Wir  erhalten  somit  folgende  Tabelle:

I
50
100

II
50
200
400

III
50
200

IV
10
100
300

Da  die  Wirtschaft,  wie  wir  vorausgesetzt  haben,  nur  über
400  Arbeitstage  verfügt,  die  sie  für  die  Gewinnung  von  Nahrungsmitteln ­
  verwenden  kann,  so  wird  sie  naturgemäß  nicht  die  Produkte ­
  hersteilen,  die  den  größten  Arbeitsaufwand  erfordern:
(I  b  100  +  II  c  400  -f  III  b  200  +  IV  c  300  =  1000  Tage).  Begnügt ­
  sie  sich  mit  den  minderwertigen  Produkten,  so  wird  ihr  ein
Überschuß  an  Zeit  bleiben,  nämlich  400—160  (I  a  50  -f-  II  a  50  -f-III
  a  50  +  IV  a  10  =  160),  d.  h.  240  Tage.  Sie  kann  sich  deshalb
erlauben,  einige  Produkte  höherer  Qualität  herzustellen.
Für  unsere  Wirtschaft  sind  also  die  Produkte  der  ersten
Reihe  (a)  Gegenstände  von  größter  Wichtigkeit,  und  sie  werden
auch  am  meisten  gebraucht,  weil  sie  am  wenigsten  Arbeit  erfordern. ­
  Die  Produkte  der  zweiten  Reihe  werden  als  Gegenstände
des  Wohlstandes  betrachtet,  die  der  dritten  Reihe  als  Luxusgegenstände, ­
  die  vielleicht  nur  an  Feiertagen  gebraucht  werden.

Der  relative  Wert  jedes  einzelnen  Produktes  wird  in  der
Wirtschaft  nach  der  Arbeitsmenge  bestimmt,  die  seine  Herstellung
erfordert,  und  nicht  nach  seinen  Gebrauchseigenschaften.  Im
Nordural  oder  in  Nordsibirien  hat  der  (für  den  Europäer)  teuerste
Fisch  weniger  Wert  als  das  Brot,  weil  die  Gewinnung  von  Brot
mehr  Arbeit  erfordert,  als  die  des  Fisches  oder  auch  die  des  Wildes. ­
  Der  „subjektive“  Wert  wird  seinerseits  durch  den  relativen ­
  Wert,  d.  h.  durch  die  notwendige  Arbeitsmenge  bestimmt.
Für  den  Bewohner  Sibiriens  hat  Obst  einen  größeren  subjektiven
Wert  als  Fisch  und  Wild,  weil  man  in  Sibirien  Obst  nur  in  Treibhäusern ­
  erhalten  kann,  während  der  Fischfang  oder  die  Jagd  nur
wenig  Arbeit  erfordert.
        <pb n="203" />
        13

195

So  sehen  wir,  daß  der  subjektive  Wert  eines  Gegenstandes
steigt  oder  sinkt,  je  nach  dem  man  viel  oder  wenig  Arbeit  für  seine
Gewinnung  aufzuwenden  braucht.  Die  Gegenstände,  deren  Produktion ­
  besonders  viel  Arbeit  erfordert,  werden  naturgemäß  nur
in  geringer  Anzahl  hergestellt,  sind  also  selten.  Und  nicht  allein
die  reichen  Leute,  die  diese  seltenen  Gegenstände  kaufen,  sondern
auch  die  Volkswirte  glauben,  daß  diese  Gegenstände  deshalb  so
teuer  sind,  weil  sie  selten  sind,  während  doch  der  Sachverhalt  umgekehrt ­
  ist:  sie  sind  selten,  weil  sie  viel  Arbeit  zu  ihrer  Herstellung
erfordern,  d.  h.  teuer  sind.
In  einer  Naturalwirtschaft,  von  der  wir  vorläufig  gesprochen
haben,  wird  also  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  zwischen
den  einzelnen  Produktionszweigen  abhängen  von  der  Dringlichkeit ­
  der  Bedürfnisse  der  Wirtschaft:  Nahrungs-,  Kleidungsbedürfnisse ­
  usw.  Aber  innerhalb  der  Grenzen  jedes  Bedürfnisses  wird
die  Verteilung  der  Produktivkräfte  zur  Herstellung  der  Produkte
abhängen:  1.  von  dem  Umfang  der  Produktivkräfte  der  Wirtschaft
und  2.  von  dem  Arbeitsaufwand,  den  die  Herstellung  jedes  Produkts ­
  erfordert.  Je  mehr  Produktivkräfte  einer  Wirtschaft  zur
Verfügung  stehen,  um  so  leichter  kann  sie  auch  solche  Gegenstände ­
  herstellen,  die  für  eine  ärmere  Wirtschaft  un  erschwinglich
sind  oder  als  Luxus  erscheinen.  Können  dieselben  Gegenstände
uiit  weniger  Arbeitsaufwand  hergestellt  werden,  so  hören  sie  auf,
auch  für  ärmere  Familien  ein  Luxusprodukt  zu  sein.  Der  subjektive ­
  Wert  hängt  vom  Arbeitswert  ab...
Es  verbleiben  noch  Gegenstände,  die  überhaupt  nicht  reproduziert ­
  werden  können.  Diese  spielen  aber  in  der  Naturalwirtschaft ­
  keine  bedeutende  Bolle.  Wir  betrachten  hier  die
I^inge  in  ihrer  einfachsten  Form,  in  der  Naturalwirtschaft.
Wir  sehen  hier,  daß  der  subjektive  Wert  vom  relativen  Arbeits-^vert
  abhängt.
Mögen  nun  die  Vertreter  der  subjektiven  Wertlehre,  die  die
Arbeitswerttheorie  von  oben  herab  betrachten,  unsere  Ausführungen
widerlegen,  daß  der  Grenznutzenwert  durch  die  Verteilung  der
Produktivkräfte  in  der  Wirtschaft  und  durch  den  relativen  Arbeitswert ­
  bestimmt  wird.
        <pb n="204" />
        196

Und  wie  wir  schon  bemerkt  haben,  gelten  dieselben  Gesetze
auch  für  die  Tauschwirtschaft.  Auch  hier  beherrscht  das  Prinzip
des  kleinsten  Kraftmaßes  nicht  allein  das  Gebiet  der  Produktion,
sondern  auch  das  der  Konsumtion,  indem  man  subjekt
  i  V  denjenigen  Gegenständen  größeren  Wert  zuschreibt,  die  mehr
Arbeit  erfordern.  Das  wirtschaftende  Subjekt  kennt  den  relativen ­
  Wert  des  Produkts,  das  es  gegen  ein  anderes  austauscht.
Wenn  es  sein  Produkt  veräußert,  so,  um  an  Arbeit  zu  sparen.
Denn,  wie  wir  schon  ausgeführt  haben,  findet  ein  Austausch  bloß
zwischen  Wirtschaften  mit  verschiedener  Arbeitsproduktivität
statt.  Jeder  sucht  durch  Austausch  sich  solche  Gegenstände  zu
verschaffen,  die  er  in  seiner  eigenen  Wirtschaft  nur  mit  größerem
Arbeitsaufwand  gewinnen  kann.  Was  dient  also  als  Gradmesser
der  austauschbaren  Gegenstände?  Augenscheinlich  der  relative
Arbeitswert  dieser  Produkte.  Ebenso  bildet  aber  auch  der  Arbeitswert ­
  das  Kriterium  der  subjektiven  Wertschätzung.  Eben  weil  keine
Wirtschaft  gegen  einen  Gegenstand,  der  ein  noch  so  dringendes
Bedürfnis  befriedigt,  Produkte  hergeben  wird,  die  ihr  viel  mehr
Arbeit  kosten,  als  sie  auf  die  Herstellung  dieses  Gegenstandes
selbst  aufwenden  muß.  So  wird  niemand  für  ein  Klafter  Holz
ein  Paar  Schuhe  geben,  wenn  er  ein  Klafter  Holz  in  drei  Tagen
zusammenhauen  kann,  während  die  Herstellung  von  Schuhen
sechs  Tage  in  Anspruch  nehmen  würde.  Dies  würde  dem  Prinzip
der  Kraftersparnis  widersprechen,  ebenso  wie  wenn  ein  Mensch,
statt  auf  den  Beinen,  auf  den  Händen  herumgehen  würde.  Im
Zirkus  sieht  man  oft  Menschen,  die  auf  den  Händen  herumlaufen.
So  wenig  dies  das  allgemeine  Prinzip  des  kleinsten  Kraftmaßes
widerlegt,  nach  dem  sich.  die  menschliche  Tätigkeit  richtet,  so
wenig  kann  man  sich  auch  auf  das  Beispiel  des  „Glases  Wasser
in  der  Wüste“  das  von  den  Grenznutzentheoretikern  angeführt
wird,  berufen,  um  die  normalen  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens ­
  zu  erklären.
Marshall  sucht,  wie  die  anderen  Theoretiker  der  Grenznutzentheorie, ­
  den  Austausch  zwischen  einzelnen  Familien  nicht  durch
die  Verschiedenheit  in  der  Arbeitsproduktivität,  sondern  durch
den  Unterschied  in  der  Menge  der  vorhandenen  Produkte  in  jeder
        <pb n="205" />
        197

Wirtschaft  zu  erklären.  Er  denkt  aber  gar  nicht  daran,  warum
die  eine  Wirtschaft  mehr  Produkte  einer  Gattung  und  die  andere
gerade  andere  Produkte  herstellt.
„Ein  großer  Nachteil  der  primitiven  Wirtschaft,“  sagt  er,  „in
welcher  nur  unbedeutender  Austausch  stattfindet,  liegt  darin,  daß
jemand  leicht  von  einer  Sache,  z.  B.  Wolle,  so  viel  haben  kann,
daß  ihr  Grenznutzen  in  jeder  Verwendung  niedrig  ist,  wenn  er  alle
möglichen  Nutzanwendungen  damit  versorgt  hat,  während  er
gleichzeitig  von  einer  anderen  Sache,  z.  B.  Holz,  so  wenig  hat,
daß  der  Grenznutzen  hierbei  sehr  hoch  ist.  Zur  gleichen  Zeit
haben  seine  Nachbarn  vielleicht  Mangel  an  Wolle  und  Überfluß
an  Holz.  Jeder  würde  gewinnen,  wenn  er  das  hergäbe,  was  den
niedrigsten  Grenznutzen  für  ihn  hat,  um  das  andere  mit  dem
höheren  Grenznutzen  in  Empfang  zu  nehmen.“*)  Betrachtet  man
aber  die  Organisation  der  Wirtschaft  näher,  so  wird  sofort  klar,
daß  kein  Austausch  stattfinden  könnte,  wenn  die  Arbeitsproduktivität ­
  in  den  verschiedenen  Wirtschaften  die  gleiche  wäre.  Denn  jede
Wirtschaft  müßte  dann  bei  richtiger  Einteilung  der  Produktivkräfte
alles  selber  herstellen.  Was  würde  ihr  dieser  Austausch  nützen?
Die  Anhänger  der  Grenznutzentheorie  übersehen  die  tieferliegenden ­
  Momente  des  Austausches  und  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse, ­
  Momente,  die  auch  den  Grenznutzenwert  der  Produkte
bestimmen.
Wir  sehen  also,  daß  sowohl  der  Verkäufer  als  auch  der  Käufer ­
  die  Produkte  nach  ihrem  Arbeitswert  schätzen,  d.  h.  danach,
wieviel  Arbeit  sie  ihnen  kosten  oder  kosten  könnten.  Infolge  der
Verschiedenheit  in  der  Arbeitsproduktivität  sparen  sie  beide  an
Arbeit,  und  das  ist  auch  ihr  Gewinn.  Der  Austausch  von  Produkten ­
  schafft  aber  noch  keinen  Reichtum.  Denn  die  Produktenmenge
  wird  dadurch  nicht  vergrößert.
Die  Grenznutzentheoretiker  finden  den  Gewinn  in  der  subjektiven ­
  Wertschätzung.  Bei  jedem  wirtschaftlich  rationellen
Tauschakte,  sagt  Böhm  von  Bawerk,  wird  jeder  Kontrahent  gewinnen, ­
  und  zwar  den  Unterschied  zwischen  dem  subjektiven

')  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre,  Bd.  I,  1905,  S.  160.
        <pb n="206" />
        198

Wert  der  abtretbaren  und  dem  der  dafür  erhaltenen  Sache.  Mit
anderen  Worten:  je  höher  der  subjektive  Wert  der  gekauften
Sache,  umso  größer  der  „Gewinn“.  Welchen  Vorteil  kann  nur
die  Volkswirtschaft  davon  haben,  daß  die  Käufer  die  gekauften
Gegenstände  hoch  einschätzen!  Wieviel  „gewinnen“  die  Wilden,
die  die  kostbarsten  Gegenstände  den  Europäern  für  Glasperlen
abgeben,  die  sie  hoch  einschätzen!
Sinkt  der  Preis  des  Tees  von  20  auf  14  Schilling,  so  erhält  der
Konsument,  sagt  Marshall,  dadurch  einen  Uberschuß  an  Befriedigung, ­
  welcher  ihm  6  Schilling  wert  ist.  Diesen  „Überschuß“  nennt
Marshall  den  Gewinn  des  Konsumenten,  der  der  „Rente“  ähnlich
sei.  Diese  Betrachtungsweise  ruft  den  Gedankengang  des
Tschechowschen  Sargmachers  in  Erinnerung,  der  es  als  Verlust
empfindet,  wenn  wenig  Leute  sterben.
Der  Austausch  ermöglicht  die  Arbeitsersparnis.  Reicher  wird
aber  die  Gesellschaft,  wenn  dadurch  die  Produktion  steigt.
In  der  Naturalwirtschaft  hängt  die  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Wirtschaft  von  dem  relativen  Arbeitswert  und  dem
Umfang  der  Produktivkräfte  der  Wirtschaft  ab.  Ebenso  kauft
auch  die  Familie  in  der  Tauschwirtschaft  je  nach  ihren  Produktivkräften. ­
  Je  mehr  Produktivkräfte  ihr  zur  Verfügung  stehen,
um  so  mehr  und  um  so  teurere  Produkte  kann  sie  sich  verschaffen.
Die  Wertschätzung  bleibt  dieselbe.  Allein  die  Produkte  werden
nicht  mehr  in  eigener,  sondern  in  einer  anderen  Wirtschaft  hergestellt. ­
  Ebenso  ändert  auch  der  mittelbare  Austausch  gegen  Geld
den  Verteilungsprozeß  der  Produktivkräfte  nicht.  Nur  sondern
sich  durch  das  neue  wirtschaftliche  Element  die  Kauf-  von  den
Produktivkräften  der  Wirtschaft.  Immerhin  werden  die  Kaufkräfte ­
  durch  die  Einkünfte  der  Wirtschaft  bestimmt,  und
nach  diesen  muß  sich  auch  jede  Familie  in  ihren  Käufen  richten.
Da  nun  die  Gesellschaft  die  Summe  der  einzelnen  Wirtschaften
darstellt,  so  wird  sich  danach  auch  der  Gesamtkonsum  wie  die
Gesamtproduktion  richten.  Folglich  wird  die  Verteilung  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Gesellschaft  ebenfalls  durch  den  relativen
Arbeitswert  der  Produkte  bestimmt,  nach  dem  gleichen  Prinzip
wie  in  der  isolierten  Wirtschaft.
        <pb n="207" />
        Fünfzehntes  Kapitel.
Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  während
des  Akkumulätionsprozesses.
I.
Der  Kampf  der  Arbeiter  um  die  Verbesserung  ihrer  Lage  und
unter  anderem  um  die  Erhöhung  ihres  Arbeitslohns  verschärft
sich  immer  mehr  und  nimmt,  sich  auf  alle  kapitalistischen  Länder
ausdehnend,  immer  größere  Dimensionen  an.  Der  schwedische
Streik  von  1909  zeigte  der  ganzen  Welt  nicht  nur  die  Ausdauer  der
Arbeiter  in  diesem  Kampfe,  sondern  auch  ihre  internationale
Solidarität.
Die  Praxis  hat  aber  die  Theorie  überflügelt.  Die  Frage,  welchen
Einfluß  der  Kampf  um  die  Erhöhung  des  Arbeitslohns  auf  die
Entwicklung  der  Volkswirtschaft  ausübt,  ist  noch  vollkommen
ungeklärt,  und  stets  müssen  die  Arbeiter  die  Argumente  der
Kapitalisten  und  ihrer  Helfershelfer  anhören,  daß  die  Erhöhung
des  Arbeitslohns  nicht  nur  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft
hemmen,  sondern  zu  einer  völligen  ökonomischen  Stagnation
führen  könne.
Um  indes  die  Bedeutung  des  Arbeitslohnes  zu  erklären,  ist  es
notwendig,  zuerst  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  der  Volkswirtschaft ­
  zu  untersuchen,  wie  sich  diese  im  Laufe  des  Akkumulationsprozesses ­
  darstellt.  In  dieser  Beziehung  ist  die  amerikanische ­
  Statistik  wertvoll,  die  Aufschluß  über  die  Zusammensetzung ­
  des  Kapitals,  den  Arbeitslohn  und  den  Unternehmer-Profit
  gibt.
        <pb n="208" />
        Zum  Vergleich  müßten  wir  die  Verteilung  der  Produktivkräfte
im  Zeitalter  der  Natural-  oder  einfachen  Warenwirtschaft  heranziehen. ­
  Leider  besitzen  wir  keine  genauen  Angaben  aus  dieser
Zeit.  Es  ist  aber  bekannt,  daß  etwa  die  Hälfte  der  Arbeitskraft
der  Leibeignen  von  den  Gutsherren  beansprucht  wurde.  Wir
nehmen  also  an,  daß  von  55  Einheiten  (beispielsweise  55  Millionen
Arbeitstagen)  25  auf  den  Teil  kamen,  den  die  Gutsbesitzer  erhielten, ­
  und  30  für  die  Bauern,  Handwerker  usw.  verblieben.  Sowohl ­
  die  25  Einheiten  (der  Teil  der  Gutsbesitzer)  als  auch  die
übrigen  30  Einheiten  (der  Bauernanteil)  wurden  für  die  Gewinnung ­
  nicht  nur  von  Konsumtions-,  sondern  auch  von  Produktionsmitteln ­
  verwendet.  Nehmen  wir  an,  daß  die  Erzeugung  von  Produktionsmitteln ­
  nur  halbsoviel  Arbeit  beansprucht  als  die  der
Konsumtionsmittel,  so  erhalten  wir  folgendes  Schema:
Für  die  Gewinnung  von  Massenkonsumtionsartikeln  bedarf  man
20  Einheiten.
Für  die  Herstellung  von  Produktionsmitteln,  die  zur  Gewinnung ­
  von  Massenkonsumtionsartikeln  notwendig  sind,  10  Einheiten. ­

Die  Gewinnung  von  Konsumtionsmitteln  für  die  herrschenden
Klassen  erfordern  17  Einheiten,  während  die  dazu  notwendigen
Produktionsmittel  8  Arbeitseinheiten  brauchen.
Für  die  herrschenden  Klassen  werden  dabei  nicht  nur  die
dringlichsten  Konsumtionsmittel,  sondern  auch  die  Luxusgegenstände ­
  hergestellt.  Wir  haben  schon  bewiesen,  weshalb  sie
Luxusgegenstände  brauchen  müssen.  Im  Zusammenhang  damit
müssen  aber  auch  die  Produktionsmittel  dieser  Gruppe  einerseits
zur  Herstellung  von  Konsumtions-,  andererseits  von  Luxusgegenständen ­
  dienen.
Bezeichnen  wir  den  persönlichen  Konsum  der  produktiven
Klasse  durch  H,  den  der  herrschenden  Klasse  durch  I  und  die
Produktionsmittel  durch  HI.  Die  Menge  Arbeitskraft,  die  die  Produktion ­
  der  Güter  jeder  Gruppe  erfordert,  wird  durch  arabische
Zahlen  angegeben,  wobei  die  erste  Reihe  den  Arbeitsaufwand  für
die  Herstellung  der  dringlichst  notwendigen  Produkte,  die  zweite
        <pb n="209" />
        201

Reihe  der  minder  dringlich  notwendigen  usw.  ausdrückt.  Es  ergibt
sich  nun  folgendes  Schema:*)
1  II  III
10  20  5  +  10
5  —  2
2  —  1
Bei  unserer  Annahme,  daß  die  Gesellschaft  55  Arbeitseinheiten ­
  besitzt,  werden  sie  folgendermaßen  verteilt:  10  Arbeitseinheiten ­
  dienen  zur  Befriedigung  der  dringlichsten  Bedürfnisse
der  herrschenden  Klassen,  20  decken  die  gleichen  Bedürfnisse
der  arbeitenden  Klassen  und  10-1-5  Arbeitseinheiten  werden  auf
die  Herstellung  von  Produktionsmitteln  verwendet.  Da  nun  noch
„freie“  Arbeitskraft  übrig  bleibt,  so  können  die  herrschenden
Klassen  auch  ihre  weniger  dringlichen  Bedürfnisse  befriedigen.
In  der  vorkapitalistischen  Zeit  wurde  die  „überschüssige“  Arbeitskraft ­
  zur  Befriedigung  des  unmittelbaren  Verbrauches  der  herrschenden ­
  Klassen  und  nur  insoweit  zur  Herstellung  von  Produktionsmitteln ­
  verwendet,  als  sie  für  die  Produktion  von  Konsumtionsmitteln ­
  notwendig  ist.  Deshalb  wird  diese  Arbeitskraft  für
die  Erzeugung  von  weniger  notwendigen  oder  Luxusgegenständen
und  deren  Arbeitsmitteln  verwendet  werden.
Bei  dem  angenommenen  Ausbeutungsgrade  ist  die  angegebene
Verteilung  der  Produktivkräfte  notwendig.  Steigt  aber  die  Produktivität ­
  der  Arbeit,  so  wird  je  nachdem,  welche  Klasse  davon
Vorteil  hat,  die  Reihe  I  oder  H  vergrößert  werden,  und  abhängig
davon  wird  auch  die  Reihe  HI,  die  Produktion  von  Produktionsmitteln, ­
  steigen.
Die  kapitalistische  Wirtschaft  zeichnet  sich  dadurch  aus,  daß
der  Unternehmer  bestrebt  ist,  Profit  zu  erhalten.  Mit  anderen
Worten:  er  sucht  die  sozialen  Bedürfnisse  nur  soweit  zu  befriedigen, ­
  als  er  dadurch  Profit  erhält.  Daher  sucht  er  die  Produktionskosten ­
  zu  verringern:  die  Produktivität  der  Arbeit  zu  er-*)
  Die  angeführten  Zahlen  drücken  das  tatsächliche  Verhältnis
der  Produktion  verschiedener  Gegenstände  aus  und  sind  auf  Grund  der
Angaben  über  die  Zusammensetzung  des  Handwerkerkapitals  und  die
Ausbeutung  der  Hörigen  zusammengestellt.
        <pb n="210" />
        höhen  und  den  Konsum  der  Arbeiter  zu  vermindern.  Die  Konkurrenz ­
  zwingt  dabei  den  Unternehmer,  das  fixe  Kapital  immer
mehr  zu  vergrößern,  um  die  Arbeitsproduktivität  zu  steigern.
Konsumiert  ein  Unternehmer  seinen  ganzen  Profit,  so  wird  er
durch  die  Konkurrenz  bald  aus  den  Reihen  der  Kapitalisten  herausgedrängt ­
  werden.
Bezeichnen  wir  die  Konsumtionsmittel  der  Kapitalisten  durch
I,  die  der  Arbeiter  durch  11,  die  Produktionsmittel  (den  Arbeitslohn ­
  ausgeschlossen)  durch  111  und  die  Kommunikations-  und
Transportmittel  durch  IV,  so  erhalten  wir  folgendes  Schema:
1  11  111  IV
10  15  10  +  5  5
5  2
2  1
Wir  haben  gesehen,  daß  die  Handwerker,  die  in  Kustari-  und
Hausarbeiter  verwandelt  werden,  nicht  mehr  den  vollen  Betrag
ihrer  Arbeit  erhalten.  Deshalb  verringert  sich  der  Konsum  der
Massen  von  20  auf  15  Einheiten;  diese  5  Arbeitseinheiten  werden
zur  Zeit  der  Herrschaft  des  Handelskapitals  zur  Herstellung ­
  von  Kommunikations-  und  Transportmitteln  verwendet.
Der  Übergang  von  der  Natural-zur  kapitalistischen  Wirtschaft
wird  zunächst  von  einem  erhöhten  Arbeitsaufwand  auf  die  Gewinnung ­
  von  Edelmetallen  und  den  Bau  von  Kommunikationsmitteln ­
  begleitet,  die  eine  notwendige  Bedingung  für  die  Existenz
und  Entwicklung  der  kapitalistischen  Wirtschaft  sind.
Die  vermehrte  Gewinnung  von  Edelmetallen  zu  Beginn  des
Kapitalismus  wird  häufig  als  Ursache  seiner  Entwicklung  betrachtet. ­
  ln  der  Tat  verhält  es  sich  gerade  umgekehrt:  der  entwickelte ­
  Warenaustausch  verursacht  die  stärkere  Ausbeutung  von
Edelmetallen  und  die  Verbesserung  der  Kommunikationsmittel.
„Die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts,“  sagt  Sombart,*)  „bezeichnet
in  der  Entwicklung  des  modernen  Kapitalismus  eine  Epoche;  man
kann  sagen,  daß  er  seit  dieser  Zeit  in  allen  Ländern  Westeuropas
in  das  Stadium  seiner  Hochblüte  eintritt.  Was  aber  den  gewalti-')

  Der  moderne  Kapitalismus,  Bd.  II,  S.  8—9.
        <pb n="211" />
        203

gen  Aufschwung,  den  kapitalistisches  Wesen  von  nun  an  nimmt,
vor  allem  bewirkt,  ist  die  plötzliche  Vermehrung  der  Edelmetallproduktion, ­
  die  die  Erschließung  der  kalifornischen  (1848)  und
der  australischen  (1851)  Goldgruben  herbeiführt  .  .  .  Dazu  kam
die  ungeheure  Expansion,  die  der  Kredit  erfuhr,  vor
allem  die  beträchtliche  Vermehrung  des  Papiergeldumlaufs  in
Mitteleuropa.“
Daraus  folgt,  daß  die  ganze  kapitalistische  Entwicklung  einem
Zufall,  „der  plötzlichen  Vermehrung  der  Edelmetallproduktion“,
zu  verdanken  ist.  Wie  soll  man  aber  die  Vermehrung  des  Papiergeldumlaufes ­
  und  die  Expansion  des  Kredites  erklären?
Die  starke  Vermehrung  der  Edelmetallproduktion  um  die
Mitte  des  19.  Jahrhunderts  beweist  nur,  daß  Gold  und  Silber  für
den  gesteigerten  internationalen  Tauschverkehr  ebenso  notwendig
wurden,  wie  die  Dampfschiffahrt  und  die  Eisenbahnen.  Ebenso
rief  die  Entstehung  des  Kapitalismus  zu  Ende  des  Mittelalters  die
Entwicklung  der  Schiffahrt,  die  Entdeckung  Amerikas  und  vor
allem  eine  erhöhte  Ausbeutung  von  Edelmetallen  hervor.  In
beiden  Fällen  war  die  Vermehrung  der  Edelmetallproduktion  eine
Folge  der  Neueinteilung  der  Produktionskräfte,  also  der  Ausdehnung ­
  des  einfachen  Warenaustausches  und  der  Bildung  des
Weltmarktes.
Die  Akkumulation  des  Kapitals  führt  weniger  zum  verstärkten
Konsum  der  Kapitalisten,  als  zur  vermehrten  Aufwendung  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  für  Produktionsmittel  und  in  Verbindung
damit  für  Tausch-  und  Verkehrsmittel.  Das  beständige  Streben
des  Kapitalisten  nach  einem  höheren  Profit,  sein  Bestreben,  nicht
nur  selbst  der  Konkurrenz  standzuhalten,  sondern  auch  seine
Konkurrenten  aus  dem  Felde  zu  schlagen  oder  wenigstens  zu
schwächen,  veranlaßt  ihn,  die  Ausbeutung  des  Arbeiters  zu  verstärken ­
  und  die  Produktivität  seiner  Arbeit  vermittelst  neuer  Aufwendungen ­
  für  die  Verbesserung  der  Produktionsmittel  zu  erhöhen. ­
  Die  Bedingungen  der  kapitalistischen  Produktionsweise
stoßen  auf  diese  Weise  die  kapitalistische  Gesellschaft  unaufhaltsam ­
  auf  den  Weg  der  vermehrten  Verwendung  der  nationalen
Arbeit  für  die  Herstellung  von  Produktions-  und  Verkehrsmitteln:
        <pb n="212" />
        204

das  Wachstum  der  letzteren  ist  mit  dem  Wachstum  des  Warenaustausches ­
  eng  verknüpft.  Darum  führt  die  dank  der  Akkumulation ­
  des  Kapitals  und  der  erhöhten  Produktivität  der  Arbeit
erfolgte  Vermehrung  der  Produktionskräfte  der  Gesellschaft  in
erster  Linie  zu  einer  vermehrten  Aufwendung  in  der  Produktion
von  Werkzeugen  für  die  Produktion  von  Werkzeugen  (III,  IV
und  V).
Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  des  Landes  kann  in  folgendem ­
  Schema  ausgedrückt  werden:

II  III  IV  V
18  30  15  10

I
10

2
2
1

a
4
2
1

Die  größte  Steigerung  des  Arbeitsaufwandes  wird  also  in  den
Gruppen  III,  IV  und  V  der  ersten  Reihe  stattfinden.
Wie  wir  sehen  werden,  wächst  das  fixe  Kapital  hauptsächlich
in  der  Produktion  von  Massenkomsumartikeln.  Ebenso  ist  die
Arbeitsaufwendung  für  die  Herstellung  besserer  Kommunikationsmittel ­
  hauptsächlich  erforderlich  in  Anbetracht  des  Transportes
der  Massenkonsumartikel.  Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  sich
der  Maschinenbau  ebenfalls  dank  der  Produktion  und  dem  Transport ­
  der  Massenkonsumartikel  entwickelt.  Dagegen  erfordert  eine
vermehrte  Produktion  von  Luxusartikeln  —  wie  das  aus  dem
Nachfolgenden  ersichtlich  ist  —  eine  niedrigere  Struktur  des  Kapitals ­
  und  keine  Vermehrung  der  Verkehrsmittel,  das  heißt  keine
neuen  Kommunikationsmittel,  denn  die  Luxusartikel  spielen  in
der  Gesamtmasse  der  für  den  Transport  bestimmten  Waren  eine
verschwindend  geringe  Rolle.
Auf  diese  Weise  führt  das  Wachstum  der  Produktionskräfte,
soweit  es  in  einer  wenn  auch  nur  geringen  Vermehrung  der
Massenkonsumartikel  zum  Ausdruck  gelangt,  zu  einer  Neuverteilung ­
  der  Produktionskräfte  zwischen  den  verschiedenen  Industriezweigen. ­
        <pb n="213" />
        205

In  verschiedenen  Perioden  der  kapitalistischen  Entwicklung
ist  die  relative  Zunahme  oder  Abnahme  des  Konsums  der  Kapitalisten- ­
  oder  Arbeiterklasse  verschieden,  aber  die  Tendenz  bleibt
konstant:  die  Aufwendungen  an  gesellschaftlicher  Arbeit  für  Produktions- ­
  und  Verkehrsmittel  nehmen  mit  der  Akkumulation  des
Kapitals  im  Lande  absolut  und  relativ  immer  mehr  zu.
Aber  die  Zunahme  der  Produktions-  und  Verkehrsmittel  muß
auf  die  relative  Reduktion  der  unmittelbaren  Bedarfsartikel  bei
den  Kapitalisten  und  Arbeitern  stoßen,  denn  in  letzter  Linie  wird
die  Produktion  für  den  Konsum  organisiert.  Da  aber  der  Umfang
des  gesellschaftlichen  Konsums  eines  jeden  Produktes  nicht  festgestellt ­
  wird,  so  führt  die  Zunahme  des  Kapitalismus  in  diesem
oder  jenem  Industriezweig  zur  Überproduktion  und  zur  Krisis.
Nehmen  wir  an,  daß  das  akkumulierte  Kapital  sich  in  der  Produktion ­
  von  Kattun  realisiert.  Das  Kapital  wird  für  Baumwolle
und  Spinnereimaschinen  aufgewendet,  die  Kattunproduktion  hat
sich  um  das  Doppelte  vermehrt.  Da  aber  der  Konsum  der
Kapitalisten  und  der  anderen  gesellschaftlichen  Klassen
nicht  entsprechend  dem  Wachstum  der  Produktion  steigen
kann,  so  zeigt  sich  schließlich,  daß  mehr  Kattun  produziert  ist,
als  abgesetzt  werden  kann.  Der  Kapitalist  ist  im  Besitze  eines
Mehrproduktes  in  Gestalt  von  Kattun,  das  er  in  einem  anderen
Industriezweig  in  Produktionsmitteln  realisieren  muß,  um  es  in
Kapital  zu  verwandeln  und  fortgesetzt  Profit  zu  erlangen.  Da  er
aber  den  Kattun  nicht  absetzen  kann,  so  kann  er  auch  nicht  für
den  neuen  Industriezweig  Produktionsmittel  kaufen.  Folglich
kann  auch  der  Kapitalist,  der  die  Produktionsmittel  für  den
ersteren  besitzt,  ihm  dieselben  nicht  verkaufen.  Die  Produktionsmittel, ­
  die  der  zweite  Kapitalist  produzierte,  bleiben  unverkauft,
obgleich  der  erste  Kapitalist  ihrer  bedarf,  denn  er  hat  seinen
Kattun  nicht  verkauft.
Die  angehäuften  Güter  des  Kattunfabrikanten  können  sich  also
im  Verlauf  einer  gewissen  Periode,  bis  der  Markt  die  von  ihm  produzierten ­
  überschüssigen  Produkte  aufgenommen  haben  wird,
auch  nicht  realisieren.  Das  Bedürfnis,  die  den  Markt  überfüllenden ­
  Waren  abzusetzen,  ruft  den  Wettlauf  nach  einem  auswärtigen
        <pb n="214" />
        206

