<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Sozialismus und Regierung</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>J. Ramsay</forname>
            <surname>MacDonald</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>895241919</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        J.R.MAC  DONALD
SOZIALISMUS
U.REGIERUNG

/TISCH  EV
BIBLIOTHEK^
        <pb n="2" />
        ■MM
        <pb n="3" />
        I*

III

«■  i  ■■!■■■■■  ■...■«■MMnn.nHiminmiiniiniiJmmnimiiimnim.

LU

VORWORT  DES  HERAUSGEBERS
iiiiniiiiiiiimiiiiTTTnTtiiiiiniiimmiiiiniiiiiininimiiiiiiim'iiiiminnium
Für  den  deutschen  Sozialdemokraten  haben  die  Begriffe  Sozialismus
und  Regierung  beinahe  ausschließende  Bedeutung  erhalten.  Hat  schon
die  bürgerliche  Demokratie  sich  in  Deutschland  fast  nur  in  der  Opposition ­
  gesehen,  so  mußte  deren  Erbin,  die  Sozialdemokratie,  der  Natur
der  Sache  nach  in  verstärktem  Maße  hier  die  Luft  der  Opposition  als
ihr  politisches  Lebenselement  betrachten.  Regierung  wurde  auf  diese
Weise  der  Ausdruck  für  etwas  dem  Volk  Entgegengesetztes  oder  zum
mindesten  Jenseitiges.  Ganz  besonders  in  Norddeutschland  ist  der
Regierungsmann  Teilnehmer  oder  Abhängiger  einer  über  dem  Volk
schwebenden  Macht.  Er  ist  ein  Glied  eines  Beamtenapparats,  dessen
Spitzen  in  erster  Reihe  Vertrauenspersonen  des  Monarchen  sind  und,
statt  im  Namen  der  in  der  Volksvertretung  repräsentierten  Nation,  in
dessen  Namen  handeln.  Bis  in  unsere  Tage  hinein  hat  sich  die  Tendenz
erhalten,  dem  Regierungsbeamten  die  Gebundenheit  einer  von  den
übrigen  Angehörigen  der  Nation  staatsbürgerlich  unterschiedenen  Person ­
  aufzuerlegen.
Kein  Wunder  daher,  daß  in  Deutschland  der  demokratische  Sozialismus ­
  dem  Beamtentum  und  dem  ganzen  Regierungsorganismus  mißtrauischen, ­
  wenn  nicht  feindlichen  Blickes  gegenübersteht  und  sich  bisher ­
  mehr  für  die  Fragen  der  Bekämpfung  als  für  die  der  Organisierung
der  Regierung  interessiert  hat.  Weil  die  offiziellen  Vertreter  des  Staats
quasi  über  der  Nation  stehen,  fühlt  sich  der  entschiedene  Demokrat
halb  als  ein  außerhalb  des  Staats  Gestellter.
Und  doch  liegt  es  im  Wesen  des  wirtschaftspolitischen  wie  des  sozialpolitischen ­
  Programms  der  Sozialdemokratie,  dem  Staat  immer
mehr  Aufgaben  und  in  Verbindung  damit  Regierungsfunktionen  zu
überweisen.  Der  mit  ihrem  großen  Wachstum  steigende  Einfluß  der
Sozialdemokratie  hat  zur  Folge,  daß  diese  Tendenz  sich  schrittweise
in  Verwirklichung  übersetzt.  Mit  der  Zunahme  der  Sozialdemokratie
fast  parallel  nehmen  tatsächlich  die  Funktionen  und  Machtmittel  des
Staates  zu.
Wir  haben  es  daher  in  Deutschland  mit  einem  Dualismus  im  Verhältnis ­
  der  Sozialdemokratie  zum  Staat  zu  tun.  Ihrem  sozialpoliti-
        <pb n="4" />
        sehen  Wirken  nach  ist  die  Letztere  wesentlich  staatsfreundlich,  als
politische  Partei  ist  sie  dagegen  bisher  grundsätzlich  d.  h.  ohne  Rücksicht ­
  auf  den  Wandel  der  Ministerien  regierungsfeindlich  gewesen.  Ein
Zustand,  der  wenig  verschlug,  solange  die  Sozialdemokratie  über  nur
geringe  politische  Macht  verfügte  und  demgemäß  auch  nur  geringe
staatliche  Verantwortung  trug,  der  aber  zu  den  größten  Unzuträglichkeiten ­
  führen  kann,  wenn  die  Sozialdemokratie  größere  politische
Macht  erwirbt.  Denn  ob  sie  diese  nun  direkt  oder  indirekt  ausübt,  mit
der  Macht  zugleich  wächst  die  politische  Verantwortung  und  nötigt
die  Partei,  des  geschilderten  Dualismus  Herr  zu  werden.  Wohl  oder
übel  wird  sie  gezwungen,  zu  Einzelheiten  der  Regierung  und  Verwaltung ­
  Stellung  zu  nehmen,  was  ihr  zwar  erlaubt,  Oppositionspartei  zu
bleiben,  aber  das  Wesen  ihrer  Opposition  doch  ändert.  Aus  der  schlechthin ­
  verneinenden  wird  sie  zunächst  eine  bedingt  verneinende  Opposition. ­

In  parlamentarisch  regierten  Ländern,  wo  große  Parteien  oder
Parteiverbindungen  in  der  Regierung  sich  ablösen,  bleibt  es  indes  auch
hierbei  nicht.  Die  Sozialdemokratie  kommt  in  Lagen,  wo  Neutralität
diesem  Kampf  gegenüber  faktisch  Unterstützung  der  einen  oder  andern ­
  der  beiden  Koalitionen  heißt.  Um  nicht  der  Spielball  eines  rein
mechanischen  Vorgangs  zu  werden,  muß  sie  sich  entschließen,  Partei
zu  nehmen,  ihre  Stimmenmacht  bewußt  und  systematisch  für  die  eine
und  gegen  die  andere  Koalition  in  die  Wagschale  zu  werfen.  Sie  muß
dann  unter  Umständen  sich  auf  die  Seite  der  Partei  stellen,  die  gerade
an  der  Regierung  ist,  womit  ihr  Einfluß  auf  diese  Regierung,  zugleich
aber  auch  ihr  Interesse  an  ihr  eine  Steigerung  erfährt.  Selbst  wenn  sie
behufs  Wahrung  ihrer  politischen  Unabhängigkeit  sich  jedes  formalen
Anschlusses  an  die  Regierungskoalition,  insbesondere  also  der  Beteiligung ­
  an  Ministerien  enthält,  erhält  sie  doch  durch  die  Natur  der
Dinge  etwas  vom  Charakter  einer  Regierungspartei.  Das  heißt,  sie
wird  —  um  an  die  oben  gebrauchte  Wendung  anzuknüpfen  —  nunmehr ­
  Partei  der  bedingten  Bejahung.
Ganz  offenbar  nähern  wir  uns  jetzt  im  Deutschen  Reich  einer
Gruppierung  der  Parteien,  die  dem  parlamentarischen  Regierungssystem ­
  entspricht.  Der  1907  von  Bülow  zusammengebrachten  liberalkonservativen ­
  folgte  1909  die  konservativ-klerikale  „Paarung“,  und
der  soeben  abgelaufene  Wahlkampf  für  den  neuen  Reichstag  war  ein
        <pb n="5" />
        V

Ringen  der  liberal-fortschrittlichen  mit  der  konservativ-klerikalen
Koalition,  bei  dem  die  Sozialdemokratie  sich  in  der  Stichwahl  entschieden ­
  auf  die  Seite  der  ersteren  Verbindung  schlug.  Ob  es  diesmal
auch  im  Parlament  zu  einer  solchen  Kooperation  der  Parteien  der  Linken ­
  kommen  wird,  ist  namentlich  wegen  des  zwiespältigen  Charakters
der  nationalliberalen  Partei  zweifelhaft.  Ohne  die  Reinigung  dieser
Partei  von  ihren  konservativen  Elementen  wird  sie  schwerlich  zu  bewerkstelligen ­
  und  noch  weniger  aufrecht  zu  erhalten  sein.
Aber  die  Entwicklung  zum  Parlamentarismus  ist  da,  und  damit
erhalten  Fragen  der  Regierungsbildung  und  der  Regierungsführung
für  die  demokratischen  Parteien  Deutschlands  eine  Aktualität,  die
sie  früher  nicht  für  sie  hatten,  weshalb  sie  auch  in  den  Publikationen ­
  dieser  Parteien  meist  nur  sehr  abstrakt  behandelt  wurden.  Im
rechten  Zeitpunkt  erscheint  daher  das  vorliegende  Buch  des  hervorragenden ­
  Vertreters  der  englischen  Arbeiterpartei  John  Ramsay  Mac
Donald  auf  dem  deutschen  Büchermarkt,  das  jene  Fragen  als  konkrete ­
  Angelegenheiten  eines  parlamentarisch  regierten  Staates  zugleich
unter  theoretischen  wie  praktischen  Gesichtspunkten  erfahrungsgemäß ­
  und  grundsätzlich  behandelt.  Kaum  eine  zweite  Persönlichkeit
des  heutigen  England  war  so  geeignet,  dies  Thema  zu  behandeln  wie
Mac  Donald,  den  Freund  und  Feind  als  einen  der  bedeutendsten
Köpfe  der  so  schnell  zu  Einfluß  gelangten  britischen  Arbeiterpartei
anerkennen  und  der  im  Haus  der  Gemeinen  zu  den  wenigen  Personen
gehört,  die  stets  das  Ohr  dieser  verwöhnten  Kammer  haben.
Wie  so  viele  —  man  könnte  beinahe  sagen  alle  —  führende  Politiker ­
  des  britischen  Reiches  ist  Mac  Donald  von  Geburt  Schotte.  Er  ist
im  Jahre  1866  im  Flecken  Lossiemouth  der  im  nördlichsten  Schottland ­
  gelegenen  Grafschaft  Eigin  als  der  Sohn  armer  Kleinbauern  geboren. ­
  Landarbeiter  und  Hufschmiede  waren  seine  Vorfahren,  und
auch  er  würde  wahrscheinlich  zum  Pflug  oder  Schmiedehammer  gegriffen ­
  haben,  wenn  nicht  der  Dorfschulmeister,  dessen  Schule  er  besuchte, ­
  ungewöhnliche  Begabung  in  ihm  entdeckt  und  sich  seine  Ausbildung ­
  zur  besonderen  Aufgabe  gestellt  hätte.  Er  brachte  dem  Knaben ­
  alles  bei,  wozu  sein  Können  und  seine  Hilfsmittel  ausreichten,  und
redete  ihm  dann  zu,  sich  auf  den  Besuch  der  Universität  vorzubereitea
Indes  fehlte  es  Mac  Donalds  Eltern  am  Nötigsten.  Sie  waren  vielmehr
auf  des  Sohnes  Miterwerb  angewiesen,  und  dieser  begann  als  Vierzehn ­
        <pb n="6" />
        -

jähriger  seine  Laufbahn  als  Lehramtsprüfling  für  den  Beruf  des  Volksschullehrers. ­
  Henry  George’s  „Progress  and  Poverty“,  das  im  Jahre
1880  in  seine  Hände  fiel  und  von  ihm  mit  Begeisterung  verschlungen
wurde,  gab  jedoch  seinem  Leben  eine  andere  Richtung.  Er  erwärmte
sich  für  die  Propaganda  der  christlichen  Sozialisten  Englands,  nahm,
durch  falsche  Vorspiegelungen  verleitet,  eine  Stelle  im  südwestlichen
England  an,  die  ihm  nur  Enttäuschungen  brachte,  und  fand  sich  1881
plötzlich  mittellos  im  Menschenozean  London.  Eine  Zeitlang  ernährte
er  sich  kärglich  durch  Adressenschreiben,  ward  dann  Schreiber  in
einem  Lagerhaus  und  erweiterte  abends  sein  Wissen  in  Londons  Fortbildungsinstituten, ­
  wo  er  namentlich  viel  praktische  und  theoretische
Naturwissenschaft  trieb  und  allerhand  Auszeichnungen  erwarb.  Zugleich ­
  trat  er  in  immer  engere  Beziehungen  zur  sozialistischen  Bewegung. ­
  Nach  und  nach  fand  er  einen  Nebenerwerb  durch  gelegentliche
Mitarbeit  an  demokratischen  Blättern,  mit  der  Zeit  wurde  aber  daraus
der  Haupterwerb,  bis  im  Jahre  1888  ein  radikal-demokratisches  Parlamentsmitglied, ­
  der  Londoner  Abgeordnete  T.  Lough,  Mac  Donald  als
Privatsekretär  engagierte.  In  dieser  Stellung  wurde  er  sehr  zum  Vorteil ­
  seines  politischen  Urteils  mit  vielem  vom  inneren  Getriebe  des
englischen  Parlamentarismus  bekannt.  Als  1893  die  sozialistische  Unabhängige ­
  Arbeiterpartei  Englands  gegründet  wurde,  trat  Mac  Donald
ihr  bei  und  wurde  Mitglied  ihres  Vorstandes,  ebenso  war  er  längere
Zeit  Vorstandsmitglied  des  Vereins  der  Fabier.  1900  gehörte  er  zu  den
Mitbegründern  des  die  Mehrheit  der  englischen  Gewerkschaften  umfassenden ­
  Bundes  für  die  parlamentarische  Vertretung  der  Arbeiter,
aus  dem  sich  die  große  Labour  Party  entwickelt  hat,  und  war  von  Anfang ­
  an  ihr  Sekretär.  Er  wurde  Mitglied  des  Londoner  Grafschaftsrats,
trat  1900  inmitten  der  Erregungen  des  Burenkrieges  als  Sozialist  und
scharfer  Gegner  dieses  Krieges  in  Leicester  als  Parlamentskanditat
auf,  unterlag  damals  natürlich,  wurde  aber  1906  daselbst  auf  Grund
eines  Kompromisses  der  Arbeiterpartei  mit  den  Liberalen  neben  einem
bürgerlichen  Radikalen  als  Kandidat  der  Ersteren  zum  Parlamentsmitglied ­
  gewählt  und  1910  bei  den  zwei  Neuwahlen  dieses  Jahres  mit
wachsenden  Mehrheiten  wiedergewählt.
Inzwischen  hatte  er  1896  mit  einer  Gesinnungsgenossin,  Margaret
Gladstone,  einerVerwandtenWilliam  Gladstone’s  und  des  großen  Naturforschers ­
  Lord  Kelvin,  einen  Lebensbund  geschlossen,  den  im  Sommer
VI
        <pb n="7" />
        VII

dieses  Jahres  der  vorzeitige  Tod  dieser  ausgezeichneten  Frau  jäh  beendet ­
  hat.  Es  war  eine  überaus  harmonische  Ehe,  und  die  Wohnung
des  Ehepaars  Mac  Donald  wurde  ein  gern  besuchter  Sammelpunkt  für
Sozialisten  aller  Schattierungen.  Bei  Mac  Donalds  haben  unter  anderem
zu  einer  Zeit,  wo  es  anderwärts  als  halber  Landesverrat  betrachtet
worden  wäre,  Konferenzen  mit  Führern  der  Buren  stattgefunden.  Die
Cronwright  Schreiner,  Merriman,  Sauer,  Kritzinger,  van  Heeren  sind
hier  in  der  kritischen  Zeit  des  südafrikanischen  Konflikts  mit  englischen ­
  Burenfreunden  zusammengekommen.  Nach  Beendigung  des
Burenkrieges  haben  Mac  Donald  und  Frau  Südafrika  besucht,  um  die
dortigen  Zustände  und  Verhältnisse  an  Ort  und  Stelle  zu  studieren.
Ebenso  haben  sie  etwas  später  auf  einer  Reise  um  die  Erde  die  anderen
wichtigen  Kolonien  und  Besitzungen  des  britischen  Weltreichs  besucht
und  im  persönlichen  Verkehr  mit  dortigen  Politikern  und  Vertretern
von  Korporationen  unmittelbare  Einblicke  in  das  Leben  und  die  Bedürfnisse ­
  dieser  Kolonien  gewonnen.  Dies  gilt  namentlich  auch  von
Indien  und  dessen  Nationalpartei.
Es  ist  also  ein  Mann,  der  viel  erfahren  und  viel  gesehen  hat,  dessen
Buch  wir  vor  uns  haben.  Und  es  ist  ein  Mann,  der  mitten  im  stärksten
politischen  Getriebe  steht,  ein  kämpfender  parlamentarischer  Parteiführer. ­
  Das  unterscheidet  das  Mac  Donaldsche  Buch  von  Graham  Wallas’ ­
  in  manchen  Punkten  kongenialer  Schrift  „Politik  und  menschliche
Natur“.  Auch  Wallas  schreibt  als  Kenner.  Aber  er  ist  der  abgeklärte
Kenner,  der  zurzeit  nicht  mehr  im  Kampf  steht  und  die  Dinge,  wenn
auch  durchaus  nicht  als  indifferenter  Zuschauer,  so  doch  mit  voller
Objektivität,  man  könnte  manchmal  sagen  mit  philosophischem  Humor ­
  analysiert.  Mac  Donald  hat  mit  Wallas  das  gemein,  daß  er  auch
gern  wie  jener  auf  biologisch-soziologische  Vorgänge  und  Beispiele  zurückgreift. ­
  Aber  Beschaulichkeit  darf  man  in  seinem  Buch  nicht  suchen.
Es  ist  vor  allem  Kritik-—oft  auch  da  der  Sache  nach  polemisch,  wo  es
anscheinend  rein  objektiv  entwickelt.  Mac  Donald  setzt  sich  hier  mit
den  Dogmatikern  seiner  Partei  wie  der  Demokratie  überhaupt  über  die
strittigen  Fragen  der  Anwendbarkeit  demokratischer  Formeln  und
sozialpolitischer  Gleichheitsbegriffe  auseinander.  Viele  eingewurzelte
Überlieferungen  gilt  es  da  zu  zerstören,  mit  allerhand  liebgewordenen
Schlagworten  abzurechnen.  Die  britische  Arbeiterpartei  hat  in  der
sozialistischen  Bewegung  Englands  heftige  Gegner.  Sie  befehden  sie
        <pb n="8" />
        VIII

als  in  Grundsätzen  verschwommen,  in  der  Taktik  opportunistisch  und
vermittlungssüchtig,  und  werfen  den  in  ihr  wirkenden  Sozialisten  —
also  namentlich  Mac  Donald  —  vor,  daß  sie  des  äußern  Erfolges  wegen
die  sozialistische  Lehre  teils  nur  verwässert  und  teils  gar  nicht  zur
Geltung  brachten.
Auf  diesen  letzteren  Vorwurf  bezieht  sich  der  für  Deutschland
gegenstandslose  Satz  bei  Mac  Donald,  daß  nicht  eine  sozialistische,
sondern  eine  sozialisierende“  Partei  not  tue.  Er  gilt  einem  Dogmatismus, ­
  den  die  deutsche  Sozialdemokratie  in  ihrer  Entwicklung  von
der  Sekte  zur  politischen  Partei  in  hohem  Grade  überwunden  hat,  der
aber  in  derjenigen  Verbindung  englischer  Sozialdemokraten,  die  speziell ­
  den  Namen  „Sozialistische  Partei“  trägt,  noch  vielfach  wuchert.
Da  die  Labour  Party  in  der  Tat  noch  keine  völlig  gefestete  politische
Partei  mit  programmatisch  festgelegten  allgemeinen  Zielen,  sondern
erst  auf  dem  Wege  ist,  aus  einer  empirischen  Interessenvertretung
sich  zu  einer  solchen  Partei  zu  entwickeln,  glauben  Sozialisten  jener
Richtung  ihr  gegenüber,  ähnlich  wie  Ibsens  Hilmar  Tönnesen,  die
„Fahne  der  Idee“  schwenken  zu  müssen.  Sie  üben  eine  Kritik  an  ihr,
deren  Befolgung  ein  Umwenden  nach  rückwärts  zum  Ausgangspunkt
der  deutschen  Sozialdemokratie  hin  bedeuten  würde,  wo  die  Partei
tatsächlich  eine  Entwicklung  vollzieht,  die  sie  von  einem  anderen  Ausgangspunkt ­
  her  direkt  nach  dem  Endpunkt  bringt,  dem  auch  die
deutsche  Sozialdemokratie  zustrebt.  Man  mutet  ihr  zu,  in  einem
Lande,  dessen  Verhältnisse  ihr  ein  unmittelbar  fruchtbares  Einwirken
auf  die  Gesetzgebung  und  die  Verwaltung  erlauben,  sich  freiwillig  zur
parlamentarischen  Unfruchtbarkeit  zu  verurteilen.
Gegen  dies  und  die  vorerwähnten  demokratischen  Doktrinarismen
kämpft  Mac  Donald.  Und  zwar  nicht  erst  heute,  wo  er  als  Abgeordneter ­
  für  persönlich  interessiert  gelten  könnte.  Schon  vor  jetzt  sechszehn ­
  Jahren  —  im  Winter  1895/96  —  hat  er  sich  in  einem,  auch  in
deutscher  Sprache  („Neue  Zeit",  Jahrgang  1895/961.)  veröffentlichten ­
  Vortrag  mit  großer  Schärfe  gegen  die  Idee  ausgesprochen,  das
parlamentarische  Regierungssystem  durch  die  direkte  Volksgesetzgebung ­
  ersetzen  zu  wollen,  und  sich  gegen  jede  Änderung  des  Wahlsystems ­
  erklärt,  die  der  Zersplitterung  der  Parteien  Vorschub  leisten
würde,  da  nur  große,  zur  Regierungsbildung  genügend  starke  Parteien
die  Selbstregierung  der  Nation  zur  Wahrheit  zu  machen  vermöchten.
        <pb n="9" />
        IX  Mac  Donald,  Sozialismus

IX

Was  er  damals  als  ein  noch  außerhalb  des  Parlaments  Stehender
entwickelt  hatte,  das  begründet  er  jetzt  eingehend  an  der  Hand
seiner  Erfahrungen  als  Parlamentarier  und  Parteiführer.  Hat  er  dabei
auch  überwiegend  die  Verhältnisse  des  britischen  Reiches  im  Auge,  so
sind  die  Fragen,  die  er  behandelt,  doch  fast  durchgängig  solche,  die
gerade  jetzt  auch  bei  uns  auf  der  Tagesordnung  stehen.  Das  demokratische ­
  Deutschland  strebt  nach  Verwirklichung  des  parlamentarischen ­
  Regierungssystems.  Aber  große  Meinungsverschiedenheiten
bestehen  darüber,  wie  das  Ziel  zu  erreichen  sei.  Wer  sich  mit  den
betreffenden  Vorschlägen  befaßt,  dem  werden  die  Abschnitte  dieses
Buches  „Die  politische  Organisation  des  Staats“  und  „Die  Partei  und
das  Parlament“  überaus  wertvolle  Fingerzeige  geben.  Namentlich
sind  die  Darlegungen  über  die  Rückwirkungen  des  sogenannten  zahlengerechten ­
  Wahlsystems  („Proporz“)  und  der  Minoritätenvertretung ­
  auf  den  Parlamentarismus  höchst  instruktiv.  Sie  werden  manchem ­
  auf  den  ersten  Blick  als  undemokratisch  erscheinen.  Springt
doch  Mac  Donald  mit  diesen  Lieblingsprojekten  vieler  Demokraten
sehr  unsanft  um.  Man  hat  sich  in  demokratischen  Kreisen  viel  darauf
verlegt,  Spezialmittel  für  alle  möglichen  Unstimmigkeiten  in  der
Bildung  und  Funktion  der  Vertretungskörper  zu  ersinnen,  was  in
folgerichtiger  Durchführung  darauf  hinauslaufen  würde,  die  Demokratie ­
  als  einen  höchst  mathematisch  korrekt,  damit  aber  notwendigerweise ­
  möglichst  unpersönlich  arbeitenden  Mechanismus  zu  gestalten.
Mac  Donald  dagegen  vertritt  mit  der  organischen  Auffassung  von
Staat  und  Gesellschaft  auch  das  Bestreben,  der  Demokratie  organisches ­
  Leben,  organische  Entwicklung  zu  sichern,  und  mit  dem  persönlichen ­
  Einfluß  auch  die  persönliche  Verantwortung  beizubehalten.
Daher  seine  Gegnerschaft  gegen  die  gebundenen  Mandate,  die  mathematischen ­
  Vertretungssysteme  und  dergleichen.  Ihm  sind  ziffernmäßige ­
  Ungenauigkeiten  in  der  Vertretung  unwesentlich,  sobald  nur
dafür  gesorgt  ist,  daß  der  Volkswille  in  seinen  großen,  umfassenden
Tendenzen  die  Zusammensetzung  des  Parlaments  und  damit  auch
der  Regierung  bestimmt.  Nicht  nach  der  mathematischen,  nach  der
persönlichen  Seite  hin  will  er  die  Demokratie  entwickeln.  Sie  soll
kein  blutleerer  Körper  sein.
Man  begreift  ohne  weiteres,  daß_  dieses  Problem,  demokratische
Grundsätze  mit  der  Erhaltung  der  persönlichen  Verantwortung  zu
        <pb n="10" />
        X

verbinden,  kein  sehr  einfaches  ist.  Aber  man  wird  auch  ohne  weiteres
zugeben,  daß  es  für  den  Fortschritt  der  Gesellschaft  von  unendlichem
Vorteil  wäre,  wenn  befriedigende  Lösungen  hierfür  gefunden  werden.
Schrecken  doch  viele  sonst  freidenkende  Menschen  gerade  deshalb  vor
der  Demokratie  zurück,  weil  sie  von  ihr  Schädigung  des  Wertvollsten
an  der  Persönlichkeit  befürchten.  Umgekehrt  aber  fürchten  viele
Demokraten  und  Sozialisten  von  der  Forterhaltung  bedeutungsvoller
persönlicher  Mandate  Schädigung  demokratischer  und  sozialistischer
Prinzipien.  Beide  Elemente  werden  in  den  Mac  Donaldschen  Untersuchungen ­
  und  Nachweisen  viel  Material  zur  Berichtigung  ihrer
Theorien  und  Beklemmungen  finden.  Nicht  daß  der  Versuch  gemacht ­
  würde,  Widersprechendes  durch  dialektische  Künste  hinwegzudisputieren ­
  oder  durch  äußerliche  Kompromisse  zu  vermitteln.
Übertuschung  der  Gegensätze  liegt  Mac  Donald  fern.  Er  sucht  und
zeigt  die  Wege  zu  den  Lösungen  durch  Betonung  der  Grenzen,  die
das  organische  Leben  der  Gesellschaft  allem  Überwuchern  einseitiger
Tendenzen  vorschreibt.  Dabei  ist  er  selbstverständlich  darauf  bedacht, ­
  nicht  in  die  Irrgänge  der  Soziologen  zu  verlaufen,  die  das
organische  Prinzip  zu  reaktionären  Zwecken  mißbrauchen.  Das  organische ­
  Leben  ist  zugleich  konservativ  und  umwälzend.  Es  konserviert ­
  das  zum  Funktionieren  Notwendige  und  stößt  das  überflüssig
oder  schädlich  Gewordene  ab.  Es  verträgt  Förderung,  duldet  aber  keine
willkürlichen  Eingriffe,  die  das  Zusammenwirken  der  zum  Ganzen
gehörenden  Teile  ignorieren.  Mit  dieser  Erkenntnis  als  Leitfaden  geht
Mac  Donald  die  Ämter  und  Aufgaben  des  modernen  Staats  durch  und
zeigt  er,  was  unter  der  Voraussetzung  der  Herrschaft  sozialistischer
Ideen  von  oder  an  ihnen  im  Wesentlichen  beizubehalten,  was  zu  ändern ­
  ist  und  in  welchem  Grade  und  Umfange  das  zu  Ändernde  vernünftigerweise ­
  umgebildet  werden  kann.  Er  hält  sich  dabei  immer
auf  dem  Boden  des  Tatsächlichen  und  Möglichen  und  ist  doch  nie
Sklave  des  Althergebrachten.  Er  ist  als  Sozialist  oft  unkonventionell,
aber  er  ist  nie  paradox  um  der  Paradoxie  willen.  So  zieht  er  dem
Eingreifen  des  Staates  in  die  Familie  stärkere  Grenzen,  als  dies  die
meisten  sozialistischen  Theoretiker  tun,  weil  er  den  Fortbestand  der
Familie  für  ein  wesentliches  Erfordernis  gesunden  Lebens  der  Gesellschaft ­
  hält,  denkt  aber  modern  und  wissenschaftlich  genug,  um
zu  begreifen,  daß  mit  den  großen  Veränderungen  der  wirtschaftlich-
        <pb n="11" />
        sozialen  Grandlagen  des  Gesellschaftslebens  die  Familie  gewisse,  bisher
von  ihr  erfüllte  Funktionen  abgeben  muß.  So  bekämpft  er  scharf
den  Gedanken  vom  Absterben  des  Staates,  zeigt  aber  selbst,  wie  die
moderne  Entwicklung  neue  Abgrenzung  der  Verwaltungsgebiete  des
Staats  zur  Folge  hat.  Mit  gleicher  geistiger  Freiheit,  die  zwischen  dem
geschichtlich  Notwendigen  und  dem  rein  Traditionellen  zu  unterscheiden ­
  weiß,  behandelt  er  die  Probleme  des  modernen  Imperialismus ­
  realistisch  und  doch  in  Übereinstimmung  mit  den  großen  Ideen
der  humanitären  Weltauffassung.
Jedes  Land  hat  mit  seiner  eignen  Geschichte  auch  eigne  Abarten
derjenigen  Probleme,  die  sich  auf  einer  gewissen  Entwicklungshöhe
überall  einstellen.  Nicht  alle  Ausführungen  Mac  Donalds  haben  daher ­
  gleichmäßige  Anwendung  auf  Deutschland.  Aber  für  die  große
Mehrzahl  der  heute  im  Deutschen  Reich  zur  Lösung  drängenden
politischen  Fragen  liefert  „Sozialismus  und  Regierung“  theoretische
Gesichtspunkte  und  praktische  Winke  von  großer  unmittelbarer
Nutzbarkeit.
SCHÖNEBERG-BERLIN,  ENDE  JANUAR  1912
ED.  BERNSTEIN

wiimiiiiiiiiiiimi

miiiiiiimiiiiiiiiimiiininminiiimmmmmm
XI

II»
        <pb n="12" />
        IM.....  .......  IHM......  MumMmimmiUlUIlHIIIIIIIIUIIU

VORWORT  DES  VERFASSERS
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiii'nMim'n'H'iiiiiiimiimiiinnimiimnimimiiiiiiimi
Der  Sozialist  hat  seine  Auffassung  von  politischer  Demokratie  von  den
individualistischen  Philosophen  übernommen,  gegen  die  er  als  Soziologe ­
  mit  eingelegter  Lanze  sprengt.  Wenn  er  von  der  Gesellschaft  als
einer  industriellen  Organisation  spricht,  so  versteht  er  unter  Freiheit
die  dem  Einzelnen  gewährte  Möglichkeit,  seine  Persönlichkeit  im  Einklang ­
  mit  der  industriellen  Ordnung  der  Zeit  zu  entwickeln  und  zum
Ausdruck  zu  bringen.  Er  nimmt  weiter  an,  daß  das  Individuum  als
Produzent  und  Konsument,  als  jemand,  der  Reichtum  erzeugt  und
Reichtum  verbraucht,  seine  Aktionsfreiheit  auf  Wegen  findet,  die
ihm  von  dem  sozialen  Milieu  vorgezeichnet  sind,  in  dem  er  lebt  und  das
den  Charakter  seiner  Tätigkeiten  und  die  Natur  seiner  Befriedigungen
in  derselben  Weise  bestimmt,  wie  das  Leben  im  Wasser  die  Physiologie ­
  des  Fisches  determiniert.  Die  auf  das  soziale  Verhalten  bezügliche
Freiheit  bedeutet  also  nichts  weiter,  als  die  zwischen  dem  Einzelnen
und  der  Gesellschaft  existierende  Harmonie.  Eine  Gesellschaft,  die  nur
als  eine  Vereinigung  getrennter  und  freier  Individuen  betrachtet  wird,
liefert  keinen  Schlüssel  zum  Verständnis  sozialer  Probleme.
Eine  Reichtumsverteilung,  die  sich  durch  den  Interessengegensatz
verschiedener  sozialer  Wirtschaftsklassen  vollzieht,  von  denen  jede
ihren  eigenen  Vorteil  im  Auge  hat,  wird  von  dem  Sozialisten  nicht  als
richtig  oder  vernünftig  akzeptiert,  weil  der  Sozialist  von  der  Idee  einer
wirtschaftlichen  Koordination  und  einer  planmäßig  organisierten  industriellen ­
  Ordnung  beherrscht  wird,  die  den  individuellen  Kampf  ums
Dasein  und  um  die  Alleinherrschaft  sozialen  Zwecken  dienstbar  machen
werden.  Für  den  Sozialisten  ist  deshalb  der  Individualismus  der  bürgerlichen ­
  Radikalen  auf  dem  wirtschaftlichen  und  industriellen  Gebiete ­
  ebenso  vollständig  zusammengebrochen,  wie  damals,  wo  noch
jeder  Baron  in  seiner  eigenen  Baronie  König,  Gesetzgeber  und  Richter ­
  war.
Doch  wenn  wir  von  wirtschaftlichen  und  industriellen  Erwägungen
zur  Politik  abschwenken,  so  tritt  der  Bankerott  des  radikalen  Individualismus ­
  nicht  so  deutlich  zutage.  Als  eine  politische  Überzeugung
ist  der  Individualismus  viel  weniger  angreifbar,  als  wenn  er  sich  uns

XIII
        <pb n="13" />
        XIV

als  ökonomische  Doktrin  präsentiert.  Sein  historischer  Ursprung
wurzelt  in  der  Politik.  Selbst  seine  scheinbare  Gutheißung,  die  man
damit  begründete,  daß  der  Staat  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
Hindernisse  in  den  Weg  gelegt  habe,  ist  eher  eine  Anklage  gegen  die
besondere  Regierungsform,  die  bei  der  Geburt  der  modernen  Industrie
vorherrschte,  als  ein  prinzipieller  Ein  wand  gegen  jede  Intervention
des  Staates  in  der  Industrie 1 .  So  weit  ihre  Sozialökonomie  in  Frage
kommt,  war  die  Manchesterschule  schon  tot,  bevor  sie  das  Licht  der
Welt  erblickte.  Sie  war  nie  mehr  als  ein  „Möchte  gewesen  sein“.  Sie
verkörperte  eine  Lehre,  die  weder  dem  18.  noch  dem  19.  Jahrhundert ­
  angehörte,  sondern  eine  Abstraktion  einiger  ihnen  beiden  entlehnter ­
  Eigentümlichkeiten  war.  Doch  die  politische  Philosophie,  der
sie  entsprang,  säugte  die  Demokratie  in  ihrem  zarten  Alter.  Dem
Evangelismus,  dem  Freikirchentum  und  dem  Rationalismus  alliiert,
zerbrach  sie  in  der  Form  der  Menschenrechte  das  Zepter  der  Aristokratie, ­
  vernichtete  sie  den  Begriff  von  der  Regierung  als  der  Funktion
einer  privilegierten  Klasse,  die  entweder  durch  Geburt  oder,  wie
später,  durch  Besitz  ausgezeichnet  wurde.  Sie  erhob  die  gewählte
Kammer  aus  einem  Zustand  der  Unterwerfung  unter  die  Klasse  der
Bodenmagnaten  zum  Range  der  höchsten  Gewalt,  sie  gründete  die
Souveränität  des  Volkes.  Die  Wahlreform  von  1832  öffnete  die
Schleusen  der  Veränderung.  Nicht  einer  der  für  diese  Reform  verantwortlichen ­
  Männer  beabsichtigte  die  Einführung  der  Demokratie.
Tatsächlich  beteuerten  damals  alle  Reformer,  daß  dies  nicht  in  ihren
Intentionen  läge.  Die  Whigs  handelten  in  dem  Glauben,  daß  sie  nur
alte  konstitutionelle  Praktiken  stärkten,  indem  sie  sie  auf  neue  Bedingungen ­
  anwandten.  Jene,  die  anderer  Meinung  waren  oder  die
größere  Freiheiten  für  das  gemeine  Volk  reklamierten,  glichen  disharmonischen ­
  Stimmen  in  einer  Menge.  Aber  als  die  Schleusen  einmal ­
  aufgerissen  worden  waren,  stieg  das  Wasser  trotz  der  Absichten
jener,  die  ihm  den  Weg  geöffnet  hatten.  Die  liebevoll  gepflegten
Schutzwälle  der  Grey  und  Rüssel  verschwanden  in  der  Fülle  der  Zeiten,
weil  eine  Tat  vollbracht  worden  war,  die  ihre  Beseitigung  involvierte.
1  Als  Austin  in  der  Edinburgh  Review  (LXXV)  schrieb,  daß  „stets  eine  allgemeine ­
  Voreingenommenheit  gegen  die  Einmischung  der  Regierungen  in  die  Interessen ­
  und  Angelegenheiten  ihrer  Untertanen  bestanden  hätte“,  so  meinte  er
in  Wirklichkeit  mit  „Regierung“  die  „Regierung,  mit  der  ich  Erfahrungen  gemacht ­
  habe“.
        <pb n="14" />
        XV

1867  ,  kam,  gefolgt  Von  1884.  Zwingender  als  das  Kapitel  über  die
Entwicklung  des  demokratischen  Wahlrechts  beleuchtet  kein  Abschnitt ­
  in  der  politischen  Geschichte  die  Tatsache,  daß  sich  winzige
Anfänge  durch  ihre  eigene  Bedeutsamkeit  bis  zu  ihren  eigenen  logischen ­
  Schlußfolgerungen  ausdehnen  —  nicht,  weil  die  Menschen  sie
bis  zu  Ende  ausdenken  und  bewußt  für  sie  kämpfen,  sondern  weil  Tendenzen ­
  und  Kräfte  geschaffen  und  entbunden  worden  sind,  die  diesem
Ziele  unwiderstehlich  entgegenfließen.  Schlüpfrige  Abdachungen  umlauern ­
  die  Schritte  eines  jeden  Staatsmannes,  der  sich  überhaupt  bewegt ­
  —  und  Erdbeben  zittern  unter  allen,  die  Stillstehen.
Diese  annehmbaren  Früchte  auf  politischem  Felde  haben  den  Individualismus ­
  in  den  Stand  gesetzt,  sich  dort  eines  fast  unumstrittenen
Besitzes  zu  erfreuen.  Regierungsprobleme,  wie:  ob  es  Führer,  Parteien,
Kabinette,  ein  Repräsentativsystem  etc.  geben  sollte,  erörtern  selbst
Kollektivsten  im  allgemeinen  von  einem  individualistischen  Standpunkte ­
  aus,  während  Fragen  der  Industrie,  wie  jene,  die  die  Fabrikgesetzgebung ­
  berühren,  sogar  von  Leuten,  die  sich  selbst  Individualisten ­
  nannten,  unter  kollektivistischem  Gesichtspunkte  behandelt
worden  sind.
Fortgesetzt  interpretieren  Sozialisten  die  Demokratie  als  das  Recht
des  Einzelnen  oder  einer  Gruppe  von  Individuen,  die  Herrschaft  auszuüben ­
  —  oder  der  Begriff  Demokratie  impliziert  für  sie,  daß  sämtliche ­
  Individuen  für  alle  politischen  Zwecke  als  gleichwertig  angesehen
werden  sollen.  Das  ist  die  Glaubensformel,  die  sich  in  Amerika  zur
Praxis  ausgebildet  hat,  daß  die  Genüsse  des  Amtes  „die  Runde  machen
sollten";  sie  ist  heute  die  Grundlage  der  Theorie,  daß  das  Referendum
die  reinste  Form  der  Demokratie  sei  und  daß  die  Demokratie  mit
Führern,  Exekutivorganen  und  irgendwelchen  Regierungsausschüssen
unverträglich  sei.  Die  Demokratie  wird  mit  anderen  Worten  bei  den
Sozialisten  oft  als  ein  Regierungsprinzip  ausgelegt,  das  politischer
Organisation  und  repräsentativer  Gewalt  entgegengesetzt  ist  und  verschiedene ­
  phantastische  Formen  der  politischen  Anarchie,  von  der
unumschränkten  Macht  der  lokalen  Organisationen  bis  zur  zusammenhangslosen ­
  Regierung  einer  Volksabstimmung,  involviert.
Dies  ist  zum  Teil  Sache  der  Gewohnheit.  Durch  Gewohnheit  dringt
die  Praxis  des  Alten  in  die  Lehre  des  Neuen;  sie  zerstört  ihren
logischen  Zusammenhang  und  verwirrt  ihre  Anwendung,  aber  den
        <pb n="15" />
        XVI

Strom  des  Fortschrittes  unterbricht  sie  nicht  in  seinem  Laufe.  Der
antisozialistische  Geist  erhebt  in  unserem  Sozialismus  zu  oft  sein
Haupt,  gerade  so  wie  sich  der  Haushund  auf  seiner  sorgfältig  bereiteten
Schlafmatte  noch  heute  herumdreht,  wie  es  seine  Vorfahren  zu  tun
pflegten,  wenn  sie  sich  auf  dem  Grase  der  Steppen  eine  Lagerstätte
machen  wollten;  genau  so  wie  sich  die  Erinnerungen  an  heidnische
Gebräuche  in  unseren  christlichen  Zeremonien  erhalten  haben  und
genau  so  wie  uns  unsere  Hammelrippchen,  die  wir  heute  artig  mit
Messer  und  Gabel  essen,  mit  Papierkrausen  geschmückt  serviert  werden, ­
  welche  Krausen  aber  einst  nötig  waren,  als  man  die  Koteletten
noch  zwischen  Daumen  und  Finger  nahm.
Doch  wenn  der  konstruktive  Sozialismus  nicht  bloß  der  Gegenstand
einer  aktiven  Propaganda  ist,  sondern  auch  eine  politische  Partei  geschaffen ­
  hat,  die  sich  im  Parlament  einen  Platz  errungen  hat,  so  ist
es  dieser  Partei  unmöglich,  über  Fragen  der  politischen  Demokratie
Ansichten  zu  vertreten,  die  jenen  Anschauungen  schnurstracks  zuwiderlaufen, ­
  zu  denen  sie  sich  hinsichtlich  der  industriellen  Demokratie ­
  bekennt.  Der  sozialistische  politische  Staat  kann  in  seinen  fundamentalen ­
  Prinzipien  nicht  dem  sozialistischen  Industriestaat  entgegengesetzt ­
  werden.
Wie  ich  nun  zu  zeigen  versuchen  werde,  ist  der  politische  Staat  von
dem  Dasein  des  Sozialismus,  ob  dieser  nun  als  eine  rationelle  Gesellschaftslehre ­
  oder  als  eine  Form  der  industriellen  Demokratie  aufgefaßt ­
  wird,  untrennbar.  Der  grundlegende  Unterschied  zwischen  dem
Anarchisten  und  dem  Sozialisten  ist,  daß  jener  nicht  glaubt,  ein  politischer ­
  Staat,  der  durch  zeitweilige  Kapitulation  der  Minorität  vor
der  Majorität  funktioniert,  nachdem  sich  die  Mehrheit  verkündet  hat,
und  in  letzter  Instanz  durch  die  Gewalt  gesichert  wird,  dürfe  in
einem  industriellen  Gemeinwesen  existieren.  Ich  kann  mir  eine  solche
Gemeinschaft  ohne  politischen  Staat  nicht  vorstellen.  Die  auf  kooperative ­
  Dienstleistungen  gegründete  industrielle  Gemeinschaft,  die
eben  das  sozialistische  Gemeinwesen  ist,  muß  sich  das  Recht  reservieren, ­
  sagen  zu  können,  daß  der  Wille  der  Majorität  zurzeit  ihr  eigener
Wille  sei.  Auch  muß  sie  Macht  haben,  diesen  Willen  durchzusetzen.
Dies  ist  ihr  nur  durch  Gesetzgebung,  durch  ein  Verwaltungswesen,
durch  Ortsstatuten,  Inspektion,  Strafe  und  Belohnung  möglich,  kurzum, ­
  durch  Ausübung  der  legislativen,  vollstreckenden  und  richter ­
        <pb n="16" />
        liehen  Funktionen  eines  politischen  Staates.  Jedes  andere  System,
z.  B.  das  des  Anarchismus,  wie  es  in  dem  Buche  The  Conquest  of  Bread
dargelegt  wird,  ist  in  Wirklichkeit  die  Proklamierung  des  individualistischen ­
  Willens  als  höchster  Gewalt  über  den  gemeinsamen  Willen.
Das  Gesetz  und  die  Ordnung,  die  durch  demokratische  Mittel  zuerst
eingeführt  und  gestiftet  und  dann  durch  die  Zwangsgewalt  des  Staates
erzwungen  werden,  sind  die  einzigen  Bedingungen,  unter  denen  die
Freiheit  eines  Individuums  bewahrt  werden  kann,  das  in  einer  modernen ­
  industriellen  Gesellschaft  lebt,  deren  wirtschaftliche  Funktionen ­
  durch  die  Organisation  einer  in  Unterabteilungen  gegliederten
Arbeit,  durch  Gemeineigentum  an  dem  für  den  gemeinsamen  Gebrauch
erforderlichen  Land  und  Kapital  und  durch  die  soziale  Aufrechterhaltung ­
  eines  großen  Netzwerkes  von  Märkten  und  Austauschsystemen ­
  verrichtet  werden.  Ein  kooperatives  Gemeinwesen  muß
einen  gemeinsamen  Willen  haben,  den  es  in  dem  einen  oder  anderen
Grade  seinen  Mitgliedern  aufzwingt.  In  einem  solchen  Verbände  bildet
der  Einzelne  einen  Teil  eines  Systems  ökonomischer  Kräfte,  die  ihn
kontrollieren  werden,  wenn  er  sie  nicht  beherrscht.  Allein  kann  er
diese  Kontrolle  nicht  ausüben,  wohl  aber  in  der  Zusammenarbeit  mit
seinen  Nächsten,  die  sich  ebenfalls  zu  schützen  suchen.
Andererseits  muß  der  Sozialist  sein  System  der  politischen  Verpflichtungen ­
  so  sorgfältig  aufbauen,  daß  er  die  Wirkungen  überblicken
und  sehen  kann,  was  es  involviert  und  was  nicht.  Hieraus  entsteht
eine  Reihe  Probleme  der  praktischen  Politik,  die  von  großer  Bedeutung ­
  sind.  „Die  Tyrannei  einer  Majorität“,  „das  eiserne  Gesetz  einer
Bureaukratie“  und  „die  Erdrosselung  durch  den  grünen  Tisch“  und
ähnliche  Ausdrücke  sind  nicht  ohne  Sinn.  Hiergegen  kann  man  sich
nur  schützen,  wenn  man  die  Natur  und  die  Grenzen  der  demokratischen ­
  politischen  Verpflichtungen  und  das  Walten  der  demokratischen
Institutionen  geduldig  durchforscht.
Aber  dem  Sozialisten  sind  so  oft  politische  anstatt  sozialer  Reformen ­
  dargeboten  worden,  daß  er  politische  Verbesserungen  einfach
als  Ablenkungsmittel  zu  betrachten  gelernt  hat,  mit  denen  ränkevolle ­
  Kapitalisten  das  Volk  zerstreuen  wollen,  wenn  es  im  Begriffe  ist,
irgendeinen  wirklich  ernsten  Übelstand  zu  beseitigen.  Ein  Aufschrei
gegen  das  House  of  Lords,  eine  Forderung  für  das  Frauenstimmrecht,
ein  Protest  gegen  die  Übergriffe  der  Monarchie  auf  konstitutionelle
        <pb n="17" />
        XVIII

Freiheiten,  werden  von  einigen  Sektionen  unserer  sozialistischen  Bewegung ­
  stets  beargwöhnt.  Es  könnten  nämlich  nur  Kniffe  und  Schliche ­
  der  Schlauen  sein,  die  Aufmerksamkeit  der  Einfältigen  zu  fesseln.
Nun  zeugt  dieses  Mißtrauen  zwar  von  nicht  wenigem  Scharfsinn.  Doch
wenn  es  unvernünftig  genährt  wird,  so  verwandelt  es  sich  selbst  in
eine  gefährliche  Irreführung.  Der  Sozialist  kann  dann  in  der  Scylla
zugrunde  gehen,  während  er  der  Vernichtung  durch  die  Charybdis
zu  entrinnen  sucht.
Bis  zu  einem  gewissen  Grade  muß  dieser  Argwohn  gegen  politische
Reformen  dem  erlöschenden  Liebesfeuer  für  die  politische  Freiheit
zugeschrieben  werden.  Die  Demokratie,  so  wie  die  Radikalen  sie
verstanden,  übte  auf  den  politischen  Geist  eine  erfrischende  Wirkung
aus  und  wappnete  ihn  gegen  Sykophantentum  und  Knechtseligkeit,
feite  ihn  gegen  korrupte  Einflüsse  und  bewahrte  ihn  davor,  sein  Erstlingsrecht ­
  für  ein  Linsengericht,  ja  manchmal  sogar  für  Hülsen,  die
kein  Schwein  anrühren  würde,  zu  verkaufen.  Der  Radikalismus  der
Arbeiterklasse  in  den  sechziger  Jahren  mag  keine  „ökonomische
Basis"  gehabt  haben,  aber  er  war  vom  Salz  der  Erde.  Wir  mögen  über
die  Rhapsodien,  die  als  Litaneien  in  den  Tempeln  der  Freiheit  gesungen ­
  wurden,  lachen,  doch  sie  waren  die  Mittel,  durch  die  sich  der
Geist  des  Menschen  die  Kraft  und  die  Entschlossenheit  aneignete,
die  Ketten  abzustreifen.  Und  als  diese  Rhapsodien  am  herausforderndsten ­
  erklangen,  gab  es  Herrscher  und  Behörden,  die  nicht  imstande ­
  waren,  die  Sätze  zu  analysieren,  in  denen  die  Litaneien  abgefaßt ­
  waren,  und  über  das  traurige  Ergebnis  zu  lachen.  Ein  Volk,
das  die  Lobpreisungen  zu  Ehren  der  politischen  Freiheit  mit  einem
Gähnen  begrüßt,  streckt  seine  Handgelenke  schon  den  Fesseln  der
Knechtschaft  entgegen.
Die  praktischen  Konsequenzen  dieser  Mißachtung  der  politischen
Freiheit  und  Unabhängigkeit  machen  sich  unmittelbar  bemerkbar.
Sie  bekunden  sich  in  der  Herabsetzung  der  demokratischen  Institutionen ­
  in  der  öffentlichen  Wertschätzung.  Eine  wirkungsvolle  parlamentarische ­
  Regierung  kann  nur  aufrechterhalten  werden,  wenn  das
Volk  die  parlamentarischen  Einrichtungen  respektiert,  wenn  es  „konstitutionelle ­
  Moral“  hat,  wie  Mill  es  nannte.  Das  Schwinden  des  parlamentarischen ­
  Einflusses  betrachte  ich  deshalb  als  ein  Zeichen  des
demokratischen  Verfalls,  aber  nicht  als  einen  Beweis  für  eine  über ­
        <pb n="18" />
        XIX

legenere  demokratische  Erkenntnis.  Das  Haus  der  Gemeinen  zu  reformieren ­
  verdient  Lob,  es  aber  in  der  Vorstellung  des  Volkes  zu  degradieren, ­
  selbst  wenn  es  sich  um  ein  schlecht  zusammengesetztes  Haus
handelt,  ist  ein  Verbrechen,  für  den  Sozialisten  ein  äußerst  abscheuliches ­
  Verbrechen.  Denn  da  der  industrielle  Staat  des  Sozialismus
sowohl  durch  den  politischen  Staat  ins  Leben  gerufen  als  auch  durch
ihn  am  Leben  erhalten  werden  muß,  so  sollte  der  Sozialist  mehr  als
jeder  andere  Bürger  den  politischen  Einrichtungen  der  Demokratie  mit
jener  Achtung  begegnen,  die  dem  Volke  allein  die  Dekrete  dieser  Institutionen ­
  annehmbar  macht.  Wir  ahnen  kaum,  wie  zart  das  Ganze
unseres  Regierungssystems  angeordnet  ist.  Entfernten  wir  von  ihm
das  Vertrauen  und  die  Ehrfurcht  des  Volkes,  machten  wir  es  gemein
und  besudelten  es,  so  zerfiele  es  in  Staub,  wie  ein  menschlicher  Körper,
aus  dem  der  Lebensodem  entwichen  ist.  Und  was  kann  an  seine  Stelle
gesetzt  werden  ?  Nichts.  Dann  träten  alle  Bedingungen  ins  Dasein,
die  eine  Aristokratie  und  die  Herrschaft  der  adeligen  Klassen  und  der
gut  organisierten  Gruppen,  die  an  der  geistigen  und  politischen  Unterdrückung ­
  des  Volkes  interessiert  sind,  begünstigen;  Bedingungen,  die
selbst  einem  Despotismus,  besonders  wenn  der  Despot  ein  Komödiant
ist,  Vorschub  leisten.  Die  wirtschaftlichen  Wahrheiten  des  Sozialismus,
sein  Industrialismus  und  seine  Soziologie,  müssen  die  vergeblichsten
der  vergeblichen  Träumereien  bleiben,  wenn  wir  beim  Volke  nicht  die
Geistesverfassung  bewahren,  die  die  Freiheit  und  den  Wert  der  Demokratie ­
  würdigen  kann.  Wenn  „Ein  Mann  ist  ein  Mann  trotz  alledem“
rezitiert  wird,  ohne  das  Blut  in  Wallung  zu  bringen,  so  ist  man  überhaupt ­
  kein  Mann  mehr.  Der  Einwand,  daß  die  Demokratie  die  Gesellschaft ­
  desorganisieren  müßte,  wird  heute  kaum  noch  gehört.  Oft  möchte
ich  gern  wissen,  ob  der  Grund  hierfür  ist,  daß  sich  die  Besiegung  der
Demokratie  durch  ihre  Feinde  als  möglich  erwiesen  hat  und  daß  die
Schwäche  der  Demokratie  inzwischen  erkannt  worden  ist.
Hier  ist  vielleicht  der  geeignetste  Ort,  auf  den  einzigartigen  Einfluß
zurückzukommen,  den  die  Irische  Partei  auf  die  Arbeiterpartei  gehabt ­
  hat.  Wäre  keine  Irische  Partei  vorhanden  gewesen,  so  hätte
sich  die  Geschichte  der  Politik  der  Arbeiterpartei  total  von  der  tatsächlichen ­
  unterschieden.  Und  doch  ist  es  nötig,  daß  die  Arbeiterpartei ­
  den  Abgrund  versteht,  der  ihre  Taktik  von  der  Kampfesart  der
Irischen  Partei  trennt  und  sie  nicht  durch  falsche  Analogien,  die  man
        <pb n="19" />
        XX

gewöhnlich  aus  den  Methoden  dieser  Partei  ableitet,  irregeführt  werde.
Die  Irische  Partei  orientiert  ihre  Handlungen  an  der  Behauptung,  daß
sie  in  einem  fremden  Parlamente  sei.  Sie  ist  dort  durch  den  Zwang
der  Verfassung.  Sie  will  ihre  Forderung  einem  feindlichen  Volke  aufzwingen ­
  und  erhebt  keinen  Anspruch  auf  Teilnahme  an  der  Gewalt,
sondern  verlangt  nur,  daß  man  sie  sich  selbst  überlasse.  Ihre  Führer
kommen  zu  uns,  wie  Moses  zu  Pharao,  sie  wünschen,  daß  man  ihr  Volk
ziehen  lassen  möge.  Diese  Partei  ist  kein  Sprößling  unserer  eigenen
Entwicklung,  nicht  inmitten  unseres  eigenen  Volkes  entstanden.  Sie
bietet  weder  für  uns  noch  für  sich  selbst  ein  Problem  geschichtlicher
Kontinuität;  denn  gegen  die  Geschichte  ist  sie  in  Waffen.  Doch  einer
solchen  Schilderung  entspricht  nicht  die  Arbeiterpartei.  Diese  hat
den  Wunsch,  gerade  davon  Besitz  zu  ergreifen,  wovon  *die  Irische
Partei  erlöst  werden  möchte.  Sie  versucht  nicht,  das  Volk  zu  überreden, ­
  daß  es  sie  ziehen  lasse,  sondern  daß  es  ihr  Vertrauen  schenke.
Sie  befindet  sich  mit  der  Nation  nicht  im  Kriege,  sondern  im  Frieden.
Wollte  sie  das  Parlament  antasten,  so  zerstörte  sie  nicht  eine  fremde
Macht,  wohl  aber  ihr  eigenes  Erbe.  Die  Irische  Partei  muß  am  stärksten ­
  sein,  wenn  sie  das  Zünglein  an  der  Wage  der  beiden  Parteien  ist;
die  Arbeiterpartei  dagegen  hat  die  größte  Aussicht,  über  ein  Maximum
von  Einfluß  zu  gebieten,  wenn  andere  Parteien  von  ihr  vollständig
unabhängig  sind,  weil  sie  dann  ungehindert  sprechen  und  stimmen
kann,  wie  es  ihr  gefällt.  Wird  eine  Regierung  von  den  Arbeiterparteilern ­
  am  Ruder  gehalten  oder  gestürzt,  so  wird  die  Arbeiterpartei
durch  ihre  Verantwortlichkeiten  genau  so  gehindert,  wie  die  andere
Partei  von  ihrer  Schwäche  gequält  wird.  Der  Unterschied  zwischen
den  beiden  Parteien  erstreckt  sich  bis  in  die  Wurzeln  der  politischen
Methode.  Die  eine  will  einen  chirurgischen  Eingriff,  die  andere  verfolgt ­
  eine  organische  Umwandlung.  Die  politische  Freundschaft,  die
zwischen  den  beiden  Parteien  besteht  und  die,  wie  ich  hoffe,  immer  andauern ­
  wird,  muß  nicht  so  hoch  gesteigert  werden,  daß  die  junge  Partei ­
  ihre  Taktik  nach  dem  Muster  der  Methode  der  alten  Partei  bildet.
Daß  die  Sozialisten  dem  Hange  unterworfen  sind,  die  Lehren,  die
ihnen  die  Irische  Partei  zu  erteilen  hat  mißzuverstehen,  erhöht  nur
noch  das  Bedürfnis  nach  reiflich  überlegten  Schlußfolgerungen  hinsichtlich ­
  der  Regierungsmethode.  Um  sich  die  Unterstützung  der
Sozialisten  zu  sichern,  wird  man  von  Zeit  zu  Zeit  alle  möglichen  ver ­
        <pb n="20" />
        XXI

lockenden  Vorschläge  machen.  Verbesserungen  des  Wahlrechts,  des
parlamentarischen  Verfahrens  und  der  gesetzgeberischen  Methoden,
die  scheinbar  alle  recht  vernünftig,  alle  recht  gut  sind,  werden  die
Sozialisten  reizen.  Und  doch  werden  sie  wahrscheinlich  der  Prüfung
nicht  standhalten.  Sie  können  Irrwische  sein,  die  jene  in  den  Moorsumpf ­
  führen,  die  närrisch  folgen.  Wie  notwendig  ist  es  deshalb,  daß
die  Sozialisten  zu  dem  Zwecke  ihre  Soziologie  einer  Prüfung  unterziehen ­
  sollten,  um  einen  politischen  Wegweiser  zu  finden,  damit  ihnen
die  Mühe  erspart  bleibe,  etwas  abzuschaffen,  was  nicht  beseitigt  werden ­
  kann,  und  Formen  in  dem  Glauben  zu  ändern,  daß  sie  damit  das
Wesen  der  Dinge  ändern.
Ich  habe  mich  in  diesem  Buche  nicht  darin  versucht,  den  Übergang
zum  sozialistischen  Staate  zu  schildern.  Niemand  kennt  seinen  Lauf
oder  seine  Ereignisse.  Seine  ideologischen  Motive  zu  zeigen,  ist  alles,
was  wir  tun  können.  Einer  Sache  können  wir  jedoch  sicher  sein,  und
sie  beherrscht  als  Voraussetzung  dieses  ganze  Buch.  Der  Menschentypus, ­
  durch  den  der  Sozialismus  sich  verwirklichen  wird,  ist  nicht  der
wirtschaftliche  Mensch,  nicht  der  klassenbewußte  Mensch,  nicht  das
Individuum,  das  mit  der  Mistgabel  arbeitet,  sondern  es  ist  der  Mensch
der  Ideale,  des  historischen  Geistes,  eine  Spezies,  in  deren  Intellekt  die
Religion  und  ein  Sinn  für  das,  was  guten  Klang  und  Ruf  hat,  einen
überwiegenden  Einfluß  haben;  ein  Typus,  der  der  großmütige  und  unverdrossene ­
  Mitarbeiter  seiner  Genossen  ist.  Bringt  die  Nation  einen
solchen  Charakter  nicht  hervor,  so  wird  sie  ohne  ihn  nicht  zu  leben
imstande  sein.  Wenn  der  Körper  und  der  Geist  zu  hungern  fortfahren,
wenn  die  Arbeit,  die  die  Menschen  für  ihren  Lebensunterhalt  verrichten ­
  müssen,  zu  viel  von  ihrer  Zeit  und  ihrer  Energie  absorbiert,
so  daß  ihnen  keine  Muße  bleibt,  ihre  rationelle  Einbildungskraft  zu
kultivieren  oder  so  viel  von  ihrem  eigenen  wirklichen  Selbst  zu  entdecken, ­
  um  sich  selbst  achten  zu  lernen,  so  wird  die  Nation  auch  nicht
durch  Veränderungen  gerettet  werden,  die  man  in  die  politische  Maschinerie ­
  oder  in  die  Methoden  der  Abstimmung  und  der  Schaffung
von  Gesetzen  einführte.
V or  einiger  Zeit  habe  ich  ein  Werk  veröffentlicht,  das  sich:  Sozialismus ­
  und  Gesellschaft  betitelt,  in  dem  ich  die  Stellung  der  Sozialisten ­
  von  einem  biologischen  Standpunkt  aus  dargelegt  habe.  Die  vor ­
        <pb n="21" />
        XXII

liegende  Studie  ist  hiervon  eine  Fortsetzung.  Es  werden  in  ihr  auf  die
Politik  dieselben  Prinzipien  angewandt,  die  in  dem  eben  zitierten  Buche
entwickelt  worden  sind.  Die  vorliegenden  Betrachtungen  gehen  von
der  Annahme  aus,  daß  sich  die  Lebensentwicklung  durch  eine  Differenzierung ­
  der  Funktionen  und  eine  Integration  dieser  Funktionen  zu
einer  höheren  organischen  Einheit  vollziehe.  Die  Ununterschiedenheit
der  Masse  der  Individuen,  die  in  einem  Staate  wohnen,  wird  bestritten.
Die  Theorie  der  Hemmungseinrichtungen,  die  als  mechanische  Gewichte ­
  und  Gegengewichte  dienen  sollen,  die  Lehren  von  den  Minoritäten ­
  und  Majoritäten  und  von  der  politischen  Mathematik  werden
als  etwas  dem  Geiste  der  sozialistischen  Politik  Fremdes  betrachtet;
als  etwas,  das  Relationen  angehört,  die  nicht,  wie  die  sozialen  Beziehungen, ­
  organische  sind.
Obgleich  es  aus  meiner  ganzen  Argumentation,  wie  ich  hoffe,  deutlich ­
  hervorbricht,  so  möchte  ich  es  in  diesem  Vorworte  doch  noch  einmal ­
  kategorisch  erklären,  daß  einer  der  Gründe,  die  mich  zur  Abfassung ­
  dieses  Buches  bewegt  haben,  der  Wunsch  ist,  einige  jener  Einflüsse ­
  innerhalb  der  sozialistischen  Bewegung  zu  bekämpfen,  die  eher
den  Anarchismus  als  den  Sozialismus,  mehr  die  politische  Lähmung
als  die  administrative  Leistungsfähigkeit  begünstigen.  Ich  sympathisiere ­
  nicht  mit  denen,  die  das  Haus  der  Gemeinen  durch  ein  Betragen
degradieren  wollen,  wie  es  in  den  Londoner  „Vestries“  üblich  war.  Nach
meiner  Meinung  sollte  sich  das  Parlament  durch  Vornehmheit  auszeichnen ­
  und  Gelegenheit  zur  Distinktion  geben.  So  unliebsam  die
Erfahrung  ist,  daß  die  Zeit  flüchtigen  Fußes  vorübereilt,  während  sich
die  guten  Werke  fast  gegen  ihre  Vollendung  sträuben,  so  wenig  haushälterisch ­
  ist  es,  ein  Jahr  dadurch  malerisch  zu  gestalten,  daß  man
den  wesentlichen  Fortschritt  einer  Generation  opfert.  Auf  diese  Weise
wird  der  Sozialismus  nicht  kommen,  auf  diese  Weise  wird  sein  Erscheinen ­
  nur  verzögert.  Weil  ich  dies  zu  erklären  hoffe,  habe  ich  das
Buch  geschrieben.  Der  Himmel  wird  nicht  im  Sturm  genommen,  sondern ­
  man  erobert  ihn  durch  ehrliches  Denken,  das  sich  nicht  vor  einer
Selbstprüfung  scheut,  und  durch  die  ehrliche  Tat,  die  nicht  abgeneigt
ist,  die  Probe  vor  der  Zeit  zu  bestehen.  Schweigend,  in  der  Nacht,
wenn  die  Wächter  anderswo  hinschauen,  formt  sich  der  neue  Geist  das
Leben  nach  seinem  Bilde.  Nur  wenn  wir  eine  Periode  von  Jahren
rückwärtssehen,  können  wir  den  vollzogenen  Fortschritt  bemessen.
        <pb n="22" />
        XXIII

Wenn  es  scheint,  daß  sich  Ketzerei  in  diese  sozialistischen  Seiten
eingeschlichen  hat,  daß  liebgewonnene  Phrasen  abgetan  oder  in  einen
neuen  Sinn  gekleidet  worden  sind,  so  dürfen  die  Sozialisten  nicht  vergessen, ­
  daß  sie  sich  nach  jeder  Etappe  von  Erfolgen  über  die  nächsten
Schritte  ganz  klar  sein  müssen.  Je  weiter  wir  Vordringen,  desto  stoischer ­
  müssen  wir  werden.  Die  apokalyptischen  Visionen,  die  unsere
Anstrengung  anspornen,  müssen  vor  der  befriedigenden  und  gesegneten ­
  Müdigkeit  weichen,  die  man  am  Ende  eines  Tagewerkes  empfindet, ­
  das  für  eine  Sache  vollbracht  worden  ist,  in  die  der  Arbeiter  seine
ganze  Seele  gelegt  hat.  Die  naive  Hoffnung  auf  die  Wiederkehr  Christi
war  für  die  Gründung  des  Christentums  notwendig;  die  Fortdauer  der
Kirche  erheischte  jedoch  die  Verzichtleistung  hierauf  zugunsten  eines
Glaubens  an  ewige  Zwecke.  „Gottes  Mühlen  mahlen  langsam“,  aber
denen,  die  sich  mit  ihrer  schwerfälligen  Bewegung  ausgesöhnt  haben,
bleibt  die  Genugtuung,  daß  die  Mühlsteine  nichts  verfehlen.
Ein  Schlußwort  bleibt  zu  sagen  übrig.  Vielleicht  muß  es  so  klingen, ­
  daß  es  etwas  wie  ein  Bedauern  ausdrückt.  Die  Zuchthausarbeit, ­
  zu  der  es  zu  verurteilen  die  Wähler  einem  Parlamentsmitgliede
die  Ehre  erweisen,  läßt  ihm  nicht  allein  für  die  mechanische  Arbeit,
ein  Buch  zu  schreiben,  kaum  die  nötige  Zeit,  sondern  verbraucht
auch  den  größten  Fonds  seiner  frischen  Geisteskräfte.  Und  wenn
er  am  Ende  von  Sessionen  in  christlicher  Demut  Zusehen  muß,  daß
das  Werk  von  Monaten  wie  durch  eine  Flut  unbarmherzig  weggefegt ­
  wird,  so  bleibt  ihm  nur  ein  magerer  Trost,  wenn  er  nicht  allein
sieht,  wie  die  Zeit  so  schnell  dahinfließt,  sondern  auch,  wie  spärlich
die  Anzahl  der  gesammelten  Garben  ist.  Die  Zeit  muß  kommen,  wo
sich  die  parlamentarische  Arbeit  geschäftsmäßiger  gestalten  wird  —
oder  niemand,  der  die  Zeit  noch  zu  schätzen  weiß,  wird  sich  je  auf  den
grünen  Bänken  des  Hauses  der  Gemeinen  einen  Platz  suchen.  Diese
Untersuchung  beansprucht  nichts  mehr  zu  bieten  als  Gedanken,  die  in
zerstreuten  Augenblicken  der  Muße  in  dem  Geiste  eines  Menschen
aufgestiegen  sind,  der  sich  durch  unfruchtbare  Sessionen  hindurch
übermäßig  anstrengen  mußte,  der  die  hier  behandelten  Probleme  praktisch ­
  kennen  gelernt  hat,  der  als  ein  „Mann  des  Hauses  der  Gemeinen“
über  die  wirklichen  Probleme  der  Regierung,  wie  sie  sich  ihm  in  der
Arena  der  politischen  Diskussionen  dargeboten  haben,  nachgedacht
hat,  und  der  von  der  Sehnsucht  erfüllt  ist,  das  Parlament  leistungs-
        <pb n="23" />
        fähiger  und  geehrter,  als  es  heute  ist,  zu  sehen.  Doch  hinter  diesem
Interesse  an  vergangenen  Ereignissen  und  an  der  theoretischen  Politik
hat  die  Überzeugung  gelebt,  daß  der  Sozialismus  wieder  und  immer
wieder  in  den  Morast  geführt  werden  wird,  bis  er  seine  Politik  mit
seiner  Soziologie  in  Übereinstimmung  gebracht  und  seine  Theorie  von
der  politischen  und  industriellen  Organisation  vereinheitlich  hat.
16.  SEPTEMBER  1909
J.  RAM  SA  Y  MAC  DONALD

liiiiiiiiiiiiiiiiHniiiiiiiiiiimininiiniiiumniniiniinnniiiiiiiiiinninmn
XXIV
        <pb n="24" />
        I  Mac  Donald,  Sozialismus

1

I.  DER  STAAT
numiiniiiiimmiiiiiimiiiiiiiiiimiimiiiiiimiiiinmiimiTiiiuiiiiiiiiiirn
Der  heutige,  national  abgegrenzte  Staat,  der  sich  in  seinem  Landheer
und  seiner  Marine  mit  höchster  Dramatik  ausprägt,  ist  wahrscheinlich
zum  Vergehen  verurteilt.  Ein  allgemeines,  ein  Menschheitsparlament
wird  vielleicht  einst  berufen  sein,  die  vereinigten  Staaten  der  Welt
zu  vertreten.  Ja  selbst  der  Begriff  Regierung  als  eine  Zwangsgewalt
dürfte  dem  Menschengeiste  fremd  geworden  sein,  wenn  für  unsere
entfernte  Nachkommenschaft  die  Glückseligkeit  die  allgemeine  Lebensregel ­
  geworden  sein  wird  und  sich  die  sittlichen  Ideen  der  Propheten
in  den  landläufigen  Gewohnheiten  des  Volkes  verwirklicht  haben
werden.  Aber  diese  Vision  vom  Neuen  Jerusalem  haben  wir  nur,
wenn  wir  vom  „Geiste  ergriffen“  werden.  Das  uns  gewordene  Erbe
ist  Patmos  —  mit  seinem  Groll,  seiner  Politik  und  seinen  Problemen.
Gegenwärtig  ist  die  Menschheit  noch  nach  Farbe,  Kultur,  Rasse  und
Nationalität  zerklüftet.  Aus  ihren  jetzigen  Unvollkommenheiten  muß
sie  sich  im  Fortschritt  der  Zeit  zum  Reifegrad  erheben,  und  die  Aufgabe ­
  des  Gesellschaftsreformators,  der  Erfolge  von  dauernder  Wirkung ­
  erstrebt,  besteht  darin,  daß  sich  seine  verbessernde  Tätigkeit
zuerst  auf  den  empirisch  gegebenen  Stoff  richtet.  Nur  dann  sind
Ideale  wertvoll,  wenn  sie  dem  praktischen  Zwecke  der  Neugestaltung
der  bestehenden  Dinge  und  Verhältnisse  dienen.
Die  Politik  des  Sozialismus  muß  sich  deshalb  an  der  Gegenwartswelt
orientieren.  Die  Gesellschaft  ist  noch  nicht  ein  einheitliches  Ganze.  Sie
ist  eine  ordnungslose  Masse  einander  widerstreitender  Interessen  und
sich  befehdender  Persönlichkeiten,  die  vom  Zwang  und  vom  bürgerlichen ­
  Gesetz  gehemmt,  geordnet  und  beaufsichtigt  werden  müssen.
Sind  diese  regulierenden  Mittel  nach  einem  weisen  Plane  eingerichtet,
so  müssen  sie  mit  den  sozialen  Gepflogenheiten  und  sittlichen  Anschauungen ­
  Zusammenwirken  und  sie  stärken.  Der  gesamte  Apparat
der  rechtlichen  und  moralischen  Zwangsgewalten  muß  von  einem  einheitlichen ­
  Geiste  getragen  werden,  wenn  das  Ergebnis  nicht  Verwirrung ­
  sein  soll.  Der  bürgerliche  Staat  kann  ebensowenig  ungestraft  eine
Ungerechtigkeit  begehen,  wie  der  Einzelne.  Wer  behauptet,  daß  nur
dann  vollkommene  gesellschaftliche  Beziehungen  geschaffen  werden
        <pb n="25" />
        können,  wenn  vorher  Herz  und  Gemüt  der  Menschen  verändert  worden
seien,  irrt  genau  so,  wie  der,  der  da  glaubt,  daß  man  nur  gute  Gesetze
brauche,  um  eine  schöne  Lebensführung  zu  gewährleisten.  Diese
beiden  äußersten  Gegensätze  sind  Abstraktionen,  denen  keine  Wirklichkeit ­
  entspricht.  Das  Sittengesetz  und  das  geschriebene  Recht
bedürfen  der  wechselseitigen  Unterstützung.  Denn  wir  mögen  wohl
den  Mann  mehr  bewundern,  der  von  der  sittlichen  Läuterung  des
Erwerbslebens  das  Heil  erwartet,  als  den,  der  den  Eigennutz  für  die
vorzüglichste  Richtschnur  unserer  Handlungen  erklärt:  zu  Trägern
des  Fortschrittsgedankens  erweisen  sie  sich  beide  unbrauchbar.  Der
Einzelne  und  seine  soziale  Umgebung,  das,  was  er  wünscht  und  was  er
wünschen  sollte,  müssen  in  Übereinstimmung  gebracht  werden.  Aus
diesem  Grunde  müssen  Theorie  und  Praxis  des  Sozialismus  die  politische ­
  Tätigkeit  einbegreifen  und  von  dem  Dasein  des  bürgerlichen
Staates  ausgehen.
A.  BEGRIFF,  FORMEN  UND  AUFGABEN  DES  STAATES
ir  müssen  genau  bestimmen,  was  wir  als  Staat  begriffen  wissen

V  V  wollen.  Weder  verstehen  wir  unter  Staat  die  Regierung  noch  das
Parlament,  noch  die  Beamtenhierarchie  der  Ministerien;  andererseits
wird  die  Idee  des  Staates  nicht  durch  den  Begriff  der  Gesellschaft
erschöpft.  Der  Staat  ist  die  organisierte  politische  Persönlichkeit
eines  souveränen  Volkes  —  die  Organisation  einer  Gemeinschaft  zu
dem  Zwecke,  ihren  gemeinsamen  Willen  auf  politischem  Wege  durchzusetzen. ­
  Die  Volksvertretung  drückt  nur  diesen  Willen  in  derselben
Weise  aus  wie  der  Vorstand  die  Entscheidungen  eines  Vereines  vermittelt. ­
  Die  Bureaukratie  ist  nur  das  Vollstreckungsorgan  der  Staatsdekrete. ­
  Die  politischen  Parteien  endlich  organisieren  und  überreden
diesen  Willen.  In  einigen  Ländern,  wie  in  Amerika  und  Australien
mit  ihren  föderativen  Staatswesen,  wird  die  Staatsautorität  nicht  von
einer  Zentralgewalt  ausgeübt,  sondern  die  Befugnisse  sind  nach  den
Bestimmungen  einer  formgerechten  Verfassung  verteilt,  und  die  gouvernementale
  Zentralinstanz  delegiert  in  fast  jedem  Lande  den  Kommunalbehörden ­
  gewisse  Verwaltungsrechte,  die  ein  so  großes  Ausdehnungsbestreben ­
  zeigen,  daß  sie  fast  den  Charakter  von  Gesetzgebungsfunktionen ­
  erhalten.  Die  moderne  Gemeinde  gleicht  politisch  dem
Staatsgliede  eines  Staatenbundes,  der  den  einzelnen  angeschlossenen

2
        <pb n="26" />
        x*

3

Staaten  bestimmte  gesetzgeberische  Vollmachten  zweiter  Ordnung
überträgt.  Die  Gesellschaft  dagegen  ist  der  Inbegriff  aller  Beziehungen ­
  ihrer  Mitglieder  in  deren  mannigfaltigen  Betätigungen  und  Unternehmungen ­
  und  umspannt  Einrichtungen  wie  die  Familie,  die  der
Staat  nicht  in  sich  schließt,  obwohl  er  sie  gesetzlich  anerkennt.
Spricht  der  Sozialist  von  dem  Staate  und  der  Staatshoheit,  so  unterstellt ­
  er  demnach  die  politisch  organisierte  Gemeinschaft,  die  nicht  nur
durch  eine  oberste  Inhaberin  der  Gewalt,  sondern  auch  durch  die
munizipalen  Vertretungskörperschaften  handelt  oder  sich  eines  von
der  höchsten  Staatsautorität  geschaffenen  Leitungsorgans  bedient,
um  dem  Willen  dieser  Autorität  konkrete  Wirklichkeit  zu  verleihen.
Aber  diese  Begriffsbestimmung  bedarf  noch  der  Ergänzung.  Diese
Organisation  der  Gemeinschaft  ist  nicht  einfach  ein  loses  Gefüge  einzelner ­
  Personen,  das  sich  für  spezielle  Zwecke  bildet  und  sich  nach
deren  Erfüllung  auflöst.  Es  ist  keine  bloße  Versammlung,  sondern
eine  Form  gemeinsamen  Handelns,  die,  wie  andere  Institute  menschlichen ­
  Zusammenwirkens  (Familie,  Kirche),  auf  eine  Geschichte  zurückschaut, ­
  in  stetem  Werden  ist,  zu  einer  Gewohnheit  ward  und  von
einem  Zwecke,  d.  h.  einer  Idee  erfüllt  ist.  Religion,  nationale  Erfahrung, ­
  wirtschaftliche  und  gewerbliche  Entwicklung  haben  den
Staat  in  eine  Persönlichkeit  verwandelt,  die  auf  den  Individualwillen
wirkt,  dessen  Richtung  und  Beweggründe  verändert.  Die  Staatspersönlichkeit ­
  tritt  also  dem  einzelnen  Willen  selbsttätig  entgegen;
der  Einzelne  als  Gesellschaftsmitglied  bewegt  sich  eben  nicht  in  einem
leeren  Raume.  Es  ist  deshalb  ein  Irrtum,  zu  glauben,  daß  der  Staat
nur  eine  Schöpfung  der  in  ihm  lebenden  Personen  sei  oder  auf  Freiwilligkeit ­
  der  menschlichen  Tätigkeit  beruhe;  auch  die  Vergangenheit
hat  an  seinem  Aufbau  gearbeitet.  Der  Staat  ist  eine  der  Bedingungen
der  Willenshandlungen  zusammenlebender  Individuen.  Wie  die  Verrichtungen ­
  der  Körperzellen  des  Menschen  von  der  Entwicklung  des
Menschenkörpers  abhängen,  so  beeinflussen  die  sich  am  Staatskörper
vollziehenden  Wandlungen  auch  die  Aktivität  des  Einzelnen,  der  ein
Teil  des  Staates  ist.  Die  Entwicklung  des  Staates  wie  des  Einzelnen
ist  tatsächlich  die  Entwicklung  beider.
Die  staatliche  Organisation  sollte  daher  als  ein  Organismus  betrachtet ­
  werden.  Doch  sei  dem  nun  wie  ihm  auch  wolle,  jedenfalls
behauptet  sich  die  Tatsache,  daß  die  von  politischen  Theoretikern
        <pb n="27" />
        durch  Generationen  geführte  Kontroverse  über  die  Beziehungen
zwischen  Individuum  und  Staat,  Freiheit  und  Regierung,  meistens  nur
an  Äußerlichkeiten  haftete  und  sich  auf  Worte  richtete.  Die  Geschichte
belehrt  uns  nicht  über  jenes  angeblich  glückliche  und  freie  Individuum,
das  tut,  was  ihm  beliebt,  lebt  wie  ihm  gefällt,  in  Besitz  nimmt,  was
ihm  schmeichelt;  nur  in  Hinterwäldern  und  an  dem  Saume  der  Zivilisation ­
  kann  ein  solches  Wesen  heimisch  sein.  Vielmehr  streitet  die
allgemeine  menschliche  Erfahrung,  hauptsächlich  aber  das  moderne
Leben,  gegen  eine  Auffassung,  nach  der  Freiheit  für  jemand  die  Möglichkeit ­
  bedeuten  soll,  all  das  Erwähnte  zu  sein  und  zu  tun,  sofern  nur
seine  anarchistischen  Annehmlichkeiten  nicht  die  anarchistischen
Genüsse  der  übrigen  Genossen  beeinträchtigen.  Seine  volle  Kraft  und
Stärke  kann  der  menschliche  Intellekt  nur  in  einem  Gemeinwesen
entfalten,  das  von  einem  gemeinsamen  Geiste  angetrieben  wird,  der  sich
teils  durch  die  als  organische  Einheit  handelnde  Gemeinschaft,  teils
durch  die  Gedankenarbeit  der  auf  ihre  eigene  Entwicklung  bedachten
Einzelnen  äußert.  Das  Problem  der  Freiheit,  das  heute  nach  seiner
Lösung  drängt,  ließe  sich  etwa  so  formulieren:  Wie  kann  der  Einzelne
ausschließlich  mit  solchen  sozialen  Zwangseinrichtungen  umgeben
werden,  durch  die  auch  ein  individueller  sozialer  Wille  freiwillig  sein
Spiel  begrenzen  würde,  und  wie  kann  man  diese  Zwangsmächte  in
einem  ausführlichen  Plane  gesellschaftlicher  Wirksamkeit  systematisch ­
  gliedern  und  verbinden?  Oder  um  mit  Rousseau  zu  reden,  das
Problem  der  Freiheit  besteht  mindestens  zum  Teile  darin,  wie  der  Staat
das  Individuum  zur  Freiheit  zwingen  kann.
Daß  der  Staat  also  nur  die  Hindernisse  zu  beseitigen  habe,  die  der
Verwirklichung  eines  höheren  Lebens  im  Wege  stehen,  verrät  eine
beschränkte  Vorstellungsweise  von  seinem  Wesen,  die  nur  eine  Seite
seiner  sittlichen  Nützlichkeit  zu  würdigen  weiß.  Der  Staat  ist  nicht
minder  verpflichtet,  den  Weg  zum  Aufstieg  in  die  Höhen  zu  bahnen
und  edle  Bestrebungen,  die  zu  der  Benutzung  dieses  Weges  einladen,
zu  nähren  und  anzuspornen.  Der  Staat  erläßt  gleichzeitig  Befehle
und  spendet  Hilfe.  Die  Freiheit  im  Staate  aufrechtzuerhalten,  ist
nicht  leichter,  als  sie  in  der  Familie  zu  sichern.  Über  welche  Mittel
verfügen  wir  nun  als  Gemeinschaftsangehörige,  auf  die  Gesellschaftsordnung ­
  so  einzuwirken,  daß  ihr  regelndes  Schalten  und
Walten  nicht  in  die  Willkürherrschaft  des  Kerkermeisters  ausarte  ?
        <pb n="28" />
        5

Wir  können  uns  mit  der  Antwort  bescheiden,  daß  die  zwischen  Individuum ­
  und  Gemeinschaft  bestehende  wechselseitige  Abhängigkeit,
deren  axiomatische  Bedeutung  heute  in  jeder  fruchtbringenden
Diskussion  der  politischen  Soziologie  anerkannt  werden  sollte,  alle
jene  Argumente  entwertet,  die  sich  auf  Vorstellungen  berufen,  wie  sie
in  der  Formel:  Individuum  versus  Staat  enthalten  sind.  Recht,
sozialer  Zwang  und  öffentliche  Meinung,  die  die  Erfahrungen  der
Gesellschaft  und  des  modernen  Individuums  widerspiegeln  und  den
geschichtlichen  Zusammenhang  der  Gesellschaft  wahren,  gleichzeitig
aber  geschmeidig  genug  sind,  den  individuellen  und  kollektiven
Vernunftkräften  den  für  den  Fortschritt  nötigen  Spielraum  einzuräumen, ­
  schaffen  die  Lebensbedingungen,  unter  denen  sich  der  reale
einzelne  Wille  von  den  Einfällen,  dem  vorübergehenden  Wollen  oder
dem  zerstörenden  Selbst  seiner  Träger  befreit.  Ich  betrachte  die
Gesellschaft  als  einen  Organismus,  der  in  einigen  Teilen  versteinert  ist,
aber  in  anderen  seiner  Glieder  die  sprühendste  Lebendigkeit  bekundet,
der  die  Gebräuche  und  Einrichtungen  der  Vergangenheit  zwar  erhält,
doch  auch  den  schöpferischen  Zukunftsmächten  seinen  Gruß  entbietet ­
  und  ihnen  den  Eintritt  nicht  verweigert.  Der  Individualwille
erscheint  mir  als  eine  persönliche  innere  Macht,  die,  wie  die  Kompaßnadel, ­
  von  dem  magnetischen  Pole  des  Allgemeinwillens  geleitet  wird,
]edoch  in  ihren  Bemühungen  um  die  Sicherung  größerer  Freiheit
nnd  höherer  Vollkommenheit  von  den  Gegenströmungen  der  Unwissenheit ­
  und  des  kurzsichtigen  Eigennutzes  beständig  gehemmt
und  abgelenkt  wird.  Mögen  immerhin  der  tatsächliche  und  der  ausgedrückte ­
  Wille  miteinander  hadern,  wenn  das  soziale  oder  das  moralische ­
  Selbst  zeitweilig  zum  Schweigen  gebracht  wird,  das  letzte  Wort
spricht  stets  die  wirkliche  Persönlichkeit,  die  im  Hintergründe  bleibt.
Dieser  Unterschied  zwischen  dem  tatsächlichen  und  dem  verkündigten ­
  Willen  des  Individuums  spielt  in  der  Politik  die  wichtigste
Rolle,  erst  er  vermittelt  das  Verständnis  für  manche  anscheinende
Inkongruenz  zwischen  demokratischer  Theorie  und  Praxis.  Diese
Nichtübereinstimmung  zu  erkennen,  ist  gerade  die  Aufgabe  des  Staatsmannes, ­
  der  weiß,  wie  weit  sich  mitgeteilte  und  wirkliche  Wünsche
decken,  der  den  Herzensgedanken  des  Volkes,  die  es  nicht  auf  den
Lippen  trägt,  einen  beredten  Mund  zu  leihen  versteht  und  der
ohne  Mandat,  ja  selbst  gegen  erteilte  Aufträge,  die  wirklichen
        <pb n="29" />
        6

