5 Wir können uns mit der Antwort bescheiden, daß die zwischen Indivi duum und Gemeinschaft bestehende wechselseitige Abhängigkeit, deren axiomatische Bedeutung heute in jeder fruchtbringenden Diskussion der politischen Soziologie anerkannt werden sollte, alle jene Argumente entwertet, die sich auf Vorstellungen berufen, wie sie in der Formel: Individuum versus Staat enthalten sind. Recht, sozialer Zwang und öffentliche Meinung, die die Erfahrungen der Gesellschaft und des modernen Individuums widerspiegeln und den geschichtlichen Zusammenhang der Gesellschaft wahren, gleichzeitig aber geschmeidig genug sind, den individuellen und kollektiven Vernunftkräften den für den Fortschritt nötigen Spielraum einzu räumen, schaffen die Lebensbedingungen, unter denen sich der reale einzelne Wille von den Einfällen, dem vorübergehenden Wollen oder dem zerstörenden Selbst seiner Träger befreit. Ich betrachte die Gesellschaft als einen Organismus, der in einigen Teilen versteinert ist, aber in anderen seiner Glieder die sprühendste Lebendigkeit bekundet, der die Gebräuche und Einrichtungen der Vergangenheit zwar erhält, doch auch den schöpferischen Zukunftsmächten seinen Gruß ent bietet und ihnen den Eintritt nicht verweigert. Der Individualwille erscheint mir als eine persönliche innere Macht, die, wie die Kompaß nadel, von dem magnetischen Pole des Allgemeinwillens geleitet wird, ]edoch in ihren Bemühungen um die Sicherung größerer Freiheit nnd höherer Vollkommenheit von den Gegenströmungen der Un wissenheit und des kurzsichtigen Eigennutzes beständig gehemmt und abgelenkt wird. Mögen immerhin der tatsächliche und der aus gedrückte Wille miteinander hadern, wenn das soziale oder das mo ralische Selbst zeitweilig zum Schweigen gebracht wird, das letzte Wort spricht stets die wirkliche Persönlichkeit, die im Hintergründe bleibt. Dieser Unterschied zwischen dem tatsächlichen und dem verkün digten Willen des Individuums spielt in der Politik die wichtigste Rolle, erst er vermittelt das Verständnis für manche anscheinende Inkongruenz zwischen demokratischer Theorie und Praxis. Diese Nichtübereinstimmung zu erkennen, ist gerade die Aufgabe des Staats mannes, der weiß, wie weit sich mitgeteilte und wirkliche Wünsche decken, der den Herzensgedanken des Volkes, die es nicht auf den Lippen trägt, einen beredten Mund zu leihen versteht und der ohne Mandat, ja selbst gegen erteilte Aufträge, die wirklichen