Markt  hervor,  der  die  Realisation  der  Produkte  erleichtern  und
die  Überproduktion  abschwächen  soll.
Obgleich  der  Kattunkonsum  infolge  der  Zunahme  der  Bevölkerung ­
  oder  der  dank  den  Fortschritten  der  Technik  erfolgten
Verbilligung  der  Produktion  steigen  kann,  kann  sich  der  Markt
in  Anbetracht  der  beschränkten  Kaufkraft  der  Masse  der  Bevölkerung ­
  dennoch  nicht  so  schnell  erweitern,  wie  sich  die  Akkumulation ­
  des  Kapitals  vollzieht.  Es  ist  klar:  das  neu  akkumulierte ­
  Kapital  muß  entweder  in  anderen  Industriezweigen  realisiert
werden,  wo  man  durch  die  Vermehrung  des  fixen  Kapitals  die
Produktivität  der  Arbeit  bedeutend  erhöhen  und  die  Handarbeit
durch  die  Konkurrenz  vernichten  kann,  oder  es  muß  eine  ganz
neue  Produktion  solcher  Waren,  die  bisher  nicht  produziert  wurden, ­
  ins  Leben  gerufen  und  der  Konsum  der  gesellschaftlichen
Klassen,  wenn  auch  um  den  Preis  der  Einschränkung  anderer
Bedürfnisse,  gesteigert  werden.  In  diesem  wie  in  jenem  Falle
wird  eine  Neugruppierung  der  Produktionskräfte  der  Gesellschaft
in  der  Richtung  der  Produktionserweiterung  der  Produktionsmittel ­
  eintreten.  Denn  die  Zunahme  der  Produktivität  der  Arbeit,
die  Ablösung  der  Handarbeit  durch  die  Maschinenarbeit,  ist  nur
möglich  bei  einer  Zunahme  des  fixen  Kapitals,  bei  vermehrten
Kapitalaufwendungen  für  Bauten,  für  Anfertigung  von  Maschinen
usw.  Ebenso  ist  die  Erschließung  neuer  Industriezweige  gewöhnlich ­
  verknüpft  mit  neuen  Maschinen,  neuen  Aufwendungen  an
fixem  Kapital,  denn  die  verschiedenen  Arten  der  Handarbeit
haben  schon  früher  existiert,  und  auf  diesem  Gebiet  ist  es  schwer,
etwas  Neues  zu  finden.
Aus  dem  angeführten  Schema  geht  also  hervor,  daß  die  Beschränktheit ­
  des  persönlichen  Konsums  sowohl  der  Kapitalisten
als  auch  der  Arbeiter  zur  Ausdehnung  der  Produktion  von  Produktionsmitteln ­
  führen  muß.  Da  aber  die  Waren  in  letzter  Linie
dem  Verbrauch  dienen,  so  kann  diese  Neueinteilung  der  Produktivkräfte ­
  nur  stoßweise,  durch  Krisen  vor  sich  gehen.  Die  Beschränktheit ­
  des  Marktes  ruft  eine  Überproduktion  hervor,
worauf  eine  Neueinteilung  der  Produktivkräfte  erfolgt.  Je
        <pb n="215" />
        207

schneller  sich  darum  die  Akkumulation  des  Kapitals  vollzieht,
desto  beträchtlicher  ist  die  Summe  der  Produktionskräfte,  die  die
Gesellschaft  für  die  Produktion  des  fixen  Kapitals:  für  die  Gewinnung ­
  von  Eisenerz,  für  die  Produktion  von  Stahl,  Maschinen,
Baumaterialien  usw.  aufwenden  muß.
Stellen  wir  uns  eine  gesellschaftliche  Organisation  der  Produktion ­
  vor.  In  diesem  Falle  verbrauchen  die  Arbeiter,  die  die
ganze  Gesellschaft  bilden,  auch  die  in  der  Gruppe  I  produzierten
Gegenstände.  Obgleich  nun  der  Konsum  der  Arbeiter  dadurch
steigt,  geht  die  Akkumulation  von  Produktionsmitteln  im  gleichen
Tempo  wie  früher  vor  sich.  Werden  aber  auch  in  diesem  Falle
Krisen  notwendig  sein?  Da  die  Verteilung  der  Produktivkräfte
nach  einem  bestimmten  Plane  vor  sich  gehen  wird,  so  werden
auch  keine  Produktionsstörungen  eintreten.  Dabei  wird  hier  die
Produktion  von  Produktionsmitteln  nicht  mehr  Selbstzweck  wie
in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  sein,  sondern  zur  Verkürzung
des  Arbeitstages  und  Steigerung  des  persönlichen  Konsums  dienen.
In  der  kapitalistischen  Gesellschaft  dagegen  geht  die  Vermehi'ung
  des  fixen  Kapitals  ohne  gleichzeitige  Einschränkung  der  Arbeitsausbeutung ­
  vor  sich.  Da  aber  die  produzierten  Gegenstände
in  letzter  Linie  doch  immer  in  den  persönlichen  Konsum  eingehen
  müssen,  bedarf  der  Kapitalist  einer  stetigen  Markterweiterung, ­
  damit  auf  diesem  Boden  eine  Produktionsvermehrung  und
Produktionsmittelanhäufung  eintreten  kann.  Dank  dem  Umstand, ­
  daß  der  Arbeitslohn  der  Arbeiter  auf  einem  niedrigen
Niveau  steht  und  die  Kapitalisten  sich  dessen  „enthalten“,  den
gesamten  Wert,  den  sie  aus  der  Ausbeutung  der  Arbeiter  herausschlagen, ­
  zu  konsumieren,  vollzieht  sich  die  Markterweiterung
hauptsächlich  entweder  auf  Kosten  der  Bevölkerungszunahme
oder  auf  Kosten  eines  auswärtigen  Marktes.  Darum  sind  die  Entwicklungsbedingungen ­
  der  kapitalistischen  Produktionsweise  in
Ländern  mit  einer  konstanten  Bevölkerungsziffer  (Frankreich)
oder  in  kleinen  Ländern,  die  keinen  auswärtigen  Markt  besitzen,
weniger  günstig  als  in  umfangreichen  Ländern  mit  einer  steigenden ­
  Bevölkerungsziffer.
        <pb n="216" />
        til

—  208

IL

Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  äußert  sich  in  der  Vermehrung ­
  der  erzeugten  Produktion  in  den  verschiedenen  Gewerbezweigen, ­
  wobei  diese  rascher  zunehmen  müssen  als  die  Bevölkerung. ­
  Denn  hält  die  Produktion  mit  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  nicht  gleichen  Schritt,  so  tritt  eine  relative  Abnahme
der  erzeugten  Produkte  ein,  wie  dies  beispielsweise  in  Rußland
der  Fall  ist,  wo  die  Landwirtschaft  jetzt  wohl  absolut  mehr,  aber
im  Verhältnis  zur  Bevölkerung  weniger  Produkte  erzeugt,  als  vor
einigen  Jahren.
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  geht  in  verschiedenen
Arbeitssphären  verschieden  vor  sich.  In  einigen  vermehrt  sich
sowohl  die  Zahl  der  Betriebe  und  die  der  darin  beschäftigten
Arbeiter,  als  auch  das  darin  investierte  Kapital;  in  anderen  steigt
nur  die  Arbeiterzahl  oder  es  wächst  bloß  das  fixe  Kapital  usw.
Auf  Grund  der  amerikanischen  Statistik  läßt  sich  eine  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  bei  folgenden  Verhältnissen  konstatieren: ­
  Bei  einer  absoluten  und  relativen  Vermehrung ­
  der  Betriebe,  des  fixen  Kapitals  und  der
Arbeiterzahl.  Dann  geht  eine  kolossale  Entwicklung  vor
sich.  Meistens  findet  sie  in  den  neuen  Industriezweigen  statt,  die
sich  rasch  den  Markt  erobern.
Auf  diese  Weise  entwickelten  sich  folgende  Gewerbe  (die  Vermehrung ­
  ist  in  Prozenten  angegeben  und  bezieht  sich  auf  die
Jahre  1880  und  1905:
Betriebe
Eisenindustrie  350
Automobilindustrie  (seit  1900)  300
Zuckerfabriken  50
Elektrische  Fabriken  1100
Wollindustrie  300
In  den  angeführten  Industriezweigen  stieg  der  Wert  der  Produkte ­
  seit  1880  (in  der  Automobilindustrie  1900  bis  1905)  von
44  Millionen  auf  451  Millionen  Dollar,  oder  um  das  Zehnfache;
das  Kapital  dagegen  um  das  Fünfzehnfache  (von  29,4  auf

Kapital  Arbeiter
5400  1800
400  500
1000  240
11  600  5000

800

350

Produktionswert ­

2700
600
460
5400
500
        <pb n="217" />
        Mas  slow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

14

209

458,9  Millionen  Dollar)  ;  die  Arbeiterzahl  vermehrte  sich  um  das
Siebenfache  (von  24  500  auf  179  500)  und  die  Zahl  der  Betriebe
um  das  Dreifache.  So  sehen  wir,  daß  auch  bei  Industriezweigen,
die  die  stärkste  Entwicklung  aufweisen,  am  meisten  das  fixe
Kapital  zugenommen  hat.  Die  Produktion  hielt  mit  dem  Wachstum ­
  des  Kapitals  nicht  gleichen  Schritt,  übersteigt  aber  die  Zunahme ­
  der  Arbeiterzahl.  Die  Arbeiterzahl  ihrerseits  hat  sich
rascher  vermehrt  als  die  Zahl  der  Betriebe:  es  findet  also  eine
Konzentration  statt.
Häufiger  kommt  es  vor,  daß  das  Kapital  sowohl  als  auch
die  Arbeiterzahl  steigt,  während  die  Zahl  der  Betriebe  nur  wenig
zu-  oder  gar  abnimmt.  Diese  Erscheinung  trat  in  folgenden  Industriezweigen ­
  zutage:  ^  ^  ^  Wert  der
Betriebe  Kapital  Arbeiter
Lokomotivbau  —  66  1100  300  450
Koksproduktion  200  1700  600  1000
Landwirtschaft!.  Maschinen  —  200  215  16  65
Sprengstoffabrikation  130  540  346  400
Düngemittelfabrikation  8  300  42  140
Maschinenbau  98  500  180  272
Kupferfabriken  —  4  250  81  180
Ziegelfabriken  —  18  341  0  120
Eisen-  und  Stahlgewinnung  —  66  263  72  206
Holz  Warenfabrikation  —  22  186  173  150
Steinindustrie  —  43  313  97  100
Papierfabrikation  3  477  160  230
Fabrikation  von  Koch-  '
und  Wärmeapparaten  90  800  400  490
Drahtfabrikation  —  18  260  —  23  65
Wir  haben  hier  nur  die  wichtigsten  Zweige  angeführt.  Es
sei  dem  noch  die  Produktion  der  wichtigsten  Bedarfsmittel  hinzugefügt. ­
  Hier  stieg  von  1880  bis  1905  die  Produktion  von  (in
Prozenten)  :  _  .  .  ,  Wert  der
Produkte
550

Käse,  Butter  und  Milch
Herrenkonfektion

Betriebe  Kapital  Arbeiter
123  392  100

25

92

8

70
        <pb n="218" />
        —  210  —

Betriebe

Damenkonfektion  500
Kaffee  und  Würzen  50
Konditoreiwaren  —  7
Mehl  und  Mehlwaren  —  60
Möbel  340
Getränke  —  25
Musikalische  Instrumente  30

Kapital
800
370
420
50
240
463
392

Arbeiter
360
140
270
—  31
86
84
200

Wert  der
Produkte
670
200
240
41
120
195
266

Die  Ausdehnung  der  Produktion  kann,  wie  wir  gezeigt  haben,
nur  bei  einer  gewissen  Steigerung  der  Massenkonsumtion  infolge
der  Bevölkerungszunahme  oder  der  erhöhten  Kaufkraft  der  Bevölkerung ­
  stattfmden.  In  größerem  Maße  aber  wie  die  Produktion ­
  von  Konsumtionsmitteln  dehnt  sich  die  Produktion  der  Produktionsmittel ­

  aus.  Die  Erweiterung  des  inneren  Marktes  geht
hauptsächlich  auf  diesem  letzten  Wege  vor  sich.
Ich  rechnete  das  Kapital,  den  Arbeitslohn  und  den  Wert  der
Produkte  in  den  wichtigsten  Produktionszweigen  zusammen,  die
Nahrungsmittel  verarbeiten.  Das  gleiche  tat  ich  in  bezug  auf  die
Produktionsmittelindustrien,  und  ich  erhielt  auf  diese  Weise  folgendes ­

  Resultat:
Industrie  der  Konsumtionsmittel.
Kapital  Arbeitslohn  Wert  der  Produkte
in  Millionen  Dollars
1880  1367,1  415,6  2732,3
1905  4433,3  897,3  7065,8
Das  Kapital  stieg  um  224  Proz.  ;  der  Arbeitslohn  um  115  Proz.
Industrie  der  Produktionsmittel.
Kapital  Arbeitslohn  Wert  der  Produkte
in  Millionen  Dollars
1880  960,8  269,2  1626,9
1905  4056,2  785,5  4320,8
Das  Kapital  vermehrte  sich  hier  um  315  Proz.,  der  Arbeitslohn ­
  um  192  Proz.  Ebenso  stieg  hier  die  Zahl  der  Arbeiter  (wie
man  dies  schon  aus  der  Zunahme  der  Lohnsumme  schließen

kann)  viel  rascher  als  in  der  ersten  Gruppe,  der  der  Konsumtionsmittelindustrien. ­

Im  Zusammenhang  mit  der  rascheren  Produktion  der  Arbeitsmittel ­
  steht  auch  die  höhere  Zusammensetzung  des  Kapitals.  In
        <pb n="219" />
        14

211

der  Gruppe  der  Konsumtionsmittelindustrien  war  das  Verhältnis
des  Kapitals  zum  Arbeitslohn  1880  wie  3,3:  1  und  1905  wie
4,9:  1.  In  den  Gruppen  der  Produktionsmittelindustrien  war
dieses  Verhältnis  1880  wie  3,56:1  und  1905  wie  5,17:1.  Das
variable  Kapital  nimmt  im  Verhältnis  zum  konstanten  Kapital
immer  mehr  ab.  Um  Bedarfsgegenstände  herzustellen,  muß  also
immer  mehr  Kapital  für  Maschinen  aufgewendet  werden.  Folglich ­
  dehnt  sich  auch  in  dieser  Beziehung  der  Markt  aus.
III.
Die  Märkte-  und  Krisentheorie  ist  eines  der  schwierigsten
Probleme  der  politischen  Ökonomie.  Eine  scharfsinnige  und
zum  Teil  richtige  Märktetheorie  hat  M.  Tugan-Baranowski  in
seinem  Buche  „Handelskrisen“  geliefert,  aber  indem  er  sich  von
der  Abstraktion  hinreißen  ließ,  führte  er  seine  Theorie  bis  zum
logischen  Absurdum.  Tugan-Baranowski  weist  nach,  daß  der
Markt  durch  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  selbst  geschaffen
&amp;gt;vird,  und  daß  bei  einer  richtigen  Verteilung  der  Produktionskräfte ­
  keine  Überproduktion  eintreten  kann.  Der  Gedanke,  daß
der  Markt  durch  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  selbst  geschaffen ­
  wird,  ist  richtig,  und  wir  haben  gezeigt,  daß  der  Bedarf
an  Produktions-  und  Verkehrsmitteln  mit  der  Akkumulation  des
Kapitals  zunimmt.  Man  darf  aber  nicht  glauben,  daß  diese  Zunahme, ­
  wie  das  von  Tugan-Baranowski  angenommen  wird,^)  der
Akkumulation  des  Kapitals  proportional  ist.  Denn  letzten  Endes
dienen  die  Produktionsmittel  zur  Herstellung  der  unmittelbaren
Bedarfsartikel.  Wenn  Tugan-Baranowskis  Theorie
richtig  wäre,  so  würde  sich  der  Kapitalismus
*)  „Wir  sehen  also  eine  Erweiterung  der  gesellschaftlichen  Produktion ­
  bei  einer  gleichzeitigen  Einschränkung  des  gesellschaftlichen
Konsums  ohne  jegliche  Störung  des  Gleichgewichtes  zwischen  dem
gesellschaftlichen  Angebot  und  der  gesellschaftlichen  Nachfrage.“  ..  .
»Auf  diese  Weise  erweist  sich  zu  gleicher  Zeit  eine  Zunahme  des
gesellschaftlichen  Reichtums  (in  Form  von  Produkten,  die  die  Gesellschaft ­
  besitzt)  und  eine  Abnahme  des  gesellschaftlichen  ,Einkommens‘
als  möglich.“  M.  Tugan-Baranowski,  „Grundlagen  der  politischen  Ökonomie“ ­
  (russ.),  S.  103—104.
        <pb n="220" />
        212

um  so  schneller  entwickeln,  je  weniger  Produkte ­
  die  Gesellschaft  konsumieren,  das  heißt
je  weniger  unmittelbare  Bedarfsartikel  der
innere  Markt  aufnehmen  würde.  Denn  je  kleiner
der  Teil  der  Produktionskräfte  der  Gesellschaft  ist,  der  für  die
Produktion  der  unmittelbaren  Bedarfsartikel  aufgewendet  wird,
je  weniger  die  letzteren  unmittelbar  konsumiert  werden,  desto
mehr  Kapital  muß  übrig  bleiben,  das  für  die  Herstellung  von
Produktionsmitteln  verwendet  wird.
Nehmen  wir  an,  daß  die  Gesellschaft  in  einem  Jahre
1000  Werteinheiten  produziert,  von  denen  500  für  den  unmittelbaren ­
  Konsum  und  500  als  Produktionsmittel  dienen.  Wenn  der
unmittelbare  Konsum  auf  300  Einheiten  sinkt,  so  tritt  eine  Neugruppierung ­
  der  Produktionskräfte  ein:  die  Herstellung  der  unmittelbaren ­
  Bedarfsartikel  wird  eingeschränkt  und  die  der  Produktionsmittel ­
  von  500  auf  700  Einheiten  erhöht.  Auf  diese  Weise
wird  die  Akkumulation  des  Kapitals  und  die  Entwicklung  des
Kapitalismus  durch  die  Einschränkung  des  unmittelbaren  Konsums ­
  beschleunigt,  wobei  die  beschleunigte  Entwicklung  des
Kapitalismus  der  Einschränkung  der  Kaufkraft  der  Arbeiter  und
der  Kapitalisten  für  ihren  persönlichen  Bedarf,  das  heißt  der  Einschränkung ­
  des  inneren  Marktes,  soweit  der  letztere  den  persönlichen ­
  Bedarf  befriedigt,  proportional  ist.
Dies  widerspricht  augenscheinlich  allen  Erfahrungen.  Denn
wir  wissen  sehr  gut,  daß  sich  der  Kapitalismus  dort  am  stärksten
entwickelt,  wo  sich  der  persönliche  Konsum  der  Arbeiter  und  der
anderen  Gesellschaftsklassen  ausdehnt,  wie  beispielsweise  in  den
Vereinigten  Staaten  Nordamerikas,  während  in  Ländern  mit  geringer ­
  Entwicklung  des  persönlichen  Verbrauches  der  Kapitalismus ­
  sich  nur  schwach  entwickeln  kann.
In  unserem  letzten  Schema  haben  wir  angenommen,  daß  mit
dem  Fortschritt  in  der  Produktivkraft  der  Arbeit  (diese  stieg  von
55  bis  auf  100)  der  Konsum  nur  um  ein  Geringes  (um  8  Einheiten) ­
  zugenommen  hat,  während  die  Produktion  von  Arbeitsmitteln ­
  um  42  gestiegen  ist.  In  der  Tat  geht  Hand  in  Hand  mit
einem  geringen  Wachstum  des  Konsums  eine  kolossale  Ver-
        <pb n="221" />
        213

mehrung  des  fixen  Kapitals.  So  führt  Tugan-Baranowski  folgende ­
  Angaben  über  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in
Deutschland  in  der  Zeit  von  1882  bis  1895  an:  Während  die
Zahl  der  in  der  Industrie  der  Konsumtionsmittel  beschäftigten
Personen  um  8  Proz.  gestiegen  ist,  hat  sich  die  Zahl  der  Arbeiter
der  Industrie  der  Produktionsmittel  um  59  Proz.  vermehrt.
Wir  stehen  auf  diese  Weise  vor  dem  Problem  des  Einflusses
des  steigenden  Konsums  verschiedener  gesellschaftlicher  Klassen
auf  die  Entwicklung  und  Verteilung  der  Produktionskräfte,
einem  Problem,  das,  in  der  politischen  Ökonomie  vollkommen
unerörtert  und  ungelöst,  von  besonderer  Wichtigkeit  für  die
Arbeiterklasse  ist.
Die  Wichtigkeit  des  Problems  des  Einflusses  der  Konsumsteigerung ­
  der  Arbeiterklasse  auf  die  Entwicklung  und  Verteilung
der  Produktionskräfte  der  Gesellschaft  wird  für  die  Arbeiterklasse ­
  dadurch  bedingt,  daß  sie  stets  gezwungen  ist,  für
die  Verbesserung  ihrer  Lage,  das  heißt  für  die  Steigerung  ihres
Konsums  zu  kämpfen,  und  dabei  die  Interessen  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  der  ganzen  Gesellschaft  im  Auge  haben  muß,
damit  der  Kampf  der  Arbeiter  diese  Entwicklung  nicht  beeinträchtige. ­

Welche  Bedeutung  hat  also  die  Zunahme  des  Konsums  der
Arbeiterklasse;  bei  welchen  Bedingungen  fördert  sie  die  schnellere
ökonomische  Entwicklung  der  Gesellschaft,  und  bei  welchen  Bedingungen ­
  kann  sie  diese  Entwicklung  auf  halten?
Wie  bekannt,  ruft  jeder  Versuch  der  Arbeiter,  ihren  Arbeitslohn ­
  zu  erhöhen  und  auf  diese  Weise  ihren  Konsum  zu  steigern,
die  Klagen  der  Unternehmer  hervor,  daß  diese  Versuche  die  Produktion ­
  verlustbringend  gestalten  und  die  Entwicklung  der
Industrie  hemmen.  Wieweit  sind  diese  Klagen  berechtigt?
        <pb n="222" />
        Sechzehntes  Kapitel.
Einfluß  des  Konsums  auf  die  Entwicklung  der
Produktivkräfte.
Aus  der  angeführten  Analyse  der  Neugruppierung  der  Produktionskräfte ­
  infolge  einer  gewissen  Zunahme  des  persönlichen
Konsums  ist  ersichtlich,  daß  die  Entwicklung  des  inneren
Marktes  und  der  Produktion  sich  umso  schneller  vollzieht,  je
mehr  Produktions-  und  Verkehrsmittel  für  die  Herstellung  und
den  Absatz  der  neu  produzierten  Waren  erforderlich  sind.  Es
ist  klar,  daß,  wenn  der  Konsum  von  Arbeitsprodukten  zugenommen ­
  hat,  die  keinen  großen  Aufwand  an  Produktionsmitteln
erfordern,  der  innere  Markt  sich  nur  wenig  erweitern  und  die
Entwicklung  der  Produktionskräfte  der  Gesellschaft  sich  langsamer ­
  vollziehen  wird.
Der  Konsum  der  Kapitalisten-  und  der  Arbeiterklasse  unterscheidet ­
  sich  nach  ihrem  Charakter  schroff  voneinander.  Die
Konsumsteigerung  der  Arbeiterklasse  führt  zu  einer  Vermehrung
der  Massenproduktion,  die  in  den  meisten  Fällen  eine  höhere
Struktur  des  Kapitals,  das  heißt  relativ  teurere  Werkzeuge,  die
Anwendung  von  Maschinen  usw.  erfordert.  Die  Konsumsteigerung ­
  der  Kapitalistenklasse  erfordert  im  Gegenteil  eine  relativ
niedrige  Struktur  des  Kapitals  und  „unproduktive“  Arbeit.
Hauptsächlich  steigert  sich  die  Inanspruchnahme  der  Dienstboten ­
  zu  verschiedenen  Dienstleistungen.  Wie  bekannt,  ist  sowohl ­
  für  die  Ballettänzerinnen  wie  für  die  Handwerker,  die
kostbare  Luxusartikel  anfertigen,  kein  hohes  fixes  Kapital  erforderlich. ­

Die  Dienstboten  konsumieren  allerdings  Massenbedarfsartikel,
aber  ebenso  werden  die  letzteren  konsumiert  von  den  Arbeitern,
die  die  Massenbedarfsartikel  herstellen.  Die  Konsumsteigerung
der  Kapitalistenklasse  führt  auf  diese  Weise  zur  Konsumsteigerung ­
  der  Personen,  die  die  Bedürfnisse  der  Kapitalisten  be-
        <pb n="223" />
        215

friedigen  und  die  wir  mit  dem  gemeinsamen  Namen  „Dienerschaft“ ­
  bezeichnen.  Die  Konsumsteigerung  der  Arbeiterklasse
führt  nicht  nur  zur  Vermehrung  der  Arbeiterzahl,  die  die  Bedarfsartikel ­
  der  Arbeiter  produzieren,  sondern  auch  zu  einer  Vermehrung ­
  der  Arbeiterzahl,  die  Werkzeuge  und  Tauschmittel  für
die  Zusatzprodukte  anfertigen.  So  führt  zum  Beispiel  die  Zunahme ­
  des  Kattunkonsums  nicht  nur  zu  einer  Vermehrung  der  Zahl
der  Spinner,  Weher  usw.,  sondern  auch  der  Arbeiter,  die  Spinnmaschinen, ­
  Baumwollreinigungsmaschinen  usw.  hersteilen.  Und  die
Zunahme  der  Weber,  der  Schlosser  usw.  führt  wiederum  zu  einer
Vermehrung  der  von  diesen  Arbeitern  konsumierten  Produkte.
Dieselbe  Bedeutung  wie  die  Konsumsteigerung  der  Kapitalisten ­
  hat  auch  die  Zunahme  der  unproduktiven  Ausgaben  des
Staates  für  Armee,  Flotte  usw.,  denn  in  der  Volkswirtschaft  haben
diese  Ausgaben  etwa  dieselbe  Bedeutung  wie  die  Ausgaben  für
persönliche  Bedienung.
Gewiß,  der  Konsum  der  reichen  Klassen  beschränkt  sich
nicht  bloß  auf  die  Vermehrung  der  Zahl  der  Personen,  die  ihre
zuweilen  teuren  und  ästhetische  Genüsse  bereitenden  persönlichen ­
  Dienstleistungen  anbieten.  Auch  der  Konsum  von  Luxusartikeln ­
  nimmt  zu.  Aber  auch  bei  der  Produktion  dieser  Artikel
ist  die  Struktur  des  Kapitals  bedeutend  niedriger  als  bei  der  Produktion ­
  von  Massenkonsumartikeln,  da  im  ersteren  Falle  in  weit
höherem  Maße  die  Handarbeit  und  in  weit  geringerem  Maße  der
Maschinenbetrieb  an  gewendet  wird.  Die  Angaben  der  Gewerbezählung ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas  weisen  auf  den
schroffen  Unterschied  der  Kapitalstruktur  bei  der  Produktion  von
Luxusartikeln  und  der  Produktion  von  Massenkonsumartikeln
hin.  Das  Verhältnis  des  fixen  Kapitals  zum  variablen,  das
heißt  zum  Arbeitslohn,  ist  in  verschiedenen  Industriezweigen
folgendes:*)
*)  „Manufactures“,  1905,  P.  II,  Washington  1907.  Ich  habe  bei
meinen  Berechnungen  nur  das  fixe  Kapital  und  den  Arbeitslohn  berücksichtigt. ­
  Der  Wert  des  Rohmaterials  und  sonstige  Ausgaben  (miscellaneous ­
  expenses)  werden,  da  sie  für  die  Struktur  des  Kapitals  nicht
charakteristisch  sind,  nicht  in  Betracht  gezogen.
        <pb n="224" />
        216

1.  LuXllSartikcl.  in  den  Jahren
1905  1890
Künstlerische  Erzeugnisse  von  Blumen  und  Federn  1,84:1  1,5  :1
Bronzeartikel  2,75:  1  2,34:  1
Künstlerische  Erzeugnisse  2,46:  1  1,93:  1
Juwelierartikel  3,15:1  2,77:1
Prächtige  Teppiche  1,63:  1  3,15:  1
Pelz  werk,  bearbeitet  1,7  :1  1,1:1
2.  Massenkonsumtionsartikel:
Einfache  Teppiche  4,36:  1  3,44:  1
Baumwollerzeugnisse  6,37  :  1  5,36  :  1
Schreibwaren  8,70:1  8,70:1
Wollwaren  5:1  5:1
3.  Produktionsmittel:

Steinkohle
Eisen  und  Stahl  .  .  .
Kupferraffinierung  .  .  .
Bleiraffinierung  .  .  .  .

10:1  5:1
7:1  5:1
7:1  6:1
12:1  14:1

Und  so  weiter.
Aus  der  angeführten  Tabelle  ist  ersichtlich,  daß  die  Luxusartikel ­
  eine  niedrigere  Kapitalstruktur  erfordern,  obgleich  viele
von  ihnen,  wie  zum  Beispiel  die  Bronze-  und  Juwelierartikel,  von
der  breiten  Masse  des  Publikums  konsumiert  werden  und  infolgedessen ­
  zum  Teil  die  Anwendung  von  Maschinen  erforderlich
machen.  Aus  dem  Vergleich  des  fixen  Kapitals  im  Jahre  1905
mit  dem  fixen  Kapital  im  Jahre  1890  ist  ersichtlich,  daß  bei  einer
Massenproduktion  nicht  nur  die  Kapitalstruktur  höher  ist,  sondern ­
  daß  sich  auch  das  Wachstum  des  fixen  Kapitals  schneller
vollzieht  als  bei  einer  Luxusartikelproduktion,  denn  bei  der  Produktion ­
  des  fixen  Kapitals  ist  die  Kapitalstruktur  am  höchsten.*)
Besonders  charakteristisch  ist  die  Kapitalstruktur  in  der  Teppichproduktion. ­
  Früher,  im  Jahre  1890,  war  die  Kapitalstruktur  in

*)  Es  versteht  sich,  daß  auch  die  Volksmasse  die  Erzeugnisse  der
Handarbeit  konsumiert  (z.  B.  Kleider,  Speisen)  und  die  Dienste  der
Dienstboten  in  Anspruch  nimmt,  aber  die  Konsumerweiterung  vollzieht
sich  hauptsächlich  auf  Kosten  der  Artikel,  die  ein  hohes  fixes  Kapital
erfordern.
        <pb n="225" />
        217

der  Produktion  der  teuren  Teppiche  ähnlich  der  Kapitalstruktur
in  der  Produktion  der  einfachen  Teppiche.  Im  ersten  Falle  belief ­
  sich  das  Verhältnis  des  fixen  Kapitals  im  Jahre  1890  auf
3,15:  1,  im  letzteren  Falle  auf  3,44:  1.  Aber  mit  der  zunehmenden ­
  Nachfrage  nach  kostbaren  Teppichen  sank  die  Struktur  des
Kapitals  auf  1,63:  1,  während  die  Produktionssteigerung  der  einfachen ­
  Teppiche  das  Verhältnis  des  fixen  Kapitals  zum  Arbeitslohn ­
  auf  4,36:  1  steigerte.
Diese  Besonderheit  der  Luxusartikelproduktion  erklärt  sich
nicht  nur  daraus,  daß  die  beschränkte  Nachfrage  eine  Massenproduktion ­
  ausschließt,  sondern  auch  daraus,  daß  der  Konsum
von  Luxusartikeln  hauptsächlich  der  nichtigen  Eitelkeit  der  Reichen ­
  entspringt,  die  mit  solchen  Gegenständen  prunken  wollen,  die
andere  nicht  besitzen,  das  heißt  mit  solchen,  die  nicht  reproduziert ­
  werden  können.
Die  Hauptausgabe  der  reichsten  Klassen  besteht  aber  in  der  Inanspruchnahme ­
  jeglicher  Art  persönlicher  Dienstleistungen,  die
gar  kein  oder  nur  wenig  fixes  Kapital  erfordern:  jegliche  Art
Dienerschaft,  Konzerte,  Bälle,  Theater  usw.  verschlingen  einen
bedeutenden  Teil  des  Budgets.  So  verausgabt  nach  Hampke  ein
Bankier  bei  einem  Budget  von  75  000  Mark  für  Dienstboten
14,7  Proz.,  für  „Erholung“  (wo  Vergnügungen  die  erste  Stelle  einnehmen) ­
  33,4  Proz.,  für  Kuren  7,4  Proz.,  mit  anderen  Worten,  die
Luxusbedürfnisse  (außer  den  Aufwendungen  für  Luxusartikel)
verschlingen  mehr  als  die  Hälfte  des  gesamten  Budgets.*)
Die  Analyse  des  Arbeiterbudgets  zeigt  im  Gegenteil,  daß  die
Zunahme  des  Budgets  des  Arbeiters  mit  einer  relativen  Einschränkung ­
  der  Ausgaben  für  Nahrungsmittel  verbunden  ist,  deren  Produktion ­
  die  am  wenigsten  komplizierte  Struktur  des  Kapitals  erfordert, ­
  und  zu  einer  Vermehrung  der  Ausgaben  für  die  Produkte
der  bearbeitenden  Industrie  führt.  Selbst  das  steigende  Bedürfnis ­
  nach  Bildung  und  Selbstentwicklung  führt  weniger  zu  einer
vermehrten  Inanspruchnahme  der  persönlichen  Dienste  der  Künstler, ­
  Artisten  usw.,  als  zu  einer  vermehrten  Nachfrage  nach  Bü-•)
  Karl  Hampke,  Das  Ausgabebudget  der  Privatwirtschaften.  Jena
1888.  S.  XXXV.
        <pb n="226" />
        218

ehern,  Bildern,  Zeitungen  usw.  Eine  gewisse  Steigerung  des  Bedürfnisses ­
  nach  Theater,  Musik  usw.  führt  allerdings  auch  zu
einer  vermehrten  Nachfrage  nach  persönlichen  Dienstleistungen,
aber  nicht  in  einem  solchen  Maße  und  nicht  in  der  Richtung  wie
die  Steigerung  der  Bedürfnisse  der  reichen  Klassen,  die  hauptsächlich ­
  die  Dienste  der  Hausbediensteten  in  Anspruch  nehmen,
Bilder  für  ihren  persönlichen  Bedarf  kaufen  usw.
Während  bei  den  reichen  Klassen  die  Ausgaben  für  Dienerschaft ­
  und  für  „Erholung“  wachsen,  steigen  bei  den  Arbeitern  die
Ausgaben  für  physische  Bedürfnisse  (Komfort),  für  Bücher  und
für  Zeitungen.*)
So  belaufen  sich  die  Ausgaben  der  Berliner  Arbeiter  für  nicht
physische  Bedürfnisse  bei  einem  Budget  von  900—1000  Mark  auf
13,91  Mark,  für  Bücher  und  Zeitungen  auf  5  Mark;  bei  einem
Budget  von  2300—2400  Mark  für  nicht  physische  Bedürfnisse  auf
158  Mark,  für  Bücher  und  Zeitungen  auf  16,6  Mark.
Das  Gesamteinkommen  der  kapitalistischen  Gesellschaft  teilt
sich  in  drei  Teile:  einen  Teil  konsumieren  die  Arbeiter  in  Gestalt
des  Arbeitslohnes,  den  anderen  konsumieren  die  Kapitalisten,  und
der  dritte  wird  für  Produktions-  und  Umlaufsmittel  verwendet,
wobei  die  Erweiterung  der  Produktion,  wenn  nur  der  Markt  sich
ausbreitet,  um  so  größer  ist,  je  umfangreicher  dieser  dritte  Teil  ist.
Wir  zeigten,  daß,  je  mehr  sich  der  Konsum  der  Arbeiter  auf
Kosten  des  Konsums  der  Kapitalisten  steigert,  die  Ausbreitung  des
inneren  Marktes  nicht  bloß  für  die  Bedarfsartikel,  sondern  auch
für  die  Produktionsmittel  derselben  desto  beträchtlicher  ist.
Aber  die  Frage  der  Konsumsteigerung  der  Arbeiter  ist  nicht  so
einfach,  wie  sie  auf  den  ersten  Blick  erscheint.  Vor  allem  taucht
die  Frage  auf,  ob  sie  auf  Kosten  der  Konsumeinschränkung  der
Kapitalistenklasse  und  nicht  etwa  auf  Kosten  der  Mittel  für  die
weitere  Produktion  geschieht?  Zweitens,  ob  die  Erhöhung  des
Arbeitslohnes  nicht  zu  einer  Preiserhöhung  der  angefertigten  Produkte ­
  und  zu  einer  Förderung  der  ausländischen  Konkurrenz,  die
dieselben  Produkte  herstellt,  führen  würde?
*)  Die  Struktur  des  Kapitals  in  der  Schreibwarenindustrie  in  den
Vereinigten  Staaten  beläuft  sich  auf  8,7:1,  im  Druckereigewerbe  auf  4:1.
        <pb n="227" />
        219

Bei  einer  Erhöhung  des  Arbeitslohnes  der  Arbeiterklasse  kann
sich  der  Anteil,  den  die  Arbeiter  von  der  Summe  der  von  ihnen
hergestellten  Produkte  erhalten,  entweder  auf  Kosten  des  Anteils,
den  die  Kapitalisten  erhalten,  oder  auf  Kosten  des  Anteils,  der  zur
Vermehrung  des  fixen  Kapitals  und  zur  Erweiterung  der  Produktion ­
  bestimmt  ist,  steigern.  Theoretisch  ist  auch  der  letztere
Fall  denkbar,  in  Wirklichkeit  kann  er  aber  nicht  eintreten,  solange
eine  Konsumeinschränkung  der  Kapitalistenklasse  möglich  ist.
Wir  wiesen  schon  darauf  hin,  daß  die  Konkurrenz  der  Kapitalisten ­
  untereinander  sie  beständig  zwingt,  ihr  Kapital  zu  vermehren, ­
  um  an  der  Spitze  der  Produktion  zu  stehen.  Die  Kapitalisten, ­
  die  einen  so  großen  Teil  des  ihnen  zufließenden  Mehrwertes ­
  konsumieren,  daß  sich  die  Anhäufung  des  Kapitals  in
ihren  Händen  verlangsamt,  werden  einfach  von  den  „sparsameren“ ­
  Kapitalisten  verdrängt,  die,  wenn  auch  um  den  Preis  einer
größeren  Einschränkung  ihres  persönlichen  Bedarfes,  Kapital
anhäufen.*)
Eine  solche  Auswahl  findet  zum  Beispiel  in  der  Klasse  der
Grundbesitzer  in  Bußland  statt.  Die  Leibeigenschaft  in  Bußland
verlangte  von  dem  Adel  nicht,  daß  er  Kapital  anhäufte.  Im
Gegenteil,  alle  Arbeitserzeugnisse,  die  man  von  den  Leibeigenen  erhielt, ­
  mußten  in  dieser  oder  jener  Form  von  den  Grundbesitzern
konsumiert  werden.  Die  Konkurrenz  konnte  den  Gutsbesitzer
nicht  aus  seinem  Gute  verdrängen.  Nach  der  Aufhebung  der
Leibeigenschaft  blieben  die  adligen  Gewohnheiten  und  Traditionen ­
  lebendig,  während  die  Bedingungen  der  kapitalistischen
Warenwirtschaft  die  Kapitalanhäufung  für  den  Kampf  um  den
Markt  forderten.
Die  „vornehme“  Gewohnheit,  alles  „durchzubringen“,  was  in
Gestalt  des  „Einkommens“  von  dem  Landgut  einfließt,  hat  dahin
geführt,  daß  die  Gruppe  der  adligen  Grundbesitzer,  ungeachtet

