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        <title>Zum Kampf um die wirtschaftliche Selbständigkeit des Klein- und Mittelbetriebes</title>
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            <forname>Alfred</forname>
            <surname>Striemer</surname>
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        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>893656046</idno>
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        Zum  Kampf
um  die
wirtschaftliche  Selbständigkeit
des
Klein-  und  Mittelbetriebes

Von
Alfred  Striemer

Eine  Sammlung  von  Aufsätzen  im  Interesse  der  Bildung
eines  Bundes  der  wirtschaftlich  Selbständigen

München  und  Leipzig
Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot
1914
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        INHALT

Vorwort
Forschungsinstitute  für  den  industriellen
Mittelstand
Die  Exportvereinigung  im  Fachgebiet
Oegenwarts-  und  Zukunftsarbeit  im  Orossbetrieb
Die  Doppelstellung  im  Konsulatswesen
Die  Dringlichkeit  sozialer  Aufgaben
Die  Fabrikzeitung

Zur  Jugendbewegung
Der  Schutz  der  Arbeitswilligen
Die  Unsittlichkeit  im  Erwerbsleben
Zeitgemässe  Werkorganisation
Konfessionelle  Zerrissenheit  im  Mittelstand
Das  Mittelstandsproblem
Schlusswort
Anhang:  Der  Bürgerstolz,  ein  Orden

Vorwort

en  Problemen  der  Zeit,  den  sozialen,  wirtschaftlichen  und  geistigen,  tritt
der  Einzelne  in  der  Art  gegenüber,  die  ihm  durch  seinen  ihm  eigentümlichen ­
  Entwicklungsgang  eigen  geworden  ist.  Es  ist  ganz  natürlich,
wenn  z.  B.  ein  Ingenieur,  der  seinen  beruflichen  Bildungsgang  mit  der
Kaffeekanne  in  der  Hand,  im  blauen  Kittel  begonnen,  der  in  der  Schlafstelle ­
  geschlafen  und  mit  dem  Werkarbeiter  Freude  und  Schmerz  geteilt,
im  Leseklub  und  im  politischen  Kampf  mit  ihm  gestanden,  auch  dann,  wenn  er  durch
Wissen  und  Weltkenntnis  gehoben,  an  die  Führer  im  wirtschaftlichen  Leben  Anschluss ­
  erreicht,  doch  in  seinem  Gefühlsleben  und  Gedankenrichtungen  an  seinem
Entwicklungsgang  und  den  tiefsten  Eindrücken  aus  seiner  Jugend  gebunden  bleibt,  wenn
er  als  Mensch  sich  selbst  treu  bleiben  will.
Die  ungeheuere  Kompliziertheit  unseres  Lebens  in  der  Gegenwart,  die  unübersehbare ­
  Vielgestaltigkeit  unseres  Erwerbslebens  und  der  Lebensinteressen  müssen  es  naturgemäss
  zeitigen,  dass  alle  die  wichtigen  Probleme,  mit  denen  unsere  Existenz  sich  selbst
verbindet  oder  verbunden  wird,  von  so  ausserordentlich  verschiedenen  Richtungen  angegriffen ­
  werden.
Wenn  wir  näher  hinschauen,  können  wir  ein  Bild  erkennen,  einen  grossen  Urwald,
von  dem  den  Kindern  des  Volkes  die  Säge  erzählt  ist,  dass  in  seinem  Mittelpunkt
riesige  Schätze  verborgen  liegen.  Die  Schätze  suchen  nun  die  Menschen  und  kämpfen
um  sie.  Und  da  sehen  wir  denn,  wie  sich  strahlenförmig  von  allen  Seiten,  ohne  dass
der  eine  den  anderen  sieht,  die  Menschen  Wege  bahnen,  um  zu  dem  erträumten  Glück
zu  gelangen.
Aber  es  bedarf  gar  keines  bildlichen  Vergleiches.  Wir  erkennen  auch  ohne  ihn  die
grosse  Fremdheit  der  Menschen  in  Bezug  auf  die  Lebensbedürfnisse  der  anderen.  Wir
erkennen  so  deutlich  das  Ueberwuchern  der  grossen  Menschheitsideale  durch  den
tugendlosen  Wirtschaftsmenschen,  durch  die  Ausstrahlungen  des  hochkapitalistischen
Geistes,  der  nicht  mehr  frei  ist,  sondern  unter  einem  Zwange  steht  und  wütet  und  sich
über  jedes  moralische  Hemmnis  hinwegsetzt.  Wir  bewundern  als  Kinder  der  Zeit  die
gewaltigen  Schöpfungen  des  Kapitalismus,  die  Machtfülle  der  Riesentrusts,  die  Cyclopengestalten,
  die  Milliarden  in  ihre  Hände  bringen,  die  nichts  kennen  als  Erwerb,  Geschäft

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und  Macht,  und  mit  verhaltenem  Atem  erwarten  wir  weitere  Nachrichten  von  neuen
Fusionen,  von  grösseren  Gebilden,  von  übertrumpfenden  Schöpfungen.  Und  sehr  viele
kommen  gar  nicht  mehr  zur  Besinnung  auf  sich  selbst.  Die  grossen  Erwerbsmenschen, ­
  die  nur  noch  Erwerb  sind  und  ihren  Menschen  ausgezogen  haben,  haben  ihre
Vergangenheit  verloren.
Diese  Entwicklung,  in  welcher  Technik  und  Grosskapital  gewaltsam  zusammengenietet ­
  werden,  liegt  klar  vor  uns;  wir  sehen  tagtäglich,  wie  ein  Einzelbetrieb  nach  dem
andern  verschwindet,  wir  sehen  betäubt  zu  und  lassen  die  Cyclopen  walten.  Diese  Klugen
aber  rufen  uns  zu,  dreht  euch  nur  um,  ihr  steht  in  der  falschen  Richtung,  schaut
uns  nicht  an  sondern  die  rote  Masse!
Wir  müssen  denen,  die  vom  Staatsbetrieb  allein  Hilfe  doch  erwarten,  beweisen,  dass
es  auch  ohne  ihn  gehen  wird,  und  wir  uns  damit  die  unersetzliche  persönliche  Freiheit ­
  und  Freizügigkeit,  unser  Selbstbestimmungsrecht,  unsere  persönlichen  Lebenswerte,
einzig  und  allein  erhalten  können.  Aber  beweisen  müssen  wir  es,  um  auch  überzeugen ­
  zu  können,  denn  viele  Menschen  haben  den  Glauben  und  das  Vertrauen  auf
diesen  Weg  verloren  und  verlieren  müssen.
Die  Parole  muss  daher  heissen;  Erhaltung  der  wirtschaftlichen  Selbständigkeit
und  damit  der  freien  persönlichen  Entwicklung  und  unserer  persönlichen
Lebenswerte.
Die  Verbindung  von  Bürgertum  und  Proletariat  gegen  den  überspannten  Grosskapitalismus ­
  muss  kommen,  denn  die  proletarische  Bewegung  dürfte  in  Bezug  auf  den
Umfang  an  ihrer  Höhe  angelangt  sein,  während  das  Bürgertum  durch  die  Riesengewalt ­
  der  kapitalistischen  Wirtschaftsbewegung  und  seine  lockenden  Angebote  schon
nahezu  gelähmt  ist  und  nur  noch  die  Rolle  des  passiven  Zuschauers  oder  willigen
Objektes  spielt.
Hier  aber  gibt  es  nur  einen  Ausweg,  eine  Rettung,  und  das  ist  der  gemeinsame
Rampf  mit  zwei  Fahnen,  die  die  Aufschrift  tragen:  Nationaler  Kampf  zur  Erhaltung
der  wirtschaftlichen  Selbständigkeit  und  des  Selbstbestimmungsrechtes  und  nationaler
Kampf  gegen  das  Elend,  für  die  Kinderfürsorge,  gegen  die  Geissein  des  Proletariats,  für
ein  grosses  deutsches  freies  Bürgertum.  Aber  mein  lieber  Leser,  hören'  Sie  heute  vielleicht ­
  etwas  von  einem  solchen  grossen  nationalen  Kampf  um  die  Erhaltung  unserer
Freiheit?  Die  sozialen  Reformen  stehen  im  Ruhepunkt,  die  wirtschaftlich  Selbständigen
werden  überall  aufgesaugt,  der  Orosskapitalismus  ist  an  der  Arbeit  und  bescheert  uns
die  Milliarden  Lasten,  das  Grosskapital  reisst  immer  umfangreicher  Grund  und  Boden
rücksichtslos  zur  Spekulation  an  sich  und  macht  den  Bürger  und  Arbeiter  zu  seinem,
schwersten  Tributzahler.  Und  der  Bürger  hilft  mit.  Er  liefert  den  Grossbanken  durch
die  Depositenkassen  sein  Geld.  Und  diese  machen  es  in  Grossbetrieben  und  Qrundspekulationen
  nutzbar  die  dem  wirtschaftlich  Selbständigen  den  Garaus  machen.  Mit
Blindheit  geschlagen,  hülft  er  selbst  seinen  schlimmsten  Gegnern  am  Graben  seines
eignen  Grabes.  Ist  es  wirklich  zu  begreifen?
Diesem  Wüten  um  Besitz  von  Milliarden,  um  Macht  seitens  jener  Männer,  die
ihre  grossen  Kräfte  unter  einem  psychologischen  Druck  des  unbegrenzten  Gelderwerbs ­
  einseitig  nutzbar  machen  unter  Missachtung  des  unvergleichlichen  Wertes,
den  die  persönliche  Freiheit  für  ihre  Mitmenschen  bedeutet,  muss  Einhalt  getan  werden.
Wenn  diese  Feldmarschälle  auf  den  wirtschaftlichen  Schlachtfeldern  ihre  grossen  Begabungen ­
  und  Kräfte  unter  das  Zeichen  der  Menschheitsideale  stellen  wollten,  wie
einst  die  Ritter  auf  den  Kreuzzügen  unter  das  Kreuz,  wird  es  sicher  gelingen,  Organisationsformen ­
  zu  finden,  die  die  Erhaltung  der  wirtschaftlichen  Selbständigkeit  ermöglichen. ­
  Aber  solange  sich  die  Führer  einzig  von  dem  Satan  Mammon  leiten  lassen,  und
sie  dafür  noch  ausgezeichnet  werden,  sind  sie  Gegner  der  Menschheit,  werden  sie  zu
Feinden  des  Vaterlandes.  Darüber  täuschen  auch  die  glänzenden  technischen  Leistungen
nicht  hinweg,  die  wunderbaren  Riesenbauten  unserer  industriellen  Grossbetriebe,  denn
die  Menschen  in  ihnen  sind  unfrei,  sind  Hörige,  die  sich  nicht  auswirken  können.
Diese  Aufgabe  führt  zu  dem  Problem,  wie  erhalten  wir  die  Fortschrittsarbeit  unter  den
heutigen  Verhältnissen  des  hohen  Standes  der  wissenschaftlichen  Technik  auch  im
industriellen  Mittel-  und  Kleinbetriebe,  ein  Problem,  das  später  eingehend  behandelt ­
  wird.  Und  daran  schliesst  sich  das  weitere  Problem,  wie  erhalten  wir  die  Konkurrenzfähigkeit ­
  unserer  Mittelbetriebe  auf  dem  Weltmarkt.
Die  Führer  unseres  Wirtschaftslebens  lösen  heute  so  grosse  und  komplizierte  Probleme, ­
  dass  mit  Sicherheit  anzunehmen  ist,  dass  es  auch  gelingen  muss,  geeignete
Lösungen  zu  finden,  um  die  Aufsaugung  durch  das  Grosskapital  zum  Stillstand  zu
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bringen  und  durch  geeignete  Organisationen  einen  selbständigen  deutschen  Mittelbetrieb
wettbewerbfähig  zu  erhalten.
Wenn  wir  unsere  Grossbetriebe  genauer  betrachten,  dann  sehen  wir,  dass  sie  Betriebe
von  so  grosser  Verschiedenartigkeit  umfassen,  dass  sie  beinahe  den  Charakter  von  Warenhäusern ­
  angenommen  haben,  in  denen  man  alles  erhält,  nicht  aus  technischen  Notwendigkeiten ­
  heraus,  sondern  nur  aus  grosskapitalistischen  Prinzipien.  Es  ergibt  sich
die  entscheidende  Frage,  ob  diese  grosskapitalistische  Produktion  tatsächlich  das  Ergebnis ­
  eines  natürlichen  Entwicklungsvorganges  ist  oder  ein  Kunstprodukt,  erzeugt
durch  die  Riesenmacht  des  Qrosskapitals.  Und  es  wird  sich  dann  gewiss  die  Erkenntnis ­
  zeigen,  dass  diese  heutige  grosskapitalistische  Produktion  vorwiegend  ein  Kunstprodukt ­
  ist,  erzeugt  durch  einige  wenige  Köpfe,  denen  eine  Riesenmacht  und  Einfluss
zur  Verfügung  steht,  und  die  unter  dem  Gelderwerbswahnsinn  gar  kein  anderes  Ideal
mehr  haben,  als  Orossbetriebe  zu  Riesenbetrieben  und  diese  immer  weiter  zu  noch
grösseren  Gebilden  auszugestalten,  ohne  Rücksicht  auf  Folgen,  die  sich  daraus  ergeben
können.  Es  macht  den  Eindruck,  als  ob  diese  Männer  unter  der  Zwangsvorstellung
stehen,  dass  sie  berufen  seien,  die  Aufgabe  experimentell  zu  lösen,  bis  zu  welchem
Grade  es  praktisch  möglich  ist,  grosskapitalistische  Unternehmen  zu  ihrer  grössten
Ausdehnung  zu  bringen.  Der  Generaldirektor  eines  unserer  grössten  Werke  sagte  mir
anlässlich  einer  Unterredung  über  die  Gründung  einer  Exportvereinigung:  „Wir  wollen
nicht  nur  das  Erreichte  erhalten,  wir  wollen  noch  viel  grösser  werden  und  haben  gar
kein  Interesse  daran,  uns  an  einem  Exportunternehmen  zu  beteiligen,  das  den  mittleren
Betrieben  helfen  könnte,  sich  auch  exportfähig  zu  machen."
Ist  es  nicht  unglaublich,  dass  bei  solchen  Verhältnissen  die  Regierung  und  das
grosse  Bürgertum  wie  gelähmt  dasteht,  und  ratlos  und  hilflos  in  sein  Schicksal  sich
zu  ergeben  scheint  gegenüber  einer  ganz  geringen  Zahl  von  Persönlichkeiten?
Aber  das  Wunderbarste  ist  doch  die  folgende  Erscheinung.  Die  Konzentrationsbewegung, ­
  die  durch  das  grosskapitalistische  Prinzip  mit  Riesenschritten  vorangeht,
nähert  uns  rapide  dem  sozialistischen  Zukunftsstaat;  sie  schafft  allein  die  Riesenorganisationen, ­
  die  erforderlich  sind  als  Vorstufe,  um  zum  geeigneten  Termin  verwaltungstechnisch ­
  in  Staatsregie  übergehen  zu  können.
Aber  dem  Bürgertum  ruft  man  von  oben  mit  lautester  Stimme  zu:  „Ihr  steht  in  der
falschen  Richtung,  dreht  euch  um,  schaut  nicht  uns  an,  sondern  die  rote  Masse  an  der
andern  Seite."  Und  doch  wie  fabelhaft  gering  ist  die  praktische  Bedeutung  aller  dieser
Organisationen  der  arbeitenden  Kräfte  gegenüber  der  organisatorisch  aufbauenden  Tätigkeit ­
  der  Führer  der  grosskapitalistischen  Bewegung;  denn  nur  sie  allein  schaffen  doch
erst  jenes  grosse  Gerüst,  das  für  die  Ueberführung  des  privatwirtschaftlichen  in  den
staatswirtschaftlichen  Betrieb  unerlässlich  ist.  Die  Arbeiterorganisationen  haben  wohl
einige  grosse  Konsumvereine  ins  Leben  gerufen,  aber  mehr  dürfte  auch  kaum  zu  erreichen  sein.
Auf  dem  Gebiet  der  Bodenpolitik  haben  wir  Ansätze  gemacht,  durch  die  innere
Kolonisation  den  bäuerlichen  Kleinbesitz  zu  stärken,  und  einige  tausend  Arbeiterfamilien
sind  ja  bereits  im  Osten  sesshaft  gemacht  worden.  Es  geschieht  nicht  nur,  weil  die
Produktion  im  Kleinbetrieb  der  Landwirtschaft  gehoben  wird,  sondern  weil  man  weiss,
welche  ungeheuer  wertvollen  Kräfte  sich  aus  der  wirtschaftlichen  Selbständigkeit,  der
Auswirkung  persönlicher  Anlagen  ergeben.  Auch  im  Handwerk  sind  doch  wenigstens
Bewegungen  sichtbar,  die  Kämpfe  um  die  Regelung  des  Submissionswesens  usw.  Aber
im  industriellen  Mittelbetrieb  ist  es  still.  Der  Kampf  um  die  Erhaltung  der  Existenz
gegenüber  den  Orossbetrieben  ist  so  schwer,  dass  alle  Kräfte  dafür  scheinbar  in  Anspruch ­
  genommen  sind,  sodass  für  die  grossen  Fragen  der  nationalen  Erhaltung  des
Mittelbetriebes,  der  grosskapitalistischen  Aufsaugung,  gar  keine  Zeit  vorhanden  ist.  Man
lässt  die  Dinge  ihren  Gang  gehen,  stellt  sich  auf  den  Standpunkt,  dass  man  ja  doch
nichts  ändern  kann,  dass  alles  eine  natürliche  Entwickelung  sei  und  verschliesst  die
Augen  dagegen,  dass  die  Entwickelung  unnatürlich  ist  und  nur  das  Werk  verhältnismässig ­
  weniger  führender  Köpfe,  die  einen  Sport  treiben,  wie  irgend  einen  anderen
Sport,  im  Geldverdienen,  im  Gründen  von  Riesenbetrieben  ohne  Rücksicht  auf  sich  ergebende ­
  Folgen,  den  Rekord  zu  schlagen.  Das  ist  gewiss  beschämend,  dass  ein  so  grosses
Volk  mit  einem  so  riesigen  Schatz  an  Intelligenzen  sich  so  völlig  von  einigen  auf
kapitalistischem  Gebiet  überragenden  Köpfen,  die  genügend  Rücksichtslosigkeit  und
Draufgängertum  zeigen,  so  voll  und  ganz  in  das  Schleppnetz  haben  fangen  lassen.
Heute  werden  diese  grossen  Rekordbrecher  im  Oeldverdienen  wie  Götzen  angebetet,
obgleich  sie  bei  dem  geringsten  Nachlassen  von  Arbeit  in  irgend  einer  Abteilung  ihrer
Riesenwerke  nicht  davor  zurückschrecken,  unvermittelt  Tausende  von  Arbeitern  einfach
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auf  die  Strasse  zu  setzen,  ohne  Rücksicht  darauf,  was  nun  weiter  aus  ihnen  wird.  Dazu
ist  man  eben  nicht  da,  sondern,  man  ist  eben  nur  da,  um  Geld  zu  machen  und  den
Rekord  zu  schlagen.
Was  ist  da  nun  zu  tun!  Es  ist  vor  allem  dringend  notwendig,  die  Augen  des
grossen  deutschen  Bürgertums  auf  alle  diese  Verhältnisse  zu  richten,  sich  nicht  abdrängen
zu  lassen,  in  der  riesigen  Ueberspannung  der  grosskapitalistischen  Entwicklung  die
wirkliche  Gefahr  zu  sehen,  statt  sich  umdrehen  zu  lassen  und  in  dem  roten  Gespenst
ein  Unheil  und  eine  ernste  Gefahr  zu  erblicken.  Unsere  Arbeiterorganisationen  sind  nicht
im  Stande,  auch  nur  die  geringste  Arbeit  zu  leisten,  um  das  Gerüst  für  den  Staatsbetrieb, ­
  das  unsere  so  ungeheuer  komplizierte  Industrie  und  unser  Handel  benötigen,
aufzubauen,  ja  auch  nur  einige  wenige  Steine  dazu  zusammenzustellen.  Diese  Arbeit
leisten  die  führenden  Geister  des  Grosskapitalismus.  Nein,  wir  müssen  den  Versuch
machen,  diese  Schlachtenleiter  in  eine  andere  Richtung  zu  drängen  und  sie  veranlassen, ­
  ihre  organisatorischen  Kräfte  und  Talente  nach  der  Richtung  ihrem  Vaterlande
dienstbar  zu  machen,  dass  sie  nicht  bloss  danach  trachten,  Persönlichkeiten  zu  Sklaven
zu  machen,  sondern  im  Gegenteil  Organisationen  zu  schaffen,  die  möglichst  vielen  Persönlichkeiten ­
  die  Möglichkeit  freier  schöpferischer  Auswirkung  ermöglichen.  Unsere
Technik  schafft  uns  auch  hierzu  die  Mittel  und  Möglichkeiten.  Aber  heute  ist  es
so,  dass  die  Regierung  diejenigen  auszeichnet  oder  ehrt,  die  möglichst  viele
selbständige  Existenzen  vernichten.  Es  besteht  also  hier  eine  Irrung  in  der  Richtung.
Das  Volk  lässt  sich  heute  ins  Schlepptau  nehmen,  statt  den  Führern  die  Richtung  zu
weisen,  in  der  es  vorwärts  kommen  will.
Es  ist  also  erstmal  an  der  Regierung,  die  Führer  unserer  grosskapitalistischen  Unternehmungen ­
  um  sich  zu  sammeln  und  zu  erklären,  dass  das  nationale  Interesse,  die
staatserhaltende  Tendenz,  es  erfordert,  dass  einer  weiteren  Ausdehnung  der  Betriebe  ein
Halt  geboten  wird,  dass  im  Gegenteil  eine  Dezentralisierung  eintreten  müsse,  da  wo  sie  erreichbar ­
  ist.  Vor  allem  aber  hat  der  Staat  die  Pflicht  zu  erklären,  dass  er  nur  noch  diejenigen
Träger  der  kapitalistischen  Betätigung  als  für  das  Staatswohl  nützlich  erachten  kann,  die  ihre
Kräfte  dahin  nutzbar  machen,  dass  möglichst  viele  selbständige  Existenzen  erhalten  werden.
Das  freiheitlich  gesinnte  deutsche  Volk,  das  in  der  freien  Betätigung  der  Persönlichkeiten ­
  die  Zukunft  sieht  und  die  Gefahren  erkennt,  die  in  den  Riesenbetrieben  und
Staatsbetrieben  in  Bezug  auf  die  Unterbindung  der  persönlichen  Werte  liegen,  muss  sich
zu  einer  grossen  nationalen  Bewegung  aufraffen,  um  die  grosskapitalistische  Rekordwirtschaft ­
  zum  Stillstand  zu  bringen.  Es  muss  aber  auf  der  anderen  Seite  die  so  berechtigten ­
  Forderungen  unserer  Arbeiter  erfüllen  und  den  Kampf  gegen  Hunger  und
Wohnungselend,  gegen  Arbeitslosigkeit  und  für  einen  gesunden  starken  Nachwuchs  aus
unserem  Proletariat  aufnehmen;  denn  wir  sind  reich  genug,  um  es  zu  können.  Wenn
wir  heute  anderen  Völkern  Milliarden  borgen  können,  und  mag  es  wirtschaftlich  auch
noch  so  notwendig  sein,  so  haben  wir  doch  erst  einmal  die  Pflicht  gegen  diejenigen,
im  eigenen  Lande,  die  hungrig  sind,  die  schuldlos  arbeitslos  sind,  die  zufolge  Unterernährung ­
  zu  unbrauchbaren  Staatskrüppeln  heranzuwachsen  drohen  und  dem  gesamten
Volke  dauernd  zur  Last  fallen.
Unsere  Zukunft  liegt  in  unserer  Arbeiterschaft,  bei  den  Frauen,  die  noch  dem
Staat  die  grosse  Zahl  von  Kindern  schenken,  nicht  aber  in  den  oberen  Kreisen  und
selbst  nicht  mehr  im  guten  bürgerlichen  Mittelstand,  der  in  erschreckendem  Grade
kinderlos  wird.
Aufgabe  der  politischen  Parteien  ist  es  aber,  jenen  Schwung  einer  grossen  nationalen
Bewegung  zu  erzeugen,  der  notwendig  ist,  um  eine  andere  Richtung  zu  gewinnen.
In  den  nachfolgenden  Aufsätzen  werden  einige  wichtige  industrielle  Probleme  behandelt, ­
  die  zeigen,  in  welcher  Richtung  es  möglich  erscheint,  auch  den  deutschen
industriellen  Mittelbetrieb  selbständig,  wissenschaftlich  auf  der  Höhe  und  exportfähig  zu
erhalten.  Wir  besitzen  heute  eine  so  grosse  Zahl  von  hervorragenden  Fachleuten  auf
wirtschaftlich-industriellen  Gebieten,  vor  allem  die  Führer  unserer  grosskapitalistischen
Unternehmungen  selbst,  dass  es  durchaus  möglich  sein  dürfte,  den  bezeichneten  Zielen
näher  zu  kommen,  wenn  es  gelingt,  diese  Kräfte  von  ihrem  jetzigen  Rekordwüten  um
Geld  und  Macht  ab  und  sie  zum  Halten  zu  bringen  in  ihrem  besinnungslosen  Lauf  vor  der
Erfüllung  der  grösseren  Aufgaben,  der  Annäherung  an  unsere  Menschheitsideale.
Es  steht  naturgemäss  zu  erwarten,  dass  die  Mehrzahl  der  Leser  diese  Gedanken  und
ihre  praktische  Durchführung  in  ein  Traumland  verweisen  werden,  weil  ihnen  der  Glaube
fehlen  wird,  dass  die  Nurgeldmenschen  in  der  Lage  sein  sollten,  sich  den  Geboten  der
Menschlichkeit  zu  unterwerfen  und  sich  in  ihren  Dienst  zu  stellen.  Gewiss  in  einem
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Zeitalter,  wie  es  das  unsrige  ist,  wo  man  sieht,  wie  mit  Geld  selbst  die  Masse  des  intelligenten ­
  Bürgertums  geblufft  werden  kann,  wo  Komödie  auf  Komödie  gespielt  wird
mit  dem  Begriff  Vaterlandsliebe,  mit  Titeln  und  Orden,  da  ist  es  gewiss  sehr  schwer,
noch  daran  zu  glauben,  dass  es  möglich  sein  könnte,  die  Maske  der  Heuchelei,  ja  des
offensichtlichen  Betruges  herunterzureissen.
Aber  dennoch  bringt  der  Wandel  der  Zeit  viel.  Die  Hauptsache  ist,  dass  immer
wieder  das  ausgesprochen  wird,  was  ausgesprochen  werden  muss.  Jedenfalls  ist  aber
das  eine  zu  erreichen,  dass  wir  unsere  Mitmenschen  und  die  politischen  Parteien  vor
entscheidende  Fragen  stellen  können  und  so  erkennen,  wo  Ehrlichkeit  und  Heuchelei  stehen.
Warum  soll  es  unmöglich  sein,  unsere  Regierung  zu  veranlassen,  eine  ständige
Kommission  von  Fachleuten  zu  berufen,  die  sich  mit  den  Untersuchungen  beschäftigt,
wo  und  wie  weit  der  Grossbetrieb  technisch  und  wirtschaftlich  berechtigt  und  notwendig ­
  ist,  und  wo  die  Konzentration  und  Aufsaugung  aus  rein  grosskapitalistischen  und
Machttendenzen  erfolgt.  Weiter  festzustellen,  was  die  Regierung  unter  „staatserhaltend“
eigentlich  versteht,  und  ob  sie  weiter  diejenigen,  die  wirtschaftlich  selbständige  Existenzen
vernichten,  ohne  dass  zwingende  Gründe  vom  nationalwirtschaftlichen  Gesichtspunkte
aus  bestehen,  als  Stützen  des  Staates  und  nationale  Männer  betrachten  will.  Und  ebenso ­
  ist  es  mit  der  sozialen  Frage.  Hier  gibt  es  auch  nur  die  eine  entscheidende  Stellung,
zu  der  Kinderbeschränkung  oder  Kindervermehrung  im  nationalen  Interesse  und  den  sich
hieraus  ergebenden,  unabweisbaren  Pflichten  des  Staates  und  der  Gesellschaft  gegenüber
denen,  die  die  entstehenden  Lasten  der  Kinderernährung  und  Erziehung  allein  nicht
tragen  können.
Wenn  wir  allerdings  beachten,  dass  die  in  Frage  kommenden  Kreise,  die  die  Fähigkeiten ­
  und  grossen  Kräfte  besitzen,  um  erfolgreich  eingreifen  und  helfen  können,  mit
dem  Orosskapital  aufs  engste  verbunden,  also  unfreie  Männer  sind,  so  ist  allerdings  nicht
viel  zu  hoffen,  dass  von  dieser  Seite  Mitarbeiter  und  Förderer  gewonnen  werden
können.  Aber  gerade  deshalb  sollten  diese  Fragen  von  so  grosser  praktischer  Bedeutung
und  Wert  vor  das  Forum  der  Oeffentlichkeit  gebracht  werden,  damit  das  Bürgertum
endlich,  endlich  erkennen  lernt,  dass  garnicht  die  grosse  Masse  der  Arbeiter,  die  Umsturzpartei, ­
  gegen  die  es  gehetzt  wird,  ist,  sondern  dass  von  der  ganz  entgegengesetzten
Seite  der  Auflösungsprozess  unseres  auf  wirtschaftlicher  Freiheit  und  damit  auf  freier
Entwicklung  und  Auswirkung  von  möglichst  vielen  selbständigen  Persönlichkeiten  aufgebauten ­
  Wirtschaftskörpers  eingeleitet  und  mit  Riesenkräften  betrieben  wird.
Es  bietet  sich  hier  ein  Weg,  das  Bürgertum  aus  seiner  Lähmung  wieder  aufzurütteln
und  einen  grossen  nationalen  Schwung  hineinzubringen.  Nicht  das  Kapital  und  die
grosszügigen  Unternehmer  gilt  es  zu  bekämpfen  und  zu  vernichten,  sondern  jene  Gebilde ­
  eines  unnatürlichen,  eines  Kunstprozesses,  die  nur  geschaffen  werden  aus  dem  Bedürfnis ­
  einzelner  Giganten,  die  ihren  Tatendrang,  gleich  Napoleon  dem  Grossen,  nur  mit
der  Höchstleistung,  ohne  Rücksicht  auf  Kosten  und  Opfer  und  nationale  Interessen,
befriedigen  wollen.
Daher  heisst  die  Fragestellung  nicht:  Wie  kommen  wir  zu  Rekordleistungen  im
Aufbau  vom  Grossbetrieben,  sondern  wie  erhalten  wir  möglichst  zahlreiche,  selbständige
und  selbstverantwortliche,  schöpferische,  freie  Persönlichkeiten.  Eine  solche  Frage  gehört
nicht  in  das  Reich  der  Utopie,  sondern  dürfte  wohl  einer  ernster  Prüfung  durch  die
Fähigsten  wert  sein,  wenn  diese  Gewähr  bieten  für  ihre  Unabhängigkeit,  Ehrlichkeit  und
Wahrhaftigkeit.
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        6

