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            <forname>Klemens</forname>
            <surname>Merck</surname>
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        ﻿
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        ﻿EIGENTUM

•ES

INSTITUTS

FÜR

WELTWIRTSCHAFT

KIEL

BIBLIOTHEK

H&amp;f sfr
        <pb n="3" />
        ﻿MERCK’S

WARENLEXIKON

für Handel, Industrie und Gewerbe

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunst-
erzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-
technischen und anderer Fabrikate, der Drogen- und Farbwaren, der
Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren

herausgegeben von

Prof. Dr. A. Beythien, und Ernst Dreßler,

DirektordeschemischenUntersuchungsamtes	Drogist und gerichtlicher Sachverständiger

der Stadt Dresden	für das Landgericht u. Amtsgericht Dresden

unter Mitwirkung von

Max Arnold, Verbandstoff-Fabrik-Chemnitz, Privatdozent Dr. Paul Bohrisch-Dresden,
Heinrich Ernemann A.-G.-Dresden, Dr. Hans Hempel, Stellvertreter des Direktors am
Städtischen Untersuchungsamt-Dresden, Photochemiker und Fabrikbesitzer Richard Jahr-
Dresden, Schimmel &amp; Co., Fabrik ätherischer Öle und Essenzen-Miltitz b.Leipzig, Vereinigte
Fabriken photographischer Papiere-Dresden

Sechste, völlig neu bearbeitete Auflage

1919

G. A. GLOECKNER, Verlag für Handelswissenschaft, LEIPZIG
        <pb n="4" />
        ﻿





Aus dem Vorwort zur fünften Auflage.

*

Der ungeheure Aufschwung, den die Naturwissenschaften, vor allem Physik
und Chemie, in unserem Zeitalter genommen haben, ist für alle Gebiete
menschlicher Tätigkeit von einschneidender Bedeutung geworden. Tagtäglich
werden neue wertvolle Stoffe aufgefunden, neue verwertbare Bestandteile in
längst bekannten Naturprodukten entdeckt, aber auch in wachsendem Maße
Nachahmungen und Verfälschungen ausgeübt. Dem Handwerker wie dem
Industriellen, welcher Rohstoffe und Fabrikate verarbeitet, dem Drogisten wie
dem Kaufmann, welcher sie dem Publikum zuführt, ist daher die genaue Kennt-
nis des Ursprungs und der Eigenschaften dieser Produkte unentbehrlich. Nicht
nur geschäftliches Interesse und Konkurrenzfähigkeit, sondern zahlreiche ge-
setzliche Vorschriften über den Verkehr mit Nahrungs- und Genußmitteln,
Farben, Giften und Gebrauchsgegenständen zwingen den Gewerbetreibenden,
sich über die Beschaffenheit seiner Waren zu unterrichten. Das Bedürfnis nach
einem Buche, welches diese Kenntnisse in gemeinverständlicher Weise ver-
mittelt, ist daher fraglos vorhanden, und der Umstand, daß Klemens Mercks
Warenlexikon bereits in vier Auflagen erscheinen konnte, beweist, daß gerade
dieses den Anforderungen eines zahlreichen Leserkreises gerecht wurde. Die
Unterzeichneten Herausgeber, welche beide seit Jahren für eine Vermittelung
zwischen Wissenschaft und Praxis tätig sind, haben gern der ehrenvollen Auf-
forderung zur Neubearbeitung des beliebten Werkes Folge geleistet, obgleich
sie sich von vornherein der Schwierigkeit der gestellten Aufgabe bewußt waren.
Bedeutet doch ein Zeitraum von 16 Jahren, wie er seit dem Erscheinen der
letzten Auflage verstrichen ist, für ein auf naturwissenschaftlich - technischer
Grundlage beruhendes Buch eine nahezu völlige Umwälzung des Tatsachen-
materials! Zahlreiche neue Erscheinungen mußten aufgenommen, viele der
älteren Artikel von Grund aus neu bearbeitet werden. Trotzdem haben die
Herausgeber im Hinblick auf die berechtigten Wünsche der alten Freunde und
Besitzer des Buches versucht, den Charakter des Werkes zu erhalten, und
hoffen, daß ihnen dies im großen und ganzen gelungen ist. Bei der Be-
sprechung zahlreicher Warengattungen, besonders der Metalle, Mineralien
und Edelsteine, der Dünge- und Futtermittel, der Chemikalien, Farben,
Gifte, Spinn- und Faserstoffe, Pelz- und Textilwaren, Drogen und
Nutzhölzer erschien es ausreichend, die vorhandenen Artikel dem neueren
Stande der Wissenschaft anzupassen. Hingegen waren die Abschnitte über
Nahrungs- und Genußmittel sowie Gebrauchsgegenstände gänzlich neu
zu verfassen, da die Nahrungsmittelchemie sich eigentlich erst seit den letzten
Jahrzehnten zu einer selbständigen Wissenschaft entwickelt hat, und besonders
die neuere Gesetzgebung berücksichtigt werden mußte. Das gleiche gilt von
den Heil- und Geheimmitteln, wenngleich hier bei der Fülle alljährlich auf-
tauchender Präparate eine gewisse Zurückhaltung geboten erschien. Bei allen





■ü

m
        <pb n="5" />
        ﻿Vorwort.

III

Waren, vor allem aber den Drogen und Chemikalien, berücksichtigten wir neben
der medizinischen namentlich auch die technische Verwendung, da diese für
den Praktiker naturgemäß das größte Interesse darbietet. Neu aufgenommen
wurden ferner einige von fachmännischer Seite verfaßte Aufsätze über photo-
graphische Bedarfsartikel, und schließlich ist auch auf die Bearbeitung der
Zollverhältnisse nach den Bestimmungen des neuen Tarifs ganz besondere
Sorgfalt verwandt worden.

Im Hinblick auf die Bestimmung des Buches, einem größeren Leserkreise von
Praktikern die schnelle Auffindung der gesuchten Artikel zu ermöglichen, war
natürlich die alphabetische Anordnung beizubehalten. Bezüglich des Registers
haben die Herausgeber geglaubt, die sehr zweckmäßige Einrichtung des früheren
beibehalten und insbesondere Verweisungen in den Text nicht aufnehmen zu
sollen. Die in letzterem nicht vorhandenen Bezeichnungen sind daher im Register
aufzufinden, vorausgesetzt, daß nicht ihre Ableitung ohne weiteres auf einen
Hauptartikel hinweist. Selbstredend ist Münchner Bier unter Bier, Phosphorbronze
unter Bronze usw. nachzuschlagen. In stilistischer Hinsicht erschien es zweckmäßig,
bei der Besprechung der einzelnen Gegenstände ein gewisses System innezuhalten.
Es finden sich daher in allen Artikeln zuerst Angaben über die Abstammung
und das natürliche Vorkommen, darauf über die Herstellung, Eigenschaften und
Verwendung der Waren, bisweilen auch über etwaige Verfälschungen und deren
Erkennung, zum Schluß folgt die Besprechung der rechtlichen, der Handels-
und der Zollverhältnisse. Chemische Formeln sind grundsätzlich vermieden,
Temperaturangaben in Graden Celsius angeführt worden.

Dresden, im September 1908.

Dr. A. Beythien.

Ernst Dreßler.

Vorwort zur sechsten Auflage.

Die Neuherausgabe des seit längerer Zeit vergriffenen Warenlexikons ist zu-
nächst durch die kriegerischen Ereignisse erschwert und später absichtlich
hinausgeschoben worden, um den Wiedereintritt geordneter wirtschaftlicher
Verhältnisse abzuwarten. Da die in dieser Hinsicht gehegten Hoffnungen aber
anscheinend so bald noch keine Erfüllung finden werden, andererseits die
dringenden Nachfragen das Bedürfnis nach dem Wiedererscheinen des beliebten
Werkes beweisen, haben die Verfasser sich doch entschlossen, den geäußerten
Wünschen zu entsprechen und ihre jahrelangen Vorarbeiten zum Abschluß zu
bringen.

Ihre Richtschnur waren die in dem Vorwort zur 5. Auflage des näheren
dargelegten Grundsätze, doch machten die Umwälzungen in der Versorgung
Deutschlands mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln sowie die dadurch bedingte
Veränderung der gesetzlichen Vorschriften manche Abweichungen und Er-
gänzungen erforderlich. Wehn hierbei eine gewisse Zurückhaltung geübt und
insbesondere von der Aufnahme zahlreicher neuer Erscheinungen abgesehen
        <pb n="6" />
        ﻿Vorwort.

IV

wurde, so erklärt sich das einerseits aus der schier unübersehbaren Fülle der
Kriegserfindungen, vor allem aber aus der Überzeugung, daß die über-
große Mehrzahl derselben sehr bald der verdienten Vergessenheit anheimfallen
und den altbewährten Waren wieder Platz machen werden. Alle wichtigen
Neuerungen von voraussichtlich bleibendem Werte, in erster Linie, um nur
einige herauszugreifen, die künstliche Darstellung von Stickstoffverbindungen
aus der Luft, von Schwefelsäure aus Gips, von Gespinsten, Geweben und
Sprengstoffen aus Holzzellulose, die inländische Gewinnung von Harzen usw
haben aber ebenso wie die brauchbaren Ersatznahrungsmittel gebührende Be-
rücksichtigung gefunden.

Mit, Unterstützung des alten Stammes unserer in Wissenschaft und Praxis
bewährten Mitarbeiter, denen sich zu unserer großen Freude die Firma
Schimmel &amp; Co. in Miltitz bei Leipzig anschloß, sind nicht nur alle Aufsätze
dem derzeitigen Stande der Wissenschaft und Technik entsprechend ergänzt,
sondern zum Teil, wie besonders die Teerfarben und einige Riechstoffe, völlig
neu bearbeitet worden.

Eine grundsätzliche Änderung könnte darin erblickt werden, daß bei den
meisten chemischen Verbindungen die chemische Formel, in der Regel die
Strukturformel, angeführt worden ist. Wir haben damit aber nur einem von
zahlreichen Lesern aus Chemikerkreisen geäußerten Wunsche entsprochen und
hoffen, daß die übrigen Besitzer des Buches an dieser Bereicherung keinen
Anstoß nehmen werden. Abgesehen hiervon sind noch manche Vorschläge zur
Aufnahme weiterer Warengattungen berücksichtigt worden, ohne daß dadurch
eine übermäßige Ausdehnung des Umfanges herbeigeführt worden wäre.

Die sehr geschätzten und wertvollen Angaben über die Zollverhältnisse
konnten leider wegen der Unsicherheit unserer wirtschaftlichen Zukunft in den
Text nicht mit aufgenommen werden; sie sollen aber sobald als tunlich als
besonderer Anhang erscheinen.

Alles in allem hoffen die Verfasser, den Wünschen ihrer seitherigen Leser
aus den Kreisen der Apotheker, Chemiker, Drogisten und derjenigen
Gewerbetreibenden, die sich mit der Verarbeitung und dem Vertrieb von
Waren beruflich beschäftigen, nach Möglichkeit entsprochen zu haben. Sie
hegen aber den weiteren Wunsch, zu den alten Freunden neue hinzuzuwerben!
Vor allem würden sie sich herzlich freuen, wenn das Buch noch mehr als bis-
her bei Richtern, Rechtsanwälten und Verwaltungsbeamten, die für
ihre Entscheidungen sehr oft warenkundlicher Kenntnisse bedürfen sowie in
die Haushaltungen Eingang fände. Wohl keine Wissenschaft dürfte während
des Krieges so sehr die Aufmerksamkeit der gesamten Bevölkerung, in erster
Linie der Hausfrauen, erregt haben, wie die Warenkunde; und sicher wird jeder
einzelne Deutsche, ob Verarbeiter, Verkäufer oder Verbraucher gut tun, bei
den bevorstehenden schweren Zeiten den Fragen der Rohstoff- und Nahrungs-
mittelbeschaffung die sorgsamste Beachtung zu schenken.

Dresden, im März 1919.

Prof. Dr. A. Beythien.

Ernst Dreßler.
        <pb n="7" />
        ﻿A.

Abelmoschus (Moseh.uskörner, Bisam-
körner, lat. Semen abelmoschi, Grana moschata,.
frz. Ambrette, Graines de mrrsc, engl. Abelmusk)
heißen die Samen einer kleinen krautartigen
Pflanze aus der Familie der Malvazeen, Hibis-
cusabelmoschus, die, ursprünglich in Ostindien
heimisch, sich z. T. durch Kultur in alle Tropen-
gegenden verbreitet hat. Die nierenförmigen
Samen haben die Größe einer kleinen Linse,
sind außen braungrau gestreift, innen weiß, und
besitzen einen starken moschusartigen Geruch.
Sie wurden früher medizinisch verwertet, dienen
aber jetzt nur zur Herstellung des zu 0,20—0,60 0/0
in ihnen enthaltenen ätherischen Öls, das zur
Fabrikation von Parfüms und zum Aromatisieren
von Likören benutzt wird. Das Öl besitzt einen
intensiven und anhaltenden Moschusgeruch, hat
ein spez. Gew. von etwa; 0,891 bei 400 und ist
bei gewöhnlicher Temperatur fest.

Abraumsalze werden die über dem eigentlichen
Steinsalz liegenden fremden Salze genannt, weil
sie früher für wertlos gehalten und abgeräumt
wurden. Erst seit den sechziger Jahren ist man
der technischen Verwertung dieser durch ihren
Kaligehalt für Industrie und Landwirtschaft
gleich unentbehrlichen Salze näher getreten. Die
deutsche Produktion, welche im Jahre 1861 mit
einer Förderung von 2300 Tonnen begann und
im Jahre 1900 rund 3 Millionen Tonnen betrug,
stieg bis 1905 auf 4,88 Millionen, 1910 auf 8,16
Millionen und 1913 auf 11,6 Millionen Tonnen.
Von der letzten Zahl entfielen 3,01 Millionen
Tonnen auf die deutsche Landwirtschaft und
1,95 Millionen auf das Ausland. Da nur Deutsch-
land, das neben den gewaltigen Vorkommen
in Staßfurt, Sondershausen und Hannover noch
die auf 300 Millionen Tonnen reines Kali ge-
schätzten Lager bei Mülhausen im Elsaß besitzt
(daher die französische Sehnsucht!), für die
Versorgung der Welt in Betracht kommt, denn
alle fieberhaften Versuche der Amerikaner, aus
Feldspat, Pflanzen usw. neue Quellen zu er-
schließen, sind ergebnislos geblieben, so steigt
die Nachfrage beständig an, und die inländischen
Verbraucher haben daher, um einer vorzeitigen
Erschöpfung der deutschen Lager vorzubeugen,
ein Ausfuhrverbot angeregt. Im Hinblick auf
den großen Reichtum der vorhandenen Vorräte
hat man jedoch von einer derartigen Maßnahme
abgesehen. Zur Vermeidung einer Verschleude-
rung dieses wichtigen Nationalschatzes ist aber
das „Kalisyndikat“ gegründet worden, welches
die Förderung und den Verkauf regelt und
durch eine umfassende Propaganda die Ver-
größerung des Konsums für landwirtschaftliche
Zwecke anstrebt. Von ausländischen Käufern

Mercks Warenlexikon.

werden höhere Preise gefordert. Durch das
Reichskaligesetz vom 28. Mai 1910 (gültig bis
zum 31. Dezember 1925), welches im wesent-
lichen auf eine Zwangskartellierung und -kon-
tingentierung hinausläuft, hat das Syndikat eine
festere Form erhalten. — Die Entstehung der
A. erklärt van’t Hoff dadurch, daß aus ein-
trocknendem Meerwasser zuerst das Steinsalz
und später mit zunehmender Konzentration die
leichter löslichen Verbindungen des Kaliums und
Magnesiums auskristallisierten. Zunächst auf
dem Steinsalz liegt der Kieserit (Magnesium-
sulfat), darauf folgt die Region des Karnal-
hts (Kalium-Magnesium-Chlorid), in welcher
sich ferner Kainit (Kaliumchlorid-Magnesium-
sulfat), Sylvin , (Chlorkalium), Boräzit u. a.
vorfinden. Die größte Bedeutung hat der Kar-
nallit, das sog. Chlorkalium-Rohsalz mit
16—17 °/o Chlorkalium, als Ausgangsmaterial für
die Herstellung von Kalidünger,, Salpeter, Pott-
asche, Alaun usw. Der Kieserit dient zur Ge-
winnung von Magnesiumsalzen (Glaubersalz),
der Borazit von Borsäure. Der Versand der A.
erfolgt entweder unverpackt in Wagenladungen
oder in, Säcken von ioo kg. Preis des Sackes
40 Pf. Preis des Karnallits, unverpackt 100 kg
i,2oM,; für landwirtschaftliche Zwecke inner-
halb Deutschland 0,90 M.

Absinth (Absynth, Wermutlikör, frz. Ex-
trait d’absinth, engl. Absinthium), ein französi-
scher und schweizerischer alkoholreicher Bitter-
likör, der aus Wermutkraut und Spiritus, zu-
weilen unter Zusatz von Anis, Fenchel und Ko-
riander, mit oder ohne Zucker, hergestellt wird.

Abziehbilder (frz.M&lt;itachromotypies, engl.Pic-
tures for decalcomanie, Transfer pictures) nennt
man lithographische Buntdrucke, welche, auf
besonders zubereitetes Papier gedruckt, die
Fähigkeit besitzen, bei vorheriger Anfeuchtung
vom Papier sich abzulösen, und ohne weiteres
Bindemittel auf anderes Papier sowie auf Holz,
Glas, Porzellan, Blechwaren und Gewebe über-
tragen werden können. A. sind in großer Mannig-
faltigkeit im Handel und werden hauptsächlich
in Leipzig und Nürnberg hergestellt. Es ist dar-
auf zu achten, daß sie mit giftfreien Farben,
it. Reichsgesetz, hergestellt und besonders nicht
mit Bleiweiß bestäubt werden.

Acajougummi (Anakardiengummi, Kaju-
gummi, frz. Gomme d’acajou, engl. Acajou
gum), eine ihren Eigenschaften nach dem Gummi-
arabikum sehr nahe stehende Gummiart, wird
auf Martinique, Guadeloupe und in Brasilien von
demselben Baume gesammelt, der die okziden-
talischen Elefantenläuse (s. Anakardien), auch
Acajounüsse genannt,, liefert. Die tropfenartig
        <pb n="8" />
        ﻿Achat

2

Äpfel

ausgezogenen, gelben bis braunrötlichen Stücke
von glasigem Bruche sind durchscheinend und
weicher als arabisches Gummi und werden dem
Senegalgummi ähnlich benutzt.

Achat (frz. Agate, engl. Ajat, Agate) ist ein
aus verschiedenfarbigen Varietäten des Quarzes
(Chalzedon, Jaspis, Amethyst) schichten- oder
Streifenförmig zusammengesetztes Mineral, das
nach der Form der auf Schliffen zutage treten-
den Zeichnungen als Wolkenachat, Band-
achat, Festungsachat usw. bezeichnet wird.
In der Nähe der wichtigsten deutschen Fund-
orte Idar und Oberstem hat sich eine blühende
Industrie entwickelt, welche den A. zu Schmuck-
sachen, .Reibschalen u. dgl, verarbeitet, neuer-
dings aber wegen Erschöpfung der dortigen
Gruben auf die Einfuhr von Rohmaterial aus
Südamerika und Australien angewiesen ist. Die
A. werden geschliffen und poliert, bisweilen auch
gefärbt und mit anderen Steinen, besonders
Chalzedon, Onyx, Karneol, Krökydolith zusam-
men verarbeitet. Gefärbte A. werden besonders
im Orient als Mekkasteine verkauft.

Äctol (Milchsaures Silber, C3H508Ag), ein
lichtempfindliches weißes Kristallpulver, wird
zur Desinfektion von Wunden und Verband-
stoffen (Katgut, Seide) benutzt.

Adalin, Bromdiäthylazethylharnstoff, C2H3.
N202.C.ßr(C2Hri)2, wird neuerdings als Schlaf-
mittel angewandt.

Adamsäpfel (Paradiesäpfel, frz. Pomme
d’Adam, engl. Adams apple) nennt man eine
besondere Art der Zitronen von gelber bis
grüner Farbe, dicker Schale und mehreren Ein-
drücken am oberen Ende. Die Früchte werden
von Italien aus in Kisten von 190 bis 200 Stück
versandt, wobei jede einzelne mit Papier und
Werg umwickelt ist. Außerdem liegen in glei-
cher Zahl kleine grüne, mit Fäden umwundene
Zweige (Chodes) und 2,5—3 m lange Palmen-
zweige dabei, welche von den Juden zur Aus-
schmückung ihrer Laubhütten benutzt werden.
— Bisweilen werden auch die Tomaten ünd die
Bananen (s. d.) als A. bezeichnet.

Adiowänsamen (Ajowansamen), die grau-
braunen, eiförmigen, fünfriefigen, behaarten und
aromatisch riechenden Früchte einer in Ostindien
heimischen Umbellifere, Ptychotis Ajowan,
wurden früher als Arzneimittel verwendet. Jetzt
destilliert man daraus ein ätherisches Öl, das
Adiowänöl, welches zur Bereitung von Thy-
mol benutzt wird.

Adhrvitriol (Salzburger Vitriol, Doppel-
vitriol, Admonter Vitriol, lat. Cuprum sul-
furicum medium, frz. Vitriol double, engl. Eagle-
vitriol), eine aus Eisenvitriol und Kupfer-
vitriol in verschiedenen Verhältnissen zusam-
menkristallisierte Mischung, wird in der Färberei
angewandt. Je nach dem Kupfergehalte sind
entweder 1, 2, 3 oder 4 Adlerzeichen auf dem
Faßdeckel eingebrannt. Den geringsten Kupfer-
gehalt besitzt die Marke i Adler. Man unter-
scheidet: Salzburger A., Zweiadler mit 24D/0
Kupfervitriol, Admonter A. mit'iyo/o, Admon-
ter Zweiadler mit 20 0/0, Goslar er A. mit 90/0,
Gräfenthaler A. mit 29°/o- Der A. wird ge-
wöhnlich durch Oxydation von kupferkieshalti-
gen Eisenkiesen dargestellt.

Adonidin (lat. Adonidinum, frz. Adonidine),
das wirksame giftige Prinzip von Adonis ver-
nalis, wird seit einigen Jahren medizinisch ver-
wendet. Es gehört zu den Glykosiden und bildet
färb- und geruchlose, äußerst bitter schmeckende
Kriställchen, die in Alkohol leicht, in-Äther und
Wasser wenig löslich sind. Die Wirkung ist der
Digitalis ähnlich, aber nicht kumulativ.

Adrenalin, Suprarenin, ein aus Rinderniere
gewonnenes Heilmittel, das gegen Blutungen,
Herzstockung (Kollaps), bei Narkosen, Ka-
tarrhen usw. verordnet wird. Neuerdings wird
es als ein Derivat des Brenzkatechins (o-Dioxy-
phenyläthanolmethylamin, C9H13N03) von den
Plöchster Farbwerken aus Chlorazetobrenzkate-
chin synthetisch dargestellt. Das grauweiße, in
Wasser unlösliche Pulver schmilzt bei 2120. Von
seinen Verbindungen finden das leicht lösliche
salzsaure und borsaure Salz Anwendung.

Adsella, ein alkoholfreies, aus abgerahmter
Milch gewonnenes kohlensäurehaltiges Getränk.
(Champagner-Milch.)

Adular (frz. Opaline, engl. Pearl-stone), eine
besondere Varietät des monoklinen Feldspates
vom Härtegrade 6, wird als Halbedelstein zu
Schmuckgegenständen verarbeitet und führt im
Handel je nach Färbung und größerer öder ge-
ringerer Durchsichtigkeit verschiedene Namen,
z. B. Mondstein, Sonnenstein, Fischauge,
Wolfsauge, Wasseropal. Der Sonnenstein
zeigt einen rötlichgelben Schein, der schweize-
rische Mondstein einen bläulichen, der zeyloni-
sche einen silbernen Schimmer. Gute Exemplare
werden ziemlich hoch bezahlt.

Adurol, ein photochemischer Entwickler, wird
aus Hydrochinon durch Einführung von Brom
gewonnen. Man stellt zweckmäßig eine Lösung
A aus 10 g Adurol, Sog krist. Natriumsulfit und
500 g Wasser und eine Lösung B aus 60 g Pott-
asche und joo g Wasser her, die' große Halt-
barkeit besitzen und im Verhältnis von iTeilA
mit 1 Teil B und 1 Teil Wasser gemischt, mehr-
mals benutzt werden können.

Apfel (frz. Pommes, engl. Apples), die Früchte
des Apfelbaums, Pirus malus, der in
den Ländern der gemäßigten Zone, hauptsäch-
lich aber in Deutschland, Böhmen, Mähren, Un-
garn, Tirol, Frankreich, Schweden, Rußland und
den Vereinigten Staaten angebaut wird. Von den
mehr als 1400 Sorten sind: Reinetten, Kal-
villen, Borsdorfer, Rosmarinäpfel, Raiii-
bour-Ä., Stern-Ä. als die wichtigsten namhaft
zu machen. Die Äpfel bilden einen bedeutenden
Handelsartikel und werden oft weithin versandt.
So gehen z. B. große Schiffsladungen von Ä.
aus Böhmen auf der Elbe nach Norddeutsch-
land und weiter. In Frankreich besitzt Havre
einen großen Ausfuhrhandel. — Die feinsten
Sorten werden beim Versand einzeln in Papier
gewickelt und in Kisten oder Körbe gepackt. In
neuerer Zeit gelangen ungeheure Mengen ameri-
kanischerÄ. zur Einfuhr, mit denen unsere deut-
schen Erzeugnisse hinsichtlich des Aussehens
und Preises in keiner Weise konkurrieren können.
Da die letzteren aber an Geschmack und Aroma
weit überlegen sind, würde sich in der Züchtung
feiner Tafeläpfel für unseren heimischen Obst-
bau ein aussichtsvolles Feld darbieten. Von den
zahlreichen aus Ä. hergestellten Erzeugnissen
        <pb n="9" />
        ﻿3

Äpfeläther

sind Getrocknete A. (Ringäpfel), Apfelkraut
Apfelwein in besonderen Artikeln behandelt.
Außerdem wird auch mit oder ohne Zucker
eingekochtes Apfelmus in hermetisch ver-
schlossenen Büchsen in den Handel gebracht
das bisweilen allerdings durch schweflige Säure
künstlich gebleicht ist. Die aus Frankreich ein-
geführten sog. gedrückten Ä. werden durch
Schälen, Dünsten mit wenig Wasser, Zerdrücken
und Trocknen oder Darren dargestellt.

Apfeläther, ein chemisches Präparat, das
zu den sogenannten Fruchtäthern gehört, be-
steht aus einer alkoholischen Lösung von Bal-
drianarayläther (Äpfelöl, Appleoil). Er be-
sitzt einen angenehmen Apfelgeruch und wird
zur Bereitung von Fruchtbonbons verwendet.

Apfelsäure (lat. Acidum malicum, frz. Acide
malique; engl. Malic acid), eine organische
Säure (Oxybernsteinsäure, C4H^05), welche sich
in vielen Pflanzen- und Fruchtsäften, wde Äp-
feln, Trauben, Vogelbeeren, Berberitzen, Kir-
schen, vorfindet und besonders aus Vogelbeeren
mit Hilfe des Kalksalzes im großen hergestellt
wird, bildet den Hauptbestandteil dos Äpfel-
eisenextraktes (Extractum ferri pomatum),
w-elches aus dem Safte saurer Äpfel unter Zu-
satz von Eisenfeilspänen, bereitet wird und im
wesentlichen aus äpfelsaurem Eisen besteht. Die
wäßrige Lösung des Extraktes wird als Tinc-
tura ferri pomata bezeichnet.

Äpfelschnitte (Äpfelspalten, Ringäpfel)
sind durch Trocknen haltbar gemachte Schei-
ben oder Schnitte geschälter Äpfel, die in großen
Mengen von Amerika zu uns geschickt werden.
Die amerikanischen Äpfel verdanken ihr schönes
Aussehen und ihre helle Farbe z. T. der sorg-
fältigen Bearbeitung mit Hornmessern und der
Anwendung niedriger Trocknungstemperaturen,
z.T. aber auch zweifelhaften Kunstgriffen, wie
früher der Behandlung mit Zinksalz'en, neuer-
dings mit schwefliger Säure. Die Ä. werden als
Kompott verwendet, in letzter Zeit auch vielfach
zur Herstellung alkoholfreier Getränke (Pomril)
benutzt. Auch die Abfälle (Kerngehäuse, Scha-
len) kommen als sog. Peppings zur Einfuhr
und bilden ein nicht immer einwandfreies Aus-
gangsmaterial für die Fabrikation von Gelees,
alkoholfreien Getränken u. dgl.

Asculin (Polychrom, Schillerstoff, lat.
Aesculinum), ein zu den Glykosiden gehöriger
Bestandteil der Roßkastanienrinde, bildet ein
zartes weißes Kristallpulver von stark bitterem
Geschmack. Seine Lösungen fluoreszieren in
Gelb , und Blau.

Äther (frz. Ether, engl. Ether), ein Sammel-
name für eine Reihe organischer Verbindungen,
welche aus zwei durch ein Sauerstoffatom ver-
bundenen Radikalen bestehen. Im besonderen
^ersteht man hierunter jedoch meist den Äthyl-
äther, iCaH6)aO, (Schwefeläther, Vifriol-
naphtha, lat.Aether sulfuricus, Naphtha vitri-
°]i). Zu seiner fabrikmäßigen Darstellung wer-
!ren 5 Teile Weingeist und 9 Teile konz. Schwe-
felsäure in großen verbleiten Destillationsblasen
bls auf 135—.140° erhitzt und darauf nach und
nach weitere Alkoholmengen beständig hinzu-
Segeben. Der übergehende Rohäther, welcher
noch Wasser, Alkohol und Ätherschwefelsäure

enthält, wird mit Kalkmilch neutralisiert, mit

Ätherische Öle

Wasser zur Entfernung des Alkohols geschüt-
telt und schließlich durch Rektifikation über
Chlorkalzium rein erhalten. Neuerdings stellt
man Äther auch durch Behandlung von Alkohol
mit Benzolsulfosäure oder durch Hydrierung von
Azetylen zu Äthylen und Überführung des letz-
teren in Äthylschwefelsäure her. — Der reine
Äther ist eine wasserhelle, leicht bewegliche
Flüssigkeit von eigenartigem, durchdringendem
Geruch und brennendem Geschmack, welche
unter starker Wärmeentziehung verdampft und
bei 34,9° siedet. Er ist sehr leicht entzündlich
und brennt mit leuchtender Flamme, seine Dämpfe
bilden mit Luft explosive Gemenge. Mit Alko-
hol, Chloroform, Schwefelkohlenstoff sowie
fetten und ätherischen Ölen ist Äther in jedem
Verhältnis mischbar, hingegen löst er sich nur
in der 13 fachen Menge Wasser, von welchem
wiederum nur 1 Teil in 35 Teile Äther übergeht.
Ä. ist ein vortreffliches Lösungsmittel für zahl-
reiche organische Stoffe, wie Fette, Harze, Al-
kaloide, Paraffin usw. Von anorganischen Sub-
stanzen löst er Brom, Jod, Gold- und Platin-
chlorid. Man unterscheidet im Handel vier Sor-
ten. Am reinsten ist der Ä. desD.A.B. und
der ebenfalls medizinisch angewandte Ä. pro
narcosi, welche beide das spez. Gew. 0,7.20
haben. Letzterer kommt in braunen, vollständig
gefüllten Glasstöpselflaschen von 50—250 g In-
halt in den Handel. Geringere Sorten sind Ä.
bisrectificatus vom spez. Gew. 0,725 und Ä.
rectificatus vom spez. Gew. 0,750. Der reine
Ä. muß folgenden Anforderungen entsprechen;
Spez. Gew. 0,720, Siedepunkt 35°. Mit Ä. ge-
tränktes Filtrierpapier soll nach dem Verdun-
sten des Ä. geruchlos sein. Beim Verdampfen
darf kein sauer reagierender Rückstand hinter-
bleiben, und bei längerem Stehen mit Kalium-
hydroxyd sowie mit Kaliumjodid in völlig ge-
füllter, geschlossener Flasche bei Lichtabschluß
keine Gelbfärbung entstehen. Verwendung
findet der Ä. in der Medizin als Anästhetik um,
ferner im Gemisch mit Alkohol als „H o f f -
mannstropfen“ bei Ohnmacht, Krämpfen, und
in Verbindung mit fetten Ölen zu Einreibungen.
Die Technik benutzt ihn bei der Fabrikation
von Tannin, Milchsäure, photographischem Kol-
lodium. Die Aufbewahrung hat in sehr küh-
len, feuersicheren Räumen, das Abfüllen nur
bei Tageslicht zu geschehen. Die Versendung
auf Eisenbahnen erfolgt nur mit besonderen
Güterzügen, sog. „Feuerzügen“. Als Verpackung
sind Flaschen zu wählen, die in starke, mit
Kleie oder Sägemehl ausgefütterte Holzkisten ge-
stellt werden, oder Glasballons mit hinreichen-
dem Verpackungsmaterial in Körben mit gut-
schließehdem Deckel.

Ätherische Öle (flüchtigeÖle, lat.Oleaaethe-
rea, frz. Essences, Huiles volatiles, engl. Volatile
oils). Mit diesem Namen belegt man eine große
Zahl stark riechender flüchtiger Stoffe von öl-
artigem Aussehen, die von den eigentlichen oder
fetten Ölen sowohl hinsichtlich ihrer Eigen-
schaften als auch ihrer chemischen Zusammen-
setzung vollständig verschieden sind. Sie bilden
auch unter sich keine bestimmt ausgeprägte
Gruppe chemischer Verbindungen, sondern be-
stehen meist aus natürlichen Gemischen ver-
schiedener Kohlenwasserstoffe mit zusammen-
        <pb n="10" />
        ﻿4

Ätherische Öle

gesetzten Äthern, Aldehyden, Ketone, Phenolen,
organischen Säuren usw. Die im Handel vor-
kommenden ätherischen Öle sind sämtlich Pro-
dukte des Pflanzenreiches und werden aus ver-
schiedenen Pflanzenteilen durch Destillation mit
gespannten Wasserdämpfen oder auch durch Ex-
trahieren (s. Parfümerien) gewonnen. Nur einige,
wie Zitronenöl, Pomeranzenöl, Bergamottö! erhält
man dqrch Auspressen der betr. Fruchtschalen.
Werden die ätherischen Öle einer nochmaligen
Destillation unterworfen, so nennt man sie rek-
tifizierte bzw. doppelt rektifizierte Öle.
Die Fabrikation der ätherischen Öle hat sich
auf gewisse Gegenden konzentriert, und be-
sonders Leipzig bildet einen Hauptfabrikations-
und Handelsplatz. Italien, namentlich Kalabrien
und Sizilien, liefert hauptsächlich Zitronenöl,
Pomeranzenöl und Bergamottöl, das südliche
Frankreich Neroliöl, Petitgrainöl, Lavendelöl
und Thymianöl, Algier Geraniumöl, Bulgarien
und die Türkei Rosenöl, England Pfefferminzöl
und Lavendelöl, Nordamerika Pfefferminzöl und
Wintergrünöl, Rußland Anisöl. Aus Ostindien
und China werden namentlich Sternanisöl, Kassia-
öl und Zimtöl eingeführt, die meisten Gewürz-
öle aber werden, seitdem die zur Ölgewinnung
bestimmten Gewürze zollfrei eingehen,inDeutsch-
land, allerdings unter Kontrolle von Steuer-
beamten, destilliert, die hierbei zurückbleiben-
den, vom Öle befreiten Gewürze müssen ver-
nichtet werden. —■ Die gangbarsten ätherischen
Öle sind außer den bereits genannten: Anis-,
Kümmel-, Fenchel-, Angelika-, Wermut-, Ze-
dernholz-, Kalmus-, Wacholder-, Bittermandel-,
Senf-, Sternanis-, Rosmarin-, Zitronell- und Ter-
pentinöl. Verwendung finden die ätherischen
Öle in der Medizin und Likörfabrikation, ferner
zur Herstellung feiner Parfümerien, wie Eau de
Cologne und anderer Riechwässer,- zum Parfü-
mieren von Seifen, Pomaden, Haarölen. Einige
werden auch in der Konditorei verwendet, die
billigen, wie Terpentinöl, in der Lackfabrika-
tion. — Die allgemeinen Eigenschaften der
ätherischen Öle lassen sich dahin zusammen-
fassen, daß sie sämtlich einen starken, mehr
oder weniger angenehmen Geruch besitzen, mit
stark rußender Flamme brennen, auf Papier
einen in der Hitze wieder verschwindenden I ett-
fleck hervorbringen, in Wasser nur in sehr ge-
ringer Menge löslich sind, sich aber leicht in
starkem Alkohol und in Äther lösen. Die meisten
sind leichter, einige auch schwerer als Wasser.
Sie besitzen ein starkes Lichtbrechungsvermögen
und drehen mit wenigen Ausnahmen die Ebene
des polarisierten Lichtes nach rechts oder links.
Der Siedepunkt der ätherischen Öle ist sehr ver-
schieden, liegt aber durchgängig ziemlich hoch
(meist zwischen 160 und 3000 C), mit Wasser-
dämpfen verflüchtigen sie sich jedoch schon be
viel niedrigerer Temperatur. Wie ihr Geruch be
weist, sind sie auch schon bei gewöhnlicher
Temperatur etwas flüchtig. Einige erstarren
leicht zu kristallinischen Massen (z. B. Rosen-
öl, Anisöl), während andere gar nicht fest wer-
den, Wieder andere Öle sondern sich mit der
Zeit und beim Stehen an kalten Orten in einen
starren, kristallinischen Teil, Stearopten, und
in einen flüssig bleibenden, Eläopten. Einige,
ätherische Öle bestehen fast ganz aus sauerstoff-

Ätherische Wasser-

freien Verbindungen, die den Namen Terpene
bzw. Sesquiterpene führen, die meisten enthalten
aber als wesentliche Bestandteile sauerstoffhal-
tige Verbindungen. Es gibt ferner auch schwe-
felhaltige ätherische Öle, wie z. B. Senföl,
Knoblauohöl. Seit mehreren Jahren kommen
ätherische Öle in den Handel, die auf den Preis-
listen als terpenfreie, konzentrierte, ex-
trastarke oder nicht trübende ätherische Öle
bezeichnet werden und von den Kohlenwasser-
stoffen befreit sind, so daß nur der sauerstoff-
haltige Teil allein Verwendung findet. Solche
ätherischen Öle fabrizieren z. B. Schimmel-Miltitz
bei Leipzig, Heine-Leipzig, Haensel-Pirnä. Die
Bezeichnung „nicht trübende“ Öle bezieht sich
darauf, daß sie sich in verdünntem Alkohol klar
und ohne Trübung lösen, was bei den terpen-
haltigen nicht der Fall ist. — Die Aufbewah-
rung der ätherischen Öle muß in sehr gut ver-
schlossenen, möglichst voll gefüllten Flaschen an
einem dunklen und kühlen Orte erfolgen. Durch
Einwirkung von Luft und Licht verändern sie
sich leicht, nehmen einen fremdartigen Geruch
an und verharzen schließlich. Die Versendung
geschieht gewöhnlich in Glasgefäßen oder in
Flaschen von Weißblech, Die Sizilianer Öle kom-
men in kupfernen Gefäßen (Ramieren), die Öle
aus China in Bleiflaschen zu uns. — Wegen
ihres meist sehr hohen Preises sind die ätheri-
schen Öle häufig Verfälschungen ausgesetzt,
die nicht leicht zu entdecken sind, wenn hierzu
andere billigere ätherische Öle genommen wur-
den. Die, Verfälschung mit fetten Ölen oder
mit Alkohol kommt hingegen nicht mehr so
häufig vor, weil diese leichter nachgewiesen
werden kann. Größere Mengen von Alkohol
lassen sich durch Schütteln gleicher Volumina
von ätherischem Öl und Wasser in einer gradu-
ierten Glasröhre nachweisen, wobei das Volumen
des Wassers durch die Aufnahme des Alkohols
zunimmt, oder durch Destillation. Die vielfach
empfohlene Methode mit Fuchsin paßt hingegen
nicht für alle Öle, da manche, die ganz frei von
Alkohol sind, das Fuchsin ebenfalls lösen und
sich dadurch rot färben. Fette Öle lassen sich in
ätherischen Ölen leicht daran erkennen, daß sie
nicht flüchtig sind, daher auf Papier einen auch
beim Erhitzen nicht verschwindenden Fettfleck
verursachen. Teilweise verharzte Öle hinterlassen
allerdings auch einen bleibenden Fettfleck, der
jedoch meist nur an dem Rande durchscheinend
ist und beim Auf gießen von Weingeist ver-
schwindet, was bei Vorhandensein von fettem Öl
nicht der Fall ist. Eine Ausnahme hiervon macht
nur das Rizinusöl, welches- sich' in Alkohol löst.
•Zur Erkennung einer Verfälschung mit Terpen-
tinöl bedient man sich besonderer Methoden,
auf die hier nicht näher eingegangen werden
kann.

Ätherische Wässer (abgezogene oder aro-
matische Wässer) erhält man als Nebenpro-
dukt bei der Fabrikation der ätherischen Öle,
indem sich ein Teil der letzteren in dem mit
übergehenden Wasser löst und diesem den Ge-
ruch des Öles mitteilt. Die meisten dieser ä.W.
werden in Apotheken verwandt, einige, wie z. B,
Orangenblütenwasser und Rosenwasser, auch in
der Konditorei. Letztere werden von Nizza,
        <pb n="11" />
        ﻿Affenbrotbaumrinde

Äthylamin	5

Grasse und Cannes aus in großen Mengen ver- i
sandt.

Athylamin (Monäthylamin), eine stickstoff-
haltige, dem Ammoniak ähnliche organische Base
(C2H6 . NH2), riecht wie dieses, bildet eine wasser-
helle Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,696, siede
schon bei 18,7° C und ist in Wasser leicht lös-
lich.

Äthylbromid (B r omät hy 1, C2H5Br, lat.Ae t h er
bromatus, frz. Ether bromhydrique, engl.Ethyl
bromide) wird dargestellt durch Abdestillieren
eines Gemisches von Alkohol, Schwefelsäure
und Bromkalium aus dem Sandbade oder durch
Behandlung von Alkohol mit Brom und rotem
Phosphor als eine farblose, flüchtige, ätherisch
riechende 1* lüssigkeit vom spezifischen Gewicht
lA5°&gt; welche bei 38—400 siedet und mit schön
grüner Flamme brennt. Ä. wird in der Tcer-
farbenfabrikation und außerdem in der Medizin
zu Narkosen benutzt, für letztere Zwecke je-
doch nur das nach dem ersten Verfahren her-
gestellte Präparat, weil das andere oft Spuren
von Phosphor und Arsen enthält. Zur Vermei-
dung von Zersetzungen muß Ä. in kleinen, ge-
füllten Flaschen kühl und dunkel aufbewahrt
Werden; auch erscheint eine Warnung vor Ver-
wechslung mit Äthylenbromid am Platze, da letz-
teres eingeatmet giftig wirkt.

Äthylchlorid (C2H6C1, Chloräthyl, lat. Ae-
ther chloratus, Äethylium chloratum, frz.
Ether chloride, engl. Ethyl Chloride), eine leicht
flüchtige und entzündliche farblose Flüssigkeit
vom spez. Gew. 0,92 t und vom Siedepunkte
12,5°, wird fabrikmäßig durch Erhitzen von Al-
kohol mit starker Salzsäure unter Druck, im
kleinen durch Einleiten von Salzsäuregas in
eine Lösung von 1 Teil geschmolzenem Zink-
chlorid und 2 Teilen 95 o/0igem Alkohol dargestcllt.
Man leitet die Dämpfe durch Wasser und kon-
zentrierte Schwefelsäure und verflüssigt sie bei
o°. — Ä. findet als örtliches Antiseptikum Ver-
wendung.

Äthylenbromid (lat. Aethylcnum bromatum,
frz.Bromured’ethylene, engl.Bromide of Ethylen),
C2H4Br2, entsteht beim Durchleiten von Äthylen-
gas (aus Alkohol und Schwefelsäure) durch
Brom als ein farbloses, schweres Öl vom spez.
Gew. 2,170 und chloroformähnlichem Geruch
Es siedet bei 122 °, erstarrt bei 90 und findet be-
schränkte medizinische Anwendung gegen Epi-
lepsie. Eingeatmet wirkt es giftig und darf da-
her nicht mit Äthylbromid verwechselt werden!

Äthylenchlorid, (CH2C1)2, (Chloräthylen,
Elaylchiorür, Elaylchlorid, Chlorelayl,
Öl der holländischen Chemiker, lat. Aethy-
lenum chloratum, Elaylum chloratum, Oleum
hollandicum, frz. Ether chlorhydrique, engl.
Eutch liquid), eine farblose, dünnflüssige, öl-
ähnliche Flüssigkeit von süßlichem, ätherartigem
Gerüche und brennendem Geschmacke, hat ein
H&gt;ez. Gew. von 1,250, ist unlöslich in Wasser,
leicht löslich in Alkohol und Äther, siedet bei

5Ü C und brennt mit grüngesäumter klamme
unter Entwicklung von stechend riechendem
&lt;“hlorWasserstoffgas. Das Ä. wird durch Zu-
Sainmenbringen von Äthylengas (aus Spiritus
Und Schwefelsäure zu bereiten) mit Chlorgas
gewonnen und entsteht gewöhnlich als Neben-

produkt bei der Chloralbereitung. Man benutzte
es früher wie Chloroform als Anästhetikum,
jetzt nur noch zu Einreibungen.

Äthylgrün, ein seit 1866 bekannter Triphenyl-
methanfarbstoff (s. d.), der aus dem Chlorzink-
salze des Bromäthylhexamethylpararosanilin-
chlorwasserstoffs besteht, kommt als moosgrünes
kristallinisches Pulver in deri Handel. Vgl. auch
Methylgrün.

Athylidench'.orid, CH3.CHC12 (Chloräthy-
liden, Aidehy d enchlorid, Chloräthyl-
chlorür, lat. Aethylidenum chloratum, frz.
Perchlorure d’ethylidene, engl. Perchloride of
Ethylidene), eine brennbare, farblose, chloro-
formartig riechende Flüssigkeit von süßem, zu-
gleich pfefferartigem Geschmack und dem spez.
Gew. 1,8, ist unlöslich in Wasser, aber löslich in
Alkohol und Äther, und siedet bei 58,5° C. Das
Ä. besitzt dieselbe chemische Elementarzusam-
mensetzung wie das.Äthylenchlorid, unterscheidet
sich aber von diesem durch die verschiedene
Gruppierung der Atome. Natriummetall bleibt
in reinem Ä. unverändert, während es in Äthylen-
chlorid unter Zersetzung des letzteren in Chlor-
natrium verwandelt wird. Das Ä. wird zuweilen
als Anästhetikum verwendet. Man gewinnt es
als Nebenprodukt bei der Chloralbereitung und
trennt es von dem bei 99° siedenden Chloral
und dem Äthylchlorid durch fraktionierte De-
stillation.

Äthyljodid, C2H5J, (Jodäthyl, lat. Aether jo-
datus, frz. Jodure d’öthyle, engl. Ethyl jodide),
eine farblose, ätherisch riechende Flüssigkeit
vom spez. Gew. 1,946 und dem Siedepunkte 72°,
wird durch Erwärmen von Jod mit Alkohol und
amorphem Phosphor dargestellt und durch Schüt-
teln mit Wasser und nachfolgende Rektifikation
über Kalziumchlorid gereinigt. Es muß in voll-
gefüllten, gut verschlossenen Gefäßen an dunk-
len Orten aufbewahrt werden. Ein durch Jod-
ausscheidung gelb gewordenes Ä. kann durch
Natriumthiosulfat wieder entfärbt werden, hin-
gegen sind braune Präparate zu verwerfen. Das
Ä. findet in der Farbenfabrikation sowie zu me-
dizinischen Zwecken, gegen Rheumatismus, Sy-
philis und Skrofulöse Anwendung.

Äthylnitrit, C2H6N02, (Salpetrigsäure-
äthylester, lät. Aether nitrosus), entsteht
beim Einleiten von Salpetrigsäuredämpfen in
Alkohol oder bei der Behandlung von Kalium-
nitrit mit verdünntem Alkohol und Schwefel-
säure als eine gelbliche, leicht bewegliche Flüssig-
keit vom Gerüche faulender Äpfel, welche sich
leicht in Alkohol, wenig in Wasser löst. Das
spez. Gew. beträgt 0,947, der Siedepunkt 160.
Ä. bildet den Hauptbestandteil des Salpeter-
ätherweingeistes (s. d.).

Affenbrotbaumrinde (Baobabrinde, lat. Cor-
tex adansoniae, frz. Ecorce d’adansonie, engl.
Adansonic bark), die Rinde des zu den Bom-
bazeen, gehörigen Affenbrotbaumes, Adan-
sonia digitata, aus den heißen GegendenAfri-
kas, bildet flache, rinnenförmige Stücke aus
leicht voneinander trennbaren Schichten. Die
äußere Rinde (Korkschicht) ist rauh, warzig,
von grauer Farbe, die innere Fläche rotbraun.
Auf dem Querschnitt erscheint die Rinde rot
und weiß gestreift. Der Geschmack ist herb
upd bitter. Die A. enthält einen roten Färb-
        <pb n="12" />
        ﻿Affichenpapier

6

Akaroidharz

Stoff und einen weißen, kristallinischen Stoff,
das Adansonin, das früher als Fiebermittel
benutzt wurde. Der frische Saft der Zweige
galt als Gegengift gegen Strophantus. Das
Mark der Früchte des Baumes schmeckt säuer-
lich und wird von den Eingeborenen genossen.
Die getrockneten und zerriebenen Blätter, Alo
oder Lalo genannt, werden von den Negern
unter die meisten Speisen gemischt. Die von
Angola ausgeführte A. wird als Grundstoff für
die P^pierfabrikation verwendet. In Mittelafrika
heißt dieser Baum; Vinka, in Südafrika: Mo-
wana, in Abessinien: Dinna oder auch Tal-
badie.

Affichenpapier (frz. Papier ä affiches, engl.
Placard paper) nennt man ein meist farbiges,
aber auch weißes, dünnes Papier von großem
Format zum Druck von Anzeigen und Bekannt-
machungen, welche an Säulen und Häusern an-
geklebt werden sollen.

Agallocheholz (Adlerholz, Paradiesholz,
Aloeholz, frz. Bois aigle, engl. Satin wood).
Diesen Namen führen drei verschiedene Holz-
arten, die jedoch in unserem Handel fast nicht
mehr Vorkommen. Alle drei zeichnen sich durch
einen starken, aber verschiedenen Geruch aus,'
weshalb man sie in Ostindien als Räuchermittei
benutzt. Die eine Sorte ist dicht, sehr schwer
und von rötlichbrauner Farbe, stammt von Ex-
coecaria Agallocha und wird auch Colam-
bacholz genannt. Eine zweiteSorte, vonAqui-
laria Agallocha, ist dunkelbraun und bitter,
und die dritte, die Aquila brava der Portu-
giesen, von Aquilaria malaccensis aus Su-
matra und der Halbinsel Malakka, besitzt eine
schmutzig gelbe bis grünliche Farbe.

Agalrnatoiith (Bildstein, frz. Pagodite, engl.
Steatite), ein hauptsächlich in China vorkom-
mendes, leicht zu bearbeitendes Aluminiumsili-
kat (Si40,,Al2H2) von grünlich grauer bis gel-
ber und fleischroter Farbe, wird zur Herstellung
von Bildwerken benutzt. Das Mineral findet
sich auch bei Nagyag in Siebenbürgen.

Agar-Agar (Agger-Agger) nennt man aus
getrockneten indischen und japanischen Algen
bestehende oder aus solchen hergestellte Dro-
gen, welche beim Kochen mit Wasser eine in
der Kälte fest werdende Gelatine liefern. Das
sog. Zeylonmoos oder Jaffnaer Moos (frz.
Mousse de Ceylon, engl. Ceylon Moss) »von Fu-
cus amylaceus oder Gracilaria lichenoides bildet
bis 12 cm lange, stielrunde und mehrfach ge-
teilte weiße Stäbchen. Agar-Agar von Ma-
kassar und Java (Alga, spinosa, ostindi-
schesKarragheen) besteht aus dem bräunlich-
gelben oder blaßrötlichen Thallus von Eucheu-
ma spinosum und hat die Form 3—4 cm langer,
2—3 mm dicker, stielrunder Stücke, die oft mit
einem Salzanflug bedeckt sind. Japanischer
A. (Vegetabilischer Fischleing japanische
Hausenblase, Phycocolla) wird durch Aus-
kochen von Algen aus der Familie Gelidium
und nachfolgende Trocknung der erhaltenen
Gallerte gewonnen und kommt in Form leichter
weißlicher Stäbchen vom Aussehen der Seele
des Gänsekiels oder vierkantiger Stücke oder
dünner Platten (Tjen-Tjan) in den Handel: —
A.-A. wird als Ersatz der Gelatine- zu Speise-
und Appreturzwecken sowie zur Herstellung bak-

teriologischer Nährböden benutzt. Der Zusatz
zu Marmeladen gilt als Verfälschung. Die eß-
baren Vogelnester der Salanga-Schwalbe sind
aus dem gleichen Material hergestellt.

Agarizin, Bestandteil des Lärchenschwamms,
weißes kristallinisches Pulver, welches als
schweißbeschränkendes Mittel Anwendung findet.

Agathin, eine Verbindung von Salizylaldehyd
mit Methylphenylhydrazin, wird gegen Rheuma-
tismus und Neuralgie verordnet. Vorsichtig, vor
Licht geschützt, aufzubewahren!

Agumamehl ist ein aus entfetteten Sojabohnen
hergestelltes Nährmittel mit 80/0 Fett und 460/0
Eiweiß.

Agurin ist ein harntreibendes Mittel aus Theo-
bromin und Natriumazetat.

Ahornholz (frz.Erable, engl.Maple). DasHolz
der verschiedenen Arten von Ahornbäumen
(Acer) wird zu feinen Tischler- und Drechsler-
arbeiten verwandt, teils geschnitzt, teils zu Fur-
nieren.

Ahornzucker (frz, Sucre d’erable, engl. Ma-
ple-sugar) wird in Nordamerika aus dem Safte
des Zuckerahorns (Acer saccharinus), in dem er
zu 2—3,J °/o enthalten ist, gewonnen und .ist mit
Rohrzucker identisch. Die Fabrikation von A,-
Zucker und-Sirup hat sich besonders in Kanada
entwickelt, und ergibt jährlich etwa 15000 t. Die
in Deutschland wachsenden Arten wie der Spitz-
ahorn u. a. eignen sich wegen ihres geringen
Zuckergehaltes von etwa 1 °/o nicht zur Ver-
arbeitung.

Ailanthholz (Anghikaholz), das Holz des
Götterbaums (Ailanthos glandulosa), der in
Ostindien heimisch, in Deutschland akklimati-
siert ist und die seidenliefernde Raupe des Ai-
lanthusspinners beherbergt, ist sehr hart, von
rötlicher, mit breiten, goldgelben, dunkelroten
und grünlichen Adern durchzogener Farbe und
sehr politurfähig und kommt in 0,5—1 rn laugen,
etwa 20 cm dicken Bohlen in den Handel.

Airol, Airoform, Airogen (Wismut oxy-
joditgallat), ein graugrünes Pulver von der
Formel C0H2(OH)3CO2. Bi(OH)J, wird als ge-
ruchloser Jodoformersatz benutzt.

Airys Präparate,, Geheimmittel von Richter in
Rudolstadt: Calming Pastills, Tabletten aus'
Zucker, Anis, Lakritzen. Extern Embroca-
tion, kampferartige Tinktur von Seidelbast-und
KaskarillarimTe. Pain-Expeller, Paprikatink-
tur mit Seife, Ammoniak und ätherischen Ölen.
Pills for the cough, Pillen aus Sternanis und
Morphin. Sarsaparillian, alkoholisches Ex-
trakt aus Sarsaparille, Chinarinde und Jodkalium.

Akaroidharz (Erdschellack, lat.Resina Aca-
roidis, frz. Gomme de Botanybay, engl. Botany-
bay-gum, Grass-tree-gum). Diesen Namen füh-
ren zwei aus Australien kommende Harze. i.Das
rote A. von Xanthorrhöa australis, aus
deren Stamm es ausschwitzt und denselben in
Lagen von 2—4 cm Dicke bedeckt, besitzt eine
rote bis braunrote Farbe, orangefarbigen Strich
und lebhaften Glanz und zeigt auf dem Bruche
zahlreiche Zellgewebsreste. Der Geruch ist
schwach benzoeartig, der Geschmack unan-
genehm, nebenher an Zimt erinnernd, die untere
Seite der Stücke grauweiß. Von dem ähnlichen
Drachenblut läßt sich das rote A. leicht dadurch
unterscheiden, daß es sich nur unvollkommen
        <pb n="13" />
        ﻿Akazienholz

7

Alabaster

in Äther löst. 2. Das gelbe A. von Xanthor-
rhöa hastilis erhält man in länglichrunden, bis
3 cm breiten Stücken von tiefbraunroter Farbe,
die auf dem Bruche gelb sind und auch ein
gelbes Pulver geben. Es ist ziemlich hart, läßt
sich mit dem Fingernagel nur schwer ritzen und
besitzt einen angenehmen benzoeartigen Geruch
und aromatischen, etwas süßlichen Geschmack.

•— Beide Sorten enthalten außer verschieden-
artigen Harzsäuren Zimtsäure, Benzoesäure und
ein ätherisches Öl. — Man benutzt sie zur Dar-
stellung gefärbter Weingeistlacke, von Harz-
seifen und zum Leimen des Papiers. Früher
fertigte. man auch Pikrinsäure daraus.

Akazienholz (Acacienholz, Robinienholz,
frz. Bois d acacie, engl. Acaciawood). Das Holz
der in Nordamerika heimischen, bei uns jetzt
überall verbreiteten Robinia Pseudacacia ist
V°a gelblicher Farbe, feinkörnig, biegsam, zäh
und fest, läßt sich gut polieren und leicht fär-
ben und widersteht der Fäulnis und demWurm-
iraße sehr gut. Unter Wasser hält es sich von
allen Holzarten am besten. In Europa benutzt
man es zu Tischler- und Drechslerarbeiten so-
wie namentlich zu Radspeichen, Radkämmen,
Weinpfählen und Hammerstielen, in Amerika
auch zum Schiffsbau sowie vof allem zu Schiffs-
nägeln (bis 75 cm).

Akkumulatoren (Accumulatoren), Appa-
rate, welche dazu dienen, die von einer galvani-
schen Batterie oder einer Dynamomaschine ent-
wickelte Elektrizität, aufzunehmen und aufzu-
speichern, um sie zu beliebiger Zeit wieder ver-
werten zu können. Im Hinblick auf das hohe
Gewicht der meist aus Blei bestehenden A., wel-
ches ihre Verwendung für Kraftwagen erschwert,
bemühen sich verschiedene Erfinder, besonders
Edison, Kompositionen aus leichteren Me-
tallen, Nickel- und Silberperoxyd, zu konstru-
ieren; wie es scheint, bis jetzt ohne endgültigen
Erfolg.

AkoYn, ein von der Firma Heyden herge-
stelltes Derivat des Guanidins, Diparanisylphene-
tylguanidinchlorhydrat, welches als Anästheti-
kum empfohlen wird und vor dem Kokain ge-
wisse Vorzüge haben soll.

Akonitin (lat. Aconitinum, frz. und engl. Aco-
nitine) findet sich neben anderen Alkaloiden,
besonders in dem Kraut und den Knollen des
Eisenhutes (A. napellus), aus welchen es früher
durch Extraktion mit warmem Alkohol unter
Zusatz von Schwefelsäure und nachherige Fäl-
lung mit Alkalien hergestellt würde. Da hiermit
eine teilweise Zersetzung verbunden ist, extra-
hiert man jetzt in der Kälte und ersetzt die
Schwefelsäure durch Weinsäure. Die im Handel
vorkommenden Sorten bestehen nicht aus dem
feinen A., sondern aus einem Gemisch mehrerer
Alkaloide. Das sog. Deut sch e A, von Aconitum
napellus enthält neben Akonitin meist Pikro-
Akonitin und Akonin. Ihm ähnlich ist das Fran-
zösische A. (A. gallicum), während das Eng-
lische A. (A. anglicum) von Aconitum ferox
hauptsächlich aus PseudorA. besteht. In neuerer
Zeit hat man versucht, die außerordentlich ver-
schieden wirksamen Präparate in anderer, mehr
vdssenschaftlicher Weise einzureihen, und unter-
scheidet jetzt: Amorphes Akonitin, welches
f^ern französischen und deutschen A. entspricht,

Kristallisiertes A., welches in Form schöner
Kristalle erhalten wird, und das ebenfalls kri-
stallisierte Pseudo-A. ImHinblick auf die z.T.
recht geringe Wirksamkeit der amorphen Sorten
wäre es erwünscht, wenn nur noch kristallisier-
tes A. bzw. Pseudo-A. verordnet würden. Das
reine A. bildet farblose, bei 190—198° schmel-
zende Tafeln, welche in Wasser schwer, in Al-
kohol, Äther, Chloroform und Benzol leicht
löslich, in Petroläther unlöslich sind. Die wäß-
rige Lösung zeigt einen scharfen, brennenden
Geschmack, reagiert schwach alkalisch und ist
linksdrehend. Das A. wird von konz. Schwefel-
säure und Salpetersäure ohne Färbung gelöst
und gibt mit den meisten allgemeinen Alkaloid-
reagenzien charakteristische Niederschläge. Das
Pseudo-A. unterscheidet sich von ihm durch
das Verhalten gegen Vanadin-Schwefelsäure,
wobei eine violette Färbung auftritt. Das A.
sowie die verschiedenen Präparate desselben
sind äußerst starke Gifte. Sie finden innerlich
wie äußerlich medizinische Anwendung gegen
Gelenkrheumatismus, Neuralgie usw., und müssen
unter den direkten Giften aufbewahrt werden.

Akopyrin (Azetopyrin, Az et y 1 salizy 1-
saures Antipyrin), ein weißes, in Alkohol
leicht, in Wasser kaum lösliches kristallinisches
Pulver, wird gegen Fieber, Kopfschmerzen und
Gelenkrheumatismus verordnet.

Akori, eine seltene blaue Korallensorte von
der afrikanischen Küste.

Akridinfarbsfoffe. Unter diesem Namen faßt
man eine Anzahl Farbstoffe zusammen, welche
sich vom Akridin, HC(C6H^)2N, bzw. Phenyl-
akridin (Chrysanilin), C(iH?C . (C„H4)2N, ableiten.
Phosphin (Chrysanilin-Nitrat), aus" denNeben-
produkten der Fuchsinfabrikation bereitet, färbt
Seide, Wolle und Baumwolle goldgelb, wird
aber heute nur noch als sog. Ledergelb zum
Färben von Leder benutzt, Benzoflavin dient
zum Gelbfärben von Baumwolle, Akridingelb
von Seide und Baumwolle.

Alabaster (frz. Alabätre, engl. Alabaster) nennt
man die feinkörnigen, weißen, mehr oder we-
niger durchscheinenden Arten des natürlichen
wasserhaltigen Schwefelsäuren Kalkes (Kal-
ziumsulfates) oder Gipses, die besonders zu
Voltera bei Florenz und bei Sestri, unweit Genua,
weiter auch in Tirol, Thüringen, Schlesien, Würt-
temberg, im Amt Liebenburg (Prov. Hannover)
und Frankreich (bei Cluny) gebrochen werden.
Da der A. sehr weich ist, läßt er sich in den
Steinbrüchen sehr leicht ohne Anwendung von
Sprengmitteln gewinnen und ebenso leicht ver-
arbeiten. Man fertigt daraus teils an den Fund-
orten selbst, teils an anderen Orten, so in Paris,
Voltera, Florenz, Siena, Gröden in Tirol, Nürn-
berg, Niedersachswerfen (bei Nordhausen), am
Harze usw. mancherlei Kunst- und Gebrauchs-
gegenstände, die aber nicht im Freien, sondern
nur in geschlossenen Räumen aufbewahrt und
aufgestellt werden können, da sie von der Witte-
rung stark angegriffen 'werden. Vom Marmor
unterscheidet sich der A. leicht dadurch, daß
er beim Befeuchten mit Säuren kein Aufbrausen
zeigt. Die Abfälle von der Herstellung, der Ala-
bästerwaren werden fein gemahlen und als ge-
brannter oder ungebrannter A. als weißes
Farbmaterial in den Handel gebracht.
        <pb n="14" />
        ﻿Alantwurzel

8

Alaun

Alantwurzel (Oland, Ottwurz, Glocken-
wurzel, lat. Radix Enulae seu Helenii, frz. Ra-
zine d’aunöe, engl. Elecampane-root), stammt
von einer in Mitteleuropa, namentlich in Un-
garn wild wachsenden Komposite, Inula He-
lenium, welche inThüringen und in der Gegend
von Nürnberg auch angebaut wird. Die ge-
trocknete Wurzel ist graubräunlich, innen heller
gefärbt, hart und schwer zu zerbrechen. Auf
dem Bruche unter der Rinde zeigt sich ein
bräunlicher Ring, und im Holzkörper erkennt
man zahlreiche gelbe Ölbehälter. Geruch und
Geschmack sind aromatisch. Die charakteristi-
schen Bestandteile der A. sind: ein ätherisches
Öl, Harz, Inulin, Alantolakton (Helenin,
Alantkampfer) und Alan toi. Die Aus-
beute an ätherischem Öl, dem Alantöl, beträgt
i—3%. Die Alantwurzel kommt im rohen
und geschälten Zustande in den Handel als Ra-
dix Enulae cruda, Radix Enulae mundata und
findet in der Medizin, hauptsächlich aber in der
Likörfabrikation, Verwendung.

Alaun (lat. Alumen, frz. Alun, engl. Alum)
wurde früher nur das kristallisierte wasserhal-
tige schwefelsaure Doppelsalz von Kalium und
Aluminium (Kaliumaluminiumsulfat) genannt.
Neuerdings bezeichnet man so bisweilen auch
das entsprechende Ammoniumäluminiumsalz,
während der Name: Alaune für alle schwefel-
sauren Doppelverbindungen gleichartiger chemi-
scher Konstitution gilt, wobei dann das für Ka-
lium bzw. Aluminium eintretende Metall der Be-
zeichnung vorgesetzt wird, z. B. Chromalaun
für das schwefelsaure Doppelsalz von Kalium
und Chrom. Sämtliche Alaune kristallisieren im
regulären System, meist in der Oktaederform
mit 24 Molekülen Wasser. — Zur Gewinnung
des gewöhnlichen Kalialauns wird schwach
gebrannter, möglichst eisenfreier Ton mit 50 ob-
iger Schwefelsäure in der Wärme behandelt,
wobei sich unter Abscheidung von Kieselsäure
der eine Bestandteil des Alauns, die schwefel-
saure Tonerde, bildet, IJ'fach dem Verdünnen
mit Wasser und Entfernen des unlöslichen Rück-
standes, der Kieselsäure, wird Kaliumsulfat oder
auch Chlorkalium hinzugesetzt, und das sich
dabei als feines Pulver abscheidende „Alaun-
mehl“ durch Umkristallisieren aus heißem
Wasser gereinigt und in große Kristalle ver-
wandelt. In gleicher Weise kann man Beauxit
oder Kryolith (s. d.) verarbeiten. — In einigen
Gegenden fabriziert man Alaun auch aus.Maun-
schiefer, einem mit Schwefeleisen und Kohle
durchsetzten Tonschiefer, der geröstet und dann
ausgelaugt wird. Hierbei liefert das Schwefel-
eisen die zur Bildung von Aluminiumsulfat
nötige Schwefelsäure. Die Entfernung des Eisens
wird durch geeignete Wahl der Konzentration
der Lösung bewirkt und dann wie bei obigem
Verfahren das „Alaunmehl“ erzeugt. — Bei
Tolfa in Italien und bei Munkacs in Ungarn
kommt schließlichein „ A1 a u n s t e i n“ oder „ A1 u -
nit“ genanntes Mineral vor, welches ein basi-
sches Kaliumaluminiumsulfat ist. Dieses Ma-
terial wird geröstet und mit heißem Wasser aus-
gelaugt, wobei unlösliche Tonerde zurückbleibt,
während sämtliche Bestandteile des Alauns in
Lösung gehen und sich beim Erkalten in ge-
wöhnlich durch fein verteiltes Eisenoxyd schwach

rötlich gefärbten Kristallen abscheiden. — Der
Kalialaun, K2A12(S04)4 -f- 24H20, enthält 45,50/0
Kristallwasser, bildet farblose, durchsichtige, bis-
weilen sehr große Kristalle,, die sich erst bei
längerem Lagern an der Luft mit einem feinen,
weißen, undurchsichtigen Häutchen von ver-
witterter Substanz überziehen, schmeckt herbe
und zugleich süßlich und kann in größeren Do-
sen schädlich wirken. Das spez. Gew. wird von
Kopp zu 1,924 angegeben. Beim Erwärmen
schmilzt der A. zunächst in seinem Kristall-
wasser und hinterläßt schließlich eine lockere,
weiße, undurchsichtige Masse, die man ge-
branntenA, (Alumen ustum) nennt. Seine Lös-
lichkeit ist in heißem Wasser sehr groß, in kal-
tem sehr gering, so daß die Reindarstellung
verhältnismäßig leicht gelingt; die Lösung rea-
giert sauer. Als häufigste Kristallform zeigt sich
das Oktaeder, an welchem zuweilen die Würfel-
flächen abstumpfend auftreten. Besonders ist
dies bei dem früher seiner Reinheit wegen hoch-
geschätzten römischen A. der Fall, welcher
deshalb auch kubischer oder Würfelalaun ge-
nannt wurde. Die Würfelform läßt sich da-
durch erzielen, daß man zu der heißen konzen-
trierten Lösung Pottasche, Soda oder Ammoniak
hinzusetzt, bis ein bleibender Niederschlag ent-
steht, und dann erst erkalten läßt. Solche Kri-
stalle heißen neutraler oder abgestumpfter Alaun
und sind, chemisch betrachtet, basische Salze.
— Der A..findet vielfache Verwendung, wobei
fast stets nur das Aluminiumsulfat in Wirksam-
keit tritt. In der Papierfabrikation dient er zum
„Leimen“, in der Gerberei zum Weißgar-
machen der Häute, in der Kattundruckerei und
in der Zeugfärberei zum Beizen. Ferner wird
er benutzt zum Wasserdichtmachen von Zeug-
stoffen, die nachher durch Ölsäure gezogen wer-
den, zum Klären von Flüssigkeiten usf. In vie-
len Fällen muß der A. vollkommen frei von
Eisen sein, dessen Gegenwart mittels Blut-
laugensalz (Blaufärbung) nachgewiesen wird.
In der Färberei und Weißgerberei benutzt man
jetzt vielfach statt des A. die schwefelsaure Ton-
erde selbst (siehe Schwefelsäure), welche daher
auch oft als „konzentrierter Alaun“ bezeichnet
wird. — Ammoniakalaun (Alumen amonia-
cale), (NH4)2A12(S04)424H20, wird entsprechend
dem Kalialaun hergest'ellt, indem man Alumini-
umsulfat statt mit Kaliumsulfat mit Ammonium-
sulfat versetzt. Er enthält 49,62 0/0 Kristallwasser,
ist leichter in kaltem Wasser löslich als der ge-
wöhnliche Alaun und wird wie dieser verwen-
det, Der Gehalt an wasserfreiem Aluminium-
sulfat beträgt beim Kalialaun 10,80/0, beim Am-'
moniakalaun 11,9 o/0 und beim sog. konzentrier-
ten Alaun (s. o.) 15,40/0. Ammoniakalaun, wel-
cher übrigens häufig ein Gemisch mit Kalialaun
ist, gibt beim Behandeln mit Ätzkali den stechen-
den Geruch nach Ammoniak (Salmiakgeist). —
Natronalaun wird nur selten benutzt, da er
schnell verwittert, trübe wird und schließlich zu
einem weißen Pulver zerfällt. — Der Chrom-
alaun, K2Cr2(Sö4)4 -)- 24 H20 (Alumen chromi-
cum), in welchem das Aluminium durch Chrom
ersetzt ist, wird vielfach als Abfallprodukt der
Teerfarbenfabriken, welche die Chromsäure als
Oxydationsmittel benutzen, erhalten und in der
Färberei und Gerberei verwandt. Er besteht aus
        <pb n="15" />
        ﻿Aldehyd

Alb argin	9

bei auffallendem Lichte fast schwarzen, bei
durchfallendem Lichte dunkelroten Oktaedern,
die sich in Wasser mit violetter Farbe lösen.

Albargin, eine Verbindung von Silbernitrat
mit Gelatose, wird durch Versetzen von dialy sier-
ter Gelatine mit Silbernitrat und Fällung mit Al-
kohol als ein gelbliches Pulver gewonnen. An-
wendung gegen Tripper und in der Wund-
behandlung.

Albers Cholerapulver. Gemisch von io Teilen
Zucker, 5 Teilen Ammoniumkarbonat und 1 Teil
Kampfer.

Alberts Remedy ist eine mit 10 0/0 Jodkalium
versetzte Kolchikumtinktur.

Albit (frz. Albite), Natronfeldspat oder trikli-
ner Feldspat, ein Mineral, welches ebenso wie
Kalifeldspat in der Porzellanfabrikation Ver-
wendung findet und no/0 Natron enthält, ist
m^AlK ^ar'Dlos °der weiß, seltener gefärbt.

Alboferrin, ein Eiweißpräparat mit 0,6 0/0 Eisen
für Blutarme.

Albokarnit, ein borsäure- und kochsalzhaltiges
Fleischkonservierungsmittel. Nach dem neuen
Fleischbeschaugesetz verboten!

Albolith (Abolith) nennt man ein aus Ma-
gnesiumoxychlorid bestehendes Präparat, das
zur Herstellung eines schützenden Anstrichs auf
Mauern, Holz, Gips- und Kalkwände benutzt
wird.

Albumin (Eiweiß, lat, Albumen, frz. Albu-
mine, engl. Albumen, Albumine) findet sich in
vier verschiedenen Arten, als Eier-, Serum-,
Milch- und Pflanzenalbumin, von denen aber fast
nur die ersten beiden im Handel Vorkommen.
Das Eieralbumin wird aus Hühnereiern, sel-
tener aus Gänse- und Enteneiern gewonnen, in-
dem man möglichst frische Eier vom Dotter
trennt und durch ein feines Seidensieb streicht.
Zur Abscheidung der noch vorhandenen Dotier-
teste gibt man auf je 100 1 Eiweiß 250 g Essig-
säure und 250 g Terpentinöl unter Umrühren
hinzu, überläßt es 1 — U/jTag der Ruhe, wobei
das Terpentinöl die Dotterteile aufnimmt und
in die Höhe steigt, und zieht nun vorsichtig die
darunter befindliche klare Flüssigkeit ab, welche
zu Prima-Albumin verarbeitet wird. Aus dem
Rückstände wird durch sorgfältiges Dekantieren
ein Sekunda-Albumin erhalten. Das Verdamp-
fen und Trocknen des mit Ammoniak abge-
stumpften Eiweißes geschieht in flachen Por-
zellanschalen, bei Temperaturen unter 35-°,weil
sonst Gerinnung eintritt und infolgedessen ein
unlösliches Produkt erhalten wird. 100 Eier
liefern durchschnittlich 400 g Eiweiß, Das käuf-
liche A. stellt eine gelbliche, leicht zerreibliche,
fast geruchlose Masse dar, die schwach al-
kalisch reagiert und sich in Wasser trübe löst.
Das reine Eiweiß des D.A.B. soll nur'schwach
gelblich gefärbt sein, sich in 20 Teilen Wasser
lösen und neutrale Reaktion besitzen. Ferner
darf es kein Dextrin oder Gummi enthalten und
nicht mehr als 50/p Asche hinterlassen. Von
großer Wichtigkeit ist es, daß das A. sich voll-
ständig in Wasser löst, da es in der Industrie
nur in Lösung gebraucht wird. ,®as Serum-
albumin oder Blutalbumin erhält man aus
dem Blute geschlachteter Tiere, indem dieses
sofort in Zinkwannen aufgefangen und bis zur
Gerinnung, d. h. der -Scheidung in Blutserum

und Blutkuchen im Schlachtlokal belassen wird.
Hierauf werden die Blutkuchen in Würfel ge-
schnitten und auf Metallsieben von dem Serum
getrennt. Das freiwillig abfließende Serum ist
fast ungefärbt und liefert das beste Eiweiß. Ge-
ringere Sorten erhält man durch Ausziehen des
zurückbleibenden Blutkuchens mit Wasser. Die
Lösungen des Serumeiweißes werden dann
entweder direkt (Naturalbumin) oder nach
Behandlung mit Essigsäure und Terpentinöl
(Patentälbumin) unter denselben Vorsichts-
maßregeln wie das Hühnereiweiß eingetrocknet.
Das Bluteiweiß ist dunkler gefärbt als ersteres
und oft sogar von brauner Farbe. Um es zu
entfärben, filtriert man entweder durch Kohle
oder fällt mit Bleiessig. Auch ist Behandlung
mit Wasserstoffsuperoxyd oder schwefliger
Säure, empfohlen worden. Zur Darstellung von
1 kg Blutalbumin ist das Blut von z1/^ Rindern,
17 Kälbern oder 10 Hammeln erforderlich. Die
Wertbestimmung des A. erfolgt am besten durch
Ermittlung des Stickstoffgehaltes und Multipli-
kation mit 6,25. Verfälscht wird das käufliche
A. häufig mit Gummi, Dextrin, Tragant und
Leim. Die Versuche, A. aus Fischrogen herzu-
stellen, haben zu keinem günstigen Resultate
geführt, da dieses Produkt stark fetthaltig ist.
Der Handelswert der, als Klärmittel und in der
Färberei benutzten A. hängt von deren Löslich-
keit in Wasser und der Fähigkeit, beim Erhitzen
auf 75 0 zu gerinnen, ab, ferner von der, Eigen-
schaft, durch Gerbstoff gefällt zu werden. Das
Eiereiweiß und noch mehr das Serumeiweiß
finden in großen Mengen technische Verwer-
tung zur Klärung von Flüssigkeiten, namentlich
in den Zuckerraffinerien, zur Herstellung pho-
tographischer Papiere, mit Kalk gemischt als
Kittmittel, in der Kattundruckefei zum Be-
festigen unlöslicher Farben auf der Faser, zum
sogenannten Animalisieren in der Baumwoll-
färberei usw. In der Pharmazie wird das A. zur
Darstellung des Eisenalbumins (Liquor ferri al-
buminati) benutzt. Das Milchalbumin (Lact-
albumin) ist in geringen Mengen in der Milch
enthalten und koaguliert zwischen 72—84° C.
Das Pflanzenalbumin findet sich, wennschon
meist in sehr geringer Menge, in allen Pflan-
zensäften und entspricht in seinen Eigenschaf-
ten dem Eieralbumin.

Albuminpapiere (Photographische Pa-
piere, frz. Papiers albumineux, engl. Albumeni-
zed papers), nertnt man feine Papiere, welche
auf der einen Seite mit einem ganz gleichmäßi-
gen glatten Überzug von gereinigtem Hühner-
eiweiß (Eieralbumin) versehen und zur Aufnahme
photographischer Bilder (Positive) bestimmt sind.
Sie werden mit Zusätzen von Silbersalzen sensi-
bilisiert, lichtempfindlich gemacht, teils weiß,
teils in verschiedenen blassen Farbtönen von rosa,
bläulich, violett und grau hergestellt. Ferner wird
zwischen einfach und doppelt albuminierten
Papieren unterschieden, von denen letztere auch
Brillant-A. heißen. In der Anfertigung dieser
Papiere nimmt Deutschland unbestritten die
erste Stelle ein, und vor allem in Dresden fin-
den sich große Fabriken.

Aldehyd (lat. Aldehydum, frz. Aldehyde, engl.
Aldehyd), auch Azetaldehyd, gewöhnlicher A.,
von seinem Entdecker Liebig nach den Anfangs-
        <pb n="16" />
        ﻿Aldol

10

Alinit

silben von Alkohol und dehydrogenatus (wasser-
stoffberaubt) benannt, findet sich im Runkel-
rübenspiritus, im rohen Holzgeist und im Vor-
lauf des mit Holzkohle entfuselten Spiritus.
Im großen wird er dementsprechend bei der
Reinigung von Rohspiritus durch Holzkohle
gewonnen, wobei die in den Kohlenporen kon-
densierte Luft oxydierend auf einen Teil des
Alkohols wirkt. Dieser bei der Destillation zu-
erst übergehende Teil wird besonders aufge-
fangen (Vorlauf) und liefert bei der fraktio-
nierten Destillation den sogenannten technischen
A. Den reinen Ä. stellt man gewöhnlich durch
Oxydation des Alkohols mittels Braunsteins
oder Kaliumchromats und Schwefelsäure dar.
A., CH3.CHO, ist eine farblose, leicht be-
wegliche Flüssigkeit von erstickendem Ge-
ruch, welche bei 210 C siedet und bei o° ein
spez, Gew. von 0,8009 besitzt. Mit Wasser und
Alkohol ist A. in jedem Verhältnis mischbar,
nimmt aus der Luft leicht Sauerstoff auf und
oxydiert sich zu Essigsäure. Wie alle A. wirkt
er reduzierend und scheidet aus ammoniakal.
Silberlösung einen Silberspiegel ab. Im Handel
unterscheidet man technischen A. (venale) und
chemisch reinen A. (absolutum). Letzterer fin-
det nur zu wissenschaftlichen Zwecken Verwen-
dung. In der Farbentechnik wurde der A. früher
zur Darstellung des sog. Aldehydgrüns benutzt,
während er jetzt zur Gewinnung von Chinaldin
und Chinolingelb dient.

Aldoi, der Aldehyd der Oxybuttersäure, C3H6.
(OH)CHO, entsteht bei Behandlung von Azet-
aldehyd mit kalter Salzsäure als eine färb- und
geruchlose, dickliche Flüssigkeit, welche als
Schlafmittel Anwendung findet.

Ale (spr. Ehl) ist ein englisches obergäriges
Nationalbier, von welchem man zwei Hauptsorten
unterscheidet, nämlich bitteres A., auch India-
Ale oder Pale-Ale genannt, welches vorzugs-
weise in England konsumiert wird, und mildes
A. oder Scottish-Ale, das in Schottland vor-
gezogen wird. Zum Export, namentlich nach
heißen Ländern, eignet sich nur die erstere,
sehr stark gehopfte Sorte. Außer diesen beiden
Hauptsorten unterscheidet man noch je nach
den Orten, wo dasselbe gebraut wird, verschie-
dene Untersorten, so z. B. London-Ale, Bour-
ton-Ale, Leeds-Ale. Gutes A. hat eine blaß-
gelbe Farbe, schäumt stark und zeichnet sich
durch große Klarheit aus. Nach einer Analyse
des Dresdrier Untersuchungsamtes enthielt Pale-
Ale von Bass &amp; Co. 5,8 o/0 Alkohol, 4,64 0/0 Ex-
trakt, entsprechend 15,660/0 Stammwürze und
70,35 % Vergärungsgrad, 0,29,0/0 Mineralstoffe,
0,170/0 Milchsäure, 0,650/0 Maltose, 0,490/0 Ei-
weißstoffe, 0,130/0 Glyzerin. Ingwer-Ale von
Belfast istA.,-welches einenAuszug von Ingwer-
wurzel enthält.

Ahmanns Vegetable-Bathing Prepareds, ein

aus 30 g Paprika und 1 g Roßkastanie bestehen-
des Geheimmittel, vor welchem der Rat zu Dres-
den eine öffentliche Warnung erlassen hat.

Ahrceholz ist das Holz einer in Chile wach-
senden Konifere (Fitzroya patagonica),
deren Stämme oft eine sehr bedeutende Dicke
erreichen und wegen der schlechten Transport-
verhältnisse gewöhnlich im Walde selbst zer-
schnitten werden. Das meist ohne den weißen,

dünnen Splint in den Handel kommende rote
Kernholz ist sehr dauerhaft, zieht und wirft sich
nicht und läßt sich leicht spalten. Ausfuhrhafen
für Alercebretter ist Puerto Mont, von wo sie
nach Coquimbo, Valparaiso und Peru gelangen.
In Chile wird auch das Harz dieses Baumes
(Alerceharz) zur Bereitung von Lacken be-
nützt.

Aleuritesöl, das fette Öl der Candle- oder
Bankulnüsse, welche auf den Molukken ge-
gessen werden, wird in Japan und China als
Zusatz zu Leinöl und Firnis im großen herge-
stellt, von den Eingeborenen der Südseeinseln
zu Leuchtzwecken benutzt.

Aleuronat nennt die Firma Hundhausen ein
gelblich-weißes, pulverförmiges Nährpräparat
aus Weizenkleber, welches bei 13—140/0 Stick-
stoffgehalt ein nahezu reines Eiweiß darstellt.
A. findet als Kräftigungsmittel zur Erhöhung
des Stickstoffgehaltes der Nahrung sowie zur
Herstellung von Diabetikerbrot Anwendung.
Einige inDresden hergestellte Aleuronatbrote
enthielten 18—190/0 Stickstoffsubstanz.

Alfa (Haifa, Sparto, Espartofaser), ein
Faserstoff, der aus einer in Marokko, Tunis und
Algier in großer Menge wachsenden und auch
in Plantagen kultivierten Grasart, Stipa tena-
cissima, gewonnen wird und dort einen be-
deutenden Ausfuhrartikel bildet. A. dient in Spa-
nien, Italien und Österreich zur Korbflechterei
und als Durchzugsstroh der Virginiazigarren,
die grobe Faser zu Seilerarbeiten, Fischer-
netzen, die feine gebleichte Faser, namentlich
in England und Spanien, zur Papierherstellung.
Schon seit Jahrhunderten werden ferner aus den
festen Fasern Gebirgsschuhe (Calzei spartei)
verfertigt. Die Faser, welche nicht aus dem
Plalme, sondern aus den zylindrisch gestalteten
Blättern gewonnen wird, ist grüngelblich, glanz-
los, rauh im Anfühlen und im Vergleiche mit
den gewöhnlichen Spinnfasern steif.

Alfenid (frz. Alfenide, engl. Argentan) nennt
man Legierungen aus Kupfer, Zink und Nickel,
also eine Art Neusilber. Die nickelreicheren be-
sitzen eine sehr schöne weiße Farbe, die nickel-
ärmeren werden gewöhnlich galvanisch versil-
bert.

Algarobilla (Algarovilla), Hülsenfrüchte
mehrerer südamerikanischer Pflanzen (Inga Mar-
thae, Prosopis Algarobo, Caesalpinia melano-
carpa, Balsamocarpum brevifolium usw.), deren
kleine linsenförmige, schwärzliche Bohnen wegen
ihres hohen Gerbstoffgehaltes (bis zu8oo/0) zum
Schwarzfärben und in der Tintenfabrikation
verwandt werden. A. kommt in Säcken von
75 kg zum Verkauf.

Algiermetall, eine weißglänzende, ziemlich
leicht schmelzbare und sehr gußfähige Legie-
rung aus 94,5 0/0 Zinn, 5 °/o Kupfer und 0,5 0/0
Antimon, oder aus 7 Teilen Zinn und 1 Teil
Antimon, wird zu Tischglocken, Klingeln usw.
verarbeitet.

Algin (Alginsäure), eine eiweißähnliche, aus
Meeresalgen stammende Substanz, wird als Ap-
preturmittel und zur Herstellung photographi-
scher Papiere benutzt.

Alinit, ein graues amorphes Pulver, welches
neben Stärke und Aleuron lebensfähige Kul-
turen des Bacillus megatherium enthält und als
        <pb n="17" />
        ﻿Alizarinorange

Alizarin	11

Düngemittel empfohlen wird. Die dem Mittel
nachgerühmte Wirkung, den atmosphärischen
Stickstoff zu binden, ist von anderer Seite be-
stritten worden.

Alizarin (Krapprot, Lizarinsäure, frz. und
engl. Alizarine) heißt der Hauptfarbstoff der
früher besonders in Frankreich angebauten
Krappwurzel, von deren orientalischer Be-
zeichnung (Alizart) sein Name abgeleitet ist.
Das A. findet sich in der Wurzel nicht fertig
gebildet vor, sondern in Form eines Glykosides,
der Ruberythrinsäure, welche bei der Behand-
lung mit Säuren öder durch freiwillige Fermen-
tation in Zucker und den Farbstoff zerfällt.
E)as so erlangte Produkt enthält neben A. noch
einige verwandte Substanzen, wie Isopurpu-
rin und Flavopurpurin und wird als „grü-
nes A. bezeichnet. Seine Bedeutung für die
Industrie war in dem Augenblicke vernichtet,
als Graebe und Liebermann r868 nachwie-
sen, daß A. ein sauerstoffhaltiges Derivat des
Anthrazens sei, und ein Verfahren zur künst-
lichen Darstellung entdeckten. Das Ausgangs-
material der Fabrikation ist das Anthrachi-
non, welches aus .dem gereinigten Anthrazen
des Steinkohlenteers durch Oxydation mit
Chromsäuremischung gewonnen und durch Er-
hitzen mit rauchender Schwefelsäure in Anthra-
chinonmonosulfosäure übergeführt wird. Die
letztere liefert bei mehrtägigem Schmelzen mit
Ätznatron und etwas Kaliumchlörat bei 180 bis
200° unter Druck das Nätriumsalz des Oxy-
anthrachinons (Alizarin), C(,H,(CO J2C„H2(OH)!!,
welchem wechselnde Mengen des aus gleich-
zeitig gebildeter Disulfosäure entstandenen Iso-
und Flavopurpurins beigemischt sind. Aus der
Schmelze wird durch Salz- oder Schwefelsäure
das A. als .gelber, flockiger Niederschlag aus-
gefällt. In dieser Form, d. h. als eine feuchte,
io- bis 15 0/0 ige Paste gelangt es direkt zum Ver-
kauf, weil es durch Trocknen an Brauchbarkeit
verliert. Die Paste muß vor Frost geschützt
werden. Nach einem neueren Verfahren stellt
man das A. auch, ohne erst die Sulfosäure zu
bilden, durch direktes Verschmelzen des An-
thrachinons mit Ätzkali unter Zusatz von Oxy-
dationsmitteln her, oder man gewinnt es durch
Elektrolyse eines Gemisches von Anthrachinon
mit Ätzkali. Das chemisch reine A. ist ein ver-
schieden getöntes gelbes Pulver, welches aus
Alkohol in langen, glänzend durchsichtigen Na-
deln von dunkelgelber Farbe kristallisiert. Die
Kristalle verlieren bei ioo° ihr Kristallwasser,
schmelzen bei 2900 und sublimieren unzersetzt.
Die Substanz ist fast unlöslich in kaltem, schwer
löslich in heißem Wasser, leicht löslich in Al-
kohol, Holzgeist, Äther und Eisessig mit gelber
Farbe, in Alkalien mit blauvioletter Farbe. Sei-
ner Konstitution entsprechend, verhält sich das
A. wie eine schwache Säure. Es liefert mit
Basen Salze (Krapplacke) und wirkt sonach
als Beizenfarbstoff. Die Verbindungen mit Kalk
und Baryt sind blau, mit Alaun und Zinnsalz
rot, mit Eisenoxydul schwarzviolett und mit
Chromsalzen bordeaux bis violettbraun. Die im
Handel vorkommenden Fabrikmarken enthalten
neben Alizarin meist wechselnde Mengen Iso-
purpurin und Flavopurpurin und werden bei
überwiegendem Gehalt an letzterem Alizarin-

Gelbstich, gegenüber dem aus reinem A. be-
stehenden A.-Blaustich genannt, außerdem
aber meist noch durch Buchstabenbezeichnung
unterschieden. Vorwiegend aus Isopurpurin be-
stehen die Marken; GD, SX undRX; aus Flavo-
purpurin: Gl, RG, SDG und X; Mischungen
beider sind RN, RA und RR. Das A. findet in
Färberei und Zeugdruck ausgedehnte Anwen-
dung, und zwar für ersteren Zweck besonders
das isopurpurinhaltige (daher Alizarin für
Färberei), für letzteren mehr das flavopurpu-
rinhaltige Produkt (A. f. Druckerei). Es ge-
hört, weil auf der Faser gebunden, zu den be-
ständigsten und lichtechtesten I‘ arbstoffen und
bildet vor allem die Grundlage der Türkisch-
rotfärberei. Die Synthese des künstlichen Ali-
zarins ist das klassische Beispiel für die volks-
wirtschaftlicheBedeutung chemischer Forschung.
Sie hatte als unmittelbare Folge die Vernich-
tung der blühenden französischen Krappkultur,
welche von Napoleon III. vergeblich durch ge-
setzgeberische Maßnahmen (Rotfärbung der Mi-
litärhosen) zu bekämpfen versucht wurde, und
hat dafür eine blühende neue Industrie ins Leben
gerufen. Während im Jahre 1874 in Europa
1250 t A., davon in Deutschland 900 t fabriziert
wurden, stellt Deutschland zurzeit allein zirka
24000 t her, wovon ein großer Teil zur Ausfuhr
gelangt. Der Preis ist dementsprechend von
12 M. im Jahre 1873 auf t M. für 1 kg der
20 o/o^igen Paste herabgesunken.

Alizarinblau (frz. Bleu d’alizarine, engl. Aliza-
rine blue), das Chinolin des Alizarins, entsteht
beim Erhitzen von Nitroalizarin (A. orange) mit
Glyzerin und Schwefelsäure. Es kommt als
20 0/0 ige, in Wasser unlösliche Paste oder, in
Verbindung mit Natriumsulfit, als ein wasser-
lösliches Pulver (lösliches A. S.) in den Handel
und dient zum Färben und Drucken gebeizter
Wolle und Baumwolle. A. ist gegen Waschmittel
und die meisten Agenden sehr echt, färbt sich
aber mit Alkalien grünlich und mit Salzsäure
violett. — Alizarinblau GG ist ein Arylamin-
oxyanthrachinon (s. d.).

Alizarinbordeaux (Chinalizarin, Tetraoxy-
anthrachinon) — [CaH„(OH)2j2( CO)2 — ent-
steht aus Alizarin und rauchender Schwefelsäure,
als ein rotes, koschenilleähnlich färbendes Pulver.

Allzarin-Cyanin (Pentaoxyanthrachinon),
bronzefarbene Blättchen, welche mit Tonerde
gebeizte Stoffe blau färben.

Alizaringrün, ein Anthrazenfarbstoff (Tetra-
oxyanthrachinon), färbt mit Chrom gebeizte
Wolle echt blaugrün und dient außerdem zum
Baumwolldruck. Alizaringrün S ist die dem
Alizarinblau entsprechende Verbindung a-Nitro-
alizarin. Fälschlich wird der Name auch für
Zoerulein (s. d.) angewandt.

Allzarinmarron, Alizaringranat, A. Kardi-
nal sind verschiedene, durch Reduktion von
Nitroalizarin erhaltene Amidoa 1 iz ar ine, welche
Wolle je nach der Beize rot bzw. marron färben.

Allzarinorange (Nitroalizarin) wird darge-
stellt durch Einwirkung salpetriger Dämpfe auf
festes oder in Ligroin gelöstes Alizarin und
nachheriges Behandeln mit Pottasche. Es er-
scheint im Handel als braungelber Teig von
10—20 0/0 Trockensubstanz oder in Form des
Natriumsalzes als Pulver und bildet das Haupt-
        <pb n="18" />
        ﻿Alizarinrot

12

Alkohol

material zum Orangefarben und -drucken von
Wolle und Baumwolle. Mit Tonerdebeize ent-
steht ein Orange, mit Chrombeize ein helles
Braunrot, mit Eisenbeize ein rotes Violett. Mit
Tonerdekalkbeize wird ein besonders echtes
und lebhaftes Orangegelb erhalten.

Alizarinrot (A. Karmin, Alizarin S), das
Natriumsalz der Alizarinmonosulfosäure, z., T.
auch im Gemisch mit Flavopurpurinsulfosäure,
färbt Wolle schön undi echt rot.

Allzarinschwarz, durch Behandlung von Ni-
troflavöpurpurin mit Glyzerin und Schwefel-
säure entstehende schwarze Paste, welche mit
Chromoxyd gebeizte Wolle schwarz färbt. —
Allzarinschwarz S leitet sich von Naphtazarin
ab (s. Oxychinonfarbstoffe).

Alkalien, auch ätzende A., nennt man die
Hydroxyde der Alkalimetalle: Kalium, Natriujn,
Lithium, Rubidium, Zaesium. Auch das Ammo-
niak wird nach seinem chemischen Verhalten
zu ihnen gerechnet. Kalk, Strontian und Baryt
bezeichnet man demgegenüber als alkalische
Erden.

Alkaloide (frz. Alcaloides, engl. Alkaloids).
Sammelname für eine große Anzahl im Pflan-
zenreiche (z. T. auch imTierreiche) vorhandener
organischer Stickstoffverbindungen, welche ba-
sischen Charakter besitzen und mit einer Reihe
sogenannter Gruppenreagentien: Phosphormolyb-
dänsäure, Phosphorwolframsäure, Kaliumqueck-
silberjodid,Kaliumwismutjodid,Kaliumkadmium-
jodid, Jodjodkalium, Tannin, Pikrinsäure, Pla-
tinchlorid, Goldchlorid, Quecksilberchlorid usw.
Niederschläge liefern, im übrigen aber den ver-
schiedensten chemischen Gruppen angehören.
Neben den sauerstofffreien finden sich sauerstoff-
haltigeA. Die ersteren, wie Nikotin und Koniin,
sind flüssig und leicht flüchtig, die letzteren fest
und oft gut kristallisierbar. Fast alle Alkaloide
stellen starke Gifte und zugleich wertvolle Heil-
mittel dar. Zu ihrer Trennung benutzt man das
verschiedene Verhalten gegen Lösungsmittel.
Durch Äther werden aus saurer Lösung aufge-
nommen; Kantharidin, Kolchizin, Digitalin, Pi-
krotoxin; aus alkalischer: Nikotin, Koniin, Ako-
nitin, Atropin, Kokain, Kodein, Chinin, Delphi-
nin, Emetin, Narkotin, Hyoszyamin, Papaverin,
Physostigmin, Pilokarpin, Strychnin, Bruzin,Ve-
ratrin, Pikrotoxin, Thebain; aus ammoniakali-
scher: Apomorphin. In warmen Amylalkohol
gehen über: Morphin und Narzei'n. Mit fort-
schreitender Kenntnis der Konstitution ist es
gelungen, eine Reihe von Alkaloiden synthetisch
darzustellen. Nähere Angaben darüber finden
sich bei der Einzelbesprechung der wichtigsten
Vertreter.

Alkanna (Hennah, rote Ochsenzunge,
rote Schlangenwurzel, lat. Radix alcannae,
.Radix anchusae tinctoriae, frz. Orcanette, engl.
Orchanet), nennt man die Wurzel von Alcanna
tinctoria, einer in den Mittelmeerländern hei-
mischen Boraginee, die namentlich in Ungarn
angebaut wird. Die Wurzel ist spindelförmig,
wenig ästig, um ihre Achse gedreht, bis 25 cm
lang, 1 —1,5 cm dick und mit einer leicht ab-
blätternden, dunkelvioletten bis braunroten Rinde
bedeckt, welche der Träger des Farbstoffs ist,
während der leicht zerbrechliche Holzkörper
auf dem Querbruche nur gelblichweiß erscheint,

I

Mit dem gleichen Namen wird die ebenfalls rot-
färbende, aber größere Wurzel von Onosma
echinoides (Lotwurzel) und Emodi, die in
Frankreich gebraucht wird, sowie die Wurzel
von Lawsonia inermis belegt, die im Orient
als Hennah zum Rotfärben der Fingernägel
Anwendung findet. Deutschland bezieht seinen
Bedarf meist aus Ungarn. Anwendung: Zum
Rotfärben von Haaröl, Pomade, Spirituslack.

Alkannin (Anchusin), der rote Farbstoff der
Alkanna, in welcher er ,zu 5—6°/o enthalten ist,
wird durch Extraktion der Wurzel mit Benzol
und Abdcstillieren des Lösungsmittels gewonnen
und kommt als eine harzartige, breiförmige
Masse in den Handel. A. ist in Wasser unlös-
lich,; löst sich aber leicht in fetten und ätherischen
Ölen sowie in Alkohol mit prächtig roter Farbe,
die durch Alkali in Blau übergeht. Das reine
Alkannin besteht aus zwei verschiedenen Rot-
pigmenten, der durch Alkali grün werdenden
Anchusasäure (C15H1402) und der mit Alkali
blau werdenden Alkannasäure. Anwendung
wie Alkanna.

Alkarrazas (Kühlkrüge,Kühlflaschen) sind
poröse Gefäße aus schwach gebranntem, un-
glasiertem Ton, welche in südlichen Ländern
zum Kühlhalten von Trinkwasser dienen. Man
findet sie namentlich inÄgypten, Spanien, West-
indien und Ostindien, doch werden sie auch in
Deutschland und Frankreich hergestellt. Die
kühlende Wirkung beruht darauf, daß das durch
die Poren der Gefäß wandung gedrungene Wasser
an der Oberfläche, besonders im Luftzuge, schnell
verdunstet und dadurch Wärme bindet.

Alkohol, Äthylalkohol, Weingeist, Spiri-
tus (frz. Esprit, Eau de vie, engl. Spirit refined
alcool), eines der wichtigsten Erzeugnisse der
Großindustrie, entsteht bei der Zerlegung des
Zuckers durch Hefe (Saccharomyces) und findet
sich daher in allen vergorenen Zuckerlösungen,
aus denen er durch Destillation (s. unter Brannt-
wein) abgeschieden wird. Das wichtigste Aus-
gangsmaterial bilden neben zuckerhaltigen Fräch-
ten (Obst, Rübe, Topinambur) und Abfällen der
Zuckerindustrie (Melasse) stärkehaltige Roh-
stoffe (Getreide, Kartoffeln), deren Stärke vor-
her in Zucker umgewandelt wird. Die Versuche,
Holzzellulose in Stärke und Zucker überzufüh-
ren, haben noch keine befriedigenden Ergeb-
nisse gezeitigt, hingegen ist es anscheinend ge-
lungen, die Abwässer der Zollulosefabriken, die
sog. Sulfitlauge, die geringe Mengen Zucker
enthalten, zur Alkoholgewinnung heranzuziehen.
Bei einer Ausbeute von 1 Vol. 0/0 sollen aus der
Sulfitlauge von 550000 t Zellstoff in Deutsch-
land 200000 hl Spiritus gewonnen werden können.
Die Feldmühle Zellulosenwerke in Cosel haben
bereits eine Fabrik errichtet. In der Schweiz ist
man der Herstellung von A. aus Kalziumkarbid
(Azetylen) nähergetreten und hofft auf eine
Ausbeute von 8000 t. — Der durch Destillation
erhaltene sog. Rohsprit wird von den an-
haftenden Verunreinigungen (Aldehyde, Fuselöl,
Furfurol) durch wiederholte Rektifikation in
Kolonnenapparaten befreit und dabei gleich-
zeitig im Alkoholgehalte angereichert. Der zwi-
schen dem Vorlauf und dem Nachlauf über-
destillierende „Feinsprit“ wird je nach der
Stärke in Sekundasprit (93—940/0), Prima-
        <pb n="19" />
        ﻿Alkohole

13

Aloe

Sprit (94^-95 °/o), Feinsprit (95—97°/o) und
absoluten A. (98V0I.0/0) unterschieden. Auch
der letztere enthält noch geringe Mengen von
Wasser, von denen er nur durch Behandlung
mit gebranntem Kalk befreit werden kann. —
Der wasserfreie Äthylalkohol, CjHjOH, ist
eine farblose, leicht bewegliche Flüssigkeit vom
spez, Gew. 0,79 bei 15°, die bei 78 P siedet und
mit farbloser Flamme brennt. Er mischt sich
mit Wasser in jedem Verhältnis und ist ein aus-
gezeichnetes Lösungsmittel für Harze, ätherische
Oie und viele andere organische Stoffe. In kon-
zentrierter Form und größerer Menge wirkt er
giftig, in Verdünnungen berauschend, Mikro-
organismen (Hefen, Bakterien) tötet er ab. Zum
chemischen Nachweise kleiner A.-Mengen er-
wärmt man das Destillat mit etwas Jod und
Natronlauge, wobei der Geruch und gelbe Kri-
stalle von Jodoform auftreten, oder man prüft,
ob beim Erhitzen mit konz. Schwefelsäure und
Natriumazetat Geruch nach Essigester entsteht.
Die1 Stärke des Alkohols wird aus dem spez.
Gew. mit Hilfe von Alkoholometern bestimmt
und am besten der Tabelle von Windisch ent-
nommen. Die Angaben nach Tralles sind ver-
altet. —• A. findet in großem Maßstabe Ver-
wendung als Leucht- und Heizmittel, zur Her-
stellung von Essig, Chloroform, Äther und zahl-
reichen Chemikalien, als Lösungsmittel für Far-
ben, Harze, öle und als Branntwein (s. d.) zu
Trinkzwecken. Die deutsche. Erzeugung belief
sich im Jahre 1913 auf 4,5 Millionen Hektoliter.
— Die Stcuerverhältnisse sind unter Branntwein
besprochen.

Alkohole (frz. Alcools, engl. Spirits), Sammel-
name für eine große Gruppe organischer Ver-
bindungen, welche mit dem Weingeist in che-
mischer Hinsicht gewisse Ähnlichkeit besitzen
und sich wie dieser von Kohlenwasserstoffen
durch Eintritt von Hydroxylgruppen an Stelle
von Wasserstoffatomen ableiten. Technisch wich-
tige Alkohole sind: Äthylalkohol (Weingeist),
Methylalkohol (Holzgeist), Amylalkohol
(Fuselöl), Menthol, Glyzerin.

Alkoholfreie Getränke sind Erzeugnisse einer
neuen Industrie, welche der Mäßigkeits- und
Enthaltsamkeitsbestrebung ihren Ursprung ver-
danken und als Ersatz der geistigen Getränke
in steigenden Mengen zum Konsum gelangen.
Nach dem Ausgangsmaterial unterscheidet man
sog. alkoholfreie Weine und Biere, Getränke
aus Apfelsaft oder anderen Fruchtsäften,
Brauselimonaden und, von geringerer Be-
deutung, alkoholfreie Milchgetränke. Die
Glieder der ersten Gruppe, welche auf den Na-
men Wein und Bier streng genommen keinen
Anspruch haben, werden durch Sterilisieren von
Traubensaft oder Bierwürze oder durch Ent-
gelten von Bier und Wein hergestellt. Die
Apfelgetränke bestehen entweder aus dem Safte
Bischer Äpfel oder aus Dörrobstextrakten und
dürfen im letzteren Falle nicht als Apfe!„saft“
bezeichnet werden. Brauselimonaden sind Mi-
schungen von kohlensäurehaltigem Wasser mit
natürlichen Fruchtsäften oder auch mit künst-
hch gefärbtem und aromatisiertem Zucker-
nasser. Nachdem in der ersten Zeit zahllose
geringwertige Kunstprodukte unter hochtraben-
den und täuschenden Bezeichnungen verkauft

worden waren, kommen neuerdings verschiedene
vortreffliche Erzeugnisse aus natürlichen Frucht-
säften in den Handel. Der Alkoholgehalt soll
0,5 Vol. 0/0 nicht übersteigen.

Alkoholometer (frz. Alcoolometres, engl. Al-
koholometers) sind Senkwagen oder Aräometer
(s. d.), die zur leichten Bestimmung des Al-
koholgehaltes wäßrig-spirituöser Flüssigkeiten
(Branntwein) dienen und sofort Gewichtspro-
zente anzeigen. Bei zuckerhaltigen Flüssigkeiten
(Likören, Fruchtsäften) muß der Alkohol vor-
her abdestilliert werden. A. werden hauptsäch-
lich in Thüringen (Mellenbach, Stützerbach,
Manebach) und in Berlin fabrikmäßig herge-
stellt,

Allerheiligenholz ist die in manchen Gegen-
den gebräuchliche Bezeichnung für Bahiarotholz.

Allerleigewürz nennt man eine in manchen
Gegenden gebräuchliche Mischung verschiede-
ner gemahlener Gewürze, welche gewöhnlich
aus Piment, Pfeffer und Ingwer besteht. Häufig
wird auch bloß Piment dafür gegeben.

Allermannsharnisch (Siegwurzel, lat. Bul-
bus victorialis, frz. Racine de victoriale, engl.
Wild broad garlic), ein veralteter Artikel des
Drogenhandels, besteht entweder als „langer
A.“ aus den Zwiebeln vonAllium victorialis
oder als „runder A.“ aus den Wurzeln von
Gladiolus communis.

Alligatorleder (Krokodilleder), die gegerbte
Haut des amerikanischen Krokodils oder Alli-
gators (Kaiman, Champsa lucius), welche aus
Mexiko oder Mittelamerika nach Neuyork und
San b ranzisko auf den Markt kommt, ist bräun-
lichgelb und wird zu Sätteln, Taschen und Schu-
hen verarbeitet. Für Stiefel ist es weniger ge-
eignet, da es wegen seiner zu geringen Dicke
die Feuchtigkeit nicht genügend abhält.

Allylverbindungen enthalten die Gruppe C3H6,
welche sich in der Natur besonders im Senföl
(s.d.) vorfindet. Der Allylalkohol, CsH5.OH,
entsteht bei der Erhitzung von Glyzerin mir
Oxalsäure auf 260°.

Almandin (Alabandine, orientalischer
Granat), eine der schönsten Granatsorten, von
rubinroter Farbe, s. Granat.

Aloe (lat. Aloe, frz. Alöbs, engl. Aloe), ein
wichtiger Artikel des Drogenhandels, besteht
aus dem eingetrockneten Safte verschiedener
Arten der Aloepflanze. Nach der äußeren Be-
schaffenheit unterscheidet man im Handel die
beiden Hauptformen: Leberaloe (Aloe he-
patica) und glänzende Aloe (Aloe lucida).
Die zu letzterer gehörigen Sorten sind stark
glänzend und auf der Bruchfläche und in dünnen
Schichten durchscheinend, während die Leber-
aloesorten matt led^rfarben und undurchsichtig
sind, da die ganze Masse mit mikroskopisch
kleinen Kristallen erfüllt ist. Sämtliche Sorten
besitzen einen äußerst bitteren Geschmack und
einen eigentümlichen Geruch. Nach der Her-
kunft unterscheidet man folgende Sorten: 1.S0-
kotrin-Aloe oder türkische A, (Aloe soco-
trina) wurde früher auf der Insel Sokotra im
Golf von Aden gewonnen. Jetzt kommt jedoch
keine A. mehr von dort, sondern man belegt
mit diesem Namen teils die bei Maccula unweit
Kosseir an der arabischen Südküste, teils die
auf Zanzibar gewonnene A., welche in großen
        <pb n="20" />
        ﻿Aloefarbstoffe

14

Altheewurzel

braunroten, an den Kanten granatrot durch-
scheinenden und innen oft noch weichen Stücken
mit muschligem, glasglänzendera Bruche in den
Handel gelangt. 2. Kap-Aloe (Aloe capen-
sis), vom Kap der guten Hoffnung, der Tafel-
und Algoabay, hat eine tief braune Farbe und
ist außen grünlich bestäubt. 3. Curagao-Aloe
(Aloe curassaviCa), von der gleichnamigen In-
sel, ist außen glänzend schwarz, auf dem Bruche
dunkelbraun, undurchsichtig und kommt fast
gar nicht in unseren Handel. 4. Die Barbados-
Aloe (Aloe Barbadensis), welche in Westindien
aus verschiedenen dort kultivierten Aloesorten,
hauptsächlich aber aus Aloe vulgaris ge-
wonnen wird, gelangt von Jamaika und Barba-
dos in Kisten, an Stelle der früher üblichen Kür-
bisflaschen, zu uns. Diese beste Sorte der Lebef-
aloe ist gewöhnlich schwarzbraun und undurch-
sichtig, im Bruche uneben, wenig wachsglänzend
und riecht beim Anhauchen safranartig. — Als
geringere Sorten finden sich im Handel die
nicht glänzenden arabischen, griechischen
und B ombayaloesorten, welche als Übergangs-
formen zwischen glänzender und Leberaloe an-
zusehen sind. Echte Leberaloe zeigt in dünnen
Splittern mit Wasser befeuchtet bei starker Ver-
größerung hellgelbe prismatische Kristalle von
Aloin (s. d.), die in den glänzenden Aloesorten
fehlen. Außerdem enthält die Aloe noch Harz
und eine Spur ätherisches Öl. —• A. wird zu
medizinischen Zwecken als starkes Abführmittel,
in der Tierheilkunde innerlich und äußerlich als
Heilmittel bei eiternden Wunden, in der Technik
zur Herstellung brauner Farben für die Färberei
und als Holzbeize angewandt. Eine für medi-
zinische Zwecke nicht brauchbare, Sand und
Unreinigkeiten enthaltende Sorte, die Roßaloe
(Aloe caballina), eine schwarze, glanzlose Masse,
wird aus Blättern gewonnen, denen der größte
Teil des Saftes bereits entzogen wurde.

Aloefarbstoffe. Aus der Aloe lassen sich ver-
schiedene Farbstoffe, wie Pikrinsäure, Aloe-
tinsäure und Chrysaminsäure hersteilen.
Ein Gemenge der letzten beiden kommt als
Echtbraun in den Handel und wird zum Fär-
ben von Wolle, Baumwolle und Leder verwendet.
Diese beiden Säuren haben auch die merkwür-
dige Eigenschaft, an sich unechte Farbstoffe,
wie z. B. Orseille und Anilinfarben, lichtecht zu
machen, wozu, schon ein verhältnismäßig ge-
ringer Zusatz genügt.

Aloehanf (Agavehanf, Sisal, Tampico,
Pita, frz. Chanvre d’alofes, engl. Aloe-hemp),
eine spinnbare Faser aus den Blättern einiger in
Süd- und Mittelamerika und Ostindien heimi-
scher Arten der Agave americana, die auch
bei uns in Gewächshäusern gezogen wird. Die
Pflanze dient zunächst zur Herstellung von Ein-
zäunungen und wird nach zehnjährigem Wachs-
tum des Saftes beraubt, der ein berauschendes
Getränk, die Pülque liefert. Ist sie dadurch
zum Absterben gebracht, so werden die Blätter
zwischen Wälzen zerquetscht, die fleischigen
Teile herausgewaschen und die Fasern getrock-
net und gekämmt. Der A. ist glänzend gelblich-
weiß, von großer Festigkeit und geringem spe-
zifischen Gewicht. Er dient zur Herstellung von
Schiffstauen, welche stärker und elastischer als
Hanftaue sind und in der nordamerikanischen

Marine sowie auf belgischen Schiffen benutzt
werden. AusBelgien gelieferte Breitseile wer-
den in westfälischen Kohlen- und Bergwerken
mit Erfolg statt der Drahtseile verwendet. Außer-
dem fertigt man aus den Fasern Packtücher,
Kaffeesäcke, Teppiche, feinere und gefärbte Sei-
lerwaren. Künstlich gekräuselt dienen sie als
Polstermaterial.

Aloin (lat. Aloinum), der in der Aloe enthal-
tene Bitterstoff, der je nach der Abstammung in
Barbaolin, Nataloin, Socaloin und Kapa-
loin unterschieden wird, bildet sternförmig
gruppierte, gelbe . Kristallnadeln von anfangs
süßlichem, später intensiv bitterem Geschmack.
Es löst sich in 600 Teilen Wasser, leicht in Al-
kohol und Äther. Anwendung : als Abführmittel.

Alpaka, Bezeichnung für die auch als Argen-
tan, Alfenide, Neusilber bekannte Legierung
von Kupfer, Zink und Nickel, besonders in ver-
silbertem Zustande. Es dient zur Herstellung
von Beschlägen an Schatullen und sonstigen
geschmackvollen Kunsttischlereien sowie zu Eß-
bestecken.

Alpenkräutertee, verschieden zusammenge-
setzte Gemische trockener Drogen meist abfüh-
render Wirkung: WebersA.: Blüten vonMalve,
Schafgarbe, Pfingstrose, Arnika, Ringelblume,
Flieder, Stiefmütterchen, Blätter von Huflattich,
Nuß, Pfefferminz, Waldmeister, Majoran, Fen-
chel- und Koriandersamen, Wurzel von Althee,
Süßholz, Hauhechel, Sassafrasholz und 20 bis
25 0/0 Sennesblätter.

Alsol (Aluminium-acetico-tartaricum) wird
durch Eindampfen von essigsaurer Tonerdelösung
mit 3—40/0 Weinsäure dargestellt und alsMund-
und Gurgelwasser sowie zur Wundbehandlung
verwendet.

Altheekraut (Eibisch, Sammetpappel, lat.
Herba althaeae, frz. Feuilles d’althöe, engl.
Marsh-mallow-leaves), die getrockneten herz-
förmigen Blätter vonAlthaea officinalis,einer
zu den Malvazeen gehörigen Pflanze, sind sehr
weich, von graugrüner Farbe und auf beiden
Seiten weichfilzig behaart. Scharf getrocknet
sind sie leicht zerreiblich, fast geruchlos, von
fadem, schleimigem Geschmack und werden
leicht von Würmern zerfressen. 5 Teile frische
Blätter liefern 1 Teil getrocknete. Das A. fin-
det als schleimlösendes Mittel Anwendung.

Altheewurzel (Eibischwurzel, lat. Radix al-
thaeae, frz. Racine d’althee, engl. Marsh-mal-
low-root), die' vor dem Trocknen geschälte
Wurzel des zu den Malvazeen gehörenden
Eibischs, Althaea officinalis, bildet finger-
dicke, bis zu 20 cm lange, etwas biegsame
Stücke von fast weißer Farbe, länglichrundlicher
Oberfläche und ebenem, weißem Bruch. Auch
wird sie geschnitten in Form kleiner Würfel
(Radix althaeae concisa) sowie als grobes und
feines Pulver verkauft. Sie enthält neben etwas
Aspäragin und Stärke Pektin oder Pflanzen-
schleim. 4 Teile frische, geschälte Wurzel lie-
fern 1 Teil trockene. Im Handel unterscheidet
man bayrische, französische und belgische
Altheewurzel. Die bayrische ist weniger weiß und
markig als die französische, wird aber hinsicht-
lich ihrer Wirkung mehr geschätzt, die belgische
kommt seltener zu uns. Der Anbau erfolgt na-
mentlich in der Gegend von Schweinfurt, Bam-
        <pb n="21" />
        ﻿Aluminit

15

Aluminiumlegierungen

berg und Nürnberg. Um die Wurzel weißer er-
scheinen zu lassen, wird sie häufig gekalkt, doch
erkennt man diese Verfälschung leicht, wenn
man die Wurzel mit verdünnter Salzsäure ab-
spült und den Auszug mittels Ammoniumoxalats
auf Kalk prüft. Verwendung findet A. als schleim-
lösendes, reizmilderndes Mittel,

Aluminit, ein Mineral, besteht aus natürlicher
schwefelsaurer Tonerde.

Aluminium (lat., frz. und engl. Aluminium, in
amerikanischen Abkürzungen: Alum, Alim,
Ali um, Alm) ist ein Metall der Eisengruppe
(Al) vom Atomgewicht 27, Welches in freiem
Zustande in der Natur nicht vorkommt, in Form
von Verbindungen aber außerordentlich ver-
breitet ist und etwa 8»/o der, festen Erdrinde
ausmacht. Als Oxyd findet es sich im Korund
(Rubin und Saphir), als Hydroxyd im Diaspor,
an Fluor gebunden mit Fluornatrium zusammen
als Kryolith. Außerdem bildet es in Verbindung
mit Kieselsäure einen Bestandteil der meisten
Massengesteine, besonders der Feldspate und
ihrer Zersetzungsprodukte: Kaolin, Ton und
Lehm. — Das A. wurde von Wühler im Jahre
1827 beim Zusammenschmclzen von Aluminium-
chlorid mit metallischem Kalium entdeckt und
von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an
durch Reduktion von Aluminium-Natriumchlo-
rid mit Natrium fabrikmäßig dargestellt. Der
eigentliche Aufschwung der Aluminiumindustrie
setzt aber erst mit dem Jahre 1891 ein, in wel-
chem man zur elektrolytischen Darstellung über-
ging. Sie besteht im Grunde darin, daß man
eine Lösung von reiner Tonerde (s. d.) in ge-
schmolzenem Kryolith im Gemisch mit Fluß-
mitteln wie Kochsalz, Flußspat oder Fluor-
aluminium der Einwirkung eines elektrischen
Stromes von mindestens 4000, meist 10000 Am-
pere aussetzt, wobei sich das geschmolzene Me-
tall an der Kathode, d. h.' dem Boden des mit
Kohle gefütterten Eisenkastens, ausscheidet. An
Stelle des Kryoliths benutzt man neuerdings
auch ein Gemisch von Fluoraluminium mit
Schwefelnatrium. An Stelle des zur Herstellung
der reinen Tonerde früher ausschließlich heran-
gezogenen französischen Bauxits (s, d.) be-
dient man sich seit dem Kriege mit Erfolg des
gewöhnlichen Tons. — Die elektrolytische Dar-
stellung, welche .zur Erlangung der erforder-
lichen billigen Energie an bestimmte Orte mit
ausreichenden Wasserkräften (Neuhausen am
Rheinfall, Forge, Niagara) gebunden ist, hat eine
ungeheure Vermehrung der Produktion ver-
ursacht. Die erzeugte Aluminiummenge hat sich
von 13 t im Jahre 1885 auf 68200 t im Jahre 1913
erhöht, von denen 18000 t auf Nordamerika und
12000 t auf Deutschland entfallen. Die Einfuhr
nach Deutschland im Jahre 1913 betrug rund
•5000 t, davon 6000 t aus der Schweiz. Gleich-
zeitig ist der Preis, der im Jahre 1886 100 M.
Pro 1 kg betrug, auf 27,60 M. im Jahre 1890,
12 M. im Jahre 1891 und 1,30—1,60 M. im Jahre
•9*3 gesunken. Verbraucht wurden 1912 in
Nordamerika 28000 t, in Frankreich 6000 t, in
England 4000 t und in Deutschland, Österreich
und Rußland zusammen 22500 t. Irankieich
und die Schweiz führen Aluminium aus, wäh-
lend in Deutschland die Einfuhr überwiegt.
as A., welches in der Regel etwas Silizium

und Eisen sowie Spuren von Kohlenstoff, Na-
trium, Kupfer, Stickstoff und anderen Verunreini-
gungen enthält, kann durch eine geeignete elek-
trolytische Behandlung mit Hilfe von Elektro-
lyten, welche aus einem Gemische von Fluoriden
des Aluminiums und eines stärker positiven Me-
talls bestehen, rein dargestellt werden und zeigt
dann einen Schmelzpunkt von 660°. Das spez.
Gew. des gegossenen A. beträgt 2,69, dasjenige
des gehärpmerten 2,68, und dasjenige des A.-
Drahtes 2,70; also etwa 1/s von dem spez. Gew.
des Eisens. In bezug auf die Härte steht es
dem Kupfer nach, übertrifft aber Zinn und Zink
und kann überdies durch geringe Zusätze anderer
Metalle, sowie von Phosphor, gehärtet werden.
Wegen seiner großen Dehnbarkeit läßt es sich
zu Blech und Draht ausziehen und zu dünnen
Folien (Blattalurainium) schlagen. Das Alu-
minium besitzt starken weißen Glanz mit bläu-
lichem Ton und kann sowohl poliert als auch
mit Hilfe von Chemikalien oder des Sandstrahl-
gebläses mattiert werden. Das polierte Metall
bleibt an trockener Luft glänzend, verliert aber
an feuchter Luft, infolge oberflächlicher Oxyda-
tion, an Aussehen. Zum Löten sjnd verschiedene
phosphorhaltige Mischungen empfohlen wor-
den, z. B. aus 1 Teil Aluminium, 29 Teilen Zinn,
11 Teilen Zink und 1 Teil Phosphor, die sich
aber nicht besonders bewährt haben. Zum
Schweißen eignet sich am besten das autogene
Verfahren unter Verwendung, von AlkaliChlorid-
lösung zum Luftabschluß. —• Das A. dient zur
Herstellung mannigfaltiger Gebrauchsgegen-
stände, wenngleich sich nicht alle Versuche in
der Praxis bewährt haben. So eignet es sich
nur wenig zur Herstellung von chemischen La-
boratoriumsgerätschaften und von solchen Koch-
geschirren, in denen saure Speisen zubereitet
wenjen. Sehr brauchbar ist es hingegen für Ge-
räte, in denen lediglich Wasser oder Gemüse
gekocht werden soll, ferner für Backpfannen
und Brattiegel sowie zum Transport von Öl, da
es von Öl auch in der Hitze nicht angegriffen
wird. Früchte mit natürlicher Färbung (Him-
beeren, Kirschen), welche beim Kochen inZinn-
.geschirren unansehnlich werden, verändern in
A. ihre Farbe nicht. Das Metall findet weiter
Verwendung zu Schmuckgegenständen, zu In-
strumenten verschiedener Art (Kanülen, Fern-
rohre, Telegraphen- und Telephonapparate), zum
Ersatz von Lithographiesteinen und überall da,
wo Leichtigkeit des Apparates von Bedeutung
ist (Feldflaschen, Feldkessel, Teile von lenkbaren
Luftschiffen, Automobilen, Bote, welche über
Land zu tragen sind, Kisten und Kasten). Im
Verlaufe des Krieges ist es auch in steigendem
Maße zur Herstellung von Zündern, Maschinen-
teilen, Apparaten der chemischen Industrie (Al-
kohol-, Harz-, Fett-, Konservenindustrie) ver-
arbeitet worden. — Eine große Rolle spielt das
A. endlich in der Flußeisengewinnung, wo es
die Blasenbildung verhindert, und im Mitos-
guß. Das zur Schweißung benutzte Gemisch
mit Eisenoxyd wird unter Thermit (s. d.) be-
sprochen.

Aluminiumlegierungen weisen gewisse Vor-
züge vor dein reinen Metall auf und werden
daher in wachsender Zahl und Menge herge-
stellt. Aluminiumbronze auspo—95 0/0 Kupfer
        <pb n="22" />
        ﻿Aluminiumverbindung'en

16

Ambra

und 5—io o/o Aluminium dient zur Herstellung
von Maschinenteilen, Schiffsbeschlägen und
dergleichen; eine kupferarme A.-Bronze aus
94—97 o/o Aluminium und 3—6 0/0 Kupfer für
Küchengerätschaften. Aluminiummessing aus
58—700/0 Kupfer, 27—40 0/0 Zink und 0,3—40/0
Aluminium findet bei der Herstellung von feinen
Maschinenteilen auf Kriegsschiffen Verwendung.
Magnalium, eine Legierung mit Magnesium,
Partinium, eine solche mit Mg und Kupfer
können das Kupfer für elektrische Leitungen
ersetzen. Ziskon und Alzen sind Legierungen
von A. und Zink, Zinnalium und Zinkalium
enthalten daneben noch Magnesium. Sie finden
beim Automobilbau Verwendung. Metallin und
Sonnenbronze sind Kobaltlegierungen, Drit-
telsilber ist ein silberhaltiges Aluminium.

Aluminiumverbindungen. Von der großen Zahl
seien nachstehend nur einige dfer technisch wich-
tigsten Salze angeführt: Aluminiumazetat,
basisch essigsaure Tonerde, entsteht durch Be-
handlung von frisch gefällter Tonerde mit Essig-
säure oder von schwefelsaurer Tonerde mit Kal-
zium- oder Bleiazetat. In Form ihrer wäßrigen
Lösung wird sie als Beize für Färberei und
Druckerei, zum Wasserdichtmachen von Ge-
weben und für medizinische Zwecke angewandt.
Aluminiumchlorid, A1C1S, (A. chloratum,
Chloraluminium), durch Glühen von Tonerde
und Kohle im Chlorstrome oder durch Behand-
lung von gefällter Tonerde mit Salzsäure er-
halten, dient in wäßriger Lösung als Chlor-
alium oder Chloralum zum Karbonisierender
'Wolle. Aluminiumnitrat (Salpetersaure Ton-
erde), A1(N03)8, entsteht durch Behandlung von.
Tonerde mit Salpetersäure und findet als Beize
in der Färberei und Druckerei Anwendung. Alu-
miniumoxalat aus Aluminiumhydroxyd und
Oxalsäure ist ebenfalls eine Kattunbeize. Alu-
miniumrhodanid (A. rhodanatum) wird aus
schwefelsaurer Tonerde und Barium- oder Kal-
ziumrhodanid dargestellt. Die wäßrige Lösung
kommt als Beize für Färberei und Zeugdruck
in den Handel. Aluminiumsulfat stellt man
im großen durch Auflösen von Kryolithabfällen
oder von Tonerde in Schwefelsäure und nach-
folgende Kristallisation her. Das Salz kommt
als ein weißes Pulver zum Verkauf und wird
als Ersatz des Alauns in dfer Färberei und
Druckerei, in der Papierfabrikation sowie zur
Darstellung von essigsaurer Tonerde benutzt.

Alumnol (ß-Naphtoldisulfosaures Alumi-
nium) ist ein weißliches Pulver, welches1 in
Wasser leicht, in Alkohol schwer und in Äther
gar nicht löslich ist. Es löst sich auch in Gly-
zerin und findet als antiseptisches und zusam-
menziehendes Mittel gegen Tripper, ferner in
der Wundbehandlung, der Gynäkologie, zu Spü-
lungen, z. B. als Mundwasser, und als Antisepti-
kum medizinische Anwendung.

Alundum, aus Bauxit hergestellte geschmol-
zene Tonerde, findet wegen ihrer großen Härte
als Schleifmittel sowie zur Herstellung von
Schmelztiegeln Anwendung.

Alunit (Alaunstein, Alaunspat, Alaun-
fels, frz. Alumine sous-sulfat6e alcaline, engl.
Alumstone), ein aus Kaliumaluminiumsulfat be-
stehendes Mineral, welches zur Herstellung des

Alauns benutzt wird. Fundorte; Tolfa bei Civi- :l
tavecchia, Pic de Sancy in Frankreich, Inseln
Milo und Argentiera im griechischen Archipel, ;
Beregszäsz und Parad in Ungarn sowie im
Quarzsand bei Wurzen.

Alveloz, ein Balsam aus dem Milchsaft einer 1
brasilianischen Euphorbiazee, der von Per-
hambuko als ein gelblichweißer Sirup in zylin-
drischen Gläschen von 30—40 g in den Handel
gebracht wird, wirkt hautreizend und soll zur j
Behandlung krebsartiger Geschwüre angewandt
werden.

Amalgam (Quickbrei) nennt man jede Ver-
bindung eines Metalls mit Quecksilber. Die A. I
bilden keinen besonderen Handelsartikel, son- j
dem werden für den augenblicklichen Gebrauch
hergestellt, z. B. Zinnamalgam zum Spiegel- j
belag, Goldamalgam bei der Feuervergol- ;
düng, Kupferamalgam gemischt mit Gold oder (
Silber zu Zahnplomben, Natriumamalgam in
chemischen Laboratorien.

Amarantholz (Purpurholz, Luftholz, Vio-
lettholz, lat. Lignum purpurinum, frz. Bois
pourpre, engl. Purpled heart), das Holz einer
südamerikanischen Zäsalpinee, Copaifera
bracteata, besitzt einen dichten, schweren Kern
von pfirsichblutroter bis tiefschwarzer Farbe, j
während der Splint heller ist. Man erkennt es i
leicht daran, daß es an siedendes Wasser keinen 1
Farbstoff abgibt, zum Unterschiede von Blau- j
holz, und mit Salmiakgeist befeuchtet schmutzig
grün wird. Das A. landet in der feinen Kunst-
tischlerei Verwendung.

Amazonenstein, ein Halbedelstein vc 1 der
Flärte 6, wird zu Ringsteinen und eingelegten
Arbeiten verwendet. Er ist eine hellgrün ge-
färbte Abart des Orthoklases (Feldspats) und
wird am Amäzonenstrome und im Ural ge- |
funden.

Ambra (Amber, Graue Ambra, lat. / mbra i
grisea, frz. Ambre gris, engl. Amber gris) nennt ’
man eine hauptsächlich von Surinam, Madagas-
kar und Java über England und Holland in den
Handel kommende Substanz, welche in Stücken
von 90 kg, auf dem Meere schwimmend, ange-
troffen wird und aus verhärteten Fäkalien, nicht
aber, wie man früher annahm, aus Gallen- und
Darmsteinen des Pottwals (Physeter macroce-
phalus) besteht. Sie bildet eine graubraune,
innen weißlich marmorierte, undurchsichtige
Masse von moschusartigem Geruch, welche bei' !
gewöhnlicher Temperatur brüchig ist, aber beim
Drücken mit den Händen weich wird und bei
etwa 1000 schmilzt. Das spez. Gew. beträgt 0,91
bis 0,92. Ihr Hauptbestandteil ist neben 13 0/0
eines flüchtigen Öles (Ambraöl) und etwas Ben-
zoesäure eine cholesterinähnliche Substanz, das
Ambrafett oder Ambrain, von der Formel
C60H48O2. Als Zeichen der Echtheit der wegen
ihres hohen Preises (i kg = 4—4500 M.) oft
verfälschten Ambra betrachtet man das Vor-
handensein von Sepiaschnäbeln und Tintenfisch-
resten. Zur Aufbewahrung sind gut verschlossene ■
Blech- oder Glasbüchsen zu benutzen. Die al-
koholische Tinktur (Ambraessenz, Ambra-
tinktur) wird als Zusatz zu verschiedenen Par-
fümerien benutzt und ist besonders in Frank-
reich beliebt. Da sie durch das Alter gewinnt,
soll man nur mindestens ein Jahr alte verwen-
        <pb n="23" />
        ﻿Ambroid

17

Amethyst

den. Durch Zusatz von etwas Kaliumkarbonat
wird der Geruch verstärkt.

Ambroid heißt ein durch Zusammenschmel-
zen und Pressen aus Bernsteinabfällen herge-
stelltes Ersatzmittel.

Ambroin, Gemisch von 85 g Antifebrin mit
15 g Kumarin. Mit dem gleichen Namen be-
zeichnet man auch einen aus Kopal und Pflan-
zenfasern, Asbest oder Glimmer hergestellten
Ersatz für Zelluloid und Hartgummi.

Ameissnäther, HCO.O.C2H8, (Ameisen-
säureäther, Ameisensäureäthyläther,
ameisensaures Äthyloxyd, Ameisen-
vinester, lat. Aether formicicus, frz. Formiate
d’ethyle oder Ether formique, engl. Formiate of
ethyl), ist eine wasserhelle, farblose, sehr flüch-
tige und leicht entzündliche Flüss gkeit von an-
genehmem, starkem, arrakähnlichem Geruch,
welche sich mit Alkohol in jedem Verhältnisse
mischt, sich in 9 Teilen Wasser löst und bei 540 j
siedet. Das spez. Gew. beträgt 0,918. Der A.
des Handels ist in der Regel durch etwas Wasser
und Alkohol verunreinigt und löst sich dann,
ohne etwas abzuscheiden, in jedem Verhältnis
in Wasser. Zur Darstellung der A. destilliert
man Stärke oder Stärkezucker mit Braunstein,
Spiritus und Schwefelsäure, neutralisiert das De-
stillat mit Kreide und destilliert nochmals, wo-
bei die zuerst übergehenden Anteile gesondert
aufgefangen werden. Chemisch reinen A. erhält
man durch Erhitzen von gleichen Teilen Gly-
zerin und wasserfreier Oxalsäure mit 1/2 Teil
960/oigem Alkohol. Verwendung findet der A.
zur Darstellung von künstlichem Rum, Arrak
und Kognak.

Ameisenamyläther (Ameisensäurea myl-
äther, Ameisenamylester, ameisensaures
Amyloxyd, lat. Amyloxydum formicicum, frz.
Formiate d’amyle, engl. Formiate of amyl).
Die farblose, sehr bewegliche Flüssigkeit vom
spez. Gew. 0,878 siedet bei 1230 C und besitzt
nur in sehr verdünntem Zustande einen ange-
nehmen Fruchtgeruch, riecht hingegen im kon-
zentrierten wanzenartig. In Spiritus ist der A.
leicht, in Wasser nur sehr wenig löslich. Er
wird aus Glyzerin, Oxalsäure und Fuselöl her-
gestellt und bei der Bereitung von Fruchtäthern
verwendet.

Ameiseneier (lat. Ova formicarum, frz. Four-
mis en chrysalide, engl. Ant-eggs). Die unter
diesem Namen als Vogelfutter in den Handel
kommende Ware besteht nicht aus den Eiern,
sondern den Puppen oder Larven von Ameisen,
namentlich der roten Waldameise (Formica
rufa). Sie werden in Nadelwäldern vom Mai
bis September gesammelt und durch schwaches
Erhitzen gedarrt. Hauptbezugsorte sind Lübeck,
Nürnberg, Petersburg.

Ameisensäure (Formylsäure, lat. Acidum
formicicum, frz. Acide formique, engl. Formic
acid), eine starke organische Säure von der
Eormel H. COOH, ist im Tierreiche (Ameisen,
Prozessionsraupe) und im Pflanzenreiche (Brenn-
nesseln, Tamarix) ziemlich verbreitet und wurde
früher meist in den Apotheken durch Destilla-
hon von Ameisen mit Wasser oder verdünntem
Alkohol dargestellt. Die im letzteren Falle er-
haltene verdünnte alkoholische A. führt den Na-
'hnn Ameisenspiritus (Spiritus formica-

W e r c k 3 Warenlexikon.

rum). Zurzeit gewinnt man die Säure meist auf
künstlichem Wege. Nach dem ältesten Verfah-
ren werden organische Stoffe wie Stärke, Zucker,
Weinsäure mit Braunstein und verdünnter Schwe-
felsäure erhitzt. Vorteilhafter ist die Darstellung
aus einem Gemische von krist. Oxalsäure und
wasserfreiem Glyzerin, aus welchem beim Er-
hitzen die A. abdestilliert, oder durch Einwir-
kung von Kohlenoxyd auf Ätzalkalien. Nach
dem letzteren Verfahren, welches die anderen
voraussichtlich verdrängen wird, entstehen zu-
nächst ameisensaure Salze, Formiate, z.B.
Natriumformiat, aus welchen die A. durch De-
stillation mit Schwefelsäure in konzentrierter
Form abgeschieden wird. Um aus der nach den
anderen Methoden erhaltenen verdünnten Lö-
sung eine stärkere A. abzuscheiden, muß man
sie zunächst an Basen (Kalk, Blei) binden und
letztere durch Schwefelsäure oder Schwefel-
wasserstoff zerlegen. — Die reine wasserfreie
A. (Ameisensäurehydrat) ist eine farblose
Flüssigkeit von stechend saurem Geruch, welche
auf die Haut ätzend und blasenziehend wirkt
und noch in großer Verdünnung stark sauer
schmeckt. Sie wird bei — 10 fest, siedet bei
ioo° und ist unzersetzt flüchtig. Das spezifische
Gewicht beträgt 1,226. Mit Wasser und Alkohol
mischt sie sich in allen Verhältnissen. Zum
Nachweise der A., insbesondere zur Unterschei-
dung von der ähnlichen Essigsäure, erhitzt man
die verdünnte Lösung mit etwas Quecksilberoxyd
oder mit Silbernitratlösung, wobei sich unter
Kohlensäureentwicklung metallisches Quecksil-
ber bzw. ein Silberspiegel ausscheidet. Neben der
seltener benutzten konzentrierten finden sich im
Handel noch zwei verdünntere Säuren, eine vom
spez. Gew. 1,120 mit 50 0/0 und eine vom spez
Gew. 1,06, die sog. offizmelle Säure, mit 25 o/„
A., welche für die meisten Zwecke ausreichen.
— Die A. ist ein wichtiges Reagens der che-
mischen Laboratorien und dient außerdem zur
Herstellung von A-Spiritus.

Amenyl, ein Derivat des Hydrastins (Methyi-
hydrastimid-Chlorhydrat) wird durch Behand-
lung von Hydrastin-Jodmethylat mit Ammoniak
und nachfolgendes Erwärmen mit Salzsäure in
Form schwach gelber, in warmem Wasser lös-
licher Nadeln vom Schmelzpunkt 2270 darge-
stellt. Es findet zur Behebung von Störungen
der Monatsblutung medizinische Anwendung.

Amethyst (frz. Amethyste, engl. Amethyst) ist
eine durch Spuren Mangan oder Eisen violett
bis blau gefärbte Abart des Bergkristalls (s.
d.), welche bisweilen auch haarförmige Kristalle
von Strahlstein oder Rutil eingeschlossen ent-
hält und dann als Häaramethyst bezeichnet
wird. Die schönsten und größten A. finden sich
in Argentinien, weitere Fundorte sind Sibirien,
Zeylon, Ostindien, Spanien, Tirol, Ungarn, Sach-
sen und Schlesien. Der zu den Halbedelsteinen
gerechnete A. wird zu Schmucksteinen geschlif-
fen, welche bei der Fassung zur Erhöhung ihrer
Farbe meist eine Unterlage von Metallfolie er-
halten. Zur Unterscheidung von Nachahmungen
aus Glasflüssen ist die größere Härte (7) aus-
reichend. — Unter dem Namen orientalischer
A. ist ein violetter Saphir (s. d.) bekannt, der
höheren Glanz und höhere Härte als Quarz be-
sitzt.
        <pb n="24" />
        ﻿Amidol

18

Ammoniakgummi

Amidol, das schwefelsaure oder salzsaure Salz
des Diamidophenols, wird als photographischer
Entwickler angewandt.

Ammonal (Phenalgin), ein Gemisch von Anli-
f ehr in. Doppeltkohlensaurem Natrium und Am-
monium, welches als Fiebermittel benutzt wird.
Neuerdings ist auch ein aus 95 °/o Ammoniak-
salpeter und 50/0 Aluminiumpulver bestehender
Sicherheitssprengstoff mit diesem Namen belegt
worden.

Ammoniak, die bekannteste Verbindung des
Stickstoffs mit Wasserstoff, NHS, welche 3 Atome
Wasserstoff (17,6%) auf 1 Atom Stickstoff (82,40/0)
enthält, findet sich als Fäulnisprodukt organi-
scher 'Stickstoffverbindungen spurenweise, aber
weit verbreitet in der Atmosphäre, in den oberen
Bodenschichten und in den Wasserläufen. Es
entsteht aus seinen Elementen beim Durch-
schlagen des elektrischen Funkens durch ein
Gemisch von Wasserstoff und Stickstoff. Zur
technischen Gewinnung des A. ging man früher
von stickstoffhaltigen organischen Stoffen, wie
Kamelmist oder fauligem Urin, aus, welche man
der trocknen Destillation unterwarf. Heut-
zutage wird die Hauptmenge als Nebenprodukt
der Gasanstalten gewonnen und sammelt sich
ip dem vorgelegten Waschwasser (Gaswasser)
au. Geringere Mengen erhält man aus den
Hochofengasen, ferner den Destillationsproduk-
ten bei der Steinkohlenverkokung, aus der Rü-
benmelasse und Schlempe sowie durch trockne
Destillation von Torf, Moorerde, Seeschlick
und andern, an organischen Stoffen reichen
Schlammassen. Von größter Bedeutung sind die
Versuche zur direkten Verwertung des atmo-
sphärischen Stickstoffs, die kurz vor dem Kriege
zu der glänzenden Synthese von Haber ge-
führt haben. Durch Erhitzen von 1 Volum Stick-
stoff und 3 Volum Wasserstoff bei 5000 und
einem Druck von 500 Atmosphären bei Gegen-
wart von Uransalzen oder ähnlichen Katalysa-
toren in Stahlzylindern wird Ammoniak herge-
stellt, und zwar in Mengen von Hunderttausen-
den von Tonnen, die Deutschland voraussicht-
lich von der Einfuhr des Chilesalpeters unab-
hängig machen werden. Große Mengen von
Ammoniak werden weiter nach dem Kalk-
stickstoffverfahren (s. d.) sowie aus Ni-
triden hergestellt, die bei Behandlung mit Wasser
A. abspalten. Äluminiumnitrid entsteht bei
der Erhitzung eines Tonerdekohlengemisches in
Stickstoff auf 1600—17000. Die deutsche Er-
zeugung von Ammoniumsulfat, die 1913 auf
550000 t geschätzt wurde (Verbrauch 460000 t),
wird nach dem Kriege eine beträchtliche Zu-
nahme erfahren. — Das reine A. ist ein farb-
loses, höchst stechend riechendes und zu Tränen
reizendes Gas, welches bei einem Drucke von
6,5 Atmosphären bei 100 oder einfach bei Ab-
kühlung auf —400 flüssig Wird. Dieses ver-
flüssigte A. kommt in verschraubten, schmiede-
eisernen, zylindrischen Flaschen zum Verkehr
und dient zur Erzeugung niedriger Tempera-
turen in Eismaschinen und Kühlräumen. Die
Hauptmenge des A. wird in Form seiner wäß-
rigen Lösung benutzt. Wasser nimmt das Am-
moniakgas mit großer Begierde auf und ver-
schluckt bei 20° das 74ofache, bei 0° sogar das
I i sofache seines Volums A., doch findet hierbei

nicht allein eine mechanische Lösung, sondern
gleichzeitig eine chemische Verbindung statt.
Die entstehende Flüssigkeit, der Salmiakgeist
(lat. Liquor ammonii caustici, frz. Ammoniaque
caustique oder liquide, engl. Spirit of ammoniak
salt) wird daher als die Lösung eines Hydroxy-
des, des Ammoniumhydroxydes, NH4. OH, auf-
gefaßt, welche sich den Alkalihydroxyden, Kali
und Natron, in chemischer Hinsicht völlig iden-
tisch verhält und wie diese mit Säuren Salze
(s. Ammoniaksalze) bildet. Auf diese Eigenschaft
deuten Bezeichnungen wie Ätzammoniak,
Ammoniumoxydhydrat und kaustischesA.
Zum Unterschied von den sog. fixen Alkalien,
Kali und Natron, wird es wohl auch flüchti-
ges A. genannt. Um aus dem Gaswasser, wel-
ches im Grunde genommen bereits einen rohen
Salmiakgeist darstellt, reinere Produkte zu
gewinnen, bindet man das A. an Säuren, indem
man es z. B. mit Schwefelsäure eindampft, setzt
es später durch Erhitzen mit den stärkeren Ba-
sen, Natron oder auch Kalk in Freiheit und
fängt es wieder in Wasser, auf. Nach dem Rein-
heitsgrade unterscheidet man rohen Salmiak-
geist (Liquor ammonii caustici crudus), eine
gelbliche, brenzlich riechende Flüssigkeit für
technische Verwendung, und reinen S. (purissi-
mus) für Arzneizwecke und chemische Laborato-
rien, der farblos sein muß und nach dem Neu-
tralisieren mit Säuren keinen Geruch mehr zei-
gen darf. Der A.-Gehalt der Lösungen wird
meist mit Hilfe von Aräometern bestimmt. Bei
den gangbarsten Handelssorten entspricht das
spez. Gew. 0,960 einem Gehalte von 10 0/0 A.,
0,925 einem solchen von 20 0/0, 0,940 von 250/0
und 0,890 von 32 0/0. Die stärkste Sorte wird nur
für Kühlmaschinen benutzt und in Eisentrom-
meln, die anderen werden in Gläsballonen ver-
sandt. Salmiakgeist muß an kühlen Orten und
gut verschlossen aufbewahrt werden, da er sonst
verdunstet und überdies Kohlensäure anzieht.
A. findet in der Medizin innerlich in sehr star-
ker Verdünnung (konz, A. wirkt tödlich) zur
Vermehrung der Schweißsekretion und der Ex-
pektoration, äußerlich als Reizmittel zu Einrei-
bungen gegen Insektenstiche und als Riech-
mittel (Totenwecker) Anwendung. Die Tech-
nik benutzt es in der Färberei, Kattundruckerei,
zur Bereitung von Orseille und Aramoniumsai-
zen. Ein mit Ammoniakgas gesättigter Alkohol.
Alkoholisches Ammoniak (lat. Liquor am-
monii spirituosus Dzondii, frz. Solution al-
coolique d’ammoniaque, engl. Spirit of Am-
monia) wird zu Einreibungen verordnet.

Ammoniakgummi (Ammonisches Gummi,
Oschakgummi, Armenisches Gummi, lat.
Gummi ammoniacum, Resina aramoniacum, frz.
Gomme, Resine ammonique, engl. Ammoniac),
ein Gummiharz, besteht aus dem eingetrockne-
ten Milchsäfte einer in Persien und der Tartarei
wachsenden Doldenpflanzc, Dorema Ammo-
niacum. Die Ware wird fast ausschließlich über
Bombay ausgeführt, wo man sie in zwei ver-
schiedene Qualitäten, in A. in Körnern oder
Tränen (Ammoniacum in granis) und in A. in
größeren Stücken (Ammoniacum in massis),
sortiert. Die Körner sind grauweiß, die Klum-
pen braun, mit weißlichen oder gelblichen Stel-
len, an den Rändern durchscheinend, auf dem
        <pb n="25" />
        ﻿Ammoniaksalze

19

Amorces

Bruche fettglänzend. A. besitzt einen starken,
nicht angenehmen Geruch, erweicht in der Hand
und gibt mit Wasser zerrieben eine weiße Emul-
sion, welche sich auf Zusatz von Natronlauge
zunächst gelb und dann braun färbt. Zur Unter-
scheidung von den ähnlichen Harzen Gälbanum
und Asa foetida können folgende Reaktionen
herangezogen werden; Beim Befeuchten mit
Atzkali oder Chlorkalklösung wird A. gelb, mit
Natriumhypochlorit violettrot. In konzentrierter
Schwefelsäure gibt es beim Erwärmen eine blut-
rote Lösung, welche nach dem Verdünnen auf
Zusatz von Kalilauge nicht fluoresziert. Beim
Erhitzen mit der dreifachen Menge Salzsäure auf
6o° darf sich die Flüssigkeit nicht fäfben und
das Filtrat darf nach dem Übersättigen mit Am-
moniak keine blaue Fluoreszenz zeigen. Die
wäßrige Auskochung wird auf Zusatz von Eisen-
chlorid tiefrot. Beim Schmelzen mit Kali ent-
steht das an der Fluoreszeinreaktion leicht kennt-
liche Resorzin (s. d.). — A. enthält neben 60
bis 7oo/0 eines in alkalischem Alkohol löslichen
geschmacklosen Harzes von rötlicher Farbe etwa
20—250/0 Gummi, 1—20/1 eines schwefelsauren
ätherischen Öls und Spuren Salizylsäure. , Die
Säurezahl beträgt 100—200, die Verseifungs-
zahl 145.—162, der Trockenverlust bei 1000 2,5
bis i2 0/o. Der Gehalt an Asche soll xoo/0 nicht
übersteigen. — Das A. wird in Form von Emul-
sionen gegen Lungen- und Halsleiden verordnet
und als Bestandteil von Pflastern und Salben
zum Zerteilen und Reifen von Geschwüren an-
gewandt. Zur Herstellung des hierfür erforder-
lichen Pulvers muß das Harz vorher längere
Zeit über Kalk entwässert oder durch Gefrieren
spröde gemacht werden. Es gelangt aber viel-
fach schon als Pulver in den Handel und ist
dann, vor Feuchtigkeit geschützt, über Kalk
aufzubewahren.

Ammoniaksalze (Ammoniumsalze) nennt
man die Verbindungen des Ammoniaks mit
Säuren. Sie reagieren, mit Ausnahme des koh-
lensauren A., neutral. Ammoniumazetat
(Essig sau res Ammonium, lat. Ammonium
uceticum, frz. Acetate ammonique, engl. Am-
monium Acetate) entsteht beim Einleiten von
Ammoniakgas in Essigsäure als ein weißes Kri-
slallpulver, welches in Form seiner wäßrigen
Lösung als Liquor Ammonii acetici (frz.
Solution d’aeetate ammonique, engl. Solution of
Ammonium Acetate) medizinische Anwendung
findet. — Ammoniumbromid (lat. Ammo-
nium bromatum, frz. Bromure ammonique, engl.
Bromide of Ammonium) wird durch Behand-
lung von Ammoniak mit Brom gewonnen und
dient zum Ersatz des Bromkaliums sowie zur
Herstellung von brausendem Bromsalz. —
Ammoniumchlorid, Salmiak (s. d.). —
Ammoniumfluorid (Fluorammonium,
*at- Ammonium fluoratum, frz. Fluorure am-
nronique, engl. Ammonium Fluoride) entsteht
durch Sublimation von Chlorammonium mit
1' kiornatrium als ein weißes Kristallpulver,

-khes Glas angreift und daher in Gutta-
perchaflaschen aufbewahrt werden muß. Es
,’udet Anwendung zum Glasätzcn, zur Vcr-
,'utung von Butter- und Milchsäuregärung in der
.’.rennerei, und in beschränktem Maße für me-
d'zmischc Zwecke. Ammoniumkarbonat

bildet als ir/2fach saures Salz das sog. Hirsch-
hornsalz (lat. Ammonium carbonicum, Sal Al-
cali volatile, frz. Carbohate ammonique, engl.
Ammonium Carbonate) des Handels, das zu me-
dizinischen und technischen Zwecken, u. a. als
Backpulver, benutzt wird. Früher hauptsächlich
durch trockene Destillation tierischer Reste ge-
wonnen, wird es jetzt meist durch Sublimation
eines nicht ganz trockenen Gemisches von
schwefelsaurem Ammoniak, Kreide und Kohle
dargestellt. Es riecht stark nach Ammoniak. -
Ammoniumnitrat (Salpetersaures Am-
mon, Ammoniaksalpeter, lat. Ammo-
nium nitricum, frz. Nitrate ammonique, engl.
Ammonium Nitrate), aus Ammoniak und Sal-
petersäure, findet Anwendung zur F üllung von
Eismaschinen als Bestandteil von Kältemischun-
gen, ferner zur Herstellung von Lachgas (Stick-
oxydul) und in der Sprengtechnik. — Ammo-
niumpersulfat (Überschwefelsaures Am-
monium, lat. Ammonium persulfuricum, frz.
Persulfate ammonique, engl. Ammonium Per-
sulfate), das Ammoniumsalz der in freiem Zu-
stande nicht beständigen Überschwefelsäure,
entsteht bei der Elektrolyse einer gesättigten Lö-
sung von Amproniumsulfat in verdünnter Schwe-
felsäure inForm farbloser wasserlöslicherEristalle,
die bei der Einwirkung von Wasser Sauerstoff
abgeben. Das A. dient, wie das analoge, aus ihm
durch Umsetzung erhaltene Kalium- und Na-
triumpersulfat, als kräftiges Oxydations- und
Desinfektionsmittel, — Ammoniumphosphat
(lat. Ammonium phosphoricum, frz. Phosphate
ammonique, engl. Ammonium Phosphate) wird
in letzter Zeit als ein konzentriertes, phos-
phorsäure- und stickstoffhaltiges Düngemittel
empfohlen. Außerdem dient es zum Tränken
der Dochte für Stearinkerzen. — Ammonium-
sulfat (lat. Ammonium sulfuricum, frz. Sul-
fate ammonique, engl. Ammonium Sulfate),
durch Behandlung von Gaswasser mit Schwefel-
säure erhalten, ist das Ausgangsprodukt für die
Herstellung der meisten Ammoniumverbindun-
gen. Im rohen Zustande bildet es das wichtigste
Stickstoffdüngcmittei. 1— Ammoniumvanadi-
nat (lat. Ammonium vanadinicum, frz. Vana-
date ammonique, engl. Ammonium Vanadat),
die Verbindung der Vanadinsäure mit Ammo-
niak, findet sich im Handel in zwei verschie-
denen Modifikationen, als weißes und gelbes
Salz, von denen das erstere beim Kochen der
wäßrigen Lösung in die gelbe Form übergeht.
Das A. wird zur Erzeugung von Anilinschwarz
auf Wolle sowie in Verbindung mit Pyrogallus-
säure zur Herstellung von Tinte verwandt. Der
Preis, der in der vorigen Auflage noch mit
140 M. für t kg als überaus hoch bezeichnet
wurde, ist jetzt auf 29^—30 M. gesunken.

Ammoniaksoda, allgemein gebräuchliche Be-
zeichnung für diejenige Soda, die nach dem
Solvayverfahren dargestellt wird, aber kein Am-
moniak enthält. — Vgl. Soda.

Amol, ein mit großer Reklame angepriesenes
Rheumatismusmittel, ist Karmelitergeist.. _

Amorces, kleine Zündplättchen für Kinder-
schießwaffen oder , Zünder für Sicherheitslam-
pen, bestehen entweder aus Knallquecksilber
oder aus chlorsaurem Kali und rotem Phosphor,
die mit Gummischleim gemischt und' zwischen
        <pb n="26" />
        ﻿Amradgummi

20

Anakardien

zwei Stückchen Seidenpapier eingeklebt sind.
(Transport siehe Knallerbsen.) A. mit mehr als
7,5 g Sprengmischung auf rooo Plättchen dür-
fen als Spielwaren nicht in den Verkehr ge-
bracht werden.

Amradgummi, ein als Ersatz für Gummi-
arabikum neuerdings viel verwendetes indisches
Gummi.

Amygdalin (lat. Amygdalinum), ein zu den
Glykosiden gehöriger Bitterstoff, Bestandteil der
bitteren Mandeln, der Pfirsichkerne und einiger
ähnlicher Samen, wird gewöhnlich aus den durch
Pressen vom fetten Öl befreiten bitteren Man-
deln durch Extraktion mit heißem Alkohol in
Menge von ungefähr 3 o/0 hergestellt. Das riur
selten im Chemikalienhandel vorkommende A.
besteht aus einer weißen, feinkristallinischen,
geruchlosen Masse von bitterem Geschmack, die
bei Gegenwart von Wasser durch Einwirkung
des sowohl in bitteren, als auch in süßen Man-
deln enthaltenen Emulsins, eines Enzyms, zer-
setzt wird und hierbei Zucker, Bittermandelöl
und Blausäure liefert.

Amyläther, richtiger Amylester, nennt man
Verbindungen des Amylalkohols mit Säuren,
welche wiegen ihres angenehmen, Geruches als
Fruchtäther Verwendung finden. Essigsäure-
amylester (Amylazetat, s. d.) riecht nach Birnen,
Buttersäure-A. (s. d.) nach Ananas, Valerian-
säure-A. (s. Baldrian-A.) nach Äpfeln. — Der
eigentliche Amyläther .(Amyloxyd), (C,Hu)äO,
der durch Erhitzen von Amylalkohol mit Schwe-
felsäure als eine birnenartig riechende: Flüssig-
keit vom Siedepunkte 1730 gewonnen wird, fin-
det als Lösungs- und Extraktionsmittel für Fette,
Lacke, Alkaloide usw. technische Verwendung.

Amylalkohol (Amyloxydhydrat, Mylalko-
hol, Pentylalkohol, lat. Amyloxydum hydra-
tum, Alkohol amylicus, frz. Alcool amylique,
engl. Amylic alcohol), ein Alkohol von der For-
mel C6Hu . OH, bildet den Hauptbestandteil des
Kartoffelfuselöls und findet sich auch in
einigen anderen Fuselölen. Dieser sog. Gä-
rungs-A. bildet in reinem Zustande eine farb-
lose, wasserhelle, unangenehm fuselartig rie-
chende, zum Husten reizende Flüssigkeit von
öliger Konsistenz, dem spez. Gew. 0,815 und
dem Siedepunkte 131°. Mit Wasser mischt er
sich nicht, löst sich aber leicht in Alkohol so-
wie auch in Äther und ist brennbar. Außer die-
sem, dem Iso-Amylalkohol, kennt man noch
sechs andere isomere A., die aber nicht im Han-
del Vorkommen und nur theoretisches Interesse
haben. Verwendung findet der A. fast nur zur
Herstellung der Amyläther (s.d.) und der künst-
lichen Valeriansäure, jedoch wird hierzu meist
nicht der chemisch reine A., sondern das rek-
tifizierte Kartoffelfuselöl benutzt. Der A. wirkt

giftig-

Amylazetat (lat. Amylium aceticum, frz. Ace-
tate amylique, engl. Amyl Acetate), der Essig-
ester des Gärungsamylalkohols, C, Hu . C4H3Os,
ist eine farblose, obstartig riechende, zum
Husten reizende Flüssigkeit vom spez. Gew.
0,875 und einem S-p- von 138°. Es findet als
Birnöl, Pear oil, Anwendung zum Parfümie-
ren von Nahrungsmitteln und dient in der
Photometrie zur Füllung der Vergleichslampen
von bestimmter Lichtstärke (s. Zaponlack).

Amylen (Pentylen, Valoren, lat. Amyle-
num), ein Kohlenwasserstoff von der Formel
C5H10, wird aus Amylalkohol durch Destilla-
tion mit Chlorzink dargestellt und ist eine farb-
lose, wasserhelle, bei 390 C siedende Flüssig-
keit vom spez. Gew. 0,650 und eigentümlichem
betäubenden Geruch. Das A. wurde unter dem
Namen Pental eine Zeitlang als Anästheticum
an Stelle des Chloroforms angewandt, scheint
jetzt aber wegen seiner Gefährlichkeit ganz
außer Gebrauch gekommen zu sein.

Amylenhydrat (DimethyläthylkarbinoI,lat
Amylenum hydratum, frz. Hydrate d’amylfene,
engl. Amylen Hydrate). Dieses als Hypnotikum
empfohlene Präparat ist als ein tertiärer Amyl-
alkohol zu betrachten, der durch Behandlung
von Amylen mit einer Mischung gleicher Teile
Schwefelsäure und Wasser bei o° hergestellt
wird. Die farblose, ölige Flüssigkeit vom spez.
Gew. 0,810 besitzt einen durchdringenden Ge-
ruch nach Kampfer und Pfefferminzöl, siedet
bei 102® und erstarrt beim Abkühlen auf
—12,5° zu weißen, nadeiförmigen Kristallen,
welche bei —12,0° schmelzen. Das A. muß
ganz frei von jeder Spur des gewöhnlichen
Amylalkohols sein, was man daran erkennt, daß
beim Behandeln mit Kaliumchromat und ver-,
dünnter Schwefelsäure keine Grünfärbung ein-
tritt. Mit Alkohol ist A. in jedem Verhältnisse
mischbar, braucht aber vom Wasser etwa 12 Teile
zur Lösung.

Amylnitrit (lat. Amylium nitrosum, frz. Ni-
trite amylique, engl. Amyl Nitrite), der Sal-
petrigsäureester des Amylalkohols, entsteht beim
Durchleiten von Salpetrigsäuredämpfen durch
Amylalkohol als eine klare, gelbliche Flüssig-
keit von fruchtartigem Geruch. Es ist unlöslich
in Wasser, mischbar mit Alkohol, Äther, Chloro-
form und Benzin. Spez. Gew. 0,870—0,880; S.P.
97—99 °. A. wird zum Einatmen gegen Asthma,
Kopfschmerzen, Epilepsie verordnet, darf aber
nur mit Vorsicht angewandt werden.

Anämin, ein Eisenpepsinsaccharat der Firma
P. Liebe in Dresden, wird wegen seines hohen
Eisengehaltes von 0,200/0 und seiner verdauungs- j
befördernden Wirkung bei Blutarmut, Bleich-
sucht und Magenleiden verordnet.

Anästhol und Anästhyl, Mischungen von Me-
thyl- und Äthylchlorid, welche in der Zahnheil-
kunde als Anästhetika benutzt werden.

Anakardien (Elefantenläuse, Akajou-
nüsse, lat. Anacardia, frz. Noix d’Acajou, engl.
Castew-nut). Man unterscheidet zwei Arten von
A., welche von verschiedenen, zur Familie der
Anakardiazeen gehörigen Bäumen abstam-
men und als ostindische und westindische A.
unterschieden werden. 1. Die ost indischen A.
oder Malakkanüsse (lat. Anacardia orien-
talia) von Semecarpus anacardium, haben
eine herzförmige, auf beiden Seiten flach zu-
sammengedrückte Gestalt, eine dunkelbraun-
schwarze platte Schale und enthalten zwischen
dem, öligen Kerne und der Schale einen ätzend •
scharfen Saft, der im frischen Zustande farblos,
milchartig ist, später aber verdickt und schwarz
wird. 2. Die westindischen A. (lat. Anacardia
occidentalia) kommen aus Westindien und Süd-
amerika und stammen von dem jetzt auch nach
Ostindien verpflanzten Baume Anacardium

■
        <pb n="27" />
        ﻿Anakuhuiteh olz

21

Angelikaöl

occidentale. Sie sind graubraun bis schwarz-
braun und nierenförmig und enthalten einen
ähnlichen scharfen Saft. Beide Sorten unter-
scheiden sich dadurch, daß der Saft der west-
indischen A. auf der Hand blasenziehend wirkt,
derjenige der ostindischen dieselbe nur rötet
und Pusteln hervorbringt. Außer dem scharfen
Stoffe, dem Kardol, enthalten die A. noch eine
eigentümliche Säure, die Anakardsäure. Beide
Arten von A. werden als hautreizende Amulette
getragen, was unbedenklich ist, solange die
Schale nicht entfernt wird. Bei unvorsichtiger
Anwendung der geöffneten Früchte dagegen
können sehr bösartige, weitergreifende Ge-
schwüre entstehen.

Anakuhuiteholz (lat. Lignum anaeuhuitae, frz.
Bois de Anacuite, engl. Ariacuite wood), ein
sehr bald wieder der Vergessenheit anheimge-
fallener Artikel des Drogenhandels, das Stamm-
holz eines mexikanischen Baumes, der Cordia
Boissieri, sollte gegen Lungenschwindsucht
helfen.

Analgen (Labordin), ein weißes, geschmack-
loses Pulver, welches sich in chemischer Hin-
sicht vom Oxychinolin ableitet; F.P.:2o8°. Die
in Wasser unlösliche, in Äther lösliche Substanz
wird gegen Fieber, neuralgische Leiden und
i neuerdings vor allem gegen Malaria angewandt,
Ananas (frz. Ananas, Pomme de pin, engl.
Pine-apple), die bekannte, wegen ihres feinen
Aromas hochgeschätzte Frucht der im tropischen
Amerika heimischen Bromclia Ananas, wird
dort auch auf Feldern angebaut und bei uns in
Treibhäusern vielfach gezogen. Von Westindien
und Brasilien aus wird A. sowohl im frischen
Zustande als auch in Scheiben geschnitten und
in Zucker eingemacht (in Brasilien Macachis
genannt) nach Europa versandt. Auch aus Sin-
gapore kommt jetzt A. nach Hamburg. Der
Verkauf der frischen Früchte geschieht allgemein
nach dem Gewichte.

Ananasäther (Ananascssenz), ein Kunst-
aroma, besteht aus einer Auflösung verschie-
dener zusammengesetzter Äther in Feinsprit und
wird in konzentrierter Form auch Ananasöl
genannt. Vgl. Fruchtäther.

Ananasfaser (Ananashanf, frz. Chanvre
d’ananas, engl. Ananas hemp) wird sowohl aus
den Blättern der gewöhnlichen Ananaspflanze,
als auch aus denen verschiedener andrer Arten
abgesondert und je nach dem Grade ihrer Fein-
heit zu Seilen, Tauen oder auch zu feinen Ge-
il weben verarbeitet. Zur Herstellung der „Pinas"
genannten Tücher werden auf den Philippinen
die jungen Sprößlinge, um die Fruchtbildung zu
verhindern, im Schatten großgezogen.

Anchovis (K räuteranchovis) nennt man die
Sprotten (Breitlinge), kleine, den Sardellen
ähnliche Fischchen (Clupea spratlus) von 10
; iS cm Länge, die ohne weitere Vorbereitung
p't Kopf und Eingeweiden in eine viel Salz,
Pfeffer, Senfkörner und Lorbeerblätter enthal-
tende Brühe eingelegt werden. Die besten, sog,
echten A. kommen aus Christiania. Sie unter-
‘esen manchen Verfälschungen, besonders durch
Heringe, die an dem größeren Kopf, der
r'jtnankeren Gestalt und den viel weniger schar-
en Kielschuppen erkannt werden. Die franzö-

sischen A. sind Sardellen (s. d.). Anchovy-
Paste ist Sardellenbutter.

Anda-Assu, die Samen einer brasilianischen
Euphorbiazee (Anda Gomesii), kommen in
neuerer Zeit in den Drogenhandel und dienen
zur Herstellung eines dem Rizinusöl ähnlich
wirkenden fetten Öls (Andaöl, frz. Huile de
Anda, engl. Oil of Anda), welches bei -)- 8° C
erstarrt und ein spez. Gew. von 0,918 sowie
schwachgelbe Farbe besitzt.

Andaquieswachs, die Ausscheidung einer be-
sonderen Bienenart aus dem Gebiete des Ori-
noko und Amazonenstromes, schmilzt bei 77° C.

Andorn (Gottvergessenkraut, weißer
Dorant, Marobelkraut, Marien nessel-
kraut, lat. Herba marrubii albi, frz. Plante
fleurie de marrube blanc, engl. Horchound), die
zu Beginn der Blütezeit gesammelten und ge-
trockneten oberen Blätter und Blüten von Mar-
rubium album, s. M. vulgare, einer in ganz
Mitteleuropa wild wachsenden Labiate mit hohlem,
fast vierkantigem Stengel, der mit grauweißem
Filz überzogen ist und rundliche, gegen den
Blattstiel hin verschmälerte, grob gekerbte, runz-
lige Blätter .trägt. Die letzteren sind oberseits
graugrün und weichhaarig, unten weißfilzig. Die
Blüten sitzen zu Quirlen vereinigt in den Blatt-
winkeln. ‘Das getrocknete Kraut hat einen nur
schwachen Geruch, aber bitteren Geschmack
und wird medizinisch verwendet. Es enthält
etwas ätherisches 01 und einen Bitterstoff, das
Marrubiin. Verwechslungen mit den Blät-
tern von Nepeta Cataria, den Ballota- und Sta-
chysarten können an einem abweichenden Ge-
ruch und dem Fehlen der Runzeln erkannt
werden.

Anemonenkampfer (P u 1 s at i 11 e nkampfer),
ein in verschiedenen Arten der Gattungen Ane-
mone und Ranunculus enthaltener, durch De-
j stillation mit Wasser gewinnbarer, scharfer, die
I Augen zum Tränen reizender Stoff, welcher aus
| weißen Kristallen besteht und beim Umkristalli-
sieren aus Chloroform in das geruchlose Ane-
monin» und die amorphe I soanemonsäure
zerfällt.

Anethol, p-Methoxypropenylbenzol (lat. Ane-
tholum, frz. Anethol), der sauerstoffhaltige
Hauptbestandteil und Geruchsträger des Anis-,
Sternanis- und Fenchelöls, wird jetzt im großen
fabrikmäßig dargestellt. Es bildet schneeweiße,
nach Anis riechende Kristalle vom spez. Gew.
0,984—0,986 bei 250 C, die bei 22—230 Cschmel-
zen, bei 233—2340 sieden und in Alkohol und
in Äther löslich sind.

Angelikaöl (lat. Oleum angelicae, frz. Essence
d’angdlique, engl. Angelica oil), ein schwach
gelb gefärbtes ätherisches öl von sehr starkem
aromatischen Geruch und brennendem Ge-
schmack, wird aus der Angclikawurzel durch
Destillation mit Wasserdampf gewonnen und
hauptsächlich zur Bereitung aromatischer Liköre
benutzt. Auch aus dem Samen gewinnt man ein
Öl (0,7—1,50/0), das jedoch einen etwas andern
Geruch besitzt. Das beste A. stammt aus den
Angelikawurzeln des .sächsischen Erzgebirges,
dann folgt das aus Thüringer Wurzeln und das
aus den Wurzeln des Harzes. Das spez. Gew.
liegt zwischen 0,853 und 0,918. Ein aus japani-
schen Wurzeln gewonnenes Öl besitzt ein spez.
        <pb n="28" />
        ﻿Angelika Wurzel

22

Anilin



Gew. von 0,905—0,908, scheidet bei -f- io° C
Kristalle aus und erstarrt bei o° breiartig. Dieses
Öl fängt bei 1700 an zu sieden, der Siedepunkt
steigt aber beständig, und die zuletzt übergehen-
den Anteile sind von blaugrüner Farbe. Der
Geruch ist schärfer als derjenige des deutschen
Öles und besitzt gleichfalls einen Anklang an
Moschus.

Augelikawurzel (Engelwurzel, Theriak-
wurzel, Brustwurzel, lat. Radix angelicae,
frz. Racine d’angelique, engl. Angelica root), die
getrocknete Wurzel der in den Bergwäldern
Mitteleuropas wild wachsenden, aber auch viel-
fach angebauten Doldenpflanze; Angelica Ar-
changelica, besteht aus einem mit zahlreichen
dicken und langen Fasern umgebenen Wurzel-
kopf von brauner Farbe und stark aromatischem
Geruch und Geschmack. Die Wurzelfasern wer-
den gewöhnlich zu einem zopfähnlichen Bündel
zusammengedreht. Auf dem Querschnitt erkennt
man in der weißlichen Rinde zahlreiche, mit
einem rötlichgelben Balsam gefüllte kleine Be-
hälter. Die Wurzel von angebauten Pflanzen,
welche man im Frühjahr oder im Herbste sam-
melt, wird vorgezogen. Als beste Sorte gilt die
sächsische A. aus der Gegend von Bockau
bei Schwarzenberg, doch wird sie auch in Thü-
ringen und am Harz, namentlich in der Gegend
von Kölleda, Jena, Quedlinburg und Gernrode
viel angebaut. Verwechslungen mit den Wur-
zeln von Angelica silvestris kommen kaum
noch vor, da man fast ausschließlich angebaute
Ware kauft. Auch ist der Geruch jener Wurzel von
dem der echten ganz verschieden und die Farbe
mehr grau als braun. A. wird sehr leicht von
Würmern zerfressen und muß daher gut ver-
schlossen in Blechgefäßen aufbewahrt werden.
Als wichtige Bestandteile enthält sie äther. Öl,
Harz, Angelikasäure, Hydrokarotin bzw. Phy-
tosterin, Baldrian- und Essigsäure. Sie findet
als magenstärkendes Mittel (Kneipps Heilmittel)
sowie in den Likörfabriken zur Herstellung
von Chartreuse u. a. ausgedehnte Anwendung.
In neuerer Zeit kommen auch zwei Arten von
A. aus Japan in den Handel. Die eine, Sen-
kiyn genannte, stammt von Angelica re-
fracta,-die andere, Biyakushi, von Angeli-
ca anomala. Diese Wurzeln liefern jedoch nur
Vlo°/o ätherisches Öl von abweichendem Ge-
ruch (s. Angelikaöl).

Ang-Khak, ein roter Farbstoff, der in China
durch Aussaat eines Pilzes auf gekochten Reis
erzeugt und zur Färbung von Nahrungsmitteln
benutzt wird.

Anglesit (Vitriolbleierz, Bleiglaserz,
Bleivitriol, frz. Anglesite, Plomp Sulfate, engl.
Lead vitriol), ein aus Bleisulfat bestehendes,
sehr schweres, kristallinisches Bleierz von wei-
ßer, grauer oder gelblicher Farbe, wird, wenn
es in größeren Mengen gefunden wird, auf Blei
verarbeitet.

Angolaerbsen. Diesen Namen führen die Sa-
men zweier verschiedener Pflanzen, die jedoch
mit unseren Erbsen nicht verwandt sind. i. Die
Samen von Voandzeia subterranea, einer
zu den Zäsalpineen gehörigen, der Arachis (Erd-
nuß) sehr nahe stehenden Pflanze, welche in
Südamerika heimisch ist, aber auch in anderen
Tropenländern, so besonders in Südafrika und

in Java (hier Katjang manila genannt), ange-
baut wird, sind sehr fettreich und werden als 1
Nahrungsmittel verbraucht. — 2. Die Samen des
indischen Bohnenbaums, Cajanus indicus,dcr j
in Ostindien heimisch, vielfach in Südamerika
kultiviert wird, sind weniger schmackhaft als
unsere Erbsen.

Angolaflechte (Roccclla tinctoria) dient |
zur Herstellung der Lackmustinktur,

Angolaholz. Was unter diesem Namen zu-
weilen aus Westafrika in den Handel kommt,
ist nichts weiter als Camwood, s. Kamholz.

Angosturabitter, ein Bitterlikör, der aus einem
mit Zucker versüßten alkoholischen Auszuge
von Angostura- und Chinarinde, Enzian, Pome-
ranzenschalen und verschiedenen Gewürzen wie
Zimt, Kardamomen und Nelken besteht.

Angosturarinde (lat. Cortex angosturae verus,
frz. Ecorce d’Angosture, engl. Angosturabark), \
nach der gleichnamigen südamerikanischen Stadt
benannteRinde vonGalipea officinalis, wird
in vereinzelten Fällen medizinisch gegen Dys-
enterie sowie als Ersatz der Chinarinde ange-
wandt, ruft aber in großen Gaben Übelkeit und I
Erbrechen hervor. Meist dient die Rinde zur
Herstellung des Angosturabitters. Zur Vermei-
dung von Verwechslungen mit der falschen A.
von ostindischen Strychnosarten, welche wegen
ihres Bruzingehaltes giftig ist, dient die Tat-
sache, daß die echte A. keinen Gerbstoff ent-
hält, während die falsche A. gerbsäurehaltig ist. ;

Anhydride nennt man durch Abspaltung von j
Wasser aus Säuren entstehende Verbindungen
(Säureanhydride). Ohne weiteren Zusatz ver-
steht man darunter in der Technik das A. der
Schwefelsäure (s. d.).

Anhydrit (Muriazit, Würfelspat, Würfel- 1
gips, Karstenit), ein aus wasserfreiem schwe-
felsauren Kalk (Kalziumsulfat) bestehendes
Mineral, findet sich fast überall als regelmäßiger j
Begleiter der Steinsalzlager. (Vgl. Gips.)

Anilin (Phenylamin, Amidobenzol, Ky- ]
anol, Benzidam, lat. Anilinum, frz. und engl. I
Aniline) ist eines der wichtigsten Erzeugnisse I
der chemischen Großindustrie, da es, obgleich j
selbst kein Farbstoff, das Ausgangsmaterial zahl- I
reicher sog. Anilinfarben darstellt. Das Anilin. 1
eine stickstoffhaltige organische Base, Amido- I
benzol, C6H6.NH2, findet sich in geringer 1
Menge fertig gebildet im Steinkohlenteer, wird
aber fabrikmäßig aus dem in größeren Mengen im
Steinkohlenteer enthaltenen Kohlenwasserstoff I
Benzol dargestellt. Zu diesem Zwecke behan-
delt man das Rohbenzol, welches neben Benzol ;
noch wechselnde Mengen Toluol, Xylol undKu- J
mol enthält, mit Saipeterschwefelsäure, wäscht
das entstandene Nitrobenzol mit Lauge und
Wasser und reduziert es darauf mit Salzsäure. I
und Eisen. Nach neueren, anscheinend noch
nicht konkurrenzfähigen Verfahren bedient man |
sich zur Reduktion eines Gemisches von Na- I
triumsulfid mit Schwefel oder der Elektrolyse, I
oder leitet Dämpfe von Nitrobenzol mit über-
schüssigem Wasserstoff (Wassergas) über glü-
hendes Kupfer, wobei ebenfalls Amidobenzol j
entsteht. Aus dem hierbei erhaltenen salzsauren
Salze setzt man durch Zusatz von Kalk die j
Base in Freiheit und destilliert sie im Wasser- I
dampfstrom ab. Das nach dem einen oder an- j
        <pb n="29" />
        ﻿Anilinblau

23

Anilinschwarz

deren Verfahren gewonnene Rohanilin (Anilin-
öl), welches noch geringe Beimengungen von
Ortho- und Paratoluidin enthält, ist eine rötlich-
braune ölige Flüssigkeit von unangenehmem
Geruch, welche sich mit Wasser nicht mischt,
wohl aber etwas Wasser aufnimmt und zum ge-
ringen Teile in Wasser übergeht. In verdünnter
Salzsäure muß sich Rohanilin, wenn es nicht
mehr als Vs °/° Verunreinigungen enthält, klar
auflösen. Der Wassergehalt soll i1/3°/o nicht
übersteigen. Nach dem Gehalte an homologen
Toluidinen, der für die Herstellung gewisser
Farben erwünscht, ja notwendig ist, unterschei-
det man im Handel verschiedene Typen von
Rohanilin: i. Anilinöl für Rot vomspez.Gew.
1,024—1,026 mit 10—20 0/0 A., 25—40 0/0 Para-
toluidin und 30—400/0 Orthotoluidin. 2. Ani-
linöl für Safranin, als Abfallprodukt der
Fuchsinfabriken auch Echappe genannt, hat
das spez. Gew. 1,032—1,034 und enthält neben
35—500/0 A,, 50—65 0/0 Toluidin. 3. Anilinöl für
Blau ist möglichst frei von Toluidin. — Das
reine A. des Handels, dessen Toluidingehalt
nicht über 1 0/0 beträgt, ist, frisch bereitet, eine
wasserhellc, stark lichtbrechende Flüssigkeit,
welche sich beim Stehen an der Luft'nach und
nach rotbraun färbt. Spez. Gew. 1,0265 bei 15 °,
Siedepunkt 187°. Es mischt sich mit Alkohol,
Äther, Benzol und vermag Schwefel, Phosphor,
Kampfer, Fette und Farbstoffe aufzulösen. Zum
Nachweise dient die mit Chlorkalk eintretende
Purpurviolettfärbung der wäßrigen Lösung, fer-
ner die Reaktion mit konz. Schwefelsäure und
wenig Kaliumbichromat, wobei eipe blaue, bald
verschwindende Färbung gintritt, und schließ-
lich die durch eine schwefelsaure Lösung des
A. hervorgerufene intensive Gelbfärbung von
Fichtenholz und Holundermark. Von Salzen
des A. kommen besonders das schwefelsaure
und salzsaure als farblose, kristallisierbare,
wasserlösliche Verbindungen im Handel , vor.
Das A. dient zur Herstellung von Methylanilin,
Diphenylamin, Fuchsinblau, Anilinschwarz, Azet-
-anilid usw. usw. Die Einfuhr an Anilinöl und
Anilinsalzen in Deutschland belief sich im Jahre
1911 nur auf 20 t, die Ausfuhr auf mehr als
7Soot im Werte von mehr als 6,5 Millionen M.

Anilinblau. Unter diesem Namen sowie als
gewöhnliches A., Fuchsinblau, Diphenyl-
aminblau, Baseblau (Bleu de Lyon, Bleu
de Paris, Feinblau, Grünstichblau, Öpal-
blau, Parmablau, Alkoholblau, Gentiana-
blau, Spiritusblau, Lichtblau, Bleu lu-
®ibre, Rosanilinblau) gelangten früher blaue
Farbstoffe in den Handel, welche durch Erhitzen
von Rosanilino* mit Anilin und etwas Benzoe-
säure oder von Diphenylamin mit Oxalsäure dar-
gestellt werden und in chemischer Hinsicht als
die salzsauren Salze phenylierter Rosaniline
(nieist Triphenylrosanilin) anzusprechen sind,
■"de stellen grünlich glänzende Kristallnadeln
nder dunkelrotbraune Pulver dar, welche in
(Wasser unlöslich, in Alkohol hingegen mit schön
blauer Farbe löslich sind und in verschiedenen
v arbtönen, rot- und grünstichig, geliefert werden.
Die ersteren werden als Anilinblau R, RR usw.,
die letzteren als Anilinblau B, BB usw. bezeich-
neF Dieses spritlösliche A. ist ein ziemlich
Achter, substantiver Farbstoff für Wolle und

Seide. — N euerdings bevorzugt man das w asser-
lösliche A., welches aus den Natriumsalzea
gepaarter Sulfonsäuren des Triphenylrosanilins
besteht und aus dem spritlöslichen A. durch
Behandlung mit konzentrierter Schwefelsäure,
Fällung mit Wasser und Auflösen in Natron-
lauge gewonnen wird. Je nach der angewandten
Temperatur und der Dauer der Einwirkung
können hierbei I, 2 oder 3 Moleküle Schwefel-
säure gebunden werden. Das früher allein ge-
brauchte wasserlösliche Anilinblau enthält
3 Moleküle Schwefelsäure und ist demnach das
triphenylrosanilintrisulfosaure Natrium
Das 2 Moleküle Schwefelsäure enthaltende A. wird
als Wasserblau O und 6B, Baumwollblau,
Seideblau, Bayrisch blau DSF und DBF
oder Bleu marine. Bleu soluble bezeichnet
und bildet dunkelblaue, kupferglänzende Stücke,
welche sich in Wasser lösen. Die Lösung dient
nach dem Ansäuern, wobei kein Niederschlag
entsteht, zum substantiven Färben von Wolle
und Seide. Auch kann der Farbstoff zum ad-
jektiven Färben von Baumwolle benutzt wer-
den. — Das triphenylrosanilinmonosulfo-
saure Natrium mit I Molekül Schwefelsäure
wird, wenn es aus Rosanilin hergestellt wurde,
als Alkaliblau oder Nichols.ons Blau, wenn
es aus Diphenylamin bereitet wurde, als Alkali-
blau D bezeichnet. Beide sind blaue, wasser-
lösliche Pulver, mit denen man Wolle und Seide
zunächst im schwach alkalischen Bade färbt,
um darauf die freie Sulfosäure in schwach
saurem Bade auf der Faser abzuscheiden.

Anilinfarben (frz. Couleurs d’aniline, engl- Am-
line dyes) nannte man ursprünglich nur diejeni-
gen künstlichen Farbstoffe, welche sich vom
Anilin ablciteten, während zurzeit im gewöhn-
lichen Leben sowie im Handel und Verkehr alle
künstlich hergestellten organischen Farbstoffe
mit dieser Bezeichnung belegt werden. Näheres
s. unter Teerfarben.

An lingelb. Diesen Namen führen verschiedene
Teerfarbstoffe. Das eigentliche A. besteht ent-
weder aus salzsaurem oder aus oxalsaurem
Amidoazobenzol und wird durch Einwirkung
von Diamidoazobenzo! oder Diazobenzolchlorid
auf salzsaures Anilin dargestellt. Der Farbstoff
ist in kaltem Wasser schwer, in heißem ziemlich
leicht mit goldgelber Farbe löslich und wird
durch Salzsäure rot.

Anilingrau. Unter diesem Namen finden sich
im Handel verschiedene graue Farbstoffe, die
gewöhnlich nur als Nebenprodukte bei der Her-
stellung andrer Anilinfarben, z. B. des Emeral-
dins, des Mauveins u. a., gewonnen werden.

Aniiinsalz (frz. Sei d’anil.ne, engl. Aniline salt).
Im Chemikaliengroßhandel versteht man unter
A. teils schwefelsaures, teils salzsaures
Anilin (s. d.), welche sowohl in Kristall- als
auch in Kuchenform in den Verkehr gelangen.

Anilinschwarz, einer der echtesten und wich-
tigsten Farbstoffe der Baumwollfarben, entsteht
bei der Oxydation von Anilin mit chlorsaurem
Kalium und etwas vanadinsaurem Ammonium
und wird auf der Faser selbst erzeugt, indem
man das Garn oder Gewebe mit einer Lösung
des Anilinsalzes und der Oxydationsmittel tränkt
Statt des Vanadinsalzes kann auch Kalium-
bichromat oder -persulfat, und statt des chlor-
        <pb n="30" />
        ﻿Anime

Anthranilsäure

24

sauren Kaliums auch Kaliumchromat, -perman- I
ganat, Bleisuperoxyd oder ein anderes Oxyda- 1
tionsmittel genommen werden. Der Farbstoff
selbst, der in allen bekannten Lösungsmitteln
anlöslich ist, kommt in Teigform in den Handel
und findet im Zeugdruck beschränkte Anwen-
dung. Er ist gegen Alkalien wie Säuren nahezu
unveränderlich.

Anime (Flußharz, lat. Resina anime, frz.
Anim£, engl. Anime), ein früher offizinelles, jetzt
nicht mehr gebräuchliches Harz aus der Rinde
der in Westindien und Südamerika heimischen
Burserazee Hymenaea courbaril, bildet gelb-
liche, leicht zerreibliche Stücke von schwach
aromatischem Geruch, welche beim Kauen weich
werden. Als ostindisches und afrikanisches A.
kommt ein Harz unbekannter Abstammung in
den Handel, welches eine rötlichgelbe Farbe
und abweichenden Geruch besitzt. A. wird zu-
weilen mit dem Ko pal verwechselt, weil die
Engländer den Kopal Animi nennen, und findet
zu Räucherzwecken sowie bei der Herstellung
von Lack und Siegellack Anwendung.

Anis (Anissamen, Anisfrüchte, lat. Fruc-
tus anisi, frz. Anis vert, engl. Anige früits), die
Früchte der Anispflanze, Pimpinella Anisum,
welche in ganz Süd- und Mitteleuropa angebaul
wird, haben eine eiförmige Gestalt und bestehen
aus den noch nicht getrennten Teilfrüchtchen
der Pflanze. Sie sind grünlichgelb bis graugrün
und mit äußerst zarten, kurzen, angedrückten
Haaren bedeckt. An der Berührungsstelle er-
scheinen die beiden Teilfrüchte flach, am Rücken
gewölbt. Ihren starken, aromatisch süßlichen
Geruch und Geschmack verdanken sie einem
ätherischen Öle (s. Anisöl), von dem je nach der
Sorte 2—6 o/o vorhanden sind. In Deutschland
wird A. hauptsächlich in der Gegend von Bam-
berg, Erfurt, Gotha und Magdeburg angebaut,
außerdem liefern Spanien und Malta, haupt-
sächlich aber Südrußland,, aus der Gegend von
Charkow, große Mengen. Als wichtigstes Ver-
fälschungsmittel sind bislang neben Sand und
ähnlich aussehenden Früchten anderer Umbelli-
feren gedämpfte und extrahierte Anissamen be-
obachtet worden, während der bis zu o/o be-
tragende Gehalt der italienischen Ware an
Schierlingsfrüchten als eine zufällige Ver-
unreinigung aufzufassen ist. Diese gefährliche
Beimengung läßt sich durch die Lupe sowie
durch den beim Zerreiben und Übergießen mit
Kalilauge auftretenden unangenehmen, betäu-
benden Geruch nachweisen. Anis findet als Zu-
satz bei verschiedenen Teespezies und Likören
sowie als Gewürz Verwendung.

Anisaldehyd, Paramethoxybenzaldehyd, CHaO.
C6H4.CHO, eine farblose, nach blühendem
Weißdorn und Kumarin riechende Flüssigkeit
vom spez. Gew. 1,123 und dem Siedepunkt 248°
wird durch Oxydation von Anethol dargestellt
und in der Parfümerie angewandt.

Anisöl (lat. Oleum anisi, frz. Essence d’anis,
engl. Oil of anise), das ätherische Öl des Anis,
aus dem es durch Destillation mit Wasserdampf
gewonnen wird, besitzt den eigentümlichen süß-
lichen Anisgeruch und -geschmack in hohem
Grade, ist farblos bis gelblich und hat bei 20 °C
ein spez. Gew. von 0,980—0,990. Anisöl lenkt die
Ebene des polarisierten Lichts schwach nach

links ab («„ bis —20) und löst sich in 1,5 bis
3V0I. 900/oigen Alkohols. In der Kälte erstarrt
es zu einer schneeweißen, kristallinischen Masse,
die bei 150 oder darüber zu schmelzen beginnt
und sich bei 18—200 vollständig verflüssigt. Das.
Erstarren wird bedingt durch den Gehalt an
Anethol (s. d.), das etwa 900/0 des Anisöls aus-
macht. Ein weiterer bemerkenswerter Bestand-
teil ist das dem Anethol isomere Methylchavi-
col (Estragol), das ebenfalls anisartig riecht,,
aber nicht den süßen Anisgeschmack besitzt.
Als Destillationsmaterial dient hauptsächlich der
russische Anis; er wird teils in Rußland auf Öl
verarbeitet, teils zu diesem Zweck ausgeführt.
Anisöl ist mancherlei Verfälschungen ausgesetzt,
besonders häufig ist das Verschneiden mit
Fenchelöl oder Fenchelstcaropten, von dem aber
selbst kleine Mengen sich durch die Rechts-
drehung verraten.

Anissäure (Methylparaoxybenzoesäure,.
lat. Acidum anisicum, frz. Acide anisique,
engl. Anisic Acid) ist identisch mit der U m-
bellasäure, Badian- und Dragonsäure
und entsteht durch Oxydation des Anisöls oder
des in ihm enthaltenen Anethols mit Schwefel-
säure und Kaliumdichromat in Form farbloser
Kristalle, die bei 184° schmelzen und bei 275 bis
280° sieden. Sie löst sich in kaltem Wasser nur
wenig, leichter in heißem Wasser und sehr leicht
in Alkohol und Äther. A. findet als Antisepti-
kum und Antirheumatikum medizinische An-
wendung an Stelle der Salizylsäure, vor wel-
cher sie den Vorzug hat, nicht ätzend zu wirken
und das Herz nicht zu schwächen.

Annaline (Annalith), Fabrikname für fein-
gemahlenen Gips, wie er als Füllmaterial zu-
weilen in der Papierherstellung verwandt wird.

Anthion, eine wäßrige Lösung von Kalium-
persulfat, wird in der Photographie benutzt, um
die letzten, nicht mehr auswaschbaren Reste
von Fixiernatron aus Platten und Papieren zu
entfernen;

Anfhrachinon (Oxanthrazen, Anthraze-
nuse), C6H4(CO)2C6H4, wird durch Oxydation
des Anthrazens mit chromsaurem Kalium und
Schwefelsäure dargestellt und bildet gelbe, pris-
matische Kristalle, welche unlöslich in Wasser
und wenig löslich in Alkohol, Äther und Benzol
sind. Mit kalter konzentrierter Schwefelsäure
gibt A. eine gelbe Lösung, aus welcher es durch
Wasser in weißen Flocken gefällt wird. Der
Schmelzpunkt liegt bei 2750 C, doch fängt es
schon vorher an zu sublimieren. Das A. dient
zur Bereitung des künstlichen Alizarins.

Anthranilsäure, o-Amidobenz«esäure,. CcHt.
(NH2)COOH, entsteht beim Kochen von Indigo
mit Kalilauge und wird durch Behandlung von
Phtalimid mit unterchlorigsaurem Natrium oder
von Nitrotoluolsulfosäüre mit Alkalilauge und
nachfolgende Reduktion fabrikmäßig darge-
stellt. Als Ausgangsmaterial dient die als Neben-
produkt der Saccharinherstellung abfallende o-
Toluolsulfosäure. A. bildet farblose, in Wasser
und Alkohol leicht lösliche Nadeln vom Schmelz-
punkt 145°, und findet zur Herstellung des künst-
lichen Indigos praktische Anwendung. Ihr Me-
thylester bildet einen Bestandteil des Neroliöls
und dient zur Herstellung künstlicher Parfüms.
        <pb n="31" />
        ﻿Anthrarobin

25

Anthrophore

Anthrarobin (Desoxyalizarin, lat. Anthrarobi-
num), die Leukoverbindung des Alizarins, wird
durch Behandlung des letzteren mit Ammoniak
und Zinkstaub und nachfolgende Fällung mit
Salzsäure als gelblichweißes Pulver erhalten,
das in Wasser unlöslich ist, sich aber in Alkohol
und noch leichter in Alkalilauge löst und in gut
verschlossenen Gefäßen, an trockenen Orten
aufbewahrt werden muß. Man benutzt es äußer-
lich gegen hartnäckige Hautkrankheiten an Stelle
des Chrysarobins, vor dem es den Vorzug hat,
keine Hautentzündungen zu erzeugen. Falls,
wie meist üblich, das käufliche Alizarin (Gelb-
oder Blaustich) zur Darstellung benutzt wird,
enthält das Präparat noch die Leukoverbindun-
gen des Anthra- und Flavopurpurins, die je-1
doch dieselbe Wirkung haben wie das A.

Anthrazen (lat. Anthracenum, frz. Anthracfene,
engl. Anthraceh),, ein im Steinkohlenteer ent-
haltener Kohlenwasserstoff, CltH10, der in gro-
ßen Mengen zur Herstellung des künstlichen
Alizarins verwendet wird. Zur Gewinnung des
A. wird der über 2700 C übergehende Teil des
Steinkohlentecrs (Green oil) gesondert aufge-
fangen und die Destillation bis gegen 4000 hin
fortgesetzt. Beim Erkalten des Destillats schei-
det sich das rohe A. als kristallinische Masse
1 (Green grease) ab und wird durch Pressen von
dem flüssigen Teile des Destillates, welcher als
Schmieröl Benutzung findet, getrennt. Durch
wiederholte Destillation und Behandlung mit
Ligroin weiter gereinigt, kommt das A. als
hellgelbe kristallinische Masse in den Handel.
Sie ist für die Alizarinfabriken genügend rein,'
enthält 60—900/0 reines A. und wird Roli-
anthrazen genannt; Ganz reines A.bildet glän-
zende, weiße, blätterige Kristalle mit blauer Flu-
oreszenz, schmilzt bei 213° 0, fängt aber schon
früher an, sich zu verflüchtigen. Bei ungefähr
560° sublimiert die ganze Masse unverändert.
In Wasser ist das A. unlöslich, in kaltem Al-
kohol wenig, etwas mehr in kochendem Alkohol
löslich. Die Gehaltsprüfung und Wertbestim-
naung erfolgt durch Überführung des A. in An-
thrachinon. Die Zahl der Stoffe, welche das
rohe A. verunreinigen, ist ziemlich groß. Vor
allem finden sich Melhylanthrazcn, Fluo-
ren, Azenaphten, Diphenyl, Naphthalin,
khenanthren, Karbazol, Akridin, Fluor-
anthen, Chrysen und Chrysogen. Der Ge-
halt an A. im' Steinkohlenteer beträgt 1 — 1 Vs0/0»
von dem jedoch gewöhnlich nur die Hälfte ge-
wonnen wird. Deutschland führte im Jahre 1896
an 6ooo t, im Jahre 1913 nur noch höchstens
■ ooo t A. ein.

Anthrazenblau, Hexaoxyanthrachinon, entsteht
oeim Schmelzen von Dinitroanthrachinon mit
Schwefelsäure, Borsäure und Schwefelsesqui-
°xyd als ein dunkles, metallglänzendes Pulver,
Welches in Alkohol mit roter, gelb fluoreszieren-
"®r) in Natronlauge mit blauer, in konz. Schwe-
Hsäure mit violettblaucr, braunrot fluoreszic-
render Farbe löslich ist. Der Farbstoff findet
"Wegen seines echten, tiefblauen Chromlacks in
er Wollfärberei Anwendung.

Anthrazenbraun. Dieser bisweilen fälschlich
“ych Aliza rinbraun genannte Farbstoff ist ein
^tioxyanthrachinon (Anthragallol) und entsteht
61 der Behandlung von Gallussäure und Ben-

zoesäure mit konz. Schwefelsäure, oder von
Phtalsäure mit Zinnsalz als ein braunes, in Wasser
unlösliches F’ulver vom Schmelzpunkte 3100,
welches sich in Alkohol, Äther und Eisessig mit
bräunlichgelber, in Natronlauge mit grüner, in
konz. Schwefelsäure mit bräunlichroter Farbe
löst. A. kommt meist in Form einer Paste in
den Handel; welche als echtester brauner Beizen-
farbstoff, zum Färben und Drucken von Wolle
und Baumwolle, Anwendung findet.

Anthrazenfarbstoffe. Unter diesem Namen
fassen Möhlau und Bücherer zu der 6. Klasse
der Teerfarben eine große Zahl von Verbindun-
gen zusammen, welche alle vom Anthrachinon,
CcH4(CO)2 CgH,|, abgeleitet werden können. Je
nach dem Eintritt von Hydroxyl-, Amino- oder
anderen Gruppen unterscheidet man folgende
sechs Abteilungen: I. Oxyanthrachinonfarbstoffe
enthalten 2—6 Hydroxylgruppen und zerfallen
demnach in Di-, Tri- bis Hexaoxyanthrachinon-
farbstoffe. Der wichtigste Dioxyanthrachi-
nonfarbstoff, das Alizarin und die von ihm
abgeleiteten Alizarinfarbstoffe, sind in besonde-
ren Abschnitten besprochen. Ein weiteres Glied
dieser Gruppe, das Purpuroxanthin, bildet
einen Bestandteil des natürlichen Krapps (s. d.).
Von den Trioxy anthrachinonf a r b s t o f f e n
seien angeführt das Anthragallol, s. unter An-
thrazenbraun, das Purpurin, Iso- und Flavo-
purpurin (s. Alizarin); Ein Tetra-O. ist Ali-
zarinbordeaux (s. d.) und das von ihm ab-
geleitete Alizaringrün (s, d.); ein Penta-O.
das Alizarinzyanin (s. d.) und sein Chinolin-
derivat, das Alizarinindigblau, ein Plexa-O.
das Rufigallol und sein Chinon, das Anthra-
zenblau (s. d.). II. Aminooxyanthrachinonfarb-
stoffe entstehen bei der Einwirkung von Am-
moniak auf Polyoxyanthrachinone. Zu ihnen
gehören Alizarinzy anin G, Alizarinsaphi-
rol B, Alizarinirisol und Alizarinviridin.
III. Arylaminoanthrachinonfarbstoffe leiten sich
von den Gliedern der vorigen Reihe ab durch
Eintritt verschiedener Substituenten wie Halogen,
Schwefelsäure-, Salpetrigsäure-Rest., indieAmi-
| nogruppe. So ist das Alizarinblau GG ein
brorniertes Diarainooxyanthrach'.non, in wel-
chem ein Wasserstoffatom der Aminogruppe
durch den Rest SOäHC6H3. CH3 ersetzt ist.
Das Alizarinzyaningrün enthält diesen Rest
zweimal. IV. Dihydroanthrachinonazine entstehen
bei der Kalischmelze von Aminoanthrachinon,
wobei sich 2 Moleküle der letzteren zu einem
vereinigen. Als wichtigster Vertreter ist das Ind-
anthren (s. d.) von der Formel C6H4.(CO)2.
C0H2.(NH), OeH2,(CO)ä.C(iH4 anzuführen. V. Benz-
antlirenfarbstoffe. VI. Anthrachinonpyridonfarb-
Stoffe werden aus Bromanthrachinon durch Ein-
wirkung von Methylamin, nachfolgendes Aze-
tylieren und Kondensieren hergestcllt. Sie füh-
ren die Namen Algolrot, Algolgrün, -blau, -braun
und dienen zur Herstellung sehr echter Fär-
bungen.

Anthrazit, eine aus mehr als 90 0/0 Kohlenstoff
bestehende Steinkohle, welche in besonderen
Feuerungen verbrannt, nicht aber zur Herstel-
lung von Gas und Koks benutzt werden kann,

Anthrophore, elastische Stäbchen aus einer
kautschuküberzogenen Kupferspirale, welche von
C, Stephan-Dresden hergestellt werden und zur
        <pb n="32" />
        ﻿

2 ms

Antichlor

26

Antimonbutter

medikamentösen Behandlung von Schleimhäuten
der Harnröhre, der Nase, des Uterus usw. aus-
gedehnte Anwendung finden. Die wirksame
Substanz wird im Gemisch mit Gelatine als Über-
zug auf den A. angebracht.

Antichlor. Mit diesem Namen belegt man
solche Salze, welche zur Entfernung der letzten
Anteile Chlor dienen, die in den der Chlor-
bleiche unterworfenen Geweben hartnäckig zu-
rückgehalten werden und deren Haltbarkeit be-
einträchtigen können. Als A. benutzt man ent-
weder unterschwefligsaures Natron oder
neutrales schwefligsaures sowie auch sau-
res schwefligsaures Natron. Die beiden
letztgenannten Salze haben vor dem ersteren
den Vorteil, daß sie bei der Zersetzung durch
Chlor keinen Schwefel äbscheiden, der sich
leicht in dem Gewebe festsetzt, sind dagegen
weniger haltbar sowie auch weniger ausgiebig.
Neuerdings hat man auch das salpetrigsaure
Natron als A. empfohlen, welches dem unter-
schwefligsauren Natron in seiner Wirksamkeit
wenig nachsteht, ferner Wasserstoffsuperoxyd
und Ammoniak.

Anfifex, ein Mittel, welches angeblich die Halt-
barkeit der Glühstrümpfe erhöhen soll, wirkt
nach der Untersuchung der Gasanstalt Biele-
feld im Gegenteil ungünstig auf die Haltbarkeit
und verringert auch die Leuchtkraft. Auf Grund
der chemischen Analyse, welche als Bestandteil
Silikate des Natriums, Magnesiums, Kalziums
neben geringen Mengen Blei, Aluminium und
Eisen ergab, ist das Mittel jedenfalls als fein-
gepulvertes Glas anzusprechen.

Anfifebrin, Azctanilid, Phenylazetamid,
CeH6. NH . CO . CH3, ein weißes geruchloses Kri-
stallpulver (Blättchen) von schwach brennendem
Geschmack, fast unlöslich in kaltem Wasser,
leicht löslich in Alkohol, Äther und Chloroform,
schmilzt bei 1130, siedet bei 3040 und reagiert
neutral. Es wird dargestellt durch Kochen von
Anilin mit Eisessig, Abdestillieren und Umkri-
stallisieren aus siedendem Wasser. Anwendung
als Fiebermittel, Vorsichtig aufzubewahren!

Antifloral, ein gegen Erkrankung der Schleim-
häute, weißen Fluß usw. angepriesenes Geheim-
mittei, besteht aus einem Gemisch von Karbol-
säure mit 4x/2°/o Wasserstoffsuperoxyd.

Antiformin, eine konz. alkoholische Lösung
von Natriumhypochlorit (s.Eau dejavelle) wird
als bakterienauflösendes Desinfektionsmittel
empfohlen.

Anlihydropin, der in kristallinischer P’orm ab-
geschiedene wirksame Bestandteil der Küchen-
schabe (Blatta orientalis), wird wie diese
gegen Wassersucht verordnet.

Änlikaustikum, ein zur Entfernung der Buch-
druckerschwärze von den Lettern benutztes,
stark konzentriertes Natronwasserglas.

Antimerulion. Gegen Hausschwamm benutztes
Präparat aus Wasserglas, Borsäure und Koch-
salz.

Antimon, Sb -	119,9 (Spießglanzmetall,

lat. Stibium, Antimonium, frz. Antimoine, engl.
Antimony), findet sich in der Natur nur sehr
selten als gediegenes Metall, ziemlich häufig
hingegen, an Schwefel oder Sauerstoff gebunden,
in Form von Erzen. Das wichtigste Antimonerz,
der Grauspießglanz (Antimonglanz, Anti-

monit), in chemischer Hinsicht Anlimontrisulfid,
Sb2S3, bildet strahligkristallinische Massen von
starkem, bläulichgrauem Metallglanz, welche
hauptsächlich von China, Australien, Zeylon und
Kanada über England in den Handel kommen.
Geringere Mengen finden sich in Böhmen, Kärn-
ten, Frankreich und Spanien sowie im Harz
und bei Freiberg und Roßwein im Erzgebirge.
Das völlig arsenfreie Mineral von Liptau und
Rosenau in Ungarn sowie von Schleiz wird für
medizinische Zwecke benutzt. Die reinsten Vor-
kommnisse des Schwefelantimons bilden im ge-
mahlenen Zustande an sich einen Handelsartikel.
Aus unreinerem Material saigert man die leicht
schmelzbare Verbindung zunächst aus und läßt
die abfließende Erzmasse in Schüsseln zu brot-
formigen Stücken erstarren, die das Antimo-
nium erüdum oder Stibium sulfuratum der
Drogisten bilden. Zur Gewinnung des metalli-
schen Antimons wird das Mineral unter Zusatz
alkalischer Flußmittel mit Eisenabfällen ge-
schmolzen, wobei der Schwefel an das Eisen
geht und das A. sich am Boden des Schmelz-
tiegels ansammelt. Noch vorteilhafter scheint
eine neuere elektrolytische Methode zu sein.
Aus der Sauerstoffverbindung des A., welche
als Senarmontit von Borneo und Algier nach
England und Frankreich verschifft wird, erhält
man das Metall durch Reduktion mit Soda und
Kohle. Das nach einem oder dem anderen Ver-
fahren gewonnene Rohantimon kommt als Re-
gulus Antimonii oder Regulus schlechthin
in den Verkehr und wird zur Herstellung von
Letternmetall, Britannia, sowie, mit Kupfer legiert,
zu Achsenlagern von Lokomotiven und Dampf-
maschinen benutzt. Für medizinische Zwecke
muß das A. noch weiter gereinigt und von den
geringen Beimengungen von Arsen, Eisen und
Blei befreit werden. — Das reine A. ist ein bläu-
lichweiß glänzendes, blättrig-kristallinisches Me-
tall, welches sich wegen seiner Sprödigkeit pul-
verisieren läßt. Das Atomgewicht beträgt 119,9,
das spez. Gew. 6,71—6,72. An der Luft hält es
sich unverändert blank, schmilzt bei 4300 und
verdampft bei lebhafter Rotglut unter teilweiser
Oxydation. Von Salzsäure und Schwefelsäure
wird A. nicht angegriffen, Salpetersäure oxy-
diert es zu weißem Antimonoxyd, und Königs-
wasser löst es glatt aut.

Anlimonbutter (lat. Butyrum Antimonii, frz.
Beurre d’antimoine) ist der Handelsname des
trocknen Antimonchlorids (Antimontri-
chlorid, Stibium chloratum), Sb Cl3, welches
durch Auflösen von Grauspießglanz in Salzsäure,
Verdampfen und nachfolgende Destillation oder
geradezu durch Destillation von Antimon mit
Quecksilberchlorid in Form einer weißen kristal-
linischen, an der Luft rauchenden Masse von
butterähnlicher Konsistenz erhalten wird. Die nicht
destillierte Lösung des Antimonglanzes in Salz-
säure führt die Bezeichnung flüssige A. (flüssige
Spießglanzbutter, lat.LiquorStibiichlorati
oder muriatici, frz. Chlorure antimonieux li-
quide, engl. Solution of Antimonious Chloride)
und bildet eine, gewöhnlich durch etwas Eiseri
gelblich gefärbte, ätzende, giftig wirkende
Flüssigkeit, welche beim Verdünnen mit viel
Wasser einen weißen Niederschlag von An-
t imonoxy c hlor iir (Algarotpulver) ab-
        <pb n="33" />
        ﻿Antimongelb

27

Apfelsinen

scheidet. Auf Zusatz von Natriumthiosulfat zu
flüssiger A. entsteht ein orangeroter Nieder-
schlag, der beim Waschen mit Sodalauge rein
weißes Antimonoxyd (Stibium oxy datum
album, Antimonium diaphoreticum album), das
Ausgangsmaterial für die Herstellung des Brech-
weinsteins hinterläßt. Feste und flüssige A. dient
zum Brünieren der Gewehrläufe, zum Beizen
von Silber, als Ätzmittel sowie zur Herstellung
von Antimonoxyd, Antimonzinnober und anderer
technischer und pharmazeutischer Antimon-
präparate.

Anlimongelb, ein Gemisch von antimonsaurem
Blei mit überschüssigem Bleioxyd, bildet eine
wertvolle Malerfarbe, welche den Vorzug der
Glühbeständigkeit besitzt und daher auch in der
Porzellanmalerei benutzt werden kann. Es wird
dargestellt durch Rösten von Bleiantimonlegie-
rungen, ferner von pulverisiertem Antimon mit
Mennige und weinsaurem Kalium, von Bleiweiß
mit antimonsaurem Kalium und Salmiak sowie
nach verschiedenen anderen Methoden. Die im
Handel auch als Neapelgelb oder Neapoli-
tanische Erde geführte Farbe besitzt gute
Deckkraft, ist aber\gegcn Schwefelwasserstoff
empfindlich und unterliegt den für Bleifarben
(s. d.) erlassenen Vorschriften,

Antimonoxalat (Oxalsaurcs Antimonkali,
kleesaures Antimonoxydkali, Kalium-
antimonoxalat), ein Doppelsalz aus Kalium-
und Antimonoxalat, bildet kleine, weiße Kristall-
nadeln und wird als, Ersatz für Brechweinstein
in der Zeugdruckerei und Färberei verkauft,
kann diesen aber nicht in allen Fällen ersetzen.

Antimonzinnober, eine rote Farbe, die als
Ersatz für Zinnober empfohlen wird und aus
einer Verbindung von Dreifach-Schwefelanti-
nron mit Antimonoxyd besteht, entsteht beim
Vermischen von unterschwefligsaurem Natron
mit einer Lösung von Antimonbutter in der
Siedehitze als ein rotes, in Wasser unlösliches
Pulver, welches sich am besten für Ölanstriche
®ignet. Als Wasserfarbe für Kalkwände kann
A. nicht benutzt werden, da die Farbe hierbei
verändert wird. Vom echten Zinnober unter-
scheidet er sich leicht beim Übergießen mit Salz-
säure, wobei er unter Entwicklung von Schwe-
felwasserstoff zerstört wird, während der echte
Zinnober unverändert bleibt.

Antinervin, eine von Dr. Radlauer in den
Plandel gebrachte Mischung von 250/0 Brom-
atnmonium, 25% Salizylsäure und 500/0 Azet-
untlid gegen Fieber, Neuralgie usw.

Antinonnin. Rotbraune Paste aus Seife und
Glyzerin mit etwa 500/0 o-Dinitrokresolkalium,
die in Form ihrer wäßrigen Lösung als Mittel
Segen Hausschwamm zum Imprägnieren und
Anstreichen von Holz Verwendung findet.

, Antinosin, das Natriumsalz des Nosophens
's; d.), ein blaues, wasserlösliches Kristallpulver,
'vtrd bei der Wundbehandlung an Stelle des
•^doforms sowie bei Diphtherie benutzt.

, Antipyrin, Phenyldimethylpyrazolon,
&lt;!PL, 1CH3).jN„C3HO, wurde zuerst von Knorr
’ urch Erhitzen von Phenylhydrazin mit Azet-
essigester und nachfolgende Behandlung des
'j^kfhmsproduktes mit Jodmethyl und Methyl-
■dkohol hergestellt. Es bildet farblose, glänzende

Glichen, die bei 1130 schmelzen, in Wasser,

Alkohol und Chloroform leicht, in Äther etwas
schwerer Isölich sind. Durch Eisenchlorid wird
in der stark verdünnten Lösung eine tiefrote,
durch salpetrige Säure eine blaugrüne Färbung
erzeugt. Das A. gehört zu den wertvollsten Fie-
bermitteln und wird auch gegen Gelenkrheuma-
tismus und Neuralgie mit Erfolg verordnet. Von
den Derivaten des Antipyrins wird die Verbin-
dung mit Salizylsäure, das Salipyrin, wie das
A. selbst angewandt, während die Jodverbindung,
das Jodopyrin, die vereinigte Wirkung des Ä.
und des Jods zeigen soll. Weitere Derivate s.
unter Azetopyrin, Migränin, Tussol.

Antirheumin (Antirheumatin, Fluorrheu-
rnin) ist eine Fluorphenetol und Fluordiphenyl
enthaltende Vaseline, die zu Einreibungen gegen
Rheumatismus und Influenza empfohlen wird.

Antirheumol, ein Salizylsäureglyzerinester,
wird durch Erhitzen von Salizylsäuremethylester
und Glyzerin bei Gegenwart von Natriumazetat
dargestellt und als Rheumatismusmittel ange-
wandt.

Anfisepsin oder Asepsin, p-Bromazetanilid,
wird als Antipyretikum empfohlen.

Antiseptin, ein aus Zinksulfat, Zinkjodid, Thy-
mol und Borsäure bestehendes Antiseptikum,
welches seinerzeit von B. Fischer sehr abfällig
beurteilt worden ist.

Anytin, ein gereinigtes Ichthyolpräparat, wel-
ches die Fähigkeit besitzt, mit gewissen in Wasser
schwer löslichen Stoffen, wie Kampfer, Euka-
lyptusöl und anderen ätherischen Ölen leicht
lösliche Mischungen (Anytole) zu bilden.

Aouaraöl (Tukumöl), ein dem Palmöl nahe-
stehendes, zinnoberrotes Fett von der Tukum-
palme (Astrocärpium vulgare), welches in
der Seifenherstellung Anwendung findet.

Apatit, ein im wesentlichen aus phosphor-
saurem Kalzium mit geringen Mengen Fluor oder
Chlor bestehendes Mineral, welches entweder in
Form gut ausgebildeter Kristalle (z. B. der blaß-
grüne Spargelstein), feinfaseriger dichter Ab-
arten (Phosphorit), oder erdiger Massen
(Osteolith) auftritt. Hauptfundorte: Spanien,
Kanada, Norwegen, Rußland usw. Nach der
Aufschließung mit Schwefelsäure liefert der gegen
400/0 Phosphorsäure enthaltende Ä. ein wertvolles
Düngemittel. (Superphosphat.)

Apsnta, ein künstliches Bitterwasser, welches
vorwiegend Sulfate des Magnesiums und Na-
triums (3,9 g in 1 1) neben geringen Mengen
Gips, Kochsalz und Soda sowie Spuren Eisen
und Kieselsäure enthält.

Apfelbaumholz. Das sehr harte, hellbraune
Holz nimmt eine schöne Politur an und wird
zur Herstellung von Möbeln und kleineren Gegen-
ständen, wie Hobelgestellen, Werkzeuggriffen
usw. verwendet.

Apfelsinen (Orangen, Pomesinen, süße
Pomeranzen, Sinaäpfel, frz. Oranges dou-
ces, Pommes de Chine, engl. China oranges)
sind die Früchte von Citrus sinenses, eines
ursprünglich in China heimischen Baumes, dessen
Kultur sich jetzt über zahlreiche warme Länder
verbreitet hat. Die ersten A. sollen im Jahre
1548 von China nach Lissabon gebracht worden
sein, während zurzeit Italien, Spanien, Portu-
gal, die Azoren, Westindien, Kapland, Kalifor-
nien als Haupterzeugungsländer in Frage kom-
        <pb n="34" />
        ﻿Apfelwein

28

Aprikosenkerne









men. Die kugelrunden, oft etwas abgeplatteten
Früchte sind von einer hellgelben bis dunkel-
rotorangen Schale umgeben, welche ein wohl-
riechendes ätherisches Öl, das Apfelsinenöl,
enthält. Darunter folgt eine weiße, schwammige
Schicht, die Pulpa, aus welcher ein weißer, kri-
stallisierbarer Bitterstoff, das Hesperidin, ab-
geschieden worden ist, und, schließlich das saf-
tige Fruchtfleisch, welches seinen säuerlichsüßen
Geschmack einem Gehalte an rund i o/0 Zitronen-
säure und 5—6 o/o Zucker verdankt. Mit zu-
nehmender Reife wächst der Zuckergehalt und
der süße Geschmack. Als Zeichen der Güte gilt
dünne Schale und hohes Gewicht, doch gibt es
auch eine sehr geschätzte kleine Sorte mit gelb-
roter Schale und rotem Fleisch, die erst im
vorigen Jahrhundert bei uns bekannt gewordene
Mandarinenorange oder Blutapfelsine.
Die A. werden in Kisten versandt und zur Her-
stellung von Marmelade benutzt, meist aber roh
verzehrt. Als beste Sorten gelten die von Malta,
Genua und dem Gardasee.

Apfelwein (Apfelwein, Cider, frz. Cidre,
engl. Cyder), die wichtigste Sorte Obstwein,
wird aus dem ausgepreßten Safte der Äpfel
durch Gärung gewonnen. Während aber bei
der Traubenweinbereitung mit wen:g Ausnah-
men der edelste Wein da erzielt wird, wo jede
Sorte für sich gesondert gekeltert wird, ist
bei der Bereitung des A. die Benutzung ver-
schiedener Sorten geradezu Erfordernis für die
Erzielung eines guten Produkts. Das Obst wird
zerrieben und der Troß genannte Brei nach
12—48 Stunden langem Stehen in bedeckten
Kufen ausgepreßt, worauf die Gärung von selbst
eintritt. 100 kg Äpfel geben 70 bis 120 1 Most.
Zur Ausgleichung des Geschmacks ist der Zu-
satz geringer Mengen Wasser und Zucker zu-
lässig, hingegen ist die Verwendung der in den
Ausführungsbestimmungen zu § 10 des Wein-
gesetzes vom 7. April 1909 aufgeführten Stoffe,
insbesondere von löslichen Aluminiumsalzen,
Bariumverbindungen, Borsäure, Glyzerin, Sali-
zylsäure, unrejnem Stärkezucker, Teerfarben usw.
verboten (s.Wein). Der A. ist selten länger als
sieben Jahre haltbar, wird aber gewöhnlich
schon binnen Jahresfrist genossen und in Fässern
versandt. Einen besonderen Ruf genießt der
Frankfurtcr A. Die hauptsächlichsten Ernte-
gebiete sind Hessen, Württemberg, Baden und
neuerdings auch Sachsen, im Auslande die
Schweiz, England, Normandie und Pikardie.

Apiol, der kristallinische, kampferartige Be-
standteil aus dem ätherischen Öl der Petersilien-
früchte, welcher bei 300 schmilzt und bei 2940
unzersetzt siedet, ist in Wasser unlöslich, leicht
löslich in Alkohol, Äther und fetten Ölen, besitzt
schwachen Petersiliengeruch und findet thera-
peutische Anwendung gegen Wechselfieber als
Ersatz des Chinins und gegen Menstruations-
beschwerden.

Apollinaris, das bekannte kohlensaure Mineral-
wasser der Apollinarisquelle bei Remagen, welche
nach Mitteilungen des „Mineralwasserfabrikant''
1901, Nr. 38 einer rein englischen A.-G. oder
ihrer Tochtergesellschaft gehört. Das Wasser,
welches in ungeheuren Mengen, besonders nach
England, versandt wird, in Deutschland aber,
weil es enteisent und mit Kohlensäure gesättigt

wird, nicht als natürliches Mineralwasser be-
zeichnet werden darf, enthält in i kg 2,676 g
gelöste Stoffe, nämlich 1,3521 g Natriumbikarbo-
nat, 0,3755 g Kalziumbikajrbonat, 0,5756 g Mag-
nesiumbikarbonat, 0,0167 ff Ferrobikarbonat,
0,3765 g Natriumchlorid, 0,2126 g Natriumsulfat
und 0,0137 g Kieselsäure.

Apomorphin (lat. Apomorphinum, frz. Apo-
morphine, engl. Apomorphin), ein Zersetzungs-
produkt des Morphins, entsteht aus diesem durch
Einwirkung heißer überschüssiger Salzsäure
unter Druck als weiße kristallinische Masse,
welche an der Luft bald grün wird und sich in
Äther und Benzol mit roter, in Chloroform mit
violetter Farbe löst. Das A. ist eines der hef-
tigsten Brechmittel und äußert diese Wirkung
schon beim Einspritzen unter die Haut. Zu
medizinischen Zwecken verwendet man ge-
wöhnlich das Chlorwasserstoffapomorphin
(salzsaures A., lat. Apomorphinum muri-
aticum s. hydrochloricum).

Aprikosen (Marillen, Maletten, frz. Abri-
cots, engl. Apricots), die Steinfrüchte des Apri-
kosenbaums, Prunus armcniaca oder Arme-
niaca vulgaris, eines in, Armenien, China und
Japan einheimischen Baumes, der -in Italien, .
Deutschland, Österreich, Frankreich angebaut
wird, besitzen eine sammetartig behaarte Schale
und eine meist kugelförmige Gestalt (Muska-
teller- und Mandel-A.), doch gibt es auch platt-
gedrückte und eiförmige Sorten (Pfirsich-A.).
Von der großfrüchtigen, spätreifenden echten A.
unterscheidet man die einseitig gefurchten, auf
der Sonnenseite geröteten Früchte von gelber
Grundfarbe; sie haben ein charakteristisches
Aroma und enthalten an Geschmackstoffen neben
6—7 0/0 Zucker etwa 1 0/0 freier Säure, welche
sich in wechselnder Menge aus Zitronensäure
und Äpfelsäure zusammensetzt. Sie müssen zur
Vermeidung von Verletzungen einzeln gepflückt
(nicht geschüttelt) werden und dienen, abgesehen
von den frisch in den Handel kommenden, zur
Herstellung von Marmelade, Dörrobst (s. d.)
und, besonders in England, auch von Apri-
kosenwein.

Aprikosenäther, ein in der Konfektfabrikation
benutzter künstlicher Fruchtäther, der aus einer
alkoholischen Lösung von Chloroform, Butter-
säureäthyl- und -amylester und einigen anderen
Riechstoffen besteht.-

Aprikosenkerne oder -steine, die Steinkorne
der A., welche einen nicht unwichtigen Handels-
artikel von zunehmender Bedeutung bilden, be-
sitzen eine eirunde, seitlich zusammengedrückte
Gestalt und sind an einer Seite mit Kante ver-
sehen. Sie umschließen innerhalb ihrer harten
Schale einen süßen oder bitteren Samenkern,
der den Mandeln ähnlich, aber zum Unter-
schiede von diesen wesentlich kleiner, ungefähr
so lang wie breit und flach herzförmig ist und,
nicht eine rauhe (schilferige), sondern glatte
Oberfläche besitzt. Die A. enthalten etwa 40 bis
50 0/0 eines fetten Öls, die bitteren können auch
zur Herstellung eines dem Bittermandelöl ähn-
lichen ätherischen Öles (durch Destillation) be-
nutzt werden. In der Hauptsache finden sie als
sog. „Mandelersatz“ in der Konditorei sowie zur
Verfälschung von Marzipan Verwendung. Der
Nachweis gelingt mit Hilfe der mikroskopischen



- ■
        <pb n="35" />
        ﻿Aprikosenkemöl

29

Arbutin

Untersuchung, sowie gewisser Reaktionen des
fetten Öls. A. werden von Italien und Klein-
asien aus, teils mit, teils ohne Schalen versandt,
von Damaskus allein jährlich 40—50000 Säcke,
-und kommen auch als Abfallprodukt der deut-
schen Marmeladefabriken in den Handel.

Aprikosenkernöl, das durch Pressen aus den
Samen der Aprikosen gewonnene fette Öl von
hellgelber Farbe und dem spez. Gew. 0,921,
steht in chemischer Hinsicht dem Mandelöl (s.
d.) sehr nahe, von welchem es sich nur durch
den niedrigeren Erstarrungspunkt und mehrere
Farbenreaktionen unterscheidet, und wird da-
her zur Verfälschung des letzteren benutzt. In
Ostindien soll es unter dem Namen Chooli-
ki-tel und Badani-Kohel als Speise-, ßrenn-
und Haaröl benutzt werden.

Aplä (Maloo), der Bast mehrerer ostindischer
Bäume der Gattung Bauhinia, namentlich B.
racemosa, B. purpurea, B. scandens, B.
parviflora, läßt sich in grobe, mehrere Zenti-
meter lange Fasern zerreißen und wird seit
langer Zeit zur Herstellung von Seilen, Tauen,
Fischernetzen und größeren Geweben benutzt.
Die tiefroten Bauhiniafasern zeichnen sich
durch ihre außerordentliche Festigkeit und Wider-
standskraft gegen Wasser aus und sind gleich-
zeitig sehr biegsam.

Aqua amygdalarum amararum (Bitterman-
delwasser, frz. Eau d’amandes amöres, engl.
Bitter almonds water), eine wäßrig spirituöse Lö-
sung von Blausäure und Bittermandelöl, welche
durch Destillation der vom fetten Öl befreiten
bitteren Mandeln im Wasserdampfstrome ge-
wonnen wird und als Mittel gegen Hustenreiz,
Asthma usw. ausgezeichnete Dienste leistet.

Aracacha (Arakatscha, Apios) nennt man
die rübenartigen Wurzelknollen der Umbellifere
Aracacha esculenta, welche im nördlichen
Teile Südamerikas angebaut werden und dort
einen nicht unbedeutenden Handelsartikel bil-
den. Die Knolle wird wie Kartoffeln genossen
und zur Darstellung des Stärkemehls benutzt.

Aräometer (Senkwagen, frz. Areometrcs,
engl. Areometers) sind Instrumente, mit denen
man die Dichte oder das spezifische Gewicht von
Flüssigkeiten ermitteln kann. Sie beruhen auf
dem Prinzip, daß ein schwimmender Körper in
eine Flüssigkeit so tief einsinkt, bis die von ihm,
verdrängte Flüssigkeitsmenge gerade so viel
wiegt, wie er selbst. In einer leichteren Flüssig-
keit muß daher ein schwimmender Körper tiefer
emsinken, als in einer dichteren. Man unter-
scheidet Gewichtsaräome’ter und Volumen-
c&gt;der Skalenaräometer, von denen letztere
für die Praxis allein in Betracht kommen. Sie
bestehen aus oben und unten zugeschmolzencn
daszylindern, die am unteren Ende mit einer
vuecksilber enthaltenden Kugel versehen sind.

Ie Gradeinteilung zeigt entweder direkt das
spezifische Gewicht an, oder besteht aus einer
willkürlichen Skala (nach Baumd, Cartier, Beck).

ei den besseren A. ist zugleich ein Thermo-
H'cter mit eingeschmolzen. Für die verschiedenen
Wecke der Praxis sind besondere A., soÄther-
^agen, Spirituswagen oder Alkohole-
eter (s. d.), Mostwagen, Milchwagen,
ätcharometer oder Würzewagen kpnstru-
ert worden. Fabrikmäßig werden die A. in

dem Thüringer Walde, z. B. in Stützerbach, Mane-
bach, Mellenbach sowie in Berlin gefertigt.

Aranzini nennt man in Italien die kleinen bit-
teren, unreifen Pomeranzen, welche unzerschnit-
ten in Zucker eingemacht und in Schachteln
versandt werden. Die gleiche Bezeichnung füh-
ren in kleine Scheibchen geschnittene und in
Zucker eingelegte Apfelsinenschalen, die als eine
Art Konfekt in den Handel kommen. Daß es
bei ihrer Herstellung nicht immer ganz appetit-
lich zugeht, lehrt das Urteil des Obersten Öster-
reichischen Gerichtshofes vom 2. März 1909, wel-
ches wegen Verwendung der auf der Straße
aufgelesenen Orangenschalen Verurteilung aus-
sprach.

Arariba (lat. Cortex araribae, frz. Ecorce
d’araribe, engl. Arariba-bark) ist die rote Rinde
von Arariba rubra, einem in Brasilien heimi-
schen, zu den Zinchoneen gehörigen Baume,
welche medizinische Anwendung findet. Das
Holz des gleichen Baumes, Araribaholz oder
Irisbe rosa, welches anfangs gelblich erscheint,
an der Luft aber allmählich feuerrot wird, be-
nutzt man in der Kunsttischlerei.

Araroba (Arraroba, Bahia-Pulver, Goa-
Pulver, Poudre de Goa, Chrysarobinum
crudum), ein in den Drogenhandel eingeführ-
tes Mittel gegen Hautflechten, besteht aus dem
pulverförmigen Sekrete eines in den brasiliani-
schen Provinzen Bahia und Sergipe heimischen
und dort Angelina amargosa (Andira
araroba Ap.) genannten Baumes, Zu seiner
Gewinnung fällt man die älteren Stämme, deren
gelbes und sehr poröses Holz von zahlreichen
Längsfurchen durchsetzt ist, und kratzt das
darin befindliche gelbe Pulver, welches an der
Luft bald braun wird, heraus. Es ist durch
Oxydation aus dem Harze der Bäume entstan-
den und besteht zu 60—80 0/0 aus Chrysarobin
(s. d.), während der Rest auf Glykose, Arabin,
Bitterstoff, Harz, Zellulose und Mineralbestand-
teile entfällt. Infolge der Gewinnungsweise ist
die Araroba meist durch Pflanzen- und Mineral-
stoffe verunreinigt, zu deren Entfernung sie zu-
nächst gesiebt und dann mit heißem Benzol aus-
gezogen wird. Bei der Verarbeitung ist aber
wegen der heftigen Einwirkung auf die Schleim-
häute der Augen sowie der Mund- und Nasen-
höhle, Vorsicht geboten. A. wird nur äußerlich in
Form von Collodium chrysarobinatum oder von
Salben gegen Hautkrankheiten verordnet. —
Neben der vorstehenden echten A. kommt auch
das Rindenpulver des gleichen Baumes in den
Handel, welches jedoch eine weit geringere
Wirksamkeit zeigt.

Arbulin (lat. Arbütinura, frz. Arbutine, engl.
Arbutin), ein in den Blättern der Bärentraube,
Arbutus uva ursi, enthaltenes Glykosid, bildet
geruchlose, feine weiße Kristallnadeln, die be;
167—1680 C schmelzen und sich bei höherer
Temperatur zersetzen. Es löst sich in 8 Teilen
kaltem oder 1 Teil siedendem Wasser sowie in
Alkohol. Die wäßrige Lösung wird durch eine
geringe Menge Eisenchlorid blau, durch eine
größere grün. Beim Erhitzen mit verdünnter
Schwefelsäure und Braunstein tritt der durch-
dringende Geruch nach Chinon auf. Das A. wird
gegen Blasen- und Nierenkrankheiten verordnet.
        <pb n="36" />
        ﻿7

Arekanüsse

30

Aronwurzel



II'

Arekanüsse (Betelnüsse, lat. Nuces s. Se-
men Arecae, frz. Noix d’Arec, engl. Arecanut)
sind die Früchte der Arekapalme (Areca Ca-
techu), die in vielen Spielarten in Ostindien
kultiviert wird. Jeder Baum liefert jährlich
200—8oo Nüsse von der Größe und Härte einer
Muskatnuß, die einen wichtigen Handelsartikel
des südlichen Asiens bilden und von Zey-
lon und der Malabarküste in ganzen Schiffs-
ladungen nach anderen Häfen Indiens und na-
mentlich nach China versandt werden. Neben
14—180/0 eines aus Laurostearin und Myristin
bestehenden Fettes, Eiweiß, etwas Gerbsäure
und rotem Farbstoff enthalten sie mehrere Basen
(Arekolin, Arekain), von denen nur das dem
Pelletierin verwandte Arekolin giftig ist. In den
Ursprungsländern werden die Nüsse mit den
Blättern des Betelpfeffers und etwas. Kalk ge-
kaut; in der Technik finden sie zum Färbender
Baumwolle und zur Tintenbereitung, in der Me-
dizin als Bandwurmmittel,-in der Tierheilkunde
als Laxans Anwendung.

Argentan (Neusilber, Packfong, Weiß-
kupfer, frz. Maillechort, engl. German silver)
nennt man eine weiße, glänzende Metallegie-
rung aus 50—66 Teilen Kupfer, 20—30 Teilen
Nickel und 15—20 Teilen Zink, welche um so
weißer und silberähnlicher erscheint, je höher
der Nickelgehalt ist. Das spezifische Gewicht der
sehr politurfähigen Legierung liegt zwischen 8,4
und 8,7. Man verkauft das A. gewöhnlich in Form
von Zainen oder Platten, die großen Fabriken
von Argentanwaren stellen sich jedoch ihrexr Be-
darf meist selber dar. Die verschiedenen Waren
werden teils durch Guß, teils aus Argcntan-
blech durch Treiben, Schmieden oder Prägen
auf kaltem Wege hergestellt, da die Legierung
heiße Schmiedung nicht verträgt. Galvanisch
versilberte Argentanwaren kommen unter den
Namen Chinasilber oder Perusilber in den
Handel.

Arghelblätter (Argeiblätter), die aus Ober-
ägypten und Nubien über Alexandrien in den
Handel kommenden Blätter einer Asklepiada-
zee, Cynanchutn Arghel Delile s. Sole-
nostemma Arghel Hayne, sind gräulichgrün,
steiflederartig, beiderseits dicht behaart und be-
sitzen einen widerlich scharfen Geschmack so-
wie stark abführende Eigenschaften. Sie werden
zuweilen den Sennesblättern betrügerischer weise
beigemengt.

Argonin, ein weißes wasserlösliches Pulver,
das bei Fällung von Kaseinnatrium mit Silber-
nitrat unter Zusatz von Alkohol entsteht, wird
als nichtätzendes Mittel gegen Tripper benutzt.

Aristol (Amidolin, Thymotol, Thymo-
lum), das hellschokoladenfarbige Pulver von
Dithymoldijodid, dient als Jodoformersatz bei
Hautkrankheiten.

Arnika (Wohlverleih, F'allkraut, Engels-
kraut, St. Luzienkraut, lat. Arnica montana).
Von dieser bekannten Pflanze (Gattung der
Kompositen) der mitteleuropäischen Gebirge fin-'
den besonders die Wurzeln und Blüten, seltener
die Blätter medizinische Anwendung. — Die
Arnikawurzel (lat. Rhizoma, fälschlich Radix
Arnicae, frz. Racine d’Arnica, engl. Arnica-root)
besteht aus dem noch mit den Wurzeln ver-
bundenen Wurzelstock, an dem man beim Ein-

sammeln, zur Verhütung von Verwechslungen
mit den Wurzeln anderer Kompositen, die unter-
sten am Grunde scheidenartig verwachsenen
Blätter stehen läßt. Das etwa federkieldicke
Rhizom, welches nur an einer Seite mit zahl-
reichen, strohhalmdicken, blaßbraunen Neben-
wurzeln besetzt ist, zeigt eine höckerige Ober-
fläche und besitzt einen unangenehm aromati-
schen Geruch sowie scharfen und bitteren Ge-
schmack. Neben too/o Inulin (keine Stärke!),
scharfschmeckendem Harz, Gummi, Wachs und
Gerbstoff sind als wirksame Bestandteile der
Bitterstoff Arnizin und etwa 0,5—1 0/0 eines
ätherischen Öls vorhanden. Das letztere (Ar-
nikawurzelöi, Oleum Arnicae) besitzt einen
rettichartigen Geruch, das spez. Gew. 0,99
bis 1.00 und besteht neben 200/0 Isobutter-
säurephlorylester (C4H702. C8H9) aus dem Di-
methyläther des Thymohydrochinons. Der mit
Weingeist und Olivenöl aus der Wurzel her-
gestellte Auszug wird als Arnikahaaröl gegen
Haarausfall benutzt. — Die Arnikablätter (lat.
F'olia oder Herba Arnicae, frz. Feuilles d’Arnica,
engl. Arnica leaves) sind ziemlich steif, fast
lederartig, länglich ganzrandig und von schwa-
chem Gerüche, aber scharf bitterem Geschmack.

Die Arnikablüten (lat. Flores Arnicae, frz.
Fleurs d’Arnica, engl. Arnica flowers) zeigen
die bekannte F'orm der Kompo'sitenblüten. Der
zweireihige grüne Hüllkelch, der bisweilen auch
nebst dem Blütenboden entfernt wird (Flores
A. cum oder sine calycibus), umschließt die
zungenförmigen, dreizähnigen und neunnervigen
Rand- oder Strahlblüten sowie die röhrenförmi-
gen, fünfspaltigen Scheibenblüten, diebeideeine
ziemlich beständige gold- oder orangegelbe
Farbe besitzen. Die Blüten schmecken scharf
beißend, aromatisch und bitterer als Wurzeln
und Blätter, ihr angenehm aromatischer Geruch
wird durch ein in Menge von 0,04—0,07 o/0 vor-
handenes ätherisches Öl bedingt, welches wegen
seines Gehaltes an Laurin- und Palmitinsäure
bei Zimmertemperatur butterartig erstarrt und
von dem Öl der Wurzeln verschieden ist. (Spez.
Gew. 0,89—0,91 bei 30° C.) Die Amikablüten,
welche auch in ziemlich erheblicher Menge nach
Amerika ausgeführt werden, bilden in F'orm ihres
alkoholischen Auszuges (Arnikatinktur, lat.
Tinctura Arnicae, frz.Teinture d’arnica, engl.Tine
ture of Arnica), ferner eines Extraktes (Extrac-
tum Arnicae), eines wäßrigen Destillates (Aqua
florum Arnicae), eines Pflasters usw. ein ver-
breitetes Volksarzneimittel.

Aromatik, ein bekannter Bitterlikör, der nach
Hager aus Zitronenschalen (4 Stück), Zimt,
bitteren Orangen (je 30 g) und Nelken (7 g)
durch Ausziehen mit 3 kg Spiritus, und Zusatz
von 4 kg Rotwein, 2 kg Zucker und t kg Wasser
zu dem Filtrate hergcstellt wird. Andere Re-
zepte geben auch Curagaoschalen (s. d.), Kas-
karillrinde, Galgant, Kardamom, Kubeben, En-
zian, Zitwerwurzel, Angelika an.

Aronwurzel (Zehrwurzel, Pfaffenpint-
würzel, Magenwurzel, Peterkrautwurzel,
lat. Rhizoma seu Tubcra Ari, frz. Racine d’Aron,
engl. Wake-robin), ein veralteter Artikel des Dro-
genhandels, besteht aus dem mehligen Wurzel-
stock des in deutschen Laubholzwäldern vorkom-
menden gefleckten Aronstabs, Anim ma-
        <pb n="37" />
        ﻿Arrak

31

Arsenfarben

culatum. Die frische Wurzel enthält einen sehr
scharfen Stoff, der giftig wirken soll und dem
Saponin nahesteht. In der getrockneten Wurzel
sind Stärke, Bassorin und fettes Öl enthalten.
Die durch Kochen von ihrem Bitterstoff befreite
Wurzel dient in den Tropen als Nahrungsmittel
sowie zur Herstellung von Stärke (Portland
Arrowroot).

Arrak (Arac, Rack, eigentlich Al Rak, frz.
Arrac, engl. Arac) ist ein zu den sog. Edel-
branntweinen gerechnetes alkoholisches Destil-
lat, welches in Ostindien entweder aus vergore-
ner Reismaischc oder aus dem vergorenen
Zuckersäfte von Blütenkolben der Kokospalme
(Toddy) oder auch wohl aus einem Gemische
beider unter Zusatz von Melasse hergestellt wird.
Als beste Sorte gilt der Batavia- oder Manda-
rinenarrak, der über Amsterdam und Rotterdam
in den Handel kommt; an zweiter Stelle folgt
der Arrak de Goa (Taffia) und schließlich der
Zeylon-A., der angeblich Zusätze betäubender
Stoffe, wie Hanf, Datura usw. enthält. Neben
Holland sind London und Hamburg als Haupt-
handelsplätze zu erwähnen. Der Arrak ist gleich
nach der Destillation farblos und wird, wenn er
nach längerer Lagerung gelblich geworden sein
sollte, meist durch Behandlung mit Knochen-
kohle wieder entfärbt. Er besitzt ein feines,
eigenartiges Aroma und enthält neben geringen,
wechselnden Mengen von organischen Säuren
und Estern etwa 56—60V0I. % Alkohol. Unter
45 Vol. o/o sollte der Alkoholgehalt nicht her-
untergehen. Gemische von A. mit Spiritus dür-
fen als Arrakverschnitt bezeichnet werden, wenn
mindestens t/10 des Alkohols echtem A. ent-
stammt. Erzeugnisse, die andere Aromastoffe,
wie Ameisensäureäther (A.-Essenz) enthalten,
Slr&gt;d als Kunstarrak zu kennzeichnen. Auch ihr
Alkoholgehalt sollte mindestens 45 °/o betragen.
A. wird weniger zum direkten Genuß als zur
Herstellung von Grog und Punschessenzen
•Schwedenpunsch) benutzt.

Arrowroot (Araruta, lat. Amylum Marantae,
Hz. und engl. Arrow-root). Unter diesem Na-
nten kommen verschiedene Arten von Stärke-
mehl in den Handel, die aus den knolligen
A'urzelstöcken tropischer Pflanzen dargestellt
werden. 1. Westindisches A. (Maranta-
Härke) stammt von einigen Marantaarten, be-’
®°nders M. arundinacea, welche nicht nur in
w Ostindien, sondern auch in Guyana, Brasilien,
Ltiudicu und auf Rdunion angebaut werden.
Aach der Herkunft benennt man sie auch als
Jamaika-, Bermudas-, Natal-, St.-Vincent-, bra-
■’üianisches und afrikanisches A. Die geschätz-
este Ware liefert St. Vincent in Menge von
1 Mm,™ v.t---------- - r-vJ j sche s A.

F a r i n a

----------_ --------e) aus dem Rhi-

£°.®c verschiedener Kurkuma-Arten (C. angusti-
lj la, leukorrhiza, rubescens) führt nach den
, rsprungsorten auch die Bezeichnungen: Bom-
Malabar-, Tellicherry-A., spielt aber für
nscren Handel eine untergeordnete Rolle,
jj Queensland-A. (Cannastärke, Fecule
»e. J oloman, Tous les mois, Neusüdwales-
ed rV'1^ aus den Knollen von Kanna-Arten (C.
„I U ls, indica, achiras, coccinea) gewonnen. Den
0 mchen Namen führt die Stärke einer Zykasart,

1 a ■ ” are liefert St. Vincent in Mi
Million Kilogramm. 2. Ostin dis
Utkhur-, Tikor-, Tik-Mehl,
*k, Travancore-Stärke) aus t

Zamia spiralis. 4. Tahiti-A. (Williams-A.,
Fdcule de pia, Fecule de.Kabya, Tavolo)
ist die Stärke von Tacca pinnatifida (Liliaceae),
die auf den meisten Inseln des Großen Ozeans
angebaut wird. 5. Portland-A. von Arum ma-
culatum, italicum, esculentum. 6, Brasiliani-
sches A, Mit diesem Namen bezeichnet man
die Stärke der süßen Kartoffel (Batates edulis),
hauptsächlich aber die als Tapioka, Manihot,
Kassava oder Manioc bekannte Stärke von
Manihot utilissima. Die außerordentlich großen
Knollen dieser Euphorbiazee, welche in Süd-
amerika heimisch ist, aber überall in den Tro-
pen als wichtiges Nahrungsmittel angebaut wird,
enthalten neben etwas Blausäure einen sehr gif-
tigen Stoff Manihotoxin und werden daher
zur Entfernung des giftigen Saftes zunächst in
Scheiben geschnitten und ausgepreßt. Der ge-
trocknete Rückstand wird gemahlen und zur
Gewinnung der Stärke geschlämmt. Die letztere
kommt sowohl in Pulverform, als auch nach
teilweiser Verkleisterung als eine Art Sago (echte
Tapioka) in den Handel. 7. Guyana-A. wird
aus den Wurzelknollen verschiedener Dioscorea-
arten, den sog. Yamwurzeln, dargestellt, doch
belegt man auch die Stärke der Bananenfrüchte
(Musa paradisiaca) mit dem gleichen Namen.
— Im Handel werden die vorstehenden Bezeich-
nungen der Arrowrootsorten vielfach mitein-
ander verwechselt, ohne daß darin eine Verfäl-
schung zu erblicken wäre. Hingegen ist der Zu-
satz billiger einheimischer Stärke von Getreide,
Kartoffeln usw. unzulässig. A. findet zur Her-
stellung feiner Backwaren, zu Küchenzwecken
und auch in der Medizin vielfache Anwendung.
Die feineren Sorten gelangen in Blechdosen ver-
packt, die geringeren in Fässern von etwa 100 kg
zum Verkauf.

Arsen (As), ein metallisches Element vom
Atomgewicht 75, findet sich in gediegenem Zu-
stande verhältnismäßig selten im Erzgebirge und
im Harz in Form krummschaliger oder stalak-
titischer Stücke von schwarzgrauer Farbe und
mattglänzender Oberfläche, welche als Scher-
benkobalt (Cobaltum crystallisatum) oder
Fliegenstein bezeichnet werden. Verbreiteter
sind seine Verbindungen mit Schwefel (s. Ar-
senik) und mit anderen Metallen und Schwefel,
wieA r senk ie s (Eisen-Arsen-Schwefel, Fe3As2S3),
Kobaltglanz (Kobalt-Arsen-Schwefel), Kup-
fernickel (Arsennickel NiAs), Weißnickel-
erz (NiAs3) u. a. Zur Reindarstellung wird ent-
weder der Scherbenkobalt oder häufiger der
Arsenkies der Sublimation unterworfen, wobei
man das A. als ein stahlgraues kristallinisches
Pulver vom spez. Gew. 5,72 erhält. Es läßt sich
nur unter hohem Druck in der Glühhitze schmel-
zen, verflüchtigt sich aber beim Erhitzen auf
Kohle vor dem Lötrohr unter Verbreitung eines
eigentümlichen Knoblauchgeruchs und ver-
brennt an der Luft zu einem weißen Rauch von
arseniger Säure. Das auch als grauer oder
schwarzer Arsenik bezeichnete A. findet in
der Technik fast nur als Zusatz zu Blei bei der
Schrotherstellung Anwendung.

Arsenfarben im Sinne der gesetzlichen Be-
stimmungen sind die unter Arsenik (s. d.) an-
geführten gelben und roten Schwefelverbindun-
gen (Realgar, Auripigment usw.) und die aus
        <pb n="38" />
        ﻿Arsenik

32

Artillerieholz

arsensaurem Kupfer bestehenden grünen Farben
(s. Schweinfurter Grün).

Arsenik (lat. Arsenicum, frz. und engl. Arsenic)
schlechthin oder weißer A. ist de arsenige Säure.
Außerdem bezeichnet man im Handel und Ver-
kehr das metallische Arsen (s. d.) als grauen
oder schwarzen A., die Schwefelverbindungen
hingegen als gelben oder roten A. Der weiße
Arsenik, in chemischer Hinsicht arsenige Säure
oder Arsentrioxyd (As203), findet sich in der
Natur als Oxydationsprodukt arsenhaltiger Erze
in Form der Arsenikblüte' und wird« hütten-
männisch im großen beim Rösten von Arsen-
erzen in Flammenöfen gewonnen. Die hierbei
verflüchtigte und in gemauerten Kanälen mit
Kühlkammern wieder verdichtete arsenige Säure
kommt entweder als weißes Pulver (Giftmehl,
Arsenmehl, Hüttenrauch, Hüttenmehl, lat. Ar-
senicum album pulveratum, Acidum arsenico-
sum, frz. Acide arsdnieux, Arsenic blanc, engl.
Arsenious Add, White Arsenic) oder als ge-
schmolzene, farblose, glasartige, bald undurch-
sichtig werdende Masse (porzellanartige arsenige
Säure, Arsenikweißglas) in den Handel. Zur
weiteren Reinigung kann sie noch einer be-
sonderen Sublimation unterworfen werden. Die
arsenige Säure verwandelt sich beim Erhitzen
auf 2i8°, ohne zu schmelzen, in einen geruch-
losen Dampf, der sich an kälteren Teilen wieder
zu glänzenden oktaedrischen Kristallen ver-
dichtet. Beim Glühen mit einem Kohlesplitter
im einseitig geschlossenen Glasrohr entsteht ein
schwarz glänzender Spiegel von metallischem
Arsen unter gleichzeitigem Auftreten von Knob-
lauchgeruch. Arsenik ist in kaltem Wasser nur
wenig, in heißem Wasser leichter löslich und
wirkt schon in Menge von 0,005—°&gt;°5 S gif-
tig, in Dosen von 0,1—0,3 g tödlich. (Gegen-
gift: frisch gefälltes Eisenhydroxyd Anti-
dotum Arsenici.) Als Gift der Abteilung I
darf A. nur von Apothekern und Drogisten
mit Erlaubnis zum Gifthandel der Abteilung 1
gegen Giftschein an bekannte Personen, und
zwar als Mittel zum Vertilgen von Ungeziefer,
Ratten, Füchsen und Mardern, nur mit einer
in Wasser leicht löslichen grünen Farbe gefärbt,
verkauft werden. Arsenik dient in der che-
mischen Industrie als Ausgangsmatcrial zahl-
reicher Arsenpräparate und findet in der Tech-
nik Anwendung zur Herstellung optischer Gläser,
von Schweinfurter Grün, zum Konservieren von
Tierbälgen, zur Behandlung von Haaren in der
Hutmacherei und als Beize' in der Färberei und
Druckerei. Hingegen ist er, wie auch die ver-
wandte Arsensäure (As206, Ars.enpentoxy d,
lat. Acidum arsenicicum, frz. Acide arsenique,
engl. Arsenic Acid) aus Anilinfarben-, besonders
Fuchsinfabriken, jetzt vollständig verdrängt. —
Der rote Arsenik (Arsenrotglas, Arsen-
rubin, Rubinschwefel, Realgar, lat. Arseni-
cum sulfuratum rubrum, frz. Rdalgar, Sul-
fure rouge d’arsdnic, engl. Realgar), in chemi-
scher Hinsicht Arsendisulfid (Arsensulfür, Z-wei-
fach Schwefelarsen, eine Verbindung von 75 Tei-
len Arsen und 32 Teilen Schwefel (as&gt;3) findet
sich in der Natur ziemlich selten in schön rubin-
roten Kristallen (Andreasberg a. H., Vesuv,
•St. Gotthard), wird aber meist künstlich durch
Destillation von Arsenik und Schwefelkies dar-

gestellt und bildet dann rubinrote bis braunrote,
mehr oder weniger durchscheinende Stücke von
muschligem Bruch und siegellackähnlichem Aus-
sehen. Während das reine Arsensulfür ungiftig |
ist, wirkt das im Handel vorkommende Kunst-
produkt wegen seines wechselnden Gehaltes an I
arseniger Säure giftig. Es findet Anwendung in 1
der Feuerwerkerei zur Herstellung des indischen i
Weißfeuers, ferner zum Enthaaren von Fellen, i
in der Schrotherstcllung und zum Reduzieren 1
von Indigo in der Zeugdruckerei. — Gelber 1
Arsenik (Arsengelbglas, Arsenpigment,
gelbes Schwefelarsen, Operment,Rausch-
gelb, Auripigment, lat. Arsenicum sulfu- |
ratum citrinum seu flavum, frz. und engl.
Orpimcnt) hat als Mineral (Harz) die Zusam- |
mensetzung des Arsentrisulfids (As2S3) und ist |
ungiftig, während die künstlich durch Sublima- j
tion von Arsenik mit Schwefel hergestellte
Verbindung erhebliche Mengen, bis zu 900/0,
arsenige Säure enthält und daher giftig wirkt.
Das zitronen- bis orangegelbe Pulver, welches j
beim Erhitzen dunkler bis braunrot wird, bildet j
im Gemische mit Kalk und Wasser das Ent-
haarungsmittel der Orientalen (Rhusma) und
findet als Königsgelb, Chinagelb, Per- !
sischgelb, Spanischgelb beschränkte An- 1
Wendung in der Ölmalerei. Alle unter der Be- I
Zeichnung „Arsenikalien“ zusammengefaßten j
Arsenverbindungen des Handels werden nur
dann zum Eisenbahntransporte zugclassen, wenn j
sie in doppelte Fässer oder Kisten verpackt
sind, auf welchen mit schwarzer Ölfarbe die
Worte „Arsenik (Gift)“ in leserlichen Buch- j
staben angebracht sind. Die Böden der Fässer j
müssen mit Einlagereifen, die Deckel der Kisten
mit Reifen oder eisernen Bändern gesichert wer- j
den. Die inneren Fässer oder Kisten sind von 1
starkem, trocknem Holze zu fertigen und in-
wendig mit dichter Leinwand oder ähnlichen
dichten Geweben zu verkleben, oder es werden I
Eisentrommeln mit Holzüberfässern verwendet, j
Diese Vorsichtsmaßregeln sind vorgeschrieben, j
damit eiqe Verstaubung nicht eintreten kann. ;

Arsenjodid (Arscnjoclür, Jodarsen, lat. Ar- '
senium jodatum, frz.Jodure d’arsenic, ertgl. Ar- :
senious jodide) besteht aus roten, glänzenden, j
hexagonalen Kristallen, welche von Alkohol un-
verändert, von Wasser unter Zersetzung gelöst j
werden. Die sehr giftige Substanz wird, beson- I
ders in Form der Donovanschen Lösung j
(Arsenjodid, Quecksilberbijodid und Kalium- .
jodid), gegen Krebs, in Form von Salben auch j
gegen Lupus, verordnet.

Arsenwässer, heilkräftige Mineralwässer von i
Leviko,Roncegno,Kudowa,Baden-Baden, welche j|
gelöstes Arsen in Menge von 3—9 mg in 1 I
enthalten.

Artillerieholz nennt man die zur Herstellung ,
der Holzteile an Feldkanonen geeigneten rohen !
Holzarten. Für Felgen, Speichen und Naben der -
Kanonenräder benutzt man das gewöhnliche ’
Stellmacherholz, namentlich von Buchen, Hain-
buchen, Eschen, Ulmen, Eichen und Ahorn. Das ’
Lafettenholz wird am besten aus Ulmenholz,
womöglich von Ulmus suberosa, geschnitten.
Wegen der Seltenheit dieses Holzes werden
auch astfreie Eichen und starke Rotbuchen ver-
arbeitet.
        <pb n="39" />
        ﻿Artischocken

33

Asche

Artischocken (frz. Artichauts, engl. Articho-
kes) bilden in Deutschland einen Artikel des
Delikatessenhandels, in Italien, Griechenland
und Frankreich ein allgemein gebräuchliches
Gemüse. Die A, des Handels sind die grünen
Blütenköpfe einer distelartigen Pflanze, Cynara
scolymus L., welche aus Afrika und dem süd-
lichen Europa stammt und dort, wie in Frank-
reich und England angebaut wird. Man erntet
die noch nicht ganz ausgebildeten Blütenköpfe,
sobald die Kelchblätter beginnen sich auszu-
breiten, vom Juli bis Oktober. Von den zahl-
reichen Sorten sind die besten: die große vio-
lette A., die große grüne und die A. von Laon.
Die Zubereitung ist eine sehr verschiedenartige,
doch wird nur der fleischige -Blütenboden nach
Entfernung der Schuppen und des Stiels ge-
nossen. Vor dem Kochen werden die A. eine
Stunde lang gewässert. In Italien siedet man
sie mit Öl, Salz und Zitronensaft. Die Samen
enthalten 20—22 0/0 eines gelben, fetten Öles, das
Artischockenöl.

Arvenholz (Zirbelkiefernholz, Zirbelföh-
renholz), das Holz der Arve, Pinus cembra,
ist grob und wenig glänzend, aber dauerhaft.
Man erhält es aus den Alpen und verwendet es
zu Resonanzböden.

Arzneimittel. Bei der Kriegsverordnung vom
22. März 1917 ist hinsichtlich der zu erteilenden
Handelserlaubnis mit Arzneimitteln im § 2 fol-
gende Begriffsbestimmung aufgestellt; A. im
Sinne dieser Verordnung sind solche chemische
Stoffe, Drogen und Zubereitungen, die zur
Beseitigung, Linderung oder Verhütung von
Krankheiten bei Menschen oder Tieren bestimmt
sind. Die Verordnung bestimmt, daß der Han-
del mit Arzneimitteln vom 16. April 1917 ab nur
solchen Personen gestattet ist, denen eine be-
sondere Erlaubnis zum Betriebe dieses Handels
orteilt wurde. Diese Vorschrift findet keine
Anwendung 1. auf Personen, die bereits vor
dem 1. August 1914 mit Arzneimitteln Handel
getrieben haben, der sich nicht auf die unmittel-
bare Abgabe an die Verbraucher beschränkt;

2-	auf Apotheken, in denen Arzneimittel nur un-
mittelbar an Verbraucher abgegeben werden;

3-	auf sonstige Kleinhandelsbetriebe, in denen
Arzneimittel nur unmittelbar an Verbraucher
abgegeben werden; 4. auf Tierärzte, soweit sie
ln Ausübung ihrer tierärztlichen Tätigkeit Arz-
neimittel unmittelbar an Verbraucher abgeben
dürfen.

Asa foetida (Teufelsdreck, Stinkasant,
Gummi s. Resina Asa foetida, frz. Ase {&amp;-
dde, engl. Stinking Assa) besteht aus dem ein-
getrockneten Milchsäfte der Wurzeln verschiede-
ner großer Umbelliferen (Doldengewächse)
des inneren Asien. Namentlich sollen Scoro-
dostna foetidum, welches zwischen demAral-
se.e und dem Persischen Meerbusen wächst, so-
wie auch Narthex Asa foetida im westlichen
Afghanistan und Turkestan, nach andern aber
auch Ferula Asa foetida und andre Arten die
A- liefern. Die A. hat einen höchst unangeneh-
?dri Geruch, den sie der Gegenwart eines schwe-
e baltigen ätherischen Öles (Asantöl etwa 3 bis
^9,oo/0) vercla.nkt. Die beste Sorte A. f. in granis

ln lacrymis (A. in Körnern oder in Tränen)
esteht aus einzelnen kleineren, mehr oder we-

^fercka Warenlexikou.

niger rundlichen Stücken, die im frischen Zu-
stande eine weiße Farbe haben, mit der Zeit
aber pfirsichblütrot und schließlich braun wer-
den. Die zweite Sorte, A. f. in massis, besteht
aus größeren Stücken, in denen man innerhalb
einer gleichmäßigen Grundmasse zahlreiche
kleine, mandelförmige Stücke von der angegebe-
nen Beschaffenheit erkennen kann. Im frischen
Zustande ist die A. weich, im Alter hart. Sie
gehört zu den Gummiharzen und enthält außer
dem bereits erwähnten ätherischen Öle Harz,
Gummi, Spuren Vanillin undFerulasäure. Man
benutzt die Ware als Nervenmittel sowie mit
zweifelhaftem Erfolge gegen Eingeweidewürmer.

Asaprol (Abras toi), /i-Naphtolmonosulfo-
saures Kalzium, ein farbloses, in Wasser und
Alkohol lösliches Pulver, ist als nicht reizendes,
antiseptisches Präparat gegen Rheumatismus,
Gicht, Typhus usw. empfohlen worden.

Asbest (Amiant, Byssolith, Federweiß,
Federalaun, Bergflachs, lat. Alumen plumo-
sum, frz. Asbeste, engl. Asbestus, Amyanth) nennt
man die sehr feinfaserigen bis haarförmigen
Abarten des Grammatits und Aktinoliths
(Strahlstein), welche ihrer chemischen Zusam-
mensetzung nach mit der Hornblende über-
einstimmen, also im wesentlichen als Kalk-
Magnesia-Silikate anzusprechen sind. Der
A. besteht aus kürzeren oder längeren, weichen
oder biegsamen, weißen, zuweilen auch grün-
lichen Fasern, die je länger um so höher be-
zahlt werden. Man erhält ihn am schönsten aus
Tirol, Nordamerika (Bostonit), Italien, Austra-
lien, der Schweiz, Sibirien, den Pyrenäen. 1886
wurde auch ein bedeutendes Lager im hessi-
schen Odenwalde entdeckt. A. findet ausge-
dehnte Verwendung als Material für Stopf-
büchsen, zum Dichten der Flanschenverbindun-
gen, zum Filtrieren starker Säuren (Asbest-
papier), zur Erzeugung mittelfeiner Spitzen
(Como), Mützen (Pyrenäen), Handschuhe (Si-
birien), zur Herstellung unverbrennbarer Zeuge
und Theatergeräte, von Gerätschaften für che-
mische Laboratorien (Asbestteller, Asbestdraht-
netze) u. dgl. Die nicht faserigen Sorten dienen
zur Herstellung feuerfester Farben. Diese viel-
seitige Verwendung verdankt der A. seiner Schwer-
schmelzbarkeit und Unverbrennlichkeit, seiner
Widerstandsfähigkeit gegen Säuren (mit Aus-
nahme der heißen Schwefelsäure) und Laugen
und der Eigenschaft, wie ein Schmiermittel zu
wirken. Auch ist er ein schlechter Leiter der
Wärme und Elektrizität. Asbestfabrikate
werden gefertigt in Berlin, Frankfurt a. M., Dres-
den und Hannover.

Asche im gewöhnlichen Sprachgebrauche ist
der beim Verbrennen der Heizmaterialien hin-
terbleibende Rückstand (Holzasche, Kohlen-
asche), der vielfach noch wechselnde Mengen
von unverbranntem Kohlenstoff enthält. Der
Chemiker bezeichnet mit dem gleichen Namen
den unverbrennlichen Rückstand (Mineralstoffe)
aller organischen Erzeugnisse des Tier- und
Pflanzenreichs, dessen Höhe bisweilen e;n Ur-
teil über etwaige Verfälschung gewährt. Die
Angabe eines chemischen Gutachtens, daß ein
Pfeffer 5 0/0 Asche enthält, bedeutet also nicht,
wie bisweilen angenommen wird, daß ihm Holz-
oder Kohlenasche zugesetzit ist, sondern nur,

3
        <pb n="40" />
        ﻿Asebu

54

Ati

daß 5 o/o unverbrennliche Stoffe darin enthalten
sind. Bezüglich einiger technisch verwertbaren
Aschen (Knochenasche, Holzasche) vgl. die ent-
sprechenden Aufsätze.

Asebu (Easuiboku) sind die bitter schmek-
kenden, giftigen Blätter der in China und Japan
heimischen Andromeda japonica. Der wirk-
same Stoff, das Asebotoxin,Andrometoxin
oder Andromedatoxin gehört zu den Glyko-
siden.

Aseptin. Unter diesem Namen wird Bor-
säure für Konservierungszwecke verkauft.
Doppelaseptin ist ein Gemenge von Borsäure
und Alaun. Beide Mittel sind zwar wirksam,
aber für Genußmittel zu verwerfen, da sie als
gesundheitsschädlich anzusehen sind.

Aseplinsäure, ein als Antiseptikum empfohle-
nes Gemisch von Salizylsäure, Borsäure und
Wasserstoffsuperoxyd.

Aseptol (Sozolsäure) nennt man die Lösung
der Orthophenolsulfonsäure (i: 3), welche an
Stelle der Karbolsäure und Salizylsäure als Anti-
septikum benutzt wird und den Vorzug der
Mischbarkeit mit Wasser, Alkohol und Glyzerin
besitzt.

Asparagin,Amidobernsteinsäurcamid, NH2CO.
C2H3(NH2)COOH, eine farblose, durchsichtige,
in Wasser lösliche, in absolutem Alkohol un-
lösliche, widerlich schmeckende Kristallmasse,
findet sich in vielen Pflanzen, namentlich im
Spargel, der Altheewurzel, Zuckerrüben.

Asphalt (Erdpech, Judenpech, Erdharz,
Bergteer, lat. Asphalturn, frz. Bitume de Ju-
döe, engl. Mineral pitch), ein aus schwarzen bis
braunschwarzen, bei gewöhnlicher Temperatur
harten und spröden, beim Erwärmen weich
werdenden Stücken bestehendes Naturerzeugnis
kommt in zwei Hauptsorten zum Verkehr. Der
teurere syrische A. vom Toten Meer und aus
der Gegend des Kaspischen Sees ist. rein schwarz,
glatt und glänzend und zeigt deutlich musche-
ligen Bruch, während der amerikanische A.
von Trinidad, Kuba und Venezuela diesen musche-
ligen Bruch nicht hat und mit einer stark ab-
färbenden braunen Schicht bedeckt ist. Außer-
dem findet sich noch A. gangförmig oder in
feiner Verteilung als Bestandteil des Asphalt-
steins (s. d.), aus dem er mit Lösungsmitteln
ausgezogen werden kann. Der von Mineral-
stoffen befreite reine A., das sog. Bitumen, be-
steht als ein Zersetzungsprodukl organischer
Stoffe nach Art des Petroleums in der Haupt-
sache aus festen Kohlenwasserstoffen, welche
in Äther löslich sind, zum geringeren Teile auch
aus sauerstoffhaltigen Verbindungen (Asphal-
tene). Der in der Kälte spröde und geruchlose j
A. nimmt unter gleichzeitigem Erweichen bei I
höherer Temperatur einen charakteristischen bi-
tuminösen Geruch an. Das spez. Gew. liegt
zwischen 0,98 und 1,3, der Schmelzpunkt bei
etwa ioo°. Bei 2300 destilliert ein Kohlenwasser-
stoff, das Petroien (C10H,,,) über, während
Asphalten (C30Ha2O3) zurückbleibt. An der
Luft angezündet, verbrennt A. mit leuchtender,
rußender Flamme. In Wasser ist er unlöslich,
in Alkohol wenig, in Äther teilweise, in Benzin,
Benzol, Terpentinöl völlig löslich. Das beste
Lösungsmittel ist Chloroform. Der A. findet aus-
gedehnte technische Anwendung zur Herstel-

lung von schwarzen Lacken und, allerdings we-
niger geeigneten Malerfarben, als Ätzgrund von
Kupferstichplatten und als wasserdichter Über-
zug von Dächern, Wänden und Kellerräumen.
Beim Straßenbau bevorzugt man hingegen den
Asphaltstein. — Von den zahlreichen Verfäl-
schungsmitteln sind in erster Linie die bei der
Teerdestillation hinterbleibenden Peche (Holz-
teerpech, Steinkohlenteerpech) anzuführen, auch
werden völlige Kunstasphalte aus den Rück-
ständen der Petroleumdestillation hergestellt.
Die erstem lassen sich meist daran erkennen,
daß sie bei der Behandlung mit Benzol, in wel-
chem Naturasphalt völlig löslich ist, eine erheb-
liche Menge von Kohlenstoff (bis zu 200/0 und
mehr) hinterlassen, und beim Schütteln mit
960/oigem Alkohol eine stark gelbe, bläulich
fluoreszierende Lösung geben. Die Petroleum-
asphalte unterscheiden sich häufig durch den
geringeren Schwefelgehalt von dem Naturpro-
dukte, sind aber nicht immer mit Sicherheit
nachweisbar.

Asphaltstein, ein mit etwa 8—12 0/0 Bitumen
getränkter bituminöser Kalk, der in der Schweiz
(Val de Travers), in Frankreich (Seyssel) und
bei Limmer in Hannover vorkommt, wird zur
Herstellung von Asphaltstraßen (Stampfasphalt)
benutzt und in Säcken in den Handel gebracht,

Aspirin (lat. Acidum acetylosalicylicum, frz.
Acide ac6tylsalicylique, engl. Acetylsalicylic
Acid), ein weißes Kristallpulver vom Schmelz-
punkt 135 °, wird durch Erhitzen von Essigsäure
mit Salizylsäure gewonnen und ist in chemischer
Hinsicht Azetylsalizylsäure. Es dient als Ersatz
der Salizylsäure bei der Behandlung von Ge-
lenkrheumatismus, Nervenleiden und zahlreichen
anderen Krankheiten. Der Name ist gesetzlich
geschützt.

Aßmannshäuser, der beste deutsche Rotwein
aus dem Rheingau, heller als die französischen
Rotweine, jedoch von intensiverer Färbung als
die meisten roten Ahrweine und von mildem
Geschmack, enthält in 100 ccm etwa 10 g Alko-
hol, 3,5 g Extrakt und 0,6 g Säure.

Asthmamittel. Zur Behebung der Atemnot
werden in erster Linie die Blätter und das Ex-
trakt von Stramonium (s. Stechapfel) ange-
wandt, welche zwar nach Husemann nicht
direkt auf das Atemzentrum einwirken, aber
manchmal wegen ihres günstigen Einflusses auf
das Gehirn Linderung herbeiführen. Sie gelan-
gen, vielfach auch im Gemische mit Belladonna
(s. d.), Bilsenkraut (s. d.), Hanf (s. d.) und Opi-
um, entweder in Form voh Zigarren und Ziga-
retten (Cigarcttes antiasthmatiques d’Espic) oder
auch als Räucherpulver (Asthmapulver, Asthma-
papier, Asthmaräucherkerzen), zur Anwendung.
Neben den vorgenannten Drogen sind noch
Salpeter, Jodkalium, Arsensäure, Chloralhydrat
u. a. als Bestandteile von A. aufgefunden worden.

Astralöl, ein aus Neuyork in den Handel kom-
mendes, sorgfältig raffiniertes Petroleum, ist
völlig farblos, wasserhell und fast geruchlos.
Das spez. Gew. beträgt 0,781, der Entflammungs-
punkt 68°.

Ati (malaiisch), Galeh (sudanesisch), das rote
feste Holz eines zur Familie der Rubiazeen
gehörigen Baumes, Nauclea grandifolia, von
        <pb n="41" />
        ﻿Atlasstein

35

Austern

der Insel Java. Der zähe Wurzelstock wird zu
Werkzeugstielen verwendet.

Atlasstein (Atlasspat, Faserkaik, engl.
Satin-spar), eine vereinzelt, am meisten in Eng-
land vorkommende Abart des kohlensauren
Kalkes von rein weißer, auch rötlicher unö
anderer Färbung, die vermöge ihrer feinfaseri-
gen Struktur auf den Schliffflächen einen eigen-
tümlichen atlasähnlichen Schimmer zeigt, wird
zu Perlen für Halsketten und andern Schmuck-
sachen geschliffen, die einen sehr schönen Glanz
und hübsches Aussehen haben, aber bei der
Weichheit des Materials nicht lange behalten.
Zuweilen versteht man unter A. auch eine Art
Fasergips von ebenfalls seideglänzendem Aus-
sehen, der in Thüringen, im Mansfeldischen und
im Waadtland in schöner Qualität gefunden wird
und gleiche Verwendung wie der vorige findet,
aber noch weicher ist als dieser.

Atoxyl, eine organische Arsenverbindung, p-
Amidophenylarsinsäure, NH2. CGH4. As (NaH03),
wird durch Erhitzen von arsensaurem Anilin mit
überschüssigem Anilin auf 2000 dargestellt und
als Mittel gegen Schlafkrankheit und Syphilis
angewandt. Auch bildet es das Ausgangsmate-
rial zur Gewinnung des Salvarsans (s. d.).

Atropin, C17H23N03 (lat. Atropinum, frz. und
ungl, Atropine), das giftige Prinzip der Toll-
kirsche, Atropa Belladonna, findet sich
neben Hyoszyamin in allen Teilen dieser Pflanze
sowie einiger anderer Solanazeen (Stechapfel,.
Bilsenkraut), hauptsächlich aber in den Samen,
der Wurzel und den Blättern. Nach neueren
Untersuchungen soll in der Wurzel der Bella-
donna nur Hyoszyamin Vorkommen und das A.
aus letzterem während der Bereitung entstehen.
Uas A. gehört zu den stickstoffhaltigen organi-
schen Basen (Alkaloiden) und kann auf Grund
Ber Arbeiten von Ladenburg, Willstätter u.a.
synthetisch dargestellt werden. Es wird medi-
zinisch bei Augenkrankheiten verwendet, da es
die Eigentümlichkeit besitzt, die Pupille des Auges
stark zu erweitern, darf aber seiner Giftigkeit
liegen ohne Rezept nicht abgegeben werden,
utas A. erscheint in farblosen, geruchlosen, sei-
denartig glänzenden, zu Büscheln vereinigten
Kristallnadeln. Außer dem reinen A. benutzt man
^as schwefelsaure A. (Atropinsulfat, lat.
Atropinum sulfuricum) und das baldrian-
SaUre A. (Atropinvalerianat, lat. Atropi-
Huin valerianicum), welche ebenfalls farblos
uud kristallinisch sind.

Attichbeermus (lat. Roob s, Succus Ebuli, frz.
Marmelade d’hifeble, engl. Dwarfelder marme-
llde), cler eingedickte Saft der Attichbeeren
t'°m Zwergholunder (Sambucus Ebulus), war
r. ler offizineil, wird aber jetzt nur als Haus-
Hittel zum Abführen benutzt.

Augennichfs (lat. Nihilum album), ein veralte-
Name für Zinkoxyd (s. d.) in seiner An-
■ e?dung als Augenmittel. Es dient oder diente
Wasser verteilt zu Augenwasser.
^Augenstern (lat. Lapis divinus, Lapis ophtalmi-
’s&gt; Bz. Quarts-agate chatoyant, engl. White
PPeras, Eye-stone). Hierunter ist sowohl der
sam 6 Vitriol (Zinkvitriol) und der durch Zu-
«unenschmelzen von Alaun, Salpeter, Kupfer-
e-ri°l and Kampfer erhaltene Heiligenstein,
veraltetes Augenheilmittel, als auch das Mi-

neral Chalzedon und der Achat mit augen-
ähniiehen Zeichnungen JAgate ocillee) zu ver-
stehen.

Augenstüte, Ätzstifte aus Silbernitrat öder
Zinksulfat zur Behandlung von Augenkrank-
heiten.

Augenwohl, wertloses Geheimmittel, aus einer
gelb gefärbten Lösung von Kochsalz, Borsäure,
Glyzerin und Zucker in Wasser bestehend.

Auramin, ein seit 1883 bekannter gelber Teer-
farbstoff aus der Gruppe der Dipheny Imethan-
farbstoffe, welche als Tanninfarbstoffe anzu-
sprechen sind, wird durch Einwirkung von Sal-
miak auf Tetramethyldiamidobenzophenon oder
dessen Chlorverbindung gebildet, welches selbst
bei Behandlung von Dimethylanilin mit Chlor-
kohlenoxydgas entsteht. Das A. ist ein gelbes
kristallinisches, leicht in Wasser lösliches Pulver
und wird zum Färben von Seide, Wolle, Papier
und gebleichter Baumwolle verwandt. Unter
dem Namen Pyoktanninum findet es alsHeil-
mittel (Antiseptikum) Anwendung.

Auranfia (Kaisergelb), die Ammoniumver-
bindung des Plexanitrodiphenylamins, ist ein
früher viel benutzter gelber Nitrofarbstoff,
[CsHs(N02),j„N.NH4, der aber neuerdings we-
gen unangenehmer Hautreize, wenigstens für
Gewebe, nicht mehr verwandt wird.

Aurin (Pararosolsäure) ist ein Triphenyl-
methanfarbstoff von der Formel: C.(C6H40H)2.
CgH^. O, welcher beim Erhitzen von Phenol mit
Ameisensäure und Zinkchlorid, ferner bei der
Einwirkung von Dioxybenzophenonchlorid auf
Phenol und bei der Zersetzung von diazotier-
tem Pararosanilin mit Wasser entsteht. Er kann
demnach als ein Pararosanilin angesehen wer-
den, in welchem der Imidstickstoff durch Sauer-
stoff, die Amidogruppe durch Hydroxyl er-
setzt sind. Aurin bildet in reinem Zustande
keinen Handelsartikel, kommt aber neben Me-
thylaurin und Rosolsäure im rohen Korallin
(s. d.) vor, welches auch wohl technisches Aurin
genannt wird.

Austern (frz. Huitres, engl. Oysters) sind die
geschätztesten Muscheln, deren zahlreiche Arten
in fast allen Meeren, außer den Polargegenden,
Vorkommen. Die A. der europäischen Meere
(Ostrea edulis) findet sich von der norwegischen
Küste bis zum Mittelmeer, aber nicht in der zu
salzarmen Ostsee, die amerikanische A. (O. vir-
giniana) vom mexikanischen Golf bis zum Lo-
renzstrom. Die A., Zwitter, bei denen Eier und
Befruchtungskörper in demselben Tiere nach-
einander entstehen und die 1—2 Millionen Eier
legen können, siedeln sich am liebsten in stillen
Meeresbuchten von höchstens 10 m Tiefe, sog.
Austernbänken oder -betten an und werden
von hier meist in halberwachsenem Zustande in
besondere Bassins (Austernparks) übertra-
gen, deren Wasser zeitweilig erneuert wird.
Zum Versand werden die A. in Fässer, mit der
Schale nach unten, so dicht aufeinandergelegt,
daß sie sich nicht öffnen und das eingeschlossene
Wasser nicht herauslassep können. In Europa
werden sie nur von September bis Mai gefischt.
Als wertvollste gelten die französischen und
englischen, danach die A. von der Westküste
Schleswigs und von Holland. Als Holsteiner
j A. bezeichnen wir alle größeren A. von den non
        <pb n="42" />
        ﻿Austerschalen

36

Azetophenon

dischen Küsten, als Natives die kleineren A,
von England undOstende, doch werden am letz-
teren Orte nicht A. gezüchtet, sondern nur aus
England eingeführte in Bassins aufbewahrt. Die
Holländer züchten junge A. mittlerer Größe in
der Osterschelde nach der neuen französischen
Methode. Fischauster ist eine sehr große,
außerhalb der Austernbänke gefischte nordische
Auster, die einen fischigen Beigeschmack und
weniger zartes Fleisch hat. In Italien sind Tarent
und Venedig, in Österreich Triest ergiebige Fang-
plätze, während Schleswig nur 4—5 Millionen
Stück jährlich liefert. Das Alter der A., das
mindestens 3 und höchstens 5 Jahre betragen
soll, erkennt man an der Zahl der blättrigen
Schalenschichten, die sich jährlich um eine ver-
mehrt. Die A. bilden ein nahrhaftes und diäteti-
sches Genußmittel, zeigen aber in seltenen Fäl-
len, wahrscheinlich nach Aufnahme fauliger Nah-
rung, giftige Eigenschaften. Beim Genüsse er-
scheint daher eine gewisse Vorsicht und beson-
ders Ausschaltung aller toten, offenstehenden
Exemplare geboten. Von Amerika (Baltimore)
werden große Mengen ausgeschälter, in Blech-
büchsen konservierter A. verschickt.

Austerschalen (lat. Conchae, frz. Ecaille d’hui-
tre, engl. Oyster-shells) werden, nachdem sie
genügend gereinigt sind, zu Pulver gemahlen
und teils als Putzpulver, teils unter dem Namen
präparierte A. (Conchae praeparatae) zu
Zahnpulvern benutzt. Sie bestehen größtenteils
aus kohlensaurem Kalk.

Autan nennen die Farbenfabriken vorm. Bayer
&amp; Co. in Elberfeld ein von Eichengrün er-
fundenes Mittel zur Zimmerdesinfektion, wel-
ches aus einem Gemisch von polymerisiertem
Formaldehyd mit Bariumsuperoxyd besteht.
Das A., ein weißes, schwach nach Formaldehyd
riechendes Pulver, entwickelt, wenn es mit glei-
chen Teilen Wasser übergossen wird, gleich-
zeitig Formaldehyd- und Wasserdämpfe und
soll in Menge von 1 kg zur Desinfektion von
25—30 cbm ausreichen.

Avedyks Brot. Auf Grund der Tatsache, daß
die wichtigsten Eiweißstoffe des Getreidekorns
hauptsächlich in den äußeren Randpartien sitzen
und von der modernen Hochmüllerei mit der
Kleie entfernt werden, hat man mehrfach ver-
sucht, das ganze Korn zur Brotbereitung heran-
zuziehen. A. wird aus dem eingeweichten, zer-
quetschten und dann zu Teig verarbeiteten Korn
hergestellt. Die Ansichten über den Wert des-
selben sind geteilt, denn wenn auch der höhere
Eiweißgehalt außer Zweifel steht, so wird doch
durch die Schalen eine Reizung des Darmes und
damit eine verringerte Ausnutzung herbeigeführt.

Aventurin, ein gelbbrauner bis roter Quarz,
mit feinen Sprüngen oder Glimmerschüppchen
durchsetzt, welche ein flimmefndes Aussehen
hervorrufen, wird zu Schmucksachen und an-
deren Kunstgegenständen verarbeitet.

Aventuringlas, ein prachtvolles braungelbes,
goldig schimmerndes Glas, welches früher in
Venedig nach einem Geheimverfahren hergestellt
wurde. Seitdem Wöhler und Pettenkofer
zeigten, daß die Flimmer in dem durch Eisen-
oxydul grün gefärbten Glase durch fein verteilte
Kriställchen von metallischem Kupfer hervor-
gerufen werden, stellt man das A. ganz allge-

mein in der Weise her, daß man dem Glassatze ■
Kupfer als Oxydul zusetzt. Die erhaltenen Glä-
ser sind dem mineralischen Aventurin sehr ähn-
lich und werden wie diese*r zu Schmuckgegen-
ständen verarbeitet. Das grüne A. von Pe-
louze erhält einen Zusatz von Kaliumdichromat,
wodurch eine Ausscheidung glänzender schwarz-
brauner Kriställchen in grüner Grundmasse ver-
ursacht wird. Aventurinlack nennt man einen,
besonders in Japan erzeugten, schillernden Lack.

Avizol, ein neuerdings aus Kopenhagen ein-
geführtes Präparat, welches das Trübewerden
von Bonbons aus geschmolzenem Zucker ver-
hindern soll, besteht aus nichts als schweflig-
saurem Natrium. Da bei der Schmelztemperatur
des Zuckers die schweflige Säure nahezu voll-
ständig ausgetrieben wird, lassen sich gesund-
heitliche Bedenken gegen dieses Verfahren nicht
erheben.

Azalin, ein Gemisch von Zyanin und Chino-
linrot, dient zur Herstellung orthochromatischer
Platten.

Azarin, ein seit 1883 bekannter Teerfarbstoff,
das Ammoniaksalz der Dichloramidophenolhy-
drazobetanaphtolsulfosäure, kommt als gelber,
nach schwefliger Säure riechender Teig in den
Handel und findet in der Baumwollendruckerei
Verwendung.

Azetate, in der Chemie gebräuchliche Be-
zeichnung für essigsaure Salze, z. B. Bleiazetat
für essigsaures Blei.

Az:tinb!au, ein zur Gruppe der Induline ge-
höriger Teerfarbstoff.

Azeton (Dimethylketon, lat. Acetonum,frz.
Acötone, engl. Aceton), CHs.CO.dJ3, ein re-
gelmäßiger Bestandteil des Blutes und Harns,
in welchen es aber nur bei krankhaften Zustän-
den (Diabetes, Azetonurie) in größeren Mengen
auftritt, entsteht bei der trockenen Destillation
vieler organischer Stoffe, wie Zucker, Zellulose,
Gummi, Holz, und findet sich daher stets im
rohen Holzessig resp. in dem rohen Holzgeist.
Zur Trennung des A. von dem gleichzeitig vor-
handenen Methylalkohol versetzt man den Holz--
geist mit Kalziumchlorid, welches mit dem Me-
thylalkohol eine kristallinische Verbindung lie-
fert, und destilliert nun das A. ab. Weitere
Mengen werden aus dem bei der Anilinherstel-
lung abfallenden Kalziumazetat durch trockene
Destillation dargestellt. Die Gewinnung des che-
misch reinen A. beruht auf der Eigenschaft, mit
Natriumbisulfit eine kristallierte Verbindung ein-
zügehen. A. ist eine farblose, leicht bewegliche,
neutral reagierende Flüssigkeit von scharfem
Geruch, welche leicht mit kaum rußender Flamme
verbrennt. Das spez. Gew. liegt bei 0,800, der
Siedepunkt bei 56°. Es mischt sich mit Wasser,
Alkohol, Äther und Chloroform, löst Fette und
Harze, Kampfer und Kautschuk und findet da-
her in den diese Stoffe verarbeitenden Indu-
strien vielfache Anwendung. In der chemischen
Industrie dient es zur Darstellung von Kollo-
dium, Chloroform, Jodoform und Sulfonal. Auch
ist es ein Bestandteil des Zaponlacks.

Azetophenon, Hypnon, Azetophon, C6H5.
CO. CH3, ein farbloses oder schwach gelbliches
Öl von scharfem Geschmack und eigentüm-
lichem Geruch, welches bei 140 zu Krislallblät-
tern erstarrt und bei 2000 siedet, löst sich kaum
        <pb n="43" />
        ﻿Azetopyrin

37

Azofarbstoffe

in Wasser, leicht in Alkohol, Äther, Chloroform
und fetten Ölen. Bei der Anwendung als Schlaf-
mittel (in Gelatin&lt;;kapseln) ist Vorsicht ge-
boten. Vorsichtig aufzubewahren!

Azetopyrin (Akopyrin), eine Verbindung von
Antipyrin mit Aspirin, kommt als weißes Kri-
stallpulver vom Schmelzpunkte 65° in den Han-
del und wird als Ersatz seiner Einzelbestand-
teile gegen Fieber und Rheumatismus verordnet.

Azetylen, ein gasförmiger Kohlenwasserstoff
(C.jH,), entsteht bei der Einwirkung von Wasser
auf Kalziumkarbid und findet in der Beleuch-
tungstechnik ausgedehnte Verwendung. Wegen
der großen Explosionsfähigkeit von Azetylen-
luftgemischen ist bei der Behandlung der Appa-
rate Vorsicht geboten, auch müssen an ihnen
Kupferteile vermieden werden, weil Azetylen-
kupfer stark explosiv ist. Zur Reinigung des
Azetylens benutzt man ein Gemisch von Chlor-
kalk mit Bleichromat (Akagin) oder mit Chrom-
säure getränkte Kieselgur (H eratol) oder Kiesel-
gur mit einer Lösung von Kupferchlorür und
Salzsäure (Frankolin).

Az tylzellulose, Zelluloseazetat, entsteht
bei der Einwirkung von Azetylchlorid und Zink-
azetat als eine in Wasser, Alkohol, Äther und
Azeton unlösliche, in Chloroform und Eisessig
lösliche Masse, deren Chloroformlösung beim
Verdunsten elastische, durchscheinende Häut-
chen hinterläßt. Sie findet zur Herstellung von
Films, isolierenden Überzügen usw., neuerdings
auch von Geweben (Zellon), ausgedehnte An-
wendung.

Azinfarbstoffe sind Abkömmlinge des Ortho-
chinondiimids und durch das Vorhandensein
zweier Stickstoffatome, entsprechend der allge-
meinen Formel: R.N2.R, gekennzeichnet. Das
einfachste Glied der Reihe ist das Phenazin,
CGH4.N2. C6H4, daneben kommen noch in Be-
tracht das Phenonaphtazin, C6H4 . N2 . C10H0,
das Dinaphtazin, Cj0Hs. N2 . C10H6, usw. Von
diesen Endgliedern lassen sich folgende Farb-
stoffgruppen ableiten: Durch Eintritt von 1 oder
2 Aminogruppen in das Phenazin entstehen
die Eurhodine (s. Neutralrot), durch Ein-
tritt von Hydroxylgruppen die Eurhodole. Als
Amidoderivate des Phenonaphthazins sind die
wosinduline und die Isorosinduline (s. In-
duline) anzusprechen. Treten an den mittleren
Stickstoff der Eurhodine oder Eurhodole noch
Alkylgruppen, so entstehen die Safranine (s.
d') bzw. Safranoie, Aposafranine und Sa-
‘ taninone. Wenn in die beiden Phenylgruppen
des Phenazins je zwei alkylsubstituierte Ammo-
|r)rppen eintreten und gleichzeitig der mittlere
Stickstoff mit einer Alkylgruppe verbunden ist,
gelangt man zu den Indulinen (s. d.),
' ^ H)s C8H5 N2. C0H2(K. NH),.

, Azoblau, ein blauschwarzes, in Wasser mit
Holetter Farbe lösliches Pulver, welches Baum-
w°lle im Seifenbade grauviolett färbt, besteht
aus dem Natronsalze der Ortho-Tolidindisazo-
a Phanaphtolmonosulfosäure.

,■ Azofarbstoffe. Unter diesem Sammelnamen
•p t man eine außerordentlich große Zahl von
eerfarben (s. d.) zusammen, welche sämtlich
&gt;e sog. Azogruppe, d. h. zwei miteinander dop-
verbundene Stickstoffatome enthalten. Durch
erbindung der beiden freibleibenden Valenzen

mit organischen Radikalen entstehen ganz all-
gemein gefärbte Stoffe, welche aber noch nicht
auf der Faser haften, vielmehr ist es zur Er-
zeugung eigentlicher Farbstoffe erforderlich, daß
noch Gruppen sauren oder basischen Charakters
eintreten. Die Farbstoffe, in denen mit der Azo-
gruppe nur Benzolreste verbunden sind, zeigen
meist gelbe bis braune Töne, während durch
Einführung der Naphtalingruppe oder anderer
höherer Radikale auch rote, violette und blaue
Farben entstehen. — Die Darstellung beruht im
Grunde darauf, daß man ein Amin, z. B. Anilin,
mit Salzsäure und Natriumnitrit diazotiert und
die entstandene Diazoverbindung mit einem ge-
eigneten Amin oder Phenol zusammenbringt.
Schon aus der Überfülle der verfügbaren Amine
und Phenole ergibt sich, daß eine ungeheure
Zahl von Azofarbstoffen theoretisch möglich ist.
Sie wird nahezu unendlich, wenn man bedenkt,
daß neben den Farbstoffen mit einer Azogruppe
(Monoazofarbstoffe) auch solche mit zwei (Dis-
azofarbstoffe) und mehr Azogruppen (Tris-,
Tetrakis-, Polyazofarbstoffe) hergestellt werden
können. — Um einen gewissen Überblick über
das große Gebiet zu geben, sei nach Mofa lau
und Eucherer folgende Einteilung zugrunde
gelegt. I. Die Monoazofarbstoffe zerfallen in
folgende vier Unterabteilungen, a) Aminoazo-
farbstoffe enthalten eine oder mehrere mit
der Azogruppe verbundene Aminogruppen und
entsprechen sonach der allgemeinen Formel;
R. N : N . R1 .NH2. Als wichtigste Glieder dieser
Reihe seien angeführt: Chrysoidin' (s. d.).
Säuregelb (s. Echtgelb), Diphenylamin-
orange (s. Säuregelb), Methylorange (s. d.),
Bismarckbraun (s. d.), Toluylenbraun, aus
Amidodiazotoluolsulfosäure und m-Phenylendi-
amin, Azogelb (s. d,), Metanilgelb (s. d.).
b) Oxyazofarbstoffe entstehen durch Einfüh-
rung von aromatischen Hydroxylderivaten in
das Diazomolekül und werden demnach durch
die allgemeine Formel R.N:N.Rt.OH darge-
stellt. Zu ihnen gehören u.a.: Naphtolorange
(s. Tropaeolin), Echtrot (s. d.), Ponceau (s.
d.), KosehenillescharlachGausDiazobenzol-
chlorid und re-Naphtolsulfosäure. c) Monoazo-
farbstoffe aus Peri-Dioxynaphtalinderivaten
umfassen eine Reihe von Farbstoffen, welche
bei schönem blaustichigrotem bis violettblauem
Tone und guter Lichtechtheit ein großes Egali-
sierungsvermögen besitzen und zur Erzeugung
licht- und walkechter Beizenfärbungen auf Wolle,
in der Regel mit Nachchromierung, dienen. Sie
werden durch Einwirkung von Diazokörpern
auf Dioxynaphtalindisulfosäure, die sog. Chro-
motropsäure, hergestellt. Das bekannteste Glied
der Reihe ist Chromotrpp 2 R. d) Oxykar-
bonsäuremonoazofarbstoffe werden haupt-
sächlich zum Zeugdruck auf chromgebeizte Fa-
ser benutzt. Zu ihnen gehören Alizaringelb G
und R, welche aus diazotiertem meta- oder
para-Nitranilin und Sal zylsäure hergestellt wer-
den. II. Disazofarbstoffe werden nach dem Aus-
gangsmaterial in drei Unterabteilungen zerlegt,
a) Disazofarbstoffe aus Monoazofarb-
stoffen. Zu ihrer Herstellung kombiniert man
einen Azofarbstoff mit noch einem Molekül einer
Diazoverbindung, doch ist es meist nicht nötig,
den Monoazofarbstoff vorher zu isolieren. Wich-
        <pb n="44" />
        ﻿Azoorseillin

tige Farbstoffe dieser Reihe sind: Naphtol-
blauschwarz aus Aminonaphtoldisulfosäure
(sog. H-Säure), Nitranilin, Anilin und Natrium-
nitrit, Resorzinbraun (s. d.) aus dem „Resor-
zingelb“, d. h. dem Kombinationsprodukt von
diazotierter Sulfanilsäure und Resorzin, mit Di-
azoxylolchlorid; Benzobraun G aus Phenylen-
braun mit diazotierter Sulfanilsäure, Benzo-
braunB aus diazotierterNaphthionsäure. b) D is-
azofarbstoffe aus Diaminen. Als Aus-
gangsmaterial dieser Farbstoffe, welche beson-
ders zur substantiven Färbung der Baumwolle
geeignet sind, kommen in beschränktem Maße
auch Metadiamine, hauptsächlich aber Paradia-
mine (Benzidin, o-Tolidin, Dianisidin, Diamino-
karbazol usw.) in Betracht. Zu ihrer Darstellung
wird, an Stelle der früher angewandten Oxyda-
tion von Monoazofarbstoffen, in der Regel die
Tetrazoverbindung der Diamine oder ihrer Deri-
vate mit zwei Molekülen derselben oder ver-
schiedener Oxy- resp. Amidoverbindungen ver-
kuppelt. Als wichtigste Farbstoffe der Gruppe
sind anzuführen: Kongorot (s. d.), Benzo-
purpurin (s. d.), Diaminschwarz R oderRO
aus Benzidin und y-Aminonaphtolsulfosäure, ein
schwarzes Pulver, das in konz. Schwefelsäure
mit blauer, in heißem Wasser mit violettschwar-
zer Farbe löslich ist, Diaminschwarz B aus
Äthoxybenzidin und der gleichen Sulfosäure,
Diaminviolett N entsteht aus denselben Stof-
fen wie Diaminschwarz RO bei etwas anderer
Versuchsanordnung. Vom diazotierten Tolidin
leiten sich weiter ab: Rosa zur in B und G mit
Methylnaphtylaminsulfosäuren, Brillantkongo
R (s. d.), Chrysamin R (s. d.), Kongo-
korinth (s. d.), Azoblau (s. d.). Vom Benzidin
leiten sich ab: Chrysamin G (s. d.), Kongo-
korinth (s. d.), Toiuylenorange mit o-Kre-
solkarbonsäure und m-Toluylendisulfosäure, D i-
aminscharlach mit je x Molekül Phenol und
Naphtoldisulfosäure. Von der diazotierten Dia-
minostilbendisulfosäure sind abgeleitet: Bril-
lantgelb (s. d.), Chrysophenin (s. d.), Hes-
sischgelb (s. d.), Hessischpurpur N und
B (s. d.), Hessisch violett (s. d.). Aus Dia-
midokarbazol entsteht mit Salizylsäure dasKar-
bazolgelb; aus Diamidodiphenylharnstoff mit
Salizylsäure das Baumwollgelb B, mit Naph-
thionsäure das Salmrot; aus Benzidinsulfon-
disulfosäure mit Phenyls-Naphtylamin dasSul-
fonazurin; aus der Tetrazoverbindung des Pa-
radiaminoäthoxydiphenylamins mit Je l Molekül
Phenetol und Salizylsäure das Diamingelb N.
Vom Dianisidin leitet sich ab das Benzoazu-
rin G (s. d.) und das Heliotrop (s. d.), vom
Diphenetidin das Benzoazurin 10B (s. d.).
c) Disazofarbstoffe aus Amidoazofarb-
st off en dienen hauptsächlich zur Wollenfärberei.
Diejenigen Glieder, weiche Benzolkerne enthal-
ten, weisen lichtere Töne (Scharlach) auf, wäh-
rend bei Eintritt von zwei oder drei Naphtalin-
kernen violett- bis blauschwarze Farben ent-
stehen. Vom Aminoazobenzol leiten sich ab:
Tuchrot G (s. d.), Krozein B (s. d.), Bril-
lantkrozein M (s. d.), Ponceau 5R (s. d.);
vom Amidoazotoluol leiten sich ab: Tuchrot B
(s. d.), Krozein 3B (s. d.); vomAmidoazoxylol
das Orseillerot A (s. d.), von Sulfosäuren des
Amidoazobenzols D opp elscharlach (s. d.) und

Biebricher Scharlach (s. d,), von derAmido-
azotoluolsulfosäure durch Kombination mit a-
oder ß-Naphtolsulfosäure das OrseillinBB und
Bordeaux G, vom Amidoazoxylol Orseille-
rot A (s. d.), von der Diazobenzol- (bzw. to- |
luol-) sulfosäure der Krozeinscharlach 3B \
und 7 B (s. d.), von der Diazobenzoldisulfosäure j
das Wollschwarz (s. d.), von der Diazonaph-
talindisulfosäure durch Kuppelung mit c-Naph-
tylamin das Naphtylaminschwarz D, mit
Diphenyl-m-Phenylendiamin das Anthrazit-
schwarz B. Aus Diazonaphtalinazobenzolsul-
fosäure und ^-Naphtolsulfosäure entsteht Echt- i
violett, aus Diazonaphtalindisulfosäure und
/S-Naphtoldisulfosäure Naphtolschwarz B, :
3 B, 6B (s. d.). Aus diazotierter Amidosalizyl-
säure, «-Naphtylamin und Naphtolsulfosäure
wird das Diamant schwarz gewonnen. III. Von
Polyazofarbstoffen, die ausschließlich für die
Baumwollechtfärberei in Betracht kommen, seien
lediglich Diamingrün und Benzoschwarz-
blau angeführt. — Neben vorstehender Anord-
nung nach der chemischen Zusammensetzung
kann man die Azofarbstoffe auch nach ihrem
Verhalten zur Faser in folgende vier Gruppen
einteilen: 1. Basische Azofarbstoffe, welche die
gebeizte Baumwolle im kalten oder lauwarmen
Bade färben, z. B. Anilingelb, Chrysoidin, Bis-
marckbraun; 2. Saure A., welche Wolle im
kochenden sauren Bade färben, Baumwolle hin-
gegen ungefärbt lassen, z. B. Orange I—IV,
Echtgelb, Orseille, Echtrot; 3. Substantive A.,
welche ungeheizte Baumwolle zu färben ver-
mögen, meist auch Wolle und Seide im neu-
tralen oder schwach sauren Bade färben, z. B.
Kongorot; 4. Beizenfärbende A., z. B. Alizarin-
gelb R. Die Azofarbstoffe finden in der Tech-
nik ausgedehnte Anwendung zum Färben tie-
rischer und pflanzlicher Fasern und kommen in
zahllosen Farbtönen von Gelb, Rot, Blau, Violett
und Schwarz von hoher Licht- und Waschecht-
heit in den Verkehr. Vor allem umfassen die
Amino- und Oxyazofarbstoffe zahlreiche Säure-
farbstoffe, von denen besonders die orangen
und roten (Ponceau, Bordeaux) als billige, wenn-
schon weniger echte Farbstoffe für Wollen- und
Seidenfärberei benutzt werden.

Azogelb (Azoflavin, Azosäuregelb, In-
diengelb), seit 1880 bekannter Azofarbstoff,
ein ockergelbes, in heißem Wasser lösliches Pul-
ver, ist ein Gemenge von nitriertem Diphenyl-
aminorange mit Nitrodiphenylaminen. A. färbt
Wolle in saurem Bade gelb.

Azokokzin, braunes, in Wasser mit roter Farbe
lösliches Pulver, besteht aus dem Natronsalz der
Amidoazobenzolazoalphanaphtolmonosulfosäurc
und wird in der Wollfärberei benutzt. — Eine
andere Sorte, Azokokzin 2R, besteht aus dem
Natronsalze der Xylidinazoalphanaphtolmono-
sulfosäure und erscheint als rotbraunes Pulver.

Azolitmin, der Farbstoff des Lackmus, aus
welchem er durch Extraktion mit Wasser und
folgende Behandlung mit Alkohol und Eisessig
in reinem Zustande gewonnen wird. Die wäß-
rige Lösung, welche auf Zusatz von Alkalien
blau und von Säuren rot wird, bildet einen der
wichtigsten Indikatoren in der Alkalimetrie.

Azoorseillin, ein seit 1883 bekannter Teerfarb-
stoff, der als schwarzvioletter Teig in den Han-
        <pb n="45" />
        ﻿Azorubin

39

Bärentraubenblätter

del kommt, färbt Baumwolle im Seifenbade
braunrot und besteht aus dem Natronsalze der
Benzidindisazoalphanaphtolmonosulfosäure.

Azorubin. Von diesem Teerfarbstoff unter-
scheidet man zwei Arten als Azorubin S und
2 S, beides braune, in Wasser mit roter Farbe
lösliche Pulver, welche mit verschiedenen Farb-
tönen färben. Ersteres (s. Echtrot C) ist das
Natronsalz der Naphtionazoalphanaphtolmono-
sulfosäure, letzteres das Natronsalz der Amido-
azobenzolmonosulfosäureazoalphanaphtolmono-
sulfosäure.

Azoschwarz (Blauschwarz B), ein Wolle in
saurem Bade blauviolett färbender Teerfarb-
stoff, kommt als blauviolettes, in Wasser lös-
liches Pulver in den Handel und besteht aus
dem Natronsalz der Betanaphtylaminsulfosäure-
azoalphanaphtylaminazobetanaphtoldisulfosäure.

Azoviolett, ein schwarzblaues, in Wasser mit
rotvioletter Farbe lösliches Pulver, färbt Baum-

wolle im Seifenbade blauviolett und besteht aus
dem Natronsalz der Dianisidindisazonaphtion-
säurealphanaphtolmonosulfosäure.

Azurophenolin, ein seit 1886 aus England in
den Handel kommender wasserlöslicher Teer-
farbstoff, eignet sich namentlich zum Blaufärben
von Seide.

Azymol, eine als Mundwasser angepriesene
spirituöse Lösung von Salizylsäure, Saccharin,
Vanillin und Menthol, welche mit Fuchsin rot
gefärbt ist.

Azzarolo (Lazzerolo), die im italienischen
Handel vorkommenden Früchte von Cratae-
gus Azarolus, haben die Größe der Mispeln,
sind rot oder blaßgelb gefärbt, rund mit zu-
rückgeschlagenen Kelchabschnitten, schmecken
angenehm säuerlich und werden sowohl roh als
auch eingemacht genossen. Das Holz des Bau-
mes wird zu Drechslerarbeiten verwandt.

B.

Bablah (frz. Galle des Indes, engl. Bablah-
gall), die Früchte verschiedener Akaziaarten, die
wegen ihres hohen Gerbstoffgehaltes zum Ger-
ben und Schwarzfärben benutzt werden. Man
unterscheidet: 1. OstindischeB. (Babula, Ba-
bool, Burbura) von Acacia arabica, var.
indica. Die Handelsware erscheint gewöhnlich
in einzelnen Gliedern der zerbrochenen platten
Hülsen mit dunkelbraunen, gelb geränderten
Samenkernen. Die Schalen sind auf der Ober-
fläche mit einem feinen kurzhaarigen Filz über-
zogen. 2. Ägyptische B, (Neb-Neb, Garrat)
von Acacia nilotica. Die Hülsen dieser Sorte
sind nicht behaart, sondern völlig kahl und
grünbraun, in der Mitte glänzender und dunkler
bis schwärzlichgrün. Die Ware enthält meist nur
einzelne Hülsenglieder. Außer diesen beiden
Hauptsorten kommen zuweilen auch noch einige
andere in den Handel, so die Früchte von
A-cacia Adansonii (Gousses de Gonakd)
und von A. farnesiana.

Babulgummi (Gond-Babul), eine geringere
Borte Gummiarabikum aus Bengalen, von Aca-
cia arabica.

Baccae, Beeren. B. Alkekengi, Judenkirschen;
B- Ebuli, Attichbeeren; B. Jujubae, Brustbeeren;
B. Juniperi, Wacholderbeeren; B. Lauri, Lor-
beeren; B. Mori, Maulbeeren; B. Myrtillorum,
Heidelbeeren; B. Phytolaccae, Kermesbeeren;
B- Rhamni catharticae, Kreuzbeeren; B. Ribium,
Johannisbeeren; B. Rubi Idaei, Himbeeren; B.
oarnbuci, Holunderbeeren u. a. Verschiedene,
®°nst zu den Beeren gerechnete Pflanzen-
bjogen stellt man übrigens jetzt unter Fructus,
* rüchte.

Backobst (frz. Fruit ä cuire, Fruit sdche, engl,
aked fruit), das entweder an der Luft oder in
,.e®°nderen Backöfen getrocknete Obst, nament-
jcb Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen. Das
aupterfordernis zur Erzielung einer guten Ware
st&gt; daß die Temperatur beim Trocknen nicht
u hoch steigt. Näheres siehe unter Äpfel-
chnitte, Dörrobst, Obst.

Backpulver nennt man chemische Präparate,
welche an Stelle der Hefe benutzt werden, um
wie diese ein Aufgehen des Teiges zu ver-
ursachen. Ihre Wirkung beruht darauf, daß sie
bei höherer Temperatur oder beim Feucht-
werden Kohlensäure abspalten. Das bekannteste
Mittel ist das Hirschhornsalz (Ammonium-
karbonat), das aber den Nachteil hat, bei un-
genügender Backhitze dem Gebäck einen wider-
lichen Ammoniakgeruch zu verleihen. Alle übri-
gen, auch die mit großer Reklame vertriebenen
B. des Handels sind Mischungen von Alkali-
bikarbonaten (doppeltkohlensaures Natron) mit
Weinsäure oder sauren Salzen (Weinstein, saures
Kalziumphosphat u. a.). Die B. müssen trocken
aufbewahrt werden und erhalten überdies, um
eine vorzeitige Einwirkung der Säuren und Ba-
sen aufeinander zu verhindern, vielfach einen
Zusatz von Mehl. Zusätze von Kreide, Alaun,
Kaliumbisulfat, die während des Krieges viel-
fach beobachtet wurden, sind zu verwerfen.

Bael (lat. Fructus belae, frz. Baele, engl. Bael),
die apfelgroße, grünlichgelbe Frucht einer in-
dischen Aurantiee, Aegle Marmelos, dient
als adstringierendes Arzneimittel.

Bärentraubenblätter (Sandtraube, Wblfs-
beere, Sandbeerenkraut, Mehl-, Moos-
oder Steinbeere, Busseroie, lat. Folia uvae
ursi, frz. Raisin d'ours, Feuilles de busserole,
engl. Bearberry-leaves), die von den jüngeren
Zweigen gesammelten Blätter eines kleinen, in
den Wäldern Nordeuropas wachsenden immer-
grünen Strauches, Arctostaphylos Uvae
Ursi (Arbutus Uvae ursi), sind etwa 20 mm
lang und 8 mm breit, kurzgestielt, umgekehrt
eiförmig, lederartig, ganzrandig, beiderseits netz-
aderig und glänzend, oben dunkelgrün, unten
etwas heller und geruchlos und besitzen einen
bitteren Geschmack. Die Ränder der Blätter
sind spärlich behaart, nicht kahl. Sie werden als
harntreibendes Mittel vielfach angewendet und
enthalten als charakteristische Bestandteile U r-
son und die Glykoside Erikolin und Arbutin
        <pb n="46" />
        ﻿Bärlappsamen

40

Baldrianwurzel

neben viel Gerbsäure sowie 0,01 o/o ätherisches
öl {Bärentraubenöl). Verwechslungen mit
den Blättern der Preiselbeere und denen von
Vaccinium uliginosum sollen Vorkommen, sind
aber nach der angegebenen Beschreibung leicht
zu erkennen.

Bärlappsamen (Hexenmehl, Freselmehl,
Blitzpulver, Lykopodium, lat. Semen lyco-
podii, frz. Lycopode, Soufre vegctal, engl. Earth-
moos-seeds, Vegetable Sulphur) besteht aus den
Sporen der Kryptogame Lycopodium clava-
tum, die in den Wäldern des mittleren und
nördlichen Europa häufig vorkommt. Die meist
aus Rußland stammende Ware b.ldet ein blaß
schwefelgelbes, zartes, leicht bewegliches, ge-
ruch- und geschmackloses Pulver, das auf dem
Wasser schwimmt, ohne sich zu benetzen, und,
in eine Flamme geblasen, verpufft. Der Fett-
gehalt beträgt 500/0. Verfälschungen mit Erbsen-
mehl, Stärke u. dgl. lassen sich durch Jodlösung
leicht nachweisen, während ein Zusatz von Schwe-
fel sich durch den beim Verbrennen auftreten-
den stechenden Geruch offenbart! Weitere Ver-
fälschungen mit Pollen von Pinus silvestris und
anderen Pflanzen sind unter dem Mikroskop er-
kennbar. Mineralische Beimengungen schließlich
sinken beim Schütteln mit Chloroform unter,
während der B. auf diesem schwimmt. Ver-
wendung; als Kinderstreupulver, als Einstreu-
pulver beim Metallformenguß und in der Feuer-
werkerei.

Bär Wurzel (Bärenwurzel, lat. Radix meu,
frz. Racine de müou, engl. Harts root), die früher
in der Tierheilkunde v.el angewandte, jetzt we-
nig mehr gebräuchliche Wurzel von Meum
athamanticum, zeigt einen scharfen gewürz-
haften Geschmack und wächst auf den niedri-
gen Alpen Österreichs und der Schweiz, Das
aus ihr durch Destillation gewonnene ätherische
Öl (Bärwurzelöl) besitzt eine pomeranzen-
gelbe, mit der Zeit dunkler werdende Farbe,
riecht dem Liebstocköl ähnlich und hat ein spez.
Gew. von etwa 1,000.

Baggings sind die groben, aus Jute geweb-
ten Säcke für Zucker, Mehl, Getreide, die
namentlich in Schottland hergestellt werden.
Eine zweite Sorte derselben heißt Sackings,
während die feineren Sorten Hessians genannt
werden (vgl. Jute).

Balata, eine der Guttapercha und dem Kaut-
schuk ähnliche Substanz, wird aus dem Safte
der Sapota Mülleri, dem Bullytree Guaya-
nas, durch Eintrocknen gewonnen. Ein Baum
mittlerer Größe liefert beim Einschneiden jähr-
lich 0,3—0,5 kg, beim Fällen auf einmal 3—6 kg
B. Die Ware, die hauptsächlich in der engli-
schen Industrie, weniger in Deutschland Ver-
wendung findet, hat sich namentlich zur Her-
stellung von Treibriemen gut bewährt und wird
außerdem für Schuhsohlen, Absätze und elek-
trische Isolatoren, hingegen nicht für chirurgi-
sche Instrumente benutzt. Die B. ist graubraun,
rötlichweiß bis bräunlichrot, lederartig zähe,
läßt sich aber schneiden, ist außerordentlich
biegsam und elastischer als Guttapercha. Bei
490 C wird sie knetbar und schmilzt bei 149 *&gt;.

Baldrianamyläther (Baldriansaures Amyl-
oxyd, lat. Amylium valerianicum, frz. Valdrate
d’amyle, engl. Valerianate of amyloxyde), der

Amylester der Isovaleriansäure, C6Hu.,COO.
C„HU, entsteht bei der Destillation von baldrian-
saurem Natrium mit Amylalkohol und Schwe-
felsäure, oder von Amylalkohol mit Kalium-
bichromat und Schwefelsäure, als eine farblose,
ölige Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,865 und dem
S. P. 188 °, die sich in Alkohol, n.cht aber in
Wasser löst und nach ihrem angenehmen Apfel-
geruch Apfelöl (engl. Apple-oil) genannt wird.
Sie findet als Mittel gegen Gallensteine und als.
künstlicher Fruchtäther Verwendung.

Baldrianöl (lat. Oleum Valerianae, frz.Essence
de Valöriane, engl. Oil of Valerian), das äthe-
rische Öl der Baldrianwurzel, welches gelbgrün
bis bräunlichgelb ist, mit der Zeit aber dunkel-
braun wird.' Es hat starken Baldriangeruch, ein
spez. Gew. von 0,92—0,96, eine Linksdrehung
von —8 bis —13 und enthält neben'Baldrian-
säure Kamphen, Pinen, Terpineol und Borneol,
das als Ester, hauptsächlich Valerianat, zugegen
ist, und findet medizinische Anwendung bei Epi-
lepsie und Hysterie. Die deutsche Wurzel lie-
fert 0,5—0,9, die holländische etwa 1 &lt;y0 äther. B.

Baldriansaures Chinin (Chininvalerianat,
lat. Chininum valerianicum, frz. Valörianate de
quinine, engl. Valerianate of quinine) bildet
farblose, perlmutterglänzende Kristallschüppchen
von schwachem Geruch nach Baldriansäure und
wird als Arzneimittel viel benutzt.

Baldriansaures Morphium (Morphinvaleri-
anat, lat. Morphinum valerianicum, frz. Vald-
rianate de morphine, engl. Valerianate of mor-
phine), ein weißes kristallinisches Pulver, riecht
nach Baldrian und wirkt giftig.

Baldrianwurzel (gemeiner oder kleiner Bal-
drian, Katzenbaldnan, Katzenwurzel, Wund-
wurz, lat. Radix Valerianae, frz. Racine de
Valdriane, engl. Valerian root) besteht aus dem
getrockneten graubraunen Wurzelstock von
Valeriana officinalis, welcher mit zahlreichen,
ringsherum angewachsenen strohhalmdicken
Wurzelfasern besetzt ist. Die in frischem Zu-
stande weißliche Wurzel, deren starker unan-
genehmer Geruch erst beim Trocknen hervor-
tritt, wird von trockenen Standorten im Herbste
gesammelt, aber auch in manchen Gegenden
des Harzes und Thüringens, in Nordamerika,
Frankreich und Holland angebaut. Als beste
Sorte gilt die Harzer (Radix Val. montana
Hercynica), während die Thüringer (Thurin-
gica cultivata) weniger geschätzt wird. B. ent-
hält als wirksame Bestandteile neben Äpfel-
säure, Essigsäure, Ameisensäure, Harz, Stärke
und Zucker etwa 1 0/0 ätherisches Öl, Baldrian-
säure und geringe Mengen von Alkaloiden (Va-
lerianin) und wird zur Herstellung magenstär-
kender, krampfstillender Mittel (Baldrianöl, B-
Extrakt, B.-Tinktur) benutzt. Die Wurzel muß
rasch getrocknet und in gut verschlossenen Ge-
fäßen aufbewahrt werden. Wurzeln anderer Va-
leriana-Arten, welche besonders der wildwach-
senden Droge bisweilen beigemischt werden,
sind leicht an dem schwächeren Gerüche sowie
daran zu erkennen, daß sie nur an der unteren
Seite Wurzelfasern tragen. — Die früher als Ra-
dix Valerianae majoris offizineile Wurzel von
Valeriana Phu wird jetzt nicht mehr benutzt.
Die in Mexiko" gebräuchliche Wurzel von Vale-
riana mexicana, welche in 4 cm dicken Scheiben
        <pb n="47" />
        ﻿Ballhausens Magentropfen

Bankulnüsse

41

von gelber Farbe in den Handel kommt, ist so
reich an Valeriansäure, daß sie zu deren Ge-
winnung geeignet erscheint.

Ballhausens Magentropfen, aromatisierte und
versüßte spiii uöse Lösung verschiedener stark
abführender Drogen wie Aloe, Rhabarber, Senna,
Jalapen.

Balsam (lat. Baisamum, frz. Baume, engl.
Balm) nennt man dickflüssige Stoffe von harzi-
ger und öliger Natur, welche teils freiwillig,
teils durch künstliche Einschnitte in die Rinde
gewisser Bäume ausfließen. Die meisten B. sind
Gemische von Harzen mit ätherischen Ölen, ent-
halten aber auch häufig noch andere Körper,
namentlich aromatische Säuren (Zimtsäure, Ben-
zoesäure) sowie deren Äther und Aldehyde. Mit
Ausnahme des Terpentins, den man jedoch ge-
wöhnlich nicht zu den B. rechnet, entstammen
alle B. der warmen Zone. Von den im Handel
vorkommenden B. sind in besonderen Artikeln
besprochen: Perubalsam, Tolubalsam, Ko-
paivabalsam, Gurjunbalsam, Storax und
Kanadabalsam.

Bambco.iüsse (Bambeonüsse), die sehr har-
ten Samen der Weinpalme, Raphia longi-
flora, sind 4,5—6,5 cm lang, walzig eiförmig
und mit einer nur dünnen Rinde bedeckt. Man
benutzt sie zu Drechslerarbeiten, wozu sie sich
aber weniger gut eignen als die Steinnüsse,

Bambusrohr (frz. und engl. Bamboo) ent-
stammt einer zu den Gräsern gehörigen tro-
pischen Pflanze, Bambusa arundinacea, die
mit erstaunlicher Raschheit baumartig zur Höhe
von 20 m und darüber emporwächst. In aus-
gewachsenem Zustande ähnelt ihr Bau demjeni-

gen einer italienischen Pappel, indem der 80 cm
dick werdende gerade Stamm etwa 6 m über
dem Böden nach allen Seiten zahlreiche auf-
strebende Äste austreibt, die mehrfach wieder
Seitentriebe aussenden. Der ganze Schaft ist
hohl und in kurzen Abständen durch Knoten
ungeteilt, wie die bei uns gebräuchlichen Bam-
busstöcke und Schirmstiele, irrtümlich wohl auch
Zuckerrohr oder Pfefferrohr genannt, er-
sehen lassen. In Ostindien und anderen Gegen-
den Südasiens, wo der Bambus in großer Menge
wächst und seines vielfachen Nutzens weg;en
auch häutig gepflanzt wird, findet er die mannig-
faltigste Verwendung. Bei großer Leichtigkeit,
verbunden mit bedeutender Festigkeit und Dauer-
haftigkeit, die besonders durch d e stark kiesel-
haltige Rinde bedingt wird, bildet das stärkere
,,°lz ein ausgezeichnetes Material zu Wasser-
rohren und Gefäßen, zürn Häuser- und Brük-
henbau, zu Masten, Stangen und Leitern. Dün-
?ore Stämme dienen zu Möbeln und anderen
Hausgeräten, gespalten zu Flechtwerk, Körben,
glatten, Segeln, Rollvorhängen, Regen- und
Sonnenschirmen, Hüten und Stricken, ja selbst
zu Kunstarbeiten, wie Schnitzwerk, gravierten
und eingelegten Arbeiten. Die im Innern der
täbe angesammelte weiße Ausscheidung von
Kieselsäure wird von den Hindus unter dem
^yrnen Tabaschir als Arzneimittel verwandt
le Chinesen benutzten das B. außerdem zur
.Leitung von Papier und die jungen Triebe als
®,In spargelähnliches Gemüse. Neuerdings hat
k'ch auf Jamaika ein Ausfuhrhandel mit Bam-
l,sfaser entwickelt, die mittels zerreibender

Maschinen hergestellt wird und teils nach Eng-
land, häufiger aber nach Nordamerika ausge-
führt wird, jedenfalls als Papierstoff. Die Sa-
menkörner des B. geben ein leidliches Brot, je-
doch hat diese Verwendung nur geringe Be-
deutung, da die Pflanze erst mit 25 Jahren, und
dann nur für einmal Samen trägt, worauf sie
gleich abstirbt. Die grünen zarten Sprossen
werden in Indien mit Essig und scharfem Ge-
würz eingemacht und unter dem Namen Achia
oder Atchia verkauft.

Bananen (frz. Bananes, engl. Bananas) sind
die Früchte verschiedener Arten der Gattung
Musa (Pisang), namentlich aber von Musa
paradisiaca, Musa sapientum und Musa
chinensis. Die in den ganzen Tropen verbrei-
teten und auch angebauten Pflanzen gehören zu
den ergiebigsten Nahrungspflanzen, indem eine
jede aus ihren stets neu aufsprossenden Stäm-
men im Jahre durchschnittlich 50—75 kg Früchte
liefert, die an einem gemeinschaftlichen Stiele
(Fruchtkolben) oft bis zu 200 Stück hängen.
Die Früchte bilden eines der wichtigsten Nähr-
mittel für die Tropengegenden und werden
auch in großen Mengen nach Europa ein-
geführt. Die Beförderung geschieht mit Schnell-
dampfern aus Westindien und besonders von
den Kanarischen Inseln in der Weise, daß die
Fruchtzweige hängend oder in Körben ver-
sandt werden. Die einzelnen Früchte sind
gewöhnlich 1 — 11/2 dm lang, sichelförmig ge-
krümmt, zeigen drei stark hervortretende und
drei schwächere Kanten und haben eine gelbe,
braunfleckige dicke Schale und ein mehliges,
süßes Fleisch, welches einen deutlichen Geruch
und Geschmack nach Essigsäureamylester be-
sitzt. Die getrockneten Früchte werden auch
zur Herstellung von Bananenmehl, Bananen-
stärke (als Zusatz zu Bananenschokolade) und
einer Art Arrowroot (s. d.) benutzt. — Bananen-
faser s. Manilahanf.

Bandwurmmittel. Nach Husemann werden
hierzu folgende, in besonderen Abschnitten be-
sprochene Drogen benutzt; Arekanüsse, Farn-
wurzel, Granatrinde, Kamala, Kupferoxyd, Kusso-
blüten.

Bankulnüsse (frz. Noix debancoul, engl. Gandle
nuts) sind die Früchte des Kerzenbaums
(Lichtnußbaum, Kan dl enu ß b a u m), eines
großen, 12—15 m hoch werdenden Baumes aus
der Familie der Euphorbiazeen, Aleurites
triloba Forst (Aleurites molluccana Wilid.),
der auf den Südsceinseln seine Heimat hat, aber
auch in Vorder- und Hinterindien, Java, Re-
union und Mauritius, in Westindien und Süd-
amerika angebaut wird. Der sehr schnell wach-
sende Baum trägt schon im zweiten Jahre Früchte
und gedeiht sowohl auf den Gebirgen als auch
in der Ebene. Die fleischige Kapselfrucht ist
rundlich, etwas zusammengedrückt, im reifen
Zustande olivenfarbig und hat 4 bis 6 cm im
Durchmesser. Sie enthält gewöhnlich 1—2, mit
steinharter, runzliger, dunkelbrauner Schale um-
gebene Samen, welche 12—15 g wiegen und
zur Gewinnung des Bankulöles (etwa 60 0/0, s.
d.) dienen. Auf den Südseeinseln benutzen die
Eingeborenen die B. schon seit langer Zeit als
Beleuchtungsmaterial, indem sie d.e zerstoße-
nen Samen mit Baumwolle zu einem Teig ver-
        <pb n="48" />
        ﻿Bankulöl

42

Bariumverbindungen

arbeiten, diesen in Stücke von Bambusrohr
füllen und so eine Art von Kerzen gewinnen.

Bankulöl (K ukuiöl, Javaöl, Aleuritesöl,
frz. Huile de bancoul, engl. Kekune-oil, Candle
nuts-oil), das fette Öl der Bankulnüsse (s. d.),
ist, im kalt gepreßten Zustande klar, schwach
gelblich und von angenehmem Geruch und Ge-
schmack. Warm gepreßt hat es eine bräunliche
Farbe, dickflüssige Beschaffenheit und widrigen
Geruch und Geschmack und wirkt ähnlich, dem
Rizinusöl abführend. Das kalt gepreßte Öl hat
ein spez. Gew. von 0,923, das warm gepreßte
ein solches von 0,913. Das B. gehört zu den
trocknenden Ölen, weil es bei einer Jodzahl von
184—195 zu 30 0/0 aus dem Glyzeride der Lein-
ölsäure besteht, und eignet sich daher zur Be-
reitung von Druckerschwärze und Ölfirnis als
Ersatz des Leinöls, ebenso auch zur Seifen-
fabrikation. Man bezieht es von Guadeloupe,
Martinique, Tahiti und Rüunion, ein großer Teil
wird auch aus eingeführten Nüssen in Hamburg
und Itzehoe gewonnen. Die Preßrückstände,
Kandlenußkuchen, sind sehr stickstoffreich
und eignen sich daher zu Viehfutter, voraus-
gesetzt, daß das Öl, wegen seiner abführenden
Eigenschaften, möglichst entfernt worden ist.

Barbafimaorinde (lat, Cortex barbatimao, frz.
Ecorce de Barbatimao, engl, Barbatimao-bark).
Unter diesem Namen erhält man verschiedene
gerbstoffhaltige Rinden aus Brasilien, die zum
Gerben sowie bisweilen als adstringierendes Heil-
mittel angewandt werden. Am häufigsten findet
sich die Rinde von Pithecolobium Avaremo-
te mo, flache dunkelviolette Baststücke, die
stellenweise mit ausgeschwitztem Gummi be-
deckt sind.

Barellas Magenpulver besteht im wesentlichen
aus Natriumbikarbonat.

Bariumverbindungen. Das Barium, ein dem
Kalzium und Strontium verwandtes metallisches
Element vom Atomgewicht Ba = 137,4 findet
sich nicht im freien Zustande in der Natur,
weil es wie das Kalium Wasser zersetzt und
Sauerstoff aufnimmt, ist aber in Form seiner
Verbindungen, besonders als Karbonat (s. Wi-
therit) und als Sulfat (s. Schwerspat) ziemlich
verbreitet. Es kann nach der zuerst von seinem
Entdecker Davy im Jahre 1808 angewandten
Methode durch Elektrolyse von Bariumsalzen
oder durch Behandlung derselben mit Natrium
hergestellt werden, bildet aber für sich keinen
Handelsartikel. In seinen Verbindungen, welche
mit Ausnahme des Sulfats giftig sind, wird das
Ba daran erkannt, daß es die Flamme des Bun-
senbrenners grün färbt und eine Reihe charak-
teristischer Spektrallinien erzeugt; in seinen Lö-
sungen ruft Schwefelsäure einen in Salzsäure
unlöslichen weißen Niederschlag hervor. Von
den zahlreichen Verbindungen, welche auch als
Barytverbindungen bezeichnet werden, seien
nur folgende technisch wichtigeren angeführt:
Bariumchlorat (Chlorsaurer Baryt, lat. Baryta
chlorica, Baryum chloricum, frz. Chlorate de ba-
ryte, engl. Chlorate of barium), Ba(C103)2-|-H20,
entsteht bei der Einwirkung von Chlor auf heiße
Bariumhydroxydlösung oder; bei der Elektro-
lyse eines Gemisches von Bariumchlorid und
-karbonat mit Wasser und wird von dem bei-
gemengten Bariumchlorid durch Umkristallisie-

ren getrennt. Es bildet farblose, in Wasser leicht
lösliche prismatische Kristalle, welche durch
starke Reibung oder Schlag explodierbar sind,
und findet in der Feuerwerkerei als Grünfeuer
sowie in der Sprengtechnik Anwendung. — Ba-
riumchlorid (Chlorbarium, salzsaurer Ba-
ryt, Bariumchlorhydrat, lat. Baryum chloratum,
Baryta chlorata s. muriatica s. hydrochlorata,
frz. Hydrochlorate de baryte, engl. Chloride of
barium), kristallisiert mit 2 Molekülen Wasser
(BaCl2 -j-2H20) in Form farbloser, durchsichti-
ger Tafeln und löst sich leicht in Wasser zu
einer unangenehm scharf schmeckenden gifti-
gen Flüssigkeit. Es wird dargestellt durch Zu-
sammenschmelzen von Schwerspat mit Kohle
und Chlorkalzium oder durch Auflösen von Wi-
therit in Salzsäure und nachfolgendes Umkri-
stallisieren. B. dient in der chemischen Analyse
als Reagens auf Schwefelsäure und findet in
der Technik ausgedehnte Anwendung zur Reini-
gung von Kesselspeisewasser und zur Herstel-
lung von Permanentweiß. Man erkennt es dar-
an, daß die Lösung mit Schwefelsäure einen
weißen Niederschlag von Ba-Sulfat und mit Sil-
bernitrat eine käsigeFällung von Chlorsilber gibt.
— Bariumchromat (lat. Baryum chromicum,
frz. Chromate de baryte, engl. Chromateof barium)
entsteht beim Fällen von Barytsalzlösungen mit
Kaliumchromat als ein schwerer gelber Nieder-
schlag, BaCr04, der eine wertvolle, licht-, luft-
und wasserbeständige Malerfarbe (Barytgelb,
Gelbin, gelber Ultramarin, Jaune de
Steinbuhl) liefert. —■ Bariumhydroxyd (Ba-
riumoxydhydrat, Ätzbaryt, Barythydrat,
kaustischer Baryt, lat, Baryta caustica s.hy-
drata, frz. Hydrate de baryte, engl. Barytic hy-
dräte), Ba(OH)2, ein weißes, in Wasser lösliches
Pulver, welches aus heißer Lösung mit 8 Mole-
külen Wasser kristallisiert, wird entweder durch
Glühen von Schwerspat mit Kohle und Kochen
der in Wasser gelösten Schmelze mit Zink-
oder Kupferoxyd oder durch Glühen von Wi-
therit im Wasserdampfstrome gewonnen. Es
wurde früher bei der Entzuckerung der Rüben-
melasse benutzt, findet jetzt aber nur noch als
chemisches Reagens Anwendung. Wegen seiner
Neigung, Kohlensäure anzuziehen, muß es vor
Luft geschützt aufbewahrt werden. — Barium-
karbonat (Kohlensaurer Baryt, lat. Baryum
carbonicum, frz. Carbonate de baryte, engl. Carbo-
nate of barium), BaC03, bildet in der Natur das
Mineral Witherit (s. d.), welches in Form derber
Stücke oder als ein schweres Pulver von weißer
bis grauer oder gelblicher Farbe in den Handel
kommt. Auf chemischem Wege wird es durch
Glühen von Schwerspat mit Kohle und Behand-
lung der aufgelösten Schmelze mit Kohlensäure
dargestellt. B. bildet das Ausgangsmaterial zur
Darstellung von Blanc fixe und anderen Ba-
Verbindungen und wird außerdem als Ratten-
gift benutzt. Die Versendung erfolgt in Fässern
von 300 kg. — Bariummanganat (Mangan-
saurer Baryt, lat.Baryum manganicum), BaMn04,
bildet das in der Tapetenherstellung und als An-
strichfarbe benutzte Mangangrün oder Kas-
seler Grün (Rosenstiehls Grün, Vertige
de roses) und wird durch Glühen von Barium-
hydroxyd und -nitrat mit Braunstein oder durch
Überleiten von Luft über ein erhitztes Gemisch
        <pb n="49" />
        ﻿Barol

43

Basalt

von Braunstein und Ätznatron und Fällen der in
Wasser gelösten Schmelze mit Bariumhydroxyd
dargestellt. — Bariumnitrat (Salpetersaurer
Baryt, Barytsalpeter, lat. Baryum nitricum,
Baryta nitrica, frz. Nitrate de baryte, engl. Ba-
rium nitrate, Nitrate of baryt) entsteht beim Lö-
sen von Witherit oder Bariumsulfid in Salpeter-
säure und Eindampfen bis zur Kristallisation
oder beim Vermischen heißer Lösungen von
Chlorbarium und Nätriumnitrat. Es bildet weiße,
glänzende, in Wasser leicht lösliche Kristalle von
der Formel Ba(N03)ä, die beim Glühen reines
Bariumoxyd hinterlassen, und findet in der Feuer-
werkerei als Grünfeuer sowie in der Sprengtechnik
als Ersatz des Salpeters Anwendung. — B arium-
platinzyanür, eine Doppelverbindung von
Zyanbarium und Platinzyanür, Ba(CN)2.Pt(CN)2
~(-4H20, entsteht beim Einleiten von Zyan-
wasserstoff in eine siedende Lösung von Platin-
chlorid und Chlorbarium. Die schönen Kristalle,
welche Dichroismus von Grün und Gelb mit
violettem Schimmer zeigen, haben die Eigen-
schaft, unter der Einwirkung von Röntgen-
Strahlen aufzuleuchten und werden daher zum
Nachweise dieser und ähnlicher Strahlen (ra-
dioaktiver) benutzt. — Bariumsulfat (s. Per-
nranentweiß und Schwmrspat). — Bariumsul-
fid (Bariumsulfuret, Schwefelbarium, lat.
Ba. sulfuratum, frz. Sulfure de baryte, engl.
Sulfuret of barium), BaS, eine Verbindung von
8t,i o/o Barium mit 18,9 °/o Schwefel, kommt
meist nur in rohem Zustande für technische
Zwecke als eine poröse, von beigemengter Kohle
mehr oder weniger grau bis schwärzlich ge-
färbte Masse in den Handel. Zu seiner Darstel-
lung formt man Schwerspatpulver mit Stein-
kohlenteer zu Ziegeln, brennt diese zwischen
Kohlen in Schachtöfen und dampft die durch
Auslaugen mit Wasser erhaltene Lösung ein,
Bas Sulfid ist das Ausgangsmaterial für die
meisten Bariumsalze und findet in der forensi-
schen Analyse, weil es leicht arsenfrei zu er-
kalten ist, Anwendung zur Fiersteilung von ar-
senfreiem Schwefelwasserstoff. Die Verwendung
uls kosmetisches (Rasier- oder Enthaarungs-)
Mittel ist nach dem Farbengesetz verboten. —
Bariumsupe,roxyd (Ba.-peroxyd, Ba.-hy-
Peroxyd, lat. Barium hyperoxydatum, frz. Hy-
peroxyde de baryte, engl. Hyperoxyde of ba-
rmm), BaOa, entsteht beim Erhitzen von Ba-
riurnoxyd (BaO) auf 7000 als ein weißes, in
Wasser unlösliches Pulver, das aus der Luft
Rohlensäure anzieht und mit verdünnten Säuren
Wasserstoffsuperoxyd abspaltet. Bei 500—6000
iriht es Sauerstoff ab. Ba. findet in steigendem
uaße Anwendung zur Herstellung von Wasser-
stoffsuperoxyd und flüssigem Sauerstoff.

Barol, ein mit Kupfervitriol vermischtes Tecr-
?!' Bas wie Karbolineum zum Imprägnieren von
H°lz dient.

t Barometer ■ (frz. Baromötrcs, engl. Barome-
eis) sind Instrumente zur Messung des Luft-
tucks. Nach ihrer Konstruktion unterscheidet
jjan Quecksilber- und Aneroid-oder Holo-
criquebarometer, von denen die ersteren
^vi.eder m Gefäß- und Heberbarometer zer-
. len. Die Quecksilberbarometer bestehen aus
t®smtig geschlossenen, mit Quecksilber gefüll-
n Glasröhren, bei denen nach dem Umdrehen

das Quecksilber von der Luft getragen wird,
während sich über seiner Oberfläche ein luft-
leerer Raum befindet. Bei den Gefäßbarometern
taucht das offene Ende der Röhre in ein Gefäß
mit Quecksilber, während die Röhre beim Heber-
barometer U-förmig gebogen ist. An der oberen
Kuppe des Quecksilbers ist beim Gefäßbaro-
meter eine Skala angebracht, welche die Ent-
fernung der Kuppe von der Oberfläche der Ge-
fäßfüllung (den Barometerstand) in Millimetern
angibt. Die Heberbarometer tragen an jedem
Schenkel des U-Rohres eine Millimeterskala mit
Nonius, deren Angaben addiert den Luftdruck
ergeben. Aneroidbarometer sind luftleer ge-
machte Metallkapseln, deren elastischer Deckel
durch die äußere Luft nach innen gedrückt wird
und dabei vermittels einer Spiralfeder mit Hebel-
übertragung einen Zeiger bewegt. Auf einer
Skala nach Art eines Uhrzifferblattes kann der
Luftdruck direkt abgelesen werden. Beide Arten
von Barometern finden in chemischen und phy-
sikalischen Laboratorien für wissenschaftliche
Zwecke ausgedehnte Anwendung. Im alltäg-
lichen Leben benutzt man sie meist als sog.
Wettergläser, weil sie auf Grund der Erfah-
rung, daß bei hohem Luftdruck meist schönes
Wetter herrscht, auch eine Skala für „Schön
Wetter“, „Sturm“ usw. tragen. Die sehr be-
quem zu transportierenden Aneroidbarometer
dienen außerdem zur Höhenmessung auf Ber-
gen, in Luftschiffen usw., da der Luftdruck mit
steigender Höhe regelmäßig, sinkt.

Barsch (Baars, Baarsch, Bärse, Bärsch-
ling, Schrap, frz. Perche, engl. Perch) ist die
Bezeichnung einer artenreichen Familie von
Raubfischen, deren bekanntester Vertreter, der
Flußbarsch, Perca fluviatilis, eine messing-
gelbe bis grünliche, am Bauche weißliche Farbe
besitzt. Die erste Rückenflosse ist bräunlich-
rotgrau, die zweite grünlichgelb, die Brustflossen
sind gelbrot, die Bauch- und Afterflosse mennig-
oder zinnoberrot. Das Fleisch ist sehr schmack-
haft, besonders vom August bis Januar, die
Laichzeit dauert von März bis Juni. Der B. wird
nicht über 2 kg schwer und ist am besten bei
einer Länge von 25—30 cm, —Der Seebarsch,
Labrax Lupus, welcher im Mittelmeer, dem
Atlantischen Ozean und an den Küsten Eng-
lands vorkommt, wird bis 10 kg schwer und
ebenfalls als Nahrungsmittel verwendet.

Basalt (frz. Basalte, engl. Basalt), eines der
jüngsten Eruptivgesteine, welches meist inForm
einzelner kuppenförmiger Berge, zuweilen aber
auch in deckenförmigen Lagern, auftritt und
vielfach säulenartige Absonderung zeigt, besteht
aus einem innigen Gemenge von Augit (Kal-
ziummagnesiumsilikat mit Tonerde und Eisen),
Feldspat (s. d.) und Magneteisen, welches in
einer dichten schwarzen Grundmasse vereinzelt
andere Mineralien, namentlich grünen Olivin, in
größeren Kristallen eingebettet enthält. Da der
Feldspat (Plagioklas) häufig durch Nephelin
oder Leuzit (Kaliumaluminiumsilikat) ersetzt
wird, unterscheidet man Plagioklasbasalt,
Nephelinbasalt und Leuzitbasält. Auch
gibt es basaltische Laven, die in einigen Ge-
genden zu Mühlsteinen verarbeitet werden. Der
eigentliche Basalt bildet wegen seiner großen
Flärte und Dauerhaftigkeit ein vortreffliches
        <pb n="50" />
        ﻿Baseler Blau

44

Baumwolle

Bau- und Pflastermaterial (Schotter und Pflaster-
steine) und wird überdies als Zuschlag beim Aus-
schmelzen von Eisenerzen und bei der Herstel-
lung von dunklem Flaschenglas gebraucht. Große
Mengen B. werden auf der Elbe von. Böhmen
nach Sachsen und Preußen verschifft sowie
auch im Rheinlande gewonnen.

Baseler Blau, ein zur Gruppe der Safranine
gehöriger Teerfarbstoff, bildet ein braunes
Kristallpulver, das mit blauvioletter Farbe in
Wasser löslich ist und mit Tannin und Brech-
weinstein gebeizte Baumwolle blau färbt. Es
wird dargestellt durch Einwirkung von salz-
saurem Nitrosodimethylanilin auf Ditolylnaph-
tylendiamin und besteht ausTolyldimethylamido-
phenotolylimidonaphtazoniumchlorid.

Baseler Grün ist ein mit Chromgelb gemisch-
tes Schweinfurter Grün (s. d.).

Basilikumkraut (Basilienkraut, Königs-
kraut, lat. Herba Basilici, frz. Basilic, engl.
Basil), die getrockneten Blätter und Blütenzweige
von Ocimum Basilicum, e'ner aus Ostindien
stammenden, bei uns in Gärten angebauten
krautartigen Labiate von angenehmem aroma-
matischen Gerüche, wird hauptsächlich als Ge-
würz, selten noch medizinisch angewandt und
bildet auch einen Bestandteil des Kräuterschnupf-
tabaks. Es enthält im getrockneten Zustande
etwa 1,50/0 ätherisches Öl und Gerbsäure.

Bassiafett (lat. Oleum bassiae, frz. Beurre de
Bassia, engl. Butter of Bassia), Sammelname
für verschiedene Pflanzenfette, welche durch
Auspressen der Samen von Bäumen der Gattung
Bassia (Farn. Sapotazeen) in Indien und an
der Westküste Afrikas gewonnen werden und
zur Herstellung von Seife und Kerzen, in den
Ursprungsländern auch als Nahrungsmittel Ver-
wendung finden. Die wichtigsten sind: i. II-
lip^-Fett oder Mahwa-Butter von Bassia
longifolia und latifolia, ein schmalzartiges, frisch
grünlichgelbes, später weißes Fett von inten-
sivem Geruch. Der Schmelzpunkt des Fettes
von Bassia latifolia liegt bei 25—30 °, von B.
longifolia bei42°. 2. Shea- oder Galambutter
von Bassia Parkii oder B. butyracea ist grau-
weiß bis grünlichweiß, besitzt aromatischen Ge-
ruch und schmilzt bei 28—30°.

Bast (frz. Liber, engl. Bast). Im Handel ver-
steht man hierunter die innere, aus langen Fa-
sern bestehende Rindenschicht mancher Bäume
(Baumbast), welche den Splint bedeckt und
sich durch Abschälen gewinnen läßt. Die meisten
Arten von B. zeichnen sich durch Zähigkeit,
Biegsamkeit und Dauerhaftigkeit aus. Der B.
ist ein unentbehrliches Bindematerial für Gärt-
ner und Baumzüchter und wird ferner zu Mat-
ten, Decken und Hüten, ähnlich dem Stroh so-
wie zu Bändern, Bastbändern (librebandes) für
Zigarren verarbeitet. Der beste B. ist der Lin-
denbast (s. d.), weniger wertvoll der von Pap-
peln, Akazien, Weiden, Ulmen und Erlen. Be-
sonders gerühmt wird der Indianabast oder
Raffiabast wegen seiner Weichheit und großen
Haltbarkeit.

Bataten, die Wurzelknollen von Convolvu-
lus batatas, bilden das wichtigste stärkemehl-
haltige Nahrungsmittel weiter Tropengegenden
und dienen zur Herstellung von Arrowroot.

Baumöl (Olivenöl, lat. Oleum olivarum, frz.

Huile d'olive, engl. Olive-oil) wird aus den
Früchten des Ölbaums, Olea europaea, durch
Auspressen gewonnen. Das bei niederer Tem- :
peratur und gelindem Druck zuerst abfließende
Öl heißt Jungfernöl (frz. Huile vierge, engl.
Virgin oil) und findet als feinstes Speiseöl Ver-
wendung. Die durch stärkeres Pressen der er-
wärmten Masse erhaltenen weiteren Anteile
(Baumöl, Nachmühlenöl, Höilenöl) dienen I
zur Beleuchtung, zur Herstellung von Seife,
Haaröl, Salben und anderen technischen Zwek-
ken. Die Preßrückstände können schließlich
noch mit Schwefelkohlenstoff extrahiert werden
und liefern dann das Sulfuröl, oder ihnen wer-
den nach vorheriger Gärung durch Auskochen
mit Wasser die letzten Reste als sog. Tour-
nanteöl entzogen. Besonders das letztere wird
wegen seiner Emulgierbarkeit mit Laugen in i
großen Mengen bei der Türkischrotfärberei be- j
nutzt. Das reine Speiseöl, dessen feinste Sorten j
als Jungfernöl, Provencer-, Aixer- und | s
Nizzaöl bezeichnet werden, ist farblos bis hell-
gelb, während die weniger feinen, aus unreifen ^
Früchten gewonnenen Öle infolge eines Chloro- ^5
phyllgehaltes bisweilen grün aussehen. Das c
Olivenöl besitzt einen milden und angenehmen *
Geschmack. Sein spez. Gew. beträgt 0,914 bis ! e
0,920, die Refraktion 62,0—62,8. Bei n.ederer i r
Temperatur erstarrt es zu einer weißen körni- -
gen Masse. In chemischer Hinsicht besteht Oli- |	£

venöl zu 2—250/0 aus festen Fetten, wie Pal- j
mitin und Stearin, daneben enthält es etwa
6 0/0 Linolsäure, während der Rest als Olein an-
zusprechen ist. Als feinstes aller Speiseöle unter- _ *
liegt es in hohem Grade der Verfälschung durch j
minderwertige andere Öle, besonders Baumwoll- |
samenöl, Erdnußöl, Sesamöl. Der Name Tafel-
öl, welcher früher im reellen Handel nur für i !
Olivenöl benutzt wurde,, ist jetzt auf zahlreiche j ;
andere Speiseöle übertragen worden, und Sicher- ,
heit für Erlangung des reinen Erzeugnisses ist
nur gegeben, wenn man ausdrücklich Ol.venöl, *
Jungfernöl, Aixer-, Provencer- oder N.zzaöl ver-
langt. Allerdings ist auch im letzteren Falle noch ;
eine gewisse Vorsicht geboten, weil ein findiger i
Geschäftsmann unter dieser nur durch Einschie-
bung eines i in Nizziaöl veränderten Bezeich-
nung gewöhnliches Erdnußöl vertrieb. Der :
Nachweis der genannten Verfälschungen bietet ;
übrigens besondere Schwierigkeiten nicht dar. j
Die früher zur Ersparung des Eingangszolls all- |
gemein übliche Denaturierung der technischen j
Baumöle mit Terpentin oder ätherischen Ölen i
ist neuerdings von geringerer Bedeutung, weil 1
nach dem letzten Zolltarif vom 25. Dezember ;
1902 die aus den Vertragsstaaten (Italien) in ;
Fässern eingeführten reinen B. zollfrei sind. ;
Die Reinheit muß durch das Gutachten eines
von der Zollbehörde vereidigten Sachverständi- !
gen bescheinigt werden.

Baumwolle (frz. Coton, engl. Cotton), einer
der wichtigsten Rohstoffe des Welthandels, be-
steht aus den Samenhaaren verschiedener 4-rten i
von Gossypiurn, einer Malvazee, als deren Stamm- 1
land Ostindien angesehen wird, die aber schon .
frühzeitig in China, und bereits vor Christi Ge- '
burt in Arabien, Ägypten und am Persischen Meer- j
busen angebaut wurde. Die Entdecker Amerikas ;

n. o (u " V '•r a&gt;. cr&lt;W er n &amp; o
        <pb n="51" />
        ﻿Baumwolle

45	Baumwollensamenkuchen

fanden Baumwollzeuge in Mexiko und Peru im
i Gebrauch, die Portugiesen trafen sie bei den
Kaffem Südafrikas. Nach Europa kamen die
ersten Baumwollsioffe als Luxusgegenstände aus
Indien, bis später die Nordamer.kaner den An-
bau im größten Maßstabe übernahmen und län-
gere Zeit den Markt vollständig beherrschten,
j Erst infolge der durch den amerikanischen Bür-
j gerkrieg verursachten Störungen wurden Ost-
| indien, Ägypten und Brasilien konkurrenzfähig,
i aber auch jetzt noch entfallen von der etwa
75 Millionen dz betragenden Weltproduktion
700/0 auf die Vereinigten Staaten, hingegen nur
i8o/0 auf Ostindien, je 3—40/0 auf China und
Ägypten und je 2 o/0 auf Mittelasien und Süd-
amerika. Die geringen in Italien, Spanien und
Griechenland gewonnenen Mengen sind für den
Weltverbrauch ohne Bedeutung, während die in
den deutschen Kolonien (Togo, Ostafrika) ge-
machten Anbauversuche zu den schönsten Hoff-
nungen berechtigten. Nach dem Kriege werden
sie voraussichtlich durch Pflanzungen in der
Türkei erweitert werden. —• Die zahlreichen
Arten der Baumwollenpflanze werden meist in
kraut-, Strauch- und baumartige unterschie-
den, von denen erstere die wichtigsten sind. Die
krautartige B., G. herbaceum, eine meist
einjährige, unter günstigen Umständen auch
mehrjährige Pflanze von 0,5—1,5 m Höhe hat
3—5 lappige Blätter und eine malvenartige blaß-
gelbe Blüte. Die dreieckige, zugespitzte Samen-
kapsel von Nußgröße, die in 3—5 Fächer ge-
feilt ist, wird bei der Reife braun und lederartig,
springt dann auf und läßt die Wolle heraus-
quellen. Diese Art wird in Ostindien, Klein-
asien, Europa und Nordamerika angebaut und
bisweilen als G. indicum besonders aufgeführt.
Zu den strauchartigen Baumwollgewächsen
gehören; G. barbadense, der langhaarige
Baumwollstrauch von Mannshöhe, der, in
Westindien heimisch und von dort nach Bour-
bon und Mauritius verpflanzt, die langfaserige
n,ordamerikanische B. liefert; G. hirsutum (zot-
ige B.), ein zweijähriger oder ausdauernder
Strauch mit apfelgroßen Kapseln und guter,
Sehr feiner Faser, der in Franz.-Westindien, Gu-
yana und Nordamerika angebaut wird; G. vi-
tifoli um in Westindien, Brasilien, Ägypten; G.
religiosum mit rötllchgelber Wolle, die zu dem
ächten chinesischen Nanking verarbeitet wird.
Der 4—7 m hohe Baumwollbaum, G, arbo-
J.eum, findet sich in Ostindien, Arabien und
^gypten und wird auch in Spanien und am
Senegal angebaut, ebendort die getüpfelte B.,
Punctatum. Die als G. barbadense bezeich-
nte Art, welche in Amerika die vorzüglichste
, • (Sea Island) liefert, gedeiht in höchster Voll-
°mmenheit nur auf dem schmalen Küstenstriche
wischen Georgien und Südkarolina. Die andere
georgische B. mit kürzerer Faser heißt Upland
oder Georgia. — Die B. gedeiht bereits auf ge-
tngerem, wenn nur etwas sandigem Boden,
faucht aber in der Wachstumsperiode Regen,
eil sonst die Faser zu kurz ausfällt, und zur
Y^lt des Aufspringens der Kapseln trockenes
k^ctter, weil die naß gewordene Faser sich
e aunt und verdickt. Die aus gelegten Samen
Wachsenden Pflanzen werden durch frühzeiti-
°es wiederholtes Verstutzen auf 1,5 m Höhe er-

halten und nach jeder Ernte kurz über dem
Boden abgeschnitten. Mit den neuen Trieben
verfährt man in gleicher Weise, doch wird nach
zwei oder drei Jahren eine neue Pflanzung an-
gelegt, da der Ertrag sich mit jeder Wieder-
holung verringert. Sobald die Kapseln sich öff-
nen, wird die B., um ein Verderben zu ver-
hindern, sofort gezupft, früher mit der Hand,
jetzt mit Maschinen, nach mehrtägigem Liegen
an der Sonne mit Hilfe besonderer Egrenier-
maschinen von dem Samen getrennt und
schließlich zu Ballen gepreßt. Die reife Faser
bildet ein einzelliges, flaches, schlauchartiges
Band, (las unter dem Mikroskop charakteristi-
sche, korkzieherartige Windungen zeigt und an
einem Ende zugespitzt, am anderen Ende ab-
gerissen erscheint. Unreif geerntete Fasern, die
nicht hohl und nicht schraubenartig gedreht
sind und keine Färbung annehmen (tote B.),
verschlechtern die Ware. Im übrigen kommen
für die Bewertung besonders Länge, Feinheit,
Festigkeit, Weichheit, Farbe und Glanz in Be-
tracht. Am geschätztesten ist Seidenglanz und
Farblosigkeit, danach kommen die bläulichen
und rötlichen, zuletzt die gelblichen und bräun-
lichen Sorten. Wichtig ist auch die Abwesen-
heit von Knötchen und Verunreinigungen.
Nach der Länge der büschelartig zu Stapeln
zusammenliegenden Fasern unterscheidet man
langstapelige und kurzstapelige B. Die am
höchsten geschätzte langstapelige B. mit 30 bis
36 mm Länge, aus der die feinsten Garn-
nummern hergestellt werden, kommt fast nur
aus Amerika. — Die Handelssorten werden nach
der Herkunft und außerdem nach Klassen, in
England z. B. fine, good, good fair, tniddling
fair, good middling, middling, low middling,
good ordinary; ordinary, inferior; in Hamburg
als A, AB, B, BC, C, CD, D, DE, E, EF be-
zeichnet. Als hauptsächlichste Sorten von den
feinsten bis zu den geringsten s nd anzuführen:
länge Georgia (Sea Island), ägyptische Mako
und Bourbon, Pernambuko, Louis ana, Kayenne,
Neuorleans, kurze Georgia (Upland), Surate,
Bengal und Alexandriner. Die deutsche Ein-
fuhr, meist über Bremen und Plamburg, hat sich
von 1,5 Mill. dz im Jahre 1880 auf 5 Mill. dz
im Jahre 1912 gehoben, davon rund 4 Mill. aus
Amerika, 0,3 Mill. aus Ägypten und 0,7 MdI. aus
Indien. Abgesehen von der Textilindustrie dient
B. zur Herstellung von Verbandwatte, Kollo-
dium und Sprengstoffen (hierfür jetzt durch
Holzzellulose ersetzt). Die Früchte liefern
Baumwollsamenöl und Ölkuchen (s.d.), die Wur-
zelrinde (lat. Cortex gossypii Radicis, frz.
Ecorce de Racine de Coton, engl. Cotton root
bark), weißliche, außen gelbrote bandförmige
Stücke, ein Fluidextrakt, das gegen Erkrankun-
gen des Uterus, in Amerika auch als Abortiv-
mittel Anwendung findet.

Baumwollensamenkuchen (lat. Placenta Semi-
nis Gossypii, frz. Tourteaux de coton, engl. Cot-
ton-Cake), die bei der Darstellung des Baum-
wollensamenöls zurückbleibenden Preßrückstände.
unterscheidet man in solche von ungeschälten
und von geschälten Samen und benutzt die
letzteren als wertvolles, an Eiweiß und Phosphaten
reiches Viehfutter, während die ersteren wegen
der anhaftenden Haare hierzu nicht geeignet sind
        <pb n="52" />
        ﻿

Baumwollsamenöl

46

Behenöl

und daher meistens als Düngemittel verwandt
werden. Der ungeschälte oder mollige B. ist
dunkelbraun, die bessere Sorte (ß. von Katania)
heller gefärbt, als schlechteste Sorte gelten die
syrischen. Geschälte B. werden namentlich von
England und den Vereinigten Staaten eingeführt.
Die B. dürfen nicht dumpfig riechen, noch sauer
reagieren und müssen frei von Pilzwucherungen
sein, wenn sie als Futter verwandt werden sollen.
Die ungeschälten B. kommen auch im gemahlenen
Zustande in den Handel. (Extraktionsmehl,
Baumwollensamenmehl.)

Baumwollsamenöl (Kottonöl, lat. Oleum
Gossypii, frz. Huile de coton, engl. Cotton-oil),
das fette Öl der Baumwollsamen, wird teils in
den Herkunftsländern der Baumwolle selbst er-
zeugt, teils in Europa aus eingeführten Samen
gewonnen. Das rohe B. ist trübe und dunkel-
braun und kann nur als Schmieröl benutzt
werden, das raffinierte hat eine gelbe Farbe,
erstarrt bei —■ 2bis3°C, hat ein spez. Gew. von
0,922—0,930 und wird teils als Brennöl, teils bei
der Herstellung von Seife und neuerdings auch als
Speisefett (Florida-Öl) sowie zum Verfälschen
teurerer Öle verwandt. Zum Nachweise des B.
erhitzt man 10 ccm mit einer Mischung von
Amylalkohol und Schwefel in Schwefelkohlen-
stoff, wobei B. eine rote Färbung annimmt.

Bauxit (Beauxit), ein nach der Stadt Les
Beaux bei Arles benanntes Mineral, das in
seinem Aussehen dem Bolus ähnelt und in
seiner reinsten Form aus wasserhaltiger Ton-
erde, A120(0H)4, mit 73,93 °/o Aluminiumoxyd
besteht, meist aber wechselnde Mengen Eisen-
oxyd und freie Kieselsäure enthält, findet sich
in Form rotbrauner bis dunkelroter, bisweilen
auch weniger gefärbter Adern und Knollen, die
meist im Tagebau gewonnen werden. Die aus-
gedehntesten Lager besitzt Frankreich (Südfrank-
reich), das jährlich 3—400000 t gewinnt, ge-
ringere Mengen Deutschland (Vogelsberg), Öster-
reich (Steiermark, Krain und Dalmatien). Neuer-
dings sollen in Holländisch-Guyana ausgedehnte
B.-Lager gefunden wordensein, jdie im Besitze nord-
amerikanischer Fabriken Ausbeuten von 425000 t
liefern. B. ist das Ausgangsmaterial für die
Herstellung der meisten Aluminiumverbindungen
und des metallischen Aluminiums, und die deut-
sche Aluminiumindustrie, welche vor dem Kriege
ganz auf die französischen Vorkommnisse an-
gewiesen war, schien durch die Abschneidung
der Zufuhren stark bedroht. Sie konnte aber
zunächst auf den sehr reinen, besonders kiesel-
säurefreien (weniger als 1 % Si02) Vogelsberger
B. und dann auf die etwa 50000 t betragende
Erzeugung der österreichischen Adriaküste zu-
rückgreifen, die für 10000 t Metall ausreichte.
Später fand man ein Verfahren zur Verarbeitung
gewöhnlichen Tons, wodurch Deutschland vom
Ausland völlig unabhängig wurde. •— Weiter
dient B. noch zur Ausfütterung der rotierenden
Siemensöfen für Eisen- und Stahlbereitung und
zur Herstellung feuerfester Tiegel.

Baykuruwurzel (lat. Radix baycuru, frz. Ra-
cine de Baycuru, engl. Baycuru-root), die Wurzel
der in Südamerika heimischen Plumbaginee
Statice brasiliensis, besteht aus 0,5—2 cm
dicken knolligen Stücken, die von einer schwar-
zen, rissig gewundenen Rinde umgeben sind und

auf dem glänzend dunkelbraunen Querschnitt eine
deutliche radiale Anordnung der Gefäßbündel
zeigen. Die B. wird in Amerika als ausgezeichne- .
tes Beruhigungsmittel bei Menstruationsschmer- |
zen empfohlen. ,

Bayrum (Spiritus Myrciae comp.), ein ursprüng-
lich in den wärmeren Teilen von Amerika all-
gemein verbreitetes, jetzt auch in Europa viel
benutztes Waschmittel für Kopf, Hände und den
ganzen Körper, wird am besten auf St. Thomas
und Jamaika aus den frischen Beeren und Blät-
tern des Baybaumes (Pimenta acris) durch
Destillation mit feinem Rum hergestellt. Zur-
zeit gewinnt man es meist durch Vermischen
von Rum, Wasser und Spiritus mit dem Bayöl
(Bay-Rumöl, lat. Oleum Pimentae acris, Oleum
Myrciae, frz. Essence de Bay, engl. Oil of Bay),
dem zu, etwa 2,5% in den Blättern von Pimenta
acris enthaltenen ätherischen Öle, das zu einem
wesentlichen Teil aus Eugenol besteht, ein spez.
Gew. von 0,965—0,985 besitzt und für sich einen
Handelsartikel bildet.

Bdellium (lat. Gummi s. Resina Bdellium, frz,
Rösine od. Gomme bdellium, engl. Gum bdelli-
um), ein balsamisch riechendes Gummiharz aus
Senegambien und der afrikanischen Ostküste,
das von Balsamodendron africanum ab-
stammt. Das B. wurde früher zu Pflastern und
als Räuchermittel verwendet, hat aber jetzt nur
noch insofern Interesse, als es häufig in der
käuflichen Myrrhe gefunden wird, der man es
schon in den Herkunftsländern zusetzt. Auch
im Senegalgummi will man es gefunden haben.
Das afrikanische B. erscheint in kugeligen
Stücken oder zusammengebackenen Massen von
grünlichbrauner Farbe, besitzt einen dem Am-
moniakgummi ähnlichen Geruch und enthält,
Harz, Gummi und ätherisches Öl. Eine andere1
Sorte, das indische B., welches von Scinde aus
ausgeführt wird und von Balsamodendron
Muskal stammt, besitzt eine dunklere Farbe
als das afrikanische und riecht terpentinartig.

Bebeerurinde (Beberurinde, Bibirurinde,
Sipeeririnde, lat.Cortex Berbeeru, frz.Ecorce de
Berbere, engl. Berberu-bark), ein jetzt nicht mehr
gebräuchlicher Gegenstand des Drogenhandels,
stammt von Nectandra Rodiei, einem Baume
Guyanas, der auch das unter dem Namen Green-
heart bekannte Schiffsbauholz liefert, und be-
steht aus flachen, dunkelzimtfarbigen Stücken
von bitterem Geschmack. Das in der B. ent-
haltene Alkaloid Bibirin oder Bebeerin ist
nach neueren Untersuchungen identisch mit dem
Buxin.

Beet juice, ein durch Konzentrieren von Fleisch-
saft im Vakuum erhaltenes Nährpräparat amerika-
nischen Ursprungs.

Behenöl (Be.hennußöl, Beenöl, lat. Oleum
Behen, Oleum balatinum, frz. Huile de Ben ailä,
engl. Behen-oil), das fette Öl der Behennüsse
(Nuces behen), der Samen eines auf Martini-
que und Guadeloupe wachsenden sowie auch in
Oberägypten und Indien vielfach angepflanzten
Baumes, Moringa pterygosperma oder M.
oleifera, gehört zu den nicht trocknenden Ölen,
ist dickflüssig, farblos oder blaßgelb und geruch-
los und hat das spez. Gew. 0,912. Es zeichnet
sich durch große Haltbarkeit aus und wird vor
allem nicht ranzig. Eine andere Sorte von Ja-
        <pb n="53" />
        ﻿Beifuß

47

Benzin

naaika trennt sich schon bei 15 0 C in einen festen
und flüssigen Teil. B. wird benutzt zum Extra-
hieren der wohlriechenden Stoffe aus Blüten,
tum Einreiben der Haut, zu Salben und Poma-
den und als Schmiermittel für Präzisionsinstru-
mente.

Beifuß (Beibiß, Gänsekraut, lat. Herba ar-
lemisiae vulgaris, frz. Feuille d’Armoise, engl.
Mugwort), eine in ganz Europa wildwachsende
sowie auch in Gärten angebaute Komposite. Die
Wurzel wird im Frühjahre oder Herbste ge-
sammelt und getrocknet, nicht abgewaschen, son-
dern nur durch Bürsten gereinigt, als Epilepsie-
mittel unter dem Namen Radix artemisiae
(Beifußwurzel, frz. Rhizome d’Armoise, engl.
Mugwort-root) benutzt. Sie hat einen scharfen
Geschmack und unangenehmen Geruch, den
sie einem ätherischen Öl (Beifußöl) verdankt
(etwa 0.1 °/o).	— Die getrockneten Blüten-

zweige finden nach Entfernung der bitter-,
schmeckenden Blättchen als Gewürz, namentlich
zu Gänsebraten, Verwendung.

Beinholz, das Holz der gemeinen Plecken-
kirsche (Lonicera Xylostemum) ist die zähe-
ste aller mitteleuropäischen Holzarten und ins-
besondere gegen Witterungseinflüsse sehr wider-
standsfähig. Es hat ein sehr feines Gefüge, läßt
Slch gut schneiden und drehen, aber schwer spal-
ten und dient als Drechslerholz und zu Maschinen-
teilen.

Beizen. Unter diesem Namen faßt man eine
Sroße Zahl von Substanzen, meist flüssigen, zu-
sammen, welche dazu dienen, gewissen Roh-
stoffen oder gewerblichen Erzeugnissen an der
Oberfläche eine bestimmte Farbe oder ein sonst
Sewünschtes Aussehen zu verleihen. Von den
'Vler Hauptgruppen: Holzbeizen, Lederbeizen, Me-
tallbeizen und Stoff- oder Zeugbeizen sind die
tttei ersteren in besonderen Abschnitten bespro-
chen. Die Stoffbeizen haben den Zweck, solche
Gespinst- und Gewebefasern, die mit gewissen
Farbstoffen keine echten Färbungen liefern, zur
‘Wfnähme und Fixierung dieser Farbstoffe durch
mldung unlöslicher Verbindungen (Lacke) zu
efähigen. In der Regel benutzt man hierzu
-osungen von Metallsalzen, und zwar besonders
es Chroms, Aluminiums, Eisens und Zinns, sel-
citer (jes Kupfers, Zinks, Kobalts usw. Bei Baum-
olle und Seide wird vor der Einwirkung der
; tetallbeize vielfach eine Behandlung mit Ol (s.
o,. urkischrotöl), Tannin (Seide) oder Seife vor-
^ttommen, wobei zunächst ein unlöslicher Me-
,l miederschlag und danach erst der Farblack

entsteht.

^Belladonna, Tollkirsche, Wolfskirsche,
DP bekannte, zu den Solanazeen gehörige Gift-
HnanZ&lt;b wächst in bergigen Laubwäldern Süd-
. " Mitteleuropas und wird in vereinzeltemFällen
♦ ^ c“ angebaut. Obwohl alle Teile der Pflanze
u r,°Pin enthalten, finden doch nur die Blätter
ü Wurzeln medizinische Verwendung. —1 Die
j atter (Tollkirschenkraut, lat. Polin s.
doEl )a belladonnae, frz. Feuilles de bclla-
fan*?6, engk Belladonna leaves) sind eirund, ganz-
g an der Basis verschmälert, am Ende zu-
20 Pltzt und von einem starken Mittelnerv duich-
barn’ dei unter einem Winkel von etwa 400
Seilj le“aufende Nerven nach dem Rande zu ai s-
et- Die Länge beträgt s—15, die Breite '4

bis 9 cm. Die Blätter sollen zur Blütezeit ge-
sammelt und bei niederer Temperatur rasch ge-
trocknet werden, und sind dann dünn, fast durch-
scheinend sowie oben bräunlich, unten bräun-
lichgrün gefärbt. Zur Unterscheidung von den
bisweilen beigemischten Blättern des Nachtschat-
tens dienen neben der abweichenden Form die
eigenartigen Haare und der Nachweis der vor-
handenen Oxalatkristalle. — Die Wurzel (lat.
Radix belladonnae, frz. Racine de belladonne,
engl. Belladonna-root) soll im Juli oder August
gesammelt und ungeschält getrocknet werden.
Sie besteht aus verschieden langen, zylindrischen
Stücken, die meist etwas gedreht, längsrunzelig
und gelblichgrau erscheinen, und bricht kurz und
glatt unter Zerstäuben ab. Der Holzkörper zeigt
auf dem Querschnitte zahlreiche Poren und be-
sitzt die gleiche weißlichgraue Farbe der Rinde,
die von ihm nur durch eine dunklere Linie ge-
trennt ist. Bisweilen beigemischte Wurzeln von
Althaea und Malva süvestris unterscheiden sich
durch den faserigen Bruch, Klettenwurzel erkennt
man daran, daß sie nicht stäubt und wegen des
Fehlens von Stärke mit Jod nicht blau wird,
Blätter und Wurzeln enthalten etwa 0,5% Atro-
pin (s. d.) und dessen Zersetzungsprodukte Hyos-
zyamin und Belladonnin, neben geringen
Mengen von Chrysatropasäure, Cholin, orga-
nischen Säuren und viel Stärke. Sie dürfen ebenso
wie das aus dem ganzen Kraute hergestellte
Belladonnaextrakt im Kleinhandel nicht ab-
gegeben werden. — Seit einiger Zeit kommt
eine japanische B. von Scopolia japonica in
den Handel, die zwei besondere Alkaloide, das
Rotoin und Skopoleün, enthält, aber ganz
ähnliche Wirkung zeigt.

Belmontine ist ein in England aus indischem
Bergteer abgeschiedener paraffinartiger Stoff,
der als Kerzenmaterial Verwendung findet.

Benediktiner, gesetzlich geschützter Name eines
feinen französischen Likörs. Zur Darstellung von
Nachahmungen sind verschiedene Vorschriften
im Gebrauch, von denen hier nach König die
folgende angeführt sei: in die Destillierblase
werden 45 1 Spiritus von 96 °/o und 201 weiches
Wasser gegeben. In den Extraktionsapparat
kommen folgende zerkleinerte Kräuter; 500g
frische Zitronenmelisse, 150 g Alpenbeifuß, 60 g
Kardamomen, 250 g Ysopspitzen, 100 g Angelika-
samen, 150 g Angelikawurzeln, 250 g Pfefferminz-
kraut, 30 g Thymiankraut, 30 g Zeylonzimt, 30 g
Muskatblüte, 30 g- Nelken, 30 g Arnikablumen,
250 g Wohlverleihblumen, 100 g Bisamkörner.
Nach der Destillation werden dann noch 2—io
Tropfen von 18 verschiedenen ätherischen Ölen
(meist von Gewürzen) zugesetzt.

Benzanilid, Benzoy lanilid, C6H6.NH.CO.
C6H5, entsteht bei Einwirkung von Benzoyl-
chlorid auf Anilin als ein weißes, perlmutter-
artig glänzendes Kristallpulver vom Schmelzpunkt
163°. Es wird als Fiebermittel in der Kinder-'
Praxis benutzt, da es nicht die unangenehmen
Nebenwirkungen des Antifebrins zeigt.

Benzin. Unter diesem Namen vereinigt die
Technik eine Reihe von Produkten verschiedenen
Ursprungs und verschiedener chemischer Zusam-
mensetzung. 1. Petroleumbenzin oder eigent-
liches Benzin besteht aus den leicht siedenden
Anteilen des Rohpetroleums, welche bei der'
        <pb n="54" />
        ﻿Benzoazurin G

48

Benzoesäure

Destillation unter 1500 übergehen. Dieses De-
stillat (Rohbenzin) wird einer Reinigung mit konz.
Schwefelsäure und Natronlauge unterwo.fen und
darauf nochmals destilliert. Die zuerst über-
gehenden Leichtöle vom Siedepunkte 40—700
und dem spez. Gew. 0,640—0,660 nennt man Pe-
troleumäther (Gasolin). Darauf folgt zwi-
schen 70 und ioo° (spez. Gew. 0,660—0,700) das
eigentliche Benzin; zwischen 100—1200 (spez.
Gew. 0,700—0,720) das Ligroin und schließlich
bis 150° (spez.Gew.0,720—0,740) das Putzöl.Die
Petroleumbenzine stellen farblose, leicht brenn-
bare und feuergefährliche Flüssigkeiten dar, die
in chemischer Hinsicht aus Gemischen von Koh-
lenwasserstoffen der Methanreihe bestehen und
daher gegen Reagentien, namentlich rauchende
Salpetersäure, indifferent sind (Unterschied vom
Steinkohlenbenzin). Sie finden als ausgezeichnete
Lösungsmittel für Fette und Öle, Harze und Kaut-
schuk ausgedehnte Anwendung in der Fettindu-
strie, Gummifabriken und chemischenWäschereien.
Die in letzteren durch elektrische Funken häufig
entstehenden Brände verhindert man durch Zu-
satz von ölsaurer Magnesia. 2. Steinkohlen-
benzin findet sich in größerer Menge in dem
Teer der Gasfabriken, besonders aber der Ko-
kereien, aus welchem es durch Destillation ab-
geschieden wird. Die hierbei zwischen 70 und
1700 übergehende Flüssigkeit zerlegt man in
mehrere Fraktionen, von denen die bei 80—115°
siedende als Rohbenzol bezeichnet wird, wäh-
rend die folgenden (Auflösungsaaphtha) das
Steinkohlenbenzin des Handels daistellen. St.-B.
ist eine wasserhelle Flüssigkeit wie das Petro-
leumbenzin, unterscheidet sich aber von letzterem
durch seinen höheren Siedepunkt, sein höheres
spez. Gew. (0,900) und seine chemische Zusammen-
setzung, indem es nicht Kohlenwasserstoffe der
Methanreihe, sondern der Benzolreihe, besonders
neben etwas Benzol Toluol, Xylol und Kumol
enthält. Hierauf beruht das Verfahren zur Unter-
scheidung der beiden Benzine, indem St.-B. bei
der Behandlung mit rauchender Salpetersäure in
Nitrobenzol übergeht und klar gelöst wird. Auch
vermag es im Gegensatz zu Petroleumbenzin
Asphalt, Steinkohlenpech und Pikrinsäure in
Lösung überzuführen, verbrennt mit stärker ru-
ßender Flamme und löst sich in qoprozentigem
Alkohol auf. Es dient in der Technik als Lö-
sungsmittel und als Ausgangsmaterial der Far-
benfabrikation. 3. Braunkohlenbenzin (So-
laröl, Photogen) nennt man die niedrig sieden-
den Anteile des Braunkohlenteers vom spez. Gew.
0,800—0,820, welche zur Reinigung von Paraffin,
ferner als Fleckwasser usw. Anwendung finden.

Benzoazurin Q, ein Azofarbstoff, blauschwar-
zes, in Wasser lösliches Pulver, färbt Baumwolle
im Seifenbade blau und besteht aus dem Natron-
salze der Dianisidindisazoalphanaphtolmonosulfo-
säure. Benzoazurin ro B ist die entsprechende
Verbindung des Diphenetidins mit Naphtylamin-
sulfosäure.

Benzoe (Benzoeharz, lat. Resina benzoes,
Asa dulcis, frz. Benjoin, engl. Gum Benjamin),
ein seit dem 15. Jahrhundert in Europa be-
kannter Artikel des Drogenhandels, besteht aus
dem fest gewordenen harzigen Ausfluß von Ben-
zoin officinale, Styrax Benzoin und Sty-
rax subdenticulata, mittelhoher Bäume aus

der Familie der Styrazeen, die ihre Heimat
in Hinterindien und dem Malaiischen Archipel
haben. Man gewinnt das Harz durch Anschnei-
den der Rinde, und zwar geben junge, 6- bis
7jährige Bäume die beste Ware, während mit
steigendem Alter immer dunklere und weniger
aromatische Sorten erhalten weiden. — Nach
Form und Herkunft unterscheidet man folgende
Handelssorten; a) Siambenzoe, die-beste Sorte,
besteht aus kleinen, losen, tränenförmigen Stük-
ken (B. in lacrymis) von weißer bis gelblicher
oder rötlicher Farbe und opalartigem Aussehen.
Das spez. Gew. liegt zwischen 1,170 und 1,240,
der Schmelzpunkt bei 75 °. Eine geringere Ab-
art dieser Sorte, die Mandelbenzoe (B. amyg-
daloides) bildet unregelmäßige rötliche Massen,
in welchen zahlreiche weiße oder gelbliche, oft
mandelförmige Stücke verteilt sind, b) Kal-
kuttabenzoe (Block-, Tampangs-Benzoe)
kommt in Form großer Blöcke von rotbrauner
Farbe mit zahlreichen eingelagerten Mandeln und
Pflanzenresten in den Handel. Ihr spez. Gew. be
trägt 1,100—1,120. c) Palembang- oder Palem-
B. ist der vorigen ähnlich, aber minderwertiger.
Sie enthält bis zu io°/o Verunreinigungen und hat
ein spez. Gew. von 1,130. d) Sumatra-B. bildet
meist dunklere Massen oder Blöcke, e) Pe-
nang-B„ braune, poröse, anscheinend zusammen-
geschmolzene Klumpen. — In chemischer Hin-
sicht besteht die Benzoe aus einem Gemische ver-
schiedener Plarze mit Benzoesäure oder Zimtsäure
und 1 bis 1 Vs0/» Vanillin. Das Harz der Siam-
benzoe ist ein Gemenge von Benzoesäureestern
mit 2 Harzalkoholen, dem weißen Benzoeresinol
(C16H26G2) und dem braunen Siaresinotannol
(C12HuOs), während das Harz der Sumatra-
benzoe neben etwas Zimtsäurephenylpropylester
(C,sH)802), Zimtsäurezimtester (Styrazin) und
Zimtsäurebenzoeresinolester viel Z mtsäureresino-
tannolester enthält. Je nach der Art der vor-
handenen freien Säure unterscheidet man B.,
die nur Benzoesäure (Sorten a, b, c) und solche,
die Benzoe- und Zimtsäure (d und e) enthält. —■
Zur Prüfung auf Zimtsäure zerreibt man die B. I
mit kaltem Wasser, kocht auf und filtriert. Das
durch Eindampfen etwas konzentrierte Filtrat
wird -riedend heiß mit etwas Kaliumpermanga-
nat .ersetzt, worauf nur bei Anwesenheit von
Zimisäure Geruch nach Bittermandelöl auftritt. —-
Die nur Benzoesäure enthaltenden Sorten a—c 1
finden medizinische Anwendung als antiseptisches I
und desinfizierendes Mittel, während die übrigen
auch in der Parfümerie sowie zur Herstellung I
von Räuchermitteln, Schokoladenlack u. dgl. in \
großen Mengen verarbeitet werden.

Benzoeäther (Benzoesäureäther, Benzoe-]
vinester, benzoesaures Äthyloxyd, Ben-|
zoesäureäthyläther, lat. Äther benzoicus, frz-j
1 Ether benzoique, engl. Benzole ether), C6H5 ■
COUC2H5, eine wasserhelle farblose, aromatisch j
riechende Flüssigkeit vom spez. Gew. 1,0517 und
vom Siedepunkte 213 °, wird durch Einleiten von
gasförmiger Salzsäure in eine alkoholische Lösung
von Benzoesäure erhalten und zur Bereitung (
vor. Fruchtäthern sowie von Parfüms (PeaU
d’Espagne) verwendet. In Wasser ist der B- j
nur sehr wenig, in Alkohol leicht löslich.

Benzoesäure (Benzoeblumen, lat. Acidum
b mzoicum, Flores benzoes, frz. Acide benzoique- r
        <pb n="55" />
        ﻿Benzoin

49

Bergblau

engl. Benzoic acid), eine in vielen Balsamen
und Harzen, besonders in der Benzoe enthaltene
organische Säure, welche in chemischer Hinsicht
als Benzolkarbonsäure, C6H6.COOH, aufzufassen
ist. Zu ihrer Darstellung wird zimtsäurefreies
Benzoeharz entweder mit Kalkmilch ausgekocht
und die Lösung mit Salzsäure gefällt, oder das
Harz wird einfach der Sublimation unterworfen.
Zu pharmazeutischen Präparaten darf nur die
sublimierte Säure benutzt werden. Für technische
Zwecke bediente man sich früher als Ausgangs-
material vielfach des Harns von Pferden und
Rindern, deren Hippursäure bei geeigneter Be-
handlung in B. übergeht. Neuerdings wird die
Säure jedoch meist synthetisch aus phtalsaurem
Kalzium oder Toluol dargestellt. Die B. kristalli-
siert in schön glänzenden Blättchen, die, wenn
aus dem Harz gewonnen, bräunlich aussehen und
schwach aromatisch riechen, sonst färb- und ge-
ruchlos sind. Sie ist wenig in kaltem, leichter in
heißem Wasser löslich, schmilzt bei 1200 und
Siedet bei 250° unter Entwicklung hustenreizen-
der Dämpfe. Im Hinblick auf das Fehlen cha-
rakteristischer Reaktionen stellt man zum Nach-
weise der B. am zweckmäßigsten den charakte-
ristisch riechenden Äthylester dar. B. findet An-
wendung als Heilmittel, ferner zur Herstellung
v°n Teerfarben und neuerdings auch, an Stelle
der durch das Fleischbeschaugesetz verbotenen
Stoffe (Salizylsäure. Borsäure usw.), zur Konser-
vierung für Fleischwaren. Obschon sie nach
neuen pharmakolog. Untersuchungen für den
menschlichen Organismus nicht oder doch nicht
nachweisbar schädlich ist, muß letztere Ver-
wendung als unerwünscht bezeichnet und zum
mindesten eine deutliche Deklaration verlangt
Werden. Von den Verbindungen der B. mit Basen,
Benzoaten, hat das Natriumsalz hauptsächlichste
Bedeutung.

Benzoin, Bittermandelölkampf er, eine che-
mische Verbindung von der Formel des Benzoyl-
Phenylkarbinols, C6H5.CH(OH).CO .C6H5, wird
durch Behandlung von Benzaldehyd mit Zyan-
Kalium dargestellt und bildet farblose, bei 1340
schmelzende Prismen, welche als Antiseptikum
Anwendung finden.

Benzol, ein im Steinkohlenteer enthaltener
Kohlenwasserstoff, C6H6, welcher sich neben To-
Uof, Xylol u. a. auch im Rohbenzol und Stein-
phlenbenzin vorfindet und daraus durch fraktio-
mrte Destillation gewonnen wird, erscheint in
emetn Zustande als eine farblose, stark licht-
rechende Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,884 und
d^m Siedepunkte 80,5°. B. brennt mit leuchten-
ueK stark rußender Flamme, mischt sich mit Al-
oti°i, Äther, Petroläther, Holzgeist und Azeton,
in r|a^er 'n Nasser unlöslich. Man ber utzt es
j, der Industrie als Lösungsmittel für Fette und
st ptscBuL und als Ausgangsmaterial für die Dar-
Pa K S ^es Anilins und zahlreicher künstlicher
rbst°ffe, besonders des Indigos. Vielfach wird

fji aach an Stelle des Benzins als Betriebsstoff
Automobile verwandt.

j ^nzopurpurin, drei Azofarbstoffe, welche
Werd ^'e ^e‘cben I B, 4 B und 6 B unterschieden
lösbu ’ kommen als braune oder rote, in Wasser
im c e PuHer in den Handel, die Baumwolle
w hmdenbade rot färben. B. 1 B und B. 6 B
en durch Einwirkung von diazotiertem Toli-
Mercks Warenlexikon.

din auf Alpha- oder auf Betanaphtylaminmono-
sulfosäure erhalten, während die Sorte 4 B durch
Einwirkung von Naphtionsäure auf diazotiertes
Tolidin entsteht. b-Purpurin s B und &amp;-Pur-
purin ;B (Diaminrot) Werden ebenfalls aus
Tolidin durch Verkuppelung mit anderen Naph-
tylaminsulfosäuren dargestellt.

Benzosol, Guajakolbenzoat, C6H4(OCH3).
OOC.CgHj, ein neues Medikament, das durch
Behandlung von.Guajakol mitÄtzkali undBenzoyl-
chlorid als farbloses Kristallpulver vom Schmelz-
punkt 56° gewonnen wird. Es wird bei Phthisi-
kern und als Darmantiseptikum an Stelle von
Guajakol und Kresol, vor denen es den Vorzug
der Geschmacklosigkeit besitzt, verordnet.

Benzylviolett (Violett s B, Pariser Violett
6 B), ein in Wasser mit violetter Farbe löslicher
Teerfarbstoff, wird zum Färben von Seide, Wolle
und Baumwolle benutzt und besteht im wesent-
lichen aus salzsaurem Pentamethylbenzylpararos-
anilin.

Berberin (lat. Berberinum, frz. Berberine, engl.
Berberin), eine stickstoffhaltige Base, C20H19NOg,
die man in vielen Pflanzen aufgefunden hat, so in
allen Teilen, namentlich aber in der Wurzel des
Sauerdorns (Berberis vulgaris), ferner in der
Kolombowurzel und dem Kolomboholz, der jamai-
kanischen Wurmrinde, der Wurzel von Hydrastis
canadensis, bildet glänzende gelbe Kristallnadeln
von bitterem Geschmack, die in kaltem Wasser
nur sehr wenig, in heißem leicht löslich sind.
Die Verbindungen des B. mit Säuren, die Ber-
berinsalze, sind meistens ebenfalls gelb und
schwer löslich und finden wie die freie Base be-
schränkte medizinische Anwendung.

Berberitzen (Sauerdornbeeren, lat. ßaccae
berberidis, frz. Bayes de vinetier, Bayes d’Epine-
vinette, engl. Bcrber-berries), die länglichrun-
den, fast zylindrischen, scharlachroten Früchte
des Berberitzenstrauchs, Berberis vulgaris(L.),
sind reich an Äpfelsäure und waren früher Ar-
tikel des Drogenhandels. Man verwendet sie zur
Herstellung von Berberitzensirup und B.-Mus, so-
wie den Saft als rote Farbe in der Lederfabri-
kation.

Bergamottöl (lat. Oleum bergamottae, frz. Es-
sence de bergamote, engl. Oil of bergamot), ein
sehr wohlriechendes ätherisches Öl, wird aus den
Fruchtschalen der Bergamotten, der Früchte von
Citrus Bergamia, einer Orangenart, durch Aus-
pressen gewonnen. Das bräunlichgelbe oder we-
gen seiner Versendung in Küpfergefäßen meist
grünliche Öl ist anfangs trübe, klärt sich aber
bald und enthält neben Links-Linalool, CioHjgO,
und Rechts-Limonen, C10PI1G, als wertbestimmen-
den Bestandteil etwa 3S°/o Linalylazetat, c10h17o .
CHj.CO. Das spez. Gew. beträgt 0,881—0,886,
die Rechtsdrehung im too-mm-Rohre -j- 8 bis
+ 220. In seinem halben Volumen Alkohol
muß sich das Öl klar lösen. Mit Hi’.fe dieser
Eigenschaften und der Verseifungszahl kann
der Nachweis von Verfälschungsmitteln wie
Terpentinöl, Olivenöl und Zitronenöl leicht ge-
führt werden. Das meiste B. kommt aus Reggio
in kupfernen Ramiferen von 5r—50. kg Inhalt.

Bergblau (frz. Bleu de montagne, engl. Moun-
tain-blue) besteht aus fein gemahlener und ge-
schlämmter Kupferlasur (s. d-) und kommt nur
        <pb n="56" />
        ﻿Berggrün

50

Bernsteinlack

noch selten in den Handel, weil man dem künst-
lich dargestellten, dem Bremerblau, den Vor-
zug gibt.

Berggrün (Ungarischgrün, Tirolergrün,
Schiefergrün), eine lebhaft grüne Maler- und
Anstrichfarbe aus gemahlenem und geschlämm-
ten Malachit, wird nur noch selten benutzt, da
man künstliche Farben von ähnlicher Zusammen-
setzung vorzieht. (Vgl. Braunschweigergrün.) In
Tirol sortiert man die Ware in Malachitgrün,
Ölgrün und Grundfarbe. Das B. gehört zu
den kupferhaltigen, daher giftigen Farben.

Bergkristall (frz. Cristal de röche, engl. Rock-
crystal). Mit diesem Namen pflegt man die
reinste, in durchsichtigen Kristallen des hexa-
gonalen Systems vorkommende Kieselsäure zu
belegen. Sind die Kristalle undurchsichtig, so
nennt man sie Quarz, sind sie durch geringe
Beimengungen anderer Stoffe gefärbt, so gibt
man ihnen besondere Namen. So heißen die
blauen und violetten Abarten Amethyst, die
braunen Rauchquarz oder irrtümlicherweise
Rauchtopas, die gelben Zitrin und die schwar-
zen Morion. Hauptfundorte schöner B. sind die
schweizerischen undTiroler Alpen, Ungarn, Zeylon,
Madagaskar, Brasilien und Japan. Man schleift
den B. zu mancherlei Schmuckgegenständen
und hat neuerdings auch Gewichtssätze für feine
mechanische Wagen daraus gefertigt, wozu er
sich wegen' seiner Härte (7 Grade) und Unver-
änderlichkeit an der Luft vortrefflich eignet.

Bergpetersilie (Grundheil, Hirschwurzel-
kraut, lat. Herba oreoselini, frz. Herbe de per-
sil de montagne, Athamante, engl. Athamanta),
das getrocknete Kraut von Athamanta Oreo-
solinum, einer Umbellifere, wird in &lt;Jer Tier-
heilkunde verwandt.

Berlinerblau (Preußischblau, Paris er blau)
ist eine geschätzte blaue Farbe, welche durch
Fällung von Eisenvitriollösung mit gelbem Blut-
laugensalz und nachherige Behandlung des ab-
fiitrierten, hellfarbigen Niederschlages mit Chlor-
kalk oder chlorsaurem Kalium gewonnen wird.
Die aus reinem Ferroferrizyanid bestehende Sorte
bezeichnet man meist als Parisefblau, während
der Name B. meist für Gemische des letzteren
mit Ton, Gips oder Schwerspat benutzt wird.

Berlinergrün, eine Anstrichfarbe, wird als
grünes, in Wasser unlösliches Pulver aus der
Mutterlauge bei der Blutlaugensalzfabrikation er-
halten. Zuweilen wird auch ein Gemenge von
Berlinerblau mit Gelb unter demselben Namen
verkauft.

Berlinerrot. Diesen Namen führt einesteils
der geglühte oder gebrannte Ocker, andernteils
eine geringere Sorte von Florentinerlack (Rot-
holzlackfarbe).

Bernstein (Börnstein, Brennstein, Agt-
stein, Achtstein, Succinit, lat. Succinum-, Elec-
trum, frz. Succin, engl. Amber), ein fossiles Plarz
vorhistorischer Wälder, mit Insekteneinschlüs-
sen, kommt besonders an der Seeküste von Ost-
und Westpreußen, namentlich im Samland nörd-
lich von Königsberg, vor, wo eine regelmäßige
Gewinnung durch Tauchen und Baggern in der
Nähe des Strandes oder durch Graben oder berg-
männischen Betrieb auf dem Lande (Bergwerk
Palmnicken), stattfindet. In geringeren Mengen

zeigt sich B. an den Küsten von Livland, Kur-
land, Mecklenburg, Holstein und Dänemark so-
wie in Schlesien, Galizien, Rumänien, Sizilien,
Spanien, Grönland, Kamtschatka, Ober-Birma und
China. — Der B. zeigt in seiner äußeren Er-
scheinung außerordentliche Unterschiede. Neben
durchsichtigen finden sich trübe und undurch-
sichtige, neben weißlichgelben hellgelbe bis dun-
kelgelbe und braune Stücke. Der Glanz ist glas-
artig, die Größe und Gestalt der Stücke sein
wechselnd. Er wird daher für den Handel nach
Größe, Farbe und Schönheit in sehr viele Sorten
geteilt. Der deutsche B., der hauptsächlich den
Markt beherrscht, gelangt teils verarbeitet, teils
roh in den Handel. Der Haupthandelsplatz war
seit langen Zeiten Danzig, wo auch viel ver-
arbeitet wird, während jetzt Königsberg, nächst-
dem Memel und Stolp, an die Spitze getreten
sind. Große Mengen gehen nach Wien, Kon-
stantinopel und Paris, wo sehr schöne Schmuck-
sachen daraus gefertigt werden. Die Verarbeitung
erfolgt mittels Schnitzen und Raspeln sowie auch,
mit der Drehbank. Man fertigt aus dem B. Pfei-
fen- und Zigarrenspitzen, Broschen und verschie-
dene andere Schmuck- und Kunstsachen, wie
Bernsteinperlen und Bernsteinkorallen
(Bastardkorallen). Die kleinen Stückchen und
Abfälle werden zur Bereitung von Bernsteinlack
und Bernsteinsäure sowie auch zum Räuchern
verwandt. Auch benutzt man die Abfälle zur
Nachahmung echter Bernsteinwaren, indem man
sie mit heißem Schwefelkohlenstoff in eine pla-
stische Masse (Ambroid) verwandelt und dann
in Formen preßt. Man erkennt sie mittels des
Mikroskops an dem Fehlen der zahlreichen klei-
nen Luftbläschen, die der echte B. zeigt. Nicht
selten werden auch Nachahmungen aus einem
Gemische von Kopal, Terpentin und Kampfer
gefertigt, die sich durch ihre leichte Löslichkeit
in Äther und ihre leichtere Schmelzbarkeit vom
echten B. unterscheiden lassen.' Echter B. hat
ein spez. Gew. von 1,050—1,096, eine Klärte von
2,0—2,5 und einen Schmelzpunkt von 250—3000.
Er ist in den meisten Lösungsmitteln mit Aus-
nahme des Terpentinöls nahezu unlöslich und
kann mit Hilfe dieser Eigenschaften von allen
Fälschungen unterschieden werden. Nachahmun-
gen aus Glas erkennt man auch an der Unver-
brennlichkeit. Schwarzer B. ist Gagat.

Bernsteinlack (Bernsteinfirnis, frz. Vernis
au succin, Laque de l’ambre jaune, engl. Varnish
of amber, eine zum Anstrich auf Holz, Blech
und Leder dienende Flüssigkeit, besteht aus einer
Auflösung von Bernstein in Terpentinöl und Lein-
ölfirnis. Zu ihrer Darstellung wird der Bernstein
vorher vorsichtig geschmolzen, worauf er sich
schon bei einer Temperatur von iooü auflöst.
Solcher geschmolzener Bernstein kommt in
sieben verschiedenen Sorten in den Handel, die
sich nur durch größere oder geringere Flelligkeit
unterscheiden. Eine geringwertige, sehr dunkle
Sorte wird aus dem sogenannten Bernstein-
kolophonium', einem zur Gewinnung von Bern-
steinsäure und Bernsteinöl sehr stark erhitzten
Bernstein, erhalten. Die mit B. hergestellten An-
striche sind sehr dauerhaft, luft- und wetterbe-
ständig und besitzen schönen Glanz und große
Härte. Sehr häufig werden harte Kopalsorten zu
sogenannten Bernsteinlacken mitverarbeitet, da
        <pb n="57" />
        ﻿Bernsteinöl

51

Bibergeil

die Gewinnung von Bernstein immer mehr zurück-
geht.

Bernsteinöl (Agtsteinöl, lat. Oleum succini,
frz. Huile de succin, engl. Ambre-oil), ein dunkel-
braunes, grünlich schimmerndes, unangenehm
riechendes ätherisches Öl, das als Nebenprodukt
bei der Bereitung der Bernsteinsäure aus Bern-
stein gewonnen wird, findet als krampfstiüendes
Mittel sowie äußerlich gegen Zahnschmerz An-
wendung. Für den gleichen Zweck benutzt man
ein gereinigtes, über Holzkohle destilliertes B„
welches weniger unangenehm riecht und eine
blaßgelbe Farbe besitzt.

Bernsteinsäure (Succinylsäure, Dikarbon-
äthylensäure, lat. Acidum succinicum, frz.
Acide succinique, engl. Succinic acid), eine orga-
nische Säure von der Formel (CH2.COOH)2,
findet sich fertig gebildet im Bernstein, einigen
Braunkohlen, Harzen, Terpentinölen, Pflanzen-
und tierischen Säften. Sie entsteht bei der Oxy-
dation von Fetten mit Salpetersäure, bei der
Gärung und Fleischfäulnis und wird im großen
durch Vergärung von äpfelsaurem Kalzium aus
Vogelbeersaft oder durch trockne Destillation
von Bernstein dargestellt. B. bildet farblose Kri-
stalle von schwach saurem Geschmack, schmilzt
bei 185° und destilliert bei 2350 unter Wasser-
abspaltung. Zu ihrem chemischen Nachweise
bedient man sich des neutralen Kalzium- oder
Bariumsalzes, welche in Wasser und Alkohol
schwer, bzw. unlöslich sind. B. findet beschränkte
Anwendung zur Herstellung pharmazeutischer
Präparate, besonders des Liquor Ammonii suc-
cinici, sowie in der Chemie und Photographie.

Bertramwurzel (Zahnwurzel, Speichel-
Wurzel, lat. Radix pyrethri, frz. Racine de py-
rethre, engl. Pellitor^). Unter diesem Namen
kommen im Drogenhandel zwei verschiedene
Wurzeln vor. 1. Die deutsche B. (Radii py-
tethri germanici) stammt von Anacyclus offi-
c,narum und wird vielfach in Thüringen an-
Sebaut. 2. Die römische B. (Radix pyrethri ro-
^ni) stammt von Anacyclus Pyrethrum,
emer in Arabien, Syrien und Nordafrika wild-
wachsenden, in Italien angebauten Pflanze aus
,er Familie der Kompositen. Beide besitzen
einen brennend scharfen Geschmack, sind aber
ffpruchlos. Die deutsche B. hat Längsrunzein,
rJe römische Querrunzeln. Bei ersterer ist der
'dolzkörper braun, bei letzterer gelb. Man ver-
endet B. meist zu Zahntinkturen und Mund-
wässern.

Beryll, ein in sechsseitigen Säulen kristalli-
Slerendes, aus Kieselsäure, Tonerde und Beryll-
nrde bestehendes Mineral, ist sehr hart (Härte
8), glasglänzend und verschieden gefärbt,
°ch herrschen die grünen Farbtöne vor. Blaß
sruner 0(jer farbioser unc[ durchsichtiger B. wird
dler Beryll genannt und als Schmuckstein
erwendet. Alle undurchsichtigen B. nennt man
Gemeinen B., die gelblichgrünen und bläulich-
■Unea Spielarten Aquamarin, die lebhaft gras-
grünen.Smaragd (s. d.).

Lv Cta!n (Oxyneurin, Trimethylglykokoll,
p ,?in) nennt man eine im Satte der Zuckerrübe
Qy-raltene schwache organische Base, COOH .
-p ja-N(CHs)j,OH, welche auch künstlich aus
^'^ethylamin und Chloressigsäure erhalten wer-
n kann. Sie bildet große, farblose, glänzende

Kristalle, die jedoch an der Luft leicht zerfließen.
Ihre Verbindung mit Salzsäure, das B. hydro-
chlorid, vermag das Tetanustoxin zu neutrali-
sieren.

Betelblätter (lat. Folia betel., frz. Feuilles de
bdtel, engl. Betel leaves), die langgestieltea, ei-
rund herzförmigen Blätter einer ostindischen Pfef-
ferart, Piper Betle, werden Wegen ihres bren-
nend gewürzhaften und bitteren Geschmacks in
Ostindien mit den Arekanüssen (s. d.) zusammen
gekaut und finden auch in Europa medizinische
Anwendung. Sie enthalten ein ätherisches Öl,
Betelöl, welches gelbe bis braune Farbe, an-
genehm teeartigen Geruch und brennenden Ge-
schmack besitzt. Es hat das spez. Gew. 0,958
bis 1,057, den Siedepunkt 255° und besteht
aus einem dem Eugenol ähnlichen Phenol so-
wie einem Kohlenwasserstoff. Das Öl wird in
Indien gegen katarrhalische Erkrankungen ver-
ordnet.

Betol (Naphtalol), weißes glänzendes Kri-
stallpulver von Salizylsäure-Naphtylester, C7H5O3..
C10H7, welches sich dem Salol analog verhält
und wie dieses als Antiseptikum benutzt wird.

Beton, eines der wichtigsten neueren Bau-
materialien, besteht aus einer Mischung von
Zement (s. d.) mit Schotter und grobem Kies.

Betonienkraüt (Betunienkraut.Zehrkraut,
lat. Herba betonicae, frz. Feuilles de betone,
engl. Betony leaves), das getrocknete Kraut einer
Labiale, Betonica officinalis (L) mit roten
Blüten, eirunden, gekerbten und rauhhaarigen
Blättern von aromatischem Geruch, wird als
Volksmittel benutzt.

Bezetten(Schmink- oder Färberläppchen,
frz. Tournesol en drapeaux, engl. Tournesol) nennt
man mit Koschenille oder Pernambukabkochung
rot gefärbte Leinwandstreifen, die in Paketen
von Y4—1/2 kg von Venedig und Hamburg in
den Handel kommen und als Schminklappen ver-
wendet werden. Die eigentlichen B. stammen aus
dem südlichen Frankreich und sind mit dem
Safte einer Euphorbiazee, Croton tinctori-
um (Krebskraut), gefärbt. Durch besondere
Behandlung wird die Farbe der Läppchen in
Blau und dann in Purpurrot übergeführt. Die
letztere Farbe dient in Holland zum Färben von
Käse. Beide wurden früher auch benutzt, um
Backwerk, Liköre, Gelees leicht zu röten.

Bezoare, ein veraltetes, in unserem Handel
kaum noch vorkommendes Medikament, besteht
aus den Darmsteinen einiger Wiederkäuer. Die
teuersten kommen aus Persien und heißen orien-
talische oder echte B.

Bibergeil (lat. Castoreum, frz. Castorde, engl.
Castor fibre) nennt man getrocknete, aus vier
übereinanderliegenden Häuten gebildete Beutel,
die sich zu je zweien sowohl beim männlichen als
auch beim weiblichen Biber, in der Nähe der
Geschlechtsteile unter der Haut finden und eine
im frischen Zustande weiche und schmierige, äus-
getrocknet harte, braune und zerreibliche Masse
von durchdringendem Geruch enthalten. B. wird
medizinisch bei Nervenleiden sowie in der Par-
fümerie verwendet. Man unterscheidet das B.
der Alten Welt, vom europäischen Biber
Gastor fiber), und das der Neuen Welt, vom
, nordamerikanischen Biber (Castor ameri-
        <pb n="58" />
        ﻿Bickmol

52

Bier

canus), die einen sehr, bedeutenden Preisunter-
schied zeigen, denn während das letztere, gewöhn
lieh kanadisches B. (Castoreum canadense) ge-
nannt, bei uns etwa 200—400 M. das Kilogramm
kostet, ist der Preis des europäischen etwa 1000 M.
für das Kilogramm. Letzteres führt allgemein den
Namen sibirisches oder russisches B. (Casto-
reum sibiricum oder moscoviticum), da Deutsch-
land jetzt so gut wie nichts mehr liefert. Beide Sor
ten unterscheiden sich durch folgende Merkmale;
Während die Beutel des sibirischen B. oval und
wenig zusammengedrückt erscheinen, auch nicht
runzelig und zusammengeschrumpft sind, besteht
das kanadische Bt aus mehr bimförmigen, flach-
gedrückten Beuteln' mit runzeliger Haut. Bei
dem sibirischen lassen sich im Gegensatz zum
kanadischen B. die beiden äußeren' Häute be-
quem ablösen, und in der Mitte des Inhalts ist
eine Höhlung, welche bei dem kanadischen fehlt.
Der Inhalt der sibirischen Beutel ist braun, nie-
mals glänzend oder harzig, sondern fast erdig,
derjenige der kanadischen Beutel rotbraun und
auf dem Bruche harzartig glänzend. Auch ist
der Geruch des letzteren bedeutend schwächer.

Bicktnol, eine Einreibung gegen Lahmheit der
Pferde, enthält Kampfer, Seife, Äther, Arnika
und Spiritus.

Biebricher Scharlach (Imperialscharlach,
Altscharlach, Echtponceau B., Neurot L.,
Ponceau 3 RB), ein rotbraunes, in Wasser mit
gelbroter Farbe lösliches Pulver, färbt Wolle
und Seide im saueren Bade rot und besteht aus
dem Natronsalz des Amidoazobenzoldisulfosäure-
azobetanaphtols.

Bier ist ein durch alkoholische Gärung aus
Malz, Wasser, Hopfen und Hefe hergestelltes Ge-
tränk, welches sich noch in schwacher Nach-
gärung befindet und neben Alkohol und Kohlen-
säure einen nicht unerheblichen Gehalt an un-
vergorenen Extraktstoffen aufweist. Nach dem
neuen Brausteuergesetz vom 15. Juli 1909 darf
für untergärige Biere nur aus Gerste herge-
stelltes Malz benutzt werden, während für oBer-
gäriges Bier auch anderes Malz aus Weizen,
Reis usw. sowie als Malzsurrogate Rohrzucker,
Stärkezucker und Zuckercouleur zulässig sind.
Zur Herstellung des Bieres wird geschrotenes
Malz (s. d.) mit warmem Wasser behandelt
(Maischen), indem man es entweder nach dem
in Deutschland üblichen Dekoktionsverfahren
mit siedendem Wasser übergießt und die nach
einiger Zeit abgezogene Lösung so oft zum
Sieden erhitzt und wieder zusetzt, bis die Tem-
peratur von 75° erreicht ist, oder indem man
nach der englischen Infusionsmethode die er-
forderliche Menge Wasser hinzusetzt und die ganze
Masse langsam auf 750 erwärmt. Das Wasser,
welches für die Güte des Bieres von größter
Bedeutung ist, muß die Zusammensetzung eines
guten Trinkwassers haben, möglichst bakterien-
frei sein und eine mittlere Härte besitzen. Durch
das Einmaischen werden, die löslichen Bestand-
teile des Malzes, besonders die durch Einwirkung
der Diastase gebildeten Zuckerarten und Dex-
trine extrahiert. Die wäßrige Lösung (Würze),
welche 65—82 °/o der Malzextraktstoffe enthält,
wird nun von den ungelösten Stoffen (Trebern)
abgelassen und mit Hopfen 1—1V2, bei stärkeren
Bieren auch 3—4 Stunden gekocht, wobei die

Diastase abstirbt, ferner durch Abscheidung trü-
bender Stoffe Klärung eintritt, und die aroma-
tischen Bestandteile des Plopfens (Hopfenbitter,
Lupulin, Hopfenöl und Harz) ausgezogen werden.
Die letzteren dienen zur Konservierung und Er-
zeugung des charakteristischen Geschmacks. Die
gehopfte Würze, welche nunmehr in wäßriger
Lösung neben überwiegenden Mengen Maltose
und Dextrin noch geringere Anteile von Rohr-
zucker und Dextrose sowie etwas Gummi, Ei-
weiß, Salz und Milchsäure enthält, gelangt nach
schneller Abkühlung in die Gärbottiche und wird
hier mit Hefe versetzt, welche den Zucker in
Alkohol und Kohlensäure zerlegt. Je nach der
Art der zugesetzten Hefe unterscheidet man
obergärige Biere, bei denen die Gärung unter
Aufsteigen der'Hefe zwischen 12 und 190 schnell
und stürmisch verläuft, und untergärige Biere,
die bei niederer Temperatur und langsam ent-
stehen. Die ersteren sind im allgemeinen leichter
und weniger haltbar (Einfachbier, Weißbier).
Zum Schluß überläßt man das B. noch einer
langsamen Nachgärung auf Lagerfässern. Ab-
gesehen von der helleren oder dunkleren Farbe,
welche bei untergärigen Bieren hauptsächlich
durch die Verwendung stärker oder schwächer
gedarrten Malzes hervorgerufen wird, während
obergärige B. auch mit Zuckercouleur gefärbt
werden dürfen, unterscheiden sich die einzelnen
Biersorten in qualitativer Hinsicht gar nicht. Sie
alle enthalten neben Wasser, Alkohol, Kohlen-
säure und Hopfenstoffen geringe unvergorene
Reste von Zucker, Maltose, Dextrin, ferner Ei-
weißstoffe, Milchsäure, Glyzerin usw. Um so
größeren Schwankungen unterliegt dafür die
quantitative Zusammensetzung. Der Gehalt an
Kohlensäure beträgt 0,1—o,2»/o, der Alkohol-
gehalt 1—5%, der Eiweißgehalt 0,1—0,75 0/0 usf.
Nachstehende Analysen mögen ein Urteil über
die Beschaffenheit der gebräuchlicheren Bier-
sorten verschaffen.

Einfach

Alkohol . . 1,00—2,00 °/0
Extrakt .	.	2,50—4,00 „

Mineralstoffe , o,io—0,15 „
Milchsäure . 0,05—0,07 ,,
Maltose .	.	1,00—1,50 „

Eiweißstoffe .	0,15—0,20 „

Stammwürze .	5,00—6,50	„

Vergärungsgrad 35—40

Lagerbier

3.00— 3.50%
4,5°— 8.5° n
0,15— 0,20 „

0,06- 0,12 „

1,00— 1,30 „
0,35— 0,50 „
11,50—13,50 „
54—59

Pilsener

3,20— 3,80 °/0
4,5o— 5,50 „
0,15— 0,20 „
0,10— 0,15 „
0,80— 1,00 „
0,35— 0,50 „
11,00—12,00 „
58-62

Alkohol . •	.

Extrakt .	.	.

Mineralstoffe .
Milchsäure .	.

Maltose .	.	.

Eiweißstoffe .	.

Stammwürze
V ergärun gsgrad

Münchner

3.50—	4,00 %

6.50—	7,50 „
0,20— 0,25 „
0,10— 0,15 „

1.50—	2,50 „
0,40— 0,55 „

*3,5°—15&gt;°o *
5o-53

Kulmbacher

4.50-	5.00 %

7,00— 8,50 „
0,25— 0,28 „
0,15— 0,25 „
1,80— 2,60 „
°,6o— 0,75 „

15.50—	17,00 „

' 55—58

Die Stammwürze bietet ein Maß für die Menge
des verarbeiteten Malzes, der Vergärungsgrad
für den Gehalt an noch unvergorenen Bestand-
teilen (Zucker). Neben den genannten Haupt-
typen finden sich noch zahlreiche Spezialitäten
im Handel, von denen nachstehend einige der
wichtigsten namhaft gemacht seien; Berliner
Weißbier und Leipziger Gose, obergärige, aus
Gersten- und Weizenmalz gebraute Biere, von
säuerlichem Geschmack mit etwaztyo Alkohol und
6°/o Stammwürze. Grätzer Bier, ein obergäriges
Bier aus schwach geräuchertem Weizenmalz mit
charakteristischem Rauchgeschmack, 2—2,5 0/0 Al-
        <pb n="59" />
        ﻿Bihul

53

Bindfaden

kohol und 7—8% Stammwürze. Lichtenhai-
ner, obergäriges Bier mit 2—-2t/a 0/0 Alkohol
und 8—9% Stammwürze. Zerbster Bitterbier
mit 2,5—30/0 Alkohol und 12—12,5 0/0 .Stamm-
würze. Köstritzer Schwarzbier mit 3—3,5 °/o
Alkohol und 12% Stammwürze. Mumme, eine
Braunschweiger Spezialität aus sehr gehaltreichen,
ungehopften Malzauszügen, die nur teilweise ver-
goren sind. Lambic und Faro, belgische Biere,
stark sauer und bitter schmeckende Getränke,
zu deren Herstellung neben Gerstenmalz auch
Weizen, Hafer und Buchweizen benutzt werden,
und die zur Milderung des harten Geschmacks
Zusätze von Sirup oder Zucker erhalten. Malz-
extraktbiere, sehr extraktreiche, ganz schwach
vergorene Malzauszüge von süßem Geschmack
und geringem Alkoholgehalt. Als Malzbier
schlechthin darf nur ein aus Malz, Hopfen, Hefe
und Wasser hergestelltes Bier bezeichnet werden.
Wenn es aber unter Mitverwendung von Zucker
bereitet war, so müssen zur Herstellung von 1 hl
Bier mindestens 15 kg Malz verwendet worden
sein und auf Etiketten. Plakaten und Anweisungen
entsprechende Hinweise („mit Zuckerzusatz“) an-
gebracht werden. Von den ziemlich seltenen
Verfälschungen des Bieres sind besonders
Zusätze von künstlichen Süßstoffen (Saccharin),
Salizylsäure und anderen Konservierungsmitteln,
Hopfenersatzmitteln, Neutralisationsmitteln (Na-
triumbikarbonat) zur Verdeckung des sauren Ge
Schmacks, ferner von Tropf- und Neigenbier
zu erwähnen. Sie können auf Grund der be-
stehenden gesetzlichen Bestimmungen unschwer
bekämpft werden, ebenso der Verkauf von sau-
rem, trübem und sonstwie verdorbenem Bier.
Her früher vielfach übliche Zusatz von Wasser
zu fertigem Weißbier ist nach dem neuen Gesetz
verboten. Die Produktion des Bieres ist in
beständigem Aufschwung begriffen und dürfte
für die ganze Erde gegen 200 Millionen hl be-
tragen, davon in Deutschland allein gegen 75
Millionen hl. Der Versand geschieht in Fässern,
neuerdings auch in zunehmendem Maße in Fla-
Schen. Zum Verschank bedient man sich vielfach
üer flüssigen Kohlensäure. In den meisten Staa-
ten ist das Bier einer ziemlich hohen Steuer
unterworfen, die entweder als Maischraumsteucr,
wie in Belgien, oder als Malzsteuer (Deutschland)
erhoben wird. Das alte deutsche Brausteuer-
Sesetz von 1872 setzte den Satz von 4 M. für
Jeden Doppelzentner verbrauchten Malzes fest.
t'Uch dem neuen Brausteuergesetz ist hingegen
j;urn Schutze der kleinen Brauereien gegenüber
den Großbetrieben eine Staffelung vorgesehen in
derWeise, daß für die ersten 250 dz 14 M. für den
T/uppelzentner, für die folgenden 1250 dz 15 M.,
,Ur die folgenden 1500 dz 17 M., für weitere
Mgenden 7000 dz 18 M., den Rest je 20 M. für
f dz erhoben werden. Bei Feststellung der Steuer
lst 1 dz Zucker gleich 11/2 dz und 1 dz Weizen-
malz gleich 4/s dz Gerstenmalz zu rechnen.

Bihul, der Bast einer indischen Liliazee,

rewia oppositifolia, wird wie Lindenbast
Vervvandt.

Biliner Sauerbrunnen enthält nach der Ana-
Vse von W. Gintl in 1 kg 9,1319 g gelöste Salze
st I *'6408 g freie Kohlensäure. Die Salze be-
Läv aas 3,7178 g Natriumbikarbonat, 0,0225 g

uhiumbikarbonat, 0,4085 g Kalziumbikarbonat,

0,1995 g Magnesiumbikarbonat, 0,0031 g Ferribi-
karbonat, 0,0001 g Manganoxydul, 0,3984 g Na-
triumchlorid, 0,2419 g Kaliumsulfat, 0,6668 g Na-
triumsulfat, 0,0007 g Aluminiumphosphat, 0,0623 g
Kieselsäure.

Bilsenkraut (Totenblumenkraut, Teufels-
auge, Gichtkraut, lat. Herba hyoscyami, frz.
Feuilles de jusquiame noire, engl. Hyoscyamus
leaves) besteht aus den von zweijährigen Pflanzen
zu Anfang der Blütezeit gesammelten und ge-
trockneten Blättern von Hyoscyamus niger,
einer in ganz Mitteleuropa wildwachsenden und
in der Gegend von Gernrode, Quedlinburg und
Ballenstedt für medizinische Zwecke auch an-
gebauten Giftpflanze. Die großen, schlaffen, wei-
chen, zottigen Blätter von graugrüner Farbe
sind buchtig gezähnt und besitzen einen wider-
lich betäubenden . Geruch und scharfen, bitteren
Geschmack. Sie müssen alle Jahre erneuert wer-
den und sind an dunkeln und trockenen Orten
aufzubewahren. Als wirksamen Bestandteil ent-
halten sie das giftige Alkaloid Hyoszyamin
und werden in Apotheken zur Herstellung von
Bilsenkrautextrakt (lat.Ejctractum hyoscyami,
frz. Extrait de jusquiame, engl. Extract of Hyos-
cyamum) verwandt, das an das Publikum ohne Re-
zept nicht abgegeben werden darf. — Bilsen-
krautöl (lat. Oleum hyoscyami coctum, frz.
Huile de jusquiame, engl. Heubane-o:l) wird her-
gestellt durch Digerieren von mit Weingeist an-
gefeuchteten Bilsenkrautblättern in Olivenöl und
nachfolgende Pressung und Filtrierung. Es stellt
ein dunkelgrünes Öl dar und wird medizinisch
als Einreibungsmittel verwandt. — Auch die nieren-
förmigen Samen der Pflanze (Bilsensamen, lat.
Semen hyoscyami, frz. Semence de jusquiame,
engl. Pleubane seeds), welche eine graubräun-
liche, netzförmig gezeichnete Oberfläche besitzen,
kommen im Drogenhandel vor.

Bimsstein (lat. Lapis pumicis, frz. Pierre-ponce,
engl. Pumice-stone) nennt man ein äußerst po-
röses und daher leichtes vulkanisches Gestein,
das durch Erstarrung von geschmolzenem, durch
Dämpfe und Gase schaumig aufgetriebenem Obsi-:
dian entstanden ist und gewöhnlich weiß oder
graue Farbe besitzt. Das Vorkommen von B. ist
an die Vulkane gebunden, wo er sich teils in
Form loser Auswürflinge, teils in Verbindung
mit Obsidian- und Perlitströmen findet. Der
meiste kommt von den Inseln Lipari in Italien
und Santorin in Griechenland. Der B. wird teils
in ganzen Stücken, teils als Pulver zum Schlei-
fen und Polieren oenutzt, Bimssteinpulver ferner
zur Bereitung der Bimssteinseife für Arbeiter.
Sogenannter künstlicher B. ist ein mit Binde-
mittel in Platten gepreßtes Bimssteinpulver.

Binden zu Verbandzwecken werden aus ver-
schiedenen Stoffen, z. B. Kambrik, Flanell, Tri-
kotschlauch, Verbandmull, Gaze, Leinen, Seide,
Gummi hergestellt und kommen in verschiedenen
Breiten und Längen fertig geschnitten in den
Handel.

Bindfaden (Spagat, lat. Filamentum, frz. Fi-
celle, engl. String, Pack thread), wird jetzt nur
noch selten durch Handarbeit, sondern immer
mehr durch Maschinenarbeit hergestellt, und
zwar benutzt man hierzu hauptsächlich Hanf und
Flachs, neuerdings auch Jute, in sehr verschie-
denen Stärken. Je nach der Zahl der Fäden
        <pb n="60" />
        ﻿I

•8/

in

2,8

kai

bo:

Ei:

o,3

Jo,

Ne

sai

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I

2 Ul

Fl

ZU)

oh

ste

ge

wi

ge

—.



mit Wasser erhaltene hellgelbe, sauer reagierende
Flüssigkeit gibt mit verdünnter Eisenchlorid-
lösung eine grüne Färbung, zum Unterschiede
von der mit Wacholderteer erhaltenen Lösung,
welche hierbei rot wird. B. wird äußerlich bei
Hautkrankheiten und in der Volksmedizin ange-
wandt. Der rektifizierte B. (lat. Oleum be-
tulinum rectificatum, frz. Essence de goudron de
Bouleau, engl. Oil of Birch Tar), welcher die
mit Wasserdampf flüchtigen Bestandteile enthält,
ist hellgelb und wird gleichfalls gegen Haut-
krankheiten, ferner als Einreibung gegen Gicht
und Rheumatismus und als Tierheilraittel ange-
wandt.

Birkenwasser (Birkenwein, Birkenmet) ist
ein schwach alkoholisches, kohlensäurehaltiges
Getränk, das namentlich in Schweden, Norwegen,
Kurland und Livland durch Anzapfen der Stäm-
me im Frühjahr und nachfolgende Flaschen-
gärung des mit etwas Zucker versetzten Saftes
gewonnen wird. — B. wird auch als Zusatz zu
Haarwässern vielfach verwendet, um den Haar-
wuchs durch Waschungen damit zu befördern.

Birnbaumholz. (lat. Lignum piri, frz..Bois de
poirier, engl. Bear wood), das Holz der ver-
schiedenen Abarten des Birnbaums, Pirus
communis, ist fein, sehr dicht und mäßig
hart, mit kleinen, nicht auffallenden Spiegeln
und wenig hervortretenden Jahresringen, die et-
was wellig verlaufen. Das Mark erscheint auf
dem Querschnitt rund und weiß und hat i—2 mm
im Durchmesser. Das Kernholz ist gleichmäßig
bräunlichrot, zuweilen etwas geflammt. Wegen
seiner gleichförmigen Textur läßt es sich leicht
und nach allen Richtungen hin, ohne auszu-
bröckeln, schneiden und wird daher gern zu
Bildhauerarbeiten und Formen für den Zeug-
und Tapetendruck sowie von Tischlern und
Drechslern verarbeitet. Es schwindet nur wenig,
läßt sich gut beizen und wird aus diesem Gründe
auch zur Nachahmung von Ebenholz viel benutzt.
Das Holz des wilden Birnbaums ist noch fester
und dauerhafter als das des kultivierten. Beide
sind leider dem Wurmfraß sehr unterworfen.

Birnen (frz. Poires, engl. Pears). Die zum Kern-
obst gehörigen Früchte des Birnbaums, Pirus
communis, kommen teils frisch, teils getrocknet
und eingemacht in den Handel. Im frischen
Zustande besitzen sie im allgemeinen eine ge-
ringere Haltbarkeit als die ihnen nahe ver-
wandten Äpfel und werden daher auch nicht
so weit verschickt. — Man zählt über 700 Sorten
und ordnet sie gewöhnlich in Sommerbirnen,
Herbstbirnen und Winterbirnen oder auch
nach der Verwendung in Mostbirnen, Koch-
birnen, Tafelbirnen. Durch den geringen
Gehalt an Säure und den meist höheren Zucker-
gehalt unterscheiden sie sich von den Äpfeln.
Besonders beliebte und bekanntere Sorten sind;
Rettichbirne, Petersbirne, Butterbirne und
Muskatbirne, von denen es wieder verschie-
dene Spielarten gibt. Über Aufbewahrung, Ver-
sendung, Trocknen usw. siehe unter Obst. Man
verwendet B. ferner als Zusatz bei der Bereitung
von Apfelwein und von Obstkraut (s. d.).

Birnenäther, einer der gangbarsten Frucht-
äther, besteht aus einer alkoholischen Lösung
von Essigsäureamylester, der auch unter dem
Namen Birnenöl verkauft wird.

Bindrotting

Birnenäther

unterscheidet man zwei-, drei- oder vicrdrähtigen
B., nach der Farbe grauen oder rohen, weißen
gebleichten, einfarbigen und zweifarbigen (z. B.
grün und weiß, rot und weiß). Die Knäuel
haben in der Regel 100 oder 200 g an Gewicht.
Die stärksten Sorten heißen Kordel. Bezüglich
des im Kriege aus Papier hergestellten B. vgl.
Papiergarn.

Bindrotting heißt im holländischen Handel
das weibliche sogenannte spanische Rohr, das
in t,8—2,4 m langen, einmal gebogenen Bündeln
von too Stück in den Handel kommt. Das
männliche heißt Handrotting. — Vgl. Spa-
nischrohr.

Biomalz, ein mit großer Reklame in den Han-
del gebrachtes Nährpräparat unterscheidet sich
von gewöhnlichem -Malzextrakt, abgesehen von
einem geringen Zusatze von Phosphaten, ledig-
lich durch den höheren Wassergehalt und ent-

hält nach Pendler;

Trockensubstanz . . 69,83 °/0
Zucker als Maltose . 50,94 „
Stickstoffsubstanz ,	.	4,54	n

Asche.................1,50 „

Phosphorsäure .	.	.	0,77	„

Kein Glyzerin und Saccharin.

Bidson, ein ebenfalls mit großer Reklame an-
gepriesenes „Nähr- und Kräftigungsmittel“, ist
nichts als ein Gemisch von etwa 30 °/o Kakao
mit 70 °/o eines aufgeschlossenen Eiweißpräpa-
rates, wahrscheinlich Kasein. . Bei dem Preise
von 4,80 M. für i kg stellt sich die Nährwert-
einheit sehr hoch, noch teurer als in Tropon.

Biozithin, ein im wesentlichen aus Mager-
milchpulver und Lezithin bestehendes Nährmittel
von nachstehender . Zusammensetzung: Wasser
7.73 °/o, Fett 4,740/0, Stickstoffsubstanz 39,24%,
Asche 7,23 0/0, Gesamtphosphorsäure 2,27 %,
Lezithinphosphorsäure 0,81 % (Lezithin 8,8s %),
Milchzucker 33,890/0. 100 g kosten 3,20 M.

Birkenholz (lat. Lignum betulae, frz. Bois de
bouleau, engl. Birch-wood), das Holz verschie-
dener Birkenarten, besonders der gewöhnlichen
Weißbirke (Betula alba), zeichnet sich durch
geringe Härte, Leichtigkeit und Zähigkeit aus,
trocknet aber schwer aus, quillt leicht auf, fault
im Freien und unterliegt dem Wurmfraß. Das
im jungen Zustande weiße, im älteren rötliche
Holz, dessen sehr feine Spiegel kaum zu er-
kennen sind, wird als Werkholz, zu Wagenteilen
und Stühlen und als sehr gutes Brennholz be-
nutzt. Die Zuckerbirke (B. lenta) liefert ein
schön rosenrotes, in Nordamerika verarbeitetes
Nutzholz. Birkenrinde von der Weißbirke wird
zum Gerben angewandt.

Birkenteer (Birkenöl, Litauer Balsam, Dag-
get. Doggert, Dziegiec, lat. Oleum betuli-
num, Oleum rusci, frz. Huile de bouleau, Huile
russe, engl. Birch-oil), eine braunschwarze, ziem-
lich dickflüssige Masse von eigentümlichem Ge-
rüche. wird in Rußland in großer Menge durch
trockene Destillation der Birkenrinde bereitet
und bei der Herstellung des Juchtenleders an-
gewandt, welches hierdurch seinen aromatischen
Geruch erhält. Sie enthält als wirksame Be-
standteile eine Reihe von Phenolen wie Guaja-
kol, Kreosol, Kresol und löst sich vollständig
in Äther, Chloroform, Benzol und Terpentinöl,
hingegen nur teilweise in Benzin, Kalilauge, Al-
kohol, Eisessig und Anilin. Die beim Schütteln
        <pb n="61" />
        ﻿Birresborner Quelle

55

Bittersüß

Birresborner Quelle. Nach der im Jahre
1875 von R. Fresenius ausgeführten Analyse sind
in 1000 g enthalten: 0,2729 g Kalziumbikarbonat,
2,8517 g Natriumbikarbonat, 0,0033 g Lithiumbi-
karbonat, 0,0002 g Barium- und Strontiumbikar-
bonat, 1,0929 g Magnesiumbikarbonat, 0,0351g
Eisenbikarbonat, 0,0007 g Manganbikarbonat,
0,3576g Chlornatrium, 0,0004g Bromnatrium, Spur
Jodnatrium, Spur Aluminiumphosphat, 0,0002 g
Natriumphosphat, Spur borsaures und salpeter-
saures Natrium, 0,0245 g Kieselsäure und 2,3339 g
freie Kohlensäure.

Bischofessenz (lat. Tinctura Episcopalis), eine
zur Bereitung des Bischofgetränks dienende
Flüssigkeit, welche aus einem alkoholischen Aus-
zug frischer grüner Pomeranzenschalen mit oder
ohne Zusatz anderer Gewürze ^(Nelken, Zimt) be-
steht und nur mit Rotwein und etwas Zucker
gemischt zu werden braucht. Die B. wird ge-
wöhnlich von den Fabriken ätherischer Öle mit
geliefert.

Biskuit (Biscuit, Bisquit) ist ein feineres
Gebäck aus kleiefreiem Mehl, Fett, Zucker, Eiern
und Gewürzen, welches durch Backen eines sehr
wasserarmen und unvollständig aufgegangenen
Teiges hergestellt wird. Nach englischem Vor-
bilde werden die ß. meist unter dem Namen
Kakes, jetzt Keks, in den Handel gebracht,
Während die neuerdings vorgeschlagenen un-
schönen Verdeutschungen: Knusperchen, Röst-
b a ck usw. nur geringen Anklang gefunden haben.
Die große Haltbarkeit dieser Erzeugnisse beruht
■auf dem geringen Wassergehalt von 7—8 °/o.

Bismarckbraun (Vesuvin, Phenylenbraun,
Leder-, Manchester-, Anilin-, Zimtbraun,
Canelle), einAzo-(Amidoazo-)Farbstoff fürWolle
und Baumwolle, wird aus Dinitrobenzol durch
Einwirkung reduzierender Substanzen, z. ß. Zink
und Salzsäure, oder durch Einwirkung von sal-
petriger Säure auf Metaphenylendiamin dar-
gestellt. Es ist ein braunes, in Wasser lösliches
Pulver, das Wolle, Jute, Leder und Seide direkt,
Baumwolle nach dem Beizen mit Tannin färbt.

Bismon, ein Heilmittel für Darmkrankheiten,
das als kolloidales Wismuthydroxyd anzuspre-
chen ist. Ähnlich wirkende Mittel sind: Bismu-
*an (Isutan), ein Gemisch von gerbsaurem
Wismut mit Resorzin, Bismutose, ein Wismut-
e'Weißpräparat.

.Bister (Rußbraun, frz. Bistreux, engl. Bistre),
ottie braune Farbe, besteht aus gereinigtem und
Präpariertem Glanzruß. Mineralischer B. ist
^anganoxydhydrat.

Bitterklee (Fieberklee, Sumpfklee, lat.
Folia trifolii fibrini, frz. Feuilles de Menyanthe,
* euilles de tröfle d’eau, engl. Buckbean), die
getrockneten, langstieligen, dreiteiligen Blätter
von Menyanthes trifoliata, einer bekannten,
■2u den Gentianeen gehörigen Wasserpflanze,
Enthalten einen Bitterstoff, das Menyanthin,
und werden teils als Arzneimittel, teils bei der
Bereitung bitterer Liköre verwandt.

Bittermandelöl (lat.Oleum amygdalarum ama-
rarum aethereum, frz.Essence d’amandes ameres,
■?Pgl. Oil of almonds), das ätherische Öl der
unteren Mandeln, in welchen es jedoch nicht in

reiem Zustande, sondern in Form des Glykosides
Amygdalin (s. d.) an Zucker und Blausäure
Sekunden , enthalten ist. Bei Gegenwart von

Wasser zerfällt das letztere unter Einwirkung
des gleichzeitig in den Mandeln enthaltenen
Fermentes Emulsin in seine Bestandteile. Zur
Gewinnung des B. werden die zerkleinerten
Mandeln (oder Pfirsichkerne) zunächst durch
Pressen vom fetten Öl befreit, dann, mit
Wasser angerührt und nach einiger Zeit der
Destillation im Wasserdampfstrome unterworfen.
Das wäßrige Destillat, welches Spuren von B.
und Blausäure enthält, findet als Bittermandel-
wasser (s. unter Aqua amygdalarum amararum)
Anwendung, während das zu Boden gesunkene
schwere Öl rektifiziert wird. Auf künstlichem
Wege stellt man das B., in chemischer Hinsicht
Benzaldehyd, C6H5.CPIO, durch Behandlung
von Benzoylchlorid mit Bleinitrat im großen
technisch dar. Es erscheint als eine anfangs
farblose, später gelbliche, stark lichtbrechende
Flüssigkeit, ist schwerer als Wasser (spez. Gew.
1,050), siedet bei 1790 und löst sich leicht in
Alkohol, wenig in Wasser. Da B. aus der Luft
begierig Sauerstoff qnzieht, muß es in gut ver-
schlossenen, gefüllten Flaschen und vor Licht
geschützt aufbewahrt werden. Es findet aus-
gedehnte Anwendung in der Medizin, ferner
zum Parfümieren von Seifen, kosmetischen Prä-
paraten, Likören und anderen Genußmitteln.
Für letzteren Zweck darf nur ein Öl benutzt
werden, welchem die giftige Blausäure durch
entsprechende Behandlung (mit Eisensulfat und
Kalkwasser) entzogen worden ist. Als künst-
liches Bittermandelöl wird bisweilen fälsch-
licherweise das Nitrobenzol (s. Mirbanöl) be-
zeichnet.

Bittersalz (Schwefelsäure Magnesia, Mag-
nesiumsulfat, Engllschsalz, Epsomersalz,
lat. Magnesium sulfuricura, frz. Sei amer, Sulfate
de magnesie, engl. Bitter salt), kristallisiertes
Magnesiumsulfat, MgS04, findet sich in der Na-
tur mit 7 Molekülen (51% Kristallwasser als Ep-
somit in Spanien, Sibirien usw. und mit 1 Molekül
Kristallwasser (13%) als Kieserit in dem Staß-
furter Abraumsalzlager. Früher stellte man das
B. durch Verdampfen der natürlichen Bitterwässer
bis zur Kristallisation dar, jetzt erhalten die
Mineral- und Sodawasserfabriken das Salz bei
Entwicklung der Kohlensäure aus Magnesit und
Schwefelsäure als Nebenprodukt. Die Haupt-
menge wird aber aus Kieserit gewonnen. Das
B. erscheint in kleinen nadelförmigen, durch-
sichtigen, in Masse weißen Kristallen von bitter-
lichem Geschmack, welche in Wasser leicht lös-
lich sind, und wird in der Medizin als Abführ-
mittel, ferner zur Bereitung anderer Magnesia-
salze, zum Beschweren baumwollener Gewebe usf.
benutzt.

Bittersüß (Alpranke, Hirschkraut, lat. Sti-
pites Dulcamarae, frz. Douce-amöre, engl. Bitter
sweet). Von dieser, an den Flußufern Mittel-
europas häufig vorkommenden kleinen strauch-
artigen Pflanze, Solanum Dulcamara, wer-
den die langen, federkieldicken, -eckigen und
runzligen Stengel im Frühjahre oder Herbste ge-
sammelt und getrocknet in den Drogenhandel
gebracht. Die Stengel haben im frischen Zu-
stande einen angenehmen, narkotischen Geruch,
der aber beim Trocknen verschwindet, und einen
erst bitteren, dann süßen und kratzenden Ge-
schmack. Als charakteristische Bestandteile fin-
        <pb n="62" />
        ﻿Bitterwässer

Blei

56

den sich zwei Alkaloide, das Dulkamarin und
das Solanin. B. wird in der Medizin als Auf-
guß innerlich gegen Katarrhe, Asthma, bei Rheu-
matismus usw. angewandt. Verwechslungen mit
den Stengeln von Clematis vitalba sollen zuweilen
vorgekommen sein, jedoch sind diese nicht runz-
lig, sondern glatt, holzig und sehr zähe.

Bitterwässer nennt man diejenigen Mineral-
wässer, welche durch einen verhältnismäßig hohen
Gehalt von Magnesiumsulfat ausgezeichnet sind,
z. B. Friedrichshaller, Hunyadi Janos B.

Blattmetalle (Folien, frz. Mötaux en feuilles.
engl. Leaf-metals) nennt man Metalle und Me-
tallegierungen, die durch Walzen, zum Teil auch
durch nachfolgendes Schlagen in die Form sehr
dünner Bleche oder Blätter gebracht worden
sind. Am meisten wird Gold und Silber in diese
Blattform gebracht und die Erzeugung von ech-
tem Blattgold und Blattsilber mit dem Na-
men Goldschlägerei, dieselbe Arbeit auf un-
edle Metalle ausgedehnt mit Metallschlägerei
bezeichnet. Nächst dem Golde wird wohl Zinn
am meisten in Blattform übergeführt (vgl. Stan-
niol), dann Blei, Kupfer, Aluminium und ver-
schiedene Legierungen (unechtes Blattgold
und unechtes Blattsilber). Das echte Blatt-
gold dient hauptsächlich zum Vergolden der
Spiegel- und Bilderrahmen sowie zum Gold-
schnitt und zum Bedrucken der Büchereinbände.
Die bei Herstellung des echten Blattgoldes ent-
stehenden Abfälle, Schawine oder Schabine,
bilden zerrieben die echte Goldbronze.

Blaudsche Pillen (lat. Pilulae ferri Blaudii),
0,25 g schwere, bisweilen mit Silber, Zucker oder
Schokolade überzogene Pillen aus Kaliumkar-
bonat, Ferrosulfat, etwas Zucker, Gummi und
Glyzerin mit 0,3 g Eisen.

Blauholz (Kampescheholz, Blutholz, lat.
Lignum campechianum, frz. Bois de campeche,
engl. Log-wood), das wichtigste aller Farbhölzer,
stammt von Haematoxylon campechianum,
einem großen, zur Familie der Zäsalpineen
gehörigen, in Zentralamerika und dem nörd-
lichen Teile von Südamerika heimischen Baume,
der später auch in den niederländischen Kolo-
nien Ostindiens angebaut worden ist. Die vom
weißlichen Splinte befreiten großen Blöcke ha-
ben außen eine dunkelblutrote bis braunrote
Farbe, die innen'heller, rötlichbraun bis gelblich-
braun erscheint, an der Luft aber nachdunkelt.
Das Holz ist hart und dicht, läßt sich schwer
spalten, und besitzt einen schwachen, entfernt
veilchenähnlichen Geruch und zusammenziehen-
den Geschmack. Man unterscheidet das eigent-
liche Kampescheholz oder Laguna-Kam-
pesche, Jamaikablauholz und das Domingo-
blauholz, und von letzterem wieder mehrere Sor-
ten, nämlich Monte-Cristo-Blauholz, Fort
Libertö und Aux Cayes. Martinique- und
Guadeloupe-B. sind nur geringwertige Sorten.
Der das Färbevermögen bedingende Stoff, das
Hämatoxylin, bildet im reinsten Zustande fast
farblose Kristalle, die aber an der Luft bald
rötlich werden und schließlich in den eigent-
lichen Farbstoff, das Hämatein, übergehen.
Weil dieser Farbstoff in dem frisch geraspelten
B. nur in geringer Menge entwickelt ist, läßt
man an der Luft fermentieren, wodurch es die
gewünschte Farbe erst erhält und einen eigen-

tümlichen metallischen gelblichgrünen Glanz an-
nimmt. In unfermentiertem Zustande findet B.
bisweilen medizinische Verwendung. Hauptsäch-
lich wird es aber zur Herstellung feiner Tischler-
arbeiten sowie in der Färberei und Tintenfabri-
kation benutzt. Für letztere Zwecke bedient man
sich meist des Blauholzextrakfes (lat. Extrac-
tum ligni campechiani, frz. Extrait de bois de
campeche, engl. Extract of Log-wood), welches
sowohl in fester als auch in flüssiger Form (s.
Farbholzextrakt) einen wichtigen Handelsartikel
bildet. Besonders geschätzt sind die Sanford- und
französischen Sorten. Das feste Extrakt wird in
Kisten von 20—100 kg aus Neuyork eingeführt,,
doch sind auch in Deutschland und Frankreich
Fabriken entstanden.

Blaupulver, ein unreines Ferrizyankalium,
kommt als bläulichgrünes Pulver in den Handel
und wird' zum Färben benutzt. Vgl. ßlutlaugen-
salz.

Blausäure (Zyanwasserstoffsäure, lat. Aci-
dum hydrocyanicum, Acid. borussicum, frz. Acide
prussique, engl. Prussic acid, Zootic acid), HCN,
wird in wäßriger Lösung durch Destillation von
Zyankalium oder Ferrozyankalium mit verdünn-
ter Schwefelsäure dargestellt. Wasserfreie B.
erhält man durch Zersetzen von Zyanquecksilber
mit konz. Salzsäure als eine farblose, bei 26°
siedende Flüssigkeit. Sie ist das stärkste aller
bekannten Gifte, zersetzt sjch aber leicht und
kommt im Handel nicht vor.

Blei (lat. Plumbum, frz. Plomb, engl. Lead).
Dieses seit den ältesten Zeiten bekannte Metall
findet sich in gediegenem Zustande nur sehr
selten in der Natur. Für die technische Ge-
winnung kommen lediglich Verbindungen des
Bleies, sog. Bleierze (frz. Minerais de Plomb,
engl. Lead ores) in Betracht, welche für sich
einen Gegenstand des Großhandels bilden und
als Ballast mit den Schiffen befördert werden.
Das wichtigste Bleierz ist der Bleiglanz oder
Galenit, der in chemischer Hinsicht aus Schwe-
felblei (Bleisulfid), PbS, mit 86,60/0 Blei
besteht, oft aber auch bis zu 0,1 0/0 Silber und
Spuren Gold enthält. Er findet sich in Form
harter und spröder Knollen oder Einsprengungen
von ausgezeichneter hexaedrischer Spaltbarkeit,
bläulichgrauer Farbe und starkem Melallglanz
und wird als Glasurerz, von seiner Verwendung
zum Glasieren gewöhnlicher Töpferwaren, im
Handel geführt. Die bekanntesten Lager sind
im Erzgebirge, Oberharz, Oberschlesien (Tarno-
witz), Schwarzwald, Böhmen (Przibram), Kärnten
(Bleiberg und Raibel), Spanien und England.
Das nächstwichtige Bleierz, das Weißbleierz
oder Zerussit, seiner Zusammensetzung nach
kohlensaures Blei (Bleikarbonat), PbCOs,
mit 77,5 % Blei findet sich in Form nadelförmiger
Kristalle oder derber, körniger und dichter, zu-
weilen auch erdiger (Bleierde) Massen von
weißer oder grauer Farbe neben dem Bleiglanr.
In Kolorado bildet es mächtige Lager eines
weißen, stark silberhaltigen Sandes. Anglesit
(Bleisulfat) und Pyromorphit (Bleiphos-
phat) haben nur untergeordnete Bedeutung. Die
Gewinnung des B. erfolgt am leichtesten aus’
dem Weißbleierz, das einfach mit Kohlenklein
gemengt geglüht wird, wobei das metallische
B. abfließt. Die zur Verarbeitung von Bleiglanz
        <pb n="63" />
        ﻿Bleichlorid

57

Bleiglätte

benutzten Methoden beruhen teils darauf, daß
man den Schwefel durch Schmelzen mit Eisen
abscheidet (Niederschlagsarbeit), teils darauf,
daß man an der Luft röstet und das Röst-
gut dann mit Kohle reduziert. In allen Fällen
erhält man zunächst ein noch unreines, kleine
Mengen fremde Metalle enthaltendes B., welches
man Werkblei, und, wenn es antimonhaltig
ist, Hartblei oder Abstrichblei nennt. Man
benutzt es in Schriftgießereien und, wenn es
arsenhaltig ist, zur Schrotfabrikation. Das von
fremden Metallen befreite, reine B. wird raffi-
niertes Blei genannt. Das bei den Hütten-
prozessen zuerst abfließende B. ist reiner als das
später erhaltene und wird Jungfernblei ge-
nannt. Es kann in der Regel schon als Handels-
ware (Kaufblei) gelten, wenn es nicht etwa
zuvor noch entsilbert werden muß. — Das B.
ist ein weiches, bläulichweiß glänzendes Me-
tall vom Atomgewicht 206,9 und vom spez. Gew.
11,360. Es verliert seinen Glanz an der Luft
bald und bedeckt sich mit einer dünnen grauen
Schicht von Bleisuboxyd. Der Schmelzpunkt
liegt bei 326° C. Bei heller Rotglühhitze beginnt
das geschmolzene B. zu verdampfen, und in der
Weißglühhitze verdampft es unter lebhaftem
Sieden vollständig. Infolge dieser Flüchtigkeit
gehen in den Hüttenwerken 6—7 °/o der ge-
samten Bleiraenge als sogenannter Bl ei rauch
verloren, wenn nicht für eine entsprechende
Verdichtung gesorgt wird. Beim Schmelzen an
der Luft geht das B. infolge von Sauerstoffauf-
Pahme vollständig in Bleioxyd über. Das me-
tallische Blei kann auch kristallinisch erhalten
Werden und gelangt meist in Form von Blöcken,
auch Mulden genannt, und Tafeln in den Handel.
Die Verwendung des B. ist sehr vielseitig. Man
benutzt es zur Herstellung von Gußwaren, Plat-
ten (für die Bleikammern der Schwefelsäure-
fabriken), Röhren, verschiedenen Legierungen
(Letternmetall, Bleilot), Draht (Bleidraht) und
Bereitung von Bleipräparaten und bleihaltigen
Darben. Die Weltproduktion betrug im Jahre 1913
1190000 t, davon entfielen auf die Vereinigten
Staaten 408000 t, auf Spanien 203000 t, auf
Deutschland 181000 t. Der Verbrauch Deutsch-
lands belief sich auf 223500 t.

ßleichlorid, PbCl2, (Chlorblei, lat. Plumbum
chloratum, frz. Chlorure de plomb, engl. Chlo-
re of lead) findet sich in der Natur als das
Mineral Hornbleierz und wird technisch her-
Sestellt durch Fällung von Bleisalzlösungen mit
Salzsäure oder Kochsalz. B. ist ein weißes, in
kaltem Wasser schwer lösliches, giftiges Kri-
stallpuiver und liefert beim Zusammenschmelzen
m’t Bleioxyd gelbe Farben (siehe Bleigelb).

Bleiessig (lat. Acetum plumbi, Liquor Plumbi
subacetici, frz. Vinaigre de saturne, engl. Solu-
l0P of subacetate of lead), die wäßrige Lö-
Sung von basisch essigsaurem Bleioxyd
°tter basischem Bleiazetat, wird erhalten
tturch Auflösen von Bleiglätte in einer wäßrigen
j-Usung von Bleizucker. B. findet in der Fär-
erei sowie zur Herstellung des medizinisch und
1 nisch gebrauchten Bleiwassers (lat. Aqua
Pt'mbi, frz. Eau de Goulard, engl. Goulard
ater) Verwendung.

Bleifarben. Die gesetzlichen Bestimmungen,
®lchen der Verkauf und die Verwendung von

Giftfarben (s. d.) unterliegt, erstrecken sich auf
folgende bleihaltige Malerfarben: Weiße: Blei-
weiß (s. d.), Weißblei (s. Bleisulfat). Rote und
orange: Bleichromat (s. Chromrot), Mennige
(s. d.). Gelbe: Bleioxyd (s. Bleigelb), Antimon-
gelb (s. d.), Chromgelb (s. d.). Grüne: Gemische
von Chromoxyd mit Bleichromat (s. Chromgrün).
Daneben sind für die eben genannten blei-
haltigen Farben noch besondere Vorschriften
erlassen, welche die Gesundheit der Gewerbe- 1
treibenden und ihrer Arbeiter selbst gegen die
außerordentlichen Gefahren, die mit der Her-
stellung und Verwendung dieser verbreitet-
sten und schönsten aller Malerfarben verbunden
sind, schützen sollen. Nach der Bekanntma-
chung des Bundesrats vom 27. Juni 1905 , müssen
alle Betriebe, in denen Maler-, Anstreicher-,
Tüncher-, Weißbinder- oder Lackiererarbeiten
ausgeführt werden, besondere Vorsichtsmaßregeln
treffen, bez. deren auf das Reichsgesetzblatt 1905,
S. 555, verwiesen sei,. An dieser Stelle genüge
der Hinweis, daß dieser Bestimmung nicht nur
die Farbpulver, sondern auch alle streichfertigen
Ölfarben sowie Spachtel-F. und Sikkative unter-
liegen. Näheres s. Farbenzeitung 1907, S. 1184.

Bleigelb. Mit diesem Namen belegt man ver-
schiedene Malerfarben, welche entweder aus rei-
ner Bleiglätte (s. d.) oder aus Gemischen von
Bleioxyd mit Bleichlorid bestehen. Die letz-
teren werden durch Schmelzen von Bleiglätte
mit Salmiak dargestellt und kommen auch als;
Chemisch-Gelb; Kasseler-, Mineral-, Eng-
lisch-, Montpellier-, Neu-, Pariser-, Pa-
tent-, Turners-, Veroneser-Gelb in den Han-
del. Sie unterliegen den für Bleifarben erlassenen
Vorschriften.

Bleiglätte (Glätte, Bleioxyd, lat. Lithar-
gyrum, Plumbum oxydatum, frz. Glette, Litharge,
engl. Litharge), PbO, eine Verbindung von 103
Teilen Blei mit 8 Teilen Sauerstoff, wird als
Nebenprodukt beim Abtreiben des Silbers mit
Blei (Bleiarbeit) erhalten und deshalb häufig
Silberglätte genannt. Man erhält die B. ent-
weder in ganzen, aus zusammengeschmolzenen
Massen bestehenden blätterig-kristallinischen
Stücken von rötlichgelber Farbe oder in Ge-
stalt loser, glänzender Schüppchen, oder endlich
in gemahlenem Zustande als schweres rötlich-
gelbes Pulver (präparierte oder lävigierte
Bleiglätte). Gewöhnlich ist die B. mit kleinen
Mengen Kupferoxyd, Eisenoxyd, zuweilen auch
mit Spuren von Silber verunreinigt, wodurch
sie in verschiedenen Farbtönen erscheint, je
nach Menge und Art dieser Verunreinigungen.
Eine weit reinere B. wird aus reinem Blei dar-
gestellt, indem man dieses bei starkem Luftzutritt
längere Zeit bis zum schwachen Glühen erhitzt
(Goldglätte,Massikot oder englischeGlätte).
Bei längerem Liegen an feuchter Luft nimmt
die B. etwas an Gewicht zu, indem sie Kohlen-
säure und Feuchtigkeit anzieht, die sich jedoch
durch Erhitzen wieder entfernen lassen. Die B.
ist in Wasser unlöslich, muß sich aber in Sal-
petersäure sowie in Kalilauge ohne Rückstand
auflösen. Man benutzt sie zur Herstellung von
Glasuren auf Steinzeug und Topfgeschirr, zur
Bereitung von Firnis und Bleipflaster, von Blei-
weiß und Bleizucker sowie als Zusatz zu man-
chen Sorten von Glas. Die B. ist giftig.
        <pb n="64" />
        ﻿Bleihyperoxyd

58

Bleizucker

Bleihyperoxyd (Bleisuperoxyd,Bleisäure,
Bleibioxyd, Bleiperoxyd, lat, Plumbum hy-
peroxydatum, fr. Peroxide de plomb, engl. Per-
oxide of lead), eine Verbindung von Blei mit
2 Atomen Sauerstoff. Man bereitet das B. durch
Behandlung von Mennige mit verdünnter Sal-
petersäure, wobei salpetersaures Blei als Neben-
produkt erhalten wird, oder durch anhaltendes
Erhitzen löslicher Bleisalze mit einer Chlorkalk-
lösung. Es findet sich auch in der Natur als
Schwerbleierz oder Plattnerit. Das künstlich
erzeugte ist ein dunkelbraunes, in Wasser un-
lösliches Pulver, das in unreiner, noch Bleinitrat
enthaltender Form zuweilen in der Fabrikation
von Zündwaren unter dem Namen oxydierte
Mennige Anwendung findet.

Bleinitrat (Salpetersaures Blei, lat. Plum-
bum nitricum, frz. Nitrate de plomb, engl. Ni-
trate of lead), Pb(N03)2, entsteht beim Auflösen
von Blei oder Bleiglätte in Salpetersäure in
Form wasserfreier, in Wasser löslicher Kristalle,
welche beim Glühen Bleioxyd hinterlassen. Das
Salz dient zur Darstellung .anderer Bleipräparate,
sowie phosphorfreier Zündhölzer und als Beize
in der Zeugdruckerei.

Bleipflaster (lat. Emplastrum Lithargyri, E.
diachylon simplex, E, Plumbi, frz. Emplätre
simple, engl. Lead plaster) wird bergestellt durch
Kochen gleicher Teile Olivenöl, Schweineschmalz
und mit 1f6 Wasser angeriebener Bleiglätte im
Wasserbade. Die abgekühlte Masse, ein Ge-
menge von ölsaurem, palmitinsaurem und Stearin
saurem Blei, wird ausgestochen und unter Wasser
zu Stangen gerollt.

Bleirohre (Bleiröhren, frz. Tuyaux pousses,
engl. Lead pipes) werden gewöhnlich nur von
geringem Durchmesser, meistenteils durch Pres-
sen, seltener noch durch Ziehen oder Gießen
dargestellt und zum Fortleiten von Gasen, Dämp-
fen und Flüssigkeiten benutzt, wozu sie sich
ihrer bequemen Handhabung wegen gut eignen.
Die Giftigkeit des Bleies gestattet aber nur einen
beschränkten Gebrauch, und insbesondere müs-
sen sie für Wasserleitungen mit einer aufgewalz-
ten Zinnschicht versehen werden (Bleiraantel-
rohre). Man hat B. in wenigstens so verschie-
denen Stärken, dickere bis 20, dünnere bis 30 m
lang, auch wird beim Verkauf mit angegeben,
wieviel Druck in Atmosphären oder in Wasser-
säulenmetern jede Sorte aushält.

Bleistifte (frz. Crayons noirs, Crayons 'de gra-
phite, engl. Lead pencils) bilden einen bekann-
ten Artikel des Zeichen- und Schreibmaterialien-
handels. Hinsichtlich der Herstellung dieser Waren
nimmt Deutschland schon seit längerer Zeit den
ersten Rang ein, denn Frankreich, Rußland
und Italien sind trotz hohen Eingangszolls noch
weit hinter der deutschen Fabrikation zurück,
und England erzeugt fast gar keine B. mehr,
sondern versieht deutsches Fabrikat mit eng-
lischen Marken. Nur in Österreich und Nord-
amerika hat sich eine bedeutende Konkurrenz
entwickelt, und insbesondere letzteres Land ist
der deutschen Bleistiftausfuhr des hohen Ein-
gangszolles halber fast ganz verschlossen. Neuer-
dings werden auch unter Verwendung von Anilin-
farbstoffen sogenannte Tinten- oder Kopier-
bleistifte hergestellt. Es ist jedoch darauf

zu achten, daß giftfreie Farben verwendet wer-
den. Dasselbe gilt auch für die Buntstifte.

ßleisulfat (schwefelsaures Blei, lat. Plum-
bum sulfuricum, frz. Sulfate de plomb, engl.Sulfate
of lead), PbSO^, entsteht durch Fällung von
Bleisalzlösungen mit Schwefelsäure als ein schwe-
rer weißer Niederschlag. In getrocknetem Zu-
stande wird es bisweilen unter dem Namen
Weißblei als Malerfarbe benutzt, leistet aber
hinsichtlich der Deckkraft nicht mehr als Kreide
oder Schwerspat. Sein Zusatz zu Bleiweiß ist
daher als Verfälschung zu verurteilen.

Bleiweiß (lat. Cerussa, frz. Blanc de Ceruse,
engl. White lead), die geschätzteste weiße Maler-
farbe, ihrer chemischenZusammensetzung nach ein
basisches Bleikarbonat, 2PbC03.Pb(0H)2, wird
nach verschiedenen Verfahren (holländisches,
französisches, Klagenfurter, deutsches oder Kam-
merverfahren) in der Weise hergesteüt, daß man
metallisches Blei oder Bleiglätte mit Essigsäure
behandelt und das entstehende basische Bleiaze-
tat der Einwirkung von Kohlensäure aussetzt.
Von den einzelnen Sorten, welche sich neben
dem Grade der Reinheit vor allem durch die
Feinheit der Pulverisierung unterscheiden, wird
das Kremserweiß am höchsten geschätzt.
Weitere Handelsbezeichnungen sind: D eck w eiß;,
Französisch-, Genueser-, Hamburger-,
Holländer-, Kremmnitzer-, Perl-, Schie-
fer-, Schnee-, Silber-, Tiroler-, Venezia-
nerweiß. Wegen seines hohen Preises ist das
B. Verfälschungen in hohem Grade ausgesetzt.
Zusätze von Gips, Schwerspat, Kreide, Ton, ferner
von schwefelsaurem Blei (Weißblei) sind an der
Tagesordnung, und nur durch sorgfältige Unter-
suchung kann der Käufer sich vor Übervorteilung
schützen. Der Nachweis der meisten Verfäl-
schungsmittel gelingt durch Behandlung mit Sal-
petersäure, in welchem B. sich auflöst, während
Schwerspat und Bleisulfat Zurückbleiben. Die
andern Zusätze verraten sich durch ihr geringeres
spezifisches Gewicht. B. wird besonders als Öl-
farbe im Gemisch mit Leinöl, Mohnöl oder Firnis
angewandt und übertrifft an Deckkraft alle an-
deren Farben. Leider wird es bei aller Beständig-
keit gegen Licht und Luft durch schwefelwasser-
stoffhaltige Gase geschwärzt und darf daher in
der Nähe von Aborten, in Laboratorien usw.
nicht benutzt werden, sondern ist hier durch
Zinkweiß zu ersetzen. Der Hauptnachteil des
B. ist jedoch seine hohe Giftigkeit, welche zu
der Verordnung des Bundesrates (s. Bleifarbe^)
Anlaß gegeben hat.

Bleizucker, Pb(C2H302)2, (Bleiazetat, essig-
saures Blei, essigsaures Bleioxyd, lat.Plum-
bum aceticum, Saccharum saturni, frz. Acetate
de plomb, Sei de saturne, engl. Acetate of lead,
Sugar of lead), ein sehr giftiges, durch Auflösen
von Bleioxyd in Essigsäure entstehendes Salz,
bildet farblose, durchscheinende und glänzende
Kristalle, welche bei Luftzutritt verwittern und
sich mit einer Schicht von weißem, pulverförmi-
gen Bleikarbonat bedecken. Der B. schmeckt
anfangs süßlich, hinterher' unangenehm metal-
lisch. In destilliertem Wasser löst er sich, so-
bald er noch nicht verwittert ist, klar auf, die
trübe Lösung des verwitterten wird durch Zu-
satz von etwas Essigsäure klar. Außer seiner
medizinischen Verwendung wird der B. haupt-
        <pb n="65" />
        ﻿Blister

59

Blutegel

sächlich zur Bereitung verschiedener Farben und
Bleipräparate sowie in der Technik und Photo-
graphie benutzt. Die Versendung geschieht in
Fässern.

Blister, Tierheilmittel verschiedener Zusam-
mensetzung, welche meist Kanthariden und
Euphorbiumharz enthalten.

Blitzlichtpulver für photographische Aufnah-
men enthalten sämtlich als schnell entzünd-
liche Körper Magnesium- oder Aluminiumpulver,
während als Sauerstoffüberträger meist chlor-
saures Kali allein oder im Gemisch mit Salpeter,
Kaliumperchlorat, Kaliumpermanganat, Barium-
superoxyd, Braunstein, Schwefelantimon usw. in
wechselnden Mengen Anwendung finden. Sehr
wirksame und dabei ungefährliche Präparate
werden neuerdings aus den Oxyden der seltenen
Erden hergestellt. So besteht ein Agfa-Blitz-
licht aus 53% Zeronitrat, 39% Zerosulfat und
8 «Io Ammoniumnitrat.

Blumen, künstliche (frz. Fleurs artificielles,
engl. Artificial flowers) sowie künstliche Knos-
pen und Blätter bilden als Haar- und Hutschmuck
für Frauen, zu Dekorationszwecken u.dgl. einen
wichtigen Handelsartikel. Zur Herstellung
der früher bevorzugten Phantasieblumen wur-
den besonders Vogelfedern, Chenille, Stroh und
Fischbeinplättchen benutzt. In Italien fertigte
man wohl auch aus den Kokonhäutchen als Fiori
di bozzolo bezeichnete Bl. Neuerdings legt man
größeren Wert auf möglichst getreue Nach-
ahmung der natürlichen Pflanzenteile um# ver-
wendet dazu vorzugsweise gewebte Stoffe und
Papier, von ersteren namentlich leinenen und
baumwollenen Batist, Perkal, Musselin, ferner
seidenen Flor, Taft, Atlas und Samt. Die
Stoffe sind entweder schon in den erforderlichen
Farben gefärbt, oder man gibt den bereits ferti-

gen Blütenteilen die Farbe erst durch Bemalen
'sah dem Pipsei. Die Blätter, Blütenblätter und
Kelche werden durch Ausschlagen mit scharf-
schneidigen stählernen Ausschlageisen auf einer
bleiernen Unterlage, in einzelnen Fällen auch
durch Zurechtschneiden mit der Schere her-
gestellt. Die Hervorbringung von Adern und
Kippen in den grünen Blättern (das Gaufrieren)
geschieht durch Pressen zwischen metallenen
Stempeln, die Krümmung und Wölbung vc
Blättern und Blütenblättern durch Bearbeitung
fuit erwärmten eisernen Werkzeugen. Zur An-
bp.r|ügung der Stiele und Stengel dient geglühter
Eisendraht, der mit Seidengewebe oder grünem
Papier umwickelt wird. Der Ursprung der Fa-
brikation ist in Italien zu suchen, von wo sie
^ch nach Frankreich (an erster Stelle Paris) und
Österreich (Wien und Nordböhmen: Nixdorf,
bchluckenau, Hainspach) ausdehnte. Die deut-
schen Erzeugnisse, welche jetzt den Pariser
v°lhg ebenbürtig sind, werden in ständig wach-
sendem Umfange besonders in der Gegend von
Eebnitz, Stolpen und Pirna, in Dresden und Pot-
schappel sowie in Berlin, Leipzig und München
bcrgestellt. Manche Fabriken liefern nur ein-
zelne Blütenteile und Blätter. — Eine andere
Ect künstlicher Bl. und ganzer Blattpflanzen für
nketts, Kränze und Zimmerschmuck wird in
großer Naturtreue aus bemaltem Blech herge-
stellt.

