Verbandstoffe 467 Vichy Kochen in einer Harzseifenlösung, darauf in einer Sodalauge und Spülen in reichlichem Wasser folgt die Bleiche durch Einwirkung von schwacher Chlorkalk- oder Chlornatriumlösung, die Zerstörung der unterchlorigen Säure durch längere Lüftung und die Entfernung des Kalks durch schwache Salzsäure. Schließlich wird die Baumwolle entweder direkt gespült und ge trocknet, meist aber vorher mit Antichlor (unter schwefligsaurem Natron) und einer geringen Menge Stearinseife behandelt. Aus letzterer macht die noch vorhandene Salzsäure Stearin säure frei, welche in dieser kleinen Menge das so beliebte Knirschen verursacht. Neuerdings wird auch vielfach die elektrische Bleiche an gewandt, welche darauf beruht, daß aus Chlor verbindungen (Kochsalz) durch den elektrischen Strom Chlor freigemacht wird. Die ganz trok- kene Baumwolle wird endlich auf der Watte krempel zu einem Vlies verarbeitet, das 70 bis loo cm breit, 180—250 cm lang und 250—500 g schwer ist. — Die an den Kapseln der Baum- wollsamen nach dem Entkörnen sitzengeblie benen kurzen Baumwollfasern werden durch besondere Maschinen von den Kapseln getrennt und kommen unter dem Namen Linters in Ballen von 250 kg, meist stark durch Samen schalen u. a. verunreinigt, in den Handel. Sie finden zwar meist Verwendung zu Schneider und Polsterwatten sowie, teils roh, teils ge bleicht, als Füllmittel, zum kleineren Teile aber auch zu geringwertigen Verbandwatten. —'Ge bleichter hydrophiler Mull, der dieselbe Entfettung und Bleichung durchzumachen hat wie die medizinische Verbandwatte, wird eben falls zu verschiedenen Verbandstoffen weiter verarbeitet. — Appretierte Gaze zu Verband zwecken ist gekleisterter, in gespanntem Zu stande getrockneter und gebleichter Mull, bei dem nur die Fäden gekleistert, die Maschen aber kleisterfrei sind. Eine besonders dichte, appretierte Gaze, bei der nicht nur die Fäden gekleistert, sondern auch die Zwischenräume mit Kleistermasse ausgefüllt sind, sog. Organ dingaze, dient, genäßt, zur Anfertigung von Kleisterverbänden, als Ersatz der Gipsverbände. ■— Lint, früher unter dem Namen englische Scharpie gehandelt, ist ein dichtes weiches, auf einer Seite gerauhtes Baumwollgewebe. Mit Borsäure impägniert, allgemein als Borlint be kannt, dient es zu Verbandzwecken. — Schließ lich findet als Verbandstoff ein baumwollenes Kambrikgewebe Verwendung, dessen Kett fäden gewöhnlich die Stärke der Mullfäden haben, während die Schlußfäden aus stärkeren Garnen mit geringem Draht hergestellt werden. Das Kambrikgewebe kommt gemangelt in den Handel, wodurch die dickeren Schußfäden platt gedrückt sind, so daß sie die Maschen mitunter ganz ausfüllen. — Infolge des Mangels an Baumwolle mußte während des Krieges dazu übergegangen werden, auch die Verbandstoffe, ■wie Watten, Binden usw., aus Ersatzstoffen herzustellen. Für die Watten wurde Zell stoffwatte angefertigt, für Bindenstoff e griff man zu Papiergeweben. Letztere haben sich aber nicht besonders eingeführt, es lag, dies tum Teil daran, daß für einzelne Zwecke die ^apierbinden sich infolge des Aufweichens bei Zutritt von Feuchtigkeit unbrauchbar zeigten, ferner aber auch Verbände, z. B. bei Finger verletzungen, sich nur sehr schlecht herstellen lassen. Ein weiterer Mißstand war der unver hältnismäßig hohe Preis, der für die Papier garngewebe gefordert wurde. Verbenaöl. Das echte Verbenaöl wird aus den Blättern der in Spanien, Südfrankreich und Amerika vorkommenden strauchartigen Ver- bene, Lippia citriodora (Verbena triphylla, Alsysia citriodora), bereitet, ist aber kein regelmäßiges Handelsprodukt. Es kann in den meisten Fällen durch das viel billigere Lemon- grasöl, das deswegen auch ostindisches Ver benaöl genannt wird, ersetzt werden. Veronal (Diäthylbarbitursäure, Diäthyl- malony Iharnstoff, lat. Acidumdiaethylobarbi- turicum, frz.Vdronal, engl.Veronal), ein weißes, schwach bitter schmeckendes, in heißem Wasser, Alkohol und Äther leicht lösliches Kristailpulver, (C 2 H 5 ) 2 C(CO . HN) 2 CO, wird als ein vortreff liches Schlafmittel verordnet. Es erzeugt wie Alkohol einen mit Behaglichkeit und Gleich gültigkeit verbundenen Rauschzustand. Die Ab gabe ist in den Apotheken nur gegen ärztliche Verordnung gestattet, was bei den beobachteten schädlichen Nebenwirkungen des V. begründet erscheint. Verrin, eines der neueren Kehrmittel, die in öffentlichen Gebäuden, besonders Schulen, an Stelle des früher viel benutzten feuchten Säge mehls zur Verhinderung des Aufwirbelns von Staub ausgestreut werden, besteht aus 70 0/0 Ko niferenholzschliff mit 30 0/0 Talkpulver. Ein ähn lich wirkendes Gemisch von Sand und Kreide mit 10 0/0 Schmieröl wird als Bronil in den Ver kehr gebracht. Vesuvin, ein dem Bismarckbraun sehr nahe stehender Farbstoff, soll aus salzsaurem Tri- amidoazobenzol bestehen. Vetiverwurzel (Kuskus, Iwaranchusa, lat. Radix ivaranchusae seu vetiveris, frz. Racine de vetiver, engl. Vetiver root). Das ostindische Gras Vetiveria zizanioides (Andropogon mu- ricatus s. squarrosus) treibt aus einem kurzen Wurzelstock eine Menge langer, dünner, viel fach verästelter Wurzeln, deren sehr dünner Holzkörper von einer schwammigen Rinde um geben ist. Die in der Mitte der letzteren liegen den Drüsen enthalten ein sehr kräftig und an genehm riechendes, dickflüssiges ätherisches öl von dunkelblonder bis dunkelbrauner Farbe. Die getrockneten Wurzeln werden namentlich über, Kalkutta ausgeführt und in Indien selbst zur Herstellung von Matten, Fensterschirmen u. dgl. benutzt, die in der heißen Jahreszeit, mit Wasser besprengt, Wohlgeruch verbreiten. Die Wurzel wird wegen ihres anhaftenden Geruchs bei uns in der Parfümerie und als mottenvertreibendes Mittel angewandt. Das Öl (lat. Oleum vetiveris s. ivaranchusae, frz. Essence de vetiver, engl. Oil of vetiver root) findet in der Parfümerie nur als Zusatz Verwendung. Es hat ein spez. Gew- von 0,990—1,040, löst sich in 1—2 Teilen 800/0- igem Alkohol und dreht die Polarisationsebene ziemlich stark nach rechts, a D = + 22 bis -(- 38°. Vichy, ein alkalisch-muriatischer Säuerling, enthält in 1 kg: Bikarbonate des Natriums 4)883 g, Kaliums 0,3-520 g, Ammoniums 0,352 g.