•)  Wie  sehr  die  Kapitalisten  mit  der  Notwendigkeit  der  beständigen
Kapitalanhäufung  rechnen,  ist  daraus  ersichtlich,  daß  der  Besuch  amerikanischer ­
  Millionäre  in  europäischen  Kurorten  zur  Zeit  einer  Krisis
zurückgeht,  obgleich  es  für  einen  Millionär  eine  Lappalie  ist,  einige
Tausend  für  eine  Reise  hinauszuwerfen.
        <pb n="228" />
        220

aller  Liebesgaben  der  Regierung,  ihre  Ländereien  an  Kaufleute,
Kleinbürger  und  Bauern  abtreten  muß,  die  adligen  Gewohnheiten
weder  geerbt  noch  sich  angeeignet  haben.
In  der  schnellen  Ablösung  des  adligen  Grundbesitzes  durch  den
Grundbesitz  der  Kaufleute  und  Bauern  sehen  wir  einen  Prozeß  der
Auswahl  von  Personen,  die  fähig  sind,  die  Mission  der  Kapitalanhäufung ­
  zu  übernehmen,  einen  Prozeß,  der  auch  stets  in  der
Klasse  der  Kapitalisten  stattfindet,  wo  er  eine  Verlangsamung  des
Akkumulationsprozesses,  die  durch  die  Einschränkung  des  fixen
Kapitals  und  die  Steigerung  des  persönlichen  Konsums  der  Kapitalisten ­
  eintreten  könnte,  verhindert.  Der  Konsum  der  Kapitalisten
steigert  sich  stets  nur  auf  Kosten  des  Anteils,  den  die  Arbeiterklasse ­
  aus  dem  vermehrten  Nationaleinkommen  erhält,  und  auf
Kosten  des  schnellen  Wachstums  des  letzteren.
Vermag  sich  aber  der  Arbeitslohn  zu  steigern,  ohne  die  Produktion ­
  zu  beeinträchtigen,  ohne  zu  einer  Einschränkung  derselben ­
  durch  die  Konkurrenz  der  billigeren  ausländischen  Produktion ­
  zu  führen?  Da  der  Arbeitslohn  nicht  gleichzeitig  in  allen
Produktionszweigen  zunimmt,  sondern  nur  dort,  wo  die  Arbeiter
organisiert  sind  und  ihre  Interessen  leichter  verteidigen  können,
so  wird  die  Erhöhung  des  Arbeitslohnes  in  einem  solchen  Produktionszweig ­
  zu  einem  relativen  Sinken  der  Profitrate  und  zu  einem
Abfluß  des  Kapitals  in  andere  Produktionszweige  führen.
Der  Kampf  der  Arbeiter  um  die  Aufbesserung  ihrer  Lage  steht
noch  in  den  ersten  Stadien  seiner  Entwicklung.  Indessen  dringt
der  Gedanke  immer  mehr  in  ihr  Bewußtsein,  daß  dieser  Kampf
die  Interessen  der  Arbeiter  der  ganzen  Welt  aneinanderkettet.  In
dem  Maße,  wie  sich  der  internationale  Verkehr  und  die  ökonomische ­
  Abhängigkeit  der  Länder  voneinander  entwickeln  wird,
wird  die  Notwendigkeit  der  gemeinsamen  Aktion  der  Arbeiter  aller
kapitalistischen  Länder,  selbst  im  ökonomischen  Kampfe,  immer
deutlicher  hervortreten.  Wahrscheinlich  werden  wir  in  der  nächsten ­
  Zukunft  Zeugen  internationaler  Vereinbarungen  im  ökonomischen ­
  Kampfe  und  einer  erweiterten  Tätigkeit  der  internationalen ­
  gewerkschaftlichen  Bureaus  sein.
Vom  Standpunkt  der  Interessen  der  Arbeiter  ist  es  für  sie  vor-
        <pb n="229" />
        221

teilhafter,  den  größten  Teil  der  Erzeugnisse  der  Volkswirtschaft
zu  erhalten.  Vom  Standpunkt  der  Interessen  der  Kapitalisten  ist
es  vorteilhafter,  wenn  sie  selbst  den  größten  Teil  dieser  Erzeugnisse ­
  erhalten.  Welches  Verhältnis  muß  nun  zwischen  den  Teilen,
die  jede  gesellschaftliche  Klasse  erhält,  bestehen,  damit  die  größtmögliche ­
  Entwicklung  der  Produktionskräfte  gewahrt  werde?
Aus  der  Analyse  des  Konsums  der  Kapitalisten  und  der  Arbeiter ­
  ist  ersichtlich,  daß  die  Entwicklung  des  Konsums  der  letzteren
auf  Kosten  der  ersteren  zugleich  die  Entwicklung  der  Produktionskräfte ­
  fördert.  Auf  diese  Weise  gibt  die  Erhöhung  des  Arbeitslohnes ­
  auf  Kosten  des  Konsums  der  Kapitalistenklasse  einen
Anstoß  für  die  weitere  Entwicklung  der  Produktionskräfte.
Da  die  Produktivkräfte  des  Landes  sich  in  dem  Maße  ihres
Wachstums  in  einer  bestimmten  Proportion  zwischen  den  verschiedenen ­
  Industriezweigen,  zwischen  der  Produktion  der  unmittelbaren ­
  Bedarfsartikel  und  der  der  Produktionsmittel  verteilen, ­
  muß  die  Anhäufung  des  Kapitals  begleitet  werden  von
einer  proportionalen  Erweiterung  aller  Zweige  der  Volkswirtschaft. ­
  Es  ist  klar,  daß  sich  die  Produktion  der  unmittelbaren
Bedarfsartikel  mit  der  Anhäufung  des  Kapitals  vermehren  muß,
da  sich  nur  unter  dieser  Bedingung  ein  Markt  für  die  Produktionsmittel ­
  eröffnet  (das  folgt  aus  der  oben  gegebenen  Kritik  der
Tugan-Baranowskischen  Theorie).  Folglich  muß  im  Interesse
einer  größtmöglichen  Entwicklung  der  Produktivkräfte  der  Anteil ­
  der  unmittelbaren  Konsumtionsmittel  proportional  der  Anhäufung ­
  des  Kapitals  steigen.
Oben  zeigten  wir  aber,  daß  sich  die  Bedingungen  für  die  Entwicklung ­
  der  Produktivkräfte  um  so  günstiger  gestalten,  je  größer
der  Teil  der  unmittelbaren  Bedarfsartikel,  der  von  den  Massen,
und  je  kleiner  der  Teil,  der  von  den  Kapitalisten  konsumiert  wird.
Die  größtmögliche  Entwicklung  der  Produktivkräfte  des  Landes, ­
  und  wenn  es  auch  über  ungeheure  Produktionsmittel  verfügt, ­
  ist  bei  der  kapitalistischen  Ordnung  unmöglich.  Der  ungenügende ­
  Konsum  der  erzeugten  Produkte  durch  die  Arbeiterklasse ­
  wird  in  einem  fort  zu  den  periodischen  Krisen  führen,  die
alle  kapitalistischen  Länder  durchleben.  Demnach  ist  der  Kampf
        <pb n="230" />
        222

der  Arbeiter  um  die  Aufbesserung  ihrer  Lage  einer  der  wichtigsten
Faktoren,  der  die  Entwicklung  der  Produktionskräfte  des  Landes
fördert  und  den  inneren  Markt  nicht  nur  für  die  unmittelbaren
Massenbedarfsartikel,  sondern  hauptsächlich  für  die  Produktionsund ­
  Verkehrsmittel  erweitert.
IL
Die  Produktenmasse  jeder  Gesellschaft  wird  teils  von  den
Arbeitern,  teils  von  den  Kapitalisten  und  teils  von  der  weiteren
Produktion  konsumiert.  Dementsprechend  zerfallen  die  Produktivkräfte ­
  jedes  Landes  ebenfalls  in  drei  Teile:  ein  Teil  geht
auf  die  Produktion  von  Konsumtionsmitteln  der  Arbeiter,  mit
einem  anderen  werden  die  Konsumtionsmittel  der  Unternehmer
hergestellt,  und  mit  dem  dritten  schließlich  —  die  Arbeitsmittel.
Die  Arbeiter  erhalten  ihren  Teil  der  Konsumtionsmittel  in  der
Form  des  Arbeitslohnes.  Die  Bedingungen,  unter  denen  die  Arbeitskraft ­
  auf  dem  Markte  gegen  eine  entsprechende  Menge  von
Konsumtionsmitteln  ausgetauscht  wird,  sind  von  Marx  im  „Kapital“ ­
  so  glänzend  dargelegt  worden,  daß  wir  nicht  notwendig
haben,  noch  weiter  darauf  einzugehen.
Mit  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  nimmt  die  Menge
der  erzeugten  Produkte  rasch  zu.  Da  der  Konsum  der  Arbeiter
weit  hinter  dieser  zurückbleibt,  da  ferner  die  Konkurrenz  die  Kapitalisten ­
  zwingt,  ihr  Kapital  auf  Kosten  des  persönlichen  Konsums
zu  vergrößern,  so  wachsen  die  Produktivkräfte  der  Gesellschaft
rasch  an,  auch  hebt  sich  mit  der  Befestigung  der  Arbeiterorganisation ­
  die  Arbeiterlage.
Ist  es  aber  möglich,  daß  der  Anteil  der  Arbeiter  an  dem  Gesamtprodukt ­
  des  Volkes  steigt?  Einige  verneinen  es,  indem  sie  sich
darauf  berufen,  daß  eine  Erhöhung  des  Lohnes  zur  Verteuerung
der  Produkte  führt,  und  daß  folglich  der  Reallohn  der  Arbeiter
der  gleiche  bleibt.  Dies  stimmt  aber  nicht.
Nehmen  wir  an,  die  Arbeiter  eines  Landes  produzieren  für
400  Mill.  Mark  und  erhalten  dabei  100  Mill.  Mark  als  Lohn,  also
ein  Viertel  des  Gesamtproduktes.  Steigt  der  Arbeitslohn  auf  das
Doppelte,  auf  200  Mill.  Mark,  und  gleichzeitig  der  Wert  der  Produkte ­
  auf  500  Mill.  Mark,  so  erhalten  die  Arbeiter  immer  noch
        <pb n="231" />
        223

mehr  als  früher.  Denn  sie  bekommen  jetzt  zwei  Fünftel  des  Gesamtproduktes ­
  gegen  ein  Viertel,  also  um  drei  Zwanzigstel  mehr.
Auf  wessen  Kosten  geht  diese  Erhöhung  vor  sich?  Selbstverständlich ­
  vor  allem  auf  Kosten  des  Anteils  der  Kapitalisten.
Andererseits  gibt  es  in  der  Gesellschaft  auch  verschiedene  Klassen,
deren  Lohn  oder  Gehalt  oder  Einkommen  nicht  steigt,  während
sie  unter  der  Teuerung  leiden.  Der  Anteil  des  Gesamtprodukts,  der
diesen  Gesellschaftsschichten  zufällt,  wird  somit  ebenfalls  geschmälert. ­


III.

Die  Berliner  Statistik  der  Arbeiterbudgets  gibt  uns  folgendes
Bild  des  Verbrauches  einer  Arbeiterfamilie.*)
Von  1000  Mark  gaben  die  aus  vier  Personen  bestehenden  Familien ­
  (es  waren  231  solcher)  aus  für

Einkommenstufe

11

II

II

ãil



Von  900  bis  1000  M.

%  M
216,2  27,3  13,3  22,7  585,1  15,0  6,4  8,0  9,7  —
„  1000  „  1200  „  213,8  29,2  12,3  62,2  521,0  10,5  4,2  14,8  5,9  3,4
„  1200  „  1400  „  188,4  31,8  12,0  57,8  525,8  10,9  13,3  19,0  6,2  2,5
„  1400  „  1600  „  169,4  29,8  12,0  69,1  527,2  11,6  12,6  15,3  7,5  4,7
„  1600  „  1800  „  168,5  29,2  10,6  82,2  500,0  12,5  14,5  20,2  10,3  5,3
„  1800  „  2000  „  153,6  28,7  9,0  91,6  485,4  9,8  18,3  21,2  16,5  8,4
„  2000  „  2200  „  146,1  24,5  9,2  97,0  483,9  13,0  18,0  21,5  10,4  11,7
„  2200  „  2400  „  159,1  18,4  17,1  97,5  445,0  10,8  22,0  18,1  16,8  7,0
„  2400  „  2600  „  145,2  30,5  12,1  102,7  386,6  15,1  37,2  17,4  25,6  7,8
„  2600  „  4000  „**)136,6  33,0  10,6  70,0  392,5  11,2  29,5  18.7  38,9  43,4
Die  Familien  mit  drei  Personen  gaben  von  1000  Mark  aus  für
(im  ganzen  waren  eslió  Familien):***)
Aus  diesen  Angaben  geht  hervor,  daß  mit  der  Steigerung  des
Einkommens  die  Ausgaben  für  Kleidung,  für  Tram-  und  Eisen-*)

  Berliner  Statistik,  herausgegeben  vom  Stat.  Amt  der  Stadt  Berlin,
3.  Heft,  1904.
**)  Ein  Einkommen  von  2600  bis  2900,  oder  2900  bis  3000  und  3000
bis  4000  M.  haben  nur  einzelne  Familien.  Deshalb  haben  wir  diese
Gruppe  zusammengerechnet.
***)  Kürzlich  sind  neue  Erhebungen  über  Arbeiterbudgets  erschienen,
und  zwar  eine  „Erhebung  von  Wirtschaftsrechnungen  minderbemittelter
Familien  im  Deutschen  Reiche“,  bearbeitet  vom  Kgl.  Stat.  Amte,  und
        <pb n="232" />
        224

t

Einkommenstufe

Wohnung  Heizung

Von  900  bis  1200  M.

1200
1400
1600
1800
2000
2200
2400
2600

1400
1600
1800
2000
2200
2400
2600
2900

221,4
186,2
176.3
169,9
162.7
153.3
178,1
177.8
232,0

34,7
35,3
32,0
32,6
30,0
24,5
2^g
32.2
21.2

Beleuchtung ­

11,2
12.4
10,2
11.5
10,7
9,0
8,9
13.6
7,8

Kleidung ­

66,0
57,0
65,4
75.6
72.1
76.6
73,9
77.2
75.2

Nahrung
und
Getränke
485.4
505.5
491.4
453,0
455.7
422.6
440,9
369.4
324,0

Nahrung
in  Restaurants ­

0.3
12,0
9,8
15,3
11,0
28,0
4,2
48.5
20.5

bahnen,  für  Bildungs-  und  Unterhaltungszwecke  steigen.  Dagegen
sinken  relativ  die  Ausgaben  für  Nahrung.  Wir  haben  aber  gesehen, ­
  daß  gerade  in  der  Nahrungsmittelindustrie  eine  niedrige
Zusammensetzung  des  Kapitals  herrscht,  während  die  Zusammensetzung ­
  des  Kapitals  in  den  Gewerben,  die  Kleider  produzieren, ­
  oder  in  den  Transportmittelbranchen  eine  bedeutend
höhere  ist.

„320  Haushaltungen  von  Metallarbeitern“,  herausgegeben  vom  Deutschen
Metallarbeiterverbande.  Zum  Vergleich  mögen  einige  Angaben  aus  diesen
Erhebungen  angeführt  werden.  Der  Übersetzer.
Nach  der  Reichsstatistik  entfallen  vom  100  der  Ausgaben  auf:

Einkommenstufe  ^SSuteT  Kleidung
54.2  9,2
54.6  9,5
51,0  11,5
48.1  12,6
42.7  14,3
38.1  14,0
32.8  14.7
30.3  14,9
45,5  12,6

Unter  1200  M.
1200  bis  1600  „
1600  „  2000  „
2000  „  2500  „
2500  „  3000  „
3000  „  4000  „
4000  „  5000  „
Über  5000  „
Überhaupt  „

Wohnung
20,0
17.2
18,0
17,6
18,0
18,5
19.3
14,9
18,0

Heizung  und
Beleuchtung
6,2
4.8
4.5
4,0
3.9
3.6
3,1
3.1
4.1

Sonstiges
10,4
13,9
15,0
17.7
21,1
25.8
30.1
36.8
19.8

Nach  der  Statistik  des  Metallarbeiterverbandes  entfallen  vom  100  der
Ausgaben  auf:

Einkommenstufe
Unter  1200  M.
1200  bis  1600  „
1600  „  2000  „
2000  „  2500  „
Über  2500  „

P
49.3
49.5
47.3
45.5
46.5

5a
6,6
6.5
5,9
6.6
6,8

I
12.5
13.6
14,9
14,9
13.7

ir
4.9
4,6
4,4
4,0
3.9

lilt
6,1
6.4
6,3
5,8
5,1

ÍÍÍ
12,5
11,7
12.5
13.6
14,4

60"  60
la
1.7
1.8
2,0
2,2
2,5

6.4
6,0
6,7
7.5
7,1

Im  Durchschnitt  47,1  6,3  14,5  4,3

6,0

12,9  2,1  6,9
        <pb n="233" />
        225

Die  Erhöhung  des  Arbeitereinkommens  bestimmt  somit  die
Richtung,  in  der  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  vor  sich  geht:
ein  immer  größerer  Teil  wird  für  die  Produktion  von  Arbeitsmitteln
verwendet,  die  von  den  Industrien  der  Massenkonsumtionsartikel
gebraucht  werden.
Die  Analyse  der  Haushaltungen  aller  Gesellschaftsschichten  beweist, ­
  daß  mit  der  Zunahme  ihres  Einkommens  der  Verbrauch
von  Industrieerzeugnissen  steigt,  während  der  von  landwirtschaftlichen ­
  Produkten  relativ  sinkt.  Daher  muß  auch  eine  Verschiebung ­
  in  der  Verteilung  der  Produktivkräfte  von  der  Landwirtschaft ­
  zur  Industrie  stattfinden.  Es  hängt  aber  viel  davon  ab,
wessen  Einkommen  gestiegen  ist:  das  der  Arbeiter  oder  das  der
Kapitalisten.  Das  Steigen  des  Arbeitereinkommens  fördert  die
wirtschaftliche  Entwicklung,  indem  es  den  Boden  für  den  technischen ­
  Fortschritt  schafft,  während  das  Steigen  der  Einnahmen
der  reichen  Klassen  diesen  Fortschritt  hemmt,  indem  es  eine  erhöhte ­
  Anwendung  von  lebendiger  Arbeitskraft  erfordert  und  viel
Arbeit  verschwendet.
Die  Erhöhung  des  Einkommens  der  Bauern  und  Handwerker ­
  müßte  eigentlich  zur  Vermehrung  ihrer  Arbeitsmittel
führen,  wenn  die  Ausdehnung  ihrer  Wirtschaft  nicht  bloß
auf  Kosten  der  anderen  möglich  wäre.  Eine  Bauernfamilie
kann  bessere  Produktionsmittel  brauchen,  wenn  sie  ihren  Acker
ausdehnt.  Sonst  sind  ihr  die  Arbeitsmittel  fast  nutzlos.  Auf  zwei
bis  drei  Hektar  kann  man  nicht  statt  zwei  Pferde  zehn  Pferde
brauchen,  ebensowenig  verbesserte  landwirtschaftliche  Maschinen.
Deshalb  führt  die  Steigerung  der  Einnahmen  nur  bei  den  Bauern
zur  Ausdehnung  des  wirtschaftlichen  auf  Kosten  des  persönlichen
Konsums,  die  wohlhabend  genug  sind,  um  ihren  Acker  auf  Kosten
desjenigen  ihrer  Nachbarn  auszudehnen.
Oft  hört  man  sagen:  was  bedeutet  denn  der  Kampf  um  eine
Lohnerhöhung  der  Arbeiter;  was  geht  er  die  „Gesellschaft“  an?
Wir  haben  nun  gesehen,  daß  der  Kampf  der  Arbeiter  um  bessere
Lebensbedingungen  gleichzeitig  den  Kampf  um  den
wirtschaftlichenF  ortschritt  bedeutet,  daß  der  ganze
Progreß  eng  mit  ihm  verbunden  ist  .  .  .
Mas  slow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

15
        <pb n="234" />
        Siebzehntes  Kapitel.

Die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft.
I.
Das  Problem  der  volkswirlschaftlichen  Entwicklung  und  ihrer
Tendenzen  bildet  die  Grundfrage  der  Soziologie.  Man  erinnere
sich  nur  daran,  daß  den  verschiedenen  Parteiprogrammen  die  verschiedene ­
  Ansicht  in  bezug  auf  die  Entwicklungstendenzen  der
Volkswirtschaft  zugrunde  liegt.  Die  Gesetzmäßigkeit  der  wirtschaftlichen ­
  Evolution  wird  fast  von  allen  anerkannt,  während
ihr  Charakter  und  ihre  Richtung  verschieden  bestimmt  werden.
So  erklären  in  Rußland  die  Marxisten  die  Entwicklung  des  Kapitalismus ­
  unter  den  gegebenen  Bedingungen  für  unumgänglich,
während  die  Volkstümler  die  Unabwendbarkeit  der  Kapitalisierung ­
  wenigstens  der  Landwirtschaft  bestreiten.  Ebenso  wird  die
Frage  sehr  umstritten,  ob  mit  der  Intensivierung  des  Betriebes  die
Produktivität  der  Arbeit  steigt  oder  sinkt.  Und  doch  kann  man
nur  in  Zusammenhang  mit  dieser  Frage  die  Agrarkrisis  erklären,
sowie  die  Aussichten  der  landwirtschaftlichen  Entwicklung  bestimmen. ­

Sehr  unklar  ist  die  Frage  der  Verteilung  der  Arbeitskräfte  im
Lande  geblieben.  Wohl  ist  es  bekannt,  daß  die  Zahl  der  Erwerbstätigen ­
  in  der  Landwirtschaft  immer  mehr  abnimmt.  Eine  Analyse
der  Verteilung  der  Kräfte  der  nichtlandwirtschaftlichen ­
  Bevölkerung  gibt  es  aber  immer  noch  nicht.  Dabei  läßt
sich  keineswegs  eine  klare  Vorstellung  von  der  wirtschaftlichen
Evolution  nur  auf  Grund  der  Verteilung  der  Produktivkräfte
zwischen  Stadt  und  Land  gewinnen.  So  ist  in  Deutschland  und  in
den  Vereinigten  Staaten  der  Prozentsatz  der  landwirtschaftlichen
        <pb n="235" />
        227

Bevölkerung  fast  gleich,  wogegen  der  Charakter  der  wirtschaftlichen ­
  Evolution  Deutschlands  und  der  Vereinigten  Staaten  verschieden ­
  ist:  Während  die  Vereinigten  Staaten  den  Hauptexporteur ­
  von  Getreide  bilden,  ist  Deutschland  ein  Getreide  einführendes ­
  Land.
Die  geniale  Analyse  der  volkswirtschaftlichen  Entwicklung,  die
Marx  gegeben  hat,  stützte  sich  hauptsächlich  auf  Tatsachen  der
englischen  Wirtschaft,  die  damals  noch  ganz  allein  stand.  Heute
hat  sich  der  Kapitalismus  auf  sämtliche  Länder  der  Welt  ausgedehnt. ­
  Ein  Vergleich  der  Entwicklung  des  Kapitalismus  in  verschiedenen ­
  Ländern  unter  verschiedenen  Bedingungen  ermöglicht,
die  Schlußfolgerungen,  die  Marx  deduktiv  gemacht  hat,  zu  prüfen,
was  früher  unmöglich  war.  Wie  wir  bald  sehen  werden,  sind
alle  wichtigsten  Schlußfolgerungen,  die  Marx  gemacht  hat,  auf
diese  Weise  bekräftigt  worden.  Dagegen  lassen  sich  einige  Schlußfolgerungen ­
  seiner  Schüler  nicht  halten,  die  einen  Versuch  machten, ­
  die  volkswirtschaftliche  Theorie  weiter  zu  entwickeln.
Gutes  Material  für  eine  vergleichende  Untersuchung  der  kapitalistischen ­
  Entwicklung  liefern  die  Gewerbezählungen.  Wir
wollen  nun  diese  näher  betrachten.
.  H.
Bei  der  Analyse  der  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  verschiedenen ­
  Ländern  auf  Grund  der  Gewerbezählung  muß  man  vor
allem  in  Betracht  ziehen,  daß  diese  nicht  nach  einem  Plane  vorgenommen ­
  worden  sind.  Da  wir  aber  nur  die  Hauptresultate  in
Betracht  ziehen,  wobei  wir  einige  Korrekturen  anbringen,  so
können  wir  die  Angaben  im  allgemeinen  als  vergleichbar  betrachten. ­

Die  allgemeine  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  Frankreich,
Deutschland,  England  und  Wales,  Irland,  den  Vereinigten  Staaten
von  Nordamerika  und  in  Bußland  kommt  in  folgender  Tabelle
zum  Ausdruck:*)
•)  Für  Frankreich  siehe  Statistique  générale  de  la  France.  Résultats
statistiques  du  dénombrement  de  1891.  Troisième  partie.  Paris  1899.
Für  Deutschland:  Statistik  des  Deutschen  Reiches,  Bd.  III,  1899.  Für
15*
        <pb n="236" />
        228

Erwerbstätige

iiJ

5,3

4,5

1,8

1,9

:  »

ir  111

FnmkrelchlHand

Rußland

in  Prozenten  der  Gesamtbevölkerung

in  der  Landwirtschaft
„  „  Industrie
im  Verkehr  l
„  Handel  j
als  persönliche  Dienst-  I
boten  und  ohne  Beruf  /
Freie  Berufe,
öffentl.  Dienst  u.  Armee

1890
14,5
8,7

4,8

6,6

3,2

1895

1891

16

17,7

12,3

16

5,9

5,5

4.9
2.9

4,5
2,1

1891
19,9
13,3

5,4
4,6

1897
14,6*(29)
4,1

1,9

44,5  36,3  44,2  45  42,5  (40.1)
Betrachten  wir  die  Zahlen  der  ersten  Reihe,  den  Prozentsatz  der
in  der  Landwirtschaft  beschäftigten  Personen,  so  widersprechen
sie  nicht  nur  den  allgemeinen  Ansichten  über  die  Rolle  und  Bedeutung ­
  der  Landwirtschaft  in  verschiedenen  Ländern,  sondern
scheinbar  auch  der  Lage  dieser  Länder  auf  dem  Weltmärkte.  England, ­
  Deutschland  und  Frankreich  produzieren  nicht  genug  Getreide ­
  und  führen  aus  anderen  Ländern  ein,  die  als  landwirtschaftliche ­
  gelten.  In  der  angeführten  Tabelle  sind  zwei  solcher  Länder;
die  Vereinigten  Staaten  und  Rußland.  Während  aber  Rußland  in
bezug  auf  seine  landwirtschaftliche  Bevölkerung  an  erster  Stelle
steht,  nehmen  die  Vereinigten  Staaten  die  vorletzte  ein.  Nur  in
England  und  Wales  beschäftigt  sich  ein  geringerer  Prozentsatz
der  Bevölkerung  mit  Landwirtschaft,  als  in  den  Vereinigten  Staaten, ­
  In  den  „Industrieländern“  Deutschland  und  Frankreich,  die
Getreide  einführen,  beschäftigt  sich  ein  gleicher  Prozentsatz  der
Gesamtbevölkerung  mit  der  Landwirtschaft,  wie  im  „Agrarland“,

England:  Census  of  England  and  Wales  sowie  Census  of  Irland  von
1891,  angeführt  in  der  Statistik  des  Deutschen  Reiches.  Für  die  Vereinigten ­
  Staaten:  Report  on  population  of  the  U.  St.  Für  Rußland
Allgemeine  Übersicht  über  die  Volkszählung  von  1897,  St.  Petersburg
1905.
•)  Der  Prozentsatz  der  „Erwerbstätigen“  ist  für  Rußland  sehr  niedrig
angegeben,  fast  anderthalbmal  so  niedrig  als  in  anderen  Ländern.  In
der  Tat,  wenn  man  die  Zahl  der  von  der  Landwirtschaft  Lebenden
in  Betracht  zieht,  so  muß  man  wohl  den  Prozentsatz  der  landwirtschaftlichen ­
  Erwerbstätigen  verdoppeln,  von  14,6  auf  29.
        <pb n="237" />
        229

den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.  In  Irland  finden  wir
einen  relativ  größeren  Prozentsatz  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung, ­
  obgleich  die  irländischen  Pächter  in  gewaltiger  Zahl
ausgewandert  sind.
Aus  Rußland,  das  den  größten  Prozentsatz  der  landwirtschaftlichen ­
  Erwerbstätigen  aufweist,  wird  Getreide  ausgeführt.  Zieht
man  aber  in  Betracht,  daß  diese  Ausfuhr  hauptsächlich  auf  Kosten
des  inneren  Konsums  vor  sich  geht,  so  läßt  sich  daran  zweifeln,
ob  Rußland  (mit  Ausnahme  der  südlichen  und  südöstlichen  Grenzgebiete) ­
  wirklich  einen  „Getreideüberschuß“  produziert.
Unter  den  angeführten  Ländern  stellen  also  die  Vereinigten
Staaten  gewissermaßen  eine  Art  Unikum  dar:  trotz  dem  geringen
Prozentsätze  der  landwirtschaftlichen  Erwerbstätigen  führen  sie
jahraus,  jahrein  Getreide  in  gewaltigem  Maße  aus  und  drücken
auch  die  Preise  in  den  „Industrieländern“  herab.  Es  ist  bekannt,
daß  die  Agrarkrisis  in  Europa  nicht  ohne  Grund  auf  die  transozeanische ­
  Konkurrenz  zurückgeführt  wird.  Wodurch  wird  aber
diese  Konkurrenz  erklärt?
In  seiner  interessanten  Schrift  „Die  Kolonialpolitik  und  der
Zusammenbruch“  fragt  Parvus:  „Worin  bestand  die  landwirtschaftliche ­
  Übermacht  Amerikas?“  Und  er  antwortet:  „Man  verweist ­
  immer  auf  seine  extensive  Kultur.  Allerdings,  der  Boden
gibt  dort  kleinere  Erträge,  erfordert  aber  auch  viel  weniger  Arbeit.
Doch  die  Hauptsache  war,  daß  es  freier  Boden  war,  ein
Boden,  der  noch  keine  Grundrente  trug.  Die  Amerikaner
hatten  keinen  Grundherrn  zu  bezahlen.“  (S.  34.)
„Aber,“  fährt  Parvus  fort,  ,,so  billig  auch  die  Getreideproduktion ­
  war,  so  war  doch  der  Transport  über  den  Ozean  immer
schwierig  und  kostspielig  .  .  .  Darum  war  eine  weitere  Bedingung
der  amerikanischen  Getreidekonkurrenz  auf  den  europäischen
Märkten  die  Entwicklung  der  Dampfschiffahr  t.“
Parvus  erklärt  also  die  amerikanische  Konkurrenz  einmal
durch  das  Vorhandensein  von  „freiem“,  durch  Grundrente  nicht
belastetem  Boden  und  zweitens  durch  die  Entwicklung  der  Transportmittel. ­
        <pb n="238" />
        230

Nun  ist  aber  bekannt,  daß  die  Höhe  der  Grundrente  von  der
Höhe  der  Getreidepreise  abhängt,  und  es  gilt  erst  zu  erklären,
warum  in  Amerika  niedrige  Getreidepreise  waren.  Ebenso  besagt ­
  der  Hinweis  auf  die  Verbilligung  der  Frachtpreise  nichts;
denn  es  fand  doch  keine  Ausfuhr  von  Getreide  aus  Europa  nach
Amerika  statt,  sondern  umgekehrt.  Warum  konnte  aber  gerade
Amerika  sein  Getreide  billig  verkaufen  und  es  nach  Europa  verschiffen? ­