Blumen,natürliche (frz. Fleurs, engl. Flowers),
frische, geschnittene Blumen (Schnittblumen)
werden vor allem in Frankreich auf den groß-
artigen Blumenmärkten in Marseille und Paris ,
(vgl. Parfümerien) vertrieben, doch haben auch
England, Italien, Belgien, Holland und Deutsch-
land ausgedehnte Kunstgärtnereien, in denen sie
im freien Land oder, für den Winterbedarf, in
Gewächshäusern gezogen werden. Deutsche
Großgärtnereien finden sich besonders in der
Gegend von Berlin, Hamburg (tropische Orchi-
deen), Dresden, Eisenach, Köln, Frankfurt, Leip-
zig, Quedlinburg und Erfurt (Spezialitäten). Die
ungeheure Einfuhr aus Italien und Südfrank-
reich im Werte von Millionen macht den deut-
schen Gärtnern unnötig Konkurrenz. — Als ge-
trocknete Blumen (Immortellen) kommen
künstlich gefärbte Kompositen (Chrysanthe-
men, Gnaphalium), die bei Leipzig und Erfurt
angebaut werden, in den Handel.

Blumennährsalze zum Düngen von Topfpflan-
zen kommen in folgender Zusammensetzung
zum Plandel: 1. 100 g Superphosphat, 25 g Bit-
tersalz, 25 g Kalisalpeter, 25 g Kaliumphosphat,
5 g Eisenphosphat. 2. 40 g Ammoniumnitrat,
20 g Ammoniumphosphat, 25 g Kalisalpeter, 5 g
Ammoniumchlorid, 6 g Kalziumphosphat, 4 g
Eisenvitriol. Die Lösung von 2 g dieser Mi-
schungen in 1 1 Wasser dient zum Begießen.

Blumenzw'ebeln (frz. Oignons ä fleurs, engl.
Flower-bulls). Die Zwiebeln von Hyazinthen,
Tulpen, Krokus, Narzissen, Gladiolus, Szilla,
Muskari u. a., die wegen ihrer schönen Blüten
im Zimmer, Glashaus oder im Freien gezüchtet
werden, bilden einen wichtigen Handelsartikel,
der besonders von Holland (Haarlem) in großem
Umfange vertrieben wird. Der Versand erfolgt
Ende August bis Anfang November.

Blut (lat. Sanguis, frz. Sang, engl. Blood).
Das gesammelte Blut der Schlachttiere aus den
Schlachthäusern größerer und mittlerer Städte
bildet, soweit es nicht zur Bereitung von Blut-
wurst, zum Anstreichen von Wänden usw. be-
nu:zt wird, jetzt im trockenen Zustande einen
Handelsartikel. Das B. wird entweder einfach
durch Verdampfen zur Trockene gebracht und
die trockene, Masse dann gemahlen, oder man
scheidet zunächst das Eiweiß (Blutalbumin s.
Albumin) ab und bringt das übrige zur Trok-
kene. Das auf die eine oder andere Weise ge-
wonnene trockene B. wird im gemahlenen Zu-
stande als Blut me hl entweder direkt an die
Landwirte oder häufiger an die Superphosphat-
fabriken als Düngemittel verkauft. Der Wert
des Blutmehls beruht hauptsächlich auf seinem
Stickstoffgehalt, welcher im Mittel 11,8 0/0 be-
trägt. Die Menge der Phosphorsäure ist gleich
1,20/0. Das Biutmehl des Handels, ein braunes,
feinkörniges Pulver von leimartigem Geruch, muß
an ganz trockenen Orten aufbewahrt werden,
damit es nicht durch Anziehung von Feuchtig-
keit in Fäulnis übergeht,

Blutan, ein Mittel gegen Bleichsucht und Blut-
armut, besteht aus einer mit Kohlensäure im-
prägnierten Eisenmanganpeptonatlösung.

Blutegel (lat. Hirudines, frz. Sangsues, engl.
Seechs, Blood-suckers), Ringelwürmer aus der
Gattung der Kieferegel, Unterfamilie der Hiru-
dinea, bilden die höchst organisierte Klasse der
        <pb n="66" />
        ﻿Blutfeohle

60

Bockshornsamen

Plattwürmer, die im Wasser, hauptsächlich in
Teichen oder Sümpfen, leben. Für den medi-
zinischen Gebrauch kommen in Deutschland nur
zwei Arten, der deutsche B. (Hirudo seu San-
guisuga medicinalis) und der ungarische B. (H.
officinalis) in Betracht. Beide sind io—20 cm
lang und zeigen 95 deutliche Ringel, von denen
die vier vordersten einen löffelförmigen Körper
mit der dreistrahligen Mundöffnung am Grunde
bilden. Dahinter befinden sich drei große, halb-
linsenförmige Kieferplatten, die 80—90 feine
Zähnchen tragen. Beim Saugen mit der eine fest
anhaftende Scheibe bildenden Mundhöhle ver-
ursachen die Kiefer eine dreischenklige Wunde,
aus der das Blut in die entferntesten Teile de^
Magens geleitet wird. Der deutsche, als,.graue
Sorte“ bezeichnete B., der sich im nördlichen
und mittleren Europa findet, fühlt sich rauh an
und zeigt am Rücken auf meist grünem Grunde
sechs rote, schwarz gefleckte Längsbinden, auf
der gelbgrünen Bauchfläche schwarze Flecken.
Der im südöstlichen und südlichen Europa hei-
mische ungarische B., „grüne Sorte“, fühlt
sich glatt an und zeigt auf dem Rücken sechs
breitere gelbe, durch schwarze Punkte oder
Flecke unterbrochene Längsbinden, hingegen
eine nicht gefleckte, schwarz eingefaßte Bauch-
fläche. — Die an Stelle der echten B. bisweilen
angebotenen Pferdeegel, die wegen ihrer
stumpferen oder fehlenden Zähne unverwend-
bar sind, können an dem Fehlen der buntfarbi-
gen Längsstreifen leicht erkannt werden. — Der
in Nordafrika vorkommende Dragoneregel
(Hirudo interrupta) findet in Frankreich, Eng-
land und Südamerika, aber nicht in Deutschland
medizinische Anwendung. — Die B. bilden einen
bedeutenden Handelsartikel, obwohl ihr Ver-
brauch wesentlich abgenommen hat, in Frank-
reich z. B. von 100 Millionen vor 60 Jahren auf
16 Millionen. In Deutschland beträgt er jährlich
etwa 25, in England 16 Millionen, Die deut-
sche Ausfuhr von Hamburg beläuft sich um
30 Millionen Stück im Jahre. —• Kleine Mengen
B. bewahrt man am besten in weithalsigen Glas-
gefäßen, die zu l/s mit zeitweilig zu erneuern-
dem Flußwasser gefüllt und mit Leinwand über-
bunden werden, größere Mengen in Holzfässern,
die durch ein vielfach durchlöchertes Brett in
zwei Abteilungen geschieden sind, von denen die
eine nur Wasser, die andere außerdem etwas
Lehm und Torf oder Rasen enthält. Die Ver-
sendung der B. erfolgt meist in leinenen Beu-
teln, die, von stark angefeuchtetem Moose um-
geben, in einer mit feinen Löchern versehenen
Holzkiste liegen.

Blutkohle, hergestellt durch Glühen eines Ge-
misches aus 8 Teilen Blut und 1 Teil Pottasche
und Auskochen des gepulverten Rückstandes
mit Wasser und Salzsäure, findet wie Tierkohle
zum Klären von Flüssigkeiten Anwendung.

Blutlaugensalz. 1. Gelbes Blutlaugensalz
(Einfach Zyaneisenkalium, Kaliurrieisen-
zyanür, Ferrozyankalium, gelbes blau-
saures Kalium, lat. Kalium ferrocyanatum,
Kalium borussicurn flavum, frz. Ferrocyanate
de potasse, engl. Yellow prussiate of potash)
wurde früher ausschließlich durch Schmelzen
von Pottasche mit stickstoffhaltigen tierischen
Abfällen (Blut, Horn, Haut, Haare, Leder, Lum-

pen, Fleisch usw.) unter Zusatz von Eisen dar-
gestellt. Hierbei entstand Zyankaliüm und Schwe-
feleisen, welche sich beim Auslaugen der Schmelze
mit Wasser zu Ferrozyankalium und Schwefel-
kalium umsetzen. Neuerdings dient die ge-
brauchte Laminsche Masse der Gasfabriken,
welche Beriinerblau enthält, als Ausgangsmate-
rial, indem durch Erhitzen mit Kalk zuerst
Ferrozyankalzium erzeugt und letzteres nach
dem Auslaugen mit Chlorkalium und Kalium-
karbonat in B. übergeführt wird. Das Ferro-
zyankalium kristallisiert in großen, gelben, durch-
scheinenden Oktaedern, die ziemlich weich und
zähe sind und sich daher schwer pulvern lassen.
Es ist in Wasser löslich, in Alkohol unlöslich
und entwickelt mit verdünnten Säuren die gif-
tige Blausäure, während es selbst ungiftig ist.
Außer in .der Färberei verwendet man das gelbe
B. zur Darstellung von Zyanpräparaten, zum
Härten von Eisen und in der analytischen Che-
mie. Ein Gehalt an Kaliumsulfat ist als Ver-
unreinigung aufzufassen, während eigentliche
Verfälschungen kaum Vorkommen. — 2. Das
rote B 1 u 11 au g en s al z (Anderthalbzyan-
eisenkalium, Kaliumeisenzyanid, Fe rrid-
zyankalium, rotes blausaures Kali, Gme-
linsches Salz, lat. Kalium ferricyanatum, frz.
Sesquiferrocyanate de potasse, engl. Sesquiferro-
cyanate of potash) bildet dunkelrubinrote, glän-
zende, durchsichtige Kristalle, die viel härter
sind als diejenigen des gelben B. Man bereitet
es durch Einleiten von Chlorgas in eine ver-
dünnte Lösung von gelbem B. und Kristallisieren-
lassen der Lösung, ferner durch Behandlung
des trockenen, gepulverten, gelben B. in ge-
schlossenen Kammern mit Chlorgas und endlich
durch einfache Elektrolyse des gelben B. Es fin-
det Anwendung als chemisches Reagens, in der
Färberei und Technik sowie in Verbindung mit
Eisenammonzitrat zur Herstellung von Licht-
pausen.

Blutstein (Roter Glaskopf, lat. Lapis hae-
matites, Lapis sanguineus, frz. Hematite, engl.
Blood-stone, Red hematite), eine harte und
dichte, faserig-kristallinische Varietät des Rot-
eisensteins (natürliches Eisenoxyd), besitzt
eine stablgraue Farbe und Glanz, gibt aber ein
dunkelrotes Pulver. Die ganzen Stücke werden
von Steinhauern als Schreibstift auf Stein ver-
wendet, das Pulver dient als Polierrot.

Bockbier (frz. Bock), eine besonders stark ein-
gebraute Biersorte mit etwa 5 o/0 Alkohol und 15
bis 20 0/0 Stammwürze, welche im Frühling
(Märzenbier) zum Ausschank kommt.

Bocksbeutel, die beste Sorte des Würzburger
Steinweins, welche in eigentümlich gestalteten
kurzhalsigen, stark bauchigen Flaschen versen-
det wird.

Bockshornsamen (Foenugräkum, Griechi-
sch er Heuklee samen, Siebeng e.zeitsamen,
Hornkleesamen, lat. Semen foenugraeci, frz.
Semence de fenugrec, engl. Fenugreek), die
Samen einer krautartigen Leguminose, Tri-
gonella Foenum graecum, die ihre Heimat
in Kleinasien und dem südlichen Europa hat, in
manchen Gegenden Deutschlands und'in Polen
angebaut wird. Die bräunlichgelben, sehr har-
ten Samen sind ungleich vierseitig, glatt und
oben und unten abgestutzt. Sic enthalten 6°/o
        <pb n="67" />
        ﻿Bocoholz

61

Bohröle

fettes Öl, ferner ein unangenehm riechendes
ätherisches Öl, 22 °/o Aleuron, Trigonellin und
andere Bestandteile. Man unterscheidet hellen
und dunklen Samen, ersterer ist teurer. Die ge-
pulverten B. besitzen einen aromatischen, an
Melilot erinnernden Geruch und schleimig bitte-
ren Geschmack und werden als Zusatz zu Kräu-
terkäse, zu Viehpulvern und Umschlägen nach
Kneipp usw. verwendet.

Bocoholz, ein feines Nutzholz für die Kunst-
tischlerei von der in Guyana wachsenden Bo-
coa provacensis, besitzt einen braunschwar-
zen Kern mit unregelmäßigen Konturen.

Bogheadkohle, eine bituminöse Schieferkohle
aus Schottland, welche sich besonders zu Destil-
lationszwecken eignet.

Bohnen (lat. Fabae, frz. Fdves, Haricots, engl.
Beans). i.Schmink-Gartenbohne, Phaseolus,
eine in 60 Arten auf der ganzen Erde verbreitete
Gemüsepflanze, wird auch bei uns, besonders in
den Gattungen vielblütige Schm., Ph. oder
Lipusa muldflorus und gemeine Schm., Stan-
gen- oder Vietsbohne, Ph. vulgaris, in großem
Umfange angebaut. Die erste Gattung, zu der
auch die Feuerbohne (türkische oder anatoli-
sche B.) gehört, stammt aus Südamerika, die
letztere mit der Busch- oder Zwergbohne
aus Ostindien. Als wichtige Abarten der ge-
meinen B. seien angeführt: die flache Schwert-
oder Speckbohne, Ph. compressus, mit säbel-
förmigen, lang zugespitzten Hülsen, die Eß-
bohne oder Salatbohne, Ph. gonospermus,
die Dattelbohne, Ph. elongatus, mit langge-
schnäbelten geraden, Hülsen und dattelkern-
förmigen Samen, die Eierbohne, Ph. ellipti-
cus, mit kurzen, geraden Hülsen und eiförmi-
gen Samen, und die halbflache B., Ph. sub-
oornpressus, mit säbelförmigen, lang zugespitz-
ten Hülsen und nierenförmigen Samen. Alle
yorstehend genannten Arten werden in der
Hauptsache als grünes Gemüse, auch als Dörr-
Semüse oder mit Salz eingemacht oder in Blech-
büchsen konserviert, verbraucht. Zur Gewin-
nung der reifen Samen, der trockenen, weißen
“°hnen, dient besonders eine Abart von Ph.
ootnpressus, Ph. var. albus. Die weißen B.,
ü'e in handelsfähiger Ware schön weiß und
Slatt, in vorjähriger Ware hingegen grau und
runzlig erscheinen, bilden eines der gehaltreich-
en Nahrungsmittel, denn sie enthalten neben
iij24°/o Wasser, 1,960/0 Fett, 55,600/0 Stärke und
3.66 o/0 Asche durchschnittlich 23,66 o/0 Stickstoff-
Substanz (Eiweiß). Die Bohnenzucht wird in
eutschland besonders bei Erfurt, noch aus-
gedehnter aber in Holland, Italien, England und
rankreich (Angiens) betrieben. — Außerhalb
_ Uropas finden besonders folgende Arten Ver-
ödung; die Mungobohne, Ph. Mungo, eine
®r wichtigsten Nahrungspflanzen Ostindiens,
. 16 sich auch nach Afrika und Südeuropa ver-
rettet hat; die Strahlenbohne, Ph. radiatus,
le in ganz Ostasien von China bis Ostindien
'/egen ihrer nahrhaften Samen angebaut wird:
Jb'fer wichtig die Similibohne, Ph. trilobus,
na die Muxbohne, Ph. Mux, in China, Japan,
p va und Ostindien. 2. Puffbohne, Saubohne,
«debohne, Faba vulgaris (Vicia faba oder
^‘garis), eine aus Persien und Ägypten stam-
c nde Leguminose, wird nur in einigen Gegen-

den Norddeutschlands (Hannover) gärtnerisch
als Gemüsepflanze, in großem Umfange aber in
Deutschland, Holland und England als Vieh-
futter angebaut. Der Anbau erfolgt meist in
Reihenkultur auf etwas bündigem und feuchtem
Boden und wird durch Blattläuse, Bohnenkäfer
und Rostpilze gefährdet. Die jungen, grünen
Samen bilden ein in Hannover als „große oder
dicke Bohnen“ sehr geschätztes Gemüse, die
reifen braunen Samen ein vortreffliches stick-
stoffreiches Viehfutter. Auch das Kraut wird
im grünen Zustande oder als Stroh verfüttert.

3.	Faselbohne, Heilbohne, Dolichos Lablab,
wird als Gemüse- und Futterpflanze in wärme-
ren Klimaten (Ägypten, Sudan) angebaut. —
‘Die ihr verwandte Art Dolichos Soja s. unter
Soja. Als Bohnenmehl (lat. Fabae albae pulv.,
frz. Farine de föves, engl. Bean-meal) bildet
das Pulver zu trockenen Umschlägen gegen
Rose usw. einen Gegenstand des Arzneimittel-
handels.

Bohnenkraut (Saturey, Wurstkraut,Kölle,
Pfefferkraut, lat, Herba saturejae, frz. Sa-
riette, engl. Savory), ein gewürzhaft riechendes
und schmeckendes Kraut (Satureja horten-
sis), wird vielfach bei uns angebaut und so-
wohl im frischen als auch im getrockneten Zu-
stande in den Handel gebracht und als Würze
für Bohnen, pikante Soßen usw. verwandt. .

Bohnermasse, Bohnerwachs, nennt man
Wachsmischungen, die dazu dienen, Möbeln,
Fußböden, Linoleumteppichen usw. Glanz zu
geben, und zu diesem Zwecke aufgetragen und
verrieben werden. Man unterscheidet flüssige
und feste B., von denen die letzteren durch Zu-
sammenschmelzen von I Teil Wachs oder Zere-
sin mit 3 Teilen Terpentinöl bereitet werden.
Bei Zusatz von mehr Terpentinöl oder auch
Benzin erhält man eine flüssigere Br Kommt
es auf sehr harte Wachsüberzüge an, so ersetzt
man das Wachs durch eine Mischung aus Kar-
naubawachs und Paraffin, muß aber dann die
Menge des Terpentinöls ein wenig erhöhen.
Flüssige B. wird bereitet, indem man geschmol-
zenes Wachs mit Pottasche und Wasser teil-
weise verseift. Es entsteht dann gewissermaßen
eine überfettete Wachsseife, die aber wegen
ihres Alkaligehaltes niemals dort angewandt
werden darf, wo ein Ölfarbenuntergrund vor-
handen ist, z. B. für Linoleumteppiche. Bei der
flüssigen B. kann das Bienenwachs niemals durch
Paraffin oder Zeresin ersetzt werden, da diese
nicht verseifbar sind.

Bohröle, Bohrfette, sind Stoffe, die in wäß-
riger Lösung oder Emulsion beim Bohren, Fräsen
und Drehen zum Benetzen der Werkzeuge und
Gußstücke benutzt werden, um einerseits, das
Gleiten der Metallteile zu befördern und gleich-
zeitig zu kühlen. Sie müssen also eine größere
Benetzbarkeit als Wasser zeigen und dürfen
weder das Metall angreifen, noch feste Stoffe
ausscheiden. Am besten erfüllten diesen Zweck
die im Frieden ausschließlich benutzten sog.
wasserlöslichen Mineralöle, die durchAuf-
lösen von Ammoniak-, Kali- oder Natronseifen
von Ölsäuren, Fettschwefelsäuren, Plarzsäuren
und Naphtensäuren in Mineralölen, häufig unter
Zusatz von Ammoniak, Benzin oder Alkohol
hergestellt wurden. Sie bilden mit Wasser lange
        <pb n="68" />
        ﻿Boldoblätter

62

Boraxweinstein

Zeit haltbare, milchige Emulsionen. Von den im
Kriege eingeführten ölfreien Ersatzmitteln kom-
men nach Marcusson hauptsächlich Sulfit-
lauge (s. d.), Leimlösungen und pflanzen-
schleimhaltige Flüssigkeiten in Betracht
Die letzteren werden durch Äufkochen von
Leinsamen, Salep oder Karragheen (s. d.) mit
der 20 fachen Menge Wasser und Zusatz von
Alkali oder Konservierungsmitteln hergestellt.
Schließlich sind auch gewöhnliche, stark wasser-
haltige Seifen ohne Mineralöl als B.. angeboten
worden.

Boldoblätter (Boldu, lat. Folia boldo, frz.
Feuilles de boldo, engl. Boldo-leaves), die ge-
trockneten, angenehm riechenden Blätter eines
in Chile heimischen Baumes, der von den Bo-
tanikern verschieden benannt wird (Boldoa
fragrans, Peumus Boldus Molina, Ruizia
fragrans). Die ovalen, kurzstieligen, ganzrandi-
gen, ziemlich dicken und lederartigen Blätter
sind von blaßgrüner bis aschgrauer Farbe, mif
zahlreichen Öldrüsen besetzt und von kampfer-
artigem Geschmack, enthalten außer ätherischem
Öl ein Alkaloid, das B oldin, und werden gegen
Gallensteine und Leberleiden verwandt.

Bolus (Bol, Sphragit, frz. Bol, Terre bo-
laire, engl. Bole). Man unterscheidet im Han-
del: weißen B. (lat. Bolus alba, frz. Bol blanc,
engl. China Clay), einen weißen fetten Ton,
roten B. (lat. Bolus rubra, frz. Bol rouge),
einen eisenoxydhaltigen Ton, der als billige
Anstrichfarbe benutzt wird, und den mehr rot-
braunen armenischen B. (lat. Bolus armena,
frz. Bol d’armbnie), der früher als Arznei-
mittel diente und in Form kleiner Scheibchen
mit dem Ursprungsstempel, daher auch Siegel-
erde (lat. Terra sigillata, frz. Terre sigillde) ge-
nannt, in den Handel gebracht wird.

Bonbons (Zuckerplätzchen, frz. und engl.
Bonbons), Erzeugnisse der Zuckerwarenindu-
strie, welche in folgende Gruppen eingeteilt
werden: i. Karamellbonbons (Karamellen)
bestehen im wesentlichen aus geschmolzenem,
gefärbtem und parfümiertem Zucker und wer-
den in der Weise hergestellt, daß man den
Zucker mit etwas Wasser und Stärkezucker
kocht, dann auf Metallplatten ausgießt und mit
Messern in Stücke schneidet. Zur besseren Zu-
rückhaltung des Aromas werden sie mit Zucker
oder Stärkepaehl bepudert oder mit einer dün-
nen Zuckerlösung überzogen (kandiert). Unter-
arten sind der Gerstenzucker (gewöhnliche,
geschmolzene, gefärbte Zuckermasse in Stan-
genform), Eibischzucker, Malzzucker (mit
Zusätzen von Pflanzenextrakten), Rocks (mit
Fruchtäthern und -säuren), gefüllte Karamellen
(mit einem Kern von Marmelade oder Likör).
2. Fondants entstehen aus bei niederer Tem-
peratur geschmolzenem Zucker, haben daher
weichere Konsistenz und zergehen leichter auf
der Zunge. 3. Pralinös, mit Schokolade über-
zogene Kerne von Zucker und Stärkesirup.

4,	Dragees, äußerlich gefärbte, mit Zucker
überzogene Körnchen von Koriander, Mandeln.

5,	Morsellen, Pastillen.

Bor, ein Element vom Atomgewicht B = 11,
findet sich nicht frei in der Natur vor, kann
aber durch Glühen von Borsäure mit Natrium
oder Magnesium unter einer schützenden Koch-

salzdecke oder durch Elektrolyse von Borax
als ein braunes, schwer schmelzbares, leicht
oxydierbares Pulver abgeschieden werden. Beim
Erhitzen dieses amorphen B. mit Aluminium
auf Nickelschmelzhitze entsteht, neben großen
dunklen Kristallen von Boraluminium, kristal-
lisiertes B., das nur wenig Kohlenstoff ent-
hält und wegen seiner Härte, Lichtbrechung
und Widerstandsfähigkeit als Bordiamant be-
zeichnet wird.

Boral, borweinsaures Aluminium, ein weißes,
in Wasser lösliches Kristallpulver, welches durch
Auflösen von Aluminiumborat in 10 Teilen Wein-
säurelösung (1: 10) hergestellt wird und als
Antiseptikum Anwendung findet.

Borax (saures Natriumborat, Natrium-
bi- oder -tetraborat, zweifach oder dop-
peltborsaures Natron, lat. Borax oder Na-
trium boracicum, frz. Borate de soude, engl. Bo-
rate of sodium), Na2B407, findet sich als sog.
Tinkal fertig gebildet in Tibet, Indien, der Tar-
tarei, Zeylon und Südamerika sowie besonders
in den Boraxseen Kaliforniens, von wo er als
halbraffinierte Ware (konzentrierter B.) in
Säcken und als raffinierter B. in Kisten ausge-
führt wird. Der Name venezianischer B. (B.
veneta) stammt daher, daß der asiatische Tin-
kal früher in Venedig gereinigt wurde. Jetzt
wird der meiste B. künstlich durch Erhitzern
von Borsäure mit Sodalösung hergestellt, und
zwar entweder als gewöhnlicher oder pris-
matischer B. in farblosen, durchsichtigen, nur
oberflächlich verwitternden Kristallen des mo-
noklinen Systems mit 10 Molekülen (47,1 o/0) Kri-
stallwasser und als oktaedrischer B. (Rinden-
oder Juwelierborax) in harten, klingenden
Platten aus fest zusammenhängenden oktaedri-
schen Kristallen .mit 5 Mol. (30,90/0) Wasser,
die nicht verwittern und schwerer schmelzbar
sind. Beide Arten lösen sich in Wasser mit
alkalischer Reaktion, färben nach dem Ansäuern
mit Salzsäure Kurkumapapier nach dem Trock-
nen braunrot und verleihen der Alkoholflamme
eine grüne Färbung. Beim Schmelzen verlieren
sie unter Aufblähen ihren Wassergehalt, so daß
wasserfreier, kalzinierter oder gebrannter B. als
eine leichte, glasartige Masse (Boraxglas) hinter-
bleibt. B. findet ausgedehnte technische An-
wendung, zur Herstellung von Glasuren, Emaille
und einigen Glassorten, als Flußmittel bei der
Reduktion von Metalloxyden, zum Löten, zu
medizinischen Zwecken als Antiseptikum, zu
Wäsche- und kosmetischen Mitteln und zur Ver-
tilgung von Ungeziefer. Zur Konservierung von
Nahrungsmitteln darf B. nicht benutzt werden.

Borax Weinstein (Borsäureweinstein, lös-
licher Weinsteinrahm, lat. Tartarus boraxa-
tus, Tartarus solubilis, Kalium tartaricum bo-
raxatum, frz. Tartrate borico potassique, engl-
Borotartrate of potash and soda), ein amorphes
weißes Pulver von stark saurer, Reaktion, wel-
ches durch Erwärmen von Boraxlösung mit
Weinstein hergestellt wird. Da es zweifelhaft
erscheint, ob B. eine chemische Verbindung
oder ein Gemisch ist, läßt sich eine bestimmte
Formel nicht aufstellen. B. findet in der Medi-
zin als Abführmittel und äußerlich gegen Haut-
ausschläge Anwendung und vereinigt die Wir-
kungen des Borax und Weinsteins.
        <pb n="69" />
        ﻿Borazit

63

Borsäure

Borazit, ein im Staßfurter Abraumsalze (s. d.) I
vorkommendes Doppelsalz von Chlormagnesium
und Magnesiumborat, dient zur Darstellung von
Borsäure. Der kristallisierte Borazit hat die
Zusammensetzung 2Mg3B8015-|- MgClä.

Bordeaux, ein zur Gruppe der Azofarbstoffe
gehöriger roter Teerfarbstoff, der durch Ein-
wirkung von Betanaphtoldisulfosäure auf Di-
azonaphtylamin erhalten wird, findet sich in
zwei Arten, Bordeaux G und R. Die erstere
besteht aus alphanaphtalinazobetanaph-
tol-B-disulfosaurem Natron, die andere
aus demselben Salz der betreffenden A-disulfo-
säure. Man erhält beide als dunkelrote Pulver,
die in Wasser mit tiefroter Farbe, G etwas ins
Gelbliche ziehend, R zum Violett neigend, lös-
lich sind. Die Lösungen werden durch schwä-
chere Säuren nicht verändert. B. wird zum Fär-
ben von Wolle, zuweilen auch als Weinfarbe
benutzt. Als Bordeaux G wird auch ein Dis-
azofarbstoff aus Amidoazotoluolsulfosäure und
Naphtolsulfosäure bezeichnet.

Bordeauxweine, Weine aus dem westlichen
Frankreich, namentlich aus der Umgegend von
Bordeaux, gehören zu den bekanntesten und be-
liebtesten französischen roten Weinen, während
weiße weniger gebaut werden. Infolge der Ver-
wüstungen durch die Reblaus ist die Produktion
dieser Weine sehr zurückgegangen, so daß man sie
nur noch selten echt bekommt, besonders seit-
dem große Mengen griechischen und italieni-
schen Weines zum Verschnitt eingeführt werden.
Bie feinsten roten Sorten der B. sind: Latour,
Lafitte, Larose, Chäteau Margaux und
Chateau Leoville, dann folgen Rauzan,
Beychevelle, d’Yssau, Lascombe, St. Ju-
lien, Palmer Margaux, Chäteau Ponjeaux,
Cantenac, St.Emilion, St.Estbphe, Pouil-
la-c, Pontet-Canet, Medoc, Listrac und
andere. Geringwertigere heißen Demimarque-
Weine. Von weißem B. sind zu erwähnen:
Baut-Sauterne,Barsac,Preignac,Serons,
Braves und Hautes Gaiilac. — Man bezieht
meist auf dem Seewege über Hamburg in
Fässern.

Bordelaiser Brühe, das wichtigste Mittel zur
Bekämpfung der Reblaus, wird durch Ver-
aschung von Kupfervitriollösung mit gelösch-
tem Kalk hergestellt.

Boretsch (lat. Herba boraginis, frz. Feuilles
de borage, engl. Borage-leaves), die eirunden,
jjauhhaarigen, grauen Blätter von Borago of-
inalis, werden selten in der Medizin, haupt-
sachlich in der Küche verwendet.

Borneol (Borny lalkohol, Borneokamp-
er, Kamphol), eine Kampferart, die von dem
duf Borneo und Sumatra heimischen Baume
ryobalanops Camphora, neuerdings aber
juch künstlich durch Reduktion von Laurineen-
«ampfer und aus Terpentinöl gewonnen wird,
1 weiße Kristalle von kampferartigem Ge-
dch, die bei 2030 schmelzen, bei 2120 sieden
nd zu Parfümeriezwecken Anwendung finden.

st^?rneo,a.zetat (Bornylazetat), der Riech-
°tf der Fichtennadelöle, kann künstlich durch
ehandlung von Borneol mit Eisessig dargestellt
lö r 6tl a*s e'n farbloses, in Alkohol und Äther
osüches Kristallpulver vom Schmelzpunkte 290,

das zur Darstellung von künstlichem Fichten-
nadelöl benutzt wird.

Borny val, eine nach Baldrian riechende, wasser-
helle Flüssigkeit, der Isovaleriansäureester des
Borneols, dient als Ersatz für Baldrianwurzel
zu medizinischen Zwecken.

Borol, ein neues Antiseptikum und Konser-
vierungsmittel, welches durch Zusammenschmel-
zen von Borsäure mit Natriumbisulfat erhalten
wird, farblose, glasige Stücke, welche sich in
5 Teilen Wasser zu einer sauer schmeckenden
Flüssigkeit lösen.

Borsäure (Boraxsäure, Bortrioxyd, Se-
dativsalz, lat. Acidum boricum, Sal Sedativum,
frz. Acide borique, engl. Boracic acid), eine
Sauerstoff säure des Bors, kommt in der Natur
sowohl in freiem Zustande als auch in der Form
ihrer Salze, jedoch nur spärlich verbreitet, vor.
In freiem Zustande findet sie sich als triklines,
meist in kleinen Schüppchen oder in fasriger
Form auftretendes Mineral (Sassolin), welches
sich besonders an Kraterwänden, z. B. auf der
Insel Volcano, zeigt, sowie in den Dämpfen
(Suffionen), welche aus natürlichen Klüften
oder künstlichen Bohrlöchern des toskanischen
Kalkgebirges aufsteigen. Man gewinnt sie, in-
dem man die Dämpfe in mit Wasser gefüllte
Bassins leitet und die zunächst erhaltene, sehr
unreine B. durch Umkristallisieren reinigt. In
der Form ihrer Salze kommt die Borsäure in
Verbindung mit verschiedenen Basen vor, be-
sonders mit Natrium (Borax, Tinkal), mitNa-
trium und Kalk (Boronatrokalzit) und mit
Magnesia (Borazit, Staßfurtit). Aus Boro-
natrokalzit wird im großen durch Zersetzen mit
roher Salpetersäure unreine Borsäure gewonnen.
Chemisch reine Borsäure wird aus reinem Borax
hergestellt. Die gewöhnliche im Handel vor-
kommende Säure ist eine normale, dreibasische
Sauerstoffsäure Ortho-B., , H8B03, und wird
daher auch als Borsäurehydrat bezeichnet. Beim
Erhitzen der trockenen Substanz bildet sich zu-
nächst bei ioo° unterWasseraustritt Metabor-
säure, HBOs, dann bei 140—1600 Tetra- oder
Pyroborsäure, H2B407, schließlich bei Glüh-
hitze Borsäure-Anhydrid, B203, welches im
Gegensatz zu der mit Wasserdämpfen flüchti-
gen Borsäure beständig ist. Die Borsäure bildet
kleine, weiße, schwach glänzende, sich fettig
anfühlende Kristallschüppchen von schwach bit-
terem Geschmack, die sich in Wasser nur wenig
lösen. Die Lösung reagiert gegen Lackmus und
Phenolphtalein sauer und erzeugt auf Kurkuma-
papier einen braunen Fleck, der aber im Gegen-
satz zu der durch Alkalien hervorgerufenen Bräu-
nung durch Alkalien blauschwarz gefärbt wird.
Der Flamme des Alkohols, in dem B. nur in kleiner
Menge löslich ist, verleiht sie eine intensiv grüne
Farbe. Auf der Erscheinung, daß eine gegen Phe-
nolphtalein neutralisierte wäßrige Lösung von B.
nach Zusatz von Glyzerin wieder sauer reagiert,
beruht eine einfache quantitative Bestimmung.
B. findet ausgedehnte Anwendung zur Herstel-
lung von Glasuren und Emaillen, zum Tränken
von Kerzendochten sowie in der Pharmazie.
Hingegen ist der früher von Amerika über-
nommene Gebrauch zum Konservieren von
Fleisch und tierischem Fett durch das Reichs-
gesetz betreffend Schlachtvieh- und Fleisch-
        <pb n="70" />
        ﻿f

Borsten

64

Bouillonwürfelersatz

beschau verboten, und auch für die übrigen
Nahrungsmittel darf sie wegen ihrer Schädlich-
keit nicht benutzt werden. Von Salzen der Bor-
säuren finden vor allem Verwendung: Borax
(s. d.), borsaures Manganoxydul (Mangan-
borat, lat- Manganum boracicum, frz. Borate de
mangan&amp;se, engl. Borate of manganese), ein
weißes, in Wasser unlösliches Pulver, das zur
Herstellung von Firnis benutzt wird, und bor-
saures Chromoxyd, Pannetiers Grün, als eine
unschädliche grüne Farbe.

Borsten (Schweinsborsten, frz. Soies de
porc„ poils, engl. Hogs bristles) sind die steifen
und elastischen Haare des Schweines, die für
viele technische Zwecke, namentlich die Bürsten-
und Pinselfabrikation, höchste Bedeutung haben
und, wenigstens in ihrer besten Sorte, den vom
Rücken und Nacken stammenden Kammbor-
sten, durch kein anderes Material ersetzt wer-
den können. Für die Güte der Borsten sind die
Rasse der Tiere und das Klima des Ursprungs-
landes entscheidend. Besonders geschätzt sind
diejenigen des Wildschweins, danach die B.
zahmer Schweine aus den nördlichen und öst-
lichen Ländern, während südlichere Gegenden
nur weichere B. von geringerem Werte liefern,
Die stärksten, längsten und spannkräftigsten B.
kommen aus Rußland und Polen sowie Ru-
mänien. Auch die norddeutsche und ungarische
Ware ist noch als mittelgut zu bezeichnen, hin-
gegen sind Frankreich, Amerika und besonders
England, das seine alten Landschweine durch
neue, fast nackte Züchtungen ersetzt hat, auf
die Einfuhr, z. T. über den deutschen Markt,
angewiesen. Große Mengen, wenngleich weni-
ger guter B. werden aus China und Ostindien
eingeführt. Ein großer Teil der meist in ge-
waltige Fässer verpackten Ware geht über die
Leipziger Messe. Wesentlich für den Wert der
B. ist das sorgfältige Sortieren, das nach ver-
schiedenen Gesichtspunkten erfolgt und u. a.
eine Trennung in zahme und wilde, Winter-
und Sommer-, lebende und tote Ware, d.h.
B. von geschlachteten oder von gefallenen
Schweinen, bezweckt. Von im Winter geschlach-
teten Tieren erzielt man kernigere B. als im
Sommer, kalt ausgeraufte sind besser als durch
Abbrühen oder Kalkbeize losgelöste Haare. Da-
neben verläuft eine Trennung der einzelnen
Haarsorten, indem der Aufkäufer, der vom
Fleischer den ganzen Hautbesatz, übernimmt,
zunächst durch Kämmen das Wollhaar abson-
dert und den Rest nach der Farbe und jede
Farbe für sich wieder in drei Sorten scheidet.
Eine gründlichere Reinigung und Sortierung nach
Länge und Kürze, Steifheit und Weiche nimmt
der Bürstenfabrikant selbst vor. Die Reinigung
erfolgt durch Waschen mit heißer Alaunlösung
oder Seife, daran schließt sich meist eine Blei-
chung durch Sonnenlicht oder schweflige Säure,
bei der besonders die russischen Borsten schöne
Weiße und hohen Glanz annehmen, ohne an
Elastizität einzubüßen. Vielfach werden die
weißen B. für manche Luxuswaren auch wohl
gelb oder rot gefärbt, während bei den miß-
farbigen und scheckigen nur eine Veredelung
durch Schwarzfärben möglich ist. Am teuersten
sind rein weiße, danach gute schwarze B., wäh-
rend rote, braune u. a. als melierte zusammen-

gefaßt werden. Mit dem Reinigen, Zurichten
und Sortieren befassen sich namentlich in Bres-
lau, Frankfurt a. O., Hamburg, Nürnberg, Wien
zahlreiche Fabriken. Die B. kommen entweder
nur oberflächlich gereinigt und sortiert als sog.
Rauhborsten, oder aber zugerichtet als Schu-
ster-, Bürstenbinder-, Pinselbonsten teils
in Schachteln, teils in Paketen in den Handel.
— Die ebenfalls als eine Art verwachsener
Borsten anzusehenden Stacheln des Stachel-
schweins (Hystrix cristata) werden als f^tahl-
federhalter benutzt.

Botano, ein wertloses Geheimmittel gegen
Harnsäure, besteht aus getrockneten Bohnen-
schalen.

Botanybaiholz (Ochsenfleischholz, frz.Bois
de Botanybay, engl. Boeuf-wood). Diesen Na-
men führen i. ein aus Australien in Scheiten
und Brettern zu uns kommendes; von verschie-
denenKasuarineen abstammendes Holz; 2. ein
aus Ostindien kommendes, von der Legumi-
nose Dalbergia latifolia abstammendes, an-
fangs blaues, später tiefschwarz werdendes Holz
(ostindisches Rosenholz, engl. Black-wood).
Das letztere führt also den Namen B. mit Un-
recht. Beide werden zu feinen Tischler- und
Drechslerarbeiten benutzt. — Botanybaiharz
s. Akaroidharz.

Bougies, kleine zylindrische Stäbchen aus
biegsamem Material, welche mit einer Schicht
von Gelatine oder Kakaofett unter Zusatz medi-
kamentöser Stoffe überzogen sind.

Bouillonwürfel (Fleischbrühwürfel, Brüh-
würfel) sind in Würfelform gebrachte Mischun-
gen von Fleischextrakt oder eingedickter Fleisch-
brühe, tierischen Fetten, Suppenwürzen, Ge-
müseauszügen, Gewürzen und Kochsalz, welche
beim Auflösen in Wasser ein der Fleischbrühe
ähnliches Getränk (Suppe) geben. Der Gehalt
an Kochsalz darf 65 0/0 nicht übersteigen, der
Gehalt an Stickstoff muß mindestens 3 o/0) der-
jenige an Fleischextrakt mindestens 7,5 o/0 (mit
o,4S % Kreatinin) betragen. Die letztere Zahl
ist wegen des im Kriege herrschenden Man-
gels an Fleischextrakt reichlich niedrig gewählt
und nach Eintritt normaler Verhältnisse auf 10
bis 150/0 zu erhöhen. Zusätze von Zucker,
Mehl, Pflanzenfett gelten als Verfälschung, Das
Normalgewicht des Würfels ist zu 4 g festge-
setzt worden. Bouillonkapseln, Bouillon-
tafeln usw. nannte man früher ähnlich zu-
sammengesetzte, aber anders geformte Erzeug-
nisse, die • jetzt kaum noch in den Handel
kommen.

Bouillonwürfelersatz nennt man den Bouillon-
würfeln ähnliche Erzeugnisse, welche statt des
Fleischextraktes (s. d.) ein Ersatzmittel des letz-
teren enthalten. Um den ungeheuren Schwindel,
welcher von inländischen und ausländischen,
besonders dänischen, Fabrikanten mit angeb-
lichem B. betrieben wurde, entgegentreten zu
können, hat der Bundesrat am 25. X. 1917 die
Vorschrift aufgestellt, daß der Kochsalzgehalt
30 0/0 nicht überschreiten, der Gehalt an Stick-
stoff aber mindestens 2 0/0 betragen soll. Auch
mit Phantasienamen belegte Würfel müssen die-
sen Anforderungen entsprechen. Suppenwür-
fel (s. d.).
        <pb n="71" />
        ﻿Bouteillenstein

65

Braunkohle

Bouteillenstein, eine dunkelgrüne Abart des
Obsidian vom Härtegrade ^1/2. —Zoll: S. Achat.

Bovril, ein mit Fleischmehl vermischtes Fleisch-
&lt;extrakt.

Braga, das säuerlich schmeckende alkoholi-
sche Nationalgetränk der Rumänen aus ge-
gorener Hirse.

Brandol, Mittel gegen Brandwunden, aus Pi-
krinsäure, Glyzerin und Brennesselabkochung.

Brandsalbe, Blei- oder Zinksalbe, ferner ein
Gemisch aus gleichen Teilen Leinöl und Kalk-
wasser oder ein Gemisch aus 15 Teilen Blei-
essig, 2 Eidottern und 120 Teilen Leinöl.

Brandts’ Schweizer Pillen enthalten nach An-
gabe des Erfinders 1,5 g Extractum Selini, je
1 g Extr. Achilleae mosch., Aloes, Absinthii,
0,5 g Trifolii, Gentianae.

Branntwein (frz. Eau de vie, engl. Brandy)
nannte man ursprünglich die durch Destillation
von Wein erhaltene geistige Flüssigkeit (Kog-
nak), während man heute hierunter alle alko-
holreichen, aus vergorenen Maischen durch D e-
stillation gewonnenen Flüssigkeiten versteht.
Zu ihrer Herstellung können also entweder be-
reits vergorene Flüssigkeiten (Wein, Bier) her-
angezogen werden, aus welchen der Alkohol
abdestilliert wird, ferner zuckerhaltige Stoffe,
wie süße Früchte, Palmensaft, Melasse, welche
vor der Destillation einer Gärung unterworfen
Werden müssen, und schließlich stärkemehlhal-
tige Substanzen, wie Getreide, Hülsenfrüchte,
Kartoffeln, Flechten usw. Die letzteren werden
zunächst zur Verkleisterung der Stärke ge-
dämpft, darauf mit Grünmalz, oder in heißen
Gegenden besser durch Kochen mit verdünnten
Säuren verzuckert und schließlich mit Hefe ver-
goren. Aus der vergorenen Flüssigkeit (Maische)
wird dann der Branntwein durch Destillation
mittels indirekten Wasserdampfes abgeschieden.
Pie vervollkommneten Apparate der Jetztzeit
gestatten, bereits durch einmalige Destillation
einen hochgrädigen Branntwein von 90—93 0/0
gewinnen, während die völlige Reinigung in
besonderen Fabriken durch Rektifikation er-
folgt. Der für technische Zwecke bestimmte B.
lst unter Spiritus (s. d.) behandelt. Die Trink-
branntweine unterscheidet man in der Regel
)n folgende, Gruppen: 1. Gewöhnliche Trink-
branntweine (Schnaps), die meist lediglich
auf kaltem Wege durch Mischung von Kartoffel-
sPhitus, Wasser und sog. Würze hergestellt wer-
den und mindestens 25 Vol. 0/0 Alkohol und
höchstens 0,60/0 Fuselöl enthalten sollen; 2. Korn-
branntwein (Nordhäuser, Münsterländen,
Breslauer, Steinhäger, Fruchtbrannt-
'vein. Westfälischer, Whisky, Korn,
b°ornkaat, Genever), die nach dem Brannt-
'veinsteuergesetze lediglich durch Destillation
v°n Getreide- (Roggen, Weizen, Plafer, Gerste)
“laische gewonnen sein dürfen und nach Han-
uelsgebrauch 30Vol. o/0 Alkohol enthalten müssen;

3-	Bittere, aus Alkohol, Wasser, Auszügen bit-
terer und aromatischer Pflanzenteile sowie auch
unter Zusatz aromatischer Destillate, ätheri-
Sc"er öle, natürlicher Essenzen und Zucker her-
gestellte B. mit mindestens 25 Vol.-°/o Alkohol;

4-	Liköre; 5. Obstbranntweine; 6. Edel-
ranntweine (Arrak, Kognak, Rum). Die
ruppen 4—6 sind in besonderen Artikeln be-

Mercks Warenlexikon,

sprochen. Als Verfälschung der Branntweine
kommt vor allem Wasserzusatz, Verwendung
von vergälltem (denaturiertem) Spiritus und Zu-
satz von sog. Branntweinschärfen in Frage.
Den ersteren erkennt man unmittelbar oder
nach der Destillation mit Hilfe des Alkoholo-
meters, die letzteren meist nach dem Ein-
dampfen an den; scharfen Geruch und Ge-
schmack des Rückstandes. Besonders gefähr-
lich ist der Zusatz des giftigen Holzgeistes
(s. d.) :— Steuer; S. Anhang über das „Ge-
setz über das Branntweinmonopol“ vom 26. Juli
1918. — Der Kleinhandel mit Trinkbrannt-
wein und der Ausschank von Spirituosen unter-
liegt behördlicher Genehmigung.

Brauerpech zum Auspichen von Bierfässern
besteht gewöhnlich aus einer Mischung von
schwarzem Pech mit aromatischen Stoffen (Ben-
zoe) oder von Harz mit Fett. Das B. darf keinen
unangenehmen Geschmack besitzen, was man
am besten dadurch ermittelt, daß man etwas B.
in Feinsprit löst, die Lösung in Wasser gießt
und dieses dann kostet.

Braunkohle (frz. Lignite, engl. Peat, Brown
coal), diejenige fossile Kohle, welche während
der Zeit der Braunkohlen-oder Tertiärformation
zur Ablagerung gelangte, ist hervorgegangen
aus Anhäufungen von mehr oder weniger ver-
kohlten Pflanzenmassen, vorzugsweise aus Torf-
und Sumpfvegetation. Sie tritt sowohl in Form
von Holz (Lignit), Blättern, Stengeln usw., an
welchen ihre Entstehung aus Pflanzenteilen
noch deutlich zu erkennen ist, als auch in amor-
phen, erdigen, dichten, schieferigen und körnigen
Massen auf, welche alle Pflanzenstruktur ver-
loren haben. Die lufttrockene B. besteht aus
65—77 0/0 Kohlenstoff, 4—6 0/0 Wasserstoff, 19
bis 29 0/0 Sauerstoff und o—2 °/o Stickstoff und
enthält außerdem noch Kalk, Tonerde, Kiesel-
säure, welche bei dem Verbrennen als Asche
übrig bleiben. Das spez. Gew. beträgt 0,8—1,5.
Als bekanntere Sorten sind: Gemeine B.,
Schieferkohle, Papierkohle, Moorkohle,
Pechkohle, Alpenkohle und Glanzkohle
anzuführen. Die aus der Zersetzung der Koni-
ferenhölzer hervorgegangene Braunkohle schließt
nicht selten fossiles Harz (Retinit, Pyropissit)
ein, welches in größerer Menge auftretend die
Kohle („Schweelkohle“) zur Darstellung von
Photogen, Solaröl, Paraffin, Karbolsäure ge-
eignet macht. Andere Sorten, welche Schwefel-
oder Eisenkies in größerer Menge enthalten,
werden zur Fabrikation von Schwefelsäure,
Eisenvitriol und Alaun verwendet, so ipn nord-
westlichen Böhmen usw. Die erdige Kohle wird
entweder durch Anmengen mit Wasser durch
Handarbeit oder durch maschinelle Vorrichtun-
gen zu Kohlenziegeln oder Braunkohlen-
steinen geformt oder getrocknet, pulverisiert
und bei höherer Temperatur zu sog. Briketts
gepreßt (s. d.). Durch Vergasung der Braun-
kohle, auch der erdigen Arten, ist es gelungen,
eine so hohe Temperatur zu erzeugen, daß man
damit Glas schmelzen und Tonwaren brennen
kann. — Die bituminösen Pechkohlen (Spiegel-
kohlen) von Falkenau a. E., Neusattel in Böh-
men, von Rötschach-Weitenstein in Steiermark
werden zur Gewinnung guten Leuchtgases be-
nutzt. Auch als Düngemittel wird die Braun-
        <pb n="72" />
        ﻿Braunschweigergrun

66

Brie-Käse

kohle sowohl direkt als auch nach der Ver-
brennung zu Asche verwandt. Die bedeutendste
Braunkohlengewinnung findet sich im nordwest-
lichen Böhmen, welches seine wertvollen Kohlen
nicht nur nach allen Teilen Österreichs, son-
dern auch nach Deutschland sendet, selbst nach
den Gegenden, an welchen viele (aber erdige)
Kohlen vorhanden sind.

Braunschweigergrün, eine * hellgrüne, giftige
Anstrichfarbe aus basischem Kupferkarbo-
nat (basisch kohlensaurem Kupferoxyd),
wird durch Fällung einer Kupfersalzlösung mit
kohlensaurem Natron erhalten und durch Zu-
sätze von Schwerspat oder Gips beliebig ab-
getönt. Unter demselben Namen kommen auch
Gemenge von Schweinfurtergrün mit basisch
kohlensaurem Kupferoxyd in den Handel.

Braunstein (lat. Manganum hyperoxydatum
nativum,frz.Bioxyde de manganfese,engl.Brown-
stone). Diesen Namen führt in der Industrie
und im Handel der Pyrolusit oder das Weich-
manganerz, welches in seinen reinsten Ab-
arten aus Mangansuperoxyd (Mn02) be-
steht, gewöhnlich aber mit andern sauerstoff-
armeren Manganerzen, namentlich mit Manga-
nit gemengt ist. Ausgiebige B.-Gruben finden
sich namentlich in Thüringen (bei Ilmenau,
Öhrenstock, Elgersburg), in der Provinz Nassau,
in Spanien, im Kaukasus, Frankreich und Eng-
land. Man versendet den B. teils in ganzen
Stücken, teils in mehr oder weniger fein ge-
mahlenem Zustande als ein schwarzes Pulver.
Sein Wert richtet sich nach seinem Gehalte an
Mangansuperoxyd, der in der Regel 70—75 0/0
nicht übersteigt, oft aber geringer ist. Der Pro-
zentgehalt wird vom Händler garantiert. Guter
B.muß sich beim Erwärmen mit Salzsäure, ohne
Rückstand zu hinterlassen, auflösen. Verwen-
dung findet er zur Bereitung von Brom, Jod
und Chlor, welches letztere wieder teils direkt
zum Bleichen, teils zur Gewinnung von Chlor-
kalk, chlorsaurem Kali usw. dient. Ferner be-
nutzt man B. in der Glasfabrikation zum Ent-
färben des Glases, zur Bereitung von Mangan-
stahl und schmiedbarem Guß, zu farbigen Töp-
ferglasuren und zur Herstellung verschiedener
Manganverbindungen. Aus den bei der Berei-
tung von Chlorgas in großer Menge abfallenden
manganhaltigen Laugen wird Jetzt das Mangan
wieder für neue Operationen tauglich gemacht
(Regeneration), so daß nur die unvermeid-
lichen kleinen Verluste durch natürlichen B. er-
setzt werden müssen.

Brauselimonaden nennt man die verbreitetste
Gruppe der billigeren kohlensäurehaltigen, al-
koholfreien Getränke, für deren Beurteilung
nach den Beschlüssen der freien Vereinigung
Deutscher Nahrungsmittelchemiker folgende
Grundsätze maßgebend sind: A. 1. Brause-
limonaden mit dem Namen einer bestimmten
Fruchtart sind Mischungen von Fruchtsäften mit
Zucker und kohlensäurehaltigem Wasser. 2. Die
Bezeichnung der Brauselimonaden muß den zu
ihrer Herstellung benutzten Fruchtsäften ent-
sprechen. Letztere müssen den an echte Frucht-
säfte zu stellenden Anforderungen genügen.
3. Eine Auffärbung mit anderen Fruchtsäften
(Kirschsaft) sowie ein Zusatz von organischen
Säuren ist nur zulässig, wenn sie auf der Eti-

kette in deutlicher Weise angegeben werden.
Mit dem Safte von Zitronen, Orangen oder an-
deren Früchten der Gattung Citrus hergestellte
B. dürfen einen Zusatz des entsprechenden Scha-
lenaromas ohne Deklaration erhalten. B. Unter
künstlichen Brauselimonaden versteht man
Mischungen, die neben oder ohne Zusatz von
natürlichem Fruchtsaft, Zucker und kohlen-
säurehaltigem Wasser organische Säuren oder
Farbstoffe oder natürliche Aromastoffe enthal-
ten. In solcher Weise zusammengesetzte B. dür-
fen nicht unter dem Namen „Brauselimonade“
allein gehandelt werden, sondern müssen die
deutliche Bezeichnung „Künstliche Brauselimo-
nade“ oder „Brauselimonade mit Himbeer- usw.
Geschmack“ tragen. C. Der Zusatz von Kon-
servierungsmitteln ist nur insoweit gestattet,
als ihre Gesundheitsunschädlichkeit selbst bei
dauerndem Genuß feststeht. Der Zusatz ist in
jedem Falle nach Art und vorhandener Menge
deutlich zu deklarieren. D. Saponinhaltige
Schaumerzeugungsmittel sind für die unter A
und B genannten Erzeugnisse unzulässig. E. Das
zu verwendende Wasser muß den an künstliche
Mineralwässer zu stellenden Anforderungen ge-
nügen.

Brechweinstein (Antimonkaliumtartrat,
weinsaures Antimonoxydkali, lat. Tartarus
stibiatus, Tartarus emeticus, Stibiokali tartari-
cum, Kalium stibiato-tartaricum, frz. Tartre 6me-
tique, Tartre anthnonial, engl. Tartar emetic),
ein giftiges, namentlich brechenerregend wir-
kendes chemisches Präparat, wird durch Sätti-
gen von gereinigtem Weinstein mit Antimon-
oxyd erhalten und bildet farblose, durchsichtige,
glänzende Kristalle, die an der, Luft bald un-
durchsichtig und weiß werden. Der B. wird
nicht nur medizinisch, und zwar innerlich und
äußerlich, sondern in weit größeren Mengen als
Beize für Anilinfarben in der Färberei und Zeug-
druckerei angewandt. Für medizinische Zwecke
muß er ganz arsenfrei sein. B. muß sich in der
tyfachen Menge Wasser klar auflösen, ein
Rückstand rührt von beigemengtem Weinstein
oder von weinsaurem Kalk her. Verfälschungen
kommen vor mit Zinkvitriol, Chlorkalium usw.

Bremerblau (künstliches Bergblau), eine
giftige, hellblaue Anstrichfarbe, besteht aus einem
Gemenge von Kupferkarbonat und Kupferoxyd-
hydrat. Eine etwas ins Grünliche spielende Ab-
art, Bremergrün, wird durch Zusammenreiben
mit Ölfirnis noch deutlicher grün.

Brennesselkraut (lat. Herba urticae, frz. Ortie,
engl. Nettle), das getrocknete Kraut der Brenn-
nessel, Urtica urens, wird als blutstillendes
Mittel und gegen Hämorrhoiden angewandt.

Brenzkatechin, Oxyphensäure, Orthodioxy-
benzol, C6H4(OH)2, findet sich in den Blättern
des wilden Weins und im Kinogummi sowie
als Produkt der trocknen Destillation verschie-
dener organischer Stoffe im rohen Holzessig,
und wird durch Erhitzen von Guajakol mit Jod-
wasserstoffsäure dargestellt. B. wird als photo-
graphischer Entwickler verwendet. Die weißen
glänzenden Blättchen sind in Wasser, Alkohol
und Äther leicht löslich. Der Schmelzpunkt liegt
bei J040, der Siedepunkt zwischen 240 und 245 °.

Brie-Käse (frz. Fromage de Brie), ein weicher,
überfetter französischer Käse aus dem Departe-
        <pb n="73" />
        ﻿Briketts

67

Brombeeren

ment Seine et Marne, namentlich von Brie comte
Robert und Meaux, kommt in Stanniol einge-
wickelt in scheibenförmigen Stücken in den
Handel und ist sehr geschätzt.

Briketts nennt man aus abgesiebtem Braun-
kohlen- oder Steinkohlenstaub durch Pressen
hergestellte ziegelförmige Stücke, die sich wegen
ihrer regelmäßigen Form gut und leicht zusam-
naenstellen lassen und demnach einen nur ver-
hältnismäßig geringen Raum einnehmen; dabei
geben sie ein sehr gutes Brennmaterial ab, das
sich auch für Lokomotiven und Dampfschiffe
eignet. Der sonst nicht verwendbare Braun-
kohlen- und Steinkohlenstaub läßt sich auf diese
Weise gut verwerten.

Brillantgelb. Diesen Namen führen mehrere
gelbe Teerfarbstoffe, so zwei verschiedene Azo-
farbstoffe aus diazotierterDiamidostilbendisulfo-
säure mit 2 Molekülen Phenol und ein Nitro-
farbstoff, das Dinitroalphanaphtolmonosulfosaure
Natron.

Brillantkongo, 3 verschiedene, durch die Buch-
staben G, R und 2 R unterschiedene Azofarb-
stoffe, welche in Form brauner Pulver in den
Handel kommen und beim Färben verschiedene
Farbtöne in Rot geben. B.-R. entsteht aus dia-
zotiertem Tolidin mit je einem Molekül Naph-
'ylamindisulfosäureR und /9-Naphtylamin-/S-Sul-
fosäure.

Brillantkrozei'n (Baumwollenscharlach),
ein hellbraunes, in Wasser mit kirschroter Farbe
lösliches Pulver, färbt Wolle in sauerem Bade
r°t und besteht aus dem Natronsalze der
Amidoazobenzolazobetanaphtoldisulfosäure.
Brillantponceau und

Brillantscharlach, zwei Azofarbstoffe, die von
öenr Doppelscharlach extra S (s. d.) kaum
verschieden sind.

, Britanniametall. Metallegierungen von fast
silberweißer Farbe, die im wesentlichen aus
'Hnn und etwas Antimon bestehen, häufig aber
^uch kleine Mengen Zink und Kupfer enthalten.
Man fertigt aus dem B., welches sich zu dünnem
“lech auswalzen läßt, verschiedene Geschirre,
^anientlich Teekannen, Löffel, Leuchter usw.,
clle bisweilen auch galvanisch versilbert werden.

Broihahn (B reihahn), ein in den Provinzen
“achsen und Hannover gebräuchliches ober-
Sariges Weißbier.

Brokatfarben sind fein präparierte Glimmer-
Schüppchen, die zum Bedrucken von Tapeten
Jlnd Buntpapieren verwendet werden. Man sor-
’ert das natürlich vorkommende Mineral und
Präpariert es, wodurch man gold- und silber-
farbene Sorten erhält. Auch werden durch Auf-
arben mittels Anilinfarben bunte B. hergestellt.

Brom (Bromine, lat. Bromum, frz. Bröme,
Jrgl. Bromine), ein chemisches Element der
klorgruppe, das in seinen Eigenschaften zwi-
T a6n ^ern gasförmigen Chlor und dem festen
steht und seltener als das erstere, aber
^aufjggr als das letztere auftritt, findet sich in
Natur nicht in freiem Zustande, sondern
s-r jrrForm von Verbindungen, und zwar haupt-
stc^h mit Natrium und Magnesium als Be-
andteil vieler Salzsolen, Mineralwässer und des
^ eerwassers, desgleichen in den Staßfurter und
'“Poldshäller Abraumsalzlagem sowie in nord-
menkanischen Salzlagern. Die Abscheidung des

B., die, ursprünglich in Frankreich und England
heimisch, jetzt nur noch in Deutschland und
Nordamerika ausgeübt wird, erfolgt durch Be-
handlung mit Braunstein und Schwefelsäure
oder auf elektrolytischem Wege. Das reine B.
(Br = 79,92) ist eine schwere, ätzende Flüssig-
keit vom spez. Gew. 3,19 (o°) und fast schwar-
zer, in dünnen Schichten hyazinthroter Farbe,
die beständig; rote Dämpfe von erstickendem
Geruch ausstößt und bei 7,3° zu einer blättrig-
kristallinischen Masse erstarrt. Mit Wasser
mischt es sich nicht, nimmt aber etwas davon
auf, und andererseits löst Wasser etwas B. zu
einer rötlichgelben Flüssigkeit (Bromwasser).
Mit vielen Elementen wie Phosphor, Schwefel,
Arsen usw. verbindet es sich, lebhaft, z. T. unter
Entflammung, zerstört auch organische Stoffe
(Schleimhäute) und wirkt bereits in Verdünnun-
gen 1 :10000 tödlich. Das B. findet vielfache
Verwendung in chemischen Laboratorien sowie
zur:Herstellung von Bromsalzen, und Farbstoffen
(Eosin, Bromindigo), zur Desinfektion und bei
der Goldextraktion. Zum Versand bedient man
sich größerer Glasflaschen, deren eingeschliffene
Stöpsel noch mit geschmolzenem Schellack und
Tonkitt umgeben und gut Überbunden werden.
Die Flaschen werden in Kieselgur eingebettet
und kalt aufbewahrt. Die Gesamtproduktion im
Jahre 1912 betrug in Deutschland 866000 kg, in
Amerika 323000 kg; der Preis sank von 90 bis
95 M. im Jahre 1865 auf etwa 2,50 M. im Jahre
1912 und wird durch die sog. Bromkonvention
geregelt.

Bromalhydrat (lat. Bromalum hydratum, frz.
Bromal hydratö, engl. Hydrate of bromal), eine
dem Chloralhydrat entsprechende Verbindung,
in welcher das Chlor durch Brom ersetzt ist,
erscheint in nadelförmigen Kristallen, welche
sich leicht in Wasser und Alkohol lösen und
bei 53,50 schmelzen. Geruch und Geschmack
sind dem des Chloralhydrats ähnlich. Das B.
wird zuweilen medizinisch verwandt und ist
giftig.

Bromalin, eine weiße kristallinische Substanz
vom Schmelzpunkt 200 °, welche durch Vereini-
gung von Bromäthyl mit Hexamethylentetramin
(s. d.) entsteht und an Stelle von Bromkalium,
dessen unangenehme Nebenwirkungen es nicht
zeigt, bei Epilepsie und Neurasthenie verordnet
wird.

Brombeeren (lat. Fructus rubi nigri, frz.Fruits
de ronce, engl. Black-berry, Brambles), die
glänzendschwarzen, saftreichen, aromatisch rie-
chenden und süßschmeckenden Früchte des be-
kannten, in Wäldern und Hecken häufigen
Brombeerstrauchs, Rubus fruticosus L.,
finden bei uns nur beschränkte Verwertung,
während sie in Nordamerika in großen Mengen
angebaut und zur Bereitung von Brombeer-
wein, Brombeerlikör und Essig sowie von
Marmeladen verwandt werden. Von den ameri-
kanischen Sorten eignet sich am besten die
Kittatinny-B. für den Anbau in Deutschland. —
Die fein behaarten, dunkelgrünen Blätter des
Brombeerstrauchs werden getrocknet als
Herba s. Folia Rubi fruticosi (Brom-
beerblätter, frz. Feuilles de ronce, engl. Bram-
ble-leaves) als Mittel gegen Durchfälle und Ver-
schleimungen verlangt.
        <pb n="74" />
        ﻿Bromipin

68

Bronze

Bromipin entsteht bei Einwirkung von Chlor-
brom auf. Sesamöl als eine durch Geruch und
Geschmack von Fetten nicht unterscheidbare
Masse, welche aber io bzw. 331/s °/o Brom
enthält und daher mit Vorteil statt der Brom-
alkalien medizinische Anwendung findet.

Bromkampfer (Monobromkampfer, lat.
Camphora monobromata, frz. Bromure de cam-
phrc, engl. Bromide of Camphor) wird durch
Einwirkung von Brom auf Kampfer gewonnen
und bildet lange, farblose Kristalle von starkem
Kampfergeruch. B. wird in der Medizin zum
innerlichen Gebrauch verwendet und dient auch
als Gegenmittel bei Strychninvergiftungen.

Bromoform, CHBr3, (Formylbromid, Tri-
brommethan, lät. Bromoformium, frz. Bromo-
forme, engl. Bromoform), eine dem Chloroform
ähnliche schwere, farblose, betäubend gewürz-
haft riechende, mit Wasser nicht mischbare
Flüssigkeit vom spez. Gew. 2,19 und dem SP.
148°, wird zuweilen medizinisch gegen Keuch-
husten verwandt.

Bromokoll, eine Verbindung von 200/0 Brom
und Tannin mit etwa 30 0/0 Leim, welche durch
Fällung einer Bromtanninlösung mit Leim ent-
steht, ist ein schwach gelbliches, geruch- und
geschmackloses Pulver, das als Ersatz für Brom-
alkalien benutzt wird.

Bromol, medizinischer Name für das durch
Fällung von Phenollösung mit Brom entstehende
Tribromphenol, das neuerdings als Antisepti-
kum empfohlen wird.

Bromwasser, Auflösung von Brom in Wasser.
Die gesättigte Lösung enthält 1 g Brom in
30 Teilen Wasser. Zu medizinischen Zwecken
wird 1 Teil Brom in 200 Teilen Wasser gelöst.

Bromwasserstoff (Bromwasserstoffsäure,
Hydrobromsäure, lat, Acidum hydrobromi-
cum, frz, Acide hydrobromique, engl. Hydro-
bromic acid), die wässerige Lösung des Brom-
wasserstoffgases (HBr) in Wasser, eine farb-
lose, an der Luft rauchende, stark sauere Flüs-
sigkeit vom spez. Gew. 1,200, findet zu chemi-
schen und medizinischen Zwecken Verwendung,

Bronil, ein mit 10 o/0 Schmieröl getränktes Ge-
misch von Sand und Kreide, das als Kehrmittel
zur Beseitigung der Staubplage empfohlen
wurde.

Bronze (frz. Bronze, engl. Hard brass) nannte
man ursprünglich die älteste bekannte Metall-
legierung aus Kupfer und Zinn, die schon in
vorgeschichtlicher Zeit (Bronzezeit) zur Her-
stellung von Waffen und Gebrauchsgegenstän-
den benutzt wurde; später wurde der Name
auch auf Legierungen aus Kupfer, Zinn und
anderen Metallen, besonders Zink und Blei,
übertragen. Von der Zusammensetzung der B.
sind ihre Eigenschaften, wie Farbe, Härte, P.o-
liturfähigkeit, Klang, Dehnbarkeit, Festigkeit in
hohem Grade abhängig. Die Farbe ist bei
einem Zinngehalte von x —ioo/0 rot, rotbraun
bis rotgelb, bei 15 0/0 reingelb, bei 20 o/0 gelblich-
weiß, geht dann durch Reinweiß bei 50—650/0
in Grauweiß und bei noch größerem Zinngehalt
in die Farbe des Zinns über. Durch Zusatz von
Zink läßt sich der gelben B. ein schönerer,,
wärmerer Ton verleihen, und die neueren Sta-
tuen enthalten daher, auch des geringeren Prei-
ses wegen, meist erhebliche Zinkmengen. Die

Härte nimmt bis etwa 30 0/0 Zinn zu, bei höheren
Gehalten wieder ab. B. mit 28—300/0 Zinn ist
so hart, daß die Feile kaum angreift, auch
zeigen diese harten Legierungen bei dichtem
und feinkörnigem Gefüge große Politurfähig-
keit. Der Klang wird nicht nur durch Zink
und Blei, die in gewöhnlichen Glocken und
Klingeln vorhanden sind, sondern auch durch
in älteren Kirchenglocken angeblich beobachte-
tes Silber ungünstig beeinflußt. B. läßt sich aus-
gezeichnet gießen, bei geringerem Zinngehalt
auch gut dehnen und kalt mit dem Hammer be-
arbeiten, durch Eintauchen glühender Stücke in
kaltes Wasser weicher und dehnbarer, durch
langsames Abkühlen härter und spröder machen.
Wegen der Vielseitigkeit ihrer Eigenschaften
findet die B. zur Herstellung der verschieden-
artigsten Gegenstände, von den schwersten
Glocken und Maschinenteilen bis zu den zier-
lichsten Schmucksachen und Kunstwerken, Ver-
wendung, und für jeden Zweck kann die er-
strebte Wirkung durch geeignete Wahl des Mi-
schungsverhältnisses erreicht werden. Als wich-
tigste B. seien angeführt: Glockenmetall
(Glockenspeise) aus 78—80 o/0 Kupfer und 22.
bis 200/0 Zinn; K a n o n en m e t al 1, Geschütz-
B. aus 90—91 0/0 Kupfer, 10—90/0 Zinn. Die ähn-
lich zusammengesetzte Stahl- oder Uchatius- I
B. (920/0 Cu, 8 0/0 Sn) hat durch hydraulischen
Druck in kaltem Zustande eine Erhöhung der
Elastizität, klärte und Festigkeit erfahren, die
sie dem Stahl gleichstellt. Statuenbronze
zeigt stark wechselnde Zusammensetzung und
enthält meist Zink und oft auch etwas Blei;
Spiegelmetall, eine weißliche, harte und
sehr politurfähige B. für optische Spiegel ent-
hält viel Zinn (28—350/0) und häufig etwas
Nickel. Münz-B. für sog. Kupfermünzen be- 1
steht in Deutschland, Frankreich, England usw.
aus 950/0 Kupfer, 40/0 Zinn und 1 o/0 Zink, Ma- i
schinenbronze für Lager, Kolbenringe, Ven-
tile, Hähne, Pfeifen aus 80—90 o/0 Kupfer, 10 bis
180/0 Zinn und meist etwas Zink, Blei oder auch
Antimon. Phosphor-B. nennt nian nach dem
Vorschläge von Montefiori-Levi und Künzel
unter Zusatz von etwas Phosphor hergestellte
B., die sich durch besondere Elastizität, Festig-
keit, Härte, Feinheit des Korns, Dünnflüssigkeit
auszeichnet und daher zu Geschützen, Geweh-
ren, Patronenhülsen und stark beanspruchten
Maschinenteilen viel benutzt wird. Sie enthält
zwar bisweilen, aber nicht immer, geringe Men-
gen Phosphor, der lediglich als Reduktions-
mittel dient, ihm ähnlich wirken Mangan in
der sehr zähen und festen Mangan-B., Si-
licium in der dehnbaren, zu Leitungsdrähten
verwendbaren Silizium-B., während Wolf-
ram-B. sehr zähe, hämmer- und walzbar, Alu-
minium-B. leicht schmelzbar ist. Alle diese
letzteren B. sind kupferreich (95—970/0), wäh-
rend die namengebenden Stoffe nur in geringer
Menge, vorhanden sind. — Hauptorte der B.-
Gießerei sind Paris, Wien, Berlin, Frankfurt, 1
Nürnberg, der Erzeugung von Phosphor-B. Lüt-
tich, Iserlohn, London, Pittsburg. — Besonders
geschätzt wird die Eigenschaft echter B., sich
unter dem Einflüsse der Luft mit einer grünen
Oxydschicht, der Patina, zu überziehen. Die
Versuche, diese Patina, die sich in der unreinen

EZS
        <pb n="75" />
        ﻿Bronzefarben

69

Brot

schwefelhaltigen Luft der Großstädte jetzt nur
langsam oder gar nicht bildet, durch Behand-
lung mit wäßrigen Lösungen von Salmiak, Wein-
stein, Kochsalz und Kupfernitrat künstlich zu
erzeugen, haben noch nicht zu befriedigenden
Erfolgen geführt.

Bronzefarben (Bronzepulver, frz. Bronze
en poudre, engl. Bronze powder) nennt man
metallisch glänzende Farbpulver, welche teils
aus fein geriebenen Abfällen der Metallschläge-
rei, teils aus gepulverten und fein geschlämmten
Metallegierungen bestehen und durch vorsichti-
ges Erhitzen, durch Zusatz von wenig Fett oder
durch Mischen mit Teerfarben in verschiedenen
Tönen dargestellt werden. Die kostbarsten sind
selbstverständlich die aus echtem Gold und Sil-
ber bestehenden B.; der echten Goldbronze sehr
ähnlich ist die Wolframbronze. Unter vege-
tabilischen B. versteht man stark konzen-
trierte Farbstoffe aus dem Blau- und Rotholz,
die zum Bedrucken von Buntpapier und Luxus-
leder dienen und nach dem Glätten, Satinieren,
schönen Metallglanz annehmen. Man verwendet
die B. zur Verzierung von Holz, Gips, Papier-
mache, Tonwaren, zum Buntdruck usw.

Bronzeöl (Bronzetinktur, frz. Huile de bronze,
engl. Bronze-oil) ist eine Auflösung von säure-
freien Harzen, z. B. Dammar, Kopal, Schellack,
m französischem oder amerikanischem Terpen-
tinöl, unter Zusatz von etwas Firnis oder,Stand-
öl. Reagiert das B. sauer, so dunkeln die damit
verrührten Bronzefarben rasch nach.

Brot nennt man das aus dem Mehl von Ge-
treide, in zurücktretendem Maße auch von Le-
guminosen, vermittels des Backprozesses her-
gestellte Erzeugnis, welches das wichtigste Nah-
rungsmittel des Kulturmenschen bildet . Als Vor-
läufer unserer heutigen Backwaren haben wir
die sog. ungesäuerten Brote der alten Germanen
ünd gewisser Naturvölker Afrikas sowie die von
den Juden zum Passahfeste verzehrten Matzen
unzusehen, die einfach durch Trocknen eines
aus Mehl und Wasser bestehenden Teiges be-
reitet wurden. Diese ursprünglichen Erzeugnisse
leiden an dem Fehler, daß sie die Stärkekörner
*n nahezu unverändertem Zustande enthalten
und überdies zu dicht sind, als daß sie von
uen Säften des Körpers leicht angegriffen und
verdaut werden könnten. Zur Erzielung eines
brauchbaren Nahrungsmittels müssen die Stärke-
Körner zuerst zersprengt und chemisch umge-
'vandelt werden, während gleichzeitig durch
mckerung des Gefüges die Einwirkung der
Verdauungssäfte erleichtert wird. Beides ge-
schieht in der Brotbäckerei durch Mikroorganis-
men, und zwar durch Hefe (Weißbrotbäckerei),
ml er durch ein Gemisch von Hefe und Bak-
erten, wie es im Sauerteig vorhanden ist, oder
endlich durch Bakterien allein, wie sie bei der
feiwillig eintretenden Gärung des Schrotbrotes
j'-Ur Wirkung gelangen. Der Vorgang der Brot-
Leitung besteht also darin, daß zunächst ein
etnisch aus Mehl, Wasser und etwas Kochsalz
Zusatz von Hefe oder Sauerteig hergestellt
.ml bei mittlerer Temperatur der Gärung über-
t Ssen.wird. Dadurch findet in erster Linie eine
u ^eise Umwandlung der Stärke in Dextrine
. ( Zucker statt, von denen der letztere unter
em Einflüsse der Mikroorganismen in Alkohol

und Kohlensäure zerfällt. Beim Erwärmen deh-
nen sich die entstandenen gasförmigen Körper
aus, bilden in der durch ihren Klebergehalt
elastischen Masse mehr oder weniger große
Hohlräume und bewirken somit ein Aufgehen
des Teiges. Der folgende Backprozeß bei Tem-
peraturen von 160—3000, die aber im Inneren
des Brotes xoo0 nicht übersteigen, lockert den
Teig noch weiter, treibt die gebildeten Gase
und einen Teil der Feuchtigkeit aus und erhöht
somit ebenfalls die Verdaulichkeit, Der Vor-
schlag, an Stelle der Hefe, mit deren Verwen-
dung Stoffverluste von 2—3 °/o verbunden sind,
Backpulver (s. d.) zu nehmen, hat selbst wäh-
rend der Kriegszeit keinen Anklang gefunden,
weil der Geschmack darunter leidet. — Seiner
chemischen Zusammensetzung nach ist
das Brot im wesentlichen ein Kohlenhydratnah-
rungsmittel, in welchem' Stärke, Zucker und
Dextrin, d. h. die sog. stickstofffreien Nährstoffe,
überwiegen. Daneben enthält es aber immerhin
ziemlich beträchtliche Mengen Eiweißstoffe,
während der Gehalt an Fett zurücktritt. Mit
Ausnahme des selten vorkommenden Hafer-
brotes, dessen Fettgehalt 7—8 0/0 beträgt, ent-
hält das Brot durchschnittlich 40 o/0 Wasser, 6 bis
7 0/0 Protein, 0,50/0 Fett, 1,50/0 Mineralstoffe und
50 0/0 Kohlenhydrate. — Seit Jahren hat man Ver-
suche zur Verbesserung der jetzt üblichen Brot-
bereitung unternommen, welche sich vor allem
auf eine Verringerung der mit dem heutigen
Verfahren der Hochmüllerei verbundenen Stick-
stoffverluste richteten. Tatsächlich befinden sich
ja die Eiweißstoffe des Getreidekorns vorwie-
gend in der äußeren Schalenzone und gehen
mit der Kleie verloren, und man hat daher emp-
fohlen, das ganze ungeschälte oder teilweise
geschälte Korn zur Brotbereitung zu verwerten.
Ob diese Erzeugnisse, zu denen von neueren
Erfindungen Avedyks und Simons Brot,
ebenso wie die altbekannten Schrotbrote und
Pumpernickel gehören, nun allerdings auch wirk-
lich einen höheren Nährwert besitzen, erscheint
neuerdings wieder fraglich, weil die durch den
höheren Holzfasergehalt bedingte Darmreizung
eine geringere Ausnutzung im Gefolge hat. Auch
das sog. Steinmetz-Brot, bei welchem unter
Entfernung der Schalen eine Anreicherung des
Klebers herbeigeführt wird, scheint ebenso wie
das Grahambrot, ein für Diabetiker bestimm-
tes Schrotbrot aus ungegorenem Teig, die Aleu-
ronatbrote (s. d.) u. a. auf einen engeren Kreis
von Verbrauchern beschränkt geblieben zu sein.
— Als Verunreinigung bzw. Verfälschung
des Brotes hat vor allem die Verarbeitung von
Mehl mit Unkrautsamen, Brandsporen und Mut-
terkorn zu gelten, ferner der Ersatz von Roggen-
oder Weizen- durch geringwertigere Mehle von
Kartoffeln und Mais, der Zusatz von Alaun,
Kupfer- und Zinksalzen. Als Verfälschung ist
ferner zu beurteilen die Verwendung alter Brot-
und Teigreste, die Beimengung sog. aus Pa-
raffin bestehender Brotöle und die Einverlei-
bung ungebührlicher Wassermengen. Gegen
letztere schützen städtische Verwaltungen sich
meist durch Festsetzung eines Höchst Wasser-
gehaltes, die in Dresden zu 45 °/o getroffen wor-
den ist. Für die Kriegsdauer sind gewisse Aus-
nahmen von diesen Grundsätzen (Zusatz von
        <pb n="76" />
        ﻿Briinellen

70

Buckskin

Kartoffelmehl zum K.-Brot) vorgeschrieben,
deren baldige Aufhebung anzustreben ist.

Briinellen (Prünellen) sind Obstkonserven,
welche aus geschälten Zwetschen durch starke
Schwefelung und nachfolgendes Trocknen an
der Sonne hergestellt werden und in Holzkisten
von 1/4—25 kg, meist i21/2 kg, Inhalt zum Ver-
sand gelangen. Der Ursprung der Fabrikation
ist in Frankreich zu suchen, jedoch kommt fin-
den deutschen Markt jetzt fast nur noch das
Görzer Gebiet, welches jährlich 10000 dz im
Werte von 1 Million Kronen erzeugt, sowie die
ständig ansteigende beträchtliche Ausfuhr Kali-
forniens in Frage. Der Gehalt an schwefliger
Säure, der zwar bei den Görzer B. ziemlich
niedrig ist, bei den amerikanischen Erzeugnissen
aber eine beträchtliche Höhe erreicht, soll0,1250/0
nicht übersteigen.

Brussawein, ein gelblichgrüner Wein aus der
Gegend von Brussa in Kleinasien, ist den weißen
Bordeauxweinen ähnlich, nur gerbstoffreicher
und schwerer und bildet den besseren Tischwein
der Christen im Orient.

Brustbeeren (lat, Fructus jujubae, frz. Jujube,
engl. Jujube-berries) sind die Früchte von Zi-
zyphus vulgaris und Z. lotus. Erstere wer-
den französische, letztere italienische B. genannt.
Sie besitzen eine rote Farbe, schmecken süß
und werden bei katarrhalischen Leiden ver-
wandt,

Bruzin (lat. Brucinum, frz. Brucine, engl. Bru-
cin), ein neben Strychnin in den Krähenaugen
(s. d.) und der falschen Angosturarinde enthal-
tenes giftiges Alkaloid, welches beschränkte
medizinische Anwendung findet, besteht aus
farblosen, bitter schmeckenden Kristallen und
bildet mit den Säuren die Bruzinsalze.

Buccoblätter (lat, Folia bucco, frz. Feuilles de
bucco, engl. Buchu-leaves), ein Artikel des Dro-
genhandels, von dem zwei Arten, runde und
lange B., beide aus Südafrika, unterschieden
werden. Die runden (Folia bucco rotundae)
bilden die gewöhnliche Sorte, werden von meh-
reren Arten Barosma gesammelt und sind
lederartig, eiförmig, am Rande gekerbt und
gelblichgrün. Die langen (Folia bucco longae)
stammen von Empleurum serratifolium, E.
ensatum, und sind schmäler und länger als die
ersteren. Die bitter schmeckenden, nach Katzen-
urin riechenden B. enthalten 0,8—2,5 o/0 eines
ätherischen Öles sowie Harz und Schleim und
werden als harntreibendes Mittel angewandt.

ßuchdruckfarben sind Gemische von Firnis
mit Ruß (Druckerschwärze) oder Mineralfarben,
wie Zinnober, Ultramarin, Berlinerblau, Chrom-
grün, Ocker.

Bucheckern (Buchein, lat. Nuces fagi, frz.
Fruits de htee, engl. Beech-nuts),, die Früchte
der Buche, Fagus silvatica, bilden ein vor-
treffliches Mastfutter für Schweine, sind aber
andern Haustieren schädlich. Man sammelt sie
zur Aussaat, zur Fütterung, zur Ölgewinnung
und zur Verwendung als Kaffee-Ersatz. Zur
Aussaat werden die B. durch den Handel ver-
breitet.

Bucheckernöl (Buchenkernöl, lat. Oleum nu-
cum fagi, frz. Huile des fruits de h6tre, engl.
Beech-oil), das zu etwa 17 0/0 in den Früchten
der Rotbuche, Fagus silvatica, enthaltene fette

Öl wird durch Pressen gewonnen und ist, na-
mentlich wenn es kalt und aus geschälten
Früchten gepreßt wurde, ein vortreffliches
Speiseöl. Man gewinnt es hauptsächlich in
Thüringen, der Provinz Hannover und in Frank-
reich. Es ist gelb, geruchlos, hat ein spez.
Gew. von 0,9225 und erstarrt bei —17,5°.

Buchsbaumholz (Buchsholz, frz, Bünit, engl.
Box-wood) von Buxus sempervirens, ist ein
sehr wertvolles, hartes, äußerst dichtes und halt-
bares Holz von gelblicher bis gelber Farbe. Das
europäische B., aus Italien, Südfrankreich und
Spanien sowie das etwas dunklere westindische
B. wird zu Drechslerarbeiten und zur Verferti-
gung musikalischer Instrumente, Flöten und
Oboen benutzt. Das türkische und kleinasia-
tische sowie das aus Persien und dem Kaukasus
dagegen, welches sich durch eine größere
Gleichmäßigkeit auszeichnet, wird für Holz-
schnitte angewandt und zu diesem Zwecke in,
der Hirnfläche parallele, Scheiben geschnitten.
Es kommt über Konstantinopel und geht meist
nach England, zum kleineren Teile nach Triest.

Buchweizen (Heidekorn, frz. Blö noir, engl.
Crap, Darnel, Buck-wheat), eine Polygonazee,
wird auf ärmerem, sandigen Boden, hauptsäch-
lich in den Heidegegenden der germanisch-sar-
matischen Tiefebene und den nordischen Ge-
birgsländern angebaut und bildet hier vielfach
neben dem Hafer die einzige Mehlfrucht. In
den Ebenen Nordwestdeutschlands und Hollands
brennt man die Moore einfach ab und sät den
B, in die noch warme Asche. Der Körnerertrag
kann sehr reichlich ausfallen, ist aber meist un-
sicher, besonders wenn es an befruchtenden fn-
sekten (Bienen) fehlt. Als Stammpflanzen unter-
scheidet man Polygonum fagopyrum und P.
tartaricum, von denen die erstere den sog.
gemeinen, meist in Europa angebauten Buch-
weizen liefert, während die letztere, der minder-
wertige sibirische oder schottische Buchweizen,
meist nur als Futter- und Düngungspflanze an-
gebaut wird. Die im gemeinen B. bisweilen als
Verunreinigung angetroffenen Samen der ta-
tarischen Art können an ihren ausgeschweiften
Kanten bestimmt werden. B. wird im geschäl-
ten Zustande sowohl als Grütze wie als Mehl
verwandt. Das letztere besitzt eine bräunlich-
weiße bis graue Farbe, zeichnet sich durch einen
ziemlich hohen Gehalt an Protein und Fett,
neben allerdings ebenfalls beträchtlichem Roh-
fasergehalt aus und dient zur Herstellung von
Suppen, Pfannkuchen, Würsten usw., eignet sich
aber nicht besonders zur Brotbereitung. Die
Kleie, wie das Stroh, bilden wertvolle Futter-
mittel. Als Handelsartikel kommt dem B. nur
untergeordnete Bedeutung zu, weil er meist an
Ort und Stelle verbraucht wird.

Buckskin, (v. d. Engl, buck-skin, wörtlich Bock-
fell), eine Gattung viel fabrizierter Wollstoffe,
welche an Stelle von Tuch hauptsächlich als
Beinkleider, in stärkerer Herstellung auch als
Röcke (Paletotstoffe) getragen werden, sind mit
wenig Ausnahmen Köpergewebe und haben als
solche mehr Elastizität als die Tuche. Sie sind
mehr oder weniger gewalkt, auf der rechten
Seite glatt geschoren, ohne vorher gerauht zu
sein, und besitzen infolge der stärkeren Drehung
des Garnes nicht den Glanz des Tuches. Die
        <pb n="77" />
        ﻿Büretten

71

Burgunder

Stoffe sind meistens gestreift, kariert oder sonst
gemustert. Nach der Dicke unterscheidet man
Winter- und Sommerbuckskin. Der erstere
besteht aus stärkerem Wollgarn (Streichgarn)
und ist als Paletotstoff oft ungemustert, wäh-
rend zu der Sommerware ein sehr dünnes ge-
zwirntes Streichgarn benutzt wird. Wohlfeile
Waren sind jedoch vielfach mit Baumwoll- oder
Leinengarn gemischt, oder bisweilen sogar ohne
alle Wollzutat gefertigt. England stellt beson-
ders große Mengen her, während die französi-
schen B. sich durch geschmackvolle Muster aus-
zeichnen. Die besten in Deutschland erzeugten
B. kommen als niederländische aus den Fa-
brikstädten der preußischen Rheinprovinz, andere
von Berlin, Brandenburg, Burg, Spremberg,
Kottbus, Forst, Grünberg, Krimmitschau, Wer-
dau, Meerane, Kirchberg, Lengenfeld, Hainichen
und Heidenheim. Hauptfabrikationsorte in Öster-
reich sind Brünn und Reichenberg. Sehr dünne
und leichte B. heißen Doeskins (Rehfell, v. d.
Engl, doe-skin).

Büretten sind zum genauen Abmessen von
Flüssigkeiten bestimmte Maßgefäße, die aus
einem mit feiner Skala versehenen Glaszylinder
und einer Abflußvorrichtung bestehen und nach
der Form der letzteren in Gieß-B., Blase-B.,
Glashahn- und Quetschhahn-B. unterschieden
werden. Zum Aufstellen der, besonders in Thü-
ringen hergestellten B. bedient man sich der
B.-Stative und -Etageren.

Bürsten (frz. Brosses, Vergeltes, engl. Brushes).
Hie Herstellung der B., die früher ausschließ-
lich Handarbeit (Bürstenbinderei) war, ist
jetzt zum größten Teil in Fabrikbetrieb mit
Hampfkraft übergegangen. Hauptsitze sind u. a.
in Schönheide (Erzgebirge) und Umgegend
(Rothenkirchen, Rautenkranz), weitere Fabriken
•n München, Freiburg in Baden, Donaueschin-
gen, Hameln. Das Hauptmaterial zur Herstel-
lung liefern die Schweinsborsten von dem
Rücken des Schweines (vgl. Borsten). Nächst
den Rückenborsten, die sich durch ihre
Länge und Steifheit neben großer Elastizität
nuszeichnen und gewöhnlich zu Kleiderbür-
sten verarbeitet werden, verwendet man auch
Borsten von andern Körperteilen des Schweines,
die jedoch weicher sind und zur Herstellung
der milden Samtbürsten dienen. Zu dem
gleichen Zwecke benutzt man auch die Borsten
junger Schweine und Ziegenhaare. Pferdehaare
verwendet man zu Glanzbürsten und Zahn-
bürsten. Von Pflanzenfasern finden hauptsäch-
hch die Piassavafaser (s. d.) unddieKokos-
nußfaser, ferner Reisstroh und Reiswur-
Zeln Verwendung. Endlich hat man auch Me-
tallbürsten oder Drahtbürsten aus Draht
v°n Eisen, Stahl, Messing oder Kupfer für ver-
schiedene gewerbliche Zwecke. Feine Stahl-
bürsten werden sogar als Plaarbürsten be-
butzt. Zur Fassung der Borsten bei den ein-
acheren Sorten dienen gewöhnliche harte Höl-
5,er&gt; wie Buche oder Eiche, in ihrer natürlichen
tj arbung. In der Regel wird jedoch, damit man
a.le Einziehdrähte nicht sieht, auf der Oberseite
*bbe Deckplatte befestigt, die aus mehr oder
Weniger feinem Holze gefertigt, lackiert, po-
crt oder mit Furnier belegt wird. Die Borsten-
Ur&gt;del einer guten Kleiderbürste müssen dicht

stehen, nach dem Niederdrücken oder Umbiegen
sofort wieder in ihre frühere Lage zurückkehren
und dürfen weder zu hart, noch zu weich sein.
Nur die bereits erwähnten Samtbürsten, welche
sehr weich sein müssen, machen hiervon eine
Ausnahme. Die Haarbürsten sind meistens
mit Handgriff versehen und besitzen eine der
Wölbung des Kopfes entsprechende gekrümmte
Form, obschon auch viele so verfertigt sind,
daß die Borstenoberfläche in der Mitte etwas
stärker hervortritt als nach dem Rande hin. Die
Borsten dürfen nicht zu weich sein, da sie sonst
nicht in das Haar eingreifen, sondern sich nur
umbiegen. Dasselbe gilt von den Haut- und
Nagelbürsten. Die Zahnbürsten müssen mit
besonderer Sorgfalt angefertigt werden und
dürfen nicht zu hart sein. Die Fassung ge-
schieht in Knochen oder Elfenbein, nicht selten
mit zierlich geschnitztem Griff. Scheuerbür-
sten und Schuhbürsten sind hart und kurz-
borstig. Kratzbürsten von Metalldraht wer-
den teils zum Reinigen von Feilen, teils zum
Abreiben von Metallen und beim Bronzieren
benutzt.

Buffalorubin, ein braunes, in Wasser mit roter
Farbe lösliches Pulver, färbt Wolle in saurem
Bade rot und besteht aus dem Natronsalze der
Alphanaphtylaminazonaphtoldisulfosäure.

Bullrichs Salz, s. Doppeltkohlensaures Natron.

Buntpapiere (Bunte Papiere, frz. Papiers
peints, Papiers de couleur, engl. Coloured pa-
pers) nennt man alle farbigen, nicht weißen
Papiere, und zwar sowohl solche, die in der
ganzen Masse gefärbt sind, als auch diejenigen,
welche die Färbung nur auf einer Seite mittels
Anstrichs erhalten haben. Im ersteren Falle ver-
wendet man entweder farbige Lumpen (natur-
farbige Papiere), oder man setzt dem aus
halbweißen Hadern bereiteten Ganzstoff Farben
zu (im Zeug gefärbte Papiere). In einigen
Fällen verfährt man auch so, daß man die
Bogen ohne weiteres durch eine Farbstoffbrühe
zieht. Die mit Anstrich auf einer Seite versehenen
B. sind entweder einfarbig oder mehrfarbig
marmoriert und gemustert und fast alle geglättet.
Zu den in der Masse gefärbten B. gehören die
Affichenpapiere und die dunkelblauen B. für
Schreibhefte. Die marmorierten werden haupt-
sächlich zum Bekleben der Bücherdeckel und
Papparbeiten verwendet. Zur Aufbewahrung
und Verpackung von Nahrungs- und Genuß-
mitteln bestimmte Papiere dürfen nicht mit ge-
sundheitsschädlichen (s. d.), Tapeten nicht mit
arsenhaltigen Farben hergestellt werden.

Burgunder, berühmte französische Weine aus
Ober- und Nieder-Burgund, Maconnais und
Beaujolais. In der zu Ober-Burgund gehörigen
Cöte d’or wachsen die edelsten Rotweine, vor
allem in den Lagen von Romande-Conti, Riche-
bourg bei Vosne, Bongeot, Mont-Rochet bei
Puligny (auch weiß), St. Georges bei Nuits und
Corton bei Aloxe. Sehr feine Sorten sind ferner
Volnay, Pommard, Beaune, Chambole, Savigny,
Meursault und Blagny. Als gewöhnliche Tisch-
weine werden endlich verwendet Gevrey, Sante-
nay und andere. Der Weinbau in Nieder-Bur-
gund ist zwar der Menge nach bedeutender,
erreicht aber die Feinheit der Hochgewächse
der Cote d’or nicht. Dennoch gehören auch
        <pb n="78" />
        ﻿Butter

72

Butter

jene Weine zu den besten Sorten Frankreichs,
so namentlich die Rotweine von Dannemoine
(Olivotes, Montsavoye, Poinsot), von Tonnerre
(Pittoy, Ferneres, Preaux, Chartoux) und von
Auxerre (Grande c6te, Clos de la Chainette). —
Die Weißweine Nieder-Burgunds werden
hauptsächlich zur Schaumweinfabrikation ver-
wendet. Hierher gehören die Chablis, Grisdes
von Epineuil, Vaumorillon von Jaunay usw.
Das Maconnais und Beaujolais liefern vor-
zugsweise Rotweine: Moulin ä vent von Torins,
Chinas, Fleury, Romanhche, Brouilly, Villiers.
Leider sind die B. sehr schwer echt zu erhal-
ten, weil sie schon in Frankreich stark ver-
schnitten und mit Sprit versetzt werden.

Butter (frz. Beurre, engl. Butter) ist das er-
starrte, aus der Milch abgeschiedene Fett, wel-
chem infolge seiner Herstellung noch gewisse
nicht entfernbare Mengen von Milchbestand-
teilen, wie Wasser, Kasein, Milchzucker und
Mineralstoffe anhaften, und welches außerdem
in Norddeutschland meist noch einen Zusatz von
Kochsalz erhält. Zur Bereitung der B. wird der
entweder freiwillig aufgestiegene oder durch
Zentrifugen abgeschiedene Rahm in besonderen
Buttermaschinen (Butterfässer) durch Stoßen,
Rühren oder Schlagen so lange in lebhafte Be-
wegung versetzt, bis die mikroskopisch kleinen
Fetttröpfchen der Milch sich zu einer kompak-
ten, formbaren Masse vereinigt haben. Um auch
beim Verbuttern von Süßrahm, welches im all-
gemeinen trotz etwas geringerer Ausbeute ra-
tioneller ist, den charakteristischen aromatischen
Geschmack der Sauerrahmbutter zu erzielen,
setzt man neuerdings, besonders in Dänemark,
vielfach Reinkulturen gewisser Bakterien hin-
zu. Aus 25—35 1 Milch wird etwa I kg B. er-
halten. Ihrer chemischen Zusammensetzung nach
ist die B. ein Gemisch von Butterfett mit un-
gefähr 13—14 0/0 Wasser, 0,750/0 Kasein, 0,50/0
Milchzucker, 0,12 o/0 Milchsäure und 0,66 °/o Mi-
neralstoffen. Höhere Gehalte an Milchbestand-
teilen sind auf mangelhaftes Auskneten oder
auf betrügerische Beimengung zurückzuführen.
Zum Schutze des Publikums gegen die hier-
durch verursachte Übervorteilung hat der Bun-
desrat in seiner Verordnung vom 1. III. 01 be-
stimmt, daß B. mindestens 80 0/0 Fett enthalten
muß, und daß der Wassergehalt bei gesalzener
B. 160/0, bei ungesalzener 18 0/0 nicht über-
steigen darf. Natürlich ist diese Zahl nicht so
zu verstehen, daß man B. mit geringerem Ge-
halte nun noch weitere Wassermengen einkneten
dürfte, da hierin unter allen Umständen eine
Verfälschung im Sinne des Nahrungsmittel-
gesetzes zu erblicken ist. Von weiteren Ver-
fälschungen kommen die in den Büchern er-
wähnten Beimengungen von Kreide, Gips, Mehl
usw. wohl kaum noch vor, und auch die vor
Jahren in Breslau aufgefundene „Butter“, welche
aus einem Kern von Kartoffelbrei mit dünner
Butterhülle bestand, dürfte ohne Nachfolger
bleiben. Aber Zusätze von fremden ' Fetten,
Schweineschmalz, Margarine (s. d.), Kokosfett
usw. werden noch immer beobachtet, trotzdem
sie durch das Margarinegesetz vom 15. VI. 1897
unter allen Umständen, selbst bei Deklaration,
verboten sind. Zur Überwachung der gesetz-
lichen Vorschriften ist der Polizei das Recht

eingeräumt worden, in den Betrieben, in denen
Butter und ihre Ersatzmittel hergestellt, feil-
gehalten und verkauft werden, Revisionen vor-
zunehmen. Der Nachweis von Butterver-
fälschungen kann zwar in exakter Weise nur
durch den Chemiker erbracht werden, immer-
hin ermöglichen einige leicht ausführbare Vor-
prüfungen auch dem Händler und Käufer ein
vorläufiges Urteil zu erlangen. Zur Erkennung
eines übermäßigen Wasserzusatzes schmilzt man
Butter in einem dünnwandigen, graduierten Gläs-
chen bei gelinder Wärme. Sie teilt sich dabei,
nach längerer Zeit in zwei Schichten. Obenauf
schwimmt das völlig klare Fett, während sich
unten das Wasser ansammelt, dessen Volum,
nicht mehr als t/7 ausmachen darf. Erscheint
die obere Fettschicht nicht goldklar, sondern
trübe, so liegt gleichzeitig der Verdacht auf
Margarinezusatz vor, den man mit Hilfe der
Furfurolreaktion (s. Margarine) weiter prüft.
Infolge der ausgedehnten amtlichen Nahrungs-
mittelkontrolle sind die inländischen Butterver-
fälschungen mehr und mehr zurückgegangen,
und auch im Verkehr mit dem Auslande machen
sich Zeichen von Besserung bemerkbar. Die
holländische Regierung hat zum Schutze ihrer
arg in Mißkredit gekommenen Butterausfuhr
eine strenge Überwachung eingeführt, und es-
ist dem deutschen Großhändler dringend zu
raten, holländische B. nur mit der Reichskontroll-
marke zu kaufen, da bei dieser allein Gewähr
für Reinheit gegeben ist. — Die geringe Halt-
barkeit der animalischen Nahrungsmittel bringt
es mit sich, daß große Buttermengen in ver-
dorbenem Zustande in den Verkehr kommen,,
besonders aus Ländern mit so ungenügenden
hygienischen Einrichtungen wie Galizien und
Sibirien. Auch auf diese muß die Nahrungs-
mittelkontrolle ein wachsames Auge haben.
In gleicher Hinsicht wird die gute Beschaffen-
heit der B. durch ihre Eigenschaft beeinflußt,.
Gerüche aus der Umgebung begierig anzuziehen.
Der sog. Stallgeruch, der Geschmack nach Holz,
oder Faß, nach Hering und Petroleum sind
hierauf zurückzuführen. Bitterer Geschmack kann
auf der Verwendung eisenhaltigen Kochsalzes
oder mit Eisensalzen imprägnierter Pergament-
umhüllungen beruhen. Die Farbe der Butter
hängt von der Art der Fütterung ab. Während
im Sommer bei Weidegang ein tiefgelbes Fett
erzeugt wird, erscheint sie bei Stallfütterung im
Winter wesentlich heller, ja bei reichlicher
Strohfütterung fast weiß. Um auch letzterer
Ware den Anschein der besonders geschätzten
Grasbutter zu geben, hat man zu dem Aus-
kunftsmittel der künstlichen Färbung gegriffen.
Safflor, Safran, Kurkuma und Orlean werden
zugesetzt, und diese Unsitte ist zurzeit so weit
eingebürgert, daß mit gesetzlichen Mitteln nicht
wohl dagegen eingeschritten werden kann. But-
terschmalz, Schmelzbutter, Rinds-
schmalz nennt man das durch Ausschmelzen
von den Milchbestandteilen befreite Butterfett,
welches in Süddeutschland viel verbraucht wird.
— Der Handel mit B. hat in den letzten Jahr-
zehnten große Wandlungen erfahren. Während
im Jahre 1875 noch 124000 dz ausgeführt und
nur 77000 dz eingeiführt wurden, hat sich dieses
Verhältnis im Jahre 1898 umgekehrt (28000 zu
        <pb n="79" />
        ﻿Butteräther

73

Cassia fistula

105000) gestaltet, und noch jetzt ist die Ein-
fuhr, besonders aus Dänemark, Holland und
Rußland (Sibirien) in ständiger Zunahme be-
griffen. Im Jahre 1913' betrug die Einfuhr
54000 dz, die deutsche Erzeugung 4 Millionen dz.

Butferäther (Buttersäureäther, butter-
saures Äthyloxyd, Buttervinester, lat.
Aether butyricus, frz. Ether butyrique, engl. Bu-
tyric ether), in chemischer Hinsicht Buttersäure-
äthylester, wird durch Erwärmen von Butter-
säure mit Alkohol und Schwefelsäure hergestellt
als eine farblose, aromatisch riechende Flüssig-
keit vom spez. Gew. 0,898 und dem Siedepunkt
i2o°. In alkoholischer Lösung (1:10) besitzt sie
charakteristischen Ananasgeruch und dient da-
her als Ananasessenz (Pine-apple-oil) zur
Darstellung von Fruchtäthern und künstlichem
Rum.

Buttergelb, ein zum Färben von Butter die-
nender Teerfarbstoff, erscheint in gelben Blätt-
chen, die in Wasser unlöslich, in Fetten aber
löslich sind. Das B. gehört zur Gruppe der Azo-
farbstoffe und besteht aus Anilinazodimethyl-
anilin.

Butterine, eine der früheren Bezeichnungen
für Kunstbutter, ist jetzt neben dem gesetzlich
vorgeschriebenen Namen Margarine nicht
mehr zulässig.

Buttersäure (Butylsäure, lat. Acidum bu-
tyricum, frz. Acide buturique, engl. Butyric
acid), eine organische Säure der Fettsäurereihe
von der Formel C3H7.COOH, findet sich als
Glyzerid in der Butter, in freier Form im Schweiß
und anderen tierischen Sekreten sowie in ge-
wissen Flüssigkeiten als Gärungsprodukt von
Kohlenhydraten. Zu ihrer Darstellung versetzt
man Zucker (Melasse) oder Stärkemehl bei
Gegenwart von Kreide durch Zusatz von But-
fersäurebakterien- (fauler Käse oder Reinkultur)
m Gärung und führt das entstehende butter-
saure Kalzium durch Behandlung mit Schwefel-
säure und weitere Reinigung in B. über. Die so

erhaltene normafe oder Gärungsbutter-
säure, die mit der in Butter enthaltenen B.
übereinstimmt, ist eine farblose Flüssigkeit von
unangenehm ranzig-stechendem Geruch und
stark saurem Geschmack. Bei — 19° erstarrt sie
zu einer weißen Kristallmasse, siedet unzersetzt-
bei 162—164° und hat das spez. Gew. 0,963. In
Wasser löst sie sich in allen Verhältnissen, schei-
det sich aber nach Zusatz von Salzen als ölige
Schicht wieder ab. B. findet zur Herstellung,
von Fruchtäthern und als Ersatz für Milchsäure
in der Gerberei Anwendung. — Die isomere
Iso-B. oder Dimethylessigsäure, die sich im.
Johannisbrot vorfindet, ist ohne technische Be-
deutung.

Buttersäureamyläther (Butteramylester,.
butt.ersaures Amyloxyd, lat. Amyloxydum
butyricum, Amylium butyrium), eine farblose,
wasserhelle Flüssigkeit von angenehmem Ananas-
geruch, löst sich leicht in Alkohol, aber nicht
in Wasser, hat ein spez. Gew. von 0,852, siedet
bei 176° C und wird zur Bereitung von künst-
lichen Fruchtäthern benutzt.

Butylalkohol, C4HsOH, kommt in vier iso-
meren Formen vor, von denen nur der im Fuselöl
von Runkelrüben- und Kartoffelsprit enthaltene
Isobutylalkohol, eine fuselig riechende Flüs-
sigkeit vom spez. Gew. 0,817 und dem SP. 1080
als Lösungsmittel für Lacke und zur Darstellung
von Fruchtestern, praktische Verwendung findet..

Butylchlofal (Krotonchloral, Krotonchlo-
ralhydrat) entsteht bei Einwirkung von Chlor
auf Aldehyd in Form kleiner, weißer, glänzen-
der, blätteriger Kristalle von eigentümlichem,
entfernt an Heidelbeeren erinnernden Geruch
und brennendem Geschmack. B. schmilzt bei
78°, ist völlig flüchtig und löst sich schwer in.
kaltem, leichter in heißem Wasser. In Äther
und in Alkohol ist es leicht löslich. Das B,
wurde eine Zeitlang als Anästhetikum an Stelle
des Chloroforms benutzt.

c.

Cacholon, ein milchweißer, glasglänzender
■Halbedelstein, der zuweilen als Ringstein und
2U Broschen benutzt und im letzteren Falle en
Cabochon geschliffen wird, galt früher als eine
■J-Jt Opal (Kieselsäure), ist aber nach Norden-
sMÖld, der ihn bei Bokhara in Form von Ge-
rieben fand, ein weißer Nephrit (Magnesia-

Kalksilikat).

Cachou (die französische Schreibweise für Ka-
techu) nennt man in Fäden gepreßte Mischungen
Lakritzen mit Anisöl und Salmiak, die als
Hustenmittel Anwendung finden. Im weiteren
mnne gebraucht man die Bezeichnung auch für
® ‘e möglichen, aus aromatischen Stoffen her-
Sestellten und meist versilberten Pillen gegen
'bien Mundgeruch.

Cascara sagrada, die spanische Bezeichnung
bUr »heilige Rinde“, Amerikanische Faul-
aumrinde (lat. Cortex cascarae sagradae, frz.
d'C.°r de cascara sagrada, engl. Sacred bark),
16 Riqde von Rhamnus Purshiana, eines in

Kalifornien wachsenden Strauches, ist unserer
Faulbaumrinde, von Rhamnus frangula, sehr ähn-
lich, unterscheidet sich aber von ihr durch den
kurzen Bruch der Außenrinde, während der-
jenige der inneren faserig ist. Die Rinde, wie
das daraus hergestellte Fluidextrakt, werden als
Abführmittel benutzt. Zur Entfernung des Übel-
keit hervorrufenden Bitterstoffs zieht man die
gepulverte Rinde mit gebrannter Magnesia und.
Wasser aus und trocknet sie wieder.

Cassia fistula (Röhrenkassia, Purgief-
kassia, frz. Gasse fistule, engl. Purging Cassia),.
die Früchte des gleichnamigen Baumes, der im
heißen Amerika, in Ostindien und Ägypten an-
gebaut wird. Die 3—6 dm langen, 3—4 cm
dicken, walzenförmigen, bei der Reife schwarzen,
hartholzigen Schoten enthalten glänzendbraune,
sehr harte Samenkerne und zwischen ihnen ein
schwärzliches, durch reichen Zucker- und Gerb-
stoff süß und zusammenziehend schmeckendes-
zähes Mus. Das letztere. Kassienmark (lat..
        <pb n="80" />
        ﻿Cay-cay-Butter

74

Champagner

.Pulpa cassiae), wurde früher zu einer Latwerge
verarbeitet, die purgierende Eigenschaften hat,
neuerdings aber durch Tamarindenmus ersetzt
wird. In Ostindien heißt dieses Mus Gulkar,
während die frischen eingemachten Früchte dort
Achar genannt werden. Die C. findet auch An-
wendung zu Tabaksbeizen.

Cay-cay-Butter (Irvingiafett, Dikafett),
ein Pflanzenfett, das in Kotschinchina von den
Eingeborenen aus den Samenkernen eines Bau-
mes, Irvingia Oliveri, gewonnen wird, dient
;zur Kerzenherstellung.

Cerise, ein kirschroter Farbstoff, der aus den
Rückständen der Fuchsinfabriken gewonnen wird.

Chagrin (aus dem morgenländischen Saghir)
■nennt man ein starkes, eigentümlich genarbtes
farbiges Leder, das in Astrachan und Konstan-
tinopel aus den Rückenstücken von Pferde- und
.Eselshäuten bereitet wird. Die enthaarten, sorg-
fältig entfleischten Häute werden in einen Rah-
men gespannt, angefeuchtet und mit harten,
eckigen Meldensamen bestreut, durch deren Ein-
drücken Grübchen und Unebenheiten entstehen.
Ch. dient im Orient zur Herstellung von Messer-
und Säbelscheiden und Zaumzeug. Bei uns wer-
den Nachahmungen hergestellt, indem man wei-
chem Leder mit heißen gravierten Kupferplatten
oder Walzen eine ähnliche KÖrnelung einpreßt.
In gleicher Weise entsteht das zu Büchereinbän-
■den benutzte Chagrinpapier.

Chagualgummi (Mayulygummi), ein aus Süd-
amerika kommendes Gummi von noch nicht
■sichergestellter Abstammung, gehört zu den bas-
sorinreichsten Gummiarten und ist daher in
Wasser nur wenig löslich.

Chalzedon (frz. Chalcedoine, engl. Chalcedong),
ein dichter Quarz, nach einigen Mineralogen ein
Gemenge von amorpher und kristallinischer Kie-
selsäure, kommt in zahlreichen, durch ihre Fär-
bung verschiedenen Abarten vor, die besondere
Namen führen und als Halbedelsteine und Mate-
rial für Kameen, Ringsteine, Siegelsteine und
viele andere Schmuck- und Gebrauchsgegen-
stände zum Teil schon seit alten Zeiten verarbeitet
werden. Die bekanntesten Abarten sind: Ge-
wöhnlicher Ch., grau und durchscheinend;
Karneol, dessen meistgeschätzte Abart die
blutrote ist, der aber auch braunrot oder gelbrot
erscheint; Chrysopras, durch Nickeloxyd apfel-
grün. und Plasma, durch Eisenoxydul dunkel-
.grün gefärbter Ch.; Jaspis, ein undurchsichtiger,
durch Eisengehalt gleichmäßig gelbbraun, rot,
grün, schwarz usw. gefärbter Kiesel, kommt in
größeren Stücken vor und liefert daher ein vor-
treffliches Material zu Säulen, architektonischen
Verzierungen, Tischplatten und Vasen, die eine
schöne Politur annehmen. In verschiedenen Far-
ben regelmäßig gestreifter Ch. wird besonders
schön in Sibirien gefunden und als Bandjaspis
bezeichnet. Schön gezeichnet ist auch der ägyp-
tische Jaspis, sog. Nilkiesel. Fundorte besserer
Jaspisse sind außerdem in Sizilien, Böhmen und
Tirol, von wo z.B. der „Meraner Jaspis“ in pracht-
vollen Abarten angeboten wird. Andere mehr-
farbige Ch. sind: Heliotrop, durchscheinend
dunkelgrün, mit eingestreuten undurchsichtigen,
.zinnoberroten Punkten; Sardonyx, rot mit wei-
ißen Bändern; Onyx, mit weißen und schwarzen

oder dunkelbraunen Bändern oder Schichten;
Chalzedonyx, abwechselnd grau und weiß ge-
streift; Stephanstein, weiß mit blutroten Flek-
ken. Endlich finden sich auch Ch. mit wolken-
artigen und moosartigen Flecken und Zeich-
nungen. Die Onyxe bilden das hauptsächliche
Material zum Schneiden von Kameen, einer
sehr alten Kunst, die auch jetzt noch in Italien
betrieben wird. Durch die heutige Glastechnik
können übrigens viele der erwähnten Natur-
erzeugnisse ganz gut nachgeahmt werden. Vgl.
auch Achat, Amethyst, Aventurin.

Champagner (engl. Champaigne), im weiteren
Sinne des Wortes alle in der gleichnamigen
französischen Landschaft erzeugten Weine, im
engeren Sinne jedoch die aus dortigen Trauben
gefertigten Schaumweine. Die Departements
Ardennes,. Aube, Marne und Haute Marne
liefern auf nahezu 20 000 ha durchschnittlich
700000 hl Wein, von denen 180000 auf Schaum-
wein verarbeitet werden, während der Rest, meist
im Lande selbst, unverändert als Champagne
non mousseux zum Konsum gelangt. Von letz-
teren wird der Sillery sec non mousseux, ein
weißer trockener Wein von eigentümlichem Aro-
ma, am meisten geschätzt. Der beste Schaum-
wein, dessen berühmteste Sorten der Gegend
von Rheims entstammen, wird meist aus einem
Gemisch blauer und weißer, sorgfältig aus-
gelesener gesunder Trauben in der Weise her-
gestellt, daß man, ohne vorher zu maischen,
mit schwachem Druck auspreßt und den milden,
farblosen Most (Claret) auf Gärfässer bringt.
Im Frühjahr wird der zur Erzielung möglichster
Gleichmäßigkeit mit anderen Sorten verschnittene
Wein (Cuvöe), mit einem Zusatz von Zucker
(1—2 0/0) versehen, in die bekannten, starkwan-
digen, auf mehrere Atmosphären Druck geprüften
Flaschen gefüllt und in letzteren nach festem
Verschluß mit Kork und Drahtschlinge der Nach-
gärung überlassen, wodurch der Wein sich mit
Kohlensäure sättigt. Nach beendeter Gärung
werden die Flaschen, mit dem Hals nach unten,
schräg aufgestellt, so daß sich die gesamte Hefe
als zusammenhängende Schicht (Depot) auf der
Unterseite des Korkes ansammelt, dann zur Ent-
fernung der letzteren schnell geöffnet (Degorgie-
ren), mit einer konz. Lösung von Zucker in Wein
oder Kognak, ev. auch von Aromastoffen (dem
sog. Likör) versetzt und wieder verschlossen.
— Ganz ähnlich werden jetzt auchi in anderen
Ländern (Deutschland), z. T. zur Vermeidung des
hohen Eingangszolls, Schaumweine bereitet, die
als Champagner in den Handel kommen, wäh-
rend die neuerdings in den Verkehr gelangenden
moussierenden Getränke, welche einfach durch
Imprägnieren gewöhnlicher Weine mit Kohlen-
säure hergestellt sind, als Nachahmungen zu
beurteilen sind. Als Kennzeichen eines guten
Sch. betrachtet man die Eigenschaft, nicht nur
zu Anfang lebhaft zu schäumen, sondern auch
die Kohlensäure lange festzuhalten und nur all-
mählich perlend entweichen zu lassen. Der Ge-
schmack hängt weniger von der Traubensorte als
hauptsächlich von der Art des Likörs und der
Sorgfalt bei der Zubereitung ab. Die Zusammen-
setzung der Schaumweine unterliegt großen Schwan-
kungen, doch unterscheidet man im allgemeinen
trockne Sch. (Dry oder sec) mit höchstens 0,05
        <pb n="81" />
        ﻿Champignon

75

Chartreuse

bis 2 °/o Zucker bei i,6—4% Extrakt und süße
Sch. mit 4—17% Zucker und 6—20°/o Extrakt.
Der Alkoholgehalt beträgt 7—12 g in 100 ccm.
Gh. ist ein Wein im Sinne des Gesetzes vom
7. IV. 1909, dessen Vorschriften er entsprechen
muß. Ausgenommen ist er nur von der zeitlichen
und örtlichen Begrenzung der Zuckerung (§ 3).
Nach § 17 muß Schaumwein eine Bezeichnung
tragen, die das Land erkennbar macht, wo er auf
Flaschen gefüllt worden ist, z. B. „Deutscher
Sch.“, „Französisches Erzeugnis“, „in Deutsch-
land auf Flaschen gefüllt“. Bei Ch., der einen
Zusatz fertiger Kohlensäure erhalten hat, muß
die Bezeichnung: „Mit Zusatz von Kohlensäure“
angebracht sein. Dem Schaumwein ähnliche Ge-
tränke müssen mit der Kennzeichnung des Aus-
gangsmaterials, z. B. „Obstschaumwein“, „Apfel-
schaumwein“, versehen werden. Unter „Sekt“
ist echter Schaumwein zu verstehen. Steuer:
S. Anhang: „Gesetz zur Änderung des Schaum-
weinsteuergesetzes“ vom 26. Juli 1918. — Die
französische Erzeugung beträgt rund 40 Millionen
Flaschen, von denen 24 Millionen ausgeführt
werden. Deutschland führte im Jahre 1912 rund
1 Million Flaschen ein und 1,3 Millionen aus.

Champignon (Feldblätterschwamm, An-
gerling, Egerling, Brachpilz, Wiesen-
schwamm, Pferdepilz, Weidling, frz. Cham-
pignon, engl. Champinion.Mushroom), eine der vor-
züglichsten und beliebtesten Pilzsorten, wächst in
ganz Mitteleuropa auf Wiesen und Brachäckern, in
Gärten und Wäldern, und wird auch künstlich ge-
züchtet. Er gehört zu der Gruppe der Blätterpilze
(Agaricus), die an der Unterseite des Hutes als
Sporenlager nur Blätter oder Lamellen tragen,
und kann daher von allen anderen Gattungen
leicht unterschieden werden. Auch im jugend-
lichen, kugelförmigen Zustande, in dem der Ch.
eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bovist und
Lycoperdon zeigt, sind Hut und Lamellen auf
dem Querschnitt leicht zu erkennen. Für die
beiden wichtigsten Sorten des Ch. gibt das vom
Kaiserl. Gesundheitsamte herausgegebene Pilz-
ßierkblatt folgende Kennzeichen: 1. Feldcham-
Pignon (Psalliota oder Agaricus campestris). Hut
atlfangs kugelig, später schirmförmig, weithin fla-
cher werdend, 6—14 cm breit, dickfleischig mit
"'eißer, auch bräunlicher seidenhaariger Oberhaut,
die sich in Streifen abziehen läßt. Fleisch weiß,
bei Verletzungen rötlich werdend. Stiel 6—8 cm
«och, weiß, voll, mit einem dickhäutigen, weißen
Ringe. Blätter anfangs rötlich, später braun.
Geruch fein anisartig, Geschmack nußkern-
artig. An lichten grasigen Stellen, besonders
w° Pferdedung liegt. Frühsommer bis Herbst.
?i Schaf Champignon (Ps. oder A. arvensis).
Gut anfangs zylindrisch-kegelförmig mit ab-
Seflachtem Scheitel, später ausgebreitet, 8—15 cm
breit, anfangs etwas flockig, dann kahl. Ober-
haut weiß, an Druckstellen gelblich, abziehbar.
'Heisch weiß bleibend. Stiel weiß, hohl, mit
dickem, straffem Ringe, 5—18 cm hoch. Blätter
anfangs grauweiß, bald rötlich werdend, schließ-
et braun. Geruch und Geschmack angenehm.
Auf Wiesen, in Gärten, auch in lichten Wäldern,
gramer bis LIerbst. — Von der Beschreibung
er zahlreichen weiteren Abarten kann abgesehen1
^erden. — Dem Ch. ist der gefährlichste aller
Giftpilze, der Knollenblätterschwamm (Ama-

nita phalloides) überaus ähnlich. Das Pilzmerk-
blatt gibt folgende Kennzeichen für ihn an: Hut
6—8 cm breit, meist weiß, doch auch, zwar in
der Grundfarbe weiß, aber mit gelblichem, grün-
lichem, selbst hellbräunlichem Schimmer, in
feuchtem Zustande etwas klebrig. Die Oberhaut
ist meist mit einigen weißlichen oder bräunlichen
Fetzen der Hülle besetzt. Fleisch weißlich, von
widerlich scharfem Geschmack. Blätter weiß.
Stiel 8—10 cm hoch, oberhalb der Knolle schlank,
nach dem Hute zu sich verjüngend, weißlich,
anfangs voll, später hohl werdend, mit einem
häutigen, schlaff herabhängenden, weißlichen
oder gelblichen Ringe. Das knollige Ende des
Stiels ist mit der schlaffen, häutigen, weißlichen
Scheide nur wenig verwachsen. In Laub- und
Nadelwäldern, auf Waldwiesen, meist herden-
weise. Sommer, Herbst. Ganz junge Pilze kön-
nen ihrem Äußeren nach leicht mit jungen Ch.
verwechselt werden, sie zeigen aber beim Durch-
schneiden niemals rötliche, sondern stets weiße
Blätter. •— E. Herrmann gibt für den Schaf-
champignon und seinen Doppelgänger, den gelb-
lichweißen Knollenblätterschwamm (Amanita
mappa) folgende Unterscheidungsmerkmale. Hut:
Beim Ch. Haut leicht ablösbar, ohne Schleier-
reste, beim Kn. Haut nicht ablösbar, meist mit
Schleierresten; Blätter: Beim Ch. in der Jugend
rosa, bisweilen weiß, im Alter braunschwarz, fast
alle gleich lang, am Stielansatz breit, beim Kn. stets
weiß, von ungleicher Länge, an beiden Enden
verschmälert; Stiel: Beim Ch.am Gründe schwach
verdickt, brüchig, dickfleischrig, ohne Scheide,
beim Kn. unten mit dicker Wulst, undeutlich aus-
gebildeter Scheide, zäh und biegsam.; Sporen: Beim
Ch.braunschwarz, beim Kn.weiß ; Geruch: Beim
Ch. würzig nach Anis, beim Kn. geruchlos oder
nach rohen Kartoffeln; Standort: Ch. Wiesen,
Äcker, Gärten, Wälder, Höfe, Ställe, Kn. nur im
Walde, vorzugsweise im Nädelwalde. — Die Ch.
bilden nicht allein im frischen, sondern auch im
getrockneten Zustande, ferner in Essig ein-
gemacht und in Blechdosen sterilisiert einen wich-
tigen Handelsartikel. Die Kultur wird entweder
in unterirdischen Räumen (Ch.-Keller) oder in
Ställen und Mistbeeten betrieben. Das aus den
Sporen entstandene, die Erde in Form feiner
weißer Fäden durchsetzende Myzel kommt als
Ch.-Brut für sich in den Handel. Die größten
Züchtereien finden sich in der Umgegend von
Paria, deutsche in Berlin, Braunschweig, Dresden,
Erfurt, Hannover und im Harz, namentlich in
Goslar. Hinsichtlich des Nährwertes sei auf den
Abschnitt Pilze verwiesen.

Chandul, ein Faserstoff aus den westlichen
Teilen Ostindiens, besteht aus dem Baste von
Lepuranda succidora und wird namentlich
zur Herstellung von Säcken und Matten verwandt.

Charas, das Harz der indischen Hanfpflanze,
wird dort und in Kaschgar viel gesammelt und
wirkt betäubend.

Chartreuse, gesetzlich geschützter Name eines
feinen französischen Likörs, für dessen Nach-
ahmung nach König folgendes Rezept benutzt
werden kann: Man bringt in eine Destillierblase
auf ein verzinntes kupfernes Sieb 50 g Abel-
moschuskörner, 30 g Zeylonzimt, 100 g Curagao-
schalen, 50 g Pomeranzenfrüchte, 30 g Karda-
momen, 150 g Ivakraut, 125 g Angelikasamen,
        <pb n="82" />
        ﻿Chaywurzel

76

Chilesalpeter

ioog Chinarinde, je 30 g Selleriesamen, Ingwer,
Piment, Nelken, 10 g schwarzen Pfeffer, 250 g
Zitronenmelisse, je 30 g weiße Kalmuswurzel,
Muskatblüte, Angelikawurzel, 125 g Ysopspitzen,
25 S Tonkabohnen, 50 g Muskatnuß, 125 g Alpen-
beifuß, 301 Spiritus von 96% und 101 weiches
Wasser. Der Inhalt der Blase wird 8 Stunden so
erwärmt, daß der Spiritus vom Kühler in die
Blase zurückläuft. Die Spritmenge, welche noch
mit 200 g gebrannter Magnesia filtriert wird, ge-
nügt für 1001 Likör, die noch einen Zusatz von
40 kg Zucker erhalten.

Chaywurzel (Chäyaver, Sayaver), die Wur-
zel von Oedenlandia umbellata, die in Ma-
labar und Koromandel angebaut und dort anstatt
des Krapps zum Rotfärben benutzt wird.

Che-Che ist der Name einer aus China stam-
menden schotenartigen Frucht von einem dort
heimischen, wahrscheinlich zu den Septima-
zeen gehörigen Strauch. Die Frucht enthält
einen intensiv färbenden goldgelben Farbstoff
und wird in China auch medizinisch gegen
Fieber angewandt.

Cheddar-Käse, ein aus Vollmilch hergestellfer
amerikanischer Käse, der 2—3 Monate zum Aus-
reifen erfordert und im Mittel 270/0 Protein und
32 0/0 Fett enthält.

Chekenblätter (Chekanblätter, Chequen,
lat. Folia cheken, frz. Feuilles de cheken, engl.
Cheken leaves), die Blätter der Myrtazee Eu-
genia Cheken, die 1 0/0 ätherisches Öl ent-
halten, werden neuerdings von Chile aus in den
Handel gebracht und als Mittel gegen Harn-
krankheiten und Leberleiden empfohlen.

Chemikalien (Chemische Präparate, frz.
Produits chimiques, engl. Chemical products).
Unter diesem Namen faßt man die auf chemi-
schem Wege hergestellten Stoffe zusammen,
pflegt aber in der Kegel die Farben, Spreng-
stoffe, Nahrungsmittel und einige andere Gruppen
nicht zu ihnen zu rechnen. Nach der Art der
Verwendung unterscheidet man bisweilen Ch.
für Laboratoriumszwecke, für medizinische und für
technische Zwecke, nach dem Grade der Reinheit
gibt man ihnen die Bezeichnung crudum (roh),
purum (rein), purissimum (sehr rein) usw. Neben
selten und in kleinen Mengen gebrauchten wissen-
schaftlichen Reagentien gehören zu ihnen indu-
strielle Massenartikel wie Soda, Salpeter, Pott-
asche, Schwefelsäure. Beim Großhandel finden
Beschränkungen nicht statt, hingegen unterliegt
der besonders durch Drogisten und Apotheker
betriebene Kleinhandel den Vorschriften der Gift-
verordnung und der Verordnung vom 22. X. 1901
(s. Anhang), nach denen verschiedene Ch. ent-
weder gar nicht oder nur unter besonderen Vor-
sichtsmaßregeln abgegeben Werden dürfen. Vom
Postversand sind alle der Selbstentzündung
oder Explosion unterworfenen Gegenstände über-
haupt ausgeschlossen. Der Bahntransport unter-
liegt besonderen Bestimmungen hinsichtlich der
Mengen und der Verpackung. Bedingungsweise
werden zum Transport zugelassen: Äther, Chloro-
form, Mirbanöl, Kollodium, Schwefelkohlenstoff,
Holzgeist, Alkohol und Sprit, chlorsaures Kali
und reine Pikrinsäure, Mineralsäuren aller Art,
Atzkali- und Ätznatronlauge, ätherische und fette
Öle, Brom, Photogen, Benzin, Teeröl, Ligroin,
Kamphin, Pinolin, Mineralschmieröl, Salmiak-

geist, Reib- und Streichzündhölzer, Phosphor,
Petroleum in rohem und gereinigtem Zustande,
Arsenikalien. Alle brennbaren, leicht entzünd-
lichen Ch. sind auf dem Frachtbriefe als „feuer-
gefährlich“ zu bezeichnen, da diese mit beson-
deren Zügen befördert werden. Über die Ver-
packungsvorschriften der einzelnen Ch. s. die be-
treffenden Artikel, wie z. B. Arsenik, Äther, Phos-
phor. Nur im allgemeinen mag noch hier be- |
merkt werden, daß giftige Metällpräparate und
giftige Metallfarben, nämlich; Quecksilbersubli-
mat, Kalomel, weißes und rotes Präzipitat, Zin-
nober, Kupfervitriol,Grünspan, Bleiglätte, Mennige,
Bleizucker und andere Blei- und Kupfersalze,
Bleiweiß und andere Bleifarben, Zinnasche und
Antimonasche nur in dichten, von festem, trocke- i
nein Holz gefertigten, mit Einlagereifen bzw. Um-
fassungsbändern versehenen Fässern oder Kisten
zum Transport aufgegeben werden dürfen. Die
Umhüllungen müssen bei diesen Waren so be-
schaffen sein, daß durch die beim Transporte
unvermeidlichen Erschütterungen ein Verstäuben
durch die Fugen der Gefäße, Fässer, Kisten usw.
nicht eintritt.

Chenille (Raupe, frz. und engl. Chenille)
nennt man eine Art seidener oder wollener, ver-
schieden gefärbter, zartweicher, leichter Schnür-
chen oder dicker Fäden, die sich behaarten Rau-
pen ähnlich durch nach allen Seiten abstehende
Härchen kennzeichnen. Sie werden zur Herstel-
lung von Zierbesatz, von einer Art Spitzen (Ch.-
B Ion den) und zum Sticken benutzt und dienen
auch in der Weberei von Schals und Tüchern als
Einschlag. Ch. ist sehr der Mode unterworfen
und war eine Zeitlang fast ganz außer Gebrauch.

Chesterkäse heißt die bekannte englische
Käsesorte, die in großer Menge zur Ausfuhr ge-
langt und am besten in Cheshire und Gloucester-
shire gefertigt wird. Der Ch. ist ein Süß-
milchkäse, der aus Morgen- und Abendmilch
mittels Lab gefertigt und mit Orlean orangegelb
gefärbt wird. Er braucht gewöhnlich 6—10 Mo-
nate zur Reife und enthält im Mittel 27 0/0
Protein und 28 °/o Fett.

Chianti, einer der besten Rotweine Italiens
aus der Provinz Siena, der in erheblichen Mengen
aus der San-Gioretto-Traube und anderen bereitet
wird, hat neben seinem eigentümlichen Aroma
eine gewisse Herbe, die als charakteristisches
Merkmal aller Chiantiweine gilt. Der Alkohol-
gehalt beträgt etwa 13%. Besonders feine Sorten
sind der Canajolo und Montepulciano.

Chiaöl, ein fettes öl aus dem Samen der in
Mexiko wachsenden Salvia hispanica, kommt
nicht zu uns und wird schon nn Ursprungslande
häufig mit Leinöl verfälscht.

Chica, ein nur selten zu uns gelangender
Pflanzenfarbstoff, wird von den Indianern am
Orinoko in der Weise hergestellt, daß sie die
Blüten eines Baumes (Bignonia Chica) mit
Wasser auskochen, dann die Auskochung der
Argona-Rinde zusetzen und den unlöslich ge-
wordenen Farbstoff in Kupfer geformt trocknen.

Er zeigt eine blutrote Farbe, samtartiges Aussehen
und färbt Baumwolle orangerot.

Chikan Kadia, eine indische Bastfaser, stammt
von der Malvazee Sida alba ab.

Chilesalpeter (Natronsalpeter, lat. Natrium
nitricum, frz. Nitrate de soude, engl. Nitrate of
        <pb n="83" />
        ﻿China

77

Chinarinde

sodium), in chemischer Hinsicht unreines Na-
triumnitrat, NaNOa, findet sich in der die
Grenze zwischen Chile und Peru bildenden Wüste
Atacama, die allem Anschein nach den Boden
eines Natronsees gebildet hat, in Form von Aus-
blühungen, S—7 cm dicken oberflächlichen Kru-
sten oder ausgedehnten Lagern von 25—150 cm
Mächtigkeit, die mit einer 50—7$ cm dicken san-
digen Tonschicht bedeckt sind. Das Mineral wird
an Ort und Stelle oberflächlich durch Umkristalli-
sieren gereinigt und kommt dann als sog. „Ca-
liete“ mit 90—93%, oder neuerdings auch mit
98—99% Nitrat in den Handel. Der Versand
erfolgt in 100 kg fassenden Säcken, die leicht
Feuchtigkeit anziehen und daher trocken ge-
lagert werden müssen. Zum Schutz gegen Ver-
fälschungen läßt sich der Käufer einen bestimm-
ten Stickstoffgelialt von 10—15% zusichern und
durch Analyse kontrollieren. Ch. bildet eines der
wichtigsten Stickstoffdüngemittel und das Aus-
gangsmaterial zur Herstellung fast aller Stick-
stoffverbindungen, insbesondere der für die
Sprengstoffherstellung unentbehrliehen Salpeter-
säure und des Kalisalpeters. Ep wurde daher in
ständig steigenden Mengen von Chile ausgeführt,
nach Deutschland im Jahre 1913 allein 750000 t,
und auf die Abschneidung dieser Zufuhr setzte
England große Hoffnungen für den Verlauf des
Krieges, Es wurde aber enttäuscht durch die
von deutschen Chemikern entdeckten Verfahren
zur Bindung des atmosphärischen Stickstoffs, die
unter Ammoniak, Kalziumzyanamid und Salpeter
näher besprochen werden. Nach dem Kriege wird
Deutschland voraussichtlich von Ch. völlig un-
abhängig sein und vielleicht sogar Salpeter aus-,
führen können.

China heißt in England das Porzellan; daher
Ch ina clay — Porzellanton — ein in England
vorkommender, blendend weißer, voluminöser,
sehr plastischer, etwas fetter Ton, der wegen
seiner vielseitigen Brauchbarkeit nach andern
Ländern, auch nach Deutschland, ausgeführt wird.
Man braucht ihn bei uns in der Färberei als
Zusatz zu Satinierfarben, die dadurch beim Rei-
fen einen schöneren Glanz annehmen, in Zeug-
druckereien zur Farbenverdickung, hauptsächlich
über als Zusatz zum Papierzeug, um dem Papier
^ehr Schwere und Körper zu geben.

, China-Alkaloide (frz. Alcaloides de quinquina)
lst der Sammelname für alle in den verschiede-
Chinarinden enthaltenen Pflanzenbasen, von
denen Chinin, Chinidin, Zinchonin und
■^'nchonidin die grüßte Bedeutung besitzen.
Außer diesen kennt man noch eine ganze Reihe
v°n Alkaloiden, welche entweder nur aus ein-
Zelnen Arten von Chinarinden erhalten wurden,
°der sich in den Mutterlaugen der Chininher-
stellung ansammeln oder aber als Umwandlungs-
Zeugnisse der natürlichen Basen anzusehen
sind. Als Vertreter dieser Ch. seien angeführt;
'Gnchotin (Hydrozinchonin), Zinchamidin(Hy-
aJ°zinchonidin), Hydrochinidin, Hydrochi-
5,ln._ Kuprein, Chinamin, Konchinamin,
jpbairamin, Arizin, Parizin, Kuskonin,
£°nkuskonin, Apochinin, Dikonchininund
*"aytin. Die meisten dieser Ch. sind kristallisier-
te, wohlcharakterisierte Verbindungen und wer-
Ctv 'L’ besonders das wichtigste von allen, das
hinin, in besonderen Artikeln behandelt. Hin-

gegen ist das sog. Chinioidin des Handels, ein
Abfallprodukt aus den Chininmutterlaugen, ein
Gemisch verschiedener amorpher Basen und
wegen seiner wechselnden Zusammensetzung in
der Medizin durch die reinen Chininpräparate
nahezu völlig verdrängt. NeuereVersuche machen
es wahrscheinlich, daß demnächst die synthetische
Darstellung mehrerer Ch. gelingen wird, doch
steht die Ertragsfähigkeit derselben in Hinblick
auf den geringen Preis des Naturerzeugnisses
noch zu bezweifeln.

Chinablau, ein dem Wasserblau (s. d.) nahe
verwandter Teerfarbstoff.

Chinagras (engl. Cloth grass, China grass)
nennt man die Bastfaser von Boehmeria ni-
vea, einer in China und Ostindien heimischen
Nesselart, die seit den ältesten Zeiten in Asien,
später auch in Europa zu Spinnfasern und feinen
Geweben (Nesseltuch) verarbeitet wurde, bis
die Konkurrenz der Baumwolle sie in den Hinter-
grund drängte. Die französische Bezeichnung
Ramie (Ramd, Rameh) soll nach einigen An-
gaben für die Faser einer verwandten Pflanize,
Boehmeria tenacissima, nach anderen ledig-
lich für verarbeitetes Ch. gelten. Der Anbau
des Ch., der sich über die ganze Erde zwischen
dem 43. Grad nördlicher und südlicher Breite
ausgedehnt hat und besonders in Ostasien, aber
auch mit großem Erfolge in Deutsch-Ostafrika
betrieben wird, erfolgt nicht durch Samen, son-
dern durch Stecklinge oder Wurzelableger. Die
austreibenden geraden, fast gar nicht verästelten
Schößlinge werden, sobald sie 1—1,2 m lang
geworden sind, jedenfalls aber vor der Blüte
geschnitten (4—5 mal im Jahre, bei 7—8 jähriger
Ertragsfähigkeit der Pflanzungen) und sofort
durch Abstreifen von den Blättern und der Ober-
haut befreit. Die durch leichtes Rösten und
wiederholtes Waschen gewonnenen Fasern sind
0,5—1,2 m lang und werden 'in China vielfach
zu Fäden zusammengedreht, die zur Herstellung
von chinesischem Grasleinen dienen. In Europa
unterwirft man sie vielfach noch zur Entfernung
der Zellsubstanz einer Behandlung mit verdünnten
Säuren (Bleiche). Die gut vorbereitete Faser
ist sehr zart und fein und übertrifft an Festigkeit
selbst den russischen Hanf um das Doppelte.
Sie zeigt hohen, fast seidenartigen Glanz, läßt
sich leicht bleichen und wird dann blendend
weiß, während ungebleichtes Ch. durch Spuren
von Chlorophyll schwach gelb oder grünlich
gefärbt ist. Zu uns kommt die Faser meist als
kolonisiertes Ch. in einer der Baumwolle
ähnlichen Form. Die der Färbung entgegen-
stehenden Schwierigkeiten sind jetzt anscheinend
überwunden. Ch. dient zur Anfertigung von
Posamentierarbeiten (Fransen, Schnuren, Borten),
von Vorhängen, Möbelstoffen nach Art baum-
wollener Samte, von Glühstrümpfen, Banknoten,
neuerdings in steigendem Maße auch zur Her-
stellung von Geweben für Kleidungsgegenstände
(Strümpfe, Trikot) usw. Vgl. auch Nessel.

Chinarinde (Fieberrinde, lat. Cortex chinae,
frz. Ecorce de Quina ou de Quinquina, engl.
Cinchona bark). Die Chinarinden stammen von
verschiedenen Arten der Gattung Zinchona,
Familie der Rubiazeen, ab, und zwar sowohl
von wild wachsenden als auch von angebauten
Pflanzen. Ihre Pleimat ist der zwischen dem
        <pb n="84" />
        ﻿Chinarinde

78

Chinawurzel

io.° n. Br. und dem 22.0 s. Br. gelegene Ceja de
Ja montana, d. h, Augenbraue des Gebirges ge-
nannte Streifen der Kordilleren, wo sie in
Höhen von 1600—2400 m, bisweilen auch noch
bis 3400 m, Vorkommen, während die unterste
Grenze bei 1200 m, weiter vom Äquator entfernt
bei 800 m liegt. Das Einsammeln der Rinden
geschieht durch die Kaskarilleros, indem diese
die Bäume nach Entfernung der Schlingpflanzen
fällen und die abgelöste Rinde zur Verhinderung
des Schimmeins sofort an der Sonne oder über
gelindem Feuer trocknen. Hierauf werden die
Rinden in Bündel gepackt, nach den Magazinen
der Hafenplätze gebracht, sortiert und in Ballen
vereinigt. Durch diesen Raubbau sind die wert-
vollen Zinchoneen naturgemäß seltener gewor-
den, und man ist zum planmäßigen Anbau über-
gegangen. Bolivia und Kolumbien besitzen seit
30 Jahren ausgedehnte Zinchoneen-Pflanzungen,
und auch in Guatemala und auf Jamaika finden
sich größere Kulturen. Von größter Bedeutung
sind jedoch die Anpflanzungen der Holländer auf
Java und der Engländer in Ostindien (Zeylon),
die hauptsächlich für den Handel in Betracht
kommen. In Indien werden die Rinden auf
vier verschiedene Methoden gewonnen: 1. Mes-
sing. Man schält Streifen der Rinde vom Baum,
läßt aber andere dazwischen liegende Streifen
unversehrt stehen und verbindet die Wunden
mit Moos. 2. Schaven. Die Rinde wird in
kleinen Stücken abgeschabt, wobei das Kambium
geschont wird. 3. Uprooting. Der ganze Baum
wird ausgerodet. 4. Coppicing. Der Baum wird
gefällt und entrindet, aus dem Stumpf entwickeln
sich Schößlinge. — Die für den direkten Ge-
brauch bestimmten sog. Drogistenrinden kommen
in Form langer Röhren und in Kisten verpackt
nach Europa, während die zur Chininherstellung
dienenden „Fabrikrinden“ in Ballen zusammen-
gestampft sind. Alle Chinarinden werden nach
dem Alkaloidgehalt gehandelt. Auf jedem Mu-
ster findet sich der Prozentgehalt an Chinin-
sulfat und Totalalkaloid verzeichnet. Die echten
Chinarinden zeigen nach dem Schälen eine be-
merkenswerte Farbenänderung und verändern
ihre anfangs helle Farbe in ein mehr oder we-
niger ausgeprägtes Rostbraun. Sie bilden ent-
weder Platten (Stammrinden) oder Röhren (Ast-
rinden), von denen letztere stets die dünne
Korkschicht, darunter die Außenrinde und schließ-
lich die aus Bast bestehende Innenrinde zeigen.
Die Stammrinden sind entweder mit einer dunk-
len Korkschicht bedeckt oder unbedeckt und
bestehen dann nur aus der Außen- und Innen-
rinde oder aus letzterer allein. Die eigentümlich
geformten kurzen Bastfasern ermöglichen die
Unterscheidung von den sog. falschen Ch., zu
denen besonders die Ladenb'ergia-, Kaskarilla- und
Remigia-Arten gehören. Auch fehlt letzteren (mit
Ausnahme der Cuprea und der China von Para)
Chinin und Zinchonin, und sie haben infolge-
dessen nicht den stark bitteren Geschmack der
echten Rinde, sondern schmecken widerlich. Die
wichtigsten Bestandteile der echten Chinarinden
sind die China-Alkaloide (s. d.). Außerdem ent-
halten sie Chinasäure, Chinagerbsäure, welche
Chinarot liefert, und Chinovagerbsäure. Die auf
dem Gehalt an Chinin und Zinchonin beruhende
Grahesche Reaktion, durch welche man leicht

echte Rinden von falschen unterscheiden kann,
wird in der Weise ausgeführt, daß man etwas
gepulverte Substanz im Reagensglase erwärmt,
worauf sich bei echten R. ein roter Teer am
oberen Teile des Glases ansammelt. An Handels- I
Sorten unterscheidet man zwischen Fabrikrin-
den, welche direkt in die Chininfabriken wan-
dern, und Medizinal- oder Drogistenrinden
(Druggist quills), die aus den ansehnlichsten
Stücken der Droge bestehen. Nach der Farbe
werden die Chinarinden auch heute noch in drei
Gruppen eingeteilt, in gelbe, braune und rote
Rinden. Die gelben Chinarinden (lat. Cortices
chinae flavi) von hellzimtbrauner Farbe, be-
stehen vorwiegend aus der Innenrinde und haben
grobfaserigen oder splitterigen Bau. Zu ihnen
gehört die Königs-China (China calisaya,
Ch. regia), die früher am meisten geschätzte
Rinde von Cinchona Calisaya, die in vielen
Arzneibüchern zu finden ist und entweder Röh-
ren mit spröder, tiefrissiger, brauner Borke, oder
flache von Borke befreite Stücke mit den noch
sichtbaren Borkengruben darstellt. Die braune
oder graue Chinarinde (lat. Cortices chinae
fusci, grisei, officinales) findet sich in gänse-
federkiel- bis fingerstarken, einfach oder doppelt
gerollten Röhren, deren Oberfläche graubraun
ist, während die Mittel- und Innenrinde braun
gefärbt erscheint. Ihre hauptsächlichsten Sorten
sind die Huanokochina von C. micrantha, sube-
rosa usw. aus Peru und die Loxa- oder Lojachina
von C. uritusinga, purpurea usw. aus Ekuador.
Während die gelben Chinarinden vorwiegend
Chinin enthalten, sind die braunen Rinden reich
an Zinchonin. Die roten Chinarinden (lat.
Cortices chinae rubri) haben rotbraun gefärbte
Mittel- und Innenrinde und bestehen entweder
aus den flachen mit Borke bedeckten Stücken
der Stämme und dickeren Äste (südamerikanische
R.), oder den röhrenartigen Rinden dünnerer
Äste (Kulturrinden aus Java und Ostindien). Die
südamerikanischen roten Chinarinden stehen in-
folge ihres geringen Alkaloidgehaltes (2—3 0/0)
an Bedeutung den roten Kultur-Chinarinden (5 bis
8 0/0) nach. Von allen Ch. haben gegenwärtig für
den Handel die Kultur-Ch. Ledgeriana und die
Ch. succirubrä die größte Bedeutung. Letztere
ist auch die vom deutschen Arzneibuche allein
vorgeschriebene Sorte. Java exportiert weitaus
die meiste Ch., so im Jahre 1905 7699500 kg. Der
erste Handelsplatz für China ist Amsterdam, der
zweite London, der dritte Hamburg. Die Ch.
dienen in der Hauptsache zur Herstellung des
Chinins (s. d.). In der Medizin finden sie An-
wendung als Dekokt sowie zur Darstellung ver-
schiedener pharmazeutischer Präparate, wie
Chinaextrakt, Chinatinktur und Chinawein.

Chinasilber, in Form von Tafelgeschirren, be-
steht aus Neusilber, das auf galvanischem Wege
gut versilbert ist; vgl. Argentan.

Chinawurzel (Chinaknollen. Pockenwur-
zel. lat. Rhizoma chinae, frz. Racine de squine,
engl. China root) stammt nicht von Chkmbäumen,
sondern von einer in China und Japan hei-
mischen Stechwinde, Smilax China. Eine
in Südamerika wachsende Verwandte, Smilax
pseudochina, liefert hellere und leichtere
Wurzelknollen, die unter der asiatischen Ware
mit verkommen, aber geringer geschätzt werden.
        <pb n="85" />
        ﻿Chinesischgrün

79

Chinin

Die echte Ch. bildet fast faustdicke, längliche,
knotige Stücke, die außen braunrot, innen blaß-
rötlich gefärbt sind und ziemliche Schwere haften,
wonach die Güte der Ware bemessen wird. Der
Geschmack ist schleimig, etwas bitter und krat-
zend. Die Wurzeln sind oft stark wurmstichig,
die Löcher aber nicht selten durch Einreiben
mit Ton u. dgl. vertuscht. Die Verwendung der
Droge ähnlich der Sassaparilla hat fast ganz
aufgehört.

Chinesischgrün (frz. Vert de chine), einen
grünen aus China kommenden Farbstoff, der dort
aus der Rinde gewisser Arten von Kreuzdorn
(Rhamnus) bereitet werden soll, erhält man teils
m kleinen tafelförmigen Stücken, teils in der
Form, wie er lufttrocken aus den Filtrierbeuteln
genommen wird. Er gleicht dann bald Orange-
schnitten, bald einer getrockneten Zitrone, und
zeigt auf der Oberfläche einen blaugrünen Schein,
auf dem Bruche metallischen Kupferglanz, jedoch
schwächer als bei Indigo. Ch. läßt sich leicht
Pulvern, ist in Wasser löslich und behält auch
bei künstlichem Lichte, ebenso wie die damit
gefärbten Stoffe, seine schöne grüne Farbe.
Din ähnlicher Farbstoff ist das Lo-kao (Dukao)
von Rhamnus utilis und chlorophora, das in
Form dünner muldenartiger Scheibchen aus China
eingeführt wurde, jetzt aber nach dem Verfahren
v°n Charvin in Lyon aus einheimischen Kreuz-
dornarten hergestellt wird und zum Färben von
Wolle und Seide dient.

Chinesischrot, diesen Namen führt teils der
natürliche, aber präparierte Zinnober, teils der
nps dem Safflor dargestellte rote Farbstoff, das
Karthamin.

Chinidin (lat. Chinidinum, frz, Quinidine, engl,
vuinidin) hat nach und nach eine ganze An-
zahl von Namen erhalten, wie: ß-Chinin, Kon-
thinin, Chinotin, kristallisiertes Chinioidin usf.
infolgedessen wird man sich, vor allem bei
aJteren Angaben, zu vergewissern, haben, wel-
Die Chinabase eigentlich gemeint ist. Das Ch.
(ndet sich fast in allen Chinarinden, die zur
'“bininherstellung dienen, und wird gewöhnlich
?us dem Chinoidin dargestellt. Es kristallisiert
]e nach dem Lösungsmittel in glänzenden Pris-
?jen, Rhomboedern oder Blättchen, schmeckt
’Rer und zeigt seinen chemischen Eigenschaften
nach fast das gleiche Verhalten wie Chinin (s. d.).
, as schwefelsaure Ch. (lat. Chinidinum sul-
uricum, frz. Sulfate de quinidine, engl. Sulfate of
lUinidin) ist in verschiedene Arzneibücher auf-
”eHomtnen worden. Es wird wie das Chininsulfat
ngewandt, wirkt etwas schwächer, soll aber
. ch weniger unangenehme Nebenwirkungen be-

zen. Das schwefelsaure Ch. stellt weiße, seiden-
* attzonde Nadeln dar, die in 100 Teile kaltem
st iIO teilen siedendem Wasser löslich sind und
(lat bitter schmecken. Das gerbsaure Ch.
cu Chinidinum tannicum, Conchininum tanni-

m). ein weißliches Pulver, findet in der Kinder-
Sün18 und in der Veterinärpraxis Anwendung.
q . ?s Chinin (lat.Chinidinum dulce, engl.Sweet
dinln'ne) ist mit Glyzyrrhizin verbundenes Chini-
lirK Ul?d stelIt ein gelbbraunes Pulver von bitter-
süßem Geschmack dar.

d "inin (lat. Chininum, frz. Quinine, engl. Quinin),
sich Wlrhsaine Bestandteil der Chinarinde, findet
neben Zinchonin und anderen Basen in

Form von chinagerbsaurem und chinasaurem
Salz. Der Gehalt der verschiedenen Rinden an
Ch. beträgt gewöhnlich 2—5 c/o, doch ist in der
Rinde der javanischen Calisaya Ledgeriana ein
Chiningehalt bis zu 13 °/o beobachtet worden. Zur
Darstellung des Ch. wird das Rindenpulver mit
Kalkbrei gemischt und mit erwärmtem Pa-
raffinöl, Petroleum oder Kohlenwasserstoffen des.
Steinkohlenteeröls mehrmals ausgezogen. Beim
Schütteln der Auszüge mit heißer verdünnter
Schwefelsäure gehen die Chinabasen in die wäß-
rige Lösung über, aus der durch genaue Neutra-
lisation mit Soda das Chininsulfat ausgefällt wird..
Durch Umkristallisieren aus heißemWasser unter
Zusatz von Tierkohle wird es von den übrigen in.
der Mutterlauge verbleibenden Alkaloiden ge-
trennt und schließlich zur völligen Reinigung in.
das Bisulfat übergeführt. Die freie Base kann
durch Zusatz von Ammoniak abgeschieden wer-
den. Das reine Chinin (Chininum purum) stellt,
ein weißes, kristallinisches, bitter schmeckendes
Pulver dar, das infolge seiner Schwerlöslichkeit
in Wasser medizinisch fast gar nicht angewandt,
wird. Am meisten Verwendung finden das schwe-
felsaure und das salzsaure Salz. Das schwefel-
saure Ch. (lat. Chininum sulfuricum, frz. Sulfate
de quinine, engl. Sulphate of Quinine) bildet feine,,
weiße Kristallnadeln von bitterem Geschmack,,
die sich in 800 Teilen kaltem, 25 Teilen sieden-
dem Wasser sowie 6 Teilen siedendem Alkohol
lösen. Charakteristisch ist die Thalleiochin-
•Reaktion: s ccm der kalt gesättigten Lösung
des. Sulfates geben mit 1 ccm Chlorwasser und
5 ccm Salmiakgeist eine smaragdgrüne Färbung.
Nur Chinidin gibt noch die gleiche Reaktion.
Das salzsaure Ch. (Chininhydrochlorid, lat.
Chininum hydrochloricum seu muriaticum, frz.
Chlonhydrate de quinine, engl. Hydrochlorate of
Quinine), weiße, nadelförmige, bitter schmek-
kende Kristalle, die sich in 3 Teilen Weingeist
und 34 Teilen Wasser lösen, wird fabrikmäßig
durch Umsetzung von feinem Chininsulfat mit.
Bariumchlorid gewonnen. Von den zahlreichen,
übrigen im Handel yorkommenden Chininsalzen
sind die wichtigsten: .baldriansaures Chi-
nin (lat. Chininum valerianicum, frz. Valerianate
de quinine, engl. Valerianate of Quinine), brom-
wasserst off saures Chinin (lat. Chininum hydro-
bromicum, frz. Bromhydrate de quinine, engl..
Hydrobromate of Quinine), gerbsaures Chi-
nin (lat. Chininum tannicum, frz. Tannate de
quinine, engl. Tannate of Quinine), salizylsaures
Chinin (lat. Chininum salicylicum, frz. Sali-
cylate de quinine, engl. Salicylate of Quinine),
zitronensaures Chinin (lat. Chininum citri-
cum, frz. Citrate de quinine, engl. Citrate of Qui-
nine), zitronensaures Eisenchinin (lat. Chi-
ninum ferro-citricum, frz. Citrate de fer et de.
quinine, engl. Citrate of Iron and Quinine). Sel-
tener werden gebraucht: arsensaures Chinin,
(lat. Chininum arsenicum, frz. Arsdniate de qui-
nine, engl. Arseniate of Quinine), essigsaures-
Chinin (lat. Chininum aceticum, frz. Acötate
de quinine, engl. Acetate of Quinine), milch-
saures Chinin (lat. Chininum lacticum, frz.
Lactate de quinine, engl. Lactate of Quinine)
und phosphorsaures Chinin (lat. Chininum’
phosphoricum, frz. Phosphate de quinine, engl..
Phosphate of Quinine), Der Chininverbrauch ist
        <pb n="86" />
        ﻿.

J

Chininblumen

80

Chloralun

sehr groß. Deutschland führt große Mengen
nach den tropischen Ländern aus, im Jahre 1913
.gegen 2056 Doppelzentner. Ausgedehnte An-
wendung findet das Ch. in der Medizin bei allen
fieberhaften Zuständen, vor allem jedoch zur
Bekämpfung der Malaria als Heilmittel, wie
Yorbeugungsmittel.

Chininblumeil (lat. Flores Chinae, frz, Fleurs
•de Quinine, engl. .Quinin flowers), eine aus
Florida stammende Droge, die ihren Namen
von der dem Chinin ähnlichen Wirkung bei
Wechselfieber erhalten hat, ist. eine krautartige,
zu den Gentianeen gehörige Pflanze, Sa-
batia paniculata.

Chinioidin (lat. Chinioidinum, frz, und engl.
Quinoidine), ein Nebenerzeugnis bei der Dar-
stellung des Chinins, erscheint als braune, extrakt-
artige, in der Wärme erweichende Masse von
bitterem Geschmack, welche wenig in Wasser,
leicht in Alkohol löslich, nur noch selten medi-
zinisch verwendet wird. Das Ch. enthält ver-
schiedene Chinabasen in sehr unreinem Zustande,
hauptsächlich aber das amorphe Dikonchinin.
Zuweilen wird auch das Chinioidintannat
.(gerbsaures Chinioidin, lat. Chinioidinum
tannicum, frz. Tannate .de quinoidine, engl. Qui-
noidin Tannate), ein bräunliches, wenig in Wasser
lösliches Pulver, verordnet.

Chinois sind kleine, bittere, überzuckerte Po-
meranzen von Citrus bigarardia Sinensis, die aus
Italien (Savona) kommen und als Genußmittel
Verwendung finden.

Chinolin (Leukolin), C9H7N, eine farblose,
durchdringend riechende Flüssigkeit vom spez,
Gew. 1,095, welche bei 2390 siedet, sich wenig
in Wasser, leicht hingegen in Alkohol und
Äther löst und sich an der Luft dunkel färbt,

• entsteht bei der trockenen Destillation von China-
alkaloiden mit Kalk, kommt aber auch im Stein-
kohlenteer vor und kann synthetisch durch Er-
hitzen eines Gemenges von Anilin und Nitro-
benzol mit Glyzerin und konz. Schwefelsäure
dargestellt werden. Seiner Konstitution nach ist
das Ch. ein Kondensationsprodukt von je einem
Molekül Benzol und Pyridin, d. h, ein Benzo-
pyridin und damit die Stammsubstanz der China-
alkaloide und zahlreicher künstlicher Farbstoffe.
Es findet in der Medizin besonders in Form
seines weinsauren Salzes (Chinolintartrat, lat.
Chinolinum tartaricum, frz. Tartrate de chino-
line, engl. Chinoline Tartrate) als Antisepti-
kum Anwendung und wird in der chemischen
Industrie zur Herstellung der Chinolinfarbstoffe
benutzt. Für letzteren Zweck ist ein weniger gut
gereinigtes, chinaldinhaltiges Präparat vorzuziehen.

Chinolinfarbstoffe nennt man eine Gruppe
von Teerfarbstoffen, die aus Chinolin (s. d.) her-
.gestellt werden. Chinolinblau(Zyanin, Chino-
lin j odzyanin) wird aus Amylchinolinjodid durch
Behandlung mit Alkalien in Form bronzefarbener
Kristallkörner, die in Wasser und Äther unlöslich
sind, erhalten und hauptsächlich zum Färben von
Seide sowie,zum Sensibilisieren photographischer
Platten benutzt. — Chinolingelb (Ghinophtha-
lin, Chinophthalon) wird durch Einwirkung
von Phthalsäureanhydrid auf chinaldinhaltiges
Chinolin bei Gegenwart von Chlorzink als ein
gelbes Pulver erhalten, das in Wasser unlöslich
ist, aber durch Behandlung mit rauchender Schwe-

felsäure in eine Sulfosäure umgewandelt wird.
Die Salze der letzteren sind in Wasser löslich
(wasserlösliches Chinolingelb) und färben
Seide und Wolle schön gelb. — Chinolinrot
wird durch Einwirkung von Benzotrichlorid auf
chinaldinhaltiges Chinolin bei Gegenwart von
Chlorzink erhalten. Es färbt Wolle, Seide und
mit Tannin vorgebeizte Baumwolle schön rot.

Chinoniminfarbstoffe (Para-Ch.) zerfallen in
die Gruppen der Indamine (s. d.) und der In-
dophenole (g. d.), die in der Färbereitechnik, ab-
gesehen vom Naphtolblau, nur beschränkte An-
wendung finden, als Zwischenerzeugnisse für die
Darstellung von Azinen, Oxazinen, Thiazinen.
und anderen Farbstoffen aber große Bedeutung
haben.

Chinosol (Ortho-Oxychinolinsulfat) .ent-
steht bei Einwirkung der Base und Säure als
ein gelbes Kristallpulver vom FP. 175—177°,
das in Form 0,1 g schwerer Tabletten („Dezi-
plättchen“) zur Herstellung desinfizierender Lö-
sungen benutzt wird. Das früher als Chinosol
bezeichnete Präparat aus Oxychinolin und Ka-
liumpyrosulfat war keine einheitliche Verbin-
dung, sondern ein mechanisches Gemenge.

Chloral (Trichlorazetaldehyd), CCl3.CHO,
wird dargestellt durch sehr lang anhaltendes
Einleiten von, Chlor in Alkohol, wobei anfangs
gekühlt, später aber auf 600 erwärmt wird. Aus
dem entstandenen Gemisch von Chloralalkoholat,
Äthylen- und Äthylidenchlorid wird das reine
Chloral mit konz. Schwefelsäure abgeschieden
und über kohlensauren Kalk rektifiziert. Es er-
scheint dann als eine schwere, farblose, ölige
Flüssigkeit vom Siedepunkte 97° und einem
spez. Gew. von ,1,502, die sich beim Aufbewah-
ren von selbst in eine feste weiße Masse (Meta-
chloral) umwandelt. Mit Alkohol verbindet sich
Ch. zu Chloralalkoholat, mit Wasser zu Chloral-
hydrat.

Chloralhydrat, CCl3.CH(OH)2 (Trichlor-
äzetaldehydhydrat, lat. Chloralum hydratum,
frz. Hydrate de chloral, engl. Chloralhydrate),
entsteht beim Vermischen äquivalenter Mengen
Chloral (100 g) und Wasser (12 g) und Umkristal-
lisieren der erstarrten Masse aus Chloroform oder
Benzol. Man erhält es so entweder in losen,
durchsichtigen Kristallplatten oder in zusammen-
hängenden weißen Krusten, die sieh spätpr eben-
falls in Plättchen umwandeln. Ch. besitzt einen
unangenehmen, süßlich anhaftenden Geruch und
brennenden Geschmack, verdampft schon bei ge-
wöhnlicher Temperatur, schmilzt bei 53° und
siedet bei 96—98°. Zur Prüfung auf Reinheit, be-
sonders auf Abwesenheit des häufig beigemengten
Chloralalkoholates, dienen folgende Reaktionen1
Die wäßrige Lösung darf Lackmuspapier nicht
röten und beim Schütteln mit dem zehnfachen
Volum konz. Schwefelsäure innerhalb einer Stund«
keine Bräunung zeigen. Auf Zusatz von Jodjod-
kalium eintretende Jodoformbildung deutet Alko-
hol an. Ch. findet als schmerzstillendes und
schlafbringendes Mittel ausgedehnte medizinische
Anwendung.

Chloralun ist ein Desinfektionsmittel eng-
lischen Ursprungs, das aus einer etwa i6°/oigen
wäßrigen Lösung von Chloraluminium mit etwas
freier Salzsäure besteht, aber bei uns keinen
Eingang gefunden hat. .





—
        <pb n="87" />
        ﻿Chloressigsäure

81

Chlorsäure

Chloressigsäure. Durch Einwirkung von Chlor
auf Essigsäure entstehen drei verschiedene Ch.,
von denen die Monochloressigsäure Kristalle
Vom Schmelzpunkte 62° und vom Siedepunkte
186° bildet, während die Dichloressigsäure
eine unter o° erstarrende Flüssigkeit vom Siede-
punkte igo° und die Trichloressigsäure eine
bei ss° schmelzende und bei 1950 siedende kri-
stallinische Masse darstellt. Die Monochlor essig-
saure hat durch ihre Verwendung zur Herstellung
des künstlichen Indigos hohe Bedeutung erlangt.
Die Trichloressigsäure wird in der Medizin als
starkes Ätzmittel, besonders bei Nasen- und
Ohrenleiden, angewandt.

Chlorjod (Jodchlorid, lat. Jodum chloratum),
eine Verbindung von Chlor und Jod, JC13, wird
als Antiseptikum benutzt.

Chlorkalk (Bl eichkalk, Kalziumhypochlo-
rit, lat. Calcaria chlorata, Calcium hypochloro-
sutn, Calcaria oxymuriatica, frz. Hypochlorite de
chaux, Chlorure de chaux, engl. Chloride of lime,
Bleaching powder) wird dargestellt, indem man
Chlor über flach ausgebreiteten, mit Wasser zu
Pulver gelöschten Kalk leitet, bis kein Chlor
Wehr aufgenommen wird. Das erforderliche Chlor
'vird neuerdings vielfach durch Elektrolyse von
Kochsalz gewonnen. Ch. ist ein weißes trocknes
Pulver von eigentümlichem, chlorähnlichem Ge
ruch, welches sich in Wasser nur teilweise löst.
Die Konstitution steht noch nicht völlig fest,
Jedoch ist wahrscheinlich, daß nicht eine ein-
heitliche Verbindung, sondern ein Gemenge von
Kalziumchlorid, Kalziumhydroxyck und Kalzium-
“xychlorid vorliegt. Die beim Behandeln mit
Wasser entstehende Lösung enthält jedenfalls
Jwben Kalziumchlorid auch Kalziumoxychlorid.
Der Handelswert des Ch. richtet sich nach sei-
nem Gehalt an wirksamem Chlor, d. h. der-
Jenigen Chlormenge, welche durch verdünnte
bäuren in Freiheit gesetzt wird. Guter Ch. ent-
hält 33—36% aktives Chlor, während im Handel
®ft Sorten mit 20% und weniger Vorkommen,
^ußer durch den Prozentgehalt an Chlor drückt
den Wert bisweilen auch in französischen
Graden (nach Gay-Lussac) aus, welche die aus
1 kg Ch. zu entwickelnde Menge Chlor in Litern
atlSeben. So sind 2. B. 63 französische Grade
20,02 0/0; ioo° = 31,780/0;	1140 = 36,22%

aktives Chlor. Der Ch. wird zum Bleichen von
Baumwolle, Leinen und Papier, ferner zur Her-
Stellung von Chloroform und als Desinfektions-
tWttel in großer Menge verbraucht. Der Versand
?T*0lgt in Fässern aus stark ausgetrocknetem
^olze, die trocken, kühl und dunkel aufbewahrt
erden müssen. Aus der Luft zieht Ch. sonst
Weht Feuchtigkeit und Kohlensäure an, und
Sonnenlichte zersetzt er sich, bisweilen unter
*Plosionserscheinungen.

•j,Ghlorkohlenstoff (Tetrachlorkohlenstoff,
®trachlormethan, Kohlenstofftetrachlo-
chl -lat' Garboneum tetrach’.oratum, frz. Tetra-
loride de carbone, engl. Carbon Tetrachlorid),
cjG*4. kann als Methan aufgefaßt werden, in wel-
eW sämtliche vierWasserstoffatome durch Chlor
csetzt worden sind. Ch. wird durch Einleiten von
g ,0r m Chloroform oder durch Behandlung von
etawefelkohlenstoff mit Chlor bei Gegenwart von
farM$ (tmuerdings Eisen) dargestellt als eine
“tose schwere Flüssigkeit vom spezifischen

-tt r r c k s Warenlexikou.

Gewicht 1,600, welche bei 77° siedet und bei
— 250 fest wird. Die nur schwer entzündliche
Flüssigkeit besitzt ein hohes Lösungsvermögen
für Fette, Harze und Balsame und findet daher
als Extraktionsmittel an Stelle des teuren Chloro-
forms und des feuergefährlichen Benzins in der
chemischen Großindustrie und Wäschereien in
steigendem Maße Anwendung. Der Preis für
1 kg beträgt etwa 1,25 M.

Chlorodont, eine Zahnbleichcreme aus dem
Laboratorium „Leo“ in Dresden, besteht nach
C. Griebel aus Bimssteinpulver, Kalziumkarbo-
nat, Seife, Glyzerin sowie Kaliumchlorat.

Chloroform (Formylchlorid, Trichlor-
methan, lat. Chloroformium, frz. Chloroforme,
engl. Chloroform) wird in der Weise hergestellt,
daß man bestimmte Mengen von Alkohol, Chlor-
kalk und Wasser bei gelinder, 58—63'* nicht
übersteigender Wärme mit Dampf destilliert. Das
übergegangene schwere Öl wird von der darauf
schwimmenden alkoholisch-wäßrigen Schicht ab-
gelassen und zuerst mit Sodalösung, darauf mit
Schwefelsäure und Wasser gewaschen. Eine
andere Methode beruht auf der Destillation von
Roh-Azeton mit Chlorkalk und Wasser sowie
neuerdings auf der Elektrolyse alkoholischer
Kalziumchloridlösung, Für medizinische Zwecke
geeignetes, besonders reines Ch. erhält man durch
Zersetzung von Chloral mit Ätzkali oder durch
Ausfrierenlassen von technischem Ch. bei —75°
(Ch.-Pictet). Ch., CHC1S, ist eine farblose, äthe-
risch riechende Flüssigkeit von süßlich brennen-
dem Geschmack, welche bei 63° siedet, das spez.
Gew. 1,500 bei 15° besitzt und sich nicht in
Wasser löst. Dagegen mischt es sich mit Alkohol
und Äther und bildet ein ausgezeichnetes Lö-
sungsmittel für fette und harzartige Körper, Alka-
loide, Kautschuk, Brom, Jod, Phosphor und
viele organische Verbindungen. Zu seinem Nach-
weis bedient man sich der Nitrilreaktion, indem
beim Erwärmen von Chloroform mit Anilin und
Kalilauge der intensive Geruch nach Isonitril
auftritt. Das für medizinische Verwendung be-
stimmte Ch. muß in erster Linie völlig säurefrei
sein und daher zur Vermeidung von Zersetzun-
gen im Dunkeln aufbewahrt werden. Ein ge-
ringer Alkoholgehalt von 1% ist zur Erhöhung
der Haltbarkeit erlaubt. Ch. wird äußerlich im
Gemisch mit Öl und Salben zu Einreibungen
gegen Rheumatismus verordnet und stellt außer-
dem das wichtigste Mittel zur Erzeugung von
Narkosen dar. Die Technik benutzt es als Lö-
sungsmittel.

Chlorophyll (Blattgrün), der grüne Farbstoff
der Blätter, in welchen es, gemischt mit gelbem
Xanthophyll, in Form kleiner Körner an Ei-
weiß gebunden, vorkommt. Durch Extraktion
grüner Pflanzenteile (Kohl, Nesseln) mit alka-
lischem oder ammoniakalischem Alkohol wird
das Ch. in Form einer Lösung erhalten, aus der
man es durch Behandlung mit Benzol in eine
reinere Form überführt, die entweder im Gemisch
mit Fetten (öllösliches Ch.) oder als Lösung
(sprit- und wasserlösliches Ch.) zum Färben von
Wachs, Seifen und Nahrungsmitteln in den
Handel kommt.

Chlorsäure (lat. Acidum chlorosum, frz. Acide
chloreux, engl. Chlorous acid), HC10S, ist nicht
in freiem Zustande, sondern nur in Form ihrer

6
        <pb n="88" />
        ﻿Chlorschwefel

82

Chrysamin R und G

Salze uad wäßrigen Lösung bekannt, die durch
Ümsetzung von Bariumch’.orat mit der berech-
neten Menge Schwefelsäure erhalten wird. Durch
Eindampfen im Vakuum kann die Lösung bis
zum spez. Gew. 1,280 und einem Chlorsäure-
gehalt von 40 °/o konzentriert werden. Darüber
hinaus zerfällt sie unter Abspaltung von Sauer-
stoff und Chlor zu Überchlorsäure, HC104.
Die Ch. ist ein energisches Oxydationsmittel,
welches organische Stoffe, wie Papier, Gewebe
usw., unter Flammenerscheinung ze, stört. Eine
stark verdünnte Lösung dient nach einem paten-
tierten Verfahren zum Karbonisieren des baum-
wollenen Untergrundes bei der Herstellung sog.
Luftspitzen.

Chlorschwefel, S2CL (Schwef elchlorür,
einfach Chlorschwefel, lat. Sulfur monochlo-
ratum, frz. Ch’.orure de soufre, engl. Chloride of
Su'.phur), entsteht beim Überleiten von Chlor üb r
geschmolzenen Schwefel als eine rotgelbe, übel-
riechende, an der Luft rauchende Flüssigkeit
vom spez. Gew. 1,687, die bei 138° siedet, sich
nicht mit Wasser mischt, aber von letzterem zer-
setzt wird. Ch. wird zum Vulkanisieren von
Kautschuk benutzt, da er große Mengen Schwefel
leicht auflöst.

Chor-Putta, eine ostindische Bastfaser von
Urtica heterophylla, einer Nesselpflanze in
Concan und Malabar.

Christbaumschmuck aus Glas, Zinnlegierun-
gen und anderen Metallen, wird im Erzgebirge,
im Thüringer Wald und in Nürnberg, besonders
in der Heimindustrie in großer Mannigfaltigkeit
hergestellt und bildet einen wichtigen Artikel
der Leipziger Messe.

Chrom. Dieses erst 1797 entdeckte metalli-
sche Element (Cr = 52) bildet die Grundlage
einer Reihe für Technik und Handel nicht un-
wichtiger Präparate, als deren ausschließliches
Ausgangsmaterial der Chromeisenstein (Chro
mit), ein Mineral aus Chromoxyd und Eisen-
oxydul mit wechselnden Mengen Magnesia, Ton-
erde usw. zu gelten hat. Das metallische Ch.,
welches bis vor kurzem nur im Laboratorium
durch Glühen von Chromoxyd mit Zyankali und
Tierkohle, oder durch Reduktion von Chrom-
oxyd oder Bleichromat mit Kohle dargestellt
wurde, kann neuerdings mit Hilfe des Gold-
schraidtschen Thermitverfahrens (s. d.) durch
Behandlung von Chromoxyd mit Aluminium-
pulver unschwer in größerer Menge gewonnen
werden und hat dadurch, besonders zur Erzeu-
gung des Chromstahls (s. Stahl), größere Be-
deutung gewonnen. Es ist ein eisengraues, sehr
hartes, sprödes und strengflüssiges Metall vom
spez. Gew. 6,9.

Chromgelb (frz. Jaune de chrome, Chromate
de plomb, engl. Chrome yellow, Chromate of
lead), eine der schönsten gelben Mineralfarben,
die in den verschiedensten Tönen vom Hellgelb
bis Orange und Rot (Chromorange, Chrom-
rot) und unter den verschiedensten Namen wie
Neugelb, Pariser-, Amerikanisch-, Go-
thaer-, Hamburger-, Kaiser-, Kölner-, Kö-
nigs-, Krön-, Leipziger-, Post-, Zitronen-,
Zwickauergelb in den Handel kommt. Sie
alle bestehen in chemischer Hinsicht aus chrom-
saurem Blei, PbCr04, allein oder im Gemisch mit
wechselnden Mengen Bleioxyd und werden in

der Weise hergestellt, daß Bleilösungen, am
besten von Bleiazetat (s. Bleizucker) mit Kalium-
chromat gefällt werden. Zur Erlangung der ge-
wünschten Farbtöne sind ganz besondere Mi-
schungs- und Mengenverhältnisse innezuhalten,
denn je basischer die Farbe, um so mehr nähert
sich ihr Ton dem Orange und Rot. Auch emp-
fiehlt es sich, um den Niederschlag voluminöser,
wolliger zu erhalten, aus stärkerer Verdünnung
mit einem Überschuß von Bleisalz zu fällen. Die
Chromgelbe werden teils zur Erzielung beson-
derer Töne, teils in betrügerischer Absicht mit
minderwertigen Zusätzen, wie Gips, Kreide, i
Schwerspat versetzt und sollten daher stets auf
ihre Reinheit geprüft werden. Sie lassen sich
sowohl als Öi- wie als Wasserfarbe verwenden
und liefern gut deckende, ziemlich widerstands-
fähige Anstriche. Nur auf frischen Kalkwänden
können sie nicht angebracht werden, ohne in
Rot umzuschlagen, und werden durch Schwefel-
wasserstoff, wie die übrigen Bleifarben (s. d.), ge- !
schwärzt.

Chromgrün (frz. Vert de chrome, engl. Pro-
toxide of chromium). Unter diesem Namen kom-
men sowohl das reine Chromoxyd, wie auch
Gemische von letzterem mit Chromgelb oder
auch von Chromgelb mit Berlinerblau in den
Handel. Das Chromoxyd, Cr203, wird durch
Glühen von Kaliumdichromat mit kohlenstoff- j
haltigen Substanzen, wie Stärke, Zellulose, oder
mit Schwefel erhalten und bildet eine sehr be-
ständige, gegen Licht, Luft und Säuren unver-
änderliche Farbe, die aber wegen ihres etwas
matten Aussehens meist nur in der Porzellan-
malerei Anwendung findet. Wesentlich schönere
Töne zeigen die als Guignets Grün, Smaragd-
grün, Pelletiers Grün, Vert virginal be-
zeichneten Farben, welche aus Chrorahydroxyd
bestehen und durch Erhitzen von Kaliumdichromat
mit Borsäure bis zur schwachen Rotglut erhalten
werden. Die aus Chromgelb und blauen Far-
ben gemischten Grüne fallen unter die für Blei-
farben (s. d.) erlassene Verordnung.

Chromsäure (Chromtrioxyd, lat. Acidum
chromicum, frz. Acide chromique, engl. Chromic
acid), die Sauerstoffverbindung des Chroms,
Cr03, welche durch Behandlung von Kalium-
dichromat mit konz. Schwefelsäure hergestellt I
wird, erscheint in Form scharlachroter, bläulich
glänzender“ Kristalle, die an der Luft unter
Wasseranziehung zerfließen und sich in Wasser
zu einer dunkelroten Flüssigkeit lösen. Die Ch.
zerstört heftig organische Stoffe und muß daher
in Glasstöpselflaschen aufbewahrt werden. Man
verwendet sie als Ätzmittel für Metalle und medi-
zinische Zwecke, zu galvanischen Batterien, als
Oxydationsmittel usw.

Chromviolett nennt man zwei Teerfarbstoffe
(Triphenylmethanderivate), welche zum Be-
drucken von Baumwolle mit Chrombeize benutzt
werden. Der eine ist als aurintrikarbonsaures
Natrium anzusprechen und entsteht bei der Ein-
wirkung von Formaldehyd auf Salizylsäure und
Schwefelsäure, der andere wird durch Behand-
lung von Tetramethyldiamidobenzhydrol mit Sa- I
lizylsäure und folgende Oxydation dargestellt.
Auch Chromchlorid, CrCl3, führt den Namen
Chromviolett oder Chrombronze.

Chrysamin R und G sind zwei Azofarbstoffe
        <pb n="89" />
        ﻿Chrysaminsäure

Coquillas

83

(s. d.), die durch Kuppelung von Salizylsäure mit
diazotiertem Tolidin bzw. Benzidin entstehen.

Chrysaminsäi.re(Te trän; trochrysazin), eine
aus Aloe durch Erhitzen mit Salpetersäure dar-
stellbare organische Säure, erscheint in kleinen,
gelben, glänzenden Blättchen von bitterem Ge-
schmack, die in Wasser nur wenig mit purpur-
toter Farbe löslich sind. Vgl. ferner Aloefarb-
stoffe.

Chrysanilin, eine stickstoffhaltige organische
Base, die sich unter den bei der Fuchsinbereitung
entstehenden Nebenerzeugnissen findet und eine
der im Handel vorkommenden Arten von Ani
Bngelb bildet, ist ein gelbes, in Wasser fast
Unlösliches Pulver, löst sich aber in Alkohol und
Äther.

Chrysarobin (Chrysarobinum), ein Derivat
der Chrysophansäure (s. d.), findet sich in der
Äraroba (s. d.), aus welcher es durch Auskochen
mit Benzol rein dargestellt wird. Ch. bildet ein
Selbes, geruch- und geschmackloses, mikrokristal-
linisches Pulver vom spez. Gew, 0,920, welches
bei 170—178° schmilzt und in der Medizin zur
äußerlichen Behandlung verschiedener Haut-
krankheiten angewandt wird. Es darf als Heil-
mittel nur in Apotheken verkauft werden.

Chrysaurein, ein zur Gruppe der Azofarben
gehöriger. Teerfarbstoff von orangegelber Farbe,
S°U mit Orange II identisch sein.

Chrysen, C18H12, findet sich in den höchst
siedenden Teilen des Steinkohlenteers in Form
"'eißer Kristalle vom Schmelzpunkt 2500.

Chryseolin (Chrysoin, Tropäolin R, Re-
s°rzingelb), ein zur Gruppe der Azofarben
gehöriger gelber Teerfarbstoff, Dioxyazoben-
‘‘olparasulfosaures Kali, wird durch Behänd-
hing von Dioxyazobenzol mit konzentrierter
Schwefelsäure oder auch von Paradiazobenzol-
sulfosäure mit Resorzin erhalten. Der Farbstoff
erscheint in orangegelben Blättchen, die in kal-
tem Wasser schwer, in heißem leicht löslich sind,
Jmd färbt Seide und Wolle schön gelb mit einem
btich ins Orange.

Chrysoberyll (Chrysopal, frz. Chrysoberil),
eitl glasglänzender Schmuckstein von spargel-
grüner, ins Grünlichweiße und Olivengrüne über-
gehender Farbe, der zur Gruppe der Spinelle
i"11 rechnen ist und aus Tonerde und Beryllerde
fihst Spuren von Eisen besteht, findet sich als
eschiebe im Sande der Flüsse in Birma, Bor-
e°. Zey’.on, Brasilien und Sibirien. Ausgezeich-
gefärbte Stücke werden in Brillantform ge
j^hliffen und gewöhnlich mit Goldfolie unterlegt,
o schillernden erhalten den kappenförmigen
Schnitt.

s Chrysoidin (Diamidoazobenzolchlorwas-
erstoff, salzsaures Diamidoazobenzol), ein
-j.r Gruppe der Azofarbstoffe gehöriger gelber
^rfarbstoff, wird durch Einwirkung von Meta-
ä er&gt;ylendiamin auf salzsaures Diazobenzol
^■■gestellt. Es löst sich in Wasser und färbt
g °lle und Seide sowie mit Tannin gebeizte
Di UrrV'v°lle goldgelb, etwas ins Orange ziehend,
steh “e’Pe konzentrierte, wäßrige Lösung ge-
t beim Erkalten zu einer blutroten Gallerte.
gr, . rysolin, ein Teerfarbstoff, welcher durch
und nen Von Resorzin mit Phthalsäureanhydrid
sjT. Benzylchlorid bei Gegenwart von Schwefel-
e und nachfolgendes Sättigen mit Natron

erhalten wird, also die Natron Verbindung des
Benzylfluoreszeins, kommt in Form eines
rotbraunen Pulvers oder rotbrauner Stücke in
den Handel, die nach Benzylchlorid riechen und
mit Wasser braune, grün fluoreszierende Lösun-
gen liefern. Es dient zum Gelbfärben von Seide
und Wolle, nicht von Baumwolle.

Chrysolith. Mit diesem Namen werden zu-
weilen die gelbgrünen Saphire, und als orien-
talische Ch. die Chrysoberylle bezeichnet. Der
wirkliche oder edle Ch. ist Olivin (s. d.).

Chrysophansäure (lat. Acidum chrysopha-
nicum, frz. Acide chrysophanique, engl. Chryso-
phanic acid), eine in verschiedenen Pflanzen vor-
kommende organische Säure, wurde früher, be-
vor man die Identität dieser Substanzen kannte,
mit verschiedenen Namen: Rhein, Rhabarbe-
rin, Rhabarbergelb, Rumizin, Lapathin
und Parietinsäure, belegt und besteht wie
diese aus Dioxymethylanthrachinon, CuH5.
02;CH3)(0H)2. Sie wird medizinisch verwendet
und zu diesem Zwecke aus dem in der Araroba
enthaltenen Chrysarobin dargestellt, das eine
reichlichere Ausbeute liefert als Rhabarber, Senna
und Parmelia parietina. Die Ch. ist früher für
identisch mit dem Chrysarobin gehalten und
häufig mit ihm verwechselt worden. Es hat sich
aber gezeigt, daß die eigentümliche Wirkung
auf die Haut nicht der Ch., sondern dem Chry-
sarobin zukommt, aus dem sie durch Oxydation
entsteht. Die Ch. bildet ein fein kristallinisches,
geruch- und geschmackloses Pulver von orange-
gelber Farbe, oder auch goldgelbe Kristall-
blättchen, die kaum in Wasser, leicht in heißem
Alkohol, Äther und Benzin löslich sind. Bei ihrer
Verwendung muß man sich hüten, etwas an die
Augen zu bringen, weil dadurch heftige Entzün-
dungen entstehen.

Chrysophenin, ein orangegelber Azofarbstoff,
der in kochendem Wasser leicht löslich ist und
Baumwolle im Seifenbade gelb färbt, besteht aus
dem Natronsalze des Diamidostilbendisulfosäure-
disazodiphenoläthyläthers.

Chrysopras, ein durch Nickeloxydulhydrat
apfelgrün gefärbter Chalzedon, wird als Halb-
edelstein verwandt.

Chrysorin, eine aus 72 Teilen Kupfer und
28 Teilen Zink bestehende Messingsorte, ist in
der Hitze schrhiedbar und wird zu Luxusartikeln
verwandt.

Cibils Fleischextrakt ist ein flüssiges Fleisch-
präparat mit 66 tyo Wasser, 15 °/o Kochsalz und
erheblichen Mengen Albumosen.

Cold-cream nennt man weiße Pomaden, welche
die Haut fein und geschmeidig erhalten, auf-
gesprungene Lippen und andere kleine Wunden
heilen sollen. In der Grundlage bestehen sie
aus weißem Wachs und Walrat mit Verdünnungs-
mitteln, wie Mandelöl, Schweineschmalz oder
Lanolin, die unter Umständen mit andern Stoffen
versetzt oder parfümiert werden, wie z. B. Rosen-,
Mandel- (mit Bittermandelöl), Kampfereis, Gurken-
pomade (mit Gurkenessenz), Glyzerine-cream.

Coquillas (Lissaboner Kokosnüsse), die
harten Fruchtschalen einer brasilianischen Pal-
me, Attalea f unifera, welche denen der eigent-
lichen Kokosnüsse in Gestalt ähnlich, aber weit
kleiner und sehr dick sind, dienen wie jene zu
kleinen Drechsler- und Schnitzarbeiten.
        <pb n="90" />
        ﻿Comed-Beef

84

Dammaraharz

Corned-Beef, ursprünglich aus Amerika ein-
geführtes, später auch in Deutschland hergestelltes
Büchsenfleisch, das in den möglichst ganz ge-
füllten Büchsen sterilisiert wird. Wegen der vielen
gegen das amerikanische Erzeugnis erhobenen
Bedenken ist im Schlachtvieh- und Fleisch-
beschaugesetz die Einfuhr von Büchsenfleisch
verboten.

Cottonsuet ist ein aus Amerika eingeführtes
Gemisch von Baumwollsamenstearin mit etwas
Rindertalg.

Cozapulver, eines der zahllosen, völlig wert-
losen Mittel gegen die Trunksucht, besteht aus
nichts als Natriumbikarbonat mit etwas Kalmus
und Enzian. Der Preis des von England aus
mit riesiger Reklame vertriebenen Präparates
beträgt io M., der Wert 30 Pfg. (1)

Crabholz von Guyana stammt von Xylocar-
pus caraba und ist ein verhältnismäßig leichtes,
aber doch gutes Nutzholz, welches zu Masten,
Rahen, Sparren, Dielen und Türen verwandt
wird.

Cremes nennt man im Französischen Pomaden
und andere salben- oder rahmähnliche Gemische,
dann auch mit viel Zucker versetzte und dadurch
ölartig dicke Liköre.

Crin vegetal (Crin d’Afrique, Vegetal), ein
aus den Blättern der Zwergpalme, Chamae-
rops humilis, in Algier gewonnener Faserstoff,

wird zu Polsterungen verwendet. Schwarz ge-
färbt wird er den Roßhaaren ähnlicher als
irgend eine andere Substanz.

Cuaba, ein feines Nutzholz von der Insel
Kuba, kommt in zwei Arten, Cuaba amarilla,
von Amyris maritima, und Cuaba blanca, von
A. sylvatica, in den Handel.

Cura^aoschalen (lat. Cortex fructus Curagao,
frz.Ecorce de Curagao, engl. Curacoa Peel), die ge-
trockneten Fruchtschalen einer auf Curagao an-
gebauten Abart der Pomeranzen, sind dünner und
bitterer als die gewöhnlichen, von braungrün-
licher Farbe und haben dem bekannten bitteren
Likör den Namen verliehen. Neben diesen ech-
ten Schalen werden auch grüne Pomeranzen-
schalen überhaupt als C. bezeichnet.

Curry powder (Ragoutpulver), eine pikant
schmeckende Mischung von Gewürzen, die in
Indien als Zutat zu Speisen (Curry heißt ge-
pfefferter Reisbrei) allgemein gebraucht wird,
und deren Verwendung sich von dort über Eng-
land nach dem Kontinent verbreitet hat. Die
Rezepte zu echtem Ragoutpulver sind sehr ver-
schieden, doch mehr hinsichtlich der Menge als
der Art der Zutaten, die in allen Vorschriften
ziemlich dieselben sind, nämlich Kurkuma und
Koriander, schwarzer Pfeffer, Ingwer, Zimt, Mus-
katblüten, Gewürznelken, Kardamom, Kümmel,
Kayennepfeffer.

D.

Dänisch Weiß nennt man eine sehr fein ge- 1
schlämmte Kreide, die hauptsächlich von den
Inseln Moen und Fünen in den Handel kommt
und als Anstrichfarbe benutzt wird.

Därme (frz. Boyaux, engl. Guts). Die D. ge-
wisser Säugetiere finden eine ausgedehnte tech-
nische Verwendung und bilden einen nicht un-
bedeutenden, oft weithin versandten Handels-
artikel. Namentlich Rußland, England, Ungarn,
Italien, Dänemark, Sibirien, Turkestan liefern
große Mengen D., welche entweder nach ge-
nügender Reinigung getrocknet, oder mit Koch-
salz bestreut (eingesalzene D.) im feuchten
Zustande in Fässer verpackt werden. Die ge-
suchteste Sorte sind die Schafdärme, und
zwar besonders diejenigen von jungen Schafen,
weil sie die besten Darmsaiten liefern. Die
italienischen Schafdärme haben den höchsten
Wert, weil sie von schlecht genährten und jung
geschlachteten Tieren stammen, deren D. zäher
und widerstandsfähiger sind als diejenigen von
gut genährten. Außer zur Saitenherstellung wer-
den die Schafdärme auch in Wurstfabriken
sehr viel verbraucht, so daß es oft schwer
hält, das genügende Material für die Saiten-
gewinnung zu beschaffen. Ochsendärme lie-
fern die Goldschlägerhaut und die Häute für
Salamiwürste. Schweinsdärme werden als
Wursthüllen benutzt. Pferdedärme dienen zu
Dtehbankschnuren. Katzendärme werden zu
Kalgut (s. d.), einem Nähmateria! für Wunden
usw., verarbeitet.

Dahlia, ein Teerfarbstoff, ist eine Abart von
Hofmanns Violett (s. d.).

Daliholz von Virola sebifera, einem großen
Baume Guyanas, dessen Früchte Pflanzentalg
(s. d.) liefern, läßt sich sehr gut spalten und wird
viel zu Faßdauben verwandt.

Dammaraharz (Katzenaugengummi, lat.
Resina dammar, frz. Resine du dammara, engl. i
Dammar). Diesen Namen führen verschiedene '
ostindische Harze, von denen aber nur wenige
in den europäischen Plandel kommen. Das ge-
wöhnliche D. stammt von der Dammarafichte
(Dammara orientalis), einem großen, beson-
ders auf den Molukken und Sunda-Inseln häufig
wachsenden Waldbaum, der nahe am Boden
dicke Stammknollen bildet und aus diesen das
Harz ausschwitzt. Diese Ware kommt haupt-
sächlich von Java, in Kisten von etwa 100 kg
Inhalt, in den Verkehr. Eine ähnliche, aber här-
tere und deshalb geschätztere Sorte wird von
Singapore aus verschifft und stammt von Hopea
splendida und micrantha. Eine von Borneo
in den Handel kommende Sorte, Dam mal
daging oder Rose Dammar, ist weicher und
ins Grünliche fallend und daher um die Hälft6
billiger als die gewöhnliche Sorte. Das D. be-
steht aus größeren und kleineren, meist rund-
lichen Stückchen, die äußerlich weiß bestäubt,
innen glashell und stark glänzend sind, flach-
muschelig brechen, sich mit Ausnahme der Singa
pore-Sorte leicht zu Pulver stoßen lassen und
in der Wärme der Hand etwas klebrig Verden-
Es erweicht bei 75°, schmilzt bei 200° zu einer
dünnen Flüssigkeit und zeigt ein spez. Gew. von
1,040—1,120. Die Masse ist entweder ganz farb-
los oder gelblich,, löst sich in Alkohol und
        <pb n="91" />
        ﻿Danziger Goldwasser

85

Delphinin

Äther nur teilweise, vollständig aber in fetten
und ätherischen Ölen. Die mit Terpentinöl, dem
gewöhnlichen Lösungsmittel, erhaltene Lösung
heißt Dammarlack. Obwohl der Dammarlack
an Härte und Dauer dem Kopallack nachsteht,
ist er doch in allen Fällen beliebt, in denen es
sich um völlige Farblosigkeit handelt, also beson-
ders für weißgestrichenes Holzwerk. Natürlich
müssen für diesen Zweck die farblosen reinen
Stücke, die auch zugleich die härtesten sind, aus-
gesucht und die farbigen für anderen Verbrauch
turückgestellt werden. Hingegen sind ganz weiße,
glanzlose, auf dem Boden wachsähnliche, harzig
anzufühlende Stücke völlig zu beseitigen, weil
sie jeden Lack verderben. — Das D. besteht
aus verschiedenen harzigen Stoffen, von denen
zurzeit Dammarolsäure und zwei Dammar-
Resene isoliert wurden. — Das australische
Dammaraharz (Kaurikopal), das ebenfalls
von einer Dammarafichte, der 24—36 m hohen
Dammara australis auf Neuseeland stammt,
hat mit der ostindischen Ware keine Ähnlichkeit,
sondern besteht aus unregelmäßigen, oft kopf-
großen Stücken von blaßgelber, bräunlicher oder
grünlicher Farbe, die in Weingeist und Ter-
pentinöl unlöslich sind. Durch Schmelzen, wobei
das Harz prasselt und weiße Dämpfe ausstößt,
wird es in der Färbung dunkler und dahin ver-
ändert, daß es sich in Terpentinöl und anderen
ätherischen Ölen leicht löst. Das australische
D. dient nur zu dunkleren Firnissen.

Danziger Goldwasser, ein stark süßer, aro-
matischer Likör, in welchem glänzende Flitter-
chen von echtem Blattgold schwimmen.

Darabschird wird in Persien der Tabak (von
Nicotiana persica) genannt, der von Benaru
Pnd Fars in bester Güte geliefert wird.

Dari (Dara), die Samen einer hirseartigen Ge-
heideart, Sorghum tartaricum (nicht zu ver-
wechseln mit Dhurrha oder Sorghum vulgare),
aus Syrien, Ägypten und Südafrika, wurden früher
Pur zur Futterzwecken, jetzt ihres billigen Preises
und hohen Stärkegehaltes (ca. 66 °/o) wegen viel-
fach zur Branntweinbrennerei nach Belgien und
Holland (Genever) eingeführt. Der D, aus Ägyp-
ten hat ziemlich starke, schwarzbraune, syrischer,
messen Körner auch kleiner sind, weiße, D. aus
Zanzibar mehr ins Graue fallende Samenhülsen.

Darmsaiten (frz. Cordes de boyau, engl. Cat-
8ut Strings), aus zugerichteten Tierdärmen zu-
®arnrnengedrehte Schnüre, werden, wenn sie nur
ür Spinnräder, Drehbänke und zu anderen tech-
nischen Zwecken dienen sollen, meistens von
pudern und Fleischern hergestellt. Für die Sai-
®P zu Musikinstrumenten, besonders Violinen,
J*ar in früheren Zeiten- Italien das erste Bezugs-
and, während jetzt Deutschland und Frankreich
Vlel mehr und fast ebenso gute Ware liefern.

Datteln (lat. Dactyli, frz. Dattes, engl. Dates)
*nd die Früchte, richtiger Beeren der Dattel-
alrne (Phoenix dactylifera), die in den trockenen
andern zwischen dem 19. und 35. Grad nördl.
reite, besonders in Nordafrika mit Ägypten,
rabien, Syrien und Persien gedeiht und durch
j® Kultur weit, selbst in derWüste, verbreitet ist.
j bis 20 m hohe Palme, die vom 30. bis 100.
reiche Ernte liefert, bringt oft 15—20 Trau-
®nbüschel hervor, deren jeder mehrere hundert

Früchte enthalten kann. Bevor die D. im August
völlig reif (teigig) werden und abfallen, pflückt
man sie, benutzt die halbreifen zum sofortigen
Genuß und läßt die unreifen auf Palmblätte'rn an
der Sonne nachreifen. Die besten zuckerreichsten
Sorten werden von den Eingeborenen verzehrt,
derbere Sorten dienen zur Verproviantierung der
Karawanen und des europäischen Handels. Kenn-
zeichen frischer Ware sind: glänzende, runzelfreie
Oberfläche, gelbrötliche Farbe, saftiges und
gleichsam speckiges Fleisch von honigsüßem
Geschmack. Die Früchte halten sich aber nicht
lange, sondern sind den Angriffen von Milben
und anderen Lebewesen sehr ausgesetzt und
müssen daher sorgfältig und trocken aufbewahrt
werden. Alte und daher minderwertige Ware ist
an der geschrumpften, runzligen Haut, der Saft-
losigkeit und geringen Süße sowie vor allem
daran zu erkennen, daß der Kern beim Schütteln
klappert. Für die Zusammensetzung gibt König
folgende Werte an: Wasser 18,51%, Stickstoffsub-
stanz 1,89%, Fett 0,60%, freie Säure 1,26%,
Invertzucker 47,16%, stickstofffreie Extraktstoffe
24,99%, Rohfaser und Kerne 3,76%, Asche
1,83%. Die Einfuhr erfolgt über Triest, Venedig,
Marseille und London meist in Kisten, Fässern
oder Matten von etwa 50 kg Bruttogewicht, die
feineren Sorten mehr in Schachteln. Besonders
beliebt sind die größeren braunroten Ägyp-
tischen (Alexandrinen) und die kleineren
hellgelben Berberischen D. aus Tunis. — Die
auf den indischen Basaren verkauften Datteln
von Phoenix acaulis, humilis und silvestris stehen
den afrikanischen weit nach.

Daturin (lat. Daturinum), das giftige Alkaloid
des Stechapfels, ist mit dem Atropin (s. d.)
identisch.

Degras heißt eine von Lohgerbern sehr ge-
suchte Lederschmiere, welche teils als Abfall bei
der Sämischgerberei erhalten, teils, weil diese
Quelle nicht ausreichend ist, besonders hergestellt
wird. Die Zubereitung des Weichleders beruht
darauf, daß die von Haaren und Narbe entblöß-
ten Felle mit Öl gewalkt, darauf wiederholt an
die Luft gehängt und schließlich in warmer Kam-
mer aufgeschichtet werden. Das Öl erleidet hier-
bei eine Oxydation und erlangt damit die Fähig-
keit, sich mit der Tierfaser zu verbinden und ihr
die lederartige Beschaffenheit zu geben. Das über-
schüssige Fett wird soweit als möglich auf mecha-
nischem Wege, durch Ausringen und Pressen
(Primasorte) und schließlich durch Auswaschen
der Felle in warmer Pottaschelösung entfernt.
Durch Zersetzung der hierbei entstehenden Emul-
sion (Urläuter, Weißbrühe) mit Schwefelsäure
und Waschen der abgesonderten Fettsäuren er-
hält man die geringere Sorte des echten D. Um
dieselbe Substanz direkt und als Plaupterzeugnis
herzustellen, wird das Verfahren des Sämisch-
gerbens mit schlechten Fellen so lange wieder-
holt, bis sie in Fetzen zerfallen. Auch stellt man
D. durch Zusammenschmelzen von Vaseline, Talg
und Fischtran künstlich her.

Delphinin (lat. Delphininum, frz. Delphinine,
engl. Delphinin), die neben Staphisagrin in
den Stephanskörnern enthaltene giftigePflan-
zenbase, ein weißes, amorphes, geruchloses Pul-
ver von unerträglich bitterem Geschmack, wird
nur selten medizinisch verwandt.
        <pb n="92" />
        ﻿



Deltametail, eine Legierung aus Kupfer (60 °/o),
Zink (38%), Eisen (1%), etwas Mangan und Phos-
phor, deren Herstellung besondere Kunstgriffe er-
fordert, besitzt große Härte und Zähigkeit, kann
gewalzt, gezogen und geschmiedet Werden, liefert
feinkörnige dichte Güsse und ist im geschmolzenen
Zustande dünnflüssig. Die Farbe schwankt zwi-
schen der des Messings und des Kanonenmetalls,
die Oberfläche nimmt eine feine Politur an. Das
D. wird zur Anfertigung von Schiffsschrauben,
Dampfpumpen, Kesselarmaturen, F euerspritzen
und Rädern empfohlen und in Rundstäben für
Spindeln und Schieber, in gewalzten Sechskant-
stäben für Schi'auben und Muttern geliefert.

Demijohns, starke, mit geschälten Korbweiden
umflochtene Glasflaschen von zylindrischer oder
Kugelform, werden von 1—40 1 Inhalt geliefert
und eignen sich zum sicheren Versand aller Arten
von Flüssigkeiten.

Dermatol (Basisch gallussaures Wismut,
lat. Bismutum subgallicum, frz. Gallate basique
de bismuth, engl. Subgallate of bismuth) entsteht
durch Vermischen von Gallussäure mit einer
Lösung von Wismutnitrat in Eisessig als ein gel-
bes, geruch- und fast geschmackloses Pulver, das
in Wasser. Alkohol und verd. Säuren unlöslich
ist, von starken Säuren aber gelöst wird. Trotz-
dem es kein eigentliches Antiseptikum ist, wirkt
es durch Beschränkung der Sekretion austrock-
nend und wird daher zur Behandlung aseptischer
Wunden benutzt.

Desinfektionsmittel nennt man die Substan-
zen, welche geeignet sind, Mikroorganismen ab-
zutöten, oder wenigstens in ihrer Entwicklung zu
hemmen. Die erste an jedes D. zu stellende An-
forderung ist, daß es schnell und sicher wirkt, im
übrigen können die Eigenschaften je nach dem
mit der Anwendung verfolgten Zwecke wech-
seln. So müssen die zur Desinfektion größerer
Mengen Abwässer, Abortgruben usw. bestimm-
ten Mittel billig und leicht zu handhaben sein.
Zur Desinfektion von Kleidungsstücken und Haus-
haltsgegenständen sind solche Stoffe ausgeschlos-
sen, welche die Gegenstände selbst angreifen,
wie Chlor, Säuren u. dgl. Zum Besprengen von
Straßenkörpern dienende Desinfektionsmittel
müssen mit Wasser Lösungen oder beständige
Emulsionen geben. Von bekannteren . Stoffen
seien hier nur angeführt: Chlorwasser, Sublimat,
Kaliumpermanganat, ' Karbolsäure, Chlorkalk,
Eisenchlorid, Zink- und Kupfervitriol, Thymol,
Salizylsäure, Arsenik, Alurainiumchlorid, Alaun,
Eisenvitriol. Ihre besonderen Eigenschaften fin-
den sich in den Spezialartikeln besprochen.

Dessert-Weine, solche, meist ausländische
Weine, die an Alkohol bzw. an Alkohol und
Zucker reich sind und sich dabei durch eine
besondere Feinheit des Geschmacks auszeichnen,
zerfallen in die eigentlichen konzentrierten
Süßweine, wie Rheinische Ausbruchweine; To-
kayer, Sizilianische Muskatweine, Malaga, grie-
chische Malvasier, welche bei verhältnismäßig
niedrigem Alkoholgehalt viel Zucker und Extrakt
aufweisen, und in die sog. Likörweine mit
hohem Alkohol-, aber niedrigem Extraktgehalt,
wie Marsala, Sherry, Portwein und Madeira. Die
ersteren werden entweder aus den besten aus-
gelesencn Beeren oder aus überreifen, teilweise

Dextrin

geschrumpften Trauben gekeltert, deren überaus
hoher Zuckergehalt nur zum Teil vergoren wird.
Die anderen entstehen nach den verschiedensten
Verfahren durch Spriten hinreichend weit ver-
gorener, zumTeil eingedickter Moste. Die D. unter-
liegen mannigfachen Verfälschungen und werden
sogar aus Rosinen, eingedickten Moststoffen, Ta-
marinden und Zucker völlig nachgemacht. Ein
strafrechtliches Einschreiten erscheint jedoch we-
nig aussichtsvoll, weil die genannten Ersatzstoffe
auch in den Ursprungsländern benutzt werden,
und das deutsche Weingesetz nur beschränkte
Anwendung findet. Immerhin verlangen die deut-
schen Nahrungsmittelchemiker, daß sie bei höhe-
rem Alkoholgehalt mindestens 6 g Alkohol der
eigenen Gärung verdanken und ohne Ver-
wendung von Zucker und Rosinen hergestellt
worden sind. Als Medizinalweine dürfen nur
konzentrierte Süßweine bezeichnet werden, die
wenigstens 2,6 g zuckerfreien Extraktrest und
0,04 g P04 in 100 ccm enthalten.

Dewarsche Kolben, doppelwandige Gefäße,
deren umhüllender Hohlraum luftleer gepumpt
und deren Innenseite zur Veränderung der Wärme-
strahlung mit Silber überzogen ist, dienen zür
Aufbewahrung und zum Versand flüssiger Luft.

Dextrin (lat. Dextrinum, frz. und engl. Dex-
trine), ein Umwandkmgsprodukt der Stärke,
das die gleiche prozentige Zusammensetzung
wie diese, aber abweichende chemische Eigen-
schaften besitzt, wird in großen Mengen fabrik-
mäßig hergestellt und kommt je nach dem
Grade der Reinheit unter verschiedenen Namen,
wie Stärkegummi, Röststärke, Gommeline,
Leiogomme, Leiopome, in den Handel. Die
Umwandlung der meist als Ausgangsmaterial
benutzten Kartoffelstärke wird entweder durch
einfaches, Rösten bei 2000, oder durch Behand-
lung mit Malzaufguß (Diastase) bei 65—75°
oder endlich durch Erwärmen mit verdünnten
Säuren bewirkt. In letztem Falle läßt man
die Säure so lange einwirken, bis Jodlösung
keine Blaufärbung mehr hervorruft, und neutra-
lisiert den Überschuß mit kohlensaurem Kalzium.
Zur weiteren Reinigung wird das entstandene
D. aus wäßriger Lösung mit Alkohol gefällt,
und der Niederschlag, nach dem Auswaschen
getrocknet. D. des Handels erscheint entweder
in Form eines zarten weißen bis gelblichen
Pulvers oder in Form gelblicher, durchscheinen-
der Stücke nach Art des Gummiarabikums. Es
unterscheidet sich von der Stärke dadurch, daß
es sich in Wasser zu einer klebrigen Flüssigkeit
auflöst, welche die Ebene des polarisierten Lich-
tes stark nach rechts dreht und mit Alkohol einen
zähklebrigen Niederschlag liefert. In chemischer
Hinsicht ist das Handelsdextrin kein einheit-
licher Körper, sondern ein Gemisch verschiedener
Verbindungen, deren Eigenschaften teils den-
jenigen des Ausgangsmaterials, der Stärke, teils
des Enderzeugnisses, d. i. der Stärkezucker (s. d.J
nahestehen. Die ersteren färben Jodlösung violett,
die mittleren braun, die letzteren gar nicht. D. wird
von Hefe nicht vergoren und findet sich daher int
Biere, auch soll es in manchen PflanzensäfteO
Vorkommen. Es wird in der Industrie als Klebe-
mittel, ferner als Appretur, als Verdickungsmittel
für Farben und Beizen in der Zeugdruckerei und
zu zahlreichen anderen Zwecken benutzt.

.
        <pb n="93" />
        ﻿Diamalt

87

Diamant

Diamalt, eine zur Beschleunigung des Back-
prozesses angepriesene Zubereitung österreichi-
schen Ursprungs, besteht aus dem eingedickten
■Extrakt von Grünmalz und wirkt durch seinen
Gehalt an Diastase.

Diamant (Demant, lat. Adamas, frz. Diamant,
engl. Diamond), der wertvollste all§r Edelsteine,
besteht in chemischer Hinsicht aus reinem Kohlen-
stoff, welcher durch besondere, nicht näher be-
kannte Einflüsse in Kristallform übergeführt wor-
den ist. Er kristallisiert im regulären System,
und zwar meist in Form von Oktaedern, Wür-
feln, Rhombendodekaedern und 48-Flächnern,
Von denen die letzteren infolge ihrer gekrümm-
ten Flächen und Kanten meist Kugelform zeigen.
Die meisten rohen D. sind äußerlich mit einer
rauhen trüben Rinde umkleidet und verraten
nichts von ihrer Schönheit, die erst durch das
Schleifen offenbart wird. Die Härte übertrifft
diejenige aller anderen Körper (Härtegrad 10),
so daß er nur in seinem eigenen Pulver ge-
schliffen werden kann, doch ermöglicht die
leichte Spaltbarkeit nach den Oktaederflächen
seine Bearbeitung, und seine Sprödigkeit die
Herstellung eines feinen Pulvers. Der D. tritt
farblos oder in verschiedenen Farben auf, ist
stark lichtbrechend und glänzend (Diamant-
glanz). Als reiner Kohlenstoff verbrennt er im
Sauerstoff bei 700—800° unter Hinterlassung
einer Spur Asche. Hingegen kann er unter
einer Decke von Borsäure oder Borax mit der
Gasflamme geglüht werden, ohne Schaden zu
leiden. Nachdem die am längsten bekannten
Fundorte in Ostindien in Golkonda und auf
Borneo ziemlich erschöpft sind, kommen für
die Lieferung der Diamanten fast nur noch Bra-
silien, Südafrika und Westaustralien in Frage.
In Brasilien, wo die D. 1725 entdeckt wurden,
finden sie sich bei Diamantina in der Provinz
Matto grosso, in den Flußbetten des Rio Diaman-
tino, Rio Ouro, Rio Paraguay sowie in den
Provinzen Minas-Geraes, Bahia, Goyaz und Cu-
yaba in Schwemmland, Sand und Gerolle, ferner
an sekundärer Lagerstätte in einer durch Braun-
eisen verkitteten Quarzbreceie (Cascalho) und
eingesprengt in dem eigentümlichen biegsamen
Sandstein, dem Itakolumit, der zur huronischen
Schieferformation gehört und daher als das Mutter-
gestein des D. angesehen wird, fn Südafrika
finden sich die D. teils im Alluvium der Tal-
sohlen, teils in einem durch Eisenerze verkitte-
len Kieselkonglomerat, dem sog. Blue ground,
Welcher trichterförmige Einsenkungen ausfüllt.
Hie hauptsächlich in Transvaal gefundenen Kap-
diamanten sind in der Regel farblos und
durchsichtig, seltener gefärbt. Ihnen ähnlich sind
die in Deutsch-Südwest gefundenen D., auf
die unser Kolonialamt so stolz war. Gelblich
schimmernde Stücke werden weniger geschätzt
als völlig farblose, hingegen stehen die sehr sel-
tnen blauen und grünen hoch im Preise. D.
Jhit ungleichmäßiger Färbung und Durchsichtig-
keit, mit trüben oder rostfarbenen Stellen, Flelc-
"en, Punkten, Adern und Wolken sind zu
Schmucksachen untauglich und bilden nebst den
^ kleinen Stücken den Ausschuß, der zu
Glaserdiamanten, Zapfenlagern für Uhren und
■Kompasse sowie gepulvert als Schleifmittel ver-
wandt wird. Die Glaserdiamanten werden
zweckmäßig aus kleinen Steinen (Kugelport)

mit natürlichen Kanten hergestellt, weil diese
besser schneiden als D.-Splitter. Hingegen ver-
wendet man zum Gravieren auf Glas, Metalle
oder lithographischem Stein dreiflächig zugespitzte
Splitter, die in Griffel gefaßt werden. Für alle
diese technischen Verwendungen, insbesondere
auch zur Herstellung von Drehstählen für Gra-
nit, Porphyr, Glas, Stahl und Gußei.en sowie
von Kränzen an Bohrmaschinen findet hauptsäch-
lich der durch amorphen Kohlenstoff gefärbte
Schwarze Diamant der Provinz Bahia (Car-
bonates) Anwendung. — Die rohen Diamanten
haben meist eine rauhe, wenig durchsichtige
Rinde von bleigrauer oder grünlicher Farbe.
Die letztere wird lieber gesehen, weil sie in der
Regel die reinste Masse umschließt. ^ Die Be-
urteilung roher Steine erfordert große Erfahrung,
da neben der Reinheit auch die Form, von der
die Größe des Abfalls abhängt, in Frage kommt.
Die meisten Steine verlieren durch die Bearbei-
tung Vs—1/2 ihrer Masse. Die durch Unreinheiten
bewirkten Fehler bezeichnen die Juweliere ent-
weder als Federn, Sprisselchen, schwarze und
braune Flecke, matte weiße Tupfen und regen-
artige Streifen, Nach der Reinheit unterscheidet
man drei Klassen: D. vom reinsten Wasser,
vollkommen klare, färb- und fehlerlose, aber
meist kleine Steine, D. vom zweiten Wasser,
klar, aber mit kleinen Fehlern, und D. vom drit-
ten Wasser. Steine von ungewöhnlicher Schön-
heit heißen Solitairs, Paragons oder Noti-
pareils. — Die Preise richten sich nach der
Größe, Form und Reinheit. Ein schön geschliffe-
ner Brillant von I Karat hat einen Wert von etwa
300 M., der bis zu &gt;5 Karat ungefähr dem Ge-
wichte entsprechend, darüber hinaus aber sprung-
haft ins Ungemessene ansteigt. — Die Diamant-
schleiferei, durch welche erst die wertvollen
Eigenschaften des D., Klarheit, Glanz und Far-
benspiel hervorgebracht werden, hatte früher
ihren Sitz ausschließlich in Amsterdam und Ant-
werpen, wird jetzt aber auch in Hanau und
Hamburg betrieben. Dem eigentlichen Schleifen
geht das sog. Klieven, d. h. ein Abspalten grö-
ßerer Stücke mit Hammer und Meißel nach
Zeichnung voraus. Darauf folgt das Beschnei-
den. ein Abreiben zweier in den Kittstock ein-
gesetzter Teile aus freier Hand und schließlich
das eigentliche .Schleifen, Hierzu werden die
Steine ebenfalls in einen Halter eingekittet und
so gegen eine, rotierende, mit Öl und Diamant-
staub bestrichene Fläche gedrückt. Die gang-
barsten Formen des Schliffes sind die B rill an t-
und Rosettenform. Die erstere, die das Licht-
und Farbenspiel des D. am schönsten entwickelt,
ist eine niedere, beiderseits abgestumpfte Doppel-
pyramide mit 2 oder 3 Reihen 3-, 4- oder 5 eckiger
Facetten. Die Rosette besteht aus einer ein-
fachen Pyramide mit runder oder ovaler flacher
Basis. Nachahmungen von D. wurden früher
aus Bergkristall, in letzter Zeit schöner aus stark
lichtbrechendem Bleiglas hergestellt, sind aber
an ihrer geringeren Härte leicht zu erkennen.
Weitereunterscheidungsmerkmale bestehen darin,
daß ein auf den Diamanten gebrachter kleiner
Wassertropfen seine Kugelform behält, auf Imi-
tationen aber zerläuft, und daß die Flächen des
echten Steins niemals so regelmäßig geformt
sind, als die Nachahmungen.
        <pb n="94" />
        ﻿Diamol

88

Dörrgemüse

Diamol, DiamidophenolChlorhydrat, wird als
photographischer Entwickler benutzt.

Diaphanbilder (Lithophanien) nannte man
früher sehr verbreitete Fensterbilder, Platten aus
unglasiertem Porzellan (Biskuit), die, gegen das
Licht gehalten, infolge des Vorhandenseins dün-
nerer und dickerer Stellen ein Bild durchschei-
nen ließen. Seit den Fortschritten der Photo-
graphie benutzt man besondere Diapositiv-
platten zur Herstellung.

Diastase, das in zahlreichen Pflanzenteilen
und tierischen Säften (Speichel) enthaltene Fer-
ment, welches Stärke in Zucker (Maltose und
Stärkezucker) zu verwandeln' vermag und das
wirksame Prinzip des Malzes bildet, wird durch
Extraktion von Malz mit verd. Alkohol gewonnen
und kommt als hellgelbes Pulver in den Handel.

Dicköl. Unter dieser Bezeichnung versteht
man im Handel zum Teil verharztes Terpentinöl.
Man läßt zu seiner Herstellung Terpentinöl in
flachen Schalen, der Einwirkung der Luft aus-
gesetzt, verdunsten, und benutzt es in der Glas-
end Porzellanmalerei.

Didym, ein metallisches Element aus der Gruppe
der seltenen Erden, Welches in einigen Minera-
lien als Begleiter des Zeriums (s. d.) auftritt, ist
eigentlich ein Gemisch zweier Elemente, Neodym
und Praseodym, von denen das erstere
grüne, das andere rote Salze bildet. Die Ver-
bindungen des D., welche als Nebenprodukte
bei der Gewinnung des Thoriums entstehen,
besonders das Didymchlorid, finden als wirk-
same und billige Desinfektionsmittel, das Neo-
dymnitrat außerdem in der Glasherstellung
zum Entfärben der Glasmasse, Anwendung.

Digitalin (lat. Digitalinum, frz. Digitaline, engl.
Digitalin). Der unter diesem Namen in den Han-
del kommende giftige Bestandteil des Finger-
hutkräutes (s. d.), bestand früher immer aus
einem Gemenge der verschiedenen, in diesem
Kraut enthaltenen charakteristischen Stoffe, die
je nach der Darstellungsweise in wechselnden
Mengen vorhanden waren. Diese als deutsches
Digitalin (Digitalinum purum pulveratum), Di-
gitaline crystallisöe Nativelle (frz. D.) und
Digitaline amorphe Homolle bezeichneten
Alkaloidgemische haben jedoch zurzeit nur noch
historisches Interesse, seit die Einzelbestandteile,
Digitalih und Digitoxin, in reinem Zustande
in den Handel gebracht werden.

Dikafett (Ad ika) ist ein aus den Samen der
in Gabon wachsenden Irwirigia Barteri ge-
wonnenes und seit einigen Jahren in den Handel
gebrachtes Pflanzenfett. Die Samen, welche auch
zur Darstellung einer schokoladenartigen Masse
(Dikabrot, Chocolat de Gabon) verwandt wer-
den. enthalten 60—66°/o eines der Kakaobutter
ähnlich riechenden festen Fettes, das anfänglich
rein weiß ist, nach längerem Liegen aber äußer-
lich stark gelb wird. Es schmilzt bei 400 und
eignet sich zur Herstellung von Kerzen und
Seifen.

Dill (Gurkenkraut, lat. H^rba anethi, frz.
Aneth, engl. Dill), ein aromatisches Dolden-
gewächs, Anethum graveolens, ist im süd-
lichen Europa heimisch und wird bei uns häufig
für häusliche Zwecke, namentlich zum Einlegen
der Gurken sowie zu Gewürztunken, in Garten
und Feld ausgesät, an einigen Orten (Nürnberg,

Erfurt, Sachsen) auch zur Samengewinnung in
größerem Maßstabe gebaut. — Durch Destilla-
tion der Samen mit Wasser erhält man das anfangs
farblose, später hellgelbe ätherische Dillöl (lat.
Oleum anethi, frz. Essence d’aneth, engl. Oil of dill),
das den Geschmack und Geruch der Pflanze
konzentriert # enthält und zum Parfümieren von
Seifen und in der Likörherstellung gebraucht
wird. Es hat ein spez. Gew. von 0,895—0,915
und enthält neben Karvon (s. d.) noch Limonen
und Phellandren. — Dillsamen (lat. Fructus
anethi, frz. Fruit d’aneth, engl. Dill), die 4—5 mm
langen, 3 mm breiten Spaltfrüchte von grau-
brauner Farbe und aromatischem Geruch und
Geschmack, werden wie das Kraut als Küchen-
gewürz zum Einlegen von Gurken verwandt.

Dimethylamidoazobenzol, ein wenig ge-
brauchter gelber Teerfarbstoff, der als Indikator
Anwendung findet.

Dionin, ein durch Einwirkung von Äthyljodid
auf Morphin dargestelltes Heilmittel (salzsaures
Äthylmorphin), wird an Stelle des Morphins
gegen Erkrankung der Atmungsorgane, der Augen
und zu Einspritzungen verordnet.

Diphenylaminblau, ein dunkelblauer, in Was-
ser unlöslicher Teerfarbstoff, wird durch Erhitzen
von salzsaurem Diphenylamin (ev. mit Tolyl-
diphenylamin gemengt) mit Oxalsäure hergestellt.
Beim Behandeln mit Schwefelsäure liefert es
eine in Wasser lösliche Sulfosäure, die in der
Färberei Anwendung findet.

Diptamwurzel (lat, Radix dictamni, frz. Racine
de dictamne, engl. Dittany root), die getrocknete,
geruch- und geschmacklose Wurzel von Dic-
tamnus albus, wird in der Volksmedizin an-
gewandt.

Ditarinde (lat. Cortex dita, frz. Ecorce de dita,
engl. Dita bark), die als Fiebermittel empfohlene
Rinde von Alstonia scholaris, einem auf den
Philippinen heimischen Baume aus der Familie
der Apozynazeen, enthält neben etwas Harz
(Echikautschin) als wirksame Bestandteile die
stark giftigen Alkaloide Ditain oder Ditamin,
Echitenin und Echitamin.

Diuretin nennt man das Doppelsalz von Theo-
bromin-Natrium mit salizylsaurem Natrium, ein
salzig-alkalisch schmeckendes, geruchloses Pul-
ver, das als harntreibendes Mittel verordnet wird.

Dividivi (Libidivi, Gerbschoten), die 1,5
bis 3 cm langen, 2—-3 cm breiten, S-förmig ge-
krümmten, glänzendbraunen Hülsenfrüchte
eines in Kolumbien und auf den benachbarten
Inseln wachsenden hohen Strauches, Caesalpi-
nia coriaria, enthalten 30—500/0 eines von dem
der Galläpfel verschiedenen Gerbstoffs, werden
im Gemisch mit anderen Materialien zum Ger-
ben gebraucht und geben weiche, braunrot ge-
färbte Leder. In der Färberei werden sie, wie
Galläpfel, zum Schwarzfärben benutzt.

Dochte für Kerzen oder Lampen mit flüssigen
Brennstoffen werden meist aus Baumwolle ge-
webt, geflochten, gedreht oder gesponnen, bis-
weilen auch zur Erhöhung der Verbrennlichkeit
mit Salpeter u. a. imprägniert. Daneben gibt
es unverbrennbare D., die aus Asbest oder Glas-
gespinsten hergestellt sind.

Dörrgemüse wird in der Weise hergestellt,
daß man die gereinigten und zerkleinerten Pflan-
zenteile zunächst mit heißem Wasser abbrüht oder
        <pb n="95" />
        ﻿Dörrobst

89

Dotter

m

besser dämpft und darauf bei nicht zu hoher
Temperatur trocknet. In Haushaltungen oder
kleinen Betrieben bedient man sich hierzu der
Sonnenwärme oder kleiner Öfen nach Art der
Obstdarren, in der Großindustrie meist beson-
derer Vakuumapparate, in denen bei 40—50°
Farbe und Aroma besser erhalten bleiben. Künst-
liche Grünfärbung oder Bleichung mit schwef-
liger Säure u. dgl. ist zu verwerfen. Als wich-
tigste D. kommen Bohnen, Möhren, verschiedene
Kohlarten, Spinat, Zwiebeln, Schoten, neuerdings
auch Kartoffeln und Kohlrüben in den Handel.
Der bei letzteren bisweilen beobachtete üble Ge-
schmack ist auf die Verwendung direkter Feue-
rungsgase zurückzuführen. Richtig hergestelltes
D,, dessen Wassergehalt von 80—90% auf etwa
10—20 0/0 herabgesetzt worden ist, bildet ein wert-
volles Nahrungsmittel von großer Haltbarkeit,
muß aber trocken und sauber aufbewahrt werden,
da es sonst leicht von Milben befallen wird. Die
Zubereitung erfolgt durch mehrstündiges Ein-
weichen und langsames Kochen.

Dörrobst im allgemeinen nennt man das
durch Trocknen haltbar gemachte Obst. Zum
Unterschiede von dem durch künstliche Wärme
getrockneten Backobst (s. d.) gebraucht man
diese Bezeichnung aber im Handel meist für ge-
wisse ausländische Erzeugnisse, die bei Sonnen-
wärme getrocknet sind, wie Görzer Prünellen,
kalifornische Aprikosen, Pfirsiche, Birnen und
Äpfel, und sich durch schönes Aussehen vorteil-
haft auszeichnen. Sehr oft ist dieser Vorzug
allerdings nur ein scheinbarer und auf Behand-
lung mit bleichenden Mitteln, wie schwefliger
Säure, früher auch wohl Zinkoxyd, zurückzu-
führen.

Dolomit, ein auch gesteins- und gebirgsbildend
auftretendes Mineral, das aus einem isomorphen
Gemisch von Kalzium- und Magnesiumkarbonat
besteht, erscheint in Form weißer oder schwach
bräunlicher kristallinischer Massen und kommt
ln gemahlenem Zustande zur Darstellung von
Kohlensäure in den Handel.

Doppelscharlach. Diesen Namen führen ver-
schiedene rote, zur Gruppe der Azofarben ge-
hörige Teerfarbstoffe, so namentlich das N^tron-
salz &lt;jes Amidoazobenzolmonosulfosäureazobeta-
naphtols (Echtscharlach), ein rotbraunes Kri-
slallpulver, das in Wasser mit roter, in konzen-
trierter Schwefelsäure mit grüner, beim Ver-
dünnen mit Wasser durch Blau in Scharlachrot
ubergehender Farbe löslich ist. Doppelschar-
ach extra S, das Natronsalz der Betanaphtyl-
■itninsulfosäureazoalphanaphtolmonosulfosäure, ein
braunrotes, in Wasser mit gelbroter Farbe lös-
uches Pulver, färbt wie das vorige Wolle in
Saurem Bade scharlachrot. Brillantscharlach
und Brillantponceau sind sehr ähnliche Far-
ben- Doppelbrillantscharlach G (Orange-
r°t I), ein rotbraunes, in Wasser mit gelbroter,
l? konzentrierter Schwefelsäure mit fuchsinroter
arbe lösliches Pulver, besteht aus dem Natron-
Sa*ze des Betanaphtylaminsäureazobetanaphtols
und färbt Wolle gelbrot.

, Pormiol (Chloralamylalkoholat) entsteht
Behandlung von Chloral mit Amylenhydrat
s ein farbloses, nach Kampfer riechendes öl
,,&lt;?ru spez. Gew. 1,250 und wird an Stelle des
ulorals als Schlafmittel benutzt.

Dornenstein, die bei der Verdunstung der
Salzsole auf den Dornen der Gradierwerke in
Salinen sich absetzende feste Masse von gelblich-
grauer Farbe, besteht der Hauptsache nach aus
Gips und einigen anderen Salzen und wird als
Düngemittel verkauft.

Dorsch (frz. Narvage, engl. Torsk), ein Fisch
aus der Familie der Gadiden oder Schell-
fische, Gadus calarias, zu der außer dem
eigentlichen Schellfisch auch der Merlan und
der Kabeljau gehören, ist im Vergleich zu den
letzteren großen Verwandten klein, nur i/j m
lang und 1 —1,5 kg schwer, aber von zartem
schmackhaften Fleisch und wird sowohl frisch,
als gesalzen und getrocknet gegessen. Der Fisch
lebt häufig in der Ostsee sowie an den norwegi-
schen und irischen Küsten, und wird namentlich
auf den Lofoten massenhaft gefangen. Er kommt
in Fässern eingesalzen als Salzdorsch und,
neuerdings häufiger als früher, frisch über die
norddeutschen Seehäfen in den Handel, wird aber
oft mit dem Kabeljau (s. d.) verwechselt. Der Ver-
brauch des frischen Fisches ist jetzt durch die
Eisenbahnen bis weit ins Binnenland hinein er-
möglicht und beständig im Zunehmen begriffen.
Die Leber dient zur Herstellung von Leber-
tran (s. d.).

Dost (Dostenkraut, Wohlgemut, wilder
Majoran, lat.Herbaoriganivulgaris, frz.Sommitü
fleurie d’origan vulgaire, engl. Common mar-
joram). Diese, der Familie der Labiaten un-
gehörige, mit Salbei und Majoran nahe verwandte
Gattung umfaßt verschiedene Arten aromatischer
und offizieller Kräuter. Der gemeine D. ist
eine bei uns häufig auf sandigen Anhöhen wach-
sende, 30 cm hohe Pflanze mit vierkantigem,
zottig behaartem rötlichen Stengel, gegenüber-
stehenden eirunden, buchtig gezähnten, an der
Unterseite und am Rande weichhaarigen Blättern
und rundlichen Blütenähren mit purpurroten
Lippenblüten. Das mit den Blüten gesammelte
und getrocknete Kraut der Pflanze riecht sehr
stark, aber angenehm aromatisch und schmeckt
gewürzhaft bitterlich. Es dient zu Kräuterkissen
und Kräuterbädern. Durch Destillation mit Was-
ser wird daraus der riechende Stoff als ein dünn-
flüssiges, blaßgeibes, ätherisches Öl, Dostöl (lat.
Oleum origani vulgaris, frz. Essence d’origan,
engl. Origan oil), vom spez. Gew. 0,870—0,910
erhalten, das zum Parfümieren von Seife dient.
— Die gleiche Verwendung finden Kraut und Öl
des kretischen Dostes, auch Spanischer
Hopfen genannt (lat. Herba origani cretici, frz.
Marjolaine d’Espagne, engl. Spanish marjoram),
der in Griechenland und Kleinasien heimisch
ist und von dort eingeführt wird, hauptsächlich
zur Gewinnung des ätherischen Öls, welches als
spanisches Hopfenöl (lat. Oleum origani cre-
tici, frz. Essence de marjolaine d’Espagne, engl.
Spanish marjoram oil) gegen Zahnweh dient.
Dieses Öl' ist dickflüssig, goldgelb bis rotbraun,
vom spez. Gew. 0,920—0,980 und enthält außer
einem Terpen als wichtigsten Bestandteil Karva-
krol und höhere Phenole.

Dotter (Leindotter, Flachsdotter, Fin-
kensame, Dotterlein, frz. Camöline, engl.
Gold of pleasure) ist eine auf Äckern unter Flachs
und anderen Saaten oft wild wachsende ein-
jährige Kruzifere (Camelina sativa), die, als
        <pb n="96" />
        ﻿Drachenblut

90

Drogen

Ölpflanze ziemlich häufig angebaut, sichere und
ergiebige Erträge gibt, nicht von Insekten leidet
und Kälte verträgt und daher zeitig im Frühjahr
gesät werden kann. Die Pflanze hat einen ecki-
gen rauhen Stengel, lange Trauben kleiner, blaß-
gelber Blüten und bimförmige Schötchen mit
länglich dreieckigen, rötlichen Samen. Nach der
Ernte (im August) werden die Pflanzen auf
Haufen getrocknet, und dann die Samen aus-
gedroschen. Aus den letzteren gewinnt man das
Dotteröl, welches anfänglich etwas bitter
schmeckt, nach einiger Zeit aber durch Abklären
zu Speiseöl tauglich wird. Es hat ein spez. Gew.
von 0,9228, und wird im Gemisch mit Rüböl
meist zu Leuchtzwecken und als trocknendes Öl
zu Firnissen gebraucht. Der Anbau des D. wird
hauptsächlich in den Niederlanden, aber auch
in mehreren Gegenden Deutschlands, Belgiens,
Österreichs und der Türkei betrieben.

Drachenblut (lat. Sanguis draconis, Rcsina
draconis, frz. Sang dragon, engl. Dragons blood).
Unter diesem Namen sind spröde, geruch- und
geschmacklose, dunkel blutrote, gepulvert lebhaft
zinnoberrot erscheinende Harze im Handel, von
denen hauptsächlich folgende Sorten unterschie-
den werden; 1. Echtes D. von Daemonorops
Draco, aus Ostindien. Das Harz wird teils durch
freiwilliges Ausfließenlassen, teils durch Anritzen
der Früchte gewonnen und bildet braunschwarze,
in Palmblätter eingeschlagene Massen, die ein
dunkelrotes Pulver geben. 2. Kanarisches D.
von Dracaena Draco, ein dunke.rotes Harz,
welches nur noch wenig im Handel ist. 3. Ame-
rikanisches oder Cartagena D. von Ptero-
carpus Draco ähnelt mehr dem Kino. Außer
dem D. in Blöcken, Sanguis draconis in
massis, hat man noch eine feinere Sorte, S. d.
in bacillis, ca. 25—30 cm lange in Palmblätter
eingewickelte Stangen. Gutes D. soll sich in Wein-
geist und Äther leicht lösen und wird als Zusatz
zu Pflastern sowie zum Färben von Lacken und
Polituren benutzt.

Drachenquelle bei Honnef enthält in 1000
Gewichtsteilen: 2,0083g Natriumkarbonat, 0,2893g
Kalziumbikarbonat, 0,9736 g Magnesiumbikarbo-
nat, 0,0054 g Ferrobikarbonat, 1,9516 g Natrium-
chlorid, 0,1447 g Kaliumsulfat, 0,3009 g Natrium-
sulfat, 0,0202 g Kieselsäure und 1,8590 g freie
Kohlensäure.

Dragees (Zuckerschrot) bestehen aus mit
einer Zuckerhülle umgebenen Mandeln,, Nuß-
kernen, Anis-, Fenchel-, Koriander- oder Kümmel-
samen. Größe und Form sowie Art der übrigen
Zutaten (ätherische Öle, Gewürze, Fruchtsäfte,
Farbstoffe) sind sehr mannigfaltig.

Drogen (Droguen, Dog eriewaren, frz. Dro-
gues, engl. Drugs). Unter dem Namen D., der
von dem holländischen ,,droog“ (engl, dry, platt-
deutsch drög, d.h. dürr) abstammen soll und nach
Pöschl trocken erscheinende Waren aus demTier-
und Pflanzenreiche bezeichnet, faßt man j.tzt alle
diejenigen Naturprodukte zusammen, welche zu
medizinischen und technischen Zwecken benutzt
werden und Handelsartikel der Apotheker und Dro-
gisten bilden. ImLaufe derZeit hat sich derBegriff
des Wortes D. erweitert, so daß man jetzt nicht
nur Rohprodukte dazu rechnet, sondern auch Zu
Bereitungen und Stoffe, die zu anderen als medizi-
nischen Zwecken dienen. Die Händler mit D.

führen in der Regel zugleich auch Chemika-
lien (s. d.). Als Drogen im engeren Sinne gelten
namentlich Teile von Pflanzen und Rohstoffe des
Pflanzenreichs, welche teils von wildwachsend.n,
teils von zu diesem Zwecke angebauten Pflanzen
gesammeltwerden. DieEinsammlung muß zu einer
Zeit stattfinden, zu welcher die letzteren am reich-
sten an wirksamen Bestandteilen sind, und welche
für die einzelnen Pflanzen verschieden sind. Im
allgemeinen läßt sich jedoch sagen, daß Kräuter
kurz vor oder während der Blüte, Blüten bei der
Entfaltung, Früchte und Samen im völlig aus-
gereiften Zustande, Wurzeln während der Vege-
tationsruhe, Rinden am Schlüsse oder vor Beginn
derselben den größten Gehalt an wirksamen Be-
standteilen besitzen. Von diesen Regeln gibt es
aber Ausnahmen. So sind z. B. die Lavendel-
blüten und die Blüten des Gewürznelkenbaumes
im unaufgeblühten Zustande aromatischer als
im aufgeblühten, die unreifen Pomeranzenfrüchte
enthalten mehr Bitterstoff als die reifen, die
Schierlingssamen sind vor der Reife am a'kaioid
reichsten. Auch das Alter der Pflanzen, die
Bodenbeschaffenheit und das Klima sind von Ein-
fluß auf die Menge der wirksamen Bestandteile.
So ist z. B. die Wurzel von Taraxacum auf dürf-
tigem Boden viel bitterer als auf fettem, aroma-
tische Kräuter entwickeln sich auf sonnigen Berg-
abhängen viel duftiger als im Talgrunde, und
der aus seiner asiatischen Heimat nach Europa
verpflanzte Hanf verliert hier seine narkotischen
Eigenschaften fast ganz. Einen sehr bedeutenden
Einfluß übt auf manche Pflanzen die Kultur aus.
So ist bekannt, daß die Zichorienwurzel bei der
Kultur ihre Bitterkeit verliert, daß im Garten
gezogenes Aconitum nur noch sehr schwach
giftig wirkt, und daß im Gegenteil die China-
bäume durch die Kultur viel alkaloidreichere
Rinden liefern als die wildwachsenden. Alle diese
Verhältnisse sind, soweit es möglich war, bei Be-
sprechung der einzelnen D. berücksichtigt wor-
den. Der Großhandel mit D. und Chemikalien
ist keinen Beschränkungen unterworfen, dagegen
ist der Kleinhandel mit diesen Waren insofern
beschränkt, als einige derselben von den Dro-
gisten als Arzneimittel nicht verkauft werden
dürfen, und in den Apotheken auch nur nach
ärztlicher Verordnung. Andere D. können zwar
von den Apothekern auch ohne ärztliche Ver-
ordnung verkauft werden, nicht aber von den
Drogisten. Handelt es sich um die Verwendung
von giftigen Drogen, Chemikalien und Zuberei-
tungen zu einem erlaubten gewerblichen, wirt-
schaftlichen, wissenschaftlichen oderkünstlerischen
Zwecke, dann sind die von den Behörden zu-
gelassenen Gifthandlungen zum Verkaufe berech-
tigt. Diese Genehmigung zum Gifthandel wird
auch Drogisten erteilt, die Apotheker brauchen
sie nicht, müssen aber bei der Abgabe solcher
Artikel im Handverkaufe die gleichen Vorschrif-
ten beobachten. Den Drogisten ist gestattet,
eine Anzahl Arzneimittel auch als „Heilmittel“
an das Publikum abzugeben. Siehe die als An-
hang abgedruckte „Verordnung betreffend
den Verkehr mit Arzneimitteln“. Alle übri-
gen zusammengesetzten und gemischten Arznei-
mittel dürfen als „Heilmittel“ von Drogisten und
Kaufleuten im Kleinhandel an das Publikum
nicht abgegeben werden. Auch die in dem Ver-

irrai
        <pb n="97" />
        ﻿Drops

91

Dynamit

zeichnis B der Verordnung vom 22. X. 1901
aufgeführten Drogen, Chemikalien und Zuberei-
tungen dürfen außerhalb der Apotheken nicht
feilgehalten und verkauft werden. Da die Ver-
ordnung den Verkehr mit „Arzneimitteln"
regelt, ist bei einzelnen Artikeln, die kosmetische
oder technische Verwendung finden oder Des-,
infektionsmittel sind, beim Verkaufe und der
Signierung darauf zu achten; z. B. Chinarinde,
zur Herstellung des China-Kopfwassers, Eau de
Quinine, Chloroform zum Auflösen von Kautschuk,
um Fahrradreifen usw. zu kitten, Zinkchlorid zur
Herstellung des säurefreien Lötwassers usw.

Drops (Tropfen), zuerst in England her-
gestellte rundliche Bonbons oder Plätzchen, mit
säuerlichen Fruchtsäften oder künstlichen Frucht-
athern gefüllt (Fruchtbonbons).

Duboisinsulfat (lat. Duboisinum sulfuricum,
frz. Sulfate de duboisine, engl. Sulfate of duboi-
sine), wird aus den Blättern der in Australien
heimischen strauchartigen Solanazee, Duboi-
,sia myoporoides, hergestellt. Es besteht je
nach der Art der benutzten Blätter aus Hyos-
zyamin- oder Skopolaminsulfat und enthält
außerdem bisweilen Pseudohyoszyamin und
Hyoszin. D, findet beschränkte medizinische
Anwendung.

Düngemittel (frz, Engrais, engl. Manures)
nennt man im weiteren Sinne alle Stoffe, weiche,
dem Boden einverleibt, das Wachstum der Pflan-
zen zu fördern vermögen. Gegenstand des Han-
dels auf größere Entfernung hin bilden jedoch
in der Regel nur die Fabrikate oder durch be-
sondere Behandlung versandfähig gemachte
Naturprodukte, die sog. Kunstdünger (frz.
Engrais artificiels, engl. Artificial manures), wäh-
rend der Stalldünger und städtische Abfallstoffc
(Kloakeninhalt, Schlachthausabfälle) die Kosten
■eines weiteren, Transportes nicht vertragen, son-
dern in der nächsten Umgebung verbraucht wer-
den. Nach ihrem Gehalt an Pflanzennährstoffen
unterscheidet man: Phosphorsäurehaltige D.:
Knochenasche, Thomasmehl, Superphosphate.
Stickstoffhaltige D.: Chilesalpeter, Ammo-
niumsalze. Gemischte Phosphorsäure- und
Stickstoff-D.: Ammoniaksuperphosphat, Guano,
Knochenmehl,Tierkörpermeh), Fischdünger (Fisch-
guario). Kalihaltige D.; Abraumsalze, Holz-
asche. Kalkhaltige D.: Kalk, Gips. Mergel.
Gemischte Kalk - Stickstoff - D.; Kalziumzy-
unamid (Kalkstickstoff). Alle D. werden unter
Garantie eines bestimmten Gehaltes an Phos-
Phorsäure, Kali oder Stickstoff verkauft, und es
empfiehlt sich stets für den Käufer, sich durch
chemische Analyse von der vertragsmäßigen
Lieferung zu überzeugen. Vgl. die Spezialartikel.

Düngesalz. Mit diesem Namen belegt man
sowohl das zum Düngen bestimmte Kochsalz
oder gemahlene Steinsalz, als auch kochsalz-
haltige Abfälle der Salinen. Es sei jedoch be
merkt, daß Kochsalz kein direktes Pflanzennähr-
mittel ist, sondern nur indirekt durch chemische-
und physikalische Beeinflussung des Bodens wirkt.
Einen direkten Düngewert, der bei der Preis
bestimmung ausschlaggebend ist, besitzen nur
diejenigen Salinenabfälle, die kleine Mengen von
Kali enthalten.

Dulzin (Sukrol), ein künstlicher Süßstoff, der
200mal so süß als Rohrzucker ist, in chemischer
Hinsicht Paraphenetolkarbamid, wird durch Um-
wandlung des zyansauren Paraamidophenetols
oder durch Einwirkung von Kohlenoxychlorid
auf Paraphenetidin und nachfolgende Behandlung
mit Ammoniak fabrikmäßig dargestellt als ein
weißes, in Wasser leicht lösliches Kristallpulver
vom Schmelzpunkt 1730. Es wird als Süßstoff für
Diabetiker benutzt, unterliegt aber denselben Be-
schränkungen wie Saccharin (s. d.), insbesondere
ist die Einfuhr verboten.

Duratol, ein photographischer Entwickler, der
meist neben Hydrochinon angewandt wird, be-
steht aus Benzylparaamidophenolbromhydrat.

Dynamit (frz. und engl. Dynamite), der be-
kannteste und wichtigste Sprengstoff für Berg-
und Eisenbahnbau, besteht aus einer Mischung
von Nitroglyzerin (s. d.) mit Infusorienerde (Kiesel
gur) im Verhältnis von 75:23 — 24,5, der meist
noch etwas Soda hinzugesetzt wird, um das Auf-
treten freiör Säure zu verhindern. Die formbare
Masse wird in Hülsen aus Pergamentpapier ein
gedrückt und dann als Dynamitpatronen in
den Handel gebracht. An Steile der Kieselerde
werden neuerdings auch andere indifferente Mit-
tel, wie Sägespäne, Zellulose, zum Aufsaugen des
Nitroglyzerins benutzt, und die Gemische zur Mil-
derung der Wirkung mit verschiedenen Stoffen,
wie Schwarzpulver, Salpeter, Kaliumchlorat,
Schwefel, versetzt. Von den häufiger angewand-
ten Sprengmitteln dieser Gruppe seien angeführt:
Lithof racteur, Dualin, Karbodynamit,
Karbonit, Vigorit. Das D. hat bei außer-
ordentlicher Sprengkraft vor vielen anderen Mit-
teln den Vorzug, daß es verhältnismäßig gefahr-
los zu handhaben ist und im Gegensatz zu Nitro-
glyzerin nicht durch Stoß allein oder durch
Verbrennen, sondern nur durch plötzliche Ent-
zündung in geschlossener Patrone explodiert.
Trotzdem ist die Aufbewahrung und der
Transport zur Vermeidung unvorhergesehener
Unglücksfällc besonderen Sicherheitsmaßregeln
unterworfen.
        <pb n="98" />
        ﻿Eau de Cologne	92	Echtblau

E.

Eau de Cologne (Kölnisches Wasser), ein
sehr gebräuchliches und beliebtes Parfüm, welches
von dem Hause oder vielmehr von den vielen
Häusern Farina in Köln meist unter der Firma
„Johann Maria Farina“ als „echt“ in den Handel
gebracht wird, besteht aus einer Auflösung ver-
schiedener ätherischer Öle, besonders von Pome-
ranzen, Bergamotten, Zitronen, Limetten, Neroli,
Rosmarin und Lavendel in feinstem Sprit. Neben
der Beschaffenheit der benutzten Öle ist auch das
geheim gehaltene Mischungsverhältnis von Ein-
fluß auf die Güte des Erzeugnisses, doch finden
sich zahlreiche Nachahmungen im Handel, die
dem echten Kölnischen Wasser nahekommen.

Eau de Javelle (Javellesche Lauge), eine
wäßrige Lösung von unterchlorigsaurem Kalium,
Kaliumhypochlorit, KCIO, und Chlorkalium,
wird gewöhnlich durch Vermischen von Chlor-
kalklösung mit einer Lösung von Pottasche und
Abfiltrieren des Niederschlages dargestellt. Zur-
zeit kommt unter diesem Namen vielfach auch
die durch Elektrolyse von Kochsalz gewonnene
Natriumverbindung in den Handel, welche ur-
sprünglich als Eau de Jmbarraque oder
Liquor Natrü hypochtorosi (Chlorsoda)
bezeichnet wurde. Beide finden Anwendung in
der chemischen Bleicherei und zum Entfernen
von Tintenflecken.

Eau de Quinine, Bezeichnung für verschiedene
Haarwässer, welche meist aus aromatisiertem
Spiritus mit Zusatz schäumender Mittel (Seifen-
spiritus, Saponin), Chinatinktur und Perubalsam,
oft auch ohne die letzteren beiden Stoffe her-
gestellt werden.

Ebenholz (frz. Bois d’ebhne, engl. Ebony).
Unter diesem Namen kommt eine größere An-
zahl fremder dunkelfarbiger Holzarten im Handel
vor, doch versteht man darunter gewöhnlich ein
dichtes, schweres und schwer zu bearbeitendes,
in Wasser untersinkendes Holz von schwarzer
Farbe, das als ein geschätztes Material für die
Kunsttischlerei, zu Drechslerwaren, Blasinstru-
menten, Klaviertasten usw. gilt und von verschie-
denen Bäumen Indiens, der ostindischen Inseln
und Afrikas gewonnen wird. Das von Zeylon und
Madagaskar eingeführte schwärzeste Holz stammt
von Diospyrus Ebenaster, das von Bombay
und Sumatra liefert D. Melanoxylon, das von
der afrikanischen Westküste D. Ebenum. Das
nicht sehr starke Holz besteht nur aus dem'
Kern des Stammes, während der weißliche und
weiße Splint vorher abgeschlagen wird und nur
zuweilen noch in kleinen Resten anhängt. Es
gibt jedoch eine schwarz und weiß gestreifte oder
marmorierte Sorte aus Ostindien und der Insel
Bourbon von D. montana, an welcher auch
der Splint hart und brauchbar ist. Ein bräun-
lichgrünes Holz, welches so fest wie das schwarze
ist und vielfach zu eingelegten Arbeiten gebraucht
wird, kommt aus Ostindien von Aspalathus
Ebenus. Was sonst als rotes, grünes, braunes,
blaues und gelbes E. aufgeführt wird, hat wenig
Bedeutung.

Ebereschenbeeren (Vogelbeeren, lat, Fruc-
tus sorbi, frz. Fruits de sorbier domestique, engl.

Sorbe berries) sind die im Herbste reifenden
Früchte der Eberesche, eines in Europa und
Nordasien überall heimischen Baumes mit ge-
fiederten Blättern. Die in Doldenrispen stehen-
den, erbsengroßen und scharlachroten Früchte
dienen im frischen Zustande zur Herstellung des
Ebereschensaftes, Ebereschenmuses (lat.
Succus seu Roob Sorborum, frz. Suc de Fruits de
sorbier domestique, engl. Rob of Sorbe berries),
der in der Volksmedizin verwandt wird. Ge-
trocknet werden die Früchte als Vogelfutter
benutzt.

Eberraute (Stabkraut, lat. Herba abrotani,
frz. Feuilles d’aurore male, engl. Abrotane leaves),
eine im Süden Europas heimische, bei uns oft
in Gärten anzutreffende Beifußart, Artemisia
Abrotanum, von durchdringend aromatischem
Geruch und brennend bitterem aromatischem Ge-
schmack, enthält ätherisches Öl, Harz und Gerb-
stoff. Die Blätter sind haarförmig, gefiedert und
weißlichgrün, die Blüten klein und gelb. Die
belaubten Zweige und blühenden Spitzen werden
medizinisch als magenstärkende Mittel verwandt.

Eberwurzel (Eberdistel, lat. Radix carlinae,
frz. Racine de carline, engl. Carline root), die
etwa 2 cm lange, bis 3 cm dicke, oben einfache,
unten ästige Wurzel von Carlina acauiis,
einem ausdauernden, besonders auf kahlen
Kalkbergen wachsenden, auffallenden Gewächs
aus der Familie der Korbblütler, das einen
flach am Boden liegenden Kranz zerschlitzter
stachliger Blätter und eine einzige ohne Stengel
aufsitzende große Blume mit blauvioletten Einzel-
blütchen hat. Die Blütendecke bildet einen
weißen vielstrahligen Stern. Die getrocknete
Wurzel ist tief gerunzelt, außen dunkelbraun,
innen heller, die Rinde "zeigt auf dem Durch-
schnitt große, braunrote Harzbehälter. Der Ge-
ruch ist unangenehm aromatisch, der Geschmack
harzig, scharf und bitter. Die E. enthält äthe-
risches Öl und Harz und ist als tierärztliches
Mitte! offizinell. Verwechslungen mit der Wurzel
von Carlina vulgaris sind leicht zu erkennen,
da letztere fast geruchlos ist.

Ebonit (Hartgummi, hornisierter Kaut-
schuk) ist der auf Ebenholz (engl. Ebony) an-
spielende Fabrikname schwarzer oder schwarz-
brauner, glänzender, etwas elastischer Massen,
die sich auf heißem Wege zu vielerlei Gebrauchs-
gegenständen, namentlich solchen, die man sonst
aus Horn herzustellen pflegt, formen lassen. Die
Grundmasse bildet vulkanisierter gehärteter Kaut-
schuk, dem verschiedene Füllmittel (Bleiweiß,
Kreide, Zinkweiß, Ton, Kienruß) einverleibt wer-
den. E. dient zur Herstellung von Kamm-waren,
Knöpfen, elektrischen Isolatoren, Schmuckgegen-
ständen (künstlichem Jetschmuck).

Echtblau. Diesen Namen führen mehrere in
der Färberei viel gebrauchte blaue Teerfarbstoffe.

1.	Echtblau R spritlöslich, das nach drei ver-
schiedenen Methoden erhalten werden kann:
durch Erhitzen von Nitrobenzol mit salzsaurem
Anilin, freiem Anilin und Eisen oder Kupfer auf
1800, ferner durch Erhitzen von Amidoazobenzol
mit salzsaurem Anilin und endlich durch Erhitzen
        <pb n="99" />
        ﻿Echtbraun

93

Edelsteine

von Nitrophenol mit salzsaurem Anilin und
freiem Anilin. Die auf die eine oder andere
Weise erhaltenen Farbstoffe kommen unter den
Namen: Druckblau, Azetinblau, Azodi-
phenylblau, Indigen D, F, Indulin sprit-
löslich und Nigrosin spritlöslich in den
Handel.' Da sie in Wasser unlöslich sind, werden
sie nicht zum Färben, sondern nur in der Zeug-
druckerei sowie (mit Chrysoidin usw.) gemischt
zur Herstellung schwarzer Spritlacke und Firnisse
benutzt. Durch Behandlung mit konzentrierter
Schwefelsäure gehen diese spritlöslichen, in Was-
ser aber unlöslichen blauen Farbstoffe (Induline)
in wasserlösliche Farben über (Sulfosäuren), deren
Natronsalze sich dann unter den Namen Echt-
blau R, Echtblau B, Nigrosin wasserlöslich,
Indulin 3 B, Indulin 6B im Handel finden.
Sie lösen sich je nach Art ihrer Darstellung in
Wasser mit blauer, blauvioletter oder grünlich-
blauer Farbe und dienen zum Färben von Wolle.

2.	Ein Farbstoff von anderer Zusammensetzung
kommt jrnter dem Namen Echtblau für Baum-
wolle (Meldolas Blau, Neublau, Naph-
tylenblau,, Naphtolviolett, Baumwollblau)
in zwei Arten R und 2 B, welche zur Indigblau-
färbung mit Tannin und Brechweinstein gebeizter
Baumwolle dienen, in den Handel. Sie werden
durch Einwirkung von salzsaurem Nitrosodimethyl-
anilin auf Betanaphtol erhalten und bestehen daher
aus dem Chlorid des Dimethylphenylammonium-
betanaphtoxazins. Diese Farben sind dunkel-
violette, bronzeglänzende Pulver (s. Oxazinfarben).

3.	Auch ein Gemisch von Methylviolett mit Ma-
lachitgrün oder Methylenblau wird als Echtblau
oder Indigoblau bezeichnet.

Echtbraun, mehrere zur Gruppe der Azofarben
gehörige Teerfarbstoffe, dunkelbraune, in Wasser
lösliche Pulver, deren Lösung mit Salzsäure
entweder einen braunen oder einen violetten
Niederschlag gibt, färben Wolle im sauren
Bade braun bis braunrot. — Echtbraun 3B ist
das Natronsalz des Betanaphtylaminsulfosäureazo-
alphanaphtols, also dem Doppelbrillantscharlach
G nahe verwandt.

Echtgelb, verschiedene gelbe Azofarbstoffe,
die durch Einwirkung von rauchender Schwefel-
säure auf salzsaures Amidoazobenzol oder auf
salzsaures Amidoazotoluol und Sättigen mit Soda
dargestellt werden. Echtgelb G (SäuregelbG,
Solidgelb, Echtgelb extra, Jaune acide)
lst ein gelbes, in Wasser lösliches Pulver und
besteht aus einem Gemenge von Amidoazobenzol-
5jono- und Amidoazobenzoldisulfosaurem Natron.
Echtgelb R (Gelb W), das Natronsalz der
Arnidoazobenzoltoluoldisulfosäure, ist ein braun-
Selbes, in Wasser mit gelber Farbe lösliches Pul-
Ver, dessen Lösung durch Zusatz von Salzsäure
fuchsinrot wird und Wolle in saurem Bade röt-
lichgelb färbt.

, Echtgrün, ein Triphenylmethanfarbstoff, der
£ Form eines dunkeiblaugrünen, wasserlöslichen
■Kristallpulvers' in den Handel kommt und als
das Natriumsalz der Tetramethyldibenzylpseudo-
rpsanilinsulfosäure anzusprechen ist. Die wäß-
dge Lösung färbt Wolle im sauren Bade grün
Pod wird auf Zusatz von Salzsäure gelb. —
Häufig wird auch Malachitgrün E. genannt.

Echtrot. Diesen Namen führen verschiedene,
2Ur Gruppe der Azofarben gehörige Teerfarb-

stoffe, welche durch die beigefügten Buchstaben
A, B, C, D und E unterschieden werden. Echt-
rotA oder Rokzellin entsteht aus diazotierter
Naphtionsäure und ß-Naphtol als ein braunrotes
Pulver, das sich in konzentrierter Schwefelsäure
mit blauer Farbe löst. Die heiß bereitete wäß-
rige Lösung scheidet auf Zusatz von Salzsäure die
freie Sulfosäure in braunen Nadeln ab. Echt-
rot B oder Bordeaux B aus diazotiertem o-
Napbtylamin mit ß-Naphtoldisulfosäure (s. Bor-
deaux). Echtrot C ist Azorubin (s. d.). Echt-
rot D (Amaranth, Bordeaux S) aus diazotier-
ter Naphtionsäure und ß-Naphtoldisulfosäure.,
Echtrot E aus diazotierter Naphtionsäure und
ßß Naphtolsulfosäure. Alle diese Farbstoffe sind
in Wasser lösliche, braunrote bis braune Pulver,
die Wolle in saurem Bade rot färben.

Eckerdoppen (Ackerdoppen, Valonen), die
auf der Krim und den Jonischen Inseln vorkom-
menden Fruchtbecher von Quercus Valonea,
enthalten 30—40 °/o Gerbstoff und werden in der
Technik verwandt.

Edelsteine (frz. Pierreries, engl. Precious stones).
Die E., deren einzelne Vertreter unter ihren
besonderen Namen beschrieben werden, sind
Mineralien, die sich durch ihren Glanz, ihre
Härte, Unveränderlichkeit, Kristallform, schöne
Farbe oder auch Farblosigkeit und meistens auch
Durchsichtigkeit auszeichnen. Je ausgeprägter
sich einzelne dieser Eigenschaften an einem Stein
finden, desto höher steht er im Werte. Die be-
deutenden Unterschiede in der Wertberechnung
. haben von jeher zwei Klassen annehmen lassen,
wirkliche Edelsteine (Juwelen) und Halb-
edelsteine. Bei den ersten finden sich die
höchsten Härtegrade. Sie sind fast immer klein
und selten, was natürlich zur Wertsteigerung
beiträgt. Die Halbedelsteine sind meist weniger
hart, öfter nur durchscheinend, weniger selten
und kommen vielfach in größeren Stücken vor.
Edelsteine ersten Ranges sind; Diamant,
Rubin, Saphir, Chrysoberyll, Spinell und Sma-
ragd; zweiten Ranges: Zirkon, Beryll, Topas,
Turmalin, Granat (Pyrop), edler Opal. Eine
Übergangsklasse zu den Halbedelsteinen bilden
Cordierit (Dichroit), Vesuvian, Chrysolith, Axinit,
Zyanit, Staurolith, Andalusit, Pistazit, Türkis. Die
Halbedelsteine bestehen zu einem großen Teil
aus Kieselsäure mit mehr oder weniger fremden
Beimengungen. Hierher gehören: Bergkristall,
Amethyst, Prasem, Avanturin, Katzenauge, Rosen-
quarz, Chalzedon, Achat mit Onyx, Karneol, Pias
ma, Heliotrop, Jaspis, Chrysopras und die Ab-
arten des Opals. Von kieselsauren Salzen kom-
men als Halbedelsteine in Frage: edler Feldspat
(Adular), Malachit, Obsidian, Lasurstein und einige
andere Mineralien von geringerer Bedeutung. —
Alle Schmucksteine werden geschliffen und poliert,
wodurch ihr Wert gesteigert oder eigentlich erst
bedingt wird. Das Schleifen geschieht im all
gemeinen in der beim Diamant angegebenen
Weise, doch fällt das bei diesem übliche Spalten
fort, weil alle übrigen weniger harten E. sich
ohne viel Mühe auf der Schleifscheibe mittels
Diamantstaubs und zum Teil selbst mit Schmirgel
in die gewünschte Form bringen lassen.. Die sehr
rasch umlaufende, horizontal liegende Schleif-
scheibe besteht für Diamanten aus Eisen oder un-
gehärtetem Stahl, für die übrigen aus Kupfer
        <pb n="100" />
        ﻿Edinol

94

Eier

oder Blei. Nahe am Rande wird das mit Öi ge-
mischte Schleifmittel aufgestrichen und der in
einen Halter gefaßte Stein unter dem entsprechen-
den Winkel aufgedrückt. Der Schliff ist meistens
facettiert wie bei den Brillanten. Für gewisse
Steine jedoch, die einen eigentümlichen Licht-
schimmer haben, wie der Opal, oder für solche,
die undurchsichtig sind, wie Türkis, wendet man
den muscheligen Schnitt (en cabochon) an, bei
•Welchem die Oberfläche des Steines nur eine
runde Wölbung bekommt. Das Gewicht der E.
wird nach dem internationalen Karat = 0,2055 g
bestimmt. Neben den echten E, finden sich viel-
fache Nachahmungen im Handel, die meist
nichts anderes sind als farbige Gläser, deren
Basis ein Glassatz von sehr reinen Materialien,
Quarz oder Bergkristall mit Soda oder Natron
unter Zusatz von Borax, Mennige und Bleioxyd ist.
Im ungefärbten Zustande bildet solches Glas den
Straß (nach dem Erfinder, der Similidiamanten,
dem österreichischen Journalisten Strasse r be
nannt), das Material (zur Darstellung künstlicher
Brillanten. Die Färbung erzeugt man durch
kleine Mengen von Metalloxyden, z. B. Rubine
durch Zusatz eines Goldpräparates oder von
Kupferoxydul. Kupferoxyd gibt grüne oder blaue
Flüsse, Chromoxyd färbt grün, Kobalt blau, Uran
gelb, Nickel rötlichbraün, Manganerz, Eisenoxyd,
Chlorsilber liefern andere Färbungen. Das beste
Mittel zur Erkennung der Kunstprodukte beruht
auf ihrer geringen Härte, welche oft schon mit
Hilfe einer guten Feile nachgewiesen werden
kann. Die E. haben fast alle einen Härtegrad
über 6, Diamanten einen solchen von 10, Korund
(Saphir und Rubin) 9, Topas 8, Quarz 7, Feld-
spat 6. Bei vielen E. dient die Doppelbrechung
als Erkennungsmittel, und bei anderen, welche
je nach der Lage eine verschiedene Farbe zeigen
(Dichroismus), benutzt man die dichroskopi-
sche Lupe zur Feststellung der Echtheit. Ein
weiteres Merkmal bietet die Ermittlung des spez.
Gewichts, die entweder mit Hilfe des Pykno-
meters oder der aräometrischen Wage ausgeführt
wird. Sog. Doubletten, welche nur im oberen
Teile aus E. bestehen, während der untere, aus
Glas oder Bergkristall bestehende, angekittet
ist, erkennt man durch längeres Einlegen in
heißes Wasser, worauf der Kitt erweicht und die
beiden Hälften auseinanderfallen. — Die zahl-
reichen Versuche, echte Edelsteine auf chemi-
schem Wege herzustellen, haben in neuerer Zeit
beim Saphyr, Smaragd und Rubin (Rubis re-
constituö) zu schönen Erfolgen geführt. Hin-
gegen hat man künstliche Diamanten nur in
mikroskopisch kleinen Splittern erhalten.

Edinol, Handelsname für das als photographi-
scher Entwickler benutzte Amidosaligenin (Amido-
oxybenzylalkohol).

Ehrenpreis (Grundheil, lat. Herba veronicae,
frz. Veronique, engl. Veronica), eine in trockenen
Wäldern und auf Wiesen vorkommende aus-
dauernde Pflanze, Veronica officinalis, aus
der Familie der Rachenblütlergewächse, mit
zottigen, kriechenden, mit den Spitzen fast fuß-
hoch aufsteigenden Stengeln, kurz gestielten,
entgegengesetz.en Blättern und kleinem hellblauen
Blüten in vielblütigen. Ähren. Das bitterlich herb
und etwas balsamisch schmeckende Kraut wird
im Sommer mit den Blüten gesammelt. Aufgüsse

davon werden innerlich als Brusttee gebraucht,
das frische Kraut dient zur Bereitung von Kräuter-
säften.

Eibenbaumblätter (Taxusblätter, lat. Folia
taxi baccati, frz. Feuilles d'if, engl. Yew leaves),
die getrockneten Blätter oder einjährigen Zweig-
spitzen (Summitates) des Eibenbaums oder
Taxus (T. baccata), eines in Gärten und Parks-
oft vorkommenden Baumes, finden beschränkte
offizineile Verwendung zu Bädern und Umschlä-
gen. Sie sind giftig und enthalten einen bitteren
basischen Stoff, das Taxin. Das harte, rote, sehr
dichte und politurfähige Holz wird von Tischlern
und Drechslern benutzt.

Eicheln (lat. Glandes quercus, frz.Glands, engl.
Acorns), die ausgehülsten, getrockneten Früchte
unserer Eichen, enthalten reichliche Mengen
Stärke, die beim Rösten zum Teil in Dextrin
verwandelt wird, ferner Gerbstoff, bittere Sub-
stanzen, Zucker, stickstoffreine Extraktstoffe und
etwas fettes Öl, wozu noch die beim Rösten ent-
standenen brenzlichen Stoffe hinzukommen. Sie
bilden sowohl roh, als auch schwach geröstet,
ganz und gepulvert, einen Handelsartikel zur
Fiersteilung des sog. Eichelkaffees (lat. Glan-
des quercus tostae pulveratae, frz. Caf£ de gland,
engl. Roasted acorn seed), der als Kaffee-Ersatz,
bei schwächlichen skrofulösen Kindern, nament-
lich wenn sie an Diarrhöen leiden, auch als Nah-
rungsmittel benutzt wird. Ein Gemisch von
Eichelmehl mit Kakao kommt als Eichelkakao
in den Handel.

Eichenholz (frz. Bois de chtine, engl. Wood of
oak), unter den einheimischen Hölzern das wich-
tigste Nutzholz, stammt von zwei Arten von
Eichen, der Steineiche oder Wintereiche
(Quercus sessiliflora) mit fast stiellosen, sit-
zenden Früchten, und der Stieleiche oder Som-
mereiche (Quercus pedunculata) mit lang-
gestielten Eicheln. Die erstere liebt die Berge,
während die zweite gewöhnlich in feuchten Fluß-
niederungen vorkommt. Das Holz beider Arten
ist sehr hart und zähe, schwer, von hellgelblich-
brauner Farbe, leicht kenntlich an seinen gro-
ßen Poren und Spiegeln und sehr widerstands-
fähig gegen Nässe und Fäulnis. Die Verwendung
des E. als Möbel- und Bauholz, namentlich für
Wasserbauten, zum Schiffsbau und zu Fässern
für Spiritus, Wein und Bier ist bekannt. Es
wird auch in großen Mengen aus Ungarn und
Serbien eingeführt.

Eichenmistel (lat. Viscum quercinum, frz. Gui,
engl. Misletoe) ist eine Schmarotzerpflanze, die
auf verschiedenen Laub- und Nadelhölzern wu-
chert. Die Äste und lederartigen gelbgrünen
Blätter werden in der Volksmedizin, die Beeren
zur Herstellung von Vogel- und Fliegenleim be-
nutzt.

Eichenrinde (lat. Cortex quercus, frz. Ecorce
de diene, engl. Oak bark) wird für medizinische
Zwecke von jungen Zweigen und Stämmchen
genommen und als zusammenziehendes Mittel
in Pulverform und Abkochung innerlich und
äußerlich zu Bädern bei Menschen und Vieh
angewandt. Als gerbendes Mittel ist sie unter
dem Worte Lohe besprochen.

Eier (lat. Ova, frz. Oeufs, engl. Eggs). Als
Handelsartikel kommen Eier verschiedener Tiere
in Betracht. Von den E. der Vögel spielen die
        <pb n="101" />
        ﻿Eiergräupchen

95

Eisen

wichtigste Rolle die Hühnereier (s. d.)- Ge-
ringere Bedeutung haben die Gänseeier und
Enteneier, da sie zwar groß, aber weniger
schmackhaft sind. Dagegen bilden die Kibitz-
ei er und die Möweneier einen nicht unwich-
tigen Artikel des Feinkosthandels. Straußen-
ei er, die größten aller bekannten E., kommen
zuweilen als Merkwürdigkeit nach Europa. Im
nördlichen Teile Südametikas spielt der Handel
mit Schildkröteneiern und dem daraus ge-
wonnenen Öl eine große Rolle (s. Schildkröten),
während die E. mancher Fische als Kaviar (s. d.)
in den Handel kommen. Von den E. der In-
sekten bilden nur die Seidenraupeneier oder
Grains einen Handelsartikel. Die sog. Amei-
seneier (s. d.) des Handels sind keine Eier,
sondern Larven.

Eiergräupchen, kleine runde Graupen aus
Nudelteig, Erzeugnisse 'der Nudelfabriken, wer-
den zur Bereitung von Suppen verwandt (s. Teig-
waren).

Eierkognak, eine gewürzte Zubereitung aus
Kognak, frischem Eigelb und Zucker mit min-
destens 18 Vol. o/o Alkohol und in der Regel
nicht unter 240 g Eigelb im Liter. Eierlikör,
ein gleich zusammengesetztes Erzeugnis, das aber
an Stelle von Kognak anderen Alkohol enthalten
darf. Zusätze anderer Stoffe, insbesondere von
Farbstoffen, Verdickungsmitteln (Tragant, Mehl
usw.), Ersatzmitteln für Eigelb und Zucker, kon-
serviertes Eigelb, gelten als unzulässig.

Eieröl (lat. Oleum ovorum, frz. Huile d’oeufs,
engl. Eggs oil), das aus dem hart gekochten
Götter der Hühnereier durch Auspressen oder
Extraktion mit Petroläther erhaltene Öl, ist von
dicklicher Beschaffenheit, gelber Farbe und mil-
dem Geschmack. Es enthält neben den Glyze-
riden verschiedener Fettsäuren als charakteristi-
sche Bestandteile Cholesterin und den Eifarbstoff
Eutein. E. wird in der Sämischgerberei benutzt
und fand früher beschränkte medizinische An-
wendung.

Eigelb, der innere, auch Dotter genannte Teil
des Vogeleis, stellt ein äußerst kompliziertes
Gemisch der verschiedensten Stoffe dar. Es. ent-
ölt neben etwa 52% Wasser, 16% Vitellin, l,S°/o
Nuklein, 20—23% Fette (Palmitin, Stearin, Olein),
°.4°/o Cholesterin, t,2°/o Glyzerinphosphorsäure,
7.2 0/0 Lezithin, 0,3% Zerebrin, 0,5% Farbstoff
(Lutein) und 1 —1,5 °/o Salze. Zum Nachweise
des Eigelbs in Nahrungsmitteln (Eiernudeln,
Eierkognak) dient das Cholesterin, Lutein und
besonders die Bestimmung der alkohollöslichen
Ehosphorsäure nach Juckenack. Neuerdings
winl Eigelb in großen Mengen als Abfallprodukt
der Albuminfabrikation gewonnen und, durch
Trocknen oder Zusatz von Kochsalz, Borsäure,
Fluornatrium konserviert, in den Handel ge-
macht. Zur Herstellung von Nahrungsmitteln
sind die mit unzulässigen Konservierungsmitteln
'ersetzten Präparate nicht zu verwenden.

. Eigonpräparate werden nach einem paten-
herten Verfahren von der chemischen Fabrik
Kcifenberg durch Einwirkung von Jod und

r°m auf Eiweiß dargestellt und als Ersatz der
rlrour- und Jodalkalien medizinisch angewandt.

Eikonogen, ein photographischer Entwickler,

esteht aus dem Natriumsalz der Amidobeta-
naPhtolbetamonosulfosäure.

Einkorn (Blick, Dinkelkorn, Eimen, Flik-
ken, Feinkorn, St. Peterskorn, Schwaben-
zungen, Spelz- und deutscher Reis, frz.
Petit öpeautre, engl. Spelt), eine ein- und zwei-
jährige, nur auf geringem Boden in Gebirgs-
gegenden der Schweiz, in Süddeutschland und
Österreich gebaute Weizenart, Triticum mo-
no'coccum, liefert ein gelbliches Mehl,-Suppen-
gries und Graupen und ein wertvolles Futter
für Geflügel, Pferde und Rindvieh, im Stroh
aber nur Streumaterial., Das E. ist ziemlich an-
spruchslos und gibt 25—40 hl unenthülste und
10—16 hl enthülste Frucht. Der Verbrauch ist
meist ein lokaler.

Eis (frz. Glace, engl. Ice) wird zur Kühl-
haltung von Speisen und Getränken, ferner in
Krankenhäusern, Bierbrauereien, Brennereien und
Paraffinfabriken in größter Menge verbraucht
und bildet einen besonderen Handelsartikel. Wäh-
rend zur technischen Verwendung das natürliche
Eis der Flüsse, Teiche und Seen hinreichend
rein ist, kann es wegen seines oft hohen Bak-
teriengehaltes zur Herstellung von Nahrungs-
mitteln nicht benutzt werden. Vielmehr wird das
hierfür erforderliche E. auf künstlichem. Wege
meist aus destilliertem Wasser bereitet, und zwar
mit Hilfe besonderer Eismaschinen, deren Wir-
kung auf der schnellen Verdunstung verflüssig-
ter Gase, Ammoniak, Kohlensäure, schweflige
Säure beruht.

Eisen (lat. Ferrum, frz. Fer, engl. Iron, Fe = s6)
ist seit Jahrhunderten für den Menschen das
wichtigste, wenn auch nicht teuerste der Metalle.
„Werde zu Eisen, wenn ich dich beachten soll,"
sagt Robinson zu dem auf seiner einsamen Insel
gefundenen Goldklumpen. Man hat die Urzeit
der Menschheit in drei Epochen einteilen wollen;
Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, und den Beginn
der letzten Periode, wenigstens für Südeuropa,
etwa in das 10. Jahrhundert vor Christi Geburt
angesetzt. Das älteste bisher gefundene Stück
Eisen, das der Engländer Hill in einer Fuge der
Cheops-Pyramide 1837 entdeckte, ein Bruchstück
eines größeren Werkzeuges, soll jedoch ein Alter
von fast 5000 Jahren besitzen, aus den Gesängen
der Rigveda geht ferner hervor, daß die Arier
schon zur Zeit, da sie noch das Pandschab be-
wohnten, Waffen („Donnerkeil“ und Speer) aus
Eisen führten, und bei den meisten asiatischen
Völkerschaften ist die Kenntnis des Eisens bis in
die frühesten Zeiten erwiesen, so daß der obigen
Geschichtseinteilung jedenfalls keine allgemeine
Bedeutung für alle Völkerschaften zukommt. In
der Natur findet sich gediegenes Eisen nur
äußerst selten und spärlich vor, so z. B. in klei-
nen Körnern im Platinsande Südsibiriens, eben-
falls in kleinen Körnern eingesprengt in einzelnen
Basalten {Bärenstein im Erzgebirge, Island, Grön-
land) und in etwas zusammenhängenderen Massen
in Kanada. Ferner ist hier und da ein einzelner
Klumpen gefunden worden. Außerdem aber kom-
men noch über die ganze Erde zerstreut Einzel-
funde kosmischen Ursprungs (Meteoreisen) vor,
die stets durch einen Gehalt an Nickel, auch wohl
an Chrom und Kobalt charakterisiert sind. -—
Verbindungen des Eisens sind äußerst häufig und
zum Teil zu gewaltigen Massen aufgehäuft. So
besteht der sich 870 m über der Talsohle er-
hebende Erzberg bei Eisenerz in Steiermark
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        ﻿Eisen

96

Eisen

fast ganz aus Eisenspat. Fast nirgends fehlt
Eisen völlig. Nahezu alle Tiere, Pflanzen und
Mineralien enthalten Eisen, wenn manchmal auch
in recht geringer Menge. Unter „Eisenerz“
versteht man nur diejenigen mineralischen Vor-
kommnisse von Eisenverbindungen, die bei der
Eisenerzeugung eine Rolle spielen, nur von ihnen
seien hier die wichtigsten angeführt. In erster
Linie treten die Sauerstoffverbindungen des Eisens
hervor. Magneteisenstein, ein Eisenoxydoxy-
dul, findet sich ziemlich rein in Schweden und
liefert das beste Eisen (Schwedisches Eisen).
Hämatit, Eisenoxyd, kommt als Eisenglanz
und als Roteisenstein vor. Hauptfundort für
ersteren ist Schweden, Lappland und die Insel
Elba, während der Roteisenstein mit den Abarten
roter Glaskopf und — bei höherem Gehalt an
Ton — toniger Roteisenstein sich in Deutsch-
land, Frankreich und England vorfindet. Braun-
eisenstein ist Eisenhydroxyd, Bohnerz ein
toniger Brauneisenstein vom Harz, Süddeutsch-
land, der Schweiz und Südfrankreich. Rasen-
eisenerz besteht ebenfalls aus Eisenhydroxyd,
enthält jedoch Manganoxyd, Phosphorsäure, Kie-
selsäure und organische Reste. Es entsteht noch
jetzt an moorigen Stellen aus Pflanzenresten,
und das aus ihm hergestellte Eisen ist infolge
des Phosphorgehaltes „kaltbrüchig“. — Zu
diesen wertvollen Sauerstoffverbindungen tritt als
wichtigstes Eisensälz das kohlensaure Eisenoxy-
dul in den Mineralien Eisenspat und Sphäro-
siderit. Hierher gehört auch der tonige Eisen-
stein und der Kohleneisenstein, welche, für
England die wichtigsten Erze bilden und fast
900/0 seiner gesamten Eisenerzeugung ergeben.
Die Schwefelverbindungen des Eisens werden
nicht direkt zur Eisengewinnung verwandt, son-
dern dienen zunächst der Schwefelsäurerzeugung,
und erst die dabei erhaltenen Abbrände werden
auf Eisen verarbeitet. Im Laufe der Jahrhunderte
ist die Eisengewinnung so verbessert worden, daß
viele früher als wertlos angesehene Vorkommen
jetzt zu den Eisenerzen zu rechnen sind. Der
Weltkrieg hat für Deutschland diesen Vorgang in
ungeahnter Weise beschleunigt. —■ Das Ziel der
Eisenherstellung bleibt fast immer ein mehr oder
weniger kohlenstoffhaltiges Eisen, da das reine
Metall für die Technik ohne Wert ist und nur in
der Galvanoplastik etwas stärkere Verwendung
findet. Chemisch reines Eisen entsteht,
wenn man reines Eisenoxyd oder oxalsaures Eisen
mittels Wasserstoffs bei dunkler Rotglut reduziert,
als ein schwarzes Pulver, das bei starkem Erhitzen
an der Luft unter lebhafter Feuererscheinung ver-
brennt („pyrophosphorisches Eisen“); findet
die Reduktion bei höherer Temperatur statt, so
wird das E. in kompaktem Zustande gewonnen,
ebenso wenn man Schmiedeeisen mit Eisenoxyd
im Gebläse glüht. Bei diesem Prozesse wird
der geringe Kohlenstoffgehalt des Schmiedeeisens
dazu verwandt, aus dem Eisenoxyd etwas E. zu
bilden, das dann zu dem jetzt vom Kohlenstoff
befreiten Schmiedeeisen hinzutritt. Schließlich
kann auch durch elektrische Zersetzung einer
mit Salmiak gesättigten Eisenvitripllösung reines
Eisen gewonnen werden. Es ist in kompaktem
Zustande fast silberweiß, sehr geschmeidig und
politurfähig und bei beginnender Weißglut
schweißbar, wird aber bei steigender Temperatur

wieder spröde und schmilzt erst im heftigsten
Gebläsefeuer (bei 15290 C). Während des Er-
hitzens des festen Eisens und ebenso beim Er-
kalten weist die Temperaturbewegung drei Halte
punkte — bei 768, 907, 1401 bzw. 1401, 898,
768° C — auf, die als Umwandlungstempe
raturen des Eisens angesehen werden (a-, ß-, y-,
^Modifikation). Der bei der ß-y- bzw. y-ß-Um-
wandlung stattfindende Temperaturunterschied
(907—898°) wird Hystaresis genannt. Vom Ma-
gneten wird die «-Modifikation angezogen und
durch Umleiten eines elektrischen Stromes selbst
zu einem Magneten, verliert diese Eigenschaft
aber mit dem Aufhören des Stromes. Reines E.
rostet nicht in trockener Luft und in luftfreiem
Wasser, wohl aber, wenn Luft und Feuchtigkeit
vereint darauf einwirken, besonders wenn über-
dies Säuren, wie Kohlensäure, zugegen sind. Die
dem reinen E. innewohnenden Eigenschaften
werden durch den mehr oder weniger großen
Gehalt des technischen E. an Kohlenstoff modi-
fiziert. Man unterschied bis zum Jahre 1876
hauptsächlich nach dem Kohlenstoffgehalte fol-
gende Gruppen von Eisensorten: E. von 0,1 bis
0,4, höchstens 0,6% Kohlenstoff wurde und wird
noch heute als Schmiedeeisen (frz. Fer, engl.
Soft iron) bezeichnet. Es soll sich rotglühend
leicht mit dem Hammer bearbeiten, weißglühend
schweißen lassen und glühend in kaltes Wasser
getaucht keine Veränderung der ursprünglichen
Weichheit zeigen. Auch nahm man früher an,
daß frischer Bruch ein sehniges oder hakiges
Gefüge zu zeigen habe, und daß das E. in grö-
ßeren Massen sich nicht schmelzen ließe. E. mit
0,4 oder 0,6—2 °/o Kohlenstoff hieß Stahl (frz.
Acier, engl. Steel). Er soll sich schmieden,
schweißen, schmelzen und härten lassen. (Die
Schweißbarkeit nimmt mit wachsendem Kohlen-
stoffgehalte ab, die Schmelzbarkeit zu.) Als
Hauptmerkmal für Stahl gilt die Härtbarkeit.
Glühender Stahl in Wasser getaucht nimmt be-
deutend an Härte zu, im Zusammenhang mit
einer mehr oder weniger vollständigen Unter-
drückung der Modifikationsumwandlungen. Der
Bruch soll immer ein feinkörniges Gefüge haben
und möglichst gleichmäßig sein. E. mit 2—5 °/o
Kohlenstoff hieß und heißt noch Roheisen
(frz. Fer fonte, engl. Pig iron), läßt sich nicht
schmieden und schweißen, schmilzt aber leicht,
— Wenn gelegentlich der Weltausstellung in
Philadelphia 1876 beschlossen wurde, von dieser
älteren Einteilung abzugehen, so lag dies einer-
seits daran, daß einige der genannten Merkmale
des Schmiedeeisens, Unschmelzbarkeit und seh-
niger oder hakiger Bruch, nicht mehr für alles
Eisen mit niedrigem Kohlenstoffgehalte zutrafen,
und andererseits die angegebenen Grenzzahlen
für Kohlenstoff auch sonst oft infolge des Ein-
flusses gewisser Zusätze zum Teil stark verwischt
wurden. Schmiedeeisen wird jetzt im großen in
flüssigem Zustande erhalten, und der Bruch
dieses Erzeugnisses erscheint stahlartig und fein-
körnig,
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. Die vorstehend angeführte Einteilung ist leider
nicht mehr allseitig anerkannt, vielmehr finden
®Ich, besonders im Auslande, seltener in Deutsch-
land, noch andere Bezeichnungen im Gebrauch.
00 bezeichnete der Name Schweißeisen früher
n.Ur Schweißschmiedeeisen und ebenso Fluß-
bett nur Flußschmiedeeisen, nicht auch die ent-
sprechenden Stahlsorten. Schlimmer ist, daß zu-
"[eilen alles Flußeisen, also auch Flußschmiede-
®'sen, als Stahl bezeichnet wird, in welchem Falle
-n® Flußschmiedeeisen als weicher von dem Fluß-
5^ahl als dem harten Stahl unterschieden wird,
.etnentsprechend wird zuweilen alles Schweiß-
?'sen, auch der Schweißstahl, als Eisen schlecht-
*n bezeichnet. Natürlich geht dabei der Be-
s K • ^er Härtbarkeit, der sonst für die Unter-
scheidung von Stahl und Eisen ausschlaggebend
b vollständig verloren. — Das E. des Altertums

Cercles Warcalexikon.

war Schmiedeeisen oder auch Stahl, Gußeisen
dürfte nur in China bekannt gewesen sein, dort
allerdings schon um 700 vor Christi Geburt,
denn eine gegossene eiserne Pagode jener Zeit
ist gut verbürgt. Das E. des Altertums war ein
auch nach unseren heutigen Begriffen gutes und
wurde durch „Renn“-Arbeit in einem einmali-
gen, recht einfachen Prozesse direkt aus dem
Erze gewonnen. Die Reduktion der Eisenerze
wurde entweder im Herde vorgenommen, und
hieß dann Luppenfrischerei, oder in Öfen, die
nach den in ihnen enthaltenen Eisenklumpen
(„Stücken" oder „Wolf“ genannt) Stücköfen oder
Wolföfen heißen. — Zur Luppenfrischerei
wurden die von Eisenplatten oder Mauerwerk
umgebenen Herde mit Kohlenklein und leicht
schmelzbaren Erzen ausgekleidet, dann mit glü-
henden Kohlen gefüllt und das Erz aufgegeben.
Dem Herde gegenüber wurde ein Gebläse auf-
gestellt, das anfangs nur einen schwachen Wind
durch glühende Holzkohlen trieb und dadurch
Kohlenoxyd erzeugte, das reduzierend auf das
Erz einwirkte. Nach und nach wurde der zu ver-
arbeitende Rest an Erz und Kohle hinzugegeben,
das Gebläse allmählich verstärkt und die Masse
näher herangerückt, bis sich die „Luppe“ gebil-
det hatte, die dann durch Aushämmern am Feuer
ausgeschmiedet wurde. In der Luppenfrischerei
konnten nur sehr eisenreiche, leicht schmelzbare
Erze verwandt werden. Der Stückofen, der
primitive Vorläufer unserer Hochöfen, bestand
aus einem an der oberen Öffnung, der Gicht,
sich etwas verjüngenden Schacht von 2—5 m
Höhe und etwa 0,8—i,s m größter Weite. Der
Prozeß verlief in derselben Weise wie bei der
Luppenfrischerei, nur konnten hier größere Men-
gen verarbeitet und dementsprechend Klumpen
von s—8 Zentner Gewicht erhalten werden, wäh-
rend man bei der Luppenfrischerei nur ein bis
höchstens drei Zentner erhielt. In früheren Zeiten
ließ man den Ofen nach jeder Schmelze erkalten,
später wurde der Betrieb allmählich immer länger
fortgesetzt und ging hierdurch und durch die
starke Vergrößerung seiner Höhe und seines Um-
fanges in den Hochofenprozeß über, bei dem
nun aber wesentlich andere technische und theo-
retische Momente mitspielen. — Der Hochofen,
früher meist Hohofen genannt, ist ein dicker
runder Turm von recht verschiedenen Dimen-
sionen, z. B. 20 m Höhe und 6 m größter Breite.
Der innere Hohlraum ist etwas unterhalb der
Mitte am weitesten und unten, dicht oberhalb des
Herdes, stark verjüngt. An dieser Stelle findet
der Eintritt des vorgewärmten Gebläsewindes
statt. Der Hochofen wird in Betrieb gesetzt, in-
dem man ihn durch ein kleines Feuer allmählich
vorwärmt, dann Koks aufgibt und darüber in
regelmäßigen Lagen Erz, Zuschlag und Brenn-
material schichtet. Der Zuschlag ist nach der
Natur des Erzes und der begleitenden Gangarten
verschieden und bezweckt die Bildung einer
Schlacke, die das entstehende Eisen vor Oxyda
tion schützt und gleichzeitig ein Verschlacken
durch Bildung eisenreicher Silikate verhindert.
Besonders geeignet als Schlacke ist ein Kalkton-
erdesilikat, zu dessen Bildung man bei über-
schüssiger Kieselsäure Kalk, bei überschüssigem
Kalk Ton oder ein anderes kieselsäurereiches
Material hinzufügt. Ist der Ofen gefüllt, so wird

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Eisen

98

Eisen

der Gebläsewind angestellt. Durch ihn verbrennt
zunächst das zu unterst aufgeschichtete Brenn-
material unter Bildung von Kohlendioxyd, das in
der darüber liegenden Schicht von glühendem
Koks zu Kohlenoxyd reduziert wird. Letzteres
reduziert seinerseits das ins Glühen geratene
Eisenerz zu schwammigem E., indem es selbst
wieder zu Kohlendioxyd wird, um dann durch die
nächste Schicht Kohlen von neuem regeneriert zu
werden. Dieser Prozeß setzt sich, so lange fort,
bis schließlich das Gas (Gichtgas), ein Ge-
misch von Stickstoff, Kohlendioxyd und Kohlen-
monoxyd, den Ofen verläßt. Es wird aufgefangen
und infolge seines Gehaltes an Monoxyd zum Vor-
wärmen des Gebläsewindes in steinernen Wind-
erhitzern, Cowper, benutzt. In dem Ofen kann
man verschiedene, allerdings nicht scharf von-
einander getrennte Zonen beobachten. Die sog.
Reduktionszone, in der die Reduktion des Eisen-
erzes zu E. stattfindet, liegt je nach der Natur des
Eisenerzes tiefer oder höher, die Temperatur in
ihr beträgt 600—9000. Je poröser die Erze, jo
höher die Temperatur und je reicher das auf das
Erz einwirkende Gasgemenge an Kohlenoxyd ist,
um so schneller geht die Reduktion vor sich. Da
das Material allmählich zusammensintert, so sinkt
das reduzierte E. mit der gebildeten Schlacke
tiefer in den Ofen hinab und kommt dabei in
Zonen immer höherer Temperatur. Bei etwa
10000 nimmt das schwammartig fein verteilte E.
Kohlenstoff auf, sättigt sich bei etwa 14000 damit,
schmilzt schließlich in der untersten Zone voll-
ständig und sammelt sich als flüssige Masse auf
dem Herde an. Die obenauf schwimmende
Schlacke läßt man durch eine Spalte über die
sog. Schläckentrift abfließen, welche durch die
Schlackenleiste, eine gußeiserne Platte, gegen
die Stichöffnung abgeschlossen ist. Die letztere
dient dazu, in geeigneten Zeiträumen, drei- bis
viermal am Tage, E. abfließen zu lassen. Nur
selten wird das. E. deg Hochofens sogleich in die
Form gegossen, in der es Verwendung finden soll
(Hochofenguß). In der Regel fließt es zunächst
in flache eiserne oder aus Sand hergestellte
Formen. Die erstarrten Blöcke führen die Be-
zeichnung Flossen oder Gänze, die ersteren
sind muldenförmig, die anderen 1—1,3 m lange,
armstarke Barren. Durch Öffnungen der Gicht
wird immer neues Erz, Brennmaterial und Zu-
schlag in den Ofen gegeben und dadurch der
Betrieb des Ofens ununterbrochen im Gang er-
halten, meist t—4 Jahre, aber auch weit länger,
bis irgendeine größere Reparatur oder politische
oder wirtschaftliche Verhältnisse ein (,Ausblasen“
nötig machen. Die Wirkungsweise der seit etwa
der Jahrhundertwende eingeführten elektrischen
Hochöfen beruht auf verwandten Grundlagen. -
Das Produkt des Hochofens ist infolge der bei
1000—1400° erfolgenden Kohlenstoffaufnahme
stets Roheisen, wovon man hauptsächlich zwei
Arten zu unterscheiden hat, das graue Roh-
eisen, welches entweder zur Stahlbereitung (saurer
Bessemerprozeß, s. u.) oder zum Guß benutzt wird,
und das weiße Roheisen, das sich nicht zum
Guß eignet. Soweit die Herstellung des erst-
genannten für den Guß angestrebt wird, führt
der Hochofenprozeß also direkt zum Ziele, wäh-
rend das meist zur Fierstellung von Schmiede-
eisen und Stahl dienende weiße Roheisen noch ver-

schiedene, recht langwierige Prozesse durchmachen
muß. Neben dem Kohlenstoff sind nämlich noch
eine Reihe anderer, schädlicher Beimengungen
vorhanden. In der Reduktionszone ist das E. nur
geneigt, Schwefel aufzunehmen, in der Kohlungs-
zone aber ward die etwa vorhandene Phosphor-
säure reduziert und Phosphor vom E. aufgenom-
men, und in der Schmelzzone schließlich gehen
Silizium, Mangan, Aluminium und andere Metalle
in das E. über. Diese Verunreinigungen spielen
bei dem grauen zum Guß benutzten Roheisen
keine so wesentliche Rolle wie bei dem zur Her-
stellung von Schmiedeeisen und Stahl bestimmten
Roheisen, denn Schmiedeeisen und Stahl können
schon durch einen recht geringen Gehalt an
bestimmten Stoffen minderwertig oder gar un-
brauchbar werden. Es ist daher hier nötig, kurz
auf die Wirkungen der wichtigsten dieser Ver-
unreinigungen einzugehen. Phosphor macht das
Eisen dünnflüssiger und leichter schmelzbar. Ein
mäßiger Phosphorgehalt ist daher für graues
Roheisen direkt nützlich, Schmiedeeisen aber
wird durch einen recht geringen Gehalt an Phos-
phor kaltbrüchig. Schwefe! (schon 0,04 °/o) und
Kupfer (o,s °/o) machen Schmiedeeisen rotbrüchig
(d. h. das Schmiedeeisen bricht leicht bei Rot-
glut). Silizium befördert im Roheisen die Ab-
scheidung von graphitartigem Kohlenstoff, so
daß siliziumreiches Eisen stets als graues Roh-
eisen auftritt, und drückt ferner den Gesamt-
kohlenstoffgehalt herab. — Schmiedeeisen wird
durch Siliziumgehalt „faulbrüchig“. Mangan wirkt
im Eisen fast umgekehrt wie Silizium und ver-
hindert die graphitartigen Abscheidungen. Roh-
eisen mit hohem Mangangehalt gehört daher stets
zum weißen Roheisen. Eingesprengte kohlenstoff-
reichere Teile sowie eingesprengte Schlacke be-
wirken „Rohbrüchigkeit“. Zinn macht schon in
wenigen Zehntelprozenten das Eisen gänzlich un-
brauchbar. Die Art und die Menge der im Roh-
eisen sich findenden Verunreinigungen ist natür-
lich abhängig von dem Ausgangsmateria), d. h.
von dem Brennmaterial, dem Eisenerz und dem
Zuschlag. Das reinste Brennmaterial ist Holz-
kohle, und diese wurde auch bis ins 18. Jahrhun-
dert hinein allein benutzt. Später zwang der
wachsende Verbrauch, zu Koks überzugehen,
doch kann auch gereinigte Steinkohle in manchen
Fällen benutzt werden. Holzkohle findet nur
noch in waldreichen Gegenden, wie in Schweden
und Norwegen, Anwendung, oder an solchen
Orten, an denen ein besonders reines Eisenerz
zur Verfügung steht. Der Name Holzkohlen-
eisen dient daher einer Ware als sehr gute Emp-
fehlung. Alle Versuche, den in Deutschland so
reichlich vorhandenen Torf zu verwerten, haben
bisher einen sichtbaren Erfolg nicht gehabt. —
Bei den Eisenerzen kommt es hauptsächlich auf
den Gehalt an Phosphor an, der in das Roheisen
übergeht und das Schmiedeeisen oder den Stahl
unbrauchbar machen würde. Gerade in Deutsch-
land liegen nun meist phosphorreiche Erze vor,
die es lange Zeit erschwerten, den englischen
Bessemerbirnenprozeß (s, u.) bei uns einzuführen.
Trotz aller Bemühungen ist es auch jetzt noch
nicht gelungen, Roheisen mit einem Phosphor-
gehalt zwischen 0,1 und 1,5 °/o im Birnenprozeß
zu verwerten. Von Bedeutung für die Erzeugung
eines für den basischen Bessemerprozeß (s. u.) ge-
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        ﻿Eisen

99

Eisen

eigneten Roheisens ist ferner ein hinreichender
Mangangehalt. Wo dieser fehlt, muß man die
Zuflucht zu Manganerzen nehmen, die aber all-
mählich knapp zu werden anfangen. Schließlich
ist noch die Art des Zuschlages von den beglei-
, tenden Gesteinsarten abhängig, d— Die meisten
Eisenerze werden im natürlichen Zustande ver-
jj schmolzen, doch ist es bei Spateisenstein vor-
zuziehen, denselben erst zu rösten, um die Kohlen-
säure z(i verjagen und auch einen etwa vorhande-
' nen Schwefelgehalt zu vermindern. Auch sind
vielfach Versuche gemacht worden, solche Vor-
kommen von Eisenerzen, welche wie im Rot-
hegenden nur 12—i3°/o Eisen enthalten und
deshalb zur direkten Verhüttung im Hochofen zu
eisenarm sind, durch geeignete Mittel (magneti-
! sehe Aufbereitung, Waschverfahren) in Gangart
und Eisenerz zu trennen, doch bietet die technische
Durchführung manche Schwierigkeiten. Die Zu-
sammensetzung des weißen Roheisens wird in
| der Regel von Ausschlag sein für die Wahl des
Prozesses, durch welchen daraus Schmiedeeisen
oder Stahl erzeugt werden soll. Die Umwandlung
| in Schweißschmiedeeisen erfolgt entweder
im Herd oder im Puddelofen (Herdfrischen bzw.
Puddelfrischen oder Puddeln). Bei dem Herd-
frischen wird das Roheisen mit Holzkohlen- oder
Holzfeuer unter scharfem Gebläsewind nieder-
Seschmolzen, wobei ein Teil des Eisens sich
oxydiert und der Kohlenstoff nach und nach
verbrennt und schließlich ein Klumpen (Luppe)
Schmiedeeisen von teigartiger Beschaffenheit ent-
geht, den rhan sofort unter Hämmern zur Ver-
richtung und Entfernung der Schlacke zu Stan-
gen oder Schienen ausschmiedet. Das durch
I Herdfrischen erzeugte E. ist hart, körnig, zähe
l|nd dicht, letzteres namentlich, weil es mit wenig
Schlacke in Berührung kam. Es erfordert aber
em. sehr reines Roheisen, weil bei dem Prozeß
Namentlich Phosphor und Schwefel nur zu ganz
geringen Teilen ausscheiden. Auch kann man
durch Herdfrischen nur kleine Eisenmengen ge-
"onnen, und die Herstellungskosten fallen des
teuren Brennmaterials wegen ebenfalls hoch aus.
Jvus diesen Gründen ist an den meisten Orten
schon seit langer Zeit das Puddeln oder Fl am-
menfrisclven betrieben worden, wobei die Ver-
wendung ' geringwertiger Brennmaterialien und
dje Erzeugung größerer Massen E., allerdings
d'cht von gleicher Güte, möglich ist. Das Roh-
ren, das, wenn nötig, zuvor gefeint ist, wird in
emetn mit flacher muldenförmiger Vertiefung
Vßfsehenen Offen eingeschmolzen und mit viel
cisenoxydoxydulhaltiger Schlacke bedeckt. Der
Sauerstoff der letzteren verbrennt den Kohlen-
stoff rjes Roheisens, doch ist beständiges Um-
rahren der geschmolzenen Masse mittels mecha-
discher Rührvorrichtungen (Puddelmaschinen)
öf r beweglicher Herde (mechanische Puddcl-
„ten) notwendig. Statt der früher benutzten
„feinkohlen wendet man jetzt Leuchtgas oder
lemens' Regenerativgas an, in Amerika auch
etroleum oder selbst das Gas aus den Petro-
eumqueiiejj ' Das E. ballt sich allmählich zu
einen Brocken und Körnern zusammen, die
an durch Rollen und Walzen zu größeren Lup-
^ert von schwammartigem Aussehen vereinigt,
|Arauf sofort unter besonderen Maschinen oder
afnpfhämmern zur Entfernung der reichlich

vorhandenen Schlacke verdichtet und unter Wal-
zen zu Rohschienen ausreckt. Die erpuddelten
Rohschienen sind nie so dicht und ganz und
schlackenfrei als die durch Herdfrischen ge-
wonnenen, sondern geben erst durch wiederhol-
tes Zusammenschweißen, Überschmieden oder
Auswalzen ein brauchbares Schmiedeeisen. —
Soll graues-I Roheisen mit einem Siliziumgehalte
von über 3 ’/o zum Puddeln Verwendung finden,
so muß dasselbe vorher in den „Feinherden“
oder im Flammofen gefeint werden. In beiden
Fällen kommt auf die Herdsohle Koks, darauf
das Roheisen, und darauf wird dann Gebläseluft
geleitet. Die Verunreinigungen, vor allem Si-
lizium und Mangan. teilweise auch Schwefel,
werden dadurch entfernt, und es entsteht „ge-
feintes“ oder „geläutertes“ E. Das Puddeln
hat gegenwärtig nicht mehr die Bedeutung wie
vor 40 oder 50 Jahren, da durch neuere Verfahren
Flußschmiedeeisen und Flußstahl in großen Mas-
sen billig hergestellt werden, doch liefert Deutsch-
land auch heute noch ein anerkannt gutes
Puddeleisen. Die Umwandlung des Gußeisens in
Flußschmiedeeisen erfolgt in ähnlicher Weise
wie die Herstellung des Flußstahles und wird
dort erwähnt werden. Stahl kann außer auf dem
anfangs geschilderten Wege der direkten Her-
stellung aus dem Erze entweder aus Roheisen
durch Entkohlung oder aus Schmiedeeisen durch
Kohlung hergestellt werden. Die Erzeugung aus
Roheisen erfolgt entweder durch Frischen auf
dem Herde oder im Puddelofen, wie bei Schweiß-
eisen beschrieben, oder dadurch, daß atmosphäri-
sche Luft in zahlreichen Strahlen durch geschmol-
zenes E. hindurchgetrieben wird (Bessemern),
oder endlich dadurch, daß man in flüssiges Roh-
eisen Bestandteile einträgt, welche eine Entkoh-
lung herbeiführen. — Das Herdfrischen des
Stahles, das namentlich noch in Steiermark,
Karaten, Siegen und in Schweden in Gebrauch
ist. setzt gutes, reines Roheisen und billige Holz-
kohlen voraus. Es liefert einen ganz vorzüglichen
Stahl, der auf die weiter unten anzugebenden
Methoden raffiniert werden muß, um ein mög-
lichst gleichförmiges Gefüge zu erhalten. Der
durch Herdfrischen oder Puddeln gewonnene
Stahl ist also Schweißstahl. Für die Herstellung
großer Massen Stahl hat das Bessemern die
größte Bedeutung. Stark mangan- und silizium-
haltiges Roheisen wird in einem Kupolofen
hitzig niedcrgeschmolzen, wobei es bereits eine
Raffinierung erfährt, und dann in ein birnen-
förmiges Gefäß (Konverter) eingelassen, dessen
Boden mit zahlreichen feinen Windkanälen ver-
sehen ist. Die Birne muß vorgewärmt sein,
damit keine zu starke Abkühlung des flüssigen
Eisens erfolgt. Ein kräftiges Gebläse treibt Luft
durch die flüssige Masse, wobei durch Verbrennen
des Kohlenstoffs, Siliziums usw. eine so hohe
Temperatur entsteht, daß selbst E. von ganz
geringem Kohlenstoffgehalt noch flüssig bleibt.
Bei der englischen Bessemermethode wird
das Roheisen fast ganz entkohlt und durch
Zusatz von flüssigem weißen Roheisen (Spiegel-
eisen) nach Beendigung des Blasens in Stahl ver-
wandelt. Der Zusatz des Spiegeleisens, eines bis
20 % Mangan enthaltenden Roheisens, hat über-
dies den Zweck, den am Ende des Prozesses in
dem Eisen gelösten Sauerstoff zu entfernen. Soll
        <pb n="106" />
        ﻿Eisen

100

Eisen

ein besonders kohlenstoffarmer schmiedbarer Stahl
hergestellt werden, so wird statt des Spiegel-
eisens Ferromangan, ein über 20% Mangan
haltendes Roheisen, verwandt. Bei der schwe-
dischen Methode treibt man die Entkohlung
nur so weit, daß direkt Stahl entsteht. Das
jetzt fast allgemein benutzte englische Verfahren
ist zwar meist etwas teurer, gewährt, aber einen
weit sicherem Erfolg. — In dem Bessemerverfah-
ren war eine Methode gegeben, aus Roheisen mit
höchstens 0,1 °/o Phosphor schnell große Mengen
von brauchbarem Stahl und Schmiedeeisen zu
gewinnen, bei höherem Phosphorgehalte muß
das Verfahren von Sydney Gilchrist Thomas
angewandt werden, nach dem noch Roheisen mit
1,5—3 0/0 Phosphor in der Bessemerbirne brauch-
baren Stahl liefert. Der Konverter des eigent-
lichen Bessemerprozesses besteht aus Eisen, das
mit einer feuerfesten, aus Quarz und Ton her-
gestellten Masse ausgefüttert ist. Thomas ver-
wendet nun statt dieses „sauren“ Futters ein
solches aus basischem Material, das er durch
starkes Glühen von Dolomit oder Magnesit und
Vermengen des erhaltenen Erzeugnisses mit einem
Bindemittel (Wasserglas-Steinkohienteer, g.wann.
Die sich erst am Schlüsse des Oxydationsprozesses
bildende Phosphorsäure wird dadurch gebunden
und dem Eisen entzogen, die erzeugte, leicht lös-
liche Phosphorsäure enthaltende Schlacke aber
als gutes Düngemittel an die Landwirte verkauft
(Thomasschlacke). — Dieses Verfahren ist ge-
rade für die deutsche Eisenindustrie von größter
Bedeutung, da viele deutsche Roheisen Phosphor
enthalten und bei dem ursprünglichen Bessemer-
verfahren nur Stahl geringerer Güte liefern.
Weder für den sauren, noch für den basischen
Birnenprozeß eignen sich Roheisen mit mittlerem
Phosphorgehalt. Für den basischen Prozeß tritt
noch die Forderung hinzu, daß das Eisen mangan-
haltig und möglichst frei von Silizium (höchstens
o,s 0/0 I) sei, während beim sauren Prozeß silizium-
haltiges graues Roheisen bevorzugt wird. — Die
Bildung von Stahl durch Zusammenschweißen
von Roheisen mit sauerstoffabgebenden Körpern
hat ebenfalls zu einer Reihe von Verfahren An-
laß gegeben. Der sog. Erz- oder Uchatius-
stahl wird durch Zusammenschmelzen von Roh-
eisen mit Eisenerz in Tiegeln hergestellt. Nach
dem ähnlichen Siemensprozeß schmilzt man
in einem besonderen, mit vorgewärmtem Luft-
Gasgemisch arbeitenden Flammofen Roheisen,
setzt dann reine Eisenerze (Roteisenerz mit wenig
Gangart) zu und bringt durch Rühren eine voll-
kommene Mischung der Flüssigkeit zustande
Beim Martinprozeß wird der Siemenssche
Flammofen dazu benutzt, Roheisen mit Schmiede-
eisen zusammenzuschmSlzen, und zwar soll dabei
hauptsächlich Schrott, d. h. unbrauchbar ge-
wordene Schmiedeeisengegenstände, wie alte
Eisenbahnschienen, altes Bergbauwerkzeug usf.,
Verwendung finden. Die Erfahrung hat aber
gelehrt, daß auf diese Weise nicht ohne wei-
teres ein guter Stahl vom berechneten mittleren
Kohlenstoffgehalte erzeugt werden kann, son-
dern daß die Unreinheiten des Roheisens (Sili-
zium, Mangan, Phosphor) erst durch Oxydation
entfernt werden müssen. Diese Oxydation ge-
schieht zwar teilweise durch den Rost des Schrot-
tes und den überschüssigen Sauerstoff der Flam-

men, muß aber meist durch Zusatz von Oxyden I
(Erz oder Hammerschlag) vervollständigt werden.
Dadurch werden die beiden letztgenannten Ver-
fahren zu dem Siemens-Martin-Prozeß ver-
einigt. Das reine Siemensverfahren wird haupt-
sächlich dort angewandt, wo reine Eisenerze
leicht zu haben sind, Während Schrott fehlt, die
Regel ist aber die kombinierte Methode. — Der
Martin- und der Bessemerprozeß unterscheiden
sich wesentlich dadurch, daß letzterer ohne Wärme-
zuführung ausgeführt wird, während ersterer im
Gegenteil recht erhebliche Mengen gasförmigen
Brennstoffs erfordert, dafür besitzt ersterer aber 1
einige andere Vorteile. Im Martinprozeß kann
alles das Roheisen Verwendung Enden, das
weder für den sauren noch für den basischen
Birnenprozeß geeignet ist. Der Flammofen ge-
stattet weiter, jederzeit Proben zu entnehmen und
durch Feststellung des Phosphor- und Schwefel-
gehaltes den Betrieb zu regeln. Schließlich ist I
die gute Verwertung des an sich geringwertigen
Schrottes zu nennen. Von größtem Vorteile würde
allerdings die Gestaltung des Prozesses zu einem
dauernden sein, wozu bereits erfolgversprechende I
Versuche gemacht worden sind. Nach Bertrand I
und Thiel soll das Roheisen im Flammofen nur
teilweise durch Erzzuschlag von seinen Ver-
unreinigungen befreit werden, die volle Reini-
gung und Fertigstellung des Erzeugnisses aber in I
Feinöfen (s. o.) geschehen. Beim Talbot- sowie I
Häntkeprozeß soll von Zeit zu Zeit ein Teil
des flüssigen Eisens abgegossen und sogleich |
neues Material in den Ofen eingesetzt werden. Das |
Zusammenschmelzen von Roheisen mit Schmiede-
eisen zur Erzeugung von Stahl ist für das erst- I
genannte Material ein Entkohlungs-, für das letz- I
tere ein Kohlungsverfahren. Um 1900 gelang I
die Erfindung wirtschaftlich arbeitender elektri-
scher Öfen zur Überführung von Roheisen in Stahl, I
und zwar auf drei mehr oder weniger voneinander I
abweichenden G,rund’agen. Stassano erhitzt I
durch die Strahlung eines oberhalb des Eisenbades
übergehenden Lichtbogens, Heroult führt den I
Lichtbogen durch das Eisenbad selbst; Kjellin
aber erzeugt einen Induktionsstrom in dem in
einer Rinne befindlichem Bade. Als Abarten
des PIeroultschen Verfahrens sind1 zu nennen
das von Girod, von Chaplet, von Keller und
das von Nathusius. Letzteres unterscheidet sich I
insofern wesentlicher von den übrigen, als die
Bodenelektroden durch eine Magnesitmasse von-
einander getrennt sind, die bei hoher Temperatur
genügend leitend wird, um eine Bodenerwärmung
hervorzubringen. — Eine Verbesserung des Kjel- I
linofens ist der Röchling - Rodenhauser-
sche, welcher zwei oder drei der ersteren zu
einem Herde vereinigt und damit ein wesentlich
bequemeres Arbeiten gestattet. — Der große
Vorteil des Elektroofens gegenüber dem Martin-
Siemens-Ofen liegt in 4er Vermeidung von
Heizgasen, die bei der letzteren besonders bei der
Desoxydation und der Kohlung sowie während
des Abstechens einer Charge oxydierend und da-
mit schädlich wirken. Der elektrische Ofen
eignet sich also zur Herstellung besonders guten |
Stahles, während er für die Herstellung ge-
ringerer Ware der hohen Heizkosten wegen wenig I
geeignet erscheint, — Stahldarstellung aus
Schweißeisen. Dieses Verfahren liefert einen I
        <pb n="107" />
        ﻿Eisen

101

Eisen

sehr guten Stahl, weil das beste Schweißeisen
verwendet wird und während des ganzen Pro-
zesses bei gehöriger Vorsicht keine Gelegenheit
findet, Verunreinigungen aufzunehmen. Schweiß-
schmiedeeisenstäbe werden in feuerfeste Kästen
mit Buchenholzkohle verpackt und unter Luft-
abschluß einer starken (zuweilen bis 14 Tage)
andauernden Glühung unterworfen. Der Kohlen-
stoff aus der Verpackung dringt allmählich in
•das Schmiedeeisen ein, und es entsteht der
Brenn- oder Zementstahl. Die rohen Zement-
stahlstangen sind nicht verwendbar, da sie mit
zahlreichen Rissen und Blasen bedeckt sind, und
außen und innen verschiedenen Kohlenstoffgehalt
zeigen. Die zur Verdichtung und gleichmäßigen
Verteilung des Kohlenstoffes erforderliche Raffi-
nierung geschieht wie bei allen in ungeschmolze-
nem Zustande erhaltenen Stahlsorten (auch dem
Herd- und Puddelstahle) entweder durch das
Garben oder durch Einschmelzen. Zum Gar-
ben schweißt man eine Anzahl zu einem Bündel
(Garbe) vereinigter Rohstahlstangen unter dem
Hammer zusammen, streckt sie zu Stäben aus
und schneidet diese in Stücke von gleicher
Länge, mit we chen der Prozeß wiederholt wird.
Das Gärben ist also ein intensives Durchkneten
des Stahles, wodurch die Teile von verschiede-
nem Kohlenstoffgehalt miteinander in Berührung
kommen und ausgleichend aufeinander wirken.
Weit vollkommener wird dieses Ziel erreicht,
wenn man die Rohstablstangen in Tiegeln unter
Luftabschluß einschmilzt. Hierdurch erhält man
den eigentlichen Guß stahl, welcher nach der
neueren Klassifikation als Zementflußstahl be-
zeichnet werden muß, während der durch Gärben
raffinierte Zementstahl als Zementschweiß-
stahl zu bezeichnen ist. Der Gußstahl bildet die
geschätzteste Stahlsorte, welche überall da ver-
wendet wird, wo ganz besondere Zähigkeit und
Festigkeit oder scharfe, lang stehende Schneide,
oder endlich größte Politur wünschenswert ist.
Leider gestaltet sich die Herstellung größerer
Stücke aus Gußstahl ziemlich schwierig und teuer,
da die von zwei Mann getragenen Tiegel nur
2S—30 kg Stahl fassen, und zur Herstellung von
viele Zentner schweren Blöcken zu Geschützen,
Walzen usw. Hunderte, ja zuweilen mehr als
tausend Tiegel in einer Folge bis zur Vollendung
des Gusses zu leeren sind. Dies ohne Störung zu
bewerkstelligen, ist eine der staunenswertesten
llnd unübertroffenen Leistungen unserer bedeu-
tenden deutschen Stahlwerke (Krupp, Bochum
"sw.). Die neuzeitlichen Verfahren zur Gewinnung
schmiedbaren Eisens lassen sich mit P. Goe-
tens und K. Quasebart in folgende Übersicht
bringen:

Wiudfrischverfahren im sauren im basischen Ofen
Siemens-Martin verfahren	„	„

wlektroverfahren	„	„

Tiegelverfahren.

Vorteile und Nachteile eines jeden Verfahrens
sind in obigem meist kurz aufgeführt, im all-
kenteinen führen die billiger arbeitenden Ver-
fahren auch zu einer weniger wertvollen Ware,
Man ist daher vielfach zu einer Kombination zweier
°fen übergegangen. — Am Schlüsse dieser Skizzie-
rüng der wichtigsten Darstellungsarten des lech-
ntschen Eisens sei erneut darauf hingewiesen,
naß schon das Altertum gutes Schmiedeeisen

und guten Stahl besaß und diesen durch die
Rennarbeit direkt aus dem Erze herstellte. Daß
die alte Rennarbeit heute nicht konkurrieren
kann, liegt an dem verschwenderischen Ver-
brauch an bestem Rohmaterial (beste Erze und
Holzkohle) und an Menschenkraft. Die Frage, ob
die Herstellung von Schmiedeeisen und Stahl
durch Umgestaltung der Rennarbeit im moder-
nen Sinne wieder wird leistungsfähig gemacht
werden können, erfährt recht verschiedene Be-
urteilung. In einem hier mehrfach benutzten Be-
richt über die Fortschritte des Eisenhüttenwesens
von Wedding wird sie rundweg verneint, wäh-
rend Carl Otto für Länder mit jüngerer Mineral-
kohle die Rückkehr zum alten Verfahren voraus-
sagt. — Beschreibung der Eisensorten. —
Selbstredend können an dieser Stelle nicht alle
im Handel vorkommenden Eisensorten, die je
nach der Art der Herstellung oder der Verwen-
dung verschiedene Namen führen, verzeichnet
werden. Vielmehr sei hier nur eine Charakte-
ristik der Hauptsorten gegeben. Roheisen,
leicht schmelzbar und nicht schmiedbar, wird
nach seiner Farbe in graues und weißes Roheisen
eingeteilt. Chemisch unterscheiden sich beide
Sorten dadurch, daß bei der erstgenannten der
Kohlenstoff zumeist graphitartig abgeschieden,
bei der anderen aber chemisch gebunden ist. —
Graues Roheisen. Da Silizium die graphit-
artige Abscheidung befördert, so wird mit zu-
nehmendem Siliziumgehalt die Färbung immer
dunkler. Lichtgraueisen enthält 0,5 °/p, Grau-
eisen bis 3%, Schwarzeisen bis 5°/o Silizium.
E. mit höherem Gehalte wird Ferrosilizium
genannt. Graues Roheisen erscheint stets mehr
oder weniger grobkörnig oder auch bei dunkleren
Sorten kleinblätterig oder schuppig, aber nie
faserig oder strahlig. Es ist weich und läßt sich
mit den gewöhnlichen Schneidewerkzeugen leicht
bearbeiten. — Weißes Roheisen. Da Mangan
die graphitartige Abscheidung des Kohlenstoffs
hemmt, so ist alles stärker manganhaltige Roh-
eisen hell. Bei der bereits hervorgehobenen
Bedeutung des Mangans für die Herstellung von
Schmiedeeisen und Stahl ist die Einteilung des
weißen Roheisens nach dem Mangangehalte ge-
rechtfertigt: Weißkorn hat bis 1,5%, Weiß-
strahl bis 4,5 °/o, Spiegeleisen bis 200/0,
Ferromangan über 20%. Der Bruch zeigt
feinkörniges, strahliges oder großblättriges Ge-
füge, letzteres besonders bei dem Spiegeleisen,
das den Namen von den großen spiegelnden Flä-
chen erhalten hat. Das weiße Roheisen ist in
jedem Falle bedeutend härter als das graue, ein-
zelne Sorten lassen sich mit der Feile gar nicht
mehr bearbeiten. Das graue Roheisen kommt
immer in Form von Gänzen, das weiße auch als
Flossen oder als Masseln in den Handel. -—
Halbiertes Roheisen heißt ein Gemenge von
grauem und weißem Roheisen. Man bezeichnet
dasselbe als schwach halbiert, wenn das graue,
als stark halbiert, wenn das weiße vorwaltet. —
Zu Gußwaren wird meist das graue Roheisen
benutzt, denn das weiße erstarrt beim Erkalten
mit stumpfen Ecken und konkaver Oberfläche,
während das dünnflüssigere graue die Formen
mit großer Genauigkeit ausfüllt und ebene Flä-
chen als solche wiedergibt. — Welche von beiden
Eisensorten im Hochofen entsteht, ist abhängig
        <pb n="108" />
        ﻿Eisen

102

Eisen

vom Silizium- und Mangangehalt, aber auch,
wenigstens zum Teil, von der Temperatur des
Hochofens und von der Art der Abkühlung. Sili-
zium- und manganarmes Roheisen läßt sich in
beiden Formen gewinnen, da sich bei rascher
Abkühlung die weiße Sorte bildet, während bei
langsamer Abkühlung die Kohle Zeit findet, sich
graphitartig auszuscheiden. Schmilzt man sili-
ziumreicheres Roheisen, so bildet sich lediglich
eine Kruste von glashartem weißen Roheisen,
die, bei guter Ausführung, allmählich strahlig in
das die Form a'usfüllende graue Roheisen über-
geht. Diese Eigentümlichkeit hat zuerst das
Grusonwerk zu Buckau technisch zum „Hart-
guß“ (Schalenguß, Kapselguß) angewandt, in-
dem es das geschmolzene Roheisen in metallene
Formen goß, welche das Eisen außen schnell
erstarren lassen. Auf diese Art werden Walzen,
Reifen für Eisenbahnräder, Schienenkreuzungen,
Geschosse für Artillerie usf. hergestellt. Bei sol-
chen Waren, die nur zum Teil mit harter Ober-
fläche versehen sein sollen, z. B. Walzen, an denen
die Zapfen bearbeitbar bleiben müssen., wird die
Form entsprechend aus Metall und anderem
Material (z. B. Lehm) zusammengesetzt. — An
dieser Stelle sei auch die Umwandlung guß-
eiserner Waren in schmiedeeiserne durch Glühen
mit oxydierenden Stoffen erwähnt, wobei die
Oxydation, von den Berührungsflächen ausgehend,
nach und nach ins Innere der Metallstücke und
bis zur fast vollständigen Entkohlung vorschreitet.
Als Ausgangsmaterial benutzt man weißes Roh-
eisen, dessen Silizium- wie auch Mangangehalt
o,6 % nicht überschreitet und dessen Kohlenstoff-
gehalt etwa 3—3,5 o/o betragen darf, als Oxyda-
tionsmittel meist gepulverten Roteisenstein (Glüh-
frischen). Schmiedbares Gußeisen kann nur dann
mit Schmiedeeisen konkurrieren, wenn die Kosten
der Formgebung für das Schmiedeeisen im Ver-
hältnis zu seinem Gewicht einigermaßen hoch
sein würden, so einerseits für komplizierte For-
men. anderseits für kleinere Stücke von geringer
Dicke (Schloßteile, Gewehr- und Nähmaschinen-
teile. Schlüssel, Kettenglieder und zahlreiche
kleine Maschinenteile). Manche dieser Massen-
artikel erfahren keine weitere Behandlung, viele
nur durch Schleifen und Polieren, wobei sie in-
folge der feinkörnigen Struktur eine bessere
Politur als das Schmiedeeisen annehmen. Eine
Abart dieses Verfahrens ist der Temperguß
(im engeren Sinne), bei dem Roheisen mit Stahl-
abfällen zusammengeschmolzen, und das sich da-
bei bildende W'eiße Roheisen in Formen gegossen
wird. — Schweißschmiedeeisen, im gewöhn-
lichen Verkehr meist Stabeisen oder Schmiede-
eisen genannt, ist das Erzeugnis des Frisch- und
Puddelprozesses. Die gewonnenen Luppen er-
halten unter dem Hammer oder Walzen Stab-
form und führen nun die Bezeichnung Roh-
schienen, die als Halbfabrikat auch im Handel
Vorkommen. Sie werden durch ein- oder mehr-
maliges Umschweißen und Ausrecken unter dem
Hammer oder Walzen raffiniert und liefern das
Stabeisen. Gutes Schweißschmiedeeisen soll
auf dem frischen Bruch bei weißer Farbe schwa-
chen und bei lichtgrauer Farbe starken Glänz
und ferner hakiges oder sehniges Gefüge zeigen.
Die einzige Ausnahme macht das Feinkorn-
eisen, ein hochkohliges, stahlartiges Schweiß-

eisen mit feinkörnigem, nie sehnigem Bruch und
größerer Härte als gewöhnliches Schweißeisen,
welches sich auch schwach härten läßt. Das
Feinkorneisen wird seiner großen Widerstands-
fähigkeit wegen sehr geschätzt (Köpfe von Eisen-
bahnschienen usw.). Namentlich dient es auch
zur Plerstcllung des Zemcntstahles in Steiermark
und England, von denen letzteres aus Schweden
Da.nemoraeisen in großen Massen bezieht. Das
gewöhnliche Schmiedeeisen ist weich und ziemlich
dehnbar, so daß man es kalt überschmieden und
zu Draht ziehen kann. Dabei nimmt es aller-
dings an Härte und Dichtigkeit zu und an Dehn-
barkeit ab. Bei fortgesetzter Bearbeitung wird es
sogar brüchig, kann aber durch Ausglühen so-
fort wieder in den natürlichen Zustand über-
geführt werden. In rotglühendem Zustande läßt
sich Schweißeisen vorzüglich schmieden, im weiß-
glühenden schweißen und infolge des teigartigen
Zustandes selbst in komplizierte Formen pressen
(Herstellung von Eisenbahnwagenrädern, Kolben,
Kurbeln, Schraubenschlüsseln usw. durch Preß-
schmieden). Die guten Eigenschaften des Schweiß-
eisens werden häufig durch fremde Beimengungen
stark beeinträchtigt. Verbranntes und über-
hitztes, d. h. durch wiederholtes starkes Glü-
hen mürbe gewordenes E., das ein blättrig-schup-
piges Gefüge und starken Glanz zeigt, läßt sich
durch Glühen unter Luftabschluß wieder ge-
brauchsfähig machen. — Qualitätsprüfung
des Stabeisens: Einen recht guten, wenn auch
nicht untrüglichen Anhalt gibt das Aussehen des
Bruches. Außerdem läßt schon das äußere Aus-
sehen einen Schluß zu. Gutes Stabeisen muß
reine glatte Oberfläche und scharfe Kanten
zeigen und darf weder Kanten-, Quer- noch
Längsrisse besitzen. Große Glätte, Glanz und
blauschwarze Farbe der Oberfläche zeigen auf
nassem Amboß überschmiedete Stäbe, die in-
folge dieser Bearbeitung etwas spröde sind.
Leicht auszuführen sind auch folgende Proben:
Man wirft den Stab aus großer Höhe auf eine
harte Unterlage (Wurfprobe), oder läßt auf
den frei an den Enden aufliegenden Stab ein
Gewicht fallen (Schlagprobe). Bricht der Stab
hierbei nicht, so ist das Eisen nicht kaltbrüchig.
Man spannt den Stab in einen kräftigen Schraub
stock ein, faßt das herausragende Ende mit
einem langen Hebel, so daß zwischen diesem
und dem Amboßmau! etwa io cm Stab frei-
bleiben, und biegt dieses Stück zunächst um go°
nach der einen, dann umi8o° nach der anderen Seite
und nun so fort bis zum Bruch. Hartes E.
knistert und zittert dabei und bricht bald; wei-
ches läßt sich geräuschlos der Biegprobe unter-
werfen und hält bei gutem Material wohl 12—-15,
ja zuweilen noch mehr Biegungen aus. Ganz
schlechtes Material bricht bei dem ersten Zu-
rückbiegen. Dicke Stäbe brechen früher als
dünne aus gleichem Material. Der Bruch er-
scheint nach der Biegprobe in der Regel sehnig
und mehr oder weniger verquetscht und ver-
rieben, während ein reiner Bruch nur dadurch
erhalten wird, daß man die Stange vorher ein-
haut oder einfeilt und dann kurz abbiegt. End-
lich ist noch die Schmiede- oder heiße Probe
zu erwähnen, wodurch man Aufschluß darüber
erhält, ob das E. rotbrüchig ist. Der Stab wird
rotglühend flach ausgeschmiedet, scharf um-
        <pb n="109" />
        ﻿

Eisen

103

Eisen

gebogen, gedreht oder besser gelocht und darf
dabei keine Risse erhalten. — Handelssorten
des Schweißschmiedeeisens. Unter Stab-
eisen versteht man in der Regel nur die Sorten
mit flach rechteckigem (Flacheisen), mit qua-
dratischem (Quadrat- oder Vierkanteisen)
und kreisrundem Querschnitt (Ründeisen).
Bandeisen ist Flacheisen mit im Verhältnis zur
Dicke großer Breite; Nageleisen (zur Nagel-
herstellung) kleines Vierkanteisen; Knopper-
eisen, geschmiedetes Vierkanteisen, welches
deutlich die Eindrücke der Hammer- und Am-
boßbahn zeigt; Muttereisen mit sechs- oder
achtkantigem Querschnitt. Alle anderen Eisen-
sorten werden als Fassoneisen bezeichnet, z. B.
Winkeleisen 1_, T-Eisen T. Doppel-T-Eisen X,
C-Eisen J_, L-Eisen, Kreuzeisen -j-, Fenster-, Ge-
ländereisen usw.; dann die Eisenbahnschienen
in den verschiedensten Profilen. Die erstgenann-
ten Fassoneisen finden ausgedehnte Verwendung
im Maschinen-, Schiff- und Brückenbau; neuer-
dings auch das I-Eisen mehr beim Hochbau
zu Trägem an Stelle hölzerner Unterzüge und
steinerner Wölbungen. Das Fassoneisen wird
ausschließlich, das Stabeisen zum weitaus größ-
ten Teile durch Walzen hergestellt, und zwar
die schweren Sorten im Grobwalzwerk, die fei-
neren im Feineisen- und Schnellwalzwerk. —• Im
Kleinhandel wird das Stab- und Fassoneisen in
Stangen oder Bunden nach Gewicht, im Groß-
handel hundertkilogrammweise oder die Tonne zu
1000 kg verkauft. — Schweißstahl ist das Er-
zeugnis des Frisch- und Puddelprozesses und der
durch Garben raffinierte Zementstahl. Guter Frisch
und Puddelstahl muß auf dem Bruche feinkörnig
und matt erscheinen,- gut schweißbar sein und
beim Härten große Härte und Sprödigkeit an-
nehmen. Der rohe Stahl kommt unter dem’
Namen Rohstahl oder Motk in’geschmiedeten
quadratischen Stangen in den Handel, die nach
dem Aussehen des Bruches sortiert werden. Um
das Brechen zu erleichtern, wirft man die Stäbe
noch glühend in Wasser, wodurch der Stahl
glashart wird und Querrisse annimmt, die Wasser
eindringen lassen. Die Bruchfläche überzieht
sich infolgedessen mit farbigen, konzentrischen
Bingen (Rosen und Rosenstahl), die als Merk-
mal für harten, gefrischten und noch nicht raffi-
nierten Stahl gelten. Auch bei Puddel- und
Brischstahl treten Faulbruch, Kaltbruch usw.
auf, doch mit Ausnahme des Rohbruches recht
selten. Das häufigere Auftreten des letzteren be-
ri,ht auf der Pierstellung im Herd- und Puddel-
°fen, wobei die Entkohlung, nur schwer völlig
Sieichmäßig bewirkt werden kann und der Stahl
leicht noch sehr hochkohlige, dem Roheisen
nahestehende Teile enthält. Die Qualitätsbestim-
nmng ist bei Stahl viel schwieriger als bei
Schmiedeeisen. Schlag- und Biegprobe sind nur
bei den weichsten Marken anwendbar; der Bruch
•nßt keinen sicheren Schluß auf die natürliche
Karte, die Härtefähigkeit und das Verhalten im
neuer zu (leichtes oder schweres Verbrennen) und
nur ausgedehntere Versuche über Verarbeitungs-
jnhigkeit, Härtefähigkeit und Festigkeitsversuche
können eine sichere Qualitätsbestimmung herbei-
öhren. Der gegärbte Zementstahl eignet sich
®^mer verhältnismäßig großen Weichheit und
Geschmeidigkeit wegen vorzüglich zu Sensen.

Sicheln, Säbel- und Degenklingen usw. (Steier-
märker Sensen usw.). Ungegärbter Stahl kann
nur zu ganz ordinären Gegenständen verwendet
werden, da er zu porös ist. — Flußeisen ent-
steht durch den Bessemerprozeß ohne oder mit
Zuhilfenahme des Thomas-Gilchristschen Ent-
phosphorungsverfahrens und kommt als rohe ge-
gossene, stumpf pyramidale Blöcke (Ingots), als
Stab- oder Fassqneisen oder als Blech in den
Handel. Die Ingots zeigen blätterigen oder stark
grobkörnigen Bruch, die daraus durch Schmie-
den oder Walzen erzeugten Sorten ein sehr gleich
mäßiges feinkörniges Gefüge mit mattem Glanz
und etwas lichterer Farbe als Stahl. »Gutes
Flußeisen ist sehr zähe und fest, die Zerreiß-
festigkeit liegt um 25—500/0 höher als bei gutem
Schweißeisen, auch läßt es sich sehr gut schmier
den und schweißen, aber nicht härten. Früher
ging das Flußschmiedeeisen unter der Bezeich-
nung Bessemerstahl, und nur die angefügte Num-
mer ließ erkennen, daß man es mit einem weit
entkohlten und deshalb nicht mehr härtbaren
Erzeugnisse des Bessemerprozesses zu tun hatte.
— Flußstahl. Hierher gehören der Bessemer-
stahl, der Martinstahl und der Gußstahl oder
Tiegelgußstahl. Roher Flußstahl in Form von
Ingots ist selten Handelsartikel. Er wird durch
Schmieden oder Walzen verdichtet und in die
Handelsformen gebracht. Der in großen Massen
zu erzielende Bessemerstahl, worunter alle härt-
baren Erzeugnisse des Bessemerprozesses zu ver-
stehen sind, und Martinstahl werden hauptsäch-
lich zu Eisenbahnschienen, Trägern, Achsen,
zu Blech- und Panzerplatten, in den härteren
Marken auch zu einfachen ■ Werkzeugen, der
Marlinstahl auch vorwiegend zu Fassonguß ver-
ai beitet. Bessemerstahl ist schwerer schweißbar
als andere Stahlsorten mit gleichem Kohlenstoff-
gehalt, was wohl in dem Vorhandensein eines
größeren Gehaltes an Verunreinigungen begrün-
det sein mag. Der Tiegelgußstahl steht in
der Qualität bedeutend höher als die genannten
Sorten. Sein Bruch ist weit feinkörniger, von
dunklerer Farbe und mattem samtartigen Glanz.
Durch mehrmaliges Umschmelzen erhält er grö-
ßere Güte. Auch hat man versucht, durch be-
sondere Zusätze von Mangan, Wolfram, Nickel,
Silber, Platin die Qualität zu erhöhen oder für
besondere Zwecke bestimmte Eigenschaften zu
erzielen. — Mushet- oder Wolframstahl ist
sehr dicht und gleichförmig und von so großer
natürlicher Härte, daß ein Härten nicht nötig ist.
Silberstahl enthält nach den Untersuchungs-
resultaten kein Silber, sondern ist nur eine Guß-
stahlsorte vorzüglicher Qualität. Der Gußstahl
findet Verwendung zu allen besseren und den
feinsten Werkzeugen, chirurgischen Instrumenten,
zu Geschützen, Walzen. Zur Qualitätsbestimmung
dient das Aussehen des Bruches in Verbindung
mit Schmiede- und Härteproben. Gußstahl läßt
sich mit Schweißeisen zusammenschweißen, doch
wachsen die Schwierigkeiten mit zunehmendem
Kohlenstoffgehalt. Hochkohliger Gußstahl wird
häufig als unschweißbar bezeichnet. — Von be-
sonderen Stahlsorten seien noch erwähnt: Wootz,
eine aus Indien stammende, angeblich durch Zu-
sammenschmelzen von Schmiedeeisen und Kohlen
entstandene Sorte, die große Härte annimmt und
vorzüglich zu feinen .Schneidwaren geeignet ist.
        <pb n="110" />
        ﻿Eisenazetat

104

Eisenhut

Damaststahl, Damaszenerstahl, eine nach
der Stadt Damaskus bezeichnete, in der Regel
'durch Zusammenschweißen von Schmiedeeisen
und Stahl entstehende Stahlsorte, zeichnet sich
durch ungemeine Zähigkeit aus und läßt auf ge-
ätzten Flächen die nebeneinander liegenden Stahl-
und Schmiedeeisenteile deutlich in bestimmten
Zeichnungen hervortreten. Er findet Verwendung
zu Degen-, Säbel-, Dolchklingen und Gewehr-
läufen. Vielfach wird die Zeichnung lediglich
durch Atzen von Stahl hervorgebracht. Der
ungeheure Bedarf der deutschen Eisenindustrie
muß zu einem Drittel aus ausländischen Erzen
gedeckt werden, besonders aus Französisch-Loth-
ringen (Briey, Nancy, Longwy). Die unserer seit-
herigen Grenze benachbarten französischen Vor-
kommnisse schätzt man auf ötooo ha mit 3 Mil-
liarden Tonnen Eisen. Deutsch-Lothringen um-
faßt 43000 ha Eisenerzfelder mit 1,8 Milliarden
Tonnen Eisen. Neuerdings sollen in Ooer.ran-
ken 100000 ha Erzlager mit 1,7 Milliarden Ton-
nen gefunden worden sein.

Eisenazetat (Essigsaures Eisen, Ferri-
azetat, lat. Ferrum aceticum, frz. Acetate de fer,
engl. Acetate of iron) wird in reinem Zustande
durch Auflösen von Eisenhydroxyd in Essig-
säure dargestellt und kommt in Form seiner
wäßrigen Lösung als dunkelbraunrote Flüssig-
keit, Liquor ferri acetici (frz. Solution d’acti-
täte Ferrique, enjfl. Solution of Ferric acetate),
in den Handel. Ein technisches Präparat, das
sog. holzessigsaure oder holzsaure Eisen
(Eisenbeize, Eisenbrühe, Schwarzbeize,
lat. Ferrum pyrolignosum) findet als Beize in der
Färberei und Druckerei Anwendung. Etwaige
Zusätze von Eisenvitriol erkennt man an dem
Auftreten eines Niederschlages mit Barium-
chlorid.

Eisen Chlorid (Eise ns esquichlorid, Andert-
halbchloreisen, Eisenperchlorid, Ferri-
chlorid, lat. Ferrum sesquichloratum, frz. Per-
chlorure de fer, engl. Sesquichloride of iron). Die
wasserfreie Verbindung FeCla erhält ‘man in Form
grünlich-schwarzer, metallisch glänzender Kristall-
blättchen, die bei durchfallendem Lichte granat-
rot erscheinen, auf trockenem Wege durch Subli-
mation, daher die Bezeichnung Eisenblumen
oder Eisensublimat (lat. Ferrum sesquichlora-
tum sublimatum, Flores martis). Aus der Luft
ziehen die Kristalle Feuchtigkeit an und zer-
fließen zu edner dunkelbraunen Flüssigkeit, dem
sog. Eisenöl (lat. Oleum martis, Liquor stypti-
cus Lofi). Im Handel findet sich hauptsächlich
eine konzentrierte wäßrige Eisench'.oridlösung
(lat. Liquor ferri sesquichlorati, frz. Solution
de perchlorure de fer, engl. Solution of Ferric
Chloride), eine dickflüssige, dunkelbraune Flüs
sigkect vom spez. Gew. 1,480—1,484, die beim
Verdünnen mit Wasser eine gelbe Farbe an-
nimmt. Außerdem führt man ein kristallisiertes
wasserhaltiges E., das zum Unterschiede von
dem sublimierten wasserfreien E. Ferrum ses-
quichloratum cristallisatum genannt wird. Ver-
wendung finden die genannten Salze in der Me-
dizin als blutstillende Mittel, ferner in der
Chemie, in der Technik, z. B. als iBeize und als
Desinfektionsmittel.

Eisenchlorür, FeCl2 (Eisenmonochlorid,
Einfachchloreisen, Ferrochlorid, lat. Fer-

rum chloratum, frz. Chlorure de fer, engl. Chlo-
ride of iron), bildet im wasserfreien Zustande
weiße Kristalle, findet sich aber im Handel ge-
wöhnlich nur wasserhaltig in durchsichtigen, bläu-
lichweißen Kristallen, d.e ihrer Zerf.ießlichkeit
wegen in gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt
werden müssen. Eine Lösung des E. in Wasser
wird Liquor ferri chlorati genannt.

Eisenchromat (chromsaures Eisen), Fe2.
(CrOJä, entsteht beim Vermischen von Eisen-
chloridlösung mit Kaliumdichromat als ein gelbes
Pulver, das in der Malerei (Sideringelb) An-
wendung findet und wegen seines Verhaltens in
der Hitze in der Porzellanmalerei zu braunen
Tönen benutzt wird.

Eisenholz (frz. Bois de fer, engl. Iron-wood).
Diesen Namen führen im Handel verschiedene,
durch ungewöhnliche Härte sich auszeichnende
Hölzer. Fast jedes heiße Land hat seine beson-
deren Arten solcher hartholzigen Bäume, die
zu den Klusiazeen, Laurazeen, Rubiazeen und
Sapotazeen gehören. Der von der Botanik als
„echter“ oder „wahrer“ bezeichnete Eisenholz-
baum (Metrosideros vera) stammt von den
Molukken. Die im Handel vorkommenden Hölzer
sind gewöhnlich dunkelfarbig, so schwer, daß sie
im Wasser sinken, und so hart, daß sie sich nur
mit den besten Instrumenten bearbeiten lassen.
Vorheriges Einlegen in heißes Wasser macht sie
jedoch gefügiger. Sie dienen zu verschiedenen
kleinen Handwerkszeugen, zu Walzen und
Drechslerwaren und werden von Ostindien,
Kotschinchina, Java, Sumatra, Madagaskar, Süd-
und Westafrika, Mittel- und Südamerika und
Australien eingeführt.

Eisenhut (Sturmhut, lat. Aconitum). Von
dieser zu den Ranunkulazeen gehörigen Gift-
pflanze, Aconitum Napellus, gibt es viele
verschiedene Arten, die man gewöhnlich in gelb-
und blaublühende gruppiert. Nur von den letz-
teren werden die Blätter und die Knollen medizi-
nisch verwendet. Die Eisenhutblätter, auch
Eisenhutkraut (lat. Herba aconiti, frz. Herbe
d’aconit, engl. Leaves of aconite) genannt, wer-
den kurz vor oder während der Blüte, womöglich
von wildwachsenden Pflanzen, gesammelt und
getrocknet. Sie sind handförmig in fünf Lappen
(die oberen Blätter nur in drei) geteilt, welche
wiederum eine Teilung in je drei Lappen zeigen.
Die obere Seite der Blätter ist lebhaft grün und
glänzend, die untere matt und heller, der Geruch
nur sehr schwach, der Geschmack scharf und
brennend. Sie sind sehr giftig und enthalten
als charakteristische Bestandteile Akonitin s.d.),
Napellin und Akonitsäure. — Die rübenförmi-
gen Akonitknollen (Mönchswurz, Fuchs-
wurz, Teufelswurz, lat. Tubera aconiti, frz.
Racine d’aconit, engl. Aconite root) sind s cm
lang und bis zu 2,5 cm dick, ziemlich glatt, nur
wenig gefurcht und innen weißgrau. Auf dem
Querschnitte zeigen sie eine starke, dunkelpunk-
tierte Rinde und zwischen dieser und dem Holz-
körper bei den Knollen von Aconitum Napellus
eine in 5—8 spitzige Strahlen und spitze Buchten
auslaufende sternförmige Linie. Bei anderen
Akonitümarten sind diese Strahlen und Buchten
mehr stumpf und abgerundeter. Die von den
Wurzelfasern bei der Einsammlung befreiten
Knollen sind geruchlos, haben aber einen bitteren
        <pb n="111" />
        ﻿Eisenjodür

105

Eisenvitriol

und scharfen Geschmack und werden ihres gro-
ßen Akonitingehaltes wegen gewöhnlich zur Dar-
stellung dieses giftigen Alkaloids sowie von
Extractum und Tinktura aconiti benutzt. In
neuerer Zeit sind auch japanische Akonitknollen
unter dem Namen Tsaou-woo in den Handel
gekommen, die außer Akonitin noch ein anderes
Alkaloid, das, Japakonitin, enthalten.

Eisenjodür (Ferrojodid, Jodeisen, lat. Fer-
rum jodatum, frz. Jodure de fer, engl. Iron jo-
dide) wird durch Glühen von Eisenfeile mit
überschüssigem Jod und nachfolgendes Umkri
stallisieren der Schmelze aus Wasser in Form
blaßgrünlicher Kristallkrusten von der Formel
Fe)2-}-H20 erhalten. Das wasserfreie Salz bil-
det ein weißes Pulver, das an der Luft leicht
Feuchtigkeit anzieht und dabei grün und braun
wird. Das Salz ist, wie seine wäßrige Lösung
(Liquor ferri jodati), leicht zersetzlich und
wird daher zur Erhöhung der Haltbarkeit oft
mit Rohrzucker, Milchzucker oder Zuckersirup
versetzt. Die dann erhaltenen Präparate, Fer-
rum jodatum und Sirupus ferri jodati, fin-
den in gleicher Weise wie die wäßrige Lösung
zur Erzielung vereinigter Eisen- und Jodwirkung
medizinische Anwendung.

Eisenmennige, natürliches, feingemahlenes
Eisenoxyd (Blutstein), oder auch unreines Eisen-
oxyd mit etwa 30% Beimengungen, wird anstatt
der gewöhnlichen Mennige zum Anstreichen von
Eisenkonstruktionen benutzt.

E senoxyd, Eisensesquioxyd, Fe203(lat.Fer-
rum oxydatum, frz. Oxyde de fer, engl. Oxyd
of iron), wird gewöhnlich als Nebenprodukt bei
der Bereitung des Nordhäuser Vitriolö s aus
Eisenvitriol erhalten und auch unter den Namen
Englischrot, Polierrot, Kolkothar, Caput
mortuum, Totenkopf in den Handel gebracht.
In der Natur kommt es als Blutstein, Häma-
tit. Glaskopf (lat. Lapis häematitis, frz. He-
matile, engl. Haematile) oder Roteisenstein
vor, die ebenfalls einen Handelsartikel bilden,
^lan benutzt sowohl dieses natürliche als auch
das künstliche E. als Poliermittel für Glas, Stahl
and Goldwaren, für letztere jedoch am liebsten
e,n durch Glühen von oxalsaurem Eisenoxydul
mhaltenes, sehr zartes E. Ein aus gefälltem
Eisenhydroxyd hergestelltes E. wurde früher
a's Crocus martis aperitivus oder Ferrum
°xydatum fuscuin medizinisch verordnet, wäh-
’kend das jetzige Ferrum oxyd. fuscum, ein
otaunes unlösliches Pulver, aus Eisenoxyd-
hydrat, Eisenhydroxyd {'at. Ferrum hydri
cum, frz. Oxyde ferrique hydratö, engl. Hydrated
Poroxyde of iron) besteht. Eine in Wasser lös-
hohe Modifikation desselben, das dialysierte E
dat. Ferrum oxydatum dialysatum), eine dunkel
Pjaungelbe Flüssigkeit von nur sehr schwachem
Eisengeschmack, wird als leicht assimilierbares
Eisenpräparat medizinisch verwandt. Eisen-
ocker, Eisensaccharat (lat. Ferrum oxy-
datum saccharatum solubile, frz. Oxyde ferrique
?ucre soluble, engl. Saccharated peroxyde of
Eon), besteht aus Zucker und Eisenoxydhydrat.
Eis Ferrum oxydulatum nigrum oder Äthi-
?Ps martialis (Eisenmoor) wurde früher auch
-'senoxyduloxyd, ein feines, schwarzes Pul-
Ver. medizinisch benutzt.

Eisenpulver. In der Medizin wie im chemi-
schen Laboratorium finden zwei Arten des fein
verteilten metallischen Eisens Verwendung.
1. Feingepulvertes Schmiedeeisen (lat.
Ferrum puiveratum, F. limatum seu Limatura
ferri, frz. Fer pulverist;, engl. Iron powdered)
ist ein äußerst feines, schweres, graues Pulver
von metallischem Glanz, das in gut verschlosse-
nen Flaschen aufbewahrt werden muß. Es soll
frei von Rost sein, sich in verdünnter Salzsäure
vollständig lösen und dabei nur Wasserstoffgas,
nicht aber Schwefelwasserstoffgas entwickeln.
Spuren des letzteren Gases fehlen jedoch fast
nie. Das Präparat wird, besonders in Tirol,
durch Zerstoßen des Schmiedeeisens und Reiben
unter Druck hergestellt. 2. Durch Wasserstoffgas
reduziertes Eisen (lat. Ferrum hydrogenio re-
ductum, F. reductum, frz, Fer röduit par l’hydro-
göne, engl. Reducfed iron) ist ein graues, glanz-
loses Pulver, das aus reinem Eisenoxyd her-
gestellt wird, Falls man zur Gewinnung des
Eisenoxydes Eisensulfat benutzt, enthält das
Endprodukt gewöhnlich noch Schwefel. Frei
von Schwefel läßt es sich nur gewinnen, wenn
Eisenchlorid als Ausgangsmaterial diente. Das
reduzierte Eisen enthält in der Regel noch Eisen-
oxyduloxyd, das bei höherem Gehalte eine
schwarze Färbung hervorruft, und soll sich in
Bromwasser vollständig lösen. Für medizinische
Zwecke müssen die E. frei von Schwefel sein,
weil sie sonst im Magen Schwefelwasserstoffgas
entwickeln. Das Ferrum reductum ist ein gut
verdauliches Eisenpräparat. Im Laboratorium
dient E. als starkes Reduktionsmittel.

Eisensalmiak (Ammoniumeisenchlorid, lat.
Ammonium chloratum ferratum, frz. Muriate de
fer ammoniacal, engl. Ammoniachloride of iron),
ein morgenrotfarbiges, in Wasser leicht lösliches
Kristallpulver, besteht aus Eisenchlorid und Sal-
miak und wird gegen Bleichsucht, Rhachitis und
Epilepsie medizinisch angewandt.

Eisehschwärze, eine zum Schwarzfärben be-
nutzte Mischung von Eisenvitriol und Blauholz-
extrakt mit Galläpfeln. Bisweilen wird auch eine
aus holzessigsaurem Eisen bestehende Beize so
genannt.

Eisenschwarz nennt man ein als Ofenschwärze
benutztes Graphitpulver.

Eisensulfid (Schwefeleisen, lat. Ferrum sul-
furatum, frz. Sulfure de fer, engl. Sulfuret of
iron). Eisen und Schwefel lassen sich zu ver-
schiedenen chemischen Verbindungen vereinen,
von denen einige als Mineralien in der Natur
fertig gebildet Vorkommen. Im Handel findet
man von den künstlich darstellbaren nur das
Einfachschwefeleisen, Fe2S (Eisenmono-
sulfid, Ferrosulfid), das durch Erhitzen von
3 Teilen Eisenfeile mit 2 Teilen Schwefel im
bedeckten Tiegel als eine dunkelbronzefarbene
bis grauschwarze, schwach metallglänzende Masse
erhalten wird und zur Darstellung von Schwefel-
wasserstoff in großen Mengen Anwendung findet.
Zweifach-Schwefeleisen, vgl. Schwefelkies.

Eisenvitriol (Schwefelsaures Eisenoxy-
dul, Eisenoxydulsulfat, Ferrosulfat, Grü-
ner Vitriol, lat. Ferrum sulfuricum, Vitriolum
martis, frz. Sulfate ferreux, Vitriol vert, engl. Vi-
triol of iron, Green vitrioI, Ferrous sulphate)
findet sich fertig gebildet in der Natur nur dort,
        <pb n="112" />
        ﻿Eisenzucker

106

Elemiharz

wo Schwefeleisen der Verwitterung unterlag.
Außerdem erhält man es als Nebenprodukt bei
der Alaunsiederei, als Rückstand bei der Dar-
stellung von Schwefelwasserstoff aus Schwefel-
eisen und Schwefelsäure, beim Abbeizen von
Eisenblech und Eisendraht mit verdünnter Schwe-
felsäure und bei der Gewinnung von Zement-
kupfer. Die Hauptmenge wird auf Vitriolwerken
aus Schwefeleisen (Schwefelkiesen) dargestellt,
indem man diese nach vorgängiger Röstung oder
auch direkt auf sog. Auslaugebühnen der Einwir-
kung der Luft unter Feuchthalten längere Zeit
aussetzt, darauf von Zeit zu Zeit durch Über-
gießen mit Wasser auslaugt, die Lösungen ein-
dampft und noch heiß in die Kristallisiergefäße
bringt. Der so erhaltene rohe E. des Handels ist
gewöhnlich mehr oder weniger verunreinigt durch
schwefelsaures Zink, Kupfer und Mangan sowie
durch Bittersalz, Gips und schwefelsaures Eisen-
oxyd (Ferrisulfat), das bei größerer Menge
das Nässen des Salzes verursacht, kann aber für
manche Zwecke direkt benutzt werden. Das
Salz bildet blaßgrünliche Kristalle (Grüner Vi-
triol) von der Formel FeSQ4 -(- 7H20, verliert
aber an der Luft Kristallwasser und sein glasiges
Aussehen und wird krümlich, weißlich, zum Teil
rostfarben und durch Aufnahme von Sauerstoff
in Wasser teilweise unlöslich, indem sich basisch
schwefelsaures Eisenoxyd bildet. Durch völliges
Austreiben des Kristallwassers bei mäßiger Hitze
erhält man den weiß gebrannten Vitriol. Der
nicht selten vorhandene Kupfergehalt des Salzes
verrät sich beim Eintauchen von blankem Eisen
in die wäßrige Lösung, wobei das Kupfer einen
feinen metallischen Niederschlag auf dem Eisen
bildet. Hiervon dürfte sich die vielfach gebräuch-
liche Bezeichnung Kupferwasser ableifen.
Kupferreichere Salze, welche infolge absichtlicher
Mischung oder der Herstellung aus unreinen
Eisenlaugen so viel Kupfer enthalten, daß sie
mehr oder weniger blau statt grün aussehen
(Salzburger oder Admonter, Bayreuther, Gräfen-
thaler usw. Doppelvitriol), werden mit dem Namen
Adlervitriol bezeichnet (s. d.) und besonders in
den Färbereien und Zeugdruckereien verbraucht.
Auch der gewöhnliche E. findet ausgedehnte
Anwendung zum Schwarzfärben und zur Erzeu-
gung brauner Töne und Nankingfarben. Außer-
dem dient das sehr billige Salz zur Desinfektion
von Abortgruben, zur Herstellung von Berliner-
blau, als Lederschwärze, zur Bereitung der Indig-
küpe der Färber, der rauchenden Schwefelsäure
und zu manchen anderen Zwecken. — Reines;
aus Säure und Eisen bereitetes Salz (Ferrum sul-
furicum purum) wird in der Chemie als redu-
zierendes Mittel, in der Medizin und ferner in
der Photographie als Entwickler gebraucht. —
Roher E. kommt in Fässern -von einem oder
mehreren Zentnern, teils in sog. Trauben, d. h.
Kristalldrusen, die sich um ein Holzstäbchen an-
gesetzt haben, teils in Tafeln, die von Wänden
und Boden der Kristallisationsgefäße abgeschla-
gen sind, in den Handel.

Eisenzucker (lat. Ferrum oxydatum sac-
charatum) wird dargestellt durch Fällung von
Eisenchloridlösung mit Soda und Behandlung
des Niederschlages mit Zucker, als ein rötliches,
in Wasser lösliches Pulver, von süßlichem, me-
tallischem Geschmack. Es wird als eines der be-
liebtesten Eisenpräparate viel verordnet.

Ekrasit, das als Sprengmittel benutzte Ammo-
niumsalz des Trinitrokresols.

Elaterium, ein pharmazeutisches Präparat aus
der Esels- oder Springgurke (Momordica
Elaterium), einem zu den kürbisartigen Pflan-
zen gehörigen, im südlichen Europa wachsenden,
auch bei uns in Gärten fortkommenden einjäh-
rigen Gewächs mit 4—5 cm langen, weichstache
ligen Gurkenfrüchten, die bei erreichter Voll-
reife vom Stiel abfallen und dabei ihren Inhalt an
Saft und Samen umherspritzen lassen. Der Saft
enthält reichliche Mengen einer sehr bitteren
kristallisierbaren Substanz, Elaterin, die mit
dem bitteren Stoff der Koloquinten identisch
sein soll und die gleiche drastische, heftig pur-
gierende und brechenerregende Wirkung wie jene
ausübt. Man unterscheidet weißes und schwar-
zes E. Das erstere ist der von nicht völlig reifen
Früchten gewonnene, filtrierte und einfach an der
Luft eingedunstete Saft, während die dunklere,
minder heftig wirkende Sorte aus dem Safte
reifer Früchte bereitet wird.

Elemiharz (Ölbaumharz, lat. Resina elcmi.
frz. Rösine ölömi, engl. Gum elemi). Unter die-
sem Namen sind verschiedene Harze von Burse-
razeen im Handel, die sich alle darin ähneln,
daß sie weiche und klebrige Konsistenz besitzen,
in kaltem Alkohol teilweise, in heißem bis auf
Unreinigkeiten löslich sind und einen dillähnlichen
Geruch sowie gelbiichweiße bis grünlichgelbe
Farbe besitzen. Man unterscheidet vor allem
amerikanisches oder westindisches und orienta-
lisches oder ostindisches E. Zu den ersteren ge-
hört das Brasilianische (Rio-) E. von Pro-
tium heptaphyIlum, eine anfangs blaßgelb-
liehe, weiche und klebrige, dem Fichtenharz
ähnliche Masse, die später härter und graugelb
wird und auf dem Bruche matt, wachsartig er-
scheint; ferner das Mexikanische E. von Amy-
ris elemifera, ein hartes graugelbes Harz, das
an der Luft milchweiß, fast mehlig wird; West-
indisches (Yukatan-) E. von Amyris Plu-
mieri, hellgelbe harte Stücke von bestäubter
Oberfläche, aber glänzendem Bruch; Guyana E.

m Icica viridiflora und Mauritius E.,
ein weiches Harz von Colophonia Mauri-
tiana. Zu den orientalischen Sorten zählt das
sog. Ostindische E., ein hartes, von Cana-
rium stammendes Harz, das in Form rundlicher,
handgroßer Kuchen, von Schilf oder Palmblättern
umhüllt, zum Verkauf gelangt; das Benga-
lische E. von Amyris Agallocha und vor
allem das Manila oder Philippinische E.
Diese wichtigste Handelssorte wird durch Ein:
ritzen der Stämme von -Canarium commune
gewonnen und stellt eine anfangs terpentinähn-
liche, zähe Masse von gelblichweißer Farbe dar,
die vielfach Pflanzen- und Kohlenteilchen um-
schließt und mit der Zeit fester und dunkler gelb-
lich bis braun wird. Neuerdings kommen auch
E.-Sorten aus A,frika (Kamerun) und Neu-
Guinea zur Einfuhr. E. enthält neben wechseln-
den Mengen (20—30%) ätherisches Öl (Elemiöl)
etwa 30 0/0 eines kristallisierten Terpenalkohols,
Amyrin, welcher dem Cholesterin nahe steht,
ferner eine kristallisierbare Säure. Elemi-
säure, Bryodin, Bitterstoffe und amorphe
Harze (Resene). Das Bryodin zeigt die charakte
ristische Reaktion, durch trocknes Salzsäuregas
erst rot, dann blau und grün zu werden. E-
        <pb n="113" />
        ﻿Elemiöl

107

Emulgen

kommt je nach der Herkunft in Form runder
Kuchen oder gegossener Stangen oder kisten-
weise in losen Stücken zum Verkauf. Es unter-
hegt mannigfachen Verfälschungen und soll sogar
aus parfümiertem Fichtenharz ganz ich nach-
gemacht werden. Das E. dient in der Pharmazie
zur Bereitung von Salben und Pflastern, in der
Hutmacherei zum Steifen und wird zur Her-
stellung von Spiritusfirnissen, die nicht ganz
farblos zu sein brauchen, an Stelle des Terpentin-
öls verwandt, da es Glanz und Geschmeidigkeit
gibt, ohne wie jenes Risse zu erzeugen oder den
Firnis klebrig zu machen.

Elemiöl (lat. Oleum elemi, frz.Essence d’dlemi,
eng). Elemi oil), das durch Destillation zu 20
bis 30 »/o aus dem Manila-Elemi dargestellte äthe
rische Öl, ist farblos bis gelblich, leicht in
Alkohol löslich und besitzt deutlichen Geruch
nach Phellandren. Das spez. Gew. liegt bei
0,870—0,914, die Drehung beträgt zwischen —j—35
und —)— 53 °. Von den Einzelbestandteilen sind bis
jetzt Phellandren, Dipenten und einige
Polyterpene sowie ein Körper alkoholischer
Natur und ein mit dem Namen Elemizin belegter
Phenoläther isoliert worden.

Elfenbein (lat. Ebur, frz. Ivoire, engl. Ivory).
Diese seit dem frühesten Altertum geschätzte
und zu Kunstwerken und Geräten verarbeitete
Masse besteht aus den Stoßzähnen des afrika-
nischen und indischen Elefanten, und zwar vor-
zugsweise des männlichen Tieres, obwohl auch
das weibliche, aber nur in Afrika, ein paar
kleinere nutzbare Zähne ansetzt. Daneben bilden
auch die Backenzähne einen, wennschon unter-
geordneten Handelsartikel. Das weiße E. kommt
aus Afrika (Hauptausfuhrplatz Zanzibar;, das die
größten, leider oft rissigen Zähne von großer
Härte und gedrungenem Korn liefert, während
die gekrümmten asiatischen Zähne von Sumatra,
Siam, Kotschinchina und dem osfindischen Fest-
kinde wegen ihrer Zähigkeit geschätzt werden.
Der Hauptmarkt in Europa war bislang London,
doch machen nhuerdings Hamburg und Ant-
werpen (Auktionen der Kongoware) erhebliche
Konkurrenz. Die Zähne werden nach der Größe
sortiert und bewertet, außerdem richtet sich
der Preis danach, ob sie schwach oder stark
Sekrümmt, rissig, frisch oder alt sind und ob die
Höhlung sich von der Wurzel weit in das Innere
®(streckt. Mit zunehmendem Alter füllt sich
die Höhlung immer mehr mit Zahnmasse an.
völlig ausgewachsene afrikanische Zähne sind
'S—18 dm lang und bis 50 kg schwer. Stücke
Von 20—-24 dm Länge und 75—85 kg Gewicht
kommen selten vor. Die asiatischen Zähne wer-
den nicht über 9—12 dm lang und 25—30 kg
schwer. Das E. hat eine gelbliche Färbung, die
rn't der Zeit gesättigter wird, durch Bleichen zwar
jufgehellt werden kann, aber meist wieder nach-
dunkelt. Infolge einer eigentümlichen maschigen
mruktur lassen Querschnitte eine rautenförmige
JW'chnung erkennen. In chemischer Hinsicht
®esfeht es wie die Knochen aus phosphorsaurem
und etwas kohlensaurem Kalk neben Knorpel-
Substanz. Es wird von Drechslern, Kammachern,
manofOrtefabrikanten und Schnitzern zur Her-
stellung zahlreicher Gebrauchs- und Kunstgegen-
®lande verarbeitet. Besonders in Nürnberg und
■mirth, in Gaislingen bei Ulm, im bayrischen

Hochlande, in Wien, bei Dieppe, in China und
Japan steht die Elfenbeinschnitzerei in hoher
Blüte. Auch die Abfälle finden mannigfache
Verwendung. Geraspeltes E. wird von Nürn-
berg als Streusand in den Handel gebracht, fein
gemahlenes als Füllmasse für Zelluloidwaren
,s. d.), namentlich künstliche Billardbälle benutzt.

—	Durch Glühen unter Luftabschluß erhält man
das Beinschwarz (lat. Ebur ustum nigrum, frz.
Noir d’os, engl. Ivory-Black), doch ist die
Bezeichnung gebranntes E. später auch auf
Schwarz aus allen Knochen, Hirschhorn über-
tragen worden. — Weißes gebranntes E, das
beim Glühen in offenen Gefäßen entsteht, dient
zum Putzen feiner Metalle, zur Herstellung von
Beinglas usw. ■— Als künstliches E. sind
zahlreiche Kunsterzeugnisse in den Handel ge-
kommen, die zwar Farbe und Aussehen der
natürlichen Masse mehr oder weniger gut tiach-
ahmen, sonst aber wenig von deren Eigenschaften,
am wenigsten ihre Elastizität besitzen. Meist
bestehen sie aus Gemischen von Eiweiß, Gelatine,
Guttapercha mit Zusatz mineralischer Substanzen.
Das beste Ersatzmittel für E. ist das Zelluloid.

—	Von andern Tierarten liefert noch das aus-
gestorbene Mammut Zähne, welche dem E.
völlig gleichartig sind und in, Sibirien, besonders
auf der Insel Liakon, seit Jahrhunderten in un-
geheuren Mengen gewonnen werden. Auch die
spannenlangen Vorder- und Eckzähnc des Nil-
pferds (Hippopotamus amphibius), welche
noch feiner und härter als das E. sind und nicht
gelb werden, finden an seiner Stelle vielfach An-
wendung. Da sie bis weit hinein hohl sind, kön
nen sie zwar nur zur Herstellung kleinerer
Gegenstände benutzt werden, liefern aber gutes
Material für künstliche Gebisse. Walroß-
zähne besitzen eine sehr feste und feine Struktur
und finden als Stockgriffe Verwendung, Hin-
gegen ist der Stoßzahn des Narwals weniger
fest und schön als E. und daher nur zu geringeren
Drechslerarbeiten zu verwenden.

Email nennt man die Glasur, mit welcher
metallene Gebrauchsgegenstände, besonders aus
Eisenblech, überzogen werden, um sis gegen die
Einwirkung von Säuren widerstandsfähig zu
machen und vor dem Rosten zu schützen. Zur
Herstellung der E. dient ein Glasfluß aus Feld-
spat, Quarz, Soda und Ton, dem zur Erhöhung
der Leichtflüssigkeit meist Borax, zur Erzie-
lung der Undurchsichtigkeit Zinnoxyd, Antimon1
oxyd, Arsenik oder Kalziumphosphat zugesetzt
wird. Das früher aus Bequemlichkeit vielfach
benutzte Bleioxyd ist neuerdings meist verlassen
worden, weil nach dem Reichsgesetz vom 25. Juni
1887 Eß-, Trink- und Kochgeschirre bei t/sstün-
digem Kochen mit 4prozentigem Essig kein Blei
abgeben dürfen. Aber auch arsen- und antimon-
haltige Glasuren müssen vom gesundheitlichen
Standpunkte als bedenklich bezeichnet werden.

Emetin (lat. Emctinum, frz, Emötine, engl.
Emetine), das wirksame, brechenerregende Al-
kaloid der Brechwurzel oder Ipecacuanh-a,
besitzt einen schwach bitteren Geschmack,
schmilzt bei 68° und ist in Alkohol, Äther,
Chloroform leicht, in Wasser schwer löslich.

Emulgen, ein zur Erzeugung haltbarer öl-
emulsion angepriesener Schleim, besteht aus einer
        <pb n="114" />
        ﻿Enameline

108

Epichlorhydrin

3H0MSI

ät











wäßrig-alkoholischen Lösung von Glyzerin, Tra-
gant, Gummiarabikum und Kleber.

Enameline, eine mit übertriebener Anpreisung
in den Handel gebrachte amerikanische
Ofenglanzpaste, besteht aus 67 Teilen reinem
Graphit, 3 Teilen Öl und 30 Teilen Wasser.

Energin, ein neues stickstoffhaltiges Nähr-
präparat aus Reis, das 92 °/o wasserunlösliches
Protein enthält und in seinerWirkung demTropon
(s. d.) an die Seite zu stellen sein dürfte.

Engelsüßwurzel (lat. Rhizoma polypodii, frz.
Racine de polypode, engl. Polypody root) ist der
anfangs süßlich, hinterher scharf und bitter
schmeckende offizinelle Wurzejstock des ein-
heimischen Tüpfelfarns (Polypodium vul-
gare), einer schattenliebenden, in Wäldern, an
Felsen, Baumwurzeln, Gräben und Schluchten
wachsenden Pflanze. Der weit kriechende, zahl-
reiche Würzelchen treibende Wurzelstock von
6—7 mm Dicke zeigt eine außen rotbraune bis
schwärzliche, innen grünlich gelbe Farbe und
ist durch Überreste der abfallenden Blattstiele
schuppig bis knotig verdickt. ,E. wird im Früh-
jahr gesammelt und zuweilen noch medizinisch
verwandt.

Englisch Leder ist ein ursprünglich englisches,
doch später auch in Deutschland hergestelltes
dichtes und festes geköpertes und weiß gebleichtes
Baumwollzeug von hartem Kettengarn und fei-
nerem Einschlag, der wechselweise 3-Kettenfäden
bedeckt. Der schwach atlasglänzende Stoff, der
auch wohl Satin oder Satinet genannt wird,
kommt in verschiedenen Breiten und Sorten,
meist weiß, doch auch gefärbt in den Handel
und wird zu Beinkleidern, .Westen, Schnürleibern,
Schuhen usw. verarbeitet.

Entwickler. Unter diesem Namen kommen
ihrer Herkunft nach ganz verschiedene Chemi-
kalien in den Handel, welche dazu dienen, in
der Photographie das Bild hervorzurufen. Ihre
Wirkung beruht darauf, daß durch die Belich-
tung in den Bromsilberteilen der photographi-
schen Platte eine Veränderung vor sich ge-
gangen ist, aber erst durch Eindringen der be-
treffenden Entwicklersubstanz sichtbar wird. Rein
chemisch besteht dieser Vorgang darin, daß
durch den Entwickler das belichtete Silbersalz
zu metallischem Silber reduziert wird. Als Ent-
wickler sind z. B. zu nennen: Adurol, Amidol,
Brenzkatechin, Duratol, Edinol, Eikonogen, Gly-
zin, Hydrochinon, Imogen, Kaliumlerrooxalat,
Metol, Ortol, Pyrogallol, Rodinal und andere.

Enzianwurzel (lat. Radix gentianae, frz. Ra-
cine de gentiane, engl. Gentian root) stammt von
verschiedenen Arten der Gattung Gentiana, die
im Drogenhandel hauptsächlich vorkommende
rcte E. von der gelbblühenden Art, G. lutea,
die in Alpen- und Voralpengegenden wächst und
in großen Mengen, besonders von den Pyrenäen
aus versandt wird, doch werden ihr vielfach die
ähnlichen und als gleichwertig angesehenen Wur-
zeln von G. purpurea, pannonica und punc-
tata beigemischt. Die bis zu 24 cm lange, im
frischen Zustande fleischige, getrocknet aber
schwammig-porös, runzlig und längsfaltig er-
scheinende E. ist außen braun, im Inneren gelb-
bräunlich mit dunkleren Markstrahlen und Ge-
fäßbündeln und kommt oft der Länge nach ge-
spalten in den Handel. Der Geschmack ist zu-

nächst süßlich, dann intensiv und anhaltend
bitter, der Geruch stark aromatisch. An wirk-
samen Stoffen enthält sie neben der geschmack-
losen Gentianasäure (Gentisin) das bitter-
schmeckende Glykosid Gentiopikrin, C2oH3n012.
Stärke ist nicht zugegen, wegen des beträcht-
lichen Zuckergehaltes wird der wäßrige Auszug
durch Vergärung und Destillation zur Herstellung
des Enzianbranntweins benutzt. Die trockne
Droge findet als Pulver sowie in Form von Ex-
trakten und Tinkturen als magenstärkendes Haus-
mittel zur Bereitung bitterer Liköre vielfache
Anwendung. Die sog. weiße E. der Tierärzte
stammt von einer einheimischen Doldenpflanze,
dem Laserkraut, Laserpitium latifolium,
und sie hat sonach ihren Namen zu Unrecht.

Eosin (Morgenrotfarbe). Unter diesem Na-
men vereinigt man eine große Reihe pracht-
voller Teerfarbstoffe, die sämtlich als Halogen-
oder Nitroderivate des Fluoreszei'ns (s; d.) auf-
zufassen sind. Von den ersteren wird das durch
Bromierung von Fluoreszein erhaltene Natrium-
oder Ammoniumsalz des Tetrabromfluores-
zeins als Eosin schlechthin, Eosin B, E. wasser-
löslich bezeichnet. Es erscheint im Handel als
ein braunrotes, mit Wasser rote, grün fluoreszie-
rende Lösungen bildendes Pulver und dient be-
sonders zum Färben von Papier und Lack. Eine
besonders reine, kristallisierte Modifikation wird
als Eosin A in der Seidenfärberei benutzt.
Durch Bromierung von Fluoreszein in heißer
alkoholischer Lösung entsteht das Äthyltetra-
bromfluoreszein, auch Spriteosin oder Prim-
rose (s. d.) genannt, ein in Wasser schwer, in
Soproz. Alkohol leicht lösliches Pulver für Seiden-
färberei. Führt man an Stelle von Brom Jod
ein, so erhält man Tetrajodfluoreszein,
dessen Natriumsalz unter dem Namen Erythro-
sin, Eosin J, Jodeosin, Pyrosin, Pritn-
rose soluble als wasserlöslicher Farbstoff für
Papier, Baumwolle und Seide benutzt wird. Das
entsprechende Dijodfluoreszein führt die Han-
delsbezeichnung Erythrosin G, Diamanthine
G, Pyrosin J. Phloxine (s. d.) und Zyano-
sine sind Bromchlorderivate, Rose bengale N
und B (s. d.) Jodchlorderivate des Fluoreszeins.
Zyklamin ist ein schwefelhaltiges Tetrabrom-
dichlorfluoreszein. Von den Eosinen, welche
zugleich Brom und Nitrogruppen enthalten, ist
das durch Bromieren von Dinitrofluoreszein er-
haltene EosinB.N. (Eosinscharlach, Safro-
sin, Daphnin) am bekanntesten. In technischer
Hinsicht unterscheidet man die E. meist in E-
Gelbstich (E. jaunätre) und E. Blausticb
(bleuätre). Die wäßrige Lösung der ersteren,
der Bromfluoreszeine, zeigt im durchfallenden
Lichte eine prächtige Rosafarbe, im auffallenden,
je nach der Konzentration ein reines Gelb bis
Gelbgrün. Die letzteren, die Jodeosine be-
sitzen nur geringe oder keine Fluoreszenz. E-
findet zum Färben von Papier und Geweben aus-
gedehnte Anwendung.

Epichlorhydrin entsteht beim Erhitzen von
Dichlorhydrin mit Ätznatron als eine farblose,
nach Chloroform riechende Flüssigkeit vom spez-
Gew. 1,200 und dem Siedepunkte 1170. Es wird
wegen seiner geringen Feuergefährlichkeit in
neuerer Zeit als Lösungsmittel für Fette und
Harze viel benutzt.
        <pb n="115" />
        ﻿Epidermin	109	Erdwachs

Epidermin nennt man eine Brandsalbe aus I
Vaseline und Lanolin mit Fluorpseudokumol und
Difluordiphenyl. Den gleichen Namen führt auch
eine dünnflüssige Salbengrundlage aus Wasser,
Wachs, Glyzerin und Gummiarabikum.

Epikarin, ein ausgezeichnetes Mittel gegen
Hautkrankheiten und Parasiten von der Zu-
sammensetzung der Oxynaphtolorthooxytoluyl-
säure, wird von der Elberfelder Farbenfabrik
in Form eines gelblichen, in Wasser schwer, in
Alkohol und Äther leicht löslichen Pulvers in den
Handel gebracht. Es hat den Vorzug, für größere
Tiere völlig unschädlich zu sein.

Erbsen (frz, Pois, engl. Peas), die wichtigste
Gattung der Hülsenfrüchte, sind die reifen Sa-
rnen der Saaterbse (Pisum sativum) und
ihrer zahlreichen Spielarten. Sie werden in
Deutschland, Holland, Dänemark, Ungarn und
England vielfach angebaut und bilden einen
"wichtigen Handelsartikel. Als besondere Han-
delssorten sind die schmackhafte Ariche-E. aus
den Mittelmeerländern und die graue E. (Pi-
sum quadratum), auch Kapuziner'-E. ge-
nannt, anzuführen. Die E., die je nach der Güte
meist in Koch- und Futterware unterschieden
werden, bilden das wertvollste stickstoffhaltige
Nahrungsmittel des Pflanzenreichs. Ihr Gehalt
an Stickstoffsubstanz schwankt zwischen 18 und
29%, und nur der hohe Gehalt an Holzfaser
steht der vollen Ausnutzung der Nährstoffe im
Wege. Zur Erhöhung der Verdaulichkeit werden
sie daher meist von der Schale befreit und als
geschälte Erbsen oder auch als Erbsmehl in
den Verkehr gebracht. Leider hat sich in letzter
Zeit der Mißbrauch eingebürgert, die Erbsen zur
Erzielung eines schöneren Aussehens mit Speck-
steinpulver zu polieren und mit Teerfarben künst-
lich zu färben. — Die unreifen Samen werden
m getrocknetem Zustande als Astrachaner E,
pder Russische Schoten (s. Dörrgemüse) oder
m Büchsen eingekocht (s. Gemüsekonserven) in
den Handel gebracht.

Erbswurst, ein Verproviantierungsmittel für
Heer und Marine, welches besonders in dem
Kriege von 1870 berühmt wurde, besteht aus
einer Mischung von Erbsenmehl, Rindsfett, Speck,
Salz, Pfeffer und Zwiebeln, die in künstliche
Därme aus Pergamentpapier gefüllt wird und
beim Kochen mit Wasser sofort eine gebrauchs-
fertige Suppe liefert.

Erde, gelbe, durch einen Gehalt von Eisen-
oxydhydrat gelb gefärbter Ton, dient als geringe
Anstrichfarbe und wird aus Sachsen, Böhmen,
Bayern usw. bezogen.

Erde, grüne (Veroneser E„ Steingrün,
Veronesergrün, Seladonit), ein Verwitte-
rungsprodukt des Augits, we'ches seine Farbe
dem kieselsauren Eisenoxydulhydrat zu verdanken
Scheint, kommt roh und geschlämmt in lauch-
and olivengrünen Stücken in den Handel und ist
etne giftfreie Wasser-, Öl- und Kalkfarbe. Als
beste Sorte gilt die spangrüne E. aus der Gegend
von Verona, während die in Tirol, Böhmen,
Sachsen usw. vorkommende gewöhnlich matter
Von Farbe erscheint. Grüne Erde ist neuerdings
durch die viel feurigeren Kalkgrüne ziemlich
^drängt worden.

. Erdmandeln nennt man eßbare Gebilde einer
111 Südeuropa und Nordafrika wild wachsenden

und in ziemlicher Ausdehnung im Süden, auch
Deutschlands, angebauten Art von Riedgras,
Cyperus esculentus. Die ausdauernde fuß-
hohe Pflanze treibt Wurzelausläufer, an deren
Enden sich gegen 30 mehlige Knollen von
Haselnußgröße entwickeln, die süß und nußartig
schmecken und gekocht und gebraten wie auch
roh gegessen werden können. Die Knollen ent-
halten neben Stärke gegen 16% eines goldgelben
wohlschmeckenden Öls und kommen teils als
Ölfrucht, teils geröstet und gemahlen als Erd
mandelkaffce in den Handel,

Erdnüsse (Erdeicheln, Erdpistazien,
Madrasnüsse, Mandobi, Arachisnüsse,
Aschantinüsse, lat. Nuces arachidis, frz. Noix
de terre, engl. Earth nuts) nennt man die Samen-
kerne der zu den Hülsenfrüchtlern gehörigen
Arachis hypogaea, die, in Brasilien oder
Peru heimisch, in den meisten wärmeren Ländern
und jetzt auch im südlichen Europa vielfach an-
gebaut wird. Die Pflanze entwickelt aus ihren
gelben Blüten 21/2—3 cm lange, walzenförmige
Schoten, die an langen Stielen hängen und die
Eigentümlichkeit haben, in der Erde auszureifen,
indem sich die Blütenstiele gleich nach dem
Verblühen in die Erde senken. Die Hülse ent-
hält ein oder zwei ölreiche, bohnenartig schmek-
kende Samenkörner, die geröstet oder sonst zu-
bereitet als Speise dienen. Die E. enthalten
neben erheblichen Mengen (bis zu 40%) Eiweiß
40—so°/o eines fetten Öles, des Erdnuß-,
Arachis- oder Arachidöls (lat. Oleum ara-
chidis, frz. Huile d’arachide, engl. Earth nuts oil),
das in ständig wachsender Menge eingeführt wird.
Das zuerst bei kalter Pressung ablaufende Öl
findet als Speiseöl Anwendung, die bei höherer
Temperatur erhaltenen Mengen dienen zur Her-
stellung von Seife. Das E. wurde früher meist
zum Verfälschen von Olivenöl benutzt, kommt
aber neuerdings aus unseren Kolonien auch
unter seinem eigenen Namen als „Deutsches
Erdnußöl“ in den Handel. Es unterscheidet
sich von den bekannteren Ölen durch seinen
hohen Gehalt an Arachinsäure, welcher seinen
chemischen Nachweis ermöglicht.

Erdrauch (lat. Herba fumariae, frz. Fumeterre,
engl. Fumitory). Dieses einjährige, graugrüne,
zart verästelte, im frischen Zustande stark und
widrig riechende, nach dem Trocknen geruch-
lose, aber salzig schmeckende Unkraut, Fuma-
ria officinalis, hatte früher, im blühenden
Zustande gesammelt, sowohl frisch als trocken,
eine gewise pharmazeutische Bedeutung. Es ent-
hält neben einer besonderen Säure, der Fumar-
säure, das Alkaloid Fumarin und dient in fri-
schem Zustande zur Bereitung von Kräutersäften.

Erdwachs (Ozokerit, Belmontin, lat. Gera
mineralis, frz. Cörösine, engl. Mineral wax) nennt
man fossile wachs- und harzartige Massen, die
in einzelnen Klumpen in Torf- oder Braunkohlen-
lagern, stellenweise auch tiefer in der Erde auf
Klüften in der Nähe von Steinkohlenlagern und
in Petroleum führenden Erd- und Gesteinschich-
ten auftreten. In größerer Menge findet sich E.
hauptsächlich in den galizischen Petroleumdistrik-
ten am Nordabhange der Karpathen, in Rumä-
nien, bei Baku am Kaspischen Meere und in
Nordamerika. In Galizien, wo der Stoff eine
wichtige Handelsware bildet, kommt er in zent-
        <pb n="116" />
        ﻿nerschweren Klumpen oder auch in ausgedehnten,
zwischen dem Petroleum führenden Tonschiefer
lagernden Schichten vor und wird an den
Innenwänden der Ölschächte oft bandartig her-
ausgequetscht. Das aus festen Kohlenwasser-
stoffen bestehende E. ist im rohen Zustande
etwas weicher als Bienenwachs und von orange-
gelber bis gelblichgrüner Farbe und wird in Blöcken,
wie sie sich beim Gießen in Kübel oder Kästen
formen, versandt. Nach der Behandlung mit
Schwefelsäure erscheint es wesentlich heller bis
ganz weiß und wird dann als Zeresin bezeich-
net. — Das Paraffinutn solidum (frz. Paraf-
fine solide, engl. Hard Paraffin) des Deutschen
Arzneibuches, ein mehrfach durch Schwefelsäure
gereinigtes und über Tierkohle filtriertes E.,
hat ein spez. Gew. von 0,920—0,940, schmilzt bei
74—8o° und dient als Salbengrundlage, haupt-
sächlich zur Herstellung' der Paraffinsalbe. —
Die anderen. Erdwachssotten finden in der In-
dustrie und Technik zur Herstellung von Kerzen,
Bohnerwachs, Blätterwachs, Lederfett, Saalwachs
usw. mannigfache Verwendung. Die bei der
Reinigung des rohen Erdwachses gewonnenen
flüssigen Bestandteile kommen unter dem Namen
Paraffinöl (s. d.) in den Handel.

Erikaholz, Bruyereholz, das ziegelrote und
schön gemaserte Wurzelholz der in Südeuropa
heimischen Erica arborea, läßt sich leicht
polieren und wird daher gern zu Drechsler-
arbeiten (Pfeifenköpfen) und in der Kunsttisch-
lerei verwandt.

Erlenholz (Ellernholz) findet sich in zwei
Arten, und zwar in Deutsch'and fast ausschließ-
lich als Schwarzerle (Else, lat. Ainus glu-
tinosa, frz. l’Aune commune, engl. Sticky alder-
tree), während in den nördlichen Gegenden
Ostpreußens und in den russischen Ostseepro-
vinzen auch die nordische Weißerle oder
graue Erle (Ainus incana) vorkommt. Fri-
sches E. wird an der Luft schnell orangerot,
beim Trocknen aber wieder heller. Das Holz
der Schwarzerle ist immer etwas mehr gefärbt
als das der Weißerle, letzteres auch etwas
dichter. Nächst dem Eichenholz besitzt das E.'
die größte Widerstandsfähigkeit gegen die Ein-
wirkung der Feuchtigkeit. Schön gemaserte
Stücke werden als Tischlerholz geschätzt. —
Die Erlenrinde (lat. Cortex alni, frz. Ecorce
d'aune, engl. Alder bark) dient bisweilen zum
Gerben.

Erythrin (Erythrinsäure), eine in, verschie-
denen Flechten vorkommende organische Säure,
zerfällt beim Kochen mit Wasser in Orsellin-
säure und Erythrit und ist daher als Orsellin-
säure-Erythritester anzusprechen. E. ist in Form
seiner Zersetzungsprodukte in der Orseille ent-
halten.

Eschenholz, das Holz der gemeinen Esche,
Fraxinus excelsior (frz, Fröne, engl. Ash), be-
sitzt von allen Holzarten die größte Zähigkeit
und Elastizität, bekommt, nicht leicht Risse, steht
im Trocknen gut und hält sich auch im Wasser,
dagegen nicht in der Erde. Es ist dicht, hart,
hellfarbig und wird vorzugsweise von Tischlern,
Wagnern usw. benutzt. Vorzüglich eignet es
sich zu Rudern, Reckstangen, Deichseln u. dgl.

Esdragon (Dragunkraut, Dragoneil, lat.
Herba dracunculi, frz. l’Estragon, engl. Tarra-

gon), eine Art Beifuß von Artemisia Dtacun-
culus, der in Sibirien und Südeuropa wild
wächst und bei uns in Gärten, mitunter auch als
Handelspflanze (um Altenburg, Nürnberg, Erfurt)
im größeren Maßstabe angebaut wird. Man ver-
kauft E. frisch und getrocknet und benutzt ihn
als Würze zu Speisen sowie zur Herstellung
eines aromatischen Essigs (Es dragoness ig),
der in den Senffabriken zur Bereitung einer Senf-
sorte (ä l’Estragpn) dient. — Auch Esdragonöl
(lat. Oleum dracunculi) ist im Handel.

Espartogras ist ein in den Steppen der west-
lichen Mittelmeerländer häufig wachsendes Gras,
Stipa tenacissima sowie Lygeum spartum,
dessen binsenartige, zähe, biegsame Blätter, von
40—70 cm Länge, der Breite nach zusammen-
gerollt und zu Korbflechtereien benutzt werden.
Große Mengen werden auch zu Papier ver-
arbeitet, da E. eine sehr reine Zellulose gibt.

Essig (lat. Acetum, frz. Vinaigre, engl. Vine-
gar) ist die am längsten bekannte Säure, die
überall da entsteht, wo alkoholhaltige Flüssig-
keiten, Wein, Bier und vergorene Obstsäfte län-
gere Zeit der Einwirkung der Luft ausgesetzt
sind. Das älteste Verfahren der Essigbereitung
besteht denn auch darin, daß man schwach alko-
holische Flüssigkeiten bei geeigneten Tempera-
turen von 20—35° sich selbst überläßt, wobei
sie sauren Geschmack und saure Reaktion an-
nehmen. Die Ursache der hierbei stattfindenden
Oxydation des Äthylalkohols zu Essigsäure ist in
der Einwirkung von Mikroorganismen zu suchen,
die aus der Luft in das Essiggut hineingelangen
und sich vermehren. Schneller noch tritt dieser
Prozeß ein, wenn man von vornherein etwas alten
Essig oder etwas von der auf ihm schwimmenden
Kahmhaut hinzusetzt, da diese beträchtliche Men-
gen Essigbakterien enthalten. Gegenwärtig ar-
beitet man hauptsächlich nach der Methode der
Schnellessigfabrikation. Die aüf etwa 6 bis
io°/o Alkohol verdünnten vergorenen Flüssig-
keiten, Wein, Bier und vor allem Kartoffel-
spiritus, werden mit 20% fertigem Essig ver-
mischt, auf 26—270 erwärmt und. als sog. Essig-
g.ut den Essigbildnern zugeführt. Die letz-
teren sind konische Bottiche aus Eichenholz von
2—3 m Höhe und 1—i,s m Durchmesser, die
oben und unten je einen Siebboden haben und
zwischen beiden mit spiralig gerollten Buchen-
spänen angefüllt sind. Infolge einer vorherigen
Imprägnierung mit Essig haben diese Späne sich
mit einer Bakterienschicht von Micrococcus
aceti, der sog. Essigmutter, überzogen, welche
nun den langsam heruntersickernden Alkohol mit
großer Energie zu Essigsäure, oxydiert. Wichtig
ist die Innehaltung der richtigen Temperatur,
die in den Essigstuben etwa 15—20°, im Innern
der Bildner 30—35° betragen soll. Die zweite
Vorbedingung für das Gelingen des Prozesses ist
die Anwesenheit hinreichender Luftmengen, da
sonst Aldehyd entsteht. Es sind daher im oberen
Siebboden Luftkanäle und in den Seitenwänden
unterhalb des zweiten Siebbodens Locher an-
gebracht, die eine Regulierung des Luftstroms
ermöglichen. Zu stark darf der letztere auch nicht
sein, da sonst Verluste an Alkohol eintreten.
Die sich im unteren Teile des Essigbildners an-
sammelnde saure Flüssigkeit wird nun von neuem
auf einen anderen Bildner gebracht, bis aller Al-
        <pb n="117" />
        ﻿Essigäther

111

Essigsäure

kohol in Essigsäure übergegangen ist. Mit zehn
Bildnern können täglich etwa 7501 Essig erzeugt
werden. Weinessig wird meist nach dem
alten, sog. langsamen oder Orleansver-
fahren hergestellt, weil das Aroma bei der
Schnellessigfabrikation zu sehr leidet, ln den
Weinbau treibenden Ländern, besonders Frank-
reich, setzt man zu dem in offenen Fässern be-
findlichen Essig kleine Portionen Wein hinzu,
wartet 8—14 Tage, bis der Wein in Essig über-
gegangen ist, und fährt so fort, bis das ganze Faß
gefüllt ist. Mit dem Übergange der Weinessig-
fabrikation nach Deutschland verringerte sich der
Weingehalt allmählich immer mehr, bis schließ-
lich selbst gewöhnlicher Spiritusessig als Wein-
E. in den Handel kam. Zur Verhinderung der
hiermit verbundenen Übervorteilung des Publi-
kums ist von verschiedenen Behörden, u. a. dem
Sächsischen Ministerium des Innern verordnet
Worden, daß Weinessig aus einer mindestens
20 0/0 Wein enthaltenden Maische hergestelllt sein
muß. Reiner Weinessig soll seinen Säure-
gehalt hingegen lediglich dem Weine verdanken.
Diese Forderungen sind von den reellen Fabri-
kanten durchaus anerkannt worden, Bier- und
Obstessige sind von untergeordneter Bedeutung,
hingegen nimmt der Verbrauch der aus Holzessig
gewonnenen Erzeugnisse (s. Essigsäure) bestän-
dig größeren Umfang an. Der nach dem einen
oder dem anderen Verfahren dargestellte E. ent-
hält die charakteristischen Bestandteile seines
Ausgangsmaterials (z. B. Wein), die ihm beson-
dere Eigenschaften verleihen. Hingegen versteht
man unter Essig schlechthin oder unter Speise-
essig lediglich eine verdünnte Essigsäure, gleich-
gültig, ob sie auf dem Wege der Gärung oder der
Destillation gewonnen wurde. Den von den Fa-
brikanten des Gärungsessigs aufgestellten Forde-
rungen nach einer Beschränkung des Verkehrs
mit Essigessenz kann nur insofern zugestimmt
Werden, als für derartige konzentrierte Essigsäure
die Aufschrift „Vorsicht, nicht unverdünnt ko-
sten“ verlangt werden muß. Im übrigen soll
Bpeiseessig im allgemeinen 3,5o/o, keinesfalls unter
3% Essigsäure enthalten und klar sein. Durch
Essigälchen oder Pilzwucherungen getrübter Essig
'st zu beanstanden. Giftige Metalle, scharf schmek-
kende-Stoffe, Holzteerbestandteile, freie Mineral-
sauren und Konservierungsmittel dürfen nicht zu-
Sogen sein. Nach der Verordnung des Sächsi
schen Ministeriums des Innern soll Weinessig
5% Essigsäure enthalten, eine etwaige Färbung
a"ßer durch Rotwein ist zu deklarieren.

. Essigäther (Essigester, Essig • Naphtha,
'^thylazetat, lat. Aether aceticus, frz. Ether acd-
f'lue, engl. Acetic ether), in chemischer Hinsicht
dor Äthylester der Essigsäure, CH3.COOC2H5,
Endet sich in geringer Menge in einigen franzö-
sischen Weinen sowie dem daraus gewonnenen
Eognak und Weinessig. Zur künstlichen Dar-
stellung destilliert man Essigsäure oder frisch
Entwässertes Natriumazetat mit Schwefelsäure
u"d Alkohol, schüttelt das Destillat mit gesät-
bgter Kochsalzlösung und etwas Natriumkarbonat.
r?ktiffziert und trocknet es schließlich mit Kal-
immchlorid. Der E. ist eine farblose, leicht
Entzündliche, neutrale Flüssigkeit von angenehm
^frischendem Geruch. Das spez. Gew. liegt bei
0,°99, der Siedepunkt bei 72,8°. Schüttelt man

E. mit dem gleichen Vol. Wasser, so nimmt so-
wohl das letztere von dem Ester, wie auch der
Ester von dem Wasser auf. Bei der Berührung
mit Luft nimmt der E. saure Reaktion an, indem
er allmählich in Alkohol und Essigsäure ge-
spalten wird. Im Handel unterscheidet man
mehrere Sorten. Die stärkste und reinste, die
meist nur für medizinische Zwecke benutzt wird,
ist der absolute E. (Aether aceticus absolutus)
mit dem spez. Gew. 0,900—0,904. Die zweite
Sorte vom spezj Gew. 0,890 nennt man doppelt
destillierten E.(bisrectificatus) und die schwäch-
ste vom spez. Gew. 0,875 Aether aceticus
rectificatus. Für die Prüfung ist die Bestim-
mung des spez. Gew. von geringer Bedeutung,
und es empfiehlt sich daher, das Wasserauf-
nahmevermögen zu ermitteln, weil hierdurch ein
Zusatz von Wasser oder Alkohol leicht erkannt
wird. Das Deutsche Arzneibuch schreibt vor,
daß ein Raumteil Wasser nach kräftigem Schüt-
teln mit einem Raumteil E. bei 150 höchstens um
den zehnten Teil zunehmen soll. Beim Verdun-
sten auf Filtrierpapier darf E. keinen Geruch
nach fremden Äthern (Butteräther, Amylazetat)
hinterlassen. Der E. wird in der Medizin als an-
regendes Mittel bei Ohnmacht und Magenkrampf,
äußerlich zum Einreiben bei Rheumatismus und
als Riechmittel angewandt. Die Industrie benutzt
ihn als Zusatz zu Fruchtessenzen, Essig u. dgl.
Zur Aufbewahrung sind wohlverschlossene, völlig
gefüllte und nicht zu große Flaschen zu ver-
wenden, zum Versand Blechflaschen oder Glas-
ballone.

Essigsäure (lat. Acidum aceticum, frz. Acide
acdtique, engl. Acetic acid) kommt in der Natur
teils frei, teils an Salze gebunden, im Safte vieler
Pflanzen, im Schweiß und in der Muskelflüssig-
keit vor und bildet außerdem das saure Prinzip
des Essigs (s. d.). Zu ihrer Darstellung bedient
man sich, abgesehen von den Methoden der
Essiggärung, des Natriumazetats, weiches durch
Sättigung von Holzessig (s. d.) mit Soda ge-
wonnen und zur Entwässerung bei 3000 ge-
schmolzen worden ist. Nach dem Erstarren
wird das nunmehr völlig wasserfreie Azetat mit
arsenfreier Schwefelsäure vom spez. Gew. 1,842
in tubulierter Retorte der Destillation unter-
worfen, wobei zuerst eine etwas wasser- und chlor-
haltige Säure übergeht. Sobald die reine E.
kommt, wird die Vorlage gewechselt und das
Destillat so lange aufgefangen, bis zum Schluß
bei höherer Temperatur schweflige Säure auftritt.
Auch durch Elektrolyse wäßriger Natriumazetat-
lösungen mit eisernen Elektroden wird neuer-
dings E. in großem Maßstabe dargestellt. — Die
reine konz. E., gewöhnlich Eisessig (lat.
Acidum aceticum glaciale, frz. Vinaigre glacial,
engl. Glacial acetic acid) genannt, ist eine klare,
farblose, stechend sauer riechende und stark
ätzende Flüssigkeit von der Formel CH3. COOH,
die bei 160 zu farblosen rhombischen Tafeln er-
starrt und bei 1180 unter Entwicklung leicht
entzündlicher Dämpfe siedet. Das spez. Gew.
beträgt 1,0553. Mit Wasser, Glyzerin, Alkohol
und Äther ist Eisessig in jedem Verhältnis misch-
bar. Beim Verdünnen mit Wasser steigt das
spez. Gew. zunächst infolge einer Hydratbildung
und fällt dann wieder, so daß eine Saute mit
43 0/0 E. dasselbe spez. Gew. besitzt, wie der
        <pb n="118" />
        ﻿’

Eubiose

112

Euphorbium

reine Eisessig. Die Bestimmung des spez. Gew.
bietet sonach keinen sicheren Anhalt für die
Säuremenge. Die E. des D. A. B. und des Han
dels ist meist nur 96—99prozentig. Um sie völlig
wasserfrei zu erhalten, setzt man sie einer Tempe-
ratur von o° aus, dreht die Flasche um und läßt
bei o—40 mehrere Stunden lang abtropfen. Eine
mindestens pgprozentige E. löst reines Zitronenöl
klar auf. — Neben dem Eisessig findet sich im
Handel noch eine reine verdünnte E. mit 35 bis
50 % Säuregehalt sowie die 3oproz. des Arznei-
buches. Reine E. muß beim Erwärmen völlig
flüchtig sein, darf kein Arsen, Blei, Kupfer und
Zink, sowie Salzsäure, Schwefelsäure, schweflige
Säure und Ameisensäure enthalten und muß vor
allem auch frei sein von Azeton und empyrheuma-
tischen Stoffen. Außer der chemisch reinen
E. (Acidum aceticum purissimum), welcher auch
die Arzneibuchware entspricht, fährt man noch
gereinigte E. (purum) und rohe oder tech-
nische E. (crudpm). Die reine konz. E. findet
zu pharmazeutischen Zwecken nur selten Ver-
wendung, ist aber unentbehrlich als Lösungsmittel
und zur Darstellung wissenschaftlicher Präparate.
Die verdünnte E. dient als Ausgangsmaterial der
essigsauren Salze. Wenn im Handverkaufe E, zu
Arzneizwecken verlangt wird, ist die verdünnte
Säure abzugeben. Die Aufbewahrung erfolgt in
kühlen Räumen, der Versand in Glasballonen,
die beim Eisessig mit Glasstopfen versehen sein
müssen.

Eubiose, ein durch Kohlensäure an Stelle von
Glyzerin haltbar gemachtes Nährpräparat aus
Blut, welches dem Hämatogen ähnlich ist.

Eudont, eine gegen Zahnschmerz angepriesene
Dresdner Spezialität, besteht aus zwei Fläsch-
chen, von denen das erste eine alkoholische
Lösung von Nelkenöl, KarApfer und Chloroform,
das andere ein Gemisch von Jodtinktur, Glyze-
rin und Opiumtinktur enthält. Der Verkauf des
Mittels für Heilzwecke ist den Apotheken Vor-
behalten.

Eugenol (lat. Eugenolum), der wichtigste Be-
standteil des Nelkenöls (s, d.), welches bis über
90% E. enthält, ist in chemischer Hinsicht als
Phenol aufzufassen, in welches eine Oxymethyl-
und eine Allylgruppe eingetreten sind, und steht
in naher Beziehung zum Vanillin, in das es
durch einfache Oxydation übergeführt werden
kann. Zur Darstellung des E. wird das Nelkenöl
mit Natronlauge geschüttelt, die Lösung mit Salz-
säure zersetzt, und das reine E. im Kohlensäure-
strome abdestilliert. Es erscheint im frischen
Zustande als eine schwach gelbliche, stark licht-
brechende Flüssigkeit vom Geruch und Ge-
schmack des Nelkenöls, die sich am Lichte all-
mählich braun färbt, und ist in Wasser unlöslich,
leicht löslich hingegen in Alkohol, Äther, Chloro-
form, Eisessig und Kalilauge. Das spez. Gew.
liegt bei i —1,074 (iS0), der Siedepunkt bei 2520.
Die alkoholische Lösung wird durch verdünntes
Eisenchlorid blau, durch konzentriertes grün
gefärbt. E. wird in Form des Nelkenöls als
lokales Anästhetikum bei Zahnschmerzen, ferner
zu Einreibungen und innerlich gegen Magen-
leiden verordnet. Der Technik dient es als
Material zur Vanillin- (s. d.) Synthese, derWissen-
schaft zur Aufhellung mikroskopischer Präpa-
rate. Von den Verbindungen des E. findet das

Benzoat, das E. azetamid und das E. kar-
binolnatrium medizinische Anwendung.

Eukalyptusblätter (lat. Folia eucalypti, frz.
Feuilles d’eucalypte, engl. Eucalyptus leaves)
sind die Blätter des stattlichen Fieberbaumes,
Gum tree (Eucalyptus globulus), der, ursprüng-
lich in Australien heimisch, wegen seines raschen
Wachstums in Algier und Italien zur Trocken-
legung sumpfiger Fiebergegenden angepflanzt
wird. Die bis 20 cm langen, sichelförmigen oder
eiförmig zugespitzten, lederigen Blätter, die früher
irrtümlich als Fiebermittel angesehen wurden,
dienen zur Darstellung ihres ätherischen Öls, des
Eukalyptusöls (s. d.).

Eukalyptusöl (lat. Oleum eucalypti, frz.Essence
d’eucalypte, engl. Eucalyptus oil), das ätherische
Öl einiger Eukalyptusarten, namentlich von Eu-
calyptus Globulus, wird durch Dampf destilla-
tion gewonnen und durch nachherige Rektifika-
tion über Kalk oder Natronlauge von husten-
reizenden Beimengungen befreit. Es bildet eine
dünne, farblose, blaßgrünliche oder blaßgelbe
Flüssigkeit von aromatischem, schwach an Kamp-
fer erinnerndem Geruch, geringer Rechtsdrehung
und einem spez. Gew. von 0,910—0,930. Reines
E. besteht zu 60—80% aus Eukalyptol, wel-
ches mit Zineol (s. d.) identisch ist, und enthält
daneben noch geringe Mengen Rechts-Pinen
sowie möglicherweise etwas Kamphen und Fen-
chen. In dem Rohöle finden sich die zum Husten
reizenden Aldehyde der Buttersäure, Kapronsäure
und Baldriansäure. Eine andere Sorte von Eu-
calyptus amygdalina unterscheidet sich von
der vorstehenden durch ihre Linksdrehung, die
auf einem Gehalt an Pheliandren beruht. E.
wird technisch als Lösungsmittel für Plarze zur
Herstellung von Lacken empfohlen und bildet
das Ausgangsmaterial zur Darstellung des Euka-
lyptols {s. Zineol), welches in der Medizin zum
Einatmen gegen Influenza und äußerlich zu
Salben und Einreibungen benutzt wird.

Eukasin, ein neues, wasserlösliches Kräftigungs-
mittel für Rekonvaleszenten, wird durch Behand-
lung von trockenem Kasein mit Ammoniakgas
dargestellt und besteht demnach aus Kasein-
ammonium.

Euphorbium fEuphorbiumharz, lat. Resina
seu Gummi euphorbium, frz. Euphorbe, engl-
Gum euphorbium), ein Gummiharz, besteht aus
dem eingetrockneten Milchsaft einiger Wolfs-
milchgewächse heißer Länder, besonders Eu-
phorbia resinifera, Nordafrikas und der kana-
rischen Inseln, wo sie in trockenen, sandigen
Gegenden wild wachsen. Der freiwillig oder
aus künstlichen Einschnitten austretende Saft
bleibt, größtenteils von den Stacheln gehalten,
hängen und trocknet zu innen meist hohlen, un-
regelmäßig rundlichen Tränen von Erbsen- bis
Haselnußgröße ein, die entweder noch darin-
steckende Stacheln öder von ihnen verursachte
Löcher zeigen und Reste von Holz, Früchten
und Blütenständen umschließen. Zur Entfernung
der Verunreinigungen werden die äußerlich be-
stäubten, gelb bis braungelblichen und sprödenKör-
ner unter besonderer Vorsicht gepulvert, weil
der Staub Augen und Luftwege stark reizt. Die
geruchlose; aber äußerst scharf und brennend
schmeckende Droge ist in Eisessig völlig, in
Alkohol und Alkoholäther nur teilweise löslich,
        <pb n="119" />
        ﻿Eurit

113

Färberginster

während Wasser nur etwa 18% Gummi auf-
nimmt. Der Hauptbestandteil ist das giftige
Harz, das stark abführend wirkt. Die Droge
wird jedoch nicht mehr zu diesem Zwecke, son-
dern nur noch äußerlich als blasenziehendes
Mittel in Form von Pflaster, Salbe oder Tinktur,
in der Technik auch als sehr festhaftender An-
strich auf Metallen benutzt.

Eurit ist ein feldspatähnliches Gestein, das in
mächtigen Lagern bei Nivelles in Belgien auf-
tritt. Mit Kaolinversatz gebrannt, liefert es außer-
ordentlich feste und marmorähnliche Massen,
die von Salzsäure und Frost nicht angegriffen
werden. Die Druckfestigkeit weißer E.-FIiesen
von 3 cm Höhe beträgt 1252,2 kg für 1 qcm.
Trotz seiner hervorragenden Eigenschaft ist E.
so billig, daß er als Feldspatersatz dienen
kann.

Explosionssichere Gefäße nennt man zur
Aufbewahrung leicht entzündlicher Flüssigkeiten,
wie Äther und Benzin, bestimmte Gefäße, bei
denen durch gewisse Vorrichtungen, besonders
■an den Einifüll- oder Ablaßöffntmgen ange-
brachte engmaschige Siebe, verhindert wird, daß
eine Entflammung auf den Inhalt übergreift.
Wichtig ist, daß die Siebe stets sauber gehalten
werden. — Explosionssichere Lampen
(Davysche Sicherheitslampen) beruhen auf
dem ähnlichen Prinzip, daß die Flamme durch
ein engmaschiges Sieb abgeschlossen ist, das den
Zutritt explosiver Gase verhindert. Durch Rein-
halten der Siebe von Schmutz und Ruß ist auch
hier dafür zu sorgen, daß kein Glühen des
Drahtnetzes eintritt. Das Anzünden derartiger
Lampen geschieht automatisch mit Zündplätt-
chen, oder besser durch Elektrizität, ein Öffnen
in der Nähe explodierbarer Stoffe ist natürlich
tu vermeiden. In Kohlengruben, in denen schla-
gende Wetter Vorkommen, werden daher die
Lampen hermetisch verschlossen, um eine Öff
nung von unberufener Hand zu verhindern. —
Explosionssichere Gefäße werden in Salzkotten,

Schwelm und Berlin, explosionssichere Lampen
von Friemann &amp; Wolf in Zwickau i. S. an
gefertigt. In neuerer Zeit kommen auch elek-
trische Akkumulatorenlampen in den Handel.

Extrakt (Auszug, Dicksaft, lat Extractum,
frz. Extrait, engl. Extract) nennt man im all-
gemeinen mehr oder weniger eingedickte, durch
Pressung oder durch geeignete Lösungsmittel
hergestellte Auszüge aus Pflanzen oder Pflanzen-
teilen, zuweilen auch aus tierischen Substanzen
(z. B. Fleischextrakt). Sie enthalten die wir-
kenden und brauchbaren Stoffe der betreffenden
Vegetabilien, also auch deren Geruch und Ge
schmack in konzentrierter Form und erhöhter
Wirksamkeit, sind leichter transportabel und in
vielen Fällen auch haltbarer als die Rohstoffe.
Nach ihrer Verwendung unterscheidet man me
dizinische oder pharmazeutische E. und
Farbholzextrakte, und rechnet zu letzteren
gewöhnlich auch die Gerbstoffextrakte, da
sie, aus gerbsäurehaltigen Pflanzenteilen bereitet,
nicht nur zum Gerben, sondern auch zum Färben
benutzt werden. Nach der Art des Lösungsmittels
gibt es wäßrige, weingeistige und ätheri-
sche E. Die Extraktion der Arzneipflanzen,
welche früher Sache der Apotheker war, wird
jetzt in großer Ausdehnung von besonderen Fa-
briken besorgt. Das Eindampfen der erhaltenen
Lösungen geschieht entweder im Dampfbade,
an der Luft oder in Vakuumappiaraten. In letz
terem Falle werden sie vor dem Eindampfen
häufig pasteurisiert. Ein E. soll sich eigentlich
in demselben Lösungsmittel, mit welchem es be-
reitet wurde, vollständig wieder auflösen. Daß
dies picht immer der Fall ist, liegt daran, daß
Luft oder die zur Eindickung gebrauchte Wärme
leicht umändernd auf die einzelnen Stoffe wir-
ken. Für medizinisch zu verwendende E. sind
Apparäte aus Holz und'Metall, mit vereinzelten
Ausnahmen auch von Zinn und blankem Kupfer
zu vermeiden, solche aus Porzellan, Steingüt
oder Glas dagegen in der Regel zu verwenden.

Fachinger Mineralwasser, ein alkalischer Säuer-
Lng aus Fachingen im Lahntale, enthält nach
der im Jahre 1866 von R. Fresenius ausgeführ-
•en Analyse in 1000 Gewichtsteilen: 3,5786 g
Natriumbikarbonat, 0,0072 g Lithiumbikarbonat,
°:OOI9 g Ammoniumbikarbonat, 0,6253 g Kal-
2lUrnbikarbonat, 0,0003 g Bariumbikarbonat,
0,0040 g Strontiumbikarbonat, 0,5770 g Mag-
äesiumbikarbonat, 0,0052 g Ferrobikarbonat,
O,oo88 g Manganbikarbonat, 0,0397 g Kaliutn-
ehlorid, 0,6311g Natriumchlorid, 0,0020 g Na-
JHumbromid, Spur Natriumjodid, 0,0479 g Ka-
Lumsulfat, Spur Aluminiumphosphat, 0,0004 g
Nutriumborat, 0,0009 g Natriumnitrat, 0,0255 g
Kieselsäure und 1,7802 g freie Kohlensäure.

Fackeln werden teils aus Holz allein, teils aus
11111 Werg umwickeltem und mit Pech oder
Jpdcren leicht brennbaren Stoffen überzogenem
Holz hergestellt und zu Leuchtzwecken und
Entzügen benutzt. Außerdem stellt man auch
” achsfackeln in ähnlicherWeise wie dieWachs-

Nercks Warenlexikon,

kerzen dar. Magnesiumfackeln s. unter
Flammen, bengalische.

Färberginsfer (gelbe Scharte, lat. Herba
genistae, frz.Genet des teinturiers, engl.Broom),
ein einheimischer, auf Wiesen und in Wäldern
häufig wachsender kleiner Halbstrauch (Ge-
nista tinctoria), wurde früher in der Volks-
medizin gegen Wassersucht angewandt. Das
Kraut enthält einen gelben Farbstoff, der zum
Wollfärben gebraucht wird. Früher wurde auch
das Schüttgelb aus dem Ginster durch Aus-
ziehen des Farbstoffs und Zusatz von Kreide
und Alaun hergestellt, doch belegt man mit
diesem Namen jetzt meist das billige Chrom-
gelb. — Ginsterblumen (lat. Flores genistae
scopariae, Flores spartii scopariae, frz. Geriet ä
balais, engl. Broom tops), die von dem in
Mitteleuropa heimischen Besenginster (Spar-
tium scopariumj abstammenden Blüten, wer-
den medizinisch als purgierendes und harn-
treibendes Mittel angewandt. Sie enthalten ein

s
        <pb n="120" />
        ﻿Fango

114

F amkrautwurzel

sehr giftiges Alkaloid, das Sparteinum, das
medizinisch bei Herzaffektionea an Stelle von
Digitalin zur Verwendung kommt, und zwar
meist in Form des schwefelsauren Salzes, Spar-
teinum sulfuricum.

Fango, der zu Badem benutzte Schlamm
heißer italienischer Quellen, bildet neuerdings
einen Handelsartikel.

Farben, giftige. Der Verkauf und die Ver-
wendung giftiger Farben unterliegt gewissen
gesetzlichen Bestimmungen, welche den Schutz
der Gewerbetreibenden und Verbraucher gegen
Gesundheitsschädigungen bezwecken. Für den
Verkauf sind die am 29. XI. 1894 vom Bundes-
rate erlassenen „Vorschriften betreffend
den Handel mit Giften“ maßgebend. Nach
diesen ist zum Handel mit Giften die polizei-
liche Erlaubnis erforderlich. Siehe die als An-i
hang abgedruckte „Verordnung betreffend'
den Handel mit Giften“. — Die Handels-1
bezeichnungen der einzelnen Farben, welche
unter diese Bestimmung fallen, sind in be-
sonderen Artikeln, z, B. Arsenfarben, Blei-
farben usw. angeführt. Das Reichsgesetz
vom 5. Juli 1887 betr. die Verwendung;
gesundheitsschädlicher Farben bei der Her-
stellung von Nahrungsmitteln, Genußmitteln
und Gebrauchsgegenständen verbietet d e Ver-
wendung aller dort in § 1 verzeichneten Far-
ben, auch der von Abt.3 der Giftverordnung
ausgenommenen, zur Herstellung von Nahrungs-
mitteln. Dasselbe Verbot gilt für die zur Auf-
bewahrung und Verpackung von Nahrungs-
mitteln bestimmten Gefäße und Umhüllungen,
aber hier mit der Einschränkung, daß die
von Abt. 3 der Giftverordnung nachgelassenen
Ausnahmen Schwerspat, Chromoxyd, Kupfer,
Zink und Zinn als Metallfarben, Schwefelzinn,
Zinnoxyd, ferner Barytlackfarben ohne Barium-
karbonat, Zinnober, benu:zt werden dürfen.
Hinsichtlich der weiteren, auf kosmetische Mit-
tel, Spielwaren, Tuschfarben und Tapeten be-
züglichen Bestimmungen wird auf die Sonder-
artikel verwiesen. Die Vorschriften zur Ver-
hütung von Bleierkrankungen (27. VI. 05)
sind unter Bleifarben (s. d.) besprochen.

Farbhölzer (frz. Bois de teinture, engl. Dye-
woods), diejenigen Holzarten, welche einen zum
Färben brauchbaren Farbstoff enthalten, bilden
einen wichtigen Gegenstand des Drogen- und
Färb warenhandeis und werden, mit Ausnahme
des Fisetholzes, sämtlich von außereuropäischen
Ländern eingeführt. Die Verladung geschieht
lose in Blöcken, die Zerkleinerung in besonde-
ren Farbholzmühlen oder Farbho’zraspeleien,
wie sie in Hamburg, Berlin, Leipzig usw. zu
finden sind. Nach der Art der Zerkleinerung
unterscheidet man imHandel; Späne,Locken,
Nadeln und Pulver oder gemahlenes Farb^
holz. Späne und genudeltes Holz sind am ge-
bräuchlichsten. Die zerkleinerten Hölzer werden
vor dem Verkaufe gewöhnlich noch der Fer-
mentation unterworfen und danach in fermen-
tiertes und nichtfermentiertes Farbholz
unterschieden. Dieses Fermentieren besteht
darin, daß man die zerkleinerten F. in dunklen,
aber luftigen Räumen aufschüttet und unter
häufigem Benetzen mit Wasser und zeitweiligem
.Umschaufeln mehrere Wochen lang liegen läßt.

Hierdurch bekommen sie ein lebhafteres Aus-
sehen, indem sich der Farbstoff, der anfangs
nur in geringer Menge fertig gebildet ist, aus
den Chromogenen entwickelt. Die wichtigsten
F. sind unter ihren Namen in besonderen Ar-
tikeln: Blauholz, Gelbholz, Rotholz, San-
delholz und Fustik besprochen. Trotz der
großen Verbreitung, welche die Teerfarben ge-
funden haben, hat die Einfuhr von F. in Deutsch-
land nicht abgenommen.

Farbholzextrakte wurden früher ausschließ-
lich durch Auskochen der geraspelten und fer-
mentierten Farbhölzer mit Wasser und nachfol-
gendes Eindampfen erhalten. In neuester Zeit
werden sie jedoch vielfach in vorteilhafterer
Weise durch das Elutionsverfahren, ähnl.ch wie
der Rübensaft in Zuckerfabriken, dargestellt. Je
nachdem man das Eindampfen bis zur Trok-
kene oder nur bis zur Sirupsdicke fortsetzt, er-
hält man trockene oder flüssige F. Dieerste-
ren sind harte, glänzende, fast schwarz erschei-
nende Massen mit muscheligem Bruche und
lösen sich nur dann vollständ g in Wasser, wenn
sie im Vakuum eingedampft wurden, während
die an der Luft eingedampften immer einen
nicht unbedeutenden. Rückstand hinterlasseh.
Die flüssigen F. haben gewöhnlich eine Dichte
von 20—28° B6. Die gebräuchlichsten F. sind:
Blauholzextrakt, Rotholzextrakt und Gelbholz-
extrakt. Verfälschungen mit Eiligeren Extrak-
ten, mit Sirup u. dgl., kommen zuweilen vor.

Farblacke nannte man ursprünglich schön rot
gefärbte Verbindungen von pflanzl eben Farb-
stoffen, besonders Koschenille, Rotholz, Krapp,
mit Tonerde, Kalk und Magnesia, z. B.: Krapp-
lack, Wienerlack, Münchnerlack, Floren-
tinerlack u. a., die in der feineren Wasser-
malerei und als Druckfarben mannigfache Ver-
wendung fanden. Neuerdings ist der 1 Name
auch auf die aus Teerfarben mit Metallsalzen
von Barium, Kalzium, Strontium, Magnesium,
Aluminium, Blei erzeugten Niederschläge aus-
gedehnt worden.

Farnkraulwurzel (Johanniswurzel, Wurrn-
farn, lat. Rhizoma filicis, frz. Racine de fou-
güre male, engl. Root of male fern), der Wurzel-
stock des gewöhnlichen Wurmfarns, Aspi-
dium filix mas, wird seit alten Zeiten als
Bandwurmmittel gebraucht. Der gegen Ende des
Sommers zu grabende, horizontal oder schräg
in der Erde Legende Wurzelstock von etwa
3 dm Länge und 2,5—4,5 cm Dicke zeigt im
frischen Zustande eine braune, innen gras-
grüne Farbe und eine schwammig-korkige Be-
schaffenheit. Unter der Rinde ist er mit ziegei-
dachartig sich deckenden, zahnartigen Resten
von Blattstielen und mit braunen Spreuschuppen
besetzt, zwischen denen zahlreiche schwärzliche
Wurzelfasern hervortreten. Auf dem Quer-
schnitte zeigt sich ein Kreis von 8—10 großen,
gelblichen Gefäßbündeln. Die unangenehm aro-
matisch riechende und anfangs herb süßlich,
später zusammenziehend und kratzend schmek-
kende Droge enthält neben 5—6°/o fettem und
0,04% ätherischem öl gegen 11 o/0 Zucker, etwa*
Stärke und Wachs, Filixsäure und Filixgerb-
säure und als wirksamen Stoff Harz. Man be-
wahrt die ungeschälten Wurzelstöcke gut ver-
schlossen in Blechbüchsen auf, aber nicht übel".
        <pb n="121" />
        ﻿Fasern

115

Federn

ein Jahr, und verwendet sie gepulvert oder in
form des ätherischen Extraktes (iat. Extrac-
htm filicis aethereum, frz. Extrait de fougfere,
®ngl. Extract of male fern).

Fasern. Als Ersatz für die fehlende Einfuhr
von Fasermaterial für Gespinste und Gewebe
hat man während des Krieges in erster Linie
an die Steigerung des Hanf- und Flachs-
baues (s. d.) gedacht, daneben aber Versuche
°ht zahlreichen anderen einheimischen Stoffen
gemacht. Als Stopf- und Polstermäterial
Wurden die Samenhaare der Distel und des
Weidenröschens sowie zerstoßene Tannen-
Oadeln (Waldwolle), für Stricke, Ge-
spinste u. dgl. die Fasern von Rohrkolben
fl'ypha), Riedgras (Carex), Schilf (Calama-
grostis), Sonnenblume, Lupine, Melilotus, Hop-
fenranken, Ginster (Kosmosfaser), Torf, Stroh
(s. Stranfa), Nessel (s. d.), Weidenbast (s.
d), Zellulose (s. Papiergarn) vorgeschlagen.
Nur die drei letzteren haben praktische Be-
deutung erlangt.

Faulbaumrinde (lat. Cortex frangulae, frz.
Ecorce de bourdaine, engl. Black aldertree)
heißt die Rinde der jüngeren Äste vom Kreuz-
dorn oder Pulverholz (Rhamnus Frangula),
Einern in Wäldern und Ufergebüsch Europas,
Mittelasiens und Nordafrikas häufig verkom-
menden Strauche mit rundlichen, gespitzten,
ganzrandigen Blättern, kleinen weißen Blüten
und anfangs roten, dann schwarzen erbsen-
großen Beeren. Die dünne, schwach glänzende,
ltn trockenen Zustande gerollte Rinde ist außen
dunkel- oder braungrau, mit vielen weißlichen,
länglichen Korkwärzchen besetzt, innen grün-
gplblich bis rötlichbraun. Sie schmeckt scharf
bitter und schleimig und enthält neben ätheri-
schem Öl ein früher als Frangulasäure oder
Frangulin bezeichnetes Glykosid, das bei der
Hydrolyse in ein Emodin übergeht. F. wird als
^bführmittel gebraucht, aber erst nach längerem
lagern, da die frisch getrocknete Rinde Erbrechen
Leibschmerzen hervorruft. Das Holz findet
bei der Schießpulverbereitung Verwendung.

Federn (frz. Plumes, engl. Feathers, Pens)
^erschiedener Vögel bilden als Bettfedern und
bchmuckfedern einen wichtigen Handels-
art*kel. Die Bettfedern (frz. Plumes ä lit,
*ngl. Bed feathers) stammen hauptsächlich von
ber Hausgans (Gänsefedern), zum kleineren
ied von Schwänen, während die Federn von
"raten und Hühnern meistens weggeworfen wer-
oder nur als ganz geringes Stopfmaterial
?'enen. Die vorzüglichste Art der Bettfedern
"den die Eiderdaunen (Daunen oder Du-

1	u, frz. Duvets, Edrcdons, engl, Eiderdown),
,er weiche Flaum eines nordischen Seevogels,
er Eiderente oder Eidergans (Somateria

“Jollissima), der aus den Brutnestern gesam-
melt wird und beim Weibchen graubräunlich,
l1 Hem weniger geschätzten Flaum des Mann-
ens rein wc.ß ist. Die meisten Federn werden
^ den kleinen, rings um Island hegenden un-
ewolmten Inseln, weitere Mengen an den nor-
^.cgischen Küsten gesammelt. Als beste gelten
le Grönländer. Die Daunen kommen über Ko-
ecnhagen, Hamburg und Lübeck entweder roh

2	er schon gereinigt in den Handel, und
War meist in fest zusanunengebällten Klumpen

von i'/a—2 hg Schwere, die sich beim Er-
wärmen ungeheuer ausdehnen. Bei der geringen
Menge, die zur Füllung nötig ist, und besonders
in Betracht ihrer langjährigen Dauer, ist der
Aufwand für Daunen im Vergleich zu gewöhn-
lichen Federn gar nicht so übermäßig hoch.
Man rechnet die Daunen von 12 Nestern auf
'/a kg. Eine noch seltenere und teurere Art
stammt von der Königs-Eiderente (Soma-
teria spectabilis), die mehr an den nördlichen
Küsten Asiens und Amerikas lebt. Spitzbergen,
Nowaja Semlja usw. sind die Bezugsquellen der
über Rußland kommenden Ware. Nächst den
Eiderdaunen liefern die Gänsefedern das ge-
bräuchlichste Material zum Füllen von Betten.
Sie kommen aus dem nördlichen Deutschland,
aus Rußland, Polen, Böhmen, Galizien und Un-
garn in fest gefüllten Säcken, Fässern oder
Kisten über Frankfurt a. O., Berlin, Breslau,
Leipzig usw. in den Handel und werden ge-
wöhnlich erst in zweiter Hand gewaschen, ge-'
schlissen (d. h. vom Kiel befreit) und in mehrere
(drei) Nummern sortiert. Die besten F. erhält
man durch wiederholtes Rupfen lebender
Gänse, wobei immer die lose sitzenden abge-
nomrnen werden, da diese als lebendiges oder
Sommergut bezeichnten allein völlig reif,
elastisch und haltbar sind. Weniger wertvoll ist
das von geschlachteten Tieren genommene tote
oder Wintergut. Am schlechtesten sind die
F. von krepierten Tieren, auch haben Nahrung
und Lebensart großen Einfluß auf die Güte der
F. Bei freiem Naturleben, auf Weide und reinen
Gewässern wird das Federkleid am vollkom-
mensten, während Stall- oder gar Mastgänse
nichts Gutes erzeugen. Den Federhändlcrn wirft
man vor, daß sie nicht selten Schlechtes zu
Gutem mischen und das Gewicht der Ware
durch beigemengten Kalk, Gips usw., oder
feuchte Lagerung (auf mehr als 10 0/0 Wasser)
erhöhen. — Zu Schmuck- oder Putzfedern
geeignetes Material kann im allgemeinen nur
als Jagdbeute aus weiter Entfernung eingeführt
werden, doch werden auch die größeren Schwanz-
federn des Hofgeflügels, namentlich der Hähne
und Truthähne, zu Federbüschen und zur Nach-
ahmung ausländischer F. benutzt. Die wichtig-
sten aller Putzfedern sind die Flügel- und
Schwanzfedern der .Strauße, die früher aus-
schließlich vonj wild lebenden Tieren auf dem
Wege der Jagd gewonnen wurden und aus
Arabien über Ägypten, aus Nordafrika über
die Handelsplätze der Nord- und Westküste,
aus Südafrika durch England in den Handel
gelangten. Alle das Mittelmeer berührende Ware
sammelte sich in Livorno oder Marseille, um
von hier aus sortiert weiter versandt zu wer-
den. Von der Gewohnheit der berittenen Jäger
(Beduinen),, dem erlegten Tiere zunächst die
Federn erster Sorte auszuziehen und darauf den
abgezogenen umgekehrten Balg als Behälter für
alle Federn zu benutzen, erklärt sich die Form
der Stücke, in denen sie von den Aufkäufern
geliefert werden. Neuerdings gewinnt man die
Straußenfedern fast ausschließlich auf besonde-
ren Musterfarmen, in Kapland (Colesberg), Kali-
fornien, Neuseeland und Australien, in denen
die Tiere entweder in halber Freiheit leben oder
regelrecht gezüchtet und gefüttert werden. Allein
        <pb n="122" />
        ﻿F ederpelzwerk

116

Feigen

aus Südafrika werden von etwa i Million Strauße
für mehr als 25 Millionen Mark Federn ausge-
führt. Die nach etwa 6 Monaten völlig ausge-
wachsenen Federn, die nicht mehr gerupft, son-
dern geschnitten werden, zerfallen in wertvollste
weiße oder schwarzweiße Flügelfede^n oder
Hauptfedern (arab. Anathi), von denen je
vier in jedem Flügel sitzen, ferner in die kleinen
(zehn) Schwanzfedern und die zarten Flü-
geldeckfedern. Von den getöteten Tieren
wird auch der Flaum zur Herstellung von Filz-
hüten oder Geweben benutzt. Die einzelnen
Sorten teilt man nach der Güte und Länge in
mehrere Unterabteilungen, von denen die besten
bis zu 50 und 60 cm lang werden. Die zunächst
in Kisten nach London ausgeführten und dann
sortierten und gebündelten Rohfedern werden
vor dem Zurichten mit Seife gewaschen und in
heißes Wasser, worin feine Kreide zerteilt ist,
eingelegt, darauf zur Verbesserung der Farbe
vielfach geschwefelt, mit Indigo schwach ge-
bläut oder mit Wasserstoffsuperoxyd gebleicht.
Die grauen Federn des weiblichen Straußes
werden meist schwarz gefärbt, während von
Natur weiße F, diese Färbung nicht annehmen.
Zum Schluß folgt das Frisieren, d. h. die Wie-
derherstellung der natürlichen Kräuselung durch
Behandlung der Bärte mit stumpfen Messern,
Kunstfedern sind aus mehreren Stücken zu-
sammengenäht, Pleureusen sind solche
Straußenfedern, deren Bärte durch Handknüp-
fung künstlich verlängert sind. — Der süd-
amerikanische Strauß (Rhea americana) lie-
fert nur einige graue und braune Schmuck-
federn, die in der Form von den echten ab-
weichen und mehr den Marabufedern ähneln.
Die letzteren sind eigentlich die Schwanzdeck-
federn des mittelafrikanischen Riesenstörches
(Leptotilos crumenifer), die äußerst leicht und
zart, in Weiß oder Grau, Vorkommen und be-
sonders in Weiß geschätzt werden, doch stam-
men die meisten von dem als Adjutant hezeich-
neten indischen Marabu. Auch werden sie viel-
fach aus den Schwanzfedern des Storches, Pfaus
und Truthahns nachgeahmt (falsche Marabus),
Weitere Schmuckfedern stammen von Papa-
geien, Paradiesvögeln, Edelfasanen,
Raubvögeln, auch wird der ganze Balg von
Kolibris benutzt. Vor allem liefern schließ-
lich verschiedene Reiherarten in den langen,
schmalen, fein gebauten Federn vom Kopf und
Nacken wertvolles Material für Damenschmuck
und Federbüsche. Von einheimischen Reihern
sind besonders Fischreiher, Purpurreiher
und Silberreiher namhaft zu machen.

Federpelzwerk. Von einigen Vögeln, beson-
ders Wasser vögeln, finden die Bälge oder viel-
mehr die Bauch-, Hals- und Bruststücke die-
selbe Verwendung wie Pelztierfelle, indem sie
samt dem Gefieder in der Kürschnerei zuge-
richtet und zur Verzierung von Damenhüten
und Kleidern benutzt werden. Man verfährt
hierzu nach zwei Arten, indem man entweder
die durch Farbe und Schönheit ausgezeichneten
Teile eines Vogelkleides unverändert läßt, oder
indem man das obere Federkleid entfernt, um
die flaumige Unterschicht zur Geltung zu brin-
gen. Zu der ersten Art gehören die bunten
Bälge des Eisvogels, männlicher Wildenten

mit farbigem und metallglänzendem Kopf und
Halsgefieder, die schwarzen, beiderseits mit
einem glänzendgelben Streifen gesäumten Kehl-
stücke des großen Pinguins, die glänzend-
weißen, ins Perlgraue fallenden Bauchpelze des
großen Haubentauchers, die unter dem. Na*
men Grebenfelle im Handel sind und am
schönsten von den Schweizer Seen, ferner aus
Bayern, Holland und der Türkei kommen. Die
andere Art, die flaumig weichen Vogelpelze im
engeren Sinne, stammen, sofern sie weiß sind,
von zahmen und wilden Schwänen und von
vorzüglichen Exemplaren der Hausgans. Die
Hegung der Schwäne und Gänse zum Zweck
der Pelzgewinnung wird hauptsächlich von den
Holländern und Franzosen betrieben, die sich
auch einer besonders sorgfältigen und schönen
Zurichtung befleißigen.

Feigen (lat. Caricae, frz. Figues, engl. Figs)-
Der seit uralten Zeiten in den Mittelmeerlän*
dem angebaute Feigenbaum (Ficus Carica).
der in den Tropen gegen hundert Verwandte hat)
erreicht nur eine mäßige Höhe und wirft all-
jährlich das Laub ab. Aus den in den Blatt-
winkeln versteckten Blüten entwickeln sich die
sog. Früchte, die aus dem fleischig gewordenen
Blütenboden bestehen und daher als Schein-
früchte zu gelten haben. Sie sind im Jugend-
zustande grün und mit einem scharf schmek-
kenden Milchsäfte erfüllt, werden aber später
bräunlich-violett, saftig und süß. Die reifen F-
erreichen eine Länge von 7 cm bei 4l/2 ern
Dicke und enthalten im Innern die zahlreichen
kleinen gelben Früchte, fälschlich Samen ge*
nannt. Obwohl der Baum beständig einzeln®
Früchte trägt, unterscheidet man doch zwei
Haupttriebe, zu denen man die aus vorjährigen
Trieben entsprossenen, im Juni reifenden
Sommerfeigen und die allein zum Trocknen
und Versand geeigneten Herbstfeigen erntet-
Die letzteren werden an luftigen, schattigen
Orten so ausgebreitet, daß sie sich nicht be-
rühren, und alle zwei Tage gewendet, bis sie
trocken sind. Neuerdings wird auch Ofen*
trocknung angewandt. Als Folge dieser Be-
handlung zeigt sich meist ein melilartiger Über-
zug von auskristallisiertem Fruchtzucker, bö
alter Ware statt dessen wohl auch ein Beschlag
von Schimmel und Milben. Auch sollen italieni-
sche F. bisweilen mit Kastanienmehl bestäubt
werden, wodurch ihnen aber neben Feuchtig-
keit auch Zucker entzogen wird. Die frische11
Feigen enthalten bis 790/0 Wasser, die getrock-
neten neben etwa 28 0/0 Wasser 3—4 o/0 Eiweiß»

1—20/0 Fett und gegen 50—60, ja 700/0 Zucker-
Ais wertvollste gelten die besonders großen und
süßen Smyrna-F., die, in ihrer natürlichen Fort11
belassen, in runde, mit Lorbeerblättern auf-
gelegte Schachteln (Trommeln) verpackt sind-
Die kleinen griechischen F., die dickschalig^
und haltbarer, aber weniger süß sind, komme0
als Kranzfeigen, meist zu hundert auf Bast'
schnüre gereiht und plattgedrückt in den Han-
del; italienische werden in Körbe eingeleg!
(Korbfeigen), Triester F. (aus Istrien und
Dalmatien), die sehr süß und klein, aber nie»
haltbar sind, in Fässer, Tiroler F. in Lorbeef'
und Rosmarinblätter verpackt. Spanische }'
gehen meist nach England. Die zu uns et0'
        <pb n="123" />
        ﻿Feldkümmel

117

Fenchelöl

geführten F. werden, abgesehen von unbedeuten-
der medizinischer Verwendung, als Dessert-
frucht und zur Herstellung eines Kaffee-Ersatz-
mittels, des sog. Feigenkaffees, benutzt. Sie
halten sich nur. etwa ein Jahr, unterliegen dem
Schimmel, den Milben und dem Insektenfraß
and gehen überdies leicht in Gärung über.

Feldkümmel (Quendel, wilder Thymian,
Leldquendel, Feldthymian,, lat. Herba ser-
Pylli, frz. Serpolet, engl. Mother of thyme), die
an trockenen Anhöhen, Wald- und Feldrändern
'häufig wachsende, kleine strauchartige Pflanze
(Thymus Serpyllum) mit halb kriechendem,
rötlichem, vierkantigem, schwach behaartem
Stengel, ovalen Blättchen und quirlständigen
rosenroten Lippenblüten, besitzt einen angenehm
aromatischen Geruch und bitterlich zusammen-
ziehenden Geschmack und wird im Sommer
gesammelt und getrocknet. Das unter gutem
Verschluß aufzubewahrende Kraut dient zu
Kräuterkissen und in Form von Abkochungen
zu stärkenden Bädern und zu Tees. Durch De-
stillation mit Wasser erhält man etwa 0,15 bis
°,6 P/o eines farblosen bis goldgelben ätherischen
Öles, Oleum Serpylli, den konzentrierten Riech-
stoff des Krautes.

• Feldspat (frz. Feldspathe, engl. Feldspar), ein
sehr verbreitetes Mineral, das sowohl einen
regelmäßigen Bestandteil wichtiger Massen-
gesteine: Granit, Syenit, Porphyr, Gneiß, Tra-
chyt bildet, als auch selbständig in größeren
Lagern auftritt, besteht im wesentlichen aus
Alkali- oder Kalktonerdesilikat. Die verschie-
denen Arten der Feldspate unterscheidet man
nach der Kristallform in zwei Gruppen, die mo-
noklinen und triklinen F. und rechnet zu
den ersteren den Kalifcldspat oder Ortho-
klas, zu den letzteren den Natronfeldspat
°der Albit und den Kalkfeldspat oder Anor-
thit sowie die isomorphen Mischungen beider,
d'e Natronkalkfeldspate. Alle triklinen F. wer-
den als PI agioklase bezeichnet. Von den Ab-
urten des Orthoklases wird die am reinsten
kristallisierende, der Adular, weicher in Form
"asserheller, häufiger gefärbter Massen auf-
trUt, als Schmuckstein verwandt. Er zeigt Glas-
glanz, auf Spaltflächen Perlmutterglanz, bis-
weilen auch in geschliffenem Zustande einen
't'gentümlichen, in Farben spielenden Licht-
Schimmer und kommt unter verschiedenen Na-
Uten: Mondstein, Sonnenstein, Fischauge
“der Wasseropal in den Handel. Dem Ortho-
klas verwandt ist ein trikliner F. (Mikroklin),
.cr grüne Amazonen stein aus Sibirien, der
,? Katharinenburg verarbeitet wird. Die grüne
,arbe beruht nicht, wie man früher annahm, auf
e&gt;Uem Kupfergehalt und geht beim Glühen ver-
,°**en. Eine prachtvolle Abart des Natronkalk-
Jldspates, der Labradorit (Labrador), der
‘(JK den Spaltflächen sehr schöne Irisfarben
UMau, Grün, Kupferrot) zeigt und auf der Pauls-

Itl!

sel sowie der benachbarten Labradorküste

großen Massen gewonnen wird

dient zur

erstellung von Schmucksteinen, Tischplatten
dgl. Die weniger schön kristallisierenden
Dchten F. finden ausgedehnte Anwendung zur
, erstellung des . Porzellans,, ferner von leicht
HU!—	-■■•••

Au

Ssigen Glasuren und von Emails. Auch als
sgangsmaterial der Porzellanerde, des Kao-

lins (s. d.), welcher ein natürliches Verwitle-
rungsprödukt des Feldspats ist, beansprucht er
ebenfalls die größte Beachtung. F. wird in
großen Mengen- von Finnland und Schweden,
ja selbst aus Grönland für Porzellanfabrikatiöü
eingeführt.

Felle, dieHäute verschiedener Säugetiere, z. B.
der Bären, Fischotter, Katzen, Marder, Ziegeri,
haben insofern für den Drogenhandel ein ge-
wisses Interesse, als die Haare das Material für
Pinsel und Bürsten geben. Katzenfelle werden
auch vielfach gegen Rheumatismus verwendet,
indem man die schmerzenden Stellen damit
bedeckt.

Fenchel (lat. Fructus foeniculi, frz. Fruits de
fenouil, engl. Fennel fruit), eine bekannte würz-
hafte Doldenpflanze, Foeniculum officD
nale, wächst in Südeuröpa wild und wird bei
uns vielfach in Gemüsegärten, zum Teil auch im
großen als Feldfrucht angebaut. Namentlich in
Thüringen, Württemberg, Böhmen, Mähren, Gali-
zien und Polen finden sich ausgedehnte Fenchel-
felder. Die Wurzel treibt im zweiten Jahre,
oder auch wohl noch öfter wieder, so daß nicht
jedes Jahr gesät zu werden braucht. Die ganze
Pflanze enthält medizinisch verwertbare Stoffe,
doch werden Kraut und Wurzel mehr neben-
sächlich, als Hausmittel, gebraucht, während als
Handelsware allein die gehaltreicheren Teile,
die Früchte, in Frage kommen. Die länglichen,
gerippten und zwischen den Rippen mit je einer
dunklen Ölstrieme versehenen Früchte, deren
Größe und Färbung wechselt, enthalten als cha-
rakteristischen Bestandteil das Fenchelöl (s. d.)
oder vielmehr das im letzteren enthaltene
An et hol. Die Haupthandelssorte bildet der
sogenannte sächsische Fenchel, der in der
Gegend von Lützen und Weißenfels in großer
Menge gebaut wird und dessen größere, lebhafter
grüne Körner Kammfenchel genannt werden.
Nächst diesem spielen der Thüringer, der
mährische und galizische F. die Hauptrolle.
Außerdem findet sich im Drogenhandel noch
der sog. römische oder italienische F., der
viel größer im Kern, schön grünlich und weit
aromatischer, von einer anderen Art, Foeni-
culum dulce, stammt, die nur einjährig ist
und in Südeuropa gebaut wird. Seit einiger
Zeit kommt auch ostindischer F. in den Han-
del, der jedoch noch weniger gut ist als der
ebenfalls zuweilen angebotene levantinische'.

F.	in Pulverform dient zur Herstellung von Ab-
kochungen und Aufgüssen, die- als offizineile
Arznei- und Hausmittel Anwendung finden:
Ganzer F. dient mehr als bloßes Gewürz.

Fenchelöl (lat. Oleum foeniculi, frz. Essence
de fenouil, engl. Fennel-oil), das durch Wasser-
dampfdestillation gewonnene ätherische Öl, stellt
eine farblose oder gelbliche, nach Fenchel
riechende Flüssigkeit dar, welche ein spez. Gew.
von 0,965—0,977 und eine Drehung von -j-12
bis —)— 240 besitzt. Es löst sich in 0,5-—1 Vol.
900/oigen und in 6—8 Vol. 8o&lt;y0igen Alkohols:
In der Kälte erstarrt es zu einer kristallinischen
Masse, die je nach der Güte des Öls erst bei
-(-50 oder höherer Temperatur wieder ge-
schmolzen ist. Das Erstarren hängt mit dem
Gehalt an Anethol zusammen, von dem gute
öle etwa 50—6oo/0 enthalten. Je höher die

ieapjaiwiiiiBrirr
        <pb n="124" />
        ﻿Feroniaemmmi

118

Fette

Schmelztemperatur, desto anetholreicher ist das
Öl. Von weiteren Bestandteilen sind zu nennen
das bitter schmeckende, mit Kampfer isomere
Fenchon, feiner R e c h t s-P inen, Kam-
phen, Phellandren und Dipenten, Sächsi-
scher Fenchel liefert 4,4 bis S,S %, galizischer
4—6 0/0, mährischer 4 0/0 und rumänischer 4 6 0/0
öl. Eine geringwertige Sorte, das Fenchel-
spreuöl, erhält man aus Fenchelspreu. F.
wird in der Likörfabrikation und Nahrungsmittel-
industrie, als Geschmackskorrigens und in der
Seifenfabrikation als Parfüm verwandt.

Fcroniagummi (ostindisches Gummi), eine
aus Ostindien kommende und dort sowie in
England viel gebrauchte Gummisorte von der
zu den Aurantieen gehörenden Feron'a ele-
phantum, unterscheidet sich vom gewöhnlichen
arabischen Gummi durch die Größe der natür-
lichen Stücke, die bis zu 7 cm Durchmesser
haben, und durch lebhaften Glasglanz, doch
findet man auch einzelne trübe, wenig glän-
zende Stücke darunter. Obschon F. ebenso wie
das arabische Gummi aus Arabin besteht, so ist
doch seine Lösung rechtsdrehend, während die-
jenige des arabischen Gummis die Ebene des
polarisierten Lichtes nach links dreht,

Ferozepore, eine der verschiedenen, im ost-
indischen Handel vorkommenden, nach der
gleichnamigen S.adt benannten Rapssorten, wird
ebenso wie die übrigen Sorten, z. B. Kalkutta,
Dhera Ropa, schwarze und weiße Gingelly-
saat, in bedeutenden Mengen nach England
versandt und dort zur Ölgewinnung benutzt.

Ferratin, ein durch Behandlung von Hühner-
eiweiß mit weinsaurem Kaliumeissn dargestell-
tes Eisenpräparat, findet bei Bleichsucht und
Blutarmut Anwendung. Seine Lösung in Gly-
zerin und Alkohol führt den Namen Ferra-
tose.

Ferromangan (Manganeisen), ein sehr man-
ganreiches Roheisen, wird in großen Mengen
zum Bessemern als Ersatz für Spiegeleisen dar-
gestellt, indem man den geringen Mangangehalt
des Roheisens durch Zusatz von Manganerzen
beim Ausschmelzen vermehrt. Hierbei muß man
einen sehr basischen, d. h. kalkreichen Zuschlag
an wenden, weil sonst der größte Te 1 des Man-
gans in d e Schlacke geht, indem sich Mangan-
oxydulsilikat bildet, das durch die Kohle nicht
mehr reduziert wird. Der stärker basische Kalk
verhindert aber das Eintreten des Manganoxy-
duls in die Schlacke. Das F., das bis zu 80 P/o
Mangan und 6% Kohlenstoff enthält, besitzt
ebenso wie der daraus bereitete Manganstahl
eine sehr bedeutende, Härte.

Ferrum ist das in der Pharmazie gebräuch-
liche Wort für Eisen, auf Preislisten der Dro-
gisten findet man folgende bekannteren Eisen-
präparate: F. aceticum, Eisenazetat (trocken
und in Lösung); F. bromatum und jodatum,
Eisenbromid und -jodid; F, carbonicum, kohr
lensaures Eisenoxydul; F. chloratum, Eisen-
chlorür; F. sesquichloratum, Eisenchlorid; F.
citricum, zitronsaures Eisenoxyd; F. hydricum
oder oxyda'.um hydratum, Eisenoxydhydrat; F.
lacticum, milchsaures Eisenoxydul; F. malicum,
äpfelsaures Eisen; F. phosphoricum oxydulatum,
phosphorsaures Eisenoxydul; F. sulfuratum,
Schwefcleisen; F. sulfuricum oxydulatum, schwe-

felsaures Eisenoxydul, Eisenvitriol; F. tanni-
cum, gerbsaures Eisenoxyd; F. tartaricum, wein-
saures Eisenoxyd; F. valerianicum, baldrian-
saures Eisenoxyd u. a. m.

Fersan, ein phosphor- und eisenhaltiges Ei-
weißpräparat, das aus defibriniertem Rinder-
blut mit Salzsäure dargestellt wird und in Form
eines rotbraunen Pulvers als Nähr- und Kräfti-
gungsmittel Anwendung findet.

Fette sind in rein chemischer Hinsicht Ver-
bindungen des Glyzerins mit Fettsäuren (Gly-
zerinester), und zwar hauptsächlich mit drei
Molekülen von Fettsäuren (Triglyzeride). An
ihrem Aufbau beteiligen sich sowohl gesättigte
Fettsäuren der Stearinsäurereihe (Stearin, Pal-
mitin, Butyrin), als auch ungesättigte Säurender
Ölsäure- (Olein), der Linolsäure-'und verwandter
Reihen. Die natürlichen Fette bestehen aus ge-
mischten Glyzeriden verschiedener Fettsäuren,
neben denen meist noch geringe Mengen an-
derer Stoffe: Cholesterin, Phytosterin, Lezithin,
zugegen sind. Sie finden sich sowohl im Tier-
reiche (Milch, Körperfett) als im Pflanzenreiche,
besonders den Früchten und Samen, und werden
für Ernährungszwecke und technische Verwen-
dung durch Ausschmelzen, Auspressen oder
Extraktion mit Lösungsmitteln (Äther, Benzin,
Chlorkohlenstoff) im großen Maßsabe herge-
stellt. Allen Fetten gemeinsam ist die Eigen-
schaft, daß sie auf Papier einen durchscheinen-
den, beim Erhitzen nicht verschwindenden Fleck
erzeugen,, daß sie in geringster Spur die Rota-
tion eines auf Wasser geworfenen Kampfer-
Stückchens verhindern und auf VVjisser schwim-
men. Sie lösen sich leicht in Äther, Benzol,
Benzin, Chloroform und Schwefelkohlenstoff,
hingegen nicht in Wasser und, mit wenigen
Ausnahmen, nur sehr schwer in Alkohol. Beim
Erhitzen sind sie nicht unverändert flüchtig,
sondern zersetzen sich bei etwa 3000 unter Ent-
wicklung stechend riechender, zu Tränen reizen
der Dämpfe von Akrolein. Durch Behandlung
mit starken Alkalien werden sie in Glyzerin und
fettsaure Salze (Seife) gespalten, die gleiche
Trennung (Verseifung) erfolgt auch bei Ein-
wirkung von konzentr.erten Säuren oder Druck-
erhitzung mit Wasser. Die äußerlichen Unter-
schiede der natürlichen Fette werden durch die
Art der in ihnen enthaltenen Fettsäure bedingt
Im allgemeinen sind die an gesättigten Fett-
säuren reichen Fette von fester Konsistenz, und
zwar um so härter, je mehr die hochmolekularen
Säuren (Stearin-, Palmitinsäure) vorherrschen-
Daraus erklärt sich z. B., daß die an Butter-
säure reiche Butter und das viel Kaprin- und
Laurinsäure enthaltende Kokosfett weicher,
streichfähiger ist als der aus Stearin und Pal-
mitin bestehende Talg. Umgekehrt sind die an
ungesättigten Fettsäuren (Ölsäure, Linolsäure)
reichen Fette weicher und oft flüssig. Die beI
Zimmertemperatur flüssigen Fette werden in
der Regel als Öle (s.d.), oder bei Abstammung
von Seetieren als Trane (s. d.) bezeichnet. Be&gt;
höherer Temperatur gehen alle Fette in den
flüssigen Zustand über. Zum chemischen Nach-
weise fremder Beimengungen bestimmt man
in erster Linie die Menge des zur völligen Späh
tung erforderlichen Alkalis (mgKOH für 1 8
Fett), die sog. Verseifungszahl. Diese Zab»
        <pb n="125" />
        ﻿Fettstifte

119

Fichtenharz

liegt für die meisten Fette bei 180—200, für
Butter bei 220—230, für Kokosfett bei 250 und
ermöglicht sonach einen Zusatz von Paraffin,
Zeresin usw., sog. „unverseifbaren Stoffen“, zu
erkennen. Weitere Aufschlüsse auch für die Un-
terscheidung der einzelnen Fette untereinander
gewahren die Refraktion, die Jodzahl, die
Hehnerzahl (unlösliche Fettsäuren), die Rei-
ehert-Meissl-Zahl (flüchtige Fettsäuren) so-
wie besondere Reaktionen, die in besonderen
Aufsätzen über die einzelnen Fette besprochen
Werden. Abgesehen von der technischen Ver-
wertung zur Herstellung von Seife, Schmier-
mitteln, Glyzerin usw. finden die Fette als eines
der wichtigsten menschlichen Nahrungsmittel,
dessen Nährwert von 9,3 Kalorien denjenigen
der Stärke und Zuckerarten um das Doppelte
übertrifft, ausgedehnte Anwendung. Der Fett-
verbrauch belief sich im Jahre 1907 für Kopf
und Jahr in Deutschland auf 24, kg, von denen
etwa 4/6 im Inlande erzeugt wurden (Butter,
Talg, Schmalz), während der Rest ausländischer
Einfuhr (Olivenöl, Kokosfett, Erdnußöl) ent-
stammte. Die Versuche, den durch die Ab-
schneidung der Zufuhren bedingten Ausfall
durch Erschließung neuer inländischer Fett-
Duellen (Knochen, Obstkerne, Getreidekeime,
Eetthefe, Abwasserfett) zu beheben, waren nur
von geringem Erfolge. Große Bedeutung ge-
wann die sog. Fetthärtung, die auf einer Be-
handlung mit Wasserstoff bei Gegenwart von
fein verteiltem Nickel beruht und die Über-
führung geringwertiger flüssiger Öle und Trane
&gt;n wertvollere feste Fette der Stearinsäurereihe,
sog. gehärtete Öle, ermöglicht.

Fettstifte zum Schreiben auf Glas und Por-
zellan bestehen aus einer gefärbten Mischung
von Walrat, Talg und Wachs mit Mennige und
Atzkali.

Feuerlöschmittel. Die zahllosen zur schnellen
Unterdrückung von kleineren Bränden emp-
fohlenen F. lassen sich nach der Art ihrer Wir-
kung im allgemeinen in zwei Gruppen ein-
teilen. Die zu der ersten gehörenden Feuer-
loschdosen oder Löschpatronen sind mit
einer Mischung' von Salpeter, Schwefel und
Kohle gefüllt, die beim Gebrauche schweflige
Saure entwickelt und dadurch das Feuer er-
stickt. Auf dem gleichen Gedanken beruhen
nie aus Natriurnbikarbonat bestehenden Mittel
{Blitzfackel, Rapidfackel, Theofackel,
Jgnex, Clou, Protektor, Total), die Koh-
lensäure abspalten. Die Glieder der zweiten
Gruppe, die sog. Feuerlöschpulver oder
'granaten, sind ausnahmslos Salzmischungen,
nie in wäßriger Lösung angewandt werden.
Beim Verdampfen des Wassers bleiben die
feuerbeständigen Verbindungen des Kalziums,
der Tonerde und der Kieselsäure, wie Alaun,
cMorkalzium, Wasserglas, als fester Überzug zu-
rück, der den Luftzutritt und sons t das Weiter-
Btennen verhindert. Die gleichzeitig meist vor-
handenen flüchtigen Salze der Alkalien, wie
Kochsalz, Chlorammonium, Pottasche, Glauber-
Sate, verdampfen bei der hohen Temperatur,
verbrauchen dabei mehr Wärme als reines
vvasser und kühlen infolgedessen die Brand-
°“jekte stark ab. Solche Salzmischungen wer-
den meist für kleine Hand- oder Zimmer-

apparate, (sog. Extinkteure) angewandt, in
denen durch automatische Einwirkung von Salz-
säure auf Karbonate Kohlensäuredruck ent-
wickelt und dadurch die Lösung herausgespritzt
wird. Aus der großen Zahl der hierhin gehören-
den Apparate seien nur Minimax, Rapid,
Perkeo angeführt, von denen der letztere noch
einen schaumbildenden Zusatz (Saponin) ent-
hält. Die Wirkung aller dieser Mittel wird von
ihren Erfindern meist stark übertrieben und ist
jedenfalls für größere Brände recht gering ein-
zuschätzen.

Feuerschwamm und Wundschwamm stam-
men von dem auf Bäumen (Birken, Eichen und
fluchen) wachsenden Löcherpilz, Polyporus
seu Fomes fomentarius, der eine Länge von
50 cm und eine Dicke von 10 cm erreicht und
eine flache, nach oben gewölbte Form zeigt.
Man sammelt den Pilz im Herbst, schält ihn
und schneidet ihn in Scheiben, die durch Ein-
weichen und Klopfen mit hölzernen Hämmern
weich gemacht werden. Die weichsten und
dicksten Stücke verwendet man unter dem
Namen Wund schwamm (Blutschwamm, lat.
Boletus seu Fungus chirurgorum, frz. Agaric de
chöne, engl. Sourgeons Agaric) als blutstillen-
des Mittel bei kleinen Wunden. — Der Feuer-
schwamm (Zunder, lat. Boletus seu Fungus
igniarius, frz. Agaric de ebene preparü, Ania-
dou, engl. German tinder) wird, damit er besser
brennt, mit Salpeterlösung getränkt und dann
getrocknet. Mit dem Namen Ulmer Feuer-
schwamm bezeichnet man eine Handelssorte,
die mit Schießpulver präpariert ist. — Bei Ver-
wendung von Wundschwamm ist darauf zu
achten, daß nicht etwa salpeterhaltiger Feuer-
schwamm unterläuft, da sonst leicht Blutver-
giftungen usw. entstehen können.

Fibrin nennt man den Eiweißkörper, der sich
beim Schlagen des Blutes in Form von Fasern
ausscheidet.

Fichtenharz (Gemeines Harz, lat. Resina
pini, frz. Galipot, engl. Ordinary resin) wird
aus dem Stamme verschiedener Nadelhölzer
(Pinus- und Abiesarten) Deutschlands, Ruß-
lands, der Schweiz und der Vereinigten Staaten
sowie aus dem Stamm der Meerstrandsfichte
im südlichen Frankreich (Galipot) gewonnen,
indem man entweder das aus zufälligen Ver-
letzungen ausgetretene Scharrharz, oder aus
künstlich erzeugten Wunden und Bohrlöchern
nach dem Grandei- oder Becherverfahren zu-
tage geförderte Produkt sammelt, oder schließ-
lich nach neuerem Verfahren das Holz und die
Wurzeln mit Benzol extrahiert. Hierbei geben
Kiefern ein terpentinölhaltiges, Fichten ein davon
völlig freies Harz. Das gemeine Harz (Re-
sina communis) besitzt die Form unregelmäßi-
ger, anfangs klebriger, später spröder Stücke,
welche von weißlicher, gelber oder rötlicher
Farbe und meist stark verunreinigt sind. Das
französische F. besteht aus weißgelblichen
Krusten mit Terpentingeruch, das amerika-
nische F. aus gelben bis braunen Stücken.
Durch Schmelzen un er Wasserzusatz und nach-
heriges Kolleren erhält man das weiße Harz
(Weißes Pech, Resina alba, Pix alba) als eine
trübe, undurchsichtige Masse, während bei län-
gerem Schmelzen das gelbe Harz (Gelbes
        <pb n="126" />
        ﻿Fichtenholz

120

Filz

Pech, Resina oder Pix flava), ein durchsichtiges,
sprödes Harz von muscheligem Bruch entsteht.
Das echte Burgunderharz (Resina burgundia)
kommt aus Frankreich in spröden, schmutzig-
gelben Stücken in den Handel. F. findet viel-
seitige Verwendung zur Herstellung von Sei-
fen, Pflastern, Kitten, Kolophonium und Pechen
(s. d.), zum Leimen von Papier und zum Pichen
von Fässern.

Fichtenholz (frz. Bois de pin, engl. Pinc-
wood), das Holz der Fichte oder Rottanne
(Picea vulgaris), gehört zu den weichen Höl-
zern und ist weniger leicht spaltbar, aber fester,
dauerhafter und namentlich im Witterungs-
wechsel haltbarer als Tannenholz. Es wird als
vorzügliches Bau- und Tischlerholz sowie als
Brennholz verwendet. Die Fichtenrinde be-
nutzt man wegen ihres Gerbsäuregehaltes in
manchen Gegenden als Gerberrinde.

Fichfennadelextrakt (Kiefernnadelextrakt,
lat. Extractum pini silvestris, frz. Extrait de pin,
engl. Extract of pine) wird durch Auskochen
der Fichtensprossen und -nadeln als ein braun-
schwarzes, aromatisch riechendes Extrakt ge-
wonnen, das zu Fichtennadelbädern bei Gicht
und Rheumatismus Anwendung findet. Auf ein
Vollbad rechnet man 150—500 Gramm.

Fichtennadelöl (Waldwollöl, lat. Oleum pini
silvestris seu abietis, frz. Essence d’aiguilles de
pin, engl. Pine oil) wird wie das analoge Kie-
fern- und Tannennadelöl durch Wasser-
dampfdestillation von Fichten- oder Kiefern-
nadeln in Form einer farblosen oder hellgrün-
lichen Flüssigkeit von aromatischem Koniferen-
geruch gewonnen, die neben Pinen, Phellan-
dren, Dipenten und K ad inen als be-
merkenswerten Bestandteil Bornylazetat (8 bis
1 o 0/0) enthält. F. ist kein eigentlicher Handels-
artikel, an seiner Stelle wird meist Edeltannen-
zapfenöl abgegeben, das hauptsächlich aus Li-
monen besteht. Aus Rußland kommt das sog.
sibirische F., das aus den Nadeln und jungen
Zweigspitzen der sibirischen Edeltanne,- Abies
sibirica, gewonnen wird. Es ist durch einen
hohen Gehalt an Bornylazetat (30—400/0) aus-
gezeichnet.

Fichtensamenöl, das in den Fichtensamen zu
25—30 0/0 enthaltene fette Öl kann nach v. T u-
beuf zur menschlichen Ernährung benutzt wer-
den, da ihm bei dem Fehlen von Terpentin-
blasen in der Samenschale kein Harzgeschmack
anhaftet. Das durch kalte Pressung gewonnene
goldgelbe öl von haselnußähnlichem Geschmack
hat eine Verseifungszahl von 19t und eine Jod-
zahl von 173. Der Preis von 9 M. für 1 1 öl
läßt die Herstellung nur im Kriege lohnend er-
scheinen.

Filizin wird durch Fällung von Farnkraul-
extrakt mit Barytwasser und nachfolgende Zer-
setzung mit Salzsäure dargestellt. Sein wich-
tigster Bestandteil ist die Filixsäure, welche
durch Behandlung mit Azeton in kristallisiertem
Zustande erhalten werden kann, aber nur in
amorpher Form als wirksames Wurmmittel an-
gewandt wird.

Filmaron wird aus Farnkrautexlrakt darge-
stellt und im Gemisch mit Rizinusöl als Band-
wurmmittel verordnet.

Films sind mit Bromsilbergelatine-Emulsion
übergossene Zelluloidblätter, die an Stelle der
Glasplatten in der Photographie benutzt wer-
den. Sie haben vor letzteren den Vorzug der
Leichtigkeit, die ihre Mitnahme auf Reisen vor-
teilhaft erscheinen läßt, geben aber weniger,
scharfe Bilder und sind bei der Aufnahme und
Entwicklung weniger gut zu handhaben. F.
kommen in Paketen als Film Packs und in
Rollenstreifen für 6—tz Aufnahmen in den
Handel. Für kinematographische Bilder werden
endlose Spulen benutzt.