Bedürfnisse  des  Volkes-erfüllt.  Eine  Polemik,  die  jüngst  in  der
sozialistischen  Bewegung  geführt  worden  ist,  ist  geeignet,  den  Gedanken ­
  zu  veranschaulichen.  Einige  der  Unsrigen  nämlich  haben
gegen  das  System  der  Regierung  durch  Parteien  die  Schilde  erhoben,
während  sie  in  derselben  Zeit  eifrig  bestrebt  gewesen  sind,  selbst
eine  neue  Partei  zu  gründen  und  sie  mit  einer  Verfassungsurkunde
auszustatten.  Einen  oberflächlichen  Beurteiler  wird  dies  natürlich
ein  törichter  Widerspruch  dünken,  wer  aber  tiefer  in  den  Sinn  der
Ausdrücke  eindringt  und  ihren  Wirklichkeitsgehalt  entdeckt,  wird
finden,  daß  von  einem  Widerspruch  keine  Rede  ist.  Der  reale  Wille
stimmt  eben  nicht  mit  dem  Willen  überein,  der  sich  unter  dem  Eindruck ­
  einer  Stimmung  oder  eines  Augenblicks  manifestiert,  sondern
der  wirkliche  Wille  ist  vielmehr  der  mit  anderen  Willensäußerungen
sowie  den  Kundgebungen  des  Gesamtwillens  koordinierte  Wille.
Auf  diesem  realen  Willen  aber  beruht  die  Freiheit.
Es  ist  hier  der  Ort,  einer  weiteren  Überlegung  hinsichtlich  des
Verhältnisses  des  Staates  zum  Individuum  zu  gedenken,  da  sie  die
Ansicht  bekräftigt,  daß  diese  Beziehung  nicht  einfach  passiv  und
negativ,  sondern  auch  aktiv  und  positiv  sein  muß.  Des  staatlichen
Schutzes  erfreut  sich  das  Individuum  nicht  als  Wesen,  das  seinen
Zweck  in  sich  selbst  trüge;  denn  das  gehört  nur  mittelbar  zu  den
Angelegenheiten  des  Staates.  Mit  dem  Menschen  als  Selbstzweck
beschäftigen  sich  vielmehr  das  Sittengesetz  und  dessen  freie  leitende
Hut  und  Aufsicht.  Dagegen  interessiert  er  die  politische  Persönlichkeit ­
  der  Gemeinschaft  nur,  weil  das  vollkommene  Individuum  einen
unentbehrlichen  Bestandteil  der  vollkommenen  Menschheit  bildet,
welchem  hehrsten  Ziele  die  Gesellschaft  zustrebt  und  der  Staat  seine
Dienste  widmet.  Für  den  Staat  ist  der  Einzelne  der  Erbe  der  verflossenen ­
  Erfahrung  der  Menschheit,  der  Nutznießer  ihrer  erworbenen
Schätze,  der  Arbeiter  am  Schöpfungswerk  menschlicher  Vollkommenheit, ­
  kein  Selbstzweck,  sondern  nur  ein  Mittel  zur  Erreichung  „jenes
in  weiter  Ferne  liegenden  göttlichen  Zieles,  dem  die  ganze  Schöpfung
entgegengeht“.
Dieser  Gedanke  läßt  sich  auch  so  einkleiden:  In  erster  Reihe  befaßt
sich  der  Staat  nicht  mit  dem  Menschen  als  Inhaber  von  Rechten,
sondern  als  Erfüller  von  Pflichten.  Ein  Recht  ist  die  Möglichkeit,
einer  Pflicht  zu  genügen,  und  es  sollte  nur  so  weit  anerkannt  werden,
        <pb n="30" />
        7

als  es  zur  Pflichterfüllung  nötig  ist.  Deshalb  sollte  der  Staat  nie  das
Vorhandensein  eines  Rechtes  anerkennen  —  z.  B.  des  Rechts,  sich  zu
betrinken  —,  wenn  er  weiß,  daß  dieses  „Recht“  seinem  Träger  die
Erfüllung  seiner  Pflichten  unmöglich  macht.  Noch  sollte  der  Staat
das  Wahl-,.Recht“  gewähren,  es  sei  denn,  daß  er  dadurch  seine  eigenen
Zwecke  fördere.  Ein  Recht  ist  demnach  der  Menschheit  nicht
schlechthin,  sondern  nur  unter  Voraussetzungen  eigen.  Schrittweise
erweitern  sich  also  des  Menschen  Rechte,  da  er  sich  der  Fülle  der
Freiheit,  die  ihm  beschert  ist,  nur  in  dem  Maße  nähert,  als  er  an
Adel  gewinnt.  Dann  bedarf  er  der  Bevormundung  nicht  mehr,  sein
Inneres  leitet  ihn.  Der  Staat  wird  daher  in  jener  entrückten  Zukunft,
wenn  er  zu  jener  Vollkommenheit  gelangt  ist,  die  ihn  von  der  Weltbühne ­
  abruft,  einer  Art  Nirwana  zustreben.  Bis  dahin  wird  der
Staat  jedoch  den  Menschen  als  Vermittler  des  menschlichen  Lebens
zwischen  Vergangenheit  und  Zukunft  betrachten,  indem  er  ihm  die
Aufgabe  überweist,  das  Reich  der  Zukunft  aus  den  liefen  der  Vergangenheit ­
  zu  heben.  Er  zeigt  ihm  seinen  Pfad.
Eine  doppelte  Reihe  von  Staatspflichten  entwickelt  sich  hieraus:
einen  hohen  Grad  persönlicher  Lebenshaltung  zu  schaffen  und  zu
sichern,  und  die  Schwachen  zu  schützen.  Der  ersten  Reihe  entstammen ­
  die  Gesetze  über  Arbeiterschutz,  Wohnungshygiene  und  ähnliches,
aber  sie  enthält  auch  die  Rechtfertigung  dafür,  daß  sich  der  Staat  mit
den  Erzeugnissen  der  Heimarbeit  befassen  muß  und  darauf  zu  achten
hat,  daß  er  als  Arbeitgeber  Standardlöhne  bezahle  usw. 1 .  Dieser
Grundsatz  rechtfertigt  auch  eine  besondere  Fabrikgesetzgebung  für
die  Frauen,  obgleich  sie  noch  aus  anderen  Gründen  verteidigt  werden
muß.  Es  ist  die  Obliegenheit  des  Staates,  die  Gesellschaft  zu  erhalten,
und  da  die  Familie  im  Wesen  der  Gesellschaft  liegt,  so  ist  der  Staat
verbunden,  die  Zerrüttung  der  Familie  zu  verhüten.  Könnte  z.  B.
bewiesen  werden,  daß  die  übermäßige  Kindersterblichkeit  auf  die
Fabrikarbeit  verheirateter  Frauen  zurückzuführen  sei  —  die  Beweise
1  Theoretisch  ist  nichts  dagegen  einzuwenden,  daß  importierte  Waren,  die  im
Ausland  unter  Arbeitsbedingungen  hergestellt  worden  sind,  die  wir  bei  uns  verpönen,
  mit  Zöllen  belegt  werden.  Bedeutsam  ist  erst  der  praktische  Einwand,
daß  ein  solcher  Zolltarif  nicht  auf  die  fraglichen  Produkte  beschränkt  bleiben
könnte  und  seine  indirekten  und  ferneren  üblen  Wirkungen  die  guten  überwiegen
würden.  Soll  ein  solcher  Tarif  seinen  Zweck  erfüllen,  so  müßte  ihm  daher  eine
internationale  Vereinbarung  vorangehen,  die  jeden  Staat  verpflichtete,  alle  Erzeugnisse ­
  zu  kennzeichnen,  die  unter  Arbeitsbedingungen  fabriziert  sind,  welche
hinter  einer  bestimmten  Höhe  Zurückbleiben.
        <pb n="31" />
        8

hierfür  sind  nicht  zwingend  —,  so  müßte  solche  Arbeit  gesetzlich
verboten  werden.  Wollte  jemand  einwenden,  daß  der  Verdienst  der
Ehefrauen  für  die  Erhaltung  der  Familie  erforderlich  sei,  so  wäre  dies
keine  ernst  zu  nehmende  Antwort;  es  verurteilte  einfach  die  moderne
Industriewirtschaft,  weil  sie  zur  Fortführung  ihrer  Existenz  der  größten ­
  Opfer  an  Kindern  bedürfte  und  folglich  selbstmörderisch  sei.  Ist
der  Beruf  der  Schankmädchen  gefährlich  —  und  der  Beweis  hierfür  ist
erdrückend  —,  so  müßte  der  Staat  dessen  Ausübung  untersagen.  Die
Behauptung,  daß  eine  derartige  Gesetzgebung  erst  unternommen
werden  könne,  wenn  die  Frauen  wahlberechtigt  seien,  hat  keine
Überzeugungskraft.  Ob  das  Wahlverfahren  zum  Parlament  schlecht
oder  gut  ist,  ändert  nichts  daran,  daß  dem  Staate  die  zwingende
Pflicht  obliegt,  die  Gesellschaft  zu  schützen.  Er  hat  nach  dem  vorliegenden ­
  Tatsachenmaterial  zu  handeln  und  für  sein  Tun  die  Verantwortung ­
  zu  tragen.  Dies  wird  sofort  klar,  wenn  wir  die  Frage  formulieren, ­
  die  den  Frauen  gestellt  werden  würde,  sobald  sie  das  Wahlrecht
haben,  nämlich:  „Würdet  ihr  die  Frauenarbeit  in  diesen  oder  jenen
gesundheitsschädlichen  Berufen  gutheißen?“  Eine  bejahende  Antwort ­
  wäre  der  Wohlfahrt  der  Gesellschaft  zuwider.  Soll  den  Frauen
die  Gleichberechtigung  zugestanden  werden,  so  darf  dies  nimmermehr
heißen,  daß  sie  solche  Dinge  unter  dem  Gesichtspunkt  ihrer  scheinbaren ­
  eigenen  Interessen  zu  entscheiden  haben  sollen.  Die  Frauen
haben  keine  „Rechte“,  die  sie  dazu  berufen,  die  sozialen  Zustände
zu  verschlechtern  und  die  selbstvernichtenden  Tendenzen  der  Gesellschaft ­
  zu  verstärken.
Die  Rassenveredelung  ist  deshalb  eine  Staatsangelegenheit.  Allerdings ­
  nur  teilweise,  denn  hier  findet  die  Nützlichkeit  der  Staatstätigkeit ­
  ihre  Grenzen.  Bei  der  Erörterung  von  Fragen,  die  sich  auf  die
Qualität  der  Bevölkerung  beziehen,  haben  wir  es  mit  abstrakten
Staatsrechten  zu  tun,  die,  wären  sie  immerhin  zugestanden,  wegen  der
unüberwindlichen  praktischen  Schwierigkeiten  nie  angewandt  werden
könnten 1 .  Doch  gebietet  seine  Pflicht  dem  Staat,  und  es  liegt  auch
sehr  wohl  in  dem  Bereiche  seiner  Wirksamkeit,  eine  Methode  individueller ­
  Erziehung  und  Schulung  einzuführen,  die  den  Sinn  für
Schönheit  und  Kraft  so  hegt  und  verfeinert,  Bürge  dafür  zu  sein,
1  Die  beste  Antwort  auf  Sir  Francis  Galton  und  die  neue  Schule  der  Rassenverbesserer ­
  findet  man  in  „Mankind  in  the  Making“  von  H.  G.  Wells.
        <pb n="32" />
        9

daß  die  Rasse  von  gesunden  und  stattlichen  Männern  und  Frauen
fortgepflanzt  wird.  Die  Anwendung  der  Lehre  von  der  natürlichen
Auslese  durch  Vernichtung  ist  abgetan,  wohl  aber  kann  der  Staat
die  sexuelle  Auswahl  durch  Pflege  des  guten  Geschmacks  wieder  zu
Ehren  bringen.  Viel  weniger  Schwierigkeit  als  das  Vermählen  der
Geschlechter,  das  der  Staat  nur  mittelbar  beeinflußen  kann,  bietet
jedoch  ein  anderes  Gebiet  der  Rassenveredelung.  Die  hier  von  mir
entwickelten  Prinzipien  fordern  für  Männer,  Frauen  und  Kinder
wegen  des  physiologischen  Unterschiedes  der  Geschlechter  und  der
Altersstufen  besondere  Gesetze,  namentlich  auf  dem  Gebiet  der
Fabrikgesetzgebung.  Aber  hiermit  erschöpfen  sich  unsere  Aufgaben
nicht,  sie  reichen  weiter.  Denn  sollten  z.  B.  wirtschaftliche  Vorgänge
das  Individuum  irgendwie  an  der  Ausübung  seiner  Freiheit,  woran
der  Staat  interessiert  ist,  hindern,  so  müßte  er  diesen  Erscheinungen ­
  prima  facie  seine  Aufmerksamkeit  widmen 1 .  Tagtäglich
stoßen  wir  auf  derartige  Fälle.  Da  ringen  antagonistische  Interessen
miteinander  und  suchen  sich  zu  vernichten.  Eine  Person  oder  mehrere
Personen  oder  Klassen  mögen  hierbei  schließlich  gewinnen,  aber  es
mangelt  an  einem  kompetenten  oder  verständnisvollen  Richter,  der
zu  urteilen  hätte,  ob  der  Vorteil  dem  Ganzen  oder  nur  einem  Teile
gehöre,  ob  er  am  Ende  gut  oder  böse  wirke.  Ein  Individuum  opfert
das  andere  seinen  Zwecken.  Es  hat  bessere  Muskeln,  ist  mit  überlegenen ­
  Waffen  ausgerüstet  oder  genießt  wirtschaftliche  Vorrechte
oder  das  Glück  zeigt  sich  ihm  geneigter,  aber  niemand  entscheidet,
ob  nun  der  Ausgang  wirklich  mehr  des  Guten  oder  des  Bösen  bringen
wird.  Die  eine  Klasse  beraubt  die  andere.  Die  Möglichkeiten  hierzu
sind  im  Fortschritt  der  geschichtlichen  Entwicklung  entstanden,  sie
sind  vielleicht  in  der  Eigentumsverfassung  begründet.  Aber  kein
Aufseher,  der  das  Ganze  überwacht,  ist  vorhanden,  uns  über  das
Ergebnis  zu  unterrichten,  an  unser  Ohr  dringt  darüber  keine  Kunde.
Der  Arbeiter  wiederum  steht  zum  Kapitale  nicht  ausschließlich  in
einem  Dienstverhältnis,  er  ist  auch  sein  Teilhaber.  Er  hat  fast  ein
ebenso  lebendiges  Interesse  an  der  vernünftigen  Leitung  der  Fabrik,
1  Wie  weit  dieses  Prinzip  im  konkreten  Fall  angewandt  werden  kann,  ist  eine
Zweckmäßigkeitsfrage.  Grundsätze  bewähren  sich  nicht  daraufhin,  daß  sie
logisch  fehlerfrei  sind.  Indes  ist  ihre  Verkündigung  praktisch  äußerst  wertvoll,
da  das  Bekennen  zum  Sollen  in  der  Regel  zum  Aufspüren  der  Mittel  der  Verwirklichung ­
  antreibt  und  sie  so  auch  findet.
        <pb n="33" />
        10

wo  er  tätig  ist,  als  der  Eigentümer  selbst.  Doch  wie  kann  diese  Tatsache ­
  die  Industrie  beeinflussen?  Unter  der  Herrschaft  des  Privateigentums ­
  kann  sie  es  augenscheinlich  nicht;  denn  es  handelt  sich  hier
um  eine  sittliche  Anschauungsweise,  die  sich  in  das  Schema  der  heutigen ­
  Industrieordnung  nicht  einfügt.  Wir  mögen  dies  zusammen  mit
einer  anderen  Reihe  von  Umständen,  an  die  wir  denken,  ausdrücklich ­
  betonen.  Es  kann  ein  Staat,  wo  mit  größter  Unparteilichkeit
Recht  gesprochen  wird,  dennoch  von  der  Gerechtigkeit  weit  entfernt
sein,  weil  die  Lebensbedingungen  der  einen  Klasse  im  Vergleich  mit
einer  anderen  so  ungleich  sind,  daß  das  Walten  der  Gesetzlichkeit
unbillig  wird.
Der  Staat,  der  die  politische  Persönlichkeit  des  Ganzen  darstellt,
ist  in  diesen  Dingen  der  allein  mögliche  Richter,  er  denkt  und  fühlt
für  die  Gesamtheit,  deren  Leben  sein  eigenes  ist.  Deshalb  ist  er  am
geeignetsten,  die  Wirkung  der  individuellen  Handlung  auf  das  Ganze
und  auf  andere  Individuen  abzuschätzen.  Und  in  seinem  Tun  sollte  er
nicht  einem  Richter  nacheifern,  der  Verdienst  und  Vergehen  nach
vollbrachter  Tat  ausmißt,  sondern  er  sollte  die  Umstände  so  organisieren, ­
  daß  er  Übeln  vorbeugt.  Der  kollektive  Wille  und  das  gemeinsame ­
  Interesse  sollten  sich  die  gesellschaftlichen  Mächte  in  einer
Weise  unterordnen,  daß  sie  nur  dem  Wohle  und  nicht  der  Ausbeutung
des  Ganzen  dienten.  Hier  stoßen  wir  auf  die  felsige  Schicht,  die  das
Fundament  des  Sozialismus  trägt.
Das  soziale  Verantwortlichkeitsgefühl,  die  Schwachen  zu  schirmen,
entspringt  einem  anderen  Umstande.  Gewisse  Rücksichten  auf  die
rein  menschlichen  oder  geistigen  Eigenschaften  der  Individualität
sind  mit  der  Pflicht  verknüpft,  dem  sozialen  Individuum  Schutz  und
Freiheit  zu  sichern,  was  sich  deutlich  daran  zeigt,  daß  der  Widerwille,
den  das  soziale  Individuum  bei  dem  Anblick  von  unverschuldet  in
Not  geratenen  Mitmenschen  empfindet,  nach  der  Staatshilfe  ruft.
Der  Staat  handelt  also  als  treue  Stütze  der  vorwärtsschreitenden
Menschheit,  indem  er  sich  der  Waisen,  der  Lahmen,  der  Krüppel,  der
Blinden  und  der  Geisteskranken  annimmt,  die  Kinder  durch  Gesetze
schützt,  bejahrten  Männern  und  Frauen  den  Genuß  einer  Rente
verbürgt  und  dem  wirtschaftlich  Schwachen,  wie  dem  Arbeitslosen
z.  B.,  helfend  die  Hand  reicht.
Hier  erhebt  sich  aber  ein  nicht  unwichtiges  Problem.  Es  könnten
        <pb n="34" />
        nämlich  die  Gesinnungen  der  Einzelnen  mit  dem  Dasein  der  Gesellschaft ­
  unverträglich  sein,  und  der  den  Schwachen  staatlich  gewährte
Schutz  könnte  ihre  Hilflosigkeit  verewigen,  Krankheitsvererbung
begünstigen  und  zu  dem  Untergange  der  Gesellschaft  führen.  Würde
die  Sozialgesetzgebung  nicht  tatsächlich  die  Zwecke  des  Staates  vereiteln, ­
  wenn  Geisteskranke  Irre,  Epileptiker  ihresgleichen  und  Blödsinnige ­
  schwachsinnige  Nachkommen  zeugen  dürften?  Und  müßte
sich  die  soziale  Lebensfähigkeit  nicht  verringern  und  der  Rassenfortschritt ­
  bedroht  sein,  wenn  die  Sorge  für  die  Gebrechlichen  auf
Verschlechterung  des  Blutes  der  Starken  hinausliefe  ?  Daß  diese
Schlußfolgerung  am  Platze  ist,  kann  nicht  geleugnet  werden.  Wir
stehen  an  der  Eingangspforte  zu  dem  weiten  Gebiete  der  Sozialpathologie, ­
  das  von  Gesetzgebern  und  Sozialreformatoren  noch  viel
emsiger  als  bisher  durchforscht  werden  muß.  Für  meine  Zwecke
genügt  es  jedoch,  daß  ich  nur  einen  flüchtigen  Blick  hinübergeworfen ­
  habe.
Der  Staat  muß  zweifellos  die  größte  Vorsicht  üben,  daß  kränkliche
Personen  ihre  Kränklichkeit  nicht  auf  Kind  und  Gesellschaft  als  Erbe
verpflanzen,  nur  kann  diese  schwere  Aufgabe  nicht  durch  Behandlung
im  einzelnen  gelöst  werden.  Große  Schuld  an  der  Hilflosigkeit,
die  der  Staat  lindern  soll,  trägt  unser  gegenwärtiger  Gesellschaftszustand ­
  mit  seiner  fieberhaften  Unruhe,  mit  den  Anforderungen,  die
er  an  die  Nerventätigkeit  stellt  und  mit  der  weit  verbreiteten  Unterernährung, ­
  die  durch  die  Armut  verursacht  wird.  Die  Vernunft  hat
wohl  die  Wiederholung  des  roheren  und  grausameren  Ausleseverfahrens ­
  der  Natur  (Auslese  durch  gewaltsame  Vernichtung,  Recht  des
Stärkeren)  verworfen,  noch  immer  aber  ist  der  Vernunft  ihre  Mitarbeit
untersagt  bei  dem  Hervorbringen  der  geeignetsten  Individuen  und
der  Beseitigung  von  rasseschädigenden  Einflüssen,  wie  Armut,  denen
man  zwar  nicht  mehr  völliges  Zerstören  und  Töten  erlaubt,  wohl  aber
sie  an  der  Volks  Wohlfahrt  sich  in  bestimmtem  Umfange  versündigen
läßt.  Dies  ist  nur  ein  anderer  Gedankengang,  der  direkt  zum  Sozialismus ­
  führt.  Soziale  Mithilfe,  die  sich  in  allen  sozialen  Betätigungen
ausdrückt,  ob  sie  politischen,  gewerblichen  oder  wirtschaftlichen
Charakters  sind,  ist  erforderlich,  die  Quellen  des  sozialen  Ungemachs ­
  zum  Versiegen  zu  bringen,  die  heute  die  Rasse  vergiften,  ihre
körperliche  und  geistige  Widerstandsfähigkeit  schwächen  und  so,  wie
11
        <pb n="35" />
        bereits  betont,  den  Nutzen  der  humanitären  sozialen  Taten  des
Staates  gefährden.  Der  Individualist  und  der  bürgerliche  Sozialreformer ­
  empfehlen  als  Vorbeugung  eine  Revision  des  Dienstes  der
Armenpflege,  eine  Ausmerzung  der  Untauglichen,  Tötung  und  ähnliche
Auskunftsmittel.  Der  Sozialist  steht  auf  einer  höheren  Warte.  Er
interpretiert  den  Rasseverfall  als  eine  gesellschaftliche  Erscheinung,
als  ein  organisches  Unwohlsein,  das  das  Zellengewebe  des  sozialen
Körpers  zerstört.  Wir  befinden  uns  zur  Stunde  in  einer  mißlichen
Lage.  Die  Kranken  und  Schwachen  müssen  wir  beschirmen;  denn
unser  moralisches  Bewußtsein  gebietet  dies.  Reine  Sozialpolitik  aber
läßt  befürchten,  daß  die  Schwachen  den  Grundstock  schädigen.
Wollen  wir  sie  eliminieren,  so  haben  wir  uns  mit  dem  Problem  der
Armut  in  allen  ihren  Verzweigungen  zu  beschäftigen.  Die  Organisation ­
  der  gesellschaftlichen  Solidarität  —  der  Sozialismus  —  entsprießt ­
  dem  Schoße  der  Gesellschaft  durch  denselben  Naturprozeß,
der  aus  bestimmten  mittelalterlichen  Lebensnotwendigkeiten  die
feudale  Lehensordnung  hervorrief  und  der  den  individualistischen
Liberalismus  aus  der  Organisation  des  Weltmarktes  erzeugt  hat.

B.  RECHTE  DES  STAATES

achdem  wir  die  Pflichten  des  Staates  betrachtet  haben,  lenken  wir

L  N  unseren  Blick  unwillkürlich  auf  seine  Taten.  In  der  sozialistischen
Agitation  ist  vielfach  die  Auffassung  vertreten  worden,  daß  die  Gesetzgebung ­
  überhaupt  unfähig  sei,  ihre  Funktionen  zu  erfüllen.  Aber  es
muß  hier  doch  beachtet  werden,  daß  die  Handlungen  der  gesetzgebenden ­
  Körperschaften  schließlich  nur  den  Willen  der  Gemeinschaft,  jedoch ­
  nicht  denWillen  einer  Klasse,  noch  einer  Mehrheit  oder  Minderheit,
noch  einer  Partei,  zum  Ausdruck  bringen  können 1 .  Beherrscht  die
öffentliche  Meinung  die  Staatsentscheidungen,  so  bildet  sie  die  Grundlage ­
  der  Regierung.  Das  hervorstechende  Kennzeichen  einer  Demokratie ­
  ist  nun  aber,  daß  sie  die  zur  Erreichung  dieses  Zweckes  erforderliche ­
  Macht  dem  Volke  anvertraut,  sich  nicht  mehr  im  revolutionären
Schilderheben  betätigt,  sondern  sich  als  eine  regierende  Mehrheit  äußert.
Wer  in  einer  Demokratie  nicht  an  der  Wahlurne  Sieger  bleibt,
1  Hierüber  -wird  ausführlicher  in  Kap.  III  gehandelt,  wo  gezeigt  wird,  daß  Minoritäten ­
  die  Initiative  ergreifen  können.  Wollen  aber  solche  Minoritäten  erfolgreich
  sein,  so  müssen  sie  den  Willen  der  Majoritäten  zum  Ausdruck  bringen,
selbst  wenn  sich  die  Majoritäten  dessen  nicht  ganz  bewußt  sind.

12
        <pb n="36" />
        *3

dem  fehlt  jegliche  genügende  Gewalt,  dem  Lande  Gesetze  zu  geben 1 .
Dies  bewahrheitet  sich  besonders  in  Ländern  wie  Großbritannien,  wo
keine  geschriebene  Verfassung  die  Geltendmachung  der  öffentlichen
Meinung  hindert.  Die  öffentliche  Meinung  ist  überall  dort  am  einflußreichsten, ­
  wo  keine  Verfassungsurkunden  und  kodifizierte  Gesetze
vorhanden  sind,  wo  sich  keine  Pläne  zur  gewaltsamen  Veränderung
der  bestehenden  Ordnung  der  Dinge  bilden  und  wo  keine  Gefahren,
wie  Sturz  von  Dynastien  (Spanien)  und  Regierungsformen  (Frankreich), ­
  drohen.  Es  kann  nicht  ausdrücklich  genug  betont  werden,  daß
sich  eine  demokratische  Regierung  auf  die  öffentliche  Meinung  stützen
muß,  die  ihrerseits  wiederum  weder  die  Meinung  einer  Partei  noch
einer  Koterie  ist.  Ja  wir  können  selbst  noch  weiter  gehen  und  mit
Hume  behaupten,  daß  ungeachtet  der  Regierungsform  nur  die  öffentliche ­
  Meinung  der  Träger  der  Regierung  ist,  und  diese  Maxime  ließe
sich  sowohl  auf  die  ausgesprochen  despotisch  und  militaristisch  verwalteten ­
  Staaten  als  auch  auf  die  freiesten  und  volkstümlichsten
staatlichen  Gemeinwesen  ausdehnen 2 .  Zwar  leidet  dieser  Satz  an  Unbestimmtheit, ­
  weil  nur  diejenige  öffentliche  Meinung  wirklich  befiehlt,
die  Macht  hinter  sich  hat,  aber  klar  und  durchsichtig  ist  immerhin
das  Gesetz  der  Staatsleitung.  Die  Könige  müssen  das  Volk  überzeugen, ­
  daß  sie  mit  einem  göttlichen  Herrscherrechte  ausgestattet
sind  oder  müssen  es  den  Parlamenten  überlassen,  statt  ihrer  die  Regierungsgeschäfte ­
  zu  führen;  eine  regierende  Klasse  muß  entweder  die
ihr  politisch  Unterworfenen  auf  eine  Stufe  geduldigen  Ertragens  herabdrücken ­
  —  in  welchem  Falle  sie  dann  doch  unter  allgemeiner,  wenn
auch  noch  so  mürrisch  oder  in  einfältiger  Weise  gegebener  Zustimmung
die  Gewalt  handhabt  —  oder  ihnen  einreden,  daß  sie  aus  dem  einen
oder  anderen  Grunde  in  dem  Genuß  ihrer  politischen  Vorrechte  bleiben
1  Um  es  deutlicher  auszudrücken,  so  ist  die  öffentliche  Meinung,  die  sich  den
Beschlüssen  fügt,  mit  der  öffentlichen  Meinung  identisch,  die  die  Macht  hat  —  den
Befehl  über  die  nötige  bewaffnete  oder  politische  Gewalt  —,  ihre  abweichende
Ansicht  geltend  zu  machen.  Der  eine  Staat  wird  manchmal  von  einem  anderen
annektiert,  wie  wir  Transvaal  an  uns  rissen.  In  diesem  Falle  schafft  die  Gewalt
allein  den  vereinigten  Staat.  Doch  selbst  unter  solchen  Umständen,  wie  es  die
augenblickliche  Lage  von  Transvaal  veranschaulicht,  sucht  das  Band  der  öffentlichen ­
  Meinung  und  der  öffentlichen  Zustimmung  den  Platz  der  Gewalt  einzunehmen. ­
  Ein  ebenso  auffallendes  Beispiel  derselben  Art  bietet  Quebec.  Die  durch
eine  bestimmte  Nationalität  vollzogene  Assimilation  von  anderen  Nationalitäten,
wovon  die  Vereinigten  Staaten  ein  wunderbares  Beispiel  sind,  bildet  ein  faszinierendes ­
  Studium,  das  aber  kaum  die  ihm  zukommende  Würdigung  gefunden  hat.
2  Essay  über  The  First  Principles  of  Government.
        <pb n="37" />
        14

muß.  Gewiß  kann  es  Zeiten  geben,  wo  eine  bedeutende  Persönlichkeit,
wie  z.  B.  Friedrich  der  Große,  dem  Volke  ihren  eigenen  Willen  aufzwingt ­
  und  eigenmächtig  ihre  Handlungen  bestimmt,  aber  dann
nickt  das  Volk  geduldig  Beifall.  Denn  entweder  richtet  sich  die  verfolgte ­
  Politik  nicht  wirklich  gegen  seine  eigenen  Wünsche  oder  sie
ist  die  Handlungsweise  einer  anerkannten  Gewalt,  eine  Betätigung,
die  in  einem  von  dem  Volke  gutgeheißenen  allgemeinen  Regierungssystem ­
  zur  Einzelerscheinung  wird.  Haben  sich  die  Völker  erst  einmal ­
  häuslich  eingerichtet,  so  tritt  die  Berufung  auf  die  Gewalt,  die
stets  im  Hintergrund  lauert,  nur  selten  in  den  Vordergrund  des  öffentlichen ­
  Lebens.
Diese  öffentliche  Meinung,  auf  die  sich  jede  Regierung  gründet,
erhält  immer  mehr  die  unmittelbare  Verantwortung  für  die  Regierungshandlungen. ­
  Den  sich  fügenden  Klassen  bringt  die  durch
Handel  und  Industrie  erzeugte  Reichtumsanhäufung  die  wirtschaftliche ­
  Macht,  eine  politische  Machtstellung  aber  erringen  sie,  weil  sie
in  Kriegszeiten  zur  Landesverteidigung  aufgerufen  werden  müssen
oder  weil  sie  sich  bei  inneren  Konflikten  zwischen  König,  Kirche
und  Adel  für  die  eine  oder  andere  der  streitenden  Parteien  zu  erklären ­
  haben.  Dies  aber  setzt  sie  in  den  Stand,  sich  den  Wert  ihrer
Nützlichkeit  mit  der  Münze  politischer  Freiheiten  bezahlen  zu  lassen.
Die  Geschichte  der  politischen  Freiheit  berichtet  über  die  Wege,  die
die  Gemeinschaften  einschlugen,  als  sie  aus  einem  Stadium,  in  dem
sie  einem  Regierungssystem  gemeinhin  zustimmten,  ohne  für  die  Politik ­
  der  höchsten  Staatsautorität  verantwortlich  zu  sein,  in  jenen  Zustand ­
  gelangten,  in  dem  die  öffentliche  Meinung  das  allgemeine
System  nicht  allein  akzeptiert,  sondern  sich  seiner  bedient  und  so  zur
handelnden  obersten  Gewalt  wird.  Die  öffentliche  Meinung  des  Untertanen ­
  verwandelt  sich  in  die  des  Staatsbürgers,  der  Staat  wird  demokratisch. ­
  Pläne  werden  ersonnen  undangenommen—wie:  Finanzhoheit
des  britischen  Hauses  der  Gemeinen  —,  durch  die  alle  im  Staate  formell
von  der  öffentlichen  Meinung  unabhängigen  Gewalten  in  ihrer  wirklichen ­
  Macht  beschränkt  werden.  Die  öffentliche  Meinung,  die  anfangs ­
  die  Herrscher  in  der  Ausübung  ihrer  Regierungsrechte  begrenzt,
ergreift  die  Initiative  in  der  Gesetzgebung,  und  dies  ist  von  wesentlicher ­
  Bedeutung.  Teilnehmen  muß  das  Volk  an  der  Leitung  der  Politik, ­
  nicht  aber  die  Wirkungen  der  staatlichen  Maßnahmen  einfach
        <pb n="38" />
        15

gutheißen.  Wie  diese  Macht  in  einem  modernen  Staate  benutzt  werden ­
  kann,  werden  wir  noch  weiter  unten  sehen;  vorläufig  mag  die
Bemerkung  genügen,  daß  die  Ausübung  dieser  Macht  Sinn  und  Inhalt
der  Demokratie  ist.
Wenn  ich  von  dem  demokratischen  Staate  spreche,  so  habe  ich
keine  formlose  und  ununterschiedene  Volksmasse  im  Auge.  Die  Philosophen ­
  des  Individualismus,  deren  Haupt  Bentham  war,  und  die  heute
in  den  Befürwortern  der  direkten  Gesetzgebung  durch  das  Volk
mittels  Referendum  und  Initiative  Vertreter  haben,  betrachteten
den  Staat  als  den  Inbegriff  von  gleichmäßig  funktionierenden  Einheiten. ­
  Der  konsequente  Sozialist  kann  diesen  Standpunkt  kaum  einnehmen; ­
  denn  für  ihn  ist  der  Staat  aus  funktionell  verschiedenen  politischen ­
  Organen  zusammengesetzt.  Es  ist  zwischen  den  Empfindungsund ­
  Willenszentren,  den  Zentren,  die  fühlen,  und  denen,  die  denken,
zu  unterscheiden,  und  diese  Einteilung  der  Funktionen  wird  in
einem  wirklichen  Staate  auch  entsprechend  berücksichtigt.  In  den
Begriffen  Herrscher  und  Untertan,  obgleich  sie  an  vergangene  politische ­
  Kämpfe  erinnern  und  hiervon  einen  verletzenden  Beigeschmack
erhalten  haben,  kommt  nichtsdestoweniger  ein  tatsächlicher  Unterschied ­
  zum  Vorschein,  der  immer  in  einem  Staate  vorhanden  sein  muß.
Solange  die  Bezeichnungen  Souverän  und  Untertan  noch  ein  persönliches ­
  Verhältnis  ausdrückten,  schloß  es  die  persönliche  Hörigkeit  ein,
und  die  Geschichte  der  Demokratie  ist  für  diese  Zeiten  die  Geschichte
von  der  persönlichen  politischen  Befreiung.  Heute  ist  diese  Tatsache
eine  Quelle  politischer  Irrtümer  geworden.  In  einer  Demokratie  betrifft ­
  die  Unterscheidung  von  Souverän  und  Untertanen  die  Funktionen ­
  und  nicht  die  Persönlichkeit,  sie  bezeichnet  nicht  mehr  eine
soziale  Standesgliederung,  auf  keinen  Fall  bedeutet  sie  aber  einen
durch  Geburt  vererbten  Unterschied.  Differenziert  wird  nur  zwischen
dem  Ganzen  und  den  Teilen.  Wer  die  Regierungsfunktionen  erfüllt,
durch  die  der  Wille  des  Ganzen  redet  und  sich  bekundet,  übt  die
höchste  Staatsaufsicht  über  den  Einzelnen,  und  die  Souveränität  des
Ganzen  kann  nur  wirksam  sein,  wenn  ihre  Ausübung  bestimmten
Organen  in  der  Gesellschaft  übertragen  wird.  Einst  pflegte  diese
Tätigkeit  ausschließlich  von  Familien,  „den  Priestern  und  Leviten“,
besorgt  zu  werden,  heute  wird  sie  von  den  Vertretern  der  öffentlichen
Meinung  ausgeübt,  und  hierin  erschöpft  sich  das  Ergebnis  des  histori ­
        <pb n="39" />
        16

sehen  Kampfes  zwischen  Souverän  und  Untertanen.  Gedanklich
sollte  deshalb  die  Souveränität  der  demokratischen  Idee  nicht  mehr
widerstreben,  als  der  zwischen  dem  Werkmeister  und  dem  gewöhnlichen ­
  Arbeiter  zu  machende  Unterschied  —  ja  vielleicht  nicht  einmal
in  diesem  Maße.
Sowohl  in  Amerika  als  in  England,  in  Frankreich  wie  in  Deutschland
gibt  es  eine  höchste  Staatsgewalt.  Sie  schließt  stets  ein  subjektives
Verhältnis  ein.  Zwar  ist  nominell  der  König  unser  Souverän,  doch  in
Wirklichkeit  ist  es  die  Wählerschaft,  die  durch  das  Haus  der  Gemeinen
handelt,  aber  von  den  Peers  der  Lordskammer  und  den  allgemeinen  Arbeitsmöglichkeiten ­
  der  Regierungsmaschine  im  Zaum  gehalten  und  in
der  Durchsetzung  ihres  Willens  beschränkt  wird 1 .  Verfassungsmäßig
ist  der  König  dem  System  der  Regierungsgewalt,  worin  er  eingegliedert ­
  ist,  subordiniert,  desgleichen  jedes  einzelne  Mitglied  des  Hauses
der  Gemeinen,  obgleich  die  Abgeordneten  als  Gesamtheit  über  den
größeren  Teil  der  staatlichen  Machtfülle  verfügen.
Es  entsteht  nun  die  Frage,  wie  die  verschiedenen  Funktionen,  diese
Ausstrahlungen  der  Souveränität,  beschaffen  sein  und  untereinander
verbunden  werden  müssen,  um  die  organische  Einheit  des  Staates  und
die  Aufsicht  der  öffentlichen  Meinung  sicherzustellen.  Bevor  ich
diese  Frage  beantworte,  muß  ich  einige  allgemeine  Bemerkungen  über
die  Persönlichkeit  des  Staates  vorausschicken.
Durch  seine  Demokratisierung  hat  der  Staat  nicht  bloß  seine  Organisation, ­
  sondern  sein  ganzes  Wesen  verändert;  denn  Demokratie
heißt  nicht  einfach  eine  Regierungsmethode,  sondern  mit  ihr  verknüpft ­
  sich  die  Vorstellung  eines  geistigen  Prinzips  und  eines  Regierungszweckes. ­
  Hier  wie  im  allgemeinen  bedeutet  nun  Formwandel
eine  Zweckveränderung,  und  die  Demokratie  erscheint  in  der  Fülle
der  Zeiten,  um  das  Leben  des  Staates  auf  eine  höhere  Entwicklungsstufe ­
  zu  heben.  Eine  absolute  Monarchie  oder  eine  Aristokratie  vermögen ­
  wohl  Staaten  zu  gründen  und  zu  erhalten,  ihnen  durch  Weltpolitik ­
  Größe  zu  verleihen,  sie  können  in  ihnen  die  schönen  Künste
und  die  Wissenschaften  pflegen,  Industrie  und  Gewerbe  fördern  und
die  Organe  der  Rechtssprechung  schaffen:  aber  die  Freiheit  können
sie  ihnen  nicht  geben.  Ihre  segensreichen  Schöpfungen  sind  die  guten
Taten  von  Protektoren,  aber  ihre  Herrschaft  birgt  innerlich  die  Keime
1  Siehe  Bd.  XI,  Kap.  IV.  ~
        <pb n="40" />
        2  Mac  Donald,  Sozialismus

17

einer  neuen  Ordnung,  der  Ordnung  der  von  den  freien  Staatsbürgern
erhaltenen  und  beschirmten  Freiheit 1 .
Beim  Eintritt  des  Staates  in  dieses  letzte  Stadium  seiner  politischen
Entwicklung  wird  die  Gemeinschaft  in  ihrem  Erwerbsleben  rüstig  vorwärtsgeschritten ­
  und  Politik  und  Industrie  eng  verkettet  sein.  Die
moderne  Gesellschaft  zeigt  das  Bild  von  politischer  Freiheit  und  wirtschaftlicher ­
  Abhängigkeit.  Noch  immer  bedrücken  alle  wirtschaftlichen
Leiden  und  Hindernisse  eines  gegen  Lohn  Angestellten  den  politisch
freien  Arbeiter,  und  die  Wirtschaftskräfte  sind  derart  organisiert,  daß
das  wirtschaftlich  unabhängige  Individuum  zur  Fabel  geworden  ist,
an  die  nur  noch  törichte  Leute  glauben.  Das  Individuum  ist  das  Mitglied ­
  einer  wirtschaftlichen  Klasse  geworden.  Entweder  gehört  es  zu
der  Klasse,  die  über  die  Arbeitsinstrumente  rtnd  sonstigen  Produktionsmittel ­
  verfügt,  die  die  Märkte  organisiert  und  Arbeitsgelegenheit  darbietet, ­
  oder  aber  es  ist  in  die  andere  Klasse  eingeordnet,  die  nichts
als  das  gemeinsame  Gut  der  Menschheit  ihr  eigen  nennt:  die  Stärke,
der  die  Erziehung  Geschicklichkeit  zugefügt  hat.  Wenn  das  Individuum ­
  zu  der  letzten  Klasse  gehört,  so  harrt  seiner  ein  überaus  trauriges ­
  Los.  Unermüdlich  kauert  die  Armut  an  der  Schwelle  seines
Hauses,  und  die  Ungewißheit  sitzt  an  seinem  Tische.  An  regelmäßiger
Nachfrage  nach  seiner  Arbeitskraft  mangelt  es,  und  sein  Einkommen
reicht  in  der  Regel  nicht  zur  Ernährung  und  Erhaltung  seiner  Familie
hin  und  kann  ihm  bei  Arbeitsstille  und  im  Alter  nicht  das  Nötige
gewähren.  Zählt  aber  der  Einzelne  zu  den  besitzenden  Schichten,  so
ist  er  deshalb  durchaus  nicht  den  endlosen  Unsicherheiten  der  gegenwärtigen ­
  ökonomischen  Ordnung  enthoben.  Ob  er  in  Wohlstand  fortleben ­
  oder  der  Not  anheimfallen  soll,  bestimmen  von  seinem  Willen
ganz  unabhängige  Einflüsse,  und  bricht  einmal  das  Unglück  über
ihn  herein,  so  empfindet  er  gerade  wegen  seiner  höheren  Lebenshaltung ­
  die  Pein  und  die  Qualen  viel  heftiger.  Man  verspürt  immer
schmerzlicher  die  geistige  Anspannung,  das  finanzielle  Risiko  und
die  Opferung  jedes  anderen  Interesses,  die  die  heutige  Gesellschaft
ihren  „Hauptleuten"  als  Voraussetzung  des  Erfolges  aufzwingt.  Die
1  Ich  habe  hier  nur  das  Abendland  im  Auge,  wo  es  der  Religion  in  einer  mehr
oder  weniger  abstrakten  Form  mißlungen  ist,  dem  Volke  ein  pseudogöttliches
Regierungssystem  aufzuzwingen,  wie  es  im  Orient  der  Fall  ist.  Doch  selbst  dort
ist  die  Göttlichkeit  der  Könige  gegenüber  dem  Erwachen  des  Volkes  nicht  unbezwingbar. ­
  (Geschrieben  im  Jahre  1909.  d.  H.)
        <pb n="41" />
        18

Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftpflicht  verdrängt  die  alte  Form
der  Handelsfirmen;  denn  so  unbehaglich  und  beschwerlich  ist  der
Kraftaufwand,  daß  die  zweite  und  die  dritte  Generation  vieler  unserer
Handelsfamilien  schon  müde  geboren  werden,  sie  sind  nicht  vom
alten  Schrot  und  Korn  der  Ahnen  und  haben  nichts  von  ihrem  Geiste.
Die  Finanzmacht  in  der  Industrie  neigt  beständig  zum  Wachstum;
denn  es  mehren  sich  die  Personen,  die  die  Verantwortlichkeit  fliehen,
mit  ihrem  eigenen  Vermögen  selbst  etwas  zu  unternehmen  und  es
daher  lieber  einem  anderen,  einem  Mietling,  zur  Verwertung  anvertrauen. ­
  Die  amtliche  und  unpersönliche  Verwendung  des  Kapitals
ist  also  bereits  Wirklichkeit  geworden.  Wohl  erzielt  das  Kapital
durch  seine  Konzentrierung  und  Organisation  einen  höheren  Profit,
nur  macht  diese  gesteigerte  Rentabilität  die  Gemeinschaft  noch  abhängiger ­
  von  der  Finanzwelt  und  gestaltet  infolgedessen  auch  das
Walten  der  Industrieherrschaft  unerträglicher.  Das  markante  Bestreben ­
  der  besitzenden  Schichten,  nicht  direkt  in  der  Erwerbssphäre ­
  als  Handelnde  aufzutreten,  sondern  sie  nur  als  Rentenquelle
zu  benutzen,  verschärft  den  Kampf,  dem  sie  zu  entrinnen  wünschen.
Vergleichsweise  sorglos  lebt  nur  jene  Klasse,  die  über  bestimmte  unentbehrliche ­
  Vermögensobjekte,  wie  Grund  und  Boden,  verfügt,  deren
Einkommen  sich  nicht  aus  dem  Profit  ableitet,  auch  keinen  Gewinnanteil ­
  an  Unternehmungen  verkörpert,  in  denen  ihr  Geld  mit  allem
üblichen  Risiko  arbeitet,  deren  Einnahmequelle  vielmehr  der  Tribut
ist,  den  die  Industrie  ihr  zu  entrichten  gezwungen  ist,  soll  ihre  Betriebstätigkeit ­
  überhaupt  fortgesetzt  werden.  Und  klagt  diese  Klasse,
so  doch  nur  deshalb,  weil  sie  sich  mit  zu  vielen  unproduktiven  Personen, ­
  die  ihre  Luxus-  und  Komfortbedürfnisse  befriedigen,  umgeben
hat  und  diese  Arbeiter  zeitweilig  nicht  gemächlich  zu  unterhalten  vermag. ­
  Anarchisch  ist  dieser  Zustand,  der  heute  als  industrielle  „Ordnung“ ­
  gepriesen  wird,  ein  Chaos,  ein  Leben  von  der  Hand  in  den  Mund,
eine  reine  Spekulation  auf  das  Glück.  Solche  dräuenden  Wirtschaftsbedingungen ­
  begleiten  den  politischen  Demokratisierungsprozeß  des
Staates.
Zum  richtigen  Verständnis  dieser  Verhältnisse  wird  ein  der  Biologie
entlehntes  Beispiel  dienen.  Durch  ihre  verschiedenen  Zweige  der  Produktion, ­
  der  Verteilung  und  des  Austausches  speist  die  Industrie  die
Gesellschaft,  und  wie  sich  zum  Zwecke  der  Ernährung  des  Menschen-
        <pb n="42" />
        körpers  die  Stärke  in  Zucker  verwandelt,  so  empfängt  der  Tischler
durch  einen  ähnlichen  Vorgang  Schuh  waren  für  seine  Tische.  Die
Produzenten  liefern  der  Gesellschaft  die  Lebensmittel,  die  aifsgetauscht,
  verteilt  und  ihr  auf  eine  Weise  zugeführt  werden,  daß  der
politische  Körper  leben,  blühen  und  gedeihen  kann.  Erst  wenn  die
verschiedenen  nationalen  Einheiten  fixiert  sind  und  der  in  der  militärischen ­
  Organisation  zum  Ausdruck  kommende  politische  Kampf
ums  Dasein  infolgedessen  aufgehört  oder  an  Bedeutung  verloren
haben  wird x ,  wird  das  Hauptinteresse  der  Gesellschaft  um  die  soziale
Ernährung  gravitieren,  genau  wie  für  den  lebenden  Körper  die  physiologische ­
  Ernährung  den  ersten  Rang  behauptet.  Keinem  Gebiete  der
soziologischen  Forschung  wird  heute  größere  Aufmerksamkeit  gewidmet ­
  als  gerade  diesem.  Die  Untersuchungen  der  Herren  Charles
Booth  und  Rowntree,  die  Regierungsenqueten  über  die  körperliche
Entartung,  die  sozialen  Studien  über  Geisteskrankheiten  und  die  Ursachen ­
  des  Selbstmordes,  die  von  der  politischen  Agitation  ventilierten
Fragen  der  Arbeitslosigkeit,  der  physischen  Beschaffenheit  der  Schulkinder ­
  und  der  Einführung  der  staatlichen  Altersversicherung  —  mit
Ausnahme  des  Sozialisten,  der  in  ihnen  ein  die  Epoche  charakterisierendes ­
  Merkmal  der  Entwicklung  sieht,  erscheinen  all  diese  Bestrebungen
jedem  anderen  als  zusammenhangslos,  ad  hoc,  aufs  Geratewohl  unternommen ­
  ■—  sind  Beiträge  zum  Problem  der  sozialen  Ernährung  und
beweisen  die  Unzulänglichkeit  der  bestehenden  Anfänge  eines  gesellschaftlichen ­
  Ernährungssystems.  Unvermeidlich  muß  dies  zu  Ideen
und  Experimenten  führen,  die  die  Vernünftigkeit  und  Durchführbarkeit ­
  des  Sozialismus  dartun  werden.
Man  kann  den  Sozialismus  in  der  Tat  nicht  besser  definieren,  als
daß  er  diejenige  Phase  der  sozialen  Organisation  repräsentiere,  in  der
von  Staats  wegen  ein  zweckmäßiges  Ernährungssystem  für  die  Gesellschaft ­
  errichtet  wird.  Die  demokratische  Regierung  aber  kündigt
diesen  Umschwung  an.  Für  die  Notwendigkeit  des  Staates  in  der
sozialistischen  Gesellschaft  sprechen  auch  noch  weitere  Gründe.  Das
Ernährungssystem  muß  in  seinem  Verhältnis  zum  ganzen  Körper  und
nicht  zu  den  einzelnen  Teilen  bestimmt  und  von  dem  ganzen  Organismus ­
  durch  ein  Nervensystem  differenzierter  Funktionen  beaufsich-1
  Obwohl  natürlich  bis  zur  Zeit,  wo  die  friedliche  Schlichtung  nationaler  Konflikte
  fest  gesichert  ist,  die  Landesverteidigung  in  jedem  Augenblicke  von  größter
Bedeutung  werden  kann.

2*

19
        <pb n="43" />
        20

tigt  werden.  Der  Umwandlungsprozeß  von  Arbeit  und  Rohmaterial  in
Güter,  von  Werten  in  Gebrauchswerte  und  die  völlige  Durchführung
des  als  Austausch  bekannten  Assimilationsverfahrens  müssen  von
einem  Organ  vollzogen  und  geleitet  werden,  das  sämtliche  Bedürfnisse
des  politischen  Körpers  vertritt.  Und  diese  Auffassung  von  der  sozialen ­
  Organisation  ist  es  eben,  die  den  Sozialismus  von  bloßer  Philanthropie ­
  und  der  anarchistischen  Gedankenwelt  deutlich  unterscheidet.
Es  ergibt  sich  also,  daß  der  Gesellschaft  von  den  Gesetzen  ihres  Daseins ­
  die  Notwendigkeit  aufgezwungen  wird,  den  Staat  zu  erhalten.
Der  Staat  erfüllt  eine  notwendige  Funktion,  er  ist  ein  Teil  der  sozialen ­
  Ökonomie,  und  dies  wirft  ein  neues  Licht  auf  das  Steuerwesen.
Der  Staat  bedarf  der  Einnahmen,  die  aber  nicht  notwendigerweise
aus  den  Einkommen  der  Einzelnen  zu  stammen  brauchen,  wie  die
Ökonomen  der  individualistischen  Schule  behaupteten.  Das  Einkommen ­
  des  Staates  wird  genau  so  gut  erworben,  wie  ein  persönliches
Einkommen,  und  die  überlegene  Richtigkeit  der  sozialistischen  Lehre
bewährt  sich  auch  hier  wieder.  Hinsichtlich  der  Steuergesetzgebung
ist  der  Individualist  nie  mit  sich  ins  Klare  gekommen.  Wohl  war  es
ganz  unbestreitbar,  daß  der  Staat  durch  Kreierung  einer  diplomatischen ­
  Körperschaft  für  die  auswärtigen  Angelegenheiten,  durch
Schaffung  einer  Armee  für  Verteidigungszwecke,  durch  Einsetzung
eines  Richterstandes  für  die  Rechtsprechung  und  durch  die  Errichtung ­
  von  Zivilbehörden  für  den  Verwaltungsdienst  den  Reichtum  und
die  Wohlfahrt  der  Nation  erhöht  hat.  Sobald  aber  die  Kosten  hierfür ­
  aufgebracht  werden  sollten,  fand  der  Individualist  zuerst  nichts
gerechter  als  die  Besteuerung  des  Luxus  und  späterhin  die  Umlagen
auf  große  Einkommen.  Mit  Entschuldigungen  ist  das  System  der  Besteuerung ­
  eingeführt  worden.  Man  setzte  voraus,  daß  die  besteuerten
Einkommen  verdient  worden  wären,  und  es  war  der  mächtige  Staat,
der  mit  der  Pistole  in  der  Hand  den  wehrlosen  Bürger  vor  die  Wahl
stellte:  5  %  deiner  Börse  oder  das  Leben.  In  ihrer  glücklichsten  Ausprägung ­
  vertrat  die  Lehre  die  Ansicht,  daß  das  Einkommen  einer
Person  das  Maß  des  Nutzens  anzeige,  den  sie  dem  Staate  verdanke,
obgleich  dies  natürlich  nicht  den  Tatsachen  entspricht.  Bezieht  jemand ­
  aus  Konsols  ein  Jahreseinkommen  von  100  Pfund  Sterling,  so
erwächst  ihm  aus  dem  Staate  mehr  direkter  Vorteil  als  einem  anderen,
der  durch  seine  ärztliche  Geschicklichkeit  jährlich  1000  Pfund  Sterling
        <pb n="44" />
        21

verdient,  und  wessen  Jahreseinkommen  an  Grundrenten  500  Pfund
Sterling  beträgt,  wird  vom  Staate  mehr  begünstigt  als  ein  Kaufmann,
der  das  Zehnfache  als  Durchschnittsgewinn  in  den  Geschäften  einstreicht. ­
  Für  ein  wissenschaftliches  System  der  staatlichen  Steuergesetzgebung ­
  ist  der  Ursprung  des  Einkommens  selbst  noch  wichtiger
als  seine  Höhe 1 .  Aus  natürlichen  Monopolen  wie  Grund  und  Boden, ­
  aus  politisch  geschaffenen  Monopolen  wie  Schanklizenzen,  aus
Überschüssen  der  Kommunalbetriebe  wie  Postämter,  Gasversorgung
und  Straßenbahnen,  mit  anderen  Worten,  aus  seinen  eigenen  Wertschöpfungen ­
  sollte  dem  Staate  der  größte  leil  seiner  Einkünfte
fließen.  Auf  diese  Weise  hätte  nicht  allein  des  Staates  Finanzminister
gefüllte  Kassen,  sondern  auch  die  Reichtumsverteilung  unter  die  Einzelnen ­
  wäre  gerechter,  als  wenn  die  Monopole  wie  gegenwärtig  von
Interessenten  als  Ausbeutungsmittel  benutzt  werden.  Deshalb  begeht
der  Staat  eine  Tat  der  Selbsterhaltung,  wenn  er  sich  seines  Eigentums
bedient,  das  er  sich  durch  die  gleiche  Art  von  Dienstleistungen  erworben ­
  hat,  die  den  Einzelnen  berechtigen,  Eigentum  zu  besitzen  und
zu  gebrauchen.

C.  STAAT  UND  GESELLSCHAFT

ir  müssen  darauf  achten,  daß  zwischen  dem  Staate  und  der  Ge-’

  ’  Seilschaft  und  zwischen  dem  Staate  und  den  übrigen  gesellschaftlichen ­
  Organen  keine  Verwirrung  entsteht.  Der  Staat  ist  nur  eins  der  Organe ­
  der  Gemeinschaft,  die  alle  zusammen  den  Organismus  Gesellschaft
bilden.  Daß  Organismus  und  Organe  und  die  Organe  untereinander
verwechselt  werden,  könnten  viele  Beispiele  nachweisen,  die  sämtlich
die  üblen  Wirkungen  dieses  Durcheinanders  enthüllen  würden.  Nur
auf  ein  Beispiel  will  ich  hinweisen,  auf  die  Beziehungen  der  Kirche
zum  Staate.  Die  Kirche  ist  eine  Anstalt  der  Gemeinschaft  zur  Erfüllung ­
  moralischer  Zwecke  und  geistlicher  Bedürfnisse  und  hat  als
solche  ihren  eigenen  Stoff  und  ihre  eigene  Methode.  Historisch  ist
1  Es  wird  manchmal  behauptet,  daß  eine  Abstufung  der  Einkommensteuer
einer  Unterscheidung  hinsichtlich  der  Einkommenquelle  gleichkäme,  weil  der
gesellschaftlich  hergestellte  Reichtum  notwendigerweise  in  der  Regel  einen  viel
größeren  Bestandteil  der  großen  als  der  kleinen  Einkommen  bilde.  Flüchtig
betrachtet,  mag  es  der  Fall  sein,  aber  es  berührt  mein  Argument  nicht,  weil
jene,  die  eine  abgestufte  Einkommensteuer  einem  Steuersysteme  vorziehen,  das
auf  der  Gattung  der  Einkommenquelle  beruht,  dies  nur  aus  Gründen  der  bequemeren ­
  Erhebung  tun.  Jedoch  geraten  sie  in  eine  endlose  Verwirrung,  wenn
sie  sich  mit  den  Prinzipien  der  Billigkeit  rechtfertigen  wollen.
        <pb n="45" />
        22

sie  zum  Staatskirchentum  geworden;  denn  sie  fordert  Anerkennung
und  Unterstützung  vom  Staate  und  begründet  diesen  Anspruch  dadurch, ­
  daß  ihr  Gedeihen  zur  Erfüllung  der  Staatsaufgaben  beitrage.
Zweifellos  ist  der  Staat  verpflichtet  und  daran  interessiert,  dem
Einzelnen  die  Kultusfreiheit  zu  sichern  und  die  sittlichen  und  geistlichen ­
  Errungenschaften  hochzuhalten,  nur  liegt  es  in  der  Natur  des
moralischen  und  geistlichen  Lebens,  daß  der  Staat  ihm  durch  sein
aktives  Eingreifen  keine  neuen  Impulse  geben  kann.  Vielmehr  erfolgt ­
  die  entgegengesetzte  Wirkung:  das  Leben  stagniert,  und  es  ist
eine  bemerkenswerte  Erscheinung,  daß  sich  das  Wiedererwachen  dieser
Lebensenergien  jedesmal  durch  mehr  oder  weniger  prononzierte  Abweichungen ­
  von  den  Formeln  und  Gebräuchen  charakterisiert  hat  —
ich  erinnere  an  unsere  eigene  Hochkirchen-Bewegung  —,  auf  die  der
Staat,  der  Religionsbeschützer,  als  Merkmale  und  Zeichen  der  von
ihm  virtuell  anerkannten  Sache  hat  bestehen  müssen.  Die  geistliche
Freiheit  der  Kirche  ist  mit  dem  Staatspatronate  unvereinbar.  Religiöse ­
  Gemeinschaften,  wie  die  Hochkirche,  können  wohl  in  geistlichen
und  rituellen  Dingen  den  Ruf  nach  Freiheit  erheben,  ja  sie  mögen  ihre
Forderungen  selbst  eine  Zeitlang  mit  Erfolg  verfechten,  weil  der  Staatsschutz ­
  kaum  noch  mehr  als  eine  Formsache  ist  und  nur  fortdauert,
um  politischen  Parteigängern  der  jeweiligen  Parlamentsmehrheit  Kirchenämter ­
  1  zu  reservieren,  aber  solange  diese  Assoziationen  innerhalb
der  Staatskirche  bleiben,  können  sie  in  erwähnten  Angelegenheiten
offenbar  keine  Freiheit  beanspruchen.  Im  Mittelalter  war  die  Verbindung ­
  zwischen  der  Kirche  und  dem  Staate  eine  logische  Folge  der
damaligen  Denkart,  die  beide  Mächte  als  Offenbarungen  von  Gottes
Gegenwärtigkeit  auf  faßte  und  von  ihnen  die  Verehrung  des  göttlichen
Vertreters  erwartete.  Doch  über  die  Zeiten  konnte  dieser  Geist  nicht
triumphieren:  heute  ist  das  Bündnis  nur  noch  ein  Trümmerhaufen
von  Zeremonien  und  Formen,  die  verwelken  und  dahinsiechen,  nachdem ­
  des  Lebens  Glut  und  Wärme  längst  erloschen  ist.
In  manchen  Punkten  reicht  die  Bedeutung  dieser  Verknüpfung
allerdings  über  die  bloße  Form  hinaus  und  wirkt  direkt  schädigend.
Die  verhängnisvolle  Verquickung  der  Funktionen  der  Kirche  und  des
1  Die  staatliche  Anerkennung  der  Religion  in  Schottland  ist  noch  bedeutungsloser. ­
  Sie  besteht  aus  einem  Vertreter  des  Königs,  der  alljährlich  in  Holyrood
einen  Empfangstag  abhält,  wo  die  Prediger,  die  an  der  Generalversammlung
der  Staatskirche  teilnehmen,  zugegen  sind.
        <pb n="46" />
        23

Staates  tritt  uns  mit  glänzender  Anschaulichkeit  und  kräftiger  Gebärde
in  der  Forderung  entgegen,  daß  in  den  Staatsschulen  Religionsunterricht ­
  erteilt  werden  sollte,  noch  plastischer  aber  in  dem  Anspruch,  daß
der  Glaube  der  Eltern  dort  auch  ihren  Kindern  zu  lehren  sei.  Schon  der
Ausdruck:  Religionsunterricht  —  „Religion“,  die  Domäne  der  Kirche;
„Unterricht“,  das  Gebiet  des  Staates  —  symbolisiert  die  irreligiöse
Narrheit  des  Versuches,  die  charakteristischen  Funktionen  der  beiden
Organisationen  zu  vereinigen.  Zwei  Richtungen  vertreten  in  dieser
Frage  klare  und  folgerichtige  Ansichten:  i.  der  römische  Katholik,  der
lehrt,  daß  die  Schule,  weil  sein  Staat  seiner  Kirche  untergeordnet  sein
muß,  ein  Vorzimmer  und  ein  Glied  seiner  Kirche  und  von  dem  Dufte
ihres  Weihrauches  erfüllt  sein  soll  und  daß  die  Lehrkräfte  seine
Glaubensgenossen  sein  müßten.  2.  Der  Anhänger  der  weltlichen
Erziehung,  der  für  Moralunterricht  plädiert,  den  allein  eine  bürgerliche ­
  Gewalt  erteilen  kann.  Die  katholische  Auffassung  streitet
wider  die  bürgerliche  Freiheit,  und  ein  Kompromiß  zwischen  ihr  und
ihrem  Antipoden  wäre  eine  Säkularisierung  des  religiösen  Geistes.
Der  von  der  staatlichen  Autorität  eingeführte  „Religionsunterricht“
gibt  den  Gemütern  entgeistigte  religiöse  Werte,  reicht  ihnen  die
Schale  ohne  den  Kern,  die  Spreu  ohne  den  Weizen.  Und  wer  kann
den  verheerenden  Einfluß  auf  das  seelische  Leben  ganzer  Generationen ­
  einer  Nation  erfassen,  der  die  bloße  Kenntnis  von  Tatsachen
eingedrillt  wird,  welche  als  die  besonderen  Träger  der  religiösen  Überzeugungen ­
  gelten,  denen  aber  die  schöpferische  Begeisterung,  die
alles  verwandelnden,  alchemistischen  Eigenschaften  mangeln,  die  das
eigentliche  Wesen  der  Religion  ausmachen  ?  Hierdurch  wird  einem
Volke  nur  die  Möglichkeit  geraubt,  daß  ein  verjüngendes  religiöses
Leben  in  ihm  schäume  und  sprudele.  Der  geistige  Wahn  und  die
seelische  Nacht,  worin  Leute  leben,  die  auf  einen  in  den  Staatsschulen
erteilten  „Religionsunterricht“  Wert  legen,  können  einen  in  ihrer  zwingenden ­
  und  bündigen  Klarheit  nur  darüber  entsetzen,  wie  wenig  wir
überhaupt  auf  dem  Wege  des  geistlichen  Lebens  fortgeschritten  sind.
Immerhin  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  die  verschiedenen  Sphären  der
unterschiedenen  gesellschaftlichen  Organe,  wie  Kirche  und  Staat,
keine  deutlich  bestimmbaren  Grenzen  haben.  Sie  verschwimmen  ineinander, ­
  und  hier  und  da  umfassen  sie  dasselbe  Gebiet.  Der  Staat  und
die  Kirche  haben  z.  B.  beide  in  der  Pädagogik  Pflichten  zu  erfüllen,
        <pb n="47" />
        nur  variieren  ihre  charakteristischen  Methoden  und  Zwecke  trotz
sonstiger  enger  Verknüpfung.  Erklärt  wird  dies  dadurch,  daß  der
Staat  auf  die  Menschheit  und  nicht  auf  das  Individuum  abzielt,  und
doch  gleichzeitig  die  Eigenschaften  des  Einzelnen  ausbilden  und  erhöhen ­
  muß.  Manchem  wird  dies  ein  handgreiflicher  Widerspruch  zu
weiter  oben  entwickelten  Gedanken  erscheinen;  tatsächlich  ist  dies
jedoch  nicht  der  Fall.  Die  Antriebe  zum  Fortschritt  und  die  Kräfte,
die  in  den  Gesetzen  der  Aufwärtsentwicklung  ausgedrückt  sind,  beziehen ­
  sich  sowohl  auf  eine  vollkommene  Menschheit,  die  durch  das
Medium  des  Individuums  denkt  und  handelt,  als  auch  auf  das  sich
bildende  Individuum,  das  in  seinem  eigenen  Denken  und  Tun  ein
stets  wachsendes  Maß  des  menschlichen  Typus  entdeckt.  Der  menschliche ­
  Fortschritt  prägt  sich  in  der  Annäherung  an  den  vollendeten
Typus  aus  und  gestattet  einen  Einblick  in  das  Studium  der  Gesetze
des  schwankenden  Gleichgewichts  eines  Organismus,  der  sich  eine
edlere  und  feinere  Gliederung  gibt.  Deshalb  befaßt  er  sich  mit  dem
Ziele  und  den  Mitteln,  es  zu  erreichen.  Die  Lebensfähigkeit  des  Organs ­
  hängt  von  der  Gesundheit  der  Zellen  ab  und  vice  versa;  in  dieser
höheren  Einheit,  zu  der  der  Sozialismus  gelangt  ist,  vermählen  sich
Individualismus  und  Kollektivismus.  Nur  kann  diese  Einheit  nicht
durch  eine  Verquickung  der  Funktionen  der  verschiedenen  Gruppen
und  Organe  gewonnen  werden;  denn  die  Synthesis  wird  nicht  durch
unmittelbares  Ineinanderfließen  verwirklicht,  vielmehr  liegt  sie  in
einem  gemeinsamen  Hinarbeiten  auf  dasselbe  Ziel.  Wenn  wir  also  an
die  Vereinigung  von  Kirche  und  Staat,  von  geistlicher  und  administrativer ­
  Tätigkeit  denken,  so  sollten  wir  darunter  nicht  direkte  gegenseitige ­
  Berührung  verstehen,  sondern  ihr  harmonisches  Zusammenwirken, ­
  über  dem  maßgebend  ihre  Einheit  schwebt:  die  Gesellschaft.

TmTTiTTiTmnTmnm-24



TTf  I

imminTTnrrr

rr

Tlllllllll
        <pb n="48" />
        ■Mmmimmiiiiimm

nimiiiiuiiiimmiiiitummunmiiiimnii

25

II.  DAS  WAHLRECHT
niiimimiiiimimiiiiriTniiiiiHTmiiiiiiiiiii'iminniTiiiiunmimimmiiiiT
Das  die  Liberalen  und  bürgerlich  Radikalen  beherrschende  Thema  war
die  Zusammensetzung  der  gesetzgebenden  Körperschaft.  Wer  sollte
wählen?  Wie  sollte  man  wählen?  In  welches  Verhältnis  sollten  Parlament ­
  und  Wählerschaft  zueinander  treten?
Der  Liberalismus  ist  zur  Beantwortung  dieser  politischen  Fragen,
die  ein  philosophisches  Gewand  begehrten,  geschaffen  worden;  jetzt
hat  der  Sozialismus  das  Erbe  dieser  politischen  Philosophie  und  Leistung ­
  des  Liberalismus  angetreten.
Sollen  die  politischen  Grundsätze  des  Sozialismus  mit  seiner  Gesellschaftslehre ­
  in  Übereinstimmung  gebracht  werden,  so  muß  die
individualistische  Grundlage  der  liberalen  politischen  Philosophie,
worauf  ich  bereits  hingewiesen  habe,  durch  anderes  ersetzt  werden.
Zeitgemäß  ist  außerdem  die  Ausbesserung  der  Gesetzgebungsmaschine
in  allen  ihren  Teilen,  und  das  Vorrücken  der  sozialistischen  Gesetzgebung ­
  treibt  obendrein  ihre  Widersacher  dazu,  verfassungsrechtliche
Veränderungen  zu  fordern,  um  die  Gesetzgebung  zu  erschweren.  Der
Sozialist  muß  sich  deshalb  anschicken,  die  ihm  wünschenswert  erscheinenden ­
  Reformen  von  seinem  eigenen  Standpunkte  aus  zu  erörtern, ­
  er  muß  eine  klare  Einsicht  in  das  Wesen  seiner  demokratischen ­
  Grundsätze  haben,  so  daß  er  sich  allen  Änderungen  entgegenstemmen ­
  kann,  die  sein  begonnenes  Werk  verzögern,  und  dafür  sorgen, ­
  daß  die  Zeit  nicht  mit  anderen,  für  das  Staatsleben  praktisch
bedeutungslosen  Sachen  vergeudet  wird.  Richtig  geschätzt  wird  eine
solche  Erkenntnis  erst,  wenn  man  sich  daran  erinnert,  daß  der  Regierungsapparat ­
  den  Fortschritt  aufhalten  oder  beschleunigen  kann.
Einige  Sozialisten,  die  sich  durch  gleißnerische  Äußerlichkeiten  und
tönende,  dem  Gefühlsleben  entlockte  Phrasen  haben  betören  lassen,
haben  sich  in  unüberlegten  Augenblicken  für  das  Referendum  verpflichtet. ­
  Es  sind  gerade  die  individualistischen  Gegner  des  Sozialismus, ­
  die  heute  dasselbe  Referendum  als  einen  der  sichersten  Schutzwälle ­
  der  bestehenden  Interessen  preisen.
Gelegentlich  haben  sich  Sozialisten  in  der  Verwaltung  ihrer  eigenen
Geschäfte  zu  den  urwüchsigsten  Begriffen  demokratischer  Kontrolle,
        <pb n="49" />
        26

wie  sie  im  18.  Jahrhundert  gang  und  gäbe  waren,  bekannt,  und  viele
Anzeichen  deuten  im  übrigen  darauf  hin,  daß  die  Bewegung  zum
Sozialismus  vorläufig  noch  von  Meinungsverschiedenheiten  nicht  so
sehr  über  die  Natur  der  Gesetzgebung  als  über  das  Wesen  des  Staates
begleitet  werden  wird.  Soll  eine  solche  Auseinandersetzung  nicht
unnötig  verlängert  und  soll  sie  erfolgreich  abgeschlossen  werden,  so
müssen  sich  die  Sozialisten  darüber  klar  sein,  wie  ihre  Grundsätze
sozialer  Organisation  und  ihre  Auffassung  von  der  Natur  der  Gesellschaft ­
  auf  die  demokratische  Souveränität  angewandt  werden
können.
Wie  steht  nun  der  Sozialismus  zu  diesen  Dingen?  Da  er  den  Staat
als  eine  Persönlichkeit  betrachtet,  beschäftigt  ihn  das  Problem,  wie
sich  aus  dieser  Persönlichkeit  eine  getreue  Vertretung  des  organischen
Lebens  der  Gemeinschaft  gestalten  läßt.  Es  handelt  sich  insoweit  nicht
um  eine  Frage  der  Vertretung  von  Klassen  (selbst  nicht  der  arbeitenden), ­
  von  Interessen  oder  der  Bildung,  all  dies  ist  dem  Sozialisten
Frage  zweiter  Ordnung.  Der  Whig  ereiferte  sich  für  eine  aufgeklärte,
der  Tory  strebte  nach  einer  starken  und  dauerhaften  Regierung,  und
um  dies  zu  erreichen,  versuchten  es  beide  mit  den  künstlichen  Mitteln
des  Wahlzensus,  der  Bildungsmerkmale,  der  Klassenvertretung.  Auch
der  Sozialist  ist  ein  Freund  der  Aufklärung  und  der  Beständigkeit,
nur  weiß  er,  daß  sie  nicht  durch  besondere  Verfassungsvorrichtungen
herbeigeführt  und  erreicht  werden  können,  sondern  daß  sie  nur  Bedingungen ­
  eines  gut  regierten  Staates  sind.  Eine  gute  Regierung
bedingt  sich  selbst,  und  Erleuchtung  und  Dauerhaftigkeit  sind  die
Folgen,  keineswegs  aber  die  Prämissen  eines  vortrefflichen  Staates.
Deshalb  strebt  der  Sozialist  nach  Umfassenderem  als  Stabilität  und
Aufklärung:  ihn  bewegt  der  brennende  Wunsch  nach  jener  guten
Regierung,  die  sich  aus  einer  getreuen  Vertretung  der  Staatspersönlichkeit ­
  ergibt.  Wir  haben  demnach  die  an  die  Wahlfähigkeit  zu
knüpfenden  Voraussetzungen,  die  eine  gute  Regierung  verbürgen,  zu
eruieren.
Das  besondere  Entwicklungsstadium,  das  eine  Gemeinschaft  in
einem  gegebenen  Zeitpunkt  erreicht  hat,  unterscheidet  sich  von  den
früheren  und  späteren  Phasen  und  ist  durch  die  Suprematie  der  im
Staate  wirkenden  verschiedenen  Einflüsse  gekennzeichnet.  Niemand,
der  mit  historischem  Sinn  begabt  ist,  wird  mit  der  Geschichte  rechten,
        <pb n="50" />
        weil  die  bürgerlichen  Klassen  den  Feudalismus  in  seiner  beherrschenden ­
  Stellung  im  Staatsleben  abgelöst  haben  oder  weil  sich  die  Verwirklichung ­
  der  vollen  Demokratie  eine  Zeitlang  verzögerte,  weil  die
Ausübung  des  Wahlrechts  an  eine  bestimmte  Höhe  des  Besitzes  gebunden ­
  war,  noch  den  Ausschluß  der  Frauen  vom  Parlamentswahlrecht ­
  einfach  dadurch  erklären,  daß  der  Mann  ein  Tyrann  seiner  weiblichen ­
  Gefährtin  sei.  Niemals  wird  solch  ein  kultivierter  Geist  ferner
davon  träumen,  daß  politische  Argumente,  die  in  den  Jugendtagen
des  Liberalismus  und  im  kräftigen  Mannesalter  der  Whigs  im  Kurse
standen,  die  Umstände  und  Zusammenhänge  überleben  können,  die
ihnen  Geltung  verliehen.  Die  Zeit  naht,  wo  der  individuelle  und  kollektive ­
  Wohlstand  der  Gemeinschaft  nur  von  einem  Staate  gefördert
werden  kann,  in  dem  all  und  jeder  an  der  Schaffung  der  gesetzgebenden ­
  und  vollziehenden  Tätigkeit  interessiert  ist.  Dann  kann  keine
noch  so  fortgeschrittene  Klasse  die  ganze  Gemeinschaft  vertreten  und
können  keinem  noch  so  unentbehrlichen  Interessenkreis  alle  Regierungsaufgaben ­
  anvertraut  werden.  Vielmehr  müssen  dann  die  Erfahrungen ­
  aller  durch  den  Staat  zum  Ausdruck  kommen:  der  Reichen
und  Armen,  der  Besitzenden  und  der  Besitzlosen.  Dem  Staate  die
soziale  Erfahrung  aller  Erwachsenen  dienstbar  zu  machen,  die  nicht
aus  stichhaltigen  Gründen  ihre  Wahlfähigkeit  verwirkt  haben,  sollte
das  politische  Ziel  des  Sozialismus  sein.  Auf  die  Erfahrung  der  nichtstuenden ­
  Klassen  und  Interessengruppen,  der  antisozialen  Schichten,
die  von  der  Gesellschaft  leben,  ohne  ihr  irgendwelchen  Dienst  zu
leisten,  aller  jener,  die  Staat  und  Gesellschaft  Gewalt  angetan,  Bestechungen ­
  angeboten  und  empfangen  oder  abscheuliche  Verbrechen
begangen  haben,  wird  in  der  Theorie  gern  verzichtet.  Praktisch  ist
aber  das  Sichten  der  Spreu  von  dem  Weizen,  das  Sondern  zwischen
dem,  was  sozial  ist  und  was  nicht,  so  mühsam  und  bedenklich  und
von  so  vielen  Umständen  abhängig,  die  meistens  nicht  bestimmter  sind
als  die  dem  Urteil  und  selbst  der  Vermutung  unterworfenen  Sachen,
daß  solche  Versuche  —  ausgenommen  in  Kriminalangelegenheiten,  wo
die  Tatsachen  eine  klare  Sprache  reden  —  lieber  ganz  unterbleiben
sollten.  Den  Staat  gegen  die  Gefahr  dieser  parasitären  Interessen  zu
schützen,  wäre  alles,  was  uns  in  der  Praxis  zu  tun  übrigbliebe.  Um
dies  zu  erreichen,  müssen  hinsichtlich  der  Einflüsse  der  Finanzwelt
und  anderer  Mächte,  die  bei  Wahlen  geltend  gemacht  werden  können,

27
        <pb n="51" />
        28

Bedingungen  hergestellt  werden,  die  es  der  Wählerschaft  so  schwer  wie
möglich  machen,  Entscheidungen  zu  treffen,  die  nicht  ihre  eigenen  Erfahrungen, ­
  Hoffnungen  und  Befürchtungen,  Bestrebungen  und  Schrecknisse ­
  reflektieren  —  Entscheidungen,  die  durch  Bestechung  und  andere ­
  Formen  des  Stimmenkaufes  gefälscht  sind.  Um  diesen  Schutz
wirksam  zu  gestalten,  sollte  eine  Reihe  von  Maßregeln  durchgeführt
werden,  die  Bestechung  und  Korruption  in  aller  Form  bestrafen,  die
die  Wahlen  mit  geringen  Kosten  verknüpfen,  damit  der  einfache  Mann
wählen  und  gewählt  werden  kann,  und  die  endlich  die  Mühen  und  die
Arbeit  der  Vertretung  als  eine  gesellschaftliche  Dienstleistung  qualifizieren, ­
  die  die  Gemeinschaft  entlohnen  muß.  Ein  solches  Programm
hätte  folgende  Forderungen  zu  enthalten:  Vornahme  der  Wahlen  an
einem  und  demselben  Tag,  feste  Grenzen  für  direkte  und  indirekte
Geldaufwendungen  für  Kandidaturen,  Bezahlung  aller  amtlichen,  nationalen ­
  und  vorzugsweise  kommunalen  Ausgaben  durch  den  Staat,
Diäten  für  die  Parlamentsmitglieder.  Die  Anwesenheit  und  das  Benehmen ­
  der  Arbeiterparteien  in  den  Parlamenten  haben  in  schlüssiger
Weise  gezeigt,  daß  je  weiter  sich  die  Tore  auftun,  desto  einsichtsvoller,
beständiger  und  tüchtiger  der  Staat  sein  wird.  Die  Erfahrung  hat  die
Behauptung  widerlegt,  daß  ein  Mann,  der  seine  Jugend  oder  die  Frühzeit ­
  seiner  Mannheit  an  der  Arbeitsbank,  in  einem  Bergwerk  oder  in
einer  Fabrik  verbracht  hat,  für  die  parlamentarischen  Arbeiten  seines
Landes  untauglich  sei.  Die  wohlwollenden  Äußerungen,  daß  die  Arbeiterabgeordneten ­
  im  Parlamente  sehr  viel  gelernt  hätten,  sind  nur
Formen  bürgerlicher  Anmaßung.  Die  Erwählten  der  Arbeiterschaft
haben  sowohl  belehrt  als  gelernt,  und  ihre  Gegenwart  im  Haus  der
Gemeinen  hat  die  Größe  der  Staatspersönlichkeit  erhöht,  was  der  einzige ­
  Zweck  und  das  entscheidende  Merkmal  jeder  Wahlmaschinerie
sein  muß.
Diese  Lehre  steht  in  schneidendem  Widerspruch  mit  der  Theorie
der  individualistischen  Liberalen,  die  die  Demokratie  als  die  Verwirklichung ­
  der  Gleichheit  interpretieren 1 .  Nicht  in  der  Gleichheitsidee
sehe  ich  das  Fundament  des  demokratischen  Wahlrechts,  sondern  in  der
1  Siehe  die  Kapitel  in  de  Tocquevilles  Buch:  De  la  Democratie  en  Amerique,  diedas
Verhältnis  zwischen  der  Gleichheit  und  den  freien  Institutionen  erörtern.  Siehe
auch  Godkin:  Problems  of  Modern  Democracy,  p.  285:  „Die  Demokratie  ist
nur  ein  Instrument  bei  der  Anwendung  des  Gleichheitsprinzipes  auf  die  Leitung
der  gemeinsamen  Angelegenheiten  der  Gemeinschaft“.
        <pb n="52" />
        29

Anerkennung  des  Wertes  der  persönlichen  Erfahrung  für  den  Staat,
oder  etwa,  um  mich  präziser  auszudrücken,  der  Erfahrung  derjenigen
Gruppe  der  Gemeinschaft,  der  ein  Individuum  angehört.  Denn  nicht
einzelne,  sondern  Klassen  oder  Schichten  von  Individuen  werden  von
Zeit  zu  Zeit  zum  Wahlrecht  zugelassen.
Wenn  wir  also  den  Grundsatz  aufstellen,  daß  das  Ziel  der  politischen
Organisation  der  Demokratie  die  vollendete  Staatspersönlichkeit  ist,
können  wir  dann  die  Gewißheit,  dies  zu  erreichen,  dadurch  erhöhen,
daß  die  Wahlberechtigten  an  Hand  von  Kriterien,  die  über  die  bereits
erwähnten  hinausragen,  bestimmt  würden?  Sollte  z.  B.  der  Besitz  ebensogut ­
  als  die  Persönlichkeit  vertreten  sein?  Deutet  er  auf  besondere
Wertung  von  Erfahrungen?  Wäre  es  ein  Naturgesetz,  daß  hervorragende
soziale  oder  persönliche  Vortrefflichkeit  zur  Eigentumserwerbung  unbedingt ­
  nötig  sei,  so  könnten  die  Konservativen  ihre  Rolle  mit  Erfolg
behaupten.  Aber  materielle  Güter  werden  mit  allen  möglichen  Mitteln
und  aus  den  verschiedensten  Beweggründen  erworben.  So  könnte  der
Besitz  von  verkommenen  Wohnhäusern  sehr  wohl  die  Entziehung  der
Wahlfähigkeit  begründen,  während  das  Vorhandensein  der  von  südafrikanischen ­
  Minenmagnaten  aufgekauften  Villenviertel  uns  geradezu
verbietet,  den  Eigentumsbesitz  mit  besonderer  bürgerlicher  Auszeichnung ­
  zu  bedenken.  Man  kann  sowohl  durch  Ausbeutung  der  Gesellschaft ­
  als  durch  Dienste,  die  man  ihr  erweist,  Eigentum  erlangen,  und
ein  Schibboleth,  das  die  Angehörigen  der  vermögenden  Klassen  in
solche  scheidet,  deren  Besitz  den  Stempel  sozialer  Tugend  und  Redlichkeit ­
  trägt,  und  in  solche,  die  durch  Preisgebung  dieser  Eigenschaften ­
  reich  geworden  sind,  gibt  es  nicht.  Im  übrigen  sind  die  Bedingungen, ­
  unter  denen  die  gewaltige  Konkurrenz  des  Erwerbslebens
und  die  hastige  Jagd  nach  dem  Reichtum  stattfinden,  derart  beschaffen, ­
  daß  sie  die  bürgerlichen  Tugenden,  wie  sie  der  Besitz  von  irdischen
Gütern  anzuzeigen  schien,  mehr  als  bisher  in  Frage  stellen.  Nicht
allein,  daß  der  Reichtum  oft  auf  unehrliche  Weise  erworben  wird,
sein  Anhäufen,  das  auf  der  ruhelosen  Wachsamkeit  unserer  großen
Plusmacher  und  der  von  ihnen  geforderten  Vernachlässigung  des
Schicksals  anderer  beruht,  beschränkt  den  Geist  und  verkleinert  die
Interessen.  Man  hat  der  Plutokratie  in  keinem  Abschnitt  der  Weltgeschichte ­
  allzuviel  soziale  Kultur  und  bürgerliche  Rechtschaffenheit ­
  nachgerühmt.  In  unserer  eigenen  Zeit  hat  man  der  Geldaristo ­
        <pb n="53" />
        30

kratie  nachgewiesen,  daß  sie  für  die  Herrschaft  der  Bestechung  und
Korruption  verantwortlich  sei,  daß  sie  den  Geist  der  Politik  verdorben,
das  Niveau  der  Presse  erniedrigt  und  die  Gesellschaft  herabgewürdigt
habe.
Doch  abgesehen  von  allem  diesen,  übt  der  Besitz  noch  einen  speziellen, ­
  wenn  auch  indirekten  Einfluß  aus,  der  sich  jenseits  der  im
bloßen  Wahlakt  der  Begüterten  gelegenen  Macht  erstreckt.  Der  Besitz ­
  hat  seine  Anhänger  und  verfügt  über  deren  Kräfte;  er  bezahlt  den
Flötenspieler  und  kann  die  politischen  Parteien  nach  seiner  Melodie
tanzen  lassen.  Der  Besitz  kontrolliert  die  Presse,  und  er  hat  zahllose
Mittel,  die  öffentliche  Meinung  bald  nach  dieser,  bald  nach  jener
Richtung  zu  beeinflussen.  Wer  das  Geld  in  der  Politik  spielen  lassen
kann,  hat  trotz  allen  Verbots  korrupter  Praktiken  und  trotz  demokratischen ­
  Wahlrechts  jedem  den  Vorsprung  abgewonnen,  der  in  gleicher
Wehr  nicht  streiten  kann.  Auch  ohne  das  geringste  Wahlprivilegium
wird  der  Besitz  über  politische  Vorteile  gebieten  und  sie  auch  stets
ausnutzen.
Aber  der  entscheidendste  Einwand  gegen  die  Idee,  daß  der  Besitz  die
Bedingung  und  das  Merkmal  der  Wahlfähigkeit  sein  soll,  muß  noch  erst
angeführt  werden.  Durch  die  Erweiterung  ihrer  Eigentumssphäre  wird
die  Gesellschaft  wirksamer  organisiert.  Die  persönliche  Freiheit  kann
erst  nutzbringend  werden,  wenn  die  gesellschaftlichen  Eigentumsrechte ­
  an  den  hauptsächlichsten  Produktionsmitteln  das  Individuum
gegen  die  Wirrnis  schützt,  die  das  System  der  privatrechtlichen  Regelung ­
  dieser  Objekte  verursacht;  die  individuelle  Freiheit,  Eigentum
zu  besitzen,  wird  erst  möglich,  wenn  sie  durch  das  gesellschaftliche
Eigentum  an  jenen  Sachgütern  bedingt  ist,  die  als  Materie  des  Privateigentums ­
  Armut  erzeugen.  In  einer  Zeit  gesellschaftlicher  Zerrüttung,
die  unter  dem  bekannten  Zeichen  des  ökonomischen  Individualismus
steht,  ranken  die  Privatinteressen  an  jeder  Form  der  Ungerechtigkeit, ­
  der  Ausbeutung  und  des  Verfalls  empor.  Der  Heller  der  Witwe
findet  im  Landmonopol  Verwendung,  und  die  Ersparnisse  des  Arbeiters ­
  werden  in  elenden  Behausungen  investiert.  Unrecht  wird  ins  soziale ­
  Gewebe  gewoben,  und  die  Fäden  können  ohne  Beschädigung  des
Gewebes  nicht  entfernt  werden.  Die  moralischen  Ansprüche,  die  der
Einzelne  mit  steigender  Beharrlichkeit  an  die  Gesellschaft  stellt,  und
der  Druck  der  Konkurrenz  zwingen  uns,  über  die  Mittel  zur  Aufhebung
        <pb n="54" />
        31

dieser  wirtschaftlichen  Ungerechtigkeit  nachzudenken,  die  sich  mit
unserem  Gesellschaftsleben  so  unentwirrbar  verknüpft  hat.  Um  diesen
Zweck  zu  erreichen,  befürwortet  der  Sozialist  nicht  die  Abschaffung
des  Privateigentums,  sondern  die  Beschränkung  seiner  Operationsbasis. ­
  Und  die  moderne  Gesetzgebung  bewegt  sich  denn  auch  in  dieser
Richtung:  Gesetzesvorlagen,  die  die  Munizipalisierung  der  Straßenbahnen ­
  begünstigen,  wie  auch  das  Budget  von  1909  sind  von  diesem
Geist  beseelt.  Wenn  diese  Neuordnung  der  Eigentumsverhältnisse
die  weitere  Entwicklungslinie  bleibt,  so  ist  es  vollkommen  klar,
daß  die  Beständigkeit,  die  eine  nach  dem  Besitz  abgestufte  Wahlfähigkeit ­
  der  Gesetzgebung  verleihen  soll,  keine  Dauerhaftigkeit  des
Lebens,  sondern  Todesstarre  wäre.  Zum  Wesen  des  Fortschritts  gehört ­
  ein  Wechsel  in  der  Methode  und  dem  Geiste  des  Eigentums,  verbunden ­
  mit  einer  veränderten  Auffassung  über  das,  was  als  Privateigentum ­
  zu  behalten  ratsam  ist  und  was  nicht  —  z.  B.  Privatbesitz
an  Menschen,  Sklaven.  Wenn  deshalb  der  Staat  den  Besitz  als  Prüfstein ­
  der  Wahlberechtigung  erklären  wollte,  so  gliche  er  einem  Manne,
der  durch  sein  ganzes  Leben  die  Gepflogenheiten  der  Jugend  zu  beobachten ­
  sich  entschlossen  hätte,  oder  den  amerikanischen  Südstaaten
vor  dem  Bürgerkrieg,  hätten  sie  darauf  bestanden,  daß  nur  Sklavenbesitzer ­
  wählen  dürften.  Wollte  man  die  Gebräuche  der  Zukunft
im  voraus  festlegen,  so  wären  die  vorübergehenden  sozialen  Gewohnheiten ­
  mit  der  höchsten  Gewalt  ausgestattet.
Von  derselben  fundamentalen  Bedeutung  ist  das  Argument,  daß
jeder  Bürger  an  der  moralischen  und  politischen  Leistungsfähigkeit
seines  Staates  interessiert  ist,  was  die  Sonderinteressen  der  besitzenden
Klassen  an  Wichtigkeit  und  Wert  weit  überschattet.  Einem  wohlgefügten ­
  Staatswesen  sind  die  Erfahrungen  der  besitzlosen  und  der  vermögenden ­
  Klassen  in  gleichem  Grade  unentbehrlich.  Die  Lebenspraxis
des  Armen,  dem  niedriger  Lohn,  unregelmäßige  Beschäftigung  oder
sonstiges  Mißgeschick  nie  die  Möglichkeit  zur  Eigentumserwerbung  geboten ­
  haben,  ist  politisch  so  hoch  zu  werten  wie  die  Erfahrung  des
Millionärs,  dessen  einzige  Beschwerden  und  Plackereien  der  Überfülle
von  Besitz  entsprungen  sind.  Beim  expropriierten  und  landlosen  Kätner ­
  ist  viel  eher  eine  sozial  vernünftige  Ansicht  über  Landbesitz  vorauszusetzen, ­
  als  beim  Grundbesitzer,  der  dem  Jagdvergnügen  frönt,
and  der  beschäftigungslose  Lohnarbeiter,  dem  ein  Unterstützungs ­
        <pb n="55" />
        32

komitee  Hilfe  spendet,  ist  genau  so  berufen,  über  die  Folgen  der  bestehenden ­
  Ordnung  für  die  Menschheit  ein  Urteil  zu  fällen,  als  der  erfolgreiche ­
  Arbeitgeber.  Gelingen  und  Mißerfolg  müssen  in  der  Staatspersönlichkeit ­
  zu  gleichem  Recht  vertreten  sein,  der  Unglückliche  und
der  Gesegnete  müssen  beide  auf  dem  Richterstuhle  sitzen.
Beunruhigen  könnte  von  meinem  Standpunkt  nur  der  Gedanke,  wie
man  sich  gegen  die  Demoralisation  des  Esaus  der  Gesellschaft  wappnen ­
  soll,  der  täglich  gewillt  ist,  sein  Geburtsrecht  für  ein  Linsengericht
zu  verkaufen.  Um  aber  die  Gefährlichkeit  unserer  Esaue  gründlich  zu
erkennen,  müssen  wir  die  Gemeinschaft  der  politisch  Verkommenen
bis  in  die  Wurzeln  durchforschen.  Wohl  mag  der  Preis  des  Armen  ein
verächtliches  Linsengericht  sein,  aber  das  Übel  liegt  nicht  in  dem  unbedeutenden ­
  Preise,  sondern  daß  der  Arme  überhaupt  verkäuflich  ist.
Es  gibt  eine  Entsittlichung,  die  Folge  ist  sowohl  des  Nichtstuns  und  der
Abhängigkeit  von  bestehenden  Gebrechen  —  z.  B.  von  Einkünften  aus
dem  Alkoholkonsum  und  anderen  Dingen,  die  eine  reiche  Ernte  sozialer
Degradation  bringen  —  als  auch  der  Armut.  Des  Reichen  Anhänger
sind  illegitimen  Einwirkungen  in  demselben  Grade  ausgesetzt,  als  der
Landstreicher  auf  den  Heerstraßen  oder  der  Zechbruder  in  den  Gasthäusern. ­
  Politische  Unfähigkeit,  geistige  Schlaffheit  und  moralische
Entgleisungen  sind  unter  den  Wohlhabenden  Großbritanniens  gerade
so  häufig  wie  bei  den  Armen.  Man  begeht  den  Fehler,  Kleidung,  Kultur ­
  des  Benehmens  und  des  Bankiers  Bilanzen  mit  Weisheit  und  Bildung ­
  zu  verwechseln.  Auch  kann  man  diese  Sittenverderbnis  nicht
einfach  aus  den  politischen  Einflüssen  sondern,  wie  man  Spreu  vom
Weizen  scheidet,  da  die  Krankheit  nicht  etwa  durch  eine  Mischung
von  Spreu  und  Weizen,  sondern  durch  eine  schlechte  Weizenart  verursacht ­
  wird.  Hier  handelt  es  sich  um  eine  organische  Schwäche  des
politischen  Körpers,  die  nur  durch  ein  Stärkungsmittel  gehoben  werden ­
  kann,  wie  eine  Erziehungsmethode  es  bietet,  die  die  Staatsbürger
für  hohe  soziale  Gesichtspunkte  empfänglich  macht  und  sie  lehrt,
hauptsächlich  für  den  allgemeinen  Nutzen  zu  wirken  und  zu  schaffen.
Könnten  die  kranken  Teile  abgetrennt  werden,  so  wäre  ich  damit  einverstanden, ­
  aber  die  bis  jetzt  vorgeschlagenen  Mittel  sind  dazu  ungeeignet. ­
  Der  unzweckmäßigste  Prüfstein  wäre  jedoch  der  Besitz;  denn
er  konservierte  im  politischen  Körper  nicht  allein  die  Krankheitsformen, ­
  sondern  würde  ihren  Einfluß  noch  vermehren.
        <pb n="56" />
        3  Mac  Donald,  Sozialismus

33

DieGründe,  den  Besitzlosen  das  Wahlrecht  vorzuenthalten,  berühren
sich  eng  mit  der  Forderung,  daß  Steuerleistung  und  Vertretung  Hand
in  Hand  gehen  sollten.  Zwar  stützt  sich  diese  Theorie  nicht  gerade
darauf,  daß  der  Besitz  ausschließlich  zum  Wählen  berechtigte,  sondern
daß  die  Steuerzahler  auch  des  Staates  Ausgaben  bestimmen  sollten.
Obgleich  nun  dieses  Kennzeichen  der  Wahlfähigkeit  gelegentlich  noch
in  politischen  Programmen  aufgeführt  wird,  ist  es  aus  der  Praxis  so
gut  wie  verschwunden.  Das  Staatsleben  bedarf  ganz  anderer  Dienste
als  Steuerentrichtungen,  und  wäre  das  Merkmal  zutreffend,  so  müßte
der  Einfluß,  d.  h.  die  Anzahl  der  Stimmen,  des  Steuerzahlers  seinen
finanziellen  Leistungen  proportioniert  sein.  Eine  weitere  Frage  erhebt
sich  betreffs  der  Form  der  Steuern.  Selbstverständlich  müssen  indirekte ­
  und  direkte  Steuern  berücksichtigt  werden.  Vorher  muß  jedoch
die  ungleich  wichtigere  Frage  entschieden  werden,  wer  denn  überhaupt
eigentlich  die  Steuern  entrichtet.  Der  Lohnarbeiter  trägt  die  Bürde
genau  so  wie  der  Aneigner  des  Mehrwerts.  Wollten  wir  also  dies  Kriterium ­
  gerecht  handhaben,  so  gerieten  wir  in  ein  Labyrinth  voller  Täuschungen ­
  und  Fehlschlüsse.  Die  Parole:  Keine  Steuer  ohne  Vertretung
war  daher  nur  ein  politisches  Stichwort  von  zeitweiligem  Wert,  das
die  Ansprüche  der  bürgerlichen,  der  handeltreibenden  und  industriellen ­
  Klassen  auf  Ausübung  des  Wahlrechts  begründete.  Den  besonderen ­
  Dienst,  den  die  Mittelschichten  dem  Staate  leisteten,  ballten  sie
ln  diesem  Kriegsruf  zusammen,  nach  oben  war  er  der  Rechtstitel,
mit  den  privilegierten  Ständen  auf  dieselbe  Linie  gerückt  zu  werden,
nach  unten  die  Scheidewand,  die  sie  vom  gemeinen  Volke,  der  Demokratie, ­
  trennte.  Als  Schlachtruf  bewährte  er  sich  ferner,  um  die
Kolonisten  zum  Widerstand  anzufeuern  und  die  herrschenden  Mächte
des  Mutterlandes  in  Bestürzung  zu  versetzen,  als  sich  die  steuerzahlenden ­
  Erwerbsklassen  der  amerikanischen  Kolonien  durch  die
Dummheit  unseres  Königs  und  seiner  Minister  verletzt  und  gekränkt
fühlten.  Heute  hallt  er  in  der  Agitation  für  das  Frauenstimmrecht
wider  und  spottet  in  den  Fällen  aller  Widerlegung,  wo  sie  weiter  nichts
sagt,  als  daß  nur  steuerzahlende  Frauen  wählen  sollten;  doch  er  befriedigt ­
  keinen  der  Gründe,  die  für  die  Gewährung  des  unverkürzten
Wahlrechts  an  die  Frauen  oder  sonst  jemand  sprechen.  Ein  demokratisches ­
  Prinzip  ist  er  ganz  und  gar  nicht,  nur  ein  politischer  Wahlspruch ­
  für  eine  Mittelstandsbewegung.
        <pb n="57" />
        34