„Eine  noch  viel  wichtigere  Bedingung  der  amerikanischen  Konkurrenz,“ ­
  sagt  Parvus  weiter,  „war  die  europäische  Auswanderung. ­
  Ohne  den  Menschenstrom,  der  sich  aus  Europa
ergoß,  wären  jene  Gebiete  gar  nicht  einmal  in  Anbau  genommen
worden.  Und  das  ist  das  entscheidende  Moment.  Es  waren  der
irische  Pächter  und  der  deutsche  Bauer,  die  die  amerikanische ­
  Getreidekonkurrenz  geschaffen  haben.“
(Ebenda.)
Ja,  warum  waren  denn  die  deutschen  Bauern  und  irischen
Pächter  außerstande,  in  ihrer  Heimat  soviel  zu  produzieren,  wie
in  Amerika,  von  wo  aus  sie  auch  ihre  Heimat  mit  Getreide  versorgen? ­
  Dabei  können  sie  dies  tun  trotz  den  niedrigen  Bodenerträgen ­
  in  Amerika!
Dieselben  Argumente  wie  Parvus  führt  auch  Kautsky  in  seiner
„Agrarfrage“  an.  Er  fügt  dem  nur  noch  hinzu,  daß  der  jungfräuliche ­
  Boden  Amerikas  keine  Düngung  erfordere.  Auch  dieses  Argument ­
  ist  nicht  stichhaltig.  Denn  der  amerikanische  Boden  „erfordert“ ­
  ebensogut  Düngung  wie  der  europäische.  Die  niedrigen
Ernteerträge  Amerikas  beweisen  nur,  daß  die  amerikanischen
Landwirte  die  Düngung  unvorteilhaft  finden.
Weder  Kautsky  noch  Parvus  sehen  die  wahre  Ursache  der
transozeanischen  Konkurrenz.  Und  dennoch  genügt  es,  die  oben
angeführte  Tabelle  zu  betrachten,  um  diese  Ursache  herauszufinden. ­
  Während  das  Territorium  der  Vereinigten  Staaten  das  eines
jeden  der  europäischen  Staaten  um  das  Mehrfache  übertrifft,  wird
es  von  einer  geringeren  Anzahl  Personen  kultiviert  als  dasjenige
in  vielen  dicht  bevölkerten  „Industrieländern“.  Diese  wenigen
landwirtschaftlich  Erwerbstätigen  können  selbstredend  den  Boden
        <pb n="239" />
        231

nur  extensiv  bewirtschaften.  Aber  auch  bei  dieser  Wirtschaftsweise ­
  wäre  es  unmöglich,  diese  Aufgabe  ohne  verbesserte  Technik
zu  bewältigen.  Auch  Rußland  hat  eine  extensive  Kultur.  Da  aber
hier  die  landwirtschaftliche  Technik  sehr  mangelhaft  ist,  so  erfordert ­
  die  Bestellung  des  Bodens  einen  gewaltigen  Prozentsatz
der  Bevölkerung.  Eine  hochstehende  Technik  ist  notwendig,
um  mittels  einer  relativ  geringeren  Anzahl  von  Arbeitskräften
diese  gewaltigen  Felder  zu  bestellen.  Dank  den  besseren
Werkzeugen  bebaut  ein  amerikanischer  Landarbeiter  eine
viel  größere  Fläche  als  der  russiche  Bauer,  der  nur  primitive
Werkzeuge  benutzt.  Andererseits  ist  die  von  einem  amerikanischen ­
  Arbeiter  bestellte  Fläche  dank  der  extensiven  Betriebsweise ­
  größer  als  die,  die  ein  europäischer  Arbeiter  bebaut.  Rußland ­
  hat  eine  extensive  Kultur,  aber  eine  primitive  Technik;  Westeuropa ­
  dagegen  bessere  Technik,  aber  intensive  Kultur.  Die  Vereinigten ­
  Staaten  haben  beide  Bedingungen  der  hohen  Arbeitsproduktivität: ­
  vervollkommnete  Technik  und  extensive  Kultur.  Daher ­
  können  sie  nicht  nur  den  eigenen,  sondern  auch  die  auswärtigen ­
  Märkte  mit  Getreide  versorgen.
Betrachten  wir  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  jedes  Landes ­
  im  Verhältnis  zum  Territorium,  so  tritt  die  allgemeine  Entwicklungstendenz ­
  der  Volks-  und  Weltwirtschaft  noch  deutlicher
hervor.
In  den  kapitalistischen  Ländern  Westeuropas,  die  eine  dichtere
Bevölkerung  als  die  Vereinigten  Staaten  haben,  aber  den
gleichen  Prozentsatz  der  Erwerbstätigen  in  der  Landwirtschaft ­
  aufweisen,  entfallen  auf  eine  Einheit  der  Bodenfläche  um
einigemal  mehr  Arbeiter,  als  in  den  Vereinigten  Staaten.  Mit
der  Zunahme  der  Bevölkerung  stieg  in  Europa  die  Zahl  der  in  der
Landwirtschaft  beschäftigten  Arbeitskräfte  im  Verhältnis  zur
Bodenfläche.  Nur  die  transozeanische  Konkurrenz,  die  die  Getreidepreise ­
  herabdrückte,  hielt  diese  Entwicklung  auf  und  führte
gleichzeitig  zur  steigenden  Getreideeinfuhr.  Trotzdem  also  die  europäischen ­
  Völker  viel  mehr  Arbeit  auf  die  Flächeneinheit  aufwenden,
  müssen  sie  Getreide  von  auswärts  kaufen.
Dagegen  übersteigt  die  Produktion  und  die  Ausfuhr  von  Ge-
        <pb n="240" />
        232

treide  in  den  Vereinigten  Staaten  die  absolute  Zunahme  der  Bevölkerung.*) ­
  Der  technische  Fortschritt  steigert  hier  die  Arbeitsproduktivität. ­
  Deshalb  konnten  sie  trotz  der  relativen  Verminderung ­
  der  ländlichen  Bevölkerung  lange  Zeit  immer  größere  Getreidemengen ­
  ausführen.  In  Deutschland  dagegen  stieg  trotz  der
fast  gleichbleibenden  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  (1882
waren  in  der  Landwirtschaft  und  Fischerei  8236,5  Tausend  Erwerbstätige ­
  und  1895  8282,7  Tausend)  die  Getreideeinfuhr.  Mit
anderen  Worten:  die  Getreideproduktion  hielt  mit  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  nicht  gleichen  Schritt.
Diese  Tatsachen  gestatten  uns,  einige  Ursachen  kennen  zu
lernen,  die  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  unter  den  einzelnen
Ländern  bestimmen.  In  England,  Deutschland  und  Frankreich
vermindert  sich  die  landwirtschaftliche  Bevölkerung  nicht  nur  deshalb, ­
  weil  in  diesen  Ländern  eine  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  stattfindet;  nicht  nur  deshalb,  weil  verschiedene  Gewerbezweige ­
  aufgehört  haben,  Hausbetrieb  zu  sein,  und  zu  selbständigen
Industrien  geworden  sind;  sondern  auch  d.eshalb,  weil  ein  Teil  der
notwendigen  Lebensmittel  eingeführt  wird.  Dagegen  geht  die  landwirtschaftliche ­
  Bevölkerung  der  Vereinigten  Staaten  infolge  der
Steigerung  der  landwirtschaftlichen  Produktivkraft
zurück.
Die  Entwicklung  der  Produktivkraft  geht  hauptsächlich  zugunsten ­
  des  Kapitalisten  vor  sich.  Steigt  die  Produktivkraft  rasch,
so  geht  auch  die  Kapitalakkumulation  rasch  vorwärts.  Deshalb
muß  auch  die  kapitalistische  Entwicklung  rascher  vor  sich  gehen
in  einem  Lande  wie  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,
als  in  Westeuropa,  wo  die  landwirtschaftliche  Arbeit  weniger  produktiv ­
  ist.
Zwar  suchen  die  Grundbesitzer  und  Kapitalisten  den  Ausfall
an  Mehrwert  infolge  der  geringeren  Produktivität  durch  Herabdrückung ­
  der  Arbeitslöhne  auszugleichen.  Dadurch  schmälern
*)  Die  Getreideproduktion  stieg  in  den  Vereinigten  Staaten  von
55,2  Bushels  pro  Kopf  der  Bevölkerung  im  Jahre  1879  auf  59,6  Bushels
pro  Kopf  im  Jahre  1899.  Berechnet  nach  dem  Zensus  von  1900.
Der  Übersetzer.
        <pb n="241" />
        233

sie  aber  den  inneren  Markt  und  halten  folglich  auch  die  Entwicklung ­
  des  Kapitalismus  auf.
In  der  Landwirtschaft  erhöht  das  Sinken  der  Produktivität
sukzessiver  Arbeitsaufwände  bei  Intensivierung  des  Betriebes ­
  die  Grundrente.  Je  mehr  Arbeit  die  europäische  Landwirtschaft ­
  im  Verhältnis  zu  den  neuen  Ländern  aufwendet,  ein
um  so  größerer  Teil  des  Nationalprodukts  wird  von  den  Grundbesitzern ­
  für  sich  aufgehoben,  ein  um  so  geringerer  Teil  dagegen
kann  als  Produktionsmittel  in  der  Landwirtschaft  verwendet  werden, ­
  und  um  so  mehr  zieht  das  Kapital  vor,  sich  andere  Anlagen
auszusuchen.  Selbstverständlich  kämpfen  die  Grundbesitzer  immer
energischer  gegen  die  Getreideeinfuhr,  obgleich  sie  immer  weniger
die  Bedürfnisse  der  Bevölkerung  befriedigen  können.  Keine  Zölle
können  aber  die  Tatsache  der  niedrigeren  Arbeitsproduktivität  in  der
Landwirtschaft  der  alten  Länder  auflieben.  So  wirkt  die  landwirtschaftliche ­
  Entwicklung  auf  die  gesamten  Produktivkräfte  und
speziell  auf  die  Industrie.

III.
Wenn  wir  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  in  jedem  Lande
mit  der  Entwicklung  des  Kapitalismus  vergleichen,  so  stoßen  wir
überall  auf  die  relative  Abnahme  der  ländlichen  und  die  Zunahme
der  in  Gewerben,  Verkehr  und  freien  Berufen  Beschäftigten,  wie
aus  folgender  Tabelle  ersichtlich  ist.  In  Prozenten  zur  Gesamtbevölkerung ­
  waren  tätig:

Industrie
und  Bergbau

Landwirtschaft ­


Handel
u.  Verkehr

England
Vereinigte
Staaten
Deutschland

1891
25,3
1890
8,1
1895
16,0

1881
24,5
1880
6,8
1882
14

1891
4,6
1890
14,4
1895
16

1881
5,2
1880
16,0
1882
1^2

1891
4,8
1890
5,3
1895
4,5

1881
3,8
1880
3,7
1882
3,5

Armee,
öff.  Dienst,
freie  Berufe
1891  1881
3,2  2,5
1890  1880
1,5  1,2
1895  1882
2^  ^3

In  den  anderen  europäischen  Ländern  geht  die  Verschiebung
zwischen  ländlicher  und  Industriebevölkerung  in  gleicher  Weise
vor  sich:  die  Industriebevölkerung  nimmt  auf  Kosten  der  ländlichen ­
  zu.
        <pb n="242" />
        234

suinta^

Folglich  wird  auch  die  Reservearmee  durch  die  ländliche  Bevölkerung ­
  gestellt,  die  aus  der  Landwirtschaft  herausgestoßen
wird.  Die  Industrie  und  der  Verkehr  fordern  immer  mehr  Arbeitskräfte, ­
  vermögen  aber  nicht,  die  aus  der  Landwirtschaft  ausgestoßene ­
  Bevölkerung  zu  verschlingen.  Die  Reservearmee  wächst
bei  absoluter  und  relativer  Vermehrung  der  Industriebevölkerung.
Die  kapitalistische  Entwicklung  löst  die  Bauernwirtschaft  auf
und  liefert  eine  überschüssige  Bevölkerung  sowohl  für  die  Industrie ­
  als  auch  für  den  Verkehr  und  Handel.  Die  Kapitalisten ­
  können  deshalb  wegen  ihrer  Versorgung  mit  „Arbeitshänden“ ­
  beruhigt  sein:  die  Grundbesitzer,  die  sich  gar  nicht  um
die  Kapitalisten  kümmern,  sondern  vielmehr  sich  ärgern,  daß
diese  ihnen  die  Arbeiter  „entführen“,  vertreiben  in  Wirklichkeit
selber  immer  mehr  Arbeiter  vom  Lande  nach  den  Städten  oder
nach  den  Kolonien.  Die  auf  diese  Weise  vor  sich  gehende  Verteilung ­
  der  Produktivkräfte  drückt  die  Arbeiterschaft  wie  eine
schwere  Last:  die  vom  Lande  verjagten  Arbeiter  machen  den  Industriearbeitern ­
  Konkurrenz  und  erschweren  ihren  Kampf  um
bessere  Arbeitsbedingungen.
Die  Zahl  der  mit  der  Gewinnung  von  Lebensmitteln  Beschäftigten ­
  vermindert  sich  also  relativ  immer  mehr.  Was  tun  aber  die
freigewordenen  Arbeitskräfte?
Die  Gewerbezählungen  Deutschlands  geben  auf  diese  Frage
Antwort.
Am  meisten  stieg  die  Zahl  der  unproduktiven  Klassen,
zu  denen  ich  Armee,  Staatsbeamte,  Rentner  und  häusliche  Dienstboten ­
  rechne.  Die  Zahl  der  „Erwerbstätigen“  dieser  Gruppen
nahm  von  1882  bis  1985  um  807  000  Personen  zu.*)
Ferner  führte  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  zur  Ausdehnung ­
  des  Verkehrs  und  Handels.  Die  Zahl  der  darin  Beschäftigten ­
  stieg  um  737  000  Personen.  Obgleich  diese  Bevölkerungsgruppe ­
  keinen  direkten  Anteil  an  dem  Produktionsprozeß
*)  Dabei  sind  nur  die  Berufe  in  Betracht  gezogen  worden,  die  eine
Vermehrung  von  über  10000  Personen  aufwiesen.  Die  anderen,  die
sich  um  eine  geringere  Zahl  vermehrten,  wurden  nicht  mitgerechnet.
        <pb n="243" />
        235

nimmt,  ist  sie  bei  einer  kapitalistischen  Produktionsweise  unentbehrlich. ­
  Ihr  Wachstum  ist  mit  der  Zunahme  der  Warenproduktion ­
  und  des  Austausches  eng  verbunden.  Allerdings  gibt  es  auch
vom  Standpunkte  der  kapitalistischen  Produktion  nicht  wenige
Elemente,  die  überflüssig  sind.  So  die  Klein-  und  Hausierhändler.
Diese  Gruppen  nehmen  aber  mit  der  Entwicklung  des  Kapitalismus ­
  ah.
Eine  bedeutende  Zunahme  weisen  noch  die  Berufe  auf,  die  mit
der  Produktion  des  fixen  Kapitals  beschäftigt  sind.*)  Sie  stiegen
um  773  000  Personen.  Die  Zahl  der  in  der  Konsumtionsmittelindustrie ­
  Erwerbstätigen  nahm  um  664  000  zu.
Da  ein  bedeutender  Teil  der  Ausfuhr  gerade  auf  die  Konsumtionsmittel ­
  entfällt,  so  hat  sich  deren  Produktion  nicht  allein  infolge ­
  des  gestiegenen  einheimischen  Verbrauches,  sondern  auch
als  Folge  der  vermehrten  Ausfuhr  erhöht.  Der  inländische  Verbrauch ­
  von  Fabrikaten  ist  in  geringerem  Maße  gestiegen  als  die  Zahl
der  in  der  Industrie  beschäftigten  Personen.  Zieht  man  die  Ausfuhr ­
  und  die  Bevölkerungszunahme  in  Betracht,  so  ist  wohl  anzunehmen, ­
  daß  die  Zahl  der  mit  der  Herstellung  von  Gegenständen
des  unmittelbaren  Verbrauches  Beschäftigten  relativ  kaum  zugenommen ­
  hat.
Außer  den  physiologischen  entwickeln  sich  in  der  Gesellschaft
auch  andere  Bedürfnisse,  wie  ästhetische,  geistige  usw.,  aber  auch
solche,  die  durch  die  nervenaufreibende  Lebensweise  hervorgerufen ­
  werden.  Diese  letzteren  werden  durch  Schnaps,  Bier,
Tabak  usw.  befriedigt.  Die  Erwerbstätigen  stiegen  in  diesen  Industriezweigen ­
  um  76  000  Personen.  Noch  bedeutender  nahm
die  Zahl  der  Erwerbstätigen  zu,  die  die  geistigen  Bedürfnisse
befriedigten  oder  dem  Gesundheitsschutz  dienten,  nämlich  um
222  000  Personen.
*)  Hierher  gehören  auch  die  Bauarbeiter.  Obgleich  die  Häuser
auch  als  Wohnungen  dienen  und  folglich  die  unmittelbaren  Bedürfnisse ­
  befriedigen,  so  bilden  sie  doch  in  den  Händen  der  Hausbesitzer
ein  Kapital,  das  ihnen  Profit  liefert.  Deshalb  haben  wir  zu  der  Gruppe
Arbeiter,  die  für  den  persönlichen  Konsum  arbeiten,  nur  die  Beparaturarbeiter
  und  solche  Arbeiter  wie  Maler,  Dekorateure  usw.  gezählt.
        <pb n="244" />
        236

All  diese  Gruppen  der  Erwerbstätigen  sind  entweder  dank  der
Bevölkerungsvermehrung,  oder  auf  Kosten  der  landwirtschaftlichen ­
  Bevölkerung  gestiegen.
Wir  sehen  also,  die  durch  den  technischen  Fortschritt  hervorgerufene ­
  Entwicklung  der  Produktivkräfte  führt  in  der  kapitalistischen ­
  Ordnung  vor  allem  zur  Vermehrung  der  unproduktiven  Elemente ­
  der  Gesellschaft.  In  der  kapitalistischen  Gesellschaft  bringt
der  technische  Fortschritt  nicht  so  sehr  eine  Erhöhung  des
Arbeiterkonsums  und  auch  nicht  des  unmittelbaren  Verbrauches
der  Kapitalisten,  sondern  vielmehr  eine  Vermehrung  der  Personen,
die  den  Interessen  der  kapitalistischen  Ordnung  im  ganzen  oder
einzelner  Personen  dienen,  die  keinen  unmittelbaren  Anteil  an  der
Produktion  nehmen  und  auf  Kosten  des  Profits  und  der  Grundrente ­
  leben.  Gleichfalls  immer  geringer  wird  der  unmittelbare  Anteil ­
  der  Rentnergruppe  an  dem  Produktionsprozeß,  der  von  Angestellten ­
  geleitet  wird.
Von  den  in  dem  Produktionsprozeß  unmittelbar  Beteiligten
vermehrten  sich  am  stärksten  diejenigen,  die  das  fixe  Kapital  produzieren. ­
  Das  Wachstum  dieser  Gruppe  beweist,  wie  rasch  die
Kapitalakkumulation  vor  sich  geht.  Würde  die  Zahl  der  Erwerbstätigen ­
  steigen,  die  für  den  persönlichen  Konsum  arbeiten,  so
könnte  man  daraus  schließen,  daß  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  von  der  Bevölkerung  zur  Erhöhung  ihres  Verbrauches  ausgenutzt ­
  wird.  Wie  wir  aber  gesehen  haben,  steigt  gerade  die
Produktion  von  Produktionsmitteln.  Die  relative  Abnahme
der  Produktion  von  Konsumtionsmitteln  beweist,  daß  die  Zunahme ­
  des  fixen  Kapitals  viel  rascher  vor  sich  geht,  als  die
Verbrauchsentwicklung.  Zieht  man  dabei  noch  in  Betracht,
daß  auch  die  unproduktiven  Bevölkerungsschichten  zugenommen
haben,  die  sich  ebenfalls  auf  Kosten  des  Konsums  der  produktiven
Klasse  ernähren,  so  fällt  die  relative  Verminderung  des  Konsums ­
  der  produktiven  Bevölkerungsschichten  in  die  Augen.  Da
aber  der  Verbrauch  der  Kapitalistenklasse,  die  am  Produktionsprozeß ­
  Anteil  nimmt,  doch  steigt,  so  vermindert  sich  die  Produktenmenge,
  die  die  Arbeiter  verbrauchen,  immer  mehr.  Dank  der
steigenden  Produktivität  der  Arbeit  ist  diese  Verminderung  wohl
        <pb n="245" />
        —  237  —

nur  eine  relative;  mit  anderen  Worten:  obgleich  die  Zahl  der  Arbeiter, ­
  die  Produkte  des  Massenkonsums  hersteilen,  relativ  abgenommen ­
  hat,  ist  die  von  ihnen  verbrauchte  Menge  dennoch  gestiegen. ­

Dagegen  ist  sowohl  absolut  als  auch  relativ  die  Zahl  der  Arbeiter
gestiegen,  die  Produkte  zur  Befriedigung  der  ästhetischen  und
geistigen  Bedürfnisse  herstellen.  Folglich  ist  die  Volksmasse  bereit, ­
  ihre  geistigen  Bedürfnisse  auf  Kosten  ihrer  physischen  zu  befriedigen. ­
  Zeitungen,  Theater  usw.  werden  zu  den  unentbehrlichsten ­
  Gegenständen  des  Massenkonsums.
Wir  haben  schon  bemerkt,  daß  absolut  die  Menge  der  gewonnenen ­
  Produkte  gestiegen  ist.  Wir  betrachten  hier  aber  die
Verteilung  der  Produktivkräfte  unabhängig  von  der  Menge  der
produzierten  Waren.  Wir  wollten  nur  die  Richtung  angehen,  in
der  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  vor  sich  geht.  Und  diese
erhellt  aus  der  relativen  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  in  verschiedenen ­
  Produktionszweigen.
IV.
Die  Volkswirtschaft  charakterisiert  sich  in  doppelter  Weise:
durch  die  Produktion  und  durch  die  Konsumtion.  Wir  haben
schon,  als  wir  den  Produktionsprozeß  analysierten,  einen  allgemeinen ­
  Überblick  über  den  Konsumtionsprozeß  gegeben.  Man
kann  aber  umgekehrt  von  der  Analyse  des  Konsumtionsprozesses
ausgehen,  um  die  Tendenzen  der  Produktion  herauszufmden,  da
doch  alle  Waren  entweder  unmittelbar  verbraucht  werden  oder  in
die  Produktion  eingehen.
Leider  gibt  die  Statistik  gerade  in  dieser  Beziehung  sehr  wenig
Anhaltspunkte.  Aber  auch  das  schon  vorhandene  Material  wurde
noch  nicht  ausgenutzt.
Der  persönliche  Konsum  kommt  in  den  Privatbudgets  zum
Ausdruck;  viel  schwieriger  ist  es,  den  produktiven  Verbrauch  festzustellen. ­
  Nur  die  Bauernbudgets  geben  noch  einige  Anhaltspunkte ­
  in  dieser  Beziehung.  Dennoch  läßt  auch  das  vorhandene
statistische  Material  die  allgemeinen  Entwicklungstendenzen  herausfinden ­
  und  den  weiteren  Gang  der  Wirtschaft  gewissermaßen
        <pb n="246" />
        feststellen.  Wir  werden  auf  Grund  der  Budgets  die  schon  aus
unserer  Analyse  der  Verteilung  der  Produktivkräfte  gezogenen
Schlüsse  prüfen.
Eine  Bauernwirtschaft  stellt  in  gewisser  Beziehung  eine
ganze  Volkswirtschaft  im  kleinen  dar.  Ein  Teil  ihrer  Arbeitskräfte ­
  produziert  Nahrungsmittel,  teils  für  den  unmittelbaren
Verbrauch  der  Familie,  teils  für  den  Markt.  Der  Unterschied  in
den  Produktivkräften  einzelner  Bauernwirtschaften  hängt  von
ihren  Produktionsmitteln  ab.  Je  mehr  Produktionsmittel  einer
Bauernfamilie  zur  Verfügung  stehen,  um  so  mehr  Produkte  bringt
sie  hervor.
Indem  wir  nun  die  Bauernbudgets  betrachten,  finden  wir,  daß,
je  reicher  eine  Bauernwirtschaft,  um  so  größer  der  relative  und
absolute  Teil  ihrer  Produkte,  die  ihren  Wirtschaftskonsum  ausmachen, ­
  und  relativ  um  so  geringer  der  persönliche  Verbrauch
ist.  Tscherbina*)  hat  volltsändig  recht,  wenn  er  sagt:  „1.  je  ärmer
eine  Bauernfamilie  ist,  einen  um  so  größeren  Teil  ihrer  Produkte
verschlingt  der  persönliche  Konsum,  und  um  so  weniger  bleibt  ihr
für  die  Befriedigung  der  Wirtschaftsbedürfnisse  übrig;  2.  je  ärmer
eine  Bauernfamilie  ist,  einen  um  so  größeren  Teil  ihres  Budgets
machen  insbesondere  die  Nahrungsmittel  aus.“
Vergleicht  man  eine  Wirtschaft  von  Viehzüchtern  mit  der  von
Ackerbauern,  so  sieht  man,  daß  die  persönlichen  Bedürfnisse  bei
den  Hirten  noch  viel  bedeutender  sind  als  die  „wirtschaftlichen“.
Daraus  geht  hervor,  daß  mit  der  Entwicklung  der  Technik  ein
immer  größerer  Teil  der  Mittel  der  Wirtschaft  für  die  Beproduktion
  und  die  Beschaffung  von  Arbeitsmitteln  verwendet  wird.
Die  Volkswirtschaft  besteht  aus  einer  Reihe  solcher  Wirtschaften, ­
  sowie  aus  anderen,  die  fremde  Arbeitskräfte  verwenden.
Überall  aber  hängt  die  Höhe  des  Wirtschaftskonsums  von  dem
Grad  der  Technik  ab.  Der  Unterschied  zwischen  Bauern-  und
kapitalistischen  Wirtschaften  besteht  in  bezug  auf  den  Konsum
darin,  daß  in  jenen  der  Konsum  der  Familienmitglieder  einen
um  so  geringeren  Teil  des  Wirtschaftseinkommens  ausmacht,  je
reicher  die  Bauernfamilie  ist,  während  in  den  kapitalistischen
•)  „Die  Bauernbudgets“,  Woronesh  1900  (russ.).
        <pb n="247" />
        239

Wirtschaften  der  Teil  des  Gesamtproduktes,  der  den  Arbeitern  zufällt, ­
  um  so  geringer  ist,  je  höher  die  Zusammensetzung  des  Kapitals
ist.  Da  die  Volkswirtschaft  die  Summe  der  einzelnen  Wirtschaften ­
  bildet,  so  bestimmt  der  Charakter  der  Konsumtion  in  einzelnen
Wirtschaften  auch  den  gesamten  nationalen  Verbrauch,
Wir  sehen  also,  daß  die  Analyse  der  Privatbudgets  die  Schlußfolgerungen ­
  bekräftigt,  die  wir  aus  der  Analyse  der  Produktion
in  Deutschland  gezogen  haben:  die  relative  Abnahme  der  Produktion ­
  von  Nahrungsmitteln  (die  Einfuhr  eingeschlossen)  und  die
relative  Zunahme  der  Produktion  von  fixem  Kapital.  Wie  in  der
Gesamtwirtschaft,  so  geht  auch  in  jeder  einzelnen  Wirtschaft  der
Wirtschafts  ver  brauch  auf  Kosten  des  persönlichen  vor  sich.
V.
Wir  haben  oben  eine  starke  Zunahme  der  Erwerbstätigen  in
Produktionszweigen  konstatiert,  die  für  die  Befriedigung  von  geistigen ­
  und  ästhetischen  Bedürfnissen  arbeiten.  Sind  nun  diese  Bedürfnisse ­
  bei  den  Kapitalisten  oder  bei  den  Arbeitern  gestiegen?
Die  Analyse  der  Arbeiterbudgets  beweist,  daß  die  geistigen  Bedürfnisse ­
  der  Arbeiterklasse  gestiegen  sind.
Die  geistigen  Bedürfnisse  können  befriedigt  werden,  wenn  der
Arbeitslohn  ein  gewisses  Minimum  übersteigt.  Es  müssen  zuerst
die  dringlichsten  Bedürfnisse  nach  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung ­
  gedeckt  sein,  wenigstens  minimal.  Der  hungernde  Arbeiter
kann  natürlich  nicht  daran  denken,  seine  ästhetischen  Bedürfnisse
zu  befriedigen.  Sind  aber  diese  notwendigsten  Bedürfnisse,  wenn
auch  mangelhaft,  gedeckt,  so  beginnt  der  Arbeiter  sich  Zeitungen,
Bücher  usw.  anzuschaffen.  Dabei  wachsen  gerade  diese  Ausgaben
mit  der  Steigerung  des  Lohnes  nicht  nur  absolut,  sondern  auch
relativ.  Nach  der  Berliner  Enquete  gibt  eine  Arbeiterfamilie,  die
aus  vier  Personen  besteht  und  ein  Budget  von  900  bis  1100  Mark
auf  weist,  4,3  bis  5  Mark  pro  Kopf  für  Bücher  und  Zeitungen
aus,  während  bei  einem  Budget  von  2100  bis  2400  Mark  die  Ausgaben ­
  für  Bücher  und  Zeitungen  16,6  bis  18,6  Mark  ausmachen.
Daß  eine  Arbeiterfamilie,  die  2000  Mark  verdient,  nicht  die  Notwendigkeit ­
  fühlt,  ihre  Nahrung,  Wohnung  usw.  zu  verbessern,  ist
        <pb n="248" />
        240

natürlich  nicht  anzunehmen.  Folglich  geht  die  gesteigerte  Befriedigung ­
  der  geistigen  auf  Kosten  der  Deckung  der  physischen
Bedürfnisse  vor  sich.
So  werfen  die  Arbeiterbudgets  ein  helles  Licht  auf  die  Verteilung ­
  der  Produktivkräfte  der  sich  entwickelnden  kapitalistischen
Gesellschaft.  Einerseits  steigt  die  Produktion  von  Arbeitsmitteln,
zu  der  der  Kapitalist  veranlaßt  wird,  um  erfolgreich  aus  der  Konkurrenz ­
  hervorzugehen  und  sich  einen  erhöhten  Profit  zu  verschaffen. ­
  Andererseits  werden  immer  mehr  Gegenstände  produziert,
die  die  geistigen  und  ästhetischen  Bedürfnisse  befriedigen,  weil
in  den  Bedürfnissen  der  Arbeitermassen  eine  Änderung  vor  sich
gegangen  ist:  die  geistigen  Bedürfnisse  spielen  eine  solche  Rolle,
daß  sie  auch  auf  Kosten  der  anderen  befriedigt  werden.
Die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  Landes  wird  von  jeder
Gesellschaftsklasse  auf  ihre  eigene  Art  ausgenutzt.  Die  Grundbesitzer ­
  verwenden  die  steigende  Rente  auf  ihre  Weise.  Die  Kapitalisten ­
  suchen  das  fixe  Kapital  zu  erhöhen,  um  dadurch  ihre  Profitquelle ­
  reicher  zu  machen,  obgleich  auch  dies  durch  eine  relative
Verminderung  des  persönlichen  Konsums  der  kapitalistischen
Gesellschaft  und  insbesondere  der  Arbeiterklasse.  Die  Arbeiter
streben  bei  Einschränkung  ihrer  physischen  Bedürfnisse  nach
erhöhter  Befriedigung  der  kulturellen  Bedürfnisse.
Die  Bourgeoisie  tritt  also  ihre  Führerschaft  im  geistigen  Leben
immer  mehr  an  die  Arbeiterschaft  ab,  um  fixes  Kapital  zu  vermehren. ­
  Das  Kapital  dient  ihr  als  Mittel  ihrer  wirtschaftlichen
Herrschaft;  der  Arbeiterklasse  dient  das  kulturelle  und  geistige
Wachstum  als  Mittel  zu  ihrer  Befreiung.  Jede  Klasse  wirkt,  ohne
dies  selbst  einzusehen,  durch  ihre  Bedürfnisse  auf  die  Verteilung
der  Produktivkräfte  in  der  Gesellschaft  und  schmiedet  sich  die
Waffen  im  sozialen  Kampfe.

VI.
Seit  1897  hat  Rußland  keine  Gewerbezählung  mehr  vorgenommen. ­
  Deshalb  können  wir  auch  nicht  sagen,  wie  sich  die
Verteilung  der  Produktivkräfte  hier  seitdem  entwickelt  hat.  Dafür ­
  bietet  ein  Vergleich  zwischen  Deutschland  und  Rußland
        <pb n="249" />
        241

interessante  Gesichtspunkte.  Dazu  benutzen  wir  die  Gewerbezählung ­
  von  1895  in  Deutschland  und  die  Volkszählung  von  1897
in  Rußland.
Wir  sehen  daraus,  daß  in  Deutschland  bedeutend  mehr  Menschen ­
  in  den  Gewerben  Beschäftigung  fanden  als  in  Rußland;
nämlich  8,281  Millionen  gegen  5,171  Millionen.  Dafür  ist  die
unproduktive  Klasse,  die  weder  in  den  Gewerben  noch  im  Handel
tätig  war,  in  Rußland  bedeutend  größer  als  in  Deutschland.  So
waren  (in  Tausenden):
in  Rußland  in  Deutschland

Rentner  1355  1288,5
Armee  und  Marine  1132  630,9
öffentlicher  Dienst  330  292,9
Zusammen:  2827  2212,3

So  muß  die  arme  russische  Bevölkerung  eine  größere  Anzahl
von  ganz  unproktiven  Personen  ernähren.
Dagegen  ist  die  Zahl  der  Erwerbstätigen  in  den  Gewerbezweigen, ­
  die  der  Befriedigung  der  geistigen  und  ästhetischen  Bedürfnisse ­
  dienen,  in  Deutschland  bedeutend  größer  als  in  Rußland.

Gewerbegruppen
Lehrer
Typographen
Buchbinder
Theater,  Musik  usw.

Rußland  Deutschland
in  Tausenden

168
33,2
26
38

232
75,5
61
74

Zusammen:  265,2  442,5

In  Rußland  ist  also  die  unproduktive  Bevölkerungsschicht
größer  als  in  Deutschland;  trotzdem  zeichnet  sich  Rußland
keineswegs  durch  seine  Bildungsarbeit  aus.
Aus  der  Analyse  der  Haushaltungen  haben  wir  gesehen,  daß
die  geistigen  Bedürfnisse  der  Volksmassen  mit  dem  zunehmenden ­
  Wohlstände  steigen.  Es  ist  auch  ohne  weiteres  klar,  daß
nur  die  Nachfrage,  die  aus  den  Massen  kommt,  eine  Erhöhung  der
Beschäftigungs  zahl  hervorrufen  kann.  In  Rußland  kann  es
einzelne  Talente  geben;  aber  erst  eine  bedeutende  Zahl  der  ge-Masslow,
  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.
        <pb n="250" />
        wohnlichen  Arbeiter  auf  diesem  Gebiet  kann  das  geistige  Bedürfnis ­
  der  Volksmassen  befriedigen.
Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  eines  Landes  bestimmt
dessen  Entwicklung.  In  Rußland  ist  diese  Verteilung  sehr  ungünstig. ­
  Der  weitaus  größte  Teil  der  Bevölkerung  ist  in  der  Landwirtschaft ­
  beschäftigt,  wobei  seine  Arbeitsproduktivität  gering  ist.
Die  Getreideausfuhr  geht  auf  Kosten  des  Volkskonsums.  Außerdem ­
  sind  noch  sehr  viele  da,  die  überhaupt  mit  keiner  produktiven ­
  Tätigkeit  beschäftigt  sind.
Wenn  durch  die  innere  Entwicklung  keine  Neueinteilung  der
Produktivkräfte  hervorgerufen  wird,  wird  diese  unter  dem
Einfluß  des  eindringenden  ausländischen  Kapitals  eintreten.  Die
rasche  Akkumulation  des  Kapitals  in  Westeuropa  gebietet  ihm
auch  die  Kapitalisierung  Rußlands,  die  Vornahme  einer  Neueinteilung ­
  der  Produktivkräfte  in  diesem  Lande.
Selbständig  oder  unter  dem  Drucke  des  auswärtigen  Kapitals
—  auch  Rußland  muß  den  gleichen  Weg  gehen,  den  die
anderen  Länder  durchlaufen  haben.  Auch  lassen  sich  schon
gewisse  Zeichen  derselben  Entwicklung  wahrnehmen  .  .  .
        <pb n="251" />
        16

Achtzehntes  Kapitel.
Der  Kapitalismus  in  Rußland.
Um  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  in  Rußland  kennen
zu  lernen,  werden  wir  den  wichtigsten  Gewerbezweig  —  den
Bergbau  —  näher  untersuchen  und  daraus  feststellen,  ob  die
wirtschaftliche  Entwicklung  in  Rußland  gewisse  Besonderheiten
aufweist.
Die  Besitzer  der  Bergwerke  und  die  Eisenindustriellen  bilden
in  Rußland  die  stärkste  Unternehmergruppe.  Sie  sind  stark  nicht
allein  infolge  ihrer  Organisation,  sondern  auch  dank  der  Anhäufung ­
  von  großen  Kapitalien  in  ihren  Händen.  Auf  den  Bergbau ­
  und  die  Eisenindustrie  entfällt  auch  der  größte  Teil  des  für
die  neu  gegründeten  Aktiengesellschaften  aufgebrachten  Kapitals.
So  kamen  1899  auf  die  Gesellschaften  in  Bergbau  und  Eisenindustrie ­
  vom  neu  emittierten  Kapital  im  Betrage  von  430,8  Millionen ­
  Rubel  188,4  Millionen  Rubel;  1900  von  336,8  Millionen
Rubel  142  Millionen  Rubel  und  1907  von  192  Millionen  Rubel
71,7  Millionen  Rubel  usw.*)
So  ist  im  Bergbau  und  im  Hüttenwesen  in  der  letzten  Zeit
mehr  als  ein  Drittel  des  neu  aufgebrachten  Kapitals  investiert
worden.  Daraus  erhellt,  welche  Bedeutung  dem  Bergbau  und
dem  Hüttenwesen  zukommt.  Dabei  muß  noch  in  Betracht  gezogen ­
  werden,  daß  die  Erzeugnisse  des  Bergbaues  für  die  kapitalistische ­
  Produktion  von  gleicher  Bedeutung  sind  wie  das  Rohmaterial. ­
  Von  der  Entwicklung  des  Bergbaues  und  des  Hüttenwesens ­
  hängt  auch  der  Fortschritt  der  gesamten  Industrie  ab.
Daher  wird  auch  die  Analyse  der  Entwicklung  des  Bergbaues  den
allgemeinen  Entwicklungsprozeß  des  Kapitalismus  in  Rußland
beleuchten.