Filz (frz. Feutre, engl. Feit) ist ein durch
mechanische Bearbeitung von Tierhaaren, ohne
Spinnen und Weben, hergestellter fest zusam-
menhängender Stoff, dessen Entstehung darauf
beruht, daß die Haare im Gegensätze zu den
Pflanzenfasern nicht einfache glatte Röhrchen
sind, sondern unter dem Mikroskope eine rauhfr
Oberfläche, seien es tannenzapfenartig geord-
nete Schuppen wie bei der Schafwolle, oder
feine, nach vorn gerichtete Spitzen wie beim
Biberhaar zeigen. Beim Drücken, Reiben und
Walken haften die Flaare an diesen Uneben-
heiten fest zusammen, sie „verfilzen“, eine Eigen-
schaft, die Schafwolle und Vigogne schon von
Natur besitzen, andere Haare nach der Behand-
lung mit saurer Beize von Quecksilbernitrat,
wodurch sie rauh und gekräuselt werden, an-
nehmen. Die wichtigste Verwendung findet der
Filz in der Hutfabrikation, die früher ausschließ-
lich Handarbeit, jetzt mehr und mehr zum
Großbetriebe mit Maschinen wird. Als Aus-
gangsmaterial der jetzt außer Mode gekomme-
nen zylinderförmigen Kastor hüte dienten frü-
her ausschließlich Biberhaare, die auch jetzt
noch neben den Haaren von Bisamratten, Fisch-
ottern, Vigogne und sog. Affenhaar (Nutria)
für feinere Waren entweder zur Bildung einer
feineren Außenschicht (Plattierung) oder im Ge-
mische mit billigeren Haaren verarbeitet wer-
den. Das gebräuchlichste Material der Massen-
fabrikation bilden Hasenhaare, daneben solche
von Kaninchen, gröbere oder feinere Schaf-
oder Lamrnwolle, Ziegen- und Kamelhaar. Be-
sonders letzteres wird in Frankreich zu ge-
wöhnlichen Hüten viel verbraucht. Hasenhaare
geben feinere Hüte als Kaninchenhaare. Alle
Haare werden zunächst sorgfältig sortiert, da
schon bei der gleichen Tierart Rückenhaare
höher geschätzt werden als solche von Brust
oder Bauch, und darauf durch Schlagen mit
Stäben auf geflochtenen Horden gelockert, von
Staub, Verunreinigungen und Stichelhaaren be-
freit. Größere Fabriken bedienen sich hier be-
sonderer, aus Krempel- und Blaswerk bestehen-
der Maschinen, bei denen die in der Krempel
ganz fein zerzupften Haarmassen von dem Ge-
bläse in einem geschlossenen Kanal fortgeführt
und so nach ihrer Schwere sortiert werden.
Auch für die sehr wichtige Mischung der ver-
schiedenen Haarsorten sind besondere maschi-
nelle Vorrichtungen (Krempeltrommeln) ge-
schaffen worden. Die innig gemischte Haar-
masse wird dann bei Handarbeit dem sog-
Fachen unterworfen, d. h. die für einen Hut
erforderliche abgewogene Menge wird auf einer
Horde mit einem besonderen Werkzeuge be-
arbeitet, das aus einem 2 m langen Holzbogen
        <pb n="127" />
        ﻿Fingerhutblätter	121	Fische

mit eingespannter Darmsaite besteht. Indem
der Arbeiter die Bogensaite durch ein Schlag-
holz in dauernde Schwingungen versetzt, treibt
er die Haare empor, die sich dadurch zu einer
äußerst, lockeren Schicht übere nanderiegen.
Diese sog. Fache, die aus den Maschinen be-
reits fertig als ein lockeres Band herauskommt,
wird in zwei lose, dreieckige Lagen, wie sie für
den gewünschten Hut erforderlich sind, zu-
sammengelegt und dann durch vielfaches schien
bendes Drücken, Kneten und Rollen unter gleich-
zeitiger Anwendung von Wärme und Feuchtig-
keit verfilzt, bis sie zu einem sog. Stumpen,
einer kegelförmigen Mütze, vereinigt werden
können. Die letztere erhält durch Überziehen
über hölzerne oder eiserne Formen in kräftigen,
mit Dampf geheizten hydraulischen. Pressen die
endgültige Form, die nach dem Trocknen be-
stehen bleibt. Zum Schluß folgt dann das Stei-
fen, das in einem Tränken mit Leim oder
Schellack besteht, das Einfassen und Füttern.
In ähnlicher Weise werden gröbere Filze für
Schuhe, Stiefel, Socken, Filtrierbeutel herge-
stellt, doch bedient man sich hierzu neuerdings
meist größerer Filz tafeln, die in besonderen
Maschinen erzeugt werden. Zu ihrer Herstel-
lung wird in der Regel auf der Krempelmaschine
eine Watte erzeugt und diese in mehrfachen
Lagen auf einer Walkmaschine verfilzt. Die
zum Teil aus farbiger Wolle gefertigten oder
nachher gefärbten, bedruckten und appretierten
Tafeln dienen zur Herstellung von Regenmänteln,
Teppichen, Decken oder Futterstoffen, größere
Tafeln von gröberem Gefüge, die mit Teer oder
Asphalt getränkt sind, zur Dachbedeckung
(Dachfilz), andere grobe Filze auch beim
Schiffsbau als Unterfütterung für den Kupfer-
beschlag oder zur Ummantelung von Dampf-
zylindern und Dampfrohren als Wärmeschutz,
Eine besonders feine Sorte bildet der Hammer-
filz für Klaviere, der in besonderen Fabriken
aus feinster Merinowolle hergestellt und schnee-
weiß gebleicht wird und in die Unterabteilun-
gen: Hammerfilz erster und zweiter Sorte so-
wie Dämpferfilz, roter und grüner Unterfilz, zer-
fällt. Durch Tränken von feinem Filz mit Firnis
und Lackieren hergestellter Lackierfilz dient
zu Mützenschirmen u. dgl.

Fingerhutblätter (lat. Folia digitalis, frz. Feuil-
fes de digitale, engl. Digitalis leaves) sind die
Blätter einer über ganz Mitteleuropa verbreite-
ten, in Bergwäldern auf kalkhaltigem Boden
wachsenden, stark giftigen, aber medizinisch
benutzten Pflanze, Digitalis purpurea, die
uicht selten auch in Gärten als Zierpflanze ge-
halten wird. Medizinisch verwendbar sind nur
die von der zweijährigen wilden Pflanze wäh-
rend der Blütezeit gesammelten und getrockne-
ten Blätter, die sich auch durch die stärkere
Behaarung und andere Kennzeichen von denen
der kultivierten unterscheiden lassen. Die ei-
förmigen, runzligen, unten weißfilzigen, doppelt
gekerbten Blätter werden nach obenhin kleiner
und ansitzend, während sie nach untenhin breit
gestielt sind. Die roten Blüten sind schief
glockenförmig und stehen in einer einseitigen
weihe an dem aufrechten Blütenstengel. Die
Pflanze hat frisch gerieben einen widerlichen
Geruch und bitter scharfen Geschmack. Wirk-

same Bestandteile der Folia digitalis sind Di-
gitalin, Digitoxin u. a. Glykoside, alles starke
Gifte, die medizinisch, namentlich bei Herz-:
erkrankungen, verwendet werden. Präparate
aus F. sind; Extractum und Tinctura digi-
talis sowie das Digitalin (s. d,).

Firnis (Ölfirnis, lat. Vemisium, Vernix Lini,
frz. Vernis, engl. Varnish). Mit diesem Namen
belegt man ölige Flüssigkeiten, die, in dünner
Schicht auf andere Körper übertragen, zu har-,
ten, glänzenden, in Wasser unlöslichen Über-
zügen austrocknen und so zum Schutze gegen
die Einwirkung von Luft und Feuchtigkeit;
dienen. Als Ausgangsmaterial dienen trock-j
nende Öle (s. d.), und zwar für die technische
Ware in erster Linie Leinöl, während Nuß-,
Hanf- und Mohnöle seltener, mehr bei der
Kunstmalerei, benutzt werden. Die trocknenden
Öle erhärten zwar ohne weitere Behandlung
durch Sauerstoffaufnahme aus der Luft, da
dieser Vorgang aber für die Praxis zu langsam;
verläuft, so verwandelt man sie durch anhalten-
des Kochen mit etwas Bleiglätte, Mangansuper-
oxyd, Manganohydroxyd oder Manganoborat
in Ölfirnis, oder man stellt letzteren . wohl
auch auf kaltem, Wege durch Vermischen von.
Leinöl mit Sikkativen (s. d.) her. Die beson-
ders geschätzten gekochten Firnisse, die an der
Erniedrigung der Jodzahl und des Glyzerin-
gehalts zu erkennen sind, werden meist als ge-,
kochter und doppelt gekochter F. unterschieden,
während die mit Mangan oder Bleiglätte her-
gestellten als Mangan-F. und Glätte-F. be-
zeichnet werden. Mischungen von F. mit Harzen,
die sog. Lackfirnisse, sind im Abschnitt Lack,
näher beschrieben. Die Güte eines F. richtet,
sich nach seiner Trockenfähigkeit (höchstens,
12—24 Stunden) und der Härte des trockenen
Überzuges. Zusätze von Mineral- oder Harzöl,,
Wollfettolein und anderen nicht trocknenden
Ölen, die klebrige Überzüge bedingen, sind als,
Verfälschung zu beurteilen. Leinölfirnis wird in
großen Mengen hergestellt und teils für sich,
teils mit Farbstoffen angerührt als teigförmige
Ölfarbe verkauft.

Firnisersalz. Unter dieser Bezeichnung wer-
den Mischungen von Tranfirnis mit Leinölfirnis,
sowie von harzsauren Salzen des Mangans,,
Bleis oder Kalks mit Mineralölen und Schwer-,
benzin angeboten. Auch sind Lösungen von,
Tinoxyn in Benzol mit Kolophonium und Mi-
schungen von Kumaronharz (s. d.) mit Stearin-;
pech und Solventnaphtha in den Handel gelangt;:
Sie können für manche Zwecke als Notbehelf
dienen, geben aber meist klebrige Überzüge. ,

Firniskitt wird meist fabrikmäßig hergestellt,
indem man ein Gemisch von Firnis und Kreide,
durch Walzen gehen läßt. Er dient zum Ver-
kitten von Fensterscheiben, zum Auskitten von
Holz usw.

Fische (frz. Poisson, engl. Fish) bilden eines
der wertvollsten stickstoffhaltigen Nahrungs-
mittel, welches an Nährwert dem Fleische der
Säugetiere völlig gleichkommt, aber leider in
Deutschland noch nicht genügend gewürdigt
wird. Für den Massenverbrauch kommen ledig-
lich die Seefische in Betracht, die seit dem Auf-
blühen der deutschen Hochseefischerei und der
Erleichterung der Eisenbahnbeförderung durch
        <pb n="128" />
        ﻿











Fischbein

1?2

Fischhaut







Einstellung besonderer Eiswagen auch dem
Binnenlande in steigenden Mengen zugeführt
werden. Lebende Binnenlandfische werden mit-
tels Fuhrwerk in Fischfässern befördert, die bei
5501 Inhalt mit 2—2'/, Ztr. Karpfen, 2Ztr. Hecht,
U/2 Ztr. Zander oder 25—30 St. Streichkarpfen
besetzt werden. Das Faß wird halb oder für
Zander und Barsche ganz gefüllt, da die Stachel-
flossen der Tiere sonst Verletzungen ver-
ursachen können. Für weite Entfernungen muß
bei warmer Witterung durch Zusatz von Eis
und Einblasen von Luft unterwegs für Ab-
kühlung und Lüftung gesorgt werden. Im
kleinen kann man wertvolle Fische auch in
ausgehöhltem Brot, in befeuchtetem Moos oder
in frischem Klee versenden. Sie halten sich auf
diese Weise mehrere Tage lang. Im Handel
unterscheidet man: See-, Fluß-, Bach- und
Teichfische. Die letzteren müssen vor dem
Gebrauch längere Zeit in reinem Wasser auf-
bewahrt werden, um den Schlammgeschmack
zu verlieren. Bei frisch getöteten Fischen sind
die Kiemen rot, die Augen durchsichtig und
prall hervortretend, und das Fleisch ist derb
und elastisch, so daß Fingereindrücke bald ver-
schwinden. Der Geruch an den geöffneten Kie-
men muß frisch sein, während zu alte Fische
widerlich riechen. Bei nicht mehr frischenFischen
ist die Hornhaut trübe und undurchsichtig, das
Auge eingefallen, die Umgebung desselben ge-
rötet, die Kiemen sind blaß, geiblich oder schmut-
zig grau, das Fleisch ist welk, und Finger-
eindrücke verschwinden nur langsam wieder.
Verdorbene Fische wirken giftig, da sich in
ihnen ptomainartige Alkaloide bi.den. Zur Vor-
täuschung einer frischen Beschaffenheit wer-
den die Kiemen bisweilen künstlich rot gefärbt.
Als eingesalzene und marinierte Fische,
ferner auf dem Roste gebraten, mit Öl be-
strichen, in Essig, Salz, Gewürze, Kräuter und
Lorbeerblätter eingelegt, oder frisch, mit Salz
vermischt, eingepackt, werden besonders Lachs,
Thunfisch, Stör, Aal, Sardellen, Heringe und
Bricken in den Handel gebracht. Getrocknet,
eingesalzen und gedörrt, finden Stockfisch, Platt-
eise und Dorsch, geräuchert besonders Aale
und Heringe Verwendung. Wertvollere Fische
kommen in Büchsen in den Handel. Die wich-
tigsten Fische sind nach Bedeutung, Fang, Auf-
bewahrung und Verwertung besonders beschrie-
ben worden. Der Gesamtverbrauch Deutsch-
lands an frischen und zubereiteten Fischen wurde
für 1912 auf rund 580000 t geschätzt, von denen
361000 t (meist Seefische) aus dem Auslande
stammten.

Fischbein (Walfischbarten, frz. Baieine,
engl. Whale bone) wird besonders von den im
nördlichen Eismeer vorkommenden Walen, dem
gemeinen Walfisch (Balaena mysticetus) und
dem Finnfisch (Balaenoptera), in geringerer Güte
auch von dem Südwal (B. australis) gewonnen.
Große Tiere liefern 2000—2500 kg, kleinere etwa
750 kg F. Die Barten bilden lange, sensenartige
Platten, die im Oberkiefer eingereiht sind und
sich in Vertiefungen des Unterkieferseinsenken.
Ihre Farbe ist beim eigentlichen Wal am Grunde
grünlichgrau, nach obenhin fast schwarz, beim
Finnfisch gleichmäßig schwarz, die Größe ent-
spricht derjenigen des Tieres und läßt einen

Schluß auf die letztere zu. Von den etwa 600
bis 700 Barten werden nur die mittleren und
größten, von denen die in der Mitte des Rachens
stehenden eine Länge von t’/a—4 In bei 20 bis
50 cm Dicke erreichen, verwertet, indem man
sie in den Fischbeinreißereien nach dem Ab-
putzen der faserigen Bärte zersägt, die in heißem
Wasser eingeweichten Stücke alsdann im,Schraub-
stock mit einem zweigriffigen Bogenmesser
spleißt und schließlich glatt schabt. Man läßt
die Stücke so lang als möglich, da hierdurch
ihr Wert in hohem Maße bedingt wird. Durch
Erwärmen mit Wasserdämpfen oder heißem
Sande läßt sich F. wie Horn erweichen und
dann durch Pressen zu Dosen, Stockknöpfen
u. dgl. verarbeiten, die mit Filz und einem aus
Kalk oder feinem Bimsstein bestehenden Pul-
ver geschliffen und poliert werden. Hauptsäch-
lichste Verwendung findet F. zu Korsett- und
Schirmstangen, Stöcken, Reitpeitschen, Korb-
und Kammwaren. Die feinen Schabspäne wer-
den wie Roßhaar zum Polstern benutzt. — Als
Ersatz für das seltener und teurer werdende F.
kommt hauptsächlich Zelluloid sowie mit Kaut-
schuklösung getränktes S.uhlrohr (Walossin)
in Frage. — Weißes Fischbein nennt man
auch die Sepia (s. d.).

Fischguano (Fischmehl, frz. Guano de pois-
sons, engl. Fish manure), ein künstliches Dünge-
mittel, dem eigentlich der Name Guano nicht
zukommt, da es nicht aus Exkrementen, son-
dern aus den getrockneten und zerkleinerten
Abfällen der Stockfische, Heringe und Tran-
bereitung besteht, wird in steigendem Maße
besonders aus Norwegen nach Deutschland
eingeführt. Eine besondere, aus dem zer-
kleinerten und getrockneten Fleisch der Hai-
fische bestehende Art kommt unter dem Namen
Haifischguano in den Handel. Die Zuberei-
tung des F. erfolgt in der Weise, daß man die
Fischmasse in Zylindern mit heißen Wasser-
dämpfen behandelt, dann Wasser und Tran ab-
laufen läßt und abpreßt, die Masse auf Ma-
schinen klein reibt, trocknet und auf Mühlen
zerkleinert. Die norwegische Plandelsware er-
scheint als ein gröbliches, aus Krümeln und
Schüppchen bestehendes, gelblichweißes Pulver
mit starkem Fischgeruch, das mit 8—10 0/0 Stick-
stoff und 12—14 0/0 Phosphorsäure garantiert
wird.

Fischhaut (frz. Peau de polsson, engl. Fish’s
skin). Die Häute einiger Haifische, u. a. des
Riesenhais, Meerengels, Dornhais und des ge-
tigerten Hais, bei denen die Schuppen die
Form zerriebener oder feiner Stacheln an-
genommen haben, finden als eine Art Schleif-
mittel technische Verwendung. Sie werden
gleich nach dem Abziehen auf Bretter oder
Rahmen gespannt, langsam getrocknet und zu
Tafeln geschnitten, wobei man die Flossen,
welche durch ihren feineren Stachelbesatz zü
feineren Schleifereien besonders geeignet sind,
an ihrem Platze läßt. Die meisten derartigen
Stücke kommen vom Mittelländischen Meer,
während die Stachelfische der nördlichen Meere
keine so brauchbare Ware liefern. Die Fisch-
haut wurde früher von Tischlern, Drechslern,
Lackierern sowie einigen Metallarbeitern zum
Abreiben von Flächen benutzt, ist aber neuer-
        <pb n="129" />
        ﻿Fischleim

123

Flachs

dings mehr durch Glaspapier, Flintpapier,
Schmirgelpapier und S c h m i r ge 11 e i n e n
verdrängt worden. Außerdem dienen d e Häute
dazu, durch Aufpressen englisches Sattellcder
zu sog. Fisch.hautchagrin umzuwandeln, das
zum Überziehen von Koffern, Futteralen, Käst-
chen u. dgl. benutzt wird.

Fischleim, Syndetikon, nennt man dick-
flüssige, gelbe bis gelbbraune Klebstoffe, die in
Norwegen, Rußland und anderen Ländern aus
Fischabfällen, z. B. Eingeweiden und Schwimm-
blasen durch Auskochen gewonnen werden. F.
stellt einen guten, zähen, flüssigen Leim dar,
der vielfach auch künstlich, z. B. aus Zucker-
kalklösung, nachgeahmt wird.

Fisetholz (Fustikholz, ungarisches Gelb-
holz, Zantegelbholz, junger Fustik, lat.
Lignum fusticum, frz. Fustet, engl. Fustic). Der
bei uns in Anlagen häufige Perückenbaum,
eine im südlichen Europa heimische und auch
hier und da kultivierte Sumachart (Rhus co-
tinus), enthält in seinem Holz einen gelben
Farbstoff, der durch Alkalien rot gefärbt wird.
Das grau- odür grüngelbliche Holz, von dem
der weiße Splint abgelöst ist, kommt teils in
Form dicker Knüppel, te 1s schon in Späne ge-
schnitten aus Ungarn, lüyrien, Tirol und Italien
in den Handel, wird jedoch, weil die Farbe nicht
sehr echt ist, nur noch selten zum Gelbfärben,
häufiger aber zur Herstellung gemischter Far-
ben verwendet.

Fixa'.ive, Lösungen von farblosen Harzen wie
Schellack, Dammar oder von Kautschuk in ver-
schiedenen Lösungsmitte’n (Äther-Alkohol, Ben-
zin, Chloroform), bisweilen auch unter Zusatz
von etwas Wasserglas, werden auf Kohle-,
Blei- und Kreidezeichnungen zerstäubt, um
diese gegen Verwischen zu schützen.

Flachs (Lein, frz. Lin, engl. Flax), eine der
geschätztesten Gewebefase n, wird aus den Sten-
geln der Leinpflanze (Linum usitatissimum)
gewonnen, die, ursprünglich in wärmeren Gegen-
den heimisch und dort bisweilen noch wild-
wachsend gefunden, seit uralten Zeiten auf der
ganzen Erde angebaut wird und sich auch an
kältere Klimate gewöhnt hat. Neben den Haupt-
anbaugebieten in Europa (Flandern, russische
Ostseeprovinzen, Irland, Deutschland) liefern
auch Ägypten, Algier, Ostindien, Nordamerika,
Brasilien und Aus.ralien ziemlich erhebliche Er-
träge. Von den zahlreichen Kulturformen sind
besonders folgende namhaft zu machen: a) Der
Schließ- oder Drieschlein (L. usit. var. vul-
gare, auch L. sativum genannt) mit kleinen, ge-
sch'ossen bleibenden Kapseln, deren dunklere
Samen nur durch Ausdreschen zu gewinnen
sind, höherem Stengel und m nder weicher und
weißer, aber sehr haltbarer Faser, die sich be-
sonders zu groben Geweben eignet; b) der
Kl ang- oder Springlein (L. usit. var. crepi-
tans, auch L. humile), dessen niedrigere und
ästigere Stengel den feinsten F. liefern, mit
größeren, elastisch aufspringenden Kapseln, aus
denen die helleren Samen, beim Ausbreiten auf
Planen an der Sonne von selbst herausspringen.
Beide Arten kommen als Früh- und Spätlein
*or; c) Zweijähriger oder Winterflachs (L.
bienne und L. africanum), seltener angebaut;
u) Weißblühender oder sizilianischer

Lein mit sehr schweren Samen und e) Königs-,
lein (L. usit. var. regale) mit sehr festem Bast
und kleinen blassen Samen. Der Anbau des
Leins erfordert auch unter günstigen klimati-
schen Verhältnissen schon von der Ackerbestel-
lung an die sorgfältigste Pflege. Die Menge des
Saatgutes, dessen Keimfähigkeit durch gelindes
Erwärmen auf 30° erhöht werden kann, beträgt
in den Ostseeprovinzen von 1,34 hl an, in Deutsch-
land durchschnittlich 2,0 hl auf den Hektar für
Samengewinnung und 3—4 hl für die Faser-
gewinnung. Für letzteren Zweck ist zur Er-
zielung feiner Fasern möglichst dichtes Säen er-
forderlich, und man legt daher in Holland und
Belgien vielfach ein aus Schnüren gebildetes
Gitter, in anderen Gegenden sperriges Reisig
über die Felder, damit die hindurchwachsenden
Pflanzen eine Stütze zur Geradehaltung und
gegen das Lagern finden. Öfterer Samenwech-
sel ist zweckmäßig und zur Erzielung besseren
Flachses sogar notwendig. Auch müssen die
Felder vom Unkraut sorgfältig gereinigt wer-
den. Das Ziehen oder Raufen des zur Samen-
zucht angebauten F. erfolgt, sobald die Kapseln
sich zu bräunen beginnen, bei den zur Faser-
gewinnung bestimmten Pflanzen aber noch im
grünen Zustande, wenn die unteren Blättchen
abfallen. Die Wahl des richtigen Zeitpunktes ist
wichtig, da zu frühes Ziehen zwar feine, aber
haltlose Fasern gibt, während die überreife Faser
starr und brüchig geworden ist. Die gerauften
Stengel werden gewöhnlich in mäßige Bündel
gebunden und auf dem Felde aufgestellt, bis sie
völlig lufttrocken sind, und dann durch Riffeln,
d. h. Durchziehen durch eine Reihe aufrecht
stehender eiserner Zinken, von den Samenkapseln
befreit. Zur Trennung der nutzbaren Bastfasern
von der äußeren Rinde und dein inneren hol-
zigen Kern, mit denen sie durch einen Pflanzen-
leim fest verbunden sind, wird das Stroh ent-
weder sogleich oder im nächsten Jahre einem
Fäulnis- oder Verwesungsprozeß, der sog. Röste,
unterworfen. Die gewöhnlichste Art des Röstens
oder Rottens ist die Wasserröste, wozu am
besten fließendes, jedenfalls weiches Wasser be-
nutzt wird. Im gewöhnlichen ländlichen Be-
triebe legt man die Flachsbündel in seichte Ge-
wässer, Flüsse, Bäche, Teiche und hält sie durch
Steine unter der Oberfläche. Große Anlagen,
namentlich in Belgien und Holland, bedienen
sich gemauerter Gruben, in welche die Bündel
eingestellt und unter Wasser gesetzt werden,
das nach Erfordern gewechselt wird. Die Röste,
in deren Verlaufe bei gleichzeitiger Braun-
färbung des Wassers und der Stengel reichliche
Mengen stinkender Gase entstehen, muß sorg-
fältig überwacht werden, da sonst leicht Über-
röstung eintritt. Sie wird (nach 8—12 Tagen)
beendet und die Stengelmasse getrocknet, so-
bald die Faser sich leicht ablöst und der holzige
Teil beim Biegen wie Glas springt. Bei der
gleichfalls noch viel geübten Tauröste werden
die Halme einfach auf einem Stoppelfelde, da-
mit sie nicht unmittelbar den Erdboden be-
rühren, ausgebreitet und unter öfterem Wenden
den Einflüssen der Witterung ausgesetzt, wenn
die Witterung zu trocken ist, auch mehrmals
begossen. Hier unterliegt die Pflanzenmassc
einer mehr trockenen, geruchloseren Verwesung;
        <pb n="130" />
        ﻿Flachs

124

Flammen

auch kann eine Überröstung nicht so leicht ein-
treten, aber der Prozeß dauert immer mehrere
Wochen und verläuft weniger gleichmäßig. Bis-
weilen verbindet man beide Verfahren, indem
man erst die Wasserröste anwendet und dann
bei annähernder Gare mit der Tauröste schließt.
Weit bequemer, zuverlässiger und rascher füh-
ren die neueren Methoden zum Ziele, bei denen
die Auflockerung durch warmes Wasser oder
durch Dampf erfolgt. Die geröstete Masse wird
dann, am besten in der heißen Sonne, oder sonst
in Trockenstuben bei gelinder Wärme, gut aus-
getrocknet, da höhere Temperatur, z. B. die des
Backofens, die Haltbarkeit der Faser schädigt.
Das nachfolgende Brechen, wobei die Stengel-
masse zerbröckelt wird -und stückweise abfällt,
geschieht am unzweckmäßigsten auf der be-
kannten Flachsbreche, besser durch Schlagen
der Stengel auf der Tenne mit dem sog. Bock-
hammer, einem gestielten Klotz, der auf der
Schlagfläche riffelartig geschnitten ist, in den
mit Maschinen arbeitenden . Flachsbereitungs-
anstalten durch geriffelte Walzenpaare. Das
Schwingen bezweckt weiter das Abschla-
gen der noch anhängenden Stengelbruchstücke,
deren letzte Reste sowie die Schalenteilchen
schließlich durch das Hecheln entfernt werden.
Hierbei sondern sich auch die zu kurzen Fasern
als Hede oder Werg ab, während die längeren,
die häufig noch zu mehreren bandförmig Zu-
sammenhängen, aus dieser Verbindung gelöst
und vereinzelt werden. Je länger das noch viel-
fach mit der Hand, in Fabriken durch beson-
dere Maschinen ausgeführte Hecheln fortgesetzt
wird, um so feinerer F., aber natürlich auch um
so mehr Abfall an Werg wird erhalten. Durch-
schnittlich geben too kg lufttrockene Flachs-
stengel 9—io kg Reinflachs, 12—15 kg Werg
und 75—80 kg Abfall. Das Werg kann eben-
falls zu Garn versponnen werden, nachdem es
gleich der Baumwolle gekratzt oder kardiert
worden ist. Der Wert des Flachses steigt mit
seiner Länge, und gute Ware darf daher nicht
viel Fasern enthalten, die nur 300 mm lang sind.
Die bessere Haltbarkeit des Flachses im Ver-
gleich mit Baumwolle geht schon aus der mikro-
skopischen Betrachtung der Faser hervor, die
nur eine sehr feine Höhlung, also eine stärkere
Wandung zeigt und sich infolgedessen rund erhält,
während die Baumwollfaser infolge ihres größe-
ren Lumens beim Trocknen zu einem flachen
Bande zusammenfällt. Die mikroskopische Prü-
fung eines Leinengewebes gibt sicheren Auf-
schluß über Anwesenheit von Baumwolle. Feiner
F. muß rein ausgehechelt, seidenartig glänzend,
hell, weiß oder grüngelblich, gelblichgrau oder
stahlgrau sein und sich mim, weich und glatt
anfühlen. Die Länge der Faser wechselt von
0,2—1,4 m, die Breite von 0,045—0,620 mm.
Die Marktware soll frei von Oberhaut-, Paren-
chym- und Holzgewebe sein, durch Jod und
Schwefelsäure sich blau färben, durch Kupfer-
oxydammoniak blau gefärbt und dann gelöst
werden, auf Zusatz von schwefelsaurer Anilin-
lösung farblos bleiben und nicht mehr als 5,7
bis 7,20/0 Wasser enthalten. Da der Wasser-
gehalt in feuchten Räumen bis 23 o/0 steigen kann,
muß F. an kühlen Orten in Fässern oder Kisten
und nicht stark geschichtet aufbewahrt werden,

bei zu trockner Luft wird er ,brüchig und spröde,
bei feuchter erhitzt ersieh zu sehr, bis zur Selbst-
entzündung. Gute Marktware soll längere Ze.it
gelagert haben, sich „zu Seide liegen“, da-sie
dadurch geschmeidiger wird. Als vorzüglichste
Sorte gilt der lichtblaue, sehr zarte Irländer;
der nur in England verbraucht wird, als zweite
der holländische und belgische (flandri-
sche) und der von der Pikardie, der lang;
glänzend, braun, weiß oder blond gehechelt,
den teuersten und feinsten sog. Rame liefert.
Dritte Sorten sind die langen und guten russi-
schen F., die nach Berkowitz zehnpudweise ver-
kauft werden. Im allgemeinen unterscheidet man
sechs Hauptsorten mit Untersorten: Kronen-
flachs, Wrackflachs, D r eiban df 1 achis;
Livländer (ungehechelt), Dreibandwrack-
flachs oder Flachsheede und Rig-aer, mit
zahlreichen Untersorten. Unter den flachsbauen-i
den Ländern steht Rußland hinsichtlich der
Größe der Erzeugung und Ausfuhr so sehr
obenan, daß es die Preise- des Weltmarktes be-
stimmt. Als weitere Ausfuhrländer kommen nur
noch Polen, die preußischen Ostseeprovinzeh
und Italien in Betracht, während die übrigen
Länder kaum den eigenen, Bedarf decken können
und oft noch einführeh müssen. Das gilt wie
von England und Frankreich namentlich von
Deutschland, wo der Anbau leider von Jahr zu
Jahr zurückgeht. Während des Krieges hat man
die bebaute Fläche von 10000 ha wieder auf
20000 ha gesteigert und hofft ,30000zu erreichen.

Flachs, neuseeländischer (Kurati, frz. Lin
de laNouvelle-Zülande, engl. New-Zeeland-flax).
Die 1—2,5 m langen, schmalen, lederartigen
Blätter der auf Neuseeland heimischen Flachs-
lilie, Phormium tenax, enthalten zahlreiche
lange, gerade und zähe Fasern, die sich im
frischen Zustande leicht abziehen lassen und
dann von den Eingeborenen nach oberfläch-
lichem Abschaben mit scharfen Steinen oder
Muscheln zu Matten, gröberen Geweben, Seilen
und Netzen verarbeitet werden. Zur Gewinnung
größerer Ausfuhrmengen unterwirft man die
zwischen Walzen gebrochenen oder gequetsch-
ten Fasern einer Wasserröste und behandelt sie
dann weiter wie Flachs (Trocknen, Schwingen,,
Hecheln). Von anderen Ländern, in denen Phor-
mium vorkommt, Mauritius, Java, Natal, Neu-
südwales und Viktoria, betreiben nur die beiden
letzteren einen planmäßigen Anbau und eine
geringe Ausfuhr über Melbourne. Hingegen sind
Kulturversuche in Irland, Schottland, Belgien,
Italien, Spanien und Algier, höchstens mit Aus-
nahme des letzteren, ohne Erfolg geblieben. Die
rohe Faser ist weißlich oder gelblich, wenig ver-
holzt, in den besten Sorten etwa so fein wie
europäischer Hanf, aber immer bedeutend här-
ter, steifer und rauher, und wird zu Bindfaden,
Seilen und groben Geweben wie Segeltuch und
Sackleinwand verarbeitet. Die Erzeugnisse sind
sehr fest und gegen atmosphärische Einflüsse
widerstandsfähig.	,,

Flammen, bengalische, sind Mischungen aus
chlorsaurem Kalium, Schellack, Schwefel und
anderen Stoffen, denen man zur Färbung der
Flammen Strontium-, Barium- und andere Salze
zusetzt. Die Mischung ist, namentlich wenn
Schwefel zugesetzt wird, sehr vorsichtig vor-
        <pb n="131" />
        ﻿Flanell

125

Fleisch

zunehmen, am sichersten, indem man jeden Be-’
standteil für sich völlig austrocknet und pulvert.
Auch verwende man nur gewaschenen Schwefel,
da sonst leicht Selbstentzündung eintreten kann.
Zur Hervorbringung besonders schöner Wirkun-
gen wird vielfach fein, gepulvertes Magnesium-
metall hinzugesetzt. Den meist zu derartigen F.
benutzten Schellacksatz stellt man in der Weise
her, daß man Schellack vorsichtig schmilzt, pul-
vert, mit vier Teilen gut ausgetrocknetem, er-
wärmtem Barium- oder Strontiumnitrat oder
anderen Chemikalien vermischt und nach dem
Erkalten noch 2 0/0 fein gepulvertes Magnesium-
metall hinzusetzt. — Zur Herstellung von Mag-
nesiumfackeln füllt man diese Mischung in dünne
Zinkblechhülsen. Bengalische F. unterliegen be-
sonderen Bestimmungen beim Transport durch
Bahn oder Post.

Flanell (frz. Flanelle, engl. Flanell), ein viel
gebrauchtes, unter verschiedenen Feinheitsgra-
den vorkommendes Wollzeug, das entweder
leinwandartig gewebt oder geköpert, nur wenig
gewalkt, auf der rechten Seite einmal gerauht
und entweder gar nicht oder nur einmal ge-
schoren ist. Die Kette ist in der Regel Kamm-
garn, mitunter auch Baumwollgarn, während
der Einschuß immer Streichgarn ist. Bei einigen
bunt gestreiften Sorten ist die Kette Leinengarn
und' der Einschuß Wolle. Man unterscheidet;
eigentlichen oder Futterflanell, 1,15 m breit,
tuchartig gewebt, aus Kamm- und Streichgarn;
Gesundheitsflanell, zu Unterzeug und Hem-
den, mit Köpergewebe, die beste Flanellsorte,
schon mehr tuchartig gewalkt und gerauht, und
frisierten F., bei dem die langen Haare in
Knötchen zusammengedreht sind. Buntge-
streifte F., mit quer über das. Stück gehender
Streifung, bilden eine althergebrachte, noch immer
viel zu Unterröcken für die ländliche Bevölke-
rung gebrauchte Ware. — Boy (frz. Boi, engl.
Baize), ein grober, lockerer, tuchartiger F. aus
geringer Wolle, nach dem Weben bloß ausge-
waschen, selten etwas gewalkt, dann gerauht,
gespannt und heiß gepreßt, kommt glatt und
frisiert, weiß, schwarz und bunt vor. — F. ver-
schiedener Sorten werden in manchen Gegenden
Deutschlands, namentlich in Sachsen, Thüringen,
Westfalen, Preußen, Hessen, Böhmen, Mähren
usw. hergestellt.

Flaschenkapseln zum Verschließen von Fla-
schen an Stelle des sonst gebräuchlichen Fla-
schenlacks und anderer Verschlußmittel werden
aus Zinn- und Bleilegierungen hergestellt und
in weißem, poliertem Zustande oder auch ge-
färbt in den Handel gebracht. Das Verschließen
erfolgt am besten durch sogenannte Kapsel-
ma^chinen.

Flatulinpillen vonDr.Roos bestehen aus einer
aromatisierten Mischung von Natriumbikarbonat,
Magnesiumkarbonat und Rhabarber und wer-
den gegen Verdauungsstörungen angepriesen.

Flavanilin, ein durch Erhitzen von Azetanilid
mit Chlorzink erhaltener gelber Teerfarbstoff,
kommt nicht mehr in den Handel.

Flavaurin (Neugelb), ein seit 1883 bekann-
ter Teerfarbstoff, besteht aus dem Ämmoniak-
salze der Dinitrophenolparasulfosäure und bildet
e'n gelbrotes Pulver, das sich beim Erhitzen

ohne Verpuffung aufbläht, in Wasser mit gelber
Farbe löslich ist und Wolle und Seide gelb färbt.

Flavin (Flavine). Unter diesem Namen
kommt der Farbstoff der Querzitronrinde teils
als feines, dunkelbraunes Pulver, teils in Teig-
form (Flavineteig) .in den Handel. Das F.wird
durch Auskochen der Querzitronrinde mit Wasser
und Soda und nachheriges Übersättigen mit ver-
dünnter Schwefelsäure erhalten. 6’/2 kg sollen
100 kg Querzitronrinde entsprechen.

Fledermausguano nennt man die getrockneten
Exkremente derjenigen Fledermäuse, die nament-
lich auf der Insel Sardinien in großer Anzahl
gesellig in Höhlen wohnen. Der F. bildet ein
stickstoffreiches, gröbliches, braunes, meist zu
größeren oder kleineren Klumpen zusammen1
gebackenes Pulver, das nur in geringer Menge
in den Handel kommt.

Fleisch (frz. Viande, engl. Flesh, Meat), neben
der Milch, dem Käse und den Hülsenfrüchten
die wichtigste Eiweißquelle und eines der wich-
tigsten Nahrungsmittel überhaupt, bildet in fri-
schem Zustande wie in Form mannigfacher Zu-
bereitungen einen wichtigen Gegenstand des
Groß- und Kleinhandels, dessen Bedeutung be-
ständig zunimmt. Im Sinne des Fleischbeschau-
gesetzes sind als „Fleisch“ alle zur mensch-
lichen Nahrung geeigneten Teile von warm-
blütigen Tieren, also auch Fette, anzusehen. In
der landläufigen Ausdrucksweise und im Handel
versteht man hingegen unter Fleisch lediglich
das Muskelgewebe warmblütiger Tiere, insbe-
sondere der gewöhnlichen Schlachttiere, dem
im weiteren Sinne auch dasjenige anderer Tiere
wie Pferde, Wild, Geflügel zugerechnet wird.
Da diese in besonderen Abschnitten behandelt
werden, kommt hier nur das Fleisch im engeren
Sinne in Betracht. Es setzt sich aus den Muskel-
oder Fleischfasern zusammen, hohlen, meist
quergestreiften, bisweilen auch glatten Röhren,
die mit Fleischsaft gefüllt und von Bindegewebe
umgeben sind und entweder weiß, wie beim
Brustfleisch der Hühner, oder infolge der An-
wesenheit von Hämoglobin, dem auch im
Blute enthaltenen Farbstoff, rot erscheinen. Zwi-
schen den einzelnen Muskelfasern, oder den
durch Vereinigung mehrerer Fasern gebildeten
Muskelbündeln, ist je nach dem Ernährungs-
zustände des Tieres mehr oder weniger Fett
abgelagert. In chemischer Hinsicht enthält das
F. neben Fett und dem beim Kochen mit Wasser
in Leim übergehenden Bindegewebe vor allem
Wasser, Mineralstoffe und eine Reihe stickstoff-
haltiger Substanzen. Die letzteren gehören z.T.
zu den Eiweißstoffen, z.T,zu den sog.Fleisch-
basen. Von den etwa 200/0 ausmachenden Stick-
stoffverbindungen gehen bei Behandlung mit
kaltem Wasser ungefähr 4,5% in Lösung, näm-
lich Albumin und Fleischbasen. Der unlösliche
Rest besteht aus dem Myosin und dem Binde-
gewebe. Von den in kaltem Wasser löslichen
Stoffen endlich wird etwa die Hälfte, das Al-
bumin, durch Kochen ausgeschieden, während
die andere Plälfte (Fleischbasen) in Lösung
bleibt. Die letzteren setzen sich hauptsächlich
aus Kreatin neben geringen Mengen Krea-
tinin, Sarkin und Xanthin zusammen. Die
Mineralstoffe sind charakterisiert durch einen
, hohen Gehalt an Phosphorsäure und Kali bei
        <pb n="132" />
        ﻿Fleisch

126

Fliegenpapier

zurücktretendem Natron. Zahlen für die mittlere
Zusammensetzung des F. lassen sich im Hin-
blick auf den schwankenden Fettgehalt nicht
geben. Die folgenden Werte mögen daher nur
als ungefährer Anhalt dienen: Rindfleisch,
mittelfett: 730/0 Wasser, 21 0/0 Stickstoffsub-
stanz, 50/0 Fett, 1 0/0 Mineralstoffe. — Das F.:
bildet im frischen Zustande eins der wert-
vollsten Nahrungsmittel, und der Handel mit
ihm unterliegt daher einer besonders sorgfälti-
gen Überwachung. Durch das Gesetz betr. die
Schlachtvieh- und Fleischbeschau vom 3. Juni
1900 ist der Verkehr mit F. bis ins kleinste ge-
regelt und besonders zum Schutze der Bevölke-
rung gegen das F. krepierter, vergifteter, kran-
ker Tiere, Parasiten wie Trichinen und Finnen
eine amtliche Untersuchung vorgeschrieben. Die
Einfuhr von frischem F. ist nur in ganzen Tier-
körpern oder bei Rindvieh und Schweinen in Hälf-
ten gestattet, wenn Brust- und Bauchfell, Lunge,
Herz, Nieren und gegebenenfalls Euter noch
in natürlichem Zusammenhänge vorhanden sind.
Die Verwendung von Borsäure, Formaldehyd,
Alkali- und Erdalkalihydroxyden und -karbo-
naten, schwefliger Säure, Fluorwasserstoffsäure,
Salizylsäure und chlorsauren Salzen sowie von
Farbstoffen ist verboten. Von Verfälschungen
des frischen Fleisches ist nur die bisweilen ge-
übte künstliche Färbung des gehackten Rind-
fleisches zu erwähnen, durch welche diesem
längere Zeit der täuschende Anschein einer
frischen Beschaffenheit verliehen werden soll.
Tatsächlich läßt sich das F. wirklich frisch nur
auf eine Weise erhalten, indem man es in Eis-
kellern stark abkühlt und hierdurch eine Ent-
wicklung der Mikroorganismen und somit Fäul-
nis verhindert. — Im übrigen muß man, um das
Verderben des F. zu verhindern, Konservierungs-
verfahren anwenden. Die ältesten und verbreitet-
sten sind das Pökeln und das Räuchern. Zu
dem ersteren wird das F. mit Kochsalz unter
Zusatz von etwas Salpeter eingerieben oder
dicht bestreut. Das Salz dringt tief in das Innere
ein, während Fleischsaft austritt. Mit dem Pökeln
ist alsö ein Gewichtsverlust und eine Abnahme
des Nährstoffgehaltes verbunden, noch mehr
mit dem Einlegen in Salzlake. Das Pökelfleisch
zeigt eine sehr gute Haltbarkeit, besitzt aber
einen eigenartigen, für längere Zeit unerträg-
lichen Geschmack und ruft bei ausschließlichem
Genüsse den Skorbut hervor. Das Räuchern
des F. beruht darauf, daß durch die erhöhte
Wärme einte Austrocknung stattfindet und daß
mehrere Bestandteile des Holzrauches, wie Holz-
essig, Phenole und Kreosot direkte Bakterien-
gifte sind. Ein ungenügender Ersatz dieses Kon-
servierungsverfahrens ist die sog. Schnellräuche-
rung, bei welcher man das mit Holzessig be-
strichene F. an der Luft trocknen läßt. Durch
einfaches Trocknen des in Streifen geschnit-
tenen F. an der Sonne oder am Feuer wird be-
sonders in Südamerika das sog, Charque und
ein Fleischpulver P e in m i k a n hergestellt. Schließ-
lich ist noch das Überziehen von F. mit Fett,
Zucker, Gummi und anderen, die Luft ab-
schließenden Substanzen sowie das Sterilisieren
in Blechbüchsen nach dem Verfahren von Ap-
pert zu erwähnen. Derartiges Büchsenfleisch,
welches für die Armeeversorgung eine große

tBedeutung hat, wird in vorzüglicher Beschaffen-
heit von Naumann in Dresden dargestellt. Die
zu den Flcischkonserven gehörende Wurst ist
in einem besonderen Artikel besprochen. — Die
für die Einfuhr frischen F. geltenden gesetz-
lichen Bestimmungen sind bereits angeführt
worden. Die Einfuhr von F. in luftdicht ver-
schlossenen Büchsen, von Würsten und sonstigen
Gemengen aus zerkleinertem F. ist verboten.

Fhischextrakt ist im Grunde nichts anderes,
als eine eingedickte Fleischbrühe. Es wurde
nach dem von Justus v. Liebig vorgeschrie-
benen Verfahren zuerst in Fray Bentos in Uru-
guay hergestellt, um hier den ungeheuren Reich-
tum der südamerikanischen Ebenen an Rindern,
die bis dahin nur wegen ihrer Häute geschlachtet
worden waren, besser auszunutzen. Die Her-
stellung besteht, von Einzelheiten abgesehen,
darin, daß man das reine, von Fett, Sehnen und
Häuten befreite Fleisch fein hackt, darauf mit
der gleichen Menge kaltem Wasser ansetzt und
schließlich bis auf 75—8o° erhitzt. Hierbeigehen
hauptsächlich die Fleischbasen, die Salze und
das Albumin in Lösung, das letztere gerinnt
aber beim Kochen und wird abfiltriert. Die
durch Eindampfen im Vakuum bis zur Extrakt-
konsistenz erhaltene Substanz ist also im •we-
sentlichen als ein Gemenge der Fleischbasen,
Kreatin, Kreatinin, Sarkin, Xanthin, Karnin und
Karnosin mit Jnosinsäure, Fleischm.lchsäure und
Mineralstoffen anzusprechen. Der Gehalt an
Wasser beträgt ungefähr 18 0/0, der Aschengehalt
21 0/0, der Rest besteht aus Stickstoffverbindun-
gen. Bei dem völligen Fehlen von Fett und Ei-
weiß ist der Nährwert des F. nahezu gleich Null
zu setzen. Es übt aber eine außerordentlich an-
regende Wirkung auf den Organismus aus und
ist daher als ein Genußmittel von hervorragen-
der Bedeutung anzusprechen. Die übrigen in
den Handel gebrachten F. von Kemmerich
und Buschenthal zeigen keine wesentlichen
Verschiedenheiten. Der sog. flüssige Fleisch-
extrakt von Cibil enthält 65—660/0 Wasser
und erhebliche Mengen Kochsalz. Verfälschun-
gen von F. sind nicht beobachtet worden. F.
dient zur Herstellung von Fleischbrühe (Bouil-
lontafeln) und als Zusatz zu Speisen sowie als
Anregungs- und Kräftigungsmittel. Die zahl-
reichen während des Krieges aufgetauchten Er-
satzmittel sind zum größten Teile durch Be-
handlung (Hydrolyse) von eiweißhaltigen Roh-
stoffen mit Salzsäure und folgende Neutralisa-
tionen mit Natriumkarbonat hergestellt worden
und enthalten daher neben erheblichen Mengen
Kochsalz als charakteristische Bestandteile Ab-
bauprodukte des Eiweißes, besonders Amino-
säuren, die ihnen einen fleischextraktähnlichen
Geschmack verleihen. Als Ausgangsmaterialieh
kommen besonders Hefe, Knochen, Mager-
milch oder Molken in Betracht.

FIDgenpapier (lat. Charta muscarum, frz. Pa-
pier 1 ue-mouches, engl. Fly-Paper), Unter die-
ser Bezeichnung kommen Löschpapiere in den
Handel, die mit verschiedenen Stoffen getränkt
sind und nach erfolgter Anfeuchtung den Fliegen
tödlich werden. Das mit Kalium arsenicicum
unter Zusatz von Quassienhoizabkochung ge-
tränkte giftige F. darf nur von Apothekern und
denjenigen Drogisten. verkauft werden, welche
        <pb n="133" />
        ﻿Flittergold	127	Fluorwässerstoffsäure

die Genehmigung zum Verkauf von Giften der
Abt. I haben, doch muß bei .der Abgabe ein
Giftschein ausgestellt werden. Außerdem stellt
man noch ein giftfreies F. dar, welches ledig-
lich mit einer Abkochung von Quassienholz,
Fliegenholz, getränkt ist, und schließlich kommt
als Füegenpapier auch noch mit Fliegenleim be-
strichenes Schreibpapier in den Handel.

Flittergold (Rauschgold, Knittergold), zur
Verzierung von Christbäumen und sonstigem
billigen Ausputz, besteht aus Messing, das zwi-
schen Leder zu der Stärke dünnen Papiers aus-
gehämmert und in Tafeltt von verschiedenen
Größen und Stärken paketweise in den Handel
gebracht wird. Der Hauptherstellungsort ist von
alten Zeiten her Nürnberg.

Flohsamen (lat. Semen psyllii, frz. Graines de
psillium, Semence aux Puces, engl. Flea seed),
ein wenig bedeutender Artikel des Drogenhan-
dels, besteht aus den glänzend dunkelbraunen,
fast wie Flöhe aussehenden Samen einer ein-
jährigen, an sandigen Meeresküsten wachsenden
Wegerichart, Plantago Psyllium, und wird
aus Frankreich, Persien und Ostindien zu uns
eingeführt. Der in Südfrankreich durch Anbau
gewonnene Samen soll von einer verwandten
Art, PI. cynops, der im deutschen Handel sel-
tener unzutreffende Samen aus Ostdeutschland,
Österreich und der Schweiz von PI. arenaria
stammen. F. enthält als wichtigsten Bestandteil
15% Schleim, der beim Ausziehen mit sieden-
dem Wasser die 200 fache Menge in eine Gal-
lerte von der Festigkeit des Eiweißes ver-
wandelt. Der grünliche Schleim ähnelt in seiner
Beschaffenheit dem arabischen Gummi und fin-
det als einhüliendes Mittel beschränkte medi-
zinische Verwendung, wird aber hauptsächlich
in der Technik, in der Kattundruckerei und Fär-
berei, zum Appretieren seidener Zeuge, zum
Glänzen von Leder, Steifen von Wäsche, Hüten
usw. benutzt.

Flores, Blüten, bilden einen wichtigen Ar-
tikel in den Drogenkatalogen, hauptsächlich Flo-
res arnicae, Arnika-; Fl. aurantiorum, Orange-
blüten; Fl. cassiae, Zimtblüten; Fl. chamomillae,
Kamillenblüten; Fl. rhoeados, Klatschroscn-
blüten; Fl. rosarum, Rosenblätter; Fl. sambuci,
Holunder-; Fl. tiliae, Lindenblüten; Fl. verbasci,
Königskerzenblüten usw. Auch einige Chemi-
kalien führten nach dem Sprachgebrauche der
Hten Chemie die Bezeichnung Flores und wer-
den zuweilen auch jetzt noch so genannt, z. B.
Fl- benzoes, Benzoeblumcn oder Benzoesäure;
Fl-salis ammoniaci, Salmiak; Fl. sulfuris, Schwe-
’elblumen; Fl. zinci, Zinkblumen oder Zink-
°Xyd.

Florizin, ein gelbbraunes, dickflüssiges Öl, das
durch Erhitzen von Rizinusöl auf 3000 herge-
®lellt wird, hat die Eigenschaft, sich mit Mineral-
öl zu mischen und findet daher wegen seiner
Kältebeständigkeit und hohen Konsistenz zur
Herstellung von Schmiermitteln Anwendung.

Florizithin-Tabletten Dr. Lücks gegen sexu-
elle Nervosität sollen nach dem Erfinder Muir-
•jzithin (s. d.) enthalten, bestehen aber nach
“eythien aus Kakao, Zimt, Süßholz, Lezithin
und Yohimbe-Rinde.

Fluate (Kesslersche Fluate), Salze der
Kieseifluorwasserstoffsäure, die in wäßriger Lö-

sung zum Anstrich von Wasserbassins aus Kalk
oder Zement dienen und sehr widerstandsfähige
Überzüge liefern.

Flundern (Fluken, frz. Flcz, Flets, engl.
Flounders) bilden die wichtigste Gruppe der
Plattfische oder Schollen, die sich alle durch
eine scheiben.örmig plattgedrückte verschobene
Körperbildung, verzogenes Maul und auf eine
Seite herübergerücktes Augenpaar auszeichnen.
In der Nordsee sollen mindestens 16, in der
Ostsee 13 Arten solcher Plattfische leben, deren
Unterscheidung und wissenschaftliche wie Volks-
namen ziemlich schwankend und unklar sind.
Die besseren F. sind bekannt als Steinbutten,
Meeräschen, Platteisen und kommen frisch
in Eispackung auf unsere Märkte. Die ge-
räuchert in den Handel gebrachten Flundern
(Platessa flesus) sind die einzigen der Art,
die auch in die Flüsse hinaufgehen,

Fluoreszein, die Muttersubstanz für eine große
Zahl prächtiger Teerfarbstoffe, wird durch
Erhitzen von zwei Teilen Phtalsäureanhydrid
mit sieben Teilen Resorzin und Umkristallisieren
der Schmelze aus Alkohol als ein feinkristallini-
sches, dunkelrotes Pulver erhalten, das in Wasser
unlöslich, mit Alkohol und Äther gelbrote, grün
fluoreszierende Lösungen liefert. Am stärksten
zeigt sich die Fluoreszenz bei alkalischen Flüs-
sigkeiten, deren Färbevermögen so intensiv ist,
daß man sie mit Erfolg zum Nachweise des
unterirdischen Zusammenhanges von Strom-
läufen (Donau) benutzt hat. Das F, findet in
Form seines Natriumsalzes als Uranin (s. d.)
und seiner Benzylverbindung als Chrysolin
(s. d.) zum direkten Färben ungeheizter Wolle
und Seide beschränkte Anwendung. Seine
außerordentliche Bedeutung für die Industrie
beruht aber in dem Umstande, daß es das Aus-
gangsmaterial für die Fabrikation des Eosins
bildet.

Fluorwasserstoffsäure (Flußsäure, lat. Aci-
dum hydrofluoricum, frz. Acide fluorhydrique,
engl. Fluoric acid), die Verbindung der gasför-
migen Elemente Fluor und Wasserstoff, HF, wird
durch Erhitzen von Flußspat mit konzentrierter
Schwefelsäure in Platin- oder Bleiretorten dar-
gestellt und in etwas Wasser enthaltenden Blei-
oder Guttaperchavorlagen aufgefangen. Durch
nochmaliges Destillieren mit Schwefelsäure und
Einleiten der Dämpfe in eine Bleivorlage, in
der eine etwas Wasser enthaltende Platinschale
steht, erhält man die Säure chemisch rein. Sie
bildet in wasserfreiem Zustande eine bei 19,5°
siedende, leicht bewegliche, an der Luft stark
rauchende Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,988, die
auf der Haut Ätzwirkungen, Blasen und schwer
heilende Geschwüre hervorruft und eingeatmet
tödlich wirkt. Auch die konzentrierten wäßrigen
Lösungen besitzen die gleichen gefährlichen
Eigenschaften, die größte Vorsicht beim Ar-
beiten mit F. geboten erscheinen lassen. Die
Säure wirkt auf die meisten organischen und
anorganischen Stoffe mit größter Heftigkeit ein,
löst selbst Kieselsäure und alle Silikate und kann
daher nicht in Glasgefäßen, sondern nur in
Flaschen aus Platin, Kautschuk oder Guttapercha
aufbewahrt werden. Wegen ihrer Eigenschaft,
Silikate zu zerlegen, wird die F. in großem
Maße zum Ätzen von Glas technisch verwertet.
        <pb n="134" />
        ﻿Flußspat

128

Formaldehyd

wozu man entweder die flüssige Säure oder
einen Brei aus Flußspat und Schwefelsäure auf
die zu ätzende Fläche aufträgt oder letztere den
Dämpfen der Säure aussetzt. Soweit die Glas-
gegenstände nicht durch einen Deckfirnis oder
Paraffinüberzug geschützt sind, zeigen sie in-
folge der Ausscheidung von Salzen der Kiesel-
fluorwasserstoffsäure mattgeätzte Stellen (Zeich-
nungen, Inschriften, Thermometerskalen). Im
Laboratorium benutzt man die F. zur Auf-
schließung der Silikate, wobei die gesamte
Kieselsäure als Siliziumfluorid ausgetrieben wird,
während die Basen, hauptsächlich die Alkalien,
Zurückbleiben. — Beim Einleiten des Silizium-
fluorids, SiF4, in Wasser entsteht unter Ab-
scheidung gallertartiger Kieselsäure eine Lösung
von Kieselfluorwasserstoffsäure (s. d,),
H2SiF6, die in der Zeugdruckerei als Ätzbeize
an Stelle von Weinsäure und beim Weißsieden
(Verzinnen) von Messingwaren, wie Stecknadeln,
Kleiderhaken usw. als Ersatz für Weinsäure be-
nutzt wird.

Flußspat (Fluorit, frz. Spath-fluor, engl;
Fluor-spar), ein meist auf Erzgängen und in
Drusenräumen vorkommendes, aus Fluorkal-
zium bestehendes Mineral, findet sich teils dicht
Und derb, in weißen oder grauen Massen, teils
in oft ziemlich großen Kristallwürfeln, die durch-
sichtig wie Glas, farblos, oder verschieden ge-
färbt sein können und im auffallenden Lichte
oft eine andere Farbe als im durchfallenden
Lichte zeigen (Fluoreszenz). Die blauen und
violetten Flußspate werden bisweilen als Halb-
edelsteine, die weniger schönen zur Darstellung
von Flußsäure sowie als Flußmittel beim
Ausschmelzen von Metallen aus ihren Erzen be-
nutzt. Von der Eigenschaft, sehr leicht schmelz-
bare Schlacken zu liefern, leiten sich die Namen
'des Minerals ab. Es stammt hauptsächlich aus
dem Erzgebirge und dem Harze, England und
Norwegen. — Zu vergl, Edelsteine.

Folia ist die lateinische, im Drogenhandel ge-
bräuchliche Benennung für Blätter, die, mit Aus-
nahme der Kirschlorbeerblätter, nur im ge-
trockneten Zustande in den Handel kommen.
Die wichtigsten sind: Folia aconiti, Eisenhut-
blätter; F. althäeae, Eibischblätter; F. boldo,
Boldoblätter; F. bucco, Buccoblätter; F. coca,
Kokablätter; F. digitalis, Fingerhutblätter; F.
farfarae, Huflattichblätter; F. hyoscyami, Bilsen-
krautblätter; F. lauri, Lorbeerblätter; F. lauro-
cerasi, Kirschlorbeerblätter; F. nicotianae, Ta-
bakblätter; F. salviae, Salbeiblätter; F. toxi-
codendri, Giftsumachblätter; F. uvae ursi, Bären-
traubenblätter usw.

Foral, ein Enthaarungsmittel, besteht aus einem
Gemisch von je 150/0 Strontiumsulfid, Stron-
tiumsulfat und Kalziumkarbonat mit 45 0/0 Wei-
zenstärke und geringen Mengen Soda und Zink-
oxyd. Der Anwendung des durch seinen Ge-
halt an Schwefelstrontium wirksamen Präpa-
rates steht der unangenehme Geruch nach
Schwefelwasserstoff entgegen.

Force, ein als Universalnahrung auf den Markt
geworfenes amerikanisches Reklameprodukt,
besaß das Aussehen von Haferflocken und die
Zusammensetzung und den Geschmack altbacke-
nen Zwiebacks. Größere Verbreitung scheint
es nicht gefunden zu haben.

Forelle (frz. Truites, engl. Trouts). Die Fo-
rellen sind dem Lachs (s. d.) nahe verwandte
Knochenfische aus der Familie der Salmo-
nidae, die sich durch schöne Färbungen und
ein vorzüglich schmeckendes nahrhaftes Fleisch
auszeichnen. Die Anordnung der Flossen stimmt
mit derjenigen des Lachses völlig überein, doch
ist der Körper weniger schlank, sondern eher
etwas plump und gedrungen gebaut. Von den
zahlreichen Arten seien angeführt: 1. Die Bach-
forelle (Salmo fario) lebt am liebsten in kla-
ren Gebirgswässern und Waldbächen von nied-
riger, nicht sehr wechselnder Temperatur,
kommt aber auch in größeren Flüssen vor und
kann sogar in Teichen künstlich gezüchtet wer-
den. Je nach der Färbe des Gewässers wechselt
das Aussehen der Fische zwischen silberglän-
zend (in hellen Bächen) und braunschwarz (in
Waldbächen mit moorigem Grunde). Der ganze
Körper, auch die Flossen, sind mit augenförmi-
gen schwarzen und roten Tüpfeln verziert. Die
F., die in größeren Flüssen bis zu 1 m lang
werden kann, in kleinen Bächen aber meist nur
20 cm erreicht und unter 18 cm überhaupt nicht
gefangen werden soll, wird als Delikatesse ge-
schätzt und meist hoch bezahlt. Die beständig
an Ausdehnung gewinnende künstliche Züch-
tung in Teichen oder durch Aussetzen künstlich
befruchteter Eier in Bäche muß aber mit der
Zeit ein Sinken der Preise bewirken. Von Fein-
schmeckern wird das derbe Fleisch der Wild-
forellen demjenigen der gezüchteten vorgezogen.
Die Versendung erfolgt lebend oder geschlachtet
zwischen grüne Blätter verpackt. 2. Die Rot-
forelle, auch Saibling, Ritter, Salbing,
Röteli, Schwarzrötel genannt (Salmo sal-
velinus) ist ein aus Amerika eingeführter Be-
wohner der schottischen, skandinavischen und
schweizerischen Seen, der bis zu 5 kg schwer
wird, im übrigen aber der vorigen ähnelt. Als
Kennzeichen dient ein weißer Saum am vorde-
ren Rande der Brust-, Bauch- und Afterflosse.
3. Die Regenbogenforelle (Salmo irideus) ist
durch einen rötlichen Streifen gekennzeichnet,
der längs der Seitenlinie vom Kopfe bis zum
Schwänze verläuft. Sie wird wie die vorgenann-
ten wegen ihres vortrefflichen Fleisches ge-
schätzt, ist aber weniger empfindlich und noch
leichter zu züchten als diese. See- und Meer-
forelle sind unter „Lachs“ besprochen worden
Foulards (Fulas, frz, und engl. Foulards)
nannte man ursprünglich ostindische, buntge-
druckte seidene Hals- und Taschentücher. Jetzt
bezeichnet der Name Kleiderstoffe aus unge-
zwirnter Rohseide mit florettseidenem Schuß
oder auch ganz Seide gewebt, die in ver-
schiedenen Druckmustern, aber auch streifig,
kariert, einfarbig in französischen, englischen
und deutschen Seidenfabriken hergestellt werden-
Formaldehyd (Ameisenaldehyd), ein von
A. W. Flofmann im Jahre 1867 entdecktes,
stechend riechendes Gas, FI. CHO, hat in Form
seiner wäßrigen Lösung als Formalin (Formel,
Methylaldehyd, lat. Formaldehydum solutum.
frz. Formaline, Forrnaldühyde, engl. Formal-
dehyd) große technische Bedeutung erlangt
Zur Darstellung im großen wird ein trockener
Luftstrom durch Methylalkohol von 50 o/0 ge-
saugt, und das Gemenge von Methylalkohol-
        <pb n="135" />
        ﻿Formamintpastillen

129

Fruchtessenzen

-dampf und Luft über glühende Kupferspiralen
geleitet. Das in abgekühlten Vorlagen gesam-
melte Destillat besteht aus einer wäßrigen, 30 bis
4oo/0igen Formaldehydlösung, die durch Destil-
lation von dem in geringer Menge mit über-
.gegangenen Methylalkohol befreit wird und eine
farblose, stechend riechende Flüssigkeit vom
spez. Gew. 1,079—1,081 bildet. F. reduziert
-ammoniakalische Silbernitratlösung unter Bil-
dung eines Spiegels, hinterläßt beim Verdamp-
fen eine weiße Masse, Paraformaldehyd
(CH20)n, die beim Austrocknen in Trioxy-
methylen, (CPI20)3, übergeht und bei Ein-
wirkung von Ammoniak Hexamethylen-
tetramin (Urotropin) (s. d.) bildet. Reines
Formalin soll beim Erhitzen vollständig flüchtig
sein und darf weder Metalle, Chloride und Sul-
fate, noch größere Mengen von Ameisensäure
(höchstens 0,250/0) enthalten. Es ist ein starkes
Protoplasmagift und wirkt infolgedessen höchst
desinfizierend und konservierend. In der Medi-
zin findet F. als Antiseptikum in 1j%0-—10/oiger
Lösung Anwendung. Seiner Anwendung zur
Haltbarmachung von Nahrungsmitteln stehen
die gesetzlichen Vorschriften entgegen, hingegen
wird es in der Technik schon länge zur Kon-
servierung von Rohstoffen (der Gerbereien, Ab-
deckereien usw.) sowie von organischen Lösun-
gen (Gummi, Leim, Stärkelösungen) benutzt.
Auch findet F. Verwendung in der Elektro-
technik, Gummiwarenindustrie, Photographie,
Lederfabrikation (zum Härten der Häute), Glas-
industrie usf. Die Landwirtschaft benötigt ihn
zur Bekämpfung der Getreidekrankheiten so-
wie der Maul- und Klauenseuche der Tiere. Im
Gärungsgewerbc dient er zum Reinigen von
Kellereien. Weiter wird F. benutzt zum Härten
anatomischer Präparate und zum Einbalsamie-
fen von Leichen, Bekannt ist auch seine An-
wendung als Mittel gegen zu reichliche Schweiß-
absonderung und zur Raumdesinfektion. Vor
anderen Desinfektionsmitteln hat er den Vorzug,
daß er sich als Gas im ganzen Raum gleich-
mäßig verteilt und Zimmer samt Inhalt des-
’nfiziert, ohne auf Gegenstände schädigend ein-
zuwirken und unangenehmen Geruch zu hinter-
(assen. Die Aufbewahrung des Formalins hat
ln gut verschlossenen Gefäßen, vor Licht ge-
schützt und in Räumen mittlerer Temperatur zu
erfolgen. Wegen der heftigen Einwirkung auf
fLe Schleimhäute ist beim Riechen an F-Lö-
sungen Vorsicht zu beobachten.

Formamintpastillen mit je 0,01 g Formal-
~ chyd, der aber infolge einer eigenartigen
Ackeren Bindung weder geschmacklich noch
re'zend hervortritt, bilden ein vortreffliches,
uueh vorbeugend wirkendes Mittel gegen Schnup-
fen und Katarrhe,

Forman, ein Desinfektionsmittel der Lingner-
^erke in Dresden, wird durch Einleilen von
^alzsäuregas in ein Gemisch von Menthol und
torrnaldehyd hergestellt und ist demnach als
'-hlormethylmenthyläthcr, C^H^O . O . CI-I2, an-
^sprechen. Die farblose Flüssigkeit dient zur
Herstellung von Pastillen und Formanwatte,
aie gegen Schnupfen und Katarrhe angewandt
Werden.

Formpuder für Metallgießerei besteht ent-
veder aus Lykopodium oder aus Kalkpulver,

Mercks Warenlexikon.

das bisweilen noch mit Mineralöl oder Paraffin
imprägniert und mit Kalk vermischt ist.

Franzbranntwein (lat. Spiritus Vini Gallici,
frz. Esprit de Vin, engl. Wirte spirit), in der
ursprünglichen Bedeutung des Wortes ein
durch Destillation billiger Weine oder Wein-
rückstände erhaltener Branntwein, bildet eine
gelblichbraune Flüssigkeit von aromatischem
Geruch und Geschmack mit einem Alkohol-
gehalt von etwa 40—50 Gewichtsprozenten. Kr
wird jetzt vielfach künstlich durch Mischen von
Kognakessenz mit Spiritus, zuweilen auch unter
Zusatz von Kochsalz hergestellt und zu Ein-
reibungen und gegen Haarausfall angewandt.

Frauenhaar (lat. Herba capillorum veneris,
frz. Capillaire de Montpellier, engl. Maiden-
Hair) heißt seiner glänzend schwarzbraunen,
haarförmigen Stiele wegen ein im südlichen
Europa und Süddeutschland an Felsen und
feuchten Mauern wachsendes feingefiedertes
Farnkraut, Adiantum Capillus Veneris,
das früher als ein wichtiges Arzneimittel galt
Das Kraut hat einen süßlichen und zusammen-
ziehend bitterlichen Geschmack und dient als
Brusttee, besonders aber zur Bereitung des
früher offizineilen Sirupus Capillorum ve-
neris, der in Frankreich unter dem Namen
Sirop capillaire als Zusatz zu Zuckerwasser sehr
beliebt ist, aber gewöhnlich nachgemacht wird.

Fruchtäther (frz. Ethers de fruits, engl. Fruit
essences) nennt man eine Reihe flüchtiger che-
mischer Verbindungen, welche den Geruch ver-
schiedener Obstsorten mehr oder weniger täu-
schend wiedergeben und in chemischer Hinsicht
als zusammengesetzte Ester organischer Säuren
mit Alkoholen anzusprechen sind. Sie werden
durch Destillation der entsprechenden Säuren
und Alkohole unter Zusatz von konz. Schwefel-
säure in besonderen Fabriken dargestellt und
für sich allein oder als Gemische in denVerkehr
gebracht. Die bekanntesten sind die Amyl-
ester der Essigsäure, Valeriansäure, Buttersäure
und Ameisensäure, ferner die Äthylester der
Essigsäure, Buttersäure, Valeriansäure, Ameisen-
säure, Benzoesäure, Önanthsäure sowie in ge-
ringerem Maße die Menthylester der Essigsäure
und Salizylsäure. Von den gangbarsten Ge-
mischen seien erwähnt der Ananasäther (But-
tersäureäthyl- und -amylester), Äpfeläther
(Essigester und Valeriansäureamylester), Apri-
kosenäther (Buttersäure- und Valeriansäure-
äthylester), Birnenäther (Essigsäureäthyl- und
-amylester), Himbeeräther usf. Bisweilen sollen
sie auch Zusätze von Salpeteräther, Amyl-
alkohol und Chloroform erhalten, die aber aus
gesundheitlichen Rücksichten zu verwerfen sind.
Die F. finden ausgedehnte Anwendung zur Fa-
brikation von Likören, Konditoreiwaren, Frucht-
eis, Fruchtgelees und Brauselimonaden, wer-
den aber bei letzteren neuerdings meist durch
die sog. Fruchtessenzen (s. d.) ersetzt.

Fruchtessenzen sind alkoholische Auflösungen
der natürlichen Riechstoffe aromatischer Pfian-
zenteile, die entweder durch Extraktion oder
durch Destillation mit Spiritus gewonnen wer-
den. Sie dienen als Ersatz der Fruchtäther, be-
sonders bei der Herstellung künstlicher Brause-
limonaden.

9
        <pb n="136" />
        ﻿

“——

L





m





Fruchtsäfte

130

Futtermittel



Fruchtsäfte (frz. Jus de fruits, engl. Fruit
Juices) nennt man die in den Zellen der Früchte
enthaltenen Flüssigkeiten, die durch Auspressen
der frischen Früchte, bisweilen nach vorhergehen-
der Gärung, gewonnen werden. Sie führen auch
die Bezeichnung Muttersaft, während die beim
nochmaligen Auspressen der mit Wasser ange-
rührten Rückstände ablaufen.de verdünnte Lösung
als Nachpresse bezeichnet wird. Mischungen
von Muttersaft und Nachpresse sind in deut-
licher Weise zu kennzeichnen. Die F. enthalten
die löslichen Bestandteile der Früchte, denen sie
entstammen; Zucker, organische Säuren, Aroma-,
Färb- und Mineralstoffe sowie in zurücktreten-
der Menge Pektin und Eiweiß. Im Hinblick auf
ihre geringe Haltbarkeit werden sie entweder,
wie der Zitronensaft, sterilisiert oder mit Zucker
versetzt und als sog. Fruchtsirupe, fälschlich
bisweilen ebenfalls F. genannt, in den Verkehr
, gebracht. Die F. sind manchen Verfälschungen
durch Zusatz von Nachpresse, Teerfarbe, Kon-
servierungsmitteln und Stärkesirup ausgesetzt,
ja es kommen sogar völlige Kunstprodukte aus
künstlich gefärbtem und parfümiertem Zucker-
sirup in den Handel. Nähere Angaben hierüber
finden sich in den besonderen Artikeln über ihre
wichtigsten Vertreter: Himbeersaft, Kirsch-
saft und Zitronensaft. Der Brombeersaft
besitzt nur geringe Bedeutung. Der Erdbeer-
saft wird meist nur als Sirup hergestellt, in-
dem man die unzerkleinerten Beeren mit Zucker
vermischt und die Masse nach der freiwillig ein-
tretenden Verflüssigung auspreßt.

Fruil, ein alkoholfreies Getränk, das durch
Imprägnieren von Dörrobstauszügen mit Koh-
lensäure hergestellt wird.	'

Fuchsin (Anilinrot, frz. Rouge d’aniline,
engl. Aniline red), einer der wichtigsten Teer-
farbstoffe der Triphenylmethanreihe, wird im
großen aus dem rohen Anilinöl (s. d.), dem sog.
Rotöl, dargestellt, indem man dasselbe teilweise
mit Salzsäure neutralisiert, mit Nitrobenzol und
-toluol sowie etwas Eüenpu ver vermischt und
auf 190° erhitzt. Die metallisch glänzende
Schmelze wird mit siedendem Wasser behandelt
und die erhaltene Lösung des F, mit Kochsalz
ausgefällt. Nach neueren Verfahren wird F. auch
durch Behandlung von Anilin mit Formaldehyd
oder auf elektrolytischem Wege hergestellt, hin-
gegen ist das früher übliche Verfahren der
Oxydation mit Arsensäure jetzt nahezu völlig
aufgegeben. F., in chemischer Hinsicht ein Ge-
misch von salzsaurem Rosanilin und Pararos-
anilin, bildet, aus Wasser umkristallisiert, dun-
kelgrüne, metallisch glänzende Kristalle, welche
sich in Alkohol, Amylalkohol und Wasser mit
roter Farbe lösen. In Äther unlöslich, wird es
durch Alkalien sowie Reduktionsmittel entfärbt.
F., welches früher auch als Magentarot, Sol-
ferinorot, Rubin, Tirolin usw. verkauft
wurde, dient zum Färben von Geweben, Leder,
Nahrungsmitteln, und muß für letzteren Zweck
völlig arsenfrei sein. Auch bildet es das Aus-
gangsmaterial für die Darstellung von Anilin-
blau. Neben dem salzsauren Rosanilin findet
sich auch das in gleicher Weise hergestellte
essigsaure (Rosein) und salpetersaure Salz
(Azalein) im Llandel. Durch Behandlung des
F. mit rauchender Schwefelsäure entsteht die

Sulfosäure, das sog. Säurefuchsin (Fuch-
sin S, Acid Magenta, Säurerubin, Ru-
bin S), welches den Vorzug hat, auch im sauren
Bade Wolle und Seide zu färben, aber weniger
ausgiebig und lichtecht ist.

Fukcl, mit Sesamöl aus Algen hergestellter,
angeblich jodhaltiger Auszug, der an Stelle von
Lebertran angepriesen wird, aber keinerlei Vor-
züge vor letzterem aufweist.

Furfurol, eine farblose Flüssigkeit von cha-
rakteristischem Geruch, welche durch Destilla-
tion von Kleie mit Säuren gewonnen wird und
sich auch in verschiedenen alkoholischen Destil-
laten, wie Kognak, Rum usw., vorfindet, hat
neuerdings eine gewisse Bedeutung für den
Nachweis von Margarine (s. d.) erlangt, weil es
mit Sesamöl und rauchender Salzsäure eine in-
tensiv rote Farbe annimmt.

Fuselöl, Amylalkohol, Amyloxydhydrat
(lat. Alcohol amylicus, frz. AIcool amylique, engl.
Fusel oil). Bei der Gärung zuckerhaltiger Flüssig-
keiten entstehen neben Alkohol immer auch kleine
Mengen von Nebenprodukten, die, obschon we-
niger flüchtig als der Alkohol, doch bei der
Destillation mit übergehen und dem Spiritus ent-
weder gern gesehene oder mißliebige Eigen-
schaften, je nachdem sie einen guten oder schlech-
ten Geruch und Geschmack haben, verleihen. Je
nach den Stoffen, aus denen Branntwein destilliert
wird, besitzen die F. verschiedene Zusammen-
setzung, und darum hat auch von den ver-
schiedenen Branntweinarten — Rum, Kognak,
Korn-, fcartoffelbranntwein usw. -— eine jede
ihren besonderen charakteristischen Geruch. Am
widrigsten ist das Fuselöl des Kartoffelschnapses,
das hauptsächlich unreinen Amylalkohol dar-
stellt, weniger unangenehm das Getreidefuselöl,
da es neben Amylalkohol noch Propylalkohol
enthält. Der Weinbranntwein oder Kognak hat
ein noch feineres F. aus Önanthäther und anderen
fein riechenden flüssigen S,offen. In Deutsch-
land, wo der Spiritus fast lediglich aus Kar-
toffeln gebrannt wird, gewinnt man nur das der
gärenden Kartoffelmaische entstammende Fusel-
öl, während Getreidefuselöl zur Aromatisierung
von Kartoffelschnaps meist aus englischen und
schottischen Brennereien bezogen wird. Bei der
gewaltigen Menge von Kartoffelsprit, die Deutsch-
land erzeugt, fallen ganz beträchtliche Massen
des unerwünschten Fusels ab. Beim Raffinieren
des Rohspiritus bleibt das F. zum größten Teil
in den Rcktifikationsapparaten zurück, schwimmt
als ölige Schicht auf den wässerigen Rückstän-
den und wird abgeschöpft, bevor man diese
weglaufen läßt. Vgl. „Amylalkohol“.

Fußbodenöle nennt man die zur Bekämpfung
der Staubplage angepriesenen Präparate, welche
auf die Dielen aufgetragen werden sollen und
meist aus gewöhnlichen Schmierölen (Rück-
ständen der Petroleumdestillation), bisweilen
unter Zusatz geringer Mengen Leinöl, bestehen-
Nachdem die Zusammensetzung dieser Mittel
öffentlich bekannt gegeben worden ist, sind
die anfangs unverhältpismäßig hohen Preise be-
trächtlich zurückgegangen.

Futtermittel nennt man die zur Ernährung des
Nutzviehes geeigneten und gebrauchten Stoffe,
wie sie zum Teil von der Landwirtschaft selbst
gewonnen, zum Teil als Abfälle gewisser In-
        <pb n="137" />
        ﻿Futtermittel

131

Galläpfel

dustrien in den Handel gebracht werden. Zu
den ersteren gehören besonders das Grün-
futter (Gras, Klee, Kohlblätter), das Rauh-
futter (Heu, Stroh), das Wurzelfutter (Kar-
toffeln, Rüben) und das Körnerfutter (Ge-
treide, Hülsenfrüchte), zu denen meist noch die
Müllereiabfälle, wie Kleie und Futtermehle, hin-
zugerechnet werden. Zu den letzteren gehören
die Rückstände der Ölfabrikation, die Ölkuchen
von Baumwollsamen, Erdnüssen, Sesam, Kokos,
Palmkemcn, Lein, Raps, Sonnenblumen, Mohn
und Hanf, ferner Abfälle der Stärkefabrikation
(Pülpe), der Zuckerfabrikation (Rübenschnit-
zel, Zuckerschnitzel, Melasse, der Gä-
rungsindustrie (Malzkeime, Biertreber,
Brennereitreber) und in geringerem Umfange

auch tierische Abfälle wie Tierkörpermehl,
Fischfuttermehl, Blutmehl. Abgesehen von
dem zsllulosereichen Rauhfutter und den stick-
stoffannen Abfällen der Stärkefabr.kation faßt
man die trockenen Stoffe wohl auch unter der
Bezeichnung konzentrierte oder Kraft f utt er-
mittel zusammen. Der Nährwert wird durch
den Gehalt an Protein, Fett und Kohlenhydraten
bedingt und beim Verkauf in der Regel durch
eine beigefügte Analyse gewährleistet. Die Fut-
termittel, besonders die Kraftfuttefmittel, bilden
einen wichtigen Gegenstand des Handels. Der
Einfuhrüberschuß belief sich im Jahre 1912 auf
4,4 Millionen Tonnen. Einzelne wichtigere Fut-
termittel sind in besonderen Abschnitten be-
handelt.

G.

Gänsefett. Dieses sehr weiche, blaßgelbliche
und durchscheinende Fett besitzt ein spez. Gew.
von 0,927, schmilzt bei 32-—340 und erstarrt bei
18—2o°. Es findet als feineres Speisefett An-
wendung, wird aber vielfach mit Schweine-
schmalz vermischt.

Gagat (Jet, schwarzer Bernstein) nennt
man eine in Südfrankreich und Asturien verkom-
mende besondere Art fast schwarzer, dichter
Braunkohle mit muschligem Bruche, die sich
gut bearbeiten läßt und eine hübsche Politur an-
nimmt. Man fertigt daraus mancherlei Schmuck-
gegenstände, ersetzt es jetzt aber vielfach durch
schwarzes Glas oder Ebonit (Hartgummi).

Galalith wird durch Behandlung von getrock-
netem Kasein mit Formaldehyd, teilweise auch
unter Zusatz von Farbstoffen, hergesteilt und
korrynt als durchscheinende oder auch marmo-
r'erte elastische Masse in den Handel, die als Er-
satz für Horn, Knochen, Zelluloid ausgedehnte
Anwendung findet. Es läßt sich wie die ge-
nannten Stoffe leicht bearbeiten, zeigt gegen
Feuchtigkeit und andere Einflüsse ziemliche
Widerstandsfähigkeit und soll besonders für
Kämme, Knöpfe und Klaviertasten sehr geeignet
sein.

Galbanharz (Mutterharz, lat. Gummi seu
Kesina galbanum, frz. Gomme, Resine galban,
er&gt;gl. Gum galban), der eingetrocknete Milchsaft
gewisser Ferulaarten, z. B. von Ferula gal-
naniflua, F. rubricaulis, Ferula erubes-
cens, verbreiteter Doldenpflanzen Persiens und
der Gegend östlich vom Aralsee, kommt über
die levantischen Hafenplätze aus Syrien, Persien,
Arabien, zum Teil auch aus Ostindien und über
Kußland in den Handel. Es bildet, wie die
leisten ähnlichen Drogen, zwei Sorten, in Trä-
ten oder Körnern und in Massen oder Kuchen,
erstere in helleren, weißen oder gelblichen,
durchscheinenden, wachsglänzenden, erbsen- bis
dußgroßen Körnern, letztere in dunkleren, bräun-
liehen oder grünlichen, von hellen Körnern
durchsetzten Klumpen. Die Substanz ist ziem-
hch weich und klebrig, nur in der Kälte pulveri-
fjerbar und enthält etwa 6o°/o in Weingeist
^sliches Harz, 20% Gummi und 10—22 % athe-
nsches öl (Galbanöl, Oleum galbani), von

dem es seinen durchdringenden aromatischen
Geruch hat. Der Geschmack ist bitterlich, aber
nicht scharf. Durch Destillation mit Wasser,
wird das öl als eine gelbliche, an der Luft sich
bräunende und verdickende Flüssigkeit erhalten,
die stärker als das Harz riecht und bitter und
kampferartig schmeckt. Das gereinigte und ge-
pulverte Harz wird in der Medizin äußerlich
als erweichendes Mittel bei Geschwüren und Ge
schwülsten angewandt und bildet den Haupt
bestandteil des Mutterpflasters, technisch dient
es als Zusatz zu Kitten.

Galgantwurzel (lat. Rhizoma galangae, frz.
Rhizome de galange, engl.. Galangal-root), ein
nicht unbedeutender Gegenstand des Drogen-
handels. besteht aus dem getrockneten Wurzel-
stock einer zu den Ingwergewächsen gehören-
den chinesischen Pflanze, Alpinia officinarum.
Die Droge bildet fingerdicke, bis 10 cm lange,
in der Mitte gebogene Stücke, die außen rot-
braun, innen zimtfarbig aussehen und auf dem
Querschnitt kleine dunkle ölzellen zeigen. Der
Geruch ist namentlich bei der gepulverten Ware
stark und eigentümlich gewürzhaft, ebenso der
Geschmack, der beim Kauen in lange anhalten-
des Brennen übergeht. Als Träger des Aromas
finden sich 0,5—10/0 ätherisches Öl, das Gal-
gantöl (lat. Oieum galangae, frz. Essence de
galanga, engl. Galangal-oil), außerdem sind noch
Alpinin, Galangin und Kämpferid sowie
harzartige Substanzen zugegen. G. wird medizi-
nisch als Magenmittel, ferner als Zusatz zu Eli-
xieren und Tinkturen, Likören und Essigen ge-
braucht. Es gibt kleine und große Galgantwur-
zeln, die aber nur durch. Auslesen gesondert
sind und nicht von verschiedenen Gewächsen
stammen.

Galläpfel (Gallen, lat. Gallae, frz. Galles,
Noix de galles, engl. Gall-nuts). Dieser technisch
außerordentlich wichtige Handelsartikel besteht
aus den Auswüchsen, die von Gallwespen, be
sonders an Eichen, hervorgerufen werden, indem
das weibliche Insekt mit seinem Legestachel
die jungen Blattknospen, Zweige, Blätter oder
Früchte anbohrt und seine Eier einschiebt.
Durch die Verwundung entsteht ein krankhafter
Säftezufluß und dadurch eine Anschwellung, die
        <pb n="138" />
        ﻿Galläpfel

132

Galloflavin

fortwächst und im Innern saftig bleibt, bis sich
schließlich das Tier als vollkommenes Insekt
oder als Made heraus frißt. Die Gallen müssen
möglichst vor dem Zeitpunkte des Auskriechens,
solange sie noch schwer, grün oder schwarzblau
erscheinen, gesammelt werden, weil sie dann am
reichsten an Gerbsäure sind, während die vom
Tiere verlassenen, also angelöcherten G., die
heller, schwammig und leichter erscheinen, ge-
ringen Wert haben. Der Gerbstoffgehalt, der
den Wert der Gallen ausmacht, unterliegt außer-
ordentlichen Schwankungen, welche vom Klima,
Von der Art der Eichen und der Tierart ab-
hängen. Die besten orientalischen Gallen,
können 60—65% Gerbsäure enthalten, und aus
diesem Grunde wurden in Europa früher immer

G.	aus dem Orient (Kleinasien, Syrien) ver-
braucht. Weniger Bedeutung haben die G. des
südlichen .Europas, — diejenigen der nördlichen
Gegenden kommen höchstens für örtlichen Ge-
brauch in Betracht. Seit Mitte des vorigen
Jahrhunderts sind die Preise durch Einführung
billigerer chinesischer und japanischer G.
wesentlich erniedrigt worden. Im allgemeinen
unterscheidet man drei natürliche Gruppen von
Gallen: levantische (türkische, orientalische),
europäische und chinesisch - japanische.
1. Die ersteren, die wieder mehrere Sorten bilden
und von der Gallwespe, Cynips tinctoria,
auf der stets strauchförmig bleibenden Gall-
eiche, Quercus infectoria, hervorgerufen
werden, kommen von Kleinasien, Syrien, Meso-
potamien über Smyrna und Konstantinopel in
den Handel. Sie haben stets eine rundliche
Form, die Größe einer Erbse bis zu 2 V2 cm
Durchmesser und unterscheiden sich von den
übrigen Arten leicht durch die höckerige, stach-
lige Beschaffenheit der Oberfläche. Wie bei allen
Sorten unterscheidet man dunkel- und hellfar-
bige, die entweder noch in Mischung, wie sie die
Natur liefert (in sortis), oder durch Auslesen
gesondert (elegiert) versandt werden. Von den
jährlich zweimal gesammelten G. gelten die
Jerli genannten der ersten Ernte als die besten.
Die gangbarste Sorte ist die mittelgroße, sehr
höckerige von Aleppo (Gallae Halepenses).
Noch größer, sehr reich an Tannin und durch
eine feine Bestäubung kenntlich, sind die G. von
Mossul am Tigris, die in Mesopotamien gesam-
melt und gewöhnlich über Bombay nach London
gebracht werden, während die. schwammigen Tri-
politaner und die syrischen oder Smyrnaer
G. weniger geschätzt werden. 2. Europäische
Gallen sind sämtlich von geringerer Güte als die
vorigen, leichter, hellfarbiger und öfter gefleckt,
verschieden und unregelmäßig gestaltet, glatt
oder runzlig, hingegen nie stachlig oder höckerig.
Unter den Eichbäumen, denen sie entstammen,
spielt die Cerris- oder Burgundereiche die Haupt-
rolle. Als verschiedene Sorten werden gewöhn-
lich aufgeführt: Morea-G., zyprische, istri-
aner, ungarische, italienische und fran-
zösische G.. doch geht ihre an sich geringe
Bedeutimg um so mehr zurück, als gute Ware
jetzt reichlich aus Asien an den Markt gebracht
wird. 3. Die chinesischen und japanischen
Gallen werden nicht von Gallwespen auf Eichen,
sondern von Blattläusen (Aphis Chinensis)
auf den Blättern einer Sumachart (Rhus) her-

vorgebracht. Die dünnwandigen Blasen mit ge-
räumiger innerer Höhlung, die im Handel teils
zerbrochen, teils noch vollständig erscheinen,
zeigen keulenförmige Gestalt, hier und da vor-
springende stumpfeckige Ausbuchtungen und
eine Länge von 2—10 cm. Die sehr leichten
Hülsen sind knorplig, spröde, auf dem Bruche,
harzglänzend und enthalten bis zu 70% Gerbstoff.
— Bei uns seltener vorkommende Sorten sind
Guli-i-pista, welche aus Persien auf den in
dischen Markt gelangt, sowie Kakdasinghi und
Padwus. — Die G. finden ihre hauptsächlichste
Verwendung in der Färberei, zum Schwarz-,
Braun- und Graufärben von Wolle, Leder,
Rauchwaren usw., ferner zur Tintenbereitung und
zur Herstellung der Gerb-, Gallus- und Pyro-
gallussäuren. Wie bei der Tinte beruht auch bei
der Färberei die Wirkung der G. darauf, daß ihr
Gerbstoff mit Eisensalzen schwarze Niederschläge
von, gerbsaurem Eisen bildet, während bei vielen
anderen Gerbstoffen abweichend, z. B. schmutzig
grünbraun gefärbte Niederschläge entstehen.
Zum Gerben benutzt man die G. nur bei gewissen
dünnen feineren Ledern, Saffian u. dgl., mit Aus-
nahme der chinesischen Gallen, welche hierfür
untauglich erklärt werden,

Gallein (Anthrazen- oder Alizarinvioleti;,
ein violetter Phthaleinfarbstoff (s. d.), wird durch
Erhitzen von Phthalsäureanhydrid mit Gallus
säure oder Pyrogallol erhalten und ist demnach
ein Pyrogallolphthalein. Man erhält es entweder
als violetten Teig (en päte), oder als dunkelgrünes
metaliglänzendes Kristallpulver, das in kaltem
Wasser wenig, in heißem leichter mit Scharlach
roter Farbe löslich ist und gebeizte Wolle violett
färbt. Vor allem findet es als Chromlack in der
Färberei von Wolle, Seide oder Baumwolle aus
gedehnte Anwendung. Die Sulfosäure des G.
bildet das Zoerulein (s. d.).

Gallozyanin (Solidviolett, Violet solide),
ein blauer Oxazinfarbstoff, wird durch Einwirkung
von salzsaurem Nitrosodimethylanilin auf Gal
lussäure oder auf Tannin erhalten und kommt
gewöhnlich als grünlichgrauer Teig in den Han
del, der beim Austrocknen ein bronzefarbenes
Pulver bildet. In Wasser ist es unlöslich, in
Alkohol mit blauvioletter Farbe, in konzentrierter
Schwefelsäure mit kornblumenblauer Farbe lös
lieh, die beim Verdünnen mit Wasser in Rot
übergeht. Der Farbstoff wird in Verbindung mit
Chrombeize in der Zeugdruckerei zur Herstel-
lung von Blau violett auf Wolle und Baum-
wolle benutzt. Prune ist der Methylester des
G.; Delphinblau nennt man die Sulfosäure der
Verbindung, welche bei Behandlung des G. mit
Anilin entsteht; Gallaminblau und Gallus-
blau (Tanninindigo) sind Analoge des G., wel
che aus Gallaminsäure bzw. Gallanilid hergestelh
werden.

Gallollavin, ein in Wasser unlöslicher, in
Alkohol nur sehr wenig löslicher.Farbstoff, der
durch vorsichtige Oxydation von Gallussäure in
wäßriger oder alkoholischer, alkalischer Lösung
erhalten wird und als grünlichgelber Teig in
den Handel kommt, gibt mit Chrombeizen auf
Baumwolle gedruckt einen grünlichgelben Lack
und färbt Wolle, mit Chromsalzen gebeizt, seifen-
echt hellgelb.
        <pb n="139" />
        ﻿Gallussäure	133	Geilnauer Quelle

Gallussäure (lat. Acidum gallicum, frz. Acide
gallique, engl. Gallic acid) findet sich im Tee,
Divi-Divi und zahlreichen Pflanzen als ein Zer-
setzungsprodukt und ständiger Begleiter der
Gerbsäure, aus der sie durch einfache Abspaltung
von Kohlensäure entsteht. Zu ihrer Darstellung
wird ein Galläpfelauszug, eine Tanninlösung oder
auch ein Brei von Galläpfelpulver und Wasser
unter öfterem Umrühren der Einwirkung der
Luft und sich ansiedelnder Schimmelpilze über-
lassen, bis eine herausgenommene Probe mit
Leimwasser keinen Niederschlag mehr erzeugt,
die heiß abfiltrierte Lösung mit Kohlenpulver
eingedampft und der Rückstand mit Alkohol
extrahiert. Ein anderes Verfahren beruht auf der
Umwandlung von Tannin oder Gerbsäure durch
Kochen mit verdünnter Schwefelsäure oder Kali-
lauge. Synthetisch kann sie durch Behandlung
von Dijodsalizylsäure mit Kalilauge gewonnen
werden. Die G, bildet in reinem Zustande feine
weiße Nadeln, die anfangs schwach sauer, später
zusammenziehend schmecken und in kaltem Was-
ser und Äther schwer, in heißem Wasser und
Alkohol leicht löslich sind. Die wäßrige Lösung
wird zum Unterschied von Gerbsäure durch Leim
oder Eiweiß nicht gefällt, durch Eisenchlorid
aber dunkelblau-violett gefärbt. Mit wenig Kali-
lauge entsteht eine Grünfärbung, die auf Säure-
zusatz in Purpurrot umschlägt. Beim Erhitzen
auf 2oo° geht die G., in chemischer Hinsicht
Trioxybenzoesäure, C6H2(OH)3COOH,unter
Abspaltung von Kohlensäure in Pyrogallol über,
zu dessen Darstellung sie benutzt wird. Ihrer
wichtigsten Eigenschaft, dem Reduktionsver-
mögen gegen Metallsalze, verdankt sie ihre viel-
fache Anwendung in der Photographie.

Gamander (Bathengel, lat. Herba chamae-
dryos, frz. Plante fleurie de germandröe, engl.
Germander)', ein nur noch selten vorkommender
Artikel des Drogenhandels, besteht aus dem ge-
trockneten, aromatisch riechenden und bitter
schmeckenden Kraute einer in Süddeutschland
und der Schweiz wachsenden Labiale, Teu-
crium Chamaedrys, das in der Volksmedizin
als blutreinigender Tee verwandt wird.

Garantol, ein Eikonservierungsmittel, besteht
lediglich aus gelöschtem Kalk.

Garneelen (Granaten, Garnaten, frz. Cre-
vettes, engl. Shrimps) sind kleine Krabben oder
Krebschen, von denen allein in den europäischen
Meeren über 90 Arten verkommen. Die gewöhn-
lichste derselben: Crangon vulgaris, ein seit-
lich zusammengedrücktes, fleischfarbiges und völ-
lig durchscheinendes Tier, lebt im seichten
Küstenwasser rings um England, an der franzö-
sischen und Nordseeküste in unerschöpflicher
Menge und wird fast das ganze Jahr hindurch
täglich lastenweise aus dem Meere geschöpft,
ohne daß sich eine Abnahme zeigt. Die gefan-
genen Tiere werden sogleich nach dem Landen
in Salzwasser abgekocht und vertragen dann
fiinen Versand ins Binnenland, müssen aber
schnell verbraucht werden. Die in letzter Zeit
■n Büchsen konservierten Krabben wurden meist
durch Zusatz von Borsäure haltbar gemacht,
doch ist die Zulässigkeit dieses Verfahrens von
den medizinischen Sachverständigen mehrfach
Gestritten worden. Die unverkäuflichen G. wer-

den auch zu Dünger verarbeitet, geröstet und ge-
pulvert (Granatguano).

Gaultheriaöl (Wintergrünöl, lat. Oleum
gaultheriae, frz. Essence de Gaultheria, engl.
Oil of Wintergreen), ein aus Nordamerika zu
uns kommendes ätherisches Öl, wurde früher
ausschließlich aus der zu den Heidearten ge-
hörigen immergrünen Kriechpflanze Gaultheria
procumbens, die besonders im Staate Neu-
lersey angebaut wird, in Menge von etwa 0,7%
gewonnen. In gereinigtem Zustande ist es fast
•farblos, gewöhnlich aber gelb oder rötlich ge-
färbt, schwerer als Wasser, 1,180—1,193, und
von durchdringendem Geruch und würzigem Ge-
schmack. Ein mit diesem nahezu identisches
öl wird aus der Rinde einer nordamerikanischen
Birke, Betula lenta, gewonnen. Das in ge-
reinigtem Zustande farblose, meist aber gelb
oder grünlich gefärbte Öl vom spez. Gew. 1,17
und durchdringend aromatischem Geruch und
Geschmack besteht zum größten Teil aus Sali-
zylsäuremethylester, welcher auch künstlich
aus Salizylsäure und Holzgeist hergestellt wird.
Es findet bei uns Anwendung zum Parfümieren
von Seifen sowie in der Medizin gegen Rheuma^
tismus, und ist in dunklen Flaschen vor Licht
geschützt aufzubewahren.

Geheimmittel. Der Verkehr mit G., d. h. zur
Heilung oder Verhütung menschlicher oder tie-
rischer Krankheiten bestimmter Präparate von
geheim gehaltener Zusammensetzung ist im Inter-
esse der Volks Wohlfahrt gewissen Einschrän-
kungen unterworfen. Nach der Verordnung des
Bundesrates müssen die Gefäße und Umhüllun-
gen der besonders namhaft gemachten G. eine
Aufschrift mit dem Namen des Mittels, des Ver-
fertigers und des Verkäufers sowie dem Abgabe-
preise tragen, hingegen dürfen Anpreisungen auf
diesen Umhüllungen nicht angebracht oder beim
Verkaufe des Mittels verabfolgt werden. Die
öffentliche Anpreisung der Mittel ist verboten.
Bezüglich der weiteren, für Apotheker geltenden
Bestimmungen sowie der Namen der betreffen-
den Mittel selbst muß auf die Verordnung
verwiesen werden. Am 14. Juli 1903 hat das
Sächsische Ministerium des Innern weiter die
Ankündigung aller Mittel zur Verhütung, Linde-
rung oder Heilung von Menschen- oder Tier-
krankheiten verboten, wenn den Mitteln über
ihren wahren Wert hinausgehende Wirkungen
beigelegt werden, oder das Publikum durch die
Art ihrer Anpreisung irregeführt oder belästigt
wird, oder wenn die Mittel Gesundheitsstörungen
hervorzurufen vermögen.

Geilnauer Quelle von Geilnau a. d. Lahn in
Nassau besitzt nach der Analyse von R. Fre-
senius (1857) folgende Zusammensetzung für 1000
Gewichtsteile; 1,0602 g Natriumbikarbonat, Spur
Lithiumbikarbonat, 0,0013 g Ammoniumbikarbo-
nat, 0,4905 g Kalziumbikarbonat, 0,0002 g Barium
bikarbonat, Spur Strontiumbikarbonat, 0,3631 g
Magnesiumbikarbonat, 0,0383 g Ferrokarbonat,
0,0046 g Manganoxydulbikarbonat, 0,0362 g Na-
triumchlorid, 0,0176 g Kaliumsulfat, 0,0085 g
Natriumsulfat, Spur Aluminiumphosphat, 0,0004 g
Natriumphosphat, Spuren Natriumborat und Ni-
trat. 9,0247 g Kieselsäure und 2,7866 g freie
Kohlensäure.
        <pb n="140" />
        ﻿Gelatine

154

Gelbholz

Gelatine (lat. Gelatiaa, frz. Gelatine, engl.
Glue). Diesen Namen führt der reinste, farblose
und durchsichtige Leim, der mit besonderer Sorg-
falt aus Kälberknochen, bisweilen auch, wenn-
schon in geringerer Güte, aus Hautabfällen her-
gestellt wird. Zur Darstellung der G. kocht man
frische, völlig gereinigte Kalbsknochen im Va-
kuum mittels Dampf aus, läßt die zuerst erhaltene
fetthaltige Lösung ablaufen, die später entstehende,
völlig fettfreie Flüssigkeit aber in nicht zu hoher
Konzentration bei erhöhter Temperatur stehen,
wobei sich alle Verunreinigungen zu Boden set-
zen. Die geklärte Lösung wird noch warm auf
polierte Schiefer- oder Marmorplatten gegossen,
die erstarrte Masse in die Größe der verkäuf-
lichen Täfelchen zerschnitten und auf Netzrahmen
gelegt, an der Luft und schließ .ich in Trocken-
stuben getrocknet. Die so erhaltene, völlig ge-
ruch- und geschmacklose G. kommt in Form
ziemlich heller und durchsichtiger, länglicher,
sehr dünner und biegsamer, aber doch zerbrech-
licher Blätter, die meist noch die Eindrücke
vom Bindfadengeflccht der Trockenhorden zei-
gen, in den Handel, bisweilen aber auch in gro-
ßen Tafeln ohne derartige Eindrücke, wie sie
zum Überdecken von Gegenständen in Schau
fenstern dienen. — In anderer Weise wird die
nur für technische Zwecke bestimmte G. her-
gestellt, zu der die verschiedensten Knochen,
Drehspäne, Hufe u. dgl. Verwendung finden.
Man legt die Rohstoffe nach dem Waschen und
Zerkleinern so lange in verdünnte Salzsäure,
bis älle mineralischen Bestandteile aufgelöst
sind und der reine Knorpel übrig bleibt, hängt
sie dann, um die noch anhaftende Säure mög-
lichst zu entfernen, in Säcken in fließendes
Wasser, oder behandelt sie mit Kalkmilch und
wäscht mit reinem Wasser nach. Die aus den
Knorpeln erhaltene G. zeigt eine gelbe Farbe
und wird daher meist mit schwefliger Säure
gebleicht, bisweilen auch für den Gebrauch in
der Küche mit Teerfarben oder Karminrot ge-
färbt. Die G. besteht zum Unterschiede von
Leim (Glutin) in der Hauptsache aus Glutose und
besitzt daher nur eine geringe Klebkraft, aber
großes Geliervermögen, wegen dessen sie man-
nigfache Verwendung zu Ernährungs- und tech-
nischen Zwecken findet. In reinster Form ohne
Leimgeschmack und schweflige Säure dient sie
zur Herstellung von Gelees in Küche und Kon-
ditorei, von Kapseln für schlecht schmeckende
Arzneien und als sog. Weinschöne (Colle ge-
latine), die braun sein kann, zum Klären trüber
Werne. Die Technik benutzt G. zum Über-
gießen von Bildern und zur Herstellung photo-
graphischer Papiere und Platten, die Wissen-
schaft als bakteriologische Nährböden.

Gelbbeeren (Avignonbeeren, frz. Grains
d’Avtgnon, Grains de Perse, engl. Yellow berries,
Persian berries) nennt man die unreif gepflück-
ten und getrockneten Früchte mehrerer Kreuz-
dornarten, die, meist in südlichen Ländern
heimisch, einen nutzbaren Farbstoff enthalten.
Am geschätztesten sind die großen, grünlich
gelben persischen G. von Rhamnus oleo-
Sdes, doch finden sich im Handel auch kleine
runzlige und dunkelfarbige französische G.
(Avignonbeeren) von Rh. mfectoria, ungari-
sche G. von Rh. tinctoria und saxatilis so-

wie die geringwertige sog. deutsche Ware vom
gemeinen Kreuzdorn, Rh. cathartica. Die G.
enthalten das Glykosid Xanthorhamnin, das
unter Zersetzung einen gelben Farbstoff, Rham-
netin, abspaltet, und werden daher in Form
ihrer wäßrigen Abkochung in der Färberei und
Druckerei verwandt. Mit Zinn- und Tonerde- I
beizen liefern sie schöne, wenngleich nicht be- I
sonders haltbare gelbe und grüne, mit Eisenbeize
schwarzbraune Färbungen. Die billigeren Sor-
ten dienen mit Zusatz von Alaunlösung zur Her-
stellung von Schüttgelb. Die neuerdings ein
geführten chinesischen G. bestehen aus den
Blütenknospen von Sophora japonica und
enthalten einen Farbstoff, der mit demjenigen
der Querzitror.rinde übereinstimmt. Nach an-
deren Angaben sollen auch die krozinhaltigen
Früchte van Gardenia grandiflora als chi-
nesische "G. bezeichnet werden.

Gelbholz (lat. Lignum flavum, L:gnum citri-

num,	frz. Bois jaune, engl. Fustic-wood). Das
echte" Gelbholz, gelbes Brasilienholz, auch Fu
stik, und zwar alter Fustik, zum Unterschiede
vom neuen Fustik oder Fisetholz (s. d.) ge
nannt, stammt von dem westindischen und süd
amerikanischen Färbermaulbeerbaum, Mo-
rus tinctoria, und ist eins der vielgebrauchte- |
sten Farbhölzer. Es erscheint im Handel teils

in ganzen scheitlangen Stammabschnitten, teils
zu Scheiten zerspalten, oder auch im Kleinver
kehr geraspelt. Das Stammholz ist von Rinde !
und Splint befreit, da diese keine färbenden
Bestandteile enthalten, während die Holzmasse 1
auf frischem Schnitt hell zitronengelb mit vielen
orangegelben Adern durchzogen erscheint. Von
den verschiedenen Sorten dieses Holzes gilt das
schwerste und am lebhaftesten gefärbte als das
beste, vor allem das Kubaholz, das aber nicht
nur von Kuba, sondern auch von den übrigen
Antillen kommt. Weniger gehaltreich sind Tus

pan,	Tampico, Carmen, Tabasco und Do-
mingo. Der Farbstoff besteht aus einem Ge-
misch von Makiurin (Moringerbsäure) mit
Morinsäure (an Kalk gebunden), welche in
heißem Wasser nicht löslich ist. Das FIolz läßt

-sich daher durch Wasser nicht erschöpfen,
sondern gibt nach völliger Extraktion mitWasser
auf Zusatz von Kalkmilch noch eine stark
gelb färbende Lösung. Der Farbstoff bräunt sich
in den Brühen durch Einwirkung der Luft, so
daß diese rasch verbraucht werden müssen. Sie
verleihen alaungebeizten oder auch schon un-
geheizten Zeugen eine haltbare gelbe Färbung,
die den Einwirkungen von Säuren besser als
jedes andere Gelb widersteht, doch nicht sehr
schön ist. Das Holz dient daher auch seltener
für sich allein zum Gelbfärben, sondern wird
meist in Verbindung mit anderen Stoffen zur
Herstellung von Mischfarben, so mit Indigo zu
Sächsischgrün, ferner zu hell und dunkler brau-
nen und olivgrünen Farbtönen und zu Schwarz
auf Wolle, Seide, Baumwolle in der Färberei
und Kattundruckerei benutzt. Neben dem Holze
kommt auch Gelbholzextrakt in den Handel,
das wie Blauholzextrakt bereitet wird, aber nicht
so spröde und glasartig ist und eine dunkel
schmutziggelbe Farbe hat. Für die Zwecke der
Zeugdruckerei endlich wird aus der wäßrigen
Abkochung des G. durch Zusatz von Alaun und
        <pb n="141" />
        ﻿Gelees

135

Geraniumöl

Ammoniak ein Farblack (Gelbholzlack, Kuba-
lack) hergestellt, der als olivgrüner Teig in den
Handel kommt. Dichtes hochfarbiges Gelbholz
dient auch als Material in der Kunsttischlerei.

Gelees (Fruchtgelees) bestehen wie die Frucht-
sirupe aus dem mit Rohrzucker versetzten Preß-
saft frischer Früchte, doch wird bei ihnen das
Einkochen so weit fortgesetzt, bis sie nach dem
Abkühlen gallertartig erstarren. In neuerer Zeit
werden auch solche Früchte, die keine gelati-
nierenden Stoffe enthalten, unter Zuhilfenahme'
von Agar, Gelatine u. dgl. auf Gelees verarbeitet,
jedoch sind dann die abnormen Zusätze zu de-
klarieren. Bezüglich der übrigen Verfälschungen
gilt das unter Fruchtsäften bzw. Himbeersaft
Angeführte.

Gelsemiumwurzel (lat. Radix gelsemii, frz.
Racine de Gelsemium, engl. Gelseinium root),
die getrocknete Wurzel der im südlichen Teile
der Vereinigten Staaten heimischen Logania-
zee Gelsemium sempervirens, kommt in
Form zylindrischer bis 3 cm dicker Stücke in
den Händel, deren faserige Rinde mit einer
geibbräunlichen Korkschicht bedeckt ist, wäh-
rend der feste weiße Holzzylinder auf dem Quer-
schnitte grob porös und strahlig erscheint; Die
Rinde enthält eine eigentümliche Säure, die
Gelseminsäure, und zwei giftige Alkaloide,
das Gelsemin und Gelseminin. G. findet
als Abkochung, Tinktur oder Fluidextrakt medi-
zinische Verwendung z. B. gegen Keuchhusten.
Auf d#i chinesischen Markt kommt unter dem
Namen H umeng-tsao , eine ähnliche giftige
Wurzel, die von Gelsemium elegans abstam-
men soll.

Gemüsedauerwaren (Gemüsekonserven).
Als Gemüse schlechthin bezeichnet man im all-
gemeinen, abgesehen von dem sächsischen Ge-
brauche, auch Teigvvaren, Grütze, Reis u. dgl. als
Trockengemüse zu benennen, frische Pflanzen-
teile, in erster Linie Blätter (Kohl, Spinat), Blüten
(Blumenkohl), junge Schößlinge (Spargel), un-
reife Früchte von Leguminosen (Erbsen, Bohnen,
Schotengemüse) und Wurzeln (Rüben, Möh-
ren, Schwarzwurzeln) und unterscheidet meist
die letzteren, das Wurzelgemüse, von dem
sog. grünen Gemüse. Meist rechnet man auch
Gurken und Pilze zu ihnen. Die frischen Gemüse,
deren einzelne Vertreter in besonderen Abschnit-
ten besprochen sind, bilden wegen ihres Wohl-
geschmackes und ihres Mineralstoffgehaltes wert-
volle Bestandteile der menschlichen Nahrung,
sind aber wegen ihres hohen, 86—96% betragen-
den Wassergehaltes arm an Nährstoffen und wenig
haltbar. Zur Erhöhung der Haltbarkeit führt
man sie durch Trocknen, Sterilisieren oder einen
Gärungsvorgang in Dauerwaren über, von denen
das Dörrgemüse an anderer Stelle abgehan-
deJt ist. Zur Herstellung der zweiten wichtigsten
Gruppe, der Büchsenkonserven, werden die
gereinigten Pflanzenteile in der Regel zunächst
•mt Wasser oder Salzwasser vorgekocht, oder
besser gedämpft (blanchiert), womit vielfach
ein-e Bleichung durch schweflige Säure oder
Sulfite oder eine Grünfärbung durch Teerfarb-
stoffe oder Kupfersalze (Reverdissage) ver-
bunden ist, und darauf in Gläsern oder Metall-
büchsen bis zur Abtötung aller Keime erhitzt.
Hie schließlich zugelöteten Büchsen werden in

der Regel aus verzinntem Eisenblech (Weiß
blech) hergestellt und sind im Innern zum
Schutze mit einem Lacküberzuge (Vernierung)
versehen. Bezüglich der gesetzlichen Vorschriften
für die Dosen sei auf „Konserven“ verwiesen.
Die Büchsenkonserven werden von zahlreichen
deutschen Fabriken in ausgezeichneter Beschaffen
heit von jahrelanger, ja praktisch unbegrenzter
Haltbarkeit hergestellt. Infolge mangelhafter
Sterilisation eingetretenes Verderben offenbart
sich meist durch Auftreibung (Bombage) der
Büchsen und das Auftreten übler Gerüche. Als
unzulässig gilt- der Zusatz chemischer Konservie
rungsmittel (Salizylsäure), hingegen wird ein ge
ringer Gehalt an schwefliger Säure (bis 0,1250/0)
und, aus Rücksicht auf die ausländische Konkur-
renz, an Kupfer (bis 0,01 °/o) geduldet. Es sind
aber Bestrebungen der Fabrikanten bemeikbar,
die Kupferung, die nach dem Farbengesetz ver
boten ist, aufzugeben. Von den durch Milch
säuregärung haltbar gemachten Gemüsen (Salz
höhnen, Sauerkraut) ist Sauerkraut besonders
besprochen worden.

Genever, ein feiner, aus Getreide bereiteter,
ursprünglich holländischer Branntwein, besitzt
einen schwachen Geschmack nach Wacholder-
beeren, die man bei der Destillation in geringer
Menge zusetzt.

Genteies Grün wird durch Fällen von Kupfer
vitriol mit einer neutralisierten Lösung von Zinn
in Königswasser dargestellt. Es ist in chemi
scher Hinsicht zinnsaures Kupfer und findet
als schöne grüne Farbe Anwendung, unterliegt
aber trotz der angeblichen Ungiftigkeit den für
kupferhaltige Farben (s. d.) erlassenen Vor-
schriften.

Geraniumöl (lat. Oleum geranii, frz. Essence
de göranium, engl. Geranium-oil). Unter diesem
Namen finden sich verschiedene ätherische Öle
im Handel, die rosenähnlichen Geruch besitzen
und durch Destillation von verschiedehen Gera-
nium- oder Pelargoniumarten in einer Aus-
beute von 1—2 °/o hergestellt werden. Als Her-
stellungsgebiete sind zu nennen: R6union, Algier,
Frankreich und Spanien. Die G. verschiedener
Herkunft sind hellgelbe bis bräunliche und grün-
liche Flüssigkeiten, deren spez. Gew. bei o,88S bis
0,907 liegt. Sie lösen sich in dem dreifachenVolum
70 0/0 igem Alkohol und drehen die Ebene des
polarisierten Lichtes nach links («,, = — 6,5 bis
— 16). Ihr wichtigster Bestandteil ist das Gera
niol (C1()H180), neben welchem noch ein zwei-
ter Terpenalkohol, Zitronellol, Cl0H19.OH, auf
tritt. G. dient zum Parfümieren, ferner zur Ver
fälschung des Rosenöls und wird selbst viel
fach durch fette Öle, Kokosfett, Terpentinöl und
dergleichen verfälscht. Das indische Gera
niumöl oder Palmarosaöl, manchmal auch
türkisches G. genannt, wird in Indien aus
einer Grasart, Palmarosagras, Cymbopogon
Martini, gewonnen und kommt in niedrigen,
kupfernen Ramieren von 75 kg Inhalt in den
Handel. Es ist noch reicher an Geraniol, 75 bis
95 %, als Geraniumöl, enthält aber kein Zitro
nellol. Seine Verwendung in der Parfümerie
ist gleichfalls sehr ausgedehnt, auch wird es
viel zum Verfälschen des Rosenöls und des
eigentlichen Geraniumöls benutzt.
        <pb n="142" />
        ﻿Gerbematerialien

136

Getah-Lahoe

Gerbematerialien nennt man eine Reihe
pflanzlicher Stoffe, die wegen ihres Gehaltes
an Gerbsäure (Tannin) die tierische Haut in
Leder umwandeln. Das älteste und wichtigste
Mittel ist die Eichenrinde mit s—18% Gerb-
stoff, neben welcher die Rinde von Fichten
und anderen Koniferen mit einem Tannin-
gehalt von 5—io°/o mehr oder weniger zurück-
tritt. In Rußland findet Weidenrinde zur
Herstellung des Juchtenleders Anwendung, Neuer-
dings haben einige ausländische G. wegen ihres
hoben Tanningehaltes auch für den inländischen
Markt große Bedeutung gewonnen, so die Rinde
australischer Akazien und Mimosen mit 25 bis
30% Tannin, das Quebrachoholz (25—300/o),
die als Sumach bezeichneten Blätter von Rhus
cotinus und coriaria (10—30°/o), die Frucht-
becher asiatischer Eicheln (Valonea mit 20 bis
40% Tannin), die Schoten einiger Leguminosen;
Myrobalanen (20—4o°/o), Divi-Divi (35 bis
45 0/0) und vor allem die sehr gerbstoffreichen
Drogen, wie: Gallen, Katcchu, Kino, Garn-
bir. Zur Verringerung der Beförderungskosten
werden die genannten Stoffe vielfach auch in
Extraktform, als Gerbextrakte, in den Ver-
kehr gebracht.

Gerbsäure (Gerbstoff). Mit diesem Namen
belegt man in der Chemie eine Anzahl schwach
saurer Pflanzenstoffe, die alle darin überein-
stimmen, daß sie mit Eisenoxydsalzen dunkel
schwarzblaue oder dunkelgrüne Färbungen geben
und durch Leimlösung gefällt werden. Im Han-
del findet sich jedoch bis jetzt nur eine dieser
G., die Galläpfelgerbsäure, Tannin (lat.
Acidum tannicum, frz. Acide tannique, engl.Tan-
nic acid). Sie ist auch stets gemeint, wenn man
das Wort G. ohne nähere Bezeichnung ge-
braucht, denn die «übrigen G., wie z. B. Eichen-
rindengerbsäure, Kaffeegerbsäure, Ratanhia- und
Chinagerbsäure, Katechugerbsäure usw., bilden
keine Handelsartikel. Zur Herstellung der G.
benutzt man fast ausschließlich die chinesischen
Galläpfel, die im gemahlenen Zustande mit einem
Gemisch von Alkohol und Äther extrahiert wer-
den. Nach dem Abdestillieren des Ätheralkohols
bleibt die G. als eine feste, spröde Masse zurück,
die gepulvert wird und die gewöhnliche Handels-
ware für technische Zwecke (lat. Acidum tanni-
cum technicum) bildet. Sie ist ein amorphes,
bräunlichgelbes Pulver von eigentümlichem Ge-
ruch, während für medizinische Zwecke ein
reineres, geruchloses Präparat von hellgelblicher
Farbe benutzt wird. Außerdem hat man noch
unter dem Namen Acidum tannicum levissimum
eine äußerst leichte, lockere, glänzende, . fast
weiße Sorte, die durch Verdampfen der- Gerb-
säurelösung im Vakuumapparate dargestellt wird.
Sie unterscheidet sich hinsichtlich der Reinheit
nicht von der anderen Sorte, sondern ist nur
schaumig aufgetrieben. Eine gute G. muß sich
in destilliertem Wasser leicht und klar auflösen.
Beim Erhitzen schmilzt sie und zersetzt sich
zwischen 210 und 215° C in Pyrogallussäure,
Kohlensäure und Melangallussäure. Ihre Zusam-
mensetzung entspricht der Formel CUH10Q9,
doch ist die frühere Ansicht, daß sie als das
Anhydrid der Gallussäure (Digallussäure) an-
zusprechen sei, durch neuere Forschungen wider-
legt. Auch enthält sie keinen Zucker und kann

daher nicht wie viele andere Gerbsäuren oder
Gerbstoffe, die nach Kunz-Krause besser als
Tannoide bezeichnet werden, zu den Glykosiden
gerechnet werden. Verwendung findet sie als
Beize beim Färben von Baumwolle mit Anilin
färben, zum Schönen des Weins bei gleichzeitiger
Anwendung von Hausenblase, in der Photogra-
phie und zu medizinischen Zwecken.

Gerste (lat. Hordeum, frz. Orge, engl. Barley)..
Diese wichtige Getreideart ist eine Pflanze der
gemäßigten Zone und findet sich in allen Erd-
teilen von der Grenze der Tropen bis zum 70.
Grad nördl. Breite. Sie ist ziemlich anspruchs-
los, kommt selbst im Himalaya und in Peru bis
zu Höhen von 2800 m fort und reift überall
da, wo ein kurzer aber warmer Sommer ihren
Anbau ermöglicht. Am besten gedeiht sie auf san-
digem Lehmboden mittleren Kaikgehaltes, der sich,
im Zustande guter, aber nicht frischer Düngung
befindet. Die einzelnen Arten der G. unterschei-
det man in vielzeilige, vierzeilige und zweizeilige
und rechnet zu den ersteren die sog. sechszei-
lige (Hordeum hexastichum), die nur in
wärmeren Lagen als Sommer- und Winterfrucht
gebaut wird, und die gemeine G. (H. vul
gare), die weniger zur Malzbereitung, als zur
Ernährung, dient und nördlich der Rebenltetie
vorkommt. Die zweizeilige oder kleine G.
(H. distichum) liefert hauptsächlich das Malz,
und gedeiht nur als Sommerfrucht von der ge
mäßigten bis zur warmen Zone. Die Vegetations
dauer der vierzeiligen G. umfaßt 63—98, die-
jenige der zweizeiligen 100—159, und diejenige-
der Wintergerste 280—322 Tage. In ihrer chemi-
schen Zusammensetzung und dem Bau der Stärke-
körner ähnelt die G. dem Weizen und enthält
im Mittel i3°/o Wasser, to°/o Protein, 2 °/o Fett,
4,5 0/0 Rohfaser, h,s °/o Asche und 68 °/o Kohlen-
hydrate. Je nach dem Gehalt an Stickstoff-
substanz wird sie von den einzelnen Industrien,
verschieden bewertet, indem der Brauer die
stickstoffarme, mehlige G. (s. Malz), der Brenner
eine glasige, Stickstoff reiche bevorzugt, weil letz-
tere mehr Diastase liefert. Ein einfaches Mittel
zur Unterscheidung bietet die Bestimmung des
Hektoliter- oder 1000-Körner-Gewichtes und die-
Untersuchung auf Glasigkeit mittels des Fan-
notoms. G. wird hauptsächlich als Malz in der
Brauerei und Brennerei verwandt. Zur mensch-
lichen Ernährung dient sie meist in Form von.
Graupen oder Grütze, seltener als Mehl zum Brot-
backen sowie als Kaffee-Ersatz (s. d.). In Nord-
afrika und Arabien wird sie auch als Futter für
Pferde, bei uns nur für Geflügel benutzt.

Qerstenzucker (Malzzucker, lat. Saccha-
rum maltis) nannte man früher die durch Ein
kochen eines mit Zucker versetzten Auszuges
aus Gerste oder Malz erhaltene feste Masse. Zur-
zeit wird meist eine gewöhnliche Zuckerlösung,
eingekocht und auf glatte, geölte Platten ge-
gossen, darauf in Streifen geschnitten, schraubig.
gedreht und auf Blechen getrocknet.

Gesundheitsgeschirre (Sanitätsgeschirre)
nennt man diejenigen Topfgeschirre, die keine
Bleiglasur, sondern irgendeine andere giftfreie
Glasur besitzen.

Getah-Lahoe (Sumatrawachs), ein vegetabi-
lisches Wachs, das auf der Insel Sumatra aus
dem Milchsäfte von Ficus ceriflua (Jungh.)-
        <pb n="143" />
        ﻿Getee

137

Gewürznelken

gewonnen und dort, wie auch in Java, gleich
dem Bienenwachse benutzt wird, ist eine harte,
graue Masse vom spez. Gew. 0,963 und dem
Schmelzpunkt 610 C, die sich vollständig in ko-
chendem Weingeist und in Äther löst.

Getee (Getel, engl. Jetee fibre), die Bastfaser
von Marsdenia tenacissima, einer in Ost-
indien wachsenden Pflanze, wird in ihrer Hei-
mat wegen ihrer Festigkeit und ihres seiden-
artigen Glanzes viel verarbeitet.

Getreide (Zerealien, Halmfrüchte, frz.
Blö, Grains, engl. Corn, Grain). — Unter G.
versteht man im engeren Sinne die Samen von
Weizen, Roggen und Gerste, im weiteren Sinne
auch noch Mais, Hafer, Reis, Buchweizen und
Hirse. Das Getreide des Handels ist niemals
völlig rein, sondern enthält immer gewisse Ver-
unreinigungen, wie Körner anderer Getreide-
arten, Brandpilzsporen („spitzbrandiger Weizen“),
Mutterkorn (s. d.), Unkrautsamen (Taumellolch,
Kornrade usw.), tierische Parasiten (Kornwurm,
Weizenälchen), Erde, Steine Draht, Nägel, Stroh,
Sackbänder usw. Der absichtliche Zusatz der-
artiger Fremdstoffe („Besatz“) ist selbstredend
unzulässig, aber auch der Gehalt an zufälligen
Verunreinigungen soll eine bestimmte Höhe von
1—2V2°/o nicht überschreite^. Für Getreide, das
zur unmittelbaren Vermahlung bestimmt ist, sog.
Mahlgut, ist der Gehalt an Besatz vom Österr.
Lebensmittelbuch zu höchstens 0,5 °/o (davon
höchstens 0,2 °/o Mutterkorn) festgesetzt, auch
darf es nicht in starkem Maße durch Brand-
sporen verunreinigt sein. Verboten ist weiter das
Besprengen des Getreides mit Wasser und der Zu-
satz von Hintergerste und Haferhülsen. Unzu-
lässig erscheint die Beförderung in verunreinig-
ten, feuchten, übelriechenden Wagen oder
Schiffsräumen, oder die Lagerung in ungeeig-
neten Magazinen, in denen es verderben kann.
Für die Beurteilung sind besonders von Wichtig-
keit: Farbe, Glanz und Größe der Körner, der
Griff, der Geruch, das Hektolitergewicht, das
^oo-Körncr-Gewicht, die Glasigkeit (bei Weizen
und Gerste), die Keimfähigkeit, der Gehalt an
Besatz, Wasser, Spelzen, Rohprotein (bei Gerste).
Her Handel mit G. bildet den wichtigsten Zweig
des Binnen- wie des Welt-, des Klein- wie des
Großhandels, und zwar sowohl hinsichtlich der
Größe des Umsatzes, als auch seiner Bedeutung
Jur das Volkswohl. Er dient dem Massenver-
brauch für arm und reich in allen Klimaten
und Weltteilen und verdient die abseitigste För-
derung, weil die Ernten an einzelnen Orten in
hohem Grade durch die Witterung beeinflußt
Werden, während die verbesserten Beförderungs-
verhältnisse durch Eisenbaimen und Schiffahrt
lttl großen und ganzen Schwankungen über oder
unter die Mittelpreise verhindern. Nur bei noch
unentwickeltem Verkehr, wie z. B. in Rußland,
°der im Innern von Asien und Afrika, gibt es
uueh jetzt noch Hungersnöte an einzelnen Stel-
len und weite Strecken mit herrenlos wachsen-
detn Getreide oder unverwertbarer Massenanhäu-
tung zu gleicher Zeit. In Mittel- und Westeuropa
kommen Notpreise nur noch örtlich vor, wenn
*tn Winter die Unzulänglichkeit der Ernte sich
zeigt, wohin die Zufuhr nicht zur Ausglei-
chung gerichtet werden kann. Die jetzigen Ein-
kehlungen haben dem Getreidehandel eine große

Festigkeit gegeben. Die großen Saat- und Ge-
treidemärkte (Wien, Leipzig, London, Amster-
dam usw.), die vor der Ernte abgehalten werden,
dienen dem Zwecke, über den Jahresertrag in
den einzelnen Ländern Klarheit zu verschaffen,
um hiernach Ab- und Zufuhr regeln zu können.
Sie bilden gewissermaßen eine internationale
Versicherung gegen Notpreise (zu hohe oder zu
niedrige) und bewirken im großen und ganzen
die Erhaltung eines angemessenen Durchschnitts-
satzes (bezeichnet mit loo), bei welchem sich so-
wohl die Landwirte als die Verbraucher am
wohlsten befinden. Der Massenverbrauch an G.
ist dadurch bedingt, daß es das Hauptnahrungs-
mittel der Menschen bildet sowie als Futter-
mittel für die Haustiere und als Rohstoff zur
Gewinnung technischer Erzeugnisse dient. Als
wichtigste, aus Getreide hergestellte Nahrungs-
und Genußmittel sind Bier (Gerste, Weizen),
Branntwein (Gerste, Roggen, Mais), Stärke (Wei-
zen. Mais) namhaft zu machen. Getreide ausfüh-
rende Länder sind besonders Rußland, die Ver-
einigten Staaten, Ostindien, Rumänien, Ägypten,.
Südamerika und Australien. Gleichgewicht im
Verbrauch und Erzeugung zeigen Österreich-
Ungarn (früher starke Mehrausfuhr) und Frank
reich (früher Mehreinfuhr). Der steten Einfuhr
bedürfen Großbritannien und Irland, Spanien,
Italien, Belgien, die Niederlande, Portugal, Finn-
land, die Schweiz, Griechenland, Norwegen und
in geringem Grade auch Deutschland, welches
bis etwa 1870 noch Mehrausfuhr besaß, bei einer
Erzeugung von rund 30 Millionen Tonnen. — Sehr
wichtig für den Handel mit G. ist die sorgfältige
Aufbewahrung, die im Süden in Silos (Gruben
in der Erde), im Norden in besonderen Getreide
türmen mit Bewegungsvorrichtungen, auf Spei
ehern (Kornböden) oder in Zylindern geschieht.

Gewürze (frz. Epi.cös, engl. Spiee) ist der Sam
melname für eine große Zähl pflanzlicher Drogen
(Samenkörner, Knospen, Rinden, Wurzeln, Blät-
ter und Kräuter), die wegen ihres hohen Gehaltes
an ätherischen Ölen, stark aromatischen Geruchs
und feinen Geschmacks in der Küche, in der
Bäckerei, zur Herstellung von Likören und
Zuckerwaren, in Apotheken, Drogenhändlungen
usw. Verwendung finden. Der Handel mit den
meist aus den Tropen stammenden G. war ur-
sprünglich Monopol der Holländer, die noch
jetzt einen bedeutenden Umsatz in G. haben.
Soweit .von Bedeutung, finden sie ihre Beapre
chung unter den besonderen Namen.

Gewürznelken (Nelken, Näglein, lat. Ca
ryophylli, frz. Girofies, engl. Cloves). Dieses
beliebte Gewürz .besteht aus den noch nicht
völlig entfalteten, getrockneten Blüten des Nel-
kenbaumes (Caryophyllus , aromaticus,
Eugenia caryophyllata), .eines schönen
immergrünen Baumes aus der Familie der Myt-
tazeen, der in seiner Belaubung dem Lor-
beer ähnelt und im Schmucke seiner Blüten-
büschel mit ihren fleischigen, roten Kelchen
und weißen Köpfchen einen prächtigen Anblick
gewährt. Die Pflanze ist auf den Molukken
heimisch und wird auf Amboina, ferner in gro-
ßem Maßstabe auf Zanzibar und Pemba sowie
in geringeren Mengen in den westindischen fran-
zösischen Kolonien angebaut. Als beste Sorte
gelten die ostindischen, auch Amboina-,
        <pb n="144" />
        ﻿Gewiirzöl

138

Gips

Molukken- oder englische Compagnie-N.
genannt; dann folgen die dunkleren Zanzibar-
und Madagaskar-N., und schließlich die ganz
minderwertigen amerikanischen Antillen-,
Kayenne- oder Bourbon-N. Die Blüten wer-
den noch im Knospenzustande gepflückt, auf
Matten über schwachem Feuer etwas geräuchert,
wobei sie ihre braune Farbe annehraen, an der
Sonne völlig getrocknet und von den Stielen
befreit. Der Wert der N. hängt von ihrem
Gehalt an ätherischem Öl (s, Nelkenöl) ab, der
t6—20% beträgt. Daneben enthalten sie noch
9°/o Fett, 6°/o Protein, 9,S°/o Rohfaser, 7,5 °/o
Asche und 45 °/o Extraktstoffe. Marktfähige
Ware muß schwer und voll, ohne Schrumpfung
und holzige Trockne, vielmehr biegsam und
weich sein und vor allem das Köpfchen noch
haben, weil dieses zur Erhaltung de,s Öles dient.
Beim Drücken mit dem Nagel muß reichlich Öl
zutage treten. Die G. unterliegen zahlreichen
Verfälschungen, von denen die Beimengung ex-
trahierter Ware oder von Stielen am häufigsten
ist. Die erstere erkennt man daran, daß sie beim
Drücken kein Öl austreten läßt und im Wasser
in horizontaler Lage schwimmt, während voll-
wertige G. in Wasser untersinken oder sich doch
senkrecht stellen. Der Gehalt an ätherischem
Öl soll mindestens io%, der Gehalt an Stielen
höchstens 10% betragen. Die gebräuchlichste
Verfälschung der gemahlenen G,, Mehl und
Zwieback, erkennt man leicht mit Hilfe des
Mikroskops, weil G, keine Stärke enthalten. Eine
einfache Vorprüfung besteht in dem Verstäuben
des Pulvers auf Eisenchloridlösung, wobei alle
echten Teilchen sich blau färben. Die zur Ver-
fälschung benutzten Blüten stiele (Nelken-
stiele, Nelkenstengel, Fusti) enthalten s bis
6°/o eines dem Nelkenöle ähnlichen, aber we-
niger angenehm riechenden ätherischen Öles und
bilden einen zur Bereitung von Parfüm und Li
kören benutzten Handelsartikel, ebenso die reifen
Früchte des Nelkenbaumes, die Mutternelken
(lat. Anthophylli, frz. Fruits de girofle, engl.
Mother Cloves), welche zu Teegemischen und
Augenwässern beschränkte Anwendung finden.

Gewürzöl, ein Gemisch verschiedener ätheri-
scher Öle (Zitronen-, Zimt-, Kardamomen-, Mazisöl
usw.), das von Drogisten als Zusatz zu Backwaren
verkauft wird.

Gießhübler Sauerbrunnen von Gießhübl-Puch-
stein in Böhmen. Die obere, sog. Künig-Otto-
Quelje, und die untere Quelle haben für 1000
Gewichtsteile folgende Zusammensetzung: Bi-
karbonate des Natriums: 1,1928 bzw. 1,0768g,
Kahums 0,1086	(0,0860) g, Lithiums 0,0104

(0,0006) g, Kalziums 0,3438 '0,0222) g, Strontiums
0,0029 g (—), Magnesiums 0,2134 (0,1341) g, Eisen
oxyduls 0,0036 ;o,cc&gt;75)g, Manganoxyduls 0,0014
(0,0009) g; Chlorkalium 0,0304 to,0216) g; Kalium-
sulfat 0,0339 (0,0291) g; Tonerde 0,0029 (0,0027) g.
Kieselsäure 0,0594 (0,0450) g; organische Stoffe
0,0010 (0.0018) g und freie Kohlensäure 2,3739
(1,8507) g.

Giftlattich (lat. Herba lactucae virosae, frz.
Herbe de laitue vireuse, engl. Wild Lettuce),
eine zweijährige, besonders im südlichen und
südwestlichen (Europa heimische, zum medizi-
nischen Gebrauche dienende Komposite, Lac-
tuca virosa, enthält einen brennend scharfen

und bitteren Milchsaft, der teils in Form eines
weingeistigen Extrakts (lat. Extractum Lactucae
virosae, frz. Extrait de laitue vireuse, engl-
Extract of Lettuce) aus den frischen Blättern
und Blüten, teils als sog. Lactucarium (frz.
Lactucarium, engl. Lettuce Opium) angewandt
wird. Das letztere ist der an tler Luft er-
härtete Saft, der durch Einschnitte in den Stengel
ausgeflossen ist, eine bräunliche Masse von krat-
zend-bitterem Geschmack und opiumähniiehem
narkotischen Geruch. Außer diesem Extrakt,
das in Deutschland und England auf dieselbe
Weise gewonnen wird, benutzt man besonders in
Österreich und Frankreich den gewöhnlichen
Gartensalat (Lactuca sativa) zur Darstellung
von Lactucarium, das ebenso, aber viel schwächer
wirkt als das vorige.

Gin nennt man verschiedene, in England ge-
bräuchliche Sorten von Getreidebranntwein, der
mit Gewürzen destilliert wird.

Gingslly ist eine Art ostindischer Raps, der
dort in bedeutender Menge angebaut und sowohl
im Lande selbst verbraucht, als auch für die
Zwecke der Ölgewinnung nach England aus-
geführt wird. Haupthandelsplätze für den als
weißen und schwarzen unterschiedenen G. sind
Kalkutta und Curachee.

Ginsengwurzel (Kraftwurzel, lat.Radix ninsi
s. Ginseng, frz. Racine de ginseng, engl. Gin-
seng-root), eine von den Chinesen als Stärkungs-
oder Reizmittel hochgeschätzte Droge, stammt
von Panax quinquefolius, einer Pflanze, die
bei uns in Gärten und Anlagen als Blattpflanze
nicht selten vorkommt. In unserem Arznei-
schatz hat sich die Droge keine Stelle erringen
können.

Gips (Sparkalk, lat. Gypsum, Calcium sul-
furicum ustum, frz. Gypse, Blätre, engl. Gypsum),
ein aus wasserhaltigem, schwefelsaurem Kalk
Kalziumsulfat), CaS04, bestehendes Mineral, fin-
det sich in verschiedenen Abarten, teils dicht
und derb als festanstehendes Gestein, teils in
faserigen Aggregaten (Fasergips) oder als lok-
l-.ere schuppige Masse (Schaumgips), oder end-
lich in mehr oder weniger großen Kristallen als
Gipsspat, Fraueneis oder Marienglas (lat.
Glacies Mariae, frz. Verre fossile, engl. Moon
Stone). Auch der Alabaster ist seiner che
mischen Zusammensetzung nach wasserhaltiges
Kalziumsulfat. Der G. ist weicher als der Kalk-
stein und läßt sich daher leicht gewinnen. Das
meist weiße, seltener farbige Mineral löst sich
in ungefähr 400 Teilen Wasser, verliert beim Er-
wärmen über 1000 Wasser und ist bei 170° voll
kommen wasserfrei. Auf der Eigenschaft dieses
sog. gebrannten G., beim Anrühren mit einer
bestimmten Menge Wasser unter chemischer
Bindung desselben wieder zu erhärten, beruht
seine Anwendung zur Herstellung von Abgüssen.
Zu letzterem Zwecke wird er in feingemahlenen'
Zustande in den Handel gebracht. Zu stark ge
brannter, d. h. bis auf 2200 erhitzter G. verliert
die Eigenschaft, Wasser zu binden und damit zu
erhärten, und wird dann als totgebrannt be
zeichnet. Wasserfreier G. findet sich auch
schon in der Natur als fest anstehendes Gestein
und heißt mineralogisch Anhydrit. Der ge-
mahlene natürliche G. wird zuweilen unter dem
Namen Annalith oder Terra alba als Füll-
        <pb n="145" />
        ﻿Girofle

139

Glas

snasse für Papier oder zur Herstellung weißer
Glanzpapiere verwandt. Den gebrannten G. be-
nutzt man zu Gipsgußarbeiten, namentlich: Gips-
figuren, Stukkaturarbeiten, Gipshoblformen, fer-
ner zu chirurgischen Zwecken {Gipsverband), zu
Estrich, zum Stereotypieren usw.; den totgebrann-
ten zu gewissen Glasurmassen.

Giroflö (Methylenviolett), ein Safraninfarb-
stoff, wird durch Einwirkung von salzsaurem
Nitrosodimethylanilin auf ein Gemenge von salz-
saurem Metaxylidin und Paraxylidin erhalten.
Das braune, in Wasser mit roter Farbe lösliche
Pulver wird im Kattundruck zum Tönen von
Alizarinviolettdruckfarben benutzt und färbt ge-
beizte Baumwolle rotviolett.

Glas (lat. Vitrum, frz. Verre, engl. Glass) ist ein
amorphes Gemenge verschiedener Silikate, beson-
ders des Kalzium-, Kalium- und Natrium- sowie
des Bleisilikats. Vom chemischen Standpunkte
aus unterscheidet man zwischen Kalium Kalzium
glas, Natrium-Kalziumglas. Kalium-Bleiglas und
Aluminium-Kalzium-Alkaliglas. Das Kalium-Kal-
ziumglas liefert das böhmische Glas, das
vollständig farblos ist und sich durch Schwer-
schmelzbarkeit sowie durch Härte und Wider-
standsfähigkeit auszeichnet. Das Natrium-Kal-
ziumglas ist bläulich, leichter schmelzbar, aber
härter ;ils das vorige und wird als französi-
sches Glas bezeichnet. Aus ihm werden die
gewöhnlichen Trinkgefäße, das Fensterglas, die
chemischen Glasgeräte sowie das zu optischen
Zwecken benutzte Crownglas bereitet. Das
Kalium-Bleiglas, zu dem das Flintglas und der
Strass gehören, zeichnet sich durch hohes spez,
Gew. und starke Lichtbrechung aus. Das . Alu-
ßv.nium-Kalzium-Alkaliglns endlichbezeichnetman,
da es meistens zur Herstellung von Flaschen
dient, als Bouteiüenglas. Es enthält fast stets
Elsensilikate und ist deshalb gelblich oder grün-
lich gefärbt. — Als Rohmaterialien zur Glas-
hereltung dienen hauptsächlich Kieselsäure,
Kalk, Natron, Kali und Blei. Die Kieselsäure
"drd in Form von Sand, Feuerstein oder Quarz-
stücken verwandt, der Kalk entweder als Kalk-
spat. Marmor und Kreide (weißes G.) oder von
Mergel und Kalkaschen ^grünes G.), das Natron
"i Gestalt von Glaubersalz oder Soda, das Kali
als gereinigte oder robe Pottasche, und das Blei
als Mennige oder Glätte. Die färbende Eigen-
schaft verschiedener Metalloxyde, wie Eisenoxyd,
Kobaltoxyd, Kupferoxyd, wird bei der Erzeugung
farbiger Gläser verwertet. Um aus gewöhn-
lichem G., das infolge seines Eisengehaltes fast
'trimer grünlich oder gelblich erscheint, weißes
G. zu gewinnen, entfärbt man es durch Mangan-
Superoxyd oder durch Mennige, arsenige Säure,
Selen und Salpeter. Ein wichtiges Material zur
Glasbereitung bietet schließlich auch der aus
Glasscherben der verschiedensten Herkunft be-
gehende Glasbruch. Zur Herstellung des G.
"drd der Satz, die je nach der Glassorte zu-
sammengestellte Mischung, gemahlen und in
feuerfesten Tiegeln (Glasbäfen) in Schmelzöfen
fGlasöfen) geschmolzen. Die sich dabei auf der
Dberfläche ansammclnde Glasgalle, die aus
dünnflüssigen, durch die Kieselsäure nicht ge
Mtcdenen Salzen besteht und nebst den Blasen,
Knoten, Steinen und Streifen die sog. Fehler
“es G. bildet, muß entfernt werden. Infolge

ihrer Zähigkeit eignet sich die flüssige Masse
nicht zum eigentlichen Gießen in Formen, viel-
mehr ist alles sog. gegossene G. in Formen
gepreßt, und selbst die Spiegeltafeln verdanken
hre Flächen nicht ausschließlich dem Guß, son-
dern nebenbei der Preßwalze. Die meisten Glas-
waren werden daher geblasen, und zwar nicht
nur die eigentlichen Hohlglaswären, sondern
auch das Fensterglas und die Gläser zu den billi-
geren Spiegeln. Durch geschicktes Hantieren mit
der aufgeblasenen Masse, Schwenken, Drehen,
Rollen. Stauchen und mit Anwendung sehr ein-
facher Werkzeuge, wie Blaserohr (Pfeife), Stä-
ben, Scheren und Stangen formt der Glasarbeiter,
indem er, so oft als nötig, die erstarrende Masse
am Feuer.wieder erweicht, aus einem Klumpen
Glasmasse die verschiedensten Gegenstände.
Durch mechanische, mit Preßluft arbeitende Vor-
richtungen nach Sie wert u. a. ist die Handarbeit
vielfach erleichtert und zum Teil verdrängt wor-
den. Flaschenblaseinaschinen nach Owens u. a.
stellen Gegenstände aus Hohlglas in ungeheurer
Menge völlig automatisch her. Das Fenster-
oder Tafelglas wird entweder als Mondglas
oder als Walzenglas hergestellt. Ersteres er-
hält man durch Blasen einer großen, hohlen Ku-
gel, die durch Abziehen von der Pfeife geöffnet
und nun so lange in Drehung versetzt wird, bis
sie sicli in eine Scheibe von 1,5 m Durchmesser
umgewandelt hat. Nach dem Erkalten wird sie
in mondförmige Stücke zerschnitten, während
das , Mittelstück (Ochsenauge) zu Butzenscheiben
Verwendung findet. Zur Gewinnung des Walzen-
glases wird vor der Pfeife ein größerer Zylinder
geblasen und dieser nach dem Durchschneiden
auf einer im Streckofen befindlichen Platte mit-
tels besonderer Polierhölzer geglättet. Das
Spiegelglas entsteht meist durch Gießen und
Walzen sowie durch nachheriges Schleifen und
Polieren. Die gewölbten oder parabolischen
Fensterscheiben erhält man aus ebenen Tafeln
dadurch, daß man sie auf gewölbten gußeisernen
Platten im Glühofen erweichen läßt, bis sie sich
auf der Unterlage überall angelegt haben. In
ähnlicher Weise werden die Uhrgläser aus dem
Rohen gebildet. Das sog. Musselin- oder Ja-
lousieglas, das durch weiße Verzierung teil-
weise undurchsichtig gemacht ist, wird entweder
durch Ätzen mit Flußsäure oder durch Einbrennen
eines aus Knochenasche und leicht flüssigem G.
bestehenden Musters hergestellt. Gegossenes,
Voh gelassenes Tafelglas wird gegenwärtig viel-
fach zu Bedachungszwecken für Lichthöfe, Eisen-
bahnhallen und Gewächshäuser, starkes Tafel-
glas, meistens das sog. rheinische Doppelglas,
zu photographischen Platten benutzt. Die ge
staltenreichste Gruppe der Glaswaren bildet das
Hohlglas, das alle gefäßartigen Glaskörper,
Zylinder, Flaschen usw. umfaßt und in Grün-
hohlglas, ordinäres Weißglas und Kri-
stallglas unterschieden wird. Das Haupt-
erzeugnis bilden Flaschen, von den rein weißen
Medizinflaschen bis zu den dunkelgrünen Bier-
und Champagnerflaschen und den mächtigen,
zur Aufnahme von Säuren, Petroleum, Ölen usw.
bestimmten Ballonen. , Alle diese Hohlkörper
werden geblasen, sei es aus freier Hand oder
mit Benutzung von Hohlformen, in deren Innern
das Auf blasen der Glasmasse erfolgt. Die An-
        <pb n="146" />
        ﻿Glas

140

Glaubersalz

Wendung der letzteren ist besonders dann ge-
boten, wenn die Gefäße eine andere als runde
Form haben, oder an der Oberfläche irgendwie
gemodelt oder wie geschliffen aussehen sollen.
Derartig durch Formen verzierte Hoh'g'äser pflegt
man gepreßte zu nennen, wiewohl diese Be-
zeichnung eigentlich nur solchen Waren zu-
kommt, welche wie Teller, Salzfässer usw. wirk-
lich durch Einpressen von glühender Glasmasse
zwischen die zwei. Teile einer Metallform her-
gestellt sind. Zur Färbung der Gläser werden
dem Glasflüsse verschiedene Metalloxyde hinzu-
gesetzt. Kupferoxyd färbt smaragdgrün, Mangan-
oxyd violett, Kobaltoxyd blau, Kupferoxyd und
Gold rot. Zinnoxyd macht die Glasmasse weiß
und undurchsichtig (Emailglas) und gibt, in
Verbindung mit Farben, matte farbige Gläser.
Die bunten Glasfenster sind meist durch Über-
fangen erzeugt, ;d. h. man plattiert eine weiße
Glasschicht mit einer dünnen, farbigen, was
dieselbe Wirkung hervorruft, als sei die Masse
durch und durch gefärbt. Geschliffene Hohl-
glaswaren werden durch Schleifen auf umlaufen-
den Scheiben aus Eisen, Sandstein und Holz
hergestellt, wobei noch Sand und Schmirgel als
Schleifmittel Verwendung finden, vielfach auch
mit dem Sandgebläse oder der Sandblasmaschine
bearbeitet. Glasröhren erhält man durch
schnelles und gleichmäßiges Ausziehen einer
Glasblase nach zwei Richtungen hin, Glas-
perlen entweder durch Zerschneiden von Glas-
röhren und Abschleifen der Kanten, oder durch
direktes Blasen an der Lampe, facettierte
Perlen auch durch Pressen der Glasmasse in
zangenartigen Formen. Das englische Kri-
stall- oder Flintglas, ein bleihaltiges G., das
aus sehr reinen Materialien besteht und zu op-
tischen Gläsern und Linsen dient, wird in kleinen
Tiegeln dargestellt und nach dem Zerschlagen
der letzteren durch Schleifen weiter zugerichtet.
Straß ist ein sehr bleireiches G., aus welchem
künstliche Edelsteine und Similidiamanten her-
gestellt werden; der künstliche Aventurin, ein
mit glänzenden Flittern durchsetztes Glas. Durch
gewisse Zusätze werden neuerdings Glassorten
von ganz besonderen Eigenschaften erzeugt. Mit
geringen Borsäuremengen hergestelltes, sog. Eu-
phosglas, ist für ultraviolette Strahlen undurch-
lässig und daher für Brillen empfohlen worden.
Durch Verwendung von Barium an Stelle des
Bleies und von Borsäure an Stelle der Kiesel-
säure erhält man die sehr widerstandsfähigen
Baryt- und Boratgläser. Erhebliche Zusätze
von Magnesia (9%) und Zinkoxyd (6 °/o) zu ge-
wöhnlichem Bleiglas erhöhen die Elastizität und
liefern das besonders für Bergmannslampen be-
nutzte unzerbrechliche Glas, das plötzliche
Abkühlung von 100 auf 150 durch Eintauchen in
Wasser verträgt. Noch überlegen ist ihm das
Schottsche Borosilikat-Verbundglas für
Wasserstandsrühren an Dampfkesseln, das bei
2,s mm Stärke einen Druck von 300 Atm. aushält
und bei 2300 mit kaltem Wasser abgeschreckt
werden kann. Die Eigenschaften des G. sind je
nach der Zusammensetzung verschiedene. Das
spez. Gew. beträgt bei Alkalikalkgläsern 2,400
bis 2,600, bei Alkalibleigläsern 3—4. Die Härte
steigt mit zunehmendem Kieselsäuregehalt, Gegen
Säuren besitzt Glas eine große Widerstandsfähig-

keit, während Alkalien es mehr oder weniger
angreifen. Beachtenswert ist das Verhalten des
G. gegen verschiedene Temperaturen, Bei der
Herstellung schnell abgekühltes G. zerspringt
sehr leicht, während bei zu langsamer Abkühlung
eine Entglasung stattfindet und die Masse por-
zellanartig wird. Werden bis fast zum Erweichen
erhitzte Glasgegenstände in ein warmes Fett-
oder Paraffinbad eingetaucht, erhält man das
sich durch große Härte und Dehnbarkeit aus-
zeichnende PI artglas. Das Lichtbrechungsver-
mögen ist bei rasch gekühltem G. doppelt so
groß als bei langsam gekühltem, Glas ist ein
schlechter Leiter der Wärme und Elektrizität und
zeigt ein eigentümliches Verhalten gegen direk-
tes Sonnenlicht, indem fast alle Glasarten durch
dieses verschiedenartig gefärbt werden. Fabri-
ken für grünes und ordinäres weißes Hohl- und
Fensterglas sind jetzt überall verbreitet, da sie
nicht mehr ausschließlich auf Waldgegenden
angewiesen sind, sondern allgemein mit Stein-
und Braunkohlen arbeiten. Am meisten findet
die Holzfeuerung noch in Böhmen statt, das
nächst Venedig der älteste Sitz der Glasmacherei
ist und dessen Industrie lange Zeit die erste war.
Zurzeit haben wir auch in Deutschland zahlreiche
hervorragende Glasfabriken, insbesondere die
Thüringer (Jena) Gläser sind in der ganzen Welt
berühmt. ..

Glaspapier nennt man das beka'nnte, durch
Ankleben von Flintstein- oder Glaspulver unter
Anwendung von Leim auf Papier hergestellte
Schleifpapier, das zum Abschleifen von Holz,
Leder u. a. benutzt wird. Zum Abschleifen von
Metall nimmt man an Stelle von Glas und Flint-
stein Schmirgel in Form von Schmirgelpapier
und -leinen. Alle vorstehenden Sorten werden,
je nach der Körnung des Grundstoffes, in ver-
schiedenen Feinheitsgraden hergcstellt.

Glaswolle. Unter diesem Namen kommt ein
außerordentlich lockeres und leichtes, im Äu-
ßeren der gereinigten Baumwolle ähnliches Mate-
rial in den Handel, das aus äußerst feinen
Glasfäden besteht und zum Filtrieren von starken
Säuren, Laugen, Silberbädern usw. benutzt wird,
G. wird in verschiedenen Feinheitsnummern,
von Nr. o bis Nr. 3, im Preise von 150—160 M-
für 1 kg in der Weise hergestellt, daß man von
einem fortwährend im Glühen erhaltenen Glas-
stabe das dünn ausgezogene Ende auf die Peri-
pherie eines sich schnell umdrehenden großen
Rades wirft. Der aufgehaspelte Faden zerbricht
beim Abnehmen vom Rade in einzelne Stücke,
die sich lockenartig zusammenrollen.

Glaubersalz (Natriumsulfat, schwefeL
saures Natrium, lat. Natrium sulfuricum, frz.
Sulfate de soude, engl. Sulphate of sodium,
Sodium sulphate). Das Salz hat seinen Namen
von dem Arzt und Alchimisten Glauber, der es
1658 als ein besonderes Salz erkannte und als
Glaubersches Wundersalz (Sal mirabile Glauberi)
in die Chemie einführte. Der Stoff kommt in
zweierlei Zuständen vor, als kristallisiertes
Salz, die gewöhnliche käufliche Form, das eigent-
liehe G., in großen farblosen, schief rhombi-
schen, längsgestreiften Säulen, und als wasser-
freies Salz. Das erstere, Na2S04-f-ioH20, ent-
hält in 100 Teilen 19,36 Natron, 24,8t Schwefel-
säure und 25,83 Kristallisationswasser, das li;tz-
        <pb n="147" />
        ﻿Glidin

141

Glühlampen

tere besteht aus 43,82 Natron und 56,18 Säure.
Beim Liegen an trockener warmer Luft verwittert
■das kristallisierte Salz, indem sich die Kristalle
durch allmähliches Verdunsten des Wassers mit
einer weißen Schicht bedecken und endlich in
eine pulverförmige, nahezu wasserfreie Masse
verwandeln. In der Hitze schmilzt das Salz an-
fänglich in seinem eigenen Wasser, bis dieses
verjagt ist und das wasserfreie Salz zurückbleibt.
Das schwefelsaure Natron ist in der Natur
weit verbreitet. Es findet sich aufgelöst im
Meerwasser, in den Salzsolen und verschiedenen
anderen Mineralquellen (Karlsbad. Friedrichs-
hall, Püllna usw.), als Ausblühung am Erdboden,
namentlich in Steppen in der Nähe von Seen,
in Rußland, Ungarn usw. Fertig gebildet als
festes Mineral in Begleitung von Gips, Ton,
Steinsalz wird das G. ebenfalls nicht selten
angetroffen, z, B. in der Baseler Gegend nester-
weise in Gips, in Oberösterreich als Adern in
Salzstöcken, in großen Lagern in mehreren
Gegenden Spaniens mit Gips und Ton. Auch
der Pfannenstein der Salzsiedereien besteht haupt-
sächlich aus Gips und G., und außerdem ent-
steht es als Nebenerzeugnis bei der Bereitung
von Jod und Brom aus Meerpflanzenasche. Grö-
ßere Mengen des Salzes werden bei verschie-
denen chemisch-technischen Prozessen, nament-
lich bei Darstellung von Salpetersäure, aus Chile-
salpeter gewonnen. Der hierbei erhaltene Rück-
stand enthält jedoch stets mehr Schwefelsäure
■als das, G., da man einen Überschuß der letz-
teren anwendet, und ist daher gewöhnlich als
■anderthalbschwefelsaures Natron, zuwei-
len auch als doppeltschwefelsaures Natron,
Natriumbisulfat (lat. Natrium bisulfuricum,
frz, Bisulfate de soude, engl. Bisidfate of so-
dium), anzusprechen. Er wird unter dem Namen
Weinsteinsurrogat von den Färbern als
Beize benutzt. — Die größten Mengen von G.
wurden bisher bei der Herstellung von Soda
aus- Kochsalz, bei welcher letzteres zunächst
in G. verwandelt Wird, gewonnen. Diese Ware,
aus wasserfreiem G. bestehend, wird in Fabrik
und Handel gewöhnlich als Sulfat bezeichnet.
Aus diesem Sulfat läßt sich durch Auflösen in
heißem Wasser und Kristallisieren leicht das ge-
wöhnliche G. herstellen. Für manche Zwecke
braucht man es aber wie es ist, ohne Wasser-
gehalt, namentlich zur Glasbereitung, wenn auch
nur für ordinäre Gläser. Das G. dient außerdem
Ms Reagens in der Chemie, technisch bei Be-
reitung des Ultramarins, als Bestandteil von
Kältemischungen usw., medizinisch als Abführ-
mittel. Es muß für diesen Zweck durch mehr-
maliges Umkristallisieren gereinigt und von frem-
den Stoffen, wie Metallsalzen, Gips, Bittersalz,
Kochsalz, befreit sein. Wird die Kristallisation
e'ner Glaubersalzlösung durch Umrühren gestört,
So fällt es in kleinen nadelförmigen Kristallen
211 Boden.

Glidin ist ein Nährpräparat der Firma Dr.
Klopfer in Leubnitz bei Dresden, das im wesent-
hchen aus Weizenkleber besteht und daneben
n°ch Lezithin enthalten soll.

Glimmer (frz. Verre de Muscovic, Mica, engl.
Glist), ein weit verbreitetes Mineral, bildet einen
Wesentlichen Gemengteil mehrerer Massengesteine,
besonders des Granits, Gneißes und Glimmer-

schiefers, in welchen es in Form kleiner Schüpp-
chen vorhanden ist. Seltener findet sich der
Gl. auf Gängen im Granit in großen Blättern
und Platten, die eine technische Verwendung
gestatten. Seiner chemischen Zusammensetzung
nach ist er ein Doppelsilikat von Tonerde mit
Alkalien oder Magnesia und enthält als unwesent
liehe Beimengungenbisweilen etwas Mangan, Eisen
und Kalk. Die wichtigste Art, der Kaliglim
mer oder Muskovit, besitzt meist eine helle Fär-
bung und läßt sich in außerordentlich dünne
Blätter spalten, die völlig durchsichtig sind und
an Stelle von Glas benutzt werden. Vor letzterem
hat er den Vorzug der größeren Elastizität und
Biegsamkeit sowie der größeren Widerstands
fähigkeit gegen Hitze und dient daher zur Her
Stellung von Scheiben in Maschinenwerkstätten,
Kriegsschiffen, Schmelz- und Dauerbrandöfen,
ferner von Schutzbrillen für Arbeiter gegen
Einfliegen von Metall-, Stein- und Glassplitter,
strahlende Hitze usf. Die kleineren Bruchstücke
werden zur Verzierung von Spielwaren, Galan
teriewaren und Buntpapier benutzt. Das metall
glänzende Aussehen hat oft die Hoffnung auf
Goldfunde erweckt und dem Gl. den Namen
Katzengold eingetragen. Hauptfundorte sind
Ural. Nordamerika, Ostindien und China. Auch
in den deutsch-afrikanischen Kolonien scheinen
einige abbauwürdige Lager zu sein. Der meist
schwarze Magnesiaglimmer (Biotit) . findet
sich besonders in den jüngeren Eruptivgestei
nen: Porphyren und Trachyten. Der rosenrote
Lithionglimmer oder Lepidolith von Penig
in Sa. bildet das wichtigste Ausgangsmaterial
für Lithiumpräparate.

Globe-Öl (Vulkanöl, Phönixöl), ein aus
westvirginisc.hem Rohpetroleum hergestelltes
Schmieröl vom spez. Gew. 0,885, ist säurefrei,
kältebeständig und verharzt nic.ht. Auch setzt es
nach wochenlangem Stillstand der Maschinen
keine trockenen Massen ab.

Glühlampen für elektrisches Licht nennt man
diejenigen Beleuchtungskörper, in welchen dünne
Fäden von leitendem (Metalle) oder nichtleiten
dem (Kohle, Metalloxyde) Material durch den
elektrischen Strom zum Glühen gebracht wer
den, und welche, falls die als Widerstand ein
geschaltete Substanz verbrennlich ist, natürlich
luftleer gemacht oder mit einem .indifferenten
Gase gefüllt sein müssen. Am verbreitetsten und
bekanntesten unter den Lampen der letzten Kate
gorie ist die Kohlenfadenlampe. Von den
neuerdings in großer Zahl konstruierten G.
kommt besonders die Osmiumlampe in Be
tracht, bei der ein aus Osmiummetall und ge-
wissen Zusätzen hergestellter Faden in Weißglut
versetzt wird. Die O., die ein überaus helles, rein
weißes Licht liefert, hat den Vorzug geringen
Stromverbrauchs und geringer Empfindlichkeit
gegen Spannungsschwankungen. Ihr höherer
Preis wird durch* die lange Brenndauer aus
geglichen. Die Tantallampe enthält äußerst
feine Fäden von metallischem Tantal. Sie ver
braucht nur halb soviel Strom wie die Kohlen
fadenlampe und hat eine Brenndauer von über
1000 Stunden. Die Zirkon- und Osramlampen
enthalten Fäden von Zirkon, bzw. einer Legierung
aus Osmium und Wolfram. Die Nernstlampe
mit offener lufthaltiger Birne beruht auf der
        <pb n="148" />
        ﻿Glühstifte

142

Glyzerin

Beobachtung, daß gewisse, bei gewöhnlicher
Temperatur nicht leitende Substanzen bei hö-
heren Temperaturen den elektrischen Strom
leiten. Sie enthält als Glühkörper ein Stäbchen
aus Magnesia, welches durch eine automatisch
wirkende Heizvorrichtung vorgewärmt und dann
erst durch den elektrischen Strom zum Glühen
gebracht wird. Der Stromverbrauch ähnelt dem-
jenigen der Tantallampe. Dem hohen Preise
steht der geringere Stromverbrauch und die
längere Brenndauer entgegen. Als, Nachteil der
N. ist zu erwähnen, daß sie nur für größere
Lichtstärken hergestellt wird.

Glühstifte für Taschenwärmeöfchen, wie sie
vielfach ins Feld gesandt wurden, bestehen aus
einem Gemische von Lindenholzkohlenpulver mit
einem Klebemittel (Tragant, Stärke) und etwas
Salpeter, das in Form zylindrischer Stäbe ge-
bracht und dann getrocknet wird. Sorgfältiges
Mischen ist wesentlich, da die Stifte sonst schief
brennen oder vorzeitig erlöschen.

Glühstrümpfe für Gasglühlicht (Auerlicht),
Spiritus- und Petroleumglühlicht werden in der
Weise hergestellt, daß man ein feines Baum-
wollengewebe mit einer Lösung von Salzen der
seltenen Erden, meist Thoriumnitrat mit i°/o
Zernitrat, tränkt und darauf die Faser durch
Glühen zerstört. Das in Form des Gewebes
hinterbleibende Gerüst von Metalloxyden wird,
um ein Zerbröckeln beim Versand zu verhin-
dern, mit Lösungen elastischer Substanzen, wie
Guttapercha oder Kollodium, getränkt, die dann
beim Gebrauch schnell abbrennen. Die An-
wendung der G. hat eine erhebliche Gaserspar-
nis zur Folge, ihre Brenndauer beträgt gegen
Soo Brennstunden.

Glutol, ein gelbweißliches, in Wasser unlös-
liches Pulver, wird durch Behandlung von Gela-
tine mit Formaldehyd dargestellt und findet
als antiseptisches, blutstillendes Wund.treupulver
Anwendung. Mit ihm identisch ist das ebenfalls
als Formaldehydgelatine anzusprechende Gluto-
form.

Glykoformal nennt Lingner die zur Füllung
seines Desinfektionsapparates bestimmte Mi-
schung von io Teilen Glyzerin, 15 Teilen Wasser
und 75 Teilen Formaldehyd.

Glykolsäure (Oxy essigsäure), eine orga-
nische Säure von der Formel CH2(OH).COOH,
ist als eine Essigsäure aufzufassen, in der ein
WasserstoffatomderMethylgruppedurchHydroxyl
ersetzt ist. Die Säure, die in den Woüwasch-
wässern, in unreifen Weintrauben, in den Blät-
tern des wilden Weins und im Rübensaft vor-
kommt, wurde früher nur als chemisches Prä-
parat durch Erhitzen von Monochloressigsäure
mit Wasser, Kaliumkarbonatlösung oder Kal-
ziumkarbonat hergestellt, hat aber neuerdings
größere praktische 'Bedeutung erlangt, seitdem es
gelungen ist, sie in großen Mengen aus Oxal-
säure durch Reduktion mit Zink und Schwefel-
säure oder durch Elektrolyse zu gewinnen. Die
G. bildet bei 800 schmelzende Kristalle, die sich
in Wasser, Alkohol und Äther lösen. Die wäß-
rige, rein sauer schmeckende Lösung ist während
des Krieges als Ersatz organischer Pflanzensäuren
für gewisse Zwecke der Nahrungsmittelindustrie,
u.a. zur Herstellung von Kunsthonig, empfohlen
worden, wird unter normalen Verhältnissen aber

hierfür viel zu teuer sein, da 1 kg über 100 M.
kostet.

Glykosal, ein neues Heilmittel, wird durch
Erhitzen von Glyzerin mit Salizylsäure und Mi-
neralsäuren hergesteilt als ein weißes Kristall-1
pulver vom Schmelzpunkt 76°, das sich leicht in
heißem Wasser und Alkohol, schwierig in Chloro-
form und Äther löst. Es ist der Salizylsäureester
des Glyzerins und findet an Stelle der Salizyl-
säure medizinische Anwendung.

Glykoside (Glukoside) nennt man eine be-
sonders im Pflanzenreiche weit verbreitete
Gruppe organischer Verbindungen, die beim
Kochen mit Säuren oder durch Fermente in
eine Zuckerart und andere mit dem Zucker ester-
artig verbundene Körper zerfallen. Nach der
Art des Zuckers, zu dem hier auch Phlorogluzin.
Mannit und ähnliche Kohlenhydrate gerechnet
werden, unterscheidet man folgende Gruppen;
1. Eigentliche Glykoside, deren Spaltungspro-
dukt Glykose ist, z. B. Arbutin, Daphnin, Helle-
borin, Jalapin, Salizin; 2. Phlorogluzide (Spal-
tungsprodukt Phlorogluzin), z. B. Makiurin,.
Phloretin; 3. Phloroglykoside, die zuerst
Glykose, bei längerer Einwirkung der Säure
auch Phlorogluz n abscheiden, z. B. Phloridzin,
Robinin; 4. Gummide (Spaltungsprodukt
Gummi), z. B.Karminsäure; 5. Mannide (Spal-
tungsprodukt Mannit), z. B. Chinovin; ö.Stick-
stoff haltige G., z. B. Amygdaiin, Solanin. Ver-
schiedene technisch wichtige G. sind unter ihrem
besonderen Namen näher besprochen worden.

Glyzerin (Glyzerylalkohol, GlyzeryT
oxydhydrat, Ölsüß, Scheelesches Süß, lat.
Glyccrinum, frz. Glycerine, engl. Glycerin), ein
dreiatomiger Alkohol von der Formel C^HsJOHjj,
findet sich nicht im freien Zustande in der Natur,
sondern als Ester verschiedener Fett- und Öl-
säuren, mit denen es die natürlichen Fette des
Pflanzen- oder Tierreiches bildet. In geringer
Menge entsteht es bei der geistigen Gärung
zuckerhaltiger Flüssigkeiten und ist daher ein
regelmäßiger Bestandteil des Weines und Bieres.
Zu seiner technischen Darstellung bedient man
sich in normalen Zeitverhältnissen ausschließlich
der natürlichen Fette, die durch Ätzalkalien bzw
Bleioxyd sowie auch durch gespannte Wasser-
dämpfe in Gl. und Fettsäuren zerlegt werden.
Es wird sonach im Großbetrieb stets als Neben
Produkt bei der Seifenfabrikation aus der sog.
Unterlauge, .oder bei der Herstellung der Steaiin
kerzen gewonnen. Bei der letzteren findet die Zer-
legung der Fette sowohl durch Kalkmilch als auch
durch Schwefelsäure statt. Die beste Ausbeute
gibt aber die Verseifung durch überhitzte Wasser
dämpfe. Talg oder Palmöl werden in Destillier
blasen mittels überhitzter Wasserdämpfe auf etwa
3000 erhitzt, wobei die Spaltungsprodukte, Glyze-
rin und Fettsäuren, mit den Wasserdämpfen
übergehen. Nach dem Erkalten wird das GL
aus der von der erstarrten Fettsäure abgelassenen
Flüssigkeit durch Eindampfen gewonnen. Da»
auf die eine oder andere Weise erhaltene Roh-
glyzerin stellt eine mehr oder minder sirupöse,
gelb bis braun gefärbte Flüssigkeit dar, die
unter anderem noch Fett, Fettsäuren und anorga-
nische Salze enthält. Es kommt in großen Men-
gen aus Holland, Frankreich und Rußland zur
Einfuhr utid wird verschiedenen Reinigung*
        <pb n="149" />
        ﻿Glyzerin

143

Gold

waschen unterworfen. Das sog. raffinierte oder
gereinigte Gl. erhält man, indem man die irn
Rohglyzerin vorhandenen Verunreinigungen auf
chemischem Wege möglichst entfernt, hierauf
die Flüssigkeit mittels Knochenkohle entfärbt
und schließlich im Vakuum konzentriert. Zur
Darstellung des destillierten oder reinen Gl.
wird das konzentrierte Rohglyzerin zunächst bei
loo—iio° mit Wasserdämpfen erhitzt, dann bei
i8o° der Destillation unterworfen und schl eßlich
in einem System von Kondensatoren verdichtet.
Das kristallisierte Gl. endlich, das reinste Er-
zeugnis des Handels, wird durch Kristallisation
des destillierten Gl. bei o° gewonnen. Das reine
Gl. (Glycerinum bisdestillatum purum D.A.B.)
hat ein spez. Gew. von 1,225—1,235 und enthält
etwa 15% Wasser, während das reinste GL
vom spez. Gew. 1.269 wasserfrei ist. Es stellt
einen färb- und geruchlosen dickf.üssigen Sirup
dar, der mit Wasser und Alkohol in allen Ver-
hältnissen mischbar ist, sich aber in Äther,
Chloroform und Benzin nicht löst. Mit Wasser-
dämpfen, besonders mit überhitzten, ist Gl.
flüchtig, ohne daß eine Zersetzung stattfindet.
Diese tritt aber ein, wenn es an der Luft erhitzt
wird, indem sich Akrolein, C2H3.CHO. ein ste
chend riechendes, die Augen und Nase heftig an-
greifendes Gas bildet. Bei gewöhnlicher Tempera
tur ist Gl. nicht brennbar, dagegen lassen sich die
aus heißem Gl. entwickelten Dämpfe mit nicht
leuchtender Flamme entzünden. Für viele an-
organische und organische Stoffe ist Gl. ein
ausgezeichnetes Lösungsmittel, auch besitzt es die
Eigenschaft, begierig Feuchtigkeit aufzunelunen
und reizt infolgedessen in konzentriertem Zu-
stande die Flaut. Ein gutes reines Gl. muß farb-
los, klar und neutral sein, darf weder Arsen
noch Kupfer und Blei enthalten und soll auch
frei sein von Sulfaten, Choriden und Zucker.
Besonders ist auf die Abwesenheit von Akrolein
und niederen Fettsäuren zu prüfen. 5 ccm Gl.,
niit 5 ccm Ammoniak und 5 Tropfen Silber-
nitratlösung gemischt, dürfen innerhalb 15 Mi-
nuten nicht dunkel gefärbt werden (Akrolein).
1 ccm Gl. soll, mit verdünnter Schwefelsäure er
wärmt, keinen ranzigen Geruch entwickeln (Butter-
säure, Kapronsäure).' Für Toiletteseifen wird
kalkfreies Gl. verlangt, das in wäßriger Losung
mit oxalsaurem Ammonium keine weiße Trü-
bung geben darf. Hinsichtlich der Konzentra-
bonsgrade führt man im Handel Gl. von 16—30°.
Arri gangbarsten sind die Sorten von 24 und 28°.
Gl. findet eine außerordentlich mannigfache Ver-
wendung. Die größten Mengen werden zum Füllen
der Gasuhren und zur Herstellung von Nitro-
glyzerin und Dynamit verbraucht. Weniger reine
Sorten benutzt man zur Anfertigung der Buch-
äruckerwalzen, die aus Gl. und Leim bestehen,
fn der Gerberei dient es zum Geschmeidigmachen
des Leders, ferner in der Musselinweberei, Zeug-
druckerei und Appreturanstalten zur Behandlung
der Garne. Auch zu medizinischen Zwecken
■ Wird Gl. vielfach benutzt, namentlich äußerlich
bJtn Einreiben aufgesprungener Hände und als
^usatz zu Toiletteseifen, schließlich bildet es
'fas Ausgangsmaterial zur Bereitung von künst-
bchem Senföl und von Ameisensäure mittels
Oxalsäure. Der früher beliebte Zusatz zu Wein
,s* zurzeit durch Reichsgesetz verboten. Wegen

seiner Neigung, aus der Luft Wasser anzuziehen,
muß Gl. in gut verschlossenen Gefäßen auf
bewahrt werden. Der Versand geschieht in
Fässern aus Holz oder Eisenblech, besser in Glas-
oder Blechballonen. Während des Krieges ging
die im Frieden auf 11300 t geschätzte deutsche
Erzeugung ebenso wie die Einfuhr stark zurück,
während der Bedarf für die Munitionserzeugung
ins Ungeheure anwuchs. Die fehlenden Mengen
wurden unschwer beschafft, und zwar nicht, wie
die beschränkte französische Presse annahm,
aus Leichenfett, sondern aus Zucker durch einen
mit Hilfe besonderer Mikroorganismen eingelei-
teten Gärungsprozeß.

Glyzerinersatz. Der durch die Kriegslage
hervorgerufene Mangel an Glyzerin gab Anlaß
zu zahlreichen Vorschlägen, diesen für manche
Industriezweige wertvollen Stoff durch andere
Mittel zu ersetzen. So empfahl Grünebaum, als
Heizfiüssigkeit für die F’e.dküchen statt des Gly
zerins Paraffin zu verwenden, für Druckwalzen
wurde ein konzentrierter Invertzuckersirup vor-
geschlagen und besonders zahlreiche Erzeugnisse
wurden für pharmazeutische Zwecke in den Han-
del gebracht. Sie bestehen entweder 1. aus
Schleimlösungen (Algen-,, Quittenschleim), 2. aus
Leimlösungen, 3. Zuckerlösungen, 4. Salzlösun
gen oder 5. aus Mischungen. * Zu Gruppe 1 ge- t
hören u. a. die als Algin, Lempellin, Gly
zerit, Glyzerinol bezeichneten Mittel, zu.
Gruppe 2 Novoglyzerin, zu Gruppe 3 Moll-
phorus. Von Salzlösungen kommen besonders
die aus einer konzentrierten Auflösung von 65 bis
68% milchsaurem Kalium bestehenden Mittel
P er kagl y ze r in und Perglyzerin in Betracht,
während Kalzium- oder Magnesiumchlorid das
Glyzerin höchstens als Kühlflüssigkeit für Eis-
maschinen, nicht aber in der Pharmazie ersetzen
können. Glyzerinon ist ein Gemisch von milch-
saurem Kalium, Kalziumchlorid und Pflanzen-
schleim. Abgesehen von dem nur in geringer
Menge erhältlichen Glykol (Tego-Glykol)
scheint sich das milchsaure Kalium am besten
bewährt zu haben.

Glyzin, Paraoxyphenylamidoessigsäure, wird
als photographischer Entwickler benutzt.

Gofelgummi, eine Art Kautschuk, wird in Ost
indien aus dem eingetrockneten Milchsäfte der
Calatropis gigantea gewonnen und wie ge
wohnlicher Kautschuk verwandt.

Gold dat. Aurum, frz. Or, engl. Gold), das
schönste und bekannteste der Edelmetalle,
kommt infolge seiner geringen Verwandtschaft
zu Sauerstoff und Schwefel in der Natur fast nur
gediegen vor, jedoch meist nicht chemisch rein,
sondern mit kleinen Mengen Silber, bisweilen
auch Kupfer und Eisen vermengt. Das kali-
fornische G. ist etwas iridiumhaltig und zeigt
infolgedessen einen schwach grünlichen Schim-
mer, oder es ist auch oft mit erheblichen Men
gen, bis zu fast gleichen Teilen Silber, legiert.
Ein mehr als 20% Silber enthaltenes G., wie
es zu Schlangenberg im Altai auftritt, wird als
Elektrum bezeichnet. Palladiumhaltiges G.
nennen die Bergleute faules G.j die Mineralogen
Porpezit. Die wichtigsten Goldländer sind Kali
fornien und Australien, während die früher sehr
ertragreichen russischen Goldwäschereien am
Ural und im östlichen Sibirien, in denen das G,
        <pb n="150" />
        ﻿Gold

Goldchlorid

144

sich neben den Platinmetallen im Sande findet,
nicht mehr viel abwerfen. Untergeordnete Be-
deutung nur haben Kanada, Neuseeland und
Brasilien, das früher an der Spitze der Erzeugung
stand. Hingegen liefert Afrika, wie schon im
Altertum, auch jetzt noch erhebliche Gold-
mengen. Sehr wichtige Funde sind neuerdings
im Flußgebiete des Yukon in Alaska (Klon-
dyke) gemacht worden. Europa, das im Schwemm-
sande einiger Flüsse sehr geringe Goldmengen
führt, kommt für die Gewinnung nicht in Be-
tracht. Das metallische Gold wird nur selten,
wie in Australien, in größeren Stücken gefunden
und ist dann meist von hoher Reinheit bis zu
99 V2 % Feingehalt. Meist findet es sich in
feinster, oft mikroskopisch feiner Verteilung in
Felsarten wie Quarz, Gneiß, Glimmer- und Talk-
schiefer als sog. Berggold eingesprengt, oder
auf sekundärer Lagerstätte als sog. Seifen-
gold oder Waschgold im Schwemmsande der
Flüsse. Das sog. Berggold tritt bisweilen als
Freigold auch in Form größerer Schüppchen,
Blätter und Bleche, oder haar- oder moosartig,
oder endlich kristallisiert in Würfeln und Ok-
taedern auf. Seltener zeigt es sich schlacken-
förmig, wie geflossen oder getropft, oder in grö-
ßeren Massen als Ausfüllung von Klüften und
Rissen. In sehr geringen Mengen, die aber doch
bisweilen eine Verarbeitung lohnend erscheinen
lassen, findet das Gold sich in manchen Schwefel-
kiesen, die dann Gold kiese genannt werden,
ferner in Kupfer- und Arsenikkies, Zinkblende,
Grauspießglanzerz und Bleierzen. In Sieben-
bürgen tritt es mit Tellur verbunden als sog.
Schrifterz auf. Auch waren früher die russi-
schen Kupfermünzen so goldhaltig, daß sie im
Auslande auf Gold, verarbeitet wurden. — Die
Gewinnung des Goldes erfolgt am einfachsten
aus den Schwemmsanden (Seifen), indem man
diese durch Schlämmen anreichert und dann mit
Quecksilber auszieht. Goldführende Gesteine wer-
den, wenn sie schwefelhaltig sind, zunächst ge-
röstet und dann zerkleinert, oder sonst direkt ge-
pocht und gemahlen. Aus dem Pulver zieht man
das Gold durch Amalgamation oder durch Be-
handlung mit Chlor oder endlich mit .Hilfe von
Zyankalium aus. Letzteres Verfahren ist auch auf
ungeröstete Kiese direkt anwendbar. Aus dem
Goldamalgam wird dann aus eisernen Retorten
einfach das Quecksilber abdestilliert. Aus der
beim Chlorierungsprozeß erhaltenen Lösung von
Chlorgold fällt man das Gold mit Eisenvitriol
und aus der beim Zyanidverfahren von Mac
Arthur und Forrest entstehenden Goldkalium-
zyanidlösung mit Zink oder nach dem neueren
W, Siemensschen Verfahren mit Hilfe des elek-
trischen Stromes aus. Aus Blei- und Kupfer-
erzen endlich, wenn sie neben Silber etwas Gold
enthalten, stellt man zunächst in üblicher Weise
das Silber dar, welches das gesamte Gold festhält
und von diesem durch die Scheidungsarbeit ge-
trennt wird. Alles hüttenmännisch aus anderen
Erzen gewonnene Gold enthält meist etwas Anti-
mon, Zinn, Blei usw., von denen es befreit wer-
den muß, da schon 0,05 0/0 dieser unedlen Metalle
die Dehnbarkeit stark beeinträchtigen. Man
schmilzt es daher mit Borax und Salpeter, wo-
bei die Verunreinigungen in die Schlacke gehen.
Nur das Silber bleibt zurück und wird in beson-

deren Scheide- oder Affinieranstalten, die
auch alte Silbermünzen upd Geräte verarbeiten,
abgetrennt. Die Affination erfolgte früher durch
Behandlung mit Salpetersäure, in welcher das
Gold unlöslich ist. Jetzt schmilzt, man die Gold-
Silber-Legierung, verwandelt sie durch Eingießen
in kaltes Wasser in Körnerform und erhitzt dann
mit konz. Schwefelsäure, wobei das Gold als
braunes Pulver zurückbleibt. In neuerer Zeit
trennt man Silber und Gold auch durch Einleiten
von Chlor in die geschmolzene Legierung oder
durch Elektrolyse. — Das Gold ist ein stark
glänzendes, äußerst geschmeidiges und dehnbares
Metall, das in der Härte zwischen dem Blei und
dem Silber steht. Das spez. Gew. des gegossenen
Metalls beträgt 19,250, des gehämmerten 19,550,
das Atomgewicht Au = 197,2. Das Gold schmilzt
bei ungefähr to6o° zu einer meergrün leuchten-
den Flüssigkeit und zieht sich beim Erstarren
stark zusammen. An der Luft ist es völlig un
veränderlich und wird auch von Säuren, mit
Ausnahme des Königswassers, nicht gelöst. Aus
der mit Königswasser erhaltenen Lösung schla
gen Eisenvitriol oder , Oxalsäure das Gold als
ein feines braunes Pulver nieder, das durch Rei-
ben mit dem Polierstahl Metallglanz annimmt.
Mit Quecksilber vereinigt es sich leicht zu Gold-
amalgam. Ganz reines Gold wird meist nur
zur Pierstellung der feinsten Sorte Blattgold
genommen, da es sich zu den feinsten, grün
durchscheinenden Folien auswalzen oder schla-
gen läßt. Im allgemeinen benutzt man es aber
wegen seiner Weichheit und leichten Abnutzbar
keit in Form von Legierungen mit Silber oder
Kupfer. Durch einen Zusatz von Kupfer erhält
man die sog. rote, durch einen Zusatz von Silber
die weiße und durch einen Zusatz beider Metalle
die gemischte Karatierung, Eine wenig ge
brauchte Legierung mit Eisen heißt Graugold.
Im Handel erscheinen diese Legierungen meist
in gegossenen Zainen oder Barren verschiedener
Größe, oft von der Form der Siegellackstangen.
Der wirkliche Feingehalt jedes Barrens ist durch
einen Wardein ermittelt und durch Stempelung
beglaubigt. Als Münzeinheit diente früher ein
halbes Pfundgewicht, die Mark, die in 24 Karat
zu je 24 Grän eingeteilt war. Ein rakarätiges
Gold war demnach eine Legierung von 14 Teilen
Gold und 10 Teilen Zusatz. Jetzt wird der Fein
gehalt nur noch nach Tausendteilen angegeben,
d. h. wieviel Teile Gold in 1000 Teilen enthalten
sind. Der Feingehalt der meisten Goldmünzen,
insbesondere auch der deutschen, beträgt 900
Tausendstel. Das Gold ist in erster Linie Mün-
zenmetall. Außerdem dient es zur Piersteilung
von Schmuckgegenständen, in Form von Blatt
gold für Galanterie- und Buchbinderarbeiten,
ferner zu galvanischen Vergoldungen, zur Ver
zierung von Glas- und Porzellanwaren und ah
Chlorgold für photographische Zwecke. Zur Feuer
Vergoldung bedient man sich des Amalgams, zin
galvanischen Vergoldung einer Zyangold-Zyan-
kaliumlösun^, welche durch Vermischung von
Goldchlorid mit Zyankalium entsteht. Der Preis
des Goltjes beträgt zurzeit etwa 2700 M.

Goldchlorid (Chlorgold, lat. Aurum chlora-
tum, frz. Perchlorure d’or, engl, Chloride of
gold), AuC!4, entsteht bei Behandlung von Gold
mit Königswasser als eine braune hygroskopische
        <pb n="151" />
        ﻿Goldlacke

145

Granat

Masse, die in Wasser, Alkohol und Äther löslich
ist. Mit Natriumchlorid vereinigt es sich zu
einem kristallisierenden Doppelsalze Natrium-
gol dchlorid. Beide Salze werden in der Medi-
zin, ferner in der Photographie, zur Malerei aui
Glas und Porzellan, zur galvanischen Vergoldung
und zum Färben von Glasflüssen benutzt.

Goldlacke (Goldfirnisse), hellfarbige Lacke,
die durch einen löslichen gelben Farbstoff
(Gummigutt, Orle|n, Drachenblut) gefärbt sind,
dienen zum Lackieren von Gegenständen aus
Tombak und Messing, auch von abgeschliffenem
Holz, besonders aber bei der Piersteilung un-
echter Goldleisten, deren Belegung von Blatt-
silber der aufgesetzte gelbe , Lack das Aus-
sehen von Gold verleiht. Auch auf wirkliches
Blattgold werden diese Lacke aufgetragen, um
der Vergoldung mehr Dauer, Glanz und Feuer
zu geben.

Goldpurpur (Cassius Purpur), die berühmte,
zum Rotfärben des Goldrubinglases benutzte
Farbe, wird durch Vermischen einer durch Eisen-
chlorid teilweise oxydierten Zinnchlorürlösung
mit Goldchlorid dargestellt als ein mehr oder
weniger rotes Pulver mit einem Goldgehalt von
20—75 o/o. In chemischer Hinsicht ist es nach
treueren Forschungen als ein Gemenge von fein-
verteiltem (kolloidalem) Gold mit Zinndioxyd
amusehen.

Gomutifaser, die von einer auf allen Sunda-
Inseln wachsenden Palme, Arenga sacchari-
fera, abstammende pferdehaarähnliche Faser
wird zu Tauwerk, zum Kalfatern der Schiffe
Usw. verwandt.

Qonorol, ein Mittel gegen Tripper, besteht
aus Santalol, dem Hauptbestandteil des Sandel-
holzöles.

Gorgonzola, ein italienischer, auch Strac-
chinp genannter Fettkäse, der wie der Roquefort
von Schimmelwucherungen durchsetzt ist und in
großen runden Laiben in den Handel kommt,
wird meist mit einem Gemisch von Schwerspat
mit Talg oder Schweinefett umhüllt und äußer-
lich wohl auch mit Eisenoxyd gefärbt. Infolge
des Widerspruchs der ausländischen Abnehmer
gegen diese bis zu 27 °/o betragende Beschwe-
rung hat die italienische Regierung zunächst den
Ersatz des Schwerspats durch Talk oder Ton,
später aber die Fortlassung des Überzuges über-
haupt empfohlen.

Gose, ein helles, schäumendes, in echter Form
2ugleich ober- und untergäriges Bier von süß-
säuerlichem Geschmack, wurde ursprünglich in
Goslar am Harz gebraut, während es jetzt auf
dem Rittergute Döllnitz bei Halle hergestellt, in
Eeipzig-Gohlis und anderen Orten, allerdings
meist nur als obergäriges Bier, nachgeahmt wird,
Gbschon die Vorschrift zur Herstellung geheim-
Sehalten wird, so scheint es doch keinem Zweifel
2U unterliegen, daß die G. aus Weizen, möglicher-
weise auch etwas Hafer und aus Gerstenmalz ge-
hraut wird. Auch enthält sie etwas Kochsalz
und Weinsäure. Für weiteren Versand in Fässern
'st die G. nicht geeignet. Auf Flaschen gefüllt
(Stöpselgose) läßt sie sich aber ziemlich gut
v.®rsenden. Die echte Döllnitzer G. wird in Leip-
und Umgegend in eigentümlich gestalteten,
Sehr langhalsigen, nicht verkorkten Flaschen
■ä-ufbewahrt, wobei sich der größte Teil der

■’I e 1 ck s Warenlexikon.

Hefe am Boden, der kleinere oben im Halse ab-
setzt.

Gottesgnadenkraut (Purgierkraut, wilder
Aurin, lat. Herba gratiolae, frz. Gratiole, engl.
Hedge-Hyssop), eine auf feuchten Wiesen vor-
kommende ausdauernde Skrophulariazee mit
gegenständigen, sitzenden, lanzettförmigen, etwas
eingesägten Blättern und einzeln in den Blatt-
winkeln stehenden Blüten mit weißer oder fleisch-
roter Blumenkrone und gelblicher Röhre, ist
geruchlos, hat aber einen scharfen, widrigen,
zusammenziehenden Geschmack. Das mit der
Blüte gesammelte und getrocknete Kraut enthält
zwei abführende Glykoside, Gratiosolin und
Gratioljn, und wird als Abführmittel sowie
bei Wassersucht angewandt.

Gottliebs Hautfunktionsöl, ein verbreitetes
Kurpfuschermittel, ist gewöhnliches1 Olivenöl.

Goudron, ein Ersatzstoff für Asphalt, wird ent-
weder aus den Destillationsprodukten des Braun-
kohlenteers oder durch Zusammenschmelzen von
Asphalt mit natürlichen zähen Naphthas orten (Berg
teer) dargestellt und an Stelle des reinen Asphalts
zur Straßenbedeckung und ähnlichen Zwecken
benutzt.

Granat (frz. Grdnat, engl. Garnet), ein in zahl
reichen Abarten vorkommendes, zu den wasser-
freien Doppelsilikaten gehöriges Mineral, kristal
lisiert im tesseralen Systeme, am häufigsten in
Kombinationen mit vorherrschendem Rhomben-
dodekaeder. Je nach der Art der Basen, mit
denen die Kieselsäure verbunden ist, pflegt man
zwei Gruppen zu unterscheiden, nämlich Ton
granaten und Eisengranaten, von denen die
ersteren Tonerde-, die letzteren Eisensilikate ent-
halten. Von den Tongranaten unterscheidet man
wieder: Eisenoxydultongranaten, Kalkton
granaten und die selteneren Mangantongra-
naten, während die Eisenoxydgranaten meist
Kalk-Eisengranaten sind. Einige G. ent-
halten auch etwas Magnesia und Chromoxyd. Im
Handel versteht män unter G. gewöhnlich nur
die feurig dunkelroten Sorten, die am häufig-
sten als Schmucksteine geschliffen werden, doch
verarbeitet man auch andersfarbige, grüne, gelbe,
braune und schwarze sowie farblose G. zu
Schmucksachen. Die roten G. werden zuweilen
auch Karfunkel genannt. In Deutschland ver-
wendet man vorzugsweise böhmische G.. die
auch Pyropen heißen, jedoch von den ostindi-
schen und grönländischen an Reinheit und, schö-
ner Färbung übertroffen werden. Sie finden sich
gewöhnlich auf zweiter Lagerstätte, in Schwemm-
und Schuttland, im Sande von Flüssen und
Bächen, besonders am Fuße des böhmischen
Mittelgebirges bei Podsedlitz, Trziblitz, Maronitz
und in der Gegend von Gitschin, wo schon seit
alten Zeiten reiche Erträge, besonders an kleinen
Steinen, gewonnen werden. Die G. werden an
mehreren Orten Böhmens in besonderen Schleife
reien facettiert und, soweit sie nicht sofort ge
faßt werden, gebohrt, damit sie auf Schnüre
gereiht und so in den Handel gebracht werden
können. Außerdem werden in Böhmen auch aus-
wärts gesammelte G., namentlich Tiroler aus dem
Zillertal, verarbeitet. Das Anschleifen der Flä-
chen geschieht meist nur auf das Ungefähr hin,
doch werden große und schöne Stücke, wie sie
in Böhmen und überhaupt selten sind, hach den

IO
        <pb n="152" />
        ﻿Granatbaum

146

Graphit

Regeln der Kunst im Brillant-, Rosetten- oder
Cabochonschnitt behandelt und können bei völli-
ger Reinheit sehr ansehnliche Edelsteinpreise er-
reichen. Die böhmischen G. sind meistens dun-
kel- bis blutrot, ausländische, aus Kleinasien,
Hinterindien, Zeylon, Grünland, die man gewöhn-
lich mit dem Namen Almandin oder orien-
talischer Granat belegt, kirsch-, karmih-,
bräunlichrot, auch violett. Rötlichgelbe Steine,
die besonders schön und teilweise in größeren
Stücken auf Zeylon, in Graubünden und am St.
Gotthard gefunden werden, heißen Hessonit
oder Kaneelstein (Zimtstein), während man
unter Vermeil im Handel manchmal die hoch-
roten bis pomeranzengelben Steine versteht.
Ganz schwarze heißen Melanite und dienen bis-
weilen zu Trauerschmuck. Grüne Abarten wer-
den als Grossulare (Stachelbeerstein) bezeich-
net. Der G. wird jetzt wieder häufiger als vor
einigen Jahrzehnten, namentlich in Form von
Broschen, Ketten und Armbändern verarbeitet,
und namentlich Böhmen liefert viele, zum Teil
sehr geschmackvoll gefertigte Waren. Übrigens
wird der G. durch farbige Glasflüsse täuschend
nachgeahmt.

Granatbaum (lat. Punica granatum), ein klei-
ner Baum oder Strauch, wächst überall in Süd-
europa und Nordafrika, teils angebaut, teils
verwildert und dient bei uns wegen der schön
hochroten Blüten als Ziergewächs. Die großen,
fast bis zu 0,5 kg schweren Früchte, die äußerlich
riesigen, schön gelbrot gefärbten Äpfeln gleichen
und auch Granatäpfel genannt werden, sind von
einer ziemlich dicken und pergamentartigen
Schale umgeben, deren Gewicht ungefähr V12
der Gesamtmasse beträgt. Die völlig geruchlose,
aber sehr gerbstoffreiche Schale dient in Süd-
europa häufig zum Schwarzfärben. Das Innere
der Früchte wird durch dünne Scheidewände in
zahlreiche Abteilungen zerlegt, die mit einer Un-
zahl kleiner Fruchtkörper ungefüllt, sind. Die
letzteren ähneln in ihrer Form den. eckigen
Maiskörnern, sind aber klar durchsichtig, schön
granatrot gefärbt und überaus saftreich. Der
außerordentlich süße Saft, dessen nicht flüch-
tiges Aroma an Erdbeere und etwas an Pfirsiche
erinnert, enthält 12—140/0 Zucker, aber nur 0,6
bis 0,7 0/0 Säure und wird nach Entfernung der
Schale ausgepreßt und mit der gleichen Menge
Zucker zu dem sog. Grenadinesirup (s. d.) ver-
kocht. — Die Granatäpfelblüten (lat. Flores
granati, frz. Fleur de grenadier, engl. Granata-
flowers), die von. gefüllten Exemplaren genom-
men werden, sind auch getrocknet noch lebhaft
rot gefärbt und werden im Aufguß als Gürgel-
wasser und gegen Durchfall verwandt. , — Die
Wurzelrinde (lat. Cortex radicis granatorum,
frz. Ecorce de racine de grenadier, engl. Pome
granate root bark) ist im Gegensatz zu dem wir-
kungslosen Wurzelholze ein bekanntes ßand-
wurmmittel und enthält neben erheblichen Men-
gen Gerbsäure 0,5—i«/o Alkaloide, namentlich
Pelletierin und einige Derivate desselben. Sie
schmeckt beim Kauen herb und bitter und färbt
den Speichel gelb, solange sie nicht zu alt und
dadurch unwirksam geworden ist. Gewöhnliche
Ware besteht ganz oder größtenteils aus rüh-
rigen Stücken, die nicht von Wurzein, sondern
von Ästen genommen sind und als weniger wirk-

sam gelten. Wegen echter Wurzelrinde hat man
sich daher an eine sichere Quelle zu wenden
und bezieht sie meist aus Italien und Griechen-
land.

Granatbraun (frz. Grenat soluble), ein ziem-
lich veralteter Farbstoff, wird durch Einwirkung
von Zyankalium auf Trinitrokresylsäure erhalten
und besteht aus dem Kali- oder Ammoniaksalz
der Kresylpurpursäure; das dunkelrotbraune, in
kochendem Wasser mit braunroter Farbe lös-
liche Pulver wird nur noch sähen zum Färben
von Wolle, Seide und Baumwolle benutzt,

Granit, ein weit verbreitetes Eruptivgestein,
besteht aus einem Gemenge von Quarz, Glimmer
und Feldspat mit bald gröberem, bald feinerem
Korn und ziemlich gleichmäßiger Verteilung der
Gemengteile. Er ist in der Regel sehr hart,
nimmt dann eine schöne dauerhafte Politur an
und wird daher trotz der schwierigen Bearbeit-
barkeit häufig von Handwerkern und Künstlern
verwandt. Im frisch gebrochenen Zustande ist er
etwas leichter zu behandeln. Auch läßt man zum
Behauen bestimmte Steine gern unter Wasser
liegen. Das Gestein widersteht um so besser
der mechanischen Abnutzung und der Verwitte-
rung, je mehr in ihm der fast unverwüstliche
Quarz vorherrscht, während feldspatreicher G.
leichter verwittert. Außer der gewöhnlicheren
Verwendung als Baumaterial zu Gründungen,
Stufen und Schwellen, Belag der Bürgersteige
und Pflaster dienen Vorkommnisse von gefälliger
Zeichnung und Färbung von alters her auch zu
feineren, mit Politur versehenen Arbeiten, wie
Säulen und Sockeln, Grab- und anderen Denk-
mälern, zu verzierten Simsen und anderen Ver-
zierungen.

Grape nuts, ein Nährmittel amerikanischen
Ursprungs, besteht aus einem zerkleinerten, dop-
pelt gebackenen Backwerk aus Mehl und Wasser,
nach Art der Keks oder Biskuits.

Graphit (Reißblei. Wasserblei, Pottlot,
lat. Plumbago, Graphites, frz. Graphite, engl-
Blacklead). Diese durch ihre vortrefflichen
Eigenschaften ausgezeichnete, wegen ihrer man-
nigfachen Verwendung wichtige, in Form von
Bleistiften unentbehrliche mineralische Substanz
besteht wie der Diamant aus kristallinischem
Kohlenstoff, allerdings von anderer Kristallform,
und bildet teils aus sechsseitigen Kristallen zu-
sammengesetzte Tafeln, meistens aber kugel-
förmige Massen von schuppig blättriger, oder
auch mehr körniger Struktur, grauschwarzer
Farbe und starkem Glanz. Der G. findet sich
teils lager-, teils nesterweise als Ausfüllung von
Höhlungen und Gängen in Gneis-, Ton- und
Glimmerschiefer, und muß bei dein nicht zahl-
reichen Vorkommen seiner Fundorte zum Teil
aus weiter Ferne herangeholt werden. Er enthält
gewöhnlich mehr oder weniger fremde Bestand-
teile, besonders Eisenoxyd, Ton und Kalk bei-
gemengt. Sehr rein ist der seit der Mitte des
vorigen Jahrhunderts bekannte G. von Zeylon
mit fast 99 0/0 Kohlenstoff und kleinen Resten von
Kalk- und Tonerde, während die berühmten eng-
lischen Gruben von Barrowdale in Cumberiand,
die lange Zeit den Engländern den Ruf als Liefe-
ranten der besten Bleistifte gaben, nahezu er-
schöpft sind und nur noch geringes Material mit
54°/o Kohlenstoff, 8 °/o Eisen und 360/0 Ton und
        <pb n="153" />
        ﻿Graphit

147

Graupen

Kalk geben. Neuerdings hat sich sehr guter G.
in Südsibirien, dessen gesamter Ertrag an die
Fabersche. Uleistiftfabrik in Nürnberg abgeliefert
wird sowie auch an den Ufern des Jenissei ge-
funden. Auch Spanien, Ostindien und Kanada
liefern guten G. ln Deutschland findet sich G.
besonders in der Passauer Gegend in Bayern
bei den Orten Pfaffenreuth und Leuzenberg
sowie bei Wunsiedel. Österreich hat in Nie-
derösterreich, Böhmen, Mähren, Steiermark und
Kärnten ergiebige Lager. Die beste Sorte
findet sich im südlichen Böhmen im Budweiser
Kreis. In Preußisch-Schlesien sind zwei Gru-
ben, eine kleine bei Sakrau und eine bei Jauer,
mit mächtigem Lager eines guten, besonders zu
Schmelztiegeln tauglichen Graphits. 1878 hat
man auch auf Neuseeland (Provinz Wellington)
große Lager von vortrefflichem G. entdeckt. Der
rohe Graphit ist in der Regel durch mineralische
Beimengungen mehr oder weniger verunreinigt
und muß daher durch Schlämmen, durch Be-
handlung mit heißer Salpetersäure und Schwefel-
säure oder auch, bei Anwesenheit von Kieselsäure,
mit Fluorwasserstoffsäure von ihnen befreit wer-
den. Nahezu chemisch reinen Graphit erhält man
auf künstlichem Wege nach dem Verfahren
von Acheson durch Erhitzung von Kohle oder
Anthrazit im elektrischen Ofen oder auch durch
Überleiten von Kohlenoxyd und Kohlensäure
über glühendes Karbid. — Die hauptsächlichste
Verwendung findet der G. zur Herstellung der
Bleistifte (s. d.). Außerdem dient er in Verbin-
dung mit feuerfestem Ton zur Herstellung von
Schmelztiegeln, im Gemisch mit Fett sowie in Form
nebeneinandergesetzter Stifte (Karbonstifte) als
Schmiere für Achsenlager, ferner zu Anstrichen,
Kitten, zum Überziehen von eisernen Öfen und
in der Galvanoplastik zum Leitendmachen von
niclumetallischen Niederschlagformen. — Der
G. ist unschmelzbar und, trotzdem er reinen
Kohlenstoff darstellt, sehr schwer verbrennlich.
Ein Gemisch von G. und feuerfestem Ton gibt
eine Schmelztiegehnasse, die besser ist als der
Ton allein öder vermischt mit Sand, weil der G.
dem Schwinden und Reißen im Feuer entgegen-
wirkt und der Masse Beständigkeit gegen sehr
hohe Temperaturen und gegen raschen Tempe-
faturwechsel verleiht. Graphittiegel werden
daher von Gold- und Silberarbeitern, in Münz-
werkstätten U7id sonst in der Metallindustrie viel
gebraucht. Sie dienen besonders auch zum Schmel-
zen des Gußstahls und haben noch die angenehme
Eigenschaft, daß sie sich wegen ihrer glatten
Innenfläche rein ausgießen lassen. Die Pas-
sauer Tiegel werden schon seit länger als hun-
dert Jahren zu Hafnerzell bei Passau aus dem
dortigen unreinen, stark kiesel-, ton- und eisen-
haltigen G. unter Zusatz von etwa der Hälfte
feinem Ton gefertigt. In neuerer Zeit verwendet
man auch-Zeyloner G. Die Gefäße werden aus
dem steifen Teig gepreßt, aber nicht gebrannt,
sondern nur lufttrocken gemacht, und sind teils
konisch, teils dreieckig geformt sowie von dehr
verschiedenen Größen, österreichische Graphit-
degel kommen von Ybbs an der Donau und aus
Böhmen in den Handel. Zum Nachweise der
zahlreichen Verfälschungen durch Anthrazit,
Stein- oder Braunkohle, Holzkohle oder Ruß
kocht man mit konz. Salpetersäure, wobei keine

braunrote Färbung auftreten darf. Zusätze von
Mineralstoffen erkennt man bei der Veraschung.

Grassamen (Grassaa t), ein bedeutender Gegen
stand des Groß- und Kleinhandels, wird von den
Landwirten bei zeitweisem Umbruch der Wiesen
zur Neueinsaat, besonders beim Kunstwiesenbau,
gebraucht. Auch bedarf die Landschaftsgärtnerei
zu der Herstellung von Zierrasen alljährlich
großer Mengen von G., so daß für diesen ein be-
trächtliches Absatzgebiet gesichert ist. Die Zucht
von G. geschieht in besonderen Handelsgärtne-
reien, z. B. in Hessen, Bayern und Thüringen,
doch wird auch auf Wiesen und in Wäldern G.
gesammelt, besonders in der Gegend von Darm-
stadt, wo ganze Gemeinden dadurch ihren Unter-
halt finden. Seitens der großen Handelsgärtner
erfolgt die Zucht der Gräser zur Samengewinnung
mit besonderer Sorgfalt im Einzelbau auf oft
großen Flächen, so daß bei ihnen der Bezug
reiner, unverfälschter Waren und bestimmter
Sorten sicher ist. Die G. sind nicht leicht zu
unterscheiden, da viele Sorten ziemlich ähnlich
sind und von den zur Aussaat beliebten Samen
verwandte Abarten von geringerem Werte Vor-
kommen. Man hat deshalb neuerdings beson-
dere Samenkontrollstationen eingerichtet, und
auch der Kaufmann wird gut tun, sich ihrer Hilfe
zu bedienen, wenn er G. einer bestimmten Sorte
von kleinen Händlern oder Privatsammlern ein-
tauscht. Für den Handel mit von Handelsgärt-
nern gekauften Samen ist zu bemerken, daß die
Gemische nach Boden und Meereshöhe ver-
schieden sein müssen, da einzelne G. besser in
der Ebene, andere in der Höhe, die einen auf
bündigen, die anderen auf leichten Böden usw.
gedeihen. Die Landwirte ziehen sich zum Peil
den G. selbst, und sehr viele ergänzen den
Wiesenbestand durch natürlichen Samenausfall.
Außer den in Deutschland gezogenen Sorten wer-
den aus England und Italien bedeutende Mengen
eingeführt.

Graupen (frz. Froment mon-dd, engl. Pearl-
barley) bestehen aus dem von der Schale und
den Spitzen befreiten Inhalte von Getreidekör-
nern, und zwar so, daß entweder ein einzelnes
Korn nur eine Graupe liefert, oder daß der Kern
erst in mehrere Stückchen zerbrochen und diese
zu feineren G. gerundet worden sind. Am ver-
breitetsten sind die Gerstengraupen, die in eini-
gen Gegenden auch Koch- oder Rollgerste
genannt werden, ln geringerem Maße werden
auch Weizenarten auf G. verarbeitet. Das Grau-
penmachen ist eine deutsche Erfindung des 17.
Jahrhunderts und wird sich zuerst auf die gröbste
Sorte, enthülste ganze Gerstenkörner, beschränkt
haben. Das Enthülsen geschieht auf einem be-
sonderen Mühlwerk, dem Graupengange, der
nur einen einzelnen Stein in seiner Ummantelung
(der Zarge) laufen hat. Dieser Stein ist aber
nicht mit einer breiten Fläche, sondern mit
runder Bahn gearbeitet und hier gerauht. Die
den Stein in nahem Abstande umgebende Zarge
ist an ihrer Innenseite mit Blech belegt, das ganz
wie ein Reibeisen scharf durchlöchert ist. Es ist
sonach ein von zwei rauhen Flächen begrenzter
ringförmiger Spalt vorhanden, in den das ein-
fließende, auf die Mitte des etwas gewölbten
Steins fallende Getreide gerät und durch den hef-
tigen Lauf des Steins so herumgerissen und ge-
        <pb n="154" />
        ﻿Grenada

148

Grünspan

scheuert wird, daß es bald seine Spitzen und
Schalen verliert. Das Mahlgut gelangt durch ein
Loch in der Zarge auf Siebe, durch welche es
in Graupen, Mehl und Kleie geschieden wird.
Für die kleineren Nummern (Gräupchen oder
Perlgraupen) wird das Getreide vorher ge-
brochen, und zwar jetzt meistens zwischen scharf
geriffelten Metallwalzen. Die hier sich ergeben-
den, zum Teil schon enthülsten Stückchen
werden dann auf entsprechend ferneren Grau-
pengängen gerundet und geschliffen, und die
verschiedenen Größen auf Siebwerken sortiert.
Das Schwefeln und Talkumieren, wodurch der.
unansehnlichen G. aus bläulicher russischer.
Gerste das Aussehen deutscher Ware verliehen
wird, ist als unzulässig anzusehen.

Grenade (Grenadine), ein rotbrauner Farb-
stoff aus den unreinen Rückständen der Anilin-
rotherstellung, wird als billiges Farbmaterial für
gemischte Farben auf Wolle, Baumwolle, Seide
und Leder benutzt, ist aber zuweilen arsenhaltig.
G. und Grenat scheinen identisch zu sein.

Grenadillholz, ein rotes Tischlerholz unbe-
stimmter Abstammung aus Westindien, wird auch
rotes Ebenholz genannt.

Grenadine, ein meist künstlich gefärbter, mit
Hilfe von Granatäpfelsaft und der gleichen
Menge Zucker sowie unter Zusatz von etwa 2 °/o
Zitronensäure hergestellter Sirup, welcher in Ita-
lien und anderen südlichen Ländern zur Be-
reitung von Limonaden Verwendung findet, wird
aus Frankreich eingeführt.

Grenadine. Mit diesem Namen, bezeichnet man
eine feste Seide, die zu Spitzen, Posamentier-
artikeln und ähnlichen Waren verwendet wird,
und außerdem gewisse halbseidene, gazeartige
Stoffe.

Grieß (frz. Gruau, engl. Grit), ein Mittelding
zwischen den feinsten Graupen und Mehl, besteht
aus kleinen Bruchstückchen des Getreidekorns,
die beim weiteren Vermahlen Mehl liefern wür-
den. Weizengrieß, die häufigste, in Küche und
feiner Bäckerei viel verbrauchte Ware, entsteht
bei der heutigen Art des Mahlens immer, auch-
wenn es auf Mehl abgesehen ist, beim ersten
Durchgänge des Getreides durch die Steine, weil
man hiermit zunächst nur die Körner zu ent-
schälen beabsichtigt. Erst später wird das Mahl-
gut in Schalen, Mehl und Grieß gesondert, und
letzterer allein zu feinem Mehl (Grießmehl) wei-
ter vermahlen. Soll der Grieß als Haupterzeugnis
dargestellt werden, so ist nur der Mahlgang so
zu stellen, daß davon möglichst viel, neben wenig
Mehl, entsteht. Nach der Entfernung von Mehl
und Hülsen wird der G. auf Siebwerken in ver-
schiedene F einheitsnummern sortiert. M a i s g r i e ß,
der in den Mais bauenden Ländern massenhaft
erzeugt und verbraucht sowie in andere Länder
ausgeführt wird, ist von schöner gelber Farbe
und bildet in Italien den Stoff zu der volkstüm-
lichen Polenta. 'Reisgrieß wird aus fein ge-
schrotenem Reis hergestellt.

Grindelia robusta, eine bis 9 dm hoch wer-
dende kalifornische Komposite, einer kleinen
Sonnenblume ähnlich, aber mit einem klebrigen,
harzigen Überzüge bed'eckt, soll gegen Haut-
krankheiten, Asthma und Fieber benutzt werden.
Man verwendet hierzu das Kraut im blühenden

Zustande (lat. Herba grindeliae, frz. Herbe de
grindelie, engl. Grindelia).

Grude, der bei der Braunkohlenschwelerei
zurückbleifaende Koks, brennt langsam und ruhig,
gibt aber eine intensive Hitze. Er ist eines der
billigsten Heizmaterialien und wird in besonders
konstruierten Öfen (Grudeöfen) gebrannt. Man
bezieht ihn aus der Gegend von Halle und
Weißenfels.

Grünkern ist rheinischer, im Zustande der be-
endigten Milchreife geernteter Spelz oder Din-
kel, der als Material zu vorzüglichen Kraft-
suppen in den Handel kommt. Die Ähren werden
im Backofen künstlich getrocknet, die Körner
auf besonderen Mühlen geschält.

Grünspan (Spanischgrün, Spangrün, lat.
Aerugo, frz. Verdet, engl. Verdigris). Diesen
Namen führen zwei Verbindungen des Kupfers
mit Essigsäure, nämlich das neutrale Kupfer-
azetat (s. d.), das als kristallisierter oder de-
stillierter G. bezeichnet wird, und das basische
Kupferazetat, der gewöhnliche oder gemeine
G. Die Erzeugung des letzteren ist seit lange in
den Weinbaugegenden Südfrankreichs heimisch
und wird als Nebenbeschäftigung der Winzer,
vön denen fast jeder seinen eigenen Grünspan-
kellef hat, betrieben. Die meist in den Händen
der Frauen liegende Arbeit bestellt darin, daß
Streifen von Kupferblech mit gärenden, Essig-
säure entwickelnden Weintrestern in Berührung
gebracht werden, und ähnelt somit der alten
Methode der Bleiweißherstellung. Der entste-
hende G„ der je nach dem Feuchtigkeitsgehalte
in steinharten, gewöhnlichen halbharten und
feuchten (bis zu so °/o Wasser) unterschieden
wird, kommt in viereckigen Broten von 4—S kg
Gewicht oder in etwas kleineren Kugeln oder
auch pulverisiert in den Handel und wird als
Kugelgrünspan (Aerugo in globulis) bezeich-
net, Die meist hellblaue, wenig grünliche Masse,
die wie mit fremden weißen Teilchen 1 durch-
knetet erscheint und oft durch Treber ver-
unreinigt, bisweilen auch durch Gips, Kreide,
Schwerspat verfälscht ist, besteht in der
Hauptsache aus dem basischen Kupferazetat;
Cu(C2H;)02)2 . CuO -j- 6H20, neben geringen Men-
gen eines noch basischeren Salzes. Sie führt
auch den Namen blauer oder französischer
G. — Eine mehr fabrikmäßige und rationellere
Methode besteht darin, daß man abwechselnd
Kupferplatten und mit Essig getränkte Flanell-
stücke aufeinanderschichtet. Die so erhaltene
rein grüne Ware (grüner oder schwedischer
G.) besteht aus reinem basischen Kupferazetat.
— Der G. bildet eine zähe, schwer pulverisier-
bare Masse, die sich sowohl in Essig und Mi-
neralsäuren wie in Ammoniak ohne erheblichen.
Rückstand lösen muß. Er findet beschränkte
medizinische Anwendung in Form von Salben
sowie in der Tierheilkunde als Ätzmittel. Auch
dient er als geringwertige, wenig deckende An-
strichfarbe und als Ausgangsmaterial zur Her-
stellung anderer Kupferverbindungen. — Die
Handelsverhältnisse haben sich zurzeit so ge-
staltet, daß die billigere und völlig gleichwertige
deutsche Erzeugung die Einfuhr aus Frankreich
entbehrlich gemacht hat. —- Zu Unrecht wird
bisweilen auch der auf Kupfergegenständen an
der Luft entstehende grüne Überzug (Patina),
        <pb n="155" />
        ﻿Grütze

149

Guano

der aus basisch kohlensaurem Kupfer besteht,
als G. bezeichnet.

Grütze (frz. Gruau, engl. Groat), ein Erzeugnis
aus Gerste, , Hafer oder Buchweizen, in süd-
licheren Ländern auch von Hirse, besteht aus
Stückchen von Körnern, die der Größe nach
zwischen Graupen und GrLß einzureihen sind
und durch grobes Schroten erhalten werden.

Guaco (Huacoblätter, lat. Folia guaco, frz.
Feuilles de guaco, engl. Guaco leaves) besteht
aus den Blättern und Stengeln einer Pflanze
Kolumbiens, Micania guaco, die in ihrem
Vaterlande gegen Schlangenbiß, bei uns als
Mittel gegen Cholera und Wasserscheu, benutzt
wird. Unter demselben Namen sind zuweilen
auch die Stengel von Aristolochia cymbifera
in den Handel gekommen.

Guajakharz und -holz. Der Guajakbaum
(Guajacum officinale), ein zur Familie der
den Rutazepn nahe verwandten Zygophylla-
zeen gehöriger Baum von den westindischen
Inseln, liefert sowohl ein wertvolles Nutzholz
wie ein medizinisch wichtiges Harz. Das Holz
des Stammes und der Äste enthält in zahlreichen
feinen Kanälen reichliche Mengen (etwa 20 bis
25 0/0) von Harz, das am lebenden Baume zum
Teil freiwillig ausquillt. Das Stammholz, das in
großen, mehrere Zentner schweren Blöcken als
Pockholz, Franzosenholz, Heiligen holz
(lat. Lignum guajaci s. sanctum, frz. Bois de
gayac, engl. Guaiacum wood) in den Handel
kommt, erreicht eine Dicke bis zu 3 dm und ist
eines der schwersten, härtesten und dichtesten
Hölzer, das im WasSer untersinkt und wegen
des unregelmäßigen Verlaufs der P'asern nur
schwie.ig gespalten werden kann. Nach Entfer-
nung des schmalen weißen oder hellbräunlichen
Splintes erkennt man auf dem harzglänzenden
Querschnitt des dunkelgrünlich braunen oder
schwarzbraunen, zuweilen gelblichen schwarz-
gestreiften Holzes mit der Lupe die gefüllten Harz-
gänge. Beim Erwärmen und Anzünden verbreitet
das Holz einen angenehmen benzoeartigein Geruch.
Es wird häufig zu Gegenständen, dis eine große
Festigkeit haben sollen, besonders zu Kegelkugeln
Zapfenlagern für Maschinen, Hämmern, Werk-
zeugstielen, Preßwalzen psw. verarbeitet. — Die
bei der Bearbeitung abfallenden Späne kommen
mit zu dem geraspelten Guajakholz, das als
Lignum guajaci einen Artikel des Drogen-
handels bildet und teils für sich, häufiger mit
anderen Hölzern vermischt unter der Bezeich-
nung Holztee (Species lignorum) als Blutreini-
gungsmittel benutzt wird. — Das Guajakharz
(lat. Resina guajaci, frz. Rösine de gayac, engl.
Guaiacum resin) kommt in zwei Sorten zum
'Verkehr, von denen das selbst ausgtflossene in
Tropfen oder Tränen oder in kleinen, rund-
lichen Stückchen (in lacrymis) die wertvollere
ist. Das geringwertigere G. in Massen (in mas-
sis) wird gewonnen, indem man die gefällten
Stämme durchbohrt und ihren Harzgehalt durch
1" euer zum Ausfließen bringt, Späne und Ast-
holz dagegen mit Wasser auskocht. Diese Sorte
zejgt im Inneren viele kleine Hohlräume und ist
m't Splittern und Rindenstückchen vermengt.
Das Harz ist braungelb oder grünlich, vom spez.
Gew. 1,230—1,240, sehr hart und spröde, die
beste Sorte auf dem Bruche glasglänzend und

von bitterscharfem, kratzendem Geschmack. Es
löst sich in Äther, gogrädigem Weingeist, Chloro-
form, Kreosot, Nelkenöl vollständig, in anderen
ätherischen und fetten Ölen gar nicht oder nur
teilweise. Erhitzt oder auf Kohlen geworfen,
gibt es einen der Benzoe ähnlichen Geruch. Das
gepulverte Harz und dessen frisch bereitete weih-
geistige Lösung besitzen die Eigenschaft, unter
dem Einflüsse der Luft oder anderer oxydieren-
der Stoffe, gewisser Metallsalze und organischer
Stoffe eine erst grüne, dann prachtvoll blaue
Färbung anzunehmen, die durch reduzierende
Mittel wieder aufgehoben werden. Die Ursache
der Färbung ist eine amorphe, etwa 70 0/0 des
Harzes ausmachende Säure, die Guajakon-
säure. Außerdem sind noch 10% kristallisier-
bare Guajakharzsäure vorhanden. Offizineil
wird das Harz teils als Tinktur, teils in Emul-
sion innerlich gebraucht. Das meiste Guajakharz
kommt von Jamaika über England in den
Plandel.

Guajakol, der Methyläther des Brenzkatechins,
CgH4 . OCH3 . OH, entsteht bei der trockenen
Destillation von Guajakharz und wird fabrik-
mäßig aus dem Buchenholzteerkreosot, welches
davon 60—90 % enthält, hergestellt. Es erscheint
im Handel meist als eine farblose, stark licht-
brechende Flüssigkeit von angenehm aromati-
schem Geruch, bildet aber im reinsten Zustande
rhombische, bei 310 schmelzende Kristalle, von
denen die Firma Heyden-Radebeul auf der Natur-
forscherversammlung in Dresden 1907 prachtvolle
Exemplare ausgestellt hatte. Das spez. Gew.
liegt bei 1,117 US0), der Siedepunkt bei 200 bis
2020. G. ist in Wasser schwer, in Äther und
Alkohol leicht löslich und gibt in alkoholischer
Lösung mit sehr wenig Eisenchlorid eine blaue
Färbung, die auf weiteren Zusatz von Eisen-
chlorid grün wird. Das reine G. wie das Gua-
jakolkarbonat werden an Stelle des Kreosots
gegen Tuberkulose verordnet. Die übrigen zahl-
reichen Derivate, wie Guajakolibenzoat, Gua-
jakolsalizylat usw. vereinigen die Wirkung
ihrer einzelnen Bestandteile.

Guano nennt man eine Reihe natürlicher
Düngemittel, welche der Hauptsache nach aus
den seit Jahrtausenden angesammelten Exkre-
menten von Seevögeln bestehen und in zahl-
reichen, sowohl nach Aussehen wie chemischer
Zusammensetzung verschiedenen Sorten zum
Verkehr gelangen. Die Verschiedenheiten wer-
den teils durch das Alter der Ablagerungen,
teils das Klima des Fundortes bedingt, ln regen-
armen Gegenden bleiben dem Guano alle wasser-
löslichen Bestandteile erhalten, die an anderen
Orten durch den Regen ausgewaschen und fort-
geschwemmt werden, so daß hier nur die unlös-
lichen Mineralstoffe, namentlich Kalkphosphate,
Zurückbleiben. Nach ihrer Zusammensetzung
unterscheidet man stickstoffreiche und, stickstoff-
arme Sorten und betrachtet als wichtigsten Ver-
treter der ersteren den Peruguano. Dieser
kommt seit der Erschöpfung der reichsten und
wertvollsten, Lager auf den Chinchasinseln Anga-
mos und Guanapö hai.p.sächlich von den peruani-
schen Inseln Pabillon de Pica, Huanillos und
Punta de Lobos, doch sollen auch minderwer-
tige Vorkommnisse von Bolivia und Chile als
Peru-G. in den Handel gelangen. Der echte
        <pb n="156" />
        ﻿Guarana

150

Gummiarabikum

Peru-G. ist eine lehmgelbe oder bräunliche, teils
erdig-krümliche, teils klumpige Masse, die wegen
ihres durchdringenden Ammoniakgeruches fast
nur von Chinesen abgegraben und verarbeitet
wird. Die Anglo-kontinentalen (vorm. Ohlen-
dorffschen) Guanowerke in Hamburg, London,
Antwerpen, Emmerich und M, H. Salomonsohn
in Rotterdam und Düsseldorf bringen ihn in
gemahlenem Zustande in den Handel. An wert-
bestimmenden Stoffen enthält er 4 bzw. 7 °/o
Stickstoff und 20 bzw. 14% Phosphorsäure. Zur
Erleichterung der Assimilierbarkeit wird der
Peru-G. jetzt meist mit Schwefelsäure behandelt
und als aufgeschlossener Peru-G. verkauft.
Von anderen stickstoffhaltigen, aber geringwer-
tigeren Sorten sind noch der Ischaboe-G. von
Südwestafrika sowie der ägyptische und pata-
gonische G. zu erwähnen. Unter den stickstoff-
armen, dafür aber phosphorsäurereicheren Sor-
ten spielt der Baker-G. von der Bakerinsel im
Stillen Ozean, eine erdige, lehmfarbige, geruch-
lose Masse, die Hauptrolle. Daneben wird der
Saldanhabay-, Jarvis-, Bolivia- und Som-
brero-G. gehandelt. Alle diese bis 40% Phos-
phofsäure enthaltenden Guanos werden meist in
aufgeschlossenem Zustande, als Superphosphate,
verbraucht. Zum Schutz gegen die häufigen
Verfälschungen empfiehlt es sich, die Garantie an
Stickstoff und Phosphorsäure durch eine Ana-
lyse kontrollieren zu lassen. Zum Schutz gegen
Wasseranziehung muß der Peruguano trocken
gelagert werden. Fischguano, Walfisch-G.,
Granat-G. führen ihren Namen zu Unrecht,
da sie nicht aus Vogelexkrementen bestehen.

Guarana (lat. Pasta guarana, frz. Guarana,
engl. Guarana paste), eine aus Brasilien ein-
geführte Paste, die von den Eingeborenen am
Amazonenstrome aus den Samen von Paullinia
sorbiiis, einem zu den Sapindazeen gehöri-
gen Baume, bereitet wird, gelangt teils zum
Verkauf und wird teils im Ursprungslande selbst
verbraucht. Die gerösteten, gestoßenen und mit
etwas Wasser zu einem Teige gekneteten Samen
werden in längliche oder spindelförmig gerollte
Kuchen geformt, an der Sonne oder im Rauche
der Hütten getrocknet und bilden eine harte, rot-
braune, etwas fettglänzende, mit helleren Sa-
menbruchstückchen durchsetzte Masse. Gerin-
geren Sorten soll Maniokmehl beigemischt sein.
Die bis zu s °/o Koffein enthaltende Masse quillt
im Wasser auf, riecht eigentümlich, altem sauren
Brote ähnlich, schmeckt adstringierend und ge-
linde bitter und wird von den Indianern als an-
regendes Heilmittel benutzt. Offizineil findet
sie gegen Migräne Anwendung.

Quaviroba, die süßen Beeren der im tropi-
schen Amerika heimischen Abbevillea-Arten,
strauchartiger Gewächse aus der Familie der
Myrtazeen, bilden im Ursprungslande ein be-
liebtes Obst.

Guignets Grün, eine in Wasser unlösliche,
schön grüne Maler- und Anstrichfarbe aus
wasserhaltigem bcrsaurem Chromoxyd, wird als
Ersatz für das giftige Schweinfurtergrün emp-
fohlen.

Guineagrün, ein dunkelgrünes, glanzloses, in
Wasser und in Alkohol lösliches Pulver, das
Seide und Wolle im sauren Bade grün färbt,

besteht aus dem Natronsalze der Diäthyldibenzyl-
diamidotriphenylkarbinoldisulfosäure.

Guineapfeffer nennt man hauptsächlich den
Kayennepfeffer und gewisse Formen des spa
nischen Pfeffers, bisweilen auch Paradieskörner
oder Kardamomen. Ursprünglich hießen so die
brennend scharfen Samen einer in Afrika hei
mischen Habzelia, die vor dem eigentlichen
Pfeffer in Europa gebräuchlich waren und nach
denen ein Teil der afrikanischen Westküste den
Namen Pfefferküste erhalten hat.

Gummiarabikum, Mimosengummi (lat. G.
arabicum seu mimosae, frz. Gorame arabique,
engl. Arabic gum), das seit dem Altertum be
kannte Klebmittel, kam niemals aus Arabien,
sondern aus Afrika, wo es von verschiedenen
Akazien, besonders Acacia Verek, A. arabica und
gummifera gewonnen wird. Während der Som
mermonate bis zum Beginn der Regenzeit im
Oktober füllen sich die Hölzer mit dem Gummi-
safte, der in der folgenden Zeit der heißen
Winde durch Rindenrisse ausfließt und erhärtet.
Mit der 'Häufigkeit der Winde steigt die Aus
beute. Das für pharmazeutische Zwecke beson-
ders geeignete Kordofan Sudangummi, das
in Form grünlichweißer, stark rissiger und leicht
zerbröckelnder kugeliger Stücke in den Handel
gelangt, stammt aus der Gegend des weißen Nils
und des Atbara. Während der Abschneidung
des Sudans vom Handelsverkehr fand das in
Kadariff, der Umgegend von Kassala, gesammelte
Gezirehgummi, weniger kugelige, mehr bläu
lichweiße Stücke, über Massaua vielfach Eingang.
Als Ersatzmittel dienen ostindische Sorten, Mo-
gadore-G. (aus Marokko) und besonders Sene-
galgummi, das an den Ufern des Senegal am
Rande der Sahara von Eingeborenen gesammelt
und auf französischen Schiffen nach Bordeaux
und Marseille gebracht wird. Die kugel- bis
walzenförmigen Stücke mit rauher, von netz
förmigen Rißlinien durchzogener Oberfläche zei-
gen glänzenden Bruch, blaßgelbliche bis dunkel
braune Farbe und säuerlichen Geschmack und
lösen sich in kaltem Wasser langsam unter
Hinterlassung eines Rückstandes. Wegen seiner
hygroskopischen Eigenschaft eignet das Senegal-
G. sich nicht zum Pulvern, da es hierbei leicht
zusammenballt; seine Anwendbarkeit ist über-
haupt begrenzter als die des eigentlichen G. und
beschränkt sich auf wenige technische Zwecke.
Alle Sorten von G. und seinen Ersatzmitteln,
deren schwer zu unterscheidende Bezeichnungen
von den Erzeugungsländern oder Ausfuhrhäfen
entnommen sind, kommen immer „in sortis", d. h.
aus großen und kleinen, hellen und dunklen
Stücken gemengt in den Handel und werden erst
vom Drogisten durch Auslesen (G. electum) oder
Sieben geschieden. Die beste Sorte, G. albissi-
mum, besteht aus den ganz farblosen und weißen
Stücken, während die zweite Sorte, G. electum,
die noch ausgelesenen besseren, aber doch
schwach gelblich oder rötlich gefärbten Stücke
enthält. Bisweilen werden auch gefärbte Stücke
durch Bleichen mit schwefliger Säure, nach-
folgendem Neutralisieren mit Bariumkarbonat
und Filtrieren über frisch gefällte Tonerde in
G. albisstmum verwandelt. Gepulvert in den
Handel kommendes G. ist oft stark verunreinigt,
,— In chemischer Hinsicht besteht das Gummi-
        <pb n="157" />
        ﻿Gummigutt

151

Guttapercha

arabikum vorwiegend aus Arabin, einer Ver-
bindung der Arabinsäure mit Kalk oder Magne-
sia, und unterscheidet sich dadurch vom Kirsch-
gummi, welches Metarabinsäure (Zerasin),
und dem Tragant, welcher Basso rin enthält.
Seine Verwendung ist ungemein vielseitig. Das
nicht zu pharmazeutischen Zwecken benutzte
sog. Fabrikgummi dient zur Verdickung der
Farben, in Kattun- und Seidenfabriken zum
Appretieren, ferner als Zusatz zu Schreibtinten
und als Kleb- und Bindemittel zu Briefmarken,
Etiketten, Tusch- und Wasserfarben, Zündholz-
massen üsw. Besonders im Steindruck ist es un-
entbehrlich. In der Medizin dienen die besten
Sorten zur Darstellung von Hustenzucker,
Gummischleim und -sirup, und als Bindemittel
für Pillen.

Qummigutt (Gutti, lat. Gummi s. Resina
gutt, frz. Gomme gutte, engl. Gamboge). Dieser
zu den Gummiharzen gehörige Stoff ist ein ein-
getrockneter Baumsaft von verschiedenen, nicht
sicher bekannten Arten der Gattung Garcinia,
die in Hinterindien, Mysore, auf Zeylon und
Borneo wachsen. Die in Europa käufliche Han-
delsware kommt aus Siam, meist über Singa-
pore und Kanton in zwei Sorten nach London,
nämlich als Röhrengutti und Kuchengutti.
Das erstere bildet 2V2—■4V2 cm dicke und bis
4V2 dm lange volle oder auch hohle Zylinder
und hat seine Form von Bambusrohren, in wel-
chen der vom Baume abgezapfte Saft aufgefan-
gen wird. Diese Stücke sind auf der Ober-
fläche gewöhnlich striemig, da sich die Innen-
seite des Bambus an ihnen abgeformt hat, und
mit einem grünlichgelben Staube bedeckt. Auf
dem Bruch erscheinen sie porenlos, großmusche-
hg und matt glänzend orangegelb, gepulvert
°der mit Wasser verrieben hingegen rein gelb.
Die Ware in Kuchen oder Klumpen, die oft über
1 kg schwere Stücke bildet, ist von geringerer
Güte, äußerlich meist ziemlich dunkelbraungelb
und von rauhem, nicht glänzendem Bruch mit
vie!en Poren. Das Gelb des Pulvers ist nicht
so rein, mehr ins Bräunliche fallend, die Masse
durch Sand, Holzstückchen u. dgl. verunreinigt
und oft durch Stärkemehl verfälscht. G. enthält
neben 70—80 °/o gelben Harzes 20—30 °/o Gummi
Und ist daher weder in Weingeist noch in
Wasser allein völlig löslich. Der erstere löst
nur das harzige Gelb und hinterläßt das Gummi,
'während Wasser umgekehrt wirkt. Es gibt daher
keine wirkliche Lösung dieses Stoffes in Wasser,
s°ndern nur, wenn beide miteinander verrieben
Werden, ein emulsionsartiges Gemisch von
Gummilösung mit fein verteiltem Gelbharz. Es
Wird in der Medizin als Abführmittel, weiter als
Aquarellfarbe und zur Herstellung bunter Pa-
fäere usw. gebraucht, in weichem Falle dann
^äs Gummi das Bindemittel abgibt. Die wein-
Geistige Lösung dient zum Gelbfärben von
Backen (Goldfirnis).

Gurjunbalsatn (Ostindischer-, Capivibal-
*arn, lat. Baisamum gurjunae, Baisamum capivi,
fff Baume de Copahu d’Inde, engl. Wood-oil).
dieser dem "Kopaivabalsam ähnliche Harzsaft
^ammt von Verschiedenen Bäumen der Gattung
G'pterocarpus, besonders von D. turbinatus,
a*atus und incanus und kommt sowohl vom
kindischen Festlande wie auch von den Inseln

zum Verkehr. Er bildet eine dickflüssige, bei auf-
fallendem Lichte grünlichgrau fluoreszierende,
bei durchfallendem Lichte rötlichbraun durch
sichtige Masse von kopaivabalsamähnlichem
Geruch, die in Chloroform, Petroläther, Schwefel-
kohlenstoff, Azeton, Alkohol größtenteils löslich
ist. Das spez. Gew. bei 15° beträgt 0,950—0,970.
Als Hauptbestandteile sind 60—75°/o eines stark
linksdrehenden ätherischen Öles, weiter Harz
und ein Bitterstoff isoliert worden. G. wird
medizinisch innerlich und äußerlich gegen Haut-
ausschläge, technisch zur Herstellung von Fir-
nissen, als Fußbodenöl und zur Verfälschung des
Kopaivabalsams benutzt. Der Name Wood-oil
(Holzöl) kann zu Verwechslungen führen, da
mit diesem auch andere Stoffe, so das Aleurites
Öl. das fette Sandelholzöl und der Hardwickia
Balsam von Plardwickia pinnata belegt wird.
Zur Unterscheidung des G. von Härdwickia-
und Kopaivabalsam soll man nach Flückiger oder
Hanbury folgendermaßen verfahren: Ein Trop
fen Balsam wird mit 19 Tropfen Schwefelkohlen
stoff gemischt, und darauf ein Tropfen einer
Mischung gleicher Teile konz. Schwefelsäure
und Salpetersäure hinzugegeben. Hierdurch wird
Kopaivabalsam unter Abscheidung eines kristalli
nischen Niederschlages rotbraun,. G. purpurroi.
dann violett, während Hardwickia-Balsam un
Verändert bleibt.

Gurken (frz. Concombre, engl. Cucumber), die
Früchte von Cucumis sativus, einer einjäh-
rigen Pflanze mit rankendem Stengel, werden
in Deutschland besonders in der Naumburger Ge
gend, in Lübbenau im Spreewalde und bei Lieg
nitz. in Mähren bei Znaim in großem Umfange
als Erzeugnis des Feld- und Gartenbaues, für
den Frühbedarf auch in Gewächshäusern ge
zogen. Die Gurke verlangt Wärme und Sonnen
schein, versagt aber bei Nässe, Kälte und stür-
mischer Witterung, besonders in der Zeit der
ersten Entwicklung. Für den Großhandel kom
men nur die Herbstgurken in Betracht, die in
mannigfacher Weise eingemacht werden. Zu
sauren oder Salzgurken, die einer Milchsäure
gärung unterworfen Werden, eignen sich nur
mittelgroße, nicht zu reife, noch etwas harte,
fleckenlose Exemplare, zu Senfgurken die
größten und reifsten, schon etwas gelb ge-
wordenen G., die von Schale und Samen befreit
werden, zu Pfeffergurken nimmt man hoch
stens fingerlange, unreife Stücke, zu Zucker-G.
grüne, mittelgroße, feste Ware. Zum Schutze
gegen leicht eintretende Fäulnis müssen die G.
in vollgefüllten Fässern unter einer dichten
Schicht von B’ättern und Gewürzen (Esdragon,
Pfefferkraut, Dill) aufbewahrt werden. Die Salz-
lake oder der Essig ist von Zeit zu Zeit zu er-
neuern, der Lagerraum soll kühl, luftig und frei
von üblen Gerüchen sein. Saure und Pfeffer-
gurken werden vielfach mit Kupfer gegrünt.

Guttapercha (lat. Gutta percha, G. gettonia,
frz. und engl. Guttapercha), gleich dem chemisch
verwandten, physikalisch aber wesentlich verschie
denen Kautschuk, der eingetrocknete Milchsaft
tropischer Bäume, stammt von mehreren Sapo-
tazeen, früher hauptsächlich von Palaquium
Gutta Burck (Dichopsis, Isonandra Gutta\ jetzt
mehr von Palaquium oblongifolium und bor
neense, Payena Leerii Benth. et Hook, Payena
        <pb n="158" />
        ﻿152

Guttapercha

Treubii u. a., die in ganz Ostindien auf Festland
und Inseln (Borneo, Sumatra, Java) weit ver-
breitet sind. Nachdem früher durch einen wah-
ren Raubbau, bei dem Hunderttausende von
Bäumen einfach umgeschlagen wurden, Pala-
quium Gutta vollständig ausgerottet worden war,
ist man zu einem rationelleren Verfahren, viel-
fach auch zu Neuanpflanzungen übergegangen
und zapft die Bäume jetzt meist durch Ein-
schnitte und Wegnahme eines Stückes der Rinde
an. Der ausfließende und in Gefäßen aufgefan
gene Saft, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Kuh-
milch hat, gerinnt alsbald und scheidet, beson-
ders nach Zusatz von Salz, eine klumpige Masse
ab. die mit den Händen zusammengeknetet und
dann dem Trocknen überlassen wird. Die Roh-
ware bildet viereckige, rötlichbraune, innen hei
lere Blöcke von 10—20 kg Gewicht und poröser
Struktur, die sich nur schwer zerteilen lassen
und zahlreiche Verunreinigungen von Rinde,
Holzstückchen, Blättern, Erde und Steinchen um-
schließen. Zur Herstellung der gereinigten G.
wird sie durch Schneid- oder Reißwalzen unter
ständigem Zufluß von Wasser in dünne Späne
zerteilt, darauf durch Verrühren mit viel Wasser
von den untersinkenden Verunreinigungen be-
freit und schließlich mit heißem Wasser ge-
waschen, mit Walzwerken gepreßt und geknetet,
zu dünnen Blättern oder Fäden ausgezogen und
in die verkaufsfertigen Platten, Blätter, Röhren
und Schnüre ausgewalzt. Bisweilen erfolgt auch
eine Behandlung mit heißen Alkalien, die aber
sorgfältig zu entfernen sind, wie überhaupt die
häufige Wiederholung und gründliche Durch-
führung aller Reinigungsarbeiten von größter
Bedeutung ist. Die so vorgerichtete G. zeigt
eine gelbrötliche oder gclblichweiße Farbe, ein
marmoriertes Aussehen und geschichtete Struk-
tur. Je länger die mechanische Bearbeitung
durch Kneten und Walzen, besonders bei trocke-
ner Wärme fortgesetzt wurde, um so mehr ver-
liert sich das faserige Gefüge und wird bei
gleichzeitiger Duhkelfärbung homogener. Bei ge-
wöhnlicher Temperatur lederartig, biegsam, wenig
elastisch und leicht schneidbar, erweicht G.
bei 6o° so weit, daß sie sich kneten und in jede
Form bringen läßt, und wird in siedendem
Wasser sogar klebrig und fadenziehend, nimmt
aber nach dem Erkalten ihre frühere Beschaffen-
heit wieder an. Bei 150° tritt unter Entweichen
eines flüchtigen Öles Zersetzung ein. Das spez.
Gew. beträgt 0,96—0,99, In chemischer Hip-
sicht besteht sie aus einem Kohlenwasserstoff
Gutta von der Formel (C10Hi6)n und verschie-
denen harzartigen Oxydationsprodukten des-
selben, Alban (nach Tschirch in Sphärit-, Kri-

Guttapercha

stall-, Isosphärit-AIban und Albanan unterschie-
den) sowie einen gelben Farbstoff Fluavil
(C10Hi6O)n. Daneben finden sich Gerbstoffe,
Zucker und Salze, aber kein ätherisches Öl.
Gute Lösungsmittel sind Chloroform, Schwefel-
kohlenstoff, Tetrachlorkohlenstoff und Benzin,
hingegen wird durch Alkohol mir eine wachs-
artige Substanz ausgezogen, Wasser, Alka-
lien und die meisten Säuren, selbst Flußsäure,
sind ohne Einwirkung. Nur stärkste Salpeter-
säure und Schwefelsäure zerstören G. Durch
Auflösung in 20 Teilen Benzol und Fällung mit
dem doppelten Volum Alkohol erhält man die
rein weiße G. depurata alba, die zur Aus-
füllung hohler Zähne und Anfertigung künst-
licher Gebisse dient und in Ferm dünner Stengel-
chen unter Wasser aufbewahrt wird. Durch Er-
wärmen mit Schwefel läßt sich G. ganz wie
Kautschuk vulkanisieren und verliert dadurch
die Eigenschaft, bei höherer Temperatur zu er-
weichen und von den vorgenannten Lösungs-
mitteln aufgelöst zu werden. Auch können der
G. durch Zusammenkneten Farbstoffe und Füll-
mittel einverleibt werden. Von den zahlreichen
Verwendungen spielt die ümkleidung elek-
trischer Kabel, besonders unterseeischer, die
größte Rolle, weil G. wegen ihrer Undurchdring-
lichkeit für Wasser und Elektrizität geradezu
unersetzbar ist. In chemischen Laboratorien
und photographischen Werkstätten werden Wan-
nen, Flaschen für Flußsäure, Röhren und an-
dere Gefäße zur Aufbewahrung ätzender Flüssig-
keiten viel benutzt. Als Nichtleiter der Elektri-
zität, aber durch Reibung selbst elektrisch wer-
dender Körper dient G. zur Plerstellung elektri-
scher Apparate, z. B. a'.s Ersatz der Harzkuchen
an Elektrophoren. — Guttaperchalösungen
nimmt man zum Ankleben von Schuhsohlen. —
Guttapercha in dünn ausgewalzten Blättern,
Guttaperchapapier (lat. Percha lamellata) dient
zum Einwickeln vor Feuchtigkeit zu schützender
Waren (photographischer P atten und Papiere),
zur Herstellung von Kitten für Lederriemen oder
zum Kitten von Leder auf Holz oder Metall,
zum Schienen bei Arm- und Beinbrüchen und
zum Verbinden bei Prießnitzumschlägen. Auch
stellt man aus G. Matrizen für galvanopla-
stische Niederschläge her, indem man sie auf
den zu formenden Gegenstand im erwärmten
Zustande aufpreßt. — Traumatizin, eine Lö-
sung von weißer G, in Chloroform, wird wie
Kollodium gegen Schnittwunden angewandt. Da
G. bei längerem Lagern, namentlich in def
Kälte, durch Oxydation leicht brüchig wird, zer-
bröckelt und zerfällt, muß sie bei Zimmertempe-
ratur unter Luftabschluß verwahrt werden.
        <pb n="159" />
        ﻿Haare

155

Haifisch

H.

Haare (frz. Cheveux, engl. Hair) verschiede-
ner Tierarten, wie Biber, Hasen, Kaninchen,
Roß, Ziegen usw. werden namentlich in Pinsel-
und Bürstenfabriken vielfach verwendet. .Roß-
haare dienen auch zur Herstellung von Polster-
material und Gespinstwaren.

Haarfärbemittel- Die früher benutzten H. ent-
hielten neben organischen Verbindungen meist
Blei- und Kupfersalze. Seitdem aber durch das
Farbengesetz vom 5. VII, 1887 (s. Farben) die
Verwendung giftiger Metalle zur Herstellung
kosmetischer Präparate verboten ist, kommen
vorwiegend ammoniakalische Silberlösungen für
sich oder in Verbindung mit Pyrogallol zum
Verkehr. Diese Mittel sind nicht zu beanstan-
den. Hingegen ist vor dem Gebrauch einiger
neuerer H., wie Phoenix, Teinture africaine,
Eau de Raffah, Kronen-Nußextrakt-Haarfarbe,
Nutin, ausdrücklich zu warnen, weil diese das
giftige Paraphenylendiamin enthalten und in
verschiedenen deutschen Bundesstaaten durch
Verordnungen, in der Schweiz durch Gesetz,
verboten sind.

Haargewebe (Haartuch, frz. Tissus de crin,
engl. Hair scating). Aus Haaren wqrden im Ge-
misch mit anderen Fasern verschiedenartige
Stoffe für Decken, Teppiche, wasserdichte Män-
tel usw. hergestellt. Die sog. Haardecken,
Haarziechen, aus den kürzeren Haaren von
Pferden und Rindern, dienen zur Herstellung
von Packtüch, einfachen Teppichen, Pferde-und
Schiffsdecken, Preßtüchern zum Ölschlagen und
Regenmänteln. Aus den langen Haaren der
Pferdeschweife werden die Roßhaarstoffe,
die besonders als Siebböden vielfache Anwen-
dung finden, hergestellt. Die verschiedenen Num-
mern der letzteren führen besondere Namen, wie
Pfefferböden, Safranböden, Pulver-, Müllerböden
und dienen zum Absieben von Mehl, Grieß, Gips,
Schießpulver, feinen Gewürzen, Drogen und
Vegetabilicn. Für andere Zwecke sind die Roß-
haargewebe gewöhnlich gemischte Stoffe (Haar-
tuch) mit baumwollener Kette und Einschuß
von Haaren und finden in Verbindung mit Stroh
oder Manilahanf als Einlage in Halsbinden, als
bauschende Unterfutter, zu Mützen, Beuteltuch
und Damenhüten Verwendung.

Haarstrangwurzel (lat. Radix peucedani, frz.
Racine de peucedane, engl. Peucedanum root),
die unangenehm riechende Wurzel von Peuce-
danum officinale, wird in der Tierheilkunde
gegen Schafräude benutzt.

Haarwuchsmittel. Neben vielen unschädlichen,
Wennschon wertlosen Präparaten werden eine
Reihe bedenklicher Zubereitungen vertrieben,
welche Pilokarpin, Veratrin oder Kantharidin
enthalten und z. T. bösartige Hautentzün-
dungen hervorgerufen haben. Besonders sind
solche nach dem Gebrauche von Craven-Bur-
Highs H. beobachtet worden.

Haematogcn, ein Nähr- und Kräftigungsmittel
aus defibriniertem Blut, das zur Verbesserung
des Geschmacks und zur Erhöhung der Halt-
barkeit einen Zusatz von Glyzerin erhält.

Hafer (lat. Avena, frz. Avoine, engl. Oats),
eine der wichtigsten Getreidearten, gedeiht in
den nördlichen Gegenden Europas, Asiens und
Amerikas, besonders in Schottland, an den
Küsten der Nord- und Ostsee und auf höheren
Gebirgen Mitteleuropas und wird in zahlreichen
Arten angebaut. Die meisten derselben gehören
botanisch zu dem gemeinen oder Rispen-
hafer, Avena sativa, oder, wie der Türki-
sche, Kamm- oder Fahnenhafer zu A,
orientalis, während der kurze H. oder Sper-
lingsschnabel, A. brevis, nur selten ange-
baut wird und meist wild wächst. H. wird im
Norden nur als Sommerfrucht, in südlicheren
Gegenden auch als Winterfrucht gebaut und
geht bis zu einer nördlichen Breite von 67° und
in der Schweiz bis zu Höhen von 1700 m. Er
ist die anspruchsloseste Getreideart, liefert selbst
auf schlechtem Boden noch einen Ertrag und
hat eine Reifezeit von 110—150 Tagen. Als
mittlere Ernte rechnet man auf den Hektar 25
bis 32 hl Körner, im Gewicht von 3i:—50 kg für
1 hl, und 10—35 Ztr. Stroh. Der PI. unterschei-
det sich von den übrigen Getreidearten durch
einen ziemlich hohen Fettgehalt, welcher bis zu
10 0/0 steigt, und enthält im Mittel etwa 12 0/0
Wasser, 10 0/0 Protein, 50/0 Fett, ioo/0 Rohfaser,
3 0/0 Salze und 60 o/0 Kohlenhydrate. Die Körner
bilden das Hauptfutter für Pferde, in zurück-
tretendem Maße auch für Geflügel und Rind-
vieh. Das Mehl wird, vielfach zur Herstellung
von Kindermehlen (Nestle, Kufeke), Hafer-
kakao und ähnlichen Zubereitungen, seltener
zur Brotbereitung benutzt. — Die Hafergrütze
(Quaker oats, lat. Avena excorticata, frz.
Gruau d’avoine, engl. Oats groats), das Haupt-
nahrungsmittel der Schotten, dient zur Her-
stellung von Brei und Suppen in geröstetem Zu-,
stände, in England zur Bereitung eines kühlen-
den Getränkes und zu medizinischen Zwecken.
Die deutsche Produktion betrug ihn Jahre 1912
rund 9 Millionen Tonnen, der Einfuhrüberschuß
602000 t.

Hagibutten (Hainbutten, lat. Fructus cynos-
bati, frz. Fruit du rosier sauvage, engl. Hips)
sind die reifen, roten, getrockneten Früchte der
Hundsrose, Rosa canina, die, von den zahl-
reichen Samenkörnchen befreit, in der Küche
zu Tunken und Suppen sowie medizinisch ge-
braucht werden. — Die Samen (lat. Semen
cynosbati, frz. Semences de fruit du rosier sau-
vage, engl. Wild-dogrose-seeds) werden medi-
zinisch als harntreibendes Mittel sowie als
Kaffee- und Tee-Ersatz benutzt.

Haifisch. Von den zahlreichen Arten des H.:
Hundshai (Scyllium canicula), Katzenhai
(Scyllium catulus), Blauhai (Carcharias
glaucus) u. a. wird hauptsächlich die rauhe
Haut (s. Fischhaut) als Poliermittel benutzt.
Die Rückenflossen (Haifischflossen) gelten
den Chinesen als Delikatesse und werden von
ihnen, ebenso wie das in Streifen geschnittene
und eingesalzene Fleisch, als Nahrungsmittel
verwertet. Der aus der Leber gewonnene Hai-
        <pb n="160" />
        ﻿Hai-Thao

Hanf

l.*&gt;4

fischtran dient zur Verfälschung des Leber-
trans (s. d,). Das Fleisch wird als Viehfutter
sowie zur Herstellung von Düngemitteln (Hai-
fischguano) benutzt.

Hai-Thao, eine aus Kotschinchina stammende
getrocknete Meeresalge, die als Appreturmittel
für Baumwollengetf'ebe benutzt wird, kommt in
Form grober, glatter Fasern von 30 cm Länge
in den Handel. Die Masse löst sich in kochen-
dem Wasser zu einer schleimigen Flüssigkeit,
die zur Erzeugung eines geschmeidigen und
dabei kernigen Griffs, jedoch nur für feine Ge-
webe, benutzt wird. Für steife und schwere
Appretur ist sie nicht geeignet.

Halwa (Halva), ein Backwerk aus Honig
öder Zucker, Sesamöl und Mehl oder Grieß,
wird in großen Mengen von der Türkei aus-
geführt.

Hamamelis. Von dein in Nordamerika heimi-
schen Strauche, Hamamelis virginiana L.,
kommen die Blätter und die Rinde in den Han-
del. — Die Hamamelisblätter (lat. Folia ha-
mamelidis, frz. Feuilles de hamamelis, engl. Ha-
mamelis leaves) haben eine herzförmige oder
abgerundete Gestalt, eine Länge von 10—15 cm
und einen herben Geschmack und enthalten bis
etwa 250/0 Extraktstoffe. — Die Hamamelis-
rinde (lat, Cortex hamamelidis, frz. Ecorce de
hamamelis, engl. Hamamelis bark) bildet röt-
lichbraune, oft noch mit einer silbergrauen
Korkschicht bedeckte röhren- oder bandförmige
Stücke von faseriger Struktur und zusammen-
ziehendem Geschmack. Als wichtigste Bestand-
teile sind Fett, Gerbstoff, Glykose und Extrakt-
stoffe vorhanden. — Blätter wie Rinde werden
gegen Ruhr, Diarrhöe, innerliche Blutungen usw.
angewandt. Aus den Blättern wird außerdem
ein Fluidextrakt (lat. Extractum Hamameli-
dis fluidum), aus der Rinde durch Destillation
das in England und Amerika gegen Blutungen
vielfach benutzte Hazalium hergestellt.

Hamburger Masse, eine zum Anstrich von
Akkumulatorenlagern benutzte Lösung von
60 Teilen Äsphaltbitumen in 40 Teilen Schwefel-
kohlenstoff, ist wegen ihrer großen Feuergefähr-
lichkeit mit großer Vorsicht zu handhaben.

Hanf (frz. Chanvre, engl. Hemp). Die be-
sonders durch ihre Faser, in zweiter Linie ihren
Ölgehalt überaus wertvolle Hanfpflanze, Can-
nabis sativa, gedeiht unter den verschieden-
sten Breitegraden und Bodenverhältnissen und
wird daher sowohl auf den Ebenen Persiens,
Indiens und Arabiens, wie in ganz Afrika, Ame-
rika und Europa bis nach Archangelsk hinauf
angebaut. Die Pflanze ist wie der nahe ver-
wandte Hopfen und die Nessel zweihäusig und
kommt somit sowohl in einer männlichen,
schwächer entwickelten (Hanfhahn, Sommer-
hanf, fälschlich Femmel), wie auch in einer
kräftigeren, weiblichen Torrn vor. Hauptsäch-
lich die letztere findet technische Verwendung.
Die Art des Anbaus und der Ernte richtet sich
danach, ob die Faser- oder Ölgewinnung die
Hauptsache ist. Im ersteren Falle sät man sehr
dicht und zieht noch vor der Reife im zarteren
Zustande, während man im letzteren Falle die
Samen erst reifen läßt. Zur Gewinnung der
Faser werden die Pflanzen wie Flachs auf dem
Felde oder in Wasser geröstet, gebrochen, dar-

auf meist unter Stampfen oder in Kollergängen
bearbeitet (Boken) und schließlich geschwungen
und gehechelt. Die feineren Fasern bilden den
Spinn- oder Brechhanf, die stärker verholz-
ten den Seilerhanf. Die durch Boken und Aus-
schütteln von Schäbe möglichst befreite Ware,
wie sie meist in den Handel kommt, wird als
Reinhanf, oder wenn die Bastschicht völlig
abgezogen ist, als Schleiß- oder Pellhanf
bezeichnet. Die Hanffaser erreicht bei einer
Dicke von 0,02 mm eine Länge von über 2 m
und besitzt ein ziemlich breites Lumen sowie
Längsstreifen und Quetschungen, an denen sie
unter dem Mikroskope leicht erkannt wird. Mit
Jod und Schwefelsäure färbt sie sich blau und
quillt in Kupferoxydammoniak stark auf. Der

H.	wird nach Länge, Feinheitsgrad, Farbe und
Reinheit in viele Handelssorten: ganz-, halb-,
mittelreinen, Ausschuß-, kurzen und langen,
Strähn-, Spinn- und Schusterhanf unterschieden.
Auch das Werg ist Handelsware und dient zum
Kalfatern. Am höchsten schätzt man der Farbe
nach den silber- oder perlgrauen, danach den
grünlichen oder gelblichen, während der braune
H. für überröstet gehalten wird. Dumpfig rie-
chende Ware ist verdorben. H. bildet die wich-
tigste Faser für Seile, Taue und'grobe, aber sehr
feste Gewebe und wird besonders für Fischerei
(Netze) und Schiffahrt in ungeheuren Mengen
verbraucht. Die Verarbeitung zu Garn, Zwirn
und Bindfaden erfolgt wie beim Flachs. Auch
Papier wird aus H. hergestellt, jedoch besteht
das sog. Hanfpapier der Geldscheine jetzt
meist aus Flachs. Als wichtigste Ausfuhrländer
kommen vor allem Rußland und Italien, neuer-
dings auch Nordamerika und Neuseeland in Be-
tracht. Für den deutschen Bedarf liefert aber
auch das Rheinland eine vorzügliche Spinnfaser.
Während des Krieges hat man den Anbau, der
von 21000 ha im Jahre 1870 auf 3500 ha (1905)
gesunken war, besonders auf Moorboden er-
heblich gesteigert und berechnet, daß Deutsch-
land bei Anbau von 50000 ha die Juteeinfuhr
entbehren könne. — Die Hanfsamen (lat.
Semen cannabis, Fructus Cannabis, frz. Graines
de chanvre, engl. Hemp seed) werden zum Teil
zur Aussaat, zum Teil zur Ölgewinnung benutzt.
Der für erstere bestimmte sog. Säehanf soll
von bester Beschaffenheit und nicht älter als
ein Jahr sein, weil bei dem hohen Ölgehalt
sonst leicht ein die Keimkraft schwächendes
Ranzigwerden eintritt. Alle zur Saat ungeeigne-
ten Körner bilden die 2. Sorte, die Schlag-
saat, die wie andere Ölfrüchte ausgepreßt wird.
— Das Hanföl (lat. Oleum cannabis, frz. Huile
de chanvre, engl. Hemp oil), das in größter
Menge aus Rußland kommt, besitzt eine grün-
liche oder bräunlichgelbe Farbe, milden und
faden Geschmack und starken Hanfgeruch. Es
hat ein spez. Gew. von 0,927 und erstarrt erst
bei -—27 °. Es eignet sich nicht zu Speise-
zwecken, kann aber im raffinierten Zustande als
Brennöl benutzt werden. Am meisten benutzt
man es zur Herstellung von Schmierseife so-
wie als trocknendes Öl zur Bereitung geringer
Firnissorten. — Die Hanfpreßkuchen dienen
als Futter für Pferde und Schafe. Außer zur
Ölgewinnung finden die Samen in geröstetem
Zustande sowie als Suppe zur menschlichen
        <pb n="161" />
        ﻿Harlemer Balsam

Harzöl

155

Ernährung, ferner als Vogelfutter und, medi-
zinisch, zu Emulsionen Verwendung. — Das
Kraut, Herba oder Summitates cannabis,
auch indischer H. genannt, bildet den Roh-
stoff zur Darstellung narkotischer Präparate,
Jedoch eignen sich hierzu nur die tropischen,
besonders indischen Sorten, die bisweilen auch
als eine besondere Art, Cannabis indica, an-
gesehen werden. Von den drei Handelssorten
bildet die Ganja oder Gunja */2 kg wiegende
Bündel, die aus 20—30 verästelten, entblätterten
Stengelspitzen der weiblichen Pflanze bestehen
und einen stark narkotischen Geruch sowie
harzig bitteren Geschmack besitzen. Die zweite
Sorte: Bhang, Guaza oder Siddhi, die in der
Kegel zu uns kommt, besteht aus einem Ge-
misch stengelloser Blütenstände mit Blättern
und Früchten und erscheint meist in Form dicht
mit Harz verklebter Knäuel. Sie ist harzärmer
und von schwächerem Geruch. Die dritte Sorte:
Ch aras oder Churus endlich verbleibt in In-
dien, Als wirksame Bestandteile der Droge hat
man ein bei 400 schmelzendes Harz(Kannabin),
ferner ätherisches Öl und ein Alkaloid (Kanna-
binin) isoliert. Der a'koholische Auszug und
die Tinktur finden medizinische Anwendung als
Schlafmittel. — Der indische Hanfextrakt (lat
Extractum cannabis indicae, frz. Extrait de
chanvre Indien, engl. Extract of Indian hemp)
wird aus dem zerkleinerten Kraute durch Aus-
ziehen mit Weingeist gewonnen und als Zusatz
zu verschiedenen Hühneraugenmitteln benutzt.
Eie Hauptmengc dient aber zur Herstellung von
Haschisch, d. s. verschieden zusammengesetzte
Zubereitungen, die geraucht oder getrunken
Werden und dabei wie Opium einen eigentüm-
lichen Zustand der Berauschung, bei fortgesetz-
ter Anwendung aber schwere Störungen ver-
ursachen.

Harlemer Balsam oder öl (Holländischer
°der Silber balsam, Silber- oder Ti 11 y-
tropfen, lat. O.eura tereblnthinae sul.'uratum,
Hz. Baume de soufre thdrübinthme, Huile
d’Haarlem, engl. Harlem balsam), ein Produkt
der trockenen Destillation von Aloe, Weih-
much, Myrrhen und Olivenöl, oder ein Gemisch
v°n geschwefeltem Leinöl mit Terpentinöl, wird
als Hausmittel benutzt.

Harmalasamen sind die Samen einer zur Fa-
milie der Butazeen gehörigen Steppenpflanze,
Beganum Harmala (L.), die im südlichen
Kußland, in der Türkei, Persien und am Kaspi-
schen Meere wild wächst, zuweilen auch an-
ßebaut wird. Sämtliche Teile der Pflanze haben
einen starken und angenehmen Geruch und
etwas brennenden Geschmack; die in einer
Kugdig dreifurchigen Kapsel liegenden Samen,
me im Orient als Gewürz benutzt werden, sind
dreiseitig, an einer Seite gewölbt und enthalten
Ueben einem roten Farbstoff, dem Harmala-
Jot, zwei Alkaloide, das Harmalin und das
Karmin, farblose, kristalliniscne Körper von
®tark bitterem Geschmack. Die Samen sollen in
uer Türkei nach dem Rösten und Behandeln mit
Schwefelsäure zum Rotfärben benutzt werden.

Harnsäure (lat. Acidum uricum, frz. Acide
Ur*que, engl. Uric acid), eine stickstoffhaltige
Organische Säure, CjH^N^Os, war eine Zeitlang
,v°r clern Aufkommen der Anilinfarben) ein

ziemlich gesuchter Handelsartikel, den man zur
Bereitung des Murexids benutzte. Zu ihrer Dar-
stellung bediente man sich, da der Menschen-
harn zu geringe Mengen enthält, der Schlangen-
exkremente, späten des Peruguano. 100 kg Guano
geben etwa 7 kg Säure in Form eines bräunlich-
gelblichen Pulvers, welches durch weitere Reini-
gung in schneeweißen Kristallen erhalten wird.

Hartspirilus ist durch Auflösen von Seife, am
besten reinem stearinsauren Natrium, oder von
Zelluloseazetat in feste Form übergeführter
Spiritus, der zur Beheizung von Spirituskochern
besonders im Kriege viel benutzt wurde.

Harz (lat. Resina, frz. Resine, engl. Resin).
Unter diesem Namen faßt man in der Wissen-
schaft zahlreiche pflanzliche Ausscheidungspro-
dukte zusammen, die in der Hauptsache aus
stickstofffreien Verbindungen von Kohlenstoff,
Wasserstoff und Sauerstoff (Harzsäuren, Ester)’
bestehen und in Wasser unlöslich, in Alkohol,
Äther, Schwefelkohlenstoff hingegen in der Regel
löslich sind. Als besondere Unterabteilungen
werden von ihnen die Gummiharze (Gum-
migutti, Asa foetida, Ammoniakgummi,
Galbanum, Myrrhe, Weihrauch), das sind
Gemische von Harzstoffen mit Gummi, und die
Balsame (Terpentin, Kopaiva-, Gurjun-,
Mekka-, Peru-, Tolubalsam, Storax), Lö-
sungen von Harzstoffen in ätherischen ölen,
unterschieden. Zu den eigentlichen Harzen
gehören u. a. Schellack, Kopal, Mastix,
Benzoe, Drachenblut, Dammat, Elemi,
Sandarak, Guajak- und Akaroidharz so-
wie vor allem das Fichtenharz. Die einzelnen
Harze, Gummiharze und Balsame sind unter
ihrem besonderen Namen besprochen worden.

Harztrsatz (Kunstharz) wird durch Erhitzen
von Formaldehyd mit Phenolen (oder Kresolen)
und einer Kontaktsubstanz (Alkalien, Säuren,
Gerbextrakt, Kasein) als eine harzartige Masse'
dargestellt, die in Alkohol oder Azeton löslich
ist, sich, wenn auch unvollkommen, mit Fuß-
bodenölen mischt oder mit Universalfarben ver-
reiben läßt und glänzende, durchscheinende,
rasch trocknende Anstriche gibt. Ein derartiges
Erzeugnis der Bakelit-Gesellschaft wird als Ba-
kelit, im Gemisch mit Kumaronharz (s. d.) als
Albertole bezeichnet. — Ein anderer H. der
Chemischen Fabrik Nördlinger entsteht durch
Behandlung von HolzteerÖl mit Schwefelsäure,
ein weiterer von Bartling und Haege durch Er-
hitzen von Lignit mit Kali und Soda. — Schließ-
lich ist auch eingedickte Sulfitlauge als Harz-
ersatz benutzt worden.

Harzkitte, aus Harzrückständen, meist unter
Zusatz von Kautschuk oder Guttapercha, durch
Auflösen in Schwefelkohlenstoff, hergestellt,
dienen zum Verkitten solcher Gegenstände, bei
denen besondere Haltbarkeit gewünscht wird.

Harzöl (Harzgeist). Das bei der Destillation
von Leuchtgas aus Fichtenharz in Menge von
20—250/0 erhaltene rohe H. dient zur Herstel-
lung einiger technisch wichtiger Stoffe. Der bei
120—1300 übergehende Harzgeist (Pinolin)
kann als Beleuchtungsmittel sowie als Ersatz
für Terpentinöl gebraucht werden, nachdem
er vorher durch Schütteln mit Natronlauge ent-
säuert und mit Dampf destilliert worden ist.
Durch weitere Destillation des Rohöls bis zu
        <pb n="162" />
        ﻿Haselwurz

156

Hausenblase

280° wird ein bräunlichgrünes dickeres Öl (fixes
Öl oder Patentöl) hergestellt, das, mit Schmier-
seife gemischt, als Patentwagenf ett, englische
Wagenschmiere sowie unter der unzutreffen-
den Bezeichnung Paraffinfett in den Handel
kommt.

Haselwurz (lat. Rhizoma asari, frz. Racine
d’asari, engl. Cabaric root), eine nicht unwich-
tige Ware des Drogenhandels, stammt von
Asarum europaeum (Nierenkraut, Hasen-
kraut), einer in Bergwäldern unter Gebüsch,
besonders Haselsträuchern, wachsenden Pflanze
mit niedrigen Stengeln, glockigen, braunroten
Blütenkelchen und langgestielten nierenförmi-
gen Blättern. Der dünne, kriechende, grau-
braune Wurzelstöck ist hin und her gebogen,
knotig gegliedert, längsrunzelig und mit Faser-
wurzeln besetzt. Er hat einen eigentümlichen
kampferartigen Geruch, schmeckt beim Kauen
brennend pfefferartig und bewirkt im frischen
Zustande Erbrechen. H. enthält neben ätheri-
schem Öl einen kampferähnlichen Stoff, das
Asaron, und wird in Pulverform als Schnupfen-
mittel sowie in der Tierheilkunde verwandt.

Hauhechelwurzel (Haudornwurzel, Harn-
krautwurzel, lat. Radix ononidis, frz. Racine
de bugrane, engl. Restharrow root), die mehrere
Fuß lange und fingerdicke, holzigzähe Wurzel
der dornigen Hauhechel, Ohonis spinosa,
eines niedrigen, an Wegrändern und sonst auf
unbebauten Flächen häufig wachsenden Strau-
ches mit blaßroten Schmetterlingsblüten, kommt
in Form ästiger, außen dunkelbrauner, auf dem
Querschnitt weißlichstrahliger Stücke, die meist
der Länge nach gespalten sind, in den Handel.
Der Geschmack ist süßlich bitterlich, beim Kauen
zusammenziehend und etwas brennend. H. ent-
hält als charakteristische Bestandteile die Gly-
koside Ononin, Ononidin und das wachs-
artige Onozerin und wird als harntreibendes
Mittel sowie als Zusatz zu Blutreinigungstees
verwandt.

Hausenblase (Fischleim, lat. Colla piscium,
Ichthyocolla, frz. Colle de poisson, engl. Isin-
gla'ss) besteht aus der getrockneten inneren
Haut der Schwimmblase verschiedener großer
Fischarten vom Geschlecht der Störe und Hau-
sen, besonders des eigentlichen Störs, Aci-
penser sturio, und des Hausens, A. huso
sowie einiger kleiner Verwandter, des Osseter,
A. Güldenstaedtii, desSterlet, A.ruthcnus,
und des Sewruga (Scherg). Es sind also
meist dieselben Tiere, die im Handel auch den
Kaviar liefern und in dem Aufsatz Stör näher
besprochen worden sind. Die meiste H. kommt
aus Rußland über Petersburg. Außer dieser
russischen „echten“ Ware erscheint aber noch
manche andere aus den verschiedensten Welt-
gegenden, besonders amerikanische von der
Hudsonsbai, brasilianische und ostindische, die
bisweilen auch wohl der echten in betrüge-
rischer Absicht beigemischt wird. An den Küsten
Norddeutschlands, Englands und Nordamerikas
verarbeitet man hauptsächlich den Kabeljau, da-
neben noch Lachse, Welse und Seehechte. Die
nicht russischen Sorten sind alle von geringerer
Güte, meist dunkler, gelblich bis bräunlich ge-
färbt und mit widrigem Fischgeruch und -ge-
schmack behaftet und hinterlassen beim Kochen

mit Wasser weit mehr unlöslichen Rückstand
als die echte. Die russische H. unterscheide1
man in: Astrachaner, uralische und si-
birische. Die beste Ware besteht aus harten,
schwer zu biegenden Blättern mit runzliger
Oberfläche, die bei auffallendem Lichte mit
prachtvoll blauer Farbe schillert, während die
geringeren Sorten dieses Irisieren wenig oder
gar nicht zeigen. Die gangbarsten Marken der
russischen H. sind: Saliansky, Beluga und
Samovy oder Samova, nächst diesen Asse-
towa und Prernislowoi. Ihre Zubereitung er-
folgt in höchst einfacher Weise, Die frischen
oder, wenn getrocknet, in Wasser wieder auf-
gequellten Blasen werden der Länge nach auf-
geschnitten, durch sorgfältiges Waschen ge-
reinigt und von der äußeren unbrauchbaren
Muskelhaut befreit. Die innere weiße Haut, in
eine der gangbaren Formen gebracht (ge-
brakt), wird dann vollends getrocknet. Früher
gab es im Handel auch unaufgeschnittene, nur
äußerlich gereinigte Blasen sowie solche, di®
geöffnet und zu einem Kuchen zusammen-
geklappt waren. Diese Stücke mußten aber vor
dem ; Gebrauch erst lange gewässert, geklopft
und auseinandergelegt resp. gereinigt werden-
Dasselbe gilt von der in Fadenform geschnit-
tenen, oder in Ringel- oder Lyraform (Ringel-
hausenblase) aufgerollten und gebogenen
VVare, die noch hin und wieder vorkommt. Zur
Herstellung der Blätter werden die noch feuch-
ten gereinigten Stücke stark ausgereckt, mit
Nägeln über Bretter gespannt und so in der
Sonne fertig getrocknet, während man die
dünnen Fäden durch Zerschneiden der Blätter
auf Maschinen mit stählernen Schneidescheiben
erhält. Neuerdings wird oft die rohe H. nach
Petersburg geschafft und dort erst gebrakt und
mit schwefliger Säure gebleicht, wodurch sie
aber an Wert verliert. Besser ist die an der
Wolga übliche Schneebleiche, bei der man die
Blasen der im Winter unter dem Eise gefange-
nen Tiere bis zu der Verarbeitung im Schnee
eingräbt. Die Beluga, also die eigentliche
große, dicke und rauhe Blätter von wenige!
reiner Farbe, ist die billigere Sorte, aber in
allen Fällen, in denen nicht auf schönes Äußere
gesehen wird, sehr gut brauchbar. Sterlet-
blase ist nicht größer als ein Handteller. Sa-
mowy, eine in dünnen weißen Blättern in de»
Handel kommende Ware, die den übrigen Sorten
an Güte sehr nachsteht, stammt vom Wels-
Die H. ist in kaltem Wasser nicht löslich, son-
dern quillt nur stark darin auf. Beim Erhitze0
löst sie sich aber in Wasser wie auch in ver-
dünntem Spi Lus, unter Hinterlassung geringer
Mengten faseriger Reste zu einer klebrigen
Flüssigkeit, die nach dem Abkühlen schon be&gt;
einem Gehalte von 4 0/0 zu einer Gallerte g6"
steht. Hierauf beruht ihre Vielseitige Verwen-
dung in der Küche und Konditorei zur Herstel-
lung von Gelees und Süßspeisen. Als Klebstoff
dient sie in Form von Mundleim und durch-
sichtigen farbigen Oblaten, auf Taft gestrichen
als H.-Pflaster, sog. englisches Pflaster,
ferner zu Kitten, besonders in weingeistiger Lö-
sung und mit Harzen verbunden, als sog. Dia-
rnantkitt, als Bindemittel für Farben und bei
Anfertigung der künstlichen Perlen aus Glas

und
liefe
zeic
geh
ApF
c-eu
Ver
Blei
Zus
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io ]

12-

pac

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die

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Vo
        <pb n="163" />
        ﻿Häute

157

Häute

und Fischschuppen. Als durchsichtiger Körper
liefert sie Leim- oder Glaspapier, das zu Durch-
zeichnungen und zum Bedrucken mit Bildern
gebraucht wird. Als Glanzstoff wird sie zum
Appretieren von seidenen und anderen feinen
Zeugen und Bändern benutzt. Den stärksten
Verbrauch aber hat sie als Klärmittel für trübe
Biere' und Weine, denen sie im aufgequellten
Zustande beigemischt wird. Die russische Ware
gelangt in den Handel entweder in Ballen von
Jo Pud (i Pud = 16,38 kg) oder in Fässern von
12—14 Pud, in denen sie, in grobe Säcke ver-
packt, enthalten ist. Als sog. künstliche H.
kommen Erzeugnisse in den Verkehr, zu deren
Herstellung nicht nur die Blase, sondern auch
Haut, Magen und Därme großer Fische zu einer
Gallerte verkocht und dann zu dünnen Blättern
getrocknet werden. Sie bilden ein geringwerti-
ges Material für Fischleim.

Häute (frz. Peaux brutes, Cuirs en poil, engl.
Hides) nennt man die äußeren Umkleidungen
tierischer Köfper, und zwar im Handel haupt-
sächlich diejenigen aller größeren Tiere, wäh-
rend die kleinerer Tiere Felle genannt werden.
So sagt man Riiiderhaut, Roßhaut, Eselshaut,
dagegen Kalbfell, Hasenfell und Ziegenfell.
Auch werden sämtliche Rauchwaren als Felle
bezeichnet. Unter Häuten versteht man nur
die rohe, unbearbeitete Ware, die fast aus-
schließlich zum Gerben bestimmt ist. Gegerbt
beißen sie Leder. Die wichtigsten im Handel
vorkommenden Häute sind Rinder-, Roß- und
Büffelhäute. Mit Ausnahme der kleineren und
schwächeren ostindischen und ähnlicher Sorten
Werden Ochsen- und Kuhhäute überseeischer
Abkunft, die von Herden stammen und großen-
teils mit Brandzeichen versehen sind/meist zu
Sohlenleder, die von europäischem, im Stall
aufgewachsenem Vieh aber auch zu Riemen-
JJJJd Sattlerleder gegerbt. Während die Häute
von europäischem Vieh meist von den Schlach-
tern direkt in die Hände der Gerber übergehen,
bilden die überseeischen Häute (Wildhäute)
einen bedeutenden Handelsartikel, der von allen
Weltteilen nach Europa und den Vereinigten
Staaten eingeführt wird. Die Wildhäute kommen
anf dreierlei Art zum Versand: 1. trocken.
Hie Trocknung gelingt gut bei scharfer Luft,
fahrend bei wechselndem Tau, Regen und
Sonnenschein nur mit größter Sorgfalt Be-
schädigungen, besonders durch Sonnenbrand,
^ctmieden werden können. Trockne Häute sind
bei langer Beförderungsdauer, namentlich aus
beißen Gegenden, in hohem Grade durch Wurm-
ttaß gefährdet. 2. trocken gesalzen, d. h.
aach dem Schlachten auf der Fleischseite mit
balz (teilweise auch Salpeter) eingerieben und
bann an der Luft getrocknet. Diese hauptsäch-
fch in Brasilien, Madagaskar und Mauritius üb-
‘che Behandlung erhöht das Gewicht nahezu
UnJ die Hälfte, aber die Ware erhält sich gut,
JbJd nur etwa vorherrschender Salpeter bewirkt

bi;

steilen Erhitzung oder Fäulnis. 3. grün ge-

gj 2en, naß gesalzen oder in Kissen gesalzen
ei®rart'gc H, werden zwischen Salzschichten
^mge Tage aufgestapelt, bis das Blut

und

asser abgelaufen ist, dann mit einigen Kilo-
g atnm Salz, das auf beiden Seiten anhängen
eibt, in ein Bündel zusammengefaltet und ein-

geschnürt. Solche Häute behalten jahrelang ihre
Frische und Geschmeidigkeit und sind für Sohl-
leder ganz besonders geeignet. Das Gewicht
einer grün gesalzenen Haut beträgt fast das
Doppelte einer trockenen, der Wert ist jedoch
ein relativ höherer wegen ihrer Frische und der
Gewißheit, daß sie gut erhalten ist. Die trotz-
dem bisweilen vorkommenden Beschädigungen,
wie Schnitte, Löcher, wunde Haarseite und
dergl. sind ohne weiteres erkennbar. Dieser
Art des Salzens bedient man sich meist in den
La-Plata-Staaten und anderen Teilen Südameri-
kas, aber auch in Australien und am Kap der
guten Hoffnung. — Von den Exportplätzen
roher Wildhäute nimmt Buenos Aires den ersten
Rang ein, dann folgen Montevideo und Rio
Grande, die Erzeugnisse von nahezu gleicher
Güte liefern, ferner Rio de Janeiro-, Bahia, Per-
nambuko, Ceara, Valparaiso, Lima, Para, Callao,
Marakaibo, Kapstadt, Sidney und Melbourne. Bis-
weilen werden aber auch, meist durch Futter-
mangel oder Seuchen veranlaßt, Massenschlach-
tungen in solchen Ländern .vorgenommen, deren
Ausfuhr sonst nicht belangreich ist, so z. B. in
den 60er Jahren in Marokko, später in Tunis
und Algier, neuerdings in China und Arabien.
Nordamerika ist hingegen, wegen seiner rasch
entwickelten Lederindustrie, zu einem Einfuhr-
lande geworden, so daß es jetzt auf die Preise
in Europa einen maßgebenden Einfluß ausübt.
Roß häute oder Pferdehäute f nden nur
zu Schuh- oder Stiefeloberleder Verwendung.
Sie gelangen neben den beträchtlichen Er-
trägnissen europäischer Abdeckereien und Roß-
schlächtereien hauptsächlich aus den La-Plata-
Staaten, in geringeren Mengen auch aus Austra-
lien, Rußland und Nordamerika zur Einfuhr.
Büffelhäute, die hauptsächlich in den Ver-
einigten Staaten von Nordamerika, seltener in
England und Deutschland, wie die Ochsen- und
Kuhhäute, zu Sohlenleder gegerbt Werden, sind
billiger, aber auch dicker und schwerer, von
lockerem Gefüge und überhaupt geringerer Güte
als die Rinderhäute. — Ostindische Häute
(Kips — von Kip, eine kleine Rindhaut) sind
von den besprochenen Wildhäuten wesentlich
verschieden. Sie werden, weil schwächer und
geschmeidiger, fast nur zu Oberleder gegerbt,
ersetzen sowohl das schwache Kuhleder wie
das starke Kalbleder und sind auch bei guter
Gerbung von eher noch größerer Dauerhaftig-
keit. Marktstiefel und Schuhe werden meist aus
Kips gefertigt. Die ostindischen Häute ent-
stammen, der religiösen Vorschrift, kein Tier zu
töten, entsprechend, meist von gefallenem Vieh
und kommen nach äußerlicher Behandlung mit
Salz, Kalk oder Kot über Kalkutta, Bombay,
Madras, Kurrachee und Kochin in den Handel.
Die hauptsächlichsten Sorten, die in Kalkutta
zur Verschiffung gelangen, sind: Northwestern,
Dacca, Hoogly, Kalkutta,. Durbangah, Patna,
Burdwan, Cuttae, Ganjam, Gopaulpore und
Bimlipatam. Neuerdings werden viele der besten
H., besonders Delhi- undLucknow- und anderer
Northwestern-Sorten zum Schutze gegen Vv'urm-
fraß mit Arseniklösung zugerichtet, doch ist
dieses Verfahren ziemlich kostspielig, ohne hin-
reichende Gewähr zu bieten. Eselshäute aus
Italien, Frankreich und Spanien werden zu
        <pb n="164" />
        ﻿Hecht

158

Hefe

Leder für Trommeln, zu Chagrin, hauptsächlich
aber zu Pergament verarbeitet. Außerdem kom-
men noch Kamel-, Gnu-, Walroß-, Quagga-,
Alligatorhäute und sonstige Merkwürdigkei-
ten in den Handel, doch selten in größeren
Mengen. Während für La-Plata-Häute die
Hauptmärkte in Antwerpen, Havre, Liverpool
und Hamburg sind, hat für ostindische Kips
London bei weitem den größten Markt. Von
anderen europäischen Häfen wären noch Mar-
seille, Bordeaux, ■ Genua, Triest, Amsterdam
und Bremen als bedeutende Häutemärkte zu er-
wähnen. Im deutschen Binnenlande ist der
Hauptverkehr besonders in Köln, Dresden, Leip-
zig, Berlin, Frankfurt a. M. Alle PI. werden
nach Gewicht gehandelt, nur trockene Rößhäute
stückweise.

Hecht (frz. Brochet, engl. Pike). Der ge-
wöhnliche H., Esox lucius, ist ein Raubfisch,
der in allen süßen Wässern Europas lebt, seines
wohlschmeckenden Fleisches wegen überall ge-
schätzt wird und eine Länge von U/jin und ein
Gewicht von 25 kg, ja in schottischen und irischen
Seen bisweilen von 35 kg erreicht. Er wird meist
frisch verzehrt; eingesalzen oder in Essig ein-
gelegt, kommt er nur aus wenigen Gegenden in
den Handel, in denen er besonders häufig ist, so
von der unteren Oder und Havel und von der
Donau. An den Ostseeküsten, z. B. in Livland,
wird der H. öfter an der Luft getrocknet und
so in den Verkehr gebracht. Aus dem Rogen
wird eine Art minderwertiger Kaviar bereitet.

Hederichöl (frz.Huile de raveneile, engl. Coild
radish oil), das aus den kleinen Samen des
Hedrichs (Ackersenf, Ackerkohl, Acker-
rettich), Raphanus raphanistfum, gepreßte
fette Öl ist klar, dunkelolivengrün, vom spez. Gew.
0,915—0,917 und im übrigen dem Rüböl ähnlich.
Es kommt aus Ungarn, wo die Pflanze im
großen angebaut wird, da der Rübsen dort keine
guten Ernten mehr gab. Hedrich gilt als Un-
kraut und wird bei uns meist im Getreide un-
gern gesehen, ausgerottet, oder durch Aufspren-
gen von Eisenvitriollösungen am Emporkom-
men gehindert. Das H. findet beschränkte Ver-
wendung zur Herstellung von Seifen.

Hedonal ist ein neues unschädliches Schlaf-
mittel, das in chemischer Hinsicht als Methyl-
propylkarb.nolkarbaminsäurees.er (Methylpro-
pylkarbinolmethan) anzusprechen ist und in Ta-
blettenform in den Handel kommt.

Hefe (Bärme, Gest, frz. Levure, engl. Yeast)
besteht aus den mikroskopisch kleinen Zellen
von Sproßpilzen der Gattung Saccharomy-
ces, welche die Fähigkeit besitzen, durch ihren
Lebensprozeß zuckerhaltige Flüssigkeiten in
Gärung zu versetzen, d. h. den Zucker in Al-
kohol und Kohlensäure zu zerlegen. Da fast
jeder der zahlreichen Zuckerarten ein beson-
derer Hefenpilz entspricht und auch die Natur
der Nährlösung für die Entwicklung der Zellen
von Bedeutung ist, so gibt es eine außer-
ordentlich große Zahl von Hefesorten. Die-
selben lassen sich in drei große Gruppen ein-
ordnen: die Bierhefe, Weinhefe und Branntwein-
hefe. — Die Bierhefe wird von den Braue-
reien in großem Maßstabe dazu benutzt, die
aus dem verzuckerten Malze hergestellte Würze
zu vergären. Sie besteht aus den Pilzen der

Gattung Saccharomyces cerevisiae und zer-
fällt in zwei Unterabteilungen, die sog. Ober-
und Unterliefe, von denen die erstere bei höherer
Temperatur von 12—15° eine stürmische, schnell
verlaufende Gärung erregt, während die Unter-
liefe bei 4—io° und weit langsamer wirkt. Die
Bezeichnung rührt daher, daß die Oberhefe sich
auf der vergorenen Flüssigkeit als schaumige
Decke ansammelt, die Unterhefe aber zu Boden
sinkt. Die Bierhefe bildet im allgemeinen keinen
Handelsartikel, weil jede Brauerei ihren Bedarf
aus der bei der Gäryng üppig wachsenden und
sich vermehrenden Hefe selbst deckt. Nur weil
die fortwährend in derselben Brauerei erzeugte
Hefe allmählich unwirksam wird (degeneriert),
hat sich der Brauch herausgebildet, daß die
Brauereien ihre Hefe von Zeit zu Zeit aus-
tauschen. Erst seitdem durch Hansen nachge-
wiesen wurde, daß die Bierhefe kein einheitlicher
Stoff ist, sondern ein Gemisch der verschieden-
sten Rassen enthält, von denen jede besondere
Eigenschaften beshzt, werden von bakteriologi-
schen Instituten Reinzucnthefen, aus einer
einzigen Rasse bestehend, an die Brauereien
verkauft. — Das von der Bierhefe Gesagte gilt
auch von der Weinhefe, die früher überhaupt
nicht dem Moste zugesetzt wurde, weil sie auf
den Beeren bereits in genügender Menge vor-
handen ist. Auch hier sind neuerdings mit Rein-
zuchthefen, die Weine von bestimmtem Bukett
und Gepräge liefern, gute Erfolge erzielt wor-
den. — Als Handelsprodukt kommt allein die
Preßhefe oder Kunsthefe in Betracht. Sie
dient dazu, Branntweinmaischen in Gärung zu
versetzen, und entsteht als Nebenprodukt in den
Brennereien, wird aber jetzt von besonderen
Fabriken in großem Maßstabe dargestellt. Zu
diesem Zwecke wird nach dem neueren Luft-
verfahren mit Malz verzuckerte Getreidemaische
mit obergäriger Mutterhefe aufgestellt, darauf
ein Luftstrom eingeleitet, worauf die H. lebhaft
wächst. Nach beendeter Gärung wird die H. in
Filterpressen gepreßt und bildet dann eine
lichtgelbe, etwas krümlige Masse von angeneh-
mem obstartigen Geruch, die aber nicht lange
haltbar ist, sondern unter Annahme eines dump-
figen Geruchs verdirbt. Sie enthält 50—-75 °/»
Wasser und 13—22 0/0 Protein. Der früher üb-
liche Zusatz von Kartoffelmehl ist durch das
Lüftungsverfahren überflüssig geworden und
daher ebenso wie die Beimengung von Gips,
Kreide und Bierhefe als Verfälschung zu ver-
urteilen und gesetzlich verboten. Den Zusatz
von Stärkemehl erkennt man beim Verreiben
mit Jodlösung, wobei die Pilzzellen ungefärbt
bleiben, während die Stärkekörner sich als blaue
Schicht absetzen. ' Die H. findet ausgedehnte
Anwendung in der Bäckerei zur Lockerung des
Brotes sowie in der Medizin gegen Furunkeln,
Diabetes und verschiedene andere Krankheiten-
In geringerem Maße hat man sie neuerding5
zur Herstellung von Hefenextrakten (Siris,
Sitogen, Wuk) herangezogen, brauner Suppen-
würzen von fle.schextraktähnlichem Geschmack,
welche durch Einkochen der H. oder durch frei-
willige Verflüssigung nach Zusatz von Salzsäure
hergestellt werden. — Trockenhefe, ein durch
Eintrpcknen von Hefe hergestelltes hellbraunes
Pulver mit etwa 500/0 Stickstoffsubstanz, wird
        <pb n="165" />
        ﻿Heidelbeeren

159

Herba

als einwandfreies Futter- und Nahrungsmittel
in den Handel gebracht. Die dazu erforderlichen
großen Hefemengen züchtet man durch Aussaat
besonderer Heferassen auf eine Nährlösung aus
Zucker (Melasse) und Ammoniumsulfat, wobei
durch starke Lüftung eine Bildung von Kohlen-
säure und Alkohol verhindert wird.

Heidelbeeren (Blaubeeren, Bickbeeren,
Schwarzbeeren, lat. BaCcae myrtillorum,
Fructus myrtilli, frz. Baies de myrtille, engl.
Bil-berries), die Früchte des in höher gelegenen
Wäldern häu.ig wachsenden kleinen Strauches
Vaccinium Myrtillus, bilden nicht nur im
frischen Zustande den Gegenstand eines nicht
unbedeutenden Handels, sondern sind auch ge-
trocknet Gegenstand des Drogenhandels. Die
Beere enthält neben Zucker und Gummi einen
purpurroten Farbstoff, Äpfelsäure und Zitronen-
säure und schmeckt angenehm süßsäuerlich und
etwas zusammenziehend. Getrocknet ist sie
schwarz, runzlig und in der Form kleinen Ro-
sinen ähnlich, im übrigen aber an Gehalt und
Wirkung unverändert. Die getrockneten Beeren
bilden in Abkochung ein Volksheilmittel gegen
Diarrhöen, als welches sie in Frankreich, Ruß-
land, Rumänien und der Levante sogar für den
Armeebedarf benutzt und aus Deutschland be-
zogen werden. Namentlich das Erzgebirge,
Fichtelgebirge, der Thüringer Wald und der Harz
liefern jährlich bedeutende Mengen H., die in
großen Körben versandt werden. Auch der aus-
gepreßte Saft der H. (FI eidelbeersaft) ist ein
Handelsartikel und wird in Frankreich zum
Nachfärben blaßroter Weine, zum Färben von
Likören, nachgemachtem Burgunderessig und
dergleichen viel benu.zt. In Deutschland ist die
Verwendung zum Färben des Weines gesetzlich
verboten. Der vergorene Most kommt als Hei-
delbeerwein in den Flandel, der als billiger
Natur wein vielfach gegen Bleichsucht und Blut-
armut benutzt wird. •— Das Heidelbeerkraut
(lat. Herba myrtiili, frz.Feuilles de myrtilli, engl.
B.Iberries leaves) findet in der Naturheilmethode
Anwendung.

Hekto^raphenmasse, eine aus Wasser, Glyze-
rin und Geiarine oder Leim bestehende Gallerte,
wird hergestellt, indem man den Leim oder die
Gelatine in der vorgeschriebenen Menge Wasser
löst und darauf das Glyzerin hinzusetzt. Auf
3oo g Leim nimmt man 500 g Wasser und noog
Glyzerin, auf 100 g Gelatine 300 g Wasser und
7oo g Glyzerin.

Hektographentinte besteht aus konz. Auf-
lösungen von Teerfarbstoffen in Alkohol mit
Zusätzen von Glyzerin oder Gummiarabikum,
z- B. ig Methylviolett, 1 g Alkohol und 8 g
Nasser, oder 1 g Methylviolett, 2 g Nigrosin,
6 g Alkohol, 0,5 g Gummi und 3 g Glyzerin.

Hehnin, C16H20O2, ein in der Alantwurzel
enthaltener kristallinischer Stoff von bitterem
Geschmack, der sich wenig in Wasser, leicht in
Alkohol und in Äther löst, wird medizinisch als
Mittel gegen Keuchhusten verwandt.

Hehnit, ein auf der Grube Helena in Ropa
Sefundener fossiler Kautschuk.

Heliosöl, ein Nebenprodukt der Paraffindar-
siellung aus Braunkohlenteer, besteht aus hoch-
s*edenden Kohlenwasserstoffen (230—3000 C),

hat ein spez. Gew. von 0,847 und wird zum
Brennen in Lampen benutzt.

Heliotrop (Sonnenwendstein) ist ein zum
Quarz gehöriger Halbedelstein von dunkel-,
seladon- oder lauchgrüner Färbung mit ein-
gqstreuten zinnoberroten undurchsichtigen Punk-
ten. Je zahlreicher und gleichmäßiger dieselben
sich in der grünen Grundmasse finden, und je
durchsichtiger die letztere ist, desto höher wird
der Stein geschätzt. Man findet ihn in Tirol,
Schottland, Siebenbürgen, der Bucharei, China,
Sibirien und Ostindien und benutzt ihn zuRing-
und Broschensteinen, im Orient auch zu größe-
ren Gegenständen, wie Dolchgriffen, kleinen
Gefäßen u. dgl.

Heliotrop, ein zur Gruppe der Azofarben ge-
höriger Teerfarbstoff, ein braunes, in Wasser
mit roter Farbe lösliches Pulver, das Baumwolle
im Seifenbade rotviolett färbt, besteht aus dem
Natronsalze der Dianisidindisazodimethylbeta-
naphtylaminsulfosäure.

Heliotropessenz (Extrait de Heliotrope), ein
feines, aus dem südlichen Frankreich zu uns
kommendes Parfüm, wird aus den Blüten von
Heliotropium peruvianum durch Mazera-
tion mit Fett und Behandlung des Fettes mit
feinem Weingeist erhalten. Ebenso wird durch
Mazeration der Blüten in Öl das zum Parfü-
mieren von Haarölen dienende Heliotropöl
gewonnen. Die H. ist selten echt, hingegen oft
aus Vanillon mit Zusatz anderer Parfüms be-
reitet.

Helminthochorton, Wurmtang (lat. Muscus
s. Alga Helminthochorton, frz. Mousse de Corse,
engl. Corsican Moss), eine aus dem Mittelmeer
stammende Alge von frisch purpurroter, ge-
trocknet gelbbrauner Farbe, die als wichtigste
Bestandteile Gallerte, Jod, Brom und Kalk ent-
hält, wird noch manchmal gegen Würmer im
Handverkauf verlangt.

Hetnlockrinde, die Rinde der in Kanada weit-
verbreiteten Schierlingstanne oder Hem-
locktanne, Abies oder Pinus canadensis,
je nach ihrem Alter grau oder grauweiß, ge-
wöhnlich mit Flechten bedeckt, wird im Juni
gesammelt und vor ihrer Verwendung von der
Oberhaut befreit. Man benutzt sie in Kanada
und den Vereinigten Staaten anstatt der Eichen-
rinde zum Gerben. Das damit erhaltene rote
Leder, Hemlockleder, wird schon seit Jahren
in großer Menge in Deutschland eingeführt. Der
zur Sirupdicke eingedampfte wäßrige Auszug,
Hemlockextrakt (amerik. Lohextrakt),
dient in Amerika, neuerdings auch in Europa,
ebenfalls zum Gerben, wird aber nach einem
englischen Patent auch statt des Sumachs zum
Färben und Drucken von Baumwolle, nament-
lich mit Zinnsalz als Grundierbeize, benutzt.

Herba ist die in der Drogenkunde gebräuch-
liche lateinische Bezeichnung für Kraut. Zahl-
reiche offizinelle Kräuter sind wichtige Waren
des Drogenhandels und werden sowohl ein-
geführt als auch besonders nach Nordamerika
in großen Mengen ausgeführt. Gangbarere Kräu-
ter sind: H. abrotani, Eberrautenkraut, H. ab-
sinthii, Wermut, H. aconiti, Eisenhutkraut, H.
althaeae, Eibisch, H. antirrhim s. linariae, gelbes
Löwenmaul, H. anthos s. rorismarini. Rosmarin-
kraut, H. aristolochiae, Osterluzei, H. arte-
        <pb n="166" />
        ﻿Herbstzeitlosensamen

160

Hermelinfelle

misiae, Beifuß, H. asperulae odoratae, Wald-
meister, H. basiüci, Basilikum- oder Königs-
kraut, H. capilli veneris, Frauenhaarfarn, H.
cardui benedicti, Kardobenediktenkraut, H. cen-
taurii minoris, Tausendgüldenkraut, H. cheli-
donii majoris, Schöllkraut, H. conii maculati,
Schierling, H. cochleariae, Löffelkraut, H.datu-
rae stramonii. Stechapfelkraut, H. digitalis pur-
pureae, roter Fingerhut, H. farfarae, Huf-
lattich, H. fumariae, Erdrauchkraut, H. gale-
■opsidis, Hanfnesselkraut, H. gratiolae, Gottes-
gnadenkraut, H. hyoscyami, Bilsenkraut, H.
hyssopi, 'Ysop, H. Jaceae s. violae tricoloris,
Stiefmütterchenkraut, H. lactucae virosae, Gift-
lattich, H. ivae, Ivakraut, H. lobeliae inflatae,
indianischer Tabak, H. majoranae, Majoran-
kraut, H. mari veri, Katzenkraut, H. marrubii,
Andornkraut, H. melissae, Melissbnkraut, H
meliloti, Steinklee, H. menthae crispae, Krause-
minze, H. menthae piperitae, Pfefferminze, H.
menyanthis s. trifolii fibrini, Fieberklee, H.
nicotianae, Tabakblätter, ,H. origani, Dosten, H.
origani cretici, kretischer Dosten, H. polygalae
amarae, bitteres Kreuzblumenkraut, H. pulegii,
Poleikraut, H. pulsatillae, Küchenschellenkraut,
H. rutae, Raute, H. sabinae, Sadebaumkraut, H.
salviae, Salbeikraut, H. serpylli, Quendel, H.
spilanthis oleraceae, Parakresse, H. tanaceti,
Rainfarnkraut, H. thymi vulgaris, Thymian, H.
trifolii, Bitterklee, H. veronicae, Ehrenpreis,
und andere.

Herbstzeitlosensamen (Zeitlosensamen, lat.
Semen colchici, frz. Semence de colchique, engl.
Colchicum seed), die Samen von Colchicum
autumnale, dem giftigen Zwiebelgewächs, das
auf feuchten Wiesen häufig vorkommt, im Herbst
seine blaßroten, röhrigen Blüten treibt und erst
im folgenden Jahre die Blätter nebst Samen-
kapseln nachsendet, bilden dunkelbraune, innen
weißliche, sehr harte, zähe und schwierig zu zer-
kleinernde Körner von sehr bitterem, ekel-
erregendem Geschmack und starker Giftwirkung.
— Die Zwiebeln (lat. Bulbus colchici, frz.Bulbe
de colchique,' engl. Colchicum root) sind gleich-
falls, aber schwächer giftig. — Das der P.lanze
eigentümliche, stark gif.ige Alkaloid Kolchizin
bildet färb- und geruchlose Kristallnadeln. Die
Samen und Z-vyiebein, nament.ich die ersteren.
werden gegen Gicht und Rheumatismus, als
weinige Flüssigkeit, z. B. in Form der bekannten
französischen Spezialität: Liquor antigoutteux du
Dr. Laville, angewandt.

Hering (Häring, frz. Hareng, engl. Herring).
Dieser^ für die Massenernährung, besonders der
minderbemittelten Bevölkerungskreise außer-
ordentlich wichtige Fisch, Clupea harengus,
der in lebendem Zustande ein schönes Farben-
spiel mit grünblauem Rücken und silberweißen
Seiten besitzt, kommt zur Laichzeit in ungeheuren
Mengen in die seichten Küstengewässer und
wird hier gefangen. Die zuerst eintreffenden
Züge bestehen größtenteils aus Matjes- oder
Fettheringen, d. s. solchen, denen Rogen und
Milch noch ganz oder fast ganz fehlen, während
Vollheringe mit Milch (Sperma) und Rogen
(Eier) anfangs erst vereinzelt darunter sind, bis
sie schließlich die Hauptmenge bilden. Nach
vollbrachtem Laichgeschäft sind sie zu Hohl
heringen, Ihlen oder Schotten (vom engl.

shotten = entlaicht) geworden, die nur geringen
Wert haben, Wäiirend früher die Holländer das
Monopol ,für den Heringsfang besaßen, kommen
jetzt die größten Mengen von Schottland aus
in den Verkehr. Daneben liefern noch Nor-
wegen, Irland, Holland und die aufblühende
deutsche Hochseefischerei nennenswerte Be-
träge. — Der H. bildet als sog. grüner, d. h,
frisch aus dem Wasser kommender Fisch ein
wertvolles Nahrungsmittel. Hauptsächlich wird
er aber schon seit Jahrhunderten gesalzen und
geräuchert in den Handel gebracht. Die ge-
salzenen H. kommen ia Tonnen verschiedener
Größe mit je 403—1200 Stück in den Verkehr
und werden in dieser ersten Verpackung, in
der sie unsortiert und noch mit Hohlheringen
vermischt sind, as Seepack bezeichnet. Nach
der Beseitigung des Ausschusses um- und voll-
gepackt und mit amtlichem Stempel versehen,
führen sie die Bezeichnung Brandhering (Full
brand). Zur guten Aufbewahrung der Fische
ist erforderlich, daß die Fässer dicht sind, und
im Winter frostfrei, im Sommer aber in kühlen
Kellern aufbewahrt werden. Neuer H. zeigt auf
dem Durchschnitt weißes Fleisch, das mit zu-
nehmendem Alter rötlich wird. Nur im ersten
Jahre gilt die Ware als frisch, während sie im
zweiten Jahre nur noch zu niedrigen Preisen ver-
kauft werden kann. Der Nährwert des H. ist bei
einem Gehalte von 15,44% Eiweiß und 7,6J %
Fett in frischem und von 18,90% Eiweiß und
16,90% Fett in gesalzenem Zustand überaus hoch,
so daß er eine der bi.ligsten Stickstoffquellen
bildet. — Eine besondere Art von H. (Clupea
caspica) zieht aus dem Kaspischen Meere all-
jährlich die Wolga hinauf und wird hier ge-
fangen, elngesalzea oder zu Tran verarbeitet. —
Bücklinge oder Pöklinge sind H„ die, aus-
geweidet, einen Tag lang in Salzwasser gelegt,
dann an den Köpfen auf Stäbe gereiht und
24 Stunden lang einetn stark rauchenden Feuer
ausgesetzt werden. Von der Art der Verpackung
in Stroh führt die holländische Ware die Be-
zeichnung Strohbückling, während die eng-
lische als Rot bering bezeichnet wird. Für
Deutschland sind Kiel, Flensburg, Eckernförde
und Kappein als wichtigste Räucherungsorte zu
nennen. — Matjesheringe, die a's frische Ware
nicht mehr verkäuflich sind, werden, mit Essig
und Gewürzen eingemacht, a’s nordische Ge-
würzheringe in den Handel gebracht. Alte
Salzheringe werden biswei en gewässert und in
geräucherte H. verwandelt. Eine Unsitte der
neuesten Zeit besteht darin, geräucherte H. mit
einer braunen Farbe (Zuckercouleur) anzustrei-
chen. Der Verbrauch Deutschlands an gesal-
zenen Heringen betrug 1912 etwa 233000 t, an
frischen Heringen und verwandten Fischen
131000 t, insgesamt 364000 t. Davon wurden
309000 t vom Ausiande eingeführt.

Hermelinfelle. Das He-melin, eine Wiesel-
art, Mustela erminea, die an Größe das Eich-
hörnchen etwas übertrifft, kommt auch in ge-
mäßigten Ländern vor, ist aber hier ohne be-
sonderen Wert, weil es im Winter wie im Som-
mer dasselbe braune Kleid trägt. Im hohen
Norden wird es hingegen während des Win-
ters bis auf die schwarz bleibende Spitze des
kleinen Schweifes schneeweiß, und nur diese
        <pb n="167" />
        ﻿Heroin

161

Himbeeren

weißen Winterpelze bilden die Handelsware. Je
nördlicher die Tiere wohnen, um so dunkler
ist im Sommer ihr Braun und desto reiner im
Winter ihr Weiß. Nach der Weiße, sowie der
Länge und Feinheit des Haares richtet sich der
Preis, doch sieht man auch auf die Festigkeit
der Haut. In allen diesen Eigenschaften haben
die sibirischen Felle den Vorrang. Als beste
Ware gilt diejenige von Barabinsk und Ischni,
danach die aus Jenissei und Irkutsk, während
die H. aus dem europäischen Rußland erst an
zweiter Stelle stehen. Von anderen Orten kom-
men gar keine Hermelinfelle in den Verkehr,
auch nicht aus Norwegen, obschon das Tier
dort so wenig wie in anderen Schneeregionen
fehlt. Der Fang der Hermeline geschieht in
Fallen und liefert ein beträchtliches Gesamt-
ergebnis, denn außer den Mengen, die in Ruß-
land selbst verbraucht und direkt nach China
und den türkischen Provinzen abgesetzt werden,
bewegen sich immer noch 160000 Stück alljähr-
lich über den Weltmarkt von Leipzig, Nach-
ahmungen werden aus dem Fell des kleinen
Wiesels (Schnee wie sei) und des Kaninchens
(Laschitz) hergestellt.

Heroin, ein weißes Kristallpulver von schwach
bitterem Geschmack, wird durch Erhitzen von
Morphin mit Azetylchlorid dargestellt und ist als
Diazetylmorphin anzusprechen. Es ist in Wasser
und kaltem Alkohol nahezu unlöslich, löst sich
aber leicht in siedendem Alkohol, Chloroform,
Benzol , und wird durch Säuren in leicht lös-
liche Salze übergeführt. Der Schmelzpunkt
liegt bei 1730. In Form des salzsauren Salzes
wird H. an Stelle von Morphin gegen At-
mungsbeschwerden, katarrhalische Beschwerden
u. dgl. verordnet.

Hessischgelb, ein zu den Azofarbstoffen ge
höriger Teerfarbstoff, bildet ein orangegelbes,
m Wasser mit braungelber Farbe lösliches Pul-
ver. Die wäßrige Lösung gibt mit Salzsäure
einen schwarzen Niederschlag. In der durch
konz. Schwefelsäure erhaltenen violetten Lösung
entsteht beim Verdünnen mit Wasser ebenfalls
ein schwarzer Niederschlag. Der Farbstoff ent-
steht aus dlazotierter Diamidostilbendisulfosäure
mit zwei Molekülen Salizylsäure und dient zum
Gelbfärben.

Hessischpurpur N und B, dem vorigen analoge
rote Farbstoffe, zu deren Herstellung statt der
Salizylsäure Naphtylamin bzw. Naphtylamin-
sulfosäure genommen wird.

Hessischviolett wird in gleicher Weise ge-
wonnen unter Ersatz der Salizylsäure durch je
®in Molekül a-Naphtylsäure und ß-Naphtol.

Heu (frz. Foin, engl. Hay), das in der Haupt-
sache durch Trocknen von Wiesengräs und
Klee (Kleeheu), seltener aus anderen Schmetter-
lingsblütlern (Esparsette, Luzerne) und Baumlaub
(Laub heu) hergestellte bekannte Futtermittel
bildet schon jetzt den Gegenstand eines bedeu-
tenden Handels nach den Großstädten, der sich
besonders längs der schiffbaren Flüsse, Kanäle
mid Küsten hinzieht, ausnahmsweise aber auch
Eisenbahnen benutzt. Auf dem Seewege
v'md selbst von Amerika H. nach Europa ein-
geführt. Da 1 cbm loses H. 60—68 kg, r cbm
fest getretenes H. 70—75 kg, 1 cbm Preßheu
aber bis 400 kg wiegt, empfiehlt es sich, für
Mcrcks Warenlexikon.

weiteren Transport immer die Heupresse anzu-
wenden. Der Wert des Heues hängt in erster
Linie- von der Art der Pflanzen ab und ist bei
Kleeheu mit durchschnittlich 13% Protein, 15 °/o
Rohfett, 6% stickstofffreien Extraktstoffen und
250/0 Rohfaser höher als bei Wiesenheu (10%,

1 °/o, 40%, 26 °/o). Außerdem ist die Art der
Einbringung (Regen) und Aufbewahrung von
größter Bedeutung. Dumpfiger Geruch deutet
auf Zersetzung (Schimmelbildung) und mahnt zur
Vorsicht bei der Fütterung. Die deutsche Erzen
gung betrug im Jahre 1913 rund 42 Millionen,
1914 sogar 46 Millionen Tonnen im Werte von
1V2—2 Milliarden M. Sichere Abnehmer sind
die Abmelkwirtschaften der Großstädte, da eine
Kuh von 600 kg jährlich 40—45 dz gebraucht,
während man auf ein Pferd 15—25 dz rechnet.

Heureka, eine 2o°/oige Natronlauge zum Rei
nigen von Bierleitungen, wird zum Preise von
2,50 M. (!) für 3/t 1 verkauft.

Hexamethylentetramin (Aminoform), N4.
(CHS)6, entsteht bei Behandlung von Form
aldehyd mit Ammoniak als eine weiße Kristall
masse, die in Wasser, Chloroform und Alkohol
löslich, in Äther aber unlöslich ist und einen,
süßlich-salzigen Geschmack besitzt. Durch Säu-
ren sowie schon beim gelinden Erwärmen der
wäßrigen Lösung wird Formaldehyd abgespaltcn.
Auf dieser Eigenschaft beruht die medizinische
Verwendung des H. zur innerlichen Desinfek
dion als Harnantiseptikum (Urotropin), harn-
säurelösendes Mittel usw. Die bisweilen ver-
suchte Anwendung zur Fleischkonservierung ist
aus dem gleichen Grunde wie die von Form-
aldehyd nach dem Fleischbeschaugesetz verboten.

Hickoryholz (Flickeryholz). Das Holz ver
schiedener Arten der Gattung Carya, die in
Nordamerika Vorkommen und zu den Walnuß-
gewächsen gehören. Am häufigsten trifft man
das Holz von Carya alba, das auch in großer
Menge eingeführt und in der Kunsttischlerei
verarbeitet wird. Es ist weniger fein und glän-
zend als das gewöhnliche Nußbaumholz, aber
hart und schwer, zäh und dauerhaft. —- Die an
genehm schmeckenden Früchte desselben Bau-
mes, die unter dem Namen Hickorynüsse oder
Vexiernüsse (weil der Kern sehr schwer her-
auszubekommen ist) bekannt sind, dienen zur
Ölbereitung. Andere Arten sind Carya olivae-
formis und Carya porcina.

HienfongesSenz ist ein mit Chlorophyll grün
gefärbter spirituöser Auszug von Lorbeerblättern
und -früchten, Krauseminze, Pfefferminzöl und
verschiedenen anderen ätherischen Ölen. H.
wird auch durch Destillation hergestellt und in
der Volksmedizin gebraucht.

Himbeeren (lat. Baccae rubi idaei, frz. Fram
boises, engl. Rasp-berries), die Früchte des zu
den Rosenblütlern gehörigen Himbeerstrau-
ches, Rubus Idaeus, der in ganz Europa und
Asien in trockenen Wäldern und Gebüschen, wild
wächst, außerdem aber auch in Gärten angepflanzt
wird, finden zur Herstellung von Himbeersaft
(s. d.), Himbeertinktur, Essenz, Marmelade
(s. d.) ausgedehnte Anwendung. Besonders, die
wegen ihres; stärkeren Aromas bevorzugten Wald-
himbeeren bilden einen wichtigen, Handelsartikel
und kommen aus dem Erzgebirge, Riesengebirge

I I
        <pb n="168" />
        ﻿faJS*

Himbeersaft

162	Hirschhorn

und Thüringer Wald in großen Mengen zum
Verkauf.

Himbeersaft (lat. Succus rubi idaei, frz. Suc
de framboise, engl. Suc of Rasp-berries). Dieser
wertvollste Fruchtsaft wird in der Weise her-
gestellt, daß man die frischen Beeren zerdrückt
und unter öfterem Durchrühren in bedeckten
Steintöpfen der Gärung überläßt. Zur Erleichte-
rung der letzteren ist ein kleiner Zuckerzusatz vor-
teilhaft. Die nicht zu niedrigen Töpfe werden an
dunklen,, kühlen Orten bei 15—200 aufbewahrt,
bis ein Teil der abfiltrierten Flüssigkeit sich mit
V2V0I. Alkohol ohne Trübung mischen läßt. Dann
preßt man aus, läßt den Saft noch einige Zeit bei
niederer Temperatur stehen und filtriert ihn durch
Fließpapier, indem man zuerst den Bodensatz und
darauf die Flüssigkeit auf das Filter bringt.
Bei schwer klar werdenden Säften ist der Zusatz
von Talkum sowie die Verwendung von Spitz-
beuteln empfohlen worden. Um eine Beeinträch-
tigung der Farbe und des Geschmacks zu ver-
hüten, muß man bei allen Arbeiten die Verwen-
dung von Eisen- oder Zinngeräten vermeiden.
Zur Herstellung des Himbeersirups (lat. Siru-
pus rubi idaei, frz. Sirop de framboise, engl. Sirup
of Rasp-berries), der vom Publikum bisweilen auch
fälschlich Himbeersaft genannt wird, kocht man
das Filtrat mit ungeblautem, möglichst kalkfreiem
Zucker, meist im Verhältnis von 7:13, ein. Gegen-
stand des Kleinhandels bildet nur der Himbeer-
sirup, während der ungezuckerte H., auch Roh-
saft genannt, höchstens von der Industrie gekauft
wird. Um ihn für deren Zwecke haltbar zu machen,
versetzt man ihn mit Alkohol bis zu 1 s °/o oder
mit Benzoesäure. Das früher viel benutzte Kon-
servierungsmittel Salizylsäure ist, wie die neuer-
dings aufgekommene Flußsäure, aus gesundheit-
lichen Rücksichten zu verwerfen. Der Himbeer-
saft bzw. -sirup gehörte bis vor kurzem zu den
am meisten verfälschten Genußmitteln. Zusätze
von Wasser oder Nachpresse (s. Fruchtsäfte),
Essenzen, Säuren, Stärkesirup und Teerfarben
waren gang und gäbe, ja es kamen sogar völlig
nachgemachte Kunsterzeugnisse, sog. Brause-
limonadensirupe, in den Handel, die keine
Spur Fruchtsaft enthielten, sondern aus künstlich
gefärbten Lösungen von Säuren und Aroma-
stoffen bestanden. Dank der scharfen Kontrolle
der letzten Jahre unter Beihilfe der reellen Her-
steller sind die Verfälschungen jetzt nahezu völlig
verschwunden. Etwaige fremde Zusätze werden
auf der Etikette gekennzeichnet, und die nach-
gemachten Erzeugnisse deutlich als Kunsthim-
beersaft oder -sirup in den Verkehr gebracht.
H. findet mannigfache Verwendung zum Aroma-
tisieren von Likören, Konfitüren, Bonbons, Eis,
zur Herstellung von Limonaden mit und ohne
Kohlensäure. Für die letzteren, die sog. Brause-
limonaden, wird der H. bisweilen zur Erzielung
einer dunkleren Farbe mit Kirschsaft aufgefärbt,
jedoch muß dieser Zusatz angegeben werden.
Ein .Alkaligehalt des Wassers verschlechtert die
Farbe und ist daher zu vermeiden.

Hingra nennt man eine von Südpersien und
Afghanistan in den Handel kommende Sorte von
Asa foetida.

Hippursäure (Pferdeharnsäure, lat. Acidum
hippuricum, frz. Acide hippurique, engl. Hip-
puric acid), eine stickstoffhaltige, organische

Säure, findet sich in größerer Menge im Ham
der Pferde und Rinder, aus dem sie durch Ein-
dampfen und Umkristallisieren in Form schnee
weißer spießiger Kristalle vom Schmelzpunkt 187°
gewonnen wird. Sie kann auch synthetisch dar-
gestellt werden und ist ihrer chemischen Zusammen-
setzung nach als eine Paarung von Amidoessig-
säure (Glykokoll) und Benzoesäure Benzoyl-
glykokoll, CGHr,.CONH.CH2COOH, zu be-
trachten. Durch Kochen mit einer verdünnten
Säure wird die Trennung bewerkstelligt und die
Benzoesäure abgeschieden.

Hirschbrunst (Hirschtrüffel, lat. Boletus
cervinus, frz. Bolet de cerf, engl. Stinkhorn), bo-
tanisch Elaphomyces graHulatus, ein ver-
alteter Artikel des Drogenhandels, ist ein Pilz,
der unterirdisch in Nadelwäldern, auf Wiesen
und Angern wächst und die Größe und Form
einer welschen Nuß, besitzt. Im frischen Zu-
stande hat er einen starken widerlichen Geruch,
der das Wild anlockt, und soll besonders von
Hirschen in der Brunstzeit, doch auch von Hasen
und Schweinen aufgesucht und gefressen werden.
Die Landleute kaufen den getrockneten Pilz,
um ihn den Rindern als Sprungmittel einzugeben.

Hirschhorn (Hirschgeweihe, lat. Cornu
cervi, frz. Corn de cerf, engl. Hartshorn). Das
im gewöhnlichen Leben vielfach als Horn be-
zeichnete Geweih oder Gehörn des männlichen
Hirsches ist keine eigentliche Hornsubstanz, son-
dern besteht bei allen hirschartigen, alljährlich
das Geweih ablegenden Tieren aus Knochen-
masse, aus der sich die organischen Bestandteile
durch Kochen in Form von Leim ausziehen
lassen, während Knochenerde (phosphorsaurer
Kalk) übrig bleibt. Es ist dementsprechend nicht
wie die Hörner des Rindes zum Teil hohl, son-
dern durchaus voll und wird auch nicht wie Horn
(s. d.) beim Erwärmen biegsam. Man verarbeitet
das H. zu Messer-, Gabel- und Hirschfänger-
griffen sowie zu verschiedenen anderen Drechsler-
arbeiten, und zwar immer so, daß die schöne ge-
rauhte oder genarbte Außenseite erhalten bleibt.
Auch wird es ziemlich gut in gepreßtem Holz
nachgeahmt. Die schaufeligen . Geweihe des
Damhirsches haben geringen Wert. Ähnliche
Verwendung wie H., besonders zu Pfeifen und
anderen Drechslerarbeiten, finden die Reh-
geweihe, von denen besonders die wulstigen
wie mit Perlen besetzten unteren Endstücke (Reh-
kronen) geschätzt und unzerteilt benutzt werden.
Schöne Stücke von Hirsch- und Rehgehörnen
erreichen bei Jägern und Sammlern zum Aus-
schmücken von Sälen und Zimmern bisweilen
hohe Preise. Als Ausfuhrland für Hirschgeweihe
kommen besonders Tirol, Ungarn und Mittel-
amerika in Betracht. — In der Annahme, daß
dem H. besondere Kräfte innewohnten, stellte
man früher eine Anzahl pharmazeutischer Prä-
parate daraus her, die zum Teil unter den alten
Namen noch fortbestehen, jetzt aber, wo man
weiß, daß diese Substanz nichts Besonderes vor-
aus hat, aus anderen Knochenmassen erhalten
werden. Durch längeres Kochen bereitete man
aus geraspeltem H. (lat. Cornu cervi raspatum,
frz. Corne de cerf toumöe blanche, engl. Deer
Stalks) eine Gallerte, die mit Zucker u. dgl. an
Kranke verabreicht und auch zum Klären von
Getränken benutzt wurde. Die Erzeugnisse der
        <pb n="169" />
        ﻿163

Holz

Hirschtalg

trockenen Destillation kommen als Hirsch-
hornöl, Hirschhornsalz in den Handel. Jetzt
ist Hirschhornsalz kohlensaures Ammoniak.
S, Näheres bei den betreffenden Aufsätzen.

Hirschtalg (lat. Sebum cervinutn, frz. Suif,
engl. Tallow). Unter diesem , Namen wurde
früher das Fett der Hirsche geführt, das jetzt
meist durch Rinds- oder Schöpsentalg ersetzt
wird.

Hirse (lat. Semen mylii, frz. Mil, Millet, engl.
Millet) nennt man die Samen mehrerer Getreide-
arten der Gattung Panicum, besonders P.milia-
ceum(Gemeine oderRispenhirse),P.italicum
(Setaria italica, Kolbenhirse, Fennich), Se-
taria germanica (Deutsche Kolben- oder
Borstenhirse, Mohär) und P. sanguinale
(Bluthirse), die aus Indien stammen, jetzt aber
in Mitteleuropa, auch Deutschland, angebaut wer-
den und auf trockenem, gut gedüngtem Boden,
in warmer Lage (Weinklima) hohe Erträge von
•5—30 hl zu 60—70 kg auf den Hektar geben.
Die Hirsekörner sind von ihren Spelzen fest um-
hüllt und besitzen in diesem Zustande eine gelbe,
weißlichgelbe, graue, schwärzliche oder, rote
Farbe, erscheinen aber nach Entfernung der
25 °/o ausmachenden Spelzen hellgelb. Die un-
geschälten Körner enthalten im Durchschnitt
12% Wasser, 12% Protein, 3 °/o Fett, 10 0/0
Rohfaser, 3 °/o Mineralstoffe und 60 °/o Kohlen-
hydrate. Durch das Schälen wird der Gehalt
an Rohfaser um i—2 0/0 erniedrigt. Die H. wird
in enthülstem Zustande in Form von Grieß oder
Grütze (Hirsebrei mit Milch), seltener als Mehl
und Brot zu Nahrungszwecken verwandt und
dient außerdem zur Branntweindarstellung. Be-
sonders im Kaukasus wird aus Hirse ein beliebter
Schnaps, Ar an, hergesteilt. Auch die nicht de-
stillierte, sondern nur filtrierte Maische bildet
nach kurzer Gärung unter dem Namen Kwas,
nach längerer Zeit als Braga oder Busa ein ver-
breitetes Getränk. Das Stroh, dessen Ertrag
to—20 dz für den Hektar beträgt, wird als Vieh-
futter geschätzt. Die Hauptbezugsländer fürH.sind
Ungarn und die Balkanstaaten. Die Kaffern-
°der Mohrenhirse (Sorgho, Dhurra, Sirk,
Honiggras, Milomais, die von Sorghum oder
Andropogon abstammt, bildet in Nordamerika,
Afrika und China ein wichtiges Nahrungsmittel,
"■urd aber bei uns nur zu Brennereizwecken be-
nutzt.

Hirtentäschelkraut (lat. Herba bursae pasto-
(is, frz. Paneti&amp;re, engl. Shepherd’s purse), ein
jetzt nur noch selten vorkommender Artikel des
Hrogenhandels, von Capsella bursae pasto-
Hs, schmeckt im frischen Zustande scharf und
Jurd nach Pfarrer Kneipp als Mittel gegen
“lasenleiden benutzt.

Hoang-Nan, die von Tonkin aus in den Han-
del gekommene, bitter schmeckende, schwärz-
hchgraue Rinde einer zur Gattung Strychnos
gehörigen Kletterpflanze, enthält Bruzin und
“trychnin und ist demnach giftig.

Hofmanns Violett (Jodviolett), der be-
atmte, von A.W.Hofmann 1863 entdeckte Teer-
farbstoff, kommt in mehreren verschiedenen
Arten in den Handel, die durch Behandlung von
*uchsin oder Rosanilin mit Jodmethyl, Chlormethyl
Juur Bromäthyl entstehen und demnach als
“klze des Trimethyl- und Triäthylrosanilins an-

zusprechen sind. Die meist in blaustichiges
Violett (Dahlia) und rotstichiges Violett
(Primula, Rotviolett s R extra) unterschiede-
nen Farben bilden dunkelgrün glänzende, kri-
stallinische Pulver oder auch Stücke, die sich mit
Ausnahme der Jodverbindungen in Wasser lösen,
Wolle und Seide direkt, Baumwolle nur nach
vorangegangenem Beizen färben. Durch das ähn-
liche und billigere Methylviolett (s. d.) ist es viel-
fach verdrängt worden.

Holländer Käse wird hauptsächlich in zwei
Sorten ausgeführt, nämlich als Edamer- und als
Gouda-K., von denen der ersterc aus den nörd-
lichen Provinzen, meist in Form 1V2—2V2 kg
schwerer Kugeln mit roter Außenfärbung, der
letztere aus Südholland, in Form runder ab-
geplatteter Laibe, in den Handel kommt. Sie sind
typische Fettkäse mit mindestens 40 °/o Fett in
der Trockensubstanz und werden wegen ihres
ausgezeichneten Geschmacks hochgeschätzt. Unter-
geordnete Bedeutung hat der aus Magermilch
hergesteüte, mit Gewürznelken (Kruit) durch-
setzte Lederkäse (Kruit-K.), der meist im Lande
und den Grenzgebieten verbraucht wird.

Holunder (Hollunder, Flieder, Schibik-
ken, Queweckcn), von Sambucus nigra, der
bekannte, in ganz Europa und dem nördlichen
Asien einheimische Baum, liefert in seinen Blü-
ten und Früchten wertvolle Heil- und Hausmittel,
die wegen ihrer schweißtreibenden Wirkung'viel-
fach Anwendung finden. Die bei Sonnenschein
gesammelten und gut getrockneten Blüten (lat.
Flores sambuci, frz. Fleurs de sureau, engl. Eider
flowers) verdanken ihren angenehmen Geruch
einem ätherischen Öl, das für sich in den Handel
kommt, und bilden selbst einen ständigem Artikel
des Drogenhandels. Die dunkelvioletten Beeren
(lat. Fructus sambuci, frz. Fruits de sureau, engl.
Eider berries) dienen zur Herstellung des zu
einem Mus eingedickten Holundersafts (lat.
Extractum sambuci seu Succus seu Roob sam-
buci, frz. Roh de sureau, engl. Roob of elder).

Holunderholz, das Holz von älteren Stämmen
des Sambucus nigra, wird wegen seiner Festig-
keit von Tischlern und Drechslern sehr gesucht
und namentlich gern zu langen hölzernen Strick-
nadeln verarbeitet.

Holundennark, das außerordentlich leichte,
ziemlich "weiße Mark der jungen Holunderstämme,
wird zur Anfertigung kleiner Figuren und Spiel-
werke sowie zur Herstellung kleiner Kügelchen
für elektrische Versuche benutzt.

Holz (lat. Lignum, frz. Bois, engl. Wood) nennt
man im allgemeinen Sprachgebrauche den von
der Rinde umschlossenen harten Teil der Stäm-
me,'Äste und Wurzein von Bäumen und Sträu-
chern aus der Gruppe der Dikotyledonen (Laub-
holz) und Koniferen (Nadelholz). Zwischen ihm
und der Rinde befindet sich ein Ring lebender
ZeIlen'(Kambiumring.),die eineHälfte ihrerNeubil-
dungen der Rinde, die andere dem Holzkörper zu-
fügen und so das Dickenwachstum verursachen.
In den gemäßigten Zonen mit Winterruhe unter-
scheiden sich die neu angesetzten Schichten durch
ihre Färbung und gewähren als Jahresringe einen
Anhalt für das Alter, während in den Tropen
mit ständigem Wachstum ein gleichmäßiges Ge-
füge entsteht. Das Holz, von dessen Innerem
Markstrahlen bis zur Rinde verlaufen, ist aus
        <pb n="170" />
        ﻿Holz

164

Holz



Gefäßen (Tüpfelgefäßen) und Tracheiden auf-
gebaut und enthält daneben noch Parenchym in
wechselnder Menge. Oft unterscheidet man einen
helleren äußeren, noch lebensfähigen Teil, den
Splint, von dem darunter liegenden dunkleren
Reif holz und dem inneren dunkleren Kern-
holz, es gibt aber auch Bäume, die nur aus
Splintholz (Weißbuche, Birke, Zitterpappel, Ahorn)
oder nur aus Reifholz (Birnbaum, Weißdorn,
Linde, Fichte, Tanne) bestehen. In chemischer
Hinsicht setzt sich die Trockensubstanz des Hol-
zes aus etwa i o/o Mineralstoffen, 94—95 % mit
Lignin (Xylogen) inkrustierter Zellulose und 4 bis
S°/c anderen organischen Stoffen (Eiweiß, Färb-
und Gerbstoff, Harz, ätherische Öle) zusammen.
Der Wassergehalt des frisch geschlagenen Holzes
beträgt etwa 42—57%, derjenige des lufttrocke-
nen 10—20 0/0. Von der Verschiedenartigkeit der
Zusammensetzung und des Aufbaues aus Ge-
fäßen und Markstrahlen hängt die Art der Ver-
wendung ab, die für die einzelnen Hölzer in
besonderen Aufsätzen besprochen ist, Im all-
gemeinen teilt man das Holz in die beiden Haupt-
gruppen Brennholz und Nutzholz, von denen
das letztere wiederum in Bau- oder Zimmerholz,
Schreiner-, Drechsler-, Wagner-, Böttcher- und Ma-
schinenholz zerfällt. Je nach dem gedrungeneren
oder loseren Aufbau und der davon abhängenden
Festigkeit und Schwere unterscheidet man weiter
harte, halbharte und weiche Hölzer und
spricht schließlich noch von Farbhölzern und
medizinischen oder Arzneihölzern. Die Aus-
nutzung der Wälder erfolgt jetzt weit umsichtiger
als in früheren Zeiten, und die Förster wählen
aus den geschlagenen Ernten so viel Nutzhölzer
als möglich heraus, während der Rest Brennholz
liefert. Das wertvollste Nutzholz unter den ein-
heimischen Bäumen gibt die Eiche. Ihr Stamm-
holz (Langholz) wird je nach Stärke und
Länge, nach Geradwüchsigkeit im Äußeren und
im Inneren, d. h. danach, ob der Verlauf der
Fasern ein gestreckter oder gewundener ist,
ferner nach Gesundheit und Fehlerhaftigkeit in
eine größere Anzahl von Klassen eingereiht
und damit zu Schiffbauholz, Schiffsplanken und
Bohlen, Mühlwellen, Bauholz oder Böttcherholz
bestimmt. Bei den stärkeren Nadelholzstämmen
ist außer Länge, Geradwüchsigkeit und Gesund-
heit noch der Durchmesser des oberen Stamm-
endes (der Zopfdurchmesser) für den Wert mit
entscheidend, denn wenn dieser zu schwach ist,
kann nicht die ganze angegebene Länge aus-
genutzt werden. Die besten Sorten mit einer
Länge von über 21 m und einem Zopfdurch-
messer über s dm liefern Mastbäume, Segel-
stangen und die größten Baustämme, kleinere
Sorten Dachsparren und schwächere Balken,
Brunnenröhren usw. Besonders gerade und
schlichte Stammpartien werden auf Sägemühlen
zu Bohlen und Riegeln, Brettern und Latten zer-
schnitten oder für Siebwaren, Resonanzböden
und anderes Instrumentenholz gespalten. Zum
Kleinnutzholz gehören das Stangenholz für Wag-
ner, Hopfenstangen, Pfähle, Reifenholz u. dgl.
An Stelle der früher für Bahnbauten ausschließ-
lich benutzten Eichenholzschwellen, die eine
Lebensdauer von sieben Jahren hatten, ver-
wendet man seit Erfindung geeigneter Im-
prägnierungsverfahren meist andere Holzarten.

Große Mengen von H. werden jetzt auch in
den Holzschleifereien verbraucht und zu Holz
Stoff und Zellulose für Papier sowie zu Holz-
wolle verarbeitet. Das H. erscheint im Handel
teils in rohen Stämmen, als Ganzholz, teils
zersägt und gespalten, als Spaltholz und end-
lich, auf Sägcmühlen noch weiter zum Gebrauch
vorbereitet, als Schnittholz. Die gefällten und
entästeten Stämme, welche das Ganzholz bi den,
sind zum Verkauf entweder rund und roh be
lassen, oder verloren vierkantig behauen, was
nicht allein des leichteren Austrocknens halber,
sondern auch wegen der billigeren und be-
quemeren Beförderung geschieht sowie nament-
lich beim Flößholz oft geschält. Die nach Holland
geflößten Eichen, sog. Holländer, sind alle schon
beschlagen bzw. vorgerichtet. Zum Ganz- oder
Rundholz 'gehört weiter das Stangenholz und
das Krummholz, das in seiner natürlichen
Krümmung zu Schiffen, Booten, Schlitten und
Radkränzen Verwendung findet. Spaltholz ent-
steht durch Längsteilung der gesägten Blöcke
mit der Axt und durch Keile. Die nicht besser
benutzbaren Stücke bilden das zum Brennen be-
stimmte Scheitholz, die übrigen Teile Nutzholz
für Böttcher, Wagner, Drechsler, ferner zu Span
für Siebe und Schachteln, und zu dem wichtigen
und große Holzmassen beanspruchenden Artikel
Zündhölzchen. Da beim Spalten die Längsfasern
des Holzes nicht zerschnitten werden, sondern
sich ihrem wirklichen Verlaufe nach trennen, hat
dieses Holz vor dem geschnittenen den Vor-
zug größerer Widerstandskraft und Zähigkeit.
Schnittholz liefern die Sagemühlen, die häu-
fig in den Wäldern selbst arbeiten, wo sich
irgend eine Wasserkraft darbietet, sonst aber
Dampfkraft oder Elektrizität benutzen. Hier wer-
den die Stämme entweder nur der Länge nach
einmal geteilt (Llalbholz) oder vierkantig gesägt
und dann in schwächerevierkantige Prismen (Rie-
gel, Pfosten) oder in Bohlen, Bretter und Latten
geschnitten. Der Holzhandel gewinnt von Jahr zu
Jahr an Bedeutung und sucht immer entlegenere
Gegenden auf, die nur, wenp irgend möglich,
einen Wassertransport zulassen müssen. Haupt-
cinfuhrland ist England, das von Rußland, Nor-
wegen, Schweden, Preußen und Nordamerika
sowie namentlich aus Kanada große Holzmassen
bezieht. Kanada, Neuschottland und die nördlichen
der Vereinigten Staaten, Ohio, Michigan, Penn-
sylvanien führen s—6 Holzarten, namentlich
Weymouthskiefer (Pinus Strobus), eine weiße und
eine rote Eiche sowie schwarzen Walnußbaurn
in Form von fohem Bauholz und Brettern aus,
die nicht nur in England, sondern auch in
Westindien, ja neuerdings sogar in Italien und
den österreichischen Küstenorten ihren Absatz
finden. — Schweden und Norwegen haben
ebenfalls beträchtliche Holzausfuhr. Ihre Wal-
dungen bestehen im Norden nur aus Nadelholz.
Tannen und Fichten, abgesehen von der überall
wachsenden Birke, die für den Llandel von ge-
ringer Bedeutung ist. Tannene und fichtene Ma-
sten und anderes Schiffsholz, Balken, Bohlen,
Bretter und Latten gelangen daher hauptsächlich
zur Ausfuhr. Auch Rußland hat verhältnis-
mäßig viel, wenn auch sehr ungleichmäßig ver-
teilte Waldungen. Die Ströme, Flüsse und Seen
des Landes in Verbindung mit den im. Winter
        <pb n="171" />
        ﻿Holz

165

Holz

vorhandenen Schlittenwegen gestatten ein Heran-
bringen des Holzes, aus weiten Fernen, und es
kommt vor, daß Holztransporte bis zu den Häfen
zwei Jahre unterwegs sind. Der russische Aus-
fuhrhandel geht über Petersburg, Archangelsk,
Wyborg, Pernau, Narwa und besonders Riga, weit-
aus dem bedeutendsten russischen Holzhandels-
platz, wo auch eine starke Ausfuhr von Eichen-
holz in Stämmen, Blöcken, Planken und Faß-
holz aus den Laubwäldern des südlichen Ruß-
lands, besonders der Gouvernements Kasan und
Pensa besteht. Die hauptsächlichsten preußi-
schen Ostseeplätze für die Holzausfuhr sind
Memel und Danzig, an zweiter Stelle auch
Königsberg, Elbing und Stettin. Sie versenden
sowohl das eigene H. der zum Teil sehr wald-
reichen preußischen Ostseeprovinzen, als auch
die bedeutenden Zufuhren aus dem benachbarten
Rußland und Polen. Neben dem Seetransport
spielt auch die Zufuhr und Abfuhr auf den
Flüssen (Oder, Netze, Warthe) und Kanälen eine
große Rolle, so daß z. B. polnisches Bauholz
von Halle zu beziehen ist, bis wohin es auf
Wasserwegen gebracht wurde. — Die Oder
führt den nicht mehr großen Überschuß der
oberschlesischen Wälder in großen Langholz-
flößen, die meist mit Flaufen von kleinem Werk-
holz und Eichenholzblöcken beladen sind, ins
Niederland und bis Stettin. In gleicher Weise
trägt die Elbe die Hölzer aus der Sächsischen
Schweiz und aus Böhmen abwärts, empfängt
von der Saale aus Thüringen (in Naumburg
und Kamburg finden Holzmessen statt), vom
Harz und rechts aus den Gebieten der Spree
und Havel weitere Beiträge und schafft nach
Hamburg, was nicht unterwegs, z. B. an dem
Knoten- und Holzhandelspunkt Riesa, schon an
Eisenbahnen für den Landesbedarf abgegeben
wird. Das sächsische Vogtland hat keine
Wasserstraße für Langholz, sondern schafft alles
mit der Eisenbahn abwärts, nachdem selbst die
Scheitflößen auf der-Elster eingestellt sind und
auch das Brennholz der Eisenbahn überwiesen
worden ist. Das Erzgebirge und Vogtland
verarbeiten übrigens ebenso wie die Thüringer
Waldleute einen bedeutenden Teil ihres Holz-
zuwachses selbst und führen ihn in Form der
mannigfaltigsten Holzwaren, als Kisten und
Kasten, Schachteln, Rahmen für Schiefertafeln,
Spielwaren, Zündholzstäbchen u. a. aus. Weiter-
hin bildet die Weser mit der Werra, Fulda,
Ocker und Aller eine belebte Flandelsstraße
für die Holzabfuhr Thüringens und Braun-
schweigs nach Bremen, in viel größerem Maß-
stabe aber-der Rhein, der mit seinen Zuflüssen
&gt;n eine beträchtliche Zahl holzreicher Gebiete
hineingreift. Baden, Württemberg und Bayern
besitzen viele und schöne Laub- und Nadelwäl-
der, wie den Schwarzwald, Spessart, die
bedeutenden Waldungen des Fichtelgebirges
utid Böhmerwaldes, welche letztere ihren Ab-
zug nach der Donau nehmen, während die
Hauptmasse durch den Main und Neckar in
den Rhein geschafft wird. Das badische
Murgtal, das durch den Murgfluß mit dem
Rhein in Verbindung steht und sich durch seinen
Reichtum schöner Hölzer auszeichnet, liefert
ebenfalls seinen Beitrag, wie auch von der an-
deren Seite durch Saar und Mosel schöne Höl-

zer auf die große Wasserstraße gelangen.
Mannheim bildet den Hauptstapelplatz für die
zusammenkommenden Hölzer, ein anderer ist
Kastell bei Mainz. Hier werden aus den klei-
neren Flößen die großen sog. Holländerflöße
zusammengebaut, die alljährlich den Rhein hin-
unter nach Holland fahren, und nach denen die
stärksten und schönsten Stämme von Fichten,
Tannen und Eichen geradezu Holländerholz
genannt werden. Die großen Holländerflöße be-
stehen aus mehreren Tausend aneinander be-
festigter und 9—ii dm hoch übereinander ge-
packter Großbäume, haben einen Hauptteil, das
Steifstück von 150—240 m Länge, einige vorauf-
gehende Nebenflöße und verschiedene Seiten-
anhänge. Mehrere hundert Ruderer und andere
Dienstleute bemannen ein solches Floß, das mit
Wohnungen, Küche und Viehställen versehen ist
und Bretter, Latten und 'Böttcherholz als Oblast
trägt. Der Hauptstapel- und Zerlegeplatz für
diese schwimmenden Inseln ist Dordrecht. In
neuerer Zeit sind diese Holztransporte seltener
geworden, da die Fichten- und Tannenstämme,
wenn sie nicht eine außergewöhnliche Größe
besitzen, von Schweden und Norwegen wohlfeiler
geliefert werden. Ohne Nadelholz kann aber das
stets gesuchte und teure Eichenholz nicht ver-
floßt werden. — Die Donau nimmt die Holz-
transporte auf, die ihr aus Bayern, namentlich
von den Hauptstapelplätzen Deggendorf, Regens-
burg und Kehlheim auf Isar, Iller und Inn zu-
geführt werden und meist nur bis Wien gehen.
Aus dem südlichen Ungarn, aus Slavonien,
Rumänien und Galizien wird Fichtenholz
in großen Massen zu Resonanzböden sowie na-
mentlich Faßholz (Stabholz) mit der Bahn nach
Deutschland, Italien und Frankreich gebracht.
Österreich selbst ist in allen Teilen, mit Aus-
nahme von Dalmatien und Istrien, reich an Wal-
dungen, ja es kommt vor (in den Alpen, Kar-
pathen, Siebenbürgen), daß das H. wegen Un-
zulänglichkeit oder Mangel an Abzugsstraßen gar
nicht zu verwerten, ist. — Die wichtigsten
Plätze für den deutschen Holzhandel sind Danzig,
Memel, Stettin, Königsberg, die Hansestädte
(besonders für nordische und überseeische Höl-
zer) und die Orte an den flößbaren Strömen:
Rhein, Donau, Elbe, Weser, Weichsel mit Neben-
flüssen sowie neuerdings auch Eisenbahnstatio-
nen in der Nähe größerer Waldungen oder an
den Linien nach Österreich und Polen. Für die
Holzarten des Handels gibt es zahlreiche örtliche
Bezeichnungen und Gebräuche in bezug auf Ab-
nahme im Walde, Beförderung aus dem Walde
sowie Lagerung und Verfrachtung, besonders
beim Verflößen. Die Flöße werden zuerst im
Kleinen zusammengefügt und dann mit zuneh-
mendem Fahrwasser und wachsender Strombreite
zu größeren Flößen vereinigt. Auf nicht flöß-
baren Flüssen werden die einzelnen Flolzstücke
ins Wasser geworfen und von selbst weiter be-
fördert, bisweilen auch durch Stauvorrichtungen
nach Bedarf festgehalten. Derart geschwemmtes
H. erleidet durch das Liegen im Wasser eine
gewisse Wertminderung und wird auf den Floß-
höfen entsprechend billiger verkauft. Die für
manche Zwecke erforderlichen, möglichst langen
und ganz reinen Dielen kommen jetzt fast nur
noch aus Schweden und Norwegen, zum ge-
        <pb n="172" />
        ﻿Holzbeizen

166

Holzkohle

ringeren Teil aus dem Schwarzwald. — Ist man
genötigt, H. im Freien liegen zu lassen, so wählt
man hierzu am besten ein freiliegendes Grund-
stück, welches nicht von hohen Häusern um-
geben ist, um der Luft und den Sonnenstrahlen Zu
tritt zu gestatten. Auch schützt man es am besten
durch Überdachung gegen Regen und Schnee,
doch so, daß’ die Luft seitlich hindurchziehen
kann. Für manche Zwecke ist es nötig, das H.
von seinen Saftbestandteilen zu befreien, was
durch Auslaugen oder Ausdämpfen geschieht.
Für andere Verwendungen, z. B. zu Wasser-
bauten, Telegraphenstangen, Eisenbahnschwellen, ■
wird das H. konserviert, indem man es mit
Kupfervitriollösung, Chlorzinklösung, Sublimat-
lösung, Karbolsäure, Karbolineum usw. imprägniert.

Holzbeizen sind Lösungen von Farbstoffen
oder Chemikalien, welche dazu dienen, dem Holze
eine andere, meist dunklere Färbung zu verleihen
und auf diese Weise geringwertigen Hölzern das
Aussehen teurerer zu geben. Sie bilden unter
dem Namen H. für Nachahmung von Ebenholz,
Nußbaum, Jakaranda, Mahagoni u. a. eine wich-
tige Handelsware. Neben einfachen Anilin-
farben benutzt man auch getrennte Lösungen
von Metallsalzen und Farbstoffen, die haltbare
Niederschläge (Lacke) ergeben, z. B. Blauholz mit
Kaiiumdichromat, Alizarin mit Metallsalzen, Gerb-
stoff mit Eisenlösung, oder endlich auch einfache
Chemikalien, wie Kaliumpermanganat für Braun,
Vanadinsäure für Schwarz.

Holzessig (Holzsäure, lat. Acetum pyro
lignosum, frz. Acide ligneux, Vinaigre de bois,
engl. Pyroligneous acid). Zur besseren Ausnut-
zung des Holzes ersetzt man die Meilervörkoh-
lung mehr und mehr durch ein Verfahren der
Trockendestillation, wobei neben 20—30°/» Kohle
reichliche Mengen Leuchtgas entstehen, die wie-
der zur Heizung der Retortenöfen dienen. Das
hierbei erhaltene flüssige Destillat trennt sich
beim Stehen von selbst in zwei Schichten, eine
untere, den Holzteer, und eine obere, den
rohen Holzessig, die beide Handelswaren bil-
den. Der rohe H., eine braune, saure, unan-
genehm teerig und rauchig riechende und
schmeckende Flüssigkeit, besteht neben Wasser
aus Essigsäure, Holzgeist, Azeton und kleinen
Mengen von Phenolen (Guajakol), die hier nur die
Rolle von Verunreinigungen spielen. Die Menge
der einzelnen Bestandteile ist, je nach den Holz-
arten, der Destillationseinrichtung und der mehr
oder weniger guten Leitung der Feuerung ver-
schieden. Die meiste Essigsäure enthält das
Destillat von Buchen- und Birkenholz. Im all-
gemeinen wechselt der Gehalt zwischen 5 und 9%
Essigsäure.^ — Der rohe H. dient für sich als
fäulniswidriges Mittel, zur Konservierung von
Holz und zum Bestreichen von Fleischwaren
(kalte Räucherung), ferner für Färberei- und
Druckereizwecke, zur Darstellung des zu gewissen
Farben erforderlichen holzessigsauren Eisens (vgl.
Essigsäure) und zur Erzeugung reiner Essigsäure
(s. d.). Durch Umdestillieren des rohen H. in der
Weise, daß nur drei Viertel vom Ganzen ab-
gezogen werden, erhält man den gereinigten
oder rektifizierten PL, der in der Medizin und
als Desinfektionsmittel verordnet wird.

Holzgeist (Methylalkohol, Methyloxyd-
hydrat, Karbinol, lat. Alkohol methylicus,

frz. Esprit hydroxylique, Alcool methylique, engl.
Pyroligneous spirit, Wood naphta, Methylated
spirit) ist ein Bestandteil des Holzessigs (s. d.), aus
welchem er durch wiederholte fraktionierte De-
stillation und weitere Reinigung fabrikmäßig ge-
wonnen wird. Der für gewöhnlich im Handel
vorkommende PL ist stets noch etwas wasser-
haltig, und die geringeren Sorten enthalten
auch noch andere flüchtige Beimengungen, die
jedoch für manche seiner Verwendungen nicht
störend sind. Man verkauft ihn wie den Spiri-
tus nach Prozenten Tralles, gewöhnlich 95 bis
98 0/0. — Der H., CH,3. OH, ist eine dem gewöhn-
lichen Alkohol (Äthylalkohol, Weingeistj ähnliche
farblose, brennbare, sehr flüchtige Flüssigkeit
von eigentümlichem geistigen Geruch und bren-
nendem Geschmack, die sich mit Wasser, Wein-
geist, Äther, Fetten und ätherischen Ölen in
allen Verhältnissen mischt. Er siedet bei 65° und
verbrennt mit bläulicher, nicht leuchtender Flam-
me. Zum Unterschiede von Äthylalkohol wird die
Flamme durch Zusatz von Borax grün gefärbt,
während freie Borsäure auch der Weingeist-
flamme eine grüne Farbe verleiht. Das spez.
Gew. beträgt 0,797. Die Hauptverwendung findet
der H. jetzt zur Darstellung von Jodmothyl
(Methyljodür), des Äusgangsstcffes verschiede
ner Anilinfarben. In England benutzt man ihn,
wegen der hohen Spiritussteuer, ganz allgemein
anstatt des Spiritus zum Brennen und zur Be-
reitung von Lacken, ferner wie auch in Deutsch-
land zum Denaturieren von Spiritus. Die vor-
übergehend zur Umgehung der Spiritussteuer
früher beobachtete Einführung als Trinkbrannt-
wein ist wegen der hohen Giftigkeit (Erblin-
dungsgefahr), schon 8 g kühnen tödlich wPken,
verboten. Das Branntweinmonopolgesetz vom
26. Juli 1918 verbietet nicht nur die Verwendung
von Methylalkohol zu Nahrangs- und Genuß-
mitteln, sondern auch für Heil-, Vorbeugungs-
und Kräftigungsmittel, Riechmi.tel und Mittel zur
Reinigung, Pflege oder Färbung der Haut, des
Haares, der Nägel oder der Mundhöhle. Unter
methylalkoholhaltigc Flüssigkeiten fallen z. B.
Spritol und Spritogen.

Holzkohle (lat. Carbo ligni, frz. Charbon de
bois, engl. Char coal). Dieser wichtige und viel
benutzte Stoff besteht aus dem größten Teile
des im Plolze vorhandenen Kohlenstoffes nebst
den Aschenbestandteilen des Holzes, und ent-
steht bei der unvollständigen Verbrennung des
Holzes in Meilern oder Retorten. In letzteren ist
die Ausbeute natürlich größer, da bei den Mei-
lern ein Teil des Holzes für die Unterhaltung
des Brandes geopfert werden muß, dafür be-
dürfen aber die Destillationsgefäße einer mehr-
stündigen äußeren Feuerung. Die Destillation
ergibt höchstenfalls etwa 27 °/o Kohle vom Ge-
wicht des lufttrockenen und 28—32 °/o des vorher
stark ausgetrockneten Holzes, die Meilerverkoh-
lung, wenn sie sorgfältig geführt wird, etwa 20
bis 23%. Die Kohlenbrennerei, die viel Umsicht
erfordert, erfolgt im allgemeinen derart, daß eine
aus Scheiten aufgebaute Plolzpyramide überall,
bis auf eine Öffnung an der Spitze, mit einem
Mantel von Rasen und Erde umgeben und von
der Mitte heraus angezündet wird. Die nötige
Luft findet ihren Eingang durch Löcher, die zu
unterst ringsum in den Mantel gestoßen sind, der
        <pb n="173" />
        ﻿Holzwolle

Holzkohle	167

Brand beginnt von oben und pflanzt sich im
Innern allmählich seit- und abwärts fort. Zur
rechten Zeit wird die obere Öffnung zugeschla-
gen, und dafür von Zeit zu Zeit durch Einstoßen
neuer Löcher auf halber Höhe Luft geschafft.
Der Brand geht somit immer dam Luftstrome
entgegen, die brennbaren Gase, dis sich aus
dem Holze entwickeln, dienen zugleich zu dessen
Verkohlung, herausb.echende Hammen werden
immer sogleich unterdrückt. Der fertig ge-
brannte Haufen wird nicht der freiwilligen Ab-
kühlung überlassen, da die Kohlenmasse dabei
noch zu sehr schwinden würde, sondern hier und
da aufgebrochen, wobei man die mit Haken
herausgezogenen glimmenden Stücke mit Wasser
oder Sand ablöscht. Im übrigen sind die Vor-
gänge bei der Verkohlung in Meilern und Re-
torten die nämlichen, nur daß im letzteren Falle
die brennbaren 'Gase wegen Luftmangel unver-
brannt bleiben und zu anderweiter Verwendung
abgeleitet werden. Beim Anfeuern entweicht
zunächst, wenn die Hitze erst wenig über den
Siedepunkt gestiegen ist, Wasserdampf. Beim
Steigen der Hitze beginnt die Zersetzung des
Holzes, Wasserstoff und Sauerstoff werden aus-
getrieben und verbinden sich ebenfalls zu Wasser.
Auch der Kohlenstoff, obwohl beständiger als
jene beiden anderen Elemente, wird zum Teil
in die Zersetzung mit hineingerissen und liefert
eine große Anzahl gasförmiger und dampfför-
miger Verbindungen, von denen die letzteren
durch Abkühlung zu Teer und Holzessig ver-
dichtet werden können. Auf diese Weise gehen
bei der Destillation von den etwa 40 0/0 Kohlen-
stoff des Holzes 13 °/o in den flüchtigen Stoffen
fort. Die H. hat vor dem Holze in wirtschaft-
licher Hinsicht bedeutende Vorzüge, einesteils
durch die große Leichtigkeit und Beförderungs
müglichkeit im Vergleich zu dem viermal schwe-
reren Holz und dann hauptsächlich dadurch,
daß sie im kleinsten Raume die größte Heiz-
kraft einschließt und das reinste Feuer ohne
Rauch und fast ohne Flamme liefert. Die harten
Hölzer geben auch härtere Kohlen mit größerer
Heizkraft, mit Ausnahme der Eiche, deren Kohle
wenig taugt. Die Kohlen der Weichhölzer sind
leichter brennbar und werden in größerer Menge
dargestellt, während zur Destillation nur harte
Hölzer benutzt werden, weil sie die höchste
Ausbeute an Holzessig geben. Die H. werden
hauptsächlich als Brennstoff, als Reduktionsmittel
bei der Metallgewinnung und als absorbieren-
des Mittel angewandt, in geringeren Mengen
zur Herstellung von Schießpulver, als Schleif-
pulver, zu Zeichenkohle usw. In erster Bezie-
hung werden sie besonders von Metallarbeitern,
Schmieden und Schlossern benutzt, und wenn
diese sich neuerdings auch oft mit Steinkohlen
behelfen, so kann doch bei Verarbeitung des
Stahls die FI. nicht entbehrt werden. Zu hütten-
männischen Zwecken, zum Ausschmelzen des
Eisens, Zinks, Zinns und Bleies aus den Erzen
war H. früher das einzige Mittel, während jetzt,
namentlich bei Eisenhochöfen, meistens Koks
benutzt werden muß. Die leichtflüssigen Me-
talle werden schon reduziert, wenn ihre Oxyde
mit Kohlenpulver gemischt und in Tiegeln ge-
glüht werden, und in ganz analoger Weise wird
der Phosphor (s. d.) aus seinem Oxyde, der

Phosphorsäure, durch Kohle abgeschieden. —
Die Kohle zeigt, wenn sie beim Verkohlen un-
gestört bleibt, noch völlig die Gestalt und Struk-
tur des Holzes, nur ist sie kleiner und in so
hohem .Grade porös, einem höchst feinen
Schwamm vergleichbar geworden, daß sie große
Mengen von Gasen zu verschlucken und aus
Flüssigkeiten fremde Stoffe auszuscheiden ver-
mag. Auf dieser absorbierenden Eigenschaft be-
ruht die vielseitige technische Verwendung der
gepulverter H. als Desinfektionsmittel, um Mias-
men und Fauigerüche inWohnräumen und Kloa-
ken zu beseitigen, zum Reinigen von Wasser,
welches organische Zersetzungsprodukte, Metall-
salze usw. enthält, und zum Entfärben von Flüs-
sigkeiten, sofern die Färbung von besonderen,
abscheidbaren Bestandteilen herrührt. Die ab-
sorbierende Kraft der II. wird im allgemeinen
durch die d6r Tier ko hie (st d.) überlroffen, doch
eignet sie sich für manche Verwendungen, so
namentlich zum Entfuseln des Spiritus, besser,
wobei man entweder die Spiritusdämpfe durch
einen Behälter mit grob gepulverter Kohle strei-
chen oder den ablaufenden Sprit durch Kohlen-
pulver durchsickern läßt. Alle Kohle, die zu
Zwecken der Absorption dienen soll, muß ent-
weder frisch gebrannt oder gleich im frischen
Zustande luftdicht verpackt worden sein, da sie
sich in freier Luft mit Gasen und Riechstoffen
sättigen und dann unwirksam sein würde. Man
kann aber einer unwirksam gewordenen Kohle
die absorbierende Eigenschaft im vollen Maße
durch Ausgiühen wieder verleihen. Zu allen
derartigen Zwecken dient Weichholzkohle, da sie
die stärkste Porosität und Absorptionskraft hat.
Am kräftigsten wirkt die Kohle von Pappelholz,
dann folgt die von Lindenholz und hierauf die
von Nadelhölzern.

Holzstaub (Holzmehl, engl. Flocks) wird in
der Weise hergestcllt, daß man sehr dünne
Hobelspäne weicher Hölzer mit Scifenwasser,
besser Natronlauge, kocht, mit Wasser sorgfältig
auswäscht, darauf sehr fein vermahlt und be-
liebig färbt. Er dient zur Bereitung der Samt
tapeten und wird mit einem geruchlosen,'"'In-
sekten verscheuchenden Klebstoff auf dem Päpier
befestigt. Vor dem früher benutzten Wollslaub
hat er den Vorzug, um 5o°/o leichter und 10 0/0
billiger zu sein. Ein besonders zubereitetes Holz:
mehl dient in der Bäckerei bisweilen unter dlem
Namen Streumehl (s.d.) zum Bestreuen der
Unterseite von Broten.

Holzteeröl (lat. Oleum picis, frz. Huile de
goudron .vögötale, engl. Tar oil) wird durch De-
stillation des Holzteers gewonnen und ist frisch
destilliert ziemlich farblos, nimmt aber bei länge
rem Lagern eine gelbe bis rotbraune Farbe an.
Es besteht aus Kohlenwasserstoffen wie Benzol,
Toluol und Phenolen, hat ein spez. Gew. von
etwa 0,970 und kann durch fraktionierte Destilla-
tion in Schwer- und Leichtöl geschieden werden.
Das Holzkreosot (s.d. bei Kreosot) wird na-
mentlich aus Buchenholzteer gewonnen. Ber.w'zt
wird H. in der Volksmedizin bei Hautkrank-
heiten. in der Tierheilkunde bei Räude.

Holzwolle (Holzfaden, Holzfaser, Wol
lin, lat. Lana ligui, frz. Charpie de bois, engl.
Wood wol), eine aus weichem Holz gefertigte
Fasermasse, kommt in zwei Sorten in den
        <pb n="174" />
        ﻿Holzzeug

168

Honig

Handel, solche, die zu der sogenannten Holz-
weberei oder zur Herstellung von Holztuch be-
nutzt wird, und solche, die wie Werg aussieht
und aus regellos durcheinander gewirrten Fasern
besteht. Die Herstellung erfolgt aus Kiefern-
oder Fichtenholz mittels besonderer Maschinen
in der Weise, daß die auf dem Schlitten der
Maschine dem Holz zunächst befindlichen ver-
stellbaren Ritzmesser das zu verarbeitende Mate-
rial der Länge nach in einzelne Fasern von der
gewünschten Breite (i—4 mm) zerschneiden, wel-
che dann durch das nachfolgende Spannmesser
in der ganzen Breite abgetrennt werden und als
Holzwolle unter die Maschine fallen. Zur Ver-
ringerung des Volums preßt man sie dann zu
Würfeln von 80 cm Kantenlänge zusammen. Die
H. wird als vorzügliches Packmaterial und, ihrer
großen Elastizität wegen, als Polsterungsmate-
rial benutzt. Auch als Streumaterial für Stallun
gen hat man sie empfohlen, und schließlich
verwendet man sie allein oder in Verbindung
mit Watte zu billigen Verbänden, zu Damenbin-
den usw.

Holzzeug (Holzstoff, Holzschliff, frz. Ma-
tifere de bois, engl. Wood pulp), das wichtige
Material der Papierfabriken, wird mit Hilfe
besonderer, von Wasser ständig benetzter Schleif-
steine aus dem von Rinde und Aststellen be-
freiten, vielfach vorher noch gedämpften Holze
hergestellt, darauf durch Pressen oder Zentri-
fugen zum Teil entwässert, vielfach durch Chlor
gebleicht und getrocknet. Zur Vermeidung der
durch Kleinlebewesen oder Gerbstoffe bisweilen
verursachten Flecke und .Verfärbungen muß fei-
nes, eisenfreies Wasser und gesundes, zweck-
mäßig vorher sterilisiertes Holz genommen wer-
den.

Homatropin (Oxytoluyltropein), ein zusam-
mengesetzter Äther des Tropins (Spaltungspro-
dukt des Atropins), wird durch wiederholles Ein-
dampfen der Lösung von Tropin und Mandel-
säure mit verdünnter Salzsäure in Form durch-
sichtiger Pulver erhalten. Es wirkt wie Atropin,
aber weniger andauernd auf die Pupille erwei-
ternd ein und wird in der Augenheilkunde an-
gewandt.

Honig (lat. Mel, frz. Miel,,engl. Honey) ist der
von der Arbeitsbiene, Apis mellifica, aus Blü-
ten aufgesaugte und in ihrem Honigmagen ver-
arbeitete Saft, der in den Waben (Wachszellen)
zur Ernährung der jungen Brut sowie als Winter-
vorrat wieder abgeschieden wird. Er besitzt
frisch ausgelassen das Aussehen eines klaren,
zähklebrigen Sirups, trübt sich aber allmählich
durch Ausscheidung von Traubenzucker und
erstarrt schließlich zu einer mehr oder weniger
festen kristallinischen Masse. Je nach der Art
der Blüten, aus denen der Honig gesammelt
wird, und die für sein Aroma bestimmend sind,
unterscheidet man Anis-, Akazien-, Heide-, Klee-,
Linden-, Raps- usw. Honig. Eine Abart bildet
der von den Pollen der Nadelhölzer gesammelte
sog. Koniferenhonig, welcher dunkler ge-
färbt ist, einen eigenartigen, terpentinähnlichen
Geruch und weniger süßen Geschmack besitzt.
Er gilt als minderwertig, ebenso wie der über-
seeische sog. Havanna-, Kalifornische,
Chile-, Valparaiso-PL, welcher infolge seiner
Abstammung von duftlosen tropischen Blüten

fast gar kein Aroma besitzt. In seltenen Fällen
sind auch giftige Honige beobachtet worden,
die von einigen giftigen Rhododendronarten ge-
sammelt werden, für unsere Verhältnisse aber
keine Bedeutung haben. Der H. wird entweder
in unverändertem Zustande mit den Waben als
sog. Scheiben-H. in den Handel gebracht,
oder von den Waben getrennt als ausgelasse-
ner H. Im letzteren Falle unterscheidet man je
nach der Art der Gewinnung Leck-H. (durch
freiwilliges Austropfen) und Schleuder-H.(durch
Zentrifugieren), ferner Preß-H. (kalt gepreßt),
Seim-H. (bei gelinder Wärme gepreßt) und
Land-H. (durch Schmelzen der Waben). Die
beiden ersten, als die reinsten Sorten, werden
auch Jungfernhonig genannt. Stampfhonig
(Roh-, Rauh- oder Werkhonig) wi d durch Ein-
stampfen derWaben mit allen darin befindlichen
Verunreinigungen gewonnen und gilt nicht als
eigentlicher Honig. In chemischer Hinsicht ist
der H. im wesentlichen eine wäßrige Auflösung
ungefähr gleicher Teile Glykose und Fruktose,
neben welchen noch geringe Mengen Rohrzucker,
Dextrin, Stickstoffsubstanzen, Mineralstoffe, Amei-
sensäure. Aromastoffe, Wachs und Pollen Vor-
kommen. Im Mittel enthält er 20% Wasser, 22
bis 44 0/0 Glykose, 32—49 °/o Fruktose, 0,8—2,7 °/o
Stickstoffsubstanz und 0,1—0,2 °/o Ameisensäure.
Von den zahlreichen Verfälschungen sind Zu-
sätze billigerer Zuckerarten, wie Rohrzucker,
Invertzucker und Stärkesirup am verbreitetsten,
aber es kommen auch völlige Nachahmungen in
den Verkehr, die ohne oder mit geringen Spuren
H. aus künstlich gelbgefärbtem und parfümier-
tem Zuckersirup hergestellt und mit Blütenstaub
und Wachsteilchen garniert sind. Die früher für
diese Erzeugnisse beliebte Bezeichnung „Tafel-
honig“, „Präparierter Honig“ ist durch die
Rechtsprechung für unzulässig erklärt worden,
und derartige Proben dürfen daher nur in Büch-
sen mit der deutlichen Inschri.t „Kunsthonig“
in den Verkehr gebracht werden. Ebenso wie
der direkte Zusatz fremder Zuckerarten, wider-
spricht auch das indirekte Verfahren, die Zucker-
fütterung, dem Nahrungsmittelgesetz. Nach An-
sicht der reellen Imkerkreise ist die Verfütterung
von Zucker an die Bienen nur in Notfällen, d. h.
zur Überwinterung u. dgl., nicht aber zur Erzeu-
gung von H. gestattet. Auch durch künstliche
Zuckerfütterung gewonnener H. ist als verfälscht
zu beurteilen, wenn er nicht ausdrücklich als
Zuckerfütterungshonig bezeichnet wird. Der
H. bildet ein wertvolles Nahrungs- und Genuß-
mittel, das in steigenden Mengen von den deut-
schen Bienenzüchtern in den Handel gebracht
wird. Nach der Viehzählung vom Jahre 1912 gab
es im Deutschen Reiche über 2600000 Bienen-
stöcke, die 15235 t H. lieferten, und für die Zu-
nahme der Erzeugung spricht am besten die Tat-
sache, daß der Einfuhrüberschuß von 32000 dz
im Jahre 1890 auf 2000 t sank. Es ist zu wün-
schen, daß diese zwar mühsame, aber lohnende
Beschäftigung sich weiter ausdehnt. Neben der
Verwendung zum direkten Genuß wird H. auch
zur Herstellung verschiedener Präparate: Ge-
reinigter Plonig (lat. Mel depura um. frz. Mel
depurö, engl. Clarified Honey) der Pharmazie,
Rosenhonig (mit Rosenextrakt), Salizyl-H-,
Borax-PL (mit Borax und Glyzerin), ferner
        <pb n="175" />
        ﻿Hopfen

169

Hom

/

von alkoholischen Getränken wie Honigmet und
Honigwein benutzt.

Hopfen (frz. Houb'lon, engl. Hop) nennt man
die unbefruchteten Dolden (Fruchtstände,.Hopfen-
tapfen, Trolle) von Kumulus lupulus, die im
allgemeinen von angebauten, in den Donau-
ländern aber auch von wild wachsenden Pflanzen
gewonnen werden. Die allein benutzten weib-
lichen Blutenstände der zweihäusigen Pflanze
bilden zapfenartige Kätzchen mit gelbgrünen
Blüten, die zu vier in den Achseln zweizeilig
gestellter Nebenblätter angeordnet sind und am
Grunde von je einem Blättchen umgeben werden.
Der H. erfordert einen sorgfältigen Anbau,
Schutz gegen rauhe Winde und eine vor starken
Nebeln geschützte Höhenlage. Gegenden mit
schroffem Temperaturwechsel sind auszuschlie-
ßen. Der Hauptanbau liegt in Europa vom 45. bis
50.0 n. Br., d. h. zwischen dem südlichen Schwe-
den und Südungarn. Die Pflanzung geschieht in
Löchern von 1,3—1,8 m Entfernung und glei-
chem Reihenabstand, so daß auf den Hektar
etwa 3200—5800 entfallen. Die Behandlung ist
wegen der erforderlichen Menschenarbeit kost-
spielig, der Ertrag wegen zahlreicher Schäd-
linge; Kupferbrand oder Fuchs, Mehltau oder
Fraß, Wurzelfäule, Vergilbung, Blattläuse, Schnell-
käferlarven, Hopfenwurzel; pinner, Erdllöhe usw.
unsicher. Wesentlich beeinflußt wird die Güte
durch die Art des Trocknens, die zur Erhaltung
der schönen grünen Farbe und des Hopfen-
mehles rasch und sicher ohne häufige Berührung
erfolgen soll. Meist bevorzugt man das Trocknen
auf Horden oder das Wenden mit Reiserbesen
und stopft oder tritt die genügend getrocknete
Masse in große Ziechen (Säcke), die, mit dem
Namen des Züchters und Ortes versehen, zum
Versand kommen. Besonders feine Sorten, wie
Saazer, Spalter usw., werden von der Behörde
gestempelt, doch sind diese Zeichen kein sicheres
Merkmal der Echtheit, weil die leeren Säcke von
Händlern aufgekauft werden. Man unterscheidet
den besseren aber anspruchsvolleren Frühhop-
fen, den ertragreicheren Spät-H. und den dauer-
haften Knoblauchs-H. Als beste Sorten gel-
ten der böhmische von Saaz, Auscha, Dauba,
der bayrische von Spalt, Hersbruck und der
badische von Schwetzingen, doch kommen auch
aus Württemberg, Franken, Elsaß (Hagenau,
Bisch weder), Belgien, England, Frankreich, Nord-
amerika, Australien, Ostindien (Himalaya) gute
H. zum Verkauf. Guter H.soll grünlichgelb, nicht
tot oder braun aussehen, sich klebrig anfühlen,
stark aromatisch riechen, besonders beim Zer-
reiben zahlreiche gelbe Drüsen erkennen lassen,
irn Bruch des Mittelstengelchens weißlich er-
scheinen und beim Zerbrechen einen deutlich
sichtbaren Strich auf der Handfläche machen.
Der wirksamste Bestandteil, das aus den Drüsen
Bestehende Lupulin (H.-Mehl, FI.-Staub), das
sich in Mengen von 10—16% vorfindet, ist keine
chemische Verbindung, sondern ein Gemisch ver-
schiedener Stoffe, von denen ein mit Wasser-
dämpfen flüchtiges Öl, Hopfenöl, ferner Hop-
fenbittersäure (10%) und H.-Harz (500/0)
die wichtigsten sind. Außerdem ist noch Gerb-
säure sowie möglicherweise ein Alkaloid vorhan-
den. Alle diese für die Bierbrauerei wertvollen
Stoffe sind wenig haltbar, schon nach Jahresfrist

wird der H. äußerlich rotbraun und verliert an
Aroma und Hopfenmehl. Man sucht ihn daher
durch Pressen und Schwefeln zu konservieren,
verleiht durch letzteres allerdings bisweilen auch
minderwertiger Ware den Anschein besserer Be-
schaffenheit. Die durch Auslaugung mit Wasser
hergestellten sog. Hopfenextrakte haben in
Deutschland keinen Anklang gefunden. Die
getrockneten Hopfenranken werden neuerdings
als Tabakersatz, die Hopfenfasern zu Gespin-
sten und Geweben benutzt.

Hopfenöl (lat. Oleum lupuli aethereum, frz.
Essence de houblon, engl. Hops-oil), das äthe-
rische, aromatisch riechende Öl des Hopfens,
wird durch Destillation mit Wasserdampf aus den
Flopfenzapfen in Menge von durchschnittlich
0,8 % erhalten. Das dünnflüssige, hellgelbe bis
rotbraune Öl hat ein spez. Gew. von 0,855—0,899.
verharzt leicht, wird dann dickflüssig und nimmt
einen Geruch nach Baldriansäure an.

Horn (lat. Cornu, frz. Corne, engl. Horn)
nennt man die Stirnaufsätze der Wiederkäuer,
von denen die des Rindergeschlechts nach Menge
und Bedeutung so überwiegen, daß der all-
gemeine Ausdruck Hörner im Handel sich fast nur
auf diese bezieht. Die Hornsubstanz (Keratin),
die sich auch in zahlreichen anderen tierischen
Gebilden: Oberhaut, Haaren, Borsten, Federn,
Stacheln, Hufen, Klauen, Nägeln, Schnäbeln, im
Schildpatt und Fischbein vorfindet, ist den Ei-
weißstoffen verwandt und enthält neben Stick-
stoff bis zu 5 % Schwefel. Die 0,3 % (Schildpatt)
bis zu 3 % (Büffelhorn) betragende Asche ist
reich an Kalziumphosphat, bei den Federn auch
an Kieselsäure. Von den Knochen und Geweihen
(s. Hirschhorn) unterscheidet sie sich dadurch,
daß sie in siedendem Wasser nicht zu Leim zu
verkochen ist, sondern nur erweicht und nachher
ihre volle Härte wieder annimmt. Der Bau der
Hörner hat eine entfernte Ähnlichkeit mit dem
des Holzes, indem sich auf dem Durchschnitt
förmliche Jahresringe zeigen, die mit zunehmen-
dem Alter undeutlicher werden und dadurch die
Erkennung des weniger wertvollen jungen H. er-
möglichen. Außerdem ist die Hornmasse von
Markkanälen durchzogen, die in den äußeren
Teilen des H. immer zahlreicher sind, als im
Innern. Sie besitzt leidliche Härte, ist etwas bieg-
sam und elastisch, mehr oder weniger durch-
scheinend, von weißer und gelblichgrauer bis
schwarzer Farbe und erweicht in der Hitze so
weit, daß man sie nicht nur leicht biegen und
pressen, sondern selbst löten oder schweißen
kann. Wegen dieser Eigenschaften eignet sich
das Florn zu einer Reihe technischer Verwen-
dungen, die sich ziemlich scharf in zwei Grup-
pen sondern, je nachdem dabei der volle oder
der hohle Teil der Flörner in Arbeit genommen
wird. Die oberen vollen Enden, die am wert
vollsten sind und häufig schon abgeschnitten als
Hornspitzen in den Handel kommen, wer-
den von Horndrechslem benutzt, während Hohl-
stücke (Hornschroten) dem Kammacher zu-
fallen. Bei Verarbeitung der ersteren zu Stock-
griffen, Spitzen für Raucher u. dgl. bedient man
sich der Drehbank, Messer, Feilen und unter
Umständen des Biegens in der Hitze. Die Hohl
stücke werden hingegen durch Einweichen, Er-
hitzen und Pressen in Plattenform gebracht und
        <pb n="176" />
        ﻿Hornblende

170

Hühnereier

für gewisse Zwecke durch eine besondere Be-
handlung mit Öl durchscheinend gemacht. Sch ieß
lieh wird die Hornmasse auch verschiedentlich
gefärbt und gebeizt und namentlich durch Er-
zeugung einer gefleckten Färbung zu, Schildkrot
gestempelt. — Hufe lassen sich wie Horn ver-
arbeiten und werden besonders in Knopffabriken
durch Kochen erweicht, in Scheiben geschnitten
und durch Pressen geformt. — Hornspäne und
andere Abfälle dienen zur Darstellung von Tier-
kohle, Blutlaugensalz u. dgl. sowie zum Ver-
stählen von Eisen und als Düngemittel. Unter
Umständen werden sie aber auch durch heiße
Pressung noch zu Dosen, Knöpfen u. dgl. ver-
arbeitet. — Die Ochsenhörner, die in Deutsch-
land selbst in großer Menge gewonnen werden,
bilden eine geringere Ware, von der nur die
Spitzen zu Hornarbeiten verwertet werden, hin
gegen kommen sehr viele und gute H. von den
Ebenen Südamerikas über Buenos Aires, Rio
de Janeiro usw. in den Handel, und auch Irland,
Rußland, die Schweiz, Spanien und Portugal lie-
fern verschiedene Arten brauchbarer H. Das
Ochsenhorn zeigt eine glatte Oberfläche und
wechselnd graue, bräunliche oder weiße Farbe.
Besonders hell sind die fast bis zur Spitze
hohlen irischen H., die bei der Bearbeitung sehr
durchsichtig und daher für Plattenarbeit ge-
schätzt werden. — Kuhhörner haben meist ge-
ringeren Wert. — Die besonders großen amerika
nischen Bisonhörner, die immer seltener wer-
den, sind von der Spi.ze zu einem Drittel schwarz,
im übrigen weiß gefärbt, besitzen ei.ie sehr feste
durchscheinende Masse und nehmen eine schöne
Beize an. — Büffelhörner, die in besonders
schönen Stücken aus Kleinasien und Indien,
aber auch aus Ungarn, der Walachei, Italien
und Spanien kommen, haben eine gedrückte,
fast dreikantige Form und eine dunkelbraune
oder schwärzliche Farbe. Wegen ihrer festeren,
feineren Masse und ihrer großen Politurfähig-
keit werden sie höher als Ochsenhorn geschätzt.

—	Ziegen- und Widderhörner finden eben-
falls Verwendung, besonders als Laternenhorn,

—	Die hübschen schwarzen hakenförmigen Gems-
hörner sind beliebt für Stockkrücken, zu Spit-
zen, Stiefelhaken u. dgl. — Die Hörner vom Gnu
und anderen Antilopen, vom Rhinozeros, Remi-
tier usw. haben für unseren Markt keine Be-
deutung.

Hornblende, ein außerordentlich weit ver-
breitetes Mineral, das einen regelmäßigen Ge-
mengteil zahlreicher Massengesteine (Syenit, Tra
chyt usw.) sowie von Gneis und Hornblende-
schiefer ausmacht, auch selbst gesteinsbildend
als Hornblendefels auftritt, besteht im wesent-
lichen aus einem Kalzium-Magnesiumsilikat,
welches gewöhnlich Eisen und Tonerde enthält.
Von den vielen Arten der H.; Grammatit,
Aktinolith (Strahlstein) usw., findet beson-
ders der Asbest (s. d.) technische Anwendung.

Hubertus-Sprudel in Hönningen enthältnach
der Analyse von R. und H. Fresenius (1899) in
1000 Gewichtsteilen: Bikarbonate des Natriums
2,3129 g, Lithiums 0,0074 g, Ammöniums o.cotög,
Kalziums 0,7912 g, Bariums 0,0003 g, Stron-
tiums 0,0051 g, Magnesiums 1,2088 g, Eisenoxy-
duls 0,0211 g, Manganoxyduis 0,0007 g, Natrium-
chlorid 1,3731g, Natriumbromid o,ooi6g, Na-

triumjodid Spur, Sulfate des Kaliums 0,1377 g,
Natriums 0,2045 g, arsensaures Natrium 0,0015 g.
Natriumphosphat 0,0009 g. Natriumnitrat 0,0115 g.
Natriumborat 0,0010 g, Kieselsäure 0,0179 g, freie
Kohlensäure 0,8707 g.

Huflattich (lat. Folia farfarae, Herba farfarae,
frz. Feuilles de tussilage, engl. Cohsfoot leaves)-
Die getrockneten Blätter der ausdauernden, in
ganz Europa auf tonigem, aber kalkhaltigem Bo-
den wachsenden Komposite Tussilago far-
fara mit niedrigem, weißfilzigem Stengel und
gelber vor den Blättern erscheinender Blüte be-
sitzen eine rundlich herzförmige Gestalt, eine
schwach glänzende grüne Oberseite und weiß-
filzige Unterseite. Wegen ihres bitter zusammen-
ziehenden, schleimigen Geschmacks bilden sie
einen Bestandteil des Brusttees. Auch die Huf-
lattichblüten (lat. Flores farfarae, frz. Fleurs
de tussilage, engl. Coltsfoot flowers) werden
als Tee benutzt. Die verwandte Pflanze Tussi-
lago Petasites, großer Huflattich, Pestwurz,
mit bedeutend größeren, nierenförmigen Blättern
und purpurfarbigen Blüten dient bisweilen zum
Verfälschen.

Hühnereier (lat. Ova gaüinacea, frz. Oeufs de
poule, engl. Pullet eggs), die als Nahrungsmittel
in erster Linie in Betracht kommende Sorte
Vogeleier, haben ein mittleres Gewicht von 53 g
(mit Schwankungen von 30—72 g), von denen
6 g auf die Schale, 31 g auf das Eiweiß und 16g
auf den Dotter entfallen. Die Schale besteht
aus ziemlich reinem Kalziumkarbonat mit gerin-
gen Beimengungen von Phosphorsäure und Mag-
nesia. Das Eiweiß enthält neben viel Wasser
85 c/o) fast nur Albumin. Hingegen bildet der
Dotter ein Gemisch der verschiedenartigsten
Verbindungen, aus denen sich der Organismus
des jungen Tieres aufbaut.- Die etwa i6°/o aus-
machende Stickstoffsubs'.anz s tzt sich der Haupt-
menge nach aus einer besonderen Eiweißart, Vi-
tellin, zusammen, neben der nur geringe An-
teile Albumin und Nuklein auftreten. Daneben
finden sich die wichtigen Stoffe Lezithin (Pro-
tagon), Zerebrin und Glyzerinphosphor
säure, die auch im Gehirn Vorkommen, und
schließlich enthält das Eigelb noch ein charakte-
ristisches Fett, ferner Cholesterin und Farb-
stoff (Lutein). Der Gesamtnährstoffgehalt eines,
Eies beträgt rund 6°/o Sti :kstoffsubstanz und 6 °/o
Fett. Er ist also ziemlich beträchtlich, aber
keineswegs so hoch, daß die oft gehörte An-
sicht, „ein Ei ist soviel wert wie V2 Pfd. Fleisch”
richtig wäre. Vielmehr entspricht der Nähr-
stoffgehalt eines Eies nur demjenigen von Vs
Fleisch. Ebenso unbegründet ist die Behaup-
tung, daß rohe Eier leichter verdaulich seien
als gekochte. Tatsächlich werden letztere, ge-
nügende Zerkauung vorausgesetzt, ebenso leicht
und vollständig resorbiert. Das Haupterfordernis
für die Gebrauchsfähigkeit der Eier ist ihre un-
verdorbene Beschaffenheit, d. h. sie dürfen weder
angebrütet, noch sich im Zustande sonstiger
Zersetzung (Fäulnis) befinden. Zur Prüfung der
Eier bedient man sich des Eierspiegels, dessen
Anwendung auf der Tatsache beruht, daß frische
Eier in der Mitte durchscheinend sind und ai»
breiten Ende noch keinen Hohlraum besitzen.
Ferner senkt man die Eier in to°/oige Koch-
salzlösung, in der alte Eier schwimmen, oder
        <pb n="177" />
        ﻿

Hülsenfrüchte	171	Hydrangin

11 man schüttelt sie, um das Vorhandensein eines
Hohlraumes zu konstatieren. Ganz sichere Er-
gebnisse liefert keines dieser Verfahren, und es

■	ist daher sehr zu begrüßen, daß neuerdings sog.
Trinkeier (Tageseier) mit dem Datumsstem-
pel auf den Markt kommen. Die zahlreichen,
zur Verhütung des Verderbens vorgeschlagenen
Verfahren bezwecken meist den Abschluß von
Luft und Mikroorganismen. Ais bewährteste
sind das Einlegen in Kalkwasser, Wasserglas-
lösung, Überziehen mit Paraffin und die trockne
Aufbewahrung in Stroh, Häcksel usw. an kühlen
Orten zu bezeichnen, während vor allen Geheim-
mitteln unbekannter Zusammensetzung zu warnen
ist. Derartig konservierte Eier sind für den
Massenbedarf noch gut brauchbar, können aber
auf die Bezeichnung „Frische Eier“ oder „Eier“
schlechthin natürlich keinen Anspruch erheben,
sondern müssen in entsprechender Weise gekenn-
zeichnet sein. Die sog. Kalkeier insbesondere
haben den Nachteil, daß die Schale beim Ko-

[ chen platzt, daß sich das Weiße oft nicht zu
Schaum schlagen und nicht vom Dotter trennen
läßt. Neben den konservierten ganzen Eiern
finden sich neuerdings viele Zubereitungen, die
aus konserviertem Eigelb bestehen. Das letztere
fällt bei der Herstellung des Albumins in großen
Massen ab und wird durch Zusatz antiseptischer
Stoffe, Kochsalz, Borsäure usw. vor dem Ver-
derben geschützt. Die Ansichten über die Zu-
lässigkeit dieser Behandlung sind noch geteilt,
jedenfalls sollten derartige Erzeugnisse aber deut
lieh gekennzeichnet und zweifellos giftige Stoffe
wie Fluornatrium oder Methylalkohol vermieden
werden. Gänzlich einwandfrei sind die durch
Trocknen im Vakuum hergestellten Eipulver,
während die Nahrungsmittelkontrolle die mit
Hilfe von gelb gefärbtem Mehl hergesteliten Nach-
ahmungen : Ovon, Ovumin usw. aus dem Handel
verdrängt hat. Auch die Bezeichnung Eiersatz
darf nicht für gelb gefärbtes Mehl, sondern nur
für Eiweißstoffe anderen Ursprungs; Kasein,
Kleber u. dgl. benutzt werden. Zum Nachweis
von Eigelb in Nahrungsmitteln (Teigwaren, Eier-
kognak) prüft man auf das Vorhandensein von
ätherlöslichem Eifarbstoff (Lutem', welcher durch
salpetrige Säure entfärbt wird, ferner von Chole-
sterin und ermittelt nach Juckenack die Menge
der alkohollöslichen Phosphorsäure. Der Ver-
brauch an Eiern ist in ständiger Zunahme be-
griffen. Die inländische Erzeugung von rund
[ , 73 Millionen Hühnern wurde für 1912 auf
Mehr als fünf Milliarden Stück im Gewicht von
257ooot geschätzt. Die Einfuhr nach Deutschland
beträgt gegen 171000 t, welchen nur 2000 t Ausfuhr

■	entgegenstehen. Als Haupterzeugungsländer kom
I ttren Frankreich, Italien, neuerdings vor allem

auch Galizien und China in Frage. Die Ware aus
letzteren beiden Ländern ist allerdings bisweilen
von zweifelhaftem Genußwert. Außer zur mensch-
lichen Nahrung finden die Eier ausgedehnte
technische Anwendung, das Albumin in der pho-
tographischen Industrie, Eigelb und Eieröl in der
hämisch, und Glacöledergerberei und zu medizi-
tt'schen Zwecken.

Hülsenfrüchte, Erbsen, Linsen und Bohnen,
smd in besonderen Aufsätzen behandelt.

Huingansamen, die schwärzlichen Früchte
einer in Chile heimischen Therebinthinazee,

Duvana dependens, haben die Größe und den
Geruch der Wacholderbeeren und werden medi-
zinisch verwandt.

Humiriholz ist das Holz eines zur Familie
der Humiriazeen gehörigen amerikanischen
Baumes. Humiria balsamifera. Das H. von
Guyana nennen die Franzosen „bois rouge“, das
von Jamaika „bois ä flambeau“. Es hat eine be-
deutende Dichte, ist vollkommen homogen, von
gleichmäßig rotbrauner, dem Mahagoni ähn
lieber Farbe und besitzt lebhaften Glanz und
leichte Spaltbarkeit. Aus der Rinde gewinnt man
durch Einschnitte einen ziemlich dicken, nach
Storax riechenden Balsam von roter Farbe, wel-
cher Houmiri oder Touri genannt wird und in
den Ursprungsländern medizinische Verwendung
findet.

Hummer (frz. Homard, engl. Lobster), die gro-
ßen, dem Flußkrebs verwandten, aber bis zu
50 cm lang und armdick werdenden Seek;ebse,
Astacus marinus, Homarus vulgaris, leben
au fast allen europäischen und nordamerikani-
schen Küsten. Sie sind braun marmoriert oder
stahlblau, röten sich beim Kochen und haben
ein wohlschmeckendes, aber für viele schwer
verdauliches Fleisch. In England, dem Haupt-
verbrauchslande, werden die Helgoländer H.
am meisten geschätzt; als Normalgröße ist hier
eine Länge von 25 cm vorgeschrieben. Die H.
kommen sowohl in lebendem Zustande, wie auch
gekocht und in Büchsen eingelegt in den Handel.

Hundekuchen werden aus Leguminosen-, Ha-
fer- oder Maismehl und kleinen Fleischstückchen
fabrikmäßig hergestellt und in Form sehr harter
viereckiger Platten von 2 cm Dicke und 10 cm
Kanterliänge als Futter für Hunde in den Ver-
kehr gebracht.

Hundszungenwurzel (lat. Radix cynoglossi,
frz. Racine de cynoglösse, engl. Cynoglosse root),
eine veraltete Ware des Drogenhandels, stammt
von einer in ganz Deutschland an Wegen und
Rainen wild wachsenden Pflanze, Cynoglossum
officinale. Sie bildet lange, ästige, außen
schwarze, innen weiße Stücke von unangenehmem
Geruch und wird in der Volksmedizin verwandt.

Hunyady-Janos ist ein bekanntes ungarisches
Bitterwasser mit 19,66 °/o Glaubersalz und 19,49%
Bittersalz. Ähnliche Zusammensetzung zeigen H.
Laszlo und H.-Mathias.

Huonfichtenholz (engl. Huon pine, Huron
pine), ein schönes feinfaseriges, gelbes Holz von
der aus Vandiemensland und Viktoria stammen-
den Konifere Dacrydium Franklini, wird in
der Kunsttischlerei benutzt.

Hyalith ist eine Abart des Opals (s. d.). Mit
demselben Namen wird auch ein schwarzer Glas-,
fluß zur Aufbewahrung lichtempfindlicher Che-
mikalien bezeichnet.

Hyazinth nennt man die feurigroten, schön
durchsichtigenAbartendesZirkons (s.d.). Orien
talischer H. werden unrichtigerweise Saphire
genannt, die eine morgenrote, ins Weiße oder
Gelbe sich ziehende Färbung haben.

Hydrangin, der zu den Glykosiden gehörige
wirksame Bestandteil einer in den Vereinigten
Staaten unter dem Namen Seven-bark gebräuch-
lichen Droge (gegen Harnblasenstein), deren
Stammpflanze Hydrangea arborescens ist,
erscheint in farblosen Kristallnadeln, die bet
        <pb n="178" />
        ﻿■

h





Hydrastiswurzel

172

Ichthyol

2350 C schmelzen und sich ohne Zersetzung
sublimieren lassen. Die alkalische Lösung fluores-
ziert blau, ähnlich dem Äskulin, von dem sich
das H. aber durch seine Leichtlöslichkeit in Äther
und Unlöslichkeit in Salzsäure unterscheidet.
Auch wird es durch Quecksilberchlorid, Silber-
und Bleinitrat nicht gefällt.

Hydrastiswurzel (kanadische Gelbwurzel,
Goldsiegelwurzel, lat. Rhizoma hydrastis, frz.
Rhizome d hydrastis, engl. Yellow root, Hydrastis
rhizome), die Wurzel des Kanadischen Wasser-
krautes, Hydrastis canadensis, einer zu den
Ranunkulazeen gehö.igen Pflanze Nordame-
rikas, die von Kanada bis Karolma auf feuchten
Plätzen wächst, besteht aus einem höckerigen oder
gedrehten, gleichsam aus fleischigen, gelben
Knollen zusammengesetzten Wurzelstocke, andern
sich zahlreiche gelbe Fasern befinden. Sie bildet
in Nordamerika sowie jetzt auch in Europa ein
beliebtes Arzneimittel, aus dem man auch ein
Fluidextrakt (lat. Extractum hydrastis fluidum,
frz. Extrait fluide d'hydrastis, engl. Fluid extract
of hydrastis) als Mittel gegen Wechselfieber,
Krebs und Frauenleiden herstellt. Der wirksame
Bestandteil der H. ist ein Alkaloid, das Hydra-
stin, neben dem auch Berberin aufgefunden
wurde. Verfälschungen mit anderen Wurzeln,
z. B. Radix serpentariae, kommen häufig vor.

Hydrazetin (Azetylphenylhydrazin) ■ ent-
steht beim Kochen von Phenylhydrazin mit Eis-
essig als ein weißes, geruch- und geschmackloses
Kristallpulver vom Schmelzpunkt 128°. Die Ver-
wendung als Fiebermittel ist wegen der unan-
genehmen Nebenwirkungen wieder aufgegeben
worden.

Hydrinsäure, eine von Grüner in Feuerbach
vertriebenes Konservierungsmittel für Obsterzeug-
nisse, besteht aus einem Gemisch gleicher Teile
Benzoesäure und Meta-Kreotinsäure (Meta-Me-
thylsalizylsäure).

Hydrochinon, Paradioxybenzol, C6H4(OH)2,
entsteht bei der Behandlung von Chinon mit
schwefliger Säure, bei der trockenen Destillation
von Chinasäure und bei der Oxydation des Ani-
lins mit chromsaurem Kali und Schwefelsäure.
Die letztere Reaktion dient zur fabrikmäßigen
Darstellung. —• H. bildet farblose, bei 169°
schmelzende, in Wasser, Alkohol und Äther
leicht lösliche, in kaltem Benzol schwer lösliche
Kristalle, deren wäßrige Lösung an der Luft
braun wird. Es findet beschränkte medizini-

sche Anwendung a's Antiseptikum und Fieber-
mittel, wird aber in der Technik, besonders
als photographischer Entwickler, viel gebraucht.

Hydroxylamin, eine nur aus Wasserstoff,
Stickstoff und Sauerstoff bestehende starke Base,
NHjOH, welche dem Ammoniak ähnlich ist
und sich wie dieses mit Säuren verbindet, bildet
farblose zerfließliche Kristalle, die bei 330 schmel-
zen, bei 58° im Vakuum sieden und sich bei
höherer Temperatur, oft explosionsartig zersetzen.

H.	ist in Wasser leicht, in Äther und Chloroform
kaum löslich und wirkt stark reduzierend. In
Form seines salzsauren Salzes (Hydroxylamin-
hydrochlorid) wird es als photographischer
Entwickler und in der Medizin als Ersatz des
Chrysarobins benutzt.

Hygrin, eine in den Kokablättern neben Ko-
kain enthaltene, organische, stickstoffhaltige Sub-
stanz, besteht nach neueren Untersuchungen aus
einem Gemenge verschiedener Basen.

Hyoszin (lat. Hyoscinum), ein dem Atropin
und Hyoszyamin isomeres Alkaloid aus dem
Bilsenkraut, der Wurzel von Scopolia japonica
und den Duboisiablättern, ist nur als eine sirup-
artige Masse bekannt, bildet aber kristallisierbare
Salze, von denen das Jodwasserstoffhyoszin
in der Augenheilkunde an Stelle von Atropin An-
wendung findet. Nach neueren Untersuchungen
ist H. wahrscheinlich mit Skopolamin iden-
tisch.

Hyoszyamin (lat. Hyoscyaminum), das in den
Samen und Blättern des Bilsenkrautes (s. d.)
neben Hyoszin enthaltene, sehr giftig wirkende
Alkaloid, hat eine ähnliche, die Pupille erwei-
ternde Wirkung, wie Atropin. Das früher nur
in amorphem Zustande bekannte H. kann jetzt
auch kristallinisch erhalten werden, und zwar
durch Verdampfen seiner Lösung in Chloroform
(rhombische Tafeln) oder in Benzol (nadelförmige
Kristalle) oder durch vorsichtiges Erhitzen, wo-
bei weiße, seideglänzende Nadeln vom Schmelz-
punkt 108,50 entstehen. Mit Säuren bildet das
H. gut kristallisierbare Salze (Hyoszyamin-
salze), von denen namentlich das schwefel-
saure H. medizinisch verwandt wird.

Hypnal, Chloralantipyrin, entsteht beim
Zusammenreiben von Antipyrin mit Chloral-
hydrat als ein in Wasser leicht lösliches Kri-
stallpulver vom Schmelzpunkt 67—68°. Es wird
an Stelle des Chloralhydrates verordnet, ohne
vor diesem besondere Vorzüge zu besitzen.

I.



Ichthynat ist ein dem Ichthyol ganz ähnlich
zusammengesetztes Erzeugnis der chemischen
Fabrik von H ey den-Radebeul und wird in glei-
cher Weise wie Ichthyol angewandt.

Ichthyol nennt man ein schwefelhaltiges or-
ganisches Präparat, welches aus dem viele Fisch-
reste enthaltenden bituminösen Schiefer (Stink-
stein) von Seefeld in Tirol durch trockene Destil-
lation gewonnen wird. Das hierbei übergehende

I.-Rohöl, ein bräunlich gelbes, grünlich fluores-
zierendes öl vom spez. Gew. 0,865, enthält ge-

ringe Mengen Chinolin. Pyridin und organische
Säuren und besteht der Hauptmenge nach aus
schwefelhaltigen Kohlenwasserstoffen der Paraf-
fin- und Äthylenreihe. Durch Behandlung nah
Schwefelsäure wird es in die wasserlösliche
Sulfosäure übergeführt, die, hauptsächlich nach
der Neutralisation mit Ammoniak, als Ichthyol-
sulfosaures Ammonium therapeutische An-
wendung findet. Die zahlreichen I.-Präparate
werden äußerlich gegen Hautkrankheiten, Rheu-
matismus, Brandwunden, innerlich vor allem
        <pb n="179" />
        ﻿Ignatiusbohnen

173

Indigo

gegen Lungentuberkulose verordnet. Wegen der
Unterschiebung minderwertiger Ersatzmittel ist
Vorsicht beim Ankauf geboten.

Ignatiusbohnen (lat. Fabae St. Ignatii, frz.
Pöves de Saint-Ignace, engl. St. Ignatius beans),
die Samen eines auf den Philippinen wachsen-
den Baumes Strychnos Ignatii oder Ignatia
amara, welcher dem Krähenaugenbaum (s. d.)
nahe verwandt ist und mit diesem die Bitterkeit
seiner Teile und die besondere Giftigkeit der
Samenkörner teilt, enthalten Strychnin und Bru-
zin, und zwar in größerer Menge als die Krähen-
augeh. Die Bohnen, die ihren Namen daher
erhalten haben, daß sie zuerst von den Jesuiten
medizinisch angewandt wurden, sind sehr ver-
schieden gestaltet, i—2 cm lang, meist stumpf
dreikantig, eiförmig, an den Seiten teils konkav,
teils konvex, fein gerunzelt oder glatt und stellen-
weise bräunlich behaart. Die Farbe ist ver-
schieden, grau oder bräunlich, die Substanz
hornartig. Die geruchlosen, aber äußerst bitter
und ekelhaft schmeckenden Samen dienen zur
Bereitung von Strychnin.

Ilovit, ein zum Reinigen von Bierleitungs-
röhren angepriesenes Präparat, besteht aus ge-
wöhnlichem rohen Ätznatron.

Imogensulfit ist der Handelsname für ein Ge-
misch photographischer Entwickler mit der er-
forderlichen Menge Natriumsulfit.

Indamine, Farbstoffe der Chinoniminreihe von
der allgemeinen Formel NH .C6H4N X6H4.NH2,
entstehen, wenn Paradiamine oder Paraamidophe-
nole bei Anwesenheit von Monaminen oder Pheno-
len in saurer Lösung oxydiert werden, während in
alkalischer Lösung die verwandten Indophenole
gebildet werden. Die L, deren einfachster Ver-
treter das Phenylenblau (aus Anilin und Para-
Phenylendiamin) ist, bilden grüne bis blaue
Salze und sind durch große Sodabeständigkeit
ausgezeichnet, werden aber von Säuren leicht
zerstört und finden daher als Beizenfarbstoffe für
Baumwolle nur beschränkte Anwendung.

Indanthren, ein blauer Anthrazenfarbstoff,
wird durch Schmelzen von Betaamidoanthra-
chinon mit Kali bei 200—3000 hergestellt, als
ein blaues, in Wasser und Alkalien unlösliches,
aber in alkalischer Hydrosulfitlösung lösliches
Pulver und dient zum Färben von Baumwolle.

Indigo (lat. Indicum, frz. und engl. Indigo),
der wichtigste und echteste blaue Farbstoff, ist
schon seit dem frühesten Altertum in Ostindien
bekannt und bereits zur Zeit der alten Römer
•uach Europa gebracht worden, wo er vielfach
als ein Mineral, indischer Stein, angesehen
Wurde. Tatsächlich ist er ein Erzeugnis des
Pflanzenreichs und findet sich als ein Glykosid
den Blättern verschiedener Papilionazeen,
'de Indigofera tinctoria, I. pseudotinc-
foria, I. a.nil, I. disperma, I. argentea und
h emargfnata. Einige weitere Pflanzen, aus
denen früher ebenfalls geringe Mengen I. ge-
wonnen wurden, wie der auch in Deutschland
“©gebaute Waid, ferner der Färberknöterich
(Polygonum tinctorium und chinense) u. a. kom-
men technisch nicht mehr in Betracht. Die In-
digopflapze wird in Süd- und Mittelamerika, in
Ägypten, Arabien und am Senegal, vor allem
aber in Ostindien in großem Maßstabe angebaut
u-ud nach der Ernte gleich an Ort und Stelle

weiter verarbeitet. Der Farbstoff ist in den
Blättern nicht fertig gebildet, sondern in Form
eines Glykosides, Indikan, vorhanden, aus dem
er durch eine Gärung in Freiheit gesetzt wer-
den muß. Zu dem Zwecke pa.ckt man die Pflan-
zen in große Bottiche oder Zisternen, beschwert
sie mit Steinen und setzt sie völlig unter Wasser,
worauf unter Entwicklung von Kohlensäure, Me-
than und anderen Gasen die Zersetzung vor sich
geht. Die klar abgezogene, goldgelbe bis gelb
grünliche Flüssigkeit wird nun durch Räder oder
Schaufeln kräftig geschlagen, bis die Berührung
mit der Luft das farblose Jndikan in Indigo
blau umgewandelt hat. Der zu Boden gesunkene
blaue Schlamm wird nach dem Ablassen der
Flüssigkeit mit kaltem und heißem Wasser ge-
waschen, darauf in Zeugbeuteln oder Filter-
pressen teilweise entwässert und schließlich, in
Würfel zerschnitten, im Schatten getrocknet. Aus
800 kg Pflanzen erhält man 1 kg Indigo mit
50—60 °/o Indigotin, Die Handelsware bildet
geruch- und geschmacklose Stücke von tiefblauer
Farbe, die beim Reiben einen kupferroten, me-
tallglänzenden Strich zeigen und sich in Wasser
ohne Hinterlassung eines erdigen Bodensatzes
völlig zerteilen. Guter I. soll nicht mehr als 7°/o
Feuchtigkeit und 7—9% Mineralstoffe enthalten,
auf Wasser schwimmen und beim Erhitzen unter
Entwicklung purpurroter Dämpfe sublimieren.
Er ist unlöslich in Wasser. Alkohol, Äther, fetten
Ölen, verdünnten Säuren und Alkalien, wird aber
durch Chlor entfärbt, durch verdünnte Salpeter
säure in Isatin, durch konzentrierte in Pikrinsäure
übergeführt und von konzentrierter Schwefel-
säure, Eisessig und Anilin gelöst. Der natür-
liche I. ist ein Gemisch mehrerer Verbindungen,
von denen das zu 20—80 °/o, im Mittel 40—50%,
vorhandene Indigotin (Indigoblau) den
eigentlichen Farbstoff bildet. Daneben finden
sich: das durch Äther und Alkohol extrahierbare
Indigrot, das in Alkalien lösliche Indigbraun
und der in Wasser, Alkohol, Säuren und Alka-
lien lösliche Indigleim. Der I. unterliegt zahl-
reichen Verfälschungen mit Stärke, Holzmehl,
Berlinerblau usf., die nach den üblichen Me-
thoden nachgewiesen werden. Das sicherste Mittel
zur Wertbestimmung ist die Ermittlung des Ge
haltes an Indigotin. — Das Färben mit I. er
folgt in der Weise, daß man den Farbstoff
mit Hilfe reduzierender Mittel, wie Eisenvitriol
und Ätzkalk, Zihkstaub und Kalkmilch oder mit
schwefligsauren Salzen in das alkalilösliche In-
digweiß überführt, und in die erhaltene Lösung,
die sog. Küpe (Vitriol-, Zink-, Sulfitküpe), die zu
färbenden Stoffe eintaucht. Durch fäulnisfähige
organische Zusätze, wie Urin, Kleie, Waid her
gestellte Lösungen von Indigweiß nennt man
Gärungsküpe (Urinküpe). Nach etwa zweistün
digem Aufenthalte in einer der genannten Lö-
sungen, und zwar Wolle in der Gärungsküpe, die
anderen Gewebe auch in den übrigen Küpen,
wird der Stoff herausgenommen und der Luft
ausgesetzt, wobei er sich unter Bildung des fest
auf der Faser haftenden Indigotins erst grün,
dann blau färbt. Mit Indigo behandelte Stoffe
erkennt man daran, daß sie von Chlor und
Salpetersäure entfärbt werden, gegen Alkali aber
unempfindlich sind. Von den übrigen Methoden
der Indigofärberei ist vor allem die Anwendung
        <pb n="180" />
        ﻿Indigo

174

Ingwer

der Indigkompositionen oder Indig-Solu-
tion zu erwähnen. Zu ihrer Herstellung löst
man I. in konz. Schwefelsäure und erwärmt die
Lösung mit Flockwolle, wobei letztere das Indi-
gotin an sich zieht. Der, mit Wasser gewaschenen
Wolle wird der Farbstoff mit Alkalien entzogen,
und die sog. abgezogene Komposition oder
Sächsischblau zum Färben von Wolle und
Seide, nicht von Baumwolle, benutzt. -— In ähn-
licher Weise verwendet man das rein dargestellte
indigschwefelsaure Natrium, auch Indigo-
karmin, blauer Karmin, löslicher I. ge-
nannt, das in Form einer teigartigen Paste sowie
als leicht in heißem Wasser lösliches Pulver in
den, Handel kommt und außer in der Färberei
auch als Malerfarbe, Tinte, Waschblau usw. be-
nutzt wird, ln letzter Zeit ist es Möhlau ge-
lungen, durch Erwärmen von I. mit 'Natronlauge
und Natriumhydrosulfit unter Zusatz von etwas
hydrolysiertem Eiweiß (Protalbinsäure) zu der
abgekühlten Lösung und Oxydation mit Wasser-
stoffsuperoxyd einen kolloidalen I. zu erzeu-
gen, der mit Wasser eine homogene Flüssigkeit
liefert und wie I. zum Färben benutzt werden
kann. Eine ungeheure Umwälzung in der Indigo-
färberei und dem Handel mit dem natürlichen
Farbstoff hat die künstliche Darstellung des
Indigotins hervorgerufen, welche zuerst von A.v.
Baeyer nach zwanzigjähriger zielbewußter Arbeit
erkämpft worden ist und nach den Forschungen
anderer Autoren eine gewinnbringende technische
Verwertung gestattet. Nach dem verbreitetsten
Verfahren von Heumann wird Naphthalin zu
Phtalsäure oxydiert, letztere über das Phtalimid
(C6H4.(CO)2.NH) in Anthranilsäure (NH2.C6H4.
COOH) und dann durch Kondensation mit Chlor-
essigsäure in Phenylglyzin-o-Karbonsäure (COOH.
C6H4. NH . CH2 . COOH) übergeführt. Durch
Schmelzen mit Kali erhält man Indoxylsäure,
die durch Oxydation mit der Luft Indigo ([C6H4.
(CO)(NH).C]2) liefert. Zu einer weiteren aus-
sichtsreichen Synthese geht man vom Anilin aus,
das bei Einwirkung van Chloressigsäure in Phe-
nylglyzin (CcIi5 . NH . CH2. COOH) übergeht,
und schmilzt letzteres mit Natron oder mit
Natriumalkoholat, oder am besten'Natriumamid,
ln von Jahr zu Jahr steigendem Maße wird
jetzt von deutschen Fabriken künstlicher I.
in den Handel gebracht, reiner und schöner
als der natürliche, und vor allem billiger!
Die Folge war ein alsbaldiger Preissturz auf
dem Weltmärkte. Der natürliche I. vermochte
nicht mehr zu konkurrieren, und an die Stelle
der seitherigen Einfuhr nach Deutschland trat
eine bedeutende Ausfuhr. Während Deutschland
noch bis 1895 alljährlich 2 Mil!. Kilogramm I.
im Werte, von 21 Mill. M. aus Indien bezog,
konnte es 1898 bereits für 7V2 Mill. M. aus-
führen, und der Wert der Ausfuhr stieg in den
folgenden Jahren 1900 auf 9,4 Mill. M., 1902 auf

18.5 Mill. M., 1903 auf 20.7 Mill. M., 1904 aüf
31,7 Mill. M., 190S auf 25,7 Mill. M.. 1906 auf

31.6	Mill. M. und 1910 auf 43 Mill: M. Der Wert
der Einfuhr sank in der gleichen Zeit von 8,3
Mill. M. im Jahre 1898 auf 4,1; 3,7; 1,8; 1,4;
1,2-—0,8 Mill. M. und dürfte zurzeit gleich Null
geworden sein. Als Hauptabnehmer deutschen
Indigos kommen Japan mit 7 Mill, China mit s,
die Vereinigten Staaten mit 41/2, Rußland mit 3

und Österreich mit 2,7 Mill. M. in Betracht. Ja
selbst England führte für 2,6 Mill. M. deutschen L
ein, trotzdem es andererseits zur Unterstützung
der indischen Kulturen für Marinetuche die
Färbung mit natürlichem I. ausdrücklich vor-
schrieb. Diese Maßregel hat gegenüber dem un-
geheuren Preisrückgang von. 830 M. für die Tonne
im Jahre 1898 auf 250 M. im Jahre 1906 keine
Wirkung gehabt. Die Ausfuhr Indiens ist von
44 Mill. im Jahre 1896 auf 18,5, 10,7, 8,3 und
auf 5,8 Mill. M. im Jahre 1906 gefallen.’ Zahl-
reiche Pflanzer haben den Kampf mit dem künst-
lichen I. auf gegeben und sich dem Anbau an-
derer Gewächse: Baumwolle, Flachs, Kautschuk
zugewandt.

Indophenole und Indoaniline, O.C6H4.
N . C6H4 . OH, entstehen in analoger Weise wie
die Indamine (s.d.), aber nur in alkalischer Lösung,
und kommen als blaue, in Wasser unlösliche, in
Alkohol lösliche Pulver in den Handel. Sie
können, ähnlich wie Indigo, reduziert und als
Küpenfarbstoffe zum Färben und Drucken be-
nutzt werden. Praktische Anwendung findet nur
das Naphtolblau, O.C1()HG.N .C6H4.N .(CH3)2,
das durch gemeinsame Oxydation von Amido-
methylanilin und a-Naphtol dargestellt wird.

Induline sind Abkömmlinge des Chinonimids
und, als eine Gruppe der Azinfarbstoffe, den
Safraninen nahe verwandt. Sie werden durch
Schmelzen von Anilin mit Amidoazobenzol dar-
gestellt und bilden blaugraue oder schwarzblaue
Pulver, die in Wasser unlöslich sind, sich aber in
Alkohol mit blauer Farbe lösen. Ersetzt man die
Azoverbindungen durch Nitroderivate (Nitroben-
zol, Nitrophenol),, so entstehen die Nigrosine.
Beide Klassen von Verbindungen liefern in Fär-
berei und Zeugdruck außerordentlich echte Fär-
bungen (s. Edelblau).

Infusorienerde (Kieselgur, lat. Terra infu-
soria, frz. Terre infusoire, engl. Infusoria earth)
besteht aus den Kieselpanzern von kleinen Lebe-,
wesen der Vorzeit, Diatomeen und Infusorien
und wird in den Becken früherer Teiche und
Seen gefunden. Besonders mächtige Lager sind
in der Lüneburger Heide und bei Bilin in Böh-
men vorhanden. Die in chemischer Hinsicht aus
Kieselsäure bestehende I. findet vielfache Ver-
wendung zur Herstellung des Wasserglases und
Dynamits, zur Verpackung von stark ätzenden
Stoffen, wie Brom oder rauchender Salpeter-
säure, als Füllung bei Kasseschränken usw. Die
Verwendung für jene Zwecke beruht auf dem
starken Aufsaugevermögen, bei Kasseschränken
und als Umhüllungsmasse für Dampfrohre auf
dem schlechten Wärmeieitungsvermögbn.

Ingwer (Ingber, lat. Rhizoma zingiberis, frz.
Gingembre, engl. Ginger) besteht aus dem Wurzel-
Stocke von Zingiber officinale, einer tropi-
schen Pflanze aus der Familie der Gewürz-
lilien (Szitamineen), der auch Zitwerwurzel,
Kardamom und Kurkuma angehören. Die in
Südasien heimische Pflanze ist durch die Spanier
nach Amerika verpflanzt worden und wird auch
in Sierra Leone angebaut. Ihre Fortpflanzung
soll nicht durch Samen, sondern durch Wurzel-
teilung erfolgen. Auf der Oberseite des Rhizoms
entspringen die schilfartigen Blätter, deren Nar-
ben an der Droge noch sichtbar sind, während
die Verzweigungen an der Unterseite entstehen.
        <pb n="181" />
        ﻿Ingweröl

175

Ipekakuanhawurzel

Nur die letzteren ästigen Seitenknoüen werden
gesammelt. Es sind abgeplattet-rundliche, mehr
oder minder gebogene, meist durch Abschnürun-
gen in Glieder geteilte Stücke. Je nach der Art
der Gewinnung unterscheidet man den sog.
weißen oder schwarzen I. Der erstere stellt
die gewaschene, geschälte und an der Luft oder
Sonne getrocknete Ware von gelblichweißer
Farbe und faserig-mehligem Bruch dar. Bei dem
letzteren wird die Wurzel erst gebrüht, wodurch
die Stärke verkleistert, hornartig wird, und eine
dunklere Farbe entsteht. Der I. enthält neben
reichlichen Mengen (45 °/o) charakteristisch ge-
formter Stärkekörner ein scharf schmeckendes
Harz und ein aromatisches ätherisches Öl, welche
den Gewürzwert bedingen. Von den zahlreichen
Handelssorten hat der Bengalische I., der die
Eigenschaft des weißen und des schwarzen I. ver-
einigt und nur auf den Seiten geschält ist, die
größte Bedeutung. Der Köchin-, Zeylon- und
Malabar-I. bildet kleinere, rundliche, bis 5 cm
lange, geschälte und oft gekalkte Stücke, wäh-
rend der chinesische großstückig, dicht, hart
und ungeschält ist und daher runzelig, graubraun
und auf dem Bruche glänzend und bleigrau er-
scheint. Der afrikanische I. von Sierra Leone
besteht aus ungeschälten oder halbgeschälten,
nieist aber gekalkten und gebleichten Stücken,
und der sehr beliebte, stets geschälte Jamaika-I.
verdankt seine helle Färbung meist einem Kalk-
überzug oder einer intensiven Bleichung mit
Chlor oder Natriumsulfit, die zwar Insekten ab-
halten soll, aber jedenfalls die Güte der Ware
verringert. Die anderen Sorten aus Barbados
und Brasilien haben nur geringe Bedeutung. Der

I.	wird in ganzem Zustande Häufig durch Extrak-
Hon, in Pulverform durch mineralische Beschwe-
tüngsmittel verfälscht. Als Höchstgehalt an Mi-
ueralstoffen hat 8°/o, an Sand 3 °/o zu gelten. Die
Menge des Wasserextraktes beträgt t2°/o. Der
Ingwer findet vielfache Anwendung als Gewürz
wie zur Herstellung von Likören und Extrakten
und wird auch, in frischem Zustande in Seewasser
Seweicht und dann in Zuckersirup eingelegt, als
eingemachter I. verkauft.

Ingweröl (lat. Oleum zingiberis, frz. Essence
He gingembre, engl. Ginger-oil), das aus dem
Ingwer durch Destillation mit Wasserdampf ge-
wonnene grüngelbe äth rische Öl ist ziemlich dick-
flüssig, schmeckt unä riecht sehr aromatisch nach
Jngwer und hat ein spez. Gew. von o 877—0,886.
Es enthält Phellandren und Rechts-Kamphen und

,®t linksdrehend. (a,,

■25—45 °.) I. wird bei

Her Bereitung zusammengesetzter aromatischer
Eiköre mit verwandt.

Insektenpulver, das bekannte Mittel gegen
Meines Ungeziefer, besteht aus den getrockneten
Und gepulverten Blüten verschiedener, unseren
Kamillen verwandter Pyrethrum- oder Chry-
santhemum-Arten, die früher meist aus dem
,rient kamen, jetzt aber auch aus Dalmatien
euigeführt werden. Von den beiden wichtig-
(t&gt;en Handelssorten stammt das persische I.
'J ulvis florum pyrethri rosei) von dem im süd-
°sHichen Kaukasus heimischen, in Südrußland
®uch angebaufen Chrysanthemum roseum
“nd Chr. Marschailii, Syn. Pyrethrum car-
nennr oder P. roseum ab, deren aus braun
Veränderten Schuppen zusammengesetzter kreisel-

förmiger Hüllkelch blaßrötliShe, getrocknet vio-
lette Strahlenblüten und gelbliche Scheibenblü-
ten umschließt. Das Montenegriner oder Dal-
matiner I. (Pulvis florum chrysanthemi) wird
aus den Blüten von Chrysanthemum oder
Pyrethrum cinnerariaefolium hergestellt,
die einen halbkugeligen Hüllkelch mit gelblich-
braunen Schuppen, gelblichweiße Randblüten
und sehr kleine, gelbe Scheibenblüten zeigen.
Eine dritte als Buhach bezeichnete amerikani-
sche Sorte stammt ebenfalls von nach Kalifornien
verpflanztem Chrysanthemum cinnerariaefolium.
In gepulvertem Zustande besitzen alle Sorten eine
gelblichbraune bis gelblichgrüne Farbe und einen
eigentümlichen, nicht sehr starken Geruch. Da
dieser sich aber mit der Zeit verliert, muß die
Ware gut verschlossen aufbewahrt werden, ohne
auch hierdurch immer wirksam erhalten zu blei-
ben. Als wirksame Bestandteile betrachtet man
hauptsächlich die am Grunde der Scheiben-
blüten sitzenden Harzdrüsen, aus denen Pyre-
throxinsäure, ein Alkaloid Chrysanthemin
und ein stickstofffreier Körper Pyrethrosin
isoliert worden sein sollen. Fujitani fand einen
neutralen stickstofffreien Ester, das Pyrethran,
das sich bei der Verseifung und beim Liegen zu
Pyrethrol (Co^H^OH) zersetzt. Die Unterschei-
dung der gepulverten Sorten, von denen jetzt
die Dalmatiner, und zwar besonders von wilden,
noch nicht aufgeblühten Blüten am höchsten ge-
schätzt wird, ist nicht immer möglich. Das beste
Mittel zur Erprobung der Wirksamkeit besteht
darin, daß man das Pulver mit lebenden Wanzen
und Ameisen zusammenbringt. Noch energischer
wirkt Ausräuchern mit dem auf glühende Kohlen
geworfenem Pulver oder Einreiben mit der alko-
holischen Tinktur, die selbst in zehnfacher
Verdünnung gegen Moskitos schützt und in kon-
zentrierter Form gegen Krätze hilft. Als Ver-
fälschungsmittel sind häufig Blüten von Chry-
santhemum leucanthemum, Kamillen usw. beob-
achtet worden.

Inulin (Alantstärke, Dahlin, Alantin, lat.
Inulinum), ein dem S ärkemehl ähnliches Kohlen-
hydrat, findet sich in verschiedenen Pfianzen-
wurzeln, namentlich in der Alantwurzel, Zichorie,
Löwenzahnwurzel und den Knollen der Georgi-
nen als ein weißes, geruchloses, in Wasser lös-
liches Pulver, das durch Jod nicht blau gefärbt
wird, in Alkohol und Äther ganz unlöslich ist und
beim Erwärmen mit verdünnter Salzsäure Links-
fruchtzucker, Fruktose, gibt. Das I. wird medizi-
nisch verwandt.

Invertzucker nennt man die Mischung gleicher
Teile Glykose und Fruktose, welche, bei der
Hydrolyse von Rohrzucker entsteht. Er wird
durch Behandlung des letzteren mit verdünnten
Säuren (Salzsäure, Schwefelsäure), neuerdings
auch mit Kohlensäure, dargestellt, und bildet
einen rein süß schmeckenden, linksdrehenden
Sirup, der als Ersatz des Rohrzuckers bei der
Herstellung von Kunsthonig, Marmeladen und
anderen Obstkonserven benutzt wird.

Ipekakuanhawurzel (Brechwurzel, lat. Ra-
dix ipecacuanhae, frz. Racine d'Ipöca, engl. Ipe-
cacuanha root) wird besonders von Brasilien aus
versandt, neuerdings aber auch in Ostindien an-
gebaut, während eine aus Neu-Granada (Karta-
gena) stammende Sorte nicht in Aufnahme ge-
        <pb n="182" />
        ﻿Iridium

176

Ivakraut

kommen ist. Sie stammt von einem in den feuch-
ten Urwäldern der Provinz Matto grosso wach-
senden Strauche, Cephaelis Ipecacuanha,
Psychotria Ip., Uragoga Ip. aus der Familie
der Rubiazeen und besteht aus den strohhalm-
starken, hin und her gebogenen Wurzeln, die aus
dem horizontalen Rhizome nach unten austreiben.
Die grauen, bisweilen auch braunen, schwarzen
und weißen Stücke besitzen über einem sehr
dünnen, zähen und weißen Holzkörper eine dicke,
hornartige Rinde, die durch engstehende wulstartige
Anschwellungen wie geringelt erscheint. Diese
Wulste sind das Kennzeichen der echten Arznei-
buchware. I. hat einen stark bitteren, kratzenden und
ekelerregenden Geschmack, welcher der Anwesen-
heit eines ätherischen Öles zugeschrieben wird. Der
wirksame Stoff ist das stark giftige Alkaloid
Emetin, welches in Menge von etwa r,5 °/o vor-
handenist. Daneben enthält die Droge noch zwei
andere Alkaloide, Zephaelin und Psychotrin
sowie eine eigentümliche glykosidische Säure,
Ipekakuanhasäure. Das zur medizinischen
Verwendung bestimmte Pulver darf nur aus der
Rinde bereitet werden und muß 2 °/o Alkaloide
enthalten. I. wird sowohl in Form dieses Pulvers,
als auch in Form von Aufgüssen, Extrakten und
Tinkturen benutzt und wirkt in kleinen Dosen er-
regend auf das Nervensystem, in größeren bre-
chenerregend.

Iridium, ein dem Platin verwandtes Schwer-
metall. Ir =193, findet sich teils gediegen, teils
als natürliche Omnium-Iridium-Legierung im
Platinerz und Platinsand und hinterbleibt bei der
Behandlung des letzteren mit Königswasser als
ein unlösliches schwarzes Pulver. Es ist nur bei
Weißglut hämmerbar und zeigt dann eine silber-
weiß glänzende Farbe sowie das spez. Gew.
22,5. Das I. ist sonach das schwerste aller Me-
talle. Es wird selbst durch Königswasser nicht
gelöst, kann aber durch Glühen mit Ätzkali
und chlorsaurem Kalium aufgeschlossen werden
und geht hierbei in ein Kaliumsalz über, aus
welchem die übrigen Verbindungen hergestellt
werden können. Von der Eigenschaft dieser
Salze, die verschiedensten Färbungen anzuneh-
men, ist der Name des Elements abgeleitet.
Das I. wird technisch hauptsächlich in Form
seiner Legierung mit 70—75 0/0 Platin zur Fler-
stellung chemischer Geräte (Tiegel) benutzt, welche
sehr widerstandsfähig sind und selbst der Ein-
wirkung von Königswasser widerstehen. Die
gleiche Legierung dient zur Anfertigung von
Spitzen für goldene Schreibfedern und von Elek-
troden, das reine Metall als Faden in Glüh-
lampen. Die schwarzen Oxyde finden in der Por-
zellanmalerei als schwarze und graue Farben
Anwendung.

Irnol, ein Konservierungsmittel für Fleisch-
waren, besteht aus einer wäßrigen Lösung von
Rohrzucker, Salpeter und essigsaurer Tonerde.

Isatin (lat. Isatinum, frz. und engl. Isatine),
C6H4(N . CO) . C . OH, ein Oxydationsprodukt von
Indigblau mit Salpetersäure, bildet gelbrote, in
heißem Wasser und Alkohol lösliche Prismen
und wird jetzt auf künstlichem Wege fabrik-
mäßig dargestellt, indem man Orthonitrophenyl-
propriolsäure mit Alkalilauge kocht.

Isatingelb, ein 1886 in den Handel gekom-
mener Teerfarbstoff, wird durch Einwirkung

von Phenylhydrazinparasulfosäure auf Isatin und
Sättigen mit Natron dargestellt als orangegelbes,
in Wasser lösliches Pulver, das Wolle und Seide
in sauerem Bade grünlichgelb färbt.

Isländisches Moos (lat. Lichen islandicus, frz.
Lichen d’Islande, engl. Iceland moss) nennt man
eine Flechte, Cetraria islandica, die in der
gemäßigten und kalten Zone vorkommt, sich in
der ersteren aber nur auf Bergen, in Wäldern,
wie auf kahlen Stellen, im Norden hingegen auch
auf dem Flachlande ansiedelt, und zwar stets
auf dem Erdboden selbst. Sie wächst mit ihrem
Lager aufrecht und bildet oft dichte, große Flä-
chen überziehende Rasen von 3—9 cm Höhe.
Das Lager ist lederartig im frischen, mehr
hornartig und zerbrechlich im trockenen Zu
stände, vielfach in ungleiche, verbogene Lappen
geteilt, auf der Oberseite im Leben dunkel
olivengrün, getrocknet braun gefärbt, die Unter
seite grauweiß, der Grund blutrot gefärbt oder
gesprenkelt. Die Ränder der unfruchtbaren Lap-
pen sind schwarz gezähnelt. Die Pflanze besitzt
einen schleimigen und bitteren Geschmack, wel-
cher durch einen in Alkalien mit gelber Farbe
löslichen Bitterstoff, Zetrarin oder Zetrar-
säure, ungefähr 2 °/o, verursacht wird. Ferner
ist außer dem hauptsächlichsten Bestandteile,
dem Lichenin oder der Flechtenstärke (70%),
ungefähr l°/o kristallisierbare Lichesterin-
säure vorhanden. Die Flechte wird gegen Ka-
tarrhe, Blutspucken usw., sowohl in Abkochungen,
wie auch als Gallerte, in Pulvern und als Bes.and-
tcil von Schokolade angewandt. In Schweden
und anderen Nordländern benutzt man sie als
Ausgangsmaterial für Branntweinbrennerei, in
Notfällen auch als Zusatz, zu Brot. — I. bildet
eine regelmäßige Ware des Drogenhandels
auch im großen, ist roh, gelesen und geschnitten
zu kaufen und wird für den Versand gewöhnlich
mit hydraulischen Pressen 50-kiloweise zu mög-
lichst kleinen Ballen zusammengepreßt.

Isoform (Parajodosöanisol) entsteht bei der
Oxydation von Parajodanisol und wird im Ge-
misch mit phosphorsäurem Kalzium als ein wei-
ßes, nach Anis riechendes Kristallpulver (Iso
formpulver) in den Handel gebracht. Es ist
in Wasser löslich, in Alkohol und Äther un
löslich und wird an Stelle von Jodoform als
Darmantiseptikum verordnet.

Itikiburi (engl. Cork wood), ein sehr leichtes,
in Englisch-Guyana häufig vorkommendes Holz-
stammt von Drepanocarpus lunatus.' Die fri-
sche Rinde dient zum Färben des Rums.

Itikirriburra-Balliholz, ein in Guyana vor-
kommendes hartes Holz unbekannter Abstam-
mung, ist im Kern dunkelbraun und tigerartig
gefleckt und eignet sich für die Kunsttischlerei.

Itrol (zitronensaures Silber) wird als Anti-
septikum und in der Augenheilkunde verwandt.

Ivakraut (lat. Herba ivae moschatae, frz. und
engl. Iva), das getrocknete Kraut einer nur in
den höchsten Alpengegenden wachsenden klei-
nen aromatischen Pflanze aus der Familie der
Kompositen, Achilleä moschafa, besitzt
kahle, kämmig-fiederteilige Blätter mit lineahsch
ganzrandig punktierten Zipfeln und weiße Blü-
ten. Die ganze Pflanze schmeckt bitter und
1 riecht angenehm gewürzhaft. Man benutzt sie
        <pb n="183" />
        ﻿Ivaöl

177

Japanlack

als Zusatz zu dem sogenannten Schweizertee und
fertigt daraus einen beliebten bitteren Likör,
Ivabitter oder Ivalikör. Das Kraut enthält
die Bitterstoffe Ivain, Achillein und Mos cha-
tin sowie 0,4 o/o eines ätherischen Öles, Ivaöl.

Ivaöl (lat. Oleum ivae. frz. Essence d’Iva, engl.

J

Jaborandi (lat. Folia jaborandi, frz. Feuilles de
jaborandi, engl. Jaborandi leaves) nennt man
die Blätter verschiedener Rutazeen: Pilocar-
pus pinnatifolius, P. Jaborandi, P. micro-
phyllus, die aus Brasilien, besonders über
Pernambuko eingeführt werden. Die Droge ent-
hält neben einem ätherischen Öl mehrere Alka-
loide: Pilokarpin (s.d.), Isopilokarpin, Pilo-
karpidin und wirkt schweißtreibend, wird aber
jetzt meist durch das rein dargestellte Pilokar-
pin ersetzt.

Jakarandaholz (Zuckertannenholz, Poli-
sander, P’olyxanderholz), eine dichte und
schwere, namentlich zu Furnieren wie auch
Drechslerarbeiten viel gebrauchte amerikanische
Holzart, stammt hauptsächlich von der Bigno-
niazee Jacaranda Brasiliens, wahrscheinlich
aber auch noch von verschiedenen anderen Bäu-
men. Das rotbraune oder schwärzliche, von
helleren und dunkleren roten Adern durchzogene
und sehr politurfähige Holz kommt aus den
trockenen Wäldern des inneren Brasilien, teils in
Stämmen oder Blöcken, von denen der weiße,
ziemlich dicke Splint abgehauen ist, teils in
Scheiten und zu Bohlen geschnitten in den Han-
del. Je nach Färbung und Zeichnung unterschei-
det man gegen zehn verschiedene Sorten, von
denen diejenigen, welche neben vielen Schatten-
partien auch schöne lichte Stellen zeigen, am
höchsten geschätzt werden. Das beste J. wird
über Rio de Janeiro, eine zweite Sorte über Bahia
ausgeführt, während ein helleres ostindisches
Vorkommen als geringwertiger gilt.

Jalapenwurzel (Purgierwurzel, lat. Radix
seu Tubera jalapae, frz. Racine de jalap, engl.
Jalap root) nennt man die Wurzel eines in den
ostmexikanischen Kordilleren wild wachsenden,
wie' auch angebauten Windengewächses Exo-
gonium purga Bentham (Ipomoea purga
Hayne), die gleich nach dem Sammeln über
freiem Feuer oder in heißer Asche getrocknet wird.
Die knollig verdickten Wurzeln haben eine kugelige
oder hinten- bis spindelförmige Gestalt, eine runze-
lig-höckerige Oberfläche von brauner bis schwarz-
hrauner Farbe, widerlich bitteren, kratzenden
Geschmack und von der Art des Trocknens oft
etwas räucherigen Geruch. Die Bruchfläche ist
gleichmäßig hornartig, im Innern mehlig, der
Querschnitt zeigt unregelmäßig konzentrische,
von Harzgängen gebildete Kreise. Neben Stärke,
Zucker (20 o/o), Gummi und Mineralstoffen (5 bis
6%) ist als wirksamer Bestandteil ein Harz (s.
späjifer) vorhanden. Die echte J. von Verakruz, die
kugelige oder eiförmige Stücke von der Größe
einer Haselnuß bis zu der einer kleinen Faust
bildet, enthält bis zu 17% Harz. Weniger wert
v°H sind die J. von Jamaika und den Ncil-
Mercks Warenlexikon.

Iva oil), das durch Destillation der frisch ge-
trockneten blühenden Pflanze mit Wasserdampf
erhaltene bläulichgrüne, pfefferminzartig schmek
kende ätherische Öl vom spez. Gew. 0,928—0,959
siedet bei 170—260°. Der Hauptteil, das sauer
stoffhaltige Ivaöl, geht bei 170—2100 über.

gherrys. Als Mindestgehalt für offizinelle Ware
verlangt das D. A. B. 9 0/0. Als sog. falsche
Jalapen kommen die Wurzeln verwandter Ipo-
moeaarten in den Handel, so die mehr längliche
Tampikowurzel von Ipomoeä simulans, die
unregelmäßig gekrümmte, ästig faserige Ori
zabawurzel von Ipomoea orizabensis, die auch
Jalapenstengel (Stipites jalapae, Radix ori-
zabae) genannt wird, die Turpethwurzel von

J.	turpethum und die bis kopfgroße brasiliani-
sche J. von Ipomoea operculata. Das Harz der
letzteren ist dem Jalapenharz ähnlich, während
dasjenige der drei anderen sich in Äther löst.
Außer den falschen J. werden bisweilen Para-
nüsse, Kartoffeln und mit Alkohol extrahierte

J.	beigemischt, die am Fehlen des schwarzen
Ifarzes in den Querrunzeln zu erkennen sind.
Der Hauptausfuhrhafefi ist Verakruz, der früher
mehrere hunderttausend Kilogramm betragende
Verbrauch in Deutschland ist aber stark zurück
gegangen. J. dient in Pulverform stark abfüh-
rend und muß trocken und vor Licht geschützt
aufbewahrt werden. — Das Jalapenharz (lat.
Resina Jalapae, frz. Rösine de jalap, engl. Jälaji
resin) wird aus den zerkleinerten Knollen mit
starkem Alkohol ausgezogen, der nach dem
Eindampfen hinterbleibende harzige Rückstand
mit Wasser gewaschen, darauf geschmolzen und
in Stangen oder Zöpfe von graubrauner Ober-
fläche und hellbraunem glänzenden Bruch geformt.
Das spröde und leicht zerreibliche Harz besteht im
wesentlichen aus dem amorphen, in Wasser und
Äther unlöslichen Konvolvulin, das bei 145°
schmilzt und mit Alkalien die glykosidische Ko n -
volvulinsäure liefert. Es ist selbst in Äther
unlöslich und wirkt doppelt so stark abführend
als die Knollen. Als Verfälschungsmittel sind
Orizabin, Kolophonium, Guajakharz, Aloe u. a.
beobachtet worden.

Japanlack (Urushi), der Rohstoff für die be-
rühmten japanischen Lackarbeiten (s. lackierte
Waren) besteht aus dem gereinigten Milchsäfte
des giftigen Lackbaumes oder Firnissumachs,
Rhus vernicifera, der in hervorragender Be-
schaffenheit aus den Gegenden Yoshino und
Aidzu geliefert wird. Der unter dem Einflüsse
eines Enzyms (Lakkase) zu einer zähen, süßlich
riechenden Masse eingetrocknete Milchsaft hat
ein spez. Gew. von 1,0020—1,0369 und enthält
neben 10—34°/o Wasser, 1,7—3,5 »/o Stickstoff-
substanz und 3,0—6,5 °/o Gummi ungefähr 60 bis
85 °/o einer Verbindung von der Formel C^HjgOo,
die von einigen als eine Säure (U rushinsäure.t,
von Tschirch als ein Harz (Urushin), von Mi
yama als ein Phenol (Urushiol) angesehen
wird. Außerdem sind noch geringe Mengen einer
flüchtigen Säure zugegen, die als Ursache der

12
        <pb n="184" />
        ﻿Japanwachs

178

Jod

sog. Lackkrankheit gilt, eines eigentümlichen
Hautausschlages, der die Arbeiter bei unvorsich-
sichtigem Hantieren mit dem feuchten Lack
befällt.

Japanwachs (lat. Cera japonica, frz. Cire de
Japon, engl. Japan wax), richtiger Japantalg
genannt, findet sich in den Früchten einiger
japanischer und kalifornischer Sumacharten,
namentlich Rhus succedanea, und wird in
Form harter, viereckiger Tafeln von hellgelber
bis grünlicher Farbe und muscheligem Bruch
in den Handel gebracht. In chemischer Hin-
sicht besteht J. aus den Glyzeriden verschiedener
Fettsäuren, besonders Palmitin- und Japansäure,
enthält auch freie Palmitinsäure, hingegen keine
Stearinsäure, und ist also kein eigentliches Wachs,
sondern ein Fett. Es dient als Ersatz des Bienen-
wachses zur Herstellung von Kerzen und zur
Verfälschung von Wachs.

Japonika, im Drogenhandel sehr gebräuch-
licher Ausdruck für Katechu, Abkürzung von
Terra japonica.

Jarrahholz, das von einer australischen Eu-
kalyptusart stammende Holz, findet zu Pflaste-
rungszwecken und für Eisenbahnschwellen viel-
fache Anwendung, kann hingegen als Ersatz des
Mahagoniholzes, von dem es auch äußerlich ver-
schieden ist, in der feinen Möbeltischlerei nicht
mit Vorteil benutzt werden. Es ist deshalb neuer-
dings von der Zollbehandlung als Mahagoniholz
ausgeschlossen und unter die allgemeine Gruppe
der Nutzhölzer eingereiht worden.

Jasminöl (lat. Oleum jasmini, frz. Essence
de jasmin, engl. Jasmin oil, Jessamin oil)
stammt von den frischen Blüten des wegen
seines Wohlgeruches seit über 150 Jahren in
Südfrankreich angebauten Jasminura grandi-
Horum. Die gewerbsmäßige Gewinnung erfolgt
weder durch Destillation mit Wasserdampf, noch
durch Digerieren mit Öl oder Fett, sondern ent-
weder durch Ausziehen mit Petroläther, wobei die
„Essences concrötes“ erhalten werden, oder
noch besser durch Enfleurage. Man benutzt dazu
Holzrahmen (sog. Chässis) von etwa S cm Höhe
und 50 cm im Quadrat, die in ihrer Mitte eine
Glasplatte tragen. Letztere wird beiderseits mit
einer dünnen Fettschicht bestrichen, dann be-
streut man die eine dieser Fettschichten mit
Blüten und stellt die Rahmen übereinander, so
daß sich die Blüten in einer Art Kammer befin-
den. Das über und unter den Blüten befindliche
Fett nimmt die Duftstoffe auf. Nach je 24 Stun-
den werden die Blüten so oft durch neue er-
setzt, bis sich das Fett mit dem Duftstoffe ge-
sättigt hat, was hach etwa 30 maliger Erneuerung
der Blüten der Fall ist. Das so behandelte
Fett kommt als Jäsminpomade in den Handel.
Um aus der Essence concröte oder der Pomade
das Öl zu gewinnen, zieht man sie mit starkem
Alkohol aus, trennt den Alkohol vom Un-
gelösten und kühlt ihn längere Zeit unter o°
ab, bis jegliche Ausscheidung aufgehört hat;
hierauf wird filtriert und das öl durch Zusatz
einer Kochsalzlösung abgeschieden. Die Aus-
beute an Öl ist sehr gering und beträgt bei der
Enfleurage etwa 0,18 °/o, bei der Extraktion mit
Petroläther sogar nur 0,02—0,08 °/o. Als Haupt-
erzeugungsgebiet kommt Südfrankreich in Be-
tracht. Das Öl als solches bildet keine Handels-

ware. Es besteht im wesentlichen aus Benzyl-
azetat, neben welchem geringere Mengen Benzyl-
alkohol, Linalylazetat, Linalool, Indol, Anthranil-
säuremethylester und ein Keton, Jasmon, vor-
handen sind. Ein durch Zusammenmischen der
genannten, synthetisch darstellbaren Verbindun-
gen erhaltenes Erzeugnis wird von Schimmel
&amp; Co. als künstliches J. in den Handel ge-
bracht und findet wie das natürliche in der Par-
fümerie ausgedehnte Anwendung.

Jaspis (frz. Jaspe, engl. Jasper) besteht aus
dichtem, mikrokristallinischem Quarz (Kiesel-
säure), der durch beigemengte Eisenverbindun-
gen verschiedenartig, meist rot, braun oder gelb
gefärbt ist, und teils einfarbig, teils mehrfarbig,
marmoriert oder gestreift (Bandjaspis) in un-
durchsichtigen, schwach glänzenden Stücken von
muscheligem Bruch vorkommt. Bekannte Arten
sind der grüne Jaspis-vom Ural, der in großen
Blöcken gewonnen wird, der schöne rote ägyp-
tische oder Kugeljaspis aus Oberägypten und
aus Kandern in Baden, der Bandjaspis vom
Altai, aus Spanien und Ungarn, während das bei
Gnandstein und Kohren in Sachsen vorkommende,
im Volksmunde auch Bandjaspis genannte Ge-
stein als ein sog. Tonstein oder Porphyrtuff
anzusehen ist. Man fertigt aus J. Tischplatten,
Siegelsteine, Dosen, Vasen u. dg!., namentlich in
den Polieranstalten zu Kalyvau (Gouvernement
Tomsk) und Jekatermenburg (Gouvernement
Perm). Auch in Idar an der Mosel und Wald-
kirch in Baden wird J. verarbeitet.

Javol, ein mit großer Reklame angepriesenes
Haarwasser, enthält der Hauptsache nach eine
mit Zitronenöl parfümierte Lösung von Kalium-
karbonat und fetten Ölen, nach einigen Angaben
auch noch Borax.

Jervin, eine neben Veratrin in der weißen
Nieswurz enthaltene stark giftige Pflanzenbase,
bildet weiße durchsichtige Kristalle.

Jeteefaser (Ragemahl, engl. Jetee fibre), die
Bastfaser der in Ostindien heimischen Askle-
piadee Marodeniä tenacissima, wird im Ur-
sprungslande schon seit langer Zeit zu Seiler-
waren verarbeitet und soll fast die doppelte
Festigkeit und Tragkraft der Jute besitzen.

Jod (lat. Jodum, frz. Jode, engl. Jodine), ein
Element der Halogengruppe, J = 126198, wurde
im Jahre 1811 vonCourtois entdeckt, darauf von
Davy und Gay-Lussac näher untersucht und
von letzterem nach der Farbe seines Dampfes
als J. (vom griechischen iodes, veilchenblau)
bezeichnet. Es findet sich in kleiner Menge sehr
veibreitet in der Natur, jedoch nicht frei, sondern
stets an Metalle, hauptsächlich Natrium, Kalzium,
Magnesium gebunden, u. a. in vielen Solquellen
und besonders im Meerwasser. Aus diesem geht
es in die Meerespflanzen, besonders die Tange,
ferner in Schwämme und Fische über und bildet
daher einen ständigen Bestandteil des Leber-
trans. Schließlich findet es sich im Chilesal-
peter, in Steinsalzlagern, in manchen Phospho-
riten und Dolomiten und als seltenes Mineral
in Verbindung mit Blei, Quecksilber, Silber
und Zink. —■ Die Darstellung des J. erfolgfe
früher nur aus der Asche von Meerespflanzen
(namentlich Fucus- und Laminariaarten), während
gegenwärtig die Mutterlaugen des Chilesalpeters
die größten Mengen liefern. Die durch Stürme
        <pb n="185" />
        ﻿Jod

179

Jodgrün

vom Meeresboden losgerissenen Tange und Al-
gen werden an den Westküsten von Irland und
Schottland, Frankreich (Normandie), Spanien und
Japan getrocknet und in Gruben verbrannt,
wobei man eine sehr salzhaltige geschmolzene
Asche in Klumpen erhält, die in Frankreich
Varek, in Spanien Barilla und in England
Kelp heißt und besonders bei Verwendung von
Laminarien, weniger von Fucusarten ziemlich
reich an Jod ist. 24—30000 kg trockener
Tange liefern etwa Jtooo kg Asche mit 5—10 0/0
Jod. Neuerdings zieht man es zur Vermeidung
von Jodverlusten vor, die Seepflanzen nicht ein-
zuäschern, sondern nur zu verkohlen. Die Asche
bzw. der verkohlte Rückstand wird mit Wasser
ausgezogen und die gewonnene Lauge, die außer
Soda noch Schwefelsäure und unterschweflig-
saure Salze sowie Chlor-, Brom-, Jod- und
Schwefelverbindungen des Kaliums und Natriums
enthält, durch wiederholtes Eindampfen und
Erkaltenlassen l von den schwerlöslichen Salzen
befreit, während die leichtlöslichen Brom- und
Jodverbindungen in der Mutterlauge verbleiben.
Nach der Neutralisation mit Schwefelsäure läßt
man die Sulfate auskristallisieren und destilliert
die schließlich erhaltene jodnatriumhaltige Lauge
in eisernen, halbkugelfönmigen Kesseln mit Braun-
stein und Schwefelsäure. Die sich entwickeln-
den Joddämpfe gelangen in eine Reihe mitein-
ander verbundener Glasgefäße, in denen sich das
J. in kleinen Kristallen ansetzt. Das auf diese
Art erhaltene Rohjod wird englisches Jod ge-
nannt. In den französischen Fabriken bewirkt
man die Abscheidung des Rohjods aus der
Mutterlauge durch vorsichtiges Einleiten von
Chlorgas, wobei das Chlor die Jod Verbindungen
in Chlornatrium überführt, während das J. als
schwarzer pulveriger Niederschlag ausfällt. Bei
Verarbeitung der Mutterlaugen des Chilesalpeters
reduziert man das in ihm enthaltene jodsaure
Natrium mit schwefliger Säure oder mit Natrium-
sulfat zu Jodnatrium, wandelt letzteres durch
Behandlung mit Kupfer und Eisenvitriol in
Kupferjodür um upd destilliert nach Zusatz von
Braunstein und Schwefelsäure das freie J. ab.
Das nach der einen oder anderen Methode dar-
gestellte Rohjod ist zwar Handelsware, aber noch
nicht zu medizinischen Zwecken verwendbar,
sondern wird durch Trocknen und Sublimation
in eine reinere, das sog. resublimierte J. über-
geführt. Chemisch rein erhält man das J., wenn
man das resublimierte J. mit dem zehnten Teil
seines Gewichts Jodkalium zerreibt, um etwa
anhängendes Brom und Chlor zu binden, und
nun sehr vörsichtig sublimiert. Die gewonnenen
Kristalle werden zur Entfernung der letzten
Spuren von Wasser und Jodwasserstoff über Ätz-
kalk aufbewahrt. Das Rohjod stellt ein dunkles,
feucht aussehendes, grob kristallinisches Pulver
dar. Das resublimierte, wie das chemisch reine
7- ist ein trockener, blätterig kristallinischer Kör-
per, sebwarzgrau und von metallischem Glanze.
-Es hat ein spez. Gew. von 4,950, verflüchtigt
sich schon bei gewöhnlicher Temperatur und
entwickelt dabei einen starken, die Schleimhäute
geizenden Geruch, der dem des Chlors etwas
ähnelt. Der Geschmack ist scharf und herb. Auf
den Organismus wirkt das J., eingenommen oder
e'ngeatmet, giftig. Es schmilzt bei 1150 C und

kommt bei 180° C ins Sieden. Die Dämpfe
haben eine prachtvoll violettblaue Färbung
und legen sich an kälteren Körpern wieder zu
Kristallen an. Organische Substanzen, wie Haut
und Papier, werden von J. braungelb, Stärke-
lösungen und -körner blau gefärbt. J. löst sich
in annähernd 5000 Teilen Wasser mit bräunlich-
gelber, in 10 Teilen Weingeist mit brauner Farbe.
Die Jodtinktur des D. A. B. ist eine Lösung von
einem Teil J. in zehn Teilen 90 °/o igem Weingeist.
In Äther und verschiedenen Salzlösungen ist das J.
mit brauner, in Chloroform und Schwefelkohlen-
stoff mit violetter Farbe löslich. Eine Lösung
von Jodkalium nimmt eine beträchtliche Menge
von J. auf, und zwar um so mehr, je größer
der Jodkaliumgehalt der Lösung ist. Beim Zu-
sammenhängen von J. mit Ammoniak ist größte
Vorsicht geboten, da unter Umständen Bildung
des explosiven Jodstickstoffs erfolgt. In seinem
chemischen Verhalten zeigt J. die größte Ähn-
lichkeit mit Chlor und Brom. Die Verbindungen
mit Metallen werden als Jodüre oder Jodide
bezeichnet, je nach der Menge des darin ge-
bundenen J. Das resublimierte J. des D. A. B.
soll sich beim Erhitzen ohne Rückstand ver-
flüchtigen, in zehn Teilen 90% igem Weingeist
vollständig lösen, kein Zyanjod oder Chlorjod
und nicht mehr als i°/o Feuchtigkeit enthalten.
Das J. gelangt in den Handel entweder als eng-
lisches J. (Jodum anglicum) oder als resublimier-
tes J. (Jodum resublimatum). Aus Südamerika
wird es auch als Jodkupfer nach Europa ein-
geführt. Die Gesamtausfuhr aus Südamerika
beläuft sich auf etwa 500000 kg jährlich. Dazu
kommen noch rund 100000 kg japanisches Jod
aus Seepflanzen, von dem Vs ausgeführt wird.
Die Einfuhr nach Europa beträgt ungefähr
300 dz. Die Preise 1 des J. sind sehr bedeuten-
den Schwankungen unterworfen und werden von
Zeit zu Zeit durch die Rohjodkonvention fest-
gesetzt, bisweilen auch zur Lahmlegung von
„Outsiders“, besonders japanischer, stark ernie-
drigt. Die Preisberechnung erfolgt bei uns nach
Kilogramm, in England dagegen, selbst im Groß-
handel, nach der Unze, bei dem amerikanischen
Jod nach spanischen Pfunden bzw. Zentnern. — Die
hauptsächlichste Verwendung finden J. und seine
Verbindungen in der Pharmazie, Photographie
und Teerfarbenherstellung. In der Photographie
benutzt man verschiedene Jodpräparate zur Er-
zeugung von lichtempfindlichem Jodsilber (neben
Bromsilber) auf photographischen Papieren und
Glasplatten. Medizinisch wird es als Tinktur
oder Salbe äußerlich gegen Kropf, Hautübel,
Frostballen, zur Zerteilung von Geschwüren usw.
angewandt. Auch das bekannte Kropfmittel, ge-
brannter Badeschwamm, wirkt nur durch seinen
Jodgehalt. Von den Jodverbindungen werden
besonders Kaliumjodid (s. d.) und Jodoform (s. d.)
medizinisch verwandt. Die in chemischen Labo-
ratorien hergestellten zahllosen organischen Jod-
verbindungen haben nur wissenschaftliches In-
teresse. Die Aufbewahrung des J, geschieht in
Flaschen mit eingeriebenem Glasstöpsel, und
zürar an einem kühlen Orte.

Jodgrün (Nachtgrün, Metternichsgrün,
Vert lumiöre) wird durch Erhitzung von Chlor-
methyl oder Jodmethyl mit essigsaurem Rosanilin
und Methylalkohol im Autoklaven auf ioo° er-
        <pb n="186" />
        ﻿Jodipin	180	Johannisbrot

halten und besteht aus dem Chlorzinkdoppel-
salze des Chlormethylhexamethylrosanilinchlor-
hydrates, J. bildet prächtig metallglänzende,
hellgrüne Kristalle, die sich in Alkohol mit blau-
grüner Farbe lösen. Neuerdings wird es durch
die entsprechende Verbindung des Pararosanilins
(s. Methylgrün) verdrängt.

Jodipin nennt die Firma Merck ein jodiertes
Sesamöl, das durch Behandlung von Sesamöl mit
Chlorjod dargestellt wird und in zwei Stärken,
mit io und 25 °/o Jod, in den Handel kommt.
(S, auch Bromipin.) Die Jodipine bilden hell-
gelbe ölige Flüssigkeiten, die an Stelle des Ka-
liumjodids medizinische Anwendung finden.

Jodoform (Formyljodid, Methylentri-
jodid, Trijodmethan, lat, Jodoformium, frz.
Jodoforme, engl. Jodoform), eine dem Chloroform
ganz analoge Verbindung, CHJS, in welcher
das Chlor durch Jod ersetzt ist, wird durch Ein-
trägen von Jod in eine erwärmte Lösung von
Natriumkarbonat oder Ätznatron und Alkohol,
oder durch Elektrolyse einer Lösung von Jod-
kalium und Natriumkarbonat in Wasser und Al-
kohol dargestellt, soll aber in Frankreich auch
durch direkte Behandlung von Seetangasche mit
Ätznatron, Azeton und unterchlorigsaurem Na-
trium gewonnen werden, J. bildet schwefelgelbe,
perlglänzende Kristallschuppen von eigentümlich
betäubendem, safranähnlichem Geruch, der durch
Zusatz von Menthol, Kampfer, Terpentinöl, Pfef
ferminzöl und anderen ätherischen Ölen zum Teil
verdeckt wird. Es löst sich leicht in Alkohol und
Äther, aber nicht in Wasser, schmilzt bei 1190,
ist mit Wqsserdämpfen flüchtig und unter teil-
weiser Zersetzung sublimierbar. Im Handel fin-
det sich groß und klein kristallisiertes sowie
staubförmig geschlämmtes J. (J. praeparatum).
Das J. muß in gut verschlossenen Gefäßen vor
Licht geschützt aufbewahrt werden und findet in
der Medizin als Antiseptikum, sowohl innerlich
als äußerlich, vielfache Anwendung.

Jodol (Tetrajödpyrrol), ein neueres Antisep-
tikum, welches vor dem Jodoform bei gleicher
Wirksamkeit den Vorzug der Geruchlosigkeit
und Ungiftigkeit besitzt, entsteht bei der Be-
handlung alkalischer Pyrrollösung mit Jodkalium
als ein hellgelbes, fein kristallinisches Pulver,
das sich in Alkohol, aber nicht in Wasser löst.
J. ist völlig geruch- und geschmacklos und dient
als Ersatz des Jodoforms und Jodkaliums. Es
muß vor Licht geschützt aufbewahrt werden.

Jodopyrin (Jbdantipyrin) wird durch Be-
handlung von Antipyrin mit Chlorjod als ein
farbloses, in kaltem Wasser und Alkohol unlös-
liches, in heißem Wasser lösliches Kristallpulver
vom Schmelzpunkt 1600 dargestellt und an Stelle
des Antipyrins gegen Fieber und Kopfschmerzen
verordnet.

Jodschwefel (Schwefeljodid, lat. Sulfur jo-
datum, frz. Jodure de soufre, engl. Sulphur jo-
dide), eine durch Zusammenschmelzen von Jod
und Schwefel zu erhaltende schwarze Masse,
wird bisweilen medizinisch gegen Hautkrank-
heiten verwandt.

Jodstärke (lat. Amylum jodatum, frz. Amidon
iode, engl. Starch Jode), ein dunkelblaues, aus
Stärkemehl und Jod bestehendes Pulver, muß
in Apotheken vorrätig gehalten werden.

Jodwasserstoff (Jodwasserstoffsäure, W as
serstoffjodid, lat. Acidum hydrojodicum, frz,
Acide hydrojodique, engl. Hydrojodic acid), HJ,
die der Salzsäure analoge Verbindung, bildet in
wäßriger Lösung eine farblose Flüssigkeit, die
an der Luft bald gelblich wird und dann nach
freiem Jod riecht.

Jodylin, ein neuer ungiftiger, nicht reizender
Jodoformersatz, wird durch Behandlung von jod
salizylsaurem Natrium mit Wismutsalzen in essig-
saurer Lösung dargestellt und ist daher als ein
jodsalizylsaures Wismut anzüsprechen. Es löst
sich weder in Alkohol noch in Wasser und be-
sitzt den Vorzug, sich unzersetzt sterilisieren
zu lassen.

Jodzinkstärkelösung wird durch Kochen von
Stärke mit Zinkchlorid und Zusatz von Jodzink-
lösung dargestellt. Die weißlich opalisierende
Lösung dient zum Nachweis von salpetriger
Säure, von Chlor und Brom und als Indikator
bei der Jodometrie.

Johannisbeeren (lat. Baccae ribium, frz. Gro-
seilles, engl. Currants) stammen von den ver
schiedenen Spielarten des , Johannisbeer-
strauches, Ribes rubrum, dessen Anbau
über ganz Europa und Nordamerika verbreitet
ist. Die frischen J. finden als Tafelobst und, in
der Konditorei allgemeine Verwendung und die-
nen ferner zur Bereitung von Marmelade, von
Johannisbeersirup und von Johannisbeer
wein. Eine besondere Abart ist die in Europa
und Asien verbreitete schwarze Johannis
beere, Ribes nigrum, deren Früchte eine ganz
schwarze Farbe und ebenso wie die Blätter einen
eigentümlichen wanzenartigen Geruch haben. In
geringer Menge den roten Beeren zugesetzt, er
zeugen sie bei der Gärung ein kräftiges Aroma.
Für den Drogenhandel kommt hauptsächlich der
Johannisbeersirup (lat. Sirupus ribium ru-
brum et nigrum, frz. Sirop de .groseille, engl.
Sirup of currants) in Betracht, der, namentlich
von schwarzen Beeren, ein beliebtes Mittel bei
Katarrhen, speziell zur Linderung des Keuch-
hustens, bildet.

Johannisberger, einer der edelsten, durch
Kraft und Bukett gleich ausgezeichneten weißen
Rheinweine vom Johannisberg gegenüber Bingen.
Man unterscheidet Schloß Johannisberger,
gebaut auf etwa 16 Hektaren des Schloßberges
und d§n Weinbergen der fürstlich Metternich-
schen Domäne, vor allem aber die Auslese des-
selben, Johannisberger Kabinett, von wel-
chem die Flasche an Ort und Stelle im Frieden
selten unter 20 M. abgegeben wurde. Die Weine
von den umliegenden Weinbergbesitzern kommen
unter dem Namen Dorf Johannisberger in
den Handel und sind, je nach der Behandlung,
verschieden geschätzt, aber ebenfalls recht wert
voll.

Johannisbrot (Bockshorn, Karoben, lat.
Siliqua dulcis, Fructus ceratoniae, frz. Caroubes,
engl. Johnsbread) nennt man die schotenartigen
Früchte eines in allen Mittelmeerländern ange-
pflanzten, zu den Papilionazeen gehörenden
Baumes (Ceratonia siliqua), der aus seinem
oft krumm wachsenden Stamme zahlreiche Äste
und rote Zweige treibt. Die gefiederten Blätter
bestehen aus 2—3 Paar lederartiger, dem Buchs-
baum ähnlicher Blättchen, Die traubenartig an-
        <pb n="187" />
        ﻿Johanniskraut

181

Jujuben

geordneten Blüten haben einen fünfspaltigen
rofen Kelch, aber keine Blumenkrone. Die nicht
aufspringenden Schoten reifen im Juli und Au-
gust, werden jedoch noch unreif, von einem
Baume bis zu so kg, gesammelt und dann auf
sonnigen Plätzen zum Trocknen ausgelegt, wo-
bei sie zugleich nachreifen und eine Gärung
durchmachon. Infolge der letzteren bilden sich
reichliche Mengen, bis zu 50%, Fruchtzucker.
Daneben sind etwas Fett, Gerbsäure und Butter-
säure, die ihnen einen besonderen Geruch nach
ranziger Butter erteilt, vorhanden. J.hält sich nicht
lange und verliert teils durch Einschrumpfen,
teils durch Milbenfraß an Wert. Von den ver-
schiedenen Sorten werden die levantinischen Ka-
roben aus Kleinasien und Zypern am höchsten
geschätzt, dann folgen die italienischen, unter
denen die Puglieser die besten sind, und schließ-
lich Sizilien, Malta, Dalmatien, Kreta und Spa-
nien. Die Ware kommt teils über Triest in Fäs-
sern, teils geht sie zu Schiffe und oft als Ballast
nach den westlichen und nördlichen Ländern.
In den Erzeugungsländern bildet sie eine all-
gemeine Volksspeise, während die geringeren
Sorten als Viehfutter dienen. Auch stellt man
daraus den Zucker in Sirupform her und be-
nutzt sie hier und da zum Branntweinbrennern
Schließlich dienen die Früchte zur Herstellung
von Tabakbeizen und als Gärungserreger bei Be-
reitung der Buttersäure aus Stärkezucker, die
gebrannten Samenkerne endlich als Kaffee-Er-
satz. Die stärksten auswärtigen Abnehmer sind
die Engländer, welche die Frucht bei der ge-
ringen Seefracht als ein billiges Mastfutter ver-
wenden können. — Das Holz des Johannisbrot-
baums (Siliquaholz) ist ein ausgezeichnetes Ma-
terial für feine Tischlerarbeiten, wird aber nur
an Ort und Stelle verarbeitet,

Johanniskraut (lat. Herba hyperici, frz. Fleurs
de hyperice, engl. Hypericon flowers), ein unwich-
tiger Gegenstand des Drogenhandels, besteht aus
der getrockneten, gelb blühenden Pflanze Ply-
pericum perforatum, die in allen Gebirgen
Deutschlands angetroffen wird. Sie ist sehr leicht
daran zu erkennen, daß ihre Blätter, gegen das
Licht gehalten, siebförmig durchlöchert erschei-
nen, und wird als Wundmittel, gegen Blutungen
usw., angewandt.