An  dieser  Stelle  tritt  ein  weiterer  Vorschlag  in  den  Kreis  der  Betrachtungen. ­
  Können  wir  nicht  ein  Bildungsnierkmal  ersinnen,  das
die  Wirkung  hätte,  den  Einfluß  der  demoralisierenden  Teile  der  Wählerschaft ­
  zu  verringern?  Können  wir  nicht  Leuten  mit  gewissem  Bildungsgrad ­
  zwei  Stimmen  geben  und  so  den  Grundsatz  der  besonderen
Vertretung  der  Universitätskörperschaften  ausdehnen?  Oder  könnten
wir  nicht  von  den  Bewerbern  um  das  Wahlrecht  den  Nachweis  eines
bestimmten  Bildungsganges  fordern,  ähnlich  wie  die  Behörden  in  den
Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  die  Einwanderer  prüfen?
Zuerst  machen  sich  uns  immer  wieder  die  praktischen  Schwierigkeiten ­
  fühlbar.  Was  soll  geprüft  werden?  Offenbar  nicht  die  Kenntnisse ­
  allein;  denn  der  Landstreicher  würde  nicht  ausgejätet  werden,
und  viel  Wissen  blüht  hinter  den  Gefängnistoren.  Soll  irgend  etwas
erprobt  werden,  so  müssen  es  Charakter,  Urteilskraft  und  Begabung
sein.  Aber  gerade  diese  Eigenschaften  werden  von  den  schulmäßig  gearteten ­
  Prüfungen  ausgeschlossen.  Die  Vertreter  der  Universitäten
bestehen  nahezu  ausnahmslos  aus  solchen  Männern,  deren  akademische ­
  und  berufliche  Distinktion  sie  daran  gehindert  zu  haben
scheint,  parlamentarischen  Einfluß  und  hervorragende  politische  Bedeutung ­
  zu  erringen.  Und  wird  eine  Universität  durch  einen  Mann  vertreten, ­
  der  seltenes  Talent  mit  unabhängigem  Urteil  vereinigt,  so  pflegt
sie  ihn  gewöhnlich  zu  wechseln.  Der  fast  typische  Mangel  an  politischem ­
  Verständnis,  den  die  Abgeordneten  der  Universitäten  gezeigt
haben,  hat  die  Ausdehnung  dieser  Gattung  von  Vertretung  in  Verruf
gebracht,  anstatt  ihr  Sympathien  zuzuführen,  und  die  Hauptsache
ist  hierbei,  daß  nicht  die  Vertreter  selbst  zu  tadeln  sind;  denn  in  ihren
engeren  Fächern  sind  sie  oft  glänzende  Kapazitäten  gewesen.  Der
Irrtum  wurzelt  in  der  Idee  einer  solchen  Vertretung.  Eine  erfolgreiche
Laufbahn  an  der  Universität  ist  gelegentlich  das  Zeichen,  daß  sich
über  eines  Menschen  Geist  tiefe  Dunkelheit  in  bezug  auf  alle  menschlichen ­
  Angelegenheiten  ausgebreitet  hat  und  daß  sein  staatsbürgerlicher ­
  Wert  nicht  von  hoher  Prägung  ist.
Wenn  wir  nun  mit  gewissenhafter  Sorgfalt  untersuchen,  welche
Eigenschaften  zur  vernünftigen  Ausübung  des  Wahlrechts  wirklich  erforderlich ­
  sind,  so  finden  wir,  daß  Kriterien  wie  akademische  Würden
völlig  bedeutungslos  sind,  weil  die  wohl  an  sich  wertvollen  Erfahrungen
einer  Universitätslaufbahn  für  gute  Regierung  keine  überwiegende  oder
        <pb n="58" />
        3

bestimmte  Bedeutung  haben.  Politisches  Talent  deckt  sich  durchaus
nicht  mit  Hochschulbildung  und  Prüfungsreife.  Um  nur  einen  Unterschied ­
  herauszugreifen,  so  muß  jedermann  einsehen,  daß  ein  Bildungsnachweis ­
  weniger  eine  wohl  erwogene  und  durchdachte  Meinung  bezeugt, ­
  als  die  Auszeichnung  einer  Klasse,  die  hohe  Gebühren  bezahlen
kann,  und  als  einen  intellektuellen  Mechanismus,  der  bezeugt,  daß  er
zur  Zeit  der  Prüfung  bestimmte  Fragen  beantworten  konnte.
Selbst  wenn  es  der  Demokratisierung  der  Universitäten  gelänge,
meinen  Einwand  zu  beseitigen,  wäre  die  Stichhaltigkeit  eines  Bildungsgrades ­
  als  Erfordernis  der  Wahlfähigkeit  noch  nicht  gesichert.  Erinnert ­
  man  sich  nur  der  Tatsache,  daß  es  Aufgabe  der  Wählerschaft
ist,  der  ganzen,  ungeteilten  Erfahrungsskala  im  Staatsleben  eine  Vertretung ­
  zu  verbürgen,  so  macht  Unkenntnis  des  Lesens  und  Schreibens ­
  zur  Ausübung  des  Wahlrechts  nicht  unfähiger  als  Weltfremdheit,
gelehrte  Abgeschlossenheit  in  der  Lebensweise  oder  als  jeder  andere
soziale  oder  intellektuelle  Defekt,  der  den  Menschen  von  der  innigen
Berührung  mit  den  weltlichen  Geschäften  abschneidet.  Seinen  Namen
nicht  schreiben  zu  können,  ist  dem  praktischen  Urteil  eines  Menschen
über  die  allgemeinen  Lebensangelegenheiten  bei  weitem  nicht  so  verhängnisvoll, ­
  als  die  erwähnten  Nachteile  der  Bildung,  die  seine  Weisheit ­
  verdunkeln  und  seinen  Ausblick  verengen.  Vielmehr  kann  behauptet ­
  werden,  daß  eine  oberflächliche  Bildung,  die  zur  Verschlingung ­
  wertloser  Literatur,  von  den  Zeitungen  bis  zu  den  Romanen,
geführt  hat,  die  politische  Tüchtigkeit  des  Gemeinwesens  verschlechtert
und  die  öffentliche  Meinung  unter  das  Niveau  gedrückt  habe,  auf  dem
sie  sich  befand,  als  die  Bücherweisheit  weniger  verbreitet  war,  als
sie  heute  ist.
Es  wäre  jedoch  nutzlos  und  Zeitvergeudung,  wollte  ich  die  Kritik
an  diesem  Vorschlag  fortsetzen.  Die  Wählerschaft  hat  nicht  Wissen,
sondern  Verstand  und  Klugheit  zu  zeigen.  Unsere  Erziehungsanstalten
haben  allerdings  heute  noch  kaum  den  Unterschied  zwischen  beiden
erkannt.  Jemand,  der  z.  B.  gern  wählen  möchte,  mag  imstande  sein,
eine  Prüfung  zu  bestehen,  die  ihm  Anwartschaft  auf  die  höchsten  akademischen ­
  Grade  gäbe,  doch  wenn  er  unter  Sozialismus  Vernichtung
der  Familie  oder  Konfiskation  verstände  oder  glaubte,  daß  die  Friedenspartei ­
  unpatriotisch  sei,  so  fiele  er  bei  einer  entsprechenden  Prüfung ­
  seiner  politischen  Intelligenz  sofort  durch,  zu  seinen  Studien
        <pb n="59" />
        36

würde  er  heimgeschickt  werden  als  viel  zu  unwissend,  um  mit  der  Befugnis ­
  ausgestattet  zu  werden,  für  einen  parlamentarischen  Vertreter
zu  stimmen.
V ergebens  sehen  wir  uns  nach  mechanischen  Mitteln  um,  die  uns
die  Scheidung  der  guten  von  den  schlechten  Staatsbürgern  ermöglichten. ­
  Unbedeutend  sind  die  vorhandenen  Kennzeichen  wie  Irrsinn
und  Verbrechertum;  an  sie  reiht  sich  das  Erwachsensein,  da  das  Individuum ­
  vor  dieser  Periode  dem  Kinde  an  Erfahrung  gleicht,  dessen
Geist  noch  nicht  genügend  geschult  ist,  gültige  Entscheidungen  zu
treffen.  Seine  Fähigkeiten  haben  sich  bis  dahin  zu  üben  und  sich  auf
die  bevorstehenden  Verantwortlichkeiten  vorzubereiten 1 .  Ausländer
müssen  ebenfalls  vom  Wahlrecht  ausgeschlossen  werden,  da  sie  dem
Staate  nicht  zur  Gefolgschaft  verpflichtet  sind,  sondern  sich  nur  in
ihm  aufhalten  und  seine  Gäste  sind.  Doch  schädlich  und  unklug  wäre
es,  über  diese  einfachen  und  handgreiflichen  Gründe  des  Ausschlusses
vom  Wahlrecht  hinauszugehen.  Der  einzige  Prüfstein  ist  das  Leben,
die  Erfahrung,  und  der  einzige  Schutz  die  Pflege  eines  guten  staatsbürgerlichen ­
  Sinnes,  der  sozialen  Intelligenz  und  des  sittlichen  Gefühls.
Der  Staat  muß  alle  zur  Mitarbeit  herbeirufen,  und  er  kann  sich  nur
selbst  beschützen,  wenn  er  darauf  sieht,  daß  überdemGanzenUmstände
walten,  die  ein  rationelles  Leben  ermöglichen  und  ein  gutes  erleichtern.
Und  wir  dürfen  nie  vergessen,  daß  die  Unwissenheit  und  der  antisoziale
Geist,  auch  wenn  sie  wahlunfähig  sind  und  politisch  nicht  anerkannt
werden,  den  Staat  genau  so  bedrohen,  als  wenn  sie  wählen  könnten.
Am  Ende  beherrschen  doch  die  allgemeine  öffentliche  Meinung,  die
allgemeinen  nationalen  Ideale,  die  allgemeine  geistige  Emsigkeit  und
die  moralischen  Aspirationen  die  Situation.  Sie  können  durch  das  Monopol ­
  der  politischen  Gewalt  einer  Klasse  gehemmt  oder  verwirrt  werden, ­
  bei  der  Entscheidung  geben  sie  trotzdem  den  Ausschlag,  wie  das  die
Reformkämpfe  in  den  ersten  sechs  Dezennien  des  19.  Jahrhunderts
bewiesen  haben.  Viel  ratsamer  ist  es,  der  Unwissenheit  und  dem  antisozialen ­
  Geiste  die  Verantwortlichkeiten,  die  sie  in  Wirklichkeit  schon

1  Man  hat  als  passenden  Zeitpunkt  für  die  Anerkennung  der  Mannheit  das
21.  Lebensjahr  angesetzt.  Doch  dies  scheint  mir  mit  Rücksicht  auf  die  Erziehung, ­
  die  heute  unserer  J  ugend  gegeben  wird,  und  auf  dieVerantwortlichkeiten,
die  die  meisten  der  jugendlichen  Personen  im  gewerblichen  Leben  vor  dieser
Zeit  übernehmen  müssen,  etwas  zu  hoch  zu  sein.
        <pb n="60" />
        tragen,  direkt  aufzubürden  und  sie  den  erzieherischen  und  mäßigenden
Wirkungen  des  uneingeschränkten  Wahlrechtes  zu  unterwerfen.
Übrig  bleibt  noch  die  Frage,  wie  weit  das  Geschlecht  ein  Grund  der
Ausschließung  sein  soll.  W’äre  der  Staat  noch  in  seiner  militärischen
Entwicklungsperiode,  in  der  seine  Hauptaufgabe  ist,  sich  mit  Waffengewalt ­
  zu  behaupten  und  in  der  die  gewerblichen  Arbeiter  ebenfalls
nicht  wahlberechtigt  sind,  so  hielte  ich  das  Argument,  daß  die  Frauen
ausgeschlossen  werden  müssen,  weil  sie  dem  Staat  bei  feindlichen  Angriffen ­
  nicht  helfen  können,  für  die  Sache  der  Frauen  verhängnisvoll,
seine  sachliche  Richtigkeit  immer  vorausgesetzt.
Doch  erstens  ist  es  gar  nicht  so  fest  ausgemacht,  daß  die  Frauen
nicht  das  gleiche  Maß  Verantwortung  für  die  Landesverteidigung  wie
die  Männer  trügen,  wenn  wir  noch  in  jenem  Stadium  lebten.  Die
Rolle,  die  die  holländischen  Frauen  während  unseres  Krieges  gegen
die  südafrikanischen  Republiken  spielten,  indem  sie  die  Männer  zum
Kampfe  entflammten,  kann  jeden  Vergleich  mit  der  Arbeit  der  Felddienst ­
  verrichtenden  Soldaten  aushalten.  Stets  haben  die  Frauen  in
hervorragender  Weise  in  die  Verteidigung  von  Nation  und  Rasse  eingegriffen. ­
  Wurde  unter  den  primitiven  Völkern  ein  Stamm  überwunden, ­
  so  zog  er  sich  manchmal  in  abgelegene  Orte  zurück,  bis  die  Lücken
der  männlichen  Bevölkerung  genügend  ausgefüllt  waren,  das  Kriegsglück ­
  von  neuem  zu  versuchen 1 .  Der  Einfluß  der  Mütter  drängte  während ­
  dieser  Schonzeit  alles  zurück.  In  ihren  Herzen  waren  der  Haß
und  die  Bestimmung  ihres  Stammes  konzentriert,  und  die  sexuelle
Auswahl,  die  sie  beaufsichtigten,  diente  nur  militärischen  Zwecken.
Je  deutlicher  und  kräftiger  ihr  Wille  den  auf  seine  Daseinserhaltung
gerichteten  Willen  des  Stammes  ausdrückte,  desto  erfolgreicher  gestaltete ­
  sich  dieses  Ringen  des  Stammes.
Dasselbe  beobachten  wir  beim  Rassegefühl,  das  in  politische  Bewegungen ­
  mit  entsprechenden  Zielen  ausbricht,  wo  mehrere  Rassen
Zusammenleben.  In  Indien  behandeln  die  Frauen  jeden  mit  der  größten ­
  Härte,  der  sich  mit  Angehörigen  fremder  Rassen  vermischt,  und
in  Amerika  beschwingt  der  Zorn  der  Frauen  die  Leidenschaft,  die  in
1  Dies  war  der  Fall  bei  den  Maori,  demzufolge  ihr  System  des  Landeigentums,
das  dem  Stamm  gehörte,  modifiziert  wurde.  Ein  eroberter  Stamm  behielt  stets
ejne  Art  Retentionsrecht  auf  das  ihm  abgenommene  Land,  so  daß  der  Besitz  ihrer
Eroberer  niemals  ein  ganz  ausschließlicher  werden  kann,  weil  diese  zu  jeder  Zeit
von  einer  Armee  der  ursprünglichen  Eigentümer  herausgefordert  werden  können.
37
        <pb n="61" />
        38

den  Südstaaten  zum  Lynchen  der  Schwarzen  führt.  In  Natal  sind  die
Frauen  äußerst  verbittert  gegen  die  Eingeborenen,  und  in  Australien
findet  der  Entschluß  der  weißen  Rasse,  sich  rein  zu  halten  —  die  Lehre
vom  weißen  Australien  —  unter  den  Frauen  die  begeistertsten  Anhänger. ­
  Die  Furcht  vor  Vergeltungsmaßregeln  der  Japaner  macht  dort
die  weiblichen  Wähler  so  willfährig  wie  die  Männer,  die  allgemeine
Wehrpflicht  zu  unterstützen.  Nie  haben  die  Frauen  eines  Stammes
oder  einer  Nation  die  Stammes-  oder  Nationalinstinkte  verleugnet,  nie
haben  sie  es  unterlassen,  die  Leidenschaften  des  Kriegers  zu  schüren,
und  die  geschlechtliche  Auswahl  hat  unter  den  Kriegsstürmen  der
Stämme  und  Nationen  die  Männer  bevorzugt,  die  nach  Schlachtenruhm ­
  lechzten.  Bei  Menschen  und  Tieren  zeigt  es  sich  in  gleicher  Weise,
daß  sich  Weib  und  Mann  um  die  Erhaltung  der  streitbaren  Kräfte  der
Rasse  bemühen.
Obgleich  nun  solche  rastlose  Mitarbeit  stets  als  Möglichkeit  in  den
Unterströmungen  der  modernen  Gemeinwesen  vorhanden  sein  mag,
so  kann  sie  doch  nicht  als  die  charakteristische  Äußerung  des  gewöhnlichen ­
  Lebens  gelten.  Damit  jedem  ein  „anständiges  Leben“  gesichert ­
  werde,  zu  welchem  Zweck  der  heutige  Staat  existiert,  ist  eine
vernünftige  Staatspolitik  erforderlich,  die  nur  möglich  ist,  wenn  der
Staat,  wie  ich  bereits  dargelegt  habe,  die  Erfahrungen  aller  widerspiegelt. ­
  Wenn  daher  überhaupt  etwas  für  das  Frauenstimmrecht
sprechen  soll,  so  muß  es  der  Beweis  sein,  daß  die  Frauen  über  einen
anderen  Erfahrungsschatz  verfügen  als  die  Männer.  Daß  die  Frau
unterdrückt  wird,  daß  sie  Steuern  zahlt,  daß  sie  die  eine  Partei  gegen
die  andere  unterstützen  wird,  daß  sie  den  Gesetzen,  an  deren  Zustandekommen ­
  sie  nicht  direkt  mitwirkt,  gehorchen  muß,  mag  wahr  oder
falsch  sein.  Soweit  es  richtig  ist,  trifft  es  für  andere  Schichten  der  Gesellschaft ­
  ebenfalls  zu  und  berührt  nicht  die  spezielle  Frage  der  Wahlunfähigkeit ­
  auf  Grund  des  Geschlechtes.  Es  mögen  sich  alle  diese
Dinge  bestätigen  und  trotzdem  nicht  die  Frauen  zum  Wählen  berechtigen. ­
  Die  schimpfliche  Klassifizierung  der  Frauen  mit  Kindern  und
Geisteskranken  könnte  politisch  durch  die  Tatsachen  begründet  sein;
in  diesem  Falle  sollten  wir  die  Frauen  bedauern,  ihnen  aber  nicht
das  Wahlrecht  erringen  helfen.
Gibt  es  Gründe,  warum  die  Erfahrung  der  Frauen  dem  Staate  gefährlich ­
  sein  sollte?  Und  warum  sie  heute  für  ihn  notwendig  ist?  Die
        <pb n="62" />
        39

Frau  erwirbt  ihre  eigentümliche  Erfahrung  im  Hauswesen,  und  es  ist
behauptet  worden,  daß  sie  in  das  Staatsleben  Begriffe  der  Familienzucht ­
  und  der  Familienmoral  verpflanzen  würde,  die  die  zwischen
Staat  und  Individuum  bestehenden  Beziehungen  zerstören  würden.
Die  bedeutendsten  der  modernen  Individualisten  betonen  diesen  Einwand. ­
  Wäre  er  an  sich  richtig,  so  könnte  er  höchstens  die  Verwirklichung ­
  des  Frauenstimmrechts  begünstigen,  soweit  die  sozialistische
Auffassung  in  Betracht  kommt.  Denn  genau  so  wie  die  Familie  als
Regierungseinheit  gegründet  worden  ist,  als  eine  wirtschaftliche  Gemeinschaft, ­
  die  ihre  Mitglieder  beschützte  und  ernährte,  und  als  kleine
Organisation  gegenseitiger  Hilfeleistung,  da  der  Einzelne  seinen  sittlichen ­
  Frieden  nur  im  Streben  mit  seinesgleichen  nach  einem  gleichen
Ziele  findet,  so  muß  auch  der  Staat  in  unserer  Zeit  des  schnellen  Verkehrs, ­
  des  in  weite  Fernen  sich  erstreckenden  Güteraustausches,  der
Kapitalkonzentration  und  der  verzweigten  industriellen  Organisation,
in  seinem  eigenen  großen  Reiche  einen  Teil  der  Verantwortlichkeit  einer
Familie  mit  ihrem  Schirm  und  Schutz  übernehmen,  soll  der  einzelne
Staatsbürger  gedeihen.  Die  industrielle  Entwicklung  hat  den  Kreis
der  Beziehungen  der  Individuen  so  erweitert  —  die  Leute,  mit  denen
sie  arbeiten;  die  Märkte,  die  ihnen  Beschäftigung  bieten  —,  daß  die
Familienfürsorge  nicht  mehr  wie  einst  die  Tätigkeiten  der  Familienmitglieder ­
  deckt;  deshalb  müssen  die  Moralanschauungen  der  Familie ­
  den  Staat  lenken,  wenn  der  Einzelne  denselben  Vorteil  gegenseitiger ­
  Unterstützung  wie  früher  empfangen  soll 1 .  Der  Zweck  der
Gemeinschaft  erhält  mehr  und  mehr  eine  menschliche  Bedeutung,  in
ihr  und  durch  sie  werden  die  Individuen  enger  miteinander  verknüpft.
Da  sich  die  Gesellschaft  dem  Muster  organischer  Vollkommenheit  in
der  Gleichstellung  und  dem  Zusammenwirken  der  Funktionen  nähert,
wird  sich  das  Individuum  immer  deutlicher  bewußt,  daß  sein  Glücksgefühl ­
  und  sein  Wohlstand  von  ihr  abhängen,  und  die  sittlichen  und
ökonomischen  Beziehungen,  die  das  Familienleben  zärtlich  gestaltet
Ha  es  ein  Lieblingszeitvertreib  einiger  antisozialistischer  Kritiker  ist,  Sätze
a «s  dem  Zusammenhänge  zu  reißen  und  so  bei  dem  Publikum  über  die  Absichten ­
  der  Sozialisten  falsche  Vorstellungen  zu  erwecken,  so  bin  ich  vielleicht
verpflichtet,  kategorisch  zu  erklären,  daß  diese  Auffassung  von  der  Staatsverantwortlichkeit ­
  in  keiner  Weise  die  Schlußfolgerung  involviert,  daß  die  Familienorganisation ­
  ihre  Bedeutung  eingebüßt  hat,  seit  das  Fabriksystem  eingeführt
Wurde.  Die  ökonomische  Funktion  der  Familie  ist  verändert  und  durch  andere
Aufgaben  reichlich  ersetzt  worden;  ihre  erzieherischen  und  idealen  Werte  haben
jedoch  an  Bedeutung  gewonnen.
        <pb n="63" />
        40

haben,  schicken  sich  an,  der  Gesellschaft  selbst  ihr  Gepräge  zu  verleihen. ­
  Der  Umfang  der  Gesetzgebung  wächst  jedes  Jahr,  was  so  viel
bedeutet,  daß  der  Staat  mit  seinen  erweiterten  Beziehungen  die  Verantwortung ­
  einer  Familie  akzeptiert;  durch  seinen  Geist  und  seine
Taten  wird  er  einer  Familie  ähnlich.  Neun  Zehntel  unserer  Arbeitergesetzgebung ­
  befassen  sich  mit  dem  Schutz,  den  die  Familie  zu  gewähren ­
  pflegte,  den  sie  aber  unter  den  modernen  Bedingungen  der  Industrie ­
  nicht  mehr  geben  kann.  Neun  Zehntel  unserer  Gesetzgebung,
die  sich  der  Schwachen  annimmt,  von  der  staatlichen  Jugenderziehung
bis  zu  den  staatlichen  Altersrenten,  sind  eine  Durchdringung  der  ganzen ­
  Gemeinschaft  mit  der  Familienidee,  sind  die  Wirkungen  des  Familiengeistes ­
  auf  den  Staatswillen,  weil  sich  inzwischen  Umstände  gebildet ­
  haben,  die  das  Walten  dieses  Geistes,  wenn  nur  die  Familie  sein
Träger  ist,  vereiteln  und  zunichte  machen.  Tatsache  ist  nicht  nur,
wie  ich  oben  schon  angeführt  habe,  daß  sich  das  Gebiet  der  menschlichen ­
  gegenseitigen  Abhängigkeit  vergrößert  hat,  sondern  diesem  Prozesse ­
  ging  eine  durch  die  moderne  soziale  Entwicklung  erzeugte  Schwächung ­
  der  wirtschaftlichen  und  gewerblichen  Macht  der  Familie  parallel, ­
  die  sie  unfähig  macht,  ihre  Aufgaben  als  Beschützerin  erschöpfend ­
  zu  erfüllen.  Jeder  Kulturstaat  zeigt  diese  Tendenz,  die  offenbar
der  unaufhörlich  fließende  Strom  des  Fortschrittes  ist.
Wenn  aber  der  Familiengeist  der  Frau  der  modernen  sozialen  Entwicklung ­
  wesensgleich  ist  und  ihre  Erfahrung  deshalb  dem  Geiste  des
heutigen  Staates  durchaus  nicht  widerspricht,  sind  ihre  Lebenspraxis ­
  und  ihr  Standpunkt  für  die  Regierungszwecke  auch  erforderlich? ­
  Dem  Frauenstimmrecht  steht  nichts  entgegen,  aber  ist  es  nötig?
Ich  denke:  ja;  denn  abgesehen  von  der  Tatsache,  daß,  wenn  der  Weg
zum  Wahlrecht  offen  ist,  es  stets  gegeben  werden  soll,  kann  der  allein
von  den  Männern  durch  den  Staat  interpretierte  und  angewandte
Familiengeist  für  die  Gesellschaft  die  größten  Gefahren  heraufbeschwören. ­
  Der  Mann  ist  weder  der  Schöpfer  noch  der  Hüter  der
Familie,  sondern  das  ist  das  Werk  der  Frau  gewesen.  Ursprünglich
wuchs  die  kleine  Gemeinschaft  um  ihren  Herd,  sie  war  der  feste  Punkt,
um  den  sich  ringsum  die  Kinder  versammelten,  an  dem  der  Mann  sich
niederließ.  Sie  formte  das  Haus,  ihren  Geist  hauchte  sie  dem  Heime
em.  Und  jetzt,  wo  die  Verwaltung  des  Herdes  nicht  länger  die  der
großen  Welt  deckt  oder  allen  Bedingungen  des  modernen  Lebens  gerecht
        <pb n="64" />
        werden  kann,  wo  der  Staat  einschreiten  muß,  um  die  menschheitlichen
Eigenschaften  zu  schützen  und  zu  erhalten,  nachdem  er  sich  vorher
beim  Familienbegriffe  beraten  hat,  möge  der  Mann,  der  Gründer  von
Stämmen  und  Nationen,  der  Verehrer  in  den  geräumigeren  Tempelhallen ­
  des  Staates,  nur  versuchen,  —  ohne  die  Konsequenzen  dieses
Tuns  recht  eigentlich  zu  überschauen  —  die  Familie  durch  den  Staat
zu  ersetzen,  anstatt  ihn  einfach  mit  dem  Familiengeiste  zu  beleben:
und  Unheil  wird  die  Folge  sein.
Doch  kehren  wir  zu  der  Erwägung  zurück,  daß  die  Frauen  für  die
Landesverteidigung  nicht  bewaffnet  werden  können.  Wollte  man
ihnen  deshalb  das  Wahlrecht  verweigern,  so  wäre  die  nächste  Folge,
daß  das  nationale  Dasein  in  den  langen  Friedenszeiten  durch  eine
schlechte  Gesetzgebung  gefährdet  werden  müßte,  während  Erfahrungen ­
  und  Ansichten,  die  eine  Nation  vor  diesem  Unglück  behüten  können, ­
  ausgeschaltet  und  nicht  verwertet  werden  sollen,  nur  weil  mit
Rücksicht  auf  eine  in  ferner  Zukunft  liegende  Invasionsmöglichkeit
die  Frauen  nicht  mit  dem  Gewehr  auf  den  Schultern  unsere  Baumhecken ­
  besetzen  oder  in  unseren  Gräben  sterben  können.  Zugrundegerichtet ­
  soll  der  Staat  im  Frieden  werden,  weil  nicht  alle  seine  Bürger
imstande  seien,  im  Kriege  zu  kämpfen  \
Meine  Ansicht  kann  durch  verschiedene  uns  beschäftigende  Fragen
illustriert  werden,  die  die  dunklen  Seiten  eines  Sozialismus  beleuchten,
der  den  Akzent  auf  die  männlichen  Interessen  legt.  Für  die  Verpflegung ­
  der  Schulkinder  auf  öffentliche  Kosten  wird  z.  B.  eifrig  agitiert.
Wenn  dies  verallgemeinert  und  nicht  auf  Fälle  wirklichen  Notstandes
beschränkt  werden  würde,  so  wäre  der  Familie  eine  ihrer  wesentlichsten ­
  Aufgaben  abgenommen  und  dem  Staate  übertragen.  Die  wirtschaftliche ­
  Selbstgenügsamkeit  der  Familie  wäre  in  ihrer  Grundlage
angegriffen,  die  Familie  wäre  in  ihren  moralischen  Möglichkeiten  beschränkt. ­
  Und  erst  recht  wäre  dies  der  Fall,  wenn  der  Unterhalt  neben
der  Ernährung  die  Regel  würde.  Der  männliche  Geist  bewegt  sich
über  in  dieser  Richtung,  so  will  es  die  Macht  seiner  Logik.  Wenn  er
sich  beherrscht  und  bemüht  ist,  sich  die  Beziehungen  der  Geschlechter
1  Ich  betrachte  dieses  Argument  nicht  für  sich  allein  und  weise  darauf  hin,
daß  selbst  männliche  Wähler  nicht  alle  kampffähig  sind.  Das  ganze  Argument
erscheint  mir  so  absurd  und  hat  so  wenig  mit  dem  Thema  zu  tun,  daß  ich  nur
deshalb  darauf  Bezug  genommen  habe,  weil  es  für  die  Betrachtung  der  Funktionen ­
  der  Frauen  in  der  Beschützung  und  der  Aufrechterhaltung  der  Staaten
einen  bequemen  Anknüpfungspunkt  bietet.

41
        <pb n="65" />
        42

im  Zukunftsstaate  vorzustellen,  so  berückt  ihn  zu  leicht  der  Gedanke
einer  Weibergemeinschaft  nach  Platonischem  Muster,  oder  er  erklärt,
gleich  einigen  modernen  Gelehrten  und  Anhängern  des  maskulinen
Sozialismus,  daß  der  Staat  die  Mütter  zu  unterhalten  und  auszuwählen
habe.  Natürlich  malt  diese  Spielart  des  Sozialismus,  die  sich  nicht
verwehren  kann,  über  die  Gestaltung  des  zukünftigen  Familienlebens
einige,  wenn  auch  vage  Vorstellungen  zu  haben,  die  Familie  hin
und  wieder  ohne  einige  ihrer  wesentlichsten  Merkmale,  und  die
Kritik  des  Philisters  zeigt  sich  infolgedessen  sehr  entrüstet,  obgleich
er  selbst  weder  in  der  Theorie  noch  in  der  Praxis  so  reine  Absichten
hegt  wie  der  böse  Sozialist.
Die  Erfahrung  und  der  Geist  der  Frauen  sind  deshalb  erforderlich,
zu  verhindern,  daß  der  vom  Familiengeiste  getragene  Staat  seine
Struktur  nur  von  der  Erfahrung  der  Männer  empfange.  Wer  glaubt,
daß  die  von  mir  angedeutete  Tendenz  den  Sinn  hätte,  der  Staat  werde
die  Familie  verdrängen,  irrt  sich,  aber  die  Frauen  allein  werden  dafür
sorgen,  daß  dies  nicht  geschehe.  Der  politische  Einfluß  der  Frauen
wird  sich  sowohl  der  Erhaltung  der  Familie  zuwenden  als  auch  den
sich  vom  Familiengeiste  nährenden  Staat  unterstützen,  zwischen  temporärer ­
  Notwendigkeit  und  dauernder  Veränderung  wird  er  zu  unterscheidenwissen. ­
  Dieser  Einfluß  wird  die  Verpflegung  von  Schulkindern,
die  von  ihren  Eltern  vernachlässigt  werden  oder  durch  die  Armut  der
Familie  hungern,  nicht  verwerfen,  aber  für  die  Obhut  der  Jugend
wird  ihm  die  Familie  und  nicht  der  Staat  als  Ideal  vorschweben.  Nach
Kräften  wird  er  sich  deshalb  bemühen,  der  Familie  eine  gesunde  wirtschaftliche ­
  Grundlage  zu  schaffen,  damit  sie  ihre  Pflichten  erfüllen
könne.  Es  wird  ihm  keine  großen  Schwierigkeiten  bereiten,  den  scheinbaren ­
  Dualismus  einer  Familie,  die  mit  ihrer  eigenen  Wirtschaftsführung
einem  Familiencharakter  tragenden  Staate  eingegliedert  ist,aufzuheben.
Außerdem  wird  der  weibliche  Geist  auf  dem  Wege  zum  Sozialismus
wertvolle  Arbeit  vollenden,  indem  er  zwischen  Eigentumsformen,  die
ihrer  Natur  nach  von  den  Einzelnen  und  der  Familie  kontrolliert
werden  müßten,  undFormen,  die  der  gesellschaftlichen  Aufsicht  unterstehen ­
  sollten,  Abstufungen  vornimmt.  Die  Frau  wird  bei  der  Friedensstiftung ­
  zwischen  den  scheinbaren  Feinden:  Individualismus  und
Sozialismus,  die  dem  Sozialismus  gelingen  muß,  will  er  sich  siegreich
behaupten,  behilflich  sein,  weil  ihre  Erfahrung  und  ihre  sozialen  Funk ­
        <pb n="66" />
        tionen  sie  in  Sachen  des  Gehorsams  und  der  Freiheit  im  Betragen
Dinge  gelehrt  haben,  von  denen  die  Männer  nichts  wissen.
Der  Sozialismus  ist  eine  Gesellschaftsform,  in  der  die  Disziplin  und
die  Autorität  des  Staates  neben  der  individuellen  Freiheit  einen
befriedigenden  Ausdruck  finden.  Das  beste  uns  bekannte  Beispiel
einer  solchen  Organisation  ist  aber  die  Familie,  und  sie  ist  keine
männliche  Einrichtung,  weshalb  das  Schicksal  des  sozialistischen
Staates  auch  nicht  ausschließlich  den  Männern  anvertraut  werden  kann.
Dieselben  Erfahrungen,  Motive  und  Empfindungen,  die  die  Familie  geschaffen ­
  haben,  müssen  auch  ihn  errichten.  Die  Familie  ist  in  einem
wörtlich  strenger  zu  nehmenden  Sinne,  als  es  gewöhnlich  geschieht,
die  Grundlage  des  Staates.  Kurzum,  die  Sozialisten  sollten  sich  nicht
zum  Frauenstimmrecht  bekennen,  bloß  um  den  Frauen  Gerechtigkeit
widerfahren  zu  lassen,  bloß  um  sie  mit  staatsbürgerlichem  Geiste  zu
erfüllen,  ich  sage:  bloß,  d.  h.  aus  Gründen,  deren  sich  der  bürgerliche
Radikalismus  bedient,  wenn  er  das  Wahlrecht  für  die  Landarbeiter  fordert, ­
  —  sondern  weil  sie  über  andere  Erfahrungstatsachen  gebieten  als  die
Männer,  sollten  die  Frauen  mit  der  Wahlfähigkeit  ausgestattet  werden.
Die  Auffassung  über  das  Wahlrecht,  seine  Gründe  und  seine  Unvermeidlichkeit ­
  deckt  sich  mit  den  Grundsätzen  der  sozialistischen
Organisation.  Der  vom  Toryführer  Disraeli  definierte  Begriff  der
Whigs  von  der  Volksvertretung  war,  daß  „alle  Teile  des  Volkes,  diesich
Ansehen  erwerben  und  Interessen  des  Landes  vertreten,  wählen  sollten".
Zur  Zeit  dieses  Ausspruches  betrachtete  man  die  Masse  des  Volkes
gegenüber  den  bevorrechtigten  Klassen  als  minderwertige  Geschöpfe,
Qualitätsunterschiede  sollten  sie  angeblich  von  den  Hohen  der  Erde
trennen.  Die  Ansicht,  daß  diese  Artverschiedenheit  bestehe,  hat
nicht  die  Erfahrung  der  letzten  zwei  oder  drei  Generationen  überlebt.
Alle  Volksschichten  genießen  heute  die  Achtung  des  Landes  und
beanspruchen  sein  Interesse,  und  die  Gründe,  die  Wahlfähigkeit  durch
Besitz,  Bildung  und  Geschlecht  einzufriedigen,  sind  vollständig  verschwunden. ­
  Auf  halbem  Wege  darf  nicht  endgültig  Rast  geboten  werden, ­
  kein  phantastischer,  erträumter  Ruheplatz  kann  dem  Waffengang
ein  Ziel  setzen.  Draußen  im  Lande  ist  eine  Bewegung  zur  Erringung
des  Wahlrechts  im  Flusse;  sie  wird  anhalten,  bis  alle  Erwachsenen
stimmberechtigt  geworden  sind  —  es  sei  denn,  die  politischen  Instinkte
sterben  aus.

43
        <pb n="67" />
        44

III.  DIE  POLITISCHE  ORGANISATION
DES  STAATES
iiiniiimiiiiinuminiiiiinminiTiiii'miiiiiiiiiiiiiiiinTT
Wir  sind  zu  der  Schlußfolgerung  gekommen,  daß  das  Leben  der  wichtigste ­
  Prüfstein  für  die  Wahlfähigkeit  ist  und  daß  die  Anforderung  des
Staates  an  die  stimmberechtigten  Bürger  darin  besteht,  durch  ihre
Lebenserfahrung  seine  Gedanken  zu  bereichern  und  seine  Tätigkeit
zu  erhöhen.  Wir  wollen  nunmehr  untersuchen,  wie  die  Wähler  ihren
Willen  fühlbar  machen  müssen.
A.  MEHRHEITSHERRSCHAFT  UND  GEMEINWILLE
T  Tir  müssen  wieder  von  der  sozialistischen  Staatsauffassung  aus-’
  ’  gehen.  Der  Staat  ist  die  Verkörperung  des  allgemeinen  Willens,
des  Willens  der  organisch  geeinten  Gesamtheit.  Er  ist  das  Organ  der
Gemeinschaftswünsche  und  nicht  der  Bestrebungen  einzelner  Schichten
oder  Parteien.  Die  besonderen  Ideale  jeder  Gruppe  finden  in  dem
Ganzen  so  viel  Resonanzboden,  wie  ihnen  das  Ganze  durch  seine
Lebensbedingungen  zu  geben  verpflichtet  ist.  Der  Sozialist  versteht
unter  dem  Staate  weder  eine  Zwangsgewalt,  die  von  außen  her  über
den  Individuen  thront  und  sie  regiert,  noch  eine  Majorität,  die  verbietet ­
  und  befiehlt,  sondern  etwas,  das  einem  Organismus  gleicht,  eine
einheitliche  Persönlichkeit,  worin  die  verschiedenen  Organe  eingefügt
sind  und  ihre  Freiheit  finden.  Der  Staat  ist  deshalb  die  politische  Persönlichkeit ­
  der  ganzen  Gemeinschaft  in  ihren  äußeren  und  inneren  Beziehungen. ­

Von  den  individualistischen  Radikalen  hat  der  Sozialist  die  Bezeichnung ­
  und  den  Gedanken  einer  „Mehrheitsherrschaft“  übernommen ­
  ;  infolgedessen  ist  er  hinsichtlich  der  Bedeutung  der  Begriffe  Demokratie ­
  und  Staatsautorität  irregeführt  worden.  Eine  Wahl  findet
statt,  die  eine  oder  andere  Partei  erhält  die  Majorität,  und  ein  Ministerium ­
  wird  zur  Durchführung  eines  Programmes  von  Wahl  Verpflichtungen ­
  gebildet.  Weil  aber  die  Regierung  nicht  allein  ihrer
Majorität,  sondern  auch  der  oppositionellen  Minderheit  verantwortlich
ist,  wird  sie  wahrscheinlich  das  verpfändete  Wort  nicht  einlösen
können,  ja  kann  sie  vielleicht  niemals  ihren  Arbeitsplan  nach  den
        <pb n="68" />
        Richtlinien  der  Wahlreden  verwirklichen.  Die  Regierung  wird  zur  Vertreterin ­
  der  Gesamtheit.  Die  Vorschläge  der  Mehrheit,  die  durch  die
verständige  Kritik  und  die  wirksame  Opposition  der  Minorität  modifiziert ­
  werden,  verwandeln  sich  nach  vorangegangener  Diskussion  in
Gesetze.  Die  Mehrheit  bestimmt  die  Grundsätze  und  die  Ziele  der
Gesetzgebung,  aber  die  Minorität  hat  ein  gewichtiges  Wort  mitzureden, ­
  wenn  es  zu  entscheiden  gilt,  wie  weit  die  Prinzipien  angewandt
werden  sollen  und  wie  nahe  dem  Ziele  zu  rücken  sei.  Als  gesetzgebende
Macht  ist  die  Mehrheit  nicht  für  sich  selbst  tätig,  sondern  sie  arbeitet
für  die  Gesellschaft.  Wir  lernen  die  Idee,  die  in  diesem  Argument
liegt,  durch  die  Kritik  der  Anhänger  des  Proportionalwahlsystems
und  der  Individualisten  im  allgemeinen  näher  kennen.  Sie  behaupten,
daß  nur  ein  rühriger  Teil  des  Volkes  und  nicht  das  ganze  Volk  regiere.
Hierauf  ist  zu  erwidern,  daß  die  Stimmen  der  Mehrheit  den  allgemeinen
Willen  anzeigen,  daß  aber  die  gewählten  Vertreter  der  Majorität  in  ihren
Handlungen  die  Wünsche  der  Minorität  zu  berücksichtigen  haben 1 .
Die  Macht  der  Mehrheiten  wird  jedoch  noch  weiter  beschränkt.
Sie  können  die  Vernunft  der  Gemeinschaft  nicht  vergewaltigen.  Dies
schließt  Bedingungen  verschiedener  Art  ein.  Die  Majorität  muß  zeigen, ­
  daß  sie  ihre  Entwürfe  praktisch  ausführen  kann,  auch  dürfen
keine  allzu  heftigen  Erschütterungen  ihre  geplanten  Veränderungen
begleiten.  Vor  allen  Dingen  aber  können  Mehrheiten  weder  etwas
gegen  die  moralischen  Anschauungen  ihrer  eigenen  Parteigänger  noch
gegen  die  einer  bedeutenden  Minderheit  unternehmen.  Nicht  durch
Gewalt  regiert  eine  Mehrheit,  sondern  sie  muß  das  Land  durch  Überzeugung ­
  gewinnen,  sie  muß  sich  auf  die  Gerechtigkeit  stützen  und
nicht  auf  die  Macht.  Eine  politische  Gewalt  gewinnt  nur  Anerkennung,
wenn  sie  eine  moralische  ist.
Dies  zeigt  sich  in  den  gesetzgebenden  Handlungen  einer  jeden
Regierung.  Wenn  das  Leben  des  Parlamentes  wie  in  Großbritannien
verlängert  wird,  so  mag  die  Minorität  über  Gebühr  darunter  leiden,
daß  die  Legislative  die  Fühlung  mit  der  öffentlichen  Meinung  verliert.
Doch  wesentlich  ist,  daß  der  Ausdruck  „Mehrheitsherrschaft“  unter
ei ner  demokratischen  Regierung  eine  ungenaue  Bezeichnung  für  die
1  Sie  tun  dies  nicht  immer  bewußt,  aber  der  Druck  der  öffentlichen  Meinung
»acht  sich  bald  bei  den  Regierungen  geltend.  Einer  der  offenkundigsten  Irrtümer
  der  modernen  politischen  Phraseologie  ist  die  Anwendung  des  Wortes:
Kompromiß  auf  diesen  Zustand  der  Dinge.

45
        <pb n="69" />
        46

regierende  Macht  ist.  Unter  dem  Repräsentationssystem  verwaltet
die  Regierung  trotz  gelegentlicher  entgegengesetzter  Erfahrung  nicht
die  Geschäfte  der  Mehrheit,  sondern  die  des  ganzen  Volkes.
Dies  ist  von  Leuten,  die  von  der  Demokratie  eine  individualistische
Auffassung  haben,  bezweifelt  worden.  Sie  betrachten  den  Staat  als
eine  bloße  Vereinigung  isolierter  Individuen,  die  alle  die  gleichen
politischen  Funktionen  erfüllen;  für  sie  sind  die  Mitglieder  der  Vertretungskörperschaften ­
  einfach  Diener,  die  den  Willen  der  Wähler
nach  Vorschrift  zu  vollstrecken  haben.  Biologisch  gedacht,  findet
sich  weder  in  der  Sprache  noch  in  den  Ideen  dieser  Kritiker  eine
Spur  vom  Begriffe  der  Staatsorganisation.  Nach  ihnen  ist  die  Wahl
eine  Umfrage  bei  den  Wählern.  Von  ihrem  Standpunkte  aus  ist  die
einzige  Aufgabe  der  Vertreter,  die  Meinung  anderer  möglichst  getreu
wiederzugeben  —  die  Abgeordneten  sollen  weniger  führen,  als  gewissermaßen ­
  ein  mechanisches  Sprachrohr  sein,  ein  Grammophon,  das  genau
die  Worte,  die  Modulation  und  den  Ton  der  Stimme  wiederholt.  Dies
harmoniert  sehr  schön  mit  dem  Ideale  Rousseaus,  doch  mit  dem
Sozialismus  hat  es  nichts  gemein.  Nur  wer  glaubt,  daß  der  Gesellschaftsvertrag
  dem  einzelnen  Bürger  seine  Freiheit  geraubt  und  die
Demokratie  die  Mission  habe,  den  Kontrakt  wieder  aufzuheben  und
dem  Menschen  seine  natürliche  Freiheit  zurückzugeben,  kann  hierin
eine  wohlbegründete  politische  Ansicht  erblicken.  Tatsächlich  gehört ­
  sie  eher  zu  dem  politischen  Ideenschatz  des  18.  als  zu  dem  des
20.  Jahrhunderts.
Der  sozialistische  Staat  ist  keine  Vereinigung  einzelner  Personen,
nach  Analogie  des  Steinhaufens,  sondern  ein  Körper,  der  sich  wie  ein
höherer  Organismus  in  Organe  und  Funktionen  differenziert.  Sein
Regierungsorgan  wird  nicht  von  getrennten  Abteilungen  von  Individuen ­
  kontrolliert,  vielmehr  empfängt  es  sein  Leben  und  seine  Ordnung
von  dem  allgemeinen  Leben  der  Gesellschaft.  Eine  Wahl  ist  keine
Umfrage  bei  den  Wählern,  sondern  ein  Urteil  des  Gemeinwesens  über
die  von  der  Regierungsgewalt  geleistete  oder  noch  zu  verrichtende
Arbeit.  Nicht  fremder  Leute  Meinung,  sondern  seine  eigene  bringt  der
Politiker  zum  Ausdruck.  Wähler  und  Abgeordnete  leiten  ihr  geistiges
Sein  und  ihre  sozialen  Ideen  aus  der  Gesellschaft  ab,  in  der  sie  leben,
und  deshalb  besteht  zwischen  ihnen  kein  Subordinationsverhältnis
des  Herrn  zum  Diener,  sondern  sie  regeln  ihre  Beziehungen  wie  Per ­
        <pb n="70" />
        47

sonen,  denen  die  Lebensenergien  aus  derselben  Quelle  Zuströmen  und
die  in  ihren  gemeinsamen  Interessen  übereinstimmen  oder  divergieren.
Soll  aber  der  Gedanke  von  Herr  und  Diener  als  zur  repräsentativen  Regierung ­
  gehörig  beibehalten  werden  —  und  er  ist  sehr  irreleitend  —,  so
hätte  die  Gesamtheit  der  Gesellschaft,  nicht  etwa  eine  Partei  oder  eine
Mehrheit,  die  Herrenrolle  zu  spielen.  Der  Abgeordnete  vertritt  die  Gesellschaft, ­
  er  ist  kein  einfacher  Delegierter  der  Mehrheit,  die  ihn  gewählt ­
  hat;  dem  Ganzen  und  nicht  einzelnen  Teilen  schuldet  er  Rechenschaft. ­
  Er  entwickelt  seine  Ansichten,  macht  seinen  Standpunkt  klar,
entwickelt  und  erläutert  seine  unmittelbaren  Vorschläge  und  wird  daraufhin ­
  akzeptiert  oder  abgelehnt.  Gehört  er  zu  einer  anerkannten
Mehrheit,  so  hat  ihm  die  Gesellschaft  bekundet,  daß  sie  seine  allgemeine ­
  Auffassung  gutheißt.  Beunruhigen  jedoch  seine  praktischen  Anregungen ­
  die  Gesellschaft,  zeigt  er  ihr  seine  Unfähigkeit  oder  bedient
er  sich  Methoden,  die  ihren  Gerechtigkeitssinn  verletzen,  so  wird  sie
ihn  verwerfen.  Sie  wird  ihn  aus  einem  von  zwei  Gründen  oder  aus
beiden  zurückweisen.  Entweder  wird  die  Gesellschaft  alles  Vertrauen
zu  seinen  Grundsätzen  verloren  haben  oder,  wenn  dies  nicht  der  Fall
wäre,  seiner  Person,  ihm  selbst,  nicht  mehr  trauen.  Gerät  er  und  sein
Anhang  durch  die  Entscheidungen  der  Gesellschaft  in  die  Minderheit,  so
bedeutet  dies  entweder,  daß  die  Gesellschaft  sich  zu  den  Grundsätzen
und  dem  Standpunkt  einer  anderen  Richtung  bekennt  oder,  wenn
dem  nicht  so  wäre,  sie  nichtdestoweniger  empfindet,  daß  ihr  die  Herrschaft ­
  jener  Richtung  unangenehme  Erfahrungen,  die  sie  zurzeit
sehr  fürchtet,  ersparen  wird.  Im  ersteren  Falle  muß  die  geschlagene
Minorität  einen  Feldzug  der  Erziehung  unternehmen,  um  den  Glauben
an  sie  wieder  aufzurichten,  das  Vertrauen  zu  ihren  Ansichten  und
Plänen  wieder  herzustellen  und  die  Haltung  des  Landes  gegenüber  den
Grundsätzen  der  am  Ruder  befindlichen  Partei  zu  verändern.  Im
anderen  Falle  ist  es  Aufgabe  der  Minorität,  darüber  zu  wachen,  daß
auf  dem  von  der  Mehrheit  eingeschlagenen  Weg  der  Gesetzgebung
prinzipiell  die  Bedürfnisse  des  Volkes  befriedigt  werden  —  und  trotzdem ­
  sie  schwächer  ist,  wird  sie  hierfür  den  Beifall  des  Landes  ernten.
Per  parlamentarische  Kampf  wird  sich  in  diesem  Falle  viel  mehr
um  Einzelheiten,  als  um  Grundsätzliches  drehen.
So  vollzieht  sich  der  Lauf  der  Geschichte.  Wenn  große  prinzipielle
Prägen,  wie  z.  B.  ob  die  Demokratie  oder  die  Aristokratie  herrschen
        <pb n="71" />
        48

soll,  die  Parteien  trennen  und  sich  die  Nation  für  die  eine  derselben  entschieden ­
  hat,  so  gibt  die  entgegengesetzte  Partei  ihre  Prinzipien  preis,
und  indem  sie  die  geschaffene  Lage  akzeptiert,  findet  sie  tatsächlich  ihr
Ende,  obgleich  sie  in  der  Geschichte  in  eine  neue  Tätigkeit  aufzugehen
scheint,  die  aus  einem  neuen  Konflikt  über  Prinzipien  geboren  wird,  Prinzipien, ­
  die  den  veränderten  Bedingungen  entsprießen 1 .  Der  Erfolg  der
Reformbewegung  von  1832  löste  die  alte  Torypartei  auf  und  rief  eine
neue  ins  Leben;  die  allgemeine  Anerkennung  des  kollektivistischen
Prinzips,  die  der  Erringung  des  Wahlrechts  für  die  Arbeiterklasse  in
den  Jahren  1867  und  1884  auf  dem  Fuße  folgte,  tötete  die  alte  liberale ­
  Partei.  Eine  neue  ist  jetzt  im  Entstehen.  Unsere  moderne  Arbeiterpartei ­
  ist  nur  der  Kern  einer  neuen  Partei,  die  einige  unserer
dringendsten  sozialen  Probleme  in  Übereinstimmung  mit  gewissen
allgemeinen  Grundsätzen  der  Staatsverantwortlichkeit  zu  lösen  hat,
deren  Darlegung  und  Erörterung  die  Marksteine  des  Überganges  des
19.  in  das  20.  Jahrhundert  bilden.
Es  wäre  verkehrt,  wollte  man  diesen  Fortschritt  als  Zwangsgewalt
einer  „Mehrheitsherrschaft"  oder  als  die  Hörigkeit  politischer  Vertreter ­
  bezeichnen,  Ausdrücke,  die  der  Terminologie  der  individualistischen ­
  Demokratie  entlehnt  sind.  Er  kann  nur  im  Sinne  eines  organisierten ­
  Staatswesens  aufgefaßt  werden,  dessen  Organe  und  Aufgaben
sich  ständig  differenzieren,  das  mit  eigenem  „Leben“  versehen  ist,
das  wächst  und  sich  entwickelt  und  dem  die  Prinzipien  entquellen,
die  die  Parteien  schaffen  und  denen  die  Individuen  ihre  politischen
Überzeugungen  verdanken.
Meine  Beweisgründe  könnte  ich  auf  die  verschiedenste  Weise  verstärken, ­
  so  könnte  ich  z.  B.  von  Disziplinen  der  Naturwissenschaft
aus  eine  Parallele  ziehen.  Im  Beginn  des  verflossenen  Jahrhunderts
hatten  die  auf  den  Gebieten  der  Geologie  und  Biologie  gemachten
Entdeckungen  eine  Masse  von  Material  angehäuft,  das  schon  durch
sein  bloßes  Vorhandensein  den  Menschengeist  aufforderte,  es  in  einem

1  Bedacht  muß  auch  werden,  daß  bei  den  politischen  Truppenkörpern  in  solchen
Zeiten  der  Neubildung  von  Parteien  tatsächlich  eine  vollständige  Interessenverschiebung ­
  stattfindet.  So  bemerkt  Cobden  in  einem  Briefe  an  Parkes:  „Die
große  kapitalistische  Klasse  hat  für  die  Corn  Law-Bewegung  eine  vortreffliche
Grundlage  gebildet,  .  .  .  aber  ich  bezweifle  sehr,  ob  ein  solcher  Gesellschaftszustand ­
  einer  demokratischen  politischen  Bewegung  günstig  ist.  Sollte  Bright
wieder  genesen  und  imstande  sein,  eine  Partei  für  die  Parlamentsreform  zu
führen,  so  wird  nach  meinem  Ermessen  Birmingham  ein  besserer  Platz  für  ihn
sein  als  Manchester.“  (Morley:  Life  of  Cobden,  Bd.  2,  pp.  199—200.)
        <pb n="72" />
        Systeme  zu  verknüpfen  und  ihm  dadurch  überhaupt  erst  Sinn
und  Bedeutung  zu  verleihen.  Warum  war  die  Organismenwelt  der
kambrischen  Gruppe  und  der  silurischen  Formation  so  einfach,  das
Leben  der  Lias  (der  schwarzen  Jura)  verwickelter  und  das  der  Tertiärschichten ­
  noch  komplizierter?  Warum  kehren  in  der  Biologie
bei  verschiedenen  Tieren  ähnliche  Organe  wieder  ?  Weshalb  wiederholen ­
  die  höher  entwickelten  Tiere  in  ihrer  embryonalen  Periode  die
Formen  der  niedrigeren  Tierwelt  ?  Warum  hatten  Tiere  rudimentäre
Organe,  die  sie  nicht  gebrauchten?  Das  Suchen  nach  einer  systembildenden ­
  Idee  war  nicht  das  Werk  eines  Mannes,  sondern  hierzu
wurde  jeder  geistig  bedeutende  Gelehrte  durch  den  Stand  der  Naturwissenschaften ­
  gezwungen.  Versuch  auf  Versuch  folgte.  Erasmus,
Darwin,  Lamarck  und  eine  Reihe  anderer  Forscher  dachten  und
spekulierten,  bis  schließlich  zwei  Männer  gleichzeitig  die  Wahrheit
fanden:  Darwin  und  Wallace,  während  ein  dritter,  Spencer,  mit  demselben ­
  Gedanken  ein  angrenzendes  Gebiet  befruchtete.  Die  Geschichte
der  Einbürgerung  der  Entwicklungslehre  im  Reiche  der  allgemein
angenommenen  Wissenschaftsaxiome  verknüpft  sich  nicht  mit  dem
Genie  eines  Einzelnen,  sondern  ist  in  das  Wachstum  des  menschlichen
Wissens  verflochten.  Kleine  Entdeckungen  ziehen  weitere  nach  sich;
alte  Gedankensysteme  reichen  zur  Erklärung  neuer  Tatsachen  nicht
mehr  aus.  Das  alte  Universum  des  Geistes  wird  auf  den  Kopf  gestellt.
Schöpfungszwecke  scheinen  nacheinander  enthüllt  zu  werden.  Die
Forscher  placken  sich  nicht  ab  wie  Hunde,  die  mit  gesenkten  Köpfen
die  Spur  auf  dem  Boden  verfolgen,  sondern  sie  gleichen  Männern,
die  vom  Glanze  einer  Vision  erfüllt  sind,  deren  Deutung  sie  suchen.
Doch  es  ist  nicht  nötig,  fremden  Gebieten  die  Illustrationen  zu  entnehmen. ­
  Die  Politik  selbst  versieht  uns  mit  allem  Erforderlichen,
and  damit  die  Untersuchung  streng  im  Rahmen  dieses  Buches  bleibe,
Werde  ich  mich  nur  auf  jene  Kräfte  und  Gebilde  beziehen,  die  aus  dem
Verfall  der  Gesellschaftsorganisation  im  ausgehenden  Mittelalter  entstanden ­
  sind.  Das  Mittelalter  ließ  Europa  in  einem  verworrenen  und
sich  fortsetzenden  Kampfe  zurück,  der  sich  zwischen  den  vom  Feudalismus ­
  geschaffenen  militärischen  Gewalten  und  den  produzierenden,
der  Lehensordnung  unterworfenen  Klassen,  insbesondere  den  Organisationen ­
  dieser  Klassen  in  den  großen,  oft  als  Stadtrepubliken,
Wie  Florenz,  errichteten  Handelszentren  abspielte.  Es  war  ein  Kom4 ­
  Mac  D

onald,  Sozialismus

49
        <pb n="73" />
        50

plex  aktiver  politischer,  ökonomischer,  religiöser  Kräfte,  reich  an
Problemen;  sie  drängten  den  Menschengeist  dazu,  diese  Probleme  zu
studieren  und  ein  Verhältnis  zu  ihnen  zu  gewinnen.  Militärisch  und
wirtschaftlich  brach  das  Feudalsystem  zusammen.  Das  Schießpulver
war  berufen,  auf  Staatskunst  und  Kriegswissenschaft  denselben
Einfluß  auszuüben,  während  die  Erweiterung  des  Marktes,  auf  dem
sich  die  Waren  austauschten,  der  Herrschaft  des  grundbesitzenden
Adels,  nicht  minder  aber  auch  der  Weltherrschaft  des  Heiligen  Roms
eine  tödliche  Wunde  schlug.  Die  Befreiung  der  bürgerlichen  Klassen,
das  Anschwellen  der  Nonkonformistischen  Bewegung,  die  Politik
der  Tudor-  und  Stuartdynastien  entstammten  den  gleichen  Gesellschaftsbedingungen, ­
  deren  verschiedene  Ausdrucksformen  sie  waren,
riefen  die  Parteien  ins  Leben,  erzeugten  die  Lehrmeinungen,  erweckten
die  Vorkämpfer,  die  allesamt  in  diese  Zeiten  verwoben  waren.  Abälard,
  Scotus  Erigena,  Luther,  Wycliffe,  Roger  Bacon,  Hobbes,  Locke
und  die  übrigen  führenden  Geister  dieser  langen  Übergangsperiode
fanden  ihren  Stoff  und  ihre  Inspiration  in  ihrer  Gesellschaft,  sie  dienten
der  Menschheit  als  Dolmetscher.  Sie  erfüllten  den  Einzelnen  mit  dem
Bewußtsein  des  Zweckes  und  des  Planes  der  sich  vollziehenden
sozialen  Veränderungen.  Durch  ihre  Vermittlung  wurde  Ordnung
und  Zusammenhang  in  den  regellosen  sozialen  Willen  gebracht,  was
mit  anderen  Worten  nichts  anderes  heißt,  als  daß  die  Beziehungen
zwischen  den  Führern  und  der  Menge,  dem  Menschen  und  der  Gesellschaft, ­
  der  Partei  und  dem  Staate,  hergestellt  wurden.
Deshalb  muß  eine  klare  Vorstellung  vom  Wesen  des  allgemeinen
sozialen  Willens  in  seiner  Beziehung  zu  den  politischen  Parteien  und
den  Parlamentsmehrheiten  jeder  gewissenhaften  Spekulation  über  die
Art  und  Weise  voraufgehen,  wie  sich  die  Gesellschaft  durch  die  Tätigkeit ­
  ihrer  politischen  Funktionen  ausdehnt  und  wandelt.  Dieser  allgemeine ­
  Wille  ist  nicht  die  Übereinstimmung  der  Wähler  in  Programmfragen, ­
  nicht  der  Wille  aller  Einzelnen.  Die  Gesellschaft  hat,  als
Ganzes  genommen,  ererbte  Gewohnheiten,  Denkweisen,  Verhaltungsregeln, ­
  ihre  Ideen  und  ihr  praktisches  Handeln  werden  von  der  Tradition ­
  beeinflußt;  sie  hat  in  ihrem  Schoße,  gleich  einem  lebenden  Organismus, ­
  gewisse  Kräfte  und  Tendenzen  angesammelt.  Und  dieses
Vermächtnis  ist  der  allgemeine  Wille,  der  als  eine  Macht  gewertet
wird,  die  Veränderungen  herbeiführt  oder  sich  ihnen  entgegenstemmt.
        <pb n="74" />
        Schneller  Wechsel  ist  zwar  nicht  ausgeschlossen,  wie  wir  es  gelegentlich
in  den  letzten  Tagen  des  Mittelalters,  an  der  Neige  des  18.  Jahrhunderts ­
  und  beim  Siege  des  Entwicklungsgedankens  beobachten
können 1 .  Aber  wenn  sich  einzelne  oder  Organisationen  gewaltsam
gegen  den  allgemeinen  Willen  aufbäumen,  konzentriert  er  seine  Kraft
und  erzeugt  als  Form  der  Notwehr  eine  Reaktion.  Seine  Stärke,  Erleuchtung ­
  und  Bereitwilligkeit  bestimmen  das  Tempo  und  die  Richtung ­
  des  Fortschrittes,  und  wenn  Politiker  von  der  öffentlichen
Meinung  als  einer  sie  überwachenden  Instanz  sprechen,  so  ahnen  sie
die  Macht  und  die  Unabhängigkeit  dieses  Willens.  Die  Konservativen
zollen  seiner  Beständigkeit  übertriebene  Ehre,  während  die  individualistischen ­
  Radikalen  und  jene  Sozialisten,  die  die  Irrtümer  der  radikalen ­
  Politik  teilen,  seine  gewaltige  Widerstandsfähigkeit  gegen  Veränderungen ­
  nicht  zu  schätzen  vermocht  haben,  wenn  gegen  ihn  Sturm
gelaufen  wird,  anstatt  ihn  zu  überreden.  Selbst  wenn  wir  uns  also  eine
gewaltsame  soziale  Revolution  als  möglich  vorstellen  können,  so  wäre
ihr  einziges  mit  Gewißheit  vorausbestimmbares  Ergebnis  eine  wütende
Reaktion  des  allgemeinen  Willens,  der  sich  zur  Verteidigung  der  allgemeinen ­
  Sitte  und  Gepflogenheiten  entschlossen  erhebt.
Sozialisten  sollten  deshalb  den  Staat  und  die  politische  Gewalt  nicht
als  Ausdruck  einer  Mehrheitsherrschaft  oder  desW  illens  einer  Partei  auffassen, ­
  sondern  sollten  in  ihnen  die  Verkörperung  des  Lebens  der  ganzen
Gemeinschaft  erblicken,  die  sich  durchVererbungVeränderungen  widersetzt,
  gleichzeitig  aber  alle  Potenzen  größerer  Vervollkommnung  in  sich

birgt,  weil  ihre  Vergangenheit  in  ihrer  Zukunft  Früchte  tragen  muß 2 .

B.  VOLK  UND  PARLAMENT:  DIE  PROBLEME  DER
VOLKSGESETZGEBUNG

s  handelt  sich  hier  durchaus  nicht  um  bloße  akademische  Unterscheidungen ­
  oder  um  Variationen  im  Gebrauche  des  Ausdruckes.

Die  Unterschiede  sind  wirklich  vorhanden,  sie  sind  in  den  Tatsachen

In  dieser  Beziehung  scheinen  die  Experimente,  die  De  Vries  im  Anschluß  an
nie  Versuche  von  Mendels  unternommen  hat,  ein  neues  Licht  über  die  Bewegungen ­

  des  allgemeinen  Willens  zu  verbreiten.  DieBedingungen  unter  d
die  Revolutionen  dauerhafte  Ergebnisse  erzeugt  haben  gehören  sicherUcü  zu
den  offenbar  wichtigsten  Zweigen  der  soziologisc  en  ,  r.i-herSorsfalt  unternoch
  niemand,  soviel  ich  weiß,  diese  Sache  f't  w.ssenschaf  thche^^Sorgfalt  unte£
sucht  2  Ich  brauche  wohl  kaum  meine  Leser  daran  zu  erinnern,  daß  die  in
diesem  Abschnitte  vorgetragenen  Ansichten  von  der  Annahme  ausgehen,  daß
sich  die  Gesellschaft  als  Ganzes  und  nicht  bloß  eine  Klasse  in  ihr  zum  Soziali

4*

51

/
        <pb n="75" />
        52

begründet.  Sie  entscheiden  über  das  Verhalten  der  Sozialisten  zu
Maßnahmen,  die  bezwecken,  das  Leben  des  Gemeinwesens  so  vollkommen ­
  wie  möglich  im  Staate  zu  verkörpern.  Wenn  wir  diese
Ansicht  vom  Staate  und  seinen  Äußerungsweisen  als  Ausgangspunkt
wählen,  so  deucht  es  mich,  daß  eine  ganze  Serie  politischer  Forderungen, ­
  die  sich  im  Punkte  Demokratie  auf  individualistische  Anschauungen ­
  stützen,  von  den  Sozialisten  fallen  gelassen  werden  müssen,
da  sie  von  der  sozialistischen  Betrachtungsweise  des  Staates  und  der
Regierung  abweichen.  Wie  können  wir  mit  der  sozialistischen  Auffassung ­
  z.  B.  die  Forderung  vereinigen,  das  repräsentative  Regierungssystem ­
  durch  ein  Mandatarsystem,  das  verantwortliche  Regierungssystem ­
  durch  dasReferendum  und  die  mitProgrammen  und  Grundsätzen
ausgefochtenen  Wahlen  durch  die  Initiative  des  Volkes  zu  verdrängen?
Weil  sich  der  Abgeordnete  gelegentlich  zum  Herrn  aufwirft,  sind
manche  geneigt,  dies  sofort  zu  verallgemeinern;  im  Anschluß  hieran
wird  dann  der  Grundsatz  aufgestellt,  daß  die  Parlamentsmitglieder
bloße  Bevollmächtigte  sein  sollen,  die  ihre  Entschlüsse  einer  Volksabstimmung ­
  unterwerfen  müßten  usw.  Doch  wären  die  Volksvertreter
wirklich  nur  Bevollmächtigte,  so  frage  ich:  wessen?  Beauftragte  der
ganzen  Gemeinschaft  können  sie  offenbar  nicht  sein,  da  in  jedem
Wahlkreis  eine  Minorität  vorhanden  ist,  noch  können  sie  die  Mandatare
ihrer  Wähler  sein;  denn  viele  Fragen  sind  in  den  kurzlebigsten  Parlamenten ­
  —  selbst  innerhalb  einer  Session  —  zu  erledigen,  deren  Dringlichkeit ­
  bei  der  Wahl  nicht  vorausgesehen  werden  konnte  und  worüber ­
  die  Abgeordneten  keine  Instruktionen  erhalten  haben 1 .  Ferner
können  sich  die  Kandidaten  bei  den  Wahlen  wohl  über  die  allgemeinen
Prinzipien  der  Gesetzesvorlagen  äußern,  aber  sie  sind  nicht  in  der
Lage,  die  Einzelheiten  zu  prüfen,  die  erst  beim  Erscheinen  der  Gesetzentwürfe ­
  bekannt  werden.  Nun  haben  jedoch  einige  der  heißesten
parlamentarischen  Kämpfe  gerade  um  das  konkrete  Detail  getobt,  und
es  ist  vollständig  unmöglich,  ein  Verfahren  zu  ersinnen,  das  den  gesunden ­
  Menschenverstand  und  das  Gewissen  berechtigte,  die  Abstimmungen ­
  der  Abgeordneten  in  solchen  Fällen  als  Entscheidungen
mus  hin  bewegt.  Der  konsequente  Verteidiger  des  Klassenkampfes  muß  natürlich ­
  diese  Theorien  zurückweisen,  aber  dann  hat  der  Klassenkampf  viel  mehr
Berührungspunkte  mit  dem  Radikalismus  als  mit  dem  Sozialismus.  1  Bei  der
Betrachtung  des  Proportional-Wahlsystems  wird  dies  von  einem  anderen  Standpunkt ­
  erörtert.  Vgl.  Kap.  3,  Abt.  IV.
        <pb n="76" />
        53

von  Bevollmächtigten  anzusprechen.  In  der  Praxis  bewährt  sich  die
Theorie  der  Bevollmächtigung  nicht,  sie  kann  niemals  den  Regierungsrealitäten ­
  entsprechen.  Und  sollte  darauf  bestanden  werden,  so
würde  sie  nur  die  Leistungsfähigkeit  der  Gesetzgebung  beeinträchtigen,
und  insofern  sie  beabsichtigt,  die  öffentlichen  Bedürfnisse  durch  das
Parlament  besser  zum  Ausdruck  zu  bringen,  wäre  die  auf  ihre  Propagierung ­
  verwandte  Mühe  verloren.  Bewußtsein  und  Überzeugung
können  niemals  von  der  parlamentarischen  Tätigkeit  abstrahiert  und
in  die  von  der  Theorie  der  Bevollmächtigung  vorgeschriebenen  engen
Grenzen  der  Aktionssphäre  gebannt  werden.  Die  Aufgabe  der  gewählten ­
  Vertreter  besteht  darin,  das  Leben  des  Staates  richtig  zu
erfassen  und  zu  deuten,  seine  unmittelbaren  Tendenzen  zu  verstehen, ­
  die  Stärke  seiner  Lebensimpulse  zu  messen  und  deren  Richtung ­
  zu  ermitteln,  die  Hindernisse  für  alle  jene  wegzuräumen,  die
für  das  Recht  die  Klinge  führen,  den  Mächten  der  Ungerechtigkeit
aber  Schwierigkeiten  aufzutürmen.  Ein  Beauftragter  ist  jedoch  für
ein  solches  Werk  nicht  geeignet;  nur  ein  Mann,  der  seinem  Charakter
und  seiner  Intelligenz  verantwortlich  ist,  kann  solchen  Anforderungen
genügen.  Das  Volk  muß  allerdings  den  allgemeinen  Standpunkt  und
die  Grundsätze  dieses  Mannes  gutheißen,  doch  dessen  Hand  kann
niemand  lenken  und  niemand  kann  ihm  Worte  in  den  Mund  legen.  Mit
dem  Gedankenschema  der  individualistischen  Volkssouveränität  kann
die  Rolle  des  Volksvertreters  nicht  erklärt  werden.
Doch  selbst  die  Bevollmächtigungstheorie  kann  nicht  alle  Ansprüche ­
  der  individualistischen  Ansicht  von  der  Volkssouveränität  befriedigen, ­
  weshalb  denn  eine  umfassendere  Veränderung  der  parlamentarischen ­
  Praxis  empfohlen  wird.  Der  Zusammenhang  parlamentarischer ­
  Regierung  soll  ganz  und  gar  zerrissen  werden;  das  Referendum
wird  im  Namen  abstrakt  demokratischer  Vollkommenheit  individualistischen ­
  Charakters  befürwortet.  Zwar  wird  das  Parlament  unter
diesem  Regierungssystem  noch  Gesetze  entwerfen  und  beraten,  doch
müssen  alle  Vorlagen  dem  Volke  zur  Abstimmung  unterbreitet  werden.
Sie  können  in  dieser  entweder  angenommen  oder  abgelehnt,  aber  niemals ­
  abgeändert  werden.
Beim  ersten  Anblick  scheint  das  Referendum  insofern  demokratischer
zu  sein,  als  durch  sein  Walten  die  effektive  Kontrolle  des  Volkes  über
die  Gesetzgebung  erhöht  werde  In  Wirklichkeit  verstärkt  es  nur  die
        <pb n="77" />
        54

Macht  der  Interessen,  die  den  Status  quo  ante  vertreten;  denn  tatsächlichen ­
  Einfluß  hat  das  Referendum  nur  im  negativen  Sinne.  Wird
eine  Gesetzesvorlage  vom  Volke  sanktioniert,  so  übt  es  keine  Macht
aus.  Das  Referendum  bedeutet  eben  kein  Mitwirken  des  Volkes  an  den
Gesetzgebungsakten,  wohl  aber  dient  es  dem  Volke  als  Mittel,  der
Gesetzgebung  entgegenzuhandeln 1 .  Am  besten  kann  das  Sachverhältnis
  durch  eine  Schilderung  der  Etappen  veranschaulicht  werden,
die  ein  Gesetzentwurf  bei  uns  durchlaufen  muß,  bis  er  gesetztes
Recht  wird.  Zuerst  wird  er  dem  Hause  vorgelegt,  doch  ist  dies  gewöhnlich ­
  reine  Formalität,  obgleich  seine  allgemeinen  Bestimmungen ­
  schon  in  diesem  Stadium  begründet  werden,  und  eine  Debatte
sich  daran  anschließen  kann.  Alsdann  wird  die  Vorlage  gedruckt.
Hierauf  wird  die  zweite  Lesung  vorgenommen;  alle  Abgeordneten,
die  für  eine  zweite  Lesung  stimmen,  bekunden  dadurch,  daß  sie  mit
den  Hauptzielen  des  Entwurfes  genügend  übereinstimmen,  seine
Überweisung  an  einen  Ausschuß  zur  ausführlichen  Beratung  und
Amendierung  zu  unterstützen.  In  der  Kommission  wird  nun  Wort
für  Wort,  Artikel  für  Artikel  erwogen,  alle  Wirkungen  und  Möglichkeiten ­
  der  Vorlage  werden  ins  Auge  gefaßt,  und  sie  verläßt  die  Kommission ­
  oft  in  ganz  veränderter  Gestalt.  Nur  wer  die  Verhandlungen
im  Ausschüsse  genau  und  aufmerksam  verfolgt  hat,  ist  zur  Verteidigung ­
  des  modifizierten  Gesetzentwurfes  hinreichend  gerüstet.  Jetzt
folgt  die  Berichterstattung  in  der  Plenarsitzung;  das  versammelte
Haus  hat  Gelegenheit,  die  Bestimmungen  des  von  der  Kommission
amendierten  Entwurfes  zu  prüfen  und  zu  erklären,  ob  es  die  einzelnen
Paragraphen  genehmigt.  Die  dritte  Lesung  schließt  die  Kette:  das
Parlament  entscheidet,  ob  die  Vorlage  in  ihrer  endgültigen  Form  und
als  Ganzes  genommen  Gesetz  werden  soll  oder  nicht.
Wenn  ein  Referendum  diese  Prozedur  ergänzen  würde,  was  geschähe ­
  dann  tatsächlich  ?  Welcher  erhöhte  Anteil  wäre  dem  Volke
an  der  Leitung  der  Regierung  wirklich  gegeben?  Jeder  Abgeordnete
weiß,  daß  das  Parlament  über  die  Gesetzgebung  eine  wirkliche  Aufsicht
1  So  mag  man  das  Referendum  in  einem  Staate  befürworten,  der  dermaßen
korrumpiert  ist,  daß  seine  Gesetzgebung  ein  Handelsobjekt  geworden  ist,  oder
wo  das  Referendum  schon  so  lange  ausgeübt  wird,  daß  es  mit  den  nationalen
Gewohnheiten  verwachsen  ist.  Siehe  Oberholtzer:  Referendum  in  America;
Common's:  Races  and  Immigrants  in  America  betont  ebenfalls  nachdrücklich,
daß  das  Referendum  in  Staaten  mit  gemischten  Nationalitäten  einen  unifizierenden ­
  Einfluß  habe.
        <pb n="78" />
        55

nur  während  der  Spezialberatung  eines  Entwurfes  ausübt,  wo  detaillierte ­
  Amendierungen  und  Informationen  über  jeden  zweifelhaften
Punkt  gemacht  resp.  gegeben  werden.  Das  Volk  kann  aber  nichts  amendieren,
  sich  nicht  über  alle  Details  informieren.  So  etwas  ist  schon  physisch ­
  unmöglich.  Selbst  wenn  Vorkehrungen  getroffen  werden  könnten,
damit  zwei-  oder  dreihundert  j  ährlicheVolksabstimmungen  stattfänden
oder  selbst  nur  ein  halbes  Dutzend,  wenn  nur  wichtige  Gesetzesvorlagen ­
  dem  Volksvotum  unterworfen  werden  sollten  —,  wäre  die  Befragung ­
  zwecklos.  Das  Referendum  gestattet  dem  Volke  höchstens,  an
der  Abstimmung  in  dritter  Lesung  zu  partizipieren.
Und  selbst  dies  könnte  sich  nur  in  sehr  unvollkommener  Weise  vollziehen. ­
  Nachdem  die  Grundzüge  und  die  Einzelheiten  eines  Entwurfes
in  Anwesenheit  des  Abgeordneten  oder  seiner  Fraktionsgenossen  eingehend ­
  besprochen  worden  sind,  stimmt  er  in  der  dritten  Lesung  entweder ­
  mit  Ja  oder  mit  Nein.  Während  der  Behandlung  der  Vorlage  im
Plenum  des  Hauses  wird  dem  Abgeordneten  ein  umfassender  Informationsstoff ­
  in  Form  von  Reden,  Amendements,  Dokumenten,  Denkschriften ­
  zugesandt.  Hat  er  nun  eine  endgültige  Entscheidung  zu  treffen, ­
  so  ist  er  imstande,  gewesen,  vorher  die  prinzipielle  Berechtigung
der  Maßregel  und  den  praktischen  Wert  ihrer  Einzelbestimmungen  zu
erwägen,  ihr  Verhältnis  zu  bestehenden  Gesetzen  zu  untersuchen,  ihre
Fähigkeit,  die  beabsichtigten  Zwecke  zu  erfüllen,  zu  prüfen  und  die
Notwendigkeit  ihrer  Kompromisse  zu  erkennen  —  kurz,  er  ist  in  der
Lage,  den  Entwurf  in  seinen  sozialen  Rahmen  einzufügen  und  nach
sorgfältiger  Abwägung  des  Für  und  Wider  sein  Urteil  über  die  Vorlage
zu  fällen.  Das  ist  der  Gedanke  der  dritten  Lesung.  Er  kann  nur  von
einem  Parlamente  ausgeführt  werden,  das  im  Leben  der  Nation  ein
besonderes  Organ  bildet,  recht  eigentlich  zu  dem  Zwecke  eingerichtet,
die  notwendigen  gesetzgebenden  Funktionen  in  der  Gesellschaft  auszuüben. ­

Die  von  der  Volksabstimmung  vorzunehmende  dritte  Lesung  wäre
aber  etwas  Grundverschiedenes.  Eine  Gesetzesvorlage  besteht  aus  verschiedenen ­
  Abschnitten,  umschließt  mehrere  Satzstücke,  von  denen
jedes  vielleicht  einer  änderen  Formulierung  fähig  ist.  DieWählermassen
von  John  o’Groats  bis  Land's  End  hätten  keine  Möglichkeit  gehabt,
detaillierte  Amendierungen  in  den  Kommissionen  vorzuschlagen  oder
den  Beweisgründen  in  den  Ausschüssen  zu  lauschen.  Sie  hätten  sich
        <pb n="79" />
        /

56

deshalb  auch  nicht  die  nötigen  Kenntnisse  aneignen  können,  den  Entwurf ­
  als  praktisches  Ganze  richtig  zu  schätzen  —  als  „das  Beste,  was  unter ­
  denUmständen  geschaffen  werden  kann“.  IhrVotum  könnte  nur  eine
zusammenhangslose  und  flüchtige  Mischung  von  Motiven  ausdrücken,
die  teils  einer  zweiten  Lesung  angemessen  wären:  den  Prinzipien,  teils
der  Kommisionsarbeit:  den  Details,  und  teils  der  dritten  Lesung:  der
Zweckmäßigkeit  von  Kompromissen.  In  einem  Lande  wie  die  Schweiz,
wo  die  Legislative  durch  die  Dezentralisierung  des  politischen  Lebens,
die  sich  aus  der  politischen  Vergangenheit  des  Gemeinwesens  ergeben
hat,  von  sekundärer  Bedeutung  ist,  oder  in  Gegenden  wie  die  westlichen ­
  Staaten  Amerikas,  wo  sich  die  soziale  Organisation  noch  in  den
Anfängen  befindet,  oder  in  Staaten  wie  wiederum  die  Schweiz,  wo  der
Träger  eines  wirtschaftlichen  Interesses  und  ein  Charaktertypus:  der
Bauer,  in  den  nationalen  Geschicken  dominiert,  oder  in  Gemeinschaften
wie  einige  amerikanische  Städte,  wo  sich  der  Krebs  der  Korruption ­
  bis  in  die  edlen  Teile  des  Volkes  gefressen  hat,  vermag  die  durch
das  Referendum  charakterisierte  Methode  der  demokratischen  Kontrolle ­
  nur  geringen  Schaden  anzustiften,  ja  selbst  als  kleinstes  Übel
kann  man  dort  seine  Zuflucht  zu  ihr  nehmen.  Auch  in  Staaten  von  der
räumlichen  Ausdehnung  der  griechischen  Stadtstaaten,  wo  ein  stimmbegabter ­
  Redner  von  der  Tribüne  aus  jeden  Wähler  anreden  kann,  ist
die  Methode  anwendbar.  Unter  solchen  Bedingungen  ist  das  Referendum ­
  der  Ausdruck  eines  primitiven  Gesellschaftstypus  oder  der  unvollkommene, ­
  einem  unglücklichenGesellschaftszustand  angepaßte  Mechanismus. ­
  Doch  in  einem  Lande  wie  Großbritannien,  wo  das  politische
Leben  der  Gesellschaft  für  die  soziale  Wohlfahrt  von  höchster  Wichtigkeit ­
  ist  und  wo  die  komplizierten  Beziehungen  der  verschiedenen
Klassen  der  Staatsbürger  oder  der  einzelnen  Individuen  zu  einander  nur
durch  ein  ausgearbeitetes  Gesetzgebungssystem  gesichert  werden  können, ­
  müßte  ein  Referendum  ein  unnötiges  Hinausschieben  der  Gesetzesschöpfung, ­
  ein  Erstarren  der  sozialen  Struktur,  eine  Unbeweglichkeit
der  Gesellschaft  und  eine  Verzögerung  sozialer  Experimente  auf  legislativem ­
  Wege  ergeben  L  Soll  das  Referendum  zum  Ersatz  für  eine  Zweite
Kammer  dienen,  so  wird  es  grundstürzenden  gesetzgeberischen  Veränderungen ­
  größere  Hindernisse  bereiten  als  das  House  of  Lords,  und
1  Dicey  in  Law  and  Opinion  in  England,  p.  61,  nennt  das  Referendum  „einen  Mechanismus,
  der  sozialistische  Neuerungen  verzögert“.
        <pb n="80" />
        57

nicht  etwa,  weil  das  Volk  reaktionär  wäre,  sondern  weil  die  Maschinerie
des  Referendums  unter  den  politischen  Bedingungen  des  modernen
Industriestaates  zusammenbricht.  Das  Referendum  auf  unsere  politischen ­
  Verhältnisse  anzuwenden,  gliche  dem  Versuche,  die  alte
„Rocket“-Lokomotive  50  Meilen  in  einer  Stunde  laufen  zu  lassen.
Mit  dieser  am  Referendum  geübten  Kritik  soll  die  Intelligenz  der
Wähler  nicht  geschmäht  werden.  Volksentscheidungen  über  eine  Fülle
von  Einzelheiten  eines  Gesetzentwurfes  müssen  ihrer  Natur  nach
reaktionär  wirken,  eben  weil  das  Verfahren  schwerfällig  ist.  Es  mögen
Leute  wohl  Umwandlungen  in  gewisser  Richtung  begünstigen,  aber  sie
sind  wegen  Gewohnheitsrücksichten  oder  persönlicher  Interessen  nicht
gewillt,  irgendwelchen  spezifischen  Vorschlägen,  die  den  Wechsel  herbeiführen ­
  sollen,  zuzustimmen.  Wem  die  Tendenz  der  Vorlage  nicht
gefällt,  wird  natürlich  mit  Nein  stimmen;  Bevölkerungsschichten,  die
diese  und  jene  Einzelheit  energisch  mißbilligen,  obgleich  sie  mit  dem
Prinzip  konform  gehen,  werden  sich  zu  bedeutenden  Massen  gegen  den
Entwurf  koalieren.  Andere  Klassen  und  Kreise  wieder,  die  das  Prinzip
zwar  anerkennen,  denen  es  aber  zu  weit  durchgeführt  oder  nicht  weit
genug  erscheint,  werden  den  Widerstand  verstärken.  So  wird  das  Referendum ­
  allen  durch  den  Gesetzentwurf  bedrohten  Interessen  als  besondere ­
  Wehr  dienen,  oder,  wie  wir  uns  auch  ausdrücken  können,  das
Referendum  wendet  sich  nicht  an  die  Ideen,  sondern  an  die  Interessen;
es  erhöht  daher  nicht  die  idealistischen  Kräfte  in  dem  Gemeinwesen,
von  denen  der  Fortschritt  abhängt.  Die  parlamentarische  Gesetzgebung
eilt  nicht  immer  der  öffentlichen  Meinung  voraus,  wohl  aber  ist  sie  in
praktischer  Hinsicht  führend,  d.  h.  sie  entschließt  sich  zur  Tat,  nachdem
sich  die  öffentliche  Meinung  zwar  schon  dafür  ausgesprochen  hat,  aber
sich  über  das  Wie  noch  im  Unklaren  befindet.
Nicht  ohne  guten  Grund  beginnen  heute  die  antisozialistischen  Interessen, ­
  die  ob  der  gegen  sie  gerichteten  Kritik  erschrocken  aufhorchen
und  die  sehr  gut  wissen,  daß  unter  der  gegenwärtigen  Verfassung  die
Gesetzesänderung  und  folglich  die  Verschiebung  in  den  sozialen  Machtverhältnissen ­
  leicht  ist,  sich  für  das  Referendum  als  ein  Mittel  zu  begeistern, ­
  die  Macht  des  Parlaments  zu  lähmen  und  den  Ausdruck  des
allgemeinen  Willens  zu  erschweren.  Die  in  der  Schweiz  gemachten  Erfahrungen ­
  beweisen  dies  klar  und  deutlich  L
1  Siehe  Lloyd  und  Hobson:  The  Swiss  Democracy,  p.219:  „Die  großen  fortschritt-
        <pb n="81" />
        58

Gegen  das  Referendum  kann  man  aber  noch  einen  weiteren  Einwand
erheben,  der  von  nachdenkenden  Politikern  nicht  leicht  von  der  Hand
gewiesen  werden  wird.  Die  Demokratie  muß  die  elementaren  Triebe
gedrängter  auf  den  Plan  rufen.  Der  Appell  an  die  Menge  muß  sich  in
eine  unbestimmte  und  allgemeine  Sprache  kleiden,  er  muß  funkeln  und
glänzen,  und  die  um  die  Volksgunst  konkurrierenden  Politiker  müssen
dies  beherzigen.  Die  Absichten,  die  Ideen,  werden  die  Sorge  um  die  praktische ­
  Ausführbarkeit  zurückdrängen.  Die  oft  gehörte  Bemerkung,  daß
der  Redestil  politischer  Meetings  im  Unterhaus  wertlos  ist,  weist  nur
darauf  hin,  daß  die  Eloquenz  und  die  Denkgewohnheit  der  Volksversammlungsredner ­
  im  Parlament  nicht  angebracht  ist.  Ein  Wahlaufruf
an  das  Volk  ist  seiner  Natur  nach  von  der  Verweisung  einer  Gesetzesvorlage ­
  an  das  Volksurteil  verschieden;  denn  bei  Wahlen  hat  das  Volk
sich  über  allgemeine  Vorschläge  zu  entscheiden,  das  Referendum  befaßt ­
  sich  aber  mit  den  praktischen  Einzelheiten.  Soll  also  das  Volk
überhaupt  zur  Einzelabstimmung  über  Gesetzesentwürfe  bewegt  und
begeistert  werden,  so  müssen  der  konkrete  Stoff  und  die  Gesetzgebung
popularisiert  werden.  Dies  erreicht  man  nicht  durch  ihre  Verbesserung
und  Vollendung,  sondern  indem  man  sie  sensationeller,  großsprecherischer ­
  und  überschwenglicher  gestaltet *  1 .
Dies  würde  die  Schaufensterreklame  der  Gesetzgebung  erhöhen,  die
Akkuratesse  der  Parlamentsakte  aber  verringern,  die  heute  schon  nicht

liehen  Maßregeln,  wie  die  Fabrikgesetzgebung,  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen, ­
  das  Alkoholmonopol,  dieNationalbankusw.,  dieder  Bundesregierung  ausgedehnte ­
  neue  Funktionen  sichern,  sind  in  der  gesetzgebenden  Körperschaft  früher
herangereift,  als  im  Lande  selbst.  Viele  dieser  Gesetze  oder  die  sie  ermöglichenden ­
  verfassungsmäßigen  Verbesserungen  wurden  einmal  oder  mehrere  Maie  vom
Volkeverworfen...  DenmeistenderVorschlägestimmtendieeineoderbeideLegis-Iativen
  zu,  lange  bevor  sie  eine  für  das  Volk  annehmbare  Form  erhalten  hatten."

1  Die  Geschichte  des  Ankaufes  der  Eisenbahnen  von  dem  Schweizer  Staate  ist  ein
warnendes  Beispiel,  wie  unbrauchbar  das  Referendum  in  einem  modernen  Gemeinwesen ­
  ist.  Die  Schweizer  Eisenbahnen  sind  auf  Grund  kantonaler  Freibriefe  und
nicht  von  der  Bundesregierung  gebaut  worden.  Daraus  hat  sich  ein  großes  Wirrsal
ergeben.  Über  die  Verstaatlichung  fanden  von  1883  bis  1891  vorbereitende  Diskussionen ­
  statt.  Im  Jahre  1891  genehmigte  die  Versammlung  dieErwerbung  desZentraleisenbahnsystems.
  Man  verlangte  dieEntscheidung  durch  dasReferendum,  und
es  wiederholte  sich  die  alte  Geschichte.  Durch  eine  Kombination  aller  Interessen
und  Gegenströmungen  wurde  das  Projekt  abgelehnt.  Im  Jahre  1897  brachte  die
Bundesregierung  wieder  einen  Antrag  ein.  Diesmal  war  der  Vorschlag  in  ein
schimmerndes  Gewand  gehüllt;  er  hatte  propagandistischen  Schwung  und  siegte
durch  ein  Referendum.  Darauf  entdeckte  man  aber,  daß  er  sich  nicht  bewähren
würde.  Es  folgte  ein  Streit,  der  endlos  zu  werden  drohte.  Neue  Verhandlungen
wurden  angebahnt;  schließlich  kam  ein  Vergleich  zustande,  der  10  Jahre  früher
hätte  kommen  können,  wenn  das  Referendum  nicht  existiert  hätte.
        <pb n="82" />
        peinlich  genug  sein  kann.  Die  Menge  ist  ihrem  Wesen  nach  nicht  zum
Gesetzgeber  geschaffen.
Wenn  wir  nun  erwägen,  welche  Einflüsse  durch  solchen  Wechsel
verstärkt  werden,  so  wird  unsere  Unruhe  nur  gesteigert.  Die  Presse
wird  an  Einfluß,  die  sich  mit  Sonderinteressen  befassenden  Organisationen ­
  werden  an  Macht  gewinnen;  die  Parteien  werden  daher  mehr  und
mehr  von  Interessen  bestimmterWirtschaftskreise  beherrscht  werden 1 .
Bestätigt  wird  dies  durch  die  Erfahrung,  die  mit  der  Initiative,  dem
Vorschlagsrecht,  gemacht  worden  ist.  Die  eifrigsten  Verteidiger  des
Referendums  stellen  es  als  Grundsatz  auf,  daß  das  Vorschlags-  und  Verwerfungsrecht
  dem  Volke  reserviert  werden  müsse.  Das  Referendum
habe  keinen  positiven  Wert,  es  wäre  höchstens  ein  Schutzmittel  gegen
korrupte  und  feile,  aber  keinHeilmittel  gegen  nachlässigeGesetzgebungskörperschaften.
  Deshalb  solle  das  Volk  die  Macht  haben,  die  Legislative
an  Instruktionen  zu  binden,  ähnlich  wie  es  in  der  Züricher  Verfassung
etwas  gezwungen  heißt:  „Das  Volk  übt  die  gesetzgebende  Gewalt  unter
Beihilfe  der  Staatslegislative  aus.“  Doch  auch  hier  erschüttern  die  Tatsachen ­
  den  Schein.  Durch  welchen  Vorteil  zeichnet  sich  die  Macht  der
Initiative  vor  dem  Einfluß  derWahlen  aus  ?  Die  Kandidaten  müssen  sich
über  die  Wünsche  des  Volkes  orientieren,  sich  nach  ihnen  richten  und
versprechen,  dem  Verlangen  des  Volkes  zu  entsprechen.  Wohl  weiß  ich,
daß  sich  die  Handlungen  eines  Abgeordneten  nicht  immer  mit  dem
Willen  seiner  Wähler  decken.  Will  man  dies  aber  dadurch  erklären,  daß
der  Vertreter  seine  Verpflichtungen  absichtlich  verletzt,  die  Volksforderungen ­
  mißachtet  und  sich  Immunität  erwirkt,  indem  er  die  Öffentlichkeit ­
  entweder  täuscht  oder  kauft,  so  muß  sicherlich  jede  Hoffnung
erlöschen,  daß  die  Initiative  bessere  Resultate  als  das  Repräsentativsystem ­
  zeitigen  werde,  weil  man  damit  denBankerott  desRepräsentativsystems
  durch  den  Zusammenbruch  der  Demokratie  selbst  erklärt 2 .
1  Dies  beobachtet  man  schon  bei  Nachwahlen,  wo  die  Regierung  manchmal  wegen
einer  Frage  bekämpft  wird,  um  die  sich  zurzeit  gerade  die  Verhandlungen  im
Unterhause  drehen.  Als  die  Schankkonzessions-Bill  erörtert  wurde,  war  es  die
Agitation  der  Schankwirte,  und  als  die  Achtstundenbill  der  Bergarbeiter  zur  Debatte ­
  stand,  war  es  die  Kampagne  der  Coal  Consumers’  League  (die  Liga  der  Kohtenkonsumenten),
  die  bei  den  Nachwahlen  den  Ausschlag  gaben.  2  Lloyd  und
Hobson:  The  Swiss  Democracy,  p.  221:  „Die  Initiative  hat  sich  sicherlich  bis
r? ute  noch  nicht  als  ein  besonders  taugliches  Werkzeug  bewiesen.  Das  einzigste
Mal .  wo  man  es  erfolgreich  erprobte,  war  die  am  wenigsten  ehrenvolle  gesetzgeberische ­
  Tat  der  schweizer  Demokratie  in  den  letzten  Jahren,  nämlich  die
Annahme  des  berüchtigten  „Schlachthausartikels“,  der  unter  dem  Einflüsse  einer
antisemitischen  Agitation  abgefaßt  wurde.