*)  Statistik  der  Aktiengesellschaften  in  Rußland,  1908,  VI.  Lieferung.
        <pb n="252" />
        Bei  der  Untersuchung  der  kapitalistischen  Entwicklung  in
verschiedenen  Ländern  bemerken  wir,  daß  diese  ungeachtet  der
verschiedenen  geographischen  und  wirtschaftlichen  Bedingungen
auf  gleiche  Weise  vor  sich  geht.
Zuerst  dringt  das  Kapital  in  den  Tausch  ver  kehr  ein,  indem  es  als
Handelskapital  auf  tritt  und  das  Handwerk  zum  Kustargewerbe
macht.  Das  letztere  entwickelt  sich  allmählich  zur  Hausindustrie.
Gleichzeitig  wird  sehr  viel  Kapital  auf  die  Verbesserung  der
Transportmittel  und  des  Kredits  verwendet,  die  mit  der  Zunahme
des  Verkehrs  notwendig  wird.  Das  Handelskapital  beutet
nicht  sowohl  Lohnarbeit  aus  als  das  ländliche  Hausund ­
  Kustargewerbe.  Erst  allmählich  dringt  das  Kapital  auch  in
die  Sphäre  der  Produktion  ein.  Am  ehesten  wird  der  Bergbau
kapitalistisch  organisiert.
In  Deutschland  verteilte  sich  das  in  den  Jahren  1851—1870
neu  investierte  Kapital  wie  folgt:  *)
Bergbau,  Hütten  und  Salinen  275,41  Millionen  Mark
Banken  94,65  „  „
Versicherungsgesellschaften  158,46  „  „
Eisenbahnen  1722,44  „  „

Zusammen:  2250,96  Millionen  Mark

Der  Bergbau  nahm  12  Proz.  des  gesamten  Aktienkapitals  dieser
Zeit  auf.
In  den  Jahren  1870—1874  verteilte  sich  das  Aktienkapital  auf
die  einzelnen  Industriezweige  wie  folgt:

Bergbau,  Hütten  und  Salinen
Banken
V  ersicherungsgesellschaf  ten
Eisenbahnen

394,95  Millionen  Mark
838,27
29,13
778,01

Zusammen:  2040,36  Millionen  Mark

I

Auf  den  Bergbau  entfallen  schon  19,3  Proz.  des  Gesamtaktienkapitals. ­
  1883—1888  machte  das  im  Bergbau  investierte  Kapital

)  W.  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus,  Bd.  II,  S.  6.
        <pb n="253" />
        —  245  —

schon  33,3  Proz.  des  gesamten  Aktienkapitals  aus.  Ebenso  in  den
90  er  Jahren.  Aber  zu  dieser  Zeit  „mußte  sich  das  Kapital  notwendig ­
  nach  neuen  Anlagesphären  Umsehen.  Es  tritt  an  Gebiete
heran,  in  denen  das  Gewerbe  haust“.*)
Daraus  geht  hervor,  daß  das  Kapital  in  Deutschland  zuerst
in  den  Handel  und  Verkehr  eingedrungen  war  und  nur  in  geringem ­
  Maße  in  die  Produktion  einging.  Mit  der  Kapitalakkumulation ­
  beginnt  auch  der  Prozeß  der  Kapitalisierung  der  Produktion, ­
  und  zwar  in  einer  bestimmten  Aufeinanderfolge.  Der  größte
Teil  des  investierten  Kapitals  kommt  auf  den  Bergbau,  der  in
steigendem  Umfang  Kapital  beansprucht.**)  Diese  Aufeinanderfolge ­
  der  kapitalistischen  Entwicklung  einzelner  Industriezweige
erklärt  sich  nicht  allein  durch  die  Verschiedenheit  in  den  technischen ­
  Bedingungen  der  Produktion,  sondern  auch  durch  die
Rolle,  die  die  einzelnen  Zweige  in  der  gesamten  Volkswirtschaft
spielen.  Die  Entwicklung  des  Bergbaues  ist  eine  notwendige  Bedingung ­
  für  die  Entwicklung  der  Maschinenproduktion  in  anderen
Gewerbezweigen.  Deshalb  muß  die  Entwicklung  der  kapitalistischen ­
  Produktion  an  Stelle  des  Handwerks  zu  der  Zeit  stärker
sein,  wo  im  Bergbau  schon  ein  bedeutendes  Kapital  investiert
wurde.  Darauf  wird  eine  relative  Abnahme  des  Bergbau-*)

  Ebenda,  S.  20.

**)  Nach  der  Reichsstatistik  wurden  bei  den  deutschen  Börsen  zum
Börsenhandel  in  den  Jahren  1897/1907  zugelassen  Wertpapiere  in  Millionen ­
  Mark  Nennwert:  Bankaktien  und  -Obligationen  2058,7,  Verkehrsaktien ­
  und  -Obligationen  1193,4  und  Industrieaktien  und  -Obligationen
4580,1.  Von  den  Industriewertpapieren  entfallen  auf  Bergbau,  Hütte
und  Salinen  1565,2,  Maschinen  usw.  422,0,  Metallverarbeitung  138,2,
Elektrizitätsindustrie  1126,6  usw.  Nach  der  Statistik  der  Aktiengesellschaften ­
  und  der  Gesellschaften  mit  beschränkter  Haftpflicht  von  1909
kamen  vom  nominalen  Aktienkapital  in  der  Höhe  von  14,7  und  Stammkapital ­
  in  der  Höhe  von  3,5  Milliarden  Mark  auf  das  Handelsgewerbe
30,88%  des  Aktienkapitals  und  23,85%  des  Stammkapitals,  auf  die
Maschinenindustrie  11,24  und  14,10,  auf  das  Verkehrsgewerbe
10,37  und  3,62,  Bergbau,  Hütten  und  Salinen  8,65  und  6,16;  außerdem ­
  auf  Bergbau,  Hütten,  vereinigt  mit  Metall-  und  Maschinenindustrie ­
  noch  weitere  6,75%  des  Aktienkapitals;  auf  die  sonstigen
Gesellschaften  32,11%  des  Aktienkapitals  und  41,5  des  Stammkapitals.
Anm.  des  Übersetzers.
        <pb n="254" />
        kapitals  eintreteii,  weil  die  anderen  Industriezweige  immer  mehr
Kapital  beanspruchen.
In  Rußland  dauerte  die  Periode  der  besonders  starken  Entwicklung ­
  des  Verkehrs  bis  zu  den  70  er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts. ­
  Aus  der  Gesamtsumme  von  1115,6  Millionen  Rubel,
die  für  Aktiengesellschaften  in  den  Jahren  von  1861—1873  aufgebracht ­
  wurden,  kamen  auf  ^
Eisenbahnen  698,5  62
Banken  und  andere  Kreditanstalten  226,9  20
Dampfschiffahrtsgesellschaften  7,3  0,6
Bergbaugesellschaften  24,3  2,2
Industriegesellschaften  104,6  10
Bis  zu  den  70  er  Jahren  beanspruchte  also  in  Rußland  der
Bergbau  nur  2,2  Proz.  des  Aktienkapitals.  Ebenso  wie  in  Deutschland ­
  herrscht  das  vom  Verkehr  beanspruchte  Kapital  vor.  In  den
70  er  Jahren  werden  in  Rußland  noch  5,3  Proz.  des  gesamten
Aktienkapitals  investiert.  In  Deutschland  beginnt  dagegen  der
Bergbau  schon  große  Summen  zu  verschlingen,  was  in  Rußland
erst  in  den  90  er  Jahren  eintrat.  Zu  Anfang  des  20.  Jahrhunderts
kommen  auf  den  Bergbau  in  Rußland  schon  39,4  Proz.  des  gesamten ­
  Aktienkapitals,  d.  h.  mehr  als  in  Deutschland  in  den
80  er  Jahren,  wo  der  Bergbau  den  größten  Teil  des  Industriekapitals ­
  verschlang.
II.
Die  Reihenfolge,  in  der  das  Eindringen  des  Großkapitals  in
die  einzelnen  Industriezweige  vor  sich  geht,  machte  gewöhnlich
die  Volkswirte  irre,  die  glaubten,  daß  gewisse  Erwerbszweige  für
das  Kapital  überhaupt  unzugänglich  seien.  So  behaupten  die
russischen  Volkswirte  in  den  90  er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts,
daß  für  den  Kapitalismus  in  Rußland  kein  Boden  vorhanden  sei
und  daß  er  sich  daher  auch  nicht  entwickle,  da  das  Kapital  nur
den  Austausch  der  Produkte  erfasse  und  die  selbständigen  Produzenten ­
  ausbeute,  statt  die  Produktion  selbst  zu  organisieren.
Diese  „Eigentümlichkeit“  des  russischen  Kapitalismus  war,  wie
wir  gesehen  haben,  bis  zu  einer  gewissen  Zeit  auch  dem  deutschen
Kapitalismus  nicht  fremd.
        <pb n="255" />
        247

Die  russischen  Volkswirte  stützten  sich  auf  eine  bestimmte
Tatsache  —  die  Vorherrschaft  des  Handelskapitals  zu  dieser  Zeit.
In  Deutschland  bemerken  wir,  daß  das  Kapital  in  gewisse
Handwerkszweige  immer  noch  nicht  eingedrungen  ist,  und  gewisse ­
  Volkswirte  ziehen  daraus  den  Schluß,  daß  diese  für  das
Kapital  überhaupt  unzugänglich  seien.  So  ruft  jedes  Entwicklungsstadium ­
  eine  neue  Theorie  der  Volkswirtschaft  ins  Leben,
die  so  lange  aufrecht  erhalten  wird,  als  sie  von  der  weiteren  Entwicklung ­
  nicht  widerlegt  wird.  Da  das  Kapital  seit  den  90  er  Jahren
auch  gewisse  Produktionszweige  —  wie  den  Bergbau  —  erobert
hat,  so  haben  die  russischen  Volkstümler  auch  ihre  Theorie  etwas
umgestaltet,  indem  sie  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  in  Rußland ­
  nicht  mehr  leugnen;  sie  bestreiten  aber  immer  noch  seine
Fähigkeit,  auch  in  das  Gewerbe  und  in  die  Landwirtschaft  einzudringen. ­

.  Dieser  wissenschaftliche  Impressionismus  ist  ein  Resultat  des
Fehlens  einer  klaren  Vorstellung  von  dem  Gang  der  kapitalistischen ­
  Entwicklung.  Wir  haben  schon  bewiesen,  daß  zuerst  der
Produktenaustausch  und  der  Verkehr,  dann  der  Bergbau  kapitalistisch ­
  organisiert  wird.  Mit  der  Entwicklung  der  kapitalistischen ­
  Produktion  nimmt  besonders  der  Bergbau  und  die  Eisengewinnung ­
  rasch  zu.

Es  ist  bekannt,  daß  die  Vereinigten  Staaten  und  Deutschland
iu  der  letzten  Zeit  die  stärkste  Entwicklung  aufweisen,  während
Frankreich  und  sogar  England  zurückgeblieben  sind.  Dieser
Unterschied  im  Tempo  der  kapitalistischen  Entwicklung  einzelner
Länder  kommt  vor  allem  in  den  Zahlen  der  Kohlen-  und  Eisengewinnung ­
  zum  Ausdruck.  Nach  den  Zusammenstellungen  des
Statistischen  Jahrbuches  für  das  deutsche  Reich  war

die  Kohlenproduktio
Ver.  Staaten  Deutschland
1887  118  524  76  233
1897  181  645  120  475
1907  435  779  205  722
1909  397  000  217  446

in  1000  metrischen  Tonnen
Rußland  Frankreich  England
4  534  21  288  164  721
11  203  30  797  205  374
26  001  35  989  272  129
24  458  37  116  268  007
        <pb n="256" />
        248

die  Roheisenproduktion  in  1000  metrischen  Tonnen

1887
1897
1907
1909

6  520
9  808
26  195
26  209

4  024
6  881
12  875
12  645

602
1  880
2  819
2871

1  568
2  484
3  590
3  545

7  681
8  938
10  277
9  685

Daraus  ergibt  sich,  daß  die  Vereinigten  Staaten  und  Deutschland ­
  die  stärkste  Entwicklung  aufweisen.  Rußland  nimmt  eine
besondere  Stellung  ein.  Sowohl  die  Kohlen-  als  auch  die  Roheisengewinnung ­
  in  großem  Umfange  begann  hier  viel  später  als
in  anderen  Ländern.  Dennoch  geht  die  Roheisenproduktion  in
Rußland  jetzt  rascher  vor  sich  als  in  Frankreich  und  sogar  in
England.

III.
Die  Entwicklung  des  Bergbaues  hängt  von  dem  Charakter  des
Konsums  und  seiner  Erzeugnisse  ab.  Dieser  Charakter  erfährt
mit  dem  Prozeß  der  kapitalistischen  Entwicklung  eine  schroffe
Änderung,  die  die  Stufe  der  wirtschaftlichen  Evolution  kennzeichnet, ­
  auf  der  sich  das  Land  befindet.
Zur  Zeit  der  Vorherrschaft  des  Handelskapitals,  wo  der  größte
Teil  des  Großkapitals  vom  Verkehrswesen  beansprucht  wird,  wirkt
der  Bergbau  für  die  Transportmittel,  wie  Eisenbahnen,  Dampfschiffahrt ­
  usw.,  und  liefert  hauptsächlich  für  diese  seine  Erzeugnisse. ­
  Von  der  Entwicklung  des  Eisenbahn-  und  Schiffbaues
hängt  auch  die  des  Bergbaues  ab.  Erst  später  beginnt  der  Bergbau ­
  auch  für  andere  Industriezweige  Rohmaterial  zu  liefern.
In  den  70  er  Jahren  wurden  deshalb  im  Bfergbau  nur  5  Proz.
des  gesamten  Aktienkapitals  investiert;  Anfang  des  20.  Jahrhunderts ­
  dagegen  schon  40  Proz.  Dabei  verbraucht  der  russische
Staat  —  der  Haupteisenbahnunternehmer  —  nur  noch  der
Eisenproduktion;  die  übrigen  werden  auf  den  „Markt“  gebracht ­
  oder  von  anderen  Gewerbezweigen  konsumiert.
Auf  den  engen  Zusammenhang  zwischen  dem  Handelskapital
und  dem  Bergbau  haben  die  Volkstümler  auch  richtig  hingewiesen.
Sie  haben  aber  die  Bedeutung  dieser  Tatsache  vollständig  ver-
        <pb n="257" />
        249

kannt.  Sie  haben  übersehen,  daß  dieselbe  Reihenfolge  in  der
kapitalistischen  Entwicklung  sich  auch  in  anderen  Ländern  konstatieren ­
  läßt  und  daß  Rußland  in  der  Tat  den  allgemeinen  Weg
marschiert,  den  auch  die  anderen  kapitalistischen  Staaten  durchlaufen ­
  haben.
Die  Veränderung  in  dem  Charakter  des  Verbrauches  von  Rergbauerzeugnissen
  hängt  von  dem  Akkumulationsprozeß  des  Kapitals ­
  und  der  Entwicklung  des  inneren  Marktes  ab.  Je  rascher
die  Kapitalakkumulation  vor  sich  geht,  je  höher  das  Bedürfnisniveau ­
  der  Bevölkerung  ist,  um  so  rascher  geht  das  Kapital  aus
der  Sphäre  des  Austausches  in  die  Sphäre  der  Produktion  über,
und  um  so  rascher  dehnt  sich  die  Produktion  aus.
In  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,  wo  beide  erwähnten ­
  Bedingungen  vorhanden  waren,  ging  denn  auch  die
kapitalistische  Entwicklung  am  raschesten  vor  sich.  Der  innere
Markt  dehnte  sich  rasch  aus  und  vertiefte  sich,  d.  h.  es  nahm
sowohl  die  Zahl  der  Konsumenten  zu,  als  auch  die  Produktenmenge,
  die  jeder  einzelne  verbrauchte.  Unter  diesen  Umständen
konnte  der  Bergbau  leicht  dazu  übergehen,  für  die  anderen  Gewerbezweige ­
  zu  arbeiten.  Seine  Entwicklung  war  somit  gesichert.
Dagegen  waren  die  Bedingungen  für  eine  Entwicklung  des  Bergbaues ­
  in  Rußland  weniger  günstig  als  in  den  Vereinigten  Staaten,
obgleich  immerhin  günstiger  als  beispielsweise  in  Belgien.  Rußland ­
  stellt  einen  umfangreichen,  aber  keinen  tiefen  Markt  dar.
Die  gewaltige  Bevölkerung  sichert  der  russischen  Industrie  einen
ausgedehnten  Markt  für  jene  Produkte,  die  zum  Gegenstand  des
Massenkonsums  geworden  sind.  Infolge  der  Armut  der  Bevölkerung ­
  gingen  indes  nur  wenige  Industrieerzeugnisse  in  den  Volkskonsum ­
  ein,  und  die  Großindustrie  mußte  bald  an  die  geringe
Kaufkraft  der  Bevölkerung  stoßen.
Die  gewaltigen  Kapitalien,  die  die  Regierung  auf  den  Bau  von
Eisenbahnen  und  auf  den  Militarismus  verwandte,  machten  aus
der  Regierung  den  Hauptbesteller  der  Bergindustriellen.  Deshalb ­
  bemühten  diese  sich  auch  nicht  sowohl  um  die  Vertiefung
des  inneren  Marktes  als  um  Regierungsaufträge.  Erst  später,
als  die  Regierungsaufträge  den  Bergbau  nicht  mehr  befriedigen
        <pb n="258" />
        250

konnten,  begannen  auch  die  Kohlen-  und  Eisenindustriellen  von
der  Notwendigkeit  zu  reden,  die  Lage  der  Bevölkerung  zu  heben.
Selbstverständlich  waren  nicht  alle  Zweige  des  Bergbaues  im
gleichen  Maße  von  den  Regierungsaufträgen  abhängig.  Die
Naphthaproduzenten  beispielsweise  haben  ein  sehr  großes  Interesse
an  der  Entwicklung  des  inneren  und  äußeren  Marktes.  Sie  haben
auch  ausführliche  Untersuchungen  über  die  Lage  des  russischen
Naphthamarktes  veröffentlicht,  die  ein  interessantes  Bild  der  Entwicklung ­
  des  inneren  Konsums  darbieten.
Die  extensive  Ausdehnung  des  Marktes  geht  durch  Einbeziehung ­
  immer  neuer  Wirtschaften  in  den  Verkehr  vor  sich.  In
dieser  Beziehung  ist  der  Naphthamarkt  sehr  entwickelt,  da
Naphtha,  wenn  auch  in  geringem  Maße,  überall  konsumiert  wird.
Die  Intensität  des  Konsums  bängt  aber  von  der  wirtschaftlichen
Lage  der  Bevölkerung  ab.  So  wird  Petroleum  von  verschiedenen
Bauerngruppen  in  verschiedenem  Maße  verbraucht,  wie  es  aus
folgender  Tabelle  klar  hervorgeht.*)

Verbrauch  von
Petroleum  in  Pud
pro  Wirtschaft
0,5  Pud  u.  weniger
0,5  bis  1,0  Pud
1,0  „  2,0  „
2,0  ,,  3,0  ,,
3,0  ,,  5,0  ,,
5,0  „  u.  mehr  3,9

Im  Durchschnitt ­
  der
drei  Gouvernements ­


0,7  0,7  0,6
1.3  0,9  1,0
2.3  1,2  1,6
2.7  1,4  2,0
3.3  1,9  2,0
4.3  2,6  3,6

Arbeitspferde  pro  Wirtschaft
Gouvernem.  Gouvernem.  Gouvernem.
Poltwa  Tula  Jaroslawl
0,5
0,9
1,3
2,0
2,7

Daraus  geht  deutlich  der  enge  Zusammenhang  zwischen  der
wirtschaftlichen  Lage  der  Bevölkerung  und  dem  Naphthakonsum
hervor.  Obgleich  Petroleum  zum  Haus-  und  nicht  zum  Wirtschaftsbedarf ­
  der  Bauernfamilie  gehört,  wird  dennoch  um  so  mehr
verbraucht,  je  größer  die  Wirtschaft  ist.  Die  reichste  Familie
kauft  zehnmal  soviel  Petroleum  als  die  ärmste,  die  keine  oder  nur
wenige  Pferde  hat.
Noch  deutlicher  tritt  dieser  Zusammenhang  zwischen  der
Wirtschaftslage  und  dem  Konsum  von  Bergbauerzeugnissen  her-•)
  Der  Naphthakonsum  in  Russland,  Bd.  II,  S.  176.
        <pb n="259" />
        251

vor,  wenn  wir  den  Verbrauch  von  Artikeln  verfolgen,  die  in  den
wirtschaftlichen  Konsum  eingehen,  wie  Eisen  und  Stahl.  Denn  je
wohlhabender  die  Bauernfamilie,  je  umfangreicher  ihre  Wirtschaft ­
  ist,  um  so  größer  sind  ihre  Wirtschafts  bedürfnisse,
und  um  so  höher  sind  die  Aufwände  für  Produktionsmittel.  Dieses
„Gesetz“  der  Konsumtionsentwicklung  ist  so  allbekannt  und  steht
so  fest,  daß  wir  es  für  überflüssig  halten,  hier  näher  darauf  einzugehen. ­

Die  Bauernfamilien,  die  zwei  oder  drei  Pferde  haben,  gehören
noch  keineswegs  zu  den  reichsten.  Dennoch  ist  ihr  Verbrauch
von  Petroleum  viel  größer  als  der  der  ärmeren  Familien.  Daraus
geht  klar  hervor,  welche  Entwicklungsmöglichkeit  sich  dem  russischen ­
  Kapitalismus  eröffnet,  wenn  die  wirtschaftliche  Lage  der
Volksmasse  gehoben  wird.  Ebenso  leuchtet  ohne  weiteres  ein,
warum  die  kapitalistische  Entwicklung  in  den  Vereinigten  Staaten
viel  rascher  vor  sich  gegangen  ist  als  in  Rußland.  In  Rußland
steht  die  Armut  der  Volksmassen  der  kapitalistischen  Entwicklung
im  Wege,  während  der  innere  Markt  in  den  Vereinigten  Staaten
nicht  nur  durch  die  Bevölkerungszunahme,  sondern  durch  das
Steigen  des  Konsums  jedes  einzelnen  Einwohners  ausgedehnt
wurde.
IV.
Die  Ausdehnung  des  inneren  Marktes  geht,  wir  wir  erwähnt
haben,  dadurch  vor  sich,  daß  immer  neue  Wirtschaften  in  den
Verkehr  hineingezogen  werden,  während  seine  Vertiefung  nur
durch  die  Hebung  der  wirtschaftlichen  Kaufkraft  der  Bevölkerung
erfolgen  kann,  d.  h.  entweder  durch  Hebung  des  allgemeinen
Wohlstandes  oder  durch  Verbilligung  der  Waren.  Da  bei  der
kapitalistischen  Produktionsweise  die  Volksmasse  im  allgemeinen
relativ  ärmer  wird,  d.  h.  ihre  Kaufkraft  hinter  dem  Wachstum ­
  der  Kapitalakkumulation  zurückbleibt,  so  kann  die  Vertiefung ­
  des  Marktes  mit  der  Zunahme  des  Kapitals  nur  dann
gleichen  Schritt  halten,  wenn  die  Erzeugnisse  der  kapitalistischen
Produktion  immer  billiger  werden.  Dies  führt  aber  in  den  meisten
Fällen  ein  Sinken  der  Profitnorm  herbei.  Deshalb  suchen  die
Unternehmer  auch  dort,  wo  durch  entsprechende  Verbilligung  der
        <pb n="260" />
        252

Preise  der  innere  Markt  vertieft  werden  könnte,  nicht  diesen  Weg
zu  gehen,  sondern  suchen  nach  ausländischen  Märkten,  wo  sie  die
Waren  zu  hohen  Preisen  absetzen  können.
So  handeln  auch  die  russischen  Unternehmer,  die,  statt  den
innern  Markt  zu  vertiefen,  ausländische  Märkte  auf  suchen  in  der
Hoffnung,  die  Preise  hochhalten  zu  können  und  dadurch  erhöhten
Gewinn  zu  erhalten.  Das  ostasiatische  Abenteuer  und  die  Politik
im  Orient  ließen  bei  den  russischen  Unternehmern  die  Hoffnung
auf  auswärtige  Märkte  aufkommen.  Die  Zerstörung  dieser  Illusionen ­
  und  die  Enttäuschung  über  die  Militärmacht  Rußlands
zwangen  sie,  dem  inneren  Markt  mehr  Aufmerksamkeit  zu
schenken.
Es  ist  bekannt,  daß  die  Überlastung  der  Bevölkerung  mit  Verbrauchssteuern ­
  zur  Verminderung  des  Konsums,  oft  sogar  der
Steuereinnahmen  führt.  Der  innere  Markt  wird  dadurch  sehr
eingeengt,  ebenso  wie  die  Krise  der  Bauernwirtschaften  die  Industrie ­
  schwer  getroffen  hat.  Die  Unternehmer  sahen  sich  gezwungen, ­
  nicht  nur  sich  um  die  Lage  der  Bauern  zu  kümmern,
sondern  auch  Absatz  für  ihre  Erzeugnisse  auf  den  auswärtigen
Märkten  zu  suchen.
Die  Manufakturisten  arbeiten  energisch  in  Persien  und  hoffen,
die  Engländer  von  dort  zu  verdrängen;  die  Bergindustriellen  versuchen ­
  sogar  den  westeuropäischen  Markt  zu  betreten.  Die  geringe ­
  Entwicklung  des  inneren  Marktes  führte  zur  Ausfuhr  von
Bergbauerzeugnissen.  „Die  Überproduktion  an  Roheisen  in  Rußland, ­
  die  relativ  niedrigen  Preise  brachten  es  dahin,  daß  im  Auslande ­
  Nachfrage  nach  unserem  Roheisen  und  dessen  Surrogaten
entstand,“  konstatierte  der  Berichterstatter  auf  dem  32.  Kongreß
der  Bergindustriellen  von  Südrußland  (1907).
In  der  Hauptsache  werden  allerdings  nicht  sowohl  Fabrikate,
als  Rohstoffe  ausgeführt.  Auch  dies  ist  keineswegs  eine  Eigentümlichkeit ­
  des  russischen  Kapitalismus.  Im  Gegenteil.  Die  Ausfuhr ­
  von  Rohstoffen  und  Halbfabrikaten  entspricht  einer  bestimmten ­
  Entwicklungsstufe.
Jedes  Produkt  durchläuft  verschiedene  Stadien  der  Verarbeitung, ­
  bevor  es  den  Markt  erreicht.  So  wird  zuerst  Erz  gewonnen,
        <pb n="261" />
        253

woraus  Roheisen  erzeugt  wird.  Aus  Roheisen  wird  Schmiedeeisen ­
  usw.,  dann  Stahl  oder  ein  Eisenprodukt  hergestellt.  Jedes
Stadium  erfordert  gewaltige  Kapitalien,  da  sich  die  Technik  jetzt
auf  einer  hohen  Stufe  befindet.  Bei  geringem  Kapital  werden  in
einem  Lande  zuerst  die  Anfangsstadien  der  Bearbeitung  vorgenommen ­
  und  die  übrigen  den  ausländischen  Unternehmern  überlassen. ­
  Die  Produktion  von  Fabrikaten  befindet  sich  in  direkter

Abhängigkeit  vom  Grade  der  Kapitalakkumulation.  Daher  gehen
die  Vereinigten  Staaten  immer  mehr  zur  Selbstbearbeitung  ihrer
Rohstoffe  über.  Das  russische  Kapital  ist  aber  noch  außerstande,
mit  dem  ausländischen  zu  konkurrieren,  und  zwar  nicht  allein
infolge  der  langsamen  Kapitalakkumulation,  sondern  auch  infolge
des  Mangels  an  einem  inneren  Markt.  Es  beschränkt  sich  daher
auf  die  Ausfuhr  von  Rohmaterial  und  Halbfabrikaten.
Die  Ausfuhr  von  Erz  aus  Rußland  stieg  in  den  letzten  Jahren
gewaltig.  1900  wurden  793  Tausend  Pud,  1901  —  1  275,  1902  —
3  448,  1903  —  18  999,  1904  —  16  590,  1905  —  13  562  und  1906
28  764  Tausend  Pud  ausgeführt.*)  Die  Zunahme  der  Roheisenausfuhr ­
  wurde  schon  erwähnt.  Das  Manganerz  wird  fast  vollständig ­
  ausgeführt.  "—^
Die  Gewinnung  von  Erz  in  den  verschiedenen  Ländern  stellte
sich  seit  den  80  er  Jahren  wie  folgt:

1880

Vereinigte  Staaten  428
Deutschland  447
Großbritannien  1110
Spanien  219
Rußland  •  62
Frankreich  168
Österreich-Ungarn  67

1890  1900  1900
in  Millionen  Pud
980  1608  3080
680  1158  1632
863  870  961
365  520  577
110  373  316
204  332  518
126  217  253

In  den  Jahren  1902—1904  tritt  in  Rußland  ein  gewisser  Stillstand ­
  in  der  Entwicklung  der  Erzgewinnung  ein.  Zieht  man
gleichzeitig  in  Betracht,  daß  die  Ausfuhr  sowohl  von  Erz  als  auch

')  Die  Eisenindustrie  Südrußlands  im  Jahre  1907.
        <pb n="262" />
        von  Roheisen  gestiegen  ist,  so  muß  man  das  Vorhandensein  bedeutender ­
  Hindernisse  für  die  Entwicklung  des  inneren  Marktes
annehmen.  Sollte  darin  wohl  die  „Eigentümlichkeit“  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  Rußlands  liegen,  auf  die  die  Volkstümler
hinwiesen?*)  In  der  Tat  ist  auch  dies  keine  Eigentümlichkeit  des
russischen  Kapitalismus,  sondern  der  sozial  politischen  Ordnung
Rußlands.

V.
So  sehen  wir,  daß  der  Entwicklung  des  russischen  Kapitalismus ­
  bedeutende  Hindernisse  im  Wege  stehen,  weil  die  Kaufkraft
der  Bevölkerung  gering  ist.  Es  fragt  sich  nun,  wie  sich  die  weitere
Entwicklung  gestalten  und  ob  die  russische  Bourgeoisie  diese  Hindernisse ­
  überwinden  wird.
In  ihrem  Bestreben  nach  politischer  Freiheit  suchten  die  oppositionellen ­
  Parteien  —  die  Volkstümler  einbegriffen  —  bewußt
oder  unbewußt  den  Weg  für  die  kapitalistische  Entwicklung  freizumachen, ­
  indem  sie  die  Lage  der  Volkmassen  heben  wollten.
Jetzt  will  die  Großbourgeoisie  zusammen  mit  dem  Adel  ebenfalls,
bewußt  oder  unbewußt,  einen  inneren  Markt  schaffen,  indem  sie
die  bäuerliche  Naturalwirtschaft  zerstören  und  diese  in  den  Warenverkehr ­
  hineinziehen  wollen.  Schließlich  „führen  alle  Wege  nach
Rom“,  der  Kapitalismus  wird  so  oder  so  sich  den  Weg  bahnen.
Das  Resultat  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  wird  aber  ein
ganz  anderes  sein.  Zwar  wird  die  rasche  Umwandlung  eines  Teils
der  Bauern  in  Proletarier,  die  gezwungen  sind,  ihre  Arbeitskraft
auf  den  Markt  zu  tragen  und  dort  alles  zu  kaufen,  und  des  anderen ­
  Teils  in  „starke“  Bauern  einen  ausgedehnten  Markt  schaffen ­
  und  dem  Kapital  eine  gewaltige  Armee  von  Proletariern  zuführen. ­
  Aber  dieser  Weg  der  kapitalistischen  Entwicklung  führt
nicht  nur  zur  Verelendung  eines  bedeutenden  Teiles  der  Bevölkerung, ­
  sondern  hemmt  auch  den  Prozeß  der  kapitalistischen
*)  Siehe  beispielsweise  den  Artikel  von  Pjeschechonow  in  der  russ.
Zeitschrift:  „Russkoje  Bogatstwo“  für  1909,  wo  der  Autor  nicht  von  der
schwachen  Kaufkraft  der  Bevölkerung,  sondern  von  der  Schwäche  des
russischen  Kapitalismus  spricht.
        <pb n="263" />
        255

Akkumulation  und  hält  folglich  auch  die  kapitalistische  Entwicklung ­
  auf.
Der  Kampf  gegen  die  „revolutionären“  Elemente  des  Dorfes,
die  rasche  Proletarisierung  der  Volksmassen  kann  im  besten  Falle
nur  eine  Entwicklung  herbeiführen,  wie  sie  Westeuropa  gesehen
hat,  keineswegs  aber  eine  solche,  wie  in  den  Vereinigten  Staaten.
Aber  auch  diese  wirtschaftliche  Entwicklung  ist  nur  möglich,  wenn
die  politische  Herrschaft  des  Großgrundbesitzes  gebrochen  wird.
Daher  wird  die  weitere  Kapitalentwicklung  unbedingt  zum  Zusammenstoß ­
  zwischen  Kapital  und  Grundbesitz  führen.
        <pb n="264" />
        Neunzehntes  Kapitel.
Die  Weltwirtschaft.
I.
In  seinen  „Übersichten  über  die  Weltwirtschaft“  bemerkt
Neumann-Spallart  u.  a.  folgendes:  „Die  internationalen  Beziehungen ­
  aller  Völker  der  Erde  schaffen  ein  ganz  neues  Lebensgebiet,
auf  welchem  die  einzelnen  Volkswirtschaften  die  Funktionen  von
Gliedern  erhalten,  und  innerhalb  dessen  sie  sich  selbst  wieder  zu
Wirtschaftsgruppen  vereinigen.“
Eine  Analyse  der  Ursachen  dieser  Entwicklung  gibt  aber  Neumann-Spallart ­
  als  Statistiker  nicht.  Um  diese  Ursachen  herauszufinden, ­
  muß  man  die  Momente  berücksichtigen,  die  früher  aus
der  isolierten  Gemeinde-  eine  Rayon-  und  darauf  auch  eine  Volkswirtschaft ­
  schufen.
Mit  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  ändern  sich  die  sozialen
Verhältnisse  der  Menschen;  es  ändern  sich  Produktionstechnik
und  Organisationen.  Gewisse  Bedingungen  dieser  Entwicklung
bleiben  indes  bestehen.  So  das  Sinken  der  Produktivität  der
sukzessiven  Arbeitsaufwände.  Welchen  Einfluß  übt  aber  diese
Tatsache  auf  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  aus?  Welche
Richtung  nimmt  der  Hauptfaktor  der  Entwicklung  —  der  Fortschritt ­
  in  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  der  Bevölkerung
—  unter  dem  Einfluß  dieser  Tatsache  an?
Diese  Seite  der  Frage  wurde  bisher  entweder  gar  nicht  oder
nur  falsch  beleuchtet.
Mit  der  Entwicklung  der  Wirtschaft  aus  einer  einfachen  zur
komplizierten  Organisation  bildet  sich,  wie  wir  gesehen  haben,
immer  wieder  eine  neue  Einteilung  der  Produktivkräfte  heraus.
        <pb n="265" />
        257

Aus  der  Gemeindewirtschaft  mit  dem  Herrengute  an  der  Spitze
scheidet  zunächst  das  Handwerk  aus.  Später  sammelt  sich  das
Gewerbe  in  den  Städten.  Der  Umfang  des  Gewerbes  hängt  noch
vom  Grad  der  Ausbeutung  der  Bauern  durch  die  Gutsherren  ab.
Denn  von  diesem  Teile  der  den  Bauern  genommenen  Produkte
lebten  auch  die  Handwerker.
Mit  der  Entwicklung  der  kapitalistischen  Produktion  werden
sogar  die  Lebensmittel,  mit  Ausnahme  von  Getreide,  Gemüse  usw.,
in  der  Stadt  hergestellt.  Damit  tritt  noch  eine  stärkere  Verschiebung ­
  in  der  Verteilung  der  Produktivkräfte  zwischen  Land  und
Stadt  ein.  Infolgedessen  wandert  ein  Teil  der  landwirtschaftlichen
Bevölkerung  nach  der  Stadt  ab.  Dieser  Prozeß  wird  noch  durch
die  transozeanische  Konkurrenz  gefördert.  Die  Folge  davon  ist
ein  Sinken  der  Löhne  in  den  Gegenden,  aus  denen  die  Produktivkräfte ­
  abwandern,  und  ein  Steigen  der  Löhne  in  Gegenden,  wo  sich
die  Produktivkräfte  entwickeln.  Deshalb  zieht  auch  die  ländliche
Bevölkerung  nach  der  Stadt,  um  einen  höheren  Arbeitslohn  zu
erhalten.
Die  Flucht  der  ländlichen  Arbeiter  ist  von  allen  bemerkt  worden, ­
  und  welche  Erklärungen  dieser  Erscheinung  haben  wir  nicht
gehabt!  Allein  die  Hauptursache,  auf  die  wir  hingewiesen  haben,
wird  übersehen.  So  schreibt  Sombart  die  Tatsache,  daß  der  Arbeitslohn ­
  in  der  Landwirtschaft  die  Tendenz  hat,  hinter  demjenigen ­
  in  der  Industrie  zurückzubleiben,  dem  Eingehen  der  Grundrente ­
  in  die  Produktionskosten  und  der  dadurch  gesenkten  Profitrate ­
  zu.*)  Einmal  vergißt  Sombart,  daß  diese  Tendenz  bloß  in
den  dicht  bevölkerten  Gegenden  existiert.  Dann  aber  ist  die  ganze
„Erklärung“  sehr  hinfällig.  Wenn  es  gilt,  die  Rente  zu  erklären,
so  wird  ihre  Höhe  gewöhnlich  durch  den  Abzug  des  Profits  und
der  Produktionskosten  von  dem  Gesamtpreis  der  Produkte  bestimmt, ­
  Wenn  aber  Sombart  den  niedrigen  Arbeitslohn  erklären
will,  so  beruft  er  sich  auf  den  niedrigen  Profit,  der  um  die  Rente
gekürzt  wird.  Warum  ist  der  Arbeitslohn  der  Ackerbauer  ebenso
wie  der  Profit  in  einer  extensiven  Wirtschaft  hoch?  Allerdings  ist

*)  „Moderner  Kapitalismus“,  II,  S.  235—236.
Mass  low.  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.

