74 kristallisiert, oder sie hat die ganze Gesellschaft durchdrungen. In beiden Fällen bedarf sie aber zu ihrer Vertretung keines besonderen Wahlkreises; denn sie ist in der Lage, jedes geltende demokratische Wahlsystem in ihren Dienst zu stellen. Parlamentarische Vertretung ist die Frucht eifriger Ideenpropa ganda, nicht etwa ein Recht, das für die Idee einfach auf Grund ihres Daseins reklamiert werden kann. Das große Aufheben, das von der Minoritätenvertretung gemacht wird, ist meistens ein Popanz, von oberflächlichem Denken erzeugt 1 . Eine Schwierigkeit entsteht erst, wenn eine Reihe politischer An schauungen genügend lebensfähig geworden ist, sich zu organisieren, wenn eine neue politische Partei auf die Bühne tritt. Wirkt die Partei durch die Vermittlung der bereits bestehenden politischen Parteien, so ist eine besondere Wahlbewegung überflüssig. Die neue Partei verwan delt zwar die alten Parteien, trotzdem sie ihren alten Namen konser vieren, nimmt jedoch mit ihren Organisationen keine plötzlichen Ver änderungen vor. Aber wenn die neue Partei unabhängig ist und nach eigenen Mandaten strebt, so können sich mehr als zwei Kandidaten um einen Sitz bewerben mit dem Ergebnis, daß der gewählte Vertreter nur eine Minderheit der Stimmen erhalten haben mag 2 . Wie wirkt dies auf die Funktion des Repräsentativsystems? Anscheinend wird es dadurch aufgehoben, doch die Wahlstatistik ist sehr verwickelt, und das durch den Wahlkampf von drei Parteien aufgeworfene Pro blem kann nicht im Handumdrehen gelöst werden. Unser heutiges System, unter dem der Kandidat gewählt ist, der die meisten Stimmen erhalten hat, gleichgültig ob sie die Majorität dar- 1 Eine Form ist besonders absurd. Es wird behauptet, daß die Tory-Minorität von Irland, Wales und Schottland nicht vertreten sei. Aber sie ist es doch. Sie hat keine ihr eigentümlichen Eigenschaften. Versetzte man ein Tory-Mitglied von Birmingham nach Swansea, so modifizierte es seine Haltung im Unterhaus nicht im geringsten, ausgenommen insofern es lokale Fragen, die abseits der Parteipolitik liegen, berühren. Doch die örtlichen Interessen gehen den Libe ralen genau so gut an, wie den Tory. Dieser Gedanke der lokalen Repräsentation des allgemeinen Willens entspringt einer unklaren Auffassung von der Ver tretung, die, soweit sie überhaupt rationell ist, davon ausgeht, daß das Indivi duum als Person und nicht als Bürger und Teil des nationalen Lebens vertreten werden müßte. Diese Idee ist wohl mit den unreifen Vorstellungen, die der Indi vidualismus das 18. und 19. Jahrhundert hatte, vereinbar, aber mit der soziali stischen Gesellschaftsanschauung ist sie unverträglich. 2 Als Argument für eine Reform der Wahlmaschinerie fällt dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, sobald behauptet wird, wie es gegenwärtig geschieht, daß die Kandidatenzer splitterung die eine alte Partei mehr affiziere als die andere.