59
        <pb n="83" />
        60

Aber  wir  müssen  die  Sache  noch  etwas  genauer  betrachten.  Der
durch  die  Initiative  ausgedrückte  Volkswille  zeigt  das  Wirken  von  Motiven ­
  und  Impulsen,  die  den  von  dem  Referendum  auf  das  Kampffeld
gerufenen  Kräften  entgegengesetzt  sind.  Die  Initiative  einigt  die  Menge
in  Bestrebungen,  Schlagworten  und  allgemeinen  Absichten;  durch  das
Referendum  wird  das  Volk  dagegen  in  persönliche  Interessen  gespalten.
Das  Verfahren  des  Vorschlagsrechts  und  des  Referendums  heißt  also,
daß  der  Ruf  zuerst  an  die  einenden  Neigungen  und  Wünsche  des  Volkes ­
  zu  ergehen  habe,  und  dann  an  seine  trennenden  Interessen  zu  richten ­
  sei.  Es  läßt  sich  nun  mit  größter  Gewißheit  behaupten,  daß  ein
Fortschritt  hierdurch  überhaupt  nicht  erzielt  werde;  denn  da  die  auseinanderstrebenden ­
  Interessen  das  letzte  Wort  sprechen,  so  vermag
die  Initiative  im  positiven  Schaffen  niemals  so  wirksam  zu  sein  als  das
Referendum  im  Vereiteln  von  Aktionen.  Andererseits  vermischen  sich
im  Spiel  des  Repräsentativsystems  die  einenden  Bestrebungen  mit  den
antagonistischen  Interessen;  sie  verbinden  sich,  indem  sie  die  eine  oder
andere  Partei  ermächtigen,  sich  in  einer  bestimmten  Richtung,  eine  bestimmte ­
  Strecke  und  in  einem  bestimmten  Tempo  fortzubewegen.  Das
Getriebe  des  Repräsentativsystems  kombiniert  die  widerstreitenden
Tendenzen,  und  wie  die  miteinander  verknüpften  zentripetalen  und
zentrifugalen  Kräfte  des  Universums  die  Bewegung  hervorrufen,  durch
die  die  Himmelskörper  in  ihren  Bahnen  gehalten  werden  und  die  Verhältnisse ­
  des  Kosmos  in  ihrer  festen  Ordnung  bleiben,  so  besteht  auch
die  Staatskunst  darin,  die  sich  feindlich  gesonnenen  Motive  und  die
sich  gegenseitig  anziehenden  geistigen  Sympathien  der  Staatsbürger
zu  vereinigen,  damit  ein  geordneter  und  dauernder  Fortschritt  möglich
sei.  Die  Auflösung  des  politischen  Kräftekomplexes  in  seine  Komponenten ­
  würde  in  der  Gesellschaft  eine  ähnliche  Katastrophe  herbeifüliren,
  als  wenn  die  kombinierten  Bewegungsursachen  des  Weltalls
einen  Augenblick  in  ihre  Elemente  auseinanderfielen.
C.  REFORMBEDÜRFNIS  DES  ENGLISCHEN
PARLAMENTARISMUS
"TA  aß  man  so  häufig  liest  und  hört,  das  Repräsentativsystem  sei  zu-^-^sammengebrochen,
  hat  verschiedene  Gründe.  Es  arbeitet  nicht
stets  so  befriedigend  wie  es  sollte,  weil  die  Parlamentsmitglieder  nicht
immer  so  vortrefflich  sind  als  zu  wünschen  wäre  und  weil  die  Parla ­
        <pb n="84" />
        61

mentsmaschine  etwas  veraltet  und  erneuerungs-  und  verbesserungsbedürftig ­
  ist.  Auch  gibt  es  in  jedem  Staate  eine  begeisterte  Minorität, ­
  die  den  Fortschritt  zu  langsam  und  die  Arbeitsweise  des  Parlamentes ­
  zu  schwerfällig  findet  und  nun  einfach  zu  dem  Schlüsse  eilt,
daß  die  erste  Erscheinung  aus  der  zweiten  folge.  Sie  ist  deshalb  fest
davon  überzeugt,  daß  das  „Volk"  nicht  allein  gerecht,  sondern  auch
schnell  verfahren  würde,  wenn  es  nur  die  Gelegenheit  dazu  hätte.
Gegen  eine  solche  großmütige  Ansicht  kehrt  man  nicht  gern  dieWaffen,
aber  unglücklicherweise  ist  sie  ein  Irrtum  und  muß  betrübnisvoll  preisgegeben ­
  werden.  Sie  verrät  gewissermaßen  einen  Mangel  an  „konstitutioneller ­
  Intelligenz“,  gerade  so  wie  es  zutreffend  als  Abwesenheit
von  „konstitutioneller  Moral"  bezeichnet  werden  kann,  wenn  sich  das
Parlament  nicht  im  Geiste  seiner  nationalen  Verpflichtungen  erinnert.
Die  Langsamkeit  des  Fortschrittes  und  die  Unbehilflichkeit  des  parlamentarischen ­
  Räderwerkes  sind  nicht  kausal  verbunden,  sondern  beweisen ­
  nur,  daß  das  Volk  selbst  noch  aufgeklärt  werden  muß.  Der  Wille
des  Volkes  ist  es,  der  hier  fehlt.  Nicht  weil  Charlatane  ihre  Sprachorgane
  sind,  ist  die  Volksstimme  nicht  Gottesstimme,  sondern  weil  die
mens  fiofinli  von  der  mens  Dei  abweicht.  Sollte  ein  Systemwechsel
wirklich  zeigen,  daß  helles  Licht  den  Geist  des  Volkes  während  der
ganzen  Zeit  durchflutet  hätte,  so  wäre  die  Offenbarung  ein  Wunder.
Die  Masse  des  Volkes  bewegt  sich  immer  schwer,  aber  unter  unserem
modernen  Repräsentativsystem  vollziehen  sich  ihre  Bewegungen
schneller  und  genauer  als  unter  irgendeinem  anderen  System.  Die  ungeduldigen ­
  Idealisten  müssen  sich  damit  bescheiden,  den  Tatsachen
ms  Gesicht  zu  sehen,  deren  wichtigste  die  ist,  daß  sie  in  der  Minderheit
sind  und  daß  ihnen  kein  einfacher  Wechsel  in  der  Regierungsmaschinerie ­
  ein  höheres  Maß  von  Sympathie,  als  sie  heute  schon  genießen,
bringen  kann.  Kein  mechanischer  Zwang  kann  einer  Minorität  die
Gewalten  einer  Majorität  in  die  Hände  spielen.  Natürlich  ist  es  richtig,
daß  der  Regierungsmechanismus  fehlerhaft  sein  mag  und  nach  einem
falschen  Plane  aufgebaut  sein  kann,  doch  habe  ich  mich  zu  zeigen
bemüht,  daß  die  sozialistische  Auffassung  von  dem  Staate  und  der
Politischen  Organisation,  die  vor  der  vollständigen  Verwirklichung
der  sozialistischen  Grundsätze  in  der  Gemeinschaft  entwickelt  sein
müssen,  sich  nur  mit  irgendeiner  Form  des  Repräsentativsystems  verträgt. ­
  Oder  biologisch  gesprochen,  wie  der  Verdauungsprozeß  in  einem
        <pb n="85" />
        62

tierischen  Organismus,  so  muß  auch  die  politische  Funktion  in  dem
sozialistischen  Staate  spezialisiert  sein.  Sie  kann  nicht  von  der  Masse
des  Gemeinwesens  ausgeübt  werden.
Von  größter  Bedeutung  bleibt  es,  daß  dieses  Organ  den  höchsten
Grad  der  Leistungsfähigkeit  erreiche,  damit  seine  Tätigkeit  nicht  den
Willen  der  Staatsbürger  hemme,  sondern  deren  Zwecke  erfülle.  Deshalb ­
  ist  es  angebracht,  daß  wir  uns  an  dieser  Stelle  darüber  klar  werden, ­
  was  die  Funktionen  dieses  politischen  Organes  sind  und  wie  sie
wirkungsvoll  gestaltet  werden  können.
Zu  oft  wird  behauptet,  daß  der  einzige  Zweck  des  Parlamentes  sei,
Gesetze  zu  machen,  und  weil  es  sich  hierin  nicht  überstürzt,  wird  es
eine  Schwatzanstalt  genannt.  Aber  so  glänzend  auch  das  Genie  eines
Staatsministers  oder  so  geschickt  der  Urheber  von  Gesetzentwürfen
sein  möge,  erst  die  im  Parlamente  gepflogene  Diskussion  verbessert
die  Vorlagen  und  macht  das  Land  mit  ihren  Grundsätzen  und  Details
bekannt.  Deshalb  muß  das  Parlament  beraten,  bevor  es  Gesetze
schafft.  Nicht  allein,  daß  zwei  Umstände  es  an  dieser  Pflichterfüllung
hindern,  sondern  sie  drohen  sogar,  ihm  dies  überhaupt  unmöglich  zu
machen.  Der  erste  Umstand  ist  die  Anzahl  der  Abgeordneten  und  der
zweite  ist  die  ungebührliche  Parteisucht  der  Opposition.  Die  Anwesenheit ­
  von  670  Deputierten  im  Westminsterpalast  vernichtet  das  Parlament ­
  als  beratende  Körperschaft.  Die  Hälfte  der  Mitgliederanzahl  wäre
ein  großer  Gewinn  für  die  gesetzgeberische  Tätigkeit  und  sicherte  obendrein ­
  erheblich  bessere  Gesetze.  Die  unbeholfene  Größe  des  Hauses  der
Gemeinen  veranlaßt  einen  guten  Teil  der  an  ihm  geübten  Kritik,  und
einige  der  von  Zeit  zu  Zeit  gemachten  Reformvorschläge  —  z.  B.  die
Redezeit  abzukürzen  —  werden  an  der  Situation  ganz  und  gar  nichts
ändern,  solange  eben  die  jetzige  Anzahl  der  Abgeordneten  aufrechterhalten ­
  bleibt.  Das  Unterhaus  ähnelt  zu  sehr  einer  Menge  und  nimmt
deren  Gebrechen  an:  Geschwätzigkeit,  saloppe  Vernachlässigung  der
Einzelheiten,  Verschwommenheit  der  Zwecke,  Unterwerfung  unter
Autoritäten,  Mangel  an  persönlicher  Auszeichnung,  an  individuellem
Hervorragen.  Ein  vielköpfiges  Parlament  ist  gleichbedeutend  mit
Herrschaft  des  Kabinetts  und  der  Einpeitscher,  was  die  Ausschaltung
des  einzelnen  Abgeordneten  zur  unvermeidlichen  Folge  hat.  Gewöhnlich ­
  werden  diese  Dinge  auf  das  Sündenregister  des  Parteisystems  gesetzt. ­
  Die  Parteimaschine  kann  sich  ihrer  wohl  bedienen  und  sie  für
        <pb n="86" />
        63

ihre  Zwecke  verwenden,  aber  mit  dem  System  der  Parteien  haben  sie
nicht  mehr  zu  tun,  als  ein  heißer  Sommer,  der  einer  Regierung  insofern ­
  ganz  gelegen  kommen  mag,  als  sie  nun  ihre  Widersacher  noch
vor  Sessionsschluß  auf  die  Moore  und  in  die  Berge  senden  kann.  Diese
Übelstände  werden  hauptsächlich  dadurch  erzeugt,  daß  das  Parlament
eine  Menge  ist  und  keine  Versammlung  geschäftlichen  Charakters.
Wenn  die  Einführung  der  Diäten  das  Personal  des  House  of  Commons
auf  die  Hälfte  reduzierte  oder  ein  Staatsmann  kühn  genug  wäre,  dies
im  öffentlichen  Interesse  zu  tun,  so  verlöre  die  der  parlamentarischen
Regierung  feindselige  Kritik  viel  von  ihrer  Berechtigung.  Das  Parlament ­
  fühlte  dann  seine  Geschlossenheit  und  Einheit,  es  gewänne  an
Zusammenhang  und  könnte  fruchtbringender  wirken.
Der  zweite  Grund  der  parlamentarischen  Mißerfolge  wurzelt  in  der
ersten  Ursache.  Eine  parteisüchtige  Opposition  kann  in  einem  Parlamente, ­
  das  eine  Menge  ist,  viel  leichter  leben  und  sich  ungezwungener
bewegen,  als  in  einem  Hause,  dessen  numerischer  Umfang  die  schicklichen ­
  Grenzen  der  Arbeitsmöglichkeiten  nicht  überschreitet.  Die  moderne ­
  Theorie,  an  der  die  Opposition  ihre  Handlungen  orientiert,  wird
ganz  allgemein  der  Vierten  Partei  zugeschrieben,  mit  der  die  Laufbahn
des  Lord  Randolph  Churchill  und  des  Herrn  Balfour  verknüpft  ist.
Diese  Politiker,  besonders  der  erstgenannte,  haben  in  das  Parlamentsleben ­
  die  Methode  des  Meuchelmörders  eingeführt.  Obgleich  Lord  Randolph ­
  den  Aphorismus:  Die  Pflicht  der  Opposition  ist,  zu  opponieren,
nicht  geprägt  hat,  so  sank  seine  Sittenlehre  doch  tiefer  als  dieses  Witzwort ­
  zuläßt.  Offen  und  rücksichtslos  bekannte  er  sich  zu  der  Lehre,
daß  es  in  der  Politik  weder  Ehrlichkeit  noch  Patriotismus  gäbe.  Das
Land  und  das  Haus  der  Gemeinen  wären  Parteigängerinteressen  unterzuordnen ­
  und  zu  opfern x ,  ihretwillen  müßten  Regierungen  mürbe  gemacht ­
  und  die  Nation  irregeführt  werden.  Die  Opposition  hätte  alle
Mittel  eines  boshaften  Geistes  anzuwenden,  damit  ihre  Kriegsführung
nicht  „schwach  und  nichtig“  werde,  wie  Lord  Randolph  Churchill  einst
dem  Lord  Salisbury  entgegnete.  Die  Prozedur  des  Unterhauses  ist
auf  diese  Weise  zu  einem  interessanten  Spiel  geworden,  das  die  Parteien ­
  spielen  und  woran  sich  rücksichtslose  Naturen  ergötzen.
Diese  Auffassung  von  der  Opposition  ist  für  die  systematische  Ob-1
  Was  die  parlamentarische  Moral  von  Lord  Randolph  Churchill  anbetrifft,  so  verweise ­
  ich  auf  Herrn  Winston  Churchills  Buch:  Lord  Randolph  Churchill,  besoners
  pp.  188  und  ff.,  2.  Auflage.
        <pb n="87" />
        64

struktion  verantwortlich,  die  tagtäglich  im  Unterhause  und  in  den
parlamentarischen  Kommissionen  gegen  die  Abwicklung  der  öffentlichen ­
  Geschäfte  getrieben  wird.  Wenn  eine  Frage  ordnungsgemäß
erörtert  worden  ist,  so  ist  sie  deshalb  noch  nicht  als  eine  Selbstverständlichkeit ­
  abgetan.  Dies  hängt  ganz  davon  ab,  ob  die  Einpeitscher
übereinstimmen,  ob  vorgemerkte  Tagesordnungen  irgendeiner  kleinen
Gruppe  im  Hause  annehmbar  erscheinen  oder  nicht.  Nicht  lange  nach
meinem  Eintritt  ins  Parlament,  als  mir  seine  Gepflogenheiten  noch  unbekannt ­
  waren,  sagte  eines  Tages  ein  Unionist  zu  mir:  „Weshalb  erregen ­
  Sie  sich  über  unsere  Rederei?  Hat  die  Regierung  nicht  die  zweite
Lesung  eines  Entwurfs  erzielt  ?  Sie  mißbraucht  ihre  mechanische
Mehrheit,  wenn  sie  noch  eine  zweiteVorlage  durchzudrücken  versucht.“
Und  er  fuhr  fort,  mich  darüber  zu  belehren,  wie  die  Regierung  selbst
zur  Obstruktion  griff,  als  sie  sich  in  der  Opposition  befand.  Eine  deutliche ­
  und  aufrichtige  Sprache  führte  auch  Herr  Balfour  gegenüber
einem  Komitee,  das  jüngst  über  die  Angelegenheiten  des  Hauses  zu  beraten ­
  hatte.  In  Beantwortung  einer  Frage  über  Gesetzentwürfe,  die
ohne  Debatte  das  Haus  passieren 1 ,  führte  er  aus:  „Nicht  umstrittene
Vorlagen  werden  sofort  kontrovers,  wenn  eine  Diskussion  die  Regierung
geniert  resp.  diese  Wirkung  vermutet  wird.  Das  ist  das  wirkliche  Sachverhältnis.
  Um  es  mit  unverhüllter  Wahrheit  zu  bekennen:  so,  wie  ich
es  geschildert  habe,  geht  es  zu,  und  zwar  wird  es  stets  so  bleiben,  solange ­
  eine  Regierung  dadurch  in  Verlegenheit  gesetzt  wird.“
Das  Parlament  sucht  sich  deshalb  mit  Gewalt  gegen  bewußte  Böswilligkeit ­
  zu  schützen.  Es  erreicht  dies  durch  ein  Guillotinierungssystem, ­
  das  für  die  Diskussion  der  einzelnen  Abteilungen  einer  Vorlage ­
  die  Zeitdauer  bemißt.  Als  Ergänzung  hierzu  dient  dann  noch  das
gewöhnliche  Schlußantragverfahren,  wenn  eine  systematische  Obstruktion ­
  einsetzt  oder  eine  Frage  hinreichend  erörtert  worden  ist,  besonders ­
  aber,  wenn  die  von  der  Opposition  ausgedehnte  Diskussion
eine  Entscheidung  zu  verhindern  bezweckt.
Doch  in  Wirklichkeit  tötet  die  Guillotine  das  Parlament.  Wenn  sie
auch  den  unmittelbaren  Zweck  der  Obstruktion  vereitelt:  Fall  der  diskutierten ­
  Vorlage,  so  bereitet  sie  jedoch  der  Obstruktion  kein  Ende.
Die  Guillotine  macht  die  Obstruktion  höchstens  satanischer;  in  ihren
1  Select  Committee  on  House  of  Commons  (Procedure)  89  and  181,  1906.  Question
  2x2.
        <pb n="88" />
        5  Mac  Donald,  Sozialismus

65

unmittelbaren  Absichten  zurückgeschlagen,  macht  sich  die  Obstruktion ­
  nun  an  die  Erniedrigung  des  Parlamentes  selbst.  Denn  durch  die
Begrenzung  der  Redezeit  wird  die  Opposition  durchaus  nicht  gezwungen, ­
  ihre  Aufmerksamkeit  auf  wichtige  Amendements  zu  konzentrieren. ­
  Wäre  dies  der  Fall,  so  hätte  die  Guillotine  Erfolg,  doch  die  Opposition ­
  bietet  unter  ihrem  Walten  allen  Scharfsinn  auf,  um  die  bemessene
Zeit  an  nichtige  Sachen  zu  verschwenden,  so  daß  der  kaum  diskutierte
Gesetzentwurf  schließlich  das  Unterhaus  verläßt,  ohne  mit  derjenigen
Autorität  ausgestattet  zu  sein,  mit  der  ein  im  Haus  der  Gemeinen  beratener ­
  Gegenstand  versehen  sein  muß.  Das  Ende  vom  Liede  ist,  daß
das  Parlament  der  Lächerlichkeit  anheimfällt  und  alle  Würde  und  alles
Ansehen  einbüßt.
Um  die  Geschütze  der  Majorität  zu  vernageln,  droht  die  Minorität
dem  Parlamente  mit  Vernichtung,  sie  strebt  nach  der  Tyrannei.  Sie
kann  die  Prinzipien  der  Gesetzgebung  nicht  fixieren  und  so  die  Mehrheit ­
  bezwingen;  entwaffnen  kann  sie  die  Majorität  aber,  indem  sie
den  Umfang  der  Gesetzgebung  bestimmt.  Es  ist  natürlich  klar,  daß
sich  die  Mehrheit  gegen  die  Minorität  schützen  will,  doch  alle  ihre  bis
heute  unternommenen  Versuche  haben  nur  zu  einer  Unterminierung
des  Parlamentarismus  geführt.  Dies  ist  die  bedenklichste  Seite  des
Verbrechens.  Das  Haus  der  Gemeinen  wird  entehrt,  ein  degradiertes
Parlament  bedeutet  aber  eine  entwürdigte  demokratische  Autorität.
Die  Aristokratie  und  die  Plutokratie  ziehen  hieraus  Nutzen.  Der  Kampf
zwischen  ihnen  und  der  Demokratie  ist  nicht  um  die  Frage  entbrannt,
ob  überhaupt  Achtung  und  Ehrerbietung  bekundet,  sondern  ob  sie
aristokratischen  oder  demokratischen  Einrichtungen  bezeugt  werden
sollen.  Gehorsam  ist  in  einer  durch  Gesetz  und  Ordnung  stabilisierten
Gesellschaft  unbedingt  notwendig.  Wenn  aber  demokratische  Institutionen, ­
  die  Wächter  der  demokratischen  Gewalt,  verächtlich  gemacht
werden  und  keinem  Respekte  mehr  begegnen,  worauf  soll  sich  dann
noch  die  demokratische  Autorität  gründen  ?  Die  Kreise,  die  mit  Beunruhigung ­
  das  Anwachsen  der  demokratischen  Macht  verfolgen  und
den  Entschluß  beargwöhnen,  diese  Macht  zur  Realisierung  nationaler
Ziele  zu  gebrauchen,  wissen  sehr  gut,  daß,  wenn  sie  das  gewählte
Haus  verunglimpfen,  sie  die  Zitadelle  der  Demokratie  ins  Wanken
bringen  —  und  die  Huld  des  Glückes  assoziiert  ihnen  Teile  der  Demokratie, ­
  die  in  dieses  tolle  Spiel  einstimmen.
        <pb n="89" />
        66

Eine  Vermehrung  der  parlamentarischen  Kommissionen  wird  empfohlen ­
 1 ,  um  die  Schwierigkeit  des  unbehilflichen  Ganges  der  Maschinerie ­
  zu  beseitigen.  Die  bereits  vorhandenen  Ausschüsse  sind  denn  auch
im  Jahre  1906  durch  zwei  neue  ergänzt  worden.  Doch  ist  dies  ein  armseliger ­
  Notbehelf,  der  nicht  schrankenlos  ausgedehnt  werden  kann,
weil  dadurch  die  kollektive  Verantwortlichkeit  des  Hauses  aufgehoben ­
  würde.  Außerdem  kann  eine  obstruktionslustige  Opposition
die  Arbeiten  dieser  Komitees  leicht  durchkreuzen,  wie  es  seit  1906
wiederholt  geschehen  ist.  Die  allmähliche  Erdrosselung  des  Parlamentes ­
  durch  die  Opposition  kann  nur  aufgehalten  werden,  wenn
sich  die  Opposition  wieder  auf  den  patriotischen  Geist  besinnt  oder
wenn  sich  die  Wähler  entschließen,  dieser  unehrlichen  Taktik  ihren
Unwillen  zu  bezeugen.  Man  kann  nur  trauervoll  darein  schauen,  wenn
der  parteilüsterne  Geist  der  Zerstörung  sein  Werk  vollbringt,  ohne  daß
einflußreiche  Führer  kaum  die  Stimme  erheben,  um  dem  Verderben
Einhalt  zu  tun.  Wenn  wir  uns  mit  den  unlogischen,  aber  umso  natürlicheren ­
  Gewohnheiten  und  Methoden  des  Parlamentarismus  befassen,
die  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  gebildet  haben  und  die  nicht  auf
Gesetz  oder  Zwangsregeln,  sondern  auf  dem  Gedanken  des  Angemessenen ­
  und  Billigen  fußen,  so  müssen  wir  die  gänzliche  Aussichtslosigkeit
des  Versuches  erkennen,  eine  so  geartete  Organisation  durch  verbesserte ­
  Vorschriften  oder  künstliche,  mechanische  Mittel  zu  schützen.
Das  Gehäuse  der  Organisation  ist  aus  demselben  Material  erbaut  worden, ­
  aus  dem  sich  Ehre,  lichter  Verstand,  Huldigung  und  Achtung  zusammensetzen, ­
  wenn  aber  dieser  Stoff  inzwischen  verwittert  ist,  muß  das
System,  das  er  stützen  soll,  einstürzen,  der  Parlamentarismus  muß  verderben. ­
  Ein  parlamentarisches  System,  bar  alles  konstitutionellen  Instinktes ­
  und  jeglicher  verfassungsmäßiger  Gepflogenheit  abgestorben,
ist  ein  Ding  der  Unmöglichkeit.  Und  wenn  immer  weniger  Erwartungen
an  dieses  System  geknüpft  werden,  wird  die  hohe  Ausbildung  seiner
Organisation  und  Leistungsfähigkeit,  die  durch  eine  seit  Menschenaltern
wirkende  Repräsentativverfassung  möglich  gemacht,  wenn  auch  noch
nicht  völlig  verwirklicht  worden  ist,  zu  niedrigeren  Formen  entarten,
die  mit  dem  rohen,  unreifen  Individualismus  der  Mandatartheorie,
mit  Mehrheitsherrschaft,  Referendum  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade
1  Insofern  diese  Anregung  auch  den  Zweck  verfolgt,  die  Kontrolle  der  gewählten
Vertreter  über  die  Arbeiten  des  Unterhauses  zu  erhöhen,  wird  sie  noch  in  dem
folgenden  Kapitel  erörtert  werden.
        <pb n="90" />
        5

67

auch  mit  dem  Proportionalwahlsystem  vereinbar  sind.  In  dem  Reiche
der  Naturwissenschaften  sind  die  edleren  Lebewesen  oft  am  gebrechlichsten. ­
  Sie  sind  wunderbarer  Anstrengungen  und  Leistungen  fähig,
aber  sie  fallen  auch  Krankheiten  und  Katastrophen,  die  die  Schattenseiten ­
  ihrer  staunenswerten  Möglichkeiten  sind,  zum  Opfer.  Mit  dem
politischen  Organ  und  der  politischen  Funktion  in  der  Gesellschaft  verhält ­
  es  sich  ebenso.  Wenn  sie  eine  hohe  Stufe  der  Verfeinerung  erklommen ­
  haben,  so  können  sie  schnell  und  pünktlich  arbeiten,  um  den
Staatswillen  auszudrücken,  ihn  zu  ermitteln  und  die  Staatsaktionen
der  individuellen  Freiheit  anzupassen.  Doch  Parteigängerschaft  und
skrupellose  Ausnutzung  der  Möglichkeiten,  die  ein  solcher  politischer
Zustand  den  partikularistischen  Interessen  und  politischen  Rivalitäten
bietet,  bedrohen  beständig  die  politische  Organisation.  Solange  diese
Mächte  nicht  bezähmt  sind,  können  sie  die  politische  Organisation
gänzlich  auflösen  und  den  Staat  zwingen,  seine  Zuflucht  wieder  bei
unbeholfeneren,  schleppenderen  und  nicht  so  sorgfältig  genau  funktionierenden ­
  Regierungsmethoden  zu  suchen 1 .
Außer  den  der  Form  und  dem  Geiste  nach  mehr  revolutionären
Veränderungen,  die  ich  bereits  berührt  habe,  gibt  es  noch  eine  oder
zwei  Reformen,  die  es  dem  Parlamente  ermöglichen  könnten,  seine  Arbeitsfähigkeit ­
  zu  steigern.  Die  Unsumme  von  Geschäften,  die  ein  Parlament, ­
  wie  das  unsrige,  zu  bewältigen  hat,  macht  es  leicht,  Obstruktion
zu  treiben;  deshalb  müssen  wir  in  die  erste  Reihe  der  Reformen,  die
dem  Parlamente  seine  eigene  Würde  wiedergeben  sollen,  einen  Plan
der  Arbeitsentlastung  rücken:  Home  Rule,  Selbstregierung,  auf  der
ganzen  Linie.  Eine  freimütige  Anerkennung  der  besonderen  Interessen
von  England,  Irland,  Schottland  und  Wales  diente  nicht  allein  zur
Erhaltung  jener  bunten  Mannigfaltigkeit  des  Lebens,  die  den  Stamm
eines  Reiches  stärkt,  sondern  würde  auch  die  Wirksamkeit  unserer
Gesetzgebung  in  ausgedehnter  Weise  erhöhen  und  Spielraum  für  Versuche ­
  und  Betätigungen  schaffen,  die  den  Weg  des  Fortschrittes  erweiterten ­
  und  ebneten.
1  Die  Achtung,  die  das  Parlament  und  seine  Ausschüsse  ihrem  Sprecher  zollen,
ist  gerade  jetzt  wieder  als  ein  Heilmittel  gegen  einige  Übel  gebraucht  worden,
die  aus  der  Tyrannei  der  Minoritäten  entstehen.  Durch  eine  neue  Geschäftsordnung ­
  wird  der  Sprecher  mit  der  Befugnis  ausgerüstet,  aus  einer  Anzahl  von
Amendements  diejenigen  auszusondern,  denen  erwirklich  Bedeutung  beimißt  und
nur  diese  zur  Diskussion  zuzulassen.  Dies  ist  ein  großer  Fortschritt  gegenüber
allen  früheren  Guillotinearrangements.
        <pb n="91" />
        Unsere  paxlamentarischen  Gepflogenheiten  ermutigen  außerdem  die
gegenwärtigen  Methoden  der  parlamentarischen  Opposition.  Während
der  Nachmittags-  und  Abendsitzungen  des  Unterhauses  erfüllen  eine
Atmosphäre  und  ein  Geist  der  Arbeitsunlust  den  Saal.  Nachmittagssitzungen ­
  können  nie  von  Dingen  wie  Scherz  und  eitlen  Demonstrationen
getrennt  werden,  ihr  praktischer  Wert  ist  gering.  Käme  das  Haus  abwechselnd ­
  um  io  Uhr  morgens  und  um  2  Uhr  nachmittags  am  nächsten
Tage  zur  Beratung  zusammen  und  vertagte  sich  regelmäßig  um  7  Uhr
abends,  so  würde  das  Parlament  viel  mehr  und  bessere  Arbeit  als  heute
leisten.  Ebenso  könnten  Qualität  und  Quantität  der  Gesetzgebung  erhöht ­
  werden,  wenn  im  Sommer  Ferien  wären  und  die  Session  im  Herbst
wieder  begänne.
Solche  Umwandlungen  könnten  den  „Berufspolitiker“  über  uns
bringen.  Dieser  Beiname  ist  so  häßlich  geworden,  daß  nur  wenige  über
seinen  Sinn  nachdenken  oder  sich  fragen,  wodurch  er  sich  von  unserem
jetzigen  Zustand  unterscheidet.  Der  Name  erschreckt  sie,  das  genügt.
Ein  Berufspolitiker  ist  jemand,  der  seine  ganze  Zeit  den  öffentlichen
Angelegenheiten  widmet,  was  aber  nicht  heißt,  daß  er  ein  Demagog
werden  muß.  Wenn  dem  so  wäre,  könnte  die  traurige  Tatsache  nicht
vergessen  werden,  daß  der  Demagog,  der  in  allen  Parteien  heimisch
ist  und  der  allen  Gesellschaftskreisen  entstammt,  schon  heute  unter
uns  weilt.  Es  besagt  aber  auch  nicht,  daß  er  ein  minderwertiger  Charakter ­
  sein  muß.  Unter  unserem  heutigen  aristokratischen  und  plutokratischen
  System  wird  die  Politik  bewußt  für  Parteigängervorteile  erniedrigt. ­
  Leute,  die  über  Muße  und  Geld  verfügen,  mögen  sie  zum  Parlamente ­
  zählen  oder  nach  einem  Mandate  streben,  haben  es  offenbar
noch  niemals  als  eine  ihrer  Pflichten  angesehen,  sich  oder  ihrer  Klasse
eine  Überlegenheit  des  politischen  Charakters  zu  sichern.  Ebenfalls  wird
unser  „Berufspolitiker“  nicht  notwendigerweise  seine  Stellung  für
seinen  eigenen  Vorteil  oder  den  seiner  Kaste  benutzen.  Heute  gibt
es  im  Haus  der  Gemeinen  reiche  Mitglieder,  die  aufrichtig  und  ehrlich
glauben,  daß  die  Interessen  des  Handels  und  des  Erwerbs  oder  die
Interessen  der  Klasse,  zu  der  sie  selbst  gehören,  alle  anderen  nationalen ­
  Rücksichten  verdrängen  müssen.  Das  Haus  der  Lords  ist  eine
Einrichtung,  deren  einziger  Daseinsgrund  darin  besteht,  die  Interessen ­
  ihrer  Mitglieder  wahrzunehmen.
Außerdem  ist  es  schwer,  für  des  Reichen  oder  Adeligen  Sohn,  den
68
        <pb n="92" />
        69

von  Jugend  an  gelehrt  wird,  daß  er  einst  die  Vertretung  eines  Wahlkreises ­
  zu  erwarten  habe,  einen  passenderen  Ausdruck  als  „Berufspolitiker“ ­
  zu  finden.  Zutreffender  können  die  Mitglieder  einer  Familie
wie  die  Cecils  oder  eine  Reihe  anderer  Häuser  nicht  bezeichnet  werden,
deren  Söhnen  die  Parlamentstätigkeit  eine  natürliche  Beschäftigung
ist,  die  sie  oft  in  den  Stand  setzt,  ihren  Lebensunterhalt  zu  gewinnen. ­
  Ganz  und  gar  unmöglich  ist  es  aber,  Männer  wie  Burke,  Pitt,
Peel,  Gladstone  überhaupt  mit  einem  anderen  Namen  anzusprechen.
Wenn  nun  ein  Mann,  der  zu  den  wohlhabenden  oder  adeligen  Klassen
zählt  und  aus  seiner  Zugehörigkeit  zum  Parlamente  indirekten  Vorteil
zieht,  sich  fast  nur  mit  der  Politik  beschäftigt,  so  wird  seine  staatsbürgerliche ­
  Gesinnung  gelobt.  Ist  er  jedoch  ein  Sohn  des  Volkes,
wird  sein  Wert  vom  Staate  direkt  anerkannt  und  werden  seine  Leistungen ­
  bezahlt,  so  ist  er  dann  nur  der  verdächtige  Streber,  der  „Berufspolitiker“. ­
  Wird  derselbe  Mann  wiederum  Minister,  erhält  er  ein  schönes
Gehalt  und  beansprucht  er  nachher  eine  verhältnismäßig  noch  schönere ­
  Pension,  so  bleibt  ihm  das  Odium  der  Berufsmäßigkeit  fern;  er
erfreut  sich  allgemeiner  Hochschätzung.  Diese  verschiedenen  Schattierungen ­
  des  öffentlichen  Urteils  entbehren  der  Folgerichtigkeit  und
des  gesunden  Menschenverstandes.  Sie  beweisen  höchstens,  wie  die
Macht  der  Gewohnheit,  trotz  unserer  demokratischen  Neigungen,  die
Sanktion  für  ein  Verhalten  aufrechterhält,  das  bei  dem  armen  Manne
verurteilt  und  bei  dem  Reichen  gepriesen  wird.
Tatsache  ist,  daß  ein  so  hoch  entwickeltes  politisches  Organ  wie
unser  Parlament,  das  sich  mit  den  reichhaltigsten  und  kompliziertesten ­
  Sachen  befaßt,  seine  Aufgaben  nicht  erfüllen  kann,  wenn  es
mit  einer  Menge  müßiger,  reicher  Leute  ausgestattet  ist,  deren  Mehrheit ­
  den  Zenith  des  Lebens  überschritten  hatten,  als  sie  sich  lebhaft
und  eingehend  für  die  Gesetzgebung  zu  interessieren  begannen,  von
denen  nur  wenige  den  Problemen,  die  sie  als  Gesetzgeber  lösen  wollen,
ein  sorgfältiges  Studium  widmen.  Der  „Berufspolitiker“  bedürfen  wir
genau  so  sehr,  wie  der  gelernten  Ingenieure,  Mediziner  oder  Schornsteinfeger. ­
  Regierungskunst  und  Regierungswissenschaft  gehören  zu
den  schwierigsten  Künsten  und  Wissenschaften,  und  es  sollte  dafür ­
  Sorge  getragen  werden,  den  Beruf  so  auszubilden,  daß  er  über
die  geübtesten  Talente  verfügen  kann  Für  die  Verwaltungsaufgaben
wird  der  ständige  Beamte  nach  vielen  Prüfungen,  nach  wiederholtem
        <pb n="93" />
        70

Sichten  und  Vergleichen  ausgewählt,  aber  von  der  legislativen  Tätigkeit ­
  mit  ihren  Momenten  der  Initiative,  der  Staatskunst,  der  Führung, ­
  des  Entwerfens  von  Plänen  und  der  Direktionsarbeit,  halten
wir  den  geschulten  Mann  noch  viel  zu  behutsam  fern,  der  sein  Leben
darauf  verwandt  hat,  sich  über  die  Gesellschaftsverfassung,  in  der
Volkswirtschaft  und  in  sozialen  Experimenten  gründliche  Kenntnisse
anzueignen,  die  der  Grundstein  des  Gebäudes  jeder  klugen  Gesetzgebung ­
  sind.  Der  Berufspolitiker  ist  einfach  jemand,  der  sein  Geschäft ­
  versteht  und  der  mit  Herz  und  Gedanken  bei  der  Arbeit  ist.
Ohne  solche  Kräfte  kann  sich  kein  parlamentarisches  System  in  demokratischen ­
  Staaten  behaupten.  Er  wird  nicht  mehr  Untugenden  als
der  Amateurpolitiker  aufweisen,  jedoch  Fähigkeiten  und  vorzügliche
Eigenschaften  haben,  die  diesem  fehlen 1 .
Doch  noch  nach  einer  anderen  Seite  fordert  das  Parlament  die
Kritik  heraus.  Der  historische  Inhalt  seiner  Zeremonien  ist  kostbar  und
sollte  niemals  vertilgt  werden;  dagegen  ist  der  historische  Teil  seines
Verfahrens  albern.  Weshalb  sollen  wir  uns  z.  B.  bei  der  Arbeit  dadurch ­
  länger  stören  lassen,  daß  bei  Finanzvorlagen  erst  Resolutionen,
die  deren  Einbringung  ermächtigen,  angenommen  werden  müssen?
Einst  war  dies  eine  Schutzwehr  der  Freiheit,  doch  diese  Tage  sind
längst  vorüber.  Heute  versperrt  das  Bollwerk  den  Weg.  Während
ich  diese  Zeilen  niederschreibe  —  Mai  1909  —,  finden  die  Etatsdebatten ­
  statt.  Die  Vorschläge  des  Kanzlers  des  Schatzamtes,  in
Form  weitreichender  Resolutionen,  die  zwar  keine  Einzelheiten  enthalten, ­
  aber  doch  so  abgefaßt  sind,  daß  sie  dem  Finanzminister  das
Einbringen  seiner  Entwürfe  gestatten,  werden  ohne  Interpretierungsversuche ­
  erörtert  und  —  mißverstanden.  Sie  müssen  die  Kommission
passieren  und  Berichterstattungen  erdulden.  Hierauf  beginnt  die
zweite  Lesung  der  Finanzbill,  an  die  sich  Kommissionsverhandlungen,
Berichterstattung  und  dritte  Lesung  reihen.  Die  Budgetvorschläge
werden  also  bei  sechs  verschiedenen  Gelegenheiten  beraten  —  sie  stoßen
ebensooft  auf  Obstruktion.  Bei  gewöhnlichen  Gesetzentwürfen  ist  die
Prozedur  auch  noch  nicht  viel  besser.  Komitee  und  Berichterstattung ­
  suchen  einander  ihre  Arbeit  zu  verdoppeln.  Auf  diese  Weise
1  Die  Stellung  der  Bürgermeister  in  den  deutschen  Städten  mit  derjenigen  der
Mayors  in  englischen  Städten  zu  vergleichen,  wäre  eine  interessante  Untersuchung ­
  über  die  komparativen  Vorzüge  der  Berufs-  und  der  Amateuradministratoren.
        <pb n="94" />
        71

t

wird  mindestens  ein  Monat  in  jeder  Session  vergeudet,  ohne  daß  dies
ein  sicherer  Bürge  dafür  wäre,  daß  die  Vorlagen  durch  diesen  lästigen
Prozeß  nun  auch  wirklich  verbessert  würden,  womit  man  doch  die
Verzögerung  entschuldigen  will.  Klar  ist  die  Bahn  für  eine  Reform
vorgezeichnet.  Im  Plenum  des  Parlaments  müßten  die  Prinzipien
bestimmt  werden,  nach  denen  sich  die  Gesetzgebung  zu  richten  hätte.
Zu  diesem  Zwecke  könnte  es  die  Methode  der  Resolutionen  neu  beleben. ­
  Die  Resolutionen  könnten  einer  für  die  Ausarbeitung  der  Vorlagen ­
  verantwortlichen  Kommission  überwiesen  werden;  die  Berichterstattung ­
  an  das  ganze,  gegen  Mißbrauch  sorgfältig  gefeite  Haus
folgte,  woran  sich  dann  die  dritte  Lesung  schlösse.  Diskussion  und
Beratung  müßten  gesichert  werden,  desgleichen  die  Möglichkeit,  bis
zum  letzten  Augenblicke,  wo  das  Haus  den  Entwurf  verabschiedet,
Detailabänderungen  vorzunehmen.  Alles  dies  im  Einklang  mit  einer
schnellen,  geschäftsmäßigen  Erledigung  der  Gesetzgebung.  Wie  diese
Erfordernisse  kombiniert  werden  können,  ist  das  Problem  der  parlamentarischen ­
  Arbeitsmethode.

D.  MINORITÄTENVERTRETUNG,  PROPORTIONALVERTRETUNG ­
  UND  DERGLEICHEN
eit  einem  Jahrhundert  bemüht  man  sich  vergebens  um  die  prak-^tische

  Lösung  der  Frage,  wie  die  gesetzgebende  Versammlung  mit
der  öffentlichen  Meinung  in  Fühlung  bleiben  kann.  Damit  unser  Parlament ­
  durch  Wahl  berufen  werden  kann,  ist  das  Vereinigte  Königreich
in  630  Wahlkreise  eingeteilt 1 .  Der  kleinste  enthält  weniger  als  3000,
der  größte  zählt  50  000  Wähler,  während  jeder  Abgeordnete  durchschnittlich ­
  ca.  11  500  Wähler  vertritt.  Diese  numerische  Ungleichheit
kann  man  bis  zu  einem  gewissen  Grade  damit  verteidigen,  daß  sie  für
die  Vertretung  von  Minoritäten  sorgt.  Auch  gibt  es  unter  jedem
System  föderativer  Regierung  Interessen,  die  nicht  durch  Rücksichten
auf  bloße  Zahlenverhältnisse  angemessen  vertreten  werden  können.
Die  Staaten  der  nordamerikanischen  Union  sind  unbeschadet  ihrer
verschiedenen  Bevölkerungsdichtigkeit  gleichmäßig  stark  im  Senate
vertreten,  und  dasselbe  ist  in  Australien  der  Fall.  Die  Unionsbeschlüsse
von  1707  zwischen  England  und  Schottland  und  von  1800  zwischen
Großbritannien  und  Irland  haben  das  Vereinigte  Königreich  in  Wirk-1
  Sie  wählen  670  Abgeordnete.
        <pb n="95" />
        72

lichkeit  in  eine  Föderation  verwandelt.  Da  es  aber  die  Verfassung
unserer  Lordskammer  bis  jetzt  nicht  zuläßt,  daß  bei  uns  die  in  dem
amerikanischen  und  australischen  Senate  verkörperten  Ideen  durchgeführt ­
  werden,  muß  das  Zahlenmißverhältnis  der  Wahlkreise  des  Hauses
der  Gemeinen  ertragen  werden.  Irland  und  Schottland  mußte  ganz
unabhängig  von  ihrer  Bevölkerungshöhe  eine  Mindestanzahl  von  Abgeordneten ­
  gewährt  werden,  und  es  liegt  kein  Grund  vor,  dieses  Abkommen ­
  zu  alterieren.  Es  wäre  ein  Mißbrauch  demokratischer  Bedürfnisse, ­
  wenn  4  500  000  Menschen  in  Schottland  nicht  mehr  Vertreter ­
  ins  Parlament  senden  sollten,  als  London  mit  seinen  5  000  000
Einwohnern,  oder  wenn  4  400  000  Irländer  nicht  mehr  Macht  im  Parlamente ­
  hätten,  als  zwei  oder  drei  überfüllte  Städte  Englands.  Gar  oft
erklärt  man  uns,  daß  der  stetigen  Abnahme  der  Bevölkerung  Irlands
eine  entsprechende  Verringerung  der  parlamentarischen  Vertretung
dieser  Insel  parallel  gehen  müßte.  Doch  man  könnte  mit  einem  Anscheine ­
  von  Recht  in  entgegengesetzterWeise  argumentieren.Denn  wenn
die  falsche  Gesetzgebung  und  die  Nachlässigkeit  des  britischen  Parlaments ­
  die  Entvölkerung  Irlands  verursacht  hätten  und  die  Angemessenheit ­
  einer  Vertretung  an  ihren  Früchten  zu  beurteilen  wäre,  so  könnte
der  Rückgang  der  irländischen  Bevölkerung  eher  für  eine  Vermehrung,
als  für  eine  Verminderung  der  parlamentarischen  Sitze  Irlands  sprechen.
Über  die  Vertretung  von  Minoritäten  können  sehr  viel  unnütze
Reden  aufgewendet  werden.  Vertreten  ist  die  Minorität  immer—sobald
sie  nur  verhältnismäßig  so  viel  Stimmen  auf  sich  vereinigt,  daß  sie
auf  Sitze  im  Parlamente  Anspruch  erheben  kann.  Die  Anwesenheit
eines  einzelnen  Mannes  oder  zwei  einzelner  Männer,  die  von  etlichen
über  das  Land  verstreuten  Wählern  ins  Unterhaus  gesandt  worden
sind,  ist  für  die  Exaktheit  des  Repräsentativsystems  bedeutungslos.
Einfluß  übt  allein  die  Vertretung  eines  politischen  Gedankenkreises,
der  an  allgemeiner  Wichtigkeit  genügend  gewonnen  hat,  politisch
organisiert  zu  werden.  Ideen  jedoch,  die  so  eigentümlich  oder  so
akademischer  Natür  sind,  daß  sie  ihre  Affinität  mit  Salonschrullen
oder  den  Erzeugnissen  der  Studierstube  kaum  zu  leugnen  vermögen,
entbehren  jener  politischen  Befähigung,  die  zur  parlamentarischen  Vertretung ­
  berechtigt.  Denn  Ansichten,  die  in  den  gesetzgebenden  Körperschaften ­
  Sitz  und  Stimme  fordern,  müssen  auf  die  Probe  gestellt  werden. ­
  Sind  sie  beschaffen,  ein  allgemeineres  Interesse  wachzurufen?  Oder
        <pb n="96" />
        73

so  bedeutend,  daß  sie  die  soziale  Intelligenz  in  Bewegung  setzen?
Berühren  sie  Lebensfragen,  und  sind  sie  folglich  organisiert  ?  Wenn
ja,  so  müssen  sich  ihnen  in  einem  demokratisch  regierten  Lande  auf
dem  einen  oder  anderen  Wege  die  Pforten  des  Parlamentes  öffnen;
bleiben  ihnen  diese  verschlossen,  so  kann  man  ruhig  glauben,  daß  die
Bestrebungen  keine  soziale  Bedeutung  haben.  Im  schlimmsten  Falle,
wenn  sie  in  der  politischen  Welt  keine  Flut  zu  erzeugen  vermögen,
können  sie  zum  Anschwellen  der  Gewässer  beitragen.  Stets  sind
Minoritäten  vertreten,  ausgenommen  unter  den  gröbsten  Formen  der
Tyrannei,  wo  sie  dies  im  Übermaße  sind.  Kein  besonderes  System
der  Minoritätenvertretung  könnte  Minderheiten  legitimeren  Einfluß
verleihen,  als  sie  ihn  heute  in  Großbritannien  haben.
Um  die  Idee  der  Minoritätenvertretung  gebührend  zu  würdigen,  muß
man  sie  gegen  eine  klare  Auffassung  vom  Wesen  des  Parlamentes  halten.
Das  Parlament  ist  kein  Diskutierklub,  sondern  das  gesetzgebende  Organ ­
  des  Staates.  Bestrebungen  müssen  bestimmten  Anforderungen  gen
 %en,  bevor  sie  auch  im  geringsten  die  legislative  Tätigkeit  beeinflussen ­
  können.  Ein  Parlament,  das  den  Geist  der  Nation  verkörpert,
bedarf  in  seiner  Mitte  nicht  Männer,  die  sich  zu  allen  möglichen  vereinzelten ­
  Anschauungen  bekennen,  die  draußen  im  Lande  von  1000
oder  2000  Wählern  propagiert  werden.  Bevor  sich  eine  Idee  oder  ein
Ideenzirkel  das  Recht  auf  parlamentarische  Vertretung  erworben  hat
(d-  h.  ihre  Nützlichkeit  hierfür),  sollte  man  sie  zwingen,  erst  einen
gewissen  Entwicklungsgang  durchzumachen.  Sie  müßten  das  Feuer
der  öffentlichen  Kritik  bestehen  und  so  vernünftig  und  praktisch
sem,  nicht  allein  Anhänger  zu  rekrutieren,  sondern  eine  Gefolgschaft
zu  gewinnen,  die  auch  die  Idee  für  wichtig  genug  hält,  sie  auf
wgendeinem  der  verschiedenen  offenen  Wege  in  die  politische  Arena
zu  führen.  Sie  müßten  sich  ebenfalls  einen  Platz  in  dieser  Arena  erobern ­
  und  sich  dort  gleichzeitig  in  Beziehung  auf  andere  Anschauungen ­
  einrichten.  Dies  ist  nötig,  damit  die  Gesetzgebung  den  allgemeinen ­
  Willen  widerspiegele.  Schließlich  sollte  von  jeder  Meinung,
die  auf  parlamentarische  Anerkennung  prätendiert,  der  Beweis  dauerhafter ­
  Lebenskraft  verlangt  werden,  um  zu  verhüten,  daß  sie  durch  die
Gunst  vorübergehender  Umstände  zu  kürbisartiger  Größe  anwachse.
Wenn  eine  Ansicht  diese  Prüfungen  erfolgreich  bestanden  hat,  so  hat
sich  entweder  um  sie  eine  achtunggebietende  nationale  Organisation
        <pb n="97" />
        74

kristallisiert,  oder  sie  hat  die  ganze  Gesellschaft  durchdrungen.  In
beiden  Fällen  bedarf  sie  aber  zu  ihrer  Vertretung  keines  besonderen
Wahlkreises;  denn  sie  ist  in  der  Lage,  jedes  geltende  demokratische
Wahlsystem  in  ihren  Dienst  zu  stellen.
Parlamentarische  Vertretung  ist  die  Frucht  eifriger  Ideenpropaganda, ­
  nicht  etwa  ein  Recht,  das  für  die  Idee  einfach  auf  Grund  ihres
Daseins  reklamiert  werden  kann.  Das  große  Aufheben,  das  von  der
Minoritätenvertretung  gemacht  wird,  ist  meistens  ein  Popanz,  von
oberflächlichem  Denken  erzeugt 1 .
Eine  Schwierigkeit  entsteht  erst,  wenn  eine  Reihe  politischer  Anschauungen ­
  genügend  lebensfähig  geworden  ist,  sich  zu  organisieren,
wenn  eine  neue  politische  Partei  auf  die  Bühne  tritt.  Wirkt  die  Partei
durch  die  Vermittlung  der  bereits  bestehenden  politischen  Parteien,  so
ist  eine  besondere  Wahlbewegung  überflüssig.  Die  neue  Partei  verwandelt ­
  zwar  die  alten  Parteien,  trotzdem  sie  ihren  alten  Namen  konservieren, ­
  nimmt  jedoch  mit  ihren  Organisationen  keine  plötzlichen  Veränderungen ­
  vor.  Aber  wenn  die  neue  Partei  unabhängig  ist  und  nach
eigenen  Mandaten  strebt,  so  können  sich  mehr  als  zwei  Kandidaten
um  einen  Sitz  bewerben  mit  dem  Ergebnis,  daß  der  gewählte  Vertreter
nur  eine  Minderheit  der  Stimmen  erhalten  haben  mag 2 .  Wie  wirkt
dies  auf  die  Funktion  des  Repräsentativsystems?  Anscheinend  wird
es  dadurch  aufgehoben,  doch  die  Wahlstatistik  ist  sehr  verwickelt,
und  das  durch  den  Wahlkampf  von  drei  Parteien  aufgeworfene  Problem ­
  kann  nicht  im  Handumdrehen  gelöst  werden.
Unser  heutiges  System,  unter  dem  der  Kandidat  gewählt  ist,  der  die
meisten  Stimmen  erhalten  hat,  gleichgültig  ob  sie  die  Majorität  dar-1

  Eine  Form  ist  besonders  absurd.  Es  wird  behauptet,  daß  die  Tory-Minorität

von  Irland,  Wales  und  Schottland  nicht  vertreten  sei.  Aber  sie  ist  es  doch.  Sie
hat  keine  ihr  eigentümlichen  Eigenschaften.  Versetzte  man  ein  Tory-Mitglied  von
Birmingham  nach  Swansea,  so  modifizierte  es  seine  Haltung  im  Unterhaus
nicht  im  geringsten,  ausgenommen  insofern  es  lokale  Fragen,  die  abseits  der
Parteipolitik  liegen,  berühren.  Doch  die  örtlichen  Interessen  gehen  den  Liberalen ­
  genau  so  gut  an,  wie  den  Tory.  Dieser  Gedanke  der  lokalen  Repräsentation
des  allgemeinen  Willens  entspringt  einer  unklaren  Auffassung  von  der  Vertretung, ­
  die,  soweit  sie  überhaupt  rationell  ist,  davon  ausgeht,  daß  das  Individuum ­
  als  Person  und  nicht  als  Bürger  und  Teil  des  nationalen  Lebens  vertreten
werden  müßte.  Diese  Idee  ist  wohl  mit  den  unreifen  Vorstellungen,  die  der  Individualismus ­
  das  18.  und  19.  Jahrhundert  hatte,  vereinbar,  aber  mit  der  sozialistischen ­
  Gesellschaftsanschauung  ist  sie  unverträglich.  2  Als  Argument  für  eine
Reform  der  Wahlmaschinerie  fällt  dieser  Umstand  um  so  schwerer  ins  Gewicht,
sobald  behauptet  wird,  wie  es  gegenwärtig  geschieht,  daß  die  Kandidatenzersplitterung ­
  die  eine  alte  Partei  mehr  affiziere  als  die  andere.
        <pb n="98" />
        75

stellen  oder  nicht,  scheint  sich  beim  ersten  Anblick  selbst  zu  verurteilen, ­
  weil  es  häufig  bedeuten  kann,  daß  ein  Wahlkreis  durch  den  Erkorenen ­
  seiner  Minorität  vertreten  wird.  Und  wären  „dreieckige“
Wahlen  allgemein,  so  träfe  es  auch  zu.  Doch  dieser  Grund  verbietet
es  gerade,  daß  solche  Kämpfe  zur  Regel  werden.  Unter  unserem  System ­
  müssen  die  Parteien  ihre  Aussichten  abschätzen.  Es  ergibt  sich,
daß  dieses  Ringen  einem  allgemeinen  Gesetze  der  Durchschnittsberechnung ­
  gehorcht  und  in  ein  Verhältnis  zu  den  Chancen  und  der  Stärke
der  Parteien  gesetzt  wird.  Und  dies  geschieht,  weil  die  Parteiorganisationen ­
  die  Wahrscheinlichkeiten  abzuwägen  haben.  Bei  den  letzten
allgemeinen  Wahlen  trugen  in  wenigstens  70  oder  80  Fällen  die  Wahlen
den  Charakter  von  Stichwahlen 1 .  Die  Parteien  hatten  ihre  Stärke  geprüft, ­
  ihre  Interessen  genau  ermittelt  und  dann  nicht  in  Übereinstimmung ­
  mit  ihren  abstrakten  Rechten,  sondern  mit  den  sie  umgebenden
Umständen  gehandelt.
Unser  gegenwärtiges  Wahlverfahren  begünstigt  politisch  aktive  Minoritäten. ­
  Die  ihm  anhaftenden  Ungewißheiten  ermöglichen  es  einer
neuen,  aggressiven  und  begeisterten  Bewegung,  die  sich  noch  in  keinem ­
  Wahlkampfe  erprobt  hat,  alten  Parteien  einigen  Schrecken  einzuflößen, ­
  mit  ihrem  Geiste  und  mit  ihrer  Stimmenmacht  ein  Maximum
von  Eroberungen  zu  machen.  Deshalb  werden  solchen  Bewegungen  in
ihren  frühen  und  kritischen  Stadien,  nachdem  sie  die  erste  Prüfung
1  Ich  möchte  die  Tatsache  unterstreichen,  daß  heute  schon  viele  unserer  parlamentarischen ­
  Wahlkämpfe  den  Charakter  von  Stichwahlen  tragen,  wo  je  ein
Arbeiterparteiler  oder  ein  liberaler  Kandidat  bei  der  Entscheidung  nicht  mehr
ln  Frage  kommt.  Weit  davon  entfernt,  die  Bewerbung  der  Arbeiterpartei  um
Einfluß  zu  unterdrücken  oder  die  Reaktion  zu  begünstigen,  hat  unser  heutiges
System  meiner  Meinung  nach  den  Arbeiterkandidaten  Chancen  gegeben,  die
ihnen  eine  Stichwahl  nicht  gewährt  hätte.  Auch  ist  es  ein  großer  Anreiz  zu  einer
energischen  politischen  Tätigkeit  gewesen.  Ich  bleibe  deshalb  dabei,  daß  diese
Ergebnisse  gebührend  berücksichtigt  werden  müssen,  wenn  man  irgendwelche
besondere  Art  des  Wahlverfahrens  beurteilt.  Ein  Einwand,  der  oft  von  Sozialisten, ­
  besonders  von  jenen,  die  die  Proportional  Vertretung  fordern,  hiergegen
erhoben  wird,  ist,  daß  dieses  System  sie  der  Gnade  anderer  Parteien  überliefere.
Doch  das  ist  nicht  richtig;  denn  die  übrigen  Parteien  können  nicht  nach  Belieben
launenhafte  Dinge  tun,  sondern  sie  haben  zu  überlegen,  was  hinsichtlich  der  bestehenden ­
  Verhältnisse  die  angemessenste  Politik  ist.  Einerder  hauptsächlichsten
Faktoren  dieser  Umstände  ist  nun  aber  eine  rührige  dritte  Partei.  Der  Einwand
ist  auch  sonst  noch  irrelevant.  Werden  die  sozialistischen  Kandidaten  ins  Parlament ­
  gewählt,  so  haben  sie  die  neue  Gesellschaft  nicht  durch  revolutionäre
Mittel  anzustreben,  sondern  auf  dem  Wege  der  organischen  Umwandlung.  Wäre
ihre  Methode  revolutionär,  so  müßten  sie  notwendig  darauf  achten,  daß  sie  nur
sozialistische  Stimmen  erhielten.  Da  ihre  Methoden  aber  evolutionär  sind,  so
brauchen  ihnen  die  für  sie  eintretenden  Wähler  nur  bei  der  Ausführung  ihres  unmittelbaren ­
  Programmes  zu  folgen.
        <pb n="99" />
        76

ihrer  Tüchtigkeit  abgelegt  haben,  Wahlaussichten  geboten,  wie  sie  sie
sonst  nicht  hätten.  Die  Unsicherheit  und  die  scheinbare  Unbilligkeit
des  jetzigen  Systems  verhindern  es,  daß  es  mit  tyrannischer  Parteistrenge ­
  gehandhabt  werden  kann.  Diese  Geschmeidigkeit  schafft  nur
Gutes;  denn  sie  berücksichtigt  Potenzen  der  öffentlichen  Meinung,
die  politische  Größen  sind,  deren  Wert  aber  durch  mechanische  Mittel
nicht  festgestellt  werden  kann:  nämlich  die  Energie  und  das  Schwergewicht ­
  des  Willens  der  Wahlgruppen.
Weit  verbreitet  ist  jedoch  der  Glaube,  daß  unser  heutiges  System
der  Entstehung  neuer  Ideen  und  ihrer  Kundgebung  bei  Wahlen  nicht
günstig  sei.  Man  nimmt  an,  daß  viele  Wähler  neue  Bestrebungen  und
unabhängige  Kandidaten  zu  unterstützen  geneigt  seien,  trotzdem  aber
die  Kandidaten  der  einen  alten  Partei  vorzögen,  weil  sich  sonst  die
Wahlchancen  des  Kandidaten  der  von  ihnen  bekämpften  anderen  traditionellen ­
  Partei  erhöhten.  Sie  ließen  sich  nicht  von  Prinzipien  leiten,
sondern  träfen  ihre  Wahl,  um  sicher  zu  gehen.  Manche  Sozialisten  sehen
hierin  die  Erklärung  für  verlorene  Schlachten.  Vielleicht  mag  dies  für
die  ersten  Zeiten  der  unabhängigen  Feldzüge  wahr  sein,  hat  aber  sonst
weiter  keine  Bedeutung.  Ich  bezweifle,  ob  in  der  ganzen  Geschichte
unserer  Bewegung  auch  nur  ein  einziger  Sozialist  oder  Kandidat  der
Arbeiterpartei,  der  im  Kampfe  unterlag,  unter  irgendwelchem  Stichwahlsystem ­
  gewählt  worden  wäre.  Als  tatsächliche  Wirkung  scheint  sich
ergeben  zu  haben,  daß  sich  unsere  Bewegung  gezwungen  sah,  da  ihr
mancherlei  Hindernisse  den  Weg  ins  Parlament  erschwerten,  sich  ihre
ersten  Sporen  auf  dem  engeren  Felde  der  Kommunalverwaltung  zu  verdienen ­
  und  sich  so  mit  den  praktischen  Gedanken  und  Problemen  der
Zeit  vertraut  zu  machen.  Dem  Lande  und  dem  Sozialismus  ist  dies
zugute  gekommen.  Als  sich  dann  die  neuen  Ideen  hinreichend  bewährt
hatten,  den  wirklichen  Bedürfnissen  angepaßt  worden  waren  und  eine
genügend  starke  Anhängerschaft  gesammelt  hatten,  im  Parlamente
festen  Fuß  zu  fassen,  sind  sie  in  der  Lage  gewesen,  sich  des  gegenwärtigen ­
  Wahlsystems  ebenso  vorteilhaft  wie  jede  andere  Partei  zu  bedienen. ­
  Wenn  eine  Minorität  die  nötige  Bedeutung  erlangt  hat,  daß
ihr  Anspruch  auf  parlamentarische  Vertretung  gerechtfertigt  ist,  so
legt  ihr  das  bestehende  System  keine  Hindernisse  in  den  Weg.
Nachstehend  versuche  ich  die  Wirkungen  unseres  Systems,  das  nur
einmaligen  Wahlgang  kennt,  kurz  zusammenzufassen.
        <pb n="100" />
        1.  Es  begünstigt  die  Vertretung  von  Parteien  und  erschwert  die
Wahl  außerhalb  der  Parteien  stehender  Persönlichkeiten.
2.  Es  errichtet  gegen  neue  Parteien  Schranken,  die  den  Charakter
von  Schutzwehren  haben,  Hindernisse,  die  jedoch  unwirksam  werden,
wenn  die  neue  Partei  sich  erfolgreich  behauptet  und  einen  gewissen
Grad  von  Vertrauen  gewonnen  hat.  Diese  Hemmnisse  bedeuten  nur,
daß  die  neue  Partei  erst  dann  einen  Teil  der  Verantwortung  für  die
Gesetzgebung  übernehmen  kann,  wenn  sie  sich  vorher  im  Verwaltungswesen ­
  erprobt  hat.
3-  Es  verringert  die  Anzahl  der  Kandidaten,  die  eine  neue  Partei
bei  irgendeiner  Wahl  aufstellen  kann.  Hierdurch  zwingt  es  die  Partei ­
  in  ihrem  eigenen  Interesse,  ihre  ersten  Sträuße  in  den  günstigsten
Plätzen  auszufechten  und  ihre  Kraft  von  der  Eroberung  der  Zitadelle
der  gesetzgebenden  Gewalt  fernzuhalten,  bis  sie  durch  die  Besetzung
der  weniger  wichtigen  Posten  der  administrativen  Instanzen  einige  Erfahrungen ­
  in  der  Regierungskunst  gesammelt  hat.  Während  dieser
Zeit  werden  der  Propaganda  neuer  Ideen  keine  wirklichen  Hemmnisse ­
  bereitet.  Fesseln  werden  einer  neuen  Partei  nur  darin  auferlegt,
daß  sie  nicht  vorzeitig  an  der  legislativen  Verantwortung  teilnehmen
kann,  was  ihren  eigenen  wirklichen  Interessen  und  der  sozialen  Bequemlichkeit ­
  zuwider  wäre.
4-  Es  drängt  den  Partikularismus  zurück  und  hilft  die  für  die  Praxis
wertlosen  dogmatischen  und  akademischen  Unterschiede  in  den  Parteien ­
  zerstören.
Diese  Wirkungen  scheinen  mir  erstens  die  Kontinuität  der  politischen ­
  Entwicklung  sicherzustellen  und  zweitens  dafür  zu  bürgen,  daß
die  Essenz  und  nicht  die  Launen  und  Grillen  der  neuen  Bewegungen
parlamentarische  Vertretung  finden.  Das  gegenwärtige  System  scheint
mir  demnach  kein  System  zu  sein  zur  Unterdrückung  von  Minoritäten
und  um  neue  Strömungen  aufzuhalten,  sondern  um  sie  zu  prüfen  und
ihnen  auf  gewisse  Weise  eine  Vertretung  zu  sichern.
Aber  wenn  das  Eingreifen  dritter  Parteien  die  Stimmen  zersplittert
und  wenn  Entscheidungen  fallen,  die  scheinbar  aller  Vertretung  von
Majoritäten  widersprechen,  findet  es  selbst  der  Besonnenste  schwer,
nicht  in  den  Ruf  nach  einer  Reform  einzustimmen.  Wenn  man
hinter  die  bloßen  statistischen  Tabellen  solcher  Wahlkämpfe  geht
und  sich  bemüht,  die  Kraft  und  die  Richtung  der  um  Vertretung  rin77 ­
        <pb n="101" />
        78

genden  Idee  zu  bemessen,  so  verspürt  man  in  diesen  Gefechten  die
Anstrengungen  des  politischen  Organs,  sich  neue  Bedingungen  zu  assimilieren, ­
  das  Aufbäumen  des  heißblütigen,  aufstrebenden  Neuen,
das  zeitweilig  mit  dem  entnervten  Alten  zusammenprallt;  man  erkennt
dann  die  geringe  Bedeutung  der  mathematischen  Narrheit,  mit  der
oft  „dreieckige“  Kämpfe  enden.  Trotzdem  raten  oberflächliche  Äußerlichkeiten ­
  so  dringend  davon  ab,  sich  in  Geduld  zu  fassen,  bis  sich  die
Bedingungen  selbst  rektifiziert  haben  und  eine  neue,  entscheidende
Phase  im  politischen  Leben  des  Volkes  begonnen  hat,  daß  die  Zeit
gebietend  zu  heischen  scheint,  das  Verlangen  nach  einer  mechanischen
Regulierung  zu  befriedigen,  um  während  der  Sturm-  und  Drangperiode
der  neuen  Ideen  den  Anforderungen  einfacher  Mathematik  zu  genügen. ­

Der  erste  auf  diesen  Zweck  gerichtete  Vorschlag  war  die  Stichwahl,
doch  sprechen  die  mit  ihr  gemachten  Erfahrungen  nicht  sehr  für  sie.  Zunächst ­
  modifiziert  sie  das  Wahlresultat  nur  wenig 1 ;  dann  hat  sie  den
politischen  Ton  und  Charakter  und  die  politische  Moral  nicht  gehoben.
Wen  das  Schicksal  auf  einer  kurzen  Liste  von  Rivalen  an  die  erste  Stelle
gerückt  hat,  der  kann  im  allgemeinen,  selbst  wenn  er  nicht  die  absolute
Stimmenmehrheit  erhalten  hat,  auf  genügende  Unterstützung  durch
Wähler  eines  seiner  Gegenkandidaten  rechnen,  um  das  entscheidende
Gottesurteil  zu  bestehen.  Bei  der  Hauptwahl  an  der  Spitze  zu  marschieren, ­
  ist  für  die  Stichwahl  von  großem  Vorteil;  denn  das  siegreiche
Pferd  erhält  in  der  Regel  am  leichtesten  Hilfe.  Der  Mann  oder  die  Partei,
der  resp.  die  schon  am  Kelche  nippt,  wird  peinlichst  versucht,  in  den
1  Siehe  die  Independent  Review,  Februar  1905,  worin  ich  die  Resultate  der  für
den  Pariser  Gemeinderat  im  Jahre  1904  stattgefundenen  Stichwahlen  und  ebenfalls ­
  die  kurz  darauf  vollzogenen  Wahlen  zur  italienischen  Kammer  analysiert
habe.  Im  ersten  Falle  habe  ich  gezeigt,  daß,  wenn  man  sich  an  die  nackten  Zahlen
hält,  das  Ergebnis  der  Stichwahl  war,  die  republikanische  Mehrheit  von  3  auf  9
zu  erhöhen,  was  einer  Differenz  von  fast  4  Proz.  des  Gesamtresultates  gleichkommt. ­
  Es  war  j  edoch  offenbar,  daß  sich  die  Anzahl  der  Kandidaten  am  1.  Mai  in
einigen  Arrondissements  unnötigerweise  vermehrt  hatte,  weil  die  Parteien  wußten,
daß  sie  sich  am  8.  Mai  einen  offenen,  geordneten  Kampf  sichern  konnten.  Dies
war  der  Fall  in  wenigstens  3  Arrondissements,  wo  die  Kandidatenliste  reduziert
worden  wäre,  hätte  keine  Stichwahl  stattgefunden.  Das  Resultat  der  Stichwahl
hätte  sich  dann  schon  bei  der  Hauptwahl  ergeben.  Deshalb  war  das  wirkliche
Ergebnis  nichtssagend.  Was  die  italienischen  Wahlen  anbetrifft,  so  hat  die  Stichwahl ­
  nur  in  15  Fällen  die  Chancen  der  Parteien  verändert,  verglichen  mit  dem
Resultat,  das  sich  ergeben  hätte,  wenn  die  bei  der  Hauptwahl  an  die  Spitze  der
Listen  gerückten  Kandidaten  als  erwählt  erklärt  worden  wären.  Diese  Wahlen
wurden  unter  Bedingungen  ausgefochten,  die  im  zweiten  Wahlgang  eigentlich
em  Maximum  der  möglichen  Verschiebungen  hätten  bringen  müssen.
        <pb n="102" />
        Mitteln  nicht  allzu  wählerisch  zu  sein,  die  Wonne  des  Leerens  zu  genießen. ­
  Während  wir  also  unter  dem  gegenwärtigen  System  das  kleinere
Übel  gelegentlicher  Mißgriffe  bei  Wahlen  erdulden  müssen,  schirmt  es
uns  gleichzeitig  gegen  entwürdigendes  Feilschen  und  Markten,  gegen
Bestechung  und  andere  Arten  des  Bettels  um  Majoritäten,  was  alles  der
Bekanntmachung  der  Resultate  der  Hauptwahl  folgen  und  bis  zum
Schluß  der  Stichwahl  anhalten  würde.  Die  Macht  des  politischen
Mechanismus,  der  im  Dunklen  arbeitet,  wird  zu  einer  Gefahr;  könnte
er  das  bekannte  Zahlenmaterial  der  Hauptwahl  verwenden,  so  müßten
sich  seine  dunklen  Seiten  noch  um  viele  Grade  tiefer  nuancieren.  Wir
wehren  die  widerlichen  Ergebnisse  des  Parteihasses  ab,  wie  sie  in
Belgien,  durch  das  Stichwahlsystem  begünstigt,  zutage  treten,  wo
Liberale  für  die  Katholiken  stimmten,  um  die  Sozialisten  zu  ärgern,
und  die  Sozialisten  Katholiken  wählten,  um  die  Liberalen  zu  kränken ­
  (1894  und  1896).  Wir  schützen  uns  gegen  das  bedenklichere
Übel,  daß  die  Gewalt  kleiner  Koterien  geistig  beschränkter  Wähler,
die  irgendein  eigenes  Elixir  über  die  allgemeine  Wohlfahrt  stellen  —
oder  vielleicht  auch  nicht  intelligent  genug  sein  mögen,  zu  erkennen,
daß  sie  dies  wirklich  tun  —,  bei  der  Stichwahl  darüber  entscheiden
soll,  wer  von  zwei  Konkurrenten  in  das  Parlament  zu  senden  sei,  um
un  der  Regierung  des  Reiches  teilzunehmen.  Alle  diese  Übelstände
sind  heute  schon  vorhanden,  nur  daß  ihnen  die  Einführung  der  Stichwahl ­
  neue  Wirkungsmöglichkeiten  eröffnen  und  eine  erweiterte  Machtsphäre ­
  verleihen  würde.
Wenn  auch  unser  heutiges  System  hinfällig  und  veraltet  ist,  so  wird
doch  ein  System  von  Stichwahlen,  möge  es  nach  außen  immerhin  den
Eindruck  einer  mechanischen  Verbesserung  machen,  weder  den  wirklichen ­
  Fortschritt  erleichtern,  noch  den  demokratischen  Willen  in
seiner  politischen  Ausprägung  befestigen,  noch  die  politische  Urteilskraft ­
  erhöhen:  ja  wahrscheinlich  wird  es  durch  die  konzentriertere
Reizbarkeit  und  durch  das  intensivere  Schachern  und  Handeln,  die
bei  Wahlen  erzeugt  werden,  die  parlamentarische  Vertretung  noch  ungenauer ­
  als  heute  gestalten.
Nun  sind  dem  Stichwahlsystem,  das  lange  Zeit  als  der  einzigste
praktische  Ausweg  gegenüber  unserem  bestehenden  Wahlsystem  betrachtet ­
  wurde,  auch  in  den  Verteidigern  der  Verhältniswahl  Kritiker
erstanden.  Einst  war  das  Proportionalwahlsystem,  das  zuerst  von  Herrn
        <pb n="103" />
        80

Hare  popularisiert  und  von  John  Stuart  Mill  vertreten  wurde,  als  ganz
unpraktisch  verpönt  (ausgenommen  bei  Wahlen  zu  den  Schulbehörden, ­
  wo  ihm  jedoch  die  Wirkungen  einer  seiner  verschiedenen  Formen
nur  wenige  Freunde  gewonnen  haben),  und  obgleich  noch  einige  hervorragende ­
  Männer  dafür  eintraten,  die  die  Politik  aber  mehr  bei  der
Studierlampe,  am  Schreibtisch  und  im  abstrakten  Denken  trieben,
hatte  es  fast  jede  Bedeutung  eingebüßt.  Der  nach  drei  Seiten  geführte
Wahlkampf,  den  die  Intervention  der  Arbeiterpartei  ergeben  hat,  ließ
die  Wage  wieder  zugunsten  der  Proportionalisten  sinken.  Die  plausiblen ­
  Einwände  gegen  die  Stichwahlen  haben  ihnen  günstige  Perspektiven ­
  eröffnet;  das  System  der  Verhältniswahl  hat  in  der  politischen
Kontroverse  von  neuem  ein  lebendiges  Interesse  erweckt.
Einfach  und  anziehend  ist  die  fundamentale  Annahme,  von  der
es  ausgeht.  In  den  Vertretungskörperschaften  sollen  die  Mehrheiten
und  Minderheiten  im  Verhältnisse  zu  ihren  Wahlstimmen  vertreten
sein.  Nur  auf  diese  Weise  können  alle  möglichen  berechtigten  Ansichten ­
  gebührenden  Einfluß  im  Staate  erlangen.  Majoritäten  werden
wohl  Majoritäten  bleiben,  aber  sie  werden  nicht,  wie  heute,  ungehörig
über  das  Maß  ihrer  Macht  hinauswachsen  ’.  Ich  werde  noch  später
untersuchen,  was  dieser  einfache  und  anscheinend  einwandfreie  Vor-1
  Die  Wortführer  des  Proportionalwahlsystems  gehen  hierüber  hinaus.  Sie  weisen ­
  darauf  hin,  daß  in  einigen  Distrikten,  die  in  eine  Anzahl  von  Wahlkreisen  mit
einem  Abgeordneten  geteilt  sind,  eine  Minorität  von  Wählern  eine  Mehrheit  von
Abgeordneten  entsendet.  Wenn  jedoch  die  nationale  Mehrheit  eine  Parlamentsmajorität ­
  ergibt,  so  sind  solche  örtliche  Unterschiede  bedeutungslos.  Aber,  hört
man  sagen,  hinter  parlamentarischen  Majoritäten  haben  schon  nationale  Minoritäten ­
  gestanden.  Die  allgemeine  Wahl  von  1874  wird  dann  gewöhnlich  als  Beispiel ­
  angeführt.  Es  wird  dargelegt,  daß  1874  die  Liberalen  1  418  000  und  die
Konservativen  1  222  000  Stimmen  erhielten.  Trotzdem  verfügten  aber  die  Konservativen ­
  über  eine  Mehrheit  von  50  Abgeordneten.  Doch  dies  ist  nur  eine  Seite
der  Tatsachen.  Die  gewichtigste  Stimme,  die  sich  öffentlich  über  diese  Wahl
vernehmen  ließ,  war  Gladstones  Artikel  in  dem  Nineteenth  Century,  November
1878:  „Manche  Ausführungen  über  den  Gegenstand,  die  mir  zu  Augen  gekommen
sind,  lassen  viel  zu  wünschen  übrig.  Selbst  in  einigen,  die  von  liberaler  Seite
herrühren,  habe  ich  unhaltbare  Behauptungen  gefunden.  Man  hat  z.  B.  konstatiert, ­
  daß  bei  der  letzten  Wahl  mehr  liberale  als  konservative  Stimmen  gezählt
worden  sind.  Zu  schnell  ist  dann  hieraus  die  Schlußfolgerung  gezogen  worden,
daß  die  Liberalen  selbst  damals  über  die  Mehrheit  der  Wähler,  wenn  auch  nicht
über  die  der  Sitze,  geboten  hätten.  Dies  ist  natürlich  eine  Täuschung;  denn  die
Tory-Partei  hatte  eine  große  Majorität  der  Wahlkreise  inne,  wo  keine  Gegenkandidaten ­
  im  Felde  standen“.  Wahrlich,  man  könnte  schwerlich  ein  glücklicheres ­
  Beispiel  finden,  als  die  Wahl  von  1874,  zu  zeigen,  wie  unter  dem  heutigen ­
  System  die  wirklichen  Absichten  des  Volkes  zum  Ausdruck  kommen.  Der
Verlauf  der  Nachwahlen  bis  1876  beweist  zwingend,  daß  das  Wahlresultat  die
öffentliche  Meinung  wiedergab.
        <pb n="104" />
        schlag  hinsichtlich  der  wirklichen  Organisation  des  Staates  bedeutet,
vorläufig  will  ich  ihn  nur  erläutern.  Konsequent  zu  Ende  gedacht,
fordert  das  Mittel  der  Verhältniswahl,  daß  die  ganze  Nation  ein  einziger
Wahlkreis  sein  soll  und  alle  Wähler  auf  Grund  derselben  Kandidatenliste ­
  zum  Parlamente  wählen  sollen.  Nur  wenn  sich  Minoritäten  von
einem  Ende  des  Landes  bis  zum  anderen  vereinigen  können,  um  für
eine  Anzahl  Kandidaten  zu  stimmen,  vermögen  sie  die  ihnen  zukommende ­
  Vertretung  zu  erhalten.  Dies  wäre  jedoch  so  schwerfällig,  daß
es  sich  als  ganz  unpraktisch  erwiese.  Trotzdem  kann  für  das  Proportionalsystem, ­
  selbst  wenn  es  fehlerhaft  angewandt  wird,  so  viel  gesagt
werden,  daß  die  Formen,  in  denen  es  in  der  Praxis  auftritt,  diskutiert
werden  müssen.
Angebracht  ist  es,  eine  seiner  Modalitäten  herauszugreifen,  die  bei
uns  die  Freunde  der  Proportionalvertretung  ablehnen,  über  die  sich
jedoch  sehr  viel  sagen  läßt,  wenn  man  die  dem  Proporz  zugrunde
liegenden  Ideen  prinzipiell  anerkennt.  Ich  meine  die  in  Belgien  übliche
Wahlmethode,  wo  die  Parteien  Kandidatenlisten  präsentieren 1 .  —
Unter  diesem  System  stimmt  man,  anstatt  für  einzelne  Kandidaten,
für  Parteien;  jede  Partei  oder  Richtung  erhält  dann  so  viel  Sitze,  als
im  Verhältnis  Stimmen  für  sie  abgegeben  worden  sind.  Durch  diese
Methode  wird  die  Parteigruppierung  zum  einflußreichsten  Faktor  bei
der  Bildung  des  gesetzgebenden  Organs;  deshalb  kommt  dieses  Verf
  ähren  den  Regierungswirklichkeiten  näher,  als  alle  anderen  V  ariationen
des  Proportionalwahlsystems.  Die  belgische  Methode  hat  die  Tendenz,
Mle  Kandidaten  auszuschalten,  die  nicht  national  denken,  die  keine
*  fh  Belgien  stimmt  man  für  Parteien.  Die  Wahlkreise  sind  in  der  Regel  groß
(Brüssel  wählt  z.  II.  21  Abgeordnete),  obgleich  einige  nur  3  Vertreter  entsenden.
Die  Parteiorganisationen  arbeiten  nicht  allein  die  Liste  der  Kandidaten  aus,
sondern  sie  bestimmen  auch  die  Ordnung,  in  der  sich  die  Namen  auf  den  Listen
folgen.  Mit  anderen  Worten,  wenn  eine  Partei  infolge  der  erforderlichen  Stimmenanzahl, ­
  die  für  ihre  Liste  abgegeben  worden  ist,  auf  eine  bestimmte  Anzahl  von
Sitzen  Anspruch  hat,  so  entscheidet  sie,  welche  Vertreter  auserlesen  werden  sollen. ­
  Eine  ähnliche  Methode  herrscht  in  Finnland,  wo  seit  1906  die  Wahlen  in
Kreisen  mit  6  bis  23  Abgeordneten  stattfinden  (ausgenommen  Lappland,  das
nur  einen  Vertreter  wählt);  irgendeine  Gruppe  von  5°  Wählern  kann  eine  Liste
von  nicht  mehr  als  3  Kandidaten  nominieren.  Die  Wähler  stimmen  dann  nicht  für
Männer,  sondern  für  Listen,  obgleich  sie  bestimmten  Kandidaten  auf  der  Liste
den  Vorzug  geben  können.  Eine  Partei  kann  mehr  als  eine  Liste  aufstellen.  Die
überschüssigen  Stimmen  der  einen  Liste  können  dann  auf  die  andere  übertragen
werden.  Dies  ist  der  Gedanke  einer  Parteivertretung,  jedoch  so  modifiziert,  daß
die  Wähler  auf  die  Nominierung  einigen  Einfluß  haben  und  auch  befugt  sind,
zwischen  einzelnen  Kandidaten  eine  Auswahl  zu  treffen.

6  Mac  D

onald,  Sozialismus

81
        <pb n="105" />
        82

großen  Ideen  verkörpern.  Da  nun  jede  Partei  das  größte  Interesse
daran  hat,  daß  die  Verteidigung  und  Verwirklichung  ihrer  Prinzipien
und  Programme  den  tüchtigsten  Männern  anvertraut  werden,  so  müßte
das  Parlament  nicht  allein  mit  mathematischer  Genauigkeit  die  verschiedenen ­
  Stimmungen  des  Landes  widerspiegeln,  sondern  auch  die
befähigtesten  Vertreter  dieser  Meinungen  enthalten.  Große  Entscheidungen ­
  in  der  allgemeinen  Staatspolitik  und  wichtige  prinzipielle
Fragen  bestimmten  dann  die  Wahlresultate.  Die  Wähler  würden  stimmen, ­
  weil  sie  Liberale,  Konservative  oder  Anhänger  der  Arbeiterpartei
sind;  sie  würden  sich  mit  einem  allgemeinen  politischen  Standort  und
Glauben  identifizieren.  Allmählich  müßte  auch  der  häßlichste  Zug
unseres  gegenwärtigen  Systems  verschwinden:  der  Kandidat,  der  seinen ­
  Wahlkreis  mit  Geld  bedenkt  und  mit  festlichen  Gelagen  regaliert.
Hätte  dann  ein  gewöhnlicher  Volksversammlungsredner  gute  Aussicht,
dessen  Sitz  einzunehmen,  so  wäre  dies  immerhin  ein  Gewinn.
Der  britische  Geist  würde  sich  jedoch  dieser  höchst  einfachen
und  wirkungsvollsten  Form  der  Proportionalvertretung  nicht  unterwerfen. ­
  Obgleich  die  modernen  Verkehrserleichterungen  und  die  Gebietsausdehnung ­
  des  Warenaustausches  die  sozialen  lokalen  Verschiedenheiten ­
  zerstören  und  in  jeden  Distrikt  Gleichförmigkeit  der
Gepflogenheiten  und  der  Denkweise  verpflanzen,  so  sind  die  geschichtlichen ­
  Grenzen  der  Grafschaften  und  die  historischen  Gesinnungen
betreffs  der  Städte  doch  noch  stark  genug,  den  bestehenden  politischen
Brauch,  nach  Wahlkreisen  zu  stimmen,  aufrechtzuerhalten.  Dagegen
macht  der  Umstand,  daß  die  Parteien  weithin  mit  Mißtrauen  betrachtet ­
  werden,  den  von  mir  diskutierten  Vorschlag,  wie  ich  befürchte,  zur
Unmöglichkeit.  Wir  müssen  deshalb  andere  Wege  in  Betracht  ziehen,
auf  denen  die  Proportionalvertretung  logisch  durchzuführen  wäre.
Für  die  praktische  Anwendung  des  Proportionalwahlsystems  sind
von  Zeit  zu  Zeit  verschiedene  Methoden  ersonnen  worden.  Sie  haben
um  ihr  Dasein  kämpfen  müssen;  zwei  überleben  gegenwärtig.  Die
erste  Methode  will  an  der  heutigen  Beschaffenheit  der  Wahlkreise
nichts  ändern,  nur  sollen  die  Wähler  auf  den  Wahlzetteln  vermerken,
welchen  Männern  sie  nächst  ihrem  Lieblingskandidaten  den  Vorzug
gäben.  Wenn  kein  Bewerber  eine  absolute  Majorität  erstgradiger
Gunstbezeugungen  erhalten  hat,  so  wären  die  nächstfolgenden  im
Range  zu  zählen;  auf  diese  Weise  könnte  der  Wille  der  Mehrheit  kon-
        <pb n="106" />
        statiert  werden.  Dies  Verfahren  hätte  nur  in  Kraft  zu  treten,  wenn
sich  mehr  als  zwei  Bewerber  für  einen  vakanten  Sitz  meldeten.  Die
praktische  Schwierigkeit,  die  verschiedenen  Titel  der  subsidiären  Bevorzugungsskala ­
  zu  bewerten,  ist  nie  erfolgreich  überwunden  worden;
denn  es  ist  eine  einfältige  Behauptung,  daß  eine  Wahl  in  zweiter
Linie  einer  Wahl  an  erster  Stelle  gleichwertig  sei.  Der  allgemeine
Wille,  den  eine  gesetzgebende  Versammlung  ausführen  soll,  ist  nicht
etwas,  das  mit  uniformer  Regelmäßigkeit  über  die  ganze  Gesellschaft
ausgebreitet  wäre;  er  kennt  Intensitätsdifferenzen.  Bei  der  Fixierung
der  Auswahl  zweiten  und  dritten  Grades  zeigt  sich  eine  steigende
Ermüdung,  die  den  politischen  Wert  dieser  Nominierungen  im  Vergleich ­
  mit  dem  der  Prioritätskandidaten  vermindert.  Diesen  Faktor
der  Ermattung  müssen  wir  berücksichtigen,  wenn  wir  ein  System
mathematischer  politischer  Kalkulationen  aufzubauen  versuchen.  Die
Wortführer  der  Proportionalvertretung  sind  jedoch  immer  davor  zurückgeschreckt. ­
  Sie  nehmen  ganz  irrtümlicherweise  an,  daß  sich  in
der  Auslese  keine  politischen  Wertunterschiede  bergen.
Nun  entspricht  aber  die  übertragbare  Stimme  in  Wahlkreisen  mit
einem  einzigen  Vertreter  nicht  dem,  was  Plare  vorschlug,  Mill  verteidigte ­
  und  die  Gesellschaft  für  Proportionalvertretung  (Proportional
Representation  Society)  fordert,  aber  sowohl  das  mangelhafte  als  das
vollkommene  System  begeht  in  seiner  politischen  Mathematik  den
oben  gerügten  Fehler.  Die  übertragbare  Stimme  ist  nur  eine  Alternative ­
  der  Stichwahl.  Sie  beseitigt  die  Versteigerungspraktiken,  die  die
Parteien  zweifellos  zwischen  Hauptwahl  und  Stichwahl  üben  würden,
sie  verringert  die  Motive  der  Rachsucht  und  lindert  die  Verbitterung,
die  so  oft  die  Ergebnisse  der  Stichwahlen  beherrschen,  sie  zügelt  den
Anreiz,  für  die  vom  Glück  begünstigte  Partei  zu  stimmen,  der  sich  in
der  britischen  Politik  nach  dem  Resultat  der  Hauptwahl  stürmisch
regen  würde.  Sie  erreicht  also  viel  besser  die  von  den  Stichwahlen
angestrebten  Ziele.  Aber  eigentliche  Proportionalvertretung  ist  sie
nicht.  Vielmehr  ist  die  übertragbare  Stimme  eine  Methode,  die  die
Vertretung  von  Mehrheiten  sichert,  während  die  Verhältniswahl  die
Vertretung  von  Minoritäten  bezweckt.  John  Stuart  Mill  behandelte  in
seinem  Werke:  Die  Repräsentativverfassung  (Representative  Government)
  das  Thema  der  Proportionalvertretung  unter  dem  Titel:  Die
Vertretung  der  Minoritäten  (Representation  of  Minorities).