17
        <pb n="266" />
        258

dort  die  Grundrente  niedriger.  Aber  nur  deshalb,  weil  man
keine  zusätzlichen,  weniger  produktiven  Aufwände  macht.  Die
Grundbesitzer  erhalten  den  Unterschied  in  der  Produktivität  der
verschiedenen  Aufwände,  da  der  Getreidepreis  durch  die  Produktionskosten ­
  der  zuletzt  gemachten  Aufwände  bestimmt  wird.  Auch
die  Pächter  erhalten  ihren  vollen  Profit.  Nur  die  aus  der  Landwirtschaft ­
  ausgestoßenen  Arbeiter,  die  keine  Arbeitsgelegenheit  in
der  Industrie  finden,  werden  gezwungen,  für  einen  niedrigeren
Lohn  zu  arbeiten;  daher  ist  der  Arbeitslohn  in  den  dichtbevölkerten ­
  Gegenden  niedrig.  Sie  wandern  dann  nach  den  Städten  aus,
wo  sie  höhere  Löhne  erhalten.
Deshalb  ist  es  eben  die  Hebung  der  Lage  der  städtischen  Arbeiter, ­
  die  auch  die  Lage  der  ländlichen  Arbeiter  aufbessert.  Der
gesteigerte  Konsum  der  ländlichen  Arbeiter  erweitert  den  inneren
Markt,  fördert  die  Industrie,  die  immer  mehr  ländliche  Arbeiter
an  sich  zieht.  Somit  steigt  auch  die  Nachfrage  nach  Erzeugnissen
der  Landwirtschaft  und  auf  dem  Lande  die  —  nach  Arbeitskräften.
Ebenso  wie  Sombart  haben  auch  die  anderen  Volkswirte  die
Ursache  der  „Leutenot“  der  Landwirtschaft  nicht  begriffen.  Entweder ­
  wird  nur  untersucht,  welche  Politik  empfehlenswert  ist
(Dietzel),  oder  es  wird  eine  Menge  von  Ursachen  angeführt,  die
alle  nicht  den  Grund  des  Problems  berühren  (Issajeff.*)
11.
Das  Sinken  dej-  Produktivität  der  sukzessiven  Auf  wände  führte
zur  Verteilung  der  Produktivkräfte  zwischen  den  dicht  und  den
dünn  bevölkerten  Gegenden.  Das  Prinzip  der  Kraftersparnis  veranlaßte
  dazu,  die  Arbeitskraft  dort  anzuwenden,  wo  sie  am  vorteilhaftesten ­
  sein  konnte.  Das  heißt  in  den  dünn  bevölkerten  Gegenden ­
  sich  mit  Landwirtschaft,  in  den  dicht  bevölkerten  mit  Industrie ­
  beschäftigen  und  in  an  Metallen  reichen  Ländern  den
Bergbau  treiben.  So  trat  eine  durch  Naturursachen  hervorgerufene ­
  Einteilung  der  Produktivkräfte  zwischen  einzelnen  Län-*)
  Man  vergleiche  beispielsweise  die  Schriften:  Dr.  H.  Dietzel,  „Weltwirtschaft ­
  und  Volkswirtschaft“,  Dresden  1900,  und  Issajeff,  „Die  Weltwirtschaft“ ­
  1910,  (russ.).
        <pb n="267" />
        17

259

dem  ein.  Schon  zur  Steinzeit  treten  die  Tendenzen  dieser  Entwicklung ­
  hervor.  Aber  eine  tief-  und  weitgehende  Einteilung  der
Produktivkräfte  zwischen  einzelnen  Ländern  konnte  nur  zur  Zeit
der  Herrschaft  der  kapitalistischen  Produktion  mit  ihrer  ausgedehnten ­
  gesellschaftlichen  Arbeitsteilung,  Massenproduktion  und
ihren  entwickelten  Kommunikations-  und  Verkehrsmitteln  eintreten.

Mit  der  Verteilung  der  Produktivkräfte  geht  auch  eine  Verteilung ­
  der  Bevölkerung  über  die  Erdkugel  vor  sich  —  ein  Problem, ­
  das  den  Volkswirten  soviel  Kopfzerbrechen  verursacht.  So
wundert  sich  Issajeff  darüber,  daß  sowohl  unter  den  russichen
Auswanderern  nach  Sibirien,  als  auch  unter  den  europäischen,
die  nach  Amerika  übersiedeln,  der  größte  Teil  aus  Ackerbauern
besteht.
Eben,  weil  in  der  Landwirtschaft  ein  Sinken  der  Produktivkraft ­
  bei  deren  sukzessiven  Aufwänden  stattfindet,  weil  die  Arbeit
in  Gegenden  mit  extensiver  Wirtschaft  produktiver  ist,  verläßt  die
ländliche  Bevölkerung  das  dicht  bevölkerte  Gebiet  und  siedelt  nach
den  Kolonien  über.  Die  Ausdehnung  der  Landwirtschaft  in  den
Kolonien  und  die  Auswanderung  der  Bevölkerung  bilden  zwei
Seiten  derselben  Erscheinung  und  bedingen  sich  gegenseitig.  Die
Auswanderung  der  Bauern  wird  aber  durch  den  Klassenkampf
auf  dem  platten  Lande,  die  Besitzergreifung  des  Bodens  durch
einzelne  und  die  starke  Ausbeutung  der  Bauern  sehr  stark  gefördert. ­

Diese  Verteilung  der  Bevölkerung  und  der  Produktion  unter
den  verschiedenen  Ländern  bindet  diese  zu  einem  Ganzen  zusammen ­
  —  zu  einer  Weltwirtschaft.
Auf  gewisser  Entwicklungsstufe  wandert  nicht  nur  die  ländliche ­
  Bevölkerung,  sondern  auch  das  Kapital  nach  Ländern  mit
höherer  Profitnorm  aus.
        <pb n="268" />
        Zwanzigstes  Kapitel.
Die  Verteilung  der  Produktivkräfte  unter
einzelnen  Ländern.
I.
Bei  der  Analyse  der  Wirtschaftssysteme  sahen  wir,  von  welch
großer  Bedeutung  die  Tatsache  des  Sinkens  der  Produktivität  bei
sukzessiven  Arbeitsaufwänden  ist.  Wir  haben  auch  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  dadurch  hervorgerufene  Zerstreuung  der  Bevölkerung ­
  auch  während  der  kapitalistischen  Periode  andauert,
obgleich  zu  dieser  Zeit,  ebenso  wie  während  der  Leibeigenschaft,
der  Klassenkampf  und  die  Besitzergreifung  des  Bodens  durch  die
privilegierten  Klassen  die  bedeutendste  Rolle  zu  spielen  beginnen.
Zur  Zeit  des  entwickelten  Kapitalismus  tritt  indes  noch  eine
Erscheinung  zutage.  Die  dicht  bevölkerten  Gegenden  beginnen
Getreide  aus  anderen,  dünn  bevölkerten  *)  Ländern  einzuführen.
Dank  dem  ausgedehnten  Warenaustausch  unter  den  einzelnen
Ländern  findet  auch  unter  ihnen  eine  Neuverteilung  der  Produktivkräfte ­
  statt.  In  den  dichtbevölkerten  Ländern  nimmt  die  ländliche ­
  Bevölkerung  relativ  ab;  die  dünn  bevölkerten  versorgen
auch  die  Industrieländer  mit  Getreide.  So  erweist  sich  diese  Verteilung ­
  der  Produktivkräfte  zwischen  den  dünn  und  den  dicht  bevölkerten ­
  Ländern  als  eine  der  Entwicklungsbedingungen  der
Weltwirtschaft,  weil  sie  den  Verkehr  zwischen  ihnen  kolossal
fördert.  Andererseits  führt  diese  Entwicklung  zur  Zerstreuung  der
*)  Bodenprodukte  werden  auch  aus  einer  so  dicht  bevölkerten
Gegend  wie  Indien  ausgeführt,  aber  keineswegs  infolge  der  höheren
Arbeitsproduktivität  in  Indien,  sondern  infolge  der  Ausbeutung  dieses
Landes  durch  England.
        <pb n="269" />
        Fr  •  ■'

í#,x

261

ländlichen  Bevölkerung  über  die  ganze  Erdkugel:  die  Ackerbauer
Englands,  Deutschlands,  Italiens  und  sogar  Rußlands,  sowie  a.  m.
verlassen  den  einheimischen  Boden,  um  nach  dünn  bevölkerten
Gegenden  und  Ländern  auszuwandern,  wo  sie  für  ihre  Heimat
Getreide  produzieren.
Dieses  Bestreben  der  ländlichen  Bevölkerung,  die
Erdkugel  gleichmäßiger  zu  besiedeln,  ist  von  hoher  Bedeutung  für
die  Weltwirtschaft.  Selbstverständlich  führte  dieses  Bestreben
nicht  dahin,  daß  die  ganze  Erdkugel  gleichmäßig  bevölkert  wurde.
Dem  standen  nicht  nur  die  Boden-  und  klimatischen  Verhältnisse
entgegen,  sondern  auch  die  Entfernung  vom  Markte,  für  den
Getreide  produziert  wird.  Dennoch  existiert  diese  Tendenz  zur
gleichmäßigen  Zerstreuung  der  Bevölkerung,  und  es  ist  notwendig,
ihre  Ursachen  herauszufinden.  Dies  ist  aber  nur  möglich,  wenn
wir  die  Bedingungen  kennen  lernen,  die  zur  Bildung  der  kapitalistischen ­
  Grundrente  führen,  und  uns  die  Bedeutung  der  Tatsache ­
  des  abnehmenden  Bodenertrages  klar  machen.
Weshalb  wird  aus  den  dünn  bevölkerten  Gegenden  Getreide
nach  den  dicht  bevölkerten  ausgeführt?
Bevor  wir  jedoch  diese  Frage  beantworten,  müssen  wir  die  Bedingungen ­
  nochmals  erwähnen,  die  für  einen  Warenaustausch
in  großem  Umfang  unter  einzelnen  Ländern  notwendig  sind.  Das
sind:  Verbesserung  der  Transportmittel  und  Verbilligung  der
Frachtpreise,  sowie  bedeutende  Entwicklung  der  Warenproduktion ­
  in  beiden  Ländern.  Schließlich  muß  die  Arbeitsproduktivität
in  den  austauschenden  Ländern  verschieden  sein,  damit  ein  Austausch ­
  stattfinden  kann.  Sehen  wir  nun  zu,  ob  diese  Bedingungen
auch  für  die  landwirtschaftliche  Konkurrenz  der  dünn  bevölkerten
Gegenden  zutreffen.
11.
Zuerst  seien  hier  einige  Zahlen  angeführt,  die  den  Verteilungsprozeß ­
  der  Produktivkräfte  unter  die  einzelnen  Länder  illustrieren.
Dank  der  steigenden  Verbesserung  der  Transportmittel  und  Verbilligung ­
  der  Frachten  wird  immer  mehr  Getreide  aus  den  dünn
bevölkerten  Gegenden  nach  den  dicht  bevölkerten  ausgeführt.  Der
        <pb n="270" />
        262

Getreidepreis  sinkt.  Der  Weizenpreis  in  England  war  nach  Sotow
(„Skizze  über  den  Grundbesitz  und  die  Landwirtschaft  in  England“, ­

  St.  Petersburg  1909,  russisch)  :
Im  Durchschnitt  der  Jahre  in  Prozenten
1871—1875  54  sh.  8  Pence  100
1876—1880  47  „  6  „  87
1881—1885  40  „  1  „  73
1886—1890  31  „  5  „  57
1891—1895  27  „  11  „  51
1896—1900  28  „  7  „  52
1901—1909  27  „  6  „  50

Die  Eigenproduktion  und  die  Einfuhr  von  Weizen  in  den  entsprechenden ­
  Jahren  waren  in  Prozenten:

Eigenproduktion  Einfuhr
53.4  46,6
40.8  59,2
35.9  64,3
27.4  72,6
24.4  75,6
20,0  80,0

Dabei  entfällt  auf  die  dünn  bevölkerten  transozeanischen
Länder  ein  immer  größerer  Teil  der  Einfuhr.  So  lieferten  Rußland
und  die  anderen  europäischen  Länder  in  den  Jahren  1870—1874
48  Proz.  der  Gesamtweizeneinfuhr;  dagegen  1900—1904  bloß  noch
15,7  Proz.,  während  aus  den  transozeanischen  1870—1874  52  Proz.
und  1900—1904  schon  84,3  Proz.  der  gesamten  Weizeneinfuhr
kamen.  Besonders  rasch  stieg  die  Einfuhr  aus  Argentinien,  Kanada ­
  und  Australien.
Nach  den  Untersuchungen  von  Harris  stellen  sich  die  Produktionskosten ­
  von  Weizen  in  England  zwei-  bis  dreimal  so  hoch
als  in  Australien  oder  in  den  westlichen  Staaten  von  Nordamerika.
In  den  östlichen  Staaten  fordert  die  Weizenproduktion  infolge
intensiverer  Bodenbestellung  mehr  Ausgaben  als  in  den  westlichen.
Gleichzeitig  mit  dem  Sinken  der  Getreidepreise  ging  auch  die
Grundrente  in  England  von  1881—1894  um  40—75  Proz.  herab.
        <pb n="271" />
        263

In  den  Vereinigten  Staaten  vermehrte  sich  die  Getreideproduktion ­
  von  einer  Milliarde  Bushels  in  den  Jahren  1870—1874  auf
2,67  Milliarden  im  Durchschnitt  des  Jahrfünfts  1904—1908,  Dabei ­
  ist  die  Zahl  der  Erwerbstätigen  in  der  Landwirtschaft  von  5,2
bloß  auf  10,4  Millionen  gestiegen.*)  Dabei  sind  aber  die  Produktenmenge
  und  die  Arbeitsproduktivität  bloß  in  den  dünn  bevölkerten ­
  Gegenden  gewachsen,  in  den  dicht  bevölkerten  ist  die
Getreideproduktion  sogar  zurückgegangen.  So  erhöhte  sich  die
Weizenproduktion  in  Oklahama  (bei  einer  Bevölkerungsdichte
von  10,3  pro  Quadratmeile)  seit  1894—1908  um  das  Siebenfache,
in  Washington  (Bevölkerungsdichte:  7,7)  seit  1883  um  das  Neunfache ­
  usw.**)  In  den  dünn  bevölkerten  Gebieten  eilte  die  Getreideproduktion ­
  der  Bevölkerungsvermehrung  voraus;  in  den
dicht  bevölkerten  dagegen  war  es  umgekehrt:  die  Bevölkerungszunahme ­
  ging  rascher  vor  sich,  und  diese  Gebiete  begannen  Getreide ­
  einzuführen.
Eine  ähnliche  Erscheinung  läßt  sich  auch  in  Rußland  konstatieren: ­
  in  den  dünn  bevölkerten  Gegenden  des  Ostens  und
Südens  ist  die  Arbeitsproduktivität  größer  als  in  den  dicht  bevölkerten. ­

Die  Entwicklung  der  Produktivität  der  ländlichen  Arbeit  in  den
Vereinigten  Staaten  geht  mit  aller  Deutlichkeit  aus  folgenden
Zahlen  hervor:
Die  Zahl  der  in  der  amerikanischen  Landwirtschaft  Tätigen
stieg  in  den  Jahren  1870—1900  von  5  922  Tausend  Personen  auf
10  438  Tausend  Personen,  d.  h.  um  85  Proz.,  während  sich  die
Menge  der  landwirtschaftlichen  Produkte  vermehrt  hat:  Weizen
um  121  Proz.,  Mais  um  92  Proz.,  Baumwolle  um  203  Proz.  und
Zucker  um  270  Proz.***)
Im  Jahre  19071)  stellte  sich  die  Produktion  sämtlicher  Ge-*)
  Berechnet  nach  dem  „Statistical  abstract  of  the  U.  St.  for  1908“.
*•)  Ibid.  Siehe  auch:  „Neue  Zeit“,  29.  Jahrg.  Nr.  1,  Artikel:  M.  Nachimson,
  Die  Teuerung,  S.  19.  Anm.  des  Übersetzers.
••*)  Berechnet  nach  dem  Sammelwerk  „Amerika“,  herausgegeben  von
E.  V.  Holle,  1905,  S.  66.
t)  Otto  Hübners  geogr.-stat.  Tabellen.
        <pb n="272" />
        264

treidearten  in  den  Vereinigten  Staaten  auf  980  Millionen
Meter-Ztr.,  während  Deutschland  in  dem  gleichen  Jahre
eine  Ernte  von  253,4  Millionen  Meter-Ztr.  hatte.  Die  Vereinigten ­
  Staaten  produzierten  hiermit  das  Vierfache  der  Getreideproduktion ­
  Deutschlands,  während  die  landwirtschaftliche
Bevölkerung  Amerikas  die  Deutschlands  nur  um  20—30  Proz.
übersteigt.  Die  Produktivität  der  landwirtschaftlichen  Arbeit  ist
folglich  in  den  Vereinigten  Staaten  rascher  gestiegen  als  in
Deutschland.  Allerdings  betrug  1907  die  Kartoffelernte  in
Deutschland  455,4  Millionen  Meter-Ztr.,  in  den  Vereinigten  Staaten ­
  dagegen  bloß  82  Millionen  Meter-Ztr.  Dafür  aber  ist  die
Viehzucht  in  Amerika  bei  weitem  bedeutender  als  in  Deutschland.
Außerdem  ist  noch  die  kolossale  Baumwollproduktion  in  Betracht
zu  ziehen.  Nach  Issajeff*)  kamen  in  den  Jahren  1893—1895  in
den  Vereinigten  Staaten  650  Bushels  Getreide  auf  einen  Arbeiter,
in  Deutschland  dagegen  nur  72  Bushels.  Folglich  ist  die  Arbeitsproduktivität ­
  in  Amerika  neunmal  so  hoch  wie  in  Deutschland.
Die  gewöhnliche  Erklärung  der  Konkurrenzfähigkeit  der  neuen
Länder  ist  die:  in  den  neubevölkerten  Gegenden  wird  die  natürliche ­
  Fruchtbarkeit  des  Bodens  ausgebeutet.  Dank  diesem  Umstande ­
  ist  man  in  der  Lage,  Getreide  billiger  zu  verkaufen.  Dadurch ­
  üben  diese  Gegenden  einen  Druck  auf  die  europäische  Landwirtschaft ­
  aus:  es  sinkt  die  Grundrente,  und  die  europäischen
Landwirte  sind  außerstande,  eine  intensive  Wirtschaft  zu  führen.
Soweit  mir  bekannt,  ist  diese  Ansicht  noch  von  niemandem
bestritten  worden.  Ist  dem  aber  wirklich  so?  Unterscheidet  sich  der
Boden  Amerikas  oder  Australiens  von  dem  Europas  durch  natürliche ­
  Vorteile?  Mit  andern  Worten:  Könnte  man  auf  den  Feldern
Englands,  wenn  sie  ebenso  unbearbeitet  blieben,  wie  die  in  Argentinien ­
  oder  den  westlichen  Staaten  von  Nordamerika,  eine
primitive  Viehzucht  mit  ebensolchem  Erfolge  und  geringen  Aufwänden ­
  betreiben,  wie  es  in  Gegenden  mit  primitiver  Kultur  der
Fall  ist?  Die  Antwort  muß  entschieden  bejahend  sein.  Die  natürliche ­
  Fruchtbarkeit  des  Bodens  ist  in  England  höher  als  die

')  Weltwirtschaft,  S.  42.
        <pb n="273" />
        265

des  Bodens  in  den  transkaspischen  Gegenden  Rußlands,  wo  noch
eine  primitive  Viehzuchtwirtschaft  billiges  Vieh  liefert.
Gewöhnlich  haben  europäische  Nationalökonomen,  die  die
Agrarverhältnisse  von  Amerika  und  Rußland  behandeln,  keine
richtige  Vorstellung  von  den  Wirtschaftsbedingungen  in  diesen
Ländern.  Es  wird  angenommen,  daß  hier  der  Boden  besondere
Eigenschaften  besitze,  keine  Düngung  und  keinen  Fruchtwechsel
notwendig  habe,  daß  das  Vieh  keine  Stallfütterung  bedürfe.  Selbstverständlich ­
  ist  dem  nicht  so.  Im  Gouvernement  Orenburg  erhält
man  auf  nicht  gedüngten  Feldern  schon  seit  Jahrhunderten  gleichbleibende ­
  Weizenernten,  weil  dort  vorläufig  noch  eine  rationelle ­
  extensive  Wirtschaft  betrieben  wird.  Würde  man
düngen,  so  würde  der  Boden  eine  höhere  Ernte  tragen,  aber  bei
den  niedrigen  Getreidepreisen  und  der  dünnen  Bevölkerung  sind
weitere  Aufwände  unrentabel.
Es  wird  dort  eine  wilde  Feldgras  Wirtschaft  getrieben.  Wenngleich ­
  die  Ernten  niedriger  sind,  sind  doch  auch  die  Arbeitsaufwände ­
  geringer  als  in  Europa.  Bevor  in  Orenburg  eine  Eisenbahn
gebaut  wurde,  kostete  dort  ein  Pud  Weizen  20—30  Kopeken,  während ­
  sich  im  europäischen  Rußland  der  Weizenpreis  auf  80  Kop.
bis  einen  Rubel  stellte,  obgleich  der  Arbeitslohn  in  Orenburg  höher
war.  Ebenso  braucht  man  zur  Fütterung  des  Viehes  keine  Futterpflanzen ­
  zu  bauen,  wenn  natürliche  Wiesen  noch  genügend  vorhanden ­
  sind.  Der  ganze  Grund  und  Boden  ist  in  Anspruch  genommen, ­
  aber  infolge  des  verhältnismäßigen  Reichtums  an  Boden
kann  die  Grundrente  nicht  steigen:  sie  ist  äußerst  gering.  Vor  der
Eisenbahnverbindung  war  der  Pachtzins  15—30  Kopeken  pro
Deßjätine.  In  der  Richtung  von  der  östlichen  Grenze  Rußlands
nach  dem  Zentrum,  kann  man  eine  Steigerung  der  Intensität  in  der
Kultur  und  parallel  auch  eine  Erhöhung  der  Getreidepreise  konstatieren. ­
  Die  Felder  gleicher  Qualität  werden  gedüngt,  weil  es
vorteilhaft  wird:  zur  Viehfütterung  wird  Gras  gesät  usw.  Es  ist
einleuchtend,  daß  bei  einer  extensiven  Kultur  auch  zur  Viehzucht
geringerer  Arbeitsaufwand  notwendig  ist,  als  bei  Stallfütterung.
Wenn  man  die  Felder  in  England,  Belgien  und  Deutschland
brach  liegen  ließe  und  sie  als  Weide  oder  Wiese  benutzte,  so
        <pb n="274" />
        266

ti

würden  sie  eine  höhere  Grasernte  als  beispielsweise  die  in  Sibirien ­
  liefern.  Das  Vieh  könnte  durch  Grasfütterung  erhalten
werden.  Folglich  würde  die  Viehzucht  in  England  mit  ebenso
geringen  Kosten  verbunden  sein,  wie  die  in  Sibirien.  Auf  unbearbeiteten ­
  Feldern  würde  ein  Mensch  in  einem  Tage  durchschnittlich ­
  eine  Deß  jätine  Gras  abmähen  können,  und  das  Einbringen  des
Heues  würde  noch  einen  Tag  beanspruchen.  Wollen  wir  also
annehmen,  daß  die  Heuernte  in  diesem  Falle  zwei  oder  drei
Tage  beansprucht,  so  ist  die  Arbeitsproduktivität,  trotzdem  die
Grasernte  hier  geringer  als  auf  bearbeiteten  und  gedüngten  Feldern ­
  ist,  doch  bedeutender.  In  der  Schweiz,  wo  das  Grasmähen
mehrmals  im  Jahre  vorgenommen  wird,  und  wo  die  Grasernten
auf  den  bewässerten  und  gedüngten  Feldern  sehr  hoch  sind,  ist
die  Arbeitsproduktivität  um  das  Mehrfache  geringer  als  zum  Beispiel ­
  am  Ural;  der  von  einem  Arbeiter  bestellte  Boden  ist  dort  umfangreicher ­
  als  in  der  Schweiz,  Selbstredend  ist  bei  dem  extensiven ­
  Wirtschaftssystem  die  Zahl  der  pro  Viehstück  notwendigen
Morgen  auch  um  einige  Male  größer,  als  bei  einer  intensiven  Wirtschaft. ­
  In  der  Schweiz,  wo  Frühjahrs-,  Sommer-  und  Winterwiesen ­
  vorhanden  sind,  könnte  man  das  Vieh  das  ganze  Jahr
hindurch  auf  den  Feldern  weiden  lassen,  so  daß  die  Arbeit  bei
einem  extensiven  Wirtschaftssystem  bloß  darin  bestände,  das
Vieh  zu  weiden.  Ebenso  wie  in  Argentinien  oder  in  den  asiatischen ­
  Steppen  Rußlands,  würde  man  zur  Gewinnung  des  Futters
fast  keine  Arbeit  aufzuwenden  brauchen.  Die  Produktivität  der
Arbeit  wäre  die  höchste,  aber  die  Viehzahl,  die  man  bei  dieser
Wirtschaftskultur  halten  könnte,  wäre  die  geringste.  Die  Zahl  der
Arbeitskräfte  könnte  man  dabei  um  das  Zehnfache  verringern.
Wir  wollen  jetzt  nicht  auseinandersetzen,  warum  es  für  die
Bevölkerung  vorteilhafter  ist,  weniger  produktiv  zu  arbeiten,  und
ein  höheres  Quantum  von  Produkten  zu  erhalten,  wenn  die  Möglichkeit ­
  geboten  ist,  eine  höhere  Arbeitsproduktivität  zu  erreichen.
Wir  konstatieren  nur  die  Tatsache,  daß  die  Europäer  ebenso  die
„natürliche“  Bodenfruchtbarkeit  ausnützen  könnten,  wie  es  die
Amerikaner  tun,  und  daß  die  letzteren  keine  besonderen  Vorteile
in  dieser  Hinsicht  besitzen.  Würde  man  in  Europa  eine  eben-
        <pb n="275" />
        ■gaa—D^flaa^a

—  267  —  I
solche  extensive  Wirtschaft  betreiben,  wie  in  den  neuen  Ländern, ­
  so  wären  hier  die  Ernten  geringer,  aber  die  Arbeitsproduktivität ­
  höher  als  jetzt  und  nicht  geringer  als  in  den  neuen,  dünn  !
bevölkerten  Gegenden.  Es  erhellt  daraus,  daß  die  Vorteile  des  |
Getreidebaues  in  den  außereuropäischen  Ländern  nicht  in  der  natürlichen ­
  Fruchtbarkeit  des  Bodens,  sondern  anderswo  zu  suchen
sind.
Diese  Vorteile  bestehen,  sagt  man  uns,  im  Reichtum  an  Land
im  Verhältnisse  zu  der  Bevölkerung,  in  dem  Vorhandensein  von
unbearbeiteten,  durch  Grundrente  nicht  belasteten  Ländereien.
Sehr  richtig.  Betrachten  wir  dies  näher.  Wir  haben  schon  erwähnt, ­
  daß  in  Europa  bei  dem  gleichen  extensiven  Wirtschaftsbetriebe ­
  wie  in  Argentinien  oder  im  Westen  der  Vereinigten  Staaten ­
  die  Produktivität  der  landwirtschaftlichen  Arbeit  nicht  geringer
wäre,  als  in  jenen  Ländern,  aber  —  man  würde  viel  weniger  Produkte ­
  erhalten.  Jetzt  dagegen,  bei  Bodendüngung  und  bei  Futterbau, ­
  erhält  man  von  einer  bestimmten  Bodenfläche  um  einige
Male  mehr  Gras  als  in  den  Gegenden  der  primitiven  Viehzucht,
und  man  kann  bei  Stallfütterung  verhältnismäßig  mehr  Vieh  halten. ­
  Auf  diese  Weise  würden  die  Landwirte  in  Europa  bei  extensiver ­
  Kultur  und  hoher  Arbeitsproduktivität  weniger  Produkte  erhalten, ­
  als  bei  der  jetzigen  intensiven  Wirtschaft  und  geringerer
Produktivität  der  Arbeit.
Indessen  sind  infolge  der  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  bedeutend ­
  mehr  Produkte  notwendig,  als  es  bei  einer  extensiven  Wirtschaft ­
  möglich  wäre,  zu  erhalten.  Das  Quantum  des  Getreides,
sowie  die  Zahl  des  Viehes  würde  nicht  einmal  für  den  vierten  Teil
der  Bevölkerung  reichen,  wenn  ein  bedeutender  Teil  der  Bodenfläche ­
  für  die  primitive  Viehzucht  in  Anspruch  genommen  und
der  übrige  Teil  extensiv  bearbeitet  werden  würde.  In  den  „neuen“
Ländern  genügt  eine  extensive  Wirtschaft,  um  eine  Unmenge  von
Getreide  für  die  geringe  ländliche  Bevölkerung  zu  schaffen.  In
den  dicht  bevölkerten  Gegenden  zieht  man  also  eine  intensive
Bodenbearbeitung  trotz  der  geringen  Arbeitsproduktivität  dem
extensiven  Wirtschaftsbetriebe  vor,  weil  mehr  Produkte  notwendig
sind,  als  man  bei  einer  extensiven  Wirtschaft  erhalten  könnte.
        <pb n="276" />
        268

Weshalb  geht  man  aber  in  den  landreichen  Ländern  nicht  zu
einer  intensiven  Kultur  über?  Weshalb  betreibt  man  in  Argentinien ­
  oder  in  den  westlichen  Staaten  Amerikas  eine  primitive
Viehzucht  und  führt  nicht  Stallfütterung,  Fruchtwechsel,  Bodendüngung ­
  usw.  ein?
Auf  den  ersten  Blick  scheint  diese  Frage  überflüssig  zu  sein,
weil  es  doch  „klar“  ist,  daß  eine  intensive  Wirtschaft  dort  unvorteilhaft ­
  wäre.  Aber  was  heißt  eigentlich  unvorteilhaft?  Dies  bedeutet, ­
  daß  die  Arbeit  bei  einer  intensiven  Wirtschaft  weniger  produktiv ­
  ist,  als  bei  einer  extensiven.  Ein  Landwirt,  der  seinen  Boden
selbst  bearbeitet,  wird  bei  Bodenreichtum  eine  wilde  Feldgraswirtschaft ­
  betreiben,  das  Vieh  auf  den  Wiesen  weiden  lassen,  weil
er  unter  solchen  Bedingungen  mit  geringem  Arbeitsaufwand  mehr
Produkte  erhalten  kann,  allerdings  von  einer  größeren  Bodenfläche. ­
  Da  jedoch  die  Vorteile  von  der  Produktivität  der  Arbeit
und  nicht  von  der  Ergiebigkeit  des  Bodens  abhängen,  und  da  der
Landwirt  einer  landreichen  Gegend  ebenfalls  von  dem  Gesichtspunkte ­
  des  Vorteils  ausgeht,  so  wird  er  eine  extensive  Wirtschaft
führen.  Denn  es  wäre  zwecklos,  eine  intensive  Wirtschaft  zu
führen,  wenn  ihm  genügend  Boden  zur  Verfügung  steht,  um  die
gleiche  Produktenmenge  mit  geringem  Arbeitsaufwand  zu  erhalten. ­

Aus  dem  Gesagten  folgt  aber  noch  keineswegs,  daß  die  Arbeitsproduktivität ­
  in  der  Landwirtschaft  mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung ­
  nicht  gleichen  Schritt  hält,  wie  es  Malthus  behauptet.
Die  Entwicklung  der  Technik  und  der  Naturwissenschaften  führt
dahin,  daß  die  Produktivität  jedes  Arbeits-  und  Kapitalaufwandes
in  der  Landwirtschaft  steigt.  Selbstredend  läßt  sich  nicht  die  natürliche ­
  Fruchtbarkeit  des  Bodens  erhöhen.  Dennoch  steigt  die
Arbeitsproduktivität  infolge  des  technischen  Fortschrittes.  Beim
Kornfruchtbau  ist  die  Entwicklung  der  Technik  sowie  ein  rationeller ­
  Kapitalaufwand  von  Bedeutung.  Die  Vervollkommnung  des
Pfluges  ermöglicht  ein  tieferes  Aufpflügen  des  Bodens;  die  Vervollkommnung ­
  der  Egge,  der  Schneide-  und  Dreschmaschine  erhöht ­
  die  Produktivität  der  landwirtschaftlichen  Arbeit,  und  die  verbesserten ­
  Düngungsmethoden  sowie  die  Erfindung  von  neuen  Dün-
        <pb n="277" />
        269

gungsmitteln  usw.,  all  dies  und  ähnliches  erhöht  in  so  bedeutendem
Maße  die  Arbeitsproduktivität,  daß  die  Getreidepreise  in  der  extensiven ­
  Wirtschaft  um  das  Mehrfache  sinken,  oder  daß  die  Steigerung ­
  der  Preise  beim  Übergang  zum  intensiven  Wirtschaftsbetriebe ­
  verhindert  wird.  Dennoch  bleibt  die  landwirtschaftliche
Arbeit  mit  Maschinen  bei  extensivem  Betrieb  vorteilhafter  als  bei
intensivem  Betriebe.
Daraus  lassen  sich  zwei  Schlüsse  ziehen.  Erstens:  in  der
Landwirtschaft  besteht  ebenso  wie  in  der  Industrie  das  die  Produktion ­
  bestimmende  Moment  in  dem  Bestreben,  die  Arbeit  am
produktivsten  anzuwenden.  Folglich  muß  als  Kriterium  die  Arbeitsproduktivität ­
  und  nicht  die  Bodenfruchtbarkeit  dienen.
Zweitens:  in  der  extensiven  Wirtschaft  ist  die  Arbeit  produktiver
als  in  der  intensiven.
Der  Leser  wird  vielleicht  den  Einwand  machen,  daß  dies  eine
allbekannte  Tatsache  ist.  Würde  man  jedoch  diese  Schlußfolgerungen ­
  konsequent  durchdenken,  so  müßte  man  eine  gewisse
Korrektur  der  herrschenden  Ansichten  über  die  Grundrente  vornehmen. ­

In  seinem  „dritten  sozialen  Briefe  an  von  Kirchmann“  sucht
Rodbertus  die  Grundrententheorie  von  Ricardo  durch  den  Hinweis
darauf  zu  widerlegen,  daß  die  landwirtschaftliche  Bevölkerung  nicht
stets  von  dem  fruchtbareren  Boden  zu  dem  minder  fruchtbaren
übergegangen  ist,  sondern  daß  sich  oft  der  entgegengesetzte  Prozeß
vollzog.  Der  neu  angebaute  Boden  sei  häufig  produktiver  als  der
bereits  von  Alters  her  in  Anbau  befindliche.  Daraus  folgt  aber
nur,  daß  Rodbertus  ebenso  wie  Ricardo  die  Frage  unrichtig  stellt.
Die  Landwirte  können  von  minder  fruchtbarem  Boden  zu  fruchtbarerem ­
  übergehen  und  umgekehrt.  Dies  ist  aber  für  die  Frage
der  Grundrente  bedeutungslos,  weil  die  Rente  nicht  als  Folge  verschiedener ­
  Fruchtbarkeit  der  einzelnen  Grundstücke,  sondern  infolge ­
  der  verschiedenen  Produktivität  der  Arbeit  auf  verschiedenen
Grundstücken  oder  bei  sukzessiven  Kapitalaufwänden  entsteht.
Rodbertus  hat  recht,  daß  die  Landwirte  oft  zuerst  weniger  produktiven ­
  Boden  bestellt  haben  und  dann  zu  ertragsfähigeren  Böden ­
  übergegangen  sind,  aber  dies  geschah  bloß  deshalb,  weil  bei
        <pb n="278" />
        %