Jonon ist der prachtvolle künstliche Riech-
stoff, der nach dem Verfahren seines Erfinders
Tiemann durch tagelanges Schütteln gleicher
Teile Zitral und Azeton mit Barytlauge und nach-
folgende Behandlung mit verdünnter Schwefel-
säure und Glyzerin dargestellt wird. Das fast
farblose, mit Wasserdampf flüchtige Öl vom spez.
Gewicht 0,935—0,940 destilliert bei 10 mm Druck
zwischen 126 und 128° über, besitzt prachtvollen
Veilchengeruch, der aber erst in sehr starker
Verdünnung wahrnehmbar ist, und dient in
Form seiner alkoholischen Lösung zu Parfümerie-
zwecken.

Juchten (Juften, frz. Roussi, Cuir de roussi,
cngl. Moscowy leather), eine geschätzte russi-
sche Ledersorte, die sich durch ihren eigentüm-
hchen Geruch auszeichnet, wird in den fein-
sten Sorten aus den Häuten der Kälber und
jungen Kühe, die noch nicht gekalbt haben,
&gt;n den geringeren Sorten aus Häuten von zwei-
Ws dreijährigen Rindern oder auch aus Roß-

häuten hergestellt. Das Reinigen und Enthaaren
der Häute wird wie bei anderem Leder aus-
geführt, das Schwellen mittels eines Breies von
gesäuertem Hafermehl oder Gerstenschrot, in
einigen Gegenden auch mit Hundekot, das Ger-
ben mit einer meist aus Weiden-, Fichten- oder
Birkenrinde bestehenden Lohe. Die gegerbten
und gewaschenen Häute werden sortiert, und
die besten als weißes J. verwandt, während die
übrigen schwarz (schwarzes J.) oder mit San-
delholz rot gefärbt werden (rotes J.). Durch
Einreiben mit einer Mischung von Seehundstran
und Birkenrindenteer erhält es den eigentüm-
lichen, bei uns beliebten Geruch. Im übrigen
wird es wie anderes Leder weiter bearbeitet, ge-
krispelt, grob und fejn genarbt usw. Für den
Handel ist zu beachten, daß die nach Gewicht
verkauften J. tüchtig mit Salz beschwert und
mit Talg und Tran eingefettet sind, während
dies bei den nach Stück verkauften nicht der
Fall ist.

Juchtenrot, ein Teerfarbstoff, besteht aus
unreinem, Phosphine enthaltendem Fuchsin.

Juckpulver. Die Samenhülse der in Ost- und
Westindien heimischen Juckfasel, Mucuna
pruriens (Dolichos pruriens), die im Drogen-
handel als Siliqua hirsuta bezeichnet wird,
ist auf ihrer Oberfläche ganz mit feinen rot-
braunen, glänzenden Haaren überzogen, welche
auf der Haut ein unerträgliches Jucken verur-
sachen. Sie wurde früher in Pulverform bei Läh-
mungen und als hautreizendes Mittel angewandt,
dient aber heute nur noch zur Verübung von
Unfug.

Judenholz (Judenbaumholz, Cercisholz),
das grüne, schwarzgeaderte Holz eines in den
Mittelmeerländern wachsenden Baumes, Cercis
siliquastrum, dient zu Tischlerarbeiten und
Furnieren. Cercis oanadensis in Kanada lie-
fert ebenfalls ein vortreffliches Nutzholz.

Judenkirschen (lat.Baccae alkekengi, frz.Baies
d’alkekenge, engl. Alkekengi berries), die Früchte
von Physalis alkekengi, einer in verschiede-
nen Gegenden Deutschlands wachsenden Sola-
nazee, können, nach Entfernung des bitter
schmeckenden Kelches genossen werden und
dienen zur Herstellung eines harntreibenden
Aufgusses. Eine in Südamerika wachsende Art,
Physalis peruviana, liefert sehr wohlschmek-
kende Früchte (Ananaskirschen).

Jujuben, eine Obstart, die ihres schleim- und
zuckerreichen Fleisches sowie ihres Wohl-
geschmackes wegen gern roh genossen, aber
auch getrocknet und eingemacht wird, kommt
in verschiedenen Arten vor; 1. Gewöhnliche J.,
die dunkelscharlachroten, jiflaumenähnlichen
Früchte eines in den Mittelmeerländern wachsen-
den Strauches, Zizyphus vulgaris aus der Fa-
milie der Rhamnazeen, umschließen einen
dattelkernartigen Steinkern und werden getrock-
net unter dem Nämen Brustbeeren (lat. Fruc-
tus jujubae, frz. Jujubes, engl. Jujub) als Zusatz
zu Brusttee und bei Katarrhen verwandt. 2. Afri-
kanische J. von der nordafrikanischen Küste
stammen von Zizyphus lotus, sind kleiner
und weniger süß und kommen als italienische J.
in den Handel. Die Kerne dienen geröstet als
Kaffee-Ersatz. 3. Indische J. von Zizyphus
Jujuba, die nicht in den europäischen Handel
        <pb n="188" />
        ﻿Jute

182

Kabeljau

kommen, haben einen apfelähnlichen Geschmack
und werden mehr eingemacht als roh genossen.
Die Rinde dieser Art findet ähnlich der Quassia,
die Blätter gegen Fieber und Geschlechtskrank-
heiten Anwendung.

Jute (Judhanf, Dschut, Pahthanf, frz.Jute,
engl. Jute) ist die Bastfaser verschiedener in
Indien und auf den Sundainseln heimischen
und seit langer Zeit angebauten Corchorus-
arten, besonders Corchörus capsularis und
Corchorus olitorius, die zu den Tiliazeen
gehören, aber im Gegensatz zu unseren Linden
einjährige Sträucher oder Kräuter sind und selbst
als Gemüse genossen werden. Der Anbau der J.
ist sehr einfach. Im April oder Mai erfolgt
die Aussaat, 3—3x/2 Monate später während der
Blüte, sobald sie eine Hohe von 3—4 m und
einen Durchmesser von 12—15 mm erlangt haben,
das Schneiden der Stengel, die von Blättern und
Nebenzweigen befreit und in Bündeln wie Fla.chfe
geröstet werden. Nach wenigen Tagen läßt sich
■der Bast als Ganzes abziehen und bildet dann, an
■der Sonne getrocknet, die fertige Handelsware. Die
Risten und die Fasern haben eine Länge von abis
2,75 m, ja sogar von 4—4,25 m und zeigen bei
den besten Jutesorten helle, weißgelbe bis silber-
graue Farbe, die an den Spitzen und den übrigen
Teilen der Risten nicht wesentlich verschieden
sein darf. Die Fasern sind weich, von seiden-
artigem Glanz, besitzen aber geringere Festigkeit
als Hanf und Flachs. Unter dem Mikroskop
lösen sie sich in ein Bündel aus vielen Elementar-
'fasern auf, die meist feiner sind als die Elemen-
tarfasern des Flachses, jedoch gelingt eine' Zer-
legung auf mechanischem Wege, z. B. durch
Hecheln, nicht, sondern nur durch Behandlung
mit Laugen. — Die schlechteren Sorten der J.
zeigen gelbe bis bräunliche Farbe und schwä-
cheren Glanz. Feinheit, Weichheit und Reinheit
sind geringer, die Wurzelenden härter und meist
weit dunkler. Auch besitzen diese Sorten die
Eigenschaft nachzudunkeln in viel höherem Grade
als die weißen. J. läßt sich schwer ganz weiß
bleichen, dagegen leicht so weit, daß das Färben
vorgenommen werden kann. Gefärbte Jutegarne
haben beinahe das Aussehen von Wollgarnen.
Unter Wasser hält sich J. sehr gut und wird
daher vielfach zur Umwicklung von Telegraphen-
kabeln benutzt. Wechselnder Aufenthalt in Luft
und Wasser soll jedoch eine rasche Vermoderung
herbeiführen. — Als Erkennungsmittel für J. in

Leinen- und Hanfgeweben kann schwefelsaures.
Anilin benutzt werden, welches die verholzten
Jutefasern dunkelgelb färbt, Flachs- und Hanf-
fasern aber unverändert läßt. — J. wird in der
selben Weise wie Flachs verarbeitet. Aus den
Risten bester Herkunft schneidet oder reißt man
die Mittelstücke von etwa 760 mm Länge heraus
und verspinnt sie genau so wie Langflachs..
Besonders in England, Belgien und Frankreich
ist dieses Verfahren für Garne von Nr. 16■—20
(ausnahmsweise auch Nr. 22) in Gebrauch und
liefert gehecheltes Garn oder Jute-Linen-Garn..
In Deutschland und Österreich zerreißt man die
Risten auf Karden und verspinnt die so erhalte-
nen kürzeren Fasern wie Hede, wodurch jedoch
nur Garne unter Nr. 14 erhalten werden. Der
Verarbeitung in der Spinnerei geht immer ein
Einweichen (Batschen) voraus, wozu die Risten
in großen kistenartigen Fächern' übereinander
gelegt und schichtenweise mit Wasser und Rob-
bentran oder Mineralöl besprengt werden. Davon
rührt auch der den rohen Jutegeweben meist
anhaftende Geruch her. — In Indien ist die J.
schon lange zur Herstellung von Seilerwaren und
gröberen Geweben für Packtücher und Säcke
(Gunnycloth, Gunnisäcke) benutzt worden.
In Europa fertigt man aus den Gespinsten eben-
falls in erster Linie billige Verpackungsmateriale,
Packtücher, Säcke für Getreide, Mehl, Zucker
usw.; ferner Segeltuch, Zwillich und Drillich und
schließlich auch Teppiche, Läufer, Tischdecken
und Vorhänge. Alle diese Waren sind bei ge-
fälligem Aussehen sehr billig, fasern aber fort-
während, dunkeln nach und sind feuergefährlich,
denn J. brennt leicht, und das Feuer läßt sich
nur schwer ersticken. Von weiteren Erzeugnissen
seien noch Bindfaden. Gurte, Zünder, Lampen
dochte sowie Jutesamt, der als Möbelstoff,
für Vorhänge usw. Verwendung findet, erwähnt.
Rohe J. ist ein sehr geschätztes Verbandmate-
rial, und aus den Abfällen und Hadern läßt sich
recht gut Papier geringerer Güte herstellen,
-— Die Juteindustrie hat sich innerhalb- weniger
Jahrzehnte zu großer Bedeutung emporgearbeitet.
Während des Krimkrieges griffen die englischen
und schottischen Spinnereien aus&gt; Mangel an
russischem Hanf und Flachs zur J. Die Baum
wollennot während des amerikanischen Krieges
trat dann weiter fördernd hinzu, und jetzt werden
bereits gegen 1000000 t in Europa und Indien
verarbeitet.

K.

Kabeljau (frz. Cabillaud, engl. Cod), der größte
Fisch in der Familie der Schellfische, Ga-
dus morrhua, von 1—-d/j 'm Länge, oberhalb
graubraun und gelblich gefleckt, unten rötlich-
weiß, mit drei Rücken- und zwei Bauchflosscn,
findet sich in allen nördlichen Meeren und kommt
in den verschiedensten Zubereitungsformen in
den Handel. Einfach an der Luft getrocknet,
bildet er den Stockfisch. Wird er sofort zerlegt
und eingesalzen, so heißt er Laberdan, erst ge-
salzen und dann zum Trocknen dar Sonne oder
Luft ausgesetzt, wird er zum Klippfisch Der

Stockfisch wird, wenn ganz aufgeschnitten und
breit gelegt, als Breitfisch, bloß ausgenommen
und sonst ganz gelassen als Rundfisch be
zeichnet. Der gesalzene Fisch heißt in Nor-
wegen Salzdorsch. — Der K. ist einer der
wertvollsten Fische und wird in allen Teilen aus
genutzt. Das Fleisch bildet ein gehaltreiches Nah-
rungsmittel, die Zungen gelten als Leckerbissen,
die Leber dient zur Herstellung von Lebertran
(s. d,), die Blasen geben Fischleim, Köpfe und
Eingeweide werden getrocknet oder gekocht als
Viehfutter, und die ausgeschnittenen Rückgrat-
        <pb n="189" />
        ﻿Kabinettweine

183

Käse

stücke in holzärmen Gegenden zur Feuerung be-
nutzt. Trotzdem gab es namentlich auf den Lo-
foten immer noch Unmassen von Abfällen, die
der Verwesung überlassen blieben, seit einer
Reihe von Jahren jedoch zu Fischguano (s. d.)
verarbeitet werden. Der Rogen endlich wurde
alljährlich in bedeutenden Mengen nach Frank-
reich eingeführt, um hier als Köder beim Fan-
gen von Anchovis und Sardellen zu dienen, hat
sich aber während des Krieges zum Range eines
menschlichen Nahrungsmittels erhoben.

Kabinettweine nennt man die edelsten Sorten
der Rheinweine, z. B. Johannisberger K,, Stein-
berger K., die vor dem Kriege mit 24—25, ja
35 M. die Flasche und mit 20—30 000 M. das
Stückfaß bezahlt wurden.

Kadeöl (Wachold er teer, lat. Oleum cadi-
num, Ol. juniperi empyreumaticum, s. oxycedri,
frz. Huile de cade, engl. Oil of cade), ein durch
trockene Destillation des Holzes von Juniperus
oxycedrus, einer Wacholderart (Spanische Ze-
der), 1 in der Provence hergestelltes brenzlich
riechendes Öl von anfangs gelblicher, später
brauner Farbe, wird in der Tierarzneikunde und
zuweilen noch äußerlich verwandt.

Kadmium (lat., frz., engl. Cadmium), ein zinn-
bis silberweißes Metall vom Atomgewicht Cd
— 112,4, findet sich in der Natur, abgesehen von
dem seltenen Mineral Greenockit (K.-Sulfid),
nur in Gesellschaft des Zinks, in dessen Erzen es
in Menge von 1—5 °/o vorkommt, und bei dessen
Gewinnung es meist als Nebenprodukt erhalten
wird. Bei der trockenen Destillation des Zinks
geht zuerst das leichter flüchtige K. über und
sammelt sich in Form seines Oxydes in dem sog.
Zinkofenrauch und dem Flugstaube der Zinkhütten
an, aus dem man es unter Zuschlag von Kohlen-
klein abdestilliert. Das in den Vorlagen befind-
liche Metallpulver wird in Kohletiegeln unter
einer Talgschicht geschmolzen und, in Stängel-
chen von etwa 80 g gegossen, in den Flandel ge-
bracht. Zur Entfernung von meist beigemengtem
Zink, das eine größere Sprödigkeit verleiht,
folgt bisweilen noch eine Reinigung auf nassem
Wege. Das K., das dem Zink in seinem chemi-
schen Verhalten ähnelt und beim Biegen den
sog. Zinnschrei zeigt, überzieht sich an der Luft
mit einer dünnen Oxydschicht und wird von
Säuren nur schwierig gelöst. Aus der sauren Lö-
sung fällt Schwefelwasserstoff unlösliches gelbes
Sulfid. Beim Erhitzen an der Luft verbrennt es
mit roter Flamme zu braunem Oxyd. Das häm-
merbare, ziemlich harte Metall, das sich zu Draht
ausziehen und zu Blech walzen läßt, hat ein spez.
Gew. von 8,6 und einen Schmelzpunkt von 3210.
Bei 778—780° siedet es und gibt einen gelben
Dampf, der, eingeatmet, gesundheitsschädlich wirkt.
Seine wichtigste Eigenschaft ist die Bildung über-
aus leicht schmelzbarer Legierungen mit Zinn,
Blei und Wismut, die mannigfache technische
Anwendung finden. Das sog. Woodsche Me-
tall (12,s % Kadmium und Zinn, 250/0 Blei, 50 o/0
Wismut), das schon bei 70 ° , wie Siegellack schmilzt,
dient zur Herstellung von Matrizen für Galvano-
plastik, von Schnellet und Metallkitten, eine Le-
gierung mit Quecksilber zur Ausfüllung hohler
Zähne. Legierungen mit Gold, Silber und Kupfer
werden von Juwelieren und Goldschmieden benutzt.
Das reine Metall findet bei der Herstellung von

Glühlampen (Kadmiumlampen) und von Normal-
elementen Verwendung. Von den Verbindungen
bildet das Schwefelkadmium (Kadmiumgelb.
Brillantgelb, Jaune brillant) eine ausgezeich-
nete Künstlerfarbe, während das Sulfat Bromid
und Jodid in der Photographie Anwendung finden.
Die Erzeugung der oberschlesischen Zinkhütten
stieg von 100 kg im Jahre 1852 auf 43000 kg im
Jahre 1912, der Preis sank von 16 M. auf s M. für
I kg. Geringere Mengen werden in Belgien,
Frankreich und Amerika erzeugt.

Käse (frz. Fromage, engl. Cheese). Dieses wert-
volle, seit den ältesten Zeiten bekannte Nahrungs-
mittel, wird im Prinzipe noch heute, wie einst von
den Völkern des Altertums, in der Weise her-
gestellt, daß man die Stickstoffsubstanz (Kasein,
Käsestoff) der Milch in fester Form abscheidet
und einem durch Mikroorganismen (Bakterien,
Pilze) verursachten Reifungsprozesse unterwirft.
Die Abscheidung des Kaseins erfolgt beim Sauer-
werden der Milch freiwillig, aus süßer Milch
hingegen durch Zusatz eines Auszuges aus Kälber-
magen (Lab). Je nach der Art der benutzter
Milch, ob Voll- oder Magermilch, und des Dick-
legungsverfahrens, ob durch freiwillige Säuerung
oder durch Lab, unterscheidet man Süßmilch-
und Sauermilch-, Fett- und Magerkäse. Bei der
Bereitung der Süßmilchkäse mit Lab um-
schließt das geronnene Kasein auch noch das
ganze Fett nebst einem Teile des Milchzuckers
und außerdem die Gesamtmenge des phosphor-
sauren Kalks. Bei den Sauermilchkäsen,
welche übrigens, vom Harzkäse abgesehen, nur
geringe Bedeutung für den Handel haben, blei-
ben die Phosphate zum Teil in Lösung. In
beiden Fällen wird der Niederschlag von der
Flüssigkeit, den Molken, getrennt, nach Zusatz
von etwas Kochsalz gepreßt, und die feste bröck-
lige Masse, der Quark, der auch für sich in den
Handel kommt, in besondere Formen gebracht
und der Reifung überlassen. Im Verlaufe dieses
Prozesses, mit welchem neben Gewichtsverlusten
verschiedene chemische Umwandlungen verbun-
den sind, treten vor allem als Zersetzungspro-
dukte der Stickstoffsubstanz Amide, Ammoniak
und Amidosäuren, wie Leuzin oder Tyrosin, auf.
Der Käsestoff nimmt ein speckiges Aussehen an
und verwandelt sich in Parakasein, eine in
So—60 °/o igem Alkohol unlösliche Modifikation
des frischen Kaseins. Gleichzeitig ändert sich
auch die Zusammensetzung des Fettes durch Ab-
spaltung freier und flüchtiger Fettsäuren, vor
allem von Buttersäure, Valerian- und Kapronsäure,
welche, zum Teil in Verbindung mit Ammoniak
und Amiden, neben anderen Riechstoffen den
charakteristischen Geruch des Käses hervorrufen.
Die bei einigen Sorten, besonders dem Schweizer-
käse, beobachtete Lochbildung beruht auf
einer Zerlegung des Milchzuckers, nach einigen
Autoren auch des Kaseins, zu gasförmiger Koh
lensäure, welche die noch weiche Masse auf-
bläht. Nach dem Fettgehalte unterscheidet man:

1.	Rahmkäse (Sahne-, Creme-, vollfette K.), die
aus Rahm oder einem Gemisch von Rahm mit
Vollmilch hergestellt werden und mindestens
So°/o Fett in der Trockenmasse enthalten. Zu
ihnen gehören: Gervais, Imperial, Stilton (s. d.).

2.	Fettkäse aus unabgerahmter Vollmilch, die
wenigstens 40 o/o, Fett in der Trockenmasse ent-
        <pb n="190" />
        ﻿Käse

184

Kaffee

halten sollen: Emmentaler oder Schweizerkäse
(s. d.), Holländer (Gouda-, Edamer-K., s. d.), Til-
siter-, Wilstermarsch-, Chester- (s. d.), Liptauer-
(s.d.), Steppen-, Münster-, Schachtel-, Weißlacker-,
Bier-, Brioler-, Woriener-, Romadour-(s.d.), Roque-
fort-(s.d.), Gorgonzola-(s.d.), Brie-(s.d.), Camem-
bert-, Neufchäteller-, Elbinger- oder Werder-
Niederungskäse. Den an Fettkäse zu stellenden
Anforderungen müssen auch alle Käse mit Phan
tasienamen (wie z. B. Dessert-, Delikateß-, Appe-
tit-, Frühstücks-, Tafel-, Portions-, Kronen-, Schloß-,
Kloster-, Alpen-, Gebirgs-, Kaiser-, Bismarck-,
Zeppelin- usw. Käse) entsprechen. 3. Halbfette
Käse, aus teilweise entrahmter Milch, mit wenig-
stens 20 °/o Fett in der Trockenmasse: Lim-
burger- (s. d.), Parmesan- (s. d.) und Joghurtkäse.

4.	Magerkäse, aus abgerahmter Milch, zu
denen von Sauermilchkäsen: Mainzer , Harzer-,
Thüringer-, Hand-, Faust-, Stangen-, Spitz-,
Korb-, Goldleisten-, Quargel , Klatsch-, Schicht-,
Haus-, Land-, Kuh , Topf-, Koch-, Quarg , Hop-
fen:, Ziegen-, Kräuter- s.d,', Nieheimer-, Küm-
melkäse, von Weichkäsen; Backstein und Qua-
dratkäse, von Hartkäsen: Holsteiner-, Leder- und
Graukäse gehören. Außer den unter I und 2
angeführten Feilstufen untersch iJet man wohl
auch dreivicrtelfetten K. mit mindestens 30%
und viertelfettea K. mit mindestens 10»/o
Fett in der I ecke uu.a-ise. Als Ziegen oder
Schaf K. bezeichnen.'. K. rnn-sen aus der Mi.eh
der betreffenden Tiere hergestellt sein. AlleT
Käse, zu. dessen Herstellung fremdes, d. h. nicht
der Milch entstammendes Fett benutzt worden
ist, muß als Margar 1 ae-K. bezeichnet werden
und einen Zusatz von Sesamöl (s. Margarine) er-
halten. Er scheint übrigens wenig Anklang ge-
funden zu haben und wird im Handel kaum noch
angetroffen. — Im Hinblick auf seine leichte
Verdaulichkeit und seinen hohen Nährstoffgehalt
gehört der Käse zu den wertvollsten Nahrungs-,
mittein, und die Magerkäse vor allem sind als die.
preiswürdigste Stickstoffnahrung zu bezeichnen.
In ihnen erhält man für dasselbe Geld dreimal
soviel Nährstoffe wie im Fleische, ein Beweis,
daß sie vor allem geeignet sind, den offenkun-
digen Stickstoffmangel in der Nahrung der un-
bemittelten Kreise auszugleichen. Eigentliche
Verfälschungen des K. durch Margarine, Mehl,
Gips und Kreide, von denen die Lehrbücher be-
richten, gehören zu den größten Seltenheiten,
und auch die früher beobachtete ekelhafte Be-
handlung mit Urin dürfte zurzeit kaum noch Vor-
kommen. Um so häufiger sind dafür gewisse sog.
Käsefehler, welche auf unrichtiger Flerstellung
beruhen und sich in dem Auftreten bitteren Ge-
schmacks, blauer, grüner, roter und schwarzer
Verfärbungen äußern. Sie sind meist auf die
Tätigkeit unerwünschter Bakterien zurückzufüh
ren und Grund zur Entfernung solcher, zum min-
desten unappetitlicher Erzeugnisse aus dem Han-
del. In neuerer Zeit ist auch mit Erfolg gegen
die Unterschiebung von Magerkäse an Stelle der
fetten Schweizer und Holländer Käse eingeschrit-
ten worden. Bei der Beurteilung der K. auf
Verdorbenheit ist wegen der Vorliebe man-
cher Leute für überreife, zerfließende und stark
riechende Erzeugnisse eine gewisse Zurückhal-
tung geboten. Immerhin sollten aus Rücksicht
auf das Vorkommen von Käsegift allzu stark zer-

setzte K. und aus Gründen der Appetitlichkeit
madenhaltige Käse vom Verkehr ausgeschlossen
werden.

Kaffee (frz. Cafe, engl. Coffee) ist der von
Fruchtschale vollständig und der Samenschale
(Silberhaut) größtenteils befreite Same verschie-
dener Pflanzen der zu den Rubiazeen gehörigen
Gattung Coffea. Von den 50—60 Arten, die
im tropischen Afrika und Asien verkommen,
beansprucht der arabische Kaffeebaum, Cof-
fea arabica, die höchste Beachtung. Der etwa
6 m hohe Baum mit lederartigen kurzgestielten
Blättern und weißen jasrninartigen Blüten trägt
kirschenähnliche Früchte, die anfangs grün, dann
rot und zuletzt violett erscheinen und in einem
süßen Fruchtfleisch zwei ovale Samen mit an
beiden Seiten eingeschlagenen Längsrin.nen ent-
halten. Zuweilen wird nur ein Same ausgebil-
det, der dann völlig rund ist und den sog. Perl-
kaffee bildet. Die Heimat des arabischen K. ist
Afrika, von wo er nach Arabien verpflanzt wurde
und sich später durch Kultur über die meisten
Tropenländer verbreitete. Coffea lihcrica,
der Liberiakaffeebaum Westafrikas, hat
größere Blüten und kugelige, viel größere
Früchte als der vorige. Da et auch außer-
halb der Tropen gedeiht, wurde er vielfach zur
Kultur empfohlen, hat sich aber infolge des
hohen Hüllengewichts und der ein volles Jahr
dauernden Reifezeit nicht bewährt. Coffea
stcnophylla. mit eirunden Früchten, aus Sierra
Leone, ferner C. laurina. C. Za.ngueha.riae
und C. microcarpa werden m Oslafrika als
Genußmittel verwandt, kommen aber für Europa
nicht in Betracht. Der K. wird hauptsä. blich in
Gebirgsgegenden bis 950 111 Höhe angebaut, und
zwar besonders da, wo es nicht an Feuchtigkeit
und Schatten fehlt. Hauptanbauländer sind Bra-
silien, Westindien, Mittelamerika, Sumatra, Java,
Zeylon, Ostindien, Arabien und einzelne Teile
von Afrika, Auch bringen die deutschen Kolonien
brauchbaren K. (Usambara) in den Handel.
Man besetzt die Kaffeeplantagen meist mit Pflänz-
lingen aus Samenzucht, mit Überschutz durch
Bäume und verpflanzt die Setzlinge von 60—90cm
Höhe auf 2—2,5 m Abstand. Die Kronen werden
gestutzt, und die Bäumchen bis zu 2 m hoch ge-
halten. Sie tragen vom 3.—20. Jahre mit zuneh-
mender Verbesserung der Ernte. Die Gewinnung
der Samen (Bohnen) erfolgt* entweder nach dem
sog. trockenen Verfahren durch Austrocknen der
Früchte, Zerquetschen und Entfernung der Hül-
sen durch Schwingen oder nach dem neuen,
sog. nassen, westindischen oder brasilianischen
Verfahren, indem man die in Wasser erweichten
Früchte mittels einer Maschine, des Despol-
pador, derart zerquetscht, daß die Samen von
dem Fleische getrennt werden. Nach Waschen in
Rührwerken wird die Samenschale durch eine
Descador genannte Maschine entfernt. Man er-
zielt je nach Boden, Klima und Pflege 0,5 (Java)
bis 3 kg (Arabien) von einem Baume. Der rohe
Kaffee ist ungenießbar und dient nur zur Darstel-
lung des Koffeins. Zum Genußmittel wird er erst
durch das Rösten, bei welchem das Gewicht der
Bohnen unter gleichzeitiger Volumvergrößerung
um etwa 20 °/o abnimmt. Um zu große Verluste
an flüchtigen Stoffen zu vermeiden, röstet man in
geschlossenen. Zylindern, und zwar beim Groß-
        <pb n="191" />
        ﻿Kaffee

185

Kaffee-Ersatzstoffe

betriebe entweder in Dampfzylindern (Dampf-
kaffee) oder neuerdings vielfach mit elektri-
scher Heizung. Für den Haushalt ist es am
besten, nicht zu große Mengen auf einmal zu
brennen, da längeres Aufbewahren den Wert ver-
ringert. Das Brennen darf nur unter langsamem
Drehen der Trommel, bei gleichmäßigem Feuer
und nur so lange erfolgen, bis die Bohnen an-
fangen zu knallen und sich hell kastanienbraun
färben, nicht aber bis zum Schwitzen und Fettig-
werden. Der Gebrauch, etwas Butter mit in die
Trommel zu tun, damit die Bohnen ein glänzen-
des Aussehen bekommen und die Schmutzschicht
besser loslassen, ist nicht zu empfehlen und bei
vorherigem Waschen überflüssig. Heißes Wasser
entzieht dem stark gerösteten K. mehr lösliche
Bestandteile als dem schwach gerösteten, der
erstere ist aber bitterer und weniger aromatisch.
Zur Aufbewahrung sind verschlossene Büchsen
zu verwenden. Die Kaffeebereitung geschieht
durch Kochen der gemahlenen, gerösteten Boh-
nen mit Wasser, oder durch Aufgießen von sie-
dendem Wasser und Filtration mittels Kaffee-
sacks oder Kaffeesiebs (Arndtscher Kaffee-
trichter). Das erstere Verfahren gibt bessere Aus-
nutzung der löslichen Stoffe, aber auf Kosten des
Geschure ks, da das Vrotna zum Teil verloren
geht. Der K. gehört zu den aikaloidhahigru
Gumißmilteln. erregt aas Gefäß- und .Nerven-
system, beschleunigt den Pul- /euci Wä'ine-
gefüh, verringert die. Zahl u r Vermöge ;i:nö
regt die geistigen Fähig'-"-lieh iiu-i Gedanken
an. Gleich • big vcfsehet cht er den Schlaf, vor-
mehrt die Harnabsimderunfe und steigert die Ar-
beitsleistung. Sein wi Irrigster Bestandteil ist
das Koffein /-•. &lt;1. . von welchem dt" rohe K.
etwa i,2o/o enthält. W-eiier sind vorhanden te:l/o
Brotein, 12,30/0 Fett, 8,5 % Zucker, 32,80/0 stick
stofffreie Extraktstoffe (darunlcr 3—6% Kaffee-
gerbsäure), 18,20/0 Holzfaser, n,2°/o Wasser und
3,8 °/o Asche. Durch das Rösten entstehen aro-
matische Stoffe unbekannter Art, während der
Zucker größtenteils in Karamel übergeht, das
Koff ein aber nahezu unverändert bleibt. Der K.
unterliegt in ganzem wie in gemafilcncm Zu-
stande zahlreichen Verfälschungen. Zwar hat
die Unterschiebung völlig nachgemachter Boh-
nen aus Ton, Steinnuß oder Mehltoig ziemlich
aufgehört, seitdem der sog. Gassensche Kunst-
kaffee durch Bundesratsbeschluß verboten wurde,
aber sehr häufig wird der rohe K. noch mit
Berlinerblau, Indigo, Talk, Kurkuma, Chromgelb
oder Ocker künstlich gefärbt, um schlechter
oder mißfarbiger Ware ein schöneres Aussehen
*u verleihen. Mit dem Rösten sind weiter zahl-
reiche Kunstgriffe verbunden, die entweder das
Gewicht erhöhen oder ein schöneres Aussehen
kervorrufen sollen, wie Zusätze von Zwiebeln,
Kakao oder Alkalien. Das sog. Glasieren wird
((Urzeit meist als zulässig angesehen, falls dabei
Zucker oder Schellack in nicht zu großer Menge
(höchstens 7 bzw. 0,5 Teile auf 100 Teile Roh-
kaffee) benutzt werden und die Bezeichnung „mit
Sebranntem Zucker oder Schellack überzogen“
angebracht wird. Hingegen ist die Verwendung
anderer Überzugsstoffe wie Tannin, Paraffin oder
Glyzerin sowie die Verdeckung minderwertiger
Beschaffenheit durch Überzugsstoffe zu verwerfen.
Unzulässig ist auch die Behandlung mit Soda.

Pottasche, Kalk, Zuckerkalk und Ammonsalzen.
Der Wassergehalt soll 12% bei Rohkaffee, 50/0
bei geröstetem K. nicht übersteigen. Ganz oder
teilweise des Koffeins beraubter K. muß ent-
sprechend gekennzeichnet sein, und zwar als
„koffeinarm“, wenn er höchstens 0,2°/o, als kof-
feinfrei, wenn er höchstens 0,8 0/0 Koffein ent-
hält. Zusätze fremder Stoffe auch zu als „Kaffee-
mischung" bezeichneten Proben haben als Ver-
fälschung zu gelten. Ihr Nachweis erfolgt mit
Hilfe der chemisch-mikroskopischen Analyse. —■
Nach ihrer Herkunft unterscheidet man zahl-
reiche Kaffeesorten, deren Form, Farbe, Rein-
heit und Aroma die mannigfaltigsten Abwei-
chungen zeigt. Als wertvollste gilt, der aus ei-
runden grünlichen Bohnen bestehende arabi-
sche oder Mokka-K„ welcher kaum zu uns ge-
langt und im europäischen Handel vielfach durch
untergeschobene Java- und Zeylon-K. ersetzt wird.
Der Güte nach folgen dann die niederlän-
disch-indischen Sorten, von denen der glän-
zende weißliche bis hochgelbe oder gelblich-
bräunliche Java am höchsten geschätzt wird. Ge-
ringere Javas sind bräunlich oder bräunlichgrün,
oder, wie der Samarang, gelbbraun und groß-
bohnig, oft mit schwarzen untermengt. Von Ze-
lebcs stammt der gelbe bis hlaßgrünliche, groß-
bohnige, vorzügliche Menado und der ähnlich
aussehende, aber minderwertige Makassar. Als
geringste ostindische Sorte gilt der Sumatra
mit großen dunkelgelben und braunen Bohnen,
der meist hach China geht. Die Philippinen lie-
fern den Manila. Sehr wertvoll ist der Plan-
lat io n-Zeyl 011 mit kleinen, schmalen, blau-
grünen Bohnen, während die längeren, gelb-
grünen Natives von Zeylon weniger geschätzt
werden. Das indische Festland liefert die ziem-
lich breiten, grünlichen und an der Innenfläche
konkaven Neilgherrys, ferner Mysöre und
Madras, die Insel Bourbon die ungleichmäßige
Sorte Reunion und DeutschostafrikadenUsam-
bara. Von den westindischen Kaffeesorten gelten
Kuba und Portoriko als die besten, dann fol-
genjamaika und S.Domingo, und vom mittel-
amerikanischen Festlande Mexiko, Kostarika,
Guatemala und Nikaragua. Aus Südamerika
sind zu erwähnen Surinam, eine vorzügliche
Sorte mit kleinen grünlichen Bohnen, und die
zahllosen brasilianischen Sorten, von denen Rio,
Santos, Bahia und Kampinas die bekannte-
sten sind. Nicht als Kaffeesorten, sondern als Er-
satzmittel sind aufzufassen der Sultan- oder
Sakka-K. (Cafe ä la Sultane), der aus dem ge-
rösteten Fruchtfleische, und der Cafe moude
(Krischet), der aus den gerösteten Schalen be-
steht. Zum Versand gelangt der K. als Gut,
Mittel, Ordinär und Triage (d. s. zerbrochene,
mißfarbige Bohnen): Brack-K., marinierter
oder havarierter K. ist durch Seewasser ver-
dorben. Die Gesamterzeugung an K. wird
jetzt für den Handel auf mindestens 1V2 Milliar-
den Kilogramm veranschlagt. Davon liefert Bra-
silien etwa i,i Milliarden, das übrige Amerika
300, Asien und Afrika 10—15 Millionen. Der
Kaffeeverbrauch ist in beständiger Zunahme be-
griffen und beträgt in Deutschland mehr als
200 Millionen Kilogramm.

Kaffee-Ersatzstoffe nennt man Zubereitun
gen, die durch Rösten von Pflanzenteilen, auch
        <pb n="192" />
        ﻿Kaffee-Ersatzstoffe

186	Kaiserbrunnen in Aachen

unter Zusatz anderer Stoffe, hergestellt werden,
mit heißem Wasser ein kaffeeähnliches Getränk
liefern und dazu bestimmt sind, als Ersatz des
Kaffees zu dienen. Da sie mit Ausnahme des
aus getrockneten Kaffeschalen bestehenden Sak-
ka- oder Sultankaffees und der gerösteten
Kaffeeblätter, die aber nicht in den hiesigen Ver-
kehr gelangen, frei von Koffein sind, erscheint
die Bezeichnung K. weniger treffend als das früher
übliche, jetzt verpönte Fremdwort Kaffeesurro-
gat. Als Rohstoffe, die z. T. in besonderen Ab-
schnitten besprochen sind, kommen hauptsächlich
folgende in Betracht: i. Zuckerhaltige Wurzeln
(Zichorie, Rübe, Möhre); 2. zuckerreiche
Früchte (Feigen, Johannisbrot); 3. stärkereiche
Früchte und Samen (Gerste, Roggen, Eicheln);

4.	gemälztes Getreide (Gersten-, Roggenmalz);

5.	fettreiche Früchte (Erdnüsse, Sojabohnen);

6.	Zuckerarten; 7. als vor oder nach dem Rösten
gemachte Zusätze: zucker-, gerbstoff- und kof-
feinhaltige Pflanzenauszüge, Kolanüsse, Speise-
fette und -öle, Kochsalz, Alkalikarbonate und
Wasser. Die K. gelangen sowohl gemahlen wie
ungemahlen in den Verkehr, Getreide- und Malz-
kaffee meist unzerkleinert, Zichorien- und Feigen-
kaffe als Pulver oder knetbare Masse, alle K.
auch wohl in bestimmte Formen (Würfel) gepreßt.
Die Zusammensetzung hängt von der Art der
benutzten Ausgangsmaterialien ab, ebenso der
Geruch und Geschmack des Aufgusses, der dem-
jenigen des gerösteten Kaffees mehr oder weniger
nahe kommt. Zur Vermeidung von Irreführungen
müssen alle diese Erzeugnisse in deutlicher Weise
als Ersatzstoffe gekennzeichnet werden. Ihre
Bezeichnung darf das Wort Kaffee nur in den
Wortverbindungen; Zichorienkaffee, Fei-
genkaffee, Gersten-, Roggen-, Korn-,Wei-
zen-, Malz-, Eichelkaffee sowie Kaffee-Er-
satz, Kaffeezusatz, Kaffeegewürz enthalten, hin-
gegen sind andere Wortbildungen wie; Deut-
scher Kaffee (Kichererbse), Frankkaffee (Zi-
chorie), Kneippkaffee (Gerste oder Malz), Be-
rings Kraftkaffee (Lupine), Saladinkaffee
(Mais), Gesundheitskaffee (Weizen, Zichorie,
Kakaoschalen), Kronenkaffee (rote Rüben,Rog-
gen, Zichorie), Ungarischer Kaffee (Lupinen,
Zichorie, Kaffee), Hensels Hämatin-Kaffee (Zi-
chorie) unzulässig. Auch Mischungen mit echtem
Kaffee dürfen nicht als Kaffeemischung, sondern
nur als Kaffee-Ersatzmischung bezeichnet
werden. Im übrigen ist zu fordern, daß zur Her-
stellung unverdorbene, genügend gereinigte Roh-
stoffe Verwendung finden, daß insbesondere der
Aschengehalt bei Feigenkaffee 7% mit 1 °/o Sand,
bei anderen K. 8 0/0 mit 2,5 % Sand nicht über-
steigt Ausgelaugte Zuckerrübenschnitzel, Kaffee-
satz, Olivenkerne, Steinnußabfälle, Farbstoffe und
andere wertlose Stoffe, Mineralöle, Glyzerin,
Rückstände von der Melasseentzuckerung sollen
überhaupt nicht benutzt werden. Als Überzugs-
(Glasierungs-)mittel dürfen nur Zuckeraften oder
Schellack benutzt werden. Der höchstzulässige
Wassergehalt beträgt bei Zichorienkaffee 30 0/0,
bei Feigenkaffee 20%, bei Getreide- und Malz-
kaffee 10 0/0. Die nach bestimmten Rohstoffen
benannten K. müssen auch ausschließlich aus
diesen bestehen. Insbesondere darf K. aus un-
gekeimtem (gemälztem) Getreide nicht als Malz-
kaffee bezeichnet werden. Verschimmelte, sauer

gewordene oder durch Käfer, Milben u. dgl. ver-
unreinigte K. sind als verdorben zu beurteilen-
Diese während des Krieges recht vernachlässig-
ten Grundsätze werden nach Friedensschluß wie'
der in ihre Rechte treten. Für die Untersuchung
der K. spielt das Mikroskop die ausschlag-
gebende Rolle. Ein ganz brauchbares Mittel
zur vorläufigen Unterscheidung des echten ge-
mahlenen Kaffees von den K. besteht darin, daß/
man das Pulver auf Wasser schüttet, wobei
Kaffee oben schwimmt, während die Ersatzstoffe 1
nach unten sinken und das Wasser braun färben. I
Der Wert det in Deutschland verbrauchten Er- 1
satzstoffe wird auf 30 Millionen M. jährlich ge-1
schätzt.

Kaffee-Extrakte (Kaffee-Essenz) sind ein- j
gedickte wäßrige Auszüge aus gebrannten Kaffee- I
höhnen, allenfalls unter Zusatz geringer Mengen I
Zucker und Milch, doch müssen letztere gekenn- I
zeichnet werden.

Kainit, neben Karnallit der wichtigste Be- J
standteil der Abraumsalze von Staßfurt und r
Kalusz, besteht aus einem wasserhaltigen Dop- I
pelsalze von schwefelsaurer .Magnesia und Chlor- J
kalium, MgS04 -(- KC12 yf- 3HäO. Er wird zur I
Bereitung von Chlorkalium benutzt, wobei als 1
Nebenprodukte noch schwefelsaures Kalium, Mag- J
nesia und Bittersalz erhalten werden.

Kainkawurzel (brasilianische Schlangen- I
wurzel, lat. Radix caincae, frz. Racine de caince, j|
engl. Cainca-root), die holzigen Wurzeln einiger I
Arten der im tropischen Amerika heimischen, J
zu den Rubiazeen gehörigen Gattung Chio- !
cocca. Die westindische Schlangenwurzel j
stammt von Ch. racemosa, die brasilianische von |
Ch. anguifuga, densifolia und scandens. J
Die 1—2 cm dicke, stark verästelte und hin und I
her gebogene Wurzel, an der oft noch Stamm- I
Stückchen sitzen, ist von einer außen graubrau- |
nen, runzelig-geringeltem, innen dunkelbraunen ||
und harzigen Rinde umgeben. Das harte Holz 1
erscheint blaßbräunüch. Beim Kauen entwik- j
kelt sich ein schwach aromatischer kaffeeartiger |
Geruch und ein bitterlich kratzender Geschmack, j
der durch eine der Wurzel eigentümliche, in 1
farblosen seideglänzenden Nadeln kristallisie- I
rende, Säure, die Kainkasäure (auch Kainzin i
und Kainkabitter genannt), verursacht wird. I
Die Wurzel wurde früher mehr als jetzt als |
kräftig purgierendes und harntreibendes Mittel,
auch gegen Wassersucht, angewandt.

Kairin (salzsaures Äthylhydroxychino- |
lin, lat. Kairinum, frz. Cairine, engl. Kairin) 1
wurde im Jahre 1882 von O. Fischer synthetisch j
dargestellt, indem er Chinolin mit Schwefelsäure
erwärmte, das entstehende Oxychinolin der Na- 1
tronschmelze unterwarf, reduzierte und schließ-
lich mit Äthyljodid behandelte. K., ein in Wasser |
und Alkohol lösliches farbloses Kristallpulver,
erregte seinerzeit als erstes künstliches Ersatz-
mittel des Chinins das lebhafteste Interesse, ist j
aber jetzt wegen seiner gefährlichen Nebenwir- f
kungen. auf Herz und Nervensystem völlig auf- i
gegeben worden.

Kaiserbrunnen ln Aachen, eine alkalisch-
muriatische Schwefelthermet von 550 C, besitzt
folgende Zusammensetzung für 1000 Gewichts-
teile: Bikarbonate des Natriums 0,9244g, Li- j
thiums 0,0004 g, Kalziums 0,2197 g, Strontiums
        <pb n="193" />
        ﻿Kajabokah

187

Kakao

0,0003 S, Magnesiums 0,0684 g. Eisenoxyduls
o.ooiog; Chloride des Natriums 2,6381 g; Na-
triumbromid 0,0031 g, Natriumjodid 0,0006 g;
Sulfate des Kaliums 0,1542 g, Natriums 0,2830 g,
Natriumsulfid 0,0130 g; Kieselsäure 0,0662 g, Or-
ganische Stoffe 0.0146 g.

Kajabokah (Kiaboocah, Amboinaholz), eip
von Singapore kommendes Nutzholz, anscheinend
der Auswuchs irgend, eines großen Baumes (ver-
mutlich von Pterospermum indicum), ist ziemlich
hart, kleinmaserig, orange bis rotbraun, und
wird in China und Indien viel zu Kunsttischlerei-
arbeiten verwendet.

Kajalithwaren, aus Magnesiazement gefertigte
Waren, namentlich Tischplatten, Fußbodenplat-
ten usw., die in den verschiedensten Farben her-
gestellt werden.

Kajeputöl (lat. Oleum cäjeputi, frz. Essence
de cajeput, engl. Oil of cajeput), ein dünnflüssi-
ges, durch Kupfer grün bis grünblau gefärbtes,
klares, ätherisches Öl von starkem Geruch nach
Kampfer und Rosmarinöl und ähnlichem, an-
fangs brennendem, dann: kühlendem Geschmack,
gelangt in Wein- oder Bierflaschen gefüllt und
in Kisten verpackt, zu uns. Es ist ein Destillat
aus den Blättern und Zweigspitzen des,' ost-
indischen Strauches Melaleuca leucadendron
und noch einer oder mehrerer Melaleuca-
Arten und wird für medizinischen' Gebrauch
gewöhnlich rektifiziert, wodurch man es farb-
los erhält. Im Handel findet sich auch ver-
fälschtes und völlig nachgemachtes öl, das aus
Rosmarinöl, Terpentinöl und Kampfer zusammen-
gesetzt und grün gefärbt wird. Reines K. be-
steht neben wenig Terpen hauptsächlich aus
Zineol (Eukalyptol) und außerdem Terpineol,
hat ein spez. Gew. von 0,919—0,930, dreht
schwach links, bis — 30 40', und muß sich in
der gleichen Menge 80 0/0 igem Weingeist klar
lösen. Das öl dient, äußerlich zu Einreibungen
gegen nervöses Kopfweh, Spulwürmer, Koliken,
auf Baumwolle eingeführt gegen Zahnschmerz
und Ohrenleiden, und wurde früher gegen
Cholera äußerlich und innerlich angewandt.
Auch eignet es sich gut zur Vertreibung von
Motten und überhaupt zur Verhütung von In
sektenfraß.

Kakao (Cacao, lat. Semen seu Fabae cacao,
frz. Cacao, engl. Cocoa, Cacao) nennt man die
Samen des prachtvollen, zu der Familie der
Büttneriazeen gehörenden Baumes Theobro-
ma cacao, der im tropischen Amerika vom
23.0 n. Br. bis zum 20.0 südl. Br. heimisch ist,
■aber auch in anderen Ländern vielfach angebaut
wird. Er findet sich hauptsächlich auf den west-
indischen Inseln, in Venezuela, Kolumbia, Ekua-
dor, Peru und Nordbrasilien, außerdem auf den
Philippinen, den Sundainseln, Zeylon, Bourbon,
San Thomd und den Kanaren und neuerdings auch
m den deutschen Kolonien (Kamerun). Die von
Linnd aufgestellte botanische Bezeichnung Theo-
broma bedeutet Götterspeise. Der Baum, der
ltlt Schmucke seiner dichten Belaubung, seiner
r?ten Blütenbäschei und goldgelben Früchte
einen prachtvollen Anblick ' gewährt, erreicht
eine Höhe von 12 m. Er beginnt im 5. bis
b- Jahre an zu tragen, gibt im 12. Jahre die
höchsten Erträge und bleibt 30 Jahre lang nutz-
bar, indem er das ganze Jahr Blüten und Früchte

trägt. Die im Verlaufe von S—6 Monaten reifen
den Früchte von der Gestalt einer 20 cm langen
und 10 cm dicken Gurke enthalten in einem
wohlschmeckenden, rötlichen Fleische 25—40'Sa-
men. Die letzteren werden aus den aufgeschnitte-
nen Früchten herausgestoßen, durch Reiben und
Sieben von dem anhängenden Fruchtmus mög-
lichst befreit und an der Sonne getrocknet (un-
gerotteter K.). Ein feineres Erzeugnis, der sog.
gerottete K. wird erzielt, wenn man die Samen
zuerst in losen, mit Laub bedeckten Llaufen oder
in Erdgruben einer Selbsterhitzung überläßt,
wobei sie ihre Keimfähigkeit und einen Teil ihrer
Bitterkeit, sowie den krautartigen, herben Ge-
schmack verlieren und eine dunklere, bräunliche
Farbe annehmen. Die gerotteten Bohnen, die
meist an ihrem erdigen Überzüge kenntlich sind,
werden zur Verarbeitung auf menschliche Nah-
rungsmittel einer sorgfältigen Reinigung durch
Sieben und Auslesen unterworfen, darauf ge-
röstet und schließlich in besonderen Maschinen
durch Brechen von den, Schalen befreit. In
dieser Form, in welcher sie das Ausgangsmate-
rial für Kakaopulver und Schokolade bilden,
bestehen sie nur aus den reinen Kotyledonen des
Samens. Diese sog. Kerne enthalten in che-
mischer Hinsicht neben den allen Samen ge-
meinsamen Bestandteilen: Eiweiß, Stärke, Holz-
faser und .Salzen gewisse charakteristische Stoffe,
die für die Verwendung von größter Bedeutung
sind, nämlich das dem Koffein verwandte Al-
kaloid Theobromin (s; d.), ferner einen eigen-
tümlichen Farbstoff, das Kakaorot, welches
erst beim Rotten durch Oxydation entsteht, und
schließlich beträchtliche Mengen eines beson-
deren Fettes, der sog. Kakaobutter (s. d.). Im
Mittel enthält K.: 4—8°/o Wasser, i4°/o Protein,
50% Fett, 10 0/0 Stärke, 14% stickstofffreie Ex-
traktstoffe, je 4 0/0 Rohfaser und Asche und 0,5 »/o
Theobromin. Unter den sog.. Extraktstoffen fin-
den sich Zucker, Gerbstoff und Phlobaphen
(Rindenfarbstoff), während die Asche erhebliche
Mengen Kaliumphosphat enthält. Von den zahl-
reichen Handelssorten werden die feinsten
Sorten, der mexikanische Sokonusko und Es-
meraldas aus Ekuador, meist im Ursprungs-
lande verbraucht, während die Kakaos aus Vene-
zuela als Karakas und Puerto Cabello in
großen Mengen nach Europa ausgeführt und
hier zu den feinsten Schokoladen verarbeitet
werden. Aus Ekuador gelangen in den europä-
ischen Handel die Guayaquil-K. (Ariba, Ma-
chala, Balao), die besonders in Deutschland ver-
braucht werden. Holländisch-Guyana führt den
Surinam-K. ans, der in zwei Sorten, einer fei-
neren, durch Plantagenkultur gewonnenen und
einer geringwertigen, ranzig-bitterschmeckenden
von wild wachsenden Bäumen in den Verkehr,
hauptsächlich nach Holland, gelangt. Britisch-
Guyana liefert die weniger wichtigen Berbice
und Essequibo, Französisch-Guyana den ge-
ringwertigen Kayenne-K. und Kolumbia den
Marakaibo und Angostura. Von brasiliani-
schen Marken seien die bitteren Maranon und
Para-K. sowie der früher häufig ungerottete
Bahia, das Haupterzeugnis Brasiliens, erwähnt.
Die westindischen Inseln liefern den Kuba-,
Haiti- oder Port au Prince-, Trinidad-, St
Domingo- und Märtinique-K. Das wichtigste
        <pb n="194" />
        ﻿Kakao

188

Kaktusholz

asiatische Vorkommen ist der feine Zeylon-K.,
der nahezu vollständig nach London gelangt, und
der nach Amsterdam eingeführte Java-K. Aus
Afrika kommt neuerdings der Kamerun-K. in
den deutschen Handel. — Zur Verarbeitung
der Kakaobohnen auf menschliche Genußmittel
werden meist mehrere Sorten vermischt und
dann in sog. Kakaomühlen bis zur äußersten
Feinheit zerrieben. Das wegen seines hohen
Fettgehaltes flüssige, homogene Gemisch erstarrt
beim Abkühlen zu der sog. Kakaomasse,
welche den Ausgangsstoff für die verschiedenen

K.-Erzeugnisse darstellt. Durch teilweises Ab-
pressen des Fettes in hydraulischen Pressen bei
erhöhter Temperatur erhält man das Kakao-
pulver, das häufig noch mit Wasserdampf, Pott-
asche, Soda, kohlensaurer Magnesia oder Ammo-
niak behandelt wird und dabei den aufge-
schlossenen K. liefert. Die für letzteren viel-
fach benutzte Bezeichnung löslicher K. ist un-
richtig, da dieses Erzeugnis lediglich die Eigen-
schaft besitzt, sich in Wasser längere Zeit schwe-
bend zu erhalten, ohne einen Bodensatz zu bil-
den. Zurzeit wird das Aufschließen meist mit
den Kernen vor dem Pulverisieren und Entfetten
vorgenommen. Als bestes Verfahren empfiehlt
Zippercr die Behandlung mit Ammoniak, da
dieses flüchtig ist, während mit den fixen Alka-
lien dem IC fremde Bestandteile einverleibt wer-
den. Voraussetzung ist allerdings die völlige Ver-
tagung des Ammoniaks, da sonst übelriechende
Erzeugnisse entstehen.: Gemische gleicher Teile
K. und Hafermehl kommen als Hafer-K, in den
Handel. Zur Herstellung von Schokolade ver
setzt man die fetthaltige, noch flüssige Kakao-
masse mit der gleichen bis anderthalbfachen
Menge Zucker und vermischt sie mit besonderen
Wajzen auf das sorgfältigste. Unter Umständen
werden auch größere Mengen Zucker, ferner
Kakaobutter und Gewürze (Vanille, Zimt, Nelken,
Muskat, Perubalsam) hinzugesetzt. Eine durch
Zusatz von sehr viel Fett leicht schmelzbare
Schokolade, die zum Überziehen von Zucker-
kernen (Pralinös) oder Zuckerplatten (Creme-
schokolade) dienen, nennt man Kuvertüre. Die
mit Hilfe von Milch oder Sahne zubereitete
Milch Schokolade aus der Schweiz wird jetzt
auch in Deutschland in großen Mengen her-
gestellt. Im Hinblick auf ihren hohen Preis
unterliegen alle Kakaowaren mannigfachen Ver-
fälschungen. In erster Linie sind Zusätze von
Mehl und Stärke, von Mineralstoffen (Eisenoxyd,
Ocker, Bolus), Teerfarbstoffen und Sandelholz
und den wertlosen gemahlenen Kakaoschalen zu
erwähnen. Außerdem wird bisweilen zu viel von
der Kakaobutter abgepreßt und durch billigere
Fette (Sesamöl, Talg, Kokosfett) ersetzt, und
schließlich kann durch Beimischung übermäßi-
ger Zuckermengen Verfälschung erfolgen. Nach
den Beschlüssen des Verbandes Deutscher Scho-
koladenfabrikanten, welche mit großem Nach-
druck für die Reinhaltung ihrer Industrie ein-
treten, dürfen fremde fette, Schalen und sog.
Fettsparer (Tragant, Gelatine, Dextrin) überhaupt
nicht benutzt werden. Der Zuckergehalt soll
70 o/o nicht übersteigen und ein etwaiger Mehl-
zusatz deutlich gekennzeichnet werden. Der
Kakaoverbrauch Deutschlands betrug im Jahre
1912 etwa 52000 t, von denen rund 7000 t aus

Portugiesisch-Westafrika und 1000 t aus Kame-
run eingeführt wurden. Der Rest stammte aus
Südamerika. 1913 betrug die Erzeugung der
deutschen Kolonien bereits 6564 t, Kamerun
5265 t, Samoa 890 t, Togo 335 t, Neu-Guinea
741 t) und bis 1930 wäre sie ohne den Krieg
auf 13—15000 t gestiegen. Dabei sind in Ka-
merun von loooooha geeigneten Bodens erst
13000 ha erschlossen und auch auf Samoa sind
Hunderte von Quadratkilometern anbaufähiger
Boden vorhanden,

Kakaobutter (lat. Oleum seu ßutyrum cacao,
frz. Beurre de cacao, engl, oil of Theobrome),
das Fett der Kakaosamen, in denen es bis zu
55°/o enthalten ist, wird durch Auspressen der
Kakaomasse gewonnen und bildet gelblichweiße,
ziemlich harte Stücke von feinem Kakaoaroma.
Es löst- sich in siedendem Alkohol, Äther und
Chloroform, aber zum Unterschiede von Kokos-
fett nicht in 90°/oigem Alkohol. Durch seinen
Schmelzpunkt von 30—350 und die Jodzahl 36
ist es hinreichend charakterisiert. K. wird in
letzter Zeit häufig verfälscht, besonders durch
Sesamöl, Talg und Kokosfett, die nach dem üb-
lichen Gange der Fettanalyse nachgewiesW wer-
den können. Ja, der gesteigerte Verbrauch an
K. zur Herstellung der überfetteten, leicht schmel-
zenden Schokoladen und die damit verbundene
Preissteigerung hat sogar zum Erscheinen völli-
ger Nachahmungen geführt, welche als Kakao-
line (Kokosfett) und Nukoinc (Palmkorn- und
Kokosfett) ganz offen angepriesen werden.
K. findet außer in der Schoköladenfabrikation
und der Medizin zur Herstellung kosmetischer
Zubereitungen (Salben, Pomaden, Seifen) Ver-
wendung.

Kakaopflaumen (Ikakopflaumen, Gold-
frücht c, Goldeicheln), die gelblich- oder röt-
lichweißen Früchte eines südamerikanischen
Strauches, Chrysobalanus Icaco, werden roh
gegessen, aber auch, in Zucker eingemacht, nach
Spanien, Portugal usw. versandt,

Kakaotee werden bisweilen die beim Brechen
der Kakaobohnen abfallenden, etwas kandier-
ten Samenschalen der Kakaobohne genannt. Sie
sollen zur Herstellung eines Aufgusses dienen,
stellen aber ein Genußmittel höchst zweifelhaften
Wertes dar und scheinen mehr und mehr aus
dem .Handel zu verschwinden. Zurzeit dürften
sie hauptsächlich zur Verfälschung von Kakao-
waren Verwendung finden, und es wäre daher
zu wünschen, daß die reellen Fabriken sie als
Feuerungsmaterial benutzten.

Kakaralliholz, ein schweres, hartes Holz, mit
festem, dichtem Kern von Lecythis ollaria
in Englisch-Guyana, ist ein vortreffliches Bau-
holz, namentlich zu Wasserbauten und zum
Schiffsbau, da es dem Meerwasser sehr gut
widersteht.

Kaktusholz, das Holz des gemeinen Kaktus,
Opuntia vulgaris, besteht aus zahlreichen
dünnen Lagen oder Blättern, deren Gefäßbündel
zu einem weitmaschigen Netze vereinigt sind.
Diese Blätter werden aus Algier nach Frankreich
eingeführt und dort unter dem Namen Bois de
den teile zu feinen Arbeiten, z. B. zum Auslegeu
von Kästchen, Visitenkartenhaltern u. dgl. ver-
arbeitet. Man kann das K. mit Chlorkalk blei-
        <pb n="195" />
        ﻿Kakur

189

Kali

eben, beliebig färben und, nachdem es in Wasser
gelegen, auch biegen.

Kakur (Kakaobohnen), die gelben Früchte
der in Südwestafrika wachsenden Kukurbitazee
Cucumis myriocarpus, ähneln einer großen
Stachelbeere; die zahlreichen eiförmigen, fast
weißen Samen werden von den Kaffem als Pur-
gier und Brechmittel benutzt.

Kalabarbohnen (Gottesurteilbohne, lat
Semen calabaris, frz. Feve dir Calabar, engl.
Ordeal bean), die Samen eines an der Kalabar-
küste in Westafrika heimischen, strauchartigen
Hülsengewächses Physostigma veneno-
sum, sind von nierenförmiger Gestalt, dunkel-
his. «chwarzbrauncr Farbe und mit einer harten
braunen Schale umgeben. Die etwa 4 g schwe-
ren, völlig gcruch- und geschmacklosen Bohnen
enthalten zwei stark giftige Alkaloide: Physo-
stigmin und Kalabrin und werden daher
in Afrika zu Ordalien (Gottesurteilen) benutzt.
Das rein dargestellte Physostigmin, wie das
alkoholische Extrakt der K. haben die Eigen-
schaft, die Pupille zu verengern, und finden daher
in der Augenheilkunde zur Aufhebung der Atro
Pinwirkung Anwendung, indem man mit Kalabar-
extrakt getränkte Scheibchen von Gelatine oder
Papier in das Auge einführt. Als fremde Bei-
niengungen sind bisweilen die Samen von Mu-
cuna cylindrosperma und M. urens, der sog.
wilden K., oder Kalmusse beobachtet wor-
den. Da die K. in Pulverform an Wirksamkeit
Verlieren sollen, werden sie nur in ganzem Zu-
stande aufbewahrt.

Kalain, Calin, Legierung von Blei, Zinn und
wenig Kupfer, welche die Chinesen in Form von
Dlattmetall zum Auslegcn der Teekisten benutzen.

Kala-Kurwali, ein dem Mahagoni ähnliches
°stindisches Holz von Hymenodiction ex-
’telsum, einer Rubiazee, eignet sich für die
feine Möbeltischlerei.

Kalfroom, ein aus Holland eingeführtes Prä-
Parat, das angeblich der Magermilch zugesetzt
Werden soll, um sie für die Kälberernährung
brauchbar zu machen, tatsächlich aber zur Milch-
Hlschung bestimmt zu sein scheint, stellt nach
"omer eine gelbe Flüssigkeit von dicklicher
Konsistenz dar und enthält neben 5,290/0 Wasser
?&gt;24 %, Mineralstoffe, 4,56% Kasein, 45,470/0
"aunuvollsamenöl und 31,940/0 Rohrzucker. K.
8&gt;bt beim Anrühren mit Wasser eine milchähn-
dche Emulsion.

Kali (Kali umoxyd). Das Wort Kali oder mit
}9rgesetztem arabischem Artikel Alkali ist ara-
ö'sch und bedeutet Pflanzenlaugensalz, denn
Schon die Araber des 8. Jahrhunderts wußten,
a.aß sich aus Pflanzenasche mit Wasser Salz aus-
dehen sowie durch gebrannten Kalk ätzend
Aachen läßt. Daß zweierlei solcher Salze, K.
Und Natron, vorhanden, wurde erst viel später
®rkannt. Jetzt versteht man unter K. nur die
"auerstoffverbindung des Kaliummetalls (s. Ka-
f'Urn). das Kaliumoxyd, K2G, eine weißgraue,
^este, spröde Masse, bezeichnet im Handel aber
deist die Verbindung des K. mit Wasser, das
■mlihydrat(Kaliumhydroxyd,Ätzkali, kau-"
^Dsches Kali, Kaliumoxydhydrat, lat. Ka

u‘d hydricum, Kalium causticum, Lapis causti-

Us’ Dz. Hydrate de potassiura, Potassc caustique,

nH'l. Potassium Hydroxide, Potassium hydrate),

mit dem gleichen Namen. Das Kaliumhydroxyd
wurde längere Zeit als Element betrachtet, bis
Davy 1807 nachwies, daß cs ein zusammen-
gesetzter Körper sei. In den Handel kommt
das Ätzkali in verschiedener Form entweder fest
als weißes Pulver (Kalium causticum siccum, Ka
Hum hydricum siccum), als weiße, harte Stücke
(Kalium causticum fusum in frustulis) und als
runde Stengelchen (Kalium hydricum seu causti-
cum in baculis) oder in Lösung als Kalilauge,
Ätzkalilauge (lat. Liquor kali caustici, frz.
Solution d’hydrate potasse, Solution de potasse
caustique', engl. Solution of potash). Letztere
wurde früher durch Auslaugen von Holzasche
mit Wasser und Zusatz von gebranntem Kalk er-
halten. Jetzt stellt man sie durch Kochen von
wäßriger Pottaschelösung mit gelöschtem Kalk
in einem blanken eisernen Kessel dar. Die Um-
setzung in Ätzkali und kohlensauren Kalk gilt als
beendet, wenn eine filtrierte Probe der Flüssig-
keit beim Eintropfen in Salzsäure kein Auf-
brausen mehr bewirkt. Die Lauge wird nach dem
Absitzen des Kalkes klar abgezogen und in einem
blanken eisernen oder silbernen Kessel bis zur
gewünschten Konzentration eingedampft. Die
Kalilauge des D.A.B. (Liquor kali caustici purus)
hat das spez. Gew. 1,140 und enthält 15%
Ätzkali. Die Kalilauge des Handels (Liquor
kali caustici venalis) ist unreiner, aber gewöhn
lieh hochprozentiger. Der Gehalt wird mittels
des Aräometers nach Graden Beaumü bestimmt
Dip Kalilauge ist eine äußerst scharfe, sich
schlüpfrig anfühlende, farblose oder gelbliche
Flüssigkeit, die stark alkalisch reagiert und die
Haut bei längerer Einwirkung zerstört. Das
Kalium causticum siccum erhält man durch
Eindampfen der Kalilauge unter Umrühren, bis
ein herausgenommener Tropfen auf kaltem Por-
zellan erstarrt, und darauf folgendes Weiterrühren
der vom Feuer genommenen Lauge bis.zum Er-
starren. Man gewinnt hierbei ein grobes Pulver,
das etwa 20% Wasser enthält. Das Kalium
causticum fusum wird erhalten, wenn man das
Eindampfen der Kalilauge so weit fortsetzt,
bis der Inhalt des Kessels ölartig ruhig schmilzt.
Alsdann wird die wasserfreie, heiße Masse ent-
weder in eiserne, innen versilberte Formen ge-
gossen und so das Kalium causticum in baculis
bzw. der Lapis causticus chirurgorum (Ätzstift)
gewonnen, oder man gießt dieselbe auf Metall-
bleche aus und bricht sie nach dem Erkalten in
Stücke (Kalium causticum fusum in frustulis).
Das auf die eine oder andere Weise erhaltene
feste Ätzkali bringt man sofort nach dem Er-
starren in trockene, warme Gefäße und ver-
schließt sie sorgfältig, da es an der Luft begierig
Wasser und Kohlensäure anzieht und allmählich
zerfließt. Eine besonders reine Sorte für analy-
tische Zwecke erhält man durch Behandeln des
geschmolzenen Ätzkalis mit starkem Alkohol, wo-
bei die Verunreinigungen -— Kaliumsilikat, Pott
asche, Chlorkalium, Eisenhydroxyd — in die
untere wäßrige Schicht gehen. Die alkoholische
Lösung wird abgezogen, der Alkohol abdestilliert
und der Rückstand in einer Silberschale zum
ruhigen Schmelzen erhitzt. Ein noch reineres
Atzkali, das Kalium causticum purissimum,
wird aus Ätzbaryt und schwefelsaurem Kalium
gewonnen, Ätzkali und Kalilauge finden mannig

.
        <pb n="196" />
        ﻿Kalifig

190

Kaliumchlorid

fache Verwendung, letztere hauptsächlich in der
Technik zur Darstellung der Schmierseifen, der
Oxalsäure, zum Büken leinener und baumwolle-
ner Gespinste usw., ersteres als Ätzmittel und in
der analytischen Chemie.

Kalifig, ein Abführmittel amerikanischen Ur-
sprungs aus drei Teilen kalifornischem Fei-
gensirup und einem Teil Sennesextrakt.

Kalikos (frz. Calkot, engl. Calico), nach fran-
zösischem Sprachgebrauch auch Indiennes ge-
nannt, sind bunt gedruckte Kattune feinerer Art.
Beide Namen erinnern an Indien (Kalkutta),
das Stammland dieser Waren, von wo sie früher
als hochgeschätzte Luxuswaren nach Europa
kamen, während sie jetzt einen Hauptartikel der
europäischen Baumwollenfabrikation bilden und
in ungeheuren Massen sowohl nach Indien selbst,
als auch nach anderen Ländern ausgeführt wer-
den (s. Kattun). Eine besonders feste Sorte von
gefärbtem K. wird zu Büchereinbänden benutzt.

Kalinüsse (wilde Kalabarbohnen), die Sa-
men der im tropischen Amerika heimischen Pa-
püionazee Mucuna urens, kommen seit 1879
bisweilen auf den europäischen Markt. Sie sind
den Kalabarbohnen sehr ähnliche und giftige
rotbraune Bohnen, runzelig, annähernd scheiben-
förmig und auf der Kante von einer 5 mm brei-
ten, um Y4, des Umfanges reichenden Narbe
umgeben.

Kalium (frz. und engl. Potassium), das me-
tallische Element des Ätzkalis, findet sich in
der Natur nicht in freiem Zustande, bildet aber
in Form des Silikates einen regelmäßigen Be-
standteil weit verbreiteter Mineralien (Feldspat,
Glimmer). Außerdem gehen Kaliumverbindungen
als Verwitterungsprodukte der Gesteine in den
Ackerboden und das Meerwasser über, und ins-
besondere sind die reichen Kalilager von Staß-
furt und Kalusz als Reste eingedunsteter Meere
aufzufassen. Das metallische K. wird durch
Glühen von kohlensaurem K. mit Kohle erhalten,
wobei der Kohlenstoff dem Salze den Sauerstoff
entzieht und (das Metall in Dampfform übergeht.
Man leitet dieDämpfe in eine gekühlte Vorlage und
fängt das verdichtete Metall in Steinöl auf. Neuer-
dings stellt man das Metall hauptsächlich aus dem
Hydroxyde durch Reduktion mit metallischem
Magnesium oder mit Hilfe der Elektrolyse dar. Das
K. ist bei Zimmertemperatur so weich, daß es sich
mit dem Messer schneiden läßt. Das spez. Gew. be-
trägt 0,870, das Atomgewicht 39,450. Es schmilzt
bei 62° ,und geht bei 670° in einen grünlichen
Dampf über. Frisch angeschnitten, besitzt das
Metall einen bläulichweißen Glanz, den es aber
an der Luft durch die sofort beginnende Oxyda-
tion bald verliert, indem sich die Oberfläche
mit einer Schicht von Kaliumoxyd und -hydroxyd
überzieht. Sobald ein Stückchen K. auf Wasser
geworfen wird, tritt eine äußerst heftige Reak-
tion ein. Das Metall entzieht dem Wasser seinen
Sauerstoff und verwandelt sich in das Hydroxyd,
während der Wasserstoff in Freiheit gesetzt
wird. Infolge der dabei freiwerdenden Hitze
schmilzt das K. zu einer heißen Kugel, welche
auf der Wasserfläche hin und her rennt, und der
Wasserstoff entzündet jäich unter Explosions-
erscheinungen mit violetter Flamme. — Das K.
findet nur in chemischen Laboratorien be-
schränkte Anwendung, .wird aber meist durch

das billigere Natrium ersetzt. Seine wichtigsten
Salze und Verbindungen sind in besonderen Auf-
sätzen besprochen.

Kaliumazetat (essigsaures Kalium, lat.
Kali aceticum, Kalium aceticum, frz. Acötate de
potasse, engl. Potassium acetate) wird durch Auf-
lösen von Kaliumkarbonat 'in einem geringen
Überschuß von Essigsäure und Eindampfen zur
Trockne dargestellt und entsteht auch als Neben-
produkt der Bleiweißfabrikation. Es bildet
weiße blättrige Kristallmassen, die an feuchter
Luft leicht zerfließen und daher in gut ver-
schlossenen Flaschen pufbewahrf werden müssen.
K. ist ein schon seit alter Zeit unter dem Namen
Terra foliata tartari bekanntes Arzneimittel
und wird auch jetzt noch als Diuretikum ver-
ordnet.

Kaliumbromid (Bromkalium, lat. Kalium
bromatum, frz. Bromure de potasse, engl. Po-
tassium bromide), KBr, wird in gleicher Weise
wie Jodkalium dargestellt und bildet weiße, luft-
beständige Würfel, die sich in zwei Teilen Wasser,
aber erst in 200 Teilen Alkohol lösen. K. findet
in der Medizin und Photographie ausgedehnte
Anwendung.

Kaliumchlorat (chlorsaures Kalium, lat.
Kalium chloricum, Kali oxymuriaticum, frz. Chlo-
rate de potasse, engl, Chlorate of potassium),
KCIO3, wird durch Einleiten von Chlor in eine
erwärmte Mischung von Kalkmilch und Kalium-
chlorid, neuerdings auch durch Elektrolyse von
Chlorkalium, dargestellt. In reinem Zustande er-
scheint es als ein aus farblosen, glänzenden
Kristallblättchen bestehendes Salz, das in Wasser
löslich ist, beim Erhitzen schmilzt und unter
Sauerstoffabgabe in Chlorkalium übergeht. Mit
leicht entzündlichen Körpern gemengt, verpufft
K. beim Erhitzen oder durch Schlag und muß
daher sehr vorsichtig behandelt und gesondert
auf bewahrt werden. Für den Transport bestehen
besondere Vorschriften, u. a., daß es in dichten,,
mit Papier ausgeklebten Behältern verpackt und
mit dem Vermerk feuergefährlich versehen wird.
Das K. wird in der Feuerwerkerei, ferner zur
Fabrikation phosphorfreier Zündhölzer, zur Dar-
stellung von Sauerstoff, in. der Färberei zur Er-
zeugung von Anilinschwarz auf Garnen und
Geweben benutzt .und dient in der Medizin als
antiseptisches Mund- und Gurgelwasser.

Kaliumchlorid (Chlorkalium, lat. Kalium
chloratum, Kali xnuriaticum, frz. Chloride de
potasse, engl. Chloride of potassium), KCl,
findet sich in der Natur in reinem Zustande als
Sylvin, mit Magnesiumchlorid und Wasser ver-
bunden äls Karnallit in den Staßfurter Ab-
raumsalzen und in geringeren Mengen im Meer-
wasser. Das Hauptmaterial für seine Darstellung
bieten die Abraumsalze, aus denen es durch Be-
handlung mit heißem Wasser abgeschieden wird.
K. erscheint in kleinen, würfelförmigen, farblosen
Kristallen, die etwas schärfer als Kochsalz schmek-
ken, sich in Wasser leicht lösen und beim Erwär-
men verknistern. Vom Natriumchlorid kann man
es leicht dadurch unterscheiden, daß es die Flamme
nicht gelb, sondern violett färbt, ferner mit saurem
weinsauren Natrium einen weißen und mit Platin-
chlorid einen gelben kristallinischen Niederschlag
liefert. K. wird in der Medizin bisweilen als
Fiebermittel verordnet, in ungeheuren Mengen
        <pb n="197" />
        ﻿Kaliumchromate

191

Kaliumphosphat

aber von der chemischen Großindustrie zur Her-
stellung von Pottasche, Kalisalpeter, Alaun und
anderen Kaliumverbindungen sowie als Dünge-
mittel benutzt. Die deutschen Lager versorgen
die ganze Erde mit Kalisalzen, und man hat, um
einer Erschöpfung der Vorräte vorzubeugen, be-
reits mehrfach ein Ausfuhrverbot in Vorschlag
gebracht.

Kaliumchromate. Man unterscheidet zwei, als
gelbes und rotes bezeichnete, K„ welche beide
technische Anwendung finden, t. Gelbes Ka-
liumchromat (gelbes chromsaures Kali,
Kaliummonochromat, lat. Kalium chromicum
ilavum, frz. Chromate de potasse neutre, engl.
Chromate of potassium yellow), KoCrO^, wird
aus dem roten Salz dargestellt, indem man Lö-
sungen des letzteren solange mit Pottasche ver-
setzt, als noch Aufbrausen stattfindet, und dann
eindampft. K. bildet zitronengelbe, giftige Kri-
stalle, die leichter in Wasser löslich sind als das
tote Salz, und findet in der chemischen Analyse,
'U der Färberei und Tintenfabrikation (Chrom-
hlauholztinte) Verwendung, wird aber für tech-
nische Zwecke meist durch die billigere und
tthromsäurereichere Natriumverbindung ersetzt.

2-	Rotes chromsaures Kali (Kaliumdichro-
mat, lat. Kalium chromicum rubrum, Kalium bi-
chromicum, frz. Bichromate de potasse, engl,
hichromate of potassium), K2Cr207, wird durch
Schmelzen von gemahlenem Chromeisenstein mit
Pottasche und Salpeter, oder mit Kalk und Pott
Usche dargestellt. Die beim Auslaugen der
Schmelze mit Wasser erhaltene Lösung liefert
Jtach dem Eindampfen mit berechneter Menge
Schwefelsäure das rote Salz. Es erscheint in
formschöner Kristalle, die mit Wasser eine rote,
Metallisch schmeckende, sehr giftige Lösung
Sehen. K. wird in der Färberei und Photolitho-
^taphie, ferner als Oxydationsmittel in der Teer-
‘arbenindustrie (Alizarin), in der Tintenfabrika-
tl°n, der Chromgerberei und zu zahlreichen an-
deren Zwecken verwandt.

Kaliumjodid (Jodkalium, lat. Kalium joda-
hnn, frz. Jodure de potasse, engl. Potassium
)0dide), KJ, das am häufigsten gebrauchte Jod-
Mäparat, findet sich bereits fertig gebildet in der
'‘■sehe der Meerespflahzen, wird aber fabrik-
mäßig aus Jod hergestellt. Zu diesem Zwecke
°St man entweder Jod in heißer Kalilauge oder
fhan zersetzt Eisenjodürjodid mit Kaliumkarbonat
J? der Wärme. Außerdem wird auch das aus
'1er Mutterlauge des Chilesalpeters abgeschie-
hene Kupfferjodür zur Darstellung von Jodkalium
Verwandt. Das K. kristallisiert in durchschei-
henden oder porzcllanartig weißen Würfeln von
■ a*rig bitterem Geschmack, löst sich reichlich
,n Wasser, weniger in Alkohol und wird an der
huft leicht feucht und durch Jodabscheidung
jfeiblich. Da es sich auch am Lichte zersetzt,
es vor Luft und Licht geschützt aufbewahrt
, erden. Auf der Eigenschaft, reichliche Mengen
L** zu lösen, beruht die Verwendung in der
^rnischen Analyse. Außerdem wird es in der

odizin gegen Skrofulöse und Syphilis, Kropf-
Drüsenleiden, ferner in der Photographie

o zur Darstellung anderer Jodpräparate be-
“utzt,

^aliumnitrat (Salpetrigsaures Kalium, lat.



tn nitrosum, frz. Nitrite de potasse, engl.

Potassium nitrous), KN02, entsteht beim Glühen
von Kalisalpeter mit metallischem Kupfer oder
beim Erhitzen mit ameisensaurem Kalium in
Form färb- und geruchloser, an feuchter Luft
zerfließlicher Kristalle, die mit Weinsäure in der
Kälte braunrote Dämpfe von Stickdioxyd ent-
wickeln. Es kommt auch geschmolzen, in dünne
Stangen gegossen, in den Handel und findet zur
Darstellung von Teerfarben'sowie in der che-
mischen Analyse Verwendung.

Kaliumperchlorat (überchlorsaures K., lat.
Kalium perchloricum, frz. Perchlorate de potasse,
engl.Potassiumperchlorate),.KCIO4,entsteht durch
Erhitzen von Kaliumchlorat, bis die zuerst dünn-
flüssige Schmelze wieder zähe und fest geworden
ist. Zur Trennung des Gemisches von Kalium-
perchlorat und Kaliumchlorid löst man in heißem
Wasser, worauf das Perchlorat beim Erkalten
in Form farbloser Prismen auskristallisiert. K.
löst sich leicht in heißem, schwer in kaltem
Wasser, gar nicht in Alkohol und zerfällt beim
Erhitzen auf 4000 in Chlorkalium und Sauerstoff.
Es findet in der Medizin gegen Malaria und
perniziöses Fieber, in der Technik als Spreng-
mittel, zu photographischen Zwecken und zur
Herstellung von Feuerwerkskörpern Verwendung.

Kaliumperkarbonat (lat. Kalium percarboni-
cum, frz. Percarbonate de potasse, engl. Po-
tassium percarbonate), K2C2Os, wird durch
Elektrolyse gesättigter wäßriger Kaliumkarbo-
natlösungen bei — to° erhalten, als ein in
wasserfreiem Zustande farbloses,, in wasserhal-
tigem Zustande blaues Salz, das beim Erwärmen
unter Abspaltung von Sauerstoff zerfällt und mit
verdünnten Säuren Wasserstoffsuperoxyd liefert.
K. dient zur Darstellung von Sauerstoff, ferner
als Ersatz des Wasserstoffsuperoxyds zum Blei-
chen und zu photographischen Zwecken.

Kaliumpermanganat (übermangansaures
Kalium, lat. Kalium permanganicum, frz. Per-
manganate de potasse, engl. Potasse perman-
ganas). Beim Schmelzen von Mangansuperoxyd
(s. Braunstein) Oder anderen Manganverbindun-
gen mit Ätzkali und salpetersaurem oder chlor-
saurem Kalium entsteht eine grüne Masse, die
aus Kaliummanganat (Mangansaures Kali),
K2Mn04, besteht Und als Desinfektionsmittel
beschränkte Anwendung findet. Leitet man in
die heiße wäßrige Lösung des letzteren Kohlen-
säure oder Chlor, oder unterwirft sie der Elek-
trolyse, so schlägt die Farbe von grün nach
purpurrot um (daher der Name Chamäleon-
lösung), und es entsteht das Permanganat,
KMn04, das nach der Filtration durch Schieß-
baumwolle oder Asbest eingedampft und um-
kristallisiert wird. Die schwarzroten, metallisch
glänzenden Kristalle lösen sich in Wasser mit
prächtig dunkelroter Farbe, Durch konzentrierte
Schwefelsäure und Salpetersäure werden sie unter
Abgabe von Sauerstoff, durch konzentrierte Salz-
säure unter Chlorentwicklung zersetzt. Wegen
seines starken Oxydationsvermögens findet das
Salz als Desinfektionsmittel in der Medizin An-
wendung. Außerdem dient es als Bleichmittel
in der chemischen Wäscherei, als1 Holzbeize,
zur Darstellung von Sauerstoff und als wichtiges
Reagens in der chemischen Analyse,

Kaliumphosphat (Phosphorsaures Kalium,
lat. Kalium phosphoricum, frz. Phosphate de po-
        <pb n="198" />
        ﻿Kaliumrhodanid

192

Kalk

tasse, engl. Potassium phosphate). Von den drei,
denKalziumphosphaten(s.d.) entsprechenden Phos-
phaten des Kaliums entsteht das Trikalium-
phosphat, K3P04, durch Erhitzen von Phos-
phorsäure mit überschüssigem Kaliumkarbonat
bis zum Glühen in Form wasserlöslicher Kri-
stalle, das Dikaliumphosphat, K3HP04, durch
Sättigung von Phosphorsäure mit Kaliumkarbonat
und das Monokaliumphosphat, KH3P04,durch
genaue Neutralisation von Kaliumkarbonat mit
Phosphorsäure bis zur schwach sauren Reaktion.
Nur das letztere Salz, ein weißes Kristallpulver,
hat eine gewisse technische Bedeutung. Es wird
medizinisch und als Blumendünger verwandt.

Kaliumrhodanid (Rhodankalium, Kalium-
sulfozyanid. lat. Kalium rhodanatum, frz. Rho
danate de potasse, engl.Potassium sulphocyanide),
KSCN, entsteht beim Schmelzen von gelben!
Blutlaugensalz mit Pottasche und Schwefel und
dient in der Analyse als wichtiges Reagens auf
Eisenoxydsalze, mit denen es eine blutrote Fär-
bung liefert sowie als Zusatz zu photographi-
schen Bädern.

Kaliumsulfat (schwefelsaures Kalium, lat.
Kalium sulfuncum, Arcanum duplicatum, Tar-
tarus vitriolatus, frz. Sulfate de potasse, engl. Sul-
phate of potash), K2S04, erhält man zuweilen als
Nebenprodukt aus den Mutterlaugen der Pott-
aschefabrikation, sowie bei der Verarbeitung von
Kelp und Varek auf Jod. Die' größten Mengen
wurden jedoch aus dem Kainit und Polyhalit
der Staßfurter Abraumsalze gewonnen, indem
man zunächst das Magnesiumchlorid durch Lösen
in Wasser entfernte und das hinterbleibende
Kaliummagnesiumsulfat mit Chlorkalium behan-
delte. Neuerdings ist diese Herstellungsart in
Staßfurt aufgegeben worden, während sie in
Kalusz weiter betrieben wird. In Deutschland
bedient man sich jetzt mehr des Schoenits, den
man mit Kaliumchlorid und Eisenoxyd schmilzt
und aus der Schmelze das K. mit Wasser aus
laugt. K. erscheint im reinen Zustande in farb-
losen, harten Kristallen von bitterlich salzigem
Geschmack, die sich in io Teilen kaltem und
4 Teilen heißem Wasser lösen, in Alkohol aber
■unlöslich sind. Es findet in der Medizin bis-
weilen Anwendung als Abführmittel, Die Tech-
nik verwendet das Salz in großen Mengen zur
Fabrikation von Alaun, Glas und Pottasche, die
Landwirtschaft als Düngemittel.

Kaliumzyanid (Zyankalium, Zyankali,
Blausaures Kali, lat. Kalium cyanatum, frz.
Cyamire de potasse, engl. Cyanide of potassium),
das Kaliumsalz der Zyanwasserstoffsäure, KCN,
(s. Blausäure), wird in großem Maßstabe durch
Schmelzen von gelbem Blutlaugensalz (s. d.) mit
Pottasche dargestellt. Nach neuerem Verfahren
erhält man es auch durch Überleiten von Ammo-
niak über ein glühendes Gemisch von Pottasche
und Kohle. Das K. wird in Platten gegossen und
erscheint dann als eine harte, weiße, porzellan
artige Masse, die bereits durch die Kohlensäure
und Feuchtigkeit der Luft unter Auftreten von
Blausäuregeruch zerlegt wird und daher unter
gutem Verschluß aufbewahrt werden muß. Trotz
seiner außerordentlichen Giftigkeit findet das
K. ausgedehnte Anwendung, weil es das unent-
behrliche Lösungsmittel für alle metallverarbei-
tenden Industrien darstellt. Es dient zur Her-

stellung der Bäder für galvanische Vergoldung.
Versilberung, Verkupferung usw., wird ferner zum
Löten, zum Härten von Stahl, in der Phologra
phie, zur Entfernung von Silberflecken und vor
allem in Südafrika in ungeheuren Mengen zur
Extraktion des Goldes aus den Mineralien ver-
braucht.

Kalk (lat. Calcaria, frz, Chaux, engl. Lime)-
Unter dem Namen Kalk versteht man in der
Chemie die Sauerstoffverbindung des Kalziuni-
metalls, das Kalziumoxyd, wie es, allerdings
gewöhnlich in unreiner Form, als gebrannter
K. in den Handel gebracht wird. Im gewöhn
liehen Leben bezeichnet man aber als K. auch
den ungebrannten K., das Kalziumkarbo-
nat, welches sich in der Natur in reinster Form
als Kalkspat und weißer Marmor, mehr oder
weniger verunreinigt als Kreide, Kalkstein, Kalk
tuff und Kalksinter, vorfindet. — Die festeren
dieser Gesteine werden als Bausteine benutzt,
während der aus Mineralwässern abgeschiedene
Kalktuff, Tuff- oder Grotten stein, c;ne
eigentümliche poröse Masse von röhrig blasiger
Struktur und blumenkohiartiger Oberfläche, zur
Ausschmückung von Grotten, Aquarien, zu Beet-
einfassungen und künstlichen Felspartien An-
wendung findet und zu diesem Zwecke meist
aus Thüringen (Gegend von Weimar) bezogen
wird. — Der gewöhnliche Kalkstein dient in
seinen verschiedenen Vorkommnissen (Urkalk
stein, Muschel-, Jura-, Pläner- und Süßwasser-
kalk) zur Herstellung des gebrannten oder
Ätzkalks (Kalziumoxyd, Calcaria usta), CaO, in-
dem man ihn glüht und dadurch die Kohlensäure
austreibt. Das Brennen der Kalksteine erfolgt
in gemauerten Öfen, und zwar nach alter Art mit
unterbrochenem Betriebe in der Weise, daß man
den Ofen mit Steinen und Brennmaterial voll-
schichtet, nach dem Abbrennen und Erkalten
leert und von neuem beschickt. Neuere vor
besserte Öfen mit seitlicher Feuerung gestatten
einen kontinuierlichen Betrieb, indem man uriten
den gebrannten K. herauszieht und oben bestän-
dig neue Steine nachstürzt. Wichtig ist die
Innehaltung der richtigen Temperatur. Bei zu
großer Hitze findet, besonders wenn durch Ton.
Kieselsäure oder Alkalien verunreinigter Kalk-
stein benutzt wird, eine teilweise Schmelzung und
Verglasung statt, und man erhält sog. tot
gebrannten K., der heim Löschen unlösliche
Stücke hinterläßt. Bei zu niedrigen Tempera
turen entsteht ungarer K., der noch Kohlen
säure enthält. Der gebrannte Kalk wird für
weitere Versendung in Fässer geschlagen, für
die Bahnbeförderung auch vielfach in besondere,
mit Deckel verschlossene Loris (Kalktransport-
wagen) verpackt. Er hält sich an der Luft nicht
lange unverändert, da er Wasser und Kohlen
säure anzieht und dabei allmählich ohne merk
liehe Erwärmung in den Zustand eines mürben,
trockenen Pulvers übergeht. Dieser mild gewor
dene, sog. zerfallene K. ist für gewisse Zwecke,
namentlich als Düngemittel, sehr gut brauchbar,
eignet sich aber nicht zur Herstellung eines gl,t
bindenden Mörtels. Der gebrannte Kalk findet
vielfache Verwendung in der Soda-, Glas- und
Zementfabrikation, als Zuschlag beim Aus-
schmelzen der Eisenerze, als Äustrocknungsmittel
und zur Herstellung feuerfester Tiegel. — Ein
        <pb n="199" />
        ﻿Kalkblau

193

Kalvillen

besonders reiner, zarter und sandfreier K,, der
vor allem keine Tonerde und Magnesia enthalten
darf, bildet unter dem Namen Wiener K. ein
vortreffliches Schleif- und Poliermittel für Me-
talle. Er wird in verlöteten Büchsen versandt
und muß stets gut verschlossen aufbewahrt wer-
den, da er an der Luft seine Brauchbarkeit ein-
büßt. Man entnimmt den Büchsen daher immer
nur so viel, als sofort verbraucht werden soll,
und verreibt die Stückchen rasch mit öl für
Messing oder mit Spiritus für Stahl und Eisen.
— Beim Übergießen mit Wasser absorbiert der
K. das letztere, bläht sich auf und geht unter
bedeutender Wärmeentwicklung in gelöschten
K.(Kalkhydrat, Kalziumhydroxyd),Ca(OH)2,
über. Bei Verwendung von nicht mehr Wasser,
als chemisch gebunden werden kann, entsteht e.n
lockeres Pulver. Für die Zwecke der Praxis
setzt man aber so viel Wasser hinzu, daß eine
mäßig dicke Flüssigkeit (Kalkbrei, Kalk-
milch) entsteht, die man in eine Grube ein-
fließen läßt. Hier gesteht die Masse, wird
speckig und nimmt allmählich an Güte zu, indem
sich kleine Teilchen nachträglich noch löschen
und aufschließen. Je reiner ein K. ist, desto
mehr Wasser vermag er aufzunehmen, so daß
nach dem Löschen eine 2V2—3 fache Menge er-
halten werden kann. Derartiger K. wird als
„fetter K.“ bezeichnet, während ein mit frem-
den Stoffen verunreinigter K., der sich träge
löscht upd geringe Schwellung annimmt, „ma-
ger“ heißt. Nur der fette K. kann im Gemenge
mit Sand als Luftmörtel benutzt werden, wäh
rend der magere Kalk unter Umständen, d. h.
wenn er mindestens 8—ro°/o Ton enthält, zur
Herstellung von Wassermörtel (s. Zement) ge-
eignet sein kann. Außer zu baulichen Zwecken
dient der gelöschte Kalk zum Reinigen des
Leuchtgases und zum Raffinieren des Zuckers,
zur Darstellung des Chlorkalks und des chlor-
sauren Kalis, in der Seifen- und Stearinfabrika-
tion, in der Gerberei als Enthaarungsmittel, zum
Neutralisieren schwefelsäurehaltiger Flüssigkeiten
und zur Herstellung von Wein-, Zitronen- und
Essigsäure. — Der Ätjikalk löst sich in der 700-
fachen Menge Wasser zu einer klaren Lösung,
dem Kalkwassser (lat. Aqua calcariae, frz. Eau
de chaux, engl. Lime water) des Arzneibuches,
welches deutlich nach Kalk schmeckt, sich an der
Luft mit einem feinen Häutchen von kohlensau-
rem Kalk überzieht und medizinische Anwendung
findet.

Kalkblau (Neuwiederblau), eine in vier-
eckigen Stücken oder Täfelchen verkaufte Tün-
cherfarbe, besteht wie das Bremerblau aus
Kupferoxydhydrat, enthält daneben aber noch
Gips und wird durch Zusatz von Kalkmilch zu
Kupfervitriollösung und etwas Salmiak hergestellt.

Kalkierleinwand(Calquierleinwand, Paus-
leinwand) nennt man ein feines Baumwo'Uen-
gewebe, das auf einer Seite gleichmäßig mit
Stärkekleister überzogen und dann auf dem Ka-
lander getrocknet und geglättet ist. K. dient zum
Eurchzeichnen von Baurissen, Plänen und Ma-
' schineazeichnungen.

Kalkierpapier (Calquierpapier, Kopier-
papier, Pauspapier), ein dünnes, sehr durch-
scheinendes, ziemlich weiches, ab r doch haltbares
^apier aus rein gehecheltem Flachs, das gewöhn-

Horcks Warealexikon.

lieh noch mit Paraffin, Wachs u. dgl. getränkt
ist, wird zu demselben Zweck wie die Kalkier-
leinwand benutzt.

Kalmin. Unter diesem Namen sind verschie-
dene Mittel gegen Asthma und Keuchhusten im
Handel, von denen dasjenige der chemischen
Fabrik Ladenburg aus Antipyrin und Heroin
bestehen soll, während ein im Dresdner Unter-
suchungsämt analysiertes Präparat sich als ge-
wöhnliches Pyridin erwies.

Kalmuswurzel (lat. Rhizoma calami, frz. Rhi
zome d’aeore vrai, engl. Sweet flag root), der
Wurzelstock von Acorus calamus, einer aus-
dauernden, zu den Arazeen gehörenden Pflanze,
die in Teichen, Wassergräben, an See- und Fluß-
rändern häufig verkommt und im Herbste ge
sammelt wird. Die reichsten Erträge erhält
man in trockenen Jahrgängen, auch enthalten
die Wurzeln solcher Pflanzen, die zeitweise trok
ken stehen, mehr Aroma als die fortwährend im
Wasser wachsenden. Der aromatische Geruch
und Geschmack, der nach dem Trocknen noch
stärker hervortritt, beruht auf der Anwesenheit
eines ätherischen Öles (1,5—3,5 tyo) und eines
scharf und bitter schmeckenden Harzes. Außer-
dem findet sich in der Wurzel noch Cholin und
ein eigentümlicher stickstofffreier Stoff: Ako
rin, welcher durch verdünnte Säuren in eine
Harzsäure und ätherisches Öl gespalten wird.
K. kommt in etwa 30 cm langen, platt gedrückten
Stücken, auf deren Ober- und Unterseite die
Blattansätze zu erkennen sind, in den Handel.
Die Farbe ist außen gelbbraun, im Querschnitt
rötlich- bis weißlichgelb. Die Stücke sind ent-
weder geschält oder ungeschält. Die geschälte
Wurzel (lat. Rhizoma calami mundata), die offi-
zinelle des deutschen Arzneibuches, bildet
weiße, der Länge nach gespaltene Stücke, wäh-
rend die ungeschälte K. (lat. Rhizoma calami
cruda) gespalten und ungespalten in Men Han-
del kommt. K. dient medizinisch als magen-
stärkendes Mittel, zu Zahnpulvern und Mund-
wässern, die rohe K. zur Bereitung von Bädern
und in der Tierarznei. Der bei der Schälung
erhaltene Abfall kann noch zum Abdestillieren
des Öles benutzt werden. — Das Kalmusöl (lat.
Oleum calami, frz. Essence d’aeore, engl. Oil of
sweet flag) ist gelb bis braungelb, das spez. Gew.
0,959-—0,970. Man benutzt es in der Likörfabri-
kation. — Der kandierte, d. h. überzuckerte
K., geschält und dann mit Zuckerlösung gekocht,
ist als magenstärkendes Mittel bei manchen be-
liebt, ebenso der würzhafte Kalmuslikör.

Kalomelol nennt die Firma v. Heyden ein
kolloidales Quecksilberpräparat, das 75—80%
Quecksilberchlorür neben Eiweiß enthält und
durch Dialyse einer wäßrigen Lösung von Mer
kuronitrat, Kochsalz und Eiweiß und nach-
herige Fällung mit Alkohol dargestellt wird.
Das weißgraue, geruch- und geschmacklose Pul-
ver gibt mit Wasser, Alkohol und Äther sowie
mit Blutserum, Salz- und Eiweißlösungen milch-
ähnliche, kolloidale Lösungen und dient als Er-
satz des Kalomeis bei Geschlechtskrankheiten.

Kalvillen, gewisse Apfelsorten, die durch stark
hervortretetide Rippen charakterisiert sind und
eine meist sich etwas fettig anfühlende Schale
und lockeres aromatisches Fleisch besitzen. Man
unterscheidet rote, gestreifte rote und ge-

13
        <pb n="200" />
        ﻿Kalzine

194

Kalziumplumbat

streifte gelbe Herbstkalvillen und Gra-
vensteiner K.

Kalzine (Calcine). Unter diesem Namen ver-
kauft man eine gelbbraune, pulverige Masse,
die durch Oxydation eines Gemisches von Blei
und Zinn beim Schmelzen an der Luft hergestellt
wird und demnach aus Bleioxyd und Zinnoxyd
besteht. Man verwendet sie in Verbindung mit
eisenfreiem Formsand und Kochsalz zur Herstel-
lung des weißen Emails auf Ofenkacheln.

Kalziumazetat (essigsaures Kalzium,
essigsaurer Kalk, lat. Calcaria acetica, Cal-
cium aceticum, frz. Acötate de chaux, engl. Cal-
cium acetate) wird in großen Mengen fabrik-
mäßig hergestellt durch Sättigen des rohen Holz-
essigs mit kohlensaurem Kalk oder Ätzkalk und
weitere Reinigung des beim Eindampfen hinter-
bleibenden Rückstandes (Holzkalk) durch Er-
hitzen und Umkristallisieren. K. bildet das
Ausgangsmaterial zur Darstellung der Essigsäure
sowie ihrer Ester und Salze.

Kalziumbisulflt (doppelt oder sau rer schwef-
ligsaurer Kalk, lat. Calcium bisulfurosum, frz.
Bisulfite de chaux, engl. Bisulfite of lime),
Ca(HSOs)2, entsteht beim Einleiten von schwef-
liger Säure in Kalkmilch und findet als Bleich-
mittel in der Zelluloseherstellung und Photo-
graphie sowie als Antiseptikum in der Gärungs-
industrie Anwendung.

Kalziumchlorid (Chlorkalzium, lat. Calcium
chloratum, frz. Chloride de chaux, Chlorure de
calcium, engl. Chloride of calcium), CaCl2, kommt
natürlich vor als Bestandteil vieler Mineral-
quellen, des Meerwassers und der Abraumsalze,
wird als wenig wertvolles Nebenprodukt zahl-
reicher Industrien, so der Ammoniaksodaherstel-
lung, erhalten und in reinem Zustande durch
Auflösen von Kalziumkarbonat in Salzsäure dar-
gestellt. Beim Eindampfen der Lösung kristalli
siert das K. mit sechs Molekülen Wasser aus.
Die großen Kristalle geben beim Erhitzen auf
höhere Temperatur ihr Wasser ab, bis eine bei
8oo° schmelzende Masse hinterbleibt, die zu
porösen Stücken erstarrt. Das kristallisierte K.
löst sich in Wasser unter erheblichem Wärme-
verbrauch und wird daher zur Erzeugung von
Kältemischungen benutzt. Das geschmolzene Salz
zieht begierig Feuchtigkeit aus der Luft an und
dient in der chemischen Analyse und Technik
als Trockenmittel.

Kalziumhypochlorit (unterchlorigsaures
Kalzium) entsteht bei der Einwirkung von
Wasser auf Chlorkalk (s. d.).

Kalziumkarbid nennt man die Verbindung von
Kalzium mit Kohlenstoff, CaC2, welche durch
Erhitzen von Ätzkalk mit Kohlenpulver im elek-
trischen Ofen bei den höchsten erreichbaren
Temperaturen gewonnen wird. Es ist eine schwarz
graue, sehr harte, kristallinische Substanz vom
spez. Gew. 2,22, die als Reduktionsmittel bei
Hüttenprozessen, vor allem aber zur Erzeugung
von Azetylengas, C2H2, große Bedeutung be-
sitzt. Durch Glühen mit Stickstoff geht K. in
das Kalziumzyanamid (s. d.) über. Die Gesamt-
erzeugung betrug im Jahre 1911 etwa 250000 t,
davon entfielen auf Deutschland 300001 bei einer
Einfuhr von 60 000 t.

Kalziumkarbonat (kohlensaurer Kalk, lat.
Calcium carbonicum, frz. Carbonate de calcium,

engl, Carbonate of lime), CaCOa, findet sich in
der Natur in großen Massen als Kalkstein, Mar-
mor (s. d.) und Kreide (s. d.), ferner in den Eier-
schalen, Korallenstöcken usw., und wird künstlich
durch Fällung Von Kalziumlösungen mit Kohlen-
säure oder Alkalikarbonaten dargestellt. K. löst
sich schwer in reinem, leichter in kohlensäure-
haltigem Wasser und findet sich daher in den
meisten natürlichen Wässern. Mit verdünnten
Säuren braust es unter Entweichen von Kohlen-
säure auf und gibt letztere auch bei heftigem
Glühen ab unter Hinterlassung von Kalziumoxyd,
das aus der Luft begierig Kohlensäure anzieht
und mit Wasser unter Wärmeentwicklung Kal-
ziumhydroxyd liefert. K. findet vielfache An-
wendung zur Herstellung von Kohlensäure, Ätz-
kalk usw., in gefälltem Zdstande auch zu Zahn-
und Magenpulvern.

Kalziumphosphat (phosphorsaures Kal-
zium, phosphorsaurer Kalk, lat. Calcium
phosphoricum, frz. Phosphate de chaux, engl.
Phosphate of lime) findet sich im Handel in
drei Modifikationen: 1. Trikalziumphosphat
(dreibasischer oder tertiärer phosphorsaurer Kalk,
basisches K., lat. Calcium phosphoricum basi-
cum) wird durch Behandlung von weiß gebrannter
Knochenasche, die zu 8o°/o aus K. besteht, mit
Salzsäure und Fällung der Lösung mit Ammoniak
in der Wärme, oder durch Fällung von dreibasi-
schem Natriumphosphat mit Kalziumchlorid er-
halten. Das weiße amorphe, geruch- und ge-
schmacklose Pulver, Ca3(P04)2, ist in Wasser
unlöslich, in Salz- und Salpetersäure leicht löslich
und wird bei Rachitis und anderen Knochen-
erkrankungen verordnet. 2. Dikalziumphos-
phat (zweibasischer oder sekundärer phosphor-
saurer Kalk, neutrales oder gewöhnliches K.,
lat. Calcium phosphoricum neutrale) entsteht
durch Fällung neutraler oder schwach essigsaurer
Kalziumchloridlösung mit Dinatriumphosphat und
gelindes Trocknen des Niederschlages als ein
weißes Kristallpulver, CaHPQ4, das, in Wasser
nahezu unlöslich, in Essigsäure und Mineral-
säuren leicht löslich ist. Es ist das pharma-
zeutisch wichtigste Salz der Phosphorsäure und
dient zur Behandlung aller Knochenkrankheiten
sowie von Diarrhöen und Skrofulöse. 3. Mono-
kalziumphosphat (einbasischer oder primärer
phosphorsaurer Kalk, saures K., lat. Calcium
phosphoricum acidum) wird fabrikmäßig durch
Auflösen von Knochenasche in konz. Schwefel-
säure als ein kristallinisches Salz von der Formel
CaH4(P04)2 erhalten und bildet den Haupt-
bestandteil der Superphosphate (s. d.). Neuer-
dings wird es auch als Ersatz der Weinsäure für
Backpulver benutzt.

Kalziumplumbat (bleisaures Kalzium),,Ca2.
Pb04, entsteht beim Glühen von Bleioxyd mit
Kalziumkarbonat auf mittlere Rotglut als ein
schweres gelbrotes, in Wasser unlösliches Pul-
ver. Beim Überleiten von Kohlensäure bei Rot-
glut gibt es Sauerstoff ab, nimmt beim folgen-
den Glühen im Luftstrom neuen Sauerstoff auf
und kann somit zur Erzeugung von Sauerstoff
in ununterbrochenem Betriebe benutzt werden.
Außerdem findet es zur Herstellung giftfreier
Zündhölzer, welche sich ohne besonders prä-
parierte Reibflächen entzünden lassen, An-
wendung.
        <pb n="201" />
        ﻿Kalziumsulfat

195

Kamillenöl

Kalziumsulfat (schwefelsaures Kalzium,
lat. Calcium sulfuricum, frz. Sulfate de chaux,
engl. Sulfate of lime), CaS04, findet sich in der
Natur in Form zweier Mineralien; Anhydrit und
Gips (s. d.). Künstlich wird es dargestellt durch
Fällung von Kalziumchloridlösungen mit Na-
triumsulfat als ein zartes weißes Kristallpulver,
das sich schwer in Wasser, leicht in Salzsäure
löst. K. kristallisiert mit zwei Molekülen Wasser,
verliert einen Teil des Wassers beim Erhitzen
auf 1050, den Rest bei 1700 und bildet dann
als sog. gebrannter Gips eine beim Anrühren
mitWasser formbare, steinhart erstarrende Masse.
Über 2000 erhitztes K. verliert diese Eigen-
schaft, deren Bedeutung beim Gips näher be-
sprochen ist.

Kalziumsulfhydrat (Kalziumhydrosulfid,
lat. Calcium hydrosulfuratum, frz. Hydrosulfure
de chaux, engl. Hydrosulfuret of calcium), Ca(SH)2,
besteht aus einer Lösung von Schwefelwasser-
stoff-Schwefelkalziurn in Wasser und läßt sich
ohne Zersetzung nicht zur Trockne bringen.
Die durch Einleiten von Schwefelwasserstoff in
Kalkmilch entstehende Lösung reagiert schwach
alkalisch, wirkt schwach ätzend und dient zum
Entfernen der Haare von Fellen oder lebender
Haut (Massa depilatoria Martin).

Kalziumsulfid (Schwefelkalzium, Kalk-
schwefelleber, lat. Calcium sülfuratum, Cal-
caria sulfurata, Hepar sulfuris calcareum, frz.
Sulfure de calcium, engl. Sulfuret of calcium)
wird durch Glühen eines Gemenges von frisch
gebranntem Kalk mit Schwefel oder von Gips
mit Kohle erhalten als ein gelblich- oder grau-
weißes Pulver, das befeuchtet nach Schwefel-
wasserstoff riecht. Es muß in gut verschlossenen
Glasflaschen aufbewahrt werden und wird wie die
gewöhnliche Schwefelleber zu Bädern benutzt.

Kalziumzyanamid (Kalkstickstoff), die von
Frank durch Überleiten von atmosphärischem
Stickstoff über glühendes Kalziumkarbid erhal-
tene Verbindung von Kalzium, Kohlenstoff und
Stickstoff, CaN2C, welche zum ersten Male eine
direkte Verwertung des Luftstickstoffs ermög-
licht. K. gibt bei Zutritt von Wasser Ammoniak
ab und kann daher direkt als Düngemittel an-
gewandt oder auch auf andere Stickstoff- bzw.
Zyanverbindungen weiter verarbeitet werden. Die
deutsche Erzeugung, die im Jahre 1913 auf
30 000 t (Weltproduktion 260000 t) geschätzt
"finde, sollte nach Annahme des englischen Sta-
dst im Jahre 1916 über 600000 t betragen.

Kamala, ein ostindischer Pflanzenstoff, der in
seiner Heimat und in England unter dem Namen
^Vurrus als Farbmaterial Anwendung findet
Und bei uns als ausgezeichnetes Mittel gegen
Bandwurm, Spul- und Madenwürmer geschätzt,
"nd hinsichtlich der Wirksamkeit den abessini-
Schen Kussoblüten (s. d.) gleichgestellt wird,
stammt von einem kleinen ostindischen Baume,
Bottlera tinctoria (Mallotus philippinen-
s&gt;s) und bildet den drüsigen Überzug der Früchte,
,er durch Abbürsten gewonnen wird. Das leichte,
ZIegelrote, mit den feinen Sternhaaren der Frucht
untermischte Pulver phne besonderen Geschmack
u.nd Geruch läßt nach dem Aufquellen die häu-
bgenDrüsen erkennen, in deren Inneren zahlreiche
rotem Farbstoff gefüllte Schläuche liegen.
Uer wegen seiner Leichtigkeit nur schwierig

benetzbare Körper färbt Wasser schwach gelb-
lich, liefert dagegen mit Äther und Alkohol gelbe
Auszüge, die durch Alkalien in Purpurrot um-
gefärbt werden. K. enthält zwei kristallisierbare
Harze (Rot tierin, Kamalin) und verpufft gleich
dem Bärlappsamen, wenn es durch eine Flamme
geblasen wird. Für medizinische Verwendung
soll das Pulver möglichst von den Härchen und
etwa beigemengtem Sand, mit dem es sehr häufig
verfälscht wird, befreit werden.

Kambrik nannte man ursprünglich locker ge-
webte dünne Batistleinwand, die eigentlich Cam-
brai hieß, weil sie in der gleichnamigen fran-
zösischen Stadt am besten verfertigt wurde. Die
leinene Ware wurde jedoch durch Nachahmun-
gen in Baumwolle in den Hintergrund gedrängt,
die zuerst in England und Schottland, später auch
in Deutschland, der Schweiz und Frankreich, so-
wohl glatt als kariert, gestreift und gemustert,
bunt gedruckt und gestickt hergestellt wurden und
bei größerer Wohlfeilheit feiner und schöner
von Aussehen als die leinenen Waren sind. Der
mittelfeine K. heißt auch Baumwolltaft.

Kamholz (Angolaholz, engl.Cam-wood), eine
dem Sandelholz ähnliche, von Baphia nitida
abstammende Sorte Rotholz erhält man aus
Sierra Leone und Berbice in viereckigen Blök-
ken, die frisch gespalten fast farblos sind, an
der Luft aber bald dunkelrot werden. Eine an-
dere, unter dem Namen Cam-wood gehende
Sorte stammt von einer Thespesiaart und wird
auch Gabonholz genannt.

Kamillen. Man unterscheidet im Drogen-
handel folgende zwei Arten: 1. Feldkamillen
(Hermelchen, deutsche ,K-, lat. Flores cha-
momillae vulgaris, frz. Fleurs de Camomille
vulgaire, ou d’Allemagne, engl. German chamo-
mile), die getrockneten Blütenköpfchen der auf
Feldern und unbebauten Plätzen vorkommenden
Matricaria chamomilla, leicht kenntlich an
ihrem starken, aromatischen Geruch sowie an
dem kegelförmigen, nackten, innen hohlen
Fruchtboden und den nach abwärts gerichteten
weißen Randblütchen. 2. Römische K. (edle
K., lat. Flores chamomillae romanae, frz.
Fleurs de Camomille romaine, engl. Flowers
ohamomile belgian), die getrockneten Blüten-
köpfchen einer gefüllten Abart von Anthemis
nobilis, die in Südeuropa heimisch, aber in Bel-
gien, Thüringen und Sachsen auf Feldern stark
angebaut wird. Die Blütenköpfchen sind größer
und haben einen anderen Geruch als die der
gemeinen K., auch fehlen die gelben Scheiben-
blüten. Der Blütenboden ist gewölbt, jedoch
nicht hohl, und mit Spreublättchen besetzt. —
Beide Sorten enthalten als wirksame Bestand-
teile ätherisches Öl und einen Bitterstoff und
werden medizinisch verwandt.

Kamillenöl, das ätherische Öl der Kamillen,
findet sich in mehreren Sorten im Handel: i.Deut-
sches K. (lat. Oleum chamomillae aethereum
seu coeruleum, frz. Essence de camomille, engl.
Oil of german chamomile), eine dickflüssige,
dunkelblaue, bei längerer Aufbewahrung braun
werdende Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,922 bis
0.956, die bei o° erstarrt, hat wegen geringer
Ausbeute (0,3 °/o) einen sehr hohen Preis. —
2. Oleum chamomillae citratum, zitronen-
haltiges Kamillenöl, wird durch Destillation
        <pb n="202" />
        ﻿Kammersäure

196

Kampfer

von Zitronenöl mit Kamillen, gewonnen. — 3. Rö- |
misches K.' (lat. Oleum chamomillae romanae,
frz. Essence de camomille romaine, engl. Oil of
belgian. chamomile), eine ebenfalls blaue, zu-
weilen auch grünliche, im Alter bräunlich wer-
dende, aber leicht bewegliche Flüssigkeit, wird
in Menge bis zu I °/o gewonnen. Alle drei Öle
werden medizinisch, das römische auch als Zusatz
bei der Bereitung gewisser aromatischer Liköre
benutzt,

Kammersäure, die rohe englische Schwefel-
säure, wie sie aus den Bietkammern kommt, ent-
hält etwa so°/o Schwefelsäure und dient zur Her-
stellung von Superphosphaten und einigen chemi-
schen Präparaten.

Kammfett, ursprünglich das aus dem Ober-
halse (Kamm) der Pferde auf Abdeckereien aus-
geschmolzene Fett, wird heutzutage in beson-
deren Anstalten durch Dämpfen der gevierteilten
Pferdekadaver in geschlossenen Zylindern ge-
wonnen. Das hierbei als oberste Schicht er-
haltene helle und geruchlose Fett, das in der
Kälte butterartig wird, findet als Maschinen-
schmiere, zum Einfetten der Wolle sowie zur
Darstellung einer ganz weichen Kaliseife für die
Tuchfabrikation Verwendung.

Kampfer (Kampher, lat. Camphora, frz.
Camphre du Jäpon, engl. Camphor) ist der Haupt-
bestandteil des Kampferöls, das sich in dem
Stamm sowie auch den Zweigen und Blättern des
Kampferbaumes (Laurus camphora L. oder
Cinnamomum camphora Nees et Ebcrm.), einer
besonders in China, Japan und auf der Insel For-
mosa verbreiteten Laurinee vorfindet. — Zur
Gewinnung unterwirft man die Kampferholzspäne
(ships) einer ziemlich einfachen Destillation mit
Wasser, schöpft das auf dem Destillate schwim-
mende Gemisch von festem K. und Kampferöl
ab und filtriert es durch Stroh, wobei der feste
Anteil, der Rohkampfer, zurückbleibt. Er wird
aus Formosa in 50—60 kg enthaltenden, mit
dicken Bleifolien ausgeschlagenen Kisten, aus
Japan in sog. Tubbs, d. h. mit geflochtenen
Matten umkleideten Holzbottichen von etwa 80kg
Inhalt eingeführti kommt aber auch in Bambus |
verpackt als Röhren-K. in den Handel. Zur Be-
seitigung beigemengter Fremdstoffe muß der
Rohkampfer einer Reinigung unterworfen wer-
den, die früher nur in Europa und Amerika vor-
genommen wurde, jetzt aber zum großen Teil
in Japan erfolgt. Die Raffination in Europa (z. B.
Hamburg) geschieht in der Weise, daß der Roh-
kampfer mit Kohle, Kalk oder Eisenfeile ge-
mischt und in Glaskolben (Bombolas) rasch auf
120—1900 C erwärmt wird, um das Wasser aus-
zutreiben. Hierauf wird die Temperatur 24 Stun-
den lang auf 2040 gehalten und nach beendeter
Sublimation das Glas durch Absprengen ent-
fernt. Man erhält so oben konvexe, unten kon-
kave, in der Mitte mit einem Loch versehene
Brote von 3—5 kg Gewicht. In Amerika wird
der Rohkampfer aus eisernen Retorten sublimiert
und das erhaltene feine Pulver in Scheiben ge-
preßt. In Japan bedient man sich zur Sublima-
tion zum Teil irdener Gefäße, in Kobe auf Nip-
pon , nach dem Beyerschen Verfahren eigen-
artiger Stahlretorten, —- Der raffinierte K.
stellt weiße, durchscheinende Massen dar von
eigenartigem Geruch und brennend bitterem.

hinterher kühlendem Geschmack. In Wasser ist
er nur sehr wenig löslich (1: 1200), verleiht aber
trotzdem der Lösung einen ausgesprochenen Ge-
ruch und Geschmack nach K Von den gebrauch
liebsten anderen Lösungsmitteln: Alkohol, Äther,
Chloroform, fetten und ätherischen Ölen wird
er leicht aufgenommen. Beim Zerreiben im
Mörser backt er zusammen, läßt sich aber nach
dem Befeuchten mit Alkohol oder Äther unter
Vermeidung starken Druckes pulverisieren. K.
verbrennt mit heller, rußender Flamme, schmilzt
bei 175° und piedet bei 2040, verdampft aber
schon bei gewöhnlicher Temperatur merklich.
Infolgedessen geraten Kampferstückchen, auf
Wasser geworfen, in eine lebhafte rotierende
Bewegung, die jedoch nach Zusatz von etwas
Fett oder öl aufhört. Verfälscht wird der
K. ab und zu mit Pflanzenfetten, Paraffin und
auch dem sog. Kunstkampfer (Pinenhydrochlo-
rid). Erstere würden beim Erwärmen des K. in
einer Porzellanschale Zurückbleiben, letzterer läßt
sich durch das in ihm enthaltene Chlor nach-
weisen. — 9/10 des gesamten K. werden auf For-
mosa gewonnen, von wo 1912 über 4 Millionen
Kilogramm, nach Deutschland allein 1,1 Million
Kilogramm, ausgeführt wurden. Die Preise sind
je nach der politischen Lage außerordentlichen
Schwankungen unterworfen. 1898 kosteten 100 kg
raffinierter K. 249 M., 1903 bereits 430 M.. 1906
sogar 1000 M., bis 1913 ein Sturz aut 350 M. ein-
trat. Zur Vermeidung dieser Schwankungen sind
in Indien, Kalifornien und Deutsch-Ostafrika Kul-
turen angelegt worden, doch hat der Plantagen
kampfer auf den Welthandel noch keinen Ein-
fluß ausgeübt. — Die Verwendung des K. ist
eine sehr mannigfache. Pharmazeutisch wird er
teils äußerlich, hauptsächlich in Form des Kamp-
ferspiritus, teils innerlich als Erregungsmittel
in Pulverform oder subkutan in Form von
Kampferöl (ein Teil K. in neun Teilen Olivenöl
gelöst) angewandt. Technisch benutzt man ihn
als Mottenmittel sowie in großen Mengen zur
Herstellung von Zelluloid und rauchschwachem
Schießpulver. Die Aufbewahrung hat wegen
| seiner Flüchtigkeit und seines durchdringenden
Geruches in gut verschließbaren Gefäßen aus
Glas oder Blech an einem kühlen Ort zu er-
folgen. — Neuerdings wird der K. auch in
größerem Maßstabe künstlich gewonnen, wobei
das Terpentinöl als Ausgangsmaterial dient. Durch
Einwirkung von Salzsäuredampf führt man zu-
nächst das Pinen (C10H le) des Terpentinöls in
sein kristallinisches Chlorhydrat über, wandelt
dieses nach verschiedenen Verfahren, z. B. durch
Einträgen in eine Schmelze von Phenol und Kali
in das isomere Kamphen um und oxydiert letzteres
zu Kampfer (C10HieO). Der künstliche oder
synthetische K. kommt in Pulverform, Perl-
form oderTafeln in den Handel und unterscheidet
sich von dem natürlichen nur durch seine opti-
sche Inaktivität und sein Verhalten gegen Va-
nillinsalzsäure. Der plötzliche Preissturz ließ
die synthetische Darstellung in Europa nicht
lohnend erscheinen, die daher in Frankreich
durch einen Einfuhrzoll von 4—6 Fr. für 100 kg
geschützt werden sollte und in Deutschland erst
während des Krieges hohe Bedeutung gewann. —'
Außer dem gewöhnlichen K. gibt es noch zwei
andere natürliche Kampferarten, den Borneo-
        <pb n="203" />
        ﻿Kampferöl

197

Kaninchenhaar

kampfer and den Ngaikampfer. Ersterer,
auch Sumatra-K. genannt, findet sich als kri-
stallinische bräunliche Masse in Höhlungen und
Rissen der älteren Stämme von Dryobalanops
aromatica, eines zu der Familie der Diptero-
karpazeen gehörigen Baumes, der auf Sumatra
und Borneo vorkommt, aber sehr selten ge-
worden ist. der Borneokampfer wird in seiner
Heimat zu religiösen Zeremonien gebraucht und
gelangt nur als seltenes und kostbares Samm-
iungsprodukt nach Europa. Sein Geruch ist zu-
gleich kampfer- und pfefferartig, an Ambra
erinnernd. Künstlichen Borneokampfer, Borneol
(s. d.), erhält man durch Reduktion des Japan-
kampfers. Der Ngai- oder Blumea-K. stammt
von der in Indien und China heimischen Kom-
posite Blumea balsamifera und wird ausschließ-
lich in den Ursprungsländern, zu Tusche und
medizinisch verwandt.

Kampferöl, japanisches oder natürliches
(lat. Oleum camphorae), nicht zu verwechseln
mit dem Kampferöl- der Arzneibücher (Oleum
camphoratum), wird bei der Gewinnung des
Japankampfers erhalten und wurde früher an
Ort und Stelle meist als Leuchtmaterial ver-
braucht. Jetzt gelangt dieses sog. Kampferrohöl,
eine gelbliche bis bräunliche stark nach Kampfer
riechende Flüssigkeit, entweder als solches in den
Handel oder wird in Japan selbst durch fraktio-
nierte Destillation in Kampfer, Kampferweißül und
Kampferrotöl getrennt. Letzteres besteht in der
Hauptsache aus Safrol, während das Kampfer-
weißöl fast ganz aus Terpenen besteht und inf olge
seiner Ähnlichkeit mit Terpentinöl häufig an
dessen Stelle Verwendung findet. Das nach Eu-
ropa -gelangende Kampferöl wird besonders auf
Kampfer und Safrol verarbeitet, wobei als Neben-
erzeugnisse leichtes Kampferöl, schweres Kamp-
feröl und blaues Kampferöl erhalten werden. Das
leichte Kampferöl enthält hauptsächlich Terpene
und dient als Ersatz des Terpentinöls in der
Lackfabrikation sowie zum Parfümieren ge-
wöhnlicher Seife. Das schwere Kampferöl, wel-
ches besonders Safrol, Eugenol, Zineol und
Terpineol enthält, wird ebenfalls zum Parfü-
mieren von Seifen und als Schmiermittel be-
nutzt, und das blaue K. schließlich, das aus
Sesquiterpenalkoholen besteht, findet als Binde-
mittel für gewöhnliche Seifenparfüms Verwen-
dung.

Kamptulikon, eine in England aus gepulver-
ten Abfällen der Korkschneiderei mit geringen
Mengen von Kautschuk hergestellte Masse, ist
durch das ähnliche, aber billigere Linoleum
(s. d.) verdrängt.

Kanadabalsam (lat. Terebinthina canadensis,
Ralsamum canadense, frz.Baume de canada, engl.
Canada turpentine, Balsam of canada), aine dick-
flüssige, zähklebrige, durchsichtige und fast farb-
lose Flüssigkeit von terpentinartigem Gerüche,
'st das Plarz von Abies balsamea, der Bal-
samtanne Kanadas. Es wird in Amerika medi-
zinisch, bei uns zur Einhüllung mikroskopischer
Präparate und in der Porzellanmalerei gebraucht
's- Terpentin).

Kanadol, derjenige Teil des Rohpetroleums,
Welcher bei etwa 6o°C siedet und ein zwischen
°&gt;6so und 0,700 liegendes spez. Gew. hat, besteht

aus einem Gemenge mehrerer Kohlenwasser-
stoffe der Äthanreihe.

Kanariennüsse werden die walnußartigen
Früchte des über Neuguinea verbreiteten Baumes
Canarium polyphyllum genannt, welche sich wegen
ihres Fettgehaltes von 68 °/o und des hohen
Proteingehaltes von 6i°/o der Preßrückstände
zur technischen Verwertung eignen. Das Fett
hat folgende Kennzahlen: Erstarrungspunkt 19
bis 2o°, Schmelzpunkt 300, V. Z. 200,2, Jodzahl
59.7. R- M. Z. 4,4.

Kanariensamen (Kanariensaat, Kanarien-
hirse, Glanz, lat. Semen canarienSe, frz. Se-
mences de Canarie, engl. Canary seedt, die Samen
des kanarischen Glanzgrases (Phalaris ca-
nariensis), das auf den Kanarischen Inseln
heimisch ist, aber auch in Südeuropa wild wächst
und kultiviert wird, sind von strohgelber Farbe
und länglicher, beiderseits zugespitzter Form.
In Deutschland wird die Frucht im Thürin-
gischen, namentlich in der Erfurter Gegend, an-
gebaut und nur als - Vogelfutter verwertet. In
der Technik benutzt man den aus K.-Mehl be-
reiteten Kleister zum Schlichten feiner Baumwoll-
waren, wozu er besser als Weizenmehl ge-
eignet sein soll.

Kanarienwein (Kanariensekt) nennt man
die Weine von den südkanarischen Inseln Ka-
nada, Teneriffa, Palma, Lanzerote, Fuerterentura,
Gömera und Ferro, die bei hohem Alkoholgehalt
süßen würzigen Geschmack besitzen,

Kanarin (Canarin, Persulfozyangelb), ein
in Wasser und Alkohol unlösliches, orangegelbes
Pulver. Pseudoschwefelzyan, das durch Be-
handlung von Rhodankalium mit Chlor oder Sal-
petersäure erhalten wird, findet im Zeugdruck
Anwendung.

Kanaster (vom spanischen Canasta, der Korb)
wird meist jeder gute Varinastabak genannt,
obgleich die Bezeichnung eigentlich nur der
feinsten Sorte, die in Körben versandt wird, zu-
kommt. Die aus amerikanischem Rohr gefloch-
tenen Körbe werden unter dem Namen Kana-
sterkörbe häufig auch für Zucker und andere
Waren benutzt.

Kandagang, eine ostindische Bastfaser, von
Hibiscus eriocarpus.

Kanevas nennt man verschiedene Arten von
leinenen, halbleinenen und baumwollenen Ge-
weben. Leinener K. oder Kanevasleinen ist
entweder starkes Hemdenleinen oder gewöhn-
liche und mit starkem Glanze appretierte Futter-
leinwand. Ebenso bezeichnet man weiß gestreiften
Vorhangzwillich und andere dichte Baumwoll-
stoffe mit Streifen, Rippen und kleinen Mustern
sowie endlich die offenen gegitterten Gewebe,
welche zu Fliegenfenstern, leichtem K'eiderfutter
und als Stickereigrund (Stramin) benutzt werden.

Kaninchenhaar, ein wichtiger Stoff für die
Hutmacherei, wird entweder von den Fellein
abgeschoren oder abgebeizt. Hauptsächlich die-
ser Haare wegen züchtet man die weißen an go-
rischen Kaninchen oder Seidenhasen, von
denen jeder 300—250 g reine Haare im Jahr
liefern kann. Die Haare werden den Tieren
im Sommer monatlich, im Winter nur einmal
ausgekämmt oder gerupft und bilden ein außer-
ordentlich weiches, federndes und wärmendes
Material, das entweder für sich oder im Gemisch
        <pb n="204" />
        ﻿Kanister

198

Kapern

mit Wolle oder Baumwolle kartätscht, verwebt
und versponnen wird.

Kanister sind Blechflaschen oder -dosen zur
Versendung von ölen u. dgl.

Kannabintannat (gerbsaures Kannabin,
lat. Cannabinum tannicum), ein aus dem indi-
schen Hanf, nach Entfernung des giftig wirken-
den ätherischen Öls, durch Fällung des wäß-
rigen Auszugs mit Gerbsäure dargestelltes Prä-
parat, ist ein bräunlichgraues, geruchloses Pulver
von zusammenziehendem Geschmack. Es löst
sich nicht in Wasser, wohl aber in angesäuertem
Weingeist völlig auf und darf beim Glühen auf
Platinblech keinen bemerkenswerten Rückstand
hinterlassen. Beim Vermischen mit Natronlauge
wird die Base, das nach Koniin riechende Kanna-
bin, in Freiheit gesetzt. K. wird als schlafbrin-
gendes Mittel anstatt Opium verwendet.

Kanthariden (Spanische Fliegen, Blasen-
käfer, Pflasterkäfer, lat. Cantharides, frz.
Cantharides, engl. Spanish flies) nennt man die,
getrockneten Körper der schlanken, metallisch
grün glänzenden Blasenkäfer (Lyttavesicato-
ria), die 2—2,5 cm lang werden und in ganz
Süd- und Mitteleuropa, in Deutschland aber nur
strichweise als verirrte Schwärme Vorkommen.
Sie werden namentlich aus Südrußland, Rumä-
nien, Ungarn, Österreich in den Verkehr ge-
bracht und bilden auf den Messen zu Pultawa
und Nischnij-Nowgorod einen Hauptartikel. Die
Tiere bevorzugen als Futterbaum die Esche,
gehen aber auch auf Rainweiden, Holunder,
Geisblatt, die sie in großer Menge bedecken,
und können an ihrem starken Gerüche früher
wahrgenommen als gesehen werden. Man sam-
melt sie in den Monaten Juni bis August, indem
man die Käfer frühmorgens auf untergebreitete
Tücher abschüttelt, in Glasflaschen füllt und
durch Einbringen von etwas Äther, Benzin oder
Essig u. dgl. tötet. Sie werden dann an der
Sonne oder bei gelinder Wärme bis zur Pulveri-
sierbarkeit getrocknet und in gut verschlossenen
Flaschen oder Büchsen aufbewahrt. Als cha-
rakteristische Bestandteile enthalten sie neben
einem Riechstoffe das blasenziehende Kanthari-
din (s. d.) und werden zur Herstellung von Zug-
pflastern (Spanischfliegenpflaster, Empla-
strum cantharidum s. vesicatorium undDrouott-
sch-es Pflaster) sowie zu Tinkturen (Tinctura
cantharidum) benutzt. —- Außer den gewöhn-
lichen K. 'gibt es noch zahlreiche ähnliche
Käfer, die ebenfalls blasenziehend wirken und
in manchen &gt; Ländern medizinisch verwandt wer-
den, wie die persischen K., Mylabris colligata
und maculata, die blauen oder violetten ost-
indischen K., Lytta Gigas, und in Nordamerika
sehr häufig Epicanta vittata und cinerea. Bei
uns werden zur Bereitung von Kantharidin sehr
häufig die chinesischen K., Mylabris Cichorii,
benutzt. Sie haben braune, nicht metallglänzende
Flügeldecken mit schwarzen und gelben Quer-
streifen. — Alle Kantharidenarten sind dem
Wurmfraß sehr unterworfen und schimmeln
leicht.

Kantharidin (Kantharidinsäure, Kantha-
ridinkampfer, lat. Cantharidinum, frz, und
engl. Cantharidine), C10H12O4, der blasenziehende
Stoff der Kanthariden (s. d.),- bildet kleine, farb-
lose und geruchlose Kristalle, die bei 218° C

schmelzen und unzersetzt sublimieren. Als An-
hydrid einer Säure wird es auch Kanthari-
dinsäure (Acidum cantharidinicum) oder rich-
tiger Kantharidinsäureanhydrid genannt. Zu
seiner Darstellung werden gepulverte chinesische
Kanthariden mit einem Gemisch von Schwefel-
säure und Essigäther digeriert, darauf mit Ba-
riumkarbonat versetzt und mit Eskigäther extra-
hiert. Das aus der Lösung auskristallisierende
K. wird zur Entfernung des Fettes mit Petrol-
äther gewaschen und aus Alkohol umkristalli-
siert. K. wie kantharidinsaures Kalium
finden immer mehr als Ersatz der Kanthariden
Anwendung. Insbesondere wird das Spanische
Fliegenpflaster, Drouottsches Pflaster,
durch Auflösen von K. und Aufstreichen auf
Seidenstoff hergestellt.

Kantill^n (Cantillen, frz. Bouillon, Canne-
tille, engl. Bullion, Purl) sind Erzeugnisse der
Gold- und Silberdrahtspinnerei', die hauptsächlich
zu militärischen Abzeichen, wie Epauletten, Port-
epees, Tressen, Quasten u. dgl. verwandt wer-
den. Der hierzu dienende Gold- und Silber-
draht ist entweder von kreisrundem Querschnitt
oder breitgewalzt, bandartig und heißt dann
Lahn. Reiner Golddraht wird nur selten und
dann auch nur in den feinsten Nummern an-
gewandt, während in der Regel vergoldeter Silber
draht, dessen Goldgehalt in einigen Staaten ge-
setzlich vorgeschrieben ist, zur Verarbeitung ge-
langt. Sehr viele Gold- und Silberfäden wer-
den auch durch Überspinnen von Seidenfäden
mit Gold- oder Silberdraht hergestellt und zu
Tressen, Borten, Schnüren usw. sowie zur Her-
stellung von Gold- und Silbergeweben (Draps
d’or und Draps d’argent), Stickereien u. dgl. be
nutzt. Schließlich gibt es noch aus unechtem
Gold- und Silberdraht hengestellte Fäden. Durch
schraubenförmiges Aufrollen des Drahtes auf
einen massiven, stählernen Zylinder von der
Dicke einer feinen Stricknadel bis zu der eines
starken Bleistifts, erhält man biegsame, hohle
Zylinder, die eigentlichen K,

Kaolin' (China Clay) ist'ein feiner, eisenfreier,
weißer Ton, der noch untersetzte Feldspatteil-
chen enthält und zur Porzellanbereitung dient
(Porzellanerde, Porzellanton). Lager von
Kaolin finden sich bei Meißen, Aue, Schneeberg,
Halle, Passau, Limoges usw., von wo der K.
oft weithin versandt wird.

Kapern (frz. Capres, engl. Capers) nennt man
die Blütenknospen von Capparis spinosa, die
an sonnigen, felsigen Stellen der Mittelmeer-
küsten wild wächst und bisweilen, besonders in
Südfränkreich, auch angepflanzt wird. Der dor-
nige, rankende Strauch von 1 !/2—-2 m Höhe
trägt vierblättrige, blaßrötliche, den wilden Ro-
sen ähnliche Blüten und fleischige Schoten-
früchte. Die Knospen werden gesammelt, wenn
sie Pfefferkorn- bis Erbsengroße erreicht haben
und noch ganz geschlossen sind. Sobald sie
durch Ausbreiten im Schatten etwas abgewelkt
sind, werden sie in Fässern mit gesalzenem
Essig überschüttet und an die Saleurs verkauft,
welche das Einlegen geschäftsmäßig betreiben.
Diese behandeln die K. entweder mit starkem
Essig oder trockenem Salz, am häufigsten m
der ersten Weise, da die Essigkapern schmack-
hafter und beliebter sind, während die Salz-K.
        <pb n="205" />
        ﻿Kapok

199

Karbolsäure

sich länger gut erhalten. Vor dem Einmachen
werden die K. durch Sieben in verschiedene
Sorten geteilt, von denen die wertvollste (Non*
pareilles) die jüngsten, also kleinsten, Knospen
enthält. Darauf folgen nach der Größe Surfines
oder Capucines, die gewöhnlich noch die Stiele
haben, Capottes, Fines und Mi-fines (halbfeine),
endlich ordinäre oder Communes, die dicksten,
die 5—6mal schwerer sind als die Nonpareilles.
Die feinen Sorten heißen in Deutschland auch
Kapuziner und Kapotkapern. Gute K.
müssen klein, hart, rund und noch gut ge-
schlossen, nicht schon teilweise geöffnet oder zer-
drückt sein. Alte und verdorbene sind schwärz-
lich, weich und geschmacklos. Die Farbe ist
dunkelolivengrün mit kleinen rötlichen Fleck-
chen an der Spitze, während eine auffallend
grüne Farbe eine Färbung mit Kupfer vermuten
läßt. —- An Stelle der K. werden zuweilen
Knospen von Caltha palustris und von Spartium
scoparium angetroffen, die aber bei aufmerk-
samer Betrachtung, namentlich nach dem Öff-
nen, leicht zu erkennen sind. Auch die schoten-
förmigen Früchte des K.-Strauches werden in
Frankreich eingelegt, unter dem Namen Corni-
chons de Caprier in den Handel gebracht
und wie Essiggurken genossen.

Kapok nennt man die Samen der Wo 11-
bäume Bombax malabaricum D. C. undErioden-
dron aufractuosum D. C., die zu den Malva-
zeen gehören und in südtropischen Gegenden,
besonders in Para, Ost- und Westindien, Süd-
afrika und Südamerika zu Hause sind. Kapok
dient als ausgezeichnetes Polstermaterial, s. Pflan-
zendaunen.

Kapseln. Unter diesem Namen faßt man ver-
schiedene Erzeugnisse zusammen: I. K. aus
Gelatine oder Mehl zur Umhüllung von Arz-
neimitteln, um das Einnehmen zu erleichtern,
z. B. Kopaivabalsam-K., Rizinusöl-K., Brause-
pulver-K. usw. — 2. K. aus Zinn oder Zinn-
legierungen, die zum Verschließen von Flaschen
dienen. — 3. K. aus Ton oder ähnlicher Masse,
die teils zum Versenden, teils in der Chemie
und Industrie Verwendung finden.

Kaptol, ein Kondensationsprodukt von Chloral
und Gerbsäure, graubraunes, in Wasser und
Alkohol lösliches Pulver, das als Mittel gegen
Schuppenbildung der Kopfhaut angepriesen wird.

Karakuru (Carajuru, Crujuru), der Farb-
stoff der Chica (s. d.), ist ein rotes, in Wasser
unlösliches, in Alkohol und Alkalien lösliches
Pulver, das von Salpetersäure zu Anissäure oxy-
diert wird. K. färbt Baumwolle braunrot mit
violettem Schein.

Karannaharz, ein dem Elemi nahestehendes
Harz, stammt von Bursera acuminata aus
^Vestindien.

Karapaöl (Craböl, Karapafett, Andiroba-
°l), ein brasilianisches Pflanzenfett von butter-
urtiger Konsistenz und bitterem Geschmack, wird
durch Pressen der Samenkerne von Carapa
Suyanensis erhalten. Es ist gelblich und schmilzt
schon bei io° C. Durch Pressen soll man jedoch
auch ein Produkt erhalten, welches erst bei
4o—50° C schmilzt. Man benutzt das K. im Ur-
^Prungslande als Insektenschutzmittel, in Eng-
ar&gt;d und Frankreich zur Fabrikation von Seifen.

Karboformal, ein aus Karbolsäure und Form-
aldehyd bestehendes Desinfektionsmittel.

Karboformal-Qlühblocks, Kohlenbriketts, die
eine mit Paraformaldehyd gefüllte Höhlung haben
und beim Glühen Dämpfe von Formaldehyd, in
den zu desinfizierenden Räumen verbreiten.

Karbolineum. Unter diesem Namen kommen
schwarzbraune Flüssigkeiten in den Handel, die
zum Anstreichen von Holz dienen, um Fäulnis
abzuhalten. Sie bestehen meist aus schweren
Kohlenwasserstoffen, Anthrazenölen, die als Ab-
fallprodukt bei der fraktionierten Destillation
des Steinkohlenteers gewonnen werden und
durch Abkühlen von den festen Bestandteilen
Anthrazen, Phenanthren, Karbazol befreit sind,
aber Phenol enthalten. Das spez. Gew. liegt bei
1,08—1,10, der Siedepunkt bei 380—3500. Die
älteste Sorte K. Avenarium war mit Chlor be-
handelt, andere enthalten wohl auch Zink-
chlorid; Zusätze anderer Stoffe, insbesondere
Wasser und Lauge, sind als Verfälschung zu be-
urteilen.

Karbolsäure (Phenol, Phenylsäure, Stein-
kohlenkreosot, lat. Acidum carbolicum, Aci-
dum phenylicum, frz. Acide carbolique, engl.
Carbolic acid, Phenol) bildet neben höheren
Phenolen (Kresolen) den Hauptbestandteil der
zwischen 160 und 200° überdestillierenden An-
teile des schweren Steinkohlenteeröls, des sog.
Kreosotöls, aus dem sie durch Behandlung
mit Natronlauge und nachfolgende Zersetzung
der von den übrigen Teerbestandteilen abge-
lassenen alkalischen Flüssigkeit mit Schwefel-
säure gewonnen wird. Durch fraktionierte De-
stillation des abgeschiedenen öligen Produktes
erhält man die rohe K. (Acidum carbolicum
crudum), die zur weiteren Reinigung mit Chrom-
säure, Schwefelsäure, Bleioxyd usw. behandelt
wird. Zur völligen Entfernung der Kresole, des
Naphthalins und anderer Verunreinigungen löst
man die K. in Wasser, salzt aus, läßt kristalli-
sieren und rektifiziert schließlich die abgepreß-
ten Kristalle bei 182—183°. Das so erhaltene
Erzeugnis ward als chemisch reine K. (Aci-
dum carbolicum purum redestillatum) bezeich-
net. Auf synthetischem Wege kann K. durch
Schmelzen von benzolmonosulfosaurem Kalium
mit Ätzkali und Zerlegung des entstandenen
Phenolkaliums mit Säuren dargestellt werden.
Die reine K., C6H6 . OPI, bildet farblose, eigen-
artig riechende Kristalle, die bei 420 schmelzen
und bei 182—183° sieden. Sie löst sich in
15 Teilen Wasser von 15°, ferner in Alkohol,
Äther, fetten Ölen und Glyzerin, und liefert beim
Schmelze^ mit 100/0 Wasser die sog. ver-
flüssigte K. (Acidum carbolicum liquefactum
des Arzneibuches). In chemischer Plinsicht ist
die K. keine eigentliche Säure, sondern ein Phe-
nol, d. h. ein Benzol, in welchem ein Wasser-
stoffatom durch Plydroxyl ersetzt worden ist.
In physiologischer Beziehung wirkt sie als ein
starkes Gift, ätzt die Epidermis und Schleim-
häute, bringt Eiweiß zum Gerinnen und tötet
pflanzliche und tierische Organismen. Bei der
Prüfung der K. hat man besonders auf Farb-
losigkeit und Abwesenheit unangenehmen Ge-
ruchs zu achten. Auch ist der Schmelzpunkt
und die Wasserlöslichkeit von Bedeutung, da
beide durch einen Gehalt an Kresol erniedrigt
        <pb n="206" />
        ﻿Karborundum

Kardobenediktenkraut

200

werden. — In den Preislisten der Drogisten
finden sich folgende Sorten: Acidum carbolicum
crystall. (Schmelzpunkt 35—37 °); A. c. cryst.
(Schmelzpunkt 40—41 °, Phenolum absolutum);
A. c. purum redestillatum (Schmelzpunkt 40 bis
420, D.A.B.); A. c. syntheticum (40—420); A.c.
liquefactum und A. c. crudum 95/1000/0, 50/600/0,
25/300/0. Die K. findet ausgedehnte Verwendung
als Antiseptikum, und zwar in 3 prozent. wäß-
riger Lösung (Karbolwasser, Aqua carboli-
sata) als Verbandwasser; in 5prozent.Lösung
zur Desinfektion der Hände und Instrumente.
Die Technik benutzt die rohe K. zur Konservie-
rung von Holz und zum Desinfizieren von Stäl-
len, die reine K. bei der Fabrikation der Darm-
saiten und des Leims, zur Darstellung der Sali-
zylsäure, Pikrinsäure und zahlreicher Farbstoffe.
Die Aufbewahrung erfolgt in Flaschen vor Licht
geschützt, der Versand der rohen K. in Fässern,
der reinen Verbindung in Blechkanistern oder
dunklen Glasstöpselflaschen.

Karborundum, Siliziumkarbid, entsteht
beim Glühen von Kohle, Sand und Kochsalz im
elektrischen Widerstandsofen als ein diamant-
glänzendes Kristallpulver, das wegen seiner
außerordentlichen Härte als Ersatz des Schmir-
gels und des Diamantstaubes zum Schleifen von
Diamanten benutzt wird. Mit Bindemitteln läßt
es sich zu Rädchen und Stiften formen, die als
Ersatz von Glaserdiamanten und Schmirgel-
rädchen dienen.

Kardamomen (lat. Fructus cardamomi, frz.
Cardamome, engl. Cardamora seeds) sind die
Früchte resp. Samen einer ausdauernden kraut-
artigen Zingiberazee, Elettaria cardamo-
mum minor, die in den Bergwäldern der süd-
lichen Malabärküste heimisch ist, aber auch kul-
tiviert und verwildert in Zeylon, Vorder- und
Hinterindien, Westafrika und Madagaskar vor-
kommt, Die hellbräunlichen oder, in gebleichtem
Zustande, gelblichweißen, dreiseitig abgerunde-
ten, dicht längsstreifigen Kapseln von 8—20 mm
Länge enthalten 9—18 unregelmäßig vierkan-
tige, quer gerunzelte, graurötliche oder rötlich-
braune, etwa 3 mm fange Samen, die allein zur
Verwendung gelangen. Daß nur die Früchte
offizineil sind, erklärt sich daraus, daß sie leich-
ter von geringwertigen Sorten unterschieden
werden können. Neben diesen echten, auch
kleine oder Malabar-K. genannten, werden
auch die Früchte einiger verwandter Pflanzen
als K. bezeichnet. Lange oder wilde Zeylon-
K., von der in Zeylon und Koromandel kulti-
vierten Elettaria major, haben größere, 3 bis
4 cm lange, bis 1 cm breite, etwas gebogene
und stark längsfurchige Kapseln von bräunlich-
grauer Farbe. Die kleinen, weit härteren Samen
liegen zu zwei Reihen in jedem der drei Fächer
und haben einen scharfen, wenig angenehmen
Geschmack. Runde oder Siam-K. (lat. Carda-
momum rotundum, frz. Amome en grappe,
engl. Camphor seeds), vonAmomurn carda-
momum, in Südchina, Hinterindien, Sumatra,
Java und Zeylon kultiviert, enthalten in blaß-
braunen, 8—15 mm langen, nicht gestreiften Kap-
seln violettbraune Samen von scharfem, kampfer-
artigem Geschmack. Geringere Bedeutung haben
wilde oder Bastard-K. von Amomum xan-
thioides aus Südchina und Hinterindien

mit stachligen, rotbraunen Früchten, Java-K-
(Nepal-K.) von Am. maximum mit 3—4 cm
langen, bis 2 cm breiten, dunklen Früchten und
dunkelbraunen, angenehm schmeckenden Sa-
men; Chinesische runde K. von Am. glo-
bosum mit kugligovalen, gebuckelten, bis 4 cm
langen Früchten und schwach aromatischen Sa-
men sowie die afrikanischen Sorten Kovarima-
K. oder Abessinische K., von Am. clusii,
feigengroße Früchte von graubrauner Farbe,
Kamerun-K., von Am. angustifolium,
und Guinea-K,, Guineapfeffer, s. d., Mele-
guetapfeffer (s.Paradieskörner). Für den euro-
päischen Handel kommen nur die beiden ersten
Sorten, in untergeordnetem Maße neuerdings
auch die Kamerun-K.'in Betracht. Die K. wer-
den hauptsächlich als Gewürz für Speisen und
Backwerk (Nürnberger Lebkuchen), in Pulver-
form und als Zusatz zu Tinkturen auch medi-
zinisch gebraucht. Ihre reizende, magenstär-
kende, in größeren Mengen auch erhitzende
Wirkung beruht auf dem Gehalte an ätherischem
Öl (4—80/0). Daneben sind noch io«/o fettes öl,
Harz und stark manganhaltige Mineralstoffe
vorhanden.

Kardamomenöl (lat. Oleum cardamomi, frz.
Essence de cardamome, engl. Cardamom oil), das
durch Destillation mit Dampf gewonnene äthe-
rische Öl der Zeylon-Malabar-Kardamomen, ist
dünnflüssig, blaßgelb, vom spez. Gew. 0,923 bis
0,944 und sehr aromatischem Geruch. Es wird
in der Likörfabrikation verwandt.

Karden (Weberkarden, Kardendisteln,
Tuchkarden, frz. Chardons ä carder, engl-
Teasels), die getrockneten stacheligen Blüten-
köpfe von Dipsacus fullonum, einer im süd-
lichen Europa heimischen, in Deutschland und
England aber auch angebauten Pflanze, werden
in der Tuchfabrikation zum Rauhen und Auf-
lockern des gewalkten Tuches verwandt. Die
K. haben ungefähr die Größe und Gestalt eines
Plühnereies und sind ganz mit harten, in ge-
krümmte Borsten übergehenden Spreublättchen
besetzt, auf deren richtige Beschaffenheit beim
Einkauf Rücksicht zu nehmen ist. Sie müssen
nämlich weich, biegsam, elastisch und fein sein,
dabei aber so viel Festigkeit besitzen, daß sie
beim Gebrauch nicht abbrechen oder die Wolle
abreißen. Alte K. zieht man den frischen vor.
Die besten K. stammen aus der Gegend von
Avignon, Rouen, Sedan, italienische hauptsäch-
lich aus Bologna. Von den englischen werden
die aus der Grafschaft Essex, von den deut-
schen die aus der Gegend von Magdeburg,
Halle, Erfurt, Bamberg usw. bevorzugt. Die K-
werden zu je 25 Stück an den Stengeln zu-
sammengebunden und dann in Packen von
1000 Stück oder auch in leichte Fässer gepackt
in den Handel gebracht.

Kardin, ein neues Arzneimittel aus dem Herz-
fleische des Rindes, welches als Herztonikum ver-
ordnet wird.

Kardobenediktenkraut (Bitterdistel, Bern-
hardinerkraut. Kratzkraut, lat. Herba car-
dui benedicti, frz. Chardon bdnit, engl. Blessed
thistle), das getrocknete Kraut von Cnicus
bencdictus, einer Distelart, die im Orient und
Südeuropa wild wächst und. bei uns angebaut
wird. Die Pflanze, welche eine Höhe bis zu
        <pb n="207" />
        ﻿Kardol

201

Karragheen

i m erreicht und am besten in magerem, sandi-
gem Boden auf sonnigem Standorte gedeiht,
hat bis x/4 m lange, 8 cm breite Blätter, die auf
beiden Seiten zottig behaart und am Rande
dornig gezähnt sind. Das Kraut wird geschnit-
ten, bevor die gelben, mit großen stacheligen
Kelchen umgebenen Blüten sich öffnen, und im
Schatten getrocknet. Es enthält neben einem
Bitterstoff, Knizin oder Zentaurin, und äthe-
rischem Öl viel Salpeter und andere Salze. — K.
wird hauptsächlich zur Darstellung bitterer Li-
köre, als magenstärkendes Mittel und in Form
seines Extraktes medizinisch benutzt,

Kardol (lat. Cardolum, frz. Cardol vesicair,
engl. Cardol vesicant), der in den Anakardien
(s. d.) enthaltene äußerst scharfe Stoff ist eine
schwach und angenehm riechende, rötlichgelbe,
ölige Flüssigkeit, die wegen ihrer unberechen-
baren Wirkung nur selten, und stets nur äußer-
lich angewandt wird. Man unterscheidet Car-
dolum vesicans, aus westindischen Anakardien,
welches blasenziehend wirkt, und Cardolum
pruriens, aus den ostindischen Anakardien, wel-
ches auf der Haut Pusteln erzeugt.

Karlsbader Salz (lat. Sal thermarum Caroli-
narum), das durch Abdampfen des Karlsbader
Mineralwassers erhaltene Salz, wird für medi-
zinische Zwecke zu einem ziemlich hohen Preise
(ungefähr 13 M. das Kilo) in den Handel ge-
bracht. Dieses hohen Preises wegen hat man
als Ersatz ein künstliches K. hergestellt, das
aus den nicht flüchtigen Bestandteilen des Karls-
bader Mineralwassers, aus schwefelsaurem Na-
trium, Natriumbikarbonat und Kochsalz, in dem-
selben Mischungsverhältnisse besteht, dieselbe
medizinische Wirkung wie das echte Salz aus-
übt und nur 30—50 Pf. das Kilo kostet.

Karmelitergeist, Spiritus melissae comp,
des D. A.B., wird durch Destillation von Wein-
geist über Melisse und mehrere andere ge-
würzhafte Kräuter, Samen und Rinden als eine
klare und farblose Flüssigkeit vom spez. Gew.
0,90—0,9 t hergestellt und hat seinen Namen
vom Karmeliterkloster in Nürnberg.

Karmin, der prachtvolle rote Farbstoff, der
aus der Koschenille (s. d.) durch Ausziehen
mit Wasser und nachherige Fällung mit ver-
dünnten Säuren, meist unter Zusatz von Eiweiß,
Gelatine und Alaun hergestellt wird, kommt
entweder als ein feurigrotes Pulver oder in un-
regelmäßigen Bruchstücken in den Handel.
Die beliebteste Marke (Nakarat-K.) wird in
viereckigen Pappkästen von */2—1 kg Inhalt
und verschiedenen Qualitätsnummern verkauft.
K. ist unlöslich in Wasser, löst sich aber in Am-
moniak und soll nicht mehr als 9 o/0 Asche hin-
terlassen. Durch Fällung alkalischer Karmin-
lösungen mit Alaun und Zinnsalz erhält man die
sog. Karminlacke, die ebenso wie Gemische
mit Ton, Kreide usw. unter besonderen Namen,
wie Pariserrot, Florentiner, Wiener,
Münchener Lack in den Handel kommen. K.
wird als feine Malerfarbe sowie zum Färben
von Tapeten, Konditorwaren und arideren Nah-
rungsmitteln benutzt.

Karminsurrogat. Unter diesem Namen kommt
eine Mischung von Anilinrot (Fuchsin) mit Sa-
fransürrogat (Binitrokresolkalium) in den Han-
del, die früher zum Färben von Likören und

Konditoreiwaren verwendet wurde, nach dem
neuen Farbengesetz aber für Nahrungsmittel
verboten ist.

Karnallit, das nach dem Mineralogen Carnall
benannte, in den Abraumsalzen (s. d.) vor-
kommende Kalium-Magnesiumchlorid (KCl-f-
MgCl2-f-6H20) mit 27 °/o Kaliumchlorid, 34°/o
Magnesiumchlorid und 39% Wasser, bildet das
Hauptrohmaterial der Staßfurter Kaliindustrie.

Karnaubawachs (lat. Gera carnaubae, frz. Cire
de carnauba, engl. Carnauba wax), ein dem
Bienenwachs ähnliches Produkt pflanzlichen Ur-
sprungs, scheidet sich an der Oberfläche der
Blätter von Copernicia (oder Corypha) ceri-
fera, der in Nordbrasilien wachsenden Wachs-
palme, aus und bildet schmutzig grünliche oder
gelbliche Stücke, die im Aussehen gekochtem
Terpentin ähneln. K. ist hart und spröde, von
schwachem meerschaumähnlichen Glanz, schmilzt
bei 83—91 0 und löst sich in Äther sowie heißem
Alkohol und Terpentinöl. Das spez. Gew. beträgt
0,990—1,000. K. besteht im wesentlichen aus
Zerotinsäure-Myrizylester, neben geringen Mengen
freier Zerotinsäure und Myrizylalkohol. Seine
Säurezahl ist 4,5, die Ätherzahl 75, die Verseifungs-
zahl 85—95°. Es erhöht in Gemischen mit Fetten
wesentlich den Schmelzpunkt und wird daher in
großen Mengen zur Pierstellung von Kerzen,
Wachsfirnissen und Bohnerwachs benutzt. Einen
Zusatz von K. zu Bienenwachs erkennt man
an der Erniedrigung der Säurezahl, der Er-
höhung des spez. Gew. und des Schmelz-
punktes und an d^m Fehlen der Palmitinsäure.

Karneol (frz. Cornaline, engl. Cornelian), ein
als Ringstein zur Verwendung kommender leb-
haft roter, durchscheinender Chalzedon. Schleife-
reien befinden sich in Idar.

Karobablätter (lat. Folia carobae, frz. Feuilles
Carobe, engl. Carobe leaves), die getrockneten
Blätter einiger Bignpniazeen, u. a. Jacaranda
procera, welche neben Harzen und aromatischen
Stoffen ein Alkaloid: Karobin, enthalten. Die
länglich eiförmigen Blätter mit stärk hervor-
tretenden, schräg laufenden Seitennerven und
sternförmigen Drüsenhaaren werden von den Ein-
geborenen gegen Syphilis und Hautausschläge
angewandt und neuerdings auch nach Europa
eingeführt.

Karotten (Stangentabak) nennt man fest
zusammengearbeitete, etwa 1/3 m lange, nach
beiden Enden hin verjüngte Rollen von gebeiz-
ten Tabakblättern, die mit starkem Bindfaden
umwickelt sind und zur Bereitung von Schnupf-
tabak verwendet werden. Die mittels einfacher
Maschinen zusammengewickelten sog. Puppen
erhalten eine Hülle von Leinwand, die vor dem
Verkaufe wieder entfernt wird. Vor der Ver-
arbeitung läßt man die K. 3—4 Jahre liegen, bis
sie infolge des festen Zusammenschnürens und
der vorhandenen Beize nach und nach fast
speckartig erscheinen.

Karragheen (Irländisch Moos, Perlmoos,.
Knorpeltang, lat. Carrageen, Lichen irlandicus,
frz. Mousse d’Irlande, engl. Irish Moss), in den
Drogenhandlungen auch als Fucus crispus
bezeichnet, stammt von verschiedenen Meeres-
algen, Sphaerococcus crispus, Chondrus
crispus und Gigartina mammillosa, die an
den Küsten der Nordsee und des Atlantischen
        <pb n="208" />
        ﻿Karthamin

202

Kasein

Ozeans sowohl in Europa als auch in Nord-
amerika gefunden werden. Die Algen sind
hornartig durchscheinende gelappte oder ge-
schlitzte Gebilde, welche im frischen Zustande
schwarz- bis graurot aussehen, durch öfteres
Befeuchten und Trocknen an der Sonne aber
gebleicht werden. Als Hauptbestandteile finden
sich neben 8—io0/0 Stickstoffsubstanz und o,6o/0
Fett etwa 65—70 0/0 stickstofffreier Extrakt-
stoffe, vorwiegend Schleim, geringe Mengen
von Brom und Jod sowie Farbstoff. Die Menge
der an Sulfaten reichen Asche beträgt etwa 150/0.
Durch Kochen wird K. fast ganz in Schleim
aufgelöst und in Form einer stets frisch be-
reiteten Gallerte nach Zusatz von Zucker als
lösendes, reizlinderndes Mittel medizinisch ver-
wandt. In der Technik benutzt man den Schleim
als Weberschlichte, zum Appretieren von Zeu-
gen, zum Klären von Bier und als farben-
aufnehmenden Grund bei Marmorpapieren.
Während des Krieges wurde es auch als Salat-
ölersatz (s.d.) in den Handel gebracht. K. wird
gewöhnlich erst in den Drogenhandlungen ge-
reinigt, sortiert, geschnitten und gepulvert. Der
Versand geschieht in stark gepreßten Ballen
von 50 kg Gewicht.

Karthamin (Karthaminsäure, Safflor-,
Chinesischrot), C14Hl0O,, der rote Farbstoff
des Safflors (s. d.), aus welchem er, nach der
Entfernung des gelben Farbstoffs mit Wasser,
durch Sodalösung ausgezogen und mit Säuren
wieder gefällt wird, kam früher nur auf Tassen
oder Teller gestrichen (Rouge en assiettes)
oder flüssig (Rouge ä la goutte) in den Han-
del, wird , aber neuerdings auch als braunrotes
Pulver (Rouge vügdtal) oder in Form me-
tallisch glänzender Blättchen geliefert. Die frü-
her viel zum Rotfärben von Geweben benutzte
Masse ist jetzt durch die Teerfarben meist ver-
drängt und findet nur noch bei der Verfertigung
von Schminken (Fard de chine) Anwendung.

Kartoffeln (Erdäpfel, frz. Pommes de terre,
engl. Potatbes) sind die an unterirdischen Sten-
geln (nicht Wurzeln) wachsenden Knollen von
Solanum tuberosum, die im Jahre 1560 aus
ihrer südamerikanischen Heimat (Peru, Chile)
nach Europa eingeführt und hier seit Ende des
t8. Jahrhunderts in steigendem Maße angebaut
wurden. Die K. ist äußerst anspruchslos und
gedeiht auf jedem Boden, am besten jedoch auf
leichtem Sand- bis Lehmboden, der für Getreide-
bau nicht mehr verwertbar ist. Sie findet sich
in Europa von den nördlichen Mittelmeerländern
bis zum 700 n. Br, und wächst in Deutschland
als Frühkartoffel 70—90, als Spätkartoffel
140—180 Tage. Die Vermehrung geschieht meist
durch Knollen, seltener zu Zuchtzwecken durch
Samen. Die K. liefert im allgemeinen sehr hohe
Erträge von 12—19000 kg auf den Hektar, hat
aber unter manchen pflanzlichen und tierischen
Schädlingen, von denen der jetzt ausgerottete
Koloradokäfer besondere Berühmtheit er-
langte, zu leiden. Nach ihrer chemischen Zu-
sammensetzung ist sie ein ausgesprochen stärke-
haltiges Produkt und enthält neben 750/0 Wasser
und 18—200/0 S.ärke nur 2 0/0 Stickstoffsubstanz,
je 1 o/0 Asche und Rohfaser und Spuren Fett. Ihr
Wert hängt von dem Gehalt an Stärke, bzw.
indirekt von ihrem Wassergehalt ab, welcher

nach Boden, Klima und Sorte beträchtlichen
Schwankungen unterliegt und bis zu 88 °/o an-
steigen kann. Mit länger dauernder Aufbewah-
rung sind verschiedene chemische und physio-
logische Veränderungen verbunden. In erster
Linie zeigt sich ein Rückgang der Stärke, und
mit der im Frühjahr, besonders bei höherer
Temperatur eintretenden Keimung bildet sich
das giftige Solanin. Zur möglichsten Einschrän-
kung dieser Umlagerungen müssen die K. trok-
ken, luftig und kühl aufbewahrt werden. Im
großen bedient man sich hierzu meist besonderer
Erdgruben (Mieten), für den Haushalt hat sich
die Bedeckung mit feiner Asche zur Verhinde-
rung der Keimung und Fäulnis als vorteilhaft
erwiesen. Der süße Geschmack, welchen ge-
frorene K. annehmen, läßt sich wieder beseiti-
gen, wenn man die K. vor dem Gebrauch
mehrere Tage in der warmen Küche äufbewahrt.
Die K. bilden in manchen Gegenden das wich-
tigste Nahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung
und finden außerdem technische Verwendung
als Futtermittel, in der Brennerei und Stärke-
fabrikation. Zur Verringerung der hohenTrans-
portkosten hat man neuerdings mit Erfolg ver-
sucht, die K. durch Trocknen ihres Wassers zu
berauben, und bringt die so erhaltenen Trok-
ken- oder Dörrkartoffeln, Kartoffelflocken,
Kartoffelwalzmehl, Kartoffelgrieß usw. zu Fut-
ter- und Ernährungszwecken in den Handel.
Die deutsche Erzeugung beläuft sich in nor-
malen Jahren auf 40—50 Millionen Tonnen.

Karumbaniba, die unter der Erdoberfläche ho-
rizontal verlaufenden Wurzeln einer in ganz Brasi-
lien vorkommenden Palme, Desmoncus po-,
lyacanthus, werden dort zur Herstellung von
Spazierstöcken benutzt, indem man sie nach der
Reinigung durch gelindes Erwärmen streckt und
gerade zieht und dann poliert. Die zerkleinerten
Wurzeln werden auch als blutreinigender Tee
angewandt.

Karvon (Karvol), ein hydroaromatisches
Keton von der Formel Ci0HuO, welches zu
50—60 0/0 im Kümmelöl (s. d.), und in bei-
nahe gleicher Menge im Dillöl enthalten ist
und neuerdings auch synthetisch dargestellt
werden kann, wird aus dem über 2000 sieden-
den Anteil des Kümmelöls gewonnen als eine
farblose, nach Kümmel riechende Flüssigkeit vom
spez. Gew.0,963—0,966, dem Siedepunkt 2300 und
der Drehung +57 bis -j-6o°3o'. ln Krauseminz-
öl ist zu durchschnittlich 500/0 die linksdrehende
Modifikation des Karvons enthalten. Zur Rein-
darstellung bedient man sich der Eigenschaft
des K., mit Schwefelwasserstoff eine kristalli-
sierte Verbindung zu geben, oder man scheidet
es aus dem Öl mit neutralem Natriumsulfit ab,
womit K. eine in Wasser lösliche Verbindung
bildet. Der nicht in Reaktion getretene Anteil
wird durch Ausäthern entfernt und das K. dann
mit Natronlauge in Freiheit gesetzt und mit
Wasserdampf übergetrieben.

Kasein (Casein, Käsestoff) ist die haupt-
sächlichste Stickstoffsubstanz der Säugetiermilch,
in der es in Menge von 2—5 0/0 vorkommt. Zur
fabrikmäßigen Darstellung wird abgerahmte,
stark verdünnte Kuhmilch mit Essigsäure ver-
setzt, der entstehende Niederschlag abfiltriert,
nach dem Waschen mit Wasser in Ammoniak
        <pb n="209" />
        ﻿Kaskarille

203

Katechu

oder Soda gelöst, nochmals mit Essigsäure ge-
fällt und nach mehrfacher Wiederholung dieser
Arbeit durch Alkohol und Äther vom Fett be-
freit und im Vakuum getrocknet. Es stellt
dann ein weißes, in Wasser nahezu unlösliches
Pulver dar, welches etwa 15 0/0 Stickstoff enthält
und durch Einwirkung von Ammoniak, Alkalien
und Kalk in lösliche Salze übergeführt wird.
K% findet in der Nahrungsmittelindustrie und
Technik ausgedehnte Anwendung. Von den
neuerdings als Kräftigungsmittel und zur Kran-
kenernährung in großer Zahl angepriesenen
Nährpräparaten besteht Sanatogen aus
einem mit Glyzerinphosphorsäure löslich gemach-
ten K., Nutrose ist lösliches Kaseinnatrium, Eu-
kasin lösliches Kaseinammonium. Die Technik
benutzt K. in Verbindung mit Kalk als Käse-
kalk, Quarkleim, Caseogomme als Klebe-
mittel, zur Herstellung von Kitten und Kasein-
farben und in der Färberei zum Animali-
sieren. Durch letzteres nimmt Baumwolle und
Leinen die Eigenschaft an, sich Farbstoffen
gegenüber wie Wolle und Seide zu verhalten.
Kaseinnatrium dient als Anmache- und Befesti-
gungsmittel von pulverförmigen, unlöslichen Far-
ben, besonders Ultramarin.

Kaskarille (Cascarillenrinde, Croton-
rinde, graue Fieberrinde, lat. Cortex casca-
rillae, frz. Ecorce de Cascarille, engl. Cascarille
bark) stammt von verschiedenen kleinen, baum-
artigen Wolfsmilchgewächsen der Gattung Cro-
ton, z. B. C. Eluteria, die im tropischen Amerika
heimisch sind. Die trockene Rinde bildet mei-
stens gerollte, kurze, auch rinnenförmige Stück-
chen, die außen grauweiß oder aschgrau, innen
rotbraun gefärbt und beiderseits mit zahlreichen
feinen, sich kreuzenden Rissen versehen sind
und auf dem Bruche hornartig, auf scharfem
Querschnitt harzglänzend erscheinen. Sie ent-
hält ätherisches Öl, einen kristallinischen Bitter-
stoff Kaskarillin, Gerbstoff, harzige und
gummiartige Bestandteile und hat einen bren-
nend würzhaften bitteren Geschmack sowie aro-
matischen Geruch, der beim Aufwerfen der
Rinde auf glühende Kohlen moschusartig wird.
Das abdestillierte ätherische Öl, das Kaska-
rillöl, riecht und schmeckt wie die Rinde. K.
findet als Tonikum sowie als Zusatz zu Zahn-
pulver beschränkte medizinische Anwendung.
Häufiger benutzt man sie als Räucherpulver,
zu aromatischen Likören und zu Tabaksbeizen.

Kastanien (Maronen, frz. Chätaignes Mar-
rons, engl. Chestnuts) sind die süßlich mehligen,
sehr nahrhaften Früchte des edlen oder echten
Kastanienbaumes (Castanea vesca), eines
Verwandten unserer Rotbuche, der aus dem
wärmeren Asien stammt, aber seit alten Zeiten in
Südeuropa heimisch ist. Die Früchte stecken zu
einer oder zweien, seltener zu dreien in einer mit
spitzen Dornen besetzten Becherhülle, die später
yierklappig auseinandergellt und den Inhalt aus-
fallen läßt, werden aber schon früher gesammelt
oder mit Stangen abgeschlagen, von den Hüllen
durch Dreschen getrennt und in der Sonne ge-
trocknet, auch zuweilen zur Zerstörung der
Keimkraft vorher abgebrüht. Sie enthalten etwa
3oo/0 Wasser, 8—90/0 Stickstoffsubstanz, 2 0/0
Fett, 30 0/0 Stärke. 23 0/0 stickstofffreie Extrakt-
Stoffe, je 3 o/0 Holzfaser und Asche. Wälder-

artige Kastanienpflanzungen finden sich in
mehreren Gegenden Italiens, Spaniens, Portugals
und in Südfrankreich, namentlich in der Pro-
vence und Languedoc, von wo die größten und
besten, sog. Maronen, in den Handel kommen.
Kleinere K. werden diesseit der Alpen im süd-
westlichen Deutschland, in der Schweiz, Tirol,
am Rhein, Ungarn gezogen. Sie sind einseitig
abgeplattet, da sie immer nur zu zweien in
einem Becher stecken. In Mitteldeutschland
wächst der Baum zwar auch noch, bleibt aber
häufig ertraglos. Die, Früchte werden in der
mannigfachsten Zubereitung genossen, bei uns
nur als gelegentliche Zuspeise, während sie in
südlicheren Gegenden die Bedeutung eines wirk-
lichen Volksnahrungsmittels haben, auch eine
vortreffliche Viehmast abgeben. Bei der Auf-
bewahrung der K. ist Vorsicht nötig, da sie
leicht von Schimmel und Würmern angegangen
werden und im Frühjahr, wenn sie nicht kühl
und trocken gehalten werden, leicht keimen
und dadurch gänzlich verderben.

Kastanienextrakt, 1. Kastanienblätter-
extrakt (lat. Extractum foliorum castaneae
vescae, frz. Extrait de chätaignes, engl. Extract
of chestnuts), der eingedickte wäßrige Auszug
aus den Blättern der Edelkastanie, wird als
Mittel gegen Keuchhusten empfohlen und ist in
die amerikanische Pharmakopoe aufgenommen
worden. 2. Kastanienholzextrakt, ein durch
Auskochen des Kastanienholzes mit Wasser
und Verdampfen bis zur Sirupsdicke erhaltenes
Erzeugnis, wird teils mit Eisensalzen zum
Schwarzfärben, teils zur Ausfällung pektin- und
stickstoffhaltiger Stoffe aus Rübenmelasse be-
nutzt, die nach vorhergehender Gärung zur
Pottaschebereitung bestimmt ist. Häufig dient
K.-Holzextrakt auch zur Verfälschung von Blau-
holzextrakt.

Kastanienholz, das gelblichbraune,, dunkel-
schattierte Holz der echten Kastanie, ist dem
Eichenholz etwas ähnlich, aber oft rissig. Es
schwindet und quillt nicht, nimmt eine schöne
Politur an und wird als wertvolles Nutzholz
verwendet. Besonders gut eignet es sich zu
Faßstäben für Weinfässer, die von Italien nach
Frankreich und England ausgeführt werden. In
Oberitalien wird viel K. als Schlag- oder Unter-
holz gezogen, da das hierbei erhaltene Stangen-
holz sehr geeignet zu Hopfenanlagen und Wein-
pfählen ist.

Kastorine, verschiedene ganz wollene, ge-
mischte oder ganz baumwollene 'weichhaarige
Gewebe, welche der Klasse der Biber, Plü-
sche, Velpel angehören. Auch ungeschnittener
Seidenplüsch ist darunter verstanden worden.

Katechu (Catechu, Cachou, lat. Terra cate-
chu seu japonica, frz. Cachou ouTerre dejapon,
engl. Cutch, Black catechu) besteht aus dem
eingetrockneten, wäßrigen Extrakt verschiede-
ner, besonders zu den Akazien gehöriger
Bäume und Sträucher Ostindiens und wird je
nach der Abstammung in Akazienkatechu
oder Mimosenkatechu und Palmenkatechu
unterschieden. Vom Akazienkatechu kommen
zwei Hauptarten in den europäischen Handel;
1. Cutch, braunes K. oder Bombay-K, durch
Auskochen des Holzes der Acacia Catechu
und A. Suma gewonnen, bildet große Kuchen,
        <pb n="210" />
        ﻿Katechupräparat

204

Katzenfelle

im Einzelverkauf unregelmäßige Stücke mit
rauher, erdiger, brauner Oberfläche und brau-
nem Bruch und ist gewöhnlich mit anklebenden
und eingebackenen Blättern und Spänen durch-
setzt. Besondere Sorten sind: a) das ben-
galische K., fast quadratische Stücke, die
außen erdig rauh, schmutzig graubraun er-
scheinen und auf dem Bruche dunklere und
hellere Streifung oder Marmorierung zeigen;
b) das höher geschätzte, braune Pegu-K., das
in Körben und Ballen aus Ranguhn und Pegu
in Hinterindien kommt. 2. Gambir- oder gel-
bes K,, Gutta Gambir, unrichtigerweise auch
Terra japonica (japanische Erde) genannt,
wird besonders auf Java, Sumatra und Pulo-
Penang aus den jungen Ästen und Blättern des
zu den Zinchonazeen gehörenden Strauches
Nauclea Gambir oder Uncaria G. gewonnen
und erscheint teils in würfelförmigen, dunkel-
braunen oder schwarzrötlichen, innen etwas hell-
farbigeren Stücken als Singapur-Gambir, teils
als mehr gelbbraune, innen gleichfalls hellere
Würfel (Rhiogambir). Beide sind porös und
schwimmen leicht auf Wasser, während die
früher genannten Sorten untersinken. — Das
Palmen-K., das in Indien durch Auskochen
der Arekanüsse gewonnen wird und für uns
keine Handelsware bildet, benutzt man in Süd-
asien ähnlich wie Gambir als einen Zusatz beim
Kauen der Betelblätter. — Die eigentlichen
Katechusorten schmecken zusammenziehend süß-
lich, Gambir außerdem auch bitter. Sie lösen
sich nur teilweise in kaltem Wasser, sollen da-
gegen in heißem völlig löslich sein und sind um
so mehr verunreinigt, je mehr Bodensatz sie
dabei hinterlassen. Geringere Sorten haben
meistens Zusätze von Stärkemehl, das durch die
Jodprobe leicht zu finden ist. , Auch wird als
Neu-K. eine völlige, durch Auskochen von Na-
delhölzern gewonnene Nachahmung in denPIan-
del gebracht. Der Wert des K. beruht auf seinem
Gehalt an Katechusäure oder Katechin und
an Katechugerbsäure, doch dient die Droge
zum Gerben nur in untergeordnetem Maße,
findet hingegen außer zu einigen medizinischen
und hygienischen Zwecken, z. B. als Zusatz zu
Zahnwässern und als adstringierendes Mittel,
ausgedehnte Anwendung in der Färberei und
im Zeugdruck. Es liefert in Verbindung mit
Chrom- und Kupfersalzen und anderen Zusätzen
schöne braune, auch gemischte Farben und echt
Schwarz.

Katechupräparat (Präpariertes Katechu)
wird aus Gambirkatechu bereitet, indem man
es im Dampfbade schmilzt und eine kleine
Menge Kaliumdichromat, bisweilen auch Alaun-
lösung und Salmiakgeist, zusetzt. K. findet in
der Färberei Anwendung.

Katgut. Unter diesem Namen kommt ein Näh-
material für Wundbehandlung in den Handel,
das meist aus getrockneten, gespaltenen und ge-
reinigten Katzendärmen besteht.. K. wird in ver-
schiedenen Stärken verwandt und auf Spulen ge-
wickelt in einer 20°/oigen öligen Karbolsäure-
lösung aufbewahrt.

Kathablätter, die für medizinische Zwecke von
Arabien über Aden eingeführten Blätter von
Cat ha edulis, sind eiförmig, stumpf gezähnt,
unbehaart, oben dunkelgrün, unten hellbläulich-

grün und enthalten ein dem Koffein ähnliches
Alkaloid.

Kathartinsäure (Cathartinsäure, lat. Aci-
dum cathaftinicum, frz. Acide cathartinique,
engl. Cathartic acid), der abführend wirkende
Stoff der Sennesblätter und derKreuzdorn-
beere (Fructus rhamni catharticae), wird ge-
wöhnlich als schwarzbraune, amorphe Masse
erhalten, die aus einem in Chrysophansäure und
Emodin zerfallenden Glykoside besteht. Sie
wird nur selten medizinisch verwendet.

Kattun, ein baumwollener, nach Leinwandart
glatt und ziemlich dicht gewebter Stoff, kommt
entweder gefärbt oder bedruckt in den Handel.
Den Hauptartikel bilden die gedruckten K., die
meist in England und Deutschland mit gravier-
ten Kupferzylindern hergestellt werden. Be-
kanntere Sorten sind: Schirting, Nessel aus
Garn Nr. 20—60 dicht gewebt, Bettkattun mit
farbigen Streifen im Einschlag, Nanking, ein
dichter, fester K. von bräunlicher Naturfarbe
(echter Nanking) oder braun gefärbt, Kam-
brik oder feiner Hemdenkattun, Dowlas oder
Heradentuch.

Katzenauge (Schillerquarz) nennt man eine
Abart gefärbten Quarzes, welcher durch Ein-
schlüsse dicht gedrängter paralleler Asbestfasern
einen seidenartigen, wie eine Pupille geformten
Lichtschein erhält. Besonders schön tritt letz-
terer auf, wenn das Mineral kappenförmig (en
cabochon) geschliffen ist und in gewissen Rich-
tungen gegen das Licht gehalten wird. Der
Stein ist durchscheinend, verschieden gelb, grün-
lich, grau, braun oder rötlich gefärbt und kommt
am schönsten auf der Malabarküste und auf
Zeylon vor. Er findet sich aber auch im Fichtel-
gebirge und an anderen Orten in Deutschland
und wird zu Ring- und Nadelsteinen geschlif-
fen. Der braune, mit weißlichem Scheine wird
am meisten geschätzt.

Katzenfelle (fr'z. Peaux de chat, engl. Cats
skins). Sowohl die Felle von wilden als zahmen
Katzen werden im Handel geführt, und nament-
lich die der letzteren bilden ein viel verwendetes
beliebtes Pelzwerk. Bei ihrer Sortierung ent-
scheidet in erster Linie die Farbe, nach welcher
man schwarze, graue, bunte, rote und weiße
unterscheidet, und zwar werden die schwarzen
am teuersten bezahlt. Die Schönheit des Felles
richtet sich bei der zahmen Katze weniger nach
dem Klima als nach dem Grade der Pflege und
Reinlichkeit. Auch müssen die Tiere bereits
im ersten Lebensalter im Winter geschlachtet
werden, weil zu alte Tiere schlechte Pelze geben,
und es ist daher erforderlich, daß man die
Katzen gleich mit Rücksicht auf das Fell züch-
tet. Vor allem geschieht dies in Holland, das
die schönsten schwarzen Felle in den Handel
bringt. Die Tiere werden dort in Schuppen ein-
gesperrt gehalten und nur mit Fischen ge-
füttert. Daneben liefern auch die Schweiz,
Salzburg, Steiermark, ferner Norddeutschland
und Rußland schöne schwarze Felle. Nicht sel-
ten werden die Tiere kastriert, damit sie größer
und haarreicher werden. Deutschland, Italien
und die Dönaufürstentümer verbrauchen haupt-
sächlich schwarze, Schlesien und Galizien graue,
die Türkei weiße und rote Felle. Gute schwarze
K. gehen auch nach England und Amerika.
        <pb n="211" />
        ﻿Katzenkraut

205

Kautschuk

Die wilde Katze ist in Deutschland fast aus-
gerottet und findet sich hauptsächlich in den
Wäldern Rußlands und Asiens, in Polen, Un-
garn und der Türkei. Sie gleicht in vieler Be-
ziehung den zahmen grauen Zyperkatzen, ist
aber wenigstens um ein Drittel größer, das
Haar fast noch einmal so lang und feiner. Der
gelblichgraue Schwanz hat regelmäßige schwarze
Ringel und ein schwarzes Endstück. Diese
Katzen geben ein weiches, doch wenig halt-
bares Pelzwerk, das braun gefärbt und haupt-
sächlich in Ungarn und der Türkei verbraucht
wird. Katzenfelle werden vielfach gegen Rheu-
matismus und Gicht verwandt, indem man die
schmerzhaften Stellen damit bedeckt.

Katzenkraut (Amberkraut, lat. Herba mari
veri, frz. Teucrium, engl. Cat thyme) besteht
aus dem Kraute von Teucrium marum, wel-
ches einen durchdringenden, kampferartigen Ge-
ruch besitzt und auch im getrockneten Zu-
stande bitter, brennend, würzhaft und scharf,
dann kühlend schmeckt. Katzen, Marder, Füchse
und anderes Raubzeug werden von dem Geruch
angezogen und zerstören die Pflanze. K. wird
zu Kräuterumschlägen und als Zusatz zu Schnupf-
tabaken angewandt.

Kauris, die kleinen, bei uns als Otter- oder
Schlangenköpfchen zum Besatz von Pferde-
geschirren sowie zu Muschelarbeiten benutzten
Gehäuse einer Meerschnecke, Cypraea rao-
neta, stammen aus den indischen Meeren, na-
mentlich dem Koralleharchipel^ der Malediven
und dienen seit den ältesten Zeiten in Asien
und Afrika als Münze. In Bengalen entsprechen
etwa 1540 Stück dem Werte eines Franks, in
Siam sogar erst 2400, während an der West-
küste' von Afrika schon 122 Stück dem Wert
eines Franks gleichkommen.

Kautschuk, Feder harz, Ledergummi,
Rohgummi (lat. Gummi elasticum, Resina
elastica; frz. Rdsine elastique, Caoutchouc, engl.
India rubber), ein überaus wichtiger Gegenstand
des Welthandels von ständig wachsender Be-
deutung, findet sich in dem Milchsäfte ver-
schiedener Pflanzen, besonders aus den Familien
der Wolfsmilchgewächse oder Euphorbia-
zeen (Hevea, Manihot), der Hundsgift-
gewächse oder Apocynazeen (Landolphia,
Hancornia, Kickxia), der Maulbeergewächse
oder Morazeen (Ficus, Castilloa) und der
Riesenblumengewächse oder Loranthazeen
(Struthantus, Phiturasa). Für die technische
Gewinnung kommen nur tropische Vertreter
dieser Familien in Betracht, da der Kautschuk-
gehalt unserer einheimischen Wolfsmilchge-
wächse (0,5—2,50/0) zu gering ist. In Europa
wurde der K. zuerst durch einen Bericht des
französischen Gelehrten Condamine bekannt,
der 1736—1745 in Brasilien und Peru weilte, wo
die Eingeborenen den Stoff zur Herstellung von
Fackeln, Stöpseln für Kürbisflaschen, Beuteln
und anderen kleinen Gebrauchsgegenständen
benutzten. Schon 1790 wurden in Paris ver-
einzelt chirurgische Binden, wasserdichte Über-
züge und Röhren für chemische Zwecke daraus
hergestellt. 1820 gelang es Stadler in Wien
zum ersten Male, den K. zu Fäden auszuziehen.
Später erschienen die ersten plumpen Gummi-
schuhe und Regenröcke (Mackintosh) im

Handel, die jedoch zunächst wenig Anklang
fanden. Erst nach der Erfindung des später zu
besprechenden Vulkanisierungs Verfahrens er-
rang der K. seine jetzige Stellung als eines un-
entbehrlichen Hilfsmittels zahlreicher wichtiger
Industriezweige. — Die Gewinnung des K. er-
folgt in den einzelnen Ursprungsländern auf
verschiedene Weise. Die im Überschwemmungs-
gebiete des Amazonas vorkommenden Bäume
(Hevea brasiliensis), von denen die weitaus
beste Sorte, der Para-K, stammt, werden
während der trockenen Jahreszeit, die den dick-
sten Saft liefert, in 2 m Höhe mit schiefen, nach
oben laufenden Einschnitten versehen. Unter
jeden dieser Einschnitte, die zusammen einen
horizontalen Ring um den Stamm bilden, hängt
man einen Becher, der nach 24 Stunden abge-
nommen wird. 20 cm unterhalb des ersten
Kreises wird ein zweiter Ring von Einschnitten
angelegt, hierauf ein dritter usw, bis der Bo-
den erreicht ist. Der angesammelte Milchsaft
wird becherweise auf Holz- oder Tonformen
gegossen und über freiem Feuer getrocknet und
geräuchert. Auf die erste Schicht folgt eine
zweite, nach abermaliger Trocknung eine dritte
und so fort, bis die gewünschte Dicke (2 bis
12 cm) erreicht ist. Die von dem FIolz- oder
Tonkern abgezogene Kautschukmasse behält
die Form des letzteren bei und wird vielfach als
Flaschenkautschuk bezeichnet. Man kann
nach diesem Verfahren aber auch einfache
Platten darstellen. Das durch freiwillige Ein-
trocknung des Milchsaftes in Kästen oder Gru-
ben erhaltene Erzeugnis wird als Gummispeck
oder Speckgummi bezeichnet. Die Ausfuhr
des im brasilianischen Handel als Feingummi
(Para-fine) bezeichneten Para-K. erfolgt über
den Hafenplatz Para. Zur Gewinnung des
Ceara- und Amazonas-K. wird unterhalb der
Einschnitte um den sorgfältig gereinigten Stamm
eine Rinne aus Lehm angebracht, von der aus
der Milchsaft in Kürbisflaschen (Kalebassen)
fließt. Die weitere Verarbeitung ähnelt derjeni-
gen des Para-K. Die am Stamme hängen ge-
bliebenen Anteile, die durch Holz- und Rin-
denstücke verunreinigt sind, kommen in Form
kugelrunder Ballen, sog. Negerköpfe (Niggers)
als Saramby-K. in den Handel. .Geräucherter
Ceara-K. wird Manie ob a genannt. Carta-
gena-, Ule- oder Castilloa-K. stammt von
mittelamerikanischen Castilloa-Arten. Den aus
einem langen senkrechten Einschnitt mit kürze-
ren seitlichen Einschnitten ausfließenden Milch-
saft (U16) vermischt man mit dem wäßrigen
Auszuge einer Schlingpflanze (Ipomoea bona),
knetet die ausgeschiedene weiche Masse und
formt sie zu kleinen Kuchen oder größeren
Blöcken. Mangabeira-K., von Hancornia spe-
ciosa, bildet ziemlich feuchte rosafarbige Stücke,
die infolge eines Alaunzusatzes zur Milch meist
alaunhaltig sind und geringeren Wert haben.
Ostindischer K. wird aus dem Milchsäfte von
Ficus elastica und Urceola elastica gewonnen,
indem man ihn an der Luft gerinnen läßt und
die nach oben steigende Kautschukmasse knetet
und an der Sonne trocknet. Der in regellosen
Brocken und Klumpen sowie in dicken Platten
vorkommende K. zeigt infolgedessen eine hellere,
lichtbraune oder weißgraue Farbe, auch ist er
        <pb n="212" />
        ﻿Kautschuk

206

Kautschuk

meist verunreinigt und von geringerer Festig-
keit und Elastizität als die Parasorte. Er kommt
selten nach Deutschland und wird meist nach
England und Amerika ausgeführt. Steigende Be-
deutung gewinnt neuerdings der afrikanische
K., der besonders in Portugiesisch- und Deutsch-
Ostafrika, Sierra Leone, Madagaskar und im
Kongostaate von verschiedenen Landolphia- und
Kickxia-Arten gewonnen wird. Mehr und mehr
geht man auch zur Anlegung von Kulturen
über, wodurch besonders in Zeylon die Her-
stellungskosten wesentlich verringert worden
sind. — Die Gesamtmenge des auf der Erde
gewonnenen Kautschuks wurde 1862 zu 4000 t
angegeben, 1903 belief sie sich auf 63500 t, wo-
von fast die Hälfte auf Brasilien entfiel, und
1910 auf 76000 t. Infolge der Anlegung zahl-
reicher Kulturen, die Anfang 1911 bereits
400000 ha umfaßten, stieg die Erzeugung im
Jahre 1915 auf mehr als 100000t und wurde für
1916 auf 130—150000 t geschätzt. Die deutschen
Kolonien, deren Pflanzungen eine schöne Ent-
wicklung zeigten, lieferten vor dem Kriege be-
reits gegen 3000 t. — Der K., der sich neben
Eiweiß, Harz, Zucker und Mineralstöffen in
Form einer wäßrigen Emulsion in dem Milch-
säfte (Latex) vorfindet, ist ein zu den Poly-
terpenen gerechneter Kohlenwasserstoff von der
empirischen Formel C10H16, aber sehr hohem
Molekül. Er bildet den Hauptbestandteil des
Rohkautschuks, neben dem kleinere oder größere
Mengen von Eiweiß, Harzen und anderen Ver-
unreinigungen (im Para-K. nur 1—40/0, in min-
derwertigen Sorten bis zu 400/0) Vorkommen.
Je nach der Sorte zeigt der Rohkautschuk eine
rötliche, bräunlichgelbe bis schwarze Farbe,
einen eigentümlichen Geruch und eine hohe
Elastizität. Das spez. Gew. liegt bei 0,92 bis
0,96. Bei niedrigen Temperaturen hart und
spröde, wird der K. bei 1200 klebrig und schmilzt
bei 1800 zu einer Schrhiere, die erst nach jahre-
langer Lagerung wieder fest wird. Bei 200 bis
3000 geht er in ein dunkelbraunes Öl über, das
als Schutzmittel gegen Rost dient, und verbrennt
bei noch stärkerem Erhitzen an der Luft mit
rußender Flamme und unangenehmem Geruch.
Die eigentliche Kautschuksubstanz ist in Wasser,
Alkohol und Azeton unlöslich, doch entziehen
die beiden letzteren dem Rohkautschuk die
Harze. Von den übrigen Lösungsmitteln, die
den K. entweder in eine wirkliche Lösung oder
doch durch Erweichung und Quellung in eine
homogene Flüssigkeit überführen, sind Äther,
Benzin, Benzol, Chloroform, Schwefelkohlen-
stoff, Terpentinöl und Tetrachlorkohlenstoff von
größter technischer Bedeutung. Ein ausgezeich-
netes Lösungsmittel ifet auch das durch trockne
Destillation von K. gewonnene Kautschuköi
(Kautschukin). Gegen chemische Reagenfien
ist K. ziemlich beständig, er wird aber von kon-
zentrierter Schwefelsäure und Salpetersäure zer-
stört, durch starke Laugen in eine klebrige Mo-
difikation umgewandelt und auch durch Tangere
Einwirkung von Luft und Licht (Ozon) ver-
dorben. Mit salpetriger Säure entstehen Nitro-
site, die ebenso wie die Additionsprodukte mit
schwefliger Säure und Halogenen (Tetrabromid)
zur quantitativen Bestimmung benutzt werden.
— Zur technischen Verwendung wird der

Rohkautschuk zunächst einem Reinigungsverfah-
ren unterworfen, indem man ihn in siedendem
Wasser erweicht, darauf mit ständig naß-
gehaltenen Schneidemaschinen in 100—200 g
schwere Brocken zerteilt und letztere sorgfältig
mit Hilfe von Riffelwalzen wäscht.. Die schließ-
lich erhaltenen dünnen Lappen, sog. „Felle“,
werden sorgfältig bei 50—6o° getrocknet. Der
bei dieser Reinigung eintretende Gewichtsver-
lust („Waschverlust“), der bei bestem Para-K.
gegen 10 o/0 ausmacht, im allgemeinen aber 20 0/0
beträgt, kann bei geringeren Sorten bis zu 50 o/ft
ansteigen. Die reinen Felle werden entweder
für sich allein in Walzwerken und nachfolgen-
dem hohen Druck in Blöcke gepreßt und in
Platten zerschnitten (Patentgummi), oder
durch Verkneten des erweichten K. mit Schwefel,
Ton, Zinkoxyd, Talk, Glätte, Schwefelantimon,
Kienruß usw. in eine sog. gemischte Masse
übergeführt, die dann durch Pressung ebenfalls
Platten liefert. Aus den Platten von Patentgummi
oder gemischter Masse werden die meisten Ge-
brauchsgegenstände hergestellt, indem man sie
zunächst in die gewünschte Form (Scheiben
für Spielwaren, Klappen usw.) zurechtschneidet
und dann die Vereinigung der Ränder durch
Aneinanderpressen, bisweilen unter Verwendung
von Kautschuklösung als Klebemittel herbeiführt.
Aus Patentgummi entstehen so z. B. Milch-
sauger, Gummischläuche. Gemischte Platten
werden ebenfalls zunächst zerschnitten und dann
in Formen hohem Druck ausgesetzt, wobei bis-
weilen, wenn die Gegenstände hohl und prall
bleiben sollen (Gummibälle) etwas kohlen-
saures Ammonium hineingebracht wird. Für
Gummischuhe, Mäntel von Fahrradreifen, wasser-
und luftdichte Stoffe wird der Einlagestoff ent-
weder durch Aufwalzen der Kautschukmasse
oder Aufstreichen einer Kautschuklösung mit
dem gewünschten Überzüge versehen. Gummi-
schuhe werden auch durch Eintauchen der mit
abgepaßten Futterstoffen belegten Formen in
Kautschuklösungen, darauffolgendes Belegen
mit zurecht geschnittenen Kautschukplatten und
anschließende Vulkanisation hergestellt. Gummi-
schläuche erhält man entweder durch schrau-
benförmiges Aufwickeln der Kautschukstreifen
auf eine eiserne Achse und nachfolgendes Ver-
kleben der Ränder oder auch Ausspritzen der
erweichten Masse aus einem mit Kern ver-
sehenen Mundstück. Elastische Gewebe werden
aus langen, mit Maschinen zurechtgeschnittenen
vierkantigen Fäden, die mit Baumwolle oder
Seide umsponnen und dann gestreckt sind, her-
gestellt. Der so erhaltene gereinigte Kaut-
schuk findet wie auch der Rohkautschuk nur
beschränkte Verwendung als Radiergummi so-
wie zur Herstellung von Heftpflastern und
Kautschuklösungen für Klebezwecke. Für die
meisten Verwendungen muß er erst der Vul-
kanisation unterworfen werden. Dieses haupt-
sächlich von Goodyear erfundene Verfahren
besteht in der Einverleibung von Schwefel bei
höherer oder von Schwefelchlorür bei gewöhn-
licher Temperatur und verleiht dem K. mehrere
für seinen Gebrauch höchst günstige Eigen-
schaften. Im Gegensatz zum gewöhnlichen K.
wird der vulkanisierte weder bei niederen Tem-
peraturen spröde, noch bei höheren klebrig.
        <pb n="213" />
        ﻿Kautschuk

207

Kayennepfeffer

sondern behält seine volle Elastizität. Seine
Porosität und seine Löslichkeit ist wesentlich
geringer geworden; Terpentinöl, Benzin, Äther
und Chloroform lösen ihn kaum, sondern quellen
ihn nur bis zum zehnfachen Volumen, während
fette Öle ihn in eine plastische, an der Luft
sich oxydierende Masse verwandeln. Die frischen
Schnittflächen des vulkanisierten K. haften beim
Aneinanderdrücken nicht zusammen. Nach dem
Verfahren der heißen Vulkanisation wird
der gereinigte K. mit wechselnden Mengen
(3—15 0/0) Schwefelblumen zusammengewalzt
und geknetet und dann mehrere Stunden lang
in großen eisernen Kesseln bei 115—136° und

3—s Atmosphären Druck mit Wasserdampf be-
handelt. In gleicher Weise können die aus ge-
mischter Masse geformten Gebrauchsgegen-
stände vulkanisiert werden. Matten, Treib-
riemen und Preßplatten bringt man meist in
Pressen, deren hohle Platten durch Dampf er-
hitzt werden. Die besonders für Patentgummi
geeignete kalte Vulkanisation nach Par-
kes besteht einfach im Eintauchen der geform-
ten Gegenstände in eine Lösung von Schwefel
in Schwefelkohlenstoff oder Chlorschwefel für
einige Minuten und nachfolgende Trocknung.
An Stelle des Schwefels wird vielfach auch
Schwefelquecksilber (Zinnober) und Schwefel-
antimon zur heißen Vulkanisation benutzt. Die
so erhaltenen Gegenstände haben im Gegensatz
zu dem grauen vulkanisierten K. eine rote
Farbe. Schwarze Töne entstehen durch Bei-
mischung von Kiemuß, helle durch Zinkweiß,
Baryt u. dgl. Die Herstellung der Hart-
gummi- oder Ebonitwaren (s. d.) erfolgt
nach den gleichen Grundsätzen, doch unter Zu-
satz höherer Schwefelmengen (bis 500/0) uncl
Anwendung höherer Temperaturen. — Künst-
licher (synthetischer) K. kann in ausgezeich-
neter Beschaffenheit nach verschiedenen Ver-
fahren, die meist auf den Arbeiten von Har ries
beruhen, hergestellt werden. Als Ausgangs-
material dient entweder Isopren (C5Hg), das
aus Terpentinöl, Lävulinaldehyd oder Lävulin-
säure (aus Stärke, Zucker, Zellulose), Azeton,
hydrierten Benzolen und Phenolen, Amylalkohol
und neuerdings Petroleum gewonnen wird, oder
das Butadien (C4H6), von dem sich Isopren
lediglich durch Eintritt einer Methylgruppe
unterscheidet. Beide Kohlenwasserstoffe poly-
merisieren sich unter Einwirkung von Salzsäure
und Wärme. Bei dem ungeheuren Preissturz
des natürlichen K. hat sich das synthetische
Erzeugnis bislang noch als zu teuer heraus-
gestellt. — Um so größere Bedeutung hat dafür
die Wiederverarbeitung von abgenutzten Kaut-
schukwaren (Schuhen, Schläuchen, Radreifen)
und vulkanisierten Abfällen zu sog. Regene-*
raten gewonnen. Zwar ist eine Ent Vulkanisie-
rung noch nicht gelungen, aber durch mecha-
nische Zerkleinerung und Behandlung mit Al-
kalien, Säuren, organischen Lösungsmitteln
werden die mineralischen Beimengungen und
die Gewebeeinlagen entfernt, so daß die hinter-
Weibende Kautschuksubstanz wieder unter Zu-
satz von neuem K. verarbeitet werden kann. —
Als Ersatzmittel für K. kommen in erster
Linie die sog. Faktis in Betracht, die durch
Erhitzen von Leinöl mit Schwefel (brauner F.)

oder durch Behandlung mit Chlorschwefel
(weißer F.) erhalten werden. Außerdem sind
für bestimmte Zwecke Gemische von Vogel-
leim mit Soda (für Pflaster), Lösungen von
Zelluloseestern mit weichmachenden organi-
schen Substanzen (für chirurgischeFlandschuhe),
mit Formaldehyd gehärtete Leimmasse (Son-
jatin-Schläuche) empfohlen worden. Hart-
gummiersatz Zellon ist eine Art Zelluloid,
Futuran ein Erzeugnis aus Phenol und Form-
aldehyd. — Verfälschungen des K. durch
übermäßigen Zusatz von Mineralstoffen lassen
sich mit Hilfe der Aschenanalyse, Zusätze von
Leim und Eiweißstoffen durch die Stickstoff-
bestimmung, Beimischungen von Faktis nicht
immer mit Sicherheit nachweisen.

Kaviar (Caviar, frz. Caviar, engl. Caviare)
besteht aus den ungesalzenen oder auch mehr
oder weniger (mit 4—60/0 Kochsalz) gesalzenen,
aus den Eierstöcken befreiten Eiern (Rogen)
großer Störarten, namentlich des eigentlichen
Störs (Acipenser sturio), des Hausens (A.
huso) und einiger kleinerer Verwandten, und
wird entweder direkt als körniger K. oder
auch in gepreßtem Zustande in den Handel
gebracht. Der beste K., der aus Rußland
(Astrachan, Malossol) stammt, ist besonders
großkörnig, von heller Farbe und mild ge-
salzen. Der sog. deutsche oder Elb-K. und
der amerikanischeK.setzt sich aus weit klei-
neren Körnern zusammen, besitzt eine dunklere
Farbe, scharfen salzigen Geschmack und wird
weniger geschätzt. K. ist sehr reich an Nähr-
stoffen und enthält neben 14 0/0 Fett nicht we-
niger als 30 0/0 Eiweiß, kommt aber wegen
seines hohen Preises nur als Luxusspeise und
Genußmittel in Betracht. Guter K. darf weder
sauer oder ranzig riechen, noch schimmlig sein,
die einzelnen Körner müssen prall und rund,
nicht eingeschrumpft, zerflossen oder schmierig
erscheinen, Zusätze von Sago, Öl, Farbe und
den Eiern anderer Fische haben als Verfäl-
schung zu gelten.

Kawawurzel (Avawurzel, lat. Radix kavae,
frz. Racine de kava, engl. Kava root), die ge-
trocknete Wurzel der auf den Inseln der Süd-
see wachsenden Piperazee, Piper methysti-
cum, besteht aus dicken, knotigen, mit langen,
sehr verästelten Wurzelfasern besetzten Stücken
von 250—500 g Gewicht, die außen graubraun,
innen von grauweißer Farbe und lockerem,
schwammigem Gefüge sind. Der Geruch ist
schwach pfefferartig, der Geschmack bitter und
zusammenziehend. N eben einem Harzgemisch,
dem eigentlich wirksamen Bestandteil, enthält die
Droge zwei indifferente kristallinische Körper,
Methystizin (Piperinylessigsäuremethylester)
und Yangonin. K. wird als schweißtreibendes
Mittel, der aus der Wurzel hergestellte Fluid-
Extrakt als Arzneimittel angewandt Und auch
gegen Geschlechtskrankheiten empfohlen.

Kayennepfeffer (Guinea-Pfeffer, Chillies,
lat. Piper cayennense, frz. foivre de cayenne,
engl. Cayenne pepper) nennt man die schoten-
ähnlichen Früchte (Beeren) von Capsicum bac-
catum, eines zu den Solaneen gehörenden
Strauches des tropischen Amerika. K. ähnelt
außerordentlich dem Paprika (s. d.), von dem er
sich nur durch die geringere Größe der Beeren
        <pb n="214" />
        ﻿Kayota

208

Kerzen

(i—2 cm lang, 4—5 mm dick) und die mehr
gelbrötliche Farbe unterscheidet. Infolge seines
Gehaltes an Kapsaizin besitzt er einen bren-
nend scharfen Geschmack und wird als Gewürz,
besonders zu Essigfrüchten, in großen Mengen
verbraucht. Außerdem aber wird er mit Mehl
zu einem Teige angerührt, gebacken, gemahlen
und als sog. „amerikanischer K.“ (Papper-
pot) in den Verkehr gebracht.

Kayota, eine aus Mexiko eingeführte, gerb-
stoffreiche Rinde unbekannter Abstammung, wahr-
scheinlich aber von einer Malpighia, welche
zum Gerben verschiedener Lederarten benutzt
wird und letzteren eine rötliche Farbe verleiht.
Die auch in gemahlenem Zustande eingeführte
Rinde, welche 23—27 °/o Tannin enthält, soll als
Gerbmaterial dem Quebracho vorzuziehen sein,
in der Färberei zum Schwarzfärben mit Eisen-
salzen dem Sumach ähnlich wirken und nament-
lich der Seide die Geschmeidigkeit nicht nehmen.

Kazaza, ein aus Zuckerrohrsaft oder aus Me-
lasse bereitetes geistiges Getränk, das fh der bra-
silianischen Provinz Maranhao viel genössen wird
und sich vom Rum durch seine Farblosigkeit und
geringeren Alkoholgehalt unterscheidet.

Kefir (Kephyr) ist ein alkoholisches Ge-
tränk, das schon seit alten Zeiten im Kaukasus
durch eine eigentümliche Gärung aus Stuten-
milch hergestellt wird. Zur Erregung der Gä-
rung dienen Anhäufungen gewisser Hefen- und
Spaltpilze, die als Kefirkörner in den Handel
kommen und auch bei uns zur Gewinnung
eines gleichartigen Erzeugnisses aus Kuh-
milch benutzt werden. Nach Mercks Jahres-
bericht gibt man in eine Selterwasserflasche
von 375 ccm Inhalt 5—-io Kefirkörner, über-
gießt diese abends, mit 100 ccm frischem Wasser
und läßt über Nacht stehen. Morgens um acht
Uhr gießt man das Wasser möglichst vollstän-
dig ab, füllt die Flasche zu 3/4 mit unabge-
kochter Milch und läßt tagsüber bei 8 bis
20° C gut verkorkt unter zeitweiligem Um-
schütteln liegen. Am Abend nach dem Ab-
seihen des Ferments kann der Kefir schon ge-
trunken werden. Im Verlaufe dör Gärung geht
ein Teil des Milchzuckers in Milchsäure und
-ein Teil des Kaseins in lösliche Hemialbu-
mosen, Azidalbumosen und Peptone über, wäh-
rend gleichzeitig Alkohol und Kohlensäure ent-
stehen. Das fertige schäumende Getränk ent-
hält nach König: 88,86 0/0 Wasser, 2,800/0
Kasein, 0,38 o/0 • Albumin, 0,25 % Azidalbumin,
0,180/0 Hemialbumosen, 0,030/0 Pepton, 2,760/0
Fett, 2,520/0 Milchzucker, 0,980/0 Milchsäure,
0,84 % Alkohol und 0,65 0/0 Asche. K. wird als
diätetisches Mittel bei Magen- und Lungen-
ieiden und Schwächezuständen angewandt.

Kehrsalz (Fegsalz), das in der Salzsiederei
beim Beladen der Trocken Vorrichtungen und
beim Abtragen des getrockneten Salzes ab-
fallende Salz, welches vom Fußboden zu-
sammengekehrt wird und daher verunreinigt
ist, kann nur als Viehsalz Verwendung finden.

Keramische Waren. Diese Bezeichnung, vom
griechischen Worte Keramos, der Ton, ab-
stammend, umfaßt alle aus Ton und Ton-
mischungen hergestellten Waren, wie Terra-
kotta, Töpferwaren, Siderolith, Stein-

gut, Fayence, Majolika, Steinzeug und
Porzellan.

Kermek, die Wurzeln von Statice coriaria
und St. limonium, werden in Rußland als
Gerbmaterial verwendet.

Kermes. Mit diesem Namen belegt man drei
verschiedene Farbstoffe; I. Tierischer Ker-
mes (Kermesbeeren oder -körner, Schar-
lachbeeren, Purpurkörner, Alkermes, lat.
Grana kermes, frz. Grains d’öcarlate, engl. Scarlet
berries) besteht aus den getrockneten trächtigen
Weibchen einer Schildlaus (Coccus ilicis).
die auf den Zweigen der in Südeuropa und
im Orient häufiger wachsenden, strauchartigen
Scharlacheiche (Quercus coccifera) lebt.

Das Weibchen schwillt nach der Befruchtung
kugelförmig an, strotzt von Eiern und rotem
Farbstoff und wird in diesem Zustande gesammelt.

Die durch Besprengungen mit Essig getöteten und
an der Luft getrockneten Tiere bilden glatte oder
etwas runzelige, dunkelro.braune, zum Teil auch
violette, den Korinthen ähnliche Körner, welche
denselben Farbstoff wie Koschenille enthalten
und im Orient noch heute als Färbematerial
dienen. 2. Die pflanzlichen Kermesbeeren,
die früher zum Färben von Rotwein benutzt
wurden, jetzt jedoch ihrer abführenden Wir-
kung wegen verboten sind, bestehen aus den
Früchten eines von Virginien nach dem süd-
lichen Europa verpflanzten und dort verwilder-
ten, schon in Österreich häufig vorkommenden,
ausdauernden Gewächses, Phytolacca decan-
dra. 3. Mineralischer K. ist ein altes, unter
dem Namen Karthäuserpulver bekanntes
und zuweilen noch jetzt medizinisch gebrauchtes
Antimonpräparat, das durch Kochen von schwar-
zem Schwefelantimon mit Pottaschelösung er-
halten wird. Beim Kochen der filtrierten Lösung
fällt der K. als ein feines, leichtes, rotbraunes
Pulver, das aus Schwefelantimon und Antimon-
oxyd in wechselnden Verhältnissen besteht.

Kerzen (Lichte frz. Bougies, engl. Candles)
werden nach dem Ausgangsmaterial meist in
Talg-, Stearin-, Wachs-, Walrat-, Pa-
raffin- und Zeresin-K. unterschieden. Zu
ihrer Herstellung bediente man sich früher
hauptsächlich der Methode des Ziehens, bei |
der zahlreiche, an einem Stabe hängende Dochte
so oft in das geschmolzene Material einge-
taucht wurden, bis die verlangte Dicke erreicht
war. Heutzutage kommt fast nur noch das Gießen
in Betracht. Eine Reihe schwach konischer For-
men aus Blei-Zinn-Legierungen werden mit dem
verjüngten Ende nach unten in die Löcher des
Gußtisches eingehängt, dann mit je einem Docht
und Trichter versehen und mit der geschmol-
zenen Masse vollgegossen. Die Temperatur ist
für jede Sorte besonders zu wählen. Während
z. B. der, heute übrigens kaum noch benutzte.
Talg eben ein Häutchen bilden soll und bet
kühler Temperatur gegossen wird, ist das Pa-
raffin möglichst dünnflüssig in die vorge-
wärmte Form zu gießen und dann schnell ab-
zukühlen. Die Stearin-, richtiger Stearin-
säure-K. werden zur Vermeidung des unbe- |
liebten großkristallinischen Gefüges meist aus
einem Gemisch von Stearin und etwas Wachs
oder Paraffin, das man unter Umrühren bis
zum Dickflüssigwerden abkühlen läßt, hergc-
        <pb n="215" />
        ﻿Kessambi

209

Kindermehle

stellt. Die dicken Wachskerzen für kirch-
liche Zwecke endlich werden auch durch Aus-
rollen des erweichten Wachses um einen Docht
erhalten. Von größter Bedeutung für gutes
Brennen der K. ist die Beschaffenheit der
Dochte, welche bei den neueren Erzeugnissen
zur Vermeidung des Kriimmens aus 3 Strähnen
geflochten werden und zur Erleichterung des
Verbrennens mit besonderen Beizen aus chlor-
saurem Kalium, Salpeter, Wismutnitrat, ferner
Borsäure, Ammoniumsulfat oder -phosphat im-
prägniert sind. Als gute und preiswürdigste K.
haben zurzeit die Paraffin-, danach die Kom-
positions-K. aus Stearin und Paraffin als beste
reine Stearin-K. zu gelten.

Kessambi, das Holz der in Indien wachsen-
den Sapindazee Schleichera trijuga, liefert
ein festes Arbeitsholz.

Kessowurzel, die Wurzel einer japanischen
Baldrianart, Valeriana officinalis L. var.
angustifolia, liefert bei der Destillation das
ätherische Kessoöl, welches dem gewöhn-
lichen Baldrianöl sehr ähnlich ist, aber ein
höheres spez. Gew. von 0,960—1,004 besitzt.

Kesu-dan (Palas-phul) nennt man die in
Indien zum Gelbfärben dienenden Blüten von
Butea frondosa.

Ketgeeöl (Uttur Khetkee), ein sehr wohl-
riechendes ätherisches Öl aus Rajopootana in
Ostindien, wird aus einer gelbblühenden
Fand an e gewonnen. Die weißblühende
Pandane, Pandanus odoratissimus, liefert
durch Destillation ihrer Blüten ebenfalls ein
sehr wohlriechendes Öl (Uttur khera), das
zu Parfümeriezwecken Verwendung findet.

Khaboungycayi, die giftigen Samen des in
Birma wachsenden Baumes Strychnos pota-
torum, enthalten Strychnin.

Kiefernholz (Föhrenholz), das Holz ver-
schiedener Arten der Gattung Pinus. 1. Das
gemeine Kiefernholz, von Pinus si 1 -
vestris, besitzt eine gelblichweiße Farbe mit
braunrotem, verschwindend kleinem Mark, zahl-
reichen Holzporen und regelmäßigem, engma-
schigem Holzgewebe. Es ist leicht, sehr harz-
reich und läßt sich unter allen Nadelhölzern
am wenigsten gerade spalten. Gegen Witte-
rungseinflüsse zeigt es große Widerstandskraft
und wird zu Grubenbauten in Bergwerken,
Brunnenröhren, Balken und namentlich zu
Fensterrahmen benutzt. 2. Schwarzföhren-
holz, von der österreichischen Kiefer,
Pinus laricio var. austriaca, unterscheidet
sich von dem vorigen nicht wesentlich. 3. Ar-
venholz, Zirbelkiefernholz, das dichte, röt-
liche und wohlriechende Holz von Pinus cem-
bra, kommt nur aus den Alpen und wird viel
als Schnittholz verwendet. 4. Knieholz,
Krummholz, Zwergkiefernholz, von der
nur im Hochgebirge vorkommenden Krumm-
holzkiefer, Pinus pumilio, mit auf der Erde
liegendem, hin und her gebogenem Stamm und
Ästen, ist sehr dicht und fest, rotbraun mit
weißem Splint und wird vielfach zu Holz-
schnitzereien verwandt.

Kieselfluorwasserstoffsäure (lat. Acidum hy-
dro-silicio-fluoricum, frz. Acide hydrofluorsili-
cique, engl. Silico hydrofluoric acid), eine Ver-
bindung von der Formel H2SiF6, entsteht in

Mercks Warenlexikon.

wäßriger Lösung durch Erhitzen von Quarz und
Flußspat mit konzentrierter Schwefelsäure und
Einleiten des gasförmigen Fluorsiliziums SiF,t in
Wasser. Die stark saure Flüssigkeit, die sich
beim Eindampfen zersetzt, muß in Guttapercha-
flaschen aufbewahrt werden, da sie Glas an-
greift. K. dient zur Konservierung von Holz,
zum Härten von porösen Baumaterialien und
Mauerwerk und ist giftig.

Kieselsäure (Kieselerde, lat. Acidum sili-
cicum, frz. Acide silique, engl. Siliciosus acid),
die Verbindung des Elementes Silizium mit
Sauerstoff, Si02, findet sich in der Natur in
reinem Zustande und in Form von Verbin-
dungen als der verbreitetste Bestandteil der
Erdrinde vor. Aus reiner kristallisierter K. be-
steht der Quarz in seinen zahlreichen Spiel-
arten als Bergkristall, Amethyst, Quarzit, Sand
und Kies; aus amorpher K. der Feuerstein,
Opal und Achat. Von den wichtigsten Mine-
ralien sind der Feldspat, die Hornblende, der
Ton und Glimmer als Verbindungen der K,,
als Silikate, anzusprechen. Außerdem ist K.
ein regelmäßiger Bestandteil pflanzlicher Orga-
nismen, besonders der Gräser und Schachtel-
halme, und findet sich als Panzer niederer In-
fusorien und Diatomeen, die in ungeheuren
Mengen die Lager von Kieselgur, Infuso-
rienerde, zusammensetzen. Die K. ist in den
meisten Säuren mit Ausnahme der Flußsäure
und in verdünnten Alkalien unlöslich und ver-
hält sich bei gewöhnlicher Temperatur ziem-
lich indifferent. Bei höheren Temperaturen
zeigt sie die Eigenschaften einer Säure, treibt
beim Schmelzen mit Pottasche Kohlensäure aus
und bildet kieselsaure Salze. In Form des
Quarzes und der Silikate Glas und Wasser-
glas ist .sie für die Technik von größter Be-
deutung.

Kieserit, ein aus natürlicher, schwefelsaurer
Magnesia (MgS04-(-H20) bestehendes Mineral,
kommt auf Salzstöcken vor und bildet nament-
lich im Abraumsalze des Staßfurter Steinsalz-
werkes Bänke bis zu 30 cm Stärke.

Kihoe, das sehr harte Holz der in Indien
wachsenden Aritera littoralis, wird im Ur-
sprungslande zur Herstellung von Werkzeugen
benutzt.

Kindermehle nennt man als Ersatz für Mutter-
milch bestimmte Nährpräparate, die aus Ge-
treidemehl (besonders Weizen und Hafer) her-
gestellt werden und die Bestandteile des letzte-
ren in leicht löslicher Form enthalten. Die
Aufschließung erfolgt entweder durch trockene
Hitze oder durch Dämpfen, ferner durch Be-
handlung mit verdünnten Säuren oder Diastase
und hat den Erfolg, daß die Stärke in Dextin
und das Eiweiß in Albumosen übergeht. Die
entstehenden Erzeugnisse werden für sich allein
oder nach Zusatz von Fett, Eiweiß und Salzen
getrocknet oder gebacken und in ein feines
Mehl verwandelt. Von den bekannteren Waren
sind die K. von Knorr, Hohenlohe und
Kufeke nur aus Mehl hergestellt, während
Nestles K. und Theinhardts lösliche
Kindernahrung gleichzeitig Milch und Zucker
enthalten. Die Ansichten über den Wert der K.
sind sehr geteilt, doch steht soviel fest, daß sie
die Milch nicht völlig ersetzen, sondern höch-
st
        <pb n="216" />
        ﻿Kino

210

Kirschstiele

stens neben ihr benutzt werden können. Unter
allen Umständen muß verlangt werden, daß die
K. völlig aufgeschlossen sind, da der kindliche
Organismus rohe Stärke nicht assimiliert. Zweck-
mäßig erfolgt die Verabreichung daher nur bei
älteren Kindern und bei Verdauungsstörungen,
bei denen Kufekes K. verstopfend, Mellins
und Theinhardts Nahrung hingegen schwach
abführend wirken.

Kino (Kinogummi, lat. Gummi kino, frz.
Gomme kino, engl. Kino gum) besteht aus dem
eingetrockneten Extrakte oder natürlichen Aus-
flüssen verschiedener Bäume, namentlich aus
der Familie der P ap iliona z e en, und bildet
dem Katechu ähnliche rote Massen von stark
zusammenziehendem Geschmack, Unter den
verschiedenen Handelssorten hat das malaba-
rische oder Amboinakino von Pterocarpus
Marsupium die größte Bedeutung. Es bildet
kleine eckige, leicht zerbrechliche Bruchstücke
von glänzend schwarzer Farbe, die in dünnen
Splittern rot durchscheinen. Das Pulver ist
dunkelrot und löst sich nur teilweise in Wasser,
aber vollständig in Alkohol und Alkalien. Das
afrikanische K. aus dem Senegalgebiete, das
früher die Hauptrolle spielte, kommt jetzt nicht
mehr in den Handel, wohl aber asiatisches
(Butea- oder bengalisches) K. von Butea
frondosa, westindisches oder Jamaikakino
von Coccoloba uvifera und neuholländi-
sches oder Eukalyptuskino von verschiede-
nen Eukalyptusarten. Der wichtigste Bestand-
teil aller Kinosorten ist ein bis zu 75 °/o vor-
handener Gerbstoff, Kinogerbsäure, aus der
beim Erwärmen der rote Farbstoff, Kinorot,
entsteht. K. findet in der Pharmazie sowie zur
Herstellung von Zahntinkturen und Zahnpulvern
nur noch beschränkte Verwendung, wird aber
in steigendem Maße zum Gerben und Färben
benutzt.

Kipari, das Holz eines in Indien und auf Java
wachsenden Baumes, Lepisanthes montana,
wird als Nutzholz verwendet,

Kirschbaumholz, das Holz des Kirschbau-
mes, Prunus Cerasus, ist gelblichrot bis rot-
braun, bei manchen Arten grünbraun, gestreift
und geflammt, sehr fest, ziemlich hart und
feinfaserig und hat ziemlich ansehnliche Spiegel.
Es läßt sich leicht bearbeiten und durch Beizen
dem Mahagoniholze ähnlich machen. Das Holz
alter Bäume ist ein vortreffliches Tischlerholz,
hat jedoch die unangenehme Eigenschaft, mit
der Zeit blasser zu werden, welchem Übelstande
man aber durch Behandlung mit Kalkwasser
begegnen kann.

Kirschen (lat. Fructus cerasi, frz. Cerises,
engl. Cherrys), die bekannten Steinfrüchte
der verschiedenen Abarten des Kirschbau-
mes, bilden einen wichtigen Gegenstand des
Obsthandels, der im frischen Zustande aller-
dings von geringer Haltbarkeit ist. Man unter-
scheidet Süßkirschen und Sauerkirschen
und rechnet zu den ersteren die Herzkirschen,
Knorpelkirschen und Amaranthenkirschen, zu
den halbsüßen oder süßsaueren die Glaskir-
schen, Ammern, Amarellen und Süßweichsein, zu
den Sauerkirschen die Sauerweichsein, Nonnen-
kirschen, Kirchheimer Kirschen u. a. Außer
im frischen Zustande bilden die K. auch in zu-

bereiteter Form, so namentlich als getrock-
nete oder Darrkirsehen, ferner in Essig oder
in Zucker eingemacht einen wichtigen Han-
delsartikel.

Kirschgummi (lat. Gummi cerasi, frz. Gomme
de c6rise, engl. Cherry gum), das aus der Rinde
der Kirschbäume freiwillig ausfließende, an der
Luft erhärtende Gummi zeigt meist eine dun-
kelbraune bis rote Farbe, eine ziemlich weiche
Beschaffenheit und widerlichen Geschmack. Das
in Wasser nur zurri Teil lösliche Gummi wird
in der Industrie vielfach an Stelle des arabi-
schen Gummis, dem es ähnlich ist, benutzt.

Kirschkernöl, das in den Kernen enthaltene
fette Öl, ist hellgelb, geruchlos und von mildem
und angenehmem Geschmack. Das spez. Gew.
liegt bei 0,9184, der Gefrierpunkt bei —22 °.

Kirschlorbeerblätter (lat. Folia laurocerasi,.
frz. Feuilles de laurier-cerise, engl. Cherry
laurel leaves). Die lederartigen, glänzenden,
oben dunkelgrünen, unten helleren Blätter von
Prunus laurocerasus, eines in Persien und
Kleinasien heimischen, in Südeuropa kultivier-
ten Strauches, werden bis 13 cm lang und
4Y2 cm breit und sind an den zurückgebogener..
Rändern entfernt sägezähnig. Sie werden, noch
frisch, zerstampft, mit Wasser übergossen und
nach einigem Stehen der Destillation mit Wasser-
dampf unterworfen. Das in Menge von 0,05 0/0
erhaltene Kirschlorbeeröl (lat. Oleum lauro-
cerasi, frz. Essence de laurier-cerise, engl. Cherry
laurel oil) hat ein spez. Gew. von 1,050—1,066,.
einen charakteristischen Geruch und löst sich in
jedem Verhältnis in Alkohol. Es ist dem Bitter-
mandelöl außerordentlich ähnlich und enthält wie
dieses Benzaldehyd, Blausäure undBenzaldehyd-
zyanhydrin, jedoch entstammen diese Bestand-
teile hier einem anderen Glykoside, dem Pru-
laurasin, das durch Emulsion in Blausäure, Glu-
kose und Benzaldehyd zerlegt wird. Der Gehalt
an Blausäure beträgt bis zu 40/0. Das bei der
Destillation erhaltene aromatischeWasser wird als
Kirschlorbeerwasser (lat. Aqua laurocerasi,
frz. Eau distil!6e de laurier-cerise, engl. Cherry
laurel leaves water) in den Handel gebracht.
K.-BJätter und -Wasser finden in der Medizin
sowie nach der Entfernung der Blausäure zur
Herstellung von Likören Anwendung.

Kirschsaft (lat. Succus cerasorum, frz. Suc
de cerises, engl. Cherry juice), der, wie unter
Himbeersaft beschrieben, ausgepreßte, geklärte
und der Haltbarkeit wegen gewöhnlich mit
etwas Spiritus versetzte Saft von Kirschen, na-
mentlich Sauerkirschen, dient teils zur Berei-
tung von Likör und Sirup, teils zum Färben
anderer Liköre und Obstweine.

Kirschsirup (lat. Sirupus cerasorum, frz. Sirop-
de cerises, engl. Cherry sirup) wird durch Ein-
kochen des Kirschsaftes mit Zucker erhalten
und findet vielfache Verwendung in der Likör-
fabrikation, zu Fruchteis und Limonaden so-
wie in Apotheken als geschmackverbesserndes
Mittel.

Kirschstiele (lat. Pedunculi seu Stipites cera-
sorum, frz. Queues de cerises, engl. Cherry
stalks), die getrockneten Stiele der Sauerkir-
schen, werden bisweilen als Aufguß gegen,
Blasenleiden angewandt.
        <pb n="217" />
        ﻿Kirschwasser

211

Kleesamen

Kirschwasser (Kirschgeist, Kirschbrannt-
wein), ein in der Schvyeiz und Süddeutsch-
land sehr beliebter, farbloser, wasserheller
Branntwein von schwach bittermandelölartigem
Geruch und Geschmack, wird aus schwarzen,
zuweilen auch roten, weichen Kirschen bereitet,
indem man die zerstampften Früchte einer
12—15 Tage lang dauernden Gärung überläßt
und die gegorene Masse entweder in kupfernen
Blasen über freiem Feuer, oder in größeren
Fabriken mit Dampf destilliert. Zur Erhöhung
des Bittermandelgeschmacks werden häufig ge-
mahlene Kirschkerne bis zu 1/6 der Masse vor
der Gärung zugesetzt. 50 kg Kirschen liefern
5—7 1 Kirschwasser von etwa 500/0 Alkohol-
gehalt. Durch längeres Lagern wird das K.
feiner und milder und verliert den anfangs etwas
herben Geschmack. Zusätze von anderen Roh-
stoffen, insbesondere von Spiritus, haben als
Verfälschung zu gelten; der Alkoholgehalt soll
mindestens 45 Vol. 0/0 betragen. Verschnitte mit
Branntwein anderer Art dürfen als Kirsch-
wasserverschnitt nur dann bezeichnet werden,
wenn mindestens Vxo des . Alkohols echtem
Kirschgeist entstammt und der Charakter als
letzterer noch erkennbar ist.

Kitelor (malaiisch) ist das sehr dauerhafte
faserige Holz der in Indien wachsenden Poly-
galazee Xanthophyllum vitellinum.

Kitool (malaiisch, engl. Black fiber) heißt die
Blatthüllenfaser der in Indien und auf Zeylon
wachsenden Brennpalme Caryota urens.

Kitte. In der Hauptsache versteht man dar-
unter Firnis- oder Glaserkitte, die aus
Schlämmkreide und Firnis hergestellt werden.
Daneben gibt es aber noch eine große Anzahl
anderer Arten Kitte, z. B. Porzellankitt, Mastix-
kitt, Schellackkitt, Wachskitt usw., auf die bei
Besprechung der Urstoffe hingewiesen wor-
den ist.

Klärspäne, zum Klären von trübem Bier,
werden aus Haselnußholz meist in Fabriken
mit Dampfbetrieb hergestellt und in Kisten oder
Säcken versandt.

Klatschrosen (Klapperrosen, lat. Flores pa-
paveris rhoeados, frz. Fleurs de coquelicot,
engl. Red poppy flowers), die getrockneten
Blumenblätter des roten Feldmohns (Papa-
ver rhoeas), bilden einen regelmäßigen Ar-
tikel des Drogenhandels. Die frisch gepflückten
Blätter werden zum Trocknen sehr dünn an
der Luft ausgebreitet, dann noch in der Ofen-
wärme nachgetrocknet und wegen ihrer Ge-
neigtheit, Feuchtigkeit anzuziehen, sorgfältig
verpackt. Die trockene Ware wiegt etwa ein
Zehntel der frischen Blätter und besitzt violett-
rote Farbe. K. haben einen schleimig-bitteren
Geschmack und enthalten ein Alkaloid, das
Rhoeadin, welches auch im Opium vor-
kommt Sowie einen dunkelroten Farbstoff, die
Rhoeadinsäure. Sie werden in Abkochung
medizinisch und zum Färben von Likören und
anderen Hausmitteln angewandt.

Klauenfett (Klauenöl, lat. Axungia pedum
tauri, frz. Huile de pieds, engl. Foot oil) wird
durch Auskochen der Klauen von Rindern,
Hammeln, Pferden und Schweinen mit Wasser
und Filtration der oben schwimmenden Schicht
erhalten. Es ist ein weißliches bis hellgelbes.

geruchloses Öl von dickflüssiger Konsistenz,
wird nicht ranzig und' findet daher als Schmier-
mittel für feinere Instrumente, besonders Uhren,
vielfache Anwendung.

Kleber (Gluten, Mehlleim, Collor, Triti-
zin), der stickstoffhaltige und sehr nahrhafte
Bestandteil des Getreidemehls, wird namentlich
aus dem Weizenmehl bei der Fabrikation von
Stärke (s. d.) als Rückstand erhalten und bil-
det im nassen Zustande eine fadenziehende,
elastische und graugelbliche, nach dem Trock-
nen eine hornähnliche Masse. Er wurde früher
meist als Klebemittel (Schusterpapp) benutzt,
kann aber auch frisch unter Teig zu Backwerk,
Klößen und dgl. gearbeitet werden und kommt
neuerdings auch als feines Pulver (s. Glidin) in
den Handel. K. ist keine einheitliche chemische
Verbindung, sondern ein Gemisch aus vier ver-
schiedenen stickstoffhaltigen Substanzen: Glu-
tenkasein, Glutenfibrin, Gliadin und
Muzedin.

Kleesamen (Kleesaat, frz. Graine de trefle,
engl. Cloverseed), im engeren Sinne nur die Sa-
men der als Kulturpflanzen allgemein gebräuch-
lichen Arten von Klee (Trifolium), im weite-
ren auch noch die der verwandten Futterpflan-
zen Steinklee (Melilotus), Luzerne,
Schneckenklee oder Monatsklee (Medi-
cago) und Esparsette (Hedysarum). Der
Kleebau wird in den Mittelmeerländern seit uralten
Zeiten und in Nordfrankreich und den Nieder-
landen seit dem 15.Jahrhundert betrieben, ist aber
in Deutschland und weiter östlich erst seit etwa
100Jahren allgemeiner gebräuchlich g'eworden.
Seitdem finden sich die guten Kleearten wild-
wachsend auf allen Wiesen und Weiden, so daß
man diese in kleeleere, kleehaltige und kleereiche
trennt. Der Klee und seine verwandten. Arten
werden entweder in Reinsaat oder mit Gras-
gemenge f— Kleegrassaat (vgl. Grassamen)
auf den Feldern angebaut oder auch auf Wiesen
und Weiden für Herstellung von Grasnarben
ausgesät. Sie verlangen vor allem kalkhaltigen,
warm trockenen Boden, reichliche Düngung mit
Kali und Phosphorsäure und während des
Wachstums guten Wechsel zwischen Regen und
Sonnenschein. Der Klee darf nicht oft auf glei-
cher Fläche wiederkehren (Kleemüdigkeit) und
gedeiht nicht alle Jahre gleich gut, vor allem da
nicht, wo es an befruchtenden Insekten (Bienen,
Wespen) fehlt. Die Mehrzahl der Landwirte gibt
sich mit der Samengewinnung nicht ab, so daß
der K. ein wichtiger Handelsartikel ist. Man be-
zieht ihn am liebsten aus südlicheren Ländern,
besonders aus Frankreich, welches großartigen
Handel damit treibt. Weitere Bezugsländer sind;
Holland und Belgien, Italien, Schlesien, Böhmen,
Bayern, Baden, Württemberg, Thüringen, die
Rheinlande und die Reichslande, Haupthandels-
plätze: Berlin, Leipzig, Halle, Erfurt, Bamberg,
Liegnitz, Königsberg, Mainz, Hamburg, Prag
und Wien. Der Handel an den Produktenbörsen
ist Gegenstand von Zeit- und Differenzgeschäf-
ten, wie beim Getreide. Wegen des großen Ver-
brauchs an K. und seines hohen Preises ist der
K. Verfälschungen durch minderwertige Sorten
in hohem Grade ausgesetzt. Auch wird er häufig
durch die gefährliche Kleeseide verunreinigt. Es
ist daher unbedingt erforderlich, nur gegen Ga-
        <pb n="218" />
        ﻿Kleesamen

212

Klettenwurzel

rantie zu kaufen und an einer Samenkontroll-
station untersuchen zu lassen. — Von den
150 Arten Trifolium kommen für den Anbau
hauptsächlich folgende in Betracht: 1. Rotklee
(Wiesen-, Kopf-, Saatklee), T, pratense, in den
Handelssorten: Brabanter, Holländer oder Bor-
deaux, gelblicher, langer, grüner oder Steirischer,
Normannischer und Bretagner. Die Samen sind
rundlich, winkelig, oft beilförmig, glänzendgelb-
rot bis violett und iV2—2V1 mm breit. —■ 2. In-
karnatklee, T. incarnatum. Die Samen sind
eiförmig, regelmäßig gewölbt, rötlichgelb bis
rotbraun und graugrünrot, mit schwarzbraunen
Schwielen und dicht anliegenden Würzelchen
versehen und 2—2,5 mm breit. Die wichtigsten
Handelssorten sind: dunkelgraugrüner (früher
und später, oder Vilmorins später rotblühender),
weißer (mit weißem Samen früh und spät,
letzterer auch als Noisetts später weißer I. be-
kannt) und fleischroter. — 3. Weißklee, krie-
chender K. (Bienen-, Honig-, holländischer,
Schafklee), T. repens, mit weiß, weißgelb und
gelb gefärbten Blüten und hellgelben bis nraun-
roten, oft grünlichen Samen von 1 —1,25 mm
Durchmesser. — 4.Niederliegender K. (Gold-
klee, kleiner Honig-, gelber Feld-, Hopfenklee
und Hopfenluzerne), T. procumbens, die nur in
England angebaute Sorte mit stark glänzenden,
länglichovalen, sattgelben Samen und ange-
schmiegten Würzelchen. —	5. Bastardklee

(schwedischer oder Honigklee), T. hybridum,
aus Schweden, „Alsike kloefver“ mit größeren,
hell- oder dunkelolivengrünen oder schmutzig
rotbraun marmorierten und, wenn unreif, gelb-
grünen Samen. Von den Luzernearten sind
zu nennen: 1. Die gemeine L. (Ewiger-, Mo-
nats-, Spargel-, Schneckenklee, burgundisches
Heu), Medicago sativa, mit gelbbraunen, läng-
lichen, fast bohnenförmigen, etwas zusammen-
gekniffenen, matten, eckigen oder schrauben-
förmigen, auf dem Rücken oft gekielten Samen,
anliegenden Würzelchen und einem Durchmesser
von 2,5—5 mm. — 2. Die schwedische (deut-
sche) oder gelbe L. (Sichel-, Ackerklee, gelber
Steinklee), M. falcata, mit nierenförmigen, röt-
lichgelben und ziemlich kleinen Samen. —•
3. Sandluzerne (bunte wechselfarbige), M.
media, mit 2 mm dicken, gelbbraunen und dun-
kelbraunen Samen. — 4. Hopfenluzerne
(Hopfenklee, gelber Klee, Hopfenschneckenklee),
M. lupulina, mit nierenförmigen, gelben, glatten
Samen und abstehender Spitze des Würzel-
chens. — Der Steinklee (Honigklee, Riesen-
klee), Melilotus, dessen Samen oft unter andere
Kleearten gemengt ist, wird in folgende Sorten
unterschieden: Gebräuchlicher Steinklee,
Käseklee (Mottenkraut, Pferdeklee usw.), M.
officinalis, mit gelb bis braunen, x s/4—2 mm
breiten Samen. Weißer Steinklee (Pferde-
klee), M. leucanthus, und Blauer St. (Schab-
ziegerklee, Mottenkraut), M. coerulea. — Die
Esparsette kommt, ebenfalls in mehreren Sor-
ten, mit den schwer abtrennbaren Plülsen in den
Handel. Der reine Samen ist 3—4 mm lang,
2 mm breit, nierenförmig, hellgrün bis dunkel-
grünbraun, wenn heller, noch unreif, wenn dunk-
ler, nicht mehr keimfähig. Dauer der Keimkraft
4 Jahre, bestes Saatgut 2 jährig. — Von den
zahlreichen beobachteten Verfälschungen

seien besonders folgende angeführt: Gelbklee
kommt unter Rotklee und Luzerne, Bibernelle
unter Esparsette, ägyptischer K. unter Inkarnat-
klee, Weißklee unter Bastardklee, gewöhnliche
Luzerne, Hopfenklee und Melilotus unter der
teureren Sandluzerne, Gelbklee und Hopfenklee
unter gewöhnlicher Luzerne vor. Alter Samen
wird durch Beizen gefirnißt, Unkraut, um die
Mischung nicht zu verraten, durch Abkochen
und Rösten der Keimkraft beraubt. Einen be-
sonderen Handelsartikel bildet das bekannte
Verfälschungsmittel, der sog. Kleekies, sorg-
sam ausgesuchte, in der Farbe den Sämereien
ähnliche oder künstlich gefärbte Quarzkörnchen,
gefärbt mit Kienrußöl und Leinölfirnis für Rot-
klee, mit Chromlack für gelben Samen von
Weißklee, Gelbklee und Luzerne, grün durch
Chromlaok und Berlinerblau für Schwedischen
und für Rotklee usw. Gute Sämereien sollen
schwer, voll und glänzend sein, keine ver-
schrumpften Körner enthalten und sich mit dem
Fingernagel nicht zerdrücken lassen, da sie sonst
für gefeuchtet zu halten sind. Die Prüfung der
Keimfähigkeit geschieht wie bei anderem Samen
durch Aufquellen und Feuchthalten bei gelinder
Wärme in wollenen Lappen oder Erde oder
mittels besonderer Apparate, Kleeprüfer usw.

Kleie (frz. Son, engl. Bran) nennt man die
beim Mahlen des Getreides abfallenden Hüllen-
oder Schalenteile der Körner, welche je nach
Art des Mahlverfahrens eine verschiedene Zu-
sammensetzung zeigen. Die auf den alten deut-
schen Mahlgängen gewonnene K. enthält stets
noch viel von den härteren, kleberreichen Stärke-
zellen der äußeren Schichten des Kornes und
gilt daher mit Recht für ein wertvolles Kraft-
futtermittel. Seit Einführung der neuen Mahl-
verfahren hat sich die Mehlausbeute aber stän-
dig vergrößert, und dementsprechend die Güte
der K. verschlechtert. Besteht sie nur noch aus
den Hülsen des Kornes ohne allen Stärke- und
Klebergehalt, so hat sie selbstverständlich keinen
Futterwert mehr und sollte nur noch als Ein-
streu oder als Verpackungsmaterial benutzt wer-
den. Man unterscheidet hauptsächlich Weizen-
kleie, Roggenkleie und Gerstenkleie, letz-
tere von der Graupenfabrikation herstammend.
Alle K. muß von guter Beschaffenheit sein und
darf nicht durch fehlerhafte Lagerung einen
dumpfen Geruch angenommen haben oder feucht
und schimmlig geworden sein. Als Verfälschung
sind Zusätze von Reishülsen, Erbsenschalen,
Holzsägemehl, Sand und Ton beobachtet wor-
den. Behufs leichterer Versendung und größerer
Haltbarkeit hat man jetzt angefangen, die K.
mittels hydraulischer Pressen in Kuchenform
zusammenzupressen.

Klettenwurzel (Bardana-W., lat. Radix bar-
danae, frz. Racine de bardane, engl. Burdock
root), die daumendicke Hauptwurzel unserer
Kletten (Lappa major und L. tomentosa), ’
bildet gespalten und getrocknet einen Gegen-
stand des Drogenhandels und wird als schweiß-
treibendes und haarwuchsbeförderndes Mittel
angewandt. Sie enthält, außer Schleim, Inulin,
etwas Gerbstoff, Bitterstoff und Zucker und hat
einen herben, süßlich bitteren Geschmack. —■
Das Klettenwurzelöl, der mit feinem Oliven-
öl hergestellte und dann beliebig, möglichst
        <pb n="219" />
        ﻿Knallerbsen

213

Knochenmehl

schwach, parfümierte Auszug der K,, ist ein
ständiger Artikel der Kosmetik geworden.

Knallerbsen, kleine, mit etwas Knallsilber
oder Knallquecksilber gefüllte Feuerwerkskörper,
sind zür Versendung auf der Eisenbahn nur
bedingt zugelassen. Sie müssen sorgfältig in
Sägemehl verpackt sein, und auf dem Fracht-
briefe ist die von einem vereidigten Chemiker
unterschriebene Bescheinigung anzubringen,
welche die Ungefährlichkeit verbürgt.

Knallquecksilber und Knallsilber sind die
äußerst explosiblen Salze der Knallsäure, die
zur Füllung der Knallerbsen Verwendung fin-
den. Sie entstehen bei der Auflösung von
metallischem Quecksilber oder Silber mit kon-
zentrierter Salpetersäure und nachfolgendem
Alkoholzusatz als weiße Kristailpulver, die aber
nicht getrocknet werden können, sondern unter
Wasser aufzubewahren sind. Eine abweichende
Zusammensetzung besitzt das Knallsilber
Berthollets, das durch Behandlung von Silber-
oxyd mit Ammoniak hergestellt wird und in
trocknem Zustande schon bei Berührung mit
einer Federfahne explodiert.

Kneipps Mittel. Unter dieser Bezeichnung
kommen verschiedene Mittel, meist pflanzlicher
Herkunft, z. B. Kräuter, Wurzeln, Öle usw. in
den Handel, die nach Vofschriften des verstor-
benen Wörrishofener Pfarrers Kneipp aus zahl-
reichen, z. T. schon veralteten Vegetabilien her-
gestellt werden.

Knoblauch (lat. Radix seu bulbus allii, frz.
Ail commun, engl. Garlic), die Zwiebel von
Allium sativum, einer im südlichen Europa
einheimischen Pflanze, welche in Deutschland
vielfach angebaut wird, hat einen eigentüm-
lichen, sehr starken, unangenehmen Geruch und
einen scharfen, etwas süßlichen Geschmack.
Man verwendet sie in geringerer Menge als Zu-
satz zu manchen Speisen, namentlich auch bei
der Bereitung der Salamiwurst, medizinisch als
Klistier gegen Madenwürmer. K. muß gut ab-
getrocknet werden, damit er sich im Winter
hält.

Knoblauchöl (lat. Oleum allii aethereum, frz.
Essence d’ail, engl. Oil of garlic), das äthe-
rische Öl des Knoblauchs, wird durch Destilla-
tion mit Wasserdampf als dunkelbraungelbe
Flüssigkeit erhalten, welche durch Rektifikation
hellgelb wird. Es hat ein spez. Gew. um 1,050,
besitzt einen starken, die Augen zum Tränen
reizenden Geruch und besteht atis einem Ge-
misch von Polysulfiden, u. a. Allylpropyldisulfid.

Knochen (lat. Ossa, frz. Os, engl. Bones) fin-
den sowohl zur Herstellung von Gebrauchs-
gegenständen durch Drechsler, Schnitzer, Knopf-
macher (Beinarbeiter), als auch von chemi-
schen Präparaten vielfache Anwendung. Zu
ersterem Zwecke werden die festen Röhren-
knochen größerer Tiere, wie Rinder, Pferde
und Hirsche, zur Entfernung des Fettes mit
Wasser ausgekocht, dann an den Enden ab-
gesägt, an der Sonne oder in Pottaschelösung
gebleicht und schließlich in Stücken von 50 bis
60 cm Länge und etwa 4 kg Gewicht in den
Handel gebracht. Außerdem werden noch
Gänseflügelknochen und zu langen Filet-
nadeln auch Giraffenknochen verarbeitet.
Alle sonst nicht verwertbaren Knochen und Ab-

fälle werden auf die in den folgenden Ab-
schnitten besprochenen Handelswaren usw. ver-
arbeitet. Sie enthalten neben rund 50 */0 Wasser
im Durchschnitt etwa 16 0/0 Fett, 22 0/0 minera-
lische und 12 0/0 einer stickstoffhaltigen leim-
gebenden Substanz (Ossein und Kollagen).

Knochenasche, weißes Spodium, auch
weißgebranntes Elfenbein genannt, ent-
steht, wenn Knochen im offenen Feuer völlig
verbrannt werden. Sie dienen dabei selbst als
Heizmaterial, und nach Zerstörung der orga-
nischen Bestandteile hinterbleiben die MineraF
Stoffe in Form harter, aber poröser weißer
Stückchen. Die pulverisierte K., ein Gemisch
von durchschnittlich 80—850/0 Trikalziumphos-
phat, io—12 0/0 Kalziumkarbonat und geringen
Mengen Magnesiumkarbonat und Kalzium-
fluorid, findet vielfache Anwendung als Dünge-
mittel, Putzpulver und Poliermittel sowie zur
Herstellung von Phosphor, Phosphorsäure,
Superphosphaten, Milchglas und Glasuren.

Knochenkohle (Tierkohle, Beinschwarz,
Spodium, gebranntes Elfenbein, lat. Carbo
ossium, frz. Noir d’os, engl. Bone black) hinter-
bleibt beim Glühen entfetteter Knochen unter
Luftabschluß in eisernen oder tönernen Retorten,
während gleichzeitig gasförmige und flüssige
Zersetzungsprodukte, wie Kohlenwasserstoffe,
Ammoniumkarbonat, Pyridin- und Chinolinbasen
sowie Pyrrol übergehen und als Knochenteer,
Franzosenöl, Tieröl, Dippelsches Stink-
öl (s. unter Teer) kondensiert werden. Der
aus den Retorten herausgenommene Rück-
stand, welcher bei Innehaltung der richtigen
Temperatur ein mattes Schwarz zeigt, enthält
neben rund 900/0 Mineralstoffen 10 0/0 Kohlen-
stoff in feinster Verteilung. Er wird gröblich
zerkleinert und nach der Korngröße sortiert.
Das abgesiebte Pulver findet zur Herstellung
von Wichse und schwarzer Farbe sowie von
Polierpulver für Silberarbeiter Anwendung. Die
gekörnte, gut gebrannte K. hat infolge ihrer
großen Porosität in noch höherem Maße als
Holzkohle die Eigenschaft, zahlreiche orga-
nische Stoffe, besonders färbende Bestandteile,
Bitterstoffe, Kalk- und andere Salze aus Flüssig-
keiten abzuscheiden und bildet daher ein un-
entbehrliches Hilfsmittel bei Reinigungs- und
Klärungsprozessen, besonders in Zuckerfabriken
(s. d.), Glyzerin- und Paraffinfabriken.

Knochenmehl. Die Knochen bilden wegen
ihres hohen Gehaltes an Stickstoff und Phos-
phorsäure ein vielbenutztes Düngemittel und
werden zu diesem Zwecke in verschiedener
Weise'verarbeitet. Durch einfaches Zerstampfen
der Knochen in Stampfmühlen erhält man das
rohe K., das aber wegen der ungenügenden
Zerkleinerung und des hohen Fettgehaltes nur
eine äußerst langsame Wirkung äußert. In
neuerer Zeit wird daher ausschließlich ge-,
dämpftes K. hergestellt. Die gereinigten und
gröblich zerbrochenen Knochen werden zu-
nächst durch Extraktion mit Benzin oder durch
Kochen mit Wasser entfettet und darauf in ge-
schlossenen Behältern mit Wasserdampf behan-
delt (gedämpft). Hierbei geht ein Teil der
zu Leim verwandelten Knorpelsubstanz in das
Wasser über, welches abgelassen wird und zur
Gewinnung des Knochenleims dient. Die nach
        <pb n="220" />
        ﻿Knochenöl

214

Kobaltfarben

dem Dämpfen und darauf folgendem Trocknen
nunmehr sehr spröden Knochen werden zu
einem feinen Pulver vermahlen, welches 20 bis
250/0 Phosphorsäure und 3—50/0 Stickstoff, aber
nicht mehr als 6o/0 Fett enthalten soll. Es findet
sowohl als Düngemittel wie als Futterzusatz
Anwendung und dient außerdem zur Herstellung
von Superphosphat (s. d.). Durch völlige Ent-
leimung und den Zusatz von Mineralphosphaten
wird der Düngewert bisweilen sehr verringert,
Es empfiehlt sich daher, stets eine Kontroll-
analyse ausführen zu lassen.

Knochenöl (Knochenfett)., Von dem bei der
Gewinnung des Knochenmehles abfallenden Fett
ist das durch Auskochen frischer Knochen er-
haltene Sudfett das wertvollere. Es bildet eine
schwach bräunlich gefärbte und fast geruchlose
Masse, während das mit Benzin extrahierte sog.
Extraktionsfett dunkelbraun und außerordent-
lich übelriechend ist. Zur Entfärbung und Be-
seitigung des üblen Geruchs behandelt man das
Fett mit Oxydationsmitteln (Chromsäure) und
verwendet das gereinigte Produkt zur Her-
stellung von Seifen. Das durch Ausfrieren und
Abpressen von den festen Anteilen befreite
flüssige K. ist außerordentlich kältebeständig
und dient als Schmiermittel für feine Instru-
mente.

Knoppern (frz. Galles ä I’epine, engl. Gall-
nuts) nennt man die durch eine Ga 11 wespe
(Cynips, calicis) zwischen Fruchtknoten und
Bechern gewisser Eichen hervorgerufenen
Gallen, die besonders aus Ungarn, Dalmatien,
der Bukowina und Slawonien in den Handel
kommen. Es sind unregelmäßige, stark ge-
furchte, eckige und stachlige Gebilde, die meist
die verkümmerte Eichel noch umschließen und
braun oder gelb gefärbt erscheinen. Die Ein-
sammlung erfolgt im September und Oktober,
wenn die K. von den Bäumen fallen, und gibt
bei günstiger, d. h. warmer und trockner Witte-
rung bis zu 125 kg von einem einzigen Baum.
Die K. enthalten bis zu 45 o/0 Gerbstoff und
finden sowohl in gemahlenem Zustande als K.-
Mehl, wie in Form von K.-Extrakt zum
Gerben, besonders von Sohlleder, und zum
Färben als Ersatz für Galläpfel Anwendung.

Kobalt (lat. Cobaltum, frz. und engl. Cobalt),
ein dem Nickel nahe verwandtes Metall, Co=5g,
kommt in elementarem Zustande auf der Erde
nicht vor, sondern nur in Form wenig ver-
breiteter Mineralien: Speiskobalt, Smaltin
(Arsenkobalt), Kobaltglanz (Schwefelarsen-
kobalt) und Kobaltblüte, ein aus dem vorigen
entstandenes arsensaures K. Zur Entfernung
des Arsens und Schwefels werden die Erze zu-
nächst geröstet, darauf mit Soda und Salpeter
geschmolzen oder mit Königswasser behandelt,
und die schließlich in schwefelsaure Lösung
übergeführten Metalle nach bekannten Verfahren
vom Eisen, Blei, Wismut und Kupfer befreit.
Die schwierige Trennung von dem neben K.
allein zurückbleibenden Nickel erfolgt durch
fraktionierte Fällung mit Soda und Chlorkalk,
wobei Kobaltoxyd zuerst ausfällt, oder durch
Abscheidung als Kobaltkaliumnitrit mit salpe-
trigsaurem Kalium. Häufiger noch bedient man
sich des trockenen Verfahrens. Das reine Metall
wird dprch Reduktion der Oxyde im Wasser-

stoffstrom oder mit Kohle in Form eines grauen
Pulvers oder glänzender Blättchen erhalten und
liefert, bei 1050—12500 geschmolzen, harte
Stücke, welche schöne Politur und silberweißen,
an der Luft beständigen Glanz annehmen. K.
besitzt das spez. Gew. 8,500, ist stark magne-
tisch und von hoher Dehnbarkeit und Festig-
keit. Die durch direktes Schmelzen gewonnenen
Stücke sind wegen ihres Kohlenstoffgehaltes
brüchig und können weder gehämmert noch
gewalzt werden. Nach Zusammenschmelzen mit
1/10 0/° Magnesium, aber lassen sie sich in der
Hitze schmieden und dehnen. Von den zwei
Reihen von Verbindungen des K. besitzen nur
die Oxydulsalze (s. Kobaltchlorür) wegen ihres
Farbenspiels gewisses Interesse. Das metallische
K. findet beschränkte Verwendung zur Her-
stellung von Draht und Blech sowie von luft-
beständigen galvanischen Überzügen auf Obst-
messern, Klischees usf. Die außerordentliche
technische Bedeutung, der Kobalterze beruht auf
ihrer Verarbeitung zu Farbstoffen.

Kobaltchlorür (Chlorkobalt, lat. Cobaltum
chloratum, frz. Chloride de cobalt, engl. Chlo-
ride of cobalt), kleine rote Kristallnadeln von
der Formel CoC12-|-6H20, welche beim Erwär-
men durch Wasserverlust blau werden und zur
Verfertigung vori sympathetischer ■ Tinte An-
wendung finden.

Kobaltfarben. Um 1550 soll die Entdeckung
gemacht worden sein, daß die bis dahin für
wertlos gehaltenen Kobalterze Glasflüsse schön
blau färbten, und dadurch zur Begründung der
Kobaltindustrie Sachsens und Böhmens geführt
haben, jedoch sind auch aus dem Altertum
stammende blaue Gläser als mit Kobalt gefärbt
erfunden worden. Zur Darstellung des wich-
tigsten Erzeugnisses, der Smalte, wird fein ge-
mahlener Quarz mit Pottasche und geröstetem
Kobalterz geschmolzen, der entstehende, schön
blaue Fluß von der am Boden abgesonderten
Schlacke, der sog. Nickel- oder Kobaltspeise,
abgelassen und noch flüssig in . kaltes Wasser
gegossen. Die durch das Abschrecken mürbe
gewordene Masse wird auf Stampf- oder Walz-
I werken gröblich zerkleinert, zwischen granite-
nen Mühlwalzen sehr fein gemahlen und der
blaue Schlamm in vieles Wasser eingerührt.
Die zuerst niederfallenden gröbsten Teilchen
bilden das Streublau, in einem zweiten Bottich
setzt sich die tiefste Tönung des Blaus, die
„Farbe“ oder Couleur ab, in einem folgenden
der Eschel, und zum Schluß, der Sumpf-
eschel, der entweder als hellstes und geringstes
Blau verkauft oder, wie meist auch das Streu-
blau, einer späteren Schmelze wieder zugesetzt
wird. Bisweilen kommt das letztere auch als
blauer Streusand in den Handel. Das schöne
Blau der Smalte besitzt eine Dauerhaftigkeit
wie wenige andere Farben und übertrifft auch
den künstlichen Ultramarin an Widerstands-
fähigkeit gegen Säuren und Hitze. Sie wird zur
Fresko- und Zimmermalerei und zu Außen-
anstrichen benutzt. Als Einbrennfarbe für fei-
nere Arbeiten auf Glas und Porzellan wird sie
hingegen durch die reineren Oxyde, für Töpfef-
glasuren und Steingutmalereien aber durch den
Zaffer oder Saflor ersetzt. Der letztere ist das
unmittelbare Erzeugnis der H ütten, welches in Form
        <pb n="221" />
        ﻿Kochsalz

215

Kochsalz

.grauschwarzer Pulver durch einfaches Abrösten
von Kobalterzen erhalten wird und erst im Glas-
fluß schöne blaue Töne liefert. Kobaltultra-
marin (Thenards Blau, Kobaltblau, Ley-
dener Blau) entsteht, wenn man mit einer
Kobaltsalzlösung getränkten weißen Ton trock-
net und glüht, oder schöner, indem man eine
Mischung von Alaun und schwefelsaurem Ko-
baltoxydul zur Trockne eindampft und 6—8
Stunden auf heller Rotglut erhält. Die Farbe
hat den Fehler aller Kobaltfarben, bei Lampen-
licht violett zu erscheinen, und wird, durch den
Ultramarin allmählich verdrängt. Coeruleum
(Coelin) besteht aus Kobaltoxydul und Zinn-
oxyd. Kobaltgrün (Zinkgrün, Rinnmanns
Grün) entsteht, wenn ein Brei von frisch ge-
fälltem Kobaltoxydul und Zinkoxyd getrocknet
und geglüht wird. Die Farbe erscheint bei
größerem Kobaltgehalte dunkel-, bei geringe-
rem grasgrün und findet für Tapeten und
Zimmermalerei Anwendung, während sie im
Glasfluß nichts als Blau erzeugt. Kobaltgelb
endlich ist ein schönes goldgelbes Kristall-
pulver, welches beim Einleiten von Salpetrig-
säuredämpfen in eine Lösung von Kalisalpeter
und salpetersaurem Kobalt entsteht und für Öl-
und Aquarellmalerei benutzt wird. Im Glasfluß
erscheint es ebenfalls blau.

Kochsalz (Salz, Chlornatrium, lat. Natrium
chloratum, Sal culinare, frz’. Sei commun, engl.
Kitchen salt) ist auf der Erde in ungeheuren
Mengen verbreitet. Es findet sich in gelöstem
Zustande im Wasser der Meere und zahlreicher
Binnenseen (Kaspisches Meer,Totes Meer, großer
Salzsee in Utah), bildet in fester Form gewal-
tige Steinsalzlager als Reste verdunsteter Seen
und Meeresteile und wird aus ihnen durch unter-
irdische Wässer gelöst als Salzquellen zutage
gefördert. Alle drei Vorkommnisse werden zur
Salzgewinnung benutzt und liefern die als See-
salz, Steinsalz und Quellsalz bezeichneten,
nach Aussehen und Reinheit verschiedenen
Sorten. Zur Gewinnung des Seesalzes über-
läßt man das Wasser, besonders in den wärme-
ren Gegenden (Mittelmeerküsten), vielfach der
freiwilligen Verdunstung, indem man es in sog.
Meersalinen oder Salzgärten, gartenbeet-
artig angeordneten flachen Becken, den Sonnen-
strahlen aussetzt, oder man konzentriert es auch
durch Gefrierenlassen. In beiden Fällen schei-
den sich zuerst die schwer löslichen Karbonate
des Kalks und der Magnesia sowie der Gips
aus. Darauf kristallisiert das Kochsalz und zum
Schluß bleiben die leichter löslichen Chloride
des Kalziums, Magnesiums, Strontiums sowie
Chlor-, Brom- und Jodkalium in der Mutter-
lauge zurück. Das Meerwasser enthält wech-
selnde Mengen, 0,7—3,8 0/0, Mineralstoffe, von
denen 0,5—3, im Mittel 2,5 o/o als Kochsalz an-
zusprechen sind. Das Steinsalz wird entweder,
wie in Wieliczka, Bochnia, Kardona in Spanien
1 (hier im Tagebau) direkt bergmännisch ge-
wonnen, oder man führt es, wie in Hallein
wnd Berchtesgaden, durch Zuleitung von Wasser
in eine konzentrierte Lösung über, die Üeraus-
.gepumpt und weiter verarbeitet wird. Zur Ent-
fernung des Gipses und der Magnesiumsalze
fällt man zunächst mit genau bemessenen Men-
gen Kalkmilch, zieht die klare Lösung von

dem Niederschlage ab und konzentriert sie
durch Eindampfen in offenen Pfannen oder im
Vakuum. Die natürlichen Salzquellen
(Solen) werden erst bei einem Gehalte von
4 0/0 Kochsalz ausgebeutet, sind aber auch dann
noch zu schwach, um direkt versotten zu
werden. Man leitet sie daher zur teilweisen
Entfernung des Wassers auf Gradierhäuser,
aus Reisig und Dornen aufgebaute, bis zu 15m
hohe Wände, und läßt nun die rohe Sole all-
mählich in feiner regenartiger Verteilung hin-
durchträufeln; Sie verliert dabei nach zwei-
oder dreimaligem Durchgang soviel Wässer,
daß ihre Konzentration bis auf 20 0/0 ansteigt.
Gleichzeitig reinigt sie sich von einem beträcht-
lichen Teil ihrer mineralischen Beimengungen,
besonders dem Gips, der die Dornen in dichter
Schicht als sog. Dornenstein überzieht und
nach dem Brennen direkt , als Düngemittel be-
nutzt werden kann. Von den Gradierwerken
gelangt die Sole in die Pfannen, in denen sie
bis zur Kristallisation eingedarnpft wird. Hier-
bei scheidet sich der Rest des Gipses als sog.
Pfannenstein, fest am Boden anhaftend, aus,
während die fast reinen Kochsalzkristalle aus-
gekrückt und, solange, sie noch weiß erscheinen,
auf eine gleich über der, Pfanne befindliche
Traufe zum Trocknen geworfen werden. Von
da kommt das Salz auf Horden in die Trocken-
kammern. Die nach den verschiedenen Ver-
fahren gewonnenen Kochsalzsorten bestehen
alle der Hauptmasse nach aus Natriumchlorid
(s. d.), enthalten daneben aber noch mehr oder-
weniger fremde Beimengungen, welche ihren
Gebrauchswert beeinflussen. — In dem, meist
zu Bädern benutzten, rohen Meersalz (Sal
marinum, Boysalz) finden sich nach L. Schnei-
der 1,710/0 Kalziumsulfat, 0,110/0 Magnesiura-
sulfat, 0,190/0 Magnesiumchlorid und o,u«/0
Eisenoxyd und Tonerde; aber auch das ge-
wöhnliche Kochsalz (Sal Commune) der Salinen
enthält meist 1—30/0 Verunreinigungen, von
denen besonders ein Gehalt an Magnesium-
chlorid dauerndes Feuchtbleiben bedingt. Hin-
gegen besteht das Steinsalz aus nahezu
chemisch reinem Chlornatrium. Für die wich-
tigste Verwendung des K. zu Konservierungs-
und Speisezwecken wird in erster Linie das
See- oder Quellsalz benutzt, weil das Steinsalz
wegen seiner größeren Härte meist zu lang-
sam wirkt. Hingegen findet das letztere viel-
fache Anwendung in der chemischen Groß-
industrie, zur Fabrikation von Glas und Soda,
zum Aussalzen von Seifen, in der Töpferei zur
Herstellung von Glasuren, in der Weißgerberei
und Farbenfabrikation, zum Einsalzen von
Häuten, zur Bereitung von Kunsteis, als Vieh-
und Düngesalz. Von allem für Speisezwecke
bestimmten K. wird eine Steuer von 12 M. für
100 kg erhoben, während das zu technischen
Zwecken dienende sog. Gewerbesalz nur mit
0,20 M. belastet ist, vorausgesetzt, daß es durch
eine Vergällung (Denaturierung) zum mensch-
lichen Genuß untauglich gemacht wird. Als
Vergällungsmittel kommen nach dem Zollgesetz
in Frage je 1/i°/o Wermut- oder Holzkohlen-
pulver und Eisenoxyd für Viehsalz, 1 °/o Kien-
ruß für Düngesalz, ferner V*0/0 Petroleum,
10/0 Seifenpulver, x 0/0 Schwefelsäure oder 4 o/0
        <pb n="222" />
        ﻿Kockeiskörner

216

Kognak

Eisenvitriol. Die Vergällung kann jedoch unter-
bleiben, wenn das Salz unter steueramtlicher
Aufsicht verwandt wird. Zum Bezug von ver-
gälltem Salz ist die Beschaffung eines Berech-
tigungsscheins durch die Steuerbehörde erfor-
derlich. Dieser wird aber für Betriebe, die
menschliche Nahrungs- und Genußmittel her-
stellen, wie Tabak- und Mineralwasserfabriken,
nicht erteilt. Der Verbrauch an K. betrug 1910
auf den Kopf der Bevölkerung im Deutschen
Reiche 24,8 kg, entsprechend einer Gesamt-
menge von 1600000 t. Davon wurden mehr als
Vs, nämlich 1100000 t = 16 kg auf den Kopf,
steuerfrei gelassen und nur 500000 t = 8 kg auf
den Kopf versteuert. Diese Menge hat in den
letzten 10 Jahren nur sehr wenig, um 61000 t,
d. h. im Verhältnisse der Volksvermehrung zuge-
nommen. Hingegen ist der Verbrauch an steuer-
freiem Salz für Soda, Glaubersalz, Chlorkalium,
chemische und Farbenfabriken, zur Viehfütte-
rung, Düngung, Lederindustrie fast auf das
Doppelte gestiegen. Der Ertrag der Salzsteuer
betrug 57,3 Milk M. = 93 Pf. auf den Kopf. Die
inländische Erzeugung ist so groß, daß dadurch
der gesamte Bedarf gedeckt wird und außer-
dem noch 4000001 für die Ausfuhr übrig bleiben.

Kockeiskörner (Fisch kör ne r, Läuse kör ner,
Tollkörner, lat. Fructus cocculi, frz. Coque
de Levant, engl. Cockles) nennt man die Früchte
eines in Ostindien, besonders auf Malabar und
den Inseln Java, Sumatra, Zeylon, als Kletter-
pflanze wachsenden Strauches Menispermum
cocculus oder Anamirta coccculus (Wight
et Arm), an dem sie zu mehreren Hunderten in
eine Traube vereint wachsen. Die etwa erbsen-
großen, schwach nierenförmigen Früchte sind
frisch purpurrot und fleischig, getrocknet schwärz-
lichbraun, runzelig, und enthalten in der unter
der Oberhaut liegenden hellbräunlichen, hol-
zigen, zerbrechlichen Schale einen einzelnen halb-
runden, auf dem Querschnitt halbmondförmigen
Samen, der den Hohlraum nur teilweise aus-
füllt. Neben 50% fettem Öl findet sich in den
Kernen das stark giftige Pikrotoxin, während
das nicht giftige Fruchtgehäuse lediglich Me-
nispermin und Paramenispermin enthält.
Die Samen und noch mehr das isolierte Gift
bewirken, innerlich genommen, Ohnmacht, Zit-
tern, Schwindel und Konvulsionen. Die Körner
werden zur Vertilgung von Ungeziefer, nament-
lich in Form von Läusepulver und Salben, an-
gewandt und haben daher den Namen Läuse-
körner erhalten. Außerdem werden sie gegen
Krätze verordnet, doch ist hierbei Vorsicht zu
beobachten, da bei offenen Wunden leicht Ver-
giftung eintreten kann. Die Verwendung zur Be-
täubung von Fischen ist strafbar.

Kodein ist einer der wirksamen Bestandteile
des Opiums (s. d.), der jedoch medizinisch nur
höchst selten verwandt wird. Etwas häufiger
benutzt man jetzt das salzsaure K. (lat. Codei-
num hydrochloricum, Codeinum muriaticum, frz.
Hydrochlorate de codeine, engl. Hydrochlorate
of codein), das wie die freie Base farblose Kri-
stalle bildet.

Königsblau nennt man sowohl die beste Ko-
baltfarbe, das Eschel, wie auch eine Sorte
Berlinerblau und verschiedene mit Orseille

und Karmin auf Geweben erzeugte und hierauf
mit Indigoblau geküpte Farben.

Königsgelb ist eine Handelsbezeichnung für
Chromgelb, Bleiglätte, Kasseler Gelb (s. Bleifar-
ben) und Auripigment.

Königskerzen (Wollblumen, lat Flores ver-
basci, frz. Fleurs de molöne, engl. Mullein flo-
wers). Die vorsichtig getrockneten Blüten ver-
schiedener Verbascumarten (V.Thapsus und
V. phlomoides) werden teils von wild wachsen-
den, teils von angebauten Pflanzen bei uns ge-
sammelt, kommen aber zum größten Teile, wohl
zu drei Viertel der gesamten Handelsware, aus
Ungarn. Man pflückt die Blüten bei gutem
Wetter ohne die Kelche, trocknet sie rasch an
der Sonne und verwahrt sie luftdicht, recht fest
verpackt, da sie sonst leicht wieder Feuchtig-
keit anziehen und mißfarbig werden. Sie sind
nur verkäuflich, wenn sie ihre gelbe Farbe gut
erhalten haben. Die frischen Blüten zeigen einen
fein aromatischen Geruch, der' beim Trocknen
verloren gebt. Sie enthalten hauptsächlich Schleim,
Gummi und Zucker, (die sich beim Kauen ver-
raten, und dienen als Zusatz zu Brusttee.

Königswasser (lat. Aqua regis, frz.Eau regale,
engl. Nitromuriatic acid) heißt die Mischung von
Salzsäure und Salpetersäure (Salpetersalzsäure),
die allein imstande ist, Gold und Platin zu lösen...

Koffein (Coffein, Tein, Guaranin, lat.
Coffeinum, frz. Ca£6ine, engl. Caffeine), die stick-
stoffhaltige Base des Kaffees, C8H10N4O2-)-H2O,
findet sich nicht nur in den Samen (1—2 °/o) und
Blättern des Kaffeebaumes, sondern auch im Tee
(1—4 0/0), im Paraguaytee (0,50/0), den Kolanüssen
(2 °/o) und der Guarana (5—6%). Man stellt es
gewöhnlich aus dem abgesiebten Teestaub durch
Extraktion mit heißem Wasser, Behandlung des
Auszuges mit Bleiglätte zur Entfernung des Gerb-
stoffs und Zusatz von Kaliumkarbonat und Al-
kohol her. Neuerdings wird K, auch in großen
Mengen bei der Herstellung des Koffeinfreiein
(Hag-) Kaffee als Nebenprodukt erhalten.
Nachdem erkannt worden ist, daß K. als ein
Trimethylxanthin oder Methyltheobromin
anzusprechen ist, kann es auch auf künstlichem
Wege durch Methylieren von Theobromin oder
Xanthin, oder nach dem Verfahren von, Emil
Fischer durch völlige Synthese aus Malonsäure
und aus Barbitursäure erhalten werden. Das
durch Umkristallisieren gereinigte K. bildet blen-
dend weiße, seidenglänzende, leichte und sehr
lockere Kristallaggregate von bitterem Geschmack,
verliert bei ioo° Kristallwasser, sublimiert bei
1800 und schmilzt bei 230,5 °. Es ist in siedendem
Wasser und Chloroform leicht, in Alkohol, Äther,
Schwefelkohlenstoff, Benzol und Petroläther schwer
löslich und gibt mit Gerbsäure einen Nieder-
schlag, der im Überschüsse des Fällungsmittels
löslich ist. Es findet in der Medizin als Er-
regungsmittel vielfache Anwendung und wird
außerdem, besonders in Form seiner Salze, z. B.
des zitronensauren K. (Coffeinum citricum),
gegen Kopfschmerz und Migräne verordnet.

Kognak (Cognac) ist der durch Destillation
von Wein hergestellte Edelbranntwein, der, als
eine Unterabteilung des Franzbranntweins,
ursprünglich nach der gleichnamigen Stadt im
Departement Niedercharente benannt wurde und
I noch jetzt in ihrer Umgebung in besonderer
        <pb n="223" />
        ﻿Kohlensäure

217

Koipufelle

Güte als „Fine Champagne“ hergestellt wird.
Weniger wertvolle, als „Eau de vie“, „Petit
Champagne“, „Armagnac“ bezeichnete Sorten
stammen aus den Departements AngouKme,
Chäteauneuf, Languedoc. Auch in Ungarn, Spa-
nien und Portugal sowie neuerdings vor allem
in Deutschland wird viel K. destilliert. Das
frische Weindestillat ist eine völlig farblose
Flüssigkeit von meist so—6o°/o Alkoholgehalt,
welche erst im Verlaufe der Lagerung auf eiche-
nen Fässern ihre gelbe Farbe und die prächtige
Blume annimmt. Neben verschwindenden Spuren
von Furfurol finden sich geringe Mengen Fusel-
öl, flüchtige Säuren, Aldehyde und Ester, deren
Gehalte aber zu großen Schwankungen unter-
liegen, als daß darauf eine sichere Beurteilung
gegründet werden könnte. Im Laufe der Zeit
hatte sich der Begriff des K. nun außerordent-
lich verschoben. An Stelle des reinen Wein-
destillates tauchten Mischungen mit Kartoffel-
branntwein (sog. Weinsprit) in immer größerer
Menge auf. Ja, es wurden ganz offen als Kbgnah-
es senz Auflösungen von echtem oder künst-
lichem Weinbeeröl (s. d.) zur Darstellung von K.
auf kaltem Wege, d. h. durch einfaches Ver-
mischen mit Feinsprit, angepriesen. Zur Bekämp-
fung der hierdurch hervorgerufenen Mißstände
wurden in § 18 des Weingesetzes vom 7. IV. 1909
folgende Vorschriften erlassen; „1. Trinkbrannt-
wein, dessen Alkohol nicht ausschließlich aus
Wein gewonnen ist, darf im geschäftlichen Ver-
kehr nicht als Kognak bezeichnet werden.
2. Trinkbranntwein, der neben Kognak Alkohol
anderer Art enthält, darf als Kognakverschnitt
bezeichnet werden, wenn mindestens V10 des
Alkohols aus Wein gewonnen ist. 3. Kognak
und Kognakverschnitte müssen in 100 Raum-
teilen mindestens 38 Raumteile Alkohol ent-
halten. 4. Trinkbranntwein, der in Flaschen oder
ähnlichen Gefäßen unter der Bezeichnung Kognak
gewerbsmäßig verkauft oder feilgehalten wird,
muß zugleich eine Bezeichnung tragen, welche
das Land erkennbar macht, wo er für 'den Ver-
brauch fertiggestellt worden ist. Die näheren
Vorschriften trifft der Bundesrat. 5. Die vom
Bundesrate vorgeschriebenen Bezeichnungen sind
auch in die Preislisten und Weinkarten sowie in
die sonstigen im geschäftlichen Verkehr üblichen
Angebote mit aufzunehmen. Die in § 10, 16 des
Weingesetzes verbotenen Stoffe (s. Wein) dürfen
auch zur Herstellung von Kognak nicht benutzt
'Verden.“ — Gemische von Kognak mit Spiritus
dürfen nur als Kognakverschnitt in den Han-
del gebracht werden. Künstliche Färbung mit
Teerfarbstoffen ist unzulässig. Die Bezeichnung
Kunstkognak oder Fassonkognak wird von der
neueren Rechtsprechung durchweg verworfen.

Kohlensäure (Kohlensäureanhydrid, Koh-
lendioxyd, lat. Acidum carbohicum, frz. Acide
carbonique, engl. Carbonic acid) bildet zwar
nicht im gasförmigen Zustande, wohl aber als
komprimierte, sog. flüssige K. einen wich-
tigen Handelsartikel. Sie gehört zu den ver-
breitetsten Stoffen der Erdoberfläche. Als regel-
mäßiges Erzeugnis der Verbrennung organischer
"toffe sowie der tierischen und pflanzlichen At-
mung findet sie sich beständig in der Atmo-
sphäre in Menge von etwa 0,039 °/o. Ferner wird
S1e von den tätigen Vulkanen ausgestoßen, ent-

strömt aus Erdrissen und Spalten und gelangt, in
Wasser gelöst, in Form von Säuerlingen zutage.
Ihre Verbindungen mit Basen, die Karbonate,
wie Kalkstein, Marmor, Kreide, Dolomit und
Magnesit, sind verbreitete Mineralien, die sogar
gesteins- und gebirgsbildend auftreten. Zur Dar-
stellung der K. zersetzt man Karbonate (Marmor,
Magnesit) entweder mit verdünnten Säuren oder
durch Glühen, oder gewinnt sie durch Ver-
brennung von Koks. Die reine K., C02, ist ein
färb- und geruchloses Gas von deutlich saurem
Geschmack. Sie vermag weder selbst zu bren-
nen, noch die Verbrennung zu unterhalten, löscht
vielmehr brennende Körper aus und führt, ein-
geatmet, Erstickung herbei. Sie dient in den
Zuckerfabriken, in denen sie beim Glühen des
Kalksteins als Nebenprodukt entsteht, zum Sa-
turieren, ferner zur Darstellung von Ammoniak-
soda und von Bleiweiß. Auf ihrer hohen Lös-
lichkeit in Wasser (1 Vol. Wasser nimmt bei o°
1,8 Vol. K- auf) beruht ihre Verwendung zur Her-
stellung kohlensaurer Getränke. Zu letzterem
Zwecke führt man sie jedoch zunächst in dqn
flüssigen Zustand über. Das nach den angegebe-
nen Verfahren dargestellte pder auch natürlich
vorkommende K.-Gas wird durch Überführung
in Bikarbonat oder Waschen mit Kaliumperman-
ganat gereinigt, getrocknet und in Zylindern
aus Schmiedeeisen oder Stahl bei so—60 Atmo-
sphären komprimiert. Die schmiedeeisernen Fla-
schen haben 9 mm dicke Seitenwände und 15 mm
dicken Boden und sind auf einen Überdruck von
250 Atmosphären geprüft. Sie enthalten 8, 10,.
20 oder 30 kg K. zum Preise von je 25—30 Pfg.
und werden den Abnehmern leihweise überlassen.
Die flüssige K. ist eine wasserhelle, bewegliche
Flüssigkeit, welche bei —78,2° siedet und sich
bei schneller Verdunstung in eine lockere schnee-
ähnliche Masse, die feste K., verwandelt. Die
flüssige K. findet äußerst mannigfaltige Ver-
wendung. Sie dient in den Gastwirtschaften zum
Bierausschank, ferner zur Herstellung von kohlen-
saurem Wasser, beim Gießen von Gußstahl und
anderen Metallen zur Erzielung dichter, blasen-
freier Gußstücke, zum Betriebe von Feuerspritzen
und als Feuerlöschmittel. Krupp in Essen benutzt
sie außerdem bei Wiederherstellung von beschä-
digten Kanonen zum Loslösen der konischen
Mantelrohre von dem zylindrischen Kernrohre.
Der Versand der flüssigen K., der früher auf
Feuerzüge beschränkt war, ist jetzt auf allen
Eisenbahnzügen gestattet, aber an folgende Be-
dingungen geknüpft: Die Behälter müssen aus
Schweißeisen, Flußeisen pder Gußstahl hergestellt
und amtlich auf einen Druck von 250 Atmo-
sphären geprüft sein. Ein amtlicher Vermerk
auf den Flaschen muß darauf hinweisen, daß
diese Prüfung, und zwar innerhalb der letzten
drei Jahre, erfolgt ist. Zum Schutze der Ven-
tile müssen Kappen aufgeschraubt sein, die mit
einem Kranze zur Verhinderung des Rollens ver-
sehen sind.

Koipufelle (Nutria). Das Koipu, eine biber-
artige, große Seeratte, lebt in großer Menge
in den südamerikanischen, La-Platastaaten. Sein
Fell, das ohne den wertlosen Schwanz 4V2 dm
oder mehr in der Länge mißt, wird teils zu
Pelzwerk, teils bei der Herstellung von Hüten
verwandt, wöbei das meist braunrote Oberhaar
        <pb n="224" />
        ﻿Kokablätter

218

Kokosöl

entfernt wird. Das Unterhaar hat bräunliche,
aschgraue oder graugelbUche Färbung und kommt
an Feinheit demjenigen des Bibers nahe. Ge-
rupft und gegerbt liefern die Felle ein sehr hüb-
sches Pelzwerk. Zum größeren Teile wird das
Unterhaar jedoch abgeschoren und als Zutat
zu feinen Hüten verarbeitet. Die kr England ge-
bräuchliche Bezeichnung Affenfelle ist falsch,
ebenso der Name Nutria, welcher der Fisch-
otter zukommt.

Kokablätter (Cocablätter, lat, Folia cocae,
frz. Feuilles de coca, engl. Coca leaves) stammen
von einem baumartigen Strauche, Erythroxy-
lon Coca, der auf den östlichen Abhängen der
Anden wild wächst, in großem Maßstabe aber
auch wie Wein angebaut wird. Der Strauch gibt
jährlich drei, bei reichlichem Begießen sogar
vier Ernten von Blättern, welche den Blättern
von Sauerkirschen in Gestalt und Größe ähneln
und an der Sonne getrocknet werden. Sie rie-
chen wie gutes Heu, besitzen einen teeähn-
lichen, schwach bitter-aromatischen Geschmack
und bewirken beim Kauen starke Speichelabson-
derung. Ihre Haltbarkeit ist gering, da sie bei
Einwirkung von Feuchtigkeit rasch dumpfig und
unbrauchbar werden. Sie müssen daher in gut
schließenden Blechkisten oder gepulvert in gelben
Flaschen mit Glasstöpsel aufbewahrt werden.
Die wichtigsten Handelssorten sind: Bolivia,
Huanuko, Huanta, Cuczko, Truxillo und Lima-
oder Peru-K., doch kommen neuerdings auch K.
aus Zeylon, Java und Kamerun in den Handel.
Als kennzeichnende Bestandteile enthalten sie
die Alkaloide: Kokain, Zinnamylkokain, Ko-
kamin, Isokokamin, Benzoylpseudotro-
pein. Benzoylekgonin und Hygrin, ferner
Methylsalizylat, Glykoside und Gerbsäure.
Der Alkaloidgehalt unterliegt ziemlich großen
Schwankungen und beträgt im Mittel 0,7%.
Die K. werden von den Indianerstämmen Perus
mit Asche oder Kalk gekaut, wodurch eine Er-
regung des Nervensystems und Stillung des
Hungers, bei unmäßigem Genuß aber ebenso
schädliche Wirkungen wie durch Alkohol und
Opium hervorgerufen werden. Die K. dienen zur
Darstellung des Alkaloides und des Kokaweins.

Kokain (Cocain, lat. Cocainum, frz. Cocaine,
engl.Cocaina), das wichtigste Alkaloid der Koka-
blätter, wird durch Benzin- oder Petroläther-
extraktion der mit Sodalösung befeuchteten Blät-
ter und nachherige Ausschüttelung mit verd.
Schwefelsäure, Fällung mit Soda und Umkri-
stallisieren aus Alkohol rein dargestellt. Es
bildet färb- und geruchlose Prismen, die bei
98° schmelzen, in Alkohol. Äther und den mei-
sten anderen organischen Lösungsmitteln leicht,
in Wasser hingegen nur wenig löslich sind. Beim
Erhitzen mit Salzsäure spaltet sich das K. in
Ekgonin, Methylalkohol und Benzoesäure und
ist daher als Methyl benzoylekgonin anzu-
sprechen. Aus den genannten Bestandteilen läßt
sich chemisch reines K. synthetisch darstellen,
das nicht die unangenehmen Nebenwirkungen
des natürlichen Alkaloides zeigt. Das K. wirkt
äußerlich örtlich anästhesierend und findet daher
ebenso wie das salzsaure Salz, Kokainhydro-
chlorid, ausgedehnte medizinische Anwendung
in der Chirurgie, Zahnheilkunde und Augenheil-
kunde, da die Bepinselung von Schleimhäuten

mit K. völlige Unempfindlichkeit hervorruft und
schmerzlose Operationen ermöglicht. Zurzeit wird
das rohe K. meist schon in Peru dargestellt, aber
erst in Europa weiter verarbeitet.

Koka-Koka, eine aus Peru stammende, der
Ratanhia ähnliche Wurzel von bitterem und zu-
sammenziehendem Geschmack, wird dort als Ab-
kochung gegen Leberleiden und zum Rotfärben
benutzt. Die Kokablätter (s. d.) stammen von
einer anderen Pflanze.

Kokos. Die Früchte der in fast allen Tropen-
ländern an Küsten und auf Inseln wild wachsen-
den und angepflanzten Kokospalme (Cocos
nucifera) bilden sowohl in ganzem Zustande,
wie in ihren einzelnen Teilen überaus wich
tige Handelswaren. Die Kokosnüsse sind
bis zu kopfgroße Steinfrüchte, die unter einer

4—6 cm dicken Faserhülle das von einer harten
Steinschale umgebene weiße und mit einer milch-
artigen Flüssigkeit angefüllte Endosperm (Kokos-
kern) enthalten. Die Faserhülle besteht aus
längslaüfenden, dicht zusammenhängenden Fa-
sern, welche zugerichtet als Kokosfaser (Coir)
bezeichnet werden. Zu ihrer Gewinnung wird die
Außenschicht (Roya) völlig reifer Früchte von
Cocos nucifera var. rutila und cupulifor-
mis mehrere Wochen in Wasser gelegt und dann
mit Klopfern oder zwischen geriffelten Walzen
bearbeitet, wodurch sich die Fasern vereinzeln
und in verschiedene Stärken sortiert werden
können. Sie besitzen dann eine bräunliche Fär-
bung, eine Länge von 15—33 cm und eine Dicke
von 0,05—0,30 mm. Die Kokosfaser findet viel-
seitige Verwendung als Polstermaterial, zur Her-
stellung von geflochtenen Teppichen, gleichartig
gewebt zu Fußdecken, Unterlagen und Abtretern,
zu Bürsten und Pinseln, gesponnen zu Seiler-
waren, selbst Schiffstauen und neuerdings zu
Maschinentreibbändern. Die harte Kernschale,
Kokosnußschale, mit welchem Namen übri-
gens häufig auch die Schale der brasiliani-
schen Palme Attalea funifera (coquilla) be-
legt wird, dient zu kleinen Drechsler- und Schnitz-
arbeiten. Das Endosperm endlich, der Kokos-
kern, findet in frischem Zustande als Nahrungs-
mittel beschränkte Anwendung, wird aber zur
technischen Verwertung, besonders zur Gewin-
nung des Fettes, unter dem NamenKopra in, un-
geheuren Mengen verarbeitet. Die Kopra (Co
prah, Kopra, Copperah) enthält nach König
5,81 % Wasser, 8,88 °/o ' Stickstoffsubstanz, 67,0 %
Fett, 12,44% stickstofffreie Extraktstoffe, 4,06%
Rohfaser und 1,81% Asche, Die nach dem Aus-
pressen des Kokosöles (s. d.) hinterbleibenden
Rückstände, die etwa 20% Stickstoffsubstanz
enthalten, bilden als Kokos- oder Kopra-
kuchen ein wertvolles Futtermittel.

Kokosöl (Kokosfett, Kokosbutter, lat
Oleum cocos, frz. Huile ou Beurre de cocos, engl
Cocoa nut oil, Cochin oil), das fette öl der
Kokoskerne, wird entweder schon im Ursprungs-
lande oder in Europa aus der, nach hier ein-
geführten Kopra ausgepreßt. Die Haupterzeu-
gungsländer sind Vorder- und Hinterindien und
Zeylon, nach welchen die besten Sorten den
Namen Kochin-Kopra, die minder wertvoll611
den Namen Zeylon- und indische Kopra
führen. Außerdem kommt K. aus Zanzibar und
Westindien und neuerdings aus unseren Südsee-
        <pb n="225" />
        ﻿Kokosstricke

210

Kolkothar

kolonien (Samoa). Zur Gewinnung des Fettes ver-
fahren die Eingeborenen in der Weise, daß sie
die Kerne einfach in Wasser kochen und das
oben schwimmende Öl abschöpfen, oder auch,
daß sie, wie auf Zeylon, die getrocknete Kopra
zwischen heißen Metallplatten auspressen. In
Europa wird das Fett nach wirtschaftlicheren
* Verfahren durch hydraulische Pressen oder Lö-
sungsmittel abgeschieden. Das reine K. ist weiß,
von charakteristischem, nicht unangenehmem Ge-
ruch und Geschmack, wird aber leicht ranzig,
und löst sich in Äther und siedendem Alkohol.
Das spez. Gew. bei i8° beträgt 0,925. Es schmilzt
bereits bei 22 °, hat aber trotzdem eine ziemlich
harte Beschaffenheit. Seiner chemischen Zu-
t sammensetzung nach ist das K. ein Gemisch von
Triglyzeriden der Palmitinsäure, Kapron-, Ka-
prin-, Kapryl-, Laurin- und Myristinsäure, von
denen besonders die letzteren seine charakte-
ristischen Eigenschaften, die hohe Verseifungs-
zahl von 240—250 und die hohe Reichert-
Meißlsche Zahl von 7—9 bedingen. Wegen
seines leichten Ranzigwerdens fand das K. früher
fast nur zur Herstellung gefüllter Seifen (s. d.)
auf dem Wege der kalten Verseifung Anwendung.
Seitdem man aber später gelernt hat, es von den
übel riechenden Beimengungen zu befreien, fin-
det es in steigendem Maße als Speisefett Ein-
gang. Die zur Reinigung des K. benutzten,
zum Teil geheim gehaltenen Verfahren beruhen
auf der Entfernung der freien Fettsäuren durch
Magnesia oder Alkalien und nachfolgendes Aus-
waschen mit siedendem Wasser, ferner zur Be-
seitigung gewisser Riechstoffe auf einer Behand-
lung mit überhitztem Wasserdampf, Kohlensäure
oder Alkohol. Das auf diese Weise völlig ge-
reinigte, rein weiße und unbegrenzt haltbare
Fett ist für alle küchenmäßigen Zwecke aus-
gezeichnet verwendbar. Nur hat sich leider
der Übelstand herausgebildet, daß es meist nicht
mit seinem richtigen Namen, sondern unter
allen möglichen Phantasiebezeichnungen wie
Palmin, Vegetalin, Kunerol, Laureol,
Myr holin, Nukolin und zahlreichen anderen
in den Handel kommt, die zum Teil wie Nuß-
butter u. a. zu einer Täuschung der Verbraucher
geeignet sind. Auch macht sich immer mehr das
Bestreben geltend, aus K. durch besondere Be-
arbeitung, Emulgieren mit Wasser, künstliche
Gelbfärbung u. dgl. schmalz- oder butterähn-
liche Erzeugnisse herzustellen, welche dann nach
der neueren Rechtsprechung den für Kunst-
speisefett oder Margarine erlassenen Vorschriften
unterliegen. Neben der direkten Verwendung als
Speisefett dient K. auch als Zusatz zu Margarine,
zur Verfälschung von Butter und Schweineschmalz
und zur Herstellung von Ersatzstoffen für Kakao-
butter (s. d.).

Kokosstricke (Kokosfaserstricke) aus Ko-
I kosfaser werden von Hinterindien (Kochin) in
drei Stärken eingeführt. Die stärksten, von
dem Umfang eines kleinen Fingers, dienen zum
Garbenbinden anstatt der Strohseile und haben
v9r diesen den Vorzug, daß sie weder der Faul-
n's, noch den Angriffen der Mäuse ausgesetzt
und überdies billiger sind. 50 kg oder etwa
Sooo m kosten 27 M„ schwächere 24 M. Die
schwächste Sorte (50 kg — 10000 m für 34 M.)
"drd in Gärtnereien und Baumschulen verwandt.

Kokumbutter (Kokumöl, Goabutter, frz.
Beurre de cocum, engl. Cocum fat), das aus den
Samen von Garcinia indica gewonnene talg
artige, etwas brüchige Fett von weißlicher bis
blaßgelblicher Farbe, riecht frisch der Kakao-
butter ähnlich, wird aber leicht ranzig. Es
schmilzt bei 42—45°, erstarrt bei 320 und besteht
aus Oleodistearin. K. dient zur Seifenfabrika-
tion sowie zur Verfälschung von Sheabutter.

Kokzin, ein schön roter Teerfarbstoff, soll aus
einer Mischung von Bromnitrofluoreszein (einem
Resorzinfarbstoff, s. d.) mit Aurantia bestehen.

Kokzinin, ein dunkelroter wasserlöslicher Azo-
farbstoff aus Aminokresolmethyläther und ß-
Naphtoldisulfosäure zum Färben von Wolle.

Kolanüsse (Colanüsse, Gurunüsse, lat.
Nuces colae, frz. Noix de cola, engl. Cola nuts),
die Samen eines in :Westafrika, besonders auch
Deutsch-Kamerun heimischen Baumes Sterculia
acuminata, sind, zu je fünf in dem saftigen
Fruchtfleische eingebettet und besitzen eine runze
lige, rotbraune, bisweilen schwarz gefleckte Schale.
Die 3—5 cm langen und 2—3 cm breiten Samen
sind innen 'hellbraun, besitzen einen bitter aro-
matischen Geschmack und enthalten nach König
9,220/0 Protein, 1,35% Fett, 2,75% Gerbstoff,
2,7s % Zucker, 43,830/0 Stärke, 15,060/0 Extrakt-
stoffe, 7,85 °/o Rohfaser, 3,05 °/o Asche. Als cha-
rakteristische Bestandteile finden sich 0,05 °/o
Theobromin, 2,16 °/o Koffein und ein Glykosid
(Kolanin), das unter der Einwirkung eines
Fermentes, schon beim Trocknen, in Koffein,
Theobromin und Gerbstoff sowie ein Spaltungs-
produkt des letzteren, das Kolarot, zerfällt.
K. werden im Ursprungslande als nervenerregen
des Genußmittel zur Vertreibung von Hunger
und Ermüdung verzehrt und neuerdings in Eu-
ropa als Zusatz zu Schokoladen und Likören
vielfach verwandt. Verschiedene Arten sog. fal-
scher Kola von Heritiera littoralis, Garcinia
Kola u. a. unterscheiden sich von der echten
durch die geringere Größe der Stärkekörner, die
mehr kreisrunde und abgeplattete Form der
Samen und das gänzliche Fehlen des Koffeins.

Kolchizin (lat. Colchicinum, frz. Colchicine),
der giftige Stoff der Herbstzeitlose, Col-
chicum autumnale, gehört zu Men Alkaloiden
und wird gewöhnlich aus dem Samen der Pflanze
dargestellt. Das bisher nur als gelblichweißes
Pulver von sehr bitterem Geschmack erhaltene
Gift löst sich leicht in Wasser, Weingeist und
Chloroform, schmilzt bei 143—1470 und erstarrt
beim Erkalten zu einer glasartigen Masse. Leicht
zu erkennen ist das K. daran, daß seine salpeter-
saure Lösung durch sehr vorsichtiges Hinzu-
fügen einiger Tropfen Schwefelsäure eine vor-
übergehende violette Färbung annimmt. Es wird
in kleinen Mengen medizinisch verwandt.

Kolkothar (Totenkopf, Englischrot, Preu-
ßisch-, Pariser-, Polierrot, lat. Caput mor-
tuum, frz. Oxyde de fer anhydre, engl. Colcothar).
Unter diesen Namen versteht man verschiedene,
braunrot bis violett gefärbte Pulver aus mehr
oder weniger reinem Eisenoxyd, die geschlämmt
und abgerieben teils zu Anstrichen, teils als Polier-
mittel benutzt werden. Der eigentliche K. (Ca
put mortuum) wurde früher als Rückstand aus
dem Eisenvitriol bei Bereitung der Nordhäuser
| Schwefelsäure erhalten, wird aber jetzt billiger
        <pb n="226" />
        ﻿Kollodium

220

Kolumbowurzel

und schöner durch Glühen von Vitriolschlamm,
dem rotgelben Absatz, der sich beim Eindampfen
von Eisenvitriollösungen bildet, dargestellt. Das
feinste Polierrot erhält man durch Glühen von
oxalsaurem Eisenoxyd.

Kollodium (Collodium) nennt man die Auf-
lösung von K.-Wolle (Dinitrozellulose) in
Äther-Alkohol. Die Kollodiumwolle (Kolloxy-
lin) wird in ähnlicher Weise wie die Schieß-
baumwolle (Pyroxylin) hergestellt, .doch läßt
man die entfettete Baumwolle nur so lange in
dem Nitrierungsgemisch von Salpeter- und Schwe-
felsäure liegen, bis sie sich eben in Äther-Alkohol
löst, da bei längerer Einwirkung die Trinitro-
zellulose (Pyroxylin) entsteht. Die Kollodium-
wolle wird dann mit Wasser von den Säuren be-
freit und getrocknet und darauf sofort in Al-
kohol-Äther gelöst. Das K. ist eine dickliche,
wasserhelle oder schwach gelbliche Flüssigkeit,
die beim Verdunsten an der Luft ein dünnes, in
Wasser unlösliches, durchsichtiges und fest an-
haftendes Häutchen hinterläßt. Auf dieser Eigen-
schaft beruht seine Verwendung in der Medizin
zur Bedeckung von Schnittwunden, Hautabschür-
fungen und flachen Geschwüren, für welche
Zwecke man ihm aber meist einen geringen Zu-
satz von Terpentinöl oder Rizinusöl gibt, da
das dann entstehende Häutchen weit elastischer
ist (Collodium elasticum). Auch wird K. im
Gemisch mit Medikamenten wie Quecksilber-
sublimat oder Kantharidentinktur als ätzendes
oder blasenziehendes K. angewandt. Die
Technik benutzt es zur Herstellung kleiner Luft-
ballone und künstlicher Blumen sowie für photo-
graphische Zwecke.

Kolonialwaren. Mit diesem Sammelnamen
bezeichnet man die große Klasse der Genuß-
mittel und Gewürze, z. B. Kaffee, Tee, Kakao,
Pfeffer, Zimt usw. Die Besprechung erfolgt bei
den einzelnen Gegenständen.

Kolophonium (Colophonium, Geigenharz,
frz. Colophone, engl, Colophony), das gereinigte,
von ätherischem Öl (Terpentinöl) und Wasser be-
freite Harz von Fichten und anderen Nadel-
hölzern, hinterbleibt bei dem völligen Ab-
treiben des Terpentinöls aus dem Terpentin
durch Destillation mit oder ohne Wasserdampf.
Der Rückstand wird in offenen Kesseln unter
beständigem Umrühren so lange geschmolzen,
bis alles Wasser verdampft ist, dann der Ruhe
überlassen, und das klare Harz vom Bodensatz
abgeschöpft. Das meist bräunlichgelbe bis gelb-
braune, bei den französischen Sorten auch hell-
gelbe Harz ist spröde und von glänzendem
Bruch, erweicht bei 700, schmilzt bei etwa loo°
und verbrennt mit rußender Flamme. Das spez.
Gew. beträgt 1,070. K. ist in Wasser unlöslich,
in Petroläther teilweise, in fast allen übrigen
organischen Lösungsmitteln aber völlig löslich.
Seine Hauptbestandteile sind Harzsäuren, beson-
ders Abietinsäure oder bei französischem Plarz
Pimarsäure. Bei der trockenen Destillation
entstehen neben Essigsäure und Pinolin, wel-
ches unter dem Namen Harzessenz als Ter-
pentinölersatz benutzt wird, besonders Harzöle,
die als Schmiermittel dienen, und Pech. K.
findet vielfach Anwendung zur Darstellung von
Seife (s. d.) und Sprengstoffen, zum Leimen von
Papier (s. d.), zum Pichen der Fässer, zum Löten,

zur Herstellung von Siegellack, Firnissen und
Pflastern. Neuerdings werden aus K. durch
Kochen mit Blei- oder Manganoxyden auch
schnell trocknende Resinate (Sikkative) her-
gestellt. Die etwa 100000 t betragende amerika-
nische Einfuhr, von der 80 000 t im Lande ver-
braucht wurden, hoffen unsere Forstleute durch
bessere Ausnutzung unserer Nadelwälder (9V2 Mil-
lionen LIektar), Einführung des Flaschen- oder
Becherverfahrens, Extraktion des Holzes mit
Äthylentrichlorid völlig ersetzen zu können.

Koloquinten (lat. Fructus colocynthidis, frz.
Coloquintes, engl. Colocynth apples), die getrock-
neten und meist geschälten Früchte der Kolo-
quintengurke (Cucumis Colocynthis), einer
einjährigen, zur Gurken- und Kürbisfamilie
gehörigen Pflanze, die in Syrien, Arabien, Ägyp-
ten, Zypern und Spanien wild wächst, auch zum
Teil angebaut wird, besitzen die Größe einer
Apfelsine und sind mit einer gelblichen oder
bräunlichen pergamentartigen Schale bedeckt.
Geschält und getrocknet erscheinen sie ganz
weiß oder gelblich und auffallend leicht, da die
trockene Fleischmasse eine dem Holundermark
ähnliche Struktur hat. Die im Inneren mit zahl-
reichen gurkenkernähnlichen Samen angefüllten
Früchte finden sich im Handel sowohl in ganzer
unversehrter Form, als stark zusammengedrückt
und mit Bruchstücken gemengt. Die Droge ist
ausgezeichnet durch ihren Gehalt an dem bitter
schmeckenden Glykoside Kolozynthin, das sich
mit anderen Stoffen durch Wasser oder Alkohol
ausziehen läßt und die heftig purgierende, in grö-
ßeren Gaben stark giftige Wirkung bedingt.
Wegen ihrer Giftigkeit werden die K. kaum
noch als Purgiermittel benutzt, bilden aber in
Form von Abkochungen oder als Zusatz zu
Tünche und Tapetenkleister ein geschätztes Mittel
zur Bekämpfung von Wanzen in Bettstellen und
Wandbekleidungen. Man unterscheidet im Han-
del ägyptische Ware als die beste, mit den größ-
ten, wenig Samen enthaltenden Früchten, ferner
syrische und Zyprische, die kleiner, schwerer und
vielsamiger sind. Zur Erleichterung des Pulve-
risierens werden die von den unwirksamen Samen
befreiten Früchte mit Tragantschleim vermengt,
wieder getrocknet und dann zerstoßen. Neuer-
dings benutzt man aber meist das alkoholische
Extrakt.

Kolumbowurzel (Ruhrwurzel, Calumba-
wurzel, lat. Radix Columbo, frz. Racine de Co-
lombo, engl. Calumba root) ist die rübenförmige
Wurzel eines rankenden Gewächses, Menisper-
mum palmatum (Jatrorrhiza palmata), das in
den Wäldern der Ostküste Südafrikas wild wächst
und in Ostindien, auf Isle de France, den Seycheb
len- und Maskareneninseln auch angebaut wird.
Die Ware kommt meistens in Querscheiben ge-
schnitten in den Handel, die 2V2—3V2 cm Durch-
messer und 3—9 mm Dicke haben und durch
das Trocknen doppelt konkav geworden sowie
eingeschrumpft sind. Das Innere der Wurzel ist
sehr mehlig, ihr Geschmack schleimig und stark
bitter, dabei aromatisch und etwas scharf. Die
Droge ist ein gesuchter Handelsartikel geworden,
der als Mittel gegen Ruhr und Diarrhöen ge'
schätzt wird. Es kommen daher auch Bei-
mengungen anderer Pflanzenwurzeln vor, die
aber, bei Kenntnis der echten, leicht aufzufinden
        <pb n="227" />
        ﻿Kondurangorinde

221

Kopal

sind. Die K. ja Form von Abkochungen und
Extrakt enthält als kennzeichnende Bestandteile
einen, kristallisierbaren, indifferenten Bitterstoff,
das Kol um bin (aus einem Kilo Wurzel bis
zu 4 g), und eine eigentümliche Säure, die Ko-
lumbosäure, jedoch entgegen den früheren
Angaben kein Berber in.

Kondurangorinde (lat. Cortex condurango,
frz. Ecorce de Condurango, engl. Condurango
bark), ein seit 1871 medizinisch als magenstärken-
des Mittel benutzter Artikel des Drogenhandels,
kommt aus dem nördlichen Teile Südamerikas,
besonders Ekuador, von Gonolobus Cundu-
rango Triana. Die Rinde bildet etwa 1 dm lange,
meist verbogene, harte, rinnenförmige Stücke
oder 'auch Röhren von bräunlicher bis grauer,
mit bräunlichen Korkschuppen bedeckter Ober-
fläche und weißlicher Innenfläche. Der Geruch
ist nur schwach, der Geschmack bitterlich krat-
zend. Die beste Ware kommt von Mataperro
(Mataperrorinde).

Kongokorinth B und G sind zwei Azofarb-
stoffe, welche durch Behandlung von diazotier-
tem Tolidin bzw. Benzidin mit je einem Molekül
Naphthionsäure und Naphtolsulfosäure entstehen.

Kongorot, ein Teerfarbstoff aus der Gruppe
der Azofarbstoffe, wird durch Vereinigung von
Benzidin und Naphtionsäure erhalten und gibt
mit Wasser und Alkohol rote Lösungen, die durch
Zusatz von Säuren blau werden. Baumwolle, in
der wäßrigen Lösung mit oder ohne geringen
Seifenzusatz gekocht, färbt sich waschecht rot.

Koniferin (lat.Conif erinum), eine zur Gruppe
der Glykoside gehörige chemische Verbindung,
wird aus dem Kambialsafte der Nadelbäume
gewonnen, indem man diesen zur Gerinnung der
Eiweißstoffe kocht und das Filtrat eindarapft.
Die durch Umkristallisieren und Behandlung mit
Tierkohle rein weiß erhaltene Masse wird durch
Oxydationsmittel in Vanillin übergeführt.

Koniin (Coniin, Cicutin, lat. Coniinum, frz.
Coniine, engl. Coniin), das sehr giftige Alka-
loid des Schierlings (s. d.), gehört zu den sauer-
stofffreien organischen Basen, C8H17N, und wird
hauptsächlich aus den Früchten des Schierlings
gewonnen. Es ist eine ölige, farblose Flüssigkeit
von starkem, unangenehmem Geruch, die schon
bei gewöhnlicher Temperatur verdampft. Das
spez, Gew. beträgt 0,850—0,860. K. wird zu-
weilen medizinisch verwandt ,und muß in mög-
lichst voll gefüllten Gläsern im Dunkeln auf-
bewahrt werden, da es durch Licht und Luft
leicht verändert und braun wird,

Konserven nennt man durch Trocknen, Er-
hitzung oder Zusatz keimtötender Stoffe haltbar
gemachte Nahrungsmittel. Sie finden sich zum
Teil unter Fleisch-, Fisch- und Gemüsekonserven,
Dörrobst und Dörrgemüse näher besprochen.
Die zu ihrer Aufbewahrung dienenden Behälter,
Konservenbüchsen, müssen den Vorschriften
des Gesetzes betr. den Verkehr mit blei- und
zinkhaltigen Gegenständen vom 25. Juni 1887 ent-
sprechen, d. h. sie dürfen nicht: I. ganz oder
teilweise aus Blei oder einer in 100 Gewichts-
teilen mehr als 10 Gewichtsteile Blei enthalten-
den Metallegierung hergestellt, 2. an der Innen-
seite mit einer in 100 Gewichtsteilen mehr als
1 Gewichtsteil Blei enthaltenden Metallegie-

rung verzinnt oder mit einer in 100 Gewichts-
teilen mehr als 10 Gewichtsteile Blei enthaltenden
Metallegierung gelötet, 3. mit Email, oder Glasur
versehen sein, welche bei halbstündigem Kochen
mit 40/oiger Essigsäure Blei an letztere abgeben.

Kontrajervawurzel (lat. Radix contrajervae,
frz.Racine de contrajerve, engl.Contrajerva root),
die Wurzel der in Südamerika einheimischen
Dorstenia Contrajerva, ist knotig, runzelig,
bräunlichrot, schmeckt scharf und bitter und be-
sitzt einen schwachen, gewürzhaften Geruch.

Konydrin (Konhydrin), eine neben dem Ko-
niin im Schierling enthaltene organische Base,
bildet farblose blättrige Kristalle, die bei 1200
schmelzen.

Kopaivabalsam (lat. Baisamum copaivae, frz.
Baume de copahu, engl. Balsam of copaiva)
stammt von verschiedenen Arten der Gattung
Kopaifera, hauptsächlich C. officinalis, C.
coriacea und C. guyanensis, die ihre Heimat
in Südamerika und Westindien haben. Die
südamerikanischen Sorten sind die besseren
und allein zu medizinischen Zwecken, d. h. haupt-
sächlich für Geschlechtskrankheiten, verwend-
bar, während der westindische K., eine dicke,
trübe, terpentinartig riechende Flüssigkeit, nur
zu technischen Zwecken, namentlich in der Lack- ■
herstellung und Porzellanmalerei, benutzt wer-
den kann. Guter K. muß vollkommen klar, hell-
gelb bis goldgelb und ziemlich dickflüssig sein
und einen eigentümlichen aromatischen Geruch
und kratzend bitteren Geschmack haben. Als be-
sondere Sorten der südamerikanischen Ware
sind Para- oder Maranhaobalsam, Mara-
kaibo- oder Venezuelabalsam und als Unter-
art des letzteren Angosturabalsam zu erwäh-
nen. Die Parasorte ist etwas heller gelb und
dünnflüssiger als die Marakaibosorte., K. unter-
liegt zahlreichen Verfälschungen, namentlich mit
fetten Ölen, Harzen, Terpentin und Gurjunbal-
sam. Reiner Balsam soll, auf Glas aufgestrichen,
hart auftrocknen, während bei Gegenwart von Öl
die Masse klebrig bleibt. Gurjunbalsam erkennt
man durch Schütteln mit der vierfachen Menge
Benzol, wobei reiner K. eine klare Lösung lie-
fert, während G.-B. diese trübe erscheinen läßt.
Das D. A. B. schreibt ein spez. Gew. von 0,980
bis 0,990 vor und fordert eine klare Lösung in
Chloroform, Petroleumbenzin, Amylalkohol und
absolutem Alkohol, allenfalls mit einem opali-
sierenden Scheine. K. enthält als wesentliche
Bestandteile eine harzartige Säure, die Kopaiva-
säure, und ein ätherisches öl. Die erstere, ein
schneeweißes, kristallinisches Pulver, wird ge-
wöhnlich aus dem Gurjunbalsam gewonnen,
der davon mehr enthält als der K. — Das
Kopaiva öl (lat. Oleum balsami copaivae,
frz. Essence de bäume de copahu, engl. Oil of
copaiba), durch Destillation des K. mit Wasser-
dampf gewonnen, wird häufig zur Verfälschung
anderer ätherischer öle benutzt.

Kopal (Copal, frz. und engl. Copal) ist der
Gesamtname einer Gruppe von Harzen, die in
äußerem Aussehen und Farbe, in Härte und
in ihrem Verhalten zu Lösungsmitteln manche
Unterschiede zeigen. Hinsichtlich der Abstam-
mung herrscht noch Unsicherheit, jedoch , ist ge-
wiß, daß der K. nur zu einem Teil, und zwar in
geringerer Güte, von lebenden Bäumen gesam-
        <pb n="228" />
        ﻿Kopal

222

Korallen

melt wird, zum andern aber fossil vorkommt,
also gegraben, gelegentlich auch fortgeschwemmt
im Sande von Flüssen gefunden wird. Bei sei-
nem Aufenthalt in der Erde hat das Harz Ver-
änderungen, ähnlich dem Bernstein, erlitten,
namentlich ist es härter, schwerer löslich und
schwerer schmelzbar geworden. Die fossilen
Stücke bilden die sog. harten Sorten, die allein
in der Firnisbereitung einen Vorzugswert haben,
während die leicht löslichen und weichen in eine
Gruppe mit anderen wohlfeileren Harzen fallen.
Das Ursprungsland der besten Ware ist Afrika,
besonders dessen östliche Küste und das nahe-
liegende Zanzibar, das sowohl selbst K. erzeugt,
als der hauptsächliche Verschiffungsplatz für jene
Gegenden ist. Aber auch an der ganzen west-
afrikanischen Küste vom 8.° n. Br. bis 14.0 s. Br.
werden in etwa 3 m Tiefe Kopalsorten (Sierra
Leone, Akra, Benin, Kakun, Loango, Kongo,
Angola, Benguela und Kamerun) gefunden, die
zwar im allgemeinen weicher als die aus dem
Osten stammenden sind, ihnen aber in einzel-
nen Fällen an Güte ziemlich nahe kommen. Die
Kopale zeigen alle möglichen Farben, von fast
weiß bis gelblich, von rötlich bis ziemlich dunkel-
braun, meist sind sie mehr oder weniger durch-
sichtig, oft mit Rindenresten bedeckt, die besten
Sorten geschält und gesäubert. — Von Handels-
sorten sind zu erwähnen: Echte Kopale: 1. Ost-
afrikanische Kopale: Zanzibar - Kopal,
fälschlicherweise auch Bombay- oder ostindischer
K. genannt, bildet meist flache, gelbliche bis
gelbbraune Stücke, deren Oberfläche der Gänse-
haut ähnelt, daher auch der Name Gänsekopal.
Reinigt man die Stücke nach dem Ausgraben
äußerlich und behandelt sie dann mit Ätzlauge,
so kommt die mit Pusteln versehene Fläche,
Gänsehaut, zum Vorschein, die als ein Zeichen
der Güte angesehen wird. Mozambique- und
Madagaska r-K. ähneln dem Zanzibar-K., sind
aber oft von Fremdkörpern durchsetzt. 2. West-
afrikanische Kopale: Sierra-Leone -K.
kommt in kleinen, dunklen, unreinen Stücken
in den Handel, die an Güte dem Zanzibar-K. fast
gleich sind, Kiesel-K. in runden, walnußgroßen
Stücken. Kongo-, Angola-, Benguela-K. bil-
den unregelmäßige, flache und runde Stücke,
die außen meist mit dunkler Kruste ver-
sehen, innen aber glashell und rein sind. Un-
echte oder weiche K., also nichtfossile Harze:
1. Kauri-K., ein halbfossiles Harz, von der
Kaurifichte, Dammara australis, wird auf Neu-
seeland und Neukaledonien an Stellen gegraben,
wo früher Dammarwälder gestanden haben. Es
bildet verschieden große, glashelle bis gelb-
braune Stücke. 2. Manila-K., fälschlich auch
westindischer K. genannt, kommt aus Ostindien
in den Handel und bildet sehr verschieden große,
weißlichgelbe bis braune Stücke, die beim Zer-
reiben einen dillähnlichen Geruch zeigen. —• Die
echten K. lösen sich in den gewöhnlichen Lö-
sungsmitteln nicht unmittelbar, sondern erst, nach-
dem sie bei 300—350° geschmolzen oder in
Pulverform monatelang der Luft und dem Tages-
licht ausgesetzt worden sind. Manila-K. löst
sich in Alkohol bis zu go°/o, unter Hinterlassung
eines zähen, schmierigen Rückstandes. Zur Her-
stellung von Schleif-, Wagen- oder Fußboden-,
überhaupt feinen Lacken sind nur die echten K.

zu verwenden, während Kauri- und Manila-K.
u. a. zu Möbellacken gebraucht werden.

Kopalchirinde (lat. Cortex copalchi, frz.
Ecorce de Copalchi, engl. Copalchi bark). ist
die Rin'de eines im nördlichen Südamerika, West-
indien und Mexiko heimischen Strauches aus der
Familie der Euphorbiazeen, Croton niveus,.
(Jacquin), die zuweilen mit der Kaskarillrinde
verwechselt wird, von der sie sich durch feineren,
aber weniger kräftigen Geschmack und Geruch
unterscheidet. Auch sind die Stücke der K. viel
stärker, oft mehrere Zentimeter lang und mit
fein rissigem Korke bedeckt.

Koprolithen (Kotsteine) nennt man bräun
liehe, zapfenartige Steine von etwa Pflaumen-
größe oder größere Klumpen, die als versteinerte
Exkremente vorzeitlicher Tiere erkannt sind und
wegen ihres Gehaltes an phosphorsaurem Kalk
als Düngemittel verwandt werden. Sie finden
sich besonders im Süden und Westen Englands,
in den Grafschaften York, Suffolk und Cam-
bridge, an günstigen Stellen in etwa 20 cm dicken
Schichten, wo sie nach Art der Bernsteingräberei
abgebaut, darauf gewaschen, gemahlen, und auf
Superphosphat (s. d.) verarbeitet werden. In
Deutschland kennt man vereinzelte Lagerstätten,
z. B. bei Degerloch in der Nähe von Stuttgart.

Korallen (Corallen, frz. Coraux, engl. Co-
rals). Unter den zahlreichen, kalkige Gehäuse
bauenden Polypen hat die Edel- oder Blut-
koralle (I sis nobilis oder Corallium rubrum,
frz. Corail) wegen ihrer zur Herstellung von
Schmuckwaren geeigneten Beschaffenheit einen
besonderen Wert. Die Heimat der K. ist das
Mittelländische Meer, wo sie sich an den Fest-
lands- und Inselküsten auf Felsengrund und Vor-
sprüngen steiler felsiger Küsten meist in beträcht-
licher Tiefe des Meeres ansiedeln. Der Polypen-
stock, d. h. der mineralische Träger zahlreicher
einzelner Schleimtierchen, wächst durch die nach
innen gerichtete Ausscheidung von Kalkmasse zu
einem gedrungenen Bäumchen mit Ästen aus, das
nur 38—40 cm hoch und bis zu 2V2 cm stark wird.
Die Masse der K. besteht aus kohlensaurem Kalk
nebst etwas kohlensaurer Magnesia und Eisen-
oxyd., Der rote /Farbstoff ist hauptsächlich orga-
nischer Natur, Im lebenden Zustande ist dieses
feste Gerüst mit einem roten, häutigen, aus Kalk
und tierischer Masse bestehenden Überzug um-
geben, in welchen die Einzeltierchen eingebettet
sind. Die aus den Tierleibern selbst 'aufgebaute
Scheide, die ein weißer, milchiger Nahrungssaft
durchzieht, bröckelt aber außerhalb des Wassers
nach dem Abtrocknen leicht und wird meist
sofort nach dem Einsammeln durch Abreiben
und Waschen entfernt. Die meisten und besten
K. finden sich an der afrikanischen Küste zwi-
schen Algier und Tunis, außerdem bei den Ba-
learen, an den Küsten von Spanien, (Frankreich,
Korsika, Sardinien, Sizilien und Neapel. Die Ört-
lichkeiten des Vorkommens sind meist schon seit
langen Zeiten bekannt und werden zur Sicherung
eines regelmäßigen Ertrages immer erst nach
zehn Jahren von neuem abgeerntet. Zum Her-
aufholen bediente man sich früher einfacher
Schleppnetze, jetzt aber meist der Taucher. Die
rohe Ware zerfällt in folgende Sorten: tote oder
faule K., mit mineralischem und animalischem
Niederschlag überzogen, im Werte von s—20 fr-
        <pb n="229" />
        ﻿Korallenholz

223

Kork

I für das Kilogramm, schwarze K., durch Lagern
I in Schlamm geschwärzt, im Werte von 12—15 Fr.;

die gewöhnliche, lebend gefangene Ware, in
; Kisten, 45—70 Fr.; ausgewählte, besonders dicke
und rosenrote Stücke 400—500 Fr. und endlich
I sehr seltene weiße K. Man überarbeitet zu-
ll nächst die rohen Stücke aus dem Groben mit
Raspeln und Feilen und schleift sie dann auf
Schleifscheiben mit immer feinerem Schmirgel.
Aus den hinreichend großen Stücken werden
1 Stockknöpfe, Messerhefte u. dgl., aus den klei-
I neren Schmucksachen verschiedener Art, wie
runde, ovale, bimförmige und unregelmäßige
[ Perlen zu Halsbändern und Rosenkränzen, Knöpfe,
I Einsätze von Nadeln und Broschen hergestellt.

Die Farben wechseln vorn tiefsten Blutrot und
i| schönen Zinnoberrot bis zum Blaßrosa. Früher
waren die dunkelsten Farben die beliebtesten,

] später hat sich der Geschmack hierin geändert.

| In Europa hat die Vorliebe für K. ziemlich ab-
; genommen, obschon ab und zu versucht wird,
dieselbe durch schöne Schmuckwaren, wie sie
sich z. B. auf den Leipziger Messen zeigen, wie-
der emporzubringen. Einen ständigen und von
: der Mode nicht beeinflußten Absatz finden die
Waren hingegen in Japan, China, Arabien und
dem Orient überhaupt. Bei den Orientalen ist
die Vorliebe für Korallenschmuck so lebhaft,
daß man denselben überall an Kleidern, Waf-
fen, Pferdegeschirren, Gerätschaften und selbst
an den Wänden vornehmer Wohnungen an-
bringt. Außerdem gehen K, nach Rußland,
Amerika und, als Ersatz der Münzen, in Form
von Perlenschnüren, zu Neger- und anderen wil-
den Stämmen.

Korallenholz (frz. Corail vegetal), das harte,
| schönfarbige Holz von Adenanthera pavo-
nina, einem auf Madagaskar und Röunion hei-
; mischen Baume aus der Familie der Papiliona-
[ zeen, wird in der Kunsttischlerei verwandt.

Korallin (Corallin), ein zu den Teerfarben
■ gehörender, kräftig roter Farbstoff, entsteht bei
gleichzeitiger Einwirkung von «Oxalsäure und
Schwefelsäure auf rohes, kresolhaltiges Phenol.
Das erste Produkt der Einwirkung, das sog.
gelbe K., wird durch Erhitzen mit Ammoniak
auf 140—150° in das rote K. (Paeonin) über-
geführt, dunkelbraunrote Stücke mit schwachem,
metallischem Glanz. Sie lösen sich in Alkohol
mit orangegelber Farbe, welche durch Säuren
} m Gelb, durch Alkalien in ein prächtiges Rot
übergeht. Das K. enthält mehrere, unterein-
ander sehr ähnliche Farbstoffe, von denen einer
isomer mit der aus Rosanilin darstellbaren Ro-
solsäure (s. d.) ist und Pararosolsäure oder
Aurin (s. d.) heißt, während ein anderer Me-
thylaurin genannt wird. Neben diesen finden
sich Leukorosolsäure und Pseudorosol-
säure, eine violette und eine in granatroten Kri-
stallen kristallisierbare Masse. K. wird teils in
üer Zeugfärberei und -druckerei, teils zur Her-
stellung von bunten Papieren benutzt.

Korduan ist ein feines, sehr geschmeidiges,
„ ^erschieden gefärbtes, kleinnarbiges Leder aus
“°ck- und Ziegenfellen, von dem die stärkeren
Porten zu feinen Schuhmacherarbeiten, d;e dün-
"eren. zu Buchbinder- und Galanteriearbeiten die-
sen. Der Name stammt von Kordova in Spanien,
''m es von den Mauren zuerst hergestellt worden

ist. K. ist dem Saffian oder Maroquin sehr
ähnlich, aber zum Unterschiede von diesen nur
gekrispelt, hingegen nicht geglänzt. Auch das
auf der Fleischseite schwarz gefärbte zarte Bauch-
leder wurde früher K. genannt.

Koriander (lat. Fructus coriandri, frz. Se-
mence de coriandre, engl. Coriander seed)
nennt man die würzhaften Früchte der in Süd-
europa heimischen, in Deutschland, besonders
in Thüringen und Franken sowie auch in Frank-
reich in Gärten und Feldern angebauten einjäh-
rigen Doldenpflanze Coriandrum sativum.
Wegen des leichten Ausfallens der Früchte muß
die am Morgen geschnittene oder geraufte Pflanze
schon am Nachmittag ausgeklopft werden. Die.
Früchte sind rundlich, oben zugespitzt, von der
Größe eines kleinen Pfefferkornes, der Länge
naCh gerieft, von sehr geringer Schwere und
trocken von gelbbräunlicher Farbe. Vorherr-
schendes Dunkelgelb gilt als ein Zeichen der
Güte. Frisch riechen die Früchte unangenehm
wanzenartig und betäubend, daher der Name
Schwindelkörner. Getrocknet riechen und
schmecken sie hingegen angenehm aromatisch
und haben eine erwärmende, Blähung treibende
Wirkung, wie Anis und Kümmel. Sie werden
daher in beschränktem Maße zu medizinischen
Zwecken, hauptsächlich aber zum Würzen von
Backwerk und zur Herstellung von Likören und
Konditorwaren (überzogener oder kandierter K.)
benutzt. Das durch Destillation mit Wasser ge-
wonnene blaßgelbe, ätherische Öl der Früchte,
das Korianderöl (lat. Oleum coriandri, frz.
Essence de coriandre, engl. Oil of coriander) hat
ein spez. Gew. von 0,870—0,885 bei 15 0 C, ist
rechtsdrehend und wird zur Herstellung von Li-
kören und zum Parfümieren von Kräuterseifen
benutzt.

Kork (Pantoffelholz, lat. Suber, frz. Liöge,
engl. Cork) nennt man das eigentümliche -. Ge-
webe, das in der Rinde vieler Gewächsq''1 mit
zunehmendem Alter an die Stelle der Epidermis
tritt und durch vielfach wiederholte Querteilung
der unter der Oberfläche liegenden Zellen ent-
steht. Es setzt sich aus lückenlos aneinander- ‘
gefügten Zellen von meist rechtwinkliger Form
zusammen, die mit Luft gefüllt sind, und deren
Wandungen von einem Umwandlungsprodukt
der Zellulose, dem für Wasser und Gase schwer
durchlässigen Korkstoff (Suberin) gebildet wer-
den. Der letztere enthält neben Fetten beson-
ders einen wachsartigen Körper, das Korkwachs
oder Cerin, In technisch verwertbarer Menge
findet sich der K. nur bei der Korkeiche,
deren Rinde schon im Altertum zu denselben
Zwecken benutzt wurde wie heute. Diese in den
westlichen Mittelmeerländern heimische Eiche
kommt in zwei Arten, Quercus suber und Q.
occidentalis, vor, von denen die erstere den
besseren Kork liefert. Der immergrüne Baum
wächst auf trockenen Anhöhen in lichtem Stand
und bildet kleinere oder größere Wälder, be-
sonders in Spanien, Portugal, Algier und Tunis.
Auch in den bergigen Teilen Südfrankreichs, und
auf Korsika findet sich die Korkeiche. Die in
Mittelitalien und der Provence vorkommende Ab-
art, Quercus Pseudo-Suber, liefert nur K.
geringerer Güte. Sobald die Bäume bei einem
Alter von 15—20 Jahren 20—30 cm dick gewor-
        <pb n="230" />
        ﻿Kork

224

Kork

den sind, wird zunächst die obere harte Schicht,
der,sog. männliche Kork (Liöge male), in der
Weise entfernt, daß die noch teilungsfähige, kork-
bildende Schicht (Mutterkork) erhalten bleibt.
Sie bildet eine neue Lage von elastischem weib-
lichen K. (Lihge femelle), die nach Verlauf
von etwa zehn Jahren abgeschält werden kann.
Sie ist zwar weniger rissig als der männliche K.,
gibt aber noch keine besonders gute Korkmasse.
Eine brauchbare Handelsware wird vielmehr erst
bei der dritten Schälung erhalten, und von da
an verfeinert sich die Güte beständig, bis der
Baum ein Alter von 100—150 Jahren erreicht
hat. Die losgelösten, mehr oder weniger ge-
bogenen, S—20 cm dicken Korkplatten werden
nach oberflächlichem Abputzen in heißem odei
kaltem Wasser erweicht, darauf durch Beschweren
mit Steinen flach gedrückt und an der Luft ge-
trocknet. In manchen Gegenden Spaniens zieht
man die Korkschwarten auch wohl durch Flamraen-
feuer, wodurch die Masse innerlich gebräunt und
äußerlich angesengt wird. Hiermit soll durch
Schließung der Poren und Abhaltung vonWurm-
fraß eine Verbesserung verbunden sein, doch
wird dadurch bisweilen auch eine schlechte Be-
schaffenheit verdeckt. — Der K., der um so
höher geschätzt wird, je feiner und gleich-
mäßiger er ist und je weniger Risse und Hohl-
räume er zeigt, enthält neben 75 % Suberin etwa
4—S °/o Wasser, 0,3—0,5 % einer manganreichen
Asche und geringe Mengen von Stickstoffsub-
stanz, Cerin, Gerbsäure, Phlorogluzin usw. Sein
spez. Gew. beträgt 0,12—0,15. — Von den zahl-
reichen Handelssorten wird der helle, weiche
andalusische und der härtere, rötliche katato-
nische K. besonders geschätzt. An zweiter'Stelle
sind die französischen und die sehr großen Er-
träge Algiers (5 Mill.Kilogramm jährlich, allein in
der Provinz Constantine 400000 ha bebaut) zu nen-
nen, während die Zufuhren aus Korsika, Italien,
Sizilien und die sehr minderwertigen Sorten aus
Istrien und Dalmatien nicht als Flaschenkorke,
sondern nur als Fischerkorke (Schwimmkorke)
benutzt werden können. —■ Die Hauptverwen-
dung findet der K. zu Korkstopfen (Stöpseln,
Pfropfen, lat. Subera, frz. Bouchons, engl.Corks),
die früher aus den Ursprungsländern, besonders
Spanien, fertig geschnitten zu uns kamen, jetzt
aber in steigendem Maße aus eingeführten Plat-
ten in England, Frankreich (Bordeaux) und
Deutschland geschnitten werden. Hauptort der
deutschen Korkschneiderei ist Delmenhorst in
Oldenburg, daneben gibt es in Bremen, Sachsen
(Raschau bei Schwarzenberg), Thüringen und
Wien bedeutende Fabriken. Das Schneiden er-
folgt entweder, wie bei der feineren Ware, mit
der Hand, oder bei Massenware mit iMaschinen.
Beim Schneiden mit der Hand, das teuerere, aber
wegen Vermeidung schadhafter Stellen auch
bessere Ware liefert und vielfach (bei Delmen-
horst) als Heimarbeit betrieben wird, zerlegt
man die, wenn nötig, in Wasser eingeweichten
und äußerlich „abgeborkten“ Platten, indem man
sie über das festgeklemmte Messer hinwegzieht,
in Streifen und letztere in Würfel. Mulmige und
sonst fehlerhafte Stellen werden ausgeschnitten,
auch muß darauf geachtet werden, daß die mit
lockerem Parenchym und Steinzellen (Lenti-
zellen) erfüllten dunklen Streifen, den Stopfen

quer durchsetzen. Nur bei den großen Spunden, 1
bei denen dies nicht möglich ist, verlaufen diese I
Streifen senkrecht. Das Rundschneiden der Wür-
fel endlich erfolgt in ähnlicher Weise, wie man ;
einen Apfel schält und erfordert große Geschick- j
lichkeit des Arbeiters, der stündlich bis zu 150
Stopfen fertigstellen kann. Alle mit der Hand 1
geschnittenen Korke sind daran zu erkennen, daß
ihr Querschnitt nicht kreisrund, sondern schwach
kantig ist. Von den zahlreichen Korkschneide- |
maschinen, die das Fünffache der Handarbeit
leisten, besteht diejenige des Franzosen Moreau j
aus stählernen Röhren nach Art der Kork- |
bohrer, diejenige von Bothius in Stockholm
und von Köhler in Kopenhagen aus Ab-
schälmaschinen, Stückschneidemaschinen, Rund-
schneidemaschinen., Schleifmaschinen, Sortier- ■
und Zählapparaten. Die Maschinenkorke sind in
der Regel kreisrund, werden aber zur Vortäu-
schung der besseren Handschnittkorke bisweilen '
auch kantig geschliffen und zur Verschließung ]
der Poren mit Korkstaub eingerieben. Neben
den früher bevorzugten konischen („spitzen“), |
finden neuerdings mehr und mehr die besser 1
schließenden zylindrischen („geraden“) Kor- j
ken, besonders als „Champagnerkorke“, Eingang.. 1
Als gebräuchlichste Handelssorten sind anzufüh- ]
ren: Spunde (für Fässer und Glasballone), |
Stöpsel (Weinkorke) und Medizinstöpsel oder j
Mixturkorke in etwa zehn Nummern. Als i
Zeichen besonderer Güte gilt die helle Farbe, S
hohe Elastizität sowie das Fehlen von Löchern
und Wurmfraß. Zu ihrer Prüfung empfiehlt
der Verband deutscher Korkindustrieller die in
Wasser gelegten Stopfen einige Stunden einem
Druck von 4—5 Atmosphären auszusetzen, wobei j
nur die guten K. weiß, fest und glatt bleiben,
während die schlechten Veränderungen erleiden. j
Um die Korken geschmeidig zu machen,'wer- ;
den sie entweder in kaltem Wasser eingeweicht, 1
oder längere Zeit in feuchter Luft auf 1500 er-
hitzt, oder auch wohl mit wäßrigen Invertzucker- j
lösungen getränkt. Zur Erhöhung der Ela- {
stizität ist Blefchung mit Oxalsäure oder Chlor- 1
kalk und Schwefelsäure oder Kaliumpermanganat
und Natriumbisulfit empfohlen worden. Durch
Kochen in Harzen und Ölen oder durch Ein-
tauchen in Leimlösung mit Zusatz von etwas
Tannin oder Kaliumdichromat werden die K.
wasserdicht, durch Einbringen in eine Lösung
von Gelatine und Glyzerin und nachheriges
Überziehen mit Paraffin säurefest. Die Wieder-
verwendung von Altkorken setzt eine sorgfäl-
tige Behandlung mit Chemikalien voraus und
ist aus hygienischen Gründen durch die sächs.
Ministerialverordnung vom 12. VIII. 1909 ge-
wissen Einschränkungen unterworfen. — Neben
den Stopfen findet der Kork in dünnen Platten
Anwendung zu Einlegesohlen, zu Korkpapier für
Zigarettenmundstücke und Fluteinlagen, zu Atn-
boßunterlagen, zur Herstellung profilierter Ge-
bilde und ganzer Fässer. Weniger gute Stücke
dienen zur Herstellung von Schwimmern für
Fischernetze, Ankerbojen, Schwimmgürteln und
Rettungsbooten. Die beim Schneiden erhaltenen
Korkabfälle, deren Menge bis zu 65% des
Rohstoffes ausmachen, werden gemahlen und
als Packmaterial, als Isoliermittel, zum Stopfen
von Kissen und Matratzen sowie zur Herstellung
        <pb n="231" />
        ﻿Korkersatz

225

Krähenaugen

von Korkkohle (Spanisch Schwarz) für
Druckerschwärze benutzt. Einen großen Auf-
schwung hat neuerdings die Erzeugung von
Linoleum (s. d.), von Korkstein und anderen
Fußbodenbelägen genommen. Sie bestehen in
der Regel aus Mischungen von geröstetem Kork-
mehl mit Kalk, Ton, Gips oder Zement, bis-
weilen auch unter Zusatz organischer Binde-
mittel wie Pech, Teer, Asphalt u. dgl. Kamp-
tulikon (Kdrtizin) ist ein zu Platten gewalztes
Gemisch von Korkmehl mit Kautschuk, Gutta-
percha oder eingedicktem Leinöl. —• Die Gesamt-
einfuhr an Korkholz nach Deutschland betrug
1912 mehr als 206 000 dz im Werte von über
10 Millionen M., die Einfuhr an Korkstopfen
und -waren 18 000 dz (5 Mill. M.), die Ausfuhr
60 000 dz (4,8 Mill. M.).

Kerkersatz oder Kunstkork wird aus Kork-
mehl unter Zusatz von Bindemitteln wie Nitro-
zellulose, Kasein, _ Eiweiß, Kollodium, Viskose,
Glyzerin, Mineralöl, Kalk und Borsäure her-
gestellt; doch scheint nur der Suberit, ein Er-
zeugnis aus Korkmehl, Nitroglyzerin und Rizi-
nusöl, praktische Bedeutung erlangt zu haben.
Als ziemlich brauchbar soll sich auch das durch
Einwirkung von Azetylen auf Kupfer- oder Nickel-
oxyd hergestellte Kupren erwiesen haben, das
wahrscheinlich aus kupferhaltigeji Kohlenwasser-
stoffen besteht. Für gewisse Zwecke, z. B. die
Herstellung von Linoleum, hat man auch die
Verwendung von Holz- oder Rindenmehl, Holun-
der- oder Sonnenblumenmark und pulverisierten
Baumschwämmen empfohlen. Als Ersatz für Kork-
stopfen können sie nicht in Betracht kommen.

Kornit ist ein aus gepulverten Hornabfällen
durch Pressen hergestelltes Ersatzmittel für Horn.

Kornutin, das rein dargestellte Alkaloid des
Mutterkorns (s. d.), ein braungelbes, in Wasser
schwer lösliches Pulver, wird an Stelle des
Mutterkorns verordnet.

Koromandelholz (Calamanderholz), ein dem
Ebenholz ähnliches Nutzholz von der Insel Zey-
lon, stammt von Diospyros hirsuta.

Kcrund, ein aus reiner Tonerde bestehendes
Mineral, bildet in durchsichtigen und gut kristal-
lisierbaren Stücken schöne Schmucksteine, die an
Wert dem Diamant nahekommen. (S. Rubin
und Saphir.) Die unrein gefärbten, undurch-
sichtigen oder derben Arten., besonders der
gemeine Korund, der Diamantspat und der
Schmirgel (s. d.), finden wegen ihrer hohen
Härte als Schleifpulver Verwendung.

Koschenille (Cochenille, lat. Coccionella,
frz. Cochenille, engl. Cochineal) besteht aus
den getrockneten Weibchen der Nopalschild-
laus (Coccus cacti), die ihre Nahrung von
verschiedenen Kakteen bezieht und in Mexiko,
Mittelamerika u. a. O. in besonderen Anpflanzun-
gen gezüchtet wird. Sobald die Weibchen be-
fruchtet und dadurch bis zu Erbsengroße an-
geschwollen sind, werden sie auf untergelegte
Tücher oder Schüsseln abgestrichen, durch
feuchte oder trockene Hitze getötet und getrock-
net. Der purpurrote Saft der lebenden Tiere
besteht aus ^iner farblosen Flüssigkeit, in wel-
cher der Farbstoff in Gestalt winziger Körnchen
schwimmt. Da die Generationszeit nur sechs
Wochen dauert, kann man bis zu fünf Ernten
Aachen, beschränkt sich aber meist auf drei, in

Merck* Warenlexikon.

Spanien, Algier und Teneriffa auf zwei Ernten,
Je nach der Art der. Gewinnung erhält man ver-
schiedene Sorten: eine silbergraue mit der natür-
lichen Rückenbestäubung (Silberkoschenille),
wenn die Tiere durch Dämpfe getötet und an der
Sonne getrocknet wurden; eine dunkelbraun-
rote bis schwarze, wenn man die Tiere in
heißes Wasser tauchte und bei künstlicherWärme
im Ofen trocknete. Eine geringwertigere Sorte
aus kleinen, wilden Schildläusen wird als Wald-
koschenille (Granilla) bezeichnet. Öie beste
Kultursorte, Zaccatilla, stammt aus Honduras
(schwarze Honduras), dann folgen die mexi-
kanische (Verakruz), die graue Honduras und
graue Mexiko. Zum Schluß folgt Teneriffa
mit guter grauer und schwarzer Ware sowie die
ähnliche spanische und geringe javanische Sorte.
Auch der beim Sieben abfallende Koschenille-
staub hat noch einen geringen Handelswert. Als
Verfälschung sind Zusätze mineralischer, mit Kleb-
stoffen an den Tieren befestigter Beschwerungs-
mittel bis zu 50 % beobachtet worden. Der wert-
bestimmende Farbstoff ist der Karmin (s. d.).

Kosmetische Mittel. Unter dieser Bezeich-
nung versteht man die große Anzahl von Mitteln,
die zur Reinigung, Pflege oder Färbung der
Haut, des Haares oder der Mundhöhle benutzt
werden. Zu ihrer Herstellung ist die Verwen-
dung gesundheitsschädlicher Farben (s, d.) ver-
boten. Zugelassen sind: Schwefelsaures Barium
(Schwerspat, blanc fixe), Schwefelkadmium,
Chromoxyd, Zinnober, Zinkoxyd, Zinnoxyd, Schwe
fclzink, Kupfer, Zinn, Zink in Form von Puder.
Die Besprechung ist bei den einzelnen Gegen-
ständen erfolgt.

Kosmin, ein mit großer Reklame in den Ver-
kehr gebrachtes Mundwasser, besteht aus Spi-
ritus, Pfefferminzöl, Formalin und etwas roter
Farbe, ist aber frei von Salizylsäure und Mineral-
stoffen.

Kotorinde (lat. Cortex coto, frz. Ecorce de
coto, engl. Coto bark), eine seit 1873 im Drogen-
handel vorkommende Baumrinde der Laurazee
Drimys granatensis, kommt aus Bolivia und wird
als ausgezeichnetes Mittel gegen Diarrhöe an-
gewandt. Die 0,2—0,3 m langen, auch kürzeren,
flachen oder kaum gewölbten Stücke von ver-
schiedener Dicke besitzen eine rötlichzimt-
braune Farbe, sehr aromatischen, an Karda-
momen und Kajeput erinnernden Geruch und
aromatischen, zugleich beißenden und schwach
bitteren Geschmack. Als wirksame Bestandteile
sind neben ätherischem Öl die Alkaloide Kotoin,
Dikotoin und Phenylkumalin zugegen. Eine ganz
ähnlich wirkende Rinde von abweichendem Aus-
sehen aus Para in Brasilien (Cortex Paracoto) ent-
hält die Alkaloide Parakotoin, Leukotin, Oxyleu-
kotin, Hydrokotoin, Methylprotokotoin und Pi-
peronylsäure.

Krähenaugen (Brechnüsse, lat. Nuces vomi
cae seu Semen strychni, frz. Noix vomique, engl.
Nux vomica, Seeds of strychnos), die Samen des
ostindischen Krähenaugenbaumes, Strych-
nos nux vomica, bilden glatte, am Rande etwas
verdickte und abgerundete Scheiben von gelb
Hellgrauer Farbe, die auf der einen Seite mit
einer kleinen Erhabenheit, auf der anderen mit
einer kleinen Vertiefung versehen und mit außer-
ordentlich zarten, angedrückten Haaren besetzt

15
        <pb n="232" />
        ﻿Kräuter

226

Krauseminze

sind. Das Innere ist grauweiß, hornartig, sehr
zähe und schwer zu pulvern. Von den drei
Handelssorten Bombay-, Köchin- und Madras-K.
zeigt die Bombaysorte die seidenartige Beschaffen-
heit der Oberfläche am deutlichsten, Madras am
wenigsten. Die intensiv bitter schmeckenden K.
enthalten die Alkaloide Strychnin, Bruzin und
das noch nicht genügend untersuchte Igasurin.
Im Kleinhandel .dürfen sie nicht verkauft werden.

Kräuter (lat.Herbae) nennt man in der Drogen-
kunde ein- oder zweijährige w.ld wachsende, durch
Kundige gesammelte Gewürz- oder Arzneipflan-
zen von .niedrigem Wachstum oder auch in Gärt-
nereien gezogene Küchen- und Garten-, Farb-
und Futterpflanzen. In den Handel kommen be-
sonders die Küchen-, Gewürz- und Arzneikräuter.
Das Sammeln der wild wachsenden Kräuter er-
fordert genaue Kenntnisse, vor allem die sorg-
same Scheidung der giftigen von den nicht gif-
tigen, da der Handel scharfer Kontrolle unterliegt.
Die Sammler bringen die Ware direkt an die
Großhandlungen oder Apotheker und Drogisten,
während die Gärtner auf Bestellung und nach
Verzeichnissen mit Preisangaben liefern. Zur
Aufbewahrung dienen in luftigen Räumen auf-
gestellte Säcke, leichte Fässer oder Kisten, da
sich im feuchten Raume Schimmel bildet, wel-
cher die Waren wertlos macht. Die Thüringer
Lande und die Gebirgsgegenden sind die besten
Bezugsquellen. Besonders die Umgebungen von
Erfurt und Gotha zeichnen sich durch ausgedehn-
ten Kräuteranbau und -handel aus.

Kräuterkäse (grüner Käse) ist ein fettarmer,
aus gereiftem Zieger unter Zusatz reichlicher
Mengen von gepulvertem Steinklee (Melüotus), sog.
Käsepülver, hergestellter Käse, der entweder
in Kegelform als Reibkäse (Glarner Schabzieger)
oder in ziegelförmigen, mit dem Messer noch
schneidbaren Stücken (bayrisches und württem-
bergisches Allgäu) in den Handel kommt. Er
enthält neben 37—47% Wasser 6,6—20% Fett
und 34—46% Stickstoffsubstanzen, die zum Teil
in lösliche Form (Amide) übergegangen sind.
Der während des Krieges beobachtete Ver-
such, zur Umgehung der Höchstpreise gewöhn-
lichen, mit etwas Kümmel und Paprika gewürzten
Quark als K. zu vertreiben, ist von den Dresdner
Gerichten als unzulässig bezeichnet worden.

Krappwurzel (Färberröte, lat. Radix rubiae
tinctorum, frz. Garance, engl. Madder), die ge-
pulverte Wurzel der Rubiazee Rubia tinc-
torum, war bis vor wenigen Jahrzehnten neben
dem Indigo der wichtigste Pflanzenfarbstoff und
schon im Altertum bei Griechen, Römern und
Orientalen im Gebrauch, hat aber seit der Ent-
deckung des künstlichen Alizarins (s. d.) immer
mehr an Bedeutung verloren. Die unserem Wald-
meister verwandte Pflanze ist im Orient hei-
misch, wurde aber später in Europa, besonders
in Frankreich, in großem Maßstabe angebaut,
bis der Aufschwung der Alizarinindustrie den
Anbau unlohnend machte. Die Pflanze treibt
ziemlich lange Wurzeln, die mühsam gegraben
und dann nach Entfernung der anhängenden
Erde erst an der Luft und schließlich in Trocken-
stuben soweit getrocknet werden, daß sie beim
Biegen kurz durchbrechen. In Form ganzer
Wurzeln kommt nur der ohne künstliche Wärme
getrocknete orientalische K. (Lizari, Alizari)

in den Handel, während die abendländische
Ware entweder zu einem groben Pulver ver-
mahlen wird oder einer weiteren Verarbeitung
zu verschiedenen Farbstoffen unterliegt. Die-
knotigen, mit feinen Haaren besetzten Wurzeln;
sind von einer braunroten, längsrunzeligen Ober-
haut mit leicht ablösbarer Korkschicht umgeben.
Darunter liegt die eigentliche dunkelbraune Rinde,
die einen bitteren, rötlichgelben bis roten Holz-
kern einschließt und neben letzterem den Sitz
des Farbstoffs, der Ruberythrinsäure, bildet..
Zur Herstellung der besten Handelssorten wird
daher die Oberhaut mit den Saugwurzeln durch
Dreschen möglichst entfernt und der gereinigte
Rückstand durch Mühlsteine oder Stampfwerke
pulverisiert. Diese Ware führt den Namen be-
raubter K., im Gegensatz zu dem minderwer-
tigen, mit Oberhaut und Wurzelfasern vermah-
lenen unberaubten K. Der bei Gewinnung des.
ersteren erhaltene Abfall wird ebenfalls pulve-
risiert und liefert den Mullkrapp (Mull,,
Körte, Krappklein), ein braunes Pulver, das.
nur zum Braun- und Schwarzfärben dient. Zu
Färbereizwecken wird das Krappulver nur
selten frisch verbraucht, sondern meist vorher
2—3 Jahre in Fässern, fest eingestampft, auf-
bewahrt, wobei sich durch eine Gärung das;
Färbevermögen entwickelt. Bei noch längerer
Aufbewahrung nimmt letzteres wieder ab und
verschwindet schließlich vollständig. Das Fär-
ben mit K. erfolgt in gleicher Weise wie mit
seinem rein dargestellten Farbstoff, dem Aliza-
rin, von dem es sich nur durch den Gehalt an.
Purpur in unterscheidet. Man hat aber zur Er-
leichterung der Färbung eine Reihe von Zu-
bereitungen hergestellt, welche durch Entfer-
nung verunreinigender Beimengungen und Um-
wandlung der Ruberythrinsäure reinere und
intensivere Töne ergeben. Garanzin oder
Krappkohle entsteht bei der Behandlung von.
K. mit heißer konzentrierter Schwefelsäure, wo-
bei die meisten organischen Stoffe, mit Aus-
nahme des Alizarins, zerstört werden und der
reine Farbstoff zurückbleibt. Durch ähnliche
Verarbeitung teilweise ausgebrauchter Krapp-
reste erhält man das Garanceux, durch eine
Vergärung des mit warmem Wasser angerühr-
ten K. die sog. Krappblumen.

Kraterschlangen (Choleramännchen) nennt
man einen als Kinderspielzeug oder „Scherz-
artikel“ verkauften Gegenstand, der wegen seiner
bedenklichen Eigenschaften mehrfach die Ge-
richte beschäftigt hat. Das Spielzeug besteht
aus Tonfiguren in Form von Menschen oder
Tieren, in deren Leibesöffnungen Patronen aus
Rhodanquecksilber eingeführt werden, die sich
beim Anzünden wurstartig aufblähen (Pharao-
schlangen). Da hierbei giftige Dämpfe von
Quecksilber, schwefliger Säure und Blausäure
entstehen, ist der Verkauf nach § 12 des Nah-
rungsmittelgesetzes strafbar.

Krauseminze (lat. Folia seu Plerba menthae
crispae, frz. Feuille, Herbe de menthe cröpue,
engl. Curled mint leaves), das bekannte, zu den
Lippenblütlern gehörige aromatische Kraut,
das in Gärten vorkommt und vielfach auf Feh
dem angebaut wird, ist durch Züchtung aus
wilden Minzen, entweder der Bachminzc
(Mentha aquatica), oder der Waldminze (M--
        <pb n="233" />
        ﻿Krebsaugen

227

Kreide

silvestris) entstanden. Der Anbau der K. ge-
schieht in Deutschland besonders in Thüringen
und im Harz, ferner in Ungarn und Amerika.
Die für den offizinellen Gebrauch bestimmten
Blätter werden vor der Blüte gesammelt und
getrocknet in den Handel gebracht. Sie dienen
zur Herstellung von Aufgüssen, die innerlich als
erwärmendes magenstärkendes Mittel, äußerlich
zu Bädern und Umschlägen Verwendung finden.
Außerdem bereitet man aus ihnen ein destil-
liertes K.-Wasser (lat. Aqua menthae crispae,
frz. Eaü de menthe cröpue, engl. Curled mint
water), den Krauseminzgeist, und ein ätheri-
sches Öl, welches der riechende und schmeckende
Bestandteil der Pflanze ist. Das Krauseminzöl
(lat. Oleum menthae crispae, frz. Essence de
menthe cröpue, engl. Oil of spearmint) wird
durch Destillation .mit Wasser abgetrieben. Es
hat eine .gelbliche oder grünliche Farbe und
dünnflüssige Konsistenz, .wird aber mit der Zeit
bräunlich und dick. Geruch und Geschmack des
Öls sind schwächer als bei dem Pfefferminzöl
und auch .von diesem verschieden, aber lieblich.
Das rektifizierte Krauseminzöl hat bei 150 C ein
spez. Gew. von 0,92p—0,940 und enthält neben
Terpenen (Limonen und Pinen) erhebliche Men-
gen linksdrehendes Karvon. Es wird zu Parfü-
merien und Likören sowie medizinisch benutzt.

Krebsaugen {Krebssteine, lat. Lapis cancro-
rum, frz. Oeil d’öcrevisse, engl. Crabs eye) nennt
man die steinigen, weißen oder gelblichen Kör-
perchen, die sich zwischen den Magenhäuten
des Flußkrebses bilden und bei der Häutung
ausgeworfen werden. Sie sind linsengroß oder
größer, auf einer Seite konvex, auf der anderen
konkav wie ein Näpfchen und bestehen aus
kohlensaurem und phosphorsaurem Kalk nebst
Gallerte, die beim Auflösen der Sternchen in
Salzsäure zurückbleibt und die ursprüngliche
Form beibehält. Man bezieht sie aus Südruß-
land und Galizien und führt sie in Apotheken
und Drogenhandlungen als Volksmittel, um Staub
oder andere Körner, die in die Augen geraten
sind, aus diesen zu entfernen.

Krebsbutter, ein gelblichrotes Fett, wird in
Delikatessenhandlungen in l/i- Vs und V4'D°sen
verkauft und als Zusatz zu Suppen und Speisen
verwandt. Zur Bereitung von K. werden grob
zerstoßene rote Krebsschalen kurze Zeit mit
Butter gelinde gekocht, wobei letztere Farbe,
Geruch und Geschmack der Krebsschalen an-
nimmt. Früher häufiger beobachtete Verfäl-
schungen aus Margarine und Teerfarben sind
durch die Nahrungsmittelkontrolle aus dem Han-
del verdrängt worden.

Krebse (Flußkrebse, frz. Ecrevisses, engl,
Grabs) sind nicht nur ein Gegenstand des ört-
lichen, Handels, sondern werden oft weithin ver-
sandt; gerade die besten und größten bei uns
v°rkommenden K., die Spreekrebse, gehen in
Menge nach Frankreich. Die Schonzeit der K.,
deren wissenschaftlicher Name Astacus flu-
v i a t il i s ist, reicht in den meisten deutschen
Ländern vom 1. November bis 31. Mai des näch-
sten Jahres. Während dieser Zeit dürfen sie
weder gefangen noch feilgeboten werden. Mit
Eiern versehene weibliche K. dürfen auch außer-
halb dieser Zeit nicht verkauft werden, sondern
müssen, wenn sie gefangen wurden, sofort wieder

ins Wasser gesetzt werden. Durch eine in vielen
Gegenden Deutschlands seit einigen Jahren plötz-
lich aufgetauchte Krankheit, die Krebspest, haben
viele Krebszüchter großen Schaden erlitten. Ein-
gemachte Krebsschwänze sind ein Artikel des
Delikatessenhandels. Die Verwendung von Bor-
säure zu ihrer Konservierung ist in letzter Zeit
mehrfach beanstandet worden und sollte unter
allen Umständen gekennzeichnet werden. Über
Seekrebse s. Hummer.

Krefeider Sprudel besitzt nach der Analyse
von R. Fresenius und Plintz vom Jahre 1896
folgende Zusammensetzung für 1000 Gewichts-
teile : 0,0023 g Kalziumbikarbonat, 0,4527 g Mag-
nesiumbikarbonat, 0,0113 g Ferrobikarbonat,
o,ooot g Manganbikarbonat, 0,0954 g Chlorkalium,
6,8492 g Chlornatrium, 0,0049 g Chlorli.hium,
0,0125 g Chlorammonium, 0,0075 g Chlorbarium,
0,0061 g Chlorstrontium, 0,2859 S Chlorkalzium,
0,0069 g Bromnatrium, 0,0003 g Jodnatrium,
0,0003 g Natriumphosphat, 0,0127 g Natriumborat,
0,0029 g Natriumnitrat, 0,0099 g Kieselsäure und
0,0148 g freie Kohlensäure.

Kreide (lat. Creta, frz. Craie, engl. Chalk) be-
steht in chemischer Hinsicht aus einem durch
Ton und Kieselsäure mehr oder weniger ver-
unreinigten kohlensauren Kalk, CaCOs, und
ähnelt insofern einem weichen erdigen Kalkstein,
von dem sie sich aber dadurch unterscheidet,
daß sie als Ablagerung alter Meere aus ' den
Kalkgehäusen mikroskopischer Weichtiere (Poly-
thalamien, Foraminiferen) und den Kiesel-
panzern von Infusorien und Algen zusammen-
gesetzt wird. Sie bildet oft mächtige Lager und
ganze Plöhenzüge, und vor allem die Küsten
Englands, Dänemarks und Norddeutschlands
(Insel Rügen) bestehen zum großen Teil aus
diesem Mineral. Auch Frankreich hat große
Lager in der Champagne, bei Rouen, Paris sowie
an der Nordküste. Für den deutschen Bedarf
dient besonders die über Stettin kommende K.
von Rügen, die teils in Stücken, wie sie bricht,
teils pulverförmig im geschlämmten Zustande
(Schlämmkreide) in den Handel gelangt. Als
Schreibkreide werden meist aus Schlämmkreide
geformte zylindrische oder vierkantige Stifte,
gewöhnlich mit papiernem Überzüge, benutzt.
Der Verbrauch von K., besonders geschlämmter,
ist sehr bedeutend und mannigfaltig. Man ver-
wendet sie für sich allein, wie im Gemisch mit
anderen Farbstoffen zu Anstrichen, und zwar
meist als Leimfarbe; ferner dient sie als sog.
Leim- oder Kreidegrund zur Unterlage von Ver-
goldungen und Lackfarbenanstrichen, zu Kitten,
Kreidepapier, als Grundmasse zu Schüttgelb usw.
Auch in der chemischen Großindustrie wird K.
gebraucht, besonders bei der Glasbereitung, in
den Färbereien und zur Entwicklung von Kohlen-
säure. Feine, mehrmals geschlämmte K. dient
zum Putzen von Silbergeschirr. — Bologneser
K. ist eine sehr leichte und feine Masse, die
in Stücken von der Form und Größe von Back-
steinen versandt wird, ähnlich die Champagner-
K. — Außerdem führen im Handel noch einige
andere, nicht aus kohlensaurem Kalk bestehende
Minerale den Namen K. Die zur Entfernung von
Flecken dienende sog. spanische (veneziani-
sche, Briangoner) K. ist eine Art Speckstein
(s. d.), gelbe und rote K. nennt man zuweilen
        <pb n="234" />
        ﻿Kreolin

228

Kreuzbeeren

den gelben Ocker und den Rötel. Schwarze
K. (frz. Crayon noir) ist eine feinmassige, durch
Kohlenstoff schwarz gefärbte Art Tonschiefer,
der in der Mineralogie den Namen Zeichen-
schiefer führt und auf dem Längsbruch schief-
rig, im Querbruche feinerdig und bald gräulich,
bald bläulichschwarz erscheint. Sie findet sich
unter anderem bei Ludwigsstadt im Fichtel-
gebirge, um Nürnberg, Osnabrück, in Frank-
reich, Spanien, am schönsten in Italien. Aus
den besseren Stücken werden mit Spalthammer
und feinen Sägen die zum Zeichnen dienenden
Stängelchen geformt, die von den Künstlern am
höchsten geschätzt werden, aber zur Vermei-
dung des Hartwerdens an einem feuchten Orte
aufbewahrt werden müssen. Zu den gewöhn-
lichen Stiften wird das Mineral gepulvert, ge-
schlämmt und mit Gummiwasser zu einem Teig
angemacht. Die hieraus geformten runden oder
vierkantigen, nach dem Trocknen lackierten
Stifte (Pariser Stifte) färben wegen des Binde-
mittels nicht so gut ab.

Kreolin nennt man eine dunkelbraune, dick-
flüssige, ölige, der Karbolsäure ähnlich riechende
Flüssigkeit, die wie jene als Desinfektionsmittel
Verwendung findet, aber weniger reizend auf die
Haut wirkt. Sie besteht als ein Nebenerzeugnis
der Karbolsäureherstellung aus den in Natron-
lauge schwer löslichen höheren Phenolen und
Phenoläthern des Teers sowie aus kleineren
Mengen Pyridinbasen und Naphthalin und er-
hält meist einen Zusatz von Seife, um eine
bessere Verteilung in Wasser zu ermöglichen.
Der Name ist der Firma Pearson geschützt.

Kreosol (Creosol), nicht zu verwechseln mit
Kresol (s. d.), ein im Buchenholzteer enthaltener
Phenoläther, C6H3(CH3)(OCH3)OH, bildet eine
farblose, stark riechende Flüssigkeit vom Siede-
punkt 220° C.

Kreosot (lat. Kreosotum, frz. Cröosote, engl.
Creosote) ist eine aus dem Holzteer, nament-
lich dem Buchenholzteer, durch fraktionierte
Destillation gewonnene Flüssigkeit von starkem,
der Karbolsäure ähnlichem Gerüche und bren-
nend scharfem Geschmack. Das im frischen Zu-
stande farblose, durch Einwirkung von Licht
und Luft bald gelblich und rötlichbraun wer-
dende Öl, das bei 200—2200 übergeht, besteht
der Hauptmasse nach aus Güajakol und Kreo-
sol, neben welchen in kleinerer Menge Kresol,
Methylkresol, Xylenol u. a. Vorkommen. Unter
dem Namen Kreosotöl oder Steinkohlen-
kreosot kommt das rohe, schwere Steinkohlen-
teeröl in den Handel, welches zur Darstellung
von Karbolsäure und Kresol sowie zum Kon-
servieren des Holzes benutzt wird. Außerdem
wird K., besonders das Buchenteerkreosot,
als ausgezeichnetes Mittel, z. B. gegen tuberku-
löse Krankheiten, medizinisch angewandt.

Kreosotal (kohlensaures Kreosot, lat.
Kreosotum carbonicum, frz. Carbonate de creo-
sote, engl. Sodium Creosote) entsteht durch Ein-
wirkung von Chlorkohlenoxyd auf Kreosotnatrium
als ein gelbes öl, das nur sehr wenig nach
Kreosot riecht und schmeckt, außerdem nicht
ätzt und daher mit Vorteil als Ersatz des Kreo-
sots in der Medizin benutzt wird.

Kresol (Cresol, Kresylsäure, Kresylalko-
hol), eine dem Phenol sehr ähnliche und nahe-

stehende Verbindung, C6H4(CH3)OH, ist einer der
HauptbestandteiledesBuchenholzteerkreosots und
findet sich auch im Braunkohlen- und Steinkohlen-
teer neben Phenol, von dem es nur durch wieder-
holte sorgfältige fraktionierte Destillation ge-
trennt werden kann (vgl. Karbolsäure). Die
Handelsware, eine frisch bereitet farblose, ölige
Flüssigkeit von starkem Kreosotgeruche, die
an Licht und Luft bald braun wird, besteht in
der Regel aus drei isomeren Kresolen, von denen das
Orthokresol bei 188°, das Parakresol bei
19g0 und das Metakresol bei 2010 siedet. Alle
drei sind in reinem Wasser unlöslich, in ammo-
niakhaltigem aber löslich. Man verwendet das
reine K. zur Darstellung von Safransurrogat
(s. d.), von Kresotinsäure und Viktoria-
orange, phenolhaltiges K. dagegen zur Her-
stellung von Korallin (s. d.) und einigen anderen
Farben. Wegen seiner das Phenol übertreffen-
den bakterientötenden Wirkung dient es zur
Herstellung von Desinfektionsmitteln, wie Kre-
solseifen, Saprol, Solveol, Lysol, Sanatol.

Kresolrot (Cresolrot), ein zur Gruppe der
Azofarben gehöriger, seit 1878 im Handel vor-
kommender Farbstoff, färbt Wolle im sauren
Bade rot.

Kresotinsäure (Parakresotinsäure, Creso-
tylsäure, lat. Acidum cresotinicum, frz. Acide
cresotinique, engl. Cresotinic acid), die Methyl-
verbindung der Salizylsäure, wird in gleicher
Weise wie diese gewonnen, indem man statt des
Phenolnatriums das Kresolnatrium mit trockener
Kohlensäure behandelt. Sie ähnelt in Aussehen
und Reaktionen der Salizy lsäure, ist aber schwerer
in Wasser löslich als 'diese, schmilzt bei 151° und
erstarrt wieder bei 144°. Wegen ihrer geringen
Nebenwirkungen wendet man sie an Stelle der
Salizylsäure an.

Kreuzbeeren (lat. Baccae rhamni catharticae
seu spinae cervinae, frz. Baies de nerprun, engl.
Buckthorn berries), die Früchte des bei uns in
Wäldern, Gebüschen, Hecken und an Wiesen-
rändern wild wachsenden Wegdorns (Kreuz-
dorn, Purgierkreuzdorn, Rhamnus cathar-
tica), besitzen bei der Reife im September und
Oktober eine schwarze Farbe und enthalten nebst
vier harten Samenkernen ein violettgrünes, bitter
und widrig schmeckendes Fleisch, das abführend
wirkt. Sie finden meist in Form des Kreuz-
dornbeerensirups (lat. Sirupus rhamni cathar-
ticae seu spinae cervinae, frz. Sirop de nerprun,
engl. Sirup of buckthorn), der zum Abführen in
kleinen Gaben genossen wird, medizinisch An-
wendung. — Im unreifen, grünen Zustande
dienen die Beeren zur Herstellung von Saft-
oder Blasengrün, das als Wasserfarbe von
Malern und Zuckerbäckern sowie zum Färben
von Papier, Leder usw. benutzt wird, jetzt aber nur
noch selten in den Handel kommt. Die Beeren
werden zu diesem Zwecke zerstoßen, eine Woche
lang der Gärung überlassen, dann ausgepreßt,
und der Saft unter Zusatz von etwas Pottasche
oder Alaun zur Honigdicke eingedunstet. Hier-
auf füllt man die noch warme Masse in Schweins-
blasen oder starke Rindsdärme und läßt sie an-
fangs an Luft und Sonne, dann in künstlicher
Wärme oder durch Hängen in einen Rauchfang
vollends austrocknen. Zur Erzielung rein grüner
i Töne setzt man etwas Indigolösung, bisweilen
        <pb n="235" />
        ﻿Kreuzblumenkraut

229

Kubeben

auch arabisches Gummi zu. Das getrocknete
Saftgrün, eine schwarzgrüne, im Bruche glän-
zende und an den Kanten grün durchscheinende
Masse, darf1 weder feucht noch sandig sein und
muß sich in Wasser fast vollständig auf lösen.
— Die getrockneten unreifen Beeren können .zu
den Gelbbeeren gezählt werden, haben aber
wenig Farbstoff und werden meist durch die
Früchte fremder Rhamnusarten ersetzt (s. Gelb-
beeren),

Kreuzblumenkraut (lat. Herba polygalae ama
rae, frz. Herbe de Polygala amöre, engl. Milk-
wort) besteht aus den getrockneten Zweigen,
Blättern und Wurzeln einer kleinen, fingerhohen,
im mittleren und nördlichen Europa wild wach-
senden ausdauernden Pflanze (Polygala amara),
die wegen ihres Bitterstoffs medizinische Anwen-
dung findet. Aus einer Rosette von verkehrt
eiförmigen, Jederartigen Wurzelblättern erheben
sich mehrere mit kleineren Blättchen besetzte
Stengel, die in Trauben die lippenförmigen,
kornblumen- oder hellblauen, auch purpurroten,
seltener weißen Blütchen tragen. In der Blüte-
zeit, Mai und Juni, wird die ganze Pflanze samt
der fadendünnen Wurzel gesammelt und ge-
trocknet. Sie wächst sowohl auf Bergen in
trockenen Laubwäldern, als auf nassen Wiesen,
aber nur das Gewächs von ersterer Herkunft
besitzt den stark bitteren wirksamen Stoff und ist
allein brauchbar, weshalb die Ware beim Ein-
kauf stets zu kosten ist. An dem Mangel des
bitteren Geschmacks ist auch die beim Sam-
meln wohl mit unterlaufende gemeine K. zu
erkennen. Verwendet wird das Kraut als magen-
stärkendes Mittel und bei Katarrhen.

Kristallponceau, ein in der Färberei benutzter
Teerfarbstoff, erscheint in schönen braunroten
goldglänzenden Kristallen, die in Wasser mit
roter Farbe löslich sind, und besteht aus dem
Natronsalze der Alphanaphtylaminazobetanaphtol-
disulfosäure.

Kristallviolett (Violett 6B,), ein in Wasser
mit violetter Farbe löslicher Teerfarbstoff, be-
steht aus der Chlorwasserstoffverbindung des
Hexamethylpararosanilins. Das metallisch grün-
glänzende, Kristalle bildende K. dient zum Fär-
ben von Seide, Wolle und Baumwolle.

Krokydoüth (Tigeraugenstein), ein in plat-
tenförmigen Stücken vorkommendes Mineral von
graublauer bis schwärzlichblauer Farbe, ist ein
Natronelsenoxydulsilikat und wird seit 1882 in
den Achatschleifereien zu Idar und Oberstem als
Schmuckstein verarbeitet. Man findet ihn bei
Golling im Salzkammergut, bei Stavärn in Nor-
wegen, in Grönland und im Kaplande.

Krotonöl (Crotonöl, lat. Oleum crotonis, frz.
Huile de croton Tiglium, engl. Croton oil), das
fette Öl der bohnengroßen Samen mehrerer ost-
mdischer, baumförmiger Wolfsmilcharten, be
1 sonders Croton Tiglium und Eluteria (Gra-
Oatill- oder Purgierkörner), kommt entweder
direkt von Zeylon, Madras,. Bombay und Java,
oder auf dem Umwege über England in den
Handel. Das direkt eingeführte Öl besitzt, weil
jus gerösteten Körnern heiß gepreßt, eine dunkle
Bernsteinfarbe, während in Deutschland und
England durch kalte Pressung ein helleres Er-
2eugnis erhalten wird. K., ein fettes, dem Ri-
■nnusöl an Konsistenz ähnliches, aber bald dicker

werdendes Öl von unangenehmem Geruch und
anfangs mildem, später brennend scharfem Ge-
schmack, ist in dem doppelten Volum absoluten
Alkohols völlig, in 90 °/o igem Alkohol nur teil-
weise löslich und durch sein hohes spez. Gew.
0,940—0,960 von den übrigen Fetten unter-
schieden. In chemischer Hinsicht enthält es
neben bekannten Fettsäuren auch Tiglinsäure
und als wirksame Bestandteile Krotonol und
Harz. Es wirkt auf Schleim- und Oberhaut
ätzend und Geschwüre erregend, innerlich als
heftiges Abführmittel, in größeren Dosen aber
Erbrechen erregend und giftig. Zur mt dizm sehen
Verwendung gelangt daher fast nur eine Ver-
dünnung mit anderen Ölen. K. wie auch die
Samen und alle Abfälle sind mit äußerster
Vorsicht zu handhaben, unter den stark wirkenden
Mitteln aufzubewahren und nur auf ärztliche
Verordnung abzugeben.

Krozein B und 3B, rote Azofarbstoffe, die
zum Färben von Wolle dienen. Der erstere
ist das Natriumsalz der Amidoazobenzolazo-
naphtoldisulfosäure, der letztere das gleiche Salz
der entsprechenden Toluol Verbindung.

KrozeTnorange (Brillantorange, Ponceau
4 GB), ein Azofarbstoff aus Diazobenzolchlorid
und ß-Nap'hitol-s sulfosäure, der Wolle in saurem
Bade lichtecht orange färbt.

Krozeinscharlach 3B und 7B, verschiedene
rote Teerfarbstoffe, die in der Weise hergestellt
werden, daß man Amidoazobenzolmonosulfosäure
oder die entsprechenden Toluidinverbindungen di-
azotiert und die Diazoverbindung mit einer Lö-
sung von Naphtolsulfosäure in Ammoniak be-
handelt. Krozeinscharlach 3 B ist mit Ponceau
4 Rß identisch. Sie dienen zum Färben vonWolle
im sauren Bade und von mit Anilin gebeizter
Baumwolle.

Kryolith (Eisstein, frz. Kryolithe, engl. Kryo-
lite), ein technisch außerordentlich wertvolles Mi-
neral von Arksudfjord an der Südküste Grönlands,
besteht aus eis- oder porzellanähnlichen weißen
Massen von blättrig-kristallinischem Gefüge und
ist in chemischer Hinsicht als eine Doppel-
verbindung von Fluornatrium-Fluoraluminium,
aNaF.AlFj, anzusprechen. Beim Glühen oder
Kochen mit Kalk entsteht neben unlöslichem
Fluorkalzium Natriumaluminat, welches das Aus-
gangsmaterial zur Herstellung von Tonerde und
Natriumverbindungen liefert. Kocht man näm-
lich die Lösung des Natriumaluminates mit neuen
Kryolithmengen, so fällt reine Tonerde aus, und
Fluornatrium geht in Lösung, um dann durch
Kochen mit Kalk neben dem wertlosen Fluorkal-
zium Ätznatron zu geben. Leitet man anderer-
seits in die Natriumaluminatlösung Kohlensäure ein,
so erhält man in Lösung direkt Soda, neben un-
gelöster reiner Tonerde. Die letztere dient zur
Darstellung/von Alaun und met. Aluminium.
Ohne weitere Vorbereitung findet der K. in der
Seifenfabrikation Anwendung, die eine aus
heißer Kryolithlösung und Kalk hergestellte
Lauge direkt mit Fetten versiedet sowie auch
zur Herstellung von Milchglas 'und Email.

Kubeben (Kubebenpf eff er, Schwanzpf ef-
fer, Schwindelkörner, lat. Cubebae, Fructus
cubebae seu Piper caudatum, frz. Cubdbes, engl.
Cubebs) . sind die nicht völlig reifen Früchte
einer besonderen Pfefferart, Piper Cubeba, die.
        <pb n="236" />
        ﻿

wSHi



-







Kümmel

230

Kümmelöl

als ein rankender Strauch in Ostindien und auf
einigen zugehörigen Inseln wächst und nament-
lich auf Java im großen angebaut wird. Sie
bilden schwärzlichgraue, dem eigentlichen Pfeffer
an Größe ähnliche Körner, die jedoch nicht so
dunkel gefärbt und netzartig gerunzelt sind.
Von ihrem gedrehten, nicht leicht abzubrechen-
den Stiel, der etwas länger als die Frucht ist,
haben sie den Beinamen geschwänzter Pfef-
fer erhalten. Die Frucht wird vor der völligen
Reife gesammelt und gewöhnlich gepulvert in
den Handel gebracht. Das rotbraune Pulver
riecht stark und eigentümlich gewürzhaft. Der
Geschmack ist ebenso und dabei pfefferartig
brennend, widerlich und lange anhaltend. Als
wesentliche Bestandteile enthält es harzartige
Kubebensäure, Kubebin und ein hellgrünes
oder blaugrünes, seltener farbloses ätherisches Öl
(io—i8°/o), das Kubebenöl (lat. Oleum Cube-
barum) vom spez. Gew. 0,915—0,930 bei 15° C. Die
K. finden als Pulver und Extrakt medizinische An-
wendung gegen Tripper, haben aber unangenehme
Nebenwirkung auf das Verdauungssystem und
rufen in stärkeren Dosen Vergiftungserscheinun-
gen hervor. Bisweilen werden an ihrer Stelle
ähnlich aussehende Früchte anderer Pflanzen,
z. B. Kreuzdornbeeren u. a. verkauft. Vor allem
tauchten auf dem englischen Markte vor einigen
Jahren falsche K. auf, die aus China und Kot-
schinchina stammten und nur daran zu erkennen
waren, daß sie sich leicht in ihre beiden öligen
Samenlappen zerteilen ließen. Sie sollen von
Daphnidium Cubebae herrühren. Alle diese
untergeschobenen Erzeugnisse sind frei von Ku-
bebin und unterscheiden sich von den echten
dadurch, daß sie sich nicht, wie letztere, mit
konz. Schwefelsäure rot färben.

Kümmel (Garbe, lat. Fructus s. Semen carvi,
frz. Semences de carvi, engl. Caraway seed),
besteht aus den auseinandergefallenen Teilfrücht-
chen der zu den Umbelliferen gehörenden
Kümmelpflanze, die zwar auf allen Wiesen und
Triften zu finden ist, aber zur Deckung des
großen Bedarfs auch vielfach angebaut wird.
Die Pflanze verlangt einen guten tiefgründigen
Boden, in den sie mit starker Pfahlwurzel hinab-
geht, und verbleibt zwei Jahre im Felde. Die
Samen werden entweder zeitig im Frühjahr oder
besser schon im Herbste vorher in Beete gesät
und die Pflanzen reihenweise in den Acker
versetzt, der dann bis zur Ernte im nächsten
Sommer wiederholt behackt und gereinigt wer-
den muß. Da der Samen sehr ungleich reift und
leicht ausfällt, zieht man die Pflanzen, wenn
die Körner der obersten Zweige reif sind, be-
hutsam aus und klopft sie über Tüchern ab,
wobei die schwersten Samen erhalten werden.
Dann werden die Pflanzen gebündelt, zum Nach-
trocknen aufgestellt und ausgedroschen. Der
Anbau wird besonders in Holland und einigen
Gegenden Deutschlands, namentlich bei Halle,
Lützen, Erfurt, Hamburg und Nürnberg be-
trieben. Auch Rußland, Schweden und Norwegen
liefern K., jedoch in geringerer, kleinkörniger
Ware, die über Stettin und Lübeck eingeführt
wird. ’ Die baltische und nach ihr die hollän-
dische gilt als die beste und teuerste. Auch wird
der angebaute K., weil größer, ölreichex und
wohlschmeckender, vor dem wilden bevorzugt. —

Die etwa s mm langen, sichelförmigen Teil-
früchte zeigen fünf hervortretende hellere Rippen
und dazwischen dunkler braune Teilchen mit je
einem Ölstriemen. Außerdem treten auf dem
fünfeckigen Querschnitt noch zwei Ölstriemen
an der Innenfläche hervor. Die trockenen Früchte
zeigen einen aromatischen Geruch und starken,
scharfen, gewürzigen Geschmack. — Als wert-
bestimmender Bestandteil sind etwa 3—7% (nicht
unter 3 °/o) ätherisches öl und daneben etwa
12% fettes Öl, 3 0/0 Zucker, 20 °/o Stickstoffsub-
stanz, 4,5 °/o Stärke. 16,5 °/o stickstofffreie Extrakt-
stoffe, 20°/o Rohfaser, 14—15% Wasser und

5—6 0/0 Asche vorhanden. Der Gehalt an Asche
soll 7—8 °/o, an Sand 2 °/o nicht übersteigen. —
K. wird als Volksmittel gegen Blähungen und
Magenkrampf, in der Medizin zur Geschmacks-
verbesserung, in der Küche als Gewürz für
Backwerk und Speisen benutzt. In der Likör-
fabrikation ist er durch das Kümmelöl mehr und
mehr verdrängt worden. Als Verfälschung
kommt, abgesehen von vereinzelt beobachteten
fremden Umbelliferenfrüchten, fast nur die Bei-
mischung extrahierter Samen in Betracht, die
an ihrer dunkleren, fast schwarzen Farbe und
ihrer Geschmacklosigkeit leicht zu erkennen sind,
auch meist zerquetscht erscheinen.

Kümmellikör (Kümmelschnaps, Kümmel)
wird fast nur auf kaltem Wege aus Kümmelöl
oder aus Karvol, Feinsprit, weißem Zuckersirup
und Wasser, selten noch direkt aus Kümmel-
samen durch Destillation bereitet. Man unter-
scheidet einfachen und Doppelkümmel, von denen
der letztere stärker und süßer ist und auch mehr
Kümmelöl enthält. Durch Zusatz anderer äthe-
rischer Öle oder Pflanzenauszüge werden Liköre
von etwas abweichendem Geruch und Geschmack
hergestellt, die im Handel besondere Namen, wie
z. B. Berliner Getreidekümmel, Münsterländer
Kümmel usw. führen.

Kümmelöl (lat. Oleum carvi, frz. Essence de
carvi, engl. Caraway oil), das ätherische Öl der
Kümmelfrüchte, bildet, frisch bereitet, eine
wasserhelle Flüssigkeit von starkem Kümmel-
geruch und -geschmack. Das spez. Gew. schwankt
zwischen 0,905—0,918, die Drehung beträgt -(- 70
bis -|-8o0. Seiner chemischen Zusammensetzung
nach ist das K. in der Hauptsache ein Gemenge
eines Kohlenwasserstoffs, Karven (Rechtslimo-
nen), mit einem sauerstoffhaltigen Bestandteil
Karvon (Karvol). Beide lassen sich durch frak-
tionierte Destillation trennen, wobei das Karven
zuerst, das schwerer flüchtige Karvon später über-
geht. Das letztere bildet einen besonderenHandels-
artikel und wird unter dem Namen leichtlös-
liches K. zu höherem Preise verkauft. Da Karvon
sich in einer Mischung von gleichen Teilen
9S°/oigem Alkohol und destilliertem Wasser klar
und ohne Trübung .auflöst, bleiben die mit ihm
bereiteten Liköre völlig klar, während mit ge-
wöhnlichem K. hergestellte .trübe werden und
filtriert werden müssen. Es ist v daher ratsam,
stets nur die feinsten Sorten K. zu verwenden.
Außer zu diesem Zwecke benutzt man das K.
auch noch medizinisch gegen Magenkrampf,
äußerlich zu Einreibungen sowie mit anderen
Ölen gemengt zum Parfümieren von Seifen. In
einigen Gegenden, namentlich in Thüringen,
wird auch aus dem wild wachsenden Kümmel

.
        <pb n="237" />
        ﻿mamm

Kürbis

231

Kunstwolle





Öl destilliert und .unter dem Namen Wiesen-
kümmelöl verkauft sowie aus dem bei der
Ernte des Kümmels entstehenden Abfall eine
sehr geringwertige Sorte, das Kümmelspreuöl
(zum Parfümieren von Seife), hergestellt. Das
K. ist sehr häufig Verfälschungen unterworfen.
Außer der Beimengung der schon genannten
geringwertigen Öle finden sich Zusätze von Al-
kohol, Tannenzapfenöl, Fichtennadelöl und rekti-
fiziertem Terpentinöl. Reines ,K. muß sich in
seinem gleichen Gewichte Alkohol von 90 Volum-
prozent klar lösen, zwischen 175 und 23o0C über-
destillieren und eine Rechtsdrehung von 70—800
zeigen. Es ist in sehr gut verschlossenen, mög-
lichst voll gefüllten Flaschen aufzubewahren,
da es sehr leicht verharzt, gelb wird und dann
an Geruch und Wert verliert.

Kürbis (lat. Fructus Cucurbitae, frz. Citrouille,
Courge, engl. Gourd), die Frucht der zu den
Kukurbitazeen gehörigen Pflanze Cucurbita
pepo, enthält nach König neben 90,3% Wasser
noch i,090/o Stickstoffsubstanz, o,n°/o Fett, i,t2°/o
Zucker, 1,09 °/o Extraktstoffe, 0,75% Rohfaser
und 0,45 0/0 Asche. Im Hinblick auf den hohen
Wassergehalt hat er für die menschliche Er-
nährung nur geringe Bedeutung und wird ledig-
lich als Kompott und Marmelade, meist aber als
Viehfutter verwandt. Auch die von Muchel vor-
geschlagene Verwendung zur Herstellung von
Spiritus scheint keine Bedeutung erlangt zu
haben.

Kürbiskerne (Kürbissamen, lat. Semen Cu-
curbitae, frz. Semences de citrouille, engl. Gourds
seeds) enthalten 30—4o°/o eines fetten Öles (Kür-
bis kernöl), das zu den langsam trocknenden
Ölen gehört, bei — 15° erstarrt und in frischem
Zustande als Speiseöl benutzt wird. Die gemah-
lenen Kerne finden als Bandwurmmittel An-
wendung, büßen aber bei der Aufbewahrung ihre
Wirksamkeit ein.

Kumarin (lat. Cumarinum, frz. Coumarine,
engl. Cumarin) ist der Stoff, welcher dem Wald-
meister, den Tonkabohnen, dem Steinklee
den angenehmen Geruch erteilt. Zu seiner Ge-
winnung extrahiert man am besten die Tonka-
bohnen, auf deren Oberfläche er sich sehr häufig
auskristallisiert findet, mit Alkohol, stellt es
neuerdings aber auch künstlich dar durch
Einwirkung von Essigsäureanhydrid auf Salizyl-
aldehydnatrium, Eingießen in Wasser und Destil-
lation des abgeschiedenen Öles. Das IC, C9H602,
bildet angenehm riechende, farblose Kristall-
nadeln, welche bei 67° schmelzen und bei 2910
sieden. Es wird mit Vanillin zusammen zu
Cremes und Pralinen verwendet, ferner in alko-
holischer Lösung zur Verstärkung des Geruches
des Weichselholzes und als Parfüm für Toiletten-
seifen angewandt.

Kumaronharz nennt man harzartige Stoffe,
die bei der Wäsche des Schwerbenzols mit
Schwefelsäure entstehen, ursprünglich als lästige
Schmiere (bis 1906) einfach verfeuert, dann zur
Herstellung von Feueranzündern benutzt wur-
den und später im Kriege eine ungeheure Be-
deutung als Harzersatz gewonnen haben. In
chemischer Hinsicht sind sie Mischungen von
Kondensationsverbindungen des Indens (C18H16)
und des Kumarons (CjeHijOj), zwei im Stein-
fcohlenteer enthaltenen Flüssigkeiten vom Siede-

punkt 1810 und dem spez. Gew. 1,008, enthalten
weder Säuren noch verseifbare Stoffe und nehmen
in dünner Schicht Sauerstoff aus der Luft auf
(verharzen). K. kommen sowohl in öligem bis
teerartigem Zustande als Firnisersatz, wie in fester
Form für Lack und Sikkativ in den Handel. Die
letzteren werden nach dem Erweichungspunkt in
springhart (über 50 °), hart (40—50 °), mittelhart
(30—400), weich (unter 300) unterschieden. Ob-
wohl die K. die Eigenschaften der Naturharze
nur in beschränktem Umfange zeigen und ins-
besondere über den Erweichungspunkt von 65°
(Kolophon ioo°) nicht hinauskommen, haben sie
doch zum Leimen von Papier sowie gemischt
mit trocknenden Ölen in der Lackindustrie wert-
volle Dienste geleistet. Die Höhe der Erzeugung
soll 600000 t im Jahre betragen.

Kumidinrot (Kumidinponceau, Ponceau
3 R), ein zur Grupps der Azofarben gehöriger
Teerfarbstoff, ein dunkelrotes, in Wasser mit
kirschroter Farbe lösliches Pulver, welches Wolle
in saurem Bade rot färbt und aus dem Natrpn-
salze der Kumidinazobetanaphtoldisulfosäure be-
steht. Ponceau 4 R unterscheidet sich von dieser
Farbe nur dadurch, daß zur Herstellung anstatt
des gewöhnlichen rohen chemisch reines kri-
stallinisches Kumidin verwandt wird.

Kumys (Kumis, Milchwein) ist ein alkohol-
haltiges Getränk, welches aus gegorener Stuten-
milch besteht und ursprünglich in der Tartarei,
später im südlichen Rußland dargestellt wurde.
Jetzt bereitet man es auch in Deutschland aus
Kuhmilch und verwendet es medizinisch. Siehe
Kefir.

Kundaöl (Croupee-Öl, nicht zu verwechseln
mit Kraböl und Karapaöl, s. d.) ist ein aus den
Samen der Carapa Touloncouma durch Aus-
kochen mit Wasser bereitetes Pflanzenfett, das
von Sierra Leone und Assim in den Handel
kommt.

Kunstspeisefett nennt man alle dem Schweine-
schmalz ähnlichen Zubereitungen, deren Fett
gehalt nicht ausschließlich aus Schweineschmalz
besteht, also Mischungen von tierischen Fetten
mit Baumwollsamenöl, Kokosfett u. dgl., aber
auch tierische Fette, vor allem solche, die durch
besondere Verfahren streichfähig gemacht worden
sind. Sie unterliegen den Vorschriften des Mar-
garineges.etzes und dürfen nur unter der deut-
lichen Bezeichnung Kunstspeisefett in den Ver-
kehr gebracht werden. Beimischungen von Wasser,
Mehl und wertlosen Stoffen haben als Verfäl-
schung zu gelten.

Kunstwolle (frz.Laine artificielle, engl.Shoddy
and Mungo) wird aus den früher als beinahe
wertlos erachteten Lumpen hergestellt und in
besonderen Fabriken verarbeitet. Man unter-
scheidet hauptsächlich zwei Sorten von Lumpen-
wolle, Mungo und Shoddy. Die erstere stammt
von gewalkten Wollstoffen, Tuchen u. dgl. und
ist kurzhaarig, weil das Zerfasern dieser Stoffe
eine gewaltsame Bearbeitung erfordert. Zu der
anderen dienen gestrickte, gewirkte und gehäkelte
Lumpehzeuge, die sich leichter lösen und einen
längeren Faserstoff ergeben. Die Vorarbeit be-
steht in einem gründlichen Auslesen unter Ent-
fernung aller nicht wollenen Teile. Danach folgt
bei baumwollehaltigea Geweben eine Behandlung
mit heißen Salzsäuredämpfen in geschlossenen



l
        <pb n="238" />
        ﻿Kupfer

232

Kupfer

Räumen, wodurch die Baumwolle zerstört wird
(Karbonisieren), und schließlich das Waschen
und Reinigen auf der Putzmaschine, das Sor-
tieren nach den verschiedenen Farben usf. Die
Verarbeitung der maschinenfertigen Lumpen ge-
schieht auf einem sog. Wolf, von welchem aus
der Mungo direkt in Ballen verpackt und an die
Wollspinner versandt wird, während der Shoddy
noch unter Einölung mit Baumwollöl eine Be-
arbeitung auf einer Reißkrempel erhält, welche
die Fasern geradestreckt und zu einer losen
Watte vereinigt. In manchen Fällen werden
die Lumpen nicht trocken, sondern naß oder
selbst unter Wasser bearbeitet, so daß also die
zerreißende Maschinerie in einem Wasserkasten
steht. Neue Lumpen {Schneiderabfälle) werden
für sich verarbeitet und geben die beste Sorte
Mungo. Gewöhnlich stellt man aus einer beson-
deren Auslese noch eine dritte Sorte unter dem
Namen Extrakt her. In den Spinnereien wer-
den dann diese Stoffe im Gemisch mit mehr
oder weniger neuer Wolle versponnen, lange
Shoddys aus Strumpfjumpen sogar allein, und
die Garne zu allen Geweben verwandt, zu wel-
chen Streichgarne gebraucht werden.

Kupfer (lat.Cuprum, frz.Cuivre, engl.Copper),
das einzige rote Metall, steht seiner technischen
Bedeutung nach gleich hinter dem Eisen, dem
es in der Vielseitigkeit seiner Anwendung sogar
noch überlegen ist. Die Bekanntschaft mit
dem Kupfer und seiner wichtigsten Legierung,
der Bronze, reicht in früheste Zeiten zurück und
ist wahrscheinlich älter als diejenige mit dem
schwerer zu gewinnenden und zu behandelnden
Eisen. Die Bezeichnung Cuprum, aus welcher
das deutsche Kupfer entstanden ist, leitet sich
von der Insel Zypern oder Kypros (Aes cyprium)
ab, von wo die alten Ägypter und Griechen ihr
K. holten. Das K. kommt in der Natur teils
gediegen, teils in Form verschiedener Erze vor.
Gediegen K., das auf Gängen und Klüften, zu-
weilen kristallinisch, häufiger in Platten, Blechen,
verästelt oder moosförmig, auftritt, findet sich
nur an zwei Orten der Erde in größeren Massen,
nämlich am Ural und tiefer in Sibirien, im Kir-
gisenlande und in Nordamerika am Oberen See.
An letzterem Fundorte sind bisweilen Stücke
von 1000—3500 kg zutage gefördert worden. Von
den Erzen kommen hauptsächlich folgende in
Betracht; Rotkupfererz oder Kuprit aus
Australien besteht aus nahezu reinem Kupferoxy-
dul (s. d.). Ziegelerz ist ein rotes erdiges Ge-
menge von Rotkupfererz und Brauneisenstein.
Malachit und Kupferlasur (s. d.) bestehen
aus wasserhaltigem Kupferkarbonat. Alle vor-
genannten Erze können auf die einfachste Weise
durch Schmelzen mit Kohle, Kalk usw. zu Me-
tall reduziert werden. Ihre Menge ist jedoch im
Verhältnis zu derjenigen der Schwefelverbindun-
gen unbedeutend. Kupferglanz (Graukup-
fererz, Kupferglaserz, Redruthit, Chal-
kosin), nahezu reines Schwefelkupfer, Cu2S,
enthält etwa 80% Metall. Kupferkies (Chal-
kopyrit) ist ein Gemisch von Schwefeleisen und
Schwefelkupfer mit 35 °/o K., Buntkupfererz
(Bornit), ebenfalls ein Gemisch von Schwefel
eisen und Schwefelkupfer mit 560/0 K. Aus
Chile kommen große Mengen eines Kupfersandes
mit 60—8o°/o Metall unter dem Namen Kupfer-

barilla auf den Markt, und außerdem wird im
Mansfeldischen und in Kurhessen ein toniger
und kalkiger, durch Kohle geschwärzter Schiefer
(Kupferschiefer) verhüttet, der in feiner Ver-
teilung geschwefelte Kupfererze neben etwas
Silber und Zink sowie Spuren von Nickel und
Kobalt enthält. Die Verarbeitung der Kupfer-
schiefer, wie der schwefelhaltigen Erze, beginnt
mit einem wiederholten Rösten und Schmelzen
unter Zusatz schlackenbildender Zuschläge. Hier-
durch wird der Schwefelgehalt so weit erniedrigt,
wie der Bindung als Kupfersulfür entspricht.
Das erhaltene Zwischenprodukt, der sog. Stein
(Rohstein, Dünnstein, Konzentrations-
stein) wird dann durch Schmelzen mit Kohle
in Schwarzkupfer übergeführt, das noch alle
fremden Metalle der Erze enthält. Zur völligen
Entfernung des Schwefels ist ein gewisser Ge-
halt an Eisen erforderlich, der unter Umständen
durch absichtlichen Zusatz erhöht wird. Das
Schwarzkupfer kann neben kleinen Mengen
Schwefel, Eisen, Blei, Antimon, Arsen, Wismut.
Zink und Nickel im günstigen Falle auch etwas
Silber enthalten, das unter Umständen durch
Aussaigern (s. Silber) gewonnen wird. Das
rohe Schwärzkupfer ist unverkäuflich und muß
durch Glühen in einem Flammenofen in Gar-
K. übergeführt werden. Hierbei werden die
flüchtigen Metalle (Arsen, Antimon, Zink) in
Dampfform verjagt, die anderen zu abfließenden
Schlacken oxydiert, während das K. der Oxyda-
tion am längsten widersteht. Das geschmolzene
K. wird nun gerissen, d. h. mit Wasser be-
sprengt, und die durch Abkühlung an der Ober-
fläche entstehende feste Scheibe sofort mit
Haken fortgezogen. Durch abwechselndes Be-
spritzen und Fortziehen, bis der Ofen erschöpft
ist, erhält man das Rosettenkupfer. Auch
dieses ist trotz seines schönen roten Aussehens
noch nicht völlig rein und kann nicht technisch
verarbeitet werden, da ihm die Hämmerbarkeit
fehlt. Zur Beseitigung dieses Übelstandes, wel-
cher auf einem geringen Gehalte an Kupfer-
oxydul beruht, folgt das in einem nochmaligen
Umschmelzen mit Kohle bestehende Hammer-
garmachen. Das so geläuterte K. wird sogleich
zu prismatischen Blöcken von 30—90 cm Länge
ausgegossen, welche Hartstücke heißen und
in der Regel mit der Marke des betreffenden
Hüttenwerkes gestempelt sind. Auf den Kupfer-
hämmern, die aber jetzt größtenteils Walzwerke
sind, werden die Blöcke zu Platten, Blechen
und Schalen verarbeitet. — Neben diesen alten
Kupferhüttenprozessen hat sich neuerdings in
zunehmendem Maße ein nasses Verfahren ein-
gebürgert, das auf der Behandlung der Erze mit
Säuren, Eisenchlorid oder Ferrisulfat beruht.
Aus den erhaltenen Lösungen von Kupfersalzeo
wird durch Zusatz von Eisen oder auf elektri-
schem Wege .das metallische K. als sog. Ze-
mentkupfer abgeschieden. Schließlich wird die
Elektrolyse auch zur direkten Gewinnung des
K. aus seinen Erzen sowie zur Raffination des
Schwarzkupfers verwandt. — In Europa wird von
den meisten Staaten mehr oder weniger K. ge-
wonnen. Deutschland (Mansfeld) erzeugte im
Jahre 1913 gegen 41000 t Kupfer, dem aber ein
Verbrauch von 260000 t gegenüberstand. Es war
daher auf die Einfuhr von Kupferkiesen (Chile
        <pb n="239" />
        ﻿Kupferazetat

233

Kupferoxyd

und Bolivia) wie von metallischem K,, besonders
aus den Vereinigten Staaten, angewiesen. Letz-
tere erzeugten 590000 t, bei einem Verbrauch von
3500001, und haben die Gewinnung während
des Krieges ungeheuer gesteigert. Reiche Lager
finden sich in Paraguay und Japan. — Das K.
besitzt als einziges von allen Metallen eine schöne
rote Farbe und erscheint in dünnen Blättchen
im durchfallenden Lichte grün. Sein spez. Gew.
beträgt 8,900, sein Atomgewicht 63,3. Es schmilzt
bei Gelbg.ühhitze, gegen 10800, eignet sich aber
nicht zum Gießen, abgesehen von ganz einfachen
Stücken, da es die Formen nur unvollständig
auszufüllen vermag und demnach keine scharfen
Formen liefert. K. ist härter als Gold und Silber
und fast ebenso dehnbar wie diese, läßt sich
daher zu den feinsten Blättchen ausschlagen und
zu den dünnsten Drähten ausziehen. Kalt ge-
hämmert und getrieben wird es hart und federnd,
nimmt aber immer wieder seine ursprüngliche
Weichheit an, wenn es geglüht und in Wasser
abgelöscht wird. Die hohe Leitfähigkeit für
den elektrischen Strom macht es für telegraphi-
sche Anlagen geeignet. Das Metall nimmt
schöne Politur an, die in trockener Luft ziem-
lich beständig ist, an feuchter Luft aber bald
matter wird, weil sich zunächst eine Schicht von
nichtglänzendem roten Kupferoxydul, später ein
Überzug von basisch kohlensaurem K. (Grün-
span) bildet. Beim Glühen an der Luft geht
es in schwarzes Kupferoxyd über. Von verdünn-
ter Salzsäure und Schwefelsäure wird K, nur
wenig angegriffen, hingegen von verdünnter
Salpetersäure unter Entwicklung von Stick-
oxyd und von heißer konzentrierter Schwefel-
säure unter Entwicklung von schwefliger Säure
gelöst. Auch Ammoniak löst metallisches K.
auf. — Das K. findet außerordentlich mannig-
faltige und ausgedehnte technische Verwendung.
Das Rosetten- und Blockkupfer des Handels
dient zum Wiedereinschmelzen, zur Darstellung
des Messings, der Bronzen, des Rotgusses
oder Tombaks, des Argentans (s. d. Artikel)
und anderer Legierungen, der Platten und Bleche
zu den Arbeiten der Kupferschmiede, von Dräh-
ten zu Drahtwaren, Stiften und Nägeln sowie
hauptsächlich zu elektrischen Leitungen. Als
Metallgeld findet sich K. nicht nur in den
Kupfermünzen, sondern auch als regelmäßiger
Bestandteil in den Gold- und Silbermünzen.
Auch werden alle goldenen und silbernen Gerät-
schaften mit einem gewissen Gehalte an 'Kupfer
legiert. Große Mengen von K. werden für den
Schiffsbau in Form von Bolzen und Nägeln ver-
braucht, weil Elsen in Verbindung mit Holz einer
raschen Zerstörung unterliegt. Zur Abhaltung
von Schaltieren und Sefegewächsen wird der
Schiffsrumpf mit Kupferblech beschlagen und
dadurch für die Dauer von 5—6 Jahren wider-
standsfähig gemacht.

Kupferazetat (essigsaures Kupfer, lat. Cu-
Prum aceticum, frz. Acötate de culvre, engl.Copper
&lt;cetate) entsteht bei der Behandlung von Grün-
'Pan mit Essigsäure oder von Kupfervitriol mit
ßleizucker in F orm dunkelgrüner, leicht ver-
bitternder Kristalle, die sich leicht in Wasser
und, nach Zusatz von Essigsäure, auch in Alko-
hol lösen. Beim Erhitzen 'auf 1000 gibt K. sein
eines Molekül Kristallwasser ab und verwandelt

sich bei 240—260° unter Entweichen von Essig-
säure in das basische Salz (Grünspan). Das
neutrale K., das auch als kristallisierter Grünspan
(Aerugo cristallisata) bezeichnet w(rd, findet in
der Medizin beschränkte Anwendung gegen Haut-
krankheiten, Bleichsucht, Tripper und Augen-
leiden, in der Technik als Beize für Färberei
und Druckerei.

Kupterchlorid (Cuprichlorid, Chlorkup
fer, lat. Cuprum bichloratum, frz. Bichloiate de
culvre, engl. Copper bichlorate) entsteht beim
Auflösen von Kupferoxyd oder Kupferkarbonat
in Salzsäure, oder von met. Kupfer in Königs-
wasser als ein hellgrünes Kristallpulver, CuCl2,
welches mit zwei Molekülen Wasser kristallisiert
und in wasserfreiem Zustande 47 °/o Kupfer
heben 53 °/o Chlor enthält. Das sehr hygrosko-
pische, in Wasser und Alkohol lösliche Salz
findet als billigste Kupferverbindung in der
Färberei und Druckerei Anwendung. In ver-
dünnter Lösung dient es zur (Soldprobe, indem es
unechte Goldsachen schwarz färbt, in trocke-
nem Zustande zur Erzeugung blauer Flammen
in der Feuerwerkerei und zur Darstellung vOn
Chlor. Die mit Alkohol und Chloroform her-
gestellte Lösung wurde früher als Räuchermittel
bei Cholera und Viehseuchen benutzt. Beim
Erhitzen oder bei der Reduktion mit metalli-
schem Kupfer gebt K. in das Kupferchlorür
(Cuprum chloratum album) über, ein weißes, in
Wasser und Alkohol unlösliches Pulver, CuCl,
welches 64% Kupfer und 36% Chlor enthält und
in der Gasanalyse benutzt wird.

Kupferkarbonat (k’ohlensaures Kupfer, lat,
Cuprum carbonicum, frz. Carbonate de culvre,
engl. Copper carbonate) findet sich in Verbin-
dung mit Kupferhydroxyd, also in Form des
basischen Salzes, in der Natur als Malachit und
Kupferlasur und wird künstlich durch Fällung
warmer Kupfervitriollösung mit Soda dargestellt.
Die grün oder blau gefärbten K. sind unlöslich
in Wasser und Alkohol, lösen sich aber in ver-
dünnten Säuren und Ammoniak und finden als
Ersatz des Kupfervitriols gegen Phosphorvergif-
tung sowie als Malerfarben (Braunschweiger-
grün, Bremergrün, Bremerblau) Anwen-
dung.

Kupferlasur, Azurit, ein aus basischem Kup-
ferkarbonat, 2CuC03 -j- Cu(OH)2, bestehendes
Mineral von verschiedenen Kupferlagerstätten,
wird zur Herstellung von Kupfer und Kupfer-
vitriol sowie als blaue Farbe (s. Bergblau) be-
nutzt.

Kupfernitrat (salpetersaures Kupfer, Kup-
fersalpeter, Cuprinitrat, lat. Cuprum nitri
cum, frz. Nitrate de cuivre, engl. Nitrate of cop-
per), Cu(N03)2, wird durch Auflösen von Kupfer
oder Kupferoxyd in Salpetersäure erhalten und
bildet dunkelblaue, durchsichtige Kristalle, welche
an der Luft zerfließen und sich in Wasser und
Alkohol lösen. Es wird zur Herstellung von Far-
ben und Feuerwerk, ferner als Beize in der
Kattundruckerei und Färberei, zur Darstellung
von Kupferoxyd und in der Medizin benutzt.

Kupferoxyd (Cuprioxyd, lat. Cuprum oxyda-
tum, frz. Oxyde de cuivre, engl. Copper oxide),
CuO, findet sich als natürliches Mineral (Schwarz-
kupfererz) und wird fabrikmäßig durch Glühen
von Kupferdraht im Sauerstoffstrom oder von
        <pb n="240" />
        ﻿Kurkuma

Kupferoxydul	234

kohlensaurem oder salpetersaurem Kupfer an der
Luft dargestellt. Je nach dem Ausgangsstoff
erhält man es in Form eines schwarzen Pulvers
oder körniger oder drahtförmiger Stücke. Es ist
in Wasser unlöslich, gibt aber mit Säuren die
Lösungen der entsprechenden blauen oder grü-
nen Salze, aus denen durch Kalilauge ein hell-
blauer Niederschlag von Kupferhydroxyd
(Kupferoxydhydrat), Cu(OH)2, ausgefällt wird.
Das letztere löst sich in Ammoniak zu einer tief-
blauen Flüssigkeit von Kupferoxydammoniak
(Cuprum oxydatum ammoniatum), das wegen
seiner Fähigkeit, Pflanzenfaser aufzulösen, zur
Prüfung von Garnen und Geweben benutzt wird.
Das K. selbst dient zum Grünfärben von Glas-
flüssen, als Oxydationsmittel in der organischen
Analyse und in der Medizin als Mittel gegen
Bandwürmer.

Kupferoxydul (Cwprooxyd, lat. Cuprum oxy-
dulatum, frz. Protoxyde de cuivre, engl. Copper
protoxide), die zweite Verbindungsform des Kup-
fers mit Sauerstoff, Cu20 (11,2% Sauerstoff,
88,8 0/0 Kupfer), wird sowohl beim Glühen von
Kupferoxyd mit metallischem Kupfer unter Luft-
abschluß, als auch durch Reduktion alkalischer
Kupfersalzlösungen mit Trauben- oder Invert-
zucker erhalten. Es bildet ein rotes Pulver, das
zur Herstellung des Rubinglases benutzt wird.
In der Natur findet sich K. als Rotkupfererz.

Kupfervitriol (blauer Vitriol, blauer Ga-
litzenstein, zyprischer Vitriol, Kupfersul-
fat, Cuprisulfat, schwefelsaures Kupfer,
lat. Cuprum sulfuricum, frz. Sulfate de cuivre,
engl. Blue vitriol, Copper sulfat) findet sich fertig
gebildet in den Grubenwässern der Kupferberg-
werke, aus denen es dort, wo die Brennmateria
lien billig sind, durch bloßes Eindampfen ge-
wonnen werden kann. Das direkte Auflösen von
metallischem Kupfer in heißer konzentrierter
Schwefelsäure lohnt sich nur, wenn die ent-
stehende schweflige Säure wieder verwertet wer-
den kann, also in Schwefelsäurefabriken, hin-
gegen wird Kupferhammerschlag (Kupferoxyd),
welcher sich leicht in schwächerer Säure auf-
löst, ganz allgemein auf K. verarbeitet. Die
Kupferhütten gewinnen das Salz meist durch
Auslaugen der sog. Kupfersteine und gerösteten
Schwefelerze, wobei aus den Lösungen zunächst
reines, später eisenhaltiges Kupfersulfat aus-
kristallisiert, das aber als Adlervitriol (s. d.) für
manche Zwecke der Färberei gebraucht werden
kann. Das reinste Salz kommt aus den Affinier-
oder Scheideanstalten, in denen alte Gold- und
Silbermünzen durch Behandlung mit heißer kon-
zentrierter Schwefelsäure zunächst vom Golde
und darauf durch Einhängen von Kupferplatten
in die Lösung vom Silber befreit werden. —
Der K., der in chemischer Hinsicht aus schwefel-
saurem Kupfer mit fünf Molekülen Kristallwasser
besteht, CuS04 -j- sH20, bildet schöne, große,
dunkelblaue Kristalle, welche an der Luft all-
mählich verwittern und sich in Wasser zu einer
sauer reagierenden, ekelhaft metallisch schmecken-
den Flüssigkeit auflösen. In Alkohol ist K. hin-
gegen nicht löslich. Beim Erhitzen auf 2000 ver-
wandelt sich das Salz unter Verlust seines
Wassers in ein weißes Pulver, den gebrannten
oder kalzinierten K., welcher zur Entwässe-
rung organischer Flüssigkeiten (Alkohol) und

in der Analyse zum Nachweis geringer Wasser
mengen benutzt wird. Der K., findet trotz seiner
Giftigkeit medizinische Anwendung als Brech-
mittel (bei Phosphorvergiftungen) sowie zum
Ätzen und als Augenmittel. Die Technik ge-
braucht ihn in ungeheuren Mengen in der Galva-
noplastik, in der Färberei und im Kattundruck,
zur Darstellung grüner Farben, als Ausgangs-
materiäl für andere Kupferpräparate, zur Konser
vierung von Eisenbahnschwellen, zum Beizen von
Saatgetreide und zu vielen anderen Zwecken.

Kuprearinde (lat. Cortex chinae cuprea, Cortex
cupreae, frz. Ecorce de Cuprea, engl. Cuprea
bark), die Rinde eines in Südamerika wachsenden,
den Zinchoneen nahe verwandten Baumes, Re-
mijia pedunculata (Triana), weicht in ihrem
anatomischen Bau von demjenigen der Zinchona-
rinden stark ab, insbesondere fehlen ihr die
auffallend dicken Bastfasern der echten China-
rinden. Sie enthält etwa 2 0/0 Chinin, eine beson-
dere Gerbsäure und einige besondere Alkaloide,
aber kein Zinchonidin, und wird ihres billigeren
Preises wegen seit 1880 zur Herstellung von
Chinin benutzt.

Kurare (Urari, Wurali), das von Eingebore-
nen Südamerikas aus den Rinden verschiedener
Strychnosarten bereitete Pfeilgift, kam früher
nur als Seltenheit nach Europa, bildet jetzt
aber einen regelmäßigen Gegenstand des Drogen-
handels. Die extraktartige, schwarzbröcklige, sehr
bitter schmeckende Masse, die sowohl aus Bra-
silien als auch aus Peru in irdenen Töpfen ein-
geführt wird, dient bei physiologischen Tier-
versuchen dazu, die Glieder der Tiere zu lähmen,
ohne die übrigen Funktionen zu stören. Auch
findet sie bisweilen in der Medizin als Mittel
gegen Starrkrampf Anwendung, wird hierfür
aber neuerdings meist durch das rein abgeschie-
dene Alkaloid Kurarin ersetzt.

Kurkuma (Gelbwurz, lat. Rhizoma curcumae,
frz. Racine de curcuma, engl. Turmeric), der
Wurzelstock der zu den Szitamineen (Ge-
würzlilien) gehörenden Pflanze Curcuma Ion
ga, die im östlichen Asien einheimisch ist und in
Ostindien, China, Japan, wahrscheinlich nebst
einigen verwandten Arten kultiviert wird und
auch nach Röunion und Westindien verpflanzt
wurde. Die sog. runde und lange K. kommen
von derselben Pflanze, indem erstere die ver-
dickten Internodien, letztere die unverdickten
Rhizome bildet. Verschiedenheiten in den Eigen-
schaften bestehen zwischen beiden nicht. Im
Handel unterscheidet man die Ware nach ihren
Erzeugungsländern, und hiernach zeigt sie aller
dings wesentliche Unterschiede. Die beste und
teuerste Sorte ist die chinesische, die meist in
Stücken wie ein kleiner Finger, äußerlich gold-
gelb, innen orange oder rotgelb wie Gummigutt,
gepulvert feurig hochgelb erscheint. Die gang-
barsten, unter sich weniger verschiedenen Sorten
sind die Bengalische, Java- und Madras-K., die
öfter kurze und lange Stücke gemischt ent-
halten. Sie erscheinen außen graugelb oder
schmutzig weißstaubig, auf dem Querschnitt
wachsglänzend, blaßgelb bis bräunlich, in ver-
dorbenem Zustande fast schwarz, und liefern
nicht ein so schönes Pulver wie die chinesische,
die deshalb vorzugsweise als Farbstoff benutzt
wird. Der Geruch der K. ist dem des Ingwers
        <pb n="241" />
        ﻿■



Kurkumein

235

Labradorstein

ähnlich, aber schwächer, der Geschmack bitter
gewürzhaft. Beim Kauen färbt sie den Speichel
stark gelb. Als kennzeichnenden Bestandteil ent-
hält die Wenzel neben 3—5,5% eines schwach nach
Kurkuma riechenden ätherischen Öls (Kurkuma-
öl) etwa 0,3% eines gelben Farbstoffes (Kurku-
min), der in wachsgelben Prismen kristallisiert und
bei 165° schmilzt. Er wird wegen seiner har-
zigen Beschaffenheit nicht von Wasser, hingegen
leicht von Weingeist, ätherischen Ölen und Alka-
lien gelöst, von letzteren aber dabei in Braunrot
umgewandelt. Medizinisch wird die K. jetzt
nicht mehr gebraucht, findet aber zum Färben
von Buntpapier, Kuchen und anderem Gebäck,
Butter, Käse,, Ölen, Firnissen und Salben be-
schränkte Anwendung. Mit K. gelb gefärbtes
Papier (Kurkumapapier) dient in der Chemie
als Reagens auf Alkalien, von denen es in Braun-
rot umgefärbt wird, ferner von Borsäure, mit der
es in salzsaurer Lösung eine Rotfärbung liefert,
und von Titan und Zirkon. In Indien und Eng-
land wird K. gepulvert auch als Gewürz viel-
fach verwandt, und ist zum Würzen von Reis
unter dem Namen Curryptriver bekannt,

Kurkumein (Orange N., jaune N.), ein gelb-
roter, in Wasser löslicher Azofarbstoff, färbt
Wolle in saurem Bad orange und besteht aus
dem Nätronsalze des Paratoluidinorthosulfosäure-
azodiphenylamins. Bisweilen belegt man auch
das Zitronin (s. d.) mit dem Namen K.

Kurkumin nennt man neben dem gelben
Farbstoff der Kurkuma einen Teerfarbstoff
von gänzlich abweichender Zusammensetzung (s.
Sonnengelb).

Kuro-moji-Öl, das aus dem wohlriechenden
Holze des japanischen Baumes Lindera seri-
cea gewonnene ätherische Öl, hat ein spez. Gew.
um 0,90 und einen angenehmen Geruch nach
Linaloeöl, der besonders in der zwischen 200
und 2200 siedenden Fraktion hervortritt.

Kussin (Koussin, Kossin, lat. Kosinum), das
neuerdings rein dargestellte wirksame Prinzip der
Kussoblüten, das aber keine einheitliche Ver-
bindung zu sein scheint, wird als ein geruch-
und geschmackloses, mikrokristallinisches, gelb-
liches Pulver erhalten, das sauer reagiert und
sich auch mit Basen verbindet. Es löst sich in
Wasser beinahe gar nicht, schwer in Alkohol,

ist aber in Äther, Benzin und Chloroform leicht
löslich. Durch Eisenchlorid wird seine Lösung
tief rot gefärbt. Bei 1420 C schmilzt K. unter
Verbreitung eines butterähnlichen Geruchs, um
sich bei stärkerer Erhitzung zu zersetzen,

Kussoblüten (Kousso, Kosso, lat. Flores
koso, frz. Fleurs de cousso, engl. Kousso), die
getrockneten Blüten eines im Hochlande von
Abessinien wachsenden hohen Baumes aus der
Familie der Rosazeen, Hagenia abyssinica
Willdenow, Brayera anthelmintica, sind
als ein wirksames Mittel gegen Bandwurm und
andere Eingeweidewürmer bekannt geworden.
Die Ware kommt mit Karawanen den Nil herab
und über Ägypten und Triest oder Marseille zu
uns, ist aber immer selten und teuer und muß
oft durch die übrigens ebenso kräftige Kamala
ersetzt werden. Von den fußlangen, sehr ver-
ästelten und sperrigen Rispen des Baumes wer-
den nur die weiblichen Blüten benutzt, die sich
durch ihren abweichenden Bau und die rötlich
gefärbten Kelchblätter von den männlichen unter-
scheiden. Die rote Farbe gilt als Zeichen der
Echtheit und Frische und geht bei lange ge-
lagerter, als wertlos angesehener Ware in Braun
über. Man erhält K. entweder in den ganzen
getrockneten Rispen, die zu 5 dm langen, 5—7 cm
dicken Wickeln gedreht und gebunden sind,
oder in einzelnen abgestreiften, mit Stielbruch-
stücken untermischten Blüten. Die Droge hat
einen schwachen eigentümlichen Geruch und
schmeckt beim Kauen anfangs schwach, später
stark bitter und kratzend. Sie enthält etwa 10%
Harz, etwas Gerbsäure, ätherisches Öl und Kus-
sin oder Kosotoxin, welches man als den
Träger der wurmtötenden Kraft betrachtet. Auch
gegen die Drehkrankheit der Schafe soll der
Stoff vorzügliche Dienste leisten. — K, sind in
Deutschland dem freien Verkehr entzogen.

Kuteragummi (Kutiragummi), eine im Aus
sehen dem Tragant ähnliche ostindische Gummi-
art, enthält wie dieser Bassorin.

Kydiabast, der Bast von Kydia calycina.
einem ,im westlichen Indien wachsenden Baume,
besteht aus festen, bis zu 1,3 m langen Fasern
von außen gelblichem, innen kreideartigem Aus-
sehen, die ein vorzügliches Ersatzmittel für
Lindenbast sind, sich aber nicht zum Verspinnen
eignen.

L.

Lab nennt man das zur Dicklegung der Milch
in den Käsereien benützte Enzym des Kälber-
magens. Es wurde ursprünglich durch Behand-
lung des vierten Kälbermagens (Labmagen) mit
Kochsalzlösung hergestellt (Natur- oder Käse-
lab), wird aber neuerdings meist in Form der
Labessenz (Labextrakt) angewandt, einer
mit Hilfe von Kochsalz und Borsäure oder
Alkohol aus vorsichtig getrocknetem Kälber-
magen gewonnenen Flüssigkeit. Labpulver
besteht aus getrockneter und entfetteter, zer-
kleinerter Magenschleimhaut.

Labradorstein (Labrador, Labradorit,

polychromatischer Feldspat), ein aus
Kieselsäure, Tonerde, Kalk und geringen Men-
gen Natron bestehendes Mineral der Feldspat-
gruppe, hat seinen Namen von der Labrador-
küste Nordamerikas (Paulsinsel), wo es als Ge-
schiebe, wie eingewachsen in besonderer Schön-
heit gefunden wird. Das weißlich, grau bis
schwärzlich gefärbte Mineral zeigt ein schönes
pfaufederartiges Farbenspiel in blauen, grünen,
messinggelben, roten und braunen Tönen. Seine
Härte ist = 5, das spez. Gew. 2,680—2,740.

L.	wird zu Ring- und Nadelsteinen, Dosen,
Vasen, Tischplatten und Ornamenten verarbeitet,
        <pb n="242" />
        ﻿Lachs

236

Lacke

aber meist ganz flach oder wenig gewölbt ge-
schliffen, da fassettierter Schliff das schöne
Farbenspiel aufhebt.

Lachs (Salm, frz. Saumon, engl. Salmon),
ein zu der Ordnung der Knochenfische, Fa-
milie der Salmoniden, gehörender Raubfisch
(Salmo salar), findet sich in allen nördlichen
Meeren, auch in der Nord- und Ostsee, fehlt
aber bereits im Mittelrneer. Der schlank ge-
baute, mit kleinen Schuppen bedeckte Leib
zeigt je nach Alter und Geschlecht stark wech-
selnde Färbung. Das große Maul des verhält-
nismäßig kleinen Kopfes ist im Unterkiefer mit
einer Reihe, im Oberkiefer mit zwei Reihen
starker Zähne besetzt. Die Rückenflosse zeigt
3—4 Stachel- und 9—11 weiche Strahlen, die
Brustflosse 14 Strahlen (davon nur die erste
hart), die Bauchflosse 8 weiche und 1 harte,
die Afterflosse 3 harte und 7—8 weiche, die
Schwanzflosse 19 weiche Strahlen. Der L. ist
ein Meeresbewohner, geht aber, wenn er etwa
1 m lang geworden ist, zum Laichen die Flüsse,
in Deutschland besonders Rhein, Elbe und
Weser hinauf, überspringt Stromschnellen und
kleinere Wasserfälle und wird während dieser
Aufwärtswanderung mit Angel und Netz ge-
fangen. Der ins Meer zurückkehrende Fisch ist,
da er in den Flüssen keine Nahrung zu sich
nimmt, abgemagert und wenig wertvoll, Als
Mindestgröße fangbarer Lachse ist in Deutsch-
land J/2 m vorgeschrieben, während Fische von
1V2 m und 12—15 kg Gewicht die beste Han-
delsware bilden, doch kommen auch 20 kg
schwere, vereinzelt noch schwerere Exemplare
vor. Seitdem der Ertrag der deutschen Fischerei
stark zurückgegangen ist, werden die L. haupt-
sächlich von Schottland, Norwegen und Nord-
amerika (Alaska) in den Handel gebracht. —
Der L. ist einer der wohlschmeckendsten und
nährstoff-, besonders fettreichsten Fische mit
640/0 Wasser, 21—220/0 Eiweiß, 13—140/0 Fett
und 1 0/0 Mineralstoffen und wird sowohl frisch
wie eingesalzen, geräuchert und mariniert ge-
nossen. Gesalzen und geräucherter L. ent-
hält 51 0/0 Wasser, 240/0 Eiweiß, 13% Fett und
120/0 Mineralstoffe (10 0/0 Salz). Zum Marinie-
ren werden die ausgeweideten, in Stücke zer-
schnittenen Tiere gekocht, darauf mit Gewürzen
in Fässer gepackt und diese mit Essig-Salz-
Lake aufgefüllt und zugeschlagen. Besonders
geschätzt ist die marinierte Ware von Elbing.
Außerdem bringen Danzig, Thora, Bremen,
Frankfurt a. O. Lachs in den Handel. Wich-
tige Ausfuhrorte sind Berwick und Perth in
Schottland, Bergen in Norwegen und Neufund-
land. — Von den hauptsächlichsten Verwandten
des L. kommt der Huchen (Salmo hucho),
der bis 2 m lang und 50 kg schwer wird, im
Schwarzen Meere vor. Er steigt in die Donau
mit ihren Nebenflüssen und wird daher Donau-
lachs genannt. — Die Seeforelle, Grund-
oder Lachsforelle, Rheinanke, Illanke
(Salmo lacustris) bevölkert hauptsächlich die
Landseen, besonders der Schweiz und wird bis
zu 20 kg schwer. Eine Abart, die Meerforelle
(Salmo trutta) verbringt einen Teil ihres Le-
bens im Meere. — Die eigentliche Forelle ist
in einem besonderen Aufsatze besprochen
worden.

Lacke (lat. Lacca, frz. Laques oder Vernis,
engl. Lac oder Varnish). Mit diesem Namen be-
legt man, abgesehen von einigen natürlichen
Harzen wie Stocklack oder Schellack (s, d.),
dem Japanlack (s. d.) und einigen Lackfarben
(s. d.), sowohl Auflösungen von Harzen in
leicht flüchtigen Flüssigkeiten, die sog. flüch-
tigen oder mageren Lacke, als auch
Mischungen der letzteren mit fetten Ölen, Harz-
ölen oder Firnis, die sog. Lackfirnisse,
fetten oder Öllacke. Im gewöhnlichen Leben
werden die Begriffe Lack und Firnis häufig
verwechselt oder als völlig gleichbedeutend ge-
braucht, so daß vielfach nur mit Firnis oder
Ölfarbe gestrichene Gegenstände als lackierte in
den Handel kommen. Charakteristisch für einen
wahren Lack ist aber immer sein Gehalt an
Harz. Als Harze kommen besonders Bernstein,
Dammar, Kopal, Kolophonium sowie neuer-
dings Kunstharze (s. Harz), als Lösungsmittel
Äther, Alkohol, Amylalkohol, Amylazetat, Aze-
ton, Benzin, Benzol, Kampferöl, Rosmarinöl,
Terpentinöl in Betracht. Beim Überstreichen
def Gegenstände verflüchtigt sich das Lösungs-
mittel und das Harz bleibt als dünner durch-
sichtiger oder bei Zusatz von Körperfarben
undurchsichtiger Überzug zurück. Die fetten
Lackfirnisse bestehen' aus Firnis (Leinöl-,
Holzöl- oder anderem Firnis) und Harzen in
Terpentinöl. Zu ihrer Herstellung wird der
entsprechend in etwa nußgroße Stücke zer-
brochene Kopal (oder auch Bernstein) in Kesseln
mit Kondensationsvorrichtung vorsichtig bei
etwa 300—350° geschmolzen, wobei das Kopalöl
überdestilliert, und darauf das auf 2000 er-
wärmte Leinöl (Firnis) nach und nach hinzu-
gegeben, bis bei andauerndem Erhitzen auf
3200 eine völlig gleichmäßige Mischung ent-
standen ist. Nach dem Abkühlen gibt man
Terpentinöl, unter Umständen auch Sikkative
(s. d.) hinzu und unterwirft das fertige Er-
zeugnis in der Regel noch einer Filtration. Bei
Verwendung von Kolophonium statt der fossilen
Harze kann ein einfacheres Verfahren angewandt
werden. Die fetten Lackfirnisse liefern von allen
Lacken die haltbarsten Überzüge, brauchen aber
lange Zeit zum Trocknen (meist in geheizten
Räumen) und werden, oft in Verbindung mit
Farben, für Lederzeug, Blechwaren und andere
der Abnutzung ausgesetzte Gegenstände ange-
wandt. Als Unterabteilung gehören zu ihnen
noch die sog. Kautschuklacke, die einen Zu-
satz von Kautschuk oder Guttapercha in Benzin
gelöst erhalten und sich durch große Geschmei-
digkeit, bei allerdings vermindertem Glanz, aus-
zeichnen. Matt lacke erhalten außerdem einen
Zusatz von Wachs. — Spiritus- oder Wein-
geistlacke werden in der Regel gebraucht,
wenn die gestrichenen Gegenstände ihre natür-
liche Farbe behalten sollen, und daher für
diesen Fall aus besonders hellen Harzen be-
reitet, während für andere Zwecke auch dunk-
lere Harze, Bernstein, Schellack, Kolophonium,
benutzt werden können. Bisweilen erhalten sie
auch einen Zusatz alkohollöslicher Farben, wie
Teerfarben oder Drachenblut (Goldlack).
Kleinere Mengen der weicheren Harze kann
man durch Schütteln der pulverisierten Masse
mit starkem Weingeist schon in der Kälte,
        <pb n="243" />
        ﻿Lackester

237

Lackfarben

leichter in der Sonne oder bei mäßiger Wärme
lösen und durch Filtration von den Verunreini-
gungen trennen. Bei der Darstellung im großen
bedient man sich geschlossener Destillierblasen
oder des sog. Deplazierungsverfahrens.
indem man das Harz in ein Sieb schüttet und
dieses so weit in ein mit Weingeist gefülltes
Faß hängt, daß es gerade noch von der
Flüssigkeit bespült wird. Die Lösung des Harzes
sinkt dann beständig nach unten und kann
nach entsprechendem Absetzen aus einem etwas
oberhalb des Bodens angebrachten Hahn ohne
Filtration klar abgezogen werden. Als Aus-
gangsmaterial für Spirituslack kommen sämt-
liche Harze in Betracht. Die spröderen, wie San-
darak und Mastix, geben sehr glänzende, aber
wenig haltbare Überzüge und werden daher
meist i durch Zusatz von etwas venezianischem
Terpentin oder weicherem Harz, z. B. Elemi,
verbessert. — TerpentinöHacke unterschei-
den sich von den vorigen nur dadurch, daß
an Stelle von Spiritus Terpentinöl oder andere
ätherische Öle (Rosmarinöl) als Lösungsmittel
benutzt werden. Sie trocknen etwas langsamer,
sind aber haltbarer und weniger spröde, weil
ein Teil des Lösungsmittels von dem eintrock-
nenden Harzüberzug festgehalten wird. Das
Terpentinöl löst manche Harze schon in der
Kälte. Andere, wie Bernstein und Kopal, wer-
den erst in der Wärme geschmolzen und dann
mit dem Lösungsmittel verdünnt. Die billigsten
Terpentinöllacke werden aus Kolophonium,
bessere Sorten aus Sandarak oder Dammara,
die besten Fußboden-, Wagen- und Schleif-
lacke aus Bernstein oder echtem Kopal her-
gestellt. Geschmolzener und dann mit Terpen-
tinöl gemischter Asphalt gibt den schwarzen
Asphalt- oder Eisenlack, der durch Zusatz
von heißem Leinölfirnis dauerhafter wird. Als
allgemeine Regel für die Verwendung der flüch-
tigen Lacke gilt, daß sich die Terpentinöl-L.
besonders zum Aufsetzen auf Ölanstriche, die
Weingeist-L, zum Aufsetzen auf Wasser- und
Leimfarben eignen. An Stelle des Terpentinöls
werden vielfach auch andere Lösungsmittel, wie
Benzin, Schwefelkohlenstoff, Holzgeist, Chloro-
form, Kampferöl, Eukalyptusöl, an Stelle der
genannten Harze die neueren Harzersatzmittel
(s. d.) benutzt. — Als Kennzeichen eines guten
Lackes gilt, daß er nach dem Aufstreichen
schnell trocknet und einen nicht klebrigen
stark glänzenden Überzug hinterläßt, der mit
der Zeit weder Risse noch Sprünge bekommt.
Bei sorgfältiger Aufbewahrung in verschlosse-
nen Gefäßen gewinnen die Lacke durch das
Alter an Güte. Die feinsten Wagenlacke, von
denen der höchste Grad von Dauerhaftigkeit
und Schönheit verlangt wurde, kamen früher
aus England, werden aber jetzt von den Fabri-
ken in Dresden, Berlin, Mainz, Offenbach und
Wien mindestens ebensogut erzeugt.

Lackester (Esterlacke) nennt man eine heue
Art von Anstrichlacken, bei denen an Stelle der
Harze die durch Vereinigung von Lfarzen mit
Alkoholen unter Wasseraustritt entstehenden
Harzsäureester als Grundstoff dienen. Sic
sollen weit ergiebiger als Kopallacke sein, so
daß zwei Teile L. ungefähr so viel Fläche
decken, als drei Teile Kopallack, und überdies

Anstriche von großer Widerstandsfähigkeit
gegen Luft und Feuchtigkeit liefern.

Lackfarben (Farblacke) sind Verbindungen
von organischen Farbstoffen mit anorganischen
Oxyden oder Salzen. Die zahlreichen, zum
Teil sehr schönen, in Hölzern und anderen
Pflanzenteilen enthaltenen Farbstoffe bilden, so-
weit sie in Wasser löslich sind, nur Farben-
brühen. Um sie in die Form einer Körperfarbe
zu bringen, muß man sie an eine feste Grund-
lage binden und bedient sich hierzu der Eigen-
schaft mancher Metalloxyde und alkalischen
Erden, mit den Pflanzenfarbstoffen unlösliche
Niederschläge zu bilden. Wird z. B. zu einer
Alaunlösung die Lösung eines ätzenden oder
kohlensauren Alkalis gebracht, so fällt die Ton-
erde des Alauns als weiße Gallerte aus; ist aber
die Alaunlösung vorher mit einer Farbenbrühe
gemischt worden, so reißt die Tonerde den
Farbstoff so vollständig an sich, daß die über-
stehende Flüssigkeit farblos erscheint. In glei-
cher Weise wirkt das' Zinnoxydul, welches aus
einer Lösung von Zinnchlorür (Zinnsolution)
ausgefällt wird. Die Lackfarbe fällt dabei noch
feuriger aus, aber wegen seiner Kostspielig-
keit kann das Zinnsalz nur zu feinerer Ware
benutzt werden, während es für gewöhnlich im
Gemisch mit Alaun Anwendung findet. Beide
Salze bilden auch die gewöhnlichsten Beizen
der Färberei, bei welcher der Farblack auf der
Faser erzeugt wird. Nicht alle Farbstoffe ver-
tragen die gleiche Behandlung. Einige lassen
sich mit kalter oder heißer Alaunlösung äus-
ziehen und dann mit der alkalischen Lauge
fällen. Bei anderen muß diese das Lösungs-
mittel abgeben und der Alaun zuletzt hinzu-
gesetzt werden. Unter Umständen ist es auch
geboten, die Tonerde für sich auszufällen und
rein zu waschen und sie dann erst mit der
Farbenbrühe unter Erwärmung zusammenzu-
bringen. Die als farbiger Schlamm erhaltenen
Lacke werden schließlich mit Wasser rein aus-
gewaschen und entweder noch feucht als Teig
(en päte) für Kattun- und Wolldruck, Tapeten
und Buntpapier verkauft, oder getrocknet und
in Brocken oder zu Täfelchen geformt in den
Handel gebracht. Um die Farben in mög-
lichster Schönheit herzustellen, sind verschie-
dene Vorsichtsmaßregeln zu beobachten, die
zum Teil als Fabrikgeheimnisse bewahrt werden.
Von den L. sind die roten und gelben am
gebräuchlichsten. Der feinste rote L. ist der
Karminlack aus der Koschenille und den Ab-
gängen von der Karminbereitung (vgl. Kosche-
nille). Weiter sehr beliebt und außerordentlich
dauerhaft sind auch die Krapplacke (vgl.
Krapp), die in einer großen Farbenfolge von
Dunkelrot bis zart Rosa dargestellt und durch
Zusatz von mehr oder weniger feinem Bleiweiß
in verschiedenen helleren Tönen abgestuft wer-
den. Außerdem erhält man aus Pernambukholz
und Lack dye, dem Farbstoff des Gummilacks,
schöne rote L. Die roten Lacke aus Karmin
und Farbhölzern sowie Mischungen derselben
mit anderen Stoffen führen verschiedene Han-
delsnamen: Pariser, Wiener, Venezianer,
Florentiner Lack, Kugel lack usw. Ein
schöner violetter Lack ist der Orseillelack.
Zu gelben Lacken dienen Abkochungen von
        <pb n="244" />
        ﻿Lackierte Waren

238

Lämmerfelle

Gelbholz, Kreuzbeeren, Waid, Querzitron und
anderen gelben Pf.anzenfarbstoffen. Die billig-
sten derartigen Gelbfarben gehen unter dem
Namen Schüttgelb. Sie erhalten, wenn sie
wirklich durch Niederschlag mit Tonerde ge-
bildet sind, doch noch starke Zusätze von
Kreide, sind aber oft nur durch Übergießen
von Kreide oder Kalk mit einer Gelbbrühe her-
gestellt. Im letzteren Falle haftet die Farbe
nur durch mechanische Aufsaugung an dem
Grundstoff, so daß der Begriff einer Lackfarbe
ganz verloren geht. Grüne Lacke sind in der
Regel bloße Mischungen von blauen, aus Indig-
karmin bestehenden, und gelben Niederschlägen,
doch erhält man einen natürlichen grünen Lack
aus Kaffeebohnen, die mit einer verdünnten
Lösung von Kupfervitriol extrahiert werden.
Durch vorsichtiges Versetzen des Auszuges mit
Ätznatron wird ein Niederschlag erhalten, der,
mit Essig besprengt und der Luft ausgesetzt,
an Schönheit der Farbe noch gewinnt. Dieser
Farbstoff ist also eigentlich nur ein mit dem
Kaffeefarbstoff (Viridinsäure) geschöntes Kupfer-
oxydhydrat, dessen eigentlicher Platz unter den
Kupferfarben sein würde. Jetzt werden auch
viele solcher L. mit Teerfarbstoffen hergestellt.

Lackierte Waren lassen sich unterscheiden in
solche aus Blech, Holz, Papiermasse und Leder,
und zwar sind es hauptsächlich diejenigen der
ersten Klasse, die jetzt im Handel unter dem
Namen Lackierwaren verstanden werden. Die
Lackierkunst stammt aus Ostasien, wo sie na-
mentlich von den Japanern, daneben auch den
Chinesen ausgeübt wird. Seit dem 16. Jahrhun-
dert brachten die Holländer, die früher den
Handel mit Japan in Händen hatten, die japa-
nischen Lackwaren außerordentlich in Auf-
nahme, und die größte, im japanischen Palais
zu Dresden befindliche Sammlung gewährt ein
Urteil über die Schönheit und Mannigfaltigkeit
dieser Erzeugnisse. In Europa verlegten sich
zuerst die Engländer, danach Franzosen und
Deutsche auf die Herstellung lackierter Waren,
doch mußte diese Industrie bei mangelhafter
Kenntnis der von den Japanern angewandten
Stoffe und Zubereitungsarten ganz von vorn
neu begründet werden. Nur allmählich gelang
es, die Schönheit der japanischen Lackarbeiten
zu erreichen, aber ihre Haltbarkeit ließ sich
nicht nachahmen. Gibt es doch lackierte höl-
zerne Tassen, Teller, Teebrettchen usw., auf
welchen siedendes Wasser keine Spur zurück-
läßt. Allerdings sind in den letzten Jahren auch
viele L. von schlechter Beschaffenheit aus Japan
eingeführt worden. Lackierte Waren aus Holz
und Papiermasse, die das wichtigste Erzeugnis
der Japaner und Chinesen bilden, gelangen
außerdem nur von den Russen, wenngleich nicht
in gleicher Güte, in den Handel. Auf Waren
aus Eisen- oder anderem Blech lassen sich
Lacke von geeigneter Beschaffenheit, besonders
unter Zuhilfenahme von Asphalt, einer stärkeren
Hitze aussetzen, und durch solches Aufbrennen
in einem Heizofen entstehen viel dauerhaftere
Überzüge. Aus diesem Grunde hat auch die
Herstellung feinerer lackierter Blechwaren für
den Massenverbrauch einen weit größeren Um-
fang und höhere Bedeutung gewonnen, als die
von Holz und Papiermasse. Von besonderer

Wichtigkeit ist die Güte des Lackes (s. Japan-
lack) und die Art des Auftragens, ln Japan
erfolgt das Bemalen, um dem Staub, der die
Glätte schädigt, zu entgehen, auf Kähnen mitten
im Wasser oder in feuchten Arbeitsstuben.
Unterstützt durch den Formenreichtum, den das
Prägen und Drücken schaffen kann, und
durch die Freiheit der Maltechnik, welche alle
Verzierungen durchzuführen gestattet, leistet
dieser Industriezweig jetzt ganz Hervorragen-
des, und seine Erzeugnisse sind nicht allein
Luxusgegenstände, sondern ebensowohl in den
gewöhnlichen Hauswirtschaften zu finden. Die
deutschen Waren sind bei sauberer Ausführung
so billig, daß sie schon längst einen bedeuten-
den Ausfuhrartikel bilden.

Lackmoid (Resorzinblau), ein in der Maß-
analyse viel benutzter Indikator, entsteht beim
Erhitzen von Resorzin mit salpetrigsaurem Na-
tron in Form dunkelblau violetter, glänzender
Körnchen, deren wäßrige blauviolette Lösung
durch Salzsäure rot wird. In Alkohol löst sich
der Farbstoff mit blauer Farbe und dunkel-
grüner Fluoreszenz.

Lackmus (lat. Lacca musica, frz. Tournesol,
engl. Litmus), ein verschiedenen Arten von
Flechten, z. B. Roccella tinctoria, Leca-
nora tartarea u. a., entstammender blauer
Farbstoff, wird in folgender Weise hergestellt;
Die zu Pulver gemahlenen Flechten werden in
Kübeln mit Pottasche, Kalk und einem ammo-
niakhaltigen Stoffe, früher faulem Urin, zu
einem weichen Teige gemischt, den man der
Gärung überläßt, und darauf etwa vier Wochen,
lang durch Zusatz neuer Ammoniakmengen in
weichem Zustande erhalten. Sobald die anfangs
purpurrote Masse blau geworden ist, reibt man
sie durch Haarsiebe, mischt mit Kreidepulver
oder Gips und formt sie zu kleinen Würfeln,
die man im Schatten trocknet. L. enthält eine
Reihe verschiedener Farbstoffe, von denen das
Azolithmin der wichtigste ist. Es färbt sich
mit Säuren rot, mit Alkalien blau, und wird
ebenso wie der mit verdünntem Alkohol her-
gestellte Auszug, die Lackmustinktur und
das Lackmuspapier, als Indikator benutzt.
Die Tinktur muß im Dunkeln und in nur mit
Watte lose verschlossenen Flaschen aufbewahrt
werden.

Lactarin, ein aus getrocknetem und gepulver-
tem Kasein bestehendes Farbenverdickungs-
mittel in Zeugdruckereien, wird für den Ge-
brauch mit verdünntem Salmiakgeist zu einer
gummischleimartigen Masse gelöst.

Ladanum (lat. Gummi ladanum, frz. und engl.
Ladanum), nicht zu verwechseln mit Lauda-
num (s. Opium), ist eine harzige, grüne Aus-
schwitzung, die an den Blättern und Zweig-
spitzen mehrerer zur Gattung Cistus gehöriger
Strauchgewächse auftritt und abgeschabt wird.
Die angenehm storaxartig riechende Masse
diente früher zu Parfümerien, Räucherungen
und als Zusatz zu Pflastern, ist aber jetzt ganz
außer Gebrauch gekommen.

Lämmerlelle. Die Felle junger Schafe kommen
in zwei Formen, nämlich mit oder ohne Wolle,
in den Handel und werden in letzter Form zu
Leder, namentlich Handschuhleder, in ersterer
zu Pelzwerk verarbeitet. Als wichtigste Arten
        <pb n="245" />
        ﻿Lärchenholz

239

Lanolin

des Schafes, die zur Fellgewinnung dienen, sind
das spanische Merinoschaf, das Bauern-
schaf und das in Asien, Südrußland und Ägypten
gehaltene breitschwänzige Schaf, das die
schönsten L. liefert, zu nennen. Von einer Abart
des letzteren, dem bucharischen Schaf, stam-
men die Astrachan- und die persischen Felle,
von dem langschwänzigen Schaf die ukraini-
schen Felle. Der Farbe nach werden von allen
Sorten die schwarzen Felle bevorzugt, die am
schönsten aus Persien (Agneaux de Tatarie
oder de Perse), danach der Krim (Krimmer)
und der Ukraine zur Ausfuhr gelangen. Die
Astrachaner L. haben ziemlich langes, glänzend
schwarzes Haar, während dasjenige der übrigen
Sorten meist feine Ringel, oft von außerordent-
licher Zartheit, bildet. Die Kräuselung wird auf
künstliche Weise hervorgerufen, indem die Kir-
gisen, Kalmücken und Tataren die neugeborenen
Lämmer sogleich in grobe Leinwand einnähen,
diese täglich mehrmals mit warmem Wasser
benetzen und mit den Händen in gewissen
Richtungen streichen. Nach etwa 4 Wochen
wird das Tier untersucht und, falls die Kräuse-
lung alsdann noch nicht genügend vorgeschritten
sein sollte, noch weiter in gleicher Weise be-
handelt. Die feinsten aus Rußland kommenden
L, werden bei uns als Persianer, in Rußland
selbst als Karakul bezeichnet, während man
in Deutschland unter Karakul gewöhnlich die
kleineren tatarischen Lammfelichen, auch Trei-
bei genannt, versteht. Die geringeren russischen
L. führen den Namen Schmaschen. Die
kostbarsten Stücke werden für den russischen
Inlandsbedarf zurückbehalten, die gewöhnliche
Ware kommt aus Ungarn, der Türkei u. a. O,
und ist oft gefärbt.

Lärchenholz (Lerchenholz) von L a r i x
europaea, erscheint im Splinte weiß, sonst röt-
lich, braunrötlich oder rotgelb, bei alten Stämmen
zuweilen dunkel geflammt. Es ist sehr harz-
reich, wenig dem Werfen und nicht dem Wurm-
fraß unterworfen und daher ein ausgezeich-
netes, sehr dauerhaftes Bauholz für Land- und
Wasserbauten, Mastbäume und Eisenbahn-
schwellen, während die jungen Stämme als
Hopfen- und Telegraphenstangen benutzt wer-
den. Als Brennholz steht es im Werte zwischen
Kiefer und Fichte.

Läusekörner (Stephanskörner, lat. Semen
staphisagriae, frz. Semence de staphisaigre,
engl. Stavesacre seeds), die graubraunen, runz-
ligen Samen einer Art Rittersporn (Delphi-
nium staphisagriae), der im südlichen Europa
wild wächst und bei uns zuweilen in Blumen-
gärten vorkommt, zeigen eine flache, dreieckige,
zuweilen viereckige Gestalt und besitzen einen
unangenehmen Geruch sowie sehr bitteren und
scharfen Geschmack. Sie werden wie die Saba-
dillsamen zur Vertilgung von Kopfungeziefer
gebraucht und finden medizinisch in der Ho-
möopathie und zur Darstellung von Delphinin
(s. d.) Verwendung.

Lahn (frz. Lame, engl. Finsel) besteht aus
flach gewalztem, echten und unechten Gold- und
Silberdraht und wird zu Spitzen und Borten,
Bändern (aus Lahn und Seide), Stoffen für
Maskerade und Theateranzüge und zahlreichen
underen Schmucksachen verarbeitet.

Laktukariutn (Tridace, lat. und frz. Lactu-
carium, engl. Lettuce opium) ist der durch Ein-
schnitte ausgetretene und eingetrocknete Milch-
saft verschiedener Arten der Gattung Lac tu ca
(vgl. Giftlattich). Den wirksamen Stoff bildet
ein indifferenter Bitterstoff, das Laktuzin,
welches in weißen, perlglänzenden Kristall-
schuppen erscheint. Außerdem finden sich noch
Laktuzerin, Laktukasäure, Kautschuk u.
a. L. findet bisweilen als unsicheres Schlaf-
mittel Verwendung.

Lama nennt man flanellähnliche Stoffe aus
Streichwolle, die meist schlicht gewebt, doch
zuweilen auch geköpert und gemustert sind
und eine schwache Haardecke haben, durch
welche das Gewebe sichtbar ist. Sie sind ein-
farbig oder bunt, gestreift, kariert oder ge-
flammt und dienen als Futter für Winterkleider,
zu Mänteln usw. Mitunter gibt man den Namen
auch besseren Stoffen, die gewöhnlich Napoli-
täine heißen.

Lambik, ein belgisches, durch Selbstgärung
erzeugtes, säuerlich schmeckendes Bier, enthält
nach König 3,66 Extrakt, 5,02 Alkohol, 0,43
Protein, 0,56 Maltose, 1,68 Gummi und Dextrin,
0,89 Milchsäure und 0,20 Kohlensäure.

Lametta, die zur Schmückung von Weih-
nachtsbäumen benutzten gold- und silberähn-
lichen Metallfäden, deren Herstellung trotz des
billigen Preises eine ziemlich umständliche ist,
werden nach Gewicht gehandelt und besonders,
in Nürnberg, Thüringen, im Erzgebirge usw. zu
Christbaumschmuck verarbeitet.

Laminariastiele (gefingerter Seetang, lat.
Laminaria digitata, frz. und engl. Laminaria)
bestehen aus den getrockneten fingerdicken
oder stärkeren, am oberen Ende wie Finger
geteilten Ästen. mehrerer an den Küsten der
Nordsee wachsender Tange" (Laminaria
Cloustonii, L. stenophylla). Vermöge ihrer
Eigenschaft, in der Nässe beträchtlich aufzu-
quellen, bilden sie ein wichtiges Hilfsmittel der
Chirurgen zur Erweiterung von Wunden und
Fisteln, wozu früher der sog. Preßschwamm
gebraucht wurde. Die für diese Zwecke daraus
hergestellten Bougies und Quellkegel sind fertig
im Handel.

Lairitzsches Waldwollöl ist ein gegen Rheu-
matismus angepriesenes Destillat aus Koniferen-
wolle.

Lanolin (gereinigtes Wollfett, lat. Lanoli-
num, Adeps lanae, frz. Lanoline, engl. Lanolin).
Das schon im Altertum als Oesypus medizi-
nisch benutzte Wollfett geriet später in Ver-
gessenheit und wurde erst 1885 wieder von
Liebreich als gereinigtes Wollfett in den Arz-
neischatz eingeführt. Das rohe Wollfett findet
sich im Wollschweiß der Schafe und geht beim
Waschen der Wolle in das Waschwasser der
„Wollwäschereien“ sowie in das durch Zusatz
von Säuren daraus abgeschiedene Wollwasch-
fett über. Zur Trennung des Wollfettes von
den freien oder gebundenen Fettsäuren verwan-
delt man die letzteren in unlösliche Kalkseifen
und zentrifugiert darauf das Wollwaschwasser
oder das mit Wasser emulgierte Wollwaschfett.
worauf man das abgeschiedene Rohlanolin durch
Zusammenschmelzen mit Marmorkalk, völliges
Befreien von Wasser, mehrfaches Umschmelzen
        <pb n="246" />
        ﻿Lanthan

240

Laurelnußöl

und schließlich durch Extrahieren mit Azeton
in reines Wollfett überführt. Das so erhaltene
wasserfreie Wollfett (lat. Adeps lanae
anhydricus) des D. A. B., eine hellgelbe,
salbenartige Masse von schwachem, eigentüm-
lichem Geruch, ist in Wasser unlöslich, aber im-
stande, die 2—3 fache Menge Wasser aufzu-
nehmen, ohne die salbenartige Beschaffenheit
zu verlieren, und schmilzt bei 400 C. Von der
tierischen Haut wird es resorbiert und zeigt
wenig Neigung zum Ranzigwerden. Reines
Wollfett darf nur einen s.ehr geringen Aschen-
rückstand hinterlassen und nur eine Spur freier
Säure, hingegen keine Alkalien, Chloride und
Glyzerin enthalten. In chemischer Hinsicht ist
es als ein Gemisch von Cholesterin- und Iso-
choleseterin-Fettsäureester aufzufassen. Als
Identitätsreaktion dient daher der, Cholesterin-
nachweis. Löst man 1 g Wollfett in 50 g Chloro-
form und schichtet die Lösung über Schwefel-
säure, so entsteht an der Berührungsstelle eine
Zone von feurig-braunroter Färbung. Ein be-
sonders gut gereinigtes Wollfett wird als Ala-
purin in den Verkehr gebracht. Während das
wasserfreie Wollfett nur im Großhandel, in
den Apotheken und Drogenhandlungen zur Her-
stellung von Salben Verwendung findet, ist das
wasserhaltige Wollfett, schlechtweg Lanolin
genannt, ein Gegenstand des Kleinhandels. Das
wasserhaltige Wollfett (Adeps lanae cum
aqua des D.A.B.), eine Mischung von 75 Teilen
Wollfett und 25 Teilen Wasser, stellt eine gelb-
lichweiße, salbenartige Masse dar, die sich
beim Erwärmen im Wasserbade in eine wäßrige
und eine auf dieser schwimmende ölige Schicht
trennt, und soll nach dem Trocknen bei 1000
nicht mehr als 260/0 an Gewicht verlieren. Um
das wasserhaltige Wollfett recht geschmeidig zu
machen, setzt man ihm öfters noch Olivenöl zu.
Die Wollfettsalbe des D.A.B. enthält 20 0/0
Olivenöl. Für kosmetische Zwecke werden dem
Lanolin vielfach ätherische Öle, Vanillin u. dgl.
zugesetzt.

Lanthan, ein Element aus der Reihe der sel-
tenen Metalle vom Atomgewicht La = 138,
findet sich als Begleiter des Zers und Didyms
im Zerit, Monazit, Orthit und Gadolinit und
wird in beschränktem Maße bei der Herstellung
von Glühstrümpfen benutzt.

Laserpitin, C15H22Oit, ein Bitterstoff aus der
Wurzel von Laserpitium latifolium (s. En-
zianwurzel, weiße), welche 1,5 °/o L. enthält,
bildet große, glänzende, farblose, prismatische
Kristalle, die unlöslich in Wasser, löslich in
Äther und Benzol, bei 1180 schmelzen. Das L.
wird durch Kochen mit Kalilauge in Angelika-
säure und Laserol gespalten.

Lastings sind Wollatlasse, d. h. nach Atlas-
art dichtgewebte Zeuge aus hartem Kamm-
garn, die meist nur in Schwarz und anderen
dunklen Farben Vorkommen und als Möbel-
stoffe, zu Schuhen, Halsbinden, Westen- und
Kleiderstoffen Verwendung finden, 'Häufig ist
der Stoff ein gemischter, mit Kette von Baum-
wollzwirn, und heißt dann bisweilen l’ara-
matta.

Lasurstein, Lasurit (Lapis lazuli), ein
schön himmelblaues, undurchsichtiges, schon im
Altertum als Schmuckstein geschätztes und häu-

fig zu Gemmen geschnittenes Mineral aus Si-
birien, der Tatarei, der kleinen Bucharei, China
und den chilenischen Anden, findet sich haupt-
sächlich klumpenweise in Kalkfels in Begleitung
von Schwefelkies, aber immer nur vereinzelt
und meist in kleineren Massen. Hingegen sind
große reine Stücke selten, weil er meist von
weißen Adern durchzogen ist und Schwefelkies
in kleinen, messingglänzenden Teilchen einge-
sprengt enthält. Der Stein nimmt eine schöne
Politur an, verliert sie indes infolge seiner ge-
ringen Härte (5,5) leicht wieder. Seine Verwen-
dung zu Schmuckwaren, besonders in Frank-
reich und Italien, ist dem Modewechsel stark
unterworfen. Größere Stücke werden zu Dosen,
Urnen, Schmuck usw. verwendet. Namentlich
in Rußland bestehen berühmte Schleifereien,
denen die schönen Bauverzierungen am Winter-
palast und der Isaakskirche zu Petersburg ent-
stammen. Früher hatte der Stein selbst in klei-
nen Brocken und Abfällen einen hohen Wert,
denn er diente zur Darstellung der schönsten
und teuersten blauen Malerfarbe, des Ultra-
marins (s. d.), das jetzt auf künstlichem Wege
erzeugt wird. In chemischer Hinsicht besteht
er lediglich aus Kiesel- und Tonerde, Kalk,
Natron, Schwefel und wird durch Säuren unter
Zerstörung der blauen Farbe und Hinterlassung
von Kieselgallerte gelöst. Lasur ist unter Kupfer-
lasur besprochen.

Lafschenkiefernöl (Latschenöl, Krumm-
holzöl, lat. Oleum Pini pumilionis, frz. Essence
de pin de montagne, engl. Oil of pine mon-
tane), das ätherische Öl der Krummholz^
kiefer (Pinus Pumilio) wird hauptsächlich in
den österreichischen Alpenländern,- besonders in
Tirol, im südlichen Niederösterreich und an der
nördlichen Grenze Steiermarks sowie in der
Tatra und in der Nähe des Grünen Sees ge-
wonnen. Es ist linksdrehend, hat ein spez. Gew
von 0,860—0,875 und wird zu Einreibungen und
zum Inhalieren benutzt.

Latwerge (lat. Electuarium) nennt man eine,
früher mehr als jetzt gebräuchliche Arzneiform,
in welcher bittere oder sonst übelschmeckende,
gepulverte Arzneikörper mit Honig oder ge-
zuckertem Fruchtmus gemischt sind, um sie für
den Geschmack angenehmer zu machen. Am
gebräuchlichsten sind noch die abführende
Senna- und Tamarindenlatwerge, die
bittere Magenlatwerge, welche durch einen
Zusatz von Opium zum Theriak wird, und
eine oder die andere Zahnlatwerge.

Laurelnußöl. Unter diesem Namen kommt
aus Ostindien ein fettes öl in den Handel, das
aus den Samen eines im Aussehen dem Lor-
beer ähnlichen Baumes (Calophyllum ino-
phyllum) gewonnen wird. Der Baum, der auch
das ostindische Takamahak liefert, kommt
besonders häufig an der Westküste von Tra-
vancore vor und wird von den Engländern
Alexandrian laurel, von den Hindus Sultan
champa und von den Malayen Punnai ge-
nannt. Die Frucht ist im frischen Zustande
grünlichgelb, trocken braun bis schwarz und
enthält zwei dicht zusammenhängende, halb-
kugelige Samenlappen mit etwa 68 o/0 eines
fetten Öles, das zum Brennen in Lampen und
zur Darstellung von Seife Verwendung findet-
        <pb n="247" />
        ﻿Lauths’ Violett

241

Lebertran

Das grünlichgelbe Öl schmeckt aromatisch
bitter, erstarrt bei i6° C und hat ein spez. Gew.
von 0,930. Bei der Elaidinprobe wird es nach
2t/2 Stunden fest und erscheint nach 24 Stunden
als butterähnliche, zitronengelbe Masse. — Den
Namen Laurel oder Thihue führt auch ein in
Chile heimischer Baum (Laurelia aromatica
seu Pavonia sempervirens), dessen Blätter,
■ebenso wie die nach Muskat riechenden Nüsse,
als Küchengewürz Verwendung finden. Die me-
dizinisch benutzte Rinde ist außen weißgrau,
gewöhnlich mit Flechten bedeckt, innen hin-
gegen graubraun und besitzt einen an Sassafras
erinnernden, aromatischen Geruch und Ge-
schmack.

Lauths’ Violett (Thionin), ein seit 1876 im
Handel vorkommender Thiazinfarbstoff, wird
durch Oxydation von Paraphenylendiamin mit
Eisenchlorid in saurer schwefelwasserstoffhal-
tiger Lösung dargestellt und besteht aus der
Chlorwasserstoffverbindung des Imidamidothio-
diphenylimids. Seine Zusammensetzung ent-
spricht der Formel NH .CcH4(NS)C6H4. NH2.
Das schwarzgrüne, metallisch glänzende Pulver
ist in kochendem Wasser mit violetter Farbe
löslich. Konzentrierte Schwefelsäure gibt eine
gelbgrüne Lösung, die beim Verdünnen mit
Wasser erst blau, dann violett wird. In der
Praxis wird der Farbstoff nicht mehr benutzt.

Lava nennt man alle Gesteinsmassen, die in
feurigflüssiger Beschaffenheit von Vulkanen
ausgestoßen und dann erstarrt sind. Je nach
der Art ihrer Entstehung zeigen sie wechselnde
Zusammensetzung und Eigenschaften. Neben
sehr kieselsäurereichen (sauren) finden sich
stärker basische, neben sehr dichten und harten
blasige und weiche Laven. Die widerstands-
fähigeren eignen sich gut zu Bau- und Pflaster-
steinen, zu Mühlsteinen, Trögen und anderen
Steinhauerarbeiten, während die politurfähigen,
schön gefärbten Stücke, vielfach zu kleinen Ge-
brauchsgegenständen und Schmuckwaren, wie
Vasen, Dosen, Tischplatten, Siegelsteinen ver-
arbeitet werden. Die sog. Lavagasbrenner
sind nicht aus L., sondern aus Speckstein her-
gestellt.

LavendelblUten (Lavendel, lat. Flores lavan-
dulae, frz. Fleurs de lavande, engl. Lavender
flowers) sind die vor dem völligen Aufblühen
gesammelten und getrockneten Blüten von La-
vandula officinalis (vera oder spica), einer
im wärmeren Europa heimischen Labiale, die im
südlichen Frankreich und in England in großen
Mengen angebaut wird. Da die Blüten beim
Trocknen sehr zusammenschrumpfen und ihre
schöne Farbe verlieren, so zeigt die scheinbar
nur aus den Kelchen und Blütenstielen be-
stehende Droge ein gräulichblaues Aussehen.
Wegen ihres durch das ätherische Lavendelöl
(s. d.) bedingten stark und angenehm aromati-
schen Geruchs finden die L. für den Haus-
gebrauch teils als wohlriechendes, teils als
stärkendes oder linderndes Mittel in Form von
Waschungen, Bähungen, Bädern, oder trocken
111 Kräuterkissen ausgedehnte Verwendung.

Lavendelöl (lat. Oleum lavandulae, frz. Es-
sence de lavande, engl. Oil of lavender), das
ätherische Öl des Lavendels, wird durch
Wasserdampfdestillation der frischen Lavendel-

Mercks Warenlexikon.

blüten gewonnen. Die Hauptmenge, des L.
kommt aus Südfrankreich. Das französische Öl
ist eine farblose oder schwach gelbe bis grün-
lichgelbe Flüssigkeit vom Geruch und Ge-
schmack der Blüten, Das spez. Gew. liegt bei
0,882—0,896, die Drehung beträgt —;3 bis ■—90.
Es enthält als wichtigsten Bestandteil Linalyl-
azetat (30—40 o/0 und darüber), daneben
Linalool, Geraniol, Nerol, Borneol,
Valeraldehyd, Amylalkohol, Äthylamyl-
keton, Furfurol, Kumarin, Karyophyilen
sowie Spuren Pinen und Zineol. Der Wert
des Öls geht im allgemeinen Hand in Hand
mit dem Gehalt an Linalylazetat. L. findet zu
Parfümeriezwecken und, als Auflösungsmittel
für feine Firnisse zum Aufträgen von Einbrenn-
farbcn (Glanzgold) für Porzellan vielfache An-
wendung. Das besonders in England sehr
geschätzte englische oder Mitcham-Lavendelöl
unterscheidet sich vom französischen durch den
zineolartigen Nebengeruch und den niedrigen
Linalylazetatgehalt, der nur 5—io»/o beträgt;
von Bestandteilen wurden darin noch Limonen,
Linalool und Zineol nachgewiesen. Es hat ein
spez. Gew. von 0,881—0,904 und eine Drehung
von —1 bis —io°. — Eine geringwertige Sorte,
das S pik öl (lat. Oleum spicae, frz. Essence
d’aspic, engl. Oil of spike) von Lavandula
latifolia, welches einen kampferartigen Neben-
geruch besitzt und als billiger Ersatz für L.
dient, enthält Rechts-Kamphen, Zineol,
L inks-L inalool, Rechts-Kampfer und
Rechts-Borneol. Es dreht gewöhnlich rechts
(bis —|— 7°), nur ganz ausnahmsweise links (bis.
;—2°) und hat ein spez. Gew. von 0,905—0,918.
Spiköl wurde früher fast ausschließlich in Süd-
frankreich gewonnen, neuerdings kommen aber
auch bedeutende Mengen aus Spanien, wo es
fälschlicherweise auch den Namen spanisches
Lavendelöl führt. Bei letzterem liegt das spez.
Gew. zwischen 0,904 und 0,922, die Drehung
zwischen —5 und —(— 160.

Laxan, Laxanin, Laxatol, Laxen, Laxin sind
Bezeichnungen für verschiedene Abführmittel,
die als wirksamen Bestandteil Phenolphtalein
enthalten.