6*

83
        <pb n="107" />
        84

Zum  Wesen  des  Proportionalwahlsystems  gehört  vor  allen  Dingen
die  Vergrößerung  der  Wahlkreise,  so  daß  um  jeden  mindestens  fünf
oder  sechs  Kandidaten  kämpfen  können 1 .  Bevor  ich  hierauf  weiter
eingehe,  muß  ich  bemerken,  daß  die  erste  Wirkung  dieser  Veränderung
offenbar  wäre,  die  Macht  des  Reichtums  in  den  Wahlkampagnen  recht
wesentlich  zu  erhöhen.  Nicht  allein  müßten  die  Wahlkosten  für  Kandidaturen ­
  mit  dem  Umfang  der  Wahlkreise  wachsen,  sondern  selbst  wenn
der  Staat  diese  Auslagen  übernähme,  wären  die  Kosten  für  Aufrechterhaltung ­
  einer  Organisation  in  den  Wahlkreisen  erheblicher,  ausgenommen ­
  für  Mitglieder  einer  Partei,  die  ein  bedeutendes  Übergewicht
an  Stimmen  hätte.  Bedacht  muß  ferner  werden,  daß  in  solchen  großen
Wahlkreisen,  die  so  reiche  Möglichkeiten  der  Manipulierung  und  der
Disziplinierung  der  Stimmen 2  gewähren  —  und  die  politischen  Bedingungen ­
  erheischen  es,  daß  solche  Gelegenheiten  ausgenutzt  werden  —,
der  „Caucus"  an  Macht  gewänne,  da  seine  Existenz  wichtiger  würde.
Man  kann  es  als  gültiges  politisches  Gesetz  aufstellen,  daß  der  Einfluß ­
  des  „Caucus“  mit  der  Kompliziertheit  des  Wahlzettels  wächst.
Nun  ist  aber  gerade  der  „Caucus“  der  angreifbarste  Teil  unseres
Systems  der  Regierung  durch  Parteien.  Das  einzigste  Gegengewicht,
das  als  Ergebnis  des  großen  Wahlkreises  in  die  Wagschale  geworfen
werden  könnte,  wäre  die  dem  Volksredner  gebotene  größere  Leichtigkeit, ­
  ins  Parlament  zu  dringen.  Schwellen  die  Gaben  der  Beredsamkeit
die  Segel,  so  kann  man  wohl  größere  politische  Erfolge  in  großen  als
in  kleinen  Wahlkreisen  erringen,  aber  empfehlen  möchte  ich  diesen
Wechsel  nicht.
Doch  angenommen,  diese  Dinge  wären  alle  richtig,  bis  zu  welchem ­
  Grade  könnte  dann  die  Verhältniswahl  die  Vertretung  von  Minoritäten ­
  sicherstellen?  Die  Minderheiten  können  Parteien  beeinflussen,
wenn  der  „Caucus“  schwach  ist.  Das  Proportionalwahlsystem  stärkt
ihn  aber.  Minoritäten  mögen  mit  angemessenen  Kosten  einige  der
vielen  kleinen  Wahlkreise  gewinnen,  weil  die  nationale  Stärke  auf  die
1  Die  Proportional  Representation  Society  nimmt  als  Minimum  3  an,  aber  das
ist  offenbar  viel  zu  niedrig.  2  Wer  einmal  den  wachsenden  Einfluß  des  „Caucus“
auf  die  Wahlen  zu  den  Schulbehörden  und  die  Entwicklung  geschickter
Methoden  der  Stimmenmanipulierung  beobachtet  hat,  bedarf  über  diesen  Punkt
keiner  eingehenderen  Belehrung.  Nun  waren  aber  diese  Wahlen  untergeordnete
Dinge;  sie  geben  nur  die  unvollkommenste  Vorstellung  davon,  was  der  Kraftaufwand ­
  wäre,  wenn  die  Parlamentswahlen  in  Wahlkreisen  mit  derselben  breiten
Basis  und  derselben  Kompliziertheit  der  Wahlzettel  geführt  würden.
        <pb n="108" />
        lokale  Politik  einwirken  muß,  jedoch  ist  unter  einem  System  von  großen
Wahlkreisen  schon  eine  Kandidatur  so  kostspielig  wie  eine  ganze  Liste,
und  Minoritäten,  die  ihre  Kraft  erproben  wollen,  haben  deshalb  dieselben ­
  Auslagen  wie  Majoritäten,  die  bei  den  Wahlen  siegen.  Aus
diesem  Grunde  kann  die  Proportionalvertretung,  was  man  auch
immer  für  sie  als  abstrakte  Theorie  anführen  mag,  nur  einer  politischen
Maschinerie  einverleibt  werden,  die  Minoritäten  Hindernisse  bereitet,
die  sie  jetzt  noch  nicht  kennen.  Analysiert  man  die  Einzelheiten
systematisch,  so  ergibt  sich  folgende  interessante  Tatsache.  Alle
Wahlsysteme  sichern  in  irgendeiner  Weise  den  Minoritäten  eine  Vertretung, ­
  nur  errichtet  jedes  System  einen  ihm  eigentümlichen  Prüfstein, ­
  der  bestimmt  geartete  Minoritäten  begünstigt.  Zweifellos  bevorzugt ­
  unser  heutiges  System  Minoritäten  von  starkem  politischen  Willen,
es  ist  darnach  angetan,  dem  politischen  Eifer  zu  einer  übertriebenen
Machtfülle  zu  verhelfen.  Andererseits  fördert  das  Proportionalwahlsystem ­
  Minderheiten  von  Wohlhabenden,  die  zu  der  politischen  Klasse
der,,Wichtigtuer“  gehören.  Unbestreitbar  bleibt  jedoch,  daß  die  Minoritäten ­
  der  ersten  Kategorie  am  ehesten  versprechen,  der  allgemeinen ­
  Wohlfahrt  und  dem  Fortschritt  zu  dienen.
Wir  können  nun  unsere  Betrachtung  weiter  ausdehnen  und  untersuchen, ­
  ob  das  Hauptziel  der  Proportionalvertretung  dem  Staate
greifbaren  Nutzen  bringt.  Als  diesen  Kardinalzweck  betrachte  ich
eine  Vertretung,  die  alle  in  der  Gesellschaft  vorhandenen  Anschauungen ­
  mit  mathematischer  Genauigkeit  reflektiert.  Wenn  also  die  Maschine ­
  nach  Wunsch  funktioniert,  müßte  im  Parlamente  eine  Gruppe
nicht  untereinander  verbundener  Abgeordneten  sein,  die  die  Stimmungen ­
  und  Vorurteile  von  einzelnen  und  unorganisierten  Wählern
vermittelten.  Woraus  bestehen  nun  diese  Minoritäten?  Distinguierte
Männer,  die  von  dem  lebendigen  Strome  der  Gedanken  und  Aktionen
ihrer  Zeit  isoliert  geblieben  sind,  bilden  einen  Minoritätstypus,  den
die  Proportionalisten  vorzugsweise  im  Auge  haben.  Diese  Männer
haben  entweder  niemals  in  dem  Strome  gestanden,  oder  sie  sind  in
irgendeinem  Augenblick  herausgeschleudert  worden.  Diese  Minorität
würde  Vertreter  von  Rang  und  Würden  in  einer  Lebenssphäre  suchen,
die  der  Politik  fremd  wäre,  und  wenn  die  Wahlkreise  groß  sind,  kann
ihr  auch  die  Wahl  von  einem  oder  zwei  Kandidaten  gelingen.  Dies  war
denn  auch  die  Auffassung  der  ersten  Befürworter  des  Proportionalwahl-8*5
        <pb n="109" />
        Systems,  als  sie  so  wacker  darauf  bestanden,  daß  die  Elite  der  Nation
durch  die  Elite  vertreten  sein  sollte  —  als  sie  hervorhoben,  daß  die  Verhältniswahl ­
  neben  der  Vertretung  der  Massen  auch  für  eine  Vertretung
der  Individualitäten  sorge.  Doch  könnten  weder  diese  Elite  noch  ihre
Kandidaten  die  Leistungsfähigkeit  des  Staates  erhöhen.  Hielten  wir
nach  Bedingungen  der  Wahlfähigkeit  Umschau,  die  die  Wählerschaft
der  Zahl  nach  beschränken  könnten,  ohne  ihre  politische  Tüchtigkeit
zu  schwächen,  so  wäre  eine  der  Voraussetzungen,  ob  der  Wähler
zu  einer  kleinen  Minorität  gehöre,  die  wohl  hätte  wachsen  können,
aber  nicht  gewachsen  ist,  die  Parteien  hätte  beeinflussen  können,  es
jedoch  nicht  vermocht  hat,  die  orientierend  hätte  sein  können  und  es
nicht  gewesen  ist,  die  den  nationalen  Fortschritt  hätte  beschleunigen
können  und  es  nicht  getan  hat.  Anders  ausgedrückt,  dienichtpolitischen
Kreise  des  Staates  können  mit  Ausnahme  von  unpraktischen  Kritiken
und  Ratschlägen  ihm  nur  wenig  Diskussionsstoff  liefern.  Es  ist  eine
falsche  Auffassung  vom  Wesen  des  Repräsentativsystems,  wenn  man
meint,  es  habe  jenen  Gruppen  die  parlamentarische  Vertretung  besonders ­
  zu  erleichtern.
Minoritäten,  die  im  politischen  Leben  der  Gesellschaft  etwas  gelten,
wie  die  Sozialisten,  schließen  sich  entweder  zu  Parteien  zusammen,  die
sich  unter  irgendwelchen  Bedingungen  einen  Platz  in  der  Legislative
zu  erobern  haben,  oder  sie  bilden  die  Flügel  von  schon  vorhandenen
Parteien,  um  auf  diese  Weise  die  Gesetzgebung  zu  beeinflussen.  Minoritäten, ­
  die  relativ  klein  bleiben,  aber  äußerst  lebenspendend  sind,
weil  sie  die  öffentliche  Meinung  durch  eine  Bildungs-  und  Erziehungsarbeit ­
  formen  und  die  Axiome  des  öffentlichen  Denkens  verändern,
können  zwar  eine  Vertretung  beanspruchen,  aber  sie  erfreuen  sich  bereits ­
  einer  solchen  dadurch,  daß  ihre  Tätigkeit  allen  Parteien  eine  bestimmte ­
  Politik  aufzwingt,  und  durch  Mitglieder  bestimmter  Parteien,
die  besonders  mit  den  Bestrebungen  dieser  Minorität  sympathisieren 1 .
Ihre  eigenen  Vertreter  senden  diese  Minoritäten  nicht  in  das  Haus  der
Gemeinen,  aber  sie  machen  es  anderen  Parteien  unmöglich,  sie  nicht  zu
vertreten.  Die  toten  oder  gestrandeten  Minoritäten  haben  sich  kein
Recht  auf  Parlamentssitze  erworben;  wollte  man  es  ihnen  zugestehen,
so  könnten  ihre  Abgeordneten  nur  die  Unfruchtbarkeit  und  politische
1  Dies  ist,  wie  ich  glaube,  die  Verteidigung  der  von  den  Fabiern  verfolgten  Politik
der  Durchdringung,  die  davon  absieht,  irgendeine  neue  Partei  als  Träger  der
sozialistischen  Gesetzgebung  ins  Leben  zu  rufen.
86
        <pb n="110" />
        87

Unzuständigkeit  ihrer  Anhänger  draußen  im  Lande  exemplifizieren.
So  gut  wie  es  tote  Männer  gibt,  so  gut  gibt  es  auch  tote  Ideen.  Die
Deputierten  der  Minoritäten  könnten  die  Anzahl  der  Fragen,  mit  denen
sich  zu  befassen  das  Parlament  gezwungen  ist,  vermehren,  ohne  jedoch
deshalb  eine  durchdachte,  wohlüberlegte  Gesetzgebung  im  geringsten
zu  bereichern  oder  den  Nutzen  parlamentarischer  Diskussion  auch  nur
durch  einen  Satz  zu  vergrößern.  Folglich  ist  auch  die  Minoritätsvertretung ­
  keine  so  einfache  und  unwiderlegbare  Forderung  elementarer
Gerechtigkeit,  wie  es  beim  ersten  Anblick  erscheint.
Wir  haben  noch  den  Fall  aktiver  und  organisierter  Minoritäten,  die
einen  bedeutenden  Umfang  erreicht  haben,  zu  behandeln.  Bei  der  Erörterung ­
  mag  uns  die  Temperenzlerpartei  im  Geiste  als  Typus  vorschweben. ­
  Gegenwärtig  müssen  diese  tätigen  Minoritäten  ihre  besonderen ­
  Zwecke  in  einem  Programme  formulieren,  das  noch  andere  Ziele
postuliert.  Sie  haben  ihre  Forderungen  mit  anderen  Interessen  und
Ansprüchen  zu  verknüpfen  und  müssen  bei  einer  Partei  und  in  einem
Programme  Unterschlupf  finden.  Unserem  heutigen  Systeme  wird  vorgeworfen, ­
  dies  bedeute  einerseits,  daß  eine  einflußreiche  Richtung  die
Bedingungen  diktiere,  unter  denen  sie  sich  mit  einer  anderen  Partei  verbinden ­
  will,  und  folglich  die  ganze  Partei  als  Preis  ihrer  Gefolgschaft
gefangen  nähme;  und  andererseits,  daß  es  Leute  zwänge,  die  über  einen
Punkt  ein  überzeugtes  Urteil  haben,  für  ihnen  in  Wirklichkeit  unsympathische ­
  Vorschläge  zu  stimmen,  nur  um  dadurch  ihre  eigenen  Hauptinteressen ­
  zu  fördern.  Diese  Anklagen  werden  jedoch  gewöhnlich  aus
Parteitaktik  erhoben  und  von  Oppositionen  verwertet,  um  ihren
Gegensatz  gegen  Regierungsprogramme  zu  rechtfertigen.  Das  Körnchen ­
  Wahrheit,  das  sie  enthalten,  ist  wirklich  bedeutungslos.  Eine
Partei  kann  man  nicht  von  ihren  Taten  trennen;  ihre  Flügel  sind  nicht
durch  ein  mechanisches  Band  an  sie  geknüpft,  sondern  sie  werden
durch  einen  gemeinsamen  Zweck  vereint.  Wenn  die  Temperenzlerpartei
  in  der  Regel  mit  den  Liberalen  zusammen  arbeitet,  so  nur
deshalb,  weil  irgendein  Teil  des  ihm  zugrunde  liegenden  Prinzips
die  übrigen  Programmpunkte  des  Liberalismus  mit  den  Hauptbestrebungen ­
  der  Temperenzlerbewegung  verbindet.  Wie  ich  jetzt  darlegen
werde,  muß  der  Abgeordnete  der  Temperenzler,  auf  welche  Weise  er
auch  gewählt  worden  sein  mag,  mit  irgendeiner  Partei  kooperieren,
um  seine  Wünsche  durchzusetzen.  Die  Koalition  muß  also  im  Parla ­
        <pb n="111" />
        88

mente  vollzogen  werden,  wenn  sie  nicht  vorher  draußen  auf  der  Wahlstatt ­
  zustande  gekommen  ist.  Handelt  es  sich  um  ein  parlamentarisches ­
  Bündnis,  so  wird  es  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  das  Ergebnis
eines  unverhüllten  Verhandelns  um  Stimmen  sein,  aus  dem  allerdings
eine  verständige  und  moralische  Kombination  entstehen  kann,  wie  es
in  Frankreich  der  republikanische  Block  unter  Waldeck-Rousseaus
Ministerpräsidentschaft  war,  das  aber  viel  wahrscheinlicher  zu  einem
rein  geschäftlichen  Abkommen  führen  wird,  wie  es  kürzlich  der  Fall  in
Australien  gewesen  zu  sein  scheint,  als  die  Arbeiterpartei  Herrn  Deakin
im  Amte  gehalten  hat,  und  wie  es  dort  zurzeit,  wo  ich  dieses  schreibe,
in  der  Deakin-Cook-Allianz  existiert.  Doch  ob  die  Verbindung  moralisch ­
  oder  unmoralisch  ist,  ob  sie  sich  aus  nationalen  oder  persönlichen
Gründen  gebildet  hat,  wird  sie  nur  im  Parlamente  hergestellt,  so  wird
die  hieraus  entspringende  Regierung  nicht  dasselbe  Verhältnis  von
Kind  und  Eltern  zum  Volke  haben,  wie  es  heute  bei  den  Regierungen
der  Fall  ist.  Das  Volk  wird  dann  die  Regierung  nicht  an  die  Macht  gebracht ­
  haben,  und  die  Wähler,  die  für  bedeutende  Sektionen  der  Ministeriellen ­
  gestimmt  haben,  werden  für  die  Bildung  des  Kabinetts  nicht
verantwortlich  sein.  Gruppen  von  Parlamentsmitgliedern  werden  dann
ohne  die  Sanktion  des  Volkes  und  vielleicht  gegen  den  Willen  des  Landes ­
  Ministerien  ins  Leben  rufen.
Soll  das  Volk  die  Regierung  bestimmen,  so  muß  es  die  Kombinationen, ­
  die  das  Kabinett  konstituieren,  gutheißen.  Mit  anderen  Worten,
Regierungskombinationen  sind  worden  Wahlen  bekanntzumachen.  Die
Wahlen  haben  sich  um  sie  zu  drehen,  weil  die  öffentliche  Meinung  nur
unter  solchen  Umständen  sich  für  sie  erklären  kann  oder  nicht  .Mehr  oder
weniger  sind  dann  die  verschiedenen  Artikel  des  Programms  einer  Partei
durch  das  Band  eines  gemeinsamen  Standpunktes  oder  einer  gemeinsamen ­
  Idee  verbunden.  Zwar  kann  der  Handel  mit  Stimmen  fortgesetzt ­
  werden,  aber  er  wird  immer  auf  Schwierigkeiten  stoßen.  Minoritäten, ­
  deren  Solidarität  sich  nur  auf  beschränkte  Interessen  erstreckt,
werden  sich  gemäß  dem  Grade  der  Bedeutung,  den  sie  diesen  Interessen ­
  beilegen,  spalten;  dies  ist  dem  Lande  zum  Vorteil,  weil  es  der
partikularistischen  Sonderbündelei  bei  den  Wahlen  wenig  Einfluß  einräumt. ­
  Soll  das  System  der  Regierung  durch  parlamentarische  Erörterung ­
  der  staatlichen  Willensakte  Bestand  haben,  so  muß  das  vollständige ­
  Programm  der  Majoritäten  in  erster  Linie  Gegenstand  der
        <pb n="112" />
        Wahldebatten  sein.  Das  Volk  muß  bei  Wahlen  nicht  nur  für  einen  Vertreter, ­
  sondern  für  eine  politische  Gruppierung  stimmen.  Es  ist  ebenso
wesentlich,  daß  sich  die  Wähler  für  einen  Bewerber  entscheiden,  von
dem  man  weiß,  er  werde  mit  einer  bekannten  Gruppe  arbeiten,  als  daß
sie  einem  Kandidaten  die  Stimme  geben,  der  bestimmte  Reformen  versprochen ­
  hat.  Das  demokratische  Erküren  ist  nicht  allein  eine  Personenfrage, ­
  sondern  nicht  minder  eine  Gruppenangelegenheit.  Demokratie ­
  bedeutet,  daß  man  nicht  nur  einen  Vertreter,  sondern  eine  Regierung ­
  zu  wählen  hat.
Man  möge  mir  gestatten,  daß  ich  meine  Behauptung  erhärte,  indem
ich  das  Schicksal  der  Temperenzlerstimmen  unter  der  Verhältniswahl
durch  alle  seine  Stadien  verfolge.  Die  wahlfähigen  Temperenzler  würden ­
  in  den  großen,  für  die  Zwecke  der  Proportionalvertretung  geschaffenen ­
  Wahlkreisen  ziemlich  geschlossen  für  den  Kandidaten  der  Mäßigkeitsbewegung ­
  ins  Feuer  rücken,  und  mehrere  dieser  Bewerber  würden
auch  gewählt  werden.  Diese  Abgeordneten  hätten  im  Parlament  irgendeiner ­
  Regierung  ihre  Unterstützung  zu  geben.  Sie  hätten  Abmachungen ­
  zu  treffen,  doch  würden  die  Notwendigkeiten  der  Sache  nicht  erlauben, ­
  das  Übereinkommen  so  zu  stipulieren,  daß  die  Temperenzler
der  Regierung  nur  dann  zu  folgen  hätten,  wenn  sie  sich  mit  den  Bestrebungen ­
  der  Mäßigkeitsvereinler  befasse.  Vielmehr  hätte  das  Abkommen ­
  so  zu  lauten,  daß,  wenn  die  Regierung  während  ihrer  Amtsdauer
Gesetzentwürfe  hinsichtlich  des  Temperenzlertums  einbrächte,  die
Temperenzler  ihr  auch  in  allen  ihren  übrigen  Unternehmungen  zur
Seite  zu  stehen  hätten.  Eine  Regierung  muß  die  allgemeine  Unterstützung ­
  der  mit  ihr  alliiertenGruppen  haben  .Nun  wollen  wir  annehmen,
das  Wahrscheinlichste  träfe  ein:  die  Temperenzlerabgeordneten  verständigten ­
  sich  mit  einer  liberalen  Kombination.  Auf  einen  einzigen
Programmpunkt  hin  wären  sie  gewählt  worden,  aber  sie  haben  als  V  erdeter ­
  nicht  allein  allgemeine  Befugnisse,  über  alles  und  jedes  Gesetz
zu  beschließen,  sondern  sie  sind  hierzu  auch  verpflichtet.  In  Fragen  der
allgemeinen  Politik  würde  jedoch  ein  Teil  ihrer  Anhänger  nicht  für  sie
gestimmt  haben.  Sie  wären  durch  eine  Kombination  gewählt  worden,  die
nicht  existierte,  mit  Ausnahme  des  einen  Punktes,  auf  den  hin  sie  allein
deputiert  worden  wären.  Über  alle  anderen  Fragen  sind  sie  Autokraten
nnd  haben  keine  Vollmacht,  im  Namen  ihrer  Wähler  zu  sprechen.
Unter  dem  heutigen  Systeme  würden  diese  Wähler  ihre  Stimmen  auf
89
        <pb n="113" />
        90

alle  Parteien  verteilen,  die  Zusammensetzung  der  Volksvertretung
käme  folglich  der  Wirklichkeit  viel  näher.  Sie  würden  für  oder  wider
den  entworfenen  parlamentarischen  Arbeitsplan  stimmen,  aber  nicht
für  eine  Frage  demonstrieren,  die  in  jenem  Parlamente  vielleicht  niemals ­
  zur  Beratung  käme.  Einige  von  ihnen  würden  ausschließlich  als
Mäßigkeitsreformer  wählen  und  damit  ein  für  allemal  bekräftigen,  daß
sie  bereit  wären,  ein  besonderes  Programm  mit  Haut  und  Haar  zu  verschlingen, ­
  wenn  es  nur  Forderungen  der  Temperenzlerbewegung  enthielte. ­
  Ein  Teil  der  Wählerschaft  würde  aber  diese  Art  Ausübung  der
Wahl  verwerfen,  da  er  anderen  Programmartikeln  mehr  Wichtigkeit  beimißt. ­
  Vertreter  also,  die  unter  dem  Proportionalwahlsystem  durch  eine
Kombination  solcher  Gruppen  gewählt  worden  wären,  w r ürden  ihre  Anhänger, ­
  wenn  sie  das  Budget,  Fabrikgesetze  und  andere  Vorlagen  gutheißen, ­
  bei  weitem  nicht  so  gut  vertreten  wie  die  Abgeordneten,  die
heute  auf  Grund  gemischter  Programme  ins  Unterhaus  gesandt  werden. ­
  Von  zwei  Dingen  geschähe  eins.  Entweder  müßten  die  Mäßigkeitsvereinler
  bald  entdecken,  daß  die  Verhältniswahl  ihnen  in  Wirklichkeit ­
  keine  Vertretung  gegeben  hat;  dann  hätten  sie  sich  mit  den
größeren  politischen  Kombinationen  zu  befreunden,  wie  sie  es  heute
tun.  Oder  sie  würden  fortfahren,  ihre  eigenen  Abgeordneten  zu  wählen;
dann  entspräche  die  Tätigkeit  des  Parlamentes  dem  Willen  der  Wähler
weniger  als  heute.
Die  Gründe  hierfür  werden  einem  klar,  wenn  man  die  Funktion  des
Parlamentes  und  die  Natur  seiner  gesetzgeberischen  Kräfte  näher  untersucht. ­
  Unter  aristokratischem  Regime  ist  das  Parlament  hauptsächlich ­
  eine  administrative  und  vollziehende  Gewalt,  aber  unter  der
Demokratie  wird  es  seinem  Wesen  nach  zu  einer  gesetzgebenden  Körperschaft. ­
  Das  Parlament  ist  das  Vollstreckungsorgan  des  Staatswillens ­
  und  sollte  daher  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  beurteilt  werden. ­
  Die  Legislative  nur  als  einen  Spiegel  der  nationalen  Meinung  aufzufassen, ­
  darin  liegt  das  Mißverständnis,  das  wieder  eine  Reihe  anderer
Irrtümer  der  Proportionalisten  involviert.  Das  Parlament  ist  mehr  als
ein  Reflektor,  es  ist  ein  tätiges  Organ  zur  wirksamen  Ausführung  des
Staatswillens.  Wertmesser  für  die  Vollständigkeit  der  Vertretung  ist
das  Parlament  nicht  nach  seiner  ruhenden  Seite,  sondern  in  seiner  tätigen, ­
  schaffenden  Bewegung.  Mit  anderen  Worten,  nicht  an  die  Vorstellungen ­
  der  670  Männer,  die  heute  im  Haus  der  Gemeinen  sitzen,
        <pb n="114" />
        haben  wir  den  Maßstab  anzulegen,  sondern  den  gemeinsamen  Willen
der  Regierungsmehrheit  haben  wir  zu  würdigen.  Die  Proportionalisten
sind  der  irrigen  Meinung,  daß  die  Repräsentanz  durch  die  Wahlen  bestimmt ­
  werde:  eine  individualistische  Ansicht;  wohingegen  erst  die
Taten  der  Abgeordneten  von  der  Vertretung  Zeugnis  ablegen:  die  sozialistische ­
  Betrachtungsweise.  Die  Regierung  oder  die  Opposition  zu
stärken,  ist  das  Höchste,  wenn  auch  nicht  alles,  was  die  Wähler  durch
ihr  Votum  für  einen  Kandidaten  tun  können.  Bei  dieser  Aufgabe  harrt
auch  für  die  nach  der  Verhältniswahl  gewählten  Vertreter  der  Minoritäten ­
  die  Verantwortung,  es  sei  denn,  daß  eine  Partei  die  absolute  Mehrheit ­
  im  Parlamente  bildete,  was  unter  solchem  System  kaum  zu  erwarten
wäre.  Eine  Majorität  muß  stets  für  Arbeitszwecke  geschaffen  werden,
sie  muß  dauerhaft  sein,  wenn  sie  eine  konsequente  Politik  verwirklichen
will.  Nur  braucht  sie  nicht  der  Anzahl  ihrer  Wähler  mathematisch
genau  proportioniert  zu  sein.  Sehr  viel  kann  noch  für  die  Ansicht  vorgetragen ­
  werden,  daß  sich  eine  Regierung  auf  eine  Parlamentsmehrheit
stützen  sollte,  die  das  Zahlenverhältnis  ihrer  Wähler  überstiege,  da  die
Regierung  von  allen  Sektionen,  aus  denen  sie  nicht  zusammengesetzt
wird,  unabhängig  sein  muß.  Das  ist  die  Bedingung  vollständiger  Verantwortlichkeit. ­


Allerdings  soll  diese  Regierungsmajorität  auch  die  Mehrheit  draußen
im  Lande  darstellen,  aber  wie  ich  bereits  gezeigt  habe,  braucht  dies
unter  dem  Proportionalwahlsystem  nicht  einzutreten.  Eine  aus  unabhängigen
  Abgeordneten  und  Gruppen  gebildete  parlamentarische  Mehrheit, ­
  von  der  die  Regierung  abhängt,  braucht  keine  Majorität  von
Wählern  zu  vertreten.  Unter  dem  jetzigen  System  mögen  Scharen  von
Wählern  gezwungen  werden,  für  Programme  in  Bausch  und  Bogen  zu
stimmen,  obgleich  sie  Teile  von  ihnen  nicht  akzeptieren,  und  möglich
wäre  es,  daß  sich  die  Majorität  der  Abgeordneten  durch  ein  seltenes
Spiel  des  Zufalls  mit  der  Mehrheit  der  Wähler  nicht  decke.  Unter  der
Proportionalvertretung  können  die  wahlberechtigten  Bürger  gezwungen ­
  werden,  eine  Regierung  zu  akzeptieren,  die  zu  bilden  ihre  Abgeordneten ­
  kein  Mandat  erhalten  hätten,  und  eine  Politik  der  Gesetzgebung
hinzunehmen,  der  sie  stets  ihre  Sanktion  verweigert  hätten.  Doch  hiervon ­
  ganz  abgesehen,  müßte  eine  nach  diesem  System  konstituierte
Regierung  an  allen  Schwächen  einer  mechanischen  Zusammenfügung
kranken,  wie  sie  den  kontinentalen  Blocks  anhaften.  Ein  partikularisti-91
        <pb n="115" />
        92

scher  Geist  würde  ihre  Aktionen  leiten,  und  die  Summe  ihrer  Arbeit
wäre  fragmentarisch,  wie  es  überall  der  Fall  ist,  wo  sich  das  System  der
Regierung  durch  Gruppen  eingebürgert  hat.
Ein  System  der  Proportionalvertretung  wird  demnach  die  Schwierigkeiten ­
  eher  verschärfen  als  beseitigen,  die  in  der  Tatsache  wurzeln,  daß
Regierungen  des  wirklichen  repräsentativen  Charakters  ermangeln
können.  Es  ist  eine  Wahlmethode,  die  Vertretung  von  Bruchteilen
politischen  Denkens  und  politischer  Sehnsucht  zu  sichern  und  diese  abgerissenen ­
  Teile  anzureizen,  sich  nach  und  nicht  vor  der  Wahl  zu  verbinden. ­
  In  Zeiten  politischer  Wandlungen,  wenn  sich  alte  Parteien
zersetzen,  werden  sie  vom  Geist  des  Sektenwesens  als  einem  ihrer  Auflösungssymptome ­
  aufgewühlt.  Jede  ihrer  einzelnen  Gruppen  versenkt
sich  in  ihr  eigenes  Universalmittel  ohne  irgendwelche  Perspektive  auf
größere  nationale  Interessen  und  bietet  es  auf  den  Märkten  feil,  wie  ein
Quacksalber  seine  Pillen.  Die  Proportionalvertretung  sucht  diese  Ubelstände,
  von  denen  die  Perioden  politischer  Übergänge  und  Unbeständigkeit ­
  begleitet  werden,  in  unserem  Regierungssystem  zu  fixieren;  sie
sucht  die  unversöhnlichen  dogmatischen  Differenzierungen,  die  die
Elite  als  kostbar  betrachtet,  mit  Nachdruck  hervorzuheben  und  an  den
Peripherien  der  Parteien  und  Parteigruppen  den  gegenseitigen  Kreuzungsprozeß ­
  der  Anschauungen  zu  verhindern,  der  einem  geordneten
und  organischen  sozialen  Fortschritt  so  wesentlich  ist.  Unglücklich  wird
das  Land  sein,  das,  nachdem  es  ursprünglich  bessere  Wege  gewandelt
hat,  auf  jene  verhängnisvolle  Bahn  getrieben  wird,  oder  sie  in  Unkenntnis ­
  eigenmächtig  wählt 1 .
Aufrichtig  stimme  ich  mit  nicht  wenigen  der  kritischen  Ausführungen
überein,  die  die  Proportionalisten  gegen  das  heutige  System  richten.
Die  größte  Sorgfalt  muß  darüber  walten,  daß  eine  nationale  Stimmenmehrheit ­
  von  der  Majorität  des  Hauses  der  Gemeinen  widergespiegelt
werde 2 .  Dies  erheischt  eine  häufige  Grenzregulierung  der  Wahlkreise.
Die  durch  Stimmenzersplitterung  herbeigeführte  Repräsentation  der

1  Ich  habe  hier  nicht  die  praktischen  Schwierigkeiten,  die  sich  bei  der  Anwendung ­
  des  Systems  ergeben,  erörtert.  Ihrer  sind  viele.  Der  komplizierte  Wahlzettel ­

  ist  bedenklich,  noch  ernster  ist  die  Tatsache,  daß  bei  der  Auslese  der  Wahlzettel, ­
  die  nicht  für  die  Vorzugskandidaten  ersten  Grades,  sondern  für  jene  zweiten ­
  Ranges  und  noch  tiefer  herab,  zu  benutzen  sind,  das  Glück  walten  muß.  Am
schwierigsten  ist  aber  vielleicht  vor  allen  Dingen  die  Unmöglichkeit,  auf  Grund
des  Proportionalwahlsystems  Nachwahlen  zu  vollziehen.  2  Obgleich  der  föderale ­
  Charakter  unserer  Wahlkreise  dies  manchmal  mathematisch  unmöglich
machen  kann.
        <pb n="116" />
        Minorität  halte  ich  für  eine  sehr  geringe  Gefahr,  die  sich  stets  selbst  zu
korrigieren  strebt,  die  auf  die  allgemeinen  Wahlen  wenig  Wirkung
hat  und  sich  am  lärmendsten  bei  Nachwahlen  gebärdet.  Daß  aber  die
Parlamentsmehrheit  im  exakten  Stärkeverhältnis  zur  Majorität  des
Landes  stehen  soll,  ist  durchaus  nicht  nötig.  Rein  mathematische  Vorstellungen ­
  führen  zu  falschen  Schlüssen;  denn  die  öffentliche  Meinung
im  Rücken  des  Parlamentes  ist  nur  teilweise  eine  Frage  der  Statistik,
die  Willensintensität  der  Wähler  bildet  ihre  andere  Seite.  Majoritäten
sollten  hinreichen,  Verbindlichkeiten  einzulösen  und  Verantwortlichkeiten ­
  zu  übernehmen.  Vorausgesetzt,  daß  die  Legislaturperiode  eines
Parlaments  nicht  zu  lang  ist,  wie  gegenwärtig,  so  harmoniert  es
mehr  mit  den  Bedürfnissen  einer  Volksherrschaft,  daß  die  Regierung
sich  auf  eine  Mehrheit  stütze,  die  sie  ausschließlich  für  ihre  Handlungen ­
  verantwortlich  macht,  als  daß  sie  Kompromisse  und  Koalitionen
schlösse,  die  die  Volkswünsche  nicht  reflektieren  oder  ihnen  nicht  entspringen. ­
  Ein  System,  das  das  Land  davor  schützte,  daß  eine  Minorität ­
  von  Wählern  eine  Majorität  von  Abgeordneten  entsende,  und  das
gleichzeitig  bewirkte,  daß  die  Parlamentsmehrheit  im  Stärkeverhältnis
die  Größe  der  Mehrheit  der  von  ihr  verkörperten  Wahlstimmen  um  eine
Idee  überschritte,  ein  solches  System  müßte  in  Wirklichkeit  dasWalten
der  repräsentativen  Einrichtungen  erleichtern.  Auf  den  Ruf  nach  Proportionalvertretung ­
  antwortet  die  Demokratie  mit  dem  Feldgeschrei:
Kürzere  Legislaturperioden,  Bezahlung  der  offiziellen  Kosten,  häufige
Neueinteilung  der  Wahlkreise.  Das  ist  meine  Replik  auf  die  Frage:
Wie  können  die  Abgeordneten  mit  den  Wählern  in  Fühlung  bleiben?

/

T

niiiiiiminnuiiniuiiimunmiiiiiiniii

93
        <pb n="117" />
        94

IV.  DIE  PARTEI  UND  DAS  PARLAMENT
'iimiiii'iiiiiminiiiiniiiiiniiiimiiiiiiiiniiiiiiiiiniiiiimirnniiiiiimimiim
A.  DIE  NOTWENDIGKEIT  UND  DER  UMFANG  DER  PARTEI
Eine  kritische  Prüfung  der  Pläne,  die  ersonnen  worden  sind,  um  die
Schöpfungen  des  Repräsentationssystems  einem  höheren  Grade  von
Genauigkeit  zu  nähern  und  um  seine  Beziehungen  zu  dem  nationalen
Willen  inniger  zu  gestalten,  hat  bis  jetzt  nicht  nur  zur  Verwerfung  der
Vorschläge  selbst  geführt,  sondern  auch  ihre  Nichtübereinstimmung
mit  den  Leitmotiven  ergeben,  von  denen  sie  ausgehen.
Hinter  den  meisten  dieser  Entwürfe  birgt  sich  die  täuschende  Hoffnung, ­
  daß  sich  an  den  Erzeugnissen  der  Gesetzgebung  Qualitätsunterschiede ­
  herausbilden  könnten,  wenn  die  Stimmen  verschieden  gewertet ­
  und  die  Wahlmethoden  verändert  würden.  Lassen  sich  jedoch  die
Wähler  unter  dem  einen  Systeme  betören,  bestechen  und  durch  einschmeichelnde ­
  Worte  beschwatzen,  so  werden  sie  diese  Charakterschwäche ­
  auch  unter  jedem  anderen  Systeme  zeigen.  Bleibt  den  Wählern ­
  durch  mangelnde  Intelligenz  ihre  eigene  Gedankenwelt  verschlossen ­
  oder  können  sie  ihrer  Seele  kein  eigenes  Ideal  einprägen,  so  werden ­
  auch  kein  Referendum,  keine  Proportionalvertretung  oder  ähnliche ­
  Energieformen  der  demokratischen  Maschine  ihren  Intellekt
retten 1 .  Kein  Wechsel  im  Wahlsystem  vermag  die  politischen  Einflüsse ­
  eines  Gesellschaftszustandes  umzuwandeln,  der,  wie  der  unsrige,
das  Individuum  auf  Schritt  und  Tritt  verlockt,  den  Reichtum  und  den
äußeren  Glanz  zu  verehren,  und  ihn  dazu  erzieht,  das  Opfer  dieser  Anreizungen ­
  zu  werden.  Kein  mechanisches  Kunstwerk  kann  die  Reinheit ­
  der  demokratischen  Regierung  schützen,  durch  eigene  Tatkraft
muß  das  Volk  dies  tun.  Wie  sie  ihre  Wähler  erziehen  sollen  und  mit
welchen  Mitteln  sie  die  Leistungsfähigkeit  des  Repräsentationssystems
aufrecht  erhalten  können,  ist  das  Grundproblem  aller  Staaten.
Hielte  sich  die  große  Mehrheit  der  Wähler  über  die  Einzelheiten  der

1  In  dem  Buche,  worauf  ich  mich  schon  in  der  Fußnote  S.  54  bezogen  habe,  behauptet
Herr  Professor  Commons,  daß  das  Referendum,  indem  es  die  Aufmerksamkeit
von  den  Männern  auf  die  Maßregeln  lenkt,  die  Wähler  in  den  Stand  setze,  eine
sachgemäßere  Entscheidung  zu  treffen.  Auf  diese  Weise  erscheint  das  Referendum
das  Wesen  der  Politik  und  nicht  bloß  ihre  Form  zu  verändern.  Die  Kraft  dieses
Arguments  ist  in  einer  Gemeinschaft  mit  gemischter  Nationalität,  die  Professor
Commons  im  Auge  hat,  am  größten.  So  schlecht  nun  auch  ein  System  ist,  das
darauf  beruht,  daß  die  Wähler  ihre  Stimmen  nur  ihren  Landsleuten  geben  (der
        <pb n="118" />
        Gesetzgebung  beständig  auf  dem  Laufenden,  und  wäre  sie  von  überraschend ­
  gerader,  aufrechter  Gesinnung,  so  könnte  das  Referendum  eine
geeignete  Lösung  sein.  Auch  wo  sich  die  Wähler  versammeln  könnten,
wie  in  St.  Gallen  oder  auf  der  Insel,  und  einzeln  (doch  unter  der
Direktion  von  Führern)  für  Gesetzesvorschläge  stimmten,  erfüllte  es
seinen  Zweck.  Oder  wenn  es  möglich  wäre,  Vorkehrungen  zu  treffen,
daß  Gesetzentwürfe  bis  ins  Detail  hinein  durch  Volksentscheidung  verbessert ­
  werden  könnten,  wäre  das  Referendum  ein  gangbarer  Weg.
Doch  alle  diese  Möglichkeiten  kommen  unter  den  Bedingungen  des  modernen ­
  Industriestaates  ganz  außer  Frage.  Auf  dem  Gebiete  der  Gesetzgebung ­
  gestaltet  sich  die  Rolle,  welche  die  Wähler  unmittelbar  spielen,
wie  das  allgemeine  Leben  eines  Organismus,  wenn  es  eine  seiner  besonderen ­
  Funktionen  modifiziert.  Leben  durchströmt  den  ganzen  Körper,
die  Glieder  tragen  ihren  Teil  zum  Leben  bei  und  passen  sich  dieser  Aufgabe ­
  an.  Ein  Staat  muß  sich  den  Idealen  und  Überzeugungen  hinsichtlich ­
  der  Ökonomie,  der  internationalen  Einwirkungen,  der  Gerechtigkeit
und  der  Endziele  der  Gesellschaft,  zu  der  er  gehört,  assimilieren.  Ein
Organismus  gestaltet  seine  speziellen  Organe,  die  ihn  befähigen,  sich
den  Verhältnissen  anzuschmiegen  und  sich  weiter  zu  entwickeln.
Durch  gesetzliche  Eingriffe  verändert  ein  Staat  die  Gesellschaftsstruktur ­
  und  fördert  das  Streben  des  Gemeinwesens  nach  einem  Maximum
von  Macht,  Gerechtigkeit  und  irdischem  Glück,  was  immer  auch  dieses
Höchstmaß  sein  möge.  Ein  Lebewesen  prüft  sozusagen  die  sich  entwickelnden ­
  Organe,  oder  an  seine  Stelle  tritt  die  Natur  mit  ihrer  Auslese, ­
  indem  sie  den  Organismus  vernichtet,  wenn  dessen  Anpassungen
untauglich  sind.  Wenn  ein  Staat  seine  Minister  wechselt,  seine  Gesetze
verbessert  und  neue  Wendungen  in  der  Politik  vollzieht,  so  drückt  er
in  diesen  Aktionen  die  Erfahrungen  der  Gesellschaft  aus.  Schweift  er
aber  weit  vom  Wege  ab,  läßt  er  zu,  daß  die  Rasse  zu  sehr  entartet  oder
verweichlicht  oder  sich  sonstwie  verschlechtert,  so  wird  die  Gesellschaft, ­
  gleich  vielen  Tierformen,  durch  natürliche  Auslese  untergehen.
So  wirkt  und  reagiert  die  Gemeinschaft  auf  ihr  gesetzgebendes  Organ:
das  Parlament 1 .  Dieses  Verhältnis  bezeichnet  die  Natur  des  Problems,
ßeutschcüder  in  den  Vereinigten  Staaten  den  Deutschen,  der  Irländer,  der  den
Irländer  wählt  usw.),  so  glaube  ich  nicht,  daß  es  viel  schlechter  als  jenes  ist,  unter
man  aus  Gründen  des  persönlichen  Interesses,  z.  B.  für  Maßregeln,  stimmt.
Es  muß  beachtet  werden,  daß,  genau  genommen,  das  Parlament  nicht  allein
das  Organ  ist,  sondern  die’  ganze  politische  Organisation:  Parteien,  Politiker,
Wahlkampagnen,  Wahlen,  Parlament.

95
        <pb n="119" />
        96

das  die  Repräsentativverfassung  aufgibt,  und  ist  erst  klar  und  deutlich
erkannt,  daß  hiermit  begonnen  werden  muß,  so  wird  sich  das  Irrtümliche ­
  von  nicht  wenigen  volkstümlichen  Ideen  und  Vorschlägen  sofort
herausstellen.
Man  kann  den  Gang  der  legislativen  Tätigkeit  kurz  so  skizzieren.
Die  gesetzgebende  Körperschaft  erweitert  als  erste  den  Horizont  der
Ideen,  sie  regt  neue  Ziele  und  Zwecke  an,  macht  Vorschläge  und  erzieht ­
  die  Gemeinschaft  in  diesen  Dingen,  damit  sie  sich  diese  Ideen  und
Bestrebungen  aneigne.  Die  propagandistischen  Zirkel  vermitteln  diesen
Prozeß.  Am  Anfang  des  letzten  Jahrhunderts  entstand  z.  B.  die  Schule
Benthams,  die  als  solche  nie  mehr  als  einen  kleinen  Kern  in  der  Gesellschaft ­
  bildete.  Die  Männer,  die  sich  ausdrücklich  als  Individualisten ­
  und  Utilitarier  bekannten  und  die  planvoll  ihre  Philosophie
auf  die  Gesetzgebung  anwandten,  waren  der  Anzahl  nach  sehr  gering,
wenn  auch  an  Geistesgaben  glänzend  und  voll  unermüdlicher  Schaffensfreude. ­
  Doch  die  für  die  Arbeiten  des  legislativen  Organes  verantwortlichen ­
  Personen,  ob  innerhalb  oder  außerhalb  des  Parlamentes,
konnten  nicht  umhin,  den  gesunden,  verständigen  Teil  des  Benthamismus
  zu  akzeptieren.  Getrennt  von  seiner  Philosophie,  sah  Bentham
  in  sich  selbst  keinen  Commonsense.  Seinen  gesunden  Menschenverstand ­
  adoptierten  die  politischen  Organe  Englands,  seine  Philosophie ­
  dagegen  überließen  sie  den  Professoren  zum  Zerkleinern  und
Zerhacken.  Stets  wiederholt  sich  dies,  und  dem  Sozialismus  widerfährt
heute  genau  dasselbe.  Ein  positiver  Staat,  der  mit  den  Individuen  tätig
zusammen  wirkt,  der  Eigentumsobjekte  kontrolliert  und  besitzt  und
eine  Gemeinschaftsorganisation  aufbaut,  in  der  der  Einzelne  Freiheit
und  Verwirklichung  seiner  Persönlichkeit  findet,  wird  ein  Axiom  der
Gesetzgebung  —  nicht  etwa,  weil  die  Philosophie  und  die  Utopien
des  Sozialismus  mit  Bewußtsein  akzeptiert  werden,  sondern  weil  sie
die  bestehenden  Verhältnisse  so  treu  und  wahr  erklären  und  in  den
öffentlichen  Angelegenheiten  ein  Wegweiser  sind,  den  intelligente  Menschen ­
  nicht  abweisen  können.  Obgleich  diese  Prinzipien  an  sich  verspottet ­
  und  verhöhnt  werden,  sind  sie  es  also  erst,  die  die  praktischen
Programme  der  Parteien  speisen.  Sie  sind  mit  anderen  Worten  ein  Hauptbestandteil ­
  jener  Gesinnung,  die  nach  Mark  Pattison  „tiefer  als  die  Meinung“ ­
  reicht,  weil  sie  „die  Meinung  vorausbestimmt".  Die  Funktionsäußerungen ­
  des  politischen  Organs  befinden  sich  hier  auf  ihrer  ersten
        <pb n="120" />
        Stufe,  wo  sie  sich  zuerst  mit  der  idealen  Absicht,  mit  der  Seele  des  Volkes
berühren.  Sieverleihen  dieser  Seele  einenWillenund  geben  diesemWillen
eine  Richtung,  weisen  ihm  einen  Standpunkt  an,  zeigen  ihm  einen  Weg.
Das  nächste  Stadium  ist  in  der  politischen  Welt  unter  dem  Namen
Programmaufstellung  bekannt,  d.  h.  die  Anwendung  der  neuen  Empfindungen, ­
  des  neuen  Rechtsgefühls,  des  neuen  Imperativs,  auf  jene
Teile  der  Gesellschaft,  die  am  vollständigsten  mit  ihr  im  Widerspruch
sich  zu  befinden  scheinen  und  am  dringendsten  der  Versöhnung  mit
ihr  bedürfen.  Das  allgemein  Verständliche  des  Benthamismus  wurde  in
zwei  deutlichen  Richtungen  verwirklicht.  Einmal  wurde  eine  Reform
des  Justizwesens  angebahnt,  und  zweitens  vollzog  sich  eine  Ausgestaltung ­
  der  politischen  Demokratie,  eine  Erhöhung  politischer  Gerechtigkeit ­
  und  Freiheit.  Der  gesunde  Menschenverstand  des  Sozialismus
setzt  sich  praktisch  auf  den  Gebieten  der  Reichtumsverteilung,  des
Einschätzungs-  und  Steuerwesens,  der  Heilung  der  Mängel  der  kapitalistischen ­
  Anarchie:  wie  Arbeitslosigkeit,  Unterernährung  der  Kinder
und  übermäßige  Arbeitszeit,  durch.  Er  befaßt  sich  mit  der  sozialen  Gerechtigkeit ­
  und  Freiheit.  Die  nächstfolgende  Phase  im  legislativen  Prozeß ­
  beginnt  dann,  wenn  die  gesetzgebende  Körperschaft  aufgefordert
wird,  die  Anwendung  der  neuen  Gedanken  auf  ganz  bestimmte  Punkte
zu  sanktionieren.  Auf  dieser  Stufe  muß  den  Wahlen  mit  ihren  Aufrufen, ­
  Argumenten  und  Stimmabgaben,  der  wichtigste  Platz  eingeräumt ­
  werden 1 .  Im  Vorübergehen  muß  jedoch  bemerkt  werden,  daß
die  Vollständigkeit  der  demokratischen  Kontrolle  sehr  von  der  Weite
der  Programme  abhängt.  Sind  sie  so  nichtssagend,  daß  die  Wahl  nur
eine  Art  Referendum  darstellt  —  wie  es  1900  der  Fall  war,  wo  der  südafrikanische ­
  Krieg  das  einzigste  Streitobjekt  bildete  —,  so  ist  die  demokratische ­
  Kontrolle  über  die  Gesetzgebung  gering.  Strotzen  sie  dangen ­
  von  Versprechungen,  wie  das  Programm  von  Newcastle,  so  erweist ­
  sich  die  demokratische  Kontrolle  für  nicht  minder  schwach,  denn
die  vorgelegten  Fragen  sind  zu  unbestimmt  und  stiften  Verwirrung  an.
Programme  entwerfen  ist  eine  Kunst,  die  auf  die  Frage  der  Lebensdauer ­
  der  Parlamente  unmittelbar  zurückwirkt.
Eine  kurze  Bemerkung  ist  hier  nicht  unangebracht.  Als  ein  Teil  des  Kapitels,
das  sich  mit  dem  Proportional  Wahlsystem  befaßt,  in  der  Socialist  Review  erschien,
brachte  die  Daily  News  einen  Leitartikel  als  Entgegnung.  Es  wurde  darin  ausgeführt, ­
  daß  ein  Teil  meiner  Kritik  gegenstandslos  würde,  wenn  man  die  Wahlversammlungen ­
  und  die  Wahlliteratur  einschränkte  und  die  Aufrufe  usw.  an  den
Anschlagwänden  unterließe.
7  Mac  D-  •  -  -  -

°nald,  Sozialismus

97
        <pb n="121" />
        Ein  weiteres  Stadium  wird  mit  der  Gesetzesschöpfung  und  der  Durchführung ­
  des  festgestellten  Willens  der  Gemeinschaft  eingeleitet.  Wie
ich  bereits  betont  habe,  verbieten  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse
auf  dieser  Stufe  dem  Volke,  an  solchen  Handlungen  direkt  teilzunehmen, ­
  abgesehen  von  höchst  bedeutsamen  Ausnahmefällen.  Dem  Volke
diese  Funktion  aufzwingen  zu  wollen,  käme  dem  Versuche  gleich,  die
soziale  Organisation  herabzudrücken  und  müßte  sie  genau  so  unwirksam ­
  machen,  wie  es  die  Physiologie  der  Cölenteraten  für  das  Leben  der
Säugetiere  erster  Ordnung  wäre.  Was  andere  Schulmeinungen  auch
immer  vorschlagen  mögen,  der  Sozialismus  stellt  sich  nicht  solche  unmöglichen ­
  Probleme.  Ihm  liegt  es  ob,  einen  hohen  Typus  der  sozialen
Organisation  mit  individueller  Freiheit  zu  vereinen.  Programmforderungen ­
  zu  Gesetzen  zu  erheben,  muß  zum  Aufgabenkomplex  eines  hochentwickelten
  Organs  der  Gesellschaft  gehören.
In  der  letzten  Phase  spielt  das  Volk  die  einzige  Rolle.  Nachdem  die
Gesetze  erprobt  worden  sind,  muß  das  Volk  sie  entweder  gutheißen  oder
verurteilen.  Haben  sie  ihren  Zweck  verfehlt?  Haben  sie  mehr  Befürchtungen ­
  hervorgerufen  als  Hoffnungen  erweckt  ?  Kann  man  ihnen  in
den  Grundzügen  zustimmen?  Haben  sie  die  Verhältnisse  mehr  zerrüttet
als  geordnet?  Hierüber  hat  das  Volk  bei  den  Wahlen  zu  entscheiden.
Sein  Votum  kreiert  und  stürzt  Regierungen.
Der  Gang  der  demokratischen  Gesetzgebung  erscheint  mir  so,  wie  ich
ihn  vorstehend  geschildert  habe.  Sie  muß  eine  umfassende  Idee  oder
Gesinnung  in  vielerlei  Formen  und  Richtungen  verkörpern.  Jeder  konstitutionelle ­
  Wechsel,  der  die  Tendenz  hat,  die  Geschlossenheit  eines
Programmes  zu  durchbrechen  und  das  Volk  zu  ermuntern,  für  einzelne
und  nicht  für  Gruppen  von  Maßregeln  zu  stimmen,  die  alle  gleichmäßig
notwendig  sind,  wenn  die  Zeitideen  ausgeführt  werden  müssen,  ist  reaktionär ­
  und  hemmt  die  organische  Entwicklung,  den  Fortschritt  des
sozialen  Willens  auf  der  ganzen  Linie.  Weder  in  dieser  Hinsicht  noch
in  anderen  Punkten  schließe  ich  mich  daher  den  hypothetischen  Gegenstücken ­
  einer  alten  politischen  Phraseologie  an:  ob  wir  für  Maßregeln
oder  für  Männer  stimmen  sollen.  Solange  sich  Maßregeln  nicht  mit
Männern  verbinden  und  sich  Männer  nicht  an  Maßregeln  knüpfen,  sind
beide  äußerst  nutzlos.
Die  Genesis  und  das  Leben  einer  Idee,  die  durch  eine  politische  Periode ­
  hindurch  fruchtbringend  ist,  verlaufen  folgendermaßen.  Die  Idee
        <pb n="122" />
        wird  im  Geiste  eines  oder  weniger  Menschen  konzipiert.  Sie  fällt  nicht
vom  Himmel  herab,  sondern  entsprießt  den  Verhältnissen.  Um  politisch ­
  wirkungsvoll  zu  werden,  erhält  sie  in  einer  Partei  Form  und  Bestimmtheit. ­
  Hier  wird  sie  gehegt  und  gepflegt  und  bekommt  schließlich ­
  in  Gestalt  eines  Programmes  einen  festen  Körper.  Hierdurch  verschafft ­
  ihr  die  Partei  Anerkennung  in  den  Gesetzen  und  ist  darauf  bedacht, ­
  daß  sie  das  ganze  Gesellschaftsleben  durchdringe.  Hat  sie  dann
ihren  praktischen  Zweck  erfüllt,  so  gebiert  sie  eine  neue  Idee:  sie  gehört
der  Geschichte  an.  Soll  sie  aber  weiter  richtunggebend  sein,  so  führt  sie
auf  falsche  Bahnen.  Auch  die  Geschichte  der  Parteien  vollzieht  sich
nicht  anders.
Hieraus  ergibt  sich  als  Korollarium  die  Berechtigung  für  das  Dasein
der  politischen  Parteien.  Weitgreifende,  umspannende  Ideen  können
von  isolierten  Individuen  nicht  gefördert  werden.  Hierzu  bedarf  es  der
Vereinigung  von  Individuen,  die  ein  gemeinsames  Ziel  aufstellen  und
es  gemeinsam  zu  erreichen  streben.  Jede  Partei  hat  verschiedene
Lebensperioden.  Eine  von  ihnen  zeigt  uns  nach  ihrem  Ablauf  die
Parteiorganisation,  wie  sie  mehr  durch  Tradition  als  durch  ein  Lebensprinzip
  zusammengehalten  wird.  An  dieser  Phase  darf  jedoch  das
System  der  Regierung  durch  Parteien  nicht  beurteilt  werden.  Um  der
Propagierung  einer  Idee  Schwungkraft  zu  verleihen  und  sie  zu  systematisieren ­
  und  um  den  Programmforderungen,  zu  denen  der  neue  Gedanke ­
  sich  verdichtet  hat,  Anhänger  zu  gewinnen,  muß  eine  Partei
gegründet  werden.  Sie  vereinigt  die  Personen,  die  denselben  Glauben
haben  und  ein  gemeinsames  Ziel  verfolgen.  Den  einzelnen  Willen  beaufsichtigt ­
  sie,  so  daß  er  im  Effekt  ein  sozialer  wird.  Gegen  das  in  der
Politik  auftretende  persönliche  Interesse  bildet  sie  ein  Gegengewicht,
und  von  verschiedenen  möglichen  Methoden  der  Staatskunst  wählt  sie
diejenige,  die  am  allgemeinsten  Zustimmung  findet.  Sie  schärft  jene
Mäßigung  und  Selbstbeherrschung  ein,  die  das  Wesen  der  Ordnung
und  eine  Bedingung  organischen  Fortschrittes  sind.
Für  den  Sozialisten  erhält  diese  Art  der  Betrachtungsweise  eine  besondere ­
  Bedeutung;  denn  sie  bestimmt  die  Natur  der  Beziehungen,  die
zwischen  dem  Sozialismus  und  den  politischen  Parteien  herrschen  sollen.
Der  Sozialismus  ist  ein  Aufriß  von  der  zukünftigen  Gesellschaft,  wenn
sie  ein  weiteres  Stadium  ihrer  Entwicklung  vollendet  hat;  eine  politische ­
  Partei  verkörpert  dagegen  ein  praktisches  Aktionsprogramm,

7

99
        <pb n="123" />
        100

mit  dem  sie  in  die  Tageskämpfe  eingreifen  will.  Der  Sozialist  spricht
jedem  das  Recht  ab,  sich  so  zu  nennen,  es  sei  denn,  er  glaube  an  die
Wahrheit  gewisser  Lehren  und  daß  bestimmte  Dinge  geschehen  müssen.
Doch  wie  machtvoll  auch  der  Gedanke  bei  der  Gestaltung  der  Schicksale ­
  wirken  möge,  er  muß  sich  erst  in  der  Praxis  bewähren,  auf  verwilderten ­
  Wegen  müssen  seine  idealen  Ausprägungen  erreicht  werden.
Die  Entfernung  zwischen  dem  „Sein“  und  dem  „Soll  sein“  muß  durchmessen ­
  werden.  Die  Tagesereignisse  sind  politische  Geschehnisse,  die
Geschichte  des  Tages  ist  die  Geschichte  der  politischen  Parteien.  Unwiderstehlich ­
  drängt  sich  deshalb  die  Schlußfolgerung  auf,  daß  die  Sozialisten, ­
  die  im  politischenLeben  stehen,  sich  nicht  dieSchaffung  einer  dogmatisch ­
  sozialistischen  Partei  zum  Zwecke  setzen  sollten,  sondern  einer
Partei,  die  dem  Sozialismus  entgegenschreitet.  Die  sozialistischen  Voraussetzungen ­
  gleichen  dem  Lichte  und  der  Luft,  sie  werden  zu  den
Lebensbedingungen  des  Volkes,  das  ebensowenig  imstande  ist,  über
sie  zu  theoretisieren  und  dogmatisieren,  sie  zu  erklären  und  ihre  wissenschaftlichen ­
  Formeln  herunterzuplappern,  als  es  fliegen  kann.  Der  Ruf
nach  einer  dogmatisch  sozialistischen  Partei  schallt  noch  aus  der  revolutionären ­
  Periode  herüber,  oder  er  ist  eine  Nachahmung  von  Methoden,
die  Ländern  angemessen  sind,  wo  die  parlamentarische  Regierungsform
nur  dem  Scheine  nach  existiert.  Bei  uns  ist  eine  Partei  vonnöten,  die  den
sozialistischen  Gesichtspunkt  akzeptiert  und  der  bei  der  Behandlung
des  Industrieproblems  der  Gesellschaft  die  sozialistischen  Postulate
als  regulative  Idee  vorschweben.  Wenn  meine  Vorstellung  über  die
Art  und  Weise,  wie  die  Parteien  die  Ideen  repräsentieren  und  sie  naturgemäß ­
  zurVollendung  und  Reife  bringen,  richtig  ist,  so  muß  der  Sozialismus ­
  durch  eine  sozialisierende  politischePartei  und  nicht  durch  eine  dogmatisch ­
  sozialistische  herbeigeführt  werden.  So  seltsam  es  auch  klingen
mag,  das  Kommen  des  Sozialismus  wird  durch  eine  sozialistische  Partei, ­
  die  vermeint,  sie  wäre  einer  sozialisierenden  überlegen,  verzögert
werden,  weil  ihre  Methoden  denen  entgegengesetzt  sind,  nach  welchen
sich  die  Gesellschaft  entwickelt.  Außerdem  spotten  die  Formen  gesellschaftlicher ­
  Dynamik  in  allem,  was  das  soziale  Wachstum  betrifft,  den
dogmatischen  Wünschen  und  Schöpfungen  der  Menschen.  Jene  Sozialisten, ­
  die  sich  einbilden,  daß  einer  dogmatisch  sozialistischen  Partei
besondere  Tugenden  anhaften,  lehnen  es  nicht  allein  ab,  sich  zur  Erreichung ­
  ihrer  Ziele  der  vorhandenen  Mittel  zu  bedienen,  sondern  sie
        <pb n="124" />
        versuchen  noch  obendrein,  auf  stacheligem  und  unfruchtbarem  Wege
eine  Maschine  aufzubauen,  die,  sollte  ihnen  die  Konstruktion  gelingen,
nicht  anders  als  der  moderne  Mechanismus  funktionieren  kann,  dessen
Mechanik  sie  doch  so  verschmähen.
Eine  Demokratie  ohne  Partei  wäre  eine  Menge  ohne  Ziel.  Jede  Person ­
  würde  den  Verlockungen  ihrer  eigenen  persönlichen  Interessen  oder
ihres  eigenen  persönlichen  Willens  folgen.  Ein  politischer  Staatsverband ­
  ohne  Parteien  gliche  einem  moralischen  Staatswesen  ohne  das  Institut ­
  der  Familie:  beide  könnten  auf  die  Dauer  nicht  existieren.  Oder
um  die  symbolische  Vergleichung  zu  variieren:  die  Parteien  leisten  dem
Strome  des  Fortschrittes,  der  seine  Fluten  unaufhörlich  zum  Ozeane
der  Vollendung  rollt,  denselben  Dienst,  den  die  natürliche  Terrainformation ­
  eines  Landstrichs,  welche  die  Bäche  einfängt  und  sie  in  ein  gemeinsames ­
  Bett  leitet,  einem  Flusse  erweist.  Als  eine  politisch  wirkende ­
  Ursache  muß  das  Volk  die  Fähigkeit  entwickeln,  seinen  eigenen
Willen  auszudrücken  und  eine  Methode  zur  Geltendmachung  dieses
Willens  zu  entdecken.  Nur  die  Parteien  in  irgendeiner  Form  oder  Gestalt ­
  ermöglichen  dies  allein.  Der  Unterschied  zwischen  einem  Parlamente, ­
  das  in  seiner  Politik  die  Kontinuität  bewahrt  und  ununterbrochen, ­
  jahraus  jahrein,  seinenLauf  verfolgt,  und  einer  Reihe  vereinzelter ­
  Zusammenkünfte,  auf  denenReihen  getrennter  Gegenstände  beraten
werden,  besteht  darin,  daß  indem  einenFalle  die  Parteien  alsVorinstanz
dafür  sorgen,  daß  die  Fragen  nicht  „rein  meritorisch“  behandelt  werden, ­
  sondern  in  Beziehung  auf  allgemeine  Prinzipien  und  in  verbundenen ­
  Gruppen,  während  in  dem  zweiten  Falle  jene  Führung  mangelt
und  die  Entscheidungen  in  keinem  Zusammenhänge  stehen,  von  keiner
allgemeinen  Idee  getragen  werden.  Folgenreiche  Ereignisse  müssen  mit
kausalen  Geschehnissen  verknüpft  werden,  in  allen  Richtungen  sind  die
Ideen  und  Prinzipien  anzuwenden.  Was  deshalb  so  oft  an  Parteien  bemängelt ­
  wird,  daß  ihre  Mitglieder  sie  nämlich  als  Ganzes  nehmen  müssen
oder  überhaupt  nicht,  mag  damit  zutreffend  begründet  werden  können,
daß  die  Partei  zu  autoritär  geworden  ist.  Wahrscheinlicher  ist  jedoch,
daß  es  die  Tatsache  anzeigt,  daß  die  Partei  der  folgerichtige  und  organische ­
  Weg  für  die  Anwendung  eines  Grundsatzes  ist  und  sie  daher  ungeteilt ­
  und  nicht  stückweise  akzeptiert  werden  will.  Das  Dasein  von
Parteien  bürgt  dafür,  daß  ein  richtunggebender  Strom  durch  die
menschlichen  Angelegenheiten  fließt.  Man  darf  die  Augen  nicht  vor

101
        <pb n="125" />
        102

der  Tatsache  schließen,  daß  die  Parteien  heute  in  ihrer  realen  Tätigkeit ­
  weit  von  ihrem  idealen  Werte  entfernt  sind  und  oft  das  schimpfliche ­
  Epitheton  „Faktion"  verdienen.  Doch  bergen  sie  in  der  Regel
auch  ideale  Impulse,  und  was  uns  obliegt,  ist  nicht,  die  Parteien
wegen  ihrer  Mängel  zu  zerstören,  sondern  ihre  besseren  Äußerungen
zu  verstärken.
Die  Entwicklung,  die  die  britische  Politik  jüngst  durchgemacht  hat,
hat  zu  der  Ventilation  der  Frage  geführt,  wieviel  Parteien  wohl  erfolgreich ­
  nebeneinander  im  Staate  existieren  können.  Bis  zu  einem  hohen
Grade  hängt  dies  offenbar  von  den  Umständen  ab.  Sind  politische
Fragen  gut  geklärt,  so  genügen  natürlich  zwei  Parteien,  obgleich  eingewandt ­
  werden  kann,  daß  zwei  Parteien  die  verschiedenen  Bestandteile ­
  —  hauptsächlich  die  Ideen  und  die  Interessen  —,  aus  denen  die
gegenüberliegenden  Heerlager  sich  zusammensetzen,  selbst  unter  den
denkbar  günstigsten  Verhältnissen  viel  zu  sehr  vereinfachen,  schabionisieren, ­
  und  daß  das  Gruppensystem  die  Volksmeinung  getreuer  verträte ­
 1 .  Hiermit  stimme  ich  jedoch  nicht  überein.  Meistens  können  die
Ziele  der  Fortschrittspartei  und  die  Forderungen  der  Partei  des  Status
quo  in  klarer  und  allgemeinerWeise  formuliert  werden.  Außerdem  müssen ­
  Parteien  stets  Meinungsschattierungen  enthalten,  die  sich  jedoch
um  ein  Parteizentrum  gruppieren.  Eine  Partei  ist  eine  Organisation  von
Gruppen,  die  in  ihr  im  ganzen  eine  kongenialere  Waffengemeinschaft
finden  als  in  einer  anderen  Kombination  und  in  ihrem  Rahmen  eine
größere  Wirksamkeit  entfalten  können,  als  wenn  sie  ihr  nicht  angegliedert ­
  wären.  Die  Farbenabtönungen  bewahren  die  Partei  vor  dem
Stillstand  und  der  Sprödigkeit;  denn  das  Gleichgewicht  der  in  ihr  vertretenen ­
  Meinungen  verschiebt  sich  immer  wieder.
Werden  j  edoch  die  politischen  Probleme  durch  das  Ausleben  der  alten
Ideen  verwirrt,  so  neigen  die  Parteien  zur  Zersplitterung  und  zur  Auflösung ­
  in  eine  Serie  von  Gruppen,  die  sich  von  der  äußersten  Linken
bis  zur  extremsten  Rechten  kettenförmig  gliedern.  Auch  entsteht  gewöhnlich ­
  eine  neue  und  unabhängige  Partei,  wenn  eine  neue  erobernde
Idee,  wie  der  Sozialismus,  auftaucht,  oder  wenn  eine  Parteiorganisation
von  einem  ihrer  äußersten  Flügel  aus  anderen  als  politischen  Gründen
beherrscht  wird,  wie  die  Whigs  die  Politik  des  Liberalismus  in  seiner
1  Siehe  Kapitel  III,  Abt.  4.  Irland  bildet  einen  unserem  gegenwärtigen  politischen
Zustand  entsprechenden  Spezialfall.
        <pb n="126" />
        103

Frühzeit  auf  Grund  historischer  Tradition  zu  bestimmen  suchten.  Ob
aber  die  neue  Partei  eine  getrennte  Gruppe  bleiben  wird,  hängt  nicht
wenig  von  der  Wahlmaschinerie  ab.  Zum  Beispiel  würde  die  Einführung ­
  des  Stichwahlsystems  oder  der  Verhältniswahl  bei  uns  die  Wählerschaft ­
  in  Gruppen  spalten  und  sie  der  Notwendigkeit  entheben,  die
Gruppen  zu  einer  geschlossenen  Parlamentsmehrheit  zu  vereinigen.
Diese  Aufgabe  fiele  dann  den  parlamentarischen  Vertretern  zu.  Wo
aber,  wie  gegenwärtig  in  Großbritannien,  der  Wahlapparat  das  Gruppenwesen ­
  nicht  begünstigt  und  der  parlamentarische  Brauch  akademischer ­
  und  dogmatischer  Politik  keinen  Nährboden  bietet,  zeigen  die
Gruppen  die  Tendenz,  durch  Koalition  und  Anpassung  zu  verschwinden. ­
  Ein  Spaltungs-  und  Assimilationsprozeß  begleitet  das  Vorrücken
neuer  Ideen.  Unter  der  Herrschaft  des  Gruppensystems  bringt  eine
neue  politische  Idee  eine  neue  Gruppe  hervor,  während  die  alten
Gruppen  zuerst  hübsch  stationär  bleiben.  Die  neue  Gruppe  ist  isoliert,
ihre  Bestrebungen  ergreifen  nicht  die  draußen  stehenden  Massen,  ausgenommen ­
  durch  eine  vollständige  Bekehrung.  Inzwischen  verbinden
sich  die  alten  Gruppen  zu  „Blocks“,  um  nach  altem  Schema  weiter  zu
regieren;  langsam  und  katastrophenartig  vollzieht  sich  dann  der  Fortschritt. ­
  Noch  nachdem  alles  Leben  längst  aus  ihnen  entflohen  ist  und  sie
in  andere  Formen  übergehen  müßten,  setzen  die  alten  Gruppen  ihr
Schattendasein  fort.  Leicht  durchdringen  dagegen  unter  dem  Parteisystem ­
  die  neuen  Ideen  die  Masse  der  aktiven  Parteiangehörigen.  Die
Partei,  die  mit  dem  ganzen  Volke  in  Fühlung  bleiben  muß,  ist  für  veränderte ­
  Standpunkte  des  Volkes  viel  empfänglicher  als  die  Gruppe,
die  nur  an  eine  besondere  Schicht  oder  eine  kompakte  Strömung  von  Anschauungen ­
  appelliert.  Von  Grund  aus  wird  die  Partei  umgestaltet.
Als  Assimilationsprodukt  und  Erzeugnis  des  konsequenten  Wechsels
erscheint,  vielleicht  unter  dem  alten  Firmenschilde,  eine  neue  Partei.
Auf  diese  Weise  verwirklicht  sich  der  Aufstieg  durch  einen  organischen
Wachstumsprozeß.  Die  nationale  Wohlfahrt  zieht  hieraus  nur  Nutzen;
denn  eine  beständig  wechselnde  Gruppierung  von  Minoritäten,  die  zur
Bildung  von  Majoritäten  ohne  anderes  gemeinsames  Verbindungsband
als  zeitweiligen  Vorteil  oder  vorübergehende  Notwendigkeit  führt,  ist
eine  der  schlimmsten  Formen,  die  Regierungen  annehmen  können.
Einige  Sozialisten  befürworten  in  hellem  Widerspruch  mit  ihren
eigenen  Lehren  das  Gruppensystem,  da  es  zur  Freiheit  der  Wähler  bei-
        <pb n="127" />
        104

trage,  wie  sie  behaupten.  Doch  dies  ist  ein  Irrtum.  Nur  wo  eine  Majorität ­
  vorhanden  ist,  kann  eine  verantwortliche  Regierung  bestehen.
Keine  Gruppe  kann  aber  heute  zur  Majorität  gehören  und  sich  morgen
wieder  von  ihr  lösen.  Die  Gruppe,  die  sich  mit  anderen  Gruppen  zur
Konstituierung  eines  Ministeriums  koaliert  hat  oder  die  trotz  ihrer  Unabhängigkeit ­
  keinen  Regierungswechsel  wünscht,  muß  die  Majorität
bei  den  verschiedensten  Gelegenheiten  beharrlich  unterstützen,  wenn
ihre  Abstimmungen  die  parlamentarische  Situation  beeinflussen.  Die
Vorstellung,  daß  es  einer  parlamentarischen  Gruppe  erlaubt  wäre,
einen  Tag  die  Regierung  zu  installieren,  um  sie  den  nächsten  Tag  wieder ­
  zu  stürzen,  ist  einfach  albern,  so  schön  sich  dieser  Gedanke  auch
auf  dem  Papiere  ausmacht.  Alles  in  allem  genommen,  scheint  mir  nun
die  außerhalb  des  Parlaments  vollzogene  Verschmelzung  der  Gruppen
weit  besser  zu  sein  als  ihre  Koalition  in  der  gesetzgebenden  Körperschaft.
Draußen  im  Lande  wird  es  ein  natürlicher  Prozeß  sein.  Alle  Gruppen  der
Linken  werden  zur  Linken  gravitieren,  die  Gruppen  der  Rechten  zur
Rechten;  sie  werden  übereinstimmend  handeln  und  denselben  allgemeinen ­
  Impulsen  gehorchen.  So  werden  sich  zwei  Parteien  bilden,  die
jede  ihren  Schwerpunkt  hat,  der  nicht  durch  das  Feilschen  parlamentarischer ­
  Dirigenten  und  durch  den  Handel  mit  parlamentarischen  Ämtern, ­
  sondern  durch  die  öffentliche  Meinung  bestimmt  wird.  Und  so
kehre  ich  zu  meinem  Argumente  zurück,  dessen  ich  mich  schon  in  einem
früheren  Kapitel  bedient  habe:  Das  System  der  Regierung  durch  Gruppen ­
  ist  nicht  so  demokratisch  als  das  durch  Parteien,  weil  dieses  den
Wählern  ein  höheres  Maß  von  direktem  Einfluß  auf  den  Charakter  der
Regierung  einräumt  als  jenes 1 .
Daß  das  System  der  Parteien  stets  der  Gefahr  ausgesetzt  ist,  in  ein
System  der  Parteigängerschaft  auszuarten,  ist  eine  seiner  Schwächen.
Bedeutend  verschärft  wird  diese  Tendenz  jetzt  durch  die  neue  Theorie
von  der  Opposition,  worüber  ich  mich  schon  verbreitet  habe.  Eine  der
tadelnswertesten  Seiten  der  so  degenerierten  Parteien  ist  ihr  Versuch,
1  Es  ist  unmöglich,  diese  Fragen  nur  abstrakt  zu  behandeln.  So  darf  man  also
nie  vergessen,  daß  Politiker,  die  sich  um  theoretische  Politik  nur  wenig  kümmern,
diese  Seiten  durchjagen  können,  um  passende  Auszüge  für  Parteizwecke  zu  finden. ­
  Ich  möchte  deshalb  kurz  erwähnen,  daß  die  Moral  dieses  Abschnittes  nun
nicht  ist,  die  Arbeiterpartei  sollte  zu  existieren  aufhören.  Sie  soll  nur  ihren  Assimilationsprozeß ­
  weiterführen,  bis  sie  eine  der  beiden  großen  Parteien  geworden  ist
oder  ihre  Grundsätze  und  Ziele  die  einer  der  beiden  großen  Parteien  geworden
sind.
        <pb n="128" />
        105

die  souveräne  Macht  der  Wähler  durch  ihre  Disziplin  und  Organisation
zu  schmälern.  Wenn  die  sozialistische  Demokratie  an  der  Auffassung
vom  Abgeordneten  als  einem  bloßen  Diener  Anstoß  nimmt,  so  hat
sie  die  Vorstellung,  die  dem  Volksvertreter  eine  Herrenrolle  vindiziert,
nicht  minder  kräftig  zu  perhorreszieren.  Er  ist  ein  Teil  einer  spezialisierten ­
  Funktion  der  Gesellschaft,  genau  so  wie  ein  Klavierstimmer
oder  ein  Schornsteinfeger,  ein  Zimmermann  oder  ein  Schuhmacher,
ein  Rechtsanwalt  oder  ein  Geigenspieler.  Doch  kann  er  sich  unter  dem
Schutze  der  Parlamentsmehrheit,  zu  der  er  gehört,  und  im  Vertrauen
auf  die  Organisation  und  die  Tradition  seiner  Partei  Unterlassungen
oder  Handlungen  schuldig  machen,  die  die  Volkssouveränität  verletzen. ­
  Wie  kann  diesem  Einhalt  geboten  werden?  Wahlmechanismen,
wie  Stichwahl  oder  Proportionalwahlsystem,  können  hierin  offenbar
keinen  Wandel  schaffen.
Die  Volkssouveränität  anzutasten  wagt  nur  dann  eine  Partei,  wenn
sie  vor  dem  Volksgericht  bei  den  Wahlen  durch  eine  so  große  Zeitspanne ­
  geschützt  ist,  daß  sie  annehmen  kann,  ihre  Taten  werden  vergessen ­
  sein,  bevor  sie  wieder  an  das  Land  appellieren  muß.  Auch  eine
Quelle  vieler  Pflichtversäumungen  der  Abgeordneten  ist  der  Umstand,
daß  man  den  Wahltermin  noch  in  ziemlicher  Entfernung  weiß.  Deshalb ­
  muß  die  Körperschaft,  der  die  Wählerschaft  jeweilig  die  höchste
staatliche  Machtfülle  delegiert  hat,  mit  dem  souveränen  Volke  in
engster  Fühlung  bleiben.  Aus  diesem  Grunde  müßten  kürzere  Legislaturperioden ­
  nicht  allein  die  Gefahr  mißbräuchlicher  Anwendung  der
Parteigewalt  verkleinern,  sondern  auch  die  von  der  Partei  ausgeübte
Administration  der  Staatsgeschäfte  mit  der  allgemeinen  Stimmung  des
Landes  inniger  in  Einklang  bringen.
Ferner  könnten  wir  hierdurch  eine  andere  wertvolle  Maxime  guter
Regierung,  wie  sie  sich  vom  allgemeinen  Standpunkt  dieser  Studie  ergibt, ­
  wirksam  machen,  ohne  die  Gefahr  zu  befürchten,  die  langlebige
Parlamente  involvieren.  Von  seiner  funktionellen  Seite  aus  betrachtet, ­
  braucht  das  Parlament  nicht  einfach  mikrokosmisch  die  Meinungen ­
  aller  Volksteile  in  exakt  mathematischen  Verhältnissen  wiederzugeben. ­
  Bedingung  ist  nur,  daß  eine  Minderheit  von  Wählern  nicht
durch  eine  Mehrheit  von  Abgeordneten  vertreten  werde.  Ist  dies  erfüllt, ­
  so  ist  das  Land  mit  einer  gut  fundierten  Regierung  desto  besser
daran.  Denn  eine  Regierung,  die  von  der  Gnade  der  Opposition  lebt
        <pb n="129" />
        106

oder  von  Scheingefechten  gegen  die  Opposition  abhängt  oder  auf  eine
Gruppe  angewiesen  ist,  die  durch  Konzessionen  befriedigt  werden
muß,  kann  ihre  eigene  Politik  nicht  entwickeln,  kann  ihren  Ideen  und
ihrem  Programm  keine  Entfaltung  gewähren.  Ihr  Werk  ist  deshalb  gebrechlich; ­
  infolgedessen  leidet  das  Land.  Die  demokratische  Souveränität ­
  impliziert  nicht  allein  Macht,  sondern  schließt  auch  Verantwortlichkeit ­
  in  sich.  Jedes  Ministerium  sollte  in  dem  Sinne  eine  verantwortliche ­
  Regierung  sein,  daß  sie  über  eine  Majorität  verfügt,  die
sie  zurVerwirklichung  ihrer  eigenen  Tendenzen  befähigt.  Deshalb  sollte
die  Legislaturperiode  zwei  Erfordernissen  genügen.  Sie  sollte  so  kurz  bemessen ­
  sein,  daß  die  Regierungen  von  ihren  allgemeinen  Instruktionen
nicht  erheblich  abweichen  können,  aber  doch  wieder  ausgedehnt  genug, ­
  daß  die  Regierung  ihre  Gedanken  auszuführen  vermag.  Eine  Dauer
von  3  oder  4  Jahren  scheint  der  goldene  Mittelweg  zu  sein.  Wäre  dies  die
reguläre  Amtszeit  der  Parlamente,  so  verlören  manche  der  beunruhigenden ­
  Probleme,  die  sich  auf  den  Gegensatz  zwischen  parlamentarischer
Freiheit  und  Verantwortlichkeit  einerseits  und  der  Kontrolle  und  Souveränität ­
  des  Volkes  andererseits  beziehen,  ihre  praktische  Bedeutung.
Das  System  der  Regierung  durch  Parteien  zeichnet  sich  jedoch  durch
zwei  häßliche  Eigenschaften  aus,  die  von  den  Kritikern  scharf  ins  Auge
gefaßt  und  auf  den  Markt  gezerrt  worden  sind,  um  dort  an  den  Pranger
gestellt  zu  werden.  Die  eine  ist  der  „Caucus“,  die  andere  das  Kabinett.
Der  „Caucus“  ist  eine  späte  Entwicklung.  Bis  zu  den  Wahlen  von
1874  päsentierten  sich  die  Kandidaten  direkt  den  Wählern.  Stand
mehr  als  ein  Kandidat  von  derselben  allgemeinen  Couleur  im  Felde,
so  wurde  gewöhnlich  eine  provisorische  Wahl  vorgenommen  oder  auf
irgendeinem  anderen  Wege  versucht,  den  überflüssigen  Bewerber  zu
eliminieren.  Dies  war  leicht,  solange  die  Wahlkreise  klein  waren  und
die  mit  dem  Wahlrecht  frisch  ausgestatteten  Wähler  noch  mehr  als
ein  schläfriges  Interesse  für  ihr  neues  Spielzeug,  die  Wahlstimme,  bekundeten. ­
  Im  Jahre  1874  gab  es  nicht  weniger  als  34  Fälle  liberaler
Kandidatenzersplitterung,  was  damals  wesentlich  zur  Niederlage  der
Liberalen  beitrug.  „Offenbar  muß  etwas  geschehen",  sagten  sich  die
Parteiführer.  Die  großen  Kreise  und  der  sorglose  Durchschnittswähler
machten  dies  ziemlich  leicht.  Die  Funktion  der  Nominierung  der  Kandidaten ­
  wurde  differenziert.  Ein  Komitee  ernannte  den  Kandidaten  und
eichte  ihn  mit  dem  offiziellen  Stempel,  so  daß  ihm  niemand  sein  Recht
        <pb n="130" />
        auf  die  Stimmen  der  Partei  streitig  machen  konnte.  Wir  mußten  in
die  Fußstapfen  Amerikas  treten.  Die  Urheber  der  amerikanischen  Verfassung ­
  legten  auf  die  Nominierung  viel  Gewicht.  Sie  waren  es,  die
der  großen  amerikanischen  Freiheitscharte  die  Wählerversammlungen
Neu-Englands  einverleibten.  So  ist  die  Vorversammlung  der  eingeschriebenen ­
  Wähler,  die  ihren  Parteikandidaten  proklamieren,  in  das
politische  Leben  eingeführt  worden.  Sie  hat  gute  Dienste  geleistet,  was
aber  aufhörte,  als  die  Bevölkerung  an  Größe  gewaltig  zugenommen  und
sich  in  ihr  eine  Qualitätsmischung  vollzogen  hatte.  Die  Vorversammlung ­
  kam  unter  die  Herrschaft  politischer  Kampfhähne.  Da  die  demokratische ­
  Masse  nicht  mehr  in  der  Lage  war,  selbst  die  Ernennung  zu
bestimmen,  mußte  sie  zusehen,  wie  sich  die  Mietlinge  der  Parteien  der
Vorversammlung  bemächtigten.  Das  Nominierungsorgan  war  vorhanden, ­
  aber  nicht  die  Möglichkeit,  sich  seiner  zu  bedienen.  Die  Dinge  hatten
sich  verändert.  Was  einst  die  Freiheit  sicherte,  war  ein  Werkzeug  der
Sklaverei  geworden.  Der  „Caucus“  ist  herangewachsen,  weil  es  nötig
war,  aus  der  Masse  der  Wahlberechtigten  Personen  zu  ernennen,  die
sich  mit  der  Nominierung  der  Kandidaten  zu  befassen  hatten.  So  ist
der  „Caucus“  als  die  aktive  Intelligenz  der  Partei  entstanden.  Sobald
die  Wählerschaft  zu  einer  Masse  anschwillt,  ist  sein  Dasein  ein  Bedürfnis. ­
  Ist  die  Masse  schlaff  und  gleichgültig,  so  wird  er  zu  mächtig;
umgekehrt  wird  er  gebeugt  und  eingeschüchtert,  wenn  sie  von  eigenen
Ideen  und  Zielen  aufgewühlt  wird.  Doch  stets  muß  der  „Caucus“  gebildet ­
  werden,  wenn  eine  Partei  machtvoll  wird  und  sich  weithin  erstreckt. ­
  Bei  uns  ist  diese  Einrichtung  so  schnell  herangereift,  daß  die
uieisten  Kandidaten,  die  bei  den  Wahlen  von  1880  in  den  städtischen
Wahlkreisen,  und  einige,  die  in  den  Grafschaften  um  das  Mandat  rangen, ­
  von  dem  „Caucus“  nominiert  wurden.  Tatsächlich  waren  alle  jene,
die  sich  1885  um  die  Vakanzen  bewarben,  in  dem  Sinne  regulär,  als
sie  die  Feldzeichen  des  „Caucus“  trugen  und  jeden  anderen  „Verräter“
nennen  konnten 1 .
In  seinem  Buche:  Government  of  England,  II.,  pp.  77  nnd  ff.,  unternimmt  es
Herr  Lowell,  das  Wachstum  des  Parteiwesens  in  unserem  parlamentarischen  Leben
zu  schätzen,  indem  er  die  Abstimmungen,  die  in  einer  Serie  von  Jahren  im  Unterhause ­
  stattgefunden  haben,  klassifiziert.  In  Prozenten  ausgedrückt,  gibt  er  über
die  streng  parteiischen  und  die  parteilosen  Abstimmungen  folgende  Aufstellung:

1836

1850

1860

1871

1881

1894

1899

22.65

I5-89

6.22

35-16

46-73

76.03

68.95

2 5-97

33-96

5°- I 9

18.75

9-05

4-13

2.28

Parteigemäß
Parteilos
        <pb n="131" />
        108

Als  die  Unabhängige  Arbeiterpartei  (Independent  Labour  Party)
und  später  die  Arbeiterpartei  (Labour  Party)  entstanden 1 ,  hatten  sie
ihre  ersten  Scharmützel  mit  den  „Caucussen“  der  anderen  Parteien  auszufechten, ­
  aber  bald  haben  sie  sich  ihr  eigenes  Nominationsorgan  geschaffen. ­
  Heute  hat  die  Arbeiterpartei  die  durchgebildetste  und  gleichzeitig ­
  die  demokratischste  Form  der  Kandidatenernennung.  Jede  Gewerkschaft ­
  oder  sozialistische  Organisation  eines  Wahlkreises  kann  die
Einberufung  einer  Konferenz  fordern,  auf  der  alle  Gewerkvereine  und
sozialistischen  Gruppen  des  Wahlkreises  vertreten  sind,  um  gemeinsam
darüber  zu  beraten,  ob  eine  Arbeiterkandidatur  unterstützt  werden  soll
oder  nicht.  Wird  ihre  Begünstigung  beschlossen,  so  ergeht  an  sämtliche
der  Partei  affiliierten  Organisationen  der  Ruf,  geeignete  Kandidaten
vorzuschlagen.  Eine  besondere  Konferenz  wird  dann  abgehalten,  um  die
Auswahl  vorzunehmen;  manchmal  erfolgt  die  endgültige  Auswahl  sogar ­
  durch  Urabstimmung  aller  Mitglieder  des  Wahlkreises.  Für  politische ­
  Agenten  ist  es  sehr  schwer,  diesen  Nominationsmechanismus
in  ihre  Gewalt  zu  bringen,  obgleich  er  gegen  die  Angriffe  einer  streberhaften ­
  Tätigkeit  nicht  lückenlos  gepanzert  ist.  Er  ist  mit  einer
demokratischen  Macht  ausgerüstet,  worüber  die  Exekutivorgane  der
übrigen  politischen  Parteien  nicht  verfügen.  Die  Überlegenheit  des
„Caucus“  der  Arbeiterpartei  ist  unzweifelhaft  darauf  zurückzuführen,
daß  die  finanzielle  Grundlage  der  Partei  demokratisch  ist.  Da  die  anderen ­
  Parteien  hauptsächlich  von  den  Geldzuwendungen  wenigerLeute
abhängen,  deren  Einfluß  sich  natürlich  an  ihren  wertvollen  Diensten
mißt,  so  kann  der  „Caucus“  nicht  streng  im  Sinne  der  großen  Masse  der
Parteiangehörigen  handeln.  Wohl  mag  die  Parteidisziplin  dem  „Caucus' ­
  '  noch  eine  Zeitlang  die  nötige  Unterstützung  gewähren,  aber  früher
oder  später  wird  die  breite  Anhängerschaft  fragen,  weshalb  sie  Beschlüssen ­
  gehorchen  soll,  die  ohne  ihr  Mitwirken  gefaßt  werden.  Hiergegen ­
  ist  die  Arbeiterpartei  sorgfältig  geschützt.
Es  ergibt  sich  also  folgende  Situation.  Wenn  in  einer  Partei  eine  Ernennungsinstanz ­
  vorhanden  ist,  so  sollte  sie  von  der  Meinung  der
ganzen  Partei  streng  abhängig  sein.  In  die  Hände  einiger  Parteibeamten ­
  oder  reicher  Mitglieder  darf  sie  nicht  fallen.  Die  gewöhnliche  Par-1
  Ihren  ersten  politischen  Wahlkampf  hat  die  Unabhängige  Arbeiterpartei  im
Jahre  1892  in  West  Bradford  geführt,  obgleich  sie  sich  erst  das  folgende  Jahr  eine
nationale  Organisation  geschaffen  hat.  Die  Arbeiterpartei  hat  zuerst  bei  den  allgemeinen ­
  Wahlen  von  1900  eingegriffen.
        <pb n="132" />
        109

t  ei  Wachsamkeit  und  einige  mechanische  Schutzeinrichtungen  können
dies  schon  erreichen.  Mangelt  es  jedoch  an  einem  Nominierungsorgan
und  treten  die  Kandidaten  aus  eigenem  Antriebe  in  die  Arena,  so  ist
irgendeine  Form  der  Stichwahl  oder  des  Proportionalwahlsystems  nötig. ­
  Ich  möchte  mich  nicht  wiederholen.  Was  ich  ausdrücklich  hervorzuheben ­
  wünsche,  ist  nur  die  Schlußfolgerung,  daß  die  ungeordnete  Menge
fürNominationszwecke  wertlos  ist  und  für  die  Erledigung  geschäftlicher
Angelegenheiten  nicht  ihr  eigener  Vollstreckungsausschuß  sein  kann.
Etwas  dem  „Caucus“  Verwandtes  wird  nötig.  Hiermit  verschlingt  sich
das  Problem,  wie  eine  solche  Einrichtung  der  Meinung  der  Partei
passend  untergeordnet  werden  kann.  Trotz  seines  häßlichen  Namens
muß  sich  der  „Caucus“  in  jeder  Partei,  die  über  zahlreiche  Mitglieder
gebietet  und  eine  Politik  großen  Stils  betreibt,  stets  vorfinden.
Doch  die  ganze  Kraft  der  Kritik,  die  sich  am  System  der  Regierung
durch  Parteien  versucht  hat,  ist  wohl  gegen  das  System  der  Kabinette
gerichtet  worden.  Beim  ersten  Anblicke  erscheint  eine  Kabinettsregierung ­
  vernunftwidrig.  Daß  eine  Handvoll  Männer,  die  von  einem
Manne  auserkoren  werden,  privatim  Zusammenkommen  und  Staatsgeschäfte ­
  erledigen,  daß  sie  von  Ressort  zu  Ressort  versetzt  werden,
um  das  eine  Jahr  im  Unterrichtsministerium  und  das  nächste  im
Marineamt  zu  erscheinen,  daß  das  Versehen  des  einen  das  aller  anderen
ist,  daß  die  von  ihnen  getroffenen  Entscheidungen  ihrer  Partei  ohne
Diskussion  und  mit  wenig  Aussicht  auf  grundlegende  Verbesserungen
aufgezwungen  werden,  muß  als  ein  wunderbarer  Beweis  von  der
Dummheit  unserer  konstitutionellen  Praxis  erscheinen,  wenn  all  dieses
dann  noch  in  einer  Sprache  vorgetragen  wird,  die  gewählt  ist,  um  die
ersichtliche  Albernheit  selbst  der  farblosesten  Darlegung  des  Systemes
zu  erhöhen.  Jedoch  ist  diese  Folgerung  bei  näherer  Prüfung  nicht  so
einleuchtend.  Ganz  und  gar  verblaßt  sie  aber,  wenn  die  Kritiker  ihre
eigenen  Heilmittel  vorschlagen,  von  der  Kontrolle  der  Ministerialabteilungen
  durch  Ausschüsse  bis  zum  System  der  Ernennung  der  Minister ­
  durch  Wahlen.
Alle  tätigen  Gesellschaften  haben  die  Tendenz,  einen  engeren  Kreis
oder  Rat,  einen  Ausschuß  der  Ausschüsse,  einen  Oberausschuß  (a  Cabinet), ­
  herauszubilden.  Je  wichtiger  ihre  Aufgaben  sind,  desto  nötiger
wird  dies.  Der  Grund  dafür  liegt  darin,  daß  die  Diskussion  wohl  die
Angelegenheit  vieler  ist,  daß  aber  die  Ausführung  nur  einer  oder  we ­
        <pb n="133" />
        110

nigen  Personen  übertragen  werden  muß.  Die  Vielen  haben  Wünsche,
die  Wenigen  wollen.  Das  „Kabinett“  mag  aus  Beamten  oder  einem
Komitee  von  Mitgliedern  zusammengesetzt  sein,  oder  ein  spezielles
Organ  bilden,  das  regelrecht  konstituiert  worden  ist.  Doch  kann
es  auch  gewohnheitsmäßige,  statutarisch  nicht  geforderte  Zusammenkünfte ­
  hervorragender  Mitglieder  einer  Vereinigung  bedeuten,  die  gemeinsam ­
  arbeiten  und  in  solchen  Sitzungen  ihre  Gedanken  auszutauschen ­
  pflegen.  Jedenfalls  existiert  das,,  Kabinett“,  irgendwie  müssen
seine  Funktionen  erfüllt  werden.  Es  ist  im  Londoner  Grafschaftsrat
vorhanden,  wenn  es  auch  dort  nicht  so  offen  zur  Erscheinung  kommt
wie  im  Parlamente.  In  rudimentärer  Form  ist  das  „Kabinett"  fast  in
jedem  bedeutenderen  Stadtrat  anzutreffen 1 ,  obgleich  der  Prozeß  der
,,  Kabinetts“  bildung  niemals  über  bescheidene  Ansätze  hinausgehen
kann,  wo  es  sich  um  reine  Verwaltungsfragen  handelt.  Er  kann  z.  B.
niemals  bis  zur  Stufe  kollektiver  Verantwortlichkeit  emporsteigen,
trotzdem  der  Wechsel  der  Ausschußobmänner,  der  sich  bei  einer  veränderten ­
  Majoritätsgruppierung  im  Stadtrate  vollzieht,  sehr  daran  erinnert. ­
  Das  parlamentarische  „Kabinett"  ist  deshalb  eine  besonders  differenzierte ­
  Form  dessen,  was  in  j  eder  aktiven  Assoziation  vorhanden  ist.
Wir  müssen  nun  die  Einwände  gegen  den  üblichen  Modus  der  Ministerberufung ­
  prüfen.  Es  ist  ganz  richtig,  daß  alte  Gewohnheiten  in  diesen ­
  inneren  Schlupfwinkeln  der  Parteiorganisation  ihr  Dasein  am  längsten ­
  fristen.  Der  Geist  der  Demokratie  durchsäuert  zuerst  die  Gemeinen
in  Reih  und  Glied,  bevor  er  die  Beratungen  des  Offizierkorps  revolutioniert. ­
  Von  Ministerpräsidenten  der  jüngsten  Zeit  weiß  man,  daß
sie  Ämter  an  Verwandte  und  an  „Familien“  gegeben  und  dadurch
ihr  Kabinett  geschwächt  haben.  Dies  nimmt  ab  neben  anderen  alten
schlechten  Gepflogenheiten,  und  die  Parteiführer  kommen  immer
mehr  zu  der  Überzeugung,  daß  sie  sich  mit  einem  Stab  ihrer  tüchtigsten ­
  Anhänger  umgeben  müssen.  Mit  der  öffentlichen  Meinung  muß
bei  der  Konstituierung  eines  Kabinetts  gerechnet  werden 2 .