270

den  gegebenen  technischen  Verhältnissen  die  Arbeit  auf  den  weniger ­
  fruchtbaren  Böden  produktiver  war,  als  auf  den  fruchtbareren.
Überall  und  auf  jeder  Kulturstufe  strebte  der  Landwirt,  wie  wir
gesehen  haben,  danach,  mit  möglichst  geringem  Arbeitsaufwand
die  größtmögliche  Produktenmenge  zu  erhalten.*)  Der  Übergang
zur  intensiven  Kultur  oder  zu  schlechteren  Böden  (schlechter  nicht
der  Fruchtbarkeit,  sondern  der  Arbeitsproduktivität  nach)  ist  eine
Folge  des  Mangels  an  besseren  Böden  und  der  Erhöhung  der  Getreidepreise ­
  bis  zu  der  Norm,  bei  der  auch  die  minder  produktive
Arbeit  vorteilhaft  wird.
Rodbertus  führt  zum  Beweis,  daß  die  späteren  landwirtschaftlichen ­
  Kapitalanlagen  nicht  unproduktiver  werden,  ein  Beispiel
aus  seiner  eigenen  Praxis  an.  Er  entwässerte  den  versumpften
Boden  und  erhielt  hohe  Ernten.  Dieses  Beispiel  bestätigt  aber
unsere  Annahme  und  widerlegt  die  seinige.  In  der  Tat,  um
hohe  Grasernten  von  einem  sumpfigen  Boden  zu  erzielen,  muß  viel
Arbeit  aufgewendet  werden.  Indessen  gehörten  zu  seinem  Gute
doch  auch  trockene  Wiesen,  auf  denen  Gras  wuchs;  wenn  auch
in  geringerer  Menge  als  auf  den  entwässerten  Ländereien,  so  doch
ohne  jeden  Arbeitsaufwand.  Wenn  man  zuerst  die  versumpfte
Wiese  nicht  benutzt  hat,  so  doch  aus  dem  Grunde,  weil  auf
den  anderen  Wiesen  die  Arbeit  produktiver  war.  Die  Produktenpreise
  können  so  steigen,  daß  es  vielleicht  vorteilhaft  wird,  auf
den  Dächern  Gärten  anzulegen,  die  möglicherweise  auch  hohe
Ernten  bringen  werden.  Dies  würde  aber  noch  keineswegs  bedeuten, ­
  daß  dadurch  eine  höhere  Arbeitsproduktivität  erreicht  wäre.
Die  Erwiderung  von  Rodbertus  auf  die  Ausführungen  Ricardos
scheinen  gerechtfertigt  zu  sein,  weil  Ricardo  selber  das  Gesetz  der
Grundrente  unrichtig  formuliert  hat.  Der  Grundeigentümer  er-*)

  Es  ist  möglich,  daß  infolge  der  Eröffnung  einer  neuen  Eisenbahnlinie ­
  oder  der  Übersiedelung  neue  Böden  entdeckt  werden,  auf
denen  die  Arbeit  produktiver  ist,  als  auf  den  alten.  Es  ist  jedoch  klar,
daß  diese  Tatsache  unsere  Ausführungen  nicht  widerlegt.  Die  Bevölkerung ­
  bearbeitete  diese  Ländereien  nicht,  weil  sie  unzugänglich  waren
Sobald  neue  Gegenden  eröffnet  werden,  wird  zuerst  der  Boden  bestellt,
auf  dem  die  Arbeit  am  produktivsten  ist.
        <pb n="279" />
        hält  die  Rente  nicht  infolge  der  natürlichen  Fruchtbarkeit  von
Grund  und  Boden,  die  an  und  für  sich  keinen  Wert  hat,  sondern
infolge  der  verschiedenen  Ertragsfähigkeit  der  Arbeitskraft  und
des  Kapitals  auf  verschiedenen  Grundstücken,  oder  auf  denselben
Grundstücken  bei  verschiedenen  Aufwänden  von  Arbeit  und  Kapital. ­
  Der  Grundeigentümer  eignet  sich  den  Überschuß  aus  der
höheren  Arbeitsproduktivität  an.  Der  Übergang  zur  weniger
produktiven  Arbeit  auf  minder  fruchtbarem  Boden  oder,  bei  neuen
Kapitalaufwänden,  auf  demselben  Grundstück  führt  zur  Steigerung
der  Grundrente.  In  der  Verwechslung  des  Begriffes  der  Bodenfruchtbarkeit ­
  mit  dem  der  Arbeitsproduktivität  ist  der  Grund  für
Ricardos  wie  Rodbertus’  Fehler  zu  suchen.
In  der  Industrie  wird  ein  Unternehmer,  der  neue,  vervollkommnete
  Produktionsmittel  besitzt,  solange  eine  Rente  erhalten,  wie  die
Arbeit  in  seinem  Unternehmen  produktiver  bleibt  als  in  den  andern ­
  Unternehmungen  desselben  Industriezweiges.  Die  Einführung ­
  der  neuen  Produktionsmethoden  auch  in  den  anderen
Betrieben  bringt  den  ersten  Unternehmer  um  seine  Rente.
Die  Bodenfruchtbarkeit,  sowie  die  verschiedene  Lage  der  Felder ­
  läßt  sich  dagegen  nicht  ändern;  ebensowenig  die  Verschiedenheit ­
  der  Arbeitsproduktivität  bei  sukzessiven  Aufwenden.  So
kommt  es,  daß  die  Grundrente  unter  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung ­
  eine  ständige  Einkommenquelle  ist,  solange  der
Unterschied  in  der  Arbeitsproduktivität  auf  verschiedenen  Grundstücken ­
  oder  bei  sukzessiven  Kapitalaufwänden  besteht.*)
Da  auf  dem  Markte  auch  die  Kosten  für  die  Zufuhr  des  Getreides ­
  mitberechnet  werden,  so  ist  die  Produktivität  der  Arbeit
bei  dem  Transport  auch  ein  Moment  für  die  Bildung  der  Grundrente. ­
  Die  Zufuhr  der  Produkte  von  den  entfernten  Gegenden
fordert  mehr  Arbeit,  als  von  den  naheliegenden.  Es  ist  klar,  daß
die  naheliegenden  Güter  im  gleichen  Vorteile  sind,  wie  die,  auf
denen  die  Arbeit  bei  der  Getreideherstellung  produktiver  ist.

*)  Die  Verstaatlichung  von  Grund  und  Boden  bei  der  kapitalistischen ­
  Wirtschaftsordnung  würde  die  Grundrente  nicht  abschaffen,
sondern  den  Staat  an  die  Stelle  der  Grundeigentümer  treten  lassen.
        <pb n="280" />
        272

Jetzt  wenden  wir  uns  wieder  zu  den  von  uns  festgestellten  Tatsachen. ­
  Wir  haben  konstatiert,  daß  in  einer  extensiven  Wirtschaft ­
  die  Arbeitsproduktivität  höher  ist  als  in  einer  intensiven.
Wenn  infolge  verbesserten  Verkehrswesens  der  Getreidetransport
mit  geringem  Aufwand  vor  sich  geht,  so  wird  man  die  landwirtschaftlichen ­
  Produkte  der  entfernten  extensiven  Wirtschaften
billiger  verkaufen  können,  als  die  der  naheliegenden  intensiven
Wirtschaften.
Die  Geschichte  beweist,  daß  unsere  Schlußfolgerungen  für  alle
Zeiten  und  bei  allen  technischen  Bedingungen  richtig  sind.
Bei  primitiver  Jagd-  und  Viehzucht  sowohl,  als  auch  in  dem
jetzigen  kapitalistischen  Zeitalter,  stets  suchte  die  Bevölkerung
sich  zerstreut  niederzulassen,  um  nicht  zu  einer  intensiven  Wirtschaft ­
  übergehen  zu  müssen,  wozu  sie  ihre  Vermehrung  genötigt
haben  würde.  Die  Völkerwanderung  gleich  wie  die  gegenwärtigen ­
  Auswanderungen  und  Übersiedelungen  führen  sozusagen  zur
„Extensivierung“  der  Wirtschaft,  zur  Ausdehnung  der  ausgebeuteten
  Bodenfläche.
Es  sei  jedoch  folgendes  bemerkt:  Infolge  der  Inbesitznahme
des  Bodens  ist  es  den  Grundeigentümern  möglich,  sich  die  Beschränktheit ­
  des  Bodens  und  den  Unterschied  in  den  Erträgen
der  sukzessiven  Kapitalaufwände  zunutze  zu  machen,  und  dadurch ­
  wird  die  Notwendigkeit  der  Übersiedelungen  und  Auswanderungen ­
  gesteigert.  Aber  auch  in  der  vorkapitalistischen  Zeit,  als
der  Grund  und  Boden  noch  nicht  zum  Privateigentum  geworden
war,  führte  die  Bevölkerungszunahme  zur  Ausdehnung  des
Kulturlandes.
Man  könnte  mir  erwidern,  daß  die  Erscheinungen,  die  auf
den  primitiven  Wirtschaftsstufen  Platz  hatten,  wie  die  Abnahme
der  Arbeitsproduktivität  beim  Übergang  zur  intensiven  Kultur,
jetzt  dank  dem  Fortschritte  der  Technik  nicht  mehr  zutage  treten
dürften.  Denn  trotz  der  Steigerung  der  Grundrente  und  der  intensiven ­
  Bodenbearbeitung  haben  sich  die  Getreidepreise  nicht  erhöht,
sondern  sind  vielmehr  gesunken.  Sehr  richtig.  Die  Arbeitsproduktivität ­
  ist  infolge  des  technischen  Fortschrittes  gestiegen,  aber
bei  extensiver  Kultur  ebenso  oder  gar  in  noch  bedeutenderem
        <pb n="281" />
        273

Maße  gestiegen,  als  bei  dem  intensiven  Wirtschaftssystem.  Die
Vervollkommnung  der  landwirtschaftlichen  Maschinen  und  Geräte, ­
  die  Verbilligung  des  Transportes,  die  neuen  Methoden  der
Samenkultur  usw.  bewirken  einen  kolossalen  Fortschritt  in  der
Verbilligung  der  Getreideproduktion.  Der  extensiven  Wirtschaft
kam  aber  all  dies  noch  mehr  zugute  als  der  intensiven.
IV.
Oben  haben  wir  schon  erwähnt,  daß  die  Bevölkerung  zu  allen
Zeiten  danach  strebte,  den  Boden  extensiv  auszunutzen.  Der
Übergang  zur  intensiven  Wirtschaft  vollzog  sich,  weil  eine  weitere
Ausdehnung  der  Ansiedlung  durch  die  Nachbarn  verhindert  wurde.
Die  intensive  Bodenkultur  besteht  darin,  daß  der  Landwirt  auf
demselben  Grundstück  mehr  Arbeit  aufwendet,  um  einen  höheren
Ertrag  zu  erhalten.  Ich  habe  schon  darauf  hingewiesen,  daß  die
Bevölkerung  in  den  landreichen  Gegenden  zur  intensiven  Kultur
übergegangen  wäre,  wenn  die  weiteren  Arbeitsaufwände  produktiver ­
  als  die  auf  dem  neuen  Boden  wären.  Einige  Nationalökonomen ­
  nehmen  an,  daß  die  Nomaden  nur  infolge  ihrer  Unwissenheit ­
  Viehzucht  betreiben,  oder  daß  die  Ansiedler  in  Sibirien
aus  demselben  Grunde  ausschließlich  extensiven  Kornhau  treiben. ­
  Aber  auch  die  auf  einem  höheren  Kulturniveau  stehenden ­
  Engländer  haben  in  Australien  ein  extensives  Wirtschaftssystem; ­
  ebenso  machen  die  Amerikaner  in  den  dünnbevölkerten
Steppen  von  den  Ratschlägen  der  verehrten  Agronomen  selten
Gebrauch.
Also  die  neuen  Kapitalaufwände  auf  denselben  Ländereien,  die
hei  einem  intensiven  Betriebe  notwendig  sind,  werfen  einen  geringeren ­
  Ertrag  ah,  als  die  früheren.  Nur  in  dem  Falle,  daß
weitere  Kapitalaufwände  zur  Einführung  landwirtschaftlicher
Maschinen  und  verbesserter  Geräte  gemacht  werden,  steigt  die
Arbeitsproduktivität.
Aber  die  Anwendung  von  Maschinen  bedeutet  doch  keinesfalls
eine  intensive  Bodenbestellung.  Wir  müssen  den  technischen
Fortschritt  von  der  intensiven  Bodenbestellung  streng  unterscheiden. ­
  Der  erstere  bedeutet  eine  Verminderung  der  Arbeit  pro
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.
        <pb n="282" />
        Morgen,  die  letztere  dagegen  eine  Erhöhung  der  Arbeitsaufwände.
Im  ersten  Falle  steigt  die  Arbeitsproduktivität,  im  zweiten  dagegen
sinkt  sie  bei  gleichbleibender  Technik.  Der  technische  Fortschritt ­
  verbilligt  die  Getreideproduktion,  der  Übergang  zur  intensiveren ­
  Kultur  verteuert  sie.  Eine  klare  und  exakte  Unterscheidung ­
  dieser  beiden  Seiten  der  landwirtschaftlichen  Entwicklung
beleuchtet  nicht  nur  die  Ursachen  der  Agrarkrisis  sowie  die  Konkurrenzbedingungen ­
  zwischen  Groß-  und  Kleinbetrieb,  sondern
auch  die  Theorie  der  Grundrente.
Schon  das  Obenerwähnte  gibt  uns  eine  teilweise  Erklärung
der  Gesetze  über  die  Entstehung  der  Grundrente.
In  der  Landwirtschaft  wie  auch  in  der  Industrie  ist  die  Arbeitsproduktivität ­
  von  den  Produktionsmitteln  abhängig.  Auf  den
ersten  Kulturstufen  stieß  der  Bauer  zuerst  auf  den  Mangel  an  Produktionsmitteln. ­
  Deshalb  erhielten  die  Grundbesitzer  im  alten
Rußland  eine  Grundrente  (selbstverständlich  keine  kapitalistische)
nicht  für  die  Benutzung  des  Bodens,  sondern  für  die  den  Bauern
vermieteten  Produktionsmittel.  Folglich  gewährt  der  Grundbesitz
erst  unter  gewissen  Bedingungen  und  bei  einer  bestimmten  Bevölkerungsdichte ­
  die  Möglichkeit,  eine  Rente  zu  erhalten.  Bei  der
Zunahme  der  Bevölkerung  geht  man  zur  Bestellung  von  geringeren
Ländereien  oder  zur  intensiveren  Bearbeitung  des  alten  Bodens
über.
Unter  welchen  Bedingungen  geschieht  das?  Wir  haben  schon
oben  bemerkt,  daß  der  reichere  Boden  gewöhnlich  zuerst  bestellt
wird.  Nehmen  wir  an,  daß  man  mit  einem  Aufwand  von  10  Mark
100  Kilo  Getreide  bei  dem  extensiven  System  erhält.  Wenn  ein
neuer  Kapitalaufwand  von  10  Mark  auf  demselben  Grundstück
einen  Produktenüberschuß  von  90  Kilo  Getreide  bringt  und  die
erste  Bestellung  des  neuen  Bodens,  die  ebenfalls  einen  Kapitalaufwand ­
  von  10  Mark  erfordert,  bloß  80  Kilo  Getreide  liefert,  so  wird
der  Landwirt  es  vorziehen,  statt  neue  Ländereien  aufzubrechen,
auf  dem  alten  Grundstück  ein  Kapital  von  20  Mark  aufzuwenden, ­
  um  190  Kilo  Getreide  zu  erhalten.  Wenn  aber  das  Gegenteil ­
  zutrifft  (wie  es  gewöhnlich  der  Fall  ist),  wenn  der  neue  Aufwand ­
  von  10  Mark  auf  demselben  Boden  nur  50  Kilo  Getreide,  der
        <pb n="283" />
        «

275

gleiche  Aufwand  auf  dem  neuen  Boden  dagegen  90  einbringt,  so
wird  der  Landwirt  seinen  Acker  ausdehnen  und  eher  den  ärmeren
Boden  bestellen,  als  zum  intensiven  Betrieb  übergehen.  Gewöhnlich
zieht  die  Bevölkerung  es  vor,  den  Boden  zweiter,  dritter,  vierter
usw.  Klasse  zuerst  zu  bearbeiten,  d.  h.  den  Acker  möglichst  auszudehnen; ­
  nur  wenn  die  Ausdehnung  des  Betriebes  zu  einer  Verminderung ­
  des  Ertrages  führt,  geht  die  Bevölkerung  zu  neuen
Kapitalaufwänden  auf  demselben  Boden,  d.  h.  zu  intensiverem
Betrieb  über.  Es  ist  einleuchtend,  daß  man  nicht  zur  Bebauung
des  ärmeren  Bodens  übergegangen  wäre,  wenn  die  sukzessiven
Kapitalaufwände  den  gleichen  Ertrag  brächten.  Mit  anderen
Worten:  wären  die  weiteren  Kapitalaufwände  nicht  minder  ergiebig, ­
  so  hätte  eine  extensive  Wirtschaftskultur  nicht  existieren
können.  Welchen  Sinn  hätte  es  denn,  den  ärmeren  Boden  zu  bestellen, ­
  wenn  man  durch  neue  Kapitalaufwände  auf  dem  reicheren
Boden  einen  höheren  Ertrag  erhalten  könnte?  Wenn  nun  eine
extensive  Wirtschaft  besteht,  wenn  nicht  bloß  der  fruchtbarste,
sondern  auch  der  minder  fruchtbare  Boden  bebaut  wird,  so  folgt
daraus,  daß  die  neuen  Kapitalaufwände  auf  den  reicheren  Böden
geringere  Erträge  abwerfen,  als  die  ersten  Kapitalaufwände  auf
dem  ärmeren  Boden.  Allerdings  gibt  es  Grundstücke  (besonders
in  Mittelasien  und  teilweise  auch  in  Europa),  auf  denen  man  von
vornherein  bedeutende  Kapitalien  aufwenden  muß,  um  sie  kulturfähig ­
  zu  machen.  Diese  Grundstücke  können  jedoch  nicht  als
Grundstücke  der  ersten  Klasse  betrachtet  werden,  obgleich  sie  bei
großen  Arbeits-  und  Kapitalaufwänden  reiche  Ernten  liefern.  Zu
diesen  gehören  u.  a.  die,  die  künstliche  Ent-  und  Bewässerung
fordern.  Diese  können  nur  intensiv  bewirtschaftet  werden.  Aber
erstens  sind  diese  im  Vergleich  zu  den  Ländereien,  die  keine  Beoder
  Entwässerung  erfordern,  als  Böden  zweiter,  dritter,  und  vierter
Klasse  zu  betrachten;  zweitens  bilden  sie  eine  Ausnahme,  da  sie
Weder  die  Getreidepreise  bestimmen,  noch  auf  die  Höhe  der  Grundrente ­
  ein  wirken.
Es  sei  noch  folgendes  bemerkt:  Für  verschiedene  Gewächse  ist
eine  verschiedene  Kultur  notwendig,  d.  h.  verschiedene  ursprüngliche ­
  Kapital-  und  Arbeitsaufwände.  So  ist  zur  Gewinnung  von
18*
        <pb n="284" />
        276

Heu  die  Arbeit  dann  am  produktivsten,  wenn  sie  nur  im  Grasmähen ­
  und  Einfahren,  und  zur  Gewinnung  von  Getreide,  wenn  sie
bloß  in  zweimaligem  Pflügen  und  Eggen  besteht.  Bei  Wurzelfrucht-, ­
  Reben-  und  Tabakkultur  ist  ein  hoher  ursprünglicher
Arbeitsaufwand  notwendig,  wobei  die  weiteren  Aufwände  wenig
produktiv  sind.  Dieses  trifft  sowohl  für  die  Rebenkultur  in  den
Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  als  auch  für  die  der  Rheingegenden ­
  zu.  Selbstverständlich  ist  die  Rebenkultur  in  den  Rheingegenden ­
  und  in  Frankreich  eine  intensivere  als  in  Amerika,  aber
die  weiteren  Kapitalaufwände  sind  im  Verhältnis  zu  den  früheren
gering:  die  Anpflanzung,  das  Stutzen  usw.  erfordern  bedeutende
Arbeitsaufwände.  Deshalb  übt  die  Konkurrenz  der  neuen  Länder
in  diesen  Produkten  keinen  starken  Druck  auf  die  Produktion  der
dichtbevölkerten  Gegenden  aus.
Das  Bestehen  einer  extensiven  Wirtschaft  in  dünn  bevölkerten ­
  Gegenden  dient  also  als  Beweis  dafür,  '  daß  bei  weiteren
Aufwänden  auf  schon  angebauten  Grundstücken  die  Arbeitsproduktivität ­
  sinkt  und  daß  nur  in  einzelnen  Ausnahmefällen  eine
intensive  Kultur  aus  natürlichen  Gründen  geboten  ist.
'  V.
Die  Grundbesitzer  können  die  intensive  Bewirtschaftung  des
Bodens,  das  Erzielen  von  mehr  Produkten  aus  einer  Bodenfläche
nicht  verhindern.  Die  Pächter  können  in  beliebiger  Höhe  Kapitalien ­
  aufwenden,  aber  der  Grundbesitzer  wird  sich  den  Unterschied ­
  zwischen  der  Produktivität  des  ersten  Kapitalaufwandes  und
der  des  weiteren  aneignen.  Wenn  die  Bevölkerung  zur  Bestellung
minder  produktiver  Böden  schreitet,  geschieht  das  gleiche.  Nehmen
wir  an,  daß  man  beim  ersten  Kapitalaufwand  von  10  Mk.  100  Kilo
Getreide  erhält.  Wenn  der  folgende  Kapitalaufwand  von  zehn
Mark  auf  demselben  oder  auf  einem  ärmeren  Boden  nur  50  Kilo
Getreide  einbringt,  so  wird  sich  der  Grundeigentümer  diese  Differenz ­
  aneignen,  weil  jeder  Pächter  offenbar  den  letzten  Aufwand
noch  machen  wird.  Wenn  es  also  bei  dem  Aufwand  von  zehn
Mark  vorteilhaft  ist,  50  Kilo  Getreide  zu  erhalten,  so  kann  der
Grundbesitzer  von  den  ersten  100  Kilo  50  als  Pachtgeld  ver-
        <pb n="285" />
        277

langen,  da  der  Pächter  in  diesem  Falle  den  gewöhnlichen  Unternehmergewinn ­
  in  den  anderen  50  Kilo  Getreide  erhält.  Daraus
läßt  sich  der  Schluß  ziehen,  der  im  Gegensatz  zu  der  Grundrententheorie
  von  Rodbertus  und  der  Theorie  der  absoluten  (Nicht-Monopol-)
  Rente  von  Marx  steht.
Betrachten  wir  zuerst  die  Beziehungen  eines  kapitalistischen
Pächters  zum  Grundbesitzer.  Nachdem  er  das  Grundstück  gepachtet ­
  hat,  wird  er  darauf  so  viel  Kapital  aufwenden,  daß  er
noch  den  normalen  Profit  herausschlagen  kann.  Nach  der  Grundrententheorie ­
  von  Rodbertus  erscheint  die  Rente  als  Resultat  der
andersartigen  Zusammensetzung  des  landwirtschaftlichen  Kapitals, ­
  da  hier  keine  Aufwände  für  Rohmaterial  notwendig  sind,  das
in  der  Wirtschaft  selber  erzeugt  wird.  Infolgedessen  erhält  der
Pächter  bei  einem  Aufwand  von  verschiedenen  Kapitalien  A,  B
und  C,  zusammen  30  Mark,  auf  einen  Morgen  eine  doppelt  so
hohe  Profitnorm  als  in  der  Industrie,  wenn  das  dort  verwendete
Rohmaterial  ebensoviel  (30  Mark)  kostet.  Mit  andern  Worten:
wenn  man  in  der  Industrie,  bei  einem  Aufwande  von  60  Mark,
30  Mark  Gewinn  erhält,  so  bringt  in  der  Landwirtschaft  ein  Aufwand ­
  von  30  Mark  den  gleichen  Profit  ein.  Es  ist  klar,  daß  der
Grundbesitzer  diesen  Extraprofit,  in  diesem  Falle  15  Mark,  erhält,
weil  der  Pächter  sich  mit  dem  gewöhnlichen  Unternehmergewinn
von  15  Mark  begnügt.
Nehmen  wir  an,  daß  diese  Theorie  richtig  ist  und  daß  der
Pächter  an  den  Grundbesitzer  15  Mark  abtritt.  Wenn  er  dann  bei
einem  Aufwand  von  30  Mark  pro  Morgen  60  Kilo  Getreide  zu  einer
Mark  pro  Kilo  erhält,  so  wird  er  außer  den  15  Mark,  die  er  dem
Grundbesitzer  abtritt,  noch  15  Mark  Profit  erhalten.  Der  Grundbesitzer ­
  kann  aber  den  Pächter  nicht  hindern,  außer  dem  Kapital
A,  B  und  C  noch  weitere  Kapitalien,  D,  E  und  F,  zu  investieren.
Der  Pächter  wird  es  unbedingt  tun,  sogar  wenn  die  weiteren
Aufwände  geringere  Erträge  bringen.
Wir  haben  angenommen,  daß  die  ersten  Aufwände  einen  doppelten ­
  Gewinn  geben,  wobei  die  Hälfte  als  Pachtzins  dem  Boden-Besitzer
  zukommt.  Da  nun  das  Pachtgeld  schon  gezahlt  ist,  so
würden  die  weiteren  Kapitalaufwände  unter  der  Voraussetzung,
        <pb n="286" />
        278

daß  sie  ebenso  produktiv  sind,  einen  doppelten  Gewinn  liefern.
Folglich  wird  der  Pächter  so  lange  neue  Kapitalien  investieren,
bis  der  letzte  Kapitalaufwand  noch  den  gewöhnlichen  Profit  einbringen
  kann.  Wenn  aber  der  letzte  Kapitalaufwand  nur  den  gewöhnlichen ­
  Gewinn  trägt,  so  werfen  die  ersten  Kapitalaufwände
eine  Rente  ab,  weil  sie  produktiver  sind,  und  nicht  deshalb,  weil  die
Zusammensetzung  des  landwirtschaftlichen  Kapitals  eine  besonders ­
  geartete  ist.
Der  Pächter  kann  100  Morgen  Acker  pachten  und  in  jedem,
wie  wir  vorausgesetzt  haben,  30  Mark  investieren,  wobei  er,  ent^
sprechend  der  Theorie  von  Rodbertus,  15  Mark  als  Profit  erhält
und  15  Mark  dem  Grundeigentümer  als  Grundrente  auszahlt.
Zusammen  wird  er  also  auf  100  Morgen  ein  Kapital  von  3000  Mark
aufwenden,  einen  Gewinn  von  1500  Mark  erhalten  und  1500  Mark
als  Rente  zahlen.  Bei  der  Annahme,  daß  jeder  Kapitalaufwand
von  30  Mark  einen  Überschuß  von  ebenfalls  30  Mark  einbringt,
könnte  doch  der  Pächter  statt  100  Morgen  Land  50  pachten  und
die  Hälfte  des  Pachtzinses  zahlen;  dabei  würde  er  noch  einen
höheren  Gewinn  erzielen,  wenn  er  höhere  Aufwände  pro  Morgen
machte.  Unter  solchen  Umständen  würden  nur  die  besten  Ländereien, ­
  und  zwar  äußerst  intensiv  bewirtschaftet  werden.  Die  anderen ­
  dagegen  würden  brach  liegen.  Eine  Grundrente  wäre,  wie
wir  bald  sehen  werden,  unmöglich.  Es  erhellt  daraus,  daß  die
weiteren  Kapitalaufwände  nicht  so  produktiv  sein  können  wie  die
ersten.  Es  folgt  aber  daraus  auch,  daß  der  Pächter  immer
weitere  Kapitalaufwände  machen  wird,  so  lange  der  letzte  Kapitalaufwand ­
  noch  den  gewöhnlichen  Profit  trägt.  Die  ersten  Kapitalaufwände ­
  in  der  Höhe  von  30  Mark  werfen  eine  Rente  von
15  Mark  und  einen  Gewinn  von  ebenfalls  15  Mark  ab.  Wenn  der
Pächter  sich  mit  einem  Gewinn  von  15  Mark  begnügt,  so  wird  er
einen  weiteren  Aufwand  machen,  der  den  gleichen  Gewinn,  aber
keine  Rente  einbringt.
Hoffentlich  ist  es  jetzt  klar,  daß  der  letzte  Kapitalaufwand
keine  Rente  einbringen  kann.  Ist  dem  so,  so  kann  die  Grundrententheorie ­
  von  Rodbertus  nicht  richtig  sein.  Ebenso  die  Theorie
der  absoluten  Rente  von  Marx.
        <pb n="287" />
        279

Unter  der  absoluten  Rente  versteht  Marx  die  Rente,  die  sich
auch  auf  dem  schlechtesten  Boden,  wo  die  Arbeit  am  wenigsten
produktiv  ist,  bilden  kann,  und  zwar  infolge  der  verschiedenen
Zusammensetzung  des  Agrikultur-  und  des  industriellen  Kapitals.
Was  hindert  aber  den  Pächter,  neue  Kapitalien  auf  dem  schon  behauten ­
  Boden  zu  investieren?  Das  Auf  brechen  von  neuen  Ländereien ­
  kann  somit  erst  dann  stattfinden,  wenn  hier  die  Aufwände
profitabler  sind,  als  die  weiteren  Aufwände  auf  dem  alten  Boden.
Dann  wird  aber  der  neue  Boden  eine  Differentialrente  abwerfen,
die  sich  aus  dem  Unterschiede  in  der  Arbeitsproduktivität  auf  dem
neuen  Boden  und  bei  neuen  Kapitalaufwänden  auf  dem  schon  angebauten ­
  bildet.  Wenn  der  ärmere  Boden  bei  einem  Aufwand
von  10  Mark  nur  50  Kilo  Getreide  einbringt,  so  wird  er  unbebaut
bleiben,  weil  der  Grundbesitzer  ohne  Entgelt  auch  das  schlechtere
Grundstück  nicht  verpachten  wird.  Der  Pächter  kann  aber  in
diesem  Falle  den  geforderten  Pachtzins  nicht  zahlen,  ohne  seinen
Unternehmergewinn  zu  schmälern.  Ein  solcher  Boden  wird  folglich ­
  erst  dann  bestellt  werden,  wenn  die  weiteren  Aufwände  auf
dem  besseren  Boden  weniger  produktiv  sind,  als  die  ersten  auf  den
neuen  Ländereien.  Und  in  der  Tat,  wenn  auf  einem  schlechteren
Boden  auch  bloß  Gras  wächst,  so  wird  er  doch  eine  Rente  liefern,
weil  auf  den  besseren  Böden  die  Graskultur  höhere  Arbeitsaufwände ­
  erfordert.  Obgleich  der  ärmere  Boden  nur  als  Weide  verwertet ­
  werden  kann  und  nur  eine  geringe  Menge  von  Produkten
liefert,  so  läßt  sich  doch  dieser  Ertrag  mit  ganz  geringem  Arbeitsaufwand ­
  —  Viehfütterung  —  erzielen,  während  auf  den  besseren
Böden  die  späteren  Arbeits-  und  Kapitalaufwände  verhältnismäßig
weniger  produktiv  sind:  das  Pflügen,  das  Grassäen  und  -Mähen
usw.  usw.  Auf  diese  Weise  bringt  der  schlechtere  Boden  eine
Rente,  weil  die  Arbeits-  und  Kapitalaufwände  hier  produktiver
sind,  als  die  letzten  Aufwände  auf  den  besseren  Böden.  Wenn
also  Ricardo  einen  Fehler  begeht,  indem  er  die  Höhe  der  Bodenrente ­
  durch  die  verschiedene  Fruchtbarkeit  der  einzelnen  Grundstücke ­
  erklärt,  so  läßt  sich  Rodbertus  einen  noch  größeren  Fehler
zuschulden  kommen,  da  er  die  Bildung  der  Rente  aus  dem
Fehlen  des  Rohstoffes  in  der  Agrikultur  entstehen  läßt;  ebenso
        <pb n="288" />
        Marx,  der  das  Bestehen  einer  absoluten  Rente  aus  der  Differenz
in  den  organischen  Bestandteilen  des  Kapitals  in  der  Landwirtschaft ­
  und  in  der  Industrie  erklären  will.  Der  Fehler,  den  Marx
begeht,  besteht  darin,  daß  er  die  Auf  wände  auf  den  schlechteren
Böden  als  weniger  produktiv  betrachtet,  als  die  letzten  Aufwände
auf  den  besseren  Böden.
VI.
Betrachten  wir  nun  nochmals  die  Konkurrenzbedingungen
zwischen  den  neuen  Ländern  und  Europa.  Es  wurde  schon  erwähnt, ­
  daß  die  Produktivität  der  Arbeit  auch  in  Europa  dieselbe
sein  würde  wie  in  Amerika  oder  in  Sibirien,  falls  man  auch  in
Europa  wieder  zum  extensiven  Betrieb  übergegangen  wäre.  Infolge ­
  der  Bevölkerungsdichte  würde  es  aber  nicht  einmal  für  den
vierten  Teil  der  Bevölkerung  genügend  Getreide  geben.  Die  europäischen ­
  Landwirte  machen  deshalb  neue,  weniger  produktive
Kapitalaufwände  auf  demselben  Grundstück.  Der  Getreidepreis
wird  durch  diese  minder  produktiven  Aufwände  bestimmt,  und
der  Unterschied  in  der  Produktivität  der  ersten  und  der  weiteren
Aufwände  fällt  den  Grundbesitzern  in  der  Form  der  Grundrente
zu.  Wenn  es  aber  durch  Vervollkommnung  des  Transportwesens
möglich  wird,  Getreide  aus  den  dünn  bevölkerten  Gegenden  mit
extensivem  Wirtschaftssystem  auf  den  europäischen  Markt  zu
bringen,  so  sinkt  der  Getreidepreis  auch  hier,  zugleich  auch  die
Grundrente,  und  es  sinken  (bei  demselben  Prozentsatz  der  Kapitalisierung ­
  der  Rente)  die  Bodenpreise.
Daraus  geht  hervor,  daß  die  Steigerung  des  Getreidepreises
nicht  durch  die  Steigerung  der  Grundrente  bedingt  wird;*)  vielmehr ­
  erhöht  der  Übergang  zum  intensiven  Betrieb  die  Getreidepreise, ­
  und  in  der  Folge  steigt  auch  die  Grundrente.  Wenn  der  Getreidepreis ­
  sinkt,  so  wird  der  Unternehmer  den  letzten  Kapitalaufwand, ­
  der  ihm  bloß  den  normalen  Profit  einbringt,  nicht