Lebertran (lat. Oleum jecoris aselli, Oleum
morrhuae, frz. Huile de foie de morue, engl.
Cod-liver-oil) nennt man alle diejenigen feine-
ren Transorten, die aus den Lebern ver-
schiedener Schellfischarten, wie Gadus
morrhua (Kabeljau), Gadus callarias
(Dorsch), Gadus aeglefinus (Schellfisch)
usw. bereitet und namentlich zu medizinischen
Zwecken benutzt werden. Die Gewinnung des
L. wird in großem Maßstabe auf den Lofoten,
in Bergen, in Norwegen sowie in Neufundland
und Newhaven in Schottland betrieben. Vom
norwegischen L., der für Deutschland hauptsäch-
lich in Betracht kommt, unterscheidet man nach
der Bereitungsweise zwei Arten, den Bauern-
tran oder Privatindustrietran, auch natu-
rcllerTran genannt, und denFabrik trän oder
Dampftran. Ersterer wurde ursprünglich allein
medizinisch benutzt, während jetzt zu medizi-
nischen Zwecken fast nur noch der Dampftran
verwendet wird. Die Gewinnung des Bauern-
trans geschieht derart, daß die ungereinigten
Lebern mit den Gallenblasen in Fässer gebracht

l6
        <pb n="248" />
        ﻿Lebertran

242

Leder

-werden, und nach längerer Zeit das freiwillig
ausfließende Fett abgezapft wird. Dieses bildet
die beste Sorte des naturellen L., den blanken
oder gelben L. (Oleum jecoris aselli flavum s.
citrinum). Die später nach Eintritt einer fau-
ligen Gärung austretenden Anteile sehen dunk-
ler aus und werden als braun blanker oder
gelbbrauner L. (Oleum jecoris fuscum) be-
zeichnet. Durch Auskochen der Rückstände mit
Wasser erhält man dann eine dritte Sorte L.
von dunkelbrauner Farbe. Der aus frischen
Lebern gewonnene Fabrik- oder Dampftran
schmeckt und riecht besser als der Bauerntran.
Die unmittelbar nach dem Fange aus den
Fischen genommenen Lebern werden gewaschen,
von der Gallenblase befreit, zerkleinert und
darauf in doppelwandige, durch Wasserdampf
erhitzte Kessel gebracht. Der ausfließende Tran,
der am vorzüglichsten ist, wenn die Erwärmung
500 nicht überschreitet, sieht blaßgelb aus und
wird weißer L. (Oleum jecoris aselli album
vapore paratum) genannt. Durch stufenweises
höheres Erhitzen und Abpressen erhält man
noch mehrere dunkler gefärbte Sorten. — Der
reine Medizinallebertran stellt ein eigentümlich
riechendes und schmeckendes, hellgelbes Öl
vom spez. Gew. 0,920—0,930 dar. Die Ver-
seifungszahl schwankt zwischen 183 bis 186, die
Jodzahl zwischen 148 und 180, die Refraktion
(25 °) zwischen 75 und 85. Der L. gehört zu
den trocknenden Ölen. Unmittelbar nach der
Darstellung ist er von neutraler Beschaffenheit,
enthält aber nach längerer Zeit kleinere oder
größere Mengen freier Fettsäuren. Die Säure-
zahl beträgt bei Dampfmedizinal-L. 0,7—1,4, bei
hellem natürlichen Medizinal-L. 8,2—12,6, bei
blankem L. 11,9—15,9 und bei braunblankem
19,2—36,8. Guter L. darf mit Weingeist be-
feuchtetes blaues Lackmuspapier jedenfalls nur
schwach röten. Ferner soll er vollständig klar
und durchsichtig sein und nur einen sehr
schwachen Fischgeruch besitzen. Der L. be-
steht in der Hauptsache aus Glyzeriden der
Ölsäure (70 0/0) und der Palmitinsäure (250/0),
neben denen geringe Mengen Stearinsäure und
Glyzeride niederer Fettsäuren vorhanden sind.
Ferner finden sich in dem L. 0,5—1,3% Cho-
lesterin, 0,003 °/o Jod, weiter Brom, Chlor,
Schwefel, Eisen in organischer Bindung, meh-
rere flüchtige Basen, wie Trimethylamin, Amyl-
amin, zwei fürL. charakteristische Basen Asellin
und Morrhuin und endlich mehrere Säuren,
Asellinsäure, Morrhuinsäure, Jekolein-
säure. — Der wichtigste Stapelplatz für die
deutsche Versorgung ist Bergen in Norwegen.
Zu einem Hektoliter L. 'gehören in guten Jah-
ren 250—400 Lebern, in schlechten aber bis
1000 Stück. Der zu den besten Medizinaltranen
zählende Dampflebertran von H. Meyer in
Christiania kommt in plombierten Blechtrommeln
mit hölzernen Überfässern oder in kleinen
Flaschen in den Handel, ebenso der blanko
Bauerntran von de Jongh. Andere Sorten, wie
der Neufundländer, Labrador- und Japanische L,
haben für Europa nur geringe Bedeutung. Auch
ein bisweilen ebenfalls als „weißer L.“ in den
Handel gebrachter L., der durch Behandlung
mit Knochenkohle und einigen Prozent Natron-
lauge entfärbt worden ist, spielt nur eine

untergeordnete Rolle. Die zum medizinischen
Gebrauch dienenden Lebertransorten werden
häufig durch andere Tranarten (Robben-
tran, Haifischtran), Rüböl, Vaselinöl usw.
verfälscht. Ein Zusatz von Rüböl offenbart
sich durch die Elaidinprobe, ein solcher von
Vaselin durch die Erniedrigung der Ven-
seifungszahl. Auch gewährt die Kälteprobe ein
brauchbares Urteil, indem reiner L. bei —2°
noch klar bleibt, während andere Trane und
Öle feste Ausscheidungen liefern. Von weiteren
Identitätsreaktionen seien folgende angeführt;
Pettenköfers Schwefelsäureprobe. Läßt
man zu 1—2 g L. in einem weißen Schälchen
einige Tropfen konzentrierter Schwefelsäure
langsam hinzufließen, so entsteht an der Be-
rührungsstelle eine braunrote, mit violetter Zone
umgebene Färbung, die beim Mischen in Rot-
braun umschlägt. Kremeis Salpetersäure-
probe. Verreibt man 10 Tropfen L. auf einem
Uhrglase mit 1—2 Tropfen rauchender Salpeter-
säure, so wird Dorschlebertran feurigrosa, nach
einigen Minuten zitronengelb, Haifischtran und
japanischer Tran färben sich blau, dann braun
und erst nach 2—3 Stunden gelb, Robbentran
nimmt nach längerer Zeit eine braune Farbe
an. Liebermanns Cholesterinreaktion nach
Vogt. Die abgekühlte Mischung von 20 Tropfen
Chloroform, 40 Tropfen Essigsäureanhydrid und
3 Tropfen Schwefelsäure gibt beim Schütteln
mit 3 Tropfen L. eine intensiv blaue Färbung,
die rasch verschwindet und nach 20—40 Sekun-
den in Olivgrün übergeht. Specktrane liefern
andere, meist rotbraune Färbungen. Weitere
Reaktionen werden mit dem Unverseifbaren
angestellt. Von quantitativen Methoden zum
Nachweis der Specktrane sind die Bestimmung
der Hexabromide (35—500/0) und der stark
ungesättigten Fettsäuren nach Bull die wich-
tigsten. Zusätze pflanzlicher Öle erkennt man
an ihrem Phytosteringehalte. Der weiße L.
wird in der Medizin als Nähr- und Heilmittel
angewandt. DerHeilwert beruht jedoch nicht auf
seinem Gehalt an Jod, wie früher angenommen
wurde, sondern auf seiner anerkannt leichten
Verdaulichkeit. Infolge des Widerwillens vieler
Kranker gegen das Einnehmen wird L. neuerdings
oft als Emulsion verordnet, und zwar früher fast
allgemein die unter dem Namen Scotts Emul-
sion eingeführte Lebertran-Emulsion, doch
stellen auch viele deutsche Fabriken gute
gleichwertige Erzeugnisse her. — Die braunen
Lebertransorten werden zur Bereitung von
Schmierseife, als Stiefelschmiere und in der
Sämischgerberei benutzt. Die Aufbewahrung
erfolgt in nicht zu großen, aber vollständig ge-
füllten Gefäßen an einem kühlen Ort. In Origi-
nalfässern bezogener L. muß erst einige Wochen
lagern, ehe er abgezogen wird. Zur Versen-
dung gelangt der L. in Fässern, Blechtonnen
und in Flaschen.

Leder (frz. Cuir, engl. Leather). Diesen Namen
führen die durch das Gerben in ihren Eigen-
schaften vorteilhaft veränderten und haltbar
gemachten tierischen Häute. Die letz-
teren sind bekanntlich im frischen, noch feuch-
te;! Zustande weich und geschmeidig, neh-
men aber beim Austrocknen eine harte, horn-
artige, wenig biegsame Beschaffenheit an, wäh-
        <pb n="249" />
        ﻿Leder

243

Leder

rend sie, feucht gehalten, bald in Fäulnis über-
gehen. Durch das Gerben erlangt jedoch die
tierische Haut Eigenschaften, die sie zu den
verschiedenstenZwecken verwenden läßt, große
Festigkeit neben Biegsamkeit, Geschmeidigkeit
und Elastizität und vor allem bedeutende Dauer-
haftigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen den
Einfluß der Feuchtigkeit. Je nach dem Ver-
fahren, das man beim Gerben anwendet, unter-
scheidet man verschiedene Ledersorten, die ge-
wöhnlich in drei Gruppen: lohgares, weiß-
gares (oder alaungares) und sämischgares
L. eingeteilt werden. Hieran reihen sich noch die
neuerdings in Aufnahme gekommenen metall-
garen L., wie chromgares, eisengares und auf
andere Weise erhaltenes L. Trotz der Ver-
schiedenheit der bei diesen Gerbprozessen in
Anwendung kommenden Stoffe und Verfahren
beruht die Erzeugung aller Ledersorten nach
den Untersuchungen von Knapp doch im we-
sentlichen nur auf physikalischen Gesetzen, denn
nach Knapp ist L. nichts anderes als Haut,
innerhalb welcher man durch irgend ein Mittel
das Zusammenkleben der Fasern beim Trock-
nen verhindert hat. Man erreicht dies durch die
Einwirkung der zum Gerben dienenden Stoffe
auf die das Bindegewebe bildenden Fasern der
inneren Hautschicht (des Coriums), wobei diese
Stoffe sich auf den Fasern des Bindegewebes,
niederschlagen, sie einhüllen und so das Zu-
sammenkleben beim Trocknen verhüten. — Dem
eigentlichen Gerbprozesse müssen einige vor-
bereitende Arbeiten vorangehen, die zunächst
in einem Einweichen oder Wässern der
Häute und dann in der Bloßlegung der eigent-
lichen, allein zur Lederbereitung geeigneten
Lederhaut (Corium) bestehen. Durch sie soll
sowohl das auf der inneren oder Fleischseite
der Häute befindliche Unterhautzeilengewebe
(die Fetthaut) als auch die Epidermis oder
Oberhaut mit den Haaren entfernt werden. Die
dann zum Vorschein kommende, kleine Ver-
tiefungen zeigende obere Seite der Haut heißt
die Narbenseite. Die Reinigung der Fleisch-
seite geschieht mittels des Schabeisens auf dem
Schabebaum, wodurch außer dem Unterzell-
gewebe auch noch anhängende Fleischteilchen,
Nerven, Blutgefäße usw. entfernt werden. Hierauf
folgt die Entfernung der Haare auf der anderen
Seite (das Abhaaren oder Enthaaren), die
aber nicht durch einfaches Abschaben gelingt.
Hie Haare sitzen zwar nicht in der inneren
Schicht der Haut, dem Corium, sondern in der
äußeren Epidermoidalschicht, sind aber in Ver-
tiefungen oder Einstülpungen dieser letzteren
Haut befestigt, die tief in das Corium hinab-
re'chen. Wollte man also die Haare einfach
glatt abrasieren, so würden die Haarwurzeln
"hit den unteren Teilen sitzen bleiben und da-
durch den Wert des Leders verringern. Es ist
daher unbedingt nötig, die ganze Oberhaut
(Epidermoidalschicht) mit den Haaren zu ent-
fernen, Das Abhaaren erfolgt entweder durch
das Schwitzen oder durch das Kalken, oder
endlich durch Anwendung ätzender Enthaa-
rungsmittel (Rhusma). Das in Deutschland
re* der Sohllederbereitung hauptsächlich ge-
ruchliche Schwitzen besteht darin, daß man
d'e Häute in Kufen einsalzt oder in Kammern

aufgehängt der Einwirkung von kaltem oder
warmem Wasser (Dampf) aussetzt. Nach dem
hierdurch eingeleiteten oberflächlichen Fäulnis-
prozeß, durch welchen die Oberhaut aufge-
lockert wird, kann sie samt den Haaren durch
das Schabeisen auf dem Schabebock entfernt
werden (Abpälen). Das Kalken (Äschern)
wird besonders bei dünneren Häuten angewandt,
indem man die Häute einige Tage lang in
schwache Kalkmilch legt und hierdurch nament-
lich auch vorhandenes Fett verseift. Dickere
Häute müssen drei bis vier Wochen in den
Kalkgruben liegen, ehe sie in die Lohe ge-
bracht werden, doch ist diese Behandlung bei
ihnen weniger gebräuchlich, weil der Kalk sich
nur schwierig wieder entfernen läßt und auch
das L. etwas spröde und hart macht. Das Ab-
schaben (Abpälen) der Oberhaut geschieht nach
dem Kalken ebenso wie nach dem Schwitzen.
Die dritte Art der Abhaarung durch Anwen-
dung ätzender Enthaarungsmittel verwendet man
gewöhnlich nur bei den Fellen kleinerer Tiere,
die weder das Schwitzen noch das Kalken ver-
tragen. Als Enthaarungsmittel dienen hierbei
entweder Operment (ein arsenige Säure ent-
haltendes Schwefelarsen) mit Kalk, oder Kal-
ziumsulfhydrat. Anstatt des letzteren gebraucht
man häufig auch den Gaskalk (d. h. den Kalk,
der zum Reinigen des Leuchtgases gedient hat),
und zwar selbst bei größeren Fellen. Die Häute
oder Felle werden mit einem der genannten
Stoffe überstrichen, worauf die Haare nach
kurzer Zeit so weit erweichen, daß sie sich
leicht mit einem Schabemesser entfernen lassen.
Die nun folgende Behandlung, das Schwellen
oder Treiben, hat den Zweck, das Faser-
gewebe der Lederhautschicht aufzulockern, da-
mit das Gerbmaterial in dieselbe eindringen
kann sowie auch etwa vorhandenen Kalk zu
entfernen. Man erreicht dies durch Einlegen
der Häute in die Schwellbeize, eine in saure
Gärung übergegangene Mischung von Wasser
mit Weizenkleie oder Gerstenschrot. Hierbei
werden Gase entwickelt, welche die Häute bei
ihrem Entweichen auflockern, ferner Milchsäure,
Propionsäure, Buttersäure und Valeriansäure,
welche in die Häute eindringen und die dort
abgelagerten und in kohlensauren Kalk um-
gewandelten Kalkteilchen auflösen. In ähnlicher
Weise wie die Kleienbeize wirken Honig- und
Zuckerbeizen, denen man zur Entfernung der
Hauptmenge des Kalkes vielfach eine Behand-
lung mit Säuren oder sauren Gerbbrühen vor-
ausgehen läßt. In manchen Gegenden werden
für gewisse Lederarten auch Exkremente von
Hunden und Tauben zum Schwellen verwendet
(Bakterieneinwirkung). Hingegen ist für dünnere
Häute, wie z. B. Kalbfelle, ein Schwellen nicht
erforderlich. Die soweit vorbereiteten Häute,
nun Blößen genannt, werden hierauf der
eigentlichen Gerbung unterworfen, welche je
nach der zu erzielenden Ledersorte in verschie-
dener Weise erfolgt. Die Lohgerberei oder
Rotgerberei, hauptsächlich für Rinds-, Büffel-
und Roßhäute sowie Kalb- und Schaffelle, be-
steht darin, daß man die Häute mit pflanz-
lichen Gerbmaterialien behandelt, deren Gerb-
säure sich an die Fasern des Coriums anlagert.
Als Gerb material benutzte man früher am
        <pb n="250" />
        ﻿Leder

244

Leder

häufigsten Eichenrinde (Lohe) und nächst dieser
Fichtenrinde, während heutzutage vielfach die
ausländischen Gerbmaterialien (s. d.): Gambir,
Algarobilla, Knoppern, Valonen, Myrobalanen,
Hemlockrinde und Quebracho, Dividivi u, a.
bevorzugt werden. Das sorgfältig zerkleinerte
Gerbmaterial wird entweder direkt mit den
Häuten zusammengebracht, wie z. B. bei der
Bereitung von Sohlleder, oder man legt die
Häute in einen aus dem Gerbmateriale berei-
teten wäßrigen Auszug (Gerben in Lohbrühe).
Bei dem ersteren Verfahren werden die Häute,
die Fleischseite nach unten, in mit Zement aus-
gekleideten gemauerten Gruben oder in den
Boden versenkten wasserdichten Eichenholz-
kasten (Versetzgruben, Lohgruben) abwech-
selnd mit Lohe übereinandergeschichtet (Ein-
setzen in Gruben) und darauf, mit Wasser
bedeckt, acht bis zehn Wochen sich selbst
überlassen. Auf diesen „ersten Satz“ folgt der
3—4 Monate dauernde zweite Satz, bei dem
die Häute mit der Narbenseite nach unten
in einer anderen Grube mit frischer Lohe zu-
sammengebracht werden, und zwar so, daß die-
jenigen, welche zuerst oben gelegen haben,
nunmehr zu unterst kommen. Ein vier bis fünf
Monate dauernder dritter Satz wird mit weni-
ger Lohe gemacht. Bei sehr starken Häuten
genügt aber auch dies noch nicht, vielmehr
muß hier dieselbe Behandlung noch ein- bis
zweimal wiederholt werden. Die Gerbung des
L. ist vollendet, wenn beim Durchschneiden die
Schnittfläche kaffeebraun aussieht, und wenn in
der Mitte derselben kein weißer durchscheinen-
der Streifen mehr bemerkbar ist. Die zur voll-
ständigen Durchgerbung nötige Menge von
Lohe wird auf das vier- bis sechsfache Gewicht
der trocknen Haut angegeben, die Haut selbst
gewinnt bei ihrer Umwandlung in L. etwa ein
Drittel des Gewichts. Bei dem Gerben mit Loh-
brühe wendet man zuerst nur eine sehr
schwache Lösung an, damit nicht durch ober-
flächliche Durchgerbung das Eindringen des
Gerbstoffes in das Innere erschwert wird. Erst
nach und nach bringt man die Häute in stär-
kere und zuletzt in ganz konzentrierte Loh-
brühe, in der sie durch besondere Vorrich-
tungen (rotierende Trommeln und Fässer) in
Bewegung gehalten werden. Man nennt dieses
Verfahren auch Schnellgerberei, da hierzu
nur sieben bis acht, und selbst bei schwereren
Häuten nicht mehr als elf bis dreizehn Wochen
nötig sind. Eine weitere Beschleunigung, aller-
dings auf Kosten der Güte, hat man noch da-
durch zu erreichen gesucht, daß man das Ein-
dringen der Lohbrühe mittels Druckes oder auch
mit Hilfe des luftleeren Raumes bewerkstelligte.
Alle lohgaren L. haben stets eine mehr oder
weniger gelbbraune bis rötlichbraune Farbe, das
Hemlockleder sieht sogar mehr rot als braun
aus. Weiße L. erhält man nach dem Verfahren
der Weißgerberei, bei dem man die zuge-
richteten Blößen mehrere Male durch eine lau-
warme Alaunbriihe zieht, sie dann einen Tag
lang zusammengefaltet liegen läßt und schließ-
lich zum Trocknen aufhängt. Die Alaunbrühe
wird durch Auflösen von Alaun und Kochsalz in
Wasser dargestellt und enthält dementsprechend
Chloraluminium. An Stelle des Alauns kann man

auch schwefelsaure oder .essigsaure Tönerde
benutzen und in letzterem Falle das Kochsalz
fortlassen. Bei Herstellung der besseren Sorten
weißgaren Leders setzt man dem Kochsalzalaun-
bade Weizenmehl und Eigelb zu (Gerben in
der Nahrung) und läßt die Häute in dieser
Mischling einen Tag lang liegen. Sie erhalten
hierdurch nach dem Trocknen einen höheren
Grad von Geschmeidigkeit. Weißgar gegerbt
werden zumeist Rindshäute für Sattlerzwecke,
Schaffelle zu Schuhfutter und Häute für Glace-
handschuhe. Gerade für letztere benutzt man
neben Alaun auch Eidotter. Die dritte Art der
Gerberei, die Sämischgerberei, wird haupt-
sächlich zur Herstellung von sogenanntem Wild-
leder in Anwendung gebracht, zu welchem be-
sonders Hirsch-, Reh-, Renntier- und Elen-, bis-
weilen auch Schaf- und Ziegenfelle verarbeitet
werden. Da solches L. im Wasser seine Ger-
bung und seine Eigentümlichkeiten nicht ver-
liert, nennt man es auch Waschleder. Die
zugerichteten Blößen werden zunächst gewalkt,
gut ausgewunden und mit Tran oder einem
anderen Fette eingerieben, darauf zusammen-
gerollt und abermals gewalkt. Dieses Einfetten
und Walken wird so oft wiederholt, bis die
Felle die nötige Menge von Fett und Öl auf-
genommen haben. Schließlich unterwirft man
sie noch einer Art Gärung und entfernt das
oberflächlich anhängende, durch die Gärung
teilweise veränderte Fett mittels einer Pott-
aschelösung. Bei der Zurichtung der dickeren
Felle für die Sämischgerberei wird die Narbe
meistens mit abgestoßen, so daß der Unter-
schied zwischen Narben- und Fleischseite weg-
fällt. Derartiges L. erlangt demzufolge eine
wollige Beschaffenheit und große Weichheit.
Die beschriebenen Gerbverfahren kommen in
zahlreichen verschiedenen Abänderungen zur
Anwendung, wodurch besondere Sorten von L.
entstehen, wie z. B. Saffian, Juchten, unga-
risches Weißleder usw. Von dem metallgaren
L. scheint sich am meisten das Chromleder
eingebürgert zu haben, welches vollständig
wasserfest, sehr geschmeidig, dauerhaft und
billiger als lohgares L. ist. Man erhält es ent-
weder nach dem Einbad verfahren mit Hilfe
einer basischen Chromoxydsalzlösung (Chrom-
alaun und Soda oder Kaliumdichromat und
Schwefelsäure mit einem Reduktionsmittel) oder
nach dem Zweibadverfahren, bei dem die
Häute zunächst in ein Bad von Kaliumdichro-
mat und Schwfefelsäure und darauf in eine
Lösung von Natriumthiosulfat und Salzsäure
kommen. Von neuen Methoden sei noch die
Formaldehydgerbung und die Behandlung
mit einer Lösung von sulfiertem Naphtolpech
erwähnt. — Bevor das fertig gegerbte L. io
den Handel gebracht wird, muß es je nach
dem Zweck, zu dem es bestimmt ist, noch ver-
schiedenartig zugerichtet werden. — Sohlleder
wird meist in Bürden von fünf oder sechs
Häuten gepackt und so von den bedeutendsten
Erzeugungsplätzen Malmedy, Trier, Luxemburg;
Siegen, Eschwege, Berlin und Hannover in de11
Handel gebracht. Doch wird es auch von ver-
schiedenen Herstellern zunächst geklopft odef
gewalzt und dann in Rollen gepackt. Das eben-
falls zu Sohlen verarbeitete, glatt gestoßen«
        <pb n="251" />
        ﻿Leder

245

Legierungen

Vdcheleder wird hauptsächlich in Frankreich
und Belgien, am Rhein und in Thüringen er-
zeugt und kommt in Rollen zu fünf bis acht
Häuten zum Verkauf. — In der Erzeugung von
schwarzem und braunem Blankleder, welches
die Sattler verwenden, haben Mülheim a. R.,
Pößneck in Thüringen und Weißenfels beson-
deren Ruf; Mülheim auch in Wagenver-
deckledern. Zur Herstellung dieser Leder-
sorten werden die Häute gespalten, so daß aus
einer Haut zwei werden. Der Narbenteil, der
schwächer, biegsamer und größer ist, dient zur
Verdeckhaut, der Unterspalt hingegen meist zu
Brandrohleder und ähnlichen Zwecken. Auch
Fahlleder, welche das beste Material für
Arbeiterstiefeloberleder bilden und in
Thüringen, Bayern und Sachsen erzeugt werden,
spaltet man bisweilen. Alle diese Sorten, mit
Ausnahme der Sohlleder, welche vorzugsweise
von Wildhäuten gefertigt werden, stammen von
gewöhnlichem Stallvieh, Kühen, Ochsen und
Büffeln. Von größter Bedeutung für die Ge-
winnung von Oberleder ist die ostindische Kips-
haut, die in großen Mengen in ganz Deutsch-
land, am meisten in Thüringen und Sachsen,
England, Italien und Spanien gegerbt wird, und
im allgemeinen schwächer als die Rindshaut,
hingegen stärker als das Kalbfell ist. In der
Herstellung von braunem Kalbleder zeichnet
sich Frankreich aus, in Deutschland das Elsaß,
die Rheinprovinz und namentlich Gera. Lack-
leder, Wichsleder sowie überhaupt die fei-
neren Kalbleder werden besonders am Rhein,
namentlich in Worms und Mainz, hergestellt.
Schafleder werden in großen Mengen in
Kirchhain in der Niederlausitz und Umgegend
gefertigt, und zwar teils in Alaun, teils in Lohe
gegerbt als gewöhnliches Schuhfutterleder;
Saffiane, d. h. gefärbte und besonders zube-
reitete Ziegen- und Schafleder in Mainz
und anderen rheinischen Städten; sog. Bock-
leder, wozu das Material gegerbt aus Madras
und Bombay kommt, in Kirn an der Nahe und
Wien. — Roßleder, das in früherer Zeit fast
ausschließlich zu Wagenverdecken oder zu ge-
ringeren Sattlerarbeiten verwendet wurde und
keinen hohen Wert hatte, findet seit einigen
Jahrzehnten eine erheblich bessere Verwendung
zu Oberleder, und zwar das Schild (d. i. das-
jenige Stück, welches einen sogenannten Spie-
gel hat) zu Stiefelvorderteilen, der Rest zu
Hinterteilen und Schuhleder. Zu erwähnen ist
ferner noch das aus Mexiko und Mittelamerika
stammende Alligatorleder von bräunlichgelber
Farbe mit vertiefter Musterung, welches zu
feinen Lederarbeiten verarbeitet wird, und das
Känguru bieder aus Australien, das, dünn und
geschmeidig, dem Regen besser widersteht und
•'lebt so leicht bricht als Kalbleder. Auch aus
der Haut des Katzenhais (s. Fischhaut) macht
'han ein weiches und sehr geschmeidiges hell-
graues L. — Beim Einkauf von L. hat man sich
hüten, daß man nicht beschwertes L. er-
kält, welches vor der Fettung mit einer Lösung
v°n Bittersalz oder von Chlorbarium imprä-
gniert worden ist. Die deutsche Ledererzeugung
katte es im Jahre 1908 auf eine Ausfuhr von
ast 169 Millionen M. gebracht, ist aber hin-

sichtlich der erforderlichen Häute stark vom
Ausland abhängig.

Lederersatzmittel (Kunstleder) sind Kunst-
erzeugnisse, die wenigstens in gewissen Fäll, n
Ersatz für das Leder bieten und, was die
Widerstandsfähigkeit gegen das Wasser und
die Witterung anlangt, dieses zum Teil noch
übertreffen. Sie bestehen meist aus mit Kaut-
schuk, Guttapercha, Leinölfirnis, Asphalt und
anderen Stoffen imprägnierten Geweben, denen
man durch gravierte Walzen mittels Aufpressens
einer künstlichen Narbe das Aussehen von Leder
gegeben hat. Hierher gehören z. B. das sog.
Ledertuch oder Krokettledertuch und ver-
schiedene ähnliche, als vegetabilisches Leder
empfohlene Erzeugnisse aus Jute, Baumwolle
oder Leinen, die mit den genannten Stoffen im-
prägniert und überstrichen sind. Auch hat man
schon mehrfach versucht, aus Lederabfällen ein
künstliches Leder wieder herzustellen. Das
neuerdings vielgenannte Pegamoid besteht aus
einer zelluloidähnlichen Masse aus nitrierter
Baumwolle.

Lederholz, die starken, lederartigen Bast-
fasern der Schößlinge von Dirca palustris,
einer zu den Seidelbastgewächsen (Daph-
noideen) gehörigen Pflanze des südlicheren
Nordamerika, sind 1—1,5 m lang und werden
zur Anfertigung von Stricken und Matten ver-
wendet.

Legierungen nennt man alle Verbindungen
zweier oder mehrerer Metalle, für die im ge-
wöhnlichen Leben oft der Ausdruck Kompo-
sition gebraucht wird, während quecksilber-
haltige Legierungen die besondere Bezeichnung
Amalgame führen. Die Darstellung von Le-
gierungen erfolgt in der Regel durch einfaches
ZuSammenschmelzen der Bestandteile, in ein-
zelnen Fällen auch in der Weise, daß man das
eine Metall in Dampfform an das andere treten
läßt. Nach dem letzteren Verfahren, durch wel-
ches jedoch nur eine unvollkommene, oberfläch-
liche L. entsteht, wurde früher viel Messing dar-
gestellt, indem man Zinkdämpfe auf Kupfer ein-
wirken ließ. In gleicher Weise wurde das gif-
tige Weißkupfer dadurch erhalten, daß man
Kupfer den Dämpfen von Arsenik aussetzte. —
Die L. verhalten sich physikalisch ganz wie ein-
fache Metalle, zeigen aber oft Eigenschaften,
die sich aus denen der Einzelmetalle nicht Vor-
hersagen lassen. Dies gilt sowohl hinsichtlich
der Farbe, als der Härte, Dehnbarkeit, Sprö-
digkeit, des spezifischen Gewichts und des
Schmelzpunktes. Insbesondere ist der letztere
häufig niedriger, als die durchschnittliche Be-
rechnung aus den Schmelzpunkten der Einzel-
bestandteile ergibt. Es unterliegt keinem Zwei-
fel, daß auch die Metalle wie die anderen Ele-
mente sich nach festen Verhältnissen mitein-
ander verbinden, und daß zwischen zwei Me-
tallen mehrere solcher Verbindungen in ver-
schiedenen Mengenverhältnissen möglich sind.
Die Praxis aber kann ihre Zusammensetzungen
nur nach Erfahrungsregeln herstellen und wählt
die Bestandteile und ihre Mengen so, daß ein
bestimmter Zweck mit den geringsten Kosten
erreicht wird. Ihre Erzeugnisse sind dem-
nach als Gemische aus wirklichen Legie-
rungen und möglicherweise überschüssigem
        <pb n="252" />
        ﻿Leguminosen

246

Leim

Metall anzusehen. Sie werden nur durch
gutes Rühren gleichmäßig, entmischen sich
aber wieder, wenn den geschmolzenen Massen
durch langes Stehen im flüssigen Zustande
Zeit gelassen wird, sich nach dem Ge-
setze der Schwere zu trennen. Die schwerste
Verbindung wird dann die tiefste Stelle ein-
nehmen, und ein so entstandenes Gußstück in
der Regel zu unterst einen höheren Grad von
Dichte und Härte zeigen als in den oberen
Teilen. Da die für die Praxis hauptsächlich in
Betracht kommenden L. bereits bei den ein-
zelnen Metallen oder unter ihren eigenen Namen
(Argentan, Bronze, Messing) aufgeführt sind,
so genügt es, hier eine allgemeine Übersicht
über die wichtigsten Vertreter zu geben. Es
entstehen aus Kupfer und Zinn: Glocken-
und Kanonenmetall, echte oder antike Bronze.
Kupfer und Zink: Messing, Tombak und son-
stige goldähnliche Mischungen. Kupfer und
Aluminium: Aluminiumbronze. Kupfer, Zinn
und Zink: Hoch- und rotgelbe Statuenbronze,
Mannheimer Gold. Kupfer, Zink undNickel;
Unechtes Blattsilber. Zinn und Blei: Schneilot,
Zinngießermetall, Orgelpfeifenmetall. Zinn und
Antimon: Britanniametall. Blei und Anti-
mon: Schriftgießermetall und Hartblei. Blei
und Arsenik: Jagdschrot. Zink und Silber:
Dopplers Spiegelmetall. Silber und Gold;
Grünes, gelbes und Emailliergold. Zinn, Blei
und Wismut: Leichtflüssige Metallgemische
(Roses, Newtons Metall), namentlich zur Her-
stellung von Zeugdruckformen und zu Matrizen
für die Galvanoplastik. Durch Einführung von
etwas Kadmium läßt sich der Schmelzpunkt
noch stark, bis auf 66° C, herabsetzen, so daß
die Verflüssigung schon in heißem Wasser er-
folgt, während die erkaltete L. immer noch ein
ziemlich festes Metall bildet (Woods Metall). —
Kupfer endlich mit Gold oder Silber ver-
schmolzen gibt diejenigen L., welche anfänglich
allein diesen Namen trugen und sich noch jetzt
in jeder Silber- und Goldmünze und in allen
goldenen und silbernen Gebrauchswaren vor-
finden.

Leguminosen nennt man im Handel die Samen
der Hülsenfrüchte, besonders Bohnen, Erbsen
und Linsen, die wegen ihres hohen Stickstoff-
gehalts die wertvollsten Nahrungsmittel des
Pflanzenreiches darstellen und zu Leguminosen-
mehl, Kaffee-Ersatz und zahlreichen diätetischen
und Nährmitteln verarbeitet werden.

Leim (lat. Gluten, frz. Colle, engl. Glue).
Eine Reihe tierischer Stoffe, wie Knochen,
Knorpel, Häute und Bindegewebe, besitzen die
Eigenschaft, obgleich selbst in kaltem und
heißem Wasser unlöslich, durch anhaltendes
Kochen mit Wasser unter Verlust ihrer Form
in eine klebende Lösung, die beim Erkalten
gallertartig erstarrt, überzugehen, und werden
daher als leimgebende bezeichnet. Die Leim-
siederei verwendet demnach als Ausgangsstoff
die Abfälle von Fleischereien, Gerbereien und
Abdeckereien, wie Hautabschnitzel, Flechsen,
Gedärme, Kalbs- und Hammelfüße, Ohrlappen,
und benutzt auch die Felle von Hasen und
Kaninchen, denen das Haar für die Hutmacherei
abgeschoren ist, ferner havarierte Häute, Ab-
fälle von Pergament, Weiß- und Handschuh-

leder als Leimgut. Nach der chemischen Zu-
sammensetzung unterscheidet man das Kolla-
gen, welches die eigentliche Leimsubstanz, das
Glutin (Haut- oder Knochenleim) liefert, und
das Chondrogen, aus welchem das Chondrin
(Knorpelleim) gewonnen wird. Das letztere
kommt wegen seiner geringeren Bindekraft we-
niger in Betracht. Um eine Fäulnis der leicht
zersetzlichen tierischen Stoffe zu verhindern,
werden sie entweder mit Karbolsäure behandelt,
oder getrocknet oder in Kalkmilch eingelegt.
Das letztere Verfahren hat gleichzeitig den Vor-
teil, daß es das Fett und andere lösliche Stoffe
entfernt, macht aber eine spätere Wässerung
erforderlich, weil der Kalk für die Bildung und
Beschaffenheit des Leims verderblich ist. Aus
dem gleichen Grunde werden Knochen vor ihrer
Verarbeitung meist so lange mit verdünnter Salz-
säure mazeriert, bis nur die organische Sub-
stanz zurückbleibt. Nach erfolgter Wässerung
breitet man die Masse in dünner Schicht aus,
um die noch vorhandenen Kalkspuren in unlös-
lichen köhlensauren Kalk überzuführen, oder
man behandelt sie zur Bleichung auch wohl mit
schwefliger Säure. Zum Versieden des Leim-
gutes bediente man sich früher meist mit Sieb-
boden versehener Kessel auf offenem Feuer, ist
aber jetzt dazu übergegangen, das in geschlosse-
nen Zylindern auf etagenförmigen Sieben an-
gebrachte Leimgut mit Dampf zu extrahieren.
Die unten angesammelte Leimlösung wird in
bestimmten Zeiträumen abgezapft und, vielfach
in Vakuumapparaten, eingedampft. Das zuerst
erhaltene Erzeugnis, welches am kürzesten er-
hitzt worden ist, gibt die hellste und beste
Sorte. Die folgenden zeigen nach und nach
immer dunklere Färbungen und geringere Kleb-
kraft. Die eingedampfte und durch Stehen ge-
klärte Lösung wird dann filtriert, wenn nötig
durch Einleiten von schwefliger Säure noch
etwas gebleicht und in hölzernen oder metalle-
nen Formen dem Gerinnen überlassep. Zum
Zerschneiden der Gallerte bedient man sich ge-
spannter Messingdrähte und bringt die erhal-
tenen Tafeln auf Rahmen mit weitem Draht-
oder Bindfadengeflecht' in die Trockenräume.
Nach dem Trocknen, welches sehr vorsichtig in
einströmender warmer Luft von allmählich stei-
gender Temperatur erfolgen muß, taucht man
die Tafeln zur Erzeugung des Glanzes einen
Augenblick in heißes Wasser und trocknet noch-
mals schnell zu Ende. — Als Nebenerzeug-
nisse gewinnt man Knochenfett, präzipitiertes
Kalziumphosphat und entleimtes Knochenmehl.
— Eine besondere Abart, der Fischleim, wird
in den Donaufürstentümern u. a. O. aus der
Haut, den Blasen und Gedärmen von Knorpel-
fischen durch anhaltendes Kochen mit Wasser
hergestellt und in Form zusammengerollter
dünner Blättchen vom Aussehen der Hausen-
blase in den Handel gebracht. Die Flausenblase
selbst ist kein eigentlicher Leim, sondern die
getrocknete innere Haut der Schwimmblase,
also unverändertes Kollagen. — Die Farbe des
L. wechselt von hellgelb bis dunkelbraun, und
ebenso ist der Grad der Durchsichtigkeit großen
Schwankungen unterworfen. Im allgemeinen
wird heller und klarer L. höher bewertet und
für gewisse Zwecke ausschließlich benutzt. Je'
        <pb n="253" />
        ﻿Leim

247

Leinengarn

doch hängt die Klebkraft keineswegs immer
von diesen Eigenschaften ab, vielmehr ist der
durch Kalziumphosphat fast immer milchig ge-
trübte Knochenleim zum Kleben von Holz vor-
trefflich geeignet. — In kaltem Wasser quillt
L. unter Aufnahme der io—zofachen Menge
seines eigenen Gewichtes an Wasser auf und
wird um so höher geschätzt, je größer diese
Wasseraufnahme in 24 Stunden ist. Weiter ver-
langt man von ihm, daß er glänzend, hart und
spröde und an der Luft trocken sei, beim Biegen
kurz abbreche und einen glasartigen Bruch
gebe. Der Wassergehalt soll 150/0, der Aschen-
gehalt 1—5 o/q nicht übersteigen, da bereits Zu-
sätze von 2—3 0/0 Mineralstoffen die Klebkraft
verringern. In kaltem Wasser darf guter L.
selbst nach 48 Stunden nicht völlig zerflossen
sein, muß aber mit heißem Wasser eine völlig
neutrale Lösung geben. Das zuverlässigste Urteil
über die Güte des L. bietet die Ermittelung der
Klebkraft, indem man unter Innehaltung bestimm-
ter Vorschriften Holzstücke aneinander leimt und
das zum Zerreißen erforderliche Gewicht be-
stimmt. —• In chemischer Hinsicht besteht ge-
wöhnlicher L. der Hauptsache nach aus Glutin,
neben welchem in geringer Menge Peptone,
Farbstoffe und Mineralstoffe zugegen sind. Das
Glutin gehört zu den Albuminoiden und unter-
scheidet sich von den Eiweißkörpern sowie dem
Chondrin dadurch, daß es durch verdünnte Säuren,
auch Essigsäure, leicht gelöst wird und nicht
mit Ferrozyankalium, Alaun, Eisenvitriol und
Bleizucker Niederschläge liefert. Durch Gerb-
säure wird Glutin aus wäßriger Lösung gefällt.
Beim Kochen mit verdünnten Säuren oder
Laugen gibt es zum Unterschiede vom Chon-
drin Glykokoll (Leimzucker). •— Von den
zahlreichen nach Städten gebildeten Flandels-
bezeichnungen (Kölner, Breslauer, Nördlingcr,
Reutlinger, Kahlaer, Mühlhäuser L.) sind die
meisten außer Gebrauch gekommen, mit Aus-
nahme des Kölner L., unter welchem man eine
besonders helle, durchscheinende Sorte versteht,
Russischer L., eine mit weißer Mineralfarbe
{Bleisulfat, Bleiweiß, Zinkweiß, Kreide) ver-
mischte gewöhnliche Leimmasse, welche auch
als weißer L. bezeichnet wird, hat keinerlei
Vorzüge, sondern höchstens verminderte Kleb-
kraft. An Stelle der alten Ursprungsnamen be-
dient man sich neuerdings mehr der Bezeich-
nungen: hell, fein, mittelfein, mittel. — Der L.
findet als allgemeines Klebemittel ausgedehnte
Verwendung. Hellere Sorten dienen zu
Weberschlichte, zur kalten Vergoldung, zu Leim-
farben, in der I-Iutmachcrei zum Appretieren
von Strohhüten, zur Papierleimung, zur Her-
stellung von Heklographenmasse, zum Ausfällen
des Gerbstoffs aus Farbholzabkochungen, dunk-
lere als Tischler- und Buchbinder-L. — Von
besondern L.-Präparaten seien noch folgende
erwähnt: Elastischer Leim für die Schwärz-
tvalzen der Buchdrucker und für Formen der
Galvanoplastik und Gipsgießerei besteht aus
gleichen Teilen L. und Glyzerin. — Flüssiger
L. wird durch Zusatz von Säuren, hauptsächlich
Salpetersäure, Essigsäure, Salzsäure zu konzen-
trierter Leimlösung dargestellt. Besonders be-
währt haben sich folgende Vorschriften: 100 L.,
&lt;00 Wasser, 6—12 rohe Salpetersäure, oder 40 L.,

40 Essig, 10 Spiritus und 5 Alaun. Bei aller
Handlichkeit findet der flüssige L. doch nm
beschränkte Anwendung, weil durch die Säure
die Klebkraft leidet und Farben angegriffen
werden. Die im Handel befindlichen Erzeuge
nisse enthalten übrigens oft gar keinen Leim,
sondern bestehen aus Lösungen von Gummi-
arabikum mit ein paar Prozent Aluminium-
sulfat. — Mundleim, der in Täfelchen zum
Verkauf kommt und nur mit dem Speichel be-
netzt zu werden braucht, entsteht durch Auf-
lösen von 2 Teilen L. oder Gelatine und 1 Teil
Zucker in 3 Teilen Wasser und Eindampfen auf
4 Teile. — Chromleim endlich erhält man
durch Mischen einer konzentrierten Lösung von
1 Teil Kaliumdichromat mit der erwärmten Lö-
sung von 5 Teilen L. in 45 Wasser. Er dient
zum Kitten von Glas, zum Leimen von Perga-
mentpapier und zum Wasserdichtmachen von
Kofferüberzügen, indem er, dem Sonnenlichte
ausgesetzt, mit dem L. eine unlösliche Chrom-
oxydverbindung liefert. Wegen seiner Licht-
cmpfindlichkeit spielt er ebenfalls beim Pigment-
und Lichtdruck und der Photogalvanographie
eine Rolle.

Leinengarn. Der aus der Faser des Flachses
(s. d.) gesponnene Faden wird Flachsgarn,
häufiger Leinengarn genannt, während die
daraus gefertigten Gewebe stets als Leinen be-
zeichnet werden. Das Garn wurde früher ledig-
lich als Handgarn auf dem Spinnrade oder zum
Teil noch mit der Spindel gesponnen und in
Deutschland in solchem Umfange erzeugt, daß
große Mengen als Faden und als Gewebe aus-
geführt werden, konnten. Durch den später ein-
getretenen Wettbewerb der Maschinenspinnerei
haben sich die Verhältnisse aber sehr geändert,
so daß jetzt weit mehr Maschinen- als Hand-
garn erzeugt wird, und die Handspinnerei auf
dem Rade nur noch in gewissen Gegenden bei
sehr armen Familien zu finden ist. Die Ver-
spinnung des Flachses auf Maschinen, welche
erst seit etwa 50 Jahren nach dem Vorbilde
Englands und meist mit englischen Maschinen
Eingang gefunden hat, bietet bei der Länge und
härteren ungekräuselten Beschaffenheit der
Flachsfascr weit mehr Schwierigkeiten als die
Verarbeitung der Baumwolle. Die durch das
Hecheln gereinigten, von kurzen Fasern be-
freiten, verfeinerten und geordneten Risten ge-
langen auf das endlose Zuführtuch der Andege,
um in Bänder von 100—150 cm Breite verwan-
delt zu werden. Diese Bänder werden auf einer
Reihe von Streckwalzen immer mehr ausge-
zogen und abwechselnd wieder dupliert und
gelangen dann auf die Vorspinnmaschine, ein
Streckwerk mit Spindeln, welch letztere der
Lunte durch eine leichte Drehung mehr Zu-
sammenhalt geben. Zum Schluß gibt die Fein-
spinnmaschine dem lockeren Faden den letzten
Auszug und die verlangte Drehung und windet
ihn schließlich auf Holzspulen. Die Feinspinn-
maschinen für Flachs unterscheiden sich in
Trocken- und Naßspinnmaschinen. Die
ersteren liefern einen gröberen, rauhen und
unansehnlichen Faden, der nur zu gröberen
Geweben verwendet werden kann, während die
letzteren einen viel feineren, gleichmäßigeren
und glatten Faden ergeben. Das Werg oder
        <pb n="254" />
        ﻿Leinengarn

248

Leinengewebe

die Hede, d. i. die beim Hecheln ausgekämmte
wirre Fasermasse, unterliegt zunächst einer Be-
arbeitung in Krempeln, und zwar einer Vor-
und Feinkrempel, wie bei der Baumwolle,
welche die Masse entwirren, reinigen, die Fasern
möglichst parallel legen und zu einem Bande
vereinigen. Die Bänder werden dann wie vor-
hin weiter behandelt, liefern aber gröberes, sog.
Towgarn. — Für die Bemessung und Bezeich-
nung der Maschinengarne ist in den meisten
Spinnereien des Kontinents das englische Muster
eingeführt, nach dem die Weife 21/» Yards
(gleich 2,286 m) Umfang hat. 120 Umläufe
machen also 300 Yards oder 1 Gebind, io Ge-
binde 1 Strähne und 20 Strähnen 1 Bündel eng-
lisch. 6 Bündef bei feineren und 3 bei den
gröberen Nummern bilden 1 Paket. Die Zahl
der Gebinde, welche auf 1 engl. Pfund gehen,
ergibt die Garnnummer. Es hält sonach i Pfund
Garn von Nr. 30 einen Faden von 9000 Yards
Länge, Nr. 70 21000 Yards usw. Bei Handgarn
gelten Ellen- und Schocke auch heute noch an
manchen Orten. Es steht zu hoffen, daß der
Krieg die schon lange angestrebte Einführung
des metrischen Systems beschleunigen wird. —
Zwischen Maschinen- und Handgespinst be-
stehen wesentliche Unterschiede. Jede der bei-
den Arten hat ihre besonderen Vorzüge und
Mängel, welche für die Verwendung maßgebend
sind. Das Maschinengarn ist immer gleichmäßig
voll und gerundet, das Handgarn dagegen häu-
fig stellenweise dünner oder dicker, kantig und
nicht frei von Knötchen. Dafür ist es weit glatter
als jenes, das durch hervorstehende feine Här-
chen rauh und wollig erscheint. Aus diesem
Grunde ist das fadengleiche Maschinengarn
überall eingeführt, wo auf diese Eigenschaft
etwas ankommt, wie bei Zwirn, glatten Bän-
dern, Leinen. Die Gewebe daraus entbehren
aber des eigentümlichen Leinenglanzes, erschei-
nen nach der Bleiche rauh und reiben sich beim
Tragen noch wolliger auf. Sie unterliegen daher
auch schneller der Abnutzung, tragen sich weni-
ger angenehm und schmutzen leichter. Wo also
der Leinenglanz, der sog. Spiegel, zur Geltung
kommen soll, wie bei Damast, ist das Hand-
garn nicht zu verdrängen. Es kann sich über-
haupt um so eher gegen die Maschine behaup-
ten, je besser gesponnen wird, denn gutes
Handgarn von gleichem Faden ist stets dem
besten Maschinpngarn vorzuziehen. Man hat
daher auch schon längst in den Spinnereigegen-
den durch Spinnschulen die Geschicklichkeit der
Arbeiterinnen zu heben und sie namentlich auf
die feineren Nummern hinzuführen gesucht. Die
Lage der Spinner ist infolgedessen nicht mehr
so trostlos als zu den Zeiten, in denen die
mechanischen Spinnereien Englands zuerst ihre
Massenware auf den Markt brachten. — Die
Leinengarne werden je nach ihrer Bestimmung,
ob zum Verweben oder zu Zwirn, schon
beim Spinnen verschieden fest gedreht. Das
Kettengarn erhält stärkere Drehung als das
mehr lockere Schußgarn, und auch das zu
Zwirn bestimmte wird weniger fest gesponnen.
Leinenzwirn entsteht durch Zusammendrehen
von 2, 3 oder 4 einzelnen Garnfäden zu einem
Ganzen, und zwar geschieht diese Drehung ent-
gegengesetzt derjenigen, unter vtelcher das Garn

entstand. Je nach der Anzahl der Fäden, die
ihn zusammensetzen, heißt er zwei-, drei- und
vierdrähtig usw. Im übrigen werden die zahl-
reichen Sorten und Nummern gewöhnlich nach
dem Gebrauch, für den sie bestimmt sind, also
als Näh-, Strick-, Spitzen-, Litzenzwirn
benannt , Die Ware kommt teils gebleicht, teils
ungebleicht in den Handel. Der Nähzwirn wird
häufig gefärbt und appretiert, damit er beim
Nähen nicht rauh wird.

Leinengewebe. Die eigentliche Leinwand
(frz. Toile, engl. Linen) besitzt die für glatte
Gewebe charakteristische Bindung. Die Kette
ist in zwei gleiche Abteilungen geordnet, welche
die Fäden 1, 3, 5, bzw. 2, 4, 6 enthalten und
beim Weben abwechselnd nach oben und unten
gezogen werden, so daß nur zwei Tritte am
Webstuhl nötig sind. Nach dem Material unter-
scheidet man Flachsleinwand oder reine
Leinwand, Hanfleinen (nur gröbere Sorten),
Wergleinwand und gemischte Gewebe. Letz-
tere zerfallen wieder in halbflächsene mit
Flachsgarnkette und Schuß von Werkgarn, und
halbbaumwollene, bei welcher Flachs- und
Baumwollgarn Kette und Schuß oder auch
Schuß und Kette bilden. Diese letzteren Gemische
geben stets eine untergeordnete, obwohl häufig:
gut aussehende Ware, die auch wohl irische
Leinwand genannt wird. Das gröbste leiriwänd-
artige Gewebe ist das Segeltuch, meist aus
Hanfgarn, dann folgen Zelt-, Pack- und
Sackleinen. Das zu Leibwäsche bestimmte
Gewebe erscheint in sehr verschiedenen Graden
der Stärke und Feinheit. Zu den stärkeren ge-
hört gewöhnlich die Hausleinwand, zu wel-
cher das Garn in ländlichen Wirtschaften selbst
gesponnen wird. Die fabrikmäßig erzeugte Kauf-
leinwand besteht durchweg aus Maschinen-
garn, da in Fabriken nur selten Handstühle auf-
gestellt sind. Immerhin geschieht das Weben
noch vielfach auf den gewöhnlichen Handweb-
stühlen, da einerseits Handgespinst wegen seiner
Ungleichheit für den Maschinenstuhl gar nicht
in Frage kommt, andererseits Maschinengarn,,
selbst das trocken gesponnene, oft nicht ge-
schmeidig genug und daher leicht dem Umschlin-
gen und Reißen ünterworfen ist, so daß nicht mit
der erforderlichen Raschheit gearbeitet werden
kann. Meist werden die Garne im ungebleichten
Zustande verwebt, nur die schlesische und böh-
mische Weißgarnleinwand (Creas) und das west-
fälische Löwentlinnen bestehen aus gebleichtem
Garn, Die Rohgarne kocht man vor dem Spulen
in Soda- oder Pottaschelauge, wodurch sie ge-
schmeidiger werden. Diejenigen Gewebe von
Rohgarnen, welche ungebleicht bleiben sollen,
sind vom Webstuhl weg fertig und werden nur
in Stückpakete gerollt und gebunden. Alle übri-
gen erhalten Appretur, welche in Bleichen, Stär-
ken, Kalandern und zuweilen auch Glänzen be-
steht. Gebleicht wird entweder durch Rasen-
bleiche oder rascher unter Anwendung von Chlor
(Schnellbleiche). Die Rasenbleiche dient einer
Ware zur Empfehlung, da Chlor, wenn es nicht
sehr behutsam angewandt wird, die Haltbarkeit
der Faser leicht herabmindern kann. Das Blei-
chen bezweckt die Löslichmachung und Ent-
fernung der anhaftenden dunkelfarbigen Stoffe
und besteht in abwechselnder Behandlung durch
        <pb n="255" />
        ﻿Laugenbäder, Einseifen, Walken und Aussetzen
an die Luft, unter Begießung oder zum Teil
auch ohne solche. Die böhmische Naturbleiche
dauert 80 bis 90 Tage, und das Rohleinen ver-
liert dabei 20—30 0/0 seines ursprünglichen Ge-
wichts. Durch konzentriertere und heißere
Laugen, sowie namentlich durch Hinzunehmen
von Chlorbädern läßt sich der Bleichprozeß bis
auf 6 Tage abkürzen. Das Stärken der Leinen-
waren besteht darin, daß ein dünner, mit
weißem Wachs oder Paraffin und etwas Un-
schlitt gekochter, mit Ultramarin angebläuter
Stärkekleister auf dem Gewebe eingetrocknet
wird. LIierdurch wird die Dichte, Schwere
und der Griff des Stoffes künstlich ver-
mehrt. Das Glätten der gestärkten Leinwand
geschieht durch Mangeln oder Kalandern,
entweder so, daß das Zeug auf glatte Rund-
hölzer gewickelt und wie alle Wäsche gerollt
wird, oder so, daß man es einfach oder doppelt
durch eine Reihe von 2, 3 oder mehr geheizten
und stark aufeinandergepreßten Walzen gehen
läßt. Häufig wirken metallene mit Papierwalzen
zusammen, welche eine sehr milde Glättung er-
zeugen; zuwreilen wird der Stoff auch zugleich
auf dem Kalander geglänzt, indem eine glatte
Walze darauf wirkt, welche sich viel i'ascher
dreht, als das Zeug fortschreitet. Die alte Glätt-
maschine, wie sie noch für die sogenannte
Glanzleinwand gebraucht wird, hat als Haupt-
werkzeug ein poliertes rundes Stück von Achat,
Feuerstein oder Glas, das am unteren Ende
einer federnden Stange sitzt und damit auf dem
Zeuge hin und her geführt wird. Die appre-
tierte Leinwand wird stückweise gelegt oder
gerollt, gepreßt und gebunden. Die vielen
Sortennamen sind zum Teil nur für den aus-
wärtigen Absatz bestimmt, und zahlreiche be-
liebt gewordene Lokalerzeugnisse werden nicht
selten in anderen Gegenden nachgemacht und
mit dem Ursprungsnamen ausgestattet, so daß
z. B, irländische L. auf dem Kontinent, Osna-
brücker in England, Bielefelder und hollän-
dische in Böhmen und Schlesien hergestellt
werden. Die feinen irischen Hemdenleinen, die
besonders in Südamerika und den englischen
Kolonien Absatz finden, sind eine Nachahmung
der holländischen und Bielefelder Leinwand.
Andere Stoffe aus Leinengarn, die unter ihren
Namen besonders aufgeführt werden, sind Da-
mast, Drell, Batist, Linon und Gazon.
Auch Leinenplüsch, der sich durch außer-
ordentliche Haltbarkeit und einen schimmernden
Lüster auszeichnet, wird in großen Mengen
dargestellt. Zur Unterscheidung des L. von
Baumwolle bedient man sich meist der Schwe-
felsäureprobe. Das Gewebe wird durch sorg-
fältiges Waschen von der Appretur befreit, ge-
trocknet, t—2 Minuten in englische Schwefel-
säure getaucht und dann mit Wasser oder einer
Sodalösung unter Nachspülen mit Wasser aus-
gewaschen, Die zu einer gallertartigen Masse
aufgelöste Baumwolle verschwindet bei rich-
tig gewählter Behandlung in der Schwefelsäure,
Während die Leinenfäden unberührt bleiben und
gezählt werden können. Das sicherste Urteil
gewährt jedoch das Mikroskop. Die Leinfaser
lst zylindrisch mit sehr enger innerer Höhlung
t&gt;nd zeigt in bestimmten Entfernungen knoten-

artige Anschwellung wie ein Strohhalm, bei
starker Vergrößerung Längsstreifung, die Baum-
wolle dagegen ist bandartig plattgedrückt mit
verdickten Seitenrändern und vielfach schrauben-
artig um sich selbst gedreht. Zur Bestimmung
der Feinheit des Gewebes dient der Faden-
zähler, eine Lupe besonderer Einrichtung,,
welche auf das Gewebe gesetzt wird.

Leinöl (lat. Oleum lini, frz. Huile de lin,
engl. Linseed-oil), das fette trocknende öl aus
den Leinsamen (s. d.) ist wie diese selbst ein
wichtiger Handelsartikel. Die zur Ölgewinnung
bestimmten Körner, der sog. Schlaglein,
stammen hauptsächlich von den zur Faserge-
winnung gebauten Pflanzen, haben also, da
diese immer vor völliger Reife gezogen werden,,
nicht den vollen Ölgehalt, wie die zur Aussaat
gezogenen reifen Körner, der Saatlein, von
welcher höherwertigen Sorte nur das zu alt
gewordene oder sonst verdorbene Gut noch
dem Schlaglein zufällt. Die Gewinnung des Öls
geschieht mit den gewöhnlichen Mitteln der
älteren oder neueren Ölmüllerei und besteht
hauptsächlich im Zerkleinern der Samen auf
Stampf- oder Walzwerken, oder zwischen Mühl-
steinen, und Auspressen des so erhaltenen Pul-
vers in Säcken mittels Keil-, Schrauben- oder
hydraulischen Pressen. In der Regel wird warm
gepreßt, indem man das Mahlgut über Feuer
oder mit Dampf auf Platten bis gegen 900 0
erhitzt, dabei fleißig wendet und dann gleich in
die Presse gibt. In der Hitze gerinnt das Samen-
eiweiß und das Wasser verdampft, das Öl läuft
daher dünnflüssiger und reiner und zugleich in
größerer Menge ab, als wenn keine Hitze an-
gewandt würde. Die Ausbeute beträgt 25 bis
27 0/0, während bei dem in einigen Gegenden,
besonders Rußland, Polen, Sachsen, bevorzug-
ten Kaltpressen nur 20—22 0/0 Öl gewonnen
werden. Das Verfahren der Extraktion wird
bei Leinsamen nur selten angewandt. Reines
kalt gepreßtes L. hat ein spez. Gew. von 0,930 bis
0,940 und erstarrt bei —160. Die häufigste und
wichtigste Verwendung des Öles ist die zu Fir-
nissen (s. d.), zu denen aber nur altes Öl, das
bei ein- bis zweijährigem Lagern den größten
Teil seiner schleimigen Bestandteile ausgeschie-
den hat, benutzt werden soll. Als Verfälschungs-
mittel hat man Rüb-, Senf-, Hanf-, Baumwoll-
samenöl, Fischtran, Mineralöl, Harzöl, Ölsäure
(Olein), Fettsäuren aus Wollfett, Aleuritesöl
usw. beobachtet. Ihr Nachweis ist meist nur
auf chemischem Wege möglich, jedoch liefert
oft schon ein Probesieden auf Firnis wertvollen
Aufschluß. Eine Reinigung von schleimigen
Teilen wird durch Schütteln mit heißem Wasser,
heißer Kochsalzlösung, Eisenvitriol, Vermischen
mit Schnee, Durchfrierenlassen und Wiederaul-
tauen bewirkt, während längeres Aussetzen an
Licht und Sonne das öl heller macht. — Minder
wichtige Anwendungen des L. sind noch die Be-
reitung von Schmierseife, Buchdruckerschwärze
und Arzneimitteln, wie Schwefelbalsam und
Brandsalbe. Frisch geschlagenes Leinöl bildet
in einigen Gegmden Deutschlands, besonders
der Mark Brandenburg, ein geschätztes Speise-
öl. Zu Leuchtzwecken ist es, als stark rußend,
nicht zu gebrauchen. — Die Preßrückstände
bilden als Leinc-lkuchen ein wertvolles Vieh-
        <pb n="256" />
        ﻿Leinsamen

250

Levikowasser

futter und dienen getrocknet und wieder ge-
pulvert als Leinkuchenmehl (lat. Farina seu
Placenta lioi, frz. Gäteau de lin, engl. Linseed cake)
auch zu erweichenden Umschlägen.

Leinsamen (Leinsaat, lat. Semen lini, frz.
Semence de lin, engl. Linseed), die Samen der
Leinpflanze (s. Flachs), die einen wichtigen
Gegenstand des Großhandels bilden, sind von
ovaler, an einem Ende zugespitzter, an der
Spitze gekrümmter Form, 4—6 mm lang und
etwa 5 mg schwer. Die glatte glänzendbraune
Schale enthält grünliche Kotyledonen von süß-
lich-schleimigem Geschmack und ein derbwan-
diges Endosperm, die keine Stärke, aber
neben erheblichen, bis zu 40 o/0 betragenden
Mengen Fett (s. Leinöl) etwa 250/0 Protein,
5—8 0/0 Asche und viel schleimgebende Stoffe
enthalten. Guter Samen muß in der Hand leicht
gleiten, in Wasser untersinken und frei von
üblen Gerüchen und Unkrautsamen sein. Nach
schlechter Ernte wird er dunkel, glanzlos,
schmutzig und verliert an Keimkraft. 1 hl wiegt
67—68 kg. Für den Flachsbau besonders ge-
eignete Sorten sind der sehr reine und grob-
körnige Zeeländer, der stärkeren Flachs lie-
fert, ferner Königsberger, Memeler, Etschtaler,
Axemer, weiß blühender russischer, weiß blühen-
der amerikanischer und gemengter weiß blühen-
der. Seltener angebaut werden der ewige L.
(L. perenne), der ausdauernde sibirische L. mit
grober, harter, schwer zu trennender Faser, der
schmalblättrige L. (L. angustifolium Fluch) mit
guter Faser in Südeuropa und Australien, der
österreichische L. (L. austriacum) und der See-
lein, Meerstrandslein (L. maritimum). Der aus
Rußland in Tonnen eingeführte Tonnenlein
(Rigaer, Pernauer, Libauer, Niedauer L.), der
meist stark mit Leindotter verunreinigt ist, wird
am meisten zur Saraenzucht benutzt. Die erste
daraus gezogene Saat, der Kronen- oder Rosen-
lein, gibt 4—5 Jahre gute Ernten und wird so-
lange als „Saatlein“, nach dieser Zeit aber
zur Ölgewinnung als „Schlaglein“ verwertet.
Die hierbei abfallenden Leinkuchen bilden ein
wertvolles Futtermittel. In der Medizin dienen
sie, wie auch die Samen selbst, zur Herstellung
schleimiger Aufgüsse.

Lemongrasöl (Limongrasöl, Grasöl, Idris-
öl, Nardenöl, lat. Oleum Lemongras, frz.
Essence de Lemongrass, engl. Lemongrass oil),
ein aus Ostindien und Kotschinchina kommen-
des ätherisches öl, wird durch Destillation einer
Grasart, Cymbopogon flexuosus Stapf
(Andropogon Nardus var. flexuosus Hack),
gewonnen. Die gelblich bis bräunlich gefärbte
Flüss:gkeit von angenehmem, zitronenartigem
Geruch löst sich in 2—3 Teilen 700/oigen Al-
kohols und besitzt das spez. Gew. 0,899—0,905.
Das L. besteht zu durchschnittlich 70—80 °/o
aus Zitral und enthält außerdem etwas Me-
thy Iheptenon, D ezy 1 ald eh y d, Gera-
niol und wahrscheinlich Linalool. Eine
schwer lösliche Sorte, das sog. westindische
Lemongrasöl, stammt von Cymbopogon citra-
tus Stapf (Andropogon citratus; D. C.). Dieses
Öl gibt mit 700/oigem Alkohol keine klare
Lösung und auch bei Verwendung von stär-
kerem Alkohol wird die Lösung auf weiteren
Zusatz meist trübe. Spez. Gt w. 0,870—0,912,

Zitralgehalt etwa 50—80 0/0. — L. wird zum
Parfümieren von Seifen benutzt.

Lerchenschwamm (Lärchenschwamm, lat.
Agaricus albus, Boletus laricis, frz. und engl.
Agaric) ist der Fruchtträger eines Löcher-
pilzes, Polyporus officinalis, der sich an
dem Stamme einiger ausländischer Larix-
arten, namentlich von Larix decidua, var.
rosica, und zwar nur an kranken, innen
in Fäulnis übergegangenen Stämmen findet.
Man sammelt die Stücke meist im Spätherbst
oder Winter, schält, um die äußere, mehr hol-
zige Schale zu entfernen, klopft und trocknet
sie. Die Ware erscheint in verschieden ge-
stalteten und ungleich großen, an der Ober-
fläche konvexen Stücken, die innen feinporig,
weißlichgelb und zäh erscheinen und leicht
einen Husten und Niesen erregenden Staub ab-
geben. Der Geschmack ist anfangs süßlich, dann
scharf und anhaltend bitter, der Geruch schwach
dumpfig. Als wirksamer Bestandteil findet sich
eine Resino 1säure, die Agarizinsäure
(s. d.), daneben Pilzzellulose und verschiedene
Säuren. Der L. ist ein stark drastisch wirken-
des Mittel und darf daher im Kleinhandel zu
Fleilzwecken nicht verkauft werden, wird aber
vielfach als Zusatz bei der Bereitung bitterer
Liköre verwendet. Man bezieht die Ware haupt-
sächlich aus dem nördlichen Rußland von
Archangelsk über Hamburg, ferner aus Ungarn,
der Schweiz und Tirol. Je heller und leichter
die Ware ist, für desto besser gilt sie.

Lessive Phenix, ein marktschreierisch ange-
priesenes Waschmittel, enthält neben 50 0/0 Na-
triumkarbonat und 34% Wasser nur 6°/o Seife
und 50/0 Wasserglas. Es ist an Wirksamkeit
gewöhnlicher Soda gleichwertig, aber natürlich
weit teurer als diese.

Letfernholz. Mit diesem Namen bezeichnet
man im Handel verschiedene Hölzer, so das in
der Feintischlerei hochgeschätzte und zur Her-
stellung von Violin- und Spannbogen verwen-
dete Holz von Machaerium Schomburghii.
eines in Guyana heimischen, zu den Papilio-
nazeen gehörigen Baumes, ferner das Holz der
zur Familie der Euphorbiazeen gehörigen
Amanoa guyanensis, ebenfalls aus Guyana,
und endlich das Holz der zu den Artokarpeen
gehörigen, in Südamerika heimischen Pirati-
nera guyanensis.

Letternmetafl (Schriftmetall), diejenigen
Legierungen, welche zur Herstellung der Schrif-
ten oder Lettern für die Buchdruckereien dienen,
werden aus Blei und Antimon in verschiedenen
Verhältnissen, je nach Größe der Schrift ge-
gossen. Früher war auch ein Zusatz von Zinn
gebräuchlich.

Leuchtfarben, die nach der Belichtung durch
die Sonne im Dunkeln leuchten, bestehen aus
den Sulfiden der Erdalkalien, die durch Glühen
der Karbonate mit Kohle erhalten werden. Zur
Erhöhung der Wirksamkeit erhalten sie meist
geringe Zusätze seltener Alkalien (Lithium,
Rubidium) oder von Thallium, Wismut u. dgl.

Levikowasser, ein aus Südtirol stammendes
Quellwasser, das sich durch starken Arsen-
gehalt von 0,008 g in 1 1 sowie durch Kupfer-
und Eisensulfat auszeichnet, wird zu Trink- und
Badekuren benutzt.
        <pb n="257" />
        ﻿Lezithin

251

Limettenöl

Lezithin ist ein für den Lebensprozeß außer-
ordentlich wichtiger Stoff, der sich im Gehirn
und dem Eigelb in besonders reichlicher Menge,
aber auch im Blut, den Nerven und Pflanzen-
samen vorfindet. Es bildet eine wachsähnliche,
kristallinische Masse, ist in Alkohol und Äther
leicht löslich und quillt mit Wasser zu einer
opalisierenden Flüssigkeit auf, aus welcher es
durch Salze wieder gefällt werden kann. In
chemischer Hinsicht ist L. als eine esterartige
Verbindung von Cholin und Glyzerinphos-
phorsäure anzusprechen, in welcher zwei
Hydroxylgruppen durch Palmitin-, Stearin- oder
Ölsäure vertreten sind. Zum Nachweise und zur
quantitativen Bestimmung des L. bedient man
sich der Ermittlung der alkohollöslichen
Phosphorsäure nach Juckenack. L. wird
neuerdings als Zusatz zahlreicher diätetischer
Präparate in den Verkehr gebracht, die aber
z. T. nur zweifelhafte Bedeutung besitzen.

Liatrisblälter (Vanilleblätter, lat. Folia
liatris, frz. Feuilles de liatris, engl. Liatris leaves),
von Liatris odoratissima, einer nordameri-
kanischen Komposite, enthalten eine nicht un-
bedeutende Menge Kumarin, 1,50/0, und werden
als Ersatz der Tonkabohnen bei der Herstellung
von Schnupftabak verwandt.

Lichtgrün. Diesen Namen führt teils das
Methylgrün (s. d.), teils ein anderer Teer-
farbstoff, der aus dem Natronsalze der Diäthyh
dibenzyldiamidotriphenylkarbiinoltrisulfosäure be-
steht und als Lichtgrün S, Lichtgrün SF,
Säuregrün, Säuregrün SOF in den Handel
kommt. Der Farbstoff bildet ein dunkelgrünes,
nicht glänzendes Pulver, welches in Wasser und
in Alkohol löslich ist und Seide und Wolle im
saueren Bade grün färbt.

Lichtpauspapier, mit rotem Blutlaugensalz im-
prägniertes Papier zur Herstellung weißer Ab-
züge (Kopien) auf blauem Grunde.

Liebersche Kräuter (Hanfnesselkraut,
Blankenheimer Tee, lat. Herba galeopsidis
grandiflorae, frz. Herbe de galdopside, engl.
Galeopsis). Unter diesem Namen kommt das
zur Blütezeit gesammelte Kraut von Galeopsis
Lad an um im geschnittenen Zustande in den
Handel. Die Pflanze gehört zur Familie der
Labiaten, ist in Mittel- und Westeuropa hei-
misch und bildet ein. beliebtes Mittel gegen
Lungenleiden.

Liebsföckelwurzel (lat. Radix levistici, frz.
Racine de livöche, engl. Lovage röot), die
Wurzel einer ausdauernden Doldenpflanze,
Ligusticum levist ic um seu Levisticum
officinale, die in Süddeutschland, Italien, der
Schweiz und Frankreich in Berggegenden wild
wächst und bei uns angebaut wird. Alle Teile
der Pflanze haben einen eigentümlichen aroma-
tischen Geruch und brennend scharfen Ge-
schmack, doch werden Jetzt nicht mehr wie
früher Kraut, Samen und Wurzeln, sondern nur
noch die letzteren medizinisch benutzt. Man
gräbt die starke, spindelförmige, öfter mehr-
köpfige Hauptwurzel, die sich gegen die Spitze
in einige einfache Zweige teilt, im Frühjahr von
2—4jährigen Pflanzen, spaltet die dicken Wur-
zelteile bei der Ernte der Länge nach und hängt
die Stücke an Fäden gereiht zum Trocknen auf.
Die getrockneten Wurzeln haben ein weiches,

schwammiges Gefüge mit festerem Kern und
sind äußerlich gelbbraun, innerlich hellgelblich
gefärbt. Die dicke Rinde ist höckerig, quer-
runzelig und längsrissig und zeigt zahlreiche
orangegelbe Balsambehälter, die beim Drücken
ihren aromatischen Inhalt austreten lassen. Die
Droge, die außer Zucker balsamisches Harz
und ätherisches öl als Träger des Geruches und
Geschmackes enthält, dient in Form von. Ab-
kochungen als harntreibendes Mittel und haupt-
sächlich zur Bereitung aromatischer Liköre.
Zum Schutz gegen Wurmfraß muß sie gut ver-
schlossen aufbewahrt werden. Die bisweilen
beigemengte Angelikawurzel ist daran zu er-
kennen, daß sie im Gegensatz zu L. einen strah-
ligen Querschnitt zeigt.

Lignum, Holz. Im Drogenhandel führt man
folgende Holzarten unter ihrer lateinischen Be-
nennung: L. campechianum, s. Blauholz; L.
citrinum, s. Gelbholz; L. guajaci seu L. sanc-
tum, Franzosen- oder Pockholz, s'. unter Gua-
jak; L. juniperi, s. Wacholder; L. quassia,
Quassienholz (s. d.); L. rhodii, s. Rosen-
holz; L. santalinum, s. Sandelholz; L. Sassa-
fras, s. unter Sassafras; L, suberinum, s.
Kork u. a.

Liköre (Liqueure, frz. und engl. Liqueures)
nennt man gesüßte und gewürzte Branntweine,
als deren Grundlage ein feiner fuselfreier Spiri-
tus (Feinsprit) dient, während der Zucker in
Form eines farblosen Sirups zugesetzt wird.
Zum Aromatisieren benutzt man bei den feine-
ren Sorten, wie Benediktiner, Chartreuse (s. d.)
usw., Destillate und Auszüge aromatischer
Pflanzenteile, bei den gewöhnlicheren meist
ätherische Öle und Essenzen. Auch werden die
mit Phantasienamen belegten oft mit künst-
lichen oder natürlichen Farbstoffen gefärbt, und
zwar rot mit Koschenilletinktur, grün mit
Chlorophyll, Gemischen von Safran- und Indigo-
tinktur oder Teerfarbstoffen. Der Alkoholgehalt
soll mindestens 20V01.0/0 betragen. Frucht-
saftliköre (Himbeer-, Kirsch-, Eber-
eschen- usw. L.) dürfen ihre Farbe nur dem
Gehalte an natürlichem Fruchtsaft verdanken
und nicht weniger als 20V0I. °/o Alkohol ent-
halten. Cherry-Brandy ist im wesentlichen
eine Zubereitung aus Kirschwasser (s. d.) oder
Kirschwasserverschnitt und Kirschsirup mit min-
destens 27 Vol. 0/0 Alkohol. Sehr stark versüßte,
dickflüssige L. werden als Cremes oder Huiles
(Vanille-creme, Huile de rose), gleichzeitig mit
Obstsäften versetzte als Ratafia (s. d.j be-
zeichnet. Weniger starke heißen Doppelliköre
und die einfachen Aquavite. Eierkognak
(s. d.)

Limburger Käse (Belgischer Backstein-
käse) wird in der belgischen Provinz Limburg,
und zwar hauptsächlich in der Umgegend von
Hervd in Form quadratischer Stücke von 12 bis
13 cm Kantenlänge, 6—8 cm Höhe und 0,75 bis
1 kg Gewicht hergestellt. Er gehört zu den
halbfetten Käsen mit mindestens 20 0/0 Fett in
der Trockensubstanz (s. Käse) und wird in be-
zug auf Dicklegen, Salzen und Reifen ähnlich
wie Edamer behandelt. Der Versand erfolgt
meist in Kisten zu 12—100 Stück.

Limettenöl (Limonöl, lat. Oleum limettae,
frz. Essence de limette, engl. Oil of limetta),
        <pb n="258" />
        ﻿Limonade

252

Liniment

das aus den Fruchtschalen von Limetta-
arten gepreßte ätherische Öl, wird -nach der
Herkunft in zwei Sorten geschieden: Westindi-
sches L. von Citrus medica var, acida be-
sitzt goldgelbe Farbe, ein spez. Gew. von 0,878
bis 0,901 und eine Drehung von -(-32 bis +38°.
Sein wichtigster Bestandteil ist Zitral, das zu
etwa 6—g 0/0 vorhanden ist. Italienisches
L. von Citrus limetta (Risso) ist bräunlich-
gelb und enthält erhebliche Mengen Limonen,
C1(yH16, neben Linalool und Linalylazetat. Das
spez. Gew. beträgt 0,872, die Drehung —58 °.
Das L, wird zu Parfümeriezwecken verwandt,
im Kleinhandel aber meist durch Zitronenöl
ersetzt.

Limonade. Der von Limone (Zitrone) abge-
leitete Name bezeichnet Mischungen von Frucht-
saft, Zucker und Wasser. Mit Kohlensäure her-
gestellte L., die allein einen Gegenstand des
Handels bildet, ist unter Brauselimonade be-
sprochen.

Linaloeholz (Linalue, Linanue), das Holz
verschiedener Burserazeen, wie Bursera
aloexylon, Delpechiana Poiss., ferner von
Elaphrium graveolens, nach anderen von
Amyris Linaloe, ist sehr reich an ätherischem
Öl und besitzt deshalb einen starken, sehr
angenehmen Geruch. Das in frischem Zu-
stande gelblichweiße, nach mehrjähriger Lage-
rung hellbräunlich und geruchlos werdende
Holz wächst in den heißen Tälern der west-
lichen mexikanischen Kordilleren, namentlich
in der Gegend von Misteca bei Matamoros.
Eine andere Sorte von Linaloeholz kommt
neuerdings auch aus Kayenne, wo es gleich-
falls zur Destillation von Linaloeöl benutzt
wird. Dieses Holz stammt aber nicht von
einer Burserazce, sondern wahrscheinlich von
der zu den Laurazeen gehörigen Ocotea cau-
data ab.

Linaloeöl (Lignaloeöl, lat. Oleum linaloes,
frz. Essence de bois de Linaloö, engl. Oil of
Linaloes wood), das ätherische Öl desLinaloe-
holzes, wird durch Wasserdampfdestillation
aus letzterem gewonnen. Mexikanisches Holz
liefert bis zu 2,5 0/0 eines wasserhellen oder
schwach gelblichen Öles, das sich in zwei
Teilen 700/oigem Alkohol auflöst und ein spez,
Gew. von 0,875—0,891 und eine Drehung von
— 3 bis — 140 zeigt. Vereinzelt kommt auch
rechtsdrehendes Öl (bis etwa +8°) in den
Handel. Kayenne-Linaloeöl, das in einer Aus-
beute von 0,6—1,60/0 erhalten wird, ist von
gleicher Farbe und Löslichkeit wie das mexi-
kanische Öl, hat ein spez. Gew. von 0,870 bis
0,880 und eine Drehung von —10 bis —190.
Das L. besteht im wesentlichen aus Linalool,
C10HlgO, dem Ausgangsmaterial für Maiglöck-
chenparfüm, zu dessen Herstellung es Verwen-
dung findet. Daneben sind noch Terpineol so-
wie geringe Mengen von Methylheptenon und
Geraniol vorhanden.

Lindenbast (frz. Tille, engl. Bast of linden
tree) dient zur Herstellung von geflochtenen
Matten, die hauptsächlich von Rußland in sehr
großer Menge geliefert werden und zum Ver-
packen von Kaufmannsgütern besonders gesucht
sind sowie zur Anfertigung von Körben und

Decken. Der Bast wird in der Saftzeit geschält
und ähnlich wie Flachs behandelt.

Lindenblüten (lat. Flores tiliae, frz. Fleurs de
tilleul, engl. Linden flowers). Die duftigen
Blüten unserer Linden, Tilia ulmifolia s.
parvifolia, T. platyphyllos s. grandifolia,
bilden getrocknet, aber dann fast geruchlos,
einen Gegenstand des großen und kleinen Kräu-
terhandels. Man sammelt die Blütenstände teils
mit, teils ohne die Brakteen (cum seu sine
bracteis), das sind die mit dem gemeinsamen
Blütenstiel bis zur Hälfte verwachsenen, hell-
gelblichgrünen, trocken erscheinenden Deck-
blätter und verwendet sie als schweißtreibendes
Mittel und zu Bädern. Zur Abscheidung des
Aromas destilliert man die L. im frischen Zu-
stande mit Wasser, welches die geringe Menge
ätherisches- Öl (0,040/0) aufnimmt und so das
Lindenblütenwasser (lat. Aqua tiliae, frz.
Eau distillöe de tilleul, engl. Linden flowers
water) bildet. Nach mehrfacher Destillation des-
selben Wassers über neue Mengen von Blüten
unter Zusatz von Salz sammeln sich beim
Stehen des Destillates Öltröpfchen auf der Ober-
fläche an, welche mit Äther ausgeschüttelt
werden. Das in den Blüten nur etwa zu 0,040/0
enthaltene Lindenblütenöl ist farblos, leichter
als Wasser und von starkem Geruch.

Lindenholz (lat. Lignum tiliae, frz. Bois de
tilleul, engl. Linden wood), das Holz der ver-
schiedenen Lindenbäume, stammt am häufig-
sten von der kleinblättrigen oder Winter-
linde,Tilia parvifolia, die über ganz Europa
verbreitet ist und namentlich in Rußland so-
wie im gemäßigten Asien große Wälder bildet,
während die großblättrige oder Sommer-
linde (Tilia grandifolia) einen viel be-
schränkteren Verbreitungsbezirk hat und haupt-
sächlich in Süddeutschland und Österreich an-
getroffen wird. Das L. ist weiß, etwas ins
Graue und Rötliche spielend, sehr weich und
leicht, aber doch auch zähe, dicht und von sehr
gleichmäßigem Gefüge. Es besitzt wenig her-
vortretende Jahresringe, spaltet leicht, aber nicht
eben, läßt sich nach verschiedenen Richtungen
hin leicht bearbeiten, ohne auszubröckeln, und
eignet sich daher vorzüglich zu Bildhauer-
arbeiten. L. nimmt, wenn auch schwierig, eine
schöne Politur an und steht im Trocknen sehr
gut, geht aber bei Feuchtigkeit bald zugrunde
und ist dem Wurmfraße sehr ausgesetzt. Es
wird auch zu Zeichenbrettern, als Modellier-
holz, von Instrumentenmachern, Drechslern und
Tischlern viel benutzt. Das Holz der Winter-
linde ist etwas dunkler, zäher und härter als
das der Sommerlinde. Die aus L. bereitete
Holzkohle (lat. Carbo tiliae, frz. Charbon
de tilleul, engl. Lindenwood charcoal), wird
als Zahnpulver benutzt.

Liniment (Linimentum) nennt man äußer-
lich anzuwendende Heilmittel von schwerflüssi-
ger bis halbfester Beschaffenheit, die wirksame
Stoffe wie Alkaloide, Ammoniak, Kampfer,
Kapsikum, Schwefel usw. im Gemisch mit Sal-
ben und teilweise verseiften Fetten enthalten.
Besonders bekannt sind flüchtiges L. (Lini-
mentum ammoniatum) aus Olivenöl, Mohnöl
oder Sesamöl mit Ammoniak; Kampfer-L.
        <pb n="259" />
        ﻿Linoleum

253

Lobelienkraut

(Linimentum camphoratum) aus Ammoniak und
Kampferöl sowie Opodeldoc (s. d.).

Linoleum nennt man einen Stoff, der aus
Korkmehl und Leinölfirnis in Rollen von ver-
schiedener Breite sowie in verschiedenartigen
Mustern und Farben hergestellt wird und einen
sehr dauerhaften und zweckmäßigen Fußboden-
belag bildet. Die sog. Linoleumtapete („Lin-
krusta“) enthält als Füllmittel statt des Korks
Papiermasse. Hauptsitz der Linoleumindustrie
ist Delmenhorst.	^

Linon (frz. Linon, engl. Lawn), Schleier-
leinwand, ist ein feines weißes, leichtes und
locker gewebtes Leinenzeug, welches die
Mitte zwischen Batist und Schleier hält und
auch mitunter Batistlinon genannt wird. Man
stellt es gleich den Batisten in Frankreich,
Belgien, Bielefeld, Böhmen und Schlesien dar.
Wie die meisten Leinenstoffe in Baumwolle
nachgemacht werden, gibt es natürlich auch
baumwollene Linons und Batistlinons. Die Stoffe
werden sowohl glatt als gestreift, gegittert und
geblümt gearbeitet und für leichte Kleider,
Hüte, Häubchen u. dgl. benutzt.

Linsen (lat. Semen ervi, frz. Lentilles, engl.
Lentils) sind die Samen der gemeinen Acker-
oder Saatlinse, Ervum lens, die bereits im
Altertum und Mittelalter qls Nahrungsmittel
geschätzt wurden, seit dem Anbau der Kar-
toffel in Deutschland aber an Bedeutung ver-
loren haben, während sie in Frankreich auch
jetzt noch viel verbraucht werden. Die ein-
jährige, nur bis 0,3 m hohe Pflanze ist ziemlich
anspruchsvoll, verlangt fleißiges Jäten und gibt
nur unsichere Erträge. Sie trägt in hohlen, fast
rautenförmigen Hülsen je zwei platte zu-
sammengedrückte Samen von gelber, weißer,
brauner oder schwarzer Farbe, welche den
übrigen Hülsenfrüchten, Bohnen und Erbsen, an
Nährwert gleichkommen und wie diese 35—260/0
Stickstoffsubstanz enthalten. Die L. werden
meist zu Suppen und als Gemüse, im Orient
auch zur Herstellung von Brot verwandt. Medi-
zinisch werden sie bei Geschwüren und Drüsen-
leiden als Umschlag benutzt.

Liptauer Käse, ein aus Schafmilch mit Lab-
zusatz hergestellter ungarischer Fettkäse, der
bis zu 500/0, aber nicht unter 400/0 Fett in der
Trockenmasse enthält, wird bisweilen auch mit
Butter und Paprika gemischt als sog. garnier-
ter L. in Stanniolpackung in den Handel ge-
bracht.

Liquor (deutsch: Flüssigkeit) ist ein Sammel-
name für zahlreiche, meist aus wäßrigen Lösun-
gen bestehende chemische oder pharmazeutische
Zubereitungen, z. B. L. ammonii acetici, essig-
saure Ammoniakflüssigkeit; L. ammonii caustici,
Salmiakgeist; L. ammonii sulfurati, Schwefel-
ammonium; L, anodynus mineralis Hoffmanni,
Hoffmannsche schmerzstillende Tropfen, Schwe-
felätherweingeist; L. cupri perchlorati, Chlor-
kupferspiritus; L. ferri acetici, flüssiges essig-
saures Eisenoxyd; L. ferri chlorati, Eisenchlo-
rürlösung; L. kali acetici, Kaliumazetatlösung;
L. kali carbonici, Pottaschenlauge; L. kali cau-
stici, Ätzkalilauge; L. natri caustici, Ätznatron-
lauge usw.

Lithium (Li = 7,o3), ein dem Kalium und Na-
trium sehr ähnliches Metall, findet sich in der

Natur sehr verbreitet, aber stets in geringer
Menge, so im Meer- und Flußwasser, in Pflan-
zenaschen und namentlich in vielen Mineral-
quellen, deren Heilwirkung man ihrem Gehalt
an diesem Elemente zuschreibt. Als Ausgangs-
material zur Darstellung des L. und seiner
Verbindungen dient besonders der Lithion-
glimmer (L e p i do 1 i t h), ein A!uminium-Li-
thium-Silikat, welches sich in Sachsen bei Alten-
berg und Penig, ferner in Cornwall und in
Mähren bei Rozena vorfindet. Das metallische
L., das leichteste aller Metalle, vom spez. Gew.
0,594, ist in seinem chemischen Verhalten den
übrigen Alkalimetallen ganz analog und findet
seines hohen Preises wegen keine technische
Anwendung. Hingegen besitzen seine Verbin-
dungen, die an der intensiven Rotfärbung der
Bunsenflamme und mit Hilfe des Spektralappa-
rates in den kleinsten Spuren erkannt werden
können, große Bedeutung als Mittel gegen Er-
krankung der Harnorgane, Abscheidung von
Harnsäure und Gicht. Die wichtigsten Salze
sind das kohlensaure L. (L. carbonicum) und
benzoesaure L. (L. benzoicum) sowie für
photographische Zwecke das Brom- und Jod-
lithium. Außerdem findet sich das essigsaure,
schwefelsaure, zitronensaure und Salizylsäure L.
im Handel.

Lithographische Steine nennt man eine beson-
dere Art eines in Platten brechenden Kalk-
steines von dichtem und sehr feinem Korn,
welcher wenig verbreitet ist und nur in den
Brüchen von Solenhofen und Pappenheim in
den bayrischen Donaugegenden gefunden wird.
Sie sind das unentbehrliche Material für den
Steindruck und werden nach ihrer Güte in meh-
rere Sorten unterschieden. Die feinste bilden
die blaugrauen Steine, welche als die härtesten
und feinkörnigsten ausschließlich zu gravier-
ten Arbeiten benutzt werden, während die
gelben für Feder- und Kreidemanier Verwen-
dung finden. Graue wie gelbe Sorten zerfallen
wieder in Prima- und Sekundaware, von denen
die letztere mit stärkeren Flecken und Adern
durchsetzt ist. Die Platten' werden auf einer
und auf zwei Seiten geschliffen geliefert una
zeigen dann vollständig glatte und mattglän-
zende Flächen. Große dünnere Platten werden
vielfach auf Unterplatten aufgekittet, starke
Steine vermittels Dampfsägen in dünnere von
7—10 cm Dicke zerteilt.

Lithopone, eine aus Bariumsulfat und to bis
150/0 Zinksulfid bestehende weiße Malerfarbe,
wird in der Weise hergestellt ,daß man ein Ge-
misch von Chlorbarium und Schwefelbarium in
wäßriger Lösung teilweise mit Schwefelsäure
und den Rest mit Zinkvitriol fällt, oder daß
man Schwefelzink mit Bariumsulfat mischt. L.
besitzt ungefähr die Deckkraft des Blanc fixe.

Lobelienkraut (Indianischer Tabak, lat.
Herba lobeliae, frz. Lob61ie enflüe, engl. Indian
tabacco), eine aus Nordamerika stammende
Droge, besteht aus der getrockneten und zer-
schnittenen einjährigen Pflanze Lobelia in-
flata, die im blühenden Zustande gesammelt,
getrocknet und in Kuchenform oder viereckige
Pakete gepreßt wird. Die Pflanze riecht tabak-
ähnlich, schmeckt widrig und stechend scharf
und enthält als eigentümlichen Bestandteil das
        <pb n="260" />
        ﻿Löffelkraut

254

Lorbeeren

Alkaloid Lobelin, ein narkotisch wirkendes
Gift, ferner Inflatin und Lobelakrin. Das
Pulver oder die Tinktur daraus wirkt in kleinen
Gaben fördernd auf die Sekretionswege, in
größeren Erbrechen erregend. Man benutzt sie
als Brech- und schweißtreibendes Mittel sowie
gegen Asthma.

Löffelkraut (Skorbutkraut, lat. Herba
cochleariae officinalis, frz. Herbe de cochldarie,
engl. Scurvy grass). Diese als Wunderheilmittel
für skorbutkranke Schiffer altberühmte Pflanze
wächst von den Küsten der Nord- und Ostsee
an nordwärts bis zu den Grenzen des' Pflanzen-
wachstums und findet sich unter anderen noch
auf der ganzen Westküste von Grönland, be-
sonders üppig auf Plätzen, die durch Seevögel
gedüngt wurden. Daneben kommt sie aber
auch bei uns im Binnenlande, namentlich an
salzigen Seen und Salinen, vor und läßt sich in
feuchtem Boden auch aus Samen ziehen. Die
zu den Kruziferen gehörende und dem Meer-
rettich nahe verwandte Pflanze ist zweijährig
und bringt erst im zweiten Jahre ihre weißen
Blütendolden und kleinen Samenschötchen her-
vor. Die Wurzelblätter sind rundlich und lang-
stielig, von der Form eines Löffels, während
die höher stehenden Blätter dem Stengel an-
sitzen und sehr kurze Stiele haben. Gerieben
hat das frische Kraut einen beißend scharfen
Geruch und einen salzig bitteren, kressenartigen
Geschmack, welcher auf seinem Gehalte an
ätherischem Öl beruht. — Zur Destillation
des Löffelkrautspiritus (lat. Spiritus coch-
leariae, frz. Esprit de cochlearie, engl. Sprit of
Scurvy grass) darf nur trockenes Kraut unter
Zusatz von weißem Senfpulver verwandt wer-
den. Das Destillat enthält den wirksamen Be-
standteil in Form eines flüchtigen schwefel-
haltigen Öls, das im Safte der Pflanze noch
nicht fertig gebildet ist. Der Spiritus dient wie
das frische Kraut gegen skorbutartige Leiden
sowie äußerlich zu reizenden Einreibungen.

Löffelkrautöl (lat. Oleum cochleariae, frz.
Essence de cochlearia, engl. Oil of spoon-
wort), das durch Destillation von Löffelkraut
und weißem Senf mit Wasserdampf gewonnene
ätherische Öl des Löffelkrautes, ist farblos
bis gelblich und zeigt den stechend scharfen Ge-
ruch und Geschmack des frischen Krautes. Es
hat ein spez. Gew. von 0,933—0,950, siedet bei
156—t6o° und ist seiner chemischen Natur nach
als das Isosulfozyanat des sekundären Butyl-
alkohols anzusprechen. Das auf künstlichem
Wege bereitete und zur Herstellung von Löffel-
krautspiritus in den Handel gebrachte L. be-
steht aus Isobutylsenföl.

Löwenzahnwurzel (lat. Radix taraxaci, frz.
Racine de pissenlit, Racine de dent de Lion, engl.
Taraxacum root, Dandelion), die spindelförmige
Wurzel der bekannten, fast überall wild wach-
senden Komposite Leontodon taraxacum,
zeigt unter einer schwärzlichen Oberhaut einen
weißlichen Holzkörper und schmeckt schwach
salzig und süß bitterlich. Von wichtigen In-
haltsstoffen wurden durch Power und Brow-
ning neben geringen Mengen eines Enzyms und
eines ätherischen Öls im Wasser löslichen Ex-
trakte, Lävulose, Cholin, Parahydroxyphenyl-
essigsäure und 3:4 Dihydroxyzimtsäure, aus

• 1

dem unlöslichen Teile zwei neue Alkohole: Ta-
raxasterol und Homotaraxasterol isoliert. L.
wird, ebenso wie das daraus gewonnene Ex-
trakt (lat. Extraktum taraxaci, frz. Extrait de
pissenlit, engl. Extract of Taraxacum), medi-
zinisch zu Kräutersäften und Frühlingskuren
verwandt, dient aber hauptsächlich zur Her-
stellung von Kaffee-Ersatzmitteln.

Lohe (Gerberrinde) nennt man im allge-
meinen alle zu einem groben Pulver gemahle-
nen Baumrinden, welche wegen eines hohen
Gerbstoffgehaltes zum Gerben benutzt werden.
Im besonderen versteht man darunter aber die
früher fast allein in Betracht kommende
Eichenrinde, die in besonderen Schäl Wal-
dungen gewonnen wird. Das Holz wird hier
alle 12—15 Jahre von den Stöcken geschlagen
und liefert die sog. Spiegel- oder Glanz-
rinde mit 160/0 Gerbstoff, während die Rinde
alter Bäume nur 4—6 0/0 Gerbstoff enthält. Als
ein wichtiger Fortschritt dieser guten Nutzen
abwerfenden Anlagen ist es zu bezeichnen, daß
die Buscheichen jetzt bereits im Winter ge-
schlagen werden, da die Rinden dann reicher an
Gerbstoff sind und eine Störung des Wachs-
tums vermieden wird. Das Schälen bietet nach
der Behandlung in einem Dampfapparat keine
Schwierigkeit mehr. Von anderen Rinden kom-
men hauptsächlich die Fichtenrinde, die
Tannenrinde sowie in Nordamerika die Rinde
der Hemlocktanne in Betracht. Weiden-
rinde dient zum Gerben des weichen (dänischen)
Handschuhleders, ein Gemisch von Birken-
und Erlenrinde zur Darstellung des Juchtens.
Die Rinden anderer Bäume: Lärche, Pappel,
Buche, Nußbaum, Ulme und Kastanie haben
wegen ihres geringen Gerbstoffgehaltes weni-
ger Bedeutung, um so größere Wichtigkeit
kommt verschiedenen ausländischen Gerbmate-
rialien (s. d.) zu, welche in von Jahr zu Jahr
steigenden Mengen eingeführt werden.

Lorbeerblätter (lat. Folia lauri, frz. Feuilles
de laurier, engl. Laurel leaves), die Blätter des
edlen Lorbeerbaumes (Laurus nobilis),
der im Orient heimisch ist, sich aber in Süd-
europa häufig angepflanzt und verwildert vor-
findet und männliche und weibliche Blüten auf
verschiedenen Stämmen trägt. Die dunkel-
grünen ganzrandigen und lederartigen Blätter
von glänzender Oberfläche und matter Unter-
seite besitzen einen aromatischen Geruch und
gewürzhaft bitteren Geschmack und bilden
eines der bekanntesten Gewürze zum Küchen-
gebrauch, zum Marinieren von Fischen, wie
zum Aromatisieren von Essigen und Likören
und werden in Italien auch zum Einpacken von
Südfrüchten und Lakritzen benutzt.

Lorbeerblätteröl (lat. Oleum foliorum lauri
aethereum, frz. Essence de feuilles de laurier,
engl. Oil of Laurel leaves), das kajeputölartig
riechende Öl der Lorbeerblätter, hat ein spez.
Gew. von 0,915—0,932, eine Drehung von
— 15 bis — 19° und fängt bei 158° an zu sieden.
Hauptbestandteile des Öls sind Pinen, Zineol
(etwa 500/0), Linalool, Geraniol, Eugenol und
Methyleugenol; die höchstsiedenden Anteile
sind noch nicht festgestellt.

Lorbeeren (lat. Baccae seu Fructus lauri, frz.
Fruits de laurier, engl. Laurel berries), die ge-
        <pb n="261" />
        ﻿Lorbeeröl

255

Lupinensamen

trockneten Früchte des Lorbeerbaumes,
haben im frischen Zustande eine dunkelblaue
Schale, die aber beim Trocknen graubraun und
runzelig wird. Die trocknen Früchte besitzen
eine dünne, hautartig eingetrocknete, zerbrech-
liche, pergamentartige Samenhülle und einen
bräunlichen, viel Öl haltenden Kern. Ihr Ge-
ruch ist eigentümlich, nicht angenehm gewürz-
haft, der Geschmack bitter aromatisch und
fettig. Die L. werden nur noch selten, haupt-
sächlich zur Vieharznei, zu Räucherwerk und
äußerlich gegen Krätze benutzt. Glanz und
Schwere sind Zeichen der Güte und Frische der
Ware, die gut geschützt und trocken aufzu-
bewahren ist, da sie leicht von Insekten an-
gegangen und dadurch unbrauchbar wird. In
Italien und Griechenland dienen die frischen L.
zur Bereitung des Lorbeeröls.

Lorbeeröl (Loröl, Lorbeerfett, lat. Oleum
Lauri expressum, frz. Huile de fruits de laurier,
engl. Laurel oil) wird teils durch Auspressen,
teils durch . Auskochen der frischen Früchte
des Lorbeerbaumes in Menge von etwa 15%
erhalten. Es hat eine schöne grüne Farbe, bei
gewöhnlicher Temperatur eine schmalzartige
Konsistenz, körnige Beschaffenheit und stark
würzhaften Geruch, der von dem Gehalt an
ätherischem Öl herrührt. Das L, muß sich in
Äther vollständig und klar lösen, während 8ogrä-
diger Weingeist nur das ätherische Öl und den
grün färbenden Stoff (Chlorophyll) auszieht, die
Fette aber ungelöst läßt. Das 01, das meist
vom Gardasee und aus Griechenland kommt,
dient in der Medizin zu stärkenden Einrei-
bungen, bildet daneben aber auch ein sehr
wirksames Mittel zur Abhaltung von Fliegen,
denen der Geruch unerträglich ist, und wird
daher in wärmeren Ländern von den Fleischern
zum Bestreichen ihrer Läden, an Fenstern und
Türen benutzt. Das L. besteht aus den Glyze-
riden der Laurinsäure und Myristinsäure so-
wie aus Chlorophyll und ätherischem Öl. — Das
ätherische öl der Lorbeerfrüchte (lat.
Oleum Lauri aethereum, frz. Essence de fruits
de laurier, engl. Laurel volatil oil), welche da-
von 1 0/0 enthalten, wird durch Destillation der
zerkleinerten Früchte mit Wasser erhalten als
eine leichte hellgelbe Flüssigkeit vom spez,
Gew. 0,914—0,935 und starkem Geruch, die
nur wenig gebraucht wird. Es enthält haupt-
sächlich Zineol neben wenig Pinen.

Lovakrin ist ein mit großer Reklame ange-
priesenes Kosmetikum, das angeblich aus einem
mit Jasmin, Arnika und Salbei parfümierten
Gemisch von Tannin, Eigelb, Kognak und Naph-
tol besteht.

Luffa (Luffah, Loofah) besteht aus dem
netzartigen Fasergewebe der Früchte von
Luffa aegyptiaca oder Momordica Luffa,
einer in Ägypten und Arabien heimischen und
dort auch angebauten Kukurbitazee. Die
ziemlich großen, gurkenähnlichen Früchte wer-
den nach der Reife aufgeschnitten, von den
Samen befreit und der faulenden Gärung Über-
tassen, wodurch das Fruchtfleisch und das zar-
tere Zellgewebe zerstört wird, während das die
L. des Handels bildende schwach gelbliche B aser-
Sewebe zurückbleibt und nach dem Waschen
Sehleicht und getrocknet wird. Die schon von

den alten Ägyptern als Waschschwamm benutzte
und jetzt vielfach nach Deutschland für den-
selben Zweck eingeführte L. ist im trockenen
Zustande hart, wird aber, in Wasser getaucht,
weich und geschmeidig. Außerdem wird sie zur
Herstellung von Schweißblättern, Sattelunter-
lagedecken, Einlegesohlen usw. verarbeitet, von
denen besonders letztere sich sehr gut be-
währen.

Lungan. Mit diesem Namen belegt man in
China sowohl die getrockneten gelblich- oder
bräunlichgrauen, kirschengroßen Früchte von
Nephelium longanum, eines 10—12 m hohen
Baumes aus der Familie der Sapindazeen,
als auch das aus diesen Früchten hergestellte
wohlschmeckende Mus. Noch wertvoller ist das
Mark einer verwandten Art, Neph elium Litchi
(Litchibaum), welche ebenfalls in China hei-
misch ist, außerdem aber in Ostindien häufig
angebaut wird. Die Früchte dieses Baumes,
Leitschies oder Litchis genannt, enthalten
ovale braune Samen, umhüllt von einem durch-
scheinenden, matt himmelblauen, saftigen Marke,
welches äußerst wohlschmeckend, ähnlich dem
Geschmack der Muskateller Weintraube ist. Die
Früchte werden auch getrocknet in den Handel
gebracht. Schließlich findet sich auf Malakka
ünd den Sundainseln Nephelium Cappaceum
(Ramputan), ein kleiner Baum, der ebenfalls
wohlschmeckende Früchte liefert.

Lungenkraut (lat. Herba pulmonariae macu-
latae, frz. F'euilles de pulraonaire, engl. Pulmo-
nary leaves) besteht aus den getrockneten
Blättern der in Wäldern wachsenden Pulmo-
naria officinalis und wird als Volksmittel bei
Lungenleiden verwandt.

Lungenmoos (lat. Herba pulmonariae arboreae
seu Lichen pulmonariae, frz. Lichen pulmonaire,
engl. Pulmonary moss) nennt man die an Bäu-
men wachsende, lederartige Flechte Sticta
pulmonacea, die als Volksmittel zu Tee Ver-
wendung findet.

Lupiiunsamen (Wolfsbohne, Feigbohne),
die Samen verschiedener Arten der Legumi-
nose Lupinus (L. albus, L. Ternis, L. hirsu-
tus, L. luteus), bilden die stickstoffreichsten
Pflanzenteile und werden daher zu Futter-
zwecken und zur Verbesserung des Bodens viel-
fach angebaut. Die Lupine hat in hohem Maße
die Eigenschaft, den atmosphärischen Stickstoff
zu assimilieren, und gedeiht infolgedessen nicht
nur ohne nennenswerte Düngung, sondern ver-
mag sogar, untergepflügt, als sog. Gründüngung,
die geringeren Bodenarten zu verbessern. Das
frische Kraut gewisser Arten dient als Grün-
futter, während die Samen wegen ihres hohen
Gehaltes an Bitterstoffen eine vorherige Be-
handlung erforderlich machen. Neben beträcht-
lichen (bis zu 42 0/0) Mengen Protein enthalten
die letzteren die Alkaloide Lupinin, Lupini-
din (identisch mit Spartein) und Lupanin (ins-
gesamt 1—2 0/0), welche den bitteren Geschmack
bedingen und vor der Verwendung zu Futter-
und Nahrungszwecken zu entfernen sind. Dieses
Entbittern soll in Griechenland durch Ein-
hängen in Meerwasser erreicht werden, wäh-
rend man sich bei uns des Dörrens und Aus-
laugens bedient. Es gelingt auf diese Weise
aber nie vollständig, so daß die Tiere nur all-
        <pb n="262" />
        ﻿Lutecienne

256

Magdalarot

mählich und mit Vorsicht an Lupinenfutter ge-
wöhnt werden können. In der Nahrungsmittel-
industrie finden L. beschränkte Anwendung als
Kaffee-Ersatzmittel (s. d.), nachdem man im
Kriege aber gelernt hat, durch Gärung und Be-
handlung mit Säuren den bitteren Geschmack
völlig zu beseitigen, auch als Suppenmehl
u. dgl.

Lutßdenne (Rouge frangais), ein roter
Teerfarbstoff, besteht aus einer Mischung
von Orange I mit Echtrot A. Auch wird Eosin
BN so genannt.

Luteolin. Diesen Namen führen zwei Stoffe:

1.	der in kleinen, glänzenden, gelben Nadeln
kristallisierende gelbe Farbstoff des Wau
(s. d.), welcher im Handel nicht vorkommt;

2.	ein Teerfarbstoff, der Wolle in sauerem
Bade orangerot färbt, ein orangegelbes, in
Wasser schwer lösliches Pulver, welches aus
dem Natronsalze des Metaxylidinsulfosäureazo-
diphenylamins besteht.

Luzienholz nennt man sowohl das wohlrie-
chende Holz des Mahalebkirschbaumes,
von dem die sog. Weichselrohre kommen

Madeira gehört zu den Dessertweinen, und
zwar den sog. trockenen Dessertweinen (Li-
körweinen), welche zwar süß schmecken, aber
neben hohem Alkoholgehalt doch verhältnis-
mäßig niedrigen Extraktgehalt besitzen. Er
stammt von der Insel Madeira und den Kana-
rischen Inseln und wird aus Malvasier- und
Vidognatrauben in der Weise hergestellt,
daß man den Most gleich nach dem Auspressen
mit Spiritus vermischt und dann vergären läßt.
Nach Beendigung der Gärung folgt ein noch-
maliger Alkoholzusatz und darauf eine s—6jäh-
rige Lagerung, welche zu seinem völligen Ausbau
erforderlich ist. Der M. hat eine bräunlich-
gelbe Farbe und kräftiges Aroma. Sein Gehalt
an Alkohol beträgt durchschnittlich 14,43 g in
100 ccm, sein Gehalt an Extrakt 5,23 g, an Zucker
2,9s g- Neben dem stark süßen Malvasier oder
Malmsey, dessen feinste Marken für den portu-
giesischen Hof geliefert wurden, bildet der
herbere Dry-Madeira die eigentliche Handels-
ware. Der M. unterliegt mannigfachen Ver-
fälschungen und wird selbst vollständig nach-
gemacht.

Madia (Madin, Ölmadin, frz. Le madia cul-
tivö, engl. Cultvated madia), eine zu den Kom-
positen gehörige Ölpflanze aus Chile, Madia
sativa, wurde eine Zeitlang in größerem Um-
fange angebaut. Die Pflanze hat eine tiefgehende
Wurzel und verlangt deshalb tiefgründigen Boden,
gedeiht aber auch in leichteren Gründen und ist
in den Anforderungen an Düngung und Pflege
ziemlich genügsam. Als Nachteile des Anbaues
sind zu erwähnen die ungleiche Reifung (noTage),
hohe Erntekosten, der unangenehme Geruch der
Pflanze und ihre drüsig klebrige Behaarung,
welche die Samenernte erschwert. Die kleinen,
dem Kümmel ähnlichen Samen mit ein oder
zwei stark hervortretenden Nerven geben 35 0/0

(s. d.), als auch das weiße bis gelbliche Holz
der Traubenkirsche (Prunus Padus), das zu
Tischler- oder Drechslerarbeiten benutzt wird.
Noch geschätzter ist das Holz des amerika-
nischen immergrünen Traubenkirschbau-
mes von Karolina, das in der Färbung dem
Mahagoniholz gleicht. Es dient als sog. falsches
Mahagoni zur Herstellung von Möbeln, die mit
der Zeit ein immer schöneres Aussehen er-
halten.

Lyddit, der in England zur Füllung von Gra-
naten benutzte Sprengstoff, besteht aus gepreß-
ter Pikrinsäure (s. d.).

Lysol, das viel genannte Desinfektionsmittel,
'eine dunkelbraune klare Flüssigkeit, welche sich
in Wasser, Alkohol und Benzin löst, besteht aus
einem Gemisch gleicher Teile Rohkresol und
Leinölschmierseife. L. besitzt ebenso wie die
analog zusammengesetzten Präparate Barva-
rol, Bazillol eine ausgezeichnete desinfizie-
rende Wirkung. Wegen des häufigen Miß-
brauchs zu Vergiftungen sind Lysol, Kreolin
und ähnliche Kreosolverbindungen im Klein-
verkehr der Giftverordnung unterstellt worden.

Öl. Als Plandelsware kommt Madiasamen
selten und nur örtlich vor.

Madiaöl (frz. Huile de Madi, engl. Madi oil),
das fette Öl der Madiasamen, besitzt eine gelbe
Farbe, einen milden, an Nußöl erinnernden Ge-
schmack und eine dickliche Konsistenz, wird aber
nach dem Raffinieren mit Schwefelsäure dünn-
flüssig. Das spez. Gew. beträgt 0,926—0,930, die
Verseifungszahl 122—123, die Jodzahl 1,8. Das
Öl kann als Speiseöl Verwendung finden, dient
aber hauptsächlich zum Brennen und zur Seifen-
fabrikation.

Mafuratalg (Maffuratalg, frz. Suif de ma
fura, engl. Mafura tallow), ein Pflanzenfett,
welches' in Mozambique aus den Samen der
Mafureira oleifera gewonnen wird, ist von
gelblicher Farbe, Kakaobutter ähnlichem Ge-
ruch und schmilzt bei 420 C. Es löst sich nur
wenig in kochendem Alkohol, dagegen leicht .in
Äther und besteht aus den Triglyzeriden der Öl-
säure und Palmitinsäure. M. wird wie Kokos-
nußöl verwendet und eignet sich wegen des
hohen Schmelzpunktes seiner Fettsäuren von 520
besonders gut zur Herstellung von Kerien.

Magdalarot (Naphthalinrot, Naphthalin
rosa, Sudanrot, Rosanaphtylamin), ein zur
Gruppe der Safranine gehöriger Teerfarbstoff,
entsteht durch Erhitzen von Alphaamidoazonaph-
thalin mit salzsaurem Alphanaphtylamin unter
Abspaltung von Ammoniak und besteht daher
aus der Chlorwasserstoffverbindung des Diamido-
naphtylnaphthazoniums. Es erscheint teils als
dunkelbraunes Pulver, teils in grünschillernden
Kristallnadeln, ist in heißem Wasser löslich und
zeigt in alkoholischer Lösung eine sehr schöne
gelbrote Fluoreszenz. Das M. wird nur in der
Seidenfärberei und auch hier nur für zarte Töne
angewandt, da es auf Seide ein violettstichiges
Rosa mit prachtvoller Fluoreszenz erzeugt.
        <pb n="263" />
        ﻿Magnesia

Magnesiumkarbonat

257

Magnesia (Talkerde, Bittererde, Magne-
siumoxyd), die Sauerstoffverbindung des in der
Natur nicht gediegen verkommender! leichten
Metalls Magnesium (s. d.), MgO, findet sich un-
verbunden nur sehr selten in der Natur, näm'.ich
als Periklas und in Verbindung mit Wasser
{Magnesiahydrat, Magnesiumhydroxyd) als
Bruzit. Sie entsteht beim Verbrennen von
Magnesium an der Luft und beim Glühen der
meisten Magnesiumsalze, wie des Karbonats, Ni-
trats und auch des Sulfats. Die reine M. wird
gewöhnlich durch Glühen der kohlensauren
Magnesia (s. d.), und zwar sowohl der künst-
lich dargestellten M. alba als auch des natür-
lichen Magnesits dargestellt. Im ersteren Falle
erhält man ein weißes, äußerst lockeres und
leichtes Pulver, das geruchlos und geschmack-
los ist, sich in Wasser nur spurenweise löst und
nur im elektrischen Ofen schmilzt. Dieses Er-
zeugnis führt im Handel den Namen gebrannte

M.	(lat. Magnesia usta, frz. Magnösie calcinöe,
engl. Magnesia levis) und findet ebenso wie das
Magnesiahydrat (Magnesiumhydroxyd, lat.
Magnesium hydricum) in der Pharmazie als
Gegengift bei Arsenikvergiftung und als gelindes
Abführmittel Anwendung. Man muß es in gut
verschlossenen Gefäßen aufbewahren. Die durch
Glühen des Magnesits erhaltene, weniger lockere
M. wird in der Technik zur Herstellung von
Magnesiazement (s. d.) und als Mittel zur Ver-
meidung des Kesselsteins benutzt.

Magnesiamixtur, ein zum Nachweis und zur
Bestimmung der Phosphorsäure viel benutztes
Reagens, besteht aus einer Lösung von 11 g Mag-
nesiumchlorid und 14 g Ammoniumchlorid in
130 g Wasser, der 70 g Salmiakgeist zugesetzt
worden sind.

Magnesiazement. Mit diesem Namen belegt
man eine Masse, die durch Zusammenpressen
von gebranntem Magnesit mit einer konzentrier-
ten Lösung von Chlormagnesium (300 B.) dar-
gestellt wird, nach kurzer Zeit eine feste, harte
Beschaffenheit annimmt und schon nach 24 Stun-
den die höchste Festigkeit erreicht. Der Magnesit
darf für diesen Zweck nicht bei zu hoher Tempe-
ratur gebrannt sein. Die Erhärtung beruht auf
der Bildung von Magnesiumoxychlorid, ähn-
lich wie bei der Sorelschen Masse, wel-
che aus Zinkoxychlorid besteht. Aus M. werden,
meist unter Zusatz von Füllmaterial und Farb-
stoffen, verschiedene Gebrauchsgegenstände, wie
Tischplatten, Fußbodenplatten u. dgl. hergestellt
und unter dem Namen Kajalithwaren (s. d.) in
den Handel gebracht. Auch hat man daraus
Mühlsteine zum Entschälen des Getreides sowie,
mit Schmirgelpulver gemengt, Schleifscheiben
verfertigt. Die aus M. hergestellten Gegenstände
sollen eine Druckfestigkeit von 500—1510 kg für
den, Quadratzentimeter besitzen.

Magnesit (Bitterspat, Magnesitspat,Talk-
spat), ein aus Magnesiurakarbonat bestehendes
Mineral, bildet dichte, derbe, oft nierenförmige
Massen von kryptokristallinischer Struktur und
erscheint gewöhnlich schneeweiß, seltener ge-
*mbt. Er ist unschmelzbar, verliert aber beim
Glühen seine Kohlensäure. Seine Härte beträgt
4~4*/a, sein spez. Gew. 2,9—3,1. Die Haupt-
mger von abbauwürdigem M. finden sich bei
•t rankenstein und Baumgarten in Schlesien, bei

Mercks Warenlexikon.

Hrubschitz in Mähren und Kraubat in Steier-
mark, bei Baidissero in Oberitalien, ferner in
Pennsylvanien, Griechenland, Kleinasien und Ost-
indien. Seine Hauptverwendung findet der M.,
der in ganzen Stücken wie auch gemahlen in
den Handel kommt, zur Entwicklung von Kohlen-
säure für die Herstellung von kohlensaurem
Wasser. Außerdem dient er zur Herstellung
von feuerfesten Tiegeln, zur Ausfütterung von
Flußeisenöfen usw.

Magnesium, das in der Magnesia (s. d.) und
ihren Verbindungen enthaltene metallische Ele-
ment, kann durch Glühen eines Gemisches von
entwässertem Magnesiumchlorid und Flußspat
mit Natrium gewonnen werden, wird aber zurzeit
fabrikmäßig nur durch Elektrolyse von Magne-
siumchlorid oder von Karnallit hergestellt. Das
M. ist silberweiß, glänzend und hart, läßt sich
aber in der Hitze hämmern, zu Blech auswalzen
und zu Band oder Draht ziehen. Das spez. Gew.
beträgt 1,743. Bei beginnender Rotglut, gegen,
8oo°, schmilzt es, verwandelt sich bei Weißglut
(etwauoo0) in Dampfform und verbrennt unter
intensiver Lichtentwicldung zu einem weißen
Pulver von Magnesiumoxyd, ln trockener Luft
ist das Metall unveränderlich, überzieht sich aber
in feuchter Atmosphäre mit einer weißen Oxyd-
schicht und zersetzt siedendes Wasser unter
Wasserstoffentwicklung. Von Säuren wird es
rasch gelöst. Magnesiumband und Magne-
siumpulver (Blitzlicht) finden Anwendung bei
photographischen Aufnahmen in dunklen Räumen,
ferner als Reduktionsmittel in chemischen La-
boratorien, als Magnesiumfackeln in der Feuer-
werkerei und zur Herstellung der Legierung
Magnalium (s. Aluminium).

Magnesiumbenzoat (benzoesaure Magne-
sia, Magnesium benzoicum) wird durch Ein-
trägen von Magnesia usta in eine Lösung von
Benzoesäure dargestellt als ein weißes kristalli-
nisches Pulver, das beschränkte medizinische
Anwendung findet.

Magnesiumchlorid (Chlormagnesium, lat.
Magnesium chloratum, Magnesia muriatica, frz.
Chloride de magnösium, engl. Chloride of mag-
nesium) bildet einen Bestandteil mehrerer natür-
lich vorkommender Abraumsalze. So findet es
sich im Gemisch mit Kaliumchlorid als Kar-
nallit, mit Magnesium- und Kaliumsulfat als
Kainit und mit Magnesiumborat als Borazit.
M. wird meist als Nebenprodukt der Staßfurter
Kaligewinnung erhalten und bildet in reinem
Zustande weiße Kristalle mit sechs Molekülen
Kristallwasser von der Formel MgCl2 + 6H20.
Es dient zur Darstellung von Magnesiazement,
zum Imprägnieren von Holz, zur Desinfektion
von Aborten (Süvernsche Masse) und in be-
schränktem Maße zu medizinischen Zwecken.

Magnesiumkarbonat {kohlensaure Magne-
sia, lat. Magnesium carbonicum, frz. Hydrocar-
bonate de magnösie, engl. Light cärbonate of
magnesia), MgCOg, findet sich in reinem Zu-
stande als Magnesit sowie in eihgen verwandten
Mineralien vor. Die offizineile Magnesia alba,
ein Gemisch von M. mit Magnesiumhydroxyd und
Wasser, wird aus dem Bikarbonat dargestellt
und findet als Magenpulver gegen Sodbrennen,
und zu Zahnpulver Anwendung.

17
        <pb n="264" />
        ﻿Magnesiumlaktat

258

Mais

Magnesiumlaktat (milchsaure Magnesia,
Magnesium lacticum) entsteht beim Neutrali-
sieren von Magnesiumkarbonat mit Milchsäure
als ein weißes, mit drei Molekülen kristallisie-
rendes Salz, das als gelindes Abführmittel Ver-
wendung findet.

Magnesiumoleat (ölsaures Magnesium,
Magnesiaseife) wird durch Verseifen von Olein
•mit Magnesia usta oder, älba erhalten und dient
in chemischen Wäschereien zur Verhinderung
elektrischer, Funkenbildung ira Benzin.

Magnesiumsulfat (schwefelsaures Magne-
sium, lat. Magnesium sulfuricum, frz. Sulfate
de magnesie, engl. Bitter salt), MgS04, wird aus
verschiedenen Bitterwässern sowie vor allem aus
dem Kieserit der Abraumsalze dargestellt und
kristallisiert mit sieben Molekülen Wasser als
Bittersalz (s. d.).

Magnesiumsuperoxyd(M agn es i umperoxyd)
wird durch Behandlung von Magnesiumsalzlösun-
gen mit Natrium- oder Bariumsuperoxyd als ein
leichtes weißes Pulver dargestellt. Die meisten
im Handel befindlichen Erzeugnisse, wie Novo-
zon, Hopogan, Magnesiumperhydrol sind
jedoch Mischungen von erheblichen Mengen Mag-
nesiumoxyd und -karbonat mit etwas M. Ent-
gegen der vielfach marktschreierischen Anprei-
sung zu sog. Sauerstoffkuren wird das M. von
den meisten Ärzten als therapeutisch unwirksam
angesehen.

Mahagoniholz (Mahoniholz, frz. Bois d'aca-
jou, engl. Mahogany) nennt man eine Reihe
wertvoller Nutzhölzer, die von verschiedenen
Pflanzen abstammen. Als echter Mahagoni-
baum hat jedoch nur die in Mittelamerika und
Westindien wachsende Swietenia mahagoni
aus der Familie der Zedreleen zu gelten, deren
Holz je nach Klima und Standort große Unter-
schiede aufweist. Auf den Inseln bleibt der
Baum zwar wesentlich kleiner, hat aber schöneres
Holz, welches meist als sog. spanisches- in
Blöcken von 45—S° cm Querschnitt und 3 m
Länge in den Handel kommt, während das vom
Festlande, besonders aus Honduras stammende,
möglicherweise von Swietenia multijuga,
dicker und bis 4 m lang ist. Das feinste und
dichteste Holz liefern die Bäume aus hohen
trockenen und felsigen Lagen, doch wird auch
das schwammige, grobfaserige Holz des feuchten
Tieflandes als Blindholz und Unterfurnier ver
arbeitet. Das echte M. von guten Standorten
ist dicht, hart und schwer, im Trocknen wie
unter Wasser sehr dauerhaft und gegen Wür-
mer unangreifbar. Es schwindet sehr unbedeu-
tend, ist dem Verwerfen und Reißen weniger
unterworfen als irgendein anderes Nutzholz und
nimmt eine schöne Politur an. Die Farbe
ist an neuem Holze gewöhnlich heller, rotgelb
bis heilbräunlich, dunkelt aber allmählich bis
ins Kastanienbraune, nach. Auch zeigt sich meist
eine schöne Zeichnung mit abwechselnden, ver
schieden gefärbten Adern, Streifen, Wellen,
Flammen, feinen Jahresringen, seidenartig glän-
zenden Markstrahlen und als feine Ringe er-
scheinenden Poren. Außer den erwähnten Blök-
ken kommt das Holz auch in Form von Plan-
ken in den Handel, und schließlich gewinnt
man noch aus den ästigen Stammteilen, und
Auswüchsen schönes Maserholz und das sog.

Pyramidehholz, bei welchem die Flammen
sich nach entgegengesetzten Richtungen verbreh
ten. — Von anderen als M. bezeichneten Hölzern,
wird das afrikanische, auch Madeira-M. oder
Kailzedraholz genannte, zu Möbelfurnieren,;
feinen Kasten für Mikroskope, Gewichtssätze:
u. dgl. viel verbraucht.. Es stammt von Kaya)
senegalensis und ist dem echten Holze noch
am ähnlichsten, jedoch , härter als dieses. Von
ostindischen Zedreleen wird das sog. Atlas-
holz mit schönem Seidenglanze gewonnen, und
von Eukalyptusarten das dichte, rote, veilchen-
artig riechende neuholländische M. Weißes:
M. ist das Anakardienholz.

Mahwafrüchte (Mahwablüten), die fett-
reichen Früchte von verschiedenen Bäumen
aus der Familie der Sapofazeen, z. B. Bassia
longifolia, B. latifolia, die auf den Inselnl
des Indischen Archipels heimisch sind, werden
zur Herstellung der Bassiafette (s. d.) benutzt-

Mais (Kukuruz, türkischer Weiten,,
Welschkorn, frz. Mais, engl. Indian corn), eine’
der wichtigsten Getreidepflanzen, Zea Mays,
hat sich von Amerika aus in alle Weltteile ver-
breitet und wird sowohl als Grünfutter, wie auch
als Körnerpflanze angebaut, als letztere aller-
dings nur im Weinklima südlich vom 54.° n. Br.
In Deutschland findet sich Körnermais südlich
der Mainlinie, am Rhein und im Südwesten, ln
allen Donauländern von Ungarn bis zum Schwar-
zen Meer und in den Mittelmeerstaaten bildet er
die vorherrschende Getreidepflanze. Er wird in
starker Düngung gebaut, in Reihen gesät und
muß fleißig behackt werden. Mais verlangt war-
men, lockeren Boden und, bis zur handhohen1
Entwicklung, viel Feuchtigkeit, verträgt aber
keinen Frost oder Nässe und nasse Kälte. Der
Ertrag ist 20—3ofach, ja im Heimatlande bis
toofach! Die zu den Gräsern gehörige Pflanze:
ist zweiblütig und hat viele lange und breite
Blätter. Die weiblichen Blüten bilden die Mais-;
kolben, in denen die Körner zu 6—20 Reihen
dichtgedrängt um die Spindel angeordnet sind,
und die nach außen von zahlreichen Deckblät-
tern umschlossen werden. Die Körner sind ver-
schieden groß, gelb, weiß, rot, orange, braun,
schwarzbraun, violett oder grünlich, streifig oder
gleichförmig gefärbt und 3—4 Jahre lang keim-l
fähig. Zur Gewinnung der Samen werden die
Kolben künstlich getrocknet und in besonderen
Maschinen enthülst. Die dabei abfallenden Deck-
blätter bilden Polstermaterial und guten Papier-
stoff, die Kolben Brennmaterial, die Nebentriebe
Futter. Von den zahlreichen Handelssorten, unter
denen bei uns nur die niedrigen bis mittelhohen
zur Reife kommen, seien erwähnt: Spelzmais,
Perlmais, Cuzkomais, Spitzmais, Zuckermais,
Pferdezahnmais, italienischer Cinquantino oder-
Fünfmonatmais, Pignoletto, Badischer, Oberlän--
der, Kroatischer, Pfälzer und Mailänder Mais.
Die Samen enthalten ungefähr 130/0 Wasser,
9—11% Protein, 4—8°/o Fett, H/2—2 % Mineral-
stoffe, 2—4 0/0, Rohfaser und 68% stickstofffreie’
Extraktstoffe. Sie finden ausgedehnte Verwen-
dung für die menschliche Ernährung zur Her-;
•Stellung von Puddings, Polenta, Suppen, Klo-
Ben, Küchen und Brot sowie in der Technik
zur Herstellung von Stärke (Maizena, Mon-
damin), Branntwein, Bier, Kaffee-Ersatzmitteln
        <pb n="265" />
        ﻿Maisöl

259

Makrele

und Zücker. Als Grünpflanze dient Mais, ebenso
wie die unreifen Kolben, zum Viehfutter. Der
zur menschlichen Ernährung bestimmte Mais er-
fordert bei der Ernte und Lagerung sorgfältige
Behandlung, da das fettreiche Maismehl leicht
ranzig wird und der Genuß von feucht geernte-
tem und verschimmeltem Mais die als Pellagra
bekannte Krankheit hervorruft.

Maisöl (lat. Oleum maydis, frz. Huile de mais,
engl. Maize oil), das in den Keimen der Mais-
körner enthaltene fette Öl, scheidet sich beim
Eintnaischen und der Gärung des Maises behufs
Spiritusgewinnung ab, kann aber auch durch
Auspressen oder Extraktion der zerkleinerten
Samen gewonnen werden. Das blaß- bis bräun-
lichgelbe Öl ist etwas dickflüssiger als Olivenöl
und von mildem Geschmack und schwachem Ge-
ruch. Sein spez. Gew. schwankt zwischen 0,921
und 0,924, die Verseifungszahl zwischen 188,1
und 192,7, die Jodzahl zwischen 111,2—125,0.
Das zu den nicht trocknenden ölen gehörende
M. wird in Nordamerika in großer Menge dar-
gestellt und als Schmieröl und zur Seifen-
bereitung benutzt.

Maispapier wird teils aus dem Maisstroh
(Maisstengeln), teils aus den Maislieschen,
den die Kolben umhüllenden Blattscheiden, be-
reitet. Besonders die letzteren sind hierzu ge-
eignet, doch liefert auch das Maisstroh einen sehr
brauchbaren Rohstoff, aus welchem man Papier
in allen Graden der Feinheit darstellen kann.
Dasselbe soll fester sein als Hadernpapier, selbst
an die schärfsten Stahlfedern kein Fäserchen
abgeben und auch nicht die Sprödigkeit anderer
Strohpapiere besitzen.

Maiwürmer (Ölkäfer) sind Blasenkäfer aus
der Familie der Meloiden, die in etwa 70 Arten
über Europa, Asien, Afrika, Amerika weit ver-
breitet sind, und von denen besonders der
bunte M. (Meloe variegatus L.) und der
blaue M. (M. proscarabaeus L.) Verwendung
finden. Die etwa 2 cm langen Käfer besitzen
in den Gelenken der Beine eine ölige, gelbe
Flüssigkeit, die sie beim Berühren von sich
geben und welche wegen ihres Gehaltes an Kan-
tharidin blasenziehend wirkt. Von den Kantha-
t'iden unterscheiden sich die M. namentlich
durch das Fehlen oder die unvollständige Aus-
bildung der Flügel, wodurch sie mehr auf den
Aufenthalt in der Erde angewiesen sind. In Ko-
tig aufgesetzt, werden sie als Volksmedizin gegen
Hundswut angewandt.

Majolika nennt man eine besondere Art
Steingut (s. d.), die über dem meist eisenhaltigen,
daher durch den Brand gelblich oder rötlich
"[erdenden Ton die Malerei auf einer undurch-
sichtigen weißen Zinnglasur trägt. Der Name
?tammt Von der Insel MaJorka, wo die Pisaner
12. Jahrhundert die in die Kirchenwände
Htigesetzten Schüsselchen (baccioli) sahen und
uach Italien mitnahmen. Lucca della Robbia
'var der erste, der das Metall der Glasur er-
nannte. Die anderen, welche dieselbe Wirkung
211 erzielen suchten, pflegten auf dem eisenhal-
tigen Ton eine Auflage von Pfeifenton, der sich
weiß brennt (Engobe) und darüber die Malerei
anzubringen, die durch eine durchsichtige. Blei-
glasur gedeckt wurde. Diese Waren nannte
tüan. Mezza-Majoliken. In neuerer Zeit wird

die Bezeichnung auch für manche Ersatzstücke
gebraucht, so daß sie jetzt fast jegliche leicht-
gebrannte bunte Tonware umfaßt. Als bekann-
teste Gattung erscheinen die Znaimer Majo-
liken, die von Alois Klanimerth durch die
ganze Welt verbreitet wurden, die Heimberger
oder Schweizer Majoliken, die Professor
Keller-Leuzinger zum erstenmal auf der Pariser
Weltausstellung verführte* die italienischen
Bauernmajoliken, die nebst den besseren
Erzeugnissen von Ginori in Docoia und Castel-
lani in Rom sich am meisten an die alten Majo-
liken in Technik und Aussehen anlehnten. Jetzt
hat man auch viele Fabriken in Deutschland
(badischer und württembergischer Schwarzwald)
und Österreich, die sich mit der Herstellung von
Majolikagegenständen der verschiedensten Art,
wie Zimmeröfen, Kaminen, Vasen, Figuren üsw.
beschäftigen. Die Verpackung geschieht in ge-
reinigtem Heu oder Stroh in Kisten öder Holz-
körben, bei billigen Waren direkt in den Wagen
oder auf das Schiff. Feinere Waren werden auch
wohl in Papier oder Seidenpapier gewickelt, kost-
barste Proben selbst in Watte und stückweise in
Pappschachteln verpackt (s. auch Fayence).

Majoran (Meiran, Wurstkraut, lat. Herba
majoranae, frz. Marjolaine, engl. Marjoram)
nennt man die von den Stengeln abgestreiften
Blätter und Blütenstände von Majorana hor-
tensis oder Origanum majorana, einer ein-
jährigen, in Griechenland und dem Orient heimi-
schen Lab iate. Das in der Blüte gesammelte und
getrocknete, stark aromatisch riechende und
schmeckende Kraut, das in günstigen Jahrein
bis dreimal geschnitten werden kann, bildet ein
beliebtes Gewürz für Küche und Fleischerei
1 (Wurstkraut) und wird außerdem zu Kräuter-
kissen, Bädern und Umschlägen, zu Kräuter-
schnupftabak und zur Herstellung von Majo-
ranbutter benutzt. Durch Destillation des
frisch getrockneten Krautes mit Wasser werden
0.7—3.5 % eines gelblichen, dünnflüssigen, äthe-
rischen Öls, Majoranöl (lat. Oleum majora-
nae, frz. Essence de marjolaine, engl. Marjoram
oil), erhalten, dessen spez. Gew. 0,890—0,910 und
dessen Drehung +'2 bis +19 beträgt. Es
muß gut verschlossen und vor dem Tageslicht
geschützt werden, da es unter dem Einfluß von
Luft und Licht schnell verharzt, säuert und sich
bräunt. M. dient namentlich zur Parfümierung
von Seifen und .als Zusatz zu aromatischen Li-
kören.

Makassaröl, eine bei gewöhnlicher Tempe-
ratur weiche, gelblichweiße Masse, die jedoch
sehr leicht schmilzt und dann ein fast klares Öl
gibt, riecht schwach nach Bittermandelöl und
enthält etwa 0,05 0/0 Blausäure. Es wird in Ost-
indien aus den Samen einer Sapindazee,
Schleichera trijuga, durch Pressen erhalten
und als haarwuchsbeförderndes Mittel empfoh-
len. Vielfach wird aber unter diesem Namen
ein durch Alkannin gefärbtes und verschieden
parfümiertes Mandel- oder Olivenöl abgegeben.

Makrele, ein schön gestalteter und gefärbter
Seefisch, Scomber scomber, von 50—60 cm
Länge und 1 — 1 i/a kg Gewicht, erscheint ober-
halb stahlblau, ins Goldgrüne schimmernd, mit
schwarzen Querbändern und an den Seiten silber-
weiß. Das Fleisch ist frisch sehr wohlschmek-
        <pb n="266" />
        ﻿Makronen

260

Maltonweine

kend und wird außerdem durch Salzen und Räu-
chern konserviert.

Makronen nennt man ein scheibenförmiges
oder flach halbkugelförmiges Gebäck, welches
aus süßen und bitteren Mandeln, Eiweiß und
Zucker bereitet wird und gewöhnlich auch noch
Gewürze als Zutat erhält. — Die in den Handel
gebrachten Kaisermakronen sind aus Kokos-
kernen statt aus Mandeln hergestellt worden
und dürfen nicht als M. schlechthin bezeichnet
werden.

Malabartalg (Vateriafett, Pineytalg) wird
durch Auskochen der gerösteten und gemahlenen
Samen von Vateria indica {Butterbohne)
mit Wasser erhalten. Es ist ein frisch grünlich-
gelbes, geschmack- und geruchloses Fett von
talgähnlicher Konsistenz und wird sowohl zu
Speisezwecken als auch zur Kerzenfabrikation
verwandt.

Malachit (Atlaserz, frz. und engl, Malachite),
ein grünes Kupfererz, welches g eich der blauen
Kupferlasur ein kohlensaures Kupferoxydhydrat
i^t, nur einen höheren Kupferoxydgehalt von
7'i,t9°/o neben 19,94% Kohlensäure und 8,16%
Wasser aufweist, findet sich in Form schöner
Kristalle sowie blättriger, fasriger, dichter und
erdiger Massen an den meisten Kupfererzlager-
stätten, besonders in Thüringen, Kärnten,' Corn-
wall, Ungarn und im Ural. Alle Vorkommnisse
sind gute, leicht zu verhüttende Kupfererze, doch
werden die besonders schön gefärbten, faserigen
Stücke, welche infolge ihrer Zusammensetzung
aus feinen Kristallnadeln seidenartigen Glanz
zeigen, meist zu Gebrauchsgegenständen und
Schmucksachen verarbeitet. Der Malachit be-
sitzt eine geringe Härte (3,5), zeichnet sich aber
durch seine schöne Färbung, seinen Glanz und
seine Politurfähigkeit aus. Die größten und
schönsten Stücke finden sich im Ural, besonders
in den fürstlich Demidoffschen Besitzungen und
werden zur Herstellung von Tischplatten, Säulen,
Vasen, Leuchtern und Bauornamenten benutzt.
Kleinere Stücke, die zu Dosen, Ringsteinen und
Broschen verarbeitet werden können, kommen
auch in Tirol und anderen Orten vor. Man sor-
tiert die Ware nach der Farbe in foncde, ordi-
na-ire, claire und pale und schätzt die dunklere
am geringsten.

Malachitgrün, ein seit 1878 bekannter Teer-
farbstoff der Triphenylmethanreihe (Tetra-
methyldiaminotriphenylkarbinol), kommt in vie-
len verschiedenen Farbtönen von bläulichgrün
bis gelblichgrün in den Handel, je nachdem die,
in dem Farbstoff enthaltene Base als Oxalat, als
Pikrat oder als Eisenchlorid- oder Zinkchlorid-
doppelsalz vorhanden ist. Die verschiedenen
Handelsbezeichnungen: Bittermandelölgrün,
Viktoriagrün, Neugrün, Solidgrün, Echt-
grün, Benzalgrün, Benzoylgrün, Kristall-
grün, Vert Diamant, beziehen sich zum Teil
auf dieselbe Farbe. Die Darstellung erfolgt
durch Einwirkung von Benzaldehyd auf Dime-
thylanilin und Oxydation des hierbei entstehen-
den Tetramethyldiamidotriphenylmethans mit
Bleisuperoxyd in salzsaurer Lösung, worauf man
das Oxalat in Form grüner, metallisch glänzen-
der Blättchen, das Chlorzinksalz, in messing-
gelben prismatischen Kristallen erhält. Alle diese
Farben sind, mit , Ausnahme des Pikrats, in

Wasser löslich, das Pikrat ist aber in Alkohol
löslich und wird unter dem besonderen Namen
M. spritlöslich verkauft. Das M. findet aus-
gedehnte Anwendung in der Färberei und färbt
Seide, Wolle, Jute und Leder direkt, Baumwolle
nach vorhergegangenem Beizen mit Tannin und
Brechweinstein grün. Die Farben sind ziemlich
echt gegen Seifen und Säuren. Auch zum Fär-
ben von Affichenpapier und zur Herstellung von
Buntpapieren kann M. benutzt werden.

Malaga, ein zu den eigentlichen Süßweinen
mit mehr als 18 % Zucker gehörender Dessert-
wein, stammt aus der spanischen Provinz Malaga
und wird meist als Weißwein aus der Pedro-
Ximenez-Traube nach den verschiedensten
Verfahren hergestellt. Die Grundlage der mei-
sten Erzeugnisse bildet der Vino maestro,
ein im -Zustande beginnender Gärung durch Zu-
satz von 15% Alkohol stumm gemachter Most
und der Vino Tierno, der durch Auspressen
von Trockenbeeren mit t/s Wasser gewonnen
wird. Sie erhalten meist Zusätze von Aropa,
d. i. in flachen Pfannen auf Vs seines Volums
eingekochter süßer Most, oder von Color, der
noch weiter zur Sirupsdicke eingedampften Aropa.
Beide sollen außerdem vielfach mit Auszügen
von Feigen, Johannisbrot und Zuckersirup ver-
mischt werden. Durch entsprechende Vereini-
gung der genannten Stoffe entstehen die ver-
schiedenen Malagaweine, von denen zu uns die
dunkelbraun gefärbten, viel Color enthaltenden,
Sorten gelangen. Als mittlere Zusammensetzung
gibt König an: 12,6g Alkohol, 22,09g Extrakt,
,18,32 g Zucker, 0,51g Gesamtsäure, 0,55 g Gly-
zerin und 0,42 g Mineralstoffe, jedoch schwankt
die Zusammensetzung sehr, und neben dem
zuckerreichen Dulce delcolor gibt es sehr
herbe, als Vino seco bezeichnete Sorten. Die
aus den höher gelegenen Gegenden stammenden
Mountains Weine gehen meist nach England.
Rote M. sind ziemlich selten und meist als
Alikante anzusprechen.

Malamborinde (lat. Cortex Malambo, frz.
Ecorce de malambo, engl. Malambo bärk), die
Rinde von Croton Malambo, einer baumarti-
gen Euphorbiazee Venezuelas und Neu-Gra
nadas, besteht aus rinnenförmigen Stücken, die
mit einem leicht ablösbaren, weißgelbllchen Kork
bedeckt sind. Darunter liegt eine gelbbraune
Mittelrinde, während die Innenfläche glatt und
blaß zimtfarben, der Bruch körnig, faserig er-
scheint. Geruch ünd Geschmack erinnern an
Mazis. Die Rinde wird in Südamerika als
Fiebermittel medizinisch verwandt.

Malariapastillen enthalten 1 g salzsaures Chi-
nin und 0,002 g arsensaures Natrium.

Malarin, ein schwach nach Jasmin riechendes
hellgelbes Kristallpulver vom Schmelzpunkt 88°,
wird durch Erhitzen gleicher Teile Azetophenon
und Paraphenetidin dargestellt und ist daher als
Azetophenonphenetidid, C6H5 . C(CH;i): N .
C6H4OC2Hs, anzusprechen. Die in Wasser un-
lösliche, in Alkohol und Äther lösliche Verbin-
dung wird neuerdings als Fiebermittel empfohlen.

Maltonweine nennt man eine Reihe weinähn-
lieber, Getränke, welche nach einem von Dr.
Sauer in Hamburg erfundenen Verfahren aus
Malzwürze hergestellt werden. Die letztere wird
zunächst durch Zusatz von. Milchsäurebazillen
        <pb n="267" />
        ﻿Maltose

261

Manchester

bei 500 einer Säuerung überlassen, bis der Milch-
säuregehalt o,6—o,8 °/o beträgt, dann auf 75° er-
hitzt und nach dem Abkühlen mit reingezüch-
teten Weinhefen in Gärung versetzt. Hierbei
nimmt die Flüssigkeit einen ausgesprochenen
Weingeschmack und das der verarbeiteten Hefe
entsprechende Aroma an. Die hauptsächlichsten,
als Malton-Sherry, Malton-Portwein und
Malton-T okay er bezeichneten Erzeugnisse
sind, abgesehen von dem Ersatz der Weinsäure
durch Milchsäure, den entsprechenden Trauben-
weinen sehr ähnlich zusammengesetzt. Ihr Ge-
schmack ist, mit Ausnahme des an Bierwürze er-
innernden Malton-Tokayers, rein weinartig, ihr
Preis allerdings verhältnismäßig hoch. Gegen die
Art der Bezeichnung werden seit Erlaß des neuen
Weingesetzes von einigen Sachverständigen, u. a.
Kulisch, Bedenken erhoben. Als „Malzwein“
sind sie nicht zu beanstanden.

Maltose ist eine dem Rohrzucker nahestehende
Zuckerart, C12H22 Ou -j- H2D, also eine Biose,
welche bei der Einwirkung von Diastase auf
Stärke, d. h. bei der Bierbrauerei und Brannt-
weinbrennerei entsteht und auch als Zwischen-
produkt bei der Behandlung von Stärke mit
Säuren gebildet wird. Ihre spez. Drehung be-
trägt 1370. Bei der Hydrolyse mit verdünnten
Säuren liefert sie zwei Moleküle Glykose, redu-
ziert Fehlingsche Lösung und gibt mit Phenyl-
hydrazin ein bei 206° schmelzendes Osazon. M.
bildet den im Bier und Malzextrakt (s. d.) ent-
haltenen Zucker und wird neuerdings in Form
harter feiner Nadeln im großen dargestellt.

Malvenblätter und -blüten (lat. Herba s.
Folia malvae, frz. Feuilles de mauve, engl. Mal-
low leaves; lat.' Flores malvae, frz. Fleurs de
mauve, engl. Mallow flowers). I. Die getrock-
neten Blätter und Blüten der bei uns häufig
an Zäunen, Mauern, auf Schutthaufen u. dgl.
wachsenden Arten wilder Malven oder Käse-
pappeln, Malva silvestris und M. rotundi-
folia aus der Gattung der Malvazeen. Die
Blüten der ersteren sind rosa oder blaurot ge-
färbt, mit dunklerem Geäder durchzogen und
beim Trocknen blau werdend, die der anderen,
kleineren, rötlich bis weiß und violett geadert.
Als Handelsware gehen diese Blüten unter
dem Namen Flores malvae vulgaris s. sil-
vestris. Die Blätter des Malvenkrautes
(Herba s. Folia malvae) sind kurzgestielt, herz-
förmig, kreisrund, stumpf fünflappig, gekerbt
und weich behaart. Blätter und Blüten werden
threr Schleimbestandteile wegen zu Teemischun-
Sen und im Aufguß bei katarrhalischen Lei-
den verwandt. — Von größerer Bedeutung
sind 2. die Blüten der Gartenmalve, Eibisch
Pflanze oder Stockrose, Althaea rosea,
des bekannten, oft mehr als mannshohen, Zier-
gewächses, die als Flores malvae arboreae
cum calycibus oder sine calycibus (mit oder
°hne Kelch) in den Handel kommen. Die gro-
ßen Blumen zeigen verschiedene Färbungen von
r°sa, weiß, gelb, purpur- bis dunkelbraunrot
oder schwarzpurpur, doch wird nur die letztere
Spielart, die schwarze Malve, benutzt und
wegen des Farbstoffs ihrer Blüten angebaut. Mit
Abkochungen der entkelchten Blüteri lassen sich
unter Anwendung von Beizen auf Zeuge hübsche,
aber nicht dauerhafte Farben in violetten und

anderen Tönen herstellen. Auch findet die wein-
rote Lösung, die mit Alkalien grün wird, zum
Färben von Wein, . Likören und Essig aus-
gedehnte Anwendung. Die Blüten der Malven
mit Kelchen dienen offizinell, ihres Gerbstoff-
gehalts halber, als schleimiges und zusammen-
ziehendes Mittel zu Gurgelwasser, erweichenden
Umschlägen, Brusttee u. dgl.

Malz (lat. Maltum, frz. Malte oder Germöe.
engl. Malt) nennt man das bis zu einer gewissen
Entwicklung gekeimte Getreide, besonders Gerste.
Zu seiner Darstellung wird die gereinigte Gerste
zunächst im Quellstock mit Wasser von 10 bis
12° eingeweicht, wobei sie etwa so°/o Wasser auf-
nimmt, nach mehrmaliger Erneuerung des Was-
sers schließlich auf der Malztenne 30—50 cm
hoch aufgeschichtet und zur Begünstigung des
Luftzutritts von Zeit zu Zeit umgeschaufelt. Die
Körner beginnen zu keimen, und unter dem
Einfluß der entstehenden Diastase geht die
Stärke in Dextrin und Maltose über. Sobald der
Blattkeim %—3/4 der Kornlänge erreicht hat,
wird der Prozeß unterbrochen und das Grün-
malz, das 40—50 0/0 Wasser enthält, auf dem
Schwelkboden bei mittlerer Temperatur ge-
trocknet. Das entstehende Luftmalz enthält
noch 12 0/0 Wasser, während bei allmählicher
Temperatursteigerung auf ioo° das Darrmalz
entsteht. Noch höheres Erhitzen auf 170—2000
in Rösttrommeln liefert das Karamel enthaltene
Farbmalz. Gutes Malz, das früher von den
Brauereien selbst hergestellt wurde, jetzt aber in
besonderen Fabriken erzeugt wird, soll aus gan-
zen, vollen, runden und glatten Körnern be-
stehen, eine dünne Schale und angenehmen aro:
malischen Geruch und Geschmack besitzen, leicht
zerreiblich sein und keine gasigen Körner ent-
halten. Malz bildet das Ausgangsmaterial der
Bierbrauerei und dient außerdem zur Herstellung
von Kaffee-Ersatz und diätetischen Mitteln.

Malzextrakt wird aus wäßrigen Malzauszügen
durch Eindampfen im Vakuum als dunkelbrauner
Sirup, oder neuerdings auch in fester Form, als
Pulver, hergestellt und für sich allein oder in
Verbindung mit arzneilichen Zusätzen als Nähr-
und Kräftigungsmittel verordnet. Als besonders
hervorragend gelten der Malzextrakt von J. Paul
Liebe, Dr. Athenstaedt und das sog. Maltyl
von Gehe &amp; Co. A.-G. in Dresden.

Mammeyäpfel, die Früchte eines in West-
indien heimischen, aber auch in anderen Troplen-
gegenden angebauten, Baumes aus der Familie
der Klusiazeen, Mammea americana. haben
eine gelbe Farbe und einen Durchmesser bis zu
20 cm und besitzen ein süßes, gewürzhaft schmek-
kendes Fleisch. Man genießt sie sowohl roh als
auch in Zucker eingemacht. Durch Gärung wird
aus ihnen ein weinartiges Getränk (Mammey-
wein) und durch Destillation der wohlriechen-
den Blüten mit Weingeist ein beliebter Likör,
das Kreolenwasser (Eau de creoles), gewonnen.

Manchester (frz. Manchester, Velours color,
engl. Furtion), samtartige Zeuge aus Baumwoll-
garn, die als Nachahmungen des eigentlichen
seidenen Samts (s. d.) wie dieser glatt und als
Köper gewebt sind, haben ihren Namen von der
englischen Stadt Manchester, wo sie zuerst her-
gestellt wurden, und wo noch jetzt, in Stadt und
Umgegend, der , Hauptsitz der M.-Weberei ist.
        <pb n="268" />
        ﻿Mandarinen

262

Mandelöl, fettes

In England heißen derartige Stoffe meist Vel-
vets, Velverets und Velveteens, Namen, die
auch bei uns üblich geworden sind und die alte
Benennung etwas verdrängt haben. Samtman-
chester nennt man die schwersten und feinsten
Stoffe, welche den echten Samt am besten nach-
ahmen. Die gangbarste Farbe ist Schwarz, doch
gibt es auch anders gefärbte sowie bedruckte
Sorten. Ungerissene Gewebe dieser Art, bei
denen die Schlingen des Polfadens nicht auf-
geschnitten sind, und die also keine haarige
Oberfläche haben, bilden eine andere Gattung
und heißen Satin, Satinet usw. Die unechten
Samte werden jetzt in Frankreich und Deutsch-
land ebenfalls hergestellt.

Mandarinen, die Früchte von Citrus myr-
tifolia und C. chinensis, sind kleine Pomeran-
zen, die einen angenehmen süßen Geschmack
haben. Der Baum wächst in Italien, Spanien,
Algier und China. Mandarinenöl, das aus den
Fruchtschalen dieser Früchte, gewonnene äthe-
rische Öl, riecht dem Pomeranzenöl ähnlich.

Mandelkleie (lat. Farina s. Furfur s. Placenta
amygdalarum amararum, frz. Son d’amandes,
engl. Eran of almonds) nennt man die nach dem
Auspressen des fetten Öles bzw. bei der De-
stillation des bitteren Mandelöls und bit-
teren Mandelwassers verbleibenden Rück-
stände, die als kosmetisches Mittel, zum Waschen
gegen Hautunreinlichkeiten, zuweilen, unter Zu-
satz von Sand, als Sandmandelkleie Verwen-
dung finden. Einige im Handel befindliche Sor-
ten sind außerdem noch mit zerkleinerter Seife
vermischt.

Mandeln (lat. Amygdalae, frz. Amandes, engl.
Almonds). Der Mandelbaum, Amygdalus
communis, welcher s—To m hoch wird und im
Freien nur bei Weinklima und geschützt gegen
rauhe Nord- und Ostwinde gezogen werden kann,
findet sich in Asien, in den Mittelmeerländern,
in Deutschland südlich des Mains, besonders
aber im Rheintal, an der Bergstraße und in der
Pfalz. Die schön rötlichen Blüten erscheinen
im ersten Frühling, die Reifezeit ist im August
und September. Die Zwerg- oder Strauch-
mandel, Amygdalus nana, eine Zierpflanze,
die noch bis Livland gedeiht, trägt ungenießbare
Früchte, die jedoch in Rußland an Stelle der
bitterer! Mandeln benutzt werden. — Die Mandel
ist eine Steinfrucht und enthält in einer hart
fleischigen, aufspringenden Fruchtschale die von
der Steinschale umhüllten Samen. Eine Abart
mit besonders leicht zerbrechlicher Schale wird
als Krach- oder Knackmandel, A. fragilis,
bezeichnet. Die Mandeln kommen sowohl mit
süßen als mit bitteren Samen vor, ohne daß man
diesen Unterschied an dem Aussehen der Bäume
oder der Früchte zu erkennen vermöchte. -— Die
süßen M. (A. dulces) enthalten 45—55 °/o fettes
Öl, 20—25 °/o Stickstoffsubstanz (Konglutin und
Emulsin), 13% stickstofffreie Extraktstoffe (Zuk-
ker und Gummi) und 3—s % Mineralstoffe. Sie
besitzen einen süßen, schleimigen und angenehm
öligen Geschmack, der am feinsten nach der Ent-
fernung der gelbbraunen, sehr gerbstoffreichen
Haut hervortritt. — Die bitteren M. (A. ama-
rae) unterscheiden sich von den süßen M. bei
sonst übereinstimmender Zusammensetzung durch
ihren Gehalt an Amygdalin (2,5—4%), einem

Glykoside, das beim Zerreiben mit Wasser unter
der Einwirkung des ebenfalls in den Mandeln
enthaltenen Enzyms (Emulsin) in Blausäure,
Bittermandelöl und Zucker zerfällt. Wegen der
entstehenden Blausäure sind bittere Mandeln, in
größeren Mengen genossen, gesundheitsschädlich
und für kleinere Tiere, z. B. Papageien, sogar
tödlich. — Als Verfälschung der M. sind Zu-
sätze der Kerne von Amygdalus nana sowie von
Pfirsichen und Aprikosen beobachtet worden.
Die süßen Mandeln werden als Dessertfrucht, zu
Backwerk und Konditoreiwaren, zur Pierstellung
von Marzipan, Mandelöl (s. d.) und Mandelmilch
verwendet. Die bitteren M. dienen ebenfalls zur
Gewinnung des fetten Öles, ferner des Bitter-
mandelöls, des 'Bittermandelwassers und des
Amygdalins, Der nach dem Auspressen des fetten
Öles bzw. dem Abdestillieren des ätherischen
bitteren Mandelöles und Wassers verbleibende
Rückstand gibt die Mandelkleie (s. d.). — Die
besten Handelssorten der Mandeln kommen aus
Malaga, danach aus Majorka, Alikante und Va-
lenzia in Spanien. Krachmandeln stammen aus
Malaga, Frankreich liefert süße und bittere Pro-
vencer-M. von kürzerer, dickerer Form tjnd
mittlerer Güte (Ambrosiamandeln, Abalan);
ferner Comtatsche M. in eirunden Körben, M.
von Languedoc, Molarissen und Mollisse oder
Sottole (frz. amandes aux dames, a. en coques,
a. en coquilles, a. ä craquum). Italien führt über
Lari, Palermo und Messina die drei Sorten: Bi-
schellia (Prima), Andrea (Sekunda) und Bari aus,
ferner von Sizilien: Avola (la), Masculi (Ila),
Palma et Girgenti (die geringsten). Die berbe-
rischen Barbanisse werden wenig geschätzt.
Neuerdings kommen auch aus Mogador M. in
den Handel. Gute M. sollen rein, unversehrt,
nicht angefressen und mit hellgelber glatter Haut
ohne Runzeln bedeckt sein. Sie dürfen keine zer-
brochenen oder geborstenen Stücke enthalten
und keinen ranzigen Geschmack besitzen. Fehler-
haft sind M. mit weißer oder schwärzlicher Haut,
geborstene, zähe oder durch Erhitzung verdorbene
M. — Als Mandelersatz werden Aprikosen- und
Pfirsichkerne, Erdnüsse u.dgl. bezeichnet (s. Mar-
zipan).

Mandelöl, fettes (lat. Oleum amygdalarum
dulce expressum, frz. Huile d’amandes, engl. Al-
monds oil) wird in der Weise gewonnen, daß
man die zerriebenen süßen M. bei mittlerer, nicht
über 300 steigender Temperatur auspreßt und
nach mehrtägigem Stehen in trockene braune
Flaschen abfüllt. Geringere Mengen erhält man
auch durch vorheriges Auspressen der zur Destil-
lation des Bittermandelwassers bestimmten bitte-
ren Mandeln. Die Ausbeute beträgt aus bitteren
Mandeln bis zu 36%, aus süßen bis so 0/0 Öl.
Das M. ist völlig klar, blaßgelblich, dünnflüssig
und von mildem, reinem Geschmack. Es trocknet
nicht an der Luft, besitzt das spez. Gew. 0,917
bis 0,920, die Verseifungszahl 196 und die Jod-
zahl 85—96 und ist in 60 T. absolutem Alkohol
löslich. Bei -— t6° wird es weiß getrübt und er-
starrt bei — 20°. Zum Nachweis der zahlreichen
Verfälschungen mit Aprikosenkern-, Pfirsich-
kern- und anderem fetten Öl kann u. a. die Elaidin-
probe (s. Öle) herangezogen werden, welche bei
reinem M. nach 10—12 Stunden eine völlig weiße
und feste Schicht, bei den meisten anderen ölen
        <pb n="269" />
        ﻿263

Mangostanen

Mangan

■hingegen rötliche bis bräunliche Färbungen lie-
fert. Zusätze von Aprikosen- und Pfirsichkernöl
erkennt man daran, daß beim Schütteln gleicher
Teile Öl, Salpetersäure (1,40) und gesättigter Re-
sorzinlösung in Benzol eine purpurviolette Fär-
bung auftritt (Belliers Reaktion). Nimmt man
statt Resorzin eine i°/oige ätherische Phloroglu-
zinlösung, so färbt sich das Öl kirschrot (Kreis).
M. wird in der Medizin zur Herstellung vonEmuI-
sionen, Salben, Einreibungen und kosmetischen
Mitteln benutzt.

Mangan (Manganesium), ein Metall der
Eisengruppe, Mn = 55, kommt nur in einigen
Meteöreisen in freiem Zustande vor, ist aber in
Form seiner Verbindungen außerordentlich ver-
breitet. Es findet sich vor allem im Braunstein
und anderen Manganerzen und bildet einen nor-
malen Bestandteil des pflanzlichen und tierischen
Organismus. Zur Darstellung des M. wird ent-
weder Braunstein mit Kohle, oder Fluormangan
mit Natrium reduziert, oder man zerlegt Mangan-
chlorürlösung durch Elektrolyse. Das wichtigste
Verfahren dürfte zurzeit die Reduktion von Man-
ganoxydul mit Aluminiumpulver nach der Gold-
schmidtschen Aluminothermie sein. Das
Metall besitzt einen weißgrauen, ins Rötliche
spielenden Glanz, ist politurfähig, sehr spröde
und so hart, daß es Glas und Stahl ritzt. Sein
spez. Gew. liegt zwischen 7,2 und 8, sein Schmelz-
punkt bei etwa 13000. Beim Erhitzen an der Luft
läuft es mit ähnlichen Farben wie der Stahl an,
hält sich aber bei gewöhnlicher Temperatur
ziemlich lange blank. An feuchter Luft oxydiert
es sich und wird durch Säuren gelöst. Im Gegen-
satz zum Eisen wird es vom Magneten nicht an-
gezogen. In Form seiner Legierungen besitzt
das M. ungeheure technische Bedeutung. Im
größten Maßstabe wird besonders ein sehr man-
ganreiches Roheisen (Ferromangan) mit 7o°/o
M. hergestellt, das zur Fabrikation harter Stahl-
sorten, Manganstahl, benutzt wird. Mit Kupfer
und Zink bildet M. eine ganze Reihe von Man-
ganbronzen, welche sich zu Blech auswalzen
und zu Draht ziehen lassen. Manganin ist eine
zu elektrischen Widerständen benutzte Legierung
^on 84 T. Kupfer, 12 T. Mangan und 4 T. Nickel.

Abhängigkeit der deutschen Industrie von
uen ausländischen, besonders den nordamerikani-
Schen Manganlieferanten, machte sich im Kriege
empfindlich fühlbar. Man hat aber jm Waldeck-
?chen bei der Eisenbahnstation Eimelrod sowie
’n Belgisch-Luxemburg größere Mengen hoch-
prozentiger Manganerze entdeckt. Auch sind die
bei der Verhüttung des SLgerländer Eisensteins
entfalienden manganreichen Hochofenschlacken
but Erfolg aufgearbeitet worden, und schließlich
bat auch der Abwasserschlamm crenothrixhaltiger
Wasserleitungen Verwendung gefunden. Im
frieden wird Deutschland auf das Kaukasusvor-
hornmen zurückgreifen, das 370/0 derWcltproduk-
bon liefert. Daneben rechnen die Amerikaner
bamit, daß an Stelle des Manganstahls Siliziüm-
■^mniinium- und Kalzium-Silizium-Stahl her-
Sestelit werden wird.

Manganazetat (Essigsaures Manganoxy-
muL lat.; Manganum aceticupi, fr?- Acetate de
|vabgancse, engl. Acetate of manganese), Mn(G2.

2)2, entsteht beim Auflösen von Manganoxy-
u* QderMangankarbonat in Essigsäure oder durch

Fällung von Manga'nosulfat mit Kalziumazetat
oder Bleizucker als ein rötliches, in Wasser und
Alkohol lösliches Kristallpulver. Man benutzt es
in der Färberei und Druckerei zur Herstellung
brauner Farben, indem man die damit getränk-
ten oder bedruckten Zeuge durch eine Lösung
von Chlorkalk zieht, wobei sich Manganoxyd
hydrat auf der Faser niederschlägt.

Manganborat (borsaures Manganoxydul,
lat. Manganum boracicum, frz. Borate de man-
ganese, engl, Borate of manganese), MnB4(D7,
wird durch Einwirkung . von Boraxlösung auf
Manganoxydulsalze dargestellt und liefert ebenso
wie das harzsaure, ölsaure und oxalsaure
M. vortreffliche Sikkative.

Manganbraun (Manganbister) nennt man
eine Farbe, welche durch Erhitzen von Mangan-
karbonat oder durch Fällung von Manganchlorür-
lösung mit Natronlösung dargestellt wird. Der
zuerst ausfallende weiße Niederschlag nimmt an
der Luft durch Sauerstoffaufnahme bald eine
braune Farbe an.

Manganchloriir (lat. Manganum chloratum,
frz. Chlorure de manganöse, engl. Chloride öf
manganese), MnCl2, entsteht bei der Behandlung
von Braunstein mit Salzsäure und findet sich
demnach in den Mutterlaugen der Chlorkalk-
bereitung. Es ist ein hellrötliches Kristall-
pulver, welches als Beize in der Färberei, als
Ausgangsmaterial für die übrigen, Manganyer-
bindungen und in der Medizin gegen Bleichsucht
und Ausschlag, als Mund- und Gurgelwasser
benutzt wird.

Mangankarbonat (kohlensaures Mangan-
oxydul, lat. Manganum carbonicum, frz. Car
bonate de manganese, engl. Carbonate of man-
ganese) findet sich fertig gebildet in der Natur
meist in isomorpher Mischung mit Eisen- oder
Magnesiumkarbonat als Manganspat und kann
außerdem als Nebenprodukt bei den Gasanstal-
ten erhalten werden, wenn man das Gaswasser
mit den Abfalllaugen der Chlorkalkdarstellung
vermischt. In reinstem Zustande entsteht es
durch Fällung von Mangansulfatlösung mit Soda
und Trocknen des Niederschlages bei gelinder
Wärme als ein hellfleischfarbenes, in Wasser
unlösliches Pulver von der Formel MnCOa. M.
findet in der Medizin gegen Bleichsucht und
Blutarmut sowie zur plerstellung anderer Man-
ganpräparate Anwendung. Die wichtigsten der-,
selben sind zitronensaures, milchsauies und
salizyIsaures M. sowie Verbindungen mit Ei-
weiß, Pepton, Zucker u. dgl,

Mangansulfat (schwefelsaures Mangan-
oxydul, M.-Vitriol, lat. Manganum sulfuri-
cum, frz. Sulfate de manganese, engl. Sulfate of
manganese) wird durch Auflösen von M.-Kar-
bonat mit verdünnter Schwefelsäure und durch
Erhitzen von Braunstein mit konz. Schwefel-
säure oder Eisenvitriol dargestellt als ein mit
vier Molekülen Wasser kristallisierendes Salz von
der Formel MnSÖ4 -)- 4H20. Seine Verwendung
ist derjenigen des Chlorürs analog.

Mangostanen (Mangofrüchte, Mango
pflaumen) sind die Früchte eines in Hinter-
indien und auf den Inseln des Indischen Ar
chipeis heimischen und vielfach angebauten Bau
mes, Garcinia Mangostana s. Mangifera
indica. Sie haben die Größe eines Gänseeis,
        <pb n="270" />
        ﻿Mangostin'

264

Mannit

eine orangegejbe Farbe und einen aromatischen
Geruch und Geschmack und bilden eine wert-
volle Obstart der Tropen, haben aber bei uns
wegen ihres schwachen Terpentingeschmacks bis
jetzt nur wenig Anklang gefunden. Die Früchte
der zahlreichen Spie.aneu des Baumes werden
im Ursprungslande zur Herstellung von Alkohol
und von einem weinartigen Getränk benutzt.
Die Samen und die Fruchtschale müssen hierzu
entfernt werden, weil sie infolge etnes Gehaltes
an Mangostin (s. d.) bitter schmecken. Die
Rinde läßt freiwillig ein gelbes Harz, das
Mangostanharz, austreten und wird in Indien
als Heilmittel gegen Dysenterie benutzt.

Mangostin, der Bitterstoff der Mango-
stanen, wird durch Extraktion der zerk enter-
ten Fruchtschalen mit heißem Alkohol gewonnen
und bildet gelbe, bei 1730 schmelzende Kristall-
blättchen.

Manilahanf (Abaca, frz. Chanvre de manille,
engl. Siam hemp) besteht aus den Fasern der
scheidenartigen Blattstiele mehrerer Arten Pi-
sang oder Banane (Musa), besonders des sog.
Affenpisang, der deshalb auch in der Botanik
als Musa textilis (Gewebepisang) aufgefühtt
wird. Die Pflanze ist auf mehreren indischen
Inseln, namentlich auf den Philippinen und Mo
lukken, heimisch und wird auf Luzon und einigen
anderen Inseln der ersteren Gruppe im großen
angebaut. Die abgehauenen Stämme weiden
nach Entfernung der Blätter frisch geschabt,
bis die Fasern Zurückbleiben, und letztere gleich
in zwei Sorten geschieden, nämlich stärkere von
den äußeren Teilen des Stammes, die zu Tauwerk
dienen, und schwächere aus den inneren Schich-
ten, die zu feineren Arbeiten bestimmt sind.
Aus letzteren fertigen die Eingeborenen Kleider-
stoffe. Die Faser hat den Vorzug außerordent-
licher Zähigkeit, Dauer und Leichtigkeit und
übertrifft in dieser Hinsicht selbst Hanf bei
weitem. Manilataue und -seile kommen daher
im Seewesen immer mehr in Aufnahme, und ihre
Ausfuhr ist im beständigen Wachsen begriffen.
Die Fasern sind etwa 2 m lang, teils weiß,
teils bräunlichgelb, öfter noch zu schmalen Bast-
streifen vereinigt und daher noch klar zu hecheln.
Die weißen, zu feineren Arbeiten tauglichen
Fasern bilden immer nur Vs—Vs der Masse, das
übrige ist Material für den Seiler. Aus den
•besten und glänzendsten Fasern fertigt man
Klingelzüge, Gürtel, Arbeitsbeutel und andere
geflochtene Gegenstände, Schnüre u. dgl.

Manna (lat. Manna, frz. Mannö, engl. Manna)
nennt man den an der Luft getrockneten Saft
der Mannaesche (Fraxinus Ornus), eines
Baumes, der 6—9 m Höhe erreicht und in ganz
Südeuropa vorkommt, aber als Wildbaum zur
Mannagewinnung nicht tauglich ist. Vielmehr
liefern nur einige Spielarten Manna, und es gibt
sonach keine Mannawälder, sondern nur Pflan-
zungen. Am ausgedehntesten finden sich die letz-
teren in einigen Gegenden Siziliens und auf der
Ostseite von Kalabrien, ferner im ehemaligen
Toskana, in Dalmatien und auf mehreren grie-
chischen Inseln. Der Baum läßt seinen Zucker-
saft aus dem Stamme teils freiwillig, teils durch
künstliche Einschnitte tropfenweise austreten.
Man beginnt mit der Gewinnung in der trocke-
nen Jahreszeit, gewöhnlich Anfang Juli, indem

man die Schnitte zuerst nahe am Boden macht
und dann allmählich weiter nach oben vorrückt.

In den Spalt befestigt man einen Strohhalm oder
ein Blatt, worauf der Saft eintrocknet oder auf
Blätter abtropft, die am Fuße des Baumes in
einer dazu gemachten Grube ausgebreitet sind.
Die aus dem unteren Stammteil oder von älteren
Bäumen erhaltene Masse ist von geringerer
Güte als die von den oberen Teilen und von
jungen Bäumen. Zu einer guten Ernte gehört
anhaltend trockenes, helles Wetter, denn Nebel
und Regen machen die M. unbrauchbar, und es
genügt ein Tag starken Regens, um die ganze
Ernte zu vereiteln. Die Ware best ht, abgesehen
von der im Handel selten vorkommenden M.
in Tränen (M. in lacrymis', aus zwei äußerlich
verschiedenen Sorten, Röhrenmanna (M. ca-
nellata) und gemeine M. (M. gerace seu in sor-
tis, häufig auch M. calabrina genannt, obschon
sie meistenteils aus Sizilien kommt). Die Röh-
renmanna besteht aus langen flachen oder
rinnenförmigen, dünnen Stückchen von weiß-
gelblicher Farbe, welche mürbe, brüchig, ziem-
lich trocken und etwas durchscheinend sind
und einen rein süßen, schleimigen Geschmack
haben. Sie ist die von jungen Bäumen und aus
den höheren Stammteilen gesammelte Ware,
welche bei günstigem Wetter rasch auf Blättern
und Zweigen eingetrocknet ist, wird von diesen
abgenommen und nachgetrocknet. Die gemeine
M., die von alten Stämmen und in der Erd-
nähe gewonnen und auch von Luftfeuchtigkeit
beeinflußt ist, besteht aus braunen, ziemlich
feuchten, helleren und härteren Klümpchen, die
von einer dunkleren, schmierigen Masse zu-
sammengehalten werden und häufig Rinden-
stückchen umschließen. — Die wichtigsten Be-
standteile der M. sind Mannit, Glukose und
Schleim. Die Röhrenmanna schmeckt angenehm
süßlich, “während die gemeine M. etwas kratzend
und bitter schmeckt, beide wirken abführend.

— Mit dem Namen Manna belegt man auch
noch verschiedene andere getrocknete Säfte, die
keine Handelswaren sind und nur zum Teil
Mannit, zum Teil auch andere Zuckerarten ent-
halten, z. B. Brianc,oner M„ von einer Art
Lärche (Larix decidua), spanische M. von Cistus
ladanifera, persische von Hedysarum Alhagi
und australische von Eucalyptus mannifera.

Mannagrütze (Schwaden, Schwadengrüt-
ze). Diesen Namen tünren d.e Samen einer
Grasart, Glyceria flüitans (Mannaschwin-
gel, Flutgras, Grashirse, H orischengras),.
welche in der Gegend von Königsberg, Danzig
und Elbing ähnlich wie Hirse zubereitet und
genossen werden. Das Gras wird nicht angebaut,
sondern wächst in den feuchten Niederungen
massenhaft wild. Die durch Ausschütteln auf
untergelegten Tüchern gesammelten Samen sind
noch kleiner als Hirse und haben, nach Ent-
fernung der braunen Hülsen, eine hellgelbe, der
Hirse ähnliche Farbe.

Mannit (Mannazucker) ist eine im Pflanzen-
reiche sehr verbreitete zuckerähnliche Verbin-
dung, die jedoch in größerer Menge nur in der
Manna vorkommt (in den besten Sorten bis ztf
go°/o) und aus ihr durch Auskochen mit Alko-
hol und nachfolgende Kristallisation dargestellt |
wird. Er erscheint dann in weißen, geruchlosen \

i
        <pb n="271" />
        ﻿Mannozitin

265

Margarine

Kristallen von süßem Geschmack, die sich leicht
in siedendem Wasser und Alkohol sowie in
6V2 Teilen kaltem Wasser, aber nicht in Äther
lösen. In chemischer Hinsicht ist M. ein sechs-
atomiger Alkohol mit gerader Kohlenstoffkette
C6HuOs und geht nach vorherigem Schmelzen
bei 1660, bei weiterem Erhitzen auf 2000 in sein
Anhydrid Mannitan, C6H1206, über. Er ist
nicht gärungsfähig. M. kann auch künstlich her-
gestellt werden und findet als Abführmittel und
als Zuckerersatz für Diabetiker Anwendung.

Mannozitin nennt man eine Mischung von
Wollfett mit Kampferöl, welche als Rostschutz-
mittel Verwendung findet.

Maräne (nicht zu verwechseln mit der
Muräne), ein zu der Familie der Lachse ge-
höriger Fisch, von dem man mehrere Arten
unterscheidet. Die gewöhnliche oder große
M. (Madue-M., Coregonus Maraena) lebt
in sehr tiefen Landseen, namentlich im Boden-
see und einigen norddeutschen Seen und wird
auch in den großen Süßwasserseen Nordameri-
kas mit gutem Erfolge künstlich gezogen. Der
Fisch, der nur zur Laichzeit aus der Tiefe in
seichte Stellen kommt, hat ein sehr schmack-
haftes, wennschon wenig haltbares Fleisch und
wird sowohl frisch wie gesalzen und geräuchert
in den Handel gebracht. Die M. wird bis i m
lang und soll unter 40 cm Länge nicht verkauft
werden.— Die kleine M. (Coregonus albula),
■ein außerordentlich schmackhafter Fisch, lebt
wie die große M. nur in den Tiefen der Seen,
namentlich in denen Mecklenburgs, Pommerns,
Ostpreußens und Polens und soll nicht unter
15 cm Länge verkauft werden. Andere weniger
bekannte Arten sind: die Bodenrenke (Stünd-
ling, Coregonus fera), der Kilch (Kirch-
fisch, Kröpfling, Coregonus hiemalis) und
die Rheinanke (Schnäpel, Coregonus oxy-
rhynchus).

Maraschino heißt ein feiner dalmatinischer
Likör, zu dessen Herstellung die an verschie-
denen Orten Dalmatiens angebauten Marasken,
eine besondere Art saurer Kirschen (Prunus ma-
haleb), dienen. Die Früchte werden zu einem
genau einzuhaltenden Zeitpunkte der Halbreife
gepflückt, durch schnellsegelnde Boote nach
Zara. dem Hauptsitz der Verarbeitung, gebracht
und sofort entkernt, da für den eigentlichen M.
nur das Fruchtfleisch benutzt wird. Unter Mit-
benutzung der Kerne erhält man eine andere,
weniger bekannte Sorte, den Rosoglio di ossa
di Marasche. Das Fruchtfleisch wird einer
mehrtägigen Gärung in Bottichen überlassen,
die erhaltene Flüssigkeit mit einer gewissen
Menge zerstampfter, sauberer Blätter vom Ma-
raskenbaume gemischt, welche zur Aromatisie-
rung des Getränks nötig sein sollen, dann mit
10 o/o Traubenwein versetzt, und der Rosoglio ab-
destilliert. Das Destillat wird mit feinem Zucker
gesüßt, durch Baumwolle filtriert und in die mit
Schilfgeflecht umgebenen Fläschchen gefüllt, in
denen es im Handel erscheint. Alle Einzelheiten
der Darstellung werden als Geschäftsgeheimnisse
sorgfältig gehütet. Die berühmteste Fabrik ist
die von Drioli, doch werden auch die Erzeugnisse
von Galigarich und Luxardo sowie einige öster-
reichische als vortreffliche anerkannt.

Marderfelle. Die Felle der Marder, von
denen besonders die in ganz Europa und Asien
lebenden Edel- oder Baummarder (Mustela
martes) und die Stein- oder Hausmarder (M.
foina) für den Handel in Betracht kommen, ge-
hören gleich denen des nahe verwandten Zobels
dem edleren Pelzwerk an. Wie alle Pelztiere
zeigen auch die Marder einen der Jahreszeit ent-
sprechenden Haarwechsel und ihr Pelz hat daher
nur im Winter vollen Wert. Das Fell des
Edelmarders zeigt ein helleres oder dunk-
leres Braun und wird um so höher geschätzt,
je dunkler es aussieht, weil es dadurch dem
Zobel ähnlicher wird. Die Kehle ist dottergelb,
die Farbe der Beine und des Schwanzes schwärz-
lich. Die Länge ohne den 24 cm langen Schwanz
beträgt 43 cm. Die schönsten Edelmarder liefert
Norwegen, die nächstbesten Schottland und da-
nach kommen die Schweiz, bayrische Hochebene,,
Tatarei, Rußland, Türkei und Ungarn. Dunkle
Pelze werden oft ohne weiteres, hellere nach
entsprechender Auffärbung als Zobel verkauft.
Die viel häufigeren Steinmarderfelle, die
gewöhnlich in Bündeln von 40 Stück auf den
Markt kommen, haben eine hellere rötlkhbraune
Färbung mit aschgrauem Flaumhaar, weißer
Kehle, kastanienbraunem Kopf. Die Länge des
Körpers,, und Schwanzes ist etwas geringer, das
Haar gröber als beim vorigen. Die schönsten
und größten Steinmarder kommen aus Ungarn
und der Türkei, doch bringen auch Rußland
(Polen) und Deutschland große Mengen in den
Handel. Wie die Edelmarder, werden auch
Steinmarderfelle zu Zobel vorgerichlet; auch
kommen sie bisweilen ohne Schwanz und Beine,
die für sich verwertet werden, zum Verkauf. Die
Marderfelle liefern ein warmes, leichtes und an-
genehmes Pelzwerk, das besonders von den
Russen geschätzt wird. Von verwandten Pelz-
tieren sind noch der amerikanische Zobel
(s. d.) und der tatarische oder sibirische
Feuermarder (M. sibirica) anzuführen. Die
gelbrötlichen, unterseits helleren Felle werden
unter dem Namen Kalinken, Kalinsky, Kulonki
oder Kulor gehandelt.

Margarine ist das bekannteste Butterersatz-
mittel, welches auf Anregung Napoleons III.
von Möge-Mouriös erfunden wurde, um für
die französische Marine ein haltbares, nicht ran-
zig werdendes Speisefett zu schaffen. Es wurde
ursprünglich in der Weise hergestellt, daß man
durch Auspressen von den schwerer schmelz-
baren Anteilen befreiten Rindertalg, sog. Oleo-
margarin, mit Milch und Wasser zu einer
milchähnlichen Emulsion vermischte und letztere
dann genau wie bei der Butterbereitung weiter
verarbeitete. In neuerer Zeit wird an Stelle des
reinen Oleomargarins meist ein Gemisch des
letzteren mit den verschiedensten anderen Fetten:
Schweineschmalz, Kokosfett, Baumwollsämenöl,
Erdnußöl und Sesamöl in wechselnden Mengen-
verhältnissen als Ausgangsstoff benutzt und, wie
die meiste Butter auch, künstlich gelb gefärbt.
Von größter Bedeutung für die Margarinefabri-
kation ist das Verfahren der Fetthärtung, das die
Umwandlung der flüssigen Öle und selbst der
Trane in feste genußfähige Speis.fette ermög-
licht. Um ihren Erzeugnissen die übrigen Eigen-
schaften der Naturbutter zu verleihen, welche
        <pb n="272" />
        ﻿Margarine

266

Marmeladen

sich bekanntlich beim Erhitzen bräunt und nicht
spritzt, haben die Fabriken mannigfache Zusätze,
wie Zucker, Eigelb oder Lezithin, versucht, über
deren Wirksamkeit ein abschließendes Urteil
noch nicht gefällt werden kann. Ein Erzeugnis,
bei dessen Herstellung die Kuhmilch durch
Mandelmilch ersetzt ist, kommt unter dem Namen
„Sana“ in den Verkehr. Die in normaler Weise
bereitete M. stellt zweifellos ein völlig ein-
wandfreies, billiges Volksnahrungsmittel dar. Die
mehrfach aufgestellte Behauptung von der Ver-:
wendung verdorbener Ausgangsmaterialien hat
sich meist als unbegründet herausgestellt, und
auch in bezug auf die Verdaulichkeit ist sie der
Butter völlig gleichwertig. Die in einem Falle
beobachtete Verarbeitung des giftigen, aus Hyd-
nokarpusarten gewonnenen Marattifettes {Kar-
damonfett, Chaulmograsöl u. a.) ist durch Ver-
urteilung des Fabrikanten (Backa-Prozeß) alsbald
unterbunden worden. — Wenn trotzdem der
Verkehr mit Butter und Margarine durch ein be-:
sonderes Gesetz geregelt wurde, so war hierfür;
hauptsächlich das Verlangen der Landwirtschaft
nach einem Schutze ihrer Naturbutter maß-
gebend, da die Margarine zur Verfälschung der
letzteren außerordentlich geeignet ist und in
Gemischen nur schwer nachgewiesen werden
kann. — Das Gesetz vom 15. VII. 1897, das sog.
Margarinegesetz, bestimmt zunächst, daß die
Verkaufsräume, die Gefäße und Umhüllungen
durch die Inschrift „Margarine“, letztere außer-
dem durch einen bandförmigen roten Streifen
gekennzeichnet werden müssen. Im Einzelver-
kauf darf M. nur in Umhüllungen mit der glei-
chen Inschrift und bei regelmäßig geformten
Stücken nur in Würfelform abgegeben werden.
Die Vermischung von Butter mit M. oder an-
deren Fetten ist verboten. Weitere Vorschriften
regeln die Trennung der Verkaufsräume und
übertragen der Polizei das Recht der Revision.
Der Nachweis der M. in Gemischen mit Butter
wird durch die Bestimmung erleichtert, daß alle
M. einen Zusatz von 10 0/0 Sesamöl erhalten
muß, d. h. eines Fettes, welches noch in klein-
ster Menge durch eine einfache Farbe,nreaktion,
die bei Behandlung mit Furfurol und Salzsäure
auf tretende Rotfärbung, erkannt werden kann.
■— Es, ist anzuerkennen, daß die M. im, allgemei-
nen den gesetzlichen Vorschriften entspricht. Zu
tadeln ist nur das mehrfach hervprgetretene Stre-
ben einiger Fabrikanten, sich durch Einverleibung
ungebührlicher Wassermengen einen, unberech-
tigten Vorteil zu verschaffen. Nach König
enthält die M. im Durchschnitt: 9,97%. Wasser,
87,59% Fett, 2,15 0/0 Kochsalz und geringe , Men-
gen Kasein und Milchzucker. Ihr Wassergehalt
ist stets geringer als derjenige der Butter ge-
wesen, und da für letztere durch Bundesrats-Ver-
ordnung eine Höchstgrenze . von 16% vor-
geschrieben worden ist, muß die gleiche Forde-
rung zum. mindesten für M. aufgestellt werden.
Erzeugnisse mit mehr als 20% Wasser, wie, sie
bisweilen im Handel aufgetaucht sind, müssen
unter allen Umständen auf Grund des Nahrungs-
mittelgesetzes ,(s. d.) beanstandet werden, auch ist
für die Kriegsdauer ein höherer Wassergehalt
ausdrücklich verboten worden Wünschenswert
zur Fernhaltung verdorbener M. ist es, daß der
von einigen Fabriken eingeführte Gebrauch des

Datumsstempels auf den Originalpackungen all-
gemeine Anwendung findet. — Die später ein-
geführten butterähnlichen Zubereitungen, welche
lediglich aus künstlich gelb gefärbtem Kokos-
fett bestehen, sind als M. aufzufassep und unter-
liegen den für letztere erlassenen gesetzlichen Be-
stimmungen.

Margosaöl (Nimöl), das fette Öl aus den
Fruchtkernen von Azadirachta indica,
einem zur Familie der Meliazeen gehörigen, in
Ostindien einheimischen Baume, hat ein spez.
Gew. von 0,915, wird bei -)- to° trübe und er-
starrt bei -j-70 zu einer festen Masse, ohne
jedoch seine Durchsichtigkeit zu verlieren. Es
hat in dicken Schichten bei durchfallendem
Lichte eine grünliche Farbe, schmeckt sehr
bitter und riecht stark knoblauchartig, verliert
den bitteren Geschmack und den Geruch aber
beim Schütteln mit absolutem Alkohol. Das M.
wird in Indien medizinisch verwandt. — Die
Rinde desselben Baumes, die Margosgrinde,
die in den Vereinigten Staaten als' Cortcx inär-
gosä offizinell ist, enthält einen Bitterstoff und
wird als Wurmmittel verwandt. :

Mariendistelsamen (lat. Semen cardui mariae,
frz. Semences: de chardon, engl. Blessed seeds),
die glatten, graubräunlichen und fein schwärzlich
gestreiften Früchte der Frauendistel oder
Mariendistel, Sylibum marianum, einer in
Südeuropa wild wachsenden, bei uns zuweilen in
Gärten angebauten Komposite, schmecken bitter
und herbe. Sie wurden früher medizinisch ver-
wandt, sind aber jetzt nur noch selten im,Drogen-
handel anzutreffen.

Marineblau ist der Handelsname für ein Ge-
misch von Methylviolett und Methylenblau.

Marmeladen (Konfitüren, Jams) nennt man
Erzeugnisse, welche durch Einkochen .frischer
Früchte mit Rohrzucker bis zur breiartigen Kon-
sistenz oder durch kaltes Vermischen des zerklei-
nerten (passierten) Fruchtmarks mit Zucker her-
gestellt werden und je nach der Art d ir benutz-
ten Fruchtsorte die Bezeichnung: Himbeer-M.,
Erdbeer-M., Johannisbeer-M., Orangen-M.
u. a. führen. Bestimmte Vorschriften über die
Menge der einzelnen Bestandteile, besonders die
PlöhedesZuckerzusatzes, lassen sich nicht machen,
da diese nach dem Säure- und Pektingehalt der
Früchte verschieden gewählt werden. Jedoch
kann man im allgemeinen annehmen, daß un-
gefähr gleiche Teile Frucht und Zucker zur
Verwendung gelangen. Die Herstellung der
M. wurde ursprünglich besonders in England
betrieben, hat aber auch in Deutschland großen
Umfang angenommen, und ihre weitere Aus-
dehnung ist im volkswirtschaftlichen Interesse,
besonders zur Hebung des deutschen Obstbaues
dringend erwünscht. Leider haben sich im
Laufe der Zeit vielfache Verfälschungen her-
ausgebildet. Zusätze von Konservierungsmitteln,
organischen Säuren, künstlichen Aromastoffen,
Agar-Agar und Gelatine, fremden Farbstoffen
und Stärkesirup sind angetrofien worden. Viel-
fach werden wertvollere Früchte durch minder
wertvolle, besonders Äpfel, ersetzt; andere Her-
steller setzen die Preßrückstände von der Frucht-
saftfabrikation, oft nach völligem Auslaugen mit
Wasser hinzu, ja es sind völlige Kunsterzeug*
nisse im Handel yorgefunden, die nahezu gänz*
        <pb n="273" />
        ﻿Marmor

267

Marmor

lieh aus künstlich rot gefärbtem Stärkesirup
bestanden, und die nur durch einige hinein-
gerührte Fruchtkerne ein marmeladenähnliches
Aussehen erhalten hatten. Mit der Einführung
einer geordneten Nahrungsmittelkontrolle sind
die gröbsten Übelstände inzwischen beseitigt
worden. Zusätze von Stärkesirup, Teerfarbstoffen
u. dgl. werden den Käufern auf Etiketten be-
kannt gegeben, und eine weitere Besserung der
bestehenden Zustände kann von dem gemein-
samen Zusammenwirken der reellen Fabrikanten
und der Nahrungsmittelchemiker erwartet wer-
den. Nach den von ihnen getroffenen Verein-
barungen lassen sich folgende allgemeine Grund-
sätze für die Beurteilung aufstellen: Als ohne
jede Einschränkung, auch unter Deklaration un-
zulässige Zusätze, gelten alle wertlosen Stoffe,
insbesondere durch Wasser ausgelaugte oder der
Destillation unterworfen gewesene Preßrück-
stände, z. B. gewaschene Himbeerkerne, Preß-
rückstände von der Nachpresse, Rückstände von
der Pomrilfabrikation. Eine Ausnahme bilden
Preßrückstände von Saueräpfeln, die, wenn sie
mit nicht mehr als so °/o Wasser gekocht waren,
unter Deklaration benutzt werden dürfen. Sie
sind aber auch dann, ebenso wie andere Preß-
und Obstrückstände, nur für solche M. zulässig,
die nicht unter dem Namen einer bestimmten
Fruchtart in den Verkehr gelangen. Für die
letzteren, z. B. Himbeermarmelade, sind auch
alle Gelierungsmittel, wie Agar, Gelatine, unter-
sagt. Alle hiernach nicht ohne weiteres aus-
geschlossenen Stoffe außer frischer Frucht und
Zucker müssen gekennzeichnet werden, insbeson-
dere Dörrobst, Preßrückstände, Agar, Gela-
tine für M. ohne den Namen einer bestimmten
Fruchtart, sog. gemischte M. Die Deklaration
„mit Preßrückstän.cfen“ deckt aber nur Zusätze
bis zu 25 0/0, bei höheren. Mengen ist die Be-
zeichnung „Kunstmarmelade“ zu wählen. Zu-
satz von Stärkesirup ist zu kennzeichnen als „mit
-Stärkesirup“ bei Mengen unter 25 °/o; als „mit
mehr als 25 °/o Stärkesirup“ bei Mengen bis zu
So °/o. Wenn der Gehalt an Stärkesirup oder an
anderen fremden Stoffen 50% übersteigt, muß
die Ware als „Kunstmarmelade“ bezeichnet wer-
den. Künstliche Färbung ist durch das Wort
„gefärbt“ zu deklarieren! Bezüglich weiterer
Einzelheiten, besonders auch der Deklaration, sei
auf das Handbuch der Nahrungsmitteluntersuchung
von Beythien, Hartwich und Klimmer ver-
wiesen. Es ist anzunehmen, daß die im Kriege
eingeführten Notmarmeladen aus Rüben und
Kartoffeln mit dem Friedensschlüsse wieder ver-
schwinden und den vortrefflichen Erzeugnissen
der deutschen Industrie Platz machen werden.
Ein Bedarf für ausländische Erzeugnisse liegt
nicht vor.

Marmor (frz. Marbre, engl. Marble) nennt
man alle kristallinischen Kalke, die sich durch
feines Gefüge, hohe Politurfähigkeit und schöne
Eärbung oder Zeichnung auszeichnen und in-
folgedessen zu Bildhauerarbeiten geeignet sind.
Ihrer chemischen Zusammensetzung nach be-
stehen sie alle aus mehr oder weniger reinem
Kalziumkarbonat, ihrer geologischen Entstehung
nach gehören sie zum Teil den ältesten Massen-
Sesteinen wie Gneis und Glimmerschi, fer an
(Urkalk), während sie zum Teil aus kalkigen

Sedimenten hervorgegangen und durch späteren
Druck kristallinisch geworden sind. Nach dem
äußeren Ansehen unterscheidet man in der Regel
den eigentlichen Marmor, den Breccienmarmor
und den Muschelmarmor. — Der. eigentliche
M., der aus einer gleichmäßigen feinkörnigen
Masse besteht und rein weiß oder einfarbig er-
scheint, liefert das Material für die Bildhauer-
kunst (Statuen-M.) und wird daher besonders
geschätzt. Rein weißer Statuenmarmor findet
sich nur in Italien hei Massa, Karrara und Sera-
vezza, wo er in 800—900 Brüchen gewonnen
wird. Als beste Sorte, des sog. karrarischen
Marmors, gilt der Statuario di Falcovaja
(Saccharides). Von griechischen Fundorten
liefert die Insel Paros den berühmten gelblich-
weißen, wachsartig glänzenden parischcn M.,
das Pentelikongebirge den rein weißen pente-
lischen M., die Insel Tinos geringere weiße,
schwarze und gestreifte Sorten, die nach der
Türkei ausgeführt werden. Sehr schöner weißer
M. kommt neuerdings aus Tirol (Laaser und
Sterzinger M.), hingegen sind die deutschen
Vorkommnisse des Erzgebirges, Fichtelgebirges,
Harzes , und Odenwalds’nicht zu Bildhauerarbei-
ten verwendbar. Die farbigen Marmorsorten
finden sich an zahlreichen Orten, namentlich
Italiens, doch werden gerade hier manche Ge-
steine zu unrecht als M. bezeichnet. Der Bei-
name antico besagt, daß eine Gesteinsart un
bekannter Herkunft, vielfach aus schon im
Altertum erschöpften Brüchen, vorliegt, die jetzt
nur noch aus altrömischen Ruinen entnommen
werden kann. Bisweilen ist es allerdings ge-
lungen, einzelne natürliche Lagerstätten solcher
anticos wieder aufzufinden, so namentlich die
Maina in Griechenland, die bereits den Künst-
lern .des Altertums die prachtvoll grünen und
roten, schwarz geaderten M.-Arten geliefert
hat. Nach den Hauptfarben, unterscheidet man
schwarzen, grünen, gelben und roten M. Schwar-
zer, durch Kohlenteilchen gefärbter M. (nero)
findet sich bei Bergamo (Paragon, Lukul-
lan), ferner im belgischen Kohlenkalk bei Lüt-
tich, und mit gelben Adern bei Karrara neben
weißem. Grüner M. kommt im Genuesischen
vor, hingegen ist der in Griechenland wieder auf-
gefundene verde antico eine Breccie von schwarz-
grünem Serpentin mit weißem Kalkstein als
Bindemittel. Einfarbig gelber M. wie der flo-
rentinische Marmo giallo und der fast dotter-
gelbe numidische giallo antico ist selten. Roter
M. (rosso) wird bei Verona, Lugezzana und Nar
bonne gebrochen. Der rosso antico aus Ägypten
und Griechenland zeigt in braunroter Grund:
masse weiße Adern und schwarze Punkte. Dun-
kelblauen oder blaugräuen M. mit weißen
Adern (Bardiglio) liefern einige Brüche bei
Karrara. Graue Sorten, finden sich häufig in
Schlesien und Schweden. Als Cipollino (Zwie-
belmarmor) bezeichnet man eine Abart des pente-
lischen, die auf weißem Grunde grüne Ringe,
gleich den Durchschnitten von Zwiebeln zeigt.
— Breccienmarmor besteht aus verschieden
großen, mehr oder minder eckigen Bruchstücken,
die in eine Kalkmasse eingebettet und durch
sie zu einem Ganzen verkittet sind. Zu ihnen ge-
hört der Florentiner oder Klosterneuburger Ru-
inenmarmor, der an Schliffflächen auf hellem
        <pb n="274" />
        ﻿Marron

268

Marzipan

Grunde dunkle Zeichnungen gleich zerfallenen
Bauten zeigt, ferner der Brocatello mit sehr
kleinen Bruchstücken, die Breccia Paonazza mit
weißen Flecken in schwarzer Grundmasse, die
violett und weiße violetta antica u. a. — Die
dritte Art, der zusammengesetzte Marmor,
hat sedimentären Ursprung und zeigt infolge-
dessen nicht nur Flecken und Adern, die durch
fremde Mineralien (Chlorit, Serpentin) hervor
gerufen werden, sondern auch zahlreiche Ein-
schlüsse organischer Reste, wie Muscheln, Schnek-
ken, Kopffüßler, die im Schliff oft schön hervor-
treten. Der bekannteste dieser sog. Muschel-
marmore ist der Lumachell-M. von Bleiberg
in Kärnten, der wegen der Anwesenheit von
Ammonitenschalen im schönsten Regenbogen
glanze schimmert. Andere Vorkommnisse linden
sich in Italien, Belgien (St.-Annen-M.), Thürin-
gen, bei Altdorf in Bayern, bei Ischl usw. Die
Breccien- und zusammengesetzten Marmore wer-
den in der Regel nur als Ornamentsteine (Ar-
chitekturmarmor) benutzt. — Außer den vor-
genannten gibt es noch eine große Reihe anderer
Marmorlagerstätten, vor allem Portugal, mit fei-
nem weißen und schwarzen M., Savoyen mit
grauem M., Sardinien, Korsika und Algier, wo in
wieder aufgefundenen alten Römerbrüchen rein
weißer, rötlicher, gelber und schön schwarzer,
weiß geaderter M. gefunden wird. Auch Spanien
ist reich an schönem M., der aber noch wenig
abgebaut wird. Frankreich hat farbige Marmor-
sorten in den Pyrenäen und Vogesen, Belgien,
eines der an M. reichsten Länder, besonders in
der Gegend von Narnur und Gent, schönen
schwarzen M. Deutscher M., der meist in
grauen und braunen Tönen sowie schwarz und
weiß gemustert, selten in lebhaften Farben vor-
kommt, wird vor allem zu Grabsteinen, Platten
und ähnlichen Bildhauerarbeiten benutzt. Aus
Thüringen kommen die Kinderspielkugeln
(Schusser, Märbein, Murmeln, Knippei) in gro-
ßen Mengen in den Handel. Blankenburg am
Harz, Habelschwerdt in Schlesien, Bayreuth in
Bayern, Böhmen, Salzburg (rötlicher M. vom
Untersberg), Recklinghausen, Nassau sind als
weitere Fundorte zu nennen. — Die feinsten
Marmorsorten werden zu den Arbeiten der Bild-
hauerkunst, kleinere Stücke zu kunstgewerblichen
Gebrauchsgegenständen wie Urnen, Uhren und
dergleichen, die übrigen M. zu architektonischen
Verzierungen, Säulen, Tischplatten, Wandbeklei-
dungen verarbeitet, doch nimmt man zu letzteren
Zwecken vielfach nur in dünne Tafeln zersägte
Furniere. Die Färbung wird oft durch künst-
liche Mittel, Behandlung mit Silbernitratlösung
(dunkelrot), Goldlösung (purpur), Grünspan 'grün),
Drachenblut, Gummigutti aufgebessert. Sonst
nicht verwendbare Stücke wandern in den Kalk-
ofen.

Marron (Kastanienbraun, Chatin) nennt
man verschiedene braune bis braunrote Teer-
farbstoffe, welche bei der Darstellung des
Fuchsins als Nebenprodukte gewonnen werden.
Marron NI ist ein phosphorhaltiges Fuchsin
(s. d.), Marron S ein unreines Säurefuchsin.

Marsala, der bekannteste und beliebteste der
süßen Likörweine Sizi iens, ist stark und feurig,
dem Madeira etwas ähnlich, aber süßer. Die
Farbe ist dunkelgelb, doch gibt es auch roten M.

Der Alkoholgehalt beträgt n,6g, der Extrakt-
gehalt 6,4 g, der Zuckergehalt 3,3 g.

Martiusgelb, ein im Jahre 1864 von Martins
entdeckter Nitrofarbstoff, besteht aus dem Na-
trium- oder Kalksalze des 2,4-Dinitroalpha-
naphtols, C10H5(NO2)2OH, das durch Einwir-
kung von Salpetersäure auf a-Naphtoldisulfosäure
oder Nitrosonaphtolsulfosäure dargestellt wird.
Der auch als Naphtolgelb, Naphtalingelb,
Manchestergelb, Naphtylamingelb, Cha-
nahlgelb, Jaune d’or bezeichnete Farbstoff
erscheint als orangegelbes Pulver oder in'Form
gelbroter Kristalle und ist. in Wasser, Alkohol
und Spritlacken löslich. M. färbt Wolle und
Seide ohne Beizen gelb in den verschieden-
sten Tönen und ist außerordentlich ergiebig, so
daß 1 kg des Farbstoffs für 200 kg Wolle aus-
reicht. Die früher geübte Benutzung des M.
zur Färbung von Nahrungsmitteln (Nudeln) ist
unzulässig, weil der Farbstoff giftig ist.

Marunken nennt man sowohl eine Art kleiner
gelber Aprikosen, wie auch große gelbe Eier-
pflaumen, die entweder frisch oder auch ge-
trocknet und in Zucker eingemacht in den Han-
del kommen.

Marzipan (frz. Massepain, engl. Marchpain) ist
ein seit uralten Zeiten bekanntes Erzeugnis der
Zuckerbäcker oder Konditoreien, dessen Name
sich von dem lateinischen „marci panis“ (Mar-
kusbrot) ableiten soll, wennschon nicht feststeht,
ob er dem Heiligen Markus oder einem sagen-
haften Klosterkoch, dem angeblichen Erfinder
des M. zu Ehren gewählt wurde. Zuerst findet
sich die Bezeichnung in den Lübeckischen Zunft-
rollen um 1530. Als Ausgangsmaterialien haben
jederzeit nur Mandeln und Zucker gedient, und
zwar erfolgt die Herstellung, die von den Apo-
theken an die Zuckerbäcker und von diesen auch
an einige Großbetriebe übergegangen ist, in der
Weise, daß die gebrühten und geschälten süßen
Mandeln fein zerrieben und mit dem Staubzucker
vermischt werden, worauf kurzes Erhitzen (Rö-
sten) in offenen Kesseln die Bildung einer gleich-
mäßigen formbaren Masse bewirkt. Bei der
neuerdings von Oetker in Altona eingeführtem
Verarbeitung der billigeren bitteren Mandeln
wird zunächst durch längere Einwirkung von
Wasser und dem in den Mandeln enthaltenen,
■ Emulsin eine Spaltung des bitter schmeckenden
Amygdalins in Bittermandelöl und Blausäure be-
wirkt, die dann bei dem anschließenden Röst-
prozeß in flüchtiger Form entweichen. 'Das nach
dem einen oder anderen Verfahren erhaltene
Rohmarzipan (Marzipanmasse), das nor-
malerweise aus 2/s Mandeln und Vs Zucker be-
stehen und nicht mehr als 17% Wässer enthalten
soll, bildet das Ausgangsmaterial für die Be-
reitung des angewirkten M- und der ge-
formten M.-Waren (Tiere, Früchte, Figuren,
Torten), die, abgesehen von Aromastolfen wie
Orangenblüten- und Roseonwasser, lediglich einen
Zusatz von höchstens der doppelten Menge
Zucker und, zur Vermeidung des Rissigwerdens,
von geringen Mengen Stärkesirup (bis zu 3,5 0jo)
erhalten. Zusätze von mehr Stärkesirup sowie
von Mehl und den Samen anderer Früchte (Apri-
kosen-, Pfirsich-, Pflaumenkerne, Pistazien, Erd-
nüsse u. dgl.) sind als Verfälschung anzusehen.
Gänzlich aus derartigen Mandelersatzstoffeh
        <pb n="275" />
        ﻿Marzolano

269

Masut

hergestelltes M. hat als nachgemacht zu gelten I
und darf nur als Marzipanersatz bezeichnet I
werden. Surrogate der Kriegsindustrie, die über-
haupt keine Samen enthielten, sondern aus
Stärkekleister, Zucker und Parfüm bestanden,
sind auch als Marzipanersatz beanstandet wor-
den. Besonders berühmt sind die Marzipane von
Lübeck (hier die Fabrik von Niederegger seit
1809) und Königsberg. Die größte Fabrik für
Rohmarzipan ist 1870 von Oetker in Altona-
Bahrenfeld errichtet worden.

Marzolano, das feinste zu Geflechten ver-
wendete Stroh, welches hauptsächlich in den
Strohhutfabriken zu Florenz in ungespaltenem
Zustande verarbeitet wird, stammt von einer be-
sonderen Art Sommerweizen, Grano mar-
zuolo, die im März ausgesät wird.

Massoyöl, das gelbe und ziemlich dünnflüs-
sige ätherische Öl der Massoyrinde (s. d.),
von Cinnamomum xanthoneuron, besitzt
einen aromatischen, an Nelken und Opopanaxöl
erinnernden Geruch und scharf brennenden Ge-
schmack, ein spez. Gew. von etwa 1,05 und deut-
liche Rechtsdrehung. Den Hauptbestandteil bil-
det Eugenol (70—80 °/o) neben Safrol und etwa
60/0 eines Pinen enthaltenden Terpengemisches,
das eine Zeitlang Massoyen genannt wurde.

Massoyrinde (lat. Cortex massoy, frz. Ecorce
de massoy, engl. Massoy bark). Unter diesem
Namen findet man im Drogenhandel drei ver-
schiedene Rinden von Bäumen aus der Familie
der- Laurineen. 1. Die Rinde von Cinna-
tnomum xanthoneuron, in Neu-Guinea, ist
außen von einer dunkleren, unebenen, aus ge-
streiften Zellen bestehenden Schicht bedeckt.
Darunter folgt eine körnige Schicht mit weißen,
der Außenschicht annähernd parallel, aber un-
regelmäßig unterbrochen verlaufenden Gefäß-
bündeln und schließlich eine dunklere Lage,
welche r/s der Rinde ausmacht und zahlreiche
dünne Markstrah'.en zeigt. Dieser Teil ist der
«Reichste und aromatischste und besitzt einen
stechenden, beim Kauen an Zeylonzimt und
Raute erinnernden Geschmack. 2. Die Rinde von
Cinnamomum Kiamis (Nees), von den Ma-
laien auf Java, Sumatra und Borneo Kayu
töanis sab rang genannt, kommt in dicken
Bündeln, ähnlich der Kassia, in den Handel und
bildet große, flache, sehr harte und fast korn-
artige Stücke, die außen aschgrau mit helleren
Flecken, innen auf der Bastfläche aber glatt
Und dunkelbraun erscheinen. Der Geruch ist
schwach aromatisch, der Geschmack widerlich
Sewürzhaft, nicht bitter. 3. Die Rinde von
Bassafras Goesianum, in Neu-Guinea, bil-
det nur dünne Stücke mit sehr schwach ent-
wickelter Mittelschicht, die außen rissig, nach
lnnen deutlich gestreift, auf dem Querschnitt
schr blaß erscheinen. Der Bruch ist kurzkörnig,
Wicht splitterig, der Geruch dem der ersten Sorte
ahnlich, dar Geschmack etwas bitter und stechend.

Mastix (lat. Resina seu Gummi mastiche, frz.
^?d engl. Mastic) ist das aromatische Harz der
Mastixpistazie (Pistacia Lentiscus), eines zu
S,e.n Terebinthazeen gehörigen immergrünen
paumchens, das, im Orient und an der nordafrika-
pschen Küste heimisch, besonders auf Chios in
ein» breitblättrigen Art (Pistacia Lentiscus var.

Chia) kultiviert wird. Zur Gewinnung des

1 Harzes macht man im Mai Rindeneinschnitte,

! aus denen der M. als zähflüssige, an der Luft
erhärtende Masse austritt, die im August gesam-
melt wird. Durch Auslesen werden drei Sorten her-
gestellt, deren feinste als Haremharz nur an den
türkischen Hof, hingegen nicht in den Handel
gelangt. Der M. besteht aus rundlichen, erbsen-
großen Körnern, von gelblichweißer bis hell-
gelber Farbe und glasglänzendem Bruch, die
ziemlich hart sind, aber beim Kauen eine weiche
wachsartige Masse bilden, zum Unterschied von
dem sonst ähnlichen Sandarak, der hierbei
sandig zerbröckelt. Die hellsten und reinstem.
Körner (Tränen) bilden ausgelesen den ele-
gierten M., die dunkleren, durch Sand umd
Erde verunreinigten den M. in sortis. Das
balsamisch riechende und schmeckende und beson-
ders beim Verbrennen stark aromatische Dämpfe
entwickelnde Harz löst sich völlig in Äther, fetten
Ölen und heißem Alkohol, in kaltem Alkohol
nur zu 90%. Sein spez. Gew. liegt zwischen
1,070—1,074, es erweicht bei ioo° und, schmilzt
bei 105—1200. Man benutzt M. zum Kauen,
um den Atem wohlriechend zu machen und das
Zahnfleisch zu stärken, weiter als Zusatz zu
Konfitüren, Räucherpulvern, Pflastern und Zahm
füllungen. Das sog. Zahnwachs ist eine zu-
sammengeschmolzene Mischung von M. und
Wachs, Zahnkitt, der auf Watte geträufelt in
die Zahnhöhlung gedrückt wird, eine dickliche
■ Lösung von M. und Sandarak in Weingeist.
Eine als Mastisol bezeichnete Lösung von
M. in Benzol findet als nichtreizendes Verband-
mittel Anwendung. In der Technik wird M. zur
Herstellung von Firnissen und Kitten benutzt,
für sich allein gibt er farblose, harte, rasch trock-
nende Überzüge, die ihn als ßilderlack und Ne-
gativlack für Photographien geeignet erscheinen
lassen, im Gemisch mit anderen Harzen (Schellack)

: erhöht er den Glanz und die Trockenfähigkeit.

, Durch Mischung von M. mit Hausenblase ent-
steht ein vortrefflicher Kitt für Glas, Porzellan
und zur Fassung von Edelsteinen. Geringere
Sorten werden zu dunklerem Firnis und feinem
Siegellack verarbeitet. Der echte oder orien-
talische M. kommt von den Hauptmärkten
Konstantinopel und Smyrna über Triest und
Marseille zu uns. —- Bombay- oder ostindi-
scher M., dem Weihrauch ähnliche gelbe bis
bräunliche Stücke oder Tränen mit helleren Ein-
schlüssen, stammt von Pistacia Khinjuk und P.
cabulica in Afghanistan und Beludschistatn und
wird über Bombay nach London ausgeführt.

Mastixöl, das durch Destillation in Menge
von etwa 2% aus Mastix erhaltene ätherische
öl, hat angenehmen Geruch, ein spez Gew. von
0,857—0,903, eine Drehung von -f- 22 bis -{- 34
einen Siedepunkt von 155 bis etwa 1600 und
besteht hauptsächlich aus Pinen.

Mastixzemente (Mastixdächer) haben mit
Mastix nichts zu tun, sondern sind Gemische von
Sand, Kalksteinpulver und etwas Bleiglätte, die
mit altem Leinöl aufgekocht und heiß verbraucht
werden. Der Name erklärt sich daraus, daß M.
in England und Frankreich allgemein Kitt und
Zement bedeutet.

Masut nennt man die bei der Petroleum-
destillation zurückbleibenden Mineralöle, die in
        <pb n="276" />
        ﻿Mate

270

Meeräsche

großen Massen zurri Heizen von Dampfkesseln,
besonders bei Schiffsmaschinen, benutzt werden.

Mate (Paraguay-Tee) ist eine koffeinhaltige
Droge, die in Form des wäßrigen Aufgusses
von den Südamerikanern a'.s anregendes Mittel
genossen wird. Er besteht aus den Blättern
mehrerer in Brasilien, Argentinien, Paraguay und
Uruguay heimischer und angebauter Ilexarten,
besonders Ilex paraguayensis, die meist 8 bis
io cm, selten unter s oder über 15 cm lang
sind, am Rande kerbig gesägt und eiförmig er-
scheinen und eine kräftige Mittelrippe, aber
schwache Behaarung besitzen. Die abgehauenen
Zweige werden schnell durch eine rauchlose
Flamme gezogen, darauf zu Bündeln vereinigt
und über schwachem Feuer getrocknet. Die ge-
rösteten Blätter werden schließlich pulverisiert
oder gemahlen. Sie enthalten dann neben den
bekannten Pflanzenstoffen 0,8—2 °/o Koffein, fer-
ner etwas Harz, Zitronensäure und Cholin. M.
hat für den europäischen Handel wenig Bedeu-
tung, wird aber in Südamerika unter dem spani-
schen Namen Yerba (Kraut) in großen Mengen
verbraucht. Als Verfälschungsmittel sind die
pulverisierten Früchte sowie, die Blätter ver-
wandter Arten aufgefunden worden.

Matikoblätter (lat. Folia matico, frz. Feuilles
de matico, engl. Matico leaves). Unter diesem
Namen kommt eine Droge im Handel vor, die
aus den zusammengepreßten Blättern, Stengel-
und Blütenresten einer in Peru wachsenden Pi-
perazee, Piper angustif ol i u m var. cordu-
latum und ossanum, sowie einiger verwandter
Arten besteht. Die Blätter sind lanzettförmig,
mit stark hervortretender Mittelrippe, beiderseits
runzelig netzartig wie Salbeiblälter und auf der
Unterseite weißfilzig. Sie riechen beim Zerreiben
scharf gewürzhaft und ischmecken schwach pfeffer-
artig und etwas bitter. Das neuere Mittel, dessen,
Wirkungen amerikanische Ärzte zuerst erkannten,
wurde in Europa besonders durch die vielfach
angepriesenen Geheimmittel des( Apothekers Gri-
mault in Paris, Matiko-Injektaon und -Sirup,
bekannter und findet ziemlich ausgedehnte
Anwendung. Es wirkt vornehmlich auf die
Schleimhäute und wird gegen Schleimflüsse,
z. B. Tripper, in Form von Einspritzungen, so-
wie gegen Lungenbluten und Verdauungsstörun-
gen angewandt. Die Blätter enthalten unter an-
derem ein ätherisches Öl und ein bitteres Weich-
harz, denen die Wirkung zugeschrieben wird. —
Das Matikoöl, das für sich in Gelatinekapseln
verordnet wird, eine gelbbraune Flüssigkeit von
brennend gewürzhaftem Geschmack, hat ein spez.
Gew. von 0,940^1,135 und enthält Asaron.

Malta, vom italienischen matto = schlecht,
nennt man zur Verfälschung gemahlener Ge-
würze bestimmte Pulver, die aus wertlosen pflanz-
lichen Abfallstoffen, wie Kleie, Hirse, Oliven-
kernen hergestellt und durch geeignete Mischung
und Färbung bestimmten Gewürzen (Pfeffer,
Zimt, Ingwer) täuschend ähnlich gemacht werden.
Der Handel mit diesem Schwindelmittel wurde
früher in großem Umfange betrieben, ist aber
durch die Einführung der Nahrungsmittelkon-
trolle unterbunden.

Maulbeerblätter. Der für die Seidenzucht
wichtige Maulbeerbaum oder Molberbaum
(Morus Tourni) mit den Sorten: weißer (Mo-

rus alba), schwarzer (Morus nigra), roter*
(Morus rubra) und indischer oder chine-
sischer Maulbeerbaum (Morus indica), der
aus dem Orient stammt und in Südeuropa wie
auch Süddeutschland häufig angepflanzt wird*
liefert in seinem Laub die Nahrung der Seiden-
raupen. Das Laub, das weder naß sein, noch
vom Frost gelitten haben darf, wird in Ländern
mit ausgedehnter Seidenzucht von den Züchtern
i gleich am Baum des Gutsbesitzers gepachtet,
während es in Deutschland wegen der geringen
Zahl der Züchter als Handelsware kaum in
Frage kommt. Man kann auf 1 ha bis zu 6400
Bäume ziehen; und rechnet mit einer Ausbeute
von 100 kg von 1000 einjährigen und 1800 kg
von 1000 sechsjährigen Stämmchen.

Maulbeeren (lat. Baccae seu fructus mori, frz.
Fruits de mürier, engl. Mul, berries), die braun-
schwarzen, brombeerähnlichen Sammelfrüchte des
schwarzen Maulbeerbaumes, einer Morazee, Mo-
rus nigra L., werden sowohl frisch als saftiges
süßsäuerliches Obst genossen, als auch zur Be-
reitung eines Sirups oder Muses, das medizi-
nisch z. B. bei Halsleiden und ähnlich dem Him-
beersirup Verwendung findet, benutzt. Die klei-
neren weiß oder rot aussehenden Früchte des
weißen Maulbeerbaumes sind wegen ihres süß-
säuerlichen Geschmackes hierzu nicht geeignet.

Mauvein (Mauve, Malvenfarbe, Phena-
■min, Rosein, Lydin, Perkins Purpur, Ani-
dein, Anilinpurpur, Indisin, Rosolan, Ty-
-ralin, Violin) ist einer der ältesten bekannten
1 Anilinfarbstoffe, der 1856 von Perkin ent-
! deckt wurde. Er wird durch Behandlung einer,
verdünnten Lösung von schwefelsaurem toluidin-
haltigem Anilin mit Chlorkalk oder mit Chrom-
; säure hergestellt und als rotvioletter Teig, der
nur in kochendem Wasser etwas löslich ist, in
den Handel gebracht.

Mavrodaphne, einer der feinsten griechischen
Weine von der Insel Patras, in Farbe und Güte
dem besten Portwein gleich, wird teils in Fäs-
sern, teils in griechischen Originalflaschen von
' 0,7 1 Inhalt versandt. Er verliert, wie die meisten
: griechischen Weine, beim Lagern in kalten
Kellern an Glanz und Klarheit, erlangt aber seine
ursprüngliche Beschaffenheit wieder, wenn er
warm gelagert wird. Man bewahrt ihn daher
am, besten in aufrechtstehenden Flaschen, in
-ebenerdigen, frostfreien Räumen,

Medizinalweine nennt man diejenigen Weine,
welche von Ärzten zur Stärkung Kranker oder
Genesender verordnet werden und zur Bereitung
verschiedener Arznei- und Stärkungsmittel Ver-
wendung finden. Alle M. müssen rein und un-
verfälscht sowie von guter Beschaffenheit sein
und den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.
An Xeres und andere Süßweine, z. B. Madeira,
Marsala, Gold-Marsala, Gelben Portwein sowie
die Trockenweine Ungarns, Siziliens, Griechen-
lands und des Kaplands stellt das D. A. ß. außer-
dem die Forderung, daß sie in 100 ccm nicht
weniger als 11g und nicht mehr als 16 g Alko-
hol sowie höchstens 8 g Extrakt enthalten sollen.
Von einem Medizinal-Ungarwein wird außerdem
verlangt, daß er natursüß ist, also keinen Zucker-
zusatz erhalten hat.

Meeräsche (Mugil), ein zu den Stachel-
flossern gehörender Fisch, bildet zahlreiche
        <pb n="277" />
        ﻿Meerrettich

271

Meerzwiebel

Arten und Formen, von denen die gemeine M.
(Mugil chelo) die bekannteste ist. Der bis 45 cm
lang werdende Fisch von heringsähnlicher Form,
silberglänzenden Schuppen und dunkleren Längs-
streifen findet sich im ganzen Atlantischen Ozean
mit Nord- und Ostsee und Mittelrneer und wird
als vortrefflicher Speisefisch geschätzt.

Meerrettich (Mährrettig, Grän, Gren.Kren
(lat. Radix armoraciae, frz. Racine d’armoise,
engl. Börse radish root) ist die Wurzel yon
Cochlearia armoracia, eines beliebten, zu den
Kreuzblütlern gehörenden Küchengewächses,
das u. a. bei Rastatt, Bamberg, Erlangen, Würz-
burg, Ulm und Jena, besonders aber im Spreewalde
angebaut wird. Im Herbste wird die Ware von
den Spreewalddürfetn nach Lübbenau gebracht
und dort von Aufkäufern aus Bayern, Böhmen
usw. abgenommen. Die langen walzenförmigen
Wui'zeln besitzen einen, besonders in frisch ge-
riebenem Zustande hervortretenden scharfen Ge-
ruch und Geschmack, der durch einen Gehalt
Von etwa 0,0s °/o Allyl- oder Butylseihföl hervor-
gerufen wird, aber beim Kochen und Trocknen
verloren geht. Besonders geschätzt wird eine
aromatisch riechende, weder zu scharfe noch zu
milde Ware. Die besten, fein und etwas süßlich
schmeckenden dicken Wurzeln haben eine glatte
gelblichweiße, die beizend scharfen dünnen Wur-
zln eine mehr bläuliche, rissige und mit vielen
Einschnitten versehene Schale. M. wird im
Keller in Sandeinschlag aufbewahrt und findet
ausgedehnte Anwendung als Küchengewürz, hin-
gegen nur noch beschränkte medizinische Ver-
wendung.

Meerschaum (frz. Ecume de mer, engl. Tur-
kish tobacco-pipe-clay, Sea fram), ein seiner
chemischen Zusammensetzung nach dem Speck-
stein, Talk und Serpentin nahestehendes Mineral
wepioHth), (jag aus wasserhaltigem Magnesium-
s‘likat, H4Mg2Si3O10, besteht, findet sich in Form
leiblich- oder grauweißer, feinerdiger, derber
Massen oder Knollen, die sich fettig anfühlen, an
der Zunge haften und vom Fingernagel geritzt
Werden. Die Härte beträgt 2, das spez. Gew. im
■ischen Zustande 2—2,5, doch schwimmen trok-
kcne Stücke wegen ihrer feinporigen Beschaffen-
?eit auf dem Wasser. Die wichtigsten Lager
mden sich bei Eskischehr in Kleinasien., von
0 aus die Rohware durch türkische Unter-
ehtner in Form von Klumpen, sog. Klötzen oder
leren.förmigen, an den Kanten abgerundeten
Mcken nach Konstantinopel, Triest und Pest
ersandt wird. Daneben liefern noch Gruben
l|f Samos, Euböa und Negroponte, in der Krim
nd jn portUgal, bei Vallecas unweit Madrid, bei
. rubschitz, Neudorf und Oslowan in Mähren
,ieerschaum, der aber dem türkischen an Güte
UnH Steht. Hauptstapelplätze sind Wien, Leipzig
h Ruhla. Die Kisten enthalten 60—200 Stücke,
u e bereits von der äußeren Kruste befreit
oberflächlich geglättet sind und von dein
; eenschaumschneidern sorgfältig geprüft und
j rt,ert werden müssen. Den Hauptanhalt bietet
,jes sPczifische Gewicht, da guter M. anfangs auf
u® Wasser schwimmt und nach einiger Zeit
aufers*nkt, während andauerndes Schwimmen
Von H Snrße Porosität und das Vorhandensein
p- Hohlräumen, sofortiges Untersinken aber auf
Schlüsse fremder Mineralien hindeutet. Immer-

hin bleibt der Ankauf der Blöcke für den Meer-
schaumverarbeiter eine unsichere Sache, da sich
! beim Verarbeiten noch mancher Ausschuß er-
gibt. Kleine, weniger in die Augen fallende
Fehler, wie Pünktchen, Adern, Wolken, sind stets
vorhanden und lassen sich fast an jedem fertigen
Stück auffinden, ja, werden sogar als Zeichen der
' Echtheit angesehen, da künstlich hergestellte
Massen derartige Naturfehler nicht haben. Die
Verarbeitung erfolgt in der Weise, daß man den
M., zunächst in Wasser legt, wodurch er weich
wird und sich mit dem Messer schneiden oder
auf der Drehbank bearbeiten läßt. Die fertig
I geformten Stücke werden dann getrocknet, eine
; Zeitlang in geschmolzenen Nierentalg getaucht;
und nach dem Herausnehmen und Erkalten ab-
| geschabt und mit erweichtem Schachtelhalm
oder Tripel poliert. Bisweilen taucht man sie
auch noch in geschmolzenes Wachs und reibt
i mit Flanell ab. Die bei der Verarbeitung ent-
stehenden Abfälle finden zur Herstellung der
! sog. Massa (Masseköpfe) oder unechter Meer-
schaumwaren Verwertung. Sie werden zu diesem
I Zwecke fein, gemahlen, mit Wasser geschlämmt
jurid gekocht und darauf mit, etwas Pfeifenton
i vermischt. Der in Kasten gegossene Brei trock-
| net unter starkem Schwinden zu Ejlöcken („Guß“),

| die durch künstliche Wärme noch weiter, aber
1 nicht völlig ausgetrocknet und dann wie M.

I verarbeitet werden. Für noch geringere Waren
wird der Teig in Formen gegossen und gebrannt.
|Zur Unterscheidung des echten M. von Nach-
(ahmungen, dient die Strichprobe mit einer Gold-
joder Silbermünze, wobei nur der unechte einen
|grauen Sprich, wie mit Bleistift, annimmt. M.

I bildet hauptsächlich das Ausgangsmaterial für
| Zigarrenspitzen und Pfeifenköpfe, daneben auch
|für Figuren und andere kleine Kunstgegehstände.

| Hauptsitze der Industrie sind Wien, Budapest,
Ruhla (bei Eisenach), Lemgo, Nürnberg, Essen,

I Paris, Turin und Genua.

| Meerzwiebel (lat. Radix seu Bulbus scillae,
'frz. Bulbe de scille, engl. Squill) besteht aus den
(zerschnittenen und getrockneten. Zwiebeln eines
|zu den lilienartigen Pflanzen gehörigen Zwie-
belgewächses (Urginea maritima), das massen-
haft auf den sandigen Küsten des Mittelländi-
tschen Meeres wächst^ und dessen eirunde, bis zu
\2 kg schwere, aus dicken, saftigen Schuppen zu-
sammengesetzte und außen mit trockenen brau-
jnen Häuten umgebene Zwiebel zu medizinischem
I Gebrauch dient. Die nicht selten in Töpfen als
(Zierpflanzen gezogenen blaublühenden Szillen ge-:
(hören anderen Arten an, die Urginea maritima
(hat einen Schopf mit weißlichen Blüten. Im
(Handel findet sich die Droge frisch und ge-
trocknet, in die einzelnen Dickschuppen zerlegt.
•Frische Zwiebeln, die über Triest in den Verkehr
'kommen, lassen sidi im Keller in Sand konser-
vieren, sind aber nicht lange haltbar. Die zer-
schnittene Wurzel riecht und schmeckt scharf
und bitter und besteht aus gebogenen, hornartig
(durchscheinenden Stücken. Als wirksame Stoffe
(enthält die M. Szillipikrin, Szillitoxin, SziJ-
(lin und Szillain, welche sämtlich giftig wirken.
(Aus getrockneter M. werden wäßrige und alko-
holische Extrakte hergestellt. Durch Mazerieren
mit Essig erhält man den Meerzwiebelessig
'(lat. Acetum scillae, frz. Vinaigre de scille, engl.
        <pb n="278" />
        ﻿Mehl

272

Meisterwurzel

Vinager of squill), durch Versetzen des letzteren
mit Honig und Eindicken den Meerzwiebel-
.sauerhonig (lat. Oxymel scillae, frz. Oxymel
de scille, engl. Oxymel of squill), die beide me-
dizinisch als Brechmittel, zur Steigerung der
Herztätigkeit und als harntreibendes Mittel ver-
ordnet werden. In großen Mengen findet M.
auch zur Vertilgung von Ratten und Mäu-
sen Anwendung, wozu sie sich ■ besonders in
frischem Zustande mit Fett geschmort, oder
mit Mehl zu einem Teig angemengt und ge-
backen eignet. Getrocknete M. ist wegen ihrer
Giftigkeit in Deutschland dem freien Verkehr
entzogen. Die Tinkturen und Extrakte dürfen
auch von den Apotheken nur auf ärztliche Ver-
ordnung abgegeben werden.

Mehl (Getreidemehl, lat. Farina, frz. Farine,
engl. Flour). Wie alle pflanzlichen Nahrungs-
mittel, deren Stärkekörner im rohen Zustande
so gut wie unverdaulich sind, müssen auch die
Getreidesamen vor ihrer Verwendung zu Ernäh-
rungszwecken möglichst weit zerkleinert und
von der unverdaulichen Zellulose befreit werden.
Zur Erreichung beider Ziele bedient man sich
der verschiedenen Mahlverfahren, welche auf
der Erkenntnis beruhen, daß die unverdauliche
äußere Schale zähe ist und länger ihren Zu-
sammenhang behält als der spröde, leicht zu
einem Pulver zerreibliche Mehlkörper und daher
durch Sieben entfernt werden kann. Dem eigent-
lichen Mahlen geht eine sorgfältige Reinigung
des Getreides von fremden Verunreinigungen
(Stroh, Staub, Unkrautsamen) durch mehrfache
Anwendung von Sieben, Saugmaschinen (Aspira-
toren) und Unkrautauslesemaschinen (Trieuren)
vorauf, und erst dann folgt die weitere Zer-
kleinerung im Wege der Flachmüllerei oder
der Hochmüllerei. Bei der ersteren, welche
meist im Kleinbetriebe für die weicheren in-
ländischen Weizen- und Roggensorten angewandt
wird, gelangt das Getreide zwischen möglichst
nahe gerückte Mühlsteine oder Walzen, zwischen
denen es durch eine Mahlung zerkleinert wird.
Bei der Hochmüllerei, einer neuzeitlichen Groß-
industrie, passiert das Korn zunächst weiter ge-
stellte Walzen, um dann nach und nach ein
System immer enger gestellter Walzen zu durch-
laufen, und wird so in eine Reihe von Mahl-
produkten verschiedener Feinheit: Grieß, Mehl
und Dunst zerlegt. Die allerfeinsten Auszugs-
mehle sind nahezu frei von Schalenbestandteilen
(Kleie). Neben die ursprünglichen Mühlen mit
Steinen und mit Walzen sind neuerdings die sog.
Desintegratoren oder Dismembratoren ge
treten, eiserne, mit aufrecht stehenden Zähnen
besetzte Scheiben, welche sich mit großer Um-
drehungszahl in entgegengesetzter Richtung be-
wegen. Von den verschiedenen Getreidemehlen
haben Roggen- und Weizenmehl für die mensch-
liche Ernährung die größte Bedeutung. Sie sind
ziemlich gleich zusammengesetzt und enthalten
ungefähr 12—13 0/0 ,Feuchtigkeit, 10—u°/o Stick-
stoffsubstanz, I—2°/o Fett, 73—74% Stärke,
0,3—1,40/0 Holzfaser und 0,5—i«/o Asche. Doch
unterliegt der Gehalt an den einzelnen Bestand-
teilen großen ■ Schwankungen, und besonders die
südrussischen Hartweizen (Taganrok) sind durch
ihren hohen Eiweißgehalt ausgezeichnet. Die zu
Kindernährmitteln viel benutzten Hafermehle zei-

gen einen hohen Fettgehalt von, 6—7°/o. Für
die Beurteilung des Mehles nach der äußeren
Betrachtung ist besonders die Farbe von Be-
deutung, weil sie einen Rückschluß auf den
Gehalt an dunkleren Kleienbestandteilen zuläßt.
Zur besseren Erkennung feinerer Unterschiede
ist die Beobachtung angefeuchteter Muster nach
dem Verfahren Pekars (Pekarisieren) sehr
geeignet. Von weiteren Kennzeichen ist die sog.
Griffigkeit zu erwähnen, welche dem Fach-
mann wertvollen Anhalt für die Art der Mahlung
liefert. Entscheidende Bedeutung kommt aber
der Menge und Art des Klebers zu, welche
nach besonderen Verfahren ermittelt werden
sowie dem unter Verwendung wechselnder Wasser-
mengen angestellten praktischen Backversuch.
Ungeeignet oder minder tauglich für die Zwecke
der Bäckerei ist M. aus feucht gewordenem,
gekeimtem, sog. ausgewachsenem Getreide, fer-
ner mit Parasiten wie Milben, Mehlwürmern
und Schimmelpilzen durchsetztes Mehl, Bei An-
wesenheit gewisser Mikroorganismen (Bacillus
mesentericus) liefert das M. fadenziehendes Brot,
und es ist daher zur Fernhaltung aller Keime
dringend erforderlich, das M. luftig, trocken und
sauber aufzubewahren. Besonders in Kolonial-
warenhandlungen sollten die Behälter vor dem
Einschütten neuer Vorräte sorgfältig von alten
Resten gereinigt und mit neuem Papier aus-
geschlagen werden. Als Verunreinigungen
sind bisweilen Unkrautsamen, besonders der
giftigen Kornrade und des Taumellolchs, ferner
Brandsporen und Mutterkorn aufgefunden wor-
den, während eigentliche Verfälschungen durch
Kreide, Gips, Schwerspat und Tonerde zu den
größten Seltenheiten gehören. Ihr Nachweis ge-
lingt unschwer mit Hilfe der chemischen Ana-
lyse, kann aber auch schon vom Gewerbetreiben-
den geführt werden, indem er das M. in Chloro-
form schüttet. M. bleibt darin schwimmend
oder suspendiert, während mineralische Beimen-
gungen sofort zu Boden sinken. Zusätze von
geringwertigen zu teureren Mehlsorten, wie Mais-
oder Leguminosen- zu Weizenmehl, werden auf
mikroskopischem Wege erkannt.

Meißner Weine. Die an der Elbe zwischen
Meißen, Dresden und Pirna gebauten sächsischen
Weine sind in ihren weißen Sorten leichte,
etwas säuerliche, aber angenehm schmeckende
Tischweine, während die roten, mehr körper-
haltigen, zum Verschneiden kleiner Medocs zuin
Versand kommen. Die Rotweine der besten |
Lagen, besonders vom Ratsvveinberge und dem
Meißen gegenüber am anderen Elbufer liegen-
den kleinen Spargebirge (Sparweine), werden
von Kennern dem Burgunder gleich geschätzt-

Meisterwurzel (lat. Rhizoma imperatoriae, frz- 1
Rhizome d’impdratoire, engl. Master wort) ist
der getrocknete Wurzelstock von Peuceda-
num Ostruthium, einer ausdauerndenDolden-
pflanze, die, in den höheren Gebirgen Deutsch-
lands und in den Voralpen heimisch, in Gärten
gezogen wird und auch verwildert vorkommt-
Der ohne die langen fadenförmigen Fasern
fingerdicke, etwas plattgedrückte, geringe^®
Wurzelstock zeigt eine längsrunzelige, warzig j
höckerige Oberfläche von graubrauner Färb®
und einen gelblichweißen, mit großen braunen
Harzpunkten versehenen, Querschnitt. Geruch
        <pb n="279" />
        ﻿Mekkabalsam

273

Melonen

und Geschmack sind ähnlich wie bei der Ange-
likawurzel, aromatisch, beißend gewürzhaft. Die
im Herbst von zwei- bis dreijährigen ausschließ-
lich wild wachsenden Pflanzen zu sammelnden
Wurzeln werden aus der Schweiz, dem Riesen-
gebirge sowie einigen anderen Orten in den
Handel gebracht und zur Herstellung von Tier-
heilmitteln sowie von bittern Likören benutzt.
Die M. enthält 0,2—1,40/0 ätherisches Öl, Impe-
ratorin, Ostruthin u. a. Bitterstoffe. Sie ist dem
Insektenfraß sehr unterworfen und muß daher in
gut verschlossenen Gefäßen und an trockenen
Orten aufbewahrt werden.

Mekkabalsam (Opobalsam, lat. Baisamum
de mecca, frz. Baume de mecque, engl. Balsam
of mecca), ein Balsamharz, wird in dem ara-
bischen Küstengebiete von einem Baume, Bal-
samodendron gileadense, gewonnen, aus
dessen Stamm es teils freiwillig, teils durch
künstliche Einschnitte ausfließt. Er bildet eine
braunrötliche, trübe Masse von der Konsistenz
des venezianischen Terpentins und an Rosmarin
und Zitronen erinnerndem Geruch und wird für
Parfümzwecke sowie im Orient medizinisch be-
nutzt.

Melado. Unter diesem Namen kommt von
Westindien ein stark eingedickter Zuckerrohr-
saft in den Handel, der unterwegs größtenteils
kristallinisch erstarrt und in europäischen Raffi-
nerien gereinigt und auf Hutzucker verarbeitet
wird.

Melasse nannte man ursprünglich den brau-
nen, sirupartigen Rückstand von der Herstellung
des Zuckers aus Zuckerrohr. In neuerer Zeit
versteht man fast nur noch die Endsirupe der
Rübenzuckerfabriken darunter, die zwar noch er-
hebliche Mengen Zucker enthalten, deren gleich-
zeitig hoher Salzgehalt aber die Abscheidung
des Zuckers durch einfache Kristallisation ver-
hindert. Die verschiedenen, zur Gewinnung des
Zuckers vorgeschlagenen Verfahren, welche teils
auf der Auslaugung (Diffusion oder Osmose),
teils auf der Darstellung von Kalk-, Strontian-
°der Barytsaccharat beruhen, scheinen zurzeit
kaum noch praktische Bedeutung zu haben.
Vielmehr wird die meiste M. jetzt, besonders
Irn Gemisch mit Torf, Häcksel oder Rüben-
schnitzeln, als Viehfutter oder zur Branntwein-
brennerei benutzt.

Melilotenkraut (lat. Herba meliloti, frz. Som-
teitd fleurie de mölilot, engl. Melilot) stammt
dem wohlriechenden gelben Steinklee
Welilotus off icinalis), einer zweijährigen
Pflanze mit kleeartigen Blättern und gelben
Schmetterlingsblüten, die sich mehr oder weni-
ger häufig, überall an Wegen, Rainen und auf
tepekenen Wiesen vorfindet. Der Geruch der
Rischen Pflanze, die blühend eingesammelt wird,
lsf schwach honigartig. Beim Trocknen aber
Ritt ein starker, angenehmer Geruch auf, wel-
c“er auf der Anwesenheit von an Melilotsäure
gebundenem Kumarin beruht. Das Kraut dient
gepulvert zu erweichenden Umschlägen und zur
htarsteiiung des Melilotenpflasters, ferner in
größeren Mengen zur Parfümierung von Schnupf-
abak, an Stelle der Tonkabohnen. Eine be-
sondere Art, Melilotus coeruleus, wird in
aer Schweiz zur Bereitung des Kräuterkäses

Verwandt.

-^t e r c ks Warenlexikon.

Melissenkraut (lat. Herba seu Folia melissae,
frz. Feuilles de mdlisse, engl. Balm leaves). Die
Melisse (Melissa officinalis), eine ausdauernde
Labiate, die in den Gebirgen des mittleren und
südlichen Europa wild wächst, zeigt oberseits
dunkel-, unten hellgrüne, mit einzelnen steifen
Haaren besetzte, eirunde, langgestielte, gekerbte
Blätter und weiße Lippenblüten. Das Kraut wird
kurz vor der Blüte geschnitten, im Schatten rasch
getrocknet und unter gutem Verschluß auf-
bewahrt. Man benutzt es im Haushalt bisweilen
zur Darstellung eines wohlschmeckenden Tees,
offizinell als aromatisches und nervenstärkendes
Mittel. Die bei uns in Gärten, für Handels-
zwecke in Thüringen auch auf Feldern gezogene
Zitronenmelisse ist lediglich eine botanische
Spielart (var. citrata), die sich durch starken
zitronenähnlichen Geruch auszeichnet. — Die offi-
zinelle Pflanze enthält bis zu etwa 0,1 °/o ätheri
sches Öl (Melissenöl, lat. Oleum melissae,
frz. Essence de mdlisse, engl. Balm oil),
das bei schwacher Destillation mit Wasser ge-
löst bleibt (Melissenwasser, lat. Aqua me-
lissae, frz. Eau distillde de mdlisse, engl. Balm
water), bei wiederholtem Destillieren über meh-
rere Posten Kraut aber frei auf dem Wasser
schwimmend erhalten wird. Das Öl ist von
starkem Aroma, findet aber seines hohen Preises
wegen in der Parfümerie keine Anwendung.
Das Melissenöl des Flandels ist kein reines
Destillat der Melisse, sondern entweder ein über
Melissenkraut destilliertes Zitronenöl oder Zi-
tronellöl oder aber nur ein fraktioniertes Zitro-
nellöl. Durch Destillation des Krautes nebst
anderen würzhaften Stoffen mit Weingeist wird
der Melissengeist oder Karmelitergeist dar-
gestellt, der sowohl als Parfüm wie zu medizi-
nischem Gebrauch dient.

Melonen (Arbuse, frz. und engl. Melon) sind
die Früchte einer zu den Gurkengewächsen
(Kukurbitazeen) gehörenden Pflanze, Cucu-
mis me Io, die in Asien und Afrika heimisch ist
und noch jetzt wild wachsend angetroffen wird,
ihren eigentlichen Wohlgeschmack aber erst in
angebautem Zustande erlangt. Ihr Name leitet
sich von der griechischen Insel Melos, dem
jetzigen Milo ab. Die M. war schon den alten
Phöniziern bekannt, wurde von den Arabern
nach Spanien eingeführt und wird jetzt in allen
Mittelmeerländern, besonders Italien sowie auch
in Ungarn angebaut, während die Früchte bei
uns wegen ihres hohen Wärmebedarfs nur in
Treibhauskultur gedeihen. Die M. kommen in
zahlreichen, durch Form, Größe, Farbe und
Zeichnung der Oberfläche unterschiedenen Spiel-
arten in den Verkehr. Es gibt rot-, gelb-, grün-
und weißfleischige, glatte, gerippte oder mit
Netzgeflecht überzogene, klein- und großfrüch-
tige Sorten. Die besten italienischen M., nach
dem päpstlichen Schlosse Cantalupo in der Mark
Ankona auch Kantalupen, sonst Zatte, ge-
nannt, sind j^lattgedrückt und runzelig und be-
sitzen ein orangerotes oder grünliches, sehr
zuckerreiches und aromatisches Fleisch. Von
anderen Sorten sind zu nennen die ungarische
Theißperle, die Turkestan-M., die Zucker-
und Malteser-M., die außerordentlich aroma-
tische Ananas-M. von Athen, die grünfleischige
türkische M., die griechische Königs-M. und

18
        <pb n="280" />
        ﻿Mengkorn

274

Merino

die grüne Sarepta-M. Bei uns werden beson-
ders die mittelgroßen, grünlichen, gepreßten
Früchte geschätzt. — Einer anderen Art, Ci-
trullus vulgaris (Cucumis citrullus), gehört
die sog. Wassermelone (frz. Melon d’eau,
engl. Water melon) an, deren Fleisch nur im
Innern rot, süß und saftig ist und zum Unter-
schiede von der echten M. schwarze oder rötliche
Samen umschließt. Die M. enthält neben 91,5 °/c
Wasser 0,84% Protein, 0,13 °/o Fett, 3,450/0
Zucker, 2,900/0 stickstofffreie Extraktstoffe, 0,660/0
Rohfaser und 0,52 °/o Asche. Sie bildet eine
außerordentlich beliebte Frucht, die teils, wie
in Italien die Wassermelone, geradezu als Volks-
nahrungsmittel. Verwendung findet, teils bei uns
nach Zusatz von Zucker, oder in Ungarn mit
Paprika als Delikatesse geschätzt wird.

Mengkorn (Mengfrucht) ist ein Gemenge
verschiedener Getreidearten, meistens Roggen
und Weizen, die absichtlich untereinander gebaut
werden. Der Anbau von zusammen wachsenden
Getreidearten oder Hülsenfrüchten ist, sicherer
und darum der Ertrag etwas höher, das Ge-
menge aber nicht so gut wie die Einzelfrüchte
verkäuflich und der Preis daher etwas geringer.
M. kommt nur im Ortshandel vor und ist nicht
zu verwechseln mit den Gemischen aus mehreren
Sorten gleicher Frucht, wie sie besonders im Groß-
handel der Ostseeländer gebräuchlich sind. —
Das Mengfutter, von welchem in der Landwirt-
schaft viel Gebrauch gemacht wird, setzt man aus
verschiedenen Sämereien, besonders aus Wicken
und Hafer oder aus Gräsern und Kleesämereien
zusammen.

Menstruationsmittel zur Beseitigung von Blut-
stockung bei Frauen sind meist wertlose Ge-
heimmittel, die entweder aus gepulverter römi-
scher Kamille oder aus Destillaten harmloser
Drogen bestehen, z. B. Uterosan, Cito usw.

Mennige (Bleimennige, Bleizinnober,
Bleirot, rotes Bleioxyd, Saturnzinnober,
lat.Minium, Plumbum oxydatum rubrum, frz. Mine,
Rouge de saturne, engl. Red lead) wird dargestellt
durch wiederholtes Erhitzen (Brennen) von fein-
gemahlener Bleiglätte auf 4500 bei Luftzutritt,
bis das gelbe Bleioxyd in ein lebhaft rotes
Pulver übergegangen ist. Nicht zu verwech-
seln mit Eisenmennige (s. d.) I Eine besonders
feine und feurige Sorte, die Orange-M. (Pa-
riser-M., frz. Mine orange, engl. Saturnine red)
entsteht durch Erhitzen von Bleiweiß oder koh-
lensaurem Blei. M. ist ein schweres rotes, in
Wasser unlösliches Pulver und besteht in che-
mischer Hinsicht aus einem Gemenge von Blei-
oxyd und Bleisuperoxyd, welches auch wohl
als ein Salz der hypothetischen Orthobieisäure,
Pb304, aufgefaßt wird und 90,7 °/o Blei neben
9,3 °/o Sauerstoff enthält. Beim Übergießen mit
Salpetersäure färbt sich die M. unter Abschei-
dung von Bleisuperoxyd und gleichzeitiger Bil-
dung von löslichem Bleinitrat braun, hingegen
wird sie durch Salpetersäure unter Zusatz von
Zucker oder Oxalsäure völlig gelöst. Die M. wird
als Malerfarbe in öl und auf Kalk benutzt, ist
jedoch hierzu wegen ihrer geringen Haltbarkeit
nicht zu empfehlen. Wichtiger ist ihre Verwen-
dung in Firnis als rostschützender Anstrich zum
Grundieren von Eisen, ferner mit Bleiweiß und
Firnis, zusammengeknetet als Kitt für Flanschen

an Dampfleitungsröhren und kupfernen Destilla-
tionsapparaten sowie zur Herstellung feiner Blei-
gläser (Kristallglas, optische Gläser) und Gla-
suren. M. ist giftig und unterliegt somit den
Vorschriften für Gifte und für Bleifarben (s. d.).

Menthol (Menthakampfer, lat. Mentholum)
bildet den wichtigsten Bestandteil des Pfeffer-
minzöls, aus dem es sich bei starker Abküh-
lung in langen prismatischen Kristallen ab-
scheidet. Zur Darstellung benutzt man vor-
wiegend das japanische Pfefferminzöl sowie
das von Japan eingeführte Roh-M., welches nur
aus Petroläther oder Alkohol umkristallisiert zu
werden braucht. Die Pfefferminzöle werden vor-
her durch fraktionierte Destillation von den
beigemengten Terpenen befreit. Das M. besitzt
den Geruch und Geschmack des Pfefferminzöls,
schmilzt um 430 herum und ist linksdrehend.
Es siedet bei 211—2120 unzersetzt, läßt sich
aber schon bei niederer Temperatur sublimieren.
In chemischer Hinsicht ist es ein gesättigter
sekundärer Alkohol, C10H19OH, dessen ent-
sprechendes Keton, das Ment hon, den zweiten
Hauptbestandteil des Pfefferminzöls bildet. Auf
dieser Kenntnis beruht ein neues Verfahren
zur Gewinnung des gesamten im Pfefferminzöl
enthaltenen M. Behandelt man nämlich die
von der Kristallisation des M. zurückbleibenden
Mutterlaugen, deren Bestandteile, 6o°/o Menthon
und 40% Menthol, sich weder durch Kristalli-
sation, noch wegen der naheliegenden Siede-
punkte (Mehthon 206°) durch fraktionierte De-
stillation trennen lassen, mit Hydroxylamin, so
geht das Menthon in Oximidomenthon über,
das als ein basischer Körper durch verdünnte
Schwefelsäure in Lösung gebracht und so von
dem rein zurückbleibenden M. getrennt wer-
den kann. Das Menthon gibt bei der Be-
handlung mit Natrium in alkoholischer Lösung
ebenfalls M., so daß nahezu das ganze Pfeffer-
minzöl in M. übergeführt wird. — Reines M.
muß völlig trocken und ohne Rückstand subli-
mierbar sein. Eine Auflösung in 1 ccm Eisessig
muß mit drei Tropfen Schwefelsäure und einem
Tropfen Salpetersäure farblos bleiben, während
eine schmutzig blaugrüne Färbung Thymol an-
zeigt. M. findet im Gemisch mit Milchzucker
ausgedehnteAnwendung als Schnupfpulver (Men-
tholinpulver), ferner als M.-Lanolin gegen
Frostbeulen und als M.-Vaseline gegen Rheu-
matismus und in Form von Stiften gegen Mi-
gräne (Migränestifte). In reinem Zustande
dient es zum Inhalieren bei Asthma sowie inner-
lich gegen Rheumatismus, Durchfälle, Erbrechen.

Merino (engl. Merino, Marrino) heißen leichte
geköperte Zeuge aus Kammwolle mit dreifädi-
gem, auch vierfädigem, auf beiden Seiten glei-
chem Körper. Sie kommen in allen Farben und
gemustert vor und waren eine Zeitlang zu
Frauenkleidern und Umschlagetüchern sehr be-
liebt. Die durch Sengen, Scheren und heißes
Pressen mit Glanz appretierten Stoffe kamen
ursprünglich aus England und wurden dann
auch in Deutschland und Frankreich hergestellt.
Gegenwärtig ist die Ware meist durch die in
Deutschland zuerst gefertigten Thibets (vollere
und weichere Stoffe ohne glänzende Appretur)
verdrängt worden; Eine wohlfeilere hierher ge-
hörige Ware, ein halbwollener, dreifädig ge-
        <pb n="281" />
        ﻿Merkolintschurz

275

Metanilgelb

köperter M. mit baumwollener Kette und Kamm-
garneinschlag, führt die Bezeichnung Para-
matta.

Merkolintschurz ist ein mit Quecksilbersalbe
imprägniertes Gewebe, welches gegen venerische
Krankheiten auf der Brust getragen wird.

Mesotan, eine klare, ölartige Flüssigkeit von
aromatischem Geruch und dem spez. Gew. 1,200,
besteht aus dem Salizylsäuremethoxymethylester
05114(011)000 . CH2 . OCHj, und wird durch
Behandlung von Chlormethyläther mit Natrium-
salizylat hergestellt. Es ist in Wasser wenig,
in Alkohol, Äther, Benzol und fetten Ölen
leicht löslich. Im Gemisch mit Olivenöl dient
es an Stelle von Gaultheriaöl zum Bepinseln der
Haut bei Rheumatismus, hat aber wegen der
leichten Abspaltung von Formaldehyd oft un-
angenehm reizende Nebenwirkungen. Zur Ver-
meidung von Zersetzungen muß M. vor Licht
und besonders vor Feuchtigkeit gut geschützt
aufbewahrt werden.

Messing (frz. Lacton, engl. Yellow brass, Brass)
ist die gebräuchlichste Legierung der beiden
Metalle Kupfer und Zink, die sich zwar in
jedem beliebigen Verhältnisse zusammenschmel-
zen lassen, aber erst bei einem Überschüsse des
Kupfers brauchbare Legierungen ergeben. Im
Gegensätze zu dem Tombak (s. d.), das weniger
als 18 0/0 Zink enthält, faßt man unter dem
Namen Messing alle .Kupfer-Zink-Legierungen
mit mehr als 18.% Zink zusammen. Die verschie-
denen Handelssorten des Messings (Gelbguß)
enthalten überaus wechselnde Mengen der bei-
den Metalle, doch liegt der Gehalt an Zink in
der Regel zwischen 20 und 40 0/0, meist sogar
zwischen 24 und 3Ö°/o. Nur die zu Möbel-
beschlägen benutzten Legierungen sind bisweilen
zinkreicher. Die physikalischen und technischen
Eigenschaften der Messingsorten hängen von
ihrem Gehalt an Kupfer und Zink ab. Mit stei-
gendem Kupfergehalte wird die Legierung wei-
cher und dehnbarer. Mit steigendem Zinkgehalte
erhöhen sich Härte und Schmelzbarkeit, wäh-
rend das spezifische Gewicht, die Geschmeidig-
keit und Hämmerbarkeit sinken. Auch die
Earbe wird von der Zusammensetzung gesteigert.
Die Regel, daß eine Kupfer-Zink-Legierung um
s9 röter aussieht, je höher der Kupfergehalt,
gilt aber nur bei mehr als 70 0/0 Kupfer. Hin-
gegen ist eine Legierung aus gleichen Teilen
beider Metalle röter als eine solche aus 80 °/o
Kupfer und 200/o Zink. Zur Darstellung des M.
wurde früher Galmei mit zerkleinertem Kupfer
UtM Kohlenstaub direkt zusammengeschmolzen,
fahrend man heutzutage stets von den reinen
Metallen ausgeht. Die letzteren werden zunächst
Itl kleineren Tiegeln im Gemisch mit Kohlenklein
Und mit Kohlenstaub überschichtet zum Schmel-
Vn, erhitzt, dann wird der Inhalt aller Tiegel ver-
e'nigt, gerührt und abgeschäumt und in Mulden
begossen. Die erstarrte, noch heiß zerschlagene
Masse liefert das Rohmaterial für Gelbgieße-
Vlen. das sog. Stückmessing. Zur Herstellung
es von Pumpen- und Spritzenfabrikanten, Gra-
vuren und Gürtlern benutzten Tafelmessings,
''urd (jje geschmolzene Legierung zwischen zwei
sroße, rnit Lehm und Kuhmist überzogene Gra-
bplatten gegossen. Die 6—20 mm dicken Platten
MI1d zunächst raüh und durch Oxyd geschwärzt

und werden daher durch Beizen, Schaben, Ho-
beln oder durch Glätten zwischen stählernen
Walzen weiter vorgerichtet. Durch mehrmaliges
Strecken der Platten entsteht das Messing-
blech und aus letzterem das Drahtband, wel-
ches die Drahtzieher verarbeiten. M. wird häu-
figer als Kupfer und Zink allein verarbeitet,
weil es die guten Eigenschaften beider Metalle
vereinigt und doch billiger als Kupfer ist. Es
übertrifft das Kupfer an Härte und Widerstands-
fähigkeit gegen Atmosphärilien und besitzt eine
schönere Farbe und große Politurfähigkeit, Wie
Kupfer ist M. in der Kälte sehr dehn- und
hämmerbar, läßt sich mit Leichtigkeit strecken,
treiben, zu dem dünnsten Blech auswalzen und
zu feinstem Draht ausziehen. Wegen seiner
Dünnflüssigkeit füllt es die Formen gut aus und
gibt dichte Güsse. — Als besondere Arten des
Messings sind zu erwähnen: Prinzmetall mit
67—75 0/0 Kupfer und 25—33°/o Zink, C ui vre-
poli, Glanzmessing für Möbelbeschläge u. dgl.,
Chrysorin aus 60 °/o Kupfer und 4o°/o Zink,
Platine, eine weiße Legierung aus 43 °/o Kupfer
und 570/0 Zink. Durch geringe Zusätze anderer
Metalle erhält man: Yellow metall aus 6o°/o
Kupfer, 40% Zink und 2 °/o Eisen, Deltametall
(s.d.), Duranametall mit 650/0 Kupfer, 290/0 Zink,
1,5% Eisen, 1,50/0 Aluminium, 2°/o Zinn und
Antimon, Aluminiummessing mit 8 °/o Alu-
minium. Die ebenfalls hierher gehörenden Leo-
ninischen Waren aus vergoldetem Draht und
Lahn, die Tressen, Kantillen und Quasten wer-
den nach dem Verfahren der Zementation in
der Weise hergestellt, daß man die kupfernen
Drähte und Bleche in feuerfesten, luftdicht ver-
schlossenen Kasten zugleich mit Zink erhitzt.
Das, Zink verdampft und verbindet sich mit
dem Kupfer auf der Oberfläche der Gegen-
stände zu Messing.

Metallbeizen sind Lösungen von Säuren und
Salzen oder Gemischen beider, welche dazu
dienen, die Oberfläche metallener Gegenstände
zu reinigen, zu mattieren oder dunkler zu färben.
Zum Reinigen und Blankmachen (Abbrennen)
benutzt man für Kupfer und seine Legierungen
meist ein Gemisch von Schwefelsäure und Sal-
petersäure, für Zink und Eisen verdünnte Schwe-
felsäure allein. Eine mattierte und gemusterte
Oberfläche entsteht bei Anwendung von Sal-
peterschwefelsäure mit einem Zusatz von Zink-
vitriol und Kochsalz oder Salmiak. Die Dunkel-
färbung (das Brünieren) wird bei Kupfer durch
Behandlung mit einer wäßrigen Lösung von
Kupferazetat, Salmiak und verdünnter Salpeter-
säure, bei Eisen (Gewehrläufe) durch eine Ätzung
mit Salpetersäure und nachfolgende Behand-
lung mit Silbernitratlösung erzielt.

Metanilgelb (Orange MN, Tropaeolin G.
Viktoriagelb), ein seit 1882 bekannter Azo-
farbstoff, findet sich in verschiedenen Arten
im Handel. Das eigentliche M., ein braun-
gelbes, in Wasser mit orangegelber Farbe lös-
liches Pulver, besteht aus dem Natronsalze des
Metaamidobenzolsulfosäureazodiphenylamins, C18,
HuN3S03Na, und färbt Wolle im sauren Bade
orangegelb. Die Sulfosäure des M. führt die
Bezeichnung Metanilgelb S. Metanil-
orange I wird durch Einwirkung von Meta-
        <pb n="282" />
        ﻿Methylal

276

Milch

diazobenzolsulfosäure auf Alphanaphtol, Meta-
nilorange II auf Betanaphtol erhalten.

Methylal, der Methylendimethyläther, CH2.
(O.CH3)2, eine hei 420 siedende Flüssigkeit,
findet als Schlafmittel und Anästhetikum me-
dizinische Anwendung;

Methylblau, ein dem Anilinblau verwandter,
1862 entdeckter Teerfarbstoff, entsteht durch
Einwirkung von Anilin auf Pararosanilin, Sul-
furieren des gebildeten Triphenylrosanilins und
Sättigen mit Soda und ist daher das Natronsalz
der Triphenylpararosanilintrisulfosäure. Man er-
hält es als dunkelblaues, in Wasser lösliches
Pulver, das gebeizte Baumwolle blau färbt.

Methylenblau, Äthylenblau, Phenylen-
blau (Bleu de Poteaux), ein seit 1876 be-
kannter Thiazinfarbstoff, wird erhalten, wenn
man eine salzsaure Lösung von Nitrosodimethyl-
anilin mit Schwefelwasserstoff reduziert, die ent-
stehende Verbindung mit Eisenchlorid behandelt
und schließlich durch Zusatz von Chlorzinklösung
und Kochsalz den Farbstoff als Chlorzinkverbin-
dung ausfällt. Zurzeit stellt man den Farbstoff
ausschließlich nach dem sog. Thiosulfatver-
fahren her, indem man Paraamidodimethylanilin
bei Gegenwart von unterschwefligsaurem Na-
trium oxydiert, die entstandene Thiosulfonsäure
durch Behandlung mit Chromat und Dimethyl-
anilin in das entsprechende Indamin überführt
und letzteres mit Chlorzinklösung kocht. Das
Endprodukt, das Leukomethylenblau, gibt dann
bei der Oxydation mit Eisenchlorid den Farb-
stoff, ein vierfach alkyliertes Lauthsches Vio-
lett (s. d.) von der Formel (CH3)2 . N . C6H3 .
(NSC1)C6H3N . (CH3)2. Man erhält das M. ent-
weder als dunkelblaues Pulver oder in kupfer-
artig glänzenden Nadeln, die in Wasser löslich
sind. Der Farbstoff eignet sich zum Blaufärben
von Seide und mit Tannin gebeizter Baumwolle
und findet auch beschränkte medizinische An-
wendung. — Als Abkömmlinge des M. sind an-
zuführen: Methylengrün, ein Nitroprodukt,
Thiokarmin, ein aus Methylbenzylanilinsulfo-
säure dargestellter, Neumethylenblau N, ein
vom Nitrosomethyltoluidin ausgehender Methy-
lenblaufarbstoff.

Methylgrün (Lichtgrün, Parisergrün,
Grünpulver, Vert ötincelle, Vert lumifere),
ein seit 1871 bekannter Triphenylmethan-
farbstoff, besteht aus der Zinkchloridverbin-
dung des Chlormethylhexamethylpararosanilin-
chlorwasserstoffs und wird durch Behandlung
von Methylviolett mit einer Lösung von Chlor-
methyl in Amylalkohol und nachherigen Zusatz
von Chlorzink dargestellt. Man erhält das M. in
grünen Kristallen, die sich in Wasser leicht mit
blaugrüner Farbe lösen und zum Färben von
Seide und Baumwolle benutzt werden. Wendet
man bei der Darstellung anstatt Chlormethyl
Bromäthyl an, so erhält man eine andere Sorte
M., die in chemischer Hinsicht als Äthylgrün
anzusprechen ist.

Methylorange (Dimethylorange, Dime-
thylanilinorange, Helianthin, Tropae-
olin D), ein Azofarbstoff (s. d.), der 1875 ent-
deckt wurde und aus dem Natronsalze des Sulfanil-
säureazodimethylanilins, CUHUNS . SOaNa, be-
steht, bildet ein ockergelbes, in Wasser lösliches

Pulver und wird gewöhnlich auch als Orangelll
bezeichnet. Vgl. Orange.

Methylviolett (Methylanilinviolett, Pa
riser Violett, frz.Violet de Paris, Violet direct),
ein schon seit 1861 bekannter Teerfarbstoff
der Triphenylmethanreihe, besteht gewöhnlich
aus einem Gemenge von Salzen zweier Basen,
nämlich des Pentamethyl- und des Hexamethyl-
rosanilins. Man erhält den. Farbstoff durch Oxy-
dation von Dimethylanilin mit Kupfernitrat und
Kochsalz und Entfernen des Kupfers durch
Schwefelleber. An Stelle des Kupfernitrats kann
auch Kupfersulfat und chlorsaures Kali an-
gewandt werden. Um mehr rötliche Farbtöne
zu erzielen, nimmt man ein Gemenge von Di-
methylanilin und Methylanilin. Durch Aus
kochen des Reaktionsproduktes mit Salzsäure
erhält man die Chlorwasserstoffverbindung der
Basen, welche mit Kochsalz ausgefällt wird. Das
M. kommt in metallisch grünglänzenden Stücken
oder auch als Pulver, selten kristallisiert, in den
Handel. Es gibt mit Wasser eine violette Lö-
sung, welche durch Zusatz von Salzsäure grün
wird. Die verschiedenen Arten des M. werden
zum Färben von Wolle, Seide und Baumwolle
benutzt. Unter der Bezeichnung Methylvio-
lett 5 B und 6B kommen andere Farbstoffe in
den Handel, welche durch Einwirkung von Ben
zylchlorid auf Rosanilin erhalten werden; siehe
Benzyl violett. Das reine Hexamethyl-p-Ros-
anilin wird als Kristallviolett bezeichnet.

Metol, das salz- oder schwefelsaure Salz des
Monomethylparamidometakresols, ist in verschie-
denen Haarfärbemitteln, wie Aurin, aufgefun-
den worden, soll aber unter Umständen Haut-
entzündungen hervorrufen. Für photographische
Zwecke findet es, besonders in Verbindung mit
Hydrochinon, als Entwickler Anwendung.

Migränin ist der den Höchster Farbwerken
geschützte Name für ein Gemisch von ungefähr
91 Teilen Antipyrin, 8 Teilen Koffein und 0,5 0/0
Zitronensäure, das als Mittel gegen Kopfschmer-
zen und Migräne vielfach Anwendung findet,
seit 1906 aber von den Apotheken nur auf ärzt-
liche Verordnung abgegeben werden darf.

Mikrobin, ein neues Konservierungsmittel für
Obsterzeugnisse, besteht aus parachlorbenzoe-
saurem Natrium, C6H4C1 . COONa.

Milch (lat. Lac, frz. Lait, engl. Milk) ist die
von den Milchdrüsen der Säugetiere abgeschie-
dene und für die Ernährung der Nachkommen
im Jugendzustande bestimmte Flüssigkeit. Zum
Begriff der Handelsmilch, als welche in
erster Linie und nahezu ausschließlich die Kuh-
milch in Frage kommt, gehört weiter, daß sie
durch vollständiges Ausmelken gewonnen wor-
den ist und erst einige Zeit nach dem Abkalben
in den Verkehr gebracht wird. Die in den ersten
Tagen nach dem Kalben abgesonderte Flüs-
sigkeit (Kolostrum, Kolostralmilch, Biest-
milch) darf hingegen nicht verkauft werden.
Die Milch stellt eine undurchsichtige, weiße bis
gelbe Flüssigkeit dar, von amphoterer Reaktion
und angenehm süßlichem Geschmack und be-
steht aus einer Emulsion von mikroskopisch
kleinen Fettkügelchen in - einer weißen, dünn-
schleimigen, wäßrigen Lösung, dem sog. Milch-
plasma. Bei längerem Stehen steigen die sus-
pendierten Fettröpfchen an die Oberfläche und
        <pb n="283" />
        ﻿Milch

277

Milch

bilden hier eine zusammenhängende Schicht,
den Rahm oder die Sahne. Beim Kochen ge-
rinnt die Milch nicht, sondern scheidet ledig-
lich an ihrer Oberfläche ein hauptsächlich aus
Kasein bestehendes Häutchen ab. Sie gerinnt
hingegen beim Sauerwerden und nach Zusatz
von Lab. In chemischer , Hinsicht ist die M.
ein außerordentlich kompliziertes Gemisch der
verschiedensten Stoffe, von denen neben Wasser,
geringen Mengen gelöster Gase, wie Kohlen-
säure, Stickstoff und Sauerstoff, ferner Zitronen-
säure, Lezithin, Cholesterin, Harnstoff und Krea-
tin, besonders Fett, Eiweißstoffe (Kasein und
Albumin), Milchzucker und Salze (Phosphate)
anzuführen sind. Der mittlere Gehalt für die
Tagesmilch größerer Kuhherden in Deutschland
beträgt nach Fleischmann: 87,750/0 Wasser,
3,400/0 Fett, 3,50% Protein, 4,600/0 Milchzucker
und 0,7s °/o Mineralstoffe. Jedoch unterliegt die
Zusammensetzung beträchtlichen Schwankungen,
welche durch die Rasse und die Fütterung der
Tiere, durch die Laktationsperiode. Alter, Ge-
schlechtsleben und allgemeine Haltung, Zeit und
Art des Melkens und zahlreiche andere Um-
stände bedingt werden. Im allgemeinen läßt sich
sagen, daß die Höhenschläge eine gehaltreichere,
besonders fettreichere M. liefern als die Niede-
rungsrassen, daß Fütterung mit wasserreichen
Futtermitteln (Schlempe, Rübenschnitzel) die
Menge auf Kosten des Nährstoffgehaltes er-
höht, daß Störungen des Allgemeinbefindens und
mangelhafte Viehhaltung die Beschaffenheit un-
günstig beeinflußt, und daß der Fettgehalt um
so geringer wird, je längere Zeit seit dem letzten
Melken verstrichen ist. Unter normalen Ver-
hältnissen wird man für die Milch einzelner Kühe
folgende Schwankungen anmehmen können: Was-
ser 86,0—89,50/0, Fett 2,5—4,5 0/0, Trockensub-
stanz 10,3—14,5 0/0, fettfreie Trockensubstanz 7,8
bis 10,5 %. Die M. ist eines der wichtigsten
Nahrungsmittel, welches in steigenden Mengen
in den Handel gelangt. Der Jahresverbrauch der
Stadt Dresden z. B. beträgt gegen 60 Millionen
Liter, derjenige des Deutschen Reiches 6—7 Mil-
liarden Liter, und zahllose Gewerbetreibende
sind nicht nur mit ihrer Gewinnung, sondern
auch ihrem Vertriebe beschäftigt. Ihre Haupt-
bedeutung liegt darin, daß sie mit der leider ab-
nehmenden Fähigkeit oder Neigung der Frauen,
ihre Kinder selbst zu stillen, mehr und mehr
zu der ausschließlichen Nahrung der Säuglinge
wird, welche gegen ungünstige Einflüsse natür-
lich besonders empfindlich sind. Es liegt daher
auf der Hand, daß die für die Gesundheit der
Bevölkerung verantwortlichen Behörden diesem
Gegenstände ihre Aufmerksamkeit gewidmet und
besondere Vorschriften über den Verkehr mit
Milch aufgestellt haben. In erster Linie ist natür-
lich die völlige Fernhaltung der M. kranker
Biere, insbesondere solcher Tiere, welche an
Tuberkulose, Maul- und Klauenseuche, Euter-
entzündungen, Darmerkrankungen leiden, zu for-
dern, Nicht minder selbstverständlich erscheint
es, daß M. aus Ortschaften, in denen Typhus-,
Cholera-, Diphtherie- und andere Epidemien
herrschen, ausgeschlossen wird, und daß Per-
sonen mit ekelerregenden oder ansteckenden
Krankheiten sich auch mit dem Vertriebe von
M. nicht befassen dürfen. Die wichtigste Maß-

nahme zur Beseitigung gesundheitlich, bedenk-
licher Milch besteht in einer Erhöhung der
Reinlichkeit der Milchgewinnung, der Fern-
haltung von Schmutz, besonders Kuhkot, welcher
nicht nur Träger pathogener Keime ist, sondern
auch das Verderben der Milch durch Säuerung
beschleunigt. Trotz aller hierauf gerichteten
Bestrebungen der Hygieniker läßt die Gewin-
nung zurzeit noch viel zu wünschen übrig,
und es ist daher notwendig, unter den jetzigen
Verhältnissen nicht zu umgehen, durch eine
nachträgliche Behandlung schädliche Einflüsse
zu beseitigen. Völlig zu verwerfen ist allerdings
der Zusatz von Konservierungsmitteln wie
Borsäure, Salizylsäure, Formaldehyd, Wasser-
stoffsuperoxyd, erwünscht hingegen starke Ab-
kühlung zur Hemmung des Bakterienwachstums
oder Erhitzung zur Abtötung schädlicher Keime.
Die so erhaltene pasteurisierte M. bildet zwar
nur einen Notbehelf, aber einen zurzeit unent-
behrlichen Notbehelf für frische M. Homoge-
nisierte M. ist Milch, die unter hohem Druck
durch feine Achatdüsen hindurchgepreßt wurde,
und infolge Zertrümmerung der Fettröpfchen
nicht mehr aufrahmt. Als Kur-, Kinder- oder
Säuglingsmilch dürfen in den meisten Städten
nur Erzeugnisse verkauft werden, die von tier-
ärztlich untersuchten, gesunden und mit ein-
wandfreiem Futter ernährten Kühen stammen.
Der allgemeinen Einführung dieser Erzeugnisse
steht leider ihr hoher Preis entgegen. Von den
Verfälschungen der M. spielt der Wasser-
zusatz die wichtigste Rolle. Er ist im Hinblick
auf die häufige Verseuchung der ländlichen
Brunnen gesundheitlich höchst bedenklich und
selbstredend nach den Bestimmungen des Nah-
rungsmittelgesetzes verboten. Starke Wässerung
offenbart sich dem Kenner durch die bläuliche
Farbe des Gemisches, geringerer Zusatz durch
die Erniedrigung des spez. Gew. Das letztere
beträgt bei normaler Milch im allgemeinen nicht
unter 1,029 und kann auch von Händlern und
Konsumenten mit Hilfe eines Aräometers, der
sog. Milchwage, leicht bestimmt werden.
Schwieriger gelingt bei den Schwankungen des
Fettgehaltes der Nachweis einer Abrahmung.
Auch haben die Produzenten es durchaus in der
Hand, durch Einstellung besonderer Viehrassen
und Verabreichung billigen, wasserreicheren Fut-
ters große Mengen gehaltarmer Milch zu er-
zeugen, und es ist daher zum Schutze der Be-
völkerung gegen Übervorteilung unbedingt not-
wendig, daß von der zum Verkehr kommenden
Milch ein gewisser Mindestjettgehalt gefordert
wird. Die Grenze ist von den einzelnen Be-
hörden nach örtlichen Verhältnissen verschieden
auf 2,7—3,00/0 festgesetzt worden. Die Über-
wachung des Milchhandels bildet einen wesent-
lichen Teil der allgemeinen Nahrungsmittelkon-
trolle, welche durch fortwährende Untersuchung
zahlreicher Milchproben dem Uberhandnehmen
der Verfälschungen zu begegnen sucht. Neben
der unveränderten M., der sog. Vollmilch, bil-
det die durch Abschöpfen oder Zentrifugieren
ihres Fettes ganz oder teilweise beraubte Mager-
milch eine wichtige Handelsware. Sie ent-
hält, abgesehen vom Fett, noch die sämtlichen
Nährstoffe der M. und ist wegen ihres niedrigen
Preises zu einem Volksnahrungsmittel wie ge-
        <pb n="284" />
        ﻿Milchsäure

278

Milchzucker

schaffen. Dasselbe gilt von der beim Butte-
rungsprozeß abfallenden Buttermilch, während
die nach dem Ausfällen des Kaseins hinter-
bleibendc klare Flüssigkeit, die Molken, nur
als diätetisches Mittel in Frage kommt. Auch
die Sahne oder der Rahm, das Ausgangsmate-
rial der Butterbereitung, wird für sich in den
Handel gebracht. Sie stellt nahezu reines Butter-
fett im Gemenge mit etwas M. dar und wird
nach ihrem Fettgehalte bewertet. Als ein Ver-
fälSchungsmittel für . Sahne und die besonders
fettreiche Schlagsahne ist der Zuckerkalk
anzusehen, welcher den sauren Geschmack ver-
dorbener Sahne verdeckt und einen höheren
Fettgehalt vortäuscht. Um den Versand der
leicht zersetzlichen Milch auf größere Entfer-
nungen, in milcharme Gegenden, besonders in
den Tropen, zu ermöglichen, führt man sie in
eine haltbare Form, die Milchkonserven über.
Kondensierte M. ist unter Zusatz von Rohr-
zucker, oder für sich allein, bis zur dicklichen
Beschaffenheit eingedampfte Milch. Trocken-
milch oder Milchpulver erhält man, indem
man die M. im Vakuum auf rotierenden Walzen
in dünner Schicht eintrocknet und die ent-
stehende Kruste abschabt, oder neuerdings, in-
dem man die Milch in Form eines Sprühnebels
in einen erhitzten Raum einbläst. Die Trocken-
milch liefert, mit warmem Wasser angerührt,
eine milchähnliche Emulsion. Der Handel mit
M. wird meist von Kleingewerbetreibenden aus-
geübt, die aber in neuerer Zeit erfreulicherweise
vielfach zur Gründung von Genossenschafts-
molkereien übergehen.

Milchsäure (Oxypropionsäure, lat'. Acidum
lacticum, frz. Acide lactique, engl. Lactic acid),
C2H4(OH) .COOH, eine starke organische Säure,
tritt in vier Modifikationen auf, nämlich als
Gärungs-M., Para- oder Fleisch-M., Links-
M. und als Äthylen-M. oder Hydrakryl-
säure. Nur die drei ersteren, welche als Äthy-
liden-M- zusammengefaßt werden, kommen in
der Natur vor, während die letztere stets künst-
lich dargestellt wird. Die drei Äthyliden-M. sind
isomer, d. h. sie haben dieselbe prozentische Zu-
sammensetzung und chemische Konstitution und
unterscheiden sich lediglich durch ihre physika-
lischen Eigenschaften. Die Para- oder Fleisch-
M. findet sich in den Organen und Säften des
tierischen Körpers, den Muskeln, dem Magen-
safte, dem Blute, und kann aus dem Fleisch-
extrakte dargestellt werden. Sie dreht die Ebene
des polarisierten Lichtes nach rechts und wird
daher auch Rechts-M. genannt. Die Links-
M. entsteht bei einigen Gärungsarten sowie
bei der Zerlegung der gleich zu besprechenden
Gärungs-M. und ist linksdrehend. Praktische
Bedeutung besitzt nur die sog. gewöhnliche
oder Gärungs-M., die in der Natur bei zahl-
reichen Fäulnis- und GärungsVorgängen durch
die Einwirkung der verschiedensten Mikroorga-
nismen auf Kohlenhydrate gebildet wird. Am
reichlichsten entsteht sie bei der durch das
Milchsäureferment, Bacillus aqidi lactici, her-
vorgerufenen Milchsäuregärung und bildet daher
einen regelmäßigen Bestandteil der sauren Milch,
des Sauerkrauts und der sauren Gurken, deren
angenehmen Geschmack sie bedingt. Auch fin-
det sie sich im Wein, sauer gewordenem Kleister

und der Lohbrühe. Zu ihrer fabrikmäßigen Dar-
stellung invertiert man eine Rohrzuckerlösung
mit Hilfe von Weinsäure und setzt dann eine
Anschwemmung von altem Käse in saurer Milch
sowie etwas Zinkoxyd hinzu. Die anfangs dünn-
flüssige Masse verwandelt sich unter dem Ein-
flüsse der Bakterien in einen dicken Kristallbrei
von milchsaurem Zink, welcher durch Umkristal-
lisieren gereinigt und durch Einleiten von Schwe-
felwasserstoff in Schwefelzink und freie M. zer-
legt wird. Zur Entfernung gleichzeitig gebildeten
Mannits löst man sie in Äther, destilliert den
letzteren ab und dampft die M. bis zu einem
spez. Gew. von 1,240 ein. Völlig wasserfrei wird
sie nur durch Destillation im Vakuum. — Die
reine, wasserfreie M. bildet farblose Kristalle,
welche bei 180 schmelzen und begierig Feuchtig-
keit anziehen. In den Handel kommt meist die
sog. offizinelle M. mit 75% Säure und 25%
Wasser, ein färb- und geruchloser, stark saurer
Sirup, der aus der Luft Wasser anzieht und sich
mit Wasser und Alkohol in jedem Verhältnis
mischt. Sie ist auch löslich in Äther, hingegen
unlöslich in Benzin, Chloroform und Schwefel-
kohlenstoff. Der Sirup hat das spez. Gew.
i,220 und ist optisch inaktiv. Die M. wird
in der Medizin als Ätzmittel und zu In-
halationen gegen Nasen- und, Rachenleiden be-
nutzt. Auch dient sie zürn Auflösen diphtheri
tischer Membranen und zur Entfernung von
Zahnstein, Warzen und Hühneraugen sowie zur
Darstellung der milchsauren Salze. In der Form
von saurer Milch, Sauerkraut und sauren Gur-
ken ist sie von ausgezeichneter diätetischer Wir-
kung, und neuerdings wird sie auch zur Her-
stellung alkoholfreier Getränke (Tempril) heran-
gezogen. Besonders im Kriege hat sie als Ersatz
der Wein- und Zitronensäure für Limonaden
wertvolle Dienste geleistet.

Milchsäure Salze (Laktate) werden durch
Auflösen der entsprechenden Basen oder ihrer
Karbonate in Milchsäure und nachfolgende Kri
stallisation dargestellt. Sie finden zum Teil, wie
das milchsaure Magnesium, milchsaure Eisen,
milchsaure Natron, Zink und Morphin medizi
nische Anwendung. Nähere Angaben finden sich
unter den betreffenden Basen angeführt.

Milchzucker (Laktose, lat. Saccharum lac
tis, frz. Sucre de lait, engl. Sugar of milk), ist
eine eigentümliche, vom Rohrzucker verschie
dene Zuckerart, die sich in Menge von 3—6°/o
in der Milch aller Säugetiere vorfindet und nach
der Gerinnung der letzteren durch Lab in den
Molken verbleibt. Zu ihrer Gewinnung werden
die Molken durch Aufkochen und Filtrieren1 ge-
reinigt, und die Filtrate im Vakuum eingedampft,
worauf der M. auskristallisiert. Durch mehr
faches Umkristallisieren, zweckmäßig unter Zu-
satz von schwefelsaurer Tonerde oder Kreide,
erhält man ihn in reinem Zustande. Er bildet
dann entweder große rhombische, hemiedrische
Prismen, die auf Fäden oder Stäbchen auskristal
lisiert sind, oder ein feines Pulver, das wegen
der Härte der Kriställchen zwischen den Zähnen
knirscht. Da M. ziemlich schwer löslich ist und
6 Teile kaltes oder 2Vs Teile heißes Wasser zur
Lösung, erfordert, ist der Geschmack nur schwach
süß. In Äther, Alkohol und Chloroform ist er
unlöslich. Die spez. Drehung beträgt bei 200
        <pb n="285" />
        ﻿Minargent

279

Mineralwässer

-j- 52,53°, doch zeigt der M. in hohem Grade
die Eigenschaft der Birotation, indem die Drehung
gleich nach der Lösung 'wesentlich größer ist und
erst nach 24 Stunden oder nach dem Aufkochen
die normale Höhe erreicht. In chemischer Hin-
sicht ist der M. als eine Biose, nämlich als eine
Verbindung von Galaktose und Dextrose anzu-
sprechen. Beim Erhitzen mit verdünnten Säuren
zerfällt er in seine Einzelbestandteile, redu-
ziert aber Fehlingsche Lösung auch für sich
allein. Mit Hefe vergärt M. nicht, geht aber mit
dem Bacillus acidi lactici leicht in Milchsäure-
gärung und mit den Kumys- und Kefirfermen-
ten in alkoholische Gärung über. Zur Quanti-
tativen Bestimmung bedient man sich der Re-
duktion Fehlingscher Lösung und der Polari-
sation. Der M. findet in der Pharmazie viel-
fache Anwendung zur Herstellung von Medika-
menten, seine Hauptbedeutung liegt aber in
dem Verbrauche zur Versüßung der Säuglings-
milch. Zu letzterem Zwecke muß er natürlich
möglichst rein und frei von Milchbestandteilen,
Dextrin oder Rohrzucker sein. Zur Prüfung auf
Reinheit behandelt man 15 g M. eine halbe
Stunde lang mit 50 ccm verdünntem Weingeist,
in welchem er unlöslich ist, und versetzt das
Filtrat mit absolutem Alkohol. Eine hierbei
auftretende Trübung deutet auf Rohrzucker oder
Dextrin hin. Zur schnellen Vorprüfung .auf
Rohrzucker, das Hauptverfälschungsmittel, ver-
stäubt man die feingepulverte Masse auf konz.
Schwefelsäure, wobei M. fünf Minuten lang un-
verändert bleibt, Rohrzucker aber schwarz ge-
färbt wird. Weiteren Aufschluß gewährt das.
Erhitzen mit wasserfreier Oxalsäure im Wasser-
bade, wobei schon 5 % Rohrzucker enthaltende
Mischungen nach fünf Minuten völlig schwarz
werden, ferner das Verhalten gegen Resorzin,
Sesamöl und Ammoniummolybdat.

Minargent (Halbsilber), eine in Frankreich
aufgekommene Art Neusilber, die dem Silber
in Hämmerbarkeit, Farbe und Glanz sehr nahe
kommt, aber länger glänzend bleibt, enthält auf
looTeile Kupfer 70 Teile Nickel, 5 Teile Wolfram
oder Antimon und 1 Teil Aluminium,

Mindjak Tangkawang, ein Pflanzenfett, das
durch Auskochen der Samen eines auf Borneo
wachsenden Baumes, Diploknema sebifera,
gewonnen und von Bandjermassing aus in den
Handel gebracht wird, ist zur Seifenfabrikation
geeignet.

Mineralgrün nennt man verschiedene kupfer-
oder kupfer- und arsenikhaltige Grünfarben (s.
Berggrün, Kupferfarben, Schweinfurter-
grün). Als giftfreie Mineralgrüne werden
die Kobalt-Zinkgrüne bezeichnet, obgleich sie
Wegen ihres Zinkgehaltes auch nicht ganz un-
schädlich sind. Grüner Ultramarin ist da-
gegen ein unschädliches M.

Mineralöle. Unter diesem Namen versteht
nran sowohl die in der Erde natürlich vorkom-
menden Flüssigkeiten, Erd- oder Steinöl, Pe-
troleum, Naphtha, als im weiteren Sinne
auch die durch Destillation von Stein- und
Braunkohlen, Bergteer und bitum. Schiefer ge-
wonnenen öligen und flüchtigen Gemenge von
Kohlenwasserstoffen (künstliche M.). In der
Industrie werden jetzt hauptsächlich die als
Schmiermittel benutzten höher siedenden Rück-

stände der Petroleumdestillation als M. be-
zeichnet. Das weitere siehe bei Petroleum und
Photogen.

Mineralsäuren, im allgemeinen gleichbedeu-
tend mit anorganischen Säuren, d.h.solchen,
die nicht aus dem Pflanzen- oder Tierreiche,
sondern aus der unorganischen Natur stammen.
Im Eisenbahnverkehr und in der Industrie um-
faßt dieser Begriff nur die Schwefel-, Salz- und
Salpetersäure, für die als stark saure und zer-
störende Flüssigkeiten besondere Vorschriften
hinsichtlich der Verpackung bestehen (s. diese
Säuren).

Mineralwässer (lat.Aquae minerales, frz. Eaux
mipörales oder auch Eaux schlechthin, engl.
Mineral waters) nennt man solche zu Trink- oder
Badekuren benutzte heilkräftige Quellwässer, die
sich entweder durch einen hohen Gehalt an
gelösten festen oder gasförmigen Bestandteilen
auszeichnen oder gewisse seltener vorkommende
Stoffe enthalten, oder deren Temperatur höher
liegt als die mittlere Temperatur ihrer Um-
gebung. Von den letzteren, den sog. Akro-
thermen, abgesehen, unterscheidet man im all-
gemeinen folgende Gruppen; r. Säuerlinge
enthalten als wesentlichen Bestandteil nur freie
Kohlensäure, welche ihnen den angenehm säuer-
lich prickelnden Geruch verleiht, und bisweilen
geringe Mengen von Kalk und Magnesia in
Form der Bikarbonate. Von bekannteren M.
gehören hierhin: das Marienbader, Reinerzer
und Wildunger Wasser. 2. Eisen- oder Stahl-
wässer sind meist reich an Kohlensäure, in
welcher etwas kohlensaures Eisenoxydul gelöst
ist, und werden daher auch als Eisensäuer-
linge bezeichnet, wie das Wasser einiger Quellen
in Liebenstein, Schwalbach, Pyrmont und Ku-
dowa. Oder sie enthalten das Eisen in Form
des Sulfates (Vitriolquellen). Eine beson-
dere Stellung nehmen die arsenhaltigen
Vitriolwässer von Leviko und Roncegno ein.
3. Sch wefel wässer zeigen einen deutlichen
Geruch nach Schwefelwasserstoff, obgleich die-
ses Gas oft nur in geringer Menge vorhanden
ist. Daneben enthalten sie meist Kohlensäure
und Salze. Berühmte Schwefelquellen sind in
Nenndorf, Lenk. Teplitz. 4. Alkalische Wässer
schmecken infolge ihres Gehaltes au kohlen-
saurem Natron meist schwach laugenhaft und
sind je nach ihrem Gehalte an anderen Salzen
in mannigfache Unterabteilungen getrennt. Ver-
treter der alkalischen Wässer finden sich in
Fachingen, Passug bei Chur, Vichy, Bilin, Gieß-
hübel, Selters, Elster und Karlsbad. 5. Salz-
wässer oder Solen enthalten vorwiegend Koch-
salz und 6. Bitterwässer schwefelsaure Mag-
nesia. Als Mindestgehalt an gelösten festen
Stoffen ist 1 g, an freier Kohlensäure 0,25 g in
1 kg zu fordern. Für die seltener vorkommenden
Stoffe hat Grünhut folgende Mindestwerte vor-
geschlagen: Lithium, Jod, metaarsenige Säure,
(HAsQ2), Gesamtschwefel je 1 mg; Arsensäure
(HAsQ4) 1,3 mg, Fluor 2 mg, Barium, Brom,
Metaborsäure (HBG2) je 5 mg, Strontium, Eisen
je 10 mg, Radiumemanation 3,5 Macheeinheiten,
— Als „rein natürliches M.“ darf nur
solches bezeichnet werden, das keiner willkür-
lichen Veränderung unterzogen wurde. Zusatz
von Kohlensäure und Enteisenung muß deutlich
        <pb n="286" />
        ﻿Mineralwässer

280

Mispeln

gekennzeichnet werden. Jede andere Verände-
rung stempelt das Wasser zum künstlichen Mi-
neralwasser. — Die meisten Mineralwässer, ab-
gesehen von den heißen, werden in wohlver-
schlossenen steinernen oder gläsernen Flaschen
in den Handel gebracht. Die Füllung un-
mittelbar aus den Quellen erfordert große Auf-
merksamkeit und Sorgfalt, damit von den Gasen
möglichst wenig verloren geht und Staub und
andere Verunreinigungen, durch welche der Fla-
scheninhalt in der Regel bald verdirbt, fern-
gehalten werden. Besonders die Eisenwässer
sind sehr empfindlich und sondern unter dem
Einflüsse der Luft meist einen schlammförmigen
Bodensatz von braunem Eisenoxyd ab. Sie wer-
den daher vor der Einwirkung des Sauerstoffs
dadurch geschützt, daß man die Flaschen voll-
ständig bis unter den Kork füllt. Da auch so
ein Verderben der M. nicht gänzlich ausge-
schlossen ist, so erhält jeder Stöpsel auf der
Unterseite ein Zeichen eingebrannt, an welchem
die liefernde Firma das Alter der Füllung er-
kennen kann. — Die Nachbildung der natür-
lichen M. auf Grund einer sorgfältigen chemi-
schen Analyse bietet nicht die geringste Schwie-
rigkeit, und es liegt auf der Hand, daß ein
künstliches M., das einem natürlichen che-
misch analog ist, auch die gleiche therapeutische
Wirkung äusüben muß. Das Märchen von dem
Brunnen ge iste, der die geheimnisvolle Wir-
kung der natürlichen Quellen erklären sollte, ist
endgültig äufgegeben worden, doch scheint es
neuerdings in Form der Radioaktivität wieder
aufzutauchen. Als künstliche M. bezeichnet
man in erster Linie möglichst getreue Nach-
bildungen natürlicher Heilquellen, wie sie zuerst
Dr. Struve in Dresden herstellte. Sie müssen
also sämtliche Stoffe des Naturproduktes ent-
halten: das Selterswasser neben der Kohlen-
säure, dem Kochsalz und kohlensauren Natron
noch kleine Mengen von Kaliumsulfat, Chlor-
kalium, Kalziumkarbonat, Strontian, Baryt, Li-
thion, Magnesia, Eisen und Kieselsäure; die ab-
führenden Wässer Glaubersalz oder Bittersalz
und Chlormagnesium, andere wieder Brom, Jod,
Zaesium, Rubidium, Mangan und Arsen. Da-
neben gibt es aber auch künstliche M., die
nur die wichtigsten Bestandteile der natürlichen
Vorbilder enthalten, und endlich die reinen
kohlensauren Wässer, die hauptsächlich als Er-
frischungsmittel getrunken werden. Zwischen
den letzten beiden Gruppen finden sich zahl-
reiche Übergangsglieder, die, wie besonders das
künstliche Selterswasser, sowohl zu Heilzwecken
wie zur Stillung des Durstes dienen. Die Her-
stellung künstlicher M. hat zurzeit großen Um-
fang angenommen und besteht im Grunde meist
einfach darin, daß man Wasser mit Kohlensäure
unter Druck sättigt. Die Kohlensäure (s. d.), die
in flüssiger Form von den Fabriken gebrauchs-
fertig geliefert wird, kommt in dem Mischkessel
oder neuerdings in besonderen Rieselapparaten
mit dem Wasser zusammen. Das letztere nimmt
die Kohlensäure auf und wird sofort auf Fla-
schen gefüllt. Zur Vermeidung von Gesundheits-
schädigungen sind an die Mischapparate und an
das Wasser verschiedene Anforderungen zu stellen.
Die Apparate insbesondere müssen den Vor-
schriften des Gesetzes vom 25. Juni 1887 ent-

sprechen. Sie dürfen nicht mit einer mehr als
10 °/o Blei enthaltenden Legierung gelötet oder
mit einer mehr als 1 °/o Blei enthaltenden Le-
gierung .verzinnt sein. Kupfergefäße müssen gut
verzinnt werden. Das Wasser soll am besten
destilliertes, zum mindesten aber ein reines gutes
Trinkwasser sein.

Mirabellen sind rötlichbraune oder rein gelbe
runde Pflaumen von sehr gutem Geschmack
und feinem Aroma, die in Frankreich und den
Rheingegenden gezogen und nicht nur frisch,
sondern auch getrocknet sowie mit Zucker ein-
gemacht in den Handel gebracht werden.

Mirbanöl (lat. Oleum mirbani, frz. Essence
de mirban, engl. Oil of mirbane), eine stark
nach bitteren Mandeln riechende Flüssigkeit,
wird vielfach noch als künstliches Bitter-
mandelöl bezeichnet. Diese Bezeichnung ist
aber falsch, weil das echte Bittermandelöl, das
ebenfalls synthetisch dargestellt werden kann,
aus Benzaldehyd besteht, während M. als Nitro-
benzol anzusprechen ist. Es wird in der Weise
dargestellt, daß man Benzol in einem dünnen
Strahle in rote rauchende Salpetersäure oder
beim fabrikmäßigen Betrieb in ein Gemisch
von konzentrierter Salpetersäure und Schwefel-
säure einfließen läßt und die Flüssigkeit unter
gleichzeitiger Abkühlung umrührt. Im ersteren
Falle verdünnt man mit Wasser, worauf das
Nitrobenzol zu Boden sinkt; im letzteren Falle
schwimmt es auf der Schwefelsäure, wird von
letzterer getrennt und durch Waschen mit ver-
dünnter Sodalösung oder verdünntem Ammo-
niak und durch Behandlung mit Wasserdampf
gereinigt. Das reine Nitrobenzol, auch Nitro-
benzin oder Nitrobenzid genannt, CeHs.N02,
bildet eine farblose, stark lichtbrechende Flüssig-
keit vom spez. Gew. 1,209, die sich leicht in
Alkohol, Äther und Benzol, nicht aber in Wasser
löst, bei 205° siedet und giftig ist. Es findet
in der Parfümerie an Stelle des Bittermandelöls,
ferner zur Darstellung von Anilin und Anilin-
farben sowie zahlreicher organischer Präparate
ausgedehnte Anwendung. Zum Parfümieren ge-
wöhnlicher Seifen sowie für die Zwecke der
Teerfarbenfabrikation geht man meist nicht vom
reinen, sondern von einem toluolhaltigen Benzol
aus und erhält dann ein Gemisch von Nitro-
benzol und Nitrotoluol, das sich durch seinen
Siedepunkt von 200—2400 und sein spez. Gew.
von 1,180 von dem reinen M.' unterscheidet.
Für die Darstellung des gewöhnlichen Anilin-
rots oder Fuchsins ist der Toluolgehalt sogar
unbedingt notwendig. — Verfälschungen des
M. mit Alkohol erkennt man durch Schütteln
mit Wasser und Untersuchung der wäßrigen
Lösung mit Schwefelsäure und Kaliumdichro-
mat. — Der Nachweis des Nitrobenzols selbst,
besonders in Nahrungsmitteln (Marzipan), denen
es seiner Giftigkeit wegen selbstredend nicht
zugesetzt werden darf, gelingt durch Überfüh-
rung in Anilin mit Eisen und Schwefelsäure und
Ausschüttelung mit Äther. Das beim Eindunsten
hinterbleibende Anilin gibt mit Chlorkalk eine
purpurviolette Färbung. M. wird in Blech-
flaschen oder Glasballonen verschickt und muß
vor Licht geschützt aufbewahrt werden.

Mispeln (Aschpein), die Scheinfrüchte
des gemeinen oder deutschen Mispelstrauches
        <pb n="287" />
        ﻿Mistel

281

Mohair

(Espelbaum, Hespelstrauch, Mispeltute, Mes-
pilus germanica L.), eine selten angebaute
Obstart, die erst im teigigen Zustand (nach Frost
oder durch Lagern auf Stroh) ihren eigenartigen
Geschmack entwickeln, werden frisch, gekocht
und eingemacht genossen und auch zu Brannt-
wein und Most verarbeitet. Auch liefert der
Baum ein geschätztes Nutzholz. Man baut meh-
rere Sorten: deutsche, halbwilde mit kleinen
Früchten, großfrüchtige italienische und hollän-
dische frühzeitige, ferner Birnmispeln, groß-
blütige M. und M. ohne Steine. Als welsche
Mispeln (Lazzeroli, Azaroli) werden die
ähnlichen Früchte des Azarol-Weißdorns Mes-
pilus Azarolus in den Handel gebracht.

Mistel ist die volkstümliche Bezeichnung zweier
schmarotzender Loranthazeen, nämlich Loran-
thus europaeus oder Viscum quercinum
(Eichen- oder Riemenmistel) und Viscum
album (Leimmistel, frz. Gui, engl. Mistletoe),
die gabelästige Zweige und immergrüne ledrige
Blätter besitzen. Die Zweige der Riemenmistel
(Stipites visci) wurden früher gegen Epilepsie
angewandt, sind aber jetzt außer Gebrauch. Dafür
hat die Verwendung der Leimmistel neuerdings sehr
an Bedeutung gewonnen, indem man aus ihrer
Rinde und den weißen Beeren, durch Auskochen
mit Wasser einen Vogel- oder Fliegenleim her-
stellt, der früher ausschließlich von Japan aus
eingeführt wurde. Dieser Leim enthält als wirk-
samen Bestandteil das kautschukähnliche Vis-
zin und ist so zähe, daß er nur im Gemisch mit
Öl und Harz zur Füllung von Fliegenfängern
benutzt werden kann. — Eine aus Viszin mit,
Ölen, Harzen und Wachs hergestellte Salben-
grundlage wurde unter dem Namen Viscolan
in den Handel gebracht.

Mitin, eine aus Wollfett und Milch hergestellte
Emulsion mit einem Feuchtigkeitsgehalte von
etwa 50 %, findet neuerdings zur Herstellung
von medizinischen und kosmetischen Salben
Anwendung.

Mitisgrün (Wienergrün, Neugrün), eine
schöne grüne Farbe für öl- und Wassermalerei,
&gt;st wie das gleichartig zusammengesetzte Schwein-
furtergrün arsenik- und kupferhaltig und daher
stark giftig.

Mixed Pickles (auch bloß Pickles) nennt
tcan ein als scharfe Zuspeise benutztes Gemenge
•tus verschiedenen Früchten und Gemüseteilen,
me mit spanischem Pfeffer und anderen Ge-
würzen in starken Essig eingelegt sind. Als Zu-
taten dienen besonders kleine Gurken und Zwie-
beln, grüne Bohnen, junge Maiskolben, Blumen-
"°hl,u. dgl. Zur Erlangung einer intensiv grünen
Earbe werden sie meist mit .Kupfersalzen ge-
erbt, die nach dem Farbengesetz vom 5. Juli
•887 zwar verboten sind, in geringer Menge
aber geduldet werden.

Möhren (Mohrrüben), dieWurzeln vonDau-
Cus carota, einer zu den Doldengewächsen
gehörenden Pflanze; werden in folgende Sorten
unterschieden: Gemeine M. oder Karotte
)Esels-, Garten-, Gelbmöhre, gelbe Rübe, Mörle,
Maure, Müre, Mürfen, Vogelnest, frz. Carotte
commune, engl. Common carrot); weiße, grün-
Kopfige bis 4 kg schwere Riesenmöhren;

laßgelbe, bes. flandrische M.; lange rote
rote lange grünköpfige (Altringham,

Saalfelder, Frankfurter, Braunschweiger) M. und
französische (holländische, Hornsche, Du-
wicker) Treibkarotte. Die Aussaat erfolgt früh-
zeitig in gutes Ackerfeld, Gartenland oder Treib-
beete, und zwar rechnet man für den Hektar
S—7 kg Saatgut, das in 1 kg etwa 250000 Samen
enthält. Hauptsaatzuchtgut wird in Erfurt, Qued-
linburg, Braunschweig, Wolfenbüttel, Prag und
Frankreich mit einem Ertrage von 1 kg Samen
aus too kg Samenwurzeln erzeugt. Als frisches
Gemüse benutzt man die jungen, dünnen und
zarten M., zur Überwinterung gut ausgewachsene,
dicke und lange Wurzeln, die im Keller in Spitz-
haufen aufgeschichtet oder in Sand gebettet
werden. Die M. dienen außer zur menschlichen
Ernährung noch zur Fütterung (besonders für
Pferde), zur Bereitung von Möhrensaft, Möhren-
essig, Möhrenbranntwein, Kaffee-Ersatz (Möh-
renkaffee), Bonbons und Kuchen sowie zum
Färben der Butter. Sie enthalten bis 2 °/o Zucker,
ferner Karotin und Cholesterin.

Möhrenöl. Sowohl die Samen als auch die
Wurzeln der Möhre liefern bei der Wasserdampf-
destillation ein ätherisches öl. Das Möhren-
samenöl, richtiger Möhrenfruchtöl, das in Menge
von 0,8—i,6°/o in den Früchten enthalten ist, hat
eine rein wasserhelle bis gelbe Farbe, eine Links-
drehung von —11 bis —370 und ein spez. Gew.
von 0,870—0,944 bei 150. In absolutem Alkohol.
Äther und Benzol ist es leicht löslich. Die schwach
saure Reaktion beruht auf der Gegenwart von
freier Palmitin- und Isobuttersäure. Der Gehalt
an Estern betrug bei einem Öl 7—9%. Als
Terpene wurden d-Pinen und 1-Limonen nach-
gewiesen. Durch Fraktionieren im luftverdünn-
ten Raum konnte aus den höhersiedenden An-
teilen ein bisher unbekannter Körper Daucol,
C15H2602, abgeschieden werden. Das ätherische
Öl der Wurzel hat den angenehmen eigenartigen
Geruch der Möhre und das spez. Gew. 0,886.
Verwandt wird M. als Speisezusatz und in der
Likörfabrikation.

Mönchsrhabarber (Pseudorhabarber, lat.
Radix rhei monachorum, frz. Racine de patience,
engl. Rumex root), die dunkelbraune widerlich
riechende Wurzel des Alpenampfers, Rumex
alpinus, wurde früher in Gebirgsgegenden für
den Handel angebaut und in der Tierheilkunde
angewandt, ist aber jetzt ganz außer Gebrauch
gekommen.

Mogdadkaffee nennt man , die Samen einer
akazienartigen Pflanze, Cassia occidenta-
lis, die auf Hawai (Sandwiohinseln), Tahiti, den
Samoainseln und in dem südlichen Teil der Ver-
einigten Staaten wild wächst und auf Tongataba
angebaut wird. Die kleinen Samen, die sehr
hart sind und eine grünlichgraue Farbe zeigen,
wirken roh abführend, werden aber von den Ein-
geborenen als Kaffee-Ersatz benutzt, trotzdem
sie kein Koffein enthalten; Sie heißen in Indien
Kasondi, in Bombay speziell Kibal, in Marti-
nique Negrokaffee, am Senegal Benta Mar6,
in Angola Fedegoza, in Brasilien Gaja Ma-
rioba, in Birma Kalan,

Mohair ist die englische Bezeichnung für
Angorawolle, aber auch die ganz oder
teilweise aus Angorawolle gewebten Stoffe füh-
ren häufig den Namen Mohairs, obschon ein
wesentlicher Unterschied zwischen ihnen und
        <pb n="288" />
        ﻿Mohn

282

Molken

den Kamelotts nicht besteht. Das Mohairgarn
wird auch sehr häufig als Schußgarn verwebt
und gibt in Verbindung mit Kammgarn, Baum-
wolle, Alpaka und Seide eine große Zahl ver-
schiedener Stoffe, die hauptsächlich in England
(Bradford, Manchester) hergestellt werden. Außer-
dem befinden sich Fabriken in Frankreich, be-
sonders in Roubaix und Lille, in Deutschland
in Chemnitz und Umgegend, Schlesien, Berlin,
Gera und Weida, in Österreich im Reichenberger
Bezirk. — Mohärspitzen sind schwarze Woll-
spitzen.

Mohn (Mohnsame, Mohnsaat, lat. Semen
papaveris, frz. Semence de pavot, engl. Poppy
seeds) nennt man die kleinen Samen der Mohn-
pflanze, Papaver somniferum, die in ver-
schiedenen, hauptsächlich nach Farbe der Blüten
und Samen unterschiedenen Sorten angebaut
wird. In praktischer Hinsicht unterscheidet man
oft Schließ-, Kopf- oder Dreschmohn, dessen
Kapseln geschlossen bleiben, und Schüttei- oder
Schüttmohn, bei dem sich zur Reifezeit die
Löcher unter der Kapsel öffnen und den Samen
ausfallen lassen, i hl Mohn wiegt 58 kg. Der
Saatbedarf beträgt 4—8 kg für den Hektar, die
Anbaufläche in Deutschland nur etwa 6500 ha,
der Ertrag 13—20, meist aber nicht viel über
16 hl, nebst 20—28 Zentner Stroh, welches sich
nur zum Verbrennen eignet und von Bäckern
gern gekauft wird. Der M. gedeiht am besten in
leichten und mittleren Bodenarten. Er leidet
von Krankheiten nur wenig (Schimmelpilze),
um so mehr aber durch Vögel (Krähen, Meisen,
Spechte), Mäuse, die Maden des Weißfleckrüß-
lers und des Mohnwurzelrüßlers, Engerlinge,
Schnecken, verschiedene Blattläuse, Kohleulen
und Mohngellenfnücken sowie durch Wind,
Regen bei der Ernte und nasse Kälte. Der
Mohn wird im August und September geerntet,
in Bündel gebunden, zur Trockne in Puppen
aufgestellt, darauf sofort in Kufen oder auf
Tüchern ausgeschüttelt oder erst später ge-
droschen. Bei feuchtem Wetter wächst er leicht
aus und läßt viel Samen ausfallen, weshalb
manche bereits auf dem Felde die Köpfe ab-
schneiden. Nach der Farbe des M. unterscheidet
man folgende beide Hauptsorten: Der weiße
M. blüht weiß, hat weißlichen Samen und
ist zum pharmazeutischen Gebrauch vorgeschrie-
ben. Der schwarze M. blüht rosa und hat
schwärzliche oder blaugraue Samen. Verwendet
werden die Mohnsamen außer zur Gewinnung
des Mohnöls (s. d.), auch zu Emulsionen, als
Vogelfutter und in Bäckereien zum Aufstreuen
auf Gebäck. — Die unreifen Mohnköpfe (lat.
Capita papaveris seu Fructus papaveris immaturi,
frz. TStes de pavots, engl. Poppy heads) ent-
halten verschiedene narkotische Alkaloide utM
werden zur Herstellung des Opiums (s. d.) und
des Mohnsirups benutzt. Auch als Beruhigungs-
mittel für Kinder werden Mohnköpfe in der
Volksmedizin oftmals verlangt. Ihrer schäd-
lichen Wirkungen halber sind sie aber dem
freien Verkehr entzogen.

Mohnöl (lat. Oleum papaveris, frz. Huile de
pavot, Huile blanche, engl. Poppy oil, Poppy
seed oil), das fette Öl der Mohnsamen,
wird durch kalte Pressung in Menge von etwa
40%, durch warme Pressung in einer Ausbeute

bis zu 60 0/0 gewonnen, als ein blaßgelbes dünn-
flüssiges öl von angenehmem Geruch und Ge-
schmack. Es gehört zu den trocknenden Ölen,
erstarrt bei — 18 bis — 200 und löst sich
leicht in Äther und heißem Alkohol sowie in
30 Teilen kalten Alkohols. Das spez. Gew. be-
trägt 0,920—0,935, die Jodzahl 130—140. Zur
Herstellung des gebleichten M. setzt man das
Öl mit Salzwasser der Einwirkung des Sonnen-
lichtes aus. Das M. bildet ein beliebtes Speiseöl
und dient außerdem zur Herstellung von Sei-
fen, medizinischen Emulsionen und in der Ma-
lerei. Es muß in gut verschlossenen, vollen
Flaschen kühl aufbewahrt werden.

Moirös (gewässerte Zeuge) nennt man ver-
schiedene Gewebe aus Seide oder Wolle, die
über ihre ganze Fläche, oder, wenn sie ein-
gbwebte Figuren haben, auf dem dazwischen-
liegenden Grunde eine sog. Wässerung, einen
wellenartigen Schimmer, zeigen, der nicht durch
die Weberei bewirkt, sondern erst nachträglich
durch Pressen hervorgebracht wird. Zum Moi-
rieren läßt man in der Regel zwei Stücke
Zeug, mit den rechten Seiten aufeinandergelegt,
noch feucht zwischen zwei heißen, scharf pres-
senden und glättenden Walzen langsam hindurch
gehen. Bei Stoffen mit Damastfiguren wird aber
nur ein Stück, zusammen mit einem Drucktuch
auf einmal durchgeführt, wobei lediglich der
härtere Grund das Moirö annimmt, während
die atlasartigen Figuren wegen ihrer größeren
Weichheit unverändert bleiben. Die zum Moi-
rieren bestimmten Zeuge haben in ihrer Kette
immer viel stärkere Fäden als im Schuß, und
die letzteren, die in den beiden aufeinander-
gepreßten Stücken nicht vollkommen parallel
liegen, sondern sich vielfach unter sehr spitzen
Winkeln kreuzen, sind die eigentliche Ursache
der Erscheinung. An den Übergangsstellen ist
die Zeugdicke am größten. Hier entsteht also
der stärkste Druck, wodurch sich die Spiegel
bilden. Durch verschiedene Mittel kann man
das Aussehen der Wässerung abändern, Läßt
man z. B. das Zeug vor dem Eintritt in die
Walzen über die Kante einer oder zweier Schie
nen schleifen, die wellenförmig angeschnitten
sind und in entgegengesetzter Richtung hin und
her bewegt werden, so ergeben sich verschiedene
Spannungen und Richtungen der Fäden, und
somit andere Wirkungen, als beim glatten Ein-
lauf des Stoffes. Man unterscheidet hiernach
namentlich Moirö antique mit Musterung,
die sich über größere Flächen verbreitet, und
Moird frangais mit streifenförmiger Muste-
rung. Die besonders in England, Holland,
Italien und Frankreich, später aber auch in
Wien, Annaberg, Krefeld, Chemnitz hergestellten
M. werden zu Möbelbezügen, Damenkleidern,
Bändern u, dgl. benutzt.

Moleskin ist die in England gebräuchliche
Bezeichnung für feine Westenstoffe, die auf
baumwollenem Grunde Muster aus feinster Wolle
haben. Vielfach versteht man darunter auch
einen feinen, dichten, gerauhten und geschore-
nen Barchent,

Molken (Wedicke, Schotten, Sinte, Käse-
milch) nennt man den Rückstand bei der Her-
stellung von Käse aus Milch oder Magermilch,
welcher der Hauptsache nach aus Wasser und
        <pb n="289" />
        ﻿Moll

285

Morcheln

4-

Milchzucker besteht und daneben geringe Men-
gen löslicher Eiweißstoffe enthält. Man ver-
wendet die M. zur Darstellung von Milchzucker
und Molkenpastillen, zum Kurgebrauch und zum
Verfüttern. Das durch Auf kochen daraus ab-
geschiedene Molkeneiweiß dient zur Berei-
tung von Zigerkäse.

Moll (frz. Molleton, engl. Molton, Multon):
Darunter versteht man ein weiches langhaariges
Gewebe aus guter Mittelwolle, das entweder
leinwand- oder köperartig gewebt, auf beiden
oder nur einer Seite gerauht und mit einem
Schnitt geschoren ist. In der Dichtheit und
Walke steht das Zeug zwischen Flanell und
Fries, indem es lockerer als dieser und dichter
als jener ist. M. wird wie Flanell zu warmhalten-
den Unterkleidern verwandt. Die Farbe ist
meist weiß, zuweilen auch grau, blau, rot und
grün. Doppelte M. haben auf jeder Seite eine
besondere Färbung. — Neuerdings wird häufig
auch baumwollener M, hergestellt und be-
sonders zu Unterröcken für Frauen viel ver-
braucht. Er bildet eine Art dicken baumwollenen
Barchent, der auf beiden Seiten stark gerauht
ist und dadurch eine langhaarige weiche Ober-
fläche erhalten hat.

Mollplaste sind Mischungen aus borsäure-
haltigem Leim mit Pflastermasse und medizinisch
wirksamen Stoffen, die von Helfenberg in den
Handel gebracht werden.

Molybdän, ein ziemlich seltenes Schwer-
metall, Mo = 96, findet sich in der Natur nicht
in freiem Zustande, sondern nur in Form wenig
verbreiteter Mineralien, besonders des Molyb-
dänglanzes (Schwefel-M.) und des Gelbblei-
erzes oder Wulfenits (molybdänsaures Blei).
Das Metall entsteht beim Glühen der Oxyde
°der Chloride im Wasserstoffstrom, hat aber
keine technische Bedeutung und wird daher im
großen nicht dargestellt. Für die Praxis kommen
lediglich die Molybdänsäure und ihr Ammo-
Utumsalz in Betracht. — Die Molybdänsäure,
MoOg, wird durch Erhitzen von Molybdänglanz
an der Luft erhalten und bildet ein weißes, ge-
ruchloses, in Wasser schwer lösliches Kristall-
Pulver, das sich in Ammoniak löst und mit ihm
uas Ammoniummolybdat (molybdänsaures
Vrnmonium), (NH4)2Mo04, ein weißes, inWas-
Ser lösliches, kristallisiertes Salz liefert. Die
richtigste Eigenschaft der Molybdänsäure ist die
Bildung eines gelben Niederschlages mit Phos-
Pnorsäure, die zur quantitativen Bestimmung der
..uosphorsäure benutzt wird und einen erheb-
uchen Verbrauch des Ammoniummolybdats zur
ro'ge hat. Außerdem dient das Salz neuerdings
?rr Herstellung feuersicherer Gewebe und zu
Pesinfektionszwecken sowie zum Blaufärben von
‘Opferglasuren.

Monazitsand, ein in Südamerika, Australien
Und im Ural vorkommendes monazithaltiges Ge-
menge verschiedener Mineralien, bildet das Aus-
^ungsmaterial zur Gewinnung der für Glüh-
strümpfe erforderlichen seltenen Erden. Er ent-
‘lalt neben 50—60% Oxyden der Zer- und Yt-
‘mrngruppe 2V° Thoroxyd, welches durch Zer-
otzung mit konzentrierter Schwefelsäure und
“ouhenge Fällung mit Oxalsäure erhalten wird.
Monesia (lat. Monesia, Extractum monesiae,

1 Extrait de Monesie, engl. Extract of Mo-

nesia), ein wäßriges Extrakt der aus Bra-
silien stammenden und dort Buranham genann-
ten Monesiarinde, Cortex monesia, wurde
einige Jahre lang medizinisch als adstringierendes
Mittel verwandt, ist aber jetzt außer Gebrauch
gekommen. M. bildet eine feste, spröde, braune
Masse von zusammenziehendem Geschmack, die
neben Gerbsäure, Gallussäure und Glyzyrrhizin
einige Bitterstoffe: Monesin und Hivurahein
enthält.

Montanin ist ein neueres Anstrichmittel, das
in Eiskellern, Brauereien und Brennereien zum
Schutze feuchter Wände gegen Schimmelwuche-
rung (Hausschwamm) aufgetragen wird und aus
einer 30 0/0 igen Auflösung von Kieselfluorwasser-
stoffsäure in Wasser besteht.

Montanwachs nennt man einen dem Zeresin
ähnlichen Stoff, der durch Extraktion von Braun-
kohle mit Benzin gewonnen und durch nach-
folgende Destillation mit überhitztem Wasser-
dampf weiter gereinigt wird. Es schmilzt bei
800 und dient als guter Ersatz des Zeresins und
Paraffins zur Herstellung von Kerzen.

Morcheln (frz. Morilles, engl. Morils) sind
außerordentlich geschätzte Pilze der Gattung
Morchella, die zahlreiche Arten bildet. Die
größte Bedeutung besitzt die echte Speise-
morchel (M. esculenta) mit rundlich-eiför-
migem, gelbbraunem bis dunkelbraunem Hut
und hohlem, daumendickem Stiel von weißer
bis schmutzig fleischrötlicher Farbe. Charakte-
ristisch für diesen Pilz, der im April und Mai,
seltener im Herbste, auf schwerem, sandig-leh-
migem Boden in Wäldern und Gebüschen, auf
Bergwiesen und Feldern vorkommt, ist die
eigentümliche Zeichnung der Hutoberfläche, die
durch zahlreiche Rippen oder Leisten in netz-
förmige, vertiefte Felder abgeteilt ist. Der
Speisemorchel durchaus ähnlich sind die Käpp-
chen-M. (M. mitra), die Glocken-M. (M. pa-
tula) und die Spitz-M. (M. conica) mit spitzem,
kegelförmigem Hut und etwas länglicher ge-
streckten Feldern. Die gewöhnlich im Handel
als M. bezeichnete Pilzart führt diesen Namen
mit Unrecht. Es ist vielmehr die eine besondere
Gattung, Helvella, bildende Lorchel, auch
Früh-, Stein- oder Speiselorchel genannt, die auf
dickem, weißem bis violettem Stiel den dunkel-
braunen, unregelmäßig faltigen und runzeligen,
aber nicht in Felder geteilten Hut trägt.
Nach dem Aufweichen in Wasser und dem Aus-
breiten des Hutes bietet die Erkennung der cha
rakteristischen Felder und damit die Unter-
scheidung der Lorchel von der echten M. auch
im getrockneten Zustande keine Schwierigkeit
dar, und das ist insofern von großer Bedeutung,
als die Lorchel zweifellos giftig ist. Sie
enthält einen äußerst giftigen Stoff, die Hel-
vellasäure, die blutkörperlösend wirkt und
heftige Verdauungsbeschwerden, Störungen der
Nierentätigkeit, ja selbst den Tod herbeizuführen
vermag. Allerdings unterliegt der Grad der
Giftigkeit je nach dem Standorte und den Jahr-
gängen großen Schwankungen, aber man sollte
trotzdem nie unterlassen, die Lorchel vor dem
Genuß zu entgiften. Es gelingt dies, da die
Helvellasäure in heißem Wasser löslich ist,
durch mehrfaches Abkochen und Auspressen der
frischen Lorcheln, auch starkes Salzen scheint
        <pb n="290" />
        ﻿Morisons Pillen

284

Moschus

entgiftend zu wirken. Die Brühe muß fort-
gegossen werden. Bei gut getrockneten Lor-
cheln ist diese Maßregel weniger von Bedeutung,
da das Gift durch mindestens vierwöchentliches
Trocknen zerstört wird.

Morisons Pillen. Die mit I bezeichneten
Pillen erwiesen sich bei einer im Dresdner Unter-
suchungsamt ausgeführten Prüfung als ein Ge-
misch von Tubera jalapae und Radix althaeae
mit Aloe, Jalapenharz und Gummigutti. Probe II
bestand im wesentlichen aus Sennesblättern und
Aloe, war hingegen frei von Kolchizin und Kolo-
quinten.

Morphium (Morphin, lat. Morphium, Mor-
phinum, frz. und engl. Morphine), das wichtigste
der im Opium enthaltenen Alkaloide, wird
fabrikmäßig aus dem Opium dargestellt, welches
davon io—11 o/o enthält. Nach dem älteren Ver-
fahren zieht man Opium mit heißem Wasser
unter Zusatz von etwas Salzsäure aus, kocht die
eingedampfte Lösung mit Kalkmilch, filtriert und
kocht von neuem mit Ammoniumchlorid, bis kein
Ammoniak mehr entweicht. Das ausgeschiedene
M. wird in das salzsaure Salz übergeführt, letz-
teres umkristallisiert, mit Ammoniak zerlegt und
die freie Base aus Alkohol umkristallisiert.
E. Merck extrahiert das Opium mit kaltem
Wasser, fällt das M. mit Soda, reinigt es durch
Waschen mit verdünntem Weingeist und löst es
in Essigsäure. Die Lösung wird zur Entfärbung
mit Tierkohle gekocht, mit Ammoniak gefällt,
und das freie M. aus Alkohol umkristallisiert.
Nach dem dritten Verfahren von Robertson-
Gregory wird der mit heißem Wasser erhaltene
Opiumauszug mit Marmorpulver eingedampft,
darauf mit Kalziumchlorid gekocht und filtriert.
Die sich aus dem Filtrate beim Eindampfen
ausscheidenden Kristalle werden abgesaugt, das
M. mit Ammoniak gefällt und weiter gereinigt.
— Reines M. besteht aus färb- und geruchlosen,
stark bitter schmeckenden Kristallen, die bei
iio° wasserfrei werden und bei 2300 schmelzen.
Es ist in Wasser und den meisten organischen
Flüssigkeiten sehr schwer löslich, wird. aber
leicht von wäßrigen Alkalien aufgenommen.
Zur Isolierung in forensischen Fällen schüttelt
man die ammoniakalische Lösung mit heißem
Amylalkohol aus. Abgesehen 'von den allgemei-
nen Alkaloidreaktionen zeigt das M. folgende
charakteristische Eigenschaften: Aus Jodsäure
macht es Jod frei, das beim Schütteln mit
Chloroform mit violetter Farbe in Lösung geht.
In konzentrierter Salpetersäure löst es sich mit
blutroter, später gelb werdender Farbe. Mit kon-
zentrierter Schwefelsäure übergossen, nimmt es
in einer Formaldehydatmosphäre eine violette
Farbe an. — Das reine M. wird wegen seiner
geringen Löslichkeit nur selten therapeutisch
verwandt, sondern zu diesem Zwecke meist in
Salze übergeführt. Die größte Bedeutung haben:
das salzsaure M. (Morphinum hydrochlo-
ricum seu muriaticum), das essigsaure M.
(Morphinum aceticum) und das Schwefel-
saure M. (M. sulfuricum), gut kristallisierende
Salze, die in Form ihrer wäßrigen Lösung als
schmerzstillende und schlafbringende Mittel inner-
lich und in Form von Injektionen angewandt
werden. Neben ihnen finden sich noch wein-
saures, milchsaures, valeriansaures M. und andere

Salze im Handel. Sämtliche Morphinsalze sind
starke Gifte und dürfen in Apotheken nur gegen
ärztliche Verordnung abgegeben werden.

Morsellen sind Zuckerwaren, die ursprünglich
nur in Apotheken bereitet, später aber auch von
Konditoren in den Handel gebracht wurden. Sie
bilden länglich-viereckige, tafelförmige Stücke
von verschiedenem Aussehen und bestehen aus
Zucker, den man nur bis zur Flugprobe ge-
kocht und mit verschiedenen Gewürzen, äthe-
rischen ölen usw. aromatisiert hat. Es gibt
daher sehr viele Sorten, mit Ingwer-, Vanille-,
Ananas- und Himbeergeschmack sowie solche,
die in der Zuckermasse zerschnittene Mandeln,
Pistazien, Nüsse u. dgl. enthalten. Die Ware
wird kiloweise, oder in feine Kästchen von 100
bis 500 g Gewicht verpackt, verkauft.

Moschus (Bisam, frz. Muse, engl. Musk) ist
ein Sekret des männlichen Moschustieres,
Moschus moschiferus L., eines den .Hir-
schen verwandten, ungehörnten, zierlichen Tie-
res, das in den Hochgebirgen des östlichen
Asiens, im Himalaya, in Tibet, Tonkin, Sibirien
und der Tatarei in einer Höhe von 1000—2000 m
lebt und auf dem Bauche, zwischen Nabel und
Rute, einen drüsigen, als Moschusbeutel be-
zeichneten Behälter trägt. Den nur selten in
Rudeln, meist vereinzelt vorkommenden Tieren
werden sofort nach dem Fang in Schlingen oder
der Erlegung auf der Jagd die Beutel nebst
der zugehörigen Bauchhaut ausgeschnitten und
an der Luft oder auf heißen Kaminen getrock-
net. Der bis 6 cm lange,' 3 cm breite, 4—5 cm
hohe Beutel ist auf der dem Bauche zugewandten
Seite flach und kahl, auf der nach außen ge-
kehrten Seite gewölbt und mit dicken, steifen
Haaren besetzt. Die konvexe Seite besitzt zwei
Öffnungen, die Beutelöffnung und ein durch die
Muskelhaut verlaufendes Loch für die Rute.
Innerhalb der aus mehreren Häuten, einer äuße-
ren muskulösen und einer inneren dünnen be-
stehenden Wandung befindet sich der M., der
im frischen Zustande teigig und rötlichbraun ist,
später aber trocken und krümlig wird. Der noch
in den Beuteln eingeschiossene M. gelangt unter
der Bezeichnung Moschus in vesicis, der aus
den Beuteln herausgenommene als Moschus ex
vesicis in den Verkehr. Für den Handel
kommen besonders zwei Sorten von Moschus:
tonkinesischer und kabardinischer M. in
Betracht. Der Tonkin-M., tibetanische M.,
chinesische M., die beste, allein offizineile
Sorte, stammt aus Tonkin und der chinesischen
Provinz Szechuan und wird über Kanton nach
England und Deutschland ausgeführt. Die Ori-
ginalpackung erfolgt in länglich viereckigen
Kästchen, sog. Catties, von etwa 20 cm Länge
und 9—ti cm Breite und Flöhe, die innen mit
Bleifolie ausgelegt, außen mit Papier oder Seide
umhüllt sind und je 25 in zartes bedrucktes oder
bemaltes Papier eingewickelte Beutel enthalten.
Die Kästchen werden in mit Zink ausgeschlage-
nen Holzkisten verpackt und gelangen so nach
Europa. Die zwei kleine Öffnungen tragenden
Beutel sind stumpfkantig, rundlich oder läng-
lich, auf der Haarseite stark gewölbt, auf der
Hautseite flach, 3—4,5 cm dick, bis 3 cm hoch
und 15—45 g schwer. Die Haare der konvexen
Seite sind glatt anliegend, gegen die Mitte ge-
        <pb n="291" />
        ﻿Moschus

285

Moschus

richtet und am Rande abgeschoren. Der beim
Aufschneiden des Beutels gewonnene M. zeigt
im getrockneten Zustande eine schwarzbraune
oder dunkelrötlichbraune Farbe und bildet eine
lockere, krümlige Masse, die zum Teil aus
Körnchen und-Klümpchen von der Größe eines
Stecknadelkopfes bis einer Erbse besteht. Der
Geschmack ist bitter, der Geruch stark und sehr
charakteristisch. Unter dem Mikroskop lassen
sich braune und weiße Körnchen von unregel-
mäßiger Form, Öltröpfchen, Epithelien und
Haare erkennen. Auf Papier gibt der trockne
Tonkin-M. einen braunen Strich. Die haupt-
sächlich über Kanton und Schanghai erfolgende
Ausfuhr betrug in den letzten Friedensjahren
etwa 900—1200 Catties zu 1I/2 Pfund, der Preis
gegen 260 M. für 100 g M. in vesicis und 320 M.
für M. ex vesicis. Die feinste Sorte Tonkin-M.
wird als „pile I all Mueskins“ bezeichnet und
besteht aus gut beschnittenen, ausgesuchten Beu-
teln, von denen die äußere Haut zu zwei Dritteln
abgezogen worden ist. Andere Sorten sind
pile I, pile II und pile III. — Der kabar-
dinische M. (russische, sibirische M.) ist
die am meisten gehandelte Moschussorte, die aus
dem südlichen Sibirien stammt und über Peters-
burg zum Teil nach China, zum Teil nach Eng-
land. Deutschland usw. ausgeführt wird. Die
jährliche Sendung nach dem Westen beträgt
etwa 10—12000 Beutel (250 kg). Die Verpak-
kung erfolgt in verlöteten Blechkisten von 2 bis
6 kg Inhalt, die wieder in Holzkisten eingesetzt
sind. Die Beutel sind größer, länglichoval oder
birnenförmig, sehr platt und auf der unteren
unbehaarten Seite schmutzig gelbbraun und ge-
runzelt. Die auf der Oberseite gewöhnlich kurz
geschnittenen Haare sehen silberfarben oder
bräunlich aus. Der Moschus bildet eine knet-
bare, nicht körnige Masse von hellbrauner Farbe
und erzeugt auf Papier einen hellbraunen
Strich. Der russische M. riecht etwas urinös, an
Pferdeschweiß erinnernd und wird nicht in Apo-
theken, sondern nur zu Parfümeriezwecken be-
nutzt. Der Preis beträgt nur Vs—-Va von dem-
jenigen des Tonkin-M. — Von weniger wich-
tigen Moschussorten sind zu erwähnen der Yün-
nan-M., der Taupi-M. und der Assam-M.
Her Yünnan-M., nach der gleichnamigen chine-
sischen Provinz benannt, der meist in China
selbst verbraucht und höchstens in geringer
Stenge nach Japan ausgeführt wird, besteht aus
fast kugelrunden dickhäutigen Beuteln von glat-
tfir, unbehaarter Oberfläche. Der Inhalt ist
gelblichbraun mit einem Stich ins Rötliche und
v°n sehr feinem Geruch. Der ebenfalls aus
China stammende Taupi-M., der in zwei Sorten
(Tonkin-Taupi und Yünnan-Taupi) in 3—4 cm
breiten Beuteln ohne äußere und Muskelhaut
v°rkommt, gilt als sehr fein, wird aber fast noch
tttehr als der Tonkin-M. verfälscht. Der Assam-
oder bengalische M. hat ziemlich große
,eutel, die dem chinesischen M. sehr ähnlich
®tnd, aber oft kugelige oder abgestumpft kegel-
förmige Gestalt besitzen. — Die Moschusbeutel
Enthalten im Durchschnitt 50% ihres Gewichtes
"loschus. Sie werden entleert, indem man sie
einen Bogen glattes Papier legt, die un-
ehaarte Seite durch einen kreisförmigen Schnitt
1,111 einem scharfen Messer abtrennt und den

Inhalt herauskratzt. Dann sucht man die Haut-
teilchen und Haare mit einer Pinzette heraus
und bringt den M. sofort in kleine Gläser,
die man sehr gut verschließt. Ist der M. noch
feucht, so trocknet man ihn im Exsikkator über
Schwefelsäure oder Chlorkalzium. — Die ent-
leerten Moschusbeutel bilden eine Handels
wäre für sich und werden von den Parfümeuren
zur Bereitung einer geringeren Sorte von Mo-
schustinktur gekauft; das Stück kostet ungefähr
1 M. — Auch den aus den Beuteln entnom-
menen, sog. „ausgemachten“ M. (Moschus ex
vesicis) kann man übrigens direkt im Handel
bekommen, und zwar sowohl in Klümpchen als
auch in Pulverform. Er kommt in der Regel von
in Europa geöffneten Beuteln,, wird aber bis-
weilen auch aus China und Asien in Metall-
büchsen eingeführt. — Der M. enthält außer
verschiedenen unwesentlichen Bestandteilen als
wichtigsten den Riechstoff, dessen Konstitution
noch nicht völlig aufgeklärt ist. Doch gelang es
1906 der Firma Schimmel &amp; Co., aus dem M.
ein dickes, farbloses Öl, das Muskon, zu iso-
lieren, ein Keton von der Formel C16H2S0 bzvv.
C16H30O, das der alleinige Träger des Moschus-
geruchs ist. Es siedet unter einem Druck von
752 m bei 327—3300, hat ein spez. Gew. von
0,927 und eine spez. Drehung von — 10.
Völlig ausgetrockneter M. ist fast ohne Geruch,
nimmt aber angefeuchtet denselben allmählich
in dem früheren Grade wieder an. Auch geht
der Geruch verloren, wenn man M. mit gewissen
Sulfaten oder Goldschwefel, Schwefelmilch, Kamp-
fer, Chinin, Senföl, Mutterkorn usw., vermischt,
wird aber beim Anfeuchten des Gemisches mit
Salmiakgeist wieder hergestellt. Tierkohle ab-
sorbiert den Riechstoff des M. vollständig. De-
stilliert man M. unter Wasserzusatz, so enthält
das Destillat stets Ammoniak, dessen Menge
nach Hager aber 15% nicht überschreiten darf.
Neben 10—14 % Wasser sind 6—8% Asche vor-
handen, im übrigen besteht M. aus für seine
Wirkung wertlosen Stickstoffsubstanzen, Harzen,
Wachs. Cholesterin und organischen Säuren. Kal-
tes Wasser löst bis zu */*, kochendes bis zu */s
auf, 900/oiger Weingeist 10—12 0/0, Benzin,
Chloroform und Terpentinöl nur wenig. Die
wäßrige Lösung des Tonkin-M. wird durch
Sublimat nur getrübt, während der kabardinische
M. damit eine Fällung gibt. — Infolge seines
hohen Preises ist der M., besonders der Ton-
kin-M., vielen Verfälschungen unterworfen. —
Als Verfälschungsmittel dienen, bei den Mo-
schusbeuteln hauptsächlich Bleischrot, Zinnober,
Lehm, Glas, Sand, Asphalt, Katechu, Guano,
Stärkemehl, Blut, zerriebenes Holz usw. sowie
nachgebildete Beutel, bei dem „ausgemachten“
M. namentlich getrocknetes Blut und getrock-
nete Galle. Besonders die Chinesen verstehen
es ausgezeichnet, durch Verfälschungskünste die
Käufer zu übervorteilen. Der sog. Wampoo-
M. ist zum Beispiel ein aus Häuten des Mo-
schustieres künstlich zusammengenähter Beutel,
der mit getrocknetem Blut, Salmiak und etwas
M. gefüllt ist. Auch die kabardinischen Mo-
schusbeutel werden häufig den chinesischen Beu-
teln im Äußeren täuschend ähnlich gemacht
und ihnen untergeschoben. In vielen Fällen
entnimmt man dem Moschusbeutel durch eine
        <pb n="292" />
        ﻿Mottenpapier

286

Musalina

künstliche Öffnung einen Teil des M. und näht
ihn in täuschender Weise wieder zusammen.
Auch mit Spiritus ausgezogene Beutel kommen
vor. Im allgemeinen deuten sehr pralle Aus-
füllung und unebenes Aussehen auf Verfäl-
schung. Ebenso sind Beutel, die sich sehr
weich und feucht anfühlen oder stark ammo-
niakalisch riechen, als verfälscht oder minder-
wertig zu betrachten. Beimischung von getrock-
netem Blut erkennt man an dem stinkenden Ge-
ruch, der sich beim Anfeuchten mit Wasser
nach 'einiger Zeit entwickelt. Auch die Bestim-
mung der Asche, die Löslichkeitsverhältnisse
und die mikroskopische Prüfung geben wichtige
Anhaltspunkte für die Reinheit eines Moschus-
pulvers. — In der Parfümerie spielt der M.
eine ziemlich große Rolle, wird aber kaum für
sich allein verwandt, sondern in kleinen Mengen
anderen Parfümen und Toiletteseifen zugesetzt,
so daß der Moschusgeruch nicht gesondert
hervortritt, sondern im Gesamtgeruch aufgeht.
Medizinisch wurde er früher zur Anregung des
Nervensystems, Beschleunigung des Pulses und
Beförderung der Schweißabsonderung verordnet,
ist aber jetzt im D. A. B. gestrichen. Im Hand-
verkauf wird häufig Moschuspulver als Riech-
mittel usw. verlangt. Für diesen Zweck hält man
eine Mischung aus einem Teil M. und neun
Teilen getrocknetem Hirschblut vorrätig. Die
Moschustinktur (Tinctura moschi) wird außer
in den Apotheken auch in größeren Mengen zu
Parfümeriezwecken benutzt. — Die Moschus-
beutel bewahrt man wegen ihres starken Ge-
ruches am besten in trockenen Blasen ein-
gebunden auf, das Moschuspulver in dicht schlie-
ßenden Stöpselgläsern, die in einen Blechkasten
gestellt werden. — Künstlicher Moschus ist
die Handelsbezeichnung für das von Baut ent-
deckte Trinitrobutyltoluol, das einen starken Mo-
schusgeruch besitzt. Es wird durch Erhitzen
eines Gemisches von Toluol und Butylchlorid
mit Aluminiumchlorid und nachfolgendes Ko-
chen des entstandenen Butyltoluols mit Salpeter-
säure und rauchender Schwefelsäure dargestellt
und bildet gelbliche, bei 96—970 schmelzende
Nadeln. Das Präparat, das bisweilen mit
Azetanilid gemischt in den Handel kommt,
dient zu Parfümeriezwecken, vermag aber
den echten M. für feinere Parfüms nicht
zu ersetzen. Außer Trinitrobutyltoluol werden
noch eine Reihe ähnlicher Produkte her-
gestellt, wie beispielsweise Trinitrobutylxylol,
Trinitrobutyläthylbenzol, Dinitrobutylxylylzyamd,
Dinitrobutylxylylaldehyd, Dinitroazetobutyltoluol,
Dinitroazetobutylxylol u.a.m. Charakteristisch für
alle diese Verbindungen ist die tertiäre Butyl-
gruppe. Zeitweilig ist künstlicher M. auch
durch Verreiben von Bernsteinöl mit rauchender
Salpetersäure und nachfolgendes Waschen mit
Pottasche hergestellt worden.

Mottenpapier (Naphthalinpapier) ist mit
einer Mischung von Naphthalin, Karbolsäure und
Wachs getränktes Papier, das zur Abhaltung von
Motten zwischen Kleidungsstücke und Wäsche
gelegt wird.

Muirazithin, ein von Noris Zahn &amp; Co. in
den Handel gebrachtes Mittel gegen sexuelle
Nervosität, enthält als wirksame Bestandteile
Lezithin und das Extrakt aus der Wurzelrinde

von Liriosma ovata, einer in ihrer Heimat
Brasilien „Muira puama“ genannten Olakazee.
Das Extrakt, welches neben Gerbstoff, ätheri-
schem öl und Zucker ein Alkaloid enthält, wird
mit Lezithin und Süßholzpulver zu Pillen ge-
formt. M. ist dem freien Verkehr entzogen und
darf nach der Berliner Verordnung von 30. VI.
1887 und der Entscheidung des Kammergerichts
vom 29. X, 1908 nicht öffentlich angepriesen
werden.

Mundwässer (Zahnwässer, lat. Aqua denti-
frica, frz. Eau dentifrice, engl. Tooth water)
nennt man zur Reinigung und Pflege der Mund-
höhle und der Zähne bestimmte Flüssigkeiten,
die meist aus alkalischen Lösungen von Des-
infektionsmitteln und Riechstoffen bestehen. Zu
ihrer Herstellung verwendet man Katechu-,
Myrrhen- und Ratanhiatinktur mit Borsäure, Sali-
zylsäure und Thymollösungen, die mit aroma-
tischen Stoffen und ätherischen Ölen versetzt
sind. Von den zahlreichen Spezialitäten, deren
Zusammensetzung Geheimnis der Fabrikanten
ist, sind Odol, Kosmin u. a. in besonderen Auf-
sätzen besprochen.

Mule-Twist (Mulegarn) ist das weichere,
besonders als Einschuß dienende Baumwoll-
garn, das auf der Mulemaschine (Halb- oder
Ganzselfaktor) fein gesponnen wurde (vgl.Baum-
wollgarn).

MuH ist ein klarer, feiner, weißer und weicher
Musselin zu Frauenkleidern, Kragen, Vorhemden
u. dgl., der auch als Verband- und Bindenstoff
Verwendung findet. Er stammt ursprünglich aus
Ostindien, wird aber gegenwärtig in Europa
vielfach erzeugt. Die bisweilen gleichfalls be-
nutzte Bezeichnung Moll (s. d.) kommt eigentlich
einem feineren Molton zu.

Muräne (Muraal), ein aalähnlicher Fisch,
Gymnothorax muraena, der zuweilen bis
6 kg und darüber schwer wird, lebt im Mittel-
ländischen Meere, vereinzelt auch im Atlanti-
schen Ozean. Die Grundfarbe des Vorderleibes
ist lebhaft gelb, die des hinteren geht ins
Bräunliche über, der Rücken zeigt braune Flek-
ken, die durch dunklere Binden umschlossen
und voneinander abgegrenzt werden. Das Fleisch
gilt als höchst schmackhaft und wurde schon von
den Alten hochgeschätzt. Lukullus soll seine
M. mit Sklavenfleisch gefüttert haben.

Murexid (purpursau res Ammoniak, Rouge
de Naples). Dieser nach Murex, die Pur-
purschnecke, benannte Farbstoff hat eine
Zeitlang das hohe Interesse der technischen und
Modewelt erregt, ist aber jetzt durch die Anilin-
farben völlig verdrängt. Als Ausgangsmaterial
zu seiner Herstellung dient die Harnsäure
(s. d,), die am bequemsten aus Peruguano ab-
geschieden wird. Harnsäure liefert mit verdünn-
ter Salpetersäure Alloxan, dessen heiße Lösung
mit kohlensaurem Ammoniak gefällt wird, ln
den Handel kam der Farbstoff teils in Teig-,
teils in Pulverform, oder als braune, grünschil-
lernde Kriställchen. Die mit M. auf Zeugen
erzielten Farben sind zwar schön, aber sehr
unbeständig.

Musalina, ein zur Erzielung größerer Bindig-
keit der Wurstfüllung angepriesenes Mittel, be-
steht aus technisch reinem Eiweiß. Im Hinblick
auf den unkontrollierbaren Ursprung derartiger
        <pb n="293" />
        ﻿

Muschelgold

287

Muskatblüte

Stickstoffverbindungen ist den Fleischern von
der Verwendung des Mittels dringend abzuraten,
da die Beimischung solcher, dem Normalbegriff
der Wurst fremder Stoffe als Verfälschung an-
gesehen wird.

Muschelgold (Malergold, echte Gold-
bronze, frz. Or en coquille, engl. Shell gold)
nennt, man fein verteiltes, staubförmiges Gold,
das zu Buntdrucken und in der Malerei Ver-
wendung findet und gewöhnlich, , mit Gummi-
schleim oder Honigwasser angerieben, in kleine
Flußmuschelschalen gefüllt, verkauft wird. Man
erhält das M. meistens durch Zerreiben der
Abfälle der Goldschlägerei, seltener durch Re-
duktion einer Chlorgoldlösung mit Chloranti-
mon. Ebenso wird durch Zerreiben von Blatt-
silberabfällen Muschelsilber dargestellt. Als
unechtes M. oder Musivgold bezeichnet man
die verschiedenen Arten von Bronzen.

Muscheln. Von diesen zu den Weichtieren
gehörigen kopflosen, mit einer zweiklappigen
Schale versehenen Tieren bilden mehrere Arten
ein wertvolles Nahrungsmittel, so die Austern
(s. d.), die Miesmuscheln und die eßbare
Herzmuschel. Von anderen, nicht eßbaren
Muscheln werden vielfach die Schalen in den
Handel gebracht, und namentlich die Perl-
mutterschalen (s. d.) bilden eine nicht un-
bedeutende Handelsware. — Die Mies- oder
Pfahlrauschei (Mytilus edulis) ist gewöhn-
lich gemeint, wenn man im Handel von Mu-
scheln ohne nähere Bezeichnung spricht. Man
findet sie in fast allen Meeren Europas, nament-
lich in der Nordsee und Ostsee auf Sandbänken.
In einigen Gegenden werden sie gezüchtet, indem
man verzweigte Holzstämme (Muschelbäume) in
den Meeresboden versenkt, so daß sie ganz
vom Wasser bedeckt sind. An diese Stämme
und Zweige setzen sich die Miesmuscheln an.
Biese Zucht wird z. B. in der Kieler Bucht,
ferner bei Esuandes in Frankreich (schon seit
(fern 13. Jahrhundert), im Meerbusen von Tarent,
bei Venedig usw. betrieben. Man versendet die
Miesmuscheln auch, mit, Essig übergossen, in
Bläser eingesetzt. M. aus unreinen Gewässern
smd zuweilen giftig. Das im Kriege zur Her-
Stellung von Brotaufstrich, Würsten und Sülzen
V'elbenutzte Fleisch hat nach unserer Analyse
mlgende Zusammensetzung: Wasser 82,2 °/o, Stick-
stoffsubstanz n,2°/o, Fett 1,2 °/o, Kohlenhydrate
4’0%, Salze 1,40/0. — Von der Herzmuschel
Werden zwei Arten genossen, die große oder
stachelige, Card ium echinatum, namentlich
an der englischen Küste und im ganzen Nordsee-
Sebiete, und die kleinere, Cardium edule,
ebendaselbst und auch in der Ostsee. Über
Muschelwaren siehe Perlmutter.

Musivgold (unechtes Malergold) besteht
aus einer Verbindung von 64,9 °/o Zinn und
3?’t°/o Schwefel, Doppelschwefelzinn. Zur Ver-
enigung der beiden Elemente gibt es verschie-
ene Verfahren, die mehr oder weniger schöne
Zeugnisse liefern. Man stellt z. ß. ein Amal-
qP aus vier Teilen Zinn und zwei Teilen
Quecksilber her und erhitzt es nach dem Ver-
aschen mit 2V2 Teilen Schwefel und zwei
m'en Salmiak im Sandbade anfänglich schwä-
v^ß., später stärker. Salmiak und Quecksilber
flüchtigen sich, und das M. sammelt sich am

Boden und an den Wandungen der Retorte in
Form schön goldglänzender, der echten Gold-
bronze sehr ähnlicher Flitter an. Es wird so-
wohl in trockener Form zum Bronzieren, als
auch zu Siegellack, in Gummi abgerieben
oder in Firnis zum Malen goldähnlicher Ver-
zierungen verwandt. — Das Musivsilber, das
in ähnlicher Weise zu falschen Versilberungen
dient, ist ein Amalgam von Zinn, Wismut und
Quecksilber. Drei Teile Zinn werden mit drei
Teilen Wismut und Quecksilber zusammen-
geschmolzen. Die Legierung wird gepulvert und
mit 1V2 Teilen Quecksilber verrieben, bis das
Ganze zu einem silberfarbigen Pulver verbunden
ist, das mit Eiweiß, Gummilösung oder Firnis
zum Drucken, Malen und Schreiben benutzt
wird. Man bezieht beide Waren von Nürnberg,
Fürth, Augsburg und München.

Muskarin. Diesen Namen führen zwei ganz
verschiedene chemische Verbindungen. I. Ein
seit 1885 bekannter Oxazinfarbstoff, der durch
Einwirkung von salzsaurem Nitrosodimethylanilin
auf Alphadioxynaphthalin erhalten wird und
als braunviolettes, in heißem Wasser lösliches
Pulver in den Handel kommt. Das M. färbt
mit Brechweinstein und Tannin gebeizte Baum-
wolle blau. 2. Das giftige Alkaloid des Flie-
genpilzes (Agaricus muscaricus), C6PI16N03,
das auch synthetisch dargestellt werden kann
und in Form seines schwefelsauren Salzes be-
schränkte Anwendung in der Augenheilkunde
gefunden hat.

Muskatblüte (Mazis, Folie, Forlie, lat.
und frz. Macis, engl. Mace) nennt man den
Samenmantel (Arillus) des echten Muskat-
nußbaumes (Myristica fragrans, frz. Mus-
cadier, Musquö, engl. Nutmeg, Musky), eines
10—-15 m hohen Baumes, der auf den Banda-
inseln heimisch ist und in den meisten tropischen
Gegenden Asiens und Südamerikas angebaut
wird. Die Bäume tragen vom 9. bis in das
80. Jahr hinein Früchte, von denen in der Zeit
der Vollkraft bis 2000 Stück das Jahr geerntet
werden. Die Früchte enthalten in einer fleischi-
gen, später lederartig werdenden Hülle je einen
Samen, der von einem zerschlitzten Samenmantel
umgeben ist. Der letztere, im frischen Zustande
ein fleischiges, karminrotes Häutchen, wird nach
der Beseitigung der Fruchtschale abgezogen und
an der Luft getrocknet und bildet dann eine
hornartige zerbrechliche Masse von orangegelber,
Farbe und feurig gewürzhaftem Geruch und Ge-
schmack, Als Unterabteilungen unterscheidet
man je nach der Art der Gewinnung bisweilen
Klimmfolie von gepflückten, Rangfoiie von
abgefallenen und Gruis- oder Stoff-Foiie von
halbreifen, minderwertigen Früchten. Die M.
enthält nach König; 9,65% Wasser, 5,30 °/o
Stickstoffsubstanz, 6,66 % ätherisches Öl, 24,63 °/o
Fett, 44,81% stickstofffreie Extraktstoffe, 6,31%
Rohfaser und 2,64% Asche. Der Gehalt an äthe-
rischem öl soll nach den „Vereinbarungen“
mindestens 4,50% betragen, der Aschengehalt
3 % und der Sandgehalt o,s % nicht übersteigen.
Das Gewürz ist Verfälschungen durch Zwieback,
Mehl, Kurkuma, Olivenkerne und andere Abfälle
in hohem Grade ausgesetzt, deren Nachweis mit
Hilfe des Mikroskops unschwer gelingt. Be-
sonders aber hatte sich vor mehreren Jahren
        <pb n="294" />
        ﻿Muskatnüsse

288

Mutterkorn

die Beimengung der sog. B ombay-Mazis, des
Samenmantels einer wild wachsenden Art (My-
ristica malabarica), eingebürgert, die ohne
jeden Würzwert ist. Sie unterscheidet sich durch
einen höheren, bis zu 35 °/o steigenden Fettgehalt
und durch einen in besonderen Kugelzellen ab-
gelagerten dunkelgelben Farbstoff, der mit Alka-
lien rot wird. Zum Nachweise dieses Verfäl-
schungsmittels kocht man den alkoholischen
Auszug mit Kaliumchromatlösung, wobei Born-
bay-M. ockerfarbig bis braun wird, echte M.
hingegen unverändert bleibt. Mit Ammoniak
wird der Auszug aus echter M. rosa, aus Bom-
bay-M. tief orange bis gelbrot. Weitere An-
haltspunkte bietet die Kapillaranalyse und die
Bestimmung des Petrolätherauszugs. Den Be-
mühungen der Nahrungsmittelkontrolle ist es
gelungen, die Verfälschungen der M. zu beseiti-
gen, und die Fabrikanten haben sogar beschlos-
sen, Bombay-M. auch unter Kennzeichnung nicht
mehr zu verwenden. — Eine geringere, aber
immerhin noch brauchbare M.-Sorte von der
auf Neu-Guinea heimischen Myristica argen-
tea wird als Papua-M. in den Handel gebracht.

Muskatnüsse (lat. Nuces moschatae, frz. Noix
de muscadier, engl. Nutmeg) sind die Samen des
Muskatnußbaumes, Myristica fragrans
und der Myristica argentea. Die letzteren
führen meist die Bezeichnung Papua- oder
lange M. und sind geringwertiger. Zu ihrer
Gewinnung werden die Samen nach Entfernung
des Fruchtfleisches und des Arillus über Feuer
scharf getrocknet, bis sie beim Schütteln klap-
pern. Darauf werden die Steinschalen mit höl-
zernen Hämmern zerschlagen, und die Kerne
zum Schutze gegen Insektenfraß in Kalkmilch
gelegt und dann getrocknet. Die M., welche
nur selten gepulvert in den Handel kommen,
sind durch ihren hohen Gehalt an Fett (34%)
und an ätherischem Öl (8—1S °/o) ausgezeichnet.
Sie sollen nicht mehr als 3,5 °/o Asche und
0,5 0/0 Sand hinterlassen. Verfälschungen durch
äußerliche Verschönerung wurmstichiger, ver-
dorbener Waren sind bisweilen vorgekommen,
auch hat man aus Mehlteig und Ton hergestellte
völlige Nachahmungen im Handel angetroffen.
Sie sind leicht daran zu erkennen, daß sie beim
Einweichen in Wasser zerfallen. Die M. finden
beschränkte medizinische, hingegen ausgedehnte
küchenmäßige Verwendung und müssen zum
Schutze gegen Verschimmeln trocken aufbewahrt
werden.

Muskatöl. Aus den Nüssen wird sowohl
ätherisches wie fettes öd gewonnen. — Das
ätherische M. (Oleum nucis moschatae aethe-
reum, frz. Essence de muscade, engl. Oil of
nutmeg) erhält man durch Wasserdampfdestilla-
tion von Mazis oder gepulverten Nüssen als eine
farblose, dünne Flüssigkeit, die sich bei län-
gerer Aufbewahrung durch Oxydation verdickt.
Sie ist rechtsdrehend, hat ein spez. Gew. von
0,865—0,930 und löst sich in 0,5-—3 Volum
go°/oigem Alkohol. Das M. enthält neben Ter-
penen, wie Rechts- und Linkspinen, Kamphen
und Dipenten, eine ganze Anzahl Sauerstoff-
verbindungen, von denen Linalool, Terpinenol-4,
Borneol, Terpineol, Geraniol, Safrol, Myristizin
und Myristinsäure genannt seien. Der als Myri-
stikol bezeichnete Alkohol besteht aus einem

Gemenge von Terpineol, Borneol und Terpi-
nenol-4. — Das fette Öl (Muskatbutter, Mus-
katbalsam, lat. Oleum nucistae, frz. Beurre de
muscade, engl. Butter of nutmeg) wird durch
Auspressen der pulverisierten Nüsse zwischen
heißen Platten gewonnen. Es enthält neben
4°/o ätherischem Öl 52% flüssiges und 440/0
festes Fett, welches im wesentlichen aus My-
ristin besteht. Das spez. Gew. beträgt 0,990 bis
1,000, der Schmelzpunkt 38,5-— 51,0°, die Jodzahl
40—50. Das gelbe, talgartige Fett löst sich zu
etwa 55 0/0 in kaltem Alkohol, völlig in sieden-
dem Alkohol, Äther und Chloroform. M. findet
als Grundlage für Pflaster und Salben medizi-
nische Anwendung und muß in der gewöhn-
lichen Handelsform, mit Stanniol umhüllten Rie
geln, in verschlossenen Gefäßen kühl aufbewahrt
werden.

Musseline (frz. Musseline, engl. Muslin) ist
eine Gattung feiner, locker gewebter, halb durch-
sichtiger Gewebe aus den höchsten Nummern
von Baumwoll- oder Wollengarn (Baumwoll-
musseline und Wollmusseline), die ursprüng
lieh aus Ostindien und dem Orient eingeführt,
seit langer Zeit auch in England, Frankreich,
Deutschland und der Schweiz ebenso schön und
gut und durch ihren Fabrikbetrieb bedeutend
billiger hergestellt werden. Die Ware kommt
in den verschiedensten Formen, glatt, gestreift,
durchbrochen, geblümt und gedruckt in den
Handel und dient auch als Grund von Weiß
Stickereien. Die Musselinweberei und die Aus-
fuhr ihrer Erzeugnisse nach dem Orient wurde
in der Schweiz und Deutschland .(Vogtland)
schon lange vor Einführung der Spinnmaschine
betrieben. Mit der Ausbildung der Maschinen-
spinnerei ging die Garnerzeugung jedoch voll-
ständig auf diese über, während die Weberei
nach wie vor dem Handstuhle verblieb. Sie
wurde früher in Kellerräumen betrieben, da
die Arbeit in trockener Luft nicht gut gelingt,
kann aber nach Behandlung des Garnes mit
Glyzerin überall ausgeführt werden. Die Ma-
schine hat auch die alte ostindische Industrie
soweit beeinflußt, daß die dortigen Weber jetzt
englische Garne verarbeiten, wenngleich die
Herstellung aus Handgespinst in beschränktem
Maße fortdauert. Als Beweis für die große
Zartheit und Feinheit der indischen Musseline
wird angeführt, daß man ein ganzes Kleid durch
einen Fingerring ziehen könne, oder daß 15 bis
20 m Turbanmusselin nur 150 g wiegen. Dabei
sollen sie aber auch in der Güte, besonders
in Halt- und Waschbarkeit die europäischen
Stoffe übertreffen. Als besondere Arten der
Musseline sind zu erwähnen: Musselinets mit
eingewebten, weiß oder bunt gemusterten Streifen;
Mull, ein ganz weicher, weißer Musselin; Va-
peur, ein sehr lockerer und feiner, und Ze-
phyr, der allerfeinste Musselin aus den höch-
sten Garnnummern.

Mutterkorn (Kriebelkorn. lat. Secale cor-
nutum, frz. Ergot, Seigle ergotd, engl. Black
grain of corn, Blighied corn) besteht aus
dem Dauermyzelium oder Sklerotium eines
Pilzes, Claviceps purpurea, der auf den
Ähren vieler Gräser, namentlich des Roggens,
seltener auf Weizen und Gerste, schmarotzt, für
den medizinischen Gebrauch aber nur von
        <pb n="295" />
        ﻿Mutterkümmel

289

Myrrhe

Roggen gesammelt werden soll. Es bildet 30
bis 35 mm lange, bis 6 mm dicke, etwas bogen-
förmig gekrümmte, stumpf dreikantige Körn-
chen, die auf jeder Seite mit einer Längsfurche
versehen sind. Die Farbe ist außen violett-
schwarz, innen weißlich, die Konsistenz frisch
weich und zähe, nach dem Trocknen hart und
spröde. In Masse zeigt M. einen eigentümlich
dumpfigen Geruch, der nach dem Pulvern noch
stärker hervortritt. Als wirksamen Bestandteil
enthält das M. ein Alkaloid: Ergotinin in
Menge von höchstens 0,27 0/0, während alle
übrigen angeblich isolierten Alkaloide, wie Kor-
nutin u. a. als Zersetzungsprodukte des Er-
gotinins äufzufassen sind. Daneben finden sich
noch verschiedene giftige Verbindungen, wie
die Sphazelinsäure oder das Ergotin, die
Ergotinsäure und die Farbstoffe Skierery-
thrin (rot) und Skleroxanthin (gelb). Das
M. ist ein außerordentlich heftiges Gift, das als
Bestandteil des Brotmehles die sog. Kriebel-
krankheit (Lähmung der Glieder) hervorruft.
Wegen seiner wehenbefördernden Eigenschaft
findet es in der Geburtshilfe medizinische An-
wendung. Die Einsammlung soll kurz vor der
Fruchtreife,, also auf dem Acker, erfolgen. Die
ausgelesenen guten Stücke werden bei niedriger
Temperatur getrocknet und in gut schließenden
gelben Gläsern, aber nicht länger als ein Jahr
aufbewahrt. In gepulvertem Zustande ist es nicht
Faltbar, da das Fett ranzig wird. M. und seine
Zubereitungen (Extrakte) dürfen nur von Apo-
theken und auch hier nur gegen ärztliche Ver-
ordnung verkauft werden.

Mutterkümmel (römischer Kümmel, lat,
Fructus cumini, frz. Cumine, engl. Cumin seed)
besteht aus den Früchten einer im Orient hei-
arischen, in Südeuropa angebauten, einjährigen
Doldenpflanze, Cuminum Cyminum. Die
taeist paarweise zusammenhängenden, blaßgelb-
hchen oder bräunlichen Früchte sind doppelt so
ang als gewöhnlicher Kümmel und mit meh-
ren, der Länge nach laufenden, vorspringenden
Rippen besetzt, die einen Besatz von kurzen Bor-
gten tragen. Der Geruch und Geschmack ist
stark, aber nicht angenehm würzhaft. Als wich-
tigste Bestandteile sind fettes und ätherisches Öl
oostimmt worden. Eine technische Verwendung
2u Kümmelkäse findet der M. nur in Holland,
sonst dient er als ein äußerliches, zerteilend
tyttkendes aromatisches Volksmittel sowie inner-
lch bei Kolik in der Tierheilkunde.

Mutterkümmelöl (K uminöl, römischKüm-
m,elöl, lat. Oleum cumini, frz. Essence de cu-
tOto, engl. Oil of cumin seed), das ätherische
Di des Mutterkümmels, besitzt den eigentüm-
'ohen Geruch der Früchte in hohem Grade, wird
a°er nur wenig benutzt. Das in frischem Zu-
stande fast farblose, später gelbe bis bräunliche
. (spez. Gew. 0,893—0,930) besteht aus Ku-
•hinol (dem Aldehyd des Kuminalkohols), dem
Kohlenwasserstoff Zymol und Terpenen.
i Mutterlaugensalz. Unter diesem Namen kom-
en verschiedene Salzmassen in den Handel,
durch Verdampfen der Mutterlauge gewisser
r lneralwässer erhalten werden. Beim Verdamp-
(j6*1 der letzteren scheiden sich zunächst die aus
/ Bikarbonaten stammenden Monokarbonate
’nfachkohlensaure Salze) des Kalkes, der Mag-

^tercks Warenlexikon.

nesia und des Eisenoxyduls, dann die übrigen
schwer löslichen und die leicht kristallisierbaren
Salze aus, während die schwer kristallisierbaren,
leicht löslichen Salze in der Mutterlauge gelöst
bleiben und durch Verdampfen in fester Form,
erhalten werden. Sie müssen an trockenen
Orten aufbewahrt werden, da sie leicht Feuchtig
keit anziehen, und dienen als Zusatz zu Bädern.
Die bekanntesten sind das Nauheimer und das
stark bromhaltige Kreuznacher M.

Myrobalanen (lat. Myrobalani, frz. und engl.
Myrobalane) sind die harten zt/s—3V2 cm langen,
im trockenen Zustande sehr runzeligen Stein-
früchte Verschiedener ostindischer Sträucher
oder Bäume der Gattung Terminalia. Die
größte Bedeutung besitzen die kleinen Madras-
M. von Terminalia chebula und die großen
Bombay-M. Von T. citrina, während die sog.
grauen M. von Phyllantus emblica und die
runden M. von Terminalia bellerica we-
niger wichtig sind. Die M. enthalten erhebliche
Mengen (32—45 0/0) eines der Algarobilla iden
tischen Gerbstoffs und werden daher für die
Zwecke der Gerberei, Tintenherstellung und
zum 'Schwarzfärben in steigendem Maße nach
England eingeführt. Da die große Härte das
Pulverisieren ohne Maschinen sehr erschwert,
kommen die M. vielfach schon gepulvert zum
Verkauf. Die frühere Verwendung als drasti-
sches Purgiermittel ist jetzt völlig aufgegeben.

Myrrhe (Myrrhengummi, Myrrhenharz,
lat. Myrrha seu Gummi-Resina myrrha, frz,
Myrrhe, engl. Myrrh) ist das freiwillig ausschwit-
zende aromatische Gummiharz verschiedener
Sträucher oder Bäume aus der Familie der
Burserazeen, besonders von Commiphora
abyssinica und C. Schimpefi, die im süd
liehen Arabien und an der Westküste des
Roten Meeres heimisch sind. Der austretende
Milchsaft ist anfänglich ölig und gelblichweiß',
wird dann butterartig und erhärtet schließlich
zu gelblichen bis rötlichbraunen rundlichen oder
unregelmäßigen Stücken von Erbsen- bis Faust-
große. Die etwas durchscheinende Masse von
rauher und unebener, meist etwas bestäubter
Oberfläche und wachsähnlichem Bruche besitzt
einen eigentümlichen aromatischen Geruch und
bitter kratzenden Geschmack, bläht sich beim
Erhitzen auf, ohne zu schmelzen, und verbrennt
mit leuchtender rußender Flamme unter Ver-
breitung eines starken Wohlgeruches. Sie be-
steht aus einem Gemenge von Gummi und Harz
und löst sich daher weder in Wasser noch in
Weingeist völlig. Der letztere entzieht ihr 'etwa
20—30 0/0 und bildet damit eine rötlichgelbe
klare Tinktur. Der charakteristische Geruch und
Geschmack beruht auf der Anwesenheit eines
ätherischen Öls (2—10%), das durch Wasser-
dampfdestillation gewonnen wird und für sich
eine Handelsware bildet. Das Myrrhenöl ist
ziemlich dickflüssig und von gelber, grünlicher
oder bräunlicher Farbe, besitzt schwach saure
Reaktion, ein spez. Gew. von 0,988—1,024 und
eine Drehung von —31 bis •—930. — Die Myrrhe
kam früher direkt von Arabien nach Europa, daher
die Bezeichnung türkische M.. wird aber jetzt
meist auf dem Umwege über Bombay nach Eng-
land eingeführt. V on den beiden Handelssorten darf
nur die aus den reinsten, hellfarbigsten („hoch-

J9
        <pb n="296" />
        ﻿Myrtenöl

290

Nährmittel

blonden“) und größten Stücken bestehende M.
electa zu pharmazeutischen Zwecken benutzt
werden, während die dunklen und verunreinigten,
wenig wohlriechenden Stücke der M. in sortis
technische Verwendung finden. Namentlich die
letztere ist häufig durch Bdelliumharz, Kirsch-
gummi und Rückstände der Öldestillation ver-
fälscht. Der Nachweis der fremden Beimen-
gungen gelingt mit Hilfe der Bonastreschen
Reaktion, indem der ätherische Auszug der
echten M. mit Bromdampf eine violette Fär-
bung liefert. — Die M. wurde im Altertum zu
Salbölen und zur Einbalsamierung der Leichen
benutzt. Gegenwärtig dient sie zu Parfümerien, Rau-
cher- und Zahnpulvern, medizinisch in Form von
Pulver, Tinktur (lat. Tinctura myrrhae, frz.
Teinture de myrrhe, engl. Tincture of myrrh)
und Extrakt (lat. Extractum myrrhae, frz.
Extrait de myrrhe, engl. Extract of myrrh)
innerlich wie äußerlich als ein stärkendes, fäul-
niswidriges und anregendes Mittel gegen Blu-
tungen, Schleimflüsse, schlecht heilende Wunden,
Mund- und Zahnleiden.

Myrtenöl (lat. Oleum myrti, frz. Essence de
myrte, engl. Myrtle oil), das ätherische öl

des bei uns als Topfpflanze beliebten, in Süd-
europa einheimischen Myrtenstrauches (Myr-
tus communis), wird für Parfümeriezwecke
und zur Plerstellung des Myrtols (der von 160
bis i8o° siedenden Fraktion des M.), das bei
Erkrankungen der Atmungsorgane medizinische
Anwendung findet, benutzt. Es hat ein spez.
Gew. von 0,890—0,925, eine Drehung von -f- 8
bis —{— 280 und enthält u. a. Pinen, Zineol und
Dipenten.

Myrtenwachs (Myrikawachs, lat. Gera my-
ricae, frz. Cire de myrica, engl. Myrtle wax)
ist, ähnlich dem Japanwachs, kein eigentliches
Wachs, sondern ein Fett, und wird aus den
Gagel- oder Wachsbeeren, den erbsengroßen
braun bis schwarz gesprenkelten Früchten des
Wachsbaumes, Myrica cerifera, durch Aus-
kochen mit Wasser in Menge von ■ 10—30 % ge-
wonnen. Das graugrünliche, aromatisch riechende
Wachs (Fett) hat einen Schmelzpunkt von 470
und besteht aus Palmitin, Palmitinsäure, My-
ristin und Laurin. Seine Verseifungszahl liegt
bei etwa 210, also ziemlich hoch, ähnlich dem
Japanwachs. Verwendet wird M. als Ersatz des
Bienenwachses in der Kerzenfabrikation.

N.

Nachtblau, ein seit 1883 bekannter Teer-
farbstoff, besteht aus der Chlorwasserstoff-
verbindung des Tolyltetramethyltriamidoalpha-
naphtyldiphenylkarbinols. Das bronzeglänzende,
in Wasser mit blauvioletter Farbe lösliche Pul-
ver wird zum Blaufärben gebeizter Baumwolle
verwandt.

Nachtlichte sind die bekannten kleinen
Schwimmlichte, die, auf Brennöl (Rüböl) auf-
gesetzt,-eine kleine helle Flamme geben. Bei
ihrem Gebrauch ist namentlich zu beachten,
daß gut raffiniertes öl zur Verwendung kommt,
da sie sonst leicht unangenehm rußen. Die be-
deutendste Fabrik hierin ist G. A. Glafey in
Nürnberg. Eine andere Sorte N. sind die klei-
nen, aus Stearinmasse hergestellten Kerzen.

Nadal, eines der neuen, zur Konservierung
von Hackfleisch empfohlenen Präparate, besteht
aus freier Benzoesäure und Natriumbenzoat.

Nährmittel (Nährpräparate). Unter diesen
Bezeichnungen werden seit einiger Zeit Erzeug-
nisse der chemischen Industrie in den Plandel
gebracht, welche die Nährstoffe entweder in
aufgeschlossener und daher leichtfer resorbier-
barer Form oder in erhöhter Konzentration ent-
halten. Obwohl in diesem Sinne auch die in
einem besonderen Abschnitt besprochenen Kin-
dermehle als Nährmittel anzusprechen sind, rech-
net man im allgemeinen nur solche Erzeugnisse
zu ihnen, welche im wesentlichen aus stickstoff-
haltigen Substanzen (Eiweiß, Pepton) bestehen.
Die löslichen Proteinnährmittel sindhaupt-
sächlich als Heilmittel oder diätetische Präpa-
rate zu beurteilen. Mit ihrer Darreichung be-
zweckt der Arzt, Kranken mit geschwächtem
Verdauungsapparat die Ernährung zu erleich-
tern. Ihre Herstellung besteht demnach in einer
Art künstlicher Verdauung, d. h. isolierte Ei-

weißstoffe werden mit Hilfe von Chemikalien
oder durch Pepsin und andere Enzyme in eine
lösliche Modifikation übergeführt. Als Aus-
gangsmaterial für Erzeugnisse der ersten Art
dient vielfach das Kasein, welches mit Natron-
lauge, Glyzerinphosphorsäure, Ammoniak, Soda
lösliche Verbindungen liefert (s. Eukasin, Galak-
togen, Nutrose, Sanatogen). Auch Blut wird
durch Behandlung mit Chemikalien vielfach in
, lösliche, besonders eisenhaltige Nährpräparate
übergeführt (Fersan, Hämoglobin, Sicco). Durch
gleichzeitige Einwirkung von überhitztem Wasser-
dampf und von Chemikalien sollen Tori!, So-
matose, Sanose, Kemmerichs Fleischpepton und
verschiedene Fleischsäfte, von denen die wich-
tigsten in besonderen Aufsätzen besprochen sind,
hergestellt werden. Die mit Hilfe von Enzymen
hergestellten Nährmittel zeigen je nach der Art
der benutzten Enzyme wesentliche Unterschiede-
Pepsin-Peptone werden durch Einwirkung
von Pepsin und Salzsäure auf Fleisch her-
gestellt, und zwar verwendet man am besten
ausgekochtes Fleisch, weil die Fleischbasen un-
günstige Wirkungen ausüben sollen. Die Pep-
tone sind wegen ihres bitteren Geschmack5
in neuerer Zeit vielfach aufgegeben worden-
Pankreas-Peptone entstehen durch Einwir-
kung von Pankreatin in alkalischer Lösung auf
Stickstoffsubstanzen, werden aber ebenfalls nur
wenig verordnet. Schließlich kann man auch
gewisse pflanzliche Enzyme (besonders Pa-
payotin) zur Plerstellung löslicher Abbaupro-
dukte des Eiweißes verwenden. Die angeführten
Erzeugnisse sind z. T. außerordentlich teuer,
können aber nicht hiernach und ihrem Nähr-
wert, sondern lediglich nach ihrer medizinischen
Wirksamkeit beurteilt werden. Ganz ander5
steht es mit der zweiten Gruppe, den unlös-
        <pb n="297" />
        ﻿



Nährsalze

291

Nahrungsmittel

liehen Proteinnährmitteln, welche das Ei-
weiß in unveränderter Form, nur in isoliertem
Zustande, enthalten. Sie werden aus billigen
pflanzlichen und tierischen Stoffen, Weizen-
kleber, Abfällen der Fleischereien u. dgl. durch
Entfetten und durch Bleichen, sei es mit Wasser-
stoffsuperoxyd oder auf andere Weise herge-
stellt und sollen z. T. dazu dienen, den Ei-
weißmangel in der Nahrung der ärmeren Be-
völkerungskreise auszugleichen. Daß sie hier-
für meist zu teuer sind, ist in einigen der be-
sonderen Aufsätze über Plasmon, Roborin, So-
son, Tropon näher ausgeführt worden.

Nährsalze. Die von einigen Ärzten vertretene
Anschauung, daß der menschliche Organismus
ganz allgemein an einem Mineralstoffmangel
leide, hat zur Entstehung sog. Nährsalze ge-
tührt, welche den Menschen, ganz gleichgültig,
ob sie gesund oder krank sind, zum Kauf an-
geboten werden. Am bekanntesten sind die
Lahmannschen Pflanzennährsalze, welche
aus Extrakten von Vegetabilien (Obst, Ge-
'nüsen) bestehen sollen und sonach die Mineral-
Stoffe in organischer Bindung an Äpfelsäure,
Weinsäure oder Zitronensäure enthalten. Im
Gegensatz zu diesen, welche immerhin auf einer,
wenn auch bestrittenen, wissenschaftliche# An-
schauung beruhen, stellen die meisten übrigen
Nährsalze willkürlich zusamraengeworfene Mi-
schungen von Mineralstoffen ohne jede wissen-
schaftliche Grundlage dar. Insbesondere be-
stehen die zahlreichen Präparate des sog. Physio-
logen Julius Hensel zum Teil bis zur Hälfte
aus Kochsalz und enthalten vielfach sogar ge-
wöhnliche Infusorienerde (Kieselgur). Ohne die
Bedeutung der Mineralstoffe für die Ernährung
lrgendwie zu verkennen, wird man doch im
^Ifgemeinen die Zufuhr von Nährsalzen als
zwecklos bezeichnen können. Eine sachgemäß
Zusammengesetzte Nahrung enthält hinreichende
Mineralstoffmengen für den gesunden Organis-
mus, und für den Kranken muß der Arzt von
vall zu Fall das passende Mittel auswählen.

Naftalan (Nafalan) besteht aus einer Lösung
von 3—40/0 Seife in gewissen Rückständen der
etroleumdestilIation und bildet eine dunkel-
Sefarbte salbenartige Masse, die erhebliche
fangen Wasser aufzunehmen vermag und gegen
erbrennungen und Hautkrankheiten Verwen-
1 uUg findet.

j, Nahrungsmittel nennt der Chemiker die zur
-öiährung des menschlichen Körpers geeig-
zusammengesetzten Stoffe, wie Fleisch,
‘mich, Brot, Gemüse, während er ihre einzel-
ieu Bestandteile als Nährstoffe bezeichnet.
,as Nahrungsmittel Fleisch besteht z. B. aus
en Nährstoffen Wasser, Eiweiß und Fett ; die
^ *ch aus Wasser, Kasein, Fett und Milch-
•Ucker usf. Das alltägliche Leben und die
cclüsprechung macht diesen Unterschied im
gemeinen nicht, sondern betrachtet als Nah-
jJUgsmittel alle Stoffe, welche — sei es in
, ster oder flüssiger Gestalt — der Ernährung
ers menschlichen Körpers dienen. In diesem
g^Weifgftgjj sinne würden also auch Butterfett,
Stoff ’ ^ucker&gt; welche der Chemiker als Nähr-
r(1 *e bezeichnet, Nahrungsmittel sein. Die Nah-
ikr	können nach ihrem Ursprung und

er Zusammensetzung in verschiedene Gruppen

eingeteilt werden. Nach dem ersten Gesichts-
punkt unterscheidet man animalische (dem
Tierreiche entstammende) und vegetabilische

N., von denen die ersteren, als meist leichter
verdaulich, höher bewertet werden. Für die
Zusammensetzung kommen hauptsächlich drei
Gruppen von Bestandteilen in Betracht; Stick-'
stoffhaltige oder Proteinstoffe (Eiweißver-
bindungen),F ette und Kohlenhydrate (Stärke
und Zucker), von denen die ersteren, wertvollsten,
als fleisch- und blutbildende oder plastische,
die letzteren als kraft- und wärmebildende, oder
Respirationsmittel bezeichnet werden. Von
den animalischen N. ist die Milch, welche Ei-
weiß, Fett und Zucker enthält, als ein Univer-
salnahrungsmittel anzusehen. Fleisch, Käse, Eier
sind hauptsächlich Protein-N.; Butter, Talg,
Schweineschmalz fetthaltige Nahrungsmittel. Die
vegetabilischen N. zeichnen sich demgegenüber
durch ihren Gehalt an Köhlenhydraten, aus.
Kartoffeln bestehen fast nur aus Stärke, Brot
und Hülsenfrüchte enthalten daneben noch er-
hebliche Mengen Stickstoffsubstanzen. Als fett-
haltige Vegetabilien sind Oliven, Erdnüsse,
Sesam u. a. zu erwähnen. Außer den N. nimmt
der Mensch noch eine große Zahl anderer Stoffe
zu sich, welche zwar nicht direkt den Zwecken
der Ernährung, d. h. dem Stoffersatz und -an-
satz sowie der Wärme- und Krafterzeugung
dienen, welche aber doch zu seinem Wohlbefin-
den unentbehrlich sind: die Genußmittel. Zu
ihnen gehören die Gewürze, die alkoholischen
Getränke (Wein, Bier, Branntwein) und die
narkotischen Genußmittel (Kaffee, Tee, Tabak,
Mat4). Auf der Grenze zwischen Nahrungs-
und Genußmitteln stehen zahlreiche Stoffe,
welche zwar einen gewissen, wenn auch ge-
ringen Gehalt an Nährstoffen aufweisen, haupt-
sächlich aber wegen ihres Gehaltes an diäte-
tisch wirkenden, anregenden Bestandteilen ge-
nossen werden, wie Fruchtsäfte, Obst, Kakao
und gewisse Gemüse. — Im Hinblick auf die
außerordentliche volkswirtschaftliche Bedeutung
einer einwandfreien Ernährung ist der Verkehr
mit Nahrungs- und Genußmitteln gesetzlich ge-
regelt worden. Die für Wein, Butter u. a. er-
lassenen Sondergesetze sind in besonderen Ka-
piteln besprochen worden. Es seien daher hier
nur einige Mitteilungen über das allgemeine
Gesetz betr. den Verkehr mit Nahrungsmitteln,
Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen vom
14. Mai 1879 angefügt. Nach § 10 dieses Ge-
setzes ist es verboten, Nahrungs- und Genuß-
mittel zum Zwecke der Täuschung im Handel
und Verkehr nachzumachen oder zu verfälschen
sowie verdorbene, verfälschte oder nachgemachte
Nahrungsmittel untef Verschweigung dieses Um-
standes zu verkaufen oder unter einer zur Täu-
schung geeigneten Bezeichnuttg feilzuhalten. Als
verfälscht haben Nahrungsmittel ‘zu gelten,
welche durch Zusatz wertloser Stoffe oder durch
Entnahme wertvoller Bestandteile verschlechtert
worden sind, oder welchen der täuschende An-
schein einer besseren Beschaffenheit verliehen
worden ist. Ein Zusatz von Wasser zu Milch
oder Bier ist also ebensowohl eine Verfälschung,
als die Abrahmung von Milch oder das Auslesen
der besten Teile einer Rohdroge (Pfeffer) in
der Absicht, den Rückstand als normalen Pfeffer
        <pb n="298" />
        ﻿



,1 . JL

Nalizin

292

Naphthol

zu verkaufen. Eine Verfälschung liegt aber
auch vor, wenn man Wassernudeln durch Zu-
satz von gelber Farbe den Anschein von Eier-
nudeln, blassem Himbeersirup durch Rotfärbung
das Aussehen bester Ware, blauer Milch durch
Mehlzusatz den Anschein höheren Fettgehaltes
verleiht. Nachgemacht sind die Erzeugnisse,
welche auf künstlichem Wege nachgebildet sind,
nur den Schein, aber nicht das Wesen und den
Gehalt der echten Ware haben, also z. B.
Zitronensaft, der aus Zitronensäure, Essenzen,
Zucker und gelber Farbe hergestellt worden ist.
Verfälschte und nachgemachte Nahrungsmittel
dürfen nur dann in den Verkehr gebracht
werden, wenn ihre Bezeichnung jeden Käufer
über diesen Tatbestand aufklärt. Dasselbe gilt
vom Verkaufe verdorbener Waren, die infolge
einer Verunreinigung oder der Tätigkeit von
Mikroorganismen in teilweise Zersetzung über-
gegangen sind, also ranziger Butter, saurem
Bier, madigem Käse, Falls aber die Zersetzung
so weit vorgeschritten ist, daß die Nahrungs-
mittel gesundheitsschädlich zu wirken vermögen,
wie z. B. faules Fleisch, oder falls sie direkte
Gifte enthalten, ist der Verkauf nach § 12 auch
unter Kennzeichnung verboten. Zur Überwachung
der gesetzlichen Bestimmungen ist der Polizei
das Recht eingeräumt worden, während der
üblichen Geschäftsstunden in die Verkaufsräume
einzutreten und hier nach ihrer Wahl gegen
Bezahlung Proben zum Zweck der amtlichen
Untersuchung zu entnehmen. Nähere Angaben
über die bei einzelnen Nahrungsmitteln beob-
achteten Verfälschungen finden sich in den betr.
Abschnitten.

Nalizin, eine Mischung von Nitroglyzerin,,
Thymol, Formaldehyd, Karbolsäure, Kochsalz,
Kokain und verd. Spiritus, findet in der Zahn-
heilkunde als lokales Anästhetikum Anwendung.

Nanking (frz. Nanquin), ein chinesischer Stoff,
ist ein leinenartiges Baumwollgewebe von
stärkerem Glanz als Kattun, das früher zu
Sommerkleidern sehr beliebt war und wegen
der Echtheit seiner gelbrötlichen Farbe, die sich
durch Waschen sogar noch verschönerte, ge-
schätzt wurde. Das Nankinggelb ist an sich eine
Naturfarbe, da die Stammpflanze, Gossypium
religiosum, gelbe Wolle trägt, doch wird auch
die naturgelbe Faser noch nachgefärbt, weil die
ursprüngliche Farbe zu grell ist. Die in China
durch künstliche Gelbfärbung weißer Baum-
wollzeuge hergestellten N. zeigen geringe Echt-
heit. Spätere Nachahmungen der Ware in
Europa, die besonders in Sachsen und Böhmen
durch Färbung weißer Stoffe mit Eisenchlorid-
lösung hergestellt wurden, zeigten meist Ab-
weichungen im Farbenton, an denen sie leicht
zu erkennen waren sowie geringe Farbechtheit
und Haltbarkeit. Schließlich wurde der Name
N. auch auf anders gefärbte graue, grüne und
blaue Stoffe, die sowohl gestreift, geflammt,
gemustert als auch meliert waren, übertragen.
Zurzeit hat der Bezug der chinesischen Ware
so gut wie aufgehört, und auch an Stelle der
europäischen Erzeugnisse sind schönere Stoffe
mit anderen Namen getreten..

Naphtha ist eine alte Bezeichnung für ver-
schiedene Ätherarten, also Schwefelnaphtha
(N. vjlrioli) für Äther oder Schwefeläther,

Essignaphtha (N. aceti) für Essigäther.
Außerdem wird sie für die hellste Sorte Petro-
leum und die zuerst übergehenden, leicht ent-
zündlichen Petroleumdestillate benutzt. — Sol-
vent-Naphtha ist Schwerbenzol (siehe
Benzol).

Naphthalin (Naphthylhy drür, Stein-
kohlenkampfer, frz. und engl. Naphthaline) J
ist ein fester Kohlenwasserstoff, C10H8, der
sich bei der trockenen Destillation verschiedener
organischer Körper bildet und daher vor allem
im Steinkohlenteer enthalten ist. Hauptsäch-
lich findet es sich in den bei 180—2300 über-
gehenden Anteilen des schweren Teeröls, aus
denen es sich beim Abkühlen als eine butter-
artige kristallinische Masse ausscheidet. Zur
Reindarstellung werden die Kristalle abgepreßt,
darauf mit Natronlauge, weiter mit Schwefel-
säure unter Zusatz von etwas Braunstein be-
handelt, mit Wasser gewaschen und schließlich
sublimiert. Das reine N. bildet glänzendweiße
tafelförmige Kristalle von starkem betäubenden
Geruch. Es schmilzt bei 79 °, siedet bei 217 I
bis 218° und hat ein spez. Gew. von 1,152.
Weingeist, Äther, Schwefelkohlenstoff, äthe- I
rische und fette Öle lösen N. auf, hingegen ist I
es in^Wasser unlöslich. N. kann mit Wasser- I
dampl leicht überdestilliert werden, verflüchtigt I
sich aber auch schon bei gewöhnlicher Tempe- I
ratur und muß daher in gut verschlossenen I
Glas- oder Blechgefäßen aufbewahrt werden. — I
N. findet ausgedehnte medizinische Anwendung
gegen Krätze und Hautkrankheiten, sowie inner-
lich bei Erkrankung der Atmungsorgane und
gegen Spulwürmer. Für die Technik bildet es i
das unentbehrliche Ausgangsmaterial zur Dar- j
Stellung der Phtalsäure, welche wiederum zur I
Darstellung der Benzoesäure und der präch-
tigen Resorzinfarben (Fluoreszein, Eosin) dient, I
ferner der Naphthalinfarben: Bordeaux, Pon- 1
ceau, Orange, Naphthalingelb und zahlreicher
organischer Verbindungen, Naphthol, Naphthyl-
amin usw. Auf seiner Giftigkeit für niedere Tiere I
beruht die Anwendung als Mottenpulver, zum I
Konservieren von Herbarien und Insektensamro- I
lungen. Wegen seines hohen Kohlenstoffgehalts
benutzt man es zum Karburieren des Leucht- j
gases.

Naphthensäuren, der Hexahydrobenzoesäure I
CgH^.COOH isomere organische Säuren, die I
sich im russischen Petroleum vorfinden, werden
in Form ihrer Natriumsalze als Seifenersatz I
empfohlen.

Naphthol. Diesen Namen führen zwei orga- j
nische Verbindungen von gleicher empirischer
Zusammensetzung, C10H7OH, aber verschiede-
nen Eigenschaften, welche durch die Bezeich-
nung a und ß unterschieden werden. Da5 |
Alphanaphthol besteht aus farblosen Kristall'
nadeln von kreosotähnlichern Gerüche, die bel |
940 C. schmelzen, in kaltem Wasser beinahe
unlöslich sind und sich in heißem Wasser,
nur wenig, dagegen leicht in Alkohol und 111
Äther lösen. Betanaphthol bildet kleine, färb'
lose, glänzende, nahezu geruchlose Kristall'
blättchen, die erst bei 1220 C schmelzen. Beide
Naphthole stehen zu dem Naphthalin in ein eh1 j
ähnlichen Verhältnisse, wie das Phenol (Karboj'
säure) zu dem Benzol, und sind als alkohol' |



i
        <pb n="299" />
        ﻿Naphtholgelb

293

Natrium

artige Körper der’Naphthalinreihe anzusprechen.
Sie werden durch Behandlung der Naphthalin-
sulfosäure (erhalten durch Einwirkung von
Schwefelsäure auf Naphthalin) mit schmelzen-
dem Ätzkali gewonnen und dienen zur Herstel-
lung verschiedener Naphthalinfarben. DasBeta-
naphthol findet neuerdings auch medizinische
Verwendung als Antiseptikum, während die
Alphaverbindung ein wichtiges Reagens auf
Zucker ist.

Naphtholgelb. Diesen Namen führen zwei
verschiedene Teerfarbstoffe, einesteils das
Martiusgelb (s. d.), andernteils das Natron-
oder Kalisalz der aus diesem dargestellten
Sulfosäure (Naphtholgelb S). Das letztere
ist bekannter unter dem Namen Säuregelb.

Naphfholgrün, ein seit 1883 bekannter Teer-
farbstoff, besteht aus dem Eisenoxydulnatron-
salze der Nitrosobetanaphtholmonosulfosäure.
Es bildet ein dunkelgrünes, in Wasser lösliches
Pulver, das beim Erhitzen auf Platinblech einen
Rückstand von Schwefeleisen hinterläßt, und
wird zuweilen zum Färben von Wolle benutzt.

Naphtholschwarz, ein blauschwarzes, in Wasser
tnit violetter Farbe lösliches Pulver, das Wolle
&gt;n sauerem Bade blauschwarz färbt, besteht
aus dem Natronsalze der Amidoazonaphthalin-
disulfosäureazobetanaphtholdisulfosäure, enthält
aber stets etwas Naphtholgrün beigemengt.

Naphthorubin, ein zur Gruppe der Azofarben
gehöriger Teerfarbstoff, bildet ein braunes,
]n Wasser mit fuchsinroter Farbe lösliches Pul-
ver und wird zum Rotfärben von Wolle ver-
wendet. Es besteht aus dem Natronsalze der
Älphanaphthylaminazoalphanaphtholdisulfosäure.

Naphthylamin (Naphthalidin), eine stick-
stoffhaltige, zu den Monaminen gehörige
organische Base, C10H7 . NH2, die als Aus-
Sangsmaterial zur Bereitung verschiedener
Naphthalinfarben große technische Bedeutung
hat, wird in ähnlicher Weise aus dem Naph-
talin dargestellt, wie das Phenylamin (Anilin)
a«s dem Benzol, indem man zunächst Nitro-
naphthalin bildet und dieses durch eine
Wasserstoff entwickelnde Mischung reduziert.
*-*as N. bildet feine weiße Kristallnadeln von
anangenehmem Geruch, die bei5o°C schmel-
?en und bei 3000 C unverändert sieden. In
Wasser ist das N. beinahe unlöslich, löslich da-
Spgen in Alkohol und in Äther. Mit Säuren
bildet es die Naphthylaminsalze, die leicht
büd gut kristallisierbar sind, eine weiße Farbe
haben, aber an der Luft leicht rot werden.

.Narasfrucht ist die Frucht der zu den Kukur-
bitazeen gehörenden Naraspflanze Acan-
tosicyos horrida Welw., die in Südwest-
|*ika in 1—ix/2 m. hohenHecken oder kugligen
bträuchem dieDünen der Walfischbai bedeckt.
;Jie armdicke, bis zu 25 m lange Wurzel haftet
test im Sande, idie dornigengrünenRanken tragen
^kümmerte, bald abfallende Blättchen. Die
kUglige, bis zu 1,5 kg schwere Frucht, die sich
die Apfelsinen in 10 Längsschnitte zerlegen
aßL ist in unreifem Zustande gallenbitter, be-
s«zt aber zur Zeit der Reife ein gelbliches,
^ückerreiches, sehr wohlschmeckendes Fleisch
atJd bildet die Hauptnahrung der Baihotten-
°hen. Die sehr genügsame Pflanze würde sich

bei geregeltem Plantagenbetrieb zur industriellen
Verwertung eignen.

Narkotin (Opian, Derosnesches Salz, lat.
Narcotinum, frz. und engl. Narcotine), eines der
zahlreichen, im Opium enthaltenen Alkaloide,
das medizinisch nur selten angewandt wird, be-
steht aus farblosen, geruch- und geschmack-
losen, perlglänzenden Kristallnadeln, die in kal-
tem Wasser fast unlöslich, in kochendem wenig,
reichlicher in Alkohol löslich sind. Das N. wirkt
weniger giftig als die übrigen Opiumbasen.

Narze'fn (lat. Narceinum, frz. und engl. Nar-
ceine), ein in dem Opium und den reifen
Kapseln des blausamigen Mohns enthaltenes
giftiges Alkaloid, wird vielfach medizinisch ver-
ordnet, da es eine stärkere schlafbringende und
schmerzstillende Wirkung als das Morphium
hat, ohne die unangenehmen Nebenwirkungen
des letzteren zu besitzen. Man erhält es als
leichte, voluminöse Masse, die aus farblosen,
seideglänzenden, nadelförmigen Kristallen be-
steht. Es ist geruchlos und von bitterem Ge-
schmack, löst sich schwer in kaltem, leicht in
siedendem Wasser und schmilzt bei 160 bis
165° C unter beginnender Zersetzung. Außer
dem reinen N. hat man im Chemikalienhandel
noch schwefelsaures N. (Narzeinsulfat,
lat, Narceinum sulfuricum) und salzsaures N.
(Narzeinchlorhydrat, N arzeänchlor-
wasserstoff, lat. Narceinum hydrochloricum).

Natrium (Sodium) ist ein metallisches Ele-
ment, Na = 23, welches wie das nahe verwandte
Kalium nicht in freiem Zustande in der Natur
vorkommt, in Form seiner Verbindungen aber
außerordentlich verbreitet ist. In Gemeinschaft
mit Kieselsäure und Tonerde bildet es einen
Bestandteil vieler Mineralien und kristallisierter
Gesteine (Natronfeldspat). An Chlor gebunden
findet es sich in ungeheuren Mengen als Koch-
salz, an Salpetersäure gebunden als Chilesal-
peter, an Schwefelsäure gebunden als Glauber-
salz. Die Darstellung des metallischen N. er-
folg^ in analoger Weise wie diejenige des
Kaliüms. Soda (Natriumkarbonat) wird mit
Kreide und Steinkohle in eisernen Rohren zur
Weißglut erhitzt, wobei das Metall in Dampf-
form übergeht und sich in der Vorlage unter
Steinöl verdichtet. Bei weit niedrigerer Tem-
peratur verläuft der Prozeß, wenn man das N,-
Karbonat durch das Hydroxyd ersetzt. An
Stelle der Kohle hat man mit Erfolg verschie-
dene andere Reduktionsmittel wie Eisenkarbid
oder Kalziumkarbid angewandt, auch kann man
das N. direkt aus einem Gemisch von Fluor-
natrium mit Kalziumkarbid oder Aluminium ab-
destillieren. Zurzeit dürfte das meiste N. durch
Elektrolyse von N.-Hydroxyd gewonnen werden.
Das N. ist silberweiß, weicher als Wachs und
daher bei gewöhnlicher Temperatur knet- und
schneidbar. An feuchter, nicht an trockner Luft
bedeckt es sich unter Aufnahme von Wasser-
stoff und Sauerstoff mit einer weißlichen Kruste
von N.-Hydroxyd. Das Metall schwimmt auf
Wasser, indem es unter Entwicklung von Wasser-
stoff in Hydroxyd übergeht. Die Reaktions-
wärme ist aber nicht so hoch wie beim Kalium
und reicht nicht zur Entzündung des Wasser-
stoffs aus. Das N. wie seine Verbindungen
verleihen der nichtleuchtenden Flamme des
        <pb n="300" />
        ﻿Natriumazetat

294

N atriumhy droxyd

Bunsenbrenners eine gelbe Farbe und erzeugen
im Spektrum bei der Linie D eine gelbe Bande.
N. wurde früher in großer Menge zur Dar-
stellung des metallischen Magnesiums und Alu-
miniums benutzt, jedoch hat der Verbrauch für
diesen Zweck in letzter Zeit sehr nachgelassen,
seitdem das Aluminium meist auf dem Wege
der Elektrolyse gewonnen wird. Um so größere
Bedeutung hat es hingegen für die chemische
Analyse und wird daher von den Laboratorien
viel verbraucht. In Verbindung mit Quecksilber
als Natriumamalgam dient es zur Extrak-
tion des Goldes aus dem pulverisierten Gestein
sowie zum Vergolden und Versilbern von Me-
tallen.

Natriumazetat (essigsaures Natron oder
Natrium, lat. Natrium aceticum, frz. Acetate
de soude, engl. Sodium acetate) wird wie das
entsprechende Kalziumsalz aus rohem Holzessig
durch Neutralisieren mit kohlensaurem Natron
oder durch Umsetzung des essigsauren Kal-
ziums mit Natriumsulfat, Eindampfen der Lö-
sung zur Trockne und schwaches Glühen des
Rückstandes dargestellt. Es bildet große Stücke
von blättrig-kristallinischem Bruch, die infolge
eines geringen Kohlenstoffgehaltes grau er-
scheinen und zu denselben Zwecken wie das
Kalziumazetat benutzt werden. Durch Um-
kristallisieren dieses rohen Salzes erhält man
ein halb gereinigtes weißes, Rot salz genannt,
weil es in der Rotfärberei Anwendung findet.
Chemisch reines N., CH3 . C00Na-(-3H20,
entsteht bei Verwendung reiner Essigsäure in
Form kleiner nadelförmiger Kristalle, die sich
leicht in Wasser lösen und als analytisches
Reagens sowie als Mittel gegen Magen- und
Darmleiden und als Bestandteil der Tonbäder
in der Photographie verwandt werden. Eine
besonders interessante Verwendung des rohen
kristallisierten N. beruht noch auf der Eigen-
schaft des in seinem Kristallwasser geschmol-
zenen Salzes, viermal soviel Wärme aufzu-
speichern und allmählich wieder abzugeben, wie
ein gleiches Volum Wasser. Man hat vorge-
schlagen, diese Eigenschaft zur Heizung von
Straßenbahnwagen zu verwerten.

Natriumbikarbonat (doppeltkohlensaures
Natron, lat. Natrium bicarbonicum, frz. Bi-
carbonate de soude, engl. Sodii bicarbonas),
NaHCOj, findet sich gelöst in dem Wasser
zahlreicher alkalischer Säuerlinge und entsteht
in ungeheuren Mengen als Zwischenprodukt
beim Solvayschen Ammoniaksodaprozeß. Die-
ses Natrium bicarbonicum venale seu
technipum kann aber wegen seines Gehalts
an Ammonium- und Natriumkarbonat nur
für technische Zwecke benutzt werden. Die
Darstellung des reinen N. erfolgt in der Weise,
daß man Soda in konzentrierter wäßriger Lö-
sung mit Kohlensäure sättigt, worauf das
schwerer lösliche Bikarbonat auskristallisiert.
Oder man behandelt Soda mit Kohlensäure und
Wasserdampf bei So», wäscht das Salz nach
der Entferr^tmg der Mutterlauge und trocknet
es bei gelinder Wärme im Kohlensäurestrom.
Das N. erscheint im Handel in Form kleiner
farbloser Kristalle oder weißer kristallinischer
Krusten vom spez. Gew. 2,220. Es besitzt einen
sehr schwach alkalischen Geschmack und löst

sich in 12—13 Teilen kaltem Wasser, aber nicht
in Alkohol. Das Salz enthält 52,40/0 Kohlen-
säure, die aber schon bei gewöhnlicher Tempe-
ratur teilweise entweicht. Beim Erhitzen auf
350—4000 C hinterbleibt Natriummonokarbonat
(Soda). Zur Vermeidung von Zersetzungen
muß es daher vor feuchter Luft geschützt und
kühl aufbewahrt werden. Das reine N. dient
in der Pharmazie zur Herstellung von Magen- ]
pulvern gegen Säure sowie von Mund- und
Gurgelwässern, zu Inhalatiorien bei Erkrankun-
gen der Atmungsorgane, gegen Harnsäure,
Gicht und Rheumatismus, als Bestandteil des
Brausepulvers, zur Herstellung von Backpulver
usw. Das technische Salz findet Anwendung
zum Entschälen der Seide und zum Waschen
der Wolle.

Natriumchlorat (chlorsaures Natrium, lat.
Natrium chloricum, frz. Chlorate de soude, engl.
Sodium chlorate), NaC10s, wird durch Behand-
lung von Kaliumchlorat mit saurem weinsauren
Natron oder neuerdings durch Elektrolyse her-
gestellt als eine dem Kaliumchlorat ganz ana- 1
löge und wie dieses verwertbare Verbindung

Natriumchlorid (Chlornatrium, frz. Natrium
chloratum, Natrium muriaticum, frz. Chlorure |
de sodium purifiö, engl, Chloride of sodium),
das chemisch reine Kochsalz (s. d.), kristallisiert
in Würfeln und findet in der analytischen Che- I
mie beschränkte Anwendung.

Natriumchromat und Natriumdichromat,
Na2Cr04 und Na2Cr207, verhalten sich den ent-
sprechenden Kaliumverbindungen ganz analog j
und finden in der Technik als billigerer Ersatz ,i
des Kaliumchromates (s. ü.) Anwendung.

Natriumhydroxyd (Natronhydrat, Ätz-
natron, lat. Natrium hydricum, Natrium cau-
sticum, frz. Soude caustique, engl. Sodium
hydroxide), NaOH, ist, seinem Aussehen und •
chemischen Verhalten nach, dem Kaliumhydro- j
xyd ganz analog und wird nach demselben
Verfahren wie dieses dargestellt, indem man
statt von der Pottasche, von der Soda und den
anderen entsprechenden Natrium Verbindungen j
ausgeht. In reinster Form entsteht es bei der
Einwirkung von metallischem Natrium auf
Wasser oder beim Kochen von Sodalösung mit
Ätzkalk. Für den Großbetrieb bedient man sich
des Leblanc-Sodaprozesses, nach welchem
Natriumsulfat und Kalkstein mit Kohle geglüht
wird. Zum Unterschiede von der Sodafabrika-
tion verwendet man hier aber einen größeren
Überschuß an Kohle und laugt mit mehr und
wärmerem Wasser von 500 aus. Das entstan-
dene N. wird von der Soda und den anderen
Beimengungen durch fraktioniertes Eindampfen
befreit und durch Glühen mit etwas Salpeter
entfärbt. Oder man läßt Eisenoxyd bei hoher
Temperatur auf Soda einwirken, wobei die
Kohlensäure ausgetrieben wird. Hierbei ent-
stehen keinerlei Nebenprodukte, und das durch
Auslaugen vom N. befreite Eisenoxyd kan»
ebenso wie die entweichende Kohlensäure so-
fort wieder benutzt werden. Von den neueren
Verfahren scheint die Elektrolyse des Koch-
salzes die größte Bedeutung zu haben. Das N-
ist eine weiße, in der Hitze schmelzbare
Masse, die aus der Luft begierig Wasser und
Kohlensäure anzieht und sich in Wasser unter
        <pb n="301" />
        ﻿Natriumhydrosulfit

295

Natriumsulfit

starker Erwärmung leicht löst, aber auch in
Alkohol löslich ist. Es kommt in harten Stücken,
in Stengeln oder in Pulverform in verschiede-
ner Reinheit in den Handel und muß in gut
verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden.
Auch die wäßrige Lösung, die Natronlauge
oder Ätznatronlauge (lat. Liquor natri cau-
stici, frz. Soude caustique liquide, engl. Solu-
tion of sodium hydroxide) bildet eine Handels-
ware. Die farblose ätzende Flüssigkeit besitzt
stark alkalische Reaktion, macht die Haut
schlüpfrig und wird nach dem spez. Gew.
(Graden Baumö) verkauft. — N. wird haupt-
sächlich in der Seifensiederei, ferner bei der
Herstellung von Farbstoffen, Salizylsäure und
anderen Chemikalien, zum Raffinieren von
Petroleum und zur Darstellung von Wasserglas
in ungeheuren Mengen verbraucht. Es hat vor
dem Kali den Vorzug des geringeren Preises
qnd übt wegen seines niedrigeren Äquivalent-
gewichts eine energischere Wirkung aus. Für'
gewisse Zwecke, z. B. zur Herstellung von
Schmierseife, kann es jedoch das Kali nicht er-
setzen.

Natriumhydrosulfit (Hydrosulfit) wird durch
Behandlung von saurem schwefligsaurem Na-
trium mit Zinkstaub und schwefliger Säure in
form farbloser Prismen von der Formel
Na2S2Oj-f-2H20 erhalten und findet in der
Färberei und Druckerei, besonders zur Reduk-
tion von Indigo, mannigfache Anwendung.

Natriumjodid (Jodnatrium, lat. Natrium
jodatum, frz. Jodure de; sodium, engl. Sodium
jodide), NaJ, wird wie die entsprechende Kalium-
verbindung hergestellt und verhält sich dieser
ganz analog. Es ist in Wasser noch leichter
löslich als das Kaliumjodid, löst sich auch leicht
•n Alkohol und zerfließt an der Luft. N. findet
medizinische Anwendung wie das Kaliumjodid,
zeigt aber nicht die unangenehme Herzwirkung
des letzteren.

Natriumperborat (Natriumhyperborat,
überborsaures Natrium, .Perborax, lat.
Natrium perboricum, frz. Perborate de soude,
etlgl. Perborate of soda) entsteht beim Ein-
lagen eines Gemisches von 248 g Borsäure und

g Natriumsuperoxyd in 2 kg kaltes Wasser
Jü Form farbloser Kristalle von der Formel
Na2B4Os -f- ioH20, die bei So0 getrocknet wer-
den können. Wird die Lösung des Perborates
°der das Gemisch von Borsäure Und Natrium-
superoxyd hingegen mit soviel Schwefelsäure
°der Salzsäure versetzt, wie der Hälfte des vor-
handenen Natriumsuperoxyds entspricht, so
"tistallisiert eine Verbindung mit vier Molekülen
Jasser aus, das Natriummetaperborat,
j 5^F)3-)-4H20. Das N. spaltet in wäßriger
Fqsung sowohl bei gewöhnlicher Temperatur
auch beim Erhitzen, besonders aber auf
Zusatz von Säuren aktiven Sauerstoff ab und
ymhält sich dann wie Wasserstoffsuperoxyd.
h-s wird wegen seiner antiseptischen Eigen-
schaften bei der Wundbehandlung und neuer-
dlrigs auch zur Herstellung bleichender Wasch-
mittel (Peroborin, Persil) benutzt.

,, Natriumperkarbonat (überkohlensaures
jatrium, lat.Natrium percarbonicum),NajCO^,
htsteht bei der Behandlung von Soda mit

nsserstoffsuperoxyd oder von Natriumsuper-

oxyd mit Kohlensäure. Wegen seines Gehaltes
an freiem Sauerstoff wirkt es bleichend.

Natriumpersulfat (überschwefelsaures
Natrium, lat. Natrium persulfuricum) entsteht
bei der Elektrolyse von Natriumsulfat und
Schwefelsäure als ein weißes wasserlösliches
Kristallpulver, Na2S2Og, das in saurer Lösung
leicht freien Sauerstoff abspaltet und daher als
Desinfektions- und Bleichmittel Anwendung
findet.

Natriumphosphat (phosphorsaures Na-
trium, Perlsalz, lat. Natrium phosphoricum,
frz. Phosphate de soude, engl. Phosphate of
soda). Von den verschiedenen Verbindungen
der Phosphorsäure mit Natrium, welche den
entsprechenden Kaliumsalzen ganz analog sind,
hat nur das sekundäre, auch gewöhnliche
genannte N. eine praktische Bedeutung. Es ent-
steht beim Einträgen von Natriumkarbonat in
erwärmte Phosphorsäure bis zur schwach alka-
lischen Reaktion, oder durch Umsetzung von
Kalziumphosphat mit Natriumsulfat und nach-
folgenden Zusatz von Natriumkarbonat. Fabrik-
mäßig wird es durch Behandlung von Knochen-
asche mit Schwefelsäure und Umwandlung des
Kalziumphosphates mit Soda hergestellt, oder
indem man Phosphorite in Salzsäure löst, die
Phosphate mit Kalk fällt und dann mit Natron-
lauge kocht. N. bildet große farblose, klare,
aber leicht verwitternde Kristalle von der Formel
Na2HP04-(-I2H20, die in Wasser leicht löslich
sind und alkalisch reagieren. Es wird als Beize
in der Zeugdruckerei und Färberei, ferner zur
Herstellung von Glasuren und als Lötmittel be-
nutzt. Das chemisch reine, namentlich von
Arsen, Schwefelsäure und Chlor freie Salz fin-
det medizinische Anwendung als mildes Ab-
führmittel. Für ersteren' Zweck muß es völlig
rein sein und namentlich auf Verunreinigungen
durch Arsen, Schwefelsäure und Chlor geprüft
werden.

Natriumsulfit (schwefligsaures Natrium,
lat. Natrium sulfurosum, frz. Sulfite de soude,
engl. Sulfite of soda). Wie mit Kalk, bildet die
schweflige Säure auch mit Natron zwei Ver-
bindungen. Das neutrale oder einfach saure
N. entsteht, wenn man eine Sodalösung mit
schwefliger Säure sättigt und darauf die gleiche
Menge Sodalösung hinzugibt, oder wenn man
schweflige Säure über angefeuchtete Kristall-
soda leitet und das entstehende saure Salz mit
Soda neutralisiert. Nach einem neueren Ver-
fahren wird es auch technisch durch Behand-
lung gerösteter Zinkerze mit schwefliger Säure
und folgende Umsetzung mit Kochsalz dar-
gestellt. Das Salz kristallisiert mit 7 Molekülen
Wasser, Na2SOs -j- 7H2G, verwittert aber leicht
und ist in Wasser mit alkalischer Reaktion lös-
lich. Es dient in der Technik als Antichlor,
in der Photographie, sowie als Desinfek-
tions- und Konservierungsmittel, ist aber
zum Konservieren von Fleisch verboten. — Das
saure N. (Natriumbisulfit, lat. Natrium bi-
sulfurosum, frz. Bisulfite de soude, engl. Bisul-
fite of soda) wird beim Sättigen von Soda-
lösung oder von Kristallsoda mit Schweflig-
säuregas erhaltet! in Form undurchsichtiger
Kristalle, NaHS03, die stark nach schwefliger
Säure riechen und in Wasser und 900/oigem
        <pb n="302" />
        ﻿Alkohol löslich sind. Es wird medizinisch gegen
Diphtherie und Hautkrankheiten angewandt.
Die Technik benutzt es, besonders auch in wäß-
riger Lösung (Leukogen, Sulfitlauge), als
Antiseptikum, als Konservierungs- und Bleich-
mittel sowie zu photographischen Zwecken,

Natriumsuperoxyd (Natriumperoxyd, lat.
Natrium superoxydatum, frz. Peroxide de soude,
engl. Peroxide of soda), Na202, wird durch Er-
hitzen von metallischem Natrium in einem
Strome trockener Luft oder durch Glühen von
Magnesiumoxyd mit Natriumnitrat als ein feines
hellgelbes Pulver hergestellt. Es gibt mit Wasser
eine alkalisch reagierende Lösung, die sich wie
freies Wasserstoffsuperoxyd verhält und stark
bleichend wirkt. Das N. ist ein außerordentlich
energisch wirkendes Aufschließungsmittel für
organische und anorganische Körper und findet
daher in der Analyse vielfache Anwendung, muß
aber wegen der bisweilen auftretenden Explo-
sionen mit Vorsicht benutzt werden. Wegen
seiner stark bleichenden Eigenschaften diente
es zur Herstellung verschiedener Waschmittel
(Ding an sich, Mach’s allein), deren An-
wendung aber zu Beschädigungen der Wäsche
führen kann, und die daher schon wieder zum
großen Teil aus dem Handel verschwunden
sind (s. Waschmittel).

N atriumthiosulf at (unterschwefligsaures
Natrium, Natriumhyposulfit, Natrium-
dithionat, lat. Natrium thiosulfuricum, hypo-
sulfurosum, subsulfurosum, frz. Hyposulfite de
soude, engl. Hyposulfite of soda) entsteht beim
Einleiten von schwefliger Säure in ein Gemisch
von Sodalösung und Schwefelblumen oder in
eine siedende Auflösung von Schwefel in Na-
tronlauge. Die fabrikmäßige Darstellung beruht
auf der Verarbeitung der Rückstände der Soda-
fabriken, aus denen die Soda ausgelaugt wor-
den ist. Man breitet sie einige Tage an der
Luft aus, wobei die darin enthaltene Kalk-
schwefelleber in unterschwefligsaures Kalzium
übergeht, zieht letzteres mit Wasser aus und
versetzt die eingedampfte Lösung mit Natrium-
sulfat. Das ausgeschiedene N., Na2S203, bildet
wasserhelle, dem Glaubersalz ähnlich aus-
sehende und schmeckende Kristalle, welche
5 Moleküle Kristallwasser enthalten und in
Wasser leicht löslich sind. Reines Salz hält sich
an der Luft trocken, während unreines feucht
wird. Auf Zusatz von stärkeren Säuren ent-
wickelt die Lösung schweflige Säure unter mil-
chiger Trübung durch Schwefel. N. dient als
Antichlor, ferner zur Darstellung von Ton-
erdebeizen für den Zeugdruck, zur Extraktion
des Silbers aus den mit Kochsalz gerösteten
Erzen, zur Auflösung von Zyangold und -silber
bei galvanischer Vergoldung und Versilberung,
als photographisches Fixiermittel, zur Fabrika-
tion von Antimonzinnober, Aldehydgrün und als
Bleichmittel.

Natronkalk (lat. Natrium hydricum e calce)
nennt man ein Gemisch von Natrium- und Kal-
ziumhydroxyd, das durch Glühen eines Ge-
misches von Ätznatron mit gelöschtem Kalk dar-
gestellt wird. Die gepulverte oder grob ge-
körnte Masse zieht aus der Luft begierig
Wasser und Kohlensäure an und muß daher in
gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden.

Sie findet in der chemischen Analyse zur Be-
stimmung des Stickstoffs und zur Absorption
der Kohlensäure ausgedehnte Anwendung.

Neapelgelb, eine schöne und beständige hell-
oder hochgelbe Mineralfarbe, die für die Öl-
und Schmelzmalerei benutzt wird, besteht aus
antimonsaurem Bleioxyd und wird durch
vorsichtiges Schmelzen von Brechweinstein mit
Bleinitrat und Kochsalz und Entfernung der lös-
lichen Salze mit Wasser, oder durch Ver-
mischen der Lösungen von antimonsaurem Kalk
mit Bleinitrat und nachfolgendes Glühen dar-
gestcllt.

Negativlacke dienen dazu, die photographi-
schen Platten vor Verletzungen zu schützen.
Man unterscheidet N., die warm aufgetragen
werden müssen, da sie sonst milchigen Schleier
abgeben, und kalt aufzutragende N. Zu erste-
ren gehören die spirituösen Auflösungen von
Schellack, Sandarak, oft unter Zusatz von etwas
Rizinusöl. Zu letzteren rechnet man die so-
genannten Zaponlacke (s. d.). Das Lackieren
hat in jedem Falle vor dem Abschwächen oder
Verstärken der Platten zu geschehen.

Nekfarinen (frz. Nectarines) nennt man die-
jenigen Pfirsichsorten, die eine glatte Ober-
haut (ohne Behaarung) und ein vom Stein leicht
lösbares Fleisch besitzen. Glatte Früchte mit
vom Stein schwer löslichem Fleisch heißen
Brugnolen oder Brugnons. Vergl. ferner
Pfirsiche.

Nelkenöl (lat. Oleum caryophyllorum, frz.
Essence de girofle, engl. Oil of cloves), das
ätherische Öl der Gewürznelken, wird durch
Destillation mit Wasserdämpfen gewonnen als
ein in frischem Zustande farbloses bis hell-
gelbes, mit der Zeit aber braun werdendes Öl
von brennend scharfem Geschmack und feinem
Nelkengeruch. Es ist schwerer als Wasser, vom
spez. Gew. 1,043—1,070, siedet bei 250—2609
und dreht die Ebene des polarisierten Lichtes
schwach links. In 1—2 Teilen 70 0/0 igem Alkohol
muß gutes N. sich klar lösen und beim Schütteln
mit konzentrierter Kalilauge eine kristallinische
Masse von Eugenolkalium liefern. In der al-
koholischen Lösung erzeugt Eisenchlorid eine
blaue Färbung. Das Nelkenöl besteht zu 78 bis
900/0 und darüber aus dem Phenol Eugenol,
von weiteren Bestandteilen seien genannt Azet-
eugenol, das Sesquiterpen Karyophyllen, Mc-
thylamylketon, Salizylsäuremethylester, Benzoe-
säuremethylester upd Vanillin. Eine Beimischung
des minderwertigen Nelkenstielöls erkennt
man an dem weniger feinen Geruch. N. dient
als Zusatz zu Parfüm, Arzneimitteln und Li-
kören sowie neuerdings in großen Mengen zur
Darstellung des synthetischen Vanillins.

Nelkenwurzel (lat. Radix caryophyllatae, frz-
Racine de caryophylle, engl. Avens root), ein
wichtiger Gegenstand des Drogenhandels, be-
steht aus dem ausdauernden Wurzelstock von
Geum urbanum, einer durch ganz Deutsch-
land an Zäunen, in Gebüschen und lichten Wäl-
dern wachsenden gelbblühenden Rosazee. Der
am unteren Ende abgestorbene Wurzelstock ist
höckerig, mit schwarzbraunen Schuppen be-
deckt und ringsum mit fadenförmigen Neben-
wurzeln besetzt. Die innen braunrote, dünne
Rinde umgibt ein gelblichweißes Holz mit blau-
        <pb n="303" />
        ﻿Nelkenzimt

297

Neunaugen

rötlichem Mark. Die frische Wurzel riecht
schwach nach Gewürznelken, verliert den Ge-
ruch indes beim Trocknen und schmeckt bitter
und zusammenziehend. Als wichtigste Bestand-
teile sind Gerbstoff, ätherisches Öl und Stärke
nachgewiesen worden. Verwendung findet die
N. bei Durchfällen und äußerlich als blutstillen-
des Mittel.

Nelkenzimt (lat. Cortex cassiae caryophyl-
latae, frz. Canelle, engl. Kaneel) nennt man die
Stammrinde von Dicypellium caryophylla-
tum, einem in Brasilien und Westindien wach-
senden, zur Familie der Laurineen gehörigen
Baume. Die Ware bildet zusammengerollte
Röhren, die der Hauptsache nach aus der glatten
rotbraunen Bastschicht bestehen und nur teil-
weise noch mit Außenrinde bedeckt sind. Der
Geruch und Geschmack erinnert zugleich an
Zimt und an Nelken. Man verwendet die
Rinde bei der Bereitung aromatischer Liköre.
Früher wurde sie auch als Heilmittel gebraucht.
Ihr Pulver dient außerdem zur Verfälschung
der Gewürznelken.

Nerolin ist der Handelsname für /J-Naphthol-
methyläther, C10H7.O.CH3, und ß-Naphthol-
äthyläther, C10H7OC2H6, die beide durch mehr-
stündiges Erhitzen von /J-Naphthol mit dem be-
treffenden Alkohol und konz. Schwefelsäure ge-
wonnen werden und dem Orangenblütenöl ähn-
lich riechen.

Nessel. Die Fasern verschiedener Nesselarten
werden zur Herstellung von Spinnfasern in
feinen Geweben (Nesseltuch) benutzt, so beson-
ders von Boehmeria (s. Chinagras, Ramie) in
China, von Urtica nivea und japonica in
Japan, von U. postulata in Nordamerika,
Mexiko, Kuba, Brasilien und Australien. Auch
Frankreich hat den Anbau von U. nivea in
Südfrankreich und Algier gefördert. In Deutsch-
land war die Verwendung der früher viel be-
nutzten Faser vonU. dioica, der gewöhnlichen
großen Brennessel, infolge der Einfuhr von
Baumwolle in den Hintergrund getreten, bis die
Abschneidung der überseeischen Zufuhr im
Kriege sie der Vergessenheit entriß. Nachdem
0- Richter ein brauchbares Verfahren zur Ab-
scheidung der Faser durch Aufschließung mit
Alkali und nachfolgende Behandlung mit Wal-
zen und Waschen erfunden hatte, setzte eine
lebhafte Sammeltätigkeit und auch planmäßiger
Anbau ein, der für mehrere Fabriken, u. a, in
Zschopau, ausreichendes Material lieferte. Die
gewonnene Faser, die in Menge von to kg
aus ioo kg frischer Nesselstengel gewonnen
wird, zeigt eine spezifische Festigkeit von 51,5
(Baumwolle 37,6) und einen wollartigen Cha-
rakter, der sie als Zusatz zu Wolle für Triko-
tagen, Möbelplüsch und Garne („Solidonia“)
geeignet erscheinen läßt. Zu einer völligen Ver-
drängung der Baumwolle wird ihre Menge aller-
dings nicht ausreichen, da der höchstmögliche
Anbau auf 1—1,2 Millionen Dz. geschätzt wird.

Nesselblüten (Taubnekselblüten, lat. Flores
laniii albi, s. urticae mortuae, frz. Fleurs ortie
rn°rte, engl. Nettle flowers) nennt man die
BJunienkronen der zu den Labiaten gehörigen
Taubnessel Lamium album. Die Blüten
werden ohne den Kelch gesammelt und finden
as blutreinigendes Mittel Verwendung,

Neublau (Waschblau). Das eigentliche N.
zum Blauen der Wäsche besteht aus Stärke,
die mit Indigkarmin gefärbt und in kleine
Täfelchen geformt ist. An seiner Stelle wird
fast nur noch künstlicher Ultramarin ange-
wandt, der mit heißem Wasser angerührt und
dem Blauwasser zugesetzt wird. Er ist hierzu
auch ganz geeignet, während Berlinerblau, das
ebenfalls bisweilen mit Stärke oder Kreide ge-
mischt als N. verkauft wird, ein starkes Ver-
gilben der Zeuge bewirkt. Berlinerblau ist
leicht daran erkennbar, daß es beim Kochen mit
Sodalösung seine Farbe verliert und braun wird.
Den Namen Neublau führt auch ein Teer-
farbstoff, der mit Echtblau (s. d.) iden-
tisch ist.

Neugelb nennt man verschiedene gelbe Teer-
farbstoffe, nämlich das Säuregelb D und
das gewöhnliche Säuregelb (Neugelb L),
ferner auch das Zitronin und Kurkumein
(s. d.) und das Flavaurin (s. d.).

Neukokzin. Diesen Namen führen zwei Azo-
farbstoffe. Der eine, auch Koschenille-
rot A und Brillantponceau (nicht zu ver-
wechseln mit einem anderen ebenso genannten
Farbstoff, s. Brillantponceau) genannte, besteht
aus dem Natronsalze der Naphthionsäureazo-
betanaphtholdisulfosäure und erscheint im Han-
del als scharlachrotes, in Wasser leicht lös-
liches Pulver. Der andere, auch Neukokzin R,
Kristallponceau 6 R genannt, besteht aus
dem Natronsalze der Alphanaphthylaminazo-
betanaphtholdisulfosäure und bildet schöne
braunrote Kristalle mit Goldglanz, die sich in
Wasser mit ponceauroter Farbe lösen. Beide
Farbstoffe färben Wolle im sauren Bade rot.

Neunaugen (Bricken, Pricken, Felsen-
sauger, frz. Lamproies, engl. Lambreys), die
bekannten Vertreter der Rundmäuler, aal-
artiger Tiere, die bisweilen zu den Fischen ge-
rechnet, bisweilen aber auch von ihnen getrennt
werden und durch den Saugmund charakteri-
siert sind, haben ihren sonderbaren Namen da-
her, daß man die sieben Kiemenlöcher, die auf
jeder Seite liegen, für Augen ansah und sich
noch dazu um zwei verzählte. Von den zwei
Arten: Flußbricke (Petromyzon fluviati-
lis) und große Seebricke oder Lamprete
(Petromyzon marinus), kann die erstere, die
gewöhnlich kaum fingerdick und höchstens
3 dm lang ist, bei gehöriger Schonung an 9 dm
lang werden. Die oben olivengrünen, am Bauche
silberweißen Fische haben ein sehr zähes Leben
und lassen sich daher auch, mit Schnee ver-
packt, lebendig weit versenden. Sie leben be-
sonders in den Flüssen Norddeutschlands, der
baltischen Ostseeprovinzen und Englands, hal-
ten sich im Sommer in der Tiefe auf, steigen
aber im Winter in die Höhe und werden dann
in der Weise gefangen, daß man Löcher in
das Eis haut und Birkenreisig hineinsteckt, an
das sie sich oft in Menge ansaugen. Die Tiere
werden ausgenommen, schwach geröstet oder
gebraten, mit Essig, Gewürzen und Lorbeer-
blättern eingelegt und in den bekannten Fäß-
chen von den preußischen Ostseestädten so-
wie von Bremen und Lüneburg in den Handel
gebracht. — Die Lamprete (P. marinus), die
in fast allen europäischen Meeren lebt, über
        <pb n="304" />
        ﻿Neutralblau

298

Nickelverbindungen

9 dm lang und armdick wird, ist grünlich, gelb
und braun marmoriert und mit zwei Rücken-
flossen versehen. Sie hat ein besonders weißes,
fettes und festes Fleisch und gilt als Delika-
tesse. Im Frühjahr geht der Fisch in den
. Flüssen und Nebenflüssen aufwärts und wird
dabei gefangen, am häufigsten in England und
der Bretagne. In geringerer Zahl kommt er
nach Deutschland in die Stromgebiete der Elbe,
Weser und des Rheins und gelangt dann in der
Regel frisch zum Verbrauch. Sonst ist seine
Zubereitung wie die der Flußbricken.

Neutralblau, ein seit 1882 im Handel vor-
kommender Teerfarbstoff, wird durch Ein-
wirkung von salzsaurem Nitrosodimethylani-
lin auf Phenylnaphthylamin erhalten und ist
Phenyldimethylparaamidonaphthazoniumchlorid.
Man erhält das N. als braunes, glanzloses, in
Wasser und Alkohol mit violetter Farbe lös-
liches Pulver.

Neutralrot, ein Teerfarbstoff der Azinreihe,
besteht aus der Ghlorwasserstoffverbindung des
Dimethyldiamidotoluphenazins und wird durch
Kochen gleicher Moleküle Nitrodimethylanilin-
chlorhydrat und m-Toluylendiamin unter Luft-
zutritt hergestellt. Das dunkelschwarzgrüne Pul-
ver löst sich in Wasser mit roter, in konzen-
trierter Schwefelsäure mit grüner Farbe, welche
beim Verdünnen mit Wasser durch Bläu in Rot
übergeht. N. färbt gebeizte Baumwolle rot-
violett.

Neutralviolett, ein dem Neutralrot ganz ähn-
licher, wie dieses 1879 entdeckter Farbstoff, be-
steht aus der, Chlorwasserstoffverbindung des
Dimethyldiamidophenazins, (CH8)2N . C6H8 . N2 .
CGHa.NH2. Das zum Niesen, reizende grünlich-
schwarze Pulver löst sich in Wasser mit violett-
roter Farbe und färbt gebeizte Baumwolle rot-
violett.

Nickel, ein dem Kobalt nahe verwandtes und
meist in seiner Gesellschaft vorkommendes Me-
tall der Eisengruppe, Ni = 55, findet sich in der
Natur nicht in gediegenem Zustande, sondern
nur in Form von Verbindungen. Am verbreitet-
sten sind Verbindungen mit Schwefel und Arsen.
Das für Deutschland wichtigste Erz ist der
Kupfernickel oder Nickolit, der von den
Bergleuten seines Aussehens wegen für ein
reiches Kupfererz gehalten und aus Ärger über
die getäuschte Erwartung mit dem Schimpf-
namen belegt wurde. Er ist ein mit etwas
Arsenkobalt, Eisen, Antimon und Schwefel ver-
unreinigtes Arsen-Nickel. Von anderen Erzen
sind zu erwähnen der Nickelglanz oder
Arsennickelglanz (Nickel, Arsen, Schwefel),
Nickelspießglanz (Nickel, Antimon, Schwe-
fel), Nickelkies, Nickelblende (Schwefel-
N.) und vor allem der Garnierit, ein völlig
Schwefel- und arsenfreies Nickel-Magnesium-
Silikat, das neuerdings in großen Massen von
Neukaledonien nach Frankreich eingeführt wird,
Die Gewinnung des N. geht vielfach Hand in
Hand mit der Herstellung des Kobaltblaus, und
insbesondere in Sachsen bedient man sich der
beim Smaltebrennen abfallenden Kobalt- oder
Nickelspeise, eines früher als unbrauchbar
weggeworfenen Abfallstoffes, der etwa 50 o/0 N.
enthält. Diese Halden oder sonstige Arsen-
Nickel-Erze werden geröstet und mit Zuschlägen

geschmolzen, wobei das Eisen in die Schlacke
geht. Die zurückbleibende Nickel-Kobalt-Speise
wird zur Entfernung des Kobalts mit Sand ge-
glüht, darauf mit Soda und Salpeter totgeröstet,
und das Nickeloxydul mit Kohle reduziert.
Wesentlich einfacher ist die Verarbeitung des
Garnierits, der arsen- und schwefelfrei ist und
direkt mit Kohle und Zuschlag geschmolzen
werden kann. Die meist umständlicheren Ver-
fahren auf nassem Wege beruhen auf der Aus-
laugung der totgerösteten Erze mit Salz- oder
Schwefelsäure, Fällung des Arsens durch Ein-
leiten von Schwefelwasserstoff und des Eisens
durch Kalzium- oder Natriumkarbonat. Eine
große Zukunft scheint endlich das Verfahren
von Mond zu haben, nach welchem die ge-
rösteten Erze mit Kohlenoxyd auf 800 erhitzt
werden. Dabei geht das N. in Form einer Ver-
bindung mit Kohlenoxyd (Nickelkarbonyl)
gasförmig über, das sich beim Abkühlen in
Vorlagen abscheidet. Das N. ist in reinem Zu-
stande fast silberweiß, läßt sich leichter als
Eisen schmelzen und hat gegossen ein spez.
Gew. von 8,3, gehämmert ein solches von 8,9.
Es ist bei Rotglut hämmer- und streckbar, läßt
sich schweißen, in dünne Bleche walzen und
zu dünnen Drähten ausziehen und zeigt poliert
einen schönen, dauerhaften Glanz. Im Handel
erscheint das N. meist in Form kleiner Würfel
von 1 cm Seitenlänge (Würfelnickel), die viel-
fach noch Kupfer und Eisen enthalten, oder
als gepreßter Nickelschwamm, als granu-
liertes N,, in gerissenen Scheiben wie Kupfer
und in Form von Barren oder Mulden. Das
reine Nickel dient zur galvanischen Vernick-
lung von Eisen, Stahl, Messing und Zink, oder
zum Plattieren oder zur Plerstellung von ganz
aus Nickel bestehenden Geräten. Die letzteren
sind ebenso wie die vernickelten außerordent-
lich haltbar, da sie nicht nur gegen Luft und
Wasser, sondern auch gegen Schwefelwasser-
stoff und verdünnte Säuren große Widerstands-
fähigkeit zeigen. Die größte Bedeutung hat das
N. in Form seiner Legierungen: Ncusilber,
Argentan, Alpaka, Alfenide und Packfong, die
aus Kupfer, Nickel und Zink bestehen und in
versilbertem Zustande als Chinasilber oder
Christofle bezeichnet werden. Legierungen von
Kupfer und N. allein finden als Scheidemünzen
in vielen Staaten Anwendung. Die deutschen
5- und 10-Pfennig-Stücke enthalten 75% Kupfer
und 250/0 Nickel; ebenso die belgischen und
amerikanischen Münzen. Der mit Hilfe von
etwas N. hcrgestellte Nickelstahl dient wegen
seiner außerordentlichen Härte und Zähigkeit
zur Herstellung von Panzerplatten und Kugel-
lagern. Die Salze des N. sind giftig, s.
N ickelverbindungen.

Nickelverbindungen. Von Nickel Verbin-
dungen kommen für den Handel hauptsächlich
folgende in Betracht: 1. Nickelammoniumsul-
fat (schwefelsaures Nickeloxydulammo-
niak, lat. Niccolum sulfuricum ammoniatum, frz.
Sulfate d’ammoniaque de nickel, engl. Sulfate of
ammonia of nickel) wird dargestellt durch Auf-
lösung von Nickelkarbonat in verdünnter Schwe-
felsäure und Vermischen mit einer verdünnten
Lösung von Ammoniumsulfat. Das ausfallende
grüne Kristallsalz, Ni/NH^SOJ,, ist in kaltem
        <pb n="305" />
        ﻿Nieder selters

299

Nigeröl

Wasser schwer, dagegen leicht in heißem Wasser
löslich und dient, wie das Nickelsulfat, zu gal-
vanischen Vernickelungen. 2. Nickelazetat
Ni(CH3.COO)2 (essigsaures Nickel, lat.Nic-
colum aceticum, frz. Acötate de nickel, engl.
Acetate of nickel) wird durch Auflösen von
Nickeloxydul in Essigsäure hergestellt und bil-
det apfelgrüne, an der Luft verwitternde Kri-
stalle, die in kaltem Wasser löslich, in Alkohol
unlöslich sind. 3. Nickelbromür, NiBr2 (lat.
Niöcolum bromatum, frz. Bromure de nickel,
engl. Bromure of nickel), wird durch Auflösen
anderer Nickelsalze in verdünnter Bromwasser-
stoffsäure gewonnen und bildet grüne hygro-
skopische Kristalle, die bei Zutritt von warmer
Luft , in ein gelbes Salzpulver übergehen. Nickel-
bromür wird medizinisch gegen Epilepsie und
als Beruhigungsinittel angewandt. 4. Nickel-
chlorür,NiCl2 (Chlornickpl.Nickelchlorid,
lat.Niccolum chloratum, frz. Chlorure de nickel,
engl. Chloride of nickel), wird durch Auflösen
von Nickel in Königswasser dargestellt. Das
in gelbgrünlichen Kristallschuppen bzw. in sechs-
seitigen Säulen sublimierende Salz ist leicht lös-
lich in Wasser und Weingeist und wird als che-
misches Reagens benutzt. 5. Nickelkarbonat
(kohlensaures Nickeloxydul, lat. Niccolum
carbonicum, frz, Carbonate de nickel, engl. Car-
bonate of nickel), NiC03. Zur Darstellung löst
man reines Nickelmetall in reiner Salpetersäure,
dampft die Lösung bis zur Trockne ein, löst
den Rückstand nach vorheriger Erhitzung in
destilliertem Wasser auf und fällt mit reiner
Natriumkarbonatlösung. Das Salz bildet ein
apfelgrünes Pulver, das in verdünnten Säuren
unter Aufbrausen löslich ist und zur Darstellung
anderer Nickelverbindungen dient. 6. Nickel-
oxydul, NiO (lat. Niccolum oxydulatum, frz.
Oxyde de nickel, engl. Oxide of nickel), findet
sich in der Natur als Bunsenit in grünen,
durchsichtigen Oktaedern und wird auch künst-
lich durch starkes Glühen des .kohlensauren oder
salpetersauren Nickels als ein apfelgrünes, in
Wasser unlösliches, in Säuren leicht löslich es’Pul-
ver dargestellt. Es dient zur Darstellung anderer
Nickelsalze sowie als analytisches Reagens.
7- Nickelsulfat (schwefelsaures Nickel,
Nickelvitriol, lat. Niccolum sulfuricum, frz. Sul-
fate de nickel, engl. Sulfate of nickel) wird dar-
gestellt durch Auflösen von Nickel in Schwefel-
säure unter Zusatz von etwas Salpetersäure,
•Heist aber durch Auflösen von Nickeloxydul
oder -karbonat in verdünnter Schwefelsäure. Es
kristallisiert in harten smaragdgrünen Kristallen
von der Formel NiS04-j~7H2O, die leicht ver-
bittern, bei Erwärmung eine blaugrüne Färbung
annehmen und leicht löslich in Wasser, dagegen
unlöslich in Alkohol sind. N. ist das wichtigste
Nickelsalz, das hauptsächlich zur galvanischen
' ernickelung Verwandt wird.

Niederseifers. Dieser muriatische Säuerling,
das gewöhnliche Selterswasser des Handels,
besitzt nach R. Fresenius (1863) folgende Zu-
sammensetzung: jooo Gewichtsteile enthalten:
■Bikarbonate des Natriums 1,2366g, Lithiums
0,0050 g, Ammoniums 0,0068 g, Kalziums 0,4438 g,
Bariums 0,0002 g, Strontiums 0,0028 g, Magne-
Slurns 0,3081 g, Eisenoxyduls 0,0042 g, Mangan-
°xy duls 0,0007 g; C h 1 o r i d e des Kaliums 0,0176 g,

Natriums 2,3346 g, Bromnatrium 0,0009 g&gt; Jod-
natrium Spur, schwefelsaures Kalium 0,0463 g,
Aluminiumphosphat 0,0004 g, Natriumphosphat
0,0002 g, Natriumborat Spur, Natriumnitrat
0,0061 g, Kieselsäure 0,0212 g und 2,2354 g freie
Kohlensäure.

Nieswurz. Diesen Namen führen im Drogen-
handel verschiedene Wurzeln, die man als
schwarze, weiße und grüne Nieswurz zu
unterscheiden pflegt. Von diesen ist in das
Deutsche Arzneibuch nur noch die weiße auf-
genommen, während die früher offizinell ge-
wesene schwarze und grüne gestrichen sind.
Die schwarzeN. (lat. Rhizoma hellebori nigri,
frz. Ellöbore noir, engl. Christmas root) stammt
von einer zu den Ranunkulazeen gehörigen
krautartigen Pflanze, Helleborus niger, die
auf den Apenninen, Pyrenäen und einem Teil
der Alpen \yächst&lt; Die außen schwarzbraune,
innen weiße Wurzel ist rundum mit strohhalm-
dicken, helleren Wurzelästen besetzt. Ihr Pulver
erregt heftiges Niesen und wirkt giftig. — Die
grüne Nieswurz (lat. Rhizoma hellebori viri-
dis, frz.Ellöbore vert, engl. Green hellebore root)
von Helleborus viridis, mit grünlichen
Blüten, ist der schwarzen ähnlich, aber noch
dunkler gefärbt und schärfer. Sie ist geringelt,
bis 2,5 cm dick und mehrere Zentimeter lang
und zeigt auf dem Querschnitte einen kreuz-
förmigen Holzkörper. Man sammelt beide Wur-
zeln zur Verhütung von Verwechslungen mit
den grundständigen Blättern. — Die weiße
N. (lat. Rhizoma veratri s. hellebori albi, frz.
Racine d’ellöbore blanc, engl. White hellebore
root) ist der Wurzelstock von Veratrum al-
bum, einer zu den Kolchizeen gehören-
den 9—12 dm hohen Pflanze mit grünlich-
weißen oder grünen Blüten, welche im Volks-
munde weißer Germer genannt wird und auf
hohen Gebirgen (Riesengebirge, 1 Karpathen,
Alpen) wächst. Der Wurzelstock ist konisch ge-
formt, 7—10 cm lang, oben bis 3!^ cm im
Durchmesser, öfter mehrköpfig, außen asch-
grau, im Durchschnitt weißlich und zeigt eine
braune geschlängelte Linie zwischen Kern und
Rinde. Er treibt eine Menge dünner Fasern aus,
die man vor dem Trocknen al^schneidet, und
zeigt daher helle Schnittnarben. Der Geschmack
der Wurzel ist brennend scharf und bitter, ihr
Staub erregt heftiges, anhaltendes Niesen, und
das Pulvern muß unter besonderen Vorsichts-
maßregeln geschehen. Innerlich wirkt N. Er-
brechen erregend und stark giftig. Das Pulver
wird besonders in der Tierheilkunde äußerlich
gegen Räude und andere Hautübel verwendet
und bildet einen Bestandteil des Schneeberger
Schnupftabaks und ähnlicher Niespulver. Als
wirksame Bestandteile enthält die weiße N.
zwei Alkaloide, das Veratrin (s. d.) und das
Jervin, von denen das erstere auch medizi-
nische Verwendung findet, die schwarze N. ein
scharfes Glykosid, das Helleborein, und die
grüne außer diesem auch noch ein anderes Gly-
kosid, das Helleborin.

Nigeröl (frz. Huile de Niger, engl. Niger-
seed oil), das in Menge von etwa 360/0 aus den
Samen der in Ostindien und Abessinien ange-
bauten Komposite Ginzatia oleifera ge-
wonnene fette öl, hat eine gelbe Farbe und
        <pb n="306" />
        ﻿Nijmoholz

300

Nitronaphthalin

nußartigen Geschmack und gehört zu den
schwächer trocknenden Ölen. Das spez. Gew.
beträgt bei 150 0,925—0,927, die Verseifungs-
zahi 189—192, die Jodzahl 127—134. Das auch
nach Europa eingeführteöl eignet sich zu Speise-
und Beleuchtungszwecken und zur Seifenfabri-
kation. —■ Auch Baumwollsamenöl (s. d.) wird
als N. bezeichnet.

Nijmoholz (Njimoholz) wird aus den Hin-
terländern von Kamerun teils in Form spärlich
mit Rinde bedeckter Scheiben, teils in gleich-
mäßig berindeten Wurzelabschnitten eingeführt,
die beide im Innern eine schöne gelbe Farbe
sowie bisweilen rötliche Flecken zeigen und
einen gelben alkoholischen Auszug mit lebhaft
grüner Fluoreszenz liefern. Das Holz besitzt
einen eigentümlichen Moschusgeruch und stammt
wahrscheinlich von demselben Baume, welcher
die Donndackerinde liefert.

Nikotin (lat. Nicotinum, frz. und engl. Nico-
tine), das in dem Tabak enthaltene, sehr gif-
tige Alkaloid, Ci0HuN2, ist frisch, bereitet eine
farblose, ölige Flüssigkeit vom spez. Gew. 1,012,
wird aber durch Einwirkung von Luft und Licht
sehr bald gelblich und schließlich braun. Es
besitzt einen unangenehmen, betäubenden Ta-
baksgeruch, der heftige Kopfschmerzen ver-
ursacht. Ein Tropfen genügt, um eine Taube,
die doppelte Menge, um einen Hund zu töten.
Das N. ist sowohl in Wasser, als auch in Alko-
hol und in Äther leicht löslich und muß in gut
verschlossenen, vollgefüllten Fläschchen an dunk-
len Orten aufbewahrt werden. Neuerdings wird
vorgeschlagen, das weinsaure N. (lat. Nicoti-
num bitartaricum) anstatt des reinen N. medi-
zinisch zu verwenden, da dieses Salz leicht
kristallisiert und sehr haltbar ist. Vgl. ferner
Tabak.

Nilblau, ein seit 1888 bekannter Oxazin-
farbstoff, besteht aus dem Sulfat des Di-
aethylamidophenoamidonaphtoxazoniums und
wird aus Nitrosodimethylmetaamidophenol und
a-Naphthylamin hergestellt, während bei Mit-
wirkung von benzyliertem Naphthylamin das
Nilblau BB entsteht. Der Farbstoff bildet ein
grünes, bronzeglänzendes Kristallpulver, das in
warmem Wasser, Alkohol und Pyridin leicht
mit blauer Farbe löslich ist. In konzentrierter
Schwefelsäure löst er sich mit orangeroter
Farbe, die beim Verdünnen mit Wasser durch
Grün in Blau übergeht. Das N. eignet sich zum
Färben von Seide und Wolle ohne Beize.
Baumwolle wird nach dem Beizen mit Tannin
und Brechweinstein blau gefärbt.

Niobeöl (frz. Essence de Niobe, engl. Niobe
oil), eine wohlriechende ölige Flüssigkeit für
Parfümeriezwecke, besteht aus Benzoesäure-
methylester.

Nitragin, ein Mittel, die Stickstoffassimilation
von Ackererde zu erhöhen, besteht aus einer
Anschwemmung von Knöllchenbakterien.

Nitrate (Ableitung von nitrum, Salpeter) ist
der Name für die salpetersauren Salze,
z. B. Kaliumnitrat, salpetersaures Kali, ge-
wöhnlicher Salpeter. Nitrite sind dagegen sal-
petrigsaure Salze.

Nitrolarbstoffe nennt man diejenigen Teer-
farbstoffe (s. d.), die durch Eintritt der Nitro-
gruppe, N02, in aromatische Amine oder Phe-

nole entstehen. Zu ihrer Darstellung nitriert
man entweder direkt die entsprechenden Amine
und Phenole, oder man führt sie zunächst in
die Sulfosäure über und behandelt diese mit
Salpetersäure. Die Gruppe umfaßt nur gelbe
saure Farbstoffe, die Wolle und Seide grün-
stichig bis orangegelb färben, Baumwolle hin-
gegen nicht. Beim Erhitzen verpuffen sie, in
konzentrierter Schwefelsäure lösen sie sich tait
gelber Farbe. Von den wichtigsten Gliedern der
Gruppe sind Aurantia, Pikrinsäure und
Naphtolgelb in besonderen Aufsätzen be-
handelt.

Nitroglyzerin (Glonoin, Sprengöl, Tri-
nitroglyzerin, Nitroleum, Salpetersäure-
triglyzerid, Salpetersäureglyzerinester,
Glyzerintrinitrat, frz. Nitroglyc6rine, engl.
Nitroglycerin). Nachdem durch die Erfindung
der ‘Schießbaumwolle die Aufmerksamkeit der
Chemiker auf die Sprengwirkung der Nitro-
körper, richtiger der Salpetersäureester, ge-
lenkt worden war, ging man dazu über, auch
die analoge Verbindung des Glyzerins darzu-
stellen. Die Herstellung gelang gleichzeitig in
Europa und in Amerika, wo man dem Präpa-
rate den Namen Glonoin beilegte. Im großen
wurde das N. jedoch erst seit 1864 von dem
Schweden Nobel gewonnen, der es unter dem
Namen Sprengöl in die Praxis einführte. Die
Herstellung erfolgt im Prinzip in der Weise, daß
man in ein kaltes Gemisch von konzentrierter
Salpetersäure und Schwefelsäure in langsamem
Strahle möglichst reines Glyzerin unter Um-
rühren einfließen läßt und gleichzeitig' durch
beständige Kühlung die Temperatur unter 300
hält. Das sich oben ansammelnde Reaktions-
gemisch wird abgehoben, mit Wasser und
Sodalösung gewaschen und durch Filz oder
Kochsalz filtriert. Sorgfältige Entfernung aller
Säurespuren ist unbedingt erforderlich, weil
hiervon die Haltbarkeit abhängt. Das reine N„
C3H5(0N02)3, bildet eine farblose bis blaßgelb-
liche ölige Flüssigkeit, die schwerer als Wasser
ist und sich in diesem nicht löst, hingegen
in Alkohol, Äther und Benzol leicht löslich
ist. Das spez. Gew. beträgt 1,600. Das N.
ist sehr giftig, und schon seine Dämpfe ver-
ursachen anhaltende Kopfschmerzen. Es er-
starrt bei etwa -(-8° zu langen Kristallnadeln
(Gefrorenes N.), welche bei -f-110 schmelzen.
Beim Erhitzen auf 2570 sowie durch Schlag
tritt heftige Explosion ein. Auf letzterer beruht
seine Verwendung als Sprengmittel, Die Spreng-
wirkung übertrifft diejenige des gewöhnlichen
schwarzen Sprengpulvers um das 10—13 fache,
denn die im Augenblick der Explosion ent-
stehenden Gase nehmen den'io4oofachen Raum
des Öles ein. Die mit dem Gebrauch und Ver-
laden verbundenen Gefahren veranlaßten, daß
das reine N. vom Versand ausgeschlossen
wurde, und zurzeit nur noch im Gemisch mit
porösen festen Stoffen, Kieselgur, Sägemehl als
sog. Dynamit zhr Anwendung gelangt.

Nitron, Diphenylendiiminodihydrotriazol, gibt

eine unlösliche Verbindung mit Salpetersäure
und wird zum Nachweis und zur Bestimmung
der letzteren benutzt.

Nitronaphthalin, eine zur Bereitung gewisser
Farben dienende Nitroverbindung, Cj0H7.NO2,
        <pb n="307" />
        ﻿Nitrophosphate

301

Nüsse

wird durch Behandlung vonNaphthalin mit einer
Mischung von Salpetersäure und Schwefelsäure
gewonnen und bildet gelbe prismatische Kristalle,
die unlöslich in Wasser, aber in Alkohol, Äther
und Schwefelkohlenstoff leicht löslich sind. Das

N.	schmilzt bei 6i°, der Siedepunkt liegt bei
3040 C.

Nitrophosphate, die aus Knochenmehl, Guano
oder; Phosphorit mit Salpetersäure (anstatt der
Schwefelsäure) bereiteten Superphosphate, kom-
men nur selten im Handel vor, weil sie, ob-
gleich als Düngemittel sehr wirksam, zu teuer
sind und an der Luft rasch feucht werden.

Nitroprussidnatrium (Nitroferridzyan-
natrium, lat. Natrium nitroprussicum, frz.
Nitroprussiate de soude, engl. Nitroprussiate of
soda), das empfindlichste Reagens auf in Wasser
lösliche Sulfide, wird dargestellt, indem man
gelbes Blutlaugensalz mit verdünnter Salpeter-
säure unter Erwärmen mischt und die saure
Flüssigkeit mit kohlensaurem Natrium sättigt,
filtriert und zur Kristallisation verdampft. Beim
Umkristallisieren aus Alkohol wird das Salz in
rubinroten Kristallen erhalten, die dem roten
Blutlaugensalz ähnlich sind. Alkalisulfidlösun-
gen färben sich auf Zusatz des Reagens so-
fort purpurrot bis blau, während mit Schwefel-
wasserstoff keine Färbung entsteht. Aus dem

N.	wird durch Fällung mit Kupfervitriol das
Nitroprussidkupf er (lat. Cuprum nitroprussi-
cum) erhalten, ein nach dem Trocknen grau-
grünes Pulver, das zur Prüfung ätherischer Öle
auf Fälschung mit Terpentinöl oder anderen
sauerstofffreien Ölen dient. Beim Erhitzen in
sauerstoffhaltigen Ölen färbt sich das Pulver
schwarz oder schwarzgrau, und das Öl nimmt
andere, dunklere Färbung an, während mit Ter-
pentinöl oder anderen sauerstofffreien Ölen keine
Veränderung eintritt.

Nitrosophenolfarbstof f e (C h i n o n o x i rn f a r b -

Stoffe) enthalten die Atomgruppe NO . OH
und entstehen durch, Einwirkung von salpe-
triger Säure auf Phenole wie Resorzin, Naph-
tol u. a. Die sauren, meist grünen Farbstoffe
der Gruppe dienen zur Beizenfärbung und
geben mit Eisenhydroxyd grüne, mit Chrom-
hydroxyd braune Lacke von hoher Licht- und
Waschechtheit, Als wichtigste Glieder der Reihe
seien angeführt: Solidgrün (Dinitroresorzin),
Naphtholgrün B (Eisensalz des nitrosonaph-
tolsulfosauren Natriums), Gambin R u. V oder
Elsässergrün J (Nitrosonaphtol), Dioxin
(Nitrosodioxynaphtalin).

Nitrotoluol, ein für die Teertarbenfabrikation
unentbehrliches chemisches Präparat, C7H7NO2,
bildet drei isomere Modifikationen, Ortho-,
Meta- und Paranitrotoluol. — Ersteres ist
eine gelbe P'lüssigkeit von bittermandelölähn-
lichem Geruch, einem spez. Gew. von 1,163 und
dem Siedepunkt 218,50 C. ln der Kälte wird
nicht fest. — Das Metanitrotoluol erstarrt in
der Kälte, schmilzt dann wieder bei 16° C und
siedet bei 230,5° C. — Das Paranitrotoluol bil-
det bei gewöhnlicher Temperatur weiße glän-
zende Kristalle, die einen mehr an Anis als an
Bittermandelöl erinnernden Geruch besitzen. Sie
schmelzen bei 54° und sieden bei 2370 C. —
Außerdem gibt es noch mehrere Binitro-

toluole oder Dinitrotoluole und Trinitro-
toluole.

Nitrum (lat.) bedeutet Salpeter, N. cubi-
cum Chilesalpeter, N. flammans salpetersaures
Ammoniak, N. prismaticum gewöhnlicher Sal-
peter, N. tabulatum geschmolzener Salpeter in
Plätzchenform.

Nörzfelle (Minks). Der Nörz oder Nerz,
die sog. Sumpfotter (Mustela lutreola), ein
dem Marder ähnliches Raubtier, lebt im nörd-
lichen Europa, Asien und Amerika und kommt
auch in Norddeutschland vereinzelt vor. Das
etwa 50, mit dem Schwänze 64 cm lange Tier
hat ein glänzend kastanienbraunes Oberhaar,
das nicht so lang als beim Zobel wird, und
darunter einen graubraunen Flaum. Kehle und
Brust sind bei dem russischen und asiatischen

N.	fast immer weiß, während die amerika-
nischen nur an der Lippe weiße Auszeichnung
besitzen. Nörz ist ein beliebtes Pelzwerk, wel-
ches im allgemeinen zwischen Zobel und Edel-
marder eingereiht wird. Die Handelsware
stammt aus Rußland und Nordamerika, wo
besonders die Ostküste, Neuengland und Maine
die feinsten und dunkelsten Felle liefern.

Nopalin, ein schöner roter Farbstoff für Seide
und Wolle, besteht aus einer Mischung von
Binitronaphthol mit Bibromnitrofluoreszein.

Nosophen (Jodophen), ein als Jodoform-
ersatz empfohlenes Antiseptikum, entsteht bei
der Behandlung von alkalischer Phenolphtalein-
lösung mit Jodjodkalium als ein gelbes geruch-
und geschmackloses Pulver, das in Wasser und
Säuren unlöslich ist, von Äther und Chloroform
aber leicht aufgenommen wird. N. ist in chemi-
scher Hinsicht Tetrajodphenolphtalein.

Novaspirin wird durch Einwirkung von Phos^-
phorpentachlorid auf Anhydromethylenzitronen-
säure und nachfolgende Veresterung des Reak-
tionsproduktes mit Salizylsäure dargestellt und
ist demnach der Disalizylsäureester der An-
hydromethylenzitronensäure. Das in Wasser gar
nicht, in Alkohol und Äther leicht lösliche weiße
Pulver vom Schmelzpunkt 151° wird anstatt des
Aspirins angewandt, dessen unangenehme Neben-
wirkungen ihm fehlen.

Novokain ist ein färb- und geruchloses Kri-
stallpulver, das sich in Wasser und Alkohol lölt
und für sich oder mit Suprarenin als wenig
giftiger Kokainersatz für lokale Anästhesie be-
nutzt wird. N. ist das salzsaure Salz des
Paraamidodiäthylaminoäthanols.

Nüsse (lat. Nuces, frz. Noix, engl. Nuts).
Unter, dem Namen Nüsse ohne nähere Be-
zeichnung begreift man im Handel gewöhn-
lich nur die Walnüsse oder welschen
Nüsse und die Has-elnüsse. — Der stattliche
Walnußbaum (Juglans regia) stammt aus
Persien, wanderte schon im Altertum nach dem
Westen aus und wird gegenwärtig im süd-
lichen und mittleren Europa häufig angebaut.
Die Römer nannten die Nuß Juglans, Jupiters
Eichel. In Deutschland finden sich die Nuß-
bäume in den nördlichen Gegenden nur ver-
einzelt und bringen auch nicht immer reife
Früchte hervor, hingegen sind sie angepflanzt
im Süden und Südwesten, in den Rheingegen-
den, in Franken, Mähren, Tirol, der Schweiz,
| m vielen Departements von Frankreich und
        <pb n="308" />
        ﻿N ußbaumholz

302

Oblaten

Belgien ziemlich häufig. Durch lange Kultur
sind verschiedene Abarten entstanden, so die
Steinnuß, mit dicker harter Schale, aus wel-
cher der Kern schwer herauszubringen ist, da-
her auch Grübelnuß genannt, die Pferde-
nuß, von mehr als doppelter Größe, mit weni-
ger wohlschmeckendem Kern, die leicht zer-
drückbare dünnschalige Nuß, die Johannis-
nuß, deren Träger erst um Johannis aus-
schlägt, und die Blutnuß, mit teilweise blut-
rotem Kern. Die lufttrockenen Kerne haben
einen beträchtlichen Nährwert, da sie neben
16—17 0/0 Eiweiß, 13 0/0 stickstofffreien Extrakt-
stoffen und 2 0/0 Asche mehr als 580/0 Fett ent-
halten. — Außer der Verwendung zum Roh-
essen und in der Konditorei werden sie daher
zum Auspressen des Öls (s. Nußöl), und die
Preßrückstände als Viehfutter benutzt. — Die
unreifen, grünen, noch weichen Walnüsse wer-
den mit der Außenschale mit Zucker und Ge-
würzen zu einer herbsüßen Konfitüre einge-
legt und dienen auch, mit Gewürzen und Franz-
branntwein angesetzt, zur Darstellung eines
wohlschmeckenden Likörs. Die grünen Schalen
der reifen Walnüsse, die beim Trocknen braun
werden, benutzt man zum Braunfärben und zu
Holzbeizen. Die grünen Schalen, die unreifen
ganzen Früchte und die Blätter finden Ver-
wendung zu Abkochungen und Extrakten. —
Die in ganz Europa wild wachsenden Hasel-
nüsse, von Corylus avellana sowie die mehr
im Süden heimischen und bei uns gezogenen
Lamberts-, d. h. langbärtigen N., von Cory-
lus tubulosa, haben ähnliche Zusammen-
setzung wie die Walnuß. Die Lambertsnuß
wird in Italien und a. a. O. kultiviert und wächst
wild in der Krim. Aus der neapolitanischen
Provinz Terra di Lavora, dem alten Kam-
panien, stammt eine besonders große Sorte, die
nach der Stadt Avella Avellanen genannt
wird, und auch aus der Türkei kommt eine
besondere Art, Corylus colurna, mit großen,
sehr harten und fast kugelrunden Früchten.

Nußbaumholz (Walnußbaü mholz, frz. Bois
de noyer, engl. Wood of nut-tree), das Holz
von Juglans regia (vgl. Nüsse), bildet ein
sehr beliebtes und wertvolles Nutzholz für die
Möbeltischlerei. Es ist dunkelbraun, oft schwärz-
lich geadert und besitzt sehr charakteristische
lange Poren, die jedoch nicht so groß sind, wie
die des Eichenholzes. Das sehr feste und dauer-
hafte Holz nimmt eine sehr schöne Politur an
und wird zu Bildschnitzereien und Drechsler-
arbeiten, Gewehrschäften und Furnieren ver-
wandt. Auch die Knorren, Wurzelstöcke und

Auswüchse sind wegen ihrer schönen Mase-
rung sehr gesucht. Man unterscheidet im Handel
italienisches, schweizerisches, rhei-
nisches und böhmisches N. Das Holz junger
Bäumchen ist noch weiß, aber sehr zäh und
biegsam und wird daher zu Peitschenstielen
verarbeitet. Als nordamerikanisches N. wird
meist das Hickoryholz bezeichnet, jedoch
kommt unter gleichem Namen auch das Holz
einer anderen Nußbaumart, Juglans nigra, zu.
uns, das im Bau dem europäischen ähnlich und
von gleichmäßig brauner Farbe ist.

Nußblätter (Walnußblätter, lat. Folia jug-
landis, frz. Feuilles de noyer, engl. Walnut-tree
leaves), die ganzrandigen, eiförmigen Blätter
von Juglans regia, besitzen einen aromati-
schen Geruch und bitterlich herben Geschmack
und .werden vielfach zu Bädern sowie inner-
lich als bluterzeugendes Mittel benutzt. Als.
hauptsächliche Bestandteile enthalten sie äthe-
rische Öle, Gerbstoff und Juglon.

Nußöl, das fette Öl der Walnüsse, Wal-,
nußöl (Welschnußöl, lat. Oleum juglandis,
frz. Huile de noix, engl. Nut-oil), ist im frischen
Zustande und kalt gepreßt fast farblos und von
feinem, angenehmem Geschmack, während das
warm gepreßte Öl stark grünlichgelb gefärbt ist
und einen scharfen Geruch und Geschmack
zeigt. Das spez. Gew. bei 15° beträgt 0,925,
die Verseifungszahl 190—196, die Jodzahl 142.
Der Erstarrungspunkt liegt erst bei —27,5°.
Das N. gehört zu den trocknenden Ölen, trock-
net besser als Leinöl und wird daher gern in
der feinen Ölmalerei angewandt. Neuerdings
werden auch in Ostindien unter dem Namen
Akrot-ki-tel große Mengen Walnußöl ge-
wonnen. Das kalt gepreßte gibt ein gutes
Tafelöl.

Nutrol (Nural), ein sog. „künstlich verdautes
stärkemehlhaltiges Nahrungsmittel", besteht im
wesentlichen aus einem mit etwas Salzsäure
und Bromelin versetzten Stärkesirup und scheint
wegen der ungünstigen Beurteilung aus dem
Handel verschwunden zu sein.

Nutrose, ein lösliches Protein-Nähr-
mittel der Farbwerke vorm. Meister, Lucius
&amp; Brüning, wird durch Behandlung von trocke-
nem Kasein mit Ätznatron und Alkohol dar-
gestellt. Das weiße, geruch- und geschmack-
lose Pulver ist nahezu reines wasserlösliches
Kaseinnatrium und enthält nach König
10,070/0 Wasser, 82,81 0/0 Stickstoffsubstanz (da-
von 78,67 0/0 löslich), 0,400/0 Fett, 3,040/0 stick-
stofffreie Extraktstoffe und 3,68 °/o Asche.

Oblaten (frz. Oublies, Hosties, engl. Wafer)
sind dünne blattartige Scheiben, die aus einem
Weizenmehlteige zwischen eisernen Platten oder
in Formen gebacken werden. Größere Tafeln,
die den Konditoren als Unterlage zu Lebkuchen
und anderem Gebäck dienen, heißen Tafel-
oblaten. Kirchenoblaten oder Hostien
werden in figurierten Formen gebacken, Brief-

oder Siegeloblaten durch runde Stecheisen
aus den ganzen Blättern ausgestochen, doch
sind die letzteren seit Einführung der gummier-
ten Briefumschläge fast ganz außer Gebrauch
gekommen. — Eine größere Bedeutung haben
die Einnehmeoblaten, die aus zwei am
Rande verbundenen, in der Mitte vertieften,
scheibenförmigen O. bestehen und zur Um-
        <pb n="309" />
        ﻿Obsidian

303

Obst

hüllung iibelschmeckender Arzneimittel dienen.
— Die in neuerer Zeit aufgekommenen durch-
sichtigen farbigen O. bestehen aus Blättern
von gefärbter Gelatine, die auf blanke Metall-
tafeln flüssig ausgegossen und eingetrocknet ist.

Obsidian (Lavaglas, isländischer Achat)
ist ein Mineral vulkanischen Ursprungs, eine
glasartige Lava oder vielmehr natürliches
vulkanisches Glas, das durch Eisenoxyd-
oxydulsilikat schwarz gefärbt erscheint und in
seinem gewöhnlichen Vorkommen ganz das
Aussehen von Flaschenglas besitzt. O. ist braun-
gelb, rauchbraun, grau, dunkelgrün oder ganz
schwarz gefärbt, glasglänzend, in verschiedenen
Graden durchsichtig oder durchscheinend, und
zeigt muscheligen Bruch. Die Härte beträgt
5—sVa0. Das Mineral läßt sich wegen seiner
Sprödigkeit nur schwierig bearbeiten, nimmt
aber schöne Politur an und wird in seinen ganz
schwarzen Sorten zu Trauerschmuck, Dosen,
Knöpfen, Messerheften, Spiegeln für Polarisa-
tionsinstrumente usw. verarbeitet. Eine Abart,
der schillernde O., wirft einen grüngelben
Lichtschein und wird zuweilen, in Kappenform
geschliffen, als Ringstein verwandt.