1  Dr.  Dale  erzählt,  wie  das,,  Kabinett“  des  alten  Stadtrates  von  Birmingham  in  dem
Speisezimmer  einerWirtschaft  zusammenzukommen  pflegte.  Als  ich  einst  eineSpinnerei

  in  Lancashire  besichtigte,  führte  man  mich  in  die  Ecke  eines  der  Fabriksäle
und  benachrichtigte  mich:  „Hier  versammelt  sich  das  .Kabinett'  unseres  Stadtrats." ­
  2  Für  jemand,  der  über  solche  Sachen  theoretisiert,  wird  es  stets  eine  interessante ­
  Tatsache  bleiben,  daß  die  Mängel  des  von  Sir  Henry  Campell-Bannerman
im  Jahre  1905  gebildeten  Kabinetts  nicht  dadurch  verursacht  wurden,  daß  der
Ministerpräsident  seine  Wahl  auf  gewisse  Leute  zu  beschränken  hatte.  Der  Grund
        <pb n="134" />
        111

Vor  allen  Dingen  wird  der  Premierminister  selbst  vom  Volke  bezeichnet, ­
  er  ist  das  nationale  Haupt  seiner  Partei.  Selbst  in  den  Tagen,  wo
es  noch  kein  demokratisches  Wahlrecht  gab,  konnte  Georg  III.  Pitt
nicht  lange  vom  Amte  entfernt  halten.  Die  Königin  Viktoria  konnte
sich  Palmerstons  nicht  entledigen,  solange  das  Volk  fest  zu  ihm  hielt,
und  durfte  ihren  feindseligen  Gefühlen  gegen  Gladstone  nicht  im  Widerspruch ­
  mit  der  öffentlichen  Meinung  frönen.  Als  1880  der  Ruf  an  die  liberale ­
  Partei  erging,  die  Geschicke  des  Landes  in  die  Hand  zu  nehmen,
konnte  Lord  Hartington,  der  damals  ihr  Chef  war,  das  Ministerium
nicht  bilden,  noch  vermochte  es  Granville;  denn  Gladstone  war  des
Volkes  Erwählter.  Der  Ministerpräsident  ist  in  Wirklichkeit  der  Auserwählte ­
  des  Volkes,  was  immer  die  nominellen  Formalitäten  seiner
Berufung  sein  mögen.
Mir  liegt  nichts  daran,  daß  das  Haus  der  Gemeinen  die  Minister  direkt
wähle.  Eine  zu  hohe  Prämie  würde  dann  auf  das  bloße  Reden  gesetzt  werden. ­
  Große  Personengruppen,  wie  parlamentarische  Parteien,  schenken
eben  eloquenten  Appellen,  die  die  Urteile  einer  Menge  in  Gefühlssachen
oder  Prinzipienfragen  ins  Schwarze  treffen  lassen,  ihnen  aber  in  konkreten ­
  Einzelheiten  undVerwaltungsangelegenheiten  so  unheilvoll  sind,  ein
geneigteres  Ohr.  Außerdem  wäre  ein  vom  Parlamente  direkt  nominiertes ­
  Ministerium  nicht  einen  Deut  unabhängiger,  als  ein  nach  heutiger
Methode  zusammengesetztes,  während  es  Elemente  lästiger,  unbequemer ­
  Reibung  viel  leichter  enthalten  und  ausbrüten  kann.  Wenn
auch  das  jetzige  Verfahren  willkürlich  erscheinen  mag,  so  haben  die
Ministerpräsidenten  doch  keine  absolute  Freiheit  bei  der  Verteilung
der  Portefeuilles.  Indem  das  Haus  zeigt,  daß  es  von  bestimmten  Männern ­
  beeinflußt  wird  und  ihren  Ratschlägen  Aufmerksamkeit  spendet,
wählt  es  sie  für  die  Ministerposten  aus.  Der  Chef  der  Regierung  muß
ihnen  bei  nächster  Gelegenheit  ein  Amt  überlassen,  will  er  sich  nicht
das  Vertrauen  seiner  Partei  verscherzen.  Gewiß  kennt  diese  Regel
schreiende  Ausnahmen,  aber  eine  Regel  bleibt  es  trotzdem.
Es  ergibt  sich  eine  ganz  natürliche  Ordnung  von  Verantwortlichkeiten. ­
  Der  Ministerpräsident  ist  eine  nationale  Gestalt,  er  wird  vom
lag  vielmehr  in  erster  Linie  darin,  daß  das  Glück  der  Liberalen  nach  einer  langen
Periode  der  Opposition  ganz  plötzlich  umschlug  und  die  Männer,  die  einen  Posten
hätten  erhalten  können,  nicht  erprobt  waren.  Der  andere  Grund  war,  daß  das
Kabinett  vor  den  allgemeinen  Wahlen  konstituiert  werden  mußte  und  der  Premierminister ­
  deshalb  über  die  wirklichen  Anforderungen  der  öffentlichen  Meinung
im  dunklen  war.
        <pb n="135" />
        Volke  auserwählt.  Das  Kabinett  ist  eine  Einrichtung  parlamentarischer ­
  Bequemlichkeit,  seine  Mitglieder  werden  vom  Parlamente  bezeichnet, ­
  aber  vom  Ministerpräsidenten  ernannt,  der  letzten  Endes  für
die  Politik  der  Regierung  genau  so  verantwortlich  ist,  wie  für  die  Taten
seiner  Partei.  Das  Kabinett  steht  ihm  als  eine  Art  beratender  Ausschuß ­
  bei  der  Durchführung  der  Parteipolitik  zur  Seite.
Die  kollektive  Verantwortlichkeit  des  Ministeriums  ist  nicht  allein
für  ein  System  der  Regierung  durch  Parteien  nötig,  sondern  auch  für
den  organischen  Zusammenhang  irgendwelcher  Regierungspolitik.
Soll  der  Begriff  Gesetzgebung  mehr  bedeuten  als  eine  Reihe  Parlamentsakte, ­
  die  nur  durch  die  zufällige  Tatsache  miteinander  verbunden ­
  sind,  daß  sie  das  Haus  in  demselben  Jahre  oder  unter  derselben
Regierung  passiert  haben;  soll  das  Werk  einer  Regierung  die  folgerechte ­
  Verwirklichung  einer  schöpferischen  Idee  oder  eines  positiven
Zweckes  in  mannigfachen  Formen  und  Richtungen  sein,  so  muß  das
Kabinett  die  kollektive  Verantwortung  tragen,  weil  die  Tätigkeit  eines
j  eden  Ministers  nur  einen  Teil  der  Arbeit  aller  bildet.  Das  Ministerium  ist
kein  Diskussionsausschuß,  sondern  eher  ein  Direktorium,  eine  leitende
Behörde.  Seine  kollektive  Verantwortung  fließt  aus  der  Tatsache,  daß
alle  die  verschiedenen  Regierungsressorts  in  demselben  Geiste  verwaltet ­
  werden,  daß  die  Regierung  eine  Einheit  und  ihre  Politik  ein  geschlossenes ­
  Ganze  ist.  Das  Tadelsvotum  für  einen  Minister  erstreckt
sich  deshalb  auf  das  ganze  Ministerium 1 .  Die  individuelle  Verantwortlichkeit ­
  der  Minister  verneint  die  sozialistische  Anschauung,  daß  sich
der  soziale  Fortschritt  organisch  vollzieht  und  die  Bewegung  eines
Ganzen,  nicht  aber  die  Veränderung  von  Teilen  ist.  Soweit  Sozialisten
jener  Ansicht  zuneigen,  die  sich  nach  meinem  Ermessen  mehr  mit  dem
philosophischen  Individualismus  deckt,  läßt  es  sich  dadurch  erklären,
daß  sie  die  Methoden  der  Verwaltung  mit  denen  der  Gesetzgebung  verwechseln. ­

Auf  dieselbe  Weise  verschwindet  bei  genauer  Betrachtung  die  scheinbare ­
  Ungereimtheit,  daß  ein  Minister  das  eine  Jahr  dem  Unterrichtswesen ­
  vorsteht,  um  dieses  Amt  das  nächste  Jahr  mit  dem  Portefeuille
1  Man  hört  sehr  oft,  daß  die  Demission  des  Rosebery-Ministeriums,  die  auf  die
feindliche  Abstimmung  über  den  Vorrat  an  Cordite-Pulver  folgte,  ungerechtfertigt ­
  war.  Aber  wenn  der  Corditevorrat,  den  Sir  Henry  Campell-Bannerman  für
genügend  hielt,  durch  die  Politik  der  Regierung  in  Europa  bestimmt  war,  so  involvierte ­
  das  Tadelsvotum  den  Minister  des  Auswärtigen  ebenso  sehr,  als  den  Kriegsminister, ­
  und  den  Chef  des  Ministeriums  noch  mehr,  als  die  anderen  beiden.
112
        <pb n="136" />
        8  Mac  Donald,  Sozialismus

113

des  Marineministeriums  zu  vertauschen.  Das  Kabinett  ist  keine  Vereinigung ­
  von  Sachverständigen  in  irgendeiner  Sache.  Wäre  dem  so,  so
wäre  seine  korporative  Verantwortlichkeit  für  die  Regierungsakte  nur
ein  Schein.  Das  Kabinett  ist  ein  Kollegium  von  Männern,  die  einerseits
gesunden  Menschenverstand  bekunden,  intelligent,  geschäftskundig
und  von  praktischer,  erprobter  Tüchtigkeit  sind  und  mit  der  öffentlichen ­
  Meinung  in  Fühlung  stehen  und  deshalb  eine  bestimmte  Politik
verfolgen;  andererseits  ist  es  eine  Kontrollbehörde  über  einen  Stab  von
Fachleuten,  die  die  Detailarbeit  der  einzelnen  Ministerien  kennen.  Die
ständigen  Beamten  befolgen  die  Direktiven  ihrer  Minister,  diese  gehorchen ­
  wieder  der  öffentlichen  Meinung.  Das  Kabinett  ist  die  Brücke,
die  das  Volk  mit  dem  Fachmanne  verbindet,  das  Prinzip  mit  der  Praxis
verknüpft.  Seine  Funktion  besteht  darin,  die  von  den  Empfindungsnerven ­
  übermittelten  Instruktionen  in  Befehle  zu  verwandeln,  die  durch
die  Bewegungsnerven  vermittelt  werden.  Es  hält  dieBureaukratie  nicht
im  Gange,  sondern  gibt  ihr  nur  eine  bestimmte  Richtung  an.  Dies  ist
die  maßgebende  Ansicht  von  den  Beziehungen  zwischen  den  Ministern
und  den  Staatsbeamten.  Von  diesem  Standpunkte  ist  es  also  durchaus
nicht  nötig,  daß  die  Minister  während  ihrer  Amtsdauer  nur  in  einer  und
derselben  Abteilung  der  Staatsverwaltung  bleiben  sollen,  wenn  auch  ein
häufiger  Wechsel  natürlich  zu  verwerfen  ist.  Es  ist  nicht  wünschenswert,
daß  die  Minister  dieselben  Portefeuilles  konservieren;  denn  die  kollektive
Verantwortlichkeit  desKabinetts,  die  wir  als  ein  wesentliches  Stück  einer
verantwortlichen  Regierung  betrachten,  wird  um  so  wirkungsvoller,
wenn  die  Minister  in  mehr  als  einem  Zweige  Erfahrung  gesammelt  haben.
Daß  das  System  der  Kabinette  die  Fehler  seiner  Vorzüge  hat,  versteht ­
  sich  von  selbst.  Stets  droht  die  Gefahr,  daß  es  das  Monopol  weniger ­
  Familien  oder  einer  bestimmten  Klasse  oder  selbst  von  Männern
wird,  die  dasselbe  College  besucht  haben.  Vor  allem  hat  es  die  Tendenz,
eine  Kabinettsfreimaurerei  zu  schaffen  und  Interessen  ins  Leben  zu
rufen,  die  denen  des  Hauses  der  Gemeinen  entgegengesetzt  sind.  Dies
kann  am  besten  dadurch  illustriert  werden,  daß  einige  Regierungsdepartements ­
  die  Immunität  von  der  Kritik  beanspruchen  und  auch  erhalten, ­
  wie  z.  B.  das  Auswärtige  Amt.  Die  Behauptung,  die  Tätigkeit  dieser
Abteilung  sei  so  verzwickt  und  delikat,  daß  sie  den  eisigen,  frostigen  Ostwind ­
  der  öffentlichen  Meinung  nicht  vertragen  könne,  ist  reine  Einbildung. ­
  Doch  strebt  sie  wahr  zu  werden,  weil  die  Methoden  der
        <pb n="137" />
        Heimlichkeit  ihre  eigene  Rechtfertigung  erzeugen.  Sie  formen  eine
Bureaukratie,  die  sich  dem  Blicke  der  Öffentlichkeit  entzieht  und  sich
vor  der  öffentlichen  Kontrolle  durch  Fiktionen  über  das  wunderbare
Werk  des  Fachmannes  und  der  staunenswerten  Allwissenheit  des  ständigen ­
  Beamten  schützt.  Gerade  über  diese  Ämter,  die  schwierige  Geschäfte ­
  zu  erledigen  haben,  sollte  der  Wind  der  öffentlichen  Meinung  am
ungehindertsten  und  freiesten  dahinfegen.  Daß  sich  die  auswärtige  Politik ­
  in  die  geheimen  Gemächer  der  Bureaukratie  zurückzieht,  ist  durchaus ­
  zu  bedauern.  Die  Parteidisziplin  hat  dieser  Absonderung  Vorschub
geleistet,  mit  ihr  wird  sie  auch  verteidigt.  Dies  erscheint  mir  eines  der
beunruhigendsten  Vorzeichen  des  gegenwärtigen  Kurses  der  Kabinettsautorität. ­
  Ganz  besonders  während  der  letzten  zehn  Jahre  oder  der
letzten  zwei  Dezennien  sind  die  politischen  Ereignisse  in  der  Richtung
verlaufen,  die  Macht  der  Parteien  im  Parlamente  zu  organisieren  mit
dem  Ergebnis,  daß  das  Parlament  selbst  fast  aufgehört  hat,  der  Wächter ­
  über  die  Exekutivgewalt  zu  sein,  die  von  dem  Kabinett  usurpiert
worden  ist.  Dies  hat  zu  der  Auffassung  geführt,  daß  dem  Parlamente
die  Exekutivbefugnisse  zurückgegeben  werden  würden,  wenn  die  von
ihm  eingesetzten  Ausschüsse  die  Geschäfte  der  Kabinettsminister  übernähmen. ­
  Mir  erscheint  dies  ein  wertloser  Vorschlag 1 .  Hätte  ein  Komitee ­
  des  Unterhauses  die  Arbeiten  der  Minister  zu  erledigen,  so  müßte
es  ein  Parteiausschuß  sein,  der  die  Instruktionen  des  ersten  Einpeitschers ­
  der  Regierung  oder  irgendeines  Komitees  für  allgemeine  Angelegenheiten ­
  (General  Purposes  Committee),  das  sich  überwiegend  aus
Mitgliedern  der  Regierungsmehrheit  zusammensetzt,  akzeptiert.  Aber
wie  könnte  die  Opposition  in  einer  solchen  Kommission  tätig  sein?  Wie
könnte  z.  B.  ein  Budget  auf  diesem  Wege  fertiggestellt  werden?  Wäre
das  Komitee  unabhängiger  und  weniger  offiziell  als  ich  voraussetze,  so
könnte  es  nur  dann  arbeitsfähig  sein,  wenn  die  Verantwortung  für  die
Politik  und  für  die  Arbeitszeit  des  Parlamentes  von  den  Schultern  der
Regierung  genommen  würde.  Dies  würde  die  Einheitlichkeit  der  Gesetzgebung ­
  zerstören,  und  die  verantwortliche  Majorität  der  Kontrolle
über  die  Geschäfte  des  Hauses  berauben.  Die  Folge  wäre,  daß  die  repräsentativen ­
  Einrichtungen  zu  einem  Possenspiel  herabsänken.  Die
dem  Lande  gegenüber  kontrahierten  Verbindlichkeiten  müßten  von
1  Es  ist  auch  vorgeschlagen  worden,  daß  eine  jede  mit  Ausgaben  verbundene  Ministerialabteilung
  einen  Parlamentsausschuß  zur  Seite  haben  sollte.  Ich  wäre  hiermit ­
  einverstanden,  nur  dürfte  sich  dieser  Ausschuß  nicht  mit  der  Politik  befassen.
H4
        <pb n="138" />
        8*

115

diesen  Kontrollausschüssen  eingehalten  werden,  was  bedeutet,  daß  die
Komitees  sich  der  Parteidisziplin  fügen  müßten.  Endlich  gewännen  diese
Ausschüsse,  ganz  abgesehen  davon,  ob  sie  offiziell  oder  unabhängig
sind,  bald  die  Macht  über  das  Unterhaus,  wie  es  der  Fall  mit  ähnlichen
Komitees  in  Washington 1  gewesen  ist.  Dies  würde  bis  zu  einem  außergewöhnlich ­
  hohen  Grade  die  Fehler  zusammenfassen,  die  heute  gegen
die  Kabinette  mit  der  Begründung  betont  werden,  daß  diese  die
Vorrechte  des  Hauses  ihrer  eigenen  Autorität  unterwürfen.  Eine  Regierungsgewalt, ­
  die  von  Ausschüssen  gehandhabt  wird,  unterscheidet
sich  nicht  von  einer  durch  Kabinette  ausgeübten  Regierung.  Höchstens ­
  ist  sie  ein  wenig  schwerfälliger  und  undemokratischer.
Was  wirklich  demHause  der  Gemeinen  einige  seiner  verlorenen  Freiheiten ­
  zurückerstatten  würde,  wäre  eine  bereits  von  mir  angedeutete
Veränderung:  die  Parteidisziplin  müßte  sich  nur  auf  alle  größeren  und
fundamentaleren  Fragen  der  Staatspolitik  erstrecken.  Wenn  kleine
Detailangelegenheiten  und  unwichtige  Geschäfte  in  einer  Weise  behandelt ­
  werden,  als  involvierten  sie  die  Existenz  eines  Ministeriums;
aber  Sachen,  in  denen  das  Kabinett  den  frei  ausgedrückten  Willen  der
Majorität  respektieren  sollte,  von  offiziellen  Einpeitschern  geregelt
werden,  die  die  Abgeordneten  zur  Unterstützung  von  vorher  vom  Ministerium ­
  getroffenen  Entscheidungen  zwingen,  so  droht  die  Kontrolle
des  Kabinetts  ihre  legitimen  Grenzen  zu  überschreiten  und  den  einzelnen ­
  Abgeordneten  aus  einem  freien  und  verantwortlichen  Vertreter,  der
durch  eine  aus  ähnlichen  freien  und  verantwortlichen  Deputierten  zusammengesetzte ­
  Partei  handelt,  in  einen  bloßen  Beigeordneten  des
Willens  einiger  auserwählter  Wenigen  zu  verwandeln.  Wenn  dies  geschieht, ­
  so  ist  das  System  der  Kabinette  positiv  schädlich  geworden.
Doch  auch  in  diesem  Falle  kann  der  Schaden  wiederum  nicht  durch
Veränderungen  beseitigt  werden,  die  wohl  die  Form  und  die  Prozedur
tangieren,  aber  das  Wesen  unberührt  lassen.
Was  vor  allen  anderen  Dingen  erforderlich  ist,  sind  eine  klare  Auffassung ­
  von  der  Tätigkeit  eines  Kabinetts  und  der  Entschluß  jedes  Abgeordneten, ­
  es  abzulehnen,  seine  Parteiloyalität  dadurch  zu  beweisen,
daß  er  sich  jeglichen  Rechtes  des  eigenen  Urteils  in  Sachen  entäußert,
1  „Eine  Oligarchie  der  Obmänner  der  leitenden  Ausschüsse  ist  im  Repräsentantenhaus ­
  als  eine  Folge  der  wachsenden  Inanspruchnahme  seiner  Zeit  und  des  Waltens
  des  Systems  der  Ausschüsse  entstanden.“  Bryce:  American  Commonwealth, ­
  I.,  p.  530.
        <pb n="139" />
        116

die  die  Parteieinigkeit  nicht  in  Frage  stellen.  Erstünde  ein  Parteiführer,
der  mit  ganzem  Herzen  an  die  Notwendigkeit  einer  Regierung  durch
Parteien  glaubte,  aber  nichtsdestoweniger  sich  dessen  bewußt  wäre,
daß  es  eine  Partei  zerstören  hieße,  ließe  man  sie  so  verknöchern,  daß
sie  nur  noch  einem  bloßen  Mechanismus  gliche;  oder  wenn  sich  eine
Gruppe  von  Mitgliedern  bildete,  um  die  Auswüchse  der  Parteidisziplin  zu
beseitigen,  bei  alledem  aber  die  Partei  selbst  als  das  bei  weitem  beste
Werkzeug  einer  guten  Regierung  liebte  und  pflegte,  so  verschwänden
die  meisten  dieser  Klagen,  Albernheiten  und  Gefahren.  Unsere  Aufmerksamkeit ­
  könnte  sich  dann  ungehindert  der  Betrachtung  der  wirklichen ­
  Probleme  zuwenden  und  wäre  nicht  mehr  durch  das  Herumdoktern ­
  an  Formen  in  Anspruch  genommen.
B.  DIE  MONARCHIE
U nser  Regierungssystem  besteht  nicht  einfach  aus  dem  Haus  der  Gemeinen, ­
  die  Monarchie  unddie  Lordskammer  gehören  ebensogut  dazu. ­
  Die  Monarchie  ist  jedoch  mehr  eine  soziale  als  eine  politische  Macht,
obgleich  die  publizierteKorrespondenzder  verstorbenen  Königin  gezeigt
hat,  daß  die  Krone  ein  aktiver  Faktor  in  der  Politik  ist.  Die  persönliche
Rolle,  die  der  gegenwärtige  König  [Eduard  VII.]  in  der  internationalen
Diplomatie  spielt  und  der  Versuch,  den  er  im  Sommer  1908  gemacht
hat,  über  gewisse  Parlamentsmitglieder  wegen  ihrer  politischen  Überzeugungen ­
  das  Scherbengericht  zu  verhängen,  deuten  darauf  hin,  daß  die
Monarchie  unter  bestimmten  Verhältnissen  der  Mittelpunkt  einer  politischen ­
  Partei  werden  könnte.  Der  Kampf  zwischen  ihr  und  dem  Volke ­
  müßte  dann  erneuert  werden.  Diese  Möglichkeit  rückt  bedeutend
näher,  sobald  das  Volk  einen  regen  Anteil  an  der  äußeren  Politik  nimmt.
Die  Briefe  der  verstorbenen  Königin,  die  ihre  Sympathie  mit  der  Tyrannei ­
  in  Österreich  enthüllt  haben,  die  Betrügereien  Leopolds,  die  Pläne
Wilhelms  I.,  und  die  vom  Zaren  über  sein  Volk  verhängte  Unterdrükkungspolitik
  könnten  sehr  gut  von  einer  republikanischen  Gesellschaft
veröffentlicht  werden,  sollte  eine  solche  irgendwo  existieren.  Was  der
Monarchie  besonders  Stärke  verleiht,  ist  ihre  persönliche  Seite.  Das
Interesse,  das  stets  einer  Person  entgegengebracht  wird,  ist  ein  Reservefonds ­
  politischer  Macht,  auf  den  in  jedem  Augenblick  zurückgegriffen ­
  werden  kann.  Dies  bedeutet  aber  auch,  daß  der  ungeliebte
Monarch  dem  Zorne  des  Volkes  schutzlos  preisgegeben  ist.
        <pb n="140" />
        Von  der  Monarchie  als  politischer  Macht  kann  jedoch  behauptet  werden, ­
  daß  sie  nur  potentiell  existiere.  Solange  dies  der  Fall  ist,  mag  der
politische  Reformator  achtlos  an  ihr  vorübergehen,  selbst  wenn  er  theoretisch ­
  ein  Republikaner  ist.  Er  kann  ihr  einen  Nützlichkeitswert
zuschreiben.  Wenn  sie,  wie  bei  uns,  ein  alter  und  fest  gesicherter  Bestandteil ­
  der  Verfassung  ist,  so  befreit  sie  den  Staat  nicht  allein  von
der  lästigen  Mühe,  einen  ersten  Beamten  zu  wählen,  einen  nominellen
Träger  der  Exekutivgewalt,  einen  Führer  nationaler  Zeremonien,  eine
Person,  um  die  herum  sich  das  Verfassungsleben  betätigt,  und  die
handelnd  eingreift,  wenn  der  konstitutionelle  Prozeß  unterbrochen
wird,  wie  z.  B.  bei  einer  Ministerkrisis,  sondern  sie  hält  jene  Vorgänge
auch  von  der  Arena  des  politischen  Haders  entfernt  und  beschützt  sie
vorder  schmutzigen  Bewerbung  durch  reiche  Leute,  die  nach  Belohnung
für  ihre  der  Partei  geleisteten  Dienste  ausschauen.  Die  Monarchie
sichert  der  Ausführung  dieser  Zeremonien  jene  würdige  Formalität,
die  zu  ihrer  ordentlichen  Vollziehung  notwendig  ist.  Wissenschaftlich
kann  man  die  Ansicht  vertreten,  daß  diese  Funktionen,  da  sie  rein
formaler  Natur  sind  und  ihre  Ausübung  von  nichts  weiterem  als
Würde  und  Sinn  für  anständiges  und  taktvolles  Betragen  abhängt,
besser  durch  erbliche  Beamten,  als  durch  gewählte  Personen  verrichtet
werden  können.
Gegen  die  Monarchie  kann  man  sich  auch  aus  anderen  als  konstitutionellen ­
  Gründen  wenden.  Sie  ist  das  Haupt  einer  sozialen  Kaste,  mit
der  alle  ihre  Interessen  verwoben  sind.  Die  Annahme  liegt  deshalb
nahe,  daß  die  Krone  jeden  Versuch,  die  soziale  und  ökonomische  Basis
dieser  Kaste  zu  schwächen,  mit  Mißfallen  betrachten  wird.  Wohl  mag
die  Krone  ihren  politischen  Stützpunkt  im  Volke  finden,  aber  ihr  Fundament ­
  ist  in  der  Aristokratie  eingebettet.  Und  regelmäßig  zeigt  es
sich,  daß  Aristokratien,  die  mit  dem  Hofe  verknüpft  sind,  selten  bester
Art  sind.  Die  einzige  Ausnahme  hiervon  durch  viele  Generationen  englischer ­
  Geschichte  hindurch  war  die  Regierungszeit  der  Königin  Viktoria. ­
  Allerdings  war  während  ihrer  Herrschaft  das  Hofleben  praktisch
ganz  und  gar  aufgehoben.  Die  Höfe  sind  stets  der  Aufenthaltsort  der
prunkenden,  nutzlosen  Leute  der  Nation  gewesen.  In  einem  Zeitalter
wie  das  unsrige,  wo  neue,  mit  irdischen  Glücksgütern  gesegnete  Menschen
auf  tauchen,  nimmt  das  vulgäre  Gepränge,  die  Schaustellung  des  Reichtums, ­
  den  Platz  aristokratischer  Abstammung  als  Bedingung  der  Hof117 ­
        <pb n="141" />
        118

gunst  ein.  Die  Folgen  brauchen  nicht  einzeln  aufgeführt  zu  werden,  sie
sind  ekelhaft.
Auch  hat  die  Monarchie  keinen  günstigen  Einfluß  auf  das  allgemeine
politische  Verständnis  und  die  Haltung  des  Volkes,  soweit  diese  durch
jene  politische  Intelligenz  berührt  wird.  Bagehot  sagte,  eine  Monarchie
sei  eine  „verständliche  Regierung",  womit  er  meinte,  daß  sie  nicht
schwer  zu  begreifen  wäre.  Ich  würde  mich  anders  ausdrücken.  Die
Monarchie  ist  eine  Regierung,  die  die  politische  Einsicht  beeinträchtigt,
indem  sie  die  Staatsbürger  leicht  glauben  macht,  daß  sie  die  Regierung
verständen,  obgleich  es  wirklich  nicht  der  Fall  ist.  Sie  wendet  sich,  wie
Bagehot  selbst  zugibt,  an  die  „Schwäche  unserer  Einbildungskraft"
und  stachelt  uns  nicht  an,  diese  Schwachheit  zu  überwinden.  Eine
Monarchie  wirkt  der  Ausbildung  eines  hohen  Typus  demokratischer
Einsicht  und  Betätigung  entgegen.  Obgleich  wir  den  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  politisch  und  konstitutionell  in  vielen  Punkten ­
  überlegen  sind  und  wenngleich  plutokratische  und  ausbeutende
Einflüsse  diese  Staaten  hart  bedrängt  haben,  wovon  wir  verschont
geblieben  sind,  so  konstatiert  der  aufmerksame  Beobachter  der  amerikanischen ­
  Politik  trotz  alledem,  wie  die  klaren  Gewässer  republikanischer ­
  Einsicht  und  Intelligenz  durch  ihre  schlammigen  Ströme  fließen;
der  Stolz  des  Bürgers,  der  sich  selbst  Bürger  eines  Staates  und  nicht
Untertan  eines  Monarchen  nennt,  tritt  ihm  entgegen 1 .
Es  ist  eine  weitverbreitete  Meinung,  daß  der  Monarch  eine  der  Hauptklammern ­
  des  Reiches  sei;  er  sei  die  Persönlichkeit,  die  die  Einheit,  die
Geschichte  und  den  Glanz  des  Imperiums  verkörpere.  Dieser  Einfluß
wird  bedeutend  überschätzt.  In  dem  Grade  wie  die  sich  selbstregierenden
Staaten  sich  zu  vollständigen  Nationalitäten  entwickeln,  verringert  sich
die  Macht  der  Krone.  Die  Motive,  die  das  Reich  aufrechterhalten,  verlieren ­
  immer  mehr  an  persönlichem  Inhalt;  sie  werden  das  Gefühl  einer
gemeinsamen  Rasse,  die  aus  einer  gemeinsamen  Geschichte  geschöpfte
Genugtuung  und  Freude  und  der  Wunsch,  mit  einem  Mutterlande,  das
eine  so  große  Rolle  in  der  Welt  spielt,  in  Verbindung  zu  bleiben.  Die  demokratischen ­
  Gesinnungen  werden  allmählich  viel  mehr  das  einigende
Band  des  Reiches,  als  die  persönliche  Treue  und  Anhänglichkeit.
Sollte  sich  Australien  aus  nationalistischen  Gründen  zur  Trennung
1  Der  Unterschied  der  Frage,  die  man  in  New  York  an  Reisende  richtet,  hat  mich
immer  frappiert.  „Sind  Sie  britischer  Untertan?“  —  „Sind  Sie  amerikanischer
Bürger?"
        <pb n="142" />
        119

von  uns  entschließen,  so  hätte  das  Dasein  oder  das  Nichtdasein  eines
Monarchen  keinen  Einfluß  auf  die  Entscheidung  dieses  Kolonialstaates.
Außerdem  steht  die  monarchische  Regierungsform  bei  einem  großen
Teile  der  Bevölkerung  der  sich  selbstregierenden  britischen  Staaten  in
keinem  Ansehen.  Diese  Tatsachen  leuchten  j  edem  ein,  der  mit  den  Empfindungen ­
  der  Kolonien  in  engere  Berührung  gekommen  ist.  Doch
die  allgemeine  Behauptung,  daß  ein  Reich  auch  ohne  monarchische
Spitze  errichtet  werden  könne,  wird  ausreichend  durch  die  Betrachtung
der  auswärtigen  Politik  Amerikas  bewiesen.  Die  Monroe-Doktrin  ist
Imperialismus  ohne  Weltreich.  Bemühte  man  sich  jedoch,  ihr  in  einem
Weltreich  Substanz  zu  geben,  so  würden  die  Anstrengungen  erfolgreich ­
  sein.  Der  amerikanische  Bürger  würde  Amerika,  ausdehnen;  der
neue  amerikanische  Untertan  würde  Amerika  gehorchen  und  in  dessen
Geschichte  und  seinem  Geiste  dieselben  Motive  des  Gehorsams  und  der
Gefolgschaft  finden,  wie  bei  einem  Monarchen.  Hätte  der  amerikanische ­
  Bürger  Kuba  und  die  anderen  spanischen  Besitzungen  behalten,
so  hätte  er  sie  durch  seine  Verfassung  ebenso  fest  gebunden,  wie  wir  es
durch  unsere  Krone  getan  hätten.  Daß  die  Monarchie  Bedingung  eines
Weltreiches  sein  soll,  ist  eine  Illusion.  In  dieser  Hinsicht  erscheint  ihr
größter  Wert  in  einem  Reiche  mit  abhängigen  Gebieten  wie  Indien,  wo
die  Bevölkerung  jemand  verehrt,  der  in  erhabener  Macht  über  sie  eingesetzt ­
  ist.  Ein  bedenklicher  Nachteil  begleitet  aber  diese  Nützlichkeit ­
  einer  Monarchie;  denn  aus  ihr  entspringt  in  dem  abhängigen  Besitztum ­
  eine  despotische  Regierungsform,  die  nach  außen  hin  die
Tradition  des  dem  unterworfenen  Volke  natürlichen  Gehorsams  fortsetzen ­
  kann,  die  aber  in  ihrem  inneren  Wesen  unangemessen  und  unsympathisch ­
  ist  und  die  spontane  Tätigkeit  und  Initiative  des  Volkes
vernichtet.  Ein  solches  Reich  kann  keine  der  höheren  Aufgaben  der
weißen  Rasse  erfüllen.  Wohl  kann  es  den  Frieden  bringen  und  die
Ordnung  einführen,  aber  es  kerkert  das  Leben  ein  und  ertötet  es.

C.  DIE  ZWEITEN  KAMMERN

as  House  der  Lords  ist  dagegen  in  einer  anderen  Lage,  es

-■—-'ist  eine  aktive  politische  Macht.  Es  erörtert,  verändert  und
verwirft  Gesetzentwürfe;  es  ist  ein  permanenter  Ausschuß  der  konservativen ­
  Partei  und  hält  Wacht  über  die  politische  Ordnung,  unter  der
seine  Klasse  existiert.  Die  Lordskammer  ist  nicht  in  dem  Sinne  un ­
        <pb n="143" />
        120

parteiisch,  daß  sie  die  Nation  verträte:  sie  repräsentiert  eine  Klasse.
Sie  ist  keine  Aristokratie  mehr,  sondern  eine  adelige  Plutokratie 1 .
Die  Whigs  verteidigten  das  Herrenhaus  hauptsächlich  deshalb,  weil  sie
es  für  ein  Bollwerk  der  sozialen  Kultur,  des  historischen  Empfindens
und  des  aristokratischen  Fühlens  gegen  den  groben  ökonomischen
Materialismus  der  neuen  Erwerbsklassen  hielten,  die  durch  die  industrielle ­
  Revolution  ins  Leben  gerufen  worden  waren.  „Eine  Aristokratie ­
  sollte  das  Haupt  einer  Plutokratie  sein“,  sagten  sie 2 .  Aber  die
Aristokratie  ist  eine  Plutokratie  geworden  und  umgekehrt.  Die  neu
Geadelten  sind  keine  Aristokraten,  auch  ihre  Kinder  nicht.  Eine  Aristokratie ­
  ist  ein  soziales  Wachstumserzeugnis,  aber  keine  politische
Schöpfung.  Allerdings  haben  ein  paar  Gelehrte,  ein  alter  Zivilbeamter
oder  zwei,  ein  oder  zwei  Männer,  die  sich  durch  ihre  Geistesgaben  auszeichnen ­
  und  sich  um  den  Staat  Verdienste  erworben  haben,  ihren  Weg
zur  Pairswürde  gefunden.  Aber  als  Ganzes  betrachtet,  vertritt  das  Haus
der  Lords  einfach  die  Interessen,  die  der  Staat  heute  um  der  Wohlfahrt
der  Gemeinschaft  willen  einengen  und  kontrollieren  muß.  Die  Adelskammer ­
  hält  die  Überzeugungen  für  heilig,  auf  die  die  schmarotzenden ­
  Klassen  sich  stützen,  um  ihre  Existenz  zu  rechtfertigen.
Obgleich  die  gegenwärtige  Verfassung  des  Herrenhauses  nicht  verteidigt ­
  werden  kann,  wird  jedoch  der  Gedanke  propagiert,  daß  unser
Verfassungsleben  durch  einen  Senat  weiser,  einsichtsvoller  Männer  bereichert ­
  werden  müßte,  die  eher  alt  als  jung,  eher  Konservative  als
Liberale  zu  sein  hätten,  die  würdevoll,  unparteiisch,  erfahren  und  geehrt ­
  wären  —  eine  Spezies  politischer  Utopien.  Hierauf  bezügliche  Vorschläge ­
  sind  gemacht  worden.  Peers  auf  Lebenszeit  sollten  geschaffen
und  Kunst  und  Wissenschaft  durch  Vertretung  verherrlicht  werden;
aus  dem  Verwaltungsdienst  sollte  man  die  besten  und  feinsten  Kräfte
berufen,  die  Aristokratie  hätte  einige  ihrer  Angehörigen  in  diese  Körperschaft ­
  zu  entsenden,  und  die  Tochternationen  könnten  dort  ihre

1  Bemerkenswert  ist,  was  Bagehot  über  die  beiden  Häuser  nach  der  Wahlreform
von  1867  schrieb:  „Der  Geist  unseres  gegenwärtigen  Unterhauses  ist  plutokratisch,
  nicht  aristokratisch.  Seine  hervorragendsten  Staatsmänner  sind  nicht

Männer  alter  Abkunft  oder  mit  großem  ererbten  Besitze;  meistens  sind  sie  sehr
vermögend,  aber  größtenteils  sind  sie  auch  mehr  oder  weniger  eng  mit  dem  neuen
Gewerbs-  und  Handelsreichtum  verknüpft.“  (Parliamentary  Reform,  pp.  200
bis  201.)  Setzt  man  in  diesem  Auszuge  House  of  Lords  für  House  of  Commons,
so  ist  die  heutige  Situation  genau  geschildert.  2  Siehe  Bagehot:  The  English  Constitution, ­
  p.  91:  „Mit  bloßem  Geldeist  die  Londoner  Gesellschaft  nichtzu  kaufen."
Heute  könnte  man  damit  alles  kaufen:  Töchter,  Ehemänner,  alles  und  jedes!
        <pb n="144" />
        121

industriellen  und  politischen  Fürsten  finden.  Diese  auserlesene  Versammlung ­
  wäre  lieblich  anzuschauen,  nur  fehlt  ihr  das  frische,  rote
Blut  wirklicher  Realität.  Ohne  historische  Traditionen  und  ohne  ererbte ­
  alte  Würde  wäre  sie  nur  ein  Scheinsenat,  genau  so  wie  die  Plutokratie
  eine  unechte,  falsche  Aristokratie  ist.  Ein  Senat  wächst,  aber
er  kann  nicht  gemacht  werden;  außerdem  kann  er  nicht  in  einer
beliebigen  Periode  der  nationalen  Evolution  erscheinen,  seine  Zeiten
sind  vorüber.  Ebensowenig  wie  wir  die  Gerichtszweikämpfe  wieder
einführen  können,  ebensowenig  können  wir  heute  das  Institut  des
Senats  ins  Leben  rufen.  Die  erwählten  Peers  würden  ihre  Klasse
vertreten  und  von  deren  Fleische  sein.  Die  Männer  der  Wissenschaft
würden  sich  inmitten  geadelter  Brauereibesitzer  so  fremd  fühlen  und
für  die  legislative  Arbeit  so  unbrauchbar  sein  wie  bisher 1 .  Die  Handelskönige ­
  wären  Plutokraten,  die  Zivilbeamten  wahrscheinlich  unbedeutende ­
  Bureaukraten.  Es  gibt  wahrlich  wenige  Dinge,  die  die
Zukunft  der  Demokratie  mehr  schädigen  könnten,  als  die  Verleihung  des
Peertitels  an  Zivilbeamte.  Die  Leute,  die  daheim  unter  der  unmittelbaren ­
  Leitung  von  Ministern,  die  dem  Parlamente  verantwortlich  sind,
ihren  Dienst  verrichten,  mögen  wohl  die  Fähigkeit  bewahren,  in  Übereinstimmung ­
  mit  der  öffentlichen  Meinung  zu  regieren.  Aber  jene  Beamten, ­
  die  in  Gebieten  wie  Indien  oder  Ägypten  höhere  Ämter  übernehmen, ­
  kehren  vom  Geiste  des  Tyrannen  beseelt  zurück,  dessen  Wille
Gesetz  war  und  der  die  Masse  des  Volkes  tief  verachtet.  Der  Mann,
der  unterworfene  Völkerschaften  zu  beherrschen  gewöhnt  gewesen  ist,
hat  ein  zu  schlechtes  Übungsfeld  gehabt,  als  daß  er  im  Repräsentantenkörper ­
  mitwirken  könnte.  Es  sprechen  Gründe  dafür,  daß  solche
Reichsbeamten  für  das  Herrenhaus  nicht  wählbar  sein  sollten,  wenn
sie  von  ihren  Prokonsulaten  und  Satrapien  zurückgekommen  sind.
Die  konstitutionellen  Funktionen  des  Hauses  der  Lords  müssen  jedoch ­
  unabhängig  von  seiner  Zusammensetzung  betrachtet  werden.  Von
1  Wäre  dies  alles,  so  könnte  man  gute  Miene  zum  bösen  Spiele  machen,  doch  die
Wissenschaft  ist  bedeutend  durch  die  Sitte  geschädigt  worden,  die  Gelehrten  mit
der  Pairs-  und  Ritterwürde  zu  schmücken.  Siehe  Whitman:  Imperial  Germany,
Kapitel  über  das  „Intellectual  Life“:  „Der  deutsche  Idealismus  stellt  die
Wissenschaft  auf  ein  solch  hohes  Piedestal,  daß  es  fast  als  eine  Entwürdigung ­
  betrachtet  wird,  wenn  sich  ihre  Jünger  auf  das  Geldverdienen  legen."  Auf
England  zurückkommend,  bemerkt  er  dann:  „Bei  uns  fehlt  der  Wissenschaft
die  ideale,  vergeistigte  Würde,  die  sie  in  Deutschland  hat.  Faraday  —  hierin
eine  seltene  Ausnahme  —  hält  eine  Tradition  hoch,  die  leider  keine  Verehrer  gegefunden
  hat.“
        <pb n="145" />
        ihnen  gehören  nur  zwei  in  den  Rahmen  dieser  Studie,  erstens  jene,  die
dem  Hause  der  Gemeinen  eine  hemmende  Schranke  setzt  und  zweitens
die  Tätigkeit  einer  legislativen  Revisionskammer.
Die  Theorie  der  verfassungsmäßigen  Hemmungen  war  ein  hervorstechender ­
  Zug  in  den  politischen  Spekulationen  des  Liberalismus.
Zuerst  wünschten  die  Whigs  von  der  Aristokratie,  daß  sie  den  vulgären ­
  Ausschreitungen  Einhalt  gebieten  sollte,  die  sie  bis  1870  von  den
Mittelklassen  befürchteten,  als  sich  das  Haus  der  Gemeinen  von  der
Vormundschaft  des  Herrenhauses  befreite.  Dann  wünschten  die  Liberalen ­
  ganz  einfach,  den  Radikalismus  eines  Unterhauses  zu  zähmen,
das  zu  sehr  unter  die  Herrschaft  der  Demokratie  geriet.  Endlich  verlangen ­
  die  allgemeinen  konservativen  Instinkte  des  Landes  unserer
Tage  nach  der  Gewißheit,  daß  eine  nochmalige  Untersuchung  vor  einem ­
  Geschworenengericht  eröffnet  werde,  das  für  sie  eingenommen  ist
und  von  dem  deshalb  erwartet  werden  kann,  daß  es  ihnen  mehr  als
Recht  zuspräche.
In  der  Praxis  ist  diese  Theorie  am  bewußtesten  in  der  Verfassung  der
Vereinigten  Staaten  verkörpert  worden,  von  der  Herr  Bryce  schreibt:
„Die  gewöhnlichen  Funktionen  und  Geschäftsangelegenheiten  der  Regierungen, ­
  wie:  Gesetzgebung,  Steuererhebung,  Auslegung  und  Ausführung ­
  der  Gesetze,  Rechtspflege  und  die  Leitung  der  auswärtigen
Angelegenheiten,  sind  an  eine  Reihe  von  Organen  und  Personen  verteilt,
deren  Befugnisse  so  peinlich  in  Gleichgewicht  gesetzt  sind  und  sich  an  so
vielen  Punkten  berühren,  daß  eine  stetige  Gefahr  von  Konflikten,  ja
selbst  vollständiger  Stockung  besteht.“  Daß  die  Absicht  der  Männer,
die  diesen  Mechanismus  der  Hemmungsmittel  konstruiert  haben,  trotz
ihres  amerikanischen  Ursprunges  einen  konservativen  Zweck  verfolgte,
erklärt  Bryce  so:  „Jene,  die  diese  hemmenden  und  ausgleichenden
Einrichtungen  erfunden  haben,  waren  weniger  auf  die  Entwicklung
einer  öffentlichen  Meinung  bedacht,  als  daß  sie  ihr  widerstehen  und
Wellenbrecher  gegen  sie  errichten  wollten“ 1 .  Der  Philadelphia-Convent ­
  von  1787  fürchtete  „die  demokratische  Hast  und  Unbeständigkeit“ ­
  !  Alles  andere,  nur  keine  günstigen  Erfolge  sind  hiermit  in
Amerika  erreicht  worden.  „Man  hat  die  Sphäre  der  Exekutivgewalt
so  eingeengt,  daß  sie  die  Nation  oder  selbst  ihre  eigene  Partei  im
Lande  nicht  führen  kann.  Man  hat  nach  Unabhängigkeit  der  Kon-1

  Siehe  Bryce:  American  Commonwealth,  III.,  pp.  28—29.
122
        <pb n="146" />
        123

greßmitglieder  getrachtet,  aber  ihnen  durch  diese  Versuche  einige  der
Mittel  entwendet,  deren  sich  europäische  Gesetzgeber  erfreuen,  um  sich
mit  der  Verwaltungspraxis  vertraut  zu  machen,  um  sogar  die  Kunst
der  Gesetzgebung  in  Administrationsfragen  zu  erlernen.  Man  hat  sie
dazu  verurteilt,  Architekten  ohne  wissenschaftliche  Methodik,  Kritiker
ohne  Erfahrung  und  Zensoren  ohne  Verantwortlichkeit  zu  sein 1 .“
Dieser  Gedanke  der  Bremsvorrichtungen  und  Regulatoren  hat  in
unseren  eigenen  Pflanzstaaten  eine  abweichende  Gestalt  angenommen. ­
  Durch  Nachahmung  des  Mutterlandes  haben  die  Kolonien  das
Zweikammersystem  eingeführt.  Gute  Früchte  hat  es  jedoch  nicht  getragen. ­
  Ein  hervorragender  kanadischer  Schriftsteller,  der  Verfasser
von  Sir  Wilfrid  Lauriers  Leben,  schreibt:  „Seit  der  Organisation  des
Commonwealth  hat  der  Senat  den  Grundsatz  befolgt,  daß  der  Zweifel
an  der  Zweckmäßigkeit  und  Gerechtigkeit  der  konservativen  Gesetzgebung ­
  ein  flagranter  Verrat  an  den  britischen  Institutionen  in  Nordamerika ­
  sei." 2  Der  Montreal  Witneß,  ein  ob  seiner  konservativen  und
liberalen  Ansichten  bekanntes  Blatt,  äußerte  sich  über  die  Verhandlungen, ­
  die  190g  im  kanadischen  Senate  über  dessen  eigene  Reform
stattfanden,  wie  folgt:
„Ein  Haus,  das  dem  Lärm  und  dem  Zanke  der  Parteien  entrückt
wäre,  gewänne  für  eine  gewissenhafte  und  durchdachte  Gesetzgebung
in  nichtkontroversen  Fragen  Muße.  Dies  ist  in  der  Theorie  alles  recht
schön,  doch  in  der  Praxis  ist  der  Senat  unverzüglich  ein  Instrument
der  Parteigönnerschaft  geworden;  das  Parteigefühl  herrscht  dort  ebenso
ausschließlich,  wenn  nicht  so  ausgereift,  wie  im  Unterhause.  Schon
jahrelang  ist  der  Senat  bei  jedem  Regierungswechsel  das,  was  heute
das  House  of  Lords  ist:  nichts  als  eine  Todeskammer  für  jede  Maßregel,
die  die  Opposition  zur  Vernichtung  verdammt  hat.“
Obgleich  er  sich  gegen  das  Einkammersystem  aussprach,  machte  der
kanadische  Spezialkorrespondent  der  Morning  Post  bei  der  Diskussion,
zu  der  die  Daily  Witneß  den  Text  lieferte,  folgende  Bemerkungen  über
den  Senat:
•  .Die  Absicht  ist  gewesen,  daß  der  Senat  die  Interessen  der  kleinen
Provinzen  beschützen  und  eine  sich  überstürzende  Gesetzgebung  korrigieren ­
  und  hemmen  sollte;  daß  Männer,  die  auf  geistigem  und  kom-1
  Siehe  Bryce:  American  Commonwealth,  I.,  pp.  3°4—3°5-  2  Siehe  J.S.  Willison:
  Sir  Wilfrid  Laurier  and  the  Liberal  Party,  I.,  p.  412.
        <pb n="147" />
        124

merziellem  Gebiete  Bedeutendes  leisten  und  von  unabhängigem  Geiste
und  Charakter  seien,  für  das  Oberhaus  zu  ernennen  wären,  und  daß
sich  eine  Körperschaft  mit  Revisionsbefugnissen  gewöhnlichen  Parteirücksichten ­
  überlegen  und  für  die  Parteidisziplin  unzugänglich  zeigen
sollte.  Doch  in  der  Hauptsache  sind  alle  diese  Erwartungen  enttäuscht ­
  worden.  Als  vor  13  Jahren  Lauriers  Amtsführung  begann,
verfügten  die  Konservativen  über  eine  bedeutende  Mehrheit  im  Senate.
Von  1878  bis  1896  wurde  nur  ein  Liberaler  für  das  Oberhaus  ernannt.
Von  1896  bis  1909  ist  kein  Konservativer  in  den  Senat  gezogen.  Er
enthält  jetzt  eine  überwiegende  liberale  Majorität.  Während  der  ersten ­
  4  oder  5  Jahre  ihrer  Administration  wurden  der  liberalen  Regierung ­
  von  der  konservativen  Mehrheit  des  Senates  große  Schwierigkeiten
bereitet.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  die  liberalen  Senatoren  die  Staatsleitung ­
  unmöglich  machen  können,  wenn  die  konservative  Partei  zur
Macht  zurückkehrt.  Jahre  müssen  noch  verfließen,  bevor  der  Mehrheit
durch  konservative  Ernennungen  die  Wage  gehalten  werden  kann.“
In  Neu-Seeland  machte  das  Oberhaus  Herrn  Seddon  so  viel  zu
schaffen,  daß  er  eine  aus  seinen  Anhängern  gebildete  Majorität  in  dasselbe ­
  berufen  mußte,  nachdem  es  seine  Arbeiten  eingestellt  hatte.
Das  Oberhaus  des  australischen  Gemeinwesens  ist  bis  jetzt  noch  von
keinem  Nutzen  gewesen.  Sobald  sich  die  Politik  Australiens  jedoch
befestigt  und  sich  die  Ministerien  wirklich  der  Gewalt  zu  erfreuen  beginnen, ­
  werden  die  Konfliktszeiten  anbrechen,  bis  die  politische  Farbe,
die  im  Unterhause  herrscht,  auch  in  der  ersten  Kammer  dominiert 1 .
Auf  der  anderen  Seite  hat  j  eder  australische  Staat,  besonders  die  Staaten
des  Südens,  seine  eigenen  Differenzen  mit  dem  Oberhause  gehabt,  nur
weil  der  gesetzgeberische  Hemmungsapparat  stets  als  Bremse  dienen
muß,  die  die  eine  Partei  gegen  die  andere  anwendet.  Deshalb  ist  er  für
nationale 2  Zwecke  wertlos.
Das  vollständige  Fiasko,  das  die  Theorie  von  den  konstitutionellen
hemmenden  Einrichtungen  bei  uns,  in  unseren  Kolonien  und  in  Amerika ­
  in  der  Praxis  erlitten  hat,  führt  uns  zu  der  Frage,  ob  ihre  scheinbaren ­
  Vorteile  überhaupt  wirklich  existieren.  Notwendigerweise  muß

1  Seitdem  dies  geschrieben  worden  ist,  ist  die  Deakin-Cook-Allianz  zustande  gekommen. ­

  Das  neue  Ministerium  hat  im  Senat  nur  eine  Mehrzahl  von  1  Stimme
und  kann  anscheinend  nicht  ausschließlich  auf  ihn  rechnen.  Verzögerte  ich  die
Publikation  dieses  Buches  um  einige  Monate,  so  wäre  ich  zweifellos  imstande,
zu  den  Beispielen  zusammengebrochener  Oberhäuser  noch  den  Australischen
Senat  hinzuzufügen.  2  D.  h.  über  das  Parteiwesen  hinausgreifend.  D.  H.
        <pb n="148" />
        die  Hemmungseinrichtung  jeweilig  mit  dem  Teil  der  Verfassung,  der
in  Schach  gehalten  werden  soll,  an  Macht  konkurrieren  und  ihm  hierin ­
  ebenbürtig  sein.  Das  ist  die  gegenwärtige  Lage  des  Hauses  der
Lords  und  des  House  of  Commons.  Die  Lords  mögen  durch  die  Entrüstung ­
  des  Volkes  eingeschüchtert  werden,  doch  liegt  diese  Möglichkeit ­
  stets  weit  abseits;  denn  bevor  sie  in  ernste  Nähe  rückt,  müssen
sich  die  Dinge  zu  revolutionärer  Intensität  steigern.  Obgleich  die  Auffassung, ­
  daß  sich  unsere  Peers  vor  der  öffentlichen  Meinung  beugen,
durch  gelegentlicheVorkommnisse  bestärkt  wird,  kann  sie  sich  dochnicht
genügend  auf  Tatsachen  stützen,  weil  es  den  Lords  selbst  überlassen
wird,  die  öffentliche  Meinung  zu  deuten.  Indem  die  Lords  der  öffentlichen ­
  Meinung  Hindernisse  in  den  Weg  legen  und  die  Erfüllung  ihrer
Wünsche  hinausschieben,  können  sie  sie  zu  revolutionären  Aktionen
zwingen,  um  durch  solche  ihre  Forderungen  durchzusetzen.  Die  Lords
können  die  öffentliche  Meinung  verwirren,  verzagt  machen  und  ablenken. ­
  Eine  zweite  Kammer,  die  als  Hemmschuh  dient,  ist  imstande,  eine
öffentliche  Meinung  normalen,  ruhigen  Charakters  zu  erdrosseln.
Eine  der  am  meisten  gutgeheißenen  Entschuldigungen,  die  für  das
Dasein  des  Herrenhauses  angeführt  werden,  verbirgt  unter  einer  Maske
unschuldiger  Vernünftigkeit  eine  Annahme,  die  die  demokratische  Freiheit ­
  an  der  Wurzel  trifft:  die  Behauptung  nämlich,  daß  das  House  of
Lords  niemals  Gesetzentwürfe,  woran  das  Land  wirklich  interessiert  ist,
beeinträchtige  oder  verwerfe.  Wir  wollen  die  Bedingungen,  unter  denen ­
  das  wahr  und  richtig  ist,  untersuchen.  Ich  habe  bereits  darauf  hingewiesen, ­
  daß  hauptsächlich  und  seit  beträchtlicher  Zeit  das  Herrenhaus ­
  selbst  darüber  entscheidet,  ob  das  Land  an  einer  Gesetzesvorlage
interessiert  ist  oder  nicht.  Irrt  das  Oberhaus  sich,  so  harrt  seiner  keine
Bestrafung,  ausgenommen  es  begegnete  einer  feindseligen  Agitation.
Doch  dieses  Risiko  ist  nicht  groß.  Denn  bevor  gegen  die  Lordskammer
zum  Schlage  ausgeholt  werden  kann,  muß  das  verschlungene  konstitutionelle ­
  Gewebe  entwirrt  werden;  außerdem  ist  jede  gegen  die  Lords
gerichtete  Drohung  konstitutionellen  Charakters  wirkungslos,  solange
sie  selbst  nicht  in  ihre  Ausführung  einwilligen.  Im  allgemeinen  ist  eine
Agitation  schon  befriedigt,  wenn  die  Lords  nachgeben;  es  wird  ihnen
dann  kein  Leid  zugefügt.  Mit  Münzen  Kopf  oder  Schrift  spielen,  hieran ­
  erinnert  es  deutlich.  Und  zwar  so:  „Kopfseite,  gewinne  ich;  Wappenseite, ­
  verlierst  du.“

125
        <pb n="149" />
        126

So  wichtig  nun  auch  diese  Tatsache  sein  mag,  vom  Standpunkte
volkstümlicher  Selbstregierung  ist  sie  doch  nicht  die  bedeutendste.
Das  Argument,  das  ich  im  Auge  habe,  schließt  den  Anspruch  ein,  daß  das
Oberhaus  die  Gesetzgebung  verzögern  kann.  Deshalb  muß  nicht  allein
das  Land  an  der  Sache  interessiert  sein,  sondern  das  Land  muß  in  sehr
hohem  Grade  interessiert  sein,  und  zwar  dermaßen,  daß  es  gewillt  ist,
viel  Zeit  zu  opfern  und  keine  Mühe  zu  scheuen,  damit  die  umstrittene
Maßregel  durchgehe.  Die  Wähler  müssen  entschlossen  sein,  ihr  den
Vorrang  vor  allen  anderen  Entwürfen  einzuräumen  und  alle  übrigen
schwebenden  Fragen  in  den  Hintergrund  zu  schieben.  Die  Nation  muß
den  Lords  ihren  Willen  aufzwingen  wollen.  Das  Argument  setzt  deshalb
voraus,  daß  die  Gesetzgebung  nicht  allein  für  annehmbar  befunden,
sondern  auch  mit  ganz  besonderer  Entschlossenheit  angestrebt  wird.
Die  sich  hieraus  ergebende  gesetzgeberische  Wirkung  kann  am  besten
durch  ein  Beispiel  veranschaulicht  werden.  Das  House  of  Lords  verwarf ­
  zwei  Home-Rule-Vorlagen.  Das  erstemal  (1885)  wurden  Neuwahlen ­
  ausgeschrieben,  doch  die  Home-Rule-Partei  wurde  geschlagen.
Das  zweitemal  wurde  das  Land  nicht  befragt,  aber  als  die  Wahlen
kamen,  ereilte  die  Home-Rulers  dasselbe  Schicksal.  Seitdem  ist  von
keiner  Partei  ein  solcher  Entwurf  wieder  eingebracht  worden.  Sicherlich ­
  rechtfertigen  diese  Vorgänge  die  Schlußfolgerung,  mit  der  ich  disputiere. ­

Wir  müssen  uns  vor  der  Einbildung  hüten,  daß  viel  mehr  bewiesen
sei,  als  wirklich  der  Fall  ist.  Es  ist  vollkommen  klar,  daß  das  Herrenhaus ­
  gewisse  Bills  verwerfen  kann.  Daß  es  recht  hatte,  ist  nicht  bewiesen, ­
  aber  dies  ist  für  unseren  gegenwärtigen  Zweck  sekundär.  Bedeutungslos ­
  ist  es  jedoch  nicht,  wenn  gezeigt  werden  kann,  daß  das  Land
niemals  mit  der  Pairskammer  übereinstimmte.  Die  Tatsachen  beweisen ­
  nur,  daß  der  Widerstand  des  Herrenhauses  die  Verabschiedung
der  Home-Rule-Vorlagen  hinausschob.  Die  Wähler  sind  an  Home
Rule  nicht  genügend  interessiert,  daß  sie  in  einen  langen  und  revolutionären ­
  Kampf  einträten  und  andere  Fragen  der  Gesetzgebung  vernachlässigten, ­
  um  eine  entscheidende  Schlacht  herbeizuführen.  Dies
bezeugen  die  Tatsachen,  nichts  mehr.  Man  könnte  einwenden,  daß  einer ­
  kleinen  Mehrheit,  der  es  an  hartnäckiger  Entschlossenheit  mangelt,
nicht  erlaubt  werden  sollte,  solch  einen  konstitutionellen  Wechsel,  wie
ihn  Home  Rule  nach  sich  zöge,  zu  inaugurieren;  daß  es  deshalb  die
        <pb n="150" />
        127

Pflicht  der  Lordskammer  sei,  sowohl  die  numerische  Majorität  als  deren ­
  Entschlossenheit  auf  die  Probe  zu  stellen.  Wollen  wir  aber  nur
dann  eine  Veränderung  zulassen,  wenn  die  ihr  günstige  Majorität  einen
bestimmten  Grad  von  Entschlossenheit  zeigt,  so  setzen  wir  voraus,  daß
der  Fortschritt  nur  dann  statthaft  sei,  wenn  die  hinter  ihm  treibenden
Kräfte  eine  revolutionäre  Spannung  erreicht  hätten.  Aber  einer  der
hauptsächlichsten  Rechtfertigungsgründe  für  das  Repräsentativsystem
besteht  gerade  darin,  daß  es  der  Steigerung  des  Druckes  Vorbeugen  soll.
Wenn  es  außerdem  ein  Gebot  der  Klugheit  ist,  daß  man  den  Entschluß
der  Majoritäten  prüfe,  bevor  man  sie  ihre  eigenen  Wege  gehen  läßt,  so
sollte  der  Teil  der  konstitutionellen  Maschinerie,  der  diese  Aufgabe  zu
erfüllen  hat,  keine  parteiische  Instanz  sein,  die  die  Probe  nicht  bloß
dann  anstellt,  wenn  große  Verfassungsänderungen  geplant  werden,  sondern ­
  auch,  wenn  es  sich  um  Materien,  wie  Erziehung  und  Abschaffung
der  Pluralstimmen,  handelt;  diese  Instanz  dürfte  ihre  Macht  nicht  benutzen, ­
  die  Interessen  einer  einzigen  politischen  Partei  zu  fördern 1 .
Die  ganzeProbe  ist  jedoch  schlechthin  illegitim.  Bei  den  Wahlen  erhält
die  Regierung  die  Sanktion  zur  Durchführung  ihrer  Politik 2 .  Ihre  Existenz ­
  hängt  davon  ab,  ob  sie  sich  als  Dolmetscher  der  nationalen  Wünsche ­
  bewährt.  Für  die  öffentliche  Meinung  ist  sie  genau  so  empfänglich
wie  für  die  Stimmung  der  Parteien.  Wird  hierauf  erwidert,  sie  sei  den
tätigsten  und  extremsten  ihrer  Anhänger  zu  willfährig,  so  müssen  wir
daran  erinnern,  daß  es  gerade  diese  Männer  sind,  die  in  allen  Parteien
die  öffentliche  Meinung  machen.  Sie  sind  die  Keimzellen  im  Gegensatz
gegen  die  somatischen  Zellen  des  politischen  Körpers.  Wenn  deshalb
alle  Parteien  auf  sie  hören,  so  erklärt  es  sich  dadurch,  daß  der  politische
Schwerpunkt  nicht  durch  das  Gewicht  der  Masse,  sondern  durch  organische ­
  Äußerungen  der  Lebenstätigkeit  bestimmt  wird.  Der  passive
Haufe  gleichgültiger  Wähler  oder  eigenbrödlerischer,  überlegener  Unzufriedener, ­
  der  weder  durch  eine  Kraft  des  erfinderischen  \  erstandes,
noch  durch  eine  sittliche,  nach  Gerechtigkeit  strebende  Begeisterung
Als  im  Jahre  1906  die  Lords  die  Unterrichtsvorlage  ablehnten,  schrieb  eine
liberale  Zeitung:  „Die  Trades  Disputes  Bill  (Vorlage  bezüglich  gewerblicher
Streitigkeiten)  ließen  sie  passieren,  weil  sie  wußten,  daß  die  Mitglieder  der  Arbeiterpartei ­
  .große  Füße'  hatten.  Sie  (die  Lords)  verwarfen  die  Unterrichts-Bill,
obgleich  die  Liberalen  ein  unzweideutiges  Mandat  zu  ihren  Gunsten  erhalten
atten.“  Die  Unterscheidung,  die  hier  implicite  zwischen  ,,Füßen  und  ,,Manaten
  gemacht  wird,  ist  ganz  richtig.  2  Dies  muß  im  Zusammenhang  mit  den  in
einem  früheren  Kapitel  gegebenen  Anregungen,  wie  die  Regierungen  mit  den
Wählern  in  enger  Fühlung  bleiben  können,  gelesen  werden.
        <pb n="151" />
        I

128

bewegt  und  vorwärtsgetrieben  wird,  hat  und  soll  weniger  Einfluß  im
Staatsleben  haben,  als  seine  Größe  zu  rechtfertigen  scheint.  Alle  Parteien ­
  erkennen  jedoch  sein  Gewicht  an.  Sie  suchen  dahinter  Schutz  und
erklären  ihre  Mängel  durch  die  Trägheit  dieser  Masse;  sie  fühlen  sie  wie
einen  Mühlstein  um  den  Hals,  wenn  sie  in  ihrer  Begeisterung  für  die  Vision ­
  einer  verbesserten  Welt  schneller  und  schneller  laufen  möchten.
Wenn  der  Staat  neue  Richtungen  einschlägt  oder  dem  Lichte  reiner  Vernunft ­
  auf  Wegen  folgt,  die  den  Massen  ungewohnt  sind  (und  wohlverstanden, ­
  hiermit  meine  ich  nicht  nur  den  Armen,  sondern  alle,  die  von
Interessen  oder  Gewohnheiten  beherrscht  werden,  deren  Geist  sich
keine  andere  Wirklichkeit  als  den  Statusquo  vorstellen  kann),  so  wird
ihre  Zustimmung  auf  eine  Belastungsprobe  gestellt.  Ist  der  Druck  zu
übermäßig,  so  wird  die  Masse  von  der  Reaktion  erfaßt;  ist  er  zu  gering,
kann  der  Staat  seine  Funktionen  in  der  Gesellschaft  nicht  erfüllen.  Das
ist  das  Problem,  dem  jede  Partei,  die  an  der  Macht  ist,  ins  Auge  zu
schauen  hat.  Ihre  Aufgabe  ist  nicht  allein,  die  Stimmung  der  Masse  zu
erforschen,  sondern  auch  herauszufinden,  welche  Anforderungen  man
an  die  Masse  stellen  kann.  Die  Partei  hat  ihre  Ideen  vom  politischen
Recht  auf  eine  Gemeinschaft  anzuwenden,  die  aus  organisierten  Widersachern ­
  und  einer  trägen  Masse  des  sozialen  Gewebes  zusammengesetzt
ist,  welch  letztere  zu  aktiven  Oppositionen  angereizt  werden  kann,  wenn
ihre  Befürchtungen  erweckt  werden  oder  ihr  Wunsch,  ungeschoren  zu
bleiben,  zu  wenig  berücksichtigt  wird.  Insofern  es  für  die  Gesetzgebungsmaschinerie ­
  eines  Staates  ratsam  sein  mag,  den  Entschluß  der
Wähler,  gewisse  Veränderungen  durchzuführen,  zu  prüfen,  ist  hierfür
also  schon  ausreichend  durch  die  Trägheit  der  Wählermassen  und  die
beständige  Immanenz  der  Reaktion  gesorgt.
Wenn  das  Dasein  einer  zweiten  Kammer  die  politischen  Parteien  —
oder  eine  von  ihnen  —  von  der  Verantwortlichkeit  für  ihre  Vorlagen  befreit,
  so  kann  das  Land  über  Streitfragen  niemals  endgültig  entscheiden ­
  ;  auch  können  nachfolgende  Ereignisse  niemals  zeigen,  was  die  Nation ­
  zur  Konfliktszeit  wirklich  zu  tun  beabsichtigte.  Der  Wille  des  Volkes ­
  ändert  sich  mit  der  Zeit  und  den  Verhältnissen.  Jedes  Ding  hat  seine ­
  Zeit.  Wird  die  reife  Frucht  nicht  gepflückt,  so  verfault  sie.  Wenn
das  Oberhaus  über  die  Zeit  gebieten  und  dadurch  die  Verzögerung  erzielen ­
  kann,  so  verfügt  es  über  den  Kern  der  Macht,  der  die  Niederlagen
besiegelt.
        <pb n="152" />
        In  dieser  Beziehung  mögen  die  Vorgänge,  die  sich  beim  Streite  über
die  Home  Rule  abspielten,  noch  einmal  gewürdigt  werden.  Die  Verlängerung ­
  der  Kontroverse  gab  den  Befürchtungen  und  den  Vorurteilen ­
  der  Rasse  und  Religion  Zeit,  sich  auszubreiten.  Sie  führte  zu  einer
Art  Referendum,  als  sich  jene,  die  in  den  Prinzipien  und  Zielen  der  Vorlage ­
  konform  gingen,  über  die  Einzelheiten  spalteten,  z.  B.  ob  irische
Abgeordnete  im  Westminsterpalast  sitzen  sollten  oder  nicht.  Sie  langweilte ­
  das  Land,  der  günstige  Augenblick  für  die  Lösung  der  irischen
Schwierigkeit  eilte  schnell  vorüber.
Noch  war  dies  alles.  Ein  Attraktionsstück  wurde  ersonnen,  um  mit
jenem  zu  rivalisieren,  das  Irland  einige  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen
wollte.  Das  unionistische  soziale  Programm,  an  dessen  Spitze  die  Forderung ­
  der  Altersrenten  figurierte,  wurde  dem  Lande  bekanntgegeben.
Der  Streit  wogte  nicht  mehr  um  die  Frage:  ob  für  oder  gegen  eine  einzige ­
  Maßregel,  sondern  jetzt  hieß  es:  entweder  dieses  Programm  der
Home  Rule  oder  jenes  der  Sozialreform.  Das  soziale  Reformprogramm
wurde  angenommen  mit  dem  Ergebnis,  daß  die  Altersversicherung  auf
Jahre  hinaus  zurückgestellt  wurde.  Die  Forderung  des  Landankaufes
dagegen,  mit  der  die  Wähler  damals  eingeschüchtert  wurden,  haben  inzwischen ­
  dieselben  Leute  durchgeführt,  die  sich  ihr  zu  jener  Zeit  widersetzt ­
  hatten.  Der  Unterschied  ist  nur,  daß  den  Steuerzahlern  eine
größere  Last  aufgebürdet  worden  ist  und  den  Gutsherren  noch  mehr
Summen  in  die  Tasche  geflossen  sind  —  und  noch  immer  ist  das  Problem ­
  der  Selbstregierung  Irlands  nicht  gelöst.  Die  politische  Verwicklung, ­
  die  sich  als  Ergebnis  der  Aktion  des  Oberhauses  hinsichtlich  Home
Rule  ergab,  ist  heute  noch  nicht  von  den  Forschern  der  politischen  Geschichte ­
  entwirrt  worden,  aber  folgendes  ist  durch  die  Ereignisse  schlagend ­
  bewiesen  worden:  Die  Macht  unserer  zweiten  Kammer,  den  Gang
der  Gesetzgebung  zu  verzögern,  ist  nicht  allein  eine  Gewalt,  die  die  Gesetzentwürfe ­
  noch  einmal  dem  Urteilsspruch  des  Volkes  unterwerfen
kann,  sondern  auch  eine  Macht,  gewünschte  Veränderungen  zu  vereiteln ­
  ;  ein  Hindernis  für  dauernde  und  wissenschaftliche  Experimente
und  Anpassungen,  eine  Schranke  für  alles,  was  nicht  von  einem  entschlossenen ­
  revolutionären  Willen  getragen  wird,  ein  enormer  Vorteil
für  jene  politische  Partei,  die  das  Vertrauen  der  durch  das  Oberhaus
vertretenen  Wirtschaftsinteressen  genießt.
Zur  Beseitigung  des  Mißbrauches  der  Gewalt  dieser  verfassungsrecht-9
  Mac  Donald,  Sozialismus  129
        <pb n="153" />
        130

liehen  Hemmvorrichtung  werden  zwei  Mittel  vorgeschlagen.  Erstens
wäre  die  Gültigkeitsdauer  ihrer  Gewalt  einzuschränken,  und  zweitens
sollte  man  die  Lordskammer  direkt  aus  Wahlen  hervorgehen  lassen.
Das  erste  Mittel  beschränkt  formell  das  Votum  der  Lords  entweder
auf  eine  bestimmte  Zeit  oder  auf  eine  gewisse  Anzahl  von  Nichtübereinstimmungen ­
  mit  irgendwelchem  Vorschlag  der  Volksvertretung.
Wenn  wir  die  hemmenden  Schranken  überhaupt  für  wünschenswert
erachten,  so  scheint  mir  dies  die  beste  Kontrollierungsmethode  zu  sein.
Aber  selbst  dies  ist  dem  gewichtigen  Ein  wände  ausgesetzt,  daß  es  die
zweite  Kammer  ermächtigt,  die  Erörterung  über  Vorlagen  bis  zu  einem
Punkte  in  die  Länge  zu  ziehen,  wo  die  Diskussion  nicht  mehr  aufklärt,
sondern  ermüdet.  Es  gibt  eine  Zeitgrenze,  innerhalb  welcher  Dinge  geschehen ­
  müssen  oder  sie  werden  leicht  überhaupt  unterlassen.
Das  zweite  Mittel  reizt  jedoch  sehr  zum  Widerspruch.  Wenn  die  Lehre ­
  von  der  einschränkenden  Gewalt  richtig  ist,  so  sollte  man  sie  unabhängig ­
  und  unparteiisch  anwenden.  Säßen  in  dem  Oberhause  die  Gewählten ­
  der  Majorität  derjenigen  Kammer,  der  Zaum  und  Zügel  angelegt ­
  werden  soll,  wie  es  der  Fall  in  den  meisten  unserer  Kolonien  ist,  so
verfehlte  es  offenbar  seine  Bestimmung.  Es  müßte  seine  Tätigkeit  einstellen, ­
  genau  so,  wie  es  das  Haus  der  Lords  in  den  Tagen  tat,  als  es  die
Mehrheit  des  Unterhauses  wählte,  oder  was  es  heute  noch  tut,  wenn  die
Konservativen  die  Geschäfte  führen.  Wählten  die  Wahlkreise  die  zweite
Kammer  nach  demselben  Wahlrecht,  wie  das  Unterhaus,  so  hätte  sie
kaum  einen  von  diesem  unterschiedenen  politischen  Charakter;  ihre  Majorität
  gehorchte  den  Einpeitschern,  die  das  Haus  der  Gemeinen  kontrollieren. ­
  Beriefe  man  sie  nach  einem  anderen  Wahlrecht,  so  zeigte  sie
dieselbe  Spaltung  in  Parteien.  Ihre  Mehrheit  könnte  dann  derselben
Partei  angehören  wie  die  Minorität  des  Unterhauses,  in  welchem  Falle
sie  gerade  eine  die  Situation  beherrschende  Opposition  wäre,  anstatt
eine  hemmende  Schranke  zu  sein.  Ihre  Mehrheit  könnte  aber  auch  mit
der  des  Unterhauses  identisch  sein;  dann  hörte  sie  auf,  als  Hemmschuh ­
  zu  dienen.  Was  aber  auch  immer  das  politische  Fazit  eines  gewählten ­
  Oberhauses  sein  möge,  so  wird  es  niemals  das  Amt  einer  konstitutionellen ­
  Hemmvorrichtung  ausfüllen  können,  weil  die  Tatsache,
daß  es  seine  Autorität  direkt  von  den  Wahlkreisen  ableitet,  ihm  eine
mit  der  des  Hauses  der  Gemeinen  konkurrierende  Macht  verleiht.  Entsteht ­
  ein  Konflikt,  so  wird  der  Kampf  zwischen  den  beiden  Kammern
        <pb n="154" />
        131

9

nicht  sowohl  um  das  spezifische  Streitobjekt  als  um  die  Zusammensetzung, ­
  die  Wahl  und  die  Kompetenzen  der  beiden  Häuser  stattfinden. ­
  Ihr  Ringen  wird  entscheiden,  wer  der  Herr  ist.  Dies  war  der
Fall  in  Südaustralien,  wo  zwei  Jahre  lang  zwischen  den  beiden  Kammern ­
  eine  Auseinandersetzung  über  die  an  eine  bestimmte  Höhe  des
Besitzes  geknüpfte  Wahlfähigkeit  für  den  gesetzgebenden  Rat  wütete.
Im  Laufe  dieses  Streites  wurden  3  Vorlagen  verworfen,  fand  eine  allgemeine ­
  Wahl  statt,  drohte  eine  weitere  zu  folgen,  während  der  1907
geschlossene  Kompromiß  nur  ein  Waffenstillstand  sein  kann.
Alle  diese  Systeme  konstitutioneller  Hemmvorrichtungen  sind  nur
Systeme  von  schwankendem  Gleichgewicht,  die  sich  wohl  in  Friedenszeiten ­
  behaupten,  wo  sie  keinem  Zwecke  dienen,  aber  in  kritischen
Perioden  zusammenzubrechen  streben,  wenn  sie  sich  gerade  bewähren
sollten.
Eine  befriedigende,  das  Haus  der  Gemeinen  zügelnde  Einrichtung
muß  mit  einigen  klar  definierten  Attributen  ausgerüstet  sein.  Sie  muß
unparteiisch  und  von  allen  politischen  Parteien  unabhängig  sein.  Sie
muß  imstande  sein,  den  Willen  des  Volkes  mit  großem  Scharfsinn  zu
interpretieren;  sie  darf  die  gesetzgebenden  Befugnisse  der  wahren  Legislative ­
  nicht  an  sich  reißen  und  sich  mit  ihr  in  die  Macht  teilen,  sondern ­
  sie  muß  nur  ein  beschränktes  Einspruchsrecht  genießen.  Für  jede
Körperschaft  ist  es  schwer,  diesen  Erfordernissen  zu  genügen,  aber
Tatsache  ist  es,  daß  unser  Haus  der  Lords  von  diesen  Eigenschaften
nichts  besitzt.  Würde  sein  Vetorecht  beschränkt,  so  würde  es  dadurch
als  Organ  im  Verfassungskörper  sehr  verbessert  werden,  aber  eine  parteiische ­
  Instanz  bliebe  es  immerhin.  Stets  verträte  es  eine  bestimmte
Richtung  von  Klassenanschauungen  und  Klasseninteressen,  die  in  vielen ­
  Punkten  mit  der  allgemeinen  staatlichen  Wohlfahrt  kollidieren.
Bestände  außerdem  seine  wirkliche  Tätigkeit  nur  darin,  das  Haus  der
Gemeinen  zu  zügeln,  so  wären  seine  Pflichten  so  unbedeutend,  daß  tüchtige ­
  Männer  ihm  ihre  Dienste  versagen  würden.  Es  fehlte  ihm  zum  Leben ­
  die  genügende  Nahrung.
Wenn  nun  schon  die  Unmöglichkeit  eines  konstitutionellen  Gegengewichts ­
  gegen  eine  aus  Volkswahlen  hervorgegangene  gesetzgebende
F  ersammlung  durch  unsere  eigene  Erfahrung  und  die  anderer  parlamentarisch ­
  regierter  Länder  einleuchtend  ist,  so  wird  die  Schlußfolgerang ­
  noch  verschärft,  wenn  man  die  Frage  vom  Standpunkte  der  Legis ­
        <pb n="155" />
        132

lative  selbst  untersucht.  Im  äußersten  Falle  wird  die  Legislative  durch
die  Bedingungen  des  politischen  Lebens,  die  sich  aus  einer  parteiischen
Regierung  ergeben,  versucht,  wohlfeile  und  ehrlose  Dinge  zu  tun,  weil  sie
nach  dem  Beifall  der  Menge  geizt.  Existiert  neben  ihr  ein  Herrenhaus 1 ,
so  wird  sich  die  Mehrheit  der  gewählten  Kammer  ihrer  legislativen  Verantwortung ­
  nicht  vollkommen  bewußt.  Wohl  weiß  sie,  daß  das  Oberhaus ­
  bestimmte  Sachen  ablehnen  wird;  sie  kann  es  deshalb  für  ihre
eigenen  Unterlassungen  tadeln—Unterlassungen,  um  die  sie  manchmal
durchaus  nicht  betrübt  sein  mag.  Fiele  die  volle  und  endgültige  Verantwortung ­
  für  die  Gesetzgebung  einer  Regierung  zu,  so  würden  die  Einflüsse, ­
  die  die  Politik  zu  versittlichen  streben,  verstärkt  werden.
Hätte  die  Opposition  im  Unterhause  die  volle  Verantwortlichkeit
einer  Opposition  zu  tragen  und  würde  sie  nicht  angespornt,  sich  nach
wirkungsvoller  Unterstützung  anderweitig  umzusehen,  so  würde  sie
auch  ihre  Tätigkeit  mehr  als  modifizierende  Macht  in  der  Gesetzgebung ­
  ausüben  und  ihre  Möglichkeiten  als  eine  boshafte  und  obstruktionslüsterne ­
  Gruppe  weniger  ausnützen.  Weit  davon  entfernt,  die
Gesetzgebung  zu  verbessern  und  die  verwegenen  Naturen  in  dem  auf
Volkswahlen  beruhenden  Parlamente  zu  bändigen,  hat  die  Verteilung
der  legislativen  Verantwortlichkeiten  keinen  Einfluß  auf  die  Güte  der
Statutarrechte;  sie  ladet  die  Regierung  und  die  Opposition  nur  ein,  unaufrichtig ­
  zu  handeln  und  Obstruktion  zu  treiben.  Wie  immer  auch
eine  zweite  Kammer  zusammengesetzt  sein  mag  und  welche  Funktion
sie  auch  zu  erfüllen  hätte,  sie  kann  die  Wahrscheinlichkeit  nicht  erhöhen, ­
  daß  die  „rechten“  Gesetze  geschaffen  werden;  sie  kann  nicht
dafür  bürgen,  daß  die  Absichten  des  Volkes  ausgeführt  werden,  auch
kann  sie  die  Tyrannei  der  Mehrheiten  nicht  beschränken,  noch  den
Wunsch  der  Regierung,  Ungerechtigkeiten  zu  begehen,  mäßigen.
Wir  müssen  ferner  nie  die  Tatsache  aus  dem  Auge  verlieren,  daß  die
zweite  Kammer  in  Finanzangelegenheiten  nicht  zuständig  und  das  britische ­
  Parlament  gerade  für  seine  Kompetenz  in  Finanzfragen  so  berühmt ­
  ist.  Unmöglich  ist  es  auch,  sich  ein  System  der  Zweigewalten  im
Finanzwesen  vorzustellen.  Die  Finanzhoheit  ist  zu  wichtig,  ein  Spiel1 ­

  Oder  irgendeine  zweite  Kammer,  obgleich  sich  die  Art  und  Weise,  wie  der  Einwand ­
  begründet  würde,  darnach  richtete,  ob  die  Parteifarbe  der  zweiten
Kammer  der  Couleur  der  anderen  Kammer  entgegengesetzt  wäre  oder  nicht,
und  ob  das  Oberhaus  eine  dauernde  Mehrheit,  die  zu  der  einen  Partei  gehört,
hätte  oder  nicht  hätte.
        <pb n="156" />
        133

zeug  der  entgegengesetzten  Parteien  der  beiden  Häuser  zu  sein.  In  dieser ­
  Sache  muß  die  Majorität  des  regierenden  Hauses  die  volle  und  ungeteilte ­
  Verantwortlichkeit  übernehmen.  Genau  in  dem  Maße  wie  jemand ­
  die  legislative  Reform  als  eine  zwingende  Notwendigkeit  für  das
Leben  des  Landes  empfindet,  glaubt  er  auch,  daß  die  Unmöglichkeit
geteilter  Verantwortlichkeit  in  Budgetfragen  ebenso  für  andere  Materien ­
  parlamentarischer  Arbeit  bestehe.
Die  hemmende  Schranke,  die  ich  soeben  besprochen  habe,  betrifft  die
Prinzipien  und  die  Politik  der  Gesetzgebung.  Die  Verantwortung  hierfür ­
  sollte,  wie  alle  Erfahrung  lehrt,  ausschließlich  auf  die  Schultern  der
Volksvertretung  gelegt  werden.  In  der  Natur  hemmt  nicht  das  eine  Organ ­
  das  andere,  sondern  die  antagonistischen  Kräfte  vermischen  sich  zur
Bewegung,  wie  die  zentrifugalen  und  zentripetalen  Kräfte  des  Universums ­
  und  die  katabolischen  und  aufbauenden  Elemente  in  der  Biologie. ­
  Die  kollidierenden  sozialen  Mächte  sollten  in  einem  einzigen  legislativen ­
  Organe  ihre  Vertretung  haben.  Gesetzentwürfe  sollten  nicht  in
zwei  verschiedenen  Häusern,  die  zwei  verschiedene  Impulse  vertreten,
sondern  in  einer  einzigen  Kammer  erörtert  werden,  die  alle  Interessen
und  Antriebe  repräsentiert.  Auf  diese  Weise  wird  der  Fortschritt  stetig
und  mit  sicherem  Gange  vorwärtsschreiten.
Nun  gibt  es  aber  eine  hemmende  Einrichtung  anderen  Charakters,
die  sehr  gut  adoptiert  werden  könnte.  Die  zweite  konstitutionelle
Funktion,  die  das  Haus  der  Lords  angeblich  erfüllt,  ist  diejenige
einer  Revisionskammer,  wo  die  Vorlagen  nicht  auf  ihre  politischen,
sondern  auf  ihre  technischen  Vorzüge  geprüft  werden.  So  läßt  die  Regierung ­
  oft  im  Oberhause  Amendements  abfassen,  sie  holt  Versäumtes
na ch,  korrigiert  technische  Fehler.  Nichts  würde  unsere  Gesetzgebung
gewiß  mehr  verbessern  als  eine  Prüfung,  die  eine  für  diesen  Zweck  errichtete ­
  Kammer  vorzunehmen  hätte.  Das  Oberhaus  kann  dies  jedoch
nicht  tun;  denn  es  ist  politischer  Natur,  während  jene  Arbeit  von
Juristen  verrichtet  werden  muß.  Sicherte  sich  das  Haus  der  Gemeinen
die  Macht,  bei  jeder  Vorlage  deren  allgemeine  Prinzipien  und  Richtlinien ­
  in  derWeise  zu  fixieren,  daß  eine  Einmischung  des  Oberhauses  hier
uin  solcher  Bruch  der  Vorrechte  wäre,  wie  sie  es  in  Finanzfragen  schon
heute  ist;  erweiterte  ferner  das  Unterhaus  die  Sphäre  seiner  Privilegien,
so  daß  mit  allen  von  ihm  verabschiedeten  Entwürfen  in  der  Lordskammer ­
  eine  zweite  Lesung  vorgenommen  werden  müßte,  so  hätte  es
        <pb n="157" />
        134

den  ersten  wichtigen  Schritt  in  der  Richtung  getan,  die  zweite  Kammer
in  einen  Revisionsausschuß  umzuwandeln.  Dann  könnte  das  Laienelement ­
  des  Oberhauses  den  Sitzungen  fernbleiben,  für  allgemeine  Zwecke
näherte  sich  die  Peerskammer  im  Aussehen  und  Charakter  einem  Appellationshofe. ­
  Die  Gesetzentwürfe  würden  dann  von  Männern  geprüft  werden, ­
  die  in  der  Handhabung  der  Gesetze  erfahren  wären  und  deren  Aufgabe ­
  es  wäre,  in  den  Paragraphen  des  geschriebenen  Rechts,  so  deutlich ­
  und  getreu  als  die  Sprache  es  erlaubt,  die  Intentionen  des  Unterhauses ­
  auszudrücken.  Für  die  Gerichte  könnte  sich  dann  die  Möglichkeit ­
  ergeben,  die  Ansichten  und  die  Zwecke  dieses  rechtskundigen  Ausschusses, ­
  soweit  sie  amtlich  zum  Ausdruck  gekommen  sind,  als  Beweise ­
  für  die  Absichten  des  Parlamentes  und  als  einen  tätigen  Teil  des
Gesetzes  zu  betrachten.  Im  öffentlichen  Interesse  wäre  dies  viel  mehr
gelegen,  als  die  gegenwärtige  Praxis,  die  dem  Richter  erlaubt,  eine  den
legislativen  Funktionen  gleichkommende  Tätigkeit  auszuüben,  mögen
seit  der  Annahme  der  Akte  schon  Jahre  verflossen  sein,  und  Gesetzen
eine  Deutung  zu  geben,  wie  sie  offenbar  von  dem  betreffenden  Parlamente ­
  nie  beabsichtigt  war.  Die  Auslegungen,  die  einem  Gesetze  im
Moment  seiner  Schöpfung  gegeben  und  von  den  Personen  akzeptiert
werden,  die  für  seine  Annahme  im  Parlamente  verantwortlich  sind,
bergen  in  sich  viel  weniger  Gefahren,  als  Interpretationen,  die  das  Gesetz ­
  unabhängig  von  der  Meinung  des  Gesetzgebers  und  oft  seiner  Absicht ­
  zuwiderlaufend  erfährt.
Den  sichersten,  wirksamsten  und  verantwortungsreichsten  Träger
der  Gesetzgebung  liefert  deshalb  das  Einkammersystem,  ergänzt  durch
einen  Revisionsausschuß,  der  sich  aus  Rechtsgelehrten  des  Oberhauses ­
  zusammensetzt,  die  nicht  allein  auf  eine  richterliche  Praxis
herabblicken,  sondern  auch  mit  dem  redaktionellen  Teil  der  parlamentarischen ­
  Arbeiten  vertraut  sind;  die  die  Aufgabe  haben,  nicht  die
Politik,  wohl  aber  das  technische  Gepräge  der  Vorlagen  zu  verbessern
und  deren  Vollständigkeit  und  Wirksamkeit  als  gesetzmäßige  Werkzeuge ­
  zu  kritisieren  und  zu  erhöhen.

nimiiuiiinnnimm l m l , Tnmmimm n mimmmlITlrlITn) , l mnumiiiiifT
        <pb n="158" />
        135

mim  mm.