Forschungs-  Institute
für  den  industriellen  Mittelstand

D er  wachsende  Einfluss  der  wissenschaftlichen ­
  Forschungsarbeit  auf  die  Industrie,
der  insbesondere  in  Deutschland  einen  so
grossen  Anteil  an  der  glänzenden  Entwicklung
der  Grossindustrie  gehabt  hat,  wird  sicher  in
Zukunft  zu  einer  weiteren  Ausdehnung  in  Bezug
auf  die  Einrichtung  von  Forschungsinstituten
auf  breitester  Grundlage  führen.
Die  Arbeitsstätten  für  die  wissenschaftliche
Fortentwicklung  liegen  heute  in  den  Laboratorien
und  Versuchsabteilungen  der  Orossindustrie  oder
in  den  staatlichen  Forschungsinstituten  an  Universitäten ­
  und  Hochschulen,  bezw.  in  den  selbstständigen ­
  Versuchs-  und  Prüfungsinstituten  des
Staates  oder  Reiches.
Die  Zeit,  in  der  jeder  Einzelne  Erfindungsgedanken ­
  ausarbeiten  und  an  Modellen  und  Präparaten ­
  prüfen  konnte,  ist  zum  guten  Teil  vorüber, ­
  da  die  Technik  inzwischen  einen  so  hohen
Stand  ihrer  Entwicklung  erreicht  hat,  dass  weitere
Fortschrittsarbeiten  Mittel  erfordern,  die  die  Einzelnen ­
  nur  in  Ausnahmefällen  noch  besitzen  oder
sich  beschaffen  können.  Höchste  wissenschaftliche ­
  Vorbildung  und  beste  Versuchseinrichtungen
sind  notwendig,  um  das  Erreichte  noch  weiter
verbessern  zu  können.
Dieser  Zustand  führt  dahin,  dass  neben  den
wirtschaftlichen  Monopolen  auch  die  Fortschrittsarbeit ­
  monopolisiert  und  nur  wenigen  Bevorzugten ­
  möglich  wird,  die  sich  den  Weg  zu  den
Quellen  erschliessen  können,  wozu  in  erster  Linie
Beziehungen  gehören.
Es  gibt  allerdings  Vereinigungen,  wie  der  Verein
deutscher  Ingenieure,  der  für  wissenschaftliche
Forschungsarbeiten  Mittel  bezw.  Beihilfen  zur
Verfügung  stellt,  doch  handelt  es  sich  hier  vorwiegend ­
  um  grundlegendeForschungsarbeiten.  In
der  Industrie  gibt  es  aber  Tausende  und  Tausende
von  Fällen,  die  einer  wissenschaftlichen  Bearbeitung ­
  harren,  die  aber  zufolge  der  mit  ihr  verbundenen ­
  Kosten  und  mangels  Zeit  und  wissenschaftlicher ­
  Bearbeiter  unterbleibt,  die  aber  doch,
wenn  sie  durchgeführt  würde,  vielen  Sondergebieten ­
  mächtige  Entwicklung  bringen  könnte.
Ein  praktisches  Beispiel.  Seit  etwa  15  Jahren
wird  in  der  Zerkleinerungsindustrie  eine  bestimmte
Sonderkonstruktion  gebaut,  die  durch  ihre  tatsächlichen ­
  Vorteile  gegenüber  den  bislang  bekannt
gewesenen  Maschinen  sich  glänzend  eingeführt
hat.  Der  Erfolg  hat  natürlich  Wettbewerber  veranlasst, ­
  gleichfalls  eine  so  absatzfähige  Maschine
zu  bauen,  indem  Konstrukteure  der  ersten  Firma
angenommen  wurden.  So  sind  viele  Tausende
Maschinen  dieser  Gattung  in  Betrieb  gekommen.
Die  Zahl  der  Patente,  die  Verbesserungen  erstreben, ­
  ist  erheblich  gewachsen  und  doch  ist  die

Maschine  als  solche  selbst  für  die  Erbauer  eine
terra  incognita  geblieben.  Man  hat  die  Möglichkeit, ­
  jederzeit  mit  dieser  Maschine  feststellen  zu
können,  ob  sie  dieses  oder  jenes  Material  mahlt,
ob  die  verlangte  Beschaffenheit  eines  Mahlproduktes ­
  erreichbar  ist  oder  nicht  und  welche  Grösse
gewählt  werden  muss,  um  die  erforderliche  stündliche ­
  Leistung  zu  erzielen,  und  damit  lässt  man
es  genug  sein.  In  welchem  Verhältnis  aber  die
Elemente  zu  einander  stehen,  die  die  Mahlleistung
ergeben,  wie  die  Nebenerscheinungen  beeinflusst
werden,  darüber  haben  die  Erbauer  keine  positiven ­
  Kenntnisse.  Um  sie  zu  erlangen  und  die
Vorteile  aus  den  Feststellungen  ziehen  zu  können,
ist  die  Vornahme  von  streng  wissenschaftlichen ­
  Prüfungen  unerlässlich,  um  den  Einfluss
jeden  einzelnen  Faktors,  der  bei  dem  Arbeitsvorgang ­
  mitwirkt,  genau  kennen  zu  lernen.  Die  Durchführung ­
  solcher  Prüfung  erfordert  aber  einen  mit
derartigen  Arbeiten  vertrauten,  wissenschaftlich
gebildeten  Ingenieur,  gute  Versuchsanlagen  mit
allen  erforderlichen  Messeinrichtungen  und  Zeit.
Sie  fehlen  aber  im  mittleren  Betrieb,  eine  Ausgabe ­
  von  10  —  20  000  Mk.  für  die  Durchführung
solcher  wissenschaftlichen  Arbeit  ist  ein  Betrag,
der  im  mittleren  Betriebe  schon  eine  erhebliche
Rolle  spielt  und  der  Direktor,  der  laufend  seine
Dividende  herauswirtschaften  muss,  lehnt  solche
Arbeiten  ab.  Nun  gibt  es  ja  wissenschaftlich  geschulte ­
  Ingenieure,  die  Privatvermögen  besitzen,
und  auf  eigene  Kosten  derartige  Versuche  an
einer  Technischen  Hochschule  oder  auch  bei  dem
Fabrikanten  durchführen  können  und  auf  Grund
dieser  wissenschaftlichen  Forschungsarbeiten  die
Ehrung  eines  Doktors  der  technischen  Wissenschaften ­
  erlangen  können.
Wie  steht  es  aber  mit  den  befähigten  Ingenieuren, ­
  die  die  erforderlichen  Mittel,  solche  Versuche ­
  durchzuführen,  nicht  selbst  haben  ?  Ausserdem ­
  werden  sich  bei  solchen  Arbeiten  meistens
neue  Wege  erschliessen,  die  zu  erheblichen  Verbesserungen ­
  führen,  patentfähig  sind  und  als  verkäufliche ­
  Schutzrechte  dem  Besitzer  die  Möglichkeit ­
  bieten,  auch  für  seine  finanziellen  Opfer  entsprechende ­
  Gelderträgnisse  zu  erhalten.
Diese  Frage  hat  eine  hohe  grundsätzliche  Bedeutung, ­
  sie  ist  eng  verbunden  mit  der  Frage  der
Bedeutung  und  des  Ueberganges  zum  Grossbetrieb. ­
  Die  Versuchsabteilung  ist  heute  noch  bei
weitemnicht  eine  Einrichtung  jedes  Grossbetriebes.
Es  stehen  dem  Grossbetriebe  aber  die  Mittel  zur
Verfügung,  Versuchsabteilungen  einzurichten  und
Versuche  vorzunehmen,  wenngleich  es  ja  im
Orossbetriebe  häufig  heisst,  nur  keine  Ausgaben
die  nicht  unbedingt  gegenwärtig  erforderlich  sind.
Im  Grossbetrieb  stellen  sich  aber  andere  Hem-
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        7

mutigen  in  den  Weg,  zum  guten  Teil  persönlicher
Natur.  Der  Abteilungsvorstand  wird  meistens
nur  mit  grossem  Missbehagen  eine  gute  Idee
eines  untergeordneten  Herren  annehmen,  aus  der
Befürchtung  heraus,  dass  dieser  bei  Erfolg  der
Vorschläge,  ihm  vielleicht  ein  gefährlicher  Wettbewerber ­
  werden  könnte,  der  seine  Stellung  in
Gefahr  bringt.  Hinzu  kommt,  dass  eine  vielleicht
glänzende  Verbesserung  auch  dann  wenig  Aussicht ­
  hat  auf  Durchführbarkeit,  wenn  erhebliche
Aenderungen  bestehender  Fabrikationseinrichtungen ­
  erforderlich  werden  könnten.  Die  bekannte ­
  Folgeerscheinung  ist,  dass  dann  der  Ingenieur, ­
  der  eine  gute  Sache  zu  haben  glaubt,  sich
an  eine  andere  Firma  wendet,  die  diesen  Zweig
vielleicht  noch  nicht  oder  ungenügend  bearbeitet,
und  damit  das  Wettbewerbsverhältnis  weiter  verschärft. ­

Die  Bedeutung  des  Qrossbetriebes  und  der
wirtschaftlichen  Vereinigungen  der  Grossbetriebe,
den  Kartellen,  Syndikaten  und  Trusts  liegen  in
den  Sicherheiten,  die  sie  bieten,  in  dem  erhöhten
Schutz  für  das  Kapital,  im  Vergleich  zum  freien
Wettbewerb.  Diese  Sicherheit  kann  der  mittlere
und  kleine  Betrieb  bei  den  unberechenbaren
Wettbewerbsverhältnissen  nicht  bieten,  dagegen
eröffnen  sie  starken  Persönlichkeiten  ein  freieres
Betätigungsfeld.
Jedenfalls  sind  an  der  Erhaltung  des  freien
Wettbewerbes  noch  jene  Millionen  Menschen  sehr
stark  interessiert,  die  sich  eine  möglichst  grosse
Freiheit  ihrer  Persönlichkeit  erhalten  wollen.
Und  für  diese  ist  es  von  sehr  hoher  Bedeutung,
ob  nicht  jene  Kernfrage  der  geeigneten  Durchführbarkeit ­
  der  Fortschrittsarbeit  im  freien
mittleren  und  kleineren  Betrieb  befriedigend
lösbar  ist.
Der  Weg,  Studiengesellschaften  zu  begründen,
ist  ja  bekannt.  So  ist  vor  allem  die  Studiengesellschaft ­
  für  elektrische  Schnellbahnen,  an  der
verschiedene  Interessenten  beteiligt  waren,  auch
weitesten  Kreisen  bekannt  geworden.  Studiengesellschaften ­
  werden  oftmals  als  Vorgesellschaften ­
  gegründet,  wenn  es  sich  um  Verwertung
bedeutender  Erfindungen  handelt.  Aber  viele
Tausend  mittlere,  kleine  und  auch  Qrossbetriebe

stehen  heute  noch  in  keinerlei  Beziehungen
zu  Forschungsinstituten.  Hier  liegt  aber  noch
ein  weites  Feld  offen.  Die  nahliegende  Form  ist  ja
die  Begründung  von  Forschungsinstituten  im
Fachgebiet.  So  haben  die  Pulver-  und  Munitionsfabriken ­
  ein  gemeinsames  wissenschaftliches  Forschungsinstitut ­
  in  ihrer  grossen  Anstalt  in  Neubabelsberg ­
  „Centralstellefür  wissenschaftlich-technische ­
  Untersuchung  G.  m.  b.  H."
Der  Bildung  von  Organisationen  im  Fachgebiet
stellen  sich  aber  im  allgemeinen  sehr  grosse
Schwierigkeiten  in  den  Weg.  Die  Interessengegensätze ­
  von  kleinen,  Mittel-  und  Grossbetrieben  sind
zu  gross  und  fast  unüberbrückbar.  Dagegen
lassen  sich  auf  freier  kapitalistischer  Grundlage
Studiengeseilschaften  gründen  im  Anschluss  an
bestimmte  Fachgebiete  und  zwar  in  der  Form,
dass  wissenschaftlich  gebildete  und  auf  dem  Forschungsgebiet ­
  praktisch  erfahrene  Ingenieure  sich
mit  eignem  oder  fremdem  Kapital  kleinere  oder
grössere  Versuchsanlagen  mit  Modellschreinerei
einrichten,  sich  der  Untersuchung  bestimmter
Maschinengattungen  zuwenden,  an  ihrer  Vervollkommnung ­
  arbeiten,  Patente  und  Musterschutzrechte ­
  erwerben  und  dann  Lizenzen  vergeben
oder  auch  die  Patente  verkaufen.  Beteiligen  sich
Industrielle,  vor  allem  aber  auch  grössere  Handwerksmeister ­
  aus  den  betreffenden  Fachgebieten
kapitalistisch  an  solchen  Studiengesellschaften,
oder  erfolgt  die  Gründung  derselben  aus  ihren
Kreisen  heraus,  dann  werden  sie  als  die  Nächstbeteiligten ­
  auch  naturgemäss  den  grössten  Nutzen
hieraus  haben.  So  manche  kleine  gut  eingerichtete ­
  Maschinenfabrik,  die  sich  nicht  halten
kann,  Hesse  sich  für  derartige  Studienzwecke  als
Versuchsanstalt  verwenden.
Wir  können  ja  nicht  in  die  Zukunft  sehen  und
nichts  prophezeien,  welche  Umwälzungen  aus  den
wirksamen  Kräften  auf  technischem  Gebiet  sich
wirtschaftlich  ergeben.  Aber  darüber  wird  sich
gewiss  jeder  Industrielle  klar  sein,  dass  auf  dem
hier  besprochenen  Gebiet  zum  grössten  Teil  eine
ausserordentliche  Rückständigkeit  tatsächlich
herrscht,  und  sehr  bald  ein  Wandel  erfolgen  wird
und  erfolgen  muss,  wenn  der  Industrielle  Mittelstand ­
  und  das  Handwerk  sich  erhalten  wollen-Die

  Exportvereinigung  im  Fachgebiet

B ei  der  Vergebung  von  Vertretungen  achtet
bekanntlich  heute  der  Fabrikant  streng
darauf,  dass  der  Bewerber  sich  ausdrücklich ­
  verpflichtet,  keine  Konkurrenzfirma  gleichzeitig ­
  zu  vertreten.  Die  Folge  ist,  dass  Ingenieure, ­
  die  ins  Ausland  gehen,  sich  Vertretungen ­
  von  Firmen  verschiedenster  Fachgebiete ­
  verschaffen  müssen.  In  Rücksicht  auf
die  sehr  erheblichen  Kosten,  die  die  Kundenwerbung ­
  im  Ausland  erfordert,  ist  der  Auslandsvertreter ­

  genötigt,  sich  die  Vertretung  einer
ziemlich  grossen  Zahl  von  Firmen  zu  sichern,
um  dadurch  ausreichende  Geldunterstützung  zu
finden.  So  bestehen  im  Ausland  Ingenieurbüros,
die  dreissig  und  mehr  Firmen  verschiedener  Fachgebiete ­
  vertreten.  Bei  den  Exporthäusern  liegen
die  Verhältnisse  bekanntlich  ähnlich,  sie  vertreten
teilweise  eine  erstaunlich  grosse  Zahl  von  Firmen.
Dass  dieses  System  erhebliche  Mängel  besitzt,
ist  ganz  offensichtlich,  denn  es  gibt  gar  keinen
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        8

Ingenieur,  der  auf  derartig  vielen  Gebieten  sachverständig ­
  sein  kann.  Der  Stand  der  Technik  in
den  einzelnen  Fachgebieten  ist  heute  derartig  hoch,
dass  schon  recht  reiche  Kenntnisse  und  Erfahrungen ­
  notwendig  sind,  um  auch  nur  in  einem
Fachgebiet  auf  der  Höhe  zu  sein  und  zu  bleiben.
Aus  Anfragen  der  Exporthäuser  an  Maschinenfabriken ­
  ergibt  sich  häufig,  dass  der  anfragende
Exporteur  selbst  sich  nicht  die  geringste  Vorstellung ­
  von  dem  machen  kann,  was  eigentlich
von  dem  fraglichen  Interessenten  benötigt  wird.
Die  Folge  ist  dann,  dass  Anlagen  geliefert  werden,
die  zufolge  ungenauer  Aufnahmen  an  Ort  und
Stelle  nicht  befriedigen  und  still  gelegt  werden,
weil  die  Besitzer  nicht  in  ihnen  ihre  Rechnung
finden  können.  Andere,  die  vielleicht  auch  Geld
für  derartige  Anlagen  hergegeben  haben,  sind
dann  entmutigt  und  lassen  die  Hände  von  technischen ­
  und  industriellen  Unternehmungen  selbst
in  aussichtsreichen  Gebieten  fort.
Der  Mangel  an  sachverständigen  Vertretern
hat  ja  bekanntlich  die  Grossindustrie  veranlasst,
eigene  Vertreter  ins  Ausland  zu  senden  und  Filialbüros,
  wo  irgendmöglich,  selbst  einzurichten.  Sie
machen  sich  von  den  Exporteuren  ganz  unabhängig. ­
  Die  Unterhaltung  eigner  Auslandsvertretungen ­
  mit  Fachingenieuren  und  kaufmännischem ­
  Personal  erfordert  aber  so  grosse  Geldmittel, ­
  dass  schon  den  mittleren  Fabrikanten  dieser
aussichtsreichste  Weg  verschlossen  wird.  Sie
bleiben  auf  die  Exporthäuser  angewiesen,  die
aber  leider  in  aller  erster  Linie  den  Preis  entscheiden ­
  lassen  und  oft  nicht  in  der  Lage  sind,
überhaupt  zu  prüfen,  welches  Angebot  nun  die
bestgeeignete  Ausführung  wirklich  enthält.
Von  besonderer  Bedeutung  für  die  mittleren
Firmen,  die  zum  Export  streben,  ist  der  Zusammenschluss ­
  mehrerer  Fabriken  zur  Exportvereinigung ­
  im  Fachgebiet  als  Organisation,  die
sich  die  Aufgabe  stellt,  die  Aussendung  von  Fachingenieuren ­
  in  das  Ausland  zu  ermöglichen.
Diese  erhalten  dann  die  erforderliche  Unterstützung, ­
  die  Orientierung  über  die  Kreditverhältnisse ­
  von  interessierten  Export-  und  Importhäusern, ­
  die  auch  die  Ueberschreibung  der  Aufträge ­
  und  das  Delcredere  übernehmen.  Die  von
der  Exportvereinigung  des  einzelnen  Fachgebietes
ausgesandten  Ingenieure  sollen  sich  also  gewissermassen
  als  beratende  Ingenieure  für  die  ansässigen ­
  Exportfirmen  betätigen,  die  technische
Pionierarbeit  leisten,  um  die  Entwicklungsmöglichkeit ­
  industrieller  Unternehmungen  vom  fachtechnischen ­
  Standpunkt  zu  erkunden,  die  Betriebsverhältnisse ­
  zu  studieren  und  bei  Montagen  und
Inbetriebsetzungen  den  Unternehmern  an  Hand
zu  gehen,  vor  allem  auch  bei  Betriebsstörungen
in  nicht  zu  langer  Zeit  eingreifen  zu  können,  um
das  Stillegen  von  Werken  zufolge  ihrer  Hilflosigkeit ­
  zu  verhüten.
Es  handelt  sich  also  nicht  um  die  Ausschaltung
der  Exportfirmen,  sondern  im  Gegenteil  um  die

Aufgabe,  die  Exporteure,  auf  welche  die  mittleren
und  kleinen  Firmen  mangels  Geld-  und  Exportfachkenntnissen ­
  angewiesen  sind  und  bleiben,  bei
der  ausserordentlichen  Verschiedenartigkeit
unserer  industriellen  Produktion  auch  für  die
Vertretung  einzelner  Fachgruppen  so  leistungfähig ­
  zu  machen,  dass  mittlere  deutsche  Firmen
auch  gegen  finanziell  stärkere  und  mit  technischen
Mitteln  bislang  besser  ausgerüstete  ausländische
Konkurrenz  sich  exportfähig  machen  und  so  erhalten ­
  können.
Grossfirmen,  die  im  Konkurrenzverhältnis
stehen,  zu  einer  Verständigung  zu  bringen,  ist  bekanntlich ­
  besonders  im  Maschinenbau  ausserordentlich ­
  schwer,  fast  unmöglich,  es  sei  denn,  dass
investiertes  Grosskapital  zu  seinem  eignen  Schutz
einen  Druck  ausübt,  um  das  Risiko  zu  beschränken.
Es  erfolgen  dann  Vertrustungen,  wie  wir  sie  ja
auch  im  Qrossmaschinenbau  kennen.
Jede  am  Export  bereits  stärker  beteiligte  Grossfirma ­
  fürchtet  bei  einem  Zusammenschluss,  dass
ihre  Entwicklungsmöglickheiten  vielleicht  beschränkt ­
  werden  könnten,  abgesehen  von  dem
Ehrgeiz  der  leitenden  Persönlichkeiten.  Die
Grossen  wollen  doch  noch  grösser  werden!  Man
fühlt  sich  da  allein  schon  am  stärksten,  weil  man
auf  den  Konkurrenten  keine  Rücksicht  zu  nehmen
braucht,  sich  keine  Dispositionsbeschränkungen
auferlegen  lassen  muss.  Anders  ist  es  dagegen
bei  den  mittleren  Fabrikanten,  die  vielleicht  hier
und  da  mal  Ansätze  für  eine  Entwicklung  des
Exports  gemacht  haben  oder  erst  im  Anfang
stehen.  Um  eine  intensive  und  planmässige  Bearbeitung ­
  ihres  Exportes  vornehmen  zu  können,
dazu  fehlt  es  ihnen  an  Personal,  Zeit  und  Hilfsmitteln. ­
  Sie  sind  aber  andererseis  doch  viel
leichter  als  Grossbetriebe  in  der  Lage,  sich  in
einen  Organisationsplan  für  die  Aufteilung  des
Weltmarktgeschäftes  zu  fügen  und  für  die  Fabrikation ­
  bestimmter  Maschinen  des  Fachgebietes
und  bestimmter  Maschinengrössen,  entsprechend
dem  Charakter  ihres  Betriebes,  sich  rationell  einzurichten, ­
  da  sie  ja  erst  in  eine  wirkliche  Organisation ­
  hineinwachsen  sollen  und  es  auch  noch
können,  ohne  sich  gegenseitig  bereits  bei  Beginn
durch  vorhandene  Beziehungen  ins  Gehege  zu
kommen.  Was  nun  das  Offertwesen  anbetrifft,
so  sind  heute  die  für  den  Export  besonders  eingerichteten ­
  Grossbetriebe  derart  vorbereitet,  dass
sie  in  der  Lage  sind,  die  für  das  Ausland  bestimmten ­
  Angebote  in  Bezug  auf  die  Sprache,  die
Masse  und  die  Aufmachung  so  auszurüsten,  dass
sie  nicht  nur  von  den  Empfängern  auch  wirklich
gelesen  und  verstanden  werden  können,  sondern
auch  ausländischen  Konkurrenzangeboten  in  jeder
Weise  ebenbürtig,  ja  oft  noch  überlegen  sind
durch  gründlichere  und  sorgfältigere  Bearbeitung
und  geschmackvollere  Aufmachung.  Anders  liegt
es  bei  den  mittleren  Firmen,  die  für  den  Export
meistens  nicht  mehr  haben,  als  einen  schlecht
übersetzten  Prospekt,  während  fremdsprachliche
        <pb n="10" />
        9

Betriebs-  und  Montagevorschriften,  Kolliverzeichnisse ­
  gänzlich  fehlen.
Heute  betrachten  noch  viele  Fabrikanten  den
Weltmarkt  als  die  grosse  Absatzreserve,  auf  die  sie
nach  Belieben  zu  jeder  Zeit  zurückgreifen  können,
wenn  der  Absatz  im  Inland  für  sie  nachlässt.
Das  ist  schon  zutreffend,  wo  es  sich  um  den  Verkauf ­
  von  Kohle,  Roheisen,  Halbzeug  usw.  handelt.
Im  Maschinenbau  jedoch,  wo  es  sich  sehr  oft  um
Anlagen  handelt,  wo  Projekte  und  Montagen  erforderlichsind, ­
  bedarf  die  Ausnutzung  der  grossen
Absatzreserve  doch  einer  sehr  sorgfältigen,  vorbereitenden ­
  Bearbeitung.  Bei  dem  Zusammenschluss ­
  von  Fabrikanten  des  Fachgebietes  stellt
sich  nun  allerdings  ein  Hindernis  in  den  Weg,
und  das  ist  die  konstruktive  Verschiedenheit  in
der  Ausführung  der  Einzelmaschinen.  Es  ist  aber
praktisch  zu  überwinden,  wenn  die  Vereinigung
die  Normalisierung  einzelner  Maschinen,  wie  sie
sich  speziell  für  den  Export  eignen,  in  Bezug  auf
Teilbarkeit  beim  Transport  etc.  falls  erforderlich,
in  die  Hand  nimmt.  Die  Exportvereinigung  des
Fachgebietes  gibt  ihre  eignen  Exportkataloge
heraus,  nach  denen  die  Reiseingenieure  im  Ausland ­
  in  Verbindung  mit  den  der  Vereinigung  angeschlossenen ­
  Exporthäusern  verkaufen,  und  die
dieGrundlagefürdie  Projektbearbeitungen  bilden.
In  dem  Zustandebringen  dieser  Exportnormalkataloge ­
  liegt  natürlich  der  Schwerpunkt  für  die
Gründungsmöglichkeit  derartiger  Exportvereinigungen ­
  im  Fachgebiet.  Die  Fabrikanten,  die
sich  zu  diesem  Zweck  vereinigen  wollen,  haben
eine  technische  Kommission  aus  ihren  Oberingenieuren ­
  zu  bilden,  die  sich  dahin  verständigen,
wie  nach  Leistungsfähigkeit  und  Grösse  der
einzelnen  Betriebe  die  Ausführung  der  für  den
Export  von  dem  Verkaufsbüro  bestellten  Maschinen ­

  verteilt  werden  soll.  Dieses  Ziel  ist  be
festem  Willen,  eine  Exportvereinigung  zu  schaffen,
praktisch  erreichbar.  Die  Exportvereinigung  in
Form  einer  Gesellschaft  m.  b.  H.  entwirft  einen
Plan  für  die  Bearbeitung  der  einzelnen  Absatzgebiete ­
  und  tritt  mit  Exporthäusern  in  Beziehung,
die  in  den  betreffenden  Gebieten  bereits  ausgedehnte ­
  Verbindungen  besitzen.  Zur  Herstellung
der  Interessengemeinschaft  übernehmen  diese  Exporteure ­
  dann  auch  Anteile  der  Exportvereinigung,
während  die  Kosten  für  die  Aussendung  der  Fachingenieure ­
  je  nach  den  Verhältnissen  vielleicht
auch  von  den  Exporthäusern  mitgetragen  werden.
Die  zielbewusste  und  planmässige  Bearbeitung
der  Absatzgebiete  mit  der  Unterstützung  von  Fachingenieuren ­
  wird  genügend  Arbeit  bringen
können,  um  ev.  in  Uebersee  dauernd  Monteure
beschäftigen,  Reparaturwerkstätten  einrichten  und
Ersatzteile  für  schnelle  Hülfe  an  Lager  halten  zu
können.  Diese  Vorteile  sind  aber  so  bedeutend,
dass  solche  Lieferer  sich  überall  bei  den  Abnehmern ­
  in  bevorzugte  Stellungen  bringen.
Wenn  wir  heute  lesen,  dass  in  Frankreich  ein
Konzern  mit  5  Milliarden  für  die  wirtschaftliche
Durchdringung  von  Südamerika  gegründet
worden  ist,  wenn  wir  erfahren,  wie  die  amerikanische ­
  Industrie  mit  Zielbewusstheit  dauernd
rüstet,  um  mit  grossem  Kapital  und  glänzenden
organisatorischen  und  technischen  Hilfsmitteln
an  die  Eroberungdes  Weltmarktes  herantritt,  dann
sollte  es  bei  den  tatsächlich  vorhandenen  Gefahren
auch  den  deutschen  Industriellen  zur  Gewissheit
werden,  dass  auch  sie  sich  rühren  und  nach  Organisationen ­
  suchen  müssen,  die  sich  in  Anpassung ­
  an  unsere  eigentümlichen  deutschen  Produktionsverhältnisse ­
  schaffen  lassen.