Obst (frz. Fruits, Fruitage, engl. Fruits).
Unter diesem Namen faßt man eine große Zahl
von Früchten und Scheinfrüchten zusammen,
die wegen ihres saftigen Fleisches und ihres
Gehalts an Zucker, organischen Säuren und
Aromastoffen sowohl roh als auch in verschie-
denen Zubereitungsformen genossen werden.
Das O. wird, abgesehen von gewissen im
Walde wild wachsenden Beerenfrüchten, meist
in Gartenkultur oder in besonderen Anlagen
gezüchtet, und diese Kultur ist uralt. Schon die
alten Syrer und Phönizier verstanden sich auf
die Veredelung und trieben Obstbau, der von
den Griechen und Römern vervollkommnet und
von Mönchen zur Zeit Karls des Großen bei
uns eingeführt wurde. Leider wird die Ernte
durch harte Winter, Spätfröste, Nässe zur Zeit
der Blüte, naßkalte Sommer, Hagelschlag, tie-
rische und pflanzliche Schädlinge oft in Frage
gestellt. Aber im Durchschnitt ist der Ertrag
bei Geschick und Fleiß, guter Pflege und Aus-
wahl passender Sorten doch sehr groß, und
besonders in Deutschland bemühen sich daher
2ahlreiche Vereine und Lehranstalten um die
Ausdehnung des Obstbaus. Gerade unser ge-
■häßigtes Klima ist zur Züchtung feiner Tafel-
°bstsorten außerordentlich geeignet, während
die Früchte in den Tropen an Geschmack ver-
lieren. Selbst das in großen Mengen zu uns
Angeführte amerikanische O. steht unseren Sor-
ten an Güte weit nach. Die vorzüglichsten
Lagen befinden sich zwischen dem Anbau-
gebiet des Weins und Ölbaums, utid zwar ver-i
langen sie im Norden mehr Sonne und Schutz
Segen rauhe Winde, im Süden mehr Be-
schattung. Alle Obstbäume erfordern Tiefgrün-
digkeit. Lockeres, steiniges Geröll, besonders
v°n Kalkstein, ist noch besser als schwerer
oniger oder torfig-humoser Boden. Gute Pflege,
reichliche Düngung, sorgfältiger Schnitt so-
die Wahl der richtigen, dem Klima und
“Oden angemessenen Sorten sind Hauptbedin-
gungeu für einen reichen Ertrag. Besondere
Sorgfalt muß der Ernte und Aufbewahrung des

O. gewidmet werden. Nur das bei Sonnen-
schein vorsichtig gepflückte O. hält sich län-
gere Zeit, wenn es vor jedem Druck bewahrt
wird. Man hebt es in luftigen frostfreien
Kellern oder besonderen Obstkammern, am
besten auf strohbedeckten Lattengerüsten auf.
Die einzelnen Stücke (Äpfel, Birnen) dürfen
sich nicht berühren und müssen häufig nach-
gesehen werden. Fleckige Früchte sind sofort
zu entfernen. Kirschen lassen sich nicht lange
frisch aufbewahren, Pflaumen nur für einige
Monate, wenn man sie mit den Stielen fest in
Steintöpfe packt, Weintrauben, indem man
sie paarweise zusammengebunden frei aufhängt.
Das O. muß nach vollendeter Reife geerntet,
aber vor dem Erfrieren geschützt, werden, da
gefrorenes O. seinen Geschmack verliert und
leicht fault. — In botanischer Hinsicht bezeich-
net man als O. sowohl ganze Früchte oder
Fruchtstände als auch Teile derselben, ferner
fleischige Fruchtschalen, Samen, Blütenböden,
Blütenblätter, Deckblätter und ganze Blüten-
stände und unterscheidet demnach je nach der
einen oder anderen Abstammung: Kern-,
Stein-, Beeren- und Schal-O., bisweilen
auch noch die U nterabteilungen: k a p s e 1 -
artige, Kelch-, Kürbis- und Schoten-
früchte. Zum Kernobst, welches von einer
mit dem Kelche gekrönten Scheinfrucht ge-
bildet wird, gehören Äpfel, Birnen, Quitten,
Mispeln und Hagebutten, zum Steinobst
(echte Steinfrüchte) Pfirsiche, Nektarinen, Apri-
kosen, Kirschen und Pflaumen aller Art, wie
Mirabellen, Reineklauden, Zwetschen sowie aus
wärmeren Klimaten Tahitiäpfel, Mangopflau-
men, Datteln und Oliven. Zum Beerenobst
rechnet man die echten Beeren: Weintrauben,
Johannis-, Stachel- und Moosbeeren, bei denen
das fleischige Fruchtgewebe (Perikarpium) die
Beere bildet, ferner die nur beerenähnlichen,
zusammengesetzten Früchte der Himbeeren,
Maulbeeren, Brombeeren und die Scheinfrüchte
der Erdbeeren und Feigen. Das Schalenobst,
dessen Schalen ungenießbar sind, und von dem
nur die Samen, genossen werden, umfaßt die
Nüsse, Kastanien und Mandeln. Als kapsel-
artige Früchte sind Bananen, Affenbrotbaum-
frucht und die bei uns mehr zu den Gemüsen
gerechneten Melonen, Wassermelonen und Gur-
ken zu nennen. Einen großen Teil der genann-
ten Früchte, besonders Apfelsinen, Zitronen und
Feigen, pflegt man im Handel auch als Süd-
früchte zu bezeichnen, — Wirtschaftlich spricht
man von Früh-, Spät-, Sommer- und Winter-,
Garten- und wildem O., ferner von Tafel-, Wirt-
schafts- und Mostobst. — Die hervorragende
Bedeutung des O. für die menschliche Ernäh-
rung beruht weniger auf seinem Gehalt an
Nährstoffen, als vielmehr auf der günstigen
diätetischen Wirkung auf die Verdauung und
das allgemeine Wohlbefinden. Abgesehen von
dem Schalenobst sind die Früchte durchweg
sehr wasserreich. Neben 70—900/0 Wasser ent-
halten sie außer geringen Mengen Zellulose
vor allem Zucker, Pektinstoffe, etwas Eiweiß,
Gummi und Schleim. Von ausschlaggebender
Bedeutung für den Genußwert ist aber der Ge-
halt an freien und gebundenen organischen
Säuren (Äpfelsäure, Weinsäure, Zitronensäure),.
        <pb n="310" />
        ﻿1

■bs^h

Obstkraut	304	Öle, fette

an Mineralsalzen und Aromastoffen. Das O.
wird sowohl frisch wie gekocht genossen und
für längere Aufbewahrung in verschiedener
Weise durch Trocknen (Dörrobst) oder Ein-
kochen mit Zucker zubereitet, sowie zu Frucht-
säften, Gelees und Marmeladen verarbeitet.

Obstkraut (Apfel-, Birnenkraut) nennt
man die durch Eindicken von Obstsäften (be-
sonders Kernobst) ohne Zückerzusatz bis zur
Sirupkonsistenz gewonnenen Erzeugnisse, die
besonders im Rheinlande in großen Mengen
hergestellt werden. Die Verarbeitung von Ab-
fällen der amerikanischen Ringäpfelindustrie
(Kerngehäuse, Schalen) sowie der Zusatz von
Zucker und Stärkesirup hat als Verfälschung
zu gelten und muß deutlich gekennzeichnet
werden. Die Bezeichnung des O. als Gelee ist
nicht zulässig.

Obstwein und Beerenwein nennt man alko-
holische, weinähnliche Getränke, welche statt
aus Trauben aus dem Safte von Obst- und
Beerenfrüchten gewonnen werden. Zu ihrer
Herstellung werden die zerquetschten oder ge-
mahlenen Früchte ausgepreßt und dann für sich
oder nach Zusatz von Zuckerwasser der Gärung
überlassen. Direkt verwendbar ist der Apfel-
most, während der Birnenmost meist infolge
seines geringen Säuregehaltes ein fade-schmecken-
des Getränk liefert und daher meist mit Apfel-
most verschnitten wird. Im Gegensatz zu ihm
enthalten die Beerenfrüchte meist zuviel Säure
und zu wenig Zucker und müssen daher einen
Zusatz von Wasser, und Zucker erhalten. Die
Gärung läßt man entweder freiwillig oder mit
Weinhefe, am besten bei 15—200, verlaufen und
füllt nach beendeter Hauptgärung und dem Ab-
satz der Hefe, auf geschwefelte Fässer ab, da-
mit hier noch eine Nachgärung erfolgt. Zur
völligen Klärung, die übrigens meist von selbst
eintritt, kann noch eine Schönung mit Milch
oder Hausenblase erfolgen. Die trinkfertigen

O.	sind meist alkoholarm, besitzen aber sonst
die Zusammensetzung der Traubenweine, ab-
gesehen von dem Vorwiegen der Äpfel- und
Zitronensäure an Stelle der Weinsäure. Von
den O. spielt der Apfelwein, der besonders in
der Frankfurter Gegend, aber auch am Rhein,
in Franken, Thüringen, Sachsen und der Schweiz
erzeugt wird, die Hauptrolle. Unter den Beeren-
weinen sind Heidelbeer-, Johannisbeer-
und Stachelbeerwein die wichtigsten. Die O.
finden als angenehme, alkoholarme Getränke
vielfach Anwendung. Zu beachten ist, daß sie
den für weinähnliche Getränke erlassenen Be-
stimmungen des Weingesetzes unterliegen (s.
Wein) und daher u. a. weder Teerfarben oder
Salizylsäure noch Stärkesirup enthalten dürfen.

Ocker (Ocher, frz. Ocre, engl. Ochre) nennt
man lockere, abfärbende tonige Erden, die
durch mehr oder weniger Eisenoxyd verschie-
den gefärbt sind, und von hellgelb, bräunlich-
gelb, zuweilen hoch- oder goldgelb bis zu ge-
dämpftem Rot wechselnde Farben zeigen. Der-
artige Mineralien, die aus verwitterten eisen-
haltigen Gesteinen hervorgegangen sind, werden
an vielen Orten und oft in großer Anhäufung,
namentlich in der Nähe von Eisenlagern, ge-
funden und teils im natürlichen Zustande, teils
geschlämmt und präpariert in den Handel ge-

bracht. Die O. bilden wohlfeile Farbkörper, die
sich zu Außenanstrichen sowohl als Öl- wie als
Leimfarbe verwenden lassen. Zur Ölfarbe soll
man kalkhaltige, gutdeckende Sorten nehmen,
während die tonerdereichen sich mehr für die
Wassermalerei eignen. Man unterscheidet ge-
wöhnlich; Gelb (Gelberde), Gold-, Orange-
und Ölocker, und als teuersten den hochgelben
Satinocker (Satinober), zu dem auch die fran-
zösischen Sorten gehören. Die natürlichen hellen

O.	lassen sich durch stärkeres oder gelinderes
Glühen in dunklere Farbentöne von Rot und
Braunrot überführen und heißen dann ge-
brannter O., kommen auch wohl unter beson-
deren Namen, wie Hausrot, Berlinerrot,
Nürnbergerrot, Preußischrot in den Handel.
Zu ihnen rechnet man Ln der Regel auch das
Eisenrot oder den Kolkothar (s. d.). Der
feinste gebrannte O. ist die Sienaerde, die
auch zur Kunstmalerei dient. Zwischen rotem
Bolus und O. besteht kein wesentlicher Unter-
schied, nur sind die letzteren mehr erdig locker,
da ihr Ton nicht so fett, sondern durch Kalk
mergelig ist.

Ochsengalle (Rindsgalle, lat. Fel tauri, frz.
Fiel de boeuf, engl. Ox gall), der Inhalt der
Gallenblase von Rindern, findet im gerei-
nigten Zustande mehrfache technische wie me-
dizinische Verwendung. Die Reinigung der
rohen Gallenflüssigkeit erfolgt durch Erhitzen
bis zum Aufkochen und Abfiltrieren von den
geronnenen Teilen. Sie hat dann noch eine
grünliche Farbe, kann aber mit Knochenkohle
und anderen Klärmitteln entfärbt werden. Die
Galle ist ein sehr kompliziert zusammengesetz-
tes Gemisch und enthält, neben den Na-
tronverbindungen der Glykocholsäure und Tau-
rocholsäure, Cholesterin, Cholin (Neurin), Lezi-
thin, Taurin und Farbstoffe. Sie wird vielfach
für sich wie als Bestandteil von Seife (Fleck-
seife) zur Entfernung von Flecken aus Stoffen,
die durch weniger milde Mittel leiden würden,
gebraucht. Bei der Miniaturmalerei auf Elfen-
bein bewirkt sie das Anhaften der Farben und
bei der Herstellung von Marmorpapier (tür-
kischer Marmor) sowie geaderter Bücherschnitte
die Entstehung aderförmiger Gebilde. — Medi-
zinisch wird gereinigte Galle gegen Magen-,
Leber- und Milzleiden verordnet. Sie wird in
den Apotheken eingedickt (lat. Fel tauri in-
spissatum, frz. Extrait de fiel de boeuf, engl.
Purified ox gall), als eine zähe pechärtige
dunkle Masse, wie auch als ein trockenes gelb-
liches Pulver, erhalten durch Ausziehen der
Galle mit Weingeist, Entfärben mit Knochen-
kohle und Abdunsten des Lösungsmittels, vor-
rätig gehalten. Die letztere Form bildet das
gallensaure Natron (lat. Natrium choleini-
cum).

Odol, das mit großer Reklame vertriebene
Mundwasser (s. d.) der Lingner-Werke, besteht
aus einer wäßrigalkoholischen Auflösung von
Pfefferminzöl, Saccharin, Salizylsäure und Sali-
zylsäureestern des Menthols und wahrscheinlich
des Kresols.

Öle, fette (lat. Oleum, frz. Huile, engl, Oil)-
Zum Unterschiede von den in besonderen Auf-
sätzen besprochenen ätherischen Ölen und
Mineralölen sind die fetten Ö. (lat. Olea
        <pb n="311" />
        ﻿Ölbaumholz

305

Okubawachs

pinguia, frz. Huües, engl. Qils), die haupt-
sächlich dem Pflanzenreiche, seltener dem
Tierreiche (Trane) entstammen, echte Fette
(s. d.), d. h. Glyzeride von Fettsäuren, und neh-
men nur insofern eine gewisse Sonderstellung
ein, als sie bei gewöhnlicher Temperatur flüssig
sind. Ebenso wie sie selbst aber beim Abkühlen
erstarren, gehen die festen F ette beim Er-
wärmen in den flüssigen Aggregatszustand über.
In chemischer Hinsicht teilt man sie meist in
trocknende und nichttrocknende Ö. ein.
Die ersteren, welche, in dünner Schicht der Luft
ausgesetzt, trocken und hart werden, bestehen
hauptsächlich aus Glyzeriden der Linol- und
Linolensäure und werden zur Flerstellung von
Firnissen benutzt. Zu ihnen gehören das Lein-,
Hanf-, Mohn- und Nußöl. Die nichttrocknen-
den Öle, welche durch den Einfluß der Luft
zwar verdickt werden, aber schmierig bleiben,
bestehen vorwiegend aus Olein und geben zum
Unterschiede von den vorigen die Elaidinreak-
tion. Die meisten Pflanzenöle finden sich in
den Samen, seltener, wie Oliven- und Palmöl,
im Fruchtfleisch. Zu ihrer Gewinnung werden
die Samen bei gewöhnlicher oder erhöhter
Temperatur geschlagen oder gepreßt, neuer-
dings auch vielfach mit Schwefelkohlenstoff,
Benzin oder Tetrachlorkohlenstoff extrahiert.
Meist wird erst kalt gepreßt, wobei ein reineres,
helleres und wohlschmeckenderes Öl abläuft,
und der Rest von geringwertigerem Öl durch
heißes Pressen gewonnen. Gewisse Früchte und
Samen mit dückflüssigen ö. (Pflanzenbutter),
ferner tierische Stoffe (Klauenfett, Knochen-
fett,, Tran) werden mit Wasser ausgekocht.
Alle frisch gepreßten Ö. enthalten trübende
Schleimteile und werden erst nach längerem
Lagern klar, während die extrahierten Fette
gleich klar sind. Die einzelnen Öle werden unter
&gt;hrem Namen besprochen.

Ölbaumholz (Olivenholz), das Holz des Öi-
haums, Olea europaea, ein sehr dichtes
und festes, fast strukturlos erscheinendes Nutz-
holz, besitzt eine gelbliche Farbe, erscheint im
Kern braun gewässert und geflammt und ist
dem Wurmstich und der Fäulnis nicht unter-
worfen. Es nimmt eine sehr schöne Politur an
Und ist daher für die Drechslerei und Kunst-
dschlerei sehr gesucht.

Ölersatz (Salatölersatz). Unter diesen und
ähnlichen Bezeichnungen kamen während des
Krieges erbärmliche Schwindelwaren in den
Handel, die aus gelb gefärbten schleimigen Lö-
sungen von Gelatine, Stärkekleister, Karragheen
bestanden.

Ölfarben. Zum Verarbeiten fertige Ölfarben
Werden sowohl für Künstler als auch zu ge-
wöhnlichen Firnis- und Lackanstrichen auf Holz
Und Metall in den Handel gebracht. Die feinen
L- finden sich zuweilen noch in Tierblase zu
kleinen Beuteln eingebunden, die beim Gebrauch
Udt einer Nadel angestochen werden und durch
uas kleine Loch für den jeweiligen Bedarf Ö.
austreten lassen. Zweckmäßiger aber sind kleine
^usatnmendrückbare Hülsen von Zinnfolie, sog.
(Huntuben, aus deren Halsöffnung die Farbe
hinausgedrückt wird und die beim Nichtgebrauch
Urch ein Schraubendeckelchen geschlossen
Werden. — Für Anstreicher sind alle gebräuch-

Aercks Warenlexikon.

liehen Erd- und Mineralfarben in Öl oder Firnis
vorrätig. Sie werden auf Maschinen zur Kon-
sistenz eines steifen Breies zusammengerieben
und in hölzernen Fäßchen, die nach oben enger
zulaufen, mit etwas Wasser bedeckt, verkauft.

Ölkuchen, die Preßrückstände von der Öl-
gewinnung aus Ölsaaten, haben für die Land-
wirtschaft als Futtermittel außerordentliche Be-
deutung, da sie neben erheblichen Mengen Fett
meist hohe Gehalte an Stickstoffsubstanzen und
an Kohlenhydraten aufweisen. Ihr Wert hängt
neben dem Nährstoffgehalt von der Verdau-
lichkeit und der Abwesenheit schädlicher Be-
standteile ab und sollte bei jeder Lieferung
durch eine Analyse kontrolliert werden. Als
wichtigste Ö. des Handels sind zu nennen:
Baumwollsamenkuchen, aus ungeschälten und
geschälten Samen, Bucheckernkuchen, Candle-
nutskuchen, Kokoskuchen, Erdnußkuchen, Hanf-
kuchen, Kürbiskernölkuchen, Leindotterkuchen,
Leinkuchen, entöltes Leinmehl, Madiakuchen,
Maiskeimölkuchen, Mandelölkuchen, Mohn-
kuchen, Olivenkernkuchen, Palmkernmehl ent-
ölt, Palmölkuchen, Rapskuchen, Rapsmehl ent-
ölt, Sesamkuchen, Sonnenblumcnkuchen, Wal-
nußkuchen.

Olsäure (Oleinsäure, Elainsäure, lat. Aci-
dum oleinicum, frz. Acide oleinique, engl. Oleic
acid), eine in den meisten tierischen und pflanz-
lichen Fetten und nichttrocknenden Ölen als
Triglyzerid enthaltene organische Säure, wird
in großer Menge bei der Herstellung der
Stearinkerzen als Nebenprodukt erhalten und
in noch unreinem Zustande unter dem un-
richtigen Namen Olein oder Elain für die
Zwecke der Seifenfabrikation und als Putz-
mittel für Metalle in den Handel gebracht. Die
vollständig gereinigte Ö. ist eine färb- und ge-
ruchlose ölige Flüssigkeit von der Formel
C18Hm02, die bei -j-40 zu einer weißen kristalli-
nischen Masse erstarrt und erst bei 140 wieder
schmilzt. In Wasser ist sie fast unlöslich, löst
sich hingegen in Alkohol und kristallisiert aus
dieser Lösung in langen Nadeln. Für sich ist
die Ö. nicht flüchtig, geht aber mit stark er-
hitzten Wasserdämpfen über. Die rohe Ö. wird
in Fässern versandt.

Öltuch ist ein mit Ölfirnis oder Harzlösungen
getränktes, wasserdichtes Leinen- oder Baum-
wollengewebe, das als Verpackungsmaterial be-
nutzt wird.

Ofener Bitterwasser, sehr konzentrierte natür-
liche Auflösungen von Natrium- und Magne-
siumsulfat, von denen das Hunyady-Janos B.,
Ai;pad-B. und Mattonis B. besondere Ver-
breitung gefunden haben.

Okubawachs, eine Art Pflahzenwachs, das
im deutschen Handel nur selten anzutreffen ist,
wird aus den Früchten verschiedener atn Ama-
zonenstrome wachsender Bäume der Gattung
Myristica, namentlich von Myristica Ocuba
sowie von M. sebifera und M. officinalis
gewonnen. Die Früchte liefern ungefähr^ 18 o;»
Wachs, das sich beim Auskochen mit Wasser
an der Oberfläche ansammelt. O. ist weicher als
Bienenwachs, in kaltem Alkohol unlöslich, völlig
löslich in siedendem Alkohol und in Äther. Es
schmilzt bei 36,5° und hat ein spez. Gew. von

20
        <pb n="312" />
        ﻿Oleum

306

Opal

0,918. In Brasilien wird das O. zur Kerzen-
bereitung verwandt.

Oleum, die auf den Preislisten der Drogisten
sich findende lateinische Benennung für Öl
irgendwelcher Art, fettes oder ätherisches.
Im Volksmunde versteht man darunter Vi-
triolöl oder Schwefelsäure, O. vitrioli (s.
Schwefelsäure), so daß gerade das die Haupt-
sache angebende Beiwort abhanden gekommen
ist. Von den vielen Ölen sind die gebräuch-
licheren nachstehend aufgeführt; O. absynthii,
Wermutöl; O. amygdalarum amarum, Bitter-
mandelöl; O. a. dulce, süßes Mandelöl; O.
anethi, Dillöl; O. anisi steüati, Sternanisöl; O,
anthos, Rosmarinöl; O. aurantii corticis, Pome-
ranzenschalenöl; O. calami, Kalmusöl; O. carvi,
Kümmelöl; O. caryophyllorum, Gewürznelken-
öl; O. cerae, Wachsöl; O. chamomillae, Ka-
millenöl; O. cinnamomi, Zimtöl; O. citri, Zitro-
nenöl; O. foeniculi, Fenchelöl; O. humuli,
Hopfenöl; O. lini, Leinöl; O. jecoris aselli,
Lebertran; O. juniperi, Wacholderöl; O. lauri-
num, Lorbeeröl; O. laurocerasi, Kirschlorbeer-
öl; O. levistici, Liebstöckelöl; _0. ligni cedri,
Zedernholzöl; O. ligni rhodii, Rosenholzöl; O.
macidis, Muskatblütenöl; O. menthae crispae,
Krauseminzöl; O. m. piperitae, Pfefferminzöl;

O.	neroli seu naphae, Orangenblütenöl; O. nu-
cistae, Muskatnußöl; O. nucum cocos, Kokos-
nußöl; O. juglandis, Walnußöl; O. origani,
Dostenöl; O. papaveris, Mohnöl; O. petrae,
Steinöl, Petroleum; O. petroselini, Petersilien-
öl; O. philosophorum, Philosophenöl, Ziegelöl;

O.	pini, Kienöl; O. pini foliorum, Fichtennadel-
öl; O. rutae, Rautenöl; O. serpylli, Quendel-
öl; O. sinapis, Senföl; O. succini, Bernsteinöl;

O.	tanaceti, Rainfarnöl; O. terebinthinae, Ter-
pentinöl; O. thymi, Thymianöl; O. valerianae,
Baldrianöl; O. vitis viniferae, Weinbeeröl.

Oliven sind die Steinfrüchte ,des Ölbaumes
oder Olivenbaume«, Olea europaea L., der
in den Mittelmeerländern, in Kleinasien und
Afrika, von der Küste bis zu 750 m, überall wo
anhaltende Fröste fehlen, meist auf Bergab-
hängen, in Gärten und auf Feldern, in ganzen
Wäldchen angebaut wird. Die reifen Früchte
dienen zur Ölgewinnung, unreif werden sie, in
Essig eingemacht, auch in Deutschland in der
Küche verbraucht. Die O. sind länglich oder
rund, je nach der Sorte dunkel- bis schwarz-
grün, violett, weißlich, rötlich oder bläu, und
haben grünlichweißes Fleisch. Über Olivenöl
s. Baumöl. Vgl. Obst.

Olivetten nennt man sowohl die länglichrun-
den, olivenförmigen Korallen, die zum Rund-
schleifen ungeeignet sind, als auch Glasperlen
von ähnlicher Gestalt.

Olivin (Peridot), ein pistazien- bis oliven-
oder gelbgrüner Halbedelstein, der durchsichtig
und in hohem Grade glasglänzend ist, besteht
aus kieselsaurer Magnesia, Mg2Si04, in der
meist ein Teil der Magnesia durch Eisenoxy-
dul ersetzt ist. Die in Böhmen und am Rhein
in Basalt und Lava eingewachsenen Steine sind
fast wertlos. Der sog. edle O., gewöhnlich
Chrysolith genannt, der am schönsten als
Geschiebe im Orient, Oberägypten, Ostindien,
Zeylon und Brasilien vorkommt, wird als Ro-
sette oder Tafelstein geschnitten und erhält eine

Goldfolie oder eine grün gefärbte Kupferfolie
zur Unterlage. Die Härte des Steines ist ge-
ring, so daß sich die Politur wie auch die Ecken
und Kanten bald abnutzen. Er gehört daher
zu den geringeren Schmucksteinen.

Ombrös (ombrierte Zeuge) sind Woll-
stoffe mit farbigen Streifen, deren Ränder ver-
waschen erscheinen. Zwischen je zwei farbigen
Streifen, die in der Mitte am dunkelsten sind,
liegt ein hellerer, dessen Farbe vom Dunkeln
in das Hellere allmählich übergeht. Zur Er-
zeugung dieser Wirkung dient ein Satz von
Scheiben, die auf einer Welle sitzen, auf dem
Umfange mit wollenem Zeug überzogen sind
und unten in einen Farbkessel tauchen. Der
Wollstoff wird mehrmals über die sich drehen-
den Scheiben hinweggezogen und nimmt von
denselben Farbe an, während die Zwischen-
räume nicht getroffen werden, sondern sich nur
durch Absaugung von beiden Seiten her, also
in der Mitte des Zwischenraums am wenigsten
oder gar nicht färben. Wolkige oder marmor-
artige O. werden dadurch hervorgebracht, daß
man bereits das Garn beim Färben ombriert,
indem man es an verschiedenen Stellen mit
Fäden umbindet und hierdurch die Farbe ab-
hält.

Onyx nennt man diejenigen platteriförmig
ausgebildeten Abänderungen des Chalzedons
(s. d.), die in verschiedenen Farben streifig er-
scheinen, indem weiße Lagen oder Schichten
mit schwarzen, dunkelbraunen oder grauen ab-
wechseln. Auf dem Querbruche erscheint da-
her der O. gestreift, während eine abgerichtete
Platte auf den zwei Breitseiten einfarbig ist.
Es kommt auch vor, daß in dem Stein durch
Eintritt einer weiteren rosaroten Platte dreier-
lei verschiedenfarbige Schichten abwechseln.
In solchem Falle heißt er Sardonyx. Beide
Abarten wurden schon von den alten Griechen
und Römern zu den kunstvollsten Steinschnei-
dereien, den sog. Kameen, benutzt, die weiße
erhabene Figuren auf dunklem Grunde tragen.
Die Kunst des Kameenschneidens wird in Italien
auch heute noch ausgeübt.

Opal (Schillerstein), ein aus amorpher
wasserhaltiger Kieselsäure bestehendes Mineral,
das sich meist derb und eingesprengt in Form
mannigfacher Bruchstücke und in nierenförmi-
gen, traubigen und stalaktitischen Gebilden-vor-
findet, bildet trotz seiner geringen Härte, welche
derjenigen des Quarzes nachsteht, in seinen
besseren Abarten einen geschätzten Edelstein.
Sein Wert beruht auf dem eigenartigen schönen
Farbenspiel, das je nach der Richtung, in der
man ihn betrachtet, von grün, rot und blau
nach gelb wechselt. Je nachdem die Farben in
Streifen oder Flecken auftreten, unterscheidet
man Flecken- oder Flimmeropal und
schätzt diejenigen Stücke am höchsten, bei
denen das Rot und Grün vorherrscht. Die wert-
vollste Sorte ist der edle O., der sich in Mexiko,
in schleifwürdiger Ware aber hauptsächlich bet
Czernowitza in Ungarn vorfindet. Er wurde hier
schon im Altertum aus' trachytischen Tuffen
gewonnen, nach Konstantinopel geschafft und
von dort als orientalischer O. -wieder aus-
geführt. Größere Stücke ohne Risse mit schö-
nem Farbenspiel sind sehr selten und kostbar-
        <pb n="313" />
        ﻿Opium

307

Opium

Man benutzt den edlen Opal zu Ringsteinen,
Ohrgehängen und anderen Schmucksachen,
schleift ihn meist halbkugelig (en cabochon)
ohne Facetten und umgibt ihn zur Verdeckung
seines geringen Glanzes oft auf schwarzer
Unterlage mit Diamanten. An warmen Tagen
entwickelt er sein Farbenspiel am schönsten.
Der umgebende graugelbe Trachyt mit kleinen
eingesprengten Opalpunkten und -adern dient
als Opalmutter zur Herstellung von Dosen.
Feueropal, eine stark glänzende, feuriggelbe
bis hyazinthrote Abart mit schönem Schiller,
findet sich ziemlich selten in Ungarn, Nord-
amerika und auf den Färöern. Gemeiner O.
von Freiberg, Schneeberg und Eibenstock in
Sachsen, ferner aus Schlesien, Ungarn und Is-
land besitzt verschiedene Färbungen von weiß,
gelb, grün, rot und braun sowie Glas- bis
Wachsglanz, ermangelt aber des Farbenspiels.
Hydrophan, Weltauge, von Augustusburg in
Sachsen, ist gemeiner oder ursprünglich edler
O,, der seinen Wassergehalt verloren hat und
daher glanzlos und undurchscheinend ist. Be-
feuchtet nimmt er zwar die • Eigenschaften des
edlen O. wieder an, jedoch nur vorübergehend,
und hat daher als Schmuckstein nur geringen
Wert, wird aber nach Ostindien als Amulettstein
versandt. Halbopale nfennt man die derben,
weniger schön gefärbten Massen. Zu ihnen ge-
hört auch der Holzopal, der als versteinertes
Holz noch deutlich das Gefüge des letzteren
zeigt und wegen seiner großen Politurfähigkeit
zu Schmucksachen verarbeitet wird. Kascho-
long (Perlmutteropal, Kalmuckenachat)
ist ein O. mit Perlmutterglanz aus der Bucharei;
Opaljaspis ein Zwischenglied zwischen Opal
und Jaspis, das nach seinem hohen Eisengehalt
auch Eisenopal genannt wird.

Opium (Land an um, Mekonium, frz. und engl.
Opium), ein wichtiger Gegenstand des Drogen-
handels, besteht aus dem an der Luft freiwillig
eingetrockneten Milchsäfte des Schlafmohns,
Papaver somniferum L., der durch Kultur
aus dem am Mittelmeere heimischen Papaver
setigerum entstanden ist. Der Anbau des Mohns
wird seit den ältesten Zeiten betrieben, da seine
heilkräftige Wirkung schon im griechischen
Altertum bekannt war. Seine ungeheure Aus-
dehnung erreichte er aber erst, seitdem das
Opium als verderbliches Berauschungsmittel bei
den mohammedanischen Völkern in Aufnahme
harn und schließlich von England in dem be-
rüchtigten Opiumkriege auch China aufge-
zwungen wurde. Die Gewinnung des O. ist
bislang nur in Asien mit Erfolg betrieben wor-
den, denn wenn auch die in Asien und Europa
gezogene Mohnpflanze gleich dem Hanf in
botanischer Hinsicht keine Unterschiede auf-
Keist, so gelangt sie doch in dem wärmeren
Klinta zu kräftigerer Entwicklung, die allein den
Anbau lohnend erscheinen läßt. In Europa, be-
sonders in Frankreich und Deutschland (Berlin,
Württemberg), hat man zwar eine Zeitlang
brauchbares O. mit 15— 20 0/0 Morphin ge-
wonnen, die Versuche aber wegen der teuren
Arbeitskräfte und der geringeren Ausbeute wie-
der eingestellt. Auch unter günstigeren Klimaten
lst die Opiumkultur ein gewagtes Geschäft, da
d'e empfindliche Pflanze leicht durch Insekten,

unzeitigen Regen oder Wind leidet und außer-
ordentlich schwankende Erträge liefert. Zur
Gewinnung des O., die im Grunde überall auf
die gleiche Weise erfolgt, wird die Mohnkapsel,
sobald ihre Farbe nach dem Abfallen der Blüten-
blätter von graublau in gelb übergeht, mit
einem mehrklingigen Messer geritzt, so daß die
Schale nicht durchschnitten wird. Der über
Nacht austretende und verdickte Milchsaft wird
am nächsten Morgen abgenommen, durch Kneten
zu Kuchen, Kegeln oder Stangen geformt und
mit Mohnblättern umwickelt. Von den verschie-
denen Handelssorten seien folgende angeführt:

1.	Das kleinasiatische, türkische, levan-
tinische oder Smyrna-O., die in Europa fast
ausschließlich in Betracht kommende und zum
offizineilen Gebrauche allein zulässige Sorte, ge-
langt hauptsächlich aus den nördlichen Bezirken
Karahissar, Sahib und Geiwa (Gudvd) nach
Konstantinopel, während ein kleinerer Teil aus
den südlichen Gebieten Uschak, Isbarta und
Buldur nach Smyrna geschafft wird. Das klein-
asiatische O. bildet meist runde, 300—700 g
schwere Kuchen, die, noch feucht in Mohnblätter
eingeschlagen, zur Verhütung des Zusammen-
klebens mit den Samen und Blüten einer
Ampferart bestreut sind und zu ungefähr 70 bis
80 kg in mit Blech ausgeschlagene Kisten
verpackt .werden. Nach der Herkunft unter-
scheidet man: Balorkesar, große, weiche
Brote mit hohem Morphingehalt; Gudvd, kleine
Brote, als Apothekerware; Karahissar, die be-
sonders von Holland bezogene Sorte; Malatia,
größere Brote mit geringerem Morphingehalt.
Von dem in den einzelnen Jahren zwischen
600000 und 900000 kg schwankenden Ernte-
ertrage wird die Hälfte über Indien nach China
geschafft, ein weiterer Teil findet in den tür-
kischen Ländern als Berauschungsmittel Ver-
wendung und der Rest dient medizinischen
Zwecken. — Das dem türkischen O. vielfach
zugerechnete ägyptische und mazedonische
ist von geringer Güte und hat nur örtliche
Bedeutung. — 2. Das persische O. wird von
Papaver somniferum var. album in ähnlicher
Weise wie das kleinasiatische, aber durch senk-
rechtes Anritzen der Kapseln gewonnen, darauf
in kupfernen Pfannen eingedampft und in dünner
Schicht auf Brettern an der Luft getrocknet.
Das fertige O., das für die Ausfuhr nach China
noch mit 10 0/0 Öl versetzt wird, erhält die
mannigfachsten Formen: niedrige Kegel von
180—300 g Gewicht, mit Mohnblätter umhüllte
Kugeln, flache 600 g schwere Brote ohne
Ampferfrüchte, aber in Feigen-oder Weinblätter
gewickelt und in zerkleinerte Mohnstengel ver-
packt, bleistiftstarke, in rotes Papier gewickelte
Stäbchen usw. Die Hauptstätten der Gewinnung
liegen im Süden und Südwesten zwischen Kum
und Kaschan, Schuschter und Schiras, Kerman
und Jesd. Von den drei Handelssorten besteht
Schird aus dem reinen Milchsaft, Nim-Schird
enthält einen Teil der Oberhaut, Purd die
ganze Oberhaut der Kapsel. Die auf 400000 kg
geschätzte Ausbeute geht zur Hälfte nach Indien,
ein großer Teil der oft verfälschten Ware wird in
Europa auf Morphin verarbeitet. — 3. Das in-
dische O., das fast ganz zu der von England
in dem schimpflichen Opiumkriege erzwunge-
        <pb n="314" />
        ﻿Opium

308

Orange

nen Einfuhr nach China bestimmt ist, wird be-
sonders in Bengalen (Provinzen Benares und
Behar) von den unter scharfer Kontrolle der
Engländer stehenden Bauern gewonnen, dann
gegen festgesetzte Preise an die Regierungs-
lager abgeliefert und von dort ums Doppelte
weiterverkauft. Geringere Mengen gelangen
auch aus Nepal und Assam in die Hände der
Engländer, die es für die Ausfuhr zu 2,2 kg
schweren Kugeln, für den inländischen Ver-
brauch zu Platten oder kleineren, mit Öl be-
strichenen Kugeln formen. Die indische Er-
zeugung wird von Hartwich auf 6000000 kg
geschätzt. Davon wird nur ein kleiner Teil, das
sog. Akbari-O,, im Lande verbraucht, wäh-
rund rund 5000000 kg zur Ausfuhr nach China
gelangen. Die Menge' wird meist in Pikuls zu
60,13 kg angegeben. — 4. Chinesisches O.
kommt meist in Form von Ziegelsteinen oder
kleinen Broten, in Papier gewickelt, oder neuer-
dings auch als gereinigtes Rauchopium von
sirupöser Konsistenz in Horn- oder Metall-
büchsen zum Verkauf. Die Erzeugung ist zur
Verdrängung des englischen O. beständig ge-
steigert worden und dürfte sich zurzeit auf
mehr als 13000000 kg belaufen. Der Ver-
brauch in China beträgt über 18000000 kg.
— Das O. bildet im frischen Zustande eine
weiche, knetbare Masse von gelbbrauner Farbe,
scharf bitterem Geschmack und stark narko-
tischem Geruch. Auch die Brote sind anfangs
im Inneren noch weich, werden aber mit der
Zeit hart und spröde upd lassen sich zu einem
lichtbraunen Pulver stoßen. Unter dem Mikro-
skope darf reines kleinasiatisches O. nur Reste
von der Epidermis der Mohnkapseln und ver-
einzelte Blattfragmente, hingegen keine Stärke
oder andere Pflanzenteile zeigen. In Wasser ist
reines O. zu 2/s bis 8/4 löslich. Neben Harzen,
Wachs, Kautschuk, Gummi, Pektinstoffen und
Salzen sowie zwei indifferenten Stoffen, dem
Mekonin und dem Mekonoisin, enthält das

O.	als wirksame Stoffe zahlreiche Alkaloide,
die, abgesehen von dem frei vorhandenen Nar-
kotin, an Säuren, und zwar Mekonsäure, Schwe-
felsäure und Milchsäure, gebunden sind und
unter ihrem Namen besonders besprochen wer-
den. Das wichtigste Alkaloid, der Wertmesser
jedes O., ist das Morphin. Daneben sind
noch die bei der Darstellung des Morphins
mitgewonnenen Alkaloide Kodein, Narko-
tin und Narzein von größerer praktischer
Bedeutung, während die übrigen, u. a, Koda-
min, Kryptopin, Laudanin, Papaverin,
Protopin, Pseudomorphin, Thebain, meist
nur chemisches Interesse beanspruchen. Der
durchschnittliche Gehalt des O, an Morphin be-
trägt 10 0/0, an Narkotin 60/0, Kodein 0,30/0,
Narzein 0,20/0, Papaverin 1 o/0, Thebain 0,150/0,
Mekonsäure 40/0, Milchsäure 1,250/0, Mekonin
0,01 o/o. Von den beiden wichtigsten Alkaloiden
Morphin und Narkotin enthält das kleinasia-
tische O. 1,68—16,16 bzw. 1,56—12,560/0, das
persische 0,15—0,27 bzw. 0,01—6,8oo/0, das in-
dische 2,77—3,80 bzw. 3,33—4,23 0/0, das chine-
sische 4,32—11,270/0 bzw. 1,97—6,610/0, Von
den häufigen Verfälschungen sind Einkneten
von Bleikugeln, Schrotkörnern und Steinen in
die Brote sowie Zusätze von Sand, Ton, Gips,

Bolus, Harz, Wachs, Lakritzen und Traubensaft
zu erwähnen. Der Nachweis der anorganischen
Beschwerungsmittel erfolgt durch die Bestim-
mung des Aschengehalts, der 3—50/0, jedenfalls
nicht über 8 o/0 betragen soll. Der Wassergehalt
darf 16—18 0/0 nicht übersteigen. —• O. ist ein
narkotisches, in größeren Mengen tödlich wir-
kendes Gift, findet aber in kleineren Gaben, in
Form von Extrakten, Tinkturen und zusammen-
gesetzter Mittel, sog. Opiate, ausgedehnte An-
wendung als beruhigendes, krampfstillendes und
stopfendes Mittel. Neuerdings bevorzugt die
Medizin die rein dargestellten Alkaloide Mor-
phin, Kodein und Narkotin. Die Hauptmenge
des O. wird aber als Genußmittel (Opium-
raucher) verbraucht, besonders in China, wo
jährlich auf den Kopf der Bevölkerung 47 g
entfallen, gegen 0,22 g in Deutschland.

Opodeldok (lat. Linitfientum saponato-cam-
phoratum), eine pharmazeutische Zubereitung,
die zu Einreibungen verwandt wird und eine
durchscheinende Gallertmasse bildet, besteht
aus einer alkoholischen Lösung neutraler Seife,
die mit Kampfer, Ammoniak und ätherischen
Ölen versetzt ist.

Opopanax (Panaxgummi, lat. Gummi opo-
panax, frz. und engl. Opopanax), ein Gummi-
harz, besteht aus dem getrockneten Milchsaft
der fleischigen Wurzel einer Art Pastinake
(Pastinaca Opopanax, O. chironium), die
in Südeuropa und Kleinasien wächst. Wie ähn-
liche Drogen kommt es in zwei Sorten, einer
besseren, in Tropfen oder Körnern von der
Größe einer Erbse bis zu einer Nuß, und einer
unreineren, in Massen oder Kuchen vor. Die
Ware bildet zerbrechliche Stücke von außen
brauner, innen gelblicher Farbe, die einen, an
Liebstöckel erinnernden Geruch und widrig
scharfen Geschmack besitzen und nur selten
zu Pflastern benutzt werden. — Denselben
Namen führt auch ein spirituöses, in den Handel
kommendes Taschentuchparfüm.

Opopanäxöl, das zu 5—100/0 aus dem Opo-
panax durch Destillation mit Wasserdampf ge-
wonnene ätherische Öl, hat eine grüngelbe Farbe
und riecht wie Buttersäurekaprylester und Ka-
pronsäurekaprylester.

Opossumfelle von dem zu den Beutel-
ratten gehörigen Opossum (Didelphys vir-
giniana), das in Nordamerika (Virginien, Ohio,
Arkansas) lebt, zeigen ein langes, schlichtes,
graues Haar mit weißlichem Flaumhaar. Die
Felle werden den deutschen Mardern und Iltissen
ähnlich gefärbt und bilden eine wohlfeile Han-
delsware, die zu Unterfuttern und kleineren Ge-
brauchsgegenständen verarbeitet wird.

Orange ist ein Sammelname für eine große
Anzahl verschiedener Teerfarbsto ffe, die
zum Teil auch noch andere Bezeichnungen
führen und durch Nummern und Buchstaben
unterschieden werden. Orange I ist Tro-
päolin 000 Nr. 1 (s. d.); .Orange II, Gold-
orange, ist Tropäolin 000 Nr. 2; Orange III
ist Tropäolin D, Helianthin; Orange IV
(Orange M, Orange GS, Diphenylorange)
ist Säuregelb D. (s. d.). Orange G (Orange-
gelb), das Natronsalz der Anilinazobetanaph-
toldisulfosäure, bildet ein gelbrotes, in Wasser
lösliches Pulver. Orange GT besteht aus de«
        <pb n="315" />
        ﻿Orangen

309

Orlean

Natronsalze der Toluidinazobetanaphtolmono-
sulfosäure und ist ein scharlachrotes, in Wasser
mit orangegelber Farbe lösliches Pulver. Orange
MN ist Metanilgelb (s. d.). Orange N ist
Kurkumein (s. d.). Orange R besteht aus
dem Natronsalze des Xylidinsulfosäureazobeta-
naphtols. Man erhält es als feurigrotes Pulver,
welches Wolle in sauerem Bade orangerot färbt.
Orange T, bisweilen auch Orange R genannt,
ist identisch mit Mandarin GR, aus diazo-
tierter o-Xoluidinsulfosäure und p-Naphtol, und
endlich Orangerot I mit Doppelbrillantschar-
lach (s. d.).

Orangen sind die Früchte der immergrünen
Gewächse aus der Gattung Citrus L., zu denen
die Apfelsinen, Pomeranzen, Zitronen, .Limonen
und Limetten gehören.

Orangenblüten (Pomeranzenblüten, lat.
Flores aurantiorum s. Flores naphae, frz. Fleurs
d’orange, engl. Orange flowers) kommen nicht
nur im frischen Zustande, sondern auch ge-
trocknet und eingesalzen zur Darstellung
von Orangenblütenwasser und -öl, in
den Handel. —• Die besten, am feinsten
riechenden O. stammen nicht, wie man häufig
angegeben findet, vom' gewöhnlichen süßen
Orangejibaum (Citrus aurantium Risso),
sondern vom bitteren Pomeranzenbaum
(Citrus Bigaradia Risso) und sind von den
ersteren leicht zu unterscheiden. — Die Biga-
radblüte hat 30—34 Staubfäden und einen
12—^fächerigen Fruchtknoten, während die
Blüten von C. aurantium nur 20—22 Staubfäden
und einen 9—11 fächerigen Fruchtknoten be-
sitzen. Der Kelch ist ferner bei ersterer fünf-
eckig, bei letzteren oval. Im frischen Zustande
haben die Blüten eine fleischige, weiße Blumen-
krone, die nach dem Trocknen dünn, perga-
mentartig und schmutzig gelb ist. Man benutzt
die O. zu Parfümeriezwecken sowie auch als
Tee. Die Gegenden um Nizza, Grasse, Cannes
kommen für den Anbau hauptsächlich in Frage,

Orangenblütenöl (Pomeranzenblütenöl,
Neroliöl, lat. Oleum aurantiorum florum s.
Oleum naphae, frz. Essence de Neroli, engl.
Oil of Neroli), ein äußerst fein und lieblich
riechendes, ätherisches Öl, wird aus den frischen
Blüten der Orangenbäume durch Destillation
mit Wasserdampf oder durch Extraktion mit
Betroläther in Menge von etwa 0,10/0 gewonnen.
Oas beste Öl stammt von den Blüten des bitteren
Bomeranzenbaums (vgl. Orangenblüten) und
'vird daher als Bigaradöl bezeichnet. Das
dünnflüssige Öl erscheint frisch bereitet fast
farblos, wird aber nach und nach bräunlichrot
Und ist in starkem Weingeist klar löslich. Das
sPez. Gew. beträgt 0,870—0,881. Bei längerem
Stehen scheidet sich ein weißes kristallinisches,
aus Paraffin bestehendes Stearopten aus (Ne-
r°likampf er). Erwähnenswerte Bestandteile
des Öls sind: Pinen, Kamphen, Dipenten, Dezyl-
aldehyd, Linalool, Linalylazetat, Phenyläthylalko-
hol, Terpineol, Nerol, Geraniol, Jasmoti und als
Präger des charakteristischen Aromas Anthranil-
säuremethylester, C6H4(NH2) ,COOCH3. Zusätze
der beliebtesten Verfäischungsmittel Bergamott-
und Petitgrainöl sind nur in großen Mengen nach-
zuweisen. Das vom süßen Pomeranzenbaume
dämmende Neroli-Portugalö!, frz. Essence

deNdroli, Essence de fleurs d'oranges Portugal,
riecht viel weniger fein. — Als Nebenprodukt
bei der Darstellung dieser Öle erhält man das
Orangenblütenwasser (lat. Aqua florum
Aurantiorum s. Aqua naphae, frz. Eau distillde
de fleurs d’oranges, engl. Orange flower water),
das ebenfalls den Geruch des Öles, jedoch in
viel schwächerem Grade besitzt. Während das
Öl zu Parfümeriezwecken, namentlich bei Be-
reitung von Kölnischwasser Verwendung findet,
wird das Wasser mehr von Konditoren und als
Arzneimittelzusatz benutzt.

Organdis (frz. Organdie, engl. Book muslin,
Book) sind lockere feine und glatte Baumwoll-
gewebe, die weiß oder auch gefärbt, aus Garn
Nr. 100—150, etwas dichter als Musselin, aber
ebenso fein im Faden und etwas steifer appre-
tiert, hergestellt werden. Der Stoff kam früher
aus Ostindien, wird aber jetzt von allen euro-
päischen Musselinwebereien in den Handel ge-
bracht und dient meist zu Unterfutter für
Frauenkleider.

Organsinseide (Kettenseide, frz. Organsin,
engl. Örganzine) nennt man die gezwirnte, aus
den besten Kokons gewonnene Seide, die in
den Geweben die Kette und den Aufzug bildet.
Man unterscheidet zweifädige (O. ä deux
bouts) und dreifädige (O. i. trois bouts).
Jeder Faden besteht aus drei bis acht Kokon-
fäden (s. Aufsatz Seide).

Orlean (lat. Orellana, frz, Roucou, Achiotte,
engl. Annatto), ein bekannter gelbroter Farb-
stoff, stammt von dem im tropischen Amerika
heimischen, aber auch in Zanzibar und auf den
Sandwichinseln angebauten strauchartigen Baume
BixaOrellana (Familie der Cistifloren). Die
Frucht, eine herzförmige, zusammengedrückte,
weichstachelige Kapsel von Walnußgroße, die
sich bei der Reife zweiklappig öffnet, enthält
etwa 10 Samen in einem orangegelben, klebri-
gen Brei, zu dessen Gewinnung man das
Fruchtfleisch, mit Wasser übergossen, längere
Zeit einer Gärung überläßt und alsdann durch
Siebe streicht. Der erhaltene weiche Brei setzt
sich aus dem Wasser allmählich als Bodensatz
ab und bildet dann eine lebhaft gelbrote Masse,
die mehr oder weniger wasserhaltig ist. Im

O.	sind zwei Fatbstoffe enthalten, das wasser-
lösliche Bixin und das Orellin, ein harz-
artiger Körper, der sich in Weingeist, Äther
und Fetten löst. Die Hauptsorte für technische
Zwecke ist der Kuchenorlean, der in Form
ziemlich trockener viereckiger Kuchen von 1 bis
i1/2 kg Gewicht, die in Bananenblätter ge-
wickelt und in Fässer verpackt sind, fast aus-
schließlich aus Kayenne und Guadeloupe nach
Frankreich ausgeführt wird. Rollenorlean aus
Brasilien, eine in kleine Rollen oder Zylinder
geformte harte und trockene Masse, die außen
bräunlich, innen schön rot erscheint, wird in
England zur Käse- und Butterfärberei verwandt.
Teigorlean, eine etwa 600/0 Wasser enthal-
tende weiche Masse, die im Gegensatz zu dem
veilchenartigen Geruch der übrigen Sorten meist
nach Ammoniak riecht, kommt neuerdings häu-
fig an Stelle der Kuchen, in Fässer oder Blech-
büchsen verpackt, in den Handel. Auch bildet
der vom Fruchtfleisch getrennte reine Farb-
stoff Bixin in Form kleiner Täfelchen einen
        <pb n="316" />
        ﻿Orleans

310

Osmium

Gegenstand des Handels. O. wird in der Fär-
berei benutzt, besonders für Seide, auf welcher
die Farbe lebhaft und glänzend, wennschon
nicht sehr dauerhaft ausfällt. Man wendet ent-
weder weingeistige Lösungen an oder arbeitet
mit alkalischer Lauge, in welcher beide Farb-
stoffe löslich sind, und erhält damit Gelb oder
Orange. In der Kattundruckerei verwendet man

O.	für die Farbtöne von Chamois bis Orange.
Ferner färbt man damit Papier, Tapeten, Fir-
nisse, Wasser- und Ölfarben, Butter und Käse.

Orleans (frz. Orleans, engl. Orleans) sind
halbwollene, leinwandartig gewebte Kleider-
und Futterzeuge, die als Nachahmung der ganz
wollenen Berkane entstanden sind. Die Kette
besteht aus gezwirntem Baumwollgarn, derEin-
schlag je nach Mode aus Kammgarn Nr. 30 bis
60 oder aus Mohär. Der Stoff kommt häufig
einfarbig vor, bisweilen aber auch meliert, ge-
flammt, moiriert, gedruckt, gerippt, fassoniert
und mit Seidenstreifen gewebt. Die Breite be-
trägt 0,70—0,85 m, die Länge 10—20 m. Die
Garne werden roh verwebt, die Gewebe dann
gedämpft, gesengt, gewaschen, gefärbt und
schließlich gepreßt. Der Stoff wird gewöhnlich
auf Maschinenstühlen gewebt, die für die ge-
musterte Ware mit Schaft- oder Jacquardvor-
richtungen versehen sind. Dies ist möglich, da
die Muster meist sehr klein genommen werden.
In England liefern Huddersfield, Bradford, Hali-
fax und Wakefield große Massen des Stoffes
für den Weltmarkt. In Deutschland werden die
geringsten und billigsten O. in der Lausitz,
bessere in Schedewitz (Sachsen), Elberfeld,
Barmen, Reichenau b. Zittau, Wüstegiersdorf in
Schlesien und Berlin hergestellt.

Orseille ist ein violettroter Farbstoff, der aus
gewissen Flechten hergestellt wird, in ihnen
aber nicht fertig gebildet vorkommt, sondern
erst durch Einwirkung von Luft, Ammoniak
oder Alkalien entsteht. Die in den Flechten
enthaltenen farblosen, kristallisierbaren Säuren
(Erythrinsäure, Lekanorsäure, Rokzell-
säure) gehen hierbei zunächst in das ebenfalls
farblose Orzin und dann in den eigentlichen
Farbstoff, das Orzein, über, das in dem zu-
gesetzten Ammoniak mit violettroter Farbe ge-
löst bleibt. Zur Darstellung der O. benutzt man
hauptsächlich die Flechten Roccella tinctoria,

R.	fuciformis, R. phycopsis, und R. Mon-
tognei, die an den felsigen Küsten des Mittel-
meers, des Atlantischen, Stillen und Indischen
Ozeans gesammelt und, in Ballen gepreßt, nach
Europa gebracht werden. Eine geringere Sorte,
die sog. Erdorseille, stammt von verschiede-
nen Arten Lecanora, Variolaria, Usnea und
•Parmelia, die in Schweden, Schottland, den
Pyrenäen, der Rhön, dem Thüringer Wald und
Jura an Steinen, und Baumrinden wachsen. Die
Flechten werden gesäubert, gemahlen und, mit
Ammoniak angerührt, der Luft ausgesetzt. In-
folge der einsetzenden Gärung geht die Farbe
nach 4—6 Wochen von rot in violett über,
worauf der steife Brei in Fässer verpackt wird.
IJie getrocknete, pulverisierte Masse führt auch
die Bezeichnung Persio, Cudbear, roter
Indigo. In Teig- wie in Pulverform geben
diese Stoffe mit Wasser unter Hinterlassung
eines unlöslichen Rückstandes scharlachrote bis

violette Lösungen, die durch Alkalien dunkler,
durch Säuren hellrot gefärbt werden und mit
Tonerdebeizen braunrote, mit Zinnsalz hellrote
Niederschläge liefern. Die zum Sirup einge-
dickte wäßrige Lösung kommt als Orseille-
extrakt in den Handel. — Die O. gibt schöne,
anfangs sogar brillante Färbungen, die aber
rasch verschießen, und wird daher meist nur
in Verbindung mit anderen Farbstoffen, beson-
ders zum Grundieren für Alizarin und Indigo
benutzt. Die Hauptverwendung beruht aber auf
der Herstellung brauner, sog. Modefarben,
Grenade, Zerise und Olive auf Wolle, für
Färberei wie für Druck. Diese Farben sind
echt, weit haltbarer als die durch Farbhölzer
erzeugten und können durch Zusatz von Aloe-
farbstoffen noch lichtbeständiger gemacht wer-
den. Eine besonders schöne und säurebestän-
dige Abart ist endlich noch der französische
Purpur (Pourpre frangais)., Zu seiner Dar-
stellung wird das Flechtenpulver mit Ammo-
niak aasgezogen, die Lösung mit Salzsäure ge-
fällt, der Niederschlag wieder in Ammoniak
gelöst und das Filtrat so lange der Luft aus-
gesetzt, bis es kirschrot geworden ist. Dann
wird zur Entfernung des Ammoniaks gekocht,
die Lösung bei 70—750 in großen flachen Ge-
fäßen sich selbst überlassen und mit Weinsäure,
Schwefelsäure oder Chlorkalzium gefällt. Der
in letzterem Falle entstehende Farblack muß
für den Gebrauch mit Schwefelsäure oder Oxal-
säure vom Kalk befreit und in Lösung über-
geführt werden.

Orseilleersatz (Naphtionrot), ein seit 1878
bekannter Teerfarbstoff, der Wolle in saue-
rem Bade orseillerot färbt, kommt als brauner,
in Wasser löslicher Teig in den Handel und be-
steht aus dem Natronsalze der Nitranilinazo-
alphanaphtylaminsulfosäure.

Orseillerot. Diesen Namen verdient eigentlich
der Farbstoff der Orseille, man hat ihn aber
auch einem Teerfarbstoff gegeben, der aus
dem Natronsalze der Amidoazoxylolazobeta-
naphtoldisulfosäure besteht. Das dunkelbraune,
in Wasser lösliche Pulver färbt Wolle orseillerot.

Orseillin (Orseillin BB, Orsellin), ein
1883 in den Handel gekommener Teerfarb-
stoff, wird durch Einwirkung von Betanaph-
thol auf Diazonaphthalinsulfosäure dargestellt
als ein braunes, in Wasser mit fuchsinroter
Farbe lösliches Pulver, das Wolle orseillerot
färbt.

Orthoform und Orthoform neu sind zwei
isomere Amidooxybenzoesäuremethylester, die
als lokale Anästhetika beschränkte Anwendung
finden. Das weiße, in Wasser schwer lösliche
Kristallpulver muß vor Licht geschützt auf-
bewahrt werden.

Ortol, ein photographischer Entwickler, be-
steht aus einer Verbindung von Methylortho-
amidophenol mit Hydrochinon.

Osageholz (Osagen-Orange) ist mit Gelb-
holz (s. d.) von Morus tinctoria oder Maclura
aurantiaca identisch und führt seinen Namen
nach dem Indianerstamm der Osagen, die aus
dem elastischen Holze Bogen herstellten.

Osmium, Os = i9i, eines der Metalle der
Platingruppe, findet sich namentlich mit Iridium
zusammen als Osmiridium (Newjanskit) in
        <pb n="317" />
        ﻿Osmiumsäure

311

Oxalsäure

Form kleiner, silberweiß glänzender Körnchen.
Zu seiner Abscheidung schmilzt man die Legie-
rung mit Zink und behandelt mit Salzsäure, wo-
bei das O. als unlösliches Pulver zurückbleibt.
Es hat das spez. Gew. 22,280 und verwandelt
sich beim Erhitzen an der Luft in flüchtiges
Osmiumtetroxyd. Das Metall dient zur Her-
stellung von Glühfäden für die sog. Osmium-
lampen.	»

Osmiumsäure (Osmiumtetroxyd, Über-
osmiumsäure, Überosmiumsäureanhy-
drid, lat. Acidum osmicum, frz. Acide osmique,
engl. Osmic acid), 0s04, entsteht beim Glühen
von Osmium im Sauerstoffstrome oder beim
Schmelzen des Metalls mit Salpeter in Form
farbloser prismatischer Kristalle, die bei 1000
schmelzen und bei wenig höherer Temperatur
sublimieren. Die stechend riechenden Dämpfe
greifen Augen und Atmungswerkzeuge heftig
an und erzeugen auf der Haut schmerzende
Ausschläge. Die wäßrige Lösung färbt die Haut
schwarz und wird, mit etwas Glyzerin konser-
viert, zur Zerstörung von Geschwürswuche-
rungen sowie subkutan gegen Neuralgie und
Epilepsie verordnet. Zu dem gleichen Zwecke
wird das osmiumsaufe Kali, ein violettrotes,
wasserlösliches Kristallpulver, angewandt. Die
O. muß vor Licht und Staub geschützt in sehr
gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden.

Osterluzeiwurzel (lat. Radix aristolochiae, frz.
Racine d’aristolochia, engl. Aristolochy root),
ein veralteter Artikel des Drogenhandels, findet
sich in folgenden vier Sorten; die bohnenför-
mig,e 0., Radix aristolochiae fabaceae von
Corydalis fabacea; die breite, aus Süd-
frankreich stammende hohle O., Radix aristo-
lochiae cavae von. Fumaria bulbosa; die
lange O. von Aristolochia longa und die
runde O., Radix aristolochia rotundae von
Aristolochia rotunda. Die Wurzeln sowie
die Wurzelknollen werden medizinisch verwandt,
namentlich in der Tierheilkunde.

Otterfelle. Das Fell der gemeinen Flußotter
(Lutra vulgaris) ist im Oberhaar graubraun,
glatt, fein und dicht und im Sommer und
Winter von gleicher Güte. Die Länge des Felles
beträgt 9—15 dm, diejenige des Schweifes 3 dm
und darüber. Der Pelzhändler unterscheidet nach
der Güte ostindische, mexikanische, spanische,
französische, deutsche, russische, dänische,
schwedische, nordamerikanische, kanadische
sowie Felle von den Hudsonsbailändern, von
Neuengland und Labrador. Die Labradorsorte
■wird als die beste betrachtet. Das sehr dichte
Pelz werk ist hellbraun bi? bräunlichschwarz
und dient zu Mützen und anderen Pelzwaren. —
Noch wertvoller ist das Fell der Seeotter
(Lutra marina), das außerordentlich dichtes,
Lutzes (4 cm), samtartiges, an allen Steilen
gleichmäßiges Haar zeigt und braunschwärz-
lich, durch einzelne ziemlich verteilte weiße
Naarspitzen silberglänzend erscheint.

Oxalsäure (Kleesäure, Sauerkleesäure,
Zuckersäure, lat. Acidum oxalicum, frz. Acide
°xalique, engl. Oxalic acid), eine starke orga-
cische Säure, findet sich in zahlreichen Pflan-
zen, teils an Kali, teils an Kalk gebunden. Von
mrem Vorkommen im Sauerklee (Oxalis
acetosella) hat sie ihre deutsche und che-

mische Bezeichnung erhalten. Außer dem Sauer-
klee enthalten auch Sauerampfer und Rhabarber
größere Mengen Oxalsäure in Form des sauren
oxalsauren Kaliums (Kaliumbioxalat, lat.
Oxalium, Kalium bioxalicum, frz. Bioxalate de
potasse, engl. Bioxalate of potash), das sich
leicht aus ihnen gewinnen läßt. Vor der Ent-
deckung der künstlichen Darstellung wurden
tatsächlich in der Schweiz, im Württembergi-
schen und im Schwarzwald aus den genannten
Pflanzen größere Mengen Oxalsäure dargestellt,
indem man den ausgepreßten und geklärten
Saft zur Kristallisation eindampfte, die hinter-
bleibenden weißen undurchsichtigen Prismen
und Pyramiden durch Zusatz von Kalk in das
oxalsaure Kalzium überführte und aus letzte-
rem mit Schwefelsäure die freie Oxalsäure ab-
schied. Heutzutage stellt man die Oxalsäure
nur noch auf chemischem Wege, und zwar
durch Behandlung organischer Stoffe mit Sal-
petersäure oder schmelzenden Alkalien her.
Nach dem ersten Verfahren erhitzt man zucker-
oder stärkehaltige Stoffe (Melasse) mit Sal-
petersäure auf etwa 50 °, dampft die Lösung ein
und kristallisiert die ausgeschiedene Oxalsäure
aus heißem Wasser um. Von dieser Methode
leitet sich der Name Zuckersäure ab. Für den
Großbetrieb eignet sich mehr das Schmelzen
von Sägespänen mit Alkali, indem man ein
Gemisch von Holzmehl mit Kali-Natron-Lauge
in eisernen Pfannen zur Trockne bringt, allmäh-
lich auf eine Temperatur von 170—2400 erhitzt
und darauf unter beständigem Rühren so lange
erhält, bis alle Holzpartikel zersetzt sind. Aus
der Schmelze werden zunächst mit wenig kal-
tem Wasser die kohlensauren Alkalien zum
größten Teile ausgelaugt und die hinterbleiben-
den Stoffe in siedendem Wasser gelöst. Beim
Erkalten kristallisiert das schwer lösliche oxal-
saure Natrium aus und wird von der Mutter-
lauge durch Zentrifugieren getrennt. Aus dem
Natriumsalze wird, wie oben beschrieben, durch
doppelte Umsetzung mit Kalk und Schwefel-
säure die freie Oxalsäure isoliert. Nach einem
neuen, besonders vorteilhaften und aussichts-
reichen Verfahren stellt man die Oxalsäure
durch Glühen eines Gemisches von ameisen-
saurem und kohlensaurem Kalium dar. Zur
völligen Reinigung der erhaltenen Oxalsäure
von den sehr schwierig zu entfernenden Alkali-
sulfaten und -oxalaten wird die freie Säure mit
heißem absoluten Alkohol in Lösung gebracht
oder aus einem Paraffinbade bei 1570 subli-
miert. — Die Oxalsäure, (COOH)ä, kristallisiert
in farblosen, durchsichtigen Nadeln mit zwei
Molekülen Kristallwasser. An der Luft verwittern
die Kristalle unter teilweisem Verlust des
Wassers, welches durch Erhitzen auf 700 völlig
ausgetrieben wird. Bei vorsichtigem Erhitzen
schmilzt die Säure zunächst in ihrem Kristall-
wasser und sublimiert zum Teil unzersetzt. Bei
raschem Erhitzen zerfällt sie jedoch in Wasser,
Kohlensäure und Kohlenoxyd. Die Oxalsäure
löst sich leicht in Wasser und Alkohol, hin-
gegen schwer in Äther und ist, wie auch ihre
Salze, stark giftig. Beide müssen daher vor-
sichtig aufbewahrt werden, besonders weil die
vom Publikum oft gebrauchte falsche Bezeich-
nung Bitterklee salz verschiedentlich Ver-
        <pb n="318" />
        ﻿Oxazinfarbstoffe

312

Palladium

Wechslungen mit Bittersalz verursacht hat. —
Von den Verbindungen der Oxalsäure haben
das namentlich in der Photographie gebrauchte
neutrale Kaliumoxalat (lat. Kalium oxali-
cum neutrale, frz. Oxalate de potasse, engl.
Oxalate of potash) und das Kaliumtetra-
oxalat, welches als Titersubstanz in der
Maßanalyse benutzt wird, große wissenschaft-
liche, das saure Kaliumoxalat (Kalium-
bioxalat, Kleesalz) hingegen außerordent-
liche technische Bedeutung. Zu seiner Dar-
stellung setzt man der Oxalsäure so viel Pott-
asche zu, daß nur die Hälfte der Säure neutra-
lisiert wird. Bisweilen sättigt man atich nur ein
Viertel der Säure ab, läßt auskristallisieren und
erhält dann das vierfach saure Salz. — Die
Oxalsäure und ihre Salze finden ausgedehnte
Anwendung in der Technik. Die Färberei und
Zeugdruckerei benutzen sie wegen ihrer blei-
chenden und farbenzerstörenden Eigenschaften.
Außerdem dienen sie zum Bleichen von Stroh-
hüten, Leder, Glyzerin und Fetten und zur
Entfernung von Tinten- und Rostflecken. Die
chemische Industrie verwendet sie zur Her-
stellung von Ameisensäure und verschiedenen
Farbstoffen, die analytische Chemie als Titer-
substanz und als wichtigstes Reagens auf Kalk.

Oxazinfarbstoffe sind mit den Azinen nahe
verwandt und unterscheiden sich von diesen da-
durch, daß eines der mittleren (Azin-) Stick-
stoffatome durch Sauerstoff ersetzt ist. Sie ent-
stehen durch Einwirkung von Nitrosoverbin-
dungen tertiärer Amine oder von Nitrosopheno-
len auf Phenole, Phenolkarbonsäuren und Amide.
Zu ihnen gehören: Resorzin blau (s. d.),
Azurin aus Nitrosodimethylanilin und Dioxy-
benzoesäure, Gallozyanin und seine Analogen
(s. d.) Meldolasblau (s. Echtblau); Mus-

karin (s. d.), Zyanamin, ein durch Einwir-
kung von alkoholischer Kalilauge auf Meldolas-
blau entstehender blauer Farbstoff, Nil blau
(s. d.), Capriblau, das dem Nilblau analoge
Derivat der Benzolreihe.

Oxychinonfarbstof fe der Benzol- und
Naphtalinreihe. Von den Farbstoffen dieser
7. Gruppe der Teerfarben (s. d.) haben nur
zwei Abkömmlinge des Naphtochinons, das
Naphtazarin und das Alizarinschwarz S prak-
tische Bedeutung erlangt. Das Naphtazarin,
ein Dioxynaphtochinon, C10H4O2(OH)2, wird
durch Behandlung von Dinitronaphtalin mit
rauchender Schwefelsäure und nachfolgende
Reduktion mit Schwefelsesquioxyd dargestellt.
Es bildet ein braunrotes Pulver, welches in
kaltem Wasser unlöslich ist, sich aber in heißem
Wasser mit rotbrauner, in konzentrierter Schwe-
felsäure mit fuchsinroter, in Natronlauge mit
blauer Farbe löst. Mit zwei Molekülen Natrium-
bisulfit vereinigt es sich zu einer wasserlös-
lichen Doppelverbindung, dem Alizarin-
schwarz S, welches als schwarze Paste in den
Handel kommt und in Verbindung mit Chrom-
beize zur Herstellung grauer und schwarzer
Töne im Kattundruck und der Wollfärberei An-
wendung findet.

Ozonal, ein Waschmittel, das in Form einer
festen elastischen Gallerte in den Handel kommt,
besteht zu 900/0 aus Petroleum, welches mit
Hilfe von io»/0 Seife in eine feste Masse ver-
wandelt ist, etwa nach Art des bekannten Hart-
spiritus. Die Anwendung des Petroleums für
Waschzwecke beruht auf seiner fettlösenden
Wirkung. Trotzdem scheint das Mittel keinen
Anklang gefunden zu haben, sondern aus dem
Handel verschwunden zu sein.

P.

Packfong, eine dem Argentan (s. d.) sehr
ähnliche Legierung. Der Name P. stammt aus
China, von wo die Legierung zuerst nach
Europa kam.

Päoniensamen (Pfingstrosensamen, Gicht-
rosensamen, lat. Semen paeoniae, frz. Semen-
ces de pivoine, engl. Paeony seeds), die run-
den, glänzendschwarzen Samen der bekann-
ten Gartenpflanze Paeonia officinalis, bilden
eine veraltete, aber noch immer in Drogen-
geschäften verlangte Handelsware, da viele
Leute der irrigen Meinung sind, den Kindern
durch Umhängung einer Kette von Päonien-
samen das Zahnen zu erleichtern. — Die Wurzel
derselben Pflanze, Päonienwurzel, Gicht-
rosenwurzel (lat. Radix paeoniae, frz. Racine de
pivoine, engl. Paeony root), die früher als Epi-
lepsiemittel angewandt wurde, besteht aus meh-
reren aneinander hängenden Knollen von außen
rotbrauner, innen weißer Farbe. — Päonien-
blüten (Pfingstrosenblüten, lat. Flores paeoniae,
frz. Fleurs de pivoine, engl. Paeony flowers), die
dunkelroten Blüten von Paeonia officinalis, be-
sitzen einen bitterlichschleimigen Geschmack

und werden als Brusttee und zu Räucherpulvern
benutzt.

Pain Expeller ist eine aus Kapsikumtinktur,
Ammoniak und Kampfer sowie geringen Men-
gen Seife und ätherischen Ölen (Rosmarin-,
Lavendel-, Thymian-, Nelken- und Zimtöl) be-
stehende Einreibung. Ähnliche Wirkung hat eine
Apon genannte Mischung von ammoniakalischer
Kapsikumtinktur mit Thymol und Chloralhydrat.

Palladium, Pd = io6, eins der Metalle, die fast
immer zugleich mit dem Platin (s. d.) vor-
korhmen, gleicht diesem in vielen Eigenschaften,
ähnelt aber in der Farbe mehr dem Silber.
Auch hat es ein weit niedrigeres spez. Gew.
von 11,8—12,2, ist leicht schmelzbar und schon
in Salpetersäure löslich. An der Luft bis zu
einer gewissen Temperatur erhitzt, läuft es blau
an, wird aber bei kürzerem Glühen wieder
blank. Zu seiner Darstellung versetzt man die
Lösung der Platinerze in Königswasser mit
Zyanquecksilber und reduziert das ausfallende
Zyanpalladium durch Glühen zu Metall. Man
benutzt das P. zu feinen mathematischen und
nautischen Instrumenten, da es eine gute Politur
        <pb n="319" />
        ﻿Palmarosaöl

313

Palo-mabi

annimmt, durch Seewasser nicht wie Kupfer
und Silber angegriffen und durch Schwefel-
dämpfe nicht schwarz wird. Auch dient es zur
Herstellung von Impfnadeln und von Stahlteilen
zu feinen Uhren, da es von elektrischen und
magnetischen Strömen nicht beeinflußt wird
sowie in einer Legierung mit 5 Teilen Silber
zu künstlichen Gebissen. Eine wichtige Rolle
spielt das P. als Katalysator bei chemischen
Prozessen, da es ungeheuere Mengen Wasser-
stoffgas zu absorbieren vermag.-—Palladium-
chlorür, PdCl2, die Auflösung des Metalles in
Königswasser, dient in der Chemie als Reagens
auf Jod und wird auch den Photographen statt
des Goldes zum Verstärken oder Dunkeln der
Negative auf Kollodion empfohlen.

Palmarosaöl (lat. Oleum palmarosae, frz.
Essence de göranium des Indes, engl. Oil of
Palmarosa), auch indisches Grasöl, indi-
sches Geraniumöl, Rusaöl genannt, wird aus
den oberirdischen Teilen der in Indien heimi-
schen Grasart Cymbopogon Martini Stapf
(And ropogon Martini Roxb., Andropogon
Schoenanthus Flück. et Planb.) durch De-
stillation mit Wasserdampf gewonnen. Es ist
ein farbloses oder hellgelbes Öl von angeneh-
mem, anRosen erinnerndem Geruch. Das spez.
Gew. liegt, zwischen 0,887 und 0,90, die Drehung
zwischen, -f-6 und — 30. In 1,5—3 Teilen 700/0-
igem Alkohol löst sich P. klar auf. Haupt-
bestandteil ist Geraniol, das 75—95% des P.
ausmacht; ein kleiner Teil (3—13o/0) des Ge-
raniols ist an Essigsäure Und Kapronsäure ge-
bunden. Weiterhin sind nachgewiesen kleine
Mengen von Dipenten, Methylheptenon und
f'arnesol. Verfälscht wird P. u. a. mit Gurjun-
balsamöl, Terpentinöl, Petroleum und Kokosöl.
Alle diese Zusätze verraten sich durch ihre Un-
löslichkeit in 70 o/o igem Alkohol.

Palmöl (Palmfett, lat. Oleum palmae, frz.
Huile de palme, engl. Palm-oil) nennt man das
r ett aus dem Fruchtfleische der Ölpalme,Eiais
Suineensis, die an derWestküste Afrikas hei-
misch ist und von Sierra Leone bis zum Kongo
öie wichtigste Nutzpflanze bildet. Die Palme
fragt große, oft zentnerschwere Büschel oder
^rauben mit zahlreichen Einzelfrüchten von der
Gestalt und Größe eines Taubeneies bis zu der
®lt&gt;es Hühnereies, deren Fruchtfleisch und
barnenkerne sehr fettreich sind. Das Öl aus
öem Fleisch gewinnen die Schwarzen in sehr
r^her Weise dadurch, daß sie die Früchte in
mögen oder Gruben der Sonnenhitze aussetzen,
^obei sich bald, unterstützt durch Rühren oder
Schlagen, Fleisch und Kerne trennen. Das
®rstere wird in irdenen Töpfen gekocht und
öas öl von den faserigen Bestandteilen durch
Zuschlägen in starke Tücher und Ausringen
“(Kr Abpressen getrennt. Neuerdings erfolgt
me Gewinnung in zweckmäßigerer Weise mit
Hilfe besonderer Maschinen., Das rohe P. ist bei
gewöhnlicher Temperatur von butterartiger Kon-
Slstenz und besitzt im frischen Zustande eine
orangegelbe Farbe und angenehmen Veilchen-
öOfuch, wird aber bald ranzig und schmutzig
eiß. Has Spez Gew, beträgt 0,945—0,947, der
chmelzpunkt des frischen Fettes 24—27, älterer
anziger Ware 30—400/0. Es besteht im we-
ltlichen aus Palmitin und Olein neben ge-

ringen Mengen Stearin und Linolein. Da es fast
immer ranzig ist, enthält es meist auch freie
Palmitinsäure, Ölsäure und Glyzerin, das sich
mit Wasser ausziehen läßt. Für die Herstellung
von Seifen und Kerzen muß das dunkelfarbige

P.	erst gebleicht und gereinigt werden. Die
Abscheidung der Schleimstoffe erfolgt durch
längeres Schmelzen, wobei die fremden Be-
standteile sich absetzen. Das Bleichen geschieht
vielfach durch bloßes Erhitzen im verdeckten
Kessel auf 210—2200 C, wobei die faserigen,
schleimigen und färbenden Bestandteile ver-
kohlen, während das Öl selbst nur geringe Ver-
änderung erleidet. Es sieht dann infolge bei-
gemengter Kohlenteilchen zwar etwas schmutzig
aus, gibt aber eine schöne weiße Seife. Bis-
weilen wird eine chemische Bleiche vorgezogen,
bei der das Öl heiß mit einer Mischung von
gelöstem Kaliumdichromat und Salzsäure zu-
sammengerührt wird, doch kann auch schon
durch anhaltende Einwirkung von Luft auf das
geschmolzene Fett eine Bleichung erreicht wer-
den. P. wird von den Eingeborenen als Speise-
fett, in Europa zur Herstellung von Seife und
Kerzen benutzt. — Das Palmkernöl wird erst
in Europa aus eingeführten Palmkernen durch
Extraktion oder Auspressen gewonnen. Es ist
dem Kokosfett nach Konsistenz, Farbe und che-
mischer Zusammensetzung völlig analog und
wird wie dieses in steigendem Maße zur Her-
stellung von Kunstspeisefetten, Margarine und
leichtschäumenden Seifen verarbeitet. Charak-
teristisch ist sein hoher Gehalt an Glyze.riden
der Laurinsäure, Kaprinsäure, Kaprylsäure und
Kapronsäure, die seine hohe Verseifungszahl
bedingen. — Die Preßrückstände, Palmkern-
kuchen, sind ein wertvolles Futtermittel mit
16—17 0/0 Rohprotein, 9—io»/0 Rohfett, 240/0
Rohfaser und 35 o/0 stickstofffreien Extrakt-
stoffen und wurden eine Zeitlang zum Ver-
fälschen von Pfeffer viel benutzt.

Palmwachs, eine Ausscheidung der auf den
Gebirgen Neugranadas wachsenden Wachs-
palme, Ceroxylon andicola, wird durch
Abschaben von dem Stamme und der Unter-
seite der Blätter und Zusammenschmelzen zu
einem Klumpen gewonnen. Die gelblichweiße
Masse besteht aus einem Gemenge von Flarz
mit einem wachsartigen Körper und ist dem
Karnaubawachs sehr ähnlich, von dem sie sich
durch den niedrigeren Schmelzpunkt von 720
unterscheidet. In Europa erhält man meist
Karnaubawachs für P., im Ursprungslande wird
es, mit Talg vermengt, als Kerzenstoff ver-
wandt.

Palo-mabi (Palo amargo), ein in Nord-
amerika und Westindien gebräuchlicher Gegen-
stand des Drogenhandels, besteht aus der Rinde
von Ceanothus reclinatus (Colubrina recli-
nata), die in Form zusammengerollter Zylinder
von 1 cm Durchmesser in den Handel kommt.
Die anfangs rein bitter und dem Süßholz ähn-
lich schmeckende Rinde ist außen bräunlich,
mit zahlreichen kleinen grauen, in axialer Rich-
tung verlängerten Korkflecken bedeckt, innen
glatt und ziemlich regelmäßig von schmutzig
gelben Längsfurchen durchzogen und wird in
Amerika medizinisch verwandt.
        <pb n="320" />
        ﻿Panamahüte

314

Papier





Panamahüte, die durch Leichtigkeit, Wider-
standsfähigkeit und so große Elastizität aus-
gezeichneten Hüte, daß sie sich in jeder Art
zusammenwickeln und drücken lassen und
immer wieder die frühere Form annehmen,
werden aus den Blattfasern eines zu den Pan-
d-aneen gehörigen Baumes, Carludovica
palmata,inZentralamerika verfertigt. Der hier-
bei entstehende Abfall dient anstatt der Borsten
zur Herstellung billiger Scheuerbürsten. Zu-
weilen kommen auch unechte, weniger halt-
bare, aus andern Fasern gefertigte P. in den
Handel.

Panamas sind halbwollene Modezeuge, die
mit dreifarbiger baumwollener Kette und doppel-
tem wollenem Einschuß gewebt werden, so daß
die Ware ein den geflochtenen Paiiamahüten
ähnliches Aussehen erhält.

Paniermehl, das in der Küche vielfach zum
Überziehen von Fleisch (Wiener Schnitzel) zur
Erzielung einer schönen Kruste benutzt wird,
besteht normalerweise aus einem scharf ge-
rösteten pulverisierten Gebäck (Zwieback,
Semmel). Neuerdings werden unter dem glei-
chen Namen vielfach künstlich mit Teerfarben
oder Orlean gefärbte Erzeugnisse in den Handel
gebracht, die oft gar nicht einmal gebacken
sind, sondern lediglich aus Maisgries bestehen.
Bei derartigen Nachahmungen muß zum min-
desten eine Kennzeichnung verlangt werden.

Pankreatin, der wirksame Bestandteil des
Pankreas, wird durch Ausziehen der Bauch-
speicheldrüse des Rindes mit Wasser und Fällung
der Lösung mit Alkohol als ein trockenes Pul-
ver, oder auch nach der Auflösung in Glyzerin
in flüssiger Form (Pankreatinum liquidum) in
den Handel gebracht. Ein neueres, Pankreon
genanntes Präparat ist eine Verbindung mit
Gerbsäure. Das P. findet gegen Störungen der
Darmtätigkeit medizinische Anwendung.

Pannetiers Grün, eine schön grüne Mineral-
farbe für Tapetendruck und Wandmalerei, die
aus borsaurem Chromoxyd besteht, wird als
Ersatz für das giftige Schweinfurtergrün emp-
fohlen.

Papaverin (lat. Papaverinum, frz. und engl,
Papaverin), eines der zahlreichen, im Opium
enthaltenen Alkaloide, bildet weiße, geruchlose
Kristallnadeln, die bei 1470 C schmelzen und in
kaltem Wasser fast unlöslich sind, in kochen-
dem Alkohol dagegen sich reichlich lösen. Von
den meist gut kristallisierbaren Salzen zeichnet
sich das salpetersaure P. durch seine Schwer-
löslichkeit aus. P. wird neuerdings medizinisch
verwandt.

Papayin (vegetabilisches Pepsin, lat.
Papayotinum, frz. und engl. Papayotine), ein
neueres Arzneimittel, wird aus den grünen,
melonenähnlichen Früchten, den Blättern und
Schäften des Melonenbaumes, Carica
Papaya, der in Südamerika heimisch, aber in
fast allen Tropenländern angebaut wird, ge-
wonnen. Durch Einschnitte in die genannten
Teile des palmenähnlichen Baumes bringt man
den Milchsaft zum Ausfließen, dampft nach
dem Filtrieren ein und fällt mit Alkohol. Der
entstehende Niederschlag wird von neuem in
Wasser gelöst, abermals mit Weingeist gefällt
und bei mäßiger Wärme getrocknet. Er bildet

ein amorphes, weißliches Pulver von etwas
herbem Geschmack und löst sich in Wasser
leicht zu einer beim Schütteln schäumenden
Flüssigkeit, die sich beim Kochen trübt, ohne
jedoch zu koagulieren. Das P. hat die Eigen-
schaft, feste Eiweißstoffe, Fibrin und Fleisch,
ähnlich dem Pepsin, zu lösen, also künstlich zu
verdauen, und zwar schon ohne Zusatz von
Säure. Zur Prüfung der Wirksamkeit löst man
0,1 g in 150 g Wasser und fügt 10 g nicht zu
hart gekochtes, in linsengroße Stücke zer-
schnittenes Eiweiß hinzu. Letzteres muß sich
innerhalb 4—6 Stunden bei einer Temperatur I
von 400 C unter öfterem starken Schütteln zu
einer schwach opalisierenden Flüssigkeit voll-
ständig auflösen. Man verordnet das P. bei
Verdauungsstörungen, ferner zur Beseitigung
diphtheritischer Membranen und gegen Würmer
bei Kindern.

Papier (frz. Papier, engl. Paper). Der Name [
dieses ganz unentbehrlich gewordenen Handels- I
und Gebrauchsgegenstandes ist dem Papyros j
der Alten entlehnt. Richtiger würde die Be- I
Zeichnung Karte (im Sanskrit und über ganz 1
Indien kartä, kirtas, qertas, lat. quarta, carta, j
ein viereckiges Blatt) sein, welche die I
Italiener und Griechen auch heute noch bei-
behalten haben. Die alten Ägypter spalteten die
Stämme der Papyrusstaude, sonderten von [
außen nach innen zu immer feiner werdende j
Lagen des Gewebes ab und klebten die Streifen j
zuerst mit ihren Längsrändern, aneinander und |
dann lagenweise übereinander, weil die Tafeln
sich sonst zu leicht in der Länge gespalten I
hätten. Ein unserem heutigen P. ähnliches, d. h. |
durch Verfilzung feiner Pflanzenfäserchen ge-
wonnenes Erzeugnis wurde erst 123 v. Chr, von j
dem chinesischen Mandarin Tsailün erfunden, I
nach dessen Verfahren Algen, Baumwolle, Bam- I
busmark und Abfälle der Baumwollengewebe I
verarbeitet wurden, bis spätere Jahrhunderte |
zur Verwendung der Stroharten, des Bastes I
mehrerer Baumarten und der Papierbaumschalen J
(Broussonetia papyrifera) übergingen. Um 610 I
n. Chr. kam die&gt; Papiermacherei nach Korea 1
und dann nach Japan, wo der genannte Papier- I
bäum den Hauptrohstoff liefert. Die Tataren 1
lernten die Kunst auf ihren Einfällen in die I
Mongolei kennen und führten sie nach den j
Hauptstädten Marakanda (Samarkand), Bokhara, I
Kaschghar ein, von wo sie durch die Araber zu
Anfang des achten Jahrhunderts nach Syrien,
Palästina, Arabien, Ägypten, Sizilien und Spanien
verpflanzt wurde. Als Ausgangsmaterial diente I
ausschließlich die rohe Baumwolle, während m I
Hindostan bis Zeylon die Faser der Sonnen- I
pflanze oder Sunhanf (Crotolaria juncea), &gt;n
Vorderindien Tschut (Jute, Corchorus capsu-
laris), Pisang, Agave, in Tibet eine Wurzelrinde, |
in Siam und Anam die Fasern des Pliu-Klp1
(Trophis aspera) und der Nessel (Boehmeria
nivea) benutzt wurden. Die arabischen und |
maurischen Papiermacher (warräk), welche fast j
immer zugleich Gelehrte, Richter und Schreibet
(Kanzler) waren, hielten ihre Kunst sehr ge'
heim, bis die Kreuzfahrer im dritten Kreuz-
zuge mit Hilfe der Gewalt sich genau davon
unterrichteten, und gleichzeitig durch die Ver-
treibung der Mauren aus Spanien das Papiet' 1
        <pb n="321" />
        ﻿Papier

315

Papier

machen auch dort in den Besitz christlicher
Nachfolger überging. — Der wichtigste Fort-
schritt bestand zunächst in dem Ersatz der
Baumwolle durch Leinenfasern, wozu der immer
fühlbarer gewordene Mangel an baumwollenen
Hadern und die geringe Haltbarkeit des Baum-
Wollenpapiers zwang, und gleichzeitig die Ein-
führung von Mühlen an Stelle der Mörser und
Stampfwerke. Es folgte die Einführung soge-
nannter Doppelformen, welche die Arbeit des
Schöpfers, Gautschers und Legers wesentlich
»leichterten, und schließlich durch Robert die
Erfindung der Papiermaschine, welche durch
Gamble, Fourdrinier, John und Georg
Hickinson, L e i stenschneider, Bramah,
Penisson und Keferstein zahlreiche Ver-
änderungen und Verbesserungen erfuhr. — Die
Papierbereitung erfolgt entweder durch
Handarbeit (Hand- oder Büttenpapier-
fabrikation) oder überwiegend durch Ma-
schinen (Maschinenpapierfabrikation).
Hie Herstellung des Handpapiers (Papiermanu-
faktur), die fast nur noch historisches Jnteresse
hat, zerfällt in folgende einzelne Arbeiten: Sor-
Heren (trier, delisser, sorting) der Hadern in
2°—30 verschiedene Arten, Reinigen durch
einen Stäuber (Wolf, frz. Blutoir, Loup, Diable,
engl. Duster), Kochen mit Kalklauge in einem
feststehenden oder rotierenden eisernen Kessel,
Auswaschen und Halbstoffmahlen in der
Eylindermühle oder dem Halbholländer (frz.
Cylindre defileur, engl. Rag grinding engine),
Bleich en des Halbstoffes (frz. Demi-päte, engl.
Half-stuff) mit Chlorgas oder Chlorkalklösung,
Ganzstoff mahlen in der Ganzstoffmühle oder
'fern Ganzholländer (frz. Cylindre raffineur,
etlgl. Pulp finishing engine). Zur Erleichterung
'fcs Mahlens ließ man früher die Hadern faulen,
'wodurch zugleich ein sehr geschmeidiges P.
®rhalten wurde. Schließlich wird der Ganzstoff
(frz. Bäte fine, engl. Stuff) für Handpapier
Jhit Harztonerde vorgeleimt und gefärbt, wobei
me erforderlichen Farben entweder fertig zu-
Sesetzt (substantive Farben) oder durch Nieder-
Schlag auf dein Stoff erzeugt (adjektive Farben)
^erden. Der so verarbeitete Brei gelangt in die
Bchöpfbütte (frz. Cuve, engl. Stuff-vat), aus
Reicher der Schöpfgeselle mit einer der
Größe des P.1 entsprechenden Form aus feinem
jnessingdrahtgewebe und dem Rahmen (frz.
farnis, engl. Would) die Fasern auffängt und
cmrch Schütteln gleichmäßig verteilt. Der Gaut-
l^her, dem darauf die Form auf einem Brett
(BrSteau, Trestle) zugeschoben wird, drückt
^eii nassen Papierbogen auf einen Filz (Feutre.
c°ucheur, Wert feit), und zwar so lange, Bogen
5uf Filz übereinander, bis bei gewöhnlichen
£apiersorten 181 Bogen in 182 Filzen liegen,
Uer ganze Stoß (Puscht oder Panscht), daher
■ .Uber Pauscht und Bogen“, kommt dann unter
I ?le Presse, durch welche das überflüssige Wasser
f^rausgedrückt wird. Die Arbeit des Legers
“esteht darin, die Papierbogen von den Filzen
|eschickt abzunehmen (nicht einzureißen oder
Slasen zu machen) und genau Bogen auf
, °gen zu legen (Umlegen, frz. Gänger, Re-
CVer, engl. Change, Turn), wobei drei Puschte
,u einem vereinigt und noch einmal auf
Urze Zeit gepreßt werden. Darauf folgt das

Auf hängen der Bogen zum Trocknen. Nach
dem Trocknen wird das Papier geschält, von
Knoten gereinigt und vom fehlerhaften Aus-
schuß (frz. Rdtire, engl, Worst part, Refuse) ge-
schieden. Die Leimung in Knochenleimlösung
und Alaun (frz. Collage animal, engl. Sizing)
geschieht in der Weise, daß man eine Hand-
voll Bogen zugleich in die Leimbütte taucht
und dabei geschickt wendet, bis alle Stellen die
Leimung annehmen. Nach dem Leimen wird
das P. gepreßt, wieder aufgehängt, nach dem
Trocknen nochmals gepreßt, geschält, sortiert,
nötigenfalls geglättet, beschnitten und endlich
in Lagen, Bücher, Riese und Ballen gezählt, in
Riese ausgebunden und gepackt. — Diese müh-
same, zeitraubende und von der Geschicklich-
keit der Angestellten so sehr abhängige Arbeit
der Handpapiermacherei wird in wesentlich ein-
facherer Weise von den modernen Maschinen
ausgeführt. Ihre Grundlage bildet der Gedanke
des Werkführers Robert in Essonne, ein Metall-
sieb ohne Ende als Form zu benutzen und da-
bei durch seitliche Schüttelung während des
Ganges und damr durch Walzen mit Filztuch
ohne Ende unter Druck das Wasser aus dem
fortlaufend gebildeten Papierbogen (P. ohne
Ende, frz. Papier sans fin, engl. Endless paperl
möglichst zu entfernen. An Stelle des Siebes
ohne Ende benutzte Leistenschneider einen
mit Metallgewebe überzogenen hohlen Zylin-
der (Trommel, frz. Tambour, engl. Cylinder),
der sich zu 2/3 in dem dünnen Papierbrei be-
wegt und zu '/j oben frei zur Ansaugung des

P.	dient, von wo dasselbe durch Filzwalzen
abgenommen,	weitergeführt	und durch	Preß-

walzen entwässert wird. Durch diese beiden
Einrichtungen war die Arbeit des Schöpfers,
Gautschers, Pressers und	Legers in	eine

mechanische Tätigkeit zusammengefaßt, so daß
für die Handarbeit nur noch das Trocknen,
Pressen und Planieren übrig blieb. Schließlich
fügte Keferstein in Weida einen Trocknungs-
zylinder ein,	der mit Dampf erhitzt	wurde

und das darübergeführte P. trocknete, damit
war die Papiermaschine vollendet. —- Die beim
Büttenpapier	geschilderte	Arbeitsweise	vom

Hadernsortieren bis zum gebleichten Ganzstoff
findet auch bei der Herstellung des Maschinen-
papiers in gleicher Weise statt, nur erfolgt hier
die Mischung der Fasern und Zusätze in
anderer Weise. Während nämlich bei den Hand-
papieren fast ausschließlich die aus leinenen
und baumwollenen Hadern durch feine Zertei-
lung gewonnenen Fasern Verwendung finden,
ist bei den Maschinenpäpieren der Zusatz von
feinen weißen Mineralstoffpn (namentlich Per-
manentweiß, Ton und Gips) eingeführt worden,
welche den Papierstoff teils weiß, teils schwer
machen. Auch wird der Holzstoff (frz. Pate
de bois, engl. Wood pulp) sowie Zellulose aus
Stroh-, Holz-, Jute- und Espartofaser in großen
Massen verwandt. Die Leimung der in geeig-
neter Weise hergestellten Mischung erfolgt dann
in der Stoffmühle oder der Mischholländer-
mühle durch Zusatz von 3—4°/o alkalischer
Harzlösung und 3—40/0 Alaun oder 2—3 0/0
schwefelsaurer Tonerde, worauf bei farbigen
Papieren die Färbung stattfindet. Der fer-
tige, geleimte und gefärbte Papierstoff wird
        <pb n="322" />
        ﻿Papiergarn

316

aus der Mischholländermühle in eine der
zwei Vorratsbütten jeder Papiermaschine ab-
gelassen und fließt von da mittels Rohrs und
stellbaren Hahns in einen Schöpfapparat
(Danaide), welcher dem Stoffregulator (frz.
Regulateur de pate, engl. Regulator for stuff)
soviel zuführt, als das dünnere oder dickere P.
auf dem Metallsiebe braucht. Der Stoff gelangt
dann auf eine breite, mit gerippten Boden- oder
Querleisten versehene Tafel, den Sandfang
(frz. Sablier, engl. Sand-catcher), der zur Zu-
rückhaltung des Sandes und aller schweren Un-
reinigkeiten dient, und danach auf einen oder
zwei mit geschlitzten Messingplatten belegten
Kasten, den Knotenfänger (frz. Epurateur,
engl. Knotter, Stsainer), der zur Zurückhaltung
der Zwirnknoten (Nähte) und grob gebliebenen
Fasern bestimmt ist. Von da fließt der gerei-
nigte Papierstoff auf ein Metallgewebe von
U/2—2 m Breite und 10—15 m Länge ohne
Ende, welches von kleinen Walzen getragen
und von großen Walzen darunter gespannt
wird. Durch seitliches Schüttelwerk, eine auf-
gelegte Entwässerungswalze (frz. Rouleau
egoutteur, engl. Dandy roll), Kaufmannsche
Saugkasten und Säugpumpe (frz. Caisse und
Pompe aspirante, engl. Suction box und Pump),
durch die Gautschpresse (frz. Presse cou-
cheuse, engl. Couching roll) und die erste und
zweite Naßpresse (frz. Presse humide, engl.
Wet press) wird das Wasser auf mechanischem
Wege soweit als möglich entfernt. Das Papier-
band passiert dann, durch Filze getragen, vier
bis zehn mit Dampf geheizte Trbcknungs-
zylinder (frz. Cylindres sScheurs, engl. Drying
rollers), aus denen es getrocknet auf Haspeln
(frz. Dövidoirs, engl. Reels) zu Rollen sich auf-
windet. Die letzteren werden für sich verkauft
oder auf einer Schneidemaschine (frz. Coupeuse,
engl. Cutting machine) in Bogen geschnitten,
mit einer Satinier- oder Kalandermaschine (frz.
Machine ä satiner, Calandre, engl. Calender)
geglättet und in Ries verpackt. Zum Wiegen
des P. dienen eigene Papierwagen, welche
das Gewicht des Bogens im Ries zu 480, 500
und 1000 Bogen angeben. Die Dicke bestimmt
man mit dem Pyknometer, die Festigkeit mit
dem Apparat von Wendler. — Das sog.
Reißpapier (engl. Rice paper), welches so-
wohl in China als auch bei uns zur Blumen-
malerei und zur Herstellung künstlicher Blumen
viel benutzt wird, ist kein eigentliches Papier,
sondern besteht aus dem Marke und der Wurzel
einer von den Chinesen „Reiß“ genannten
Pflanze (Aeschynome paludosa). Zur Dar-
stellung dieser schneeweißen Blätter wird die
noch feuchte Wurzel mit eigentümlichen Messern
spiralförmig nach innen zu geschnitten, und das
erhaltene zusammenhängende Blatt noch feucht
zwischen Platten gepreßt. — Pauspapier ist
mit Lösungen von fetten Ölen oder Kopaiva-
balsam behandeltes und dadurch durchscheinend
gemachtes Seidenpapier zum Durchzeichnen.

Papiergarn wird seit der Abschneidung aus-
ländischer Faserstoffe durch die völkerrechts-
widrige englische Blockade in der Weiäe aus
Natron- oder Sulfitzellstoff hergestellt, daß man
in Streifen geschnittenes Papier auf Scheiben
(Spinnteller) wickelt, dann feucht dreht und mit



Pappe

Textilfasern zusammen verspinnt. Häufig wer- I
den die Streifen auch aus Papierblättern ge- J
schnitten, die schon vorher mit einem Schleier
von Baumwoll- oder Juteabfällen beklebt waren
(Textilose). Das Papiergarn eignet sich gut
zur Herstellung von Bindfaden, Seilen, Ge-
weben für Wandbekleidungen, Läuferstoffe, |
Matten, Teppiche, Säcke (besonders Sandsäcke), j
unter Umständen auch für Bekleidungsgegen-
stände (Strümpfe, Anzüge). Für den letzteren
Zweck wird das Gewebe durch Behandlung mit
schwacher Lauge weich gemacht, während der
Nässe ausgesetzte Gewebe mit Leim und Tannin
imprägniert werden müssen. Bereits im Jahre
1917 erzeugten die Fabrik von Claviez in Adorf
und die Textilwerke in Oppeln täglich je 30 bis
40000 kg P.

Papiermache (frz. Carton mould, engl. Paper
machee, Japanned paper) nennt man eine aus
Papierstoff bestehende Masse, aus welcher die I
japanischen und chinesischen Lackwaren (Tee-
bretter, Rahmen, Dosen) hergestellt sind und
die in anderer Form auch bei uns viel benutzt I
wird. Zur Herstellung der ersten Art wird an-
gefeuchtetes Papier mit einem aus Tischler- I
leim und Weizenmehl gekochten Bindemittel
Blatt' für Blatt über Formen gelegt, die zur j
Verhinderung des Anklebens mit öl bestrichen
sind. Nach dem Auflegen von je 3—4 Blättern I
findet eine Trocknung statt. Sobald die erfor-
derliche Dicke erreicht ist, wird der Gegen- I
stand völlig getrocknet, mit Bimsstein oder I
einem ähnlichen Material wiederholt sorgfältig I
abgeschliffen und mit dem vorzüglichen japa- 1
nischen Lack (s. d.) bestrichen. Das Lackieren
wird vielfach auf dem Wasser in Kähnen vor- I
genommen, um jeden Zutritt von Staub zu ver- I
hindern. In Europa zerteilt man Papier durch
sog. Maschieren (Kauen) mit Hilfe von I
heißem Wasser in eine faserige Masse, setzt |
Ton oder Gips hinzu und füllt den Brei in I
Formen. Die erhärteten Gegenstände (Puppen-
köpfe, Tiere) werden mit Öl- oder Leimfarben I
grundiert und bemalt. Zur Nachahmung einer
Behaarung trägt man bisweilen feine Scher-
wolle auf den Leimüberzug auf. Als neueste I
Erzeugnisse aus P. sind Eisenbahnräder, Fässer, I
Eimer, Waschbecken, Körbe und Teller zu er-
wähnen, die meist aus Holzstoff oder Zellulose I
hergestellt und durch mineralische Zusätze un-
verbrennlich gemacht werden.

Pappe (frz. Carton, engl, Board, Card board,
Paste-board) sind verschieden dicke Platten aus
Papiermasse, die nach den üblichen Verfahren
der Papierfabijkation hergestellt werden. Man
erhält sie entweder durch Schöpfen der Bogen
von der erforderlichen Dicke (geschöpfte oder
geformte Pappe, Bütten-P.) oder durch
Zusammenpressen zahlreicher, frisch geschöpfte! I
Papierblätter (gegautschte P.) oder endlich
durch Zusammenleimen fertiger Papierblättef I
(geleimte P.). Glanzpappen sind aus einen)
mit Koalin oder Schwerspat beschwerten und
geleimten Papierstoff durch Pressen hergestelh-
Nach der Art der Verwendung unterscheide1
man Saugpappen zum Trocknen feuchtet
Stoffe und Buchbinderpappen für Büchet'
einbände und Kästen. Die ersteren bestehen
aus Wollenhadernstoff, die letzteren meist aU5
        <pb n="323" />
        ﻿Pappelholz

317

Paraffin

Altpapier und Holzstoff mit Mineralzusätzen. —
Dachpappe (Stein- oder Teerpappe) end-
lich wird aus einer mit Teer gemischten Papier-
niasse von Papierabfällen, geringem Holzstoff,
geringsten Hadern und Kehricht hergestellt, mit
Teer getränkt und mit Sand bestreut. — Asbest-
pappe ist aus Asbest und Holzstoff hergestellte
Pappe, die zum Abdichten und zum Schutz vor
Peuersgefahr vielfach verwandt wird.

Pappelholz, das Holz der verschiedenen Arten
von Pappeln, i. Das hellfarbige Holz der
Schwarzpappel, Populus nigra, ist sehr
Weich, fast schwammig und fasert leicht beim
Bearbeiten, ist aber dem Reißen und Werfent
wenig unterworfen. 2. Das Holz der Silber-
pappel oder Weißpappel, Populus alba,
ist ziemlich hellfarbig, bisweilen gelb geflammt
und geadert, zäh, ziemlich spaltbar und sehr
leicht, und wird zu Drechsler- und Tischler-
arbeiten benutzt. 3. Das häufig ins Bräunliche
spielende Holz der Zitterpappel, Populus
tremula, ist zäh und dicht, ziemlich fest und
gut spaltbar, wirft sich wenig und läßt sich gut
und glatt bearbeiten. Es dient zu Schnitzereien
und Tischlerarbeiten. 4. Das Holz der italie-
nischen oder Chausseepappel, Populus
Pyramidalis, ist hellgelblichweiß, weich,
leicht, zäh und schwerspaltig, wirft sich nicht,
bekommt keine Risse, steht im Trockenen gut,
aber weniger im Nassen, und wird zur Her-
stellung von Modellen, als Blindholz für Fur-
uierarbeiten und zum Wagenbau benutzt. 5. Das
Holz der kanadischen Pappel, Populus
canadensis, ist ziemlich weiß, im Alter nach
dem Kern hin bräunlich und wie das Zitter-
Pappelholz verwendbar. Die Ruten der italie-
nischen Pappel eignen sich ausgezeichnet zu
Blechtwerk, Zäunen und Faschinen.

Pappelknospen (lat. Gemmae populi, frz.
Bourgeons de peuplier, engl. Popler buds), die
bräunlichgelben, spitzkegelförmigen Blattknos-
Pen der Schwarzpappel, sind an ihren
dachziegelartig aufeinanderliegenden Schuppen
nnt einem aromatischen klebrigen Harze be-
deckt und enthalten überdies Gerbstoff, Wachs
uud 1/2°/o ätherisches öl. Aus den im Frühling
gesammelten Knospen stellt man durch Er-
wärmen mit Schweineschmalz die Pappel-
falbe (Unguentum populi) her, die gegen Ver-
brennungen und als Haarwuchsmittel benutzt
Wird. Das aromatisch riechende, hellgelbe bis
hellbraune ätherische Pappelknospenöl (Oleum
gemmae populi) hat das spez, Gew. 0,890 bis
°&gt;905 und siedet zwischen 255 und 265°.
t Paprika (Spanischer oder Türkischer
(Keffer, lat. Fructus capsici annui seu Piper
h’spanicum, frz. Poivre rouge, engl. Red pepper)
hennt man die rotgelben bis dunkelroten Früchte
ber langen Beißbeere (Capsicum annuum),
Welche die Form einer 6—io cm langen und
^&gt;5—3 cm dicken Schote besitzen. Die aus
Spanien, Italien, vor allem aber aus Südungarn
^geführte Frucht kommt. sowohl in ganzem
Wie in gemahlenem Zustande in den Handel.
ÖIe enthält als wertbestimmenden Bestandteil
5)wa 0,01 o/0 eines scharfschmeckenden Stoffes,
TaPsaizin, das sich jedoch nur in gewissen

rüsen der Fruchtscheidewand (Placenta) vor-
’^det. Als Gewürz wird nur die ganze ge-

mahlene Frucht benutzt, während ein neuer-
dings als Zusatz'zu Hackfleisch angepriesenes
Pulver, das unter Beseitigung der Placenta her-
gestellt worden ist, völlig geschmacklos er-
scheint und daher zu den im Fleischbeschau-
gesetz verbotenen Farbstoffen zu rechnen ist.
In gepulvertem Zustande ist P. Verfälschungen
in hphem Grade ausgesetzt, Zusätze von Mehl,
Kleie, Sandelholz, Ziegelmehl, Ocker und an-
deren Mineralstoffen und künstliche Färbung
sind beobachtet worden, ja selbst mit Alkohol
völlig extrahierte Proben kommen im Handel
vor. Diese Extraktion erfolgt zur Gewinnung
der Paprikatinktur (Tinctura capsici), die als
Einreibungsmittel Verwendung findet, aber
auch zur Verfälschung von Trinkbranntwein, als
Schärfe, dient, durch Einhängen mit P. gefüllter
Säckchen in Spiritus. Die bereits in Ungarn
vielfach ausgeübte Verfälschung gibt sich durch
die blässere Farbe, den milderen Geschmack und
vor allem den geringen Gehalt an alkoholischem
Extrakt, der in normaler Ware mindestens 260/0
beträgt, zu erkennen. Allerdings ist zur Ver-
meidung von Irrtümern zu berücksichtigen, daß
Paprika sich bei längerer Aufbewahrung ver-
ändert und anscheinend an Extrakt verliert.

Paradieskörner (Meleguetapfeffer, Mus-
katsaat, Guineapfeffer, lat. Grana paradisi,
frz. Grains de paradis, engl. Grains of paradise)
sind die Samen von Amomum Melegueta
(Szitamineen) und also mit Ingwer und Kar-
damomen verwandt. Die glänzendbraunen und
harten Samen zeigen eine rundlicheckige und
fast vierseitige Form. Die Oberfläche erscheint
mit feinen Runzeln und Wärzchen bedeckt, der
Durchschnitt weiß und mehlig, der Geschmack
stark gewürzhaft und beißend wie Pfeffer und
Ingwer. Die wertbestimmenden Stoffe befinden
sich in der Samenschale und bestehen aus wenig
ätherischem Öl und einem sehr brennend
schmeckenden Harz. Zurzeit wird die Droge
nur noch benutzt, um Essig und Branntwein
einen schärferen und kräftigeren Geschmack zu
geben, sowie bei der Bereitung bitterer Liköre.

Paraffin ist ein Gemenge verschiedener fester
Kohlenwasserstoffe der Fettreihe von der ali-
gemeinenFormelCnHau-t-2, hauptsächlich mit 20
bis 40 Atomen Kohlenstoff, das sowohl fertig
gebildet in der Natur vorkommt, als auch bei
der trockenen Destillation bituminöser Kohlen
und Schiefer entsteht. Der von K. v. Reichen-
bach im Jahre 1830 eingeführte Name „parum
affinis“ soll die geringe Verwandtschaft zu an-
deren Stoffen, die Widerstandsfähigkeit gegen
chemische Stoffe andeuten. P. findet sich in
gelöstem Zustande im Erdöl, in fester Form als
Erdwachs (Ozokerit) am Fuße der Kar-
pathen in Galizien, ferner in Siebenbürgen, der
Moldau und am Ostufer des Kaspischen Meeres.
In großen Mengen gewinnt man es aus dem
Teer gewisser Braunkohlen, die sich besonders
in der Provinz Sachsen zwischen Weißenfels
und Zeitz finden sowie aus Torf und bitumi-
nösem Schiefer, Die zur Verarbeitung geeig-
nete Braunkohle, die sog. Paraffin kohle
(Pyropissit), die ein wenig kohlenartiges Aus-
sehen hat und, mehr einer leichten hellbraunen,
bröckligen Erde ähnelt, wird zunächst geschwelt,
d. h. einer trockenen Destillation unterworfen,
        <pb n="324" />
        ﻿Paraffin

318

Paraffinöl

und der gewonnene Teer, eine braune butter-
artige Masse, oder bei höherer Temperatur ein
klares hellbraunes Öl, in gußeisernen Blasen von
20 dz Fassungsraum, meist unter Minderdruck,
nochmals destilliert. Die zuerst übergehenden
Stoffe sind paraffinarm und bilden das Rohöl,
das auf Photogen und Solaröl verarbeitet
wird; die zuletzt übergehenden, die sog. Pa-
raffinmasse, enthalten neben schweren Ölen
(Paraffinöl, Schmieröl), die Hauptmasse des
festen P. Zur Entfernung von Harz, Kreosotöl
u. dgl. unterwirft man die Paraffinmasse einer
Raffination mit konz. Schwefelsäure, Natron-
lauge und warmem Wasser und überläßt sie
in großen kühl stehenden Bassins mehrere
Wochen der Ruhe. Die in glänzenden gelb-
weißen Blättern auskristallisierende Paraffin-
butter wird durch Filterpressen geschickt, wo-
bei ein großer Teil des Öles (Paraffinöl) ab-
läuft, während die Schuppen, das Rohparaffin,
Zurückbleiben. Das letztere wird mit io—150/0
Braunkohlenbenzin zusammengeschmolzen, nach
dem Erstarren in hydraulischen Pressen stark
abgepreßt und das Verfahren mehrmals wieder-
holt, bis die Masse fast weiß ist. Schließlich
kocht man das P. zur Entfernung des Benzins
mit Wasser aus, entfärbt es völlig durch Er-
hitzen mit Knochenkohle oder feinem Ton und
gießt es dann für den Handel in Blöcke. Von
den Nebenprodukten der Paraffingewinnung
haben die flüssigen Bestandteile des Rohöls,
Photogen und Solaröl, die durch eine Raffi-
nation mit Schwefelsäure und Natronlauge so-
wie durch fraktionierte Destillation des Rohöls
gewonnen werden, die größte Bedeutung. Das
Photogen, zu dem man alle Fraktionen mit
einem spez. Gew. unter 0,825 rechnet, bildet
eine farblose oder schwach gelbliche Flüssig-
keit von unangenehm rettichartigem Geruch.
Seine niedrig siedenden Anteile vom spez. Gew.
0,77-—0,81, das Braunkohlenbenzin, dienen, wie
erwähnt, zur Reinigung des P., während die
höher siedenden mit spez. Gew. von 0,810—0,825
als eigentliches Photogen, Ligroin oder deut-
sches Petroleum zur Beleuchtung oder als Fleck-
wasser Verwendung finden. Das gelbliche, ziem-
lich dickflüssige Solaröl (spez. Gew. 0,825 bis
0,835) wird als billiger Ersatz des amerika-
nischen Petroleums benutzt, dem es an Leucht-
kraft nahe kommt. Das zum Brennen untaug-
liche dicke Öl, das vom P. abgepreßt wird,
kommt als Paraffinöl zu Schmierzwecken
oder zur Ölgasbereitung in den Handel. Die
Ausbeute an Teer beträgt etwa 5 0/0 der ver-
arbeiteten Braunkohlen. In der Zeit vor dem
Kriege wurden in Deutschland jährlich aus
65000 t Teer 7500 t P. und 36000 t Paraffinöl
gewonnen. — Die Darstellung auä dem bitumi-
nösen Schiefer, der besonders in Ungarn und
im Banat vorkommt . sowie aus den hoch
siedenden Anteilen des Rohpetroleums erfolgt
in ähnlicher Weise. Das aus letzterem durch
Auskristallisieren gewonnene P. wird als Bel-
montin, ein durch Destillation erhaltenes
Weichparaffin von zarter, salbenartiger Kon-
sistenz als Vaseline oder Paraffinsalbe be-
zeichnet. Das wertvollste Ausgangsmaferial, der
Ozokerit, der 50—80% beste Paraffinmasse
liefert, wird meist ohne Destillation durch Be-

handlung mit rauchender Schwefelsäure und I
Entfärbung mit Tierkohle gereinigt und liefert
dann ein schwer schmelzbares P., das Zeresin. I
— P. bildet im gereinigten Zustande eine durch- I
scheinende, geruch- und geschmacklose Masse |
von bläulichweißer Farbe, die beim Kneten in
der Hand erweicht, sich aber nur wenig fettig
anfühlt. In Wasser ist es unlöslich, kochender
Alkohol löst etwa 3 0/0, in Äther, Schwefel- I
kohlenstoff, Benzin und fetten Ölen löst es sich
bei gelindem Erwärmen fast in jedem Verhält-
nis auf. Mit Wachs, Walrat, Fetten und Harzen j
kann es leicht zusammengeschmolzen und ge- I
mischt werden. Konzentrierte Schwefel- und
Salpetersäure sowie ätzende Alkalien sind ohne
jede Einwirkung, von Chlorgas wird es nur in
geschmolzenem Zustande unter Bildung einer
zähen harzigen Masse (Chlorparaffin) an- I
gegriffen. Beim Erhitzen mit Schwefel ent- I
wickelt das P. Schwefelwasserstoff und zersetzt
sich dabei vollständig unter Abscheidung von
Kohle. Bei gewöhnlicher Temperatur läßt es I
sich nicht anzünden, erst nach dem Erhitzen I
auf 160—1700 verbrennt es mit leuchtender I
Flamme. Zwischen 3^0—4000 geht das P. zum
größten Teil unzersetzt über. Der Schmelz- I
punkt, das spez. Gew. und die Härte, die mit- 1
einander steigen und fallen, unterliegen großen I
Schwankungen. Nach ihrer Höhe unterscheidet I
man in der Regel Weichparaffin (Schmelz- I
punkt 44—48°, spez. Gew. 0,88—0,89) und I
Hartparaffin (Schmelzpunkt 52—56°, spez.
Gew. 0,828—0,915), oder wie bei den Braun-
kohlendestillaten Weichparaffin (Schmelzpunkt
38—42°), Mittelparaffin (47—50°) und Hart- I
paraffin (53—55°), doch kommen auch Hart- 1
paraffine mit Schmelzpunkten bis zu 70° vor. I
Über 70—8o° liegende Schmelzpunkte und spez. I
Gewichte von 0,918—0,930 deuten auf Zeresin I
hin. Je höher der Schmelzpunkt, um so wert- |
voller ist das P. Die Hauptmenge dient zur I
Herstellung von Kerzen. Außerdem benutzt 1
man es zum Imprägnieren vieler Stoffe, ent- I
weder um sie wasserdicht oder durchscheinend I
zu machen (wasserdichte Gewebe, Pauspapier), 1
oder um sie vor Witterungs- bzw. chemischen I
Einflüssen zu schützen (Marmorstatuen, Holz-
fässer, Korke). In der Zündholzindustrie wer- I
den die Hölzer mit P. getränkt, in Laboratorien
findet es zur Füllung von Paraffinbädern und
zum luftdichten Verschluß von Flaschen und
Apparaten Verwendung. — Das Paraffinum
solidum des D.A. B. ist mit Schwefelsäure ge-
reinigter Ozokerit und sollte daher Zeresin
heißen.

Paraffinöl nennt man das beim Auspressen
der Paraffinmasse (s. d.) ablaufende schwere Öl,
das je nach dem Ausgangsmaterial verschie-
dene Eigenschaften zeigt. P. aus Braunkohlen- J
teer besitzt meist neben dunkler Farbe einen
unangenehmen Geruch und wird gewöhnlich
zur Bereitung von Leuchtgas benutzt, während
das weniger übelriechende P. des Ölschiefers
auch als Schmieröl Verwendung finden kann-
Das P. oder Ozokeritöl des D.A.B. (Pa-
raffinum liquidum) wird aus den über 3000
siedenden Bestandteilen des Petroleums (nament-
lich von Baku) durch Behandlung mit rauchen- :
der Schwefelsäure, Natronlauge und Tierkohl®
        <pb n="325" />
        ﻿Paraguay-Roux

319

Parfümerien

dargestellt und bildet dann eine farblose ölige
Flüssigkeit vom spez. Gew. o,88, die bei 360°
noch nicht zum Sieden gelangt. Es wird in
der Medizin zur Bereitung von Paraffinsalbe
und zu subkutanen Injektionen, in der Technik
zum Einölen von Nähmaschinen, Uhren und
Fahrrädern benutzt. — Bisweilen wird im Han-
del als Paraffinfett oder Paraffinschmiere
auch ein dickes Schmieröl bezeichnet, das mit
Paraffin nichts zu tun hat, sondern aus Harzen
hergestellt wird.

Paraguay-Roux (Paratinktur), ein früher
gegen Zahnschmerz angewandtes, jetzt in Ver-
gessenheit geratenes Heilmittel, ist die alkoho-
lische Tinktur aus der Parakresse oder Kohl-
fleckblume (Spilanthes oleracea), einer in
Südamerika einheimischen, bei uns in Gärten
gezogenen, einjährigen, krautartigen Komposite.

Paranüsse (brasilianische Nüsse) sind die
3V2—4V2 cm langen Fruchtkerne eines großen,
den Myrtengewächsen verwandten Baumes,
Bertholletia excelsa, der im Gebiete des
Orinoko und Amazonenstromes heimisch ist.
Die Samen liegen ursprünglich in einer hart-
schaligen, kopfgroßen Frucht und haben infolge
ihrer gedrängten Lage eine dreiseitige Form
mit zwei flachen und einer gewölbten Fläche
erhalten. Ihre holzige oder vielmehr leder-
artige Schale ist braun, rauh und quer gerun-
zelt und umschließt einen Kern mit rostbrauner
Oberhaut und dichtem weißem Fleisch. Der
Kern enthält bis 670/0 eines milden, geruch-
losen und gelblichen fetten Öls, das Paranuß-
öl, das dem Mandelöl sehr ähnlich ist, aber
leicht ranzig wird und bei o° erstarrt. Das spez.
Gew. beträgt 0,9184. Man benutzt die P. wie
Alandein oder andere Nüsse als Nahrungs- und
Genußmittel.

Pareirawurzel (amerikanische Grießwur-
zel, lat. Radix pareirae bravae, frz. Racine de
Pareire, engl. Velvet leaf), die getrocknete Wur-
zel einer Schlingpflanze aus der Familie der
Alenispermazeen, Cissampelos Pareira,
die in Mexiko, Westindien und auch in Ost-
indien angetroffen wird, bildet teils zylindrische,
teils plattgedrückte Stücke von oft beträcht-
licher Länge mit rauher, dunkelbrauner bis
schwarzbrauner Rinde, die stellenweise von
Dängsrissen und Querwülsten durchbrochen ist.
Auf dem Querschnitte zeigt sich unter der ver-
hältnismäßig dünnen Rinde das eigentümlich
Sebaute Holz, das aus 5—8 konzentrischen
Schichten besteht. Die Ringe umgeben oft auch
exzentrisch rinnenartig oder spiralig den Holz-
kern und sind durch verdickte Zellen vonein-
aUder getrennt. Das poröse Holz der Wurzel
lst gelb und durch dunklere Markstrahlen radial
gestreift. P. schmeckt anfangs süßlich, hinter-
her unangenehm bitter, besitzt aber keinen Ge-
rUch. Ihre medizinische Verwendung als harn-
treibendes Mittel beruht auf der Anwesenheit
eines Alkaloides, das früher Pelosin genannt
Wurde, aber mit Buxin identisch ist.

, Parfümerien (frz. Parfumeries, engl. Perfume-
rfes) nennt man eine Gruppe von Waren, die
s’ch durch einen besonders feinen Wohlgeruch
auszeichnen und hauptsächlich zu Toiletten-
zWecken, als Riechwässer, Wasch- und Schön-
neitswässer, Haaröle, Pomaden, feine Seifen,

Räucheressenzen und Riechkissen Verwendung
finden. Die wohlriechenden Stoffe sind meist
natürlichen Ursprungs und entstammen, ab-
gesehen von den tierischen Abscheidungen
Moschus, Zibet und Ambra, sämtlich dem Pflan-
zenreiche. Ihrer chemischen Zusammensetzung
nach stellen sie entweder ätherische Öle (s. d.)
oder Balsame und wohlriechende Harze dar,
bei denen allerdings das Aroma meist auch
wieder durch ätherisches Öl bedingt wird. Eine
besondere Klasse endlich bilden die flüch-
tigen Äther, die sich im reifen Obste bilden
und dessen Duft verursachen. Die ätherischen
Öle können in einzelnen Fällen, wie bei Zitro-
nen und anderen Südfrüchten, auf mechani-
schem Wege durch Auspressen erhalten werden,
der Hauptsache nach gewinnt man sie aber
durch Destillation mit Wasser. Das hierbei mit
übergehende Wasser, das geringe Mengen der
Riechstoffe auflöst, bildet als ätherisches
Wasser einen besonderen Handelsartikel. Bei
leicht zersetzlichen Aromastoffen, die wie viele
Blütendüfte durch Wasser und Hitze zerstört
werden oder nur in außerordentlich geringer
Menge vorhanden sind, müssen andere Arbeits-
weisen benutzt werden. Am ältesten ist das
Absorptionsverfahren (Enf leurage), bei
dem man die Riechstoffe an Fett bindet. Nach
der Enfleurage, welche besonders auf farne-
sische Akazien, Heliotrop, Hyazinthe, Jasmin,
Narzisse, Reseda, Rose, Syringe, Tuberose und
Veilchen angewandt wird, bedeckt man Glas-
tafeln etwa 3 mm hoch mit einer Schicht von
Talg und Schweineschmalz, legt sie in Holz-
rahmen und breitet frische Blüten darüber aus.
Sobald diese ihren Duft abgegeben haben, wer-
den sie durch neue ersetzt, bis das Fett völlig
mit Aroma gesättigt ist. Die wohlriechende
Pomade kommt für sich in den .Handel oder
wird 2—4 Wochen lang mit reinstem Weingeist
angesetzt, welcher die Riechstoffe auflöst und
dann die Bezeichnung Extrait führt. Derartige
Extraits werden auch mit solchen Blüten her-
gestellt, die wie Rosen- und Orangeblüten die
Destillation vertragen, aber nach der Enfleurage
feinere Produkte liefern. Die gebräuchlichsten
Parfüms dieser Art: Extrait de violet, de resdda,
de rose und de jasmin, werden meist in drei-
facher Stärke als Extraits triples versandt und
mit Spiritus verdünnt. — Nach einem anderen
Verfahren tränkt man leinene oder baumwollene
Tücher mit feinstem Olivenöl, legt sie mit Blüten
bedeckt in Holzrahmen und preßt nach Absorp-
tion der Riechstoffe das Öl aus, oder endlich
man trägt die Blüten in gelinde erwärmtes Öl
ein. Die mit dem Aroma beladenen Öle führen
den Namen Huiles antiques. — In neuerer
Zeit geht man mehr und mehr zu der ein-
facheren und billigeren Extraktion über, nach
welcher die Blüten mit Schwefelkohlenstoff
oder reinstem Petroläther erschöpft werden.
Beim Abdestillieren des Auszuges hinterbleibt
das ganze Aroma in Form eines winzigen Rück-
standes, der in-Alkohol gelöst wird. — Die im
Handel befindlichen Blütenessenzen entsprechen
nicht immer ihrem Namen, sondern bestehen
vielfach aus Nachahmungen. Andere Parfüms,
wie Eau de mille fleurs, Eau de Cologne.
Eßbouquet (Essence de bouquet), sind immer
        <pb n="326" />
        ﻿Parmesankäse

320

Pastinak

Mischungen verschiedener Extraits. Wieder an-
dere werden auf dem Wege der chemischen
Synthese künstlich dargestellt, wie das dem
natürlichen Riechstoffe völlig identische Ku-
marin und Vanillin, oder wie das dem Veilchen
außerordentlich ähnlich riechende Jonon und der
künstliche Moschus, das Tonquinol. Die ur-
sprünglich in Frankreich heimische Fabrikation
von P. hat neuerdings auch in Deutschland hohe,
Erfolge zu verzeichnen.

Parmesankäse, ein halbfetter italienischer
Hartkäse, bedarf zum Ausreifen längerer Zeit
und wird daher nur in größeren Laiben von
mindestens 25 kg, im Durchschnitt aber 40 bis
50 kg Gewicht hergestellt. Man erwärmt die
teilweise entrahmte Milch nur auf ungefähr
300 C und setzt dann das Lab zu. Die fein
zerteilte Quarkmasse wird mit Safran gefärbt,
längere Zeit auf 52—550 C erhitzt und dann
10—15 Minuten der Ruhe überlassen, während
welcher die Zusammenlagerung der Käse-
teilchen am Grunde des Kessels erfolgt. Nach
Abschöpfung der oben stehenden Molken wird
der Käseklumpen geknetet und zum Abtropfen
auf ein leinenes Tuch gebracht. Darauf kommt
er in eine aus breiten Holzreifen bestehende
Form, die durch Spannschnur zusammengehal-
ten wird, und schließlich in die Salzkammer,
in der er zu wiederholten Malen mit Salz be-
streut wird. Diese Operation erfordert 40 Tage.
Zur Erzielung der gehörigen Reife gelangen
die Käse in der Reihenfolge ihres Alters auf
Holzgestelle und werden anfangs täglich, später
in mehrtägigen Zwischenräumen mit Öl ab-
gerieben und gewendet, bis sie nach Verlauf
eines Käsejahres, d. h. nach sechs Monaten,
zum Verkauf an die Händler kommen. '•— Der
P. wird in Deutschland meist nur im geriebenen
Zustande zum Bestreuen von Makkaroni, Ragout
fin usw. verwandt.

Pasta (Teige). Unter P. oder Pastawaren
versteht man in der Pharmazie knetbare oder
bei höherer Temperatur erweichende Mittel,
welche der Haut leicht anhaften und vielfach
mit arzneilichen Zusätzen versehen sind. Nach
ihren Hauptbestandteilen werden sie in Kleister-,
Dextrin-, Öl-, Vaselin-, Lanolin- und Leimpasten
unterschieden, von denen die letzteren aus Gela-
tine, Glyzerin und Zinkoxyd die größte Bedeu-
tung haben. Sie finden vielfache medizinische
Anwendung gegen Hautleiden und andere
Krankheiten. —Die sog. weiße Pasta (P.
alba, P. gummosa, Lederzucker) aus Gummi,
Zucker und Eiweiß und die Süßholz-P.
(braune Reglise, P. Liquiritiae) aus den
gleichen Bestandteilen mit Lakritzen werden
gegen Husten benutzt.

Pastellfarben nennt man diejenigen Deck-
farben, die, im Gemisch mit Kreide, weißem
Ton, Gips oder Zinkoxyd und Gummiwasser
zu einem Teige angemacht und fein verrieben,’
in Stifte geformt und getrocknet, Pastellmalern
und Zeichnern zur Ausführung von Trockcn-
gemälden auf körnigem Papier oder Perga-
ment dienen. Zu P. werden die feineren Farb-
stoffe, wie Zinnober, Karmin, Lackfarben, Ber-
linerblau, Indigo, Ultramarin, Umbra, grüne
Erde, Bleiweiß und Elfenbeinschwarz benutzt.
Die Stifte müssen den richtigen Grad von

Widerstandsfähigkeit und doch soviel Weiche
haben, daß sie auf dem Papier leicht abfärben,
und kommen sowohl nackt als in Holz gefaßt
und in Kistchen sortiert in den Handel.

Pasten. Mit diesem Namen bezeichnet man
Kopien von alten, künstlerisch geschnittenen
Steinen, in farbigem Glas oder in feinen, nach
der Formung gebrannten Tonmassen und ande-
ren geeigneten Stoffen. Zur Darstellung der
Glaspasten wird mit dem Original ein Abdruck
in feinem, angefeuchtetem Tripelpulver gemacht,
das in einen kleinen Tiegel eingesetzt ist. Nach
dem Trocknen bringt man die Tiegel mit einem
aufgelegten Stückchen Glas in Windöfen, er-
hitzt sie so weit, daß die Glasmasse flüssig zu
werden anfängt, und drückt diese sogleich mit
einem Eisen in die Vertiefung der Form ein.
Derartige P. dienen zur Ergänzung von Samm-
lungen, wie auch als Schmucksachen, nament-
lich in Ringe gefaßt, als Siegelsteine.

Pasteten (frz. Pates, engl. Pastry,- Pie), |
mannigfaltige Erzeugnisse der Kochkunst und
Bäckerei, die zum Teil in den Kleinhandel
kommen, bestehen aus gekochter, gebratener
oder gedämpfter, fein zerkleinerter Fleischmasse
in dicker, fast fester Teigform, und werden in
Büchsen oder Terrinen versandt. Neben dem
Hauptvertreter, der Straßburger Gänseleber-
pastete mit und ohne Trüffeln, hat man in ver-
schiedenen französischen Städten Spezialitäten,
so in Perigueux Rebhühnerpasteten mit Trüffeln,
in Toulouse Entenleberpasteten, in Montreuil
Schnepfenleberpasteten, in Rouen Hührierpaste-
ten, in Montelimar Krammetsvögelpasteten, in
Chartres und Nogent-le-Rotrou Wachtel-, Reb-
hühner- und Hasenpasteten.

Pastillen (Plätzchen, Zeltchen oder Täfel-
chen zum Einnehmen, lat. Pastillae, Trochisci,
Tablettes, frz. Pastilles, engl. Lozenges, Troches)
bestehen aus einem Gemisch von Zucker oder
Salzen mit einem Bindemittel, gewöhnlich Tra-
gantschleim, dem Arzneistoffe in bestimmter
Menge einverleibt sind. Sie werden in der Weise
hergestellt, daß man die Bestandteile zu einem
Teige formt, diesen in Blätter ausrollt und die
Scheibchen mit Stecheisen aussticht. Für Schoko-
ladenplätzchen wird der weiche Teig in eine
Spritze gefüllt und in kleinen Teilen heraus-
gedrückt. Einzelne Arten von P. bilden be-
deutende Handelsartikel, wie die Mineralwasser-
pastillen von Bilin, Vichy, Ems und Soden,
welche die Salze der dortigen Heilquellen ent-
halten. Die Pastillen dienen zur bequemen Dar-
reichung schlecht schmeckender Arzneimittel
und werden von Kindern gern genommen
(W urmpastillen, Santonin zeltchen).

Pastinak (Pastinakwurzel) ist die Wurzel
von Pastinaca sativa (frz. Panais, engl-
Parsnip), einer zweijährigen ausdauernden U in-
bellifere, die in Europa und Nordamerika
der aromatisch riechenden, süßlichen und wohl-
schmeckenden Wurzeln wegen angebaut wird-
Von den zahlreichen Sorten sind die lange P&gt;
die runde Zucker- oder Königs- und Jersey-
pastinak die beliebtesten. In England und
Holland wird P. für sich als Gemüse genossen,
bei uns mehr mit Möhren zusammen gekocht
oder nur als Wurzelwerk zu Fleischbrühen be-
nutzt. Im nordwestlichen Frankreich, wo die F-
        <pb n="327" />
        ﻿Patanaöl

321

Pech

in großer Menge angebaut wird, benutzt man
sie als Futter für Rindvieh und Pferde und
stellt auch Liköre und eine Art von Wein
daraus her.

Patanaöl (Batavaöl), ein fettes Öl aus den
Früchten von Oenocarpus Batava, einer am
Orinoko, Rio Negro und Maranhon wachsenden
Palme, wird zur Herstellung von Kerzen und
Seifen benutzt.

Patentblau nennt man eine Reihe von Tri-
phenylmethanfarbstoffen, die als Sulfosäuren
von Tetraalkyldiaminotriphenylkarbinolen mit
verschiedenen Radikalen anzusprechen sind.
Die Farbstoffe haben wegen ihrer Alkaliecht-
heit und ihres schönen grünlichblauen Tones
hohe praktische Bedeutung.

Paternosterkörner (Paternostererbsen,
Abrusbohnen, Abrussamen, lat. Semen abn
s. jequirity, frz. Grains oder Pois d’Amerique,
engl. Red beans, Aggry beans), die Samen der
in Brasilien, Ostindien und Arabien heimischen
Papilionazee Abrus precatorius, haben
eine schön rote Farbe mit einem schwarzen
Fleck am Keimende. Man benutzte sie bei uns
bisher nur als Halsketten oder zu Rosenkränzen
(daher der Name), hat aber gefunden, daß sie
einen äußerst giftigen Stoff, das Abrin oder
Jequiritin, enthalten, welches wie das Rizin
zu den giftigen Eiweißkörpern, und zwar zur
Gruppe der sog. ungeformten Fermente, gehört,
in Amerika werden die Samen bei Augenerkran-
kungen und gegen Lupus, in Ostindien als
Aphrodisiakum angewandt.

Patschuli (Patchoulikraut, lat. Herba pat-
chouli, frz. Patchouli, engl. Patchouly). DerTrä-
ger des bekannten P.-Parfüms ist eine rauhfilzige,
hppenblütige, unserem Wiesensalbei ähnliche
Pflanze, P ogostemon Patchouli, die als Un-
kraut in Ostindien wild wächst, aber auch viel-
fach angebaut wird. Die Blätter des Krautes
s®d eiförmig in den langen Blattstiel verschmä-
ht, am Rande mit gezahnten Ausbuchtungen
'(ersehen, fiedernervig und beiderseits behaart.
Fine neuerdings in den Handel kommende un-
echte Ware besitzt fünf- bis siebenlappige
Blätter mit herzförmiger Basis, aus welcher
Sämtliche Hauptnerven entspringen. Die Blätter
dieser falschen Pflanze sind getrocknet, wie
’han sie erhält, auf der oberen Seite schwarz-
Srün, auf der unteren infolge der stärkeren
Behaarung fast silbergrau, während die echte
Ware gelbbräunlich, stellenweise gelbgrünlich
^scheint. P. wird als Mittel gegen Motten ver-
wendet, da diese durch den starken Geruch
ahgeschreckt werden sollen, dient aber haupt-
sächlich in der Parfümerie zur Gewinnung des
iberischen Patchuliöles (s. d.).

^atschuliöl (Patchouliöl, lat. Oleum pat-
cnouIi, frz. Essence de patchouli, engl. Oil of
Patchouly), das aus dem trockenen Kraute
durch Destillation mit Wasserdampf erhaltene,
®‘ark riechende ätherische Öl ist bräunlichgelb,
ftat ein spez. Gew. von 0,960—0,995, eine Drehung
—50 bis —68° und ist in 0,5 bis 8 Teilen
y°°/oigem Alkohol löslich. Bei längerem Stehen
p der Kälte scheiden sich weiße Kristalle von

utschulikampfer, C15H260, aus, die bei 56° C
pChrnelzen und leicht in den Kohlenwasserstoff

atschulen, C16H2.j, übergehen. Das P. wird

Mercks Warenlexikon.

in der Parfümerie zur Herstellung des Pat-
schuliparfüms benutzt.

Pauchontöe heißt eine der Guttapercha
ähnliche, aus Ostindien kommende Masse, die
bei gewöhnlicher Temperatur hart und brüchig
ist, bei gelindem Erwärmen aber weich und
klebrig wird und erst nach mehreren Tagen
ihren ursprünglichen harten Zustand wieder an-
nimmt. Beim Kochen in Wasser wird sie röt-
lichbraun und macht das Wasser trübe und
etwas schäumend.

Paulliniawurzelrinde stammt von der in Bra-
silien und Westafrika heimischen Sapindazee
Paullinia pinnata und wird in Brasilien im
gepulverten Zustande äußerlich als Arzneimittel
angewandt, da sie auf die Haut sehr reizend
wirkt. Sie bildet lange dicke Stücke von gelb-
lichgrauer Farbe und enthält das Alkaloid Tim-
bonin.

Päyar, eine ostindische Bastfaser, stammt von
Urostygma pseudo-tjela.

Paytin, ein in der weißen Chinarinde
von P a y t a enthaltenes Alkaloid, kristallisiert
in farblosen Prismen, deren Lösung links-
drehend ist.

Pech (lat. Pix, frz. Poix, engl. Pitch) ist ein
Sammelname für verschieden zusammengesetzte
und in verschiedener Weise gewonnene feste,
braune bis schwarze, harzige Stoffe, von denen
meist folgende Sorten unterschieden werden:
1. Das schwarze oder Schiffspech, auch
Schusterpech genannt, gewinnt man aus
Holzteer, und zwar aus dem zuletzt erhal-
tenen dicksten schwarzen Teer, dem Schiffs-
teer, indem man ihn in offenen Kesseln so
lange erhitzt, bis eine herausgenommene Probe
beim Erkalten feste Form annimmt. Man gießt
die Masse noch warm in die zum Versenden
bestimmten kleinen Fässer oder Kübel, aus
denen sie dann herauszuschlagen ist. Dieses P.
stellt eine dunkelschwarzbraune, auf frischem
Bruche stark glänzende Masse dar, die beim
Daraufschlagen zerspringt, aber schon in der
Wärme der Hand weich und sehr klebrig wird
und auf warmem Wasser zerfließt. Es wird
auf Schiffen zum Kalfatern und Wasserdicht-
machen von Segel- und Tauwerk, ferner zu
Kitten und Pflastern, zu Pechfackeln, zum
Pichen des Schühmacherdrahtes und zum Aus-
pichen geringerer Holzgefäße benutzt. 2. Das
hellere, meist gelbbräunliche Faß- oderBrauer-
pech wird aus Fichtenharz durch sorgfältiges
Ausschmelzen gewonnen und zeigt je nach der
Herkunft und Bereitungsweise ziemlich ver-
schiedene Güte. Das beste Brauerpech aus rei-
nem Fichtenharz kommt aus den Staatsforsten
des sächsischen Vogtlandes, während die in
Böhmen, Thüringen und Tirol erzeugte Ware
den Anforderungen des Brauers viel weniger
genügt. Das vogtländische Erzeugnis ist aber
sehr teuer und sein Preis entsprechend der
Nachfrage gestiegen. Außer der guten Ware
(Kesselpech) gewinnt man durch Nachbear-
beitung der rohen Harzstoffe noch eine zweite,
nur ein Drittel so hoch bewertete, das Griefen-
pech. Zur Darstellung von weißerem Faßpech
werden die harzigen Rohstoffe in Kesseln mit
Wasser gekocht, bis das Terpentinöl ausge-
trieben ist, dann abgeschöpft und geläutert. Im

** 2t
        <pb n="328" />
        ﻿Pegamoid

322

Pergament

allgemeinen ist dies auch die Darstellungsweise
aller Weiß- oder sog. Burgunderpeche. Das
von den Bäumen gesammelte Rohharz oder
auch Terpentin wird unter Zusatz von Wasser
kürzere oder längere Zeit geschmolzen, wobei
die Farbe heller wird, und dann durch Filtrieren
gereinigt. Bei etwas stärkerer Hitze wird die
Masse gelber und heißt dann Gelbpech, wäh-
rend bei längerem Schmelzen bis zur Abtrei-
bung alles Wassers Kolophonium entsteht. —
Die sog. weißen Pechsorten sind gelblich oder
bräunlich, spröde und von muscheligem, matt-
glänzendem Bruch. Sie liefern beim Zerdrücken
neben größeren Stückchen viel Pulver und
werden beim Kneten zwischen den Fingern
etwas weich. Je nach Abstammung und Be-
reitungsweise zeigen sie geringe Unterschiede
und enthalten mehr oder weniger Wasser und
flüchtige Öle. Beim Ausschmelzen wird oft ab-
sichtlich wieder etwas Kienöl oder Terpentin
hinzugesetzt. Die hellen Pechsorten dienen be-
sonders zum Auspichen von Fässern und er-
halten für diesen Zweck zur Erhöhung der
Elastizität und Schmelzbarkeit meist Zusätze
von Paraffin, Harzöl oder Leinöl. Außerdem
gebraucht man sie, wie das amerikanische Harz,
zur Darstellung von Harzseifen, ferner als Löt-
mittel, zu Pflastern und manchen anderen
Zwecken. 3. Sogenanntes Steinkohlenpech
ist gleichbedeutend mit Steinkohlenasphalt, dem
schwarzen Rückstand, der bei der Teerdestilla-
tion erhalten wird, während man den bei der
Braunkohlenteerdestillation verbleibenden Rück-
stand mit dem Namen Braunkohlenteerpech
belegt.

Pegamoid nennt man eine dem Zelluloid ähn-
lich zusammengesetzte Masse, die, auf Papier
oder Gewebe aufgepreßt, diese lederartig er-
scheinen läßt und zur Herstellung von Buchein-
bänden, Schmuckwaren und künstlichen Leder-
tapeten benutzt wird.

Pelletierin, ein flüssiges Alkaloid, findet sich
in sehr geringer Menge neben drei anderen ver-
wandten Alkaloiden in der Granatwurzel-
rinde. Das als Arzneimittel gegen Bandwürmer
benutzte gerbsaure Pellet ier in, Pellet ier in-
tännat, Punizintannat (lat. Pelletierinum
tannicum), ein gelbliches amorphes und geruch-
loses Pulver von zusammenziehendem Geschmack
und schwach sauerer Reaktion, löst sich in etwa
700 Teilen Wasser sowie in 80 Teilen Weingeist.

Penghawar Djambi besteht aus den sehr
weichen, 2—3 cm langen bronzefarbenen Stamm-
und Blatthaaren mehrerer Arten der zu den
Baumfarnen gehörigen Gattung Cibotium,
namentlich von Cibotium Baromez auf
Sumatra, die, auf Wunden gelegt, als blut-
stillendes Mittel verwandt werden. Eine andere,
etwa S cm lange, weniger weiche Sorte von
gelblich- bis braunroter Farbe, Päkoe-Kidang,
stammt von Alsophila lurida und Balan-
tium chrysotrichum, auf Java heimischen
Baumfarnen.

Pepsin, das Ferment des Magensaftes,
wird im Großbetriebe hergestellt, indem man
frische Magenschleimhäute von Schweinen oder
Kälbern mit salzsäurehaltigem Wasser auszieht,
die Lösung mit Kochsalz fällt und aus dem
Niederschlage das Kochsalz durch Dialyse ent-

fernt. Nach einem anderen Verfahren behan-
delt man die Schleimhaut mit verdünnter Phos-
phorsäure, fällt die letztere und das Pepsin mit
Kalkwasser und trennt nach dem Auflösen des
Niederschlages in Salzsäure das Pepsin von der
Phosphorsäure durch Eintröpfeln von Chole-
sterin. Beim Extrahieren der nun entstehenden
Fällung aus Pepsin und Cholesterin hinterbleibt
das Pepsin ungelöst. Schließlich kann man das
Pepsin aus der Schleimhaut auch durch fünf-
prozentigen Alkohol ausziehen. Die Lösungen
werden vorsichtig, am besten im luftverdünnten
Raume, eingedampft und bei höchstens 400 ge-
trocknet. P. bildet ein gelbes bis bräunliches,
hygroskopisches Pulver von bitterlich salzigem
Geschmack. Die schwach salzsaure Lösung 1
vermag bei Blutwärme hart gekochtes Eiweiß I
und Fibrin zu lösen (verdauen), verliert diese I
Eigenschaft aber beim Erhitzen auf 600 sowie |
bei Zusatz von viel Alkohol. In Form von Ver- I
dünnungen mit Milchzucker, Stärke oder ande- I
ren indifferenten Stoffen (verdünntes P.), fer- j
ner von P.-Wein und P.-Elixier wird es bei 1
Störungen der Magentätigkeit als verdauungs- I
förderndes Mittel angewandt.

Peptone sind Umwandlungsprodukte von Ei-
weißkörpern (Albumin, Kasein, Fibrin)
durch Pepsin oder Pankreatin, die neuerdings
für diätetische Verwertung in den Handel ge-
langen. Zur Darstellung des sog. Pep ton um
siccum wird fettfreies Rindfleisch längere Zeit 1
bei höchstens 50° mit Wasser, Pepsin und Salz-
säure behandelt, die filtrierte Lösung mit Na-
triumkarbonat neutralisiert und im Vakuum ein-
gedampft. Es bildet weißliche bis hellgelbe,
geruchlose Krusten oder Pulver von bitterem
Geschmack. Die wäßrige Lösung wird durch
Alkohol, nicht aber durch Erhitzen oder Zu-
satz von Salpetersäure gefällt. Die P. werden
für sich oder in Form zahlreicher diätetischer
Präparate als Nährmittel verwandt, scheinen
aber in letzter Zeit durch die weniger bitter
schmeckenden Albumosen verdrängt zu werden-

Pergament (lat. Charta pergamensis, frz. Par-
chemin, engl. Parchment) ist seiner Natur nach
nichts anderes als die unter gewissen Vorsichts-
maßregeln getrocknete Hautblöße. Zu ihrer
Darstellung werden die rohen Felle wie in der
Gerberei, gewässert, in Kalkäsche gelegt, dann
durch Schabeisen enthaart und auf dem Schabe-
baum entfleischt. Die erhaltenen Blößen kommen
auf Rahmen, deren bewegliche Ränder eine
faltenlose Einspannung gestatten. Das gröbere,
für Trommelfelle bestimmte Pergament aus
Kalbfellen und das Paukenpergament aus Esels'
häuten wird dann nur noch einseitig geschabt,
aber nicht geglättet. Hingegen ist bei der Her-
stellung von Schreibpergament noch ein sorg'
fälliges Schleifen mit Bimsstein, Reiben mit
Kalk, Glätten und Präparieren mit Leimwasser,
Kreide, Bleiweiß und Öl erforderlich. Bei den
geringeren Sorten, die nur mit Kreide und Leim'
wasser und zuletzt mit Seife behandelt werden,
läßt sich Bleistiftschrift oder -Zeichnung nur
durch Reiben mit einem fettigen Lappen ent'
fernen. Man stellt daher für Zeichner noch be'
sonderes Ölpergament her, das auf Kalk'
grund einen Überzug von Bleiweiß und Leim'
wasser hat und darauf geölt ist. Das P. dient

!
        <pb n="329" />
        ﻿Pergamentpapier

323

Perlen

zur Herstellung von Büchereinbänden, Trommel-
und Paukenfellen und von Siebböden zum Kör-
nen des Schießpulvers, und zwar für letzteren
Zweck P. aus Schweinehaut. Zur Darstellung
der besten Sorten P. benutzt man Kalbfelle, für
geringere Hammel-, Schaf-, Ziegen- und Bock-
felle und für das dünnste, sog. Jungfern-
pergament, Felle von jungen Ziegen und
Lämmern.

Pergamentpapier (Papierpergament, lat.
Charta pergamensis, frz. Parchemin vügütal,
Papier parchemin, engl. Parchment paper, Vege-
table parchment) nannte man ursprünglich
starkes oder zusammengeklebtes Papier, das
einen Überzug von Kreidebleiweiß- oder Zink-
Weißleimfarbe oder Ölfarbe erhalten hat, so daß
es, wie das Schreibpergament, mit Bleistift be-
schrieben und von der Schrift oder Zeichnung
nieder befreit werden kann. Dieses P. wird
als falsches Pergament bei Notizbüchern, kleinen
Schreibtafeln und Skizzenbüchern verwandt.
Weiter bezeichnet man so das aus rohem
Flachs, Hanf oder Aloefasern in der Bütte
oder auf der Papiermaschine hergestellte, sehr
feste, fast durchscheinende Papier, das ganz
besonders schön von Canson und Montgolfier
tu Annonay bereitet wird und hauptsächlich
zum Verpacken feiner Waren für den See-
versand dient. Und schließlich führt die gleiche
Bezeichnung das künstliche Parchemin ani-
Uial, das aus Tiersehnen, Därmen und Plaut-
ubfällen nach erfolgter Zerkleinerung durch
Kochen mit Alkalien und Mahlen in der Hollän-
dermühle sowie durch Schöpfen aus der Bütte
tuit Papierformen hergestellt wird und außer zu
Verpackungen auch zu Kartuschen für Kanonen
dient. — Jetzt versteht man unter P. oder
vegetabilischem Pergament (Papyrin,
Bapyrolin) hauptsächlich das durch Einwirkung
vpn Schwefelsäure auf ungeleimtes Papier sich
bildende Erzeugnis. Zu seiner Darstellung wird
Papierstoff mehrere Sekunden lang in Schwefel-
säure von 6o° Be eingetaucht und dann sorg-
fältig ausgewaschen. Durch Einwirkung der
starkep Säure wird ein Überzug von kolloidaler
Zellulose (Amyloid oder Hydrozellulöse) ge-
bildet, der in Wasser unlöslich ist, die Poren
Sieichmäßig ausfüllt und das Papier durch-
scheinend und pergamentähnlich macht. Bei
dieser Behandlung nimmt das Gewicht und der
Flächeninhalt um io o/0, die Dicke um 30 bis
4°% ab, während das spez. Gew. um 30 bis
49% und die Festigkeit um das 4—5 fache zu-
btrrtmt, so daß die Festigkeit sich sogar zu der-
Ipügen des echten Pergaments wie 4:3 verhält.
Matt der Schwefelsäure bedient man sich auch
wäßriger Lösungen von Zinkchlorid oder von
Kupferoxydammoniak. Das P. wird dann ge-
p°cknet, mit Paraffinöl überzogen und zwischen
erhitzten Walzen geglättet. Durch Behandlung
gefärbter Papiere, deren Farbstoff der Einwir-
jUng der Schwefelsäure widersteht (Anilin-
wrben), kann man sehr schöne Leder- und
(Uaroquinpapiere erzeugen. — Das P. wird in
Jasser weich und schlaff und kann daher ge-
I aschen und gebügelt werden. Kochenden
Uauge.n widersteht es, wird aber durch konzen-
jvprte Schwefelsäure und heiße Salzsäure unter
udung von Zucker langsam gelöst. Mit kon-

zentrierter Salpetersäure gibt es das noch dich-
tere und festere Nitro-P., das nach dem Ein-
tauchen in Schwefelsäure glasartig durchsichtig
und gegen Säuren unangreifbar erscheint, jetzt
aber von Kalilauge gelöst wird. — P. findet
vielfache Anwendung als Ersatz der tierischen
Blase und des echten Pergaments zum Ver-
schließen von Gefäßen mit flüssigem Inhalt,
weil es nicht fault und für Gase undurchdring-
lich ist. Weiter dient es zur Umhüllung von
Butter und Fleischwaren und zur Herstellung
künstlicher Wurstdärme, zu Betteinlagen für
Kinder und Kranke, zum Bekleiden feuchter
Wände und als Diaphragma für Osmose. Wegen
seiner Festigkeit und Glättbarkeit benutzt man
es zu Kalanderwalzen, Glättkartons, Kinder-
trommeln und Bucheinbänden. Die Vereinigung
zweier Stücke von P. erfolgt in frischem Zu-
stande einfach durch Drücken, sonst durch
Leimen der mit Spiritus erweichten Ränder.
Das zum Einwickeln von Nahrungsmitteln be-
stimmte P. erhält zur Erzielung großer Ge-
schmeidigkeit bisweilen Zusätze von Glyzerin,
Traubenzucker, Molligen (Invertzuckersirup),
die unter Umständen ein Verschimmeln der
Ware (Margarine) begünstigen. Auch sind bis-
weilen Eisensalze, die der Butter einen bitteren
Geschmack und schlechte Farbe verleihen so-
wie unzulässige Konservierungsmittel (Borsäure)
auf gefunden worden. Nach Burr soll Ein-
wickelpapier nicht mehr als io«/0 wasserlösliche
Stoffe, 8 0/0 Zucker und 4 0/0 Asche enthalten.
Die Margarinefabrikanten halten Glyzerin für
einen besseren Zusatz als Zucker.

Perkal, ein ursprünglich ostindisches, zurzeit
aber ausschließlich aus inländischen Webereien
in den Handel gebrachtes feines und dichtes,
weißes Baumwollgewebe nach Leinwandart,
kommt dem Kambrik nahe und ist nur etwas
feiner als dieser. Er findet sich in sehr vielen
verschiedenen Feinheitsgraden und wird mit
Garnen von Nr. 36—120 hergestellt, Die aus
den stärkeren Garnen Nr. 36—60 gewebten,
zum Druck bestimmten P. sind identisch mit
Kaliko und werden Druckperkals genannt.
Die feinsten hierher gehörigen Stoffe sind immer
noch etwas dichter als Musselin und führen
die Bezeichnung Batistmusselin. Die Stoffe
können glatt, kariert, gestreift, gefärbt und ge-
druckt sein. »

Perlen (frz. Perles, engl. Pearls), die im
Innern von Muscheln auftretenden rundlichen,
ovalen oder auch unregelmäßig geformten Ge-
bilde aus kohlensaurem Kalk, sind Krankheits-
erscheinungen, die durch eine Verletzung der
Schale oder den ständigen Reiz eines von
außen eingedrungenen Fremdkörpers hervor-
gerufen werden. Zur Bekämpfung des Reizes
überzieht das Tier den Eindringling, meist
ßandwurmlarven (Tetrarhynchus unionifaktor,
Thyloccphalum margaritifera), Sandkörner und
dgl., mit kohlensaurem Kalk, der in unendlich
feinen Schichten nach und nach abgelagert wird
und durch Interferenz das bekannte schöne
Farbenspiel hervorruft. Perlen können in jeder
Muschel auftreten, zeigen sich aber am häu-
figsten und größten in der Seeperlmuschel
(Meleagrina oder Avicula margaritifera), die ge-
sellschaftlich in den tieferen Küstengewässern
        <pb n="330" />
        ﻿Perlen

324

Permanentweiß

des Roten, Persischen und Indischen Meeres1
lebt. Zu ihrer Gewinnung werden die etwa
handtellergroßen, lose auf dem Sande liegen-
den Muscheln durch Taucher heraufgeholt, dann
bis zur Fäulnis am Strande in die Sonne gelegt
und durchsucht, wobei die gefundenen P. gleich
durch Siebe in verschiedene Größen getrennt
werden. Geringere Perlenmengen liefert die
Flußperlmuschel (Unio margaritiferus), die
in Flüssen und Bächen des Berg- und Hügel-
landes gemäßigter Klimate ihren Wohnsitz hat.
Die Chinesen züchten in Teichen eine unserer
Flußmuschel nahe verwandte Art, Dipsas pli-
catus, und schieben kleine Buddhabildnisse ein,
die ebenfalls mit Perlmutter überzogen wer-
den. — Die P. finden sich in den verschieden-
sten Größen, von dem Umfang eines Mohn-
samens bis zu demjenigen einer Kirsche, und
werden wie die Edelsteine nach Karaten, bis-
weilen aber auch nach Grän (x/4 Karat) be-
wertet, Größere Stücke kommen einzeln, als
sog. Stück- oder Zahlperlen, kleinere, die
Lotperlen, zusammen nach Gewicht zum Ver-
kauf. Die kleinsten, mohnsamengroßen, als
Schmuckware nicht mehr brauchbaren Perlen,
von den Engländern Saatperlen genannt, wer-,
den von Indern und Chinesen zum Brennen
eines teuren Kalkes benutzt, der als Zusatz
zum Kauen von Arekanuß und Betel dient. Der
Form nach werden die ganz runden Tropfen-
oder Augenperlen am höchsten geschätzt,
doch sind auch birnen-, ei- und zwiebelförmige
Perlenbirnen zu Ohrgehängen sehr gesucht.
Schiefe, höckerige und sonst unförmliche Stücke
heißen Barockperlen, während an der
Muschelschale warzenartig festgewachsene, also
nur einseitig ausgebildete P., die nur zum Be-
setzen dienen können, als Kropfperlen be-
zeichnet werden. In der Farbe zeigen sich die
mannigfaltigsten Unterschiede. Den Grundton
bildet in der Regel das eigentümliche matte,
durchscheinende Weiß mit silbrigem Schimmer,
das bald mehr ins Gelbliche, bald ins Bläu-
liche spielt, doch erzielen auch schwarze, blei-
farbige und P. in Pink couleur (Nelkenfarbe)
bei guter Ausbildung hohe Preise, hingegen
sind fleckige von geringem Wert. Als schönste

P.	gelten die ostindischen, die sowohl durch-
bohrt (Witwen) als auch nicht gebohrt (Jung-
fern) in den Handel kommen. Sie bilden hoch-
geschätzte Schmuckstücke, deren größte, und
wertvollste (es gibt Stücke von S cm Länge
und 90 g Gewicht im Werte von 250000 M.)
früher den Stolz der Fürstinnen (Kleopatra)
bildeten, während sie jetzt mehr und mehr in
den Besitz amerikanischer Dollarprinzessinnen
übergehen. Alle P, haben den Mangel, daß sie
mit zunehmendem Alter an Glanz und Schön-
heit einbüßen; sie „sterben“, weil die geringe
Menge organischer Stoffe sich zersetzt, ja in
alten Gräbern hat man sie zu Staub zerfallen
vorgefunden. — Künstliche Perlen werden
in der Weise hergestellt, daß man hohle Glas-
kügelchen mit sog. Perlenessenz aus den
Schuppen von Weißfischen auskleidet und dann
den Hohlraum mit Wachs ausgießt. Sie sind
selbstredend ein recht zerbrechlicher und ge-
ringwertiger. Ersatz, geben aber das Farben-
spiel der P. recht gut wieder.

Perlmutter (frz. Nacre de perles, engl. Mother f
of pearl). Verschiedene Muscheln ohne Perlen \
zeigen eine den Perlen an Farbe und Glanz t
ähnliche Innenseite und vor allem auch das f
durch die Übereinanderlagerung der äußerst j
dünnen durchscheinenden Blättchen entstehende I
Farbenspiel. Sie bilden die Perlmuttermuscheln, 1	^

deren schönste Sorten von Makassar, Fidschi, I I
Neuseeland, Manila und Kalifornien | t
stammen. Im übrigen findet sich P. in den 1	'

chinesischen und südafrikanischen Gewässern, ;
an den amerikanischen Küsten des Stillen ■
Meeres, im Roten Meer und in der Nähe der i ]
Philippinen. Hingegen sind gerade die perlen- 1
führenden Zeylonmüscheln als P. nicht ver- i ]
wendbar, da hierfür möglichst groß und flach 1
gebaute Stücke bis zu 20 cm Durchmesser ver- 1
langt werden. Solche sehr große und flache j
Handelssorten sind außer den bereits genannten |
noch: Sidney, wenig irisierend, Auckland, I
•ttwas dunkel, Freemantle, sehr weiß, Ägyp-
tische, weiß. Weniger flach und etwas gelb- I
lieh ist die kreisrunde Bombay, während von
kleinen Sorten noch die stark gekrümmte, sehr
bunte La Paz, Nakar und die sehr dicke I
Matzlan zu nennen ist. In der Regel werden 1
auch die irisierenden Schalen von Meeres-
schnecken, besonders den Seeohren (Halio-
tis), den sog. Iris-, Japan-, Gold- oder I
Silbermuscheln, als P. bezeichnet. Sie haben 1
ein außerordentlich schönes Farbenspiel, können I
aber wegen der starken Krümmung nur zu I
kleinen Gegenständen, Knöpfen usw. verarbeitet
werden. — Die Perlmutterschalen haben nach
Beseitigung der äußeren braunen Rinde außen
dieselbe Beschaffenheit wie innen und können
daher gut in Blätter gespalten werden. Die
Verarbeitung erfolgt gewöhnlich durch Zer- |
teilen mit feinen Sägen unter Wasser, bisweilen j
auch durch Spalten. Für die feine Ausarbei- I
tung kommt hauptsächlich das Schleifen in An- ]
wendung. P. dient zur Herstellung eingelegter
Arbeiten, zum Belegen feiner Messerhefte, zu
Knöpfen und zu zahlreichen anderen kleineren
Gebrauchsgegenständen. Eine aus Chile starn- 1
mende schwarze oder vielmehr rauchgraue P-, I
die dabei aber doch ihren eigentümlichen 1
Schimmer zeigt, wird neuerdings durch Färben
gelblicher und farbenunreiner Stücke mit ain-
moniakalisCher Silberlösung künstlich nachge'
ahmt. — Die rohen Perlmutterschalen werden
in Fässern oder Kisten, oder auch lose in3 1
Schiffsunterraum liegend verschifft und in letz- I
terer Art manchmal frachtfrei mitgenommen.

Peroborin, ein neues Wasch- und Bleich- I
mittel, besteht aus Natriummetaperborat Na- 1
B03-(-4H20 und enthält dementsprechend neben I
40,25 0/0 Borsäure etwa 10 0/0 wirksamen Sauer-
stoff.

Perlweiß. Diesen Namen führt außer Blei'
weiß, dem man durch Zusatz von etwas Ber-
linerblau einen bläulichen Schein gegeben bah
auch das Wismutoxychlorid oder sog6' 1
nannte spanische Weiß.

Permanentweiß (Barytweiß, Blanc fixe)’
die aus künstlich gefälltem Bariumsulfat be-
stehende schöne Malerfarbe, wird entweder au5
Schwerspat oder Witherit hergestellt. Der feh1
pulverisierte Schwerspat wird durch Glühen ff11*
        <pb n="331" />
        ﻿Persennige

325

Petersilienöl

Kohle in Bariumsulfid übergeführt, letzteres in
Wasser oder Salzsäure gelöst und mit verdünn-
ter Schwefelsäure oder Giaubersalzlösung ge-
fällt. Der Witherit kann direkt in Salzsäure
gelöst und mit Schwefelsäure gefällt werden.
Der entstandene Niederschlag wird mit Wasser
gut ausgewaschen, dann zum Abtropfen auf
Filter gebracht und gelangt oft in noch feuch-
tem, breiförmigem Zustande in den Handel, da
Trocknen die Deckkraft verringert. P. hat vor
allen weißen Farben den Vorzug großer Be-
ständigkeit, läßt sich mit anderen Farben gut
mischen und ist ungiftig. Es wird außer als
Malerfarbe als Füllmittel für Papier und zum
Färben von Tapeten und Glacepapier benutzt,
da es durch Bürsten einen schönen Glanz an-
nimmt,

Persennige (Persening) nennt man alle
wasserdicht gemachten Gewebe aus Leinen-,
Hanf- oder Jutegarn, die zu Wagenplanen,
Kahndecken usw. verwandt werden. Die Eigen-
schaft der Undurchlässigkeit erhalten sie durch
Überzüge aus Mischungen von Kasein mit Mehl
und Kalk oder besser noch durch Leim mit
einer Lösung von doppeltchromsaurem Kali und
nachfolgendes Belichten an der Sonne. Ur-
sprünglich führte diesen Namen nur geteertes
Segeltuch.

Persiko, ein beliebter Likör, wird durch Ab-
ziehen von bitteren Mandeln oder Pfirsichkernen
mit Spiritus erhalten. Unter den zusammen-
gesetzten Ölen des Handels, die zur Herstellung
bestimmter Likörsorten oder vielmehr ihrer
Nachahmung dienen, findet sich als das teuerste
mich Persikoliköröl.

Persil, ein von der Firma Henckel-Düsseldorf
'n den Handel gebrachtes Waschmittel, enthält
Ueben etwa 35 o/0 Seife und überwiegenden Men-
gen Wasserglas rund 200jo Metaperborat, eine
beim Waschen freien Sauerstoff abgebende Ver-
bindung, die eine bleichende Wirkung ausübt,
aber nach Heermann die Wäsche angreift
(Sauerstofffraß).

Perubalsam (Salvadorbalsam, lat. Balsa-
Utum peruvianum, frz. Baume de Pörou, engl,
■balsam of Peru) wird nicht in Peru, sondern
aUsschließlich auf der sog. Balsamküste im
festlichen Mittelamerika von den Häfen Aca-
lutla bis Libertad in San Salvador gewonnen
aud erhielt seinen Namen lediglich, weil er über
üeru in den Handel kam. Der P. stammt von
~er baumartigen Papilionazee Toluifera
■Fereira (früher Myroxylon sonsonatense ge-
kannt), die erst vom 25. Jahre an Erträge liefert,
aper mehrere hundert Jahre alt wird. Zur Ge-
fmnung des Balsams löst man die durch
Klopfen gelockerte Rinde an vier Stellen, so
üaß zur Verhinderung des Absterbens da-
mischen unverletzte Rindenstreifen stehen blci-
und befestigt an den entblößten Stellen
^englappen, die den austretenden Balsam auf-
?augen. Nach zweimaligem Anlegen solcher
Rappen, die jedesmal acht Tage liegen bleiben,
Phvvelt man die verwundeten Stellen mit Hacho-
^es. Fackeln aus einem harzreichen Schilfrohr,
und fängt den jetzt reichlicher fließenden
aEam wieder mit Lappen auf. Die letzteren
erden mit Wasser ausgekocht, wobei sich
ach dem Erkalten der Balsam unten abscheidet

und auf Kürbisflaschen gefüllt wird. Die Bäume
geben das ganze Jahr hindurch, besonders in
der trockenen. Jahreszeit, durchschnittlich je 2
bis 3 kg Balsam, der in 10—50 kg fassenden
Blechgefäßen nach Europa versandt wird. P.
hat eine dunkelrötlichbraune Farbe, sirupartige
Konsistenz und ist in dünnen Schichten durch-
sichtig. Er fühlt sich zwischen den Fingern
nicht klebrig, sondern ölig an und löst sich voll-
ständig in Alkohol, Chloroform und Essigäther.
Sein Geruch ist angenehm vanilleartig, der Ge-
schmack anfangs milde, später bitterlich-kratzend.
Das spez. Gew. beträgt 1,100—1,150. P. besteht
aus einem flüssigen und einem festen Anteile,
von dem der erstere, das Zinnamein, als ein
Gemisch von Benzoesäurebenzylester und
Zimtsäurebenzylester mit geringen Mengen
Zimtsäure und Vanillin anzusprechen ist. Der
feste Anteil ist ein esterartiges Harz, aus wel-
chem Zimtsäure, Benzoesäure und Peruresi-
tannol abgeschieden werden kann. Seines
hohen Preises wegen unterliegt, er häufigen
Verfälschungen, besonders durch Kopaivabalsam
und fette Öle. P. findet mannigfache Verwen-
dung gegen Krätze, zu Einreibungen gegen
wunde Hautstellen, als Mittel gegen Tuber-
kulose, übelriechende Nasenausflüsse und gegen
Haarkrankheiten. Auch wird er zum Über-
ziehen von Schokolade und als aromatischer
Bestandteil von kosmetischen Mitteln und Räu-
cherpulvern benutzt.

Perugen, ein von Evers künstlich herge-
stellter Ersatz für Perubalsam, enthält gegen
60 0/0 Zinnamein und unterscheidet sich vom
echten Balsam nur durch die niedere Versei-
fungszahl (50 gegen 240) und die niedrigere Jod-
zähl (34 gegen 206). Außerdem gibt er im
Gegensatz zu Perubalsam mit mehr als 1 Teil
Alkohol eine klare Lösung. Aus der Petrol-
ätherlösung scheidet sich als pulvriger Boden-
satz echter Balsam an den Wänden klebend
aus, und beim Schütteln der ätherischen Lösung
mit tropfenweise zugesetzter Schwefelsäure gibt
nur echter Balsam eine Blaufärbung.

Petersilie (frz, Persil, engl. Parsley). Von
dieser in Südeuropa einheimischen, zweijährigen
Doldenpflanze (Petroselinum sativum)
werden sowohl die Blätter als auch die Samen
und die rübenartige Wurzel benutzt. — Das
Petersilienkraut (lat. Herba Petroselini, frz.
Herbe de persil, engl. Parsley) ist, frisch ge-
pflückt, ein viel begehrter Gegenstand des ört-
lichen Gemüsehandels und wird auch im ge-
trockneten Zustande in den Handel gebracht.
—• Die Petersiliensamen, richtiger Früchte
(lat. Fructus petroselini, frz. Fruits de persil,
engl. "Parsley seeds) werden auch in größerer
Menge aus Indien eingeführt und zur Darstel-
lung von Apiol (s. d.) benutzt, das darin neben
ätherischem und fettem Öl enthalten ist. Medi-
zinisch werden die Samen als harntreibendes
Mittel angewandt. -— Die gelblichweiße, rüben-
förmige P.-Wurzel (lat. Radix petroselini, frz.
Racine de persil, engl. Parsley root), die süß-
lichen Geschmack und aromatischen Geruch be-
sitzt, wird medizinisch wie die Samen benutzt.

Petersilienöl (lat. Oleum petroselini, frz.
Essence de persil, engl. Parsley Oil) nennt man
sowohl das in den Früchten (zu 2—70/0) wie in
        <pb n="332" />
        ﻿Petroleum

den Blättern (zu 0,016—0,30/0) der Petersilie ent-
haltene Öl, die beide im Geruch verschieden
sind, doch findet sich fast nur das erstere im
Handel. Das gelbliche bis grünlichgelbe und in
Alkohol leicht lösliche Öl vom spez. Gew. 1,043
bis i,ior besteht aus einem zwischen 160 und
170° C siedenden Kohlenwasserstoff, L.-Pinen
und Apiol (s. d.) und Wird als Zusatz bei der
Darstellung aromatischer Liköre benutzt.

Petitgrainöl, ein kräftig und angenehm rie-
chendes, dünnflüssiges, ätherisches Öl von gelb-
licher Farbe, das zur Herstellung feiner Riech-
stoffe Anwendung findet, wird aus den Blättern,
Zweigen und kleinen, noch unreifen Früchten
der bitteren Orangenbäume durch Destilla-
tion gewonnen. Früher wurde das Öl haupt-
sächlich in Südfrankreich hergestellt, doch
kommen jetzt auch große Mengen aus Para-
guay. Man benutzt es in der feinen Par-
fümerie.

Petroleum (Erdöl, Erdnaphtha, lat. Oleum
petrae, frz. Pdtrole, engl. Petroleum), einer der
wichtigsten Gebrauchsgegenstände des alltäg-
lichen Lebens, war schon im Altertume be-
kannt, gelangte zu seiner jetzigen Bedeutung
aber erst, seitdem im Jahre 1859 die pennsyl-
vanischen Quellen erschlossen wurden und mit
jedem Jahre größere Mengen zu Beleuchtungs-
und technischen Zwecken in den Handel kamen.
Das P. ist wahrscheinlich aus den fettreichen
Überresten untergegangener Seetiere entstan-
den, die unter ungeheurem Druck und mäßiger
Temperatur einer langsamen Zersetzung an-
heimfielen, und findet sich demnach an den
verschiedenste© Punkten der Erde in unterirdi-
schen Plohlräumen aufgespeichert. Den haupt-
sächlichsten Ölbezirk bildet ein schmaler, kaum
too km langer Streifen im Westen Pennsyl-
vaniens, doch zieht sich das Vorkommen von

P.	auch von Westkanada durch Newyork nach
Ohio, Kentucky und südlich nach Westvirginien.
Große Bedeutung werden voraussichtlich auch
die mexikanischen Petroleumquellen von Tam-
pico erlangen. Neben Amerika besitzt Rußland
die ergiebigsten Lager in der Umgebung von
Baku am Kaspischen Meer, und weitere große
Vorräte sind in Niederländisch-Indien, Rumä-
nien auf den moldauisch-wallachischen Kar-
pathen und in Galizien erschlossen. Asien hat
weiter die reichen ostindischen und chinesischen
Lager, und geringere Mengen finden sich in
Persien, Beludschistan, Südafrika, Südaustralien
und Neuseeland. Die kleinen deutschen Vor-
kommnisse in Hannover, bei Peine, in Bayern
und im Elsaß waren bis zum Jahre 1900 fin-
den Massenverbrauch ohne Bedeutung. Zur
Gewinnung des P. werden Bohrlöcher in die
Erde getrieben, aus denen es, durch seinen
eigenen Druck oder durch Pumpwerke ge-
hoben, in die Höhe steigt. Häufig dringt es
auch im Gemisch mit Wasser und in Beglei-
tung großer Mengen brennbarer Gase in Gestalt
hochspringender Fontänen hervor. Das Roh-
petroleum bildet eine dunkel, grünlich bis
schwarz gefärbte, widerwärtig riechende Flüssig-
keit, deren spez. Gew. je nach dem Her-
kommen zwischen 0,780 und 0,960 beträgt. In
chemischer Hinsicht ist. es ein Gemenge zahl-
reicher gasförmiger, flüssiger und fester Kohlen-

wasserstoffe, die teils wie beim amerikani-
schen P., der Methanreihe, teils wie beim
kaukasischen P., den Naphthenen (hy-
drierten Benzolen) angehören. Wegen seines
Gehaltes an leicht flüchtigen und leicht ent-
zündlichen Bestandteilen ist es in hohem Grade
feuergefährlich und muß daher für eine ge-
werbliche Verwendung in verschiedene Stoffe
zerlegt und weiter gereinigt werden. Durch das
Verfahren der Destillation werden zunächst die
niedrigsiedenden Bestandteile: Petroleum-
äther (Rhigolen) bei 30—6o°, Gasolin bei
60—8o°, Petroleumbenzin bei 80—ioo°, Li-
groin bei 100—120° und künstliches Ter-
pentinöl bei 120—150° abgetrennt, die als
Lösungsmittel für Fette, Öle und Harze und
als Fleck- und Putzwasser ausgedehnte tech-
nische Anwendung finden. Zwischen 250 und
3000 geht dann das Hauptprodukt, das eigent-
liche Leuchtöl oder Brennpetroleum
(Kerosin, Kerosen) über. Die hinterbleiben-
den Stoffe, die beim Erkalten butterartig er-
starren, werden zur Darstellung von Vaseline
und von Schmierölen (Mineralölen) sowie
als Brennmaterial (Masut) verwandt. Sie bil-
den den wertvollsten Teil des kaukasischen P.
Das eigentliche Brennpetroleum, die mittlere
Fraktion, ist vor seiner Verwendung noch einer
sorgfältigen Reinigung zu unterziehen. Es wird
zu diesem Zwecke zunächst mit konzentrierter
Schwefelsäure und nach deren Entfernung mit
Natronlauge behandelt und schließlich mit
Wasser gewaschen. Neuere Verfahren beruhen
außerdem auf der Verwendung von Eisenvitriol,
Kupfervitriol, Kaliumpermanganat, Knochenkohle
und anderen entfärbenden und geruchlos machen-
den Stoffen, während zur Entwässerung bis-
weilen ein Zusatz von Kochsalz gemacht wird.
Das gereinigte Petroleum bildet eine farblose
bis schwach gelbliche Flüssigkeit mit bläulicher
Fluoreszenz und mildem Geruch. Das spez.
Gew. beträgt bei dem amerikanischen P. etwa
0,800, beim kaukasischen 0,825 und. beim gali-
zischen 0,820. Es stellt einen vortrefflichen Be-
leuchtungsstoff dar, wird aber durch mangel-
hafte Reinigung und minderwertige Zusätze
vielfach in seinem Gebrauchswerte beeinträch-
tigt. Am bedenklichsten ist die ungenügende
Entfernung oder die absichtliche Beimischung
niedrigsiedender Stoffe, da hierdurch die
Feuergefährlichkeit erhöht wird. Zum Schutze
gegen Lampenexplosionen haben die meisten
Staaten bestimmte Vorschriften über den Ent-
flammungspunkt aufgestellt, und insbesondere
darf in Deutschland Petroleum, das bereits
unter 210 entflammbare Dämpfe entwickelt,
nur unter besonderen Vorsichtsmaßregeln und
unter der Bezeichnung „feuergefährlich“ ver-
kauft werden. Obwohl nach. Victor Meyef
ein sicherer Schutz gegen Explosionen erst be1
einem Entflammungspunkt von 35 ° gewähr-
leistet -jurd, sind durch diese Vorschrift doch
die gefährlichsten Erzeugnisse aus dem Handel
verdrängt worden. Der Entflammungspunkt
muß mit Hilfe des amtlichen Abelschen Petro-
leumprüfers bestimmt werden. Nicht mindei
schädlich für die Leuchtkraft, wenngleich weni-
ger gefährlich, ist der Zusatz der hochsieden-
den Stoffe, da diese den Docht verschmier«11

Petitgrainöl
        <pb n="333" />
        ﻿

Petroleum

327

Pfeffer

und verkohlen lassen. Zu ihrem Nachweise
bedient man sich der fraktionierten Destillation.
Gutes P. sollte mindestens 70—8oo/0 eigent-
liches Leuchtöl, das zwischen 150 und 2700
übergeht, und nicht mehr als 10—150/0 niedrig-
und ebensoviel hochsiedende Stoffe enthalten.
Tatsächlich finden sich unter den amerika-

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Jahre 1916 betragenden Welterzeugung auf die
Vereinigten Staaten 300, Rußland 73, Mexiko 40,
Niederländisch-Indien 13, Rumänien 10, Britisch-
indien 8, Galizien 6,5, Japan 3, Peru 2,5, Trini-
dad und Deutschland je 1 Million.

PettinetS (Petinets) nennt man gazeartig
gewirkte Gewebe aus Seide, feinem Leinen-
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gegen, daß russisches Petroicu—	' Lencirtnf merben formen

Lampen nicht brenne, und andererseits die r"or’'"-
Handelsverhältnisse. Nahezu das gesamte
Letroleumgeschäft ist in den Händen der Stan-
dard-Oil Company vereinigt, die auf Verbrau-

cher und Zwischenhändler einen ungeheuren
Lruck ausübt. Sie setzt die Preise fest und
zwang vor dem Weltkriege die Kleinhändler
2Ur Annahme eines Vertrages, der ihnen die
härtesten Bedingungen auferlegte. Gegen eine
Vergütung von x/s PL Ihr 1 1 mußten sie sich
Verpflichten, ihren ganzen Petroleumbedarf von
der Gesellschaft zu entnehmen und für jedes
v°n anderer Seite bezogene Liter P. eine Kon-
ventionalstrafe von 5 Pf. (!) zu zahlen. Es hat
n'cht an Versuchen gefehlt, dieses Joch abzu-
^Chütteln, neben dem russischen wird in stän-
dig zunehmender Menge österreichisches Petro-
leum eingeführt, und vielleicht wird auch von
Rumänien etwas zu erlangen sein. In den letzten
Jahren hat übrigens auch die deutsche Erdöl-
gewinnung langsame, aber stetige Fortschritte
2u verzeichnen. Während sie 1896—1900 durch-
schnittlich 29000 t im Jahre betrug, ist sie 1907
auf 106379 t im Werte von 7&gt;°b Mül. M. und
*9i6 auf 142000 t gestiegen. In Barrels zu 159 1
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heimisch ist

und angebaut auch auf den Sundainseln, in
Hinter- und Westindien vorkommt. Die Ranken
tragen lederartige Blätter und unansehnliche,
in hängenden Ähren dicht zusammensitzende
Blüten, aus denen sich die anfangs grünen, bei
der Reife roten Beeren entwickeln. Jede Beere
enthält nur einen, von dünner Fruchthaut um-
schlossenen Samen. Der Strauch wird durch
Stecklinge vermehrt, rebenartig an Bäumen ge-
zogen und trägt vom 3.—20. Jahre. Die An-
pflanzungen werden in feuchten und etwas
hohen Gegenden angelegt, in Beete geteilt und
mit den zur Stütze dienenden Bäumen, beson-
ders Korallenbäumen, bepflanzt. Je nach der
Art der Gewinnung der Früchte unterscheidet
man schwarzen und weißen P. ■— Der
schwarze P. (lat. Piper nigrum, frz. Poivre
noir, engl. Black pepper) besteht aus den un-
reif gepflückten und schnell an der Sonne oder
am Feuer getrockneten Früchten, die infolge-
dessen noch mit der runzeligen schwarzen oder
schwarzbraunen Fruchtschale umgeben sind. —
Der weiße P. (lat. Piper album, frz. Poivre
blanc, engl. White pepper) wurde früher aus-
schließlich aus den reifen Beeren in der Weise
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        ﻿Petroleum

327

Pfeffer

und verkohlen lassen. Zu ihrem Nachweise
bedient man sich der fraktionierten Destillation.
Gutes P. sollte mindestens 70—80 0/0 eigent-
liches Leuchtöl, das zwischen 150 und 2700
;übergeht, und nicht mehr als 10—15% niedrig-
und ebensoviel hochsiedende Stoffe enthalten.
Tatsächlich finden sich unter den amerika-
tiischen Sorten aber Proben mit über 35 %
lochsiedenden Bestandteilen. Zur weiteren Prü-
üng zieht man das spez. Gew. heran, das
Aufschluß über die Herkunft des Petroleums
iefert, ferner die Viskosität und den prak-
ischen Brennversuch. Hat man eine mit neuen
pochten und Rundbrennern versehene Lampe
nit dem P. gefüllt und die Flamme auf größte
Helligkeit eingestellt, so muß der Docht bei
pitem Petroleum nach einiger Zeit herunter-,
&gt;ei schlechtem hingegen hinaufgeschraubt wer-
ien. Ein Urteil über den Grad der Raffination
jewährt schließlich die Bestimmung der Neu-
ralität und das Schütteln mit konzentrierter
Schwefelsäure, welche durch gutes P. keine
Parbenveränderung erleiden darf. — Von den
zahlreichen Sorten des P. ist das russische
zweifellos am besten rektifiziert und raffiniert.
Es enthält bis zu 850/0 mittlere Fraktion, neben
10—12 o/o hochsiedenden und meist nur 50/0
niedrigsiedenden Bestandteilen. Dementsprechend
ist es auch außerordentlich feuersicher und be-
sitzt Entflammungspunkte über 300. Ihm ähn-
lich sind die rumänischen und galizischen Sorten,
während das amerikanische vielfach sehr man-
gelhafte Beschaffenheit besitzt. Es gibt zwar
gewisse teure Luxussorten, wie Kristallöl, Salon-
öl, Kaiseröl mit Entflammungspunkten von 30
bis 500, aber die gewöhnliche Handelssorte,
das sog. Reichstest-P., bewegt sich meist an
der Grenze des gesetzlich Zulässigen und zeigt
neben 30 bis 35 °/o hochsiedenden Stoffen oft
nur 50—55 o/o eigentliches Leuchtöl. Der Ein-
führung der weit besseren europäischen Sorten
stehen leider Vorurteile der Verbraucher ent-
gegen, daß russisches Petroleum in unseren
Lampen nicht brenne, und andererseits die
Handelsverhältnisse. Nahezu das gesamte
Petroleumgeschäft ist in den Händen der Stan-
dard-Oil Company vereinigt, die auf Verbrau-
cher und Zwischenhändler einen ungeheuren
Hruck ausübt. Sie setzt die Preise fest und
zwang vor dem Weltkriege die Kleinhändler
zur Annahme eines Vertrages, der ihnen die
härtesten Bedingungen auferlegte. Gegen eine
Vergütung von x/2 Pf. für 1 1 mußten sie sich
verpflichten, ihren ganzen Petroleumbedarf von
her Gesellschaft zu entnehmen und für jedes
v°n anderer Seite bezogene Liter P. eine Kon-
ventionalstrafe von 5 Pf. (1) zu zahlen. Es hat
*i&gt;cht an Versuchen gefehlt, dieses Joch abzu-
schütteln, neben dem russischen wird in stän-
dig zunehmender Menge österreichisches Petro-
leum eingeführt, und vielleicht wird auch von
Rumänien etwas zu erlangen sein. In den letzten
Jahren hat übrigens auch die deutsche Erdöl-
gewinnung langsame, aber stetige Fortschritte
verzeichnen. Während sie 1896—1900 durch-
schnittlich 29000 t im Jahre betrug, ist sie 1907
aaf 106379 t im Werte von 7,06 Mill. M. und
*9i6 auf 142000 t gestiegen. In Barrels zu 159 1
aüsgedrückt entfielen von der 4 Millionen im

Jahre 1916 betragenden Welterzeugung auf die
Vereinigten Staaten 300, Rußland 73, Mexiko 40,
Niederländisch-Indien 13, Rumänien 10, Britisch-
indien 8, Galizien 6,5, Japan 3, Peru 2,5, Trini-
dad und Deutschland je 1 Million.

Pettinets (Petinets) nennt man gazeartig
gewirkte Gewebe aus Seide, feinem Leinen-
zwirn oder Baumwolle, die entweder geklöppel-
ten Spitzengrund nachahmen oder mit bereits
eingewirkten Mustern versehen sind und auf
besonderen Stühlen, Kettenpettinetstühlen, ge-
arbeitet werden. Glatter Pettinet als Grund zu
genähten Spitzen und Stickereien kommt nur
noch in Seide vor, während die aus Zwirn be-
stehende Ware jetzt auf der Bobbinetmaschine
hergestellt wird. Auf dem Pettinetstuhl arbeitet
man in den verschiedenartigsten Musterungen
spitzenähnliche Tücher, Schleier, Schals, Hand-
schuhe, Hauben, Börsen u. dgl. und in England
in großen Mengen die billigen, den Spitzen-
klöpplerinnen und Näherinnen so gefährlichen
Maschinenspitzen.

Pewter .sind gewisse in England gebräuch-
liche Zinnlegierungen, die nach Härte und
Farbe in mehrere Sorten unterschieden werden
und entweder nur Zinn und Antimon oder
außerdem noch Wismut, Kupfer, Zink oder Blei
enthalten. Die kupferhaltigen Legierungen mit
2—5 °/o Kupfer gelten als die besten.

Pfälzer Weine (Haardtweine), die in der
Pfalz am linken Rheinufer wachsenden, ge-
wöhnlich mit zu den Rheinweinen gerechneten
Weine, gedeihen besonders im Haardtgebirge
am Ostabhange des Donnersbergs und in den
zur Ebene sich absenkenden Hochgeländen.
Sie sind meist weiß, zeichnen sich durch Fülle,
Süßigkeit, Milde und Wohlgeschmack aus und
haben weniger Säure als die Rheinweine. Beson-
ders gute Sorten sind: Jesuitengarten, Förster,
Ruppertsberger,Dürkheimer,Deidesheimer,Ung-
steiner, Wachenheimer usw.

Pfeffer ist die Frucht des zu den Pipera-
zeen gehörenden Pfefferstrauches, Piper
nigrum, der im Südosten Asiens heimisch ist
und angebaut auch auf den Sundainseln, in
Hinter- und Westindien vorkommt. Die Ranken
tragen lederartige Blätter und unansehnliche,
in hängenden Ähren dicht zusammensitzende
Blüten, aus denen sich die anfangs grünen, bei
der Reife roten Beeren entwickeln. Jede Beere
enthält nur einen, von dünner Fruchthaut um-
schlossenen Samen. Der Strauch wird durch
Stecklinge vermehrt, rebenartig an Bäumen ge-
zogen und trägt vom 3.—20. Jahre. Die An-
pflanzungen werden in feuchten und etwas
hohen Gegenden angelegt, in Beete geteilt und
mit den zur Stütze dienenden Bäumen, beson-
ders Korallenbäumen, bepflanzt. Je nach der
Art der Gewinnung der Früchte unterscheidet
man schwarzen und weißen P. — Der.
schwarze P. (lat. Piper nigrum, frz. Poivre
noir, engl. Black pepper) besteht aus den un-
reif gepflückten und schnell an der Sonne oder
am Feuer getrockneten Früchten, die infolge-
dessen noch mit der runzeligen schwarzen oder
schwarzbraunen Fruchtschale umgeben sind. —
Der weiße P. (lat. Piper album, frz. Poivre
blanc, engl. White pepper) wurde früher aus-
schließlich aus den reifen Beeren in der Weise

1
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        ﻿Pfeffer, langer

328

Pfefferminze

hergestellt, daß man sie in Meer- oder Kalk-
wasser einlegte und nach dem Trocknen das
Fruchtfleisch abrieb. Neuerdings findet sich im
Handel meist nur eine durch Schälen von
schwarzem P. gewonnene Ware. Der schwarze

P.	enthält neben wechselnden Wassermengen
im Durchschnitt 12, J 0/0 Stickstoffsubstanz, 80/0
Fett, 33 0/0 Stärke, 13% Rohfaser und 40/0,
Asche; der weiße P. unterscheidet sich haupt-
sächlich durch seinen höheren Gehalt an Stärke
(560/0) und seinen geringeren Gehalt an Roh-
faser (5%) und an Asche (2°/o), weil letztere
beiden Stoffe vorwiegend in den Schalen ent-
halten sind. — Als charakteristische und wert-
bestimmende Stoffe, die den Geruch und schar-
fen Geschmack des P. bedingen, finden sich
1—2,30/0 ätherisches Öl und 7 °/o Piperin. Der

P.	gehörte bis vor kurzem zu den am meisten
verfälschten Gewürzen, doch hat die Nahrungs-
mittelkontrolle eine wesentliche Verbesserung
der bestehenden Übelstände im Gefolge gehabt.
Als Zusätze zu ganzem schwarzen P. wurden
ähnlich aussehende Früchte anderer Pflanzen
beobachtet, insbesondere: Kubeben, Langer P.,
Paradieskörner, Kellerhalsbeeren u. a., während
der ganze weiße P., hauptsächlich sog.
Penang, häufig mit einem Überzüge von Kalk
in den Handel kam. Nach der neueren Recht-
sprechung darf gekalkter P. nicht ohne ent-
sprechende Kennzeichnung verkauft werden.
Der gemahlene P. bildete den Abladeplatz
aller möglichen Abfälle; Sand und Ton, ver-
dorbene taube Körner, Mehl, Schalen von P.,
Nüssen, Mandeln und Kakao, Rückstände der
Ölgewinnung wie Palmkernmehl, Raps- und
Rübsenkuchen, Olivenkerne, Dattelkerne, Baum-
rinden und zahlreiche andere wertlose Stoffe
wurden in ihn hineingemahlen. Zum Nach-
weise fremder pflanzlicher Beimischungen be-
nutzt man das Mikroskop, zur Erkennung von
Pfefferschalen und mineralischen Zusätzen die
chemische Analyse. Marktfähiger schwarzer P.
soll nicht über 7 o/0 Mineralstoffe mit 2 0/0 Sand
und nicht über 17,5 o/0 Rohfaser enthalten,
weißer P. höchstens 40/0 Asche, 1 0/0 Sand und
7 0/0 Rohfaser. Von den zahlreichen Handels-
sorten ist der Malabar-P. mit seinen Unter-
abteilungen A1 eppi und Tellicherry am
höchsten geschätzt. Andere Sorten führen die
Bezeichnung Singapore, Penang (meist ge-
kalkt), Sumatra, Kochin, Goa und Lam-
pong. Weißer P. kommt meist von Sumatra,
Singapore und Penang. Eine aus ver-
kümmerten, tauben, oft nur stecknadelkopf-
großen Körnern bestehende Sorte, sog. Pfeffer-
köpfe, ist keine marktfähige Ware, sondern
ein offensichtliches Verfälschungsmittel. Der
Pfeffer findet als Gewürz ausgedehnte An-
wendung und wird in beschränktem Maße
medizinisch verwandt.

Pfeffer, langer (lat. Piper longum, frz. Poivre
long, engl. Long pepper) besteht aus den vor
völliger Reife gesammelten und getrockneten
Fruchtständen (Kätzchen) von Chavica offi-
cinarum (Piper longum), die etwa 3—4 cm
lang, 6—8 mm dick und von schwarzgrauer bis
rotbrauner Farbe sind. Der Geschmack ist
scharf brennend, der Geruch pfefferartig, die
Zusammensetzung den anderen Pfefferarten

entsprechend. Langer P. wird hauptsächlich
in Form einer Abkochung als Fliegengift ver-
wandt.

Pfefferkuchen (Lebkuchen, frz. Pain d’epi-
ces, Gätcau au miel, engl. Gingerbread, Honey
comb), ein sehr haltbares gewürziges Back- |
werk, wird mit Hilfe von Hirschhornsalz als
Treibmittel besonders in Nürnberg, Braun-
schweig, Pulsnitz, Kamenz, Danzig, Thorn und
Basel (Leckerli) fabrikmäßig hergestellt. Zu
den braunen P. nimmt man außer Mehl ent- ,
weder Sirup, oder bei feineren Sorten (Honig- |
kuchen) auch wohl Honig, zu den weißen P. 4
Zucker. Als Gewürze kommen hauptsächlich i.
Kardamomen, Zimt, Nelken, Vanille, bittere / l!
Mandeln und Zitronat zur Verwendung. ■— '
Kleine, rundliche Stücke nennt man Pfeffer-
nüsse.

Pfefferminze (Pfeffermünze, lat. Herba s.
Folia menthae piperitae, frz. Feuilles de menthe /
poivr6e, engl. Peppermint leaves). Mentha pi-
perita, die wichtigste der zu den Lippenblüt-
lern gehörenden Gattung Mentha, deren zahl-
reiche Arten sich fast alle durch ein mehr oder
weniger starkes Aroma auszeichnen, unterschei-
det sich von ihren Verwandten äußerlich durch
ihre gestielten, fast glatten Blätter, die nur
an den Nerven der Unterseite spärlich behaart
und an den der Blattspitze zugekehrten Stellen
am Rande scharf gezähnt sind. Die P. kommt ut i
in Westeuropa, vor allem in England, wild vor, ’g
wird aber bei uns, besonders in Thüringen und '
im Harz sowie in England (London, Cambridge,
Mitcham) vielfach angebaut und dann als Mentha
piperita var. ß bezeichnet. Die in der Blüte-
zeit gesammelten Spitzen der Zweige und die
Blätter der unteren Teile (ohne die Stengel) kom-
men getrocknet in den Drogenhandel und haben
einen stärkeren Geruch und Geschmack als im
frischen Zustande. P. wird medizinisch als
krampfstillendes, magenstärkendes und zu Blä-
hungen treibendes Mittel angewandt. — Der
wirksame Bestandteil der Pflanze ist das äthe- |
rische Öl, das Pfefferminzöl (lat. Oleum men-
thae piperitae, frz. Essence de menthe poivree,
engl. Oil of peppermint), das von angebauten j
Pflanzen gewonnen wird. Die geschätzteste Sorte,
das englische Mitchamöl, hat ein spez. Gew. !
von 0,900—0,912. Die deutschen Öle kommen
für den Weltmarkt weniger in Betracht, da ihre
Produktion jährlich nur einige hundert Kilo
beträgt. Ihr spez. Gew. ist 0,900—0,915 bei
150 C. Weniger feine Sorten kommen aus j.
Amerika, weil hier nicht selten andere Minze-
arten mitdestilliert werden, und auch häufig
Verfälschungen mit Poleyöl, Erigeronöl und
dem flüssigen Teil des japanischen Pfefferminz-
öls vorgenommen werden. In neuerer Zeit
haben sich die Verhältnisse aber wesentlich ge-
bessert, indem man auf sorgfältigere Kultur und
Reinhalten der Felder von Unkraut achtet. —	,

Große Mengen P. kommen aus Japan. Das nor-
male japanische Öl bildet bei gewöhnlicher Tem-
peratur eine feste, ölgetränkte Kristallmasse. In
den Handel kommt das normale öl, (Unsepara-
ted), das aus lockeren Kristallen bestehende
Rohmenthol (Crystals) und das von diesem ge-
trennte flüssige öl (Oil). — Die P. sind im rekti-
fizierten Zustande farblose, etwas dickliche Flüs-
        <pb n="336" />
        ﻿Pfefferöl

329

Pflanzenwachse

sigkeiten von feinem Pfefferminzgeruch und bren-
nendem, hinterher kühlendem Geschmack, der
aber nicht bitter sein darf. Sie drehen die
Polarisationsebene stark nach links und lösen
sich in verdünntem Spiritus auf. Ihr wich-
tigster Bestandteil ist das zum Teil mit Essig-
und Valeriansäure veresterte Menthol und das
zugehörige Keton Menthon. Zum Nachweise
der zahlreichen Verfälschungen durch Alkohol,
Terpentinöl, ätherische und fette Öle bestimmt
man die physikalischen Kennzahlen und in be-
sonderen Fällen den Mentholgehalt. Pfeffer-
minzöl dient zur Darstellung von Menthol, Li-
kören, Mundwässern und anderen komestischen
Mitteln sowie zum Einreiben gegen Zahnschmer-
zen und Migräne.

Pfefferöl (lat. Oleum piperis, frz. Essence de
poivre, engl. Pepper oil), das durch Destillation
mit Wasserdampf aus dem schwarzen Pfeffer
gewonnene dünnflüssige, farblose bis gelbgrüne
ätherische Öl hat ein spez. Gew. von 0,870 bis
0,916 und riecht stark nach Pfeffer, zeigt aber
einen milden Geschmack und dient bisweilen
als Zusatz bei der Bereitung bitterer und aro-
matischer Liköre.

Pfirsiche (frz. Pöches, engl. Peaches) sind die
Früchte des Pfirsichbaumes Amygdalus per-
sica, der in Persien heimisch, schon vor alten
Zeiten nach Griechenland und Italien und dann
weiter über das wärmere und gemäßigte Europa
verbreitet worden ist. In Mitteldeutschland, bis
wohin der Baum überhaupt nur vorgerückt ist,
wird er meist nur als Spalierbaum an, Wänden
gezogen. In Süddeutschland hat man die Bäume
freistehend und gewinnt schon recht gute Früchte,
noch bessere jedoch jenseits der Alpen, in Süd-
tirol, Italien, Südfrankreich, Spanien, Portugal
und Ungarn. Neuerdings werden P. von Kali-
fornien im großen Maßstabe teils frisch, teils
getrocknet versandt, doch müssen die letzteren,
wie die meisten amerikanischen Erzeugnisse, mit
Vorsicht genossen werden, da sie vielfach durch
übermäßig starkes Schwefeln gebleicht und halt-
bar gemacht worden sind. Nach der Art der
Oberfläche unterscheidet man die zahlreichen
Spielarten meist in rauhschalige, zu denen die
mitteldeutschen gehören, und in glattschalige
(Nektarinen). — Die Pfirsichkerne dienen
zur Herstellung von Marzipanersatz, auch wird
aus ihnen fettes und ätherisches Pfirsichkernöl
gewonnen. Das fette Pf. (lat. Oleum Nucum
Persicarum, frz. Huile de Peches, engl. Peaches-
°il) wird durch Pressung namentlich in Frank-
teich gewonnen und fälschlich als „Mandelöl
aus Pfirsichkernen“ bezeichnet. Es wird zum
Verfälschen des echten fetten Mandelöls, vielfach
auch als Ersatz des teuren echten Mandelöls,
z, B. bei der Bereitung von Cold-cream, zu Haar-
clen usw. verwandt. Das destillierte ätherische
Vf. dient zur Verfälschung des echten Bitter-
mandelöls. Das aus Ostindien eingeführte dunkel-
gelbe Pfirsichkernöl (B emi-ki-tel) ist etwas blau-
säurehaltig und hat ein spez. Gew. von 0,9232.
Oie frischen Blüten und Blätter liefern bei der
Destillation mit Wasser blausäurehaltige Wässer,
die hier und da offizinell sind.

Pfirsichäther, ein das Pfirsicharoma ziemlich
Sut nachahmendes Gemisch von Butter- und

Valeriansäureamylester, Essigester und Bitter-
mandelöl.

Pflanzendunen. Unter diesem Namen faßt
man die verschiedenen Arten feiner seidenartiger
Wollfasern zusammen, die sich als Umhüllung
der Samen in den Fruchtkapseln mehrerer tro-
pischer Bäume der Gattungen Bombax, Ochro-
ma, Chorisia und Eriodendron vorfmden.
Als wichtigste sind folgende anzuführen: r. Ka-
pok (Bombaxwolle, Kapas, Kapok, Ran-
doe, Randoekapok, frz. Ouatte vögetale, Du-
vet, Coton soyeux, engl. Silk cotton, Simool
cotton, Raw cotton). Diese hauptäschlich aus
Java. Indien und Zeylon kommende Wolle stammt
von Eriodendron anfractuosum DC. (Ceiba
pentandra, Bombax pentandrum L.) und besteht
aus 0,5—2 cm langen, seidenartig glänzenden
Fasern von gelblichweißer bis brauner Farbe,
welche kürzer, steifer und elastischer als die-
jenigen der Baumwolle sind. 2. Zeibawolle
(Paina limpa), angeblich von Bombax hepta-
phyllum L. und Bombax Ceiba L., kommt
aus Südamerika und Westindien. Die Fasern sind
1—1,5 cm lang, oft ziemlich weiß, häufiger aber
hellbraun. 3. Ochromawolle (frz. Edredon
vegetale, Patte de liövre) von Ochroma lago-
pus Sw., einer auf Guadeloupe und Martinique
angebauten Bombazee, ist gelbbraun gefärbt
und o,s—i,s cm lang. Verwendung finden
diese Pflanzenwollen fast nur zum Polstern und
zur Herstellung von Watte, hingegen sind sie
zum Verspinnen wenig geeignet. Nur die 2 bis
3 cm lange Wolle von Bombax heptaphyl-
lum soll bisweilen mit Baumwolle gemengt
versponnen werden. Namentlich die Kapoksorte
bildet das beste pflanzliche Stopf- und Polster-
material und steht den echten Dunen an Elasti-
zität und Leichtigkeit nicht viel nach. — Zusätze
von Baumwollenabfällen (Cotton fly) und Pulu-
faser sind als Verfälschungen zu beurteilen, da
besonders die letztere schon nach kurzem Ge-
brauche infolge ihrer Brüchigkeit in Stückchen
und Pulver zerfällt.

Pflanzentalge. Mit diesem Namen bezeichnet
man einige besonders harte Fette pflanzlichen
Ursprungs, die wegen ihrer äußeren Beschaffen-
heit vielfach auch die falsche Bezeichnung
Pflanzenwachs führen. Zu ihnen gehört neben
dem Japan wachs (s. d.) besonders das My-
rika- oder Myrtenwachs (s.d.), der Mala-
bartalg (s.d.), der Mafurahtalg (s.d.) und der
Chinesische Talg aus den Samen von Stil-
lingia sebifera. Hingegen wird das Chine-
sische Wachs durch die Tätigkeit einer Schild-
laus hervorgerufen und daher unter Wachs be-
sprochen.

Pflanzenwachse, an Früchten, Blättern und
Rinden tropischer Gewächse aüsgeschiedene fett-
und wachsartige Stoffe, zeigen eine dem Bienen-
wachs ähnliche chemische Zusammensetzung,
ohne doch mit ihm völlig identisch zu sein, und
können dieses für gewisse Zwecke, besonders zur
Herstellung von Kerzen, ersetzen. Das wichtigste

P.	ist unter seinem Namen Karnaubawachs be-
sprochen worden. Eine andere Sorte soll von
der in den Anden heimischen Wachspalme
(Ceroxylon andicola) am ganzen Umfange
des Stammes als dichte, harzig-wachsartige.
        <pb n="337" />
        ﻿Pflaster

330

Phenolquecksilber

Schicht ausgeschwitzt werden, ist aber noch
nicht näher untersucht worden.

Pflaster (lat. Emplastrum, frz. Emplätres, engl.
Piasters) nennt man in der Chemie Verbindungen
von Blei mit Fettsäuren. In der Pharmazie ver-
steht man darunter alle zum Ankleben auf die
Haut bestimmten arzneilichen Zubereitungen, die
entweder auf Stoff gestrichen oder in Stangen-
form vorrätig gehalten werden und aus einer
knetbaren, wachsartigen Mischung von Fetten,
Harz oder Wachs mit anderen Stoffen bestehen.
Nach ihrer Grundmasse unterscheidet man ge-
kochte oder Bleipflaster (Emplastrum Li-
thargyri), aus Olivenöl, Bleiglätte und Schweine-
fett gekocht; geschmolzene oder Harzpfla-
ster (Gummipflaster, E. adhaesivum, E.
Lithargyri compositum) aus Bleipflaster,
Wachs, Harzen und Gummiharzen; Hausen-
blasepflaster (Seidenpflaster, Englischpflaster,
lat. Emplastrum anglicum, Emplastrum Ichthyo-
collae, frz. Sparadrap d’ichthyocolle, engl. Court-
Piaster) aus einer. auf Seidentaft eingetrock-
neten Abkochung von Plausenblase (50 g zu 300 g
Wasser) und etwas Zucker; Kautschukpfla-
ster (Collemplastrum), welche gelösten Kaut-
schuk enthalten. Die medikamentösen P. zer-
fallen in Spanischfliegen- und Zugpflaster
(E. Cantharidum ordinarium und perpetu-
um), Quecksilberpflaster (E. Hydrargyri),
Seifenpflaster (E. saponatum) u. a. Im wei-
teren Sinne rechnet man zu den P. auch Kleb-
taffet und Klebepapier. Mit Ausnahme des
Englischpflasters, Heftpflasters, Pechpflasters
und der Hühneraugenmittel dürfen P. als Heil-
mittel nur in Apotheken verkauft werden.

Pflaumen (frz. Prunes, engl. Plums), die ein
beliebtes Obst bildenden bekannten Steinfrüch-
te, finden sich in zahlreichen Arten, die sämt-
lich der Gattung Prunus L. (frz. Prunier, engl,
Plum treej angehören, besonders als Zwetschen,
Hain-, Kirsch-, aprikosenähnliche, Da-
maszener- und Eierpflaumen, Mirabellen
und Reineklauden. Der Name P. bezeichnet
im Osten und Norden fast nur die blaubereiftan
länglichen Zwetschen, im Süden mild Westen da-
gegen die runden und rundlichen Früchte von
gelber, gelblicher und roter Farbe. Die P. bilden
in frischem wie getrocknetem Zustande einen sehr
bedeutenden Handelsartikel, besonders als Back-
obst sowie zur Herstellung von Branntwein, Mus,
Sirup und Essig. Als feinste Sorten gelten die
Katharinenpflaumen, Imperial (Sur choix,
Rame supörieure) sowie türkische und böhmi-
sche P.

Pflaumenbaumholz (Z wetschenbaumholz)
von Prunus domestica ist sehr dicht, von
feinem Korn und dunkelrötlichbrauner Farbe
und gegen den Kern hin, mehr oder weniger mit
braunroten und violettroten Adern und Flammen
geziert. Es wird von Tischlern und Drechslern
benutzt und mit Vorliebe zu Faßhähnen und den
billigeren Holzblasinstrumenten verarbeitet.

Pflaumenkernöl (frz. Huile d’amandes de
prune, engl. Plumpern-Oil), das aus den Pflau-
menkernen gepreßte blaßgelbe fette Öl, ist ge-
ruchlos und von mandelölähnlichem Geschmack.
Das spez. Gewicht beträgt 0,915 bei I5°C, der
Erstarrungspunkt liegt bei —8,5° C.

Pflaumenmus (frz. Marmelade de prune, Pru-
nelöe, engl. Paste of plums) besteht aus dem von
Kernen und Schalen befreiten Fruchtfleisch
der Pflaumen, das längere Zeit, bis die nötige
Festigkeit erreicht ist, in kupfernen Kesseln ge-
kocht wird. Nach dem Kochen muß man das

P.	noch warm ausfüllen, da beim Erkalten und
längeren .Stehen im Kessel Leicht etwas Kupfer
aufgelöst wird (s. Marmeladen).'

Phenazetin (Phenedin, Phenin, lat. Phen-
acetinum, frz. Acetphenetidine, engl. Phenacetine)
ist in chemischer Hinsicht Azetparaphenetidin
und wird dementsprechend durch Kochen von
Phenetidin (Paraamidophenol) mit Eisessig ge-
wonnen. Es bildet weiße glänzende, geruch- und
geschmacklose Kristallblättchen, die in Wasser
schwer, in Alkohol leicht löslich sind und bei
1350 schmelzen. Ph. wird vielfach als Fieber-
mittel, gegen Kopfschmerzen und Migräne ver-
ordnet, da es die guten Eigenschaften des Airti-
pyrins und Antifebrins vereinigt, ohne deren
nachteilige Folgen zu zeigen

Phenanthrenrot, ein seit 1886 im Handel vor-
kommender Teerfarbstoff, besteht aus dem
Nafronsalze des Alphanaphtylsulfosäureosazon-
phenanthrenchinons. Das braunrote Pulver gibt
mit heißem Wasser eine kirschrote, mit konzen-
trierter Schwefelsäure eine blaue Lösung, aus der
beim Verdünnen ein gelbbrauner Niederschlag
ausfällt. Wolle wird in sauerem Bade rot gefärbt.

Phenokoli (lat. Phenocollum, frz. Phenocolle,
engl. Phenokoli), ein dem Phenazetin verwandtes
Phenetidinderivat (Glykokollparaphenetidin, Ami-
dophenazetin), bildet farblose Kristallnadeln vom
Schmelzpunkte 95 °, die in kaltem Wasser, Äther,
Benzol und Chloroform schwer, in heißem Wasser
und Alkohol leicht löslich sind. Die Salze, be-
sonders das salzsaure, essigsaure und kohlensaure

P.	werden wie Phenazetin gegen Fieber und
Rheumatismus angewandt.

Phenolphtalein (Dioxydiphenylphtalid,
Diparaoxyphtalophenon) wird durch Erhit-
zen eines Gemisches von Phthalsäureanhydrid,
Phenol und Zinnchlorid (oder auch Schwefel
säure) auf 115—1200, Auskochen des Reaktions-
produktes mit Wasser, Lösen in Natronlauge
und Übersättigen mit Essigsäure dargestellt. Das
durch Umkristallisieren aus Alkohol gereinigte
P. dient als Indikator in der Maßanalyse, z. B.
bei Essigprüfungen, weil seine alkoholische oder
verdünnte wässerige Lösung durch den gering-
sten Überschuß von Alkali intensiv purpurrot,
durch Zusatz von überschüssiger Säure aber
wieder farblos wird. Neuerdings wird Ph. viel-
fach als Abführmittel benutzt und ist als Be-
standteil der Ade-Biskuits, Zickzack-Ta-
bletten sowie von Entfettungsmitteln wie Bo-
ra ni umbeeren, Pur gen, Pu rgella,Purgetta,
Purgin-, Laxier-, Laxin-Konfekt, Purg-
lets, Purgolade usw. aufgefunden wurden, die
nach dem sächs. Ministerialerlaß vom 31.VIL
1913 dem Apothekenzwang unterworfen sind.
Auch Derivate desPh., z. B. Isovalerylazetyl-Ph.
(Aperitol) dienen als Abführmittel.

Phenolquecksilber (lat. Hydrargymm carboli-
cum oxydatum, Hydrargymm phenolicum), ein
Mittel gegen Syphilis, entsteht durch Fällen einer
konzentrierten Lösung von Phenolkalium mit al-
        <pb n="338" />
        ﻿

Phenosafranin	331	Phosphor

koholischem Quecksilberchlorid als ein farbloses
Kristallpulver.

Phenosafranin (Safranin B extra), ein
durch Oxydation eines Gemisches von Paraphe-
nylendiamin und Anilin dargestellter Teerfarbstoff,
Paraamidophenylparaamidophenazoniumchlorid,
bildet grüne glänzende Kristalle, die in Wasser
mit roter Farbe leicht löslich sind. Konzentrierte
Schwefelsäure gibt eine grüne Lösung, die beim
Verdünnen mit Wasser erst blau, dann violett
und schließlich rot wird. Mit Tannin und Brech-
weinstein gefärbte Baumwolle wird rot gefärbt.

Phenylurethan (Euphorine), ein neueres viel
gerühmtes Mittel gegen Gelenkrheumatismus, ent-
steht durch Behandlung von Chlorameisensäure-
äthylester mit Anilin und ist demnach als Phe-
nylkarbaminsäureäthylester anzusprechen. Es bil-
det weiße, bei 490 schmelzende Kristalle von
nelkenähnlichem Geschmacke, die sich leicht in
Alkohol und Äther, hingegen nicht in Wasser
lösen.

Phloridzin nennt man ein kristallisierbares
Glykosid, das durch Ausziehen der Rinde von
Apfel-, Birnen-, Pflaumen- oder Kirschbäumen
mit 60 % igem Alkohol in Form zarter glänzen-
der Nadeln erhalten wird. Es zerfällt beim
Kochen mit verd. Säuren in Phloretin und
Zucker und findet an Stelle des Chinins als
Fiebermittel Anwendung.

Phlorogluzin, C6Hs(OH)s, das symmetrische
Trioxybenzol, findet sich in der Natur in Form
sogen. Phlorogluzide im Drachenblut, Gutti, Kino
und verschiedenen anderen Pflanzenstoffen, aus
denen es durch Schmelzen mit Ätzkali gewonnen
werden kann. In der Regel stellt man es durch
Erhitzen von Resorzin mit Ätznatron, und nach-
folgendes Ausschütteln der angesäuerten Schmelze
mit Äther dar. Es bildet bei 212° schmelzende,
farblose Kristalle, die sich in Wasser, Alkohol
und Äther lösen, und wird in der Mikroskopie
als bestes Reagens auf Holzfaser (in Papier) be-
nutzt, die sich mit Ph. und Salzsäure rot färbt.

Phloxin ist der Name mehrerer Phtalein-
farbstoffe, von denen folgende die gebräuch-
lichsten sind: Phloxin P. wird durch Einwirkung
von Brom auf Dichlorfluoreszein erhalten und
besteht aus dem Natronsalze des Tetrabromdi-
uhlorfluoreszeins. Das braungelbe Pulver gibt mit
Wasser eine kirschrote, grüngelb fluoreszierende
Lösung, die Wolle bläulichrot färbt. Phloxin
LA (Erythrosin B) wird durch Einwirkung von
Brom auf Tetrachlorfluoreszein in alkoholischer
Lösung als das Natronsalz des Tetrabromtetra-
chlorfluoreszeins dargestellt. Das ziegelrote Pul-
ver ist in, Wasser mit blauroter Farbe und schwa-.
über dunkelgrüner Fluoreszenz leicht löslich. Zy-
anosin ist der Methylester des Phloxin P. Zy-
anosin B der Äthylester des Phloxin TA.

Phosphate ist der wissenschaftliche Name für
Phosphorsaure Salze,- z. B. Natriumphosphat, Ei-
senphosphat, im, Handel versteht man darunter
aber die verschiedenen, in der Natur als Mine-
ralien vorkommenden Arten .des phosphorsauren
Kalks (Kalziumphosphat), wie sie. zur Dar-
stellung von Düngemitteln für die Landwirtschaft
(s. Superphosphat) und von Phosphor verwandt
werden. Die hierher gehörigen Mineralphos-
Phate Apatit, Phosphorit und Osteolith bilden
emen bedeutenden Handelsartikel, so nament-

lich der Phosphorit aus der spanischen Provinz
Estremadura und die Lahnphosphorite aus der
Provinz Nassau. Seit einigen Jahren kommen
auch P. aus Belgien, Kanada, Südkarolina und
Aruba sowie russische Phosphorite aus dem Ge-
biete des Tsdhnerojem nach Deutschland. Die
größte Menge dieser P. wird in ein feines Mehl
verwandelt und zu Superphosphat verarbeitet.

Phosphin (Ledergelb, Philadelphiagelb,
frz. Phosphine), ein seit 1862 bekanntes Neben-
produkt der Fuchsinfabriken, bildet ein orange-
gelbes, in Wasser lösliches Pulver, s. Akridin-
farbstoffe.

Phosphor (lat. Phosphorus, frz. Phosphore,
engl. Phosphorus), ein chemisches Element vom
Atomgewicht P = 3t, wurde im Jahre 1669 von
Brand in Hamburg bei der trocknen Destillation
von eingedampftem Harn entdeckt, doch ge-
langte diese Beobachtung erst 1678 durch Kun-
kel an die Öffentlichkeit. Bis in die Mitte des
vorvorigen Jahrhunderts blieb der Harn das
einzige Ausgangsmaterial, und ,da 6oo—700 1 des-
selben nur 30 g P. ergaben, so erklärt sich der
für diese geforderte ungeheure Preis von 10 bis
16 Dukaten. Erst 1769 wies Gähn das Vorhan-
densein von P. in den Knochen nach und 1771
stellte ihn Scheele zum ersten Male daraus dar.
Die chemische Natur des P. ist besonders durch
die Arbeiten von Lavoisier aufgeklärt worden.
Der P. findet sich in der Natur nie frei, sondern
stets gebunden, und zwar meist in Form phos-
phorsaurer Salze. Aus diesen gelangt er in. die
Pflanzen und von da in den Tierkörper, dessen
Knochengerüst zum großen Teil aus Kalzium-
phosphat besteht. Ein anderer Teil des in den
tierischen Körper eingeführten P. wird durch
die Exkremente . und den Harn wieder ausge-
schieden, kehrt in den Erdboden zurück und
bildet einen wertvollen Bestandteil des Düngers.
In organischer Bindung findet sich der P. im
Gehirn, den Nerven, dem Eigelb, dem Kasein
usw. Die Darstellung des P., zu der fast aus
schließlich die Knochen dienen, wurde längere
Zeit nur von einigen englischen und französischen
Fabriken betrieben, bis im Jahre 1898 auch die
chemische Fabrik Elektron in Griesheim eine
elektrolytische Anlage errichtete. Die mit Benzin
oder Schwefelkohlenstoff entfetteten und mit
überhitztem Wasserdampf entleimten Knochen
werden in einem Schachtofen völlig weißge-
brannt. Die feingemahlene Asche wird mit dem
gleichen Gewicht 7ö°/oiger Schwefelsäure erwärmt,
die Lösung des sauren phosphorsauren Kalks von
dem aus Gips bestehenden Bodensatz klar ab-
gezogen, in Bleipfannen eingedampft und schwach
geglüht. Der hinterbleibende metaphosphorsaure
Kalk wird im Gemisch mit Holzkohlenpulver
in Retorten aus feuerfestem Ton bis zur Weiß
glut .erhitzt und der entweichende Dampf von
freiem P. in Wasser geleitet, wo er sich in flüs-
siger Form verdichtet. Zur Reinigung preßte
man den Rohphosphor früher meist in geschmol-
zenem Zustande unter Wasser durch Leder, wäh-
rend man ihn jetzt in der Regel einer noch
maligen Destillation unterwirft oder mit Hilfe
von Wasserdampf durch eine poröse, mit Kohlen-
pulver bedeckte Steinplatte preßt. Das Formen
zu Stangen geschieht im kleinen durch Aufsaugen
des unter Wasser geschmolzenen P. in Glas

;
        <pb n="339" />
        ﻿Phosphor

332

Phosphor

röhren, aus denen man die nach dem Entstellen
in kaltes Wasser erstarrte Masse herausstößt.
Zur elektrolytischen Gewinnung werden natür-
liche Phosphate, mit Kohle und Quarz gemischt,
im elektrischen Ofen reduziert. Der P. tritt in
drei allotropen Modifikationen auf. i. Der
gewöhnliche, farblose, giftige P., die nach
vorstehendem Verfahren dargestellte offizinelle
Modifikation, bildet im frischen Zustande eine
weiße bis gelblichweiße durchscheinende Masse,
die bei mittlerer Temperatur wachsartige Kon-
sistenz besitzt, in der Kälte dagegen brüchig ist
und unter Wasser .bei 440 zu einer farblosen
Flüssigkeit schmilzt. Das spez. Gew. beträgt 1,83
bei io°. An der Luft stößt er einen weißen
Rauch unter Verbreitung eines knoblauchartigen
Geruchs aus und erwärmt sich dabei oft bis zur
Selbstentflammung. Beim Erhitzen an der Luft
schmilzt er zunächst bei 440, um bei 6o° mit blen-
dend weißem Licht zu Phosphorsäureanhydrid zu
verbrennen. Unter Luftabschluß destilliert er
bei 2900 unzersetzt über. Von seiner Eigenschaft,
im Dunkeln zu leuchten, hat der P. seinen aus
dem griechischen phosphoros (Lichtträger) ab-
geleiteten Namen erhalten. Wegen der leichten
Entzündlichkeit ist beim Arbeiten mit P. größte
Vorsicht geboten. Das Zerschneiden und Zer-
kleinern muß stets unter Wasser geschehen.
Schon die Wärme der Hand oder geringe Rei-
bung genügt zur Entflammung, und die klein-
sten Stücke erzeugen gefährliche Brandwunden,
da zu der Hitzewirkung noch die ätzenden Eigen-
schaften der Phosphorsäure .und die blutvergif-
tenden des P. selbst hinzutreten. In Wasser ist
P. kaum löslich, wird aber von fetten und flüchti-
gen Ölen, Äther, Alkohol, Chloroform und Schwefel-
kohlenstoff leicht gelöst. Wasser, in dem er län-
gere Zeit gelegen hat, riecht und schmeckt nach P.
und leuchtet im Dunkeln. Die Eigenschaft, dem
inneren Kegel der Wasserstoffflamme eine leb-
haft grüne Farbe zu verleihen, dient zum Nach-
weise des P. in Vergiftungsfällen. Der P. muß
vor Licht und Luft geschützt aufbewahrt werden,
da er sonst bald einen gelblichweißen Überzug
von amorphem P. bekommt und undurchsichtig
wird. Am direkten Sonnenlicht nimmt P. eine
schöne rote Farbe an und geht nach und nach
vollständig in die amorphe Modifikation über.
Zu Sauerstoff, Schwefel .und den Halogenen zeigt
er große Verwandtschaft, zersetzt Metallsalzlö-
sungen unter Abscheidung von Phosphormetallen
und wird durch Salpetersäure und Königswasser
in der Wärme zu Phosphorsäure gelöst. Der
gewöhnliche Phosphor gehört zu den heftigsten
Gif tön und vermag bei einzelnen Personen schon
in Menge von 4 mg Schmerzen, in Menge von
80 mg den Tod herbeizuführen. Selbst das Ein-
atmen der Dämpfe ist höchst schädlich und er-
zeugt die Phosphornekrose, unter der die Ar-
beiter der Phosphorfabriken zu leiden haben. Als
Gegenmittel dienen .Kupfersulfat und altes, ver-
harztes Terpentinöl, während Alkalien und Fette
zu vermeiden sind. In den Handel gelangt der
P. in mit Wasser gefüllten, verlöteten,Blechkästen
und zwar meist in Gestalt fingerdicker Stangen
oder für den Großhandel auch in Form mehrere
Kilogramm schwerer Kegel. Ein oft vorhande-
ner schwärzlicher Metallüberzug kann durch Ab-
waschen mit S°/oiger Salpetersäure entfernt werden.

Für den Bahntransport müssen die höchstens
6 kg fassenden Blechgefäße gut verlötet und
zwischen Sägemehl in starke Kisten mit grauer
Leinwandhülle, zwei starken Flandhaben und der
Aufschrift „Phosphor enthaltend“ und „oben“
verpackt werden. Das Gewicht der Kisten darf
75 kg nicht übersteigen. Um das Einfrieren zu
verhüten, wird das Wasser mit Spiritus oder
Glyzerin gemischt. Zur Aufbewahrung nimmt
man am besten starke weithalsige Flaschen;, die
von feuchtem Sand umgeben in starkwandigen
Blechbüchsen stehen und in einen Schrank im
Keller oder besser in eine Mauernische mit eiser-
ner Tür eingeschlossen werden. — Der größte
Teil des P. wird zur Herstellung von Zündwaren
(s.d.) verbraucht. In Form von Phosphorlat-
werge (Phosphorteig) oder von Phosphor-
pillen aus einem Gemenge von P. mit Mehlteig
dient er als Ratten- und Mäusegift, eine wei-
tere nicht unbeträchtliche Menge wird in der
Metallurgie zur Herstellung von P.-Bronze benutzt.
Die Medizin verwendet ihn in Form von Pillen
oder Lösungen (Phosphorlebertran) gegen Kno-
chenefkrankungen und .Schwächezustände, aber
mit größter Vorsicht, da 1 mg höchste Einzelgabe
ist. Der Nachweis in Vergiftungsfällen stützt
sich auf die Eigenschaft phosphorhaltiger Spei-
sen, Leichenteile u, dgl. nach P. zu riechen und
beim Umrühren im Dunkeln zu leuchten, und
wird mit Sicherheit nach dem Verfahren von
Mitscherlich durch Destillation im Dunkel-
zimmer oder von Dusart-Blondlot durch die
Grünfärbung der Wasserstöffflamme geführt. —

2.	Der rote oder amorphe P. entsteht bei der
Einwirkung des Sonnenlichts auf weißen P., wo-
bei nach den Untersuchungen Schrötters eine
andere Modifikation gebildet y'ird. Zur Dar-
stellung im großen erhitzt man gewöhnlichen P,
in eisernen, mit Deckeln verschlossenen Kesseln
auf 250—260°, befreit das unter Wasser zer-
riebene amorphe Reaktionsprodukt durch Kochen
mit Natronlauge oder Extraktion mit Schwefel-
kohlenstoff von Resten unveränderten weißen P.,
wäscht mit Wasser und trocknet. Der amorphe
P. bildet ein rotbraunes, scheinbar amorphes, tat-
sächlich aber mikrokristallinisches Pulver oder
derbe rotbraune, oft metallisch glänzende Stücke
von muscheligem Bruche. Die völlig geruch-
und geschmacklose Masse hat das spez. Gew.
2,19, löst sich nicht in Schwefelkohlenstoff und
den anderen Lösungsmitteln des weißen P. und
ist nicht giftig. Diese Modifikation hält sich
am Licht unverändert, leuchtet nicht im Dunkeln,
wird durch Druck oder Reibung nicht entzündet
und läßt sich also ohne jede Gefahr versenden.
Beim Erhitzen an der Luft entzündet sich der rote
P. erst gegen 260°, während er unter Luftab-
schluß bei der gleichen Temperatur wieder in
den gewöhnlichen P. übergeht. Kleine Mengen
des letzteren sind in der Handelsware meist vor-
handen und verleihen ihr infolge der Oxydation
eine saure Reaktion. Ein Teil des roten P. wird
zu chemischen Präparaten, besonders zu Jod-
phosphor für das in der Teerfarbenindustrie ge-
brauchte Jodmethyl und -äthyl verarbeitet. Die
Hauptmenge dient aber zur Herstellung der sog-
schwedischen Zündhölzern — 3. Der metallische
oder rhomboedrische P., der durch andauern-
des Erhitzen von p. mit Blei in zugeschmolzenen
        <pb n="340" />
        ﻿Phosphorsalz

333 Photographische Apparate u. Geräte

Röhren erhalten wird, bildet schwarzglänzende
Rhomboeder vom spez. Gew. 2,34 und hat nur
wissenschaftliches Interesse. — 4. Der sog. hell-
rote P. von Schenk, der beim Erhitzen von
weißem P. in Phosphortribromid entsteht, ist
nicht reiner P., sondern ein Gemisch von Brom-
phosphor mit elementarem P. Er ist völlig un-
giftig, hat überdies vor dem roten amorphen P.
den Vorzug, daß er sich an jeder Reibfläche ent-
zündet und wird daher nach dem gesetzlichen
Verbot des giftigen P. zur Herstellung von Zünd-
hölzern benutzt.

Phosphorsalz. Diesen Namen führt das phos-
phorsaure Natron-Ammoniak, ein Doppel-
salz von Natriumphosphat und Ammoniumphos-
phat. Es bildet kleine, weiße, an der Luft leicht
feucht werdende Kristalle und wird in der Löt-
rohrchemie benutzt.

Phosphorsäure (lat. Acidum phosphoricum,
frz. Acide phosphorique, engl. Phosphoric acid).
Von den verschiedenen als Phosphorsäure he-
zeichneten Verbindungen besitzt die sog. Ortho-
phosphorsäure, PI3P04, die größte Bedeutung.
Sie findet sich in der Natur in Form ihrer Salze,
der Phosphate, weit verbreitet und setzt u. a. die
Knochen, Guano und Apatit zusammen. P. ent-
steht, wenn man Phosphor im Sauerstoffstrome
verbrennt und das in Form weißer Flocken ab-
geschiedene Phosphorsäureanhydrid (Phos-
phorpentoxyd, P206) in heißem Wasser löst,
oder wenn man Phosphorpenta- oder -oxychlorid
mit kaltem Wasser behandelt. Zur fabrikmäßigen
Darstellung geht man entweder von der Kno-
chenasche oder vom Phosphor aus. Die im we-
sentlichen aus Trikalziumphosphat bestehende
Knochenasche wird durch Behandlung mit
Schwefelsäure in freie P. neben Kalzium- und
Magnesiumsulfat zerlegt, die von dem Gips ab-
gegossene Lösung eingedampft .und nach Bedarf
noch weiter gereinigt. Diese, . auch Acidum
phosphoricum ex ossis genannte P. ist meist
etwas kalkhaltig, für gewisse Zwecke jn der Baum-
Wollenfärberei und Kattun druckerei aber brauch-
bar. Eine reinere .Säure (Acidum phospho-
ticum e phosphoro) erhält man durch Erwär-
men von Phosphor mit Salpetersäure in Retorten,
wobei nach dem Verjagen der salpetrigen- und
Salpetersäure die P. als mehr oder weniger dick-
flüssige, wasserhelle Flüssigkeit zurückbleibt. Zur
Beschleunigung der Oxydation wird meist etwas
Brom oder Jod hinzugegeben. Ein vielfach vor-
handener geringer Arsengehalt läßt sich durch
Einleiten von Schwefelwasserstoff leicht entfernen.
Eie reine Orthophosphorsäure bildet in wäß-
riger Lösung eine färb- und geruchlose Flüssig-
keit von rein saurem Geschmack und kommt in
verschiedenen Konzentrationen als 25 % ige Säure
v°m spez. Gew. 1,154, als 50 0/0 ige vom spez.
Gew. 1,350 und als 85% ige vom spez. Gew.
&gt;,7io in den Handel. Die letztere, bereits siru-
Pose Säure scheidet bei weiterem Eindampfen
bis zum spez. Gew. 1,750 Kristalle von wasser-
freier P. ab, die bei 38,6° schmelzen und stark
hygroskopisch sind. P. bildet mit Basen drei
Reihen von Salzen, primäre, sekundäre und
tertiäre (s. Kalziumphosphat), die mit Molyb-
Pänlösung einen gelben, mit Magnesiamixtur
einen weißen Niederschlag geben. Durch Erhitzen
auf 250—260° geht sie in Pyrophosphorsäure

(H4P207) über, während beim Erhitzen auf 300“
Metaphosphorsäure (HP03), eine weiche, gla
sige und klebrige Masse entsteht. Ein Gemisch
von Pyro- und Meta-P. mit 15—20 °/o Natrium-
metaphosphat kommt in Form glasharter, spröder
Stängelchen als Eis-P. (Acidum phosphori-
cum glaciale) in den Handel und findet in der
Färberei und Zeugdruckerei, ferner in der Ana-
lyse zum Trocknen von Gasen und in der Me-
dizin beschränkte Anwendung. Die eigentliche
Orthophosphorsäure bildet als Ausgangsmaterial
für die Herstellung von Phosphaten eine der
wichtigsten Verbindungen.

Phosphorzinn, eine Verbindung von Zinn mit
Phosphor, wird zur Darstellung von Phosphor
bronze (s. d.) benutzt. Es erscheint als silberweiß
glänzende, blättrig-kristallinische Masse, die auch
bei höchstmöglichem Phosphorgehalt durch be
liebig oft wiederholtes Umschmelzen keinen Phos
phor verliert, so daß'beim Legieren von Kupfer
mit diesem P. keine anderen Vorsichtsmaßregeln
zu beobachten sind, wie bei Anwendung von ge-
wöhnlicher Bronze, Das P, wird von den Grau
pener Zinnwerken zu Mariaschein in Böhmen ge
liefert, und zwar gewöhnlich in zwei Sorten: Nr.o
mit 5 °/o und Nr. 1 mit 2V2 °/o Phosphor. Der
Schmelzpunkt der ersteren liegt bei 5000.

Photographische Apparate und Geräte. Die
Photographie, „die Herstellung von Bildern durch
das Licht“, beruht auf der Schwärzung des vom
Licht getroffenen Bromsilbers durch reduzierende
Chemikalien, die Entwickler. Das 'Bild wird in
einem lichtdichten Behälter, der Kamera, durch
Sammellinsen, Objektive, entworfen. Je nach
der Schärfe und Lichtstärke ihrer Bilder unter-
scheidet man die Objektive als Landschafts-
linsen, Periskope, Aplanate, Anastigmate
und je nach jhrem Bildwinkel und der dadurch
bedingten Perspektive als Weitwinkel, Uni-
versal-, Porträt-, Tele-Objektive. Es gibt
sog. .gekittete und ungekittete Konstruktionen.
Die Größe des Abbildungsmaßstabes hängt außer
von der Entfernung nur noch von der Brennweite
ab. Das Bromsilber wird auf starrer oder bieg-
samer Unterlage angewandt als Platten bzw.
Films. Letztere werden rollenförmig (Rollfilms)
oder als Einzelblätter übereinandergepackt (Pack-
filras) in die .Kamera eingeführt. Die Behälter
für das lichtempfindliche Material, die Kasset-
ten, bringen die Platte usw. genau in die Ebene
fies Bildes. Man kennt einfache (z. B. Metall-),
doppelte (Holz- und Metall-) und sog. Wechsel-
kassetten (Plattenmagazine) je nach der Zahl der
darin enthaltenen Platten. Um entwiokelbar zu
sein, muß das Bild je nach der Lichtstärke des
Objektives eine bestimmte Zeit lang auf die Platte
gewirkt haben. Zur Bemessung dieser Belich-
tungszeit (Exposition) dienen die sog. Ver-
schlüsse; der Objektivdeckel (nur für Zeitauf-
nahmen von mindestens 1 Sekunde), der Objek
tivverschluß bzw. Zentralverschluß, der für ver-
schiedene Geschwindigkeiten geliefert wird (z. B.
von den Ernemann-Werken, A. G., Dresden, der
Automatverschluß für Aufnahmen bis V100 Se-
kunde), der Sektoren- bzw. Autosektorenverschluß
für Momentaufnahmen bis Vsoo Sekunde. Man
findet die Belichtungsdauer durch den Belich-
tungsmesser (z.B. Heydes Aktinometer). Da
Objektiv und Kassette je nach der Entfernung des
        <pb n="341" />
        ﻿Photographische Apparate u. Geräte 334

Photographische Papiere

Aufnahmegegenstandes gemäß den optischen Ge-
setzen verschiedenen Abstand voneinander haben
müssen, kann das Vorderteil der Kamera (das
sog. Objektivbrett) dem Rückteil genähert wer-
den oder umgekehrt (Kameras mit veränder-
lichem Auszug). Die jeweilige Auszugslänge (Ab-
stand der Bildebene vom Objektiv) wird mittels
der Mattscheibe oder einer Skala gefunden (Ein-
stellung). Kameras mit festem Auszug besitzen
durch Schnecikengangfassung gegen die Matt-
scheibe verstellbare Objektive. Um ohne Ver-
änderung des gewählten Betrachtungspunktes
(des Augenpunktes im Bilde) störende Teile (z. B.
zuviel monotonen Vordergrund) auszuschalten,
benutzt man die' senkrechte und wagrechte Ver-
schiebbarkeit des Objektives. — Nach ihrer
Bestimmung unterscheidet man als Haupttypen:
Reproduktions-, Atelier-, Stativ- und Handappa-
rate. Letztere beide, auch Amateurapparate ge-
nannt, sind die für den Handel wichtigsten. Ent-
sprechend der weiten Verbreitung der Amateure
werden in der Kamerakonstruktion vielseitige
Neigungen und Geschmacksrichtungen berück-
sichtigt. Dauernd begehrte Konstruktionen sind
die Apparate mit herau&amp;klappbarem Laufbrett,
die zum Teil äußerst flach und je nach Verwen-
dungszweck hoch, quer oder quadratisch gebaut
sind. Sehr beliebt sind seit längerer Zeit die
Weinen und kleinsten Bildformate 6,s: 9 und
4,5 : 6 (besonders die sich selbsttätig auf „Unend-
lich“ einstellende Westentaschenkamera HeagXV
4,5 :6 und 6,5: 9 der Ernemann-Werke, A.-G.,
Dresden). Ferner die eigentlichen Klappkameras
mit Schlitzverschluß, die festen, kastenförmig ge-
bauten Spiegelreflexkameras und die neuzeit-
lichen, eng zusammenklappbaren Spiegelreflex-
apparate (Ernemann-Klappreflex mit doppeltem
Auszug!) sowie die Amateurstativkameras. Für
Liebhaberzwecke gelten als normale Bild- und
Plattenformate die Größen bis 9:12, vielleicht
auch noch 10:15, da die besonders in Deutsch-
land hoch entwickelte Optik1 äußerst scharfe
Bilder ergibt, deren etwaige Vergrößerung (Ver-
größerungs- und Projektionsapparate, siehe Son-
derliste der Ernemann-Werke A.-G., Dresden)
eine beliebte Winter- und Abendbeschäftigung
bildet. Beachtenswert sind noch Reihenbilder-
apparate, sog. Kinematographien (die Ernemann-
Werke liefern auch für Amateurzwecke hervor-
ragende, preiswerte Modelle). Liier unterscheidet
man einen Aufnahmekinematographen und eine
Wiedergabemaschine. Es gibt auch Spezial-
modelle, die beides in einer Ausrüstung vereini-
gen (Ernemann-Aufnahme- und -Wiedergabe-
kino D). Um die Aufnahmen sichtbar zu machen
(d. h. ein Negativ zu entwickeln und davon ein
positives Bild zu erhalten), gebraucht man die
sog. Ausrüstung: Dunkelkammerlaterne, Entwick-
lungs-, Fixier- usw. Schalen, Kopierrahmen' und
die Chemikalien, welche in Einzelpackungen ge-
liefert werden, ferner das Platten- und Papier-
material und vielerlei der Bequemlichkeit die-
nende Bedarfsartikel. Unter den Platten- und
Filmarten werden die sog. farbenempfindlichen
bevorzugt, welche die Farbwerte in richtiger
Abstufung der Schwärzung wiedergeben. Sie sind
nicht zu verwechseln mit den Platten, welche
die Farben als solche abbilden. Die wichtigste
Quelle für alle photographischen Apparate und

Bedarfsartikel ist zweifellos die deutsche photo-
graphische Industrie, als deren Zentrum Dresden
gilt.

Photographische Papiere. Unter photogra-
phischen Papieren versteht man lichtempfindlich
gemachte Papiere, die dazu dienen, von einem
Negativ Abdrücke = Positive herzustellen
= Kopier verfahren. Die Lichtempf ind-
lichkeit kann mit verschiedenen Mitteln her-
gestellt werden, und zwar verwendet man haupt-
sächlich; Silber- und Platinsalze, Ammonium-
ferrizitrat und Ferrizyankalium (beim Blaudruck-
verfahren), Chromsalze usw. Diese Arbeit nennt
man das Sensibilisieren. Nach der Art des
Kopierverfahrens werden unterschieden: 1. Aus-
kopierpapiere, die ohne Entwicklung das Po-
sitiv schon sichtbar werden lassen. Diese Papiere
werden bei Tageslicht verarbeitet. 2. Entwick-
lungspapiere, d. h. solche, bei denen das Bild
durch das Kopieren entweder nur wenig oder
gar nicht sichtbar wird, sondern erst durch
Entwicklung hervorgerufen werden muß. Die
Entwicklungspapiere trennt man wieder in:
geringempfindliche und hochempfind-
liche Papiere. Die geringempfindlichen P.
werden bei gedämpftem Tageslicht oder gelbem
Licht entwickelt; die hochempfindlichen P. sind
nur bei gelbem, grünem oder rotem Licht zu ver-
arbeiten. — Der Ton der Positive richtet sich
bei manchen dieser Papiersorten nach der Art des
Entwicklers bzw. der Zeitdauer der Belichtung.
Bei den Auskopierpapieren wird der Ton
hingegen durch sog. Tonbäder (s. d.) her-
gestellt. — Eine andere Art Positive erzeugt man
durch den Pigmentdruck, welcher auf der
Eigenschaft von Gelatine und Leim beruht, nach
Zusatz von Chromaten, z. ß. Kaliumdichromat,
durch Belichtung ihre Löslichkeit zu verlieren.
Man hat diese Erfahrung auf den Positivprozeß
übertragen, indem man gelatinierte Papiere mit
einem Farbstoff = Pigment versetzt und mit
Kaliumdichromatlösung sensibilisiert. Nach er-
folgter Belichtung lassen sich die unbelichteten
Stellen durch warmes Wasser abspülen = ent-
wickeln, während die belichteten Teile stehen
bleiben und ein positives 'Bild ergeben. —- Das
Gummidruckverfahren beruht auf dem glei-
chen Prinzip, nur werden die Positive mehrere
Male kopiert (gedruckt), das Bild entwickelt,
von neuem mit Farbstoff versehen, abermals
belichtet und entwickelt, und diese Arbeit so oft
fortgesetzt, bis eine genügende Dichte des Posi-
tivs erreicht ist. — Von den vorher genannten
Papiersorten sind folgende besonders zu erwäh-
nen: 1. Auskopierpapier. — Albumat-
papier (Mattalbuminpapier) ist ein lichtemp-
findliches Kopierpapier, das sich lange Zeit ge-
brauchsfähig erhält und besonders zur Herstel-
lung vornehm wirkender, photographischer Ko-
pien benutzt wird. Es 'ist in verschiedenen Stär-
ken und Rauheiten des Rohstoffes erhältlich
und hat eine stumpfe Oberfläche. Die licht-
empfindliche Schicht ist durch Einwirkung einer
Silbernitratlösung auf die vorher gesalzene Pa-
pierfläche erzeugt und besitzt infolgedessen eine
absolute Unverletzlichkeit. Kopien auf solchem
Papier werden bis zur vollen Kraft auskopiert,
durch Wasser von allem löslichen Silbersalz be-
freit, im Platinbade getont und hierauf in Na-
        <pb n="342" />
        ﻿

Photographische Papiere

335

Photographische Papiere

triumthiosulfatlösung fixiert. Es lassen sich
bräunliche, bläuliche und schwarze Töne erzielen.
Wird das Platinbad ausgeschaltet, so entstehen
beim Fixieren rötliche Töne. Auch durch An-
wendung des Goldbades, sowie der Vereinigung
des Gold- und Platinbades kann man verschie-
dene Töne erzielen.. Albumatpapier ist ein Er-
zeugnis der „Vereinigten Fabriken Photographi-
scher Papiere“ in Dresden. — Albuminpapier
nennt man das mit einer gesalzenen Eiweiß-
Schicht überzogene Papier, das durch Schwim-
tnenlassen auf einem Silberbade lichtempfindlich
zu machen ist. Im Handel erscheinen „einfach“
und „doppelt albumierte“ Papiere. Erstere wer-
den nach dem Bade in der Eiweißlösung zum
Trocknen aufgehängt und in den Handel ge-
geben, letztere nach dem Trocknen nochmals
albumiert, wobei die zuerst beim Trocknen oben
befindliche Kante nunmehr nach unten genom-
men wird. Durch diese Behandlung ist ein
gleichmäßigeres Fabrikat gewährleistet. Albu-
minpapier wird auch haltbar gesilbert in den
Handel gebracht. Die besten .Resultate werden
erzielt, wenn das Papier am Tage des Silberns
gleich verarbeitet wird. Die Verarbeitung erfolgt
in der Weise, wie es bei Chlorsilberpapieren
allgemein üblich ist. Die Schicht der im Handel
befindlichen Albuminpapiere ist meist etwas rosa
oder pensö angefärbt, um den zu erzielenden
bläulichen Ton zu unterstützen. Als Tonbad wird
fast ausschließlich Goldbad benutzt. Der Haupt-
sitz der Albuminpapierfabrikation ist Dresden.
— Aristopapier dient zur Herstellung von
photographischen Abzügen, besonders kleinerer
Formate. Es ist ein Chlorsilbergelatinepapier
mit Silbernitratüberschuß in der Emulsion, wo-
durch die Möglichkeit geboten wird, das Bild
am Licht unter dem Negativ bis zur gewünschten
Kraft auszukopieren. Es kann hierauf sowohl im
Tonfixierbade das gleichzeitige Tonen und Fi-
xieren erfolgen, oder getrennt getont und fixiert
Werden. Wünscht man Hochglanzbilder, so
quetscht man das fertige Bild auf eine mit Tal-
kum abpolierte Spiegelglasplatte, läßt trocknen,
dnd zieht das Bild mit Hochglanz ab. —• Arrow-
rootpapier dient dem gleichen Zwecke wie
Salzpapier. Neben Salz ist das Papier mit einem
Überzug von Arrow-root versehen, um die
Kraft und gleichzeitig das stumpfe Aussehen
^6r darauf zu kopierenden Abzüge zu erhöhen. —
Aurentumpapier nannte man, ein photographi-
sches Gelatineauskopierpapier mit einer gold-
haltigen Chlorsilberemulsion, die es ermöglichte,
durch einfaches Fixieren der Bilder in Natrium-
thiosulfatlösung einen bläulichen Ton zu erzielen,
^as Papier wird nicht mehr fabriziert, vielmehr
sind an dessen Stelle ähnliche Erzeugnisse unter
der Bezeichnung „selbsttonende“ Papiere ge-
beten. — Barytpapier ist ein mit einem Ge-
misch von Barytweiß und Gelatine oder son-
stigem Bindemittel überzogenes Papier, das zur
Herstellung von photographischen lichtempfind-
iichen Papieren dient. Das Aufträgen der Baryt-
Schicht erfolgt mit Hilfe von Streichmaschinen,
tmd darauf das Glätten der rollenweise bary-
berten Papiere durch den Kalander. Durch die
Barytschicht wird einerseits eine innigere Ver-
ödung der Emulsion mit dem Papier herbei-
Seführt, anderseits die Mattierung oder der Glanz

der Emulsionsschicht bestimmt. Alle Zelloidin-,
Aristo-, Gaslicht-, Protalbinpapiere usw. sind auf
Barytpapier emulsioniert. Den Glanzbarytschich-
ten ist gewöhnlich ein rötlicher oder bläulicher
Farbstoff beigemengt, während das Mattbaryt
nur in rein Weiß gefertigt wird. — Chlorsilber-
papier ist die Bezeichnung für die umfassende
Gruppe jener photographischen Papiere, bei
denen das lichtempfindliche Chlorsilber in
irgendeiner Form auf der Papierfläche liegt.
Sie lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen:
i. Papiere, die zuerst gesalzen und hierauf ge-
silbert werden. 2. .Solche, die das Chlorsilber,
mit irgendeiner kolloidalen Substanz verbunden,
in Form einer Emulsion aufgetragen erhalten.
Zu den Papieren unter i. gehören Matt- (Albu-
mat) und Glanzalbumin, sowie die gesilberten,
unter verschiedenen Namen erscheinenden Salz-,
Algein- und Arrow-rootpapiere. Zur 2. Gruppe
zählen Zelloidin-, Gelatine- (Aristo-), Protalbin-
und Kasein-(Kasoidin)papiere. Bei allen Chior-
silberpapieren, welche das Bild bis zur nötigen
Kraft auskopieren lassen, ist Silbernitrat im Über-
schuß vorhanden, und ,damit die Haltbarkeit
des Papiers eine begrenzte. -— Harzemulsions-
papier wird zur Herstellung solcher photogra-
phischer Abzüge benutzt, die eine stumpfe Ober-
fläche besitzen sollen. Es ist nicht mit einer
lichtempfindlichen „Emulsion“ bedeckt, wie die
Bezeichnung vermuten ließe, sondern das Rohe
papier wird zur Erzielung einer gewissen Stumpf-
heit der Schicht mit einer Harzlösung über-
zogen, die zudem die Papierfaser abschließt und
das Entstehen kräftiger Abzüge unterstützt. Das
mit der Harzlösung und 'Chlorsalzen vorbearbei-
tete Papier wird auf idem SUberbade bzw. durch
Überpinseln mit Silberlösung lichtempfindlich ge-
macht und erfährt von da ab die gleiche Behand-
lung wie Albumatpapier. — O r p p a p i e r ist die Be-
zeichnung für ein früher Anker-Dorapapiergenann-
tes Zelloidinpapier, das man zur Erzielung einer
bläulichen Photographie, nach dem Kopieren,
ohne auszuwaschen, in einem gewöhnlichen Salz-
bade behandelt. Der Tonprozeß vollzieht sich
darin in etwa fünf Minuten, worauf im Natron-
bade zu fixieren ist. Das Mattpapier der gleichen
Präparation wird in Salzwasser nur kurz angetont
und im Platinbade weiter behandelt. — Prot-
albinpapier wird verarbeitet wie Zelloidin-
papier, unterscheidet sich aber von diesem da-
durch, daß die Emulsion nicht aus Kollodium,
sondern aus Pflanzeneiweiß besteht. Die Schicht
ist im nassen wie trockenen Zustande bedeutend
widerstandsfähiger als Zelloidin. Die Tonskala
der Bilder ist eine umfangreichere, ähnlich der
auf Albuminpapier. Das Tonen erfolgt am besten
im Rhodangoldbade. — Rembrandtpapier ist
die Phantasiebezeichnung für eine Spezialmarke
von photographischem Zelloidinpapier mit beson-
ders kontrastreichen Eigenschaften. Es enthält
als kontrastbewirkende Substanz reichlich Silber-
chromat, was sich auch durch eine auffallend
dunkle Färbung der für gewöhnlich stets weißen
Schicht zu erkennen gibt. Dieses Papier, das in
verschiedenen Kontrastgraden im Handel ist,
kopiert sehr langsam, erweist sich aber sehr
brauchbar, wenn es gilt, nach grauen Negativen
brillante Abzüge zu gewinnen. Die Verarbeitung
des Rembrandtpapiers weicht jm übrigen von der
        <pb n="343" />
        ﻿Photographische Papiere

336

Photographische Papiere

des Zelloidinpapiers nicht ab. — Salzpapier, ein
mit Chlorsalzlösung überzogenes .Rohpapier, wird
benutzt, um durch nachträgliches Behandeln mit
einer Silberlösung eine lichtempfindliche Chlor-
silberschicht zu erzeugen. Auf solchem Papier
können dann photographische Abzüge bis zur
vollen Kraft auskopiert werden. Die weitere Be-
handlung erfolgt wie bei Albuminpapier. Salz-
papier ist unbeschränkt haltbar. — Saturat-
papier wird ein photographisches Kopierpapier
genannt, dessen Rohstoff nicht einseitig sensi-
bilisiert ist, sondern durch die ganze Papiermasse
die lichtempfindliche .Schicht trägt. Die Präpa-
ration ist nicht wie gewöhnlich durch Bestreichen
oder Schwimmenlassen, sondern durch Baden
des Papieres erzielt, ,und infolgedessen kann das
Bild auf einer beliebigen Seite hergestellt wer-
den. Die Verarbeitung ist die gleiche wie die
des Albumatpapiers. — Zelloidinpapier, auch
Chlorsilberkollodionpapier genannt, ist ein
photographisches Kopierpapier, bei dem das licht-
empfindliche. Chlorsilber in Kollodium emulsio-
niert und auf Barytpapier aufgetragen ist, wobei
Matt- und Glanzbaryt Anwendung findet. Die
Emulsion wird mit Hilfe von Gießmaschinen auf-
getragen, und viele Meter Papier zusammenhän-
gend präpariert. Die kopierten Bilder können im
zusammengesetzten Tonfixierbade oder auch im
getrennten Ton- und Fixierbade behandelt wer-
den. Für mattes Zelloidinpapier findet das
Platinbad zur Erzielung schwarzer Töne Anwen-
dung. Das lichtempfindliche Papier hält sich,
vor Luft und Licht geschützt, monatelang gut,
später bräunt es sich, tont langsam und ungleich-
mäßig. Zu den beliebten Marken dieser Art ge-
hören: Christensen Mattpapier, von Buch-Matt-
papier weiß und elfenbein und Platinomattpapier.
•— Abziehbares Zelloidinpapier unterschei-
det sich vom gewöhnlichen Zelloidinpapier da-
durch, daß bei der Herstellung kein Barytpapier
erforderlich ist, sondern mit Gelatine vorpräpa-
riertes Papier zur Anwendung gelangt. Das auf
solchem Papiere hergestellte photographische Bild
“wird auf eine mit unlöslich gemachter Gelatine
überzogene Glas- oder Porzellanfläche aufge-
quetscht und in heißes Wasser gelegt. Hierin
löst sich die zwischen Papier und Zelloidinischicht
eingelagerte Gelatine auf, das Papier verliert
somit seinen Halt, schwimmt ab bzw. läßt sich
abziehen, während das Bild auf der neuen Unter-
lage haften bleibt. Das Papier findet Anwendung
zur Herstellung von Projektionsdiapositiven so-
wie von Bildern guf Porzellangegenständen usw.
— 2. Geringempfindliche Papiere. — Blau-
druckpapier (Zyanotyppapier) ist ein mit Eisern
salzen überzogenes Papier, das zur Herstellung
von Lichtpausen benutzt wird. Die Präparation
beruht auf der Eigenschaft der Eisenoxydsalze,
sich am Lichte in Eisenoxydul zu verwandeln und
in Verbindung mit Eerrizyankalium (rotem Blut-
laugensalz) eine blaue Färbung anzunehmen.
Wird Papier mit .der Lösung eines Eisenoxyd-
salzes überstrichen, hierauf .unter einer Zeich-
nung dem Licht ausgesetzt, so werden die be-
lichteten Stellen bei der nachträglichen Behand-
lung mit Ferrizyankaliumlösung blau gefärbt,
während die nichtbelichteten weiß bleiben. Unter
einer Zeichnung, die schwarz auf weißem Grunde
steht, muß sonach der weiße Grund des Origi-

nals blau erscheinen, während die schwarzen
Linien weiß werden. Die Kopie erscheint somit
negativ. Bei dem käuflichen Blaudruckpapier
ist gewöhnlich eine Mischung von Eisenoxyd
und Ferrizyankaliumlösung aufgetragen. Der an-
fänglich hellgelbe Grund wird am Lichte dunkler
und nimmt schließlich durch Eintauchen in
Wasser an den belichteten Stellen eine dunkel-
blaue Färbung an, .während sich an den nicht-
belichteten Stellen die aufgetragene Mischung
löst und den .ursprünglichen weißen Papiergrund
zeigt. Wird an .Stelle des roten Blutlaugensalzes
gelbes genommen, so resultieren positive Ko-
pien, doch ist .das Verfahren nicht so einfach und
zuverlässig als der Negativprozeß. — Eisengal-
luspapier, für den schwarzen Lichtpausprozeß
bestimmt, ist wenig haltbar. Zur Präparation ver-
wendet man eine Mischung von Gelatine oder
Gummiarabikum,' Weinsäure, Ferrosulfat und
Ferrochlorid mit Wasser, belichtet, wobei die
gelbe Schicht, im Gegensatz zum Blaudruck, aus-
bleicht, und schwärzt hierauf durch Eintauchen
in Gallussäurelösung. Auch werden Papiere in
den Handel gebracht, die bereits mit Gallussäure
versetzt und zum Entwickeln lediglich in. Wasser
zu legen sind. Zur Erzielung größerer Reinheit
pflegt man das Rohpapier bisweilen vor der Prä-
paraten mit Gelatinelösung zu überziehen, um
nach dem Trocknen erst die lichtempfindliche
Schicht aufzutragen. — Lichtpauspapier wird
fabrikmäßig, in Rollen mit lichtempfindlichen
Lösungen überzogen, hergestellt und kann län-
gere Zeit, vor Licht geschützt, gebrauchsfertig
aufbewahrt werden. Man unterscheidet negatives
und positives Eisenblaupapier, Sepiapapier, Ne-
gropapier usw. Bei längerer Aufbewahrung zer-
setzen sich die lichtempfindlichen Schichten auch
ohne Einwirkung des Lichtes und geben dann
keine klaren kräftigen Pausen, weshalb frischen
Präparationen stets der Vorzug zu geben ist. Zu-
weilen wird der Weg eingeschlagen, vom Ori-
ginal zunächst eine .negative Pause auf Sepia-
papier zu machen, um von dieser wieder die
gewünschte Anzahl von positiven Pausen auf
dem leichter zu behandelnden Blaupapier her-
zustellen. — Platinpapier wird das für die
LIerstellung von Platinotypien erforderliche, mit
einem Gemisch von Eisenoxyd- oind Platinsalzeo
überzogene Papier genannt. Man unterscheidet
drei verschiedene Arten von Platinpapier: i. das
direkt kopierende, 2. das zum Entwickeln be-
stimmte, 3. das gleiche wie 2., jedoch mit sehr
wenig Platin, wobei dem später anzuwendenden
Entwickler Platin zuzusetzen ist. — Bei dem direkt
kopierenden Platinpapier sind alle'Bestand-
teile gleich aufgetragen. Um die direkte Schwär-
zung beim Kopieren zu erzielen, muß ein be-
stimmter Grad von Feuchtigkeit vorhanden sein,
damit eine innige Verbindung des Kalisalzes mit
dem sich bildenden Eisenoxydul stattfinden kann.
Das Entwicklungspapier ist nur mit Eisenoxyd
und Platinchlorür überzogen, kopiert bis zu einem
gewissen Grade an .und wird durch Eintauchen
in eine Lösung von oxalsaurem Kali entwickelt.
Die Kraft des Bildes wird jedoch lediglich von
der Dauer der .Lichtwirkung bestimmt, so daß
dem Entwicklungsprozeß nur die Aufgabe zu-
kommt, die Schwärzung nach Maßgabe der statt-
gefundenen Belichtung durchzuführen. — Bei
        <pb n="344" />
        ﻿Photographische Papiere

337

Photographische Papiere

dem Entwicklungspapier mit Platin im Ent-
wickler ist der Präparation nur ein Teil des not-
wendigen Platins zugefügt, .während die Haupt-
menge im Entwickler enthalten ist. In diesem
Falle wird das Papier nicht im Entwickler ge-
badet, sondern dieser jmit der Platinlösung auf
das ankopierte Bild aufgestrichen. Das präpa-
rierte Platinpapier muß unter Abschluß von Licht
und Luft, am besten in Chlorkalziumbüchsen,
aufbewahrt werden, um frühzeitiges Verderben
zu verhüten. — .Sepiaeisenpapier (Kallitypie)
ist mit Blaupapier nahe verwandt. Auch hier
bietet das Eisenoxyd die Grundlage, jedoch mit
dem Unterschied, daß ,es nach der Umwandlung
des Oxydes zu Oxydul nicht mit Blutlaugensalz
in Blau, sondern mit Silbernitrat in Braun über-
geführt wird. Die käuflichen Papiere enthalten
beide Salze sowie auch weitere, den Prozeß gün-
stig beeinflussende Substanzen, wie Säure, Gela-
tine usw. Die Kopie ist lediglich in Wasser zu
entwickeln. Bei der Belichtung färbt sich die
blaßgelbe Schicht dunkel, bleicht aber bei ver-
längerter Belichtung wieder aus. Die eigentliche
Kraft des Bildes resultiert erst im Wasserbade.
Durch Änderung der Bestandteile der Präpara-
tionsmischung, besonders durch Zusatz von neu-
tralem Kaliumoxalat, lassen sich verschiedene
Farbtöne erzielen, wobei man dem Wasser zum
Entwickeln Borax und Kaliumnatriumtartrat zu-
setzt. Auf diese .Weise entstehen kältere, mehr
violette Töne. Zur Erzielung von größeren
Kontrasten findet Kaliumdichromat Anwendung.
Die entwickelten Produkte werden in t prozen-
tigem Ammoniak- oder Natriumthiosulfatbade
fixiert, hierauf gewässert und getrocknet. —
Sepiaplatinpapier bezeichnet eine Spezialprä-
Paration des Platinpapiers, bei dem Quecksilber-
salze zur Anwendung kommen, um eine sepia-
farbene Reduktion des Platinbildes herbeizuführen.
Diese Modifikation wird .besonders bei Entwick-
lungspapieren mit warmer ^Entwicklung ange-
wandt. Die auf Sepiaplatinpapier erzeugten Ko-
pien werden meist zur Erzielung einer höheren
Brillanz mit einem Lacküberzug versehen. —
3- Hochempfindliche Papiere. — Brom-
silberpigmentpapier ist ein lichtempfindliches
Bromsilberpapier, das gleichzeitig .einen Erd-
farbstoff in der Schicht enthält. Die Verarbeitung
erfolgt in der Weise, daß man zunächst eine Be-
achtung unter dem Negativ oder durch den Ver-
Srößerungsapparat vornimmt und darauf den
Lichteindruck im Entwickler zur Reduktion des
Bromsilbers heranzieht. Durch weitere Behand-
lung im Chromatbade gelingt es, die Pigment-
Selatineschicht an den im Entwickler geschwärz-
ten Stellen unlöslich zu machen, so daß bei dar-
auffolgendem Einlegen des Bildes in heißes
Nasser die Farbgelatineschicht überall da ab-
schwimmt, wo nicht vorher reduzierte Silberpar-
tikel vorhanden waren. Auf diese Weise ent-
steht ein Farbenbild, das gleichzeitig ein schwar-
Silberbild einschließt. Das letztere kann in
5*er Schicht verbleiben und somit zur Bildwerbung
herangezogen werden, oder es kann durch Be-
handlung des Bildes im Farmerschen Abschwä-
cher entfernt werden, so daß nur noch das reine
harbenbiid, in Gelatine gebettet, übrig bleibt.
D^s Papier muß vor der Chromatbehandlung
bei gelbem, rotem oder grünem Lichte verarbei-

Mercks Warenlexikon.

tet werden. Die darauffolgenden Arbeiten können
bei Tageslicht erfolgen. — Bromsilberpapier
ist ein mit lichtempfindlicher Bromsilbergelatine-
Emulsion überzogenes Papier, das sowohl zur
Herstellung von photographischen Kontaktko-
pien als auch zu Vergrößerungen benutzt wird.
Das Auskopieren des Bildes bis zur gewünschten
Kraft ist nicht möglich. Es wird nur kurz be
lichtet und das latente Bild durch Einwirkung
von reduzierenden Lösungen in der Dunkel-
kammer entwickelt und.jm Natriumthiosulfatbade
fixiert. Zur Erzielung einer angenehmen Mat-
tierung und dadurch ermöglichten leichten Be-
malbarkeit setzt man der Emulsion auch Stärke
zu. Wird die Emulsion auf besonders vorberei-
tetes Papier aufgetragen, so lassen sich auch
Bilder mit Glanz .erzielen, der bei geeigneter Be-
handlung auf Hochglanz gesteigert werden kann.
Abziehbares Brorasilberpapier unterschei-
det sich von dem gewöhnlichen Bromsilberpapier
dadurch, daß es zwischen Papier und Emulsions-
schicht eine Isolierschicht trägt. Es findet An-
wendung zur Herstellung von vergrößerten Nega-
tiven, und zwar läßt sich hierbei entweder das
fertige Bild, sowie es trocken ist, als Folie vom
Papier trennen, oder man quetscht jenes im
nassen Zustande auf Glas, Porzellan u. dgl. und
zieht nach dem Trocknen das Papier ab, während
das Bild auf der übertragenen Fläche verbleibt.
— Chlorbromsilberpapier, auch Gaslicht-
oder Tageslichtentwicklungspapier genannt, wird
in der Photographie angewandt wie Bromsilber
gelatinepapier, doch ist die Empfindlichkeit ge-
ringer als bei diesem. ■ Während Bromsilber fast
ausschließlich in schwarzen Tönen entwickelt,
können Chlorbromsilberschichten durch geeignete
Behandlung auch in wärmeren Tönen hervor-
gerufen werden. Die hier aufgetragene Gelatine-
emulsion besteht aus einem Gemisch von Chlor-
und Bromsilber. Je mehr das letztere vorherrscht,
desto lichtempfindlicher ist das Papier und desto
mehr neigen die im Entwickler resultierenden
Töne zum Schwarz, während beim Gegenteil die
Lichtempfindlichkeit fällt und damit die Neigung
bzw. Fähigkeit für warme Töne wächst. Da sich
kein Silbernitrat inl Überschuß befindet, läßt
sich das Papier nicht auskopieren. Die Haltbar-
keit des lichtempfindlichen Papieres ist nicht so
groß als die des Bromsilberpapieres. — Gra-
vürep apier-Höfinghoff ist ein Chlorbrom-
silberpapier, das unter dem Negativ kurz belichtet
und bei gelbem Lichte im Entwickler hervor-
gerufen wird. Im nassen Zustande ist die Schicht
äußerst Verletzlich, da sie nur lose auf der Papier-
fläche sitzt. Si-e trocknet jedoch sehr wider-
standsfähig auf und zeigt dann eine angenehm
stumpfe Fläche. — Jodsilberpapier ist ein
mit Jodsalzen unter Zusatz von Brom- und Chlor-
salzen , vorpräpariertes Papier, das in der Photo-
graphie zum Gebrauche mit Silberbad behandelt
wird und zur Herstellung von Vergrößerungen,
der sog. „Solarprints“, dient. Diese Prints be-
dürfen einer ausgiebigen Überarbeitung,und wer-
den meist als Unterlage zur Ausarbeitung von
Kreidezeichnungen benutzt. Dadurch, daß die
Schicht direkt auf dem Papier erzeugt wird,
ohne besonderes Bindemittel, eignet es sich für
die Zwecke umfangreicher Behandlung mit Pinsel
und Farbe. — Schwerter-Bromsilberpapier

22
        <pb n="345" />
        ﻿338 Photographische Trockenplatten

Photographische Papiere

ist ein zur Herstellung von photographischen Ver-
größerungen sowie auch zu Kontaktkopien ge-
eignetes Sondererzeugnis der „Vereinigten Fa-
briken Photographischer Papiere“ in Dresden.
Dieses Papier zeichnet sich vornehmlich durch
hohe Empfindlichkeit, gleichmäßige Präparation,
hohe Brillanz und reiche 'Tonabstufung der dar-
auf erzeugten Bilder aus. Einen besonderen
Vorzug bietet dieses Papier durch die der Emul-
sion beigefügte Stärke, wodurch die Schicht eine
außerordentliche Aufnahmefähigkeit für Farben
gewinnt und somit das Bemalen sehr erleichtert.
Dieses Papier wird auch abziehbar geliefert.
Das darauf erzeugte Bild -kann also auf eine be-
liebige Fläche aufgequetscht werden, während
sich nach dem Trocknen das Papier abziehen
läßt und das Bild 'auf der neuen Unterlage ver-
bleibt. Ebenso lassen sich &gt;auch von diesem Pa-
pier nach kleinen Diapositiven vergrößerte Nega-
tive herstellen, die man auf Glas aufquetscht. —
„Eka-Gas“, ein weiteres Erzeugnis der Ver-
einigten Fabriken Photographischer Papiere in
Dresden, wird genau wie Schwerter-Brorasilber-
papier behandelt. Die Oberfläche wird in Matt,
Halbmatt und Glänzend hergestellL Die Sorte
„Matt“ zeichnet sich durch ihre sammetartige
Oberfläche aus. Das Papier wird in den Sorten
mittelstark, glatt und kartonstark, glatt in weiß
und chamois geliefert. Seine Emulsion ist
hochempfindlich, so daß es nur bei rotem
Licht verarbeitet werden darf. — „Celoton“
der gleichen Firma ist ein ähnliches Erzeugnis.
Es \vird in zwei Arten hergestellt, Normal (nor-
mal empfindlich) und Hart (gering empfindlich
und hart arbeitend). Die Sorte „Normal“ wird
für Negative von gewöhnlicher Beschaffenheit,
die Sorte „Hart“ für dünne, weiche Negative ver-
wandt. Das Papier zeichnet sich durch einen
schönen warmschwarzep Ton aus. Auch diese
Papiere werden in Matt und Halbmatt, in weiß
und chamois sowie weiß in glänzend hergestellt.
— „Schwerter“-Negativpapier ist die Be-
zeichnung für ein photographisches lichtempfind-
liches Papier der gleichen Firma, das zur Her-
stellung großer Negative nach kleinen Diaposi-
tiven benutzt wird und aus einer Bromsilbergela-
tine-Stärkeschicht besteht. Die Vorzüge dieses
Papiers bestehen darin, daß es die Benutzung der
kostspieligen und leicht zerbrechlichen Glas-
platten entbehrlich macht, einen sehr gleich-
mäßigen Emulsionsauftrag besitzt, mit leichter
Mühe die Erzielung jeder Kraft gestattet, ein
feines Korn in der Papiermasse zeigt, jede Stift-
retusche mit Leichtigkeit annimmt und sich
außerordentlich gut mit dem Schaber bearbeiten
läßt. Die Verarbeitung geschieht in der Weise,
daß das kleine Diapositiv vermittels des Ver-
größerungsapparates auf die mit dem Negativ-
papier bedeckte Projektionsfläche vergrößert
wird. Das durch die Belichtung entstandene
latente Bild wird entwickelt und fixiert, das
entstehende Negativ alsdann gewässert, getrock-
net und auf der Rückseite mit Transparentöl be-
strichen. Infolge der hierdurch bewirkten grö-
ßeren Durchsichtigkeit kann es wie ein Glas-
negativ behandelt werden. — Veloxpapier, ein
photographisches Entwicklungspapier aus der
Klasse , der Chlorbromsilbergelatinepapiere, be-
sitzt mäßige Lichtempfindlichkeit, gestattet die

Herstellung schwarzer, wie auch wärmerer Töne
und hat eine halbmatte Oberfläche. Das Papier
wird ausschließlich für den Kontaktdruck ver-
wendet und gibt Bilder ähnlich dem „Schwerter-
Gaslichtpapier".

Photographische Trockenplatten dienen zur
Aufnahme des durch das photographische Ob-
jektiv in der Kamera erzeugten photographischen
(reellen) Bildes. Während vordem der Photograph
gezwungen war, sich seine — sog. „nassen“ —
Platten im Augenblick der Aufnahme selbst zu
präparieren, durch Überguß von gut gereinigten
Glasplatten mit „jodiertem Kollodium“ und nach-
träglichem Baden dieser Platten in einer Silber-
nitratlösung, und die eben präparierten. Platten
noch im nassen Zustande in die Kassette zu
bringen und zu exponieren, kann man jetzt be-
liebig viel lichtempfindliches Material in Vorrat
halten. Erst durch die Einführung der Trocken-
platten, deren Erfindung man im wesentlichen
dem englischen Arzte Dr, Maddox verdankt,
ist die heutige ungeheuer weite Verbreitung der
Photographie — namentlich der Amateur-Photo-
graphie —• möglich geworden. Die Trocken-
platten werden in .Spezialfabriken in großem
Maßstabe hergestellt, indem sehr sorgfältig ge-
reinigte, besonders gleichmäßig und eben ge-
streckte, von Blasen und Unreinigkeiten freie
Glasplatten (sog. Photoglas) durch Maschinen
(natürlich im Dunkeln) sehr gleichmäßig mit
der lichtempfindlichen Präparation, der sog. Ge-
latine-Emulsion, überzogen und dann in ganz
genau temperierten, sehr gut ventilierten, staub-
freien Räumen getrocknet werden. Man gießt
gewöhnlich größere Formate als die in der Ka-
mera verwendeten. Dies sind für Amateur-,
Landschafts- und technische Photographie be-
sonders 6x9 cm, 9X12 cm, 13X18cm und 18
mal 24 cm, wogegen der Fachphotograph, in
Deutschland hauptsächlich,9Xi2 cm, 12X1&amp;/2 cm,
18 X 24 cm und größere Formate verwendet. Die
großen Platten werden nach dem Trocknen in
die entsprechenden Formate zerschnitten, sorg-
fältig bei einem „sicheren“ tiefroten Lichte auf
etwaige Fehler geprüft, aussortiert und dann in
Päckchen, entweder zu 4 oder zu 6 Stück, in
schwarzes Papier verpackt und zu Dutzenden in
Plattenschachteln gelegt, die dann an den Seiten
verklebt, mit Etikett versehen werden und nun
verkaufsbereit sind. Die sog. Gelatine-Emul-
sion — gewöhnlich Bromsilber- oder Brom-
Jodsilber-Gelatine-Emulsion — wird dargestellt,
indem man in eine mit Brom- oder Brom- und
Jodsalzen (meistens Kalium- und Ammonium-
salzen) versetzte Gelatinelösung bei bestimmter
Temperatur eine auf bestimmte Grade erwärmte
Silbernitratlösung allmählich unter gleichmäßi-
gem Rühren eingießt. Die so entstandene mil-
chige (daher der Name Emulsion) dicke Flüssig-
keit würde aber nur sehr unempfindliche Platten
ergeben. Höhere Empfindlichkeit erzielt man
durch Erwärmen oder Alkalischmachen dieser
Emulsion oder durch beides, und zwar hat jede
Fabrik ihre ganz bestimmten, durch Erfahrung
gewonnenen Rezepte oder Verfahren. Für Por-
trätaufnahmen, wie sie der Fachphotograph
im Atelier oder jetzt auch in gewöhnlichen Wohn-
räumen herstellt, ist es wünschenswert, daß die
sog. Expositionszeit so kurz als möglich gehalten
        <pb n="346" />
        ﻿Photographische Trockenplatten 339 Photographische Trockenplatten

wird, deshalb sucht der Fachphotograph nach
Platten der höchsten Empfindlichkeit; ebenso
sind für Momentaufnahmen von bewegten Ob-
jekten, wie sie jetzt überall in so großer Menge
hergestellt werden, diejenigen Platten die ge-
suchtesten, welche die höchste Empfindlich-
keit aufweisen. Platten werden daher nach
ihrer hohen Empfindlichkeit gewertet. Man mißt
die letztere nach verschiedenen Skalen, z. B.
nach Graden Warnerke, Graden Scheiner
usw. (leider sind die Angaben der Fabriken über
die Grade der Empfindlichkeit usw. nicht immer
unbedingt zuverlässig). Wie hoch empfindlich
Platten gegenwärtig hergestellt werden können,
erhellt aus der Tatsache, daß man gut durchgear-
beitete Aufnahmen im Freien, z. B. von fahrenden
Automobilen, Sportaufnahmen usw. bei gutem
Licht mit modernen, lichtstarken Objektiven in
weniger als V2000 Sekunde und in gewöhnlichen
hellen Wohnräumen Momentaufnahmen von ein-
zelnen Personen und kleinen Gruppen in Bewe-
gung (in etwa V15 Sekunde) machen kann. Eben-
so ist man imstande, bei Nacht, also unter Aus-
schluß von Tageslicht, bei Gasglühlicht (nament-
lich hängendem Glühlicht) in 3—10 Sekunden
gute Porträtaufnahmen (besonders auf ortho-
chromatischen Platten) zu machen. Neben
der hohen Empfindlichkeit ist auch die Kraft
der Platten eine notwendige Eigenschaft guter
Fabrikate, d. h., daß sie in geeigneten Entwick-
lern in nicht zu langer Entwicklungszeit kräftige
Negative ergeben, die gute Abzüge — Kopien —
liefern, und schließlich muß noch die sog. Gradu-
ierung — d. h. die korrekte Wiedergabe der
höchsten Lichter, der Halbtöne und der tiefsten
Schattendetails der zu photographierenden Ob-
jekte’ — als besonders wichtig hervorgehoben
werden. Dies gilt namentlich für den Fachphoto-
graphen bei Porträtaufnahmen. Daß die Platten
klar arbeiten müssen, d. h. nur an den wirklich
belichteten Stellen im Entwickler einen Silber-
niederschlag geben dürfen, also keinen „Schleier“
haben, versteht sich von selbst; auch sollen gute
Platten eine genügende Haltbarkeit über Jahr
und Tag besitzen, d. h. nicht schleierig werden
Und nicht nach längerer Zeit nur kraftlose, sog.
«flaue“ Negative bilden. Die Herstellung solcher
Platten von besonderer Güte und höchster Emp-
findlichkeit bietet besondere Schwierigkeiten, und
deshalb stehen derartige Platten am höchsten
Wx Preise. Gewöhnliche photographische
Platt en sind hauptsächlich empfindlich für vio-
lette, blaue und blaugrüne Strahlen; die unserem
Auge am hellsten erscheinenden gelbem, orange
Und gelbgrünen Strahlen werden nur ungenügend
von der photographischen Platte wiedergegeben.
Diesem Übelstande helfen die 'orthochromati-
schen Platten ab, die wir einer Entdeckung des
um die Photographie außerordentlich verdienten
Prof. H. W. Vogel in Berlin verdanken. Vogel
fand im Jahre 1873, daß durch Zufügung ge-
wisser Farbstoffe — Sensibilisatoren, wie sie
^ogel nannte — zum Brom- oder Jodsilber dieses
bedeutend empfindlicher für die grünen, gelben
^nd orange Strahlen gemacht wird. Die „ort ho-
chrein atischen Platten“ des Handels, die
hauptsächlich neben der Blauempfindlichkeit
ner gewöhnlichen Platten auch hohe Empfind-
lichkeit für Gelb, Gelbgrün und Orange besitzen,

werden zum größten TeiTdurch Flinzufügen von
Erythrosin- oder Erythrosin-Silber-Lösung zur
Emulsion hergestellt. Gute Platten der Art sind
über Jahr und Tag haltbar und können jetzt
ebenso empfindlich hergestellt werden wie ge-
wöhnliche Platten. Sie zeigen selbstredend bei
künstlichem Lichte, das verhältnismäßig reicher
an gelben und grünen Strahlen ist als Tages-
licht, wie z. B. Gasglühlicht, Petroleumlicht oder
elektrisches Licht, höhere Empfindlichkeit als die
gewöhnlichen Platten und werden jetzt von vielen
bedeutenden Fabriken zu demselben Preise wie
gewöhnliche Platten verkauft. Sie müssen natür-
lich in besonders sorgfältig ausgewähltem roten
Lichte entwickelt werden — man läßt bei der
Entwicklung selbst nicht zu viel rotes Licht auf
sie fallen — bieten aber sonst bei der Behandlung
weiter keine Schwierigkeiten. Sie sollten deshalb
in allen Fällen, wo farbige Objekte zu photo-
graphieren sind, vorzugsweise verwandt werden.
Hat man in den zu photographierenden Objekten
sehr viel Blau, wie z. B. bei der Reproduktion
von Gemälden oder auch bei .Hochgebirgsauf-
nahmen mit Gletscherhintergrund usw., so muß
man sich eines sog. Gelbfilters bedienen, um die
überwiegenden blauen Strahlen abzuschneiden,
da selbst die orthochromatischen Platten
noch höhere Empfindlichkeit für blaue Strahlen
als für die grünen und gelben besitzen. Für den
Dreifarbendruck wie überhaupt für die Far-
benphotographie benutzt man sog. panchroma-
tische Platten, die auch für rote Strahlen emp-
findlich 'sind. Diese werden durch „Sensibili-
sieren“ mit Äthylrot, Pinachrom, Pinazyanol usw.
hergestellt, sind aber nur mit größter Vorsicht
zu verarbeiten und nur für ganz spezielle Zwecke
und von erfahrenen Fachmännern zu verwenden.
Photographiert man im Freien gegen das Licht,
oder macht man Zimmeraufnahmen gegen die
Fenster oder überhaupt Aufnahmen von Ob-
jekten, die sehr große Lichtkontraste aufweisen
— z. B. spiegelnde Metallflächen oder dgl. — so
treten häufig die gefürchteten „Lichthöfe“ auf,
d. h. breite Säume um die hellsten Stellen oder
auch — wie z. B. bei Fenstern — werden alle
Details verwischt. Dagegen helfen licht hof-
freie Platten, die man entweder herstellt durch
Hinterstreichen der gewöhnlichen Platten mit
bestimmten farbigen Lacken oder Lösungen (z. B.
Antisol, Rotlack, Karamell usw.) oder durch Vor-
präparation des Glases mit einer gefärbten Gela-
tineschicht (sog. Isolarplatten), oder indem
man eine sehr unempfindliche, silberreiche, un-
durchsichtige Emulsion auf das Glas gießt und
darauf erst die hoch empfindliche Schicht bringt
(sog. Doppelschichtplatten). Durch alle diese
Mittel wird verhindert, daß die Lichtstrahlen an
den hellsten Stellen die Emulsionsschicht durch-
dringen, auf das Glas treffen und von dem Glase
wieder zurückgespiegelt werden, wodurch eben
die Lichthöfe entstehen. Natürlich sind solche
Platten schon in der Herstellung teurer als die
gewöhnlichen. Für die Reproduktion von Strich-
zeichnungen, von Katalogabbildungen, von Kar-
tenblättern oder Illustrationen aus Büchern usw.
bedient man sich sog. „photomechanischer
Platten“. Diese sind sehr unempfindlich, haben
keine sog. Halbtöne, sondern geben nur den
weißen Grund des Originals ganz schwarz, viel
        <pb n="347" />
        ﻿Photographische Trockenplatten. 340

Phtalsäure

dichter gedeckt als gewöhnliche Platten, wieder,
während die schwarzen Linien usw. ganz glasklar,
viel klarer als bei gewöhnlichen Platten, kommen,
so daß hier große 'Kontraste erzielt werden und
die Kopien wirklich schwarze Linien auf ganz
weißem Grunde ergeben, wie man dies bei ge-
wöhnlichen Platten selbst durch Verstärkung
nicht erzielen kann. Zur Herstellung von Pro-
jektionsbildern oder Stereoskop- bzw. Fenster-
bildern — sog. Diapositiven — benutzt man
„Diapositivplatten“, die sehr schöne, gefällige
Töne erzielen lassen, sehr fein im Kom sind und
außerordentlich klar arbeiten. Sie werden ge-
wöhnlich mit Chlor-Bromsilber-Emulsion herge-
stellt und können, da sie im Verhältnis sehr wenig
lichtempfindlich sind, für gewöhnliche Aufnahmen
kaum benutzt werden. — Was die Haltbar-
keit aller dieser Plattensorten anbetrifft, so sind
am haltbarsten dierwenigst empfindlichen Platten-
sorten, wie sie der Durchschnittsamateur, Land-
schaftsphotograph und auch technische Photo-
graph vielfach benutzt. Solche sehr wenig emp-
findlichen Platten haben sich schon, bis io Jahre
lang brauchbar erhalten, abgesehen von einem
leichten „Randschleier“. Sehr hoch empfindliche
Platten sind doch noch über i Jahr haltbar. Ver-
hältnismäßig am wenigsten haltbar sind ortho-
chromatische Platten, aber auch von diesen
Platten hat man Beispiele, namentlich von or-i
tho-lichthoffreien (Isolar- oder Doppelschicht-)
Platten, daß sie sich über 2 Jahre gut gehalten
haben. Besonders schädliche Einwirkung auf
die Haltbarkeit aller Trbckenplatten haben Gas-
ausdünstungen, selbstverständlich auch Schwefel-
wasserstoffausdünstungen. In einem gut venti-
lierten, trockenen, nicht zu sehr überheizten
Raume halten sich die Platten am längsten. Hin-
gewiesen sei noch auf die möglicherweise schäd-
liche dauernde Einwirkung von elektrischem
Bogenlicht, das viel ultraviolette Strahlen ent-
hält, welche die Pappschachteln durchdringen
und die Platten nach und nach verschleiern
können. — Neben den auf Glas präparierten
Platten hat man auch Zelluloid-Films,, ent-
weder als Rollfilms oder als Planfilms. Alle
diese Zelluloid-Films sind weniger haltbar
als Trockenplatten (auf Glas), da die Ausdünstun-
gen des im Zelluloid enthaltenen Kampfers der
Emulsion schaden und sind wohl auch nicht
stets ganz so zuverlässig wie Glasplatten, so daß
Forschungsreisende die Trockenplatten verzie-
hen. Große Vorteile der Zelluloid-Films
sind ihre ungemeine Leichtigkeit, so daß man auf
Reisen, bei Bergbesteigungen usw. viel Aufnahme-
material bequem mit sich führen kann. Dazu
kommt die Unzerbrechlichkeit und die Möglich-
keit, beliebig viele Aufnahmen auf den sog. Tages-
licht-Rollfilms, oder Film-Packs, oder Einzel-
Filmpackungen, die durch besondere Vorkeh-
rungen bei Tageslicht gewechselt werden können,
zu machen, ohne eine Dunkelkammer benutzen
zu müssen. Die Rollfilms können auch bei
Tageslicht ohne Dunkelkammer in bestimmten,
dafür eingerichteten Apparaten entwickelt und
fixiert werden. Zelluloid-Films sind wesentlich
höher im Preise als Glasplatten (s. Films). — Seit-
dem die letzte Ausgabe dieses Werkes erschienen
ist, sind einige neuere Fortschritte und Erfah-
rungen in der Verwendung der Trockenplatten

zu verzeichnen. So werden orthochromatische
Platten jetzt vielfach mit einem Schichtfilter ver
sehen, d. h., ein gelber oder gelbgrünlicher Farb-
stoff wird der orthochromatischen Emulsion bei-
gefügt, so daß die Schicht der Platte selbst als
Farbfilter wirkt. Natürlich ist die Absorption
des Ultraviolett und Violett nicht vollkommen,
so daß, wo höhere Aufgaben an genaue Wieder
gäbe der Farbenwerte gestellt werden müssen,
z. B. bei der Reproduktion farbiger Originale,
trotzdem ein für den Zweck besonders abge-
stimmtes Farbenfilter erforderlich ist. Aber für
sehr viele Zwecke genügen diese Ortho-Platten
mit Farbfilter in der Schicht und ersparen da-
durch die nicht immer angenehme und bequeme
Verwendung der Gelbscheibe, z. B. bei Land
schaftsaufnahmen usw. Die im letzten Kriege so
außerordentlich viel verwandten sog. Flieger-
platten sind teilweise recht hoch empfindliche
orthochromatische Platten sehr hoher Gelbemp-
findlichkeit und mit Farbfiltern in der Schicht,
oder auch hoch empfindliche Platten mit recht
ausgeprägter Orange -Rotempfmdlichkeit. Die
Photomechanischen Platten werden jetzt, na-
mentlich auch in den Photomechanischen Ver-
fahren, außerordentlich viel verwandt und sind
als panchromatisch-phototnechanische Platten
für die Reproduktion farbiger Originale mit viel
Gelb, Grün und Rot ganz unentbehrlich ge-
worden. Die orthochromatischen Photomecha-
nischen Platten werden sehr viel zu Reproduk
tionen von schlecht lesbaren Schriftstücken, ver-
gilbten Plänen und Zeichnungen u. dgl. ver-
wandt.

Phtaleinfarbstoffe bilden eine 1871 von A.
v. Baeyer entdeckte Gruppe der Xanthene (s. d.),
welche durch Kondensation von Phtalsäureanhy-
drid mit Phenolen entstehen. Sie können auch
als Abkömmlinge des Triphenylmethans ange
sehen werden und werden daher vielfach als
Untergruppe der Triphenylmethanfarbstoffe be
zeichnet. Farbstoffbildende Phenole sind beson-
ders das Resorzin, von dem sich das Fluoreszein
und die Eosine ableiten, und die Pyrogallussäure,,
von welcher das Gallein abstammt.

Phtalsäure (B enzolor t ho dikar bonsäure),
C6H4(COOH)2, entsteht bei der Oxydation von
Naphtalin und Naphtalintetrachlorid durch Sal-
petersäure, oder von Orthoxylol und Orthotoluyl-
säure mit Kaliumpermanganat, oder auch von
Alizarin mit Salpetersäure oder mit Braunstein
und Schwefelsäure. Sie wird technisch in großen
Mengen, hauptsächlich aus Naphtalin und
Schwefelsäure unter Zusatz von Quecksilbersalzen
oder seltenen Erden als Kontaktsubstanzen her-
gestellt. Die reine, aus Wasser umkristallisierte
P. bildet farblose Kristalle, die in kaltem Wasser
schwer, in heißem Wasser, Alkohol und Äther
leicht löslich sind. Beim raschen Erhitzen auf
2130 schmilzt sie und verwandelt sich dabei unter
Abspaltung von Wasser in das Phtalsäurean-
hydrid, C6H4(CO)20. Das letztere, das ge-
wöhnlich im Handel als Phtalsäure geführt wird,
bildet bei 128° schmelzende Kristalle, die bei
284° sieden und in langen Nadeln sublimieren-
Die P. und ihr Anhydrid vereinigt sich mit
Phenolen zu sog. Phtaleinen, mit Resorzin z. B-
zu dem Fluoreszein, und bildet ein wichtiges
Ausgangsmaterial für die Teerfarbenindustrie.
        <pb n="348" />
        ﻿■■H



itÄSS-i

Physostigmin

341

Pikrinsäure

Physostigmin (Eserin, lat. Physostigminum,
Eserinum, frz. Eserine, engl. Eserin), das sehr gif-
tige Alkaloid der Kalabarbohne, ist eine starke
Base und bildet dünne kristallinische Blättchen
von rhombischer Form, die sich in Äther, .Alko-
hol und Chloroform lösen und bei 1020 schmel-
zen. Ein einziger Tropfen einer Lösung, die nur
1 mg P. enthält, bewirkt sofort eine starke, lang
andauernde Zusammenziehung der Pupille. Man
verwendet das P. daher in der Augenheilkunde,
gewöhnlich in Form des Sulfates (schwefel-
saures Physostigmin).

Piassava (Piassabo, frz. Piassave, engl. Para
grass, Monkey grass), eine starke, äußerst halt-
bare Pflanzenfaser, die aus Brasilien und
Venezuela zu uns gebracht wird und von der
Strickpalme, Attalea funifera (Mart.), ab-
stammt, besteht aus den zähen Fasern der Blatt-
scheiden,, die nach Zerstörung der übrigen Ge-
webeteile durch die Atmosphäre an den Stämmen
frei herabhängen. Die fischbeinartig elastischen,
glanzlosen Fasern sind von dunkelbrauner Farbe,
fast immer abgeplattet, bis zu 1 m, selten darüber
lang, und 0,8—2,5 mm dick. In den Ursprungs-
ländern fertigt man aus ihnen Matten, Seile und
Taue, während sie bei uns zur Herstellung fast
unverwüstlicher Straßenbesen (Piassavabesen),
Straßenkehrmaschinen und grober Bürsten be-
nutzt wird. Außerdem kommt noch afrikani-
sche P., von einer Palmenart, Raphia vini-
fera, auf den Markt, die aber spröder und daher
weniger geschätzt ist, als die brasilianische.

Pichi, eine aus den getrockneten Stengeln und
Blättern der in Chile heimischen Nikotianee Fa-
biana imbricata bestehende Droge, wird als
Heilmittel gegen Krankheiten der'Schafe und
Ziegen empfohlen. Das aus der P. hergestellte
Fluidextrakt findet gegen Erkrankungen der Leber
und der Harnwege Anwendung.

Pichurimbohnen (Muskatbohnen, brasi-
lianische Bohnen, lat. Fabae pichurim, frz.
Peves de Brasil, engl. Beans of Brasil) sind die
Samenkerne eines namentlich in Brasilien wach-
senden lorbeerartigen Gewächses, Nectandra
Puchury, die in zwei Formen, als kleine und
große P., in den Handel kommen. Die Pflanzen
Vagen fleischige Früchte, aus denen der Kern
herausgenommen, von der Samenschale befreit
und am Feuer getrocknet wird. Die gespaltenen,
Picheln ähnlichen Stücke sind ziemlich hart,
außen graubraun, innen fleischfarben gelblich
und mit braunen Punkten marmoriert sowie
von etwas mehliger und öliger Beschaffenheit,
'hr Geschmack und Geruch erinnert an ein Ge-
misch von Muskat und Sassafrasholz. Sie ent-
halten neben ihrem aromatischen Öl auch Gerb-
stoff und werden an Stelle der Muskatnüsse als
Gewürz benutzt. Früher wurden sie gegen Kolik
uud ruhrartige Zustände angewandt.

Pikee (frz. Piquö, engl. Guilting, Marseille), ein
baumwollenes Gewebe, das infolge des Vorhan-
denseins von abwechselnd erhöhten und vertieften
Stellen wie gesteppt (piquü) erscheint, gehört zu
den Doppelgeweben, d. h. bei seiner Herstellung
Werden zwei übereinanderliegende Ketten, ver-
wandt, von denen jede besonderen Einschuß er-
hält. Die Verbindung beider Ketten erfolgt da-
durch, daß zeitweise einzelne Fäden der einen
Kette in die andere verlegt und durch die Ein-

schußfäden dieser Kette mit gebunden werden.
Für das obere Gewebe, die rechte Seite oder den
Grund, verwendet man feineres Garn und doppelt
so viel Fäden als für das untere, das sog. Futter.
Die Stellen oder- Linien, in denen die beiden Ge-
webe miteinander verbunden sind, erscheinen
zwischen den übrigen Teilen vertieft. Die Pikees
sind entweder ganz weiß oder einfarbig und mit
verschiedenen Mustern bedruckt, oder durch ver-
schiedenfarbige Einschuß- und Kettenfäden ge-
gittert, gestreift oder broschiert und werden zu
Westen, Unterröcken, Hausanzügen, Sommer-
kleidern, Vorhemdchen und besonders auch zu
gemusterten Bettdecken verwandt.

Pikrinsäure (Pikrinsalpetersäure, Tri-
nitrophenol, Trinitrophenylsäure, Tri-
tt itrokarbolsäu re, Köhlens tickst off säure,
Weiters Bitter, lat. Acidum carbazoticum, Aci-
dum picrinicum, Acidum picronitricum, frz. Acide
nitrophönisique, engl. Nitrophenisic acid), ein
außerordentlich wichtiger Gegenstand des Dro-
gen- und Färb warenhandeis, entsteht häufig bei
der Einwirkung starker Salpetersäure auf organi-
sche Stoffe des Tier- und Pflanzenreichs, und
zwar sowohl stickstoffhaltiger wie stickstofffreier.
Jeder gelbe Fleck z. B., den Salpetersäure auf
Zeugen, auf der Haut usw. hervorbringt, kann
als durch P. entstanden, betrachtet werden. Be-
sonders reichlich erhält man sie durch Behand-
lung von Indigo mit Salpetersäure. Eine Zeit-
lang wurde die P. aus dem Botanybaiharz oder
Akaroidharz, später aus dem Steinkohlenteer her-
gcstellt, während man jetzt nur noch die aus
diesem abgeschiedene, möglichst reine, vom Kre-
sol befreite Karbolsäure verwendet. Das Phenol
wird in konzentrierter Schwefelsäure gelöst und
die Mischung in stark erwärmte Salpetersäure
eingetragen, Worauf die P. nach dem Erkalten
in Form hellgelber, glänzender Schüppchen,
schmaler Täfelchen oder auch Säulchen aus-
kristallisiert, die durch nochmaliges Auflösen und
Umkristallisieren gereinigt werden können. P.
löst sich schwer in kaltem, leichter in heißem
Wasser, leicht in Alkohol und Äther. Die Lö-
sungen besitzen eine intensiv gelbe Farbe sowie
äußerst bitteren Geschmack und wirken im Kör-
per als ein Gift. P., C6H2(0H)(N02)s, schmilzt
bei 122,5° und explodiert bei raschem Erhitzen.
Ihre Säurenatur beweist sie dadurch, daß sie die
Kohlensäure aus ihren Salzen austreibt. Im Han-
del hat man außer der reinen P. noch zwei
weniger reine, undeutlich kristallisierte Sorten
von blässerer Farbe, in Form derber Massen
oder Teigform, die entweder infolge der Ver-
wendung unreiner Karbolsäure zahlreiche, beim
Auflösen in heißem Wasser größtenteils zurück-
bleibende Verunreinigungen enthalten, oder so-
gar mit Alaun, Magnesiumsulfat oder NatriunL
sulfat stark verfälscht sind. Der Nachweis dieser
Zusätze beruht auf ihrer Unlöslichkeit in Alko-
hol. Außerdem enthält P. häufig Mono- und
Dinitrophenol, die ebenfalls den Wert der Ware
verringern. Die P. ‘wird zum Färben von Wolle
und Seide benutzt. Ihr Färbevermögen ist so
groß, daß schon 1 g für t kg Seide ausreicht.
Gleiche Verwendung finden ihre Salze, die Pi-
krate, besonders das Natrium- und Ammonium-
pikrat, doch ist bei ihnen äußerste Vorsicht am
Platze, da sie sehr leicht explodieren. Wegen

I

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        ﻿



ihrer Explosibilität werden die Pikrate im deut-
schen Eisenbahnwesen überhaupt nicht, und Pi-
krinsäure nur dann befördert, wenn auf dem
Frachtbrief von einem vereideten Chemiker be-
stätigt ist, daß sie frei von pikrinsauren Salzen ist.

Pikrotoxin (lat. Picrotoxinum, frz. Picrotoxine,
engl. Pikrotoxin), der nur selten medizinisch be-
nutzte Giftstoff der Kockeiskörner (s. d.), bildet
ein feinkristallinisches, weißes, äußerst bitter
schmeckendes Pulver oder sternförmig gruppierte
Kristallnadeln. In kaltem Wasser ist es schwer,
in kochendem Wasser sowie in Alkohol und in
Äther leichter löslich.

Pilokarpin (lat. Pilocarpinum, frz. und engl.
Pilocarpine), ein in den Jaborandiblättern
(s d.) enthaltenes Alkaloid, wird durch Extrak-
tion des mit Soda befeuchteten Blattpulvers mit
Benzol und nachfolgende Reinigung mit Salz-
säure und Salpetersäure als ein farbloser Sirup
erhalten. Es löst sich leicht in Wasser, Alkohol
und Chloroform, schwerer in Benzol, aber nicht
in Äther. Die Lösung ist rechtsdrehend. An
Stelle der freien Base, die nicht kristallisierbar
ist, wird das salzsaure P., richtiger Chlor-
wasserstoffpilokarpin (lat. Pilocarpinum mu-
riaticum seu hydrochloricum), als stark schweiß-
treibendes Mittel medizinisch verwandt.

Pilze (Schwämme, lat. Fungi, Mycetes, frz.
Champignons, engl. Mushrooms). Von den zahl-
reichen Arten der Lagerpflanzen oder Thal-
lophyten werden verschiedene als Nahrungs-
mittel benutzt, jedoch ist ihr Nährwert bisweilen
stark überschätzt worden. Wegen ihres großen
Wasserreichtums von 87—94 °/o enthalten sie an
eigentlichen Nährstoffen nur 1—5 °/o Stickstoff-
Substanz, 0,2—0,7% Fett,'3—5% Kohlenhydrate
und i°/o Asche, und überdies besteht die Stick-
stoffsubstanz nicht , aus reinem Eiweiß, sondern
zum großen Teil aus Säureamiden und Amido-
säuren, welche für die Ernährung nur beschränk-
ten Wert haben. Ist somit auch ohne weiteres
klar, daß die Pilze die überschwengliche Bezeich-
nung „das Fleisch im Waide“ nicht verdienen,
so bilden sie doch als Gemüse und Genußmittel
eine nicht unwichtige Handelsware. Bei ihrem
Einkauf ist zu berücksichtigen, daß mehrere
stark giftige P. den gebräuchlichsten eßbaren
sehr ähneln, so der Knollenblätterschwamm
dem Champignon, der Satanspilz dem
Steinpilz, die Lorchel der Morchel. Nähere
Angaben hierüber finden sich in den besonderen
Besprechungen. Außer den genannten finden
noch Pfifferlinge und Trüffeln vielfache Ver-
wendung. Die P. kommen sowohl in Dosen ein-
gekocht, wie in getrocknetem Zustande in den
Handel und sind dann meist mit genügender
Sorgfalt ausgesucht und einwandfrei. Unter den
getrockneten sollen allerdings bisweilen Verfäl-
schungen durch geringwertigere Sorten und
Wasserrosenstengel beobachtet worden sein.

Piment (Neugewürz, Nelkenpfeffer, Ja-
maikapfeffer, Neue Würze, Englisch-
gewürz, lat. Fructus amomi, frz. Piment, engl.
Allspice, Clove pepper, Pimento) nennt man die
unreif geernteten Früchte des Pimentbaumes
oder der Nelkenpfeffermyrte, Pimenta of-
ficinalis, Myrtus pimenta L., einer in Süd-
amerika und Westindien heimischen Myrtazee,
die in ein- bis dreifächerigen Beeren kugelför-

mige Samen enthält. Die noch grün gepflückten,
erbsengroßen Beeren werden an der Sonne ge-
trocknet und zeigen dann eine braune, feinwarzige
Oberfläche. Sie enthalten außer ätherischem
Öle Harz, Gerbstoff, Fett, Gummi, Zucker, Äpfel-
und Gallussäure. Das Pulver unterliegt denselben
Verfälschungen wie der Pfeffer. An Stelle der
ganzen Körner werden bisweilen minderwertige
Früchte verwandter Arten, mexikanischer oder
spanischer Piment von Eugenia Tabasco,
und Kron-P. von Pimenta acris unterschoben.
Eine künstliche Färbung durch Eisenoxyd muß
gekennzeichnet werden. P. ist ein beliebtes Kü-
chengewürz.

Pimentöl (Nelkenpfefferöl, lat. Oleum
amomi, frz. Essence de piment, engl. Oil of pi-
mento), das aus dem Piment durch Destillation
mit Wasserdampf gewonnene ätherische Öl, bildet
eine gelbe bis bräunliche, dickliche Flüssigkeit
vom spez. Gew: 1,024—1,055 und stark ge-
würzigem Geruch, Es besteht hauptsächlich aus
Eugenol (s. d.) und wird bei der Herstellung
aromatischer und bitterer Liköre verwandt. Die
Ausbeute beträgt 3—4,5 °/o.

Pimpinellwurzel (Biberneilwurzel, lat. Ra-
dix pimpinellae, frz. Racine de saxifrage, engl.
Pimpernell root) stammt von den beiden bei
uns häufig wild wachsenden Umbelliferen
Pimpinella magna, der großen, und Pimpi-
nella saxifraga, der gemeinen Biberneil.
Die erstere wächst häufig auf Wiesen, unter Ge
büsch, an Rändern und lichten Stellen der Wäl-
der, die andere auf trockenem, sandigem Boden,
Triften, Hügeln und Wegrändern. Die Wurzeln
sind im Frühjahr von älteren Pflanzen zu graben
und enthalten Pimpinellin und ätherisches
Öl. Der Geruch ist stark, widerlich gewürzhaft,
der Geschmack scharf und brennend. P. wird
in Form von Tinktur und Extrakt gegen Heiser-
keit, Husten und Magenkatarrh angewandt, zum
Hausgebrauch auch wohl mit Branntwein an-
gesetzt.

Pinchbeck, eine der zahlreichen goldähnlichen
Kupfer-Zink-Legieruhgen, ist dem Tombak ähn-
lich zusammengesetzt.

Pingo-Pingowurzel (Pinco-Pinco), die Wur-
zel von Ephedra andina, bildet ziemlich lange,
etwas hin und her gebogene Stücke von etwa
5 mm- Durchmesser. Die Rinde ist hellbraun
und blättrig, das Innere zeigt auf dem Quer-
schnitte eine zierliche, aus braunen und gelben
Strahlen bestehende Zeichnung, der Geschmack
ist schwach bitter. Die aus Peru und Chile ein-
geführte Wurzel soll als Heilmittel gegen Stein-
und Harnbeschwerden Anwendung finden.

Piniolen (Pineolen, Pignolen) sind die Pi-
niennüsse, richtiger -kerne aus den Zapfen
der Pinie (Pinus Pinea), eines schönen, nur
im Süden Europas, Italien, Spanien, Südfrank-
reich, gedeihenden Nadelbaums mit schirmför-
miger Krone. Die doppelt faustgroßen, eiförmi-
gen, aufrechtstehenden und nicht unter zwei
Jahren reifenden Zapfen bergen am Grunde
ihrer Schuppen je zwei Samen, die im Verhältnis
zur Frucht auch größer und inhaltreicher sind,
als die in unseren Nadelholzzapfen. Sie sind
etwa 1 cm lang, schmal und etwas gekrümmt, an
beiden Enden zugerundet und enthalten unter
der rotbraunen Oberhaut einen milchweißen,
        <pb n="350" />
        ﻿Pink couleur

343

Pinsel

öligen Kern, der den Nüssen und Mandeln ähn-
lieh aussieht und schmeckt, allerdings mit einem
leisen, feinen Beigeschmack nach Harz. Zum
Versand werden sie in geteerte Säcke verpackt
und außer von Italien, besonders Sizilien, noch
von der Levante, Marseille, Barcelona aus in
den Handel gebracht.

Pink couleur (Nelkenfarbe, Minerallack),
ein feines, schweres Pulver von schön rosen-
roter Farbe, bildet eine, hellem Krapplack ähn-
liche, schöne, dauerhafte Farbe zum Bemalen
und Bedrucken von Porzellan und Fayence sowie
zur Erzeugung farbiger Glasuren von dunkel-
violett bis rosa. Auch als Öl- und Wasserfarbe
sowie zur Bereitung farbiger Papiere findet sie
Verwendung. Der Farbstoff ist seinem Wesen
nach ein durch Chromsäure gefärbtes Glas aus
Zinnoxyd, Kieselsäure und Kalk und wird durch
Glühen von rotem chromsauren Kali, Quarz- und
Kreidepulver mit Zinnoxyd dargestellt.

Pinkops heißen die von der Spinnmaschine
fertig gelieferten Kötzer von baumwollenem
Schußgarn, welche direkt in die Schütze des
mechanischen Webstuhls eingelegt werden.

Pinksaiz (Ammoniumzinnchlorid, Zinn-
chloridchlorammonium, lat. Stannum bichlo-
ratum ammoniatum, frz. Bichlorure d’ötain
ammoniacal, engl. Pink-salt) besteht aus einer
Verbindung von Zinnchlorid (Zinntetrachlorid)
mit Salmiak und wird durch Mischung heißer
konzentrierter Lösungen beider Bestandteile her-
gestellt. Es bildet ein in Wasser leicht lösliches
kristallinisches Pulver, oder beim Arbeiten mit
verdünnteren Lösungen größere Wasserhelle glän-
zende Kristalle. Die Wirkung dieses besonders
als Beize beim Hellrotfärben (Rosasalz) be-
nutzten Doppelsalzes besteht darin, daß sich beim
Kochen von Stoffen mit der Lösung Zinnoxyd
festhaftend auf die Faser niederschlägt und als
Grund für Aufnahme 'der Farbe dient.

Pinsel (frz. Pinceaux, engl. Pencils). Man
unterscheidet Haar- und Borstpinsel, von
denen die letzteren in ihrer Verwendbarkeit
Und infolgedessen auch im Verbrauch die grö-
ßere Bedeutung haben. Die Borstpinsel sind
dein Lackierer und Anstreicher wie dem Deko-
rationsmaler unentbehrliche Hilfsmittel bei Aus-
übung ihres Gewerbes, und zwar hauptsächlich
die größeren Arten aus weißer Borste in Holz-
kluppen, Eisenkapseln oder Eisenringen, die
unter der allgemein üblichen Bezeichnung ge-
schliffene Borstpinsel bekannt sind. Neben
diesen, besonders zum Lackieren dienenden P.,
"jverden in .der gleichen Art Pinsel aus falber
ß°rste hergestellt, die hauptsächlich beim Auf-
lagen von Flüssigkeiten, wie Farbe, Firnis,
f-oim, Teer usw. angewandt werden und unter
dem Fachausdruck Anstreichpinsel gehen,
pudere Borstpinsel, die in den verschiedensten
v orrnen und in breite Bleche gefaßt, hergestellt
'J’erden, sind dem Fachmann unter dem Namen
Maserier-, Zacken- oder Gabelpinsel, Mod-
bp,r&gt; Clairets. ölfarbvertreiber usw. bekannt.
~me besondere Sorte unter den breiten Pinseln
bdden die sog. Schläger aus längster kräftiger
Russischer Borste (Schlägerborste), die dem
Lackierer zur Herstellung von Holzmaserungen
bienen. — Die Haarpinsel sollen den verschie-

denartigsten Ansprüchen genügen, und ebenso
verschiedenartig ist auch Größe und Material
derselben. Für die Ölmalerei, wozu auch die
Porzellanmalerei zu rechnen ist, werden in
der Hauptsache Pinsel aus den Schweifhaaren des
russischen Kolinskys (Rotmarderpinsel), des
deutschen und russischen Iltis (Iltispinsel)
und des russischen Eichhörnchens (Fehhaar-
pinsel), aus den feinen Ohrenhaaren des Rin-
des (Rindshaarpinsel) und aus den Fell- und
Schweifhaaren des Zobels und Ichneumons
(Zobel- und Ichneumonspinsel) gefertigt und
teils in Kiele der verschiedensten Größen -— vom
kleinsten Taubenkiel an bis hinauf zum stärksten
Schwanenkiel ■— sowie in Blech-, Nickel- oder
versilberte Zwingen gefaßt. Die Pinsel in Zwin-
gen, auf Holzstielen befestigt, werden sowohl
in runder Form, als auch flach gedrückt, ver-
wandt. Früher wurden auch für gewisse Zwecke
Pinsel aus Braunmarderhaaren — vom Baum-
und Steinmarder — sowie aus Fischptter-
haaren hergestellt, doch sind diese in der Haupt-
sache durch Iltispinsel verdrängt worden. Für
die Ölmalerei werden mit Vorliebe auch Pinsel
aus Borsten, in runde oder flachgedrückte Zwin-
gen gefaßt und auf Holzstielen befestigt, ver-
wandt. Die Borsten für diese Art Pinsel sind von
ausgesuchter Güte und eigens für diesen Zweck
vorgerichtet. — In der Aquarellmalerei wer-
den außer den vorerwähnten Pinseln für die
Ölmalerei noch solche aus Dachshaaren ge-
braucht. Sie sind entweder in Kiele (runde
Dachsvertreiber genannt) oder in breite
Bleche (breite Dachsvertreiber) gefaßt und
dienen, wie schon der Name sagt, zUm Vertreiben
oder Lasieren der Farben. — Nicht unwichtig
sind ferner die Ziegenhaare, die zur Herstel-
lung der billigeren Sorten Haarpinsel erforderlich
sind sowie die Haare des schwarzen Bären,
die zu mancherlei Pinselarten, in der Hauptsache
jedoch zu Lackierpinseln (Fischpinseln), Ver-
wendung finden. Unter dieselbe Abteilung fallen
auch die Pinsel aus Iltis- und Fischotterhaaren,
auf die wohl die allgemeine Benennung Fisch-
pinsel zurückzuführen ist. — Hinsichtlich der
Gewinnung und ‘Zubereitung der Haare, ins-
besondere der Borsten, seien noch folgende Mit-
teilungen angefügt: Die Barsten unterliegen,
ebenso wie die Haare, von ihrem Rohzustände an
bis zu ihrer Verarbeitung zu Pinseln einer sorg-
fältigen Behandlung. Während die Haare, um
sie von allen Unreinigkeiten, wie z. B.-i Fett, zu
befreien, in Säuren gelegt, oder wie besonders die
edleren Haarsorten Rotmarder, Iltis usw. in einer
großen, mit Zedernholzspänen ungefüllten und
durch ein darunter angelegtes. Feuer erwärmten
Trommel „geläutert“ werden, muß die Pinsel-
borste bis zu ihrer Verarbeitung eine bei weitem
umfangreichere Behandlung durchmachen, die
unter Borsten beschrieben worden ist. — Um
auch billige Borstenpinsel hersteilen zu können,
mischt man den Borsten, je nach der Preislage,
Pferde- oder Kuhhaare bei, die^ ebenfalls vor
ihrer Verwendung gereinigt und gekocht werden
müssen. Die steife und halbsteife. Ware ver
wendet hauptsächlich der Bür^tenfabrikant. Die
Art der Behandlung ist die gleiche wie bei den zu
Pinseln bestimmten Borsten. S. auch Borsten
und Haare.
        <pb n="351" />
        ﻿Piperazin

344

Plastilin

Piperazin (lat. Piperazinum, frz. Piperazine,
engl. Piperazin), ein neueres Arzneimittel, wird
durch Behandlung von Äthylenbromid mit Am-
moniak, nachfolgendes Erwärmen mit Natrium-
nitrit und Zersetzung des entstehenden Dinitroso-
P. als eine farblose Kristallmasse dargestellt. Die
als Diäthylendiamin, (C2H4 . NH)2, anzuspre-
chende Verbindung zieht leicht Wasser und
Kohlensäure an, schmilzt bei 104—107 0 und siedet
bei 145°.	P., wie auch sein salizylsaures und

milchsaures Salz, wird als harnsäurelösendes
Mittel bei Gicht, Steinbeschwerden und Zucker-
krankheit verordnet.

Piperin (lat. Piperinum, frz. Piperine, engl. Pi-
perin), die im schwarzen, weißen und langen
Pfeffer enthaltene stickstoffhaltige Base, C17H19.
N03, bildet kleine, farblose, glasglänzende Kri-
stallnadeln, die in Wasser selbst in der Siede-
hitze nur wenig löslich sind, sich dagegen leicht
in kochendem Weingeist, Benzol, Chloroform und
Äther lösen. Das P. ist geruchlos und geschmack-
los, wird aber durch Kochen mit alkoholischer
Kalilauge in Piperidin und piperinsaures Ka-
lium verwandelt, von denen ersteres, eine stark
basische Flüssigkeit, nach Pfeffer riecht. — Su-
matrapfeffer soll etwa 8°/o, Singaporepfeffer 7%,
Penangpfeffer 5 “/o und weißer Pfeffer durch-
schnittlich 9 0/0 P. enthalten. P. und Piperidin
werden .bisweilen medizinisch, hauptsächlich aber
zur Darstellung von Heliotropin (s. unter Pipero-
nal) verwandt.

Piperonal (Methylenprotokatechualde-
hyd, Heliotropin) entsteht bei der Oxydation
von Isosafrol in Form weißer Kristalle, die
bei 35—370 schmelzen, bei 263° sieden und als
Parfüm verwandt werden. Neuerdings wird P.
bisweilen an Stelle des Vanillins untergeschoben.

Pipi -raiz, die Wurzel der in Brasilien ein-
heimischen Phytolakzee Petiveria hexa-
glochin, bildet hin und her gebogene Stücke
von graubrauner Farbe und 3—6 mm Dicke und
wird im Ursprungslande medizinisch angewandt.

Pipitzahoinwurzel (lat. Radix pipitzahoinae,
Radix pereziae, frz. Racine pipitzah.uac, engl.
Pipitzahuak root), eine aus. Mexiko kommende,
stark abführend wirkende Wurzel, stammt von
mehreren Arten der 'Gattung Perezia, nament-
lich von Perezia Schaffneri, Perezia rigida
und Perezia oxylepsis. ihr wirksamer Be-
standteil, die Pipitzahoinsäure oder das Pere-
zon, ein Allylderivat des Oxybenzochinons, bil-
det kleine, schön goldgelbe Kristallblättchen,
die bei 103—1040 schmelzen und gleichzeitig
schon zu sublimieren anfangen. Die Säure löst
sich leicht in Alkohol, Äther, Chloroform und
Benzol und gibt mit Alkalien Salze, deren Lö-;
sungen tiefrot-violett gefärbt sind. Verwendung
finden die Wurzel und die Säure als kräftig ab-
führendes Mittel, namentlich bei Hämorrhoidal-
leiden.	&gt;

Pistazien (grüne Mandeln, lat. Nuces pista-
ciarum, frz. Pistaches, engl. Pistachio nuts) sind
die Fruchtkerne oder, wenn diese noch in ihrer
harten Schale liegen, die ganzen Steinfrüchte der
echten Pistazie (Pisfacia vera), eines kleinen,
zu den Terebinthazeen gehörenden Baumes,
der in Arabien, Syrien und Persien heimisch
ist. aber auch in Kleinasien, in N ordafrika (Tunis)
und namentlich auf Sizilien angebaut wird. Der

Baum hat männliche und weibliche Blüten auf
besonderen Stämmen verteilt, so daß zur Befruch-
tung auch männliche Pflanzen mitgehalten wer-
den müssen. Die Früohte sind länglich zugespitzt,
von der Größe und Form einer Hasel- oder Lam-
bertsnuß, haben äußerlich ein dünnes, runzliges
l'ederartiges Fleisch von grünlicher oder rötlicher
Farbe und innerhalb Ider holzig harten, zweiteili-
gen Schale einen 'länglichen, dreikantigen Kern,
der von einer graurötlichen Samenhaut umschlos-
sen ist. Die beiden Keimlappen besitzen durch
ihre ganze Masse 'eine hübsche mehr oder weni-
ger grüne Färbung. Der Geschmack des öl-
reichen Kerns ist dem der süßen Mandeln ähn-
lich, aber noch süßer und öliger und mit einem
besonderen angenehm bitterlichen Beigeschmack.
Je nachdem die ganzen Früchte oder die ent-
sohälten Kerne zugegen sind, unterscheidet man
Pistaziennüsse und Pistazienkerne. Die levan-
tische Ware gilt als die bessere, kommt aber
selten oder doch nicht unvermischt zu uns.
Meist finden sich sizilische P. im Handel, deren
Kerne außen violett, innen grün erscheinen und
sehr veränderliche Größe zeigen. DiekleinenKerne
von Tunis sind außen rötlich, innen lebhaft grün,
und werden deshalb von Konditoren sehr gesucht,
während die großen, aber innen gelben Aleppo-
P. wenig begehrt sind und häufig durch grün
gefärbte Mandeln ersetzt werden. Außerdem
dienen die P. wie Mandeln als Dessert, Zusatz
zu Magenmorsellen u. dgl. Die Ware ist nicht
lange haltbar, sondern wird infolge ihres starken
Ölgehaltes leicht ranzig.

Pittakal (Eupittonsäure), ein Farbstoff, der
schon längst als ein bereits fertig gebildeter Be-
standteil des Holzteers bekannt ist, aber auch
durch Oxydation von Pyrogalloläther und Me-
thylpyrogalloläther künstlich hergestellt werden
kann, ist seiner chemischen Zusammensetzung
nach als Hexaoxymethylaurin zu betrachten. Das
P. ist mehrfach für die Färberei empfohlen'wor-
den, hat sich aber bis jetzt noch nicht einbürgem
können. Es färbt tierische Fasern in saurer Lö-
sung orange, in ammoniakalischer und besonders
bei Gegenwart von Zinnbeize blauviolett. Das aus
Holzteer bereitete P. bildet blaue, dem Indigo
ähnliche, in Wasser unlösliche Stücke, das künst-
liche eine kristallinische Masse. Die alkalischen
Lösungen sind blau und werden durch Zusatz
von Essgisäure rot.

Plantox-Kraft-Extrakt ist ein fleischextrakt-
ähnliches Erzeugnis, das aber neben 45 °/o Koch-
salz nur etwa 50/0 Fleischextrakt enthält, während
die übrigen Teile aus Hefe oder anderen Pflanzen
stammen.

Plasmon, ein neueres Nährmittel, wird durch
Behandlung von Kasein mit Natriumbikarbonat
hergestellt und besteht aus löslichem Kasein-
natrium. P. wird auch als Siebolds Milch-
eiweiß bezeichnet.

Plastilin (Plastizin) nennt man verschieden
gefärbte Modelliermassen, die als Grundlage wei-
ßen Bolus, Zinkoxyd, Stärke und Schwefelblumen,
als Bindemittel fette Öle, Fettsäuren, Wachs.
Lanolin, Terpentin u. dgl. enthalten. Aus einem
Gemisch von 40 g Schwefelblumen, 10 g weißem
Bolus, 20 g Weizenstärke und I g Ultramarin er-
hielt man durch nacheinander folgendes Ver-
kneten mit io g Stärkekleister, je s g Wachs, La-
        <pb n="352" />
        ﻿

Platin

345

Plattierte Waren

nolin und Terpentin eine dem vorgelegten Muster
sehr ähnliche Masse.

Platin (Platina, lat. Platinum, frz. Platine,
engl. Platinum), das bekannte Edelmetall und
unentbehrliche Hilfsmittel des Chemikers, Phy-
sikers und Technikers, wurde in der Mitte des
18. Jahrhunderts in dem goldhaltigen Sande des
Rio Tinto in Neugranada und anderer mexika-
nischer und südamerikanischer Flüsse entdeckt.
Man hielt es anfangs für ziemlich wertlos und
nannte es nach dem spanischen Namen für Silber
(Plata) Platina, d. h. Kleinsilber. Im Jahre 1822
wurden ergiebige Lager im Ural und später in
Kalifornien und Australien erschlossen, während
die vereinzelten deutschen Vorkommnisse in Ibben-
büren und Wilhelmshütte im Harz nur geringe
Bedeutung besitzen. Das P. findet sich in der
Natur stets im metallischen Zustande, aber nicht
rein, sondern in Legierung mit einer Reihe nahe
verwandter Elemente: Iridium, Palladium, Rho-
dium, Osmium und Ruthenium, mit denen es
tu der Gruppe der Platinmetalle zusammen-
gefaßt wird. Meist sind die Flitter und Körnchen
dieser Legierungen in dem Schwemmsande der
Flüsse, den Seifen, mit Resten von Mineralien
vermischt oder auch zu größeren Konglomeraten
verwachsen und verkittet, die als Platinerze
bezeichnet und nach ihrem Platingehalte (zwi-
schen 60 und 80 0/0) in verschiedene Wertstufen
unterschieden werden. Zur Reindarstellung des
P. werden die Erze zunächst mit heißer Salzsäure
von den unedlen Metallen, darauf mit kaltem
Königswasser vom Golde befreit und schließlich
mit heißem Königswasser behandelt. Di^ Lö-
sung, die mit Ausnahme von Iridosmium alle
Platinmetalle enthält, wird mit Ammoniak und
Salmiak gefällt und der Niederschlag durch
Glühen in iridiumhaltigen Platinschwamm ver-
wandelt. Nach dem Verfahren von Heraeus
Mst man die Platinerze in verdünntem Königs-
wasser unter Druck, dampft die Lösung ein und
erhitzt den Rückstand auf 125°, wodurch Palla-
dium- und Iridiumchlorid in die Chlorüre über-
geführt werden. Nach dem Aufnehmen mit Salz-
säure und Fällen mit Chlorammonium erhält man
uun das P. ziemlich frei von Iridium. Noch an-
dere Verfahren bedienen sich des Ätznatrons oder
des Ätzkalkes, um aus der zuerst mit Königs-
wasser erhaltenen Lösung das Eisen, Kupfer, Iri-
dium und Rhodium auszufällen. Der nach der
®)hen oder anderen Arbeitsweise erhaltene P.-
Bchwamm bildet nach dem Zerreiben ein graues
Pulver, das nur bei der Hitze des Knallgas-
gobläses in Tiegeln oder vertieften Herden aus
Sebranntem Kalk geschmolzen werden kann. Die
Se&amp;chmolzene Masse besitzt eine grauweiße Farbe
Und ein spez. Gew. von 21,4. Sie ist so gefügig
und bearbeitbar wie das beste Kupfer, zähe und
geschmeidig, läßt sich gießen und hämmern, zu
“habt ausziehen und zu Blech walzen. Das
^■tomgewicht beträgt Pt= 194,8. Für die meisten
jGvecke der Praxis ist ein gewisser Iridiumge-
«alt vorteilhaft, da Legierungen mit 10—150/0
hidium der Hitze und den Säuren besser wider-
stehen, und solche mit 20 °/o Iridium sind selbst
gegen Königswasser unangreifbar. Wegen seiner
''ortrefflichen Eigenschaften, seiner Beständig-
•feit gegen Feuer und Chemikalien wird das P.
zahlreichen Geräten des chemischen Labo-

ratoriums : Blechen, Tiegeln, Retorten und Scha-
len verarbeitet. Flußsäure wird in Platinflaschen
aufbewahrt und Schwefelsäure in Platinkesseln
eingedampft. Allerdings sind bei seiner Ver-
wendung gewisse Vorsichtsmaßregeln zu beob-
achten. Das Platin muß in erster Linie vor der
Berührung mit glühenden Kohlen und rußenden
Flammen geschützt werden, weil es sonst durch
■Bildung von Kohlenstoff-Platin brüchig wird.
Auch darf es, nicht zum Schmelzen von Metallen
(besonders Blei) und von ätzenden Alkalien so-
wie zum Arbeiten mit Chlor, Brom, Jod, Phos-
phor und Schwefel benutzt werden. — In einer
besonders feinen Verteilung, Platinschwamm,
erhält man das Metall beim Glühen von Platin-
salmiak, und in Form eines höchst feinen schwar-
zen Pulvers, Platinmohr und Platinschwarz,
wenn man die mit Kalilauge vermischte Lösung
in Königswasser mit Alkohol, Zucker oder Zink
reduziert. Dieses Pulver hat die Eigenschaft,
große Mengen Sauerstoff, bis zum toofachen
seines Volumens, in seinen Poren zu verdichten
und dadurch in einen weit aktiveren Zustand zu
versetzen. Es wird daher im Schwefelsäüre-Kon-
taktverfahren und zur Herstellung selbsttätiger
Gaszünder verwandt. — Das Platin dient außer
zu den genannten chemischen Gerätschaften zur
Herstellung von Normalmaßen, ferner auch in
Legierung mit Gold oder Silber in der Zahn-
technik und zum Platinieren anderer Metalle für
Blitzableiterspitzen, Wageschalen und Gewichts-
sätze, in Form seiner Verbindungen (s. Platin-
chlorid) zum Tonen in der Photographie statt
der Goldbäder, zum Bemalen von Porzellan und
Steingut und zur Herstellung von Spiegeln. Der
Preis ist außerordentlich schwankend und soll
durch Einschränkung der russischen Gewinnung
absichtlich hoch gehalten werden. Im Jahre 1914
betrug er 6 M. für 1 g, die Ausbeute 7000 kg.

Platinchlorid (Chlorplatin, lat. Platinum
chloratum, frz. Chlorüre de platine, engl. Chlo-
ride of Platinum) wird durch Auflösen von Platin-
metall in heißem Königswasser und vorsichtiges
Eindampfen in Form dunkelroter Kristalle er-
halten, die sich in Wasser mit gelber Farbe lösen.
P. dient zur Herstellung von Platinlüster auf
Glas und Porzellan, in der analytischen Chemie
zur quantitativen Bestimmung des Kaliums, in
der Photographie zu Tonbädern und zur Her-
stellung von Platinpapieren.

Platinoid, eine Metalllegierung, besteht aus
Neusilber (Argentan) mit einem Gehalt von 1 bis
2 0/0 Wolframmetall.

Plattierte Waren sind Metallgegenstände aus
einem geringwertigen Metalle, das mit Blätt-
chen oder dünnem Blech eines wertvolleren
Metalles überzogen ist. Kupfer oder Neusilber
bilden meist die Grundmasse, Silber, seltener
Gold, die Decke. Das Plattieren, das vor 150
Jahren in England aufkam, hat seit Einführung
des Neusilbers und der vernickelten Waren so-
wie seit dem Auftreten der galvanischen Ver-
silberung sehr an Bedeutung verloren. — In der
Regel werden die zur Herstellung plattierter
W. bestimmten Bleche von unedlem Metall
gleich mit etwa papierdicken Silberblättern (!/40
bis i/ro vom Gesamtgewichte) belegt, indem man
das Blatt über die Ränder der Platte umbiegt,
beide über Kohlenfeuer glüht und durch An-
        <pb n="353" />
        ﻿BKÜWSSiS



Plüsch

346

Pomeranzen

reiben, später durch mehrmaliges Walzen im
glühenden Zustande die feste Verbindung her-
stellt. Eiserne, nicht aus Blech bestehende Gegen-
stände, wie Teile von Wagengeschirren und
Reitzeug, Türgriffe, Eßbestecke u. dgl. wurden
früher mit Hilfe von Zinn plattiert, das als Löt-
mittel zwischen Silber und Eisen trat. Jetzt wer-
den diese Gegenstände meist vernickelt.

Plüsch (frz. Peluche, engl. Plush, Shag), ein-
samtartiger Stoff, der sich vom eigentlichen Samt
(s. d.) nur durch die bedeutend längere Behaa-
rung unterscheidet, wird sowohl ganz in Seide
als auch in Wolle, Baumwolle und neuerdings
auch in Leinen hergestellt. Doppelplüsch zeigt
beiderseitige, doch auf der inneren Seite kürzere
Behaarung und gelangt in verschiedenen Farben,
wie auch bedruckt in den Handel. Zur Nach-
ahmung von Pelzwerk bestimmter P. führt be-
sondere Namen, wie Astrachan oder falscher
Krimmer.

Podophyllin (lat. Podophyllinum, frz. Resine
de podophyllum, engl. Resin of podophyllum),
der wirksame Bestandteil der P odophyllum-
wurzel, in der er zu 2—zt/gO/o enthalten ist,
kommt als amorphe, dunkelbraune, harzartige
Masse in den Handel, die sich in Alkohol und
Äther löst. Das P., das wie die P.-Wurzel (s. d.)
medizinische Verwendung findet, ist kein ein-
heitlicher Körper, sondern ein Gemenge aus
zwei kristallisierbaren Stoffen, dem Podophyl-
lotoxin und dem Pikropodop hyllin, mit
einem amorphen, dem Querzetin ähnlichen
gelben Farbstoffe.

Podophyllwurzel (Fußblattwurzel, Enten-
fußwurzel, lat. Rhizoma podophylli, frz. Rhi-
zome de podophyllum, engl. Podophyllum root),
der getrocknete, oft über i m lang werdende
Wurzelstock von Podophyllum peltatum,
einer im östlichen Teile Nordamerikas verbrei-
teten Pflanze, kommt in rötlich braunen oder
gräulichen Stücken von höchstens 2 dm Länge
in den Handel. Die Bruchstücke tragen an ihrem
knotigen Ende eine vertiefte Stengelnarbe und
unterseits ungefähr 10 dünne blasse Wurzeln, die
leicht abbrechen. Der bisweilen verzweigte, im
Querschnitt elliptische, höchstens 1 cm dicke
Wurzelstock erscheint im Inneren Weiß mit einem
dünnen Kreis von 20—40 gelben Gefäßbündeln.
Der Geruch ist unangenehm narkotisch, der Ge-
schmack widerlich bitter und scharf. Die P. bil-
det ein in Nordamerika viel gebrauchtes Arznei-
mittel gegen Würmer und wirkt auch Erbrechen
erregend. Sie enthält Podophyllin (s. d.) und
Podophyl! insäure.

Poho (Pohoöl, Pohoessenz) nennt man
die bei der Herstellung des Menthols aus japa-
nischem Pfefferminzöl hinterbleibende Flüssig-
keit, die auch unter der Bezeichnung Gouttes
japonaises gegen Kopfschmerz und Migräne
Verwendung findet. — Neuerdings wird eine
mit Menthol gefüllte Metallhülse als P. verkauft.

Poleikraut (Flohkraut, lat. Herba pulegii,
frz. Herbe de pouillot, engl. Poley) stammt von
einer Art Minze (Mentha Pulegium s. Pule-
gium vulgare), die in Süddeutschland und
Schlesien sowie in Mitteldeutschland nicht selten
(auf sandigen, zeitweiliger Überschwemmung aus-
gesetzten Stellen wächst. Die Stengel sind nieder-
liegend, die kleinen gegenständigen. Blätter rund-

lich und drüsig punktiert, die in Quirlen ste-
henden Lippenblüten hell purpurrot oder lila.
Das frische Kraut riecht durchdringend gewürz-
haft, der Geschmack ist brennend und bitter.
Die in der Blüte gesammelte und getrocknete
Pflanze dient als bitteres, aromatisches Volks-
heilmittel, Das aus dem blühenden Kraute mit
Wasser destillierte ätherische öl (Poleiöl, lat.
Oleum pulegii, frz. Essence de pouillot, engl.
Oil of European Pennyroyal) ist gelb bis rüt-
lichgelb und riecht und schmeckt minzartig. Es
besteht zum größten Teil aus dem bei 2210
siedenden Keton Pulegon und wird wie das
Kraut verwandt.

Polierschiefer (Silbertripel), eine leichte,
schiefrig erdige, zerreibliche Masse von gelblich-,
gräulich- oder bräunlichweißer Farbe, die sich
mager anfühlt, wenig an der Zunge klebt und
vermöge ihrer Lockerheit auf Wasser schwimmt,
nach dem Eindringen des Wassers jedoch unter-
sinkt, ist eine Abart des Tripels und besteht wie
dieser aus den hinterlassenen Kieselpanzem mi-
kroskopischer Tierchen (Galli onella). Nur
durch Gewicht und Dichtheit unterscheidet sich
der Klebschiefer (Saugschiefer), eine derbe
dünnblätterige Masse, die sich stark an die Zunge
hängt und, gepulvert, wie jener, zum Putzen von
Metallen, Glas usw. dient. Der P. findet sich in
Böhmen bei Biljn und Warnsdorf.

Polpapier zur Auffindung des negativen Pols
elektrischer Batterien besteht aus einem mit
Lösungen von Phenolphtalein und Neutralsalzen
(Salpeter, Glaubersalz) getränkten Filtrierpapier.
Beim Anlegen des befeuchteten Reagenspapiers
an den negativen Pol wird Alkali in Freiheit ge-
setzt, das mit dem Phenolphtalein eine rote
Färbung liefert.

Pomeranzen (frz. Oränges, engl. Oranges),
die Früchte des Pomeranzenbaumes, Citrus
Au ran ti um, kommen in zahlreichen Arten mit
süßem und mit bitterem, zugleich sauer schmek-
kendem Safte in den Handel, doch werden nur
die ersteren als Obst genossen. Die getrockneten
Schalen der bitteren Sorten C. Aurantium Bi-
garadia bilden unter dem Namen Pomeranzen-
schalen (lat. Cortex fructuum aurantiorum ama-
rorum, frz. Ecorce d’Oranges amöres, engl., Oran-
ge peels) einen Gegenstand des Drogenhandels
und Werden sowohl in Apotheken und Drogerien,
als auch zur Plerstellung von Likören benutzt.
Man erhält sie in Form elliptischer, an beiden
Enden zugespitzter Abschnitte, die außen dunkel-
rotgelb bis bräunlich gefärbt, ziemlich hart und
rauh und mit zahlreichen Poren, den Überresten
eingetrockneter Ölbehälter, versehen sind. Die
Innenfläche ist, wie bei allen Früchten der
Hesperideen, mit einem schwammigen, gelblich-
weißen Überzug versehen, der nach vorherigem
Einweichen in Wasser durch Schaben mit dem
Messer entfernt werden kann und der Träger des
bitteren Geschmackes ist, während die gelbe
Außenschale (lat. Cortex fructuum aurantiorum
amarorum expulpatus seu sine parenchymate
seu Flavedo aurantii) ätherisches Öl enthält. —1
Eine besondere Art von Pomeranzenschalen bil-
den die Curacaosch.alen (s. d.). — Die eben-
falls in den Handel kommenden sehr harten un-
reifen Früchte des bitteren Pomeranzenbaumes
(lat. Fructus aurantii immaturi, frz. Orangettes,
        <pb n="354" />
        ﻿Pomeranzenöl

347

Portwein

engl. Orange peas) haben die Größe einer Erbse
bis zu der einer Kirsche und eine rauhe, runzelige
Oberfläche von grünlichbrauner Farbe und ent-
halten Hesperidin und ätherisches Öl. Man
verwendet sie zu Tinkturen und bitteren Likören.
— Von der Spielart Citrus Aurantium spata-
forma kommen die frischen Schalen in Zucker
eingemacht unter dem Namen Orangeat in den
Handel (vgl. Chinois). ’

Pomeranzenöl (lat. Oleum corticis aurantio-
tum, frz. Essence d’Oranges, engl. Oil of oranges),
das durch Auspressen der Pomeranzenschalen
gewonnene ätherische Öl, kommt als süßes und
bitteres in den Handel. Das gelbe bis gelb-
braune süße Pomeranzenöl von Citrus Au-
rantium, hat ein spez. Gew. von 0,848—0,853
Und dreht bei 20° zwischen —f— 950 30' und —[— 98
Das ebenso gefärbte bittere P. aus den
Fruchtschalen von Citrus A. Bigaradia
Unterscheidet sich Vom süßen hauptsächlich
durch den bitteren Geschmack und das ge-
ringere Drehungsvermögen (+89 bis -[-940).
Spez. Gew. 0,852—0,857. Das bittere P., welches
die teurere Sorte darstellt, findet nur zur Her-
stellung von Likören Verwendung, das süße
außerdem auch in der Parfümerie.

Ponceau. Diesen Namen führen zahlreiche
Hnander ähnliche Teerfarbstoffe, die sämt-
lich vom Betanaphthol abstammen. Durch Be-
handlung mit konzentrierter Schwefelsäure ent-
stehen zwei isomere Disulfosäuren, welche durch
die verschiedene Löslichkeit ihrer Natriumsalze
Jn Alkohol voneinander getrennt werden können.
Hie Säure des in Alkohol unlöslichen Natrium-
salzes R wird mit A bezeichnet und gibt bei
der Behandlung mit den höheren homologen
Gliedern des Diazobenzols sehr schöne ponceau-
tote Farbstoffe, während die Säure des in Alko-
hol löslichen Natronsalzes G, die man mit B be-
Jrichnet, mit jenen Homologen mehr gelbstichige
Farbstoffe liefert. Dadurch, daß man bald das
e&gt;ne, bald das andere dieser Salze auf die Diazo-
Verbindungen des Benzols, Toluols, Xylols, Ru-
dtols, Äthylxylols oder Mesithylens einwirken
hißt, erhält man eine große Anzahl ähnlicher
^arbstoffe von verschiedenen Tönen, die in der
Färberei Verwendung finden. So sind Ponceau
1 1 3 R, 3 RB und S extra dem Biebricher Schar-
*ach ganz ähnlich. Ponceau G, GT, 2 G, 4GB
vs. Krozeinorange) und RT sind rote Pulver, die
tv°lle mehr orangerot färben, 3 G und 3 I färben
I°t- Ponceau 2R ist Xylidinpönceau (s. d.);
{ °nceau 3R (Kuinidinponceau) wird aus Diazo-
hurnolchlorid und ß-Napbtoldisulfosäu.re her-
Sostellt. Ponceau 4R und 6R (s.Neukokzin).
v°nceau s R ist ein Diazofarbstoff aus Amido-
^obenzol- und ß-Naphtoltrisülfosäure. Ponceau
4Rß ist gleich Krozeinscharlach.

Popelins (Popeleens), leichte durchsichtige
Gewebe zu Damenkleidern, wurden ursprünglich
au,s Seide gewebt, sind aber jetzt meist halb-
Se’tlen, mit Einschlag von Kammgarn oder Baum-
wolle, und in allen gangbaren Farben, glatt oder
Setnustert, vorhanden. Popeline de laine be-
steht nur aus Kammgarn.

. Porphyr nennt man Eruptivgesteine, die in
einer dichten odersehr feinkörnigen Grundmasse
l'hlreiche größere Kristalle oder Kristalltrümmer
41ernlich gleichmäßig verteilt eingeschlossen ent-

halten und deshalb auf Schlifflächen ein getüp-
feltes oder gesprenkeltes Aussehen zeigen. Der
verbreitetste und für die Technik wichtigste
ist der quarz führende oder Relsitporphyr,
auch roter P. genannt, weil ihm diese Farbe in
seiner Grundmasse, wenigstens in gewissen Ge-
birgen eigen ist, der aber auch grau, braun, grün-
lich, gelblich oder bläulich erscheinen kann.
Seine Grundmasse ist ein inniges Gemenge von
Feldspat und Quarz, von dem sich die eingestreu-
ten Körner oder Kristalle von Feldspat oder
Quarz in helleren weißlichen, rötlichen und an-
deren Tönen abheben. Im' unbehauenen Zustande
benutzt man den P. als Baustein für Grund-
bauten, bisweilen auch als Pflasterstein, zer-
schlagen als Unterlage für Kunststraßen. Ver-
möge seines hohen Kieseigehaltes ist er sehr
hart, dabei hoher Politur fähig und daher seit
alten Zeiten zu Kunstwerken, wie Vasen, Schalen,
Urnen, Tischplatten, Säulen und anderen bau-
lichen Verzierungen benutzt worden. Am schön-
sten kommt der rote P. im Ural- und Altai-
gebirge sowie in Schweden (Elfdalen) vor. Die
Alten bezogen ihn von den Küsten des Roten
Meeres und vom Sinai. Grüner P., mit schwärz-
lichgrüner Grundmasse und reichlich eingestreu-
ten weißlichen oder hellgrünlichen Kristallen
findet sich auf Korsika, in Oberitalien und man-
chen Gegenden am Rhein, schwarzer P., mit
schwarzem Grund und weißen Feldspatkristallen,
auf Korsika, solcher mit schwarzgrünem Grund
und weißen Albitkristallen zu Beresowsk in Si-
birien.

Porschkraut (lat. Herba ledi palustris, frz.
Rosmarin sauvage, engl. Wild rosmary), das
Kraut der im nördlichen Europa heimischen Eri-
kazee Ledum palustre, besitzt grüne, dem
Rosmarin ähnliche braunfilzige Blätter mit kur-
zen Stielen, starkem Geruch und aromatischem
Geschmack. Wegen des in ihm vorhandenen äthe-
rischen Öls, das den giftigen Ledumkampfer
enthält, findet es als Mittel gegen Keuchhusten
und Rheumatismus, äußerlich zu Bädern sowie
zur Vertreibung von Motten, Wanzen und ähn-
lichem Ungeziefer Verwendung.

Porter nennt man in Deutschland alle dunklen
englischen Biere, während in England nur die
leichten dunklen Biere, das gewöhnliche Getränk
der arbeitenden Klasse, so bezeichnet werden,
die schwereren Exportbiere aber Stout (Double-
Stout, Extra-Stout, Brown-Stout) heißen. Der
Stout wird aus einem Gemisch von hellem und
dunklem Malz unter Zusatz von Farbmalz und’
Zucker hergestellt. Der Hopfenzusatz ist gering.
Porter wird in verschiedenen Stärken von 28 °/o,
20—230/0, 15—18 0/0 und 12—150/0 Stammwürze-
gehalt eingebraut. Der Alkoholgehalt der stär-
keren Sorten beträgt gegen 5 °/o.

Portwein, ein zu den süßen Südweinen gehö-
render, stark alkoholischer Wein, wird in Portu-
gal in der Weise hergestellt, daß man den sehr
dunklen Most nach beendeter Gärung mit Spiri-
tus versetzt. Bei geringeren Jahrgängen erfolgt
außerdem ein Zusatz von Jerropiga, einem
nach Art der Aropa eingedickten Moste sowie von
Holunderbeerextrakt. Der P, enthält neben etwa
80/0 Extrakt mit 6°/o Zucker, 0,40/0 Weinsäure,
0,340/0 Glyzerin und 0,2 °/o Asche, 16—170/0 Al-
kohol. Nach längerem Lagern scheidet derWein
        <pb n="355" />
        ﻿Porzellan

348

Porzellan

einen, Teil des Farbstoffs an den Flaschenwan-
dungen ab und besitzt dann eine rot- oder gelb-
braune Farbe. Nach dem deutsch-portugiesischen
Handels- und Schiffahxtsvertrage vom 30. XII.
1908 darf die Bezeichnung P. nur für Weine aus
dem Dourogebiete benutzt werden. Auch ähn-
liche Wortbildungen wie Oporto, Tarragonaport,
Portogrec, selbst mit dem Zusatz Typ, sind für
Nachahmungen verboten.

Porzellan (frz. Porcelaine, engl. Porcelain,
China) nennt man die edelste Klasse der dichten
Tonwaren, die sich durch muscheligen, dicht ge-
fritteten Bruch auszeichnen und in die Unter-
abteilungen : glasiertes und nicht glasiertes P.,
ferner echtes oder hartes, Fritten- oder weiches,
Statuen- oder Biskuit-P. zerfallen. Das Echte
oder Hartporzellan ist eine alte Erfindung der
Chinesen, deren Ursprung in das 9. bis 10. Jahr-
hundert v. Chr. verlegt wird. Aus dem Chinesi-
schen stammt auch die Bezeichnung des P.-Tons,
Kaolin, nach einem an feldspathaltigen Ge-
steinen reichen Gebirge. Erst viel später kamen
Porzellangeräte als Handelswaren aus China
durch Holländer und Portugiesen nach Europa,
und von den letzteren rührt der Name P. her nach
einer porcella (Schweinchen) genannten See-
muschel, mit deren Schale die chinesischen P.-Ge-
schirre einige Ähnlichkeit hatten. Dem schwung-
vollen Handel der Holländer und Portugiesen
wurde ein Ende bereitet durch die Erfindung des
deutschen Porzellans, die eine Zeitlang zu Un-
recht dem Freiherrn v. Tschirnhausen zuge-
schrieben wurde, nach neueren Untersuchungen
des Direktors der Meißner Porzellanmanufaktur
Dr. Heintze aber zweifellos das Werk Bött-
chers ist. Dieser auf der Albrechtsburg fest-
gesetzte Alchymist erfand an Stelle des erwarte-
ten Goldes im Jahre 1704 das braune, 1709 das
erste weiße P. Später folgten Frankreich (Sö-
vres-P.) und England (Wedgewood). Als Roh-
stoffe dienen Feldspat und Kaolin, die unter
ihrem eigenen Namen besprochen sind, und als
Zusätze bisweilen noch Gips, Kreide, Quarz oder
alte Porzellanscherben. Alle Bestandteile werden,
Feldspat und Quarz nach vorherigem Glühen und
Abschrecken in kaltem Wasser, durch Stampfen,
Mahlen und Schlämmen in das feinste Pulver
verwandelt und die Brühen in entsprechen-
dem Verhältnis gemischt. Der abgesetzte weiße
Schlamm wird durch Filterpressen bis auf einen
Feuchtigkeitsgehalt von etwa 25 % entwässert,
durchgearbeitet und, in Ballen geformt, einer
längere Zeit dauernden Gärung oder Rottung
überlassen. Zur Beförderung der Fäulnis, bei
der unter Schwefelwasserstoffentwicklung und
Schwarzfärbung^ größere Gleichmäßigkeit erzielt
wird, setzt man bisweilen Jauche oder Moor-
wasser hinzu. Die Masse wird auf der Töpfer-
scheibe, in Gipsformen oder aus freier Hand ge-
formt, darauf bei gelinder Wärme, vor Sonne
und Luftzug geschützt, getrocknet und zum ersten
Brennen in den Verglühofen gebracht. Die
einzelnen Stücke werden in Kapseln aus Ton
und Schamotte einer Temperatur von 700 bis
8000 ausgesetzt, wobei sie durch Zusammensintern
des Feldspats mit der völlig unschmelzbaren
Tonerde in eine gleichmäßige, aber wenig feste
und poröse Masse übergehen. Zu dem nun fol-
genden Glasieren bedient man sich einer etwas

anders zusammengesetzten J’orzellanmasse, die
infolge einesgeringerenTon-underhöhtenKiesel-
säuregehaltes etwas leichter als das Porzellan
selbst schmilzt. Die Glasur, deren Zusammen-
setzung derjenigen des Scherbens entsprechend
gewählt wird, muß strengflüssig sein und gerade
dann völlig schmelzen, wenn die Grundmasse zu
erweichen beginnt. Die zu glasierenden, porösen/
Stücke werden in die zu einer feinen Milch an-
geschlämmte Glasur getaucht, saugen diese auf
und kommen dann nach dem Trocknen wieder
in Kapseln. Die Stelle, an welcher der Gegen-
stand der Kapsel aufliegt, muß durch Abschaben
von der Glasur befreit werden, um ein Ankleben
zu verhindern. Durch diesen unglasierten Boden-
rand lassen sich Porzellangefäße von Steingut
unterscheiden. Das Gar- oder Glattbrennen
erfolgt bei höheren, allmählich bis auf 17000
steigenden Temperaturen und dauert 16—18
Stunden, das folgende Abkühlen 3—4 Tage.
Schließlich folgt das Sortieren der Stücke in
Feingut, Mittelgut, Ausschuß und Bruch und
je nach Bedarf das Dekorieren durch Metalle
und Farben. Nur wenige Farben sind so feuer-
beständig, daß sie die Hitze des zweiten Brandes
aushalten und daher gleich auf das poröse Bis-
kuit, also unter die Glasur gebracht werden
können. Als derartige Scharffeuerfarben ver-
wendet man Kobaltoxyd für Blau, Uranoxyd und
Iridiumoxyd für Schwarz, Chromoxyd für Grün,
Eisen- und Mang^oioxyd für Braun, Nickeloxyd
für Oliv und Titan,oxyd für Gelb. Da sich aber
mit dieser kleinen Farbenzusammenstellung nicht
wohl malen läßt, sind die Dekorationen unter
Glasur nur einfarbig. Am häufigsten werden
daher Malereien und Dekorationen auf die Glasur
aufgetragen und besonders in Muffeln einge-
brannt. Die hierzu benutzten Muffelfarben be-
stehen aus Gemischen von pulverförmigen Metall-
oxyden mit Flußmitteln, wie Bleiglas oder Borax-
glas, mit denen sie bei geringer Glühhitze ver-
glasen und auf der Glasur des P. festhaften,
ohne daß diese selbst wieder in Fluß käme. Die
Schwierigkeit in der Anwendung dieser Stoffe
besteht darin, daß sie nach dem Schmelzen viel-
fach erst ihre eigene Farbe annehmen. Sie
werden, mit einem flüchtigen Öl (dick geworde-
nem Terpentinöl, Lavendelöl) verrieben, aufge-
tragen und über einer Flamme abgetrocknet.
Oft muß das Malen und Einbrennen mehrmals
wiederholt werden, und zwar mit den schwer
schmelzbaren Farben zuerst, mit den leichter
flüssigen bei gelinderer Hitze nachher. Nur we-
nige Farben vertragen ein Übereinandersetzen.
Zur Verzierung mit Gold, Silber und Platin be-
dient man sich der aus ihren Lösungen in feiner
Verteilung niedergeschlagenen Metalle, die mit
basischem Wismutnitrat und öl angerieben und
mit Pinseln aufgetragen werden. Nach dem Ein-
brennen erscheinen die Metalle matt und erhalten
ihren Glanz erst durch den Polierstein. Das Ver-
fahren der direkten Glanz Vergoldung, das
früher Geheimnis der Meißner Manufaktur war-
besteht, in der Anwendung von Schwefelgold.
Knallgold oder Goldchlorid in Schwefelbalsarn-
Die sog. Metallüster, glänzende, regenbogen-
oder perlmutterartig schillernde Farben, werden
mit Hilfe besonderer, Uran und Wismut ent-
haltender, Gold-, Silber- und Platinpräparate er-
        <pb n="356" />
        ﻿Pottasche

349

Poudrette

se, die
Kiesel-
arzellan I
immen-
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gerade
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porösen
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Gegen-
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Boden- I
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Ver-

das

war.

[gold,

Isain-

ogen"

ärdefl

ent'

:e er-

zeugt. — Das Fritten- oder weiche Porzellan
ist kein eigentliches P., da es keinen Tonzusatz
erhält, sondern ein aus Soda, Kochsalz, Salpeter,
Alaun, Gips, Schwerspat und Sand mit einem
Grundkörper aus Kreide und Mergel hergestelltes
Glas. Es stellt eine weiße, durchscheinende,
dem chinesischen Porzellan ähnliche Masse dar.
Als Glasur bedient man sich eines Gemisches von
Soda, Mennige und Borax. Wegen seiner leich-
ten Schmelzbarkeit und geringen Widerstands-
fähigkeit gegen Temperaturwechsel wird es nur
noch zu Schaustücken verwandt. Eine Unter-
abteilung des Frittenporzellans bildet das eng-
lische oder natürliche Weichporzellan, das
Wegen der Verwendung von Knooheinasche auch
Knoche n porzellan genannt wird. Zu seiner
Darstellung wird ein Gemisch von Kaolin, plasti-
schem Ton, Feuerstein und Knochenasche bei
verhältnismäßig niedriger Temperatur gebrannt
Und mit einer Glasur von Feldspat, Feuerstein
Borax und Bleiglas überzogen. Das dritte Weich-
Porzellan endlich, das Seger-P., besteht aus
einem Grundkörper von Ton, Quarz und Feld-
spat, auf den nach dem Brennen eine Feldspat-
glasur aufgetragen wird. — Unglasiertes Por-
zellan, zu dem das Biskuit-, Statuen- oder
Figurenporzellan gehört, besteht aus der Masse
des echten Hartporzellans, die nur einen höheren
Zusatz von Flußmitteln erhält und ohne Glasur
stärker gebrannt wird. — P. ist einer der wich-
tigsten Gebrauchsgegenstände des täglichen Le-
bens und findet in seinein verschiedenen Sorten
zu Küchengeschirren, chemischen Apparaten und
Kunstgegenständen der mannigfaltigsten Art aus-
gedehnte Anwendung.

Pottasche (Potasche, kohlensaures Kali,
kohlensaures Kalium, Kaliumkarbonat, lat.
Kalium carbonicum, Cineres clavellati, frz. Po-
tasse, Carbonate de potasse, engl. Potash), ein
Überaus wichtiger Gegenstand des Chemikalien-
handels, besteht in reinster Form aus Kalium-
karbonat, K2C03, ist aber in rohem Zustande
stets mehr odef weniger verunreinigt. Früher
Sewann man die P. ausschließlich durch Ver-
brennen von Pflanzemstoffen, namentlich, Holz,
tu denen das Kalium mit organischen Säuren ver-
bunden vorkommt. Die Asche wurde in Laugen-
fässern mit warmem Wasser übergossen, und die
Kösung von etwa 200 B6 in Pfannen oder Kesseln
bis zur völligen Trockne eingedampft. Wenn
hierbei zum Schluß mit eisernen Rührscheiten
Utngerührt wurde, so daß die Masse sich zu rund-
hchen, stark wasserhaltigen Klumpen vereinigte,
bezeichnete man sie als ausgerührte P.
Unterblieb das Rühren und wurde die erkaltete
Schmelze so fest, daß sie mit Hammer und
Meißel herausgeschlagen werden mußte, so ent-
band die ausgeschlagene P. Beide Sorten
^phpotlasche sind durch brenzliche, bei unvoll-
ständiger Verbrennung des Holzes entstandene
Stoffe tiefbraun gefärbt und können nur für ge-
wisse, mit hohen Temperaturen arbeitende Fa-
briken, wie von Glas und Blutlaugensalz, direkt
benutzt werden. Für die meisten übrigen Zwecke
bPrß sie durch Kalzinieren entfärbt und in ge-
wöhnliche P. verwandelt werden. Das Kalzi-
n*eren besteht darin, daß man den Rohstoff
Pnter fleißigem Umrühren einer nicht zu hohen
Glühhitze (nicht bis zum Schmelzen), am besten

dem Zugfeuer eines Flammenofens, aussetzt. Die
Ware erscheint dann weiß oder durch einen
kleinen Gehalt an Eisenoxyd rötlich, oder auch
wohl durch etwas entstandenes mangansaures
Kali bläulich gefärbt (Perlasche). Wegen ihrer
großen Begierde, Wasser aus der Luft anzu-
ziehen, wurde sie früher in Töpfen verkauft, die
mit einer luftabhaltenden Decke verschlossen
waren, und hat davon ihren, Namen erhalten.
Größere Mengen P. werden in Fässern verpackt,
die recht dicht sein müssen, da sonst der Inhalt
naß und schmierig wird, oder gar als Lauge
durch die Fugen dringt. Die gewöhnliche, aus
Pflanzenasche stammende P. enthält neben' 40 bis
75 0/0 Kaliumkarbonat meist noch 3—40 °/o schwe-
felsaures Kali, bis 20% Chlorkalium, bis 6°/o
kohlensaures Natron und unlösliche Bestandteile,
die durch die Filter gegangen oder beim Kal-
zinieren als Asche eingeflogen sind. Der Gehalt
an kohlensaurem Kali gibt den Wertmesser ab.
Zur Entfernung der Beimengungen löst man, das
Salz in möglichst wenig heißem Wasser, worauf die
fremden Salze größtenteils herauskristallisieren
und beim Wiedereindampfen der abgezogenen
Lauge eine viel reinere Ware hinterbleibt. Neuer-
dings stellt man P. in ähnlicher Weise aus Wein-
geläger, Wollschweiß und Wollwaschwasser,
Branntweinschlempe und Melasserückständen
sowie aus Chlorkalium nach dem bei Soda be-
schriebenen Verfahren oder nach dem Magnesia-
verfahren von Engel her. Nach dem letzteren
leitet man Kohlensäure in ein Gemisch von Mag-
nesia und Chlorkaliumlösung, wobei neben Chlor
magnesdum ein schwer lösliches Kaliummagne
siumkarbonat entsteht, das abfiltriert und durch
Erhitzen von der Magnesia befreit wird. Das
so erhaltene Erzeugnis ist wesentlich reiner (bis
98 0/0 K2CO3). — Chemisch reines Kaliumkar-
bonat erhält man durch Glühen von Kalium-
bikarbonat, oder eines Gemisches gleicher Teile
reinem Weinstein und Salpeter, woher der Name
Kalium carbonicum e tartaro oder auch
Sal tartari (Weinsteinsalz) stammt. Es be-
steht aus 68,2 Teilen Kali und 31,8 Teilen
Kohlensäure, hat einen scharfen, ätzenden Ge-
schmack und stark alkalische Reaktion, zieht
aus der Luft begierig Wasser an und zerfließt
damit, ist aber in Alkohol und Äther unlöslich.
In der Glühhitze gerät das Salz in feurigen Fluß
und ist dann flüssig wie Wasser, ohne jedoch
Kohlensäure zu verlieren. Wegen seiner hygro-
skopischen Eigenschaften muß es in gut ver-
schlossenen Gefäßen aufbewahrt werden. P. fin-
det in der Medizin als harnsäurelösendes Mittel
beschränkte Anwendung, wird aber in ungeheu-
ren Mengen, trotzdem es für viele Zwecke durch
die billigere Soda verdrängt worden ist, von der
chemischen Großindustrie gebraucht, so zur Her-
stellung des farblosen Kristallglases, ferner des
Ätzkalis, des gelben und roten Blutlaugen-
salzes, des chromsauren Kalis, der Kali-
lauge, der weichen Kaliseife (Schmierseife),
des Kaliwasserglases usw. Die deutsche
Jahreserzeugung beläuft sich auf 30 000 t.

Poudrette (deutscher . oder künstlicher
Guano) besteht aus geruchlos gemachten, ge-
trockneten und gepulverten Menschenexkre-
menten, vermischt mit trockenen Stoffen (Erde,
Torf, Kolüenpulver, Asche, Fleisch- und Kot-
        <pb n="357" />
        ﻿Preiselbeeren

350

Puddingpulver

abfall, Kehricht, Ziegelpulver). Abgesehen von
China, wo man die Mischung von Exkrementen
mit Ziegelpulver als Taffö verkauft, wird die
meiste P. und das in ähnlicher Weise aus Harn
hergestellte Ural in Frankreich dargestellt und
verbraucht. —• Die P. bildet eine dunkelschwarze,
pulverförmige Masse, die begierig Wasser an-
zieht und deshalb vorzüglich für Sandboden ge-
eignet ist. Sie kann zu jeder Pflanze, sowohl zur
Saat als auch während des Wachstums, ver-
wandt werden, da sie den Wurzeln nicht schadet.
Wie bei allen Kunstdüngern muß der Hersteller
den Gehalt an den wichtigeren Bestandteilen,
Phosphorsäure (bis zu 8 °/o) und Stickstoff (3 bis
5 0/0), verbürgen. 1 hl P. wiegt 67 kg. Man ver-
wendet auf 1 ha etwa 20—30 hl bei Ackerland
und 20 hl bei Wiesen. Das Urat ist reicher an
Stickstoff (bis 10 °/o) und an Phosphorsäure (bis
12 %).

Preiselbeeren (Kronsbeeren, rote Heidel-
beeren, Krausbeeren, frz. Airelles, Raisins
d’ours, engl. Bil berrys) sind die Früchte des
immergrünen Strauches Vaccinium vitis idaea,
der in Gebirgs wäldern Ost-, Mittel- und Nord-
europas häufig wächst. Die Beeren werden in
Deutschland vom 1. September an durch Frauen
und Kinder gesammelt und besonders aus dem
Erzgebirge, Thüringer Wald, Fichtelgebirge und
oberen Vogtland sowie Schweden in Körben
verpackt weithin versandt. Die stark sauren
und herben Früchte, die neben 2—21/2°lo freier
Äpfelsäure als charakteristischen Bestandteil etwas
Benzoesäure enthalten, sind an und für sich
kaum zu genießen, werden aber durch Kochen
mit Zucker in ein schmackhaftes Kompott um-
gewandelt. Im Handel sind durch Moosbeeren,
Vogelbeeren, Stärkesirup und Teerfarben ver-
fälschte P. angetroffen worden.

Primerose, ein durch Äthylierung des Eosins
(s. d.) erhaltener roter Teerfarbstoff, besteht
aus dem Kalisalze des Tetrabromfluoreszeinäthyl-
äthers. Es ist ein braunes, mit grünen Kriställ-
chen vermischtes Pulver, das sich leicht in Al-
kohol, aber schwer in Wasser löst und deshalb
auch Spriteosin, Äthyleosin, Primerose ä
l’alcool, Eosin ä I’alcool, EosinBB genannt
wird. —- Auch das durch Methylierung des
Eosins erhaltene Methyleosin, das mitErythrin
(s.d.) identisch ist, wird von den Franzosen
Primerose ä l’alcool genannt. — Primerose
soluble ist identisch mit Erythrosin.

Primula ist der Handelsname für ein Ge-
misch Von Methylviolett mit Fuchsin.

Probiersteine zur annähernden Ermittelung
des Gold- und Silbergehaltes von Legierungen wer-
den aus verschiedenen schwarzen harten Gesteinen
durch Glattschleifen hergestellt. Gewöhnlich be-
nutzt man hierzu eine Art schwarzen, bisweilen
mit weißen Adern durchzogenein Quarzes, den sog.
lydischen Stein oder Lydit, der in Lagern im
Tonschiefer vorkommt und in Steiermark, Thü-
ringen, Hessen und Schlesien gefunden wird,
seltener schwarzen Basalt und Jaspis. In England
wird zu dem gleichen Zwecke das schwarze, ge-
brannte Wedgewood benutzt. Bei der Unter-
suchung macht man mit dem zu prüfenden Me-
talle einen Strich, setzt daneben Striche mit ver-
schiedenen Nadeln von bestimmtem Goldgehalte,
bis man diejenige findet, deren Strich die gleiche

Farbe 'wie der erste hat. Zur weiteren Prüfung
bringt man auf den ersten Strich einen Tropfen
Salpetersäure, wodurch bei goldfreien gelben
Metallmischungen Auflösung erfolgt, doch ver-
schwindet auch bei ganz goldarmen Legierungen
das Gold, indem es mechanisch mit fortgenom-
men wird.

Propiolsäure (Orthonitrophenylpropiol-
säure) ist eine derjenigen Verbindungen, aus
denen sich auf künstlichem Wege, z. B. durch
Erwärmen mit Natronlauge und Traubenzucker
oder xanthogensaurem Kali, das Indigblau her-
steilen läßt. Zur Darstellung der 1880 von
A. Baeyer entdeckten P., CeH4(N02)C2.C00H,
behandelt man Toluol in der Wärme mit Chlor,
führt das entstehende Benzylenchlorid durch
Erhitzen mit essigsäurem Natron usw. in Zimt-
säure und letztere mit Salpetersäure in Ortho-
nitrozimtsäure über. Dem durch Behandlung
mit Brom erhaltenen Orthonitrozimtsäuredibro-
mid entzieht man das Brom durch Natronlauge
und scheidet durch Zusatz von Salzsäure die
P. ab. Sie besteht in chemisch reinem Zustande
aus farblosen Kristallnadeln, findet sich im Han-
del gewöhnlich aber als gelblichweißer, mit Kri-
stallblättchen durchsetzter Teig.

Propionsäure (Metazetonsäure, lat. Aci-
dum propionicum, frz. Acide propionique,. engl-
Propionic acid), eine zwischen der Essigsäure und
Buttersäure stehende Fettsäure, C3H7COOH, ist
eine ölige, scharf riechende Flüssigkeit, die sich
in Wasser leicht löst, durch zugesetzte Salze aber
wieder abgeschieden werden kann und bei 1400 C
unzersetzt überdestilliert.

Protargol, ein neueres Antiseptikum gegen
Tripper und zur Wundbehandlung, wird durch
Fällung von Silberlösungen mit Eiweißkörpern
und Lösung der entstehenden Niederschläge mit
Albumosen dargestellt. Das feine hellgelbe,
schwach metallisch schmeckende Pulver ist in
Wasser leicht löslich und enthält etwa 8 °/o Silber
an Albumosen gebunden.

Protopin, ein seltenes, im Opium vorkom-
mendes Alkaloid, ist in Wasser unlöslich und
auch in kochendem Alkohol ziemlich schwer
löslich, kristallisiert aber aus diesem in undurch-
sichtigen, kugeligen Kristallmassen. Der Schmelz-
punkt liegt bei 201 °C. Das P. ist eine starke
Base und gibt kristallisierbare Salze, die nicht
gelatinieren und in kaltem Wasser zum Teil
schwer löslich sind.

Prune, ein seit 1886 im Handel vorkommen-
der Teerfarbstoff, besteht aus dem Methyl-
äther des Gallozyanins und, wird durch Einwir-
kung von salzsaurem Nitrosodimethylanilin auf
Gallussäuremethyläther dargestellt. P.bildetbraun-
glänzende Kriställchen oder ein dunkelbraunes
in Wasser leicht lösliches Pulver und färbt mh
Tannin gebeizte Baumwolle und mit Chroffl"
salzen gebeizte Wolle blauviolett,

Puddingpulver sind Gemische von Stärke*
Maismehl oder anderen feinen Mehlen mit Zucker,
die künstlich gefärbt und mit Aromastoffen ver-
setzt werden. .Zusätze von Leguminosen oder
grob ausgemahlenen Getreidemehlen haben als
Verfälschung zu gelten. Beim Fehlen von Zucker
muß in der Gebrauchsanweisung ausdrücklich
darauf hingewiesen werden. Als Schokolade-,
Mandel-P. bezeichnete Waren müssen die ge"
        <pb n="358" />
        ﻿Puder

351

Putschuk

nannten Bestandteile wirklich enthalten und nicht
nur künstlich gefärbt oder aromatisiert sein.

Puder (frz. Poudre, engl. Powder) sind kos-
metische Pulvermischungen, welche dazu die-
nen, übermäßige Fettigkeit oder Feuchtigkeit
der Haut aufzusaugen und der Haut eine zarte
Färbung zu verleihen. Als Grundstoffe finden
meist feines Stärkemehl, Talkum, Magnesium-
karbonat, bei Streupulvern auch Lykopodium
Anwendung. Kosmetische Puder werden vielfach
mit Veilchenwurzel oder anderen Riechstoffen
Parfümiert und, je nach Wunsch, gefärbt, doch
dürfen hierzu nur giftfreie Farben, z. B. Karmin,
Karthamin, Zinkweiß, verwandt werden. Andere
zu Heilzwecken bestimmte P. erhalten Zusätze
von medizinischen Stoffen oder, wie Fußstreu-
Pulver, zur Beseitigung übler Gerüche, von
antiseptischen Mitteln (Borsäure, Salizylsäure).
Die berühmtesten P. wurden früher in Frank-
reich und England hergestellt, sind aber jetzt
von den deutschen Erzeugnissen völlig erreicht.

Pulsatillenkraut (lat. Herba pulsatillae, frz.
Herbe de pulsatille, engl. Wind flowers) wird im
Mai zur Blütezeit von zwei verwandten Ra-
nunkulazeen: Anemone pulsatilla und Ane-
mone pratensis, gesammelt, die m Europa und
Asien weit verbreitet Vorkommen. Die erstere,
die gemeine Küchenschelle hat einzelne auf-
rechtstehende, an der Außenseite stark seiden-
haarige Blüten von hellvioletter Farbe. Die Blü-
ten der anderen, der Wiesenanemone, sind weit
größer, überhängend und schwarzviolett gefärbt.
Das frische Kraut enthält als wirksamen Bestand-
teil das brennend scharfe Anemonin (Ane-
monen- oder Pulsatillenkampfer), C15PI1206, das
sich beim Trocknen zersetzt, und wird daher
Ausschließlich zur Bereitung von Extrakt und
Finktur benutzt. Das trockene Kraut ist geruch-
los und fast ohne scharfen Geschmack und muß
vorsichtig, nicht zu länge, aufbewahrt werden.
Pulver wie Auszüge finden beschränkte Anwen-
dung gegen Asthma, Keuchhusten, Kopfschmer-
zen und Star.

Pulufaser (Pulu), die braune Haarbekleidung
der Stämme und Blattstielbasen mehrerer tro-
pischer Baumfarne, namentlich der Gattung
Zibotium, die von den Sandwichinseln und
Sumatra zu uns kommt, wurde früher als Polster-
material empfohlen, hat sich aber wegen ihrer
Brüchigkeit nicht bewährt.

Pumpernickel, ein aus dem ganzen Korn her-
Sestelltes dunkelbraunes bis schwarzbraunes Brot,
das in Nordivestdeutschland, besonders bei Mün-
ster und Osnabrück, das allgemeine Nahrungs-
orot bildet, wird aus geschrotenem, nicht ge-
deuteltem reinen Roggen durch einen langen,
*6—20 Stunden dauernden Gärungsprozeß mit
Sauerteig und 16—zästündige Einwirkung der
Dfenhitze bereitet. Die großen, bis zu 30 kg
schweren Brote haben einen kräftigen aroma-
tischen Geruch und Geschmack, werden aber
tde alle Vollkornbrote wegen des hohen Roh-
tasergehaltes (1,50—2,000/0) nur unvollständig aus-
Senutzt. Der Wassergehalt beträgt etwa 42 0/0,
der Gehalt an Stickstoffsubstanz gegen 70/0. Die
ms Delikatesse in runden oder viereckigen Blech-
dosen versandten P., die meist schon in Scheiben
beschnitten sind, werden ebenfalls aus dem ganzen

Korn, aber unter geringerer Säuerung und
mit Zusatz von Zucker hergestellt.

Punschessenzen ■ (P.-Extrakte) sind zur
schnellen und bequemen Bereitung von Punsch
bestimmte Flüssigkeiten, die aus weißem, mit
Wasser gekochten Zucker und Rum, Arrak oder
Rotwein, oft auch mit Zusätzen von Fruchtsäften,
Wein- oder Zitronensäure, Alkohol und Gewürzen
hergestellt werden. Die Bezeichnung muß ihrer
Zusammensetzung entsprechen, der Alkoholgehalt
ist so zu bemessen, daß der nach Vorschrift ver-
dünnte trinkfertige Punsch noch io—12% Al-
kohol enthält. Als Rotweinpunsch bezeichnete
Erzeugnisse dürfen die im Weingesetze verbote-
nen Stoffe (Stärkesirup, Farbstoff, Salizylsäure)
nicht enthalten. — Punschpulver sind gering-
wertige Erzeugnisse der Kriegsindustrie, die meist
aus gefärbten, schwach aromatisierten Gemischen
von Zucker und etwas Weinsäure bestehen. —
Punschwürfel (Grog-W.), durch Zusatz von
Gelatine in feste Form gebrachte Mischungen
von Zucker, Essenzen, Farbe und etwas Alkohol.
Wegen des meist viel zu geringen Alkoholgehaltes
sind sie von den Gerichten durchweg als ver-
fälscht oder nachgemacht beurteilt worden.

Purgatin, ein neueres Abführmittel, besteht
aus Trioxydiazetylanthrachinon.

Purree (Piuri, Indischgelb, Jaune Indien,
Indian yellow) ist der Handelsname einer aus
Ostindien eingeführten weichen und leicht zer-
drückbaren Masse von außen dunkelbrauner,
innen tief orangegelber Farbe und eigentüm-
lichem tierischen, an Bibergeil erinnerndenGeruch,
über deren Ursprung noch nicht völlige Klarheit
herrscht. Während die meisten Fachleute an-
nehmen, daß die Ware aus dem Harn mit
Mangoblättern gefütterter Kühe hergestellt wird,
betrachten andere sie wegen der Abwesenheit
von Stickstoff als einen mit Magnesia eingedick-
ten Baumsaft. Als färbender Bestandteil ist
eine gelbe Pflanzensäure, die Euxanthinsäure,
CjgHigOi!, in Form des Magnesiumsalzes vor-
handen. Die Farbe wird in der feinen Öl-
malerei benutzt, ist aber durch die Teerfarbstoffe
nahezu verdrängt worden.

Puro, ein Nährpräparat (Fleischsaft ?), sollte
nach Angabe des Erfinders, Dr. Scholl, durch
Ausziehen von fettfreiem Fleisch unter hohem
Druck und Eindampfen des mit Suppenkräutern
versetzten Extraktes bis zum Sirup dargestellt
werden. Es enthält neben den Fleischbasen auch
erhebliche Mengen löslicher Stickstoffsubstanzen
in Form von Albumosen und wurde von zahl-
reichen Ärzten empfohlen. Durch eingehende
Untersuchungen von Prof. Gruber ist nachgewie-
sen worden, daß die Angaben des Herstellers
auf Unwahrheit beruhen-, P. enthält kein Fleisch-
eiweiß, sondern besteht im wesentlichen aus
einem Gemisch von Eieralbumin mit Fleisch-
extrakt.

Putschuk (Costus), die Wurzel einer distel-
artigen Pflanze, Auklandia Costus. die auf
den Gebirgen um Kaschmir wächst, wird im
September oder Oktober, wenn die Pflanze zu
welken anfängt, ausgegraben, in Stücke zer-
schnitten und ohne weitere Zubereitung zur Aus-
fuhr gebracht. Von demPendschab aus geht der
größte Teil nach Bombay sowie nach Hindostan
und China. Die Chinesen verbrennen die Wurzel
        <pb n="359" />
        ﻿Putzpomaden

352

Pyronine

in den Tempeln ihrer Götter anstatt Weihrauch
und schreiben ihr auch große Wirksamkeit gegen
die Syphilis zu. In Kaschmir braucht man sie
hauptsächlich als Schutzmittel gegen Insekten
beim Verpacken der Kaschmirschals in Ballen.

Putzpomaden sind salbenartige Putzmittel, die
meist unter Zusatz von Ölsäure mit Polierrot,
Eisenoxyd, Tripel und ähnlichen Stoffen her-
gestellt werden. — Putzseifen sind Gemische
aus feingeschlämmtem Tripel oder Neuenburger
Kreide mit Seife.—Die neuerdings auf den Markt
kommenden flüssigen Putzmittel, die unter
den verschiedensten Namen, wie Putzcreme,
Geolin, Sidol (s. d.), Kaol usw., gehandelt
werden, bestehen meist aus wäßrigen Anschläm-
mungen von Putzkalk oder Bolus mit Oxalsäure,
Ammoniak, Mineralölen u. dgl.

Puzzolanerde, ein nach der neapolitanischen
Stadt Puzzuoli benanntes, leicht zerbrechliches
Mineral vulkanischen Ursprungs von gelblicher,
rotgrauer oder braungrauer Farbe, Wurde von jeher
wegen ihrer Eigenschaft geschätzt, im Gemisch mit
fettem Kalk sogleich einensehr gutenZement zubil-
den. Sie besteht aus Kieselsäure, Tonerde, Magnesia,
Kalk, Eisenoxyd und Alkalien und befindet sich,
da sie durch vulkanische Hitze bereits einen
Glühprozeß erfahren und dadufch aufgeschlossen
ist, in demselben Zustande, wie die erst durch
Brennen erzeugten künstlichen Zemente. Die
P., die in bester Beschaffenheit bei Rom und
Neapel vorkommt, wurde früher auch nach
Deutschland, Frankreich und England zu bau-
lichen Zwecken versandt, ist neuerdings aber
durch künstlichen Zement verdrängt worden und
kann auch durch den in den Rheingegenden vor-
kommenden Traß ersetzt werden.

Pyoktannin nennt man zwei verschiedene
Teerfarben, die äußerlich als Antiseptikum
auf eiternden Wunden und in der Tierheilkunde
gegen Maul- und Klauenseuche angewandt wer-
den. Das sog. blaue P. (lat, Pyoctanninum
coeruleum, frz. Pyoctanjne bleu, engl. Blue Pyok-
tanin) entsteht bei der Oxydation von Dime-
thylanilin als ein Gemisch der salzsauren Salze
des Penta- und des Hexamethylpararosanilins
und wird meist als Methylviolett bezeichnet.
— Das gelbe P, (Auramin, lat. Pyoctanninum
aureum, frz. Pyoctanine jaune, engl. Yellow Py-
oktanin) wird durch Erhitzen, von Tetramethyl-
diamidobenzophenon mit Ammonium- und Zink-
chlorid dargestellt- und ist als salzsaures Imido-
tetramethyldiparaamidodiphenylmethan anzuspre-
chen. Das goldgelbe, in kaltem Wasser schwer,
in heißem Wasser, Alkohol, Äther und Chloro-
form leicht lösliche Pulver wird für medizinische
Verwendung auch mit Dextrin gemischt in den
Handel gebracht.

Pyramiden (Anjidopyrin, lat. Pyramidonum,
frz. und engl. Pyramiden), ein neues Ersatzmittel
des Antipyrins, wird durch Reduktion von Ni-
troso-Antipyrin in alkoholisch-essigsaurer Lösung
und Behandlung des entstehenden Amidoantipy-
rins mit Chlor- oder Jodmethyl dargestellt und
ist demnach als ein Dimethylamidoantipyrin,
C13H17NsO, anzusprechen. Das gelblich weiße,
geruch- und geschmacklose Kristallpulver schmilzt
bei io8°, löst siph in Wasser, Alkohol und Ben-
zol und gibt in wäßriger Lösung mit Eisen-

chlorid sowie mit Natriumnitrat und verdünnter
Schwefelsäure unbeständige Violettfärbungen.

Pyridin (lat. Pyridinum, frz. Pyridine, engl.
Pyridina). Das zum Vergällen von Spiritus be-
nutzte P. ist keine einheitliche chemische Ver-
bindung, sondern ein Gemenge verschiedener ein-
ander sehr ähnlicher Verbindungen, die man
unter dem Namen Pyridinbasen zusammen-
faßt. Sie finden sich sowohl im Steinkohlenteer,
als auch, und zwar in größerer Menge, im
Knochenteeröl oder Tieröl und bilden im rohen
Zustande ein gelb bis braun gefärbtes und höchst
übelriechendes öl, gereinigt aber eine farblose,
ölige, in Wasser und in Alkohol lösliche Flüssig-
keit von starkem, betäubendem Geruch und
großer Giftigkeit. Als hauptsächlichste Bestand-
teile sind außer dem eigentlichen P. Pikolin,
.Lutidin, Kollidin und Parvolin nachgewiesen
worden, sämtlich starke, stickstoffhaltige, aber
sauerstofffreie Basen, die mit Säuren kristallisier-
bare Salze bilden. Die vier letzteren finden sich
wieder in mehreren isomeren Formen, die man
als Alphakollidin usw. unterscheidet. Das ei-
gentliche P., C5H5N, ist eine farblose Flüssig-'
keit vom spez. Gew. 0,980 und dem Siedepunkt
ii6,7°. Mit Zinn und Salzsäure behandelt, geht
es in Piperidin über.

Pyrodin ist der in der Pharmazie gebräuch-
liche Name des Azetylphenylhydrazins, das
bei akutem Gelenkrheumatismus gute Dienste
leisten soll, aber wegen seiner hohen Giftigkeit
nicht mehr verordnet wird.

Pyrogallussäure (Brenzgallussäure, Di
oxyphenylsäure, Pyrogallol, lat. Acidum py-
rogailicum, frz. Acide pyrogallique, engl. Pyro-
gallic acid), ein dreibasisches Phenol, C6H3(OH^,
entsteht beim trockenen Erhitzen der Gerbsäure
oder besser der Gallussäure auf 210—2150 und
folgendem Sublimieren mit Kohlensäure als weiße,
lockere, blättrige Kristallanhäufungen, die bei
1310 schmelzen, bei 2100 destillieren und in
Wasser, Alkohol und Äther leicht löslich sind.
Die Lösungen röten Lackmus nicht. Bringt man
sie mit Alkali zusammen, so binden sie aus der
Luft rasch Sauerstoff und färben sich dadurch
tief dunkelbraun. Gold- und Silbersalze werden
durch P. leicht reduziert, welche daher in der
Photographie ausgedehnte Anwendung findet.
Die Pyroentwickler, zu denen auch das Pi-
nakol gehört, haben den Nachteil, daß sie die
Haut braun färben und giftig sind, werden aber
wegen ihrer schnellen und kräftigen Wirkung
sehr geschätzt. Außerdem benutzt man P. zum
Braunfärben der Haare.

Pyronine nennt man eine Reihe basischer
Xanthenfarbstoffe (s. d.), welche wegen ihrer
schönen bläulichroten Töne zum Färben aller
Spinnfasern benutzt werden können. Das Pyro-
nin selbst entsteht, wenn man Formaldehyd mh
Dimethylmetaarninophenol vereinigt, das hierbei
ausgeschiedene T etramethyldiaminodioxydiphenyl’
methan durch Erhitzen mit konz. Schwefelsäure
in das entsprechende Xanthen überführt und
letzteres mit salpetriger Säure behandelt. Es ist
also Tetramethyldiaminoxantheniumchlorid, CH •
[C6PI3N(CH3)2]oOCl. Das grünglänzende Kristall-
pulver gibt mit Wasser und Alkohol eine rote,
gelb fluoreszierende Lösung, welche durch .Sah"
säure hellorange wird; konz. Schwefelsäure gihf
        <pb n="360" />
        ﻿Pyrosin

353

Quebracho

eine rotgelbe Lösung, die auf Wasserzusatz rot
wird.

Pyrosin ist der Name einiger Teerfarb-
stoffe, von denen Pyrosin B dem Erythrosin,
Pyrosin J (Dijodfluoreszeinnatrium) dem Ery-
throsin G nahesteht. Beide sind braune, in Wasser
ffiit roter Farbe lösliche Pulver, deren Lösung
nicht fluoresziert.

Pyrotechnische Waren (Feuerwerkskörper)
nennt man gewisse leicht entzündliche oder ex-
plodierbare Mischungen, die in Papier- oder Papp-
hülsen gefüllt und teils für die Zwecke der Krieg-
führung (grobe oder Kriegsfenerwerke-
rei), teils zur Belustigung (Lustfeuerwerkerei)
abgebrannt werden. Die wichtigsten Rohstoffe
*u fast allen Feuerwerkskörpem sind: Schwefel,
Salpeter und Kohle, also die Bestandteile des
Schießpulvers, in verschiedenen Mengenverhält-
nissen, ferner gekörntes Schießpulver selbst und
Mehl; für gewisse Zwecke auch Harz, Kolopho-
nium, Schellack, Lykopodium, Feilspäne von
Eisen, Stahl, Zink und Kupfer, Magnesium, chlon
saures Kalium, und chlorsaures Barium. Außer-
dem setzt man für Buntfeuer und Leuchtkugeln
gewisse Salze hinzu, welche der Flamme beson-
dere Färbungen erteilen, so salpetersaures Stron-
tium, salpetersaures Kupferoxydammoniak, sal-
Petersaures Barium, Grünspan, salpetersaures Na-
tron usw. Die bekanntesten Feuerwerkskörper
sind: Frösche, Raketen, Schwärmer, Kraker,
Leuchtkugeln, Girandolen, Feuerregen,, Kanonen-
schläge. Feuerräder und bengalische Flammen.
Bei der Aufbewahrung und dem Abbrennen
dieser Erzeugnisse ist die größte Vorsicht zu be-

Quäker-Oats (Haferflocken) bestehen aus
geschälten und zerquetschten Haferkömem und
enthalten neben 14,40/0 Eiweiß gegen 7% Fett.

Quark (Quarg, Zwark, Matz, Bruch, Mat-
ten) heißt die frisch gefällte geronnene Käse-
tttasse der Milch (s. d. und Kasein), die in man-
cüen Gegenden auf Wochenmärkten verkauft
^hd, um mit Salz, Milch, etwas feingehackten
'-wiebeln und Kümmel auf Brot oder mit Zucker
'ütd Gewürzen auf Kuchen genossen zu werden.
Pier Wassergehalt darf 75 °/o nicht übersteigen.

Quassia (Quassienholz, Bitterholz, lat.
Lignum quassiae, frz. Bois de quassle amere,
®ngl. Quassia wood), ein bekannter Gegenstand
®es Drogenhandels, kommt in zwei verschiedenen
Porten, als Surinam- und Jamaikaquassia-
,°lz zu uns. Das erstere von Quassia amara,
®lpern Baume oder Strauche aus der Familie der
Simarubazeen, der in Surinam wild wächst
;n Westindien und Brasilien angebaut wird,
bildet finger- bis armstarke Knüppel, die oft noch
teilweise mit der locker anhängenden, sehr dün-
gen, zerbrechlichen, schmutziggrauen und schwarz-
j!.eckigen Rinde bedeckt sind. Das gelblich ge-
erbte geruchlose Holz, das dicht und fast ohne
^0ren, doch mit sehr feinen Markstrahlen durch-
??tzt ist, besitzt reinen und anhaltend bitteren
beschmack. Das Quassienholz von Jamaika
011 dem viel mächtiger sich entwickelnden,

-4 e r c k s Warenlexikon.

obachten. Für den Versand auf Eisenbahnen
besteht die Bestimmung, daß von einem vereidig-
ten Chemiker auf dem Frachtbrief die Ungefähr-
lichkeit bestätigt wird, oder daß die Fabrik eine
diesbezügliche Verpflichtung eingegangen ist,
worauf sie schriftlich hinweist. — Die Feuer-
werkskörper müssen jeder für sich in mit festem
Papier' umhüllte Kartons oder in Pappe oder
starkes Packpapier verpackt, und die Zündstellen
jedes einzelnen Körpers mit Papier oder Kattun
überklebt sein. Die zur Verpackung dienenden
Kisten müssen vollständig ausgefüllt, und etwaige
Lücken mit Stroh, Heu, Werg, Papierspänen oder
dergleichen so ausgestopft sein, daß eine Be-
wegung der Pakete auch bei Erschütterungen
ausgeschlossen ist. Äußerlich sind die Kisten
mit der deutlichen Aufschrift „Feuerwerkskörper
aus Mehlpul.ver“ und dem Namen des Absenders
zu versehen. — Die Feuerwerkskörper kamen
zuerst in China und Ostindien auf und bildeten
von dort lange Zeit eine Ausfuhrware, später
entstanden berühmte Fabriken in Rom und Paris,
die aber jetzt von deutschen Erzeugern längst
erreicht sind.

Pyrotin, ein im Jahre 1884 aufgekommener
Azofarbstoff, besteht aus dem Natronsalze
der Betanaphtylaminsulfosäureazoalphanaphthol-
monosulfosäure. Das braunrote, in Wasser mit
gelbroter Farbe lösliche Pulver färbt Wolle im
sauren Bade rot.

Pyrozon nennt man eine Auflösung von 50 0/0 ,
Wasserstoffsuperoxyd in Äther, die zur Entfer-
nung von Leberflecken benutzt wird.

I

schlanken Waldbaume Picrasma excelsa
(Quassia excelsa) erscheint in Form 9—14 dm
langer, bis 3 dm dicker Scheite, die mit einer
fest anhängenden, dicken, braunschwarzen Rinde
bedeckt sind. Das gelbliche Holz ist sehr leicht
und weich, großporig, aus helleren und dunkleren
Schichten zusammengesetzt und von breiten
Markstrahlen durchzogen. Der Geschmack gleicht
demjenigen der Surinam-Q. und beruht auf der
Anwesenheit kristallinischer Bitterstoffe (Quas-
siine). Das Surinamholz wird klein geschnitten
als bitterer Tee gegen Magenverstimmungen,
sowie in Form von Klistieren gegen Spulwürmer
angewandt. Auch stellt man daraus für medi-
zinische Zwecke ein wäßriges und ein Fluidextrakt
her. Die billigere Jamaikasorte dient in Form
der Abkochung als Fliegengift (FliegenpapieiJ.
Aus dem Holz fertigt man die bekannten Bitter-
becher und Kugeln zur Herstellung bitterer Flüs-
sigkeiten. Bisweilen beobachtete Verfälschungen
des Quassiaholzes mit dem Holze einer west-
indischen Sumachart, Rhus metopium, lassen
sich durch Prüfung mit Eisenoxydsalzen leicht
nachweisen, da Q. gerbstofffrei ist.

Quebracho. Unter diesem Namen kommt so-
wohl eine Rinde als auch ein Holz in den euro-
päischen Handel. Die Quebrachorinde (weiße

Q., lat. Gort, quebracho blanco, frz. Ecorce de
quebracho, engl. Quebracho bark) stammt von

23
        <pb n="361" />
        ﻿Queckenwurzel

354

Quecksilber

einer in Argentinien heimischen Apozynee,
Aspidosperma quebracho, einem schönen
großen Baume mit lanzettlichen Blättern und
kleinen gelben Blüten. Sie bildet bis 4 cm dicke
Stücke von rotgelber bis rotbrauner Farbe und
splitterigem Bruch und besteht hauptsächlich aus
der Korkschicht. Die Dröge enthält neben Zucker
und 2—4 o/o Gerbstoff einige Alkaloide, wie
Aspidospermin, Quebrachin u. a., und wird
in Form von Extrakten und Tinkturen gegen
Asthma und Herzleiden verordnet. — Das Que-
brachoholz von der argentinischen Anakar-
diazee Schinopsis Lorentzii besitzt eine
schöne dunkelrote Farbe und wird wegen seines
hohen Gerbstoffgehaltes von 28 °/o als Gerbmate-
rial verwandt, soll aber nicht so zähes und elasti-
sches Leder geben wie Eichenrinde.

Queckenwurzel (lat. Rhizoma graminis, frz.
Racine de chiendent, engl. Quitch root) nennt
man die ausdauernden, unterirdischen Ausläufer
des besonders in sandigen Feldern, aber auch an
Wegen und Zäunen wuchernden und schwer ver-
tilgbaren Queckengrases (Agropyrum re-
pens). Die knotig gegliederten, strohhalmdickep
Schößlinge werden im Frühjahr und Herbst bei
der Ackerbestellung ausgerissen, verlesen und
von den an Knoten sitzenden Scheiden, Wurzel-
fasern und Halmen befreit, darauf gewaschen,
getrocknet und, gewöhnlich auf der Futterschneide
zerkleinert, zum Verkauf gebracht. Der Quer-
schnitt zeigt eine hohle Markröhre, die Rinde
ist dicker als der Holzkörper. Die Wurzel ent-
hält einen kristallisierbaren Zucker, Gummi,
Schleim, Stärkemehl und Eiweiß, schmeckt daher
beim Kauen süßlich und schleimig und wird als
blutreinigender Tee, ebenso wie auch das daraus
hergestellte Extrakt medizinisch verwandt. Der
im Kriege gemachte Vorschlag, Q. zur Gewinnung
von Zucker, Bier, Alkohol usw. heranzuziehen,
war natürlich praktisch aussichtslos.

Quecksilber (lat. Hydrargyrum, Mercurius, frz.
Mercure, engl. Quicksilver, Mercury). Der Name

Q.	deutet ebenso wie das. lateinische Argentum
vivum (lebendiges Silber) und das griechische
Hydrargyrum (Wassersilber) auf die Beweglich-
keit und Flüssigkeit hin, und aus demselben
Grunde belegten die alten Adepten das Metall
mit dem Namen des am schnellsten kreisenden
Planeten Merkur. Das wegen seiner Wider-
standsfähigkeit zu den edlen Metallen gerechnete

Q.	findet sich nur selten gediegen in Form kleiner
Tröpfchen (als Jungfernquecksilber) oder in
Verbindung mit Silber als Silberamalgam. Meist
ist es an Schwefel, als Zinnober, seltener an
Chlor, als Quecksilberhornerz oder an orga-
nische Stoffe, als Idrialit, gebunden. Diereich-
sten Quecksilbergruben hat Spanien in Alma-
cfen, wo schon seit mehr als 2000 Jahren Q.
gewonnen wird, danach folgen die seit 1497 in
Betrieb befindlichen Werke zu Idria in Krain und
die neueren, sehr ergiebigen Lager in Kalifornien,
Huancavelica in Peru und im Ural. Geringere
Mengen kommen von Horzowitz und Komarow
in Böhmen, aus Ungarn, Siebenbürgen und Ita-
lien, während die deutschen Gruben in der bay-
rischen Pfalz und Westfalen eingegangen sind.
Das japanische und chinesische Q., das früher in
Bambusrohren nach Europa gelangte, hat jetzt
für den Welthandel keine Bedeutung mehr. Die

jährliche Erzeugung auf der Erde beträgt 3000
bis 4000 t, wovon etwa 1000 t auf Spanien ent-
fallen. Für die Gewinnung des Q. kommt fast
nur der Zinnober in Betracht. Die weniger schön
gefärbten Stücke, welche nicht direkt als Farb-
stoff zu verwerten sind, werden in Schacht- und
Flammenöfen geröstet, und die entweichenden
Quecksilberdämpfe mit der aus dem Schwefel
entstehenden schwefligen Säure durch Kühl-
kammern geleitet. In diesen bleibt das Metall
in tropfbar flüssigem Zustande zuruck, während
die schweflige Säure entweicht. Nach einem
älteren, nur noch selten benutzten Verfahren
vermischte man die zerkleinerten Erze mit Kalk,
Eisen oder Hammerschlag und destillierte das

Q.	von den zurückbleibenden Sulfiden des Kal-
ziums oder Eisens ab. Verschiedene Verfahren
•der Quecksilbergewinnung auf nassem Wege
durch Ausziehen mit Kochsalz und Kupfer-
chlorür, oder durch Bromsalzsäure oder Na-
triumthiosulfat haben keinen Eingang in die
Praxis gefunden, und über die neuerdings emp-
fohlene elektrische Abscheidung liegen abschlie-
ßende Erfahrungen noch nicht vor. Das nach
der einen oder anderen Arbeitsweise gewonnene

Q.	wird zunächst von mechanisch beigemengten
Stoffen befreit, indem man es durch Sämisch-
leder preßt oder durch sehr feine Löcher ab-
tropfen läßt, ist aber auch dann noch meist
durch geringe Mengen Blei, Kupfer, Wismut,
Antimon, Silber, Zinn und Zink verunreinigt.
Derartige rohe Handelsware bedeckt sich mit
einem matten Häutchen, fließt träge, haftet an
Glaswandungen und hinterläßt auf Papier sog.
Schwänze und grauen Staub. Zur Entfernung
dieser fremden Metalle läßt man das Q. durch
eine hohe Säule von verd. Salpetersäure oder
Eisenchloridlösung fallen, schüttelt es dann mit
Kaliumdichromat und vefd. Schwefelsäure, preßt
nochmals durch Sämischleder und destilliert aus
4iem Vakuum. Das reine Q. ist ein glänzendes,
bei gewöhnlicher Temperatur flüssiges Metall-
Es erstarrt bei —39,5°, entwickelt bereits bei
mittlerer Wärme Dämpfe und siedet bei 357 °-
Da die Quecksilberdämpfe schon in geringer
Menge stark giftig wirken und zuerst Speichel-
fluß und fieberhafte Störung des Allgemein-
befindens, später Abmagerung, Schwäche, Zittern,
Lähmung und starke Störung der geistigen Tätig-
keit hervorrufen, so ist jedes Vergießen von Q-
in bewohnten Räumen sorgfältig zu vermeiden-
Man bewahrt es daher am besten in den eisernen
Versandgefäßen oder in starken Glasflaschen auf-
Ist trotz aller Vorsicht Q. ausgelaufen, so verwan-
delt man es durch Verreiben mit Stanniol oder
Aluminiumpulver in Amalgam, das sich leicht
entfernen läßt. Bleierne Abzugsrohren von Wasser-
leitungen werden durch hineingeschüttetes Q. zer-
stört. Das Q. hat ein Atomgewicht von Hg
— 200 und ein spezifisches Gewicht von 13,596-
Salzsäure und kalte Schwefelsäure wirken auf
das Metall nicht ein, während es von heißer
konz. Schwefelsäure zu schwefelsaurem Queck-
silberoxyd gelöst wird. Salpetersäure bildet schon
in verdünntem Zustande lösliches Nitrat. AP
der Luft bleibt Q. bei gewöhnlicher Temperatur
unverändert, geht aber beim Erhitzen bis nahe
zum Siedepunkte in rotes Oxyd über. Bei noch
stärkerem Erhitzen gibt das letztere seinen Sauer-
        <pb n="362" />
        ﻿Quecksilberchlorid

355

Quecksilbernitrat

Stoff wieder ab und kehrt in den metallischen
Zustand zurück. Mit fast allen Metallen außer
Eisen liefert das Q. Legierungen, Amalgame
(s. d.). — Das reine Q. findet ausgedehnte An-
wendung zur Füllung von Thermometern und
Barometern, Quecksilberluftpumpen und zahl-
reichen anderen physikalischen Instrumenten. In
größtem Maßstabe dient es zum Extrahieren
von Gold und Silber aus Erzen, zur Herstellung
von Quecksilbersalbe und anderen pharmazeu-
tischen Zubereitungen, von künstlichem Zinnober
und in Form von Amalgam zur Herstellung von
Spiegeln.

Quecksilberchlorid (Merkurichlorid, Sub-
limat, lat. Hydrargyrum bichloratum, frz.
Sublime corrosif, engl. Corrosive Sublimate) ent-
steht beim Auflösen von Quecksilber in Königs-,
wasser oder von Quecksilberoxyd in Salzsäure
und wird im großen durch Sublimation einer
Mischung von Merkurisulfat und Kochsalz her-
gestellt. Es bildet geruchlose weiße Kristalle
oder Pulver von scharfem Metallgeschmack und
ätzenden, stark giftigen Eigenschaften. Entspre-
chend der Formel HgCl2 sind in 100 Teilen
73,8 Teile Quecksilber und 16,2 Teile Chlor ent-
halten. Das Q. schmilzt bei 265 und siedet bei
297 °. Es löst sich in 15 Teilen Wasser mittlerer
Temperatur, in 3 Teilen siedendem Wasser, 3 Tei-
len Alkohol, 4 Teilen Äther und in 15 Teilen Gly-
zerin. Auf der Eigenschaft, mit Eiweißkörpern
unlösliche Verbindungen zu bilden, beruht die
ätzende Einwirkung auf die Haut, aber auch die
Verwendung von Eiweiß als Gegenmittel bei
Sublimatvergiftungen. — Q. findet ausgedehnte
medizinische Anwendung als Ätzmittel bei Syphi-
lis und als Antiseptikum in der Wundbehandlung.
Innerlich wird es in kleinen Gaben gegen Ge-
schlechtskrankheiten und Typhus verordnet. Die
Technik benutzt es als Beize in der Kattun-
druckerei, zum Ätzen von Stahl, zum Konser-
vieren naturwissenschaftlicher Sammlungen, zur
Darstellung von Anilinrot, als Desinfektionsmittel
und zum Imprägnieren von Holz (Eisenbahn-
schwellen) . — Auf Zusatz von Ammoniak scheidet
sich aus wäßriger Sublimatlösung ein weißer
Niederschlag von Quecksilberammonium-
chlorid, HgNH2CI, aus, welcher in der Phar-
mazie als weißerPräcipitat (lat.Hydrargyrum
Praecipitatum album, Mercurius praecipitatus al-
bus, frz. Chloramidure mercurique, Precipite
blanc, engl. White precipitate) bezeichnet wird.
Das geruch- und geschmacklose, schneeweiße,
kreideähnliche Pulver ist in Wasser und Alkohol
unlöslich, aber stark giftig und wird nur äußer-
lich angewandt.

Quecksilberchlorür (Merkurochlorid, Ka-
lomel, lat. Hydrargyrum chloratum mite, Mer-
curius dulcis, Aquila alba, frz. Chlorure mer-
cureux, engl. Mild chloride of mercury), die
zweite Verbindung des Quecksilbers mit Chlor,
HgCl, enthält 42,5 0/0 Quecksilber und S7.5 %
Chlor. Je nach der Darstellung unterscheidet
tPan drei verschiedene Sorten: 1. Kalomel oder
Hydr argyrum chloratum (mite) schlechthin
entstehend bei der Sublimation von 4 Teilen
Quecksilberchlorid mit 3 Teilen Quecksilber in
Dorm schwerer kristallinischer Stücke, die zum
Unterschiede von Sublimat mit dem Fingernagel
einen gelben Strich geben. Durch Behandlung

in Kollergängen und nachfolgendes Abschlämmen
mit Wasser wird K. in ein feines, gelblichweißes
Pulver, den lävigierten Kalomel, verwandelt. —

2.	Kalomel vapore paratum erhält man, wenn
Dämpfe von Kalomel mit Wasserdampf Zusammen-
treffen, als völlig weißes, zwischen den Fingern
nicht zusammenbackendes Pulver. — 3. Kalo-
mel via humida paratum endlich wird dar-
gestellt, indem man in eine warme Lösung von
Sublimat schweflige Säure einleitet oder Queck-
silbernitratlösung mit Kochsalz fällt. Kalomel
wird durch Wasser und Alkohol nicht gelöst,
wohl aber in der Siedehitze unter Abscheidung
von Quecksilber zerlegt. Ebenso zersetzt es sich
am Licht und muß daher im Dunkeln aufbewahrt
werden. K. findet in der Medizin als mildes Ab-
führmittel, selbst bei Kindern, Anwendung. Äußer-
lich dient es zum Ätzen syphilitischer Geschwüre,
zum Einstäuben in das Auge bei Hornhauttrübun-
gen, und in den Schlund bei Krankheiten des
Kehlkopfs. Die Technik benutzt es zur Fler-
stellung von Porzelianfarben mit Gold und als
Zusatz zu bengalischen Flammen.

Quecksilberfulminat (knallsaures Queck-
silber, Knallquecksilber) scheidet sich beim
Vermischen einer freie Salpetersäure enthalten-
den Quecksilbernitratlösung mit Alkohol in Form
grauer Kristallnadeln von der Formel HgC2N2Q2
aus, die nach dem Umkristallisieren aus heißem
Wasser rein weiß erscheinen. Das Salz ist äußerst
unbeständig, explodiert beim Erhitzen auf 1900,
sowie durch Reibung oder Schlag und muß
daher unter Wasser aufbewahrt werden. Zur
Beförderung auf der Eisenbahn wird es nicht
zugelassen. Es dient an Stelle des analogen, aber
noch gefährlicheren Knallsilbers zur Herstel-
lung von Zündsätzen.

Quecksilberjodid (rotes Jodquecksilber,
Einfachjodquecksilber, Doppeltjodqueck-
silber, lat. Hydrargyrum bijodatum, frz. Jo-
dure mercurique, engl. Mercuric jodide), HgJ?j
entsteht beim Zusammenreiben von 100 Teilen
Quecksilber mit 127 Teilen Jod als ein in Wasser
nur sehr wenig, etwas leichter in Alkohol lös-
liches Pulver von lebhaft roter Farbe. Bei vor-
sichtigem Erwärmen wird es gelb, nimmt aber
nach dem Erkalten durch Reiben seine rote
Farbe wieder an. Q. ist giftig und findet be-
schränkte medizinische Anwendung gegen Ge-
schlechtskrankheiten.

Quecksilberjodür (grünes Jodquecksilber.
Halb jodquecksilber, Quecksilbersemijo-
did. lat. Llydrargyrum jodatum, frz. Jodure mer-
cureux, engl. Mercurous jodide) wird durch Ver-
reiben von 200 Teilen Quecksilber mit 127 Teilen
Jod dargestellt und bildet ein gelblichgrünes, in
Wasser unlösliches Pulver, HgJ, das Wie das
Jodid giftig ist und medizinisch verwandt wird.
Beide Jod Verbindungen sind vor Licht geschützt
aufzubewahren.

Quecksilbernitrat (lat. Hydrargyrum nitricum,
frz. Nitrate de mercure, engl. Nitrate of mercury)
findet sich wie die übrigen Salze in Form des
Oxyduls und des Oxyds. Das erstere entsteht bei
Behandlung von überschüssigem Quecksilber mit
mäßig warmer Salpetersäure, das letztere durch
Lösen von Quecksilberoxyd in Salpetersäure.
Beide bilden farblose kristallinische Salze, die
stark ätzend wirken und für äußerliche Behänd-
        <pb n="363" />
        ﻿Quecksilberoxyd

356

Querzitronrinde

lung offizineil sind. Das Oxydsalz dient auch zur
Bereitung einer gelben Quecksilbersalbe, ferner
in der Technik als Hutmacherbeize und beim
Vergolden als sog. Quickwasser.

Quecksilberoxyd (roter Präcipitat, lat.
Hydrargyrum oxydatum rubrum, frz. Oxyde mer-
curique rouge, engl. Redoxyde of xnercury), HgO,
ein gelbrotes, in Wasser etwas lösliches, widrig
metallisch schmeckendes Pulver von höchst gif-
tiger Wirkung, entsteht beim Abdampfen einer
Lösung von Quecksilbernitrat und Erhitzen des
Rückstandes in einer Porzellanschale. Eine Ver-
bindung von gleicher Zusammensetzung, aber
mehr gelber Farbe (H. via humida paratum) er-
hält man durch Fällung einer Quecksilbernitrat-
lösung mit Natronlauge. Q. dient in der Medizin
als äußerliches Mittel, in der Technik als Por-
zellanfarbe.

Quecksilbersulfat (lat. Hydrargyrum sulfuri-
cum, frz. Sulfate de mercure, engl. Sulfate of
mercury) entsteht beim Erwärmen von Queck-
silber mit konz. Schwefelsäure, und zwar als
Oxydulsalz, Hg2S04, wenn das Metall, als Oxyd-
salz, HgSÖ4, wenn die Säure überwiegt. Das
letztere bildet ein schweres, weißes Kristallpulver,
das beim Erhitzen zuerst gelb, dann braun wird
und zur Darstellung des Sublimats, Kalomels und
anderer Quecksilbersalze dient. Bei Behandlung
mit Wasser liefert es ein zitronengelbes basisches
Salz (Turpethum minerale), das beschränkte
Anwendung gegen Hautkrankheiten findet.

Quecksilbersulfid. Reibt man gleiche Teile

Q.	und Schwefel hinreichend lange zusammen,
so entsteht ein feines tiefschwarzes Pulver, das
schwarze Schwefelquecksilber, minerali-
scher Mohr, Quecksilbermohr (lat. Hydrar-
gyrum sulfuratum nigrum, frz. Sulfure noir de
mercure, engl. Black sulfide of mercury), das
früher unter der Bezeichnung Aethiops mine-
ral is eine beschränkte medizinische Anwendung
fand. Das rote Schwefelquecksilber (lat.
Hydrargyrum sulfuratum rubrum, frz. Sulfure
mercurique,. engl. Red sulfide of mercury) findet
sich in der Natur als natürlicher Zinnober
(s. d.) und wird nach verschiedenen Verfahren
künstlich dargestellt. In erster Linie bedient man
sich zur Gewinnung von künstlichem Zin-
nober des schwarzen Q. oder auch einfach eines
Gemisches von Quecksilber und Schwefel, die
aus konischen Tontiegeln in gußeisernen Appa-
raten sublimiert werden. Die sublimierte Ware
heißt Stückenzinnober und wird zum Teil in
den schönsten, auserlesensten Teilen direkt in den
Handel gebracht, hauptsächlich aber zunächst in
ein feines Pulver verwandelt. Je weiter die Ver-
mahlung getrieben ist, um so heller und feuriger
erscheint die Farbe. Nach dem Mahlen und
Schlämmen wird die Masse noch durch Kochen
mit Pottasche von dem ungebundenen Schwefel
befreit und schließlich in der Wärme getrocknet.
Auf nassem Wege verwandelt man das schwarze

Q.	durch Kochen mit Kalilauge und anderen,
geheim gehaltenen Chemikalien in die rote Ver-
bindung (Vermillon), deren Farbe durch einen
geringen Gehalt von etwa l °/o Antimon noch ver-
schönert wird. Zinnober ist ein geruch- und ge-
schmackloses, außerordentlich schweres Pulver
vom spez. Gew. 7,800—8,100. Wegen seiner in-
tensiv-roten Färbung wird er als Malerfarbe

außerordentlich geschätzt, jedoch haben die An-
striche den Nachteil, am Lichte nach und nach
dunkler und schließlich sogar schwarz zu werden.
Außerdem findet Q. beschränkte Anwendung als
Schminke und in der Medizin. Wegen seiner
völligen Ungiftigkeit kann es auch zum Färben
von Kautschukwaren benutzt werden.

Quecksilbertannat (gerbsaures Queck-
silberoxydul, lat. Hydrargyrum tarmicum oxy-
dulatum, frz. Tannate de mercure, engl. Taninate
of mercury), eine Verbindung der Gerbsäure mit
Quecksilberoxydul, erscheint in bräunlichgrünen
Schuppen, die beim Zerreiben ein grünes Pulver
geben. Es wird seit 1884 in der Medizin als
mildes Antiseptikum verwandt.

Quendel (Feldkümmel, wilder Thymian,
lat. Herba serpylli, frz. Herbe de thym sauvage
ou serpolet, engl. Mother of thyme), das an-
genehm aromatisch riechende und bitterlich zu-
sammenziehend schmeckende Kraut der bekann-
ten ausdauernden Labiale Thymus Serpyl-
lum, wird in der Blüte gesammelt und zu stär-
kenden Bädern, Umschlägen, Kräuterkissen und
Krankentees sowie zur Herstellung eines alko
holischen Destillates, Spiritus serpylli, benutzt.
Aus dem trockenen Kraute gewinnt man durch
Destillation mit Wasser das Feldthymian- oder
Serpylliöl (lat. Oleum serpylli, frz. Essepce
de thym sauvage ou serpolet, engl. Oil of wild
thyme), ein dünnflüssiges, farbloses bis gold-
gelbes, später bräunliches ätherisches Öl vom
spez. Gew. 0,89—92, das den Geruch der Pflanze
in höchstem Grade besitzt und neben Thymol
Karvakrol und Zymol enthält.

Querzit (Eichelzucker), eine besondere, in
den Eicheln enthaltene Zuckerart, bildet harte
farblose Kristalle von süßem Geschmack, ist nicht
gärutigsfähig und löst sich in Wasser und Wein-
geist.

Querzitronrinde (lat. Cortex quercus tinc-
toriae, frz. Ecorce de tinctoire ebene, engl. Quer-
citron bark) besteht aus der inneren gelblichen
Rinde der in den Südstaaten von Nordame-
rika heimischen Färbereiche Quercus tinc-
toria. Sie kommt nur selten in ganzen Stücken,
hingegen fast stets in zerkleinertem Zustande,
teils fein, teils grob gemahlen von Neuyork,
Baltimore und Philadelphia aus in den Handel.
Das Pulver besitzt eine bräunlichgelbe Farbe,
schwachen, nicht unangenehmen Geruch und
bitteren Geschmack und färbt den Speichel gelb.
Der Farbstoff der Q„ das Querzitrin, gehört
zu den Glykosiden und bildet kleine schwefel-
gelbe Kristalle, die in Wasser schwer, in alka-
lischen Laugen leicht löslich sind. Die wäßrige
Abkochung der Rinde ist orangerot und wird
zum Färben benutzt, muß aber für diesen Zweck
durch Zusatz von Leimlösung von Gerbstoff und \
anderen störenden Beimengungen befreit wer-
den. Ein reineres Präparat wird auch durch Aus-
kochen der Q. mit Schwefelsäure erhalten, wobei
eine Spaltung eintritt und ein schönerer Farb-
stoff, das Querzetin, zurückbleibt. Von den
Nordamerikanern und Engländern wird auch flüs-
siges und trockenes braunes Extrakt (Qu er-
zitronextrakt) als ein reineres Farbmaterial
hergestellt, während der durch Auskochen mit
Sodalösung und Fällen mit verdünnter Schwefel-
säure erhaltene, noch unreine Farbstoff als Teig
        <pb n="364" />
        ﻿Quillayarinde

357

Quittenkerne

unter dem Namen Flavine in den. Handel
kommt. Zur Färberei auf Wolle, Seide, Baum-
wolle und gemischte Stoffe stellt man aus Q. in
Verbindung mit Beizen zahlreiche verschiedene
Farbtöne her, mit Tonerdebeize gelb, mit Eisen-
beize braun, mit einem Gemisch von beiden olive,
mit etwas Krapp und Tonerdebeize orange.

Quillayarinde (Panama-Seifen-Rinde, lat.
Cortex quillajae, frz. Ecorce de quillaye, engl.
Quillaya hark) ist die Rinde, eigentlich der
Splint, eines in Chile heimischen Baumes,
Quillaja Saponaria, die sich vermöge eines
Gehaltes an Saponin wie unsere Seifenwur-
zel verhält. Neben dem Saponin sind noch zwei
giftige Stoffe, das Sapotoxin und die Quil-
layasäure. vorhanden. Wegen ihrer Eigenschaft,
mit Wasser unter Abgabe von Saponin stark
schäumende Lösungen zu liefern, vermag die

Q.	Seife (etwa die dreifache Menge schwarze
Seife) zu ersetzen und wird daher, weil sie die
Farben nicht angreift, zum Waschen farbiger
Wollen- und Seidenzeuge, ferner zum Entfetten
von Wolle, zur Schafwäsche und überhaupt an
Stelle von Seife benutzt. Von den zahlreichen

Q.	enthaltenden Waschmitteln ist Panamin ein
Rindenextrakt, das mit etwas Glaubersalz zur
festen Masse eingedickt, geformt und in Zinn-
folie verpackt in den Handel kommt. Wasmuts
Opal in der Tonne war ein wäßriger Auszug,
Fleckwasser enthält Quillayatinktur neben Am-
moniak, Äther, Benzin und Weingeist, Fleck-
seif e Quillayaextrakt neben Borax, Galle und
Seifenpulver. — Die Rinde bildet, von der
braunen Außenborke befreit, gelblichweiße, holz-
ähnliche Platten von stark faserigem Aufbau.
Die 2—7 mm dicken, bis zu i m langen, nur
wenig gekrümmten Stücke sind geruchlos, aber
von sehr kratzendem Geschmack. Beim Zer-
brechen oder Stoßen entwickelter Staub erregt
heftiges Niesen. Auf dem Querschnitte erscheint
die Rinde quadratisch gefeldert, indem die ein-
zelnen scharf abgegliederten Bastzonen von zahl-
reichen, deutlich erkennbaren Markstrahlen
durchsetzt sind. Hält man eine radiale Schnitt-
fläche gegen das Licht, so sieht man schon mit
unbewaffnetem Auge zahlreiche glänzende Teil-
chen, die sich unter dem Mikroskope als Kri-
stalle von oxalsaurem Kalk zu erkennen geben.
Infolge ihres faserigen Baues ist die Rinde sehr
schwierig zu zerkleinern und wird daher von den
Handelshäusern bereits auf Maschinen zerschnit-
ten sowie als Pulver in den Handel gebracht.

Quillayasäure, die in der Quillayarinde
enthaltene, sehr giftige organische Säure, erhält
U}an in reinem Zustande durch Fällung der wässe-
rigen Rindenabkochung mit neutralem Bleiazetat,
Zersetzen des Niederschlages mit Schwefelsäure
und Schwefelwasserstoff und Verdampfen der
erhaltenen Lösung bis fast zur Trockne. Aus dem
Rückstände wird die freie Säure mit heißem ab-
soluten Alkohol aufgenommen und diese Lösung
uüt der vierfachen Menge Chloroform gemengt.

wodurch noch verschiedene braungefärbte Massen
abgeschieden werden. Aus dem Filtrate wird
die Q. durch Zusatz von Äther in Flocken gefällt.
Sie ist in Wasser, Alkohol und alkoholhaltigem
Chloroform leicht löslich, in Äther und Chloro-
form unlöslich. Mit konzentrierter Schwefelsäure
färbt sie sich dunkelrot. Die Q. ist ein Glykosid
und wird durch Kochen mit verdünnten Säuren
in eine rechtsdrehende, nicht vergärbare Glukose
und Sapogenin gespalten. Sowohl die Säure, als
auch ihr Natronsalz, das quillayasaure Natron, er-
regen, schon in den kleinsten Stäubchen, heftiges
Niesen, in den Augen Tränenfluß und Schmerzen,
im Kehlkopf heftige Hustenanfälle.

Quinio. Unter diesem Namen kommt aus
Brasilien eine gelbe harzähnliche Masse in den
Handel, die durch Ausziehen frischer Rindenab-
fälle der Chinabäume mit Alkohol und Kalk
gewonnen werden soll und die Chinabasen in
unverbundenem freien, aber noch ganz unreinem
Zustande erhält. Q. ist in Wasser fast unlöslich,
dagegen in Alkohol, Äther sowie in verdünnter
Schwefelsäure löslich. Eine ähnliche Droge
kommt unter dem Namen Quinetum aus Ost-
indien und wird dort ebenfalls aus den nicht ver-
käuflichen Rindenabfällen der Himalayapflan-
zungen gewonnen.

Quitten sind die schön gelben, aromatisch
riechenden Früchte des Quittenbaums, Cy-
donia vulgaris Pers,, der in Gärten in mehre-
ren Arten, wie: Apfel-, Birn-, portugiesische
Quitte gezogen wird und in Asien und Europa bis
nach Mitteldeutschland vorkommt. Die Früchte
sind frisch ungenießbar, werden aber eingemacht
als Dessertfrucht, sowie zu Gelees, Mus, Kom-
potts, Marmeladen und Backwerk verwandt. Ge-
trocknet dienen die zerlegten Früchte (lat. Fruc-
tus eydoniae, frz. Fruits de coing, engl. Quince)
zur Herstellung von adstringierenden, auch medi-
zinisch verordneten Gelees. — Quittenessenz
ist ein künstlicher Riechstoff (Pelargonsäure-
äthylester), welcher das eigentümliche feine
Aroma der Quittenfrüchte ziemlich gut wieder-
gibt.

Quittenkerne (lat. Semen eydoniorum, frz.
Semences de coing, engl. Quince seeds), die
zwischen den fünfknorpeligen Scheidewänden
befindlichen Samen der Quitte, werden
wegen des auf ihnen eingetrockneten Schleims
benutzt. Sie sind den Birnenkernen ähnlich ge-
formt, braun, aber glanzlos und mit einem weiß-
grauen Überzüge bedeckt. Der durch Schütteln
der gequollenen Kerne mit Wasser abgesonderte
Quittenschleim (lat. Mucilago eydoniae) dient
zu Augenmitteln sowie auch zu kosmetischen
Zwecken. Die deutschen Samenkerne kommen
aus Franken und Württemberg, andere aus Ruß-
land und der Türkei. Verfälschungen oder Ver-
wechslungen mit Apfel- oder Birnenkernen sind
leicht an der glänzenden, nicht matten, schleim- 1
freien Schale zu erkennen.
        <pb n="365" />
        ﻿Radauplätzchen

358

Radix

R.

Radauplätzchen (Radaublättchen, Teu-
felskracher) sind runde, von rotem Papier um-
hüllte Scheibchen von etwa 3 cm Durchmesser,
die sich beim Anreißen an einer rauhen Fläche
mit knatterndem Geräusch entzünden und meist
von Kindern zum Spielen oder richtiger zur
Verübung groben Unfugs benutzt werden. Sie
enthalten neben chlorsaurem Kalium erhebliche
Mengen des weißen giftigen Phosphors und
dürfen daher als gesundheitsschädliches Spiel-
zeug nach der neueren Rechtsprechung nicht in
den Verkehr gebracht werden. Ähnlich verhält
es sich mit den sog. Knallkorken und der
Liliputmunition, die überdies noch als Spreng-
stoffe angesehen werden können.

Radium ist das im Jahre 1898 von dem Ehe-
paare Curie in der Pechblende von Joachimstal
entdeckte seltsame Element, das in seinem che-
mischen Verhalten dem Barium nahesteht, im
übrigen aber völlig abweichende Eigenschaften
aufweist. Man gewinnt es durch Ausziehen der
gerösteten Uranerze mit Schwefelsäure, wodurch
das Uran entfernt wird, und darauffolgende Be-
handlung des von Schwefelsäure befreiten Rück-
standes mit Natronlauge, in welche Blei, Kiesel-
säure und Tonerde übergehen. Dann wird mit
Salzsäure und der hierin unlösliche Teil mit
Sodalösung erwärmt, um das Bariumsulfat mit
dem nahestehenden R. in Karbonate überzufüh-
ren, die nunmehr in Salzsäure löslich sind. Durch
außerordentlich mühsame weitere Verarbeitung,
abwechselnde Einwirkung von Soda und Salz-
säure, Chlor, Schwefelwasserstoff und Ammoniak
erhält man schließlich aus mehreren Tonnen
Pechblende wenige Zentigramme Radiumchlorid
oder Radiumbromid, das meist mit der entspre-
chenden Bariumverbindung vereinigt ist. Eine
Zeitlang wurde diese Verbindung zu ungeheuren
Preisen verkauft, scheint aber jetzt gar nicht
mehr im Handel zu sein. In metallischem Zu-
stande ist R. noch nicht isoliert worden. Aus
den mehr oder weniger reinen Halogen Verbin-
dungen hat man für das Atomgewicht Werte von
225—267 berechnet. Von dem chemischen Ver-
halten des neuen Körpers ist, abgesehen von
seiner Verwandtschaft zum Barium, sehr wenig
oder gar nichts bekannt. Um so auffallender
sind seine physikalischen Eigenschaften. Die
farblosen Kristalle des Radiumchlorides färben
sich nach kurzer Zeit gelb und verleihen zugleich
den umhüllenden Glasgefäßen eine intensiv
braune_ Farbe. Sie machen die Luft für Elektri-
zität leitend und entladen somit ein Elektroskop
aus größerer Entfernung selbst durch eine Alu-
miniumhülle hindurch. Außerordentlich merk-
würdig verhalten sich die vom R, ausgesandten
Strahlen. Sie bringen einen Bariumplatinzyanür-
schirm zur Fluoreszenz und wirken, durch alle
bekannten Stoffe hindurchgehend, auf die photo-
graphische Platte. Da sie Knochen ebenso leicht
durchdringen wie Fleisch, können sie nicht an
Stelle der Röntgenstrahlen benutzt werden. Im
Laufe langer Zeiträume soll R. unter Abspaltung
von sog. Emanation und Entwicklung Von
Wärme allmählich zerfallen, ein Verhalten, das

die bisherigen Anschauungen über die Unzerstör-
barkeit der Kraft und der Materie von Grund aus
verändern müßte. Im Gegensatz zu diesen
weitgehenden Schlußfolgerungen hat Clemens
Winkler noch kurz vor seinem Tode darauf
hingewiesen, daß diese wunderbaren Erschei-
nungen möglicherweise gar nicht auf einen neuen
Körper, sondern nur auf einen besonderen Zu-
stand der Materie, etwa nach Art des magneti-
schen Eisens, zurückzuführen seien. Zur Unter-
stützung dieser Auffassung wies er darauf hin,
daß eine ganze Reihe bekannter Elemente Uran,
Blei, Thorium und Tellur radioaktive Formen
von unveränderten chemischen Eigenschaften bil-
den. •— Zu einer praktischen Verwertung hat
man die heftige Einwirkung des R. auf die
menschliche Haut heranzuziehen versucht. Die

R.-Strahlen rufen auf der Haut -Entzündungen
und Brandstellen hervor, und zwar anscheinend
auf Geschwülsten krebsartiger Natur heftiger als
auf die gesunde Haut. Abschließende Erfahrun-
gen über die Behandlung von Krebs mit R.
liegen zurzeit noch nicht vor, ebensowenig über
die Beziehungen zwischen der Radioaktivität der
meisten Mineralquellen zu ihrer Heilkraft. —
Nachdem die österreichische Regierung die Joa-
chimstaler Pechblende dem freien Verkehr ent-
zogen hat, scheinen neuerdings auf sächsischem
Boden bei Oberwiesenthal abbauwürdige Funde
gemacht worden zu sein, die auch durch eine
sächsische Verordnung geschützt wurden.

Radix (Wurzel). -Die aufgeführten gangbaren
Wurzeln des Drogenhandels sind unter ihren deut-
schenNamen an den betreffenden Stellenzufinden.
Mehrere derselben stellen eigentlich ein Rhizom,
einen Wurzel- oder Mittelstock, dar, d. h.
einen unterirdischen, ausdauernden Stamm- oder
Stengelteil, der nach oben Triebe, nach unten
Nebenwurzeln austreibt, z. B. Rhizopa calami,
Kalmuswurzel, Rhiz. zingiberis, Ingwerwurzel,
Rhiz. galangae, Galgantwurzel, Rhiz. iridis, Veil-
chenwurzel. Man unterscheidet weiter folgende
Wurzelarten: i. Die Zwiebel, lat. Bulbus,
gleichfalls ein Stengelorgan, besteht aus dem
Zwiebelboden, der ,an der Unterseite die Wurzeln,
auf der Oberseite die Keimknospen trägt. Die
letzteren sind von fleischig gewordenen Schuppen-
blättern eingeschlossen, von denen die äußeren
mit der Zeit absterben und dann häutig werden,
z. B. Speisezwiebel; Meerzwiebel, lat. Bulbus
scillae; 2. Knolle, lat. Tuber, die als eine flei-
schige Knospe anzusehen ist. z. B. Sturmhut, lat.
Tuber aconiti; Kartoffel, lat. Solanum tuberosum;

3.	Knollzwiebeln, lat. Bulbo-Tuber, bei denen
die Zwiebelscheibe fleischig verdickt und mit
einer oder nur wenigen Häuten umgeben ist,
z. B.: Safran, lat. Crocus sativus; Herbstzeitlose,
lat. Tubera colchici. — Diese Unterscheidungen
werden zwar in den Lehrbüchern der Waren-
kunde, im Warenverkehr jedoch nicht allgemein
angenommen. Fälle dieser Art sind hier besonders
bezeichnet. — Als wichtige Wurzeln sind zu
nennen: Tuber aconiti, Sturmhutwurzel; R. al-
cannae, Alkannawurzel; R. althaeae, Eibisch-
wurzel; R. angelicae, Angelika-(Engel-)wurzel;
        <pb n="366" />
        ﻿Räuchermittel

359

Ramaß-Eisen

Rhiz. arnicae, Arnikawurzel; R. artemisiae, Bei-
fußwurzel; Rhiz. asari, Haselwurz; R. bardanae,
Klettenwurzel; R. bryoniae, Zaunrübe; R. caincae,
Kainkawurzel; Rhiz. calami, Kalmuswurzei; Rhiz,
caricis arenariae, Sandriedgraswurzel; R. carlinae,
Eberwurz; R. caryophyllatae, Nelkenwurzel; R.
chinae, Chinawurzel; R. cichorii, Zichorienwur-
zel ; R. Columbo, Kolumbowurzel; R. consolidae
tnajoris s. symphythi. Schwarzwurzel; Rhiz. cur-
cumae, Kurkumawurzel; R. dauci, Möhre; R. enu-
lae s. helenii, Alantwurzel; Rhiz. Filicis maris,
Farnkraut wurzel; Rhiz. galangae, Galgantwurzel;
R. gentianae, Enzianwurzel; R. glycyrrhizae, Süß-
holzwurzel; Rhiz. graminis, Queckenwurzel; Rhiz.
hellebori, Nieswurz; R. s. tubera jaiapae. Ja-
lapenwurzel; Rhiz. imperatoriae, Meisterwurzel;
R. ipecacuanhae, Brechwurzel; Rhiz. iridis, Veil-
chenwurzel ; R. ivaranchusae s. vetiverae, Vetiver-
tvurzel; R. levistici, Liebstöckelwurzel; R. liquiri-
tiae, Süßholzwurzel; R. ononidis, Hauhechelwur-
zel; R. petroselini, Petersilien wurzel; R. pimpinel-
iae, Biberneilwurzel; Rhiz. polypodii, Engelsüß-
Wurzel; R. pyrethri, Bertramwurzel; R. ratanhiae,
Ratanhiawurzel; Rhiz. rhei, Rhabarberwurzel; Tu-
hera salep, Salepknollen; R. saponariae, Seifen-
wurzel; R. sarsaparillae, Sassaparillwurzel; R. se-
negae, Senegawurzel; R. serpentariae, Schlangen-
wurzel; R. taraxaci, Löwenzahnwurzel; Rhiz. tor-
ßientillae, Tormentillwurzel; R. valerianae, Bal-
drianwurzel; Rhiz. veratri albi, weiße Nieswurz;
Rhiz. zedoariae, Zitwerwurzel; Rhiz. zingiberis,
Inigwerwurzel u. a.

Räuchermittel nennt man feste oder flüssige
Zubereitungen, die beim Verbrennen oder Ver-
dampfen Wohlgeruch verbreiten und größtenteils
aus wohlriechenden Harzen und Balsamen, häufig
Unter Zusatz von ätherischen Ölen und aromati-
schen Pflanzenteilen, Moschus und anderen Riech-
stoffen bestehen. Die gebräuchlichsten Formen für
R. sind: Räucherpulver (lat. Pulvis fumalis odo-
ratus, frz. Poudre ä parfumer, engl. Parfuming
Powder), Gemische von Harten, wie Storax, Ben-
zoe, Weihrauch mit Zimt und anderen wohl-
riechenden Gewürzen, zum Teil auch, nur der
hunten Färbung wegen, mit Blüten (Lavendel,
Ringelblumen, Klatschrosen, Kornblumen), sowie
Fielst unter Zusatz von ätherischen Ölen und et-
'väs Moschus. — Räucheressenz (Räuchertink-
*ur. lat. Tinctura fumalis, frz. Teinture de par-
fumer, engl. Parfuming tincture), alkoholische
Auszüge aus aromatischen Harzen, Rinden und
Vewürzen, mit Zusatz kleiner Mengen ätherischer
Ambra- und Moschustinktur. Die Essenzen
Werden entweder für sich auf Ofenplatten oder
111 besonderen kleinen Apparaten verdampft, oder
®le dienen zur Anfertigung von Räucherpapier
vat. Charta fumalis, frz. Papier ä parfumer, engl,
parfuming paper), das mit der Essenz mehrmals
(■urchtränkt und getrocknet ist und angezündet
Fs zu Ende verglimmt. — Räucherkerzchen
bat. Candelae fumalis nigrae s. rubrae, schwarze
0&lt;jer rote R„ frz. Pastilles ä parfumer, engl. Fu-
(Pigating candles) können mit mehr oder weniger
furzen, Rinden und anderen . wohlriechenden
hoffen hergestellt werden. Als brennbaren Be-
standteil erhalten die schwarzen einen Zusatz von
feinem Holzkohlenpulver, die roten fein gepul-
Verte$ Sandelholz mit einer Beimischung von
etwas Salpeter. Die sämtlichen Bestandteile wer-

den gemengt und mit Tragantschleim zu einem
Teig gestoßen, aus dem man die kleinen Kegel
oder Stengelchen formt. —- Räucherkerzen wer-
den auch unter Zusatz von Insektenpulver als
Schnakenkerzen hergestellt. — Der ebenfalls
hierher gehörige Ofenlack besteht aus einer
weingeistigen Auflösung wohlriechender Harze.

Raffinose (Melitose, Melitriose, Gossy-
pose ist eine eigentümliche Zuckerart, die zwar
nicht im Handel geführt wird, aber insofern
größere Bedeutung hat, als sie in der Rüben-
melasse und in kleinen Mengen zuweilen auch in
dem Rübenzucker vorkommt und dessen Drehungs-
vermögen für das polarisierte Licht bedeutend
erhöht (sog. Pluszucker der Zuckerfabriken).
Es hat sich herausgestellt, daß die R. mit dem
Zucker der Baumwollensamen,' Gossypose, iden-
tisch ist, daß sie ferner den Hauptbestandteil der
australischen Manna (von Eucalyptus vi-
minalis) bildet, den man früher Melitose nannte,
und daß sie in den Rüben selbst schon fertig ge-
bildet vorkommt. Da die R. leichter in Wasser
löslich ist, als die Saccharose (Rohr- und Rüben-
zucker), so sammelt sie sich in der Melasse der
Zuckerfabriken an und findet sich daher nament-
lich denjenigen Zuckersorten beigemengt, die
aus Melasse durch das Elutions-, Osmose- oder
Bistrontiumverfahren gewonnen wurden. Diese
Zuckerarten zeigen eine eigentümliche Kristall-
form, die sie leicht als solche verrät und die dem
Fabrikanten höchst unerwünscht ist, weil sie
trotz der höheren Polarisation die Ware schwer
verkäuflich macht und den Preis erniedrigt.

Rainfarn (Wurmkraut, Wanzenkraut, lat.
Herba tanaceti, frz. Tanaisie, engl. Tansy) ist die
zur Familie der Kompositen gehörige, bei uns
an Rainen, Wegrändern und Flußufern wachsende
Pflanze, Tanacetum vulgare, die aus der
ausdauernden Wurzel i—1V2 m hohe Stengel mit
doppelt fiederteiligen, drüsig getüpfelten Blättern
und gipfelständigen, schirmförmigen Blütenstän-
den treibt. Die einzelnen Blütenköpfchen sind
goldgelb, halbkugelig und ohne Strahlblümchen.
Blätter und Blüten, namentlich die letzteren, rie-
chen stark gewürzhaft kampferartig und schmek-
ken bitter. Man sammelt die vollkommen aus-
gebildeten Blüten allein oder mit dem Kraute und
benutzt sie getrocknet teils in Pulverform, teils
in Abkochung als Wurmmittel. Das mit Wasser
abdestillierte ätherische öl, das Rainfarnöl (lat.
Oleum tanaceti, frz. Essence de tanaisie, engl. Oil
of tansy), eine gelbliche, mit der Zeit sich bräu-
nende, flüchtige Flüssigkeit von durchdringend
kampferartigem Geruch und bitterem Geschmack,
hat ein spez. Gew. von 0,925—0,950 und ent-
hält ein Keton, Tanazeton (Thujon), fer-
ner Kampfer, Börneol und einen Kohlen-
wasserstoff (Terpen).

Rak (Rack), soviel wie Arrak, ist eine Be-
nennung, die in Ostindien gebrannten Getränken
jeder Art gegeben wird. Vielleicht hängt damit
der Name Raki zuammen, der in der Türkei und
überhaupt bei den Mohammedanern ebenfalls
alle Arten Branntweine und Liköre bezeichnet
und auch in Slavonien und Illyrien für Pflaumen-
branntwein gebräuchlich ist.

Ramaß-Eisen (frz. Fer de ramasse, engl. Scrap
iron, Pagotted iron) ist ein Stabeisen, das aus
altem Schweißeisen und Abfällen, selbst alten
        <pb n="367" />
        ﻿mmmmt





m,

Rangoonöl

360

Ratanhiawurzel

Nägeln, Drehspänen und Lochputzen hergestellt
wird. Man ordnet die Stücke in Pakete, die mit
Draht und Bandeisen umbunden werden, bringt
diese in den Schweißofen und streckt sie unter
dem Dampfhammer und unter Walzen aus. R.
zeichnet sich meist durch größere Zähigkeit aus
und wird deshalb gern zu Radreifen, Hemm-
schuhen und Ackerwerkzeugen verwendet.

Rangoonöl (Rangunöl, Ranguhnteer, Ra-
goonöl), eine Sorte Erdharz oder Erdöl von
Yenan-Gyoung und Payan in Ober-Birma, hat die
Konsistenz von Gänsefett, eine grünlichbraune
Farbe, bituminösen, nicht unangenehmem Geruch
und ein spez. Gew. von 0,885—0,890. Es enthält
über 50 °/o Paraffin, ferner asphaltartige Stoffe,
leichte und schwere Kohlenwasserstoffe, darunter
etwas Benzol, Toluol und Xylol, sowie auch
Naphthalin.

Rapontika (Stabwurzel, Gartenrapunzel),
eine Pflanzengattung aus der Familie der Oeno-
theren oder Nachtkerzen, von denen nur Oeao-
thera biennis wegen der als Salat, zu Gemüse
und Suppen verwendeten Wurzeln angebaut wird,
hat lediglich örtliche Bedeutung. — Rapontika-
wurzel s. unter Rhabarber.

Raps, Rübsen (Kohlraps, Reps, Lewat,
Kohlsaat, Kolza, Ölraps), mit den Abarten
Biewitz und Awehl, sind wichtige Ölpflanzen
aus der Familie Brassica, nämlich; Brassica
campestris L. s. Brassica Rapa: Rübsen,
und Brassica Napus L.; Raps, von denen er-
sterer wieder in B. annua, Sommerrübsen, die
einjährige, und B. oleifera, Winterrübsen,
die zweijährige Art eingeteilt wird. Die durch
gelbe Blüten und lange, schmale Schoten mit
kl eitlen, schwarzen oder braunen^ runden, fast
ganz glatten, ölreichen Samen ausgezeichneten
Pflanzen werden in ganz Mittel- bis Nordeuropa
auf kräftigem, gutem Boden und in sehr starker
Düngung als erste Frucht, oft noch nach Brache
angebaut. Stets erfordern sie aber beste Boden-
bearbeitung, meist in Reihen, und sorgsamste
Pflege. Von dem etwa drei Jahre keimfähigen
Samen braucht man zu Drillsaat für den Hektar
0,15, zu Breitsaat 0,2—0,3 hl Saatgut und erntet
12—15, selten 25 hl. 1 hl wiegt 65—70 kg, am
schwersten ist der Winterraps, am leichtesten
der Sommerrübsen. 100 kg Raps sollen 36—40kg
öl geben. Das Stroh hat nur Streuwert, die öl-
reichen Schoten (Kappen) dienen als Futtermittel.
Der Raps erschöpft den Boden sehr stark, wenn
kein Ersatz für die entzogenen Nährstoffe statt-
findet, bildet aber eine vortreffliche Vorfrucht
für Getreide. Der Rübsen trägt i/t—Vs weniger,
während Awehl und Biewitz im Ertrage zwischen
beiden stehen und sie durch Widerstandsfähigkeit
gegen die Witterung übertreffen. — R. und Rüb-
sen leiden durch naßkalte, schneelose, harte
Winter, durch Nässe zur Vegetationszeit und in
der Ernte, durch stürmisches Wetter und Platz-
regen, durch eine sehr große Zahl tierischer
Schädlinge, wie: Raupen, Schnecken, Blattläuse,
Weißlinge, Gallmücken, Maikäfer, Goldkäfer,
Glanzkäfer und Vögel (Tauben) und durch ver-
schiedene Krankheiten. Der Same muß sehr gut
behandelt und vor der vollen Reife geerntet wer-
den, da die Schoten leicht aufspringen und den
Inhalt entleeren. Er wird deshalb auch meist bei
Nacht oder doch im Morgentau eingefahren

oder gleich auf dem Felde durch Maschinen ge-
droschen. Bei der Aufbewahrung muß der R.
so dünn als möglich aufgeschüttet und fleißig ge-
wendet werden, da er leicht muffig wird. Auf
dem Felde wächst er bei Nässe leicht aus. Guter
R. soll schwarz, glänzend, gleichmäßig und frei
von verletzten Körnern sein, hingegen nicht rot
oder rötlich aussehen. 1 hl muß mindestens
66,5 kg wiegen, 1 kg etwa 200000 Körner haben.
Die Hauptverwendung findet der R. zur Ölge-
winnung (s. Rüböl). Doch werden auch große
Mengen als Vogelfutter verwendet, und zwar
besonders die wegen ihres süßeren Geschmackes
beliebtere Sommerware.

Rapunzel (Rabinschen, Feldsalat), der bei
tms vielfach angebaute, zur Gattung Valeria-
nella gehörende kleine, grünblättrige Feldsalat,
gehört zu den Gewächsen der Handelsgärtncr
und wird vielfach in Treibhäusern gezogen, um
schon im zeitigen Frühjahr auf den Markt zu
kommen.

Ratafia ist eine Bezeichnung für gewisse Li-
köre, die mit Säften frisch ausgepreßter Obst-
und Beerenfrüchte versetzt und mit Gewürzen
aromatisiert sind. Die besten R.-Sorten werden
zu Montpellier, sowie zu Nancy und Paris be-
reitet. Grenoble hat einen besonderen Ruf wegen
seines berühmten Kirschratafia, der aus den
schönsten großen, langstieligen, meist schwarzen
Kirschen hergestellt wird.

Ratanhiawurzel (lat. Radix ratanhiae, frz. Ra-
cine de ratanhia, engl. Ratanhy root) ist die Haupt-
wurzel eines inPeru wachsendenniederen Strauches
aus der Familie der Leguminosen. Krameria trian-
dra, die 18 cm lange und 4V2 cm dicke, knorrige und
sehr harte Stücke bildet und nach unten in viele
dünnere, hin und her gezogene, bis 3 dm lange
federkieldicke Äste geteilt ist. Die schuppig-rissige
Rinde erscheint außen rotbraun, auf dem Quer-
schnitt heller, das Holz der dickeren Stücke
zimtfarben, das der dünneren rötlichweiß. Die
wirksamen Bestandteile finden sich fast aus-
schließlich in der Rinde, die stark adstringierend
und bitterlich schmeckt, während das Holz nahe-
zu geschmacklos ist. Diese peruanische Rinde,
die eigentliche sog. echte R., die allein zum
medizinischen Gebrauch gestattet ist, kommt in
Seronen von 75—90 kg Inhalt hauptsächlich über
die Ausfuhrplätze Payta und Kallao nach Europa.
Sie enthält als wirksame Stoffe eine eigentüm-
liche, Eisenoxydsalze grünlichbraun fällende Gerb-
säure, die Ratanhiagerbsäure, und ein Phlo-
baphen, das Ratanhiarot und wird in Form von
Pulver, Extrakt und Tinktur als zusammenzie-
hendes Mittel bei chronischen Diarrhöen, Schleim-
flüssen und Blutungen, sowie äußerlich zu Zahn-
tinkturen und Mundwässern, das Extrakt in sel-
tenen Fällen wohl auch als Gerbmittel gebraucht.
Das Ratanhia-Extrakt (lat. Extractum ra-
tanhiae, frz. Extrait de ratanhia, engl. Extrakt of
ratanhy). eine schwarze, im Bruche glänzende,
zerrieben rotbraune Masse schmeckt sehr zu-
sammenziehend und färbt beim Kauen den Spei-
chel rot. — Außer der echten Wurzel kommen
noch einige andere, nicht offizineile Sorten aus
anderen Ursprungsländern an den Markt: Di®
Savanilla- oder Neu-Granada-Ratanhia aus
Neugranada, von Krameria ixina oder tomen-
tosa hat eine viel dickere, extraktreichere Rinde
        <pb n="368" />
        ﻿Rattengift

361

Rauchwaren

als die echte und ist also eigentlich der echten
vorzuziehen. Die Texas- oder mexikanische

R.	aus Mexiko, Texas und benachbarten Gegen-
den Nordamerikas ist ebenfalls in der Rinde viel
stärker als im Holz. Die neuerdings in größeren
Mengen eingeführte brasilianische oder Ce-
ara-Ratanhia (Pararatanhia) von Krameria
argentea entspricht den Anforderungen des D.
A. B. Die drei im Handel hauptsächlich vor-
kommenden Sorten lassen sich leicht durch die
Färbung der daraus bereiteten weingeistigen
Tinkturen unterscheiden, indem die Tinktur aus
echter Payta-Ratanhia rot, die aus Savanilla-
Ratanhia gelblich, mit einem Stich ins grüne, und
die aus Para- oder Ceara-Ratanhia rein gelb aus-
sieht. In sehr verdünnter Tinktur der echten R.
erzeugt Bleizuckerlösung einen roten, in der-
jenigen-der beiden anderen Sorten einen hell-
violetten Niederschlag.

Rattengift. Zum Vertilgen von Ratten und
Mäusen benutzt man hauptsächlich Arsenik,
Phosphor. Meerzwiebel und Bariumkarbonat
(s.d.), neuerdings aber auch gewisse Bakterien^
Präparate (Ratin, Rattapan, Rattenpest),
die für kleine Nager tödlich sind, anderen Tieren
und auch Menschen aber nicht schaden sollen.
— Als Vertreibungsmittel wird auch Saprol
empfohlen.

Rauchwaren, Pelz werk (frz. Pelleterie, engl.
Peltry) ist die Handelsbezeichnung für die
größtenteils zur menschlichen Bekleidung be-
stimmten Pelzfelle wilder und zahmer Tiere, die
zur völligen Erhaltung des ungelockerten Haar-
standes nur auf der durch Schaben gereinigten
Fleischseite einer konservierenden Behandlung
(Gerbung) mit Alaun, Salz. Fett, Butter oder Öl
unterworfen worden sind. Da die Behaarung
von der warmen Jahreszeit ungünstig beeinflußt
wird, gelangen fast nur im Winter gewonnene
Pelzfelle zur Verarbeitung und aus dem gleichen
Grunde werden die wertvollsten Pelzfelle von
den kalten nördlichen Gebieten Rußlands (Sibi-
riens), Alaskas und Kanadas geliefert. In Kanada
Wurde der Pelzhandel von der Hudsonsbai-Gesell-
schaft früher als Monopol betrieben, an dessen
Stelle jetzt der freie Wettbewerb getreten ist.
Die Verkaufskontore der Gesellschaft befinden
sich in Montreal für Büffelhäute und in London
für das eigentliche Pelzwerk, das oft erst nach
'Vz Jahren seinen Bestimmungsort erreicht. Die
großen Londoner Pelzauktipnen finden im Ja-
nuar, und März statt. Seitdem der gegen bares
Geld erfolgende Handel wie in den Vereinigten
Staaten auch in Kanada frei ist, werden auch
von anderen Pelzkompagnien sowie großen Han-
delshäusern und kleineren Kaufleuten Pelzfelle
auf den Markt gebracht, die entweder direkt
°der auf dem Umwege über Neuyork nach
London oder Leipzig gehen. Die Amerikaner be-
vorzugen neuerdings wegen des bequemeren Ab-
satzes Leipzig, von wo sie gleichzeitig erhebliche
Mengen russischen und deutschen Pelzwerks, wie
sibirisches Feh, Hermelin, gute russische Zobel,
'n Deutschland zugerichtete polnische und frän-
kische Kaninchenfelle entnehmen. — Däne-
mark führt aus Grönland, weniger von Island
geringe Mengen Fuchs-, Robben- und einige Eis-
uärfelle ein. — Südamerika beteiligt sich nur
durch seine Chinchilla-, Viscacbe- und Koipu-

felle am Handel, während seine Jaguar- und
Pumafelle von untergeordneter Bedeutung sind.

—	Von Schweden und Norwegen kommen
neben allgemeiner verbreiteten Fellen, wie Füchse,
Marder, Iltisse, Dachse, Ottern und Katzen, be-
sonders schöne Felle von Luchsen, Seehunden,
Silber- und Kreuzfüchsen zur Leipziger Messe,
von wo die besten Stücke nach Rußland gehen.

—	Rußland ist unstreitig das wichtigste Gebiet
für Erzeugung, Verbrauch und Handel in R. Der
besonders wichtige Verkehr mit China geht über
Kiachta, ein anderer Teil über Astrachan nach
Persien. Als weitere Flauptmeßplätze sind Irbit
in Sibirien und Nishnij Nowgorod zu nennen,
letzteres als der eigentliche internationale Tausch-
platz, zu dem im Juni und August neben russi-
schen und asiatischen auch armenische, ameri-
kanische, skandinavische und deutsche Pelzwaren
zusammenströmen. Daneben kommen noch Pe-
tersburg, Moskau und Warschau als dauernde
Meßplätze in Betracht. —- Der deutsche Rauch-
warenhandel befindet sich in seinen letzten Ver-
zweigungen in sehr vielen Händen, da sich zahl-
reiche kleine Händler und alle Kürschner am
Einkauf beteiligen. Von den Landleuten werden
Lamm- und Ziegenfelle, in den Städten Kanin-
chen- und Katzenfelle, von den Jägern die sog.
Wildwaren (Füchse, Marder, Iltisse, Dachse,
Ottern) gekauft. Auch die Menge der letzteren,
die namentlich aus Württemberg und Bayern, be-
sonders den Alpengegenden, stammen, ist nicht
unbeträchtlich. Die von größeren Kaufleuten ge-
sammelten Waren kommen schließlich in den
Rauchwarenhandel, der in mehreren größeren
Städten seinen Sitz hat und auch den Vertrieb
ausländischer Pelze umfaßt. Hamburg, Lübeck
und Bremen betreiben ausgedehnte Speditions-,
Aus- und Einfuhrgeschäfte mit amerikanischem,
russischem,skandinavischem,deutschem und fran-
zösischem Pelzwerk und mit grönländischen Rob-
benfellen. Wien versorgt Österreich, Ungarn und
Italien mit amerikanischen und russischen Rauch-
waren und ist ein ständiger Markt für türkische,
ungarische und italienische Lämmerfelle. Berlin
und Breslau haben neben bedeutendem Inlands-
handel starken Absatz nach Rußland und Polen.
Der bedeutendste Meßplatz, an dem sämt-
liche R. zu kaufen sind, ein eigentlicher Welt-
markt, ist Leipzig geworden, das die mehr der
Durchfuhr amerikanischer Ware dienende eng-
lische Hauptstadt fast überholt hat. Auf den
beiden Leipziger Messen kommen alle gang-
baren Pelzwaren zusammen, die deutschen Wild-
waren allerdings vorwiegend auf der Ostermesse,
und jeder Verkäufer tritt in der Regel auch als
Käufer auf. Die Amerikaner kaufen .von den
Deutschen zubereitete Feh, Marder, Iltis und
polnische Kaninchen, von den Franzosen gefärbte
Kaninchen, von den Russen Hermelin, Nerze
und weiße Hasen. Die Engländer entnehmen
rohe Feh, Hermelin, persisches Lammfell, Mar-
der, polnische Kaninchen und neuerdings ame-
rikanische Felle, die Franzosen und Italiener zu-
bereitete Feh, Hermelin, persische und Astra-
chaner Lammfelle, polnische Kaninchen, Zobel
und Chinchillas, Russen und Polen besonders
deutsche und nordische, Füchse, Marder, Otter,
Waschbären, Bären, virginische Iltisse, Skunks,
Biber, Seeotter, Zobel, Chinchilla, Luchs, Bisam,
        <pb n="369" />
        ﻿Raute

362

Reglise

Pelzseehunde und Kaninchen. Griechen und
Rumänen brauchen für ihre Volkstrachten haupt-
sächlich Füchse aller Arten, ferner Luchse, Zobel,
Nerze, Wölfe, schwarze Katzen und französische
Kaninchen. Die deutschen Händler entnehmen
hier fast ihren ganzen Bedarf. Auch außer den
Messen ist Leipzig ein ständiger Markt für R.,
an dem die bedeutendsten fremden Häuser Ver-
tretungen unterhalten. Ein Urteil über den LTm-
fang des Handels gewährt die Angabe, daß
der jährliche Umsatz in Leipzig auf 1.50 Millionen
Mark, fast die Hälfte des Weltumsatzes, geschätzt
wird. — Wohl kein Gegenstand des Welthandels
bringt die Völker der nördlichen Erdhälfte aller
Kulturstufen in so nahe Geschäftsbeziehungen
wie das Pelzwerk, und wie unsere Vorfahren im
Mittelalter von den Russen, so bezogen schon die
alten Griechen und Römer aus denselben
Quellen, d. h. von Skythen und anderen nordi-
schen Völkern, ihr Luxuspelzwerk. Mit dem zu-
nehmenden Wohlstand ist der von Luxus und
Mode stark beeinflußte Bedarf an R. beständig
gewachsen und trotz der zunehmenden Schwierig-
keiten der Pelzjagden ist die Zufuhr, zum Teil
allerdings infolge der Verwendung früher nicht
benutzter Felle in beständiger Zunahme begriffen.
Ein großer Teil des Bedarfs wird durch die
neuerdings in Aufnahme gekommenen Felle von
Skunks, Bisam, Chinchilla und Affen, sowie be-
sonders von Opossum (jährlich mehrere Millionen
Felle nach Europa) und anderen australischen
Beuteltieren gedeckt. Dazu kommt, daß jetzt
die Zurichtung unansehnlicher Felle einen hohen
Grad der Vollendung erreicht hat. Das Färben,
Rupfen und Scheren ist eine blühende Industrie
geworden, die namentlich in der Umgebung Leip-
zigs Tausende von Arbeitern lohnend beschäf-
tigt. Die Färberei ist besonders dadurch hervor-
gerufen worden, daß die Mode fiefschwarze oder
tiefdunkelbraune Farben verlangt, die bei natür-
lichen Fellen nur selten verkommen. Da künst-
lich gefärbte Felle aber von natürlichen dadurch
unterschieden werden können, daß nicht nur
das ganze Haar bis zur Wurzel, sondern auch das
Leder den Farbstoff auf nimmt, so bevorzugt
man jetzt meist das sog. „Blenden“, bei dem
nur die Spitzen gefärbt werden. Bisweilen werden
zur Vortäuschung wertvollerer Pelzarten auch
wohl weiße Spitzen, Grannen, eingezogen. Die
schon von 1720—1820 auf das Doppelte und im
letzten Jahrhundert auf das Dreifache gestiegenen
Preise haben im Kriege eine unsinnige Höhe
erreicht.

Raute (lat.' Herba rutae, frz. Herbe de rue,
engl. Rue leaves). Im Drogenhandel werden
zwei Sorten R. geführt, die Gartenraute (Her-
ba rutae hortensis) und die Mauerraute (Herba
rutae murariae). Die erstere, Ruta graveolens
(Gattung der Rutazeen), ist ein auf Gebirgs-
hängen des südlichen Europa und zum Teil selbst
Süddeutschlands wild wachsender Strauch, der
auch in unseren Gärten gut fortkommt und sich
durch Wurzelteilung, Stecklinge und Samen ver-
mehren läßt. Die frischen Blätter, die zuweilen
als Gewürz an Salat oder auf Butterbrot genossen
werden, haben einen durchdringenden, widrigen
Geruch und brennend-bitterlichen Geschmack.
Die Mauerraute, Asplenium Ruta, wird nur
etwa fingerlang, ähnelt aber sonst der Garten-

raute sehr und wächst hauptsächlich auf Ge-
mäuer und steinigem Boden. Als riechende und
schmeckende Bestandteile finden sich ein dem
Querzitrin nahestehendes Glykosid, Rutin, und
ein ätherisches Öl, das in allen Teilen der
Pflanze abgelagert ist. Durch das Trocknen wer-
den Geruch und Geschmack stark verringert.
Aus dem getrockneten Kraute oder den Blättern
beider Arten gewinnt man das Rautenwasser
und den Rautenessig. Das mit Wasser oder
Dampf von den frischen blühenden Pflanzen ab-
destillierte ätherische Rautenöl (lat. Oleum
rutae, frz. Essence de rue, engl. Öil of rue)
zeigt gelbliche Farbe, starken Rautengeruch und
bitterscharfen Geschmack und hat ein spez. Gew.
von 0,833—0,847. Es dreht gewöhnlich schwach
rechts, bisweilen auch schwach links, löst sich
in 2—4 Vol. 700/oigen Alkohols und besteht, je
•nach der botanischen Herkunft, vorwiegend aus
Methylnonylketon oder Methylheptylketon. Die-
jenigen Rautenöle, deren Hauptbestandteil Me-
thylnonylketon ist, erstarren oberhalb o°, die
anderen unterhalb o°. Eine Verfälschung mit
Terpentinöl erkennt man an der Erhöhung des
spez. Gew. Die Raute wird in der Volksmedizin
als magenstärkendes Mittel verwendet und kann
in größeren Mengen dem Mutterkorn ähnlich
wirken. Die Auszüge und Destillate finden als
nervenstärkende Mittel Anwendung.

Rebenschwarz (frz. Noir de vigne, engl. Vine-
black) nennt man eine sehr feine Kohle, die als
gut deckende schwarze Farbe zum Malen mit
Wasser und Öl und zu Druckfirnis gebraucht und
durch Glühen von Weinreben und den Kämmen
der Weintrauben in geschlossenen eisernen Töp-
fen oder Retorten erhalten wird. Das R. bildet
die zweite Sorte des Frankfurter Schwarz,
dessen erste und bessere Sorte durch Verkohlen
von Weinhefe hergestellt wird.

Reginaviolett ist eine Bezeichnung für drei
seit 1860 bekannte Teerfarbstoffe. Das ohne
nähere Bezeichnung, auch Violet impörial
rouge, Regina purple genannteR. erhält man
aus den bei Herstellung des Fuchsins nach
dem Arsenverfahren entstehenden Abfällen durch
Behandlung mit einem Gemenge von Rosapilin
und Essigsäure bei 1200 als ein grünes, in Wasser
mit rotvioletter Farbe lösliches Pulver, welches
Wolle direkt färbt. Reginaviolett, spritlös-
lich, entsteht bei der Herstellung des Fuchsins
nach dem Nitrobenzolverfahren, während das
wasserlösliche R. aus dem spritlöslichen durch
Einwirkung von konzentrierter Schwefelsäure und
Neutralisieren mit Soda erhalten wird. Nur das
letztere findet in der Färberei Anwendung, wäh-
rend das spritlösliche zur Darstellung von sog.
Goldkäferlack dient.

Reglise. Mit diesem Namen belegt man einer-
seits den Süßholz- oder Lakritzensaft (s. Süß-
holz), hauptsächlich aber den in Apotheken,
Drogerien und Konditoreien bereiteten Leder-
zucker (Pasta), der sowohl weiß als braun her-
gestellt wird. Die weiße R. (lat. Pasta gum-
mosa, seu Pasta althaeae, frz. Pate de gomme,
engl. Paste of gum) wurde früher mit Althee-
wurzelschleim bereitet, in dem arabisches Gummi
und Zucker aufgelöst war. Jetzt verwendet man
nur letztere beiden Stoffe, löst sie in Wasser,
dampft die geklärte Lösung bei gelinder Hitze
        <pb n="370" />
        ﻿Reinettenessenz

363

Reseda

unter fortwährendem Rühren bis zur Sirupsdicke
®in und verbindet sie mit zu Schaum geschla-
genem Eiweiß. Darauf aromatisiert man mit
etwas Orangenblütenwasser, dickt weiter ein, bis.
eine Probe beim Erkalten einen steifen Teig
bildet, gießt dann die Masse auf Blech oder in
Papierkapseln aus und beläßt sie noch einige
Tage in der Wärme, bis sie die richtige Festig-
keit erlangt hat. Schließlich wird sie in Stücke
geschnitten und verpackt. Die so erhaltene Paste
ist weiß, rein süß, porös und zerbrechlich, wird
aber an der Luft durch Anziehen von Feuchtig-
keit wieder zähe. Zu dem bräunen Lederzucker
(lat. Pasta liquiritiae, frz. Pate de röglisse, engl.
Pase of liquorice root) benutzt man ein Extrakt
aus geschälter und fein geschnittener Süßholz-
uuirzel und eine Lösung von arabischem Gummi
und Zucker. Die gemischte und geklärte Lösung
'vird in gelinder Wärme unter sorgfältigem Ab-
schäumen eingedampft, die klare Masse nach Er-
langung der erforderlichen Konsistenz auf Blech
oder Papier zu Tafeln ausgegossen, vollends ge-
trocknet und in Stückchen geschnitten. Diese
Masse bleibt biegsam, bernsteingelb und durch-
sichtig. Die R. dienen als Hausmittel gegen
Husten und Heiserkeit und gehören zu der Klasse
der Bonbons.

Reinettenessenz, ein zu den künstlichen Frucht-
athern gehöriger Riechstoff, besteht aus Birnen-
essenz mit 5—ioo/0 Baldriansäureamyläther.

