15 gutheißen. Wie diese Macht in einem modernen Staate benutzt wer den kann, werden wir noch weiter unten sehen; vorläufig mag die Bemerkung genügen, daß die Ausübung dieser Macht Sinn und Inhalt der Demokratie ist. Wenn ich von dem demokratischen Staate spreche, so habe ich keine formlose und ununterschiedene Volksmasse im Auge. Die Philo sophen des Individualismus, deren Haupt Bentham war, und die heute in den Befürwortern der direkten Gesetzgebung durch das Volk mittels Referendum und Initiative Vertreter haben, betrachteten den Staat als den Inbegriff von gleichmäßig funktionierenden Ein heiten. Der konsequente Sozialist kann diesen Standpunkt kaum ein nehmen; denn für ihn ist der Staat aus funktionell verschiedenen poli tischen Organen zusammengesetzt. Es ist zwischen den Empfindungs und Willenszentren, den Zentren, die fühlen, und denen, die denken, zu unterscheiden, und diese Einteilung der Funktionen wird in einem wirklichen Staate auch entsprechend berücksichtigt. In den Begriffen Herrscher und Untertan, obgleich sie an vergangene politi sche Kämpfe erinnern und hiervon einen verletzenden Beigeschmack erhalten haben, kommt nichtsdestoweniger ein tatsächlicher Unter schied zum Vorschein, der immer in einem Staate vorhanden sein muß. Solange die Bezeichnungen Souverän und Untertan noch ein persön liches Verhältnis ausdrückten, schloß es die persönliche Hörigkeit ein, und die Geschichte der Demokratie ist für diese Zeiten die Geschichte von der persönlichen politischen Befreiung. Heute ist diese Tatsache eine Quelle politischer Irrtümer geworden. In einer Demokratie be trifft die Unterscheidung von Souverän und Untertanen die Funk tionen und nicht die Persönlichkeit, sie bezeichnet nicht mehr eine soziale Standesgliederung, auf keinen Fall bedeutet sie aber einen durch Geburt vererbten Unterschied. Differenziert wird nur zwischen dem Ganzen und den Teilen. Wer die Regierungsfunktionen erfüllt, durch die der Wille des Ganzen redet und sich bekundet, übt die höchste Staatsaufsicht über den Einzelnen, und die Souveränität des Ganzen kann nur wirksam sein, wenn ihre Ausübung bestimmten Organen in der Gesellschaft übertragen wird. Einst pflegte diese Tätigkeit ausschließlich von Familien, „den Priestern und Leviten“, besorgt zu werden, heute wird sie von den Vertretern der öffentlichen Meinung ausgeübt, und hierin erschöpft sich das Ergebnis des histori