Oegenwarts-  und  Zukunftsarbeit  im  industriellen
Qrossbetrieb

E ine  unserer  grössten  und  ältesten  Maschinenfabriken ­
  hat  in  ca.  10  Jahren  mehr  als  ein
Dutzend  Direktoren  gehabt.  Dieser  häufige
Wechsel  der  Direktoren  ist  aber  nicht  eine  Einzelerscheinung, ­
  sondern  typisch,  und  es  dürfte  lohnend ­
  sein,  hier  einmal  eine  Statistik  aufzustellen.
Der  Betrieb  der  wirtschaftlich  selbstständigen
Persönlichkeit  und  der  Betrieb  in  Gestalt  der  unpersönlichen ­
  kapitalistischen  Gesellschaft  mit  einem
oder  mehreren  Direktoren  an  der  Spitze,  weist
ganz  erhebliche  Unterschiede  auf  in  Bezug  auf  die
Tendenz,  Gegenwartsarbeit  oder  Zukunftsarbeit
zu  leisten;  ebenso  ist  die  Stellung  der  Arbeiter  und
Angestellten  in  beiden  Betriebsformen  erheblich
verschieden.  Der  Direktor  einer  Gesellschaft,  von
dem  die  Aktionäre  möglichst  hohe  Dividenden
erwarten,  muss  alle  Ausgaben  für  die  Zukunft,

soweit  es  irgend  möglich  ist,  unterlassen,  da  sie
ihm  an  dem  Gewinnerträgnis  der  Gegenwart
fehlen  würden  und  für  seine  Brauchbarkeit,  sowie
als  Masstab  seiner  Tüchtigkeit,  vorwiegend  die
Oegenwartsdividende  massgebend  ist.  Im  wirtschaftlichen ­
  Einzelbetrieb  ist  es  erheblich  anders,
denn  der  Fabrikbesitzer  ist  fremden  Personen
keine  Rechenschaft  schuldig  über  die  Richtlinien,
die  er  in  seiner  Geschäftsführung  verfolgt.  Er
kann  vorausschauen,  kann  Vorarbeiten  und  Investierungen ­
  vornehmen,  die  sich  vielleicht  erst
nach  einem  Jahrzehnt  rentieren  werden,  z.  B.  für
das  Ueberseegeschäft,  dessen  Bearbeitung  oft  viele
Jahre  systematischer  Propaganda  und  Pionierarbeit ­
  erfordert,  auch  für  Erfindungen  usw.  Selbstverständlich ­
  haben  wir  auch  Grossbetriebe,  die  in
der  Lage  sind,  auf  Jahre  hinaus  vorzuarbeiten,  die
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        10

ihre  Anlagen  auf  ein  Minimum  abgeschrieben  und
sich  so  grosse  Reserven  geschaffen  haben,  dass
sie  Zukunftsarbeiten  leisten  können,  ohne  dass
diese  Ausgaben  in  ihrer  Gegenwartsbilanz  überhaupt ­
  zum  Ausdruck  kommen.  Es  sind  dies  vorwiegend ­
  Betriebe  unter  der  Führung  von  ganz
überragenden  Persönlichkeiten,  die  mit  ihrem  Einfluss ­
  und  ihremNamen  die  Dividenden  bestimmen,
ohne  Rücksicht  auf  Aktionäre  oder  Spekulanten.
Aber  solche  Betriebe  sind  als  die  Ausnahmen  zu
betrachten,  im  Verhältnis  zu  der  grossen  Masse,  die
von  der  Hand  in  den  Mund  gewissermassen  lebt,
sowohl  eigentliche  Qrossbetriebe  als  auch  Mittelbetriebe, ­
  die  gesellschaftlich  betrieben  werden.
Jedenfalls  weis  aber  jeder,  der  in  Aktiengesellschaften ­
  tätig  war,  wie  ängstlich  jede  Ausgabe  für
die  Zukunft  vermieden  wird,  was  an  sich  nicht
ausschliesst,  dass  hier  und  da  ein  schönes  Fabrikoder ­
  Verwaltungsgebäude  aufgebaut  wird,  Werke,
die  in  kurzer  Zeit  heute  vollendet  werden  und  den
Qegenwartsdirektoren  doch  Ehre  einbringen
können.  Aber  im  allgemeinen  denkt  kein  Direktor
an  seinen  Nachfolger,  wie  etwa  der  Vater  an  den
Sohn,  der  Onkel  an  den  Neffen  etc.  Und  ganz
entsprechend  gestaltet  sich  dieStellungder  Arbeiter
und  Angestellten.  Sie  wissen  nie,  ob  der  Direktor,
der  den  einzelnen  heute  und  vielleicht  in  Zukunft
wohl  will,  im  nächsten  Quartal  noch  ihr  Vorgesetzter ­
  sein  wird.  Und  was  weiss  der  neue  Mann
von  dem,  was  der  Arbeiter  oder  Angestellte  für
das  Werk  geleistet  und  hingegeben  hat,  das  in
seiner  Geldentschädigung  nicht  entlohnt  worden
ist,  sondern  dessen  Entlohnung  er  in  der  Zukunft
erwartet.  Arbeiter  und  Angestellte  arbeiten  im
kapitalistischen  Betrieb  für  einen  unpersönlichen
Arbeitgeber,  der  durch  schnell  wechselnde  Leiter
vertreten  wird.  Es  ist  daher  nicht  verwunderlich,
wenn  das  Interesse  der  Angestellten  an  dem  Werk
so  ungeheuer  gesunken  ist,  und  der  krasseste
Egoismus  sich  eingestellt  hat,  da  der  einzelne  absolut ­
  gezwungen  ist,  nur  an  sich  selbst  und  seine
Vorteile  zu  denken.  Der  Begriff  der  Undankbarkeit ­
  der  Arbeiter  und  Angestellten  gehört  daher
zweifellos  in  das  Gebiet  der  Naivität  oder  der
Heuchelei.  Das  Interesse  an  der  Arbeit  und  an
dem  Unternehmen  kann  sich  erst  dort  wieder
ergeben,  wo  an  Stelle  der  Persönlichkeit,  der
Vertrauen  entgegengebracht  werden  konnte,  an
Stelle  des  Arbeitgebers,  dessen  Auffassung  von
der  Arbeit  darin  zum  Ausdruck  kommt,  dass  er
den  Zweck  der  Arbeit  in  dem  Gemeinwohl  sieht,
und  dem  die  Arbeit  zum  Segen  und  Gebet  wird,

(Alfred  Krupp)  ein  Arbeitsvertrag  tritt,  der  den
Arbeiter  und  Angestellten  in  ein  ganz  anderes
rechtliches  Verhältnis  zu  dem  Unternehmen
bringt,  als  es  heute  der  Fall  ist.  Die  Aktionäre
wechseln  stündlich,  die  Direktoren  wechseln
über  Nacht.  Das  einzige,  was  im  Grossen  verhältnismässig ­
  das  Beständigkeitsmoment  darstellt, ­
  das  ist  die  Gesamtheit  der  Arbeiter
und  Angestellten,  die  gezwungenermassen
wechseln  in  dem  Grade,  als  die  Gunst  oder
Missgunst  der  wechselnden  Leiter  sie  berührt
oder  unberührt  lässt.  Es  ist  eine  bekannte
Tatsache,  dass  fast  jeder  Direktor,  der  in  ein  Werk
neu  eintritt,  in  dem  totem  und  lebendem  Inventar ­
  eine  Verlotterung  erblickt,  die  er  nun
erst  mal  mit  dem  eisernen  Besen  gründlich  reinigen ­
  muss,  d.  h.  so  und  soviele  Arbeiter  und  Angestellte ­
  müssen  erst  einmal  hinaus.  Das  ist
menschlich,  das  ist  nicht  verwunderlich,  denn
jeder  neue  Mann  hält  sich  selbst  doch  für  den
grossen  Kopf,  auf  den  alles  wartet,  um  endlich
die  richtige  Reorganisation  zu  bringen.  Mit  dem
Augenblick  aber,  wo  die  Gesamtheit  der  Angestellten ­
  und  Arbeiter  dem  Kapital  gegenüber
rechtlich  ein  entsprechend  gesicherter  Faktor  wird,
sei  es  durch  den  Arbeits  vertrag  oder  durch  sonstige
Rechtsinstitute,  in  dem  Augenblick  kommen
die  Arbeiter  und  Angestellten  zu  den  Unternehmen, ­
  in  denen  sie  arbeiten,  wieder  in  ein
Verhältnis,  das  es  ihnen  ermöglicht,  die  ihnen
überwiesene  Arbeit  als  ihre  Arbeit  anzusehen,  das
Werk,  in  dem  sie  arbeiten,  als  ihr  Werk  zu
empfinden,  da  sie  sich  zu  ihm  in  einem  Rechtsverhältnis ­
  befinden,  das  sie  aus  ihrer  früheren
Rechtlosigkeit,  aus  ihrer  Abhängigkeit  von  der
Laune  und  Gunst  wechselnder  Direktoren  herausgerissen ­
  hat.  Jeder,  der  Angestellter  oder  Arbeiter
war,  weiss,  was  Sympathie  und  Antipathie  im
Lebenskampf  bedeuten,  weiss,  dass  es  Imponderabilien ­
  sind,  die  dem  einen  Gunst  und  dem  anderen
Abweisung  einbringen,  ohne  dass  sie  wissen,
warum.  Es  handelt  sich  hier  aber  nicht  um  das
soziale  Problem,  sondern  um  Gegenwarts-  oder
Zukunftsarbeit,  um  die  Frage,  wie  kann  der
industrielle  Mittelstand  Zukunftsarbeiten
leisten.  Und  auch  hier  ist  die  Frage  der  Arbeitsteilung ­
  ins  Auge  zu  fassen.  Wie  die  Forschungsarbeit ­
  dem  Forschungsinstitut,  die  Exporttätigkeit
der  Exportorganisation  im  Fachgebiet,  so  ist  die
Zukunftsarbeit,  soweit  sie  nicht  bereits  schon
durch  diese  beiden  Organisationen  geleistet  wird,
geeigneten  Organisationen  zuzuweiseri.
        <pb n="12" />
        11

Die  Doppelstellung  im  Konsulatwesen

E s  ist  ein  eigentümlicher  Brauch,  dass  so
ausserordentlich  wichtige  Institute  wie  Konsulate ­
  und  Generalkonsulate  in  die  Hände
von  Ausländern  gelegt  werden.  Die  ausgewählten
Personen  sind  meistens  Kauf  leute  oder  Industrielle
in  den  angesehensten  und  einflussreichster
Stellungen  und  dies  mit  gutem  Grund.  Die
Aufgaben,  die  ein  Konsul  zu  erfüllen  hat,  wenn
er  wirklich  voll  und  ganz  seine  Pflicht  ausüben
will,  sind  so  ungemein  schwierig,  dass  es  nun
sehr  einflussreichen  Männern,  denen  überall  die
Türen  geöffnet  werden,  möglich  ist,  diejenigen
Informationen  zu  beschaffen,  die  verlangt  werden.
Die  Stellung  eines  Konsuls  für  ein  fremdes  Land
schliesst  die  Gefahr  von  Konflikten  in  sehr  hohem
Masse  ein,  denn  ein  angesehener  Bürger,  dem
durch  seine  Stellung  eine  eingehende  Kenntnis
der  wirtschaftlichen  und  politischen  Verhältnisse
seines  Vaterlandes  erreichbar  ist,  ist  als  Bürger
moralisch  wohl  verpflichtet,  alle  die  Kenntnisse,
die  er  erlangt,  nicht  einem  fremden  Staat  zugänglich ­
  zu  machen,  der  mit  seinem  eigenen  Vaterlande ­
  in  wirtschaftlicher  Konkurrenz  steht.  Wenn
das  Konsulat  überhaupt  aber  einen  Zweck  haben
soll,  dann  muss  es  diejenigen  Informationen  beschaffen, ­
  die  dem  Lande,  das  der  Konsul  vertritt, ­
  Nutzen  bringen  können.  Für  den  Konsul
selbst  ergibt  sich  als  Gleichwert  für  seine  Tätigkeit ­
  im  wesentlichen  der  Titel,  die  amtliche
Stellung,  sowie  die  Uniform,  die  er  als  amtlicher
Vertreter  zu  tragen  berechtigt  ist.  Es  ergeben
sich  für  ihn  auch  gewiss  hier  und  da  wichtige
geschäftliche  Vorteile  durch  Ausdehnung  seiner
geschäftlichen  Beziehungen.
Sowie  jede  einzelne  Firma  heute  im  Auslande
Vertreter  anstellt  und  Zweigbüros  einrichtet,  die
die  Aufgaben  haben,  die  Absatzmöglichkeiten  zu
erforschen  und  darüber  zu  berichten,  um  auf  diese
Weise  die  Ausdehnung  des  Geschäfts  zu  ermöglichen, ­
  so  steht  es  natürlich  im  grössten  Massstabe
jeder  Regierung  zu,  durch  Vertreter  diejenigen
Informationen  zu  beschaffen,  die  geeignet  sind,
den  Handel  nach  aussen  zu  entwickeln  oder  die
Industrie  im  Innern  zu  kräftigen  gegen  ausländische
Wettbewerber.  Es  muss  naturgemäss  jedem
bei  unseren  freien  Wettbewerbsverhältnissen,  wo
jeder  gezwungen  ist,  sich  seinen  Erwerb  selbst
zu  suchen  und  für  sich  zu  sorgen,  überlassen
bleiben,  auf  welche  Weise  er  seine  Aufgabe  erfüllt, ­
  und  man  wird  unmöglich  irgend  einem
Bürger  einen  Vorwurf  daraus  machen  können,
dass  er  z.  B.  die  Vertretung  eines  ausländischen
Hauses  übernimmt,  um  dieses  erfolgreich  zum
Kampfe  gegen  die  heimische  Industrie  zu  führen.
Es  handelt  sich  hier  international  um  die  gleichen
Verhältnisse,  denn  ebenso  wie  wir  im  Auslande
Vertreter  brauchen,  um  unsere  Exportgeschäfte
zu  erhalten  und  auszudehnen,  ebenso  brauchen

die  Ausländer  in  unserem  Lande  Vertreter,  um
sich  einen  Markt  zu  verschaffen.  Nur  in  grossen
Zügen  greift  der  Staat  mit  seiner  Zollpolitik  ein
und  begünstigt  oder  behindert  die  Einfuhr
fremder  Erzeugnisse,  womit  er  gleichzeitig  die
Lebensmöglichkeit  für  Vertreter  ausländischer
Firmen  schafft  oder  abschneidet.
Ein  Beispiel:  Eine  ausländische  Firma  erfährt ­
  durch  ihren  Vertreter,  dass  eine  deutsche
Firma  bei  der  Bewerbung  um  einen  bestimmten
grossen  Auftrag  im  Wettbewerb  steht  und  der
gefährlichste  Gegner  ist.  Um  den  in  Frage
stehenden  Auftrag  zu  erhalten,  ist  es  notwendig,
dass  der  Fabrikant  erfährt,  um  welche  Firma  es
sich  handeln  kann,  sowie  um  nähere  Einzelheiten
des  gegnerischen  Angebotes.  Es  mag  sich  um
einen  Auftrag  von  mehreren  Millionen  handeln,
sodass  der  Fabrikant  sich  berechtigt  glaubt,  die
Hilfe  des  Generalkonsuls  in  Deutschland  in  Anspruch ­
  zu  nehmen.  Ein  solcher  Generalkonsul
wird,  da  es  sich  um  ein  sehr  grosses  Projekt
handelt,  verpflichtet  sein,  der  ausländischen
Firma,  deren  Interesse  er  vertritt,  alle  erreichbaren
Informationen  zu  verschaffen  und  dank  seiner
guten  Beziehungen,  sich  leicht  informieren
können,  um  die  gewünschte  Auskunft  zu  erteilen.
Wenn  ein  derartiger  Generalkonsul  gleichzeitig.
Mitglied  deutscher  industrieller  Organisationen
ist,  die  sich  um  die  Förderung  des  deutschen
Exportes  bemühen,  so  liegt  es  auf  der  Hand,  zu
welchen  inneren  Schwierigkeiten  ein  solches
Verhältnis  häufig  führen  muss.
Wir  haben  ja  auf  militärischem  Gebiet  die
Einrichtung  der  Attaches,  die  die  Aufgabe  haben,
ihren  Regierungen  über  die  Fortschritte  der
fremden  Nationen  zu  berichten,  aber  die  Stellung
dieser  Attaches,  die  ja  auch  an  den  Paraden  und
Manövern  teilnehmen,  ist  doch  eine  engumgrenzte. ­
  Gewiss  fallen  auch  rein  finanzielle
Fragen  erheblich  ins  Gewicht,  denn  ein  angesehener ­
  Und  reicher  Mann,  der  die  repräsentative ­
  Stellung  als  Vertreter  eines  ausländischen
Staates  übernimmt,  braucht  diesen  finanziell
nicht  für  Repräsentationsausgaben  in  Anspruch
zu  nehmen.  Eine  Reform  des  Konsulatwesens
wird  ja  seit  längerer  Zeit  angestrebt  und  dürfte
gewiss  Anlass  bieten,  sich  mit  der  Frage  zu
befassen,  welche  Stellung  zu  der  Uebernahme
ausländischer  Konsularvertretungen  durch  Bürger
des  Landes  genommen  werden  muss.  Jedenfalls
ist  es  für  Bürger  in  führenden  Stellungen,  die
an  den  grossen  nationalen  Unternehmungen  zur
Exportförderung  des  eigenen  Vaterlandes  mitarbeiten
  sollen  und  müssen,  und  durch  Titel  und
Ehren  gekennzeichnet,  das  Vertrauen  ihrer  Regierung ­
  besitzen,  oft  recht  schwierig  und  bedenklich, ­
  wenn  sie  gleichzeitig  sich  verpflichten,  als  Informationsorgane ­
  fremder  Mächtesich  zu  betätigen.
        <pb n="13" />
        12

Die  Dringlichkeitsfrage  sozialer  Aufgaben

B ei  politischen  Gesprächen  mit  Arbeitern  erhielt ­
  ich  immer  die  Frage:  „Was  tut  der
Liberalismus  für  die  arbeitenden  Klassen,  und
was  haben  wir  für  die  Zukunft  zu  erhoffen.“
Diese  Fragen  sind  gewiss  natürlich  und  die  nächstliegenden.
  Und  doch  ist  es  nicht  so  einfach, ­
  sie  zu  beantworten.  Ja  selbst  auf  liberalen
Versammlungen,  in  denen  derartige  Fragen  gestellt ­
  wurden,  hörte  ich  fast  immer  wenig  befriedigende ­
  Antworten.
Die  liberale,  politische  und  Lebens-Auffassung
ist  weder  an  Berufsstellung  gebunden,  noch  an
Besitz  oder  Besitzlosigkeit.  Es  gibt  daher  weder
einen  besonderen  Liberalismus  für  die  arbeitenden
Klassen,  noch  einen  für  die  Reichen.  Es  gibt  nur
die  eine  freiheitliche  Auffassung  vom  Recht  jedes
Menschen  auf  Freiheit,  Gleichberechtigung  und
Glück,  und  die  Pflicht,  jedem  Menschen  zu  helfen,
dass  er  dahin  gelange,  wohin  ihn  seine  besondere
Veranlagung  steuern  will,  soweit  diese  sich  nicht
gegen  die  allgemeinen  menschlichen  Interessen
richtet.  Freie  Bahn  für  alle,  die  vorwärts  wollen
mit  ehrlichen  Mitteln,  Wahrhaftigkeit,  und  im  ehrlichen ­
  Kampfe.  Es  ist  aber  nun  richtig,  dass  die
Menschen  sich  in  ganz  verschiedenen  Lagen
befinden  und  eine  schnellere  Befreiung  aus  ihren
Bedrängnissen  für  die  einen  dringlicher  als  für
andere  ist.  Es  ist  richtig,  dass  die  arbeitenden  Klassen
von  vielen  Nöten  geplagt  sind,  die  den  Beamten,
den  selbständigen  Mittelstand  weniger  hart
treffen,  obgleich  diese  wie  jeder  Stand  seine
Sorgen  und  Klagen  hat.  Deshalb  ist  es  berechtigt,
wenn  der  Arbeiter,  der  mit  Not  und  Armut  am
häufigsten  zu  kämpfen  hat,  die  erste  Frage  stellt;
„Was  tut  ihr  für  die  arbeitenden  Klassen?“  Von
allen  Bedürfnissen  ist  das  Stillen  des  Hungers  das
wichtigste,  von  allen  Plagen  sind  die  Arbeitslosigkeit ­
  und  das  Wohnungselend  die  folgenschwersten.
Die  liberale  Partei  ist  eine  Gegenwartspartei.
Sie  vertröstet  nicht  auf  die  Zukunft.  Sie  arbeitet ­
  für  den  Fortschritt  in  der  Gegenwart,  weil
die  Entwicklung  in  der  Zukunft  garnicht  abgeschätzt ­
  werden  kann.  Die  Umwälzungen  in
einem  Jahrzehnt  durch  die  gewaltigen  Fortschritte
der  Technik  sind  so  bedeutend,  dass  jede  Möglichkeit ­
  fehlt,  mit  der  Zukunft  zu  rechnen,  zumal
von  Tag  zu  Tag  mehr  Menschen  geistig  schaffend
und  umwälzend  arbeiten,  und  neue  technischeund
kulturelle  Wege  erschliessen  helfen.
Ein  Staat  von  65  Millionen  Menschen  kann  sich
nur  in  der  Weise  erneuern  und  umgestalten,  dass
er  entsprechend  der  Dringlichkeit  der  Bedürfnisse
Umbauten  dort  vornimmt,  wo  sie  erforderlich
werden.  Das  Problem  der  Arbeitslosigkeit  ist
sicher  sehr  erheblich  dringender  als  z.  B.  der
Kampf  gegen  Standesvorrechte.  Es  entsteht  daher
ganz  natürlich  die  Frage  in  den  arbeitenden
Klassen:  Wer  hilft  uns  am  schnellsten  und  wer

bemüht  sich  am  eifrigsten  in  der  Sache?
Und  da  gibt  es  für  den  Arbeiter  meistens
keinen  Zweifel.
Im  bürgerlichen  Liberalismus  ist  bei  den  verschiedenartigen ­
  Berufsinteressen  der  Parteianhänger ­
  und  ihrer  ausgedehnten  Teilnahme  an  den
Tagesproblemen  und  und  Anregungen  der  Zeit
die  Durchführung  politischer  Agitation  erheblich
erschwert.  Der  bürgerliche  Mittelstand  hat
viele  andere  Ablenkungen  von  der  täglichen
Berufsarbeit  und  von  zahlreichen  eignen  Sorgen,
um  in  seinen  freien  Stunden  an  nichts  anderes
zu  denken,  als  an  die  Not  seiner  Mitmenschen.
Anders  ist  es  aber  bei  denjenigen,  denen  die  Not
auf  den  Fingernägeln  brennt.
Auf  kirchlichem  Gebiet  ist  es  das  gleiche.  Auch
hier  gibt  es  einen  Liberalismus,  der  bedeutender
und  verbreiteter  ist,  als  man  allgemeinhin  annimmt. ­
  Aber  es  fehlt  das  Erkennen  der  Dringlichkeit, ­
  es  fehlt  die  grosse  Leidenschaft.  In
Landesteilen,  in  denen  die  freiheitliche  Auffassung
eine  stärkere  Bedrückung  erfährt,  erwacht  unter
dem  Druck  der  Not  die  Erkenntnis  der  Dringlichkeit, ­
  der  Strom  staut  sich  und  beginnt  beim
Hindernis  zu  brausen,  während  man  vorher  überhaupt ­
  nicht  hörte,  dass  er  da  war.  Der  Arbeiter
braucht  täglich  Arbeit,  er  zählt  die  Stunden,  die
ihn  aus  der  bedrückenden  Schlafstelle  erlösen
werden,  die  seine  Kinder  von  mörderischen
Krankheiten  der  Unterernährung  befreien,  und
die  ihm  dann  ein  freies  Wahlrecht  und  die
Mitarbeit  an  der  Gestaltung  seiner  Lebensbedingungen ­
  und  Mitverantwortlichkeit  bringen
werden.
Er  wendet  sich  an  die  Sozialdemokratie,  die
keine  halbe  Arbeit,  sondern  ganze  Arbeit  tun  will,
die  das  Messer  an  das  Geschwür  setzen  will,  statt
mit  Pflastern  eine  Heilung  zu  versuchen;  er  berauscht ­
  sich  an  dem  Gedanken,  dass  die  Enteignung ­
  des  Besitzes  kommen  wird,  und  damit
die  schweren  Ungerechtigkeiten  verschwinden
werden,  unter  denen  er  leidet.
Pfarrer  Traub  sagte  auf  dem  letzten  Protestantentag: ­
  „Jesus  wollte  garnichts  von  Qlaubensvorstellungen
  wissen,  er  wollte  einen  Willen,  den
Willen  zu  helfen."  Und  Gastrow-Hamburgsagte:
„Es  gibt  keine  Norm  des  reinen  Christentums.
Die  Wahrheit  liegt  im  Wahrheit  suchen.“
Ob  die  grossen  sozialen  Probleme  auf  dem
Boden  des  freien  Wettbewerbes,  des  freien  Spiels
wirtschaftlicher  Kräfte,  oder  durch  eine  Weiterentwicklung ­
  der  bereits  recht  zahlreichen  Verstaatlichungen ­
  und  Verstadtlichungen  gelöst
werden,  ist  völlig  belanglos.  Es  fehlt  uns  jede
Möglichkeit,  die  zukünftige  Entwicklung  abzuschätzen ­
  und  uns  auf  ein  bestimmtes  Verfahren,
wie  z.  B.  die  Enteignung  der  Besitzenden  festzulegen. ­
  Aber  was  wir  von  einer  politischen  Partei
        <pb n="14" />
        13

unbedingt  verlangen  müssen,  das  ist  der  Wille  zu
helfen,  und  zwar  nach  der  Dringlichkeit  ist  der
entscheidende  Entschluss,  alles  andere  zurückzustellen ­
  hinter  die  Aufgabe,  die  Hungrigen  zu
sättigen,  die  Arbeitslosen  zu  stützen,  die  Kinder
aus  dem  Wohnungselend  zu  retten.
Warum  war  es  möglich,  in  so  fabelhaft  kurzer
Zeit  die  grosse  nationale  Zeppelinspende  zusammenzubringen, ­
  weil  durch  das  Unglück  der
Wille  geboren  wurde,  zu  helfen.  Und  dieser  Wille
brachte  die  Hilfe.  Warum  war  es  möglich,  eine
Milliarde  für  Wehrzwecke  bereit  zu  stellen,  weil
der  Wille  da  war,  für  den  Schutz  des  Reiches,  für
die  Sicherung  der  Grenze  das  zu  tun,  was  uns  als
Pflicht  erschien.
Man  hat  bislang  mit  dem  Pflaster  Wohltätigkeit
gearbeitet,  obgleich  man  weiss,  dass  es  kein  Heilpflaster ­
  ist,  sondern  nur  ein  Linderungspflaster.
Es  ist  auch  teilweise  recht  angenehm,  weil  es  sich
mit  angenehmen  Vergnügungen,  mit  Bazaren,  mit
Sekt,  Musik  und  Tanz  verbindet.
Der  Liberalismus  mit  seinen  Grundpfeilern  der
Wahrhaftigkeit  und  Ehrlichkeit,  der  Freiheit  und
Gleichberechtigung  aller  Menschen  muss  den
festen  Willen  mit  der  Leidenschaft  eines  echten
Menschenherzens  auf  sein  Pannier  erheben  und

handeln  und  arbeiten  entsprechend  der  Dringlichkeit ­
  der  einer  Lösung  harrenden  Aufgaben.
Dann  wird  garnicht  die  Frage  entstehen  können,
was  tut  der  Liberalismus,  sondern  jedermann  wird
es  fühlen.
Entweder  propagiert  der  Staat  dem  Volke  den
Gedanken  der  Kinderbeschränkung,  um  eine  Vermehrung ­
  des  Proletariats  zu  behindern,  oder  aber
erlässt  der  Volkskraft  freie  Entwicklung,  weilersie
wirtschaftlich  und  politisch  braucht,  und  erkennt
es  dann  als  seine  erste  und  heiligste  Pflicht  an,
die  arm  Geborenen  vor  Not  und  Eiendzu  schützen
mit  allen  irgend  erreichbaren  Mitteln.  Hier  entscheidet ­
  die  Dringlichkeit,  und  andere  Aufgaben,
die  man  heute  vorzieht,  haben  in  den  Hintergrund
zu  treten.  Es  handelt  sich  hier  um  Christenpflicht,
um  die  erste  sittliche  Forderung  wahrhaft  freier
Menschen.  Hier  darf  der  Liberalismus  keinen
Kompromis  dulden,  er  hat  zu  fordern,  dass  jeder
ehrliche  Mann  Farbe  bekennt  und  sich  für  den
einen  oder  anderen  Weg  entscheidet.  Möge  der
Liberalismus  doch  die  Kraft  finden,  diese  Frage
zu  stellen  und  so  zu  beantworten,  dass  kein
deutscher  Arbeiter  mehr  zweifelnd  zu  fragen
braucht:  „Was  tut  für  uns  der  Liberalismus?“