Reis (lat. Fructus s. Semen oryzae, frz. Riz,
engERice), die Hauptbrotfrucht der Asiaten, ist
eineflpflanze aus der Gattung der Gramineen,
die sich, wahrscheinlich von Ostindien aus, weit
''erbreitet hat und jetzt in der ganzen subtro-
pischen und gemäßigt warmen Zone angebaut
ydrd. In Europa gedeiht der R. bis zu 450 n. Br.
kt den Mittelmeerländern, besonders in N orditalien,
hnd zwar auf sumpfigem Boden, oder über-
schwemmt gehaltenem, eingedämmtem Lande.
Man baut mehrere Arten, und zwar Bergreis,
Oryza montana Lour., auch auf trockenerem
“öden, gemeinen R., Oryza sativa, früh-
reifen R., unbegrannten R. und Klebreis
(Otyza glutinosa) als Hauptsorten. Der Anbau
bietet große Schwierigkeiten, da der R., mit Aus-
nahme des Bergreises, nur im Sumpfboden ge-
deiht und in das Wasser eingesäet werden muß.
Man braucht 60 kg Saatgut für den Hektar, läßt
das Wasser auf den Feldern stehen, bis die Pflanzen
über dem Wasserspiegel erscheinen, und sorgt
dann erst für Abfluß. Nach fünf bis acht Tage
jangem Abtrocknen reinigt man den R. von Un-
kraut, verpflanzt und füllt Lücken aus und wieder-
holt dieses Verfahren, 'mit jedesmaligem Ab-
bild Zulassen von Wasser, bis vier Wochen vor
der Ernte (Oktober). Der R. ist eine ziemlich
sichere Pflanze, die weniger als andere von
Peinden zu leiden hat. Am gefährlichsten sind die
Reisquecke und mehrere Pilze. Auch Vögel
stellen ihm stark nach. Man erntet etwa 12 bis
*3 dz, welche 47—50 0/0 geschälte Ware, 12 bis
t&amp;% Bruchreis und 35—40 °/o Spelzen geben.
Jetzt ist der Versand mit den Hülsen gebräuch-
bcher, da in Europa die Herstellung der Markt-
ware auf Hämmer- oder Stempelwerken erfolgt.
JJer R. hat Blüten in aufrechter, zuletzt über-
düngender Rispe, traubig angeordnete Äste und
einblütige Ährchen, kleine, spitze, häutige, un-

begrannte Hüllspelzen, doppelt so lange, be-
grannte und unbegrannte Knöspchen und weißen
Samen, der sich durch seinen hohen Stärkemehl-
gehalt (84—88 0/0), bei nur geringem Gehalte an
Eiweißstoffen, auszeichnet. ■— Geschälter R. ent-
hält 7—8 0/0 Protein, 78 °/o Stärkemehl, o,s—1 °/o
Dextrin und Zucker, 0,3—0,5 °/o Fett, 12 °/o Wasser
und 0,3s—0,85 °/o Asche. Die stickstoffhaltigen
Substanzen (Kleber) liegen meist nach der Schale
zu und gehen größtenteils mit in die Kleie, die
zur Fütterung sehr gesucht ist. Reisfuttermehl
ist der Abfall beim Schälen des Reises und wird
wie die geringwertigeren Reissorten zur Fütte-
rung benutzt. Der Reis selbst findet mannigfache
Verwendung im Haushalt und in der Technik,
so zur Stärke- und Bierbereitung sowie zur Her-
stellung von Arrak und ähnlichen Getränken.
Guter R. muß gleich große, ungebrochene,
weiße, trockene und feste Körner enthalten, frei
von Staub und Sand sein, beim Kochen gut auf-
quellen und nicht säuerlich schmecken. Grauer

R.	ist immer eine geringere oder seebeschädigte
Ware. Der italienische R. hat derbe, runde,
weiße Körner; der Bengalreis große, etwas röt-
liche, grobe und dickhülsige, der Patnareis
kleine, langgestreckte, weiße, der Karolinareis
(Amerika) lange, mattweiße und durchscheinende
Körner. Arrakanreis ist eine geringere, Ran-
goon- oder Rangunreis eine mittlere, Java-
reis eine gute, kleine, weiße Ware, während
Tafeireis die beste Sorte darstellt. Als unzu-
lässige Behandlung der geschälten Reiskörner
gilt das künstliche Bleichen, das Ölen oder die
Behandlung mit Stärkesirup, das Färben mit
Ultramarin oder Indigo und das Überziehen mit
Talkum oder Speckstein.

Reismelde (Q uinoapflanze , chilenischer
Gänsefuß), eine unserem einheimischen Gänse-
fuß ähnliche Pflanze, Chenopodium Quinoa,
die in Chile und Peru noch in 4000 m Höhe als
Getreide gebaut wird, liefert reisähnliche Samen
mit rund ig°/o Stickstoffsubstanz, 5% Fett, 7«/«
Holzfaser, 48°/» stickstofffreien Extraktstoffen und
5 0/0 Asche. Die Versuche, während des Krieges
Blätter und Samen zur Volksernährung heranzu-
ziehen. haben sich nicht bewährt, weil die kli-
matischen Verhältnisse dem Anbau ungünstig
sind und der bittere Geschmack der Speisen
nur schwer zu beseitigen ist.

Reisstroh, Reiswurzeln. Außer dem Samen
werden auch das Stroh und die Wurzeln viel-
fach verwertet. Das Reisstroh dient den Ost-
asiaten zur Herstellung von Gebrauchsgegen
ständen, wie Sandalen, Besen und Matten, ferner
auch von Papier und geschnitten, gleich Häcksel,
als Viehfutter. — Die Reiswurzeln sind ein ge-
schätztes Material für Bürsten und Besen. Die
Rispen verschiedener Hirsearten, namentlich
aus der Familie Sorghum vulgare, Mohr-
oder Sorgho-Hirse, werden ähnlich der Reis-
wurzel verwendet.

Renaszin, ein aus verschiedenen wertlosen
Salzen bestehendes „Bluterneuerungsmittel“, vör
dem mehrfach amtlich gewarnt wurde.

Reseda (Reseda odorata) gehört zu den fein-
sten Duftpflanzen, welche bei der Darstellung
von Parfümerien (s. d.) Verwendung finden. Ihr
Gehalt an ätherischem öl ist aber so gering, daß
es nicht durch Destillation, sondern nur durch
        <pb n="371" />
        ﻿Resiablätter

364

Rettich

Mazeration mit fetten Ölen oder festen Fetten
gewonnen werden kann. Das käufliche Reseda-
öl (lat. Oleum resedae pingue, frz. Huile par-
fumde de rdsdda, engl. Oil of reseda) besteht aus
einem solchen mit Resedablüten aromatisierten
fetten Öl und wird als Zusatz zu Haarölen ver-
wendet. Ein mit festem Fett hergestelltes Pro-
dukt heißt Pomade de Rdsöda, während Ex-
trait de Rdsdda durch Behandeln der Pomade
mit feinstem Sprit erhalten wird. Ein unter dem
Namen Reseda-Geraniol im Handel befind-
liches Präparat wird gewonnen, indem man Re-
sedablüten mit Geraniol destilliert.

Resiablätter sind Plätzchen, welche abführende
Stoffe (Rhabarber) enthalten und als Geheim-
mittel gegen Fettleibigkeit angepriesen werden,

Resina ist die lateinische Bezeichnung für
Harz: R. alba, weißes Fichtenharz; R. ammo-
niaci, Ammoniakharz oder Gummiharz; R. anime,
Animeharz; R. benzoe, Benzoeharz; R. draconis,
Drachenblut; R. elastica, Kautschuk; R. elemi,
Elemiharz; R. guajaci, Guajakharz; R. jalapae,
Jalapenharz; R.mastiche, Mastix; R.pini, Fichten-
harz; R. sandaraca, Sandarak; R. scammonii,
Skammoniumharz. S. d. betreffenden Aufsätze.

Resinit ist eine aus Formalin, Phenol, Salzen
und Farbstoffen hergestellte Masse, die in flüs-
siger Form zum Imprägnieren von Holz und
Pappe, als Ersatz für Email und Emaillack
und dg!., in fester Form an Stelle von Steinnuß,
Horn, Zelluloid zu Schfnucksachen, Knöpfen,
Griffen und Schildern verarbeitet wird.

Resol ist ein zur Desinfektion von Abort-
gruben empfohlenes Gemisch von Holzteer, Holz-
geist und Ätzkali.

Resonanzhölzer. Diesen Namen führen im
Holzhandel aus Tannen- und Fichtenstämmen
gefertigte dünne Holzplatten, die bei der Her-
stellung von Musikinstrumenten Verwendung fin-
den und namentlich im Böhmerwald, Oberbayem
und dem westlichen Teile des sächsischen Erz-
gebirges in großer Menge gewonnen werden.
Zu ihrer Herstellung eignet sich nur ganz ge-
sundes. astfreies Plolz mit feinen und gleich
starken Jahresringen, aber ohne Harzgallen.
Früher wurde alles Resonanzholz gespalten, wäh-
rend jetzt auch Sägen hierzu eingerichtet sind.
Je nach der Größe und Güte unterscheidet man
Resonanzbodenholz für Klaviere, Geigendeckel-
holz, Gitarrenholz, Baßdeckelholz usw.

Resorbin, eine Salbenmasse, wird durch Emul-
gieren von Wachs und Mandelöl mit Gelatine und
Seifenlauge hergestellt. Sie bildet unter anderem
die Grundlage des Resorbin-Quecksilbers
(Unguentum Hydrargyri cum Resorbino para-
tum) aus t Teil Quecksilber und 2 Teilen Resorbin.

Resorzin (Meta-Dioxybenzol, lat. Resorcinum,
frz. Rdsorcine, engl. Resorcin), CeH4(OH)2, wurde
zuerst von Hlasiwetz und Barth bei der Ein-
wirkung von schmelzendem Alkali auf einige
Gummiharze (Galbanum, Asa foetida. Akaroid-
harz) erhalten und entsteht auch bei der trockenen
Destillation des Brasilins. Zur fabrikmäßigen
Darstellung vermischt man Benzol vorsichtig
mit der vierfachen Menge rauchender Schwefel-
säure, führt die entstehende Monosulfosäure
durch Erhitzen auf 275 0 in die Benzoldisulfosäure
über und neutralisiert mit Kalkmilch. Die von
dem unlöslichen Kalziumsulfat abfiltrierte Lösung

des benzoldisulfosauren Kalziums wird mit Soda j
behandelt, die vom hierbei ausfallenden Kalzium- I
karbonat abfiltrierte Lösung des Natriumsalzes j
zur Trockne verdampft und beizyo0 mit Natrium- 1
hydroxyd geschmolzen. Aus der wäßrigen Lösung
der Schmelze wird nach dem Ansäuren mit I
Salzsäure das Resorzin mit Äther ausgeschüttelt. I
Die nach dem Abdestillieren des Äthers hinter- |
bleibende harte und brüchige, ziemlich weiße I
Masse ist für die Farbenfabriken genügend rein, 1
wird aber für medizinische Zwecke durch Kristal- 1
lisation und Sublimation noch weiter gereinigt. I
Es bildet dann farblose rhombische Tafeln, die |
in Wasser, Alkohol und Äther leicht löslich, in I
Schwefelkohlenstoff, Benzin, Benzol und Chloro- j
form aber praktisch unlöslich sind. Der Schmelz- I
punkt liegt bei 1180, der Siedepunkt bei 278°. I
Das chemisch reine R. (Resorcinum puriss.) I
wird medizinisch als Antiseptikum und innerlich t
gegen Erbrechen, das technische R. zur Her-
stellung der R.-Farben (Eosin, Kokzin, Nopalin, t
Phloxin, Mandarine, R.-blau, Jaune und Ponceau j
d’Orient, Scharlach) benutzt.

Resorzinblau (fluoreszierendes Blau, frz. j
Bleu fluorescent), ein äus Resorzin hergestellter I
Teerfarbstoff der Oxazinreihe, das Ammo-
niumsalz des vierfach bromierten Resorufins, I
OC6H3(NO)C6H3OH, kommt als braunrote, dicke,
mit grünen Kriställchen erfüllte Flüssigkeit in
den Handel. Es gibt mit heißem Wasser eine 1
rotviolette, grün fluoreszierende Flüssigkeit, die I
Seide und Wolle mit bräunlicher Fluoreszenz t
blau färbt. Zuweilen wird auch das Lackmoid
(s. d.) als R. bezeichnet.

Resorzinbraun, ein seit 1881 bekannter Azo-
farbstoff, bildet ein braunes Pulver, das sich in
Wasser mit braunerF arbe löst und Wolle im saueren j
Bade braun färbt. Das R. besteht aus dem Na-
tronsalze desXylidinazosulfanilsäureazoresorzins-

Restitutionsfluid ist eine Mischung von Kap-
sikumtinktur, Kampferspiritus, Ammoniak, Äther,. I
Alkohol, Kochsalz und Wasser, die namentlich
als Einreibungsmittel für Tiere verwendet wird.

Rettich (frz. Radis, engl. Radish). Diesen
Namen führen verschiedene 0,4—0,7 m hohe
Pflanzen aus der Familie der Kreuzblütler,
und zwar hauptsächlich: Ölrettich, Rüben-
rettich und Radieschen oder Monatsrettich.

Der aus China stammende Ölrettich hat sich in
Deutschland nicht verbreitet, weil er gleich an-
spruchsvoll wie Raps, aber nicht so einträglich
und noch empfindlicher ist. Die Radieschen und
der gewöhnliche R. werden ihrer Wurzel wegen im
großen von Gärtnern angebaut und bilden einen
GegenstanddesörtlichenGemüsehandels.Die besten
Rettich-Sorten sind; langer schwarzer Er-
furter, runder Erfurter, weißer Erfurter
sowie runder und schwarzer Wiener. Der R-
soll zart sein und nicht pelzig und hart, fleckig |
oder faul werden. Man überwintert ihn deshalb
mit den Köpfen, am besten in Gruben oder
Mieten. Von den Radieschen sind die runden
und länglich runden die zarteren und besseren-
Die vorzüglichsten Sorten bilden die rosenroten
runden Monatsradieschen, die, scharlachroten
runden Treibradieschen, die rosenroten R. mit
weißer Spitze, die länglichweißen, ovalen und
rosenroten Radieschen, und zwar sind die m
Mistbeeten gezogenen am besten.
        <pb n="372" />
        ﻿

mit Soda
Kalzium-
iumsalzes
Natrium-
n Lösung
iren mit
schüttelt,
s hinter-
h weiße
end rein,
i Kristal-
jereinigt,
fein, die
■slich, in
Chloro-
ächmelz-
■ei 278°.

puriss.)
innerlich
ur Her-
N opalin,
Ponceau

au, frz.
estellter
Ammo-
ruf ins,

;, dicke,
jkeit in
er eine
eit, die

ireszenz

ckmoid

x Azo-
sich in
saueren
m Na-

äorzins-

n Kap-
, Äther,,
entlieh
t wird.
Diesen
hohe
ütler,
üben-
: ttich-
&gt;ich in

ch an-
äiglicb

m und

jen im

einen
besten
r Er-

urter

)er R-
leckig
:shalb
oder
tnden
seren,
roten
irotep

.. mh

und

ie i°

Rhabarber	365	Rhodamine

Rhabarber (lat. Rhizoma rhei, frz. Rhubarbe,
engl. Rhubarb), eine in China und Mittelasien
heimische Pflanze aus der Familie der Polygona-
len, wird wegen ihrer als Gemüse benutzten
Stengel und ihrer medizinisch wirksamen Wurzeln
vielfach angebaut. Für den ersteren Zweck
kommen hauptsächlich Gartenrhabarber oder
handförmiger R. (Rheum palmatum), Eng-
lischer R. aus der Tatarei und Tibet (Hand-
leaved Rh.), R. compactu.m aus der Mongolei,
Zellförmiger R. (R. undulatum) und Ba-
stard-R. (R. hybridum), für den letzteren
Zweck besonders Rheum officinale und pal-
■hatum in Betracht. Der kleinblättrige R.
(Rhe um r hapontic um), auch Berg- oder Pon-
lischer R. genannt, und der Emodi- oder Ost-
Uidische R. (Rheum emodi) liefern die ad-
stringierend wirkenden Rapontika-Wurzeln
(fal scher Rhabarber, lat. Radix Rhapontici,
frz. Racine de rhubarbe rhapontic, engl. Rhapon-
tic Root), die nur in der Tierheilkunde Ver-
wendung finden. — Die Rhabarber-Wurzel
hat. Rhizotna rhei. frz. Racine de rhubarbe, engl.
Rhubarb root), eines der ältesten und zuverlässig-
sten Heilmittel, stammt von im Inneren Asiens
Wachsenden Pflanzen und kam früher auf dem
Landwege über Rußland als Russischer R.
(Radix rhei moscovitica, rossica oder coronalis)
°der auch als Bucharischer R. in den Handel,
"'ährend sie jetzt nur noch von Shanghai auf
dem Seewege als Chinesischer R. eingeführt
'vird. — Die russische Ware erhält man in oben
und unten abgestutzten, kegelförmigen Stücken
°der in Längsschnitten größerer Wurzeln, die
einer Seite flach, auf der andern gewölbt
^scheinen. Die Stücke sind stets ganz geschält
"nd fühlen sich rauh an. Auf dem Bruche oder
L’urchschnitt zeigen sie auf weißem Grunde rote
greifen und Adern, und die Schönheit dieser
Marmorierung bildet neben der Festigkeit des
Molzkörpers'und der Feinkörnigkeit des Bruches
eitlen Maßstab für die Güte. Zum Anreihen auf
Läden zum Trocknen sind die größeren Wurzel-
a°schnitte durchbohrt. — Die weniger wertvolle
Lhinesische Ware bildet Stücke verschiedener
*°nn und Größe, entweder walzenförmige, durch
1 as Schälen kantige Rundstücke mit einem Bohr-
°ch für die Anhängeschnur oder glatte, unvoll-
ständig geschälte Stäbe ohne Durchlochung. Die
rote Marmorierung, das Zeichen höherer Wirk-
samkeit, tritt schwächer hervor, und dement-
sprechend ist auch das Pulver weit heller als
«as dunkelgelbe der russischen Droge. — R. hat
®(tien eigentümlich aromatischen Geruch ‘ und
“Itter aromatischen Geschmack. Das Pulver
knirscht wegen des Vorhandenseins von Oxalat-
kdstallen zwischen den Zähnen und färbt den
^Peichel gelb. Seine abführende Wirkung beruht
anf dem Gehalte an Emodin und Oxymethyl-
anthrachinon. Als weitere charakteristische Be-

standteile sind zugegen: oxaisaures Kalzium,
[fangulasäure, Chrysophansäure, mog-
cherweise in glykosidischer Bindung, eine eigen-
v ntliche Gerbsäure, Rheumgerbsäure, und
^schiedene Stoffe, die möglicherweise erst durch
j^rsetzung entstanden sind. Von dem chinesischen
j Unterscheidet man hauptsächlich zwei Sorten, den
‘Iden oder -Shensi-R., der auf den Bergen
r gleichnamigen Provinz wild wächst und im

März oder April nach Shanghai auf den Markt
kommt, und den kultivierten oder Szechuen-
R„ der im Oktober geerntet wird. Die Ware
kommt in Kisten aus dünnem Holz, die mit Blei
ausgelegt ünd mit grünem Papier überzogen
sind, nach Europa. Um sich gegen Verfäl-
schungen und Unterschiebung minderwertiger
Ware zu schützen, muß man folgende Merkmale
beachten: Die Stücke sollen schwer und dicht,
hingegen nicht schwammig sein. Nach dem Ab-
reiben mit einer scharfen Bürste müssen sie eine
dunkle Farbe und die rötliche Marmorierung
zeigen. Zusätze von Bolus und Ocker erkennt
man an der Erhöhung des Aschengehaltes, Zu-
sätze von Stärke mit Hilfe des Mikroskopes. Die
zu Anfang erwähnten europäischen Wurzeln sind
minder wirksam und sollen wie der pontische
nur zu Tierheilmitteln benutzt werden. Der Nach-
weis der letzteren ist auf mikroskopischem Wege
nicht möglich, kann aber in der Weise erfolgen,
daß man rog des Pulvers mit so viel 6o°/oigem
Alkohol auszieht, bis 25 ccm klares Filtrat er-
halten werden. Die bei 8o° auf 7 ccm eingedampfte
Lösung wird mit io ccm Äther kräftig durch
geschüttelt. Ein nach einiger Zeit erhaltener
bräunlich kristallinischer Niederschlag deutet auf
Rhapontikum-Rhabarber. — Der R. wirkt in-
folge seiner verschiedenen Bestandteile sowohl
adstringierend als purgierend, kann also in
kleinen Gaben zur Stillung von Durchfällen, in
größeren als Abführmittel Verwendung finden.
Außerdem wird er in Form von Pulvern, Pillen,
Extrakten, Tinkturen und Sirupen gegen viele
Unregelmäßigkeiten der Verdauungsorgane, gegen
Leber- und Nierenleiden und Skrofeln verordnet
sowie technisch als Farbstoff verwendet.

Rhenser Sprudel bei Koblenz. toooGewichts
teile enthalten nach Hintz und Grünhut (1902):
Bikarbonate des Natriums 0,8890 g, Lithiums
0,0102 g, Ammoniums 0,0097 g, Kalziums 0.4623 g,
Strontiums 0.0003 g, Magnesiums 0,3438 g, Eisen-
oxyduls 0.0229 g, Manganoxyduls 0,0015 g, Chlor-
natrium 1,2536 g, Bromnatrium 0,0014 g, Jodnatri-
um 0.00002 g, Sulfate des Kaliums 0,0426 g,
Natriums 0,7605 g, Arsensaures Natrium 0,00015 g,
Borsaures Natrium 0,0057 g, Kieselsäure 0,0170 g
und freie Kohlensäure 3,1080 g.

Rhodamine nennt man eine Reihe roter basi-
scher Farbstoffe, die im Jahre 1887 von Cere-
soie entdeckt wurden und die vierte Gruppe
der Xanthenfarbstoffe bilden. Zu ihrer Dar-
stellung bedient man sich zweier Arbeitsweisen.
Nach der einen kondensiert man Phtalsäure-
anhydrid oder die Anhydride substituierter Phtal-
säuren mit m-AminophenoIen, nach der anderen
wird Fluoreszeinchlorid mit Aminen umgesetzt.
Ihre Zusammensetzung entspricht derjenigen
eines Rosamins, in das eine Carboxylgruppe ein-
getreten ist, nämlich der allgemeinen Formel:
COOH . C6H4 . C(C6H3 . NR2)a. 0C1. — Der ein-
fachste Vertreter der Gruppe, das Rhodamin B.
ist das Tetraäthylderivat (R == C2H5) und ent-
steht beim Zusammenschmelzen von Phtalsäure-
anhydrid mit Dimethylmetamidophenol und Be-
handlung der Schmelze mit Salzsäure in Form
grüner Kristalle oder eines rötlichvioletten Pul-
vers, das mit Wasser eine bläulichrote, stark
fluoreszierende Lösung gibt. Der Farbstoff färbt
Wolle und Seide sehr echt bläulichrot mit
        <pb n="373" />
        ﻿Rhodium

366

Rindertalg

starker Fluoreszenz, tannierte Baumwolle violett-
rot ohne Fluoreszenz, geölte Baumwolle ebenso,
aber mit Fluoreszenz. — Durch Einwirkung von
Alkoholen und Säuren können aus den Rh. Ester
gebildet werden, die auch die Bezeichnung Ani-
soline führen und sich von den eigentlichen Rh.
durch einen blaueren Ton, erhöhte Affinität zur
Faser und stärkere Basizität unterscheiden. —
Rhodamin 6G ist z. B. der Äthylester.

Rhodium, eines der Platinmetalle (s. Platin),
vom spez. Gew. 12,100 und dem Atomgewicht
Rh. = 103, das sich nur durch umständliches
Verfahren als dichtes Metall darstellen läßt,
ähnelt in der Farbe dem Aluminium und ist in
reinem Zustande weich, geschmeidig und dehnbar
wie Silber, in unreinem Zustande hingegen hart
und spröde. Es schmilzt schwerer als Platin, aber
leichter als Iridium und ist in Königswasser un-
löslich, Die technische Verwendung‘beschränkt
sich auf die Herstellung widerstandsfähiger Platin-
legierungen für Pyrometer, harte Spitzen für
Goldfedern und einiger Stahlsorten.

Rizinusöl (Wunderbaumöl, Kastoröl, lat.
Oleum ricini, Oleum palmae christi, frz. Huile
de ricin, engl. Castor oil) wird aus den Samen
der Rizinuspflanze, Ricinus communis, ge-
wonnen und gehört zu den fetten Ölen. Der
Rizinus- oder Wunderbaum ist ein ursprünglich
ostindisches, jetzt aber über viele Länder durch
Verpflanzung verbreitetes Gewächs aus der Fa-
milie der Wolfsmilcharten, das in wärmeren
Ländern Strauch- und baumartig wächst und

7—10 m Höhe erreicht, bei uns aber nur als

2—21/2 m hohe Blattpflanze in Gärten und An-
lagen gezogen wird. Seine großen, bandför-
migen, 7—lospaltigen Blätter sitzen schildartig
auf langen Stielen. Die Blüten stehen in großen
Trauben und liefern stachlige, aufspringende
Samenkapseln. Die unter dem Namen große
Purgierkörner oder Purgiernüsse (lat.Semen
ricini,Semen cataputiae majoris,frz.Semence de ri-
cin, engl. Castorseeds) bekannten Samen haben eine
elliptische, zusammengedrückte, auf der einen Seite
stumpfkantige, auf der anderen gewölbte Gestalt
und eine glatte, glänzende, rotbraun getüpfelte
Oberfläche. In der harten, dünnen und leicht
zerbrechlichen Samenschale liegt ein gelblich-
weißer. ölhaltiger Kern, der anfangs mandel-
artig mild, hinterher etwas kratzig' schmeckt.
Die frühere Verwendung der Samen als Ab-
führmittel ist wegen ihres Gehaltes an dem sehr
giftigen Rizin jetzt ganz durch diejenige des Öles
verdrängt worden. Das R. wurde früher durch
Auskochen der zerquetschten Samen mit Wasser
gewonnen, während man jetzt die enthülsten
Kerne kalt auspreßt und so 40—50 o/0 öl erhält.
Durch heißes Nachpressen gewinnt man noch
weitere 7 °/o Öl, die jedoch, ebenso wie das mit
Schwefelkohlenstoff extrahierte Öl nicht medizi-
nisch, sondern nur technisch benutzt werden.
Zur Entfernung der letzten Rizinspuren kocht
man es einige Zeit mit Wasser, wobei die frem-
den Bestandteile zu Boden sinken, Während
das Öl selbst sich klärt, hellfarbiger und milder
wird. Von den verschiedenen Handelssorten
werden die kalt gepreßten italienischen und
französischen Öle den warm gepreßten und daher
gelblichen amerikanischen und ostindischen vor-
gezogen. Das R. ist im reinen Zustande hell

und farblos oder nur schwach gelblich und ohne
Geruch und Geschmack. Es ist dickflüssiger als
andere fette Öle und hat ein spez. Gew. von 0,960.
In der Kälte scheidet es festes Fett (Rizinus-
stearinsäure) aus und erstarrt vollständig bei
—170. R. besteht im wesentlichen aus Ri-
zinol- und Rizinisolsäureglyzeriden, ent-
hält aber kein Olein. Zur Prüfung auf fremde Öle
vermischt man das R. mit dem vierfachen Volum
Vaselmöl, worin es zum Unterschiede von allen
anderen fetten Ölen unlöslich ist. Auch gibt es
mit go 0/oigem Alkohol eine klare Lösung. Außer-
dem zieht man das hohe spez. Gew. und die
Löslichkeit in Eisessig heran. Außer zu medi-
zinischen Zwecken als gelinde wirkendes Abführ-
mittel findet es auch technische Verwendung,
hauptsächlich zur Herstellung des Türkischrot-
öls und von Schmiermitteln, sowie von Seife,
bildet ferner einen gewöhnlichen Bestandteil der
käuflichen Lederöle und ist auch für sich allein
ein vorzügliches Konservierungsmittel für Schuh-
und anderes Lederwerk. Zur Verpackung dienen
viereckige Blechdosen (Kanister) von 20 kg In-
halt, deren je vier in eine Kiste eingesetzt sind.
Das technische, gelbe Öl kommt in Fässern zürn
Verkauf.

Riechsalz, englisches, besteht aus kohlen-
saurem Ammonium, das mit ätherischen Ölen
parfümiert ist.

Rindertalg (lat. Sebum bovinum, frz. Suif de
boeuf, engl. Suet of beef) ist das aus fettreichen
Teilen von Rindern aüsgeschmolzene Fett. Zu
seiner Gewinnung benutzt man hauptsächlich
das Gekröse- (Mickerfett), Netz-, Nieren-, Herz-,
Mittelfell-, Sack-, Eingeweidefett, seltener andere
fettreiche Körperteile. Der aus frischen, aus-
gewählt guten Teilen, bei nicht zu hoher Tempe-
ratur ausgeschmolzene und sorgfältig gereinigt®

R.wird alsFeintalg (Premier jus) bezeichnet-

R.	ist entweder fast weiß, grauweiß oder schwach
gelblich, bei bestimmter Fütterung (Weidemast)
auch wohl stark gelb, von schwachem, eigen'
artigem, Geruch und Geschmack und fester Kon-
sistenz. Die größte Härte zeigt das Eingeweide-
fett, die niedrigste das Sackfett. Seiner chemi-
schen Zusammensetzung nach, die nach den
Körperteilen wechselt, besteht es aus den GlY"
zeriden der Palmitin-, Stearin- und Ölsäure und
zeigt folgende analytische Kennziffern: Schmelz-
punkt nach Polenske 43—51 °, Erstarrungspunkt
nach Polenske 30—38°, Differenzzahl 13—15&gt;
Brechungsindex (bei 40°) 1,4566—1,4583, Re"
fraktion 46:—48,5, Jodzahl 32—46, Verseifung3'
zahl 193—198, Reichert - Meißl - Zahl o,i—0,6,
Schmelzpunkt der Fettsäuren 41—47°, Erstar-
rungspunkt der Fettsäuren 39—47°, Jodzahl der
ungesättigten flüssigen Fettsäuren 89—92,4. Der

R.	findet ausgedehnte technische Verwendung
(s. Talg), die besten Sorten (von geschlach-
teten Tieren) bilden ein wertvolles Speisefett
und den Rohstoff der Margarinefabrikation, (s.d-)-
Der zu letzterem Zwecke aus Feintalg durch
Auspressen bei mäßiger Temperatur gewonnen®
niedriger schmelzende Anteil, das Oleomarg3'
rin, ist reicher an Ölsäure und hat infolgedessen
einen niedrigeren Schmelzpunkt (28—40°) und
Erstarrungspunkt (17—27°), sowie eine hoher®
Jodzahl (42—53°), der hinterbleibende Rückstand,
der sog. Preßtalg (Rinderstearin,) besteht
        <pb n="374" />
        ﻿Ringelblume

367

Rohr

hauptsächlich aus Glyzeriden der Stearin- und
Palmitinsäure und hat in der Regel einen Erstar-
rungspunkt über 500. Verfälschungen durch Zu-
sätze pflanzlicher Öle (Baumwollsamenöl) sind
auf analytischem Wege, Zusätze von Hammeltalg
nicht immer mit Sicherheit nachzuweisen. Der
Verkauf von Preßtalg als Talg schlechthin zu
Speisezwecken ist unzulässig.

Ringelblume (Lockenblume, lat Flores ca-
lendulae, frz. Fleurs de souci, engl. Ring flowers).
Die getrockneten Blüten der bekannten südeuro-
päischen, in Gärten häufig verkommenden Kom-
posite Calendula officinalis, bilden einen
Gegenstand des Drogenhandels, werden aber
kaum noch medizinisch verwandt. Nur der
Farbe wegen setzt man die ausgezupften, rasch
getrockneten zungenförmigen Randblümchen bis-
weilen noch Räucherpulvern zu, während sie
künstlich gefärbt auch zur Verfälschung des
Safrans dienen.

Rips (Ribs, Reps, Rippen, frz. und engl.
Reps) nennt man dicht gewebte Stoffe mit
längslaufenden erhabenen Rippen. Die letzteren
werden durch die starken, zwei- und dreifädig
gezwirnten Kettenfäden hervorgebracht, in die
ein Einschuß von viel feinerem gezwirnten Garn
gewoben und stark angeschlagen wird, so daß
dessen Fäden diejenigen der Kette vollständig
Verdecken. Stoff und Name sind ursprünglich
englisch. Die Herstellung erfolgte früher nur in
Baumwolle, während jetzt überall R. auch mit
Baumwoll- oder Wollkette und wollenem Ein-
schlag zu Möbelbezügen, Türvorhängen, Damen-
kleidern, sowie ferner in Seide als Damenstoff
gewebt wird. Die Wollenrispe kommen auch mit
Querrippen vor, welche durch abwechselndes
Einschießen eines schwachen und eines starken
Fadens erhalten werden.,

Robbenfleisch wurde während des Krieges in
größeren Mengen zur menschlichen Ernährung
nach Deutschland eingeführt. Die derben Stücke
des stark gesalzenen und zum Teil mit Kochsalz-
kristallen bedeckten Fleisches besaßen eine sehr
dunkle, fast schwarzrote oder schwarzbraune
Farbe und setzten sich aus starken Muskelfasern
von deutlicher Querstreifung zusammen. Für die
chemische Zusammensetzung wurden folgende
Werte ermittelt: Wasser 48,75%, Stickstoffsub-
stanz 28,08%, Fett .1,89%, Asche 18,96 %, Koch-
salz 18,00%. Der Nährwert beträgt hiernach
*461 Einheiten oder 1380 Kalorien. Der Ge-
schmack des nach Vorschrift 18—24 Stunden
Sewässerten Fleisches war zwar nicht übermäßig
angenehm, aber ebensowenig tranig oder fischig.
Es konnte vielmehr im rohen wie im gekochten
Zustande als durchaus genießbar bezeichnet
""erden.

Roborat, ein aus Weizenkleber bestehendes
Nährmittel, enthält nach König: 9.46% Wasser,
|,2.2S % Stickstoffsubstanz, 3,67 % Fett, 3,04 0/0
Extraktstoffe, 0,19% Rohfaserund 1,39% Asche.

Roborin wird von einer Berliner Fabrik aus
dem in Schlachthäusern abfallenden Blute her-
Sestellt und ist im wesentlichen als Kalzium-
®'buminat anzusprechen,. Das schwach alkalische
dunkelbraune Pulver ist nur wenig in Wasser
!°slich und enthält: 6,74 % Wasser, 77.38 %
Protein, 0,150/0 Fett, 3,37% Extraktstoffe, 12,36%

Asche.

Rodinal, das salzsaure Paraamidophenol, findet
für sich allein oder im Gemisch mit schweflig-
saurem Natron und Kaliumkarbonat als photo-
graphischer Entwickler Anwendung. Ein ge-
brauchsfertiger R.-Entwick!er wird als Unal in
fester Form in den Handel gebracht.

Roggen (Korn, frz. Seigle, engl; Rye), neben
dem Weizen die wichtigste Getreidesorte, besteht
aus den Samen von .Secale cereale, die in zahl-
reichen Spielarten wie: gewöhnlicher oder kurzer

R., Johannis-, Probstei-, .Kampiner-, Kleb-, Riesen-
stauden-, russischer Schneeroggen usw. angebaüt
werden. Die meisten Arten leiten sich von dem
gewöhnlichen R. und dem Stauden-R. ab, in
die sie auch leicht wieder übergehen. R. findet
sich sowohl in China, Mittelrußland und Öster-
reich als hauptsächlich in Norddeutschland, hin-
gegen weniger im Westen und in Amerika. Das
eigentliche Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom
60. bis 65.° p. Br. bis zur Schweiz, doch kommt
er noch unter 70.0 n. Br. und in Höhen bis
zu 1600 m fort. Er stellt geringere Anforde-
rungen an den Boden als Weizen und wird
als Sommer- und Winterfrucht angebaut. Der
Sommer - R. gedeiht auch da, wo anderes
Getreide nicht fortkommt, wird aber später
reif und gibt um Vi geringere Erträge. Wo
irgend möglich, baut man daher Winter-R., der
zugleich gute Vorfrucht für Sommersaaten ist.

R.	kann mehrfach hintereinander auf dieselbe
Stelle gesät werden und verträgt frische Dün-
gung, wird aber meist ohne letztere nach Futter-
pflanzen oder Hackfrüchten gebaut. Er ent-
hält im Durchschnitt , 13—14 0/0 Wasser, 1 x bis
13% Protein, 2% Fett, 68—-70% Kohlenhydrate,
1V2—3% Rohfaser und 2% Asche, doch ist die
Zusammensetzung von vielen Umständen: Klima.
Lage, Düngung und Bodenbeschaffenheit, ab-
hängig. Kleber läßt sich aus dem R. nicht aus-
waschen. Der Roggen bildet das wichtigste
Brotgetreide der nördlicheren Länder und wird
außerdem in Form von Grünfutter, Kleie und
Schwarzmehl zur Viehfütterung verwandt.

Rohr. 1. Spanisches R. (Stuhlrohr, Ro-
tang, frz. Canne de bengale, engl. Rattan), das
als Stuhlgeflecht und zu anderen Flecht- und
Korbwaren, ferner gefärbt zu Regenschirmrippen
und als Ersatz für Fischbein, zum Teil auch zu
Spazierstöcken Verwendung findet, stammt von
den schlanken Stämmen oder Trieben mehrerer
ostindischer Rohrpalmen: Calamus Rotang,
Calamus verus, Calamus rudentum. Die
aUgeschnittenen Stücke werden von Oberhaut,
Blättern und Dornen befreit und dann zusam-
mengebunden über Pulo-Penang, Singapore und
Batavia nach Europa, aber auch nach China und
Japan ausgeführt. Man fertigt dort mannigfache
Gegenstände aus Rohr, die sämtlich lebhaft
begehrte Handelsartikel bilden. Alles Tauwerk
der chinesischen und anderen asiatischen Fahr-
zeuge der östlichen Meere besteht z. B. aus
diesem Rohr. Der Handel liegt hauptsächlich in
den Händen der Holländer. Als Zeichen beson-
derer Güte wird eine blaßgelbe Farbe angesehen,
da dunkelfarbiges R. gewöhnlich brüchig ist.
Auch muß ein gut geschlossener, glasiger Über-
zug vorhanden sein, der beim Biegen nicht ab-
springt. Das dünne, gelbliche R., Stuhlrohr,
nennt man auch weibliches, während unter
        <pb n="375" />
        ﻿Roisdorfer Mineralquelle

368

Rosenblätter

männlichem dickeres, dunkelfarbiges, mit enger
stehenden Knoten versehenes R. zu Spazier-
stöcken verstanden wird. Das rohe R. hat noch
seine ringförmigen Knoten, die beim gereinigten
durch Schaben oder durch Schleifen auf be-
sonderen Maschinen entfernt worden sind. Das
nicht in ganzen Stäben zu verwendende R. wird
in Fabriken durch Zerschneiden, Spalten, Hobeln
und Ziehen in die verschiedenen Gebrauchs-
formen, Stuhl-, Korsettrohr, Rieten für Web-
stühle usw. gebracht. Die dünnsten, schnuren-
förmigen Streifen beißen Schnur- oder Putz-
rohr und dienen in der Putzmacherei als steifen-
des Material. Die hellsten Sorten Stuhlrohr wer-
den durch Schwefeldämpfe gebleicht. Peddig-
rohr besteht aus dünnen Stäbchen, die aus dem
Marke der gleichen Calamusarten hergestellt sind
und zur Korbflechterei Verwendung finden. —
2. Eine andere Sorte, sog. spanisc hesR., stammt
von der größten europäischen Grasart, Arundo
donax, die in ganz Südeuropa heimisch ist.
Es wird auch Pfahlrohr oder Schalmeirohr
genannt und zu ähnlichen Zwecken verwandt, wie
die asiatische Ware. — 3. Das gemeine Teich-
rohr (Schilf-, Decken-, Dachrohr, Rohr-
schilf) von Phragmites communis dient
hauptsächlich zum Berühren von Zimmerdecken
und zur Anfertigung von Wänden, Rohrmatten
zum Belegen der Frühbeetfenster u.dgl. Der
Ertrag beläuft sich je nach der Dichtigkeit des
Standes für den Plektar Teich oder Seeufer auf
120—300 Gebinde von 75—80 cm Umfang. Hier-
von wird aufgebunden als Dachrohr 25—35 %,
als Mauerrohr 45—60%. Der Rest ist Streu.

Roisdorfer Mineralquelle bei Bonn enthält
in 1000 Gevvichtsteilen: 0,9821g Natriumbikar-
bonat, 0,3086 g Kalziumbikarbonat, 0,3497 S Mag-
nesiumbikarbonat, 0,0029 S Ferrokarbonat,
1,8423 g Chlornatrium, 0,4638 g Natriumsulfat,
0,0092 g Kieselsäure und 1,3183g freie Kohlen-
säure.

Rokzellin, ein dem Echtrot (s.d.) nahestehen-
der Azofarbstoff, besteht aus dem Natriumsalze
des o-Naphtylaminsulfosäureazo-ß-Naphtols.

Romadurkäse, auch Romatour, Rahmatour
genannt, ist ursprünglich ein echter Fettkäse
mit 22,78 °/o Protein und 20,66% Fett, wird aber
neuerdings im Allgäu auch nach Art des Back-
steinkäses aus Vollmilch oder teilweise entrahm-
ter Milch hergestellt.

Roob (Rob) ist eine alte arabische Bezeich-
nung für Dicksaft oder Mus, die hauptsächlich
für folgende pharmazeutische Zubereitungen noch
in Gebrauch ist: Roob antisyphiliticus für Siru-
pus sarsaparillae; R. dauci für Möhrensaft; R.
ebuli, Attichdicksaft; R. juniperi, Wacholder-
saft; R. sambuci, Holundersaft; R. sorborum,
Ebereschenmus; R. spinae cervinae, Kreuzbeer-
mus.

Roquefortkäse, ein berühmter Hartkäse, der
seinen Namen von dem Dorfe Roquefort im Depar-
tement Aveyron trägt, wurde früher aus Schaf- und
Ziegenmilch hergestellt, während man jetzt nur
noch Schafmilch benutzt. Die unabgerahmte
Milch wird mit Lab oder Waldartischocke
(Cinara scolymus) zum Gerinnen gebracht, der
Bruch mit verschimmeltem Brot in durchlochte
Töpfe geschichtet und der Reifung überlassen.
Hierbei bedecken sich die Käse zuerst mit einer

gelben und rötlichen Kruste, darauf mit einer
weißen Schimmelwucberüng, die abgekratzt wird.
In 30—50 Tagen verliert der JCäse 28—30% an
Gewicht und enthält dann: 31,6-% Wasser,
26,5% Protein, 33,1% Fett, 3,2% Milchzucker
und s,6% Asche. Er kommt in Stanniol gehüllt
in den Verkehr.

Rosamine nennt man eine Reihe roter, gelb
fluoreszierender Xanthenfarbstoffe, welche durch
Einwirkung von Benzotrichlorid auf alphylierte
m - Aminophenole entstehen. Ihre Zusammen-
setzung entspricht der Formel C6H5.C(C6H3.
NH2)2 . OC1, d. d. derjenigen eines Pyronins, in
welchem die CH - Gruppe durch die Gruppe
C . CeH6 ersetzt ist.

Rosanilin (Rosanilinhydrat, Triamido-
diphenyltolylkarbinol), C20H21N3O, ist die
den eigentlichen Anilinfarben im engeren Sinne
zugrunde liegende Base und Wird daher im
Handel auch Rosanilinbase genannt. Man
erhält sie, wenn man ein Rosanilinsalz, also'
z. B. Anilinrot (Fuchsin) mit Ammoniak oder
Natronlauge zersetzt, in Form weißer Kristall-
nadeln, die sich durch Spuren einer Säure, ja
selbst schon durch die Kohlensäure der Luft
röten. Durch Behandlung mit Säuren entsteht
wieder Anilinrot. — Die dem R. ähnliche Base,
das Pararosanilin, Triamidotriphenylkarbinol,
liefert, mit Säuren Parafuchsin.

Rose bengale ist der Name einiger Phtalein-
farbstoffe, die Wolle bläulichrot färben, als
braune bis braunrote Pulver in den Handel kom-
men und in Wasser mit roter Farbe ohne Fluor-
eszenz löslich sind. Rose bengale N wird
durch Einwirkung von Jod auf Dichlorfluoreszein
erhalten und besteht aus Alkalisaben des Tetra-
joddichlorfluoreszeins; Rose bengale B wird
durch Einwirkung von Jod auf Tetrachlorfluor-
eszein dargestellt und besteht aus dem Kalisalze
des Tetrajodtetrachlorfluoreszeins.

Rosein. Diesen Namen führte eine Zeitlang
das Fuchsin, ebenso auch das Mauvein.

Rosenblätter (lat. Flores rosarum, frz. Fötales
de roses, engl. Rose-flowers). Die Blumen-
blätter von bei uns gezogenen Rosen, die einen
nicht unbedeutenden Gegenstand des Drogen-
handels bilden, entstammen der Zentifolie (Rosa
centifolia), ferner der roten oder Essigrose
(R. gallica) und der dunkelroten Damas-
zener Rose (Rosa damascena). Die Zenti-
folienblätter (lat. Flores rosarum incarnatarurn
seu pallidarum) werden nach völliger Aufschlie-
ßung der Blüten ohne die Kelche abgenommen
und entweder rasch an der Sonne getrocknet
oder frisch mit Salz eingelegt (lat. Flores
rosarum in sale). Durch das Trocknen geht ein
Teil des Duftes und die rein rote Farbe ver-
loren, der übrigbleibende schwache Geruch ist
aber sehr angenehm. Die eingesalzenen Blätter
behalten ihr Rot. Die Blätter der roten und der
Damaszener Rosen (lat. Flores rosarum rubra-
rum seu damascenarum) werden von Knospen
genommen, die eben im Aufbrechen begriffen
sind. Man pflückt sie bei sonnigem Wetter und
zwickt mit einer Schere dein rotgefärbten Ted
ab, so daß der untere gelblich gefärbte ver-
schmälerte Boden der Knospe, der sog. Nageh
mit dem Kelche in Wegfall kommt. Die Knospen
werden unaufgerollt im Schatten getrocknet, ver-
        <pb n="376" />
        ﻿Rosenholz

369

Rosenöl

„ Heren dabei ihre rote Farbe nicht, sondern be-
halten sie, vor Luft und, Licht geschützt, sehr
lange. Diese Blüten besitzen .nur schwachen
Geruch und dienen weniger zu Parfümerie-
zwecken, als, ihrer Farbe wegen, hauptsächlich
zur Herstellung von Räucherpulvem, Morsellen
u.dgl. Außerdem werden, sie zur Herstellung
des Rosenhonigs verwandt und im Hand-
verkauf als schleimhaltiges; zusammenziehendes
Mittel, z. B. gegen Durchfälle, abgegeben. Für
letzteren Zweck dienen sie meist als Aufguß
oder in Form von Pulver. Schließlich bereitet
man aus frischen Blättern eine Rosenkon-
serve, indem man sie fein stampft und mit
Zucker und Rosenwasser als Zusatz zu Pillen-
masse mischt. Die roten R. kommen am schön-
sten aus den Vierlanden bei Hamburg, in fast
der gleichen Güte aus Holland. — Der Rosen-
honig (lat. Mel rosatum, frz, Mellite de rose
rouge, engl. Honey of rose) wird bereitet, indem
man die R. durch siedendes Wasser auszj^ht und
den abgeseihten Saft mit Zusatz von gereinigtem
Honig zur Sirupsdicke einkocht. R. wird gegen
Durchfall und als beliebtes Mittel gegen die
sogenannten Schwämmchen der kleinen Kinder
benutzt, im letzteren Falle aber meist noch mit
etwas Borax versetzt. — Zu Rosenessig (lat.
Acetum rosae, frz. Vinaigre de rose, engl. Vi-
negar of rose) werden die Blätter mit feinem
Essig angesetzt und durch längeres Stehenlassen
extrahiert. — Das wichtigste Erzeugnis aus R. ist
das Rosenwasser (lat. Aqua rosarum, frz. Eau
distillde de roses, engl.Rose-water), das inFabriken
ätherischer Öle durch Destillation frischer, trok-
kener oder gesalzener Blätter mit Wasser dar-
gestellt oder auch bei der Rosenölgewinnung als
N ebenprodukt erhalten wird. Es findet Anwendung
als Augenwasser, ferner zu kosmetischen Mitteln
Und zum Parfümieren von Konditoreiwaren. Sein
Geruch stammt von dem ätherischen Öl (s. Rosen-
öl), das sich aber bei der gewöhnlichen Destilla-
donsweise nicht abscheidet, sondern im Wasser
gelöst bleibt. Besonders in Südfrankreich, in
den so viele Parfümerien erzeugenden Distrikten
von Grasse, Cannes und Nizza, werden bedeu-
tende Mengen Rosen angebaut. Man rechnet
fuf einen Acker etwa 10000 Rosenstöcke, die
’m Jahre durchschnittlich 2500 kg Blütenblätter
geben. Die französischen Rosen sind viel duft-
Und ölreicher, aber das bei der Destillation sich
ubscheidende Öl bildet auch hier nur eine sehr
geringe Menge. Die wichtigsten Erzeugnisse
dieser Gegend sind Rosenwasser, fettes und
ätherisches Rosenöl (s. d.), Rosenpomade
Und das aus letzterer durch Behandlung mit
deinem Sprit gewonnene, äußerst wohlriechende
^xtrait de Rose. — Abgesehen von dem
Eosenwasser und den übrigen Präparaten ist
auch der Handel mit frischen Rosenblüten
durch die neugeschaffenen Verkehrswege zwi-
schen Frankreich und Italien einerseits und dem
nördlichen Europa anderseits recht bedeutend
geworden. Täglich kommen zahlreiche Sendun-
Sen mit den verschiedenen Alpenbahnen nach
Heutschland und finden hier, namentlich in den
Wintermonaten, schnell Absatz.

Rosenholz (lat. Lignum rhodii, frz. Bois de
*°se, engl. Rose wood). Unter diesem Namen
Baden sich verschiedene Hölzer im Handel, die

^tercks Warenlexikon.

entweder einen entfernt rosenähnlichen Geruch
besitzen oder sich durch eine schön rosenrote bis
purpurrote Färbung auszeichnen. , Die ersteren
dienen zu Parfümeriezwecken, die letzteren in
Form von Furnieren zu eingelegten Arbeiten
in der Kunsttischlerei. Das Möbelrosenholz wird
besonders in England als das schönste und
teuerste Luxusholz verarbeitet. Es erscheint meist
in starken Blöcken, die von großen Bäumen
aus Brasilien sowohl, als auch aus Siam und
anderen Bezugsquellen herrühren. Das beste R.
aus Bahia in Brasilien, angeblich von Physo-
calymna floribundum (Pohl), hat auf purpur-
rotem Grunde dunklere Marmorierung oder Ma-
serung. Je reicher die Zeichnung, je tiefer die
Färbung und je stärker die Unterschiede der
Farbentöne, um so teurer wird das Holz bezahlt.
Ferner liefern Cordia Gerascanthus und Cor-
dia sebestina in Westindien R. für die Kunst-
tischlerei. — Das Parfümerieholz besteht aus
den knolligen, schweren Wurzeln zweier auf den
Kanarischen Inseln wachsender Windenarten,
Convolvulus scoparius und Convolvulus
floribundus. Es riecht beim Reiben und Ras-
peln angenehm rosenarfig und hat einen bitter-
harzigen Geschmack. Man verwendet das ge-
raspelte Holz zum Füllen von Riechkissen, be
reitet daraus durch. Mazerieren mit Weingeist
eine Rosenholztinktur und destilliert daraus
das angenehm rosenartig riechende ätherische
Rosenholzöl (lat. Oleum ligni rhodii, frz.
Essence de bois de rose, engl. Rose-wood oil),
das zu Parfümerien gebraucht wird. — Das
kanarische R., die echte Sorte, kommt in
Stücken von 2V2—9 cm Durchmesser, welche
außen grau, innen schön braungelb oder röt-
lich geadert sind, in den Handel. Der ihm auch
beigelegte Name Rhodiserholz gehört eigent-
lich einer anderen Wurzel, die von einer im
Orient (Zypern, Rhodus) wachsenden Ginster-
art herrühren soll.

Rosenöl (lat. Oleum rosarum, frz. Essence de
rose, engl, Oil of roses) war früher nur in wär-
meren Ländern mit Vorteil zu gewinnen, während
die bei uns gezogenen Rosen infolge ihrer Öl-
armut meist nur wohlriechendes Wasser gaben.
Seit etwa 1888 hat aber Schimmel in Miltitz
bei Leipzig mit Erfolg .die. Herstellung auf-
genommen und ein öl von ausgezeichneter Be-
schaffenheit in den Handel gebracht. Das meiste

R.	kommt aus Bulgarien, kleine Mengen, die
aber für den Handel ohne Bedeutung sind,
werden auch in Kleinasien (Anatolien), Spanien
und am Kaukasus hergestellt. In Ostindien
ist Ghazipur in der Präsidentschaft Agra der
Hauptsitz der Rosenzucht und Ölbereitqng,; und
von der dort üblichen Bezeichnung Attar oder
Atar dürfte sich die in England vielfach ge-
bräuchliche Benennung Otto ableiten. Für, die
regelmäßige Versorgung des Abendlandes kommt
jetzt ausschließlich Bulgarien in Betracht, wo
am Fuße und den Abhängen des Balkamgebirges
in den Bezirken Kazanlik, Karlovo, Plovdio,
Nova-Zagora, Stara-Zagora, Tchirpan, Pechtera,
Pazardjik, Panagurichte und Stanimaka die Rosen
Rosa damascena und Rosa alba besonders
angebaut werden. Die Ernte beginnt Ende, Mai
und dauert etwa 30 Tage. Am frühen Morgen
werden die eben aufgebrochenen Blüten ge-

24
        <pb n="377" />
        ﻿.	370

Rosmarinöl

Rosenquarz

pflückt, von den Kelchen befreit, mit Wasser
in die Blasen gebracht und der Destillation
über freiem Feuer unterworfen. Das überdestil-
lierte ölhaltige Wasser wird in Tongefäßen über
Nacht in kühle Keller gestellt, und am Morgen
das an der Oberfläche erstarrte, als ein Häut-
chen abgeschiedene Öl sorgfältig abgenommen.
Das aromatische Wasser wird zu mehreren De-
stillationen verwandt. Die Ölausbeute ist sehr
von der Witterung abhängig. Bei warmem
Wetter wird am wenigsten, bei kühlem beträcht-
lich mehr erhalten. 3000 kg Rosen sollen 1 kg
Öl geben, eine Angabe, die sehr wenig glaub-
haft ist, denn zur Herstellung von 1 kg deut-
schen Rosenöls, das aus derselben Rosenart
gewonnen wird wie das bulgarische, sind 5000
bis 6000 kg Blüten erforderlich. Im Hinblick
auf den hoben Preis des Rosenöls sind Ver-
fälschungen außerordentlich lohnend und häufig.
Grobe Zusätze von fetten Ölen, Paraffin, Walrat
und Alkohol sind leicht, solche von Geranium-
oder Palmarosaöl aber 'nur durch eingehende
Analyse, Bestimmung des spez. Gew., der Dre-
hung, des Erstarrungspunktes usw. nachzuweisen.
Das echte R.-Öl ist weißlichgelb bis grünlich
und von durchdringendem, anhaltendem Rosen-
geruch. Bei mittlerer Temperatur dickflüssig,
erstarrt es bei etwa 17—21 °C teilweise oder
ganz infolge seines reichlichen Gehaltes an Stea-
ropten. Das spez. Gew. beträgt 0,855—0,870
bei 20°, die Verseifungszahl 7—16. R. besteht
aus einem festen und einem flüssigen Anteil.
Der feste Anteil, das Stearopten, setzt sich aus
mehreren Paraffinen zusammen, während der
flüssige, das Elaeopten, eine ganze Reihe der
verschiedensten Verbindungen enthält, von denen
als die wichtigsten genannt seien: Geraniol,
Zitronellol, Nerol, Phenyläthylalkohol, Geranyl-
azetat und Nonylaldehyd, Hauptbestandteil ist
Geraniol. Der Kleinvertrieb des Öles geschieht
in geschliffenen und vergoldeten Glasfläschchen,
auf die es in Konstantinopel abgezogen wird,
während zur Versendung im großen flache,
zinnerne, mit Filz überzogene Flaschen von
V2—3 kg Inhalt benutzt werden. — Unter den
fetten Parfümerieölen gibt es auch ein R. (lat.
Oleum rosae pingue, frz. Huile de rose, engl.
Rose-oil), das durch Mazerieren von Rosen-
blättern mit Olivenöl hergestellt und zum Par-
fümieren von Haarölen benutzt wird.

Rosenquarz, eine durchscheinende bis durch-
sichtige Art des Quarzes von rötlichweißer bis
rosenroter Farbe, die wahrscheinlich durch einen
geringen Gehalt von Titanoxyd hervorgerufen
wird, findet sich hin und wieder in schwachen
Lagen im Granit und Gneis, am schönsten in
Sibirien, wo man ihn zu Dösen, Vasen und
größeren Gegenständen verarbeitet. In Deutsch-
land findet sich das Mineral in verwertbarem
Zustande nur zu Bodenmais in Oberbayern und
Zwiesel in Niederbayern. Die Rosafarbe ist oft
von Natur sehr licht, oder verblaßt auch nach-
träglich an der Luft, so daß die Ringsteine ge-
wöhnlich mit einer Folie unterlegt werden.

Rosinen, getrocknete Weinbeeren, werden in
zwei Sorten unterschieden: 1. Große R., Zi-
beben (lat. Passulae majores, frz. Raisins secs,
engl. Raisins) sind die an der Sonne oder künst-
lich getrockneten Beeren des Weinstockes,

Vitis vinifera, und zwar nur der zuckerreichen
Sorten des Mittelmeergebietes. Traubenrosi-
nen (Tafelrosinen) sind solche mit Kämmen,
Sultaninen oder Sultan-R., von Natur kern-
lose, kleinere und hellgelbe Beeren, bilden eine
stielfreie Ausleseware, Yerli oder Elemü Ware
bester Beschaffenheit. Das kleinasiatische Er-
zeugnis geht als Smyrnaer R. über Triest und
Hamburg nach Deutschland, während Samos,
Kos und Kreta geringwertigere Sorten liefern.
Sehr gut, in Deutschland aber selten, sind die
großen ausgekernten Damaszener. Italieni-
sche und französische R., sog. Provencer,
gehen am meisten nach England, spanische R.,
hauptsächlich von Malaga, Valencia und Ali-
kante, nach Deutschland. Lexia nennt man R.,
welche durch Eintauchen in Lauge und Ölwasser
einen besonderen Glanz erhalten, verschickt in
Töpfen auch Topfrosinen genannt werden.
Sehr bedeutend ist seit einigen Jahren die Aus-
fuhr von Kalifornien. Die Verpackung der
R. geschieht in Kisten zu etwa 10—30 kg und
auch in Säcken zu 50 kg. — 2. Kleine R. (Ko-
rinthen, lat. Passulae minores, frz. Raisins de
corinthe, engl, Corinths) heißen die getrockneten
Beeren einer kernlosen Abart des W.ein-
stockes, Vitis corinthica, die auf den Lipa-
rischen und Ionischen Inseln gezogen wird. Sie
sind von dunkelpurpurroter, ins Schwarze über-
gehender Farbe, sehr süß und saftreich. Man hat
tragende Stöcke von sieben Jahren an bis zu
100 Jahren. Die Beeren reifen im Juli, werden
in 8—10 Tagen gedörrt und in Fässern von 100
bis 150 kg sowie auch in Säcken und Kisten
versandt. Die kleinen R. sollen trocken, durch-
scheinend, glänzend, süß und fleischig, aber
nicht modrig, dürr oder mehlig sein. Auch
dürfen sie weder säuerlich riechen, noch zu
viele Stiele enthalten. R. müssen in trockenen,
kühlen Räumen gut verwahrt werden.

Rosmarinblätter (lat. Folia rosmarini s. roris-
marini, s. Folia anthos, frz. Feuilles de Romarin,
engl, Rosemary) stammen von der bekannten
blaßblau blühenden Labiale Rosmarinus of-
ficinalis, die bei uns nur in Gärten und Töpfen
gezogen wird, in den Mittelmeerländern aber auf
felsigen, sonnigen Abhängen, stellenweise in un-
geheurer Menge, wild wächst. Der immergrüne,
bis 2 m hohe Strauch trägt sitzende, stumpf-
lanzettliche Blüten von lederiger Oberhaut, die
oben dunkelgrün und glatt, unten weißfilzig er-
scheint. Das Kraut besitzt einen stark würzigen
Geruch, sowie bitterlichen, kampfer- und ter-
pentinähnlichen Geschmack, der durch das Trock-
nen schwächer wird und auf der Anwesenheit
von ätherischem Öl beruht. Medizinisch dient
es nur äußerlich als aromatisches Mittel zu stär-
kenden Bädern, zerteilenden Umschlägen und
R äu ch ersp ezies.

Rosmarinöl (lat. Oleum rosmarini seu roris-
marini, Oleum anthos, frz. Essence de Romarin»
engl. Rosemary oil), das aus den Rosmarin-
blättern durch Destillation mit Wasser oder
Wasserdampf gewonnene ätherische Öl, das den
Geruch der Blätter in erhöhtem Grade besitzt»
gelangt aus Dalmatien, Südfrankreich und Sp3'
nien in den Handel und wird daher als dalma-
tinisches (italienisches), französisches , und sp3'
nisches R. unterschieden; das französische R
        <pb n="378" />
        ﻿Rosolsäure

371

Rotbuchenholz

gilt als das feinste. Außerdem wird noch in Eng-
land, Tunis, Griechenland, Korsika und Sardinien
R.destilliert, doch kommen die in diesen Ländern
gewonnenen Ölmengen, für den Handel nicht in
Frage. Das R. ist eine farblose, gelbliche oder
schwach grünliche Flüssigkeit von kampferartigem
Geruch und bitter aromatischem Geschmack.
Das spez. Gew. beträgt 0,900—0,920, es kommen
aber auch leichtere Öle vor, doch soll das spez.
Gew. keinesfalls unter 0,895 liegen. Als wich-
tigste Bestandteile sind Pinen, Kamphen,
Zineol, Kampfer und Borneol abgeschieden
worden. R. dreht die Polarisationsebene gewöhn-
lich nach rechts, «Dbis -j- 15, doch ist an zweifel-
los reinem französischen und spanischen R. auch
schon wiederholt Linksdrehung beobachtet wor-
den, die aber in den meisten Fällen die Folge
einer Verfälschung mit Terpentinöl ist. Ein
anderes beliebtes Fälschungsmittel ist leichtes
Kampferöl. — R. und Lavendelöl dürfen dem
mit Pyridin vergällten Spiritus zugesetzt werden,
müssen dann aber folgenden gesetzlichen Be-
stimmungen entsprechen;

I.	Lavendelöl.

1.	Farbe und Geruch. — Die Farbe des
Lavendelöls soll die des Holzgeistes sein. Das
Öl soll den charakteristischen Geruch der La-
vendelblüten haben.

2.	Dichte. — Die Dichte des Lavendelöles soll
bei 15 Grad zwischen 0,880 und 0,900 liegen.

3-	Löslichkeit in Branntwein. —	10 ccm

Lavendelöl sollen sich bei 200 C in 300cm
Branntwein von 63 Gewichtsprozent klar lösen.

II.	Rosmarinöl.

1.	Farbe und Geruch. — Die Farbe des
Rosmarinöls soll die des Holzgeistes, der Ge-
ruch soll kampferartig sein.

2.	Dichte. — Die Dichte des Rosmarinöles
soll bei is Grad zwischen 0,895 und 0,920
liegen.

3- Löslichkeit in Branntwein. — 10 ccm
Rosmarinöl sollen sich bei 200 in 100 ccm
Branntwein von 73,5 Gewichtsprozenten klar
lösen.

Diese Öle sind von den amtlich bestellten
Chemikern daraufhin zu prüfen, ob sie den vor-
stehenden Anforderungen entsprechen.

Rosolsäure, einTriphenylmethanfarbstoff.kann
als Rosanilin aufgefaßt werden, in welchem
dür Imidstickstoff durch Sauerstoff, die Amido-
gruppe durch Hydroxyl ersetzt ist, und ent-
spricht sonach der Formel C . (C6H4.0)(C6H4 .
OH). (C6H3 . CH3 . OH). Sie entsteht bei der
Einwirkung von Salpetriger Säure auf Rosanilin
l'nd Zersetzung der hierbei entstehenden Diazo-
Verbindung durch Wasser. Die R. bildet einen
Bestandteil des Korallins (s. d.). In reinem Zu-
stande wird sie als Indikator benutzt.

Roßhaare (Pferdehaare) bilden nach ent-
brechender Reinigung und Sortierung eine wich-
tige Handelsware für zahlreiche technische
Zwecke. Die Schwanz- oder Schweifhaare
"'erden zunächst mit Wasser ausgekocht und
a'sdann durch Hecheln in lange und kurze ge-
pennt. Die ersteren, die mindestens 6 dm messen
sollen, aus Rußland aber bisweilen in 8 dm
Eänge kommen, werden in ihren besten weißen
Borten zum Bezug von Violinbogen, in den ge-

ringeren farbigen Marken zu Web- und Flecht-
waren sowie zu Haarbüschen für Soldatenhelme
benutzt. Die Gewebe bestehen entweder ganz
aus. R., wie bei Siebböden, Beuteltuch und
Möbelüberzügen, oder aus Mischgeweben mit
Kette aus Baumwolle. Manilahanf u. dgl. für
Hüte, Mützen, bauschendes Unterfutter, Hals-
binden. Bänder, Schnüre und andere Posamen-
tierwaren. — Die kurzen R„ von der Mähne
der Pferde, kommen entweder roh, oder öfter
schon gesotten und gesponnen, d. h. in Zöpfe
zusammengedreht, zum Verkauf. Durch das Sie-
den oder Dämpfen werden sie sowohl gereinigt,
als zum Kräuseln geneigt gemacht und heißen
daher Krullhaare. Sie sind entweder noch in
Zöpfen oder wieder aufgedreht und auseinander-
gezupft und bilden das beste Polstermaterial für
Möbel, Sättel, Kissen und Matratzen, dem aller-
dings bei seiner Kostspieligkeit häufig billigere
Ersatzmittel untergeschoben werden. Gute R.
sind sehr hart und elastisch, schon gebrauchte
erhalten ihre Elastizität wieder, wenn man sie
auskocht und zum Trocknen auf Stöcke wickelt.
Die Krullhaare dienen ferner zum Drehen von
Haarschnuren zu Seilen, zu Haardecken, Preß-
tüchern, Haarsohlen u. dgl. Die kürzesten Haare,
welche die allgemeine Hautdecke des Pferdes
bilden und in Gerbereien abfallen, haben nur
geringen Wert und werden mit Kuh- und Kälber-
haaren gemengt für geringe Polsterungen sowie
als Zusatz zu Filz, Mauerputz und zur Her-
stellung von Blutlaugensalz verwandt.

Roßkastanien, die Früchte der Roßkastanie,
Aesculus Hippocastanum, enthalten in einer
stachligen grünen Kapsel je 1—3 braunglän-
zende Samen mit weißem Nabel. Die grüne flei-
schige Schäle ist durch eine besondere Gerbsäure
charakterisiert. Die stark bitter schmeckenden
Samen enthalten neben rund 150/0 Wasser, 70/0
Stickstoffsubstanz, s % Fett, 3 0/0 Rohfaser und
2 % Asche 68 °/o stickstofffreie Extraktstoffe,
davon 28 °/o Stärke. Während die Roßkastanien
im Frieden meist zur Schweinemast benutzt wur-
den, hat man im Kriege versucht, sie auch zur
menschlichen Ernährung heranzuziehen. Zu dem
Zwecke ist vorgeschlagen worden, die den bitte-
ren Geschmack bedingenden Saponine und Gerb-
stoffe durch Behandlung mit alkalischem Wasser
oder mit Alkohol zu entfernen. Die praktische
Durchführung dürfte aber an der Kostspielig-
keit der Verfahren scheitern.

Roßkastanienholz von Aesculus Hippo-
castanum ist gelblichweiß bis rötlichgelb und
grobfaserig, besitzt aber feinen Spiegel. Da es
ziemlich weich ist und leicht fault, ist es zu
Bauholz nicht geeignet.

Roßschwefei (lat. Sulfur caballinum, s. gri-
seum, frz. Soufre caballin, engl. Florse sulphur),
der beim Reinigen des Rohschwefels durch Subli-
mation in den Apparaten verbleibende graue
Rückstand, der noch Schwefel enthält, wird
in der Tierheilkunde benutzt.

Rotbuchenholz. Die Rotbuche, Fagus sil-
vatica, liefert ein außerordentlich hartes Holz
von rötlicher Farbe und großem, glänzendem,
dunkelbraun gefärbtem Spiegel. Es hat nächst
dem Eichenholze die breitesten Markstrahlen,
läßt sich gut spalten und glatt bearbeiten und
bekommt keine Risse, ist aber sehr dein Werfen
        <pb n="379" />
        ﻿Rote Kreide

372

Rubin

unterworfen. Das R. wird zur Herstellung von
landwirtschaftlichen Geräten, Mühlwellen und
Mühlrädern sowie in der Stellmacherei ver-
arbeitet und ist außerdem ein ganz vorzügliches,
aber teures Brennmaterial. Der Buchenholz-
teer (s. d.) bildet den Rohstoff für die Kreosot-
herstellung.

Rote Kreide (Rötel, Rotstein, Hausrot)
nennt man einen tonigen Roteisenstein, d. i. ein
Gemenge von Ton und Eisenoxyd, das da, wo
es sich in größeren Mengen findet, als Eisen-
erz verwandt wird. Das bräunlichrot abfärbende
Mineral kommt aus der Gegend von Saalfeld und
Nürnberg, aus Tirol, Schlesien, und Böhmen in
den Handel und findet sich teils in derben
Massen, teils in spaltbaren Stücken (s. Blutstein).
Die ersteren werden von Zimmerleuten, Stein-
metzen u. a. zum Vorzeichnen gebraucht, während
die anderen in längere Griffel geschnitten und
in Holz oder Rohr gefaßt zur Verwendung ge-
langen. Zur Herstellung der zum Zeichnen auf
Papier gebrauchten dünneren Rotstifte wird die
Masse-erst gepulvert, geschlämmt und, mit einem
Bindemittel zu steifem Teig angemacht, in Sten-
gel geformt. Feinere Sorten von feurigem Rot
erhalten einen Zusatz von Zinnober.

Rotholz. Unter diesem Namen kommen ver-
schiedene, einen roten Farbstoff enthaltende Holz-
arten in den Handel, die von Bäumen aus der
nur in den Tropen heimischen Familie der
Zäsalpineen abstammen. Andere rote Stamm-
hölzer, wie z. B. Blauholz, Sandelholz, Kaliatur-
holz, rechnet man hingegen nicht zu den Rot-
hölzern, sondern führt sie unter ihren besonderen
Namen in den Preislisten auf. Zu dem nach der
Herkunft in südamerikanisches, westindi-
sches und ostindisches unterschiedenen R.
gehören folgende Handelssorten; Pernambuk-
rotholz (Fernambukholz, Brasilienholz,
lat. Lignum fernambuci, frz. Bois de Bresil ou
de Fernambouc, engl. Pernambuco wood), das
Kernholz von Caesalpinia echinata, wurde
früher aus dem Hafen von Pernambuko in Bra-
silien ausgeführt, woher es seinen Namen er-
halten hat, kommt aber jetzt nicht mehr oft in
den Handel und wird daher auch nur ausnahms-
weise als Farbholz verwandt. Höchstens benutzt
man es wegen seiner hohen Politurfähigkeit als
feines Tischlerholz, und zu Violinbogen. Das
Holz bildet arm- bis schenkeldicke Stücke von
ungefähr 1I/4 m Länge und faserigem Gefüge,
wird aber häufig durch andere Rotholzarten,
namentlich Bahiaholz, ersetzt. Für Färberei-
zwecke werden jetzt hauptsächlich St. Martha-
rotholz, Mazatlanrotholz, Nikaragua- und
Kostarikarotholz verwandt. Das St. Martha-
rotholz (Martinsholz, Stockfischholz, Pfir-
sichholz), von Caesalpinia brasiliensis, ist
im Kern schön rot und reich an Farbstoff, im
Splint hellgelb. Die Scheite sind an dem einen
Ende rund, am anderen abgesägt und lassen auf
dem Querschnitte hellere, radiale Streifen er-
kennen. Die von den jüngeren Ästen herrühren-
den Stücke führen den Namen Brasiletto,
jedoch bezeichnet man hiermit nach anderen
Angaben auch mehrere von Kuba, Jamaika und
den Bahamainseln kommende geringwertigere
R.-Arten, dünne Stücke von bräuniichgelber
Farbe, die von Caesalpinia vesicaria und C.

crista herrühren sollen. Das Nikaraguarot
holz ist dem St. Marthaholz sehr ähnlich und
stammt vielleicht von demselben Baume. Die
Scheite sind meist etwas gedreht und noch von
hellem Splinte bedeckt. Das Mazatlan-Lima-
R. hat oft lange Spalten, die einen grauen Über-
zug zeigen. Frisch geschnitten ist es gelblich,
wird aber an der Luft rot. Kostarikarotholz,
aus der gleichnamigen Republik, bildet eben-
falls eine gesuchte Sorte, — Unter den ostindi-
schen Rothölzern ist das wichtigste das Sapan
rotholz, von dem man wieder Siam-Sapan
und Birma-Sapan unterscheidet. Ersteres ' ist
lebhaft gelbrpt, ohne Sp.int, letzteres hellrot,
später nachdunkelnd und noch vom Splint um-
geben. Beide Sorten stammen von Caesalpinia
Sapan. Andere geringwertige Sorten sind Pa-
dang-Sapan und Jaya-Sapan. — Das R.
wird erst in Europa geraspelt und fermentiert,
wodurch die Farbe lebhafter wird, und ebenso
wie das daraus hergestellte Rotholzextrakt
in der Färberei und zur Herstellung roter Farb-
lacke benutzt. Der wertbestimmende Farbstoff,
das Brasilein, ist nur zum Teil fertig gebildet
in dem Holze enthalten, während der Haupttei!
sich als Chromogen (Brasilin) vorfindet, aus
dem sich erst nach und nach durch Einwirkung
der Luft das Brasilein bildet.

Rotviolett. Diesen Namen führen einige seit
1877 bekannte Teerfarbstoffe, die zum Fär-
ben von Wolle benutzt werden. Rotviolett
4 RS, ein rotviolettes, in Wasser leicht lösliches
Pulver, wird durch Behandeln von Dimethyl-
rosanilin mit rauchender Schwefelsäure erhalten
und besteht demnach aus dem Natronsalze det
Dimethylrosanilintrisulfosäure. Rotviolett 5 RS
wird in Form braunvioletter, metallisch glänzen-
der, in Wasser mit fuchsinroter Farbe leicht
löslicher Stücke durch Behandeln von Äthyl-
rosanilin mit rauchender Schwefelsäure erhalten
und besteht aus dem Natronsalze der Äthylros-
anilinsulfosäure. Rotviolett 5R extra ist ein
dem Hofmannschen Violett nahestehender Farb-
stoff.

Rubin nennt man das nach dem Nitrobenzol-
verfahren ohne Anwendung von Arsensäure dar-
gestellte, also arsenfreie Fuchsin.

Rubin (frz. Rubis, engl. Ruby), einer der kost-
barsten Edelsteine, der im Wert dem Diamant
nahesteht und ihn in seinen schönsten Sorten
übertreffen kann, gehört zur Klasse der Ko-
runde, Mineralien, die aus reiner kristallisierter
Tonerde (Aluminiumoxyd) bestehen und durch
einen kleinen Gehalt von Metalloxyden ver-
schieden gefärbt sind. Vom blauen Saphir
unterscheidet er sich lediglich durch die Farbe,
ist aber weit seltner als dieser. Die schönsten
R. finden sich im Königreich Birma und auf
Zeylon, wo sie aus Schuttland gegraben werden-
Seit einigen Jahren hat man angeblich auch in
Südaustralien bedeutende Mengen von Rubine11
gefunden. Die Farbe des R. ist ein schönes, sehr
feuriges Karminrot, und zwar wird am meisten
der Farbenton geschätzt, den die Juweliere
Taubenblüt nennen, ein reines tiefes und rei-
ches Rot, ohne Beimischung von Blau oder Gelb-
Die R. von Zeylon haben einen zu stark bläu-
lichen Farbton, werden aber nach dem Schleif611
und Polieren dadurch verschönert, daß man si6
        <pb n="380" />
        ﻿Rubin

373

Rüböl

in feuchten, fein gesiebten Tonmergel einsetzt
und dann Vs Stunde bis zur Weißglut erhitzt.
Hierdurch verschwindet der Blauton vollständig,
während das reine Rot hervortritt. Die volkstüm-
liche Benennung des R., Karfunkel, stammt
von dem lateinischen Namen carbunculus (glü-
hendes Köhlchen), welchen die Alten dem Steine
beigelegt hatten. Der R. ist härter als jeder
andere Stein, mit Ausnahme des Diamanten,
doch wie dieser leicht zerbrechlich. Vor dem
Lötrohr ist er unschmelzbar. Orientalische R.
von io Karat sind äußerst selten und teuer.
Kleine, in Indien geschliffene Steine, wie sie
z. B. zu Zapfenlagern in Taschenuhren dienen,
gelten je nach ihrer Güte 15—60 M. das Karat;
solche von 2, 3, 4 Karat, wenn sie besonders
schön sind, haben gleich hohen und selbst höhe-
ren Preis wie Diamanten von gleichem Gewicht
und sind auch seltener als diese. Die R. werden
in Brillant-, Rosetten- und Treppenschnittform
geschnitten und, wenn die Farbe hierzu ge-
sättigt genug ist, ä jour gefaßt. Die meisten be-
dürfen jedoch der „Folie“, einer Unterlage von
hochpoliertem Goldblech. Rubinähnliche, aber
dem echten R. nicht gleichkommende Steine
sind der Spinellrubin und Balasrubin (siehe
Spinell). Bisweilen werden auch geringe rote
Steine, wie Granaten, Hyazinth, rote Turmaline
oder durch Glühen rot gewordene Topase, als R.
ausgegeben. Der sog. brasilianische R. ist z. B.
natürlicher roter Topas. Alle diese zu Unrecht
als Rubin bezeichneten Steine erreichen den
echten weder im Ton und Feuer der Farbe, noch
in der Härte. Künstliche R., d. h. gefärbte
Glasflüsse, werden in der Farbe fast so schön wie
echte hergestellt, sind aber durch die Feile oder
Anritzen mit Diamant sogleich zu erkennen.
Zu ihrer Herstellung benutzte man früher, den
Cassiusschen Goldpurpur (s. Art. Goldpurpur),
der auch in der Glas- und Porzellanmalerei ge-
braucht wird, während man jetzt eine Gold-
auflösung in Königswasser (Goldchlorid) verwen-
det. Für geringere Rubingläser, namentlich für
die überfangenen Glasgeschirre (s. Glas), dient
als viel billigeres Färbungsmittel das Kupfer-
oxydul in Form von Kupferschlacken und
Hamraerschlag. In neuerer Zeit'werden an Stelle
dieser rohen Nachahmungen unter dem Namen
Rubis reconstituös wirkliche künstliche Ru-
bine in den Handel gebracht, welche die gleiche
chemische Zusammensetzung wie das natürliche
Mineral zeigen und nur auf physikalischem Wege
erkennen sind. Zu ihrer Darstellung bedient
utan sich verschiedener Methoden. Nach der
ersten schmilzt man mehrere sehr kleine R. bei
Temperaturen von etwa 18000 zu einem größeren
zusammen und erhält so Steine von 8—12 Karat.
Hach der anderen erhitzt man ein Gemisch von
reiner Tonerde und Bleioxyd in hessischen Tie-
geln und läßt langsam abkühlen. Nach dem
Verfahren von Verneuil endlich läßt man fein-
stes Pulver chemisch reiner Tonerde mit etwas
Chromoxyd durch ein Platinsieb auf eine senk-
recht nach unten gerichtete Knallgasflamme
fallen und fängt die geschmolzenen Teilchen
auf der Spitze eines Tonerdetiegels auf, der bis
Uahe zum Schmelzen erhitzt ist. Sie wachsen
“ier zu einem Stäbchen und schließlich zu einem
rundlichen Tropfen, der bis zu 50 Karat erreicht.

In Paris werden jährlich mehr als fünf Millionen
Karat (— 1000 kg) hergestellt.. Die erhaltenen
Steine besitzen dieselbe Härte und Farbe sowie
das gleiche spez. Gew. wie echte R., erscheinen
aber zum Unterschiede von letzteren bei mi-
kroskopischer Untersuchung entweder völlig
strukturlos, oder von schwarzen, undurchsichtigen
Pünktchen durchsetzt. Künstlich sind ferner R.,
die unter dem Mikroskope wellenförmige Linien
zeigen, während echte Steine wie ein zartes, aus
straffen, gekreuztfen Linien bestehendes Gewebe
erscheinen.

Rüben. Mit diesem Namen werden verschie-
denenPflanzenfamilienangehörigeWurzelgewächse
bezeichnet, die zum Teil als Nahrungsmittel,
Futtermittel und technisches Rohmaterial hohe
Bedeutung besitzen. Die Mohrrübe (Möhre)
und die Zuckerrübe sind in besonderen Auf-
sätzen besprochen. — Die Runkelrübe (Beta
vulgaris) wird in zahlreichen Arten angebaut,
die sich hauptsächlich in die zwei Hauptgruppen:
Gewöhnliche Futterrunkel (Beta vulgaris
rapacea, Beta alba oder rubra) und Runkel-
rübe mit veredeltem Blatt (Mangold. Beta
vulgaris cicla) unterscheiden. Die R. gedeiht
bis zu 710 n. Br. und in Höhen bis zu 1400 m,
reift in 150—180 Tagen und verlangt ein warmes,
nicht zu feuchtes Klima sowie tiefgründigen,
humosen und kalkigen Lehmboden. Der Ertrag
ist sein hoch und beträgt für 1 ha 30—60000 kg.
Die R. stellt ein wertvolles Futtermittel dar und
enthält neben 75—940/0 Wasser 3—io°/o Zucker.
0,5—4°/o Stickstoffsubstanz, 0,1—0,4% Fett und
0,6—2,4 0/0 Asche. Die Stickstoffsubstanz be-
steht nur zum kleinsten Teile aus Protein, hin-
gegen hauptsächlich aus Salpetersäure, Ammo-
niak, Betain, Glutamin und Asparagin. — Die
Kohlrübe (Stoppelrübe, Wrucke, Bras-
sica. Napus esculenta und Brassica rapa
rapifera) bildet in ihren vielen Spielarten ein
beliebtes Gemüse und wird sowohl mit länglicher
als runder, mit weißer als gelblicher Wurzel
angebaut. Sie verträgt besser Kälte und Feuch-
tigkeit als die Futterrübe, wird aber in warmen
Gegenden leicht holzig. Wie die Futterrüben ist
sie sehr wasserreich und enthält viel Salpeter.
Ihre geschätzteste Sorte wird als Teltower R.
bezeichnet. Die während des Krieges durch
Trocknen von Kohlrüben hergestellten Schnit-
zel- und Rübenmehle erwiesen sich wegen ihres
unangenehmen. Geschmacks für die menschliche
Ernährung so gut wie unbrauchbar.

Rüböl (Rapsöl, lat. Oleum napi s. rapae, frz.
Huile de navette, engl. Rape oil). Unter diesem
Namen führt man im Plandel sowohl das Öl des
Rübsens als auch das des Rapses, die in chemi-
scher Hinsicht so gut wie identisch sind, sich
aber durch ihre Konsistenz unterscheiden. Das
Öl aus Winterfrucht ist dickflüssiger und erstarrt
schon bei -f-yi/a0. das dünne Öl der Sommer-
frucht erst bei —■ io°. Zur Gewinnung des R.
werden die Samen auf Stampf- oder Walzwerken
und zwischen Mühlsteinen gepulvert, in Öfen
oder Trommeln erwärmt und auf Keilpressen
oder durch hydraulischen Druck ausgepreßt. Ein
reineres Öl erhält man durch Ausziehen des
Pulvers mit Schwefelkohlenstoff oder Benzin und
nachheriges Wiederabdestillieren des Lösungs-
mittels. Das rohe gepreßte öl führt aus den
        <pb n="381" />
        ﻿

Rum

374

Ruß

Samen eine größere Menge Schleim und Pflanzen-
eiweiß mit sich, die es zum Brennen untauglich
machen und nur die Verwendung zu gering-
wertigen Seifen zulassen. Zu gutem Brennöl wird
es erst durch das Raffinieren. Zu diesem
Zwecke läßt man das frische Öl möglichst lange
in großen Behältern stehen, wobei es bereits
einen großen Teil seiner Unreinheiten als Boden-
satz abscheidet, und behandelt es dann mit
Va—iVa0/» konzentrierter Schwefelsäure. Indem
man letztere zu dem in großen Bottichen mit
Rührvorrichtung befindlichen warmen Öle hin-
zusetzt und durch starkes Rühren einmischt,
werden die schleimigen und eiweißartigen Stoffe
teils zum Gerinnen gebracht, teils in flockige,
dunkelfarbige Massen verwandelt, die nach eini-
ger Zeit zu Boden sinken. Sobald die Flocken-
bildung eingetreten ist, rührt man noch die
reichliche Hälfte warmes Wasser hinzu, leitet
das Gemisch auf Klärfässer und überläßt es
i—2 Wochen sich selbst. Hierbei bilden sich
drei Schichten: obenauf klares öl, das durch
Zapflöcher abgezogen und nur noch filtriert
wird, in der Mitte die flockigen Abscheidungen,
die noch ölhaltig und deshalb besonders zu ver-
arbeiten sind, und zu unterst das saure Wasser.
Vielfach wird das Öl auch vor dem Absitzen-
lassen mit verdünnter Natriumkarbonatlösung
ausgewaschen. Der Gesamtverlust beim Raffi-
nieren pflegt 2 o/o nicht zu übersteigen, ist viel-
mehr meist geringer. Das durch Extraktion mit
Benzin oder Schwefelkohlenstoff gewonnene Öl
braucht nicht raffiniert zu werden, da diese
r lüssigkeiten den Schleim nicht mit lösen. Das
R. gehört zu den nichttrocknenden Ölen und be-
steht neben geringen Mengen Arachinsäure
hauptsächlich aus den Glyzeriden der Eruka-
säure und der Rapinsäure. Das spez, Gew.
beträgt 0.910—0,918, die Verseifungszahl 177, die
Jodzahl 98—105. Verfälschungen durch Leinöl,
Hanföl, Harzöl und Tran verraten sich durch die
Erhöhung des spez. Gew., Leinöl und Hanföl
außerdem durch die höhere Jodzahl. Das unver-
seifbare Paraffinöl erniedrigt die Verseifungszahl.
R. dient frisch geschlagen als Speiseöl, ferner
zur Herstellung von Seife, als Maschinenschmiere
und zum Einfetten von Leder und Wolle, jedoch
war letztere Verwendung bisher ziemlich be-
schränkt. weil die Wolle beim Lagern leicht
klebrig und bis zur Selbstentzündung heiß wird.
— Die Preßkuchen bilden ein wertvolles
Futtermittel.

Rum (Taffia, Tafia, frz. und engl. Rum),
das bekannte, zu den Edelbranntweinen gerech-
nete alkoholische Getränk, wird durch Gärung
und Destillation von Rohrzuckersaft her-
gestellt und in besonderer Güte von Jamaika
geliefert. Dem Jamaika-R. am nächsten stehen
die Erzeugnisse von Barbados und Antigua, wäh-
rend diejenigen von den sog. Leewardinseln (In-
seln unter dem Winde) weniger fein sind und
der brasilianische R. als der geringste betrachtet
wird. Außerdem kommt R. von Kuba, Portoriko,
den britischwestindischen Inseln, Holländisch-
und Britisch-Guyana, Mauritius und Ostindien,
doch steht das ostindische Getränk dem Arrak
näher. Zur Darstellung von R. dienen außer
dem frischen Zuckerrohrsaft bisweilen auch
Sirup von Rohrzucker, Zuckerschaum, der beim

Sieden von den Kesseln geschöpft wird, die Ab-
kochung von ausgepreßtem Zuckerrohr und an-
deren Rohrabfällen, ja selbst die Spülwässer,
die sich beim Reinigen der Fabrikgeräte er-,
geben. Jedoch verarbeitet man bei besserem Be-
triebe die unreineren Rohstoffe, Spülicht, Schaum
u. dg), für sich allein und brennt daraus ein
kratzig schmeckendes Getränk, den Negerrum.
Das eigentlich wertvolle ätherartige Aroma, wel-
ches den eigentümlichen Rumgeschmack und -ge-
ruch bildet, entwickelt sich nur bei der Gärung
des frischen Saftes, während der wohl stets zu-
gesetzte Sirup lediglich den Alkoholgehalt ver-
mehrt. Zur Erhöhung des Aromas werden bei
der Destillation häufig wohlriechende Kräuter
und Rinden, oder nach der Destillation Ananas-
schnitze! in die Fässer hinzugesetzt (Ananas-
rum). Der feinste Geschmack entsteht aber nur
durch langes Lagern, während junger R. rauh
und stechend schmeckt, stark berauschend wirkt
und deshalb in den englischen Kolonien den
Namen Mordteufel führt. Die braune Farbe
wird durch Zusatz von Zuckercouleur erzielt,
da der frische R. farblos ist und auch auf den
eichenen Lagerfässern höchstens weingelb wird.
Der R. in echter Beschaffenheit, wie er mit
etwa 75 °/o Alkohol von den Kolonien verschickt
wird und allein als Originalrum oder Ja-
maikarum bezeichnet werden darf, gelangt nur
selten in die Hände der Verbraucher, sondern
unterliegt zahlreichen Veränderungen und Ver-
fälschungen. Als zulässig ist ein Herabsetzen
des Alkoholgehaltes auf 45 °/o durch Wasser-
zusatz anzusehen. Hingegen darf ein mit Spi
ritus vermischter R. nur als Verschnitt-R.
und ein mit Hilfe von künstlichem Äther, Rum -
äther, d. i. Ameisenäther (s.d.), hergestelltes
Erzeugnis nur als Kunst- oder Fassonrum ver-
kauft werden. Künstliche Färbung des Ver-
schnittrums mit Teerfarben ist mehrfach als Ver-
fälschung beurteilt worden; die Ansicht über den
erforderlichen Mindestgehalt an echtem Rum
schwankt zwischen 5 und io°/o.

Ruß (lat. Fuligo, frz. Noir de fumöe, engl. Pine
soot), ein Produkt der unvollständigen Verbren-
nung kohlenstoffreicher Substanzen, besteht aus
Kohlenstoff, dem gewöhnlich noch kleine Men-
gen brenzlig-öliger Stoffe anhaften. Zur Darstel-
lung der gewöhnlichsten Sorte, des Kienrußes,
benutzt man harzreiches Holz (Kienstöcke),
und zwar besonders solche Hölzer und Rinden,
aus denen vorher Pech abgetrieben worden ist.
Dieses Rohmaterial wird geschwelt, d. h. in
einem gemauerten Raume bei wenig Luftzutritt
einer schmauchenden Verbrennung unterworfen.
Die Feuerluft durchzieht, mit schwarzem Qualm
beladen, einen langen Kanal, tritt dann in eine
weite Kammer, die mit einer Bedachung (Haube)
aus Wollstoff bedeckt ist, und entweicht unter
Hinterlassung des R. durch die Poren der Haube.
Der im Kanal sich absetzende R. ist am meisten
mit brenzligen Stoffen beladen, mehr glanzruß-
artig, und daher ohne nachfolgendes Ausglühen
nicht zu verwenden. Eine bessere Sorte sam-
melt sich in der Kammer, und die feinste an
der Innenseite der Haube an. Geringere Sorten
werden in derselben Weise durch Verbrennen
von Stein- und Braunkohlen, Torf und Stein-
kohlenteer, zum Teil auf Koksbrennereien als
        <pb n="382" />
        ﻿Rüster Ausbruch

375

Saccharin

Nebenprodukt erhalten. Zur Herstellung der
feinen Rußsorten verarbeitet man meist Harz
(Kolophon), schwere Steinkohlenteeröle, fette
Öle, Asphalt u. dgl. Die Öle werden in Lampen
mit großen Dochten, die harzigen Stoffe auf
flachen eisernen Schalen bei gedrücktem und
kühl gehaltenem Feuer verbrannt. Alle vor-
genannten Erzeugnisse gelangen meist als Lam-
penruß in den Handel, nur eine aus Frank-
furtkommende, sehr gute Sorte geht unter ihrem
bezeichnenderen Namen Asphaltruß. Zur Ent-
fernung der immer anhaftenden öligen Bestand-
teile wird der R. in der Regel ausgeglüht (kal-
zinierter Ruß)._ Man stampft ihn zu diesem
Zwecke in tönerne Töpfe, die mit Deckeln bis
auf eine kleine Öffnung verkittet, oder in ble-
cherne Zylinder, die in Tonkapseln, eingesetzt
werden, und erhitzt bis zur Rotglut. Die öligen
Teile verwandeln sich dabei in. Gase, die außer-
halb verbrennen. Doch darf das Glühen weder
zu schwach sein, weil dann der R. noch fettig
bleibt, noch zu weit getrieben werden, da er sonst
tot gebrannt, d. h. dicht, fest und grau wird. Der
Waldruß wird in Fässern von 7Y2—10 kg Inhalt,

Sabadillsamen (Läusesamen, lat. Semen sa-
badillae, frz. Semences de cdvadille, engl. Ceva-
dilla seeds) sind die Samen oder richtiger die
Früchte der mit unserer weißen Nießwurz ver-
wandten Liliazee Schoenocaulon offici-
tiale, Veratrum Sabadilla, früher Sabadilla
pfficinarum oder Veratrum officinale, einer
in Mittelamerika wild wachsenden und amgebauten
Pflanze mit zwiebelartigem Wurzelstock, meter-
langen, schilfartigen Blättern und gelblichen
Blüten, die in einer Traube auf einem Schafte
stehen. Die von Venezuela und Mexiko in den
Handel kommende Droge besteht aus etwa 1 cm
langen bräunlichen, zu dreien zusammenhängen-
den Balgkapseln, die häufig aufgesprungen sind
Und die zahlreichen kleinen Samenkörner aus-
geschüttet haben. Letztere sind glänzendschwarz-
braun, von länglich-kantiger, am oberen, Ende
verschmälerter Form und geruchlos und haben
Unter der Samenschale einen weißlichen, harten
Kern, der brennend scharf und bitter schmeckt
Und drastisch purgierend und giftig wirkt. Die
Samen enthalten die Alkaloide Veratrin, Sa-
badin, Sabadinin und Sabadillin, an Ze-
vadinsäure (Methylkr otonsäure) und Vera-
humsäure gebunden, und werden in der Tier-
heilkunde als Pulver, Essig und in Salben gegen
Hngeziefer verwandt, sind aber durch das un-
schädliche Insektenpulver nahezu verdrängt.
^Vegen ihrer Giftigkeit müssen sie unter den
stark wirkenden Mitteln aufbewahrt werden.

Saccharin (Zuckerin, lat. Saccharinum), der
v°n Fahlberg und Remsen zuerst hergestellte
künstliche Süßstoff, ist seiner chemischen Zu-
sammensetzung nach Orthosulfaminbenzoö-
säureanhydrid (Benzoylsulfonimid, Ben-
z°esäuresulfinid), C6H4(CO) (SOä)NH. Zu
seiner Darstellung wird Toluol mit konz. Schwefel-
säure in Orthofoluolsulfosäure, und letztere durch

auch wohl in 50-kg-Fässern versandt, während
der Kleinvertrieb in Fäßchen aus dünnen Holz-
spänen, den sog. Rußbutten, geschieht. R.
findet vielfache Anwendung als Druckerschwärze,
Anstrichfarbe, Lack, Wichse, Tusche und
Schwarzwachs sowie zur Herstellung von Glanz-
leder und Wachstuch.

Ruster-Ausbruch ist neben dem Meneser-
und Tokayer-Ausbruch (s.d.) der feinste süße
Ungarwein und wird in gleicher Weise wie der
Tokayer hergestellt. Er enthält ungefähr 9 bis
too/o Alkohol, und 24—26% Extrakt mit 18—230/0
Zucker und gehört daher in die Klasse der kon-
zentrierten Süßweine.

Ruthenium, ein Element der Platingruppe
(s. d.), Ru = ior,7, findet sich spurenweise in
den Platinerzen als ein silberweißes, hartes, sprö-
des und strengflüssiges Metall. In reinem Zu-
stande wird es kaum verarbeitet, geht aber mit
ein in die Legierungen von Platin und Iridium,
die jetzt direkt aus den Platinerzen erschmolzen
und häufig an Stelle des Platins gebraucht
werden.

Zusatz von Kreide zunächst in das Kalksalz und
darauf durch Behandlung mit Soda in die Na-
triumverbindung übergeführt. Das getrocknete
orthotoluolsulfosaure Natrium wird mit Hilfe
von Phosphortrichlorid und Chlor in das Ortho-
toluolsulfochlorid, und dieses wieder mit Ammo
niumkarbonat und Wasserdampf in Orthotoluol-
sulfamid umgewandelt. Durch Oxydation mit
Kaliumpermanganat und Zusatz von Salzsäure
zu der entstehenden Verbindung fällt das Benzoe-
säuresulfinid aus. Das S. bildet ein weißes,
schwer in kaltem, leicht in heißem Wasser sowie
in Alkohol und Äther lösliches Pulver. Durch
Zusatz von Alkalien wird die Löslichkeit sehr
erhöht. Der Schmelzpunkt liegt bei 223,5°. Die
wichtigste Eigenschaft des S. ist seine ungeheure
Süßkraft, welche diejenige des Rohrzuckers
500 mal übertrifft und trotz des hohen Preises
seine technische Verwertung lohnend erscheinen
ließ. Im Hinblick auf den Umstand, daß S.
nicht den mindesten Nährwert besitzt, wurde
seine Verwendung durch das Reichsgesetz vom
6. Juli 1898 zunächst eingeschränkt und für Bier,
Wein, Fruchtsäfte, Konserven, Liköre, Zucker-
säfte und Stärkesirup überhaupt, für andere
Nahrungsmittel ohne Deklaration verboten. Da
hierdurch der Mißbrauch des S. zur Verfälschung
von Bier (Weizenmalzextrakt) noch nicht besei-
tigt wurde, folgte am 7. Juli 1902 der Erlaß des
neuen Süßstoffgesetzes, welches die Verwendung
künstlicher Süßstoffe für Nahrungsmittel, mit
Ausnahme der für Zuckerkranke bestimmten,
vollständig verbot und den Verkauf ausschließlich
den Apotheken zuwies. Zur Erleichterung der
Überwachung wurde die Fierstellung nur der
Fabrik von Fahlberg &amp; List erlaubt, und den
übrigen Fabriken eine Abfindungssumme aus-
gezahlt, Seitdem war das S. aus der Nahrungs-
mittelindustrie verschwunden, hat aber während
        <pb n="383" />
        ﻿Saccharose

376

Säureester

des Krieges infolge des Zuckermangels wieder
Bedeutung als Versüßungsmittel erlangt. — Von
seinen Derivaten besitzt das als Kristallose be-
zeichnete S.-Natrium und das Mefhyl-S. eine
gewisse Bedeutung. — Der nächst dem S. wich-
tigste künstliche Süßstoff, dasDulzin oder Sü-
krol, ist als Paraphenetolkarbämid, NH2.
CO . NH . C6H4. OC2H5, anzusprechen und ent-
steht bei Einwirkung von Kohlenoxychlorid auf
Paraphenetidin und Behandlung des Reaktions-
produktes mit Ammoniak als ein farbloses, glän-
zendes Kristallpuiver vom Schmelzpunkt 1730.
Dulzin löst sich schwer in Wasser und Glyzerin,
hingegen leicht in Alkohol und schmeckt 200 mal
so süß als Zucker. Seine Verwendung unterliegt
ebenfalls dem Süßstoffgesetz.

Saccharose ist der wissenschaftliche Name für
diejenige Zuckerart, die aus Zuckerrohr, Zucker-
rüben, Zuckerahorn und Palmensaft gewonnen
werden kann. Vgl. Zucker.

Saccharum ist Zucker, z. B. S. hordeatum, Ger-
stenzucker; S. lactis. Milchzucker; S. saturni,
Bleizucker. — S. die betreffenden Aufsätze bzW.
Zucker.

Sadebaumkraut (Sevenbaumblätter, lat.
Herba seu Summitates. sabinae, frz. Sabine, engl.
Savine, Savine tops) nennt man im Drogenhandel
die getrockneten Zweige des Sade- oder Seven-
baums (Juniperus Sabina oder Sabina of-
ficinalis). Der in Südeuropa heimische, bei
uns als Ziergewächs gehaltene, immergrüne
Strauch oder kleine Baum aus der Familie der
Wacholder trägt meist in vier Reihen an die
schlanken Zweige angedrückte kleine Blätter, die
mit je einer Öldrüse auf der Rückseite besetzt
sind und infolgedessen einen starken, widrig
balsamischen Geruch und einen bitterharzigen
und ekelerregenden Geschmack zeigen. Die im
Frühjahr zu sammelnden und rasch zu trocknen-
den jüngeren Triebe mit den Blättern sind offi-
zineil und werden in kleinen Gaben innerlich
gegen Frauenkrankheiten benutzt. Wegen ihrer
bekannten Wirkung als Abortivmittel dürfen
sie im Kleinhandel nicht verkauft werden und
sollten ohne ärztliche Verordnung überhaupt
nicht abgegeben werden. Ebensowenig sollten
sie in Anlagen, wie dies oftmals unbegreiflicher-
weise der Fall ist, angepflanzt werden, da sie ge-
radezu zur Plünderung anreizen. Verwechs-
lungen mit den Zweigen von Juniperus vir-
giniana sind leicht zu vermeiden, wenn map auf
die spitzeren Blättchen sowie darauf achtet, daß
diese nur an den jüngeren Zweigen vierzeilig, an
den älteren dreizeilig stehen. Überdies haben
diese Zweige einen angenehmeren Geruch als
die Sabinaspitzen. — Das Sadebaumöl (lat.
Oleum sabinae, frz. Essence de sabine, engl.
Savin oil) ist blaßgelb, rektifiziert farblos und
riecht höchst durchdringend und widerlich. Es
enthält neben mehreren Terpenen den Alkohol
Sabinol, löst sich in t/a Teil 9o°/oigem Alkohol
und ist rechtsdrehend, «„-4-38 bis +62°. Das
spez. Gew. beträgt 0,907—0,930.

Sämereien, die Samen von wild wachsenden
und von Kulturpflanzen verschiedener Art für
Gärtner, Land- und Forstwirte, bilden hoch-
wichtige Handelswaren, die in großen Mengen
verbraucht und entweder von Kunst- und Han-
delsgärtnern oder auch von Landwirten und in

Forstgärten gezogen oder von wild wachsenden
Pflanzen gesammelt werden. Der Sämerei-
handel ist sehr lebhaft und erheischt geübte
; Fachleute, welche die Beschaffenheit der guten
Samen und besonders die Kennzeichen der ver-
schiedenen Sorten genau kennen müssen. Um
vor Fälschungen oder schlechten Waren zu
schützen, sind Samenkontrollstationen ein-
gerichtet worden, die erste 1869 in Tharandt
von Nobbe, deren Hilfe sich vorzüglich bewährt
hat. Man verlangt jetzt von den IJändlem
schriftliche Gewähr für gute Beschaffenheit und
hat sich über gewisse Grundsätze hinsichtlich
■des Begriffs der Fälschung geeinigt. Vor allem
darf je nach Art der S. nur ein bestimmter Ge-
halt an fremden Samen oder diesen ähnlichen
Körpern und nur höchstens bis 3 °/o nicht keim-
fähiger Körner vorhanden sein. Die Gärtner mit
ausgedehnter S.-Zucht verschicken ihre Preisver-
zeichnisse und Waren direkt, und kaufen auch

S.	von den .Einsammlern, um sie, besser sor-
tiert und verpackt, wieder zu verkaufen. Sie
betreiben gleichzeitig Groß- und Kleinhandel.
Von guten Firmen kann man sicher sein, an-
ständig bedient zu werden. Die Leiter der Kon-
trollstationen, von denen sich in jedem Bundes-
staate bzw. jeder Provinz mindestens eine, über
50 in Deutschland, befinden, übernehmen die
Prüfung und geben weitere Anleitungen. — Alle

S.	müssen vollkommen trocken, kühl, aber auch
frostfrei aufbewahrt und in guter, vor Nässe
schützender Verpackung versandt werden. Nähere
Angaben finden sich bei den einzelnen Samen-,
arten.'

Säurebraun ist der Name zweier, durch die
Buchstaben G und R unterschiedener Teer-
farbstoffe, von denen der erstere aus dem
Natronsalze der Anilinmetadiamidobenzolpara-
sulfosäure, der letztere aus dem Natrorisalze des
Naphtionsäureazochrysoidins besteht. Beide sind
braune, in Wasser mit brauner Farbe lösliche
Pulver, die Wolle in saurem Bade braun färben.

Säureester nennt man Verbindungen orga-
nischer Säuren mit Alkoholradikalen. In der
Praxis versteht man hierunter aber meist die-
jenigen Ester, die aus Harzsäuren und Alkohol-
radikalen unter Wässeraustritt gewonnen und
als Harzsäureester oder Lackester bezeichnet
werden. Sie bilden neuerdings die Grundstoffe
für eine neue Sorte von Lacken, die man als
Esterlacke bezeichnet, und die vor den Kopai-
und Bernsteinlacken den Vorzug völliger Neutra-
lität haben. Man kann daher Esterlacke mit den
verschiedensten Farben vermischen^ ohne ein
Verändern bzw. Nachdunkeln befürchten zu
müssen, und verwendet sie namentlich zum An-
strich von Metallgegenständen, besonders als
Außenanstrich, u. a. wurde auch der Eiffelturm
in Paris mit farbigem Esterlack gestrichen. Den
Esterlacken steht jedenfalls eine große Zukunft
bevor, da der Anstrich schnell und hart auftrock-
net, und die Ausgiebigkeit im Vergleich mit
Kopallacken um die Hälfte größer ist. Auch fällt
das bei Verwendung von anderen Lacken häufig
auftretende blaue Anlaufen weg, nur ist bei
Innenanstrich der Nachteil zu verzeichnen, daß
die Feuergefährlichkeit der Esterlacke durch die
Lösungsmittel, wie Benzol, Benzin und Ter-
pentinöl erhöht wird. Die mit Benzin berge-
        <pb n="384" />
        ﻿Säuregelb

377

Safran

stellten Esterlacke werden vielfach anstatt der
Spirituslacke verwandt, vor denen sie den Vor-
zug haben, durch Alkohol nicht angegriffen zu
werden.

Säuregelb. Diesen Namen führt neben den
in besonderen Abschnitten besprochenen Echt-
gelb und Naphtholgelb auch das Diphenyl-
aminorange (Diphenylorange, Orange IV,
TropaeoJin OO, Säuregelb D). Der aus
orangegelben Blättchen bestehende Farbstoff ist
das Natronsalz des Sulfanilsäureazodiphenyl-
amins und färbt Wolle im sauren Bade orange-
gelb;

Säuregrün nennt man mehrere Arten von
Lichtgrün (s.d.) und von Helvetiagrün.

Säureviolett (6 B), ein in Wasser löslicher
Teerfarbstoff, wird durch Oxydation der
Pentamethylbenzylparaleukanilinmonosulfosäure
und nachherige Neutralisation mit Natron er-
halten. Das dunkelviolette Pulver färbt Seide
und Wolle violett.

Saflor (lat. Flores carthami, frz. Carthame,
engl. Safflower) besteht aus den röhrenförmigen
Einzelblütchen der Färberdistel, Carthamus
tinctorius, einer einjährigen, aus Ostindien
stammenden Komposite, die aber schon «Seit
alten Zeiten nach den Mittelmeerländem ver-
pflanzt und zum Färben und Schminken benutzt
wird. Die Pflanze wird 6—12 dm hoch, ist nach
oben verästelt, hat eilängliche, dornig gezähnte
Blätter und distelähnliche Blütenköpfe mit dün-
nen röhrigen, fünfspaltigen Blütchen, die anfangs
goldgelb, dann safrangelb, zuletzt hochrot ge-
färbt sind. In dem Schlunde der Blüten stehen
die zu einer Röhre verwachsenen Staubbeutel,
deren Träger weit hervorragt. Man pflückt die
Köpfe, sobald die Blüten anfangen zu welken
und sich dunkler zu färben, zupft die Einzel-
hlüten aus den Köpfen und trocknet sie ent-
weder oder behandelt sie zur Entfernung des
wertlosen gel ben Farbstoffes vorher mitWasser.
Eie feuchte Masse wird geballt und getrocknet
&gt;n den Handel gebracht. Sie kommt aus Ägyp-
ten in größeren Klumpen, aus Ostindien in
kleineren, flachen Broten, während spanische
''Vare einfach getrocknet und weder gewässert,
noch gepreßt ist. In Kuchenform sieht der Stoff
dem ebenso geformten Safran sehr ähnlich und
Jvird daher auch zum Verfälschen des letzteren
Benutzt und als falscher oder wilder Safran,
Bastardsafran, bezeichnet. Der rote Farb-
stoff des S., Karthamin oder Karthamin-
säure, kommt auch im rein abgeschiedenen
Zustande als Saflorkarmin in den Handel. Zu
seiner Gewinnung setzt man die Blumen mit
schwacher Sodalösung warm an, schlägt dann
den Farbstoff mit Essigsäure auf rohe reine
Baumwolle nieder, bringt ihn wieder mit Soda
lri Losung und fällt ihn schließlich mit Wein-
°der Zitronensäure als eine schön karmoisinrote,
schleimige Masse. In dünnen Lagen langsam
Setrocknet, zeigt das Karthamin einen grünen,
kantharidenähnlichen Metallglanz, bei durchfal-
*?ndem Lichte und in Lösung aber das schönste
K°t. Man verkauft es, auf flache Porzellantassen
oder Teller sowie auch auf Täfelchen von Weiß-
hlech gestrichen, als Teller- oder Tassen-
Jtet. Rosablech, oder pulverförmig oder in
Btückchen als Saflorkarmin und benutzt es als

Malerfarbe sowie bei der Herstellung künstlicher
Blumen und verschiedener flüssiger und pulve-
riger Schminkmittel, die mit französischen Namen
als Rouge d’Espagne, Rouge vert, Rouge
vdgötal bezeichnet werden. Als Körper der
Schminkpulver dient gewöhnlich beste Talkerde,
die mit dem Karthamin aufs feinste zusammen-
gerieben wird. In alkoholischer Lösung ge-
braucht man das Rot zum Färben von Likören
und Konditoreiwaren. S. wurde früher auch
in Deutschland, namentlich in der , Pfalz, in
Thüringen und im Elsaß sowie auch in Nieder-
qsterreich gebaut, wird aber jetzt mit größerem
Farbstoffgehalt aus. wärmeren Ländern bezogen.
Die wichtigsten Handelssorten sind: Ägypti-
scher S., eine gleichmäßig braunrote, sehr weiche
und elastische Masse in Klumpen; ostindi-
scher S. in Form kleiner, flacher Kuchen von
hellgelber Farbe; persischer und chinesi-
scher S., die als die vorzüglichsten Sorten gel-
ten, aber wenig im europäischen Handel er-
scheinen; spanischer S., eine gute Ware, die
im Süden des Landes gebaut und nicht mit
Wasser behandelt, sondern einfach getrocknet
wird; ungarischer S., eine schön hochrote
und der ägyptischen gleichwertige Ware, die
meist wie diese durch Wässern vom gelben
Farbstoff befreit und dann veredelter S. genannt
wird.

Safran (Saffran, lat. Crocus, frz. Safran cuh
tive, engl. Saffron), ein seit alten Zeiten viel-
benutztes kostbares Gewürz, besteht aus den ge-
trockneten Narben der echten Safranpflanze,
Crocus sativus (aus der Familie der Schwert-
lilien, Iridazeen), die in ihrer Heimat Ost-
indien sowie in Persien und Kleinasien wild
wächst, außerdem aber auch, namentlich in Spa-
nien und Frankreich, vielfach angebaut wird. Sie
gedeiht am besten bei Weinklima, in sonniger
geschützter Lage, auf humusreichem, trockenem,
warmem und lockerem Lehm- oder Sandmergel-
boden. Der Anbau ist mühsam und erfordert
wegen der zahlreichen tierischen und pflanz-
lichen Schädlinge sorgsame Pflege. Im August
und September werden die Zwiebeln eingesetzt
und im Oktober die Blüten geerntet. Die Zwie-
beln verbleiben drei Jahre im Boden und geben
also drei Ernten, deren Ertrag von Jahr zu
Jahr größer wird. Darauf nimmt man die stark
vermehrten Zwiebeln heraus, bewahrt die besten
an kühlen, schattigen Orten bis zum nächsten.
Auspflanzen und verfüttert die minderguten an
Schweine. Der Acker bedarf dann einer 7—15-
jährigen Ruhe. Die Blüten werden zu Beginn
des Blühens früh morgens, noch geschlossen,
abgeschnitten, die Narben nach 3—4 Tagen
abgezwickt und sehr sorgsam getrocknet. Auf
1 kg trockenen odetr 5—6 kg frischen S. rechnet
man 40 000—80000 Blüten oder 13000—26000
Narbenfäden. Der Ertrag beträgt für drei Jahre
in Frankreich 63—64 kg, in England 50 kg, in
Österreich 20—33 kg S. auf 1 ha. — Die Blüten
der Safranpflanze enthalten auf ihrem Frucht-
knoten den hellgelben fadenförmigen Griffel,
der etwas länger als die Röhre des Perigons ist
und sich in drei dunkelrote, nach oben keilförmig
verbreiterte und geschlitzte Narben teilt. Nur
die letzteren haben einen Würz- und Farbwert
und bilden den Handelssafran. In getrocknetem
        <pb n="385" />
        ﻿Safran

378

Zustande erscheinen sie als einzelne oder auch
zu dreien zusammensitzende, ineinandergeschlun-
gene, gekrümmte, dunkelbraunrote, zähe und
biegsame Fäden. Sie fühlen sich fettig an und
besitzen einen betäubend gewürzhaften Geruch,
sowie bitteren, aromatischen, etwas scharfen Ge-
schmack. S. färbt den Speichel gelb und ist
sehr hygroskopisch, darf daher nicht in feuchten
Räumen aufbewahrt werden und muß für den
Seetransport gut verwahrt sein. Für die mittlere
chemische Zusammensetzung gibt König fol-
gende Werte an: Wasser 15,62%, Stickstoffsub-
stanz 12,4%, flüchtiges Öl 0,60%, Fett 5,63%,
verzuckerbare Stoffe 13,35%, sonstige stickstoff-
freie Extraktstoffe 43,64%, Rohfaser 4,48%, Mi-
neralstoffe 4,27 %. Als charakteristischer Be-
standteil ist der dunkelrote Farbstoff Krozin
oder Polychroit vorhanden, der zu den Glyko-
siden gehört und beim Kochen mit Säuren in
einen Zucker (Krokose oder Dextrose) und un-
lösliches Krozetin gespalten wird. Außerdem
ist ätherisches Öl und ein farbloser, kristallisie-
render Bitterstoff, Pikrokrozin oder Safran-
bitter, vorhanden. Wegen seines hohenPreises
von 90—100 M. für 1 kg unterliegt der Safran
zahlreichen Verfälschungen, für deren strafrecht-
liche Verfolgung die Frage von Bedeutung er-
scheint, ob Safran ein Gewürz oder lediglich ein
Farbstoff sei. Nach den jetzt herrschenden An-
schauungen besteht kein Zweifel, daß er als
Gewürz den Vorschriften des Nahrungsmittel-
gesetzes unterliegt. Als häufigste Verfälschung
kommt der Zusatz der wertlosen Griffel in Frage,
die zwar infolge der Gewinnungsweise nicht
ganz zu vermeiden sind, deren Gehalt aber 10%
keinesfalls überschreiten soll. Beimischung künst-
lich rotgefärbter Griffel ist auf alle Fälle zu
beanstanden. Eine Beschwerung durch Ein-
tauchen in Glyzerin, öl, Sirup, Honig oder
Gelatine und nachfolgende Behandlung mit Mi-
neralstoffen, wie Kochsalz, Kreide, Gips, Schwer-
spat. Salpeter, Glaubersalz und Borax wird durch
die Bestimmung des Aschengehaltes erkannt,
der höchstens 8 % mit 0,5 % Sand betragen
darf. Mit Öl behandelter S. hinterläßt auf Papier
einen Fettfleck und gibt an Petroläther mehr
als s % lösliche Stoffe ab. Für den Wassergehalt
ist eine Höchstgrenze von 15% anzunehmen.
Von ähnlich aussehenden Pflanzenstoffen sind
Ringelblumen, Saflor, Kurkuma, Sandelholz, Päo-
nienblätter, Frühlingssafran und zahlreiche an-
dere beobachtet worden. Auch hat man Gela-
tinefäden, Fleischfasern und Teerfarben aller
Art aufgefunden. Der Nachweis dieser Verfäl-
schungen wird mit Hilfe der mikroskopischen
und chemischen Untersuchung (Bestimmung des
Krozetins, der Rohfaser, des Phosphorsäuregehal-
tes der Asche, der Kapillaranalyse, des Färbe-
vermögens usf.) geführt. Als auch für den Nicht-
chemiker brauchbare Vorprüfung empfiehlt es
sich, den' gepulverten Safran auf Wasser zu
verstäuben, wobei alle echten Teilchen sich mit
einem gelben Hof umgeben, oder auf konz.
Schwefelsäure, wobei die Safranstäubchen in-
tensiv blau werden. — Von den Handelssorten
gilt der französische oder Gatinais-S-, aus
dem Arrondissement Pithiviers, als der wert-
vollste. Je nachdem er im Schatten oder in der
Sonne getrocknet worden ist, wird er als S.

Safransurrogat

d’orange oder S- comtat bezeichnet. Die
Hauptmenge des S. kommt aus Spanien, be-
sonders Murcia, La Mancha,. Niederarragonien,
Palma und Mallorca. Der spanische S. wird
vielfach als französischer verkauft. Der orien-
talische, levantinische oder türkische S.
ist oft verfälscht, mit Öl getränkt, schlecht ge-
reinigt und wenig aromatisch, und der früher
sehr geschätzte persische S. kommt für den'
europäischen Bedarf kaum noch in Betracht.
Italien liefert hellere Sorten, die zum Teil nicht
vom echten S. stammen sollen und als Abruz-
zen-S. (Abruzzi Zafferano, Aquila Neopolit-S.),
sizilianischer und kalabrischer S. unter-
schieden werden. Der feine österreichische S.
aus Niederösterreich und Ungarn kommt nur
selten in den Großhandel. — Zum Pulvern des

S.	empfiehlt es sich, die Narben einige Stunden
bei 250 über Ätzkalk zu trocknen. S. findet be-
schränkte medizinische Anwendung gegen Keuch-
husten und Krämpfe und ruft in größeren Men-
gen Abortus hervor. Außerdem wird er zum
Würzen und Färben von Nahrungsmitteln be-
nutzt.

Safranine bilden eine wichtige Gruppe der
Azinfarbstoffe (s. d.), welche der allgemeinen For-
mel R2N . C6H3(N2R). C6H3 .NRj entsprechen und
durch Erhitzen von Indaminen mit primären Ami-
nen oder durch Oxydation eines Gemisches von
Paradiamidodiphenylamin und einer primären
Base und nach verschiedenen anderen Methoden
hergestellt werden.. Zu ihnen gehören das Phe-
nosafranin (s. d.), Girofle (s. d.) und das
Echtschwarz aus Nitrosodimethylanilinchlor-
hydrat und Oxydiphenylamin. Der wichtigste
Farbstoff der Gruppe ist das Safranin, ein
Phenazin, in dessen beide Phenylreste je eine
Methyl- und Amidogruppe eintreten, während
der mittlere Stickstoff mit CI und C8H5 verbun-
den ist: NH2(C6H,. CH8). (N2. CI . CeH5). (C6H2.
CH3). NHj. Zu seiner Darstellung oxydiert man
eine Mischung von Paratoluylendiamin, Ortho-
toluidin und Anilin mit chromsaurem Kalium, fil-
triert, sättigt die Lösung genau mit Salzsäure und
fällt den Farbstoff durch Kochsalz. Das Sa-
franin, dessen verschiedene Töne durch die Buch-
staben T, B und G bezeichnet werden, kommt
als grünlichschwarzes oder rotbraunes Pulver,
oder auch in Kristall- oder Teigform in den
Handel. Es löst sich ziemlich schwer in kaltem,
leicht in heißem Wasser mit scharlachroter Farbe
und dient zum Färben von Wolle, Seide und
Baumwolle.

Safransurrogat, Safranersatz (Anilin-
orange, Jaune d’or). Unter diesen Namen
kommt ein Farbstoff in den Handel, der lange
Zeit zum Gelbfärben von Likören, Zuckerwaren,
Nudeln usw. gebraucht wurde, jetzt aber wegen
seiner Giftigkeit für Genußmittel nicht mehr
verwandt werden darf. Das S. ist die Kalium-
Verbindung des Dinitrokresols (Dinitro-
kresolkalium oder dinitrokresylsaures
Kalium) und wird durch Behandlung von Kre-
solsulfosäure mit Salpetersäure und Auflösung
der Nitroverbindung in Pottasche dargestellt. Das

S.	ist ein geschmack- und geruchloses, fein-
kristallinisches, rotes Pulver, das sich mit leb-
haft gelber Farbe in Wasser löst. Bei Annähe-
rung eines glühenden oder flammenden Körpers
        <pb n="386" />
        ﻿Safrol

379

Salazetol

brennt es wie Schießpulver ab und wird daher
"'egen dieser Feuergefährlichkeit entweder, mit
Glyzerin angerührt, in Teigform oder trocken im
Gemisch mit Salmiak versandt. Eine geringere
Sorte von S. von hellgelber Farbe kam früher
unter dem Namen Nudelgelb in den Handel.
Vgl. Viktoriagelb und Viktoriaorange.

Safrol, der Methylenäther des m-Allylbrenz-
katechins, bildet den Hauptbestandteil des
Sassafrasöls und ist außerdem in beträchtlicher
Menge im Kampferöl enthalten, während es in
geringerer Menge in einer ganzen Reihe ätheri-
scher Öle vorkommt. Das S. wird jetzt in großer
Menge fabrikmäßig aus Kampferöl dargestellt
und als feines Seifenparfüm verwandt. Man er-
hält es als farblose oder schwach gelbliche, op-
tisch inaktive, ölige Flüssigkeit vom spez. Gew.
Mos—1,107. Es siedet um 2320 und erstarrt bei
etwa —f— xi° zu einer Kristallmasse. Bei der
9xydation geht es in Piperonal (Heliotropin)
über.

Sagapenum (lat. Gummi sagepenum), ein
Gummiharz, stammt wie die ähnliche Asa foe-
tida von einer in Persien vorkommenden Dol-
denpflanze aus der Gattung Ferula, deren
Ärtbestimmung aber nicht sicher ist. Der Stoff
hat einen knoblauchartigen, doch schwächeren
Geruch als Asa foetida, der Geschmack ist
kratzend, scharf und bitter. S. besteht aus
Körnern oder zusammengebackenen Massen von
braungelber Farbe, ist etwas durchscheinend und
auf dem Bruche hornartig. Die Ware ist auf le-
vantischen Plätzen, Alexandria und Smyrna,
käuflich, wird aber bei uns nicht mehr verwandt.

Sago (frz. Sagou, engl. Sago) besteht aus
den teils unveränderten, teils verkleisterten
Stärkekörnchen, die aus dem Stammarke meh-
rerer Arten tropischer Palmen abgeschieden
"'erden und in Form verschieden großer und ver-
schieden gestalteter Körner in den Handel körn-
en. Anfänglich gelangte S. nur aus Ostindien
Und den umliegenden Inseln nach Europa, wäh-
lend er jetzt auch in Westindien, z. B. auf Guade-
loupe und in anderenTropengegenden, gewonnen
"'Ed. Hinsichtlich ihrer chemischen Zusammen-
setzung ist die S.-Stärke von derjenigen anderer
pflanzen nicht verschieden. Nur unter dem
Mikroskope zeigen die Körnchen eine von der-
artigen des Weizens, der Kartoffel usw. abwei-
chende Form.— Die am meisten zur Sagogewin-
Uung benutzten Palmen sind Sagus RumphL
Willd.), Sagus laevis (Rumph.) und Sagus
‘Ufinifera (Lam.), die in Indien und auf den
oundainseln nicht nur wild wachsen, sondern
auch vielfach angebaut werden. Auch Boras-
sus flabelliformis (L.) und Arenga saccha-
rjfera (Lab.) liefern S., der jedoch für den euro-
päischen Handel weniger Bedeutung hat. Zur
Gewinnung der Stärke werden die Stämme kurz
dem Treiben des Blütenschaftes gefällt und
Ecr Länge nach aufgespalten. Das herausgenom-
Jhene Mark wird zerkleinert und auf Sieben aus-
gewaschen. Die abgesetzte Stärke gelangt meist
hoch in feuchtem Zustande in Zuckerbrotformen
2tirn Versand. Die Bereitung von Perlsago
?Us dieser rohen Sagostärke besteht lediglich
ln einem Körnen mittels siebartiger Vorrichtun-
gen und nachherigem schnellen Trocknen in
er"'ärmten Pfannen, wodurch die Stärke teil-

weise verkleistert wird. Die verschiedenen gel-
ben und braunen Töne werden durch Zusatz
von Zuckercouleur öder Bolus, rote Farben durch
einen Farbstoff der Palme selbst erzeugt. Weißer
Perlsago bleibt ungefärbt. —• Auch aus dem
Kassawamehle wird S. gefertigt, der unter dem
Namen brasilianischer S. in den Handel
kommt und weiß und matt, nicht glasig wie der
ostindische, erscheint. Eine andere Sorte, die
aber nicht zu uns gelangt, der javanische S.,
besitzt eine gelbliche Farbe und einen gewissen
Beigeschmack und besteht aus dem Stärkemehl
von Arenga saccharifera. — In Deutschland
und Frankreich wird sehr viel inländischer S.
aus Kartoffelstärkemehl, sog. Kartoffelsago,
in folgender Weise hergestellt: Die angefeuch-
tete Stärke wird mittels eines Bürstenwerkes
durch ein Sieb getrieben; die durchfallenden
Klümpchen kommen in ein Rollfaß, das etwa
25 Umgänge in der Minute macht, und runden
sich dadurch ab. Die Masse wird dann in
Blechkästen in einem Trockenofen auf 70—800
erhitzt und kurze Zeit einem Dampfstrome aus-
gesetzt, der durch oberflächliche Kleisterbildung
die Körnchen glasiert. Nach einer anderen Ar-
beitsweise wird die feuchte Stärke aus einem
Zylinder mit durchlöchertem Boden ähnlich wie
Fadennudeln gepreßt und sofort in kurzen Enden
abgestoßen. Die Stückchen werden auf einem
Tuche ohne Ende fortgeführt, wobei sie schon
etwas austrocknen, kommen in das Rollfaß und
schließlich in einen eisernen, sich drehenden
Zylinder, in dem sie getrocknet und schließlich
durch Dampf geglättet werden. Guter S. darf
keinen Staub enthalten, nicht dumpfig riechen
und beim Kochen in Wasser oder Fleischbrühe
nur bis zur doppelten Größe der Körner gallert-
artig aufquellen, ohne zu zerfallen.

Saibling (Saibling, Salmling, Gold- und
Rotforelle, Rötel, Ritter), ein Laehsfisch,
Salmo salvelinus, von 30—75 cm Länge und
bis 10 kg schwer, findet sich in den Alpenseen
in großer Tiefe und kann daher nur zur Laichzeit
gefangen werden. Er ist nach Alter, Geschlecht
und Aufenthalt verschieden gefärbt und nur
Gegenstand örtlichen Handels und Verbrauches.

Sajodin, das Kalziumsalz der Jodbehen-
säure, C22H44J02, wird durch Jodierung der
Erukasäure des Rüböls dargestellt. Das weiße,
geruch- und geschmacklose Pulver, das in Wasser
völlig, in Alkohol und Äther nahezu unlöslich, in
Chloroform aber löslich ist, enthält 24,5 0/0 Jod
und findet an Stelle des Jodkaliums medizinische
Verwendung.

Sai ist die lateinische Bezeichnung für Salz.

S.	acetosellae, Sauerkleesalz; S. amarum, Bitter-
salz; S. ammoniacum, Salmiak; S. digestivum,
Chlorkalium; S. gemmae; Steinsalz; S. marinum,
Seesalz; S. mirabile Glauben, Glaubersalz; S.
nitri, Salpeter; S. stanni, Zinnsalz; S. succini,
Bernsteinsäure; S. tarta.ri, Weinsteinsalz, d. h:
aus Weinstein bereitetes, reines kohlensaures
Kali; ,S. volatile cornu cervi, flüchtiges Hirsch-
hornsalz, kohlensaures Ammoniak. — S.. die
Einzelbesprechungen.

Salazetol (Salantol), der Salizylsäureester des
Azetols, CgH4(OH). COO . CH2 . CO . CH3, wird
durch Erhitzen von Monochlorazeton mit Na-
triumsalizylat dargestellt und bildet farblose,
        <pb n="387" />
        ﻿Salbei

380

Salizin

schwach bitter schmeckende Nadeln, die in
Wasser schwer, hingegen leicht in Alkohol,
Mandelöl und Rizinusöl löslich sind und gegen
Gelenkrheumatismus verordnet werden.

Salbei (lat. Folia salviae, frz. Sauge, engl.
Sage) ist eine artenreiche Pflanzengattung aus
der Familie der Lippenblütler. Im Drogen-
handel, erscheinen nur die getrockneten Blätter
von Salvia officinalis, einem in Spanien und
Italien heimischen Halbstrauche, der vielfach
angebaut wird. Die immergrüne, blauviolett blü-
hende Pflanze enthält in allen Teilen, hauptsäch-
lich aber in den runzligen, unterseits weiß-
haarigen Blättern (lat. Folia salviae, frz. Feuilles
de sauge, engl. Sage leaves), ein aromatisch
riechendes ätherisches öl neben Gerbstoff, Stärke
und Harz und wird in Form von Aufgüssen,
Extrakt und Tinktur zu Mundwässern, zum
Gurgeln bei Blutungen des Zahnfleisches sowie
bei Verschleimung der Atmungsorgane und sonst
medizinisch verwandt.

Salbeiöl (lat. Oleum salviae, frz. Essence de
sauge, engl. Oil of sage), das ätherische Öl der
Salbeiblätter, ist von gelblicher Farbe, riecht
und schmeckt nach dem Kraute und hat ein
spez. Gew. von 0,915—0,930. S. enthält als
wirksamen Bestandteil Thujon neben Salven,
Pinen, Zineol, Borneol und Kampfer und ist
rechtsdrehend. Es wird medizinisch gegen Ver-
schleimungen verordnet.

Salben (lat. Unguenta, frz. Onguents, Pom-
mades, engl. Ointments) nennt man pharmazeu-
tische Zubereitungen von butterartiger Konsi-
stenz, die in einer Grundmasse von Fetten,
Wachs, Vaselin oder Lanolin arzneiliche Stoffe
enthalten. Nach ihrer Verwendung unterschei-
det man besonders Kühlsalben, die größere
Mengen Wasser enthalten; Reizsalben; aus-
trocknende Salben; Wundsalben, zum Ab-
schließen öffener Wunden, z. B. Borsalbe, und
medikamentöse Salben, z. B. Quecksilber-
salbe. Die gemischten Salben dürfen für Heil-
zwecke nur in Apotheken verkauft werden, mit
Ausnahme der Bleisalbe, Borsalbe, Terpentin-
salbe und Zinksalbe zum Gebrauche für Tiere.
Freiverkäuflich sind auch: Cold-cream, Lippen-
pomade, Pappelpomade, Salizy'.talg.

Salep (lat. Radix seu Tubera salep, frz. und
engl. Salep) besteht aus den Wurzelknollen
verschiedener Orchideen, und zwar wird beim
Ausgraben im Herbst nur die junge, volle Knolle,
nicht die alte, verschrumpfte, genommen. Im
allgemeinen bevorzugt man diejenigen Arten, die
rundliche oder länglichrunde Knollen haben,
doch kommen auch, namentlich in Österreich,
gefingerte Knollen als Händchensalep zur
Verwendung, Zu den derb knolligen Arten ge-
hören Orchis Morio, auf feuchten Wiesen und
Triften stellenweise sehr häufig; Orchis mas-
cula, auf ähnlichen Standorten; die stattliche
Orchis militaris (Helmbuschorchis), auf
Hügelland und Kalkboden im Gebüsch, und
einige andere. Früher kamen die Salepknollen
nur aus dem Orient, über Konstantinopel und
Smyrna. In neuerer Zeit wird aber die deutsche
Ware von den Drogisten vielfach bevorzugt, da
sich aus ihr ein rein weißes Pulver darstellen
läßt. Der deutsche S. wird im Rhöngebirge,
Spessart, Odenwald, Nassau usw. gesammelt.

Man brüht die Knollen mit heißem Wasser,
wobei die äußere Haut sich loslöst, und trocknet
sie dann im Backofen oder, an Fäden aüfgereiht,
an anderen warmen Stellen. Die Größe der
Stücke schwankt von der einer Haselnuß bis zu
der einer welschen Nuß. Die Farbe ist gelblich-
weiß, die der orientalischen, die teilweise auch
größere Stücke bildet, bräunlich. Hauptbestand-
teile der Knollen sind reichliche Mengen Stärke-
mehl und noch größere eines tragantähnlichen
Schleims, Bassorin, der in Wasser stark aufquillt,
ohne sich eigentlich zu lösen. Durch die Behand-
lung mit heißem Wasser werden beide Stoffe
aufgequellt, die Stärke verwandelt sich in Kleister
und verleiht den Stücken nach dem Trocknen
ein durchscheinendes, kornartiges Aussehen.
Gleichzeitig verlieren. sie ihren bitteren Ge-
schmack und unangenehmen Geruch. S. bildet
ein schleimiges, reizmilderndes und einhüllendes
Mittel. Man gibt es besonders Kindern in Fällen
von Schwäche. Abzehrung, Durchfällen, Ruhr
u.dgl. in Form von Salepschleim, der durch
Behandlung von einem Teil gepulvertem S. mit
zehn Teilen kaltem Wasser und weiterem Auf-
lösen in 90 Teilen kochendem Wasser hergestellt
wird. Außerdem dient der Stoff auch zum Appre-
tieren von Seidenaeugen. Das Pulvern der Knollen
macht Schwierigkeiten und wird häufig von den
größeren Drogenhandlungen selbst besorgt. Im
Händel kommt auch unechter gepulverter S. vor,
der aus Kartoffeln hergestellt ist.

Salikor, eine geringwertige Sorte Rohsoda,
die im südlichen Spanien und Frankreich aus
einer Strandpflanze, Salicornia annua, durch
Verbrennen und Auslaugen der Asche bereitet
wird, enthält nur etwa i4°/o kohlensaures Na-
tron.

Salimenthol, der Salizylsäureester des Men
thols, wird als Mittel gegen Rheumatismus und
Zahnschmerzen angewandt.

Salipyrin (salizylsaures Antipyrin, lat.
Antipyrinum salicylicum, s. Pyrazolum phenyl
dimethylicum salicylicum, frz. Salicylate d’anti-
pyrine, engl. Antipyrine salicylate), eine in farb-
losen Kristallen erhaltene , Verbindung vom
Schmelzpunkt 92 °, dient als Mittel gegen Fieber
und Kopfschmerzen.

Salizin (Weidenbitter, lat. Salicinum, frz-
Salicine, engl. Salicin), der eigentümliche, zu den
Glykosiden gehörige Bitterstoff der Weiden-
rinden, Wird am zweckmäßigsten,von den roten
Weidenarten (Purpurweide u.a.) hergestellt,
die daran reicher sind, während bei den übri-
gen der Gerbstoff vorherrscht. Man behandelt
zu diesem Zwecke die wäßrige Abkochung der
Rinden mit Bleiglätte, entbleit mit Schwefel-
wasserstoff und dampft ein. Im gereinigten Zu-
stande bildet das S. kleine weiße, glänzende
Kristalle in Form von Schüppchen oder rhom-
bischen Prismen, die sich wenig in kaltem, reich-
lich in siedendem Wasser und Weingeist, aber
nicht in Äther oder Chloroform lösen und äußerst
bitter schmecken. In konzentrierter Schwefel-
säure löst es sich mit blutroter Farbe und ent-
wickelt mit Kaliumdichromat und Schwefelsäure
den Geruch nach Salizylaldehyd. Der Schme!2'
punkt liegt bei 2010. Die Zusammensetzung ent-
spricht der Formel C13HlgO,. S. wirkt gege0
Wechselfieber wie Chinin, aber weit schwächer,
        <pb n="388" />
        ﻿Salizylsäure

381

Salpeter

und wird neuerdings vielfach medizinisch ver-
wandt. Es ist bedeutend billiger als Chinin und
wird daher auch bisweilen zu dessen Verfäl-
schung benutzt, kann aber an dem erwähnten
Verhalten gegen Schwefelsäure leicht erkannt
Werden.

Salizylsäure (Phenylkohlensäure, lat. Aci-
dum salicylicum, frz. Acide salicylique, engl.
Salicylic acid) findet sich in der Natur fertig ge-
bildet als Salizylsäuremethylester im ätheri-
schen Gaultheriaöl und kann auch aus dem
Salizin, von dem sie ihren Namen hat, abgeschie-
den werden. Zur fabrikmäßigen Bereitung wird
Wasserfreies Phenolnatrium mit sorgfältig ge-
trockneter Kohlensäure behandelt, wobei die
Kohlensäure mit dem Phenol zu S., CgH^OH).
COOH, Zusammentritt. Man braucht das ent-
standene Salizylsäure Natrium nur in Wasser
2u lösen und mit einer stärkeren Säure zu be-
handeln, um die freie S. abzuscheiden. Das
Natron kann bei dieser Herstellung durch Kali
nicht ersetzt werden, da sonst die isomere Para-
pxybenzoesäure entsteht, S. löst sich schwer
ln kaltem, hingegen leicht in siedendem Wasser,
Alkohol, Äther, Chloroform und Amylalkohol.
Sie schmilzt bei 15618° und ist mit Wasserdämp-
fen flüchtig. Die Lösungen geben mit Eisen-
chlorid eine violette Färbung und mit Brom-
wasser einen Niederschlag. Die S. findet sich in
zwei Sorten im Handel. Die 'eine, als Acidum
salicylicum praecipitatum bezeichnete,
ein leichtes, lockeres, weißes Pulver, bisweilen
mit einem schwachen Stich ins Rötliche, ist
geruchlos, reizt aber beim Verstäuben stark zum
Niesen. Die andere, Acidum salicylicum
cristallisatum, besteht aus kleinen, feinen,
schneeweißen Kristallen und ist für den inneren
Gebrauch bestimmt, während die weniger reine,
uicht kristallinische Sorte äußerlich verwandt
Wird. Außer zu medizinischen Zwecken benutzt
man die S. auch als Konservierungsmittel für
mngemachte Früchte, Gemüse usw., doch wird
diese Verwendung von ärztlicher Seite bekämpft
und soll daher mindestens gekennzeichnet wer-
den. In Drogenhandlungen und Apotheken wer-
den verschiedene salizylsäurehaltige Mittel ge-
führt, wie Salizylsäuremundwasser, Sali-
Wlsäure Zahnpasta, Salizylsäureheftpfla-
ster, Salizylsäurewatte und andere. — Von
den. Salzen hat das Natriumsalz (lat. Natrium
salicylicum, frz. Salicylate de soude, engl. Sodii
salicylas) die größte Bedeutung. Es wird in der
Medizin gegen Gelenkrheumatismus und als Anti-
Pyretikum sowie technisch zur Herstellung von
Teerfarben verwandt.

Salmiak, NH4.C1, (Chlorwasserstoffam-
moniak, Chlorammonium, salzsaures Am-
moniak, lat. Ammonium chloratum, Arqmonium
muriaticum, Ammonium hydrochloricum, Sal am-
moniacum, frz. Chlorure d'ammonium, Hydro-
chlorate d’ammoniaque, engl. Hydrochlorate of
ammonia, Ammonium Chloride), bildet in völlig
bereinigtem Zustande ein geruchloses, weißes
Kristallpulver von scharf salzigem Geschmack,
das in Wasser leicht löslich und beim Er-
hitzen unzersetzt flüchtig ist. Seine Dämpfe
Verdichten sich an kalten Gegenständen als
Sublimierter S., zerfallen jedoch, durch stark
blühende Röhren geleitet, in Ammoniak und

Chlorwasserstoff, Der Rohsalmiak findet sich
im Handel teils Ln Form dichter, weißer, durch-
scheinender Brote von faserig-kristallinischer
Struktur (sublimierter S.), teils in Zuckerhut-
form als weniger fest zusammenhängende Kri-
stallmasse. Der S. wurde früher nur aus Ägypten
bezogen, wo man ihn durch Verbrennen von
Kamelmist erhielt. Jetzt wird sämtlicher S. aus
dem Teerwasser der Leuchtgasfabriken dar-
gestellt, indem man dieses mit Salzsäure sättigt,
die geklärte Flüssigkeit zur Kristallisation ver-
dampft und den auskristallisierten S. durch
Umkristallisieren oder Sublimation weiter reinigt.
Schneller zum Ziele führt das Verfahren, nach
dem man das Ammoniak mittels eines Dampf -
stromes aus dem Gaswasser austreibt, in Wasser
leitet, dieses dann mit Salzsäure neutralisiert und
weiter reinigt. Außerdem erhält man den S.
auch durch Sublimation von schwefelsaurem Am
moniak mit Chlornatrium (Kochsalz). Verwen
dang findet der S. zur Darstellung verschiedener
chemischer Verbindungen, zum Löten, Verzinnen,
zum Füllen der Elemente für Klingel- undFern-
sprecheranlageil sowie in der Färberei und
Druckerei usw. Der chemisch reine S. (lat.
Ammonium chloratum purissimum) Wird in der
Medizin als auflösendes Mittel, als Zusatz zu
Salmiakpastillen usW. verwandt.

Saldi, C6H4(OH).COO.C6Hä, (Salizylsäure-
phenylester, salizylsaures Phenyloxyd,
Phenylsalizylat, lat. Phenylum salicylicum,
frz, Salicylate de phönol, engl. Phenyl salicylate),
wird durch Behandlung eines Gemisches von
salizylsaurem Natrium und, Phenolnatrium mit
Phosphoroxychlorid oder auch Phosphorpenta-
chlorid dargestellt. Es erscheint als weißes kri-
stallinisches Pulver von schwachem aromatischem
Geruch nach Wintergrünöl, ist fast geschmack
los und schmilzt bei 42° zu einer klaren farb-
losen Flüssigkeit, welche dann weit unter diese
Temperatur abgekühlt werden kann, ohne zu
erstarren. In Wasser ist das S. fast unlöslich,
löst sich dagegen leicht in Alkohol, Äther und
Chloroform. Man verwendet es in der Medizin
sowohl innerlich als äußerlich.

Salpeter. Unter Sal petrae, Stein oder
Felsensalz, verstand man in früheren Zeiten
die salzigen Ausblühungen auf Gemäuer, Felsen
und Erdreich und spricht in diesem Sinne noch
jetzt von Mauersalpeter, während heutzutage
nur gewisse Nitrate, besonders salpetersaures
Kalium oder Kalisalpeter (Kaliumnitrat,
salpetersaures Kali, lat. Kali nitricum, Ka-
lium nitricum, frz. Nitrate de potässe, engl. Ni-
trate of potash) und salpetersaures Natrium,
Natronsalpeter (Natriumnitrat, salpeter-
saures Natron, lat. Natrium nitricum, frz.
Nitrate de soude, engl. Nitrate of soda), so be-
zeichnet wird. Seltener spricht man von Am-
moniaksalpeter (flammender S., salpeter-
saures Ammoniak, Ammoniumnitrat, lat.
Ammonium nitricum, Nitrum flammans, frz. Ni-
trate d’ammoniaque, engl. Nitrate of ammoniac),
iSilbersalpeter. salpetersaures Silber oder
Höllenstein, und Bleisalpeter. ■— Salpeter-
saure Salze entstehen in jedem Boden, in dem
sich organische stickstoffhaltige Stoffe zersetzen,
wenn die nötigen Bedingungen: Gegenwart von
Alkalien oder alkalischen Erden, Porosität zur
        <pb n="389" />
        ﻿Salpeter

382

Salpetersäure

Ermöglichung des Luftzutritts, anhaltende Feuch-
tigkeit und genügende Luftwärme vorhanden
sind; vor allem also in gutem, an Pflanzennah-
rung reichem Ackerland. Das Ammoniak, das
sich aus den stickstoffhaltigen faulenden Stoffen
bildet, wird von dem Sauerstoff der Luft oxy-
diert, und die entstehende Salpetersäure tritt mit
den vorhandenen Basen zu Salzen zusammen.
Ist Kali zugegen, so entsteht direkt Kalisalpeter,
im anderen Falle, wenn nur Kalk oder Magnesia
vorhanden ist, das betreffende Salz, welches
dann bei Bearbeitung der aus der Salpetererde
extrahierten Laugen durch Zusatz von Kali erst
in das Kalisalz übergeführt werden muß. Auf
diese Art werden alljährlich in der Natur ge-
waltige Mengen S. erzeugt, eine technische Aus-
nutzung ist aber nur in heißen Klimaten, nament-
lich in Bengalen und auf Zeylon, möglich, wo
der Erdboden ganzer Gegenden förmlich mit
Kalisalpeter gesättigt ist. Hier werden Salz und
Erde zusammengekehrt, mit Wasser ausgelaugt,
die Laugen zur Kristallisation eingedampft und
die kleinen Mengen von Kalksalpeter, welche
dabei in Lösung gehen, durch Zusatz von Holz-
asche in salpetersaures Kalium übergeführt. In
Ägypten wird S. aus dem fruchtbaren Nil-
schlamme, den man zu künstlichen Hügeln auf-
schichtet, gewonnen, während man in Ungarn,
besonders in der Nähe von Debreczin und um
den Neusiedler See, den S. in ähnlicher Weise
wie in Indien gewinnt und deshalb Kehrsal-
peter nennt. Der früher übliche Betrieb von
sog. Salpeterplantagen, in denen Erde aus
Viehställen, Schlächtereien und Misthaufen, stick-
stoffreiche Pflanzenstoffe und tierische Abgänge
aller Art zu Haufen aufgeschichtet und mit
Jauche feucht gehalten wurden, ist jetzt meist
eingestellt und durch die Herstellung aus Chile-
salpeter und Chlorkalium verdrängt worden.
Beim Kochen dieser beiden Salze entsteht Kali-
salpeter neben Kochsalz, das schwer löslich ist
und durch Kristallisieren entfernt wird. (Kon-
versionssalpeter.) — Der rohe S., wie' er
nach dem älteren Verfahren durch Auslaugen
von Erdreich und Eindampfen der Lauge ge-
wonnen wird, ist zwar kristallisiert, aber natür-
lich durch fremde Salze, namentlich Kochsalz
und Chlorkalium, verunreinigt und enthält etwa
60—70 °/o reinen S. Man raffiniert ihn meist in
der Weise, daß man in möglichst wenig heißem
Wasser bis zur Sättigung löst und die durch Zu-
satz von etwas Pottasche schwach alkalisch ge-
machte Lösung eindampft, wobei sich Kochsalz
und Chlorkalium kristallinisch ausscheiden. Die
abgezogene Lösung wird mit etwas Leim gekocht,
der mit den färbenden Stoffen, einen reichlichen
Schaum bildet und abgeschöpft wird. Man läßt
dann die Lauge bei 900 zur Klärung stehen und
gibt sie schließlich auf die Kristallisationsgefäße,
in denen der S. als kristallinisches Mehl aus-
fällt. Zur völligen Entfernung der Chloride deckt
man noch mit gesättigter, reiner Salpeterlösung,
trocknet die gewaschene Masse in der Wärme
und packt sie in Form sandigen Pulvers als
einfach gereinigten S. in Fässer, oder man löst
sie nochmals auf, läßt ungestört kristallisieren,
wäscht die Kristalle und erhält so doppelt ge-
reinigtes Salz. Es gibt demnach im Handel
großkristallisierten S. und kleinkristalli-

sierten, das sog. Salpetermehl. Die Kristalle
sind lange säulenförmige, meist gestreifte Pris-
men des rhombischen Systems. Seltener wird
das pulverige Salz in gelinder Hitze geschmolzen
und zu Broten ausgegossen oder auf ein kaltes
Blech getropft (Salpeterzeltchen, lat. Nitrum
tabulatum). Der Kalisalpeter, KNOs, besteht
aus 46,6% Kali und 53,4% Salpetersäure, ohne I
Kristallwasser. Er dient hauptsächlich zur Her- f
Stellung von Schießpulver und Feuerwerk, für I
welche der Natronsalpeter (s. Chilesalpeter) 1
wegen seiner Wasseranziehung ganz ungeeignet
ist. Zu anderen Zwecken hingegen, wie zu Fluß-
mitteln. zum Eisenfrischen und Stahlhärten wer-
den sich beide Arten des S. wohl immer ver-
treten können. Beide finden auch medizinische
Anwendung in kleinen inneren Gaben, während
sie in größeren Mengen entschieden giftig wir-
ken. Schon gepökeltes Fleisch ist imstande, üble
Wirkungen hervorzubringen, wenn man den Sal-
peterzusatz, um es recht rot zu machen, über-
trieben hat.

Salpeterätherweingeist nennt man im Chemi-
kalienhandel eine verdünnte alkoholische Lösung
des Salpetrigsäureäthylesters (salpetrig-
sauren Äthyloxyds), die als Salpeteräther-
geist, versüßter Salpetergeist (lat. Spiritus
aetbereus nitrosi, Spiritus nitricoaethereus, Spi- !
ritus nitri dulcis, frz. Alcool nitrique öthörö, engl-
Spirit of nitrous ether) offizinell ist. S. bildet 1
eine farblose, klare Flüssigkeit von kräftigem, ’
angenehmem, obstartigem Geruch, die mit Wasser
in jedem Verhältnisse mischbar ist und das 1
spez. Gew. 0,840—0,850 zeigt. Er muß in voll-
gefüllten Gefäßen im Dunkeln aufbewahrt wer-
den, da er sonst sehr bald stark sauer wird, und
enthält stets noch kleine Mengen von Ameisen-
äther und Aldehyd. Reiner und spiritusfreier
Salpetrigsäureäthylester kommt für gewöhnlich
im Handel gar nicht vor. Verwandt wird S.
medizinisch zur Geschmacksverbesserung, tech-
nisch als Zusatz zu gewissen Branntweinsorteo.

Salpetersäure, HNOs, (Scheidewasser,
Stickstoffpentoxyd, lat. Acidum nitricum.
Aqua fortis, frz. Acide nitrique ou azotique, engl-
Nitric acid), findet sich in freiem Zustande nicht
in der Natur, entsteht aber bei der Verwesung
stickstoffhaltiger organischer Stoffe und bildet
daher die Säure des Chilesalpeters, aus dem sie
fabrikmäßig durch Erhitzen mit Schwefelsäure
hergestellt wird. Für die Destillation kleinerer
Mengen besonders reiner Säure bedient man
sich in Apotheken und Laboratorien gläserner
Retorten, im Großbetrieb aber gußeiserner Zy-
linder von mehreren Zentnern Fassungsraum, da 1
das unter gewöhnlichen Umständen von Schwefel-
säure und S. angreifbare Eisen bei starker Er'
hitzung in einen passiven Zustand übergeht, in
dem es außerordentlich widerstandsfähig ist. Je
nach der Stärke der angewandten Schwefelsäure
destilliert eine S. von verschiedener Konzen-
tration über, die in hintereinander geschalteten
Töpfen aufgefangen wird. In den ersten Ge-
fäßen sammelt sich die stärkste, in den folgen-
den immer schwächere Säure an. Die Meng®
der Schwefelsäure ist so zu bemessen, daß au*
jedes Molekül Salpeter ein Molekül Schwefe*'
säure entfällt, da nur dann unter Hinterbleiben
von Natriumbisulfat alle Salpetersäure ausgetrie-
        <pb n="390" />
        ﻿Salpetersäure

383

Salzäthergeist

ben wird. Verwendet man hingegen äquivalente
Mengen beider Verbindungen, so bleibt die
Hälfte des Salpeters unzersetzt. Erst beim Er-
hitzen bis nahe zum Glühen geht auch der Rest
der S. über, zerfällt aber gleichzeitig zum Teil in
Untersalpetersäure (Stickstoffdioxyd), die
in Form braunroter Dämpfe in die Vorlagen
kommt und von der Flüssigkeit gelöst wird.
Die dann entstehende rote rauchende S. (Aci-
dum nitricum fumans) besitzt ein spez, Gew.
von 1,540. Die gewöhnliche reine S. ist in
völlig wasserfreiem Zustande noch nicht erhalten
worden, sondern nur bis zu einer Stärke von
höchstens 99,8 °/o. In diesem Zustande ist sie
eine farblose Flüssigkeit vom spez. Gew. 1,560
bei o°, die an der Luft raucht und sich unter
Abspaltung von Untersalpetersäure gelb färbt.
Die S. ist mit Wasser in jedem Verhältnisse
mischbar. Sie löst die meisten Metalle mit Aus-
nahme von Gold und Platin und oxydiert die
meisten Metalloide, wie Jod, Schwefel und Phos-
phor zu den entsprechenden Säuren. Organische
Stoffe werden durch Salpetersäure zerstört und,
Wenn sie gefärbt sind, wie Indigolösung gebleicht.
Im Handel erscheint die S. in den verschieden-
sten Reinheits- und Stärkegraden. Die rohe S.
(lat. Acidum nitricum crudum), eine durch Unter-
salpetersäure, Eisen- und Chlorverbindungen
meist gelb gefärbte Flüssigkeit, wird besonders
m zwei Stärken, als einfaches Scheide-
wasser mit einem spez. Gew. von 1,320 bis
L330 und 50—53 °/o S. und als doppeltes
Scheidewasser mit einem spez. Gew. von 1,380
bis 1,390 und 60—64% S. hergestellt. Zur Ent-
fernung der flüchtigen Verunreinigungen erwärmt
man die Säure längere Zeit im Wasserbade,
Während sie von den nichtflüchtigen Stoffen.
Wie Eisen, durch Destillation getrennt wird. Im
Hinblick auf die nahe bevorstehende Erschöp-
fung der Salpeterlager sind in letzter Zeit zahl-
reiche Versuche zur Umwandlung des Ammo-
niaks und des Luftstickstoffs in S. angestellt
Worden. Die erstere gelingt nach dem Verfahren
von Ostwald durch Überleiten eines Gemisches
von Ammoniakgas mit viel Luft über Platin bei
erhöhter Temperatur und hat infolge der Haber-
sehen Synthese des Ammoniaks (s. d.) für
Deutschland die größte Bedeutung. Die andere
Methode benutzt den im magnetischen Felde
scheibenförmig ausgebreiteten Flammenbogen von
Wechselströmen zur direkten Oxydation des Luft-
stickstoffs. Nach diesem von Birkeland, Eyde,
Schönherr u. a. ausgearbeiteten Verfahren, das
an starke Wasserkräfte gebunden ist, wird beson-
ders in Norwegen (neuerdings auch in Amerika)
der sog. Norgesalpeter, Luftsalpeter oder
Ralksalpeter hergestellt. — Die S. findet aus-
gedehnte Verwendung in der chemischen und
gewerblichen Technik sowie für medizinische
and Laboratoriumszwecke. Auf ihrer Eigenschaft,
Hold nicht, wohl aber Silber zu lösen, beruht die
Bezeichnung Scheidewasser. Ferner bildet sie
das Ätzmittel der Kupferstecher, dient zum Ab-
beizen von Metallen, zum Brünieren von Eisen
und zur Herstellung von Beizen für Hutmacher
and Pelzfärber. Sie ist das Ausgangsmaterial zur
Bereitung des Nitrobenzols, Nitroglyzerins, der
■■Jkrinsäure und Schießbaumwolle und wird über-
d'es bei der Herstellung von Schwefelsäure,

Farbstoffen und salpetersauren Salzen (Nitrate)
benutzt. Für den Versand der roten, rauchenden

S.	gilt die Vorschrift, daß, die Flaschen oder
Ballone mit mindestens dem gleichen Volum
getrockneter Infusorienerde oder anderen indiffe-
renten Mineralpulvern umgeben sein müssen.
Die deutsche Erzeugung, die in den letzten
Friedensjahren etwa roo 000 t betrug, ist im
Kriege ungeheuer gesteigert worden.

Salvarsan ist der den Höchster Farbwerken
geschützte Name des berühmten Heilmittels gegen
die Syphilis, das von seinem Entdecker Ehr-
lich in dreißigjähriger, zielbewußter Arbeit ge-
schaffen und zuerst als Ehrlich-Hata-606 in
die Therapie eingeführt wurde. Hata heißt es
nach dem japanischen Assistenten Ehrlichs, der es
klinisch erprobte, 606, weil es das 606. der von
Ehrlich hergestellten Abbauprodukte war. S.
wird aus Paraoxyphenylarsinsäure, einer Ver-
bindung von Phenol und Arsensäure, durch Über-
führung in die Nitroverbindung, nachfolgende
Reduktion zu Aminooxyphenylarsinsäure und
schließlich zu Diaminodioxyarsenobenzol her-
gestellt. Als Dichlorhydrat der letzteren Ver-
bindung hat es die Formel; (C6H3 . NH2 . As .
0H)2.2HCI. Das zarte gelbe Pulver ist leicht
löslich in Wasser, Methylalkohol (1:3) und Gly-
zerin, weniger leicht in Alkohol (1 : 12), unlös-
lich in Äther und enthält 34 °/o Arsen. Wegen
seiner leichten Oxydierbarkeit wird es in luft-
leeren Ampullen unter Kohlensäure auffaewahrt,
die erst unmittelbar vor dem Gebrauche geöffnet
werden dürfen. Jedes von den Höchster Farb-
werken in den Handel gebrachte Präparat ist
in dem unter Leitung Ehrlichs stehendenGeorg-
Speyer-Haus biologisch geprüft worden. Das
Mittel findet in Form wäßriger Lösungen sowie
in Ölsuspensionen und Salben gegen Syphilis,
auch vorbeugend, ausgedehnte Anwendung und
wird von der überwiegenden Mehrzahl der Medi-
ziner als ausgezeichnet geschätzt. Gelegentliche
Nebenwirkungen (Sehstörungen), die vereinzelte
leidenschaftliche Angriffe hervorgerufen haben,
können durch fehlerhafte Anwendung verursacht
worden sein. Welchen Wert die Engländer dem

S.	beilegen, ergibt sich daraus, daß sie sich
schon am to.X. 1914 (1) das Patent aneigneten
und der Firma Burroughs, Wellcome &amp; Co. auf
Antrag die alleinige Lizenz für die ganze Pa-
tentdauer erteilten. Vorher war allerdings in
England und Amerika gelb gefärbtes Kochsalz
als S. verkauft worden. — Neosalvarsan ist
ein leichter lösliches Kondensationsprodukt von

S.	mit Natriumformaldehydsulfoxylat. — Sil-
bersalvarsannatrium und Salvarsansulf-
oxylat 1495 sind zwei neue, von Kolle, dem
Nachfolger Ehrlichs, eingeführte Abkömmlinge
des Salvarsans, die geringere Nebenwirkungen
äußern sollen.

Salzäthergeist (versüßter Salzgeist, Chlor
ätherspiritus, lat. Spiritus salis dulcis, Spiritus
muriatico-aethereus, Spiritus aetheris chlorati, frz.
Alcool muriatique 6there, engl. Spirit of mu-
riatic ether), im wesentlichen eine verdünnte
alkoholische Lösung von Äthylchlorid (Chlor-
äthyl), wird erhalten, wenn Weingeist, Koch-
salz, Braunstein und Schwefelsäure zusammen
der Destillation unterworfen werden, das Über-
gegangene durch Schütteln mit Kalk oder ge-
        <pb n="391" />
        ﻿Salzbrunner Oberbrunnen

384

Samt

brannter Magnesia säurefrei gemacht und dann
rektifiziert wird. Die angenehm ätherisch rie-
chende Flüssigkeit wird in der Medizin und ähn-
lich dem Salpeterätherweingeist zur Aromatisie-
rung von Trinkbranntwein angewandt.

Salzbrunner Oberbrunnen enthält in 1000
Gewichtsteilen nach der Analyse von Remigius
Fresenius (1881): Bikarbonate des Natriums
2,1522 g, Lithiums 0.0130 g, Ammoniums 0,0007 g,
Kalziums 0,4383 g, Strontiums 0,0044 g, Magne-
siums 0,4704 g, Eisenoxyduls. 0,0057 g, Mangan-
oxyduls 0,0008 g, Chlornatrium 0,1767 g, Brom-
natrium 0,0008 g, Jodnatrium Spur, Sulfate des
Kaliums 0,0528 g, Natriums 0,4594 g, Natrium-
nitrat 0,0060 g, Kieselsäure 0,0031g und freie
Kohlensäure 1,8766 g.

Salzsäure (Chlorwasserstoffsäure, Hy-
drochlorsäure, lat. Acidum hydrochloricura,
Acidum muriaticum, frz. Acide hydrochlorique,
engl. Hydrochloric acid) nennt man im Handel
die wäßrige Lösung des gasförmigen Chlor-
wasserstoffs, HCl, der durch Vereinigung gleicher
Raumteile Chlor und Wasserstoff im Sonnen-
lichte (Chlorknallgas), ferner durch Ver-
brennen einer Wasserstoffflamme in einer Chlor-
atmosphäre und durch Zersetzung von Chloriden
mit Schwefelsäure erhalten werden kann. Im
Großbetriebe wird die S. als Nebenprodukt bei
der Herstellung der Soda aus Kochsalz nach
dem Verfahren von Leblanc gewonnen. Seit
der Einführung des Ammoniakverfahrens in der
Sodafabrikation hat man aber auch zahlreiche
andere Stoffe, besonders das Magnesiumchlorid
der Abraumsalze, als Ausgangsmaterial heran-
gezogen. Die so erhaltene rohe S. (lat. Aci-
dum hydrochloricum crudum) ist für viele Zwecke
der Technik direkt verwendbar. Zur Darstellung
reiner Salzsäure destilliert man entweder ein
Gemisch von Kochsalz und Schwefelsäure aus
Glasretorten, oder man unterwirft die rohe Säure
einem umständlichen Reinigungsverfahren. Zur
Entfernung der nicht flüchtigen Beimengungen
wird die Säure mit Wasser verdünnt, darauf,
wenn sie freies Chlor enthält, mit schwefliger
Säure oder, wenn schweflige Säure zugegen
ist, mit /Chlorwasser versetzt und mit Schwefel-
säure destilliert. Die für gewisse Zwecke, be-
sonders in der gerichtlichen Analyse, gebrauchte
völlig arsenfreie Säure erhält man durch De-
stillation mit Eisenchlorür. — Die reine S.
(lat. Acidum hydrochloricum purum) ist eine
farblose Auflösung des Chlorwasserstoffgases in
Wasser, welches das Gas begierig verschluckt
und bei 200 das 475 fache seines Volums davon
aufzunehmen vermag. Eine derartig völlig ge-
sättigte Lösung hat bei 150 das spez. Gew. 1,212
und enthält 42,9 0/0 Chlorwasserstoff. Sie stößt
an dqr Luft weißliche Nebel aus und wird bei
— 400 fest. Beim Erwärmen entweicht zunächst
gasförmiger Chlorwasserstoff, bis bei 1100 eine

S.	vom spez. Gew. 1,104 und einem Chlorwasser-
stoffgehalt von 20,24 °/o überdestilliert.— Die freie

S.	ist eine der stärksten Säuren und bildet mit
den meisten Basen neutrale Salze, von denen
dasjenige des Silbers in Wasser unlöslich, das-
jenige des Bleies schwer löslich ist, während die
meisten übrigen sich leicht in Wasser lösen.
Unter der Einwirkung von Oxydationsmitteln,
wie Braunstein, Salpetersäure, Mennige, wird

freies Chlor abgespalten. Nach dem Gehalte an
Chlorwasserstoff unterscheidet man gewöhnlich
rohe Salzsäure (lat. Acidum hydrochloricum
crudum) mit einem spez. Gew. von 1,195 und
38,2% Chlorwasserstoff, konzentrierte S. (lat.
Acidum hydrochloricum concentratum) vom spez.
Gew. 1,120—1,180 und mit 24—36% Chlorwasser-
stoff und verdünnte S. (lat. Acidum hydro-
chloricum dilutum),. mit einem spez. Gew. von
1,036—1,062 und 8—12 °/o Chlorwasserstoffgehalt.
Die rohe S. des Handels enthält meist 30—32 °/o
Chlorwasserstoff. — Die S. wird in ungeheuren
Mengen zur Herstellung von Chlor, Chlorkalk,
Kaliumchlorat und Chloriden, besonders Salmiak,
verwandt. Außerdem dient sie zur Extraktion
der Knochen für die Leimbereitung, in den
Zuckerfabriken zur Wiederbelebung der Kno-
chenkohle, zur Extraktion von Kupfer aus armen
Erzen, zur Entwicklung von Kohlensäure aus
Karbonaten und zu vielen anderen technischen
Zwecken. Die reine Salzsäure wird in starker
Verdünnung medizinisch als Darmdesinfiziens und
zur Unterstützung der Magenverdauung verordnet
und im Laboratorium als eins der wichtigsten
Reagentien benutzt.

Samaderarinde, die Rinde eines in Kotschin-
china und Travancore wachsenden Baumes, Sa-
madera indica, wird in ihrer Heimat als
fiebervertreibendes Mittel verwandt. Aus den
Samen gewinnt man ein fettes Öl, das als Mittel
gegen Rheumatismus gilt, und benutzt die Blätter
äußerlich gegen Erysipel. Rinde und Samen
sollen ein Alkaloid und ein Glykosid enthalten.

Samt (Sammt, Sammet, frz. Velours, engl-
Velvet). Dieses bekannte Gewebe, das durch
die weiche, aus kurzen, aufrechtstehenden Här-
chen bestehende Decke, den Pol oder Flor,
auf glattem oder geköpertem Grunde (glatter
und geköperter S.) gekennzeichnet ist, wurde
ursprünglich nur aus Seide gewebt. Jetzt besteht
bei dem eigentlichen echten S. meist nur der
Flor aus Seide, der Grund aus Baumwolle oder
bei den teuersten Sorten aus geringwertiger
Seide, doch kommen auch völlige Nachahmungen
in Wolle und Baumwolle in den Verkehr. Je
nachdem die Schleifen der Polfäden, die sog-
Noppen, zerschnitten werden oder verbunden
bleiben, unterscheidet man gerissenen (ge-
schnittenen) und gezogenen (ungeschnit-
tenen) S. Daneben gibt es noch halbge-
schnittenen und gemusterten (fassonierten) S-
Bei dem halbgeschnittenen wechselt ge-
rissener und gezogener Samt, während das Muster
entweder durch verschiedene Farben des Pols
oder durch Pressen erzeugt wird. — Plüsch
(frz. Peluche, engl. Plush, Shay) und Felbel oder
Velpe 1 (frz. Panne, engl. Long poil) unter-
scheiden sich vom S. durch längere Behaarung-
und zwar steht das Haar bei Plüsch noch auf-
recht, während es bei Felbel so lang ist, daß
es sich umlegt und nach dem Strich gebürstet
werden muß. Der Plüsch besitzt entweder sei-
denen oder wollenen Flor; der echte Felbel
dagegen stets seidenen Flor und seidenen Grund-
Bei dem halbseidenen Felbel besteht der Grund
aus Baumwollgarn. — Nach Art der ■ Seiden-
samte gewebte Baumwollsamte sind sehr selten,
denn der im Handel unter dem Namen. Man-
ehester (frz. Manchester velours coton, eng'-
        <pb n="392" />
        ﻿Sanatogen

385

Sandelholzöl

Fustian, Velvet, Velveret, Velveteen. Cord) auf-
trttende Baumwollsamt entsteht auf ganz andere
Weise.

Sanatogen, ein bekanntes, lösliches Eiweiß
enthaltendes Nährpräparat, wird durch Mischen
von Kasein mit 5 °/o glyzerinphosphorsaurem Na-
trium hergestellt und erscheint als ein schnee-
weißes Pulver, das beim Verrühren mit wenig
kaltem Wasser stark aufquillt und sich beim
Erwärmen zu einer milchigen Flüssigkeit völlig
auflöst. Es enthält 8,34 °/o Wasser, 5,37 °/o Asche,
2,490/0 Phospl/orsäure und 82,75 % Stickstoff-
substanz.

Sand, gefärbter, Streusand. Unter dieser
Bezeichnung kommt sowohl bunt gefärbter S.
in den Handel, der durch Behandlung von fein
gesiebtem und gewaschenem weißen Sand mit
Teerfarben hergestellt wird, als auch gemahlener
Glimmer und das aus Abfällen der Bronze-
fabrikation bestehende sog. Streugold und
Str eusilber. Diese Waren werden nament-
lich zur Herstellung feinerer Karten, z. B. von
Glückwunschkarten usw., in großen Mengen ver-
braucht. Früher diente der Streusand auch zum
Trockenmachen der Schriftzüge.

Sandarak (Sandarach, lat. Resina sanda-
raca, frz. Sandaraque, engl. Sandarac) ist das
Harz einer Strauch- oder baumartigen Konifere,
Callitris quadrivalvis, die, in Nordafrika
heimisch, auf dem Atlas ganze Wälder bildet
und im Aussehen dem nahe verwandten Lebens-
baum (Thuja) gleicht. Das freiwillig aus der
Rinde ausschwitzende, dem Mastix ähnliche Harz
kommt von Mogador an der marokkanischen
Westküste meist über Frankreich, doch auch
über Triest und Venedig in zwei Sorten, ordinär
und fein, oder naturell (in sortis) und auserlesen
(electa) in den Handel. Letztere Sorte bildet
blaßgelbe, längliche, weiß bestäubte Körner und
Stengelchen, die auf dem Bruche durchsichtig
und glasglänzend erscheinen. Die andere besteht
aus trüben und unreineren Stückchen, vermischt
mit kleinerem Grus, Sand, Erde und Holzteil-
chen. Das Harz ist spröde und leicht zerbrech-
lich, hat einen balsamisch-harzigen Geruch sowie
schwach bitteren Geschmack und erweicht nicht
beim Kauen wie Mastix, sondern zerfällt in ein
sandiges Pulver. In Alkohol, Äther, Fuselöl und
Azeton ist es völlig, in Terpentinöl, Schwefel-
kohlenstoff, Chloroform und Petroläther nur teil-
weise löslich. S. besteht neben geringen Mengen
ätherischen Öls und Bitterstoffen hauptsächlich
aus Sandarakol- und Kallitrolsäure. Es
dient zur Herstellung von Räucherpulvern, haupt-
sächlich aber von Weirigeistfirnissen, Polituren
and Lacken, wird jedoch, da es zwar sehr harte,
aber zu spröde, dem Abbröckeln unterworfene
and nicht besonders glänzende Überzüge liefert,
1mmer in Verbindung mit Elemi, venetianischem
Terpentin oder etwas Rizinusöl angewandt. Fein
gepulverter S. bildet das bekannte Radierpul-
ver, mit dem man radierte Stellen auf Papier
"deder beschreibbar macht. — Eine aus Austra-
len in den Handel kommende, in England Pine
Kurn genannte Sorte von Callitris Preisii oder C.
australis, bildet größere Stücke als die afrikani-
schen Sorten, ist aber sonst in seiner Verwend-
barkeit diesen gleich.

Mareks Warenlexikon.

Sandelholz (Santelholz, Santalholz, lat.
Lignum santalinum, Lignum santali, frz. Bois de
santal, engl. Sandal wood). Unter diesem Namen
kommen verschiedene Hölzer in den Handel,
von denen einige zu den Färb hölzern gehören
und hauptsächlich in der Färberei Verwendung
finden,, während die anderen teils als Möbelholz,
teils zur Darstellung des ätherischen Sandel-
holzöles benutzt werden. Das rote Holz stammt
von einem mächtigen Baume aus der Familie
der Schmetterlingsblütler, Pterocarpus
santalinus, der in den Gebirgen Ostindiens
und Zeylons wächst. Es kommt in Blöcken
oder Scheiten von einem Zentner Gewicht und
mehr nach Europa und wird hier geraspelt und
gemahlen, in feinen wolligen Fasern oder in
Pulverform in den Flandel gebracht. Ein be-
sonders feines Pulver führt die Bezeichnung
Flugsandel. Das schwere, im Wasser unter-
sinkende Holz hat grobe, gewundene und ge-
kreuzt verlaufende Fasern und ist mit harz-
glänzenden Kanälen durchzogen. Die blutrote
Farbe frischer Spaltflächen wird an der Luft
bräunlich. Von anderen Rothölzern unterschei-
det S. sich dadurch, daß es weder an kaltes noch
an siedendes Wasser seinen Farbstoff (Santa-
li n) abgibt, hingegen kann letzterer aus dem
zerkleinerten Holze durch Weingeist mit blut-
roter, oder durch alkalische Laugen und Soda-
lösung mit violetter Farbe ausgezogen werden.
Aus der alkalischen Lösung läßt sich der Farb-
stoff durch Säuren ausfällen. Man kann also
die Farbe auf Zeuge befestigen, wenn man sie
mit jener Lösung tränkt und dann durch ein
saures Bad zieht, doch ist der Ton so gefärbter
Wolle stets ins Violette gehend. Eine schönere
Farbe entsteht, wenn das feine Pulver mitWasser
und Wolle gekocht wird. Sie ist dann rein rot
und wird durch Zusatz einer Beize noch schöner.
In Verbindung mit anderen Holzfarbstoffen ver-
wendet man das S. zu modegrünen, bronzenen
und braunen Farbtönen auf Wollzeuge. Wein-
geistige Auszüge werden außerdem zum Rot-
färben verschiedener Tinkturen, Konditoreiwaren
und Liköre benutzt. Die stärksten und schönsten
Stücke des S. (Kaliaturholz) bilden einen
gesuchten Rohstoff der Kunsttischlerei, da dieses
Holz, namentlich im polierten Zustande, pracht-
volle Farben zeigt. — Das weiße oder gelbe
S. stammt von Santalum album, einem Baume
aus der kleinen Familie der Santalazeen, der
auf Timor und einigen anderen ostindischen
Inseln sowie an der Küste von Koromandel wild
wie auch angepflanzt vorkommt. Als gleich-
wertigeArt wird Santalum Freycinetianum
von den Südseeinseln angeführt, während das
westindische S. von der zu den Rutazeen ge-
hörigen Amyris balsamifera stammt. Das zu
uns eingeführte Holz bildet gewöhnlich nur arm-
dicke, 6—9 dm lange, glatt geschälte Scheite,
an denen der Splint weißlichgelb, der Kern
gelb ist. Es hat als Möbelholz den Vorzug, daß
es nicht von Würmern angegangen wird, dient
aber. hauptsächlich zur Gewinnung des äthe-
rischen Öles, von dem es bei der Destillation
mit Wasserdampf bis über 6°/o liefert.

Sandelholzöl (lat. Oleum santali, frz. Essence
de santal, engl. Oil of sandal wood), das äthe-
rische Öl des weißen Sandelholzes, ist eine

25
        <pb n="393" />
        ﻿Sandpapier

386

Santonin

blaßgelbe, sehr dickflüssige, kratzend schmek-
kende Flüssigkeit von anhaltendem aromatischen
Gerüche. Das spez. Gew. beträgt 0,974—0*985,
die Linksdrehung im too-mm-Rohr —16 bisao0.
Das Öl besteht zu 90 °/o und darüber aus zwei
isomeren Alkoholen, a- und ß-Santalol, und
im übrigen aus einer ganzen Reihe von Ver-
bindungen, von denen hier die Kohlenwasser-
stoffe Santen und Santalen, die Alkohole Sain-
tenonalkohol und Teresantalol, die Aldehyde
Nortrizykloeksantalal und Santalal, die Ketone
Santenon und Santalon sowie die Teresantal-
säure und Santalsäure genannt seien. Es
löst sich in fünf Teilen 7o°/oigem Alkohol. Das
sog. westindische S. von Amyris balsamifera
unterscheidet sich von dem echten oder ost-
indischen durch seine Unlöslichkeit inyoo/oigem
Alkohol, seine Rechtsdrehung und das niedrigere
.spez. Gew. (0,950—0,970). Es enthält u. a. das
Sesquiterpen Kadinen und den Alkohol Amyrol,
aber kein Santalol. Das echte S. wird als
Parfüm, hauptsächlich aber in Gelatinekapseln
(Santal Midy) gegen Tripper angewandt.

Sandpapier (Flintpapier) wird in gleicher
Weise wie Glaspapier (s. d.) hergestellt und be-
nutzt.

Sandriedgraswurzel (Sands eggen wurzel,
deutsche Sassaparille, lat. Rhizoma cari-
cis, frz. Racine de carex, engl. Carex root). Das
Sandriedgras oder die Sandsegge, Carex
arenaria, ist auf dem Küsten- und Dünensand
der Nord- und Ostsee sowie landeinwärts auf
unfruchtbarem Sandboden weit verbreitet und
nützt durch die sehr langen Kriechwurzeln, wel-
che dem lockeren Sande Halt verleihen. Die
Wurzeln oder Ausläufer werden im Frühjahr ge-
sammelt und getrocknet und in etwa 2 m langen
Bündeln zum Verkauf gebracht. Sie sind etwa
federkieldick, außen hellbräunlich, innen weiß
und durch Knoten gegliedert, von denen die
kleinen fadenförmigen Wurzeln ausgehen. Frisch
hat die Wurzel einen harzig-balsamischen Ge-
ruch, der beim Trocknen verschwindet, und einen
süßlich und schwach bitteren Geschmack. Sie
dient offizineil als blutreinigendes Mittel. — Die
Wurzel des weit verbreiteten rauhen Ried-
grases (Carex hirta), welche hier und da
ebenfalls gesammelt wird, sieht äußerlich rot-
braun aus (daher rote Queckenwurzel) und
bildet kürzere Stücke, so daß die Bündel nur
6 dm lang sind.

Sandsteine (frz. Gres, engl. Sand-stone), zu
den Sedimentgesteinen gehörige Gebirgsarten,
kommen nach Farbe, Härte und Nebenbestand-
teilen in sehr verschiedenen Formen vor, be-
stehen aber immer, als alte wieder zusammen-
gebackene Sandlager, aus feineren oder gröberen
Quarzkörnern, die durch irgendein zwischen-
gelagertes Bindemittel zusammengehalten wer-
den. Je nach diesem Zwischenmittel unterschei-
det man tonigen, mergeligen, kalkigen und kiese-
ligen S., von denen letzterer der härteste und
beste ist. Der Farbe nach gibt es ganz weiße,
ferner graue, gelbliche, grünliche und rote. Der
färbende Bestandteil der roten und gelblichen
Steine ist meist Eisenoxyd. Oft erscheinen die
Steine durch abwechselnde verschiedenfarbige
Lagen streifig oder geadert. S. werden viel als
Baumaterial sowie zu Mühl- und Schleifsteinen

benutzt und in dieser Form oft weit befördert.
Als Baumaterial können sie nur da versandt
werden, wo Flüsse und Ströme wohlfeile Ver-
frachtung ermöglichen, wie in der sächsi-
schen Schweiz (Quadersandstein), ferner
auf der Mosel bei Trier, Weser u. a. Die
feinen und dichten Steine dienen auch zu Stein-
und Bildhauerarbeiten, wie Tür- und Fenster-
simsen, baulichen Verzierungen, Denkmälern
und Statuen. Gewisse tonige Sorten, die
weder zu Bauten noch anderen Zwecken ge-
eignet sind, finden wegen ihrer Feuerfestigkeit
als sog. Gestellsteine, d. h. zum Ausbau der
heißesten Teile an Eisenhochöfen, technische
Verwendung.

Sanikel (Saunikel, lat. Folia saniculae, frz.
Feuilles de sanicle, engl. Sanicle leaves), die drei-
lappigen, ungleich gezähnten Blätter der in Eu-
ropa, im nördlichen Afrika und Mittelasien hei-
mischen Umbellifere Sanicula europea,
haben einen herben, zusammenziehenden Ge-
schmack und werden in der Volksmedizin
gegen Lungenleiden verwandt.

Santonin (Santoninsäureanhydrid, lat.
Santoninum, frz. Santonine, engl. Santonin) ist
der wirksame Bestandteil des sog. Wurmsamens
(s. d.), aus dem es fabrikmäßig dargestellt wird.
Zu seiner Gewinnung kocht man den Wurm-
samen mit verdünnter Kalkmilch aus, zersetzt
die so erhaltene Lösung des santonsauren Kal-
kes mit verdünnter Salzsäure, wodurch das S.
ausgefällt wird, entfernt das gleichzeitig mit
abgeschiedene Harz durch Behandlung mit hei-
ßem ammoniakalischen Wasser und kristallisiert
das noch gefärbte S., nach Behandlung seiner
alkoholischen Lösung mit Tierkohle, aus Al-
kohol um. Die Ausbeute beträgt 1,8—2,30/0.
Seit einigen Jahren wird in Deutschland nur
noch wenig S. hergestellt, da eine Fabrik in
Taschkend wegen Ersparung der Transport-
kosten den Samen direkt auf S. verarbeitet.
Man erhält das reine S. in schön glänzenden,
weißen, tafelförmigen Kristallen, die geruchlos
und geschmacklos sind, aber in alkoholischer
Lösung stark bitter schmecken. Der Schmelz-
punkt liegt bei 1700. In Wasser ist das S. kaum
löslich und gegen Lackmus indifferent. In
chemischer Hinsicht ist es das Anhydrid der
einbasischen Santoninsäure, C16H20O4, und
der Formel C15Hi803 entsprechend. Durch
Kochen von santoninsäurem Barium mit Baryt-
wasser entsteht eine neue, aber isomere Säure,
die Santonsäure. Im zerstreuten Tageslichte,
schneller im direkten Sonnenlichte, färbt sich
das S. gelb und muß daher in schwarzen Glä-
sern im Dunkeln aufbewahrt werden. Sein Hy-
drat, die Santoninsäure, erleidet dagegen im
Sonnenlichte keine Farbenveränderung. Will man
gelb gewordenes S. wieder entfärben, so muß
man es aus Alkohol Umkristallisieren. Das S.
wie auch das santoninsaure Natrium (lat. Na-
trium santoninicum, frz. Santonate sodique, engl-
Santonate of Sodium) wird gegen Spulwürmer
den Kindern gewöhnlich in Form kleiner Ta-
bletten aus einer Eiweiß und Zucker enthaltenden
leichten Schaummasse von kegelförmiger Ge-
stalt, sog. Santoninzeltchen (lat. Trochisci
santonini, frz. Pastilles de santonine, engl. Santo-
nin Lozenges) verabfolgt, von denen die schwä-
        <pb n="394" />
        ﻿Santorinerde

387

Sardellen

cheren 0,03 g, die, stärkeren 0,05 g S. enthalten.
In größeren Mengen wirkt S. giftig.

Santorinerde, ein auf der griechischen Insel
Santorin vor kommendes, dem Traß ähnliches,
terreibliches Mineral, wie die ganze Insel eine
Folge vulkanischer Tätigkeit, bildet einen vor-
trefflichen natürlichen Zement, der zwar nicht
bis zu uns gelangt, aber im ganzen Gebiete des
Adriatischen Meeres zu Wasserbauten und Ufer-
schutz häufig gebraucht wird. Er bedarf weder
irgendwelcher Zubereitung noch Zuschläge, son-
dern erhärtet, einfach ins Wasser geschüttet,
sogleich zu einer festen Steinmasse.

Saphir (frz. Saphir, engl. Sapphire), ein Edel-
stein, der in seinen besten Sorten zu den wert-
vollsten Schmucksteinen gehört, besteht in che-
mischer Hinsicht lediglich aus kristallisierter
Tonerde (Aluminiumoxyd) und unterscheidet
sich vom Rubin nur durch die Farbe, die in
verschiedenen Abstufungen blau ist. Man unter-
scheidet als teuerste die männlichen S. von
tiefem und lebhaftem Indigblau, danach die
weiblichen, deren Färbung heller ist, und als
Wassersaphire die hellsten, nur noch schwach
bläulichen. Wirklichen Edelsteinwert haben nur
die orientalischen Steine, die sich in Hinterindien,
Zeylon und Siam im Sande der Flüsse und im
Schuttland vorfinden und nicht nur roh, sondern
auch schon geschliffen von Kalkutta und Bom-
bay aus versandt werden. In Sachsen, Böhmen
und Frankreich finden sich an gewissen Örtlich-
keiten, gewöhnlich in basaltische Lava ein-
gewachsen, ebenfalls sehr hübsch gefärbte Ko-
runde, die okzidentalischen S., die1 aber nie
den hohen Wert der indischen erreichen. Echte
S. erkennt man an ihrer Härte (= 9) und an
ihrem spez. Gew. (= 4,0), wodurch sie sich von
den weicheren und spezifisch leichteren Steinen,
wie Zyanit, Euklas und blauem Beryll, unter-
scheiden. Man schleift die guten Steine in den-
selben Formen wie die Diamanten. Zeigt sich
aber ein Stein als Sternsaphir, d. h. strahlt
er aus seinem Innern einen, sternartigen sechs-
strahligen Schein aus, so wird er kappenförmig
(en cabochon) geschliffen.

Saphirin, ein in Sibirien und auch in Sieben-
bürgen vorkommender blauer Chalzedon, der
einige Ähnlichkeit mit Saphir hat, kann als
Halbedelstein zu billigem Schmuck Verwendung
i'nden.

Saponine bilden eine im Pflanzenreiche außer-
°identlich verbreitete Gruppe glykosidischer Kör-
bet, die sich u. a. in der Seifenwurzel (Sapo-
baria officinalis), in der Q uillayarinde,
uen Samen der Kornrade, in der Monesia-
rHtde, Guajakrinde, in Lychnis Dian-
Ihus und zahlreichen anderen Karyophylla-
2,een vorfindet. Zur Darstellung bedient man
s}ch meist des wäßrigen Auszuges von Quillaya-
rmde, der mit etwas Forraaldehyd gekocht
bnd dann nach dem Abfiltrieren des entstehen-
den Niederschlags zur Trockne verdampft wird.
Aus levantinischer Seifenwurzel (Gypso-
Phila Arrostii Gusone) erhält man das S.
uurch Auskochen mit 40°/oigem Alkohol. Das
b'dnt Erkalten ausfallende S. wird mit Äther-
Alkohol ausgewaschen, in Wasser gelöst und
but Bariumhydroxyd gefällt. Nach Zerlegung
er Bariumverbindung fällt man das S. aus der

Lösung mit Äther-Alkohol. Andere Methoden
der Reindarstellung beruhen auf der Anwendung
von Bleiessig. — Das reine S. ist ein weißes
amorphes, neutrales und geschmackloses Pulver,
das, in absolutem Alkohol und in Äther unlöslich,
mit Wasser stark schäumende Lösungen bildet.
Die Lösungen drehen die Ebene des polarisierten
Lichtes nach links und werden durch Blei-
essig und Barytwasser gefällt. Beim Kochen mit
verdünnten Säuren zerfällt S. in Zucker und
Sapogenin. Es bildet den wirksamen Bestand-
teil mehrerer Waschmittel und wird neuerdings
auch unter verschiedenen Namen wie Gomme-
lin, Spumatolin benutzt, um künstlichen
Brauselimonaden ein besseres Aussehen zu
verleihen. Wegen der Giftigkeit des S. ist diese
Verwendung als unzulässig zu bezeichnen. Nach
neueren Versuchen von Kobert sollen allerdings
verschiedene Saponine ungiftig sein.

Sapotillholz (Bullyholz, Breiapfelholz,
engl. Bullet wood), das braungrünliche Holz des
in Westindien und dem nördlichen Teile von
Südamerika wachsenden Baumes Achras Sa-
pota, ist sehr dicht und hart und gehört zu
den besten Zimmerhölzern. Die als Sapotill-
pflaumen bezeichneten Früchte haben, wenn
sie teigig geworden, einen quittenähnlichen Ge-
ruch und Geschmack und werden im Ursprungs-
lande genossen. Die bittere, zusammenziehend
schmeckende Rinde des Baumes, die früher
als Cortex Sapotae in Apotheken geführt wurde,
dient ebenso wie die sehr bitteren Samenkerne
(Sapotillkörner, lat. Grana Sapotillae) in Ame-
rika als Fiebermittel.

Saprol ist ein Gemisch von Mineralschmier-
ölen mit ungefähr 40 0/0 Rohkresol. Die dunkel-
braune ölige Flüssigkeit schwimmt auf Wasser,
das sie mit einer gleichmäßigen dünnen Schicht
überzieht, und wird daher zur Desinfektion von
Aborten, Pissoirs und Latrinen benutzt. Ähnliche
Zusammensetzung zeigen Saprolin und Sa-
prosol.

Sardellen sind kleine, zu der Familie der
Heringe gehörende Seefische, Engraulis en-
crasicholus, die nur eine Länge von etwa
16 cm erreichen und sich von den oft mit ihnen
verwechselten jungen Heringen, Sprotten und
Sardinen (s. d.) durch den schlanken Leib, die
glatte (nicht mit gestielten Schuppen versehene)
Bauchkante und das weite, bis hinter die Ohren
gespaltene Maul unterscheiden. Die Färbung
ist azurblau, unten silberglänzend, die großen
dünnen und durchsichtigen Schuppen fallen leicht
ab. Die Fische kommen zwar auch an den
skandinavischen, englischen und holländischen
Küsten vor, ihr Hauptgebiet ist aber das Mittel-
meer und die atlantische Küste von Frankreich
und Spanien, wo sie in großen Zügen erscheinen
und bei Tag und Nacht, vom Mai bis Juli ge-
fangen werden. Abgesehen von den an Ort und
Stelle frisch verbrauchten, werden die S. nach
Entfernung des Kopfes und der Eingeweide mit
Pfeffer und Salz schichtenweise in Fässer ge-
packt und so versandt. Man rechnet auf ein
Faß (Anker) im Durchschnitt 5000 Stück, von
den kleinen, die auch zum Ausfüllen dienen, bis
10000, von großen 3000 oder gar nur 2000
Stück. Die mittelgroßen werden am höchsten
geschätzt. Man bezeichnet auf den Fässern den
        <pb n="395" />
        ﻿Sardellenbutter

Sassaparille

388

Jahrgang und bevorzugt den zweiten, da sie
nach drei Jahren weicher, tranig, gelb und zer-
brechlich werden. Als Zeichen guter Beschaffen-
heit gilt ein weißes und festes Fleisch. — Von
den bisweilen untergeschobenen fremden Fischen
unterscheiden die S. sich, abgesehen von den
angegebenen äußeren Kennzeichen, durch den
überaus geringen Fettgehalt, der nur etwa i o/o
beträgt, gegen 12—15 0/0 bei Heringen und Sar-
dinen. — Anchovis sind eigentlich mit S,
identisch und Anchovispaste ist daher Sar-
dellenbutter (s. d.). In Deutschland versteht man
aber unter Anchovis (s. d.) meist kleine, mit
Essig und Gewürzen eingelegte Sprotten.

Sardellenbutter bildet einen Gegenstand des
Delikatessenhandels, während sie früher meist
in den Haushaltungen für den augenblicklichen
Gebrauch hergestellt wurde. Zur fabrikmäßigen
Darstellung werden die gewaschenen und ent-
gräteten Sardellen fein gewiegt, mit Butter ver-
mischt und dann in Zinntuben oder kleine runde
Blechdosen eingeschlossen. Die Menge des zu-
gesetzten Butterfettes schwankt innerhalb ziem-
lich weiter Grenzen zwischen 10 und 250/0, und
zwar enthält die käufliche Handelsware meist
weniger Fett, so daß sie für den Gebrauch noch
mit etwas Butter vermischt werden kann. Ver-
fälschungen mit Margarine sind nicht besonders
lohnend und daher selten, hingegen soll der
Ersatz der Sardellen durch geringwertigere
Fische: Anchovis, Sardinen, Heringe in ziemlich
großem Umfange betrieben werden. Der Nach-
weis dieser Verfälschung erfolgt nach dem Ver-
fahren von Buttenberg durch Bestimmung der
Refraktion, der Reichert-Meißlschcn Zahl und
der Jodzahl des Petroläther-Auszuges.

Sardine, ein zu den Heringen gehörender
Seefisch, Clupea pilchardus oder CI. sar-
dina, wird im Mittelmeer und an den atlanti-
schen Küsten Westeuropas, besonders der Bre-
tagne, in ungeheuren Schwärmen gefangen. Die
etwa 23, in Ausnahmefällen bis zu 28 cm lange
S. unterscheidet sich vom Hering, dem sie in
der Farbe ähnelt, durch den etwas breiteren
Bau und die geringere Größe, vpn der Sardelle
durch die dort angegebenen Merkmale. Die
meisten Fische, die ein überaus zartes, schmack-
haftes Fleisch besitzen, werden inForm der Öl-
sardinen (Sardines ä l’huile) in den Verkehr
gebracht. Man entfernt zu ihrer Herstellung
Kopf und Eingeweide, läßt die Fische eine
Stunde an der freien Luft trocknen, taucht sie
dann einige Minuten in siedendes Öl und setzt
sie nochmals 2—3 Stunden der Luft oder, bei
Regenwetter, gelindem Feuer aus. Schließlich
packt man sie in Blechbüchsen, übergießt mit
frischem Olivenöl und lötet zu. Nach dem Ver-
löten kommen die Büchsen in Siedendes Wasser,
dann zur Abkühlung und zu 100 Stück in Kisten
zur Verpackung. Der Ersatz des Olivenöls durch
andere Öle ist bisweilen als Verfälschung, der
Z.usatz von Mineralöl als gesundheitsschädlich
angesehen worden.

Sargol, ein wertloses Geheimmittel gegen
Magerkeit, besteht aus 1,8 g schweren Pillen,
die Zucker, Kakao, Stärke und Vanillin ent-
halten.

Sarrazinwurzel (lat. Radix sarraceniae pur-
pureae, frz. Racine de sarracinia, engl. Sarra-

cinia root), eine gegen Blattern und andere an-
steckende Krankheiten empfohlene Droge, stammt
von Sarracenia purpurea, einer zu den Ne-
pentheen gehörigen, in den Sümpfen Neu-
Schottlands und Neu-Jerseys wachsenden Pflanze.
Die Ware besteht aus einem bis 18 cm langen.
3—15 mm dicken, walzenförmigen, etwas ge-
krümmten Wurzelstock, .der mit einzelnen braun-
roten Wurzelfasern und oben mit den Blatt-
stielresten besetzt ist. Die Farbe ist außen
braunrot bis dunkelbraun, innen weißlich, der
Geruch angenehm, der Geschmack bitter. Die
Blätter (lat. Folia sarraceniae, frz. Feuilles de
sarracenia, engl. Sarracenia leaves), die eben-
falls im Handel Vorkommen,, sollen dieselbe
Wirkung besitzen.

Sarsenefs ist eine Bezeichnung für leinwand-
artig dicht gewebte, im Stück gefärbte und
stark geglättete Baumwollzeuge, die hauptsäch-
lich als Futterkattune verkauft werden.

Sassafrasholz (Fenchelholz, lat. Lignum
sassafras, frz. Bois de Sassafras, engl. Sassa-
fras root), richtiger Sassafraswurzel, besteht
aus der Wurzel eines in den Vereinigten Staa-
ten Nordamerikas heimischen Baumes aus der
Familie der Lorbeerbäume (Sassafras offi-
cinale), die in Form langer, verschieden dicker,
knorriger, hin und her gebogener Stücke oder
auch in Späne geraspelt in den Handel kommt-
Die Wurzel ist mit einer korkigen, äußerlich
grauen, innen rotbraunen Rinde bedeckt, der
Holzkörper feinporig, ziemlich leicht, gelb-
bräunlich oder rötlich gefärbt und zeigt auf dem
Querschnitt viele zarte Jahresringe und diese
durchsphneidende, vom Kern nach dem Um-
fange strahlig verlaufende dunkle Markstrahlen.
Das Holz hat einen angenehm aromatischen,
fenchelähnlichen Geruch und Geschmack und
enthält neben ätherischem Öl einen kristallini-
schen Gerbstoff (Sassafrid). Das Stammholz,
das vom Wurzelhölz leicht unterschieden wer-
den kann, ist ganz arm an diesen Bestandteilen
und hat nur schwachen Geruch, dient aber
häufig zur Verfälschung der geraspelten Ware-
Verwendung findet das Holz als blutreinigendes
Mittel gegen Skrofeln und Hautkrankheiten,
sowie als Bestandteil von Holztee (Species lig'
norum). Inländische Handelshäuser, welche das
Holz durch Zerkleinern gebrauchsfähig machen,
bringen es in die bei derartigen Erzeugnissen
beliebte Form kleiner Würfelchen. — Als be-
sondere Ware wird das aus der Wurzel mit
Wasserdampf abdestillierte Sassafrasöl (lat
Oleum sassafras, frz.Essence de sassafras, engl-
.Oil of sassafras) von Nordmerika in den Handel
gebracht. Es besteht aus Safrol, Kampfer»
Eugenol, Pinen und Phellandren und dient
besonders zur Herstellung parfümierter Seifen-
Das schwere, anfangs farblose, später gelb bis
rötlichgelb werdende Öl, das den Geschmack
und Geruch des Holzes in hohem Grade besitzt,
hat ein spez. ‘Gew. von 1,070—^1,080, ist rechts-
drehend und mit starkem Alkohol mischbar-
Vergleiche ferner den Abschnitt: Safrol.

Sassaparille (Sarsaparille, lat. Radix sassa-
parillae, frz. Salsepareille,, engl. Salsaparigli3.)’
Diesen Namen führen im Drogenhandel &lt;he
Wurzeln verschiedener, in den heißen Gegendeh
Amerikas heimischer Arten der Gattung St#1'
        <pb n="396" />
        ﻿Sassaparille

389

Satin

*ax (Stechwinde), von denen als Stammpflan-
zen namentlich Smilax syphilitica, Smilax
tnedica, Smilax sassaparilla und Smilax
officinalis angegeben werden, doch ist nicht
tnit Sicherheit bekannt, von welchen die ein-
zelnen Handelssorten abstammen. Die Smilax-
Arten sind immergrüne rankende und stachlige
Sträucher mit knollig verdicktem Wurzelstock,
von dem zahlreiche, sehr lange, bis federkiel-
dicke Nebenwurzeln ausgehen. Je nach Orts-
gebrauch werden entweder die ganzen Wurzeln
oder nur die abgelösten Nebenwurzeln in den
Handel gebracht. Die letzteren sind bisweilen
mehr glattrund, oft aber auch längsrunzelig oder
kantig. Ihre äußere Farbe schwankt von gelb-
lich- oder rötlichbraun bis zum dunkleren
Braun. Auf dem Durchschnitt zeigt sich die
Rinde, je nach der Art, bald dünn, bald ver-
dickt, im letzteren Falle dicht mit Stärkemehl
erfüllt und daher weiß oder rötlichweiß. Der
Kern ist weiß oder gelblich, porös und zähe
Manche Ware erscheint im Durchschnitt nicht
mehlig, sondern hornartig, weil sie über Feuer
getrocknet und dadurch das Stärkemehl ver-
kleistert wurde. Die Wurzel ist geruchlos,
schmeckt aber beim Kauen bitterlich schleimig,
später kratzend schärf. Die einzelnen Sorten
werden nach den Erzeugungsländern oder Aus-
fuhrhäfen benannt. Als Sassaparille des
Deutschen Arzneibuches gilt die Hon-
duras-S., die man aber nicht nur von Hon-
duras, sondern auch von dem benachbarten Be-
ließ und Guatemala erhält. Sie kommt in großen,
an den Ecken abgerundeten Ballen in den Han-
del, die entweder nur oben und unten, oder
auch ganz mit Tierhäuten überzogen sind und
die Wurzeln in Form einzelner Bündel ent-
halten. Je nach der Art der Packung kann man
dreierlei Sorten . unterscheiden. Bei der einen
hegen die Wurzelstöcke'in der Mitte, und. die
langen Wurzelfasern sind von rechts nach links
bogenförmig gegen die Stengelreste hinein-
geschlagen, bei der anderen befinden sich die
Wurzelstöcke noch in ihrer natürlichen Lage,
and die Fasern sind mehrere Male gegen die-
selbe eingeschlagen, so daß in den Ballen
sämtliche Wuijzelstöcke nach außen, die Wur-
zeln hingegen nach innen zu liegen kommen,
°der endlich die knollenförmigen Wurzelstöcke
smd ganz entfernt, die Wurzeln der Länge nach
zu armdicken Bündeln von 500—600 g Gewicht
zusammengelegt, oben und unten eingeschlagen
Und der ganzen Länge nach dicht mit dünnen
Wurzeln umwickelt, so daß nur an beiden Enden
etwa eine Handbreit freibleibt. DieHonduras-
S- hat äußerlich eine schön rotbraune Farbe
Und nur wenig gefurchte, aber längsstreifige
Wurzeln. Die Rinde ist bald dünner, bald
dicker, das Mark tnehlig und weiß, ohne Ge-
faßporen, ziemlich groß und deutlich vom hol-
zigen Teile abgegrenzt. Der Rindenteil erscheint
auf dem Querschnitte rötlich oder weißgrau, die
Kpidermis sehr dünn. Als zweite Sorte, die für
den deutschen Handel in Betracht kommt, ist
die Verakruz-S. zu nennen, die in mit Stricken
Urnschnürten Ballen (Seronen) von 75—100 kg
über Verakruz in den Handel kommt. Die
Wurzel ist außen meist lehmig und stark ein-
Sfischrumpft, die Rindenmasse infolge derRäuche-

rung hornartig. Der Holzring ist, im Gegensatz
zur H ondurassorte, sehr stark, das Mark schwach.
Weitere gute Sorten sind; Caracas, eine hell-
braune, nicht häufig zu erlangende Wurzel, so-
wie die gelbbraune bis braune brasilianische,
die auch Lissaboner, Para-, Maranhao-
wurzel genannt wird. Diese Sorten werden
von einigen Arzneibüchern als allein zulässig
bezeichnet. Als geringere Ware kommt viel
mexikanische S. nach Europa, die zwar billig,
aber durch Stengel, Fasern, Knollen und Erde,
verunreinigt ist. Andere geringere Sorten, die
im deutschen Handel wenig oder gar keine Be-
deutung haben, sind die von Granada, Man-
zanillo, Kostarika, St. Thomas und Ja-
maika. Die im natürlichen Zustande aus Ame-
rikakommenden Wurzeln werden in den Drogen-
häusern größtenteils gesäubert, die vorhandenen,
ganz wertlosen Wurzelknollen entfernt, die
dünnen Wurzeln in Stücke von gleichmäßigen
Längen zerschnitten, auch wohl gespalten und
in regelmäßige Päckchen gebündelt. An kenn-
zeichnenden Bestandteilen, die in der dicken
Unterrinde ihren Sitz haben, sind ein bitter und
scharf schmeckendes Harz, zwei eigentümliche
kristallisierbare Saponine: Smilazin und Pa-
rillin, sowie ein amorphes Saponin Sarsa-
ponin und ätherisches Öl nachgewiesen wor-
den. Die erstgenannten Saponinkörper sollen
bisweilen giftige Wirkungen hervorrufen. Die
Wurzel gilt als eines der kräftigsten schweiß-
und harntreibenden Mittel sowie als das beste
pflanzliche Mittel gegen Syphilis. Auch braucht
man sie gegen Skrofeln und Gicht sowie in
anderen Fällen, in denen es auf eine erhöhte
Hauttätigkeit ankommt, sowohl in wäßriger Ab-
kochung als auch in Form von weingeistigem
Extrakt und Sirup.

Sassyrinde (lat. Cortex sassy, frz. Ecorce de
sassy, engl. Sassy bark), eine von England aus
als Mittel gegen Wechselfieber und Dysenterie
empfohlene Droge, kommt von der Westküste
Afrikas und stammt von Erythrophloeum
guineense, einem großen Baume mit aus-
gebreiteten Ästen, doppelt gefiederten Blättern,
in ährenartigen Trauben stehenden Blüten und
Hülsenfrüchten. Das Pulver der Rinde reizt zum
Niesen und soll auch Erbrechen erregend und
abführend wirken. Als Bestandteile der S. sind
ein Alkaloid, Erythrophloein, sowie Ery-
throphloeinsäure nachgewiesen worden. Das
Alkaloid ist ein Herzgift, ähnlich dem Digitalin.

Satin. Im engeren Sinne bezeichnet man mit
diesem Namen weißen seidenen Atlas (s. d.),
im weiteren Sinne alle seidenen, wollenen, baum-
wollenen und leinenen Gewebe, die nach Atlas-
art mit glänzender Oberfläche ,hergestellt sind.
Die seidenen Stoffe der Gattung führen, je nach-
dem sie leichter oder schwerer sind, verschie-
dene Namen, wie Satin de Chine, russe, turc usw.
Baumwollsatins (engl. Sateens) werden in
Deutschland englisches Leder genannt. Woll-
satins oder Wollatlasse (Satins de laine) sind
wollene, härtere oder weichere Glanzstoffe zu
Röcken und Möbelüberzügen. Die glatten, ein-
farbigen Gewebe dieser Art bilden die sog.
Lastings. — Satinets sind gewöhnlich halb-
seidene, bunt gestreifte Zeuge aus Baumwoll-
grund mit seidenen Streifen, oder Zeuge aus
        <pb n="397" />
        ﻿^ • ”



Sauerkraut

390

Schafgarbe

Glanzwolle, die dann Lastings zweiter Sorte ab-
geben, wie überhaupt baumwollenes englisches
Leder sowohl mit dem Namen Satin als Satinet
belegt wird.

Sauerkraut (Sauerkohl) wird durchBehand-
lung von fein geschnittenem Weißkohl (Bras-
sica oleracea capitata) mit Kochsalz in fest-
gefüllten Fässern, zweckmäßig Weißweinfässern,
hergestellt. Der Kohl unterliegt unter dem Ein-
flüsse verschiedener Bakterien und Hefen einem
Gärungsprozeß, in dessen Verlaufe neben reich-
lichen Mengen Milchsäure auch aromatisch
riechende Ester entstehen. Zur Erhöhung des
Wohlgeschmacks werden häufig geschnittene
Borsdorfer Äpfel, Weinbeeren, grüne Walnüsse,
Kümmel und andere Gewürze sowie geringe
Mengen Wein hinzugesetzt. Das S. besitzt eine
gute Haltbarkeit, muß aber, sobald es im Fasse
weich wird, schnell verbraucht werden. Haupt-
handelsplatz ist Magdeburg.

Sauerstoff (lat. Oxygenium, frz. Oxygfene, engl.
Oxygen), der zur Erhaltung des Lebens ver-
mittels der Atmung unentbehrliche Bestandteil
der atmosphärischen Luft, in der neben 78 0/0
Stickstoff und geringen Mengen Wasserdampf
und Kohlensäure rund 22 0/0 Sauerstoff enthalten
sind, kann für die Zwecke des Laboratoriums
nach verschiedenen Verfahren: Glühen von
Quecksilberoxyd, Kaliumchlorat oder eines Ge-
misches von Kaliumchlorat und Braunstein, Be-
handlung von Wasserstoffsuperoxyd mit Ka-
liumpermanganat, hergestellt werden. Er bildet
im reinen Zustande ein farbloses und geruchloses
Gas vom Atomgewicht O = 16 und vom spez.
Gew. 1,1056 auf Luft bezogen. 1 1 S. wiegt
1,43028 g. Als Gegenstand des Handels kommt
S. erst in Betracht, seitdem man ihn in flüssige
Form überführt. Hierzu ist eine Abkühlung auf
— 1400 und ein Druck von 320 Atmosphären er-
forderlich. Für die fabrikmäßige Darstellung
des flüssigen S, wird Bariumoxyd in einem
Strome kohlensäurefreier Luft auf 500—6oo° er-
hitzt, wobei es sich unter Sauerstoffaufnahme
in Bariumsuperoxyd verwandelt, das nun seiner-
seits beim Erhitzen auf 8oo° wieder nahezu
reinen Sauerstoff von 90—960/0 abspaltet. Nach
einem anderen Verfahren leitet man über Kal-
zium prthoplumbat Kohlensäure, wobei Sauer-
stoff abgespalten wird, und führt die zurück-
bleibende Bleiverbindung durch Überleiten von
Luft wieder in das Orthopiumbat über, so daß
auch hier ein ununterbrochener Betrieb mög-
lich ist. Noch andere Arbeitsweisen beruhen
auf der elektrolytischen Zersetzung des Wassers,
der Verwendung flüssiger Luft und der ver-
schiedenen Löslichkeit von Sauerstoff und Stick-
stoff in Wasser. Der nach irgendeinem Ver-
fahren gewonnene S. wird in Stahlzyiindern, wie
die Kohlensäure, verflüssigt und so in den Han-
del gebracht. Der Preis beträgt für 1000 1

8—10 M. ausschließlich der Zylinder. Flüssiger
Sauerstoff wird zum Einatmen bei Atemnot, bei
zahlreichen Blutvergiftungen, wie durch Leucht-
gas und Kohlenoxyd, bei Herzkrankheiten und
Bleichsucht verordnet. Die Luftschiffer führen
ihn in große Höhen, die Feuerwehrleute in ver-
qualmte Gebäude mit sich. Die Technik benutzt
ihn als Oxydationsmittel bei chemischen Pro-
zessen, zur Erzeugung hoher Temperaturen in

Hochöfen, zur Speisung von Knallgasgeblä-
sen usf.

Sauerstoffbäder bestehen aus einem Sauer-
stoff abgebenden Körper (Natriumperborat) und
einem Katalysator, der Kaliumpermanganat oder
eine organische Säure oder ein Ferment enthält.

Schachtelhalm (Schachthalra, Schafthälm,
Winterkannenkraut, lat, Herba equiseti, frz.
Prüle, engl. Shave grass). Die beiden bei uns
vorkommenden Arten der zu den Krypto-
gamen gehörigen Gattung Equiset um zeichnen
sich durch einen starken Kieselsäuregehalt ihrer
Oberflächenschichten, namentlich der Stengel,
und durch die rauhe, höckerige Oberfläche der
letzteren aus. Sie eignen sich daher gut zum
Schleifen und Glätten von Holz und zum Ab-
scheuern von Metallgefäßen. Der kleine S. (E.
arvense, lat. Herba equiseti minoris), ein be-
kanntes, schwer zu vertilgendes Unkraut san-
diger Äcker, wird im Haushalte als Scheuer-
gras oder Zinnkraut zum Putzen von Metall-
geschirren benutzt. Der große S. (E.hiemale,
lat. Herba equiseti majoris) hat seinen Stand-
ort auf sandigen Stellen in der Nähe von
Wasser und in feuchten Wäldern und ist in ganz
Deutschland, besonders in den Rheingegenden,
verbreitet. Die gegliederten Stengel sind rund,
6—8 dm hoch und reihenweise mit harten, schar-
fen Zähnchen besetzt. Die getrockneten Stengel
werden vonTischlern,Drechslern,Holzbildhauern
und Lackierern zum Abschleifen von Holz be-
nutzt, sind aber jetzt durch Glas- und Flint-
papier verdrängt worden. — Beide Sorten wer-
den wegen ihrer harntreibenden Wirkung als
Tee, z. B. als Bestandteil des Kneippschen
Wassersuchttees, vielfach medizinisch ange-
wandt.

Schachtelmus ist eine zolltechnische Bezeich-
nung für Marmelade (s. diese).

Schachteln. Diese zur Aufbewahrung oder
zum Versand von Waren dienenden Behälter
werden aus verschiedenen Stoffen hergestellt.
Hauptsächlich kommen in Frage Holzspan-
schachteln, aus Fichtenholz, die z. B. in großen
Mengen in Thüringen, Franken usw. hergestellt
werden, sowie Pappschachteln, als Buch-
binderarbeiten in teils einfacher, teils oft recht
kostbarer Aufmachung.

Schafgarbe (Karbekraut, Gollenkraut, lat.
Herba millefolii, frz. Millefeuille, engl. Milfoil),
ein nur noch wenig gebräuchlicher Gegenstand
des Drogenhandels, besteht aus den getrockne-
ten Blättern einer an Wegen, auf Wiesen, Rainen
und Rändern gemeinen, ausdauernden Kom-
posite, Achillea millefolium, mit fein zer-
teilten Blättern und weißen, auf einzelnen
Standorten auch purpurroten, in zusammen-
gesetzten Doldentrauben stehenden Blüten von
würzhaftem Geruch und bitterem und salzigem
Geschmack. — Auch die Blüten (lat. Flores
millefolii, frz.Fleurs de millefeuille, engl. Milfoil
flowers) werden im Drogenhandel geführt und
wie die Blätter zur Herstellung eines Weingeist)-
gen Extraktes sowie des ätherischen Öles be-
nutzt. Die Schafgarbenblätter und -blüten dienen
als Aufguß bei Blutungen und Leberleiden so-
wie als blutreinigende Mittel, — Das bisweilen
noch medizinisch angewandte Schafgarbenöl
(lat. Oleum millefolii aethereum, frz. Essence
        <pb n="398" />
        ﻿Schaftalg

391

Schellack

de fleurs de millefeuille, engl. Oil of milfoil flo-
wers), von dem etwa 0,07—0,25 0/0 erhalten wer-
den, zeigt dickflüssige, in der Kälte bisweilen
butterartige Konsistenz und blaue Farbe, die
mit der Zeit in Grün und Braun übergeht. Der
Geruch des Öls ist durchdringend, der Geschmack
kampferartig aromatisch.

Schaftalg (Hammeltalg, Schöpstalg, lat.
Sebum ovile, frz. Suif de mouton, engl. Mutton
tallow) ist das aus fettreichen Teilen von Scha-
fen ausgeschmolzene Fett. Zu seiner Gewinnung
benutzt man hauptsächlich das Gekröse-, Netz-,
Nieren-, Herz- und Mittelfellfett, seltener andere
' fettreiche Körperteile. Das weiße, brüchige und
im frischen Zustande fast geruchlose Fett ist in
seinen äußeren Eigenschaften und seiner chemi-
schen Zusammensetzung dem Rindertalg (s. d.)
ähnlich, wird aber leichter ranzig und nimmt
dann oft Bocksgeruch an. Abgesehen von der
beschränkten Verwendung als Speisefett, wozu
die Abstammung von geschlachteten Tieren
selbstverständliche Voraussetzung bildet, und in
der Pharmazie wird Sch. hauptsächlich in der
Technik verarbeitet (s. Talg). Die Bezeichnun-
gen Schaffeintalg, -oleomargarin- und -preßtalg
sind wie bei Rindertalg zu verstehen.

Schalen, pflanzliche. Hierunter rechnet man

1.	diejenigen S., die zu Schnitzarbeiten dienen,

2.	B. Steinnuß- und Kokosnuß schalen.
2. solche zum Gewerbegebrauch = Rinde,
z. B. Angosturarinde. 3. Sch. zum Heil-
gebrauch, z. B. Kondnrangorinde. 4. S.
aus dem Tierreich, z. B. Muschelschalen,
Schildkrötenschalen. Nähere Angaben fin-
den sich bei den Einzelbesprechungen.

Schamotte (Chamotte) nennt man die Masse,
aus welcher die für Schmelzöfen und andere
Feuerungsanlagen benutzten feuerfesten Back-
steine (Schamottesteine, frz. Briques refrac-
taires, Briques en chamotte, engl. Fire bricks,
Chamotte stones), ferner Schmelztiegel, Kapseln
zum Porzellanbrennen usw. gefertigt werden.
Sie besteht aus reinem Ton, der mit bereits vor-
her gebranntem und gemahlenem Ton gemengt
ist. Die Feuerbeständigkeit der Masse, vermöge
welcher sie selbst in anhaltender Weißglut nicht
berstet, mürbe wird oder schmilzt, beruht ledig-
lich auf der Reinheit des Tons, d. h. der Ab-
wesenheit von Alkalien, Kalk und Eisenoxyd,
denn solcher reiner Ton ist schon von Natur
feuerfest. Der Zusatz des bereits gebrannten
Tons oder gemahlener Tonscherben hat ledig-
lich den Zweck, das starke Schwinden zu ver-
hindern, welchem der fette, feuerfeste, reine
Ton beim Brennen ausgesetzt ist. Ein guter
feuerfester Stein darf nicht zerspringen, wenn
er glühend in kaltes Wasser geworfen wird.
Die von Ziegelhütten und zum Teil von Por-
zellanfabriken in den Handel gebrachten Steine
sind gebrannt und mehr oder weniger weiß.
Wo sie an Ort und Stelle hergestellt und ver-
braucht werden, geschieht das Vermauern in
lufttrocknem Zustande, und zwar unter allen
Umständen ohne Kalk, nur mit Tonmörtel. Bei
der Aufbewahrung der Steine ist darauf zu
achten, daß sie nicht dem Regen ausgesetzt sind.

Scharlach ist der Name verschiedener roter
Teerfarbstoffe. Wollscharlach R, das Na-
tronsalz der Xylidinazoalphanaphtoldisulfosäure,

ein braunrotes, in Wasser mit gelbroter Farbe
lösliches Pulver, färbt Wolle in sauerem Bade
rot. — Scharlach 3J ist mit Ponceau 3J iden-
tisch (s. d.). — Koschenillescharlach 4R,
ein feurigrotes, in Wasser schwer lösliches Pul-
ver, besteht aus dem Natronsalze der Xylidin-
azoalphanaphtolmonosulfosäure. — Scharlach
GR und R, ein zinnoberrotes, in Wasser mit rot-
gelber Farbe lösliches Pulver, ist die Natron-
verbindung der Xylidinazobetanaphtolmonosulfo-
säure. — Scharlach G besteht aus der Natron-
verbindung der Xylidinazobetanaphtoldisulfo-
säure und färbt Wolle in sauerem Bade rot.

Scharpie, das bekannte, noch jetzt in Drogen-
handlungen geführte Verbandmittel zum Auf-
saugen von Wund- und Geschwürabsonderun-
gen, wurde früher durch Zerzupfen alter Lein-
wand gewonnen, sog. Deutsche Sch., Linteum
carptum germanicum, ist aber jetzt meist durch
ein feines, wolliges Baumwollgewebe, English
Lint, Linteum carptum anglicum, verdrängt
worden.

Schellack (Gummilack, Lackharz, lat.
Lacca, Gummi lacca, frz. Gomme laque, engl.
Lac) ist das Erzeugnis einer kleinen roten
Schildlaus (Tachardia lacca, Coccus
lacca, Coccus fica), die in Ostindien auf ver-
schiedenen Bäumen und Sträuchem, namentlich
auf Schleicheria trijuga, Anona squamosa, Butea
frondosa, Croton lacciferus, Ficus- und Urosti-
qua-Arten lebt. Die Tiere, die an den von ihnen
befallenen Stellen dicht gedrängt rund um den
Zweig sitzen, schwellen nach der Befruchtung
blasenförmig zu Erbsengroße auf, füllen sich
mit Eiern und einer lebhaft roten Flüssigkeit
und umgeben sich mit der harzigen, allmählich
erhärtenden Masse, welche das Tier wie eine
Kapsel völlig einschließt. Hiermit ist der Lebens-
lauf des Muttertieres abgeschlossen, die junge
Brut aber, die aus den Eiern hervorgeht, nährt
sich von dem roten Safte und bahnt sich nach
ihrer völligen Entwicklung einen Weg ins Freie.
Die verlassenen Wohnungen, die in größeren
Massen dicht geschlossene, rauhe Borken bil-
den, werden mit den Zweigen abgebrochen und
liefern den Stocklack (lat. Lacca in raraulis
seu baculis, frz. Laque en bätons, engl. Stick-
Lac), mit dessen Einsammlung sich die Be-
wohner verschiedener Gegenden Ostindiens, be-
sonders am Ganges, beschäftigen. Der Stock-
lack bildet rauhe, außen braunrötliche Röhren
oder Bruchstücke von solchen, oft mit noch an-
sitzendem Zweigstücke, ist leicht zerbrechlich,
auf dem Bruch glänzend und enthält im Inneren
die zahlreichen Brutzellen, die teils leer sind,
teils noch roten Farbstoff enthalten. Je nach
der Herkunft zerfällt diese Rohware in mehrere
Sorten, unter denen die von Siam, eine sehr
dunkelfarbige, braune oder schwärzliche und
an Farbstoff reiche am höchsten, die ben-
galische, farbstoffarme, daher gelbe oder gelb-
rötliche am wenigsten geschätzt wird. Beim
Abklopfen von den Zweigen zerfällt der Stock-
lack in Körner, den sog. Körnerlack (lat.
Lacca in granis, frz. Laque en grains, engl.
Seed-Lac). Beide enthalten den Lac dye ge-
nannten Farbstoff des Sch., der für die meisten
Zwecke durch Ausziehen mit schwacher Lauge
entfernt werden muß. Die entfärbte Masse wird
        <pb n="399" />
        ﻿Schellfische

392

Schiefer

dann in wurstförmigen Säcken vorsichtig er-
wärmt, der austretende geschmolzene Lack auf
Metallblech gestrichen, von dem es in der be-
kannten dünnblättrigen Form als Sch. lemon
oder orange abspringt. —Außerdem kommen
noch Knopf Schellack, Blut-Rubin- oder
Granat-Schellack in den Handel, welche di-
rekt, ohne Entfernung des Farbstoffs, durch
einfache Auswahl aus dem Stocklack hergestellt
werden und kleine, meist runde, wenig durch-
scheinende, hellbraune bis braunrote Tafeln von
sehr glatter Oberfläche und reiner Masse bilden.
— Sch. ist eine natürliche Mischung verschie-
dener Harze, insgesamt etwa 900/0, und enthält
außerdem noch mehr oder weniger Farbstoff
und etwas Wachs. Weingeist löst ihn in der
Kälte unter Hinterlassung des Wachses, heißer
Weingeist nimmt apch von diesem etwas auf,
das sich aber beim Erkalten wieder ausscheidet.
Die trübe Lösung kann durch Filtrieren geklärt
werden. In Benzin ist Schellack selbst unlöslich,
während die Wachsmasse dadurch zur Lösung
gebracht wird. Zur Entfernung der für einige
Zwecke störenden Wachs- und Farbmasse wird
der Sch. bisweilen noch weiter raffiniert, zuerst
mit Lauge erhitzt, dann mit Eau de Javejle ent-
färbt und mit Säurerl ausgeschieden und in Form
von Stangen oder Zöpfen als gebleichter Sch.
(Lacca alba depurata in bacillis, frz. Laque
purifi£, engl. Purified lac) in den Handel ge-
bracht. Die verschiedenen Schellacksorten wer-
den vielfach zur Herstellung von Lacken, nament-
lich Spirituslacken und Polituren, benutzt und
geben einen schnell trocknenden, schön glän-
zenden Überzug. Durch Zusatz von Teerfarb-
stoffen oder anderen Farben erhält man die
farbigen Spirituslacke. Außerdem wird Sch.
zu Siegellack und in der Feuerwerkerei zu
den rauchschwachen Buntfeuern verwandt. Ge-
pulverter Schellack findet entweder für sich,
oder in Verbindung mit anderen Harzen, als
Kitt, Verwendung. Die beim Aufkochen von Sch.
mit alkalischer Boraxlösung erhaltene leimartige
Masse, die nach dem Trocknen einen wasser-
dichten Überzug bildet, führt als Steife für Hut-
macher den Namen Wasserfirnis. Mit Teer-
farben und anderen Farben gefärbt, ergibt sie
die sog. Lederappreturen. — Ein als Lacca
in tabulis bezeichnetes schellackartiges Gummi
soll sich auch aus Fouquiera splendens, der in
Nordamerika am Rio grande heimischen Oco-
tillapflanze, gewinnen lassen. — Die Versen-
dung des Schellacks aus dem Ursprungslande
Ostindien geschieht meist über Kalkutta, nach
London und Hamburg, in Kisten von etwa 70 kg,
die mit Sackleinwand bedeckt sind. Zum Nach-
weise der häufigen Verfälschungen durch Kolo-
phonium und andere Harze behandelt man
den Sch. mit Benzin, worin er, abgesehen von
den geringen Wachsmengen, unlöslich ist.

Schellfische. Diese zu den Gadiden, einer
Familie von Weichflossenstachlern, ge-
hörenden langgestreckten Seefische mit schlei-
miger Haut und kleinen Rundschuppen, großer
Mundöffnung, zwei bis drei Rücken- und einer
kehlständigen Bauchflosse, bilden einen wich-
tigen Gegenstand des Massenverbrauchs bis weit
in das Binnenland hinein. Die größte Bedeutung
hat die Gattung Gadus, mit drei Rücken- und

zwei Afterflossen, und zwar erstens der Kabel-
jau, Gadus morrhua (s. d.), zweitens der
Schellfisch, Gadus aeglefinus (Haddock
in England), ein 30—40 cm langer Fisch mit
braunem Rücken und silberigen Seiten, aus-
geschnittener Schwanzflosse und gerader Seiten-
linie, und drittens Gadus merlangus, Mer-
lan, auch Wittling genannt, in Nordeuropa.
Weitere S. sind Merlucius vulgaris, der
Seehecht, in der Nordsee und im Mittelmeer,
und die Aalraupe, Lota fluviatilis, in Süß-
wasser. — Hinsichtlich der Verwendung des
eigentlichen S,:. Siehe Kabeljau.

Schiefer (frz. Ardoise ou Schiste, engl. Slate).
In der Gesteinskunde werden mit diesem Na-
men alle Sedimentgesteine belegt, die sich
in mehr oder weniger dünne, annähernd ebene
Platten spalten lassen. Da diese Eigenschaft
vielen Gesteinen zukommt, so hat man auch
ebenso viele verschiedene Schiefersorten, wie
Glimmerschiefer, Chloritschiefer, Ton-
schiefer, Grauwacken schiefer, Kiesel-
schiefer, Kupferschiefer, Mergelschie-
fer und Talkschiefer. Im Handel versteht
man jedoch unter S. ohne nähere Bezeichnung
nur diejenigen Sorten, welche sich als Dach-
schiefer oder Tafe 1 sch,iefer eignen. Sie
sind in Platten abgesonderte dunkle Gesteine,
die in der Hauptsache aus kleinen mit Ton und
Glimmer verkitteten Quarzkörnern bestehen und
entweder durch Kohle schwarz, durch Eisen-
oxyd rötlich, bräunlich bis violett oder durch
Chlorit grünlich gefärbt erscheinen. Ihre Härte
ist gering, der Bruch matt. In chemischer Hin-
sicht enthalten sie neben etwas Eisen, Alkali und
Erdalkali 50—700/0 Kieselsäure und 15—35%
Tonerde. Ihrer Entstehung nach gehören sie
teils zum kristallinischen Urtonschiefer, teils zu
der Übergangsformation. Die Schieferbrüche
werden entweder im Tagbau wie gewöhnliche
Steinbrüche oder unterirdisch wie Bergwerke
betrieben. In beiden Fällen ist immer viel
wildes Gestein zu beseitigen, zwischen welchem
der brauchbare S. in Schichten liegt. In Deutsch-
land wird der beste S. im Thüringer Walde ge-
funden, und namentlich der aus den berühmten,
seit Jahrhunderten betriebenen Brüchen von
LehestenimMeiningenschengewonnene zeich-
net sich durch Güte, Reinheit und Schönheit
aus. Die Blöcke werden in möglichster Größe
abgebaut und sogleich auf den Spalthütten in
Arbeit genommen, weil sie sich im Zustande
ihrer natürlichen Erdfeuchtigkeit am leichtesten
zerlegen lassen. Dicke Platten für Grabmonu-
mente, Fußbodenbelag, Tröge und Tischplatten
werden durch Sägen, Behauen und Schaben in
die verlangte Form gebracht, die dünneren Plat-
ten zur Dachbedeckung und Schreibtafeln durch
Spalten mit stählernen Meißeln hergestellt. Die
Form der Platten wird bei gewöhnlichem Dach-
schiefer durch Schlagen auf einem Amboß mit
scharfen Kanten, bei feinerer Ware durch Schnei-
den auf einer Stockschere erzeugt. Das letztere
gilt namentlich von dem sog. Schablonen-
schiefer, der nicht nur quadratisch und lang
viereckig, sondern auch 5-, 6-, 8 eckig und in
anderen Formen hergestellt wird. Der Tafel-
schiefer erhält seine Glätte durch Schaben und
Schleifen, worauf er meist eingerahmt (Schie-
        <pb n="400" />
        ﻿Schieferöl

393

Schießbaumwolle

fertafeln) in den Handel kommt. Nächst Le-
kesten ist die Umgegend von Gräfenthal in
Thüringen reich an gutem S. Hier findet sich
neben vortrefflichen Stücken zu Schiefertafeln
auch der Griffelschiefer, der nicht in Plat-
ten, sondern gleichsam holzartig spaltet, so daß
ein Block, der an richtiger Stelle im bruchfeuch-
ten Zustande einen Schlag erhält, sogleich in
eine große Zahl von Stengeln auseinanderfällt,
hie durch Schaben noch etwas abgeglichen wer-
den. Die Schieferbrüche bei Goslar am Harz
ergeben vorzügliche Dachplatten, ausgezeichnet
durch Festigkeit und große Dünnspaltigkeit.
Andere Lager finden sich im Rheinlande, Erz-
gebirge, Großbritannien, Frankreich und Bel-
gien. Englischer S. findet noch immer in
Norddeutschland vielfachen Absatz, weil die
Wasserfracht billiger ist als die Beförderung
aus dem Binnenlande. Guter Dachschiefer muß
vollständig ebenflächig, glatt und möglichst dünn
sein, damit die Tafeln das Dach nicht zu sehr
belasten. Auf dem Querbruche soll er genügend
dicht erscheinen und darf auch keinen ein-
gesprengten Schwefelkies enthalten, weil er
sonst leicht verwittert.

Schieferöl nennt man die Öle, welche durch
hockene Destillation aus bituminösen, d. h.
von Erdharzen oder Erdölen durchdrunge-
nen Schiefern gewonnen w-erden. Sie bestehen
aus Kohlenwasserstoffen, die sich als Brenn-
öle verwerten lassen, haben aber seit dem Auf-
kommen des Petroleums an Bedeutung verloren.

Schieferschwarz (frz. Noir de schiste, engl.
Slate black), eine wohlfeile Anstrichfarbe, die
aus groberdigem, zerreiblichem, durch Kohle
schwarz gefärbtem Schieferton, sog.
schwarzer Kreide, durch Mahlen hergestellt
wird, findet sich am besten in der Gegend von
kcnnes in Frankreich sowie bei Saalfeld.

Schierling (lat. Herba conii s. cicutae, frz.
Teuilles de cigue, engl. Hemlock leaves), die be-
kannte zweijährige Doldenpflanze Conium
ataculatum, die sich in der Nähe von Ort-
schaften, an Zäunen, Wegen, auf Schutthaufen
wie in fruchtbarem Lande ansiedelt und eine
Nöhe von 9—12 dm und darüber erreicht, hat
einen runden, hohlen, bläulich bereiften Stengel,
der nach oben stark verästelt, an seinen unteren
leiten wie an denen der stärkeren Äste und den
mattscheiden aber mit dem Artmerkmal, rot-
braunen oder purpurroten Flecken, versehen ist
(gefleckter S.). Die dreifach gefiederten,
glanzlosen Blätter sinddenenderPetersilie außer-
0rdentlich ähnlich, die im zweiten Jahre erschei-
nenden Blüten weiß. Durch das völlige Fehlen
v°n Härchen oder sonstigen Anhängseln an
allen Teilen der Pflanze kann diese von ver-
wandten Arten unterschieden werden. Das Kraut
■st vor der Blütezeit einzusammeln, von den
dickeren Stengeln zu befreien und rasch zu
tfocknen. Frisch zerrieben riecht es widerwärtig
und fast betäubend nach Mäuse- und Katzen-
Urin und schmeckt ekelhaft süßbitterlich. Durch
das Trocknen schrumpft es unter Dunkelfär-
bung sehr ein und muß wegen leichter Ver-
derbnis gut auf bewahrt und alle Jahre erneuert
Werden. Alle Teile der Pflanze, auch die Wurzel
und die Früchte, enthalten zwei eigentümliche
Qrganische Basen, das Koniin (s. d.) und das

Konhydrin, und sind sehr giftig. Das ge-
pulverte Kraut sowie daraus hergestellte Ex-
trakte und Tinkturen werden in sehr kleinen
Gaben innerlich bei Keuchhusten, Asthma usw.,
medizinisch angewandt. — Die Schierlings-
früchte, fälschlich Schierlingssamen ge-
nannt (lat. Fructus conii maculati, frz. Semences
de cigue, engl. Hemlock seeds), sind durch
fünf auf der Wölbung des Rückens befindliche
erhabene helle Riefen, die wellenförmig gekerbt
erscheinen, gekennzeichnet und unterscheiden
sich hierdurch leicht von anderen ähnlichen
Früchten, z. B. Kümmel, Fenchel. Man benutzt
sie zur Darstellung des Koniins.

Schießbaumwolle (Pyroxylin, Nitrozellu-
lose, nitrierte Baumwolle, lat. Pyroxylinum,
frz. Pyroxyline, engl. Pyroxylin), eine deutsche
Erfindung, wurde zuerst und beinahe gleich-
zeitig im Jahre 1846 von Schönbein in Basel
und Böttcher in Frankfurt a. M. hergestellt.
Die anfangs überschwenglichen Erwartungen,
daß in der S. ein völliger Ersatz des Schieß-
pulvers für Sprengungen und Schußwaffen ge-
funden worden sei, schienen zunächst nicht in
Erfüllung zu gehen. Erst nachdem es durch die
Arbeiten v. Lenks und später Abels gelungen
war, die Ursache der Selbstentzündlichkeit zu
beseitigen, fand sie allgemeinen Eingang in die
Sprengtechnik. Das Verfahren zu ihrer Dar-
stellung beruht auf derselben Grundlage wie
das der Nitroglyzerinfabrikation. Reine Zellu-
. lose, besonders entfettete, durch Krempeln ge-
reinigte Baumwolle, wird in ein Nitrierungs-
gemisch von Salpetersäure und Schwefelsäure
gebracht, eine Zeitlang darin belassen und dann
aufs , sorgfältigste durch Waschen mit viel
Wasser in Zentrifugen von jeder Spur anhaf-
tender Säure befreit. Nachdem sie dann in
einem Papierholländer unter starkem Wasser-
zufluß vollständig zu Brei vermahlen ist, wird
sie entweder außerordentlich vorsichtig bei 40
bis 500 getrocknet, oder durch Behandlung mit
Alkohol entwässert, oder endlich direkt in
feuchtem Zustande weiter verarbeitet. Nach
dem Abelschen Verfahren wird der noch feuchte
Brei durch Pressen unter hohem Druck in Pa-
tronen, Sprengröhren und Scheiben geformt, die
unter Umständen noch durch Imprägnieren mit
Kautschuk- oder Paraffinlösungen gegen Feuch-
tigkeit unempfindlich gemacht werden. Auch
läßt sich der Brei in einer hin und her gehen-
den Trommel in Körner (gekörnte S.) ver-
wandeln, die dann durch kurzes Eintauchen in
Essigäther gehärtet werden. — Bei der Ni-
trierung hat die Baumwolle ihr Aussehen nicht
geändert, fühlt sich aber härter und rauher an
und ist durch Aufnahme der Nitrogruppe um
5oo/0 schwerer geworden. Wie dasNitroglyzerin
ist auch die S. kein eigentlicher Nitrokörper,
sondern ein Ester der Salpetersäure, und zwar
Zellulosehexa- oder nach anderen Angaben
-trinitrat. Sie löst sich nicht in Wasser, Alkohol
und Essigsäure, schwer in Äther und Azeton,
hingegen leicht in Essigester, Nitrobenzol und
Ätheralkohol. Frei entzündet, verbrennt die S.
blitzartig, aber mit so geringer Kraftentwick-
lung, daß sie eine darunter befindliche Wage
nicht ins Schwanken bringt. Durch Druck,
Schlag oder plötzliche Entzündung auf hohe
        <pb n="401" />
        ﻿Schießpulver

394

Schildkröten

Temperatur explodiert sie hingegen mit un-
geheurer Gewalt, welche diejenige des Pulvers
bis zum Zehnfachen übertrifft. Die S. wird vor
allem zu Sprengungen benutzt und hat hierbei
den Vorzug, daß das Bohrloch nicht verrammt
zu werden braucht. Ferner dient sie zum Füllen
von Torpedos, Granaten und Minen und zur
Herstellung des rauchlosen Pulvers. Die in ähn-
licher Weise hergestellte Kollodiumwolle
(s. d.) ist Zellulosetetranitrat. Die S. kann in
feuchtem oder gekörntem Zustande völlig ge-
fahrlos versandt werden. Während des Krieges
ist es gelungen, die Sch. aus Holzzellulose her-
zustellen und dadurch die auf die Abschneidung
der Baumwolle gesetzten Hoffnungen der Feinde
zu vereiteln.

Schießpulver (Pulver, frz. Poudre ä canon,
engl. Gun-powder), ein wahrscheinlich schon
seit uralten Zeiten bekannter Stoff, besteht aus
Mischungen von Salpeter, Kohle und Schwefel
in wechselnden Verhältnissen, die durch be-
sondere Maßnahmen in eine gekörnte Form
übergeführt werden. Zur Herstellung des S.
werden reinster, chlorfreier Kalisalpeter, selbst-
gemahlener Stangen- oder Brotschwefel (hin-
gegen keine Schwefelblumen) und eine beson-
ders leichte, poröse Holzkohle verwandt. Vor
allem eignet sich hierzu die Kohle von Pappel,
Faulbaum, Linde und Kastanie, die in geschäl-
ten, daumendicken und völlig trockenen Stäben
in eisernen Zylindern auf picht zu hohe Tempe-
raturen, am besten mit überhitztem Wasser-
dampf, erhitzt werden. Auch Flachs, Hanf und
Weinrebe geben gute Kohle. Bei einer Tempe-
ratur von 270—3000 erhält man die rasch-
entzündliche, für Jagdpulver geeignete Rot-
kohle,bei35o°dieschwererbrennbare Schwarz-
kohle für Kriegspulver. Zur Vermeidung von
Wasseranziehung und Selbstentzündung wird
die Kohle möglichst bald in Stampfwerken oder
Kugelmühlen zerkleinert, in den mit Leder
überzogenen Mengtrommeln mit der erforder-
lichen Menge Schwefel und Salpeter vermischt und
die mit etwas Wasser gleichmäßig angefeuchtete
Masse auf einem endlosen Tuche zwischen Wal-
zen hindurchgeführt oder durch hydraulische
Pressen verdichtet. Man erhält hierdurch Plat-
ten von dem Aussehen und der Härte des Schie-
fers, die zwischen geriffelten Walzen oder in
mit Sieben versehenen Körnmaschinen inKörner
verschiedener Größe zerteilt werden. Die letz-
teren werden an der Luft vorgetrocknet, in
Trommeln durch gegenseitige Reibung poliert
und darauf bei höherer Temperatur völlig ge-
trocknet. Zum Versand kommt das P. in
Fässer, für größere Mengen und Entfernungen
aber erst in leinene oder lederne Säcke und mit
diesen in Holzfässer. Kleinere Mengen Jagd-
pulver werden auch in Glas- oder Blech-
flaschen versandt. Pulverfässer sollen nie ge-
rollt, sondern stets getragen Werden. Die ein-
zelnen Pulversorten unterscheiden sich sowohl
durch die chemische Zusammensetzung wie den
Grad der Feinheit. Jagdpulver enthält im Durch-
schnitt meist 77 Teile Salpeter, 13 Kohle,
10 Schwefel; Militärpulver 75 Teile Salpeter,
15 Kohle, 10 Schwefel; Sprengpulver 66 Teile
Salpeter, 11 Kohle, 23 Schwefel. Erhöhter
Schwefelgehalt macht das Pulver unempfind-

licher gegen Feuchtigkeit und haltbarer für den
Versand, erniedrigt aber die Sprengkraft und
verlangsamt die Verbrennung. Größerer Koh-
lenstoffgehalt steigert die Entzündlichkeit, aber
auch die Neigung zum Feuchtwerden. Groß-
körniges Pulver verbrennt langsamer und wird
daher als Geschützpulver verwandt. DasPirsch-,
Jagd- oder Scheibenpulver ist die feinste
Sorte mit mohnsamengroßen, polierten und run-
den Körnern. Das Musketenpulver ist gröber
und weniger poliert, noch grobkörniger das
meist aus eckigen Bruchstücken bestehende Ge-
schützpulver.Für großes Belagerungsgeschütz,
Strandbatterien und Schiffsgeschütze wird meist
das prismatische Pulver benutzt, das aus
sechsseitigen, von sechs Kanälen durchzogenen
Prismen besteht und durch Pressen des an-
gefeuchteten Pulverkuchens in Formen her-
gestellt wird. Gutes S. muß staubfrei sein und
darf nicht abfärben. Das Korn sei fest und
gleichmäßig schwach glänzend, die Farbe blei-
grau. Tiefschwarzes Pulver hat entweder einen
zu hohen Kohlenstoffgehalt oder ist naß ge-
wesen. Der Feuchtigkeitsgehalt soll 11/2 0/0 nicht
übersteigen. Auf Papier verbrannt, darf gutes
S. die Unterlage nicht entzünden und nur einen
unbedeutenden schwarzen Fleck hinterlassen. —
Das für die Handfeuerwaffen des Heeres be-
stimmte rauchlose Pulver (Blättchenpul-
ver) wird durch Auflösen von Schießbaum-
wolle in Essigäther, Azeton oder Alkoholäther,
Auswalzen der entstehenden gelatineartigen
Masse und Zerschneiden in runde oder vier-
eckige Blättchen hergestellt. Dieses Pulver
brennt, mit offener Flamme entzündet, schnell,
aber ruhig ab. Im geschlossenen Raume explo-
diert es ohne Rauchentwicklung. Von anderen
rauchlosen Pulvern besteht das Nobelsche
Ballistit aus einem Gemenge von Kollodium-
wolle mit Nitroglyzerin, das Kordit der eng-
lischen Armee aus einem Gemisch von Nitro-
glyzerin mit in Azeton gelöster Schießbaum-
wolle. Auch hat man Verbindungen der Pikrin-
säure zu gleichem Zwecke (Pikratpulver) her-
angezogen.

Schildkröten (frz.Tortues, engl. Turtles). Von
diesen zur Klasse der Amphibien gehörigen
Tieren bilden mehrere Arten ihres nahrhaften
und schmackhaften Fleisches wegen einen Gegen-
stand des Lebensmittelhandels. So wird von den
Landschildkröten die bis zu 2 kg schwere
griechische S., Testudo graeca, in gan?
Italien und Griechenland regelmäßig auf den
Markt gebracht, und in Brasilien bildet eine
andere Landschildkröte, der Schabuti (Te-
studo tabulata), ein wichtiges Nahrungsmittel-
Die schmackhafteste und wichtigste aller Arten,
die im Atlantischen Ozean lebende Suppen'
Schildkröte, Chelonia Mydas, erreicht unter
Umständen ein Gewicht von 500 kg, hält sieb
vorzugsweise in der Nähe der Küste auf um-
legt ihre Eier in ein in den Sand oder die Erde
gegrabenes Loch. Die Schildkröteneier
mehrerer Arten werden ebenfalls genossen und
auch, eingesalzen und mariniert, in den Handel
gebracht. Aus dem Fleische bereitet man di®
Schildkrötensuppe (engl. Real turtle souj&gt;)
sowie auch Ragouts (Würzfleisch) und Fri-
kassees (Schnittfleischgerichte). Echte Schild'
        <pb n="402" />
        ﻿Schildkrötenöl

395

Schlangenwurzel

krötensuppe sowie unechte, nachgemachte Schild-
krötensuppe (engl. Mock turtle soup) kommt in
luftdicht verschlossenen Blechbüchsen zum Ver-
kauf.

Schildkrötenöl (Schildkröteneieröl). Die
Eier der Schildkröten enthalten ein fettes
öl, das in manchen Gegenden, so namentlich
am mittleren und unteren Orinoko in großer
Menge gewonnen wird. Die Tiere legen ihre
Eier auf gemeinschaftlichen Brutplätzen am
Ufer des Flusses in Gruben, die sie mit ihren
Hinterfüßen in den Sand scharren. Die Indianer
graben den Boden vorsichtig auf, nehmen die
Eier heraus und werfen sie in große, mit Wasser
gefüllte Tröge, in denen sie mit Schaufeln zer-
drückt, umgerührt und der Sonne ausgesetzt
werden. Das obenschwimmende Öl wird ab-
geschöpft und über freiem Feuer erhitzt, wo-
durch es an Haltbarkeit gewinnt. Es ist schwach
gelblich gefärbt, geruchlos und dem Olivenöl
ähnlich und dient zur Bereitung von Speisen so-
wie als Brennöl. Auch rühmt man ihm nach,
daß es gegen Lungenleiden wirksamer als Leber-
tran sei, da es vom Magen besser vertragen
werde.

Schildkrot (Schildpatt, frz. Ecaille, engl.
Tortoise shell, Shell of sea turtles) nennt man
die homartigen, aus verdicktenEpidermiszei-
len bestehenden oberen Platten des Rücken-
schildes mehrerer Arten von Schildkröten.
Die Schale der ihres wohlschmeckenden Flei-
sches wegen geschätzten Riesenschildkröte
oder Suppenschildkröte, (CheloniaMydas)
kann wegen ihrer geringen Dicke nur zu La-
ternen gebraucht werden, hingegen werden
andere Arten, deren Hornpatten klar durch-
scheinend und buntfarbig, gelb, rot, braun,
schwarz geflammt oder gewölkt sind, besonders
die Karetschildkröte (Chelonia Caretta)
und die schuppige Schildkröte (Chelonia
■mbricata) lediglich ihres S. wegen gefangen.
Das beste Schildpatt stammt aus dem ost-
indischen Inseimeer und wird je nach den Be-
zugswegen chinesisches oder ostindisches
genannt, doch kommen auch aus dem Roten
Meer schöne schwere Stücke, die auf dunkel-
gelbem Grunde braunschwarze Flecken zeigen,
über Kairo in den Handel. Vom Schildkröten-
panzer verwendet man nur das Rückenschild,
das aus zwölf um eine sechseckige Mittelpatte
ungeordneten Tafeln besteht. Die Patten wer-
den in der Weise abgenommen, daß man die
Panzer über Kohlenfeuer hält, wodurch sie sich
von dem darunterliegenden Teile des Rücken-
schildes trennen. Der Wert des S. hängt, außer
von der guten Färbung, besonders auch von der
Größe und Dicke ab, das beste muß dick, durch-
sichtig, lebhaft gefärbt und großgefleckt sein.
Die bekanntesten Sorten sind das indische,
schwarz mit gelber und roter Zeichnung, das
sehr dicke, veilchenblaue von den Seyschel-
len, das außen muschelgrüne, innen schwärz-
liche, mit bräunlichem Schein und gelben
Eiecken versehene amerikanische und das in
sehr großen, weichen und biegsamen, blaß-
Selben, rotgelb und schwarz gefleckten Stücken
?aftretende S. von der Insel Bourbon. Das S.
■st seiner Natur und seinen Eigenschaften nach
dem Horn sehr ähnlich, aber von feinerer und

derberer Masse, nicht so faserig und blätterig
und daher politurfähiger. Es läßt sich auch in
gleicher Weise wie Hom bearbeiten, durch
siedendes Wasser erweichen und pressen und
in trockener Hitze schweißen und findet daher
zur Herstellung von Dosen, Kämmen, Messer-
heften und Schmuckwaren Verwendung. Nach-
ahmungen von S. werden hergestellt, indem
man auf weißem Hom, Knochenleim u. dgl.
durch Beizen ähnliche Farben und Zeichnungen
hervorbringt oder auch die Abfälle von der Ver-
arbeitung des echten S. in geeignete Form bringt.

Schinken (frz. Jambon, engl. Ham), die ein-
gesalzenen und geräucherten Hinterschenkel
der Schweine, bilden einen bedeutenden Gegen-
stand des Handels. Besonderen Ruf genießen
die westfälischen und pommerschen S., nächst-
dem die aus Thüringen, Braunschweig und Hol-
stein stammenden Erzeugnisse. In Frankreich
sindBayonne, Bordeaux undTroyes wegen ihrer
S. besonders bekannt.

Schlackensteine. Aus Schlacke, d. h. den beim
Schmelzen von Erzen mit Zuschlägen entstehen-
den geschmolzenen Abfällen, werden durch
Gießen in Formen würfelförmige und auch pris-
matische Steine gefertigt, die eine schwarzgraue
Farbe besitzen und namentlich zum Pflastern
von Straßen dienen. Sie sollen sich gut halten
und werden in großem Umfange in den Handel
gebracht.

Schlangen Wurzel. Diesen Namen führen zwei
verschiedene Wurzeln, t. Die hin und her ge-
bogene ausdauernde Wurzel des auf allen feuch-
ten Wiesen vorkommenden Wiesenknöte-
richs (Polygonum bistorta), aus der Fami-
lie der Polygonazeen, die sog. Schlangen-
oder Natterwurzel (lat. Rhizoma bistortae,
frz. Rhizome de bistorte, engl. Snake root)
schmeckt sehr herb- und bitter, besitzt einen
hohen Gehalt an Gerbstoff, Gallussäure und
Stärkemehl und wird als adstringierendes Mittel
verwendet. 2. Die virginische Schlangen-
wurzel (lat. Rhizoma serpentariae, frz. Rhi-
zome de serpentaire de Virginie, engl. Serpen-
tary root), die ihren Namen nicht von ihrer Ge-
stalt, sondern von ihrem angeblichen Gebrauch
als Mittel gegen Schlangenbiß erhalten hat,
stammt von der Aristolochiazee Aristo-
lochin Serpentaria oder Endodeca Ser-
pentaria (Raff.), einer krautartigen Pflanze mit
ausdauerndem Wurzelstock, die in den schat-
tigen Wäldern der östlichen und südlichen Ver-
einigten Staaten häufig wächst. Sie besteht aus
einem kurzen, 2 mm dicken, gewundenen, oft
Reste von Blättern und Stengeln tragenden
Wurzelstock, von dem zahlreichem—9 cm lange,
dünne, blaßbraune, durcheinander gewirrte Fa-
serwürzelchen ausgehen. In der Rinde finden
sich zahlreiche Öldrüsen. Der Geruch ist gewürz-
haft kampferähnlich, der Geschmack bitter und
scharf. Die Wurzel, die außer ätherischem Öl
ein grünlichgelbes Weichharz und einen Bitter-
stoff enthält, wird als Pulver oder Aufguß medi-
zinisch gegen Fieber und Typhus verordnet
und muß in gut verschlossenen Blech- oder
Glasgefäßen aufbewahrt werden. Etwaige Ver-
wechslungen mit der Wurzel von Spigelia
marylandica (L.) erkennt man daran, daß
letztere geruchlos und dunkelbraun bis schwärz-
        <pb n="403" />
        ﻿Schlehenblüten

396

Schminken

lieh ist, während die ebenfalls ähnlichen Wur-
zeln von Asarum virginianum (L.) sichdurch
ihre Gliederung und schwärzliche Farbe unter-
scheiden.

Schlehenblüten (Schlehdornblüten,
Schwarzdornblüten, lat. Flores acaciae, frz.
Fleurs de prunelle, engl. Black thorn ilowers),
die getrockneten weißen Blüten des in ganz
Europa an sonnigen Orten wachsenden Schle-
henstrauches, Prunus spinosa, schmecken
bitterlich zusammenziehend, besitzen frisch
einen schwachen Bittermandelölgeruch und wer-
den als Hausmittel in Form von Tee verwendet.
— Die Schlehenfrüchte werden teils frisch,
teils getrocknet als Obst genossen oder auch
zur Herstellung von Likör benutzt.

Schleif- und Wetzsteine unterscheiden sich
der Form nach dadurch, daß die ersteren als
Scheiben auf Achsen gesteckt sind und beim
Gebrauch in Umlauf gesetzt, die länglich ge-
formten Wetzsteine hingegen meist mit der
Hand geführt werden. Die Umlauf steine werden
sowohl aus weißem als aus grauem Sandstein
gehauen, doch kommt es bei ihnen nicht, wie
bei Mühlsteinen, auf große Härte an. Sie dürfen
vielmehr nur mäßige Härte besitzen, müssen
aber in ihrer Masse sehr gleichartig, feinkörnig
und frei von härteren Einschlüssen sein. Gute
Rohstoffe für Schleifsteine finden sich in Böh-
men, Thüringen, Bayern und Württemberg. —
Wetzsteine im engeren Sinne zum trockenen
Schärfen von Sensen, Sicheln und Strohmessern
erhalten eine nach beiden Enden verjüngt zu-
laufende Form und werden meist aus blauem
oder grauem Tonschiefer, zum Teil auch Kiesel-
schiefer, hergestellt. — Andere Sorten zum nassen
Abziehen feinerer Schneidwerkzeuge (mit Wasser
oder Öl), sog. Wetzschalen oder Streich-
schalen, besitzen eine länglichgerade Form
und bestehen aus Wetzschiefer, einer von
Kieselsäure durchdrungenen, daher harten, hell-
oder grünlichgrauen Tonmasse, die im ge-
meinen Tonschiefer schmale Zonen bildet.
Steine dieser Art finden sich bei Sonneberg und
Saalfeld in Thüringen, Lerbach und anderen
Orten am Harz, in Sachsen (grüner Ölstein) und
den Ardennen. Die früher sehr gesuchten le-
vantischen Ölsteine, eine . graubraune, von
Kieselsäure durchdrungene Abart des Dolomits,
kommen in Blöcken nach Marseille, wo sie erst
gespalten und bearbeitet werden. Die Ar-
kansasschalen aus Nordamerika, ebenfalls
sehr gute Ülsteine, die zum Schleifen der
feinsten Messerwaren geeignet sind, bilden eine
weißliche, unglasiertem Porzellan ähnliche Masse
und bestehen aus einer Art Chalzedon. —- Für
die eigentlichen Schleif- oder Drehsteine wer-
den oft künstliche Ersatzmittel in verschie-
dener Art hergestellt, z^ B. an der Weise, daß
man gemahlenen feinkörnigen Sandstein mit
Ton mengt und die Masse formt und brennt,
oder daß man scharfe Pulver wie Sand, Bims-
stein, Schmirgel, gestoßenes Glas mit einem
Bindemittel wie Wasserglas, Kautschukmasse,
Schellack oder Magnesiazement vereinigt. Am
meisten bedient man sich hierzu des Schmirgels
in Verbindung mit Schellack, die hieraus ge-
fertigten Schleifscheiben greifen selbst Stahl
und Glas sehr gut an.

Schlichte nennt man in der Weberei benutzte
Lösungen von Leim oder Stärke, mit denen die
Stoffe zur Erhöhung der Haltbarkeit getränkt
werden.

Schmelzbutter (Butterschmalz, Flöß-
butter) nennt man geschmolzene Butter,
die durch Auslassen, Erwärmen über mäßigem
Feuer bis zum Kochen, unter stetem Umrühren
und Abnehmen des Schaums von allen Bei-
mengungen; Wasser, Käsestoff, Milchzucker
und Salzen befreit worden ist. Sie wird in irdene
oder Steintöpfe oder auch Holzbutten gegossen
und zum Erkalten kühl gestellt. Die S. hat vor
der Butter den Vorzug größerer Haltbarkeit
und wird besonders in Süddeutschland benutzt.

Schmelztiegel (frz. Creuset, engl. Crucible
oder Melting-pot) nennt man Gefäße, welche
dazu bestimmt sind, starre Körper zu schmelzen
oder doch einer hohen Temperatur auszusetzen.
Das Material, aus dem sie hergestellt werden,
richtet sich teils nach der Höhe der Tempera-
tur, die sie auszuhalten haben, teils nach der
Natur der Stoffe, die man darin erhitzt. Der
Form nach sind sie meist konisch mit kreis-
rundem Querschnitt, bis auf die sog. hessi-
schen S. mit abgerundet dreieckigem Quer-
schnitt, die besonders in Großalmerode und
Ebterode in der Provinz Plessen aus feuer-
festem Ton und Quarzsand hergestellt und ge-
wöhnlich in Sätzen von sechs Stück, die genau
ineinanderpassen, versandt werden. Scha-
mottetiegel dienen zum Schmelzen von Guß-
stahl und Glas, Graphittiegel aus Graphit und
feuerfestem Ton zum Schmelzen von Gold,
Silber, Messing, Neusilber und Gußstahl. Guß-
eiserne Tiegel eignen sich nur für ganz be-
stimmte Zwecke, und Porzellantiegel, Pla-
tintiegel und Silbertiegel hauptsächlich für
Arbeiten in chemischen Laboratorien. Zum
Schmelzen von Platin verwendet man Kalk-
tiegel.

Schmiermittel, Schmieröle. Zum Schmieren
von Maschinen kommen hauptsächlich die
Rückstände von der Petroleumdestilla-
tion in Frage (s. Mineralöle), doch werden
auch die verschiedensten fetten Öle und festen
Fette als S. verwendet. Wagenschmiere wird
aus Harzöl und Vaselin hergestellt und oft roh
Graphit, Seife oder Harz versetzt. Der fein
gemahlene Graphit (s. d.) dient als S. nament-
lich für Maschinenwellen, um das Heißlaufen zu
verhindern.

Schminken sind kosmetische Mittel, welche
dazu dienen, der Haut einen zarten Ton zu
geben, oder, wie z. B. die Theaterschminken,
die Haut, Augenbrauen usw. der Rolle ent-
sprechend zu färben. Sie werden sowohl parfü-
miert als auch unparfümiert in den Handel ge'
bracht. — Trockene Schminken in Pulver-
form (lat. Pulvis cosmeticus, frz. Poudre eps-
mütique, engl. Cosmetic powder) bestehen aus
feinstem Reispuder, dem Magnesiumkarbonat,
Talkum, Veilchenwurzel usw. zugesetzt werden-
Als Parfüm verwendet man hauptsächlich M°'
schus, Patschuli, Heliotrop, Rose usw. Die ein-
zelnen Bestandteile müssen aufs feinste ge-'
pulvert und dann innig verrieben werden. Als
Farbstoffe sind nur giftfreie Farben, z. B. Kar-
min, Karthamin, Zinkweiß usw. zu ver-
        <pb n="404" />
        ﻿Schmirgel

397

Schoenit

wenden. — Fettschmink.en (lat. Unguenta
cosmetica, frz. Päte de cosmdtique, engl. Cos-
metic pate) bestehen aus Lanolin, Benzoe-
schmalz, Kakaobutter oder anderen Grundlagen,
die innig zu einer homogenen Masse verrieben
werden müssen, ehe man die Riechstoffe und
die Farben zusetzt. — Schminkstifte (lat.
Styli cosmetici, frz. Bätons de cosmdtique, engl,
Cosmetic sticks) werden aus der vorher er-
wähnten Salbengrundlage unter Zusatz einer
Wachsmischung geformt. — Die früher be-
nutzten Schmink papiere oder die Schmink-
lappen (lat. Bezetta rubra, frz. Tournesol de
drapeau, engl. Tournosol) bestanden aus feinen
Batiststoffen, die mit Koschenillelösungen ge-
tränkt und dann getrocknet wurden. — Wäh-
rend man bis Ende des vorigen Jahrhunderts in
bezug auf Schminken hauptsächlich auf Paris
und ,London angewiesen war, sind jetzt die in
Deutschland, z. B. von Leichner in Berlin, her-
gestellten S. den ausländischen zum mindesten
ebenbürtig.

Schmirgel (Smirgel, lat. Lapis smiridis, frz.
Emeril, engl. Emery), ein äußerst wichtiges
und massenhaft gebrauchtes Mittel zum Schlei-
fen und Polieren von Metallen, Steinen und
Glas, besteht im wesentlichen aus dichtem Ko-
rund (s. d.) mit beigemengtem Magneteisen.
Das Mineral tritt in derben Massen auf und
muß zum Gebrauch erst gestoßen und ge-
schlämmt werden. Es besitzt in seinen kleinsten
Teilen eine solche Härte, daß es das wirksamste
Schleifpulver nach dem Diamantstaub bildet, ist
aber nicht an allen Orten seines Vorkommens
gleich gut. Die beste und gesuchteste Ware von
der griechischen Insel N axia, dem alten Naxos,
hat eine gleichmäßig dunkelgraue Farbe und
ein Korn von besonderer Härte und Feinheit.
Sie ist für gewisse Zwecke,, namentlich für
Spiegel- und Edelsteinschleifer, unersetzlich,
während für andere, namentlich zum Stahl-
polieren, neuerdings sehr brauchbarer S. aus
Kleinasien (sog. türkischer S.) eingeführt wird.
Das Mineral kommt von Smyrna wie auch von
Naxia im unzerkleinerten Zustande und wird
erst in den Verbrauchsländern durch Stampfen,
Mahlen und Schlämmen gebrauchsfähig gemacht.
Die verschiedenen Sorten, von denen gröbere
zum Rauhschleifen, feinere zum Polieren dienen,
Werden durch Nummern oder die Zeitangabe
der Schlämmdauer unterschieden. Die Körner
haben die Größen des feinen bis groben Schieß-
pulvers. Außer in Pulverform, meistens mit Öl
gemischt, wird der S. auch noch, auf Papier
oder Zeug befestigt (Schmirgelpapier und S.-
Leinwand, s. Glaspapier), zum Schleifen von
Messing, Argentan und Stahlwaren sowie mit
Schellack eingeschmolzen und, in Formen ge-
gossen, zu künstlichen Schleifsteinen, Scheiben
Und Feilen verwandt,

Schnecken. Die Weinbergschnecke, Helix
Pom ata, bildet in Italien, Österreich, der
Schweiz und Süddeutschland ein beliebtes Volks-
Nahrungsmittel (Fastenspeise), das in besonde-
ren Schneckengärten oder S'chneckenbergen
durch Mästen gefangener Tiere marktfähig ge-
macht wird und auch, in Säcke oder Fässer ver-
packt, in den Handel gelangt. Der Verkauf ge-
schieht nachHundert oderSchock. DieSchnecken

sind’vom Spätherbst an, im ganzen Winter bis
zum März, solange sie mit Deckeln verschlossen
sind, genießbar und werden mit Salat, Gemüse-
abfall, Kleie usw. gemästet; Das Gehäuse ist
gelb, graubraun gestreift, etwas durchscheinend,
bis 9 cm breit und etwa 9 cm lang. Zum Ver-
speisen wird der Deckel geöffnet, die Schnecke
herausgezogen, von der schwarzen Haut, den
harten Teilen an Kopf und Schwanz und allen
schleimigen Teilen befreit, dann mit Salz ein-
gerieben, gut gewaschen und entweder ge-
backen, gebraten, gekocht oder zu Schnecken-
salat verarbeitet. Auch benutzt man sie zur
Herstellung von Suppen (Kraftsuppe gegen Aus-
zehrungskrankheiten), Schneckenmilch oder
Schneckendekokt (Decoctum helicum). Außer
der Weinbergschnecke verwendet man noch
die Kreiselschnecke, den Goldmund, das
M i d a s o h r und auf den ostindischen und
australischen Inseln große, bis x/2 kg schwere
Seeschnecken, die auch nach China verkauft
werden und dort besonders mit Essig und Zi-
tronensaft eine beliebte Speise bilden. Ein-
gemacht in Gläsern, Büchsen oder Flaschen,
oder frisch in Blechbüchsen verlötet, gelangen,
sie auch auf weite Entfernungen zum Versand.

Schneeballrinde (lat. Cortex vlburni prunifolii,
frz. Ecorce de viburne, engl. Viburnum bark),
die Rinde des amerikanischen Schneeball-
strauches, aus der artenreichen Familie der
Kaprifoliazeen, hat ein rot- bis graubraunes
Außere und ist mit höckrigen schwarzen Punk-
ten besetzt. Sie enthält Viburnin, Bitter-
stoff und Baldriansäure und wird in Ex-
traktform, z, B. gegen Krampfleiden, verwandt.

Schneiderkreide wird entweder aus Speck-
stein, Talkum, in Form dünner Scheiben ge-
schnitten oder aus gepulvertem Talkum in herz-
förmige, flache Stücke gepreßt. Außer der
weißlichen gibt es auch künstlich rot oder blau
gefärbte S. sowie in Holz gefaßte Stifte, ähn-
lich den Bleistiften. Die S. ist ein weiches
Zeichenmaterial, das sich besonders zum Vor-
zeichnen auf Tuch, Samt, Seide usw. eignet.

Schöllkraut (lat. Herba chelidonii, frz. Chdli-
doine, engl. Celandine) ist das Kraut von Che-
lidonium majus, einer Pflanze aus der Familie
der Papaverazeen, die in Europa und Mittel-
asien heimisch ist. Die Blätter sind zottig be-
haart, hellgrün gefärbt und mehrpaarig ge-
fiedert. In der Pflanze findet sich ein gelber
Milchsaft, der z. B. gegen Warzen angewandt
wird. Das Kraut dient als harntreibendes und
abführendes Mittel, doch ist der alkaloidischen
Bestandteile halber Vorsicht geboten.

Schönheitsmittel. Hierunter versteht man die
große Zahl der kosmetischen Mittel, die zur
Reinigung, Pflege oder Färbung der Haut, des
Haares oder der Mundhöhle verwandt werden
und aus den verschiedensten Stoffen des Tier-,
Mineral- und Pflanzenreichs in Form von Aus-
zügen, Mischungen oder Verreibungen bestehen.
Zu ihrer Herstellung sollen nur völlig giftfreie
Farben Verwendung finden. Falls eine Parfü-
mierung gewünscht wird, darf, diese nicht so
hervortreten, daß sie aufdringlich erscheint.

Schoenit, ein Abraumsalz, besteht aus wasser-
haltigem Kalium-Magnesium-Sulfat (K0S04-j-
I MgSOA+6HäO).
        <pb n="405" />
        ﻿Schollen

398

Schuppenfelle

Schollen (Seeschollen, Flach-, Platt-
fisch, Seitenschwimmer), Raubfische mit
gutem Fleisch, stark zusammengedrücktem, sehr
hohem, fast scheibenartigem Körper, unsym-
metrischem Kopfe und nur auf einer Seite be-
findlichen Augen, sind an der oberen Körper-
seite wie der Meeresboden, dunkel schmutzig,
an der unteren oder Bauchseite weiß gefärbt
und zuweilen gefleckt. Die Rücken- und Bauch-
flosse ist sehr lang und ungeteilt. Meist liegen
die S. gesellig im schlammigen, flachen Meeres-
grund, mit Sand bedeckt, auf einer Seite oder
schwimmen mit der Augenseite nach oben. Ihre
Färbung verändert sich, der Umgebung ent-
sprechend. Von den zahlreichen Arten sind zu
erwähnen: i. Die Flunder oderFlunker, auch
Teerbutt genannt (Pleuronectes flesus L.),
die von der französischen Küste bis Irland und
in der Ostsee vorkommt und 30 cm lang sowie
bis 3 kg schwer wird, erscheint graubraun mit
dunklen Flecken (vgl. Flunder). 2. Die ge-
meine Scholle, der Goldbutt oder das
Platteisen (P.platessa L.), 50cm lang, 9 kg
schwer, braun, grau, gemarmelt, gelb gefleckt
und auf der Blindseite gelb- und grünlichweiß,
hat die gleiche Verbreitung und wird in großen
Mengen frisch tmd geräuchert versandt. 3. Der
Heilbutt (Hippoglossus Cuv.) zeigt schma-
leren, gestreckteren Leib. 4. Der Heiligbutt
oder die Riesenscholle (Hippoglossus vul-
garis Flem.), bis 2 m lang und 250 kg schwer,
ist besonders wichtig für die Nordländer. 5. Der
Steinbutt, Turbot (Rhombus maximus),
ein besonders geschätzter Fisch, bis 2 m lang
und bis 35 kg schwer, an der Augenseite höcke-
rig, braun, marmoriert und heller gefleckt, lebt
in der Nord- und Ostsee und im Mittelländi-
schen Meer. 6. Der yGlattbutt (Rhombus
laevis Cuv.), 40 cm lang, bis 4 kg schwer,
braun, dunkelbraun marmoriert, perlenartig hell
gefleckt, in der Nord- und Ostsee bis zum At-
lantischen Ozean. 7. Die längliche Zungen-
scholle, Soolen oder Sole (Solea Gthr.), mit
rechtsstehenden Augen und sehr großer After-
flosse. 8. Die Zunge, Seezunge (Solea vul-
garis Quensel), bis 64 cm lang, 3—4 kg schwer,
wird besonders in England in großen Mengen
verbraucht. Butten und Zungen gedeihen auch
im Süßwasser, in Teichen und Aquarien. — Alle
zur Gattung S. gehörenden Fische werden so-
wohl frisch als auch eingesalzen und getrocknet,
zum Teil auch geräuchert genossen. — Über
den Handel und die Bereitungsarten vgl.
Flunder.

Schreibmaschinenbänder enthalten als Farb-
körper in Öl gelöste Teerfarben oder mit Öl an-
geriebenen Kohlenstoff, gerbsaures Eisen u. dgl.
Wir fanden auf 1 m 1,55 mg Eisen und in bis
178 mg Kohle.

Schrot (Bleischrot, Hagel, frz. Dragde,
Plomb de chasse, engl. Shot) wird in der Weise
hergestellt, daß man stark erhitztes Blei löffel-
weise in ein Sieb gießt, dessen Boden mit Blei-
krätze bedeckt ist. Die Tropfen durchfallen den
Schrotturm in einer Höhe von30—36m,ballen
sich zu Kugeln und erstarren, bevor sie das
auf dem Boden befindliche Wassergefäß er-
reichen (Patentschrot). Um die große Höhe
der Schrottürme auf die Hälfte vermindern zu

können, treibt man den fallenden Tropfen
neuerdings einen kräftigen, durch Ventilatoren
erzeugten Luftstrom entgegen. Das hierzu ver-
wendete weiche Blei erhält einen Zusatz von
0,3—0,6 0/0 Arsen in metallischem Zustande oder
in Form von Schwefelarsen oder arseniger
Säure, bisweilen wird das Arsen auch durch
Antimon ersetzt. Das aus dem Wasserbottich
genommene S. wird sogleich an der Luft oder
in erwärmten eisernen Pfannen getrocknet.
Hierauf folgt das Aussondern aller fehler-
haften (namentlich ovaler) Körner und das Sor-
tieren nach der Korngröße, indem man das S.
eine schiefe Ebene, die in bestimmten Ent-
fernungen durch Spalten von etwa 80 mm Weite
unterbrochen ist, hinunterlaufen läßt. Die
ovalen Körner laufen im Bogen.und fallen über
die Seitenränder ab, die runden eilen in gerader
Richtung hinunter, die schwersten überspringen
alle Spalten, weniger schwere fallen durch eine
frühere Spalte ab. Schließlich folgt noch eine
Scheidung durch Rüttelsiebe und, um die Körner
vor Oxydation zu schützen, ein Polieren in
Lauftrommeln mit etwas gepulvertem Reißblei.
Die verschiedenen Sorten werden mit Num-
mern bezeichnet. Nr. 00 und o oder PP, P, 00,
o geben die gröbsten, Nr. 10—12 oder 14—16
die feinsten Sorten an. — Rehposten (frz.
Chrevotines, Postes, engl. Buck-shot) sind S.
von 5—6 mm Korndurchmesser, doch versteht
man darunter auch zylindrische, durch Guß in
Formen oder Pressen hergestellte Geschosse
von gleichem Durchmesser. Die feinsten S. von
0,6—1,0 mm Durchmesser heißen Vogeldunst
(frz. Cendrde, engl. Dust shot).

Schuhwichse wird in der Weise hergestellt,
daß man Beinschwarz, Melasse, Dextrin und
Wasser sorgfältig verreibt, etwas grünes Baum-
öl oder ein ähnliches fettes Öl hinzumischt und
dann noch einen geringen Zusatz von Schwefel-
säure macht. Die fertige Ware wird in Blech-
oder Holzschachteln zum Verkauf gebracht.
Gute S. soll einen dauerhaften Glanz auf dem
Leder erzeugen. —- Da die S. bei Zutritt von
Feuchtigkeit die Kleidungsstücke durch Ab-
färben beschmutzt und außerdem nicht in bun-
ten Farben herzustellen ist, hat man seit meh-
reren Jahren die sog. Schuhcremes und Ap-
preturen in den Handel gebracht. — Die Cre-
mes sind aus Zeresin, Wachs, Karnaubawachs
und Terpentinöl zusammengeschmolzen und je
nach Wunsch für farbige Leder mit Teerfarben
gefärbt. Sie geben durch einfaches Aufreiben
dem Leder Glanz und konservieren es gleich-
zeitig. — Appreturen sind Auflösungen von
Schellack in Borax und Wasser mit nachheriger
Färbung. Sie werden mit einem Schwämmchen
oder Pinsel aufgetragen und vertreten die Stelle
des Lederlacks.

Schuppenfelle. Diesen Namen führen im Pelz-
handel die Felle des Waschbären, Procyon
lotor Desm. Der Waschbär, die kleinste
Bärenart von etwa Fuchsgröße, bewohnt ganz
Nordamerika, und zwar weniger den hohen
Norden als die Vereinigten Staaten und Kanada,
und wird in größter Anzahl in den Staaten
Michigan, Wiskonsin, Illinois und Ohio, ferner
auch in Arkansas und Tennessee von eigens da-
zu abgerichteten Hunden gefangen. Die dicht-
        <pb n="406" />
        ﻿Schwämme

399

Schwarzwurzel

wolligen weichen Felle zeigen dunklere oder
hellere graubraune Färbung mit wechselnden
Schattierungen. Die 16—21 cm langen Schweife
sind gelbbraun mit schwarzen Ringeln. S. bilden
einen der wichtigsten Gegenstände des Rauch-
warenhandels und gehen in der Zahl von jähr-
lich etwa 600000 Stück über den Leipziger
Markt. Hauptsächlich werden sie in Rußland
verbraucht" und bilden hier das Pelzwerk der-
jenigen Mittelklasse, der Wolfspelze zu schlecht
und Bären zu teuer sind. Schwarz oder braun
gefärbt bilden sie seit einigen Jahren auch eine
Modeware für Frankreich, England, Deutsch-
land und die Vereinigten Staaten. Der Wert der
Felle stuft sich nach Güte und Färbung be-
deutend ab.

Schwämme (Badeschwämme, Wasch-
schwämme. Seeschwämme, lat. Spongiae,
frz. Eponges, engl. Sponges) bestehen aus den
Gehäusen einer auf der niedrigsten Stufe der
organischen Welt stehenden Tiergattung, sog.
Tierpflanzen, Zoophyten, Spongia offi-
cinalis, Achilleum lacinulatum, die sich in
allen wärmeren Meeren, auf dem felsigen Grunde
aufgewachsen, in den mannigfaltigsten Arten
vorfinden. Jeder Schwamm bildet eine Kolonie
zahlreicher Tiere, deren aus' einer gallert-
artigen Masse (Sarkode) bestehender Körper
die Poren des Gehäuses ausfüllt und dieses
auch äußerlich überzieht. Die b e s t e n Schwämme
stammen aus dem östlichen Teile des Mittei-
th eer es von der syrischen und kleinasiatischen
Küste und mehreren Inseln des Griechischen
Archipels. Nächst diesen kommen die S. von
der Ostküste des Adriatischen Meeres bis
Triest sowie von der afrikanischen Küste von
Tripolis bis Marokko und aus dem Roten Meere.
Fine geringere Sorte bilden die Bahama-
schwämme aus Westindien, die meist am
Grunde eine stark braunrote Färbung zeigen
und seit einigen Jahren auch an den Küsten
von Kuba gefischt werden. Zum Loslösen der
Schwämme bedient man sich, wo es möglich
lst, wie bei Nauplia, eines an langer Stange be-
festigten Eisens, bei größerer Meerestiefe aber
der Taucher. Die herausgebrachten S. werden
s°fort durch Auswaschen mit Wasser von dem
Schleim befreit, gereinigt und getrocknet, bis-
weilen allerdings auch betrügerischerweise zur
Beschwerung mit Sand eingerieben und so aus-
Seführt. Die Mittelmeerschwämme kommen
•heist über Triest, Venedig, Livorno, Marseille,
Genua und Tripolis in den Handel, teils in
Fisten, teils in Ballen gepackt, die kleineren
Sorten an Schnüren aufgereiht. Für die Bahama-
^der amerikanischen S. sind Hamburg und
“temen die hauptsächlichsten Einfuhrplätze. Sie
"'erden hier gebleicht und in handliche Formen
geschnitten und je nach der Güte unter den
Famen: Graß, Velvets, Reefs usw. in den Han-
del gebracht. Das Bleichen erfolgt mit Wasser-
stoffsuperoxyd oder durch Eintauchen in Ka-
*lumpermanganatlösung und nachherige Ent-
erbung in einer Natriumhyposulfitlösung unter
$usatz einiger Teile Salzsäure. Der Güte und
l°rmnach unterscheidet man 1.Champignons,
,le feinsten, kleinporigen, hellfarbigen, sehr
e*astischen SC'J 2. Damen- oder Toilette-
Schwämme, sehr feinporige weiche S. (Diese

beiden Sorten bezeichnet man als „Levantiner“.)

3.	Gewöhnliche S., von denen man un-
angereihte, auf Venetianer Art angereihte und
auf Triester Art aufgeschnürte unterscheidet.

4.	Zimoccaschwämme oder Zemocca-
schwämme, feinporige, aber festere und här-
tere, und infolgedessen sehr haltbare S. 5. Pf erde-
schwämme, die größten, und im Gegensatz zu
den vorhergehenden, großporigen Sorten. Sämt-
liche S. werden außerdem noch in verschiedene
Wert- und Größennummern sortiert, und der
Abfall oder Ausschuß unter dem Namen Kropf-
schwamm verkauft. Alle S. dürfen weder zu
feucht noch zu trocken aufbewahrt werden, da
sie im ersteren Falle leicht übelriechend und
rotfleckig werden, im letzteren aber zu sehr an
Gewicht verlieren. Die wichtigste Verwendung
der S. ist bekannt, erwähnt mag nur noch wer-
den, daß man mit geschmolzenem Wachs ge-
tränkte und gepreßte Schwammschnitte unter
dem Namen Preßschwamm (Spongia cerata)
führt. Auch wurde früher aus den Schwamm-
abfällen (Kropfschwamm) durch Verglühen eine
Kohle, Carbo spongiae, hergestellt, die ihres
geringen Jodgehaltes wegen als Mittel gegen
den Kropf Anwendung fand.

Schwarzkümmelsamen (Kreuzkümmel, lat.
Semen nigellae, frz. Semence de nigelle, engl. Ni-
gelle seeds), ein Gegenstand des Drogenhandels,
der in der tierärztlichen Praxis und als Gewürz
Verwendung findet, stammt von mehreren Arten
der den Ranunkulazeen angehörenden Gattung
Nigella. In Südeuropa und Deutschland baut
man den gemeinen Schwarzkümmel, Ni-
gella sativa L., eine 25—30 cm hohe Pflanze,
die auch römischer oder schwarzer Ko-
riander, Katharinenblume, Kapuziner-
und Nardenkraut, Nardensamen usw. ge-
nannt wird, während im Orient der Damas-
zener Schwarzkümmel von Nigella Da-
mascena L. bevorzugt wird. Die Früchte des
letzteren sind etwas kleiner, riechen gewürz-
hafter und zeigen beim Reiben einen erdbeer-
artigen Geruch. S. enthält etwa 35 0/0 fettes Öl
und 1/2 0/0 ätherisches öl, die erstere Sorte
außerdem einen Bitterstoff, Melianthin, der
Damaszener S. hingegen ein Alkaloid, das Da-
maszenin, das im ätherischen .Öl blau flu-
oresziert.

Schwarzwurzel (lat. Radix consolidae seu sym-
phyti, frz. Racine de symphyte, engl. Symphyti
root), die Wurzel von Symphytutn offici-
nale, einer zu der Gattung der Boragineen
gehörenden Pflanze, wird medizinisch als schleim-
lösendes Mittel benutzt und enthält Schleim,
Gerbstoff und Asparagin. — Mit demselben
Namen bezeichnet man auch eine beliebte Ge-
müsepflanze, Scorzonera hispanica, deren
Wurzeln wie Spargel zubereitet werden und ge-
röstet als Kaffee-Ersatz Verwendung finden. Die
Pflanze wird 0,6-—1,3 m hoch, ist zwei- und
mehrjährig, besitzt gelbe, wie Vanille riechende
Blüten und große lange Blätter und wächst auf
Kalkboden auch wild. Der Anbau verlangt tief
gelockerten Boden in offen zugiger Lage, dünne
Reihensaat im März oder April und gute, aber
nicht frische Düngung. Oft erlangen die Wur-
zeln schon im ersten Jahre die zum Gebrauch
erforderliche Größe und Stärke, gute Finger-
        <pb n="407" />
        ﻿Schwefel

400

Schwefel

dicke, meist aber erst im zweiten Herbst. Zur
Aufbewahrung werden sie in frostfreien Räu-
men eingeschlagen und bleiben so lange zart
und brauchbar, als'beim Zerbrechen noch der
Milchsaft ausfließt. Verkauft werden die Wur-
zeln in Bündeln auf Wochenmärkten. In Deutsch-
land zeichnet sich besonders Bamberg durch
den Anbau aus.

Schwefel (lat. Sulfur seu Sulphur, frz.Soufre,
engl. Sulphur). Der Schwefel ist schon seit den
ältesten Zeiten bekannt. Die Alchimisten be-
trachteten ihn als die Ursache der Verbrenn-
lichkeit sowie als den Träger der Verschieden-
artigkeit der Metalle in Farbe und sonstigen
Eigenschaften. Sein Vorkommen in freiem Zu-
stande als sog. gediegener S. knüpft sich vor-
zugsweise an Gegenden, in denen vulkanische
Kräfte tätig sind oder einst waren. So findet
er sich in der Romagna, in Sizilien, Spanien
und Griechenland, auf Island, bei Bahara Sa-
phinqua am Roten Meere, in Kalifornien, Mexiko
und Südamerika entweder in Form von Körnern,
Kristallen oder Knollen, oder aber in ausgedehn-
ten Lagern, mit Gips, Kalkstein und bitumi-
nösem Mergel gemischt. Man erklärt sich die
Entstehung des S, in vulkanischen Gegenden
aus der Umsetzung der beiden Gase Schwefel-
wasserstoff und schweflige Säure. Diese ent-
strömen Erdlöchern (Solfataren) und zer-
setzen sich beim Zusammentreffen unter Ab-
scheidung von S., der an den Austrittsöffnun-
gen Krusten bildet. Teilweise dringen die vul-
kanischen Gase auch in das lockere Erdreich
ein und hinterlassen in diesem den S. Eine der
großartigsten Solfataren ist die von Puzzuoli
bei Neapel. Viel reichlicher und verbreiteter als
freier S. kommen seine Verbindungen in der
Natur vor. An Metalle gebunden, findet er sich
in verschiedenen Erzen, die in der Mineralogie
als Kiese, Glanze und Blenden bezeichnet
werden. Die bekanntesten sind Kupferkies.
Eisenkies, Bieiglanz, Antimonglanz, Molybdän-
glanz und Zinkblende. In Verbindung mit Ar-
senik bildet der S. die Mineralien Realgar und
Auripigment. Auch in Form von schwefelsauren
Salzen kommt er sehr verbreitet vor. Derartige
natürlich vorkommende schwefelsaure Salze
(Sulfate) sind z. B. der Gips, der Schwerspat,
der Kieserit und das Bittersalz. Im Tier- und
Pflanzenreich finden sich ebenfalls Schwefel-
verbindungen, z. B. im Knoblauch- und Asa-
foetidaöl sowie vor allem in den Eiweißkörpern.
Die überwiegende Menge des im kontinentalen
Handel vorkommenden S. wird aus den natür-
lichen Lagerstätten Italiens, hauptsächlich in
der Romagna und auf Sizilien, gewonnen. Auf
Sizilien erstreckt sich die schwefelhaltige Gegend
an der Südküste von Girgenti nordöstlich bis
an den Fuß des Ätna in einer Länge von un-
gefähr 25 Meilen bei 5—6 Meilen Breite. Man
gewinnt das schwefelhaltige, Gestein und Erd-
reich, das außer S. noch Gips, Kalkstein und
M(ergel enthält, teils direkt aus den zutage
liegenden Anhäufungen, teils bergmännisch aus
den in der Tiefe sich befindenden Lagern. Die
Gesteine enthalten durchschnittlich etwa 250/0 S.,
die reichsten gegen 5°°/°- Bei einem Schwefel-
gehalt unter 10 0/0 ist die Verarbeitung un-
lohnend. Die Abscheidung des natürlichen ge-

diegenen S. aus dem Gestein und Erdreich ge-
schah früher in Sizilien auf folgende höchst
einfache Weise: In runden, 2,5 m im Durchmesser,
0,4 m in der Tiefe messenden Erdlöchern (Cal-
carelle) wurden die Erze zu einem hohen
Haufen aufgeschichtet, dieser dann am Abend
angezündet und am anderen Morgen der durch
die Wärme in dem äußeren Ringe der Ver-
tiefung angesammelte geschmolzene S. aus-
geschöpft. Zur Vermeidung der mit diesem
rohen Verfahren verbundenen Verluste wendet
man seit 1858 ein verbessertes Ausschmelz-
verfahren in den sog. Calcaroni an. Die letz-
teren sind runde, etwa 2,5 m tiefe Gruben von
10 m Durchmesser, die mit einer geglätteten
Gipsmauer ausgekleidet sind und meist an einem
Abhange liegen, so daß sich ein vollständiges
Abfließen des S. ermöglichen läßt. In den Gru-
ben werden die Schwefelerze aufgeschichtet und
dann der ganze Haufen von der Gestalt eines
abgestumpften Kegels mit ausgebrannten Erzen
bedeckt. Der durch Anzünden des Haufens von
unten zum Schmelzen gebrachte S. sammelt
sich an der tiefsten Stelle wieder an, fließt dann
durch ein Zapfloch in einen Behälter und wird
schließlich in Formen gegossen. Neuerdings ge-
winnt man den S. in Sizilien auch dadurch, daß
man die Schwefelerze einfach in großen Pyra-
miden aufschichtet, diese nach Art eines Meilers
dick mit Erde bedeckt und unter der Decke in
Brand setzt. Hierbei geht ziemlich wenig S-
durch Verbrennen verloren, und die Methode
ist deshalb recht vorteilhaft, wenn auch etwas
langwierig, da das Ausschmelzen eines Meilers
gegen 20 Tage erfordert. Aus besonders schwe-
felreichen Erzen scheidet man den S. auch durch
Ausschmelzen in Kesseln bei möglichst geringer
Hitze und möglichster Fernhaltung der Luft ab-
Nachdem die Masse einige Zeit in Fluß gestalt'
den und die fremden Teile sich zu Boden ge'
setzt haben, schöpft man den S. in naßgemaebte
hölzerne Kästen und läßt ihn zu Blöcken er-
starren. Das weit zweckmäßigere Verfahren,
den S. durch Ausschmelzen in geschlossenen
Gefäßen mit gespanntem Wasserdampf oder
durch Destillation schwefelreicherer Erze, wi®
es in der Romagna gang und gäbe ist, zu ge'
winnen, läßt sich in Sizilien nicht ausführen,
weil dort der S. das einzige Brennmaterial bil'
det und Kohlen zu kostspielig sind. — Alle1
durch Ausschmelzen gewonnene S. ist Roh'
Schwefel, der in unregelmäßigen Brocken &gt;n
den Handel kommt und zur Darstellung von
Schwefelsäure ohne weiteres benutzt werden
kann. Der Hauptabnehmer für sizilianischcn
Rohschwefel ist England. Für viele ander®
Zwecke puuß der S. vorher einer Reinigung
(Raffination) unterzogen werden. — Das Rai'
finieren des Rohschwefels, der außer erdig®11
Beimengungen oft auch Arsen enthält, wird ^
verschiedenen Mittelmeerstädten, besonders 111
Marseille, ausgeführt, doch finden sich Schw®'
felraffinerien auch in Antwerpen, Schönebec*
usw. Die Reinigung geschieht ..tjurch Sublim3)
tion oder Destillation. Zu diesem,.Zwecke
der S. in gußeisernen Retorte^j^er horizoö
talen Zylindern in Dampf verw^rfde^und die5®
durch einen Kanal in eine gemauerte Kamt11®
geleitet, worin er sich, solange die Temperata
        <pb n="408" />
        ﻿Schwefel

401

Schwefel

des Raumes unter 1120 bleibt, als feines kristal-
linisches Pulver — Schwefelblumen (lat. Flo-
res sulfuris seu Sulfur sublimatum, frz. Fleurs
de soufre, engl. Flowers of sulphur) — ver-
dichtet. Nehmen aber im weiteren Verlauf der
Destillation die Kammerwände die Temperatur
an, bei welcher der S. schmilzt, so können sich
keine Schwefelblumen mehr bilden, sondern aller

S.	sammelt sich im geschmolzenen Zustande im
unteren Raume an. Hier wird er von Zeit zu
Zeit abgelassen und in Formen gegossen, größ-
tenteils zu den bekannten Stangen — Stangen-
schwefel — oder auch zu Broten. Von den
wichtigsten Ausfuhrhäfen für den sizilianischen
S., Girgenti, Katania und Licata, werden jähr-
lich etwa 200—300 Millionen Kilogramm in den
Handel gebracht. Der in der Romagna vor-
kommende S. wird durch Destillation der Schwe-
felerze gewonnen, meist in Rimini raffiniert und
von dort aus versandt. Die Schwefelbrüche an
der Westküste des Roten Meeres gehören einer
Gesellschaft und finden sich in den schroffen
Gipsfelsen, die den Küstensaum bilden. In
neuerer Zeit sind auch auf Island gewaltige
Schwefellager gefunden worden. Kleinere Men-
gen werden ferner in Schweden, Frankreich und
Böhmen durch Destillation von Schwefelkiesen
aus tönernen oder eisernen Retorten gewonnen,
doch scheidet sich bei der Verarbeitung von
Eisenkiesen nur ein Teil des S. ab, während der
Rest als Röstrückstand in den Retorten verbleibt
und zur Gewinnung von Eisenvitriol benutzt
wird. Die Schwefelerzeugung aus Kiesen lohnt
sich übrigens nur dann, wenn das Brennmaterial
billig zu beschaffen ist. In Swoszowice bei Kra-
kau wird der S., der sich dort in erdigem Zu-
stande in Mergel eingelagert findet, mit Schwe-
felkohlenstoff extrahiert und letzterer
durch Abdestillieren immer wieder gewonnen,
so daß die Herstellungskosten dieses' sehr reinen
S. ziemlich niedrige sind. Der Swoszowicer S.
führt den Namen Extraktiohsschwefe 1.
Eine nicht unbedeutende Menge von S. wird
endlich auch aus den Abfällen der Soda-
fabrik en, die neben kohlensaurem Kalk Na-
diumsulfid und Kalziumsulfid enthalten, als sog.
regenerierter (Retour-) S. gewonnen.—Der ge-
wöhnliche S. stellt einen gelben, spröden Kör-
per vom Atomgewicht S = 32 dar, welcher in
Wasser unlöslich, in Alkohol und Äther etwas
löslich ist. In reinem Zustande hat er weder
Geruch noch Geschmack und ist ohne, Ein-
wirkung gegen Lackmus. Bei 1140 schmilzt der
gewöhnliche S. zu einer hellgelben, dünnen
Flüssigkeit, bei etwa 1600 wird er braun und
zähflüssig, bei 2500 dunkelbraun und so dick-
flüssig, daß er beim Umkehren des Gefäßes
rücht ausfließt. Bei noch stärkerem Erhitzen
Wird er wieder dünnflüssiger, aber nicht heller,
und bei 448° beginnt er zu sieden und verwan-
delt sich in einen bräunlichgelben Dampf. Der
kommt in mehreren Modifikationen, sowohl
lrn kristallisierten als auch im amorphen Zu-
stande, vor. Kristallisiert findet er sich als
Rhombischer oder oktaedrischer S. sowohl
fertig gebildet in der Natur als auch ausgeschie-
den aus einer Schwefelkohlenstofflösung, und
jds monokliner oder prismatischer S. in
bfäunlichgelben Prismen, die sich beim lang-
et ercks Wareulexikon.

samen Erkalten des geschmolzenen S. bilden.
Sowohl der rhombische wie der monokline S
lösen sich leicht in Schwefelkohlenstoff. Auch
im amorphen Zustande findet sich der S. in
mehreren Modifikationen: Der zähe oder pla-
stische S. wird als braune, elastische Masse
erhalten, wenn man S. auf 2500 erhitzt und die
geschmolzene Masse in einem dünnen Strahle
in kaltes Wasser gießt. Der pulverige, in
Schwefelkohlenstoff unlösliche S. bildet
den Hauptbestandteil der Schwefelblumen und
stellt ein gelbes, lockeres Pulver dar. Der pul-
verige, in Schwefelkohlenstoff lösliche
S. oder die Schwefelmilch entsteht bei der
Zerlegung der Polysulfide durch Salzsäure und
bildet ein gelblichweißes Pulver. — Wird S. an
der Luft erhitzt, so verbrennt er mit blauer
Flamme zu schwefliger Säure, einem eigentüm-
lich stechend riechenden Gase. Durch Einwir-
kung von Salpetersäure, Salzsäure und Königs-
wasser verwandelt er sich in Schwefelsäure.
Konzentrierte Schwefelsäure löst den S. in der
Wärme unter Entwicklung von schwefliger
Säure, ebenso lösen ihn Laugen in der Wärme
auf, wobei sich Polysulfide und unterschweflig-
saure Salze bilden. Um S. in einem Körper
nachzuweisen, schmilzt man ihn, mit Soda ge-
mischt, auf Holzkohle, bringt die Schmelze auf
eine blanke Silbermünze und befeuchtet mit
Wasser, worauf bei Anwesenheit von S. ein
brauner Fleck von Schwefelsilber entsteht (He-
parreaktion). — Im Handel unterscheidet man
Stangenschwefel, Schwefelblumen, gereinigten
S., präzipitierten S. und grauen S. Die ersteren
beiden bilden den gewöhnlichen S. und ent-
halten außer geringen Mengen anderer zufälli-
ger Verunreinigungen noch Spuren Arsen und
Selen sowie als unvermeidliche Folge teilweiser
Oxydation beim Raffinieren schweflige Säure
bzw. Schwefelsäure. — Der Stangenschwe-
fel (lat. Sulfur in baculis, frz. Soufre en canons,
engl. Canes of Sulphur) kommt in gelben,
glänzenden, runden Stücken von 5—8 cm Durch-
messer und kristallinischem Gefüge in den Han-
del. — Die Schwefelblumen (lat. Flores sul-
furis, Sulfur sublimatum, frz. Soufre sublime,
Fleurs de Soufre, engl. Sublimed Sulphur, Flo-
wers of Sulphur) stellen ein Gemenge aus wenig
kristallinischem und viel amorphem S. dar und
bilden ein säuerlich schmeckendes gelbes Pul-
ver. Sie dürfen für den innerlichen Gebrauch
medizinisch nicht verwendet werden, sondern
nur im gereinigten Zustande als sog. ge-
waschener oder gereinigter S. (lat. Sulfur
depuratum, Sulfur lotum, frz. Soufre lavö, engl.
Washed sulphur). Diese Reinigung erfolgt durch
Behandlung mit verdünntem Ammoniak und
nachfolgendes Waschen mit Wasser, wobei vor-
handene Schwefelsäure gebunden und Arsen
gelöst wird. Der gereinigte S. ist ein gelbes,
geruch- und geschmackloses Pulver von neu-
traler Reaktion. Der präzipitierte S., Schwe-
felmilch (lat. Sulfur praecipitatum, Lac sul-
furis, frz. Lait de soufre, engl. Milk of sulphur)
ist höchst fein zerteilter, fast weißer S. Zu
seiner Darstellung wird gereinigter S. mit frisch
bereiteter Kuhmilch bis zur Auflösung gekocht
und zu der gelbbraunen Flüssigkeit, die neben
unterschwefligsaurem Kalk Fünffach-Schwefel-

26
        <pb n="409" />
        ﻿Schwefelbalsam

402

Schwefelkohlenstoff

kalzium (Kalkschwefelleber) enthält, so viel
Salzsäure hinzugefügt, daß nur die Kalkschwefel-
leber zur Zersetzung gelangt. Unter Entweichen
von Schwefelwasserstoff fällt S. nieder, der gut
ausgewaschen und getrocknet wird. Der prä-
zipitierte S. ist in Schwefelkohlenstoff leichtlös-
lich und von neutraler Reaktion. Das offizineile
Mittel darf weder freie Schwefelsäure, noch
Gips oder Arsen enthalten. — Der graue S.
oder Roßschwefel (lat. Sulfur griseum, Sul-
fur caballinum, frz. Soufre cabalin, engl. Horse
sulphur) besteht aus den erdigen, meist Arsen
enthaltenden Rückständen der Schwefelsublima-
tion und stellt ein graues, sandiges Pulver dar.
— Die Verwendung des S. ist eine außer-
ordentlich vielseitige. Die größten Mengen wer-
den zur Bereitung von schwarzem Schießpulver
und Ultramarin, zum Vulkanisieren des Kaut-,
schuks und vor allem zur Herstellung von Schwe-
felsäure gebraucht. Ein großer Teil der ge-
wonnenen Schwefelblumen dient in neuerer Zeit
zur Bekämpfung der Traubenkrankheit, haupt-
sächlich auf Sizilien selbst, dann aber auch im
übrigen Italien, in Frankreich, Spanien, Grie-
chenland usw. Allgemein bekannt ist die Ver-
wendung des S. zu Streichhölzern und anderen
Zündwaren, der Schwefeldämpfe zum Bleichen
von Seide und Wollwaren, von Strohhüten und
Korbwaren, zum Schwefeln des Hopfens und
der Weinfässer. Auch in der Feuerwerkerei so-
wie in chemischen Fabriken zur Herstellung von
Zinnober, Schwefelleber, Schwefelkohlenstoff
und anderer chemisch-technischer Erzeugnisse
wird viel S. verbraucht. Kleinere Mengen von
S. finden zu Abgüssen, zu Hohlformen für die
Gipsgießerei und zu Kitten Verwendung. Inder
Medizin wird der gereinigte sowie der präzipi-
tierte S. innerlich besonders als gelinde ab-
führendes und die Schleimabsonderung be-
förderndes Mittel, äußerlich gegen Krätze und
andere Hautleiden angewandt. Der graue S.
wird mitunter als Vieharznei gebraucht. Die
Gesamterzeugung der Erde an Schwefel wird
auf 8 Millionen Tonnen geschätzt, wovon etwa
die Hälfte auf Sizilien entfällt.

Schwefelbalsam (Schwefelleinöl, lat. Bal-
samum sulfuris, Oleum lini sulfuratum, frz.
Beaume de soufre, engl. Balsam of sulphur)
wird durch Verrühren von heißem Leinöl mit
Schwefel hergestellt, wobei unter Aufnahme
von etwa l/e seines Gewichtes an Schwefel-
blumen eine dunkelrotbraune, dickflüssige oder
steife, zähe Masse von unangenehmem Geruch
entsteht. S. dient in der Technik zur Herstel-
lung einer Goldlösung für die sog. Glanzvergol-
dung (Glanzgold des Porzellans). In der Tier-
arznei wird er äußerlich und innerlich gebraucht.
Seine Auflösung in Terpentinöl galt früher unter
dem Namen Harlemer Öl als eine Art Uni-
versalmittel.

Schwefelfarbstoffe. Unter diesem Namen faßt
man eine großeAnzahl vonTeerfarben (13. Gruppe)
zusammen, welche durch Einwirkung von Schwe-
fel oder Schwefelalkalien auf die mannigfaltig-
sten organischen Verbindungen entstehen. Ihre
Konstitution ist noch nicht völlig bekannt, doch
spricht ihre Unkristallisierbarkeit für eine hoch-
molekulare Zusammensetzung. Die Schwefel-
farbstoffe, zu denen auch die Immedial-,

Thiogen-, Katigen-, Kryogen-, Thion-,
Thioxin-, Pyrol- und Pyrogenfarben der 1
verschiedenen chemischen Fabriken zu zählen
sind, kommen als amorphe Pulver in den Han- j
del, die in Wasser, Alkalien, Säuren und den ge-
bräuchlichen Lösungsmitteln unlöslich sind, sich
aber in Schwefelnatrium auflösen. Die Lösung
wird durch Erhitzen entfärbt und kann sowohl
in dieser Form, mit nachträglicher Oxydation i
der Leukoverbindung als Körperfarbstoff, wie
auch direkt zur Färbung von Baumwolle be- j
nutzt werden. Es gibt rote, gelbe, grüne, blaue, 1
violette usw. S., doch sind besonders die grau-
grünen, graublauen bis schwarzen Färbungen
durch große Licht- und Waschechtheit aus- ;
gezeichnet, die noch durch Nachchromieren
oder Nachkupfern gesteigert werden kann. Von
der unübersehbaren Zahl dieser Farben seien
nur Schwefelschwarz T aus Dinitrophenol
und Immedialschwarz aus Dinitrooxydi-
phenylamin namhaft gemacht. Auch das aus j
Sägemehl, Kleie usw. durch Erhitzen mit Schwe-
fel und Sulfiden hergestellte Cachou de La-
val gehört hierher.

Schwefelkies (Eisenkies, Pyrit, lat.Pyrites,
frz. Pyrite, engl. Pyrites). Dieses im Handel
und Hüttenwesen häufig abgekürzt auch einfach
Kies genannte wichtige Mineral besteht aus
46,7 0/0 Eisen und 53,3 0/0 Schwefel und ist dem-
nach als Zweifachschwefeleisen (Eisen-
bisulfid, Doppelschwefeleisen, Eisen-
disulfuret), FeS2, anzusprechen. Nicht selten
enthält es kleine Mengen von Kupfer und Arsen
sowie Spuren von Gold, Silber, Thallium und
Gallium beigemengt. Der S. kommt teils derb
und eingesprengt, teils auch in ziemlich großen
Kristallen vor. Er hat eine messinggelbe bis
goldgelbe Farbe und metallischen Glanz und ist
eines der am allgemeinsten verbreiteten Erze, , J
das hauptsächlich zur Bereitung von Schwefel,
Schwefelsäure und schwefliger Säure verwandt
wird. Die Rückstände werden nicht allein zur
Extraktion der geringen Mengen von Gold und
Kupfer, sondern auch zur Gewinnung des
Eisens benutzt. Auch Eisenvitriol wird vielfach
aus S. hergestellt. Der analog zusammengesetzte,
aber anders kristallisierende Markasit findet
die gleiche Verwendung.

Schwefelkohlenstoff (Schwefelalkohol,
Kohlenstoffbisulfid, Sulfokohlensäure,
lat. Carboneum sulfuratum, Alcohol sulfuris, frz-
Sulfure de carbone, engl. Sulfuret of carbon)
wurde im Jahre 1796 von Lampadius in Frei-
berg zuerst dargestellt, wird aber jetzt im
großen durch Überleiten von Schwefeldämpfe11
über glühende Kohlen gewonnen. Zu diesem
Zwecke destilliert man entweder ein Gemeng6
von Kohle mit Schwefelkies, Kupferkies oder
Antimonglanz, oder man erhitzt Holzkohle m
Ton- oder innen mit Ton ausgekleideten Eisen'
retorten bis zum Glühen und wirft dann durch
ein Rohr, das bis auf den Boden der Retorte
reicht und immer wieder rasch geschlossen
wird, nach und nach Schwefel ein. Dieser ver-
dampft und verbindet sich mit dem Kohlenstoff
zu Schwefelkohlenstoff, der oben dampfförmig
durch ein Knierohr mit Kühlvorrichtung abziebt-
Das Rohdestillat enthält noch Schwefel, Schwe-
felwasserstoff und fremde organische Schwefel'
        <pb n="410" />
        ﻿Schwefelkohlenstoff

403

Schwefelsäure

Verbindungen und wird daher zur Reinigung
von neuem destilliert, indem man die Dämpfe
hintereinander durch Kalkmilch, dünne Kali-
lauge und Lösungen von Eisenvitriol und Kupfer-
sulfat leitet. Hierdurch wird der Schwefel und
der Schwefelwasserstoff beseitigt. Um den S.
auch von den organischen Schwefelverbindun-
gen zu befreien, die ihm den unangenehmen
Geruch verleihen, schüttelt man ihn noch mit
metallischem Quecksilber oder mit 1/2 o/o Subli-
mat und rektifiziert ihn alsdann über 2—5 0/0
fettem Öl. — Der S., CS2, bildet eine farblose,
leicht bewegliche und stark lichtbrechende
Flüssigkeit von eigenartig ätherischem, in un-
reinem Zustande unangenehmem, an Rettich
erinnernden Geruch und scharfem, aromati-
schem Geschmack. In Wasser ist er nur sehr
wenig, in starkem Weingeist, Äther, Chloroform,
fetten und ätherischen Ölen hingegen leicht lös-
lich. Trotz des hohen spez. Gew. von 1,272 ist
er äußerst leicht flüchtig und höchst feuer-
gefährlich, denn er entzündet sich schon bei
Annäherung eines glimmenden Körpers, ohne
daß dieser mit der Flüssigkeit selbst in Berüh-
rung zu kommen braucht. Angezündet ver-
brennt der S. mit bläulicher Flamme zu Kohlen-
säure und schwefliger Säure. Seine Dämpfe
geben mit Sauerstoff oder Luft gemengt explo-
sive Gemische von hoher Spannkraft. Am
Sonnenlicht in einem nur teilweise gefüllten
Glase nimmt der S. eine gelbe Farbe und sehr
unangenehmen Geruch an und scheidet bis-
weilen auch braune Flocken von Einfachschwe-
felkohlanstoff ab. Für niedere Tiere ist S. ein
Gift. Das längere Zeit fortdauernde Einatmen
kleiner Mengen von Schwefelkohlenstoffdämpfen,
dem die Arbeiter verschiedener technischer Be-
triebe ausgesetzt sind, ruft häufig chronische
Vergiftung hervor. Zu medizinischem. Gebrauch
darf nur rektifizierter S. (lat. Alcohol sulfuris
rectificatus) verwandt werden, der farblos, klar
und ohne widerlichen Geruch, frei von Schwe-
fel, schwefliger Säure, Schwefelsäure und Schwe-
felwasserstoff sowie fremden organischen Schwe-
felverbindungen sein muß. S. findet hauptsäch-
lich in der Technik ausgedehnte Anwendung.
Er ist ein ausgezeichnetes Lösungsmittel für
Ftarze, Fette, Schwefel, Phosphor, Guttapercha
Und Kautschuk und dient infolgedessen zum
Entfetten der Wolle, zur Extraktion von Fetten
Und Ölen aus Knochen und Samen, zum Aus-
sehen von Gewürzen behufs Herstellung der
s°g. „löslichen Gewürze“, zum Extrahieren der
feinen Blumengerüche, des Schwefels aus Erzen
Usw. Allein in den Olivenölbezirken von Frank-
reich, Italien und Griechenland werden jährlich
Weit über 100 Millionen Kilogramm S. zum Ex-
Uahieren der Olivenpreßrückstände verbraucht.
Bei den chemischen Waschanstalten spielt der
S. neben anderen flüchtigen Stoffen, wie Ben-
zin, gegenwärtig eine wichtige Rolle. Drucker
ünd Färber, die sich mit der Aufarbeitung ge-
äugener Sachen beschäftigen, benutzen ihn zum
Entfernen des Fettes und der Ölfarben, mit
denen die Stoffe früher bedruckt waren. In der
Eautschukindustrie wird er teilweise zum Vul-
kanisieren des Kautschuks verwendet, in der
chemischen Großindustrie zur Herstellung von
E-hodanverbindungen. Weiter dient er in großen

Mengen zum Vertilgen der Reblaus sowie von
Wanzen, Motten und anderem kleinen Unge-
ziefer. So lassen sich z. B. Herbarien damit
reinigen, indem man sie einige Tage zusammen
mit S. in dichtschließende Behälter bringt. Die
Aufbewahrung des S. hat in starkwandigen Glas-
gefäßen mit gut eingeschliffenen Glasstopfen
oder mit Korkstopfen zu erfolgen, und zwar,
vor Licht geschützt, an einem kühlen Orte. Für
die Lagerung größerer Mengen sind die etwa
erlassenen Polizeiverordnungen streng zu be-
achten. —• Die Beförderung des S. auf Eisen-
bahnen erfolgt ausschließlich in offenen Wagen
ohne Deckung und nur mit Feuerzügen. Die
höchstens 500 kg fassenden Gefäße müssen zu
diesem Zwecke zylindrisch sein und entweder
aus Zinkblech oder aus starkem, gehörig ver-
nietetem und in den Nähten gut verlötetem
Eisenblech bestehen.

Schwefelleber (lat. Hepar sulfuris, frz. Foie
de soufre alcalin, engl. Liver of sulphur). Diesen
Namen führen im allgemeinen alle in Wasser
löslichen Verbindungen des Schwefels mit Me-
tallen, d. h. diejenigen der Alkalimetalle und
der alkalischen Erden, wie des Kaliums, Na-
triums, Kalziums usw. Im besonderen bezeichnet
der Name jedoch die Kalischwefelleber
(Schw-efelkalium, Kaliumsulfid, lat. Kalium
sulfuratum, Hepar sulfuris kalinum). Zu ihrer
Darstellung schmilzt .man zwei Teile trockener,
gepulverter Pottasche und iS/* Teile Schwefel-
blumen, bis die Masse ruhig fließt, gießt auf
eine Stein- oder Metallplatte aus und bringt
die nach dem Erkalten in Stücke zerschlagene
oder sofort grob gepulverte Schmelze zum
Schutze gegen den Lufteinfluß in gut schlie-
ßende Gefäße. Die S., die aus Ka.liumtrisul-
fid, K2S3, und Kaliumthiosulfat besteht und
daneben infolge teilweiser Oxydation etwas Ka-
liumsulfat enthält, bildet eine braune lederfarbige
Masse von muschligem Bruch, die, frisch be-
reitet. geruchlos ist, an der Luft aber unter
Aufnahme von Kohlensäure, Sauerstoff und
Wasser bald den Geruch nach Schwefelwasser-
stoff annimmt. Sie wird daher am besten in
ganz gefüllten, geschlossenen Büchsen gekauft.
Die reine S. dient als innerliches Mittel gegen
Hauterkrankungen und Metallvergiftungen, die
rohe ausschließlich zu künstlichen Schwefel-
bädern gegen Hautübel, rheumatische und gich-
tische Zustände und führt daher die Bezeich-
nung „ad balneum“ (zu Bädern).

Schwefelsäure (Schwefeltrioxyd, Vitriol-
öl, lat. Acidum sulfuricum, frz. Acide sulfu-
rique, engl. Sulfuric acid), die wichtigste und
unentbehrlichste aller Säuren, scheint im un-
reinen Zustande schon von dem Alchimisten
Geber, der im 8. Jahrhundert lebte, hergestellt
worden zu sein. Im 15. Jahrhundert lehrte Ba-
silius Valentinus die Darstellung der Säure aus
Eisenvitriol, während Cornelius Drebbel in der
Mitte des 18. Jahrhunderts sie als erster aus
Schwefel herstellte. Die Einführung des Blei-
kammersystems ist das Verdienst von Roebnik
und Garbett in Birmingham. Die S. findet sich
frei in einigen Flüssen Amerikas oft bis
        <pb n="411" />
        ﻿Schwefelsäure

404

Schwefelsäure

&gt;-

faten, wie Gips, Schwerspat, Zoelestin und Kie-
serit, aus denen sie jedoch in der Zeit vor dem
Weltkriege nicht gewonnen wurde. Vielmehr
dienten als Ausgangsmaterial für; dieses wich-
tige Erzeugnis der chemischen Großindustrie
lediglich Schwefel oder Schwefelkiese, Glanze
und Blenden. Zur fabrikmäßigen Darstellung
der Schwefelsäure geht man im allgemeinen von
der schwefligen Säure (S02) aus, die entweder
durch Verbrennen von Schwefel oder durch
Rösten von Schwefelmetallen, hauptsächlich
Schwefelkies erzeugt, neuerdings auch aus den
früher in die Luft gejagten Röstgasen der Blei-
hütten abgeschieden, oder aus den Abgasen der
Gasfabriken und Kokereien durch Oxydation ge-
wonnen wird. Die Überführung der schwefligen
Säure in Schwefelsäure erfolgt durch Oxydation
mit Luftsauerstoff bei Gegenwart sog. Kontakt-
substanzen oder Katalysatoren, die den Zusam-
mentritt der beiden Gase beschleunigen. Bei
dem älteren Bleikammerverfahren diente Sal-
petersäure, bei dem neueren Kontaktverfahren
fein verteiltes Platin als Sauerstoffüberträger. —
i. Bleikammerverfahren. Das Gemisch von
schwefliger Säure und Luft wird in die mit
Bleiplatten ausgekleideten. Räume, von denen
gewöhnlich drei, nämlich zwei kleinere und ein
zwischen ihnen befindlicher größerer Raum vor-
handen sind, eingeleitet und hier mit Wasser-
dampf und Salpetersäure zusammengebracht. Der
Wasserdampf tritt unter einem Drucke von 2—3
Atmosphären ein. Die Salpetersäure läßt man
entweder in dünnem Strahle, auf in der ersten
Kammer befindliche Terrassen aus Steingut flie-
ßen oder auch wohl in Dampfform eintreten.
Die Salpetersäure gibt Sauerstoff ab und oxydiert
die schweflige Säure zu S., verwandelt sich
selbst dabei in U'ntersalpetersäure und Stickoxyd,
die aber aus der Luft wieder Sauerstoff auf-’
nehmen und von neuem an schweflige Säure
übertragen, so daß mit Hilfe einer bestimmten
Menge Salpetersäure unbegrenzte Mengen schwef-
liger Säure oxydiert werden können, wenn das
richtige Verhältnis von schwefliger Säure, Sauer-
stoff und Wasserdampf innegehalten wird. Die
sich hier niederschlagende S. heißt Kammer-
säure. In den meisten Schwefelsäurefabriken
befindet sich zwischen dem die schweflige Säure
erzeugenden Ofen und der ersten Kammer ein
io—15 m hoher, aus Bleiplatten aufgebauter,
innen mit einem Mantel aus feuerfesten Back-
steinen versehener und mit feuerfesten Brocken
angefüllter Turm, der Glover-Turmj und hinter
! der dritten Kammer ein gleicher, aber mit Koks-
oder Bimssteinstücken gefüllter Turm, der
Gay-Lussacsche Turm. Letzterer, in dem aus
einem höher gelegenen Behälter konzentrierte
S. niederrieselt, hat den Zweck, die nitrosen
Gase, d. h. die aus der letzten Bleikammer ent-
weichenden, unverbrauchten niederen Sauerstoff-
verbindungen des Stickstoffs, die sich in der
herabfließenden S. lösen, aufzufangen. Die mit
den nitrosen Gasen gesättigte S. wird in den
Glover-Turm gepumpt und fließt hier zusammen
mit Kammersäure, die sich in einem darüber be-
findlichen Behälter befindet, langsam herab, wäh-
rend von unten die direkt aus dem Schwefel-
ofen kommende und mit Luft gemengte heiße
schweflige Säure eintritt. Hierdurch wird die

mit nitrosen Gasen gesättigte S. „denitriert", [
d. h. vollständig von Salpetersäure und anderen I
Sauerstoffverbindungen des Stickstoffs befreit [
und gleichzeitig durch die Wärme der eintreten
den Gase konzentriert. Die , auf ungefähr 700 j.
abgekühlte schweflige Säure gelangt aus dem I
Glover-Turm in die erste Bleikammer, wo sie |
durch die vorhandene Salpetersäure zu S. oxy- t
diert wird. 2. Kontaktverfahren von Clemens I
Winkler: Zur. Erzeugung der erforderlichen [
schwefligen Säure, die hier besonders rein sein J
muß, leitete man früher die Dämpfe von eng- 1
lischer S. über rotglühende poröse Steine, wobei I
ein Gemisch von schwefliger Säure mit Wasser- r
dampf und Sauerstoff entstand, während man {
jetzt Röstgase von Erzen unmittelbar verarbeiten 1
kann. Das durch einen Koksturm, in dem S. I
niederrieselt, von Wasser befreite Gemisch von I
schwefliger Säure und Sauerstoff wird über
glühenden Platinasbest geleitet und das ent- I
stehende Schwefelsäureanhydrid (SOs) entweder
als solches aufgefangen oder durch Einleiten in j
S. in feste rauchende S. übergeführt. 3. Von ,
den zahlreichen Verfahren zur Gewinnung von 1
S. aus Gips oder Anhydrit, die während des
Krieges ausgearbeitet worden sind, scheint das-
jenige der Badischen Anilin- und Sodafabrik die I
besten Erfolge zu versprechen. Nach ihm führt I
man das Kalziumsulfat durch Behandlung mit I
Magnesiumkarbonat oder mit Magnesiumoxyd
und Kohlensäure unter Druck bei 900 in Mag- i
nesiumsulfat über und spaltet das letzte durch |
Glühen für sich allein oder mit Kohle in Mag- j
nesia und Schwefelsäure. — Weitere Vorschläge
beruhen auf der Reduktion des Gipses mit 1
Kohle zu Kalziumsulfid und Überführung des
aus letzterem abgespaltenen Schwefels oder 3
Schwefelwasserstoffs in schweflige Säure. — Die 1
in den Bleikammern gewonnene S. (Kammer- j
säure) hat eine Stärke von 50—55° B. (ent- j
sprechend 63—70 °/o S.) und wird zur weiteren j
Konzentration zunächst in Bleipfannen bis zu j
60—62° B. und dann in Platingefäßen, von der \
Form flacher Destillierblasen eingedampft, wo-
durch schließlich eine Säure von 6s—65,5° B- I
entsteht. Diese wird mittels eines Platinhebers j
in Steinguttöpfe abgezogen und die Destillier-
blase sofort wieder von neuem mit Bleipfannen-
säure beschickt. Die abgekühlte Säure füllt
man schließlich in große Glasballone. Zur Dar-
stellung von arsenfreier S. wird die verdünnte
Kammersäure mit Schwefelwasserstoffgas behan-
delt und das gebildete Schwefelarsen durch
Filtration über Sand entfernt. Auch durch Destil-
lieren der S. über Kaliumdichromat läßt sie sich
arsenfrei erhalten. Vollständig wasserfreie S-
kann man weder durch weiteres Eindampfen,
noch duxxh fortgesetztes Destillieren der kon-
zentrierten Kammersäure darstellen. Vielmehr
entsteht hierbei höchstens eine Säure vom spez-
Gew. 1,842, die aber immer noch 1,50/0 Wasser
enthält. Erst beim Abkühlen dieser Säure aut
einige Grad unter Null scheiden sich nach und
nach farblose Prismen ab, welche das reine
Hydrat darstellen. Sie werden in mit Blei aus-
gekleideten Zentrifugen ausgeschleudert und dann
in geschlossenen Gefäßen geschmolzen. Die so
erhaltene wasserfreie S. schmilzt bei 10,50,
hat bei 150 ein spez. Gew. von 1,8384 und bildct
        <pb n="412" />
        ﻿Schwefelsäure

405

Schwefelsäure

hei gewöhnlicher Temperatur ein dickflüssiges
Öl von der Formel H2S04. Sie beginnt bei 400
zu rauchen, bei höherer Temperatur nimmt die
Zerlegung in Schwefelsäureanhydrid und Wasser
zu und bei 338° destilliert reine Säure, die wie-
der i,s 0/0 Wasser enthält. — Die konzentrierte

S.	zieht begierig Wasser an und wird deshalb
häufig zum Trocknen von Gasen und festen
Körpern sowie auch zum Konzentrieren von
Flüssigkeiten benutzt, indem man letztere in ge-
schlossenen Gefäßen längere Zeit über S. auf-
bewahrt. Wird S. mit Wasser gemischt, so tritt
heftige Erwärmung ein, und aus diesem Grunde
ist die konzentrierte S. beim Verdünnen mit
Wasser stets in dünnem Strahl unter Umrühren
in das Wasser zu gießen. Nie gieße man Wasser
in die S.l Der Nachweis von konzentrierter S.
ist leicht zu führen durch das hohe spez. Gew.,
durch das starke Erwärmen beim Verdünnen
mit Wasser und durch die Schwärzung, die Holz,
Zucker und andere organische Stoffe durch sie
erleiden. Freie verdünnte S. weist man nach,
mdem man sie mit einem Körnchen Zucker
eindampft, wobei ein schwarzer Rückstand hinter-
bleibt. In freiem und gebundenem Zustande er-
kennt man die S. an dem weißen Niederschlag,
den Bariumsalzlösungen hervorrufen. — Im Han-
del unterscheidet man. in der Hauptsache drei
Arten von S., rauchende, rohe und reine S.
Außerdem trifft man noch die verdünnte S.
des D. A. B. und die sog. wasserfreie S. an.
— Die rauchende oder Nordhäuser S. (Vi-
triolöl, Pyroschwefelsäure, lat. Acidum sul-
furicum fumans, frz. IJuile de vitriol, engl. Vitrioi-
Oil) wurde früher in der Gegend von Nordhausen
durch Destillation von entwässertem Eisenvitriol
in tönernen Retorten hergestellt. Jetzt wird
sie besonders in Böhmen und England ge-
wonnen, wo man den Eisenvitriol nicht nur
entwässert, sondern durch fortgesetztes Rösten
möglichst vollständig in basisches schwefelsaures
Eisenoxyd verwandelt. Dadurch entsteht eine
größere Ausbeute, indem der gesamte Schwefel
des Eisenvitriols in Schwefelsäureanhydrid um-
gesetzt wird, während bei dem Nordhäuser Ver-
fahren ein Teil als schweflige Säure verloren
geht. Das Destillat wird in Vorlagen, die wenig
Wasser oder englische S. enthalten, aufgefangen
und der aus Eisenoxyd bestehende Rückstand
unter dem Namen Colcothar (s. d.) (lat. Caput
mortuum) für sich verkauft. Nahezu reine rau-
chende S. sowie reines Schwefelsäureanhydrid
wird neuerdings nach dem Kontaktverfahren
(s- oben) von CI. Winkler dargestellt. Die rau-
chende S. des Handels bildet eine dicke, ölige,
braune Flüssigkeit vom spez. Gew. 1,860 bis

'.9oo, die höchst ätzend wirkt und an der Luft
dicke, weiße Dämpfe von Schwefelsäureanhydrid
ausstößt. Sie enthält als wesentlichsten Bestand-
teil Pyroschwefelsäure, H2S207, die in chemi-
scher Beziehung als eine Verbindung gleicher
Moleküle Schwefelsäure und Schwefelsäureanhy-
drid anzusehen ist. Die nach dem Winklerschen
^erfahren hergestellte kristallisierte, rauchende
K. die ebenfalls im Handel zu haben ist, be-
geht aus nahezu reiner Pyroschwefelsäure, die
s,ch beim Erwärmen in S. und Schwefelsäure-
unhydrid verwandelt. Die rauchende S. dient
'u® Auflösen des Indigos, zur Herstellung von

Sulfosäuren für Farbenfabriken, zum Bleichen
von Ozokerit, zur Darstellung von Stiefelwichse
usf. •— Als sog. wasserfreie S. wird fälsch-
licherweise das Schwefelsäureanhydrid, S03, be-
zeichnet, das entweder nach dem Verfahren von
Winkler oder durch gelindes Erhitzen von rau-
chender S. und Auffangen der Dämpfe in einer
gut gekühlten Vorlage gewonnen wird. Es stellt
lange, farblose, schon bei 150 schmelzende Pris-
men dar und kommt in eisernen Trommeln
von 50 kg Inhalt als 98—gpo/oige Ware in den
Handel. Das Schwefelsäureanhydrid findet in
der wissenschaftlichen und technischen Chemie
ausgedehnte Verwendung. — Die rohe, ge-
wöhnliche oder englische S. (lat. Acidum
sulfuriccum crudum seu anglicum, frz. Aeide sul-
furique, engl. Sulfuric acid), die nach dem Blei-
kammerprozeß dargestellte S., bildet eine klare,
farblose oder schwach gelbliche, ölige Flüssig-
keit vom spez. Gew. 1,830—1,833, entsprechend
einem Gehalte von 92—93 °/o S., die in der
Hauptsache durch Arsen und Blei, manchmal
aber auch durch Salpetersäure und Oxyde des
Stickstoffs verunreinigt ist. Ihre Verwendung
ist außerordentlich vielseitig. Die größten Men-
gen werden von den Sodafabriken gebraucht;
ferner dient sie zur Gewinnung von Salpeter-
säure, Phosphorsäure, Chromsäure, Weinsäure,
Essigsäure und Zitronensäure und zur Herstellung
von Superphosphaten aus Knochenmehl, Apatit,
Phosphoriten und Guano. Weiter gebraucht man
sie zur Bereitung von Äther und Essigäther, von
schwefelsaurer Tonerde, Alaun, Kupfervitriol,
Zinkvitriol, in Stärkezucker-, Stearinkerzen- und
Mineralwasserfabriken sowie Affinieranstalten.
Auch zur Herstellung von Teerfarben, zum Raffi-
nieren von Ölen, zum Reinigen des Petroleums,
zur Darstellung von Pergamentpapier, Schieß-
baumwolle und Nitroglyzerin finden erhebliche
Mengen S. Verwendung. Die Aufbewahrung
der englischen S. hat ebenso wie bei der rauchen-
den S. in starken Glasgefäßen mit Glasstopfen
zu erfolgen. Bei letzterer ist aber noch besonders
darauf zu achten, daß in dem Lagerräume die
Temperatur nicht unter o° fällt, da sie sonst
unter Ausdehnung fest wird. — Die reine S.
(lat. Acidum sulfuricum purum seu rectificatum,
frz. Acide sulfurique pur, engl. Pure sulfuric acid)
wird durch Destillation der vom Arsen befreiten
englischen S. aus Glasretorten dargestellt und
bildet eine färb- und geruchlose, ölige Flüssig-
keit vom spez. Gew. 1,836—1,840, entsprechend
einem Gehalte von 94—98 % S. Die Prüfung auf
Reinheit hat sich vorzugsweise auf einen et-
waigen Gehalt an Arsen, Blei, schwefliger Säure
und Salpetersäure zu erstrecken. In zweiter
Linie kommen andere Metalle, Salzsäure und
Oxyde des Stickstoffs in Betracht. Die reine S.
dient zu medizinischen Zwecken, zur Herstellung
reiner Sulfate und als Reagens der chemischen
Laboratorien. — Die verdünnte S. des D. A. B.
endlich (lat. Acidum sulfuricum dilutum), eint
Mischung aüs fünf Teilen Wasser und einem Teil
reiner S„ besitzt das spez. Gew. 1,112 und wird
medizinisch verwandt. Rohe verdünnte S. findet
als Putzmittel für Kupfer, Messing und Zink
Anwendung. — Die Menge der im Deutschen
Reiche hergestellten S. hat in den letzten Jahr-
zehnten eine gewaltige Zunahme erfahren und
        <pb n="413" />
        ﻿Schweflige Säure

406

Schweineschmalz

M

wurde im Jahre 1914 auf 1,6 Millionen Tonnen
geschätzt. Dazu wurden rund 980 000 t Schwefel-
kies, 555 000 t Zinkblende und Kupfererze sowie
54 000 t Gasreinigungsmasse verarbeitet, von
denen außer der letzteren nur 109 000 t Schwefel-
kies und 411000 t Zinkblende inländischen Ur-
sprungs waren. Der aus belgischer Verarbeitung
von Zinkblende entstammenden Einfuhr von
65 000 t stand eine fast ebenso große Ausfuhr
nach Österreich, Holland und der Schweiz gegen-
über. Die auf Abschneidung der ausländischen
Rohstoffe gestützten Hoffnungen unserer Feinde
wurden durch die Herstellung von S. aus Gips
vereitelt.

Schweflige Säure (schweflichte Säure,
Schwefeldioxyd, lat. Acidum sulfurosum, frz.
Acide sulfureux, engl. Sulfurous acid), die aus
gleichen Gewichtsteilen Schwefel und Sauerstoff
bestehende chemische Verbindung S02, ist bei
gewöhnlicher Temperatur ein farbloses, stechend
riechendes Gas, das von Wasser leicht gelöst
wird. Das Wasser verschluckt bei,4° das yofache,
bei t6° das 45fache Volumen dieses Gases und
bildet damit eine wäßrige Lösung, die nach S.
riecht und schmeckt und stark sauer reagiert.
Die Darstellung der wäßrigen schwefligen Säure
erfolgt entweder durch Verbrennen von Schwefel
oder Rösten von Schwefelkies, oder auch durch
Erhitzen von Schwefelsäure mit Holzkohle. Im
letzteren Falle entzieht die Kohle der Schwefel-
säure ein Drittel ihres Sauerstoffes und bildet
dadurch schweflige Säure, die dann in Wasser
geleitet wird. Die wäßrige S. muß in sehr gut
verschlossenen und ziemlich voll gefüllten Ge-
fäßen auf bewahrt werden, da sie durch die Ein-
wirkung des Sauerstoffes der Luft nach und
nach in Schwefelsäure verwandelt wird. Nicht
mehr ganz gefüllte Ballone werden daher am
besten in kleinere Gefäße umgefüllt. Durch
Druck verdichtete flüssige schweflige Säure
darf auf der Bahn nur in Behältern aus Schweiß-
eisen, Flußeisen, Gußstahl oder Kupfer versandt
werden, die vorher auf 30 Atmosphären Druck
(ohne bleibende Formveränderung) geprüft sein
müssen. Die Druckprüfung ist alljährlich zu
wiederholen. Die Behälter sind in Kisten zu
verpacken. S. dient zum Bleichen von Wolle,
Seide und Strohgeflechten, zum Konservieren
von Wein, zur Füllung von Kältemaschinen und
zur Herstellung von Schwefelsäure und Sulfiden.

Schweineschmalz (Schmer, lat. Axungia porci
seu Adeps suillus, frz. Graisse de porc, engl.
Axonge), das aus fettreichen Teilen geschlachte-
ter Schweine ausgeschmolzene Fett, wird in
Deutschland meist aus dem im Innern des Tier-
körpers befindlichen Fettgewebe, vor allem dem
Bauchwandfett «(Liesen, Flomen, Lünte,
Schmer, Wammenfett),demGekröse- (Micker-)
Fett und dem Netzfett, seltener dem Rückenspeck,
in Amerika aus allen Teilen gewonnen. In
Deutschland erfolgt das Ausschmelzen in der
Regel über freiem Feuer, in Amerika mit Hilfe
von Wasserdampf. Je nach der Bereitungsweise,
Güte und Herkunft unterscheidet man: Roh-
schmalz, Dampfschmalz, Neutralschmalz, raffi-
niertes S., deutsches und amerikanisches S. Das
amerikanische S., das in ungeheuren Mengen
zur Einfuhr gelangt, zerfällt meist in folgende
Handelssorten: Neutral Lard, die beste Sorte,

wird durch Auslassen von Netz- und Eingeweide- I
fett im Wasserbade gewonnen und stellt eine 1
rein weiße, mild schmeckende Masse dar. Neu- 1
tral Lard Imitation wird in ähnlicher Weise
wie die vorige Sorte, aber aus Speck hergestellt I
und unterscheidet sich nur durch die etwas '
weichere Konsistenz. Choice Lard und Prime ,|
Steam Lard werden aus den Rückständen der 3
Neutral-Lard-Gewinnung sowie aus allen ver- ;
wendbaren Teilen des Schweines durch direkten I
Dampf bei 21/3—3 Atmosphären ausgelassen. Das j
letztere hat eine körnige Beschaffenheit und
meist einen Stich ins Grünliche, Gelbliche oder
Graue. Da es für den direkten Gebrauch zu
weich und ölig ist, wird es noch einer besonderen
Raffination unterworfen und durch Abpressen
bei niedriger Temperatur in das flüssige Speck-
oder Schmalzöl (Lard oil) und das feste I
Schmalz- oder Solarstearin (Lard Stearin) 1
getrennt. Das erstere wird als Schmieröl, Brennöl
oder zu Speisezwecken benutzt, das letztere meist 1
durch Mischung mit weicherem Dampfschmalz !
in das hauptsächlichste Speisefett (Refined Lard)
übergeführt. Nur für technische Zwecke bestimmt |
sind: Sead hog grease und white grease, 1
brown grease von erstickten oder erfrorenen
Tieren, Yellow greasö aus Abfällen der Pack-
häuser und Pigs-foot grease aus Schweine- j:
füßen. — Das Schweineschmalz ist in chemi- |
scher Hinsicht ein Gemenge von Glyzeriden der I
Öl-, Palmitin- und Stearinsäure und soll bisweilen '
auch Linolsäure enthalten. Seine Zusammen- :
setzung wird durch Rasse und Fütterung der
Tiere, klimatische Verhältnisse und die Körper-
teile, denen es entstammt, beeinflußt und unter- ■!
liegt demnach außerordentlichen Schwankungen.

Das spez. Gew. bei ioo° beträgt im Mittel 0,861,
der Schmelzpunkt liegt meist bei 38—42 °, die
Verseifungszahl bei 196—198. Die Refraktion
bei 400 liegt für deutsches und ungarisches S. I
zwischen 48 und 49, die Jodzahl meist zwischen
48 und 54. Bei amerikanischem S. sind die §
entsprechenden Zahlen 50—51 und 60—66, doch
kommen nach oben und unten erhebliche Ab-
weichungen vor. Das für Speisezwecke benutzte
reine S. ist eine weiße, geruchlose oder, bei
deutschen Sorten, schwach angenehm riechende
Masse von mildem Geschmack und salbenartiger,
aber nicht schmieriger Konsistenz. Das unga- i |
rische S. ist meist etwas rötlich und körnig, das
amerikanische vielfach schmierig. Von den zahl-
reichen Verfälschungen kommen besonders
Zusätze von Schmalzstearin und Schmalzöl.
Rindstalg, Baumwollenstearin, Baumwollsamenöl,
Kokosöl und anderen billigeren Fetten in Be-
tracht. Ihr Nachweis erfolgt nach den Ver-
fahren der Fettanalyse, ist aber nicht immer
mit Sicherheit zu führen. Ein vorläufiges Ur-
teil gewährt die Schmelzprobe, bei welcher der
charakteristische Geruch gewisser Öle hervortritt.

Die in neuerer Zeit beliebte Beimischung von
Wasser erkennt man daran, daß das S. beim
Schmelzen über offener Flamme knistert. Be-
sonders bezeichnend für reines S. ist auch die
Art des Erstarrens, indem es nach dem Schmelzen
in einer Porzellanschale mit matter faltiger Ober-
fläche erstarrt, in deren Mitte sich eine starke,
scharf abgesetzte Vertiefung bildet. Doch ist
dieses Kennzeichen mit Vorsicht zu verwenden.
        <pb n="414" />
        ﻿Schweinfurtergrün

407

Seegras

da besonders amerikanische Schmalze häufig
ein abweichendes Verhalten zeigen und mit
glatter Oberfläche erstarren. Das S. unterliegt
den Bestimmungen des Fleischbeschaugesetzes
und darf daher insbesondere die in diesem ver-
botenen Konservierungsmittel nicht enthalten.
Zur Durchführung der gesetzlichen Vorschriften
wird alles eingeführte S. einer amtlichen Unter-
suchung unterzogen. — Das S. bildet in seinen
besseren Sorten eines der wertvollsten Speise-
fette sowie einen wertvollen Rohstoff der Mar-
garinefabriken. Weiter dient es in besonders ge-
reinigtem Zustande als Grundlage von Salben
und Pomaden, während die minderwertigen Sor-
ten als Schmieröle und zur Herstellung von
Seifen benutzt werden.

Schweinfurtergrün, ein prächtig grüner Farb-
stoff, wurde zu Schweinfurt in der Fabrik von
W. Sattler erfunden und dort zuerst bereitet,
wird aber jetzt auch in verschiedenen anderen
Orten hergestellt. Der Name S. kann als eine
Sammelbezeichnung für alle Grünfarben ge-
braucht werden, die als wesentliche Bestandteile
Kupfer und Arsenik enthalten und demnach
giftig sind. Sie kommen unter den mannig-
fachsten Benennungen, wie Kaisergrün, Pa-
riser-, Wiener-, Kasseler-, Neuwieder-,
Mitis-, Berggrün und Scheelesches Grün,
in den Handel und unterscheiden sich durch
ihre Tönungen sowie die lebhaftere oder mattere
Farbe. Auch ist ihre Bereitung nicht durchweg
dieselbe. Alle aber sind durch ihren Arsengehalt
gefährlich. Das Scheelesche oder Schwe-
dischgrün erhält man durch Fällen eines heißen
Gemisches von Kupfervitriollösung und arsenig-
saurem Kalium mit Ätzkalilauge als dunkelgrünen
Niederschlag von basisch arsenigsaurem Kupfer-
oxyd. Das eigentliche Schweinfurtergrün im
engeren Sinne ist ein Doppelsalz aus basisch
arsenigsaurem und essigsaurem Kupferoxyd und
wird in der Weise hergestellt, daß man siedende
Lösungen von kristallisiertem Grünspan (neu-
tralem essigsaurem Kupferoxyd) und arseniger
Säure (weißem Arsenik) zusammengießt. Hierbei
entsteht zunächst ein schmutzig grüner, flockiger
Niederschlag, der sich durch 2—3 tägiges Stehen
&gt;n mikroskopisch kleine, glänzende, grüne Kri-
stalle verwandelt und in dieser Form ausgepreßt
Und getrocknet wird. Um ein besser deckendes
Erzeugnis zu erzielen, erhält man die gemischten
Flüssigkeiten kurze Zeit im Sieden, wobei sich
das Grün sogleich, aber feinpulverig, zwar ohne
das Feuer der ersten Sorte, aber für öl- und
Lackfarben besser geeignet, abscheidet. Die ge-
wöhnlicheren Sorten sind mit weißen Zusätzen,
Wie Schwerspat u. dgl., gemischt, während gelb-
grüne Sorten (Mitisgrün, Papageigrün) Zu-
sätze einer gelben. Farbe erhalten. Der Ver-
brauch dieser äußerst giftigen Farbe hat be-
deutend nachgelassen und befindet sich erfreu-
licherweise in einem weiteren Rückgänge. •— Zur
Erlangung eines schnellen Urteils darüber, ob
eine grüne Farbe S. ist, behandelt man sie mit
^mmoniak und überträgt die blaue Lösung auf
Lapier. Hinterbleibt nach dem Verdunsten des
Ammoniaks ein hellblauer Rückstand, so liegt
hur eine Kupferfarbe ohne Arsenik vor, während
■Ltsenik sich dadurch zu erkennen gibt, daß der
Rückstand eine schmutzig gelbgrüne Farbe an-

nimmt. Übergießt man etwas S. mit Salzsäure,
so löst es sich mit gelber Farbe, und ein zu der
in verschlossener Flasche befindlichen Lösung
gebrachtes blankes Kupferblech bedeckt sich
infolge der Gegenwart von Arsen nach einiger
Zeit mit einer schwarzen Kruste von Arsen und
Arsenkupfer.

Schweizerkäse nennt man im weiteren Sinne
des Wortes alle in der Schweiz hergestellten
Käsesorten, im engeren jedoch nur den sog.
Emmenthaler Käse, der aber nicht allein im
Emmenthale (Kanton Bern), sondern auch in an-
deren Gegenden der Schweiz sowie im baye-
rischen Allgäu, erzeugt wird. Zu seiner Her-
stellung wurde ursprünglich die für einen ganzen
Käse erforderliche Milch in einem Kessel er-
wärmt und der mit Lab abgeschiedene und
geformte Käse 4—S Monate im Käsekeller täg-
lich mit frischem Salz eingerieben. Er ist einer
der beliebtesten fetten Hartkäse und kommt
in großen mühlsteinförmigen Laiben von 20 bis
75 kg Gewicht und hellgelber Farbe in den Han-
del. Besonders kennzeichnend erscheinen die
S—6 mm breiten Löcher oder Hohlräume im
Inneren, die feuchtglänzend sind und etwas Salz-
wasser enthalten. Käse, der keine oder nur sehr
kleine Hohlräume hat, heißt Gläsler, solcher
mit zu vielen kleinen und fehlenden großen
Löchern Nißler. Die fetteste Sorte ist der
Käse von Greierz im Kanton Freiburg. Vgl.
ferner unter Käse.

Schwerspat (Bariumsulfat, lat. Baryrnn sul-
furicum, Spathum ponderosum, Baryta sulfurica
nativa, frz. Spath pesant, Sulfate de baryte, engl.
Pleavy-spar, Barium Sulfate), ein durch sein hohes
spez. Gew. (4,500) ausgezeichnetes Mineral, er-
scheint in rhombischen, dicken, tafelförmigen
Kristallen, meist undurchsichtig und farblos, sel-
tener gefärbt und von schwachem Glas- oder
Fettglanz. Fundorte sind namentlich das Erz-
gebirge, Thüringen, der Harz, Schwarzwald und
Siebenbürgen. Der S. besteht aus Barium-
sulfat, BaS04, und wird im fein gemahlenen
Zustande als Anstrichfarbe unter dem Namen
Mineralweiß oder Neuweiß in den Handel
gebracht, aber auch zur Vermengung mit Blei-
weiß und als Zusatz zu Glasuren benutzt. Zur
Darstellung von Bariumsalzen ist hingegen der
Witherit geeigneter.

Seegras (Wasserriemen, lat. Zostera, frz.
Goemon, engl. Sea weed) nennt man die im
Handel vorkommenden getrockneten Blätter von
Zostera marina, einer zu den Najadeen ge-
hörigen Wasserpflanze, die an den Küsten der
Nord- und Ostsee und des Adriatischen Meeres
auf seichten sandigen Stellen unter Wasser in
großer Menge gesellig wächst und ganzeWiesen
bildet. Es hat am Boden kriechende Stengel
und zahlreiche, 14—18cm lange, grasartig schmale
Blätter, die im Leben glänzend grün, getrocknet
aber graubraun und durcheinander gewirrt er-
scheinen. Im letzteren Zustande bildet S. ein
Polstermittel für Stühle, Sofas und Matratzen,
das mit Roßhaar zwar nicht zu vergleichen,
aber auch bedeutend billiger ist und zudem den
Vorteil hat, daß sein Seegeruch kein Ungeziefer
aufkommen läßt, Außerdem wird es häufig als
Verpackungsmittel gebraucht. Die Seegrasernten
bilden in mehreren Küstengegenden, namentlich
        <pb n="415" />
        ﻿Seide

408

Seide

in der Zuidersee (Holland), einen einträglichen
Erwerbszweig. Das nach Stürmen in großen
Massen ans Land geworfene S. wird von dem
beigemengten Blasentang gesondert, mehrmals
gewaschen und an der Luft getrocknet. Kopen-
hagen, Hamburg, Lübeck, Stettin und Triest
liefern es in zusammengepreßten Ballen von
ioo—150 kg.

Seide (frz. Soie, engl. Silk), der edelste und
schönste aller Webstoffe, besteht aus dem Ko-
konfaden der Seidenraupe, mit welchem diese
sich bei der Verpuppung umspinnt. Der Maul-
beerspinner (Bombyx Mori) und seine Futter-
pflanze, der Maulbeerbaum, stammen aus
Asien und haben sich erst um SSO n. Ghr. über
das südliche und einen Teil des mittleren Europas
verbreitet. — Der Seidenschmetterling mißt zwi-
schen, den ausgebreiteten Flügeln etwa 40 bis
50 mm, erscheint schmutzig weiß, mit einigen
lederfarbenen Linien und hat auf jedem Vorder-
flügel einen undeutlichen halbmondförmigen
Fleck. Das Weibchen legt 200—300, oft aber
mehr als 500 bläuliche Eier (Grains), die sich
im Kühlen unter 180 lange aufbewahren und
weit versenden lassen, während sie bei einer
etwas höheren Temperatur auskriechen. Die ins-
gesamt 50 g wiegenden Eier von 300—360
Schmetterlingen ergeben 40 000—60 000 kleine
schwärzliche Räupchen, die binnen 4—3 Wochen
heranwachsen, sich viermal häuten und eine
immer wachsende Freßlust entwickeln. Die aus-
gewachsenen Raupen sind etwa 60 mm lang,
schmutzig weiß, mit einzelnen dunkleren Fleck-
chen und haben eine glatte Oberfläche sowie auf
dem vorletzten Hinterleibsringe ein Horn. So-
bald die Raupen kurz vor der Verpuppung un-
ruhig werden, gibt man ihnen Gelegenheit, zwi-
schen aufgestelltem Reisig (Spinnhütten) einen
Platz zum Einspinnen zu suchen,. doch spinnen
sich viele gleich in den Maulbeerzweigen ein,
auf denen sie liegen und fressen. Im Körper
der Raupe befanden sich zwei lange Schläuche
mit einem gummiartigen Saft, den die aus-
gewachsene Raupe aus zwei unter dem Munde
befindlichen feinen Öffnungen hervortreibt und
sogleich zu einem einzigen Faden vereinigt. Mit
dem an der Luft rasch erhärtenden Faden bildet
die Raupe rund um sich herum zunächst ein
lockeres, grobes, durchsichtiges Netz und dann
innerhalb desselben in 7—8 Tagen eine dichte
ei- oder walzenförmige Hülle, den Kokon (frz.
Cocon, engl. Coccon), deren innerste Schicht
ein pergamentartiges Häutchen ist. Die Länge
des einzigen, die ganze Hülle bildenden Fadens
soll 3500—3700 m betragen, wovon jedoch für
die Verarbeitung zu langer S. nur etwa 300-—600,
selten bis 900 m zu erlangen sind. Die Kokons
besitzen höchstens die Größe eines Taubeneies,
sind aber meist kleiner. Nur die weiblichen
haben Eiform, während die männlichen in der
Mitte eine Einschnürung zeigen. Die Farbe ist
meist weiß oder hellgelb, doch auch grünlich
und rötlich. Nach 2—3 Wochen brechen aus
den Kokons die Schmetterlinge hervor, und die
Geschlechter suchen sich auf. Ist es nicht auf
Nachzucht, sondern auf Seidengewinnung ab-
gesehen, so verhindert man das Auskriechen
durch Tötung des eingeschlossenen Tieres, da die
verlassenen durchbissenen Kokons keinen ganzen

Faden mein* geben und nur als Abfallseide
dienen können. Das Töten wird entweder durch
die Hitze eines Backofens oder durch heiße
Wasserdämpfe bewirkt, indem man die Kokons
in einem Siebe über siedendes Wasser setzt, oder
endlich durch Dämpfe von Terpentinöl, Kampfer
und brennendem Schwefel. Mit dem Abtöten der
Kokons ist die Tätigkeit des kleinen Seiden-
züchters beendet. Die folgende Bearbeitung, das
Abhaspeln, ist Sache besonders darauf eingeübter
weiblicher Hände und erfolgt in Frankreich und
Italien in besonderen Anstalten, den sog. Ei-
landen. Die hier zu bearbeitenden Kokons
werden nach Farbe und Beschaffenheit, die
festen und lockeren für sich, getrennt, fleckige,
doppelte und sonst fehlerhafte ausgeschieden.
Durch Einlegen in heißes Wasser wird der
natürliche Leimüberzug, mit dem die Faden-
windungen aufeinander kleben, erweicht, darauf
die noch anhängende Flockwolle durch Schlagen
mit Reisig entfernt und der Faden von drei bis
acht und mehr Kokons zu einem einzigen Faden
aufgehaspelt. — Die auf den Haspeln selbst
trocken gewordenen Strähne bilden die Roh-
seide oder Greze (frz. Gröge, Gröye, engl.
Raw silk), die bereits in diesem Zustande, trotz-
dem der Faden hart und starr ist, verschiedene
Verwendung, zu Gaze, Blonden u. dgl., findet.
Die meiste S. wird aber durch Kochen in Seifen-
wasser von dem leimigen Überzüge, der den
Faden einhüllt und auch der Träger der gelben
und anderen Färbungen ist, befreit und erscheint
rein weiß. Auch sind die Fäden durch das
Kochen (Entschälen oder Degummieren)
dünner, geschmeidiger und glänzender geworden.
Gewöhnlich wird die S. hierauf noch mit Schwefel-
dämpfen gebleicht, doch ist die naturweiße immer
besser, besonders zum Färben. Für gewisse Ge-,
webe, die etwas steifer und glanzloser sein dürfen,
wird die S. kürzere Zeit gekocht und heißt dann
halbgekochte, souplierte oder Soupleseide.
Bei dem nunmehr folgenden Zwirnen (Filtrie-
ren, Moulinieren) entstehen die beiden haupt-
sächlichen, Sorten Organsin (Ajanseide) und
Trama oder Ketten- und Einschlagseide. Die
erstere wird aus der besten Rohseide,, aus ge-
drehten und duplierten Fäden unter fester Dre-
hung hergestellt. Die zweite besteht aus un-
gedrehten Einzelfäden, wird auch beim Zwirnen
nur schwach gedreht und ist daher von lockerer,
weicher Beschaffenheit. Andere Sorten sind
Nähseide, Strickseide und Stickseide. Der
Stärke- oder Feinheitsgrad der gezwirnten S.
wird durch Nummern angegeben, deren Bestim-
mung (Titrieren) durch Abmessen einer be-
stimmten Zahl von Stab oder Metern und Wägen
derselben auf einer feinen Wage erfolgt. Da die
S. aus feuchter Luft rasch Wasser bis zu 20 und
30 0/0 aufnimmt, ohne doch feucht zu erscheinen,
wird durch besondere Prüfungsämter, sog. Kon-
ditionierungs- oder Trockenanstalten, der
Wassergehalt und wahre Handelswert der Ware
ermittelt. Die bei der Herstellung der eigent-
lichen, aus langen Kokonfäden zusammengesetz-
ten S. entstehenden Abfälle werden als Florett-
oder Flockseide (frz. Fleuret, Filoselle, engl-
Floret-silk) zusammengefaßt. Die beste Sorte der
Florettseide kommt von Doppelkokons, die zweit®
von den bei dem Abhaspeln übrigbleibenden
        <pb n="416" />
        ﻿Seide

409

Seife

pergamentartigen Häutchen, die erweicht, zer-
rissen, gekratzt und gekämmt werden. Von die-
sem sog, Stamm = Kreszentinstamm (frz.
Cardette) gewinnt man durch Abspinnen das
Kreszentingarn. Der nicht kämmbare Teil
(Chappe) wird zur Zerstörung des die Fasern
zusammenhaltenden Leimes einem Fäulnisprozeß
unterworfen und ist nun spinnbar. Die geringste
Sorte Florettseide liefern die von den Reisern
abgezogenen Fäden, mit denen die Raupe den
Kokon befestigt hatte. Sie sind sehr lose und
finden zu Wattseide Verwendung. Endlich
unterscheidet man noch Strazza (frz. Estrasse),
die Abfälle von der Verarbeitung der Rohseide
zu Organsin und Trama, und Seidenwerg oder
Stumpen (frz. Bourre de soie), den Abfall beim1
Kämmen der gefaulten Kokons, aus denen das
Bourettegarn gesponnen wird. D(e gesponnene
Florettseide ist ein wirkliches, durch Zusammen-
drehen kürzerer und längerer Fasern entstehen-
des Garn, das aber nie die Glätte und den Glanz
der filierten S. erreicht. —• In chemischer Hin-
sicht besteht die S. hauptsächlich, zu 50—6o°/oi,
aus einem stickstoffhaltigen Körper, dem sog.
Fibroin, daneben sind 24—25 % Albumin sowie
geringe Mengen Wachs, Harz und Farbstoffe
vorhanden. Der ungefähr 20% ausmachende
gummiartige Überzug, der beim Degummieren
der Rohseide entfernt wird, der Seidenleim
oder das Serizin, ist als ein Oxydationsprodukt
des Fibroins aufzufassen. Neben den zahlreichen
Verfälschungen der S. durch fremde Gespinste,
die mit Hilfe des Mikroskops nachgewiesen wer-
den, finden sich auch mineralische Beschwerungs-
mittel, selbst giftige Blei- und Quecksilbersalze,
über ihre Anwesenheit gewährt meist schon die
einfache Verbrennungsprobe Aufschluß. Versucht
man reine, echte, schwarz gefärbte S. zu ver-
brennen, so kräuselt sie sich sofort zusammen,
verlöscht bald und hinterläßt sehr wenig Asche
von ganz hellbräunlicher Farbe. Verfälschte Seide,
die leicht speckig wird und bricht, brennt da- |
gegen langsam fort, namentlich glimmen die i
Schußfäden weiter, wenn sie stark mit Farbstoff
beschwert sind, und hinterlassen eine dunkel-
braune Asche, die sich im Gegensatz zur echten
S. nicht kräuselt, sondern nur krümmt. Die
zahlreichen Seidenstoffe, die meist durch ein-
faches Zusammenlegen und Pressen, bisweilen
auch durch Gummieren und Kalandern hergestellt
Werden, unterscheidet man in 1. glatte, 2. ge-
köperte, 3. gemusterte, 4. Gaze, 5. Samt.
Unter den glatten oder leinwandartig gewebten
Stoffen sind die Tafte leichtere und schwerere
Zeuge aus entschälter S. mit Organsinkette und
Einschlag von Tramseide. Ganz leichte Gewebe
bilden den Futtertaft (Avignon, Florence),
ptwas schwerere den Kleidertaft. Bei diesen
Et die Kette ein-, der Einschuß ein- bis drei-
fädig. Doppeltaft (Marcelline) hat zweifädige
Kette und zwei- bis dreifädigen Einschuß. Die
dichtesten taftartigen Zeuge, Gros, haben zwei-
fädige Kette und zwei- bis sechsfädigen Schuß.
Zu den geköperten Stoffen gehören die ver-
schiedenen Sergen (Croisö, Levantin. Drap
de Soie, Bombasin) und der Atlas oder
Satin. Gemusterte Zeuge kommen in der
größten Mannigfaltigkeit, unter den verschieden-
sten Namen und sowohl gewürfelt, gestreift

und geblümt vor. Samtartige Stoffe sind der
echte Samt, geschnitten und ungeschnitten, sowie
Plüsch und Felbel. Gazeartige Gewebe kom-
men als Gaze, Flor, Marly, Krepp, Stramin,
Baröge und Beutelgaze in den Handel. Daneben
werden noch gemischte Stoffe in Verbindung
mit Wolle, Alpaka, Mohär, Baumwolle und Lei-
nen, sowie Gewebe aus Seidenshoddy nach
Art der Kunstwolle hergestellt,

Seide, künstliche, wird nach verschiedenen
Verfahren aus Derivaten der Zellulose dargestellt.
Zur Herstellung der Chardonnetschen Kunst-
seide werden dickflüssige Lösungen von Kollo-
diumwolle aus feinen Öffnungen gepreßt und
die in Wasser erhärtenden Fäden aufgehaspelt
und getrocknet. Durch Behandlung mit Natrium-
oder Ammoniumsulfid (das sog. Denitrieren) macht
man die S. unverbrennlich. Andere Arten von
Kunstseide werden aus Lösungen von Zellulose
in Kupferoxydammoniak (Glanzstoff), Zink-
chlorid. Schwefelsäure oder Phosphorsäure, ferner
ausAzetylzellulose (Azetatseide) oder ausZel-
lulosexanthogenat (Viskoseseide) gewonnen.
Auch baumwollene Gewebe, denen man durch
eine mechanische Behandlung mit geriffelten
Walzen oder eine chemische Einwirkung von
Natronlauge (Merzerisieren) einen Seidenglanz
verliehen hat, werden ajs künstliche S. be-
zeichnet. Zur Unterscheidung der Seide von der
Kunstseide hält man einen Faden an ein brennen-
des Streichholz. Seide entflammt und glimmt
nicht und riecht nach Horn, Kunstseide brennt.
Beim Kauen behält echte Seide ihren Zusammen-
halt, Kunstseide zerbröckelt, wie man beim Aus-
spucken in Wasser sieht.

Seidelbastrinde (Kellerhalsrinde, lat. Cor-
tex mezerei, frz. Ecorce de mözöreon, engl. Meze-
reon bark). Der zu den Giftpflanzen gehörende
Seidelbast, Daphne Mezereum, ist ein in
höher gelegenen Laubwäldern des nördlichen
Europas und Asiens nicht seltener Strauch mit
kleinen rosenroten, trichterförmigen und vier-
spaltigen, vor den Blättern erscheinenden, stark
duftenden Blüten und bei der Reife ziegelroten
Beeren. Die im Spätherbst geschälte dünne
Rinde der meist nur federkielstarken und oft
doch dünneren Stämmchen oder Ruten dient
ihrer scharfen Bestandteile halber als blasen-
ziehendes oder hautreizendes Mittel, indem sie
entweder im aufgeweichten Zustande aufgelegt
wird, oder indem man das daraus bereitete
weingeistigö Extrakt verwendet. Als wirksame
Bestandteile sind Daphnin, das sich in Daph-
netin und Zucker spalten läßt, sowie das
hautreizende Anhydrid der Mezerinsäure vor-
handen.

Seife (lat. Sapo, frz. Savon, engl. Soap). Als
Seifen im weiteren Sinne bezeichnet der Che-
miker alle Verbindungen von Basen mit einer
organischen fetten Säure und spricht demnach
von Kaliseife, Kalk- und , Magnesia- und
Bleiseife. Die letztere bildet die Grundlage
von Pflastern und Salben, Kalk- und Magnesia-
seifen sind in Wasser unlösliche pulverige Körper,
und nur die Alkaliseifen lösen sich in Wasser
zu schäumenden Flüssigkeiten. Unter eigentlichen
Seifen für Waschzwecke versteht man ausschließ-
lich die letzteren, also fettsaure Alkalien. . Als
Ausgangsstoffe zur Herstellung der S. kommen
        <pb n="417" />
        ﻿Seife

410

Seife

ätzende Alkalien (Kali- oder Natronlauge) und
Fette tierischen oder pflanzlichen Ursprungs in
Betracht. Beim Kochen der Fette mit den Alka-
lien spalten sie Glyzerin ab, während die frei-
werdende Fettsäure sich mit der Base zu fett-
saurem Alkali (Seife) verbindet. Nach der Natur
des benutzten Alkalis unterscheidet man die
zwei großen Gruppen der weichen Kaliseifen
(Schmierseifen) und der harten Natron-
seifen. Die Herstellung der Natronseifen er-
folgt in der Weise, daß man die Fette, mit der
berechneten Menge Natronlauge unter bestän-
digem Rühren auf freiem Feuer oder besser mit
direktem Dampf erhitzt, bis der Kesselinhalt sich
in eine dünne gallertartige Masse, den Seifen-
leim, verwandelt hat, die beim Herausnehmen
zu Fäden ausgezogen werden kann („spinnt“).
Auf Zusatz von Kochsalz („Aussalzen“) trennt
sich die Masse in die nach oben steigende feste
krümlige S. und die unten stehende Unter-
lauge, die zur Gewinnung des Glyzerins Ver-
wendung findet. Nach dem Ablassen der Unter-
lauge wird die S. noch ein- oder mehrere Male
zu Leim aufgesotten, ausgesalzen und schließlich
mit reinem Wasser klargesotten. Die entstehende
zähe, plattenartige. Masse wird noch heiß auf
Formen gefüllt, große, zum Auseinandernehmen
eingerichtete Holzkästen mit Siebboden, durch
den die anhaftende Feuchtigkeit abläuft. Wäh-
rend des langsamen Abkühlens bildet sich infolge
der vorhandenen Verunreinigungen ein feines,
bisweilen farbiges Geäder, die sog. Marmorie-
rung (Fluß, Faser), die als Zeichen der Güte
angesehen und daher vielfach durch Zusatz von
Braunstein, Bolus oder gefärbter S. nachgeahmt
wird. An Stelle der Ätznatronlauge verwendet
man neuerdings auch kohlensaures Natron zum
Verseifen und ersetzt dann das Fett durch die
freien Fettsäuren. Der nach dem einen oder
anderen Verfahren erhaltene Seifenblock wird
schließlich in Platten, Riegel und Stücke zer-
schnitten, die als Kernseife in den Handel
kommen. Von den nach der Art des verarbeite-
ten Fettes unterschiedenen Sorten der Kernseifen
wird die Talgkernseife wegen ihrer Rein-
heit und ihres sparsamen Verbrauchs bei hoher
Reinigungskraft besonders geschätzt, doch sind
auch die unter Zusatz von Palmöl oder Palm-
kernöl oder mit Palmöl allein hergestellten Kern-
seifen wegen ihres leichten Schäumens sehr be-
liebt. Marseiller S. ist eine ursprünglich aus
reinem Olivenöl, später aus Gemischen von
Olivenöl mit anderen Fetten hergestellte Kern-
seife. Oberschalseife, eine hauptsächlich in
Berlin gebräuchliche Kernseife von besonders
rauher und gerippter Oberfläche, wird aus reinem
Palmöl oder, reinem Talg bereitet. Eine Unter-
abteilung der reinen Kernseifen bilden die
Kernseifen auf Leimniederschlag oder ab-
gesetzten Kernseifen, bei denen nicht voll-
ständig ausgesalzen wird. Vielmehr sorgt man
bei ihrer Herstellung durch Anwendung un-
genügender Salzmengen oder eines Überschusses
von Lauge dafür, daß sich ein alle Verunreini-
gungen enthaltender Leimniederschlag ausschei-
det. Sie werden stets unter Verwendung pflanz-
licher Öle (Palmkernöl, Kokosfett) hergestellt
und umfassen u. a. die Wachsseife und die mit
Zusatz von Harz bereiteten Oranienburger

und die reinen Harzkernseifen. Die Ver-
wendung des Harzes beruht auf seinem Gehalte
an freien Harzsäuren, deren Alkalisalze den fett-
sauren Alkalien gleiches Verhalten zeigen. Zur
Erhöhung der Ausbeute werden die S. nach dem
Klarsieden noch häufig mit schwacher salzhaltiger
Lauge gekocht, „geschliffen“, wobei sie grö-
ßere Mengen Wasser aufnehmen, oder auch
mit billigeren Ersatzmitteln, wie Wasserglas und
Soda, oder für Waschzwecke völlig wertlosen
Stoffen, wie Talk und anderen Mineralpulvern
vermischt, „gefüllt“. Die geringwertigsten S.,
die sog. Leimseifen, werden ohne Aussalzen,
durch einfaches Erstarrenlassen des ganzen Kessel-
inhalts, dargestellt und enthalten demnach die
gesamte Unterlauge. Sie vertragen, ohne an
Aussehen und Festigkeit einzubüßen, außerordent-
lich hohe Zusätze von Soda, Wasserglas, Mehl,
Talk, Ton und anderen Füllmitteln und geben
demnach außerordentlich hohe Ausbeuten. Die
Güte der Erzeugnisse steht allerdings im um-
gekehrten Verhältnis wie der Grad der Ver-
mehrung. Deite gibt als klassisches Beispiel
einer 8oo°/oigen Ausbeute folgende Vorschrift
an: 100 kg Kokosöl, So kg Natronlauge, 200 kg
Pottaschelösung, 300 kg Salzwasser, 60 kg Soda-
lösung. schließlich nochmals 60 kg Salzwasser,
also 800kg Seife aus 100kg Fett! Ja, es sollen
12—löfache Leimseifen hergestellt werden, die
Deite geradezu als Schwindelseife bezeichnet.
Verhältnismäßig gute Erzeugnisse sind die Halb-
kern- oder Eschweger Seifen, die stets unter
Zusatz von Palmkernöl oder Kokosfett hergestellt
werden, und zwar in der Weise, daß ein Teil
des Fettes zu Kernseife, und diese nach Zugabe
des Restes zu Leimseife versotten wird. — Im
Gegensatz zu den Natronseifen besitzen die mit
Plilfe von Kalilauge erhaltenen S. eine weiche
Konsistenz und bilden daher die sog. Schmier-
seifen. Sie werden meist aus oleinreichen Ölen:
Tran, Hanföl, Leinöl, Rüböl, Baumwollsaatöl,
Erdnußöl, Sesamöl, Olein und Palmöl hergestellt
und sind, weil sie nicht ausgesalzen werden
können, als Leimseifen anzusprechen. Verwen-
det man nur die genannten Öle, so erhält man
„transparente“, glatte Schmierseife, während
bei Zusatz von Talg und anderen harten Fetten
durch Auskristallisieren von stearinsaurem Kali
die Naturkornseif e entsteht. Zur Vortäuschung
dieser geschätzten Eigenschaft werden bisweilen
Körner von Kalk, Ton oder Stärke eingerührt
und so die Kunstkornseifen erzeugt. Silber-,
Schäl- oder glatte Elainseife nennt man
eine Schmierseife von weißer oder gelber Grund-
masse mit perlmutterartigem Schimmer. Eine
feste Kaliseife wird von den Lingner-
werken in Dresden nach einem Geheimver-
fahren, wahrscheinlich unter Verwendung von
Alkohol hergestellt und als Kavonseife be-
zeichnet. — Die feineren Toiletteseifen sind
meist gewöhnliche Kern- oder selbst Leimseifen,
denen irgendeine künstliche Farbe und ein Par-
füm, bisweilen auch ein angeblich der Haut wohl-
tätiger Stoff, wie Milch, Mandelkleie, Gly-
zerin, Galle, Bimsstein, ja selbst Eigelb
einverleibt wird. Ihr oft außerordentlich hoher
Preis hängt lediglich von der Art des zugesetzten
Riechstoffs und seiner Einverleibung ab. Bei ge-
wöhnlicheren Sorten wird das Parfüm der noch
        <pb n="418" />
        ﻿Seifenpulver

411

Selen

flüssigen Masse zugesetzt. Zur Herstellung der
besseren Toiletteseifen bedient man sich hin-
gegen des Pilierens, d. h. man zerteilt gute
Kernseife in feine Späne, welche dann mit den
ätherischen Ölen sorgfältig verknetet werden.
Die transparenten S. entstehen, wenn man S.
bei gelinder Wärme in Alkohol löst und die
weiche Masse nach dem Abdestillieren des über-
schüssigen Alkohols erstarren läßt. Medizini-
sche S. enthalten meist Marseiller S- oder selbst-
gefertigte Oliyennatronseife als Grundmasse. —•
Der Wert einer Seife ist im allgemeinen von
ihrem Gehalte an Fettsäuren abhängig, der daher
für behördliche Ausschreibungen meist festgelegt
wird. Weiter wird besonderes Gewicht auf Ab-
wesenheit von freiem Ätzkali, welches die Ge-
webe angreift, und von Füllmitteln gelegt. Die
Anwesenheit der letzteren erkennt man durch
Behandlung mit Alkohol, wobei die Seife in
Lösung geht, Füllmittel aber Zurückbleiben. Über
die schmutzlösende Wirkung der S. feind zahl-
reiche Theorien aufgestellt. Nach einigen soll
die Seife beim Auflösen in Fettsäure und freies
Alkali zerfallen, nach der wahrscheinlich rich-
tigsten Ansicht Knapps hingegen lediglich die
Benetzbarkeit der Gewebe erhöhen. Aber völlig
geklärt ist diese Frage noch nicht, und es er-
scheint daher wissenschaftlich unbegründet, wenn
einigen Sorten ganz besonders hervorragende
Eigenschaften gegenüber den normalen Talg-
kernseifen zugeschrieben werden. Den zahl-
reichen Verfälschungen der S. suchen die Ver-
treter der Industrie selbst, und wie es scheint
mit Erfolg, entgegenzutreten. Die während des
Krieges nach Vorschrift des Kriegsausschusses
für Fette und Öle allein hergestellte K.-A.-
Seife bestand aus einem Gemisch von Ton
mit etwa 200/0 Fettseife.

Seifenpulver. Neben reiner pulver- oder spän-
chenförmiger Kernseife finden sich im Handel
zahlreiche sog. Wasch- oder S., die neben Seife
mehr oder weniger erhebliche Mengen von Soda,
Wasserglas und allen möglichen anderen Zu-
sätzen enthalten. Von den bekannteren Fabrik-
marken besteht: Lessive Phenix aus 34%
Wasser, 6 °/o Seife, 5 °/o Wasserglas, 55 °/o Soda;
Wöllners Waschpulver aus 30% Wasser,
l3 °/o Seife, 21% Wasserglas, 36% Soda; Min-
los Waschpulver aus 38% Wasser, 3% Seife,
5% Wasserglas, S4°/o Soda; Luhns Wasch-
extrakt aus 3S % Wasser, 390/0 Seife, 26°/o
Soda; Waschpulver Reform aus 32 °/o Wasser,
4°/o Seife, 9% Wasserglas, ^5% Soda. Die
meisten derartigen Waschpulver sind unverhält-
nismäßig teurer als ein entsprechendes Gemisch
von Seife und Soda.

Seifenwurzel (lat. Radix saponariae, frz. Ra-
cine de saponaire, engl. Soap root), ein viel-
gebrauchter Gegenstand des Drogenhandels, wird
yon zwei Pflanzengattungen gewonnen. Die rote
Seifenwurzel (Radix saponariae rubra) stammt
vpm gemeinen Seifenkraut, Saponaria of-
ficinalis, einer ausdauernden, durch das ganze
mittlere und südliche Europa auf Wiesen, in
Gebüsch und besonders gern auf Sandboden in
der Nähe von Wasser wachsenden Karyophyl-
'ee. Die im Herbst oder Frühjahr von nicht zu
Jungen Pflanzen gesammelten Wurzeln oder Aus-
läufer bilden Strohhalm- bis federkieldicke Stücke

von braunrofer Oberfläche, gelblichweißem Bruch
und süßlich schleimigem, hinterher kratzendem
Geschmack. Der wäßrige Auszug ist dickflüssig
Und schäumt beim Schütteln wie eine Seifen-
lösung. Wegen ihres Gehaltes an Saponin be-
nutzt man die wäßrige Abkochung wie eine milde
Seifenlösung in Fällen, in denen wirkliche Seife
den Farben schaden würde, also für Seiden-
waren, Spitzen, Schals und andere zarte Gewebe.
Die Handelsware kommt hauptsächlich aus Mittel-
europa, wo sie verschiedentlich angebaut wird.
— Die sog. levantinische oder ägyptische
S. (Radix saponariae alba), weiße Seifen-
wurzel im Handel genannt, stammt von Gyp-
sophila Struthium und anderen Gypsophila-
arten, die ebenfalls zu den Karyophylleen
gehören und in der Levante und in Ungarn
wachsen. Sie wird hauptsächlich in der Gegend
von Smyrna gesammelt und über Triest ein-
geführt und bildet 3—4Vä dm lange, außen grau-
gelbe oder bräunliche, stark längsrunzelige und
furchige, innen gelblichweiße Stücke. Die un-
garische Wurzel kommt in Form leichter weißer
Scheiben in den Handel. Sie steht wie die
levantinischen Wurzeln der roten S. an Saponin-
gehalt und Wirksamkeit nach.

Seignettesalz, nach seinemErfinder inRochelle,
daher sonst auch Rocheller Salz genannt, ist
ein Doppelsalz aus Weinsäure und den beiden
Basen Kali und Natron, also weinsaures Na-
tronkalium oder Natronweinstein (lat. Tar-
tarus natronatus, Natrokali tartaricum, Kalium
tartaricum natronatum, frz. Tartrate de soude et
de potasse, Sei de seignette, engl. Tartarated.
soda, Salt of seignette) und wird aus Weinstein
und Soda in der Weise hergestellt, daß man
eine Lösung von reinem kohlensauren Natron
mit Weinstein versetzt, bis kein Entweichen von
Kohlensäure mehr stattfindet. Nach dem Ein-
dampfen der filtrierten Lauge im Dampfbade
bilden sich schöne, große, wasserhelle, rhom-
bische Säulen, die bei ganz gelinder Wärme ge-
trocknet werden, da sie sonst ihre Durchsichtig-
keit verlieren. Das Salz schmilzt beim Erwärmen
in seinem Kristallwasser, ist aber sonst ziemlich
luftbeständig. Es löst sich in sehr wenig Wasser,
besitzt einen milden salzigen Geschmack und
wird als ein kühlendes, gelinde abführendes
Mittel, z. B. als Seidlitzpulver, sowie in der
analytischen Chemie zur Bestimmung des Zuckers
(Fehlingsche Lösung) angewandt.

Sekt, abgeleitet von Vino secco, d. h. getrock-
neter Wein, hieß ursprünglich nur der Wein aus
Trauben, die durch Umbrechen des Stieles und
Eintrocknen am Stock einen großen Teil ihres
Wassers verloren haben und deshalb besonders
süß und gehaltreich sind. Jetzt gebraucht man
die Bezeichnung fast ausschließlich für Schaum-
wein oder Champagner, während sie für Er-
zeugnisse aus Obstweinen nur unter deutlicher
Kennzeichnung, z. B. Apfelsekt, zulässig ist.

Selen (Selenium), ein dem Schwefel nahe
verwandtes Element, Se==79, findet sich in
einigen seltenen Mineralien: Sclenblei oder
Klausthalit, Selensilberblei oder Nau-
mannit, Selenkupferblei oder Zorgit, Se-
lenkupferthallium oder Crookesit, Selen-
kupfersilber oder Eukairit, Selenkupfer oder
Berzelit, Selenquecksilber oder Tieman-
        <pb n="419" />
        ﻿Sellerie

412

Senf

nit und Selenquecksilberblei oder Lerba-
chit und wird meist aus dem in den Bleikam-
mern der Schwefelsäurefabriken sich absetzenden
Schlamm dargestellt. Man erhält es als grau-
schwarze, schwach metallisch glänzende Masse
von muschligem Bruche, die in dünnen Splittern
am Rande dunkelrot durchscheinend, geruch-
und geschmacklos und in Wasser unlöslich ist.
In der Hitze bei Luftabschluß schmilzt das S.
und verwandelt sich dann in einen gelben Dampf,
der sich beim Abkühlen zu einem roten Subli-
mate verdichtet. Beim Erhitzen an der Luft
entzündet es sich und verbrennt wie Schwefel
mit rötlichblauer Flamme unter Entwicklung
eines Geruchs nach faulem Rettich. Das S. wird
zur Herstellung gewisser physikalischer Instru-
mente, Photophone und Selenradiophone, sowie
zum Rotfärben und, bei sehr kleinen Zusätzen,
zum Entfärben von Glasflüssen benützt.

Sellerie (Eppich, Wassereppich, lat. Radix
apii, frz. Cölerie, engl. Celery), eine zweijährige
Doldenpflanze, bildet angebaut als Garten-
S., Apium graveolens L., ein bekanntes
Küchengewächs, von dem die aromatisch flei-
schigen Wurzeln als Gemüse, zu Salat und zu
Suppen, der starke Schaft und das Kraut wegen
seines Aromas als beliebtes Gewürz benutzt wer-
den. In England ißt man S. auch roh zu Brot
und Käse. Medizinisch hat die Pflanze insofern
Bedeutung, als ihr Genuß auf die Harn- und
Geschlechtsorgane einwirkt. Von den zahlreichen
Handelssorten gelten große Erfurter Knol-
len, niedrig frühe Knollen, große Ulmer,
frühe Leipziger S., als die besten. Der ein-
bis dreijährige, sehr feine Same wird möglichst
früh in Mistbeeten gesät und darauf im April
oder Mai in gut vorbereitetes, mürbes Land in
Abständen von 50 cm ausgepflanzt. Die Pflege
erstreckt sich auf öfteres Behacken, fleißiges
Begießen und Entfernen welker Blätter. Im
August entfernt man alle Seitenwurzeln, nimmt
im Herbst die Knollen heraus und schlägt sie
in Kellern oder Gruben ein. Auch kann man die
Pflanze über Winter in Kästen an warmen Orten
halten. Die in England und den Niederlanden
beliebte Bleichsellerie, deren gebleichte flei-
schige Blattstiele genossen werden, wird in
Deutschland weniger geschätzt. — Die Teil-
früchte der S. (lat. Fructus apii, frz. Semences
de celerie, engl. Celery seeds) werden zu Sellerieöl
verarbeitet. — Das Sellerieöl (lat. Oleum apii,
frz. Essence de cölerie, engl. Celery oil) wird
entweder aus dem Kraut oder aber nur aus den
Samen gewonnen. Das Krautöl ist von grün-
gelber Farbe und hat ein spez. Gew. von 0,848
bis 0,880, das Samenöl ist farblos und vom spez.
Gew. 0,866—0,894. Beide öle - riechen und
schmecken kräftig nach Sellerie und werden u. a.
zur Herstellung des Sellerielikörs verwandt.

Selters bei Weilburg. Dieses Mineralwasser
unterscheidet sich von dem im Handel meist als
„Selterswasser“ bezeichneten Wasser aus Nieder-
selters (s.d.) hauptsächlich durch das Fehlen von
Natriumbikarbonat und den geringeren Gehalt
an Kochsalz. In 1000 Gewichtsteilen sind nach
der 1891 von A. Ludwig ausgeführten Analyse
enthalten: Bikarbonate des Kalziums 2,1708g,
Eisenoxyduls 0,0018 g, Manganoxyduls 0,0394g;
Chloride des Kaliums 0,0242 g, Natriums

0,5326 g, Lithiums 0,0012 g, Ammoniums 0,0009 g,
■Magnesiums 0,5408 g, Kalziums 0,0333g; Sul-
fate des Kalziums 0,0108 g, Bariums 0,0021g,
Strontiums 0,0004 g; Brom-und Jodnatrium Spur,
Tonerde 0,0002 g, Kieselsäure 0,0311g, Organi-
sche Stoffe 0,0040 g und freie Kohlensäure
2,3721 g-

Selterspastillen, künstliche (Pastilli aerophori
Selters) werden hergestellt, indem man 500 g
Natriumbika.rbonat, 375 g Weinsäure, 25 g Koch-
salz und 100 g Zucker mit 900/oigem Alkohol
anfeuchtet, so daß die Masse sich zusammenballt,
darauf zu einem breiten Kuchen ausrollt und
500 Pastillen aussticht.

Semen (in der Mehrzahl Semina) ist die im
Drogenhandel gebräuchliche lateinische Bezeich-
nung für Same, die im Handel vielfach mit
dem Begriffe Frucht, lat. Fructus (s.d.), ver-
wechselt wird. Beide unterscheiden sich da-
durch, daß eine Frucht stets Spuren der Narbe
und des Griffels zeigt sowie eine Fruchtwand
besitzt, in der sich ein oder mehrere Samen be-
finden. Auf Preislisten finden sich am häufigsten
folgende Samenarten: Semen abelmoschi, Bisam-
körner; S. canariense, Kanariensame; S. col-
chici, Herbstzeitlosensame; S. cydoniorum,
Quittenkerne; S. daturae stramonii, Stechapfel-
same; S. erucae, weiße Senfkörner; S. foenu-
graeci, griechischer Heu- oder Bockshornsame;
S. hyoscyami, Bilsenkrautsame; S. lini, Lein-
same; S. papaveris, Mohnsame; S. psyllii, Floh-
same; S. sesami, Sesamkörner; S. sinapis nigrae,
Senfkörner, schwarze; S. staphisagriae, Läuse-
same; S. strychni, Brechnüsse; S. tanaceti, Rain-
färnsame. Vgl. die Einzelbesprechungen.

Senegawurzel (Klapp er Schlangenwurzel,
lat. Radix senegae, frz. Racine de sönöga, engl-
Senega root) stammt von der in Nordamerika,
besonders Virginien, Pennsylvanien und Mary-
land wild wachsenden ausdauernden Polygala-
zee Polygala Senega und wird im Mutterlande
als Mittel gegen Schlangenbiß angewandt. Die
etwa 13 cm lange und federkieldicke Wurzel, die
oben oft einen verdickten Wurzelhals trägt, ist
leicht kenntlich an ihrer gewundenen Form, die
sie wie eine gestreckte Spirale erscheinen läßt,
und an der kielartig vorspringenden Kante, die
an der konkaven Seite entlang läuft. An der
Außenseite erscheint die Wurzel durch Ein-
schnürungen wulstig. Ihre Farbe ist äußerlich
gelbgrau, der Querschnitt zeigt einön gelblich-
weißen. einseitigen Holzkörper und eine bräun-
lichgelbe, weiche Rinde, in der die wirksamen
Bestandteile enthalten sind. Der schwache Qe-
ruch ist unangenehm ranzig, der, wie bei der
Seifenwurzel, süßliche und nachher scharf und
kratzende Geschmack beruht auf einem Gehalt
an den Saponinen Senegin und Polygala-
säure. Medizinisch wird S. in Form von Ab-
kochungen sowie als Extrakt oder Sirup als
schweiß- und harntreibendes Mittel, besonders
bei chronischen Katarrhen, angewandt, ist aber
in Deutschland dem freien Verkehr entzogen.

Senf (frz. Moutarde, engl. Mustard). Diesen
Namen führen verschiedene Pflanzen aus der
Familie der Kruziferen, von denen besonders
die folgenden technische Verwendung finden-
1. Der weiße oder gelbe S. (Gartensenf, eng'
        <pb n="420" />
        ﻿Senf

413

Sennesblätter

lischer S., Schnabelsenf, Rauken, Rockhelen,
Rockheit), Sinapis alba, eine einjährige, 6o bis
120 cm hohe Pflanze mit gelber Blumenkrone,
wenig behaartem Stengel und steifhaarigen
Schoten, wächst wild und angebaut in England,
Holland, Mittel- und Süddeutschland, besonders
Thüringen, Württemberg und am Rhein sowie
in Rußland und Kleinasien. Er wird vielfach
auch mit Dotter zusammen gebaut, und zwar am
liebsten auf Neubruch und Schlammboden, doch
auch auf trockenen Bodenarten. Die Pflanze ist
gegen Kälte weniger empfindlich als Raps, leidet
aber wie dieser, wenngleich in geringerem Grade,
von Erdflöhen und sonstigen Schädlingen. Als
mittlere Ernte rechnet man 14—24 hl Körner
und 10—is dz Stroh. Abgesehen von der Samen-
gewinnung dient er als Futter für Milchvieh
sowie zur Gründüngung. Die Samen oder Senf-
körner (lat. Semen sinapis albae, Semen erucae,
frz. Moutarde blanche, engl. White mustard) be-
sitzen die Form einer Kugel von 1I/2—2V2 mm
Durchmesser, eine gejbe Farbe und matte Ober-
fläche. Das gelbe Pulver zeigt einen anfangs
öligen, später brennenden. Geschmack, aber auch
nach dem Anrühren mit Wasser keinen charak-
teristischen Geruch. 2. Der schwarze, braune
oder grüne S., Brassica nigra, erreicht eine
Höhe von 1V2 m und besitzt kurze, dünn-
geschnäbelte, zweifächerige Schpten mit 4—6
Samen in jedem Fach. Er wächst in Europa
und Vorderasien wild und wird im Elsaß, in
Böhmen, Holland, Belgien, England, Italien,
Griechenland und Amerika (Kalifornien) an-
gebaut. Die Pflanze gibt um 25 °/o geringere
Erträge an Samen und Stroh als der weiße Senf,
eignet sich als Grünfutter und -düngung gar nicht
und leidet auch sehr durch Samenausfall. Die
Samen werden hauptsächlich zur Ölgewinnung,
als Zusatz zu Speisesenf und zu medizinischen
Zwecken benutzt. Die schwarzen Senfkörner
(lat. Semen sinapis nigrae, frz. Moutarde noir,
engl. Mustard seeds) besitzen wie die weißen
Kugelform, aber weit geringeren (höchstens
1 mm) Durchmesser und dunkel- bis schwarz-
braune, innen grünlichgelbe Farbe. Die Ober-
fläche erscheint unter der Lupe mit feinen Wärz-
chen besetzt. Das Pulver zeigt, wenn die Schale
mitgestoßen wurde, eine grünliche, sonst eine
gelbe Farbe und ist im trocknen Zustande ge-
ruchlos, nimmt aber beim Anrühren mit Wasser
nach einiger Zeit einen zum Tränen reizenden
Geruch an. 3. Der russische oder Sarepta-
senf, Sinapis juncea, wird, in Nordafrika,
China, Indien und im südlichen Rußland, beson-
ders bei Sarepta, stark angebaut. Die hellbraunen
Samen, die in der Größe zwischen den beiden
anderen Sorten stehen, werden vor dem Pressen
entschält und liefern daher hellere Preßrück-
stände als der schwarze Senf. Das Pulver zeigt
beim Anrühren mit Wasser den Geruch des
Senföls. 4. Der Ackersenf (Ackerkohl, Feld-
Senf, falscher Hederich, gelber Trill), Sinapis
atvensis, ein einjähriges, weit verbreitetes Un-
kraut, wird in Amerika bisweilen als Zusatz zu
Speisesenf benutzt. — Die Senfsamen, von denen
die holländischen am höchsten, die russischen
atn geringsten bewertet werden, dienen zur Her-
stellung von Speisesenf und Senfmehl (s. d.)
sowie von ätherischem und fettem Öl (s. d.).

Senfmehl, Speisesenf. Das aus fetthaltigen
oder entfetteten Samen hergestellte Mehl, das
beim schwarzen S. meist gröber, beim weißen
Senf feiner erscheint, findet wegen seines Ge-
haltes an wertvollen Inhaltsstoffen mannigfache
technische und medizinische Verwendung. Alle
Senfsorten enthalten beträchtliche Mengen. 28 bis
300/0, fettes Öl, 27—30 °/o Stickstoffsubstanz, 9 bis
to°/o Holzfaser und 4—5 °/o Mineralstoffe. Ihren
scharfen Geruch und Geschmack verdanken sie
einem schwefelhaltigen Öl, das aber nicht in
freiem Zustande, sondern in glykosidischer Bin-
dung vorhanden ist und erst bei der Behandlung
mit Wasser durch das Ferment Myrosin ab-
gespalten wird. Das im schwarzen und Sarepta-
senf vorhandene Sinigrin (myronsaure Ka-
lium), zerfällt unter der Einwirkung des Fer-
mentes in Zucker, Kaliumbisulfat und Allyl-
senföl. Der weiße Senf enthält einen scharfen,
aber geruchlosen Stoff, das Sinalbin, das in
Zucker, saures schwefelsaures Sinapin und Sin-
albinsenföl zerfällt. Das Sinapin ist ein Ester
des Cholins und der Sinapinsäure. — Zur Dar-
stellung des Speisesenfs (Mostrich) wird das
entölte oder fetthaltige Pulver des weißen oder
braunen Senfs mit Essig oder Wein angerührt
und meist mit verschiedenen Zusätzen, wie
Zucker, Piment, Nelken und anderen Gewürzen,
versehen. Eine Beimischung von Mehl und Farb-
stoffen (Teerfarben, Kurkuma) ist ohne Kenn-
zeichnung unzulässig. — Das Mehl des schwarzen
Senfs findet in ganz oder halb entöltem Zu-
stande als Senfteig, Senfpflaster und Senf-
papier zur Hautreizung vielfache medizinische
Anwendung. Es muß für diese Zwecke vor
Feuchtigkeit geschützt und nicht zu lange auf-
bewahrt werden.

Senföl. Das durch Auspressen der Senfsamen
erhaltene fette Öl (lat. Oleum sinapis pingue,
frz. Huile de moutarde, engl. Mustard seed oil)
ist gelb bis bräunlichgelb und von mildem Ge-
ruch und Geschmack. Es enthält neben Gly-
zeriden flüssiger Fettsäuren Behen- und Enika-
säure. Das spe?. Gew. beträgt 0,915—0,917, die
Verseifungszahl 170—180. In.dem Öl des schwar-
zen Senfs ist stets Schwefel vorhanden. Fettes
S. wird als Speiseöl, Brennöl und als Schmier-
mittel verwandt. — Das ätherische S. (lat.
Oleum sinapis aethereum, frz. Essence de mou-
tarde, engl. Mustard oil) wird durch Destilla-
tion des mit Wasser längere Zeit angerühften
schwarzen Senfmehls mit Wasserdampf als ein
farbloses oder gelbliches, dünnflüssiges Öl vom
spez. Gew. 1,016—1,022 dargestellt. Es besteht
hauptsächlich aus Schwefe Izyanallyl, SCN .
C3H5, und kann auch künstlich durch Be-
handlung von Allyljodid mit Rhodankalium er-
halten werden. Das S. besitzt einen scharfen, zu
Tränen reizenden Geruch, ist giftig und erregt
auf der Haut Brennen, Rötung und Blasenbil-
dung. Die alkoholische. Lösung (Senfspiritus)
findet medizinische Anwendung.

Sennesblätter (lat. Folia sennae, frz. Feuilles
de sene, engl. Senna leaves), eine als kräftiges
Abführmittel viel benutzte Droge, sind die Fieder-
blättchen verschiedener Kassia-Arten, strauch-
artiger, zu den Leguminosen gehöriger Ge-
wächse mit paarig gefiederten Blättern, die in
Ägypten, Abessinien und Arabien auf dürrem
        <pb n="421" />
        ﻿Sennesblätter

414

Seronen

Boden wachsen und in Ostindien angebaut wer-
den. Während früher mehrere Sorten im Handel
zu verzeichnen waren, gibt das Deutsche
Arzneibuch jetzt nur noch die Blätter von
Cassia angustifolia Vahl als offizineil an,
die im Drogenhandel als ostindische oder
Tinnevelly-S. bezeichnet werden. Ihre Heimat
ist die Küste des Roten Meeres, doch werden
sie vielfach in Ostindien, namentlich im Distrikt
Tinnevelly |ier Präsidentschaft Madras angebaut.
Die in gepreßten Ballen über England und Ham-
burg eingeführten Tinnevelly-Sennesblätter sind
schmal lanzettlich, 4—6 cm lang, 1—2 cm breit,
hellgrün bis bräunlichgrün, fast ohne Bruch und
frei von Stengelresten. Der Geschmack ist schlei-
mig. — Die andere im Handel noch vorkom-
mende Sorte, die sog. Alexandriner, stammt
aus den Wüsten Oberägyptens, wo sie von Ara-
bern gesammelt, von Händlern aufgekauft und
nach Kairo oder Alexandrien gebracht wird.
Gewöhnlich ist die Ware mit Zweigen, Stielen,
Bruch und Sand so gemengt, daß beim Reinigen
über die Hälfte Abgang entsteht. Das Reinigen
durch Auslesen, wiederholtes Aussieben und
Schwingen wird entweder schon in Triest oder
erst von den großen inländischen Drogen-
häusern vorgenommen. Man scheidet dabei, noch
eine geringere Sorte als kleine Senna (lat.Folia
sennae parvae) ab, indem man von dem gröblich
Abgesiebten wieder den Staub absiebt. Mög-
lichst frische Ware, bei der die Blätter noch
zäh, grünlich und frei von Flecken und Bruch
sind, wird am meisten gesucht. Der Geschmack
der Alexandriner S. ist weniger schleimig als
derjenige der Tinnevelly. —• Die S. riechen
eigentümlich aromatisch und schmecken schlei-
mig und bitter. Sie enthalten als wirksame Be-
standteile: Emodin, Chrysophansäure, Sen-
napikrin und Kathartomannit, außerdem
aber noch andere Stoffe von harziger Natur, die
ungünstig wirken und Leibschneiden verursachen.
Da diese mit heißem Wasser in Lösung gehen,
empfiehlt es sich, keine Abkochungen, sondern
nur Auszüge mit kaltem oder höchstens warmem
Wasser zu verwenden. Aus dem gleichen Grunde
schreiben mehrere Arzneiverordnungen ent-
harzte Blätter vor (lat. Folia sennae sine resina
seu deresinata), d. b. solche, aus denen jene
nachteiligen Bestandteile durch Extrahieren mit
Weingeist entfernt worden sind. — Die der
Alexandrinerware gewöhnlich beigemengten frem-
den Blätter, die sog. Arghelblätter, von Cy-
nanchum Arghel, einer in Ägypten heimi-
schen Asklepiazee, müssen ausgelesen werden.
Sie sind leicht zu erkennen, da sie dick, leder-
artig.und runzelig sind und sich infolge beider-
seitiger starker Behaarung rauh anfühlen, ihre
Farbe ist gelblichgrau oder graugrün. — Unter
dem Namen Muttersennesblätter (Sennes-
bälge, Sennesschoten, lat. Folliculi sennae,
frz. Fruits de gönö, engl. Senna capsules) kommen
die Früchte von Cassia obovata Colladon
in Form flachgedrückter Kapseln von braun-
grüner Farbe und lederartigem Äußeren in den
Handel. Sie werden in manchen Gegenden den
Sennesblättern vorgezogen, weil ihre Wirkung
eine gelindere ist und die vorher geschilderten
Beschwerden nicht hervortreten. — Die Sennes-
blätter werden im Aufguß oder in Form von

Pulver, Latwerge oder Extrakt als mildes Ab-
führmittel benutzt.

Sepia nennt man zwei verschiedene Handels-
waren, die beide von Seetieren der zu den
Zephalopoden (Kopffüßlern) gehörenden
Gattung Sepia gewonnen werden. Ihr wichtig-
ster Vertreter, der Tintenfisch oder Black-
fisch (S. officinalis), der im Mittelmeer, vor-
zugsweise im Adriatischen Meere, zerstreuter auch
in den übrigen europäischen Meeren lebt, hat
einen bis zu 50 cm langen, sackförmigen Körper,
der zehn mit Saugnäpfen besetzte Fangarme
trägt. Zur Stütze des weichen Körpers liegt an
der Rückenseite, innerhalb der sackförmigen
Hülle, eine Art länglicher Knochenplatte, die
gleich den Muschelschalen in der Hauptsache
aus kohlensaurem Kalk besteht. Der etwas ge-
wölbte Rückenschild (Schulp) von 11—23 cm
Länge und 7—9 cm Breite läuft nach beiden
Seiten schmäler zu und wird von der Mitte aus
nach den scharfen Rändern zu immer dünner.
Die Oberseite besteht aus einer sehr dünnen,
harten und knochenähnlichen Schicht von gelb-
lichweißer Farbe, die darunterliegende dickere
Masse ist rein weiß, lockerzeilig, blättrig und
zerreiblich. Nach dem Absterben der Tiere blei-
ben die sehr leichten porösen'Stücke auf der See
schwimmen. Sie bilden die als Sepiaknochen
oder weißes Fischbein (lat. Os oder Tegmen
Sepiae, frz. Os de seiche, engl. Cuttle fish bone)
bezeichnete Handelsware, die zu feinen Gieß-
formen für Goldarbeiter, als scharfes Pulver zum
Schleifen und Polieren feiner Hölzer sowie als
Zahnpulver Verwendung findet. — Die andere
als Sepia bezeichnete Ware ist der aus dem
gefangenen Tiere sogleich herausgeschnittene und
rasch getrocknete Tintenbeutel oder die aus
ihm herausgenommene bröcklige Masse, deren
Färbekraft so groß ist, daß 1 Teil noch 1000
Teile Wasser undurchsichtig macht. Neuerdings
wird der Farbstoff in-der Regel gereinigt, indem
man ihn in (Kalilauge löst, mit Säuren Wieder aus-
fällt und den gewaschenen Niederschlag im Ge-
misch mit Gummischleim zu Täfelchen formt.
Das so gewonnene Sepiabraun bildet eine ge-
schätzte Malerfarbe. — Das Fleisch des Tinten-
fisches wie der ihm verwandten Arten S. elegans
und biserialis wird als Nahrungsmittel ge-
schätzt.

Serge (Sarsche, frz. Serge, engl. Serge)nennt
man mehrere Arten vota seidenen, halbseidenen,
wollenen und gemischten Geweben, die mit drei
oder vier Schäften geköpert oder mit fünf- oder
siebenbindigem Atlas gewebt sind. Die wolle-
nen Sergen dienen in den leichteren Sorten ge-
wöhnlich als Futterzeuge, doch gibt es auch
dichte, aus festem Kammgarn gewebte, und
solche, die durch Rauhen und Scheren fast halb-
tuchähnlich sind. Die bekannteste Sorte aus
sehr glattem, gutem Kammgarn ist die Serge
de Berry. Statt der früher vorkommenden zahl-
reichen Arten wollener S. werden jetzt andere
Köperstoffe, wie Merino, Orleans, Napolitains,
Tibets u.dgl. benutzt. —• Unter den Seiden-
waren bilden die S. hauptsächlich Futterstoffe-
Sie unterscheiden sich von anderen geköperten
Waren dadurch, daß sie nicht appretiert sind.

Seronen (Suronen) nennt man die aus rohen
Rindshäuten bestehenden Packhüllen, in die
        <pb n="422" />
        ﻿Serpentin

415

Sheabutter

aus Brasilien und anderen südamerikanischen
Ländern kommende trockene Waren eingeschla-
gen sind. Sie werden in Europa teils gegerbt,
teils in den Leimsiedereien mitverarbeitet. Der
Name hat sich später auf anderes Packmaterial
ausgedehnt und bezeichnet auch solche Um-
hüllungen, die aus einer doppelten Lage von
Bast- oder Schilfmatten, oder aus einer ein-
fachen derartigen Lage mit einer Umhüllung
von Packleinen bestehen.

Serpentin (Schlangenstein), ein der Haupt-
sache nach aus wasserhaltiger kieselsaurer
Magnesia mit 40—43 °/o Kieselsäure, 38 bis
4o°/o Magnesia und 12—i3°/o Wasser bestehen-
des und durch Eisen und etwas Chromoxyd ge-
färbtes Mineral, besitzt gewöhnlich schwarzgrüne
oder schwärzliche, bisweilen auch rotbraune Fär-
bung mit mannigfach wechselnden Flammen, ge-
schlängelten Adern und Flecken, die an die
Tigerung mancher Schlangenhäute erinnern. Die
Zeichnungen beruhen meist auf den zahlreichen
Einschlüssen fremder Mineralien, besonders von
Asbest. S. findet sich ziemlich häufig in Schich-
ten zwischen anderem Gestein oder bildet für
sich Hügel und kleine Berge, ist aber in vielen
Fällen sehr zerklüftet oder in einzelne Blöcke
zerfallen. Das Mineral wurde schon im Altertum
zu Säulen und anderen architektonischen Werken
benutzt und dient noch jetzt in England zur
Herstellung von Bauverzierungen, Taufsteinen,
großen Vasen, Obelisken und anderen Kunst-
gegenständen, in Italien, besonders zu Pisa, na-
mentlich auch zur Nachbildung antiker Vasen.
Der wichtigste Fundort in Deutschland ist Zöblitz
bei Marienberg in Sachsen. Hier fertigte man
früher nur Reibschalen und Mörser, Leuchter,
Urnen, Vasen, Becher, Teller, Dosen, Schreib-
zeuge. Briefbeschwerer und Wärmsteine, neuer-
dings aber auch Grabplatten und Kreuze, Säulen,
große Würfel zu Denkmälern u. dgl. Erst an
fein geschliffenen und polierten Stücken tritt
die Schönheit des Materials recht deutlich her-
vor, die durch die überall eingesprengten Gra-
naten noch gehoben wird. Der S. hat die Eigen-
schaft, frisch aus der Erde genommen, sehr
Weich und mit scharfen Instrumenten leicht be-
arbeitbar zu sein, während er an der Luft mit
der. Zeit sehr hart wird.

Serradella (Vogelfuß, Krallenklee, Sand-
vogelfuß, Klauenschote, frz. Ornithope, engl.
Birds foot), eine für Sandboden und anderen
Boden, welcher die Kleearten nicht sicher trägt,
vortrefflich geeignete einjährige Futter- und
Weidepflanze, Ornithopus sativus, aus der
Familie der Schmetterlingsblütler, mit gro-
ßen, rosafarbigen Blüten, wird 30—60 cm hoch,
ist in Spanien, Portugal und Nordafrika hei-
misch und wird in der nördlichen, gemäßigten
Hälfte Europas vielfach angebaut. Der Saat-
bedarf stellt sich je nach der Art auf 15—40 kg.
der Ertrag auf 12—14 dz Heu oder auf 500 bis
800 kg Samen neben 10—12 dz Stroh. 1 hl Samen
Wiegt 4S kg. Während des Krieges sind die
Samen, oder richtiger die tönnchenförmigen Teil-
stücke der Gliederhülse vielfach zu Kaffee-Ersatz
verarbeitet worden, ln ungerüstetem Zustande
emhalten sie: 7,6 0/0 Wasser, 24 °/o Stickstoff-
substanz, 6,6 % Fett, 20,7 % stickstofffreie Ex-
haktstoffe, 36,8 °/o Rohfaser und 4,3 °/o Asche.

Sesam (frz. Sesame. engl. Sesame) nennt man
die Samen der zu den Pedoliazeen gehörenden
Sesampflanze, von der namentlich die Arten
Sesamum indicum L. und S. orientale L. in
den Tropen und in gemäßigt warmen. Gegenden
von China und Indien bis Algier und von BrasL
lien bis zu den Südstaaten der Vereinigten Staa-
ten Nordamerikas als Ölpflanze angebaut werden.
Die Pflanzen werden 1—2 m hoch, haben ovale,
drüsig-klebrig behaarte Blätter, meist weiße und
rötliche Blüten und vierkantige, abgerundete
Kapseln mif zahlreichen Samen. Die letzteren
sind eiförmig und stark plattgedrückt und be-
sitzen einen angenehm öligen Geschmack. Ihr
Gewicht beträgt etwa 4 mg. Die Farbe ist hell-
gelb bis bräunlich bei S. indicum, braunviolett
bis schwärzlich bei S. orientale. Die Samen
enthalten etwa 45—so °/o Öl, zu dessen Herstel-
lung sie hauptsächlich benutzt werden.

Sesamöl (lat. Oleum sesami, frz. Huile de
sösame, engl. Sesame oil) wird aus den ölreichen
Samen von Sesamum indicum u. a. durch an-
fangs kalte, dann warme Nachpresse gewonnen.
Das kalt gepreßte Öl ist schön hell, blaßgelblich,
während die warme Nachpressung noch eine
geringere dunkle Sorte ergibt. Das S. hat einen
angenehmen Geschmack, ein spez. Gew. von
0,920—0,924 und gehört zu den nicht trocknen-
den Ölen. Es besteht aus den Glyzeriden der
Stearinsäure, Palmitinsäure, Ölsäure und
Linolsäure und hat eine Jodzahl von 103 bis
112. Wegen seiner, auffallenden Reaktion, der
mit Furfurol und Salzsäure sowie mit Zinnchlorür
eintretenden Rotfärbung, bildet es den gesetzlich
vorgeschriebenen Zusatz zu Margarine. Außer-
dem wird es selbst als reines, billiges Speiseöl,
ferner zur Darstellung von Seifen, zur Enfleurage
von Parfüms und zur Verschneidung des Oliven-
öls benutzt.

Shampooing-Water (Shampooing-Fluid)
gehört nach E. Dieterich zu den angenehmsten.
Kopfwaschwässern und besitzt den Vorzug, die
Kopfhaut zu reinigen und geschmeidig zu er-
halten, so daß jede Schuppenbildung verhindert
wird. Zu seiner Herstellung verquirlt man sorg-
fältig drei frische Hühnereier, verdünnt mit 800 g
Rosenwasser und setzt dann noch eine Mischung
folgender Stoffe hinzu: 50,0 Seifenspiritus, 10,0
Kaliumkarbonat, 10,0 Ammoniakflüssigkeit (10-
proz.), 0,5 .Kumarinzucker, je zwei Tropfen Rosen-
und Bergamottöl und je ein Tropfen französi-
sches Geraniumöl und ätherisches Bittermandelöl.
Die ziemlich geringe Haltbarkeit kann durch
Ersatz der Pottasche durch 20 g Borax erhöht
werden. Nach anderen Vorschriften wird auch
wohl Natriumbikarbonat zugesetzt.

Sheabutter (lat. Oleum galam seu Butyrum
shea, frz. Beurre de shde, engl. Shea butter),
eine der verschiedenen Arten von Bassiafett
(s. d.), wird aus den nußartigen Fruchtkernen
eines im Innern Westafrikas wachsenden Bau-
mes, Butyrospermum oder Bassia Parkii,
gewonnen, der den Eingeborenem als Fettspender
dasselbe leistet, wie den Küstenvölkern die Öl-
palme. Der strauchartig wachsende Baum be-
deckt ungeheure Strecken von Hügel- und Flach-
land und liefert im Mai oder Juni reifende
Fruchtkerne von der Gestalt und Farbe der Roß-
kastanie. deren süßes Fleisch als Nahrungsmittel
        <pb n="423" />
        ﻿Siderolith

416

Silber

Verwendung findet. Nach Entfernung des Flei-
sches werden die etwa 45 °/o Fett enthaltenden
Nüsse grob gestoßen, mit Wasser gekocht und
das dabei an die Oberfläche tretende Fett in
irdene Töpfe geschöpft, wo es bald fest wird und
die Farbe und Festigkeit von tierischem Talg
annimmt. Es hat einen angenehmen Geschmack
bei hinreichender Haltbarkeit und eignet sich
für alle Zwecke, zu denen Palmöl benutzt wird,
S. ist von grünlichweißer Farbe, die sich an
der Luft aber schnell ausbleichen läßt. Das
spez. Gew. beträgt 0,954, der Schmelzpunkt 28 bis
300, die Jodzahl 55—60. Außer als Speisefett
eignet sie sich auch zur Herstellung von Seife.

Siderolith (wörtlich Eisenstein) nennt man
eine besondere Sorte von Ton waren aus weißer,
scharf gebrannter Tonmasse. Zur Herstellung
dient ein plastischer Ton, der in gleicher Weise
wie für Steingut zubereitet, geformt und scharf
gebrannt wird. Die Gegenstände erhalten aber
keine Glasur, sondern werden nach dem Brennen
mit einem farbigen oder Bronzefimis überzogen,
teils auch mit Vergoldung versehen und sodann
im Ofen bei mäßiger Hitze getrocknet. Die
Erzeugnisse haben ein hübsches Äußere, sind
aber zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten nicht
geeignet und werden auch bald unscheinbar.
Die Herstellung hat eine bedeutende Ausdeh-
nung erreicht und wird in Böhmen, auf dem
ThüringerWalde und zu Nymphenburg in Bayern
betrieben.

Sidol ist ein flüssiges Metallputzmittel, das
neben einer wäßrigen Lösung von Ammoniak-
seife Bolus und etwas Oxalsäure enthält. In
ähnlichen Putzmitteln sind außerdem Mineral-
öle und freie Fettsäuren aufgefunden worden.

Sidonal, ein neueres Arzneimittel, wird durch
Neutralisation von Piperazin mit Chinasäure dar-
gestellt und ist demnach als chinasaures Pi-
perazin (Piperazinum chinicum) anzu-
sprechen. Das farblose, säuerlich schmeckende
Kristallpulver schmilzt bei 168—1710 und ist in
Wasser leicht löslich. Es bildet wegen seiner
harnsäurelösenden Wirkung ein spezifisches Mittel
gegen alle Krankheiten, welche, wie die Gicht,
auf Harnsäureausscheidung beruhen.

Siegellack (Packlack, Postlack, lat. Lacca
sigillata, frz. Laque de poste, engl. Sealing Wax)
nennt man im allgemeinen Mischungen har-
ziger, in der Flitze schmelzender Stoffe mit
Körperfarben. Die Grundlage zu gutem S. ist
Schellack, dessen Schmelzbarkeit durch Zusatz
von etwa !/4 oder mehr venetianischem Terpentin
erhöht wird. Als Farbkörper für den feinsten
ro,ten S. benutzt man ausschließlich guten Ver-
millonzinnober. Bei den geringeren Sorten wird
dieser Stoff zum Teil, bei noch wohlfeileren ganz
durch Mennige, Chromrot oder Englischrot er-
setzt, während für den Schellack Kolophonium
und ähnliche Flarzstoffe eintreten. Zur Ver-
mehrung des Gewichts, zur Ersparung an Farb-
stoff und zur Abtönung der Farbe werden häufig
auch weiße erdige Zusätze von Talkpulver,
Schwerspat, Barytweiß oder Kreide angewandt.
Die erdigen Stoffe, zum Teil auch die Farb-
körper, werden bei den besseren Sorten erst
für sich mit Terpentin und Terpentinöl gut
verrieben und dann zu der schmelzenden Schel-
lackmasse hinzugesetzt. — Gewöhnliche Fla-

schenlacke bestehen nur aus Kolophonium,
Burgunderharz oderWeißpech und gewöhnlichem
Terpentin nebst billigen Farbkörpern. Als Far-
ben benutzt man für Schwarz feinen Ruß, Bern-
schwarz oder Pechasphalt, für Braun Zinnober
mit Ruß oder irgendeine braune Erdfarbe, für
Gelb und Orange die betreffenden Chromblei-
farben, für Grün Chromgrün oder Kupfergrün
(Schweinfurtergrün darf zu S. nicht verwandt
werden, da es beim Schmelzen giftige Dämpfe
von arseniger Säure entwickelt), für Blau Ultra-
marin. Der blaue S. ist am schwierigsten her-
zustellen, da hierzu die Harzmasse besonders
hell sein muß, und man benutzt daher gebleich-
ten Schellack in Verbindung mit Dammar oder
anderen hellen Harzen. Zu Gold- und Bronze-
lack werden in die Masse kleine Flitter von
echtem Blattgold oder Bronze eingerührt. -—
Zum Parfümieren feiner S. benutzt man Ben-
zoeharz, Tolu- oder Perubalsam oder Moschus,
die erst der zum Ausgießen fertigen Masse ein-
verleibt werden. Die Vereinigung der Bestand-
teile erfolgt durch gelindes Schmelzen über
Kohlenfeuer. Man erhitzt und rührt, bis das
Gemisch Blasen wirft, nimmt es dann vom Feuer
und rührt weiter, bis die Blasen vergehen, und
gießt die Masse schließlich in blecherne, innen
verzinnte Formen, die mit etwas feinem Öl aus-
gestrichen sind. Die erhärteten Stangen werden
geglänzt, indem man sie rasch durch eine Spi-
ritusflamme oder die Hitze eines Kohlenfeuers
zieht.

Sienaerde (lat. Terra de Siena, frz. Terre de
Sienne, engl. Siena earth, so genannt vön ihrem
Fundorte Siena in der italienischen Provinz Tos-
kana, ist eine Art Ocker, und zwar allerfeinster
Ocker, der. von Natur hellbraun, dunkelgelb
bis dunkelbraun, durch Brennen andere Farben-
töne in Braun, Rötlich und Orangegelb annimmt-
Im rohen, geschlämmten Zustande dient S. als
gelbe Aderfarbe für Holzanstriche. Gebrannt
gibt sie ein feuriges Rotbraun und wird haupt-
sächlich als Lasurfarbe benutzt.

Sikkative (Siccative, Trockenmittel)
nennt man verschiedene Metallverbindungen, die
Leinöl- oder Firnisfarben zugesetzt werden, uro
diesen eine größere Trocknungsfähigkeit zu ver-
leihen. Die flüssigen S. (Trockenöle) sind zum
Teil stark bleihaltige Firnisse, die durch Kochen
von altem Leinöl mit Mennige, Bleiglätte oder
Bleizucker hergestellt und zum Gebrauch roh
Leinölfirnis oder Terpentinöl verdünnt werden.
Auch durch Anwendung von Braunstein, bor-
saurem oder oxalsaurem Manganoxydul
und von .Zinksalzen erhält man Trockenöle, die
vor den bleihaltigen den Vorzug besitzen, selbst
nicht dunkel zu werden und Anstriche mit Zink-
weiß nicht dunkel zu färben. Durch Zusammen-
schmelzen der genannten Metallsalze, mit Fichten-
harz oder durch Eindampfen der Trockenöle er-
hält man die S. in fester Form. — Auf 1 kg
streichfertige Ölfarbe rechnet man 40—50g
flüssiges Sikkativ, während von borsaurern
Manganoxydul 10—20 g genügen.

Silber (lat. Argentum, frz. Argent, engl. Silver)
findet sich sowohl gediegen, wie in Form von
Erzen auf der Erde in ziemlicher Verbreitung. Von
den Erzen haben Silberglanz (Schwefelsilber),
Hornsilber (Chlorsilber), S i 1 berk u p f er-
        <pb n="424" />
        ﻿Silber

417

Silber

glanz (Süberkupfersulfid), Rotgültigerz und
Schwarzgültigerz (Arsen- oder Antimonsulfid
mit Silbersulfid) die größte Bedeutung, doch wer-
den auch die überaus geringen Spuren S., die
sich in Blei- und Kupfererzen regelmäßig finden,
hüttenmännisch gewonnen. Während im Alter-
tum die Mittelmeerländer, besonders Spanien,
die reichsten Silberlager hatten, steht jetzt Ame-
rika mit den Anden an der Spitze der Ge-
winnung, und zwar zunächst Kalifornien, dann
Mexiko Und Bolivia. In zweiter Linie folgen
Australien, der Ural und Deutschland. Je nach
Beschaffenheit der Erze und örtlichen Umstän-
den schlägt man,zum Ausbringen des Metalls
verschiedene Wege ein. Das direkte Ausbringen
ist nur bei besonders reichen Erzen möglich,
während in den meisten Fällen eine Anreiche-
rung vorhergehen muß. Die silberhaltigen Erze
werden entweder mit Bleierzen gemischt auf
Metall verarbeitet, oder bei etwas größerem
Silbergehalt (mehr als io °/o) mit Blei geschmol-
zen. Das erhaltene Werkblei wird durch die
Treibarbeit mit einem Feuerluftstrom von
neuem geschmolzen, bis alles Blei zu Glätte
oxydiert ist und abfließt und nur das Silber
als ein kleiner Rückstand auf dem Treibherde
verbleibt. Auf Kupferhütten schmilzt man das
Schwarzkupfer ebenfalls mit Blei, gießt aus der
Legierung Scheiben und setzt diese einer Er-
hitzung zwischen glühenden Kohlen aus, worauf
das nun durch „Ausseigern“ gewonnene, ab-
fließende silberhaltige Blei durch Treibarbeit
vom Silber befreit wird. Bei sehr geringem
Silbergehalt des Werkbleies ist ein direktes Aus-
bringen durch Treibarbeit nicht möglich, viel-
mehr bedient man sich hier des sog. Pattin-
sonierens. Dieses Verfahren beruht auf der
Beobachtung des Engländers Pattinson, daß sich
beim Abkühlen einer silberhaltigen Bleischmelze
merst Kristalle von reinem Blei ausscheiden.
Diese werden mit siebartigen Schaufeln ab-
geschöpft und der zuletzt auskristallisierende
silberreichere Rückstand der Treibarbeit, unter-
worfen. Zur Umgehung des Abtreibens schmilzt
man das pattinsonierte Metallgemisch nach dem
Vorschläge von Parkes jetzt meist mit Zink
zusammen. Das Zink nimmt das ganze Silber
auf und schwimmt mit diesem auf der Oberfläche
des Bleies, mit dem es keine Legierung eipgeht,
Und kann dann aus den abgehobenen Zink-
scheiben durch einfache Destillation entfernt
Werden. Von den nassen Verfahren wurde die
A-malgamation schon vor dreihundert Jahren
angewandt. Man mischt die fein gemahlenen Erze
mit Seesalz oder röstet sie mit diesem, reduziert
das entstandene Chlorsilber mit Eisenspänen,
mctrahiert das metallische S. mit Quecksilber
Und destilliert letzteres ab. Nach dem neuesten
Verfahren endlich wird das mit Kochsalz ge-
astete Erz mit konzentrierten Lösungen von
Kochsalz oder Natriumthiosulfat behandelt, die
mhaltene Lösung mit Schwefelnatrium gefällt,
Und das entstehende Schwefelsilber durch Glühen
Uut Ätzkalk und Kohle zu metallischem Silber
Reduziert. Das nach dem einen oder anderen
Verfahren dargestellte Werksilber enthält noch
Seringe Mengen fremder Metalle, deren Ent-
fernung durch das Feinbrennen, ein Um-
Schmelzen mit Gebläseluft auf einem mulden-

Uercks Warenlexikon.

förmigen Herde mit einer Sohle von Knochen-
asche oder Mergel, erfolgt. Die Verunreini-
gungen werden hierdurch oxydiert und ver-
schlackt, während Feinsilber mit etwa 0,250/0
Fremdmetallen zurückbleibt. Chemisch reines
S, erhält man durch Auflösen in Salpetersäure,
Fällen mit Salzsäure oder Kochsalz und Re-
duktion des Chlorsilbers mit Eisen oder Zink
oder durch Schmelzen mit Soda. Das reine S.,
Ag = 107,93, ist schön weiß, härter als Gold,
aber weicher als Kupfer. Sein spez. Gew. beträgt
im gegossenen Zustande 10,470, nach dem Häm-
mern 10,510. Es ist ein vortrefflicher Leiter für
Wärme und Elektrizität und kann infolge seiner
hohen, dem Golde nahekommenden Dehnbar-
keit zu Drähten und Blechen verarbeitet werden.
Bei 960° schmilzt S. und destilliert bei der Tem-
peratur des Knallgasgebläses in Form eines grün-
lichblauen Dampfes. Gegen reine, auch feuchte
Luft ist das Metall außerordentlich widerstands-
fähig, überzieht sich aber bei der Einwirkung
von Schwefelwasserstoff und anderen Schwefel-
verbindungen (Eier) mit einer braunen bis
schwarzen Schicht. Diese Eigenschaft wird zur
Erzeugung schwarzgrauer Silberwaren benutzt,
die man fälschlich oxydiertes S. nennt. —
Im Handel erscheint das Feinsilber verschiedener
Reinheitsgrade gewöhnlich in Form von ge-
gossenen Barren und Platten (Planschen), ameri-
kanisches außerdem in Form von abgestumpften
Kegeln, Pyramiden, Kuchen und Scheiben. Die
Stücke sind meist gestempelt und mit Angaben
des Ursprungs, Gewichts und Gehalts versehen,
die aber bei fremder Ware nicht immer zuver-
lässig sind und nachgeprüft werden müssen. —
Für die Zwecke der praktischen Verwendung
zu Münzen, Schmucksachen, Hausgeräten wird
das S. meist mit Kupfer legiert, weil es für
sich zu weich und daher der Abnutzung zu
sehr unterworfen ist. Legierungen mit höch-
stens 10 0/0 Kupfer zeigen noch die rein weiße
Silberfarbe bei erhöhter Politurfähigkeit und
Härte. Als Werteinheit für S. und Gold galt bis
in die sechziger Jahre die kölnische Mark zu
16 Lot, so daß z. B. eine Legierung aus 13 Teilen
S, und 3 Teilen Kupfer islötig, reines S. lölötig
sein würde. Jetzt bezeichnet man unter Zu-
grundelegung des Kilogramms den Feingehalt in
Tausendsteln. Ein izlötiges S. hat also den Fein-
heitsgrad 750. Die Silbermünzen Deutschlands
und vieler anderer Länder haben einen Fein-
gehalt von 900, Gerätschaften und Schmuck-
sachen vielfach einen solchen von 750. Zur Ver-
arbeitung auf Silberwaren wird das Metall in
Stäbe oder Zaine und Platten gegossen, aus
denen Schüsseln, Teller, Löffel direkt durch
kaltes. Hämmern hergestellt werden, oder man
formt sie auch aus gewalztem Blech. Zum
Löten dient das Silberlot, eine Legierung von
S. mit Kupfer oder Messing. Häufig wird das
'S. auch in dünner Schicht als Überzug anderer
Stoffe angebracht. Nur ausnahmsweise geschieht
diese Versilberung noch im Feuer mit Plilfe
des Quecksilbers, meist aber auf galvanischem
Wege durch Zersetzung von Silberlösungen. Als
Silberbäder benutzt man Auflösungen von
frisch gefälltem Chlorsilber oder Silbersulfat in
Zyankalium. Kupfer, Bronze, Tombak, Messing,
Neusilber, Roh- und Stabeisen lassen sich direkt.

27
        <pb n="425" />
        ﻿Silberchlorid

418

Skammonium

Zinn, Zink und polierter Stahl erst nach vorher-
gehender Verkupferung versilbern. Derartig ver-
silberte Waren aus Neusilber werden als China-
oder Perusilber bezeichnet. Zur Herstellung
von Silberspiegeln benutzt man Mischungen
von ammoniakalischer Silbernitratlösung mit äthe-
rischen ölen, Weinsäure, Traubenzucker oder
Milchzucker, die auf eine mit Rand versehene
Glasplatte aufgetragen werden und hier unter
dem Einfluß der Reduktionsmittel ein Häutchen
von metallischem S. ausscheiden. — Die Fest-
stellung des Silbergehaltes von Legierungen mit
Hilfe des Probiersteins (s.d.) gibt nur an-
nähernde Resultate. Für genauere Bestimmun-
gen bedient man sich der sog. Kupellation
oder des Probierens auf der Kapelle. In einem
kleinen Tiegel aus gepulverter Knochenasche
wird eine abgewogene Menge des Metalls mit
einer bestimmten Menge feinen, Bleis geschmol-
zen. Das Blei löst die fremden Stoffe auf und
wird als Glätte abgetrieben, während das reine
S. zurückbleibt und gewogen werden kann.' Die
ganz genaue Ermittlung erfolgt auf analytischem
Wege. Eine einfache Vorprüfung, ob ein Gegen-
stand S. oder echt versilbert ist, besteht darin,
daß man ihn mit einer Mischung von Kalium-
dichromat und Salpetersäure betupft und dann
.abspült. Echtes S. bekommt einen blutroten
Fleck von chromsaurem S., während andere
Metalle schwarz oder braun werden oder unver-
ändert bleiben.

Silberchlorid (Chlorsilb er, AgCl, lat. Ar-
gentum chloratum, Argentum muriatioum, frz.
Chloride d’argent, engl. Chloride of silver), findet
sich in der Natur als Silberhornerz (Horn-
silber, Kerargyrit) und wird am einfachsten
durch Fällen einer Silberlösung mit Salzsäure
als ein weißer, käsiger, am Lichte sich schnell
schwärzender Niederschlag erhalten, der bei ge-
lindem Erhitzen schmilzt und dann zu einer homi-
artigen Masse erstarrt. S. wird zur Füllung gal-
vanischer Batterien, in der Porzellanmalerei, als
Zusatz zu Neusilberputzpulver, ferner zu photo-
metrischen und photographischen Zwecken be-
nutzt und findet außerdem in der Medizin als
Antiseptikum Verwendung.

Silbergaze zur aseptischen Wundbehandlung
wird nach einem patentierten Verfahren in der
Weise hergestellt, daß man metallisches Silber
auf der Faser niederschlägt.

Silbernitrat(salpetersaurös Silb er, AgN03,
lat. Argentum nitricum, frz. Nitrate d’argent,
engl. Nitrate of silver) wird durch Auflösen von
Silber in Salpetersäure, Eindampfen und Um-
kristallisieren in Form farbloser Tafeln (Argen-
tum nitricum cryst.) erhalten, die sich leicht in
Wasser lösen und bei 218° schmelzen. Durch
Ausgießen der geschmolzenen Masse in feder-
kielstarke Stängelchen erhält man das geschmol-
zene Salz (Argentum nitricum fusum), das auf der
Bruchfläche eine strahlige Beschaffenheit zeigt.
S. hat einen scharf metallischen Geschmack,
ist äußerst ätzend und wirkt innerlich giftig.
Es findet ausgedehnte Anwendung in der Photo-
graphie, ferner als Haarfärbemittel, als Zeichen-
tinte für Wäsche und zur Herstellung der übri-
gen Silbersalze. Die Medizin benutzt das S. als
Höllenstein (Lapis infernalis) zu Ätzungen.
Eine mildere Form, das durch Zusammenschmel-

zen mit Kaliumnitrat erhaltene Argentum nitri-
cum mite, hat keinen sternförmig strahligen, son-
dern glatten Bruch.

Silbersalbe nach Credö (lat. Unguentum
argenti colloidalis) besteht aus einer Salben-
grundlage von 7,0 gelbem Wachs, 78,0 Schweine-
schmalz und 2,0 Benzoesäureäther mit 15,0 kol-
loidalem Silber.

Simarubarinde (Ruhrrinde, lat. Cortex radi-
cis simarubae, frz. Ecorce de racine de simarube,
engl. Simaruba bark) ist die stark bittere Wur-
zelrinde von Simaruba officinalis und S.
medicinalis, von hohen Waldbäumen des heißen
Amerika und nahenVerwandtenderQuassiabäume.
Die erstere, die Guyanarinde, erscheint in der
Länge nach zusammengelegten, etwa 5 cm breiten
Streifen, die leicht, schwammig, biegsam und
zähe und unzerbrechlich sind. Die stark höcke-
rige Außenseite bedeckt eine, schmutziggelbe,
dünne, glänzende Korkschicht, die stellenweise
fehlt und die braune feste Mittelrinde hervor-
treten läßt. Die Innenseite bildet eine graugelb-
liche, grobfaserige, sehr zähe Bastlage. Die
Rinde von Jamaika ist auf der unteren Seite
glatter und heller, fast weiß und an der Ober-
seite mit kleineren Warzen dicht besetzt. Im
übrigen sind die Rinden völlig gleich. Ein be-
sonderer Geruch fehlt, der Geschmack ist in-
tensiv bitter und etwas schleimig, der bittere
Stoff dem der Quassia sehr ähnlich. Die Rinde
wird in Pulver oder Abkochung als ein sehr
wirksames Mittel gegen Ruhr und Kolik verordnet
und namentlich in Indien vielfach angewandt.

Sirup (S^rup, lat. Sirupus, frz. und. engl.
Sirop) nennt man im allgemeinen gewisse, aus
reinem Zucker mit aromatischen oder arznei-
lichen Zusätzen hergestellte, dickflüssige Lösun-
gen, die teils als Genußmittel (Fruchtsirup, Him-
beersirup), teils als Heilmittel (Altheesirup) be-
nutzt werden. — Unter Sirup schlechthin ohne
nähere Bezeichnung wird meist das Abfallprodukt
der Rohrzuckerfabriken, die Zuckerrohr-
melasse, verstanden, eine dicke, gelblich- bis
dunkelbraune, zähklebrige Masse von angenehm
süßem Geschmack. Sie wird entweder als Ver-
süßungsmittel und als Zusatz zu Pfefferkuchen
in den Handel gebracht, oder zur Destillation von
Rum benutzt. Die Rübenmelasae kann wegen
ihres hohen Gehaltes an Salzen und sonstigen
unangenehmen Geschmacksstoffen erst nach um-
ständlicher Reinigung für Genußzwecke benutzt
werden und dient meist zur Darstellung von Spi-
ritus oder Futtermitteln (Torfmelasse).

Skammonium (Win den harz, lat. Gummi s.
resina scammonium, frz. Scammonöe d’Alep,
engl. Scammony) ist der eingetrocknete Milch-
saft der Wurzel einer im Orient wild wachsenden
Winde, Convolvulus Scammonia (Pur-
gierwinde). Die gedrehten Wurzeln werden
bis 1 m lang, 5—7 cm dick, zeigen eine braune
Farbe, auf dem Querschnitt dunklere Harzgänge
und kommen noch mit den Ranken und Blät-
tern umwickelt in den Handel. Zur Gewinnung
des Harzes entblößen die Landleute von Smyrna
und Syrien die Wurzel, machen Einschnitte hin-
ein, fangen den herausquellenden Saft in Ge-
fäßen auf und trocknen ihn an der Luft und der
Sonne. Gewöhnlich wird die Masse noch weich
nach Smyrna gebracht und hier von den Kauf-
        <pb n="426" />
        ﻿Skunks

419

Soda

leuten durch Stärkemehl, Gummi- und Mine-
ralstoffe verfälscht. Die verhältnismäßig reinste
Handelssorte: Aleppo-S., bildet eine leichte,
lockere und brüchige, äußerlich bestäubte, auf
dem Bruche aber glasglänzende Masse von
schwachem Geruch und1 bitterem Geschmack.
Sie soll 75—85 0/0 ätherlösliche Stoffe, aber höch-
stens 8 0/0 Asche enthalten. Das minder wert-
volle Smyrna'-S. ist schwärzlich oder dunkel-
braun, fester und schwerer, in Äther nur wenig
löslich und wird anscheinend durch Auskochen
der ganzen Pflanze und Eindicken des Aus-
zuges hergestellt. Eine noch geringere Sorte
führt die Bezeichnung Skilip. Wegen der
häufigen Verfälschung der orientalischen Ware
bezieht man neuerdings meist die getrockneten
Wurzeln und extrahiert sie, wie bei Jalape an-
gegeben ist, mit Alkohol. Das so erhaltene
Harz wird als Patent-S. bezeichnet. S. dient
wegen seines Gehaltes an dem glykosidischen
Skammonin als drastisches Abführmittel.

Skunks, die Felle des Stinktieres (Me-
phitis putorius oder chinga), besitzen im
rohen Zustande einen ekelhaften Geruch nach
dem anhaftenden Safte der .Stinkdrüse und
können erst als Pelze verwertet werden, seitdem
durch langwierige Versuche ein Verfahren zu
ihrer Entstänkeruhg gefunden worden ist. Das
zur Familie der Dachse gehörige, etwa iltis-
große Waldtier lebt im Norden der Vereinigten
Staaten, besonders häufig in Ohio, und in Ka-
nada und wird mit Hilfe abgerichteter Hunde ge-
fangen. Die etwa 40 cm langen und 20 cm breiten
Felle tragen nur bis 4 crh langes Haar von dun-
kelbrauner oder schwärzlicher Farbe, die durch
zwei auffallende weiße, vom Kopfe zu beiden
Seiten des Rückens bis zum Schwänze ver-
laufende Streifen unterbrochen wird. Diese, übri-
gens auch grobhaarigen hellen Teile werden
ausgeschnitten und die übrigbleibenden dunklen
Stücke zusammengesetzt. S. bilden ein beson-
ders in Rußland beliebtes Pelzwerk und werden
in ständig wachsender Menge (jährlich gegen
800000 Felle) nach Europa eingeführt.

Slibowitz (Slivowitz) ist der besonders in
Serbien und den anderen slawischen Balkan-
staaten verbrauchte Zwetschenbranntwein.
Zu seiner Herstellung werden die unzerstampften
Früchte gleich nach der Ernte in Fässer ge-
schüttet, diese nach einigen Tagen fest verspum
det und 1—2 Monate sich selbst überlassen. In-
folge der freiwillig eintretenden Gärung ent-
steht eine stark nach Essigsäure riechende
Flüssigkeit, welche der Destillation unterworfen
''vird. Der S. enthält wechselnde Mengen Ex-
trakt, Fuselöle, Essigsäure, Furfurol, Aldehyde,
Ester und Blausäure. Der Alkoholgehalt beträgt
2 3—64 °/o.

Smaragd (frz. Emöraude, engl. Emerald). Die-
ser wegen seiner schönen grünen Farbe sehr
geschätzte Edelstein ist eine Abart des Berylls
(s. d.) und besteht wie dieser im wesentlichen
aus kieselsaurer Tonerde und kieselsaurer
Eeryllerde. Die Färbung rührt von einer Spur
Chromoxyd her. Die besten Sorten dieses schon
Altertum hochgeschätzten Edelsteines stam-
men aus Ägypten, wo sie irh Glimmerschiefer
hegen. Sehr schöne S. von herrlicher, saft-
grüner Färbung und bis zu eigroßen Stücken

werden im Ural sowie in Peru gefunden. Bis-
weilen findet der S. sich auch lose im Sande der
Flüsse, so in der Gegend von Ava in Birma. Er
wird häufig als Schmuckstein verwandt, in den
gewöhnlichen Edelsteinformen geschliffen und
bei schöner satter Färbung ä jour gefaßt. Fehler-
freie Stücke sind teuer, und die Preise wachsen
mit der Größe, wie bei den Diamanten.

Smaragdgrün. Diesen Namen führen im Han-
del zwei Farben: 1. das Chromgrün oder
Chromoxyd und 2. ein Gemisch von Safran-
surrogat (s. d.) mit Indigokarmin, das früher
zum Grünfärben von Likören und Bonbons ver-
wandt wurde, dessen Benutzung für diesen Zweck
aber jetzt nicht mehr statthaft ist.

Soda (kohlensaures Natrium, Natrium-
karbonat. lat. Natrium carbonicum, Sal sodae,
frz. Carbonate de soude, Sei de soude, engl.
Soda salt, Carbonate of sodium), eines der wich-
tigsten Erzeugnisse der chemischen Großindu-
strie, findet Heb, auf gewisse Gegenden be-
schränkt, bereits fertig gebildet in der Natur,
und zwar besonders als Rückstand eingetrock-
neter Landseen, sog. Natronseen, und als Aus-
witterungsprodukt des Erdbodens. Durch Sam-
meln der Ausblühungen und Krusten, ferner
durch Auslaugen des damit durchsetzten Erd-
reichs mit Wasser und Abdampfen der erhaltenen
Lösungen kann diese S., allerdings durch Na-
triumchlorid oder -sulfat stark verunreinigt, ge-
wonnen werden. Die aus Ungarn stammende
sog. Debrecziner- oder Kehrsoda enthält
gegen 90% Natriumkarbonat. Die ägyptische
„Trona“ und die kolumbische „Urao“ bestehen
aus einem Gemisch von Natriumkarbonat und
-bikarbonat. Große Mengen Soda werden auch
in Nevada durch direktes Eindampfen des Wassers
vom Mono- und vom Owensee dargestellt. In
Europa benutzte man bis zur großen franzö-
sischen Revolution hauptsächlich die Asche ge-
wisser natronreichcr Strand- und Seepflanzen
(Salsola, Salikornia, Chenopodium, Atriplex) zur
Sodagewinnung. Das beste derartige Produkt
mit etwa 30% Soda war die von Salsola stam-
i mende spanische Bari 11a. Südfrankreich lieferte
die is o/t, S. enthaltende Salikor von Narbonne
und die sog. Blanquette vonF rontignan mit weni-
ger als8o/o S. Noch gehaltärmer war dieAschege-
wisser Seetange, Kelp in Schottland und Irland,
Varek in der Normandie. Eine völlige Umwäl-
zung erfolgte durch das im Jahre 1794 erfundene
Verfahren von Le Blanc, das in seinen Grund-
zügen noch heute erhalten ist. Kochsalz ward
durch Erhitzen mit Schwefelsäure unter Entwei-
chen von Salzsäure in Natriumsulfat übergeführt,
letzteres getrocknet und mit Kohle und Kreide oder
Kalkstein geglüht. Hierbei wird das Sulfat unter
Entweichen von Kohlensäure zu Schwefelnatrium
reduziert und das Sulfid durch die Kreide in Na-
triumkarbonat neben gleichzeitig entstehendem
Schwefelkalzium umgewandelt. Die. graue, stei-
nige Rohsoda, die sog. Schmelze, ein Ge-
misch von rund 45 °/o Natriumkarbonat, 30 0/0
Kalziumsulfid, io °/o Ätzkalk, 5 °/o Kalziumkarbo-
nat und 10 0/0 fremden Stoffen, wird zerschlagen,
einige Tage der Luft ausgesetzt und dann mit
kaltem Wasser ausgelaugt. Die unlöslichen Stoffe:
Kalziumsulfid und -oxysulfid und Kalziumkarbo-
nat bilden den sog. Sodarückstand, der auf
        <pb n="427" />
        ﻿Soda

420

Sojabohnen

Schwefel verarbeitet wird. Aus der Lösung kri-
stallisiert beim Eindampfen das Natriumkarbonat
(Sodamehl) aus und wird fortwährend aus-
geschaufelt, während in der Mutterlauge (Rot-
lauge) Ätznatron und Natriumsulfid Zurück-
bleiben. Die letzteren werden entweder direkt
auf Natriumhydroxyd oder durch Behandlung
mit Kohlensäure oder Eindampfen und Glühen
mit Kohle auf Natriumkarbonat verarbeitet. Das,
Sodamehl braucht nur getrocknet und imFlammen-
ofen unter .Vermeidung des Schmelzens gelinde ge-,
glüht zu werden und liefert dann die rein weiße
oder kalzinierte S„ auch Sodasalz genannt,
als ein bröckliges Pulver mit 80—960/0 Natrium-
karbonat neben- Glaubersalz und Kochsalz. Durch
Umkristallisieren erhält man die Kristallsoda,
welche zehn Moleküle, entsprechend 630/0 Wasser,
enthält. — Das zweite wichtigste Verfahren, das-
Ammoniaksodaverfahren oder Solvay ver-
fahren, beruht darauf, daß eine konz. Kochsalz-
lösung sich mit einer konz. Lösung von Ammo-
niumkarbonat zu doppeltkohlensaurem Natron
und Salmiak umsetzt. Letzterer bleibt gelöst,
während das Bikarbonat ausfällt und durch Er-
hitzen in neutrales Karbonat (Soda) umgewandelt
wird. Die entweichende Hälfte der Kohlensäure
wird wieder zur Darstellung von Ammonium-
karbonat benutzt, während man die andere Hälfte
durch Glühen von Kalkstein erhält. Der hierbei
zurückbleibende Ätzkalk dient wieder zur Zer-
legung des im ersten Abschnitt entstehenden Sal-
miaks, und es braucht sonach nur Kochsalz und
die Hälfte des theoretisch erforderlichen Kalk-
steins der Umsetzung zugeführt werden, während
das Ammoniak stets wieder zurückkehrt. Die so
erhaltene Ammoniaksoda ist außerordentlich
rein und enthält meist 98—99% Natriumkarbo-
nat. Erhebliche Kochsalzgehalte, wie sie sich
z. B. bis zu 50% in der sog. Dresdener Soda
vorfinden, sind auf Verfälschung zurückzuführen.
Das Solvayverfahren, welches eine Zeitlang das
Leblancverfahren völlig zu verdrängen schien,
leidet an dem Übelstande, daß die entstehenden
Chlorkalziumlaugen sich nicht verwerten lassen,
während die gesteigerte Nachfrage nach Salz-
säure die Beibehaltung des Leblancprozesses
neuerdings wieder vorteilhaft erscheinen läßt.
Von weiteren Verfahren hat sich die Verarbei-
tung des Schwefelnatriums nicht bewährt. Hin-
gegen werden in Nordamerika aus Kryolith
(s. d.) durch Glühen mit Kalk oder Kreide und
Einleiten von Kohlensäure in die Lösung des
entstandenen Natriumaluminats erhebliche Men-
gen S. dargestellt. ■— Eine große Zukunft scheint
auch das elektrolytische Verfahren zu
haben, bei welchem Kochsalz durch den elek-
trischen Strom in freies Chlor und Natrium zer-
legt wird. Das erstere dient zur Darstellung von
Chlorkalk, das letztere geht sofort in Natrium-
hydroxyd über und kann als solches verwertet
oder durch Einleiten von Kohlensäure in S. über-
geführt werden. •— Der Handelswert der S.
hängt von ihrem Gehalt an Natriumkarbonat
ab, der auf analytischem Wege mit Hilfe der
Alkalimetrie bestimmt wird. In der Praxis drückt
man den Gehalt meist durch Grade aus, die aber
in den verschiedenen Ländern nicht immer das-
selbe bedeuten. Die deutschen Grade geben den
prozentischen Gehalt an Natriumkarbonat an, so

daß eine psgrädige Soda 95% Natriumkarbonat
enthält. In England bezeichnet man dem gegen-
über als Grade den Gehalt an Natriumoxyd (real
soda) und berechnet sie außerdem noch um
2—3 Einheiten zu hoch, weil man willkürlich das
Äquivalent zu 32 statt 31 annimmt (Newcastle-
Grade). Gay-Lussac-Grade endlich bezeichnen
den prozentischen Gehalt an Natriumoxyd auf
Grund des richtigen Äquivalentgewichtes und
französische oder Descroizilles-Grade die
zur Neutralisation von 100 Teilen Soda erforder-
liche Menge Schwefelsäure. Bei der Nachprü-
fung von Sodalieferungen auf Grund ausgeschrie-
bener Bedingungen ist stets zu berücksichtigen,
daß die kalzinierte Soda Wasser anzieht, und daß
ein etwaiger Minderbefund daher unter Um-
ständen auf länger dauernde Aufbewahrung zu-
rückzuführen ist. Umgekehrt findet man bei der
Kristallsoda, welche verwittert und Wasser ver-
liert, bisweilen zu hohe Werte. — Die S. wird in
ungeheuren Mengen in Glas- und Seifenfabriken
verwandt. Weiter dient sie zum Beizen von Gar-
nen und Geweben in der Bleicherei und Färberei,
als Waschmittel, als Zusatz zu Glasuren, zur Her-
stellung von Ultramarin und zahlreicher Natrium-
verbindungen.

Soda-Powder (englisches Brausepulver,
lat. Pulvis aerophorus anglicus) besteht aus zwei
Pulvern, von denen das eine im blauer oder roter
Kapsel 2 g Natriumbikarbonat, das andere in
weißer Kapsel 1,5 g Weinsäure enthält. Zum
Gebrauche löst man zuerst das in farbiger Kapsel
befindliche Pulver in einem zu 2/3 gefüllten
Glase Zuckerwasser auf, schüttet die Weinsäure
hinzu und trinkt während des Aufbrausens,

Sodapastillen (Vichy-Plätzchen, Tat. Tro-
chisci natrii bicarbonici) sind mit Zucker bereitete
Pastillen, die je 0,1 g Natriumbikarbonat ent-
halten und als Ersatz der aus den Quellsalzen
von Bilin, Vichy und Ems hergestellten Pastillen
benutzt werden.

Sodatabletten (lat. Tabulettae natrii carbonici)
werden nach Dieterich ohne jeden Zusatz aus je
1 g Natriumkarbonat, nach Salzmann unter Zu-
satz von 10% Talkum gepreßt, so daß die Ta-
blette ebenfalls 1 g Natriumkarbonat enthält.

Sodawasser (lat. Aqua sodae) nennt man
einen künstlichen Säuerling, der durch Einpressen
von Kohlensäure in wäßrige Sodalösung unter
Druck hergestellt wird.

Sodener Salz. Zur Nachahmung der Sodener
Quellen empfiehlt Dieterich f olgende Mischungen:
1. Milchbrunnen: Je 15 g Natriumbikarbonat
und Natriumchlorid, *5,2 g entwässertes Mag'
nesiumsulfat, 2,5 g schweres Kalziumkarbonat,
i,S g Kaliumchlorid, je 0,2 g Kaliumbikarbonat
und Kaliumsulfat, 0,1 g entwässertes Ferrosulfat-
Man löst einen knappen Kaffeelöffel voll in
10 1 Wasser. 2. Solquelle: 124g Natriumchlo-
rid, 23,5 g Natriumbifcarbonat, 6,5 g Kalium-
chlprid, 4,7 g entwässertes Magnesiumsulfat, 4,0 g
schweres Kalziumkarbonat, 0,42 g entwässerte5
Ferrosulfat und 0,2 g Kaliumbikarbonat. Ein
knapper Eßlöffel voll auf io 1 Wasser.

Sojabohnen, die Samen der in China, Japan
und Indien in großen Mengen angebauten Hül'
senfrucht Glycine (Soja) hispida Maxim-
oder Dolichos Soja, unterscheiden sich durch
ihren hohen Fettgehalt von allen übrigen Legu-
        <pb n="428" />
        ﻿Solidgelb

421

Soßen

ruinösen. Sie lassen sich in zwei Gruppen, die
flachfrüchtigen (Soja platycarpa) mit dunkel-
gefärbten Samen und die gedunsenfrüchtigen
(Soja tumida) mit braunen und gelben Samen
einteilen und enthalten neben 16—20 °/o Fett und
30—40 % Stickstoffsubstanz etwa 30 0/0 Extrakt-
stoffe, die größtenteils aus Aleuron und 'Dex-
trin bestehen, aber keine Stärke aufweisen.
Die neuerdings vielfach nach Europa eingeführte
und auch in Deutschland mit gutem Erfolge an-
gebaute S. bildet an sich ein Wertvolles Nah-
rungsmittel und dient überdies zur Herstellung
von Kaffee-Ersatz, ferner von Soßen, von sog.
Bohnenkäse (Natto, Tofu, Tao-fu) und zur
Gewinnung des Fettes. — Das Sojabohnenöl
hat eine Jodzahl von 123 und eine Verseifungs-
zahl von 193 und findet als Speiseöl Verwen-
dung. — Die aus Japan und China eingeführte
scharfe Soße, Soja, Soya oder Shoya wird in
der Weise bereitet, daß man ein Gemisch von
geröstetem und gedämpftem Weizen oder
Gerste durch Zusatz von Koji, einem durch
Aussaat von Aspergillus- oder Torulapilzsporen
auf Reis oder Sojabohnen erzeugten Enzyme, in
Gärung versetzt, dann mit Kochsalz und Wasser
vermischt und die verflüssigte Masse nach län-
gerer Zeit (1—5 Jahre) abpreßt und filtriert.

Solidgelb ist ein dem Säuregelb nahe ver-
wandter Teerfarbstoff.

Solidgrün. Diesen Namen führen verschie-
dene Teerfarbstoffe, so das Malachitgrün
(s. d.), das Brillantgrün (s. d.) und Dinitroso-
resorzin.

Solutol, ein neueres Desinfektionsmittel, be-
steht aus einer wäßrigen Auflösung von Kre-
solnatrium und wird in zwei Sorten, als So-
lutol purum und crudum von der Firma
v. Heyden-Radebeul in den Handel gebracht.
Die ölige, gelbliche bis bräunliche Flüssigkeit
gibt mit Wasser, selbst hartem, eine klare Lösung
von stark alkalischer Reaktion und wird haupt-
sächlich zur Desinfektion und Geruchlosmachung
von Aborten und Jauchegruben benutzt.

Solveol, eine Auflösung von Kresol in kre-
sotinsaurem Natrium, wird wegen seiner neu-
tralen Reaktion zur Wundbehandlung und zur
Desinfektion chirurgischer Instrumente benutzt.

Somatose, ein von den Farbenfabriken von
Friedrich Bayer &amp; Co. in Elberfeld in den Han-
del gebrachtes Nährmittel, besteht im wesent-
lichen aus löslichen Stickstoffsubstanzen und wird
wahrscheinlich durch Behandlung von Fleisch
mit verdünntem Ammoniak und Alkalien her-
gestellt. Das geruch- und geschmacklose, gelb-
liche Pulver löst sich in Wasser und enthält
nach König: 10,91 % Wasser, 83% organische
Stoffe, darin 76,59 °/o Albumosen, 2,79 % Pepton,
1,49% andere Stickstoffverbindungen, 2,130/0
Fett und Extraktivstoffe und 6,09% Asche. Die
S. wird ebensogut wie Fleisch im Organismus
verdaut und findet, auch in Verbindung mit
Kakao (Somatosekakao) als Nähr- und Kräfti-
gungsmittel für Kranke und schwächliche Per-
sonen Verwendung.

Sombrerit (Sombreroguano), ein durch
überlagernden Guano teilweise umgewandelter,
neuer mariner Kalkstein von der Insel Som-
brero am nördlichen Ende der kleinen Antillen,
wird als Düngemittel verkauft.

Sonnenblumenöl (lat. Oleum helianthi, frz.
Huile de tournesol, engl. Sunflower oil). Das
aus den Samen der Sonnenblume kalt ge-
preßte Öl hat eine hellgelbe Farbe, angenehmen
Geruch und milden Geschmack. Es besteht aus
Linolein, Olein, Palmitin und vielleicht etwas
Arachin. Das spez. Gew. beträgt 0,924—0,926.
Das S. gehört zu den langsam trocknenden
Ölen und findet als schmackhaftes Speiseöl, das
warm gepreßte jedoch nur als Brennöl und zur
Herstellung von Seife Verwendung.

Sonnenblumensamen (lat. Semen helianthi,
frz. Semences de foumesol, engl. Sunflowers
seeds) stammen von der Sonnenblume oder
Sonnenrose* Helianthus annuus, einer zur
Familie der Korbblütler, Unterabteilung Ko-
rymbiferen, gehörenden, ursprünglich in Peru
heimischen Pflanze. Die Ölpflanze wird in gut
gedüngtem, kräftigem, nicht zu losem Boden an-
gebaut, im großen hauptsächlich in Rußland, in
Gärten und zur Einfassung von Feldern auch in
Deutschland, als Feldpflanze auch in Ungarn,
Italien, England und China. Die bis zu 2 m und
höher werdende ein- oder mehrjährige Pflanze
hat gesägte Blätter, aufrechte, ästige, starke
Stengel, scheibenförmige, bis 30 cm Durchmesser
große Blütenköpfe, gelbe Blumenkrone und zahl-
reiche, mattstahlgraue, große Samen, bis zu 2000
auf einer Scheibe. Die Saat erfolgt im April,
in Abständen von 0,64 cm, der Saatbedarf beträgt
15 kg, der Ertrag 15—20 hl. Die Blätter dienen
als Futter, die Stengel als Brennstoff. Die Pflege
besteht in öfterem Behacken und Behäufeln,
Ausbrechen der Nebentriebe und Blütenscheiden
bis auf vier. Die Samen werden ausgeklopft und
im Oktober geerntet. Vögel, Rostpilze, Regen
und Wind beeinträchtigen den Ertrag.

Sonnengelb (frz. Jaune soleil), ein im Jahre
1883 aufgekommener Teerfarbstoff, der auch
die Namen Mais und Kurkumin S. führt, be-
steht aus der Natronverbindung der Azoxystilben-
disulfosäure. Das braune, in Wasser mit braun-
gelber Farbe lösliche Pulver wird mit konzen-
trierter Schwefelsäure violett und färbt Wolle und
Seide im sauren Bade rötlichgelb.

Sonnengold, ein Teerfarbstoff, soll mit
dem Heliochrysin (s.d.) identisch sein.

Soson ist ein unlösliches stickstoffhaltiges
Nährmittel, welches durch Entfetten von
Fleisch und Fleischabfällen mit heißem Alkohol
und evtl. Behandlung mit Ammoniak oder schwef-
liger Säure hergestellt wird. Das weiße Pulver
enthält 9,18 °/o Wasser, 0,61% Asche, 0,170/0
Fett und 90,04% Stickstoffsubstanz, ist also als
nahezu reines Eiweiß anzusprechen. Unter dem
Mikroskope zeigt, es sich als aus Muskelfasern
bestehend. Das S. hat vor dem Tropon den
Vorzug, daß es rein tierischen Ursprungs ist,
kann aber gleich dem Tropon wegen seines
hohen Preises als billige Eiweißquelle für den
Massenverbrauch nicht in Frage kommen.

Soßen (Saucen, Tunken) nennt man Auszüge
von Pflanzen und Gewürzen, die bisweilen auch
Zusätze von Fisch- und Fleischextrakten, Zucker,
Mehl und Kochsalz erhalten und neuerdings
vielfach fabrikmäßig dargestellt werden. Als viel
benutzte Ausgahgsstoffe erwähnt König; Gold-
Liebesäpfel, Knoblauch, Schalotten, Sauer-
ampfer, Champignons, Walnüsse, Trauben, Ta-
        <pb n="429" />
        ﻿

Sozojodol

422

Speckstein

marinden, Samen von Bockshornklee, Kümmel,
Blätter von Dragon, Kerbel, Minze, Thymian,
Majoran, Pfeffer, Paprika, Senf, Muskatnuß,
Gewürznelken, Ingwer, Garnelen, Hummer, An-
chovis und Lobster. Von den bekannteren Soßen
soll Maggis Suppenwürze aus Gemüsen und
Steinpilzen hergestellt werden. Ovos, Wuk,
Sitogen sind unter Hefenextrakte, Shoya
(Soja) und Worcester unter ihrem Namen in
besonderen Aufsätzen besprochen worden.

Sozojodol, eines der vielen neueren Arznei-
mittel, besteht aus Dijodparaphenolsulfosäure,
C6H2j2(0H)S08H. Die in weißen Nadeln kri-
stallisierende, in Wasser, Alkohol und Glyzerin
leicht lösliche Verbindung wird zu denselben
Zwecken wie Jodoform verordnet, vor dem sie
den Vorzug der Geruchlosigkeit hat,

Sparadraj} (Emplastra extensa) nennt man
die in Apotheken und Drogenhandlungen vor-
rätig gehaltenen Pflaster, deren zur Aufnahme
der Pflasterschicht bestimmte Unterlage meist
aus Schirting oder Halbleinen besteht. Eine
Unterabteilung der S. sind die Pflastermulle
oder Guttaperchapflastermulle (Perchem-
plastra), die auf Mull oder mit dünner Gutta-
perchalage bedeckten Mull ausgestrichen sind
und sich durch große Geschmeidigkeit und Kleb-
kraft auszeichnen. Als bekanntere Beispiele seien
Sparadrap de Vigo, ein Quecksilberpflaster,
und Sparadrap de Thapsia, ein Harz-Terpen-
tinpflaster, angeführt.

Spargel {Sparse, Sparschen, frz. Asperge,
engl. Asparagus) nennt man die jugendlichen,
nur eben über die Erdoberfläche herausgewach-
jsenen Sprossen der angebauten Spargelpflanze,
Asparagus officinalis. Die ausdauernde Pflanze
wird 0,5—i ,3 m hoch und besitzt dünne, nadel-
ähnliche Blätter, grünlichgelbe Blüten und
schwarze Samen in roten Beeren. Aus Samen
gezogene Pflänzchen werden bei etwa 5 cm Länge
20 cm voneinander entfernt in Reihen verpflanzt,
rein von Unkraut gehalten und dann auf die
Beete in Gräben oder neuerdings auf Hügeln
in 60 cm weiten Abständen in gut gedüngten
Boden gesetzt (reichlich Stalldünger mit Kali-
salz). Die Anlage und Unterhaltung der Spargel-
beete ist sehr kostspielig, da man für Rajolen
des Bodens, Düngung, Auswerfen der Gräben
oder Hügel und Pflanzung für den Hektar bis
über 1000 M. und an jährlichen Kulturkosten min-
destens 600 M. rechnen muß. Die Dauer der
Beete beträgt 15—18 Jahre, auf Ertrag ist vom
dritten Jahre an zu rechnen. Gute Beete geben
dann in 65 Tagen Stechzeit auf den Plektar bis
4000 kg S. Trotz der hohen Kosten ist der An-
bau außerordentlich lohnend. — Der S. enthält
neben geringen Mengen. Säuren, Zucker, Gummi
und Mineralstoffen als charakteristischen Be-
standteil das harntreibende Asparagin, C2PI3 .
(NH2)(C,OOH)COONH2. Die Samen enthalten
ein fettes Öl, die reifen Beeren Traubenzucker
und einen roten Farbstoff, Stengel und Kraut
Inosit. Die frischen S. sind Gegenstand des
Orts- und des Welthandels, des Groß- und des
Kleinhandels und werden auch in Dosen, Glä-
sern und Büchsen eingemacht in den Verkehr
gebracht. Nach den Grundsätzen der braun-
schweigischen Konservenfabrikanten soll erster
S. aus normal gewachsenen (nicht krummen)

Stangen mit weiß gestochenen Köpfen, (rostfrei
und ohne Faulflecke) bestehen, die vom Kopfe
bis auf die Mitte des unteren Schrägabschnittes
nicht unter 22 cm lang sind, bei einem Gewicht
von mindestens 35 g für jede einzelne Stange,
Roter Anlauf der Stange, der augenscheinlich
nach dem Stiche eingetreten ist, beeinträchtigt
die Eigenschaft als erster S. nicht. Zweiter S.
soll im Durchschnitt nicht mehr als 22 Stangen
auf Va kg aufweisen und nicht länger als 22 cm
sein. Gänzlich grüne Köpfe dürfen in dieser
Sorte nicht enthalten sein und ebensowenig
vollständig hohle Stangen. Suppenspargel muß
sich gut schälen lassen.

Spartein (lat. Sparteinum, frz. Sparteine,
engl. Spartein). Die mit den Kelchen getrock-
neten, goldgelben Blüten des Besenginsters,
Sarothamnus scoparius seu Spartium sco-
parium (lat. Flores Spartii scoparii seu Ge-
nistae, frz. Fleurs de genest, engl. Broom Flowers),
enthalten neben gelbem Farbstoff und dem stark
diätetisch wirkenden Bitterstoff Skoparin
auch ein flüssiges und flüchtiges Alkaloid, das
Spartein, das dem Kurare und Koniin ähnlich
wirkt. Das auch aus den in England gegen
Wassersucht benutzten Zweigspitzen der Pflanze
hergestellte Alkaloid bildet ein farbloses Öl von
eigentümlichem Gerüche und stark bitterem Ge-
schmack, das sich an der Luft rasch verändert.
Das Spartein und sein schwefelsaures Salz, Spar-
teinsulfat (lat. Sparteinum sulfuricum), finden
beschränkte medizinische Anwendung bei Herz-
erkrankungen.

Sparterie (Spanböden) nennt man Flecht-
werke aus dünnen, bandartig geschnittenen Strei-
fen von weichem, weißem Holze, wie Linden,
Weiden, Espen, die zum Teil durch Handflech-
terei, zum Teil auf dem Webstuhl, mitunter
auch im Gemisch mit Zwirnsfäden, hergestellt
werden. Man fertigt aus Sp. Tischdecken,
Fenstervorsetzer, Plutfutter sowie Mützen und
Hüte, die fälschlich auch Bast- oder Reis-
strohhüte genannt werden. Die Industrie ist
besonders in Böhmen heimisch, und die wohl-
feilen Waren werden weit versandt.

Speck. Mit diesem Namen belegt man das.
noch nicht ausgelassene, nur aus dem Körper
gewisserTie're ausgeschnittene, festere Fettgewebe,
namentlich der Schweine (Schweinespeck,
Speckseiten), doch spricht man auch von
Robbenspeck und Walfischspeck. Speck-
seiten werden gewöhnlich gesalzen und ge-
räuchert.

Speckstein (Steatit, venetianische oder
spanische Kreide), ein aus wasserhaltiger
kieselsaurer Magnesia bestehendes Mineral
(siehe auch Talk), ist sehr weich, fettglänzend
und fettig anzufühlen, rein weiß oder oft gelb-
lich, grünlich bis gräulich gefärbt und sehr leicht
zu schneiden, .wird aber im Feuer so hart, daß
er selbst Glas ritzt. Der Stein findet sich nester
weise in unregelmäßigen, kleineren und größeren
Stücken in zersetztem Glimmerschiefer sowie auch
eingewachsen in Serpentinfels. Seine hauptsäch-
lichsten Fundorte sind bei Wimsiedel in Bayern
(Göpfersgrün, Thiersheim), doch findet er sich
auch im Fichtelgebirge, bei Zöblitz und Alten-
berg in Sachsen, in Briangon und in Nyntsch
(Ungarn). Aus S. werden auf der Drehbank und
        <pb n="430" />
        ﻿Speiseeis

423

Spiritus

durch Schneiden Pfeifenköpfe, Spielwaren, Schreib-
zeuge und andere Gebrauchsgegenstände her-
gestellt. Künstler schneiden auch Bildsteine dar-
aus, die dann gefärbt und gebrannt werden. Die
gepulverte Masse dient als Mittel gegen Reibung
(sog. Rutschpulver zur Erleichterung des
Stiefelanziehens), zum Putzen von Metall- und
Glas waren (Spiegelpolieren), zum Vorzeichnen
auf Tuch (Schneiderkreide), Seidenzeug und
Giastafeln, zum Entfernen von Fettflecken, zur
Verfälschung von Seifen, zu feuer- und säure-
festen Stöpseln und anderen Zwecken. Große
Mengen werden auch zur Herstellung von Gas-
brennern, sog. Lavabrennern, verbraucht. Die
bei der Bearbeitung entstehenden Abfälle wer-
den wie Meerschaumabfall gepulvert und, mit
Ton und Wasser zu einem Teig angemacht, zu
kleinen Kunstwerken geformt, die gebrannt eine
große Härte und schönen Farbenton zeigen. Bei
Lowell in Massachussets finden sich so aus-
gedehnte Lager von S., daß man Röhren zu
Wasserleitungen daraus herstellt (s. auch Talk).

Speiseeis (Eis, Gefrorenes) nennt man in
Konditoreien und von Straßenhändlern feil-
gehaltene Genußmittel, die aus gefrorenen Mi-
schungen von Zuckerlösungen, Milch oder Sahne,
Fruchtsäften, Eiern und anderen Geschmacks-
und Riechstoffen bestehen. Cremeeise, deren
Hauptvertreter das Vanilleeis ist, werden durch
Erhitzen und nachfolgendes Gefrierenlassen von
mit Zucker schaumig gerührten Eiern, Milch
oder Sahne und Vanille hergestellt. Zu ihnen
gehört auch das unter Zusatz von Kakao be-
reitete Schokoladeneis. Fruchteise, wie Ana-
nas-, Himbeer-, Erdbeer- und Pfirsicheis, erhält
man durch Gefrierenlassen von Fruchtsaft oder
Fruchtmark mit Zuckerwasser und Zitronensäure,
bisweilen unter Zusatz von Milch oder Sahne.
Sahneeise werden aus mit Zucker geschlagener
Sahne und verschiedenen Zusätzen hergestellt.
Ihre bekannteste Sorte, Fürst Pückler, be-
steht aus drei Schichten, einer braunen aus
Schlagsahne mit Schokolade und Vanille-
geschmack, einer weißen aus Sahne mit Mara-
schinogeschmack, einer rosaroten von Erdbeer-
schlagsahne. Halbgefrorenes ist Creme- oder
Fruchteis, dem vor dem Gefrieren Schlagsahne
beigemischt wurde. — Zusätze von Mehl, Gelatine,
Agar. Teerfarben haben als Verfälschung zu
gelten.

Spergel (Spörgel, Spark, Sperk, Acker-
spark, Knörrich, frz. Spargoute, engl. Piney),
eine zu den Alsineen gehörende Futterpflanze,
Spergula L„ wird in verschiedenen Arten an-
gebaut. Die größte Bedeutung hat der einjährige
Ackerspergel (Spuvre, Spark), S. arven-
sis L.t S. geniculata, der 15—30 cm hoch
wird und quirlförmig gebüschelte Blätter, weiße
Blumenkrone und kugelige, linsenförmige, fein
punktierte Samen besitzt. Er wird als Grün-
düngungspflanze für sandigen Boden angebaut
in den Abarten S. sativa mit samtschwarzen,
kahlen, fein punktierten Samen, S. vulgaris
mit weißlichen, zuletzt braunen Warzen auf dem
Samen und S. maxima, Riesenspörgel,
Flachsspergel, mit größeren Samen. Die Saat
erfolgt im Frühjahr und im Herbst mit 18—50 kg
Saatgut von 130 kg Gewicht für 1 hl und ergibt
einen Ertrag von 60—100 dz Grünfutter, das an

Güte dem besten Wiesengras gleichsteht. Von
Saatspergel erzielt man 5—8 dz Körner und
12—15 Zentner Stroh, das ebenfalls verfüttert
wird.

Spermazetiöl (Spermöl), eine im Handel
häufig gebrauchte Benennung für das Walratöl,
vgl. unter Walrat.

Spezies (lat. Species) ist die pharmazeutische
Bezeichnung für Mischungen aus zerkleinerten
Pflanzenteilen, die entweder als Tee zu Ab-
kochungen, oder in Substanz trocken oder naß
zu Umschlägen dienen. Bekanntere Sorten sind:
Sp. lignorum, Holztee, Sp. pectorales, Brusttee,
Sp. ad cataplasma, ad fomentum, Stoffe zu Um-
schlägen, zu Bähungen, Sp. emollientes, erwei-
chende, Sp. resolventes, zerteilende, Sp. aroma-
ticae, würzhafte Kräuter, Sp. laxantes, abführen-
der Tee usw.