JL

XL

V.  DIE  DEMOKRATIE  UND  DAS  IMPERIUM ­

WTinimmiiiiiiiiiiiitTmimmiminiiminTTnTrnim'imiiiiiimiiiiimmmT
A.  DAS  REICH  UND  DIE  RASSENFRAGE
In  unseren  Tagen  der  schnellen  Verkehrsmittel  und  der  Erleichterungen ­
  für  die  blitzartige  Übermittelung  von  Nachrichten  ist  die  Welt  zu
einem  kleinen  Umfang  zusammengeschrumpft;  die  kommerzielle  und
politische  Rivalität  der  Nationen  spielt  sich  auf  einer  Bühne  ab,  die
keine  andere  ist  als  die  ganze  Welt.  Die  großen  industriellen  Nationen ­
  brauchen  Märkte,  die  großen  Königreiche  verzehrt  der  Hunger
nach  Kolonien,  die  großen  Völker  strömen  in  neue  Länder.  Der  Durst
nach  Abenteuern  und  der  Handelsgeist  des  Mittelalters  und  der  Kinderj
  ahre  der  modernen  Zeit  führten  zur  Aufpflanzung  der  französischen,
spanischen,  holländischen  und  englischen  Flagge  in  den  westlichen  Gewässern, ­
  auf  dem  amerikanischen  Kontinente  und  in  Indien.  Die  durch
die  nationale  Angriffslust  angefeuerte  Handelseifersucht  brachte  die
Völker  ins  Handgemenge.  Sie  wuchsen  und  sanken  mit  den  Launen
des  Glücks  der  Invasionen,  der  Seeräuberexpeditionen  und  der  regulären ­
  Kriege.  Indien  und  Amerika  fielen  schließlich  in  unsere  Gewalt:
Indien  als  Markt,  Amerika  als  Kolonie.  In  den  neuesten  Zeiten,  wo  Europa ­
  und  die  Vereinigten  Staaten  zu  stärkerer  Handelstätigkeit  erwacht
sind,  nachdem  die  bewaffneten  Kämpfe  aufgehört  haben,  und  wo  die
westliche  Nation  des  Ostens,  Japan,  mit  der  Kraft  vorwärtsdrängender
Energie  belebt  worden  ist,  hat  sich  jeder  Impuls,  der  dazu  beiträgt,  die
Vereinigung  zu  einer  Nation  zu  festigen,  auf  die  Gründung  von  Kolonialreichen ­
  gerichtet.  Soweit  unsittliche  Motive  zur  Aktion  kamen,
waren  es  Neid,  Stolz  und  Habsucht,  die  die  Völker  antrieben,  die  haschenden ­
  Hände  auszustrecken.  Die  Aufrechterhaltung  ihres  Prestiges ­
  nötigte  sie,  überseeische  Gebiete  zu  okkupieren  und  ihre  Blicke  auf
der  Suche  nach  herrenlosen  Ländern  über  die  Erde  schweifen  zu  lassen.
Eie  französischen  Besitzungen  in  Siam  und  Deutschlands  afrikanische ­
  Kolonien  gehören  in  diese  Kategorie.  Aus  taktischen  Gründen
mußten  dann  neue  Landerwerbungen  gemacht  werden.  Japan  wollte
den  westlichen  Teil  des  Stillen  Ozeans  nicht  bloß  aus  Handelsrücksichten ­
  beherrschen,  sondern  es  wurde  von  militärischen  Gesichts-
        <pb n="159" />
        punkten  geleitet;  denn  als  drohenden  Nachbar  hatte  es  Rußland  in
der  Mandschurei  und  Korea.  Handelsinteressen  bestimmten  Frankreich ­
  zur  Besitzergreifung  Madagaskars,  Amerika  zum  kubanischen  Feldzug ­
  und  uns  zum  Burenkrieg.  Ähnliche  Erwägungen  wirken  in  der  Anziehung, ­
  die  Ägypten  und  unsere  autonomen  Kolonien  auf  uns  ausüben.
Deutschland  glaubte  man  lange  Zeit  vom  Wunsche  beseelt,  Brasilien  zu
erobern,  damit  sich  die  deutschen  Auswanderer  unter  deutscher  Flagge
ansiedeln  könnten  und  nicht  gezwungen  wären,  dort  als  Fremdlinge  zu
wohnen,  wie  es  jetzt  der  Fall  ist.  Uns  dienen  unsere  Kolonien  zu  demselben ­
  Zwecke.  Wenn  diese  Motive  nicht  zu  einer  wirklichen  politischen ­
  Einverleibung  von  Territorien  führen,  so  errichten  sie  oft  eine  Art
Autorität,  die  wohl  schlecht  definiert  ist  und  keine  internationale
Anerkennung  hat,  aber  trotzdem  eine  Tatsache  ist,  wie  die  Vormundschaft ­
  der  Vereinigten  Staaten  über  Zentralamerika  oder  Japans  über
China.
Was  nun  auch  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  nicht  von  einer,
sondern  von  allen  politischen  Parteien  gegen  diese  Gebietsvergrößerung ­
  gesagt  worden  sein  mag  oder  was  man  darüber  dachte,  die
Bewegung  für  die  Zerbröckelung  und  Preisgabe  der  Kolonien  ist  erloschen. ­
  Die  politische  und  wirtschaftliche  Organisation  der  Welt  hat
sich  in  den  Köpfen  der  Menschen  eingenistet,  wenn  auch  nicht  gerade ­
  als  ein  klar  umrissenes  Ziel,  wohl  aber  als  eine  Idee,  als  Voraussetzung, ­
  die  nie  zu  Ende  gedacht,  nie  bewußt  formuliert  wird  und  die
doch  zur  selben  Zeit  unbestritten  waltet  und  als  Quelle  und  Führerin
für  Gedanken  und  Handlungen  tätig  ist.  Wie  ist  diese  Bewegung  von
dem  in  dieser  Studie  vertretenen  Standpunkt  zu  bewerten?
Zuerst  werde  ich  mich  mit  den  Fragen  der  Ernährung  befassen,  da
sie  die  geringsten  Schwierigkeiten  bieten.  Zweifellos  ist  der  Gewinn
eines  weltumspannenden  Warenaustausches  für  alle  Nationen  absolut.
Daß  die  Inseln  der  heißen  Zone  ihre  Produkte  nach  den  Wohnorten
der  gemäßigten  Zone  senden  sollen,  damit  diese  die  Erzeugnisse  anderer ­
  Klimate  genießen  können,  liegt  gewiß  im  Schöpfungszweck,
gäbe  es  so  etwas.  Auf  diesem  Wege  werden  die  Vorräte  für  die  Ernährung ­
  der  Welt  und  die  Hilfsquellen  der  Menschheit  bedeutend  vermehrt, ­
  Austausch  und  Güterzirkulation  nehmen  gewaltig  an  Umfang
zu.  Jede  Schranke,  die  hiergegen  errichtet  wird,  ist  schädlich.  Sowohl
Zollmauern  als  die  mörderische  Ausbeutung  der  Eingeborenen,  durch
13  6
        <pb n="160" />
        137

die  deren  Beiträgen  ein  frühzeitiges  Ende  gesetzt  wird,  wirken  wirtschaftlich ­
  wie  moralisch  unheilvoll.
Im  Anschluß  hieran  ist  eine  ganz  heikle  Frage  zu  erledigen.  Was
sind  die  relativen  Ansprüche  der  Welt  da  draußen  und  der  heimischen ­
  Nation  auf  die  Benutzung  irgendeines  Teiles  der  Erdoberfläche?
In  letzter  Instanz  reichen  die  Ansprüche  so  weit,  als  mit  der  Schärfe  des
Schwertes  erzwungen  werden  kann.  Von  diesem  jus  naturae  oder  jus
ferae  haben  die  zivilisierten  Völker  den  ausgiebigsten  Gebrauch  gemacht. ­
  Sie  haben  den  eingeborenen  Rassen  ihr  Land  entrissen;  ein  Nein
durften  diese  sich  nicht  erlauben.  Doch  wenn  wir  die  historischen  Tatsachen ­
  auf  sich  beruhen  lassen,  so  können  wir  untersuchen,  wie  weit  wirkungsvolle ­
  Aktionen  gerechtfertigt  waren,  um  diese  Plätze  dem  Welthandel ­
  zu  erschließen.  Wir  können  den  Grundsatz  aufstellen,  daß  die
Welt  wohl  berechtigt  ist,  sich  der  Früchte  der  Tropen  zu  erfreuen,
daß  sie  aber  kein  Recht  hat,  die  einheimischen  Rassen  durch  Betrug
zu  expropriieren  oder  grausam  auszubeuten,  ihre  kommunistischen  Gewohnheiten ­
  aufzulösen,  sie  zu  demoralisieren  und  zu  Vagabunden,
Bettlern  und  Verbrechern  zu  machen.  Diese  Verpflichtung  ist  für
die  weiße  Rasse  eine  schwere  Bürde,  sie  hat  sich  ihr  nicht  gewachsen
gezeigt.  Die  geographischen,  klimatischen  und  sozialen  Lebensverhältnisse ­
  der  Tropen  zerstören  bei  den  Weißen,  deren  Dasein  inmitten
der  autochthonen  Völkerschaften  verrinnt,  das  Vermächtnis  gesitteter,
humaner  Lebensführung  und  Moralität.  Auch  stumpft  das  universelle
Vorhandensein  der  Rassenantipathie,  durch  welche  Gründe  wir  sie  auch
immer  erklären  mögen,  das  Gefühl  unparteiischer  Rechtspflege  und
verwandter  Empfindungen  zwischen  weißer  und  farbiger  Rasse  ab.
Hierfür  Gründe  anzuführen  und  gleichfalls  darzulegen,  weshalb  dieser ­
  allgemeine  Mangel  merkwürdige  Ausnahmen  aufweist,  ist  eines  der
dunkelsten  Probleme  der  Rassen  Psychologie 1 .  Doch  offenbar  muß  sich
jede  in  Frage  kommende  weiße  Rasse,  es  sei  denn,  sie  handle  recht,
nicht  allein  die  Achtung  der  Eingeborenenverscherzen,  sondern  sie  muß
a uch  ihren  eigenen  Gerechtigkeitssinn,  ihre  eigenen  Kulturgefühle  und
demokratischen  Instinkte  einbüßen.  Es  ist  ihr  unmöglich,  den  Geist,
der  das  Leben  und  den  Sinn  ihrer  eigenen  Demokratie  bedeutet,  zu
behüten  und  lebendig  zu  erhalten,  wenn  sie  den  Neger  zu  ihren  niedri-1
  Dieser  Gegenstand  ist  in  dem  Buche  von  Sir  Sydney  Olivier,  K.  C.  M.  G.:  White
Capital  and  Coloured  Labour,  London,  Independent  Labour  Party,  behandelt
worden.
        <pb n="161" />
        138

gen  Zwecken  verwendet,  ihn  als  ein  Lasttier  betrachtet,  das  keine
bürgerlichen  Rechte  hat,  ihn  beim  ersten  Auftauchen  sofort  niederschießt ­
  und  ihn  unterdrückt.
Die  Rückwirkung  eines  Reiches  unterworfener  Völker  auf  die  Demokratie ­
  ist  deshalb  eine  große,  bedeutungsvolle  Angelegenheit.  Wenn
die  herrschende  Nation  mit  Wohlwollen  und  durch  erzieherische  Mittel
den  Eingeborenen  helfen  will  —  die  bei  ihr  üblichen  Methoden  sind
nicht  notwendigerweise  einzuführen,  aber  sie  muß  sich  von  dem  Geiste
menschlicher  Rücksicht  und  gesetzlicher  Rechtlichkeit,  der  der  Atem
ihres  eigenen  politischen  Lebens  ist,  leiten  lassen—-,  so  braucht  sie  sich
selbst  durch  Ernennung  von  Prokonsulen,  Gouverneuren  und  einesVerwaltungspersonals
  für  die  Einheimischen  noch  nicht  Gewalt  anzutun.
Ist  jedoch  die  wirtschaftliche  Ausbeutung  das  Hauptmotiv,  inspiriert
sie  die  Politik  der  Behörden  der  Weißen  hinsichtlich  des  Landbesitzes
und  der  Freiheiten  und  Rechte,  die  die  Eingeborenen  genießen,  wie  es
der  Fall  ist  im  Kongo-Freistaat  und  mehr  oder  minder  in  jedem  unterjochten ­
  Gebiete  der  zivilisierten  Staaten,  so  muß  die  souveräne  Demokratie ­
  selbst  befleckt  werden.  In  ihrem  eigenen  Blute  erscheint  zuletzt
eine  Infusion  vergifteter  Materien.  Jene,  die  für  diese  Ausbeutung  verantwortlich ­
  sind  und  sich  zu  den  politischen  Ansichten  der  Ausbeutung
bekennen,  und  alle,  die  solche  Politik  entschuldigen  und  verteidigen,
werden  zu  Krebsgeschwüren  im  Herzen  des  demokratischen  Staates.
Die  demokratische  Persönlichkeit  verliert  den  inneren  Halt,  wie  die
Individualität  einer  Person,  die  an  Lähmung  leidet;  der  demokratische
Wille  wird  von  schleichendem  Gifte  angefressen.  Die  Empfänglichkeiten
und  Gefühle,  auf  denen  zu  Hause  die  Freiheiten  beruhen,  zerfallen.
Nun  möchte  ich  klar  und  deutlich  betonen,  daß  meine  Auffassung
nicht  ist,  daß  sich  die  weißen  Rassen  in  der  Kolonialpolitik  notwendig
die  Einführung  einer  demokratischen  Verfassung,  wie  wir  sie  verstehen, ­
  bei  den  Eingeborenen  zum  Ziele  setzen  müssen.  Die  Demokratie ­
  dieser  nördlichen  Länder  ist  wahrscheinlich  mit  dem  Boden  und
der  Rasse  verwachsen.  Mit  ihr  nordwärts  und  südwärts  zu  ziehen,  sie
nach  dem  Osten  und  dem  Westen  zu  verpflanzen,  als  wäre  sie  das
unvermeidliche  Ende  aller  Staatsverfassungen,  heißt  aus  ihr  einen
Fetisch  machen.  Die  Demokratie  ist  nur  eine  der  Formen  —  für  uns
vielleicht  die  einzig  mögliche  Form  —,  in  der  uns  die  von  der  öffentlichen ­
  Meinung  gebildete  Regierung  erscheint.  Wir  können  die  Ver ­
        <pb n="162" />
        139

gangenheit  des  Eingeborenen  nicht  so  behandeln,  als  ob  sie  ihm  weder
Gepflogenheiten  noch  Denkrichtungen  überliefert  hätte.  So  wenig  wie
wir  kann  auch  er  von  seinem  Erbteil  getrennt  betrachtet  werden.  Wir
können  ihn  nicht  dazu  bringen,  wieder  von  vorn  anzufangen;  deshalb
müssen  wir  ihn  von  seinem  eigenen  und  nicht  von  unserem  Standpunkte ­
  aus  beurteilen.  Die  Einrichtungen,  die  ihm  die  Freiheit  bringen ­
  sollen,  sind  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ganz  verschieden  von
den  Institutionen,  die  uns  die  Freiheit  zu  gewähren  haben.  Der  Erfolg
der  Eingeborenenpolitik  hängt  deshalb  davon  ab,  ob  die  weißen  Rassen ­
  dem  Eingeborenen  auf  Wegen  führend  voranschreiten  können,
die  zu  wandeln  für  den  Eingeborenen  selbst  natürlich  sind,  und  nicht
bloß  auf  Pfaden,  die  der  Bequemlichkeit  der  weißen  Rassen  Zusagen ­
  und  ihren  Ansichten  entsprechen.  Aber  sie  können  die  Gewalt
seiner  Häuptlinge  und  Führer,  die  Gesetze,  Sitten  und  Wirtschaftsweise ­
  seines  Stammes  anerkennen;  sie  können  den  Eingeborenen  behilflich ­
  sein,  die  Auswüchse  der  Entartung  zu  beseitigen.  Der  Geist,  der
bei  uns  individuelle  Freiheit  und  demokratische  Kontrolle  fordert,  wird
durch  die  Selbstentwicklung  verschiedenartiger  Gemeinschaften  befriedigt, ­
  immer  vorausgesetzt,  daß  dies  keinen  Bruch  der  fundamentalen ­
  sittlichen  Ordnung  nach  sich  zieht,  wie  z.  B.  absichtliche  Vernichtung ­
  von  Menschenleben.
.,Der  Mann  am  Orte“,  der  eine  doppelte  Moral  zu  praktizieren  versucht, ­
  um  sich  der  Mühe  zu  entheben,  alle  Verantwortlichkeiten  seiner ­
  Stellung  zu  tragen,  gibt  hierauf  folgende  Antwort:  Die  Eingeborenen ­
  müssen  zu  ihrem  eigenen  Vorteil  ausgepeitscht  werden,  Gerichtsverfahren ­
  verstehen  sie  nicht  und  summarisch  müssen  sie  bestraft ­
  werden;  unser  Gefühl  der  Vergebung  oder  unser  Gerechtigkeitsempfinden ­
  schätzen  sie  nicht,  wünschen  wir  einen  Eindruck  auf  sie  zu
machen,  so  müssen  wir  es  in  derselben  Weise  tun,  wie  sie  sich  gegenseitig ­
  zu  imponieren  pflegen.  Die  Replik  ist  zwiefach.  Erstens  können
die  Voraussetzungen  bestritten  werden.  Gefällt  sich  der  Weiße  in  den
Gepflogenheiten  des  Eingeborenen,  um  ihm  Respekt  einzuflößen,  so
bietet  dies  nicht  allein  ein  abscheuliches  Schauspiel  dar,  sondern  die
Vorzüglichkeit  dieser  Methode  ist  auch  noch  niemals  bewiesen  worden.
Die  Erfahrung  in  Gegenden  wie  Natal  lehrt,  daß  Grausamkeit  gegenüber ­
  den  Eingeborenen  eine  ganze  Ernte  von  Groll  und  Unruhe  reift.
Zweitens  muß  ausdrücklich  hervorgehoben  werden,  daß,  wenn  der
        <pb n="163" />
        Weiße  durch  seine  Herrscherfunktionen  über  den  Eingeborenen  auf
dessen  Niveau  herabgezerrt  wird,  er  ihm  gegenüber  nicht  allein  keine
Mission  zu  erfüllen  hat,  sondern  auch  sich  selbst  großen  Schaden  zufügt, ­
  während  er  glaubt,  er  hätte  wirklich  eine  Mission  auszuführen.
Durch  die  Berührung  der  weißen  und  farbigen  Rasse  verfällt  dann
weit  und  breit  die  Zivilisation.
Die  Merkmale,  die  zur  Beurteilung  der  Eingeborenenpolitik  dienen,
sind  die  folgenden:  Haben  wir  unsere  eigene  Gemächlichkeit  oder  die
Wohlfahrt  des  Eingeborenen  im  Auge?  Wenn  wir  zugeben,  daß  die
Irrtümer  des  Eingeborenen  sui  generis  sind,  tun  wir  es  dann  deshalb,
um  aus  ihnen  Vorteil  zu  ziehen,  —  wie  die  Bevölkerung  Natals  es  tat,
als  sie  die  Zulu  beim  bloßen  Erscheinen  niederschoß,  um  ihnen  zu  zeigen, ­
  daß  die  Weißen  den  alten  Häuptlingen  an  Roheit  nicht  nachständen ­
  —  oder  deshalb,  damit  wir  auf  ihre  niedrigere  Kultur  rechtzeitig ­
  etwas  von  der  Weisheit  und  der  Moralität  unserer  eigenen  aufpfropfen ­
  können?  Sollen  wir  es  auf  Grund  unserer  wissenschaftlichen
Erkenntnis  der  Entwicklung  der  Eingeborenen-Gesellschaft  anheimgeben, ­
  sich  unter  der  Führung  unseres  aufgeklärten  Geistes  selbst  zu
gestalten?  Über  diese  Punkte  müssen  wir  reine  Gewissen  haben.
Auch  darf  nicht  außer  acht  gelassen  werden,  daß  die  Erziehung  der
Eingeborenen  und  das  Ziel  der  Eingeborenenpolitik  nicht  von  einander
getrennt  werden  können.  Wenn  wir  in  den  Staaten  der  Eingeborenen
keine  demokratische  Kontrolle  errrichten  wollen,  so  sollten  wir  sie
auch  nicht  in  demokratischen  Gedankengängen  erziehen.  Unsere  Erziehung ­
  ist  ein  Teil  der  Vorbereitung  zu  unserem  bürgerlichen  Leben.
Wie  groß  ist  z.  B.  unsere  Narrheit,  daß  wir  die  Indier  in  unseren  englischen ­
  Schulen  und  an  unseren  Universitäten  in  den  Prinzipien  der
bürgerlichen  Freiheit  unterrichten  und  sie  dann  wieder  in  die  Heimat
senden,  um  dort  einer  Regierung  zu  gehorchen,  die  wir  nach  den
Grundsätzen  eines  Absolutismus  aufrechterhalten,  dessen  Befugnisse
selbst  ein  Herrscher  wie  Karl  I.  als  Korollarium  seines  göttlichen
Rechtes  kaum  beanspruchen  würde.  Wenn  man  Indien  eine  Selbstregierung ­
  verweigert,  so  erfordert  es  die  einfachste  Vernunft,  daß  man
die  Indier  auch  nicht  in  der  politischen  Philosophie  des  Westens  unterrichte. ­
  Pflanzt  man  auf  den  Geist  von  Menschen,  von  denen  man  erwartet, ­
  daß  sie  die  Bedingungen  orientalischer  Knechtschaft  akzeptieren, ­
  die  auf  den  Prinzipien  der  bürgerlichen  Freiheit  des  Abend140 ­
        <pb n="164" />
        141

landes  ruhende  Erziehung,  so  ergibt  sich  als  Wirkung,  daß  in  die  unterworfenen ­
  Besitzungen  und  in  das  Reich  als  Ganzes  eine  Verschiedenheit ­
  zwischen  Denken  und  Erfahrung  eingeführt  wird,  die  schließlich
mit  dem  staatlichen  Zusammenbruche  enden  muß.
Sind  meine  Behauptungen  richtig,  so  folgt  hieraus,  daß  es  ein  großer
Fehler  ist,  den  Eingeborenen  als  Kind  oder  als  einen  Weißen  der  Anlage ­
  nach  zu  betrachten,  der  in  der  Schule  und  im  Staate  erzogen  werden ­
  müsse,  als  ob  er  ein  Weißer  wäre.  Dies  ist  ein  unwissenschaftlicher
Standpunkt.  Der  Demokrat  kann  zugeben,  daß  seine  Demokratie
von  Umständen  abhängt,  und  trotzdem  ein  Demokrat  bleiben.  Vom
Standpunkte  wissenschaftlicher  Politik  und  organischer  sozialer  Beziehungen ­
  ist  die  Anerkennung  von  Unterschieden  der  Geschichte  und
der  Rasse,  von  mannigfaltigen  Entwicklungen,  von  verschiedenen  Organisationsformen ­
  des  Stammes  und  der  Nation  so  natürlich,  wie  es
die  Beobachtung  bei  den  Völkern  der  Erde  notwendig  macht.  Es  ist
einer  der  fundamentalsten  Unterschiede  zwischen  dem  neuen  Sozialismus ­
  und  dem  alten  Radikalismus,  daß  in  jenem  der  Geist  der  Geschichte ­
  seine  Schwingen  regt,  während  dieser  nur  von  politischen
Gesetzesbegriffen  bewegt  wurde.  Die  Gleichheit  des  Sozialismus  bedeutet ­
  nicht  Uniformität,  sie  erkennt  Unterschiede  an.  Sie  hat  kein
gußeisernes  System  zur  Hand,  das  auf  alle  Rassen  und  Bedingungen
anzuwenden  wäre,  sie  will  kein  Universalmittel  sein,  keine  allgemeine
Denkart.  Der  Sozialismus  betrachtet  deshalb  die  eingeborene  Rasse
nicht  als  eine  weiße  Rasse,  die  sich  auf  einer  frühen  Stufe  der  Entwicklung ­
  befindet.  Treu  seinem  Geiste,  kann  er  deshalb  nicht  in  den  Irrtum ­
  verfallen,  den  Osten  in  seinem  Werden  wie  den  Westen  zu  beurteilen. ­
  Der  Sozialismus  hat  einen  Geist,  ein  Empfinden,  einen  sittlichen ­
  Standpunkt.  Für  ihn  hat  dieser  Geist  einen  universellen  Wert,
aber  nicht  die  Formen,  in  denen  er  sich  verkörpert.
Die  natürlichen  und  unvermeidlichen  Schwierigkeiten,  die  die  Versuche, ­
  die  Eingeborenen  zu  regieren,  umlauern,  werden  ganz  bedeutend ­
  durch  die  von  den  Weißen  herbeigeführte  Auflösung  der  Stammesorganisation ­
  und  durch  die  Zerstreuung  der  Eingeborenen  über  die
Weißen  Niederlassungen  erhöht.  Die  unveränderliche  Folge  hiervon
Ist,  daß  eine  Rassenantipathie  verschärft  wird,  die  oft  den  wirtschaftlichen ­
  Gegensätzen  zugeschrieben  wird.  Doch  liegt  sie  im  Blute.
Zwischen  den  weißen  und  farbigen  Rassen  schlummern  Kräfte  der
        <pb n="165" />
        142

Abstoßung,  die  in  Aktion  treten,  wenn  beide  Rassen  beisammen  leben
und  sich  die  Bedingungen  der  sozialen  Gleichheit  zu  verwirklichen  beginnen. ­
  Die  Abneigung  ist  mehr  oder  weniger  latent,  wenn  der  Eingeborene ­
  seine  Knechtschaft  geduldig  erträgt.  Sie  erwacht  aber,  wenn
er  bürgerliche  und  wirtschaftliche  Vorteile  erwirbt,  die,  wären  keine
Schranken  vorhanden,  ihm  einen  Anspruch  auf  soziale  Anerkennung
gäben  oder  wenn  er  politische  Forderungen  erhebt.  Bis  zu  einem  gewissen
Grade  mag  das  Reizmittel,  das  die  Antipathie  hervorruft,  ein  ökonomisches ­
  sein,  aber  das  Gefühl  selbst  ist  viel  tiefer  gebettet  als  jener
Gegensatz,  und  seine  Erklärung  liegt  wahrscheinlich,  zusammen  mit  dem
eigentlichen  Sinn  der  Vererbung,  in  den  bis  heute  noch  unerforschten
Gebieten  des  Menschengeistes  verborgen.  Hauptsächlich  wegen  dieser
Antipathie  ist  es  eitel  und  trügerisch  zu  hoffen,  daß  überall  da,  wo  die
Eingeborenen  numerisch  überlegen  sind,  aber  wo  die  Weißen  ihre  eigene ­
  Regierung  errichtet  haben  und  nicht  länger  die  Gäste  der  eingeborenen ­
  Rassen  sind,  die  regierende  Mehrheit  aus  Eingeborenen  gebildet ­
  werden  wird.  Die  Natur  arbeitet  nicht  in  dieser  Weise.  Hierüber ­
  betrübt  zu  sein,  heißt  über  die  Schöpfung  wehklagen  —  ein  äußerst
nutzloser  Zeitvertreib.
Ob  sich  der  Weiße  mit  der  Installierung  seiner  eigenen  Regierung  in
solchen  Ländern  wirklich  so  schnell  hat  beeilen  müssen,  ist  fraglich.
Vielleicht  hätte  er  viel  besser  getan,  wenn  er  ein  Gast  geblieben  wäre,
wenn  er  die  Souveränität  der  Eingeborenen  akzeptiert  und  sie  gelehrt
hätte,  sich  den  neuen  Bedingungen  anzupassen,  indem  er  den  eingeborenen ­
  Herrschern  die  nötige  moralische  und  politische  Protektion
gegeben  hätte.  Aber  er  wählte  den  leichteren  und  roheren  Weg.  Er
übte  seine  Gewalt  aus.  Er  tötete  den  Eingeborenen  und  fegte  ihn  beiseite. ­
  Als  Zerstörer  trat  der  Weiße  auf,  doch  nicht  als  Vollender.  Sein
eigenes  Regiment  hat  er  errichtet.  Das  ist  die  vollendete  Tatsache,
aus  der  das  Problem  besteht.  Ich  bedaure  es.  Auf  dem  Wappen  des
Weißen  ist  es  ein  unanständiger  Fleck.  Auch  kann  Geschehenes  nicht
ungeschehen  gemacht  werden,  ob  es  nun  den  Eingeborenen  des  Kongo
oder  den  Neger  in  den  Vereinigten  Staaten  betrifft.  Die  Frage  ist
deshalb:  Was  soll  die  Lage  des  Eingeborenen  unter  einer  solchen  Herrschaft ­
  sein?  Sehr  viel  wird  von  des  Eingeborenen  eigenen  Entwicklungsvorstellungen ­
  abhängen.  Der  Birmane  kann  diese,  der  Massai  jene
Antwort  rechtfertigen.  Doch  folgende  Grundsätze  können  allgemein
        <pb n="166" />
        gelten:  Die  Regierung  muß  die  öffentliche  Meinung  des  Eingeborenen
achten;  wo  die  Selbstregierung  angängig  ist,  soll  sie  geschaffen  werden. ­
  Der  Regierungstypus,  der  in  der  höchsten  Verwirklichung  dieser
Prinzipien  enthalten  ist,  kann  von  der  ungestörten  Kraalregierung
besonderer  Reservatgebiete  bis  zur  Selbstregierung  nach  abendländischem ­
  Muster,  wie  es  in  Teilen  von  Indien  möglich  ist,  variieren.
Zwei  große  Staaten  haben  den  eingeborenen  und  farbigen  Bürgern
das  Wahlrecht  verliehen:  die  Kapkolonie  und  die  Vereinigten  Staaten.
Sie  haben  verschiedene  Erfahrungen  gemacht,  weil  eben  die  Verhältnisse ­
  differierten.  In  den  Vereinigten  Staaten  ist  man  nicht  sehr
zufrieden  gewesen,  weil  die  Methode  des  Wahlrechts  höchst  mangelhaft ­
  war,  aber  aus  Kapland  liegen  die  allergünstigsten  Zeugnisse  vor.
Einige  Freunde  der  eingeborenen  Rassen  verlangen  für  die  Eingeborenen ­
  das  sofortige  Zugeständnis  des  vollen  Wahlrechtes.  Sie  glauben,
daß  die  Gleichheit  zwischen  den  Weißen  und  den  Eingeborenen  die  einzige ­
  Bürgschaft  der  Sicherheit  für  die  letzteren  wäre.  Gegenwärtig  werden ­
  diese  Forderungen  nicht  erfüllt  werden  und  wird  darauf  gedrängt,
so  wird  nur  das  Rassenvorurteil  entfacht.  Die  Gleichheit  mag  das  Ziel
sein,  aber  bevor  es  erreicht  sein  wird,  muß  die  weiße  Rasse  noch  große
geistige  Wandlungen  durchmachen.  In  der  Zwischenzeit  wollen  wir
jedoch  im  Interesse  der  Eingeborenen  selbst  versuchen,  eine  praktische ­
  Lösung  zu  ersinnen.  Augenblicklich  wäre  eine  Majorität  von  eingeborenen ­
  Stimmen  in  Staaten  mit  gemischter  Bevölkerung  für  eine
gute  Regierung  nicht  ersprießlich;  denn  der  Eingeborene  ist,  abgesehen ­
  von  einigen  Spezialfällen,  kein  Bürger,  der  so  weit  entwickelt
wäre,  demokratische  Verantwortlichkeiten  zu  tragen.
Politische  Lösungen,  wie  sie  den  Südstaaten  der  nordamerikanischen
Union  nach  dem  Kriege  aufgezwungen  worden  sind,  sind  unmöglich.
Die  frommen  Ideen  des  Nordens  waren  unmöglich.  Das  Leben  der  Südstaaten ­
  nach  dem  Kriege  gleicht  dem  einer  Pflanze,  die  auf  ungesundem
Boden  wächst,  die  von  anderen  Pflanzen  erstickt,  durch  ihren  Daseinskampf ­
  tordiert  und  gewunden  und  durch  minderwertige  Beimischungen
und  Säfte  befruchtet  wird.  Die  neue  industrielle  Entwicklung  der  Südstaaten ­
  wird  auf  die  Pflanze  einen  Reiz  ausüben;  sie  wird  widerstandsfähiger ­
  werden,  kraftvoll  aufwärtsstreben  und  sich  siegreicher  behaupten. ­
  Blüht  sie  dann,  so  wird  sie  zu  ihren  natürlichen  Formen  und  Individualitäten ­
  zurückzukehren  neigen.  Doch  niemals  kann  sie  die  Spuren
143
        <pb n="167" />
        144

ihrer  verseuchten  Vergangenheit  verlieren.  Glücklicherweise  steht  der
Süden  allein  da  in  der  Größe  seines  Mißerfolges,  den  seine  einstigen
Tollheiten  und  die  Fehler  des  siegreichen  Nordens  verursacht  haben.
Wenn  wir  darüber  nachdenken,  welcher  Rang  den  Eingeborenen  im
politischen  Leben  von  Staaten  mit  gemischten  Rassen  angewiesen  werden ­
  soll,  müssen  wir  in  Rechnung  bringen,  daß  wir  es  mit  Rassen  und
nicht  mit  Individuen  zu  tun  haben.  In  weißen  Gemeinschaften  kommt
die  Demokratie  durch  die  sukzessive  Emanzipation  der  Klassen  und
Interessen  zur  vollen  Entfaltung.  In  gemischten  Gemeinwesen  dagegen ­
  nimmt  die  weiße  Rasse  den  Platz  der  Klassen  und  Interessen
ein.  Daß  sie  diesen  Unterschied  nicht  erkannten,  war  der  große  Irrtum, ­
  den  die  amerikanischen  Nordstaaten  nach  Beendigung  des  Krieges ­
  begangen.  Nach  welchem  Plane  kann  ein  politisches  System  aufgebaut ­
  werden,  in  dem  die  Rechte  beider  Rassen  zu  einer  durchführbaren ­
  ,  praktischen  Verfassungsform  vereinigt  werden  können  ?  So  lautet
das  Problem,  das  ein  Staat  mit  gemischten  Rassen  lösen  muß.
Unter  dem  Walten  eines  solchen  Systems  muß  es  der  inferioren
Rasse  zweifellos  erlaubt  werden,  sich  an  dem  politischen  Leben  des
Staates  zu  beteiligen.  Die  zahlenmäßige  Macht  ihrer  Stimmen  kann
durch  Gesetz  —  oder  Betrug—verringert  werden,  doch  das  Argument,
daß  die  Stimmen  aller  erforderlich  seien,  damit  der  Staat  die  Erfahrung ­
  aller  widerspiegele,  trifft  unter  diesen  Umständen  zu.  Entweder
können  die  eingeborenen  Wähler  besondere  Gruppen  bilden,  —  wie  die
Maori  in  Neuseeland  —,  um  ihre  eigenen  Abgeordneten  ins  Parlament
zu  deputieren,  oder  sie  können,  wie  es  in  der  Kapkolonie  der  Fall  ist,
zusammen  mit  der  übrigen  Bevölkerung  in  die  gewöhnlichen  Wahlkreise ­
  einbezogen  werden 1 .  Doch  können  ihre  eigenen  speziellen  Angelegenheiten ­
  auch  von  anderen  Fragen  getrennt  und  einem  Rat  von
Eingeborenen,  den  ausschließlich  eingeborene  Wähler  zu  berufen  hätten,
zur  Behandlung  übertragen  werden.  Die  Methode  der  Kapkolonie  ist
die  vorzüglichste.  Selbst  wenn  an  die  Wahlfähigkeit  der  Eingeborenen
besondere  Bedingungen  geknüpft  werden,  erfüllte  diese  Methode
ihren  Zweck;  denn  während  in  einem  Gemeinwesen  mit  gleichartiger
Rasse  die  Höhe  des  Besitzes  oder  der  Bildung  ein  Klassenmerkmal  wäre,

1  Im  Jahre  1903  waren  in  Kapland  114,450  europäische  und  19,505  eingeborene
Wähler.  In  demselben  Jahre  zählte  man  in  Natal,  obgleich  dort  für  die  Farbigen
nominell  keine  Schranken  errichtet  sind,  18,680  europäische,  2  eingeborene  und
110  farbige  Wähler.
        <pb n="168" />
        145

IO  Mac  Donald,  Sozialismus

ist  dies  in  einer  gemischten  Gemeinschaft  nicht  der  Fall.  Die  erwähnte
Methode  sichert  der  einheimischen  Rasse  eine  Vertretung  und  macht
ihre  Meinung  zu  einem  Teile  der  öffentlichen  Meinung,  worauf  die  Gesetzgebung ­
  Rücksicht  zu  nehmen  hat;  sie  hindert  aber  die  eingeborene
Rasse  daran,  ein  überwiegender  Wahlfaktor  zu  werden.
Aber  hinter  unseren  Mißerfolgen  und  Irrtümern  steckt  die  Tatsache,
daß  sich  die  Rassen  selten  verstehen.  Sie  verkehren  miteinander  geistig
über  einem  Abgrund  hinweg,  von  dessen  beiden  Seiten  aus  sie  sich
betrachten.  Sie  gleichen  Menschen,  die  sich  in  der  Nacht  begegnen.
Keine  von  ihnen  entdeckt  das  Losungswort  zur  Seele  der  anderen.  Unter ­
  all  den  vielen  Menschen,  die  wir  zur  Ausübung  der  Regierungsfunktionen ­
  ins  Ausland  senden,  befindet  sich  nur  eine  Handvoll,  die  so  viel
Geist  hat,  die  Herzenssprache  des  zu  beherrschenden  Volkes  zu  verstehen. ­
  Manchmal  schreiben  solche  Männer  Bücher,  wie:  Die  Seele  des
Volkes  (The  Soul  of  the  People)  oder:  Die  Reichsregierung  in  Indien
(Imperial  Rule  in  India).  Das  eine  will  uns  von  dem  unüberbrückbaren ­
  Abgrund  der  Geister,  der  uns  von  unseren  abhängigen  Völkerschaften ­
  trennt,  erzählen;  das  andere  soll  uns  zeigen,  wie  fremd  unseren ­
  politischen  Gedanken  und  Einrichtungen  die  Vorstellungen  und  Institutionen ­
  sind,  die  für  unsere  beherrschten  Völker  am  geeignetsten
wären.  So  begehen  wir  Fehler  auf  Fehler  und  sind  darüber  des  Dünkels ­
  voll,  wie  wir  unsere  Lasten  tragen,  während  wir  die  ganze  Zeit  mit
roher  Gewalt  das  Zepter  führen.
Eine  Welt-  oder  imperialistische  Politik,  die  sich  auf  die  Anschauung
stützt,  daß  der  natürliche  Reichtum  der  Tropenländer  der  Welt  zugänglich ­
  sein  müßte,  hat  eine  andere  wichtige  Seite.  Hat  ein  Volk
das  Recht,  sich  in  anderen  Ländern,  besonders  in  jenen,  die  nur  teilweise ­
  besetzt  sind,  anzusiedeln?  Ist  ein  Land  berechtigt,  Einwanderer
auszuschließen,  obgleich  es  seine  Schätze  nicht  vollständig  ausnutzt?
Soll  Japan  z.  B.  aus  Gründen  internationaler  Billigkeit  darauf  bestehen,
daß  die  Westküsten  des  amerikanischen  oder  australischen  Kontinentes
seine  Angehörigen  aufnehmen  müßten?  Soll  Australien,  dessen  Hilfsquellen ­
  wegen  mangelnder  Arbeitskräfte  eingestandenermaßen  nicht  so
Verwertet  werden,  wie  sie  es  sollten,  in  seiner  Weigerung,  dem  Strom  gelber ­
  oder  weißer  Einwanderer  die  Grenzen  zu  öffnen,  unterstützt  werden?
Wenn  die  Ausschließungspolitik  adoptiert  wird,  so  hat  sie  gewöhnlich ­
  eine  ökonomische  Bedeutung.  Die  Politik  der  Weißen  Australiens
        <pb n="169" />
        ist  eine  Ergänzung  der  allgemeinen  Einwanderungspolitik  Australiens.
Die  Opposition  gegen  die  Chinesen  und  Japaner  an  der  Westküste  Amerikas ­
  ist  hauptsächlich  nur  der  Widerstand  gegen  die  chinesischen  und
japanischen  Arbeiter  und  Löhne.  Nun  hat  die  Gemeinschaft  jeder
Rasse  ein  Recht,  ihren  Standard  of  life  zu  schützen.  Keinem  Staate
kann  die  Verpflichtung  auferlegt  werden,  die  Lebenshaltung  seiner
Bürger  durch  Einlaß  der  Emigranten  anderer  Staaten  herabzudrücken.
Dieses  Recht  des  Selbstschutzes,  dessen  sich  die  Staaten  erfreuen,  kann
jedoch  in  falscher  Weise  ausgeübt  werden.  Die  Welt  hat  ein  Recht,  von
Australien  zu  verlangen,  daß  es  sich  zur  selben  Zeit  entwickle,  wo  es  die
Maßstäbe  seiner  sozialen  Bedingungen  aufrechterhält.  Mit  anderen
Worten:  geradeso  wie  ein  Einzelner  ein  Recht  auf  Privateigentum  hat,
aber  kein  Recht,  sich  dadurch  reich  zu  erhalten,  daß  er  armen  Leuten
Hindernisse  in  den  Weg  legt,  geradeso  hat  auch  ein  Staat  das  Recht,
einen  hohen  Grad  persönlicher  Behaglichkeit  aufrechtzuerhalten,  aber
kein  Recht,  wertvolle  Teile  der  Welt  abzupflöcken  und  sie  für  seine  eigene ­
  Bereicherung  eigennützig  zu  gebrauchen.  Der  Besitztitel  eines
Staates  auf  einen  Teil  der  Erdoberfläche  muß  dadurch  gerechtfertigt
werden,  ob  das  betreffende  Gebiet  der  Welt  erschlossen  und  sein  Reichtum ­
  dem  allgemeinen  Austausch  zugänglich  wird  oder  nicht.
Die  Lösung  dieser  Fragen  wird  möglicherweise  durch  einen  Krieg
zwischen  dem  Osten  und  dem  Westen  herbeigeführt  werden.  Die  gegenwärtige ­
  Praxis  behauptet  sich  nur  durch  die  Gewalt,  die  höchstwahrscheinlich ­
  auch  zukünftig  meine  Fragen  beantworten  wird.  Wenn  die
überschüssige  Bevölkerung  Japans  keinen  Ausweg  finden  kann,  so  muß
einer  erzwungen  werden.  Das  Dilemma  ist  ganz  klar.  Findet  Japan
keinen  Abfluß,  so  wird  die  Armut  es  schwächen,  die  stets  eine  Nation
heimsucht,  die  auf  eine  gegebene  kleine  Fläche  unerbittlich  beschränkt
ist.  Öffnet  man  aber  Japan  die  Tore,  so  läuft  das  Land,  in  das  sich  der
überflutende  Strom  ergießt,  die  Gefahr  des  Rassenkampfes  und  der  unreinen ­
  Rassenkreuzung.  Die  Dinge  spitzen  sich  also  dahin  zu,  daß  beide ­
  Seiten  um  die  Selbsterhaltung  kämpfen,  und  so  ist  der  Krieg  durchaus ­
  nicht  eine  so  unwahrscheinliche  Sache.
Aus  der  Auswanderung  schält  sich  außerdem  eine  der  schwersten  Fragen, ­
  deren  Lösung  der  Zukunft  vorenthalten  bleibt:  das  Problem  der
Rassenmischung.  Wo  die  Geistesverfassung  der  Menschen  so  verschieden ­
  ist,  wie  bei  den  Orientalen  und  den  Abendländern,  muß  die  Ver-146
        <pb n="170" />
        Schmelzung  ein  Fiasko  ergeben.  Man  braucht  die  bedauerlichen  Vorurteile ­
  nicht  zu  kultivieren,  die  heute  so  viel  zur  Untergrabung  der  östlichen ­
  und  westlichen  Zivilisation  beitragen,  und  kann  trotzdem  der
Ansicht  sein,  daß  die  Integrität  des  Blutes  bewahrt  werden  sollte.  Ein
guter  Bastard  kann  einer  Verbindung  von  Rassen,  die  auf  eine  sehr  disparate ­
  Ahnenschaft  zurückblicken,  nicht  entsprießen.  Wohl  kann  eine
Überfülle  persönlicher  Zärtlichkeit  in  der  Vermählung  vorhanden  sein
und  reiches  Familienglück  hieraus  erblühen,  wenn  sie  zwischen  Menschen
stattfindet,  aber  der  Nachwuchs  muß  unglücklich  ausfallen.  Es  überschritte ­
  das  Ziel  dieses  Buches,  das  komplizierte  Problem  der  sozialen
Vererbung  in  Beziehung  auf  den  Fortschritt  zu  erörtern  oder  die  Kräfte
zu  untersuchen,  die  das  Werden  kräftiger  Rassen  begünstigen.  Als  Axiom
mag  aber  gelten,  daß  Blutmischung  die  Stärke  erhöht.  Nur  dürfen
die  sich  vermengenden  Rassen  ihrer  Geschichte  und  ihrem  Ursprung
nach  nicht  allzusehr  verschieden  sein;  denn  der  Erfolg  der  Bastardierung ­
  steht  in  einem  umgekehrten  Verhältnis  zu  der  Unterschiedenheit
der  gekreuzten  Rassen 1 .  Der  Däne,  der  Skandinavier,  der  Norddeutsche, ­
  der  Kelte,  sie  alle  halfen  bei  der  Bildung  des  britischen  Stockes;
sie  wuchsen  unter  ähnlichen  geographischen  Bedingungen  auf,  und  insofern ­
  als  die  Umgebung  zu  ihrem  Charakter  beitrug,  waren  ihre  Unterschiede ­
  nur  solche,  wie  sie  bei  einem  Volke  herrschen  würden,  das  ein
ziemlich  ausgedehntes,  voller  Abwechslungen  reiches  Gebiet  bewohnte.
Ihre  Vermischung  bereicherte  deshalb  den  Typus,  sie  kopulierte  keine
heterogenen  Elemente.  Ihre  Abweichungen  waren  ineinanderklingende
Harmonien,  keine  disharmonischen  Töne.
Eine  Verbindung  des  Ostens  und  Westens,  der  heißen  und  gemäßigten ­
  Zone,  wird  aber  nicht  dasselbe  Resultat  ergeben.  Wie  sich  das  öl  zu
Wasser  verhält,  so  verhält  sich  die  soziale  Vererbung  des  Weißen  zu  der
des  Eingeborenen.  Der  gemeinsame  Abkömmling  gleicht  oft  einem  in
sich  zerklüfteten,  gespaltenen  Menschen;  mehr  als  jeden  anderen  trifft
ihn  das  unselige  Geschick,  auf  unsicheren,  auf  „Tonfüßen“  zu  stehen,  die
ihn  nicht  weiter  tragen  wollen,  und  mit  Augen  beschenkt  zu  sein,  in  denen
die  Vision  aufleuchtet,  der  die  Menschen  unwillkürlich  entgegengehen.
Die  biologischen  Bedenken  gegen  die  Vermischung  so  unterschiedener ­
  Rassen  werden  durch  Rassenvorurteile,  die  nicht  in  der  Physio-1
  Siehe  Thomson:  Heredity,  p.  387.  Es  sollte  auch  beachtet  werden,  daß  die
Vermengung  fremden  Blutes  mit  Negerblut  nur  bei  den  arabischen  Negern  des
Sudans  und  von  Zentralafrika  günstige  Resultate  ergeben  hat.
10*

147
        <pb n="171" />
        148

logie  wurzeln,  die  aber  ebensooft  als  sonst  irgend  etwas  politischen  Ursprungs ­
  sind,  außerordentlich  verstärkt.  In  dem  Grade,  als  dies  der  Fall
ist,  kann  das  Gewicht  der  Probleme,  die  das  Vorurteil  erzeugt,  durchsorgfältiges ­
  Verfahren  gemildert  werden.  Als  Beweis,  daß  es  eine  erworbene
Abneigung  ist,  kann  ich  den  Fall  des  amerikanischen  Mulatten  anführen.
In  den  Südstaaten  bildete  der  Mulatte  vor  dem  Kriege  eine  dritte  Rassenkategorie, ­
  die  zu  den  Weißen  gute  Beziehungen  pflegte  und  die  den  Neger
verachtete.  Doch  die  Verkündigung  der  Negerbefreiung  zerstörte  die
Privilegien  des  Mulatten.  Er  wurde  in  das  Lager  des  Negers  zurückgeworfen, ­
  er  akzeptierte  die  neue  Kameradschaft.  Heute  hat  er  sich  selbst
mit  seinem  Bruder  reineren  Geblüts  identifiziert  und  macht  mit  ihm
gemeinsame  Sache.  Das  Umgekehrte  ereignete  sich  in  der  Kapkolonie,
als  diese  ihre  Verfassung  erhielt.  Der  gelinde  Druck,  den  die  Reichsbehörde ­
  zugunsten  der  politischen  Anerkennung  der  Eingeborenen
ausübte,  sicherte  ihnen  das  Wahlrecht.  Seitdem  hat  der  Rassenkampf,
der  die  anderen  südafrikanischen  Kolonien  beunruhigt  hat,  im  Kapland
  aufgehört.  Trotzdem  existiert  die  Rassenabneigung,  was  auch
ihre  Ursachen  sein  mögen.  Sie  bildet  für  die  Staatsmänner  des  Reiches
eine  sich  stetig  verschärfende  Schwierigkeit.
Auch  dürfen  wir  nicht  vergessen,  daß  eine  Rasse  desto  untauglicher
wird,  sich  mit  einer  anderen  von  verschiedenen  Eigenschaften  zu  vermischen, ­
  je  älter  jene  erste  Rasse  ist.  Die  Sprödigkeit  kommt  mit
dem  Alter.  Die  Umgebung  gibt  der  Rassenbeschaffenheit  ein  festes
Gepräge,  die  Auslese  spezialisiert  einige  Eigenschaften  und  eliminiert
andere,  so  daß  mit  der  Zeit  die  vielen  Entwicklungsmöglichkeiten  beschränkt ­
  werden,  die  sich  einer  neuen  Rasse  auftun,  deren  reiche
^Eigenschaften  noch  gären  und  unentwickelt  sind,  einer  Rasse,  die  in
ein  Milieu  gestellt  worden  ist,  das  auf  Rasseneigentümlichkeiten  noch
keinen  Eindruck  hinterlassen  hat.  Die  Kreuzung  erzeugt  dann  weniger
verheißungsvolle  Erfolge 1 .
Selbst  vom  Standpunkte  der  eingeborenen  Rasse  hat  die  Vermischung

1  Sir  Sydney  Olivier  kommt  in  seinem  Buche  über  White  Ccepital  and  Coloured
Labour  zu  einem  anderen  Schlüsse  als  ich.  Kreuzung  vergleicht  er  mit  der
Vermischung  von  Kandisfasern  durch  Ausziehen.  In  dem  Maße  als  die  Strähne
gezogen  und  doubliert  werden,  werden  sie  immer  feiner,  bis  bei  der  Beendigung ­
  dieses  Verfahrens  eine  gleichartige  Farbe  hergestellt  ist,  die  sich  von  den
beiden  Stammfarben  unterscheidet.  Diese  Ansicht  harmoniert  jedoch  nicht
mit  dem  beobachteten  Prozeß  der  Hybridation.  Sie  berücksichtigt  nicht  die
Verschiedenheit  der  Ergebnisse,  die  zu  der  Theorie  der  Vererbung  mit  rezessiven ­
  und  dominierenden  Anlagen  (Spaltungs-  und  Prävalenzregel)  geführt
        <pb n="172" />
        149

zweifelhaften  Wert.  In  Amerika,  wo  von  io  Millionen  Farbigen  mindestens ­
  3  Millionen  ersichtlich  Mulatten  sind,  ist  die  Vermischung  kein
greifbarer  Segen  gewesen.  Wenn  es  auch  richtig  ist,  daß  einige  der  größten ­
  Führer  der  Farbigen,  wie  Frederick  Douglas,  Booker  T.  Washington,
Dr.  Du  Bois,  das  Blut  von  Weißen  in  sich  hatten,  so  war  auf  der  anderen ­
  Seite  Paul  Lawrence  Dunbar  ein  unverfälschter  Neger.
Der  Bastard  bleibt  stets  der  unglückliche  Herd  von  widerstreitenden
Moralempfindungen  und  Impulsen  der  Rassen,  der  schwankende  Bürger, ­
  der  durch  außergewöhnliche  Mitglieder  seiner  Rasse  wohl  Ehrentitel ­
  erhält,  aber  durch  diese  Auszeichnungen  sein  Unglück  desto  tiefer
empfindet  L  Ein  Staat  wie  die  nordamerikanische  Union,  die  das  Blut
einer  fremden  Rasse  in  großen  Strömen  in  sich  aufnimmt,  hat  sich
durch  einen  langen  Prozeß  von  den  moralwidrigen  Maßnahmen  und
staatsbürgerlichen  Unsicherheiten  zu  läutern,  die  ewige  Schatten  ihrer
Geschichte  bilden.
Es  mag  sein,  daß  eine  Mulattenbevölkerung  vom  industriellen  Standpunkt ­
  aus  als  Verbindungsglied  zwischen  den  Funktionen,  die  die  Weißen ­
  und  Eingeborenen  erfüllen,  gute  Dienste  leisten  könnte;  aber  dies
rechtfertigt  doch  kaum,  daß  man  die  Rassenvermischung  willkommen
heißt.
Erziehung  und  Regierung  sind  der  wirklichen  Vermischung  verwandt,
denn  sie  bringen  den  Geist  und  das  soziale  Vermächtnis  der  beiden
Rassen  in  Berührung.  Trotz  des  Stolzes,  mit  dem  uns  unser  Tun  erund ­
  das  Interesse,  das  jetzt  für  Mendels  Untersuchungen  bekundet  wird,  hervorgerufen ­
  haben.  Im  günstigsten  Falle  ist  Sir  Sydney  Oliviers  Lehre  eine  Variation
des  preisgegebenen  Galtonschen  Gesetzes,  über  das  sich  Professor  Bateson  wie
folgt  geäußert  hat:  „Es  steht  ziemlich  fest,  daß  es  in  der  Vererbung  keine  große
Gruppe  von  Tatsachen  gibt,  auf  die  Galtons  System  oder  irgendeine  Modifikation ­
  hiervon  ausschließlich  angewandt  werden  kann".  (Mendel,  Principles  of
Heredity,  p.  56).  Könnten  wir  mit  dem  Menschen  wie  mit  den  Hunden  experimentieren ­
  und  alle  nicht  wünschenswerten  Rückschläge  und  Kombinationen
vernichten,  so  könnten  die  Wirkungen  der  Kreuzung  zwischen  der  weißen  und
schwarzen  Rasse  hoffnungsvoll  sein.  Doch  dies  vermögen  wir  nicht.  Selbst  die
Segregation  ist  unmöglich,  wenn  wir  es  mit  Menschen  zu  tun  haben,  so  daß  es
ein  müßiger  Gedanke  ist,  durch  Verbindung  von  Weißen  und  Schwarzen  einen
neuen  konstanten  Typus  hervorbringen  zu  wollen,  ausgenommen  vielleicht  nach
Ablauf  von  Jahrhunderten,  wenn  die  langsamen,  unsteten  und  ungewissen  Operationen ­
  der  natürlichen  Auslese  gewisse  Elemente  ausgerodet  und  andere  fixiert
haben  können.  1  Siehe  Du  Bois:  The  Souls  of  Black  Folk,  eines  der  ergreifendsten
Bücher,  die  je  geschrieben  worden  sind.  Ein  Satz  aus  dem  „The  Afterthought'
lautet:  „Laßt  Wahrheit  in  die  Ohren  eines  schuldigen  Volkes  klingen,  und
70  Millionen  seufzen  in  diesen  schrecklichen  Tagen,  wo  die  menschliche  Brüderlichkeit ­
  ein  Hohn  und  eine  Schlinge  ist,  nach  der  Gerechtigkeit,  die  die  Nationen ­
  erhöht."
        <pb n="173" />
        150

füllt,  bezweifle  ich  auch  hier  wiederum,  ob  wir  vor  einem  unparteiischen ­
  Richter  unsere  Behauptung  beweisen  können,  daß  der  Zusammenprall ­
  der  beiden  Zivilisationen  auf  dem  vom  Imperialismus  gewählten ­
  Wege  der  weniger  widerstandsfähigeren  vorteilhaft  gewesen
sei.  Daß  wir  die  Eingeborenen  vielleicht  besser  regiert  haben  als  andere ­
  Nationen,  können  wir,  denke  ich,  beweisen.  Doch  das  genügt  nicht.
Welches  Schicksal  haben  wir  den  Rothäuten  bereitet?  Was  geschieht
mit  den  unter  unserer  Herrschaft  sich  befindlichen  Völkern  der  Inseln
des  Stillen  Ozeans,  wie  der  Fidschi-Inseln?  Wo  sind  die  Völker,  die  vor
uns  Australien  bewohnten?  Was  haben  wir  mit  den  Eingeborenen  in
Südafrika  gemacht?  Was  haben  wir  über  Indien  verhängt?  Auf  unsere
Lippen  drängt  sich  sofort  die  Antwort:  „Wir  haben  ihnen  Frieden  gebracht, ­
  wir  haben  ihnen  Frieden  gebracht.“  Doch  dies  ist  nur  Heuchelei. ­
  Haben  wir  ihnen  den  Fortschritt  gebracht?  Haben  wir  sie  auf  die
Höhen  geführt,  oder  haben  wir  ihnen  nur  befohlen,  innezuhalten,  ihre
Händel  einzustellen,  an  der  Langeweile  zu  sterben  ?  Die  Tatsachen
sprechen  nicht  sehr  zu  unseren  Gunsten.  Das  Ineinanderfließen  der
Zivilisationen  ist  für  beide  Teile  schädlich  gewesen.  Die  Regierungsmethode ­
  im  Osten  und  Süden,  die  die  Weisen  und  Gedanken  des
Westens  und  Nordens  nachahmte,  hat  es  dem  Osten  und  Süden  unmöglich ­
  gemacht,  sich  nach  ihren  eigenen  Anlagen  zu  entwickeln.
Gleichzeitig  hat  sie  aber  auch  dem  Osten  bewiesen,  daß  er  nie  ein
Westen  und  dem  Süden,  daß  er  nie  ein  Norden  werden  kann.  Zu  oft
haben  wir  Wüsten  geschaffen,  was  wir  dann  Frieden  genannt  haben.
So  wie  das  Zusammentreffen  zweier  Töne  von  verschiedenen  Wellenlängen ­
  Verwirrung  und  Stille  verursacht,  so  erzeugt  auch  die  Berührung ­
  zweier  Zivilisationen,  die  geistig  differieren  und  über  die  ein
anderer  Genius  schwebt,  Störung  und  Lähmung 1 .

1  Meredith  Townsend  begleitet  seine  Reflexionen  über  die  Unfruchtbarkeit  der
englischen  Erziehung  in  Indien  mit  folgenden  Bemerkungen:  „Für  den  philosophischen ­
  Beobachter  sind  der  Niedergang  der  Energievarietäten,  die  Erstarrung
des  höheren  Geisteslebens,  die  unterbrochene  Ausübung  der  künstlerischen  Fertigkeiten, ­
  von  der  Architektur  bis  zur  Metallfabrikation  und  Töpferei,  welche
Erscheinungen  unserer  Herrschaft  in  Indien  zeitlich  parallel  laufen,  melancholische ­
  Symptome.  Weshalb  ist  die  Welt  noch  nicht  um  ein  indisches  Talent  bereichert ­
  worden?  Einst  herrschte  an  den  Gestaden  des  Mittelmeeres  der  römische ­
  Friede,  der  jede  Originalität  tötete,  so  daß  es  eine  Frage  ist,  ob  sich  die  Gesellschaft ­
  nicht  stereotypiert  und  sich  selbst  das  Christentum  nicht  verknöchert
hätte,  wenn  der  Einfall  der  Barbaren  nicht  erfolgt  wäre?  Auch  unsere  Herrschaft, ­
  obgleich  ihre  Motive  und  Methoden  viel  edler  sind,  kann  von  demselben
Verfall  begleitet  werden".  {Asia  and  Europe,  p.  328).
        <pb n="174" />
        151

Aus  zwei  großen  Gründen  hat  unsere  Weltpolitik  Fiasko  gemacht.
Erstens  hat  unser  Reich  hauptsächlich  auf  wirtschaftlicher  Ausbeutung
beruht.  Zweitens  ist  seine  Politik  zu  einer  Zeit  ausgebildet  worden,  wo
die  durch  die  historische  Erfahrung  bewirkten  wesentlichen  Unterschiede ­
  zwischen  den  Völkern  noch  nicht  erkannt  wurden;  wo  der
Westen,  der  von  seiner  Überlegenheit  über  den  Rest  der  Welt  überzeugt
war  und  glaubte,  daß  Fortschritt  die  Erziehung  der  übrigen  Welt  mit
abendländischen  Mitteln  und  Methoden  bedeutete,  seine  Kultur,  sein
Recht,  seine  Politik,  seine  Religion  mit  sich  nahm,  so  wie  er  seine  Kleidung ­
  mit  sich  schleppte,  und  dann  versuchte,  alle  Völker  nach  seinem
Ebenbilde  neu  zu  schaffen.  Der  Westen  hat  es  ehrlich  gemeint,  er  hat
sich  redlich  und  ergeben  befleißigt,  seine  Pflicht  zu  erfüllen,  aber  er  hat
sein  Ziel  verfehlt.
B.  DAS  REICH  UND  DIE  SELBSTREGIERUNGS-KOLONIEN
E in  Reich  autonomer  Staaten  gibt  nicht  dieselben  Probleme  auf  wie
ein  Reich  abhängiger  Gebiete,  aber  es  stellt  uns  vor  eine  sehr  wichtige
Frage.  Welche  Stellung  sollen  solche  Staaten  im  Reiche  einnehmen?
Wenn  das  Stammland  von  den  Tochterstaaten  verehrt  wird,  so  entsteht ­
  die  Frage  kaum,  aber  ein  solcher  Zustand  der  Dinge  kann  nicht
viele  Generationen  lang  währen.  Die  Pflanzstaaten  fühlen  bald  den
Stolz  und  die  Unabhängigkeit  der  Reife.  Sie  werden  reich,  nehmen  in
der  Welt  einen  Platz  ein  und  erwerben  ökonomische  und  politische  Interessen, ­
  die  sowohl  mit  denen  fremder  Staaten  als  des  Mutterlandes  ringen ­
  und  kollidieren.  Sie  reklamieren  infolgedessen  ein  stets  wachsendes
Maß  von  Unabhängigkeit.  Wenn  die  Staaten  tatsächlich  unabhängige
Nationen  geworden  sind,  —  wie  unsere  sich  selbstregierenden  Kolonien ­
  es  jetzt  sind,  —  was  sollen  dann  innerhalb  des  Reiches  die  Grenzen ­
  ihrer  Macht  sein?  Kann  z.  B.  jeder  einzelne  Staat  die  anderen  in
einen  Krieg  verwickeln?  Allmählich  aber  stetig  erwächst  dies  Problem.
Es  kann  mit  folgenden  Worten  gekennzeichnet  werden:  Soll  sowohl  das
Reich  wie  die  es  bildenden  Staaten  ein  Organismus  sein  oder  ein  mechanischer ­
  Verband  gleicher  Staaten?  Wäre  letzteres  der  Fall,  so  wäre  das
Reich  wenig  mehr  als  eine  Allianz,  wie  sie  unter  den  griechischen  Staatswesen ­
  und  zwischen  den  italienischen  Städten  üblich  war.  Die  Eigentümlichkeiten ­
  einer  solchen  Union  würden  sich  mit  der  Zeit  entwickeln.
Das  Stammland  hörte  auf,  das  Haupt  des  Bundes  zu  sein.  Es  wäre  ein
        <pb n="175" />
        152

niedergehendes  Athen  oder  ein  gefallenes  Rom:  führend,  wenn  es  hierzu ­
  stark  genug  wäre;  untergeordnet,  wenn  seine  Schwäche  in  die  Augen ­
  spränge.  Es  gäbe  keine  allgemeine  britische  Justiz,  keine  gemeinsame ­
  Regierungstradition.  Jeder  Staat  ginge  seine  eigenen  Wege  und
fände  die  Unterstützung  der  übrigen  Staaten,  weil  jeder  gegen  die
Reichskontrolle  argwöhnisch  wäre.  Dies  wäre  ganz  deutlich  eine  Auflösung ­
  des  Reiches.  Und  dies  ist  die  Politik  der  modernen  Imperialisten ­
  mit  ihren  Programmen  der  Vorzugszölle  und  ihrem  Zögern,  den
Staaten,  wo  Schwarze  und  Weiße  beisammen  wohnen,  die  Bedingungen ­
  einer  Eingeborenenregierung  zu  diktieren.
Andererseits  kann  sich  das  Reich  unter  der  Leitung  weiser  Regierungskunst ­
  auf  organischen  Bahnen  entwickeln.  Es  kann  mit  einem
Nervenzentrum  versehen  werden;  seine  Tätigkeit,  Politik  und  Persönlichkeit ­
  ließen  sich  organisieren  und  würden  einen  Reichsgedanken  und
einen  Reichszweck  widerspiegeln.  Groß  sind  die  im  Wege  stehenden
praktischen  Schwierigkeiten.  Die  zu  ihrer  Überwindung  ersonnenen
Auskunftsmittel,  wie  die  Reichsföderation,  sind  nach  einer  längeren
oder  kürzeren  Dauer  der  Zustimmung  sämtlich  verworfen  worden.
Die  sich  selbst  regierenden  Staaten,  die  erst  jetzt  ihre  Unabhängigkeit
und  Bedeutung  empfinden,  sind  mit  vollem  Recht  empfindlich  gegen
Eingriffe  von  außen.  Sie  sind  gewillt,  an  dem  Ansehen  des  Reiches
teilzunehmen,  aber  es  soll  sich  nicht  in  ihre  Selbstregierung  mischen.
So  sind  die  Vorschläge  für  die  Schaffung  eines  Reichsparlamentes  auf
föderativer  Grundlage  und  eines  Reichsrates  abgelehnt  worden.  Nicht
besser  wird  es  der  Reichszollgesetzgebung  gehen,  sobald  man  sich  näher
mit  ihr  befaßt;  denn  wenn  der  Plan  bis  ins  einzelne  ausgedacht  wird,
sieht  man,  daß  er  durchaus  nichts  Imperialistisches  an  sich  trägt.  Gewisse ­
  Wirtschaftsinteressen  wären  innerhalb  des  Reiches  auf  Kosten  anderer ­
  Interessen  zu  begünstigen.  So  soll  z.  B.  der  kanadische  Weizenbauer ­
  durch  ein  Vorzugsabkommen  geschützt  werden,  unter  dem  der
kanadischeWollfabrikant  zu  leiden  glaubt;  dem  britischen  Industriellen
sollen  auf  dem  australischen  Markte  Vergünstigungen  gewährt  werden, ­
  die  der  britische  Lebensmittelkonsument  zu  bezahlen  hätte,  während ­
  die  Vergünstigungen  sich  faktisch  nur  auf  solche  ausgefallenen
Handelsartikel  beziehen  würden,  die  der  australische  Produzent  trotz
des  Schutzzolles,  der  in  manchen  Fällen  prohibitiv  wirkt,  gar  nicht
erobern  kann.  Das  ist  aber  kein  Vorschlag  für  eine  Reichseinheit,  son-
        <pb n="176" />
        153

dern  nur  ein  Plan,  die  Reichsidee  und  den  Reichshandel  gewissen  Interessen ­
  für  Ausbeutungszwecke  auszuliefern.
Ich  kehre  zu  dem  Punkte  zurück,  den  ich  bereits  berührt  habe.  Das
große  Reichsproblem  ist,  die  Reichsgewalt,  die  jeder  Staat  verwalten
und  handhaben  kann,  einzurichten  und  zu  ordnen,  mit  anderen  Worten, ­
  einen  Plan  organischer  Reichsorganisation  zu  ersinnen.  Das  Mutterland ­
  ist  bis  jetzt  die  höchste  Autorität  gewesen,  das  Gehirn,  in  dem
sich  der  Reichswille  konzentriert  hat.  Es  hat  gegen  Gesetzentwürfe
sein  Veto  eingelegt,  die  Verteidigung  kontrolliert,  internationale  Unterhandlungen ­
  geleitet  und  Verträge  abgeschlossen.  Die  Pflanzstaaten
werden  dies  nicht  länger  oder  nicht  mehr  lange  dulden.  Wird  sich
die  Reichsgewalt  dann  auflösen?  Wird  dann  jeder  Staat  das  Recht
beanspruchen,  seine  eigene  Politik  zu  treiben,  als  wäre  er  absolut  souverän, ­
  aber  bei  Konflikten  die  Unterstützung  der  ganzen  Reichsmacht
fordern?  Wird  z.  B.  Australien  sein  Recht  durchsetzen,  Japan  gegenüber ­
  eine  Politik  des  Stillen  Ozeans,  selbst  wenn  sie  bis  zur  kriegerischen ­
  Verwicklung  führte,  zu  verfolgen,  und  dann  dafür  die  Hilfe  des
Reiches,  das  nicht  befragt  worden  ist,  reklamieren?  Schließt  Natals
Selbstregierungsrecht  die  Befugnis  ein,  eine  Eingeborenenpolitik  zu
praktizieren,  die  nicht  nur  der  britischen  Tradition  widerspricht,  sondern ­
  auch  Natal  selbst  bedroht,  und  wird  dieser  Staat  dann  beim
Nahen  von  Gefahren  auf  den  Reichsschutz  Anspruch  erheben  können?
In  der  Tat  kann  in  solchen  Fällen  die  Unterstützung  des  Reiches
nicht  verweigert  werden.  Die  Frage  ist  nur,  ob  das  Reich  es  zugibt,
daß  seine  Hilfe  verpfändet  wird,  ohne  daß  man  es  vorher  hinsichtlich
der  Maßnahmen  um  seine  Meinung  befragt  hätte.  Dies  sind  die  wichtigsten ­
  Probleme,  denen  wir  gegenüberstehen.
Wenn  das  Reich  für  Sozialisten  irgendwelchen  Sinn  hat,  so  den,
daß  es  ein  organisches  Ganze  bilden  muß.  Seine  Organisation  muß
locker  sein,  sie  muß  sich  eher  dem  Typus  einer  organischen  Kolonie,
w ie  es  die  Coelenteraten  sind,  als  dem  Muster  ausgebildeter  individueller ­
  Organismen,  wie  es  der  Mensch  selbst  ist,  nähern.  Die  Reichsorganisation ­
  sollte  sich  in  folgender  Form  verwirklichen:  Die  Konseilspräsidenten
  der  Einzelstaaten  müßten  alle  drei  oder  vier  Jahre  zu
einer  Konferenz  Zusammenkommen,  um  die  gemeinsame  Politik  und
die  Reichsprobleme  zu  erörtern.  Die  Ergebnisse  wären  dann  als  Zeichen ­
  des  gemeinsamen  Geistes  und  Zweckes  des  Reiches  anzusehen.
        <pb n="177" />
        Während  und  indem  sich  diese  Organisation  gliedert,  sollte  das  Reichsparlament ­
  darauf  bestehen,  daß  es  in  allen  Reichsangelegenheiten  angegangen ­
  und  daß  über  Gesetzesvorlagen,  für  die  seine  Zustimmung
eingeholt  wird,  die  Diskussion  eröffnet  werde,  damit  sie  eventuell  verändert ­
  werden  können.  In  einigen  Punkten,  wie  in  der  Landesverteidigung, ­
  kann  die  Konzentration  vorteilhaft  und  sicher  weitergehen.
Die  autonomen  Staaten  können  wohl  aufgefordert  werden,  zu  der  Verteidigung ­
  des  Reiches  ihren  Teil  beizutragen  und  sich  einem  imperialistischen ­
  Systeme  zu  fügen,  das  alle  Bedürfnisse  des  Reiches  aufs  sorgfältigste ­
  berücksichtigt,  aber  unmöglich  ist  es  gegenwärtig,  hierüber
hinauszugehen.  Selbstregierende  Staaten,  die  eben  aus  dem  Stadium
der  Bevormundung  herausgetreten  sind,  die  eifersüchtig  über  ihre  Gewalt ­
  wachen  und  in  dem  Gebrauch  derselben  leicht  ein  aggressives
Temperament  zeigen,  sind  nicht  darauf  vorbereitet,  sich  einer  Organisation ­
  anzuschließen,  die  sie  wieder  unter  irgendeinem  Vorwand  oder
irgendeiner  Bedingung  unter  eine  höchste  Autorität  beugen  will,  so
wie  es  eine  Reichsföderation,  ein  Reichssenat  oder  ein  Reichsrat  notwendigerweise ­
  tun  müßte.  Unsere  Pflanzstaaten  müssen  ihre  nationale ­
  Eigenart  noch  sehr  entwickeln,  bevor  sie  den  Weg  zum  organischen ­
  Imperialismus  zurückfinden.  Der  organische  Imperialismus  eines
Mutterlandes,  das  in  Wirklichkeit  eine  souveräne  Macht  war  —  die
Reichsfamilie  —,  ist  bereits  aufgelöst,  während  der  organische  Imperialismus ­
  eines  Verbandes  von  Familien  noch  nicht  existiert.  In  den
Augen  derer  unter  uns,  die  auf  eine  „Konföderation  der  Welt"  hoffen,
ist  dies  jedoch  kein  Grund,  daß  diese  Vereinigung  der  Reichsfamilien
nicht  gedeihen  sollte.  Der  Zerfall  einer  unitarischen  Form  muß  die
Ouvertüre  zu  einem  reicheren,  gehaltvolleren  Typus  der  Einheit  sein,
geradeso  wie  die  durch  den  Individualismus  der  kapitalistischen  Konkurrenz ­
  verursachte  Zersetzung  der  feudalen  Gesellschaftsordnung  der
höheren  Einheitsform  der  Interessen  und  der  Persönlichkeit  präludierte, ­
  die  der  sozialistische  Staat  erzeugen  wird.

/

»uiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiim'iniiiiiiiiiiiiinniiuniiiiiiiiiin*

154

■  911  '«TT
        <pb n="178" />
        155

mimmimummiinimumnmmmiiiii.

n

■UUUÜL

VI.  DER  SOZIALISTISCHE  STAAT
inmiiiimuTnmiMiiTiiniTiimiiiiniiiiiiiiiiiiiiiniinmiiiiiiiiminrnfTimiii
A.  DER  STAAT  ALS  SOZIALISTISCHE  NOTWENDIGKEIT
Die  sozialistischen  „Väter“,  Marx  und  Engels,  betrachteten  den  Staat
als  ein  Instrument  kapitalistischer  Unterdrückung.  Er  war  nicht  allein
das  Symbol,  sondern  die  Waffe  der  Klassenherrschaft.  Wenn  der
Klassenkampf  zwischen  Proletariat  und  Bourgeoisie  mit  der  Eroberung
der  öffentlichen  Gewalt  durch  das  Proletariat  beendet  sei,  so  läute  der
Untergang  der  Klassenherrschaft  die  Todesstunde  des  Staates  ein.
Es  muß  beachtet  werden,  daß  diese  Ansicht  einer  Auffassung  vom
Wesen  des  Staates  entsprang,  die  unzulänglich  und  schief  war.  „Alle
bisherigen  Bewegungen",  lautet  es  im  „Kommunistischen  Manifest“,
„waren  Bewegungen  von  Minoritäten  oder  im  Interesse  von  Minoritäten“ ­
  1 .  „Die  politische  Gewalt  im  eigentlichen  Sinne  ist  die  organisierte ­
  Gewalt  einer  Klasse  zur  Unterdrückung  einer  anderen.“ 2  Oder
ich  kann  auch  auf  jene  Engelssche  Darstellung  des  Sozialismus  zurückgreifen, ­
  die  ein  Recht  hat,  wegen  ihrer  Klarheit,  ihrer  geschmeidigen, ­
  fließenden  Argumentation  und  ihres  tiefen  Verständnisses  der
sozialistischen  Theorie  und  Entwicklung  an  die  Seite  des  Kommunistischen ­
  Manifestes  selbst  gestellt  zu  werden:  „In  dem  Maße,  wie  die
Anarchie  der  gesellschaftlichen  Produktion  schwindet,  schläft  auch  die
politische  Autorität  des  Staates  ein 3 .  Indem  sie  (die  kapitalistische
Produktionsweise)  mehr  und  mehr  auf  Verwandlung  der  großen,  vergesellschafteten ­
  Produktionsmittel  in  Staatseigentum  drängt,  zeigt  sie
selbst  den  Weg  an  zur  Vollziehung  der  Umwälzung.  Das  Proletariat
ergreift  die  Staatsgewalt  und  verwandelt  die  Produktionsmittel  zunächst ­
  in  Staatseigentum.  Aber  damit  hebt  es  sich  selbst  als  Proletariat, ­
  damit  hebt  es  alle  Klassenunterschiede  und  Klassengegensätze
auf,  und  damit  auch  den  Staat  als  Staat.  Die  bisherige,  sich  in  Klassengegensätzen ­
  bewegende  Gesellschaft  hatte  den  Staat  nötig,  d.  h.  eine
Organisation  der  jedesmaligen  ausbeutenden  Klasse  zur  Aufrechterhaltung ­
  ihrer  äußeren  Produktionsbedingungen,  also  namentlich  zur
1  Siehe  Das  Kommunistische  Manifest,  p.  15.  Englische  Ausgabe  von  Reeves
(deutsche  Ausgabe,  p.  17,  6.  Auflage.  Der  Übers.).  2  Komm.  Manifest,  p.  22.
Engl.  A.  (Deutsche  Ausg.  p.  24).  8  Friedrich  Engels:  Die  Entwicklung  des  Sozialismus ­
  von  der  Utopie  zur  Wissenschaft,  4.  deutsche  Auflage  p.  45.
        <pb n="179" />
        156

gewaltsamen  Niederhaltung  der  ausgebeuteten  Klasse  in  den  durch
die  bestehende  Produktionsweise  gegebenen  Bedingungen  der  Unterdrückung ­
  (Sklaverei,  Leibeigenschaft  oder  Hörigkeit,  Lohnarbeit).  Der
Staat  war  der  offizielle  Repräsentant  der  ganzen  Gesellschaft,  ihre  Zusammenfassung ­
  in  einer  sichtbaren  Körperschaft,  aber  er  war  dies  nur,
insofern  er  der  Staat  derjenigen  Klasse  war,  welche  selbst  für  ihre  Zeit
die  ganze  Gesellschaft  vertrat:  im  Altertum  Staat  der  sklavenhaltenden ­
  Staatsbürger,  im  Mittelalter  des  Feudaladels,  in  unserer  Zeit  der
Bourgeoisie.  Indem  er  endlich  tatsächlich  Repräsentant  der  ganzen
Gesellschaft  wird,  macht  er  sich  selbst  überflüssig.  Sobald  es  keine
Gesellschaftsklasse  mehr  in  der  Unterdrückung  zu  halten  gibt,  sobald
mit  der  Klassenherrschaft  und  dem  in  der  bisherigen  Anarchie  der
Produktion  begründeten  Kampf  ums  Einzeldasein  auch  die  daraus
entspringenden  Kollisionen  und  Exzesse  beseitigt  sind,  gibt  es  nichts
mehr  zu  reprimieren,  das  eine  besondere  Repressionsgewalt,  einen
Staat,  nötig  machte.“ 1  Dies  erklärt  mit  bewunderungswerter  Klarheit ­
  den  Standpunkt  Engels’.  Nur  ein  weiterer  Satz  muß  noch  hinzugefügt ­
  werden.  Nachdem  der  Staat  von  den  Produktionsmitteln  Besitz ­
  genommen  hat,  fährt  Engels  fort:  „Das  Eingreifen  einer  Staatsgewalt ­
  in  gesellschaftliche  Verhältnisse  wird  auf  einem  Gebiete  nach
dem  anderen  überflüssig  und  schläft  dann  von  selbst  ein.  An  die  Stelle
der  Regierung  über  Personen  tritt  die  Verwaltung  von  Sachen  und
die  Leitung  von  Produktionsprozessen.  Der  Staat  wird  nicht  ,abgeschafft‘, ­
  er  stirbt  ab.“ 2
Nie  ist  ein  wissenschaftlicher  Denker  von  einer  Formel  und  einem
Dogma  gründlicher  irregeführt  worden.  Die  historische  Entwicklung
wäre  eine  fortlaufende  Kette  von  Klassenkämpfen  gewesen,  die  in  die
Aufhebung  der  Klassenkämpfe  münden  müsse.  Der  Staat  wäre  das
Werkzeug  gewesen,  durch  das  die  jeweilig  herrschende  Klasse  die  anderen ­
  Klassen  in  Unterdrückung  gehalten  hätte;  wenn  deshalb  die  Periode ­
  der  Unterdrückungs-  und  Herrschaftsverhältnisse  ende,  so  werde
auch  der  Staat  aufhören.  Dies  ist  einer  der  einschneidendsten  Beweise
von  der  Unzulänglichkeit  der  Klassenkampftheorie  als  einer  Erklärung
des  sozialen  Fortschrittes.  Die  Theorie  zerstört  die  Auffassung  von  dem
1  Friedrich  Engels:  Die  Entwicklung  d.  Soz.  v.  d.  Utopie  z.  Wiss.  p.  40.  2  In
diesen  wie  in  anderen  dogmatischen  Punkten  folgt  Bebel  mit  getreuer  Genauigkeit ­
  Engels.  „Der  Staat  hört  mit  dem  Herrschaftsverhältnis  auf  .  .  .“  (Bebel:
Die  Frau,  p.  149,  Zürich  1883).
        <pb n="180" />
        157

allgemeinen  sozialen  Fortschritt  und  stempelt  jeden  Zeitabschnitt  und
dessen  Institutionen  zu  bloßen  Auswüchsen  des  Klassenunrechts.
Die  historischen  Perioden  wären  Perioden  menschlicher  Anstrengungen
gewesen,  die  menschliche  Vernunft  zu  durchkreuzen  und  die  allgemeine ­
  Wohlfahrt  zu  untergraben.  Die  Ansicht,  daß  die  Schiebungen
der  Mächte  der  Gewalt  und  des  Betruges  den  historischen  Fortschritt ­
  erklären,  ist  das  natürliche  Produkt  einer  Zeit,  die  mit  plötzlich ­
  sich  vollziehenden  Umwandlungen  erfüllt  und  mit  gewalttätigen,
revolutionären  Stimmungen  gesättigt  war.  In  den  Schriften  von  Marx
und  Engels  zeugen  viele  Spuren  von  der  Tatsache,  daß  diese  beiden
Männer  ihre  Formeln  schufen,  als  sich  Europa  in  großer  Gärung  und
Spannung  befand  (z.  B.  verdunkelten  die  Ereignisse  von  1848  und  der
folgenden  Jahre  zeitweilig  die  Bedeutung  des  kommunistischen  Manifestes), ­
  und  daß  es  ferner  für  sie  von  Nachteil  gewesen  ist,  mehr  der
Hegelianischen  Metaphysik  als  der  empirischen  Methode  des  Darwinismus ­
  gefolgt  zu  sein.
Die  Vorherrschaft  verschiedener  Klassen  entsteht  im  Laufe  der  gesellschaftlichen ­
  Entwicklung.  Sie  ist  eine  Erscheinung  im  Werdegang
der  sozialen  Zwecke,  aber  kein  Beweis  dafür,  daß  die  eigennützigen
Interessen  der  Klassen  jeweilig  genügend  Kräfte  in  deren  Dienst  gestellt ­
  haben,  die  sie  in  den  Stand  setzen,  dem  Staate  ihren  Willen  zu
diktieren.  Daß  der  Staat  den  Geist  und  die  Zwecke  der  Klassen  ausdrückt, ­
  die  zu  einer  gegebenen  Zeit  die  öffentliche  Gewalt  in  Händen
haben,  ist  ein  Gemeinplatz.  Wie  könnte  er  auch  anders?  Die  Tat
drückt  den  Willen  des  Handelnden  aus.  Doch  hiervon  auszugehen,
es  Engels  an  zitierter  Stelle  tut,  und  zu  schließen,  daß,  wenn  die
herrschenden  Klassen  verschwinden,  auch  der  Staat  absterben  werde,
kommt  der  Schlußfolgerung  gleich,  daß,  wenn  der  Wille  sich  verändert,
der  Körper,  dessen  er  sich  als  Organ  seiner  Wünsche  bediente,  zu  sein
aufhört  —  „er  wirtTnicht  abgeschafft,  er  stirbt  ab".
Der  Staat  stirbt  nicht  ab,  er  kann  nicht  absterben.  Die  Klassenherrschaft, ­
  die  bis  heute  die  Geschichte  der  Zivilisation  ist,  ist  eine
natürliche  und  vernünftige  Aufwärtsbewegung  neuer  Interessen,  die
aus  alten  erwachsen,  eine  Erweiterung  politischer  und  wirtschaftlicher
Freiheit.  Wir  hätten  nicht  im  Handumdrehen  aus  dem  politischen
Chaos  in  die  vollkommene  Staatsorganisation  übergehen  können.  Der
Übergang  von  der  persönlichen  Gewalt  zu  der  demokratischen  mußte
        <pb n="181" />
        158

sich  langsam  vollziehen,  wie  eine  Reise  durch  die  Wildnis.  Die  menschliche ­
  Organisation  ist  nicht  allein  in  ihrer  Physiologie,  sondern  auch  in
ihren  Gewohnheiten  und  Arten  des  Denkens,  in  ihrem  Einbildungsvermögen ­
  und  ihren  Bemühungen,  fest  ausgebildet  und  konservativ.  Und
wenn  wir  es  mit  der  Masse  zu  tun  haben  und  nicht  bloß  mit  dem  Einzelnen, ­
  so  wird  der  Widerstand,  den  das  Individuum  allein  dem  Wechsel
entgegensetzt,  durch  die  Unbeweglichkeit  dieser  Masse  ganz  gewaltig  erhöht. ­
  Der  Einzelne,  der  zusammen  mit  seinesgleichen  als  eine  Einheit
im  Rahmen  des  sozialen  Ganzen  arbeitet,  verliert  seinen  Freiheitssinn.
Sein  Geist  wird  Massengeist;  über  die  utopistische  Großmütigkeit  seiner ­
  eigenen  Überzeugungen  schüttelt  er  den  Kopf,  verweigert  ihnen
die  Gefolgschaft  und  entnimmt  seinem  „Milieu“  die  „anwendbaren“
Ideen  praktischer  Betätigung.  So  versucht  das  reformierende  Individuum, ­
  das  sich  isoliert  und  in  Bewegung  hält,  vergebens,  die  trägen
Massen  kaum  beweglicher  Menschen  in  Fluß  zu  bringen  h  Während  der
langen  Zeiten  historischer  Umwandlung  kommen  im  Gemeinwesen
Klassen  auf  Klassen,  Interessen  nach  Interessen  in  rationeller  Progression ­
  zur  Geltung.  Sie  dominieren  die  Gemeinschaft,  entwickeln
eine  politische  und  wirtschaftliche  Ordnung,  die  ihren  Willen  ausdrückt, ­
  errichten  ein  politisches  und  ökonomisches  Gehäuse,  das  auf
breiterer  Grundlage  ruht  und  sich  dem  Typus  einer  vollkommenen
sozialen  Verfassung  mehr  nähert,  als  die  Ordnung  ihrer  Vorgänger,  die
die  Gewalt  ausübten.  Schließlich  geben  auch  sie  wieder  Klassen  und
Interessen  Raum,  die  auf  einer  höheren  Warte  stehen  als  sie  selbst.
Aber  in  all  dieser  Zeit  hat  der  Staat,  der  den  bestehenden  Gewalten
und  den  herrschenden  Interessen  zweifellos  gehorcht,  gehandelt  und
nicht  etwa  bloß  wie  ein  Eunuche,  dessen  Amt  die  Zivilisation  abschaffen ­
  muß,  sondern  wie  ein  Organ,  das  eine  Funktion  erfüllt,  die  in  einer
organisierten  Gemeinschaft  stets  von  irgendeiner  Instanz  ausgeübt
werden  muß,  ganz  gleich,  wer  die  Staatsgewalt  innehat.  Wie  der
Körper,  so  verändert  sich  der  Staat  mit  dem  Werkzeuge,  dem  Willen,
der  Idee.  Durch  seine  Taten  hat  der  Staat  z.  B.  den  Niedergang  ihn
beherrschender  Interessen  als  auch  ihre  Stärke,  die  Bildung  einer  neuen
Synthesis  von  Interessen  sowohl  wie  die  Herrschaft  der  alten  gezeigt.
Dies  bezeugt  das  Hineinwachsen  des  mittelalterlichen  Staates  in  den
1  Die  Massen  bewegen  sich  rasch  und  manchmal  turbulent,  aber  die  Gesetze
ihrer  Bewegung  und  ihrer  inneren  flutartigen  Impulse  gehen  mich  hier  nicht
weiter  an.
        <pb n="182" />
        der  Neuzeit,  und  mit  gleicher  Klarheit  tritt  es  an  den  verschiedenen
Funktionen  des  modernen  Staates  zutage.  Wenn  wir  die  umfangreiche
Sozialgesetzgebung  betrachten,  die  sich  energisch  von  jener  individualistischen ­
  Auffassung  des  Staates  entfernt,  die  der  notwendige  politische
Aspekt  der  Ökonomie  einer  reinen  Mittelstandsbewegung  ist,  so  entdecken ­
  wir,  daß  der  Staat  nicht  den  Willen  der  dominierenden  Interessen, ­
  sondern  den  Willen  der  ganzen  Gemeinschaft  vermittelt,  der
nach  einem  immer  reicheren  und  universellen  Ausdruck  strebt.  In
solchen  Augenblicken  des  Wechsels  vollziehen  sich  politische  und  soziale ­
  Reformen  äußerst  schnell,  oder  es  stauen  sich  im  Staate  revolutionäre ­
  Kräfte.  Wenn  die  Gesellschaft  ihr  Leben  ausdehnt  und  dann
findet,  daß  über  die  im  Staate  verkörperte  Macht  eine  Klasse  verfügt,
deren  Vorherrschaft  bedroht  ist  und  die  auf  ihre  Gewalt  nicht  verzichten ­
  will,  so  folgt  die  Revolution.  Aber  die  Möglichkeit  eines  solchen
Konfliktes  hängt  von  der  mangelhaften  Kontrolle  ab,  die  die  Gesellschaft ­
  über  den  Staat  ausübt.  Nun  haben  jedoch  die  Veränderungen,
die  sich  über  Jahrhunderte  erstrecken,  in  der  Richtung  gewirkt,  diese
Kontrolle  umfassender  zu  gestalten.
Der  Staat  ist  deshalb  nicht  das  Instrument  einer  Klasse,  sondern  ein
Organ  der  Gesellschaft.  Wenn  der  „Staat  im  Namen  der  Gesellschaft
von  den  Produktionsmitteln  Besitz  genommen  hat“,  wird  er  in  eine
neue  Phase  seiner  Tätigkeit  getreten  sein.  „Die  Regierung  über  Personen“ ­
  als  Gegensatz  gegen  „die  Verwaltung  von  Sachen"  ist  ein  oberflächlicher ­
  Vergleich.  Weit  entfernt,  das  Produkt  „einer  Regierung
über  Personen"  zu  sein,  ist  der  Staat  eine  Bedingung  für  die  Ordnung
der  sozialistischen  Beziehungen  und  für  die  Organisation  des  sozialistischen ­
  Austausches.  In  einem  früheren  Kapitel  habe  ich  auf  die  Notwendigkeit ­
  hingewiesen,  daß  in  dem  modernen  Staate  mit  seinen  komplizierten ­
  ökonomischen  Kräften  ein  höherer  Wille  und  eine  überlegenere ­
  Intelligenz  walten  müssen,  die  diese  Kräfte  im  Interesse  aller  kontrollieren. ­
  Dies  muß  die  große  Funktion  des  sozialistischen  Staats  sein.
Unter  der  Herrschaft  des  Sozialismus  wird  der  Staat  nicht  allein  nicht
-abgestorben“  sein,  wie  Engels  sich  ausdrückte,  sondern  er  wird  eine
Organisation  ausgebildet  und  eine  Bedeutung  in  der  Gemeinschaft  erlangt ­
  haben,  die  viel  imposanter  sein  werden,  als  er  sie  möglicherweise
unter  einem  Regime  der  individualistischen  Volkswirtschaft  und  der
auf  Konkurrenz  basierten  Produktion  hätte  erreichen  können.  Mill
        <pb n="183" />
        160

hatte  unrecht,  als  er  sagte,  daß  zurückgebliebene  Gesellschaften  der
Regierung  mehr  bedürften  als  die  vorgeschritteneren.  Die  Notwendigkeit, ­
  die  Einsicht  in  das  öffentliche  Wesen  zu  erhöhen,  die  moralischen
Kräfte  zu  organisieren  und  die  gemeinsamen  Geschäfte  zu  erledigen
(nach  Mill  die  Aufgaben  der  Regierungen),  steigt  mit  der  Differenzierung ­
  der  Gesellschaft  und  mit  der  Ausdehnung  der  wirtschaftlichen
Aktivität  des  Staates.  Die  Aufgabe  der  Regierung  ist  nicht,  den  Einzelnen ­
  zu  unterrichten,  ohne  Regierung  auszukommen,  sondern  ihn  in
dem  Zusammenwirken  mit  dem  Staate  zu  unterweisen.
Der  Staat  ist  die  politische  Persönlichkeit  der  Gesellschaft,  zu  dem
Zwecke  gebildet,  durch  Gesetzgebung  und  Verwaltung  den  öffentlichen ­
  Willen  in  der  politischen  Sphäre  durchzusetzen.  Weit  davon
entfernt,  daß  das  Ende  des  Klassenkampfes  zwischen  Proletariat  und
Bourgeoisie,  die  Eroberung  der  öffentlichen  Gewalt  durch  das  Volk,
die  Übernahme  der  Kontrolle  über  den  Boden  und  das  Kapital  durch
die  Gesellschaft  den  Staat  überflüssig  machen  werden,  wird  dadurch
seine  Notwendigkeit  nur  noch  akzentuiert,  weil  mit  erweitertem  kollektiven ­
  Streben  und  erhöhter  kollektiver  Verantwortlichkeit  ein  Organ, ­
  das  in  gemeinsamen  Angelegenheiten  den  Willen  aller  zum  Ausdruck ­
  bringt,  für  die  Fortdauer  der  Gesellschaft  notwendig  sein  wird.
Das  hervorragendste  Charakteristikum  dieses  Staates  im  Gegensatz
gegen  den  liberalen  Staat,  von  dem  wir  uns  jetzt  allmählich  entfernen
und  den  die  früheren  Sozialisten  im  Auge  hatten,  als  sie  über  den  Staat
schrieben,  wird  sein,  daß  er  als  ein  Organ  betrachtet  werden  wird,  durch
das  der  Einzelne  seinen  Willen  ausdrücken  und  die  Verwirklichung
seiner  Persönlichkeit  finden  kann.  Dieser  Staat  mag  den  Energien
des  Individuums  Schranken  setzen,  aber  er  wird  sie  nur  in  der  Weise
kontrollieren,  wie  die  Ufer  den  Gewässern  eines  reißenden  Stromes
gebieten.
Der  Staat  wird  auf  der  allgemeinen  Zustimmung  beruhen  und  die
allgemeine  Erfahrung  ausdrücken.  Er  wird  deshalb  auf  das  Stimmrecht ­
  der  Erwachsenen  gegründet  sein.  Es  wird  die  historische  Erfahrung ­
  akzeptieren,  daß  die  wirtschaftliche  Freiheit  eine  der  Bedingungen ­
  bürgerlicher  und  geistiger  Freiheit  ist.  Deshalb  wird  er  durch
Unterwerfung  jener  ökonomischen  Kräfte,  die  Monopole  und  wirtschaftliche ­
  Knechtschaft  möglich  machen,  das  Privateigentum  beschützen. ­
  Aus  diesem  Grunde  wird  der  Grund  und  Boden  in  einer
        <pb n="184" />
        oder  der  andern  Form  dem  Staate  gehören,  die  Grundrenten  werden
Staatseinkünfte.  Die  großen  Industriebetriebe  werden  von  Konsumentenvereinigungen ­
  geleitet  werden,  die  wiederum  mit  dem  Staate
in  der  einen  oder  anderen  seiner  Erscheinungsformen  identisch  sein
werden.  Diese  Verbände  haben  sich  zugleich  mit  den  Erzeugnissen
solcher  Industriezweige  zu  befassen,  die  wegen  ihrer  eigentümlichen
Natur  außerhalb  der  staatlichen  Industrieorganisation  bleiben  können.
Da  der  auf  der  individualistischen  Konkurrenz  beruhende  Güteraustausch ­
  bewiesen  hat,  daß  er  der  Herd  des  Chaos,  der  Unordnung  und
des  industriellen  Zusammenbruches  ist,  so  wird  sich  der  sozialistische
Staat  hauptsächlich  auf  die  Koordination  der  Produktion  und  des
Konsums  verlegen,  um  Warenanhäufung,  zwecklose  Arbeit,  unverdientes ­
  Einkommen,  Einbuße  industrieller  Werte  und  Mehrwertsbildung ­
  zu  verhüten,  die  die  Ursachen  der  Armut  und  der  Unfähigkeit ­
  der  Konsumenten  sind,  ihre  Bedürfnisse  in  wirkliche  wirtschaftliche ­
  Nachfrage  zu  verwandeln.  Da  diese  Dinge  einfach  Gegenstand
der  sozialen  Organisation  sind,  so  können  sie  nur  von  dem  Gesamtwillen, ­
  der  durch  den  Staat  bewußt  handelt,  in  die  Hand  genommen
werden.  In  dem  sozialistischen  Staate  wird  deshalb  eine  umspannende
Organisation  der  Wirtschaftskräfte  und  der  industriellen  Prozesse  vorhanden ­
  sein,  mit  der  Aufgabe,  Wirtschaftlichkeit  und  gerechte  Belohnung ­
  für  Dienstleistungen  in  der  Gesellschaft  zu  sichern.  In  einem
solchen  Staate  werden  zwischen  den  Produzenten  und  Konsumenten
Zwistigkeiten  ausbrechen,  und  die  Schiedsgerichte,  die  dann  nicht
etwa  Differenzen  zwischen  Unternehmern  und  Arbeitern  —  denn  diese
Kategorien  werden  in  ihrer  heutigen  Form  nicht  existieren  —,  sondern ­
  die  Rechtsstreitfälle  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten  zu
schlichten  hätten,  werden  in  dem  sozialen  Mechanismus  eine  äußerst
wichtige  Rolle  spielen.  Auch  getrennte  Interessenvereinigungen  wird
es  geben,  die  Gewerkschaftsbewegung  wird  nicht  verschwunden,  wohl
a ber  umgewandelt  sein.
Außerdem  wird  der  Staat  kein  zentralisiertes  Beamtentum  sein,  wird
ln  keine  Hierarchie  des  grünen  Tisches  aufgehen.  Die  Munizipalverwaltung ­
  wird  blühen.  Die  von  der  Öffentlichkeit  kontrollierten  Wirtschaftsmächte ­
  werden  in  solche  eingeteilt,  die  eine  Landes-Angelegenheit ­
  sind,  wie  das  Eisenbahnwesen,  und  solche,  die  kommunalen
Charakter  tragen,  wie  die  Wohnungspolitik.  Indes  wird  die  Grenzlinie
II  Mac  Donald,  Sozialismus
        <pb n="185" />
        nicht  fest  gezogen  werden  können.  Da  die  nationale  Einheit  stetig  an
Einfluß  zunimmt,  dank  der  Verwischung  der  örtlichen  Verschiedenheiten, ­
  der  räumlichen  Beweglichkeit  des  Arbeitsangebots,  der  Uniformität ­
  des  Staatsbürgerlebens  und  der  größeren  Flächenausdehnung,
über  die  hinweg  uns  die  kommunalen  Leistungen,  Beschäftigungsmöglichkeiten ­
  etc.  angeboten  werden  —  welchen  sozialen  Veränderungen
wir  unterliegen,  ob  wir  sie  willkommen  heißen  oder  nicht  —,  so  wird  die
Zentralregierung  im  Laufe  der  Zeit  vermutlich  viel  von  dem  übernehmen,
was  man  heute  zu  den  Aufgaben  der  Gemeinden  rechnet.  Zum  Beispiel
sind  heute  die  Vorkehrungen  für  die  Erziehung  vollkommen  unhaltbar
sowohl  vom  Standpunkt  des  gesunden  Menschenverstandes  als  auch  an
den  Grundsätzen  der  Regierungspflichten  gemessen.  Ursprünglich  eine
reine  Privatsache,  erhielt  der  Unterricht  im  Jahre  1832  Zuschuß  aus
öffentlichen  Geldern.  Das  Geld  wurde  durch  die  damals  existierenden,
auf  freiwillige  Spenden  angewiesenen  Schulgesellschaften  zu  Schulbauten ­
  verwandt.  Im  Jahre  1839  wurde  die  Verwaltung  der  Staatssubvention ­
  einem  engeren  Ausschuß  des  geheimen  Kronrats  (Privy
Council)  überwiesen,  aber  wiederum  wurde  das  Geld  nicht  Erziehungszwecken ­
  gewidmet,  sondern  wegen  religiöser  Schwierigkeiten  nur  für
die  Errichtung  von  Schulen  bestimmt.  Dann  wurden  Summen  bewilligt, ­
  um  die  Lehrer  auszubilden,  ihre  Gehälter  zu  erhöhen  und  die  Unterrichtskosten ­
  zu  vermindern  (in  Form  von  Zahlungen  per  Kopf  des  die
Schule  besuchenden  Kindes).  Schließlich  wurde  ein  System  der  öffentlichen ­
  Kontrolle  geschaffen.  Das  Staatsministerium  wurde  in  seinen
Ansprüchen  an  die  Gemeinden  immer  rigoroser,  bis  gegenwärtig  das
System  und  die  Norm  des  Unterrichts  national  geworden  sind,  während ­
  nur  ungefähr  die  Hälfte  der  Kosten  vom  Schatzamt  getragen  und
die  andere  Hälfte  aus  den  Gemeindesteuern  bestritten  wird 1 .  Zur
Zeit,  wo  ich  dieses  schreibe,  ist  eine  Art  vollständiger  Stockung  eingetreten. ­
  Das  Parlament  hat  den  Lokalbehörden  neue  Pflichten  auferlegt, ­
  wie  ärztliche  Untersuchung  und  Verabreichung  von  Speisen,
ohne  hierfür  die  genügenden  finanziellen  Mittel  zu  gewähren.  Tatsächlich ­
  ist  die  Frage,  die  das  Unterrichtsministerium  und  die  örtlichen ­
  Schulbehörden  zwischen  sich  zu  regeln  haben,  nicht  länger  rein
finanzieller  Natur,  sondern  eine  Frage  guter  Verwaltung.  Wie  weit
1  Ein  vom  Stadtrat  in  Leeds  im  Jahre  1909  herausgegebenes  Memorandum
zeigt,  daß  das  Schatzamt  50.31  Proz.  der  Kosten  des  Elementarunterrichts  und
43.15  Proz.  der  Kosten  des  höheren  Unterrichts  deckt.
162
        <pb n="186" />
        163