Die  Fabrikzeitung

K lagen  über  das  geringe  Interesse  der  Arbeiter
und  zum  Teil  auch  der  Angestellten  an  ihrer
Arbeit,  die  mangelnde  Anteilnahme  an  den
Lebensinteressen  des  Werkes  ergehen  ständig  aus
industriellen  Kreisen.  Die  Ursachen  dieser  Erscheinung ­
  liegen  zum  Teil  schon  in  der  Ausdehnung ­
  der  neuzeitlichen  Werke.  Im  kleinen
Betriebe  spricht  wohl  der  Meister  mit  seinem
Gesellender  Chef  mit  seinem  Handlungsgehilfen,
erfährt  die  Hilfskraft  alle  Sorgen  des  Arbeitgebers
und  nimmt  an  ihnen  teil.  Wird  der  Betrieb
grösser,  entsteht  das  besondere  Zimmer  des  Arbeitgebers, ­
  das  sich  von  dem  Arbeitsplatz  in  dem  Grade
entfernt,  als  der  Betrieb  sich  ausdehnt,  dann  verliert ­
  sich  die  Fühlung  des  Arbeitgebers  mit  seinen
einzelnen  Mitarbeitern,  und  nur  einige  wenige
werden  Vertraute,  die  mit  dem  Arbeitgeber  persönlich ­
  in  Berührung  bleiben.  Für  alle  anderen
bleiben  die  geschäftlichen  Vorgänge  und  dieSorgen
des  Unternehmers  verborgen.  Nur  s  wenn  einmal
mangels  Arbeit  die  Kündigungen  oder  Verkürzungen ­
  der  Arbeitszeit  bekannt  gegeben  werden,
dann  erhalten  erst  viele  Kenntnis  von  den  Schwierigkeiten ­
  in  der  Beschaffung  von  Arbeit,  über  die
man  vorher  kaum  etwas  vernommen  hatte.  Wenngleich ­
  natürlich  in  Rücksicht  auf  die  Wettbewerbsverhältnisse ­
  nicht  alle  Qeschäftsvorfälle  den  Werkangehörigen ­
  bekannt  gegeben  werden  können,  so
bemühen  sich  die  Industriellen  doch  zum  Teil
schon,  unter  ihren  Verkäufern  und  Vertretern  das

Interesse  wach  zu  halten  und  Wetteiferzu  erzeugen
durch  Ausgabe  von  Berichten  über  die  Erfolge
der  einzelnen  Verkäufer.  Besonders  die  Amerikaner ­
  statten  diese  Wochen-  und  Monatsberichte
mit  Porträts  und  interessierenden  Abbildungen
aus  und  greifen  selbst  zum  illustrierten  Extrablatt,
um  den  Eifer  wie  bei  einem  Wettrennen  auf  das
äusserste  anzustacheln.
So  dankbarim  allgemeinen  die  Angestellten  und
Arbeiter  für  jedes  freundliche  Wort  ihres  Brotgebers ­
  sind,  das  für  sie  den  Beweis  eines  persönlichen ­
  Interesses  bildet,  so  fehlt  doch  abgesehen
von  einigen  Ausnahmen  im  grösseren  Betriebe
den  leitenden  Persönlichkeiten  die  Zeit,  um  sich
mit  dem  einzelnen  Arbeiter  oder  Techniker  über
geschäftliche  Fragen  zu  unterhalten.
In  englischen  Firmen  versammeln  sich  jährlich
in  einem  Hotel  bei  einem  Staff-dinner  Direktoren,
Beamte  und  Meister  zu  einer  geschäftlichen  Aussprache, ­
  zu  einem  lahresbericht,  mit  folgendem
gemeinsamen  Essen  und  anschliessendem  unterhaltenden ­
  Ende.  Es  ist  ein  Austausch  von  Dank
und  Anerkennungsbezeigungen  für  das,  was  man
sich  gegenseitig  getan  hat.  Man  bildet  Hand  in
Hand  eine  Kette  und  singt  ein  Bundeslied,  man
kommt  sich  persönlich  nahe,  Mensch  zu  Mensch
und  fühlt  sich  als  anerkanntes  Glied  eines  grossen
Triebwerkes.  Ein  Angestellter  ist  Präsident,  der
jährlich  wechselt  und  zu  seinen  Seiten  sitzen  dann
die  Direktoren  und  Geschäftsinhaber.
        <pb n="15" />
        14

Es  Hesse  sich  leicht  auch  in  unseren  Werken
manches  schaffen,  um  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit ­
  zu  erwecken  und  die  Arbeisfreude
wach  zu  halten.  Dazu  gehört  vor  allem  eine
Fabrikzeitung,  bei  kleinen  Firmen  der  Anschlag
am  schwarzen  Brett,  bei  grossen  Werken  die  vervielfältigten ­
  Abzüge  oder  Druckschriften.  Diese
Fabrikzeitungmeldetalle  Personalangelegenheiten,
den  Eintritt  neuer  Beamter,  Beförderungen,  Jubiläen, ­
  Austritte  etc.  und  bringt  über  die  einzelnen
Personen  kleinere  und  längere  Berichte.  Die
Zeitung  meldet  allen  Fabrikangehörigen  die  Erfolge ­
  und  Zeugnisse  für  gute  Leistungen  der
Firma,  bezw.  der  einzelnen  Abteilungen  oder  Personen, ­
  ebenso  auch  Misserfolge,  und  vor  allem
ihre  Ursachen,  um  erzieherisch  zu  wirken  und  an
praktischen  Beispielen  die  Folgen  von  Fehlern  zu
zeigen.  Sie  berichtet  über  Unglücksfälle  und  ihre
Ursachen,  über  durchgeführte  und  beabsichtigte
Betriebsverbesserungen  und  bringt  Anregungen
der  Beamten  und  Arbeiter  zum  Besten  des  Betriebes ­
  und  der  Arbeitenden.  Die  Redaktion  einer
solchen  Fabrikzeitung  kann  ein  gewandter  Korrespondent ­
  oder  bei  Grossbetrieben  das  Propagandabüro ­
  übernehmen.  Es  werden  sich  immer
Leute  finden,  die  mit  Lust  und  wirklicher  Liebe

selbst  in  ihrer  freien  Zeit  solche  Arbeit  und  ein
solches  Amt  gern  übernehmen.  Dann  ist  aber
auch  ein  Sprachrohr  da,  dann  kann  der  Chef  zu
jedem  Beamten,  Arbeiter  oder  Lehrling  sprechen
und  ihm  gewissermassen  jederzeit  zurufen:  „Seht,
so  steht  es,  helft  nur  mit!“
Es  ist  ganz  ausser  Frage,  dass  neben  den  Lohnund
  Gehaltskämpfen,  den  Organisationsbewegungen ­
  der  Beamten  und  Arbeiter  dieses  Gebiet
völlig  unabhängig  und  neutral  bearbeitet  werden
kann.  Dient  es  doch  vor  allem  dazu,  den  Werkangehörigen, ­
  selbst  dem  einfachsten  Arbeiter,
Achtung  zu  zeigen,  dass  man  sie  für  wert  hält,
ihnen  zu  sagen,  was  als  Glied  einer  grossen  Kette
sie  m  itangeht.  Warum  ist  aber  der  Arbeiter  so
interesselos  an  seiner  Arbeit,  weil  man  ihn  doch
tatsächlich  zum  wesenlosen  Lohnempfänger  herabdrückt, ­
  gleichgültig  ob  er  niedrigen  oder  hohen
Lohn  empfängt.  Auch  den  nicht  selbständigen
Beamten  eines  grossen  Betriebes  geht  es  meist
nicht  besser.
Fremdheit  gegenüber  den  Bedürfnissen,  den
Pflichten,  Beschwerlichkeiten  und  Sorgen  der
Anderen,  verhindert  die  Anknüpfung  von  guten
Beziehungen  und  Verständnis  für  die  berechtigten
Wünsche  unserer  Mitmenschen.

Zur  Jugendbewegung

E s  ist  eine  eigentümliche  Erscheinung,  dass
Männer,  die  den  ehrlichen  Willen  haben,  an
wichtigen  nationalen  Fragen  mitzuarbeiten,
sich  nicht  von  der  Oberfläche  entfernen  können
und  es  ängstlich  vermeiden,  den  Problemen  auf
den  Grund  zu  gehen.  Sie  sehen  die  Ursachen
von  Misserfolgen  einfach  in  der  Sozialdemokratie.
Gewiss  die  bequemste  und  einfachste  Antwort.
Diese  Erscheinung  wird  aber  verständlich,  wenn
man  beobachtet,  dass  diese  Herren  Ständen  angehören, ­
  die  der  Psyche  des  Volkes,  vor  allem  der
arbeitenden  Klassen  fern  stehen.  Mir  tritt  beim
Lesen  solcher  Zeilen  immer  der  Verlauf  einer
Kontrollversammlung  vor  Augen,  und  manchmal
habe  ich  mich  gefragt,  wie  ist  es  nur  denkbar,
dass  die  staatlichen  Organe  fähig  sind,  den
Leuten  aus  dem  Volke  gegenüber  sich  in  so  wenig
herzücherund  nationalbegeisternder  Weise  gegenüberzustellen. ­
  Verlesung  eines  langen  Strafregisters, ­
  strenge  Verwarnung  gegen  jegliche  Berührung ­
  mit  der  Sozialdemokratie,  einige  kräftige
Anschnautzer  und  das  Kommando  „Tretet  weg!"
Dann  ist  das  Vaterland  gerettet,  die  Sozialdemokratie ­
  bekämpft  und  einem  tiefen  nationalen  Empfinden ­
  und  Stolz  der  Grundstein  gründlich  gelegt.
Liebe  und  Feindseligkeit  für  die  nationale
Jugendbewegung  hängen  in  erster  Linie  von  wirtschaftlichen ­
  Ursachen  ab.  Es  wird  häufiger  ausführlich ­
  auf  die  französischen  Verhältnisse  hingewiesen, ­
  und  es  ist  wunderbar,  dass  man  nicht

selbst  den  Schlüssel  zur  Lösung  des  Problems
findet.  Er  liegt  in  nichts  anderem  als  in  der  Frage
der  Kinderbeschränkung  oder  der  freien  Fortpflanzung. ­
  Ich  habe  vor  Jahren  in  einer  französischen ­
  Fabrik  einen  Lehrjungen,  der  sehr  unartig ­
  war,  an  den  Kragen  gefasst,  um  ihm  einen
kleinen  Rüffel  zu  geben.  Im  gleichen  Augenblick
sprangen  meine  Kollegen  zu  und  riefen:  Um
Himmelswillen,  fassen  sie  den  Jungen  nicht  an,
denn  man  schlägt  in  Frankreich  kein  Kind.  Und
ich  habe  später  auf  der  Strasse  beobachtet,  dass
Mütter  unartige  Kinder  schlagen  wollten,  und
die  vorübergehenden  Leute  sehr  entrüstet
waren  und  für  die  Kinder  Partei  nahmen.  Der
kleine  Lehrbub,  ein  Kind,  war  in  den  Augen  der
Franzosen  nicht  nur  ein  Kind,  sondern  auch  ein
freier  Bürger  Frankreichs,  der  sich  nicht  schlagen
zu  lassen  braucht.
Auch  in  England  hat  die  Jugendbewegung
einen  anderen  Charakter.  Unsere  Pfadfinder  sind
ja  nur  die  Nachahmungen  der  englischen  Boy
Scouts.  Bei  den  englischen  Wahlen  trägt  jeder
Junge  ein  Band,  ein  Parteiband,  sie  spielen  bei  der
Wahlpropaganda  eine  wichtige  Rolle,  ziehen  mit
Töpfen  und  Deckeln  und  Schildern  durch  die
Strassen  uud  nehmen  an  den  Kämpfen  schon  als
Knirpse  Anteil,  singen  ihre  kleinen  Wahlliedes
und  helfen  kräftig  mit,  je  nachdem  Vater  ein  gelber
oder  blaues  Band  trägt.  So  fühlt  sich  der  kleine
englische  Junge  schon  als  ein  wichtiger  Faktor  im
        <pb n="16" />
        15

nationalen  Leben  und  interessiert  sich  für  alle
Unternehmen,  die  sein  grosses  und  stolzes  England ­
  noch  mächtiger  machen  können.
Die  ganze  Frage  der  Jugendbewegung  kommt
aber  letzten  Endes  auf  ein  ganz  anderes  Problem
hinaus,  auf  eine  einzige  klare  Entscheidung,  die
gar  keinen  Kompromis  duldet.  Wir  haben  uns
zu  fragen,  ob  wir  dem  sozialen  Elend  dadurch
beikommen  wollen,  dass  wir  dem  Arbeiter  die
Kinderbeschränkung  propagieren,  und  es  dadurch
erreichen,  dass  der  Arbeiter  mit  seinem  Einkommen ­
  zwei  Kinder  anständig  erziehen  und  gut
ernähren  kann,  oder  ob  wir  die  nationale  Pflicht
propagieren,  unser  Vaterland  stark  zu  machen
und  stark  zu  erhalten  durch  eine  möglichst  grosse
Zahl  kräftiger  Arme  und  gesunder  Körper.
Wählen  wir  das  letzte  Ziel,  dann  müssen  wir  es
als  unsere  heiligste  Pflicht  anerkennen,  für  alle
Kinder  so  zu  sorgen,  dass  kein  Kind  unseres
Landes  Hunger  zu  leiden  oder  zu  frieren  braucht,
dass  es  von  der  Unterernährung  verschont  bleibt
und  sich  kräftig  und  gesund  entwickeln  kann.
Eine  Geldfrage  ist  das  nicht,  denn  wir  haben  so
fürchterlich  viel  Geld  für  soviele  andere  Dinge,
die  so  unendlich  unwichtig  sind  gegenüber  der
Wichtigkeit  dieser  grossen  nationalen  Frage  der
Kinderfürsorge.  Kinder,  die  hungrig  und  krank
sind  und  nicht  wissen,  in  welcher  Ecke  der  überfüllten ­
  Stube  sie  schlafen  sollen,  singen  nicht  die
Wacht  am  Rhein.  Nur  gesunde  und  kräftige
Kinder  haben  Freude  und  Lust  an  männlichen
Spielen  und  begeistern  sich  für  nationale  Aufgaben, ­
  weil  sie  sich  stark  genug  fühlen,  auch  mal
drein  zu  schlagen,  wenn  der  Ruf  ergeht,  dass  des
Hauses  Pforten  bedroht  sind.

Nur  die  Fremdheit  der  führenden  Männer,  die
genau  gezogenen  Standesgrenzen,  zeitigen  die  Erscheinung, ­
  dass  Männer  von  gutem  Willen,  ihr
Pferd  von  hinten  aufzäumen  wollen.  Schade
um  die  Arbeit  und  das  Geld,  das  hier  verpulvert
wird.  Wer  sich  nüchtern  umschaut,  der  sieht,
wie  so  viele  Herren  der  gesellschaftlichen  Berechtigungen ­
  mit  Binden  vor  den  Augen  herumlaufen.
So  leuchtet  ihnen  nicht  ein,  dass  die  exklusive
Stellung  des  Offizierskorps,  das  Auftreten  namentlich ­
  der  aktiven  jüngeren  Offiziere,  der  zur  Schau
getragene  Stolz,  die  Angst  vor  jeglicher  Berührung ­
  mit  dem  Arbeiterrock,  unmöglich  geeignet
sein  können,  bei  der  grossen  Masse  des  Volkes
Sympathie  auszulösen.  Wer  in  Frankreich  gelebt ­
  hat,  und  wer  die  englische  Territorial  Army
kennt,  der  weiss,  warum  man  in  diesen  Ländern
auch  in  den  untersten  Klassen  das  Heer  als  ein
nationales  Institut  liebt,  ungeachtet  dessen,  dass
durch  politische  Momente  manches  nicht  so  ist,
wie  es  sein  sollte.
Wir  sehen,  wie  der  deutsche  Kronprinz  sich
bemüht,  auch  dem  einfachsten  Mann  sich  zu
nähern  und  den  Kindern  der  Arbeiter,  wie  er  in
der  Küche  des  einfachen  Bauernhauses  sich  im
Manöver  sein  Essen  machen  lässt,  statt  in  einem
feudalen  Schloss  Quartier  zu  nehmen,  und  sollten
daher  die  Frage  aufwerfen,  ob  die  anderen  Herren
sich  in  dieser  Kunst  nicht  auch  versuchen  wollen.
Eine  nationale  Jugendbewegung  auf  der  Grundlage ­
  der  Millionen  Arbeiterkinder  erfordert  zuerst
die  nationale  Pflicht  der  Kinderfürsorge  und  radikalen ­
  Beseitigung  der  Schranken,  die  heute
unser  Heer  von  dem  Herzen  des  Volkes  trennen.

Vorstadtkinder
Von  Hugo  Salus  *)
Nachdruck  verboten

Dort  wo  der  Lärm  der  Vorstadt  verbraust,
ln  der  Vorstadt  draussen,  fast  auf  dem  Lande,
Schon  wich  das  Pflaster  dem  Landstrassensande,
Und  die  Häuser,  darin  das  Arbeitsvolk  haust,
Stehn  schon  in  Wiesen  mit  wirklichem  Gras,
Nicht  mehr  Parkgras,  nein  ehrlichem  Gras,
Dort  in  den  letzten  Vorstadtgassen,
Wo  schon  der  Trubel  der  Weltstadt  verbraust,
Dort  gibt  es  Kinder  in  endlosen  Massen,
Kinder,  Kinder,  wohin  du  schaust,
Barfuss,  zerlumpt,  ohne  Hut  auf  dem  Schädel,
Strohgelb  und  braun,  ein  Hin  und  Her,
Mädel  und  Buben,  Buben  und  Mädel,
So  viel  Kinder  gibt’s  nirgendwo  mehr.

Dort,  wo  die  Weltstadt  Land  geworden,
Wachsen  sie  wild  aus  der  Erde  empor,
Aus  allen  Türen  stürmen  die  Horden
Schreiender,  tollender  Kinder  hervor.
Sind  ihre  Eltern  auch  arm  an  Oelde,
Kinder  haben  sie  mehr  als  Geld!
Kinder  gibt’s  hier  wie  Halme  im  Felde,
Und  den  Kindern  gehört  einst  die  Welt!
Ob  sie  dereinst  in  die  Stadt  mit  den  Türmen
Einzieh’n  oder  hinaus  ins  Land,
Sie  werden  einmal  die  Zukunft  stürmen,
Und  die  Welt  liegt  in  ihrer  Hand.
Nicht  mehr  ein  einzelner  setzt  sie  in  Flammen:
Alle  zusammen,  alle  zusammen!

’)  Mit  gütiger  Erlaubnis  des  Dichters  und  der  Redaktion  des  Berliner  Tageblatts.
        <pb n="17" />
        16

Der  Schutz  der  Arbeitswilligen

D urch  den  Beschluss  des  Industrierates  des
Hansabundes  zugunsten  verschärfter  Bestimmungen ­
  für  den  Schutz  von  Arbeitswilligen ­
  ist  eine  starke  Beunruhigung  in  den
Kreisen  der  Arbeiter  und  Angestellten  eingetreten.
Es  istrichtig,  dassdiese  verschärften  Bestimmungen
nicht  von  den  Arbeitswilligen  selbst,  sondern  von
den  Unternehmern  verlangt  werden,  die  heute
bereits  durch  die  Arbeitsnachweise  und  schwarzen
Listen  eine  ganz  ausserordentliche  Macht  auf  dem
Arbeitsmarkt  auszuüben  in  der  Lage  sind.
Es  muss  aber  zugegeben  werden,  dass  die
Behandlung  der  Angelegenheit  von  Seiten  der  betroffenen ­
  Arbeiter  und  Angestellten  nicht  objektiv
erfolgt,  und  zwar  deshalb  nicht,  weil  man  sich  nicht
in  die  Lage  der  Gegenpartei  zu  versetzen  bemüht.
Der  eigentliche  Name  dieser  Forderung  lautet  ja
zweifellos  ganz  anders  und  zwar;  Das  Recht
auf  freie  Wahl  der  Mitarbeiter.  Es  steht
ausser  Frage,  dass  es  für  einen  Unternehmer  von
ganz  ausserordentlicher  Bedeutung  ist,  dass  ihm
das  Recht  verbleibt,  Angestellte  und  Arbeiter,  die
ihm  aus  diesem  oder  jenem  Grunde  unbequem
sind,  entlassen  zu  dürfen,  und  es  ist  ganz  zweifellos ­
  zutreffend,  dass  diejenigen,  die  heute  dieses
Recht  nicht  anerkennen,  es  fordern  würden  mit
dem  Augenblick,  in  dem  sie  wirtschaftlich  selbständig ­
  wären,  und  es  sich  ereignen  sollte,  dass
ein  Angestellter,  der  sich  ihnen  gegenüber  in
irgendeiner  Weise  unbequem  gemacht  hat,  weiter
beschäftigt  werden  müsste,  weil  sonst  die  Werkstatt ­
  seitens  der  Organisation  gesperrt  würde.
Andererseits  ist  es  zutreffend,  dass  in  keiner  Werkstatt ­
  oder  keinem  Unternehmen  ein  Angestellter
oder  Arbeiter  es  wagen  könnte,  irgendetwas  im
Interesse  der  Angestellten  oder  Arbeiter  notwendiges ­
  vorzutragen  oder  zu  verlangen,  wenn
er  als  Folge  dieser  Aeusserung  seine  Entlassung
jeweilig  zu  befürchten  hätte,  weil  er  durch  diese
Forderung  sich  bei  seinem  Arbeitgeber  unbeliebt
gemacht  hat.
Die  Verhältnisse  sind  im  industriellen  Orossbetrieb
  und  in  den  Mittel-  und  Kleinbetrieben  erheblich ­
  verschieden.  Der  kleinere,  wirtschaftlich
selbständige  Unternehmer,  der  meistens  mit  sehr
scharfem  Wettbewerb  zu  rechnen  hat,  steht  sehr
oft  unter  einem  viel  schwererem  Druck  von  Sorgen
als  der  Direktor  einer  Gesellschaft.  Die  Schulden,
die  die  Aktiengesellschaft  oder  G.  m.  b.  H.  macht,
drücken  den  Direktor  persönlich  nicht,  die  Schulden ­
  des  wirtschaftlich  selbständigen  Unternehmers
bleiben  seine  persönlichen  Schulden.  Jedenfalls
ist  das  gewiss,  dass  die  meisten  Arbeiter  und  Angestellten ­
  auch  nicht  im  allerentferntesten  eine
Vorstellung  haben  von  den  Sorgen  und  Mühen,
mit  denen  der  wirtschaftlich  Selbständige  fast
ständig  zu  kämpfen  hat.  Kommt  nun  zu  diesen
Sorgen  noch  der  Zwang  hinzu,  dass  der  Unternehmer, ­

  sich  vorschreiben  lassen  muss,  dass  er
Leute,  die  ihm  hinderlich  sind,  die  ihm  Schwierigkeiten ­
  machen,  die  es  sich  herausnehmen,  oft  auch
noch  in  unpassender  Weise  mit  ihm  zu  sprechen,
obgleich  die  ganze  Existenz  des  Werkes  ihm  allein
die  Entstehung  und  Erhaltung  verdankt,  vielleicht
von  ganz  kleinen  Anfängen  heraus  durch  Tagund
  Nachtarbeit,  dann  ist  es  gewiss  verständlich,
dass  der  Unternehmer  unter  diesem  Zwang  zu
unerträglichen  Verhältnissen  kommt  und  sich  nicht
nur  als  den  Mann  erkennt,  der  alle  Verantwortung
zu  tragen  hat,  sondern  der  auch  noch  direkt  zum
Sklaven  seiner  Leute  gemacht  wird.
In  Grossbetrieben  ist  es  doch  etwas  anders.
Dort  betreten  die  Direktoren  oft  wochen-  ja
monatelang  überhaupt  nicht  die  Werkstätten  oder
Büros,  kommen  also  mit  den  Angestellten  und
Arbeitern  fast  gar  nicht  in  Berührung,  entweder
weil  sie  auf  Reisen  sind,  oder  ihnen  bei  der  umfangreichen ­
  Arbeitslast  überhaupt  die  Zeit  fehlt,
aus  dem  Arbeits-  und  dem  Konferenzzimmer  hinauszukommen. ­
  Dort  steht  der  Direktor  nicht
besser,  wie  irgendein  anderer  Angestellter,  denn
es  ereignet  sich  ja  bekanntlich  oft  genug,  dass  der
Aufsichtsrat  dem  Herrn  Direktor  einen  Aufpasser
vor  die  Nase  setzt,  meistens  schon  einen  Nachfolger, ­
  dem  die  Aufgabe  dann  zufällt,  Material  zu
sammeln,  um  dem  Herrn  Direktor  ein  Bein  stellen
zu  können  und  ihm  zum  gegebenen  Augenblick
den  Stuhl  vor  die  Türe  zu  stellen.  Dass  dem  so
ist,  daran  denken  die  allermeisten  Herren  garnicht.
  Nur  sehr  wenige  haben  die  Qualitäten,
auch  menschlich  weise  an  den  Plätzen  zu  werden
und  zu  bleiben,  die  ihnen  eine  bedeutende  Macht
über  das  Schicksal  von  Mitmenschen  in  die  Hände
geben.  Nicht  sehr  selten  erzeugt  die  Stellung
Ueberhebung,  erweckt  sie  Machtgelüste,  und  die
wahre  menschliche  Natur  offenbart  sich  in  dem
Wohlgefühl,  nun  zeigen  zu  können,  dass  man
Macht  in  den  Händen  hat.  Prüfen  wir  die  Frage,
nach  welchen  Gesichtspunkten  Direktoren  gewählt ­
  werden,  so  sind  es  fast  ausschliesslich  Fachkenntnisse, ­
  die  die  Geeignetheit  begründen,  Eigenschaften, ­
  die  eine  geschäftlich  erfolgreiche  Tätigkeit ­
  erwarten  lassen.  Die  Werte,  die  den  Kandidaten ­
  als  Menschen  kennzeichnen,  treten  in  den
Hintergrund,  ja  es  wird  meistens  auf  recht  schneidige ­
  Formen  Gewicht  gelegt,  auf  die  Fähigkeit,
sich  energisch  durchsetzen  zu  können.  Dass  diese
Fähigkeit  von  sehr  grosser  Wichtigkeit  ist,  namentlich ­
  dann,  wenn  es  sich  um  die  Durchführung
von  Reformen  handelt,  ist  gewiss  ganz  zweifellos.
Wenn  man  eingehende  Studien  über  die  Charaktereigenschaften ­
  leitender  Persönlichkeiten  überhaupt
anstellen  wollte,  so  würde  sich  gewiss  ergeben,
dass  die  Männer,  die  in  führende  Stellungen  gelangen, ­
  dieses  Ziel  nicht  allein  durch  eine  fachliche ­
  Geeignetheit  erreichen,  sondern  vorwiegend
        <pb n="18" />
        17

durch  ein  gewisses  Draufgängertum,  durch  die
Fähigkeit,  sich  Ellenbogenfreiheit  zu  schaffen,
auch  in  Fällen,  wo  solche  Handlungen  vom
menschlichen  Standpunkt  aus  gerade  nicht  immer
eine  günstige  Beurteilung  erfahren  würden.  Und
so  ist  es  unbestreitbar,  dass  viele  Fabrikleiter,  trotz
bedeutender  Fähigkeiten  in  gewissen  beruflichen
Richtungen,  durchaus  nicht  die  Fähigkeit  besitzen,
den  hohen  Ansprüchen  zu  genügen,  die  die  gehobene ­
  Stellung  erfordert,  damit  sie  nun  auch  als
Menschen,  als  Charaktere,  in  Fällen,  in  denen  es
sich  um  rein  menschliche  Dinge  handelt,  sich  gewachsen ­
  zeigen.  Es  kann  eben  ein  Direktor  ein
ganz  hervorragender  Fachmann,  und  doch  als
Mensch  ein  recht  unangenehmerVorgesetzter  sein,
rücksichtslos,  verständnislos  gegenüber  den  zahlreichen ­
  psychologischen  Problemen,  die  sich  so
häufig  im  praktischen  Leben  ergeben.  Solche
Naturen  sind  meistens  auch  für  Zuträgereien  sehr
zugänglich,  richten  Spitzelsysteme  ein  und  lassen
sich  von  solchen  Angestellten  leiten,  die  ihre
Schwächen  in  Bezug  auf  Eitelkeit  und  Ehrgeiz
genau  kennen.  Und  wo  gibt  es  solche  Leute
nicht  zahlreich  genug,  die  sich  ihre  Stellung  nur
schaffen,  dadurch,  dass  sie  sich  bei  ihrem  Direktor
lieb  Kind  mit  allen  Mitteln  zu  machen  suchen.
Es  ist  sicher,  dass  dieser  Frage  der  Charakterqualifikation ­
  leitender  Persönlichkeiten  viel  zu
wenig  Beachtung  geschenkt  wird.
Der  Direktor  einer  Gesellschaft,  der  auch  nur
ein  Angestellter  ist,  hat  nicht  nur  aus  Selbsterhaltungsgründen ­
  die  Neigung,  vorwiegend  Gegenwartsarbeit ­
  zu  leisten,  ohne  Rücksicht  auf  die  Zukunft ­
  und  seine  Nachfolger,  er  hat  auch  die  Pflicht,
sich  selbst  keine  Konkurrenten  gross  zu  ziehen,
wird  vielmehr  oft  geneigt  sein,  tüchtige  Kräfte,
abzuschieben,  nur  aus  dem  Grunde,  weil  sie  Ersatzleute ­
  für  ihn  zu  Zeiten,  in  denen  seine  eigene
Stellung  schwierig  wird,  werden  könnten.
Anders  liegen  aber  die  Verhältnisse  im  Einzelbetrieb, ­
  beim  wirtschaftlich  selbständigen  Fabrikbesitzer, ­
  der  das  grösste  Interesse  daran  hat,  geeignete ­
  Kräfte  auch  für  die  Zukunft  heranzubilden.
Ist  der  Leiter  eines  Betriebes  eine  Persönlichkeit,
ein  Mensch,  in  dessen  Gerechtigkeitssinn,  Lebenserfahrung ­
  und  Weisheit,  Verständnis  für  das
menschliche  Wesen  überhaupt,  die  Begründung
eines  weitgehenden  Vertrauens  liegt,  dann  ergeben
die  sozialen  Probleme  nur  sehr  selten  Schwierigkeiten, ­
  denn  er  wird  sich  in  Fällen,  in  denen  er
glaubt,  seine  Auffassung  durchzusetzen  müssen,
auch  durchsetzen.
Wie  steht  es  nun  mit  den  sogenannten  Arbeitswilligen ­
  in  der  Praxis.  Ein  Beispiel  zeigt  es  am
besten.  In  der  Giesserei  einer  Maschinenfabrik
kommt  es  zum  Streik.  Der  Qiessereileiter,  dem
etwa  150  Arbeiter  unterstehen,  ist  25  Jahre  alt.
Im  Interesse  des  Werkes  wird  die  Einführung  von
Akkordarbeit  notwendig,  die  Arbeiter  erklären
sich  damit  einverstanden,  verlangen  aber,  dass
erst  bestimmte  technische  Einrichtungen  und  auch