*)  Wie  es  beispielsweise  Parvus  in  seiner  Broschüre  „Kolonialpolitik ­
  und  Zusammenbruch“  (S.  36)  behauptet.
        <pb n="289" />
        281

machen,  da  er  in  diesem  Falle  nicht  einmal  den  gewöhnlichen
Unternehmergewinn  wird  aufbringen  können.  Der  vorletzte
Kapitalaufwand  gibt  nunmehr  nur  den  normalen  Profit,  wirft  aber
keine  Rente  ab.  Das  Sinken  der  Getreidepreise  ruft  somit  ein
Sinken  der  Grundrente  hervor.  Steigen  die  Getreidepreise,  so  tritt
die  entgegengesetzte  Erscheinung  ein.  Der  letzte  Kapitalaufwand
beginnt  nunmehr  einen  Extraprofit  zu  tragen;  es  wird  dann  folglich ­
  vorteilhaft,  neue  Kapitalaufwände  zu  machen,  und  der  vorletzte ­
  Kapitalaufwand  beginnt  nun  eine  Rente  abzuwerfen.  Wir
werden  hier  die  Frage  unerörtert  lassen,  welchen  Einfluß  der
technische  Fortschritt  auf  die  Grundrente  ausübt,  der  bei  einem
bestimmten  Getreidepreis  die  Grundrente  in  die  Höhe  treibt.  Auf
jeden  Fall  ändert  der  technische  Fortschritt  das  von  uns  konstatierte ­
  Gesetz  nicht,  nämlich  daß  der  letzte  Kapitalaufwand  und
der  Grad  der  intensiven  Kultur  durch  die  Höhe  der  Getreidepreise
bestimmt  wird  und  nichts  weiter  einbringen  kann  als  den  normalen ­
  Unternehmergewinn.  Wenn  nun  dem  so  ist,  wie  kann
dann  die  Grundrente  die  Höhe  der  Getreidepreise  bestimmen?
Oft  wird  zur  Erklärung  der  amerikanischen  Konkurrenz
darauf  hingewiesen,  daß  in  Amerika  freier  Boden  vorhanden  war.
Tatsächlich  werden  in  Amerika  viele  Ländereien  unbebaut  gelassen. ­
  Aber  weshalb?  Ich  habe  es  soeben  auseinandergesetzt.
Mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung  mußte  man  zum  Aufbrechen
von  Böden  zweiter,  dritter  usw.  Klasse  übergehen  oder  eine  intensivere ­
  Kultur  einführen,  d.  h.  in  beiden  Fällen:  weniger  produktive ­
  Arbeitsaufwände  machen.  In  Amerika,  besonders  in  den
westlichen  Staaten  Nordamerikas,  wo  noch  genügend  fruchtbarer
Boden  vorhanden  war,  brauchte  man  noch  nicht  den  ärmeren
Boden  zu  bestellen  oder  eine  intensive  Kultur  einzuführen.
Das  Vorhandensein  von  noch  unbebautem  Boden  erlaubte  also,
eine  extensive  Kultur  mit  höherer  Arbeitsproduktivität  zu  führen.
Hätte  der  Übergang  zur  intensiven  Kultur  die  Arbeitsproduktivität
erhöht,  so  würde  es  in  Amerika  bei  niedriger  Grundrente  vorteilhafter ­
  gewesen  sein,  eine  solche  einzuführen.  Der  europäische
Pächter  zahlt  dem  Grundeigentümer  eine  gewaltige  Summe.  Wenn
er,  sagen  wir,  150  Kilo  Getreide  vom  Morgen  erhält,  so  zahlt  er
        <pb n="290" />
        50  Kilo  Getreide  in  der  Form  von  Pachtzins  an  den  Grundeigentümer. ­
  In  Amerika  ist  die  Grundrente  noch  niedrig.  Zahlt  der
Pächter  bei  einer  Ernte  von  50  Kilo  Getreide  5  Kilo,  d.  h.  10  Proz.,
als  Pachtzins,  so  bleiben  ihm  noch  45  Kilo  Getreide  übrig.  Würde
er  bei  einer  intensiven  Wirtschaft  150  Kilo  erhalten,  so  würden  die
5  Kilo,  die  er  als  Pachtgeld  dem  Grundbesitzer  abgibt,  nur
3^/3  Proz.  der  Ernte  ausmachen;  er  könnte  in  diesem  Falle  also
145  Kilo  Getreide  von  einem  Morgen  haben.  Es  erhellt  hieraus,  daß
dem  Pächter  eine  intensivere  Wirtschaft  vorteilhafter  wäre.  Da  aber
mit  dem  Übergang  zur  intensiven  Kultur  ein  Sinken  der  Arbeitsproduktivität ­
  verbunden  ist,  so  zieht  der  Pächter  vor,  mehr  Boden
zu  pachten  und  mehr  Pachtgeld  zu  zahlen,  um  eine  extensive  Wirtschaft ­
  zu  führen.  Wenn  die  östlichen  und  südöstlichen  Grenzgebiete ­
  Rußlands  billiges  Getreide  produzieren,  so  nicht  deshalb,
weil  dort  „freie“  Ländereien  vorhanden  wären.  Der  ganze  Boden
wird  ausgebeutet,  aber  extensiv.  Die  umfangreichen  Wiesen  und
Weiden  ermöglichen,  Vieh  und  Viehprodukte  billig  zu  verkaufen;
die  gewaltigen  Weizenfelder,  die  extensiv  bebaut  werden,  bringen
billiges  Getreide,  während  der  „freie“  Boden  in  England  und
Deutschland  das  nicht  zu  tun  vermag,  weil  er  der  unfruchtbarste
ist  und  die  besseren  Böden  intensiv,  mit  geringer  Arbeitsproduktivität, ­
  bestellt  werden.
Rußland  ist  ein  technisch  zurückgebliebenes  Land.  Doch  kann
im  Gouvernement  Taurien  ein  Arbeiter  20  Deßjätinen  Land  bestellen.*) ­
  Nehmen  wir  an,  daß  die  Durchschnittsernte  40  Pud  pro
Deß  jätine  beträgt,  so  kann  der  Arbeiter  800  Pud  Getreide  liefern,
während  in  Deutschland,  wo  eine  Deß  jätine  dreimal  soviel  liefert,
ein  Arbeiter  kaum  5  Deß  jätinen  bestellen  wird;  die  Erhöhung  der
Ernteerträge  fordert  eine  Unmenge  von  lebendiger  Arbeit.  Ein
weiteres  Beispiel.  In  Ostrußland,  im  Gouvernement  Orenburg,
war  der  ganze  Grund  und  Boden  okkupiert,  aber  die  Grundrente
niedrig,  weil  bei  der  dort  herrschenden  extensiven  Kultur  das  Getreide ­
  billig  war.  Als  infolge  der  Durchführung  einer  Eisenbahn

*)  Siehe  „Agrarfrage  in  Rußland“,  IV.  Autl.,  St.  Petersburg  1908
(russ.),  S.  209.
        <pb n="291" />
        283

die  Getreidepreise  in  die  Höhe  gingen,  stiegen  bald  auch  die  Pachtpreise ­
  um  das  Dreifache.
Von  den  Getreidepreisen  hängt  folglich  die  Höhe  der  Grundrente ­
  ab,  und  nicht  umgekehrt;  nicht  die  Grundrente  wirkt  auf  die
Höhe  der  Getreidepreise  ein.  Wodurch  aber  werden  die  Getreidepreise ­
  auf  das  Dreifache.
Durch  die  Produktionskosten  bei  den  ungünstigsten  Bedingungen, ­
  d.  h.  nicht  durch  die  Produktionsbedingungen  auf  dem
ärmeren  Boden,  sondern  durch  den  letzten  Kapitalaufwand  beim
inlensiven  Betrieb.  Denn  die  ärmeren  Böden  werden  nur  dann
bestellt,  wenn  die  Arbeit  dort  produktiver  ist  als  der  letzte  Arbeitsaufwand ­
  auf  dem  fruchtbaren  Boden.
Unsere  Analyse  der  Entstehung  der  Grundrente  haben  wir
unter  der  Voraussetzung  gemacht,  daß  der  Boden  von  einem
Pächter  bestellt  wird.  In  Wirklichkeit  gehört  in  Amerika  wie
in  Europa  der  größte  Teil  des  Bodens  den  Landwirten  selber.  Aber
diese  Tatsache  ändert  unsere  Schlußfolgerungen  nicht.  Statt  dem
Grundeigentümer  fällt  die  Rente  den  Landwirten  zu.  Es  ist  aber
verkehrt,  anzunehmen,  daß  sich  der  amerikanische  Farmer  im
Gegensatz  zu  dem  europäischen  mit  dem  gewöhnlichen  Unternehmergewinn ­
  begnügt;  der  amerikanische  Farmer  strebt  ebenso
wie  der  europäische  Landwirt  danach,  den  normalen  Gewinn  und
die  Grundrente  einzuheimsen.
Die  Grundrente  bildet  sich  folglich  nicht  deshalb,  weil  der
Boden  zum  Privateigentum  geworden  ist,  sondern  umgekehrt:  der
Boden  ist  zum  Privateigentum  geworden,  weil  er  anfing,  eine  Rente
abzuwerfen.  Denn  in  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung
hat  das  Eigentumsrecht  an  Grund  und  Boden  allein  und  für  sich
keine  Bedeutung,  wenn  daraus  keine  Rente  zu  erzielen  ist.  Deshalb ­
  wird  auch  der  Boden  okkupiert,  sobald  er  anfängt,  eine  Rente
zu  liefern.

VIL
Unsere  Ausführungen  erlauben  uns,  eine  kurze  Schlußbetrachtung ­
  über  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  anzustellen.
In  dem  Maße,  wie  die  Bevölkerung,  insbesondere  die  indu-
        <pb n="292" />
        284

slrielle  Bevölkerung,  ziiiiimmt,  wird  es  notwendig,  immer  mehr
landwirtschaftliche  Produkte  zu  erzeugen.  Es  steigen  die  Getreidepreise, ­
  und  die  Landwirte  gehen  zu  einer  intensiveren  Bearbeitung
des  Bodens  über,  da  auch  die  minder  produktiven  Aufwände  infolge ­
  der  erhöhten  Getreidepreise  vorteilhaft  werden.  Die  erhöhten ­
  Getreidepreise  machen  aber  die  Zufuhr  von  Getreide  aus
den  entfernten  Gegenden  mit  extensiver  Kultur  möglich.  Die  Fortschritte ­
  im  Transportwesen  haben  diese  Zufuhr  erleichtert  und  dadurch ­
  die  Konkurrenz  der  entfernten  Gegenden  mit  der  europäischen ­
  Landwirtschaft  gefördert,  aber  nicht  erst  ermöglicht.  Der
Grund  dieser  Konkurrenz  liegt  in  der  Produktivität  der  Arbeit,  die
in  Gegenden  mit  extensiver  Kultur  höher  ist  als  in  Ländern  mit
intensivem  Wirtschaftssystem.
So  beginnen  die  Industrieländer  Erzeugnisse  ihrer  Industrie
gegen  Produkte  der  landwirtschaftlichen  Gegenden  auszutauschen,
und  es  findet  eine  Neueinteilung  der  Produktivkräfte  statt.  Die
Zahl  der  Industriearbeiter  steigt,  die  Zahl  der  Landarbeiter  dagegen ­
  sinkt,  weil  ein  Teil  der  notwendigen  landwirtschaftlichen
Produkte  im  Ausland  erzeugt  wird.  Mit  der  Entwicklung  des
Kapitalismus  geht  also  eine  Arbeitsteilung  nicht  bloß  innerhalb
der  einzelnen  Länder,  sondern  zwischen  verschiedenen  Ländern
vor  sich.  In  dem  Maße  aber,  wie  die  Bevölkerung  auch  in  den
landwirtschaftlichen  Gegenden  zunimmt  und  sich  dort  eine  Industrie ­
  entwickelt,  geht  man  auch  in  den  landreichen  Gegenden
zu  immer  intensiverer  Kultur  über.  Es  steigen  die  Getreidepreise,
und  es  erhöht  sich  auch  die  Grundrente.  Deshalb  führt  die  Bevölkerungsvermehrung ­
  in  den  Kolonialländern,  die  Getreide  nach
Europa  ausführen,  zu  einer  neuen  Verteilung  der  Produktivkräfte
auch  in  den  europäischen  Ländern.
Bis  jetzt  ging  in  Europa  und  in  Zentralrußland  die  Verteilung
der  Produktivkräfte  in  der  Form  vor  sich,  daß  die  Zahl  der  ländlichen ­
  Arbeiter  abnahm;  ebenso  sank  der  Lohn  der  ländlichen
Arbeiter.  Mit  der  Intensivierung  des  Betriebes  und  der  Abnahme
der  Konkurrenz  der  Länder  und  Gegenden  mit  extensiver  Kultur ­
  muß  der  Arbeitslohn  der  ländlichen  Arbeiter  auch  hier  steigen
und  die  Höhe  des  Lohnes  der  Industriearbeiter  erreichen.
        <pb n="293" />
        285

Unsere  Analyse  der  Entwicklung  der  Landwirtschaft  findet  in
der  Statistik  eine  Bestätigung.
Der  Prozentsatz  der  in  der  Landwirtschaft  der  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  Berufstätigen  ist  ebenso  groß,  wie  der
in  der  Landwirtschaft  Deutschlands  Erwerbstätigen.
Die  Gewerbezählungen  beweisen,  daß  in  Deutschland  sowohl,
als  auch  in  den  Vereinigten  Staaten  die  landwirtschaftliche  Bevölkerung ­
  abnimmt.  Doch  übt  diese  Tatsache  auf  die  Entwicklung ­
  der  Landwirtschaft  einen  verschiedenen  Einfluß  aus.  Während ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  die  landwirtschaftliche ­
  Bevölkerung  Produkte  nicht  bloß  zur  Befriedigung
ihrer  Bedürfnisse,  sondern  auch  für  die  Ausfuhr  erzeugt,  wird  in
Deutschland  in  steigendem  Maße  Getreide  eingeführt.
Es  erhellt  daraus,  daß  die  Produktivität  der  ländlichen  Arbeit
in  Amerika  bedeutend  höher  ist  als  die  der  deutschen  Arbeiter,  da
bei  einem  gleichen  Prozentsätze  der  landwirtschaftlich  Erwerbstätigen ­
  die  Vereinigten  Staaten  Getreide  ausführen,  während
Deutschland  Getreide  einführt.  Dabei  steigt  die  Arbeitsproduktivität ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  viel  rascher  als  in  Deutschland,
da  die  Ausfuhr  von  Getreide  aus  Amerika  steigt,  während  Deutschland ­
  immer  mehr  Getreide  einführt.
Die  Ursache  dieses  Unterschiedes  in  der  landwirtschaftlichen
Arbeitsproduktivität  in  Amerika  und  in  Deutschland  liegt  darin,
daß  man  in  den  Vereinigten  Staaten  den  technischen  Fortschritt
dazu  benutzt,  um  den  Acker  bei  der  gleichbleibenden  Arbeiterzahl
auszudehnen.  Der  technische  Fortschritt  drückt  die  auf  die
Flächeneinheit  notwendige  Arbeitskraft  herab  und  erlaubt  einem
Arbeiter,  einen  größeren  Acker  zu  bestellen.  In  Deutschland  kann  i|
die  durch  den  technischen  Fortschritt  hervorgerufene  Verminde-  ii
rung  der  notwendigen  Arbeiterzahl  nicht  zur  Ausdehnung  des  ij
Ackerfeldes  führen.  Die  überflüssig  gewordenen  Arbeiter  finden  zum  ij
Teil  beim  Übergang  zur  intensiveren  Kultur  Verwendung.  Und
in  der  Tat  sind  in  Deutschland  die  Ernteerträge,  pro  Acker  ge-  ;|
rechnet,  doppelt  so  hoch  wie  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nord-  l|
amerika.  So  waren  die  durchschnittlichen  Weizenernten  in  den  ¡
Jahren  1894—1901  in  den  Vereinigten  Staaten  13  Bushels  pro
        <pb n="294" />
        286

Acker,  in  Deutschland  dagegen  26  Bushels.*)  Dabei  ist  aber,  wie
wir  schon  konstatiert  haben,  die  Arbeitsproduktivität  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  höher  als  in  Deutschland.  Offenbar  sind  somit
die  weiteren  Arbeitsaufwände  in  Deutschland,  die  die  Ernteerträge
erhöhen,  weniger  produktiv.  Deshalb  können  14  Proz.  der  Bevölkerung ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  so  kolossale  Menge  von
Getreide  produzieren,  daß  trotz  der  geringen  Ernteerträge  aus
Amerika  Getreide  ausgeführt  wird,  während  in  Deutschland  der
gleiche  Prozentsatz  der  Bevölkerung  bei  doppelt  so  hohen  Ernteerträgen ­
  nicht  einmal  den  einheimischen  Bedarf  an  Getreide  deckt.
Aber  auch  in  den  Vereinigten  Staaten  wird  nicht  überall  eine
extensive  Wirtschaft  geführt.  In  einigen  Gegenden  werden  Gewächse ­
  gebaut,  die  eine  intensive  Kultur  fordern  (Baumwolle,
Tabak).  Vergleichen  wir  die  Produktivität  der  Arbeit  in  den
Rayons  mit  intensiver  und  in  solchen  mit  extensiver  Kultur,  so  erkennen ­
  wir,  daß  in  den  letzteren  Gegenden  die  Arbeitsproduktivität ­
  höher  ist,  als  in  den  Gegenden  mit  intensiver  Kultur.  In
den  südlichen  und  nordöstlichen  Staaten  beträgt  der  Reinverdienst
pro  Arbeiter  162—298  Dollar,  in  den  westlichen  Staaten  dagegen
509  Dollar.**)  Daraus  läßt  sich  ein  Bild  gewinnen,  wie  hoch  die
Arbeitsproduktivität  in  den  extensiven  Wirtschaften  ist,  wenn  die
Produktivität  der  Arbeit  in  den  westlichen  Staaten  um  das  zweibis
  dreifache  die  Arbeitsproduktivität  in  den  östlichen  Staaten
übertrifft.
In  der  Landwirtschaft  lassen  sich  also  zwei  Tendenzen  wahrnehmen: ­
  die  Erhöhung  der  Arbeitsproduktivität  durch  den  technischen ­
  Fortschritt  und  das  Sinken  derselben  bei  neuen  Kapitalund
  Arbeitsaufwänden  auf  dem  schon  bebauten  Grundstücke.  In
den  Vereinigten  Staaten,  wo  die  Möglichkeit  noch  vorhanden  war,
den  Acker  auszudehnen,  überwog  die  erste  Tendenz.  In  Europa
*)  „Amerika“,  herausgegeben  von  Dr.  E.  v.  Halle,  S.  173.  Nach  dem
Statist.  Jahrbuche  f.  d.  D.  R.  waren  die  Hektarerträge  in  Doppelzentnern:
Weizen  Roggen  Gerste  Hafer  Kartoffeln
Deutschland  (1910)  19,9  17,0  18,5  18,4  131,9
Ver.  Staaten  (1909)  10,6  10,1  13,1  10,9  52,7
Anmerkung  d.  Übers.

•*)  „Amerika“,  S.  172.
        <pb n="295" />
        287

dagegen  ließ  sich  der  Acker  nicht  mehr  ausdehnen,  und  man  ist
gezwungen,  nachträgliche,  weniger  produktive  Arbeitsaufwände
auf  dem  alten  Boden  zu  machen.  Trotz  dem  technischen  Fortschritt ­
  ist  hier  die  Tendenz  zur  Abnahme  der  Arbeitsproduktivität
bei  den  neuen  Kapitalaufwänden  unverkennbar.

So  ist  die  Produktivität  der  landwirtschaftlichen  Arbeit  in
Deutschland  in  ganz  geringem  Maße  gestiegen.  Bei  der  sich
fast  gleichbleibenden  Zahl  der  Erwerbstätigen  in  der  Landwirtschaft ­
  (1882  8  236  Tausend,  1895  8  292  Tausend  Personen)  steigt
die  Einfuhr  von  Jahr  zu  Jahr,  und  die  einheimische  Produktion
ist  außerstande,  den  Bedürfnissen  der  Bevölkerung  nachzukommen. ­
  1  \

Das  Sinken  der  Produktivität  der  sukzessiven  Arbeitsaufwände
führt  dazu,  daß  mit  der  Verdichtung  der  Bevölkerung  die  Getreidemenge ­
  pro  Kopf  abnimmt,  obgleich  die  Bodenerträge  gestiegen ­
  sind.  Die  Getreidemenge  war  im  Jahre  1907  pro  Kopf  der
Bevölkerung  wie  folgt:  *)
Bevölkerung  Getreide
Länder  pro  Quadrat-  pro  Kopf,
kilometer  in  Tonnen

Großbritannien  131
Deutschland  112
Frankreich  73
Ungarn

Europäisches  Rußland  24
Vereinigte  Staaten  10,8
Kanada
Argentinien  2,1

0,15
0,4
0,478
0,6
0,36
1,15
1,44
1,47

Wir  bemerken  hier  ein  folgerichtiges  Sinken  der  pro  Kopf
berechneten  Getreidemenge  mit  der  Zunahme  der  Bevölkerungsdichte. ­
  Die  Abweichung,  die  Rußland  darbietet,  erklärt  sich
daraus,  daß  die  landwirtschaftlichen  Gegenden  Rußlands  dichter
bewohnt  sind  als  die  übrigen.  So  produzieren  die  nördlichen.

*)  Berechnet  nach  den  „Résultats  statistiques  du  recensement  général
de  la  population  effectué  le  4  mars“,  1906,  Bd.  I,  und  der  „Weltwirtschaft“, ­
  herausgegeben  v.  Halle.
        <pb n="296" />
        —  288  —
dünn  bevölkerten  Gebiete  überhaupt  kein  Getreide;  wir  konnten
aber  diese  nicht  ausscheiden.
Argentinien  gibt  relativ  zehnmal  soviel  Getreide  als  England;
ja  sogar  Rußland  2,5  mal  soviel  als  England.  Daraus  folgt  die
Notwendigkeit  der  Verteilung  der  Produktivkräfte,  die  durch  die
Abnahme  des  Bodenertrages  hervorgerufen  wird.
        <pb n="297" />
        Schlußwort.

Wir  haben  den  wirtschaftlichen  Entwicklungsprozeß  von  der
isolierten  bis  zur  Weltwirtschaft  betrachtet.  Dieser  Prozeß
äußerte  sich  in  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  und  in  der
Ausdehnung  ihrer  sozialen  Organisation.  Aus  der  Beobachtung
der  sozialen  Entwicklung  geht  klar  hervor,  daß  der  soziale
Reichtum  durch  die  sozialen  Produktivkräfte  bestimmt  wird.  Für
den  einzelnen  kann  ein  Gegenstand  seinen  Wert  aus  verschiedenen
Gründen  haben.  Untersucht  man  aber  eine
Wirtschaft,  so  kann  man  diese  individuellen  Motive  eines  einzelnen ­
  Subjekts  nicht  in  Betracht  ziehen.
In  einer  Wüste  ist  dem  Menschen  ein  bißchen  Wasser  mehr
wert  als  alles  andere  in  der  Welt.  Dies  aber  vermehrt  den  nationalen ­
  Reichtum  nicht.  Deshalb  müssen  wir  auch  die  sozialen
Erscheinungen  Wert,  Profit,  Grundrente  usw.  nicht  vom  subjektiven ­
  Standpunkte  der  wirtschaftenden  Person  betrachten.  All
diese  Kategorien  sind  vielmehr  ein  Resultat  der  Entwicklung  der
sozialen  Produktivkräfte,  und  nur  das.
Die  Produktivkräfte  stellen  aber,  wie  wir  gesehen  haben,  die
Menge  der  lebendigen  Arbeitskraft  und  die  Produktionsmittel  dar,
die  zur  weiteren  Produktion  notwendig  sind.  Die  Produktionsmittel ­
  sind  aber  ebenfalls  Produkte  der  Arbeit.  So  bilden
Wert,  Profit  und  Rente  vom  Standpunkte  der  politischen
Ökonomie  und  nicht  der  Privatwirtschaft  gewisse  Teile  der
gesellschaftlichen  Arbeit  und  können  nur  als  solche  begriffen
werden.  Es  sind  eine  Menge  von  verschiedenen  Versuchen  gemacht ­
  worden,  um  diese  Kategorien  zu  erklären.  Aber  alle  gehen
mir  vom  Standpunkte  der  Privatwirtschaft  aus.  Allein  die
Masslow,  Die  Theorie  d.  Volkswirtsch.
        <pb n="298" />
        290

Arbeitswerttheorie  erklärt  diese  Erscheinungen  als  soziale  Kategorien. ­
  Nur  die  Untersuchung  über  die  volkswirtschaftliche  Entwicklung ­
  im  ganzen  und  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  kann
uns  diese  Erscheinungen  beleuchten,  den  Zusammenhang  zwischen
der  Privat-  und  der  gesellschaftlichen  Wirtschaft  aufdecken,  die
Bedeutung  der  Arbeitswerttheorie  wie  der  Theorie  des  Grenznutzens ­
  usw.  erklären.

II.
Die  Änderung  der  Wirtschaftssysteme  im  Zusammenhang  mit
der  Tatsache  des  abnehmenden  Bodenertrages  zieht  sich  durch
die  ganze  Geschichte  der  Menschheit  hindurch.  Wie  wir  gesehen
haben,  hängt  die  Produktivität  der  landwirtschaftlichen  Arbeit  bei
der  kapitalistischen  Produktionsweise  von  dem  Grad  der  Bevölkerungsdichte ­
  und  dem  Wirtschaftssystem  ab.  Wir  haben  oben  schon
gesagt,  daß  trotz  dem  Sinken  der  Produktivität  bei  sukzessiven  Aufwänden ­
  diese  P  r  o  d  u  k  t  i  v  i  t  ät  im  Prozesse  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  dank  dem  Fortschritte
der  Arbeitstechnik  steigt.  Malthus,  der  das  Gegenteil  behauptet, ­
  irrte  sich  deshalb.  Er  und  seine  Anhänger  kommen  daher ­
  zu  pessimistischen  Schlußfolgerungen  in  bezug  auf  die  Zukunft ­
  der  menschlichen  Gesellschaft,  die  sich  angeblich  zu  rasch
entwickelt.  Dagegen  folgt  aus  unseren  Ausführungen  nur,  daß
sich  die  Produktivkräfte  über  die  ganze  Erdkugel  zerstreuen  müssen, ­
  um  den  Boden  extensiv  auszunutzen.  Mit  der  unumgänglichen ­
  Intensivierung  der  Wirtschaft  wird  die  Arbeitsproduktivität ­
  dennoch  nicht  sinken,  wenn  die  Technik  aufgebessert
und  die  sozialen  Verhältnisse  geändert  werden.  Und  dies  ist  ebenfalls ­
  unumgänglich.
Das  Sinken  der  Arbeitsproduktivität  bei  sukzessiven  Aufwänden ­
  wird  durch  alle  Tatsachen  der  Wirtschaftsorganisation
der  Welt  bewiesen,  sowie  durch  das  Bestreben  der  Bevölkerung, ­
  ihr  Territorium  auszudehnen.  Es  bildete  die  Bedingung ­
  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit;  es  ermöglichte  den  herrschenden ­
  Klassen,  die  Volksmasse  unter  Umständen  (mit  der  Zunahme ­
  der  Bevölkerung)  auszubeuten.  Der  Übergang  zur  Drei-
        <pb n="299" />
        291

feldwirtscliaft,  der  durch  die  Verdichtung  der  Bevölkerung  hervorgerufen ­
  war,  bringt  die  Besitzergreifung  des  Bodens,  die  Grundlage ­
  der  Leibeigenschaft;  unter  der  kapitalistischen  Produktionsweise ­
  gewährt  das  Privateigentum  an  Grund  und  Boden  die  Möglichkeit, ­
  die  Grundrente  zu  erhalten.
Droht  aber  der  Bevölkerung  Hungersnot?  Wir  haben
gesehen,  daß  sich  ein  immer  geringerer  Teil  der  Bevölkerung  mit
Landwirtschaft  beschäftigt,  daß  folglich  die  Gewinnung  der  notwendigen ­
  Lebensrnittel  immer  weniger  Arbeit  fordert.  Und  das
trotz  der  Zunahme  der  parasitischen  Elemente  in  der  Gesellschaft!
Würde  sich  aber  die  Bevölkerung  nicht  über  die  ganze  Erdkugel ­
  zerstreuen,  so  müßte  ein  größerer  Teil  der  Bevölkerung  in
der  Landwirtschaft  beschäftigt  sein.  Dies  bedeutet  aber  nicht,  daß
dann  zu  wenig  Produkte  gewonnen  würden.  Im  Gegenteil.  Die
„überschüssige“  Bevölkerung,  die  aus  der  europäischen  Landwirtschaft ­
  vertrieben  wird,  könnte  in  ihrer  Heimat  viel  mehr
Produkte  erzeugen,  als  dorthin  eingeführt  werden.  Nur  sind  diese
Arbeitskräfte  den  Grundbesitzern  jetzt  nicht  notwendig,  und
so  müssen  sie  zwischen  dem  Hungertod  und  der  Auswanderung
wählen.  Vom  Standpunkte  dieser  Grundbesitzer  aus  kann  man
also  von  einer  „überschüssigen“  Bevölkerung  sprechen  .  .  .
Die  falschen  Schlußfolgerungen,  die  Malthus  aus  der  Tatsache
des  sinkenden  Bodenertrages  gezogen  hat,  dürfen  aber  keineswegs ­
  dazu  verleiten,  diese  Tatsache  an  und  für  sich  abzuleugnen.
Gerade  diese  Tatsache,  die  eine  Erhöhung  der  Lebensmittelpreise
zur  Folge  hat,  muß  die  Gesellschaft  veranlassen,  den  Grund  und
Boden  zu  monopolisieren.  Andererseits  stellt  das  Wachsen  des
fixen  Kapitals,  das  die  Konsumenten  ausbeutet,  das  Problem  der
Vergesellschaftlichung  der  Produktionsmittel.
Die  Verteidiger  des  Kleinbetriebes  glauben,  diesem  drohe  nur
die  Konkurrenz  des  Großbetriebes.  In  der  Tat  leidet  er  auch
unter  der  Teuerung.  Der  kleine  Produzent  muß  als  Konsument
einen  immer  größeren  Teil  seines  Einkommens  an  das  Großkapital ­
  und  die  Großgrundbesitzer  abgeben.  Ausführlicher
darüber  im  zweiten  Bande.
Das  Sinken  des  Bodenertrages,  das  die  Änderung  im  Wirt-19*
        <pb n="300" />
        292

Schaftssystem  und  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  unter  einzelnen ­
  Ländern  hervorgerufen  hat,  war  die  Bedingung,  unter
der  sich  die  Produktivkräfte  der  Gesellschaft  entwickelten;  diese
bildeten  dagegen  den  F  a  k  t  o  r  ,  von  dem  der  wirtschaftliche
Prozeß,  die  Entwicklung  von  der  isolierten  bis  zur  modernen
Wirtschaft,  sowie  die  Änderung  der  Wirtschaftsformen  abhing.
Schließlich  ist  das  Bestreben  nach  Kraftersparnis  das  Motiv  der
wirtschaftlichen  Tätigkeit,  deren  Werkzeug  die  Entwicklung  der
Produktivkräfte  war,
III.
Wir  haben  also  gesehen,  daß  die  menschliche  Tätigkeit  unter
bestimmten  Bedingungen  vor  sich  geht.  Der  Mensch  muß  sich  an
diese  anpassen.  Diese  Anpassung  geht  aber  hinter  seinem  Bewußtsein ­
  vor  sich.  Das  wirtschaftende  Subjekt  nimmt  an  der
Produktion  teil,  ohne  bewußt  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse
geschaffen  zu  haben.  Deshalb  wurden  die  Richtung  und  der
Charakter  der  menschlichen  Tätigkeit  durch  außerhalb  des  wirtschaftenden ­
  Subjekts  liegende  Bedingungen  bestimmt,  durch  die
Natur-  und  sozialen  Verhältnisse.  Diese  letzteren  waren  aber  so
gestaltet,  daß  die  Minderheit  der  Bevölkerung  die  Mehrheit  ausbeutete. ­
  Die  Formen  der  Ausbeutung  haben  sich  geändert;  solange ­
  aber  die  soziale  Organisation  der  Produktion  sich  nur  ausdehnt, ­
  ohne  sich  zu  vertiefen,  bleibt  sie  aufrechterhalten.  Erst
die  Vertiefung  der  sozialen  Organisation  der  Produktion,  d.  h.  die
Beteiligung  des  größten  Teils  der  Bevölkerung  an  der  Produktion,
die  Vermehrung  der  produktiven  Elemente  auf  Kosten  der  parasitischen, ­
  wird  auch  durch  die  Aufhebung  der  Ausbeutung  der
Arbeit  begleitet  werden.  Dies  ist  aber  nur  bei  einer  neuen  Organisation ­
  der  Produktion  möglich,  wenn  der  Grund  und  Boden,
sowie  alle  Produktionsmittel  der  Gesellschaft  gehören  werden,  und
wenn  die  Produktion  nicht  im  Interesse  des  einzelnen,  sondern
der  Allgemeinheit  organisiert  sein  wird.  Erst  dann  wird  auch
die  Organisation  der  Produktion  ein  bewußtes  Produkt  des
menschlichen  Willens  sein.
Die  bisherige  Geschichte  der  Wirtschaftsformen  beweist  uns,
        <pb n="301" />
        293

daß  diese  einander  allmählich  abgelöst  haben.  Daraus  darf
man  aber  nicht  auch  auf  die  allmähliche  Umwälzung  der
Rechtsformen  schließen.  Im  Gegenteil.  Die  Rechtsverhältnisse
erfahren  eine  rasche  Veränderung.  So  hat  die  wirtschaftliche
Entwicklung  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  allmählich  vorbereitet; ­
  diese  wurde  aber  auf  einmal  abgeschafft.  In  der  Organisation ­
  und  im  System  der  Wirtschaft  treffen  wir  keine  plötzlichen
Umwälzungen  an;  wohl  aber  in  den  sozialen  Verhältnissen.  So
bei  der  Aufhebung  der  Leibeigenschaft.  Ebenso  setzt  der  Übergang
des  Mehrwertes  aus  den  Händen  der  herrschenden  Klassen  in  die
der  Gesellschaft  zunächst  keine  Änderung  in  der  Wirtschaftsorganisation ­
  voraus.  Die  Anhäufung  des  fixen  Kapitals  führte  in
der  heutigen  Gesellschaft  dahin,  daß  der  Kapitalist  zum  Rentner
geworden  ist,  der  an  dem  Produktionsprozeß  gar  nicht  mehr  beteiligt ­
  ist.  Andererseits  steigt  der  geistige  Reichtum  der  Arbeiter,
der  die  Änderung  in  den  sozialen  Verhältnissen  zwischen  dem
Kapitalisten  und  dem  Arbeiter  vorbereitet.
Daraus  folgt  aber  keineswegs,  daß  diese  Änderung  nur  allmählich ­
  vor  sich  gehen  kann.  Es  sind  Gründe  genug  vorhanden,
die  eine  scharfe  Auseinandersetzung  zwischen  dem  für  den  Produktionsprozeß ­
  ganz  überflüssig  gewordenen  Rentner  und  der
Masse  der  Lohnarbeiter  erwarten  lassen.
        <pb n="302" />
        Brvî}-
        <pb n="303" />
        -iT-V-  .  Ill  .M«  ,,UIV  y  w  "PWWVI^I'I  ^

rnm^m

mß
        <pb n="304" />
        %

wnpuinj.i^.i  ij.i  pwp.»  M  .  .  j«

i

Kl

I-  3

i

ü

Iffif  I

■  9nl!

!  I

:
        <pb n="305" />
        53=

a&amp;amp;i

a

D

Sí
        <pb n="306" />
        -

't.C

"i

i

-

K

''t-.
        <pb n="307" />
        i,rv

m
        <pb n="308" />
        N  R

t|  ;

l  .

(¡’S

LJ  Já

m

s  &amp;gt;

T'lë

i  imi

liíí

P  dt  '

f  I  i3

H'IiÈ

im

ne

!'  :  =  ;

i.ViÊ

y

Pl

!  .1  =

•J

nlii

Wàâ

»”E(

Ar^rî;
        <pb n="309" />
        1

m
        <pb n="310" />
        fc»!i

iiifi*

Sliili«»

5i4«;J3|!^R:pWtli

206304261003

lamm
        <pb n="311" />
        244

1.
Bei  der  Untersuchung  der  kapitalistischen  Entwicklung  in
verschiedenen  Ländern  bemerken  wir,  daß  diese  ungeachtet  der
verschiedenen  geographischen  und  wirtschaftlichen  Bedingungen
auf  gleiche  Weise  vor  sich  geht.
Zuerst  dringt  das  Kapital  in  den  Tausch  verkehr  ein,  indem  es  als
Handelskapital  auf  tritt  und  das  Handwerk  zum  Kustargewerbe
macht.  Das  letztere  entwickelt  sich  allmählich  zur  Hausindustrie.
Gleichzeitig  wird  sehr  viel  Kapital  auf  die  Verbesserung  der
Transportmittel  und  des  Kredits  verwendet,  die  mit  der  Zunahme
des  Verkehrs  notwendig  wird.  Das  Handelskapital  beutet
nicht  sowohl  Lohnarbeit  aus  als  das  ländliche  Hausund ­
  Kustargewerbe.  Erst  allmählich  dringt  das  Kapital  auch  in
die  Sphäre  der  Produktion  ein.  Am  ehesten  wird  der  Bergbau
kapitalistisch  organisiert.
In  Deutschland  verteilte  sich  das  in  den  Jahren  1851—1870
neu  investierte  Kapital  wie  folgt:  *)
Bergbau,  Hütten  und  Salinen  275,41  Millionen  Mark
'  Banken  94,65  „  ,,
Versicherungsgesellschaften  158,46  „  „
Eisenbahnen  1722,44  „  „
Zusammen:  2250,96  Millionen  Mark

Der  Bergbau  nahm  12  Proz.  des  gesamten  Aktienkapitals  dieser
Zeit  auf.
In  den  Jahren  1870—1874  verteilte  sich  das  Aktienkapital  auf
die  einzelnen  Industriezweige  wie  folgt:

Bergbau,  Hütten  und  Salinen
Banken
V  ersicherungsgesellschaften
Eisenbahnen

394,95  Millionen  Mark
838,27
29,13
778,01

Zusammen:  2040,36  Millionen  Mark
Auf  den  Bergbau  entfallen  schon  19,3  Proz.  des  Gesamtaktienkapitals. ­
  1883—1888  machte  das  im  Bergbau  investierte  Kapital

)  W.  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus,  Bd.  II,  S.  6.
        <pb n="312" />
        <pb n="313" />
        <pb n="314" />
        <pb n="315" />
        <pb n="316" />
        <pb n="317" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