II*

darf  der  Schatzkanzler  in  der  Subventionierung  der  Lokalobrigkeiten
und  der  Bestreitung  der  örtlichen  Ausgaben  gehen  ?  An  einem  gewissen ­
  Punkte  werden  die  Reichsanweisungen  eine  Quelle  der  Schwäche, ­
  sie  werden  unwirtschaftlich  und  verderblich  und  erfordern  eine
Reform  der  lokalen  und  nationalen  Administration.  In  dem  Erziehungswesen ­
  haben  wir  heute  diesen  Punkt  erreicht.  Die  für  die  Unterrichtszwecke ­
  vorhandenen  Finanzbedürfnisse  zwingen  uns,  das  Problem ­
  der  Verwaltung  des  Unterrichts  anzupacken.  Eine  ähnliche  Tendenz ­
  macht  sich  auch  in  anderen  Richtungen  fühlbar.  Die  Zentralbehörde ­
  für  die  Lokalverwaltungen,  das  Local  Government  Board,
eignet  sich  immer  mehr  Befugnisse  an,  um  die  Aufsicht  über  die
Gesundheits-  und  Wohnungspolizei  der  Lokalämter  auszuüben.  Das
Schatzamt  besteuert  Eigentumsformen,  z.  B.  die  Erhebung  der  Wertzuwachssteuer ­
  auf  Grund  und  Boden,  von  der  man  geglaubt  hat,  daß
sie  der  Gemeinde  reserviert  werden  würde.  Die  Wegepolizei  wird  eine
nationale  Angelegenheit,  statt  eine  solche  der  unteren  staatlichen  Verbände. ­

Ferner  wird,  wenigstens  nach  zwei  Seiten,  die  Anwendung  der  Wissenschaft ­
  in  der  Industrie  vermutlich  eine  Veränderung  des  Territoriums, ­
  über  das  sich  die  Munizipalregierung  erstreckt,  nötig  machen
und  auch  einen  Wechsel  der  Beziehungen  der  Munizipalregierung  zu
den  Zentralbehörden  erheischen.  Nichts  ist  wahrscheinlicher,  als  daß  in
einer  verhältnismäßig  kurzen  Zeit  eine  weitgehende  Verbesserung  in  der
Übertragung  des  elektrischen  Stromes  ersonnen  werden  wird,  die  die
zahlreichen  Kraftstationen,  die  jetzt  innerhalb  des  Gemeindegebiets
Elektrizität  für  Beleuchtung  und  industrielle  Zwecke  liefern,  überflüssig ­
  machen  wird.  Solange  diese  Kraftquellen  nötig  sind,  muß  die  Versorgung ­
  mit  Elektrizität  eine  kommunale  Angelegenheit  bleiben.  Aber
wenn,  dank  der  Vervollkommnung  der  Transmissionsapparate  und  der
Aufspeicherung  der  Elektrizität,  die  Erscheinungen  der  Ebbe  und  Flut
des  Atlantischen  Ozeans  oder  ein  Wasserfall  in  Schottlands  Hochlanden ­
  das  ganze  Land  oder  selbst  große  Strecken  Landes  mit  Licht
und  Treibkraft  hinreichend  versehen  können,  so  wird  sich  der  kommunale ­
  Charakter  des  Elektrizitätsdienstes  offenbar  ändern.  Dann
werden  die  Gründe,  die  für  die  Verstaatlichung  aber  nicht  die  Kommunalisierung ­
  der  Eisenbahnen  sprechen,  mit  verstärkter  Kraft  auf
einen  Versorgungszweig  angewandt  werden,  der  gegenwärtig  überwie ­
        <pb n="187" />
        164

gend  als  Gegenstand  der  kommunalen  Politik  betrachtet  wird 1 .  Die
Verschmelzung  der  Elektrizitätsgesellschaften  und  die  Ausdehnung
der  Straßenbahnnetze  über  die  Grenzen  der  einzelnen  Kommunen  hinweg ­
  weisen  auf  eine  weitere  Entwicklung  und  auf  die  schließliche  Übernahme ­
  der  kommunalen  Kontrolle  durch  die  Zentralbehörden.
Der  andere  Umstand,  der  die  Zukunft  der  Gemeindeverwaltung  berühren ­
  muß,  ist  die  durch  die  moderne  Erleichterung  des  Güter-  und
Personenverkehrs,  von  den  Automobilen  bis  zu  den  elektrischen
Straßenbahnen,  hervorgerufene  Vergrößerung  der  Stadt.  Nachdem
die  Stadt  schon  Generationen  lang  aufgehört  hatte,  eine  verworrene
Menge  von  Häusern  innerhalb  des  Stadtwalles  zu  sein,  verhinderten
noch  die  Gepflogenheiten  des  Volkes  Ausweitungen  des  Siedeins  der  Bevölkerung. ­
  Der  Mangel  an  Verkehrserleichterungen  zwang  die  Fabrikanten, ­
  in  der  Nähe  der  Eisenbahnstationen  zu  bleiben,  was  in  der
Regel  nahe  der  Stadt  oder  in  ihr  bedeutete.  Aber  die  Sitte  des
Aneinanderrückens  stirbt  ab,  und  was  sich  davon  noch  erhält,  wird
durch  den  schnellen  und  billigen  Transport  befriedigt  und  erfordert
kein  Zusammendrängen.  Außerdem  hat  die  Erfahrung  von  zwei
oder  drei  Generationen  der  Sanitätsgesetzgebung  und  Gesundheitspflege ­
  ihre  Wirkung  auf  den  Geschmack  nicht  verfehlt.  Man  beginnt ­
  die  Wohltat  frischer,  gesunder  Luft  zu  schätzen,  das  Land  liebzugewinnen, ­
  sich  für  ländliche  Angelegenheiten  zu  interessieren.  Man
wünscht,  „seine  Arbeitsstätte  hinter  sich  zu  lassen“.  Der  Vorort  genügt ­
  den  Leuten  nicht.  Den  Vorort  hat  man  niemals  als  eine  Niederlassung ­
  in  der  erfrischenden  Luft  betrachtet,  sondern  als  ein  Heim  in
der  Atmosphäre  der  honetten  Klassen,  wo  oft  von  würziger  Luft  nichts
zu  spüren  war.  Die  Verwendung  der  elektrischen  Kraft  in  Fabrikbetrieben ­
  macht  die  Unternehmer  von  großen  Fabriken,  die  in  Orten
liegen,  wo  Steinkohlen  leicht  beschafft  werden  können,  unabhängiger.
Die  scharfe  Konkurrenz  zwischen  den  Eisenbahngesellschaften,  die
nicht  allein  das  Land  mit  einem  Netz  sich  kreuzender  Linien  überzogen, ­
  sondern  den  Fabrikanten  an  jeder  Station  dieses  Netzwerkes
auch  ungewöhnlich  günstige  Bedingungen  geboten  hat,  hatjdie  Ten1 ­
  Auch  kann  sich  die  Konföderation  der  Munizipalitäten  mit  Rücksicht  auf  besondere ­
  Dienste  verallgemeinern.  Der  Anfang  ist  tatsächlich  schon  gemacht,
z.  B.  in  dem  Derwent  Valley  Water  Act,  dem  sich  Leicester,  Sheffield  und  Derby
nebst  umliegenden  Landdistrikten  angeschlossen  haben,  um  die  Versorgung  zu
sichern.
        <pb n="188" />
        165

denz  gezeigt,  die  Industrie  zu  verstreuen  und  das  Dorf  zu  einem  neuen
Mittelpunkte  der  kapitalistischen  Industrietätigkeit  zu  machen  L  Die
Steuererhöhungen  in  den  Städten  und  die  Organisierung  der  Arbeiter  in
den  alten  Industriezentren  haben  ganz  besonders  zu  dieser  Abwanderung ­
  beigetragen.  Die  Folge  hiervon  ist,  daß  die  Fabrikanten  jetzt
die  alten  Städte  verlassen,  um  sich  außerhalb  der  kommunalen  Grenzen ­
  anzusiedeln.  Transporterleichterungen  setzen  sie  in  die  Lage,  an
manchen  der  Vorteile  der  nachbarlichen  Städte  teilzunehmen,  ohne
zu  den  städtischen  Verwaltungskosten  herangezogen  werden  zu  können.
Durch  ihre  billigeren  Produkte  erschweren  sie  es  gleichzeitig  den  innerhalb ­
  der  Stadtgrenzen  verbliebenen  Industriellen,  sich  auf  dem  Markte
zu  behaupten.  Durch  diese  Veränderungen  werden  die  städtischen
Grenzen  ganz  künstliche,  die  keinen  Einheiten  des  bürgerlichen  oder
gewerblichen  Lebens  und  der  bürgerlichen  und  gewerblichen  Organisation ­
  entsprechen.  Die  Stadt  als  eine  politische  und  administrative
Einheit  hört  auf,  ein  wirkliches  Dasein  zu  führen 1  2 .  Die  zu  besteuernden ­
  Flächen  müssen  ausgedehnt  werden.  Die  Konservierung  der  historischen ­
  Einteilungen  wird  Kapital  wie  Arbeit  immer  mehr  bedrücken, ­
  genau  wie  es  an  der  Wende  des  Mittelalters  geschah,  als  sich
das  Gildenwesen  auflöste,  um  als  Teil  der  Gemeindeverwaltung  wieder
zwangsweise  eingeführt  zu  werden,  worauf  sich  die  Industrie  infolgedessen ­
  in  die  neuen  und  freien  Munizipalitäten  flüchtete.
Ein  anderer  auffallender  Wechsel  in  der  Lokal  Verwaltung  wird  die
Anzahl  der  kommunalen  Dienste  sein,  deren  Kosten  aus  öffentlichen
Einnahmen  gedeckt  werden.  Es  gab  eine  Zeit,  wo  man  die  Benutzung
der  Wege  jedesmal  bezahlen  mußte,  wenn  man  die  Zolltore  durchschritt. ­
  Getreu  dem  sozialen  Gesetze,  daß  sich  das,  was  eine  Angelegenheit ­
  der  öffentlichen  Bequemlichkeit  wird,  in  eine  Sache  zum  allgemeinen ­
  Gebrauch  verwandelt,  sind  heute  die  Zollschläge  abgeschafft
worden.  Die  Wege  werden  durch  die  öffentlichen  Kassen  erhalten,  die
nicht  durch  die  Besteuerung  der  Benutzer  der  Wege,  sondern  durch

1  Diese  Tendenz  wird  durch  die  Amalgamierung  der  Eisenbahnen  in  Privathänden ­

  vorübergehend  gehemmt  werden,  bei  der  Verstaatlichung  aber  wieder
in  Wirkung  treten.  2  Mit  seinen  umliegenden  Wohnstätten  Walthamstow,  West
Ham  etc.  (hier  wohnen  die  Arbeiter  nur,  beschäftigt  sind  sie  meistens  in  London.
Der  Übers.)  und  mit  seinen  vielen  Munizipaldistrikten,  von  Kensington  bis
herab  zu  Poplar,  ist  London  eine  lange  Zeit  das  Grundbeispiel  dieser  Anomalie
gewesen.  Doch  hierin  steht  London  nicht  mehr  vereinzelt  da.  Jede  Industriestadt ­
  im  Lande  zeigt  in  einem  größeren  oder  geringeren  Grade  dieselbe  Anomalie.
        <pb n="189" />
        166

Umlagen  auf  das  Eigentum  immer  von  neuem  angefüllt  werden.  Die
Einschätzung  vollzieht  sich  nach  Regeln,  die  darauf  achten,  daß  die
Belastung  der  Einkommen  gerecht  verteilt  werde,  um  die  soziale
Ordnung  und  die  gute  Verwaltung  aufrechtzuerhalten.  Aus  Angelegenheiten ­
  des  Privatgebrauches  sind  die  Wege,  die  Schulen,  die  Gefängnisse ­
  und  selbst  die  Landesverteidigung  Gegenstände  der  öffentlichen ­
  Reform  geworden.
Hiermit  verwandt  ist  die  Frage  der  Beziehungen  des  Staates  zu  den
Berufen  der  Ärzte,  Advokaten  und  Lehrer  (professions).  Der  Unterricht ­
  ist  bereits  ein  Staatsdienst  geworden,  während  sich  die  Verstaatlichung ­
  des  Medizinal-  und  Sanitätswesens  hurtig  in  dieser  Richtung
bewegt.  Die  Zeit  wird  kommen,  wo  die  meisten  dieser  Berufe  von
Staats  wegen  ausgeübt  werden.  Denn  sicherlich  können  Sachen  wie
die  Rechtspflege  und  die  Gesundheitsfürsorge  infolge  ihrer  eigenen
Natur  nur  ordentlich  geregelt  werden,  wenn  sie  eine  Angelegenheit  der
organisierten  Gemeinschaft  geworden  sind,  die  bewußt  ihre  eigene
Sicherheit  herstellt,  ihr  eigenes  Glück  schmiedet  und  für  ihr  eigenes
Gedeihen  sorgt.  Wir  sind  für  die  Veränderung  noch  nicht  reif,  aber
der  Zug  in  dieser  Richtung  wirkt  schon.  Auch  gibt  es  vielleicht  keine
Form  der  menschlichen  Tätigkeit,  die,  wenn  sie  direkt  im  Dienste  der
Gemeinschaft  ausgeübt  wird,  qualitativ  und  quantitativ  bessere  Resultate ­
  zeitigt,  als  die  intellektuelle  Beschäftigung  eines  Geistes,  der  in
einem  der  genannten  Berufszweige  ausgebildet  worden  ist.  Dies  deutet
eine  größere  Arbeit  für  die  zentralen  Kontroll-  und  Aufsichtsämter  an,
weist  auf  eine  bessere  Methode  in  der  Steigerung  der  öffentlichen  Einnahmen ­
  und  auf  eine  Neuordnung  der  individuellen  und  gemeinsamen
Betätigungen.  Zur  Regulierung  ihrer  eigenen  Geschäfte,  zur  Eigentumserwerbung ­
  für  diesen  Zweck,  zur  Promulgation  von  Ortsstatuten  und  besonders ­
  zu  dem  Zweck,  sich  als  Märkte  zu  organisieren  und  den  Austausch
ihrer  eigenen  Industrieerzeugnisse  nach  dem  Muster  der  Genossenschaften ­
  zu  erleichtern,  wird  den  Gemeinden  mehr  Freiheit  gegeben  werden.
B.  DER  STAAT  UND  DIE  INTERNATIONALITÄT
A  /T  inisterpräsidenten  werden  dieser  Regierungsorganisation  präsidie-»-*-ren,
  während  die  Führer  der  Opposition  über  sie  wachen  werden.
Es  wird  Kabinette  und  ständige  Beamten  geben;  die  Meinungskonflikte
in  der  Gemeinschaft  werden  organisiert  und  von  Parteien  ausgenutzt
        <pb n="190" />
        167

werden,  die  den  heutigen  nur  insofern  überlegen  sein  werden,  als  sie  dem
Volke  ihre  streitigen  Fragen  in  einer  präziseren  und  verständlicheren
Weise  vorlegen  müssen,  da  sie  es  mit  einer  einsichtsvolleren  und  unterrichteteren
  Wählerschaft  zu  tun  haben  werden.  Sie  werden  die  natürlichen ­
  Kämpfe  der  Gegenwart  und  der  Zukunft  verkörpern:  einerseits  die
Furcht  vor  dem  Vorwärtsschreiten,  anderseits  den  Unwillen  gegen  den
Stillstand.  Wir  können  uns  darauf  verlassen,  daß  sich  diese  entgegengesetzten ­
  Ansichten  und  Temperamente  noch  für  manche  kommende
Generation  zu  Programmen  der  Aktion  und  der  Tatenscheu  kondensieren ­
  werden,  die  ihre  Auffassung  von  Individuum  und  Gesellschaft  in
philosophischen  Grundsätzen  ausdrücken  und  erläutern.  Auf  diese  Prinzipien ­
  können  Parteien  sehr  wohl  gegründet  werden.  Daß  es  dann  mit
der  Bureaukratie  der  ständigen  Beamten  genau  so  gut  Schwierigkeiten
geben  wird,  wie  heute,  scheue  ich  mich  nicht  zu  behaupten.  Nur  wird
es  dann  viel  deutlicher  als  jetzt  zutage  treten,  daß  diese  Schwierigkeiten ­
  nicht  dem  Systeme,  sondern  dem  Volkscharakter  entspringen,  der
für  das  Walten  dieses  Systemes  verantwortlich  ist.  Die  Rechtsprechung
wird  nicht  von  gewählten,  sondern  von  auserlesenen  Personen  gehandhabt
  werden,  da  der  richtige  Grundsatz,  daß  die  Gerechtigkeit  kein
Gegenstand  der  Volksabstimmung  sein  kann,  für  einen  sozialistischen
Staat  zu  offenbar  ist,  als  daß  er  abgewiesen  werden  könnte.  Das  Gesetz ­
  wird  sich  mehr  mit  dem  öffentlichen  Recht,  als  mit  dem  Privatrecht ­
  befassen.  Die  ergiebigste  Quelle  von  Prozessen  wird  wahrscheinlich
eher  das  Recht  auf  Arbeit,  als  das  Recht  auf  Eigentum  und  Besitz  sein.
Aber  werden  wir  auch  einen  Monarchen  haben?  Hierüber  haben
die  Utopisten  viel  spekuliert.  Morelly,  Godwin  und  Owen  sagten:
Nein;  St.  Simon,  Fourier  und  Cabet  antworteten  mit:  Ja.  Dies  wird
von  den  Umständen,  besonders  von  dem  politischen  Temperament  der
Staaten  abhängen.  In  England  wird  wahrscheinlich  die  Macht  der  Legislative ­
  eine  Republik  unnötig  machen,  es  sei  denn,  der  König  schlüge
sich  auf  die  Seite  der  bedrohten  Interessen.  Doch  glaube  ich,  daß  diese
Frage  mehr  durch  beiläufige  Ereignisse,  als  durch  die  Wirkung  eines
politischen  Grundsatzes  gelöst  werden  wird 1 .
Noch  eine  andere  zeitgenössische  politische  Erscheinung  erfordert
1  Auf  dem  Amsterdamer  Kongreß  erklärte  Bebel,  daß  sich  die  deutschen  Sozialsten ­
  für  eine  französische  Republik  nicht  die  Schädel  einschlagen  ließen.  Labrida,
  der  die  Gesinnungen  des  extremen  Flügels  der  italienischen  Sozialisten  zum
Ausdruck  brachte,  vertrat  die  Meinung,  daß  sich  die  Klassenherrschaft  in  einer
        <pb n="191" />
        Beachtung.  Der  demokratische  Staat,  d.  h.  der  Staat,  wo  die  Demokratie ­
  denkt  und  wählt,  strebt  zur  Internationalität.  Der  zur  Macht
gelangte  Arbeiter,  wenn  er  sich  selbst  überlassen  bleibt  oder  von  gleichgesinnten
  Männern  geführt  wird,  hat  keine  militaristischen  Aspirationen. ­
  Wohl  kann  er  durch  Invasionsfabeln  erschreckt  werden,  aber
nie  kann  er  dergleichen  selbst  erfinden.  Das  Jingofieber  kann  ihn  ergreifen, ­
  doch  die  Agitation  muß  von  draußen  an  ihn  herantreten.  Von
Natur  schenkt  er  den  Mitteln  und  den  Gedanken  des  Friedens  Gehör.
Seine  demokratischen  Beziehungen  werden  inniger.  Die  demokratischen ­
  Organisationen,  zu  denen  er  gehört,  wie  Gewerkschaften,  Genossenschaften ­
  und  Arbeiterpartei,  beraten  sich  auf  internationalen
Kongressen  gemeinsam  mit  ausländischen  Organisationen.  So  unterliegt ­
  er  mehr  und  mehr  internationalen  Einflüssen,  die  allerdings  noch
zu  schwach  sind,  Schreckschüsse  zu  verhüten,  die  aber  in  Zeiten  normaler, ­
  ruhiger  nationaler  Entwicklung  schweigend  seinen  Geist  formen. ­
  Lange  Zeit  mag  er  noch  für  die  Landesverteidigung  Vorsichtsmaßregeln ­
  ergreifen  müssen,  aber  die  Einrichtung  der  stehenden
Armeen  wird  es  unter  dem  Sozialismus  nicht  geben.  Es  wird  vielleicht
eine  Art  internationaler  Sicherheitsdienst,  der  sich  wahrscheinlich
unter  der  Leitung  eines  internationalen  Schiedsgerichtes  und  Gerichtshofes ­
  befinden  wird,  eingeführt  werden.
Der  Staat  bildet  sich  zum  Willen  einer  sich  stetig  vergrößernden
Gemeinschaft  aus.  Die  Familie,  der  Stamm,  die  Nation  und  die  Konföderationen ­
  sind  die  Marksteine  seines  Vordringens.  Die  Nationalitäten ­
  und  historischen  Grenzen  werden  bestehen  bleiben.  Es  wäre  ein
Unglück  von  unaussprechlicher  Größe,  wenn  das  nationale  Erbe  in
einer  ausdruckslosen  internationalen  Gleichartigkeit  unterginge.  Aber
die  Stunde  mag  einst  schlagen,  wo  die  ganze  Menschheit  den  Ruhm  der
Thermopylen  und  von  Bannockburn,  die  Verwandtschaft  mit  Homer,
Goethe  und  Shakespeare  für  sich  in  Anspruch  nehmen  wird.  Sie  als
ein  gemeinsames  Erbteil  zu  betrachten,  wird  dann  alle  Menschen  gelehrt ­
  werden.  Dies  ist  jedoch  noch  in  weiter  Ferne,  auch  ist  nichts
gewisser,  als  daß  der  Impuls,  den  die  nationale  Vererbung  dem  personellen ­
  Charakter  verleiht,  noch  nicht  erlahmt  ist.  Das  Übel  der  Nationalität ­
  ist  gegenwärtig  der  Militarismus,  der  die  Existenz  fremder
Republik  genau  so  wie  in  einer  Monarchie  geltend  machen  könne.  Menger  glaubt,
daß  eine  Monarchie  in  den  deutschen  Ländern  die  Errichtung  der  sozialistischen
Ordnung  „vielleicht  selbst  für  eine  unbegrenzte  Periode"  überleben  würde.
168
        <pb n="192" />
        169

Staaten  bedroht  und  unter  den  Problemen  des  Tages  das  sehr  alte  von
der  Selbsterhaltung  der  Nation  wach  erhält.  Ist  dies  erst  endgültig
geregelt,  so  werden  Armeen  und  Flotten,  ausgenommen  für  die  Zwecke
des  Sicherheitsdienstes,  verschwinden.  Das  historische  Erbe  wird
dann  nur  noch  inspirierend  wirken  und  aufhören,  eine  Gefahr  zu  sein.
Die  Grenzen  des  internationalen  Völkerrechts  werden  sich  immer
weiter  erstrecken,  umfassender  werden  die  internationalen  Abkommen
werden,  immer  häufiger  internationale  Konferenzen  und  immer  gemeinsamer ­
  die  internationalen  Aktionen.  Mit  der  Aktivität  wird  das
Organ  heranwachsen,  das  diese  Tätigkeit  nicht  allein  geschmeidig
macht,  sondern  sie  auch  unvermeidlich  steigern  wird.  So  wird  der
Nationalismus  Lassalles  und  der  Internationalismus  von  Marx  und
Fourier  auf  dem  Wege  zum  Sozialismus  durch  die  Ereignisse  gerechtfertigt ­
  und  erfüllt  werden.  Wie  der  Stamm  und  die  Nation  erstanden
sind,  wird  der  internationale  Staat  ins  Leben  treten.  Die  Politik  und
die  Ökonomie  des  Sozialismus  werden  ihm  hierin  helfen.  Das  Fundament ­
  und  die  Pfeiler  des  internationalen  Staates  müssen  etwas  mehr
sein,  als  bloßes  Gefühl.
Die  nationalen  Grenzen  sind  Gebirge  oder  Flüsse  oder  Seen,  die
den  Armeen  den  Weg  versperrten;  sie  sind  die  künstlichen  durch  Verträge ­
  gezogenen  Linien,  sie  bestimmen  die  von  den  Horden  eines  Stammes, ­
  die  sich  von  der  fernen  Heimat  losgerissen,  angesiedelten  Gebiete.
Aber  die  wirtschaftliche  Welt  kennt  wenig  von  diesen  Schranken  und
wird  in  der  Zukunft  noch  weniger  davon  wissen.  Für  den  Handel  existieren ­
  keine  Pyrenäen,  gibt  es  weder  Jude  noch  Heide.  Die  Freihandelslehre ­
  bezeichnet  in  ihrer  abstraktesten  Form  die  unvermeidliche
Bahn  des  Fortschrittes,  wenn  der  demokratische  Staat  die  Demokratie ­
  verwirklichen  soll.  Wir  können,  so  wir  wollen,  die  nationale
Schutzzollpolitik  adoptieren.  Sie  wird  unsere  Märkte  beschränken
und  unseren  Handel  einengen.  Sie  wird  zu  einer  wesentlichen  Verminderung ­
  der  Anzahl  von  Personen  führen,  die  bequem  leben  können,
obgleich  sie  sie  vor  keiner  der  industriellen  Katastrophen,  die  heute
die  Lohnarbeiter  heimsuchen,  bewahren  wird.  Aber  sie  wird  die  Entwicklung ­
  des  internationalen  Staates  eine  Zeitlang  verzögern  und  die
internationalen  Konventionen  auf  die  diplomatischen  Kompromisse,
wie  sie  die  bewaffneten  Nationalitäten  schließen,  beschränken.  Die
Gefolgschaft,  die  man  dem  Schutzzoll  als  einem  Mittel,  dem  natio ­
        <pb n="193" />
        nalen  Absatz  einen  großen  Markt  zu  sichern,  gewährt,  wird  sofort
zurückgezogen  werden,  sobald  man  erkennt,  daß  die  ganze  Welt  der
Markt  sowie  die  Werkstätte  der  Welt  ist.  Solange  die  Konkurrenz  einzelner ­
  Interessen  und  einer  kapitalistischen  Klasse  die  Produktion  und
den  Austausch  betreibt,  so  lange  werden  die  rivalisierenden  Fabrikanten ­
  den  Handel  in  solcher  Weise  zu  regulieren  suchen,  daß  ihnen  der
Löwenanteil  zufällt.  Ebenfalls  werden  die  Inhaber  von  Monopolen,
wie  Grund  und  Boden,  deren  ökonomische  Möglichkeiten  durch  jedes
Hindernis  steigen,  das  dem  internationalen  Freihandel  in  den  Weg
gelegt  wird 1 ,  dieselbe  Protektionspolitik  unterstützen.
Aber  vom  Standpunkte  des  Arbeiters  betrachtet,  gestaltet  sich  die
Sache  ganz  anders.  Austausch  kann  für  ihn  nur  Verbrauch  bedeuten.
Je  freier  der  Handel  ist,  desto  weniger  unnütze  Lasten  hat  der  Arbeiter
zu  tragen.  Aus  den  Schutzzöllen  zieht  er  keinen  Gewinn,  an  hohen
Mieten  profitiert  er  nicht,  und  hohe  Preise  geben  ihm  keine  Dividenden. ­
  Nur  niedrige  Preise,  niedrige  Mieten  und  Freihandel  entsprechen
seinem  Interesse.  Als  Arbeiter  wünscht  er  Muße  und  hohe  Löhne.
Dies  können  nur  ein  entwickeltes  Maschinenwesen,  eine  wirtschaftliche
Produktion  und  ein  System  des  ungehinderten  Warenaustausches
verwirklichen.  Als  Konsument  wünscht  er  zur  Befriedigung  seiner
leiblichen  und  geistigen  Bedürfnisse  Fülle  und  Mannigfaltigkeit,  Quantität ­
  und  Qualität.  Dies  ist  nur  zu  erreichen,  wenn  ihm  die  ganze
Welt  als  ein  Markt  offen  steht,  wo  er  die  in  seiner  eigenen  Stadt  oder
seinem  eigenen  Lande  produzierten  Waren  austauschen  kann.  Es
mag  richtig  sein,  daß  der  Arbeiter,  der  unter  den  kapitalistischen  Bedingungen ­
  lebt  und  den  großen  Schicksalsschlägen  der  industriellen
Kriegführung  ausgesetzt  ist,  die  der  permanente  und  charakteristische ­
  Zug  dieser  Bedingungen  ist,  in  mancher  Beziehung  dazu  verleitet
werden  kann,  den  Schutzzoll  als  ein  Heilmittel  zu  akzeptieren,  das
die  industriellen  Beschwerden  und  Leiden  sofort  abstellt.  Aber  selbst
dieser  flüchtige  Reiz  wird  nicht  in  einem  kollektivistischen  Staate  vorhanden ­
  sein,  dessen  Wohlfahrt  und  Höhe  der  Zivilisation  ausschließlich ­
  von  dem  Umfange  seines  Austausches  abhängen  werden.  Die  Politik ­
  der  Schiedsgerichte,  der  internationalen  Erörterung  gemeinschaftlicher ­
  Probleme  und  der  wirtschaftlichen  Vereinbarungen,  die  sich
1  Dies  setzt  natürlich  voraus,  daß  die  Hindernisse  des  Austausches  nicht  so  groß
sind,  um  die  Durchschnittshöhe  des  Nationalreichtums  zu  verringern,  so  daß
die  Renten  und  die  Monopolprofite  zusammen  mit  den  Löhnen  sinken  müßten.
170
        <pb n="194" />
        171

aus  diesen  Bedingungen  ergeben  müssen,  erfordern  keine  ausführliche
Prüfung  und  Erklärung.
So  ist  die  wirtschaftliche  Grundlage  des  internationalen  Staates  beschaffen, ­
  die  der  Sozialismus  und  die  Bewegung  zu  ihm  legen  werden.
C.  STAAT  UND  FAMILIE  IM  SOZIALISMUS
I m  Schoße  dieses  Staates  werden  viele  Organisationen  privater  Natur
gedeihen.  Einige,  wie  die  Familie,  wird  der  Staat  anerkennen,  während ­
  andere,  wie  die  Kirche 1 ,  wahrscheinlich  reine  Privatvereinigungen
bilden  werden.  Die  Möglichkeit  der  Existenz  dieser  Privatinstitute  im
sozialistischen  Staatswesen  ist  von  einigen  Sozialisten  bezweifelt  und
von  den  gewöhnlichen  populären  Widersachern  des  Sozialismus  selbstverständlich ­
  verneint  worden.  Als  Einrichtung,  die  am  sichersten  verschwände, ­
  ist  die  Familie  auserkoren  worden.  Der  Staat  hätte  die
Mütter  auszusteuern  und  hätte  eine  Findelanstalt  für  Kinder  zu  sein,
kurz,  der  Herd,  seine  Götter  und  alles,  was  dort  einen  Sammelpunkt
findet,  wären  Dinge  der  Vergangenheit.
Für  diese  Befürchtung  sind  manche  der  früheren  sozialistischen
Schriftsteller  verantwortlich,  die  in  ihrer  Begeisterung  für  die  Gemeinschaft ­
  und  für  die  persönliche  Befreiung  von  allem,  was  ihnen  mit
kirchlichem  oder  feudalem  Zwang  oder  Tradition  behaftet  überliefert
wurde  und  in  ihrer  Verachtung  für  die  heuchlerische  Moral  der  bürgerlichen ­
  Klassen,  die  Familie  mit  der  Kirche  und  die  Frauen  mit  dem
Eigentum  zusammenwarfen  und  dann  auf  beide  die  Regeln  eines  grobsinnlichen ­
  Sozialismus  an  wandten.  Diese  Autoren  lebten  im  Anfänge  des
19.  Jahrhunderts.  Sie  arbeiteten  mit  den  vorhandenen  Kenntnissen
und  wirtschaftlichen  Theorien  und  in  dem  Geiste,  der  damals  das
vorgeschrittene  Denken  beherrschte.  Die  analytische  Wissenschaft,
die  jede  Institution  auf  ihren  Ursprung  zurückführt  und  entdeckt,  daß
sie  irgendeinem  sehr  niedrigen  und  manchmal  nicht  gerade  ehrenwerten ­
  Stamm  entsprossen  ist,  lenkte  den  Geist  dieser  kräftigen  Denker.
Die  Familie  wurde  auf  sehr  seltsame  Anfänge  zurückgeführt,  deren
Vorhandensein  bei  den  primitiven  Völkerschaften  durch  Erzählungen ­
  von  Reisenden  und  Untersuchungen  von  Forschern  wie  Morgan
nachgewiesen  wurde.  Die  Idee,  daß  Promiskuität  die  ursprüngliche
Bedingung  der  geschlechtlichen  Beziehungen  war,  wurde  von  den  Sozio1 ­
  Über  die  Kirche  habe  ich  mich  schon  im  Kap.  I.  geäußert.
        <pb n="195" />
        logen  der  fünfziger  und  sechziger  Jahre 1  fast  ohne  weiteres  angenommen, ­
  gleichgültig,  an  welche  allgemeinen  Schlußfolgerungen  sie  glaubten. ­
  Im  Anschluß  hieran  betonte  man  das  nahe  Verhältnis  zwischen
dem  Ursprung  des  Privateigentums  und  dem  Ursprung  der  Monogamie.
Alle  mögliche  Verführung  zum  Irrtum  trat  direkt  an  die  damaligen
Sozialisten  heran 2 .
Außerdem  hat  die  individualistische  Seite  der  Ehe  stets  die  Utopisten, ­
  die  seit  Plato  von  vollkommenen  Gemeinschaften  geträumt
haben,  verdrossen.  Der  schamlose  Schacher  mit  ihren  Töchtern,  der
die  Angehörigen  der  Plutokratie  charakterisiert  hat,  und  der  Marktwert, ­
  den  sie  der  Ehe  gegeben  haben,  zusammen  mit  den  dunklen
Hintergärten  des  Lasters,  die  sich  die  Plutokratie  als  Ergänzung  zu  den
prangenden  Frontgärten  ihrer  Wohnhäuser  konserviert  hat,  waren
für  die  Pioniere  des  Sozialismus  im  letzten  Jahrhundert  weitere  Gründe
für  die  Annahme,  daß  die  moderne  Familie  nur  ein  Spezialfall  in  der
wirtschaftlichen  Entwicklung  der  Gesellschaft  sei,  nach  Sinn  und  Charakter ­
  dem  Privateigentum  an  mobilem  und  immobilem  Kapitale
gleich.  Gelüstet  uns  nach  dem  Schlimmsten,  so  können  wir  ebensogut
wie  anderes  die  Stellen  aus  dem  Kommunistischen  Manifeste  zitieren,
die  sich  auf  die  Familie  beziehen:
„Aufhebung  der  Familie!  Selbst  die  Radikalsten  ereifern  sich  über
diese  schändliche  Absicht  der  Kommunisten.
Worauf  beruht  die  gegenwärtige,  die  bürgerliche  Familie?  Auf  dem
Kapital,  auf  dem  Privaterwerb.  Vollständig  entwickelt  existiert  sie  nur
für  die  Bourgeoisie;  aber  sie  findet  ihre  Ergänzung  in  der  erzwungenen
Familienlosigkeit  der  Proletarier  und  der  öffentlichen  Prostitution.
Die  Familie  der  Bourgeois  fällt  natürlich  weg  mit  dem  Wegfallen
dieser  ihrer  Ergänzung,  und  beide  verschwinden  mit  dem  Verschwinden ­
  des  Kapitals.
1  Folgende  Bücher  haben  den  tiefsten  Einfluß  auf  die  Ansichten  über  diesen
Gegenstand  ausgeübt:  Bachofen,  Das  Mutterrecht  (1861),  M'Lennan,  Primitive
Marriage  (1865),  Morgan,  Consanguinity  and  Affinity  of  the  Human  Family
(1869)  und  als  Ergänzung  von  demselben  Autor,  Ancient  Society  (1877).  Jedes
Werk  über  die  deskriptive  Soziologie,  das  damals  erschienen  ist,  kann  die  einmütige ­
  Konkordanz  der  wissenschaftlichen  Welt  jener  Zeit  belegen.  Sir  John
Lubbock  schrieb  in  seinem  Buche:  On  the  Origin  of  Civilisation  and  Primitive
Condition  of  Man  (1870)  p.  77,  „Man  nimmt  also  an,  daß  das  gemeinsame
Ehesystem  .  .  .  den  primitivsten  und  frühesten  Zustand  des  Menschen  bildet“.
Siehe  auch  Herbert  Spencer:  Principles  of  Sociology,  I.,  p.  602  etc.  2  So  bei
Engels,  wenn  man  sieht,  wie  er  die  Theorie  von  der  Mark  als  Eigentümerin  des
Bodens  verwertet.  Vgl.  Anhang  zu;  Entwicklung  des  Sozialismus  usw.
172
        <pb n="196" />
        173

Die  bürgerlichen  Redensarten  über  Familie  und  Erziehung,  über  das
traute  Verhältnis  von  Eltern  und  Kindern  werden  um  so  ekelhafter,
je  mehr  infolge  der  großen  Industrie  alle  Familienbande  für  die  Proletarier ­
  zerrissen  und  die  Kinder  in  einfache  Handelsartikel  und  Arbeitsinstrumente ­
  verwandelt  werden.
Aber  ihr  Kommunisten  wollt  die  Weibergemeinschaft  einführen,
schreit  uns  die  ganze  Bourgeoisie  im  Chor  entgegen.
Der  Bourgeois  sieht  in  seiner  Frau  ein  bloßes  Produktionsinstrument. ­
  Er  hört,  daß  die  Produktionsinstrumente  gemeinschaftlich  ausgebeutet ­
  werden  sollen  und  kann  sich  natürlich  nichts  anderes  denken,
als  daß  das  Los  der  Gemeinschaftlichkeit  die  Weiber  gleichfalls
treffen  wird.
Er  ahnt  nicht,  daß  es  sich  eben  darum  handelt,  die  Stellung  der
Weiber  als  bloßer  Produktionsinstrumente  aufzuheben.
Übrigens  ist  nichts  lächerlicher,  als  das  hochmoralische  Entsetzen
unserer  Bourgeois  über  die  angebliche  offizielle  Weibergemeinschaft
der  Kommunisten.  Die  Kommunisten  brauchen  die  Weibergemeinschaft ­
  nicht  einzuführen,  sie  hat  fast  immer  existiert.
Unsere  Bourgeois,  nicht  zufrieden  damit,  daß  ihnen  die  Weiber  und
Töchter  ihrer  Proletarier  zur  Verfügung  stehen,  von  der  offiziellen  Prostitution ­
  gar  nicht  zu  sprechen,  finden  ein  Hauptvergnügen  darin,  ihre
Ehefrauen  wechselseitig  zu  verführen.
Die  bürgerliche  Ehe  ist  in  Wirklichkeit  die  Gemeinschaft  der  Ehefrauen. ­
  Man  könnte  höchstens  den  Kommunisten  vorwerfen,  daß  sie
an  Stelle  einer  heuchlerisch  versteckten,  eine  offizielle,  offenherzige
Weibergemeinschaft  einführen  wollten.  Es  versteht  sich  übrigens  von
selbst,  daß  mit  Aufhebung  der  jetzigen  Produktionsverhältnisse  auch
die  aus  ihnen  hervorgehende  Weibergemeinschaft,  d.  h.  die  offizielle
und  nichtoffizielle  Prostitution,  verschwindet.“
All  dieses  ist  sehr  vage,  jede  Zeile  und  jeder  Abschnitt  trägt  Spuren
einer  renommistischen  Schilderung,  aber  nicht  einer  sorgfältig  durchdachten ­
  Ordnung  von  Ursachen  und  Wirkungen,  so  wie  es  in  der  Abhandlung ­
  über  das  Privateigentum  an  Grund  und  Boden  mit  Evidenz
hervortritt.  Was  sich  von  diesem  Auszuge  einzig  und  allein  klar  abhebt, ­
  ist,  daß  die  Verfasser  des  Manifestes  die  Prostitution  als  das  Ergebnis ­
  des  Kapitalismus  nach  seiner  ökonomischen  und  moralischen
Seite  hin  betrachteten  und  daß  sie  ihre  Gegner  gerade  der  Sünden  be-
        <pb n="197" />
        zichten,  für  die  die  Sozialisten  angeblich  verantwortlich  seien.  Das
Argument  des  Manifestes,  das  für  die  Aufhebung  des  Privateigentums
an  Grund  und  Boden  spricht,  zeigt  die  unvermeidliche  Armut,  die  aus
dem  bestehenden  Zustand  folgen  muß  und  verweist  ferner  auf  die  gleichfalls ­
  unvermeidliche  Zerstörung  des  Systems,  sobald  die  Gemeinschaft
ihre  wirtschaftlichen  Grundlagen  organisiert.  Dagegen  geht  das  auf
die  Ehe  bezügliche  Argument  nur  so  weit,  daß  es  sie  in  ihrer  entwürdigendsten ­
  Form  an  den  Pranger  stellt.  In  Wirklichkeit  ist  es  ein  Sturm
der  Verachtung,  der  der  Bourgeoisie  ins  Gesicht  gepeitscht  wird.
Liest  man  den  von  mir  wiedergegebenen  Auszug  aufrichtigen  Herzens, ­
  so  erblickt  man  in  ihm  eine  Verteidigung  für  bessere  Bedingungen ­
  der  Ehe,  als  der  Kapitalismus  sie  bisher  gewährt  hat.  In  Wirklichkeit ­
  ist  er  ein  Plaidoyer,  das  in  der  Form  eines  Angriffes  auf  den
Kapitalismus  für  die  Monogamie  gehalten  wird.
Doch  lehren  uns  diese  früheren  Anschauungen  noch  mehr.  Insofern
sie  auf  den  Entdeckungen  über  die  primitiven  Zustände  beruhten  und
nicht  bloß  die  verschwindenden  Ruinen  des  Utopismus  der  Familistere
[Fouriers,  d.  H.]  waren,  zeigen  sie  uns  die  Minderwertigkeit  der  Hegelianischen ­
  Metaphysik  als  Leitfadens  zum  praktischen  Handeln  gegenüber
der  Darwinistischen  Wissenschaft.  Von  all  den  vielen  Diensten,  die  die
Entwicklungsidee  für  die  Entdeckung  der  Wahrheit  geleistet  hat,  ist
vielleicht  keiner  höher  zu  schätzen  als  ihre  Erklärung,  wie  das  Ungleichartige ­
  aus  dem  Gleichartigen  herauswächst,  wie  die  qualitativen  Unterschiede ­
  entstehen  und  wie  die  moralischen  Urteile  der  physischen  Erfahrung ­
  entspringen.  Da  die  Einehe  als  eine  Differenzierung  des  mehr
oder  weniger  organisierten  Zustandes  der  Promiskuität  entstanden
und  pari  passu  mit  dem  Versuche,  das  Privateigentum  aus  dem  Stammeseigentum ­
  1  zu  entwickeln,  fortgeschritten  ist,  so  waren  Engels  und
Marx  viel  leichter,  als  wir  es  sein  sollten,  dem  Irrtum  ausgesetzt  anzunehmen, ­
  daß  deshalb  das  eine  das  andere  verursacht  hätte  oder  von
dem  anderen  bedingt  worden  wäre,  und  daß  folglich  beide  nur  vorübergehende ­
  Einrichtungen  der  Bequemlichkeit  seien,  die  bei  passender  Gelegenheit ­
  beiseite  geschoben  werden  würden.  Die  Einseitigkeit,  die  man
so  oft  in  der  Soziologie  von  Marx  und  Engels  empfindet—sie  verkannten,
in  welchem  Grade  die  wirtschaftliche  und  soziale  Veränderung  der  Beweis ­
  für  dieWandlungen  des  allgemeinen  Lebens  der  ganzen  Gesellschaft

1  Ansichten,  die  heute  nicht  mehr  so  allgemein  verbreitet  sind  wie  1870.
174
        <pb n="198" />
        175

b-^l

ist  —,  springt  hier  in  die  Augen.  Die  Entstehung  der  Familie  aus  dem
Stamme  und  der  Ursprung  des  Privateigentums  aus  dem  Gemeindeeigentum ­
  haben  sich  nicht  gegenseitig  verursacht,  sondern  sie  sind  von  den
Lebenstrieben  des  Wachstums  und  der  Ausdehnung  in  der  Gesellschaft,
die  auf  Bildung  des  individuellen  Rechtes  und  des  Privatrechtes
drängten,  gleichzeitig  hervorgerufen  worden.  Der  zeitliche  Verfall  der
einen  Institution  involviert  deshalb  nicht  notwendig  den  Untergang
der  anderen.  Solche  Entwicklungen  schaffen  sich  ihre  eigene  Wirtschaft, ­
  ihre  eigene  Moralität  und  ihre  eigene  Notwendigkeit.  Ihren
groben,  materiellen  Wurzeln  entsprießen  feine,  geistige  Blüten;  auf
dem  festen,  rauhen  Fundamente  erheben  sich  die  himmelstrebenden
Gipfel  und  Türme  göttlicher  Gedanken.  Jede  vollzogene  Tat  und  jede
vollendete  Institution,  ob  sie  nun  etwas  Gutes  oder  etwas  Böses  bezweckten, ­
  bilden  ein  Zentrum  von  Kräften,  die  durch  sie  und  auf  sie
wirken,  die  sie  verändern  und  ihnen  unerwartete  Bestimmungen  geben;
die  sie  rechtfertigen  oder  verdammen,  was  niemand  beabsichtigte,  als  die
Handlungen  vorgenommen  oder  die  Einrichtungen  geschaffen  wurden.
Eine  Diskussion  über  den  Ursprung  eines  Dinges  ist  oft  die  irrelevanteste ­
  aller  Erwägungen,  wenn  nach  der  Daseinsberechtigung  dieser
Sache  gefragt  wird l .
Vom  sozialistischen  Standpunkt  ist  nun  die  Familie  dem  Staate
wesenhaft.  Erstens  hat  die  Erfahrung  gezeigt,  daß  sie  das  beste
Übungsfeld  für  das  Individuum  ist,  der  Garten  der  Seele.  Unvollkommen ­
  wie  alle  menschlichen  Dinge,  entstellt,  voller  Narben  und  durch
den  Kapitalismus  grob  und  roh  gemacht,  wie  es  alle  menschlichen  Einrichtungengewesen ­
  sind,  ist  die  Familie  als  Pflegeanstalt  und  als  Stätte
der  Schulung,  als  eine  moralische  Disziplin  und  ein  sozialer  Einfluß,
unvergleichbar  gewesen;  nur  dunkel  werden  ihre  Möglichkeiten  geahnt. ­
  Hier  walten  die  besten  Umstände,  das  Kind  mit  dem  bekannt
zu  machen,  was  ihm  seine  Rasse  an  sozialer  Erfahrung  und  sozialem
Verhalten  vererbt  hat,  der  Welt  ein  moralisches  und  soziales  Wesen  zu
übergeben,  dessen  Empfindung  und  Vernunft  auf  denselben  Ton  abgestimmt ­
  sind.
Von  seinem  eigenen  sozialistischen  Standpunkt  aus  hat  sich  aber  der
1  Ich  kann  nicht  umhin,  die  Aufmerksamkeit  der  Leser  auf  die  faszinierenden
Untersuchungen  M'Lennans,  Frazers  und  Westermarks  zu  lenken,  sollten  sie
diese  Werke  noch  nicht  kennen.  Sie  zeigen  uns,  wie  der  gröbste  Aberglaube  zur
Grundlage  von  Gesetz,  Moral  und  bürgerlicher  Ordnung  wurde.
        <pb n="199" />
        176

Sozialisthoch  etwas  ausführlicher  mit  dieser  Institution  zu  befassen.
Die  fundamentale  Auffassung  des  Sozialismus  ist,  daß  eine  Arbeit,  an
der  mehrere  Personen  zusammen  wirken,  organisiert  sein  soll,  und  daß,
wenn  es  Verhältnisse  einer  Person  oder  einer  Klasse  gestatten,  eine  andere
Person  oder  Klasse  auszunutzen,  diese  Verhältnisse  im  Interesse  eines
j  eden  von  allen  gemeinsam  kontrolliert  werden  sollen.  Nun  bedeuten  aber
die  Familienbeziehungen  ohne  die  Familienverpflichtungen  einfach  die
Befreiung  des  Mannes  zu  einem  Preise,  der  die  Sklaverei  der  Frau  einschließt; ­
  eine  Rückkehr  zu  jener  primitiven  Stufe  der  Familie,  auf  der
die  Frau  das  Feuer  unterhalten  mußte,  die  Säuglinge  ernährte  und  das
Feld  bebaute,  während  der  Mann  gemäß  seiner  Natur  weit  und  breit
umherstreifte.  Die  Familienbande,  die  in  ihren  Anfängen  in  den  Herzen ­
  der  Familiengründer  von  stark  persönlicher  Natur  gewesen  sind,
schaffen  Bedingungen  —  die  Freiheitsbeschränkung  der  Frau  und  folglich ­
  ihre  Unterwerfung  unter  den  Willen  des  Mannes  —,  die  nach  dem
Eingreifen  des  Staates  rufen,  wovon  der  Sozialist  vor  allen  anderen
Denkern  ausgehen  muß.  Die  „freie“  Liebe  ist  so  wenig  zu  ihrem  irreführenden ­
  Adjektiv  berechtigt,  wie  der  „freie“  Vertrag,  weil  es  für  die
Männer  leichter  ist,  die  Frauen  zu  verlassen,  als  umgekehrt.  Es  gibt
keine  Gleichheit,  auf  die  diese  Art  von  Freiheit  gegründet  werden  kann.
Die  Geschlechter  können  niemals  in  allen  Punkten  gleich  sein.  Wir
brauchen  hierfür  keine  Gründe  anzuführen,  da  die  Natur  durch  Beweisgründe ­
  unverrückt  bleibt.  Der  Staat  muß  Garantien  schaffen,  die
erstens  die  Frau  vor  der  niedrigsten  Form  des  Wettbewerbes  bewahren ­
  und  zweitens  ihn  selbst  vor  Wirkungen  ausschweifender  Lebensführung ­
  und  Übertreibungen  des  sexuellen  Trieblebens  schützen.  Daß
der  Staat  für  alle  Findlinge  die  Verantwortung  übernehmen  und  die
Tore  seiner  Einrichtungen  für  alle  öffnen  sollte,  die  man  ihm  zuschiebt,
ist  zu  spaßhaft,  diskutiert  zu  werden.
Zweifellos  hat  der  Anblick  der  vielen  gräßlichen  verunglückten  Ehebündnisse ­
  der  modernen  Zeit  viele  Leute  —  sowohl  Sozialisten  als
bittere  Gegner  des  Sozialismus  —  dazu  bewegt,  für  die  Erleichterung
der  Ehescheidung  einzutreten  mit  der  Begründung,  daß  eine  liebeleere
Ehe  ein  Krebsschaden  im  Herzen  der  Gesellschaft  sei.  Die  Notlage,
in  der  sich  Mütter  kleiner  Kinder  so  oft  befinden,  hat  einen  Vorschlag
angeregt,  der  als  ein  sozialistischer  oder  als  einer  von  sozialistischer
Tendenz  angesehen  wird:  nämlich  die  Mütter  auszusteuern,  weil  sie
        <pb n="200" />
        12  Mac  Donald,  Sozialismus

177

eine  soziale  Funktion  erfüllen.  Der  Sozialismus  verlangt  nichts  von
alledem.  Das  Kindergebären  ist  manchmal  eine  soziale  Verrichtung
und  manchmal  nicht.  Wird  es  als  solche  betrachtet,  so  müßte  der  Staat
sicherlich  Kontrollbefugnisse  haben,  bevor  er  zu  bezahlen  hätte,  aber
das  ist  ganz  unmöglich.  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  betrachtet,
scheint  der  Vorschlag,  die  Mütter  zu  dotieren,  der  Ausbruch  eines
kranken  Individualismus  zu  sein,  der  für  einen  Mann  oder  für  eine
Frau  das  Recht  fordert,  schrankenlos  einen  selbstsüchtigen  Willen  zu
betätigen.  Ein  solcher  Vorschlag  ist  kein  Korollarium  eines  vernünftigen ­
  Planes  sozialer  Organisation,  wie  es  der  Sozialismus  ist  h
Was  mir  in  der  Frage  der  Ehescheidung  die  folgerichtigste  sozialistische ­
  Ansicht  scheint,  die  auch  der  sozialistische  Staat  vertreten
muß,  um  seine  eigene  Existenz  zu  schützen,  ist  die,  daß  eine  Ehe  von
zwei  vernünftigen  und  freien  Menschen  freiwillig  eingegangen  werden
soll  —  die  wirtschaftlichen  Bedingungen  des  Sozialismus  werden  diese
letzte  Voraussetzung  verwirklichen  —,  daß  aber  der  Staat  als  dritter
beim  Abschluß  des  Vertrages  gegenwärtig  sein  soll  und  darauf  bestehen ­
  müßte,  daß  Mann  und  Frau  ihre  Verpflichtungen  sich  selbst
und  der  Gemeinschaft  gegenüber,  die  durch  ihre  Handlungen  berührt
wird,  erfüllen.  Die  Ehe  ist  mit  anderen  Worten,  von  rein  weltlichen
Gesichtspunkten  aus  betrachtet,  eine  persönliche  Willenshandlung  mit
sozialen  Konsequenzen  und  muß  deshalb  der  sozialen  Anerkennung
unterworfen  werden,  die  sich  durch  soziale  Regeln  ausdrückt.  Die  Familie ­
  befindet  sich  teils  auf  dem  Gebiete  des  Privatrechts,  teils  auf
dem  der  öffentlichen  Verantwortlichkeit.
Die  augenblickliche  Tendenz  ist  zweifellos,  das  Eheband  zu  lockern.
Doch  dies  ist  der  Tatsache  zuzuschreiben,  daß  ein  Zug  zum  Individualismus ­
  durch  die  Lebensführung  geht,  die  erschüttert  wird,  wenn
eine  alte  soziale  Ordnung  mit  ihrem  Zwange  und  ihren  Beschränkungen ­
  zerbrochen  wird,  so  wie  heute  die  neuen  Formen  der  wirtschaftlichen ­
  Frauenarbeit  die  alten  zersprengen;  oder  wenn  alte  Gewohnheiten ­
  unter  den  Einfluß  der  Vernunft  geraten,  wie  es  jetzt  der  Fall
ist,  dank  dem  veränderten  geistigen  Standort  einer  steigenden  großen
Anzahl  von  Frauen,  oder  wenn  Reichtum  die  gesunde  Sittlichkeit
eines  Volkes  untergräbt,  wie  wir  es  gegenwärtig  in  der  wohlhabenden,
1  Vom  Momente  der  Armut,  z.  B.  der  Unterstützung  verwitweter  Mütter,  sehe
ich  oben  natürlich  ab;  es  handelt  sich  nur  um  den  Anspruch  der  Kindergebärerin
als  solcher  an  die  Gesellschaft.
        <pb n="201" />
        respektablen  Gesellschaft  beobachten.  Manchmal  kommt  dieser  Individualismus ­
  im  sittlichen  Betragen  auch  in  der  sozialistischen  Bewegung ­
  zum  Vorschein  und  färbt  sie.  Doch  in  Wirklichkeit  findet  er
seinen  Weg  dorthin  nicht  deshalb,  weil  der  Sozialismus  etwa  irgend
etwas  mit  ihm  gemein  hätte,  sondern  weil  er  in  dem  Sozialismus  hauptsächlich ­
  eine  Empörung  gegen  die  bestehenden  Zustände  erblickt  und
in  ihm  einen  Waffengefährten  sucht.  In  dem  Maße  als  sich  der  Sozialismus ­
  seiner  Verwirklichung  nähert,  wird  sich  der  verirrte  Individualismus, ­
  der  auf  den  früheren  Stufen  des  Sozialismus  bei  ihm  Unterschlupf ­
  gefunden  hat,  wieder  von  ihm  trennen,  um  andere  und  kongenialere ­
  Ruheplätze  zu  suchen.
Keine  Einrichtung  wird  in  dem  sozialistischen  Staate  eine  geehrtere
oder  besser  umgrenzte  Stellung  einnehmen  als  die  Familie.  Wenn  Schulspeisungen ­
  eingeführt  werden  —  und  dies  wird  zweifellos  geschehen  —,
so  deshalb,  weil  man  die  gemeinsamen  Mahlzeiten  als  eine  Zeremonie  von
dem  größten  erzieherischenWert  betrachten  wird.  Aber  die  ökonomische
und  moralische  Einheit  der  Verwaltung  wird  ohne  Zweifel  die  Familie
sein.  Das  Recht  der  Mütter  und  Kinder  auf  des  Lebens  Unterhalt  wird
von  der  Familie  eingelöst  werden,  aber  nicht  von  dem  Staate,  obgleich
er  sich  die  Befugnis  reservieren  kann,  das  erwähnte  Recht  gegen  die
Familie  zu  erzwingen,  oder  wenn  es  nötig  ist,  helfend  einzuschreiten,
wo  die  Familie  versagt.  Erst  unter  dem  Sozialismus  wird  es  verwirklicht
werden,  daß  die  Familie  die  Grundlage  des  Staates  ist.  Dann  erst  wird
die  Familie  selbst  auf  der  unangreifbaren  wirtschaftlichen  Basis,  die
sie  unter  dem  Kapitalismus  nicht  finden  konnte,  gesichert  werden.

D.  FREIHEIT,  GLEICHHEIT,  BRÜDERLICHKEIT
IM  SOZIALISMUS
enn  die  drei  Losungsworte:  Freiheit,  Gleichheit  und  Brüderlich-’

  '  keit  —  die  Zeichen  und  Gegenzeichen  der  heiteren  Tage  der
französischen  Revolutionen,  als  der  Individualismus  die  Menschheit  in
jugendlicher  Begeisterung  umfaßte  —,  weiter  gebraucht  werden  sollen,
wie  sie  es  wegen  ihrer  historischen  Verknüpfungen  und  des  Reichtums
ihrer  Tradition  ganz  gut  könnten,  so  werden  wir  nicht  mit  ihnen  dieselben ­
  Vorstellungen  verbinden  wie  einst.  Wie  die  Symbole  in  den  Zeremonien, ­
  so  wird  auch  ihre  Form  überleben,  aber  ihr  Sinn  wird  sich  verändern.

Durch  die  Aufhebung  einiger  verderblicher  Formen  des  Regierungs-178
        <pb n="202" />
        zwanges  haben  wir  die  nominelle  Freiheit  errungen.  Dies  war  der
Hauptzweck  der  liberalen  Parteien  am  Anfang  der  industriellen  Periode. ­
  Nach  der  politischen  Freiheit  haben  wir  getrachtet,  indem  wir
die  Anerkennung  als  Staatsbürger  forderten.  Trotzdem  finden  wir,
daß  wir  von  der  Wirklichkeit  noch  weit  entfernt  sind.  Der  erträumte
Staat  schimmert  erst  am  Horizont.  Die  Freiheit  ist  nicht  die  Erfüllung
der  negativen  Forderung,  in  Ruhe  gelassen  zu  werden;  ihre  Bedingungen ­
  können  nicht  durch  ein  Gesetzbuch  von  Negierungen  aufrecht
erhalten  werden.  Sie  wohnt  weder  in  den  innersten  Höfen  der  politischen ­
  Tempel  noch  wird  sie  in  der  Erfüllung  von  Verträgen  gefunden. ­
  „Gib  dem  Staate,  was  nötig  ist,  den  Rest  behalte  für  dich“,  sagte
ein  französischer  Philosoph,  indem  er  in  aphoristischer  Zierlichkeit  die
mechanische  Auffassung  von  den  Beziehungen  zwischen  dem  Menschen
und  der  Gesellschaft  geschickt  darlegte.  Die  Freiheit  des  organischen
Verhältnisses  des  Individuums  zu  seinen  Mitgenossen  und  zu  seiner  Gesellschaft ­
  muß  erst  noch  entdeckt  werden.  In  einem  ordentlich  verwalteten ­
  Staate  gibt  es  zwischen  einem  Menschen  und  seiner  Gesellschaft, ­
  zwischen  individueller  und  sozialer  Betätigung,  ebensowenig
eine  Antithese,  als  zwischen  einem  Organe  des  Körpers  und  dem  Körper ­
  als  Ganzem.  Noch  gibt  es  zwischen  Freiheit  und  Zwang  eine  Gegensätzlichkeit ­
  moralischer  Natur.  Das  „Recht“  des  Verbrechers  ist,  von
seinem  Verbrechertum  geheilt  zu  werden.  Sicher  ist,  daß  die  Organisation ­
  des  wirtschaftlichen  Staates,  nach  dem  sich  die  Sozialisten  sehnen, ­
  weder  die  individuelle  Initiative  noch  das  individuelle  Streben  vernichten, ­
  wohl  aber,  daß  sie  sie  beide  fördern  und  kräftigen  wird.  Weit
davon  entfernt,  das  Eigentum  an  solchen  Dingen  aufzuheben,  die  die
Persönlichkeit  für  Nahrung  im  weiteren  Begriff  fordert,  wird  sie  in
Wirklichkeit  zum  erstenmal  jedem,  der  Dienste  leistet,  den  Besitz  solcher ­
  Objekte  ermöglichen.  Die  Veranlassungen  und  Motive,  die  heute
zur  Kapitalanhäufung  anspornen,  vom  persönlichen  Genießen  bis  zur
Testierung  seines  Vermögens  an  seine  Erben,  werden  auch  nicht  unter
dem  Sozialismus  verschwunden  sein.  Nur  eins  wird  nicht  mehr  möglich ­
  sein.  Niemand  wird  mehr  für  eigene  Zwecke  Eigentumsformen
monopolisieren  und  ausbeuten  können,  die  die  Freiheit  großer  Volksmassen ­
  beschränken,  sobald  sie  auf  privaten  Rechtstiteln  beruhen.
Die  von  dem  Sozialismus  erzwungenen  wirtschaftlichen  Beschränkungen ­
  werden  dadurch  gerechtfertigt  werden,  daß  sie  erforderlich  sind,
        <pb n="203" />
        180

den  Umfang  der  persönlichen  Freiheit  auszudehnen  und  sie  weit  über
die  ganze  Gemeinschaft  auszubreiten.  Wettstreit  und  Ehre  werden
auch  jene  Tage  kennen,  aber  es  wird  ein  Wetteifer  und  eine  Ehre
sein,  die  die  Wenigen  anfeuern  werden,  ohne  die  Vielen  in  Armut  zu
stürzen.  Belohnungen  werden  aber  aus  jenem  Überschuß  des  Reichtums ­
  und  der  Dankbarkeit  erfolgen,  über  den  eine  fleißige  und  glückliche ­
  Nation  stets  verfügen  wird.
Die  Freiheit  des  Sozialismus  wird  die  Freiheit  des  Menschen  sein,
sein  wahres  Sein  zu  erfüllen,  ein  Sein,  das  soziale  Ziele  kennt,  die  sich
auf  die  Gesellschaft  beziehen  und  nicht  bloß  persönliche  sind.  Doch
kann  dieser  Zustand  erst  erreicht  werden,  wenn  die  wirtschaftlichen
Bedingungen,  die  dies  ermöglichen,  geschaffen  sind.  Ein  Mensch,  der
fremdem  Willen  gehorchen  muß,  kann  nicht  frei  sein.  Wenn  die  Freiheit ­
  bedingt  ist,  so  bestimmen  die  Personen,  die  die  Bedingungen  kontrollieren, ­
  auch  die  Freiheit.  Hat  jemand  die  Macht,  seinem  Nächsten
den  Lebensunterhalt  vorzuenthalten,  so  verfügt  er  über  die  Bedingungen ­
  von  dessen  Freiheit.  Jene,  die  von  der  Tätigkeit  eines  wirtschaftlichen ­
  Mechanismus  abhängen,  über  den  sie  keine  Kontrolle
haben,  sind  nicht  frei.  Dies  ist  eine  Wahrheit,  die  die  Liberalen,  die
in  wirtschaftlichen  Fragen  individualistisch  denken,  nicht  gewürdigt
haben.  Die  Freiheit  des  sozialistischen  Staates  wird  deshalb  eine  wirtschaftliche ­
  sein.  Um  dies  zu  sichern,  muß  das  Privateigentumsrecht
auf  jene  Eigentumsformen  beschränkt  werden,  die  für  große  Teile  des
Volkes  den  Privatbesitz  in  irgendwelcher  Art  nicht  unmöglich  machen.
Das  Dilemma  zwischen  individueller  Freiheit  und  sozialer  Kontrolle
mag  bestehen  bleiben,  aber  unter  dem  Sozialismus  wird  es  nicht  länger
eine  quantitative,  sondern  eine  qualitative  Frage  sein.  Sie  kann  nicht
dadurch  gelöst  werden,  daß  man  zwischen  beiden  Gebieten  eine  Linie
zieht  und  dann  erklärt,  daß  diese  Tätigkeitskategorie  auf  die  eine  und
j  ene  auf  die  andere  Seite  gehöre;  denn  mit  Gebieten  haben  wir  es  so  überhaupt ­
  nicht  zu  tun.  Es  handelt  sich  um  Lebensbeziehungen,  die  sich
von  Generation  zu  Generation  verändern  und  die  in  ihrem  Wechsel
nicht  die  Vorherrschaft  des  einen  Interesses  vor  dem  anderen  repräsentieren, ­
  sondern  die  die  von  einem  wachsenden  sozialen  Leben  erforderten ­
  Neugestaltungen  zum  Ausdruck  bringen.  Das  eigene  Selbst  und
die  Regierung  sind  nur  verschiedene  Seiten  derselben  Individualität.
Wohl  haben  sich  die  politischen  Philosophien  stets  durch  den  Versuch
        <pb n="204" />
        181

gekennzeichnet,  zwischen  jenen  Handlungen,  die  dem  freien  Willen
des  Einzelnen  unterliegen,  und  solchen,  die  in  die  Sphäre  der  regulierten ­
  Lebensführung  des  Staatsbürgers  einbezogen  werden  sollen,
zwischen  Individualismus  und  Sozialismus,  prinzipiell  zu  unterscheiden, ­
  aber  immer  ist  dieses  Unternehmen  mißglückt.  Dank  seiner  Auffassung ­
  vom  Individuum  vermeidet  der  Sozialist  das  Dilemma,  das,
wie  man  uns  so  oft  erzählt  hat,  jeden  erwartet,  der  Freiheit  und  Regierung ­
  versöhnen  will.  Der  Sozialist  betrachtet  das  Individuum  nur
dann  als  etwas  Vollständiges,  wenn  seine  sozialen  Beziehungen  in  seine
persönlichen  Ziele  eingeschlossen  werden.  Freiheit  bedeutet  für  jemand ­
  sowohl  die  Fähigkeit,  in  dem  Komplexe  seiner  sozialen  Beziehungen ­
  zu  wirken,  als  auch  die  Möglichkeit,  sein  eigenes  Selbst  zu  sein.
Tatsächlich  sind  jedoch  diese  beiden  „Ziele“  überhaupt  keine  Ziele,
sondern  nur  Seiten  eines  und  desselben  Zieles.  Nun  entwickeln  sich  aber
die  sozialen  Verhältnisse  eben  dahin,  das  Überleben  jenes  Menschentypus ­
  zu  sichern,  der  für  die  gemeinsame  Arbeit  taugt,  sich  hierfür
eignet.  Fähigkeit  in  der  Konkurrenz  schafft  sich  als  Instrument  eine
Organisation  —  z.  B.  die  Trusts  —,  die  bei  dem  angedeuteten  Menschentypus ­
  ein  höheres  Organisationsprinzip  erheischt,  z.  B.  den  Sozialismus. ­
  Auf  diese  Weise  wird  eine  Fähigkeit  kooperativ  zu  schaffen
statt  zu  konkurrieren  nicht  allein  ins  Leben  gerufen,  sondern  praktisch
verwertet.  Die  Konkurrenz  endet  in  der  Genossenschaft,  und  die  wirkliche ­
  Freiheit  enthüllt  sich.
So  können  wir  in  folgenden  Sätzen  unsern  Gedanken  zusammenfassen: ­
  Das  Individuum  ist  nur  insofern  frei,  als  ihm  seine  Verhältnisse ­
  gestatten,  frei  zu  sein.  Die  Freiheit,  die  in  der  Macht  besteht,
sein  eigener  Herr  zu  sein,  d.  h.  über  Eigentum  zu  verfügen  und  über
sein  Gewissen  und  Denken  zu  gebieten,  muß  von  sozialen  Regeln  beschirmt ­
  werden,  weil  sie  keine  dauernden  Grundlagen  haben  kann,
wenn  ihre  Bedingungen  von  einer  Klasse  abhängen.  Die  wirtschaftlichen ­
  Bedingungen  der  Freiheit  davor  zu  schützen,  daß  sie  unter  die
Kontrolle  von  wenigen  geraten,  wird  die  charakteristischsten  Handlungen ­
  des  sozialistischen  Staates  bestimmen  \
1  Sir  J.  F.  Stephen  legt  in  seinem  Buche:  Liberty,  Fraternity,  Equality  dar,
Freiheit  bedeute,  daß  man  ungehindert  Eigentum  bis  zu  jeder  beliebigen  Höhe
erwerben  könne;  deshalb  sei  die  Freiheit  der  Gleichheit  entgegengesetzt.  Die
einfache  Überlegung  aber  sagt  schon,  daß  eine  solche  Freiheit  sowohl  die  Negation ­
  der  Freiheit  wie  der  Gleichheit  wäre.
        <pb n="205" />
        182

Wenden  wir  uns  jetzt  zur  Gleichheit.  Die  herausfordernde  Erklärung, ­
  die  Throne  erschütterte  und  gesalbte  Köpfe  von  ihren  heiligen
Nacken  rollen  ließ:  daß  „alle  Menschen  frei  und  gleich  geboren  sind“,
hat  für  uns  nur  noch  einen  historischen  Wert.  Sie  verfocht  die  Forderungen ­
  einer  vergangenen  Zeit;  sie  bekräftigte  die  Revolte  einer  Generation, ­
  die  über  ihre  Einrichtungen  hinausgewachsen  war,  die  aber
heute  ihre  Schlachten  gewonnen  hat  und  zur  Ruhe  gegangen  ist.  In
den  organischen  Beziehungen  ist  die  Gleichheit  nicht  eine  Gleichheit
der  Uniformität  oder  der  Ähnlichkeit,  keine  Vermögensgleichheit,  auch
keine  Gleichheit  in  der  Geschicklichkeit,  noch  eine  Gleichheit  der  Leistungen ­
  und  Dienste,  die  man  erwartet.  Sie  wird  nicht  in  der  Formel
ausgedrückt:  „Ich  bin  dir  gleich",  sondern  in  dem  Satze:  „Auf  die
Entwicklung  der  Persönlichkeit  habe  ich  dasselbe  Recht  wie  du.“
Doch  selbst  dies  muß  auf  eine  Entwicklung  beschränkt  werden,  deren
Richtlinien  mit  der  individuellen  und  sozialen  Wohlfahrt  vereinbar
sind.  Diese  Worte  hätten  z.  B.  im  Munde  eines  Menschen,  der  verbrecherische ­
  Anlagen  zeigt,  keine  Gültigkeit.  Niemand  hat  das  Recht,
ein  Verbrecher  zu  werden.  Wie  ich  gezeigt  habe,  besteht  unter  diesen
Umständen  das  Recht  eines  solchen  Menschen  vielmehr  darin,  einem
Zwange  unterworfen  zu  werden,  der  ihn  auf  den  Weg  der  Lauterkeit
und  des  guten  Staatsbürgertums  führt.
Da  sich  die  Organisation  der  Gesellschaft  immer  mehr  kompliziert,
verblaßt  außerdem  auch  der  einfache  und  ursprüngliche  Sinn  des  Begriffes ­
  der  Gleichheit.  Auf  einer  primitiven  Stufe  des  Gesellschaftszustandes ­
  kann  die  Gleichheit  eine  Gleichheit  der  Funktionen,  des  Besitzes ­
  und  der  Vergnügungen  bedeuten:
Als  Adam  grub  und  Eva  spann,
Wo  war  da  der  Edelmann?
Aber  in  einer  organisierten  Gemeinschaft  heißt  Gleichheit  das  gemeinsame ­
  Schaffen  gleichmäßig  freier  Menschen  an  dem  Werke  des
sozialen  Ganzen  —  nicht  dasselbe  Werk,  nicht  dieselbe  Art  oder  Bedeutung ­
  der  Arbeit,  nicht  Arbeit,  für  die  vielleicht  der  gleiche  Lohn
entrichtet  wird,  obgleich  die  Vergütung  der  wirtschaftlichen  Freiheit
aller  adäquat  sein  muß  —,  wo  niemand  in  seinem  Dienste  eine  Erniedrigung ­
  empfindet  und  jeder  weiß,  daß  dieser  Dienst  für  ihn  der
geeignetste  ist  oder  daß  er  ihn  nach  bestem  Können  verrichtet.  Die
        <pb n="206" />
        183

Voraussetzung  der  Gleichheit  ist  ein  Zustand,  der  die  Entfaltung,  das
Aussich  heraustreten  der  Persönlichkeit  ermöglicht.  Die  Gleichheit  ist
nur  eine  Seite  der  Freiheit.  Sie  bedeutet  die  Freiheit,  unter  Bedingungen
mit  anderen  zu  schaffen,  die  die  Interessenverschiedenheiten  aussöhnen.
Deshalb  ist  sie  weder  mit  der  vernunftgemäßen  Ungleichheit  des  Alters, ­
  der  Mutterschaft,  der  Verschiedenheit  in  den  Funktionen,  der
Tüchtigkeit,  noch  mit  jener  formalen  Ungleichheit  unvereinbar,  die
aus  Huldigungsakten  entsteht.  Unverträglich  ist  sie  nur  mit  einer
Unterordnung,  die  die  Vernunft  nicht  anerkennt.  Deshalb  wechselt
ihre  Bedeutung  mit  Rücksicht  auf  die  wirkliche  Erfahrung  unaufhörlich, ­
  weil  sich  der  Daseinsgrund  eines  jeden  Systems  von  Beziehungen
fortgesetzt  verändert.
Andererseits  kann  formale  Gleichheit  mit  tatsächlicher  Ungleichheit
Zusammengehen.  Nominell  liegt  den  Leuten,  die  sich  aus  den  Reihen
der  Armee  erheben  —  und  einigen  ist  es  gelungen  —,  kein  Hindernis
im  Wege.  Doch  sündigt  der  arme  Mann  mit  dem  Reichen,  so  wird
jenem  nicht  vergeben,  während  diesem  verziehen  wird,  welche  Entdeckung ­
  einst  ein  unglücklicher  General  machte.
Der  Sozialismus  sichert  also  das  Ideal  der  Gleichheit,  indem  er  das
Individuum  in  den  Stand  setzt,  in  dem  sozialen  Organismus  in  einer
Weise  mitzuwirken,  die  ihm  als  einem  Teile  und  der  Gesellschaft  als
einem  Ganzen  am  besten  angemessen  ist.
Doch  um  von  dem  anderen  Ideale  zu  reden:  wo  ist  denn  unter  dem
industriellen  Konkurrenzsystem  die  Brüderlichkeit  gewesen  oder  wie
konnte  dort  von  ihr  die  Rede  sein?  Der  Wunsch  nach  Brüderlichkeit ­
  hat  dem  Leben  vorgeschwebt,  wie  eine  Vision  von  dem  „Höchsten, ­
  das  für  die  Erde  zu  hoch  ist".  Denn  die  Brüderlichkeit  bedeutet
etwas  mehr  als  Sympathie  und  ähnliche  Tugenden,  ohne  die  das  Dasein ­
  der  Gesellschaft  nicht  möglich  gewesen  wäre  und  ohne  die  sie  auf
einem  sittlichen  Pfade  nicht  hätte  fortschreiten  können.  Die  Sympathie ­
  ist  ein  Strom,  der  sich  aus  dem  menschlichen  Herzen  ergießt,
wenn  es  leidet  oder  liebt  oder  Mitleid  empfindet.  Die  Brüderlichkeit
ist  aber  ein  soziales  Band,  das  die  Menschen  selbst  dann  verknüpft,
wenn  die  Sympathie  nicht  in  Aktion  tritt,  ein  Band,  das  die  Menschen
in  ihrem  Streben  zu  einem  gemeinsamen  Ziele  verbindet  und  die  Bedingungen ­
  erzeugt,  wo  das  „einer  für  alle  und  alle  für  einen“  gilt.
Die  französische  Revolution  brachte  dies  nicht  zustande.  Der  Maien ­
        <pb n="207" />
        184

tanz  ihrer  ersten  Begeisterung  überlebte  nicht  den  ersten  Sonnenuntergang. ­
  Die  liberale  Periode  hat  nie  die  Brüderlichkeit  verwirklicht,
denn  diese  ist  nicht  dort  heimisch,  wo  bloß  politische  Freiheit,  sondern
dort,  wo  auch  wirtschaftliche  Freiheit  herrscht.  Brüderlichkeit  heißt
nicht  der  negative  Zustand  des  Friedens,  in  dem  jemand  mit  seinem
Nachbarn  lebt,  sondern  sie  ist  der  positive  Zustand  des  zusammenwirkenden ­
  Fleißes,  des  gemeinsamen  Schaffens.  Sie  ist  der  Segen,  der  sich
über  die  Menschen  ausbreitet,  wenn  die  menschliche  Solidarität  ihr
Reich  errichtet.  Auch  die  Brüderlichkeit  muß  von  einer  wirtschaftlichen ­
  Organisation  getragen  werden.
So  wird  der  sozialistische  Staat  die  Wünsche  der  Demokratie  erfüllen. ­
  Gleich  dem  Polarsterne,  sind  auch  sie  durch  alle  Wechsel  der
Zeiten  unverrückt  geblieben.  Der  moderne  Demokrat,  der  seine  Hoffnungen ­
  und  Lehren  wie  eine  glänzende  Gestirnkonstellation  am  dunklen ­
  Himmel  aufgehen  sieht,  ist  vielleicht  nicht  darauf  vorbereitet,  in
den  Schriften  der  Alten  die  Beweise  zu  finden,  daß  dasselbe  Sternbild
auch  schon  sie  durch  die  stürmischen  Gewässer  ihrer  Politik  geführt
hat.  Und  doch  war  dem  so.  Über  die  Berechtigung  der  Sklaverei,
über  den  Umfang  der  Gewalt,  auf  den  das  Volk  einen  natürlichen  Anspruch ­
  hat  und  über  die  Rechtfertigung  des  Eigentumsbesitzes  mögen
wohl  die  Meinungen  auseinandergehen,  es  sind  die  Unterschiede  der
Zeit  und  der  Umstände.  Aber  die  Ideale,  die  die  Menschen  neue  Bedingungen ­
  schaffen  und  Reformen  einführen  ließen,  Ideale,  die  sie  in
den  Kampf  und  zur  Revolte  trieben,  sind  beständig  geblieben  wie  ein
Leuchtfeuer,  das  durch  alle  Zeiten  lodert.  Der  Zweck  des  Staates  ist
nie  Reichtum  gewesen,  noch  militärische  Größe,  noch  Macht,  noch
Klassenherrschaft.  „In  Wahrheit  ist  der  Zweck  ihrer  Vereinigung,  ein
gutes  Leben  zu  führen,  nicht  bloß  zu  leben",  und  „es  ist  offenbar,
daß  ein  Staat,  der  nicht  nur  dem  Namen  nach,  sondern  in  des  Wortes
wirklicher  Bedeutung  ein  Staat  ist,  seine  Aufmerksamkeit  der  Tugend
widmen  sollte“.  Dieses  Ziel  setzte  sich  Aristoteles.  Die  Zeiten  sind
gekommen  und  gegangen.  Auf  vielen  Wegen  hat  man  dieses  Ziel  gesucht, ­
  und  vielen  Wegweisern  ist  man  gefolgt,  um  es  zu  finden.  Noch
heute  blicken  wir  danach  aus.  Von  dem  Wunsche  beseelt,  es  zu  erreichen, ­
  haben  wir  Prinzipien  verkündet,  Agitationen  geführt,  viele
„ismen“  proklamiert  und  viele  Programme  aufgestellt.  Wir  sind  fortgeschritten, ­
  aber  am  Ziele  sind  wir  noch  nicht.  Der  Sozialismus  ist
        <pb n="208" />
        185

nun  in  der  Fülle  der  Zeiten  erstanden,  um  uns  für  die  Aufgaben  der
Gegenwart  und  die  Hoffnungen  der  Zukunft  ein  Führer  zu  sein.  Seine
Offenbarung  ist:  Der  Staat  muß  sich  in  seinem  Streben  nach  der  Tugend ­
  dazu  organisieren,  mit  dem  Individuum  zusammenzuwirken;  das
individuelle  Bewußtsein  muß  sich  in  dem  gemeinsamen  Bewußtsein
wieder  finden.  Das  Ganze  und  das  Einzelne  müssen  jetzt  als  Eins  auf
die  ewige  Suche  nach  Zufriedenheit  und  Frieden  gehen.

Tnummminrnmmmrm

mm  ii  ii  hihi  um

ni  nr

iinmiiTiriiiii
        <pb n="209" />
        iiiiiimmiiiiiiiiiiimiiiiiiniiiiimiiiiiimiiiiimiiiimi'imiiiiiimiiiin
186

iiFnammmimumuniL

iiinnnmmininii»ininniniiinniii»»»»

INHALTSVERZEICHNIS
Seite
VORWORT  DES  HERAUSGEBERS  III
VORWORT  DES  VERFASSERS  XIII
I.  DER  STAAT  i
a)  Begriff,  Formen  und  Aufgaben  des  Staates  2
b)  Rechte  des  Staates  12
c)  Staat  und  Gesellschaft  21
II.  DAS  WAHLRECHT  25
III.  DIE  POLITISCHE  ORGANISATION  DES  STAATES  .  44
a)  Mehrheitsherrschaft  und  Gemeinwille  44
b)  Volk  und  Parlament:  die  Probleme  der  Volksgesetzgebung  51
c)  Reformbedürfnis  des  englischen  Parlamentarismus  ...  60
d)  Minoritätenvertretung,  Proportionalvertretung  und  dergl.  71
IV.  DIE  PARTEI  UND  DAS  PARLAMENT  94
a)  Die  Notwendigkeit  und  der  Umfang  der  Partei  94
b)  Die  Monarchie  116
c)  Die  zweiten  Kammern  119
V.  DIE  DEMOKRATIE  UND  DAS  IMPERIUM  135
a)  Das  Reich  und  die  Rassenfrage  135
b)  Das  Reich  und  die  Selbstregierungs-Kolonien  151
VI.  DER  SOZIALISTISCHE  STAAT  155
a)  Der  Staat  als  sozialistische  Notwendigkeit  155
b)  Der  Staat  und  die  Intemationalität  166
c)  Staat  und  Familie  im  Sozialismus  171
d)  Freiheit,  Gleichheit,  Brüderlichkeit  im  Sozialismus  .  .  .  178

HERAUSGEGEBEN  VON  EDUARD  BERNSTEIN
GEDRUCKT  IN  DER  HOFBUCHDRUCKEREI  •  RUDOLSTADT
        <pb n="210" />
        EUGEN  DIEDERICHS  VERLAG  IN  JENA

Politische  Bibliothek

HERAUSGEGEBEN  VON  E.  BERNSTEIN,  H.  DORN
UND  G.  F.  STEFFEN

1.  G.  F.  Steffen,  Die  Demokratie  in  England
2.  H.  G.  Wells,  Die  Zukunft  in  Amerika
3.  Lloyd  George,  Bessere  Zeiten
4.  G.  Wallas,  Politik  und  menschliche  Natur
5.  G.  F.  Steffen,  Der  Weg  zu  sozialer  Erkenntnis
6.  R.  Mac  Donald,  Sozialismus  und  Regierung

Jeder
Band
kart.
M  3.—,
geh.
M  4.—

Demnächst  erscheinen:
Th.  Barth,  Gesammelte  Aufsätze
D.  Koigen,  Die  Kultur  der  Demokratie
H.  Potthoff,  Probleme  des  Arbeitsrechtes
F.  Staudinger,  Kulturaufgaben  der  Politik
P.  und  W.  Webb,  Das  Problem  der  Armut

Staatsbürgerliche  Flugschriften
HERAUSGEGEBEN  VON  DR.  HANNS  DORN
1.  E.  Bernstein,  Von  der  Sekte  zur  Partei.  Die  deutsche
Sozialdemokratie  einst  und  jetzt,  m  —.80
2.  E.  Felden,  Die  Trennung  von  Staat  und  Kirche,  m  —.80
3.  G.  Hildebrand,  Sozialistische  Auslandspolitik,  m—.60
4.  H.  Potthoff,  Soziale  Rechte  und  Pflichten,  m  i.—
5.  M.  Rade,  Mehr  Idealismus  in  der  Politik,  m—.80
6.  J.  Riesser,  Der  Hansa-Bund,  m  —.60
Heft  I—4  in  einem  Bande  vereinigt,  kart.  M  3.—.
Weitere  Flugschriften  folgen!
        <pb n="211" />
        In  das  gesamte  Wirken  des  Verlags  führen
vier  reich  ausgestattete  Verzeichnisse  ein
i.  ZUM  AUFBAU  NEUEN  RELIGIÖSEN  LEBENS
Für  alle,  die  religiös,  philosophisch  oder  ethisch  interessiert  sind
2.  ZUR  ERHÖHUNG  DES  LEBENSGEFÜHLS
Für  alle,  die  gute  Literatur  suchen  und  die  für  Kunst  und  kunstgewerbliche
Bewegung  im  Sinne  der  Ausdruckskultur  des  Kunstwarts  Interesse  haben
3.  VON  DER  WISSENSCHAFT  ZUR  LEBENSGESTALTUNG ­

Für  die  Interessenten  von  Philosophie,  Naturwissenschaft,
Geschichte,  Erziehung,  soziale  Frage,  Frauenbewegung
4.  NEUERSCHEINUNGEN,  POLITIK,  ANTIKE  UND
RENAISSANCE
Sie  stehen  jedem  Liebhaber  umsonst  zur  Verfügung
        <pb n="212" />
        ;&amp;gt;Q6$o

492829
        <pb n="213" />
        157

?  s
3  S

I  &amp;gt;1

o

£

tu

leinen  sozialen  Fortschritt  und  stempelt  jeden  Zeitabschnitt  und
Institutionen  zu  bloßen  Auswüchsen  des  Klassenunrechts.
Storischen  Perioden  wären  Perioden  menschlicher  Anstrengungen
en,  die  menschliche  Vernunft  zu  durchkreuzen  und  die  allge-Wohlfahrt
  zu  untergraben.  Die  Ansicht,  daß  die  Schiebungen
[ächte  der  Gewalt  und  des  Betruges  den  historischen  Fortt
  erklären,  ist  das  natürliche  Produkt  einer  Zeit,  die  mit  plötzch
  vollziehenden  Umwandlungen  erfüllt  und  mit  gewalttätigen,
itionären  Stimmungen  gesättigt  war.  In  den  Schriften  von  Marx
Engels  zeugen  viele  Spuren  von  der  Tatsache,  daß  diese  beiden
er  ihre  Formeln  schufen,  als  sich  Europa  in  großer  Gärung  und
lung  befand  (z.  B.  verdunkelten  die  Ereignisse  von  1848  und  der
den  Jahre  zeitweilig  die  Bedeutung  des  kommunistischen  Mani-I,
  und  daß  es  ferner  für  sie  von  Nachteil  gewesen  ist,  mehr  der
ianischen  Metaphysik  als  der  empirischen  Methode  des  Darwik
 js  gefolgt  zu  sein.
Vorherrschaft  verschiedener  Klassen  entsteht  im  Laufe  der  gelaftlichen
  Entwicklung.  Sie  ist  eine  Erscheinung  im  Werdegang
izialen  Zwecke,  aber  kein  Beweis  dafür,  daß  die  eigennützigen
*,ssen  der  Klassen  jeweilig  genügend  Kräfte  in  deren  Dienst  ge-,,
  haben,  die  sie  in  den  Stand  setzen,  dem  Staate  ihren  Willen  zu
ren.  Daß  der  Staat  den  Geist  und  die  Zwecke  der  Klassen  aust,
  die  zu  einer  gegebenen  Zeit  die  öffentliche  Gewalt  in  Händen
I»  ist  ein  Gemeinplatz.  Wie  könnte  er  auch  anders?  Die  Tat
t  den  Willen  des  Handelnden  aus.  Doch  hiervon  auszugehen,
i  Engels  an  zitierter  Stelle  tut,  und  zu  schließen,  daß,  wenn  die
~:henden  Klassen  verschwinden,  auch  der  Staat  absterben  werde,
it  der  Schlußfolgerung  gleich,  daß,  wenn  der  Wille  sich  verändert,
orper,  dessen  er  sich  als  Organ  seiner  W  ünsche  bediente,  zu  sein
Ft  —  „er  wirchnicht  abgeschafft,  er  stirbt  ab“.
‘  Staat  stirbt  nicht  ab,  er  kann  nicht  absterben.  Die  Klassen-:haft,
  die  bis  heute  die  Geschichte  der  Zivilisation  ist,  ist  eine
liehe  und  vernünftige  Aufwärtsbewegung  neuer  Interessen,  die
,ten  erwachsen,  eine  Erweiterung  politischer  und  wirtschaftlicher
eit.  Wir  hätten  nicht  im  Handumdrehen  aus  dem  politischen
s  in  die  vollkommene  Staatsorganisation  übergehen  können.  Der
jang  von  der  persönlichen  Gewalt  zu  der  demokratischen  mußte
        <pb n="214" />
        ﻿
        <pb n="215" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