hygienische  Einrichtungen  geschaffen  werden,  ehe
sie  Akkordarbeit  übernehmen  wollen.  Zwischen
dem  jungen  Oiessereileiter  und  dem  Vertreter  der
Arbeiter,  der  bereits  20  Jahre  dort  tätig  ist,  kommt
es  zu  ernsten  Differenzen  und  der  Arbeiter  erhält
die  Kündigung,  weil  er  mit  einem  Mal  zu  wenig
leistet  und  zu  häufig  sich  von  seinem  Arbeitsplatz
entfernt.  Schon  melden  sich  verschiedene  Unternehmer, ­
  die  Streikbrecher  anbieten,  ganze
Kolonnen.  Diese  Angebote  veranlassen  die
Direktion  zum  Widerstand  gegenüber  den  Arbeitern, ­
  die  die  Wiedereinstellung  des  entlassenen
Arbeiters  verlangen.  Es  kommt  zum  Streik.
Streikposten  halten  sich  in  der  Nähe  der  Fabrik
auf,  um  ansprechende  Arbeiter  in  Kenntnis  zu
setzen,  dass  in  der  Fabrik  Streik  ausgebrochen
ist.  Des  Nachts  erscheinen  die  Streikbrecher,  die
als  Spezialisten  wohl  ausgebildet,  ihren  eigenen
Koch,  eigenes  Geschirr  und  Schlafzeug  mitbringen.
Räume  werden  hergerichtet,  die  Küche  eingerichtet
und  der  Betrieb  geht  los.  Die  Streikbrecher,  die
typischen  Gelegenheitsarbeiter,  leisten  gute  Arbeit,
für  die  sie  sehr  erhebliche  Preise  erhalten.  Da
sie  aus  der  Fabrik  nicht  hinauskommen,  haben
sie  weiter  keine  Ausgaben,  verdienen  also  ausserordentlich ­
  viel  Geld.  Die  streikenden  Arbeiter
sind  zum  grössten  Teil  ansässig,  haben  selbst  zum
Teil  kleine  Häuschen,  eine  zweite  Qiesserei  ist
nicht  am  Platze,  noch  in  der  Nähe.  Das  Endergebnis ­
  ist,  dass  die  Arbeiter  um  Frieden  bitten
und  auf  die  Einstellung  des  entlassenen  Kollegen
verzichten.  Bei  Nacht  und  Nebel,  mit  den  Bündeln
auf  dem  Rücken,  ziehen  die  Streikbrecher  wieder
zur  Bahn,  den  Beutel  voll  Geld  und  warten  nun
gemütlich  bis  der  rührige  Unternehmer,  in  dessen
Dienst  diese  Gelegenheitsarbeiter  oder  Arbeitswilligen ­
  stehen,  irgendwo  wieder  eine  Gelegenheit ­
  ermittelt,  wo  zwischen  Arbeitern  und  Unternehmer ­
  Differenzen  in  Aussicht  sind  und  sich
also  wieder  Gelegenheit  bietet,  in  8  oder  14  Tagen
ein  gutes  Geschäft  zu  machen.  Das  ist  ein  Beispiel ­
  aus  der  Praxis.  Diese  Gelegenheitsarbeiter,
die  nichts  anderes  tun,  als  Gelegenheiten  abwarten,
wo  sie  Kämpfenden  in  den  Rücken  fallen  können,
sollen  einen  stärkeren  Schutz  erfahren.
Es  bedarf  keines  Wortes,  dass  jeder  Unternehmer, ­
  wenn  er  mit  seinen  Leuten  sich  nicht
verständigen  kann,  die  Möglichkeit  haben  muss,
sich  andere  zu  suchen,  die  mit  ihm  zu  seinen  Bedingungen ­
  arbeiten  wollen.  Denn  wenn  diese
Möglichkeit  ausgeschlossen  würde,  dann  wäre
jeder  Unternehmer  vollständig  in  den  Händen
seiner  Arbeiter  und  Angestellten  und  hätte  nur
deren  Weisungen  zu  folgen,  wenn  er  Arbeit  geleistet ­
  haben  will.
Kann  er  andere  Arbeiter  nicht  erhalten,  sei  es,
weil  sie  durch  ihre  Organisationen  gewarnt  sind,
sei  es  aus  sonstigen  Gründen,  dann  wird  er  sich
mit  seinen  Arbeitern  verständigen  müssen  oder
sein  Werk  schliessen.  Zu  diesem  Schritt  werden
es  aber  die  Arbeiter  gewiss  nur  dann  kommen
        <pb n="19" />
        !8

lassen,  wenn  die  Verhältnisse  in  dem  gesperrten
Betriebe  unerträglich  sind.  Hunderltausende  Male
spielt  es  sich  jeden  Tag  ab,  dass  Käufer  und  Verkäufer ­
  sich  einigen  müssen  auf  einen  Preis,  sich
entscheiden  müssen,  ob  sie  kaufen  oder  verkaufen
wollen,  oder  ob  sie  auf  einen  Geschäftsabschluss
verzichten.  In  Rücksicht  auf  die  Werte,  die  bei
einem  Streik  auf  dem  Spiel  stehen,  muss  aber  eine
Einigung,  wenn  sie  irgend  erreichbar  ist,  erzielt
werden.  Bei  dem  obigen  Streikbeispiel  legte  sich
der  Bürgermeister  ins  Mittel,  da  dem  kleinen
Städtchen  durch  den  Lohnausfall  ein  erheblicher
Schaden  erwuchs,  und  es  gelang  ihm  auch,  die
Verständigung  herbeizuführen.  Eine  Verstärkung
des  Schutzes  von  Arbeitswilligen  erscheint  nicht
erforderlich,  da  die  bestehende  Gesetze  bereits
die  Verhängung  recht  schwerer  Strafen  ermöglichen, ­
  wenn  Gewalttätigkeiten  verkommen.

Die  Unsittlichkeit
W orin  besteht  das  Wesen  des  wahren  Staatsbürgers? ­

«Man  will  heute  das  deutlich  überall  er
kennbare  Erschlaffen  der  staatbildenden  und
staatserhaltenden  Gefühle  in  erster  Linie  durch
allerlei  direkte  Belehrungen  und  patriotische
Erweckungen  kurieren,  statt  die  sittlichen  Grundkräfte ­
  zu  bilden,  zu  üben  und  geistig  zu  klären.
Das  echte  staatsbürgerliche  Gewissen  hat  bisher ­
  seine  Kraft  aus  den  Tiefen  des  persönlichen
Gewissens  erhalten,  die  bürgerliche  Unbestechlichkeit ­
  des  Charakters.
Die  egoistische  Haltung  des  modernen  Menschen ­
  gegenüber  dem  Staat  lässt  sich  gewiss  nicht
durch  Aufstachelungderblossen  nationalen  Leidenschaften ­
  und  Rasseninstinkte  überwinden.  Wir
brauchen  eine  Pädagogik,  die  dem  Erwachsenen
die  soziale  Tragweite  all  seines  Tuns  und
Lassens  vergegenwärtigt  und  ihn  über  den
Standpunkt  des  blossen  Interessentums  hinausdrängt. ­

Früher  fragte  man,  wie  man  das  Gewissen
dessen  bilden  könne,  der  das  Schicksal  von
Millionen  zu  entscheiden  bestimmt  war,  nämlich
des  Fürsten.  Die  demokratische  Entwicklung  hät
die  Verantwortlichkeit  für  das  konkrete  politische
Geschehen  immermehr  auf  das  Haupt  jedes  einzelnen ­
  Staatsbürgers  gelegt.
Wenn  der  blosse  kurzsichtige  Erwerbssinn
bestehen  bleibt,  ohne  jeden  moralischen  und  sozialen ­
  Horizont,  dann  wird  der  junge  Mensch  nicht
an  der  Hand  der  konkreten  Aufgaben  seines  zukünftigen ­
  Berufslebens  darauf  hingelenkt,  seine
Ziele  wie  ein  Bandit  zu  verfolgen,  sondern  sich
stets  in  einem  höheren  Dienst  zu  fühlen,  als  es
der  greifbare  persönliche  Vorteil  ist
Sokrates  sprach  es  aus,  dass  die  menschliche
Gesellschaft  nur  ein  Tummelplatz  selbstsüchtiger

Dagegen  erscheint  der  Schiedsgerichtszwang
als  eine  dringende  Notwendigkeit.  Der  Unternehmer, ­
  der  mit  seinen  Arbeitern  oder  Angestellten ­
  in  Differenzen  kommt,  die  nicht  beigelegt
werden  können,  muss  von  der  Gegenpartei  zur
objektiven  Feststellung  der  Rechtslage  vorgeladen
werden  können.  Unter  keinen  Umständen  darf
man  aber  auf  ihn  dahin  einen  Zwang  ausüben,
dass  er  solche  Arbeiter  und  Angestellte,  die  sich
ihm  erkennbar  feindlich  gegenüber  stellen,  aus
seinem  Betriebe  nicht  entlassen  darf,  sondern
zur  weiteren  Beschäftigung  derselben  verpflichtet
werden  kann.
Bei  einer  Gesellschaft  kann  der  Aufsichtsrat
einen  Direktor  vor  die  Wahl  stellen,  aber  im  Betriebe ­
  selbst  muss  der  Leiter  oder  Unternehmer
die  Möglichkeit  haben,  diejenigen  zu  entlassen,
mit  denen  er  zu  arbeiten  nicht  gewillt  ist.

im  Erwerbsleben
Interessen  bliebe,  wenn  nicht  Menschen  da  sind,
in  denen  die  Treue  gegenüber  dem  sittlichen  Ideal
stark  genug  ist,  um  ihnen  die  Kraft  zu  verleihen,
lieber  Unrecht  zu  leiden,  als  Unrecht  zu  tun.
Die  wichtigsteAufgabe  allerstaatsbürgerlichen
Erziehung  liegt  in  der  planvollen  Pflegederjenigen
Charaktereigenschaften,  die  für  die  richtige
Auffassung  und  Erfüllung  aller  Pflichten  und
Verantwortlichkeiten  des  staatlichen  Zusammenlebens ­
  besonders  wichtig  sind,  und  die  zugleich
auch  den  zuverlässigsten  Schutz  bilden  gegen  die
besonderen  Gefahren,  die  der  wahrhaft  staatsbürgerlichen ­
  Gesinnung  gerade  aus  dem  modernen
Erwerbsleben  entstehen.
In  seinem  Buch  «Politik  und  menschliche
Natur"  schreibt  Graham  Wallas:
Wenn  unsere  Jungen  und  Mädchen  durch
den  Staatsbegriff  so  tief  aufgerüttelt  werden  sollen,
wie  die  Schüler  des  Sokrates  es  wurden,  dann
müssten  unsere  Lehrer  und  Schriftsteller  sich  an
ihre  Aufgabe  mit  der  leidenschaftlichen  Wahrheitsliebe ­
  und  mit  dem  Forschermut  der  Dialektik
des  griechischen  Weisens  heranmachen."
Die  Sätze,  die  ich  hier  angeführt  habe,  habe
ich  mir  aus  dem  Vorwort  eines  vortrefflichen
Buches  von  Professor  Förster-Wien  über  die
»Staatsbürgerliche  Erziehung"*)  herausgezogen,
weil  sie  mir  so  wertvolle  Wahrheiten  zu  sein
scheinen.
Wie  ist  nun  der  Staat  beschaffen,  der  sich
heute  bemüht,  oder  behauptet  sich  zu  bemühen,
seine  Bürger  sittlich  stark  zu  machen.  Es  ist  für
mich  ganz  ausser  Zweifel,  dass  die  Ursache,  für
das  Entstehen  der  Unsittlichkeit  in  unserem  gesellschaftlichen ­
  Leben  in  der  Hauptsache  in  dem
Erwerbskampf  zu  suchen  ist.

•)  Verlag  von  B.  Q.  Teubner,  Leipzig  1914.
        <pb n="20" />
        Einige  Beispiele  zeigen  es  uns:
Der  Arzt,  der  aus  Idealismus  seinen  Beruf
gewählt  hat  und  ausfüllt,  wird  zur  Unsittlichkeit
gezwungen,  wenn  der  Gelderwerb  für  ihn  in  den
Vordergrund  tritt.  Er  wird  dann  danach  trachten,
den  Patienten  solange  als  möglich  in  seiner  Behandlung ­
  zu  behalten,  um  für  jede  Konsultation
eine  Entschädigung  zu  erlangen.
Der  Rechtsanwalt,  der  Helfer  in  der  Ermittelung ­
  der  Wahrheit,  wird  zur  Unsittlickeit  gezwungen, ­
  wenn  er  den  Gelderwerb  in  den  Vordergrund ­
  schieben  muss.  Er  sucht  die  Prozesse  solange ­
  hinaussuziehen  als  möglich,  um  sich  Einnahmen ­
  zu  verschaffen.
Der  Lehrer  wird  zur  Unsiltlichkeit  gezwungen, ­
  wenn  der  Gelderwerb  für  ihn  zur
dringenden  Notwendigkeit  wird.  Er  wird  seinen
Unterricht  nicht  mehr  mit  ganzem  Idealismus  erfüllen ­
  können,  wenn  der  Gelderwerb  ihn  zwingt,
noch  extra  Nachhilfestunden  geben  zu  müssen.
Er  wird  sich  im  Unterricht  schonen  und  schonen
müssen,  um  sich  genügend  Kraft  zu  erhalten,  um
die  Extrastunden  überhaupt  geben  zu  können.
Der  Bekenner  der  Bodenreform,  der
Mann,  der  das  grösste  Unglück  in  der  Spekulation
in  Grund  und  Boden  erblickt,  wird  gezwungen,
selbst  Terraingeschäfte  und  Spekulationsgeschäfte
zu  machen,  wennderGelderwerbfürihn  dringende
Notwendigkeit  wird,  und  sich  ihm  eine  Gelegenheit ­
  bietet,  ein  solches,  ihm  prinzipiell  verhasstes
Geschäft  zu  machen.
Der  Fabrikant,  dessen  ganzes  sittliches
Empfinden,  dessen  Stolz  ihn  drängt  Qualitätsarbeit ­
  zu  produzieren,  wird,  wenn  der  Gelderwerb
ihn  drängt,  um  sich  einen  grösseren  Umsatz  zu
schaffen,  billigere  und  schlechtere  Ware  hersteilen.
Der  Künstler  wird  zur  Unsittlichkeit  gezwungen, ­
  wenn  er  durch  die  Not  gezwungen
wird,  Bilder  zu  malen,  die  seiner  eignen  sittlichen
Auffassung  nicht  entsprechen,  die  er  malen  muss,
weil  ein  Besteller  sie  von  ihm  so  verlangt  und  er
den  Besteller  befriedigen  muss,  um  seinen  Lebensunterhalt ­
  verdienen  zu  können.
Der  Agent  muss  unsittlich  handeln,  wenn
er  Geschäfte  machen  muss.  Er  muss  etwas  verkaufen, ­
  von  dem  er  überzeugt  ist,  dass  es  nicht
befriedigt,  dass  es  vielleicht  sogar  gefährlich  ist,
weil  er,  wenn  er  seine  Bedenken  äussern  würde,
das  Geschäft  und  damit  den  Verdienst,  den  er
braucht,  verlieren  würde.
Das  Warenhaus  muss  die  Riesenreklame
machen,  muss  die  unglaublichsten  Tricks  ersinnen,
weil  es  ohne  diese  Mittel,  die  zum  grossen  Teil
als  unsittlich  zu  bezeichnen  sind,  einfach  nicht
existieren  und  den  Ladengeschäften  die  natürlichen
Abnehmer  sonst  nicht  abwendig  machen  könnte.
DerAngestellle  wird  zu  einem  unsittlichen
Menschen,  wenn  er  aus  dem  Zwange  sein  Einkommen ­
  erhöhen  zu  müssen,  alle  Mittel  versucht,
um  seinen  Vorgesetzten  oder  Vordermann  aus

dem  Wege  zu  räumen,  um  selbst  in  die  besser
bezahlte  Stellung  einrücken  zu  können.
Die  Zahl  der  Beispiele  lässt  sich  erheblich
erweitern.
Wir  können  hinblicken,  wohin  wir  wollen,
überall  dort,  wo  der  Zwang  besteht,  Geld  zu
schaffen,  kommt  in  das  Leben  das  Moment  der
Unsittlichkeit.
Wollen  wir  die  Unsittlichkeit  ausschalten,
dann  müssen  wir  wahrscheinlich  überhaupt  den
Erwerbskampf  beseitigen.  Es  ist  jedoch  nicht
meine  Aufgabe  über  den  Sozialismus  zu  sprechen,
ihn  zu  befürworten  oder  ihn  anzugreifen.  Es  ist
für  mich  wertvoller  zu  fragen,  wie  verhält  sich
nun  die  Regierung  zu  den  sittlichen  Forderungen.
Die  Regierung  ist  m.  E.  nicht  in  allem  Hüterin  der
Sittlichkeit,  sie  fördert  teilweise  die  Unsittlichkeit.
Einige  Beispiele.  Ein  Fabrikant  vertreibt
seine  Erzeugnisse  auf  dem  Wege  des  Hausierhandels. ­
  Er  macht  dem  wirtschaftlich  selbständigen
Mittelstand  die  schwerste  Konkurrenz,  vernichtet
zum  Teil  Existenzen,  er  verführt  die  Abnehmer
zu  Ausgaben,  die  gar  nicht  im  Verhältnis  zu  den
Einnahmen  stehen,  weil  er  sie  durch  seine  Hausierer ­
  ohne  Zeugen  beschwatzen  lässt,  zahlt  ausserdem ­
  seinen  Arbeitern  Hungerlöhne.  Er  kommt
zu  grossem  Vermögen  und  wird  dafür  Geheimer
Kommerzienrat  und  Inhaber  vieler  Orden,  er  gelangt ­
  in  die  führende  Gesellschaft  und  beginnt
über  die  Anmassungen  des  Proletariats,  über  den
übertriebenen  Luxus,  über  das  Leben  der  Menschen
über  ihre  Verhältnisse  hinaus,  ganz  gewaltig  zu
schimpfen,  er  wird  ein  Apostel  der  Sittlichkeit  und
Moral.  Ein  anderes  Beispiel  die  Grossbanken.
Diese  haben  mit  wohlbedachter  Klugheit  ein
dichtes  Netz  von  Depositenkassen  geschaffen,  weil
sie  wissen,  dass  die  kleinen  Geschäftsleute  und
Sparer  ihr  Geld  schnell  anlegen  und  abholen,
täglich  verzinst  und  sicher  angelegt  haben  wollen.
Die  Befriedigung  dieses  Bedürfnisses  ist  aber  für
die  Qrossbanken  nicht  etwa  eine  sittliche  Forderung, ­
  sondern  sie  spekulieren  damit,  dass  die  zufliessenden
  Gelder  des  Mittelstandes  in  den  Warenhäusern ­
  etc.  eine  höhere  Verzinsung  bringen.
Mit  diesem  Gelde  gründen  sie  Terraingesellschaften, ­
  die  den  Grund  und  Boden,  den  der
Nachwuchs  mit  tötlicherSicherheit  einmal  braucht,
aufkaufen,  um  auf  diesem  Wege  den  kleinen,
dummen,  wirtschaftlich  jeglicher  Einsicht  baren
Bürgern  das  Geld  abzunehmen,  und  sie  mit  ihrem
eigenen  Geld  abzumorden.  Und  was  tut  nun  der
Staat?  Ist  er  blind  gegen  dieses  Geschehen,  ist
es  für  ihn  nicht  auffindbar?  Gewiss  es  muss  ihm
bekannt  sein,  es  ist  für  ihn  jederzeit  erreichbar.
Die  Regierung  weiss  sehr  genau,  dass  die
Eitelkeit  und  der  Ehrgeiz  Schwächen  sind,  die
gut  ausgenutzt  werden  können,  mit  denen  sich
Geschäfte  machen  lassen.  Die  Regierung  hat  das
Recht,  die  Bürger  mit  Titeln  und  Orden  auszuzeichnen, ­
  sie  weiss,  dass  bei  einem  Minister  das
Zucken  mit  der  Wimper  genügt,  Millionen
        <pb n="21" />
        20

zu  beschaffen,  denn  es  warten  so  viele  reiche
Leute  darauf,  der  Regierung  Gefälligkeiten  erweisen ­
  zu  können,  um  dafür  mit  einem  Titel  oder
Orden  ausgezeichnet  zu  werden.
Das  sind  aber  nicht  die  Männer,  die  ihren
wahren  Bürgerstolz  haben,  die  genau  wissen,  dass
ihnen  die  Achtung  ihrer  Mitbürger  durch  ehrliches ­
  Handeln  absolut  gesichert  ist,  sondern  häufiger ­
  jene  Existenzen,  die  ihr  Vermögen  auf  nicht
immer  kontrollierbare  Weise  gewonnen  haben
und  sich  nun  gern  offiziell  abstempeln  lassen
wollen,  was  sie  mit  einem  Paket  von  Tausendmarkscheinen ­
  erledigen,  das  sie  für  irgend  einen
genehmen  Zweck  aus  der  Tasche  holen.
Fragt  die  Regierung  danach,  wie  ein  Mann,
der  eine  Auszeichnung  zu  erhalten  sich  bemüht,
sein  Geld  erworben  hat?  Dass  der  Kandidat  unbestraft ­
  sein  und  in  der  breiten  Oeffentlichkeit
sich  nicht  kompromittiert  haben  muss,  das  ist
selbstverständlich,  weil  sonst  die  Gefahr  des
Skandals  zu  gross  wäre.  Aber  wir  brauchen  uns
nur  die  Fälle  anzusehen,  wo  Männer,  die  Titel
und  Orden  erhalten  haben,  später  in  bösen
Prozessen,  vor  der  Oeffentlichkeit  gedemütigt
werden  mussten,  und  ihr  wahres  Wesen  zum  Vorschein ­
  kam.
Jedenfalls  sollte  man  es  als  eine  selbstverständliche ­
  Voraussetzung  annehmen  können,  dass
der  Staat  jeden,  den  er  auszeichnet,  auf  seine  sittliche ­
  Unbescholtenheit  erst  auf  Herz  und  Nieren
prüfen  müsste,  denn  der  Staat  ist  doch  der  oberste
Hüter  der  Sittlichkeit,  der  die  staatsbürgerliche
Erziehung  zu  veranlassen  und  zu  überwachen  hat.
Das  ist  aber  nur  erreichbar,  wenn  die  Auszeichnungen ­
  in  einem  öffentlichen  Verfahren  erfolgen, ­
  wenn  die  Kandidaten  öffentlich  bekannt
gegeben  werden  und  die  Möglichkeit  besteht  Einwendungen ­
  mit  Begründungen  erheben  zu  können.
Ob  die  Zahl  der  Kandidaten  mit  sauberen  Händen
dann  auch  noch  so  erheblieh  sein  würde?
Der  Staat  fragt  nicht,  lieber  Kandidat,  wie
viele  Existenzen  hast  du  auf  dem  Wege  zur  Erlangung ­
  Deines  Vermögens  vernichtet,  wie  viele
Leichen  liegen  auf  dem  Wege,  den  Du  gegangen
bist.  Er  erfährt  es  garnicht!  Er  stellt  nicht
die  eigentlich  selbstverständliche  Forderung,  dass
der  Kandidat  den  Nachweis  führen  müsste,  dass
er  sein  Geld,  das  er  abgeben  will,  auf  sittlich
absolut  einwandfreie  Weise  erworben  hat.  Es
fehlt  eben  die  öffentliche  Anerkennung  dieser
höchsten  sittlichen  Forderung,  und  dieses
Fehlen  ist  die  Ursache,  dass  es  möglich  gegeworden
  ist,  dass  Männer  ganz  in  einseitiger
Richtung  des  unbegrenzten  Gelderwerbes  ohne
Rücksicht  aut  die  Opfer,  die  dabei  fallen,  sich
überhaupt  betätigen  können.

Der  Staat  bekämpft  gesetzlich  das  Bestechungswesen ­
  !  Und  wie  steht  es  mit  der  militärischen
Spionage?  Opfert  er  nicht  hierfür  bedeutende
Summen?  Und  wie  steht  es  im  Handel?  Dem
Angestellten  wird  jeder  Vertrauensmissbrauch
zum  schwersten  Vorwurf  gemacht.  Und  wie  verschaffen ­
  sich  die  Firmen  Angebote  ihrer  Konkurrenz, ­
  um  deren  Preise  zu  erfahren!
Weiter  betrachten  wir  das  Konsulatswesen,
soweit  es  sich  hier  um  Wahlkonsuln  handelt.  Ist
es  sittlich  oder  unsittlich,  wenn  ein  angesehener
Bürger  mit  Beziehungen  und  Verbindungen  nach
allen  Richtungen  hin,  den  die  Regierung  mit
Titeln  und  Orden  auszeichnet,  den  seine  Mitbürger ­
  in  Führerstellen  wählen,  sich  in  den
Spionagedienst  fremder  Mächte  stellen  als  deren
Konsuln,  um  diesen  fremden  Konkurrenten  Mittel
und  Wege  zu  zeigen,  auf  denen  es  möglich  ist,
ihrem  eigenen  Vaterlande  den  Wettbewerb  zu  erschweren ­
  ?
Und  wie  steht  es  nun  mit  den  politischen
Parteien.  Auch  hier  ist  es  die  Geldfrage,  die  die
Parteien  unsittlich  macht.  Nur  mit  dem  Oelde
des  Kapitals  sind  die  grossen  Parteien  in  der  Lage,
die  Mittel  für  die  Wahlkämpfe  aufzubringen.
Und  wehe  dem  Abgeordneten,  der  den  Mut  finden
wollte,  gegen  diese  Kapitalsquellen,  die  in  ihrem
eigensten  Interesse  diese  Opfer  bringen,  etwas
unbequemes  vorzubringen.  Die  Quellen  würden
sofort  versiegen,  weil  die  Mittel  nicht  aus  sittlichen,
sondern  aus  unsittlichen  Motiven  hergegeben
werden.
Wo  wir  also  auch  hinsehen,  überall  finden
wir  nicht  sittliche,  sondern  unsittliche  Kräfte
wirksam.
Das  Volk  ist  wie  Wasser,  sagte  Napoleon  I.,
das  die  Gestalt  jedes  Oefässes  annimmt,  in  das
man  es  hineintut;  tut  man  es  aber  überhaupt  in
kein  Qefäss,  so  fliesst  es  ziel-  und  zwecklos  auseinander. ­
  Will  ein  Volk  bestehen,  so  muss  es
sich  zum  Staatsgebilde  formen  und  dieser  Staat,
seine  Regierung  hat  die  erste  Pflicht  auf  sittlichem
Boden  zu  stehen.  Wenn  die  Regierungsform
nicht  auf  sittlichem  Boden  aufgebaut  ist,  dann
kann  sich  auch  unmöglich  das  Volk  sittlich  entwickeln. ­
  Daher  ist  es  die  höchste  Pflicht,  Sorge
zu  tragen,  dass  das  Haupt  eines  Volkes,  seines  Regierung, ­
  alles  aus  ihren  Mitteln  ausscheidet,  was
den  Geboten  der  Sittlichkeit  zuwider  ist,  d.  h.
dass  sie  vor  allem  die  von  sich  abschüttelt,  die
ihr  unsittlich  dienen  wollen.  Eine  Aenderung
wird  sich  aber  erst  dann  anbahnen,  wenn  die
Regierung  nur  solche  Männer  auszeichnet,  die
nach  dem  Urteil  der  Mitbürger  sich  auf  einer
sittlichen  Grundlage  emporgearbeitet  oder  erhalten ­
  haben.
        <pb n="22" />
        Zeitgemässe  Werkorganisation

D ie  Gemeinschaft  schaffender  Menschen  in
dem  Rahmen  einer  dem  Zweck  entsprechenden ­
  Verteilung  der  Hand-  und
geistigen  Arbeit  nennen  wir  heute  allgemein
Fabrik.
Der  Mangel  des  rechten  Zusammenwirkens
aller  vorhandenen  Kräfte  im  Interesse  des
Zweckes  und  Zieles  wird  heute  fast  überall
beklagt;  die  Ursachen  dieser  Erscheinung  sind
genügend  bekannt.  Sie  liegen  in  dem  Mangel
an  Mitverantwortlichkeit,  die  fast  immer
fehlt,  und  zwar  deshalb  fehlt,  weil  die  Führer
und  die  Geführten  ihre  Aufgaben  und  Pflichten
nicht  erkennen,  oder  dort,  wo  es  der  Fall  ist,  behindert ­
  werden,  sie  zu  erfüllen.  Man  betrachte
nur  die  Arbeitsordnungen  und  ihren  Geist,
wie  sie  in  den  meisten  Unternehmen  bestehen
und  man  wird  erkennen,  dass  ein  Gemeinschaftsgefühl ­
  in  solchen  Organisationen  garnicht
  entstehen  kann.
Es  handelt  sich  um  2  Forderungen,  um  die
Aufgabe,  in  jedem  Arbeiter  und  Angestellten  das
Gefühl  zu  erzeugen  und  wach  zu  halten,  dass  sie
unentbehrliche  Glieder  einer  Kette  sind,  dass  die
Gemeinschaft  auf  ihre  Pflichterfüllung  angewiesen ­
  ist  und  mit  ihr  rechnet,  selbst  wenn  es
sich  um  einen  Hofarbeiter  handelt,  der  beim
Packen  Dienste  leistet.
Und  die  zweite  Aufgabe  besteht  darin,  dass
die  Führer,  die  Leiter,  des  Vertrauens,  das
ihnen  entgegengebracht  werden  muss,  würdig
sind,  nicht  allein  in  Bezug  auf  das  fachmännische
Können,  sondern  vor  allem  in  Bezug  auf  die  notwendigen ­
  Charaktereigenschaften.  Wenn
diese  beiden  Forderungen  erfüllt  werden,  dann
sind  auch  ein  erfolgreiches  Arbeiten  und  der
soziale  Friede  gesichert.
Vor  allem  ist  es  notwendig,  dass  der  Leiter  es
für  unerlässlich  ansieht,  jedem  Mitarbeiter,  sei  er
Arbeiter  oder  Angestellter,  wissen  zu  lassen,
was  ihm  mitangeht,  alle  Vorfälle  und  Ereignisse, ­
  soweit  nicht  die  Geheimhaltung  gewahrt
bleiben  muss,  bekannt  gibt,  damit  jedermann  an
ihnen  Anteil  nehmen  kann.  Ohne  diese  Bekanntmachungen ­
  ist  eine  offene  Anteilnahme  unmöglich, ­
  und  an  ihre  Stelle  tritt  der  geheime
Klatsch,  sowie  das  Hetzen  und  Verleumden.
Wann  sieht  denn  der  Arbeiter  beim  System  der
Arbeitsteilung  wirklich  einmal  die  fertige  Arbeit,
an  der  er  Anteil  gehabt  hat?  Wann  hört  er,  ob
diese  Arbeit  gelobt  worden  ist  und  Anerkennung
gefunden  hat?
Zu  diesem  Zweck  ist  vor  allem  einmal  die
Fabrikzeitung  erforderlich.
Die  zweite  Forderung  ist  das  Zusammenarbeiten ­
  derjenigen,  die  zur  gegenseitigen  Ergänzung ­
  als  Gruppen  in  den  Betrieb  eingeordnet
sind,  als  Abteilungen  und  Unterabteilungen.  In

diesen  Gruppen  und  Abteilungen  besteht  heute
sehr  oft  ein  wüstes  Qegeneinanderarbeiten  statt
des  Miteinanderarbeitens,  ein  Denunzieren  und
Verleumden,  das  ungemein  hemmend  wirkt.
Hier  ist  es  dringend  notwenig,  das  Prinzip  der
Mitverantworlichkeit  zur  Durchführung  zu
bringen,  d.  h.  der  Abteilungvorstand  soll  ein
Mann  des  Vertrauens  seiner  Abteilungsmitarbeiter
sein.  Entweder  wählt  die  Abteilung  selbst  ihren
Vorstand  oder  aber,  wenn  keine  für  die  Leitung
geeignete  Persönlichkeit  da  ist,  so  wählt  die  Geschäftsleitung ­
  einen  neuen  Mann  mit  Zustimmung
der  Abteilung.
Das  klingt  gewiss  für  manchen  Direktor  ungeheuerlich, ­
  dass  sich  die  Abteilungen  selbst
regieren,  alle  Angestellten  mitverantwortlich  sein
sollen  und  die  Geschäftsleitung  über  den  Parteien
stehen  soll.  Besteht  aber  eine  solche  Organisation, ­
  dann  ist  der  Abteilungsvorsteher  die  Abteilung ­
  selbst,  dann  trifft  jedes  Verschulden,  jeder
Fehler  die  ganze  Abteilung,  und  jeder  Mann  der
Abteilung  wird  helfen  und  den  Vorsteher  unterstützen, ­
  damit  die  Arbeit  zu  einem  Erfolge  führt.
Heute  ist  der  Vorsteher  nur  der  Vertrauensmann
des  Direktors  und  somit  der  Gegner  der  Leute,
auf  deren  Mitarbeit  er  vollständig  angewiesen  ist.
An  Stelle  des  freiwilligen,  interessierten  Mitarbeitens
  tritt  die  Disziplin,  der  Zwang,  die
Speichelleckerei,  das  Buhlen  um  die  Gunst  des
Herrn  Vorstehers.  Allerdings  ergibt  sich  aus
dieser  Organisation  die  Folgerung,  dass  nicht
der  Vorsteher  allein,  sondern  die  ganze  Abteilung
an  einer  Tantieme,  an  dem  Erfolge  gemeinsamer
Arbeit  Anteil  haben  muss.  Und  welche  Ersparnisse ­
  an  Material  lassen  sich  erzielen,  wenn  jedermann ­
  an  dem  Erfolge  der  Abteilung  in  dieser
Weise  interessiert  ist.  Vor  allem  soll  die  Geschäftsleitung ­
  Wert  darauf  legen,  dass  die  Glieder
des  Werkes  sich  auch  als  Menschen  und
Charaktere  näherkommen  und  schätzen
lernen.  Hierzu  dienen  die  Aussprachen,  die  in
England  mit  einem  Essen  verbunden  werden.  Es
sollten  vierteljährlich  oder  halbjährlich  freie  Aussprachen ­
  der  Direktion  und  Abteilungsleiter,
Meister  und  Beamten  in  Sonderstellungen  stattfinden, ­
  und  die  Ergebnisse  in  der  Fabrikzeitung
bekanntgegeben  werden.
Solange  in  grösseren  Betrieben  der  Arbeiter
und  Angestellte  zu  einer  Nummer  herabgedrückt
wird,  die  nichts  als  ihre  ihr  vorgeschriebene
Arbeitsleistung  ohne  Meinungsäusserung  herzugeben ­
  hat,  ist  es  für  jedermann,  der  aus  eigner
Erfahrung  das  Wesen  der  Fabrikarbeit  kennt,
ausser  Zweifel,  dass  der  Grad  der  Anteilnahme
an  der  Arbeit  und  dem  Unternehmen  weiter
sinken  wird  und  sinken  muss.
Es  handelt  sich  hier  weder  um  eine  Lohnnoch
  um  eine  Gehaltsfrage,  sondern  um  nichts
        <pb n="23" />
        22

anderes  als  ein  Verstehen  der  menschlichen
Wesensart,  und  um  eine  Befriedigung  natürlicher
Wünsche,  um  ein  Auswirken  der  wertvollen
Kräfte,  das  heute  unterbunden  wird.
Fragen  wir  nun,  warum  man  solchen  Grundsätzen ­
  so  wenig  zugängig  ist,  so  erfahren  wir,
dass  es  Furcht  ist,  die  Angestellten  und  Arbeiter
könnten,  wenn  sie  miteinander  arbeiten  und  einig
sind,  zu  mächtig  und  anspruchsvoll  werden.
Und  um  dies  zu  verhindern,  verfolgt  man  lieber
das  Prinzip,  divide  et  impera,  und  besetzt
möglichst  jeden  Posten  gleich  mit  zwei  Leuten,
sodass  immer  ein  zweiter  Mann  als  Ersatz  da  ist,
und  beide  als  Konkurrenten,  die  sich  gegenseitig
im  Wege,stehen,  unter  keinen  Umständen  gemeinsame ­
  Sache  machen  können.  Und  um
diesen  scheinbaren  Vorteil  wird  ein  sehr  grosser,
vielleicht  der  beste  Teil  der  Produktionskraft
der  Angestellten  und  Arbeiter,  die  Möglichkeit
bedeutender  Ersparnisse,  geopfert.
Man  übersieht  dabei,  dass  diejenigen,  die  die
wirtschaftliche  Selbständigkeit  entbehren  müssen,
ihre  Existenz  mit  der  des  Unternehmens,  deren
Angestellte  oder  Arbeiter  sie  sind,  so  eng  als
möglich  zu  verknüpfen  gezwungen  sind,  die

Erhaltung  und  das  Vorwärtskommen  des  Werkes
das  höchste  Interesse  jedes  Mitgliedes  der  Kette  ist.
Und  wie  ausserordentlich  oft  müssen  die  Angestellten ­
  und  Arbeiter  ansehen,  wie  der  Ast,  auf
dem  sie  sitzen,  durch  eine  unfähige  Geschäftsführung ­
  abgesägt  wird,  ohne  dass  sie  retten
dürfen,  weil  jede  Meinungsäusserung  unterbunden ­
  und  bestraft  wird,  weil  jeder,  der  dem
unfähigen  Leiter  nicht  zu  Willen  ist,  schnellstens
entfernt  wird.  Hierfür  ist  der  ausserordentlich
starke  Direktorenwechsel  in  der  Industrie  der
beste  Beweis.
Wer  in  der  Praxis  steht,  weiss,  wie  tausendfach
es  vorkommt,  dass  der  Geschäftsführer  die  wirkliche ­
  Ursache  dieses  oder  jenes  bedeutungsvollen
Mangels  garnicht  findet,  während  die  Angestellten,
die  eben  nichts  sagen  dürfen,  weil  es  nicht  zu
ihren  Aufgaben  gehören  soll,  manches  Mal  sehr
genau  erkennen  und  wissen,  wo  der  Hebel  für
erfolgreiche  Reformen  anzusetzen  wäre.
Wie  anders  würde  sich  das  alles  gestalten,  wenn
unsere  Fabrikorganisationen  auf  der  Grundlage
sich  aufbauen  würden,  dass  jeder  einzelne  Arbeiter
und  Angestellte  zu  einem  mitverantwortlichen ­
  Glied  des  Ganzen  gemacht  würde.

Die  konfessionelle  Zerrissenheit
im  Mittelstand

N eben  der  charakteristischen  politischen  Zerrissenheit, ­
  die  wir  beklagen,  besteht  noch  ein
anderes  wichtiges  Phänomen,  der  politische ­
  Antisemitismus.  Abgesehen  von  der  Bedeutung ­
  dieser  Erscheinung  als  rassenpolitisches
Phänomen,  zeigt  es  doch  wirtschaftspolitisch  recht
beachtenswerte  Tatsachen.
Der  Antisemitismus  ist  wirtschaftspolitisch  antikapitalistisch,
  nur  mit  der  Einschränkung,  dass  er
sich  einseitig  gegen  das  in  Händen  von  Juden  befindliche ­
  Kapital  wendet,  während  sich  der  Sozialismus ­
  generell  gegen  das  Kapital  überhaupt  als
den  feindlichen  Faktor  richtet.
Den  Juden  eigentümlich  ist  ein  überaus
spekulativer,  fortschrittlicher  Handelsgeist,  der
sich  gern  finanziellen  Operationen  zuwendet. ­
  Diese  Erscheinung  ist  historisch  begründet ­
  durch  die  Jahrhunderte  lange  Beschränkung ­
  desjudentums  in  seinen  Erwerbsmöglichkeiten ­
  auf  den  Handelsstand.  Die  Folge  ist
eine  nicht  unerhebliche  Kapitalkonzentration  in
jüdischen  Händen,  und  die  Auslösung  des  menschlisch ­
  durchaus  begreiflichen  und  und  natürlichen
Neidgefühls,  das  entstehen  muss,  wenn  man
sich  einem  finanziell  stärkeren  Gegner  gegenüber

sieht,  dem  Geld  eine  grössere  Macht  und  Aktionsfreiheit ­
  gibt.
Der  Antisemitismus  ist  vorwiegend  bodenständig ­
  in  agrarischen  Kreisen  und  im  städtischen
Mittelstand,  in  Offizierskreisen,  im  Adel
und  in  den  Kreisen  der  Industrie,  wo  jüdische
Intelligenz  als  wirtschaftlicher  Konkurrenzfaktor
auftritt.
Wenn  in  dem  organisierten  Proletariat  eine
öffentliche  antisemitische  Strömung  praktisch
wenig  oder  garnicht  in  die  Erscheinung  tritt,  so
ist  das  wahrscheinlich  darauf  zurückzuführen,  dass
das  Proletariat  in  der  jüdischen  Intelligenz  einen
Helfer  gefunden  hat,  der  sich  in  ihren  Dienst
stellt,  und  an  der  Erreichung  des  Zieles  mitarbeitet, ­
  dem  das  Proletariat  zustrebt.
Auf  dem  Lande  ist  der  Jude  vorwiegend  der
Käufer,  der  Abnehmer  von  Vieh  und  Korn,  von
Altmaterial,  der  Geldleiher,  der  Hypothekengeber
usw.  Es  liegt  nun  im  Wesen  des  Handels,  dass
der,  der  kauft,  immer  den  Preis  zu  drücken,  den
Zwang,  verkaufen  zu  müssen,  auszunutzen  sucht,
weil  darin  sein  Vorteil  nur  liegen  kann.  Der
Käufer  gibt  nie  mehr,  als  er  unbedingt  muss.
Und  wenn  der  Handel  abgeschlossen  ist,  so  löst
        <pb n="24" />
        23

er  meistens  bei  dem,  der  verkauft,  oder  verkaufen
musste,  trotz  der  Befriedigung  an  sich,  einen
Käufer  überhaupt  gefunden  zu  haben,  doch  ein
Gefühl  des  mehr  oder  weniger  starken  Unbehagens ­
  aus,  denn  der  Verkäufer  glaubt  sich  meistens
übervorteilt.  Es  liegt  in  der  Stellung  des  Käufers,
dass  seine  Tätigkeit  bei  Ausübung  eines  erfolgreichen ­
  Preisdruckes  naturgemäss  keine  Sympathien ­
  auslösen  kann.  Immerhin  handelt  es  sich
hier  um  kaufmännisch  einfache  Transaktionen,
Geschäfte,  die  durch  Handschlag  oft  erledigt
werden  usw.
Im  Mittelstand  und  in  den  Geschäften  höherer
Oidnung  in  Industrie  und  Handel,  im  Bankwesen
ist  das  Geschäft  ein  Intelligenz-  und  Geldkampf.
Hier  handelt  es  sich  sehr  oft  um  ein  verwickeltes
Spiel  mit  allen  raffinierten  Kniffen.
Der  Antisemitismus  ist  wohl  kaum,  wie  von
jüdischer  Seite  vielfach  angenommen  wird,  eine
Mache,  ein  Kunstprodukt,  er  ist  vielmehr  doch
eine  sehr  ernste  wirtschaftspolitische  Erscheinung, ­
  und  es  entsteht  die  Frage,  ob  das
Judentum  selbst  nicht  doch  in  der  Lage  ist,  sie
zu  beseitigen  oder  auszugleichen?
Auf  wirtschaftspolitischem  Gebiet  bildet  die  sogenannte ­
  Mittelstandspolitik  das  traurigste  Kapitel. ­
  Es  handelt  sich  um  den  Kampf  der  durch
grosse  Geldmittel  bewegungsfreien  Intelligenz
gegen  die  durch  Mangel  an  Geld  gebundene
Intelligenz  des  Mittelstandes,  um  den  Kampf  des
konzentrierten  Kapitals,  das  alle  Hilfsmittel,  die
irgend  erreichbar  sind,  in  seinen  Dienst  stellen
kann.
Der  jüdische  Unternehmungsgeist,  der  rastlose
Fleiss,  das  Eingehen  grösserer  Risiken,  die  Vorliebe ­
  für  rein  finanzielle  Operationen,  treiben
aber  über  den  Mittelstand  hinaus.  Zahlreiche ­
  Millionen  wirtschaftlich  selbständiger  Existenzen ­
  glauben  sich  daher  tatsächlich  durch  jüdischen ­
  Unternehmungsgeist,  durch  die  an  Umfang ­
  und  Kraft  täglich  wachsenden  Konzentrations-
  und  Aufsaugungsaktionen,  in  ihrer  Existenz
bedroht.
Während  wir  nun  in  der  proletarischen  Bewegung ­
  die  Erscheinung  haben,  dass  jüdische  Intelligenz ­
  sich  in  den  Dienst  der  Bewegung  gestellt
hat,  sind  im  Kampf  des  selbständigen  Mittelstandes
um  seine  Existenz,  die  jüdischen  Streiter  unzureichend ­
  vertreten.  Die  jüdische  Intelligenz  steht
vorwiegend  auf  der  gegnerischen  Seite,  die  Verteidigung ­
  der  Mittelstandsinteressen  liegt  fast
allein  in  den  Händen  von  Männern,  die  das  Judentum ­
  als  einflussreichsten  und  grössten  Gegner
aus  wirtschaftspolitischen  Gründen  bekämpfen.
Wir  stehen  hier  anscheinend  vor  der  Erscheinung ­
  einer  falschen  Richtung,  in  der  jüdische  Intelligenz ­
  sich  betätigt.  Es  erscheint  nun  sehr
wahrscheinlich,  dass,  wenn  heute  jüdische  Intelligenz ­
  sich  in  grösserem  Umfange  in  den  Dienst
der  Mittelstandsinteressen  stellen  würde,  um
Organisationen  schaffen  zu  helfen,  die  den  Mittelstand ­

  unter  den  veränderten  Verhältnissen  gegenüber ­
  der  überlegenen  Kapitalsmacht  wettbewerbsfähig ­
  zu  machen,  sich  wohl  ein  erheblich
anderes  Bild  ergeben  würde.  Der  Mittelstand,
die  wichtigste  Tragsäule  jedes  Staatsgebildes,
ist  auch  heute  unbedingt  lebensfähig  und  den
neuzeitlichen  Forderungen  anpassbar;  er  wird
aber  mit  Gewalt  durch  die  Uebermacht  des
Kapitals  totgeschlagen.  Die  jüdische  Ueberlegenheit
  liegt  in  der  Vereinigung  von  Geld  und  Intelligenz. ­
  Man  braucht  nur  an  die  Grossbanken  zu
denken,  die  durch  ihr  geschicktes  und  erhebliche
praktische  Vorteile  bietendes  Depositenkassen-System,
  dem  Mittelstand  das  Geld  abnehmen  und
es  in  Warenhäusern,  Terraingesellschaften  und
Grossbetrieben  verschiedenster  Art  anlegen,  um
auf  diese  Weise  dem  Mittelstand  die  gefährlichste
Konkurrenz  zu  machen,  weil  Mittelstandsbanken
etc.  fehlen.
Politisch  betätigt  sich  dasjudentum  vorwiegend
im  Liberalismus.  Das  ist  aber  vielleicht  ein
Grund,  warum  der  politische  Liberalismus  nicht
dazu  kommt,  intensive  Mittelstandspolitik  zu
treiben,  weil  viele  jüdische  Liberale  grosskapitalistisch ­
  doch  stark  gebunden  sind.  Der
Antisemitismus  ist  also  eine  wirtschaftliche  Erscheinung. ­
  Kulturell  ist  es  gewiss  sehr  bedauerlich, ­
  dass  wertvolle,  produktive  Glieder  eines
Staatswesens,  die  kulturell  bedeutende  Dienste
leisten,  in  eine  Ausnahmestellung  gelangt  sind,
von  einem  sehr  erheblichen  Teil  der  Bevölkerung
als  fremde  Elemente,  denen  man  sich  feindlich
gegenüberstellen  zu  müssen  glaubt,  empfunden
werden.
Man  kann  diese  schwerwiegende  Frage  anfassen, ­
  wo  man  will,  eine  Prüfung  scheint  immer
zu  ergeben,  dass  es  sich  hier  um  eine  wirtschaftliche ­
  Erscheinung,  vorwiegend  um  die
Erhaltung  des  wirtschaftlich  selbständigen  Mittelstandes, ­
  handelt.  Nun  macht  aber  der  jüdische
Kaufmannsstand  doch  selbst  einen  nicht  unbeträchtlichen ­
  Teil  des  selbständigen  Mittelstandes
aus,  fürchtet  sich  aber  trotzdem,  eine  energische
Stellung  gegen  das  Grosskapital  einzunehmen,
wo  es  mittelstandszerstörend  wirkt.  Und  so  ergibt
sich  hier  der  kritische  Punkt  für  das  Problem.
Die  Mittelstandsbewegung  ist  heute  bedauerlicherweise ­
  z.  T.  eine  antisemitische  Bewegung,  sie
musste  es  notgedrungen  werden.  Der  Kampf
um  die  Erhaltung  der  wirtschaftlichen  Selbstständigkeit ­
  hat  keinen  festen  Boden  im  politischen
Liberalismus,  vielleicht  zufolge  des  erheblichen
jüdischen  Einflusses.
Das  Mittelstandsproblem  darf  aber  weder  ein
antisemitisches,  noch  ein  jüdisches  Problem,  sondern ­
  muss  ein  rein  wirtschaftliches  sein,  zu  dessen
Lösung  die  jüdischen  Glieder  des  Mittelstandes  in
völliger  Unabhängigkeit  ihre  Intelligenz  und
ihre  wertvolle  Arbeit  stellen  müssen,  weil  sie
unentbehrlich  sind.  Es  reichen  sich  einmal  der
christliche  und  jüdische  Kaufmann  ehrlich  und
        <pb n="25" />
        24

fest  die  Hand  zum  gemeinsamen  Kampf  um
ihre  selbständige  Existenz  gegen  Machtausbeutung ­
  des  Ueberkapitalismus.
Wenn  heute  aber  der  christliche  Mittelstand
deutlich  erkennt,  dass  die  kapitalistische  Konzentrationsbewegung ­
  gar  nicht  eine  Auswirkung
jüdischer  Intelligenz  ist,  sondern  die  überwiegende
Mehrheit  jüdischer  Kaufleute  sich  treu  in  Reih
und  Glied  stellt,  um  für  die  Erhaltung  der  wirtschaftlichen ­
  Selbständigkeit  mit  ganzer  Kraft
zu  kämpfen,  dann  wird  sich  der  Boden
des  Antisemitismus  naturgemüss  von  selbst
auflösen.
Die  entschiedene  Kampfstellung  des  jüdischen
Mittelstandes,  die  Entwicklung  der  notwendigen
Energie  fehlt.  Wenn  das  Judentum  den  Antisemitismus ­
  ehrlich  beklagt,  in  ihm  eine  ungerechtfertigte ­
  Erscheinung  erblickt,  dann  hat  es

doch  unbedingt  die  Pflicht,  die  Ursachen  zu
suchen,  und  sich  in  den  Dienst  einer  kraftvollen,
mit  Intelligenz  geleiteten  Bewegung  zu  stellen
neben,  und  mit  dem  christlichen  Kaufmann  und
Handwerker  die  Pflicht,  gegen  die  Ueberspannung
des  Kapitalismus  den  Kampf  aufzunehmen.  Man
fürchtet  sich  aber  fast  vor  einer  grundsätzlichen
Prüfung  des  Problems.  Solange  der  nackte  Gelderwerb ­
  im  Vordergrund  steht,  fliegen  Ehrlichkeit
und  sittliche  Treue  über  Bord,  und  ist  für  einen
Idealismus,  der  die  Wahrheit  und  wirkliches
Menschentum,  Ehrlichkeit  und  Nächstenliebe
sucht,  kein  Raum  da.  Eine  Untersuchung  des
Mittelstandsproblems,  die  sich  scheut,  auf  die
Erscheinung  der  konfessionellen  Zerrissenheit,
auf  das  Problem  des  Antisemitismus  einzugehen,
ist  jedenfalls  schon  wegen  dieser  Unterlassung
anfechtbar.

Das  Mittelstandsproblem

A uf  wirtschaftspolitischem  Gebiet  bildet  die  sogenannte ­
  «Mittelstandspolitik"  das  traurigste
Kapitel.  Die  Ursachen  liegen  in  der  mangelnden ­
  Gründlichkeit,  die  Lebensfaktoren  des
Mittelstandes  zu  erkennen,  wie  sie  innerhalb  der
grosskapitalistischen  und  staatssozialistischen  Entwickelung ­
  der  Gegenwart  bestehen,  auch  in  dem
Mangel  an  gutem  Willen,  ln  der  Mittelstandspolitik ­
  spielen  heute  noch  die  gleichen  Fragen
die  ausschlaggebende  Rolle,  die  man  herausgegriffen ­
  hat,  seitdem  die  Mittelstandsfrage  überhaupt ­
  ein  wirtschaftspolitisches  Problem  geworden ­
  ist.  Alle  diese  Fragen  und  Aufgaben,
Submissionen,  Borgunwesen,  Buchführung,
Handwerkskammer  usw.  treffen  aber  im  wesentlichen ­
  nur  Teilaufgaben  und  lassen  die  Quellen
unberührt,  aus  denen  die  den  Mittelstand  zerstörenden ­
  Kräfte  fliessen.
Das  Miltelstandsproblem  wird  von  zwei  Haupttragsäulen ­
  getragen,  einer  ehtischen  und  einer
finanziellen.  Alle  anderen  Fragen  und  Auf-’
gaben,  die  man  bis  jetzt  behandelt,  sind  nur
Untermauerungen  dieser  Hauptstützen  des
Problems.  Die  ethische  Säule  zeigt  den  psychologischen ­
  Druck,  der  zum  Qelderwerbswahnsinn
  führt  und  ausläuft  in  den  geltenden
Prinzipien  der  Auszeichnungen  der  Träger  des
Kapitalismus  und  Ueberkapitalismus  durch
Titel  und  Orden.  Die  finanzielle  Säule  ist  das
Problem  der  Kapitalskonzentration  in  den  Banken,
vor  allem  das  Depositensystem  und  die  Entziehung ­
  der  Geldmittel  des  Mittelstandes  für
Mittelstandszwecke  und  ihre  Zuführung  zur

Speisung  der  Qrossbetriebe,  d.  h.  von  Konkurrenten ­
  und  Vernichtern  des  wirtschaftlich
selbständigen  Mittelstandes.
Beide  Probleme,  beide  Säulen  finden  sich  in
den  Programmen  der  Mittelstandpolitik  nicht.
Der  Standpunkt  der  kapitalistischen  Kreise  ist
heute  vorwiegend  folgender:  Der  Mittelstand  ist
dem  Untergang  unabwendbar  geweiht.  Er  ist
nicht  mehr  zeitgemäss.  Technische  und  wirtschaftliche ­
  Gründe  bedingen  den  Grossbetrieb.
Auf  der  anderen  Seite  haben  die  dem  Staatssozialismus ­
  zustrebenden  Kräfte,  das  organisierte
Proletariat,  an  der  Mittelstandserhaltung  gar  kein
Interesse.  Sie  haben  das  grösste  Interesse  an  der
grosskapitalistischen  Entwicklung,  an  der
ständigen  und  beschleunigt  fortschreitenden
Aufsaugung,  an  der  ungesunden  Ueberspannung ­
  des  kapitalistischen  Prinzips,  da  dieser
rapid  die  Grossbetriebe  vermehrt  und  die  vorhandenen ­
  Qrossbetriebe  in  Riesenbetriebe  überführt. ­
  Diese  sind  aber  unerlässlich,  um  den
sozialistischen  Schritt  zu  tun,  die  Riesenbetriebe
in  Staatsbetriebe  überführen  zu  können  durch
einen  einfachen  Verwaltungsakt.
Die  ethische  Säule  umfasst  das  Problem  der
Persönlichkeit,  das  Problem  der  Auswirkung ­
  der  wertvollsten  persönlichen  Eigenschaften ­
  und  Kräfte  in  der  wirtschaftlichen
Selbständigkeit.
An  Stelle  des  wirtschaftlich  selbständigen
Mittelstandes  ist  bereits  teilweise  ein  neuer
Mittelstand  der  Privatangestellten  getreten  in
Bezug  auf  die  Einkommenverhältnisse.  An
        <pb n="26" />
        (

—  25  -

Stelle  selbstverantwortlicher,  bodenständiger,
selbstbewusster  Burger,  die  sich  nach  eigener
Veranlagung  frei  entwickeln  und  auswirken,  sind
abhängige,  furchterfüllte  Beamte  getreten,  die
ihre  wirtschaftliche  Selbständigkeit  eingetauscht
haben  gegen  eine  Entlastung  von  finanziellen
Sorgen,  derart,  dass  ihnen  Ende  jeden  Monats
oder  bis  zum  Ende  einer  Vertragszeit  ein  Einkommen ­
  in  bestimmter  Höhe  garantiert  wird,
ohne  jedoch,  dass  ihnen  andererseits  die  Möglichkeit ­
  gegeben  ist,  durch  ihre  Arbeit  eine
Garantie  auf  Existenz,  wie  beim  Staats-  oder
Gemeindebeamten  erwerben  zu  können.  Der
unselbständige  Mittelstand  steht  beständig  vor
dem  Gespenst  der  Kündigung  und  Kündbarkeit, ­
  die  ohne  Angabe  von  Grund  und  Ursache
stets  erfolgen  kann,  sei  es  zufolge  vorgeschrittenen
Alters,  sei  es  aus  politischen,  technischen  oder
wirtschaftlichen  Motiven  usw.  Der  Qrossbetrieb
ist  in  einer  Zeit,  in  der  es  notwendig  geworden
ist,  Erzeugnisse  zu  liefern,  die  eine  Konzentration
von  zahlreichen  Kräften  und  Kapital  erfordern,
teilweise  zweifellos  eine  Notwendigkeit.  Man
kann  grosse  Schiffe,  grosse  Maschinen,  Verkehrsunternehmungen ­
  usw.  im  Kleinbetrieb  nicht  herstellen
  oder  betreiben.  Aus  dieser  tatsächlich
notwendigen,  technisch  begründeten  Existenz  des
Grossbetriebes  hat  sich  aber  sehr  bald  eine
ausserordentliche  Ueberspannung  durch  die
eingetretene  Ueberproduktion  und  Konzentration ­
  von  Anlage  suchendem  Kapital  ergeben.
Das  Kapital  saugt  Fabrikationszweige  auf,  die
weder  aus  technischen  noch  wirtschaftlichen
Gründen  im  Grossbetrieb  oder  Riesenbetrieb
betrieben  werden  müssen,  sondern  nur  deshalb, ­
  weil  im  Grossbetriebe  die  Möglichkeit  einer
höherer  Rente  und  der  Monopolisierung
gegeben  ist,  und  aus  dieser  sich  enorme
Gewinne  erzielen  lassen.
Hinzu  kommt  die  psychologische  und  materialistische ­
  Erscheinung  des  Gelderwerbswahnsinnes. ­
  Wir  leben  in  der  Zeit  des  Rekordwüten ­
  s,  und  dieses  Rekordwüten,  diese  pathologische ­
  Erscheinung,  hat  es  dahin  gebracht,
dass  zahlreiche  führende  Köpfe  ihre  Lebensaufgabe ­
  nur  noch  darin  erblicken,  wie  sie  die
Zahl  der  Arbeiter  ihrer  Betriebe  vermehren,
wie  sie  aus  grossen  Gebilden  immer  noch
grössere  schaffen  können.  Und  das  Volk  ist  infiziert, ­
  man  freut  sich  tatsächlich,  dass  ein  Warenhaus ­
  statt  10  000  Menschen  jetzt  15  000  bereits
beschäftigt,  wenn  die  Zahl  der  Fabrikbetriebe,
die  30  000  Menschen  beschäftigen,  wieder  um
zwei  oder  drei  gestiegen  ist  usw.  Dieses  Rekordwüten ­
  ist  eine  Erscheinung  unserer  Zeit,  ebenso
auf  dem  Gebiet  des  Sportes,  nie  sonst  irgendwo. ­
  Der  Staat  unterstützt  diese  einseitige  Entwicklung ­
  in  jeder  Weise,  indem  er  Männer,  die
diese  wirtschaftlich  krankhafte  Vergrösserungssucht
  auszeichnet,  dafür  noch  mit  Orden  und
Titeln  ehrt,  statt  sie  zu  zwingen,  ihre  überragende ­

  Intelligenz  nach  anderen  Richtungen
zu  konzentrieren,  und  zwar  nach  dem  Ziel,  ihre
organisatorischen  Kräfte  dienstbar  zu  machen,
um  den  existenzfähigen  Mittelstandsbetrieb
durch  Ausbau  von  Organisationen  weltmarktfähig ­
  zu  machen.  Wir  stehen  hier  vor  der  Erscheinung, ­
  dass  ungesunde,  unnatürliche  Zustände ­
  durch  das  Verfolgen  einseitiger  Richtungen ­
  sich  ergeben,  ohne  dass  der  Staat  eine
Richtungsänderung  in  der  Betätigung  erzwingt. ­
  Im  Gegenteil  arbeitet  der  Staat  heute
vorwiegend  mit  den  Leuten  zusammen,  die  durch
ihre  Riesengeldmittel  ihm  gefällig  sein  können.
Er  hat  ja  am  Mittelstand  kein  Interesse,  denn  dort
können  einzelne  Personen  die  Mittel  nicht  hergeben, ­
  die  für  diese  oder  jene  Sonderzwecke  benötigt ­
  werden.  Das  können  aber  die  grosskapitalistischen ­
  Kreise.
Wir  stehen  vor  der  Erscheinung,  dass  der
Staat,  der  mittelstandsfreundlich  sein  will,  mit
ansieht,  wie  die  Grossbanken  das  Land  mit
Bequemlichkeiten  bietenden  Depositenkassen
überziehen,  um  mit  dem  Gelde  des  Mittelstandes, ­
  das  sie  an  sich  ziehen,  Grossbetriebe
zu  finanzieren,  seien  es  die  grossen  Warenhäuser,
seien  es  Grundstückspekulationsgesellschaften,
Fusionen  usw.  Das  hat  zur  Folge,  dass  man
den  Mittelstand  mit  seinem  eigenen  Gelde
totmacht.
Der  Mittelstand  ist  nicht  dem  Untergang  geweiht, ­
  er  ist  lebensfähig,  aber  er  wird  mit  Gewalt ­
  totgeschlagen  durch  die  Riesenmacht  des
Kapitals,  deren  er  allein  sich  unmöglich  erwehren ­
  kann,  und  durch  die  Unterstützung,  die
es  bei  der  Regierung  dazu  noch  findet.  Wir
befinden  uns  durch  die  Fortschritte  der  Technik
allerdings  in  einer  Uebergangszeit,  in  einer
wirtschaftlichen  und  sozialen  Revolution,  es
ringen  so  enorm  viele  Kräfte  um  ihre  Existenz
und  ihren  Platz  an  der  Sonne,  dass  es  schwer  ist,
den  Kristallisationsprozess  zu  erkennen.  Es  ist
aber  wahrscheinlich,  dass  wir  zu  einer  gemischten
Form  des  Produktionsverfahrens  kommen
können  und  vielleicht  kommen  werden,  zum
Staats-,  Gross-  und  Mittelbetrieb,  allerdings  nur
dann,  wenn  der  jetzigen  Vergewaltigung
durch  das  Qrosskapital  Einhalt  getan  wird.  Oder
will  man  behaupten,  dass  der  jetzige  Ausscheidungsprozess ­
  natürlich,  gesund  und  berechtigt
ist,  dass  derjenige,  der  sich  auf  mehr  oder
weniger  einwandfreie  Weise  ein  Riesenvermögen ­
  schafft  und  dieses  und  die  Macht,  die
es  gibt,  nun  dazu  benutzt,  mit  diesem  Machtmittel, ­
  ohne  Bestehen  wirtschaftlicher
oder  technischer  Notwendigkeiten,  selbstständige ­
  Betriebe  aufzusaugen  oder  zu  vernichten,
indem  er  an  die  Grossbetriebe  immer  neue  Betriebe, ­
  die  auch  selbständig  weiter  lebensfähig
sind,  angliedert,  dann  haben  allerdings  diese
Leute  recht.  Ein  Napoleon  hat  sich  auch  das
Recht  angemasst,  ganz  Europa  zu  unterjochen,
        <pb n="27" />
        26

weil  er  glaubte,  die  Macht  seiner  Soldaten  gäbe
ihm  ein  Recht  dazu.  Die  Regierung  fürchtet
die  Macht  des  organisierten  Proletariats  und
opfert  den  Mittelstand.  Zur  Bekämpfung
des  Proletariats  stehen  ihr  gesetzlich  finanzielle
Mittel  nicht  zur  Verfügung.  Sie  darf  sie  auch
nicht  fordern.  Deshalb  ist  oder  glaubte  sie  sich
gezwungen,  sich  auf  die  finanzielle  Hilfe  des
bereitwilligen  Grosskapitals  stützen  zu  können,
damit  dieses  Mittel  für  Propaganda  zur  Verfügung
stellt.  Hierdurch  ist  die  Freiheit  der  Regierung
geopfert,  sie  muss  so,  wie  das  Grosskapital  es
will.  Will  die  Regierung  aber  den  lebensfähigen
Mittelstand  wirklich  erhalten,  dann  muss  sie
gegen  die  Ueberspannung  des  Grosskapitals
Front  machen,  gegen  die  Grossbanken,  soweit  sie
sich  mit  der  Schaffung  von  Organisationen  befassen, ­
  die  dem  Mittelstand  den  Garaus  machen,
mit  aller  Energie  Stellung  nehmen.  Bei  dem
jetzigen  Abhängigkeitsverhältnis  kann  die
Regierung  es  aber  nicht  mehr,  ebenso  wie  viele
politische  Parteien  keine  Mittelstandspolitik  wirklich ­
  ernsthaft  treiben  können,  weil  das  Grosskapital
  die  finanzielle  Wahlhilfe  einfach  entziehen
würde.  Verlangen  wir  vor  allem  von  unserer
Regierung  eine  feste  wirtschaftspolitische  Definition ­
  des  Wortes  „Staatserhaltend",  damit  der
Mittelstand  hier  erst  einmal  klar  sieht.  Verlangen
wir  eine  Beseitigung  der  Institutionen,  Titel  und
Orden  käuflich  oder  durch  Gefälligkeiten
erwerben  zu  können,  und  setzen  wir  an  Stelle
dieser  Auszeichnungen  die  öffentliche  Wertschätzung ­
  des  Bürgerstolzes.  Stellen  wir
die  führenden  Köpfe  unseres  Grosskapitals  in
Industrie,  Handel  und  Bankwesen  vor  die  Aufgaben, ­
  ihre  Intelligenz  statt  nach  der  Richtung  der
Aufsaugung  und  Konzentration  auf  das  Ziel  einzustellen, ­
  organisatorische  Institutionen
für  den  Mittelstand  zu  schaffen,  Forschungsinstitute, ­
  Exportvereinigungen,  Mittelstandsbanken ­
  etc.,  und  versprechen  wir  diesen  Männern
hierfür  die  höchsten  öffentlichen  Ehrungen,
bauen  wir  ihnen  hierfür  Denkmäler,  denn
Eitelkeit  und  Ehrgeiz,  das  Verlangen  nach  Ruhm,

sind  nun  einmal  Faktoren,  die  das  Schaffen  gewaltig ­
  anzuregen  vermögen.  Verlangen  wir  aber
vor  allem  Depositenkassen  auf  genossenschaftlicher ­
  oder  kommunaler  Basis  mit  der  Verpflichtung, ­
  die  Depositengelder  ausschliesslich ­
  für  den  Mittelstand  nutzbar  zu  machen,
oder  wandeln  wir  diese  oder  jene  Grossbank  in
Mittelstandsbanken  um.  Das  Mittelstandsproblem
ist  ein  Problem  der  finanziellen  Organisation  und
die  Lösung  einer  ethischen  Aufgabe.
Solange  nicht  die  sittliche  Treue,  die  ehrliche
Arbeit  ihre  Anerkennung  findet,  sondern  mit
Geld,  ohne  Rücksicht  auf  Herkunft  und  die
Leichen,  die  auf  dem  Wege  des  Erwerbes  durch
Rücksichtslosigkeit  gefallen  sind,  sich  jeder  durch
Auszeichnungen  abstempeln  lassen  kann,  die  Regierung ­
  sich  nicht  aus  der  Umklammerung  durch
das  Grosskapital  frei  macht,  solange  gibt  es  in
Wahrheit  keine  Mittelstandsarbeit.  Entweder ­
  legen  wir  mit  Wahrhaftigkeit  Hand  an
das  Mittelstandsproblem  und  retten  unsere  Freiheit, ­
  retten  uns  den  Boden  für  die  Entwicklung ­
  von  Persönlichkeiten,  oder  aber  wir
geben  es  auf  und  bekennen  uns  ehrlich  zum
Sozialismus,  zur  Einordnung  der  Menschheit
in  das  Kunstwerk  einer  nationalen  und  internationalen ­
  Riesenmaschine.  Hat  der  Mittelstand ­
  tatsächlich  nicht  die  Kraft,  den  Weg  zu
finden,  ist  der  Idealismus  für  unsere  Aufgaben
im  Erlöschen,  dann  räumen  wir  nur  ehrlich
unseren  Platz  den  jugendstarken  Kräften  des  sich
zum  Aufstieg  und  zum  Sieg  mit  beigeisterndem
Idealismus  organisierenden  Proletariats.
Der  Grossbetrieb  und  Staatsbetrieb  ist  eine
technische  und  wirtschaftiiche  Notwendigkeit
durch  unsere  Kulturentwicklung  geworden,  aber
bei  weitem  nicht  in  dem  Masse  und  in  der  Gestalt, ­
  wie  wir  die  Riesenbetriebe  als  Ergebnis  des
Erwerbswahnsinns  entstehen  sehen,  zufolge
der  ungehinderten,  einseitigen  Wirksamkeit,  die
die  zügellose  Macht  des  Geldes  und  Kapitals
heute  mit  Unterstützung  der  Regierung  ausüben
kann.
        <pb n="28" />
        27

Schlusswort

V or  uns  liegt  ein  riesiges  Schlachtfeld,  ein  unentwirrbares ­
  Chaos;  Reichtum,  Not,  Elend
und  Sorge  mischen  sich  mit  behäbiger  Selbstzufriedenheit. ­
  Von  einem  Berge  aus  betrachten  wir
den  Kampfplatz  und  suchen  nach  Neugebilden,
nicht  als  W  e  11  v  e  r  b  e  s  s  e  r  e  r,  sondern  als  Suchende,
um  zu  erkennen,  ob  wir  nicht  doch  kampfgeborenes ­
  Neuland  erblicken  können,  einen  fruchtbaren
Boden  für  den  Idealismus,  nach  dem  wir  unter
den  übertrieben  materialistischen  Verhältnissen
ein  starkes  Sehnen  empfinden,  den  Glauben  an
ein  Vorwärtskommen  des  Menschentums,  das  uns
Stärke  gibt.
Der  technische  Fortschritt  ist  es,  der  vor  allem
das  gemeinschaftliche  Leben  des  Menschen  von
Grund  aus  geändert  hat.  Die  Verstaatlichung
und  der  Staatsbetrieb  sind  in  erheblichem  Umfang
zur  Notwendigkeit  geworden.  Sie  werden  es
weiter  werden  durch  die  fast  allgemein  durchgedrungene ­
  Erkenntnis,  dass  grosse  Unternehmungen ­
  der  privaten  Hand  entzogen  werden  müssen,
wenn  das  Interesse  der  Allgemeinheit  ganz  hervorragend ­
  mit  ihnen  sich  verbindet.
Die  Allgemeinheit  ist  sich  ferner  darüber  klar
geworden,  dass  der  Grossbetrieb  an  sich  eine
technische  und  wirtschaftliche  Notwendigkeit  im
freien  Produktionsprozess  geworden  ist,  weil  bestimmte ­
  grosse  Erzeugnisse  überhaupt  nur  in
entsprechend  ausgestatteten  und  organisierten
Grossbetrieben  herstellbar  sind.
Nur  eine  Frage  schwebt  bangend  auf  vielen
Millionen  Lippen:  Was  wird  aus  dem  Mittelstand, ­
  was  wird  aus  den  wirtschaftlich  Selbstständigen? ­
  Werden  sie  zerrieben  werden
zwischen  dem  Qrosskapital  auf  der  einen  Seite
und  der  organisierten  Lohnarbeiterschaft  mit  ihren
auf  Selbsthilfe  beruhenden  Schöpfungen,  den
Konsum-  und  Produktionsgenossenschaften  etc.,
auf  der  anderen  Seite?  Diese  Frage  wird  bereits
in  starkem  Umfange  aus  dem  Empfinden  heraus
bejaht,  weil  vielfach  die  Hoffnung  aufgegeben
ist,  dass  das  festeste  Bollwerk  für  das  Entstehen
von  Persönlichkeiten,  für  die  freie  Entwicklung
selbständiger,  selbstverantwortiicher  Menschen,
die  die  Kraft  in  sich  fühlen,  sich  über  das  Mittelmass ­
  herauszuheben,  sich  auflöst.  Diese  Auffassung ­
  ergibt  sich  vorwiegend  durch  das  Fehlen
eines  grossen,  hoffnungsstarken  bürgerlichen
Idealismus,  ohne  den  grosse  Bewegungen  nicht
entstehen  und  nicht  vorwärts  kommen  können;
und  dies  um  so  mehr,  als  eine  ungeheuer  kraftvolle ­
  Begeisterung  das  Vorwärtsdringen,  des  vierten ­
  Standes  deutlich  überall  hörbar  ankündigt.
Wir  sehen,  wie  Millionen  Eltern,  die  heute  dem
wirtschaftlich  selbständigen  Mittelstand  angehören,
ihre  Kinder  einen  anderen  Weg  führen,  weil  sie
den  Glauben  an  die  Zukunft  des  selbständigen
Mittelstandes  verloren  haben.

So  stehen  wir  denn  vor  einem  der  grössten
Probleme,  und  die  Augen  von  Millionen  suchen
verzweifelt  jene  überragende  Gestalt,  die  den  Weg
zeigt,  der  den  grossen  Idealismus  entflammt,  der
notwendig  ist,  wenn  von  dem  Schlachtfeld  weder
Sieger  noch  Besiegte  heimkehren  sollen,  sondern
jene  neue  wirtschaftliche  Gruppierung  sich
zeigen  soll,  die  durch  die  veränderten  Zeitverhältnisse ­
  erforderlich  geworden  ist.  Hier  handelt
es  sich  nicht  um  eine  nationale  Erscheinung,
sondern  um  eine  internationale.  Gleichgiltig  ist
es  daher,  ob  dieser  Bismarck  auf  wirtschaftspolitischem ­
  Gebiet  in  diesem  oder  jenem  Lande  entsteht ­
  und  den  neuen  Weg  weist.
Jedenfalls  erscheint  eine  Lösung  dieses  grossen
Menschheitsproblems  nur  dann  in  Aussicht,  wenn
der  Führer  aus  dem  Kreis  entsteht,  der  die  Macht
hat,  von  oben  herab  mit  starker  Hand  auf  die
führenden  Gesellschaftskreise  einen  Druck  auszuüben, ­
  die  Ueberspannung  der  geltenden  wirtschaftlichen ­
  Prinzipien  aufzulösen,  welche  die
Ursache  bildet  für  die  Zerstörung  derjenigen
selbständigen  Wirtschaftsbetriebe,  die  auch  unter
neuzeitlichen  Verhältnissen  technisch  und  wirtschaftlich ­
  lebensberechtigt  sind.
Solange  aber  nur  diejenigen  allein  oder  vorwiegend ­
  die  Anerkennung  des  Staates  und  der
führenden  gesellschaftlichen  Kreise  finden
und  gewinnen  können,  die  es  fertig  gebracht
haben,  grosse  Vermögen  in  ihren  Händen  zu
konzentrieren,  besteht  eben  eine  Prämie  auf  die
rohe  Vernichtung  wirtschaftlich  selbständiger  Existenzen ­
  durch  und  um  das  rohe  Machtmittel
«Geld".  Es  handelt  sich  hier  also  um  ein  grosses
ethisches  Prinzip,  um  eine  grundlegende  Veränderung ­
  der  Auffassung  über  die  Wertschätzung ­
  menschlicher  Arbeitsleistung  und  die
Gebundenheit  am  Vermögen.
Und  solange  nicht  jener  entscheidende  Wandel
eintritt,  der  darin  zum  Ausdruck  kommt,  dass
nicht  jede  egoistische  Einzelleistung  Anerkennung ­
  findet,  sondern  die  Betätigung  des  Einzelnen, ­
  der  erfolgreich  bemüht  war,  Leistungen
zu  vollbringen,  ohne  die  Lebensinteressen  gesund
fundierter,  selbständiger  Existenzen  geschädigt
oder  vernichtet  zu  haben,  ist  irgend  eine  Besserung
undenkbar.  Wir  sehen  zwar,  dass  diese  oder  jene
ethische  Gesellschaft  sich  durch  Preisausschreiben
bemüht,  anzuregen,  dass  Mittel  und  Wege  gesucht
werden,  die  aus  dem  bestehenden  Chaos  herausführen ­
  können.  Aber  von  dem  hohen  Leuchtturm, ­
  den  für  ein  Volk  seine  Regierung  darstellt,
erblicken  wir  keine  Signale,  die  die  Richtung
zeigen,  noch  hören  wir  die  Zurufe,  die  durch
das  Land  erschallen:  Vernichtet  nicht  grundlos ­
  und  aus  Egoismus  selbständige  Existenzen, ­
  sammelt  keine  Riesenvermögen  auf
Kosten  eurer  Mitmenschen.  Wer  den  Turm  er ­
        <pb n="29" />
        28

steigen  will,  der  sollte  zeigen  müssen,  dass  eiserne ­
  Intelligenz  und  seine  Arbeit  in  den  Dienst
der  Allgemeinheit  gestellt  hat.  Was  könnte  den
Menschen  wohl  der  skrupellose  und  rücksichtslose ­
  Gelderwerb  nützen,  wenn  sie  dadurch  die
Anerkennung  und  Wertschätzung  ihrer  Mitmenschen ­
  verlieren  würden.  Heute  ist  das
nicht  der  Fall,  und  dass  dem  so  ist,  ist  in  erster
Linie  Schuld  des  Staates  und  der  Regierung  selbst,
die  jene  auszeichnet,  die  in  der  Lage  sind,
den  mit  Gold  gefüllten  Beutel  auf  den  Regierungstisch ­
  zur  Verfügung  der  Regierenden
stellen  zu  können.
Auf  den  ersten  Blick  erweckt  sicher  eine  solche
idealistische  Auffassung,  ein  solcher  Glauben  an
dieUeberwindung  des  menschlichen  Gelderwerbswütens
  die  grössten  Zweifel;  auch  ist  es  durchaus
verständlich  und  natürlich,  wenn  man  einer
solchen  optimistischen  Auffassung  mit  einem
Lächeln  und  mit  Ungläubigkeit  gegenübertritt.
Aber  das  Gemeinschaftsleben,  auf  das  die  Menschen ­
  doch  einmal  angewiesen  sind,  kommt  uns
hier  zu  Hilfe.  Eitelkeit  und  Ehrgeiz  laufen  darauf ­
  hinaus,  die  Anerkennung  der  Mitmenschen
und  der  Gesellschaft,  sowie  Belohnungen  seitens
der  Regierung  zu  finden.  Wenn  diese  nun
aber  versagt  würden!  Wir  wissen,  dass  es
selbst  Millionäre  gibt,  die  wegen  dieser  oder  jener
Verfehlungen  ihrem  Vaterland  den  Rücken  haben
kehren  müssen,  weil  man  ihnen  die  gesellschaftliche ­
  Anerkennung  versagte.  Gewiss, ­
  wer  Geld  hat,  und  wenn  er  ein  Wucherer
ist,  wird  immer  Gesellschaft  finden,  weil  sie  von
ihmVorteile  haben  kann.  Geldbedürftige  Freunde
gibt  es  genug,  und  umfassende  gesellschaftliche,
ethische  Organisationen  fehlen.
Die  Anklage,  die  zu  stellen  ist,  richtet  sich  also
gegen  die  Auffassung  des  Staates,  die  er  in  der
Auszeichnung  der  einzelnen  Staatsbürger  bislang
zur  Geltung  bringt.  Würden  wir  einen  Mangel
an  Intelligenzen  zu  verzeichnen  haben,  so  wäre
allerdings  wenig  Hoffnung  vorhanden,  mit  diesem
überaus  schwierigen  Problem  fertig  zu  werden.
Das  ist  ja  aber  nicht  der  Fall,  wir  haben  heute
Männer  in  den  Führern  unseres  Wirtschaftslebens,
die  gewöhnt  sind,  die  schwierigsten  Probleme
des  praktischen  Erwerbslebens  zu  bewältigen.
Nur  geschieht  das  bislang  vorwiegend  und  fast
ausschliesslich  in  persönlichen  und  egoistischen ­
  Interessen,  da  der  ethische  und
moralische  Zwang  fehlt,  sich  in  den  Dienst  der  Allgemeinheit ­
  stellen  zu  müssen,  und  die  einzelnen
Handlungen  wirtschaftlicher  Natur  unter  den
Gesichtspunkten  anzugreifen  und  zu  behandeln,
welchen  Nutzen  oder  Schaden  sie  für  die  Gesamtheit, ­
  sie  für  die  eigene  Nation  haben  können.
Und  diese  Erscheinung  des  Höhersteilens  des
eigenen  Ichs  über  die  grossen  nationalen  Interessen, ­
  deren  Bedeutung  in  dem  Grade  steigt  als
die  Persönlichkeiten  in  ihrem  Einfluss  und  ihrer
Macht  sich  von  Stufe  zu  Stufe  höher  rangieren,

bildet  ja  auf  wirtschaftlichem  und  politischem
Gebiet  eine  ständige  Klage.  Aber  was  geschieht, ­
  um  dem  abzuhelfen,  welche  Massnahmen
trifft  die  Regierung,  um  hier  Wandel  zu  schaffen?
Nicht  das  Allergeringste  ist  erkennbar,  im  Gegenteil, ­
  man  belohnt  und  fördert  diejenigen,  die  nur
ihren  eigenen  egoistischen  Zielen  zustreben.
Stelle  die  Regierung  jenen  führenden  Bankmännern, ­
  Finanz-  und  Organisationstalenten  für
Mittelstandsleistungen  Auszeichnungen  und
Denkmäler  in  Aussicht,  sie  werden  kommen!
Ein  Dernburg  hat  seinen  Posten  als  Bankleiter
aufgegeben,  um  sich  in  den  Dienst  des  nationalen
Kolonialwerkes  zu  stellen.  Es  werden  genügend
andere  kommen,  um  in  den  Dienst  des  Mittelstandes ­
  zu  treten,  wenn  sie  nationale  Ehrungen
dafür  erhalten  können.
Sicher  würden  die  sozialistischen  Konsumvereine ­
  eine  ganz  andere  Bedeutung  noch  erlangt
haben,  wenn  an  Stelle  einfacher  Arbeiter,  talentierte ­
  und  erfahrene  Grosskauf  leute  in  den  Führerstellen ­
  sich  befänden.  Warum  aber  fehlen
sie?  Weil  sie  den  gesellschaftlichen  Boykott  zu
fürchten  hätten  und  Männer,  die  diesen  Boykott
nicht  fürchten,  nicht  da  sind.  Das  zeigt  am
besten  die  ungeheure  Kraft  eines  ethischen
Zwangsmittels!
Aus  diesem  grossen  Problem  ist  eine  erhebliche ­
  Anzahl  von  Einzelaufgaben,  die  ihre
besondere  Behandlung  erwarten,  deutlich  erkennbar. ­
  Und  in  der  vorliegenden  Schrift  sind
einige  dieser  Teilprobleme  untersucht  worden,
die  sich  vor  allem  dem  Aufdrängen,  der  selbst
im  praktischen  Erwerbsleben  steht  und  mit  den
Erscheinungen  sich  abzufinden  und  zu  kämpfen
hat,  die  hier  von  Einfluss  und  von  ausschlaggebender ­
  Bedeutung  sind.  Wenn  wir  aber  das
Ganze  überschauen,  so  zeigt  sich,  dass  vor  uns
ein  Problem  liegt,  an  dem  Millionen,  ja  das
ganze  Volk,  in  allerhöchstem  Masse  interessiert
sind.  Es  handelt  sich  aber  nicht  einmal  um  eine
nationale  Frage,  es  handelt  sich  um  ein  internationales ­
  Problem,  das  für  alle  Völker,  die  sich
auf  der  Kulturstufe  des  modernen  Industriestaates
befinden,  zur  Lösung  drängt.
Und  wenn  wir  die  Tatsache  beobachten,  in  wie
hohem  Masse  das  proletarische  Problem  geeignet
war,  bei  den  Trägern  dieses  Problems  einen
gewaltigen  und  wunderbaren  Idealismus  auszulösen, ­
  der  uns  erst  zur  Erkenntnis  gebracht  hat,
was  eigentlich  das  Erwachen  des  Menschheitsbewusstseins ­
  bedeutet,  so  können  wir  andererseits ­
  feststellen,  dass  der  Boden  wohl  da  ist,
auf  dem  sich  ein  ebenso  bedeutender  Idealismus
entwickeln  kann,  wenn  es  gelänge,  das  bürgerliche ­
  Problem,  dasProblemderErhallungderwirtschaftlichen
  Selbständigkeit,  in  Angriff  zu  nehmen.
In  diesem  Buch  befindet  sich  ein  besonderes
Kapitel:  „Die  Dringlichkeit  sozialer  Aufgaben"
in  dem  gezeigt  wird,  wie  die  Not  es  ist,  die  die
treibende  Kraft  war  und  ist  für  die  proletarische
        <pb n="30" />
        29

Bewegung,  die  aufgerüttelt  und  fortgerissen
hat,  und  zu  jener  ungeheuren  internationalen
Bewegung  führte,  vor  der  wir  heute  bewundernd
stehen.
In  dem  bürgerlichen  Problem  fehlt  allerdings
in  dem  Masse  die  treibende  Kraft,  die  aus  der
Hungersnot  emporquillt.  Und  wenngleich  viele
bürgerliche  Existenzen  selbst  oft  vor  der  Hungerfrage ­
  stehen,  so  ist  für  die  bürgerlichen  Verhältnisse ­
  doch  immerhin  der  vegetierende  Zustand ­
  überwiegend.  Man  sieht  düster  und
dunkel  in  die  Zukunft,  aber  man  lebt.  Man
sieht  die  Möglichkeit,  dass  es  noch  ein  Jahr,  ein
Jahrzehnt  oder  vielleicht  länger  weitergehen
kann,  ohne  das  eine  Katastrophe  eintreten  wird.
Und  dieser  Zustand  vor  allem  scheint  es  zu  sein,
der  das  Aufkommen  einen  grossen  Idealismus
hindert,  der  eben  nur  als  Massenerscheinung  aus
bitterster  Not  geboren  wird,  weil  die  direkt  den
Körper  treffende  Not  noch  nicht  empfindlich
genug  zum  Ausdruck  gelangt  ist.  Ob  es  aber
nicht  vollständig  vorbei  sein  wird,  wenn  dieser
Zustand  einmal  eintritt,  das  ist  eine  ungeheuer
schwierige  Frage,  weil  wir  nicht  in  die  Zukunft
schauen  können  und  nicht  wissen,  welche  neuen
Wege  uns  das  Zusammenwirken  der  Millionen
wirksamer  Kräfte,  die  am  Werke  sind,  führen
werden.  Jedenfalls  aber  stehen  wir  hier  aber
doch  vor  einer  ungeheueren  Gefahr.  Sollen
wir  es  darauf  ankommen  lassen,  bis  jener  Zeitpunkt ­
  tatsächlich  herankommt,  zu  dem  eine
Aenderung  dann  nicht  mehr  möglich  ist,  bei  dem
wir  nur  noch  vor  katastrophalen  Lösungen  stehen?
Wenn  es  nicht  gelingt,  rechtzeitig  die  Kräfte  in
Bewegung  zu  setzen,  die  es  ermöglichen  können,
den  veränderten  Verhältnissen  entsprechend,
unserer  Auffassung  über  dieses  wirtschaftspolitische ­
  Problem,  unserer  Stellung  zu  den  Aufgaben, ­
  die  der  führenden  Intelligenz  zufallen, ­
  neue  Richtungen  zu  weisen,  dann  treiben
wir  wahrscheinlich  jenem  Zukunfsreich  entgegen,
in  das  uns  von  der  einen  Seite  her  die  einseitige
Ueberspannung  des  Grosskapitalismus
und  von  der  anderen  Seite  her  die  fortschreitende ­
  Organisation  der  in  dem  Dienst

dieses  Kapitalismus  befindlichen  arbeitenden
Kräfte  führen  werden.  Wir  haben  hier  gewaltige
Strömungen  vor  uns,  die  so  entstehen  mussten,
und  es  wäre  nichts  als  ein  Verkennen  der
historischen  Entwicklung,  als  ein  ungerechtfertigtes ­
  Entgegenstemmen  einseitiger  Interessentengruppen, ­
  wenn  man  die  wirtschaftliche
Erscheinung  des  Grosskapitalismus  und  des
Sozialismus  als  die  alleinigen  Ursachen  und  Uebel
betrachten  und  bekämpfen  wollte.  Sie  sind
gewordene  und  berechtigte  Zeiterscheinungen.
  Und  statt  das  Volk  einseitig
gegen  diese  Erscheinungen  zu  verhetzen,  statt
gegen  den  Sozialismus  und  gegen  das  Grosskapital
  mit  doch  unwirksamen  Mitteln  kämpfen
zu  wollen,  liegt  uns  die  viel  höhere  Pflicht  ob,
ohne  Voreingenommenheit  und  Vorurteil  das
Problem  der  wirtschaftlichen  Selbständigkeit ­
  aufzunehmen  und  anzugreifen,  um  den
Weg,  der  uns  allein  zu  bleiben  scheint,  einzuschlagen. ­

An  der  Erhaltung  der  wirtschaftlichen  Selbstständigkeit ­
  haben  nicht  nur  das  Handwerk,  die
Händler  und  Gewerbetreibenden,  der  Bauernstand ­
  und  der  Handel,  sondern  ebensostark  die
Arbeiterschaft  und  die  kaufmännischen  und
technischen  Angestellten,  als  auch  die  freien
Berufe  und  Künste  das  allergrösste  Lebensinteresse.
Wenn  der  Arbeiter  und  der  kaufmännische
und  technische  Angestellte  die  wirtschaftliche
Selbständigkeit  unerreichbar  sehen,  ihre  Einordnung ­
  als  Nummern  in  Gross-  und  Riesenbetriebe ­
  ihr  besiegeltes  Schicksal  ist,  dann  sind
ihre  wertvollsten  sittlichen  und  schaffenden  Kräfte
dem  Untergang  geweiht.
Jeder  Staat  hat  an  der  Erhaltung  möglichst
zahlreicher,  selbständiger  Existenzen  das  grösste
Interesse,  an  Männer,  die  selbst  entscheiden
und  die  Verantwortung  für  ihre  Handlungen
tragen  können,  ohne  das  jeder  Einzelne,  wie  im
Beamtenstaaf,  immer  wieder  erst  seine  übergeordnete ­
  Stelle  zu  fragen  hat  und  sich  fürchten
muss,  entscheidende  Schritte  zu  tun.  Uns  fehlt
der  Bund  der  wirtschaftlich  Selbstständigen. ­


Die  Materialisten  begreifen  nicht,  dass  ein  Dichter  seinem
Vaterlande  oft  nützlicher  sein  kann  als  ein  Nagelfabrikant.
Sie  sehen  nicht  ein,  dass  die  reichste  Handelsblüte  nicht  über
den  Mangel  an  idealen  Gütern  hinwegzutäuschen,  nicht  zur
Lösung  der  mächtigen  sozialen  Probleme  beizutragen  vermag,
mit  denen  sich  die  ganze  gebildete  Welt  heute  beschäftigen
muss.  Roosevelt.
        <pb n="31" />
        30

Der  Bürgerstolz
Ordensgemeinschaft  zur  Pflege  der  sittlichen  Kräfte  schaffender  Männer.
Eine  Anregung.
Z weck  der  Gesellschaft  ist  die  Sammlung  solcher  Staatsbürger,  denen  der  Gelderwerb ­
  nicht  Endzweck  ihrer  Arbeit  ist,  sondern  das  sittliche  Bedürfnis,  Geld  ohne
rücksichtslose  Ellbogenfreiheit  zu  erwerben,  um  dem  Gemeinwohl  zu  dienen.
Die  Gesellschaft  verlangt  von  ihren  Mitgliedern,  dass  ihnen  die  Anerkennung  ihrer
Mitbürger  für  ihre  treue  Arbeit  und  ihre  Ernennung  zu  Meistern  höher  steht  als  die
käufliche  Erwerbung  von  Ehrungen  durch  Geldopfer.
Nicht  der  Eifolg,  ein  grosses  Vermögen  erworben  zu  haben,  soll  Befriedigung  gewähren, ­
  sondern  das  Bewusstsein,  das  Geld  erworben  zu  haben,  ohne  dass  berechtigte
Beschwerden  gegen  den  Erwerber  erhoben  werden  können,  er  habe  die  Not-  oder
Zwangslage  anderer  ausgenutzt,  er  habe  Handlungen  begangen,  um  Vermögensvorteile
sich  zu  verschaffen,  die  ein  Mann  von  sittlicher  Treue,  Ehrlichkeit  und  Wahrhaftigkeit
nicht  vor  sich  selbst  und  seinem  Orden  verantworten  könnte.
Die  Mitglieder  haben  die  sittliche  Pflicht,  Konkurrenten,  die  das  Feld  vor  ihnen
räumen  müssen,  nicht  ihrem  Schicksal  zu  überlassen,  sondern  nach  ihnen  zu  sehen,  ihnen
zu  helfen,  sich  zu  bemühen,  ihnen  eine  andere,  angemessenere  Existenz  zu  schaffen,  wenn
es  notwendig  ist,  Angestellte  und  Arbeiter,  die  sie  entlassen,  vor  dem  Elend  zu  bewahren,
sich  in  ihren  Dienst  zu  stellen,  um  ihnen  zu  einem  anderen  Unterkommen  zu  verhelfen,
soweit  es  möglich  ist.
Die  Gesellschaft  arbeitet  in  voller  Oeffentlichkeit,  die  Mitgliederlisten  sind
öffentlich,  die  Aufnahmen  und  Bewerber  werden  vor  der  Aufnahme  erst  öffentlich
bekannt  gegeben.
Die  Gesellschaft  sammelt  die  Mitglieder  in  Arbeitssitzungen.  Sie  gibt  durch  Vorträge
über  staatsbürgerliche  Erziehung  Anweisungen  für  das  praktische  Leben,  die  den
Daseinskampf  in  sittlichen  Bahnen  erhalten  sollen,  sie  bemüht  sich,  die  tiefsten
Charakterkräfte  für  das  Arbeitsleben  zu  erwecken.  Die  Gesellschaft  errichtet  Beratungsstellen, ­
  die  den  Mitgliedern  mit  Rat  und  Tat  zur  Seite  stehen,  wenn  es  gilt  den  Kampf
gegen  Unehrlichkeit  und  Unlauterkeit  zu  führen  und  sie  vor  Uebervorteilung  zu  schützen
gegen  die  Macht  wirtschaftlich  Stärkerer.
Der  Orden  errichtet  Ehrengerichte  und  Schiedsgerichte,  vor  denen  die  Ordensmitglieder ­
  zu  erscheinen  haben,  wenn  Streitigkeiten  unter  ihnen  zu  schlichten  sind  oder
Mitglieder  gegen  ihre  höchste  Pflicht,  ihren  guten  Namen  unter  allen  Umständen
rein  zu  erhalten,  verstossen  haben.
Für  die  Aufnahme  sind  weder  das  religiöse  Bekenntnis,  noch  die  politische  Stellung
von  Einfluss,  wohl  aber  der  untadelige  gute  Ruf  und  Bürgen.
Aufgenommen  werden  Männer  in  selbständigen  und  verantwortlichen  Stellungen,  die
aktiv  in  den  Erwerbskampf  eingreifen,  Handwerker,  Industrielle,  Kaufleute,  Künstler,
Gelehrte,  Aerzte,  Anwälte,  Angestellte  in  leitenden  Stellungen,  Meister  und  auch  in  das
Privatleben  zurückgetretene  Personen.
Da  die  Mitglieder  Männer  ohne  Makel  sein  sollen,  so  ist  ihre  Aufnahme  an  eine
öffentliche  Ausschreibung  gebunden.  In  einer  Aufnahmekommission,  die  zu  strengster
Verschwiegenheit  verpflichtet  ist,  werden  die  Einwendungen  gegen  die  Aufnahmen  geprüft.
Ein  Staat  kann  nur  auf  einer  sittlichen  Grundlage  ruhen,  wenn  diejenigen  Bürger,
die  das  Erwerbsleben  beeinflussen,  sittlich  auf  der  Höhe  stehen  und  sich  ihrer  Verantwortung ­
  gegenüber  ihren  Mitmenschen  bewusst  sind,  und  die  Regierung  eines  Staates
nur  auf  Grund  des  sittlichen  Wertes  und  nicht  auf  Grund  blosser  Geldopfer  ohne
Rücksicht  auf  ihren  Ursprung,  die  Bürger  ehrt.
Die  sittliche  Hebung  eines  Volkes  muss  von  oben  nach  unten,  nicht  von  unten
nach  oben  erfolgen,  denn  das  Volk  braucht  Leuchttürme  und  Leuchtfeuer,  Vorbilder,
die  ihm  den  Weg  weisen.
        <pb n="32" />
        3i

Grundgedanken

Die  Gemeinschaft  ist  öffentlich,  damit  sie  in
der  Lage  ist,  statt  Dilettanten  die  besten  Kräfte
und  Lehrer  als  Vortragende  zu  gewinnen,  gleichgültig, ­
  welchen  besonderen  Richtungen  diese
Männer  sonst  angehören,  um  dadurch  eine
geistige  Inzucht  zu  verhüten.
Der  Beitritt  in  die  Gemeinschaft  soll
möglichst  frühzeitig  erfolgen,  um  entwicklungsfähige ­
  und  bildsame  Mitglieder  zu
gewinnen,  da  Männer  in  reifem  Alter  nicht  mehr
in  der  Lage  sind,  von  den  Einflüssen  ihres  Entwicklungsganges ­
  und  ihrer  bisherigen  Lebensauffassung ­
  und  Lebensweise  sich  praktisch  und  tatsächlich ­
  frei  zu  machen,  selbst  wenn  der  Wunsch
in  ihnen  hierzu  rege  geworden  ist.
Die  Gemeinschaft  arbeitet  mit  ganz  beschränkten ­
  zeremoniellen  Einrichtungen,
da  die  Zeit  für  Betätigung  in  idealer  Richtung,
die  zur  Verfügung  steht,  so  gering  gemessen
ist,  dass  die  wenigen  Stunden,  die  gewonnen
werden  können,  in  bestmöglicher  Weise
der  praktischen  und  positiven  Arbeit  dienen
müssen.
Die  finanziellen  Ansprüche  an  den  Einzelnen
sind  auf  das  äusserste  zu  beschränken,  die  Beiträge
werden  abgestuft  nach  Altersklassen,  20—30,
30  —  40  und  darüber.
An  den  Austritt  werden  keine  besonderen  Bedingungen ­
  geknüpft,  er  kann  jederzeit  freiwillig
erfolgen.  Das  öffentliche  Mitgliederverzeichnis
ermöglicht  jederzeit,  festzustellen,  ob  jemand
Ordensmitglied  ist  oder  nicht.
Heute  hat  der  Bürger  zuerst  das  Ziel,  Geld  um
jeden  Preis  zu  machen,  ohne  besonders  grosse
Aengstlichkeit  darüber,  dass  auch  alle  Handlungen
absolut  einwandfrei  sind.  Wenn  das  erworbene
Geld  reicht,  um  ohne  Arbeit  leben  zu  können,
dann,  heisst  es,  kann  man  immer  noch  wieder
gut  machen,  was  man  hier  und  da  böses  getan
oder  an  Leid  anderen  zugefügt  hat  im  Erwerbskampf ­
  und  seinen  Rücksichtslosigkeiten,  sei  es,
dass  man  Opfer  für  die  Kirche  bringt,  sei  es,  dass
man  sich  durch  Geldopfer  öffentlich  abstempeln
lässt  mittelst  eines  käuflichen  Titels  oder  einer
Dekoration.  Dieses  Geldverdienen  um  jeden
Preis  ist  aber  der  eigentlich  störende  und  zerstörende ­
  Faktor  in  dem  Erwerbsleben.
Alle  Reformen  und  alle  Mühen  werden  sich  als
nutzlos  erweisen,  solange  sie  nicht  den  Kern
erfassen,  solange  sie  nicht  Einfluss  gewinnen  auf
die  Auffassung  über  zulässige  Mittel  und  Wege
für  das  Geldverdienen  und  die  ethischen
Pflichten,  die  jeder  zu  erfüllen  hat,  wenn  er  das
Recht  erwerben  will,  zu  den  Männern  zu  zählen,

die  den  Namen  eines  Bürgers  mit  Stolz  tragen
dürfen.
Nicht  der  Glaube,  nicht  die  Bildung,  nicht  die
sozialeStellung,  nicht  das  Geld  machen  den  Bürger
für  den  Staat  zum  Staatsbürger,  sondern  seine  auf
sittlicher  Treue  geleistete  Arbeit,  die  nicht  auf
Kosten  der  Mitmenschen  Geld  zeugt,  sondern
ohne  offenbaren  Schaden  für  diese  als  Ergebnis
der  Befriedigung  neuer  Bedürfnisse  neue  Werte
schafft.  Wir  benötigen  ein  öffentliches  Erziehungsmittel ­
  für  das  Qeldverdienen,  das
einen  Zwang  ausübt,  rechtschaffen  zu  handeln,
ebenso  wie  für  den  Offizier  der  Waffenrock  eine
ihn  ständig  begleitende  Mahnung  darstellt,  jeden
Augenblick  an  die  Pflichten  zu  denken,  die
er  dem  Rock  schuldig  ist,  und  den  er  ausziehen
  muss,  wenn  er  sich  gegen  diese
Pflichten  versündigt.
Der  Arzt,  der  Anwalt,  der  Handelsmakler  u.a.m.
stehen  durch  die  Approbation  und  die  Eintragung
in  ein  Register,  unter  einem  ethischen  Zwangsmittel. ­

Dieser  Waffenrock  des  Soldaten  ist  für  den
Bürger  seine  Mitgliedschaft,  die  von  jedermann ­
  öffentlich  und  zu  jeder  Zeit  festgestellt
werden  kann.  So  wie  man  in  der  Rangliste  feststellt, ­
  ob  jemand  Offizier  ist,  so  stellt  man  auch
fest,  ob  jemand  Ordensbürger  ist,  und  diese  Feststellung ­
  soll  und  muss  genügen,  um  ihn  als  absolut
vertrauenswürdigen  Mann  auszuweisen.
Dass  moralische  Mittel  und  die  Liebe  nicht  ausreichen, ­
  die  Menschen,  die  Geld  erwerben
müssen  oder  wollen,  zu  bessern,  das  beweist  uns
einwandfrei  die  Kirche.  Sie  allein  ist  nicht  in
der  Lage,  auch  nur  die  geringste  Besserung  herbeizuführen, ­
  denn  sie  hat  es  in  nahezu  zweitausend
Jahren  nicht  vermocht.  Die  Hauptquelle  der
menschlichen  Unarten  und  Schlechtigkeiten  ist
der  Kampf  um  das  Brot,  der  mit  steigender
Kultur  heftiger,  rücksichtsloser  und  unehrlicher ­
  geworden  ist,  trotz  aller  Rechtsinstitute,
die  geschaffen  worden  sind.  Die  Kirche  ist  ohnmächtig ­
  selbst  gegen  das  furchtbare  Schrecknis
der  Arbeitslosigkeit  und  muss  es  mit  ansehen,
dass  Hunderttausende  und  Millionen  nicht  wissen,
wo  sie  das  Stück  Brot  zum  Leben  hernehmen
sollen,  trotz  der  Riesenschätze  des  Landes.  Die
Kirchen  sind  nicht  der  Sammelpunkt  der
schaffenden  Männer.  Für  jeden,  der  sehen
will,  ist  es  klar,  dass  nur  das  Eingreifen
in  das  Erwerbsleben  mit  einem  brauchbaren ­
  Erziehungsmittel,  das  sogar  ein  ethisches
Zwangsmittel  sein  muss,  irgendeine  Aussicht
besteht,  zu  besseren  Lebensverhältnissen  gelangen ­
  zu  können.

Druck:  Qebr.  Feyi,  Berlin  SW  48,  Friedrichstrasse  16.
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        Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot,  München  und  Leipzig.

System  der  industriepolitik.  Von  Dr.  Joseph  Grunzei.  Preis:
8  Mark;  in  Leinwand  gebunden  9  Mark  20  Pf.  [
Das  Persönliche  im  Unternehmertum,  von  Kurt  wie.
denfeld.  Preis:  3  Mark.  i
„Alles  in  allem  ein  sehr  interessantes  Buch,  das  einen  Einblick  in  die  neueste  Entwicklung  i
des  Kapitalismus  gewährt.  Seine  Anschaffung  kann  jedem  empfohlen  werden,  der  seine  Volkswirt-  \
scfaafllichen  Kenntnisse  erweitern  will.“  Technische  Gruben-Beamte.
Die  Arbeitsmittel  Maschine,  Apparat,  Werkzeug.
Eine  Abhandlung  über  ihren  Einfluß  auf  den  Industriebetrieb  unter  eingehender  |
Berücksichtigung  des  Apparatwesens.  Von  Dr.  Franz  Matare.  Preis:  Mork  5.50.  \
Die  Arbeitsnachweise  der  Arbeitgeberverbände.
Von  Dr.  Gerhard  Keßler.  Preis:  5  Mark.
„Der  Verfasser  gibt  zunächst  eine  objektiv  gehaltene  Darstellung  der  Entstehung  der  Arbeit-  j
geber-Arbeitsnachweise  und  schildert  anschließend  deren  Tätigkeitsbereich,  die  lokale  und  zentrale  \
Organisation.  Die  mit  reichem  statistischem  und  Tabellenmaterial  versehenen  Ausführungen  über  i
die  Vermittlungsergebnisse,  die  technische  Einrichtung  und  die  Aufgaben  der  Arbeitgebemachweise  :
können  dem,  der  sich  über  die  Arbeitsnachweisfrage  orientieren  will,  nur  empfohlen  werden.  Ver-  :
fassen  ist  auch  in  seinen  kritischen  Äußerungen  nach  Kräften  bemüht,  die  Materie  rein  sachlich  zu  \
behandeln  und  den  Bestrebungen  der  Arbeitgeber  gerecht  zu  werden.“  Stahl  und  Eisen.
Der  Sieg  des  Industrialismus  (Bodenemanzipation  und  Betriebs-  i
konzentration).  Von  Dr.  Joseph  Grunzei.  Preis:  4  Mark.
„Wir  haben  schon  lange  kein  Buch  zu  Gesicht  bekommen,  das  einen  so  ernsten  Stoff  bei  oller  i
Gründlichkeit  und  Präzision  so  anregend  behandelt  hätte.  Wenn  ein  Werk  Dr.  Grunzeis  überhaupt  i
der  Empfehlung  bedürfte,  würden  wir  sie  diesem  Buche  mitgeben.“  Der  Tresor.  j
Urlaub  für  Arbeiterund  Angestellte  in  Deutschland.
Von  Dr.  L.  Heyde,  Mitglied  des  Bureaus  für  Sozialpolitik  in  Berlin.  4  Mark.
„.  .  .  Das  Werk  sei  allen,  die  sich  mit  sozialen  und  Standesfragen  beschäftigen,  als  Arbeits-  i
material  empfohlen.“  Architekten-Zeitung.  |
Das  Unternehmen  und  seine  Beziehung  zu  Firma,  I
Schild  und  Warenzeichen.  Untersuchungen  über  Wesen,  Arten,  i
Wert  und  Recht  des  Unternehmens,  seine  Übertragbarkeit  und  vermeintliche  Pfand-  \
barkeit.  Von  Dr.  Leo  Geller.  Preis:  5  Mark  50  Pf.
Neue  Wege  der  Gewerbeförderung,  von  Dr.  Josef  wilden.
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Die  Exportpolitik  der  Kartelle.  Untersuchungen  über  die  handeis-  =
politische  Bedeutung  des  Kartellwesens.  Von  W.  Morgenroth.  Preis:  2  Mark  80  Pf.  \
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        <pb n="34" />
        27

Schlusswort

so

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\  Tnr  11ns  liegt  ein  riesiges  Schlachtfeld,  ein  unsres ­
  Chaos;  Reichtum,  Not,  Elend
mischen  sich  mit  behäbiger  Selbst-'on
  einem  Berge  aus  betrachten  wir
1  und  suchen  nach  Neugebilden,
erbesserer,  sondern  als  Suchende,
«n,  ob  wir  nicht  doch  kampfgebo-Vrblicken
  können,  einen  fruchtbaren
Idealismus,  nach  dem  wir  unter
1  materialistischen  Verhältnissen
:  nen  empfinden,  den  Glauben  an
nmen  des  Menschentums,  das  uns

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i_re  Fortschritt  ist  es,  der  vor  allem
ftliche  Leben  des  Menschen  von
iderthat.  Die  Verstaatlichung
i  etrieb  sind  in  erheblichem  Umfang
keit  geworden.  Sie  werden  es
iurch  die  fast  allgemein  durchgeintnis,
  dass  grosse  Unternehmun-Hand
  entzogen  werden  müssen,
esse  der  Allgemeinheit  ganz  herhnen
  sich  verbindet,
nheit  ist  sich  ferner  darüber  klar
der  Grossbetrieb  an  sich  eine
wirtschaftliche  Notwendigkeit  im
msprozess  geworden  ist,  weil  be-■
  Erzeugnisse  überhaupt  nur  in
usgestatteten  und  organisierten
herstellbar  sind.
ige  schwebt  bangend  auf  vielen
:n;  Was  wird  aus  dem  Mittelrd
  aus  den  wirtschaftlich  Selbst-Gerden
  sie  zerrieben  werden
"Qrosskapital  auf  der  einen  Seite
erten  Lohnarbeiterschaft  mit  ihren
:  beruhenden  Schöpfungen,  den
J:  Produktionsgenossenschaften  etc.,
Seite  ?  Diese  Frage  wird  bereits
,nge  aus  dem  Empfinden  heraus
V  ielfach  die  Hoffnung  aufgegeben
iteste  Bollwerk  für  das  Entstehen
:eiten,  für  die  freie  Entwicklung
selbstverantwortlicher  Menschen,
sich  fühlen,  sich  über  das  Mitteleben, ­
  sich  auflöst.  Diese  Aufch
  vorwiegend  durch  das  Fehlen
hoffnungsstarken  bürgerlichen
e  den  grosse  Bewegungen  nicht
licht  vorwärts  kommen  können;
mehr,  als  eine  ungeheuer  kräftig ­
  das  Vorwärtsdringen,  des  viertlich
  überall  hörbar  ankündigt.
Millionen  Eltern,  die  heute  dem
wirtschaftlich  selbständigen  Mittelstand  angehören,
ihre  Kinder  einen  anderen  Weg  führen,  weil  sie
den  Glauben  an  die  Zukunft  des  selbständigen
Mittelstandes  verloren  haben.

So  stehen  wir  denn  vor  einem  der  grössten
Probleme,  und  die  Augen  von  Millionen  suchen
verzweifelt  jene  überragende  Gestalt,  die  den  Weg
zeigt,  der  den  grossen  Idealismus  entflammt,  der
notwendig  ist,  wenn  von  dem  Schlachtfeld  weder
Sieger  noch  Besiegte  heimkehren  sollen,  sondern
jene  neue  wirtschaftliche  Gruppierung  sich
zeigen  soll,  die  durch  die  veränderten  Zeitverhältnisse ­
  erforderlich  geworden  ist.  Hier  handelt
es  sich  nicht  um  eine  nationale  Erscheinung,
sondern  um  eine  internationale.  Qleichgiltig  ist
es  daher,  ob  dieser  Bismarck  auf  wirtschaftspolitischem ­
  Gebiet  in  diesem  oder  jenem  Lande  entsteht ­
  und  den  neuen  Weg  weist.
Jedenfalls  erscheint  eine  Lösung  dieses  grossen
Menschheitsproblems  nur  dann  in  Aussicht,  wenn
der  Führer  aus  dem  Kreis  entsteht,  der  die  Macht
hat,  von  oben  herab  mit  starker  Hand  auf  die
führenden  Gesellschaftskreise  einen  Druck  auszuüben, ­
  die  Ueberspannung  der  geltenden  wirtschaftlichen ­
  Prinzipien  aufzulösen,  welche  die
Ursache  bildet  für  die  Zerstörung  derjenigen
selbständigen  Wirlschaftsbetriebe,  die  auch  unter
neuzeitlichen  Verhältnissen  technisch  und  wirtschaftlich ­
  lebensberechtigt  sind.
Solange  aber  nur  diejenigen  allein  oder  vorwiegend ­
  die  Anerkennung  des  Staates  und  der
führenden  gesellschaftlichen  Kreise  finden
und  gewinnen  können,  die  es  fertig  gebracht
haben,  grosse  Vermögen  in  ihren  Händen  zu
konzentrieren,  besteht  eben  eine  Prämie  auf  die
rohe  Vernichtung  wirtschaftlich  selbständiger  Existenzen ­
  durch  und  um  das  rohe  Machtmittel
«Geld".  Es  handelt  sich  hier  also  um  ein  grosses
ethisches  Prinzip,  um  eine  grundlegende  Veränderung ­
  der  Auffassung  über  die  Wertschätzung ­
  menschlicher  Arbeitsleistung  und  die
Gebundenheit  am  Vermögen.
Und  solange  nicht  jener  entscheidende  Wandel
eintritt,  der  darin  zum  Ausdruck  kommt,  dass
nicht  jede  egoistische  Einzelleistung  Anerkennung ­
  findet,  sondern  die  Betätigung  des  Einzelnen, ­
  der  erfolgreich  bemüht  war,  Leistungen
zu  vollbringen,  ohne  die  Lebensinteressen  gesund
fundierter,  selbständiger  Existenzen  geschädigt
oder  vernichtet  zu  haben,  ist  irgend  eine  Besserung
undenkbar.  Wir  sehen  zwar,  dass  diese  oder  jene
ethische  Gesellschaft  sich  durch  Preisausschreiben
bemüht,  anzuregen,  dass  Mittel  und  Wege  gesucht
werden,  die  aus  dem  bestehenden  Chaos  herausführen ­
  können.  Aber  von  dem  hohen  Leuchtturm, ­
  den  für  ein  Volk  seine  Regierung  darstellt,
erblicken  wir  keine  Signale,  die  die  Richtung
zeigen,  noch  hören  wir  die  Zurufe,  die  durch
das  Land  erschallen:  Vernichtet  nicht  grundlos ­
  und  aus  Egoismus  selbständige  Existenzen, ­
  sammelt  keine  Riesenvermögen  auf
Kosten  eurer  Mitmenschen.  Wer  den  Turm  er-
        <pb n="35" />
        ﻿
        <pb n="36" />
        ﻿
        <pb n="37" />
        ﻿
        <pb n="38" />
        ﻿
        <pb n="39" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