Spinat, die jungen Blätter von Spinacea
oleracea, bilden ein beliebtes Gemüse. Die von
Gärtnern angebaute Pflanze erfordert einen tief-
gründigen. humosen und gut gedüngten Boden
sowie sorgfältige Pflege, da sie dem Insekten-
fraß in hohem Grade ausgesetzt ist. Spinat ent-
hält nach König: 89,240/0 Wasser, 3,71% Stick-
stoffsubstanz, 0,50% Fett, 0,10% Zucker, 3,50 °/o
stickstofffreie Extraktstoffe, 0.94 0/0 Rohfaser und
2,00 0/0 Asche und ist sonach verhältnismäßig
reich an Stickstoff, der sich aber nur zum Teil
in Form von Eiweiß vorfindet. Die hohe Wert-
schätzung des Spinats für die menschliche Er-
nährung beruht auf seinem hohen Gehalt an Mi-
neralstoffen und besonders an Eisen, der 3,35% (1)
der Asche ausmacht.

Spinell, ein in verschiedenen Farben vor-
kommendes, tesseral kristallisierendes Mineral,
besteht in reinster Form nur aus Tonerde und
Magnesia und ist dann farblos und durch-
sichtig, häufiger aber durch Eisen und Chrom-
oxyd gefärbt. Die roten (karmin, ponceau, rosa),
besonders schön gefärbten und durchsichtigen S,
sind meist geschätzte Edelsteine, ähneln dem
Rubin und werden daher Rubinspinelle oder,
wenn sie blaß gefärbt sind, Balasrubine ge-
nannt. Die letzteren, blaßrot bis gelblichrot ge-
färbten Steine sind nicht so selten wie die
ersteren, werden aber immerhin gut bezahlt.
Unter Almadinspinellen versteht ipan ver-
schiedene bläuliche, violette, rötlichbraune oder
sonst dunkelfarbige Sorten geringeren Wertes.
Die edlen Spinelle werden in Ost- und Hinter-
indien, auf Zeylon und in der Tatarei einzeln
und selten im Schuttland und im Sande von
Flüssen und Bächen gefunden. Steine von drei
Karat und höher sind selten und teuer und er-
langen in guten Stücken Diamantpreise. Ge-
ringere Sorten sind häufiger und finden sich
in Böhmen, Siebenbürgen, Schweden (blaue),
Australien und Südamerika. Die dunkelgrünen
und schwärzlichblauen Arten führen den Namen
Pleonast. Eine grasgrüne Form heißt Chlor o-
spinell, eine schwarze aus den Pyrenäen Pi-
kotit.

Spiritus (Geist, Sprit, frz.Esprit, engl.Spirit)
ohne nähere Angabe bezeichnet den Weingeist,
der unter „Alkohol“ und „Branntwein“ abgehan-
delt ist, während Wortverbindungen mit Sp.
häufig für alkoholhaltige Flüssigkeiten angewandt
werden. Destillate vonWeingeist über Pflanzen-
        <pb n="431" />
        ﻿Sprenggelatine

424

Stärke

Stoffe sind Angelika-, Anis-, Kümmel-,
Löffelkraut-, Wacholder-, Lavendel-, Me-
lissen-, Rosmarinspiritus. Der Ameisen-
spiritus (lat. Sp. formicarum) wurde früher
durch Destillation, von Weingeist über lebende
Ameisen dargestellt, während man ihn jetzt durch
Auflösen von Ameisensäure in Spiritus erhält.
Senfspiritus (Sp. sinapis) ist eine Auflösung
von ätherischem Senföl in Weingeist, wird aber
auch durch Destillation hergestellt. Kampfer-
spiritus (Sp. camphoratus) und Seifenspiritus
(Sp. saponatus) sind Auflösungen von Kampfer
oder Seife in Weingeist, Verschiedene hierher
gehörige Flüssigkeiten sind ätherhaltig, so Sp.
acetico-aethereus, Essigätherweingeist; Sp.
muriatico-aethereus, Salzäthergeist (versüßter
Salzgeist); Sp. nitrico-aethereus, Salpeteräther-
geist (versüßter Salpetergeist). Sp. sulfurico-
aethereus ist ein Gemisch von einem Teil Äther-
mit drei Teilen Alkohol (Hoffmannsche Trop-
fen). Unter Spiritus vini, Weingeist, versteht
man jetzt den reinen Kartoffelsprit. Ferner wur-
den früher als S. bezeichnet: Sp. fumans Be-
guini, Schwefelammonium; Sp. fumans Libavii,
Zinndichlorid; Sp. salis, Salzsäure; Sp. cornu
cervi, Hirschhorngeist, eine Lösung von unreinem,
brenzligem, kohlensaurem Ammoniak.

Sprenggelatine nennt man eine äußerst bri-
sante Mischung von Nitroglyzerin (s. d.) mit
nitrierter Zellulose (s. Schießbaumwolle), eine
durchscheinende, gelatineartige Masse, die an
Sprengwirkung das Dynamit übertrifft, aber
wegen der Abscheidung von Nitroglyzerin ge-
fährlicher zu handhaben ist. Die Nachteile der
S. werden vermindert durch Zusatz von Salpeter,
Holzpulver, Soda, und das so entstehende Gela-
tinedynamit, das im Gegensatz zum Kieselgur-
dynamit auch zum Sprengen im Wasser benutzt
werden kann, scheint eine größere Bedeutung
zu erlangen. Ähnliche Sprengmischungen sind
das Kolonialpulver (mit Zusatz von Schwarz-
pulver) und Meganit.

Sprengstoffe. Unter dieser Bezeichnung faßt
man eine große Zahl verschiedener explosiver
Stoffe oder Stoffgemische zusammen, die ent-
weder als Treibmittel (Schießmittel) oder zum
Zwecke der Sprengwirkung Verwendung finden.
Die wichtigsten derselben sind in besonderen
Aufsätzen besprochen worden. Wegen der mit
ihrer Handhabung verbundenen Gefahr ist das
Reichsgesetz gegen den verbrecherischen und
gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen
vom 9. VI. 1884 erlassen worden, nach dessen
§ 1 die Herstellung, der Vertrieb und der Besitz
von Sp. sowie die Einführung aus dem Auslande
nur mit polizeilicher Genehmigung zulässig ist.
Nur eine Reihe sog. Schießmittel wie Schwarz-
pulver, Zündhütchen, Gewehrpatronen u. dgl. sind
von diesen Bestimmungen ausgenommen. Als
Sp. im Sinne dieses Gesetzes gilt nach dem Ur-
teile des Reichsgerichts vom 28. III, 1898 „jeder
Stoff, der bei der Entzündung eine gewaltsame
Ausdehnung von elastischen Flüssigkeiten oder
Gasen hervorruft und sich mit Rücksicht auf
diese Eigenschaft zur Verwendung als Spreng-
mittel eignet“. Zu ihnen gehören also nicht
nur Nitroglyzerin, Dynamit, Knallquecksilber, son-
dern auch ein so verbreiteter Stoff wie die
Pikrinsäure kann als Sp. angesehen werden.

Springkörner (lat. Semina cataputiae minoris),
die Früchte von Euphorbia Lathyris L., wur-
den früher in Deutschland als Abführmittel be-
nutzt. Sie enthalten als wichtigste Bestandteile
ein fettes Öl und Äskuletin. — Als große S. be-
zeichnete man auch die Rizinussamen.

Sprotte (Breitling, Clupea sprattus L.),
ein zu den Heringen gehörender, aber nur etwa
17 cm langer Fisch der Nord- und Ostsee, der
oben blau, seitlich silberfarben aussieht, wird
an den Küsten in großen Mengen gefangen und,
eingesal^en und geräuchert, in den Handel ge-
bracht. Hauptfangorte sind Kent, Essex und
Suffolk in England, die Bretagne und Normandie
in Frankreich und die ganze Nordsee bis hinauf
nach Island. Von den Ostsee-S. gelten die bei
Kiel gefangenen als die besten.

Spunde nennt man zum Verschließen von
Fässern, Flaschen usw. bestimmte Stöpsel aus
Holz oder Kork, die je nach Wunsch in verschie-
denen Größen geschnitten werden (s. auch Kork).

Stachelbeeren, die Früchte von Ribes Gros-
sularia, sind echte Beeren, d. h. das ganze aus
dem Fruchtblattgewebe (Karpidium) entstandene
Fruchtgewebe (Perikarpium) ist fleischig, breiig
und saftig. Die reifen Beeren enthalten neben
85,6 0/0 Wasser 0,470/0 Stickstoffsubstanz, 1,37 0/0
freie Säure, 7,100/0 Invertzucker, 0,8s °/o Rohr-
zucker, 0,64% stickstofffreie Extraktstoffe, 3,52 °/o
Rohfaser und Kerne und 0,44 o/0 Asche. Die S.
dienen im unreifen Zustande, mit Zucker ein-
gekocht, als Kompott, im reifen Zustande als
Tafelobst und zur Herstellung von Stachel-
beerwein.

Stäbchen (lat. Bacilli) nennt man eine zwar
nicht offizielle, aber sehr gebräuchliche Zucker-
werksform, welche in der Weise hergestellt wird,
daß man Gemische von Zucker oder Süßholzsaft
mit arzneilichen Stoffen zu zylindrischen Stäb-
chen von Stricknadeldicke ausrollt und dann
erhärten läßt.

Stänker, ein äußerlich angewandtes Tierheil-
mittel, enthält Tieröl (Oleum animale), Asa foe-
tida usw.

Stärke (lat. Amylum. frz. Amidon, Fdcule,
engl. Starch). Die Stärke ist einer der ver-
breitetsten Bestandteile der Pflanzen, in denen
sie sich in drei verschiedenen Formen vorfindet:
als Produkt der Assimilation in den Blättern,
als Reservestoff in den Wurzeln, Samen,
Knollen und Stämmen und als Zwischenglied auf
der Wanderung zwischen den Assimilations- und
Reserveorganen, sog. transitorische Stärke.
Die Stärke entsteht in den Blättern unter der
Mitwirkung von Licht und Chlorophyll aus der
Kohlensäure der Luft unter Aufnahme von
Wasser und Abgabe von Sauerstoff, und zwar
entweder direkt oder nach Ansicht einiger For-
scher auf dem Umwege über Glykose oder Rohr-
zucker. Von den Blättern aus wandert sie in
gelöster Form zu den Reserveorganen, in denen
sie in Gestalt kleiner Körnchen abgelagert wird.
Die Form und Größe der Körner ist nach der
Art der Pflanzen außerordentlich wechselnd und
für die Abstammung bezeichnend. Neben kreis-
runden (kugeligen) und ovalen, finden sich
eckige und unregelmäßig geformte, neben ein-
fachen zusammengesetzte, neben geschichteten
ungeschichtete. Die Größe sdrwankt zwischen
        <pb n="432" />
        ﻿Stärke

425

Stärkeglanz

0,003 (Reisstärke) und o,i mm (Kartoffel). Die Art
der Gewinnung richtet ?ich nach der Natur der
pflanzlichen Ausgangsstoffe. — Weizenstärke
(Amylum tritici). Das Weizenkorn enthält neben
S. noch die Hülsen und iden Kleber, die ent-
fernt werden müssen. Weizenmehl hingegen ist
schalenfrei und daher einfacher zu verarbeiten.
Das Mehl oder auch das eingeweichte, zer-
quetschte Korn wird auf feinen Sieben unter
einem fortwährenden Sprühregen von Wasser
ausgewaschen, bis das Wasser nicht mehr mil-
chig abfließt. Auf dem Siebe bleibt der größte
Teil des Klebers zurück, der als Nahrungsmittel
benutzt werden kann. Die milchige Flüssigkeit
wird zur Zerstörung der noch anhaftendenKleber-
spuren nach Zusatz von etwas saurem Ferment
etwa 24 Stunden lang einer Gärung überlassen,
darauf in größeren Becken oder langen Rinnen
zum Absetzen gebracht und schließlich durch Zen-
trifugieren vom größten Teile des Wassers be-
freit. Nach dem älteren Verfahren, bei dem
das zerquetschte Korn sogleich der sauren Gä-
rung ausgesetzt wird, geht der größte Teil des
Klebers verloren, und der Rest ist nur noch als
ein geringes Futtermittel zu verwerten. Die nach
dem einen oder anderen Verfahren erhaltene
Rohstärke wird in Form einer dünnen Milch
durch lange Rinnen mit geringem Gefälle hin-
durchgeleitet, wobei zuerst die großen Körner,
die als die wertvollste Sorte für sich gesammelt
werden, danach immer kleinere Körner zu Boden
fallen. Das Trocknen, das durch Zentrifugieren,
Anwendung poröser Ton- oder Gipsplatten, oder
durch Evakuierung unterstützt wird, muß sehr
vorsichtig bei niedriger Temperatur erfolgen,
da sonst leicht Verkleisterung eintritt. Nach
einiger Zeit wird die obere, etwas staubige Schicht
abgekratzt und als sog. Schabestärke in den
Handel gebracht. Die völlig trockene Masse
zerfällt meist in kleinere Stückchen und wird in
dieser Form als Stängelchen-, Schäfchen-,
Strahlen- oder Tafelstärke verkauft, oder
durch Mahlen in ein feines Pulver (Puder-
stärke) umgewandelt. Die Weizenstärke setzt
sich aus kreisrunden, zum Teil sehr großen, zum
1 Teil sehr kleinen Körnchen zusammen. Die
größten derselben haben einen Durchmesser von
0,03—0,04, die kleinsten einen solchen von 0,005
bis 0,007 ™m. Mittelgrößen fehlen meist vollstän-
dig. —■ Die Kartoffelstärke (Amylum solani)
wird aus den gewaschenen und zerriebenen Kar-
toffeln mit Hilfe besonderer Bürstenmaschinen
ausgewaschen, meist mit Hilfe von Schwefel-
säure, Ammoniak, Soda oder Natronlauge ge-
peinigt, bisweilen mit Chlorkalk gebleicht und
nn übrigen wie Weizenstärke weiter verarbeitet.
Ihre Körnchen zeigen meist unregelmäßig ovale
oder spitz längliche Form, deutliche Schichtung
rnit exzentrischem Kern und oft eine bedeutende
Größe bis zu 0,15 mm. — Reisstärke (Amylum
1. °fyzae) wird in England, Belgien und Deutsch-
land in großem Maßstabe hergestellt. Zur Los-
Lösung der fest zusammengekitteten Körner wird
I der Reis, meist seebeschädigter Bruch- oder Ab-
fallreis, mit verdünnter Natronlauge von 1V2 bis
2° B so lange gequellt, bis er zwischen den Fin-
dern zerreiblich ist, dann vermahlen und in
üblicher Weise weiter behancTelt. Die Körner
I s&gt;nd ziemlich scharfkantig und vieleckig. Der

Durchmesser beträgt nur 0,003—0,007 mm. — Die
besonders in Nordamerika hergestellte Mais-
stärke (Amylum maydis) besitzt ebenfalls scharf-
kantige und vieleckige Körner, die aber meist
einen Spalt in der Mitte und einen größeren
Durchmesser von 0,015—0,025 mm zeigen. — Die
anderen Stärkesorten des Handels: Arrowrot,
Mannihot, Maranta, Tapioka sind unter
ihren besonderen Namen besprochen. — In
chemischer Hinsicht ist die Stärke als ein Kohlen-
hydrat anzusehen, d. h, sie besteht aus Kohlen-
stoff, Wasserstoff und Sauerstoff und enthält die
beiden letzteren Elemente in demselben Verhält-
nis wie das Wasser (1 :g). Die Zusammensetzung
entspricht der Formel C6H10O6. Ihr spez. Gew.
beträgt in lufttrockenem Zustande 1,5, in völlig
getrockneter Form 1,65. Sie zieht leicht Feuchtig-
keit an, ohne ihr Aussehen zu verändern und
muß daher beim Einkauf auf Wassergehalt unter-
sucht werden. Normale Stärke soll bei 60—go°
nicht mehr als 20 °/o an Gewicht verlieren. S. ist
in kaltem Wasser praktisch unlöslich, verwandelt
sich aber beim Erhitzen auf 150—2000 unter
Gelbfärbung in wasserlösliches Röstgummi oder
Handelsdextrin (s. d.) und nimmt auf Zusatz
von Jod eine tiefblaue Farbe an, die hauptsächlich
ihre Auffindung unter dem Mikroskope ermög-
licht. In Salzlösungen, wie Chlorzink und Zinn-
chlorid sowie 'in Glyzerin quillt die S. auf und
gibt schließlich klare Lösungen, aus denen durch
Zusatz von Alkohol lösliche Stärke gefällt
wird. Wasser führt die S. bei höherer Tempe-
ratur in Kleister, Erhitzen mit verdünnten Säuren
in Dextrin und Dextrose (Stärkezucker) über.
Mit Malz verwandelt sie sich unter der Einwir-
kung der Diastase in Dextrin und Maltose sowie
verschiedene zwischen beiden stehende Verbin-
dungen. Von den zahlreichen Verfälschungen der
S. werden mineralische Zusätze, wie Kreide, Gips,
Schwerspat durch die Sedimentierprobe mit Al-
kohol sowie die Aschenbestimmung leicht er-
kannt. Befeuchtung mit Wasser läßt sich durch
die Bestimmung des spez. Gew. oder durch
Trocknen bestimmen. Die S. findet in ihren
verschiedenen Formen mannigfache Verwendung
zu medizinischen, technischen und Ernährungs-
zwecken. Für letztere sind alle Sorten gleich gut
geeignet. In der Medizin benutzt man besonders
Weizen- und Reisstärke zur Herstellung von
Verbänden, Pulvern und Oblaten sowie zur Ver-
dünnung von Arzneimitteln. In der Technik ist
sie das unentbehrliche Hilfsmittel zahlreicher
Gewerbe. Die Kartoffelstärke dient zur Bereitung
von Kleister, als Schlichte in der Zeugweberei
und als Farbenverdickungsmittel beim Zeug-
druck, ferner als Rohstoff zur Herstellung von
Dextrin, Stärkesirup und Stärkezucker. Weizen-
stärke ist die eigentliche Waschstärke und das
Appretierungsmittel für Zeuge, während Reis-
stärke zum Kaltstärken, namentlich feiner
Wäsche, verwendet wird.

Stärkeersatz wurden während des Krieges
aus Leim oder Dextrin unter Zusatz erheblicher
Mengen von Gips, Kreide, Schwerspat und an-
deren Mineralstoffen hergestellte Ersatzmittel für
Wäschestärke genannt. Ihr Gebrauchswert war
in der Regel überaus gering.

Stärkeglanz (Glanzstärke) ist eine Stärke,
welche durch Z,usatz von Stearin oder Paraffin
        <pb n="433" />
        ﻿Stärkezucker

426

Stahlwässer •

die Eigenschaft erhalten hat, der damit be-
handelten Wäsche einen höheren Glanz zu geben
und das Plätten zu erleichtern. Auch wird häufig
noch Borax zugesetzt, um eine größere Weiße
zu erzielen.

Stärkezucker (Traubenzucker, Glukose,
Glykose, Dextrose, Krümelzucker). Diese
in der Wissenschaft jetzt meist als Glukose
oder Rechtsglukose bezeichnete Zuckerart bildet
einen Bestandteil sehr vieler Früchte, nament-
lich der Weintrauben, Kirschen, Pflaumen, und
Feigen und findet sich neben der linksdrehenden
Fruktose im Honig. Bei der Zuckerkrankheit
tritt sie im Harn auf und entsteht außerdem
bei der Spaltung vieler Glykoside mit verd. Säuren.
Auch bei Behandlung- von Zellulose (Sägespänen),
Gummi, Dextrin und Stärke mit Säuren wird S.
gebildet. Der bei der Hydrolyse des Rohrzuckers
entstehende Invertzucker ist ein Gemisch von S.
und Fruktose, Maltose zerfällt bei der Hydrolyse
in zwei Moleküle Glykose, Milchzucker in ein
Molekül Glykose und Galaktose. Zur Darstellung
reiner Glykose bedient man sich des Saftes von
Weintrauben oder des Auszuges von Rosinen, die
mit Witherit oder Kreide neutralisiert und dann
durch Kochen mit Tierkohle entfärbt werden.
Als Ausgangsmaterial für den technischen S.
kommt aber nur die Stärke, und zwar in
Deutschland Kartoffelstärke, in Amerika Mais-
stärke in Betracht. Man läßt die mit Wasser
zu einer dünnen Milch angerührte frische Stärke
in siedende, etwas Salpetersäure enthaltende
2°/oige Schwefelsäure einfließen, erhitzt dann
zur Umwandlung der ersten Zersetzungsprodukte:
Dextrin und Maltose, weiter, bis eine heraus-
genommene Probe mit Jod keine Blaufärbung
und mit Alkohol keine Fällung mehr gibt, und
läßt dann erkalten. Das Kochen wird zweck-
mäßig in geschlossenen Kesseln bei 1200 vor-
genommen, die erkaltete Flüssigkeit durch Zu-
satz von Kalzium- oder Bariumkarbonat neutra-
lisiert, filtriert, mit Knochenkohle entfärbt, im
luftleeren Raum eingedampft und zur Einleitung
der Kristallisation mit etwas fester Glykose ge-
impft. Die nach einiger Zeit kristallinisch er-
starrende Masse gelangt entweder in viereckigen
Holzkisten, als sog. Kistenzucker, direkt in
den Handel oder wird durch Zentrifugieren,
Decken mit Methylalkohol und-nochmaliges'Um-
kristallisieren als eine trockene, weiße, dem Hut-
zucker ähnliche Masse erhalten. — Die reine
Glykose, C6H1206, ist der typische Vertreter
der Hexosen oder Monosen, d. h. der aus einer
Kette von sechs Atomen Kohlenstoff bestehenden
Zuckerarten, zu denen außerdem noch die Fruk-
tose und die Galaktose gehören. Sie bildet ein
Kristallpulver aus locker zusammenhängenden
Nadeln oder harte, klingende Krusten. Das spez.
Gew. beträgt 1,5384, der Schmelzpunkt des An-
hydrids liegt bei 144—146°, derjenige der mit
einem Molekül Wasser kristallisierten Glykose
bei 80—86°. Sie schmeckt weniger süß als Rohr-
zucker, löst sich leicht in Wasser und heißem
verd. Alkohol, hingegen kaum in absolutem Al-
kohol. Aus Methylalkohol kann sie umkristalli-
siert werden. Die wäßrige Lösung ist rechts-
drehend und zeigt die spez. Drehung 53,30. Gegen
Säüren ist Glykose ziemlich beständig, wird aber
durch Alkalien unter Gelbfärbung zersetzt. Durch

Hefe wird sie leicht vergoren und scheidet aus
den Lösungen von Schwermetallen durch Re- |
duktion Niederschläge von Oxydul oder Metall f
aus. Die Reduktion von alkalischer, Seignettesalz T
enthaltender Kupferlösung (Fehiingscher Lö- [
sung) wird zur quantitativen Bestimmung, die S
Reduktion von Quecksilber- oder Wismutlösun- t
gen zu ihrem qualitativen Nachweis benutzt. —■ ;
Der Stärkezucker des Handels enthält infolge 4
ungenügender Verzuckerung oft noch erhebliche [
Mengen Dextrin. Absichtlich läßt man diese j [
darin bei der Fabrikation des Stärkesirups , j
(Kartoffel-, Kapillärsirups). Zu dessen Her- 1|
Stellung verwendet man eine zur völligen Ver- IE
zuckerung unzureichende Säuremenge und kocht j
ohne erhöhten Druck nur so lange, bis Jodlösung 1
gerade keine Blaufärbung mehr hervorruft. Da-
mit der Sirup klar bleibt, ist völlige Entfernung |
des Gipses erforderlich. Er bildet dann eine |[
sehr dickflüssige, zähklebrige, farblose oder blaß- j
gelbliche Flüssigkeit, die etwa 20% Wasser und
je 40 °/o Glykose und Dextrine enthält, doch ,
kommen nach der Art der angewandten Ver- |
fahren Erzeugnisse sehr wechselnder Zusammen- ,
setzung in den Handel. — Der S. findet viel- ,
fache Anwendung als Versüßungsmittel bei der ]
Herstellung von Likören sowie von Konfekt- und
Konditoreiwaren. Die früher gebräuchliche Be-
nutzung zum Gallisieren hat wesentlich nach- |
gelassen, seitdem das neue Weingesetz die Ver-
wendung dextrinhaltiger Erzeugnisse untersagte- 1
Auch zur Herstellung untergäriger Biere darf j
S. nicht benutzt werden. Der Stärkesirup dient 1
vielfach als billiger Ersatz des Rohrzuckers bei \
der Herstellung von Obstkonserven, Frucht- ]
Sirupen und besonders von sog. Marmeladen, |
die zum Teil vollständig aus künstlich gefärbtem I
Stärkesirup bestehen. Nach der Auffassung der |
Nahrungsmittelchemiker und dem jetzigen Stande , |
der Rechtsprechung muß die Verwendung des 3
Stärkesirups bei Nahrungs- und Genußmitteln, f
mit Ausnahme von Likören und Konditorwaren, I
gekennzeichnet werden. S. und Stärkesirup unter- I
liegen im Gegensatz zum Rohrzucker keiner |
Steuer,

Stahlspäne, ursprünglich ein Abfallprodukt j
der -Industrie, werden in großen Mengen zum |
Reinigen -bzw. Glänzendmachen von Parkett- |
fußböden in verschiedenen Feinheitsnummern '
fabrikmäßig hergestellt und, abgepackt in 1jc
Kilo-Paketen, in den Handel gebracht. — Stäh-
lern t, das als Ersatz der Stahlspäne in den j
Verkehr gebracht wurde, besteht im wesent- |
liehen aus Glimmersand mit etwa 10 °/o Kalk,

9 0/0 Soda und Spuren Eisenfeile.

Stahlwässer (Chalybokrenen) nennt man
eisenhaltige Mineralwässer, welche das Eisen in
Form des Bikarbonats enthalten, im Gegensatz
zu den Eisensulfat führenden Eisen wässern-
Die wichtigsten deutschen Eisenwässer finden
sich in Pyrmont, Driburg, Elster, Schwalbach,
Reinerz, .Kudowa, Alexisbad, Liebenstein, BockIet
und Brückenau am Rhön, Freienwalde a. O-,
Petersthal, -Griesbach, Rippoldsau und Antogast-
Außerdem finden sich Eisenwässer in Franzens-
bad (Österreich), St. Moritz und Tarasp in def
Schweiz sowie zu Spa in Belgien. Die Stahl'
wässer enthalten bis zu 0,06 g Eisen in 11 unn
        <pb n="434" />
        ﻿Staubbindemittel

427

Stearin

Werden sowohl zu Trink- wie zu Badekuren
benutzt.

Staubbindemittel. Zur Bekämpfung der Staub-
plage werden verschiedene mehr oder weniger
brauchbare Erzeugnisse in den Handel gebracht.
— Die der ersten Klasse angehörenden, die ver-
mittels Sprengwagens auf die Straße aufgetragen
werden, bestehen aus Emulsionen von Mineral-
und Asphaltölen mit Wasser, wie Westrumit,
Antistoff, Standutin, und zwar wird der Zu-
stand der feinen Verteilung durch Zusätze von
Ammoniak, Kalilauge, Seife oder Mehlkleister
aufrecht erhalten. — Die zweite Klasse bilden
die sog. Fußbodenöle, Mineralöle oder Mi-
schungen von Mineralölen und Leinöl, mit denen
die Fußböden eingefettet werden. — Zu der
dritten Klasse gehören die sog. Kehrmittel,
fettig anzufühlende Pulver, die, wie früher an-
gefeuchtete Sägespäne oder Kaffeesatz, vor dem
Ausfegen auf den Boden gestreut werden und
so ein Aufwirbeln des Staubes verhindern. Sie
bestehen entweder wie das sog. Verrin aus Mi-
schungen von Holzschliff mit Talkpulver oder
Wie das patentierte Bronil aus Mischungen
von Zement, Sand oder Holzmehl mit Mineral-
ölen. Verschiedene ähnlich zusammengesetzte
Stoffe, wie Reesil, Perolin, Frottil u. a. sind
als Nachahmungen des Bronils anzusehen.

Staufenbrunnen bei Göppingen enthält in
1000 g nach H. Fresenius (1902): Bikarbonate
des Natriums 3,7893 g, Lithiums 0,0078 g, Ammo-
niums 0,0031 g, Kalziums 0,3356 g, Bariums
0,0009 g, Strontiums 0,0009 g, Magnesiums 0,4209 g,
Eisenoxyduls 0,0144 g, Manganoxyduls 0,0002 g;
Chlomatrium 0,5702 g; Bromnatrium 0,0014g;
Jodnatrium 0,00004 g; Sulfate des Kaliums
0,0536 g, Natriums 0,2378 g; Natriumphosphat
0,00005 g; Natriumnitrat 0,0131 g; Kieselsäure
0,0074g; freie Kohlensäure 1,5604g.

Stearin (lat. Acidum stearinicum, frz. Acide
stöarique, engl. Stearic acid). Diesen Namen
führt in der Chemie das Triglyzerid der Stea-
rinsäure, im gewöhnlichen Leben versteht man
hierunter jedoch den aus Talg und anderen
Fetten ausgeschiedenen festen, kristallisierbaren
Kerzenstoff, der seinen chemischen Eigenschaften
nach eine schwache Säure ist, nämlich die
Stearinsäure, C18H3e02, selbst. Die Stearin-
kerzen sind daher richtiger als Stearinsäure-
kerzen zu bezeichnen. Sie bestehen jedoch nie-
hials aus reiner Stearinsäure, sondern enthalten
stets noch andere ähnliche Fettsäuren, nament-
lich Palmitinsäure, die ebenfalls ein Bestand-
teil der meisten Fette ist und sich von der
Stearinsäure durch den niedrigeren Schmelzpunkt
unterscheidet. Ein Gemisch beider schmilzt noch
leichter als jeder der einzelnen Stoffe für sich.
Eie Abscheidung des harten Kerzenstoffes aus
den Fetten kann nach verschiedenen Verfahren
ausgeführt werden. Die ursprüngliche Arbeits-
weise, die bei der Verarbeitung von Talg noch
jetzt in Gebrauch ist, besteht in einer Verseifung
des Fettes durch Kalk, Zersetzung der Seife
durch Säure und Trennung der erhaltenen Fett-
säuren durch Pressen, Zur Verseifung dient ein
kölzerner, mit Rührvorrichtung versehener Bot-
tich in dem ein gewundenes Dampfrohr liegt.
Eierin wird der Talg durch einströmenden Dampf
Geschmolzen, darauf das Rührwerk in Gang ge-

setzt und eine Milch aus frisch gebranntem und
gelöschtem Kalk hinzugesetzt. Die anfangs flüs-
sige Masse wird während des Rührens und
Kochens immer zäher, und schließlich scheidet
sich die unlösliche Kalkseife in Klumpen aus.
Sie ist eine Verbindung der Fettsäuren des
Talges mit Kalk, während sich nebenbei Gly-
zerin (s. d.) gebildet hat, das in der Flüssigkeit
gelöst bleibt. Die Verseifung dauert etwa einen
halben Tag. Die gebildete Kalkseife wird ge-
waschen und die bröcklige Masse zwischen ge-
rieften Walzen in ein grobes Pulver verwandelt.
In einem mit Blei ausgeschlagenen Dampfbottich
ohne Rührwerk erwärmt man dann das Seifen-
pulver unter Zusatz von verdünnter Schwefelsäure
durch Dampf. Die Säure zersetzt die Seife und
bildet mit dem Kalk Gips, während die frei-
gewordenen Fettsäuren wie ein dünnes Öl oben-
auf schwimmen. Das letztere wird abgezogen,
durch gründliches Waschen mit immer erneuer-
ten Mengen von Wasser gereinigt und in
blecherne Kästen gebracht, in denen es zu vier-
eckigen, bräunlichen Tafeln erstarrt. Diese wer-
den in Wolltücher eingeschlagen und abwech-
selnd mit eisernen Platten in hydraulischen
Pressen einem hohen Druck aufgesetzt. Die
nicht festen Fettsäuren fließen dabei als ölartige
Masse größtenteils ab, das Gemenge von Stearin-
säure und Palmitinsäure hingegen hinterbleibt
glänzend weiß und ganz trocken. An Stelle
des Kalks wird neuerdings vielfach Magnesia
angewandt. Zur Verarbeitung von Palm- und
Kokosnußöl sucht man diesen vor der Ver-
seifung das Olein durch Pressen zu entziehen,
indem man sie schmilzt, langsam abkühlen läßt
und auspreßt. — Eine andere, vielfach zur An-
wendung kommende Methode beruht auf der
Entdeckung, daß sich die Fette nicht nur
durch Alkalien, sondern auch durch starke
Schwefelsäure zersetzen lassen. Diese Säure ver-
bindet sich sowohl mit dem Glyzerin als mit
den Säuren der Fette. Die erstere Verbindung
ist löslich, die letztere nicht, wird aber durch
heißes Wasser leicht wieder in freie Schwefel
säure und freie Fettsäuren zerlegt. Das hierauf
gegründete neuere Verfahren führt schneller und
billiger zum Ziele und läßt sich auf alle mög-
lichen Fette bis herab zu dem Seifenwasser der
Wollspinnereien ausdehnen. Man bringt die Fette
nebst der Säure in einen eisernen, mit Blei aus-
gelegten Behälter und läßt unter fortwährendem
Rühren Wasserdampf darauf wirken. Die zer-
setzte Masse wird in einem anderen, großen Ge
fäße gründlich gewaschen und dann in große
Destillierblasen gebracht, welche durch freies
Feuer erhitzt sind, während im Inneren über-
hitzter Dampf durch die Masse strömt. Sobald
die Temperatur bis auf 3000 gestiegen ist, destil-
lieren die Fettsäuren mit den Wasserdämpfen
über, werden in einem Kühler verdichtet und
fließen als helle Flüssigkeit ab, die weiterhin
zu einer weißen Masse erstarrt. Die Spaltung
der Fette in Fettsäuren und Glyzerin kann auch
durch Anwendung von überhitztem Dampf allein,
ohne Beihilfe von Schwefelsäure, erfolgen. Das
S. ist in Tafeln und Täfelchen im Handel, wird
aber meist in den Fabriken gleich zu Kerzen
verarbeitet (s. d.).	•— Das flüssige Fett, die

Ölsäure, Stearinöl, Olein (lat. Acidum olei’ni-
        <pb n="435" />
        ﻿Stechapfel

428

Steinkohle

cum, frz. Acide olöique, engl. Oleic acid), die in
großen Mengen abfällt, wird zum Putzen, zum
Einfetten von Wolle und zur Herstellung weicher
Seifen, Schmierseifen, Schälseifen benutzt.

Stechapfel (Datura Stramonium), das ein-
jährige, widrig riechende Giftkraut mit weißen,
trichterförmigen Blüten und stacheligen Samen-
kapseln, das sich auf Schutthaufen und wüsten
Plätzen sowie an Wegen aufhält und zu der Fa-
milie der Nachtschattengewächse, Sola-
neen, gehört, findet wie die meisten Giftpflanzen
medizinische Verwendung. Man benutzt die ge-
trockneten Blätter (lat. Folia stramonii, frz.
Feuilles de stramoine, engl. Stramonium leaves)
gepulvert oder in Form des Extraktes (lat. Ex-
tractum stramonii, frz. Extrait de stramoine, engl.
Extract of stramonium), das aus frischem Kraut
herzustellen ist. Außerdem werden auch die
S.-Samen (lat. Semen stramonii, frz. Semences
de stramoine, engl. Stramonium seeds) in gleicher
Weise medizinisch angewandt. Die Blätter sind
zugespitzt eirund, buchtig gezähnt, dunkelgrün,
von bitterlichsalzigem Geschmack und wider-
lichem Geruch. An dem bis 20 cm langen Blatte
ist meist der 10 cm lange Stiel mit vorhanden.
Die Früchte sind stachlige Kapseln von eiför-
miger Gestalt und enthalten etwa 2 mm lange
Samen von schwarzbrauner punktierter Ober-
fläche und weißem Kern. Die ganze Pflanze
ist sehr giftig, doch findet sich der Giftstoff am
reichlichsten in den Samen. Das rein abgeschie-
dene Alkaloid, das mit Hyoszyamin identisch ist,
früher aberDaturin genannt wurde, kristallisiert
in weißen, glänzenden Prismen von scharfem,
widrig bitterem Geschmack. Außerdem enthalten
die Samen noch Atropin und fettes Öl. Die S.-
Blätter und -Samen ähneln in ihrer medizinischen
Wirkung der Belladonna. Die Blätter werden,
mit Salpeter gemischt, als Asthmakräuter ver-
ordnet, auch sind die sog. Asthmazigarren mit
einer Einlage von S.-Blättern versehen.

Steingut (Fayence) nennt man diejenigen
Tonwaren, die zum Unterschiede von Porzellan
und Steinzeug eine erdige Masse und daher
poröse Struktur besitzen. Sie werden in feines S.
oder F. und in gemeine Fayence, gemeines S.
oder Majolika unterschieden. Die feine Fay-
ence, die nach der Stadt Faenza in Italien be-
nannt ist, wird aus einem feuerfesten, fetten und
plastischen Ton unter Zusatz von Quarz oder
Feuerstein .hergestellt. Das Mahlen und Schläm-
men der Bestandteile, ihre Vereinigung zu
Brühen, das Kneten der Masse auf Mühlen,
Durchziehen durch Filterpressen und die weitere
Verarbeitung auf der Töpferscheibe oder mit
Gipsformen .stimmt ganz mit der Herstellung des
Porzellans überein, geht aber einfacher von-
statten, Weil die Masse leichter formbar ist. Die
getrockneten Stücke werden in Kapseln zweimal
gebrannt, erhalten aber zum Unterschiede von
Porzellan die größte Hitze beim ersten, dem sog.
Biskuitbrand. Nach dem ersten Brand werden
die unter Glasur liegenden Verzierungen durch
Malerei oder Überdruck aufgetragen. Als Farb-
stoffe finden, wie bei Porzellan und Glas, Chrom-
oxyd für Grün, Kobaltoxyd für Blau, Gemische
von Kobalt-, Mangan- und Kupferoxyd für
Schwarz und Pink Couleur für Violett Anwen-
dung. Vergoldungen, Metallüster und reichere

Ausschmückungen werden nach der Glasur auf-
gesetzt und besonders in Muffeln eingebrannt.
Die Glasuren sind immer stark bleihaltig und
bestehen aus einem Glase, das vorher aus Kiesel-
pulver, Soda. Borax und Bleiweiß oder Mennige
zusammengeschmolzen, dann gestampft und mit
Wasser fein gemahlen wurde. Beim zweiten
Brennen überzieht sich das S. mit einer dünnen,
durchsichtigen Glashaut, welche die Grundfarbe
sehen läßt und zur Verdeckung des gelblichen
Tons der letzteren meist mit etwas Smalte ge-
bläut wird. Die gemeine Fayence (Majolika)
wird aus einem mehr oder weniger eisenschüssigen,
mit Sand und Mergel gemischten Ton durch
zweimaliges Brennen hergestellt. Nach dem ersten
Brand wird die Malerei entweder unter Glasur
oder auf die rohe Glasur aufgetragen und dann
mit der Glasur eingebrannt. Im ersteren Falle
verwendet man eine durchsichtige, im letzteren
Falle eine undurchsichtige, zinnhaltige Glasur
oder Email. Weitere Einzelheiten siehe unter
Ma j olika.

Steinkohle (frz. Houille, Charbon de terre,
engl. Coal, Pitcoal). Dieser für das gewerbliche
und Kulturleben der modernen Menschheit un-
entbehrliche Rohstoff ist pflanzlichen Ursprungs
und, nach den Versteinerungen und Abdrücken
zu schließen, aus Farnkräutern, Schachtel-
halmen, Bärlappgewächsen und anderen
Kryptogamen hervorgegangen. Wahrscheinlich
erklärt sich ihre Entstehung in der Weise, daß
die Erzeugnisse eines üppigen Wachstums bei
feuchtem und tropischem Klima angehäuft wur-
den und unter Bedeckung mit Niederschlags-
massen von Sand und Schlamm, aber ohne be-
sonders hohe Temperaturen, eine langsame Re-
duktion durchmachten. Im Verlaufe dieser Um-
wandlung nahm der Gehalt an Sauerstoff und
Wasserstoff naturgemäß ab, derjenige an Kohlen-
stoff zu. Die S. finden sich auf der ganzen Erde
stets unter den gleichen Verhältnissen und ent-
halten auch immer dieselbe Flora. Es muß
daraus geschlossen werden, daß zur Zeit ihrer
Entstehung an den verschiedenen Punkten der
Erde nahezu dasselbe Klima geherrscht hat.
Nach ihrem geologischen Vorkommen faßt mal*
sie zu einer besonderen Formation, der Stein-
kohlen- oder karbonischen Formation, zu-
sammen, die wohl auch in Unter-und Oberkarbon
unterschieden wird. Vorkommnisse in anderen
Formationen, wie in der Wealdenformation i°
Schaumburg-Lippe, sind selten und nur von ört-
licher Bedeutung. Als Grundlage der eigent-
lichen Kohlenformation findet sich in einige0
Gegenden, z.B, in England, ein Kalkstein (Kohlen-
kalk), auf dem Schichten von Sandstein und Ton-
schiefern abwechselnd mit Kohlenschichten lagern1
In Deutschland fehlt der Kohlenkalk. Die Deck6
wird meist durch das Rotliegende gebildet. Die
Kohlenschichten, Flötze, deren Mächtigkeit z'v1’
sehen wenigen Zentimetern bis zu mehreren
hundert Metern schwankt, sind bisweilen hör*",
zontal gelagert oder auch durch Verwerfung60
gestört und bilden meist flache Mulden (Kohlen-
becken oder -bassins), deren Ränder vielfach
zutage treten. Die reichsten Kohlenlager ha*
Nordamerika, dessen Kohlenbecken ein®
Fläche von mehr als 6000 Quadratmeilen he'
decken. In Europa hatte England die größt®0
        <pb n="436" />
        ﻿Steinkohle

429

Steinpilz

Kohlenschätze, deren Wert um so höher ist, als
sie leicht zugänglich sind und vielfach nahe am
Meere liegen. Sie sind aber der Erschöpfung
näher als die Vorräte Deutschlands, das sehr
ergiebige Flötze im Saargebiet, ferner zwischen
Lüttich und Aachen, in Westfalen, im Ruhr-
gebiet, in Sachsen und besonders in Oberschlesien
besitzt. Die deutsche Förderung belief sich in
den letzten Friedensjahren auf 153 Millionen
Tonnen im Werte von 11/2 Milliarden Mark. Die
gesamten Vorräte wurden zu 158 Milliarden
Tonnen geschätzt, deren Erschöpfungsdauer auf
über ein Jahrtausend hinausgeht. Reich an
Kohlen sind vor allem auch Belgien und China.
— Nach ihrem Aussehen, ihrer Herkunft und
Zusammensetzung unterscheidet man zahlreiche
Kohlensorten. Die zwei Hauptabteilungen bilden
die sog.fette und die magereKohle, vondenen
die erstere bei der trocknen Destillation eine
große Ausbeute an gasförmigen Stoffen liefert.
In England unterscheidet man Back-, S'plint-
oder harte Kohle, Kirschkohle oder weiche
Kohle, Kännel- und Bogheadkohle. Die
Kannel-K. (Candle- oder Kerzenkohle) gehört zu
den Sandkohlen, ist am reichsten an Bitumen,
daher von niedrigem spez. Gew., sehr leicht ent-
zündlich und brennt mit schön weißer, langer,
kerzenartiger Flamme. Neben 74,50/0 Kohlenstoff
enthält sie 5,4% Wasserstoff und 19.6°/o Sauer-
stoff, ist aber sehr arm an Asche. Bei der
trockenen Destillation gibt sie 44% flüchtige
Stoffe ab und bildet daher eine vortreffliche
Gaskohle. Die schottische Bogheadkohle, die
eigentlich eher als ein fester, nicht abfärbender
Brandschiefer anzusehen ist, verhält sich der
vorigen ganz gleichartig. Nach anderen, be-
sonders mineralogischen Gesichtspunkten unter-
scheidet man noch folgende Sorten: Glanz-
kohle, eine spröde, samtschwarze Kohle von
starkem Glanze und muscheligem Bruch, wird
hauptsächlich zur Herstellung von Leuchtgas
benutzt. Pechkohle gehört wegen ihres hohen
Bitumengehaltes zu den Back- oder Sinterkohlen.
Sie ist schwarz und pechglänzend, nicht ab-
färbend, besitzt muscheligen Bruch und ist leicht
entzündlich. Die Rußkohle (Faserkohle) ist
"weich und glanzlos, oft beinahe erdig und stark
abfärbend. Die Schieferkohle besteht aus
Parallelen Schichten von teils glänzender, teils
Platter Oberfläche und würfligem oder splittrigem
Bruch. Nach der Dicke der Schichten teilt man
sie in Grobkohle und Blätterkohle. Anthrazit
endlich ist eine harte, schwarz glänzende Masse
von muscheligem Bruch und hohem spez. Gew.
In chemischer Hinsicht kommt er dem Graphit
am nächsten, besteht fast ganz, zu 92—97 0/0, aus
Kohlenstoff, ist daher schwer entzündlich und
brennt langsam ohne Flamme und Rauch. Er
eignet sich nicht zur Herstellung von Leuchtgas,
bildet aber, besonders in Amerika und für sog.
amerikanische Öfen, ein wertvolles Heizmittel.
Mach der Größe der Stücke unterscheidet man
noch Stückkohle, Würfelkohle, Knorpel-
kohle und Ko hlen kl ein. Das letztere wird
nieist zu Briketts (s. d.) verarbeitet. Die Stücke
unterwirft man bisweilen einem Waschprozeß, um
die erdigen Bestandteile und den Kohlenstaub zu
entfernen, und bezeichnet sie dann als Wasch-
bohle. Der Verkauf geschieht vielfach nach

Maß (Hektoliter) bzw. unter Umrechnung auf
Gewicht. Im Eisenbahnverkehr fassen die Kasten-
wagen (Loren) in der Regel eine bestimmte An-
zahl von Zentnern. Die Kohle findet besonders
für drei Zwecke: als Heizmittel, zur Herstellung
von Leuchtgas und zur Eisengewinnung in un-
geheuren Mengen Anwendung. Der Heizwert
richtet sich hauptsächlich nach dem Gehalte an
Kohlenstoff und Wasserstoff, während der Sauer-
stoffgehalt ihn erniedrigt. Je weniger Kohlenstoff
vorhanden ist, um so leichter brennt die Kohle;
je .kohlenstoffreicher sie ist, um so stärkeren
Zug .(Sauerstoffzufuhr) verlangt sie, erzeugt aller-
dings auch um so größere Hitze. Die Gas-
anstalten gebrauchen die stark bituminösen Koh-
len, während die Eisenhütten besonders schwefel-
freie Kohlen verlangen. Sie bedienen sich daher
meist der bei der trocknen Destillation hinter-
bleibenden Rückstände, der Koks, die völlig
schwefelfrei sind und aus nahezu reinem Kohlen-
stoff bestehen.

Steinnuß (Elfenbeinnuß, Taguanuß, Co-
rusco, vegetabilisches Elfenbein) nennt
man die Samen der zu den Pandaneen gehören-
den Elfenbeinpalme, Phytelephas ma-
Crocarpa, die, in Peru und Kolumbien heimisch,
jetzt in allen Tropenländern vorkommt. Die
kokosnußähnlichen Früchte enthalten 80—120
Samen von der Größe einer Kastanie bis zu
Hühnereigröße und länglich eiförmiger, etwas
flachgedrückter Gestalt. Die gelblichbraune bis
braunschwarze Schale umschließt ein weißes, un-
gewöhnlich hartes Sameneiweiß, das sich gut auf
der Drehbank, aber nur nach längerem Ein-
weichen mit dem Messer bearbeiten läßt. Für die
chemische Zusammensetzung werden folgende
Werte angegeben; Wasser 13,20%, Protein
4,60%, Fett 0,96%, stickstofffreie Extraktstoffe
64,10%, Rohfaser 16,20%, Asche 1,30%. Von
den zahlreichen Handelssorten sind Kartagena,
Panama, Kolon und Savanilla-Bastard am größ-
ten, Para, Manta und Guayaquil am kleinsten,
während Amazonas, Marzellino, Esmeralda, San
Lorenzo, St. Blas und Tumaco in der Mitte
stehen. Palmyranüsse sind etwas länglicher, Co-
quillos an einer Seite lang zugespitzt. Die als
Fiji- oder Tahiti- bezeichnten sehr großen, bis
apfelgroßen, Nüsse stammen von einer anderen
Pandanee, Coelococcus carolinensis. Die
in Menge von gegen 20000 t jährlich nach
Deutschland eingeführten St. finden vielfache
Verwendung zu Drechslerarbeiten (Knöpfe), die
Drehspäne und anderen Abfälle als Futtermittel,
Streumehl (s. d.) und Kaffee-Ersatz sowie zum
Verfälschen von Gewürzen. An ihren stark ver-
dickten Zellen sind sie unter dem Mikroskope
leicht erkennbar.

Steinpilz, Herrenpilz (Boletus edulis), ein
sehr geschätzter Röhrenpilz, findet sich im
Sommer und Herbst in Gebüschen, Laub- und
Nadelwäldern und kommt in großen Massen auf
den Markt. Der meist 10—20 cm breite nackte
Hut ist hell- bis dunkelbraun, die Röhrenschicht
anfangs weißgelb, später grüngelb, nie rot, das
Fleisch fest und weiß, beim Bruch sich nie ver-
färbend. Der bis 16 cm hohe Stiel von verschie-
dener, meist Keulenform ist netzartig gezeichnet,
blaßbräunlich und bei jungen Pilzen stark knollig,
der Geruch und Geschmack mild. Der in der
        <pb n="437" />
        ﻿Steinzeug

430

Stempelfarben

Form ähnliche und mit ihm bisweilen verwech-
selte stark giftige Satanspilz (Boletus sata-
nas) unterscheidet sich vom St. durch die an
den Mündungen blutroten Röhrchen, die ober-
wärts gelbe Farbe und die netzartige orange-
farbige Zeichnung des Stiels sowie die dunkle bis
blauschwarze Verfärbung der Bruchstellen. —
Von eßbaren Pilzen der Gattung Boletus seien
noch angeführt: der Birken- oder Kapuziner-
pilz (B.scaber), der Butter- oder Ringpilz (B.
luteus), der Kuhpilz (B. bovinus), die Ziegen-
lippe (B. subtomentosus), der Maronenpilz (B.
badius), der Schmerling (B. granulatus). Un-
genießbar ist der Gail en-Röhrl ing (B. felleus).
Bezüglich der kennzeichnenden Merkmale sei auf
das vom Reichsgesundheitsamt herausgegebene
Pilzmerkblatt, hinsichtlich des Nährwerts auf
den Abschnitt Pilze verwiesen. — Die eßbaren.
Pilze der Gattung Boletus kommen sowohl in
frischem Zustande wie auch getrocknet und als
Dosenkonserven in den Handel.

Steinzeug. Dieser Begriff umfaßt eine Klasse
harter Tonwaren, die in zwei sehr verschiedene
Gruppen zerfällt, nämlich in feine Ware, die
mehr oder weniger dem Luxus dient, und in
gemeine, welche die als steinerne bezeichn
neten Gebrauchsgegenstände umfaßt. Das ge-
meinsame Merkmal beider liegt darin, daß die
Masse durch heftiges Brennen gesintert, daher
hart, dicht und glattbrüchig ist. Sie unterscheidet
sich demnach sofort von der erdig brechenden
gewöhnlichen Töpferware und nähert sich dem
Porzellan, von dem sie aber wieder dadurch ab-
weicht, daß sie niemals irgendeine Durchschein-
barkeit zeigt. Die Masse brennt sich, je nach der
Tonsorte, entweder ganz weiß, oder grau, bläu-
lich oder braun. Man verleiht ihr aber oft ab-
sichtlich bestimmte Farbentöne durch Zusatz von
Eisen- und anderen Metalloxyden, welche dann
zugleich als Flußmittel dienen. Andere, nicht
färbende Flußmittel sind Feldspat, Gips, Kalk,
Baryt und Knochenasche. Da die Masse schon
an sich wegen ihrer Dichtigkeit für Flüssigkeiten
undurchdringlich ist, erscheint eine Glasur nicht
erforderlich. Wird eine solche bei gewöhnlichen
Waren aber trotzdem gefordert, so wendet man
in der Regel die Salzglasur in der Weise an,
daß man in den weißglühenden Brennofen einige
Handvoll Kochsalz (Chlornatrium) wirft. Dieses
verflüchtigt sich bei der hohen Temperatur rasch,
die Dämpfe kommen mit den Gegenständen in
Berührung und bilden hier ein aus kieselsaurem
Natron, Tonerde und Eisenoxyd bestehendes
Glas, das als dünner, aber sehr harter Überzug
auf dem S. haftet. Von dem unglasierten feinen
S. ist das englische Wedgewoodgeschirr am
berühmtesten. Die Ausschmückung der feinen
Steinzeugwaren, die sich noch in weiße und
farbige sondern lassen, fällt mehr in das Gebiet
der Formkunst als in das der Malerei. Die
Masse ist weit bildsamer als der Porzellanton,
und alle Verzierungen erscheinen daher schärfer,
und zwar um so mehr, als sie von keiner Glasur
nachträglich abgestumpft werden. Sehr schöne
Wirkungen werden dadurch erzielt, daß man auf
den Grund der Gefäße erhabene Bildungen von
anders gefärbter Tonmasse aufsetzt (Applika-
tion). Die verschiedenen Färbungen werden der.
Billigkeit halber bisweilen dadurch erzeugt, daß

man nur eine farbige Oberfläche durch Anguß
einer verdünnten farbigen Masse hervorbringt.
Manche Waren werden bronziert, andere mit
Firnisfarben überzogen, sehr häufig ist auch die
Anwendung der sog. Metallüster. — Von deut-
schen Fabriken zur Herstellung der Steinzeug-
waren nach englischer Art finden sich die be-
kanntesten zu Mettlach und Wallerfangen im
(Trierschen und zu Steinau in Hessen. Manche
Waren haben sich aus alter Zeit bis heute er-
halten, so das beliebte, zart graue Kölner Ge-
schirr, die in Bayern noch gebräuchlichen Bier-
krüge mit smalteblauen , Verzierungen und das
braune Bunzlauer Geschirr. Letzteres ist eine
Angußware mit gelblichem Körper und braunem
Überzug.—Von gemeinem S. wurden einzelne
Gegenstände, namentlich die Mineralwasserkrüge,
früher in ungeheuren Mengen verbraucht, doch
versendet man neuerdings die Mineralwässer
häufiger in Glasflaschen. Wegen der Undurch-
dringlichkeit der Masse für ■ Flüssigkeiten und
Gase, auch ohne Glasur, sowie ihrer Unangreif-
barkeit durch ätzende Flüssigkeiten wird sie
aber noch jetzt für viele andere gewerbliche Ge-
rätschaften angewandt, so zu Wasserleitungs-
röhren, großen Säureflaschen, Woulfschen Fla-
schen, Retorten und anderen Apparaten der
chemischen Industrie,' großen Wasserständern,
Einlegfässern u. dgl. Derartige Großstücke von
oft riesigen Abmessungen, die sich nur schwierig
formen und brennen lassen, werden schon seit
langer Zeit in England hergestellt, doch ist dieser
Zweig auch in Deutschland durch viele Fabriken
vertreten. In den Rheinlanden wird die Her-
stellung gewöhnlichen S. von alten Zeiten her in
einer Gruppe von Dörfern des Regierungsbezir-
kes Koblenz betrieben, deren Hauptgeschäft diese
Industrie1 bildet. Die Gegend heißt daher all-
gemein das Krugbäckerland. Den Rohstoff bil-
det ein vortrefflicher Ton, der sog. Kölner Ton,
der in dortiger Gegend massenhaft lagert,
selbst Gegenstand des Handels ist und weit ver-
sandt wird. Man unterscheidet i. Krugbäcker,
die Mineralwasser- und Branntweinflaschen (zu
Genever, Steinhäger) anfertigen, 2. Kannen-
bäcker, die hauptsächlich die in Bayern üb-
lichen Bierkrüge und bauchigen Kannen drehen
und durch Bemalen mit Smalte verzieren, 3.Weiß:
Warenfabriken, welche die für den Haushalt
gebrauchten Geschirre, Töpfe, Schüsseln und
Einmachegefäße, ferner Büchsen für Apotheker,
zu Wichse, Senf u. dgl., und endlich für chemi-
sche Fabriken Säureballone, Woulfsche Flaschen,
Retorten und Wasserleitungsröhren herstellen-
Zum Gebrauch über Feuer können Steinzeug-
geschirre nicht benutzt werden, weil sie dem
Zerspringen sehr unterworfen sind.

Stempelfarben sind Gemische von organischen
oder unorganischen Farbstoffen mit Klebe- und
Bindemitteln, wie Leim, Gpmmi, Dextrin und
Fetten. Für Metallstempel eignet sich be-
sonders Karmin, Zinnober, Kienruß oder irgend-
ein öllöslicher Teerfarbstoff mit Leinölfirnis oder
mit Firnis und Rizinusöl. Für Kautschukstem-
pel verwendet man Mischungen von Anilinfarben
mit Dextrin, Wasser und Glyzerin. Fleisch-
beschauer benutzen meist eine Lösung von
drei Teilen Methylviolett in je 50 Teilen Glyzerin
und Alkohol. Als S. für Säcke eignet sich eine
        <pb n="438" />
        ﻿Stemanis

431

Störe

Abkochung von Blauholz und Galläpfeln, die
ßiit Essig, Alaun und Eisenvitriol und darauf
mit Gummiarabikum und Terpentin gemischt
■wird. Zum Zeichnen der Wäsche wird meist
ein Gemisch von ammoniakalischer Silbedösung
mit Soda und Gummiarabikum benutzt.

Sternanis (Badian, lat. Fructus anisi stellati,
Semen badiani, frz. Badiane ou Anise ötoilö,
engl.Star anise)nemnt man die würzigen Früchte
eines im östlichen Asien heimischen, in China
häufig angebauten, immergrünen Baumes aus
der Familie der Magnoliazeen, Illicium ani-
satum, der auch in Japan und auf den Philip-
pinen gezogen wird. Der Name rührt von der
eigenartigen Form der Frucht her, die aus fünf
bis acht schotenförmigen, mit den Spitzen auf-
wärts gebogenen Fächern sternförmig zusammen-
gesetzt ist. Bei der Fruchtreife springen die
Fächer oben auf und bilden nun kahnförmige
Gebilde, in denen je ein linsenförmiger, glän-
zend hellrotbrauner Samenkern sichtbar ist. In
der Handelsware finden sich die unversehrten
Früchte meist mit Bruchstücken und ausgefalle-
nen Körnern vermengt. Die holzigen, zerbrech-
lichen Hülsen oder Kapseln sind außen grau-
braun und runzelig, innen glatt und braunrot.
Die Droge hat einen starken Geruch nach Anis
und einen würzig süßlichen, etwas brennenden
Geschmack. Sie wird hauptsächlich als Gewürz,
doch auch bisweilen medizinisch als Bestandteil
von Brusttee und anderen Tees angewandt. Das
dem eigentlichen Anisöl sehr ähnliche ätherische
Ol findet sich am reichlichsten, bis zu s o/o, in
den Kapseln, in den Kernen hingegen nur zu
2%, und wird meist schon in China durch De-
stillation der frischen ganzen Früchte dargestellt.
—- Das Sternanisöl (lat. Oleum anisi stellati,
frz. .Essence de badiane 'ou d’anise ötoilö, engl.
Oil of Star anise) wird in ziemlich erheblicher
Menge aus Südchina bezogen und in Blechkani-
stern versandt, die mit dem bekannten grau-
grünen, mit chinesischen Schriftzeichen versehe-
nen Papier beklebt sind. Das spez. Gew. des Öles
liegt zwischen 0,980 und 0,990, der Erstarrungs-
Punkt bei —f— 14 bis -f-18 °. Sternanisöl löst
sich in drei Teilen 900/oigem Spiritus klar auf.
Neben Safrol, durch dessen Anwesenheit es
sich von Anisöl unterscheidet, sind als wich-
tigste Bestandteile Anethol, Methylchavikol
Und Pinen zugegen. Das öl wird hauptsächlich
tur Herstellung von Likören benutzt. In der
Medizin dient es, wie Anisöl, als würzhaftes, er-
wärmendes Mittel. — Von den bisweilen beobach-
teten Verwechslungen mit anderen ähnlichen
Samen ist besondere Vorsicht gegenüber den
Früchten der in Japan heimischen Art Illicium
religiosum geboten, die wegen des Gehaltes an
den Glykosiden Shikimin und Shikiminsäure
giftig- wirken. Man erkennt sie leicht an der ge-
fingeren Größe und dem stark zurückgebogenen
Schnabel am Ende eines jeden Fachs.

Sternwurzel (Sterngraswurzel, Leucht-
sternwurzel, Kolikwurzel, engl.Blazingstar),
eir»e in Nordamerika sehr bekannte und all-
gemein als Hausmittel angewandte Droge, die
Ueuerdings auch in Europa als Arzneimittel
empfohlen wird, stammt von der Liliazee Ale-
xis farinosa und besteht aus einem wage-
fechten, s—8 cm langen Wurzelstock von 0,4 bis

1,0 cm Dicke. Der letztere ist oben glatt, unten
konkav und mit hellgrauen, faserigen oder schup-
pigen Blattresten besetzt und trägt an seiner
unteren, konkaven, Fläche zahlreiche, einfache,
im älteren Zustande 'glänzendschwarze, im jünge-
ren braune oder weißliche Wurzelfasern von
S—8 cm Länge. Das Innere des Wurzelstockes
ist meist mehlig, von zerstreuten Netzbündeln
durchzogen, der Geschmack anfangs nur mehlig,
später aber sehr bitter.

Stickoxydul, N20, bildet im verflüssigten Zu-
stande einen Gegenstand des Handels upd wird
ähnlich wie die flüssige Kohlensäure in eisernen
Flaschen versandt. Es wird hauptsächlich von
Zahnärzten zum Betäuben an Stelle des Chloro-
forms benutzt und wegen eines eigentümlichen
Zustandes der Berauschung, den es erzeugt,
Lachgas oder Lustgas genannt. Man gewinnt
das S. durch Erhitzen von Ammoniumnitrat als
ein färb- und geruchloses, nur aus Stickstoff
und Sauerstoff bestehendes Gas von süßlichem
Geschmack. Es ist i.szmal schwerer als Luft
und wird bei o° unter einem Drucke von 30 At-
mosphären flüssig. Unter gewöhnlichem Luft-
druck bildet es erst bei —88° eine farblose
Flüssigkeit, die bei — 1000 C zu einer eisartigen
Masse erstarrt.

Stiefmütterchenkraut (Dreifaltigkeits-
blume, lat. Herba violae tricoloris seu Herba
jaceae, frz. Pensee sauvage, engl. Pansy), das
getrocknete, blau blühende Kraut des wild
wachsenden Stiefmütterchens, Viola tri-
color (L.), wird in Apotheken und Drogen-
handlungen als blutreinigender Tee und gelinde
wirkendes Abführmittel für kleine Kinder ver-
kauft. Es besitzt einen nur schwachen Geruch
und süßlich schleimigen Geschmack und enthält
als wirksamen Bestandteil ein Glykosid, Viola-
querzitrin, neben Salizylsäurementhylester. Es
muß jährlich frisch gesammelt werden. In vielen
Gegenden werden nur die Blüten der Pflanze
(lat. Flores violae tricoloris seu Flores jaceae,
frz.Fleurs de pensüe sauvage, engl. Pansy flowers)
als Tee verlangt.

Stillingiasamen sind die talghaltigen Samen
des zu den Euphorbiazeen gehörenden Talg-
baumes, Stillingia sebifera Michx., der im
tropischen Asien und China vielfach angebaut
wird. Die schwarzen Samen liegen in den drei-
kantigen Früchten in einer fettigen Masse von
gleicher Zusammensetzung wie das Samenfett
eingebettet und geben beim Auspressen einen
weißen Talg, der chinesischer Talg, vege-
tabilischer Talg (frz. Suif d’Arbre, engl. Vege-
fable tallow of China) genannt wird und zur
Herstellung von Seifen und Kerzen Verwen-
dung findet. Seine Hauptbestandteile sind Pal-
mitin und Stearin.

Stiltonkäse, ein überfetter englischer Weich
käse, der in dem Dorfe Stilton in der Graf-
schaft Huntington und in einigen Gegenden von
Leicestershire bereitet wird, bildet zylindrische
Stücke von 15—20 cm Durchmesser, 20—30 cm
Höhe und 3—10 kg Gewicht. Er ist erst gegen
Ende des zweiten Jahres genügend reif und gilt
als besonders gut, wenn er im Inneren von
Schimmel durchsetzt ist.

Störe, Acipenseridae, zu den Schmelz-
schuppern (Ganoidei) gehörende Fische mit
        <pb n="439" />
        ﻿Storax

432

Stroh

schmackhaftem Fleisch, sind besonders wichtig
wegen ihrer Eier (s. Kaviar) und der Schwimm-
blase (s. Hausenblase), i. Der Stör, Aci-
penser sturio, 2—6 m lang, in Europa in
Flüssen und Meeren außer der Donau und dem
Schwarzen Meer, 2, Sterlet, Störl, Acipen-
ser ruthenus, im lang, im Schwarzen Meere
und den größeren Flüssen Rußlands. 3. Scherg,
Scherk, Schörgel, Sternhausen, Acipen-
ser stellatus, 2 m lang, ebendaselbst, und
4, Hausen, Acipenser huso, bis 9m lang
und bis 600 kg schwer. — Das Fleisch der grö-
ßeren Sorten gleicht dem Kalbfleische und wird
besonders in Rußland von allen Schichten des
Volkes genossen. In erster Linie gilt das Fleisch
des Sterlet als besonders schmackhaft. Der S.
liefert die Hauptmenge des Kaviars. Seine
Sehnen werden zu Peitschen und Treibstöcken
verarbeitet.

Storax (lat. Storax, Styrax liquidus, Baisamum
storacis, frz. Styrax liquide, engl. Liquid storax)
ist der Balsam eines in Kleinasien und Syrien
Wälder bildenden stattlichen Baumes aus der Fa-
milie der Hamamelidazeen, Liquidambar
orientalis, dessen lockere Innenrinde in Säcken
aus Pferdehaar ausgepreßt oder ausgekocht wird.
Der abgeschöpfte St. gelangt über Smyrna, Kon-
stantinopel, Syra und Alexandria in Fässern oder
Kanistern nach Europa, doch wird im Orient
selbst sehr viel davon verbraucht. Der Balsam
ist im frischen Zustande zähflüssig wie Terpentin,
von grauer oder graugrünlicher Farbe und durch
beigemischtes Wasser getrübt und wird in der
Regel noch mit einer Schicht Jasser bedeckt
in den Handel gebracht. Der Geruch ist stark
und vanilleähnlich, der Geschmack würzhaft und
brennend scharf. Alkohol, Äther, Essigäther,
Methylalkohol, Eisessig, Azeton und Amylalko-
hol lösen den S. fast vollständig mit brauner
Farbe. Das spez. Gew. beträgt 1,112—r, 115, der
Aschengehalt soll 1%, der Wassergehalt 30 0/0
nicht übersteigen. S. enthält außer Harz Sty-
razin, Styrol, Zimtsäure, Vanillin und meh-
rere Zimtsäureester, wird aber häufig durch Ter-
pentin, Kolophonium und fette öle verfälscht.
Da die ursprüngliche Ware oft mit Holz- und
Rindenstücken versetzt ist, wird in der Medizin
gegen Krätze und andere Hautkrankheiten
ein gereinigtes Erzeugnis (lat. Styrax depu-
ratus, frz. Styrax purifiö, engl. Prepared storax)
benutzt, zu dessen Herstellung man den S. in
Alkohol löst, filtriert und eindampft. Der so ge-
reinigte Balsam ist eine sirupdicke Flüssigkeit
von dunkelbrauner Farbe. Die rohe Ware wird
hauptsächlich zu Räuchermitteln und Parfüme-
rien, Ofenlack und Räucherkerzen verbraucht
und in weingeistiger Lösung vielen gemischten
Parfüms zugesetzt, um ihren Geruch haltbarer
zu machen. — Als fester S, (lat. Styrax solidus
seu calamitus) finden sich braune, bröckelige
Massen im Handel, die Storaxgeruch haben und
ebenfalls zu Räuchermitteln dienen. Ursprüng-
lich bestanden sie aus den wohlriechenden Rin-
denrückständen von, der Balsamgewinnung, jetzt
vielfach aus einem Gemisch von Sägespänen
mit S. und anderen Riechstoffen, das erst in
Triest zusammengeknetet wird. — Ein anderer,
von dem vorigen ganz verschiedener Baum oder
baumartiger Strauch aus dem südlichen , Europa

und dem Orient, Styrax officinalis, liefert
einen S. in Körnern oder Tränen, der aber nur
noch selten im Handel vorkommt.

Strachino-Käse, ein italienischer Fettkäse, wird
in ähnlicher Weise wie der Gorgonzola aus
Vollmilch oder aus Vollmilch mit Rahmzusatz
hergestellt und enthält nach König: 38,01 °/o
Wasser, 23,390/0 Stickstoffsubstanz, 34,04% Fett
und 4,70 % Asche.

Stranfafaser, ein von der mechanischen Webe-
rei von Gröning in Messen bei Rheine aus Stroh-
faser hergestellter Juteersatz für grobe Stricke,
Polster-, Filz- und Kabelfabrikation.

Streumehle sind Backhilfsmittel, die neuer-
dings an Stelle des Brotmehles zum Bestreuen
der Brotlaibe und der Backschüsseln benutzt werden,
um das Ankleben des Teiges auf der Unterlage zu
verhindern. Siebestehen in der Regel aus technisch
reinem Holz-, Stroh-, Spelz-, Schilf- oder Stein-
nußmehl, während ein Zusatz von Gips, Kreide
oder anderen Mineralstoffen unzulässig ist. Die
St. dürfen nur an der Oberfläche des Gebäcks
haften, das Einkneten in den Teig hat als Ver-
fälschung zu gelten.

Stroh (Gestroh) nennt man die oberirdi-
schen Teile landwirtschaftlicher Nutzpflanzen, die
nach vollendeter Reife von den Samen befreit
worden sind und zum Teil als Futtermittel
oder zur Einstreu, zum Teil für technische
Zwe.cke, wie zur Herstellung von Papier, Ver-
wendung finden. Praktische Bedeutung hat in
erster Linie das Getreidestroh, ferner das Stroh
von Hülsenfrüchten (Erbsen, Bohnen. Wicken)
und von einigen Ölpflanzen, wie Raps, Mohn,
Sonnenblumen. Der Nährstoffgehalt des Strohes
ist naturgemäß nur gering, da allein gegen 40 °/o
auf Rohfaser entfallen. Daneben enthält das
wertvollste, das Hülsenfruchtstroh, 8—14% Stick-
stoffsubstanz, während diese im Getreidestroh
nur zu etwa 3—6% vorhanden ist. Der Fettgehalt
beträgt 1—2 %. Der Hauptwert des Strohes
liegt sonach darin, daß es die Tiere zum gründ-
lichen Durchkauen der gleichzeitig1 dargereichten
Kraftfuttermittel zwingt und magenfüllend wirkt.
Zur Erhöhung des Nährwertes sind mehrere Vor-
schläge gemacht worden, die zur Herstellung
folgender beiden Futtermittel geführt haben.
Strohkraftfutter nennt man das nach dem
Verfahren von Franz Lehmann, oder in etwas
abgeänderter Form von Öxmann, Colshorn u.a.
mit Natron aufgeschlossene Stroh, das hierbei
von den die Zellen inkrustierenden Stoffen Lig-
nin, Suberin u. a. befreit wird. Zu seiner Dar-
stellung wird das gehäckselte Stroh in Kugel-
kochern oder viereckigen Behältern bei gewöhn-
lichem oder erhöhtem Druck mit Natronlauge
erhitzt und nach dem Ablassen der braunen
Lauge bis zur neutralen Reaktion ausgewaschen-
Das besonders während des Krieges in Aufnahme
gekommene Strohfutter besteht aus nahezu reiner
Zellulose, die restlos verdaut werden und den
Futtefwert der Stärke haben soll. Strohmehl
ist nach dem Vorschläge von Friedenthal staub-
fein vermahlenes Stroh. Die Annahme des Er-
finders, daß durch diese Behandlung die Ver-
daulichkeit erhöht werden solle, hat sich bei
näherer Prüfung als irrig erwiesen, und das Ver-
fahren ist daher als zwecklos wieder eingestellt
worden.
        <pb n="440" />
        ﻿Strontium

433

Sturmhut

Strontium, ein dem Kalzium nahe verwandtes
metallisches Element, findet sich in der Natur
nicht gediegen, sondern nur in Form von Ver-
bindungen, hauptsächlich als Karbonat im Stron-
tianit und als Sulfat im Zölestin. Es hat das
spez. Gew. 2,400, das Atomgewicht Sr = 87,500
und zersetzt Wasser wie met. Natrium. Die Ver-
bindungen des S„ die in der Medizin und Tech-
nik vielfache Anwendung finden, werden aus
dem natürlichen Zölestin durch Glühen mit Kohle
und durch Behandlung des entstehenden Schwefel-
strontiums mit Säuren, oder durch Auflösen von
Strontianit dargestellt. Sie stehen ihrem chemi-
schen Verhalten nach zwischen dem Kalzium
und Barium, geben mit Schwefelsäure, aber nicht
mit Kaliumchromat oder Kieselfluorwasserstoff-
säure, Niederschläge und färben die Flamme
des Bunsenbrenners purpurrot. Das Strontium-
oxyd, SrO, entsteht durch Erhitzen des Nitrates
oder durch starkes Glühen von Strontianit und
geht bei Behandlung mit Wasser, analog dem
Löschen des Kalkes, in Strontiumhydroxyd,
Sr(OH)2, über, das zur Entzuckerung der Me-
lasse nach dem sog. Strontianverfahren be-
nutzt wird. Das Strontiumchlorid, SrCl2, wird
durch Auflösen von Strontianit in Salzsäure und
Eindampfen in Form farbloser Kristalle dar-
gestellt. Es löst sich leicht in Alkohol und dient
zur Erzeugung purpurroter Spiritusflammen. Das
Azetat, Nitrat und Chlorat finden in der
Feuerwerkerei, das Bromid, Jodid und Laktat
in der Medizin, hauptsächlich gegen Nieren- und
Herzkrankheiten, Anwendung.

Strontiumnitrat (salpetersaures Stron-
tium, Strontiumsalpeter, lat. Strontium nitri-
cum, frz. Nitrate de Strontium, engl. Strontium
nitrate) entsteht beim Auflösen von Strontium-
karbonat (Strontianit) oder Strontiumsulfid (durch
Glühen von gepulvertem Zölestin mit Kohle dar-
gestellt) in verdünnter Salpetersäure, Es kri-
stallisiert aus verdünnten kalten Lösungen mit
vier und fünf Molekülen Kristallwasser, aus
heißen konzentrierten Lösungen aber wasser-
frei und ist in fünf Teilen kaltem, V2 Teil sieden-
dem Wasser, nicht aber in Alkohol löslich. Das
tvasserfreie Salz, Sr(N03)2, wird zur Herstellung
von Rotfeuer, Leuchtkugeln und anderem Feuer-
werk benutzt. Zur Verhinderung von Wasser-
anziehung muß es in gut verschlossenen Be-
hältern verwahrt werden.

Strophanthussamen (lat. Semen Strophantin,
frz. Semences de strophanthus, engl.Strophanthus
seeds), eine in den letzten Jahrzehnten in Auf-
nahme gekommene Droge, findet sich in meh-
reren Sorten, die von verschiedenen Arten der
zu den Apozyneen gehörigen Gattung Stro-
bhantus abstammen. 1. Die von dem Deutschen
Arzneibuche aufgenom'menen graugrünen Sa-
nten aus Ostafrika, auch Combd- oder Kombd-
samen genannt, von Strophanthus Kombd. 2. Die
Samen von Strophanthus hispidus, auch
braune S. genannt, von der Westküste Afrikas
aus dem Nigergebiet. — Die Samen des strauch-
artigen Klettergewächses sind 12—18 mm lang
Und 3—.5 mm breit und befinden sich in einer
Kapselfrucht von 20—40 cm Länge. Sie haben
eine graugrüne oder braune Farbe und tragen
t^hlreiche Haare, die sich- an der Spitze zu
einem Haarschopf vereinigen. Der innere Kern
Hercks Warenlexikon.

ist gelblich, der Geschmack bitter. Als wirk-
samen giftigen Bestandteil enthalten sie ein Gly-
kosid, das Strophanthin, das in weißen Kri-
stallen im Handel ist. Verwandt werden die S.
medizinisch, ähnlich der Digitalis, bei Herzkrank-
heiten.

Strychnin (lat. Strychninum, frz. Strychnine,
engl. Strychnin), ein in den Krähenaugen (s. d.)
und den Ignatiusbohnen (s. d.) enthaltenes
sehr gif tiges Alkaloid, wird entweder als weißes
Pulver, durch Fällung erhalten, oder in Form
weißer, prismatischer Kristalle in den Handel
gebracht. Obgleich es sich in Wasser kaum löst,
besitzt es intensiv bitteren Geschmack. ln
kochendem wasserhaltigen Alkohol ist es löslich,
dagegen nicht in absolutem Alkohol. Das reine
S. (lat. Strychninum purum) wird in der Regel
nicht verwandt, sondern durch das salpeter-
saure S. (Strychninnitrat, lat. Strychninum
nitricum) ersetzt. Man erhält dieses Salz in
ebenfalls äußerst bitter schmeckenden, farblosen
Kristallen, die in Wasser viel leichter löslich
sind als das reine Alkaloid, und benutzt es zur
Tötung schädlicher Raubtiere und giftiger Schlan-
gen sowie zur Herstellung des Giftweizens
oder Strychningetreides zur Vertilgung der
Feldmäuse und Hamster. Medizinisch wird es
nur wenig und in sehr kleinen Dosen, verordnet.
Das gleiche gilt von den übrigen Strychninsalzen
S. aceticum, S. arsenicicum, S.hydrojodi-
cum, S. muriaticum.

Sturmhut (Eisenhut), eine stark giftige Wald-
gebirgspflanze, Aconitum Napellus L., die
zu den Ranunkulazeen gehört, bildet zahlreiche
verschiedene Arten, die man in blaublühende und
gelbblühende einzuteilen pflegt. Sie haben band-
förmige, 5—yteilige Blätter und große, stark
besetzte Blütenrispen, deren Kelche wie die
Blüten gefärbt sind. Die frischen Blätter geben
zerrieben, einen widerlichen, betäubenden Geruch
von sich und schmecken erst bitterlich, dann
anhaltend brennend scharf. Noch schärfer und
giftiger als die Blätter sind die Wurzel-
knollen (lat.Tubera aconiti, frz.Racine d’aconite,
engl. Aconite root), die daher in den neueren
Arzneibüchern auch bevorzugt werden, während
man sich früher der Blätter (lat. Folia aconiti,
frz. Feuilles d’aconite, engl. Aconite leaves) be-
diente. Die Wurzel besteht aus einer rüben-
förmigen Knolle von 4V2—9 cm Länge und oben
2—3V2 cm Dicke und bildet in der Vegetations-
periode neben sich eine zweite Knolle, die im
künftigen Jahre das Leben der Pflanze fortsetzt,
während die erstere eingeht. Daher finden sich
in der Regel zwei zusammenhängende Knollen,
eine jüngere. die schwer und fest, innen weißlich
und von Stärkemehl erfüllt ist, und eine, ältere,
die leichter und innen bräunlich, oft lückig oder
hohl erscheint. Man sammelt die Wurzelknollen
von Aconitum Napellus L., während die
Blätter vielfach von anderen blau blühenden
Arten genommen werden. Die Pflanze wächst
in den Gebirgen und Voralpen des südlichen
Deutschlands wild, doch kommen auch aus.defn
fernen Asien zwei Arten A. in den Handel. Die
eine derselben von Aconitum ferox. . vom
Fuße des Himalaya, die weit 'größer ist und
viermal soviel an wirksamen Bestandteilen ent-
halten soll, heißt in ihrer Heimat auch Bitsh,

28
        <pb n="441" />
        ﻿Styptizin

434

Süßholz

Bish = das Gift, und wird von den Ein-
geborenen zur Bereitung des Pfeilgiftes benutzt.
Eine japanische Art (Tsaou-woo), die sich
durch ganz besondere Giftigkeit auszeichnet und
von Aconitum japonicum abstammt, darf an-
statt der gewöhnlichen nicht verwandt werden.
Sie dient in Europa lediglich zur Darstellung des
Akonitins, das neben einem besonderen Alkaloid,
Japakonitin, reichlich in ihnen enthalten ist.
Verwendung finden die Akonitwurzeln in der
Medizin als Auszug, Extrakt und Tinktur,
z. B. bei Gelenkrheumatismus, Neuralgie usw.,
doch verordnet der Arzt der sicheren Wirkung
halber meist das Akonitin (s. d,).

Styptizin, das salzsaure Salz des Kotarnins,
das durch Oxydation des Narkotins (s. d.) ent-
steht, ein gelbes Kristallpulver von der Formel
C12H13NOs. HCl, findet medizinische Anwem
düng, besonders in der Frauenheilkunde.

Succineine. sind Xanthenfarbstoffe, die sich
beim Verschmelzen von Bemsteinsäure mit Di-
alphyl-m-aminophenolen bilden. Der hauptsäch-
lichste Vertreter, das Rhodanin S, entsteht aus
Dimethyl-m-aminophenol und hat die Formel
eines Pyronins, in welches an Stelle der CH-
Gruppe der Bernsteinsäureester C . (CH)2 . COOH
eingetreten ist.

Succus ist die lateinische Bezeichnung für
Saft, oder, wenn eingedickt (Succus inspissatus),
Mus. Im Handel finden sich gewöhnlich fol-
gende Säfte; S. citri, Zitronensaft, S.. dauci,
Möhrensaft, S. ebuli, Attichmus, S. juniperi,
Wacholdersaft, Wacholdermus, S. liquiritiae seu
glycyrrhizae, Lakritzensaft. — Vergleiche wegen
der näheren Beschreibung die einzelnen Auf-
sätze.

Sudan. Diesen Namen führen verschiedene
Teerfarbstoffe: Sudan I, ein ziegelrotes, in Al-
kohol lösliches Pulver, dient zum Färben von Spi-
rituslacken und besteht aus Anilinazobetanaph-
tol. — Sudan II, ein braunrotes, in Wasser un-
lösliches, in Alkohol lösliches Pulver, wird wie
S. I verwandt und besteht aus Xylidinazobeta-
naphtol. — Sudan III, ein braunes Pulver, ist in
Wasser unlöslich, in Alkohol löslich und besteht
aus Amidoazobenzolazobetanaphtol. •— Sudan G,
ein braunes Pulver, das in heißem Wasser teil-
weise mit gelber Farbe, leichter in Alkohol lös-
lich ist, besteht aus Metadioxyazobenzolanilin-
azoresorzin. — Sudanbraun, ein braunes, in
Wasser nicht, wohl aber in Alkohol lösliches
Pulver, wird zum Färben von Seifen benutzt und
besteht aus Alphanaphtylaminazoalphanaphtol.—
Sudanrot ist identisch mit Magdalarot (s. d.).

Süßholz (Süßholzwurzel, lat. Radix liqui-
ritiae seu Radix glycyrrhizae, frz. Racine de
röglisse, engl. Liquorice root) stammt vop ver-
schiedenen Glyzyrrhiza-Arten, die im Mittel-
meergebiet, in Südosteuropa und Vorderasien hei-
misch sind und in einer ganzen. Reihe von Län-
dern, hauptsächlich Spanien, Südfrankreich, Süd-
deutschland, Italien, Ungarn, Mähren, Südruß-
land, China und Nordamerika angebaut werden.
Die Süßholzpflanze gehört zu der Familie der
Schmetterlingsblütler und ist in den ober-
irdischen Teilen krautig. Die Blätter sind un-
paarig. s—8 fach gefiedert mit stachelspitzigen
Fiedern, die Blütentrauben kürzer als die Blätter,
die Hülsen wenigsamig und kurz. Die ausdauernde

Wurzel besitzt zahlreiche lange Ausläufer mit
schuppigen Niederblättern, aus deren Achseln
neue Schößlinge entstehen. — Im Handel unter-
scheidet man besonders zwei Sorten, das spa-
nische und das russische S. —• Das spani-
sche S. (lat. Radix liquiritiae hispanica seu
glabra), von Glycyrrhiza glabra L., besteht
vorwiegend aus Ausläufern, während die eigent-
lichen Wurzeln in den Ursprungsländern selbst
auf Süßholzsaft verarbeitet werden. Die Pflanze
treibt einen bis i m langen und 2,5 cm dicken,
senkrecht in die Erde dringenden Hauptstamm,
der selten Äste, aber zahlreiche lange, horizon-
tal verlaufende Ausläufer hat. Diese sind hier
und da mit Stengelknospen besetzt und unter-
scheiden sich außerdem von den Wurzeln durch
die Gegenwart eines ziemlich schwachen Markes.
Das spanische S.,, das übrigens nicht nur qus
Spanien, sondern auch aus Frankreich, Süd-
deutschland usw. stammt, bildet meist finger-
dicke Stäbe von 6—9 cm Länge, graubrauner
runzeliger Oberfläche und gelbem, faserig
zähem .Holzkörper. Es schmeckt süß, hintennach
etwas kratzend, kommt ungeschält in den
Handel und ist so schwer, daß es in Wasser
untersinkt. Das in Spanien selbst gebaute
S. unterscheidet man in zwei Hauptsorten, ka-
talonisches S. von Tortosa und S. von Alikante,
die beide in Ballen von 35—40 kg über franzö-
sische Häfen eingeführt werden. Das in Deutsch-
land (Gegend von Bamberg und Schweinfurt) und.
Mähren gebaute S. ist dem in Spanien gewonne-
nen ähnlich, aber dünner und von blässerem
Gelb. Es kommt .teilweise, in längliche Kränze
gebunden, in den Handel, während die Haupt-
menge an Ort und Stelle auf Extrakt verarbeitet
wird. Das mährische S. wird im Lande selbst
verbraucht. Französisches S. ist in der Regel1
spanische, über Frankreich gegangene Ware, da
dieses Land selbst noch viel S. zur Extrakt-
bereitung einführt. Italienisches S. kommt nicht
in den Handel, wird vielmehr auf Extrakt ver-
arbeitet. Unter der Bezeichnung spanisches S.
geht endlich auch aus Kleinasien und Nord-
amerika stammende Ware. — Das russische S.
(lat. Radix liquiritiae russica, echinata seu mun-
data), von Glycyrrhiza glabra, var. glandulifera,
besteht aus Wurzeln und Ausläufern und ist die
allein offizineläe Droge des deutschen Arznei-
buches. Die Pflanze bildet eine bis 2 m hohe
Staude, ist im südlichen Rußland, in Ungarn,
Galizien, Armenien und Persien heimisch und
wird besonders im südlichen Rußland für den
Handel angebaut. Im Gegensatz zu der spani-
schen Süßholzpflanze ist sie drüsig behaart. Das
russische S., das von Petersburg in Ballen von
75—100 kg, mit Lindenbastmatten umgeben, zu
uns gelangt, bildet dicke, oft gespaltene Wurzel-
stücke oder auch Ausläufer, die geschält in
den Handel kommen. Das Holz ist sehr faserig,
strahlig zerklüftet und besitzt neben einem helle-
ren Gelb ein lockereres Gefüge als das spanische
S. Infolge seiner größeren Leichtigkeit schwimmt
es auf Wasser. Der Geschmack des russischen
S. ist süß, ohne kratzenden Nachgeschmack.
— Apotheker und Drogisten beziehen das S-
größtenteils von Großhandlungen in geschnitte-
nem Zustande. Ebenso wird das Pulvern des S.
von diesen besorgt, da sich die faserige Wurzel
        <pb n="442" />
        ﻿

Süßholz	435	Süßstoffe

ohne maschinelle Einrichtungen nur schwer zer-
kleinern läßt. Die Güte eines Süßholzpulvers
wird hauptsächlich nach der Fafbe bewertet. Je
reiner und intensiver das Gelb ist, als desto
besser gilt die Sorte. Etwaige Verfälschungen
lassen sich mikroskopisch und durch die Aschen-
bestimmung leicht erkennen. — Den wertvollsten
Bestandteil der Süßholzwurzel bildet der Süß-
holzzucker, das Glyzyrrhizin, das sich als
saures Ammoniumsalz zu 6—7 °/o vorfindet. Es
ist ein unkristallisierbarer, gelblichweißer Stoff
von stark süßem Geschmack, der sich beim
Kochen mit verdünnten Säuren in Traubenzucker
und eine harzige Substanz spaltet. Daneben ent-
hält die Süßholzwurzel noch Asparagin, Pflanzen-
eiweiß, Farbstoffe, Zucker, ungefähr 7 0/0 Mineral-
stoffe, Stärke und ein braunes Harz. Das letztere,
das den kratzenden Nachgeschmack verursacht
und sich in der russischen Ware nur in sehr
geringer Menge vorfindet, ist zwar an und für
sich in Wasser unlöslich, wird aber doch beim
Auskochen der Wurzel unter Vermittlung der
übrigen Bestandteile mit ausgezogen. Die S.
findet ausgedehnte Anwendung in der Pharmazie.
Die ganze Wurzel wird häufig im Handverkauf
als „Süßholz in Stangen“ verlangt, die ge-
schnittene ist ein Hauptbestandteil des Brusttees,
und die gepulverte findet sich im Brustpulver
(lat. Pulvis liquiritiae compositus) wieder. Letztere
dient auch als Bindemittel zu Pillenmassen, wäh-
rend das geschnittene S. zur Herstellung des Süß-
holzextraktes, des Süßholzsirups usw. benutzt
wird. Im allgemeinen gilt das S. als reizlindern-
des, die Tätigkeit der Schleimhäute anregendes,
geschmackverbesserndes Mittel. — Die verschie-
denen Arzneibücher sind sich nicht einig, ob
dem spanischen oder dem russischen S. der Vor-
rang gebührt. Während das deutsche Arzneibuch
nur die Verwendung des letzteren gestattet,
lassen andere Arzneibücher, z. B. das schweize-
rische und österreichische, beide Arten zu. —-
Süßholzsaft, Lakritzensaft, Bärendreck
(lat. Succus seu Extractum liquiritiae seu gly-
cyrrhizae, frz. Suc ou Jus de reglisse, engl. Juice
°f liquorice) heißt das durch Auskochen der
Süßholzwurzel gewonnene Extrakt; es wird in
allen Anbauländem des S., doch nicht immer
*n gleich guter Beschaffenheit hergestellt. Be-
sonders Unteritalien, Sizilien, Südspanien und
Südfrankreich erzeugen große Mengen. Die Ge-
sinnung geschieht in umfangreichen Siedereien.
Die von den Pflanzern gekauften Wurzeln wer-
den frisch in kürzere Stückchen geschnitten,
gewaschen, zu Brei zermalmt und in großen
Kesseln mit Wasser auf freiem Feuer 4—5 Stun-
den ausgekocht. Die von dem Rückstand ab-
geseihte und abgepreßte Flüssigkeit wird durch
^bsetzenlassen geklärt und dann in Eisen- oder
Kupferpfannen eingedampft, zuletzt unter bestän-
digem Umrühren, damit die Masse keine Klümp-
chen bildet, sondern eine gleichförmige Honig-
dicke erlangt. Aus dem Teige werden dann
'(Unde oder flachgedrückte Stangen von verschie-
dener Länge und Dicke, seltener Kuchen oder
°rote geformt. Der trockene Süßholzsaft bildet
Schwarze oder schwarzbraune Stangen oder
Massen von kurzem, stark glänzendem Bruch
angenehm süßem Geschmack. Er enthält
d'e wesentlichen Bestandteile der Wurzel in

konzentrierter Form, ungefähr iS°/o Glyzyrrhizin,
5 °/o Zucker, 150/0 gummöse Stoffe und 7 0/0 Mi-
neralbestandteile. Eine gute Ware hat kaum
mehr als is°/o Wasser und hinterläßt beim Er-
schöpfen mit lauwarmem Wasser höchstens 25 °/o
unlösliche Stoffe. Bei größerem Rückstand liegt
der Verdacht vor, daß eine Verfälschung durch
Stärke oder Mehl stattgefunden hat. Auf etwaigen
Kupfergehalt prüft man durch Einleiten von
Schwefelwasserstoff in die salzsaure Lösung
der Asche, wobei keine Bräunung eintreten
darf. Der gewöhnliche Süßholzsaft, im Handel
als roher S. bezeichnet, findet als Brust- und
Hustenmittel, ferner zu Tabakbeizen und auch
wohl als Wasserfarbe Verwendung und dient vor
allem zur Herstellung des gereinigten S. Die
meist zylindrischen, etwa 15—20 mm dicken,
10—15 cm langen Süßholzsaftstangen des Han-
dels stammen aus Unteritalien, Kalabrien, Sizi-
lien, Frankreich, Spanien und Südrußland und
sind fast stets auf der Längsseite mit dem Ur-
sprungs- und Fabrikstempel versehen. Die Ver-
sendung geschieht in Kisten, mit Lorbeerblättern
als Packmaterial, Nur Rußland verwendet Eichen-
blätter zur Verpackung. Die französische Ware
bildet dünne Stengel, zu je 100 Stück, in Papp-
kasten von 1 kg verpackt. Kalabreser Lakritzen
gelten auch heute noch als bevorzugte Sorte.
Am höchsten wird die Marke Barracco ge-
schätzt, dann folgen die Marken: P, S. (Principe
di Salerno), Martucci, Policoco, Corgiliano, Cas-
sano und andere. Die beste französische Ware
trägt den Stempel E. B. 60. Beim Einkauf der
gezeichneten Stangemlakritzen ist genau auf den
Namen zu achten, da manche Erzeuger (den-
selben mit geringen Abänderungen nachahmen.
Die dünnen, unbezeichneten Stangen, die in
Deutschland im Kleinhandel verkauft werden,
sind größtenteils deutschen Ursprungs. — Der
gereinigte Lakritzensaft (lat. Succus liqui-
ritiae depuratus) wird aus den gewöhnlichen
Stangenlakritzen durch kaltes Ausziehen mit
Wasser und Eindampfen der klaren Flüssigkeit
bereitet. Zu diesem Zwecke schichtet man in
einem Holzfaß abwechselnde Lagen von aus-
gewaschenem Stroh und Lakritzenstangen über-
einander, füllt mit Wasser auf und läßt mehrere
Tage stehen, worauf man die Lösung abzapft
ünd in gleicher Weise noch einen Auszug ent-
nimmt. Die durch Kolieren geklärten Auszüge
werden im Wasserbade bis zum dicken Extrakt
eingedampft. Zur Gewinnung von Lakritzen-
pulver setzt man das Eindampfen noch weiter
fort, zieht die zähe Masse zu Bändern aus, trock-
net diese bei gelinder Wärme völlig und pulvert
sie dann. Das kaffeebraune Pulver, das sehr
hygroskopisch ist, wird in gut verschlossenen
Gläsern aufbewahrt. Der gereinigte Süßholz-
saft stellt ein braunes, in Wasser klar lösliches,
dickes Extrakt dar, das in den Apotheken zur
Herstellung von Plustenmixturen, Brustelixier,
gereinigten Stangenlakritzen. Lakritzentäfelchen,
Cachou usw. vielfache Verwendung findet, wäh-
rend das gereinigte Lakritzenpulver einen Haupt-
bestandteil der Salmiakpastillen bildet.

Süßstoffe. Als künstliche Süßstoffe faßt man
eine Anzahl von Stoffen zusammen, die auf
chemisch-synthetischem Wege künstlich hergestellt
werden und eine höhere Süßkraft als raffinierter
        <pb n="443" />
        ﻿Süßweine

436

Sumach

Rohr- oder Rübenzucker, aber nicht entsprechen-
den Nährwert besitzen. Die wichtigsten hierher
gehörigen Stoffe: Saccharin, Dulzin und Gluzin
sind unter ihren besonderen Namen besprochen
worden. Im Hinblick auf den Umstand, daß
diese Stoffe keinen eigentlichen Nährwert be-
sitzen, aber in großem Umfange zur Verfäl-
schung von Nahrungs- und Genußmitteln Ver-
wendung fanden, ist der Verkehr mit ihnen durch
das Reichsgesetz vom 7. Juli 1902 verschiedenen
Einschränkungen unterworfen wordeni. Insbeson-
dere ist, es verboten, Süßstoff herzustellen oder
Nahrungs- und Genußmitteln bei deren gewerb-
licher Herstellung zuzusetzen; ferner Süßstoff
oder süßstoff haltige Nahrungs- oder Genuß mittel
aus dem Auslande einzuführen; und endlich
Süßstoff oder süßstoffhaltige Nahrungsmittel feil-
zuhalten oder zu verkaufen. Aus Rücksicht auf
die Zuckerkranken, welche dieser Stoffe be-
dürfen, sind gewisse Ausnahmen zugelassen. S.
dürfen nur in einer einzigen deutschen Fabrik,
derjenigen des Erfinders des Sacharins, Dr. Fahl-
berg, hergestellt werden. Unter bestimmten ein-
schränkenden Bestimmungen ist der Verkauf
durch Apotheken gestattet. Auch darf S. an
solche Personen abgegeben werden, welche die
amtliche Erlaubnis hierzu besitzen, insbesondere
Personen, welche den Süßstoff zu wissenschaft-
lichen Zwecken, zur Verpflegung von Zucker-
kranken sowie zur Herstellung von vergiftetem
Getreide benutzen wollen. Während des Krieges
sind die Bestimmungen des Süßstoffgesetzes
wegen des Zuckermangels zum Teil außer Kraft
gesetzt worden.

Süßweine nennt man die Gruppe der Des-
sertweine (s. d.), die sich durch hohen Gehalt
an Alkohol und Zucker auszeichnen und in ihren
besten Sorten aus stark süßen Trauben, vielfach
aber auch unter Verwendung von Zucker her-
gestellt werden. Zu ihnen gehören hauptsächlich
die rheinischen Ausbruchweine, die Tokaier-Aus-
bruchweine, die sizilianischen Muskat- und Mal-
vasierweine und die Malagaweine.

Süvernsche Desinfektionsmasse zur Des-
infektion von Aborten und Kanälen besteht aus
einer Mischung von zehn Teilen Ätzkalk, einem
Teil Magnesiumchlorid und einem Teil Stein-
kohlenteer, die mit der 24 fachen Menge Wasser
angerührt wird.

Sulfaminol (Thiooxydiphenylamin), ein
Antiseptikum, entsteht, wenn man auf die in
Wasser gelösten Salze des Metaoxydiphenyl-
amins in geeigneter Weise Schwefel einwirken
läßt. Das hellgelbe, geruch- und geschmack-
lose Pulver ist unlöslich in Wasser, hingegen lös-
lich in Alkohol und schmilzt bei 155°. Es wird
als Ersatz des Jodoforms empfohlen und von
den Imkern als Mittel gegen die Faulbrut der
Bienen angewandt.

Sulfat ist die Allgemeinbezeichnung für jedes
schwefelsaure Salz, z. B. Kupfersulfat — Kupfer-
vitriol. In Färbereien versteht man unter S.
die dort gebräuchliche schwefelsaure Tonerde,
in Sodafabriken und im Handel das wasser-
freie schwefelsaure Natron, das sog. kalzinierte
Glaubersalz. Siehe die betreffenden Abhand-
lungen.

Sulfitlauge, die bei der Behandlung des Holzes
mit schwefliger Säure zur Zellulosegewinnung

abfallende braune Flüssigkeit, die ziemlich reich
an organischen Zersetzungsprodukten der inkru-
stierenden Stoffe (Lignin, Kutin, Suberin) ist
und gegen 2 °/o Zucker enthält, hat während des
Krieges eine große technische Bedeutung ge-
wonnen. Nach Beseitigung verschiedener Schwie
rigkeiten ist es gelungen, den Zucker der Lauge
in Alkohol überzuführen, und man hat be-
rechnet, daß aus den 5000001 in Deutschland
jährlich abfallender Sulfitlauge 400 000 hl reiner
Spiritus hergestellt werden können. Nachdem
die entgegenstehenden Vorschriften des Brannt-
weinsteuergesetzes beseitigt waren, hat der Kriegs-
ausschuß für Ersatzfutter eine Reihe von Sulfit-
spiritusfabriken erbaut, die teilweise schon im
Betrieb sind. — Die Verwendung der S. zur
Gewinnung von Hefe hat keine praktische Be-
deutung erlangt, weil die an die Futterhefe ge-
knüpften Erwartungen sich bald als trügerisch
erwiesen. — Ein Teil der S. wird, zu einem
Sirup von 36° Bö und einem spez. Gew. von
1,337 eingedampft, als Ersatzmittel für die Lack-
fabriken in den Handel gebracht.

Sulfonal (Sulf onalum), (CH2)2 . C . (S02 •

C2H5)2, wird durch Einleiten von Salzsäuregas
in eine Mischung von Merkaptan und Azeton und
nachherige Oxydation des entstandenen Merkap-
tols mit Kaliumpermanganat dargestellt. Durch
Umkristallisieren aus Alkohol erhält man es, in
farblosen Prismen, die bei 125° schmelzen und
bei 3000 sieden. Das S.. ist in heißem Wasser
und Alkohol ziemlich leicht, in Äther etwas
schwerer löslich und wird in wäßriger Lösung
als Schlafmittel verordnet. Vor dem Chloral-
hydrat hat es den Vorzug, nicht auf das Herz
zu wirken. Die Herstellung muß wegen des
scheußlichen Geruchs des Merkaptans und Mer-
kaptols in unbewohnten Gegenden erfolgen.

Sulfuraurat (Antimonpentasulfid, Gold-
schwefel, Fünffachschwefelantimon, lat.
Stibium sulfuratum aurantiaoum, frz. Soufre dorö
d’antimoine, engl. Golden sulfide of antiraony)
wird dadurch erhalten, daß man gepulvertes
Grauspießglanzerz (Antimontrisulfid) mit Natron-
lauge und Schwefel kocht, die Flüssigkeit vom
Rückstände trennt und zur Kristallisation bringt.
Die erhaltene gelbe Kristallmasse, Schlippe-
sches Salz genannt, wind in Wiasser gelöst
und aus der Schwefelantimonschwefelnatrium ent-
haltenden Lösung mit Salzsäure das S. aus-
gefällt. Es ist ein orangerotes, in Wasser unlös-
liches Pulver, das früher sehr oft bei Erkran-
kungen der Atmungsorgane medizinisch verord-
net wurde, jetzt aber nur noch selten Anwendung"
findet. In der Technik wird Goldschwefel beim
Vulkanisieren von Kautschuk sowie bei der Her-
stellung von Streichhölzern benutzt.

Sumach (Schmack, frz. Sumac, engl. Sbu-
mac), ein wichtiger Gegenstand des Drogen- und
Farbwarenhandels, besteht aus den getrockneten
und gemahlenen Blättern, Blattstielen, Blü-
ten und dünnen Zweigen von bäum- oder
strauchartigen Gewächsen der Familie Rhus, die
wegen ihres hohen Gerbstoffgehaltes als Gerbe-
mittel und zu Farbenbeizen Verwendung finden-
Am gerbstoffreichsten ist der Gerberbaum
(Rhus coriaria), der an seinen s—7paarig811
Fiederblättern, grünlichgelben Blütenbüscheln
und schön roten, aus gehäuften Früchtchen b®'
        <pb n="444" />
        ﻿Sumbulwurzel

437

Syenit

stehenden Kolben erkannt wird und in den
Ländern am Mittelmeer wild wie auch in An-
pflanzungen verkommt. Die beste und haupt-
sächlich im Handel befindliche Sorte, ein grün-
lichgraues, grobes Pulver, der sizilianische S.,
wird nach der gleichnamigen sizilianischen Stadt
auch Carini genannt. Eine geringere, nur zu
Gerbereizwecken geeignete Sorte, der unechte,
venetianische, italienische oder Tiroler S.,
stammt von Rhus Cotinus, dem Perrücken-
baum, der auch das Fisetholz liefert, in Süd-
europa bis nach Ungarn und Südösterreich wild
wächst und bei uns als Zierstrauch gezogen
wird. Die besseren Sorten S. haben stets eine
grüne Farbe, während dumpfig riechender S.
von grauer oder schwärzlicher Farbe gering-
wertig ist. — Als Gerbmittel dient der S. in
Form der Abkochung nur zur Herstellung von
dünnen Ledern, wie Saffian, die, in den heißen
Brühen durchgearbeitet, schon in 2—3 Stunden
gar werden. In Zeugdruck und Färberei wird er
in Verbindung mit Eisensalzen und Blauholz
zum Schwarz- und Graufarben, mit Zinnsalz
und Rotholz zum Rotfärben sowie zum Tönen
und Heben anderer Farben, namentlich brauner,
olivengrüner und grauer benutzt. Auch hat er
selbst die Wirkung einer Beize, indem er die
Pflanzenfaser befähigt, mit Farben festere Ver-
bindungen einzugehen. Die Amerikaner bereiten
für die Ausfuhr ein trockenes Sumach-
extrakt.

Sumbulwurzel (Moschuswurzel, lat. Radix
sumbuli, frz. Racine de sumbule, engl. Sumbuly
root), die stark nach Moschus riechende, bitter-
schmeckende Wurzel der im nördlichen China
und dem Amurgebiete wachsenden Dolden-
pflanze, Euryangium Sumbul, erscheint in
großen, 7—8 cm breiten und 3—s cm dicken,
mit Resten von Wurzelfasern besetzten, scheiben-
förmigen Stücken, deren schwammfaseriges Innere
weißlichgrau, stellenweise bräunlich gefleckt ist.
Die Ware kommt über Rußland oder Ostindien
in den Handel, ist aber nicht immer zu haben.
Empfohlen wurde die S. medizinisch als nerven-
anregendes Mittel, wird jetzt aber nur noch in
der Parfümerie und zur Herstellung von Likören
benutzt.

Summitates ist die im Drogenhandel ge-
bräuchliche Bezeichnung für Zweigspitzen mit
Blüten oder Blättern zu pharmazeutischem Ge-
brauch, z. B. Summitates juniperi, Wacholder-
spitzen, S. sabinae, Sadebaumtriebe u. a.

Sunnhanf (Sunn, ostindischer Hanf, frz.
Chanvre de sunn, engl. Sunn hemp) ist eine der
Jute ähnliche Spinnfaser, die von der ostindischen,
zu den Hülsenfrüchtlern gehörigen Pflanze,
Crotalaria juncea, binsenähnliche Klapper-
hülse, gewonnen und auf Java und Borneo auch
kultiviert wird. Die blaßgelbliche Faser zeigt
einen lebhaften, doch etwas schwächeren Glanz
als Jute. Sie wird etwa 500 mm lang und besitzt
geringere Festigkeit als Hanf, aber größere als
Jute. Verschiedene andere Namen, wie Madras-
oder Bombayhanf, beziehen sich auf dieselbe
Ware. Für unsere Industrie ist sie kaum
von Bedeutung, findet sich aber häufig am
Londoner Markt und wird in England zu
Seilerwaren, Packtuch u. dgl. sowie zu Papier
verarbeitet.

Superol ist eine Handelsbezeichnung für das
als Bleichmittel verkaufte Natriumsuperoxyd
(s. d.), das aber nach Heermann die Gewebe-
faser stark angreift und die Wäsche zerstört. —
Neuerdings wird auch das Desinfektionsmittel
Chinosol (Othooxychinolinsulfat) als S. be-
zeichnet.

Superphosphat. Mit diesem Namen belegt
man im allgemeinen saure phosphorsaure Salze,
in der Technik aber nur das entsprechende
Kalksalz. Wie unter Knochen angegeben, be-
reitet man das S. durch Vermischung von Kno-
chenmehl mit Schwefelsäure, wobei neben Gips
ein wasserlösliches zweifachsaures oder Mono-
kalziumphosphat entsteht. Das gleiche Ver-
fahren kann auch auf gebrauchte Knochenkohle
angewandt werden, wobei ein S. von schwarzer
Farbe erhalten wird. Außerdem zieht man als
Rohstoffe natürliche Mineralphosphate, wie Apa-
tit, Phosphorit, Koprolithen (s. die Aufs.)
und die verschiedenen Sorten von Guano heran.
Der Wert aller Superphosphate richtet sich nach
der Menge der darin enthaltenen, in Wasser lös-
lichen Phosphorsäure.

Suppendauerwaren. Um die schnelle Her-
stellung von Suppen zu ermöglichen, werden
zahlreiche Erzeugnisse in den Verkehr gebracht,
die wegen ihrer großen Haltbarkeit und ein-
fachen Handhabung besonders für die Massen-
verpflegung und für die Ernährung von Truppen
im Felde geeignet erscheinen. Sie bestehen
nach König: 1. aus Gemischen von Fleisch
mit Mehl, Gemüsen und Fett. Hierhin ge-
hört z. B. die sog. Rumfordsuppe (13,5 °/o
grobe Fleischstücke, 31,8 °/o Graupen, 44,7%
Mehl und 100/0 Kochsalz), ferner Fleischbis-
kuit, Fleischzwieback usf., 2. aus Fleisch-
extrakt, Mehl, Fett und Gewürzen {Sup-
pentafeln von Knorr u.a.), 3. aus Mehl mit
Fett allein und Gewürzen (kondensierte Sup-
pentafeln, Erbswurst).

Suppenwürfel sind Mischungen verschiedener
Mehle, wie Erbsen-, Grünkern-, Kartoffel-, Linsen-
mehl, mit Fett und Gewürz, aus denen durch
Aufbrühen mit heißem Wasser nährkräftige Sup-
pen hergestellt werden können. Bouillonersatz-
Würfel (s. d.) dürfen nicht als S. bezeichnet
werden.

Suppositorien (Stuhlzäpfchen) nennt man
kleine kegel-, Zylinder- oder spitzkugelförmige
Gebilde von 3—4 cm Länge und 1 — 1,5 cm
Durchmesser, die zur Einführung in den
Mastdarm bestimmt sind, um Darmentleerung
zu verursachen oder einen Reiz auszuüben.
Abführende S. werden aus Seife oder Talg
hergestellt, reizend wirkende bestehen aus
Gemischen von Kakaobutter mit arzneilichen
Stoffen.

Syenit ist wie Granit und Porphyr eine harte,
gemengte Gebirgsart, die, abgesehen von zahl-
reichen Abarten, aus schwarzer Hornblende,
weißem und rotem Feldspat und Quarz in
wechselnden Mengen besteht. Geebnete Flächen
zeigen oft eine sehr schöne Sprenkelung von
hellen Flecken auf dunklem Grunde. Das Ge-
stein ist ebenso hart und politurfähig wie seine
obengenannten Verwandten und dient wie diese
nicht nur zu Bauten, sondern auch zu Stein-
        <pb n="445" />
        ﻿'__1 «6

—y**

Syenit

438

Tabak

hauerarbeiten, die durch Politur gehoben werden,
wie Säulen, Platten und Sockel. Viele Kunst-
werke des Altertums bestehen aus dieser Fels-
art, die namentlich in Ägypten (am Sinai) sehr

schön gefunden wird und ihren Namen nach der berg und Aschaffenburg.

altägyptischen Stadt Syene erhalten hat. In
Deutschland findet sich der Syenit namentlich
im Odenwald, Thüringer Wald, im Plauenschen
Grunde bei Dresden, ferner bei Meißen, Alten-

Tabak (frz. Nicotiane, Tabac, engl. Tobacco,
Snuff) ist die allgemein gebräuchliche Bezeich-
nung für die getrockneten und fermentiertein
Blätter der in Amerika heimischen, jetzt aber
überall angebauten Tabakpflanze, Nicotiana
L., die mit oder 'ohne Rippen als Rohtabak oder
in Form von Rauch-, Kau- und Schnupftabak,.
Zigarren- und Zigarettentabak in den Handel
kommt. Das Rauchen von T. aus Röhren unc
Pfeifen oder in Rollen fanden die Spanier bei
der Entdeckung Amerikas bereits als eine india-
nische Sitte vor, die später, 1587, durch Sir
W. Raleigh und seine Matrosen nach Europa ein-
geführt wurde und sich hier trotz anfänglicher
Verbote und scharfer Strafbestimmungen rasch
verbreitete. Nach dem französischen Gesandten
am portugiesischen Hofe, J. Nicot, der 1560 den
ersten Samen nach Frankreich brachte, wurde
die Pflanze Nicotiana benannt. Der T. gehört
zur Familie der Solanazeen und wird meist
einjährig aus Samen gezogen. Er gedeiht nur
in Ländern mit mindestens 8—100 mittlerer
Wärme, am feinsten zwischen dem 35.° nördlicher
und dem 35.0 südlicher Breite, doch geht er
auch noch bis zum 62.0 n. Br. Die Reife erfolgt
in 22—26 Wochen und kann auch bei ungün-
stigem Klima noch dadurch erzielt werden, daß
man in besonderen Treibkästen (Tabakkut-
schen) vorbaut und dann im Juni und Juli io
das Land verpflanzt. Die Tabakpflanze wird
1—2 m hoch, hat ästige und verästelte Stengel
und massige, durch Drüsenhaare klebrige,
wechselständige Blätter mit ungezähntem Rand.
Die am Ende der Stengel und Äste in Rispen
stehenden Blüten besitzen trichterförmige, fünf-
lappige, gelbrote Blumenkronen mit gefaltetem
Saum. Die Kelche sind glockig, fünfspaltig und
bleibend, die Früchte zwei- bis vierfächerige,
halb vierklappige Kapseln, die bis zu 40 000
winzige braune Samen für die Pflanze zu liefern
vermögen. Die Pfahlwurzel geht ziemlich tief,
treibt aber nur wenig Nebenwurzeln. Die zahl-
reichen Arten des T. werden meist - in vier
Hauptgruppen eingeordnet: 1. Virginischer

T., Nicotiana Tabacum, mit sehr hohem
Stengel und dichten, überhängenden, dickrippigen
und dickfleischigen Blättern. Die Seitenrippen
bilden mit der Mittelrippe, und die Blattstiele mit
dem Stengel spitze Winkel. Die zahlreichen,
zum Teil auch in Deutschland gebauten Sorten
liefern gute Deckblätter sowie Karottengut.
2. Maryland oder großblättriger T., Nico-
tiana macrophylla, mit breiten, dünnrippigen
und dünnfleischigen Blättern. Die am Grunde
oft geöhrten Blätter sitzen in ziemlich weiten Ab-
ständen am Stengel, mit dem sie, ebenso wie die
Seitenrippen mit der Mittelrippe, einen rechten
Winkel bilden. Maryland wird als Pfeifengut und

für Deckblatt im Elsaß („Schaufeltabak“), in der
Pfalz („Futtertabak“), in Ungarn, der Türkei.
Ohio, Maryland, Havanna, Kuba und Portoriko
angebaut. 3. Brasil (Brösil), Bauern- oder
Veilchentabak, N. rustica, mit gestielten,
runden und klebrigen Blättern, wird bis hoch
im Norden in Deutschland (Hannover und Nürn-
berg), Ungarn, Afrika und Asien angebaut und
liefert ein kräftiges Pfeifengut. 4. Jungfern-
tabak, N, peniculata, aus Peru mit % m
hohem, fünfeckigem, etwas filzigem Stengel und
gestielten, an der Unterseite rauhen und kleb-
rigen Blättern. Weiter werden noch angeführt
der Soldatentabak, N, glutinosa, der chi-
nesische T., N. chinensis, der Riesentabak,
N. giganfea, sowie die wenig beachtenswerten
Sorten N. argentifolia aus Chile und N. vis-
cosa aus Buenos Aires. — Anbau. Der T, ver-
langt einen trocknen, tiefgründigem, humusreichen
und kalkhaltigen Boden der Sand- und Lehm-
bodengruppe. Auf leichtem Boden wird er mil-
der, für Rauchgut geeigneter, auf schwerem
Boden besser für Schnupftabak; auf Tonboden
wächst nur Karottengut, auf Mittelboden das
beste Deckblatt. Wärme mit häufigem, gelindem
Regen oder - doch feuchter Luft (Holland mit
Seeklima, Wassernähe) sagen ihm am besten zu,
während wechselndes Wetter, rauher Wind, Kälte
und Nässe, Trockenheit und starke Gewitter un-
günstig wirken. Hagelschlag und Sturm schä-
digen die Blätter, Trockenheit verringert den
Ertrag. Für Europa ist die Düngung und Frucht-
folge von großer Bedeutung. Stickstoffreicher
Dünger verschlechtert die Güte, Kali, Kalk,
Asche, Kompost und Gründüngung verbessert
sie. Die Pflanzung erfolgt, wenn die Pflänz-
chen in den Saatbeeten (Kutschen) s—6 Blätter
entwickelt haben, je nach dem Klima vom März
an, in Deutschland im Juni. Man rechnet auf
den Hektar 14—16 qm Saatbeet und 0,05—0,17 kg
Samen (t kg zu 10000—15000 Samen), für die
in Reihen zu pflegenden Pflänzchen 20—60 qcm
Wachsraum. Die Pflege besteht in mehrmaligem
Behacken und Behäufeln, wobei die Blätter nicht
verletzt oder mit Erde bedeckt werden dürfen.
Anfangs muß man die Pflanzen durch Begießen
und Bedeckung mit Moos vor dem Vertrocknen
schützen. Nach der Bildung von 8—12 Blättern
erfolgt das Köpfen, die Entnahme der sonst
Blüten treibenden Spitzen und schließlich die
Entfernung der blattwinkelständigen Seitentriebe
(„Geizen“). Die Ernte geschieht von unten
nach oben, je nach dem Reifen der Blätter, wenn
sie eine lichtgrüne Farbe mit gelblichen Flecken,
eine Art Marmorierung, annehmen, schlaff her-
unterhängen und zähklebrig werden. Die unter-
sten Blätter, das sog. Erd- oder Sandgut,
Sandgrumpen, Sandblatt, geben geringwer-
        <pb n="446" />
        ﻿Tabak

439

Tabak

tiges Rauchgut, die mittleren das Haupt- oder
Bestgut, die obersten das mittlere Gut. Zum
Trocknen wenden die Blätter auf Schnüre ge-
zogen und in Schuppen aufgehängt. Nach 6—8
Wochen nimmt man die jetzt gelbbraunen Blätter
ab, sortiert und bindet sie zum Verkauf an die
Fabrikanten zu 25—30 in Bündel zusammen. Oder
man 'glättet die etwas angefeuchteten Deck-
blätter mit der Hand und schichtet sie zu
Stößen oder Docken auf, welche dann mit
Steinen gepreßt werden und so lange zusammen-
bleiben, bis sie kastanienbraun oder gelb werden.
Mit dieser durch Bakterien oder Oxydasen ver-
anlaßten sog. Fermentation ist eine erhebliche
Temperaturerhöhung verbunden, die bis- zu 6o°
steigen kann, meist aber auf 400 beschränkt wird.
Zweck der Fermentation ist die Zerstörung ge-
wisser Bestandteile des frischen T., die beim
Rauchen unangenehm riechende und schmek-
kende Stoffe liefern und im Übermaß giftig
wirken. Durch Anwendung besonderer, aus
gärenden Havannasorten dargestellter Enzyme
soll man sogar inländischen Erzeugnissen das
Aroma der Edeltabake verleihen können. Nach
Beendigung der Gärung werden die Blätter ge-
lüftet, Wieder getrocknet und zu Bündeln von
20—30 Stück zusammengelegt. Feinere Blätter
werden entrippt und die Rippen zu Schnupf-
tabak, Einlagen oder billigem Rauchtabak ver-
kauft. In der Türkei, vermischt man die gären-
den Blätter mit Steinklee, dessen Aroma sie an-
nehmen, in Serbien mit Honigwasser. ■— Der
Ertrag ist nach Lage, Boden, Düngung und
Jahrgang außerordentlich wechselnd. Man rech-
net i,s—3 dz Sandgut, 2—5. dz Geize, 8—25 dz
trockene Blätter und 50—60 dz Stengel. Die
größten Mengen T. erzeugen die Vereinigten
Staaten von' Nordamerika, danach Asien, Süd-
amerika und Afrika, zusammen etwa 1200 Mil-
lionen Kilogramm. An der etwa 250 Millionen
Kilogramm ausmachenden europäischen Erzeu-
gung sind in erster Linie Rußland und Öster-
reich-Ungarn, danach Deutschland, die Türkei
und Frankreich beteiligt. In Deutschland Werden
auf rund 15000 ha 32 Millionen Kilogramm
trockner T., auf 1 ha also 22 dz geerntet. — Nach
seiner chemischen Zusammensetzung und
physiologischen Wirkung gehört der T. zu
den alkaloidischen Genußmitteln. Die frischen
Blätter enthalten 80—88 o/0 Wasser, die trocknen
Blätter im Durchschnitt 8,140/0 Wasser und in
der Trockensubstanz 6,65 °/o Protein, 0,41 °/o Am-
moniak, 0,86 0/0 Salpetersäure, 4,50 0/0 Ätherauszug
(Fett), 0,280/0 Wachs, 7,700/0 Harz, 8,830/0 Äpfel-
säure, 3,68 % Zitronensäure, 2,38 °/o Oxalsäure,
0,310/0 Essigsäure, 9,49 °/o Pektin, 1,040/0 Gerb-
säure, 6,12 0/0 sonstige stickstofffreie Extrakt-
stoffe, 11. x 6 °/o Rohfaser und 20,730/0 Mineral-
stoffe, die hauptsächlich aus Kali und Kalk be-
stehen. Die narkotische Wirkung des T. beruht
auf seinem Gehalte an Nikotin (s. d.), der in
den geringwertigen Sorten am höchsten, im Ha-
vannatabak am niedrigsten ist. Der Gehalt an
Nikotin unterliegt außerordentlichen Schwankun-
gen von o—8 0/0 und beträgt im Mittel etwa 2 0/0.
Burch den Fermentationsprozeß wird ein erheb-
licher Teil des Alkaloides, oft bis zur Hälfte,
zerstört. Neben dem Nikotin sind in geringen
Mengen noch drei andere Alkaloide: Nikotein,

Nikotellin undNikotimin, vorhanden. Außer-
dem ist an der narkotischen Wirkung auch ein
fettartiger Stoff, das Nikotianin oder der
Tabakkampfer, beteiligt. Beim Rauchen (Ver-
glimmen) entwickeln sich Ammoniak, Kohlen-
säure, Kohlenoxyd, Schwefelwasserstoff, Blau-
säure, Pyridin und ein ätherisches 01. Das letztere,
von dem Thoms aus 15 kg T, 6 g isolieren konnte,
siedet bei 295—315 0 und hat einen kamillenähn-
lichen Geruch. Das Nikotin wird zum Teil
beim Glimmen zerstört oder in Pyridine um-
gewandelt, gelangt aber teilweise in unveränder-
tem Zustande mit dem Rauche in den Organis-
mus. Es bildet in reinem Zustande ein heftiges
Gift und erregt Erbrechen, Durchfall, Zittern,
Muskelläbmung und Starrkrampf mit oft töd-
lichem Ausgange. In der beim Rauchen auf-
tretenden starken Verdünnung wirkt es hingegen
anregend und befähigt zu erhöhter körperlicher
und geistiger Tätigkeit und zum leichteren Er-
tragen von Hunger, Durst, Arbeit, Sorge und
Gefahr. Im Übermaß wirkt Rauchen schädlich,
besonders beim Verbrauch der unteren Zigarren-
enden, in denen sich das Nikotin anhäuft. Die
größte Bedeutung für die Bekömmlichkeit hat
die Verbrennlichkeit, richtiger Verglimm-
barkei t, die durch einen hohen Gehalt an Kali
und Nikotin sowie durch eine feine und dünne
Struktur begünstigt wird. Weiter kommt als
Wertmesser der Geruch (das Aroma) und der
Geschmack in Betracht, der vom Klima abhängt.
Die Tabake aus Gegenden nördlich der Weinregion,
besonders von schwerem Boden, sind weniger fein,
die Erzeugnisse aus den Tropen bevorzugt. Man
unterscheidet daher nach ihrer Herkunft fol-
gende Sorten: 1. Europäische T. Frankreich
und Italien verbrauchen ihre Ernten selbst. Hol-
land erzeugt den Amersforter, Neukerker
und Gelderschen T., dessen Bestgut zu Schnupf-
tabak und dessen Erdgut zu Deckblättern ver-
arbeitet wird. Deutschland liefert Uckermär-
ker, Pfälzer und ElsässerT.für geringwertige
Zigarren. Ungarn versendet den Debrecziner,
Debröer, Szegediner, Fünfkirchener, Gar
tenblätter, Charbel, Palanke, Osegger und
Rebel als billiges Pfeifen-, Zigaretten- und Ka-
rottengut. Die besten europäischen T. sind die
türkischen, doch gehen unter diesem Namen
auch die kleinasiatischen und russischen Sorten.
Sie haben ein feines gelbes Blatt, milden Ge-
schmack und starken Geruch mit süßlichem
Nebengeschmack und wirken stark narkotisch.
Man verwendet sie in Form goldgelber, langer
dünner Fäden hauptsächlich für Zigaretten.
2. Asiatische T., Manila, Java und Suma-
tra werden hauptsächlich zu Zigarren verarbeitet.
Zeylon, Kalkutta, Japan und China sind ohne
Bedeutung für den europäischen Handel. 3. Ame-
rikanische T„ die wichtigsten und wertvollsten
Sorten, werden meist in Ballen aus Rindshäuten,
sog. Seronen, und in Fässern versandt. Von den
nordamerikanischenT. werden die im Westen
am meisten angebauten und beliebten Ohio und
Maryland zu fein gelben, aromatischen Rauch-
tabaken verarbeitet. Virginia liefert in feinen,
fetten Sorten Schnupf- und Kautabak, in den
leichteren lebhaft braunen Rauchtabak. Ken-
tucky, Karolina, Georgia, Missouri, Ten-
nessee erzeugen Umblatt, Deckblatt, Einlage
        <pb n="447" />
        ﻿Tabak

440

Talg

für Zigarren, Kau-, Schnupf- und Rauchtabak.
Seedleaf und Florida finden als Deckblatt
Verwendung. Die westindischen T., die am
höchsten geschätzt werden, umfassen Havanna
und Kuba für Zigarren, Domingo und Porto-
riko hauptsächlich für Rauchtabak. Unter den
mittel- und südamerikanischen Sorten ist
der Varinas (Kanaster), ein sehr geschätzter
Rauchtabak in Rollen oder Bündeln, in erster
Linie zu erwähnen. Ähnliche Sorten sind Mara-
kaibo, St.Thomas, Cumana, Orinoko. Ko-
lumbia, Ambalema, Palmira, Girong. ¥u-
katan, Carmen liefern Zigarrengut, stehen aber
als Rauchgut dem Varinas nach. Esmeralda
gibt Deckblatt. Sehr fein und wertvoll ist der
Brasil. Zum Schluß ist noch der Kamerun-T.
zu erwähnen, welcher dem Sumatra gleichstehen
soll, und der beginnende Anbau in Deutsch-Guinea
und Ostafrika. — Die Verarbeitung des T.
zerfällt in die Herstellung von Rauchtabak, Zi-
garren und Zigaretten, Schnupf- und Kautabak:
Der Rauchtabak wird, geschnitten und ge-
sponnen, in Rollen (Kraus- oder Krülltabak) ver-
kauft. Die Verarbeitung der Blätter besteht in
einem Entrippen und Abblatten oder in einem
Plätten der Rippen unter Walzen. Vielfach geht
auch die Behandlung mit einer Beize oder
„Sauce“ voraus, d. s. Mischungen von Melasse,
Rosinenabkochungen, Feigen- und Teeauszügen^
Gewürzen, Kochsalz, Salmiak, Salpeter und an-
deren Salzen, durch deren Einwirkung die Brenm-
barkeit erhöht wird. Danach folgt das Schneiden
oder Spinnen zu Rollen und das Darren. Die
Zigarren bestehen aus dem Wickel, d. h. der
aus gepreßten Rippen hergestellten Einlage mit
dem unentrippten Umblatt und dem entrippten
Deckblatt. Sog. nikotinfreie Zigarren werden
aus extrahiertem T. oder neuerdings auch aus
mit Gerbstoff vermischtem T. hergestellt und
heißen dann richtiger nikotinunschädliche Zi-
garren. Thoms sucht die Schädlichkeit des Rau-
chens durch Einlegen eines mit Eisenchlorid
oder Ferrosulfat getränkten Wattefilters zu be-
seitigen, welches die gasförmigen Destillations-
produkte teilweise zurückhält. Schnupftabak
wird aus den besonders fetten und schweren,
schlecht brennenden Blättern durch Behandlung
mit „Saucen“ unter Zusatz von Tonkabohnen,
Veilchenwurzel, Rosenöl und anderen Aroma-
stoffen, darauf folgende Gärung (Karottieren),
Zerreiben (Rapieren), Sieben und Sortieren her-
gesfellt. Zum Einwickeln benutztes Stanniol darf
nicht.mehr als t°/o Blei enthalten. Kautabak
wird aus fettem, schwerem, besonders Kentucky-
tabak, durch Einlegen in sog. Saucen und Fer-
mentieren hergestellt und zu fingerdicken Rollen
(Andouillen) gesponnen oder in Stangen gepreßt.
— Zusätze fremder Blätter sind grundsätzlich als
unzulässig zu bezeichnen, da das Tabaksteuer-
gesetz vom 15. Juli 1909 in §37 die Verwendung
von Ersatzmitteln verbietet. Der Bundesrat hat
aber mehrfach von der ihm eingeräumten Be-
fugnis Gebrauch gemacht und gewisse Ersatz-
mittel, insbesondere Rosen-, Kirschen-, Weichsel-,
Althee-, Wegebreit-, Huflattichblätter, Plopfen-
zapfen und Steinkleeblüten für geringere Sorten
zugelassen. Hingegen sind andere Blätter, u. a.
von Rüben, Ampfer, Kartoffeln, Zichorien, Rha-
barber, Ulmen, Platanen, Walnuß, Linden, Kohl

usw. durchweg als Verfälschungsmittel beurteilt
worden. Der Tabakmangel im Kriege hat aber
gezwungen, noch weitere Zugeständnisse zu
machen und auch den Zusatz von Buchen- und
Zichorienlaub nachzulassen. Unter der Bezeich-
nung Tabakersatz oder Rauchkräuter sind
sogar völlig aus fremden Blättern bestehende Er-
zeugnisse in den Verkehr gelangt. Schnupftabak
wird bisweilen durch Eisenvitriol, Bleichromat,
Mennige und andere mineralische Beschwerungs-
mittel verfälscht. Bei Zigarren sind künstliche
Deckblätter aus braunem Papier festgestellt wor-
den. — Der T. bildet eine sehr beliebte und
einträgliche Ware für Besteuerung. Die Steuer
wird entweder in Form einer Fabrikatsteuer (Ban-
derole) oder einer Flächensteuer erhoben. Viele
Staaten, wie Frankreich, Österreich-Ungarn, Ita-
lien, Spanien, haben Monopole eingeführt.

Tabletten (lat. Tabulettae, frz. Tablettes, engl-
Tabloids) nennt man durch Druck, oft unter Zu-
satz von etwas Gummiarabikum oder Tragant,
hergestellte Täfelchen, ähnlich den Pastillen, die
gleich diesen mdist im Großbetriebe erzeugt
werden. Als freigegebene T. sind Natrontablet-
ten, Brausepulvertabletten, Salmiaktabletten zu
erwähnen.

Tada paya werden auf Java die Samen der
Sterculia Balanghas L. genannt, die geröstet
als wohlschmeckende Speise diepen. Sie haben
die Größe und Form einer Bohde, besitzen eine
runzelige Schale und braune Farbe. Aus dem
Fruchtfleische, in dem die Samen sitzen, wird
eine gegen Diarrhöe wirksame Gallerte her-
gestellt.

Takamahak (lat. Resina tacamahaca, frz. und
engl. Tacamahac) ist ein dem Elemiharz ähn-
liches wohlriechendes Harz verschiedener Her-
kunft von Bäumen aus den Familien der Burse-
razeen und Guttiferen, deren Steinfrüchte
zum Teil stark ölhaltig sind und außerdem Harz-
bestandteile enthalten. 1. Das westindische
oder amerikanische T. besteht aus großen,
rundlichen, graubräunlichen Stücken, die spröde
und zerreiblich, außen bestäubt und auf dem
Bruche glänzend und durchscheinend sind. Das
Llarz besitzt einen balsamischen, lavendelartigen
Geruch, der namentlich beim Erwärmen deutlich
hervortritt, und einen aromatischen bitteren Ge-
schmack. Es stammt von Elaphrium tomen-
tosum (Jacq.), s. Bursera tomentosa und
Elaphrium excelsum. 2. Das ostindische

T., von Calophyllum Inophyllum (Lin.) er-
hält man in gelbbraunen, weißlich bestäubten,
schwach fettglänzenden Stücken, die schon in
der Handwarme erweichen und schwach lavendel-
artig riechen. 3. Bourbon- oder Madagas-
kar-T., auch Marienbalsam genannt, bildet
dunkelgrüne, undurchsichtige, nach Angelika
riechende, schwach bitter schmeckende Massen
und stammt von Calophyllum Tacamahaca-
Verwendung findet T. als Räuchermittel und in
der Volksmedizin.

Talg (Unschlitt, Inselt, lat. Sebum, frz-
Suif, engl. Tallow) nennt man die Fettmassen,
die umhüllt und durchzogen von Zellgewebe-
häuten um die Nieren und das Netz sowie
zwischen den größeren Muskeln der Wieder-
käuer liegen und um so reichlicher vorhanden
sind, je besser der Ernährungszustand der Tiere
        <pb n="448" />
        ﻿Talg

441

Tamarinden

ist. Als Handelsware kommen nur Rinder- und
Schaf- (Hammel-, Schöpsentalg) in Be-
tracht, die für die wichtigste technische Verwen-
dung in Kerzen- und. Seifenfabriken als gleich-
wertig angesehen und ohne Rücksicht auf 'ihre
Abstammung, auch miteinander vermischt, als
Talg in den Handel kommen. Zum Ausschmelzen
des T,. in Kleinbetrieben erhitzt man die .zer-
kleinerte Rohmasse mit Wasser, bisweilen unter
Zusatz von etwas Schwefelsäure auf freiem Feuer,
neuerdings auch wohl durch Einleiten von Dampf.
Beim Großbetriebe werden ausschließlich doppel-
wandige, oben geschlossene Kessel benutzt, aus
denen die übelriechenden Dämpfe in einen hohen
Schornstein oder in die Feuerung eingeleitet
werden. Das ausgeschmolzene und von den
Grieben abgeseihte Fett bildet für sich eine
Handelsware, die aber für die Herstellung von
Kerzen und Seifen nicht rein genug ist, sondern
einem nochmaligen Läuterungsverfahren unter-
zogen wird (roher und geläuterter T.). Die
Hauptmenge des im Inlande gewonnenen T.
geht von den Fleischern und Schlachthöfen
direkt an die Seifensieder, doch findet sich auch
Inlandsware im HandeF und wird dann den
besseren Sorten,, dem polnischen, holländischen
und dänischen T. gleichgestellt und dem russi-
schen sogar vorgezogen. Der größte Teil der
Handelsware stammt aus Rußland, und zwar
der Schaftalg mehr aus dem Süden vom Schwar-
zen Meer aus, der Rindertalg hauptsächlich aus
den inneren und nördlichen Provinzen von Ar-
changelsk und Sibirien über Petersburg und
andere westliche Häfen. Zur Verpackung dienen
Holzfässer, die beim weißen T. die eigen-
artige Form eines abgestumpften Kegels mit
Bodenflächen von 75 und 45 cm Durchmesser
zeigen. Die vielfach übliche Lagerung der Fässer
auf freiem Deck ohne Schutz vor der Sonne ist
für die Haltbarkeit von Nachteil. Für die aus
dem Inneren kommenden Sendungen bestehen
in Petersburg besondere Warenhäuser, in denen
Sachverständige die Waren prüfen, sortieren und
mit dem Wertstempel, versehen. Die große Er-
zeugung Australiens und Argentiniens geht
größtenteils nach England. Nach der Farbe
unterscheidet man meist weißen, d. i. Hammel-
talg, und gelben, d. i. Rindertalg, von denen der
erstere etwas härter und spröder ist, aber leichter
gelb und ranzig wird als der weiche und schlüpf-
rige Rindertalg. Wichtiger ist die Unterschei-
dung nach der Verwendung in Lichtertalg
und Seifentalg. Der wertvollere Lichtertalg,
der die reinere, hellere und härtere Ware um-
faßt, zerfällt in die Vorzugssorte, den gelben
Lichtertalg, der aus nahezu reinem Rinder-
talg bestehen soll, und in den weißen Lichter-
talg, der in bester Beschaffenheit von Woro-
nesch kommt. Der Seifentalg umfaßt die bessere
Sorte, den sibirischen Seifentalg, und den
gewöhnlichen T. Die Wertbemessung des T.
erfolgt auf Grund des als Talgtiter bezeich-
neten Erstarrungspunktes der Fettsäuren. Außer
zur Herstellung von Kerzen und Seifen findet

T.	bei der Lederbereitung und als Schmiermittel
ausgedehnte Anwendung. Der von Apothekern
zu Pflastern und Salben benutzte T. wird nicht
dem Handel entnommen, sondern aus frischem
Rohstoff ausgeschmolzen. Die Verwendung als

Nahrungsmittel und die chemische Zusammen-
setzung ist in den Abschnitten Rindertalg und
Schaftalg besprochen worden.

Talk (Talkstein), ein aus kieselsaurer
Magnesia mit ungefähr 5°/o Wasser bestehen-
des Mineral von der Formel H2Mg3Si4012,
kommt in zwei Abarten vor, einer scheinbar
amorphen, kryptokristallinischen, Speckstein
(s.d.) genannten, und einer deutlich kristalli-
nischen, dem gewöhnlichen Talkstein. Letz-
terer ist im reinen Zustande ganz weiß, in den
meisten Fällen jedoch durch fremde Bestand-
teile, namentlich Eisenoxydul, schwach grün-
lich, gelblich oder gräulich gefärbt. Das sehr
weiche, großblätterige, in dünnen Blättchen bieg-
same Mineral erscheint auf den frischen Bruch-
flächen perlmutterglänzend und fühlt sich eigen-
tümlich fettig an. Die wichtigsten Fundorte
liegen in den Tiroler Alpen. Der früher haupt-
sächlich von Venetianern in den Handel ge-
brachte und daher Talcum venetum (frz. und
engl. Tale) genannte Stoff findet vielfache Ver-
wendung. In rein weißer Farbe dient er zur
Herstellung der Glanztapeten, Glanzkartons und
satinierter Papiere. Weiter bildet er den Körper
für viele weiße und rote Schminken, wozu er
sich wegen seiner Zartheit und Unschädlichkeit
für die Haut vorzüglich eignet, und wird auch
Körperfarben und feinen Siegellacken bei-
gemischt. Die nicht, rein weißen Sorten finden
als Poliermittel und als Erleichterungsmittel beim
Stiefelanziehen (Rutschpulver) Verwendung.

Tamarinden (Sauerdatteln, lat. Fructus ta-
marindi, frz. Tamarins, engl. Tamarinds) sind
die Früchte eines in Afrika heimischen, aber
in allen ■ Tropenländern, besonders Ostindien,
angepflanzten Baumes, Tamarindus indica,
der zur Familie der Zäsalpiniazeen (Le-
guminosen) gehört. Die mit einer holzigen,
dünnen und zerbrechlichen. Fruchtschale beklei-
dete, meist stark gekrümmte Schote, die an
den Lagerstellen der Samen verdickt, im übrigen
aber zusammengedrückt erscheint, ist durch Quer-
wände in 2—8, bisweilen auch 12 Fächer ein-
geteilt, in denen je ein flacher, glänzend rot-
brauner, hartschaliger Samenkern liegt, eingebettet
in ein schwarzbraunes, angenehm sauer und etwas
herb ; schmeckendes Mus. Nur das nach Ent-
fernung der Hülsen mit den Samen eingestampfte
Mus wird von Ostindien, meist, über Bombay, in
Fässern von einigen Zentnern Inhalt nach Europa
eingeführt und als Tamarindenmus (lat. Pulpa
tamarindorum cruda, frz.Pulpe de tamarins, engl.
Pulp of tamarinds) bezeichnet. Es bildet eine
weiche Masse, die schwarz oder schwarzbraun,
aber nicht fuchsig aussehen. und nicht zuviel
Samen aufweisen soll, und enthält etwa 13 °/o
organische Säuren, vorwiegend Weinsäure, 10 bis
12 °/o Zucker, viel Pektinstoffe und 3,5 0/0 Asche.
Für.pharmazeutische Verwendung, als kühlendes,
gelind abführendes Mittel stellt man, das offi-
zineile gereinigte. Tamarindenmus (Pulpa
tamarindorum depuratä) her, indem man es mit
heißem Wasser verrührt, durch ein Sieb treibt
und nach Zusatz von Zucker wieder eindickt.
— Levantinische oder ägyptische T. bilden
feste Körper von 1/2 kg Gewicht und sehr un-
reiner Masse; die in Frankreich und England
offizinelle westindische wird durch Einfüllen
        <pb n="449" />
        ﻿Tannalbin

442

Tausendgüldenkraut

der reifen, von den Hülsen befreiten Früchte
und nachfolgendes Übergießen mit kochendem
Sirup hergestellt und erscheint infolgedessen
viel weicher und heller braun. Neben den T.
selbst werden auch sog. Tamarindenkonser-
ven, d. s. Mischungen mit Seimes, Jalapen,
Zucker, Stärke, Schokolade, als Abführmittel
benutzt (z. B. Kanoldts Tamarindenkonserven).
In der Technik findet die ägyptische und west-
indische Ware als Tabaksoße Verwendung.

Tannalbin, eine Verbindung von Gerbsäure
mit Eiweiß, findet als adstringierendes Mittel
bei Darmerkrankungen medizinische Anwendung.

Tannenholz, das Holz der Weißtanne oder
Edeltanne, Abies pectinata, das von allen
Nadelhölzern am wenigsten Harz enthält, hat
eine fast weißliche, ins gelbliche spielende Farbe,
ist sehr lang- und geradfaserig und daher von
vollkommenster Spaltbarkeit. Das weiche und
leichte Holz wirft sich, wenig und hält sich im
Trockenen sehr lange und wird daher als Bau-
holz sowie zu Tischler-, Drechsler-, Böttcher-
arbeiten und Resonanzholz benutzt.

Tannennadelöl (lat. Oleum abietis, frz. Essence
de sapin blanc, engl. Pine oil), das ätherische
Öl aus den Nadeln der Edeltanne, Abies
pectinata (A. alba Milk), wird durch Destilla-
tion mit Wasserdampf erhalten und als Parfüm
benutzt. Es riecht weit feiner als das aus
Fichtennadeln dargestellte Öl. Das spez. Gew.
schwankt zwischen 0,867 und 0,886, die Drehung
zwischen —34 und —6o°. Bestandteile sind
Pinen, Limonen, Bornylazetat undLaurinaldehyd.

Tannigen, Triazetyltannin, wird durch
Kochen von Tannin mit Essigsäureanhydrid bei
Gegenwart von Essigester oder Eisessig als ein
gelblichgraues, geruch- und geschmackloses, in
Wasser unlösliches Pulver dargestellt und als
adstringierendes und verstopfendes Mittel bei
Diarrhöen verordnet.

Tannoform wird durch Behandlung von Tannin
mit Formaldehyddämpfen dargestellt und findet
als Antiseptikum in der Wundbehandlung an
Stelle von Jodoform vielfache Anwendung.

Tannokol, ein durch Fällung von Tannin mit
Leim erhaltenes färb- und geruchloses Pulver,
dient als Darmadstringens.

Tannopin oder Tannon entsteht bei der
Fällung von Gerbsäure mit Hexamethylentetramin
und längerem Kochen des Niederschlages mit
Glyzerin als ein hellbraunes, geruch- und ge-
schmackloses Pulver, das sich kaum in Wasser,
Alkohol. Äther und schwachen Säuren, hingegen
völlig, wenngleich langsam, in verdünnten Alka-
lien löst. Es bildet ein adstringierendes Mittel
für Typhus und akute Darmerkrankungen.

Tanosal (Kreosal), der Gerbsäureester des
Kreosols (Kreosottannat), wird durch Behand-
lung eines Gemisches Von Gerbsäure und Kreosot
mit Phosgengas dargestellt. Das braune, amorphe,
schwach nach Kreosot riechende Pulver ist leicht
löslich in Wasser, Alkohol und Glyzerin und
wird in Form der 6,6°/oigen Lösung sowie von
Pillen an Stelle des Kreosots gegen Tuber-
kulose angewandt.

Tantal, ein Element aus der Reihe der sel-
tenen Metalle, Ta == 183. findet sich in der Natur
nicht frei, sondern nur in Form einiger wenig
verbreiteter Mineralien, den Kolumbiten und

Tantaliten, in Gemeinschaft mit Niob als Tan-
talsäure. Durch Reduktion mit Kohle oder
metallischem Natrium kann aus der Tantalsäure
das T. dargestellt werden. Es läßt sich zu sehr
dünnem Draht ausziehen und wird in dieser
Form an Stelle des Kohlenfadens zur Herstellung
elektrischer Glühlampen benutzt, die bei gleicher
Lichtstärke nur den halben Stromverbrauch haben.

Tapeten nennt man Wandbekleidungen aus
Papier, Leder oder Geweben. Im Hinblick auf
-die durch mit Schweinfurtergrün oder mit arsen-
haltigem Fuchsin gefärbte T. verursachten Ge-
sundheitsstörungen ist durch das Farbengesetz
vom s. Juli 1887 die Verwendung arsenhaltiger
Farben zu ihrer Herstellung verboten. Zulässig
ist lediglich die Verwendung arsenhaltiger Beizen
oder Fixierungsmitt^l, wenn die Tapeten das
Arsen nicht in wasserlöslicher Form und nicht
in Menge von mehr als 2 mg in 100 qcm ent-
halten.

Tarakanapulver (lat. Pulvis taracanae, frz.
Blatte orientale, engl. Blatte of Orient). Unter
diesem Namen kommt ein Arzneimittel in den
Drogenhandel, das aus den getöteten und ge-
pulverten, namentlich in Rußland sehr verbreite-
ten Küchenschaben besteht. Die schwarzen,
auch als Russen, Schwaben oder Schaben
bekannten käferähnlichen Tiere, Blatta oder
Periplaneta orientalis, gehören zu den Ge-
radflüglern (Orthopteren). Das aus ihnen
hergestellte, als Antihydropin bezeichnete Pul-
ver hat sich als ausgezeichnetes Mittel gegen
Wassersucht bewährt.

Tartrazin, ein seit 1885 bekannter Farbstoff,
wird durch Einwirkung von Phenylhydrazinmono-
sulfosäure auf Dioxyweinsäure gewonnen und
besteht aus der Natronverbindung des Reaktions-
produktes. Er ist der wichtigste Vertreter der
sog. Pyrazolon- oder Hydrazonfarbstoffe
(s. Teerfarben), welche durch die Atomgruppe
N.NH.R gekennzeichnet sind. Das schön orange-
gelbe Pulver ist in Wasser leicht löslich und
färbt Wolle im sauren Bade gelb.

Tauenpapier, ein sehr festes, aus gebrauchten
Seilen und Tauen gefertigtes Packpapier, wird in
verschiedenen Feinheitsgraden und Färbungen,
meist jedoch braun und auf einer Seite ge-
glättet, hergestellt. Man verkauft es in Rollen
oder in Bogen je nach Größe und Gewicht.

Taunusbrunnen in Groß-Karben. In 1000 g
sind nach R. Fresenius (1873) enthalten: Bi-
karbonate des Kalziums 1,6103 g, Bariums Spur,
Strontiums 0,0036 g, Magnesiums 0,2549 g, Eisen-
oxyduts 0,0183 g, Manganoxyduls 0,0026g; Chlo-
ride des Kaliums 0,0192 g, Natriums 1,5855 g,
Lithiums 0,0023 g, Ammoniums 0,0052 g, Magne-
siums 0,0867 g; Brommagnesium 0,0003 g, Jod-
magnesium 0,00001 g, Kaliumsulfat 0,0608 g, Na-
triumnitrat 0,0007 g, Kieselsäure 0,0161 g, freie
Kohlensäure 2,4148 g.

Tausendgüldenkraut (lat. Herba centaurii mi-
noris, frz. Petite Centaur6e, engl. Centaury tops)
besteht aus den getrockneten blühenden Stengeln
und Blättern von Erythraea Centaurium,
einer offizinellen ein- oder zweijährigen Pflanze
aus der Familie der Gentianeen, die in Europa,
Nordafrika und im Orient auf Wiesen und Triften,
an Rainen und im Gebüsch wild wächst. Sie
wird 1V2—4V2 dm hoch, hat einen vierkantigen,
        <pb n="450" />
        ﻿Taxin

443

Tee

nach oben verästelten Stengel, gegenüberstehende,
länglichovale Blätter und sehr kleine, trichter-
förmige, dünnröhrige, fünfspaltige, rosenrote, sel-
tener weiße Blüten, die eine flache Trugdolde
bilden. Das blühend ohne die stärkeren Stengel-
teile gesammelte Kraut ist geruchlos, schmeckt
aber intensiv und rein bitter und wird in Form
von Abkochungen und Extrakten zu bitteren
Magenmitteln wie Enzianwurzel gebraucht. Außer-
dem verwendet man dasselbe zum Bittermachen
von Likören.

Taxin, ein in den Blättern von Taxus bac-
cata (siehe Eibenbaumblätter) enthaltener
Giftstoff, gehört zu den stickstoffhaltigen orga-
nischen Basen und bildet ein in Alkohol und
Äther lösliches, weißes, kristallinisches Pulver
von bitterem Geschmack. Man gewinnt es durch
Extraktion der Taxusblätter mit Äther, Abdestil-
lieren des letzteren, Behandeln des Rückstandes
mit angesäuertem Wasser und Fällen mit Am-
moniak. T. ist für medizinische Zwecke emp-
fohlen worden.

Teakholz. Der auch als indische Eiche
bezeichnete Teakbaum, Tectonia grandis,
der als einer der höchsten aller Bäume in den
hoch und trocken liegenden Wäldern Ostindiens
vorkommt, zeichnet sich durch schnelles und
gerades Wachstum aus und erreicht in 100 Jahren
seine volle Stärke. Das hellbraune, poröse und
ölhaltige Holz, das sich gut bearbeiten läßt,
bildet wegen seiner Widerstandsfähigkeit gegen
Wurmfraß und seiner Haltbarkeit im Wasser, die
dreimal größer als diejenige des Eichenholzes ist,
einen gesuchten Rohstoff für Wasserbauten. Vor
allem wird es beim Schiffsbau, u. a. als Unter-
lage für die Panzerplatten der Kriegsschiffe be-
nutzt. Infolge der regen Nachfrage sind die Be-
stände bereits stark gelichtet, nur auf Malabar,
Java und Zeylon ist der geschätzte Baum noch
in größeren Mengen erhalten, und man hat
daher neuerdings künstliche Pflanzungen an-
gelegt. Die Blüten und Blätter der T. werden
in den Tropen gegen Cholera und Harnleiden
angewandt. — Australisches T. stammt von
Endiandra glauca, afrikanisches T. von
Oldfielda africana und Pterocarpus eri-
ttaceus. Beide sind vortrefflich für denBau von
Eisenbahnwagen geeignet.

Tee (lat. Thea, frz. Thd, engl. Tea) besteht
aus den zusammengerollten und getrockneten
Elättern des zu den Ternströmiazeen ge-
hörigen Teestrauches, Thea chinensis, eines
immergrünen Strauches oder kleinen Baumes,
der in China und Japan heimisch, nach Java,
Indien und Amerika verpflanzt worden ist. Er
ist wild wachsend bis zu to m, angebaut aber
höchstens 3 m hoch, trägt glänzend kahle, leder-
artige Blätter, weiße oder rosenrote Blüten und
dreifäcberige, dreisamige Kapseln mit kirsch-
kerngroßen, glänzend braunen Samen. Nach der
Größe der Blätter unterscheidet man den klein-
und dickblättrigen T. (Thea chinensis mi-
crophyllä) in China und Japan mit 4—7 cm
'angen, 2—3 cm breiten Blättern und den als
eigentliche Stammpfianze betrachteten groß- und
dünnblättrigen oder Assam-T. (Thea chi-
■tensis assamica) in Ostindien und Zeylon mit
•o—14 cm langen und 4—5 cm breiten Blättern.
Weniger wichtige Abarten sind T. viridis mit

langen, breitlanzettlichen, T. Bohea mit kurzen,
verkehrt eiförmigen, und T. st riet a mit schmalen
Blättern. Der T. wächst in China zwischen
25 und 310 n. Br., geht aber auch bis zu 400
n. Br. hauptsächlich in Betg- und Plügelland.
Man baut ihn in ganzen Hainen oder in Reihen
zwischen Feldern und selbst auf Dämmen der
Reisfelder in leicht sandigem, ajber gut gedüng-
tem Boden. Die aus Samen gezogenen Pflänz-
linge werden in Abständen von 1,25 m gepflanzt
und im dritten Jahre auf etwa 60 cm gestutzt.
Man hält die Sträucher beständig unter dem
Schnitt in I—3 m Höhe, lockert häufig die
Erde, beseitigt das Unkraut und düngt mäßig.
Nach sieben Jahren werden alle Schößlinge zu
neuem Stockausschlag abgeschnitten und treiben
dann sehr zarte Blätter. Die Ernte erfolgt vier-
bis fünfmal im Jahre. Im Februar und März
pflückt man die glänzenden, eben aus der Knospe
entfalteten Blättchen mit weißer Behaarung, die
sog. Teeblüten (Pekko), und danach in Ab-
ständen von 1V2 Monaten bis zum Oktober die
später entwickelten Blätter, von denen diejenigen
der ersten Ernte die besten sind. Zur weiteren
Verarbeitung werden zwei verschiedene Verfahren
eingeschlagen, je nachdem man grünen oder
schwarzen Tee zu erhalten wünscht. Zur Dar-
stellung des grünenT. werden die Blätter gleich
nach dem Pflücken schwach gedämpft, mit den
Händen gerollt und in Pfannen, auf freiem Feuer
rasch geröstet, wobei sie ihre grüne Farbe be-
halten. Der schwarze T. entsteht dadurch, daß
man die schwach erhitzten Blätter 2—3 Tage
lang einer Gärung, nach Art der Braunheuberei-
tung überläßt und dann trocknet. Durch die
Einwirkung von Enzymen (Oxydasen) wird hier-
bei ein besonderes Aroma entwickelt, ein Teil
des Gerbstoffs zerstört und die grüne Farbe in
Schwarz umgewandelt. Die Abfälle, Zweigspitzen
und Stengelteile, werden, meist unter Zuhilfe-
nahme von Gummi, Blut oder anderen Binde-
mitteln, zu Backstein- oder Ziegeltee, Bruch-
tee, Würfeltee oder Lügentee zusammen-
gepreßt. Zur Erhöhung des Duftes werden bis-
weilen wohlriechende Blätter und Blüten bei-
gemischt. — Von den zahlreichen Sorten des
chinesischen T. gehören zum schwarzen T.
der aus den jüngsten Zweigspitzen mit noch
nicht völlig entfalteten, silberhaarigen Blättern
bestehende Pekko, ferner der Kongo oder
Concho mit 3—8 cm langen, U/s—2 cm breiten,
braunen bis braunroten Blättern, Souchong mit
ausgewachsenen, s cm langen und bis 2 m
breiten bräunlichen, ins Violette spielenden Blät-
tern und Kapernconcho, Kaperntee, die
geringste Sorte des schwarzen T. Der feinste
grüne T., der Haysan, aus bläulichgrünen,
zylindrisch, nicht spiralig gerollten, seidenhaarigen
Blättern, zerfällt in die beste Sorte Junghaysan
und die geringere Haysanskin. Auslese ist der
Kaisertee, Imperial. Gunpowder, der zu
Körnchen geformt in den Handel kommt. Ton-
kay oder Twankay bildet die Mittelsorte, Perl-
oder Pulvertee die geringste. Weiter kommt
aus China noch sog. gelber Tee (Blumentee),
der in gleicher Weise wie der grüne hergestellt,
aber im Schatten getrocknet wird. Er umfaßt
den gelben Oolong, den gelben Mandarinen-
und Karawanentee. Ganz ähnliche Erzeugnisse
        <pb n="451" />
        ﻿Teer

444

Teer

werden neuerdings. in steigenden Mengen aus
Zeylon, Ostindien und Java eingeführt. Sie be-
sitzen einen kräftigeren Geschmack als. der chi-
nesische Tee, aber ein weniger, feines Aroma.
Als wirksame Bestandteile enthält der T.
vor allem Koffein (Teein), dessen Menge zwi-
schen i und 5 °/o schwankt und im Mittel 2,6%
beträgt. Am reichsten an diesem Stoffe sind die
besseren schwarzen und die geringeren grünen
Sorten. Die Feinheit des T. wird aber nicht
durch das Koffein, sondern durch das in Menge
von V2—i°/o vorhandene ätherische Öl ver-
ursacht. Der zusammenziehende Geschmack be-
ruht auf der Anwesenheit von Gerbstoff, der
im frischen Teeblatt etwa 20—25 °/o, im grünen

T.	16—18% und im schwarzen 10—12% aus-
macht. Um nicht zu herbe Aufgüsse zu erhalten,
empfiehlt es sich daherj den T. mit heißem
Wasser nicht zu lange, sondern nur bis zur hell-
gelben Farbe ziehen zu lassen. Von anderen
Stoffen enthält der Tee noch 20—40% Protein,

3—15 0/0 Fett, Chlorophyll, Wachs und Harz,

9—iS°/o Rohfaser und erhebliche Mengen, 4 bis
8%, Mineralstoffe, die durch einen hohen Man-
gangehalt ausgezeichnet sind. Wegen seines Ge-
haltes an Koffein wirkt der T. anregend auf
Nerven und Gehirn, erregt aber im Übermaß
Schlaflosigkeit, Zittern und Abspannung. Der
hohe Preis veranlaßt zahlreiche Verfälschun-
gen. Beimischungen von fremden Blättern: Wei-
den (Kanton-T.), Weidenröschen (Russischer,
Koporischer, Iwantee), Schlehen, Erdbeeren,
Eschen, Ulmen, Holunder, Rosen, Johannis-
beeren (Warschauer T.), Steinsamen (Böh-
mischer, Kroatischer T.) und zahlreichen
anderen, sind beobachtet worden und wegen der
kennzeichnenden Zähne, Idioblasten und Gesamt-
form des echten T. leicht nachzuweisen. Als Ver-
fälschung ist auch die Beimischung minderwerti-
ger Sorten zu guten zu betrachten. Die Unter-
suchung erstreckt sich auf die Bestimmung des
Wassergehaltes (8'—12 0/0), der Asche (minde-
stens 3, höchstens 8o/0, davon 500/0 in Wasser
löslich), des wäßrigen Extrakts (30—400/0, min-
destens 240/0), des Teeins (1 o/0). Ein Mittel zur
Vorprüfung auf extrahierte Blätter bietet die
Erhitzung zwischen zwei Uhrgläsern, wobei
echte Ware ein Sublimat von Koffeinkristallen
liefert. Die Aufbewahrung des T. muß in
gut verschlossenen Gefäßen bei Lichtabschluß
erfolgen, da er leicht Gerüche anzieht und
bei Feuchtigkeit modrig wird. — Als Deut-
scher Tee, Haustee, Waldtee und unter
ähnlichen Bezeichnungen sind in der Kriegszeit
vielfach Gemische verschiedener Blätter , und
Kräuter von Brombeeren, Erdbeeren, Himbeeren,
Waldmeister u. dgl. sowie auch Hagebutten-
kerne, Apfelschalen benutzt worden. Durch
Fermentieren der genannten Blattsorten hat
man versucht, Teesorten herzustellen, die dem-
echten chinesischen Tee ähneln; ob sich diese
Erzeugnisse im Verbrauche halten werden, hängt
von der Zukunft der deutschen Einfuhr ab.

Teer (lat. Pix, frz. Goudron, engl. Tar). Diesen
Namen führen alle bei der trockenen Destillation
organischer Körper entstehenden Stoffe, die eine
ölige, mehr oder weniger dickflüssige, zähe Be-
schaffenheit, eine braune bis schwarze Farbe
und meist einen unangenehmen Geruch haben.

Häufig bildet der Teer ein Nebenprodukt, wie
bei der Herstellung von Leuchtgas und Holz-
essig. Vielfach wird die Destillation aber auch
nur zum Zwecke der Teergewinnung ausgeführt,
wie z. B. beim Schwelen der Braunkohlen. Der
Teer ist kein einheitlicher Stoff, sondern ein
Gemisch zahlreicher verschiedener Verbindungen,
deren Art und Menge in den einzelnen Sorten
großen. Schwankungen unterliegt. Selbst in ein
und derselben Teerart, wie im Steinkohlenteer,
kann das Mengenverhältnis der- einzelnen Be-
standteile außerordentlich wechseln, je nach der
Art der Kohle und des Betriebes und besonders
der Temperatur und Dauer der Destillation. Im
Handel unterscheidet man hauptsächlich fol-
gende Teersorten: 1. Der Holzteer (vegeta-
bilischer Teer, lat. Pix liquida seu navalis,
frz. Goudron vegötal, engl. Vegetable tar), eine
schwarze bis dunkelbraune Masse von lang an-
haltendem, durchdringendem Geruch und schar-
fem, bitterem Geschmack, brennt mit leuchten-
der, rußender Flamme und löst sich völlig in
Alkohol, hingegen nur teilweise in Äther und
Terpentinöl. Das spez. Gew. beträgt ungefähr
1,060. Zurzeit wird der Holzteer meist als Neben-
produkt bei der Herstellung des Holzessigs sowie
in denjenigen Gasanstalten, die noch Holz ver-
arbeiten, gewonnen. Doch stellt man ihn in
holzreichen Gegenden auch noch nach alter Art
in Teerschwelereien dar. Schon bei der
gewöhnlichen Meilerverkohlung läßt sich etwas
Teer gewinnen, wenn aus dem Inneren ein
schräg abfallendes Gerinne in ein verdecktes
Sammelgefäß geleitet wird. Bei der eigentlichen
Teerschwelerei benutzt, man gewöhnlich Kien-
holz, harzige Wurzeln, Stöcke .»und Rinden, so
daß die übrig bleibenden Kohlen von geringem
Werte sind. Doch schwelt man bisweilen auch
andere Hölzer und schätzt namentlich den
Buchenholzteer als eine bevorzugte Sorte.
Das zuerst abfließende, dünnere und flüssig6
Destillat (weißer T.) sieht bräunlich oder gelb-
lich aus, schwimmt auf Wasser und wird meist
zum Abdestillieren des Kienöls benutzt, wobei
als Rückstand weißes Pech hinterbleibt. Die
mittlere, etwas dunklere Sorte ist der Rad- oder
Wagenteer. Der letzte, dickste, schwarzbraune
und am übelsten riechende schwarze oder
Schiffsteer (lat. Pix navalis, frz. Poix noire,
engl. Pitch) dient zupa Teeren des Tauwerks und
Kalfatern hölzerner Schiffe. Der Holzteer be-
steht aus Phenol, Kresol, Phlorol und ähnlichen
Körpern, ferner Brenzkatechin, Zedriret, einigen
flüssigen Kohlenwasserstoffen, et was Paraffin und
stickstoffhaltigen öligen Basen. Der Birken-
teer (lat. Oleum betulinum seu rüsci, frz. GoU'
dron de bouleau, engl. Birch tar), der in Rußland
in großer Menge erzeugt und zur Herstellung des
Juchtenleders verwandt wird, und der Buchen-
teer sind durch einen höheren Gehalt an GuaJa'
kol gekennzeichnet. Medizinisch wird Buchen-
teer bei Hautkrankheiten sowie als Einreibung5'
mittel gegen Gicht und Rheumatismus angewand*-
—. 2. Torfteer (frz. Goudron de tourbe, eng'-
Turf tar) gleicht dem aus harzarmen Hölzern ge'
wonnenen Holzteer, z. B. dem Buchenholzteer, 15
aber weniger geschätzt als der aus harzreiche11
Hölzern bereitete Holzteer. Man erhält a119
gutem Torf eine Ausbeute von 6—9 °/o.
        <pb n="452" />
        ﻿Teerfarben	445	Teerfarben

3.	Braunkohlenteer, Bergteer (lat. Pix car-
bonis, frz. Goudron de lignite, engl. Wood coal
tar). Obschon jede Braunkohle T. liefert, be-
nutzt man doch zur Paraffingewinnung nur die-
jenigen Sorten, die reich an Pyropissit (vgl.
Paraffin) sind. Der Braunkohlenteer ist eine
dicke, dunkelbraune, übelriechende Flüssigkeit,
die nur wenig Kresol und Phenol, dagegen haupt-
sächlich Paraffin und flüssige Kohlenwasserstoffe
der verschiedensten Art enthält. Die leichter
flüchtigen Bestandteile werden unter dem Namen
Photogen, die schwerer flüchtigen als Solaröl
verkauft. Der Rückstand von der Destillation
des Braunkohlenteers ist der Braunkohlen-
asphalt oder das Braunkohlenteerpech. Die
Ausbeute an Braunkohlenteer ist sehr verschie-
den und schwankt zwischen 6 und 25%. •—

4.	Der Steinkohlenteer (lat. Pix lithanthracis
seu carbonis. frz. Goudron d'houille, engl. Coal
tar) wird in bedeutenden Mengen bei der Er-
zeugung' von Leuchtgas aus Steinkohlen als
Nebenprodukt erhalten und dient zur Gewin-
nung zahlreicher wertvoller Bestandteile. Er
bildet eine dicke, schwarze, klebrige, stark be-
täubend riechende Flüssigkeit, die schwerer als
Wasser und mit diesem nicht mischbar ist. Seine
wichtigsten- Bestandteile sind Benzol, Toluol,
Xylol, Kumol, Zymol, Phenol, Kresol, Anilin,
Toluidin, Xylidin und ähnliche Basen, endlich
Naphtalin, Anthrazen, Chrysen, Diphenyl, Flu-
oren, Phenanthren, Fluoranthren und Pyren. Der
bei der Destillation des Steinkohlenteers hinter-
bleibende Rückstand erstarrt beim Erkalten zu
einer harten, schwarzen Masse von muscheligem
Bruch, dem St einkohlen teerpech oder Stein-
kohlenasphalt, dem Rohstoff zur Herstellung
von Dachpappen und Asphaltfußböden. —

5.	Animalischer Teer (tierischer Teer,
Franzosenöl, Hirschhornöl, lat. Oleum ani-
male foetidum, frz. Huile animale, engl. Animal
oil) wird durch trockene Destillation von Kno-
chen, Haut, Leder, Horn und anderen tierischen
Abfällen gewonnen. Er bildet eine außerordent-
lich übelriechende, dunkelbraune, ölige Flüssig-
keit, die eine große Zahl stickstoffhaltiger orga-
nischer Basen und Kohlenwasserstoffe enthält.
Man- verwendet das Tieröl in der Tierheilkunde
gegen Räude der Schafe, zum Fernhalten von
Insekten in der heißen Jahreszeit, zum Vertreiben
von Hamstern, Kaninchen usf. Die aus dem
Tieröl durch Rektifikation erhaltenen, leichter
flüchtigen Teile bilden eine gelbliche, an der
Luft sich dunkler färbende Flüssigkeit, die unter
dem Namen Dippels öl, gereinigtes Tieröl
(lat. Oleum animale aethereum, Oleum animale
Dippelii, frz. Huile animale volatile ou Huile de
Dippel, engl. Volatil animal oil) medizinisch als
krampfstillendes Mittel Verwendung findet.

Teerfarben (Anilinfarben) nennt man die
große Zahl der aus den Bestandteilen des Stein-
kohlenteers (s. Teer) gewonnenen, im weiteren
Sinne aber auch allekünstlich hergestellten organi-
schen Farbstoffe überhaupt. Sie alle enthalten
mindestens eine ringförmige Atomgruppe (Ben-
zol, Naphtalin, Anthrazen, Chinolin) und überdies
neben Kohlenstoff und Wasserstoff noch Sauer-
stoff, Stickstoff, Schwefel oder mehrere dieser
Elemente nebeneinander. Als Ausgangsmateria-
lien kommen besonders die Kohlenwasserstoffe

Benzol, Toluol, Xylol, Naphtalin, Phenanthren,
Anthrazen und die sauerstoffhaltigen Phenole und
Kresole in Betracht, des weiteren aber auch zahl-
reiche von diesen abgeleitete Halogenderivate
(Benzylchlorid), Nitroverbindungen (Nitrobenzol),
Sulfosäuren, Aminoverbindungen (Anilin), Diazo-
verbindungen, Hydrazine usw. An Stelle der
hierdurch gegebenen Unterscheidung in Benzol-,
Toluol- usw. Farbstoffe teilt man die T. neuer-
dings auf Grund ihrer chemischen Konstitution
z.B.nach Möhlau und Eucherer in folgende
Gruppen ein: 1. Nitro- und Nitrosophenol-
farbstoffe, 2. Azofarbstoffe, 3. Pyrazolon-
farbstoffe, 4. Di- und Triphenylmethan-
farbstoffe, 5. Xanthenfarbstoffe, 6. An-
thrazenfarbstoffe, 7. Oxychinonfarbstoffe
der Benzol- und Naphtalinreihe, 8. Para-
chinoniminfarbstoffe, 9. Azinfarbstoffe,
10. Oxazinfarbstoffe.n.Thiazinfarbstoffe,
12. Thiazolfarbstoffe, 13. Schwefelfarb-
stoffe, 14. Pyridin-, Chinolin- und Akri-
dinfarbstoffe, 15. Indigo- und Thioindigo-
farbstoffe. Die einzelnen Gruppen sowie ihre
wichtigsten Vertreter sind in besonderen Ab-
schnitten besprochen. — Nach ihrem verschiede-
nen Verhalten zu den Geweben und Gespinst-
fasern unterscheidet man weiter homochrome,
heterochrome und Pigmentfarbstoffe. Die
ersteren, welche direkt ohne Beize färben, zer-
fallen in drei Unterabteilungen: a) Basische
Farbstoffe, die Wolle in wäßriger Lösung ohne
jeden Zusatz, Baumwolle aber erst nach vor-
herigem Beizen mit Tannin und Metallsalzen
färben und daher auch Tanninfarbstoffe genannt
werden. Bei ihnen ist die Base des Salzes die
färbende Ursache, b) Saure Farbstoffe, die
Wolle in einem Bade aus Säuren oder sauren
Salzen, Baumwolle hingegen gar nicht färben.
Bei ihnen beruht die Farbwirkung auf der Säure
des Salzes, c) Substantive Farbstoffe, die
ausnahmslos Baumwolle direkt oder nach Zusatz
neutraler oder schwach alkalischer Salze, zum
großen Teile aber auch Wolle im neutralen
Glaubersalz- oder Kochsalzbade färben. — Die
Glieder der zweiten Gruppe, die heterochro-
me n F arbstoff e, die alle schwach sauren Charakter
besitzen und mindestens zwei saure Gruppen
(Plydroxyl- oder Karboxylgruppen) enthalten, fär-
ben die Faser nicht direkt, sondern erst nach
der Behandlung mit einer Beize (s. d.), wodurch
Farblacke entstehen. Zu ihnen gehört besonders
das Alizarin. — Zu den Pigmentfarb-
stoffen gehören nur verhältnismäßig wenige
Farbstoffe, welche auf der Faser erzeugt wer-
den, besonders Anilinschwarz, Indigo u. a. —
Nach einer anderen Einteilung unterscheidet
man die Farbstoffe auch wohl in substan-
tive, die ohne Beize, und in adjektive, die
nur mit einer Beize färben. Man findet dann,
daß sich zahlreiche Farbstoffe gegen tierische
Fasern (Wolle, Seide) substantiv, gegen Pflan-
zenfaser aber adjektiv verhalten, und daß z. B.
die basischen Farbstoffe der vorstehenden
Gruppierung sowohl substantiv als adjektiv sein
können. Die Herstellung der Teerfarben be-
ginnt mit der Entdeckung des ersten violetten
Farbstoffs aus Anilin, des Mauveins, durchPerkin
im Jahre 1856, der bereits drei Jahre später, 1859,
die Synthese des Fuchsins durch Verguin und

|ll.

282.

£53.

172.

176.

'■ure 381.

ü 323.

32.

407

219.

8.

m ; t;.

147.

'6.

j |B.

156.

1*17.
s 150.

:'&gt;3.

48.

: 19.

2.

. 135.
ster 357,

1 82.
        <pb n="453" />
        ﻿m





Teigwaren

446

Terpentin



zahlreicher anderer Anilinfarbstoffe, so des Ani-
linblaus durch Girard und de Laire, des Methyl-
grüns und des Methylvioletts folgten. Jedes Jahr
brachte neue Farbstoffe und Farbstoffgruppen
(1869 die Azofarbstoffe durch, Peter Grieß, Aliza-
rin und andere Anthrazenfarbstoffe durch Grabe
und Liebermann), bis im Jahre 1880 mit der
künstlichen Darstellung des Indigos durch
A.v. Baeyer ein Höhepunkt der chemischen Syn-
these erreicht wurde. Auf der Grundlage dieser
streng wissenschaftlichen Forschung entwickelte
sich eine blühende Industrie, in der zurzeit
Deutschland die unbestrittene Führung über-
nommen hat. Der Wert der Erzeugung stieg von
24 Millionen Mark im Jahre 1874 auf 65 Mil-
lionen Mark im Jahre 1890, und im Jahre 1908
erreichte allein die Ausfuhr die Höhe von 63000
Tonnen im Werte von mehr als 120 Millionen
Mark. — Die Teerfarbstoffe finden ausgedehnte
Anwendung in der Färberei, Zeugdruckerei, Bunt-
papier- und Tapetenfabrikation, zum Färben von
Holz, Metall, Leder sowie zur Herstellung von
Kinderspielzeug und Tinten. Für viele Zwecke
haben sie wegen ihrer glänzenden, in jeder ge-
wünschten Abstufung herstellbaren Töne die
natürlichen Farbstoffe völlig verdrängt, und im
Gegensätze zu der früher weit verbreiteten An-
sicht gibt es jetzt zahlreiche T,, die nicht nur
(für Woll- und Seidenfärberei) völlig waschecht
sind, sondern auch große Lichtbeständigkeit
zeigen. Selbst die für Tapeten beliebten Mode-
farben lassen sich durchaus lichtecht erzielen.
— Die T. des Handels enthalten oft Zusätze
nicht färbender Stoffe, die zum Teil erlaubten
Zwecken dienen, wie der Erzielung eines be-
stimmten Farbtones oder der Erleichterung ihres
Gebrauchs. Es sind aber auch direkte Verfäl-
schungen oder Beschwerungen beobachtet wor-
den. Die Erkennung derartiger Fremdstoffe,
soweit sie anorganisch sind, wie Kochsalz, Glau-
bersalz, Schwerspat, erfolgt mit Hilfe der Aschen-
bestimmung. Stärke und Zucker können mikro-
skopisch erkannt werden. Der Nachweis von
Dextrin gelangt meist durch Behandlung mit
Alkohol.1

Teigwaren. Unter diesem Namen faßt man
eine ganze Reihe von Erzeugnissen, wie Nu-
deln, Makkaroni (Vermicelli), Gräupchen
und Suppeneinlagen, zusammen, die ursprüng-
lich in Italien (Makkaroni) hergestellt wurden,
seit längerer Zeit aber auch in Deutschland von
zahlreichen Fabriken in großen Mengen, ungefähr
500000 dz, in den Verkehr gebracht werden.
Das sehr einfache Verfahren besteht im Grunde
darin, daß man einen mit Hilfe von Weizenmehl
oder -grieß (Hartweizen) und Wasser oder Eiern
hergestellten Teig entweder dünn auswalzt und
in Streifen schneidet oder durch besondere Ma-
schinen in Faden- oder eine andere Form preßt
und dann bei erhöhter Temperatur trocknet.
Nach der Form unterscheidet man hauptsächlich
Band-, Faden-, Röhren- oder Schnittnudeln, Perl-
gräupchen, Sternchen, Hörnchen und Tierformen..
Wichtiger ist die Unterscheidung nach der Art
der benutzten Zutaten in Wasserteigwaren
und Eierteigwaren, von denen die ersteren
aus einem Teig von Mehl und Wasser, die
letzteren aus einem Gemisch von Mehl und
Eiern hergestellt werden. Zwischen den, beiden

Endgliedern dieser Reihe finden sich zahlreiche
Übergangsstufen aus Mehl, Wasser und geringen
Eierzusätzen, auch wird an Stelle des ganzen Ei-
inhalts, vielfach getrocknetes oder auf andere
Weise konserviertes Eigelb verwandt. Im Hin-
blick auf den Umstand, daß viele sog. Eierteig-
waren des Handels nur verschwindend geringen
oder gar keinen Eigehalt aufwiesen, durch künst-
liche Auffärbung mit gelben Teerfarben aber den
Anschein einer gehaltreichen Ware besaßen, er-
schien es zweckmäßig, den Begriff der normalen
Beschaffenheit, insbesondere einen Mindestgehalt
von Eiern, festzulegen. Die Ansichten über die
erforderliche Menge gehen zurzeit noch ausein-
ander. Während die Fabrikanten ursprünglich
einen Mindestgehalt von 75 Eiern für den Zent-
ner Mehl als erforderlich, später aber auch 50
und 30 Eier als ausreichend bezeichneten, ja
schließlich sogar jede Begrenzung ablehnten, ver-
treten die Nahrungsmittelchemiker die Ansicht,
daß Eiernudeln mindestens 400 Eier auf 100 kg
Mehl enthalten müssen. Die sächsischen Nah-
rungsmittelchemiker haben sich für die Fest-
setzung von 200 Eiern für 100 kg Mehl aus-
gesprochen. Die weitere Forderung, daß eine
künstliche Färbung zu kennzeichnen- sei, wird
auch von den Fabrikanten anerkannt. Die Fest-
stellung des Eigehaltes in Nudeln stützt sich auf
die Ermittlung der dem Eigelb eigentümlichen
Bestandteile: Lutein (Eifarbstoff), Cholesterin,
Lezithin und Fett, sie bietet aber gewisse Schwie-
rigkeiten, weil mit längerer Aufbewahrung eine
Veränderung der' Eisubstanz verbunden ist. Ab-
gesehen von dem Eigehalte stellt man an die
T„ die ein wertvolles Nahrungsmittel für den
Massenverbrauch darstellen, die Forderung, daß
sie keine anderen Mehle als Weizenmehl ent-
halten, beim Kochen nicht zerfallen und keine
trübe oder sauer reagierende Brühe liefern.

Tellur, ein dem Schwefel und Selen nahe
verwandtes Element vom Atomgewicht 127, fin-
det sich in der Natur nur selten, und zwar ent-
weder gediegen oder in Verbindung mit Gold
und Silber im Schrifterz oder mit Blei und
Silber im Tellurblei. Die wichtigsten Fund-
orte sind in Siebenbürgen, im Altai und auf der
liparischen Insel Vulkano. Praktische Verwen-
dung findet nur das tellursaure Kalium (Ka-
liumteliurat, lat. Kalium telluricum) ein in
wasserlöslichen Nadeln kristallisierendes Salz, das
zur Verhinderung des Nachtschweißes von Phthi-
sikern medizinisch benutzt wird. Bei längerem
Gebrauche des Mittels, das keinerlei unangenehme
Nebenwirkungen zeigt, nimmt der Atem einen
knoblauchartigen Geruch an.

Tereben, eine gelbliche, bei 1600 siedende,
ölige Flüssigkeit, die an Stelle des Terpentinöls
medizinische Anwendung findet, wird durch
wiederholte Destillation von Terpentinöl oder
anderen Terpenen mit etwas konzentrierter
Schwefelsäure dargestellt. Es ist nicht, wie früher
angenommen wurde, eine einheitliche Verbin-
dung, sondern ein Gemisch mehrerer Kohlen-
wasserstoffe.

Terpentin (lat. iWebinthina, frz. Terdben-
thine, engl. Turpentine) nennt man die frisc,hen,
durch Lufteinwirkung noch nicht veränderten
Harzausflüsse verschiedener Koniferen, die als
Gemische von Harz und ätherischen ölen zu
        <pb n="454" />
        ﻿Terpentin

den Balsamen gehören und erst beim Eintrock-
nen unter Verlust der flüchtigen Stoffe in Harz
(s. Ficbtenharz) übergehen. Zur Gewinnung der
zwischen Holz und Rinde öderen besonderen
Hohlräumen gebildeten Ausscheidungen macht
man entweder durch die Rinde senkrechte rinnen-
artige Einschnitte, an deren unterem Ende die
Masse in besonderen Vertiefungen oder unter-
gestellten Gefäßen aufgefangen wird, oder man
bohrt die Stämme an und läßt aus den mit
Pfropfen verschlossenen Löchern von Zeit zu
Zeit den Balsam ausfließen. Das Anhauen oder
Anbohren, der Bäume erfolgt im Frühjahr, das
Ausfließen dauert bis in den Herbst, und zwar
am reichlichsten bei der Sonne ausgesetzten
Bäumen mit dicker Rinde. Die gesammelten,
oft durch Erde oder Sand, Nadeln und Rinden-
Stückchen verunreinigten Massen werden durch
Schmelzen bei gelindem Feuer verflüssigt, durch
grobe Tücher oder eine Strohschicht geseiht und
auf Fässer gefüllt. In den Vereinigten Staaten
setzt man sie einfach in Fässern mit durchlöcher-
tem Boden der Sonnenwärme aus, worauf der
reine T. von selbst abtropft. Auch in Frank-
reich wird T. auf diese Weise gereinigt und Pate
de tdrdbenthine au soleil, als dickflüssige, oder
ä la chaudiere, als dünnflüssige Sorte, genannt.

—	Die Terpentine sind honigdicke, sehr zäh-
flüssige, je nach der Herkunft klare oder trübe,
aromatisch riechende und schmeckende Massen,
die, obschon im allgemeinen von gleicher Zu-
sammensetzung, doch in Konsistenz, Färbung,
Geruch und Ölgehalt Abweichungen zeigen und
nach den. Ursprungsländern in folgende Han-
delssorten unterschieden werden: i. Der ge-
wöhnliche, gemeine oder deutsche T. (lat.
Terebinthina communis), hauptsächlich von Pi-
nus Laricio, seltener von der Weiß- und
Rottanne, ist von zäher, etwas körniger Konsi-
stenz, gelblichweiß gefärbt und trübe sowie von
stark harzigem Geruch und bitterlich gewürz-
haftem Geschmack. Französischen T. nennt
man besonders die Abscheidung der Seestrand-
kiefern (Pinus maritima und P. pinaster),
die in verschiedenen Gegenden Südfrankreichs
Wälder bilden. Er ist dünnflüssiger und feiner
Und von angenehmem Geruch. Amerikani-
scher T. von Pinus palustris unterscheidet
sich vom gewöhnlichen nicht wesentlich und
fallt daher in dieselbe Gruppe. -— 2. Die beste
Sorte des Terpentins ist der venetianische
oder Lärchen-T. (lat. Terebinthina veneta, frz.
Tdrdbenthine de Vdnise; engl. Venetian turpen-
tine), der hauptsächlich in Tirol, Kärnten, Steier-
mark und weiter östlich bis nach Ungarn von der
Lärche, Larix decidua, gewonnen wird. Doch
gibt es auch in der Provence Lärchenwälder, die
echten venetianischen T. liefern. Die dickflüs-
sige, klebrige, ziemlich durchsichtige Masse ist
nur schwach gelblich gefärbt und stark faden-
ziehend und besitzt einen harzig gewürzhaften,
etwas zitronenartigen Geruch. — 3. Nordamerika
erzeugt die feinste aller Terpentinarten, den
kanadischen Terpentin (s. Kanadabalsam).

—	4. Österreichischer T. (lat. Terebinthina
austriaca, frz. Teröbenthine autrichienne, engl.
Austria turpentine) wird von Pinus Laricio
gewonnen und aus Niederösterreich in sog. Lä-
geln, kleinen ovalen Fässern, versandt. — 5. Ita-

Terpentinöl

lienischer T. (lat. Terebinthina italica, frz.
Täröbenthine italienne, engl. Italia turpentine)
ist von derselben Abstammung wie der venetiani-
sche T„ aber dunkler an Farbe. Die sonst noch
vorkommenden T„ wie ungarischer und zy-
prischer T. von Pistacia terebinthina,
haben wenig Bedeutung. — Terpentin dient
hauptsächlich dazu, Harze weicher und geschmei-
diger zu machen, und wird daher als Zusatz für
Siegellacke, Harzfirnisse, Lacke, Kitte und Atz-
gründe verwandt. Zur Herstellung von, Lack
kann nur die wasserfreie Venetianer Sorte benutze
werden; da sonst trübe Lacke entstehen. Sie
verbrennt im Gegensätze zu dem gewöhnlichen
wasserhaltigen T. ohne prasselndes Geräusch.
Weiter wird T. als Zusatz zu Salben, Pflastern
und Hufkitt sowie in der Medizin viel verwandt.
Auch bildet er den Rohstoff zur Darstellung des
Terpentinöls, des Kolophoniums und des
Isoprens (für Kautschuksynthese).

Terpentinöl (Terpentingeist, lat. Oleum
terebinthinae, frz. Essence de töröbenthine, engl.
Turpentine oil) wird in der Weise gewonnen, daß
man Terpentin mit Wasser aus eisernen Blasen
destilliert, wobei als Rückstand gekochter Ter-
pentin (lat. Terebinthina cocta, s. Resina pind,
frz. Rösine jaune, engl. Burgundy pitch) oder
nach völligem Austreiben des Wassers Kolo-
phonium (s.d.) hinterbleibt. Das übergegangene
Öl wird nach erfolgter Schichtentrennung von
dem Wasser abgelassen und zur Entfernung mit-
gerissener Farbstoffe, Harze und Säuren (Ameisen-
säure) nochmals mit Wasser und etwas Kalk de-
stilliert. Es erscheint dann als eine farblose,
leichte und leichtflüchtige, stark riechende und
brennend schmeckende Flüssigkeit, die mit ru-
ßender Flamme brennt und in Äther, Chloroform,
Schwefelkohlenstoff, Petroläther und 5—10 Teilen
90°/oigen Alkohols, nicht aber in Wasser löslich
ist. Das spez. Gew. beträgt 0,860—0,877, die
Siedetemperatur 155—165°. Französisches T.
ist stark linksdrehend, amerikanisches rechts-
drehend, nur ganz vereinzelt finden sich schwach
linksdrehende Öle. Beide im übrigengleichwerti-
gen Öle bestehen aus Gemischen isomerer Ter-
pene (zum allergrößten Teil Pinen), die in flachen
Gefäßen an der Luft nur teilweise verdunsten und
einen durch Sauerstoffaufnahme veränderten Rest
(Dicköl der Porzellanmaler) hinterlassen,
schließlich aber zu einem harten durchsichtigen
Firnis eintrocknen (verharzen). Auf dieser Eigen-
schaft beruht die Verwendung des T. als Binde-
mittel für Farben. T. löst die meisten Harze,
auch Kautschuk, Schwefel und Phosphor, mischt
sich mit ätherischen und fetten Ölen und Firnis
und wird daher vielfach in der Technik, be-
sonders zur Herstellung von Lacken, zum Ver-
dünnen von Ölfarben und leider zum Verfälschen
ätherischer Öle benutzt. Weiter dient es zur Ent-
fernung von Fettflecken und zum Bleichen sol-
cher Stoffe, die Chlor nicht vertragen, z. B. Elfen-
bein. In der Medizin wird es zu reizenden und
zerteilenden Einreibungen sowie bisweilen tropfen-
weise innerlich verordnet. Als Verfälschungs-
mittel hat man besonders höher siedende Petro-
leumdestillate, Harz- und Kampferöle beobachtet,
die sogar als selbständige Waren unter dem
Namen künstliches oder Patent-T. (Lari-
xolin, Paintojl) im Handel erscheinen und

447

-90.

1.

im 282.

I I-

ahische

1: 75.
i-tre 381.

k

1 323.
n ü-

407.

■ 4-6.

147.

15G.

17.

s 150.

»3.

rirens 241.

48.

.9.

429.

2.

135.

Ster 357,

1 82,
        <pb n="455" />
        ﻿Terpinhydrat

448

Theobromin

für manche Zwecke verwendbar sind. Sie ver-
ringern .aber wegen zu großer Flüchtigkeit die
Haltbarkeit der Lackanstriche und haben den
Nachteil des üblen Geruchs und der -Feuer-
gefährlichkeit. Zu ihrem Nachweise genügt die
Bestimmung des spez. Gew., des Entflammungs-
punktes und besonders der Refraktion, — Da die
Einfuhr von amerikanischem und französischem

T.	in den letzten Jahren den Bedarf nicht decken
konnte und eine ungewöhnliche Preissteigerung
die Folge war, die Schwierigkeiten im Laufe
des Krieges durch die mangelnden Zufuhren
naturgemäß noch zltnahmen, sind in Deutsch-
land und Österreich zahlreiche Versuche zur
Steigerung der eigenen Erzeugung gemacht wor-
den. Die Einführung des Flaschenverfahrens
zur Gewinnung des Harzes und die Extraktion
des kiefern- (Stubben-) Holzes haben die inlän-
dischen Ertragsziffern zwar bedeutend erhöht, es-
erscheint aber zweifelhaft, daß der ungefähr
300000 dz betragende Bedarf im Inlande ge-
deckt werden kann. — Außer dem französischen
und amerikanischen T. ist das deutsche (rus-
sisch-polnische) T., das richtiger als Kien-
öl (lat. Oleum pini, seu terebinthinae germani-
cum, frz. Essence de pin, engl. Pine oil) be-
zeichnet wird, eine wichtige Handelsware. Es
wird bei der Teerschwelerei aus dem Wurzel-
holze der Kiefer, Pinus silvestris, ge-
wonnen, zeigt eine gelbliche Farbe, sowie ziem-
lich starken, unangenehmen Geruch und trocknet
nicht so schnell wie amerikanisches oder fran-
zösisches T. Das Kienöl ist daher zum Mischen
mit Lacken nicht geeignet, für Ölfarben nur,
wenn es sich um äußere VVnstriche handelt,
da sein Geruch zu unangenehm wirkt. Es
kommt aus Polen, Ostpreußen und Österreich
in den Handel. — Des weiteren seien noch
spanisches, griechisches, österreichi-
sches,1 venetianisches und indisches

T.	als besondere Sorten genannt. Das spani-
sche T. stimmt mit dem französischen überein
und hat neuerdings an Bedeutung gewonnen.
Das griechische T„ aus dem Terpentin det
Aleppoföhre, Pinus halepensis Miller, ist
durch starke Rechtsdrehung ausgezeichnet («u
etwa -{-40°). Das österreichische (Neustädter)

T.	stammt von der Schwarzkiefer, Pinus
Laricio Poiret, das venetianische vom
Lärchenbaum und. das indische von Pinus
longifolia Roxb. Im Gegensatz'zu den übrigen
Terpentinölsorten enthält das indische T. nur
wenig Pinen, dagegen als Hauptbestandteil Syl-
vestren. — Dem Terpentinöl verwandte öle sind:

1.	Templin- oder Edeltannenzapfenöl, das
aus den Zapfen von Abies alba Milk ge-
wonnen wird (lat. Oleum templinum, frz. Essence
de templinum, engl. Templin oil). Als Her-
kunftsländer kommen die Schweiz und Thüringen
in Betracht. Es hat ein spez. Gew. von 0,851
bis 0,87,0 und eine Drehung von —60 bis ■—84°
und besteht zum größten Teil aus Linkslimonen.

2.	Edeltannennadelöl siehe unter Tannen-
nadelöl. 3. Latschen- oder Krummholzöl
(s. d.). 4. Fichtennadel- oder Kiefernnadel-
pl (s. d.). Diese vier Öle werden mehr in der
Parfümerie und als Einreibungsmittel verwandt.

Terpinhydrat (lat. Terpinum hydratum, frz.
Terpine hydratde, engl. Terpin Hydrate), C10H18.

(OH)2.H20, nennt man die farblose, durchsich-
tige und geruchlose Kristallmasse, die sich bei
längerem Stehen aus einer Mischung von Ter-
pentinöl, wasserhaltigem Alkohol und Salpeter-
säure abscheidet. Das T. schmilzt bei 116—1170	|

und geht dabei unter Verlust von Wasser in
weißes kristallinisches Terpin über. Man ver-
wendet es seit einiger Zeit medizinisch bei Lungen-
affektionen und Diphtherie.

Terra, die lateinische Bezeichnung für Erde,
wird im Drogenhandel für folgende Stoffe ge-
braucht, die jedoch nicht immer Erden im ge-
wöhnlichen Sinne des Wortes sind: T. japonic.a,
ein Pflanzenstoff, s. Katechu; T. di Siena,
s. Sienaerde; T. tripolitana, s. Tripel; T.
viridis, Grüne Erde.

Terrakotten sind aus gewöhnlichem, doch fein
bearbeitetem Ton gebrannte, unglasierte Stein-
gutwaren von künstlerischer Ausführung, die we-
niger zum Gebrauch in Haushaltungen, sondern
mehr zur Verzierung von Gebäuden. Gärten usw.
dienen. Schon in der römischen und vorrömi-
schen Zeit (etruskische Vasen) sowie später im
15. und 16. Jahrhundert stand dieser Zweig des
Kunstgewerbes in hoher Blüte, doch hat man
sich ihm auch in neuerer Zeit wieder mit einer
gewissen Vorliebe zugewandt. Die T. finden
nicht nur als Bauverzierung häufige Verwendung,
sondern auch, selbständige Figuren und ganze
Gruppen, bis zu lebensgroßen Statuen und Tier-
stücken, große Vasen und Kandelaber werden
vielfach in T. hergestellt. Die Farbe ist, je
nachdem der Ton sich brennt, dunkler oder
heller braun, gelblich oder ganz weiß.

Tetrapol ist eine tetrachlorkohlenstoffhaltige
Seife.

Teufelsabbiß Wurzel (lat. Radix morsus diaboli
s. succisae, frz. Racine de succise, engl. Succise
root), der dunkelbraune mit Seitentrieben be-
deckte Wurzelstock der in Europa heimischen
Komposite Succisa pratensis, der 3—5 cm
lang und 1 cm dick wird, enthält Gerbstoff und
findet in der Volksmedizin gegen Durchfall Ver-
wendung.

Thallin (Tetrahydroparachinanisol), C9-
H]oN(OCH3), wird durch Erhitzung von Par-
amido- und Paranitroanisol mit Glyzerin und
Schwefelsäure auf 150° .und Reduktion des bei
der Destillation mit Wasserdämpfen übergehen-
den Parachinanisols mit Zinn und Salzsäure
dargestellt. Es bildet eine farblose ölige Flüssig-
keit von kumarinähnlichem Geruch, die sich in
Wasser, Alkohol und Äther löst und sich mit
Eisenchlorid tiefgrün färbt. Das Thallinsulfat
(lat. Thallinum sulfuricum, frz. Sulfate thalli-
nique, engl. Thalline .Sulphate), ein nach Kuma-
rin riechendes, gelblichweißes Pulver von säuer-
lich-salzigem und gleichzeitig bitterlich-gewürz-
haftem Geschmack sowie das ganz ähnliche
weinsaure Salz, Thallintartrat (lat. Thallinum
tartaricum, frz. Tartrate thallinique, engl. Thal-
line Tartrate), dienten einige Zeit als Chininersatz,
werden wegen ihrer Giftigkeit aber jetzt nur
noch als Antiseptikum bei Tripper angewandt-
Beide müssen vor Licht geschützt aufbewahrt
werden.

Theobrotnin, der anregende Bestandteil des
Kakaos, ist dem Koffein (Teein) nahe verwandt
und in chemischer Hinsicht als Dimethyl'
        <pb n="456" />
        ﻿Thomasschlacke

Theriak	449

Xanthin, C7H8N402, anzusprechen. Es' kann
aus dem Xanthin des Fleischextraktes künstlich
dargestellt werden, wird aber meist aus dem wäß-
rigen Auszuge der Kakaobohnen durch Fällung
mit Bleiessig, Zerlegung des abfiltrierten Nieder-
schlages mit Schwefelwasserstoff und weitere
Reinigung mit Magnesia und Alkohol gewonnen.

T.	bildet ein weißes Kristallpulver, sublimiert
unzersetzt, schmilzt bei 329—3300 und ist in
Alkohol und Wasser schwer, in Petroläther un-
löslich. Gegen Säuren verhält das T. sich wie
eine schwache Base, gibt andererseits aber auch
mit Natron, Baryt und anderen Basen Salze.
Die leichtlösliche Doppelverbindung des Theo-
brominnatriums mit Natriumsalizylat findet unter
dem Namen Diuretin medizinische Anwendung
gegen Wassersucht und als harntreibendes Mittel.

Theriak (lat. Electuarium theriaca, s. theria-
cale, frz. Thöriaque, engl. TreacleJ eine aus
verschiedenen Wurzel- und Gewürzpulvern unter
Zusatz von Honig und Wein hergestellte Lat-
werge, die im Mittelalter namentlich in Venedig
zubereitet und daher auch venetianischer T. ge-
nannt wurde, findet als Zusatz zu verschiedenen
Magenschnäpsen, z. B. alter Schwede, Ver-
wendung. — Der medizinische T, ist mit Zusatz
von Opium hergestellt und daher für den Hand-
verkauf nicht freigegeben.

Thermit nennt Goldschmidt die von ihm in
die Technik eingeführte Mischung von Alu-
miniumpulver mit Eisenoxyd, Chromoxyd und
anderen Metalloxyden, die mit eiper'Zündkirsche
aus vier Teilen Bariumsuperoxyd und einem Teil
Aluminium entzündet wird und dann Temperatlu-
ren von gegen 30000 erzeugt. T. dient zurHerstel-
lung sonst schwierig reduzierbarer Metalle, wie
Chrom und Mangan, sowie von künstlichem Ko-
rund, und findet zum Schweißen von Stahl
(Eisenbahnschienen) nach dem Verfahren der
Aluminothermie ausgedehnte Anwendung.

Thiazinfarbstoffe bilden die 9. Gruppe der
Teerfarben (s. d.)nach der Einteilung von Möh-
lau und Eucherer. Ihrer chemischen Zusam-
mensetzung nach sind sie den Oxazinen ver-
wandt, von denen sie durch Eintritt eines Schwe-
felatoms an Stelle von Sauerstoff abgeleitet wer-
den können, und demnach als Abkömmlinge
des Phenthiazins (Thiodiphenylamin): CGH4.
(NHS)C6H4 anzusehen. Zur Darstellung der Th.
geht man von den Paradiaminothiosulfonsäuren
aus, die bei der Oxydation von p-Diaminen in
Gegenwart von Thiosulfat entstehen, und unter-
wirft sie der oxydativen Kondensation mit
Aminen und Phenolen, auch Aminophenolen,
Chinonen, Hydrochinonen, Gallussäure usw.
Der einfachste Vertreter der Reihe ist Lauths
Violett (s. d.), der für die Praxis allein in Be-
tracht kommende das Methylenblau (s. d.).

Thiazolfarbstoffe (12. Gruppe der Teerfarben,
s, d.) sind durch die ringförmig geschlossene
Atomgruppe CCSCN, den sog. Thiazolring, ge-
kennzeichnet und leiten sich ab von demDehy-
drothiotoluidin, CH3,.C6H3(NS)C.C6H4.NH2, das
beim Erhitzen von p-Toluidin mit Schwefel ent-
steht. Durch Ersatz von zwei Wasserstoff-
atomen der Amidogruppe durch zwei Methyl-
gruppen und durch Verbindung des Schwefel-
atoms mit CI und CH3 entsteht das Tetra-
methylchlorid, das unter dem Namen Thio-

M'crcks Warenlexikon.

flavinT als grünlichgelber Farbstoff für Baum-
wolle und Seide Anwendung findet. Thio-
flavin S ist das Dimethylderivat der Dehydro-
thiotoluidinsulfosäure, durch dessen Oxydation
wieder ein neuer Farbstoff, Chloramingelb,
entsteht. Als weitere Abkömmlinge der ge- ■
nannten Sulfosäure sind noch Claytongelb
(Thiazolgelb S) und Erika B anzusehen. Der
wichtigste Farbstoff der Reihe, die Primulin-
bas'e bzw. deren Sulfonsäure, das Primulin,
wird wie das Thioflavin durch Erhitzen von
p-Toluidin mit Schwefel, aber bei höherer Tem-
peratur und größerem Schwefelüberschuß, her-
gestellt. Das gelbe Pulver gibt mit heißem
Wasser eine blau fluoreszierende Lösung, in der
Natronlauge und Salzsäure Niederschläge her-
vorrufen. Primulin läßt sich auf ungeheizter
Baumwolle mit gelber Farbe befestigen.

Thioform, das basische Wismutsalz der Di-
thiosalizyisäure, ein geruchloses, gelbes, inWasser
unlösliches Pulver, wird an Stelle des Jodoforms
in der Wundbehandlung benutzt.

Thiol, ein vor mehreren Jahren in den Han-
del gekommenes Medikament, welches mit dem
Ichthyol in Wettbewerb zu treten bestimmt ist,
wird aus denjenigen Destillationsprodukten des
Braunkohlenteeröls gewonnen, die unter dem
Namen Gasöl bekannt sind. Das Gasöl wird bei
ungefähr 2150 mit Schwefel behandelt, der sich
unter Schwefelwasserstoffentwicklung löst, und
die Lösung durch Eingießen in konz. Schwefel-
säure in Sulfosäuren verwandelt, die sich beim
Zusammenbringen mit Wasser als harzige Schicht
niederschlagen, während die unzersetzten Öle
obenauf schwimmen und entfernt werden. In
reinem, schwefelsäurefreiem Wasser lösen sich
diese Sulfosäuren, werden aber durch Zusatz
von Kochsalz wieder ausgefällt. Durch Neu-
tralisation mit Ammoniak oder Natron erhält
man die entsprechenden Salze, die als T. in den
Handel kommen.

Thiorubin, ein im Jahre 1885 aufgekommener
Teerfarbstoff, das Natronsalz der Thiopara-
toluidinazoalphanaphtholdisulfosäure, bildet ein
rotbraunes Pulver, das sich in Wasser mit fuch-
sinroter Färbe löst und Wolle im sauren Bade
rot färbt.

Thomasschlacke, die nach dem Verfahren von
Thomas-Gilchrist zur Herstellung von Eisen
und Stahl aus den Bessemerkonvertern entnom-
mene Schlacke, bildet in Form eines feinen Pul-
vers das wichtigste Phosphorsäuredüngemittel
Deutschlands. Sie wurde während des letzten
Friedensjahres (1913) in Menge von z1/^ Mil-
lionen Tonnen bei uns hergestellt und bis auf
einen Ausfuhrüberschuß von 1/i Million Tonnen
verbraucht. Zu der Gewinnung mußten aller-
dings neben 23 Millionen Tonnen einheimischer
10 Millionen Tonnen ausländischer Erze (Spa-
nien, Schweden) herangezogen werden, und
noch ungünstiger werden sich die Verhältnisse
durch die Abtretung des lothringischen Erz-
beckens gestalten. Das Thomasmehl enthält 11
bis 230/0, im Mittel 170/0 Phosphorsäure an
Kalk gebunden in Form des Tetrakalziumphos-
phats (CadP208) neben geringen Mengen Mag-
nesia, Eisen, Tonerde, Mangan, Schwefel, Kiesel-
säure. Sein Düngewert wird nach dem Gehalte
an „zitratlöslicher“, d. h. in einer bestimm-

29

isimus

82.

6, 407.

219.

1128.

876.

el 147.

! 206.

■98.

ätt 156.

: ®.

417.
ilis 150.

193.

13.

pi ervirens 241.

ne 48.
119.
63.

429.

68.

272.

61 135.
•eester 357,

rün 82.
        <pb n="457" />
        ﻿I

Thujaöl	4f&gt;0	Tinte

ten Ammoniumzitratmischung löslicher Phos-
phorsäure beurteilt. — Die bisweilen fälschlich
als T. bezeichnete Martinsschlacke enthält
nur etwa halb soviel Phosphorsäure.

Thujaöl (Lebensbaumöl, lat. Oleum thujae,
frz. Essence de Thuya, engl. Thuja oil), das
ätherische Öl aus den Blättern von Thuja
occidentalis, dem sog. Lebensbaum, ist
farblos, gelb oder grüngelb und von kampfer-
artigem Geruch und hat ein spez. Gew. von
0,915—0,935. Aus den im März geschnittenen
Zweigen erhält man 0,65, aus den im Juni und
November geschnittenen 0,400/0 Ausbeute an Öl.
Das letztere enthält zwei isomere sauerstoff-
haltige Verbindungen, Thujon und Fenchon,
von denen das eine rechts, das andere links
dreht, außerdem rechts drehendes Pinen, Links-
borneol, frei oder verestert, und Spuren von
Ameisensäure und Essigsäureestern. Das T.
wird äußerlich wie innerlich gegen Warzen und
Geschwülste sowie als Abortivmittel benutzt.

Thunfisch (Tunfisch, frz.Thon, engl.Tunny-
fish). Dieser Riese unter den Makrelen
(Scomber Thynnus), ein lachsartiger, dicker,
3—6 m langer, 250—500 kg schwer werdender
Seefisch, hat zwar für unsere Märkte keine Be-
deutung, eine um so größere aber für die Be-
wohner der Mittelmeerküsten, denen er die dort
fehlenden Heringe und Stockfische ersetzt. Die
Tiere leben im Weltmeer, kommen aber alljähr-
lich im Frühjahr zum Laichen in großen Scha-
ren ins Mittelmeer, um an den spanischen, fran-
zösischen und italienischen Küsten vorbei bis in
das Schwarze Meer zu ziehen. Gegen den Win-
ter kehren sie dann mit junger Brut wieder in
den Ozean zurück. Die Hauptzeit des Fanges
fällt in das Frühjahr. Die gefangenen Fische
werden gleich getötet, so schnell als möglich
auf die Fahrzeuge gezogen und ans Land in die
Einsalz- und Packräume gebracht. Hier schlägt
man den Fischen die Köpfe ab, zieht sie am
Schwänze mit einem Seilzeug auf, weidet sie
wie Schlachtvieh aus und schneidet sie zum
Einsalzen in Streifen und Stücke, Aus den
Köpfen und übrigen Abfällen wird Tran ge-
sotten. Das zum Einsalzen bestimmte Fleisch
läßt man in den Tonnen zunächst 8—10 Tage
unter freiem Himmel an der Sonne stehen, salzt
es dann, tritt es in die Tonnen fest ein und
schließt diese.

Thymian (welscher Quendel, lat. Herba
thymi, frz. Herbe de thym, engl. Thyme). Dieses
bei uns in Gärten gepflegte, im südlichen
Europa heimische aromatische Gewächs ist ein
kleiner ausdauernder, zu den Labiaten ge-
höriger Halbstrauch, Thymus vulgaris L.,
dessen krautartige Teile getrocknet das Thy-
miankraut des Handels bilden, das als Würze
für Würste und Speisen Verwendung findet.
Der starke aromatische Geruch, und Geschmack
beruhen auf einem Gehalte an ätherischem öl,
dem Thymianöl (lat. Oleum thymi, frz.
Essence de thym, engl. Oil of thyme), das sich
in Drüsen der Blätter eingebettet vorfindet und
durch Destillation mit Wasser in Menge von
etwa 1 0/0 erhalten wird. Das zum Parfümieren
von Seifen und zu ähnlichen Zwecken benutzte
Öl ist, frisch bereitet, rotbraun, läßt sich durch
Rektifizieren heller machen, nimmt aber mit der

Zeit die frühere Farbe wieder an. Seine wich-
tigsten Bestandteile sind Thymol (s. d.), Kar-
vakrol, zwei phenolartige Verbindungen und
einige Kohlenwasserstoffe. Außer dem ätheri-
schen Öl führt man im Handel noch Thymian-
extrakt als Fluidextrakt, der ähnlich der»
Kondurangoextrakt (s. d.) als Mittel gegen Ma-
genkrankheiten wie auch gegen Keuchhusten-
angewandt wird.

Thymol (Thymiansäure, Thymiankamp-
fer, lat. Thymolum, Acidum thymicum, frz.
und engl. Thymol) findet sich neben den Koh-
lenwasserstoffen Zymol und Pinen fertig ge-
bildet im Thymianöl, wird aber, weil dieses
zu geringe Ausbeute gibt, lediglich aus dem
Ajowansamcn durch Wasserdampfdestillation
gewonnen. Zeitweilig hat auch das sehr thymol-
reiche Öl von Monarda punctata als Aus-
gangsmaterial gedient, und neuerdings wird zu
diesem Zwecke der Anbau des Krautes in den
Vereinigten Staaten empfohlen. Das in chemi-
scher Hinsicht als Methylpropylphenol, C6H3-
(OH) (CH3) (CjHj), anzusprechende T. bildet
farblose, tafelförmige Kristalle von thymian-
artigem Geruch und stark pfefferartigem Ge-
schmack, schmilzt bei 50—510 und siedet un-
zersetzt bei 232 °. Es löst sich leicht in Alko-
hol, Äther, Chloroform und Natronlauge, hin-
gegen schwer in Wasser. T. wird an Stelle des
Phenols als Antiseptikum bei Verbänden, be-
sonders im Gemisch mit Wasser oder Leinöl,
als mildes Ätzmittel sowie als Zusatz zu Zahn-
wässern benutzt.

Tierkörpermehl nennt man ein in Abdecke-
reien mittels Pode wilsscher Apparate, ge-
wonnenes trockenes Pulver miti etwa 8 0/0 Wasser,
150/0 Fett, 60 0/0 Rohprotein, 35 °/o verdaulichem
Protein, 16 o/0 Asche und 6 0/0 Phosphorsäure,
das als Futtermittel Anwendung findet,

Tillyöl, eine Einkochung von Schwefelblume11
mit Leinöl unter Zusatz von Terpentinöl nach
Art des Oleum Terebinthinae sulfuratum (hol-
ländisches oder Harlemer Öl), wurde früher
in der Volksmedizin benutzt, ist aber jetzt durch
das Ichthyol und ähnliche Mittel ersetzt.

Tinkturen (lat. Tincturae, frz. Teinture, engl-
Tincture) sind Auszüge aus Rohdrogen alle1
drei Naturreiche. Als Lösungsmittel wir»
meist Alkohol, bei einigen aber auch Äther oder
Wein angewandt. Man zerkleinert die Rohstoff6
und unterwirft sie einer mehrtägigen Dig6'
ricrung oder Mazerierung, preßt dann a»
und filtriert. Als wichtige T. sind zu erwähne» -
Arnika-, Baldrian-, Benzoe-, China-, Myrrhen-»
Opium-, Ratanhia-, Vanilletinktur u. a. Weg611
der gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich de®
Verkaufs s. die Verordnung über den Verkehrt»»
Arzneimitteln. — Näheres über die einzelne»
Tinkturen unter ihrem eigenen Namen. .

Tinte (lat. Atramentum, frz. Encre, engl. Ink/
nennt man die zur Erzeugung von Schriftzüge»
benutzten Flüssigkeiten, von denen die älteste»'
die schwarzen Gallustinten, schon bei de»
alten Babyloniern, Hebräern und Persern in Ge'
brauch waren. Ebenso alt ist die Verwendung
von Zinnober, Minium, Bergblau, Gold- »»_.
Silberpulver, schwarzer Tusche, Sepia und f»r'
bigen Pflanzensäften, die mit Reisschleim, Honiff'
Tierleim oder Gummi verdickt und zum Schutz
        <pb n="458" />
        ﻿Tinte

Titan

451

gegen Fliegen und Würmer mit Wermut, Aloe
oder anderen Bitterstoffen versetzt wurden. Die
heute gebräuchlichen Tinten lassen sich in die
drei großen Gruppen der farbigen Tinten,
der Chromblauholz- und der Eisengallus-
tinten einteilen. Als farbige Tinten kommen
hauptsächlich wäßrige Auflösungen von Teer-
farben im Gemisch mit Bindemitteln (Gummi-
schleim) in Betracht, und zwar für Rot; Fuch-
sin und Eosin, für Blau: Indigokarmin, Me-
thylenblau und Alkaliblau, für Blauschwarz:
Induline, für Violett: Methylviolett, für Grün:
Malachitgrün, Äthylgrün oder eine Mischung
von Indigokarmin mit Pikrinsäure, für Gelb:
Pikrinsäure, Methylorange, Säuregelb, für Braun:
Bismarckbraun, Modebraun. Daneben werden
noch Koschenille, Rotholzabkochung, Berliner-
blau mit Oxalsäure, Kupferazetat mit Weinstein,
Gelbbeeren, Gummigutt, für sich oder im Ge-
misch mit Teerfarben angewandt. Die Chrom-
blauholztinten sind Farblacke, welche durch
Versetzen von Blauholzabkochungen mit chrom-
saurem Kalium entstehen. Zu ihrer Darstellung
wird ein klar filtrierter Auszug von Blauhblz bis
zu etwa 4 o/o Extraktgehalt eingedampft und mit
einer 8proz. Kaliumchromatlösung vermischt.
An Stelle der letzteren kann auch Alaun, Kup-
fervitriol, Eisenvitriol, Vanadinsäure oder Wolf-
ramsäure genommen werden. Zur Erhöhung
der Flüssigkeit wird etwas Alkali, und zur Kon-
servierung etwas Phenol hinzugesetzt. Die
Eisengallustinten sind Mischungen von Gal-
lussäure oder andern Gerbstoffen mit Eisenoxy-
dulsalzen und Gummiarabikum. Bei den älteren
Erzeugnissen dieser Art wurde der entstehende
Niederschlag von schwarzem gerbsauren Eisen
durch das Gummi in Lösung erhalten und in
fein verteilter Form auf das Papier übertragen.
Sie hatten den Nachteil, daß sich die Oxydation
und die Ausscheidung des Niederschlages schon
im Glase vollzog, daß die schwarzen Teilchen
sonach nur wenig fest an der Oberfläche des
Papiers hafteten und geringe Haltbarkeit be-
saßen. Die jetzigen dokumentensicheren
Tinten werden aus Gerbstofflösungen und
Eisenoxydulsalzen mit Zusatz von Indigosulfo-
säure, Holzessig oder Salzsäure hergestellt. In
ihnen findet die Oxydation erst statt, nachdem
sie in das Papier eingedrungen und dort ge-
trocknet sind, während sie im Glase zunächst
keine Färbung besitzen. Lediglich um sie dem
Auge des Schreibenden vorläufig sichtbar zu
machen, werden sie mit einem unwesentlichen
Farbstoff versetzt. Der zufälligen Verwendung
von Alizarin verdankt die erste dauerhafte
Eisengallustinte der Leonhardischen Fabrik in
Dresden ihren Namen Alizarintinte. Für die
Beurteilung einer Tinte in bezug auf ihre Ver-
wendbarkeit und besonders in bezug auf ihre
Haltbarkeit für Dokumente von bleibendem
Werte sind die von den Direktoren der Leon-
hardischen Fabrik, Schluttig und Neumann,
aufgestellten Grundsätze allgemein anerkannt.
Sie haben in dem Erlaß des preußischen Staats-
ministeriums vom 22. Mai 1912 folgende Fassung
erhalten: „Urkundentinte ist eine Eisengallus-
tinte, die nach achttägigem Trocknen an der
Luft tiefdunkle Schrift liefert. Sie muß min-
destens 27 g wasserfreie (üerb- und Gallussäure

und 4 g Eisen (auf Metall berechnet) im Liter
enthalten. Andererseits darf der Eisengehalt bei
Gegenwart von 27 g wasserfreier Gerb- und
Gallussäure 6 g im Liter nicht überschreiten.
Das Verhältnis von wasserfreier Gerb- und
Gallussäure: Eisen muß demnach zwischen 4,5 :1
und 6,75:1 liegen. Die Tinte muß mindestens
vierzehntägige Haltbarkeit im Glase besitzen,
d. h. sie soll nach dieser Zeit weder Blätter-
bildung, noch Wandbeschlag, noch Bodensatz
zeigen. Die acht Tage alten Schriftzüge müssen
nach Waschen mit Wasser und Alkohol (85 und
50 v. H. stark) tiefdunkel bleiben. Die Tinte
muß leicht aus der Feder fließen und darf selbst
unmittelbar nach dem Trocknen nicht klebrig
sein. — Schreibtinte. Gruppe A. Eisengal-
lusschreibtinte (früher Klasse II). Tinten, welche
tiefdunkle Schriftzüge liefern, die nach acht-
tägigem Trocknen an der Luft beim Auswaschen
mit Wasser und Alkohol (85 und 50 v. H. stark)
tiefdunkel bleiben. Der Gehalt an wasserfreier
Gerb- und Gallussäure soll mindestens 18 g, an
Eisen (auf Metall berechnet) mindestens 2,6 g
im Liter betragen. Andererseits darf der Eisen-
gehalt bei Gegenwart von 18 g wasserfreier
Gerb- und Gallussäure 4 g im Liter nicht über-
steigen. Das Verhältnis von wasserfreier Gerb-
und Gallussäure: Eisen muß demnach zwischen
4,5; 1 und 6,75:1 liegen. Die Tinten sollen min-
detens vierzehntägige Haltbarkeit im Glase be-
sitzen, d. h. sie sollen nach dieser Zeit weder
Blätterbildung, noch Wandbeschlag, noch Bo-
densatz zeigen. Sie müssen leicht aus der Feder
fließen und dürfen selbst unmittelbar nach dem
Trocknen nicht klebrig sein. Schreibtinten der
Gruppe B unterliegen nicht der amtlichen Prü-
fung.“ Für die Aufbewahrung benutzt man
zweckmäßig Gefäße in der von Schluttig emp-
fohlenen Form, in denen die Tinte vor dem Luft-
zutritt geschützt ist. — Für besondere Zwecke
verwendet man noch folgende T.: Kopiertinten
und Hektographentinte sind eingedickte, mit
250/0 Glyzerin und etwas mehr Gummi oder
Dextrin als gewöhnlich vermischte T. — Sym-
pathetische T., die erst beim Erwärmen sicht-
bare Schriftzüge liefert, besteht aus Lösungen
von Kupfer-, Kobalt-oder Nickelsalzen. Schrift-
züge mit Ferrozyankalium werden bei der Be-
handlung mit Eisenchlörid sichtbar. — Trok-
k ent inten bestehen aus völlig eingedampften
und pulverisierten T., die nach dem Auflösen in
Wasser sofort gebrauchsfähig sind.—J acobsen-
sche Tintenstifte. S. Bleistifte. — Wäsche-
tinte zum Zeichnen der Wäsche ist meist eine
Plöllensteinlösung.

Tisane (Ptisane, lat. Ptisana) nennt man
mit viel Wasser hergestellte Abkochungen, die
in der Medizin als Getränke verordnet werden.
Als Geschmackskorrigens erhalten sie Zusätze
von Süßholzextrakt, Honig oder Zucker.

Titan, ein ziemlich seltenes Metall vom Atom-
gewicht 48,1, findet sich in der Natur als Titan-
dioxyd, Ti02, in den Mineralien Rutil, Ana-
tas und Brookit, als titansaures Kalzium
im Gemisch mit Kalziumsilikat als Titanit
(Sphen), ferner als Greenovit, Perowskit
und besonders als Titaneisenerz. Die Sauer-
stoffverbindung des T., das Titandioxyd (Ti-
tansäureanhydrid, lat. Acidum titanicum), ein

jiSimus

■ 290.

»i-i.

ium 282.
iphisclie

|l».

..iial 323.

472.

i3.

iE 82.

'6, 407
.7.

■, 219.

I '228.

27(1.

jel 147.
i 206.

398.

fett 15G.

18.

n 417.
bilis 150.

1 193.

193.

.. pervirens 2

gne 48.

. 3 119.

463.

55, 429.
368.

55.

1 272.
nöl 135.
areester 35

&gt;9.

3rim 82,
        <pb n="459" />
        ﻿Töpfergeschirr

452

Tokajer

weißes, geruch- und geschmackloses Pulver, das
beim Erhitzen vorübergehend gelb wird, findet
in der Porzellanmalerei als gelbe Farbe Anwen-
dung. Das Titaneisen (Ferrotitan) dient zur
Herstellung von Titanstahl; auch findet man
in gewissen amerikanischen Bogenlampen statt
der Kohle Stäbe von Titan und Eisenoxyd. Das
Titanchlorür wird in beschränktem Maße als
Beize beim Färben benutzt, ist hierzu jedoch
weniger geeignet als Zinnchlorür. Titansulfür.
dient als Beize, Titankaliumoxalat als gelbe
Farbe und Beize für Leder.

Töpfergeschirr (frz. Poterie commune, engl.
Commun pottery), die geringsten und billigsten
Tongeschirre, sog. Hafner- oder irdene Waren,
werden aus den weitverbreiteten, meist nahe
der Oberfläche liegenden Alluvialtonen herge-
stellt. Die immer kalk- und eisenhaltige Masse
erweicht schon bei geringer Hitze und liefert'
daher eine poröse und erdige Ware von ge-
ringer Festigkeit und Haltbarkeit. Die meist
durch Eisen gelb oder braun gefärbten Geschirre
haben aber den Vorzug, daß sie selbst starken
Temperaturwechsel gut vertragen und daher
ohne weiteres dem Feuer ausgesetzt werden
können. Einige Erzeugnisse, wie Blumentöpfe
und Zuckerhutformen, bleiben unglasiert, alle
zur Aufnahme von Flüssigkeiten bestimmten T.
müssen aber glasiert werden. Die Glasur besteht
meist aus einem Gemisch von Ton und ge-
riebener Bleiglätte oder Bleiglanz, in das die
trockenen, ungebrannten Geschirre eingetaucht
werden. Während des nur einmal vorgenom-
menen Brennens vereinigt sich das Blei mit der
Kieselsäure zu unlöslichem Glase. Bei zu ge-
ringem Kieselsäuregehalte entsteht aber eine
Glasur mit überschüssigem Bleioxyd, das unter
Umständen in die Speisen übergehen kann.
Zum Schutze der Volksgesundheit ist daher
durch das Reichsgesetz vom 25. Juni 1887 die
Bestimmung getroffen, daß glasierte Tonwaren
bei i/^stündigem Kochen mit 4 0/0 igem Essig kein
Blei abgeben dürfen. Zur Vermeidung vop Be-
anstandungen müssen die Hersteller also für das
richtige Verhältnis von Blei- und Kieselsäure
und nicht zu niedrige Temperatur sorgen. In
letzter Zeit sind auch Versuche mit bleifreien
Glasuren aus Wasserglas und borsauren Salzen
angestellt worden. Zur Erzeugung bestimmter
Farben wird die Glasur mit Smalte, Braunstein,
Chrom oder Kupferoxyd vermischt. Das be-
kannte Bunzlauer Geschirr wird aus einem
feuerfesten Ton bei höheren Temperaturen bis
zum Fritten gebrannt, erhält eine bleifreie Gla-
sur und steht dem Steinzeug näher.

Toiöl, ein fettes Öl aus den Früchten von
Bignonia tomentosa, wird in Japan bei der
Herstellung von Lackfirnissen verbraucht. Die
geringere Sorte heißt Jacko, die feinere Cok.

Tokajer (H egyälljaerwein), der edelste der
ungarischen Weine, stammt nicht allein aus
Tokaj selbst, sondern hat von dieser Stadt nur
deshalb seinen Namen erhalten, weil hier am
28. Oktober, also mitten in der Weinlesezeit, die
berühmte Messe abgehalten wird. Er wächst
vielmehr in der ganzen Hegydllja (deutsch;
unterer Teil des Berges), jenem beinahe regel-
mäßigen, gleichschenkeligen Gebirgsdreieck, das
in Sätoralja-Ujhely seine nördliche, in Tokaj

seine östliche und in Abauj-Szäntö seine west-
liche Spitze hat. Die Haupterzeugungsorte der
edelsten Sorten sind, so ziemlich nach der Masse,
der Güte und günstigen Lage ihres Bodens ge-
ordnet, folgende: Mäd, Tällya, Toksva, Ke-
resztur, Bdnye, Liszka und Tarzal. Dann folgen
Ujhely, Säros-Patak, Szäntö, Horväti, Jozseffalva,
Kärolyfalva, Kisfalud, Olaszi, Szegilong, Trauczon-
falva, Kamoslyfalu und Zombor, und schließlich
erzeugen auch die außerhalb des Gebirgsstockes
liegenden Orte Omd, Rätka, Golop, Kis-Tovonya
einen vorzüglichen Wein. Der Westabhang zwi-
schen Ujhely und Szäntö gehört zur Abaujer
Weingegend. Das ganze Gebiet dieses fünf
Quadratmeilen großen Gebirgsstockes mit einer
Erzeugung von 80000 hl in guten, zwei Dritteln
hiervon in mittleren und einem Drittel in schlech-
teren Jahrgängen umfaßt 6162 ha in Weingärten.
Die Erträge, die wegen des meist vulkanischen
Bodens von den Witterungsverhältnissen außer-
ordentlich beeinflußt werden, stellen sich im
zehnjährigen Durchschnitte auf zwei vorzügliche,
drei gute und fünf weniger gute Jahre, was zur
Erhöhung des Preises nicht wenig beiträgt. Das
Erzeugnis des Tokaj-Hegyälljaer Weinbaugebictes
ist hauptsächlich Weißwein, die edle Traube, die
ihn liefert, die Furminttraube. Nach dem Reife-
grade der benutzten Beeren unterscheidet man
folgende Unterabteilungen: Szamorodni (rus-
sisch-polnische Bezeichnung für den Begriff „so
wie er gewachsen ist“). Zu seiner Herstellung
werden die Trockenbeeren, d. h. die durch Edel-
fäule eingetrockneten Beeren, nicht heraus-
gesucht, sondern mitgetreten und mitgepreßt.
Nach dem Austreten wird auf die aus den
Säcken ausgeschütteten und so trockenen, aber-
mals fest durchgetretenen Trester neuerdings
Most aufgegossen, 4—6 Stunden darauf belassen
und dann von neuem zuerst im Sack und dann
in der Presse bearbeitet. Ausbruch wird er-
zeugt, indem man auf die ausgelesenen, zu einer
feinen, breiigen Masse getretenen Trockenbeeren
Most aus besten Lagen aufgießt, diese gut auf-
gerührte Masse 12—18 Stunden stehen läßt und
dann auspreßt. Die Anzahl Butten von 30 Liter
Inhalt an Trockenbeeren, für ein Faß Most von
135 Liter bestimmt die Ausbruchsbezeichnung,
ein-, zwei- bis fünfbuttig. Ausnahmsweise werden
auch sechsbuttige Weine hergestellt, indem man
auf 180 Liter gute Trockenbeeren 13s—140 Liter
Most aufschüttet. Zu den Ausbrüchen gehört
neben T. auch der Mendser und Rüster. For-
ditäs, der zweite Mostaufguß auf die abgesack-
ten, aber noch nicht ausgepreßten Trockenbeer;
trester, ist ungefähr einem sehr guten Szamorodni
gleich. Essenz wird gewonnen, wenn,man die
Trockenbeeren in einem Bottich mit durch-
löchertem Boden stehen läßt und die von selbst
abtropfende Flüssigkeit einer sehr langsam ver-
laufenden Gärung unterwirft. Die Haupterzeug'
nisse, die Ausbruchsweine, unterliegen einer lan-
gen. oft jahrelang dauernden Gärung. Der Wein
kommt in ganz neue Fässer und soll in der Regel
aus dem Fasse, in welches er als Most kam, nur
in die Flasche gefüllt werden. Im Keller braucht
er weder verspundet noch nachgefüllt zu werden,
vielmehr erfolgt beides erst beim Verkauf, auch
wenn dieser erst nach Jahren stattfindet. Bel
ganz feinen Ausbrüchen füllt man das Faß nur
        <pb n="460" />
        ﻿Tolubalsam

453

Ton

halb mit Most, weil sich alsdann der Wein, der
Luft eine große Oberfläche darbietend, viel
besser entwickelt. Einfache hölzerne, in besseren
Kellern gläserne Stöpsel verhindern die Ver-
unreinigung durch äußere Einflüsse. Sämtliche
süßen Ungarweine sind Verfälschungen in hohem
Grade ausgesetzt, ja es werden völlige Nach-
ahmungen aus Rosinen und eingedickten Most-
stoffen hergestellt. Nach dem ungarischen Wein-
gesetze vom 30. XII. 1908, das auch bei uns. der
Beurteilung zugrunde gelegt werden muß, ist die
Verwendung von Zucker, Rosinen und Farb-
stoffen zur Herstellung von Süßweinen verboten.
Sprit darf nicht zur Erhöhung des Alkoholgehalts,
sondern nur bei der Kellerbehandlung in Menge
von höchstens 1 Volum-°/o zugesetzt werden. Die
früher übliche Bezeichnung Medizinal-T. ist
jetzt überflüssig und zu vermeiden, da jeder süße

T.	den sonst an Medizinalweine gestellten An-
forderungen entsprechen muß.

Tolubalsam (lat. Baisamum de Tolu seit Re-
sina de Tolu seu Opobalsamum siccum, frz.
Baume de Tolu, engl. Balsam of Tolu), ein seit
Mitte des 17. Jahrhunderts in Deutschland be-
kannter Gegenstand des Drogenhandels, kommt
aus dem nördlichen Teile Südamerikas (Neu-
granada), namentlich aber aus dem unteren
Stromgebiete des Amazonas und des Magda-
lenenflusses und hat seinen Namen von der hier
gelegenen Stadt Tolu. Der Balsam wird von
mehreren Arten Myroxylon, Bäumen aus der
Familie der Papilionazeen, z. B. von Myr-
oxylon toluiferum (Toluifera balsamum), ge-
wonnen, indem man Einschnitte in den Stamm
macht und den harzigen Saft in angehängten
Kürbisschalen auffängt. Die Ausbeute wird in
ledernen Schläuchen nach den Ausfuhrhäfen ge-
bracht und dort in Blechbüchsen umgefüllt. Im
frischen Zustande ist der T. terpentinartig, zäh-
flüssig, klebrig, von braungelber bis rotbrauner
Farbe und’durchsichtig, erhärtet aber bald zu
einer spröden, braunroten, kristallinischen Harz-
masse, die sich zu einem gelben Pulver zer-
reiben läßt. Der Geruch ist dem des Peru-
balsams ähnlich, aber feiner. Man benutzt den

T.	zur Herstellung feiner Parfümerien, zu .Räu-
cherzwecken, medizinisch in Verbindung mit
anderen Stoffen, z. B. mit Kreosot in den be-
kannten Kreosotkapseln. Neben 1,5—7% eines
Wohlriechenden Öles, Tolubalsamöl (Tolen),
enthält er Harz, Zimtsäure und Benzoesäure,
hingegen nicht das in dem Perubalsam enthal-
tene Styrazin und Zinnamein. In Alkohol und
Chloroform löst sich derT., aber nicht in Schwe-
felkohlenstoff und Benzol. Man kann daher eine
Verfälschung mit Kolophonium oder ähnlichen
Harzen leicht erkennen, da diese sich in den
letztgenannten beiden Flüssigkeiten leicht, lösen.
Konzentrierte Schwefelsäure färbt reinen Tolu-
balsam schön kirschrot, terpentinhaltigen braun-
schwarz.

Toluidin, eine dem Anilin (s. d.) sehr nahe-
stehende organische Base, wird wie dieses in
der Farbenindustrie angewandt und aus dem
■Toluol bereitet, wie das Anilin aus dem
Benzol. Das T. kristallisiert in farblosen, glän-
zenden Kristallblättern von eigentümlichem Ge-
ruch. Die Verbindungen mit Säuren sind ge-
ruchlos.

Toluol, Methylbenzol, ein dem Benzol (s. d.)
nahestehender Kohlenwasserstoff von der For-
mel C6H6. CH3, entsteht bei der trocknen De-
stillation des Tolubalsams, von dem der Name
herrührt, und wird im großen durch fraktio-
nierte Destillation des Steinkohlenteers gewön-
nen. Die farblose, durchsichtige, dem Benzol
ähnlich riechende, brennbare Flüssigkeit vom
spez. Gew. 0,860 siedet bei 1100 und wird bei
— 28° noch nicht fest. Die in Wasser unlösliche
Verbindung findet in der Farbenindustrie sowie
zur Herstellung von Sprengstoffen und künst-
lichem Bittermandelöl ausgedehnte Verwendung.

Tomaten (Liebesäpfel, Paradiesäpfel,
Psomodoro) sind die Früchte der in Peru
heimischen Solanee Lycopersicum escu-
lentum vulgare oder Solanum Lycopersi-
cum Tournefort, die besonders in Italien und
Sizilien in großen Massen angebaut wird, an
warmen, sonnigen Stellen, besonders an nach
Süden gelegenen Spalieren, aber auch bei uns
gezogen werden kann. Die Scharlach- bis gelb-
roten, etwa 50—60 g schweren Früchte werden
im Oktober geerntet und besitzen ein stark wäß-
riges, schwach säuerlich schmeckendes Fleisch.
Sie bestehen nach König zu 3,7% aus Frucht-
haut, 10,90/0 aus Samen, und zu 85,40/0 aus
Fruchtmus. Das letztere enthält 95,31 o/0 Wasser,
4,23 0/0 organische und 0,46 0/0 unorganische
Stoffe. Die Säure, deren Gesamtmenge 0,470/0
beträgt, ist als Zitronensäure anzusprechen. Der
in Wasser unlösliche, in Äther, Alkohol, Chloro-
form und wäßrigen Alkalien lösliche Farbstoff
steht demjenigen des Safrans und Orleans nahe
und wird in Tomatenkonserven bisweilen durch
Eosin aufgebessert. Die T. dienen hauptsäch-
lich zur Herstellung scharfer Tunken und Salate.

Tombak nennt man Kupfer-Zinklegierungen,
die sich vom Messing (s. d.) durch eine gold-
oder rotgelbe bis rotbraune Färbung unterschei-
den und höchstens 18 0/0 Zink enthalten. Als
Unterarten sind zu betrachten Pinchbeck aus
zwei Teilen Kupfer und einem Teil Messing,
Rotmetall aus 55 o/0 Kupfer und 45 o/0 Messing,
unechtes Blattgold mit 13 °/o Zink sowie
einige Legierungen mit geringen Beimengungen
anderer Metalle wie Talmi aus 870/0 Kupfer,
12 0/0 Zinn und 1 °/o Zink, Mannheimer Gold
aus 70 o/o Kupfer, 29 o/0 Messing, 0,6 o/0 Zinn. —
Die größte Bedeutung hat aber der Rotguß,
eine Tombakart mit geringen Zusätzen von
Zinn und Blei, die sich durch schöne Farbe,
feines Korn, Weiche und Dehnbarkeit auszeich-
net und sowohl zu größeren Gußstücken und
Maschinenteilen, Denkmälern (Standbild Fried-
richs des Großen in Berlin) und Kurzwaren als
auch zu vergoldeten Schmuckwaren benutzt
wird.

Ton (Belit, lat. Argilla, frz. Argjle, engl.
Clay). Dieses wichtige Mineral ist ein Verwitte-
rungsprodukt verschiedener aluminiumhaltiger
Silikate, namentlich der Feldspate, und besteht
aus wasserhaltiger kieselsaurer Tonerde
(Aluminiumsilikat). In der Natur kommt der
T. in verschiedenen Graden der Reinheit vor
Befindet er sich noch an dem Orte seiner Ent-
stehung, so ist er weniger rein, weil ihm dann
noch kleine Mengen von Bestandteilen der. Ur-
sprungsgesteine beigemengt sind. Solcher T„

if

il 323.
|(2.

82.

407.

’ 210.

| '28.
i ■ 170.

el 147.

206.

598.

ett 156.

8.

417.

Alis 150.

1 193.

. 93.

pervirens 241

gne 48.
s 119.

463.

5.

65, 429.

368.
i 55.

n 272.
mol 135.
mreester 357,

59.

Grün 82.
        <pb n="461" />
        ﻿Tonbäder

454

Tonwaren

der auch weniger plastisch ist, heißt Porzel-
lanton oder Kaolin (s. d.). Werden dagegen
die Zersetzungsprodukte der Feldspate durch
Wasser einem natürlichen Schlämmprozesse un-
terworfen und an anderen Stellen wieder ab-
gelagert, so entsteht der reinste Pfeifenton
oder etwas weniger reiner Töpferton. Durch
Verwitterung eisenhaltiger Gesteine entstande-
ner T. (Lehm oder Letten), der meist einen
mehr oder weniger hohen Sandgehalt aufweist,
hat eine gelbbraune Farbe, brennt sich aber in
der Hitze rot, indem das Eisenoxydhydrat sein
chemisch gebundenes Wasser verliert und sich
in Eisenoxyd verwandelt. Ein mit Kochsalz
durchsetzter T., wie er in Steinsalzablagerungen
vorkommt, heißt Salzton, bituminöser, mit
Schwefelkies durchsetzter T. Alaunton. Innige
natürliche Gemenge von T. mit kohlensaurem
Kalk werden als Mergel bezeichnet, und zwar
bei vorherrschendem Tongehalt als Tonmergel,
beim Überwiegen des Kalks als Kalkmergel.
Reinster weißer T. ist erdig und milde, ab-
färbend und zerreiblich, zerfällt, mit Wasser
übergossen, zu einer sehr plastischen, fetten
Masse, die nach dem Austrocknen wieder die
ursprünglichen Eigenschaften annimmt, aber
nach dem Glühen (Brennen) stark schwindet
und dann beim Zusammenhängen mit Wasser
nicht wieder plastisch wird. Je mehr fein ver-
teilte Kieselsäure, Sand oder andere fremde Bei-
mengungen ein Ton enthält, desto weniger
plastisch ist er. Plastischer T. wird in der Tech-
nik auch fetter oder langer T., ein nur wenig
plastischer dagegen magerer oder kurzer T.
genannt. Ganz reiner T. ist auch in der stärk-
sten Hitze unschmelzbar (feuerfesterT.); Bei-
mengungen von Kalk, Eisenoxyd und Alkalien
machen ihn aber um so leichter schmelzbar, in
je größerer Menge sie vorhanden sind, — Außer
zur Herstellung der verschiedenen Tonwaren
wird der T. zur Bereitung von Ultramarin,
schwefelsaurer Tonerde und Alaun sowie mit
Kreide oder Kalk gemengt, von Zement an-
gewandt. Ferner benutzt man ihn unter dem
Namen Leuzin oder Lenzin als Füllmittel für
Papiermasse. Während des Krieges wurde ein
feiner, hellfarbiger, sog. kolloidaler Ton in
großen Mengen als Zusatz zu Seifen und zur
Herstellung fettloser Waschmittel verarbeitet.

Tonbäder, Tonfixierbäder, nennt man die
zur Tonung der photographischen Bilder
gebräuchlichen Lösungen, die in folgende beiden
Klassen zerfallen: i. Tonbäder, mit denen zu-
nächst der Ton des Bildes hergestellt und dann
in einem besonderen Bade das Fixieren vör-
genommen wird. 2. Tonfixierbäder, in denen
das Fixiersalz schon mit enthalten ist, und deren
Anwendung die Arbeit daher vereinfacht. — Die
Bäder bestehen meist aus Goldchlorid, Rhodan-
salzen, Bleisalzen, Zitronensäure, Natriumazetat,
Fixiernatron usw. S. den Aufsatz Photographi-
sche Papiere.

Tonerde (Aluminiumoxyd, Aluminium-
sesquioxyd, Alaunerde, lat. Alumina, frz.
Alumine, engl. Alumina), die Sauerstoffverbin-
dung des Aluminiums, A1203, findet sich in
der Natur als Korund, Rubin, Saphir und
Schmirgel und in Verbindung mit Kieselsäure
als Bestandteil zahlreicher Mineralien und Ge-

steine, wie Feldspate, Glimmer und Granaten.
Die wasserhaltige T., das Aluminium-
hydroxyd (lat. Alumina hydrata, frz. Hy-
droxyde aluminique, engl. Hydrated Alumina),
Al(OH)3, bildet die natürlich vorkommen-
den Mineralien Hydrargillit und Diaspor
und, mit Eisenoxyd gemengt, den Beauxit.
Aus letzterem wird die T. technisch in großem
Maßstabe durch Erhitzen mit Soda, Auslaugen
des entstandenen Natriumaluminates mit Wasser
und Einleiten von Kohlensäure dargestellt. Ein
anderes Verfahren ist unter Kryolith näher be-
schrieben. Für pharmazeutische Zwecke wird
eine Alaunlösung mit Sodalösung gefällt, der
abfiltrierte Niederschlag in Salzsäure gelöst,
nochmals mit Ammoniak gefällt, gewaschen und
getrocknet. Die wasserhaltige T. kommt als ein
.weißes, in Wasser unlösliches Pulver in den
Handel, das zur Darstellung der Aluminiumsalze
dient. Durch Behandlung mit Natronlauge geht
sie in das Natriumaluminat (Tonerde-
natron) über, das an Stelle von Alaun und
anderen Aluminiumsalzen in der Druckerei und
Färberei, ferner als Füllmittel für Seifen, zur
Herstellung von Lackfarben und von Milchglas
Verwendung findet. Vor dem fluorhaltigen
Kryolith hat es den Vorzug, daß es die Glas-
häfen nicht angreift. (S. auch Aluminiumverbin-
dungen).

Tonkabohnen (lat. Fabae Tonca, frz. Fhves
de Tonka, engl. Tonka beans) sind die Samen
von Dipteryx odorata, einem 18—20 m hohen
Waldbaum, der zu den Hülsenfrüchtlern ge-
hört, und dessen holzige Schoten nur einen ein-
zelnen Samen enthalten. Die letzteren sind einer
ziemlich schlanken und etwas gekrümmten
Bohne nicht unähnlich, 4—5 cm lang, 9—13 mm
breit und mit einer dünnen, schwarzen, fett-
glänzenden,, netzähnlich gerunzelten Samenhaut
überzogen, während das aus den beiden Samen-
lappen bestehende Innere hellbraun erscheint.
Der Geruch ist sehr angenehm nach Kumarin.
Neben der gewöhnlichen, als holländische be-
zeichneten Handelssorte gibt! es noch eine zweite,
die sog. englische, von Dipteryx oppositi-
folia, die aus kleineren Bohnen besteht und
auf dem Bruche weiß, im übrigen aber nicht
wesentlich von der anderen verschieden ist. In
den Preislisten bildet Angostura die bevor-
zugte, Para die zweite Sorte. Von guter Ware
wird verlangt, daß sie schwarz, nicht braun aus-
sieht und reich mit Kristallnadeln von Kumarin
bedeckt ist. Die Bohnen dienen zur Darstellung
des Kumarins, von dem sie 1,5 0/0 enthalten-
Außerdem werden sie in pulverisiertem Zu-
stande zum Parfümieren von Schnupftabak und
Riechkissen, in Form alkoholischer Auszüge zu
Tabakbeizen, als Taschentuchparfüm,' zum Trän-
ken von Pfeifenrohren aus Kirschholz, die als
Weichsel gelten sollen, und zu Maitrankessenz
verwandt.

Tonwaren (Keramische Waren). Mit die-
sem Namen im allgemeinen bezeichnet man die
Gesamtheit aller aus Ton hergestellten Waren,
wie Schamotte, Drain- und andere Röhren,
Fayence, Porzellan, Siderolith, Steingut, Stein-
zeug, Töpferwaren, Ziegel usw. Zu den Ton-
waren im besonderen rechnet man aber: Mauer-
steine, Backsteine, Klinker, Tonröhren, Öfen,
        <pb n="462" />
        ﻿549

^oratissimus

Topas	455

Torf

290.

Töpfergeschirr, Tabakpfeifen, Schmelztiegel,
Retorten, Bauzierrate, Bodenplatten, Wand-
hekleidungsplatten, Ziergefäße, Figuren, por-
zellanartige Waren usw. Die Ton Warenindustrie
umfaßt also ein außerordentlich großes Gebiet
von teils roh gebrannten, teils aber auch den
feinsten Kunstgegenständen. Für solche T., die
wie Ofenteile und Schmelztiegel eine größere
Haltbarkeit erfordern, werden die Waren ge-
brannt und glasiert und die Farben gleich mit
eingebrannt. Der ziemlich bedeutenden Ausfuhr
Deutschlands steht eine ebenfalls beträchtliche
Einfuhr gegenüber. Siehe auch Töpfergeschirr.

Topas (frz. Topaze,engl. Topaz), ein Schmuck-
stein von nicht gerade seltenem Vorkommen,
der aber wegen seines Glanzes und seiner hohen
Politurfähigkeit doch beliebt ist und viel zu
Ringsteinen, Ohr- und Armschmuck verarbeitet
wird, hat seinen Namen von einer Insel im Roten
Meer, die im Altertum Topazos hieß. Das in
vier- oder achtflächigen Säulen des rhom-
bischen Systems in den verschiedensten Farben j
kristallisierende Mineral besteht aus einer Ver-
bindung von Kieselsäure, Tonerde und
Fluor, die Härte ist = 8, das spez. Gew. 3,4
bis 3,6. Am Ural finden sich Topaskristalle von
ausgezeichneter Schönheit in Graniten, am
Schneckenstein in Sachsen in einer besonderen
Felsart, dem Topasfels, einem Gemenge von
Quarz, Turmalin und Topas, indessen zahllosen
größeren und kleineren Höhlungen die Topas-
und Quarzkristalle an den Wänden sitzen, doch
ist der Abbau in Sachsen eingestellt. Brasilien
liefert aus verschiedenen Provinzen die schön-
sten gelben, ferner blaue, rote und ganz farb-
lose Steine. In Sibirien finden sich grüne, blaue,
violette, gelbe und weiße Steine von großer
Reinheit und schönstem Feuer. Bei ihrem Reich-
tum an Farben sind die Topase natürlich oft
anderen Edelsteinen ähnlich und werden dann
leicht für solche, namentlich für Saphire und
Rubine, ausgegeben. Die farblosen, die soge-
nannten Wassertropfen, können im geschliffenen
Zustande leicht mit Diamanten verwechselt wer-
den, sind aber an ihrer geringeren Härte, am
spez. Gew. und der Doppelbrechung zu er-
kennen, indem man durch die Schleifkanten
hindurch betrachtete Gegenstände, z. B. eine
Lichtflamme, doppelt sieht. Eine bezeichnende
Eigenschaft des T. ist auch, daß er durch Rei-
ben stark elektrisch wird. Die brasilianischen
gelben Steine lassen sich, ohne an Glanz und
Feuer einzubüßen, durch einen Glühprozeß in
rosarote verwandeln, indem man sie entweder
mit Asche in einem Tiegel zur Rotglut erhitzt
oder mit Feuerschwamm umwickelt und diesen
•anzündet. Je tiefer das Gelb war, desto heller
wird das Rot. Die sächsischen gelben Steine
brennen sich nicht rot, sondern verlieren hier-
bei die Farbe gänzlich.

Topfstein (Lavezstein), ein dem gemeinen
Talkstein verwandtes Mineral von grünlich-
grauer Farbe und Fettglanz, das sehr weich
Und milde, aber doch zähe und nicht leicht zu
zerstoßen ist, besteht aus Chlorit mit beige-
mengtem Talk, Serpentin, Glimmer, Asbest und
anderen Mineralien. Als ein Stoff, der mit
Messern und auf Drehbänken sehr bequem be-
arbeitet werden kann, dann im Feuer erhärtet

und äußerst feuerfest erscheint, ist er für ver-
schiedene Zwecke sehr brauchbar. Man fertigt
daraus Kochtöpfe und anderes Geschirr, Ka-
mine, Ofenplatten, Gestellsteine zu Schmelzöfen
und andere feuerfeste Anlagen. Die Küchen-
geschirre saugen zwar von den Speiseflüssig-
keiten etwas ein, können aber durch Ausglühen
immer wieder gereinigt werden. Das Mineral
findet sich in großen Massen in den Tiroler
Alpen, in Graubünden, Wallis, am Montblanc,
am Corner See, auf Korsika, in Schweden und
Grönland. Alle Töpfe und Lampen der grön-
ländischen Eskimos sind daraus hergestellt.

Topinambur (Jerusalemartischocke, Erd-
artischocke, knollige Sonnenblume, S au-
kartoffel, Pferdekartoffel, Erdbirne, frz.
Hölianthe tub6reux, Pomme de terre Topinam-
bour, engl. Girosoe) nennt man die Knollen
einer mit der Sonnenblume verwandten
Pflanze aus Mexiko, Helianthus tuberosus,
die auf leichterem Boden gedeiht. Sie bildet ein
j wenig wertvolles, wäßriges, fad süß schmecken-
des Gemüse und wird hauptsächlich zu Vieh-
futter, besonders für Schweine, im südwest-
lichen Deutschland, Frankreich und Österreich,
in Belgien hingegen mehr zur Spiritusbereitung
angebaut. Man legt die Knollen in Reihen oder
Stufen, 8—12 hl oder 700—1000 kg für den
Hektar, 45—60 cm weit aus und kann sie, da
sie von Frost nicht leiden, über Winter im Land
lassen. Die Pflanze bedarf nur geringer Pflege
und Düngung, ist aber da, wo sie gebaut wurde,
sehr schwer wieder auszurotten und muß daher
auf gesonderte Flächen beschränkt werden.
Man erntet 80—200 dz Knollen und 40—160 dz
Kraut und Blätter, die ebenfalls als Viehfutter
dienen und zum halben Werte wie Heu ge-
schätzt werden. Deutschland baut auf rund
2200 ha etwa 400000 dz Knollen, deren Preis
etwas geringer als derjenige der Kartoffeln ist.
T. enthält neben 79 °/o Wasser 1,9 °/o Stickstoff-
substanz, 0,180/0 Fett, 1,20/0 Rohfaser und i,t o/0
Asche, 16,40/0 Kohlenhydrate, die aber nicht wie
bei der Kartoffel aus Stärke, sondern aus Lüt
vulin, Inulin und Lävulose bestehen. Die An-
regung zum vermehrten Anbau der anspruchs-
losen Pflanze für die menschliche Ernährung
hat selbst im englischen Aushungerungskriege
nur wenig Erfolg gehabt. •

Torf (frz. Tourbe, engl. Turf) ist als Folge
der Vermoderung von Pflanzen und Pflanzen-
teilen die dritte und jüngste Form der fossilen
Brennstoffe, über deren Bildung keine Zweifel
bestehen, da sie noch fortwährend vor sich geht.
Er findet sich hauptsächlich in Niederungen,
doch auch auf Hochebenen und flachen Stellen
der Gebirge in allen Ländern des mittleren und
nördlichen Europas und entsteht überall da, wo
Moose, Sumpfgräser, Schilf und Heidekräuter ge-
deihen und das Wasser keinen genügenden Ab-
fluß hat. In Wäldern liegende Torfmoore ent-
halten bedeutende Mengen organischer Stoffe
in Form von Blättern und Nadeln, die Wind und
Wasser ihnen zuführen. Andere sind das Er-
zeugnis einer bestimmten Moosgattung
(Sphagnum), die auf nassen Stellen dichte
Rasen bildet und, nach unten absterbend, nach
oben sich immer verjüngend, mit der Zeit so
viel Moder unter sich sammelt, daß das Moor

G.

I 211.

irum 282.
|| 71.

■ raphische

it 323.

|ol 367.

afarbstoffe

453.

116.

jzol 172.

56.

■« olldum HO.

: hyd 129.

267.

270.	*

aisol 176.

183.

40, 275.
i.iocs'aure 381.
, In 368.

Maire 35.

,319.

? V animal 323.
jfetr. 472.

.re 83.

8p.

PJJl 50.
m 57, 82.

, n 276, 407.
k 237.

201, 219.

' Stifte 228.

; olett 276.

• ' 7.
tu 23.
n 16.

352.

• Tiegel 147.
db 57.
immi 206.

:i 156.
h ihrot 398.
/agenfett 156.

68, 148.
onieren 417.
ia sorbilis 150.
inwand 193.
ipier 193.
ia sempervirens 2'

a 151.
oil 20.

• d’espagne 48.
weißes 119.
elende 463.

: erz 463.
kohle 65, 429.

Kigrohr 368.
tnum 155.
m 502.
avisieren 272.
irgoninmol 135.

irgonsänreester 3c

478.

lagra 259.
letiers Grün 82-
        <pb n="463" />
        ﻿Torfstreu

456

Tragant

beträchtlich über die benachbarten Landflächen
emporwächst und daher als Hochmoor be-
zeichnet wird. Solche Moore liefern in der
Regel einen sehr guten Brennstoff. Die Reste
von reinen Wasserpflanzen sammeln sich na-
türlich am Grunde als Schlamm an, der, in
Formen gestrichen und getrocknet, den Bag-
ger- oder Streichtorf gibt. Stichtorf (Wie-
sentorf) dagegen ist die zutage liegende, nur
mit Pflanzenwuchs bedeckte Masse, die im feuch-
ten Zustande mit besonderen Schaufeln ab-
gestochen wird. Je nach dem Alter sind diese
Torfarten von verschiedener Beschaffenheit:
Rasentorf, als die jüngste Bildung, aus wenig
veränderten, noch gut erkennbaren Pflanzen-
resten, ist von gelbbrauner Farbe und lockerem,
leichtem Gefüge. Fasertorf besteht aus brau-
ner, schon strukturlos gewordener Masse, die
mehr oder weniger mit Fasern durchsetzt ist.-
Pechtorf, dunkler und fester, der älteste und
schwerste T,, zeigt kaum noch erkennbare Pflan-
zenreste. Ähnlich beschaffen ist der trocken ge-
wordene Baggertorf. Im allgemeinen hält man
den T. für um so besser, je schwärzer und
schwerer, also je älter er ist. Doch trügt dieses
Merkmal, da solcher T. häufig sehr viel erdige
Teile enthalten und 40—500/0 Asche hinter-
lassen kann. Ein guter schwarzer T. soll nicht
mehr als 5—ioo/0, der lockere hellere nur 4 bis
5 0/0 Unverbrennliches enthalten. Im allgemeinen
ist der Heizwert des T. geringer als derjenige
der Braunkohle. Er bildet den billigsten und
manchmal den einzig verfügbaren Brennstoff.
In Holland z.B. würden einige Landstriche ohne
ihn gar nicht bewohnbar sein. Obwohl sein Ge-
brauch mit Unbequemlichkeiten verbunden ist,
weist doch der zunehmende Holzmangel immer
mehr auf die Verwertung des Torfes hin, der
dadurch neben der Braunkohle und Steinkohle
beständig an Wichtigkeit gewinnt. Namentlich
haben viele technische Betriebe unter Einrich-
tung zweckmäßiger Feuerungsanlagen die Torf-
feuerung eingeführt. Man benutzt ihn in Ziegel-
öfen, Glashütten und Porzellanfabriken und über-
all sonst, wo Flammenfeuer gebraucht werden,
auch beim Ausschmelzen und Frischen des
Eisens und selbst zum Heizen der Lokomotiv-
kessel. Doch wird die Rohmasse für solche
Verwendungen in der Regel erst durch Ver-
kohlen oder Pressen vorbereitet. Das erstere
ist nur für alten, festen T. anwendbar, das
zweite für die mehr schwammigen Sorten. Das
Verkohlen oder Verkoken in Öfen, Meilern oder
Gruben liefert eine Kohle (Torfkoks), die ein
gutes, rein und geruchlos brennendes Feue-
rungsmaterial abgibt. Ihre Darstellung wird be-
sonders in den mächtigen Torfmooren Irlands
sowie in Holland betrieben, während inDeutsch-
land die Verarbeitung zu Preßtorf vorherrscht.
Zur völligen Entwässerung werden die Massen
erst auf Maschinen zerkleinert, die Fasern zer-
rissen und gespalten und dann in besondere
Torfpressen gebracht. In neuester Zeit fertigt
man aus Faserstoff auch Pappe von sehr guter
Beschaffenheit, wennschon brauner Farbe, so-
wie Torfstreu und benutzt ihn im Gemisch mit
Melasse als Futtermittel (Torfmelasse).

Torfstreu (Moosstreu) ist ein aus Torf-
gegenden in den Handel gebrachtes Erzeugnis,

das aus den oberen Schichten dargestellt wird
und an Stelle des Strohes als Streumittel in
Stallungen Anwendung findet. Sie hat den
großen Vorzug, den unangenehmen Geruch des
Mistes zu binden, sich mit Jaucheteilen zu sätti-
gen und bei Anwendung von Stroh als Ober-
streu wesentliche Ersparnisse und bessere Ge-
winnung der wertvollen Bestandteile der Ex-
kremente und des Urins zu sichern. Auch die
Frage der Reinhaltung der Städte kann durch
die T. vielfach besser gelöst werden, besonders
dann, wenn die umliegenden Ackerfelder der
Lockerung oder eines Mittels zur Erhaltung der
Feuchtigkeit bedürfen (Sandgruppe und bündig
krustierende Bodenarten). Schließlich hat man
in neuerer Zeit die Torfstreu als Faserstoff
(Torfwolle) sowohl zu Gespinsten als auch
zu Papier verarbeitet. —- Die bei der Zerkleine-
rung abfallenden pulverförmigen Teile finden
als Torfmull in der Herstellung von Verband-
stoffen Verwendung. Torfmull besitzt eine große
Aufsaugefähigkeit und wird sowohl aus diesem
Grunde als auch der gleichzeitig desinfizieren-
den Wirkung halber als Unterlagsstoff für
Wöchnerinnen und als Einlage der Hygieabinden
benutzt.

Toril, ein nach geheim gehaltenem Verfahren
hergestelltes Nährmittel, bildet eine sirupöse
Flüssigkeit von dunkelbrauner Farbe und fol-
gender Zusammensetzung; Wasser 27,550/0, Al-
bumosen 12,75 0/0, Peptone und Fleischbasen
33,160/0, Asche 26,350/0 mit 4,500/0 Phosphor-
säure und 16,030/0 Kochsalz. Außerdem sind
geringe Mengen Ammoniak und unlösliches
Protein vorhanden.

Tormentillwurzel (Blutwurzel, Ruhrwur-
zel, lat. Rhizoma tormentillae, frz. Racine de
tormentille, engl. Tormentille root) ist der aus-
dauernde Wurzelstock von Potentilla Tor-
rn ent i 11a, einer krautartigen Rosazee mit
3—5zählig gefingerten Blättern und vierblätt-
rigen gelben Blüten, die bei uns häufig auf
Wiesen, feuchten Triften, in Laub- und Nadel-
wäldern wächst. Die bis	cm lange und

2 cm dicke Wurzel ist unförmlich walzig oder
fast knollig, von höckeriger Oberfläche, ge-
trocknet sehr hart und fest, äußerlich rotbraun,
innen heller und von weißlichen Gefäßbündeln
durchzogen. Die zahlreichen dünnen Wurzel-
fasern sind an der Handelsware abgeschnitten.
Der stark zusammenziehende Geschmack be-
ruht auf einem reichlichen Gehalt an Gerbstoff,,
neben dem ein Farbstoff, Tormentillrot, Chi-
novasäure und Ellagsäure vorhanden sind.
T. findet als adstringierendes Mittel in Pulver-
oder Extraktform medizinische Verwendung.

Tournantöl, ein saures Öl aus den gegorenen
Preßrückständen von Oliven, wird in der Fär-
berei des Türkischrotgarns gebraucht.

Tragant (lat. Tragacantha s. Gummi traga-
canthae, frz. Gomme adragante, engl. Träga-
canth) ist der erhärtete Schleimsaft ver-
schiedener Arten von Astragalus, niedriger,
stark verästelter, sehr dorniger Sträucher aus
der Familie der Papilionazeen mit holzigen
Stämmchen und Ästen, die in der Levante und
ganz Kleinasien, Persien und Syrien wild wach-
sen. Das Gummi bildet sich in dem Holze, aus
umgewandelten Zellen der Markröhre und Mark-
        <pb n="464" />
        ﻿Trane

457

Trane

strahlen und enthält daher unter dem Mikro-
skope wahrnehmbare Zellreste und Stärkekörn-
chen. Beim Eintritt der feuchten Jahreszeit
schwillt die Masse durch Aufnahme von Wasser
bedeutend an und wird infolge des erzeugten
Druckes durch Risse und Spalten oder auch
wohl künstlich angebrachte Einschnitte oder
Stiche ins Freie gepreßt. Die Einsammlung ge-
schieht im Juni. Die Masse erhärtet bei gutem
Wetter in 3—4 Tagen und nimmt diejenige
Form an, welche der Austrittsöffnung entspricht.
Man hat daher band- oder blätterartige, wurm-
oder nudelförmig gewundene Stücke und klum-
pige Massen. Der aus Anzapfungen erhaltene
T. soll stets besser sein als der freiwillig aus-
geflossene. — Nach der Herkunft unterscheidet
man: Smyrnaer oder Blättertragant von
Astragalus verus aus dem Inneren Kleinasiens,
die beste und teuerste Sorte, in großen flachen,
gewellten Stücken; Moreatragant oder Ver-
mizell von Astragalus creticus, wurm-, faden-
oder nudelförmige Massen von Griechenland
und Kreta; syrischen oder Aleppotragant
aus den syrischen Gebirgen von Astragalus
gummiferus und anderen Arten, in verschie-
denen flachen, zapfenartigen, gedrehten und
anderen Formen und den persischen Kugel-
tragant, eine geringere Sorte. Unter Smyrna-
und Moreaware gibt es Stücke von milchweißer
oder nur schwach gelblicher Farbe, die aus-
gesucht den elegierten T. bilden, während die
gelblichen, bräunlichen und unreinen Stücke die
Mittel- und gewöhnlichen Sorten liefern. Sy-
rische und persische Ware ist durchweg gelb-
lich oder bräunlich bis braun. Unter dem Namen
Traganton kommen dunkelfarbige, unregel-
mäßige Klumpen in den Handel. — Der T. ist
eine hornartig feste und starre, mehr zähe als
spröde Masse, die sich erst nach vorhergegan-
gener Erwärmung pulvern läßt. Er enthält
wenig eigentliches, in Wasser lösliches Gummi,
vielmehr hauptsächlich Bassorin, einen Stoff,
der in Wasser nur zu einer großen Menge
Schleim aufquillt, eingetrocknet aber wieder die
unveränderte Tragantmasse darstellt. D er Schleim
gibt ein gutes Bindemittel ab und findet viel-
seitige Anwendung zu Pastillen und Konditorei-
waren, zum Verdicken von Druckfarben, zur
Anfertigung von Tuschfarben für Wassermalerei,
zur Bereitung bildsamer Massen für Abdrücke
und zum Appretieren von Zeugen. Teige aus
Trägantschleira und Kreide oder Bleiweiß, die
nach dem Trocknen außerordentlich harte
Massen ergeben, könneri zu zahlreichen Zwek-
ken der Bildnerei gebraucht werden. Zur
schnellen Herstellung von Tragantschleim aus
Tragantpulver durchfeuchtet man das letztere
mit einigen Prozenten Alkohol und schüttelt
dann rasch mit der nötigen Menge Wasser
(1 : 50—I : 100) durch.

Trane (lat. Oleum jecoris s. Oleum ceti s.
Oleum piscium, frz. Huile de baieine, Huile de
poisson, engl. Train-oil, Fish-oil). Unter diesem
Namen faßt man alle aus Fischen und Walen
gewonnenen flüssigen Fette zusammen, die
je nach der Abstammung als Fischöle, Leber-
öle und eigentliche Trane unterschieden
werden. Die Leberöle sind in einem besonderen
Abschnitt Lebertran besprochen worden.

Die T. bestehen im allgemeinen aus flüssigen
Fettsäureglyzeriden und haben in frischem Zu-
stande eine neutrale Reaktion, helle Farbe und
schwachen Geruch. Die bei der Handelsware
meist beobachteten unangenehmen Eigenschaf-
ten, übler Geruch, braune Färbung und hohe
Ranzigkeit beruhen oft lediglich auf der un-
zweckmäßigen Gewinnungsweise. Die flüssigen
Fettsäuren der T. gehören meist der Ölsäure-
reihe an, von der bis jetzt Ölsäure, Gadolein-
säure, Erukasäure und Physetölsäure mit Sicher-
heit nachgewiesen sind. Die festen Fettsäuren
bestehen hauptsächlich aus Palmitinsäure. Unter
den eigentlichen T. hat der Walfischtran
(Whale-oil) die größte Bedeutung. Zu seiner
Gewinnung wurden früher die Speckseiten der
erlegten Tiere in Fässer gepackt, nach längerer
Zeit an Land geschafft und hier in Gefäße mit
siebartig durchlöcherten Doppelböden gebracht.
Der freiwillig ausfließende T. hatte infolge der
Verwendung des meist in Fäulnis übergegan-
genen Specks eine braune Farbe und ekelhaften
Geruch. Neuerdings wird der Speck oder auch
das Fleisch in Autoklaven ausgekocht, wobei
ein helleres und nahezu geruchloses Öl entsteht.
Von einem einzigen ausgewachsenen Wal wer-
den 200—300 Ztr. T. gewonnen. Die kleineren
Südseewale geben eine geringere Ausbeute,,
aber dafür eine wertvollere Sorte. Bei längerem
Stehen scheiden sich aus dem T. größere Men-
gen fester Fette ab, die zur Herstellung von
Seifen Verwendung finden. Der Rest wird viel-
fach noch zur Bleichung mit Chlorkalk, Kalium-
dichromat, Kaliumpermanganat oder anderen
Oxydationsmitteln behandelt. Er hat dann je
nach der Gewinnung eine hellgelbe bis dunkel-
braune Farbe, ein spez. Gew. von 0,920 und
einen wechselnden Gehalt an freien Fettsäuren.
— Der Robbentran (Seehundstran, Neu-
fundlandstran, engl. Dog-fish-oil) kommt
hauptsächlich von Neufundland, wo im Früh-
jahr alljährlich 700—800000 Robben gefangen
werden, und wird meist höher geschätzt als der
Waltran, dem er im übrigen nach äußerer Be-
schaffenheit und chemischer Zusammensetzung
ganz ähnlich ist. Infolge einer künstlichen Blei-
chung hat er meist eine helle Farbe. — Del-
phintran , (frz. Huile de dauphin, engl. Dol-
phin-oil, Blackfish-oil) vom schwarzen Delphin
(Delphinus globiceps) und Meerschweinchen-
oder Braunfischtran (frz. Huile de marsouin,
engl. Porpoise-oil) von Delphinus Phocaena
werden durch Auskochen der ganzen Tiere dar-
gestellt und sind etwas dünnflüssiger und heller
als die übrigen T. Aus den Kinnbacken wird
ein besonderes Öl gewonnen, das sich durch
einen hohen Gehalt an flüchtigen Fettsäuren
und höheren Alkoholen (Zetylalkohol) auszeich-
net und besonders zum Schmieren von Uhren
und feinen Instrumenten benutzt wird. — Für
die Gewinnung der Fischöle kommen haupt-
sächlich der Hering und seine Verwandten, die
Sprotte, Sardine, ferner der Menhaden und der
Thunfisch in Betracht. Die ganzen Tiere oder
Abfälle derselben werden ausgekocht und ab-
gepreßt und die erhaltenen öle vielfach ge-
bleicht. Das spez. Gew. ist meist erheblich höher
als dasjenige der Trane, nämlich über 0,930.
Das Menhadenöl stammt von der Long-Island-
        <pb n="465" />
        ﻿Trapa natans

458

Trxonal



Küste in Nordamerika, Heringsöl hauptsächlich
aus Schweden. Sardinen und Sardellen werden
in Japan, Sprotten in Belgien verarbeitet. —
Der meist zu den eigentlichen T. gerechnete
Haifischtran von Carcharias verus, glau-
cus und leucas ist ein Leberöl. — Im Handel
pflegt man die T. nach ihrer Herkunft als
Archangelsker (Wal- und Robbentran), Ber-
gener und Tromsoer (Leber-T.), Grönlän-
discher, Dänischer, Neufundländer und
Südseetran zu unterscheiden. Schwedischer
Dreikronentran ist ein für technische Zwecke
aus verschiedenen besseren Sorten zusammen-
gemischter brauner T. Der Farbe nach spricht
man von braunem blanken und weißem
T. — Der T. findet vielfache Verwendung zum
Sämischgerben, zum Einfetten von Leder, zur
Herstellung von Seife, als Zusatz zur Wichse,
als Schmiermittel und als Brennöl. Alle Tran-
sorten lassen sich, auch im Gemisch mit an-
deren Ölen, daran erkennen, daß sie mit Natron-
lauge sowie mit konz. Schwefelsäure (1,530)
oder sirupöser Phosphorsäure eine rotbraune
Farbe annehmen.

Trapa natans. (Wassernuß.) Die Frucht-
kerne dieser Pflanze sind sehr reich an Nähr-
stoffen und enthalten nach König in frischem
Zustande: 38,450/0 Wasser, 10,780/0 Stickstoff-
substanz, 0,690/0 Fett, 47,34% stickstofffreie Ex-
traktstoffe, 1,200/0 Rohfaser und 1,54% Asche.
Sie werden in südslawischen Ländern (Rußland,
Serbien) roh, oder gekocht, oder gebraten zur
menschlichen Ernährung benutzt. Auch bilden
sie, besonders für Schweine, ein geschätztes
Futtermittel.

Traß (Duckstein) ist ein gelbbraunes bis
bräunliches vulkanisches Trümmergestein,
das in der Nähe ausgebrannter Vulkane vor-
kommt und oft mächtige Lager in Tälern so-
wie um Hügel und Berge herum bildet. Wo
das Gestein nicht zu porös ist, wird es zum
Bauen sowie zu Steinmetzarbeiten verwandt und
dann als Duckstein bezeichnet, während die Be-
nennung T. eigentlich nur der gepochten und
gemahlenen Felsart zukommt, die als Möftel-
masse sowie als natürlicher Zement Verwen-
dung findet. Das Mineral hat denselben Ur-
sprung und die gleiche Zusammensetzung und
Verwendbarkeit wie die italienische Puzzqlan-
erde (s. d.). Es braucht daher als ein von der
Natur fertig gebrannter Zement nur mit fri-
schem, fettem Kalkbrei versetzt zu werden, um
einen sehr guten Luftmörtel zu bilden, während
unter Anwendung von magerem Kalk Wasser-
mörtel entsteht. Das Gemenge muß so lange
gestoßen und geschlagen werden, bis es eine
völlig gleichmäßige Masse bildet. Deutschland
besitzt reiche Lager am Rhein, besonders im
Brohl- und Nettetale bei Andernach, und ver-
sendet erhebliche Mengen auf größere Ent-
fernungen, am meisten stromabwärts nach Hol-
land, wo sie zu Wasserbauten beständig ge-
braucht werden. Die Holländer treiben aber
auch Handel damit, indem sie die Rohmasse
mahlen und als Utrechter T. weiter verkaufen.

Traubenkernöl, das durch Auspressen erhal-
tene fette öl der Weintraubenkerne, das
schwach gelblich und beinahe geruchlos er-
scheint, hat ein spez. Gew. von 0,920, erstarrt

bei — 110 zu einer butterartigen Masse und
wird an der Luft leicht dickflüssig und ranzig.

Traubenkraut (Mexikanisches Trauben-
kraut, Jesuitentee, Kartäusertee, lat.
Herba chenopodii ambrosioidis s. Herba bo-
tryos mexicanae, frz. Th4 de mexique ou
ambroisö, engl. Ambrose) nennt man die ge-
trockneten Blätter und Blüten eines einjährigen
Meldengewächses, Chenopodium ambro-
sioides L., das aus Mittelamerika stammt und
bei uns in Gärten und als Handelspflanze ge-
zogen wird. Die Pflanze besitzt infolge ihres
Gehaltes an ätherischem Öl einen angenehm
aromatischen Geruch und etwas kampferartigen
Geschmack und dient hauptsächlich als krampf-
stillender Tee sowie als Mittel gegen Motten.

Traumatizin (lat. Traumaticinum, Liquor gut-
tae perchae, frz. und engl. Traumaticine) nennt
man eine Lösung von Guttapercha in der 10- bis
15 fachen Menge Chloroform. Es hinterläßt
nach dem Verdunsten des Lösungsmittels ein
dünnes, sehr elastisches, nicht zusammen-
schrumpfendes Häutchen und wird daher wie
Kollodium zum Verschließen von Schnittwunden
sowie zum Überziehen von Brandstellen und
Frostbeulen benutzt. Durch einen geringen Zu-
satz von Kautschuk kann die Klebkraft erhöht
werden.

Trimethylamin (lat. Trimethylaminum),
eine starke, stickstoffhaltige, organische Base,
N(CH3)8, findet sich teils frei, teils an Säuren
gebunden in verschiedenen Pflanzen, besonders
aber in der Heringslake, die gewöhnlich zu
seiner Darstellung benutzt wird. Man destilliert
die Pleringslake mit Kalkmilch, neutralisiert das
Destillat mit Salzsäure, dampft zur Trockene
und zieht den Rückstand mit 96 % igem Alkohol
aus, der nur das salzsaure Trimethylamin, hin-
gegen nicht den beigemengten Salmiak löst.
Der weingeistige Auszug wird nach dem Ab-
destillieren des Alkohols mit Kalilauge erhitzt
und das übergehende T. in Wasser aufgefangen.
Die farblose, stark alkalisch reagierende Flüssig-
keit von intensivem Heringsgeruch findet be-
schränkte medizinische Verwendung. Neuer-
dings wird das T. auch aus der Zuckerrüben-
schlempe dargestellt, enthält dann aber häufig
noch Methylamin und Dimethylamin.

Trinitrotoluol, C7H5(N02)3, ein durch Nitrie-
ren des Toluols (s. d.) erhaltenes Pulver vom
Schmelzpunkt 73 °, bildet unter Bezeichnungen
von Trotyl u. a. einen der wichtigsten Spreng-
stoffe.

Trional, das Methylderivat des Sulfonals (Me-
thylsulfonal), wird in analoger Weise wie das
Sulfonal (s. d.) dargestellt, indem man vom
Äthylmethylketon und Äthylmerkaptan ausgeht.
Es bildet farblose, glänzende und geruchlose
Tafeln, die bei 76° schmelzen und in kaltem
Wasser schwer, leichter in heißem Wasser und
in Alkohol und Äther löslich sind. T. wird zur-
zeit als das beste Schlafmittel angesehen und
hat vor dem ähnlich wirkenden Sulfonal den
Vorzug, keine unangenehmen Nebenwirkungen
zu äußern. Von anderen, dem Sulfonal chemisch
verwandten, Verbindungen dienen noch das
M et h on al(Dimethylsulf ondimethylmethan) und
das Tetronal (Diäthylsulfondiäthyhnethan) als
Schlafmittel.
        <pb n="466" />
        ﻿Tripel

459

Tropon

Tripel (lat. Terra tripolitana, frz. und engl.
Tripoli), ein gelblichgraues oder aschgraues,
bräunliches, rotbraunes oder geflecktes, lockeres
Mineral, das, gepulvert, ein bekanntes Polier-
mittel abgibt, kommt in zahlreichen Gegenden
auf Lagern mit Ton und mit Quarzsand sowie
nesterweise in verschiedenen Sandsteinen vor.
Er besteht im wesentlichen aus Kieselsäure, die
kleine Beimengungen von Ton, Eisenoxyd und
Wasser enthalten kann, und hat sich in vielen
Fällen als ein Haufwerk von Kieselpanzern vor-
geschichtlicher Infusorien erwiesen. T. findet
sich in verschiedenen Arten in Deutschland,
Frankreich und der Levante und hat von der
Stadt Tripoli in Syrien seinen Namen erhalten.
Bei uns wird das Mineral im Sächsischen Erz-
gebirge, in Böhmen und in Tirol gewonnen.
Französischer T. kommt aus der Auvergne und
Bretagne. Eine feine und leichte graue Art
liefert auch England unter dem Namen eng-
lische Erde. Das geschlämmte Pulver dient
zum Putzen und Polieren von Metallwaren, Spie-
geln, Edelsteinen sowie bisweilen auch zu Guß-
formen für kleinere Metallgegenstände.

Triphenylmethanfarbstoffe bilden eine über-
aus wichtige und umfangreiche Gruppe von
Teerfarbstoffen (s. d.), die sich alle vom Tri-
phenylmethan, CH . (C6H6)3, ableiten. Je
nachdem die Phenylgruppen stickstoffhaltige
oder sauerstoffhaltige Gruppen aufnehmen, un-
terscheidet man die beiden Abteilungen der
Amino-T. (Fuchsoniminfarbstoffe) undderOxy-
T. (Fuchsonfarbstoffe). Die Aminotriphenyl-
methanfarbstoffe zerfallen nach der Zahl ■ der
vorhandenen Aminogruppen in folgende beiden
Unterabteilungen: l. Diaminotriphenyl-
methanfarbstoffe enthalten zwei Aminogrup-
pen und entsprechen der allgemeinen Formel
C(C6H5)(CeH!l!. NHj)2. Sie entstehen bei der
Wechselwirkung aromatischer Aldehyde , (z. B.
Benzaldehyd) und Basen (z. B. Dimethylanilin}
bei Gegenwart von Säuren oder Zinkchlorid und
nachfolgender Oxydation der anfangs gebilde-
ten Leukoverbindung. In die Gruppe gehören
vor allem Malachitgrün (s. d.); Äthylgrün
(s. d.) (Neuviktoriagrün, Brillantgrün, Solid-
grün), die dem Malachitgrün entsprechende
Tetraäthylverbindung;Viktoriagrün3B (s.d.),
Säuregrün (s. d.), Patentblau (s. d.). Auch
Chinolinrot (s. d,) kann hierhin gerechnet
werden. 2. TriaminotriphenyImethanfarb-
stoffe, deren einfachster Vertreter das p-
Rosanilin (s. d.) ist, entstehen bei der Oxy-
dation eines Gemisches von Paratoluidin und
anderen aromatischen Basen mit Arsensäure
oder Nitrobenzol (Fuchsin), oder bei der Oxy-
dation einer methylsubstituierte Aminogruppen
enthaltenden Base (z. B. Dimethylanilin) mit
Kupferchlorid (Methylviolett), ferner bei der
Kondensation verschiedener aromatischer Basen
mit Anilinbasen u. dgl. und nachfolgende Oxy-
dation. Der wichtigste Vertreter dieser Gruppe
ist das Fuchsin (s. d.), von dem sich zahl-
reiche weitere Farbstoffe ableiten. Durch Ein-
tritt von Kohlenwasserstoffresten in die Amido-
gruppen entstehen rotviolett bis blau gefärbte
Substitutionsprodukte, von denen die Methyl-
derivate am meisten rot erscheinen, während
die Äthyl- und noch mehr die Benzyl-, Tolyl-

und Phenylderivate immer blauer werden. Hier-
hin gehören u. a. die als Hofmans Violett
(s. d.), Methylviolett (s. d.), Kristallvio-
lett bezeichnten Tri-, Penta- und Hexamethyl-
rosaniline, ferner das Äthylviolett (Hexaäthyl-
p-Rosanilin), Anilinblau (s.d.,Tripheny!rosani-
lin) und die aus ihnen abzuleitenden Sulfurierungs-
produkte: Alkaliviolett (Phenylmethyltetra-
äthyl-p-Rosanilinsulfosäure), Echtgrün (s. d.),
Alkaliblau (s. Anilinblau). In gewissem Sinne
können auch Viktoriablau und Nachtblau
(s. d.) hierzu gerechnet werden. — Die Oxy-
friphenylmethanfarbstoffe entstehen dadurch,
daß in die Phenylreste Hydroxylgruppen ein-
treten. Ihre wichtigsten Vertreter sind Aurin,
Rosolsäure, Chromviolett, die in besonderen
Abschnitten besprochen werden.

Trockenelemente sind leicht zu befördernde
galvanische Elemente, bei denen der flüssige
Elektrolyt mit porösen Stoffen wie Holzmehl,
Filz, Schwamm, Glaswolle, oder mit Mineral-
stoffen wie Kieselgur, oder endlich mit gallert-
artigen Stoffen gemischt ist, so daß ein Ver-
spritzen ausgeschlossen erscheint. Als negativer
Pol dient meist ein Zinkzylinder, in dem sich
der Elektrolyt befindet, als positiver Pol eine
Kohlenplatte, doch können natürlich auch andere
galvanische Elemente in diese „trockne Form“
gebracht werden.

Trochisci (frz. Tablettes ou Pastilles, engl.
Lozenges), die lateinische Bezeichnung für Pa-
stillen, Plätzchen, Tabletten (s. d.).

Tropaeolin. Diesen Namen führen verschie-
dene Teerfarbstoffe, die zum Teil auch noch
mit anderen Bezeichnungen belegt werden.
Tropaeolin o (Gelb T, Goldgelb) besteht
aus der Natron Verbindung des Sulfanilsäureazo-
resorzins und bildet ein braunes, in Wasser mit
rötlichgelber Farbe lösliches Pulver, das Wolle
im sauren Bade rötlichgelb färbt. Tropae-
olin 00 soll nach einigen Angaben mit Säure-
gelb (s. d.) identisch sein. Tropaeolin 000
Nr. 1 (Orange I, Alphanaphtholorange),
ein rotbraunes, in Wasser mit orangeroter Farbe
lösliches Pulver, färbt Wolle im sauren Bade
orange. Tropaeolin 000 Nr. 2 (Orange II,
B etanaphtholorange, Goldorange), ein
gelbrotes, in Wasser mit rotgelber Farbe lös-
liches Pulver, färbt wie das vorige. Die beiden
letztgenannten Farben sind die Natronsalze des
Sulfanilsäureazonaphthols und unterscheiden
sich nur dadurch, daß die Sorte 000 Nr. 1 aus
Alphanaphthol, die Sorte 000 Nr. 2 dagegen aus
Betanaphthol bereitet wird. Tropaeolin 0000
(Azokokzin G), ein rotbraunes Pulver, färbt
Wolle im sauren Bade ziegelrot, scheint aber
nicht mehr im Handel zu sein. Tropaeolin D
(Orange III) ist Methylorange (s. d.). Tro-
paeolin G ist Metanilgelb (s. d.). Tropae-
olinR (Resorzingelb), ein braunes, in Wasser
mit rötlichgelber Farbe lösliches Pulver, färbt
Wolle rötlichgelb und besteht aus dem Natron-
salze des Sulfanilsäureazoresorzins. Tropae-
olin Y, ein braungelbes Pulver, besteht aus dem
Natronsalze des Sulfanilsäureazophenols, scheint
aber nicht mehr im Handel vorzukommen.

Tropon. Dieses von Prof. Finkler in Bonn
hergestellte Nährmittel bildet ein ziemlich feines
trockenes Pulver von gelbbrauner Farbe, ohne
        <pb n="467" />
        ﻿Trüffeln

460

Türkis

kennzeichnenden Geruch und Geschmack. Es
enthält 8,580/0 Wasser, 89,350/0 Stickstoffsub-
stanz, 0,980/0 Asche und Spuren Fett und stick-
stofffreie Extraktstoffe und ist daher als fast
reines, aber unlösliches Eiweiß zu bezeichnen.
Der mikroskopischen Untersuchung zufolge be-
steht es zu etwa Vg aus Muskelfasern, während
2/s pflanzlichen Ursprungs sind. T. wird für sich
allein und im Gemisch mit Kakao oder Suppen-
mehlen als Kräftigungsmittel benutzt. Seiner
Verwendung zur Hebung des Eiweißverbrauchs
der minderbemittelten Bevölkerungskreise steht
der verhältnismäßig hohe Preis entgegen.

Trüffeln (frz. Truffes, engl, Truffles) bilden
eine artenreiche Gattung unterirdisch wach-
sender Pilze (Tuber), von denen mehrere als
Speisepilze geschätzt werden. Die eßbaren T.
kommen in Laubwäldern vor und finden sich
alljährlich, oft zu Kreisen angeordnet, an be-
stimmten Stellen, sog. Trüffelplätzen (Truf-
t ihr es), besonders im mittleren und südlichen
Frankreich (Perigord und Poitou, Departement
Dordogne, Vaucluse, Lot, Drome). Sie lieben
mageren, kalkhaltigen Boden sowie mittleres,
nicht zu heißes Klima und sind an das Vor-
kommen gewisser Bäume, wie Eichen und
Buchen, gebunden. Die Trüffeln gehören mit
zur Jagdberechtigung und werden mit Hilfe be-
sonders abgerichteter Jagdhunde oder, in Frank-
reich, mit Schweinen aufgesucht. Man unter-
scheidet die T. nach der Farbe in schwarze und
weiße T. Die wichtigste Sorte, die schwarze
oder Winter-T., ist von schwarzbrauner Farbe
und erscheint auf dem Durchschnitt wie mar-
moriert und mit rötlichen bis violetten oder rot-
braunen Adern durchzogen. Die weichen, war-
zigen Knollen erreichen Walnuß- bis Apfel-
größe. Am geschätztesten sind Stücke mit
einem Gewichte bis zu 30 g. Als Unterabteilun-
gen unterscheidet man I. die Muskat-Winter-
T. aus Perigord und der Provence mit länglich-
runden, warzigen Knollen, grausphwarzem,
weißlich geadertem Fleische, rostbraunen Keim-
körpem und moschusartigem Geruch und Ge-
schmack, 2. die rostbraune T. aus der Cham-
pagne, Poitou, Bourgogne und Oberitalien mit
kleineren, nußgroßen Knollen und rostrotem,
wenig geadertem Fleisch. Die Marder-T. be-
sitzt ein schwarzes, wenig warziges und stark
geadertes Fleisch mit braunen Keimkörpern und
auffallendem Geruch nach Bierhefe. Die weiße
Wintertrüffel hat ungeadertes weißes Fleisch
mit roten Keimkörpern, die weiße Sommer-
trüffel marmoriertes weißes, später ocker-
farbiges und gräuliches Fleisch, die italieni-
sche oder Sommertrüffel endlich glatte, un-
regelmäßige Knollen von graugelber bis ocke-
riger Farbe und knoblauchartigem oder käsigem
Geruch. Im allgemeinen erntet man die Win-
tertrüffeln im November bis Februar, die Som-
mertrüffeln von Juli und September an. DieT.
werden getrocknet in Fässer oder in Papier ver-
packt oder in Wein gekocht und dann in Öl
eingemacht in den Handel gebracht. Frische
T. halten sich in Sand oder Erde in guten Kellern
länger als 14 Tage. Hinsichtlich ihres Nähr-
wertes gilt das unter „Pilze“ Gesagte. Als Ver-
fälschungen hat man Beimischungen von Bovist-
scheiben beobachtet, die aber an ihrem weißen

Rand und ihrem blauschwarzen, nicht marmo-
rierten Fleische kenntlich sind. Weiter werden
beschädigte T. mit brauner Erde eingerieben
oder durch Eindrücken von Steinen beschwert.

Trunksuchtmittel sind Schwindelerzeugnisse
meist ausländischen Ursprungs, die Enzian,
Brechweinstein u. dgl. enthalten.

Tschuchiakabi, eine aus Japan stammende
Droge, besteht aus der Kapselfrucht einer
Orchidee und wird als wirksameres Ersatz-
mittel für Kubeben und Kopaivabalsam emp-
fohlen.

Tuben nennt man aus Zinn oder dessen Le-
gierungen hergestellte, röhrenförmige Behälter,
meist mit Schraubenverschluß, die zur Aufnahme
von Farben, Pasten, Salben usw. dienen. Da-
durch, daß man den Inhalt durch den Deckel
wieder fest von der Luft abschließen kann,
eignen sie sich namentlich für solche Zuberei-'«
tungen, die leicht verdunsten, verharzen oder
sonstwie verderben. Sehr gut bewährt haben-
sich auch die neuerdings aus Pergamentpapier
hergestellten sog. Kampratuben.

Tuberosenöl (lat. Oleum tuberosae, frz. Essence
de tubereuse, engl. Tuberose oil). Unter diesem
Namen kommt ein durch Extraktion der Tube-
rosenblüten mit Petroläther oder noch besser
ein nach dem Enfleurageverfahren gewonnener
Riechstoff in den Handel. Die aus Ostindien
stammende Tuberose (Polianthes tuberosa),
eine Pflanze aus derFamilie der Amaryllidazeen,,
enthält in den lilienähnlichen Blüten ein sehr
feines Aroma, das in der Parfümerie zur Her-
stellung verschiedener Extraits mitverwendet
wird.

Tuberkulin (lat, Tuberculinum). Das von
Koch als Mittel gegen Tuberkulose in die Me-
dizin eingeführte T. besteht aus dem Glyzerin-
auszuge der Reinkulturen abgetöteter Tuberkel-
bazillen und kommt als eine klare, braune
Flüssigkeit von aromatischem Geruch und al-
kalischer Reaktion in amtlich versiegelten Fläsch-
chen zum Verkauf. Da es das Befinden der
Kranken vielfach zu verschlechtern scheint, wird
es bei Menschen kaum noch angewandt, findet
aber ausgedehnte Verwendung zur Prüfung von
Kühen auf Tuberkulose. T. darf von den Apo-
theken zu Heilzwecken nur auf ärztliche Ver-
ordnung abgegeben werden.

Tuchrot, ein im Jahre 1879 in den Handel ge-
brachter Azofarbstoff zum Färben von Wolle,
findet sich in zwei Arten, G und B. Ersteres,.
ein rotbraunes, in Wasser ziemlich schwer
lösliches Pulver, besteht aus dem Natronsalze
der Amidoazobenzol - a - naphtolsulfosäure, die
Sorte B, ein dunkelbraunes, in Wasser mit fuch-
sinroter Farbe lösliches Pulver, aus dem Natron-
salze der Amidoazotoluolazonaphtholsulfosäure-
‘ Türkis, ein amorpher und undurchsichtiger
Schinuckstein dritten Ranges, ist trotz seiner ge-
ringen Härte (6) und des nur schwachen, wachs-
artigen Glanzes, wegen seiner schönen himmel-
blauen, mitunter grünblauen Färbung recht be-
liebt und wird der angenehmen Gegenwirkung
halber gern neben Diamanten und Perlen ver-
wendet. Das in derben, nierenförmigen Stücken
auftretende Mineral besteht aus wasserhaltiger
phosphorsaurer Tonerde mit einem geringen
Gehalt an phosphorsaurem Kupfer und Eisen,
        <pb n="468" />
        ﻿Türkischrotgarn

461

Tusche

der die Färbung verursacht. Geringere Sorten,
die aber als Schmuckstein wenig geeignet sind,
finden sich zwar auch in Deutschland, z. B. in
Schlesien und im Vogtlande, auf schmalen Klüf-
ten im Kieselschiefer, doch kommen die echten
orientalischen T. über Rußland aus Persien, haupt-
sächlich Nischapur im Osten des Landes. Die
dortigen Minen sind Krongut und werden an
den Meistbietenden verpachtet. Im Altertum
kam der schon damals geschätzte Stein auch
aus Ägypten, wo er in einer Ufergegend des
Roten Meeres, am Vorgebirge Sinai, aus festem
Sandsteinfels gebrochen wurde. Der T. wird
stets nur en cabochon geschliffen. — Ein eben-
falls unter dem Namen T. gehender Stoff, der
im Aussehen dem echten ähnlich, aber von ganz
anderer Art und Herkunft ist, der sog. Zahn-
türkis, besteht aus versteinertem Elfenbein
(Mammutzähne), das durch eingedrungene
Kupfer- oder Eisensalze blaugrün gefärbt ist.
Diese Stücke finden sich am schönsten auf den
Kupfererzlagern Sibiriens, von wo sie in den
Handel kommen. Sie werden ebenfalls zu
Schmuck verarbeitet, sind aber viel billiger als
echte T., weil ihre Farbe nicht haltbar ist, son-
dern sich mit der Zeit in ein unschönes Grün
verwandelt und überdies bei Kerzenlicht nur
einen unreinen blaugrauen Ton zeigt. Durch
das Mikroskop ist das Gefüge der Knochen deut-
lich' zu erkennen, so daß diese Ware von der
echten leicht unterschieden werden kann.

Türkischrotgarn nennt man Baumwollgarn, das
durch ein besonderes Verfahren eine schöne
feurig rote, außerordentlich haltbare Farbe er-
halten hat. Derartige Rotgarne konnten früher
nur aus dem Orient bezogen werden, bis es im
vorigen Jahrhundert gelang, durch Heranziehung
orientalischer Färber, das Verfahren nach dem
Abendlande, zunächst nach Frankreich, zu ver-
pflanzen, und seitdem hat der Bezug von Garnen
aus der Türkei aufgehört. Das Eigentümliche
der Färberei besteht in der Verwendung fetter
Öle, namentlich des Tournantöls, oder besser
noch des Türkischrotöls, mit denen man
nebst anderen Befestigungsmitteln, wie Alaun
und Galläpfelabsud, die Garne oder Gewebe
zur Aufnahme des Farbstoffes vorbereitet. Sie
werden dann im Krappbade ausgefärbt und
schließlich, da sie nunmehr braunrot aussehen,
aviviert, d. h. erst mit Seife und Soda und
dann mit Zinnsalz behandelt, welches der Farbe
einen scharlachroten Schein verleiht. Das Ver-
fahren war früher verwickelter als bei irgend-
einer anderen Färberei und umfaßte mit In-
begriff der mehrfachen Waschungen und Trock-
nungen 16—20 verschiedene Hantierungen, die
einen Zeitaufwand von Wochen in Anspruch
nahmen. Neuerdings ist es besonders durch
Verwendung des künstlichen Alizarins gelungen,
das Verfahren wesentlich abzukürzen. Obschon
auch fertige Gewebe in dieser Farbe hergestellt
werden, macht doch das Garn die Haupthandels-
ware aus, die in allen Baumwollindustrie trei-
benden Ländern erzeugt wird.

Tutnenol. Mit diesem Namen bezeichnet man
einige Nachahmungen des Ichthyols, die aus
gewissen Destillationsprodukten bituminöser Ge-
steine durch Behandlung mit konz. Schwefel-
säure dargestellt werden. Das rohe T. (Tu-

menolum venale), ein Gemisch von Tumenol-
sulfon und Tumenolsulfosäure, bildet eine dem
Ichthyol ähnliche, zähe braune Masse. Es läßt
sich durch Behandlung mit Natronlauge in Tu-
menolsulfon (T.-Öl) ein dickes dunkelgelbes,
in Wasser unlösliches, in Äther, Benzin und
Benzol lösliches Öl, und in Tumenosulfo-
säure, Tumenolpulver (Acidum sulfotume-
nolicum) ein wasserlösliches, bitter schmecken-
des Pulver zerlegen. T. wird wie die ent-
sprechenden Ichthyolverbindungen bei Haut-
krankheiten angewandt.

Tupeloholz (Tupelowurzel), ein aus Florida
kommendes, sehr leichtes und weiches Holz von
gelblichweißer Farbe, findet in der Chirurgie
Anwendung, .indem man daraus Stäbchen schnitzt
oder drechselt, die in Wunden stark quellen und
wie Laminaria digitata als Quellmeißel dienen.
Das T. stammt von Nyssa grandidentata
und Nyssa aquaticä, während verwandte Ar-
ten, wie N. uniflora und multiflora, unbrauch-
bar sind.

Turmalin (Schörl), ein durch verschieden-
artige Färbung ausgezeichnetes Mineral, besteht
aus Kieselsäure, Tonerde, Kalk, Borsäure, Kali,
Lithion, Martganoxyd und Magnesia und findet
sich in verschiedenen Felsarten. Die drei-, sechs-
und mehrseitigen, säulenförmigen Kristalle sind
meist schwarz, doch auch farblos und wasser-
hell (Achroit), blau (Indigolith), rot (Sibe-
rit), gelb, grün oder braun und zeigen eine be-
trächtliche Härte von 7—7l/2. Nur die durch-
sichtigen und schön gefärbten T. kommen als
Schmucksteine in Betracht und führen dann die
Namen derjenigen Edelsteine, denen sie ähnlich
sind. So heißt der Indigolith, der sich in Bra-
silien im Sande von Flüssen findet, brasiliani-
scher , Saphir, der grüne brasilianischer Sma-
ragd, der rote aus Sibirien orientalischer Rubin.
Rote Steine finden sich auch auf Zeylon, in
Birma, den Vereinigten Staaten und Peru. Die
roten und grünen, durchsichtigen Steine ge-
langen am häufigsten zur Verwendung als Ring-
steine und können je nach Größe und Schönheit
bedeutende Werte erreichen. Die schwarzen
und braunen, in einigen Gegenden Böhmens,
Bayerns und Tirols häufigen T. sind keine
Schmucksteine, haben aber eine gewisse physi-
kalische Bedeutung, da sie wegen ihrer doppel-
ten Lichtbrechung zu den Nicolschen Prismen
der Polarisationsapparate verwandt werden. Alle
T., auch die als Schörl bezeichneten undurch-
sichtigen Stücke, haben die seltene Eigenschaft,
daß sie durch bloßes Erwärmen elektrisch wer-
den, also leichte Körper abwechselnd anziehen
und wieder abstoßen.

Turpethwurzel (lat. Radix turpethi, frz. Ra-
cine de turbith, engl. Turbith root) stammt von
einem Windengewächs (Ipomoea Tur-
pethum) und hat, wie die zu derselben Familie
gehörende Jalape und Skammonium, abführende
Wirkung. Die braunen, holzigen Wurzeln kom-
men aus Persien, Indien und Australien in den
Handel und finden namentlich in Süd- und
Westeuropa Verwendung.

Tusche (lat. Atramentum indicum, frz. Encre
de chine, engl. China ink, Indian ink). Diese
schwarze Wasserfarbe, die in Europa, besonders
in Nürnberg, häufig nachgemacht wird, bildet
        <pb n="469" />
        ﻿Tusche

462

Ultramarin

in China und Japan seit undenklichen Zeiten
die gewöhnliche Schreibtinte und Buchdruck-
farbe. Soviel bekannt, besteht sie aus Ruß und
Leim, in den feineren Sorten mit etwas Kampfer
oder Moschus parfümiert. Als Ausgangsstoff
dient ein ausschließlich von Büffeln gewonnener
Leim und feinster, aus Schweineschmalz her-
gestellter Lampenruß. Von der Sorgfalt, mit
der letzterer gebrannt, gesiebt und gebeutelt
wird, hängt die Feinheit der T. in erster Linie
ab. Der Ruß wird in den geschmolzenen Leim
so lange eingetragen, bis eine weiche Paste ent-
steht, diese stark geknetet und erhitzt, dann
mehrere Tage sich selbst überlassen und schließ-
lich in hölzerne Formen gepreßt oder einfach
gerollt. Die Japaner bereiten ihre T. in der-
selben Weise, doch ist die chinesische, wahr-
scheinlich wegen der sorgsameren Rußbereitung,
weit besser. Die Feinheitsgrade sind aber auch
bei der chinesischen Ware sehr verschieden.
Die feinste T. soll einen Stich ins Bräunliche
haben, während ganz schwarze, bläuliche oder
graue für nicht so gut gelten. Beim Anschlägen
sollen die Stücke einen hellen, scharfen Ton
geben, da es dumpfklingenden an Gleichmäßig-
keit fehlt. Umgekehrt wie beim Ruß ist ferner
die beste Sorte zugleich auch die schwerste.
Die T. wird durch Ablagern besser, und sehr
alte wurde in China so hoch geschätzt, daß sie
sogar häufig ein Ehrengeschenk der Mandarine
an den Kaiser bildete. Die europäischen Be-
reitungsweisen stimmen mit den chinesischen
völlig überein, nur scheinen die Rohstoffe der

Asiaten bessere zu sein. Deutsche Fabriken
stellen auch flüssige T. her, die sich für den
Gebrauch leichter verwenden lassen. — Als T.
werden auch andere Wasserfarben (rot, gelb,
blau, grün, violett usw.) bezeichnet, die meist
mineralischen Ursprungs sind, wie Zinnober,
Minium, Englischrot (Eisenoxyd), Chromblei,
Antimongelb, Hell- und Dunkelocker, Siena-
erde, Berliner- und Pariserblau, Ultramarin, Ko-
balt (Smalte und Eschel), Grün aus Gelb und
Blau, Violett aus Rot und Blau, Umbra, Grüne
Erde und die Gemische der Modefarben. Or-
ganischen Ursprungs sind Karmin, Saflor, die
Lackfarben oder farbigen Holzextrakte, Indigo,
Sepia, Gummigutt usw. Sie werden sämtlich mit
Gummitragant oder Dextrin angerieben und
in Formen getrocknet. Um die Farben zum
Gebrauch leicht zur Hand zu haben, packt
man sie in die bekannten Tusch- oder Farben-
kästen.

Tusseh (Tussahseide) nennt man die natur-
braune Seide einer ostindischen Seiden-
raupe von Antheraea mylitta. In Ostindien
daraus gefertigte Gewebe kommen nach Eng-
land und werden auch in Deutschland unter
dem Namen ostindische Bastseide feilgeboten.

Tussol, mandelsaures Antipyrin, entsteht beim
Erhitzen von Mandelsäure mit Antipyrin in
Form eines weißen Kristallpulvers, das bei 52
bis 53 o- schmilzt und sich in Wasser, Alkohol
und Äther löst. Es findet gegen Keuchhusten
sowie gegen Kehlkopf- und Bronchialkatarrhe
medizinische Anwendung.

u.

Ule, eine Kautschukart Mexikos, wird aus
dem Milchsäfte eines zu den Artokarpeen ge-
hörigen Baumes, Castilloa elastica, ge-
wonnen.

Ulmenrinde (Rüsterrinde, lat, Cortex ulmi,
frz. Ecorce d'orme, engl. Elm bark) stammt so-
wohl von der in Europa, Asien und Amerika
verbreiteten Ulmazee, Ulmus campestris,
als auch von der amerikanischen Ulme Ulmus
fulva. Die Rinde der europäischen Ulmen wird
ihres Gerbstoffgehaltes wegen zu Bädern be-
nutzt und in rotbraunen Stücken, von der oberen
Rindenschicht befreit, in den Handel gebracht.
Die wichtigere Rinde der amerikanischen Art ent-
hält gleichfalls Gerbstoff und Schleim und kommt
in gelblichen bis rotbraunen Bändern in den
Handel, die meist wieder in Bündel geschnürt
sind. Sie wird äußerlich als erweichendes Mittel,
innerlich gegen Durchfall angewandt.

Ulmensamen, die von den häutigen Anhäng-
seln befreiten Flügelfrüchte der Ulme, von denen
100 etwa 0,5 g wiegen, enthalten neben 42 o/0
Stickstoffsubstanz etwa 240/0 eines dem Kokos-
öl ähnlichen Fettes und wurden wegen ihres
hohen Nährwerts während des Krieges mehr-
fach als Geflügelfutter empfohlen. Der Vor-
schlag, sie zur Gewinnung von Speisefett heran-
zuziehen, scheiterte an der geringen Menge der
Samen.

Ultramarin (frz. Outremer, engl. Ultramarine,
Lazuline). Die Nachbildung des natürlichen
Ultramarins, des Lapis Lazuli der Alten (s-
Lasurstein), gelang Christian Gmelin im Jahre i82z
durch Zusammenschmelzung von Tonerde rnit
kieseisäure-, natron- und schwefelhaltigen Stof-
fen. Die Grundlage dieses noch heute ausgeüb-
ten Verfahrens bilden reiner Porzellanton (Kao-
lin), Glaubersalz und Kohle (Sulfat-U.) oder
Kaolin, Soda, Schwefel und Kohle (Soda-U-)-
Sämtliche Stoffe müssen völlig wasserfrei, aut
das feinste pulverisiert und innig gemischt sein-
Als Kohle wird Holzkohle oder gut gesiebte
Steinkohle verwandt. Man drückt die Mischung,
deren Zusammensetzung je nach dem ge"
wünschten Farbenton schwankt, als ein gleich'
förmig graues Pulver in feuerfeste Tontiege*
mäßig fest ein, erhitzt die Tiegel zu Hunderten
unter allmählich gesteigerter Temperatur b&gt;®
zum Entweichen von Schwefeldämpfen, darauf
bis zur schwachen Weißglut, läßt nach 8 b*s
10 Stunden den Ofen abkühlen und entleert die
Tiegel. Der gesinterte Inhalt wird mit Wasser
ausgelaugt, gemahlen und getrocknet und bilde
dann ein grünes Pulver, den grünen U., de
als Anstrichfarbe beschränkte Anwendung findet-
Zur Überführung irj blauen U. wird die Masse
mit einigen Prozent Schwefel gemischt, noch'
mals bei schwacher Rotglut geröstet, darauf n1*
        <pb n="470" />
        ﻿Umbra

463

Urethan

Wasser geschlämmt oder durch Erhitzen mit
Natriumsulfidlösung vom freien Schwefel be-
freit und schließlich getrocknet und gesiebt. Um
helle, rein blaue Töne zu erhalten, genügt es,
das Blau noch mehrere Stunden auf Farbmühlen
zu mahlen. Durch Verwendung kieselsäure-
reicherer Mischungen erhält man den sog.
alaunfesten U., der durch Behandlung mit
Chlor und Wa'sserdampf oder mit Luft und Salz-
säure oder mit Salmiak in violetten und roten

U.	übergeführt werden kann. — Der U. bildet
ein zartes, feurig blaues, in Wasser, Alkohol
und Alkalien unlösliches und gesundheitlich
völlig unschädliches Pulver. Er ist als Wasser-,
Kalk- und Ölfarbe zu verwenden und zeichnet
sich durch eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen
Luft, Licht und Schwefelwasserstoff aus. Hin-
gegen wird er durch Säuren und saure Salze
unter Entwicklung von Schwefelwasserstoff ent-
färbt. Nur die kieselsäurereicheren Sorten sind
gegen Alaun beständig. Im Hinblick auf seine
Schönheit und Billigkeit findet U. die aus-
gedehnteste Verwendung als Malerfarbe, zu An-
strichen, bei der Herstellung von Tapeten und
Buntpapier, im Zeugdruck sowie zum Bläuen
von Papier, Zucker und Wäsche. AJs Verfäl-
schung sind Zusätze von Kreide, Gips und Ton
anzusehen, während Mischungen mit Zinkweiß
handelsübliche Malerfarben darstellen. Mit Blei-
farben darf U. seines Schwefelgehaltes wegen
nicht gemischt werden, da sonst leicht Nach-
dunkeln der Anstriche eintritt. Auch kann aus
dem gleichen Grunde bleihaltiger Firnis nicht
zum Anrühren mit Ultramarin benutzt werden.

Umbra (lat. Terra umbracea, frz. Ombre, engl.
Umber), nur dem Klange nach verdeutscht in
Umbraun, nennt man Erdfarben verschiedener
Schattierungen und verschiedenen Ursprungs.
Die eigentliche oder echte U. ist ein toniger,
durch Verwitterung mulmiger Brauneisenstein
von leber- bis kastanienbrauner Farbe, der neben
kieselsaurem Eisenoxyd immer auch braunes
Manganoxyd enthält. Die beste Sorte, die auf
der Insel Zypern gefundene sog. zyprische
oder türkische- U., sieht gräulichbraun aus
und gibt, in verschiedenen Graden mit Weiß ver-
setzt, eine große Zahl schöner Farbentöne.
Beim Brennen nimmt sie eine rotbraune Farbe
an. Ähnliche, aber minder gute Ware wird auf
den Eisensteingruben um Saalfeld, Könitz und
Kammsdorf sowie in verschiedenen Gegenden
Englands und Siziliens gefunden. Die von letz-
terem Fundorte gelieferte U. ist ein kastanien-
brauner Eisenocker mit muscheligem Bruch. —-
Die sog. kölnische U. (Kölnerbraun, Kes-
selbraun) ist lediglich eine erdige, schön dun-
kelkaffeebraune Braunkohle. Sie unterscheidet
sich von der echten U. durch ein viel geringeres
spez. Gew., riecht beim Erhitzen torfartig und
kann nicht geglüht werden. Kölner U. findet
sich häufig in der Umgegend von Köln, im
Bergischen und Jülichschen sowie in Thüringen
und wird sowohl gemahlen als auch in Stück-
form verkauft. Alle Umbrasorten müssen vor
dem Gebrauche gepulvert und durch Schläm-
men von sandigen Teilen befreit werden. Man
verwendet sie zu Anstrichen aller Art, sowohl
als Öl- wie Wasserfarbe, zu dunkeln Firnissen,
besonders häufig für Wachstuch, zum Braun-

färben von Holz und als Vergoldergrund, die
kölnische auch zur Darstellung feinerer brauner
Farben. Zu diesem Zwecke wird sie in Ätz-
lauge gelöst und der Farbkörper durch eine
Säure als feiner Schlamm wieder ausgefällt
(sog. brauner Karmin). Häufig ist die im
Kleinverkehr käufliche U. nichts anderes als ge-
glühter Ocker.

Uran (lat. Uranium), ein seltenes, dem Chrom,
Molybdän und Wolfram verwandtes metalli-
sches Element vom Atomgewicht 239,5, findet
sich in der Natur hauptsächlich als Uranoxydul-
oxyd in Form des Uranpecherzes oder der
Uranblende, eines gräulichen oder pech-
schwarzen, glänzenden Minerals. Dasselbe bil-
det fast nur in der Gegend von Johanngeorgen-
stadt und Schneeberg in Sachsen sowie von
Joachimstal und Przibram in Böhmen größere
Lager in Gängen von Gneis und Glimmerschiefer
und wurde früher vielfach als wertloser Abraum
fortgeworfen, bis man seine hohe technische
Verwertbarkeit erkannte. Das Pecherz selbst
dient im gemahlenen Zustande als schwarze
Porzellanfarbe.Das künstlich dargestellte Uran-
oxyd, U03, sowie das uransaure Natrium
(Urangelb), Na2U207, gelbe Pulver, verleihen
Glasflüssen eine eigentümliche gelbgrüne Farbe
(Uranglas), die durch Zusatz von Kupferoxyd
in Smaragdgrün umschlägt. Von den sehr gif-
tigen Salzen findet das Uranazetat (lat.
Uranium aceticum, frz. Acdtate uranique, engl.
Acetate of Uranium) als Reagens bei der ana-
lytischen Bestimmung der Phosphorsäure, und
das Urannitrat (lat. Uranium nitricum, frz.
Nitrate uranique, engl. Nitrate of Uranium) in
der Photographie als „Abschwächer“ Anwen-
dung. Als Ausgangsstoff für die Gewinnung
des Radiums (s. d.) ist die Pechblende neuer-
dings außerordentlich kostbar geworden.

Uranin, ein seit 1871 bekannter Teerfarb-
stoff, besteht aus der Natronverbindung des
Fiuoreszeins. Das gelbbraune Pulver, dessen
gelbe wäßrige Lösung eine sehr lebhafte gelb-
grüne Fluoreszenz zeigt, wird nur in beschränk-
tem Grade zum Färben von Wolle, mehr noch
für Wolldruck verwandt, eignet sich hingegen
nicht für Baumwolle. — Im Handel erhält man
unter dem Namen U. auch zuweilen das Me-
thy Ifluoreszetn.

Urethan (lat. Urethanum, frz. ürethane, engl.
Urethan). Den Namen Ürethane führt eigent-
lich eine ganze Gruppe chemischer Verbindun-
gen, die man als Karbaminsäureester betrach-
ten kann, im besonderen aber versteht man
unter U. ein neuerdings als Arzneimittel auf-
gekommenes Präparat, das seiner chemischen Na-
tur nach als Äthylurethan, NH2.COOC2H6,
anzusprechen ist und als Schlafmittel empfohlen
wird. Es soll jedoch den Nachteil haben, daß
man sich sehr bald daran gewöhnt und daß es
dann nicht mehr genügend wirksam ist. Das U.
bildet färb- und geruchlose, säulenförmige Kri-
stalle von eigentümlichem, kühlendem Ge-
schmack, schmilzt zwischen 48—50 °, siedet gegen
1700 und sublimiert dann unverändert. Es ver-
brennt mit wenig leuchtender Flamme, ohne
Rückstand zu hinterlassen, und ist sowohl in
Wasser als auch in Alkohol, Äther und Chloro-
form leicht und klar löslich. Die Lösungen zei-
        <pb n="471" />
        ﻿Urogosan

464

Vanille

gen neutrale Reaktion. In konzentrierter Schwe-
felsäure löst sich das U. unverändert, beim Er-
hitzen tritt aber lebhafte Zersetzung ein. Beim
Erwärmen mit Kalilauge entwickelt sich Am-
moniak.

Urogosan, eine von J. D. Riedel &amp; Co, gegen
Krankheiten der Harnwege empfohlene Mi-
schung von 0,3 g Gonosan und o,lj g Hexa-
methylentetramin in Gelatinekapseln.

V.

Validol, eine Mischung von baldriansaurem
Menthol mit einem Gehalt von 30 0/0 freiem Men-
thol in Lösung, ist eine klare, etwas ölige
Flüssigkeit, die als Mittel zur Steigerung der
Herztätigkeit und des Blutdrucks gegen Schwin-
delanfälle, Ohnmacht, hysterische Zustände,
Übelkeit und Seekrankheit sowie als Harn-
antiseptikum benutzt wird.

Valonen (Ackerdoppen, le vantinische
Knoppern), die Fruchtbecher orientalischer
Eichen, Quercus Aegilops, Quercus Va-
lonea, enthalten 20—45 °/o Gerbstoff und wer-
den als Gerbmittel benutzt.

Valvolinöl, ein in Amerika aus den schwerer
flüchtigen Teilen des Petroleums. gewonnenes
Schmiermittel, kommt in verschiedenen Sorten
in den Handel. Die leichteste vom spez. Gew.
0,871, Valvolin spindle oil, fängt erst bei
2180 an zu verdampfen und läßt sich erst bei
263° entzünden. Die schwerste Sorte, das Val-
volin cylinder oil, vom spez, Gew, 0,893 be-
ginnt bei 288° zu verdampfen, und die Entzün-
dungstemperatur liegt bei 360°.

Vanadinsäure ist die Sauerstoffverbindung
eines seltenen, dem Phosphor nahestehenden
Elementes Vanadin vom Atomgewichte 51,2,
das sich in- der Natur als Vanadinbleierz oder
Vanadinit vorfindet, hauptsächlich aber spuren-
weise in manchen Tonen und Eisenerzen vor-
kommt und neuerdings auch aus der Thomas-
schlacke dargestelit wird. Die durch Schmelzen
der Vanadinerze mit Salpeter oder durch Auf-
lösen in Salzsäure, Fällen mit Chlorammonium
und nachfolgendes, Glühen erhaltene Säure,
V205, ist eine orangerote Masse, die. in der
Glühhitze schmilzt und dann kristallinisch er-
starrt. Sie löst sich nur wenig in (1000 Teilen)
Wasser mit gelber Farbe. Hauptsächlich in
Form ihres Ammoniumsalzes (s. Ammonium-
vanadinat) findet sie technische Anwendung zur
Erzeuguhg von Anilinschwarz sowie als photo-
graphischer Entwickler. Mit Gerbsäure geben
die Salze eine, schon von Berzelius hergestellte,
wasserfeste, aber vergilbende Tinte und färben
Glasflüsse schön rot. Auch im Schwefelsäure-
kontaktverfahren wird V. an Stelle des Platins,
obwohl sie diesem an Wirksamkeit nachsteht,
in steigenden Mengen verbraucht.

Vanille (lat. Vanilla, frz. Vanille, engl. Va-
nille) ist die Kapselfrucht einer Orchidee,
Vanilla planifolia und verwandter Arten, die
ihre ursprüngliche Heimat in den feuchten und
heißen Wäldern der ostmexikanischen Küsten-
länder hat. Die Pflanze treibt zahlreiche Luft-
wurzeln, dickfleischige, ovale Blätter, gelblich-
grüne geruchlose Blüten und schotenartige,
dreiteilige, gelbe Kapseln, die 15—25 cm lang,
bis 1 cm breit und nach den Enden verschmälert

sind. Sie enthalten eine scharfe, klebrige Milch,
später ein balsamisches Mus, in welchem die
zahlreichen kleinen Samen liegen. Die V. wird
jetzt auch an der Westküste der Kordilleren, in
ganz Westindien, auf Mauritius, Bourbon (Re-
union), Java, Madagaskar, Zeylqn, den Seychel-
len, in den deutschen afrikanischen Kolonien
usw. angebaut. Man verwendet zur Weiterpflan-
zung meist Stecklinge und Setzranken, die auf
völlig gesäubertem Boden an dazu geeignete
Bäume gesteckt und beim Weiterwachsen mehr-
fach angeheftet werden, bis sie fest an den
Stamm gewurzelt sind. Vom 3. Jahre an liefern
die Pflanzen Schoten und bleiben bis zum
40.Jahre ertragfähig. Die Befruchtung erfolgt
in der Wildnis durch besondere Insekten, in den
Anpflanzungen durch künstliche Übertragung
des Pollens auf die weiblichen Teile. Man
'erntet die Früchte von April bis Juni vor völliger
Reife, wenn sie anfangen, sich gelb zu färben,
legt die Schoten zuerst an die Sonne und dann
zum „Schwitzen“ in wollene Tücher, die so
lange in der Sonne liegen bleiben, bis eine
braune oder grauschwarze Farbe erzielt ist.
Darauf werden die Schoten auf Tafeln aus-
gebreitet oder an luftig-schattigen Orten auf-
gehängt, oder auch zur künstlichen Trocknung
über Kohlenfeuer auf hängenden, schaukelnd
erhaltenen Horden, eingeschlagen in wollene
Tücher, angebracht. Die getrocknete Ware wird
sorgfältig nach der Länge sortiert, zu 50 Stück
zusammengebunden und in Blechkisten ver-
packt. Der Wert steigt mit der Länge. An Stelle
dieses sog. mexikanischen oder trocknen
Verfahrens wendet man neuerdings vielfach das
H eiß wasser verfahren an, indem man die
Früchte zur Abtötung 15—20 Sekunden lang in
siedendes Wasser taucht, dann in Haufen ge-
schichtet einem Schwitzvorgange überläßt und
schließlich in Wolltüchern an der Sonne trocknet.
— Die V. enthält nach König 28,390/0 Wasser,
3,710/0 Stickstoffsubstanz, 0,620/0 ätherisches Öl,
8,190/0 Fett und Wachs, 7,720/0 Zucker, 28,78°1»
stickstofffreie Extraktstoffe, 17,43% Rohfaser
und 4,78 0/0 Asche. Ihr Aroma wird durch einen
1,16—2,750/0 betragenden Gehalt an Vanillin
(s. d.) bedingt. Bei längerem Lagern überzieht
sich die Schote mit nadelförmigen Kristallen
von Vanillin („Kristallisierte V."), auf die im
Handel viel Gewicht gelegt wird, doch ist das
Kristallisieren nicht immer als Beweis für höhere
Güte anzusehen, da auch unkristallisierte Ware
gleich gut sein kann. Die Kennzeichen guter

V.	sind vielmehr, abgesehen von der Länge,
Biegsamkeit, ohne brüchig zu werden, .Unver-
letztheit, besonders der etwas umgebogenen
Spitzen, reichliche Füllung, Dünnschaligkeit, ge-
ringe Runzelung, gute Farbe und etwas Fett-
        <pb n="472" />
        ﻿Vanillin

465

Vasogen

glanz, ohne auf Papier Flecken zu geben. Die
V. leidet leicht durch Zerbrechen, Verletzungen,
Austrocknen oder Schimmelbildung und muß
deshalb, in Stanniol verpackt, hermetisch ver-
schlossen in trockenen Räumen, und zwar in
Glas oder Blech aufbewahrt werden. Die beste
Ware kommt von Bourbon und Reunion. Java-
V. ist hartschaliger und geringwertiger als die
amerikanische und Bourbon-V. In Mexiko wird
die V. oft mit Akajouöl bestrichen, wodurch sie
an Güte verliert. Derart fettig gemachte Ware
gibt auf Papier braune Flecken. — Verfälscht
wird V. durch Auffrischen bereits mit Spiritus
ausgezogener Schoten mit Perubalsam und Aka-
jouöl oder mit Benzoetinktur und Bestreuen
mit Glas-, Azetanilid- oder Benzoesäurepulver
sowie durch Zumischen schlechter Schoten und
ähnlich aussehender Früchte. — Die künstliche
Darstellung des Vanillins, das zu den meisten
Zwecken die V. vollkommen ersetzen kann, hat
den Preis zwar wesentlich ermäßigt, doch ist
die Verwendung des künstlichen Riechstoffs an
Stelle der Vanillefrüchte für manche Zwecke
unmöglich, so daß die Vanille ihren Preis auch
jetzt noch behält. Als billige Ware ist seit meh-
reren Jahren die Tahiti-Vanille im Handel,
eine an sich echte, aber durch Entartung un-
brauchbare Frucht. Mit Vanillin bestäubte Ta-
hiti-Vanille darf nur unter der Kennzeichnung
„mit Zusatz von Vanillin“, nicht aber als „Va-
nille“ oder gar „veredelte V.“ in den Verkehr
gebracht werden. — Von anderen Vanille-
arten sind noch Vanilla Pompona (s. Vanil-
lon) und Vanilla palmarum zu nennen, die
lediglich zu Parfümeriezwecken dienen. — Medi-
zinisch wird die V. selten verordnet, und zwar
fast nur bei hysterischen Leiden und Menstrua-
tionserkrankungen. Bisweilen sind angebliche
Vergiftungen durch V. bekannt geworden, so
z. B. nach Genuß von Vanilleeis, doch dürfte
dies wohl mehr auf eine Zersetzung anderer
Bestandteile des Eises selbst zurückzuführen sein.
Immerhin führt der übermäßige Genuß von V.
Kopfschmerzen und Übelkeit herbei. Auch hat
sich bei Menschen, die mit dem Einpacken und
Sortieren von V. fortgesetzt zu tun haben, mehr-
fach eine Art Krätzekrankheit gezeigt. — Va-
nilletinktur (lat. Tinctura Vanillae, frz. Tein-
ture de Vanille, engl. Tincture of Vanille) ist
ein alkoholischer Auszug, der als Parfüm und
als Speisezusatz verwandt wird.

Vanillin (lat. Vanillinum), der Bestandteil
der Vanillefrüchte, dem diese hauptsäch-
lich, wenngleich nicht allein, ihren feinen Ge-
ruch und Geschmack verdanken, kann nach
verschiedenen Verfahren auf künstlichem Wege
dargestellt werden. Man bereitet es entweder
aus dem Kambialsafte der Nadelhölzer
durch Oxydation des in ihm enthaltenen Koni-
ferins mittels Kaliumdichromats und verdünn-
ter Schwefelsäure, oder aus dem Eugenol des
Nelkenöls, dem Harz des Ölbaumes und
dem Guajakol des Buchenholzteers durch
Behandeln mit Chloroform und Ätznatron. V.
entsteht so als ein feinkristallinisches weißes
Pulver, das sich schwer in kaltem, leicht in
heißem Wasser sowie auch in Alkohol und Äther
löst. Es schmilzt bei 80—8i° und läßt sich, vor-
sichtig erhitzt, sublimieren und in schönen,

Mercks Warenlexikon.

sternförmig gruppierten Kristallnadeln erhalten.
In chemischer Hinsicht ist V. als Methylpro-
tokatechualdehyd, C6H3(OH)(OCH3). CHO,
aufzufassen. Im Kleinhandel wird es gewöhn-
lich schon mit einer gewissen Menge Zucker
vermischt zum Verkauf gebracht (Vanillin-
zucker). Auch sind während des Krieges Mi-
schungen von Kochsalz mit etwa i o/o V. als Va-
nillinsalz in den Handel gelangt. Trotz seines
feinen und starken Vanillegeruches kann es die
Vanille doch nur zum Teil ersetzen, da außer
dem V. und der Vanillinsäure auch noch ein
aromatisches Harz an dem Geruch und Ge-
schmack der Vanille Anteil haben. Die Vanil-
linsäure läßt sich ebenfalls künstlich herstellen,
besitzt jedoch nur einen schwachen Geruch.

Vanillon nennt man eine besondere, von der
gewöhnlichen Vanille stark abweichende Sorte
aus Britisch-Guayana von Vanilla pompona.
Die Fruchtkapseln sind viel kürzer, bedeutend
dicker, breiter und fleischiger als bei der ge-
wöhnlichen Vanille, der Länge nach gerunzelt,
an beiden Enden verschmälert, umgebogen und
mit einer Narbe versehen. Um das Aufspringen
zu vermeiden, werden sie meist mit Fäden spi-
ralig umwickelt. Der Geruch ist bei weitem
nicht so fein wie derjenige der echten Vanille
und erinnert mehr an Piperonal (Heliotropin)
und Kumarin. Sie wird daher auch nicht zu
Konditoreizwecken, sondern nur in der Par-
fümerie benutzt.

Vaselin (Vaseline, lat. Adeps petrolei, Un-
guentum paraffini, frz. Vaseline, engl. Vaselin),
eine weiche, geruchlose, sich fettig anfühlende
Masse von Salbenkonsistenz, wird aus den De-
stillationsrückständen des amerikanischen Pe-
troleums gewonnen und teils mit gelblicher
Farbe (halb gereinigt), teils vollständig weiß in
den Handel gebracht. V., dessen Schmelzpunkt
zwischen 35 und 450 liegt, wird wegen seiner
milden Beschaffenheit, und weil es nie ranzig
werden kann, meist anstatt des Schweinefettes
zu Salben benutzt. Es besteht aus dem Paraffin
ähnlichen Kohlenwasserstoffen und wird auch
aus Rohozokerit, unter Zusatz von flüssigem
Paraffinöl, dargestellt. — Das lediglich aus
flüssigen Kohlenwasserstoffen bestehende Va-
selinöl (Virginia) dient als Rostschutz und
Schmiermittel.

Vasenol, ein Gemisch von Vaseline und Pa-
raffinöl mit etwas Zetylalkohol oder einem
anderen hohen Fettalkohol, findet wegen seines
großen Wasserbindungsvermögens als Salben-
grundlage Verwendung.

Vasogen (lat. Vaselinum oxygenatum), eine
neue Salbengrundlage, soll nach Angabe der
Fabrikanten ein durch Behandlung von Vaselin
mit komprimiertem Sauerstoff unter Erhitzen
im Drucktopf hergestelltes Sauerstoffderivat des
Vaselins sein. Nach anderen Angaben werden
gleichartige Stoffe durch Mischen von Paraffin-
öl mit Rizinusdisulfosäure oder mit ölsaurem
Ammonium erhalten. Da der Name V. geschützt
ist, werden Nachbildungen als Vasolimente
bezeichnet und zur Herstellung von Mischungen
mit Jod, Jodoform, Kreosot und anderen Medi-
kamenten benutzt. Valsol, Vasol und Vaso-
sapon sind ebenfalls andere Namen für gleich-
I artige Salbengrundlagen.

30
        <pb n="473" />
        ﻿Vateriafett

466

Verbandstoffe

Vateriafett, ein Pflanzenfett von der Butter-
bohne, Vateria indica L. aus Ostindien, ist
wie die meisten dortigen Pflanzenfette in fri-
schem Zustande grünlich und weich, bleicht an
der Luft und ähnelt an Konsistenz dem Schöps-
talg. Man verwendet es zur Herstellung von
Kerzen und Seifen.

Veilchenblüten (lat. Flores violarum.frz. Fleurs
de violette, engl. Violet flowers). Die entkelch-
ten und vorsichtig getrockneten Blüten des
wohlriechenden Veilchens (Viola odorata)
sind als Brusttee in Gebrauch, offizinell ist auch
der aus frischen Blüten bereitete Veilchen-
sirup (lat. Sirupus violarum, frz. Sirop de vio-
lette, engl. Sirop of violet), welcher durch Di-
gerieren mit heißem Wasser und Kochen des
Auszuges mit Zucker erhalten wird. Er bildet
einen schön blauen Sirup, der gegen Hustenreiz
kleiner Kinder benutzt wird und auch als emp-
findliches chemisches Reagens dient, weil die
Farbe durch Säuren in Rot, durch Alkalien in
Grün umgewandelt wird. — Als Parfüm führt
man Veilchenblütenessenz (frz. Extrait de
violette, engl. Extract of violet), einen weingeisti-
gen Auszug aus der Veilchenpomade oder
dem Veilchenextrakt (gewonnen durch Aus-
ziehen der Veilchen mit Petroläther und Ab-
destillieren des Lösungsmittels), und Veilchen-
öl, ein durch Mazeration von Öl mit frischen
Veilchenblüten hergestelltes Erzeugnis (Pomade
de violette und Huile parfumee de violette).

Veilchenwurzel (Iriswurzel, lat. Rhizoraa
iridis florentinae, frz. Racine d’iris oü violette,
engl. Iris root) nennt man den veilchenartig
duftenden Wurzelstock zweier Schwertlilien-
gewächse, Iris florentina und Iris pal-
lida, die im südlichen Europa heimisch sind und
in Oberitalien und Südfrankreich vielfach an-
gebaut werden. Auch aus Mogador in Marokko
kommt V. in den Handel. Der horizontal in der
Erde liegende ästige Wurzelstock ist knollig
gegliedert, hin und her gebogen, der Haupt-
körper etwa daumendick, die Außenseite gelb-
lich, das Innere eine weiße, harte und schwere,
mehlige Masse. Frisch gegraben hat die Wurzel
einen unangenehmen Geruch und bitteren Ge-
schmack, geschält und getrocknet riecht sie hin-
gegen angenehm und schmeckt nicht mehr
bitter. Die Droge wird in beträchtlichen Men-
gen, meist im ursprünglichen Zustande, bezogen
und in Deutschland dann mundiert, d. h. ge-
schält und geputzt, sortiert und weiter für den
Verkauf vorbereitet. Die längsten schlanken
Stücke werden als Anhängsel für zahnende Kin-
der zurechtgeschnitten oder -gefeilt, damit diese
zur Erleichterung des Zahnens daran kauen
(Rhizoma iridis tornata s. mundata pro infan-
tibus). Andere Stücke werden teils gröber oder
feiner geschnitten oder zu Kügelchen (Globulis)
zu'm Einlegen in Fontanelle gedreht, oder end-
lich aufs feinste gepulvert. Die geschnittene
Ware dient zur Bereitung von Räucherpulvern
und Räucheressenz, das Pulver als Zusatz zu
Zahnpulvern, feinen Toiletteseifen, Pomaden
und Schnupftabak sowie endlich zum Bestreuen
von Pillen. Die wichtigsten Handelssorten sind
Florentiner, die beste, aus schönen großen
und weißen Wurzeln bestehende Ware; Vero-
neser, kleinere, weniger aromatische Stücke,

und Mogador, welche den vorigen ähnelt. —
Außer den Wurzeln findet auch der alkoholische
Auszug (Veilchenwurzeltinktur oder -es-
senz) als Riechstoff ausgedehnte Verwendung.
Die Wurzel enthält Weichharz, Gerbstoff und
viel Stärkemehl, ferner ein Glykosid Iridin und
0,1—0,20/0 ätherisches Öl (Veilchenwurzelöl,
lat. Oleum iridis, frz. Essence d’iris, engl. Oil
of orrjs), das sich mit Wasser abdestülieren läßt.
Das Irisöl bildet eine feste, auf dem Wasser
schwimmende Masse und besteht zu 85 0/0 aus
Myristinsäure. Der Träger des Geruchs ist das
Iron, ein Keton der Formel C13H20O. Außer-
dem sind in dem öl nachgewiesen worden:
Myristinsäuremethylester, Benzaldehyd, Dezyl-
aldehyd, Nonylaldehyd, Naphthalin und Ölsäure.

Veratrin (lat. Veratrinum, frz. Wratrine, engl-
Veratrine), eine scharfe, sehr giftige, stickstoff-
haltige organische Base (Alkaloid), findet sich
neben Sabadillin in den Sabadillsamen,
hingegen nicht, wie man früher annahm, in der
weißen Nieswurz, die nur Jervin enthält-
Das weiße, unter der Lupe kristallinisch er-
scheinende Pulver ist an sich geruchlos, bewirkt
aber, in Form des kleinsten Stäubchens in die
Nase gebracht, äußerst heftiges, lang anhalten-
des Niesen und muß daher sehr vorsichtig auf-
bewahrt und verarbeitet werden. In kaltem
Wasser ist das V. fast unlöslich, in heißem nur
sehr wenig, dagegen Jeicht in Alkohol und in
Äther löslich. Man verwendet es besonders mit
Fett verrieben in der Medizin als örtliches Reiz-
mittel.

Verbandstoffe. Die medizinischen Verband-
materialien zerfallen in aseptische oder sterilei
antiseptische und nicht aseptische. Unter asep'
tischen oder sterilen faßt man diejenigen
Stoffe zusammen, welche durch ein besonderes
Verfahren, meist durch überhitzten strömenden
Wasserdampf unter Druck, selbst keimfrei ge'
macht sind, dabei aber keine keimtötenden Be-
standteile enthalten. Unter antiseptischen ver-
steht man alle diejenigen, welche, mit keim-
tötenden Chemikalien versetzt, in der Chirurg!6
und medizinischen Praxis verwandt werden. Di6
hauptsächlich benutzten Antiseptika sind: Jodo-
form, Sublimat, Salizylsäure, Karbolsäure, Bor-
säure und neuerdings Kollargol, ein wasser-
lösliches Silberpräparat. Nicht aseptisch sind
alle übrigen zur Verwendung kommenden Stoff6-
Die medizinische Verbandwatte (Dr. von
Bruns Scharpie-Baumwolle) bildet blenden6
weiße, geruch- und geschmacklose, vollständig
neutrale, sehr hygroskopische Tafeln oder Vlies6
aus zarten, ziemlich parallel verlaufenden, bis
3 cm langen, knötchenfreien Baumwollfasern,
die leicht, ohne Geruch und unter Hinterlassung
einer weißen Asche verbrennen und auf Wasser
geworfen, sich schnell vollsaugen und dann
untersinken. Zur Herstellung der medizinischen
Verbandwatte wird die Baumwolle, wie sl®
nach der Ernte aus Amerika und Ägypten zfj
uns kommt, nur zu einem sehr geringen Tejl
benutzt, die weitaus größte Menge liefern di6
Abgänge aus den Spinnereien, die Kämmling®
oder Peigneusen, Die Rohbaumwolle muß zu-
nächst entfettet und gebleicht werden und ha£
zu diesem Zwecke mehrere chemische Behand-
lungen durchzumachen. Dem Entfetten durch
        <pb n="474" />
        ﻿Verbandstoffe

467

Vichy

Kochen in einer Harzseifenlösung, darauf in
einer Sodalauge und Spülen in reichlichem
Wasser folgt die Bleiche durch Einwirkung von
schwacher Chlorkalk- oder Chlornatriumlösung,
die Zerstörung der unterchlorigen Säure durch
längere Lüftung und die Entfernung des Kalks
durch schwache Salzsäure. Schließlich wird die
Baumwolle entweder direkt gespült und ge-
trocknet, meist aber vorher mit Antichlor (unter-
schwefligsaurem Natron) und einer geringen
Menge Stearinseife behandelt. Aus letzterer
macht die noch vorhandene Salzsäure Stearin-
säure frei, welche in dieser kleinen Menge das
so beliebte Knirschen verursacht. Neuerdings
wird auch vielfach die elektrische Bleiche an-
gewandt, welche darauf beruht, daß aus Chlor-
verbindungen (Kochsalz) durch den elektrischen
Strom Chlor freigemacht wird. Die ganz trok-
kene Baumwolle wird endlich auf der Watte-
krempel zu einem Vlies verarbeitet, das 70 bis
loo cm breit, 180—250 cm lang und 250—500 g
schwer ist. — Die an den Kapseln der Baum-
wollsamen nach dem Entkörnen sitzengeblie-
benen kurzen Baumwollfasern werden durch
besondere Maschinen von den Kapseln getrennt
und kommen unter dem Namen Linters in
Ballen von 250 kg, meist stark durch Samen-
schalen u. a. verunreinigt, in den Handel. Sie
finden zwar meist Verwendung zu Schneider-
und Polsterwatten sowie, teils roh, teils ge-
bleicht, als Füllmittel, zum kleineren Teile aber
auch zu geringwertigen Verbandwatten. —'Ge-
bleichter hydrophiler Mull, der dieselbe
Entfettung und Bleichung durchzumachen hat
wie die medizinische Verbandwatte, wird eben-
falls zu verschiedenen Verbandstoffen weiter-
verarbeitet. — Appretierte Gaze zu Verband-
zwecken ist gekleisterter, in gespanntem Zu-
stande getrockneter und gebleichter Mull, bei
dem nur die Fäden gekleistert, die Maschen
aber kleisterfrei sind. Eine besonders dichte,
appretierte Gaze, bei der nicht nur die Fäden
gekleistert, sondern auch die Zwischenräume
mit Kleistermasse ausgefüllt sind, sog. Organ-
dingaze, dient, genäßt, zur Anfertigung von
Kleisterverbänden, als Ersatz der Gipsverbände.
■— Lint, früher unter dem Namen englische
Scharpie gehandelt, ist ein dichtes weiches,
auf einer Seite gerauhtes Baumwollgewebe. Mit
Borsäure impägniert, allgemein als Borlint be-
kannt, dient es zu Verbandzwecken. — Schließ-
lich findet als Verbandstoff ein baumwollenes
Kambrikgewebe Verwendung, dessen Kett-
fäden gewöhnlich die Stärke der Mullfäden
haben, während die Schlußfäden aus stärkeren
Garnen mit geringem Draht hergestellt werden.
Das Kambrikgewebe kommt gemangelt in den
Handel, wodurch die dickeren Schußfäden platt-
gedrückt sind, so daß sie die Maschen mitunter
ganz ausfüllen. — Infolge des Mangels an
Baumwolle mußte während des Krieges dazu
übergegangen werden, auch die Verbandstoffe,
■wie Watten, Binden usw., aus Ersatzstoffen
herzustellen. Für die Watten wurde Zell-
stoffwatte angefertigt, für Bindenstoff e griff
man zu Papiergeweben. Letztere haben sich
aber nicht besonders eingeführt, es lag, dies
tum Teil daran, daß für einzelne Zwecke die
^apierbinden sich infolge des Aufweichens bei

Zutritt von Feuchtigkeit unbrauchbar zeigten,
ferner aber auch Verbände, z. B. bei Finger-
verletzungen, sich nur sehr schlecht herstellen
lassen. Ein weiterer Mißstand war der unver-
hältnismäßig hohe Preis, der für die Papier-
garngewebe gefordert wurde.

Verbenaöl. Das echte Verbenaöl wird aus
den Blättern der in Spanien, Südfrankreich und
Amerika vorkommenden strauchartigen Ver-
bene, Lippia citriodora (Verbena triphylla,
Alsysia citriodora), bereitet, ist aber kein
regelmäßiges Handelsprodukt. Es kann in den
meisten Fällen durch das viel billigere Lemon-
grasöl, das deswegen auch ostindisches Ver-
benaöl genannt wird, ersetzt werden.

Veronal (Diäthylbarbitursäure, Diäthyl-
malony Iharnstoff, lat. Acidumdiaethylobarbi-
turicum, frz.Vdronal, engl.Veronal), ein weißes,
schwach bitter schmeckendes, in heißem Wasser,
Alkohol und Äther leicht lösliches Kristailpulver,
(C2H5)2C(CO . HN)2CO, wird als ein vortreff-
liches Schlafmittel verordnet. Es erzeugt wie
Alkohol einen mit Behaglichkeit und Gleich-
gültigkeit verbundenen Rauschzustand. Die Ab-
gabe ist in den Apotheken nur gegen ärztliche
Verordnung gestattet, was bei den beobachteten
schädlichen Nebenwirkungen des V. begründet
erscheint.

Verrin, eines der neueren Kehrmittel, die in
öffentlichen Gebäuden, besonders Schulen, an
Stelle des früher viel benutzten feuchten Säge-
mehls zur Verhinderung des Aufwirbelns von
Staub ausgestreut werden, besteht aus 70 0/0 Ko-
niferenholzschliff mit 30 0/0 Talkpulver. Ein ähn-
lich wirkendes Gemisch von Sand und Kreide
mit 10 0/0 Schmieröl wird als Bronil in den Ver-
kehr gebracht.

Vesuvin, ein dem Bismarckbraun sehr nahe-
stehender Farbstoff, soll aus salzsaurem Tri-
amidoazobenzol bestehen.

Vetiverwurzel (Kuskus, Iwaranchusa, lat.
Radix ivaranchusae seu vetiveris, frz. Racine de
vetiver, engl. Vetiver root). Das ostindische
Gras Vetiveria zizanioides (Andropogon mu-
ricatus s. squarrosus) treibt aus einem kurzen
Wurzelstock eine Menge langer, dünner, viel-
fach verästelter Wurzeln, deren sehr dünner
Holzkörper von einer schwammigen Rinde um-
geben ist. Die in der Mitte der letzteren liegen-
den Drüsen enthalten ein sehr kräftig und an-
genehm riechendes, dickflüssiges ätherisches öl
von dunkelblonder bis dunkelbrauner Farbe.
Die getrockneten Wurzeln werden namentlich
über, Kalkutta ausgeführt und in Indien selbst
zur Herstellung von Matten, Fensterschirmen u.
dgl. benutzt, die in der heißen Jahreszeit, mit
Wasser besprengt, Wohlgeruch verbreiten. Die
Wurzel wird wegen ihres anhaftenden Geruchs bei
uns in der Parfümerie und als mottenvertreibendes
Mittel angewandt. Das Öl (lat. Oleum vetiveris
s. ivaranchusae, frz. Essence de vetiver, engl.
Oil of vetiver root) findet in der Parfümerie nur
als Zusatz Verwendung. Es hat ein spez. Gew-
von 0,990—1,040, löst sich in 1—2 Teilen 800/0-
igem Alkohol und dreht die Polarisationsebene
ziemlich stark nach rechts, aD= + 22 bis -(- 38°.

Vichy, ein alkalisch-muriatischer Säuerling,
enthält in 1 kg: Bikarbonate des Natriums
4)883 g, Kaliums 0,3-520 g, Ammoniums 0,352 g.
        <pb n="475" />
        ﻿Viehsalz

468

Vogelbeeren

Kalziums 0,434 g, Strontiums 0,003 g, Magne-
siums 0,303 g, Eisenoxyduls 0,004 g, Mangan-
oxyduls Spur; Chlornatrium 0,534 g, Brom-
natrium Spur, schwefelsaures Natrium 0,291 g,
phosphorsaures Natrium 0,130 g, borsaures Na-
trium Spur, Kieselsäure 0,070 g, freie Kohlen-
säure 0,908 g.

Viehsalz. Als Zusatz zum Viehfutter verwendet
man Gemische von gewöhnlichem Kochsalz mit
Heu, Wermutkraut oder anderen Futtermitteln,
oder auch Kochsalz, das zur Vermeidung der
Salzsteuer mit rotem Eisenoxyd vergällt (dena-
turiert) ist.

Vigognewolle. Die Vicunna (Auchenia vi-
cunna), der kleinste, etwa schafgroße Ver-
treter der in den Anden Südamerikas heimischen
Lamatiere, der nur im wilden Zustande, in
Rudeln von sechs bis zehn Stück lebt, sich hin-
gegen nicht zähmen läßt, trägt auf der Ober-
seite eine seidenartig feine, wenig gekräuselte,
glänzendbräunliche oder rotgelbe, unterhalb
weißgelbliche Wolle. Das Tier wird von den
Gebirgsindianern Perus und Chiles gejagt und
liefert neben der Wolle zugleich ein wohl-
schmeckendes Fleisch. Die ungeregelte Jagd
hat den Wildbestand aber schon sehr gelichtet,
die Wolle wird daher immer seltener und teurer
und dürfte in Europa kaum mehr verkommen.
Man verwandte den Stoff zu feinen Mode-
waren, Handschuhen u. dgl., doch immer nur
in Untermischung, namentlich auch zur Ver-
feinerung der Oberfläche von Filzhüten. ■— Däs
sog. Vigognegarn führt nur einen erborgten
Namen, denn es besteht lediglich aus feiner
Schafwolle und Baumwolle in sehr wechselnden
Mischungsverhältnissen.

Viktoriablau. Diesen Namen führen zwei im
Jahre 1883 von Caro und Kern entdeckte Teer-
farbstoffe. Das Viktoriablau B (BS) ist die
Chlorwasserstoffverbindung des Phenyltetrame-
thyltriamidoalphanaphtyldiphenylkarbinols und
erscheint in bronzeglänzenden Kristallkörnern,
die in kaltem Wasser schwer, leichter in heißem
Wasser und in Alkohol mit rein blauer Farbe
löslich sind. Der Farbstoff färbt Seide und
Wolle im saueren Bade, sowie gebeizte und un-
geheizte Baumwolle auch im essigsauren Bade,
blau. Viktoriablau 4R hat eine ganz ähnliche
Zusammensetzung, nur mit dem Unterschiede,
daß anstatt der Tetramethyl- die Pentamethyl-
verbindung vorhanden ist. Man erhält den Farb-
stoff als bronzeglänzendes Pulver, das in heißem
Wasser mit blauvioletter Farbe löslich ist. Es
färbt wie V. B, nur mit mehr violettem Farbton.
— N eu viktoriablau, R, auch Vikto{iablauR
genannt, ist das Chlorhydrat des Äthyltetrame-
thyltriamidodiphenylalphanaphtyldiphenylkarbi-
nols.

Viktoriagelb, ein dem Safransurrogat nahe
verwandter Teerfarbstoff, besteht hauptsäch-
lich aus dem Kalisalze des Dinitroorthokresols
mit nur wenig Dinitroparakresol, welch letzteres
der Hauptbestandteil des Safranersatzes ist. Das
V. verpufft bei Berührung mit einem glühenden
Körper ebenso wie der Safranersatz. Auch Me-
tanilgelb (s. d.) wird als V. bezeichnet.

Viktoriagrün. Diesen Namen führt gleichzeitig
das Malachitgrün (s. d.) und ein diesem nahe-
stehender Farbstoff, der als Viktoriagrün 3B

oder Neu-Solidgrün BB und 3B bezeichnet
wird. Das letztere besteht aus der Zinkchlorid-
verbindung des Tetramethyldiamidochlortriphe-
nylkarbinols und erscheint als metallisch grün-
glänzendes, in heißem Wasser mit grünblauer
Farbe lösliches Pulver. Der Farbstoff färbt Seide
und Wolle, sowie mit Brechweinstein undTannin
gebeizte flaumwolle, blaugrün.

Viktoriaorange ist ebenso wie das Viktoria-
gelb nur eine Abart des Dinitrokresolkaliums.

Viktoriasprudel in Ober-Lahnstein enthält
nach der 1893 von R. Fresenius ausgeführten
Analyse in 1000 Gewichtsteilen: Bikarbonate des
Natriums 1,4035 g, Lithiums 0,0191 g, Ammo-
niums 0,0084 g, Kalziums 0,5084 g, Strontiums
0,0005 g, Magnesiums 0,3886 g, Eisenoxyduls
°,OI75g. Manganoxyduls 0,0012 g; Chlornatrium
1,3116 g; Bromnatrium 0,0016 g; Jodnatriunr
0,00001 g; Sulfate des Kaliums 0,0516 g, Natri-
ums 0,8157 g; arsensaures Natrium Spur; phos-
phorsaures Natrium 0,0009 gl borsaures Natrium
0,0059 g; salpetersaures Natrium 0,0043 g; Kie-
selsäure 0,0218 g; freie Kohlensäure 1,515t g-

Violanilin ist ein dem Indulin und Echtblau R
sehr ähnlicher Farbstoff.

Violett. Diesen Namen führen verschiedene
Teerfarben, die durch nachgesetzte Buch-
staben und Zahlen unterschieden werden. Vio-
lett 5B ist ebenso wie das Methylviolett 6B
und 6B extra sowie das Pariser Violett 6B
dem Benzylviolett (s. d.) nahe verwandt. —
Violett 6B (Kristall violett), die Chlorwasser-
stoffverbindung des Hexarnethylpararosanilins,
erscheint in metallisch grünglänzenden Kristallen,
die in Wasser mit violetter Farbe löslich sind,
und wird zum Färben von Seide und Wolle
verwandt. Auch färbt es mit Tannin und Brech-
weinstein gebeizte Baumwolle. Die Farbstoffe
Violett R, RR und 5R sowie Rotviolett 5^
extra sind nur Abarten von Hofmanns Violett
(s. d,). — Violet de Paris, Violet direct
und Violet de Methylaniline sind Abarten
des Methylviolett B; Violet impdrial rouge
und Violet phenylique wahrscheinlich nUl
Regina violett identisch. Violet solide istGall0'
zyanin. Andere violette Teerfarbstoffe sind das
Lauthsche Violett (s. d.) und das Azo-
violett.

Violettschwarz, ein seit 1887 bekannter Teer-
farbstoff, besteht aus dem Natronsalze des

Parapheny lendiaminodisazoalphanaphtholmono-

sulfosäurealphanaphthylamins. Der Farbstoff er'
scheint als bronzegelbes, in Wasser mit braun-
roter Farbe lösliches Pulver, das Wolle unl
Baumwolle violettschwarz färbt.

Viridin, ein im Jahre 1877 entdeckter Teer-
farbstoff, ein dunkelgrünes, in Wasser nu
grüner Farbe lösliches Pulver, besteht aus deh1

Natronsalze der Diphenyldiamidotriphenylkarb*'

nolsulfosäure. Dieser Farbstoff sowie das ibJJ
ganz ähnliche Alkaligrün scheint jetzt nie*1
mehr im Handel zu sein.

Vogelbeeren .(Ebereschenbeeren, lat. FruC'
tus sorbi, frz. Fruits de sorbier, engl. Bir“_
berries), die Früchte der in Europa und Norn^
asien heimischen Eberesche, Sorbus AucU
paria L., sind rote fleischige Beeren, in der«
Fächern die Samen liegen. Die HauptbestanU'
teile sind roter Farbstoff und Äpfelsäure so^i
        <pb n="476" />
        ﻿^ ...



Vogelnester, indische

469

Wacholderöl

hnet

&gt;rid-

phe-

rün-

lauer

eide

innin

oria-

ums.

Lt hält

brten

des

imo-

iums

duls

rium

rium

atri-

hos-

rium

Kie-

g

auB

unu

eine besondere Zuckerart: Sorbose. Man ver-
wendet die V. frisch zur Bereitung eines Saf-
tes, Ebereschenmus (lat. Roob s. Succus
sorborum), das als Abführmittel und zur Her-
stellung von Branntwein gebraucht wird. Die
getrockneten Beeren dienen als Vogelfutter.

Vogelnester,indische (OstindischeSchwal-
bennester, Tunkinsnester) stammen von
den sog. Salanganen, Labet (Collocalia
nidifica Gray) und Lintjih (Collocalia fu-
ciphaga), Verwandten unseres Mauerseglers,
und bestehen im wesentlichen aus dem er-
härteten Speichel dieser Vögel. Beiden Arten
der Salanganen schwellen zur Nistzeit die
Munddrüsen, besonders aber die Unterzungen-
drüsen, stark an, und die Vögel kleben den
ausgeschiedenen Speichel zunächst in Gestalt
einer halbmondförmigen Leiste, die dann weiter-
gebaut wird, an die glatten Felswände der
Meeresufer. Die Vogelnester bilden hauptsäch-
lich für den südlichen Teil Chinas eine wichtige
Handelsware und kommen in mehreren Sorten
in den Handel. Als beste gelten die ganz weißen
Nester, die vor dem Eierlegen, als zweite die-

jenigen, die vor dem Auskriechen der Jungen
gesammelt werden, als geringste die schwarzen,
die auch anhaftende oder in die Masse selbst
eingebettete Federn enthalten. Die Mehrzahl
der in Frage kommenden Vögel wohnt in Höhlen
am Meeresufer der ostindischen Inseln, doch
gibt es auch einige im Binnenlande. Der Haupt-
stapelplatz der Nester ist Kanton, Hauptabneh-
mer sind die Chinesen, auch werden nach Eu-
ropa und Amerika größere Mengen verschickt.
Die V. enthalten 18,63 0/0 Wasser, 0,60 o/0 Fett,
7,160/0 Asche und 55,70/0 Protein, hauptsächlich
Muzin oder eine diesem ähnliche Verbindung
und werden zur Darstellung von Suppen sowie
von Gallerte benutzt.

Vulkanfiber nennt man eine außerordentlich
widerstandsfähige, lederähnliche Masse, die
durch Behandlung von Papier, Jutegeweben und
anderen Faserstoffen mit Zinkchlorid oder
Schwefelsäure bei hohem Druck sowie nach-
folgendes Waschen und Trocknen hergestellt
wird. Die V. findet mannigfache technische Ver-
wendung zur Herstellung von Riemen, Reise-
koffern und anderen Lederarbeiten.

Wacholderbeeren (Kaddigbeeren, Kram-
metsbeeren, lat. Baccae s. Fructus juniperi,
frz. Fruits de geniövre, engl. Juniper berries)
sind die getrockneten reifen Früchte des in
ganz Europa auf Berg- und Hügelland wach-
senden, zu den Nadelhölzern gehörigen
Wacholderstrauches (Juniperus communis
L.), der im Süden selbst baumartig wird. Die
fälschlich Beeren genannten Früchte reifen erst
im zweiten Jahre und werden dann dunkel-
violett, fast schwarz, während sie im ersten
Jahre noch grün sind. Getrocknet haben sie eine
schwärzlich braune Farbe und eine glatte und
glänzende oder stellenweise mit einem matten,
bläulichen Reife überzogene Oberfläche. Sie
dürfen nicht zusammengeschrumpft oder ver-
schimmelt sein und müssen einen kräftigen, bal-
samischen Geruch und aromatischen, süßlichen
Geschmack haben. Die meisten Zufuhren kom-
men aus Ungarn (Karpathen) und Italien, doch
auch aus verschiedenen Gegenden Deutsch-
lands, z. B. aus dem Fichtelgebirge, der Rhön,
dem Spessart und dem Thüringer Wald. Im
Handel unterscheidet man hauptsächlich ita-
lienische und deutsche W., von denen erstere
größer und fleischiger sind. Die W. werden teils
medizinisch als Volksheilmittel, z. B. als harn-
treibendes Mittel, teils in der Veterinärmedizin
verwandt und bilden u. a. auch einen Bestand-
teil des Kneipp sehen Wühlhuberte es. Große
Mengen werden zur Darstellung von ätherischem
öl und zur Bereitung des in England und Hol-
land beliebten Genevers und Gins sowie des
deutschen Steinhägers, Doornkats und ähn-
licher Schnäpse verwandt. — Wacholdermus
(Wacholdersaft, Wacholderlatwerge, lat.
Succus juniperi inspissatus s. Extractum bacca-
rum juniperi s. Roob juniperi, frz. Extrait de
genifevre, engl. Rob of juniper berries) wird

durch Übergießen der zerquetschten frischen
Beeren mit vier Teilen heißem Wasser, Abpressen
und Eindampfen der so gewonnenen Flüssigkeit
erhalten. Der trübe braune Sirup von süß ge-
würzhaftem, nicht brenzligem Geschmack hat
folgende Zusammensetzung: 20—300/0 Wasser,

4—50/0 Asche mit 50—60 ccm N-Säure-Alkali-
tät, 0,18—0,260/0 Phosphorsäure, 65—75% Ge-
samtzucker und 0,10—0,150/0 Stickstoff. Der
vielfach beobachtete Zusatz von Stärkesirup,
der an der starken Rechtsdrehung erkannt wer-
den kann, ist als Verfälschung zu beurteilen.
Gegen die Unterschiebung von Wacholdermus,
aus dem das ätherische Öl abdestilliert wor-
den ist, schützt die Vorschrift des D.A.B., daß
Wacholdersaft in einem Teil Wasser nicht klar
löslich sein darf.

Wacholderholz (Kaddigholz, lat. Lignurn
juniperi, frz. Bois de geniövre, engl. Juniper
wood), das gelbliche oder rötlichweiße, ziem-
lich weiche Holz des Wacholders (Juni-
perus communis) ist schwer zu spalten und
sehr dauerhaft, dabei dicht und feinfaserig und
besitzt einen angenehmen aromatischen Ge-
ruch, der beim Erwärmen oder Entzünden noch
deutlicher hervortritt. W. wird als Drechsler-
holz angewandt, aber auch im Drogenhandel
geführt. Man verkauft es in diesem Falle in
geraspeltem oder fein geschnittenem Zustande
und verwendet es als Zusatz zu Holztee und
zur Bereitung von Wacholderholzöl.

Wacholderöl, das ätherische öl des Wachol-
ders, findet sich in zwei Sorten im Handel, näm-
lich als Wacholderbeeröl (lat. Oleum bacca-
rum s. fructuum juniperi, frz. Essence de fruits
de geniövre, engl. Oil of juniper berries) und
als Wacholderholzöl (lat. Oleum juniperi e
ligno, frz. Essence de bois de geniövre, engl.
Oil of juniper wood), von denen das erstere
        <pb n="477" />
        ﻿W acholderspitzen

470

Wachs

teurer und feiner ist, während das letztere einen
an Terpentinöl erinnernden Geruch besitzt. •—
Das Wacholderbeeröl wird durch Destilla-
tion der zerquetschten Beeren mit Wasserdampf
in Menge von 0,3—2 o/0 gewonnen. Das farblose
oder blaßgrünliche, dünnflüssige Öl besitzt, wenn
es aus ausgesuchten reifen Früchten bereitet
wurde, einen sehr feinen aromatischen Geruch
und löst sich in fünf bis zehn Teilen 900/oigen
Alkohols; eine klare Lösung erhält man aber
meist nur bei ganz frisch destillierten Ölen. Das
spez. Gew. beträgt 0,860—0,882. Wacholderbeer-
öl besteht hauptsächlich aus dem Kohlenwasser-
stoffe Pinen, daneben finden sich noch Käm-
pften, Terpinenol, ein dem Terpineol ähnlicher
Alkohol, und Kadinen. Es wird als harntreiben-
des Mittel, vor allem aber zur Herstellung von
Likören verwandt. —• Das Wacholderholz-
öl ist meist ein über Wacholderholz destilliertes
Terpentinöl oder ein mit diesem verschnittenes
Wacholderbeeröl. Es findet als Einreibungs-
mittel bei Gicht und Rheumatismus sowie in der
Tierheilkunde Anwendung. —Wacholderteer
(Wachold erteeröl, Kaddigöl, lat. Oleum
juniperi empyreumaticum, s. Oleum cadinum,
frz. Huile de cade, engl. Oil of cade) wird durch
trockne Destillation des Holzes von Juniperus
oxycedrus, einer im Mittelmeergebiet und
Kaukasien heimischen Wacholderart hergestellt.
Die rot- bis schwarzbraune, dicke Flüssigkeit
von harzig-brenzligem, an Wacholder erinnern-
dem Geruch findet als Wundbalsam gegen
Ausschläge bei Menschen und Tieren Verwen-
dung.

Wacholderspifzen (Wacholdern’adeln, lat.
Summitates juniperi, frz. Somnit6s de geniövre,
engl. Jumper tops), die Zweigspitzen des
Wacholderstrauches (Juniperus com-
munis), finden, wie die Wacholderbeeren, als
blutreinigendes und harntreibendes Mittel Ver-
wendung.

Wachs (lat. Cera, frz. Cire, engl. Wax). Ur-
sprünglich verstand man unter W. nur das
Bienenwachs,, hat diese Bezeichnung aber
später auf eine Reihe anderer ähnlich aussehen-
der Stoffe wie Japanwachs, Karnaubawachs
usw. übertragen, die in besonderen Abschnitten
besprochen sind. Das W. schlechthin, das Bie-
nenwachs, ist ein Verdauungsprodukt der
Biene, Apis mellifica, welches diese in den
Stöcken zum Aufbau der Waben benutzt. Zu
seiner Gewinnung werden die durch Pressen
oder Zentrifugieren vom Honig befreiten Waben
in siedendem Wasser geschmolzen und dadurch
von den zu Boden sinkenden Verunreinigungen
befreit. Nach nochmaligem Umschmelzen wird
die Masse dann in Scheiben oder Brote ge-
gossen. Dieses sog. Gelb- oder Rohwachs
(Cera flava) besitzt, wenn es von jungen Stöcken
stammt (Jungfernwachs), eine schmutzig
weißgelbliche, sonst eine gelbe oder, bei in-
dischen, afrikanischen und amerikanischen Sor-
ten, eine graubraune bis dunkelbraune Farbe,
körnigen Bruch und angenehmen Geruch nach
Honig. In der Kälte spröde, wird es in der
Hand weicher und knetbar, beim Kauen klebt
es, zum Unterschied von harzhaltigem W., nicht
an den Zähnen. Für verschiedene Zwecke, be-
sonders zur Herstellung von Kerzen, wird das

W.	durch Bleichen in weißes Wachs (Cera
alba) übergeführt. Man bedient sich hierzu ent-
weder der Rasenbleiche, indem man . das in
feine Fäden oder Späne zerteilte W., bisweilen
unter Zusatz von Terpentinöl, den Strahlen der
Sonne aussetzt, oder man behandelt das W. mit
chemischen Oxydationsmitteln, wie Chlorkalk,
Kaliumpermanganat oder -dichromat oder Was-
serstoffsuperoxyd. Durch letztere Mittel wird
das W. aber chemisch verändert und für ver-
schiedene Zwecke unbrauchbar. Ein Zusatz von
etwa 50/0 Talg, der das Bleichen erleichtert und
die Geschmeidigkeit erhöht, gilt als zulässig,
hingegen ist ein Weißfärben mit Weinstein,
Alaun, Bleiweiß, Schwerspat, Gips oder Kreide
als Verfälschung zu beurteilen. — Das W. ist
in Wasser unlöslich und in kaltem Alkohol nahe-
zu unlöslich. Von kaltem Äther werden etwa
50 0/0, von kaltem Chloroform 25 0/0 aufgenom-
men. Siedender Alkohol entzieht dem W. die
Zerotinsäure, während es von ätherischen Ölen,
Chloroform, Äther, Schwefelkohlenstoff, Benzin,
Benzol und Tetrachlorkohlenstoff leicht und
vollständig gelöst wird. Der Schmelzpunkt liegt
bei 62—64°, das spez. Gew. beträgt 0,960—0,970.
Gebleichtes W. ist im allgemeinen härter, sprö-
der und auch etwas schwerer als das gelbe W.
Seiner chemischen Zusammensetzung nach un-
terscheidet sich das W. von den Fetten durch
das gänzliche Fehlen von Glyzerin. Es besteht
hauptsächlich aus Zerin^ einem Gemisch von
freier Zerotinsäure und etwas Melissin-
säure, und aus Myrizin (Palmitinsäure-Me-
lissylester) neben geringeren Mengen Zeryl-
alkohol und Kohlenwasserstoffen, — Bei dem
verhältnismäßig hohen Preise des W. sind Ver-
fälschungen häufig zu beobachten, zu deren Er-
kennung einige leicht auszuführende Vorprü-
fungen mit Erfolg herangezogen werden können.
Reines W. nimmt Kreidestriche an. Es schmilzt
zu einer klaren Flüssigkeit, während zugesetzte
Mineralstoffe, Erbsen- und Getreidemehle sich
in pulveriger Form abscheiden. Beim Kochen
mit der zofachen Menge Weingeist darf die
nach dem Erkalten filtrierte Lösung nicht ge-
färbt sein, nicht sauer reagieren und durch
Wasser nur schwach opalisierend werden. Gelb-
färbung deutet auf fremde Farbstoffe, starke
Trübung auf Zusatz von Stearinsäure hin. Beim
Kochen mit zehn Teilen Wasser und drei Tei-
len Kristallsoda soll sich das W. nach dem Er-
kalten über (der wäßrigen klaren Flüssigkeit
wieder abscheiden, während beim Entstehet)
einer Emulsion Verdacht auf Beimischung von
Fetten oder Stearinsäure besteht. Die genaue
chemische Analyse setzt die Bestimmung der
Säurezahl (19—21), der Esterzahl (73—76)
und der Verseifungszahl (etwa 95) voraus-
Das Verhältnis zwischen SäureT und Esterzahl,
die sog. Verhältniszahl, beträgt meist 3,6 bis
3,8. — Das W. findet vielfache Verwendung zu
feineren Kerzen, Wachsstöcken, Pflastern, Sal-
ben und Pomaden, Figuren, Blumen und Appre-
turen. Es wird in großen Mengen aus dem Aus-
lande eingeführt, 1913 rund 3 Millionen Kilo-
gramm, davon etwa 1 Million Kilogramm aus
Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika. — Ver-
wachs (Propolis) ist ein in Alkohol lösliches
Harz, das von den Bienen zum Befestigen der
        <pb n="478" />
        ﻿JZIUX

Wachstuch	471	Walkerde

Waben in den Stöcken erzeugt wird. — Wachs-
papier (lat. Charta cerata, frz. Papier cire,
engl. Waxed Paper) ist mit geschmolzenem W.
getränktes Papier.

Wachstuch. Während das alte W. oder die
Wachsleinwand wächserne Überzüge hatte,
bestehen die heutigen Stoffe aus leichteren oder
schwereren Baumwoll-, Leinen-, Werg- oder
Jutegeweben, die mit einer biegsamen farbigen
Firnisschicht überzogen und oft auch lackiert
sind. Zu ihrer Herstellung werden die Gewebe
in Rahmen eingespannt und zunächst mit einer
Leim- oder Kleisterschicht grundiert, um die
Poren des Gewebes zu schließen. Die auf die-
sen Untergrund aufgetragene erste Schicht von
Firnisfarbe wird nach dem völligen Austrocknen
mit Bimsstein ebengeschliffen und ebenso mit
jeder folgenden verfahren. Die Zahl der auf-
zutragenden Schichten hängt von der Art und
Stärke der Ware ab. Zum Schluß folgt ein
Glanzfirnis oder eine Lackierung. Die einfarbi-
gen Waren sind meist schwarz oder doch dun-
kelfarbig und sehen in den feinen Sorten wie
lackiertes Leder aus, an dessen Stelle sie häufig
benutzt werden. Das meiste W. wird gedruckt
oder sonst farbig gemustert und dient dann zu
Fußbodenbekleidung und Wandtapeten, Möbel-
decken, zum Ausschlagen von Wagen und ähn-
lichen Zwecken.

Wärmeöfchen, im Kriege aufgekommene Vor-
richtungen zum Wärmen der Hände, die sich,
als recht zweckmäßig erwiesen haben, bestehen
aus einer mit Filz umgebenen Metallröhre, in
die ein glimmender Kohlenstift eingeschoben
wird. Die Glühkohlen werden in der Weise
hergestellt, daß man Lindenholzkohlenpulver
mit Salpeter und Tragant oder einem anderen
Bindemittel und Wasser zu einer plastischen
Masse vermischt, in Stangenform bringt und
trocknet. Nach dem Anzünden verglimmen die
Stifte vollständig und bieten eine ziemlich lange
anhaltende Wärmequelle.

Wässer nennt man Flüssigkeiten, die zum
Heilgebrauche oder zu kosmetischen
Zwecken bestimmt sind. Die letzteren zerfallen
hauptsächlich in Zahn- und Mundwässer, Kopf-
wässer und wohlriechende Wässer, i. Wässer
zum Heilgebrauche, wie Bittermandelwasser,
Kirschlorbeerwasser, Fenchelwasser, sind Aus-
züge der betreffenden Drogen, die bei der De-
stillation der ätherischen Öle gewonnen werden.
S. die betr. Aufsätze. — 2. Kosmetische W.,
wohlriechende W. Die Zahn- und Mund-
wässer sind Mischungen bzw. Auflösungen
von Myrrhen-, Katechu- oder Ratanhiatinktur,
denen Thymol, Borsäure, Salizylsäure und aro-
matische Stoffe, wie ätherische Öle, zugesetzt
werden. — Kopfwässer sind meist Auflösun-
gen oder Auszüge von Chinarinde, Perubalsam,
gereinigtem Honig, Bayrumöl oder Borax mit
Zusätzen von Franzbranntwein, Glyzerin, Ro-
senwasser usw. (z. B. Chinahaarwasser). —
Wohlriechende W. zum Parfümieren und
Zerstäuben sind Auflösungen von ätherischen
Ölen und anderen Riechstoffen in verdünntem
Weingeist, z. B. Kölnisches Wasser, Eau de
Cologne. — Alle kosmetischen W. können ent-
weder Weingeist- oder ätherhaltig sein oder
auch nur wäßrige Auszüge darstellen.

Waid (Färberwaid, falscher Indigo, Fär-
berscharte, frz. Vouede, engl. Woad), eine
zu den Kruziferen gehörige zweijährige
Pflanze, Isatis tinctoria L., wurde früher zur
Gewinnung des Indigos in großem Umfange
angebaut. Schon im 13. Jahrhundert hatten Er-
furt, Gotha und Arnstadt die Gerechtsame zum
W.-Handel, und 300 thüringische Dörfer wid-
meten sich ihrem Anbau. Durch den Wett-
bewerb des Indigos gingen die Pflanzungen
immer mehr zurück, und im Jahre 1906 hat
auch die letzte Waidmühle Thüringens im Dorfe
Pferdingsleben ihren Betrieb eingestellt.

Waldmeister (Sternleberkraut, lat. Herba
asperulae s. matrisilvae, frz. Asp^rule, engl.
Wood ward) ist das Kraut von Asperula odo-
rata L., einer in Mitteleuropa und Mittelasien
weit verbreiteten, in schattigen, feuchten Wal-
dungen wild wachsenden Rubiazee. Der W.
wird bis zu 40 cm hoch, der vierkantige Sten-
gel trägt die quirlständig, zu 6—9 stehenden
lanzettlichen Blätter. Die Blüten sind weiß
und an der Spitze des Stengels zu Dolden an-
geordnet. Das getrocknete Kraut wird im Dro-
genhandel als blutreinigender Tee und als Ge-
nußmittel angewandt. Frisch vor der Blüte ge-
sammelter W. dient zur Bereitung des Maitranks
und der Maitrankessenz. Träger des Aromas
ist das Kumarin (s. d.).

Waldwolle (frz. Laine vdgetale, engl. Wool
of pine), ein aus den grün eingesammelten Kie-
fern- und Föhrennadelngewonnener Faser-
stoff, dient in gröberer Sorte zum Polstern von
Möbeln, Matratzen u. dgl., während die feineren
einen Spinnstoff bilden, der allerdings bei der
Kürze der Fasern (bis 50 mm) nicht für sich
allein, sondern im Gemisch mit Wolle oder
Baumwolle versponnen wird. Die daraus her-
gestellten Watten und Gewebe werden als eine
Art Gesundheitsflanell besonders für Rheuma-
tismusleidende empfohlen, da sie den Körper
gleichmäßig warm halten und Feuchtigkeit ab-
wehren sollen. Das Ausbringen der Fasern aus
den Nadeln geschieht durch Kochen mit Dampf
und nachfolgende Bearbeitung in Schlagmaschi-
nen. Die sich beim Dämpfen ergebende Flüssig-
keit bildet eingedickt das Waldwollextrakt,
richtiger Fichtennadelextrakt (s. d.), eine
schwarzbraune, aromatisch-harzig riechende und
bitter schmeckende Masse, die zu stärkenden
Bädern gebraucht wird. Die abdestillierten flüch-
tigen Öle liefern das Waldwollöl oder Kiefer-
nadelöl, ein gelblichgrünes Öl, das zu Ein-
reibungen gebraucht wird, sich übrigens von
Terpentinöl nur durch wenige Eigenschaften,
namentlich den feinen Geruch, unterscheidet.

Walkerde (Walkererde, frz. Terre ä fou-
lon, epgl. Füllers earth), ein sehr fetter, sich
seifenartig anfühlender Ton von weißlicher,
gelblicher oder grauer Farbe, der sich in Wasser
unter Ausstößen von Bläschen zu einem zarten
Pulver zerrühren läßt, saugt begierig Fette ein
und wird daher als Entfettungsmittel beim
Tuchwalken, zur Anfertigung von Fleckkugeln
u. dgl. benutzt. Sie findet sich meist als Ver-
witterungsprodukt des Diorits bei Roßwein in
Sachsen, Riegersdorf in Schlesien, Vaels bei
Aachen, Mohrenberg bei Weilburg, Cilly in
Steiermark und in England.
        <pb n="479" />
        ﻿Walrat	472	Was chmittei

Walrat (lat. Cetaceum, Sperma ceti, frz. Blanc
de baieine, engl. Sperm) nennt man eine eigen-
tümliche fettähnliche Masse, die von dem zur
Familie der Wale gehörigen Kaschelot oder
Pottfisch, Physeter macrocephalus, ah-
stammt. Die von den Seefahrern auch Sperm-
wal genannten Tiere finden sich fast überall
im Ozean, ihre eigentliche Heimat ist jedoch
das südliche Polarmeer. Ein volles Drittel der
Körperlänge nimmt der ungeheure Kopf ein,
der in mehreren muldenförmigen, durch Speck
und Haut geschlossenen Vertiefungen der Schä-
deldecke beträchtliche Ansammlungen eines
hellen Öles zeigt, das sich beim Erkalten trübt
und eine bräunlichgelbe, kristallinische Masse
absondert. Weitere Mengen des gleichen Stoffes
finden sich in einem rührigen, vom Kopf zum
Schwanz verlaufenden Kanal und einigen klei-
neren Körperhöhlen. Von großen Tieren werden
bis zu 200 dz gewonnen. Der durch Abtropfen-
lassen und Abpressen von dem flüssigen Anteil
befreite feste Walrat wird durch Schmelzen,
Behandeln mit Lauge und Waschen mit Wasser
gut gereinigt und entfärbt und bildet dann eine
schneeweiße, perlmutterartig glänzende, fettig
anzufühlende Masse von blätterigem Gefüge.
Sein spez. Gew. liegt bei 0,940—0,960, der
Schmelzpunkt bei etwa 50 °. Ein Zusatz von
Stearin, der den W. härter und kleinblättriger
macht, sowie von Talg kann daran erkannt wer-
den, daß W. auf Papier keine Fettflecke her-
vorruft. In chemischer Hinsicht ist er als Pal-
mitinsäurezetylester (Zetin), d.h. als ein Wachs
anzusprechen. Die Verseifungszahl beträgt 108
bis 128. Die Verwendung des W. zu Kerzen
(s. d.) ist seit dem Aufkommen von Stearin und
Paraffin sehr zurückgegangen, doch gelten Wal-
ratkerzen als Normalkerzen zur Prüfung
des Leuchtgases. Medizinisch wird er zu Zeraten
und Pomaden, gepulvert und mit Zucker ge-
mischt auch als Mittel gegen Husten und
Heiserkeit angewandt. In der Technik dient er
als Zusatz zu verschiedenen Wäscheglanzmit-
teln und zu Appreturzwecken. — Während des
Krieges ist W. sogar in einigen Ersatznahrungs-
mitteln als Fettersatz aufgetaucht. —■ Das bei
der Gewinnung des W. abfallende Öl, das sog.
Walratöl oder Spermazetöl, das aus Estern
von Fettalkoholen und Physetölsäure (Ver-
seifungszahl 123—147) besteht, wird in der
Seifensiederei und als feines Schmieröl benutzt.

Wandkraut (Glaskraut, Peterskraut, lat.
Herba parietariae, frz. Herbe de paridtaire, engl.
Wall pellitery), von Parietaria officinalis L.
aus der Familie der Urtikazeen, ist in Mittel-
europa heimisch, wo es wild auf Mauern und
Schutthaufen wächst. Die Blätter sind eilanzett-
förmig bis rund und kurz behaart, der Ge-
schmack ist herb und salzig. In der Volks-
medizin verwendet man das W. als harntreiben-
des Mittel, wegen der rauhen Beschaffenheit
auch zum Abpolieren von Glas.

Warang (Wilia), der Bast eines ostindischen,
zurFamilie der Büttneriazeen gehörigen Bau-
mes, Kydia calycina (Roxb.), wird als Ersatz
für Lindenbast empfohlen. Als Spinnstoff sind
die glatten, schwach glänzenden und gelblichen
Fasern von 0,9—1,3 m Länge und 0,07—0,1 mm
Dicke weniger geeignet.

Waschmittel. Neben den gewöhnlichen aus
Soda, Wasserglas und etwas Seife zusammen-
gemischten Seifenpulvern (s. d.) gab es bereits
vor dem Kriege eine Reihe anderer Erzeugnisse
im Handel, die teils fettlösende, teils bleichende
Stoffe enthielten. Zu den ersteren gehört das
Ozonal (s. d.), eine Gallerte aus Petroleum und
Seife, ferner das Tetrapol, eine Tetrachlor-
kohlenstoff enthaltende Flüssigkeit, und eine
Anzahl sog. Salmiak-, Terpentin- oder Benzin-
W. Sie sind an sich nicht unwirksam, haben
aber den Nachteil, daß ihre wertbestimmenden
Bestandteile mit der Zeit verdunsten. Die ande-
ren, die auch wohl als Bleichmittel bezeichnet
werden, sind durch einen Gehalt an Sauerstoff
abgebenden Chemikalien, Superoxyden oder
Persalzen gekennzeichnet. Ihr erster Vertreter,
das Supero‘1, das aus reinem, in Pastillenform
gepreßten Natriumsuperoxyd bestand, ist wegen
seiner gefährlichen explosiven Eigenschaften
bald aus dem Verkehr zurückgezogen worden.
Etwas länger hielten sich Mischungen voh Na-
triumsuperoxyd mit indifferenten oder sauren
Verdünnungsmitteln, wie Ding an sich (Na-
triumsuperoxyd, Seifenpulver, Stearinsäure),
Machs allein (ähnliche Mischung mit Paraffin),
aber auch sie werden jetzt allgemein verworfen.
Günstiger wurden aus Natriumperborat be-
stehende Waschmittel wie Peroborin, Persil
u. a. beurteilt, die, wie auch Perkarbonate und
Persulfate, bleichend wirken, ohne anscheinend
die Wäsche anzugreifen. Aber auch ihnen
gegenüber erscheint eine gewisse Vorsicht ge-
boten, da sie nach den Versuchen Heermanns
bei Anwesenheit weit verbreiteter Stoffe, sog
Katalysatoren (Kupfer), die pflanzliche Faser
zerstören sollen (Sauerstofffraß). — Unter den
während des Krieges aufgekommenen Mitteln,
die als sog. fettlose W. eine traurige Berühmt-
heit erlangten, befanden sich zahlreiche Schwin-
delwaren erbärmlichster Art, die zum Teil aus
völlig wertlosen Stoffen, wie Natriumsulfat
(Glaubersalz), Kochsalz, Magnesium- und Kal-
ziumchlorid, Gips, Kreide u. dgl. bestanden. Eine
Aufzählung selbst der wichtigsten Vertreter er-
scheint wegen ihrer ungeheuren Zahl unmöglich
und auch entbehrlich, weil die meisten nach
Einführung des Genehmigungszwanges ver-
schwanden. Als einzige Stoffe, die, abgesehen
von den alkalisch reagierenden löslichen Ver-
bindungen, wie Alkalilaugen, Soda, Pottasche,
Wasserglas, Borax usw. eine gewisse reinigende
Wirkung in fettlosen W. auszuüben vermögen,
seien folgende angeführt: Saponin (s.d.), auch
in Form saponinhaltiger Abkochungen von
Quillayarinde u. dgl., ist in einigen W. auf-
gefunden worden, aber meist in zu geringer,
praktisch unwirksamer Menge; fettlösende En-
zyme der Bauchspeicheldrüse sollen zur
Herstellung des Waschmittels Burnus benutzt
worden sein, das im übrigen aus Glaubersalz,
Kochsalz und Soda bestand. Ton vermag in
einer bestimmten Form, sog. kolloidalen Form,
wie von der Verwendung der Walkerde be-
kannt ist, Fette und andere Schmutzstoffe zu
entfernen, und hat sich in seinen farblosen Arten
als ein brauchbarer Notbehelf erwiesen. Nach
Vorschrift des Kriegsausschusses für Fette und
Öle mußten die aus Ton bestehenden Erzeug'
        <pb n="480" />
        ﻿nisse aber die deutliche Kennzeichnung „Ton-
waschmittel“ tragen. Von einem näheren Ein-
gehen auf diesen Gegenstand kann abgesehen
werden, weil alle vorgenannten Kriegserzeug-
nisse mit Eintritt normaler Verhältnisse zweifel-
los wieder verschwinden und den altbekannten
W. aus Seife, Soda, Borax usw. den Platz
räumen werden.

Wasser. Obwohl einer der unentbehrlichsten
Stoffe für Industrie und Haushalt und meist
als freies, gemeinsames Besitztum aller Men-
schen angesehen, bildet das W. doch vielfach
auch einen wichtigen Gegenstand des Handels
und ist daher an dieser Stelle einer kurzen Be-
sprechung zu unterziehen. Chemisch reines W.,
HpO, d. h. eine Verbindung von einem Ge-
wichtsteil Wasserstoff und acht Gewichtsteilen
Sauerstoff, die durch Elektrolyse und Reduk-
tion in ihre Einzelbestandteile zerlegt wird, fin-
det sich in der Natur nicht vor, sondern kann
nur auf chemischem Wege, u. a. durch Ver-
brennen von Wasserstoff in Sauerstoff, herge-
stellt werden; fabrikmäßig erzeugt man es
durch Destillation des natürlich vorkommenden
Wassers. Von letzterem stellt das Regen- und
Schneewasser die reinste Form dar, weil es
nur etwa 3 Vol.-o/o fremder, gasförmiger Be-
standteile (Sauerstoff, Stickstoff, Kohlensäure)
aus der Atmosphäre aufgenommen hat. Fluß-
und Quellwasser enthält wechselnde Mengen
von Mineralstoffen, hauptsächlich Kalk- und
Magnesiasalze, die es auf seinem Wege durch
die Bodenschichten aufgelöst hat. Wässer mit
hohem Gehalte an diesen Stoffen, sog. harte
W'., sind für viele Zwecke der Technik weniger
geeignet als weiche W. Die Mineralwässer,
die sich durch große Mengen gelöster fester
und gasförmiger Beimengungen auszeichnen,
sind in einem besonderen Aufsatze besprochen.
Das reine W. ist in allen drei Aggregatzustän-
den, als Dampf, flüssiges W. und Eis oder
Schnee bekannt. In flüssigem Zustande ist es
in dünneren Schichten farblos, in dickeren hin-
gegen blau. Seine größte Dichte hat es bei
-)-40 und dehnt sich sowohl beim Erwärmen
wie beim Abkühlen aus. Das Gewicht eines
Kubikzentimeters Wasser bei —j— 40 wird als 1 g
bezeichnet. Als Plandelsware kommen nur Trink-
wasser und destilliertes W. in Frage. 1. Trink-
wasser. Die Beschaffung einwandfreien Trink-
wassers gehört zu den wichtigsten Aufgaben
der Gesundheitsbehörden, und zwar hauptsäch-
lich der Gemeindeverwaltungen. Als grund-
legende Anforderungen an ein gutes Trinkwasser
können folgende angeführt werden: W. soll
klar, farblos und geruchlos sein und keinen
fremdartigen Beigeschmack besitzen. Die Tem-
peratur muß für unsere Verhältnisse etwa der
mittleren Jahrestemperatur entsprechen, mög-
lichst beständig sein und möglichst unter 120
liegen. Das Wasser darf innerhalb 24 Stunden
keinen nennenswerten Bodensatz liefern, auch
ist im Hinblick auf die meisten Verwendungs-
zwecke eine zu hohe klärte unerwünscht. Die
wichtigste Forderung ist aber, daß es nicht
durch Zuflüsse menschlicher oder tierischer Ab-
fallstoffe verunreinigt wird und möglichst wenig
Bakterien enthält. Der letzten Voraussetzung
entspricht ohne weiteres fast nur das Grund-

wasser, das neuerdings von den meisten Ge-
meinden zur Wasserversorgung herangezogen
wird. Reines Grundwasser aus nicht verunrei-
nigten Bodenschichten enthält bei tadelloser
Anlage im allgemeinen weniger als 50 Keime
in 1 ccm und ist vielfach sogar völlig keimfrei.
Das von einigen Großstädten herangezogene
Oberflächenwasser aus Flüssen und Talsperren
muß durch Filtrationsanlagen vorerst keimfrei
gemacht werden. In beiden Fällen ist bei eisen-
haltigem W. eine Entfernung des Eisens durch
Lüftungsanlagen erforderlich. Zur völligen Klä-
rung des W., die für gewisse pharmazeutische
und technische Zwecke (Herstellung photo-
graphischer Trockenplatten) unentbehrlich ist,
bedient man sich besonderer Filtrierapparate
nach Berkefeld (mit Infusorienerde), oder der
mit feinen Asbestnädelchen (Mikrolithen) ge-
füllten Beyerschen Mikromembranfilter,
oder der aus unglasiertem Porzellan hergestell-
ten Chamberlandschen Filterkerzen und
anderer Einrichtungen. Im Hinblick auf die
bleilösenden Eigenschaften vieler Wässer sind
Leitungsröhren aus Blei in vermeiden. Aus der
Tatsache, daß Trinkwasser ein Gegenstand des
Handels und ein Nahrungsmittel ist, folgt in
Übereinstimmung mit dem aufsehenerregenden
Urteil des Landgerichts in Gelsenkirchen, daß
ein Zusatz von unfiltriertem Flußwasser eine
strafbare Verfälschung darstellt. 2. Destillier-
tes W. (lat. Aqua destillata. Aqua stillatitia,
frz. Eau distillöe, engl. Destilled water) muß
von den gewöhnlichen Verunreinigungen des
Trinkwassers, Salzen und Gasen, praktisch frei
sein. Zu seiner Herstellung versetzt man
das W. zur Bindung von Ammoniak mit etwas
Alaun und destilliert, indem man die ent-
stehenden Dämpfe zunächst xo Minuten lang,
ohne zu kühlen, entweichen läßt. Nach Anstel-
lung des Kühlwassers prüft man das Destillat
so lange mit Silbernitrat, bis es völlig chlorfrei
ist, und fängt erst dann auf. Um das spätere
Abspalten von Salzsäure aus etwa vorhandenem
Magnesiumchlorid zu verhindern, ist es zweck-
mäßig, etwas Natriumphosphat in die Destillier-
blase zu schütten. Zur Beseitigung eines an-
haftenden Geruchs filtriert man schließlich über
Holzkohle. Reines destilliertes W. muß ohne
Rückstand verdampfen. Es darf mit Neßlers
Reagens keine Gelbfärbung (Ammoniak), mit
Silbernitrat kein Opaleszenz (Chlor) und mit
Kalkwasser keine Trübung zeigen (Kohlen-
säure). Beim Erhitzen von 100 ccm W. mit
x ccm Schwefelsäure und 0,3 ccm Kaliumper-
manganatlösung (1:1000) muß die rote Farbe
bestehen bleiben, da sonst zuviel organische
Stoffe vorhanden sind. Das destillierte W. wird
in großen Glasballonen verschickt und muß gut
verschlossen und, vor Sonnenlicht geschützt, kühl
aufbewahrt werden. Es findet in der Chemie
und Pharmazie ausgedehnte Anwendung als
Lösungsmittel.

Wasserfenchel (Roßfenchel, Pferdefen-
chel, Pferdekümmel, lat. Fructus phellandrii
seu foeniculi aquatici, frz. Fruits de phellandrie,
engl. Water fennel seeds), die getrockneten
Früchte einer in Sümpfen und Gräben wach-
senden Umbellifere, Oenanthe Phellan-
drium, besteht aus länglichen, nach obenhin

41.
        <pb n="481" />
        ﻿Wasserglas

474

Wasserstoffsuperoxyd

verschmälerten Teilfrüchten von grünlichbrauner
Farbe, die auf dem Rücken fünf hellere Riefen
zeigen. Die Früchte besitzen einen starken, un-
angenehm aromatischen Geruch und Geschmack
und werden gegen Husten, ferner in der Tier-
heilkunde als Bestandteil des Kropfpulvers bei
Pferden, sowie in der Käsefabrikation ange-
wandt. — Das farblose bis gelbe ätherische
Wasserfenchelöl (lat. Oleum phellandrii, frz.
Essence de fenouil d’eau, engl. Oil of water
fennel seeds), das den Geruch der Früchte zeigt,
hat ein spez. Gew. von 0,850—0,890 und besteht
zu 800/0 aus einem Terpen, Phellandren. —
Verwechslungen von Wasserfenchel mit den
Früchten des Wasserschierlings, Cicuta vi-
rosa, sollen Vorkommen. Man erkennt die letz-
teren aber leicht an ihrer Geruchlosigkeit und
an ihrer Form. Sie sind nämlich kleiner, fast
kugelrund, nur von den Seiten her etwas zu-
sammengedrückt, gelbbraun und mit breiten,
wenig erhabenen Rippen versehen.

Wasserglas (lösliches Glas, Jat. Liquor si-
licici, frz. Verre soluble, engl. Water glass), eine
Art Glasmasse, die sith in siedendem Wasser
auflöst und nach dem Eintrocknen wieder als
fester, durchsichtiger Rückstand hinterbleibt,
unterscheidet sich von dem eigentlichen Glas
nur durch das Fehlen von Kalk, Blei oder
anderen Zuschlägen und besteht lediglich aus
Alkalisilikaten. Nach der Natur des vorhan-
denen Alkalis unterscheidet man Natron-W.
(Liquor natrii silicici), Kali-W. (Liquor kalii
silicici) und Doppel-W., ein Gemisch von Na-
trium- und Kaliumsilikat. Zur Herstellung des
W. schmilzt man gepulverten Quarz oder Feuer-
stein unter Zusatz von etwas Kohlenpulver mit
Soda, Pottasche oder einem Gemisch beider und
kocht die nach dem Erkalten pulverisierte
Schmelze mit Wasser aus. Die so erhaltene Lö-
sung ist bei Natron-W. meist grünlich, bei Kali-
W. bräunlich gefärbt oder farblos. Nach einem
billigeren Verfahren ersetzt man die Soda ganz
oder teilweise durch Glaubersalz, muß dann
aber einen größeren Überschuß von Kohle an-
wenden und erhält auch eine dunklere Ware.
Schließlich kann W. auch ohne Schmelzung
durch einfaches Kochen von Kieselgur oder
Feuersteinpulver mit Natronlauge dargestellt
werden. Die Wasserglaslösungen, die 33- und
660/oig in den Handel kommen, bilden mehr
oder weniger zähe Flüssigkeiten. Schon durch
die Einwirkung der atmosphärischen Kohlen-
säure werden sie unter Abscheidung gallert-
artiger Kieselsäure zersetzt und müssen daher
in gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt wer-
den. — W. findet ausgedehnte technische Ver-
wendung. Es dient zu Anstrichen auf Stein und
Mauerputz, welche dadurch eine Art Verkiese-
lung erhalten und, wie selbst alte verwitternde
Bildwerke, neu gefestigt werden. Holz, Lein-
wand, Papier und Pappe in Form von Theater-
dekorationen und Dachbedeckung werden durch
Überzüge von W. unverbrennlich. Außerdem
benutzt man W. als Kitt und Klebmittel, als
Füllstoff für Seifen, zum Schlichten von Baum-
wollgarn, als Konservierungsmittel für Eier und
als Bindemittel für gewisse alkalibeständige An-
streicher- und Zeugdruckfarben. Festes gepul-
vertes W. liefert beim Anrühren mit wenig

Wasser einen widerstandsfähigen hydraulischen
Mörtel. Das sog. Fixierungs-W., ein mit viel
Kieselsäure angereichertes, Doppel-W., wird zum
Fixieren der Farben in der Stereochromie,
einer Art vorzüglich dauerhafter Freskomalerei,
benutzt.

Wassernabel, asiatischer (asiatisches
Wasserbecherkraut, lat. Herba hydrocotyles
asiaticae, frz. und engl. Hydrocotyle). Unter
diesem Namen kommen die Blätter einer in den
Tropen, heimischen, zu den Umbelliferen ge-
hörenden Wasserpflanze, Hydrocotyle asi-
atica L., vermischt mit Blüten, Früchten und
Wurzelteilen derselben Pflanze in den Handel.
Die Blätter sind langgestielt, in der Mitte ver-
tieft und enthalten als wichtigsten Bestandteil
Vellarin, einen stark riechenden, bitter schmek-
kenden ölartigen Körper. Das Kraut findet
gegen Hautkrankheiten in Form von Umschlä-
gen beschränkte Verwendung.

Wasserreis (Hafer-Tuskarora, amerika-
nischer Reis, frz. Zizania, engl. American oat
rice), eine dem Reis verwandte Pflanze, Zi-
zania palustris, wächst wild in Südkarolina
und Jamaika und wird auch bis Kanada ähnlich
wie Reis als Nahrungsmittel angebaut. Im
grünen Zustande dient sie im Ursprungslande
als Viehfutter.

Wasserstoffsuperoxyd (lat. Hydrogenium per-
oxydatum, frz. Eau oxygen6e, Solutd officinal
d’eau oxygende, engl. Liquor hydrogenii per-
oxidi) ist neben dem Wasser die zweite Ver-
bindung des Wasserstoffs mit dem Sauerstoff
und enthält nach der Formel H202 91,2 % Sauer-
stoff und 8,8 0/0 Wasserstoff. Zu seiner Dar-
stellung versetzt man mit Wasser verrührtes
Bariumsuperoxyd mit soviel Phosphorsäure, daß
die Reaktion gerade neutral ist, filtriert, fällt die
Spuren gelöster Bariumsalze mit einer genau
ausreichenden Menge Schwefelsäure und filtriert
von neuem. Durch vorsichtiges Eindunsten der
wäßrigen Lösung bei 60—700 kann diese bis
auf 40—50 0/0 konzentriert und durch Destilla-
tion im Vakuum völlig vom Wasser befreit
werden. Das 99°/oige W., eine sirupöse Flüssig-
keit vom spez. Gew.1,453—1,500, ist in Alkohol
und in Äther löslich. Praktische Verwendung
findet nur die drei Gewichtsprozent W. ent-
haltendewäßrige Lösung, die auch als 10-Vol.- o/oig
bezeichnet wird, weil sie ihr tofaches Volum an
Sauerstoff abzugeben vermag. Sie bildet eine
farblose Flüssigkeit von herbem und bitterem
Geschmack und reagiert infolge eines geringen
Gehaltes an konservierend wirkender freier
Schwefelsäure oder Phosphorsäure schwach
sauer. Ihr spez. Gew. beträgt 1,006—1,012. W-
muß in nicht völlig gefüllten Flaschen kühl und
dunkel aufbewahrt werden. Es gibt leicht ein
Atom Sauerstoff ab und wirkt daher desinfi-
zierend, oxydierend und bleichend. Man benutzt
es in der. Medizin äußerlich als Verbandmittel,
zum Gurgeln und zu Einspritzungen gegen
Tripper, innerlich bisweilen gegen Diphtherie-
In der Technik dient es als Bleichmittel für
Elfenbein, Schwämme und Gespinste, sowie
unter verschiedenen Namen, wie Aurdoline,
Gold-Feen-Wasser, Golden-Hair-Wash,
zum Entfärben und Blondmachen dunkler
Haare, Pyrozon ist eine zur Entfernung von
        <pb n="482" />
        ﻿Watte

475

Weidenrinde

Leberflecken empfohlene Lösung von 500/0 W.
in Äther.

Watte (lat. Gossypium seu Wätta, frz. Ouate,
engl. Wad, Wadding) wird größtenteils aus
aufgelockerter und geschlagener Baumwolle
auf der Wattenmaschine, einer Baumwoll-Reiß-
krempel mit entsprechender Einrichtung, welche
die Ware in der bekannten Tafelform abliefert,
hergestellt. Zur Erhöhung des Zusammenhaltes
erhält sie dann noch auf beiden Seiten einen
Überzug mit einer dünnen Leim- oder Gummi-
lösung. Daneben gibt es eine auf der Ober-
fläche nicht gummierte wollene W., die etwas
mehr Filzung hat und zum Auflegen bei Rheu-
matismus dient. Die während des Krieges her-
gestellte Zeilstoff-W. hat sich als ein brauch-
barer Aufsaugungs- und Verbandstoff erwiesen
und wird bei niedrigem Preise auch im Frieden
ihren Platz behaupten. S. auch Artikel „Ver-
bandstoffe“.

Wau (Färberwau, Färberreseda, Gelb-
kraut, lat. Herba luteolae, frz. Gaude, engl.
Weid), eine 60—100 cm hohe Resedaart, Re-
seda luteola, mit blaßgelben Blüten an langen
Ähren, vierteiligem Kelch und drei- bis sechs-
kantiger, oben offener, einfächeriger Frucht-
kapsel, kommt wild an Wegerändern und auf
Äckern vor und wird noch an einigen Orten
in der Provence und in Deutschland wegen des
in den Blättern und anderen Teilen der Pflanze
enthaltenen gelben Farbstoffes angebaut. Doch
haben die amerikanische Querzitronrinde und
die billigen gelben Teerfarben den Anbau stark
beeinträchtigt. Die Pflanze liebt feuchtwarmes
Klima, trockenen kräftigen Boden, alte Dün-
gung, tiefe Bearbeitung, fleißiges Jäten und
Behacken mit Verdünnen. Man mischt den
feinen Samen mit Sand Und sät 4—6 kg (1 hl
wiegt 64 kg) im Juli und August oder im Früh-
jahr 30—45 cm weit in Reihen. Die Ernte er-
folgt durch Ausraufen oder durch Schnitt. — Der
unter dem Namen Schüttgelb im Handel vor-
kommende Farbstoff ist aus einer Abkochung
von Wau oder Gelbbeeren und ähnlichengeiben
Pflanzenfarbstoffen durch Ausfällen mit Alaun
und Vermischen mit geschlämmter Kreide
oder Tonerde hergestellt. Man gebraucht ihn
als Anstreicherfarbe und zum Färben von Leder-
zeug. Oft wird im Handel an Stelle von diesem
Schüttgelb eine billige, Sorte des gelben Chrom-
gelbs abgegeben (s. d.).

Wegerich (Wegetritt, Spitzwegerich, lat.
Herba plantaginis, frz. Plantain, engl. Plantage
leaves). Die Blätter der über ganz Europa ver-
breiteten Plantagineen Plantago major,
media und lanceolata, die im Drogenhandel
als hustenlindernder Tee sowie gegen Ruhr-
erkrankungen geführt werden, sind lanzett-
förmig oder breit oval und enthalten als wich-
tigste Bestandteile Gerbsäure, Bitterstoff und
Schleim. Beliebt sind die Spitzwegerich-
bonbons, die aus dem frischen Safte des
Krautes hergestellt werden.

Weichharze nennt man eine Abteilung der
Harze, zu der die natürlichen Balsame;
Gurjunbalsam, Kanadabalsam, Kopaiva-
balsam, Mekkabalsam, Storax, Terpen-
tin, Tolubalsam u. a. gehören. S. die betr.
Drogen.

Weichselholz stammt von dem Mahaleb-
kirschbaum (Prunus Mahaleb), der strauch-
artig auf dürren, sonnigen Höhen des südlichen
Europas, namentlich in Niederösterreich, wächst,
aber auch in besonderen Baumschulen zu ge-
raden Stämmchen gezogen wird. Da für ge-
wisse Zwecke, wie zu Pfeifenrohren, ganz
knotenfreie Stücke ohne Schnittspuren ge-
wünscht werden, umwickelt man in den großen
Anlagen in Deutschösterreich (Baden bei Wien),
Ungarn (Preßburg) und der Türkei die Stellen,
an denen sich Zweigknospen bilden wollen,
sorgfältig mit Tuch. Das Holz, das von seinem
Vorkommen bei St. Lucie in den Vogesen auch
als Luzienholz bezeichnet wird, zeigt eine
schön braune, hell punktierte und schwach quer-
gestreifte Rinde, die beim Einölen einen dauern-
den Glanz annimmt, und einen rötlichen, nach
dem Trocknen gelben Kern. Der angenehme
Geruch, der am schönsten bei dem Badener,
hingegen fast gar nicht bei dem türkischen und
ungarischen W. auftritt und beim Trocknen
schwächer wird, beruht auf einem Gehalte an
Kumarin. Die jungen Stämmchen werden nach
vorsichtigem Trocknen mit Allcali gebeizt, mit
Schachtelhalm abgerieben, gerade gebogen und
schwach geölt und liefern eine gesuchte Ware
für Pfeifenrohre, Zigarrenspitzen und Spazier-
stöcke. Nachahmungen werden aus gewöhn-
lichem Kirschbaumholz durch Parfümierung mit
Kumarin hergestellt.

Weiden (Korbweiden, frz. Säule, engl.Wil-
low;. Die zahlreichen Bäume und Sträucher der
Gattung Salix gehören zu den wichtigsten
Holzarten des Forstbetriebes und werden ^.uch
vielfach von Landwirten und Gärtnern gezogen.
Der Anbau ist sehr einträglich und der Ver-
brauch in beständiger Zunahme begriffen. Als
verbreitetste Arten, die sowohl' in Europa als
auch in Asien fortkommen, sind zu nennen:
1. die Korbweide, Salix viminalis L., meist
an Ufern angebaut, der Rohstoff der Korb-
' Warenindustrie; 2. die Purpurweide, S. pur-
purea, gleichfalls an Ufern wachsend, liefert
ein gutes Flechtwerk; 3. Mandelweide, S.
amygdalina, wird bis zu 3 m hoch und eignet
sich daher zur Herstellung von Faßreifen. —
Als Zierpflanze, namentlich für Friedhöfe, be-
nutzt man die aus dem Orient stammende
Trauerweide, S. babylonica L. —■ Außer zu
den genannten Zwecken dient das Weidenholz
noch zu Bundstöcken für Böttcher, zu
Schnitznutzholz, Faschinen und als Brenn-
stoff, das Laub als Futtermittel, die Rinde als
Gerbmittel und zur Gewinnung des Salizins, der
Bast als Bindemittel für Gärtner und die Kohle
zur Herstellung von Schießpulver.

Weidenrinde (lat. Cortex salicis, frz. Ecorce
de saule, engl. Willow bark). Die Rinde ver-
schiedener Weidenarten enthält Gerbsäure
und Salizin (s. d.) und bildet daher teils ganz,
teils fein geschnitten, als Gerbmittel wie auch
für medizinische Zwecke eine wichtige Handels-
ware. Diejenigen Rinden, die reich an Salizin
sind, zeigen auf der Innenfläche eine goldgelbe
bis bräunlichrote Farbe, die durch Befeuchten
mit konzentrierter Schwefelsäure in Blutrot über-
geht, und werden namentlich, wie die Rinden
von Salix helix, S. purpurea und S. rubra,
        <pb n="483" />
        ﻿Weihrauch

476

Wein

zur Bereitung des Salizins verwandt. Die an
Salizin armen W., S. fragilis, S. alba und
pentandra, haben eine gelblichweiße Innen-
fläche und werden durch Befeuchten mit kon-
zentrierter Schwefelsäure auf der Innenfläche
oder auf dem Querschnitte gar nicht oder nur
in kaum merklichem Grade rot gefärbt. Die W.
wird in Form bandartiger, zu Bündeln zusam-
mengebundener Streifen in den Handel ge-
bracht und, ähnlich der Chinarinde, auch zu
Bädern benutzt. Während des Krieges hat man
im Hinblick auf die hohe, etwa 60001 betra-
gende deutsche Erzeugung versucht, die W.
bzw. den Bast zur Fasergewinnung heran-
zuziehen, und anscheinend günstige Erfolge er-
zielt. Nach einem patentierten Verfahren der
Filzkorkwerke in Krasna in Mähren wird die
Rinde zur Entfernung des Tannins mit alkali-
scher Seifenlösung unter Druck gekocht und
darauf zur mechanischen Absonderung der
Faser durch ein Walzensystem geschickt.

Weihrauch (lat. Olibanum, frz. Oliban ou En-
cens, engl. Gum olibanum). Dieses aromatische
Gummiharz stammt von verschiedenen Bäu-
men oder baumartigen Sträuchern aus der Fa-
milie der Burserazeen, besonders von Bos-
wellia serrata, B. floribunda, B. papyri-
fera u. a. und kommt von der Somaliküste
über das Rote Meer und Ägypten oder aus Ost-
indien über Bombay in den Handel. Ostindien
selbst erzeugt jedoch keinen W. Man unter-
scheidet, wie in allen solchen Fällen, eine Vor-
zugssorte in einzelnen Körnern oder Tränen,
und eine geringere, dunklere, mehr verklebte
und mit fremden Körpern verunreinigte zweite
Sorte. Die Körner sind durchscheinend, weiß
bestäubt, gelblich, rötlich oder bräunlich gefärbt
und leicht zerdrückbar und geben beim Kauen
und Verreiben mit Wasser eine milchige Flüssig-
keit. Beim Erhitzen bläht sich der W. unter
Entwicklung weißer, scharf balsamischer Dämpfe
auf und verbrennt mit leuchtender, rußender
Flamme. Er enthält 5—90/0 eines aus Pinen,
Dipenten und Phellandren bestehenden
ätherischen Öls, ferner 62—690/0 Harz mit Bos-
welliasäure, 26—280/0 Olibanoresen und
Gummi. Eine Unterschiebung von sog. wildem
W. (Fichtenharz), der unter dem Namen Wald-
weihrauch, Waldrauch (Olibanum silvestre)
namentlich von Tirol und Steiermark aus in den
Handel kommt, erkennt man daran, daß die
Essigsäurelösung mit Schwefelsäure rot wird.
W. dient als Zusatz zu Räuchermitteln, nament-
lich für kathoüsche Kirchen, und als Bestand-
teil von Räucherkerzchen und Räucherpulvern,
sowie zur Bereitung von Pflastern und Salben
und in weingeistiger Lösung zu Einreibungen.

Wein ist das am längsten der Menschheit be-
kannte berauschende Genußmittel, welches durch
alkoholische Gärung aus dem Safte der Wein-
traube dargestellt wird. Der Weinstock oder
die Weinrebe (lat. Vitis vinifera, frz. Cep ou
Vigne, engl. Vine) wird bereits seit den älte-
sten Zeiten angebaut, so daß seine eigentliche
Heimat nicht genau bekannt ist. Während man
sie früher in den Kaukasus verlegte, wird neuer-
dings angenommen, daß alle in den verschie-
denen Ländern- gezogenen Sorten von einheimi-
schen wüden Reben abstammen. Sicher ist die

beste rheinische Sorte, der Riesling, durch Ver-
edelung aus einer noch jetzt am Oberrhein vor-
kommenden wilden Rebe entstanden. Manche
Reben lassen sich selbst auf mäßige Entfernun-
gen nicht verpflanzen, während andererseits die
aus Spanien und Südfrankreich eingeführten
Gutedel und Muskateller bei uns gut fortkom-
men. Auch ist die Verpflanzung portugiesischer
Reben nach den Kanarischen und Azorischen
Inseln und nach dem Kaplande gelungen. Die
in Kalifornien gezogene Rebe ist hingegen eine
veredelte Spielart der dort heimischen Vitis
Labrusca. — Die Fortpflanzung der Weinrebe
erfolgt durch Ableger oder Stecklinge, die Ver-
edelung durch Pfropfen oder Reisern. Der Wein-
stock gedeiht nur in den gemäßigten Zonen,
nicht unter den Tropen, bedarf jedoch einer
mittleren Jahrestemperatur von —{— 1 r ,90 C, idie
sich aus einem Wintermittel von-j-0,6 und einem
Sommermittel von-f-22,5 °C zusammensetzt. Da
das sonst müde englische Klima diese Bedin-
gungen nicht erfüllt, ist der W. dort nur eine
Glashauspflanze. Für die Güte des erzielten
Traubensaftes sind neben den klimatischen Ver-
hältnissen, besonders der Regenverteilung, vor
allem die Bodenbeschaffenheit und Bearbeitung,
sowie die Düngung ausschlaggebend. In erster
Linie ist ein gewisser Gehalt an Phosphorsäure
und Kalium erforderlich, die nötigenfalls in
Form von Stallmist oder künstlichem Dünger
zugeführt werden müssen. — Von den zahl-
reichen Krankheiten des Weinstocks können hier
nur kurz die folgenden angeführt werden: Der
Mehltau, durch den Pilz Oidium Tuckeri,
und die Blattfallkrankheit (falscher Mehl-
tau), durch den Pilz Peronospora viticola
hervorgerufen; der schwarze Brenner, durch
den Pilz Gloeosporium ampelophagum,
und der rote Brenner, durch den Pilz Pseu-
dopeziza trocheiphila verursacht. Als Gegen-
mittel wendet man Bestäuben mit Schwefel
oder Bespritzen mit Kupferkalkbrühe, beim
schwarzen Brenner auch Eisenvitriol an: Tie-
rische Schädünge sind die Reblaus, Phyl-
loxera vastatrix, deren Larve die Wurzel-
enden abnagt, der Sauerwurm, die Raupe
desSchmetterlingsTortrix uvana, und der
Springwurm, die Raupe von Tortrix Pel-
le ri an a. Gegen Reblaus hilft nur Ausroden der
Wurzeln und Desinfektion des Bodens mit Pe-
troleum oder Schwefelkohlenstoff. — Sobald
die Beeren im Herbste reif sind, mitunter auch
erst, wenn sie den Zustand der Edelfäule an-
genommen haben, erfolgt die Weinlese und die
Gewinnung des Mostes, die für Weiß- und Rot-
weine in verschiedener Weise ausgeführt wird.
Da alle Beeren, auch die roten und blauen, mit
Ausnahme der Färbertraube, Tinto oder Pon-
tak, einen farblosen Saft enthalten, so erzielt
man durch einfaches Auspressen (Keltern) auch
farblosen Most und Weißwein. Zur Darstellung
von Rotwein muß man hingegen die zerdrück-
ten blauen und röten Beeren erst nach be-
endeter Hauptgärung auspressen, weil dann der
Farbstoff aus den Hülsen gelöst wird. Der un-
vergorene Most, der vielfach direkt genossen
wird, enthält ungefähr 70—8o»/o Wasser, 16 bis
240/0 Zucker (Glykose und Fruktose), 0,9—1 °l°
Säure (Weinsäure und Äpfelsäure), 0,2—0,5 °/°
        <pb n="484" />
        ﻿Wein

477

Wein

Stickstoffsubstanz und 0,3—0,40/0 Asche, doch
kommen zahlreiche Abweichungen nach oben
und unten vor. Im allgemeinen nimmt der
Zuckergehalt mit fortschreitender Reifung zu,
der Säuregehalt hingegen ab. Im Verlaufe der
Gärung, welche durch die an den Trauben be-
findlichen Hefen (Saccharomyces ellipsoideus,
apiculatus, exiguus) von selbst herbeigeführt
oder durch Zusatz von Reinkulturen eingeleitet
wird, tritt durch Umwandlung des Zuckers in
Alkohol und Kohlensäure ein lebhaftes Auf-
schäumen und Brausen ein. Der Most verliert
nach einigen Tagen teilweise seinen süßen Ge-
schmack und bildet dann den Sauser, Suser
oder Brausemost, der an den Erzeugungs-
orten gern getrunken wird. Nach vollendeter
Hauptgärung, die etwa 8—10 Tage andauert,
ist der Zucker nahezu völlig in Alkohol und
Kohlensäure zerfallen, von denen die letztere
entweicht, während in dem Weine noch geringe
Mengen anderer Gärungsprodukte, wie Glyze-
rin, Bernsteinsäure, Essigsäure und Weinfusel-
öle Zurückbleiben. Ein Teil der Eiweiß- und
Pektinstoffe geht in unlösliche Form über. Der
Wein wird jetzt in große, festverspundete Lager-
fässer abgezogen (abgestochen) und macht in
kühlen Kellern eine langsame Nachgärung
durch, in deren Verlaufe sich ein zweiter, aus
Hefe und Weinstein bestehender Bodensatz, das
Weingeläger, abscheidet. Zur völligen Klä-
rung ist mehrfaches Abziehen auf geschwefelte
Fässer unter Ersatz der verdunsteten Flüssig-
keitsmenge erforderlich. Das Weingeläger wird
vielfach unter Vergärung mit Zuckerwasser zur
Herstellung von Hefenwein benutzt, der aber
nur als Haustrunk benutzt, nicht in den Handel
gebracht werden darf. Besser ist es, das Ge-
läger zur Branntweindestillation und den Rück-
stand hiervon zur Herstellung von Weinsäure
zu verwenden. Das gleiche gilt für die Ver-
wertung der Trester, aus denen durch Vergären
mit Zuckerwasser nach dem Verfahren des sog.
Petiotisierens Tresterweine hergestellt wer-
den. Auch die gewerbsmäßige Herstellung
dieser zum Verkauf ist verboten. Der völlig ver-
gorene W. macht nun auf den Lagerfässern eine
Reifung durch. Indem er mehrfach mit Luft
in Berührung gebracht wird, baut er sich aus
und bildet sein Bukett, seine Blume. Den
Schluß bildet die kellermäßige Behand-
lung, vor allem, das zur völligen Klärung er-
forderliche Filtrieren und Schönen mit ge-
wissen Mitteln, welche die trübenden Stoffe teils
chemisch ausfällen, teils mechanisch zu Boden
reißen. Als erlaubte Schönungsmittel gelten
Wels-, Stör- oder Hausenblase, Gelatine, Tannin
bis zur Höchstgrenze von 100 g auf tooo'l, Ei-
weiß, Käsestoff (Kasein), Milch, spanische Klär-
erde und mechanisch wirkende Filterdichtungs-
masse (Asbest, Zellulose u. dgl.). Das Muster
eines unzulässigen Schönungsmittels ist die
Schnellklärung Blitz von Jungnickel in
Hamburg, die aus zwei getrennten Lösungen
von Zinkvitriol (!) und Blutlaugensalz besteht.
— Zur Konservierung wird der W. schließlich
bisweilen pasteurisiert, zur Beschleunigung
der Reifung elektrisiert und zur Fernhaltung
oder Beseitigung gewisser Krankheiten ganz
allgemein geschwefelt. Alsdann gelangt er auf

die Flaschen. Die letzteren müssen sorgfältig
(aber nicht mit Schrot) gereinigt und wieder
ganz ausgetrocknet sein. Sie sind bis etwa 2 cm
unter den Kork zu füllen und mit neuen, vor-
her in heißem Wasser abgebrühten Korken zu
schließen. Die Korke werden glatt über dem
Flaschenrand abgeschnitten und mit Siegellack
oder einer Zinnkapsel bedeckt. — Ungünstige
Witterungsverhältnisse bringen es in gewissen
Jahren mit sich, daß die Trauben und der aus
ihnen gepreßte Most zu viel Säure und zu
wenig Zucker enthalten, um direkt zu genuß-
fähigen Weinen vergoren werden zu können.
In solchen Fällen bedient man sich verschie-
dener Verfahren der Weinverbesserung, die
allerdings vielfach zugleich auf eine Vermeh-
rung hinauslaufen. Bei dem sog. Chaptali-
sieren, das nach dem deutschen Weingesetz
gestattet ist, wird ein Teil der Säure mit reinem
Kalziumkarbonat abgestumpft. Das ebenfalls
erlaubte Gallisieren besteht darin, daß man
den Säuregehalt zu saurer Moste durch Zusatz
von Wasser auf das zweckmäßige Maß von
etwa 0,60/0 erniedrigt, darauf Rohrzucker hin-
zusetzt und nun die Gärung einleitet. Durch
die Bestimmung des Weingesetzes, daß das
Gallisieren nur erfolgen darf, „um einem natür-
lichen Mangel an Zucker bzw. Alkohol oder
einem Übermaß an Säure insoweit abzuhelfen,
als es der Beschaffenheit des aus Trauben
gleicher Art und Herkunft in guten Jahrgängen
ohne Zusatz gewonnenen Erzeugnisses ent-
spricht“, wird übermäßige Streckung verhin-
dert. Dem gleichen Zwecke dient die Vorschrift
in § 3, daß der Zusatz an Zuckerwasser nicht
mehr als Vs 4er gesamten Flüssigkeit betragen
und nur zu gewissen Zeiten nach vorheriger
Anmeldung erfolgen darf. Nicht zulässig ist der
Zusatz von Glyzerin (das sog. Scheelisieren),
ferner die bereits erwähnte gewerbsmäßige
Herstellung von Tresterwein (Petiotisieren)
und Hefenwein und die in Frankreich übliche
Mouillage der Rotweine (Zusatz von Wasser
und Alkohol). Der Zusatz von Alkohol ist nur
zur Reinigung der Korke und Aufbewahrungs-
gefäße und zum Versand in Fässern nach tro-
pischen Gegenden in Menge von höchstens
1 Vol.-o/o gestattet, doch muß der Alkohol aus
Wein gewonnen sein. Das Gipsen ist durch
die Bestimmung beschränkt, daß Rotwein nicht
mehr Schwefelsäure enthalten darf, als 2 g
neutralem Kaliumsulfat in 1 1 entspricht.» Ver-
boten ist ferner durch das Weingesetz vom
7. April 1909 der Zusatz von Alaun, Barium-
verbindungen, Salizylsäure, unreinem Stärke-
zucker, Farbstoffen und einer Reihe anderer
Verbindungen, bez. deren auf das Gesetz selbst
verwiesen sei. Als Naturwein darf nur ein
unverdünnter, nicht gallisierter W. bezeichnet
werden. Die Herstellung von Kunstwein ist
überhaupt, auch unter Kennzeichnung, unter-
sagt. — Im Handel unterscheidet man der
Farbe nach weiße und rote W., daneben noch
hellrote Schieler und rötliche Bleichen. Jun-
ger W. heißt grüner, abgelagerter Firnewein.
Die feinsten Wertstufen einer Sorte werden als
Auslese oder Kabinettweine bezeichnet. Die
gewöhnlichen oder völlig vergorenen W.,
zu denen die Rhein- und Moselweine, ferner
        <pb n="485" />
        ﻿Weinähnliche Getränke

478

Weinsäure

die meisten österreichischen und ungarischen
Landweine gehören, enthalten meist weniger
als 0,1 °/o Zucker. Zuckerarm nennt man W,
mit weniger, zuckerreich solchen mit mehr
als 0,50/0 Zucker. Süßweine, deren Herstel-
lung unter „Tokaier" näher beschrieben ist, be-
sitzen deutlich süßen Geschmack, Südweine
(s. Xeres, Portwein usvv.) gleichzeitig hohen
Alkoholgehalt. Ausbruch- oder Sektweine
werden aus geschrumpften, edelfaulen Beeren
hergestellt. (S. Tokaier.) Schaumweine (s.d.)
sind reich an Kohlensäure. — Die deutschen
VV. umfassen die Rheinweine, völlig ver-
gorene, bukettreiche Weißweine, als deren
edelste Sorten Johannisberger, Steinberger, Rü-
desheimer u. a. gelten. Unter den Franken-
weinen nimmt der Würzburger Steinwein,
unter den Pfälzer- und Haardtweinen die
Wormser Liebfrauenmilch den ersten Rang ein.
Die Moselweine, sehr beliebte leichtere und
säuerliche Weine, umfassen von bekannteren
Sorten den Brauneberger, Zeltinger und Pis-
porter. Geringere Bedeutung haben die Nahe-,
Ahr- und Neckar weine, die Elsässer und die
norddeutschen W. Zu den meist völlig ver-
gorenen österreichischen W.gehören die vor-
züglichen niederösterreichischen Sorten, weißer
Klosterneuburger, Mödlinger und roter Vös-
lauer, ferner mährische, böhmische und tiroler
W. Ungarn ist berühmt wegen seiner süßen
W. (s. Tokaier). Frankreich liefert die vor-
trefflichen roten und weißen Bordeauxweine,
rote und weiße Burgunder und Muskateller.
Die spanischen und portugiesischen Des-
sertweine : Xeres, Malaga, Portwein, Madeira
sind unter ihrem eigenen Namen besprochen.
Aus Italien und Griechenland werden haupt-
sächlich süße W.; Lacrymae Christi, Marsala,
Samos ausgeführt. In neuerer Zeit scheinen
auch W. aus dem Kaplande, Kalifornien und
Australien Bedeutung zu erlangen. Das Haupt-
weinland ist Frankreich, das im Jahre durch-
schnittlich 50 Millionen Hektoliter, und zwar
40 hl auf den Hektar, erzeugt. Demgegenüber
stellt sich der Ertrag in Deutschland nur auf
2—21/2 Millionen Hektoliter, das sind 13,6 hl für
den Hektar. Von der stark ansteigenden Wein-
einfuhr, die im Jahre 1912 auf i1/2 Millionen
Hektoliter geschätzt wurde, entfiel früher die
Hauptmenge auf Frankreich, während seit 1911
Spanien an die erste Stelle; getreten ist.

Weinähnliche Getränke im Sinne von § 10 des
Weingesetzes vom 7. April 1909 nennt man alle
alkoholischen Getränke, die, ohne Wein Vor-
täuschen zu sollen, einen Ersatz für Wein
bieten und aus Fruchtsäften, Pflanzensäften oder
Malzauszügen hergestellt worden sind. Zu ihnen
gehören also in erster Linie die Obst- und
Beerenweine (s. d.), die Malzweine (s.Mal-
tonweine) und Rhabarberwein, hingegen
nicht Reiswein, alkoholfreie Getränke und alko-
holreiche Ersatzmittel für Branntwein. Aus
Traubensaft oder Rosinenauszügen dürfen W.
nicht hergestellt werden. Verboten ist die Ver-
wendung der in § 10 aufgeführten Stoffe, wie
Alaun, Konservierungsmittel, unreiner Stärke-
zucker, Farbstoffe usw., bezüglich deren man
das Gesetz selbst einsehen möge. Die Bezeich-
nung darf das Wort Wein nur dann enthal-

ten, wenn gleichzeitig der Ausgangsstoff an-
gegeben wird, z. B. Apfelwein, nicht aber Gelb-
wein.

Weinbeeröl (Kognaköi, Önanthäther, lat.
Aether oenanthicus, Oleum vitis viniferae, frz.
Ether oenanthique, engl. Oenanthic ether) wird
aus abgepreßter Weinhefe (Drusen, Geläger)
hergestellt, indem man diese mit Wasser zu
einem Brei anrührt und der Destillation im
Wasserdampfstrome unterwirft. Das übergegan-
gene Öl wird nochmals rektifiziert und bildet
nun eine farblose oder gelbliche, bisweilen
durch Kupfergehalt auch grüne Flüssigkeit von
starkem und betäubendem Weingeruch. Es ver-
leiht Spiritus in stärkster Verdünnung den Ge-
ruch und Geschmack des Kognaks, zu dessen
Nachmachung es Verwendung findet. Da aus
5000 kg Weinhefe nur 2—3 kg W. erhalten wer-
den, ist es sehr teuer und wird bisweilen durch
sog. künstliches W. ersetzt. Der gebräuch-
lichste Rohstoff zur Darstellung des letzteren
ist das Kokosfett, das nach dem Verseifen beim
Destillieren mit Schwefelsäure und Alkohol eine
nach W. riechende Flüssigkeit liefert. Außer-
dem wird der durch Oxydation von Rautenöl
dargestellte Pelargonsäureäth y lester als
Kognakessenz benutzt.

Weinhaltige Getränke sind solche Getränke,
die Wein enthalten, ohne Unterschied, ob diese
Tatsache in der Benennung hervorgehoben wird
oder nicht, also z. B. aromatisierte oder Ge-
würzweine, Maitrank, Wermutwein,
Punschessenzen, Arzneiweine usw. Die zu
ihrer Herstellung benutzten Weine müssen den
Vorschriften des Weingesetzes entsprechen,
auch dürfen sie, wenn ihre Bezeichnung die
Verwendung von Wein andeutet, die im § 10
verbotenen Stoffe nicht enthalten. Die übrigen
Anforderungen sind in besonderen Aufsätzen
besprochen.

Weinsäure (Weinsteinsäure,Razemsäure,
Tartersäure, lat. Acidum tartaricum, frz.
Acide tartrique, engl. Tartaric Acid). Obgleich
diese organische Säure zu den verbreitetsten
Säuren des Pflanzenreichs gehört und sich
in vielen Früchten und Blättern teils frei, teils
an Kalk oder Kali gebunden vorfindet, so wird
sie doch nur aus dem Weinstein im großen ab-
geschieden, da man sie aus diesem nicht allein
in größter Ausbeute, sondern wegen der Ab-
wesenheit anderer organischer Säuren auch am
leichtesten rein erhält. Zu ihrer Gewinnung er-
hitzt man den Weinstein mit Wasser, neutrali-
siert mit Kreide, fügt Chlorkalzium hinzu und
zersetzt den abfiltrierten weinsauren Kalk durch
eine genau hinreichende Menge Schwefelsäure.
Die Lösung der freigewordenen W. wird von
dem gleichzeitig entstandenen Gips getrennt,
zur Kristallisation verdampft und durch mehr-
maliges Umkristallisieren gereinigt. Je nachdem
größeren oder geringeren Grade der Reinigung
unterscheidet man im Handel roheW. für tech-
nischen Gebrauch und reine W. (lat. Acidum
tartaricum purum) für inneren Gebrauch, na-
mentlich, für medizinische Zwecke. Letztere Sorte
muß frei von der der Rohware häufig noch an-
hängenden Schwefelsäure und von Blei sein,
das von den Eindampf- und Kristallisations-
pfannen stammt. Reine W„ C3H2(OH)2(COOH)2.
        <pb n="486" />
        ﻿Weinstein

479

Weizen

bildet große, harte, geruch- und farblose, durch-
scheinende Kristalle des monoklinen Systems.
Sie schmeckt sehr stark, aber angenehm sauer
und löst sich leicht in Wasser und Alkohol, hin-
gegen nicht in Äther. An 'der Luft müssen die
Kristalle trocken bleiben, nur schwefelsäure-
haltige werden leicht feucht. Die gewöhnlich
im Handel vorkommende W. wird auch als
Rechtsweinsäure (Dextrorazemsäure) be-
zeichnet, weil sie die Ebene des polarisierten
Lichtet nach rechts ablenkt, im Gegensatz zu
der im Handel nicht vorkommenden Links-
weinsäure (Lävorazemsäure). — Beide zu-
sammen aus konzentrierter Lösung auskristalli-
siert, geben Traubensäure (lat. Acidum uvi-
cum, frz. Acide paratartrique, engl. Paratartaric
Acid), die in manchen italienischen Weinstein-
sorten fertig gebildet vorkommt und sich auch
durch geeignete Behandlung wieder in die
Rechts- und Linksweinsäure spalten läßt. — Die
W. gibt mit den Basen zwei Reihen von Salzen,
neutrale (Tartrate) und saure (Bitartrate), von
denen das neutrale weinsaure Kali, das saure
weinsaure Kali (s. Weinstein), das weinsaure
Antimonoxydkali (s. Brechweinstein), das wein-
saure Kaliammoniak, das wein-borsaure Natron-
kali (s. Boraxweinstein) und das weinsaure Na-
tronkali (Seignettesalz) die größte Bedeutung
haben. W. wird zur Herstellung von Limonaden
und Brausepulver, ferner in der Photographie,
Färberei und Kattundruckerei benutzt. Von den
während des Krieges als Ersatz für W. an-
gebotenen Mitteln zur Herstellung von Brause-
limonaden hat sich nur die Milchsäure, nicht
aber die Phosphorsäure bewährt.

Weinstein (lat. Tartarus, frz. Tartre, engl.
Tartar, Argal), ein Bestandteil des Trauben-
saftes, scheidet sich teils schon während der
Gärung, teils erst beim Lagern des fertigen
Weines, wegen seiner Schwerlöslichkeit in alko-
holhaltigen Flüssigkeiten, als harte, kristalli-
nische Kruste an den Wandungen der Lager-
gefäße ab. Auch in den beim Keltern zurück-
bleibenden Weintrestern ist noch eine ziemlich
beträchtliche Menge von W. enthalten, aus
denen er ebenfalls gewonnen werden kann. Den
meisten W. liefern die säure- und zugleich
alkoholreichen, kräftigen Weine aus gut ge-
zeitigten Trauben, aus denen man im Durch-
schnitt während längerer Lagerung 0,75 kg W-
für 1 hl erhält. Um den W. aus den Fässern
herauszubekommen, läßt man die letzteren aus-
trocknen oder brennt auch wohl auf einer im
Innern angebrachten Unterlage ein leichtes,
nicht sehr rauchendes Feuer mittels Stroh oder
Hobelspänen an. Durch dieses auf die eine
oder andere Weise bewirkte Austrocknen wird
der Zusammenhang zwischen der Faß wand und
der Weinsteinkruste gelockert, so daß man
letztere durch Klopfen mittels eines langstieli-
gen Hammers loslösen kann. Der so erhaltene
rohe W. (lat. Tartarus crudus) bildet harte
kristallinische, mit kleineren Brocken vermengte
Stücke von je nach der Farbe des Weines ent-
weder bräunlichroter bis rötlichweißer oder
gelblicher bis 'grauer Farbe und heißt im
ersteren Falle roter W. — Dieser hauptsäch-
lich aus Italien, Österreich-Ungarn, Spanien,
Frankreich und dem südwestlichen Deutschland

bezogene rohe W. besteht aus saurem wein-
sauren Kali (doppelt weinsaurem Kali,
Kaliumbitartarat, lat. Kalium bitartaricum),
C4H6KC)6, und enthält daneben fast immer
schwankende Mengen von weinsaurem Kalk
(Kalziumtartrat), Magnesia, Eisenoxyd, Zucker,
Farbstoff und Zellsubstanz in Form von Hefe.
Manche Sorten enthalten auch Traubensäure.(
Der Gehalt an weinsaurem Kalk kann bis zu
45 0/0 steigen, beträgt aber meist nur 9 und 150/9.
Der rohe W. kommt auch gemahlen in den
Handel und wird in der Färberei, jedoch nur
bei dunklen Farben, als Beize verwendet. Für
hellere Farben benutzt man den gereinigten W.,
der in besonderen Fabriken als halb- und
ganzraffinierter W. hergestellt wird. Letz-
terer kommt teils in harten, weißen Kristall-
krusten unter dem Namen Crystalli tartari,
teils gemahlen oder in Form eines sehr feinen,
weißen kristallinischen Pulvers, Weinstein-
rahm oder Kremor tartari, in den Handel.
Der Name rührt daher, daß man früher die
Schicht kleiner Kristalle, die sich in den Kristal-
lisierbottichen an der Oberfläche der Lauge
bildet, ähnlich wie Rahm von der Milch, ab-
■ schöpfte und als besondere Ware verkaufte.
Für medizinische Zwecke wird dieser Kremor
tartari noch weiter gereinigt, indem man ihm
die letzten Spuren von weinsaurem Kalk ent-
zieht. Der so erhaltene Tartarus depuratus
(frz, Tartrate acide de potassium, Creme de
tartre ddpuree, engl. Acid Potassium Tartrate,
Purified Cream of Tartar) ist ganz weiß und
geruchlos, schmeckt schwach sauer, löst sich
nur wenig und schwer in kaltem Wasser, leich-
ter in heißem Wasser, hingegen gar nicht in
Alkohol. Man benutzt ihn auch zur Darstellung
anderer weinsaurer Salze und Doppelsalze,
ferner als niederschlagendes Pulver, als Be-
standteil der hefefreien Backpulver usw. Der
rohe W. wird außer in der Färberei auch noch
zur Darstellung von Weinsäure und von Brech-
weinstein in großen Massen verarbeitet. — Als
Weinsteinersatz für Färbereizwecke wird
vielfach das Kaliumbisulfat bezeichnet.

Weißbuchenholz (Hainbuchenholz, Horn-
baumholz), das Holz vonCarpinus betulus,
eines in feuchten Wäldern der Ebene wachsen-
den Laubholzbaumes, ist weiß, sehr zähe
und hart, kurzfaserig, schwer und dicht und
hat sehr enge, wenig zahlreiche Gefäße sowie
sehr feine, oft gruppenweise zusammenstehende
Markstrahlen. Der Stamm wächst häufig etwas
gedreht, weshalb das Holz in diesem Falle
schiefspaltig ist. Die Spiegel sind von wenig
dunklerer Farbe als die übrige Holzmasse, ver-
hältnismäßig dick und nicht gerade, sondern
wellenartig gekrümmt, so daß sie auf einem
nach den Jahresringen geführten Schnitt als
schmale, nicht sehr auffallend sichtbare Flam-
men erscheinen. Das W. eignet sich sehr gut
beim Maschinenbau zu Rollen und Kämmen,
Werkzeugheften und Hobelgestellen. Als Bau-
holz für den Hochbau ist es weniger gut zu
verwenden, dagegen ganz ausgezeichnet für
Wasserbauten. Auch wird es bisweilen zu
Tischlerarbeiten benutzt.

Weizen (lat. Triticum, frz. Froment, engl.
Wheat) bildet die Hauptbrotfrucht der west-
        <pb n="487" />
        ﻿Weizen

480

Wermutwein

europäischen Länder und wird in allen fünf
Erdteilen angebaut. Die zahlreichen Arten lassen
sich in die beiden Hauptabteilungen, nackter
W. mit zäher Ährenspindel und bespelzter W.
mit brüchiger Ährenspindel einteilen. Zu der
ersteren gehört der gewöhnliche oder ge-
meine W. (Kolben- und Grannen-W.), Triti-
cum vulgare muticum, und der englische
W. (Triticum turgidum), die verbreitetsten
und am meisten angebauten Sorten, ferner der
Bart-, Glas-, Hart- oder Gerstenweizen,
Triticum durum, mit harten, glasigen Körnern,
und der polnische W. (Gommer, astrachani-
sches, sibirisches, wallachisches Korn, ägypti-
scher, langkörniger, Lothringer W.), Triticum
polonicum, der in Deutschland seltener, fast
nur zu Suppen, hingegen häufiger in Osteuropa
verbraucht wird und Körner von der Länge des
Roggens besitzt. Bespelzte Sorten sind der
Spelz oder Dinkel (Dünkel, Dinkelkorn, Ko-
rallen- oder Krullweizen, Quäl- oder Zweikorn),
Triticum Spelta, ferner der Emmer (Ammer.
Amelkorn, Gerstendinkel oder Sommerspelz), T.
amylaceum, • und das Einkorn (deutscher
Reis,'• Peterskorn, Schwalmweizen), T. mono-
coccum. Die bespelzten W. besitzen nur ört-
liche Bedeutung, besonders in Süddeutschland,
der unreife Spelz liefert Grünkern (s. d.). Der
W. verlangt ton- und humusreiche, nicht zu
kalkarme Böden und wird fast nur noch nach
gut gedüngten Vorfrüchten als Sommer- und,
hauptsächlich, als Winterfrucht angebaut. Die
Wachstumszeit des ersteren umfaßt 140, die-
jenige des letzteren 300 Tage, die Temperatur
soll —220 nicht unterschreiten, die, mittlere
Wintertemperatur 3,75°, die mittlere Sommer-
temperatur 140 betragen. Er gedeiht bis zum
60., vereinzelt sogar bis zum 64.0 n. Br. In
Nordafrika dringt er bis zur Wüste vor und
findet sich außerdem im Kapland, Australien,
Chile und Paraguay. Ausgeschlossen ist der
hohe Norden und die Tropenzone der Ebene.
In den Alpen steigt er bis zu 1400, im Himalaja
und in Mexiko bis 2000 m Meereshöhe. Die
Saatzeit liegt zwischen September und Weih-
nachten, je nach Klima und Witterung, für
Sommer-W. von Anfang April an. Mansätbreit-
würfig und in Reihen, too—260 kg für den
Hektar. 1 hl wiegt je nach der Sorte 72—82 kg.
Die Ernte erfolgt nach dem Roggenschnitt, und
zwar zur Verhinderung des Ausfallens im Zu-
stand der Gelbreife, in dem die Körner sich
noch über dem Fingernagel biegen lassen, im
Innern aber nicht mehr milchig sind. Man
erntet vom Hektar 10—16, auch 24—32 hl Kör-
ner, je nach der Bodenart, und 13—47 dz Stroh.
— Der W. enthält nach König im Durchschnitt
13,370/0 Wasser, 12,030/0 Stickstoffsubstanz,
1,85 0/0 Fett, 68,670/0 stickstofffreie Extraktstoffe,
2,31 0/0 Rohfaser und 1,770/0 Asche, doch ist die
Zusammensetzung nach Art, Boden und Klima
mannigfachen Schwankungen unterworfen. Ins-
besondere scheint der W. südlicher Gegenden
reicher an Stickstoffsubstanzen zu sein, und der
kleberreichste, südrussische (Taganrok-)
W. enthält sogar bis zu 16,75 °/o Protein: Im
allgemeinen übertrifft der Proteingehalt des
Sommer-W. denjenigen des Winter-W. um 2«/o.
Außerdem begünstigen regenreiche Sommer und

reichliche Stickstoffdüngung den Eiweißgehalt.
In physikalischer Hinsicht erscheinen die pro-
teinreichen Körner härter und glasiger, die
stärkereicheren weicher und mehliger. Die
Stickstoffsubstanzen setzen sich aus Pflanzen-
albumin, Glutenkasein und Kleberprotein zu-
sammen. Die stickstofffreien Stoffe bestehen
neben geringen Mengen Zucker, Gummi und
Dextrin nahezu völlig aus Stärke, das Fett ent-
hält Phytosterin und Spuren Lezithin. —• Der
W. bildet das wichtigste Brotgetreide und dient
außerdem zur Herstellung von Stärke so-
wie, besonders in seinen glasigen Sorten, von
Teigwaren.

Wermut (bitterer Beifuß, Magenkraut,
lat. Herba absinthii, frz. Absinthe, engl. Worm-
wood), das mit den blühenden Spitzen getrock-
nete Kraut von Artemisia Absinthium L.,
einer in Mittel- und Südeuropa, Nordafrika und
Mittelasien auf steinigen Anhöhen wachsenden,
wie auch in Gärten gezogenen Komposite mit
holzigem Stengel und ausdauernder Wurzel.
Die Pflanze wird 6—12 dm hoch und besitzt
sehr zerschlitzte, graufilzige Blätter und gelbe,
überhängende Blütenköpfe. Das Kraut hat,
frisch wie getrocknet, einen eigentümlichen,
stark würzigen Geruch und überaus bitteren
Geschmack. Es enthält einen nicht glykosidi-
schen Bitterstoff, das Absinthiin, verschiedene
Salze und ätherisches Öl, das den Geruch der
Pflanze hat und scharf aromatisch, aber weniger
bitter schmeckt. Das Kraut wird in Thüringen,
am Harz und in Südfrankreich angebaut und
zum medizinischen Gebrauche dem Deutschen
Arzneibuche gemäß in der Blüte gesammelt und
getrocknet. Es wird als magenstärkendes Mittel
in Form von Aufgüssen, zur Herstellung von
Extrakten, Tinkturen und Bitterschnäpsen an-
gewandt. Auch das Öl, das durch Destillation
des frisch getrockneten Krautes mit Wasser
oder direktem Dampf gewonnen wird, findet zu
dem gleichen Zwecke, hauptsächlich aber zur
Herstellung des Absinthlikörs, Verwendung-
— Wermutöl (lat. Oleum absinthii, frz.Essence
d’absinthe, engl. Oil of wormwood) ist ein
manchmal etwas dickflüssiges öl von dunkel-
grüner, blauer oder brauner Farbe. Es gibt
deutsches, französisches, algerisches, italieni-
sches und amerikanisches Wermutöl, doch ist
der Handel damit neuerdings in verschiedenen
Ländern, wie beispielsweise in Frankreich und
der Schweiz, starken Einschränkungen unter-
worfen, veranlaßt durch das Verbot der Ab-
sinthlikörherstellung. Der wesentlichste Be-
standteil des Öls ist Thujon, C10H16O. Nach
Husemann schreibt man in Frankreich die
schädlichen Folgen des Absinthgenusses (s. d.)
der Anwesenheit des Öles zu, das in großen
Mengen giftig wirkt.

Wermutwein (Bitterwein, Vino Vermoutb,
Vermouth diTorino) nennt man ein besonders
in Italien, Frankreich, Ungarn und Slawonien
hergestelltes alkoholisches Getränk, das im Grunde
einen mit Wermut aromatisierten Naturwein dar-
stellt und nach verschiedenen, seit alten Zeiten
überlieferten Verfahren bereitst wird. In der
slawonischen Landschaft Syrmien übergießt man
ein Gemisch von frischen Trauben, Wermutkraut,
Senfmehl und anderen Gewürzen so lange mit
        <pb n="488" />
        ﻿Westrumit

481

Wild

Most, bis er klar abfließt, und erhält so den
Tropfwermut, wenn er aus kondensiertem
Most gewonnen wurde, auch gekochter oder
süßer W. genannt. Der übrige ungarische W.
wird so erzeugt, daß man in ein Faß abwechselnd
Lagen reifer blauer Trauben sowie von Wermut,
Zimt, Nelken, Pomeranzen- und Zitronenschalen
und Senfmehl einfüllt, mit Rotwein vollgießt und
sechs Wochen liegen läßt. Bisweilen setzt man
auch Rosinen und Johannisbrot hinzu oder hängt
einen mit sämtlichen Zutaten gefüllten Beutel
in den Most hinein. Die italienischen Sorten
werden meist stark gespritet und enthalten dann
bis zu t6Vol.-°/o Alkohol. In neuerer Zeit kamen
nun unter der Bezeichnung W. zahlreiche Erzeug-
nisse in den Plandel, die Wein überhaupt nicht
oder doch nur in verschwindenden Mengen ent-
hielten, vielmehr im wesentlichen aus aromati-
siertem und verdünntem Spiritus bestanden. In-
folge der sorgfältigen Überwachung werden diese
Getränke jetzt nicht mehr als W., sondern nur
noch als Wermutlikör vertrieben. W. ist ledig-
lich ein aromatisierter, allenfalls gezuckerter und
gespriteter Naturwein. Der zugesetzte Zucker
darf in der gleichen Menge Wasser aufgelöst
werden, doch muß das fertige Getränk minde-
stens 70 0/0 Traubenwein enthalten. — Unter Ver-
wendung von Obstwein hergestellte Erzeugnisse
sind als „Obst “ oder „Beeren-W.“ deutlich zu
kennzeichnen.

Westrumit, ein nach seinem Erfinder van
Westrum benanntes Mittel zur Straßenbespren-
gung und Staubbindung, besteht aus einer Emul-
sion etwa gleicher Teile schwach ammoniakali-
sehen Wassers mit Mineralölen. Es soll mit
Sprengwagen aufgetragen werden und in ähn-
licher Weise wie in Amerika durch die Bespren-
gung mit Petroleum einen widerstandsfähigen,
staubfreien Straßenbelag bilden. Im Hinblick
auf die ziemlich leichte Entmischung verstopft
W. nach einiger Zeit die Öffnungen des Spreng-
wagens und darf deshalb nicht in zu großen
Mengen eingefüllt werden. Von zwei zu dem
gleichen Zwecke angebotenen Flüssigkeiten er-
wies sich Antistoff als eine durch Kaliseife
vermittelte Emulsion von Teerölen, während
Standutin ein fein verteiltes Gemisch von Pe-
troleumrückständen mit Wasser und Kleber oder
Mehlkleister war. Neuerdings wird zur Staub-
bindung auch die Sulfitlauge (s.d.) herangezogen.

Whisky, ein in England sehr beliebter Trink-
branntwein, wird in der Weise hergestellt, daß
man Gerste über einem Torffeuer mälzt, oder
Roggen mit Malz maischt und die vergorene
Maische der Destillatipp unterwirft. Das „low
vines“ genannte Destillat wird nochmals destil-
liert und liefert einen Vorlauf „four shots“, dar-
auf den eigentlichen Whisky „clean spirit“ und
einen Nachlauf „faints“. Der Vorlauf und Nach-
lauf werden einer neuen Maische wieder zu-
gesetzt. Zur Entfernung eines in jungem Whisky
auftretenden unangenehmen Beigeschmacks ist
ein längeres Lagern, besonders in Sherryfässem,
üblich, wobei die nichtflüchtigen Säuren ab-
nehmen. Der Alkoholgehalt beträgt 46—62
Vol.-o/o. Im übrigen sind in 100 ccm enthalten;
■0,0807 g Extrakt, 0,072 g Propylalkohol, 0,037 g
Butylalkohol, 0,0683 g Amylalkohol, 0,0161 g
flüchtige Sauren, 0,0107g Kapronsäure, 0,002 g

Mercks Warenlexikon,

Kaprylsäure, 0,1676 g Ester, 0,0018 g Furfurol,
0,0115 g sonstige Aldehyde. Auf alle Fälle ist
W, ein reiner Kornbranntwein und darf nicht
mit Kartoffelsprit vermischt werden.

Wicken (lat. Vicia, frz. Vesce, engl. Vetch), zur
Familie der Schmetterlingsblütler gehörige
Pflanzen, werden in mehreren Arten, besonders
als Saatwicke oder gemeine Futterwicke
(Heide-, Feld-, Korn-, Roßwicke, St. Christophs-
kraut), Vicia sativa L., und platterbsen-
artige W. (Küchen-W„ frühe W., kleine Früh-
lings-W.), V. lathyroides L., als Grünfutter
und zur Gewinnung von Heu und Samen im
großen angebaut. Für den Handel kommt je-
doch nur der Samen in Betracht. Die W. lohnt
und verträgt die stärkste Düngung und hat des-
halb auch für die Fruchtfolge hohen Wert. Der
Anbau der gemeinen W. ist ziemlich sicher, der
Ertrag groß. 1 hl Samen wiegt 76—84 kg, von
denen jedes 9000—30000 Körner enthält. Zur
Saat braucht man 1,5—4 hl und erntet vom
Hektar 100—220 dz Grünfutter, 20—45 dz Heu,

10—18 dz Körner, 12—26 dz Stroh. Das Mehl
der roten Sommer- und der kanadischen W.
wird bisweilen mit Weizenmehl vermischt und
so in Frankreich als Nahrungsmittel benutzt.

Wild (Wildbret, Wildpret, Wilpert) um-
faßt alle zur menschlichen Nahrung geeigneten
jagdbaren Tiere, besonders Edel- oder Rot-, Reh-
und Damwild, Gemsen, Renntiere, Antilopen,
Gazellen, Schwarzwild, Wildschweine, Hasen und
Kaninchen, Auer-, Birk-, Hasel-, Schneehühner,
Fasanen, Schnepfen, Enten, Rebhühner, Bekas-
sinen, Drosseln, Wachteln und Krammetsvögel.
Das W. nimmt mit zunehmender Kultur, obsehoh
es vielfach gehegt wird und in den meisten Län-
dern Schonzeit hat, immer mehr ab und muß1
daher für die Großstädte aus immer größeren
Entfernungen bezogen werden. Selbst Amerika
liefert in ziemlicher Menge W. nach Europa.
Hirsche, Rehe, Wildschweine und Fasanen wer-
den in Deutschland fast nur noch aus Wildparks
geliefert und hier bei großen Jagden zum Ver-
kauf geschossen, während kleines W. meist von
Treibjagden herrührt. Der Handel mit W. unter-
liegt gewissen gesetzlichen Beschränkungen. Ins-
besondere darf W. zur Verhinderung der Wild-
dieberei während der Schonzeit überhaupt nicht
verkauft werden, selbst wenn es aus Gegenden
ohne Schonzeit kommt. Nur für bestimmte Ab-
nehmer, nicht aber für den allgemeinen Verkauf,
kann eine Ausnahme von dieser Vorschrift und
ein Bezug unter Bescheinigung des Ursprungs-
ortes nachgelassen werden. Die Hauptzeit für
Wildbret erstreckt sich vom September bis zum
Frühjahr. Die Versendung geschieht mit der
Bahn, am besten im Winter bei Frostkälte. Bei
Eintritt milder Witterung muß der Absatz rasch
erfolgen. Die Jahresausbeute, soweit sie die
Feldjagden betrifft, ist abhängig von der Witte-
rung. Es gibt gute und schlechte Jahrgänge für
Hasen, Feldhühner und Schnepfen, während
Hochwild in der Regel nach bestimmtem Satze
abgeschossen wird. Schwarzwild gibt es noch
bis zur gebotenen Vernichtung im Überfluß in
Elsaß-Lothringen und den angrenzenden Gebieten
der Ardennen; Hochwild, Auerwild und Fasanen
besonders zahlreich in Böhmen, in Deutschland
I hingegen nur in den sehr waldreichen Gegenden.

31
        <pb n="489" />
        ﻿Wintergrün

482

W ismutverbindungen

Frankreich, Italien und England sind wildarm,
Schweden, Rußland und Österreich ziemlich wild-
reich. W. wird stückweise, nur Federwild paar-
weise oder zu vier und mehr Stück, verkauft und
meist ohne Verpackung verschickt. Es muß,
nachdem es ausgenommen worden ist, im Balg
oder abgehäutet, Federwild stets im Federkleid
an der Luft aufbewahrt werden. Ausgelöste
Fleischstücke von Reh und Hirsch lassen sich
längere Zeit in saurer Milch aufbewahren, hin-
gegen muß zerschossenes Federwild und Wasser-
geflügel rasch verbraucht werden. In Eisräumen
hält sich alles W, sehr lange.

Wintergrün (Immergrün, lat. Herba vincae
pervincae, frz. Feuilles de pervenche, engl. Ever-
green) ist das immergrüne Kraut von Vmca
major und minor, einer zur Familie der Apo-
zynazeen gehörenden Pflanze mit elliptischen,,
harten und glänzenden Blättern, die an der
Unterseite heller grün sind als an der Oberseite.
Das über Mitteleuropa und Asien verbreitete
Kraut , wächst , an trockenen,, schattigen Stand-
orten und wird als Aufguß zu Gurgelwässern an-
gewandt. Die aus Amerika eingeführte Droge,
amerikanisches Wintergrün, ist die Stamm-
pflanze des Gaultheriaöls (s. d.).

. Wismut(Asc h bl ei,lat. Bismutum,frz. Bismuthe,
engl.Bisrriuth), ein dem Arsen und Antimon ver-
wandtes, metallisches Element vom Atomgewicht
Bi = 208—209, findet sich in der Natur haupt-
sächlich gediegen, seltener in Verbindung mit
Schwefel als Wismutglanz, mit Tellur als
Tetradymit und mit Sauerstoff als Wismut-
ocker. Meist kommt es in Gesellschaft von Ko-
balt-, Nickel-, Blei- und Silbererzen vor und ent-
hält neben den Bestandteilen der letzteren oft
auch noch kleine Mengen Arsen, Eisen, Zinn
und Kupfer. Bis zum Jahre 1876 kamen seit der
Erschöpfung der englischen Lager nur die sächsi-
schen W.-Vorräte in Betracht. Neuerdings ver-
arbeiten die sächsischen Blaufarbenwerke in
Oberschlema und Pfannenstiel hauptsächlich kup-
ferhaltige W.-Erze aus Australien und arsenfreie,
aber Kupfer und Antimon enthaltende Erze aus
Bolivia und Peru, von denen die letzteren bis zu
94% W. enthalten. Die Erze werden vor der
Verhüttung in schräg liegenden Röhren erhitzt,
um das sehr leicht schmelzbare gediegene W.
auszusaigern, und darauf mit Kohle, Eisen und
einem Flußmittel (Schlacke) zusammengeschmol-
zen, wobei das Eisen den Schwefel bindet und
mit den übrigen Verunreinigungen in die Schlacke
geht. Das in flüssigem Zustande abgelassene sog.
technische oder Rohwismut kann, sobald die
Summe seiner Verunreinigungen nicht mehr als
5 °/o beträgt, für die meisten Zwecke benutzt wer-
den. Anderenfalls unterwirft man es einer Reini-
gung, indem man das gröblich zerstoßene Metall
mit einem Gemisch von Kali- und Natronsalpeter
oder mit Soda und Kaliumchromat schmilzt und
die ausgegossene Schmelze zunächst mechanisch
und darauf durch Behandlung mit verdünnter
Salzsäure von der Schlacke befreit. Um aus
diesem gereinigten W. (Bismutum depura-
tum) das reine Metall (B. purum) zu gewinnen,
löst man in Salpetersäure, trägt die Lösung in
Ammoniak ein und reduziert das ausgefällte
Hydroxyd durch Kochen mit Traubenzucker oder
durch Glühen mit Kohle. — W. ist ein rötlich--1

silberweißes, großblättrig kristallisierendes Metall
vom spez. Gew. 9,900. Es schmilzt bei 268° und
verdampft bei Weißglühhitze (etwa 13000). Wegen
seiner Brüchigkeit und Sprödigkeit läßt es sich,
wie das ähnliche Antimon, im Eisenmörser pulve-
risieren. Bei gewöhnlicher Temperatur verändert
es sich an trbckner Luft nicht, verbrennt aber
beim Erhitzen zu weißem Oxyd. An feuchter
Luft wird es blind und durch Schwefelwasser-
stoff gebräunt. Das W. löst sich nicht in Salz-
säure, hingegen leicht in Salpetersäure und in
heißer konzentrierter Schwefelsäure unter Ent-
wicklung von schwefliger Säure. — Das metalli-
sche Element findet hauptsächlich in Form seiner
Legierungen, die meist sehr niedrige Schmelz-
punkte zeigen, technische Verwendung. Eine
Legierung von 50 Teilen W., 30 Teilen Blei und
20 Teilen Zinn, das sog. Rosesche Metall,
schmilzt bei 92 °, nach Zusatz von 2 Teilen Queck-
silber sogar schon bei 55°. Newtons Metall
mit 8 Teilen W., 5 Teilen Blei und 3 Teilen Zinn
schmilzt bei 94,5°, Woods Metall mit 15 Teilen
W., 8 Teilen Blei, 4 Teilen Zinn und 3 Teilen
Kadmium bei 60°. Derartige Legierungen dienen
zum Abklatschen (Klischees) von Holzschnitten
zu Stereotypplatten, Druckformen für Zeugdruck
und zu Münzabgüssen, ferner als Schneilot für
Klempner, Zinngießer und Orgelbauer, als Metall-
kitt und zur Herstellung von Sicherheitsver-
schlüssen für Dampfkessel.

Wismutverbindungen. Die Lösungen der W--
Salze geben mit viel Wasser Niederschläge von
basischen Verbindungen, die zum Unterschiede
von den entsprechenden Antimonverbindungen
in Weinsäure unlöslich sind. — Wismutchlorid,
BiClj, entsteht beim Auflösen von Wismut in
Königswasser oder beim Überleiten von Chlor
über erhitztes Wismut als eine weiße, an der
Luft zerfließliche Kristallmasse, die bei 220*
schmilzt und bei 4470 siedet. Aus der konz-
salzsauren Lösung wird durch Wasser unlösliches
Wismutoxychlorid, BiOCl, gefällt, das als
weiße Malerfarbe Verwendung findet. — Wis-
mutnitrat, Bi(NO;j)3 (lat. Bismutum nitricum,
frz. Nitrate bismuthique, engl. Bismuth Nitrate),
wird durch Auflösen von Wismut in heißer kon-
zentrierter Salpetersäure und Eindampfen der fil-
trierten Lösung bis zur Kristallisation dargestellt.
Es bildet farblose Kristalle, die fünf Mojeküle-
Kristallwasser enthalten und bei 73 ® schmelzen-
Bei 8o° gehen sie in das basische Salz über und
zersetzen sich bei 260°. — Durch Einträgen in
siedendes Wasser erhält man basisches Wis-
mutnitrat (lat. Bismutum subnitricum, frz. Sous-
azotate de bismuthe, engl. Subnitrate of bismuth)
von wechselnder Zusammensetzung, das abfih
triert, ausgewaschen und vorsichtig bei 300 unter
Abschluß von Schwefelwasserstoff getrocknet wird.
Das schneeweiße, lockere, kristallinische Pulver
ist völlig geruchlos, unlöslich in Wasser, Alko-
hol und Glyzerin, hingegen leicht löslich in ver-
dünnten Säuren. Es findet ausgedehnte medizi-
nische Anwendung als Streupulver bei der Wund-
behandlung, zum Einblasen in den Kehlkopf und
zum Geruchlosmachen jauchiger Wunden, sowie
innerlich gegen Dysenterie, Darm- und Magen-
leiden. In der Technik dient es unter dem
Namen Wismutweiß, Perlweiß, Spanisch-
weiß und Schminkweiß als SchminkmitteL
        <pb n="490" />
        ﻿Witherit

483

Wolle

gibt auch ein gutes, die Farben nicht beein-
trächtigendes Flußmittel für Porzellan-, Glas- und
Emailmalerei und wird außerdem zur Erzeugung
von Irisfarben auf Porzellan benutzt. — Das beim
Verbrennen von Wismut oder beim Glühen seiner
Verbindungen erhaltene gelbe Wismutoxyd fin-
det an Stelle des Bleioxyds zur Herstellung op-
tischer Gläser, das Karbonat, Zitrat und Al-
buminat medizinische Verwendung. — Das ba-
sisch-gerbsaure Wismut, Wismutsubgal-
lat (lat. Bismutum subgallioum, frz. Gaüate ba-
sique de bismuthe, engl. Subgallate of bismuth)
hat unter dem Namen Dermatol Bedeutung als
Verbandmittel erlangt.

Witherit, neben dem Schwerspät das wich-
tigste Bariummineral, erscheint in den rein-
sten Arten farblos oder weiß, meist jedoch durch
Beimengungen grau oder gelblich und bildet
kugelige, trauben- oder nierenförmige Klumpen,
seltener größere, deutliche Kristalle des rhombi-
schen Systems, Der W. besteht aus Barium-
karbonat, BaC03, mit 77,7% Bariumoxyd und
22,3 0/0 Kohlensäure und findet sich hauptsächlich
bei Peggau in Steiermark, Leogang bei Salzburg
und Aiston in Cumberland. Er ist der geeignetste
Rohstoff zur Bereitung von Blanc fixe und an-
deren Barytverbindungen und wird im fein gemah-
lenen Zustande auch als Gift für Ratten und
Mäu^e verwandt. Die Versendung geschieht in
Fässern von 300 kg.

Wodnjika, ein serbisches Nationalgetränk von
zweifelhaftem Genuß werte, wird in der Weise
hergestellt, daß man ein Gemisch von Wacholder-
beeren, Senf und Meerrettich mit Wasser bei
höherer Temperatur einem Gärungs- und Säue-
rungsprozeß überläßt. Die stark nach Wacholder
riechende und sauer schmeckende Flüssigkeit
enthält nach König in 100 ccm 0,83 g Alkohol,
0,98 g Extrakt, 0,4 g Essigsäure und 0,05 g
Zucker. Bei feineren Sorten setzt man der
Maische wohl auch geröstete Birnen oder Most-
bimen, Äpfel,- Quitten, Zitronen oder Orangen zu.

Wolfram (frz.Wolfram, engl. Wolframium), ein
dem Uran und Molybdän verwandtes metalli-
sches Element, findet sich in der Natur nicht
gediegen, sondern nur als Wolframit (Wolf-
ram), eine isomorphe Mischung von wolfram-
saurem Eisen- und Manganoxydul, ferner als
Scheelit oder Tungstein (wolframsaures Kal-
zium) und Scheelbleierz (wolframsaures Blei).
Die wichtigsten Lagerstätten sind auf den Zinn-
erzgruben von Zinnwald und Altenberg in Sachsen,
sowie von Monroe in Connecticut. Für die Dar-
stellung des Metalles wird der Wolframit zu-
nächst zur Entfernung von Schwefel und Arsen
geröstet und dann entweder mit Salzsäure aus-
gezogen, wobei die Wolframsäure (Wolfram-
trioxyd), WO3, als ein gelbes Pulver zurückbleibt,
oder aller mit Soda geschmolzen und aus dem
mit Wasser gelösten Natriumwolframat die Wolf-
ramsäure mit Salzsäure gefällt. Australischer
-Scheelit gibt bei einfacher Behandlung mit Salz-
säure ebenfalls Wolframsäure, die nach dem
Trocknen durch Glühen mit Kohle oder imWasser-
stoffstrom zu metallischem W. reduziert wird.
Das letztere bildet ein stahlgrau glänzendes, sehr
hartes und schweres Pulver vom spez. Gew. 19
und dem Atomgewicht W= 184. Das sehr spröde
und für sich allein kaum schmelzbare Metall fin-

det vielfache technische Anwendung zur Her-
stellung außerordentlich harter Eisen- und Stahl-
sorten (Wolframstahl), die für Werkzeuge und
Panzerplatten viel gebraucht werden. Auch ver-
wendet man den W.-Stahl wegen seiner Eigen-
schaft, den Magnetismus länger zu halten, in der
Telegraphie als Magnet. Reines W. dient als
Glühfaden in elektrischen Glühlampen. — Von
den Verbindungen des W. wird das durch Auf-
lösen von Wolframsäure in Natronlauge dar-
gestellte wolframsaure Natrium, Na8W04, in
wäßriger Lösung zum Imprägnieren von dünnen
Geweben, Ballkleidern, Vorhängen und Theater-
dekorationen benutzt, um diese unentflammbar
zu machen. Weiter dient es zum Beschweren von
Seide und als Ersatz von Zinnbeize in der Fär-
berei. Wolframsaures Zink und Barium
sind gut deckende weiße Anstrichfarben. Wolf-
ramdioxyd bildet das schöne Wolframbraun,
wolframsaures Wolfraraoxyd einen schönen
blauen Farbstoff (blauer Karmin) und wolf-
ramsaures Wolframoxydnatron (Wöhlers
Wolframbronze) schöne goldgelbe Schüppchen,
die sich wie Goldbronze verwenden lassen.

Wolfs trapp (schwarzer Andorn, lat. Herba
ballotae lanatae seu marubii nigri, frz. und engl.
Bailote), ein in Sibirien heimisches Kraut aus
derFamilie derLabiaten, Ballota nigra, be-
sitzt graugrüne, handförmige Blätter mit vier-
eckigem Stengel, die mit einem weißwolligen
Überzüge versehen sind. Das Kraut enthält als
hauptsächlichste Bestandteile Gerbstoff und einen
Bitterstoff Ballotin und wird als Mittel gegen
Fieber und Asthma verwandt.

Wolle (frz. Laine, engl. Wool), das Haar der
Schafe, bildet den am längsten bekannten und
noch heute wichtigsten Stoff zur Herstellung von
Kleidungsstoffen. Während früher bei uns die
W. der gewöhnlichen Landschafe auf Tuche ver-
arbeitet worden war, begann vor mehr als 100
Jahren die Einfuhr der edlen spanischen oder
eigentlich maurischen, aus Afrika stammenden
Merinos, deren beste Vertreter die feinste Elek-
toralwolle liefern und als Eskurials zu bezeich-
nen sind. Sie werden nur im Stalle gehalten,
während die aus ihnen entstandenen Negrettis
mit dichterem, kräftigem und nicht ganz so
feinem Vlies auch Weidevieh sind. Durch sorg-
fältige Kreuzung und Züchtung hat man in
Deutschland, namentlich in Sachsen und Preußen,
Rassen erzielt, deren Haar besser, weicher und
zarter als dasjenige der spanischen Merinos ist. —
Die Beschaffenheit der Wolle hängt außer von
der Rasse vor allem von Klima, Boden, Pflege
und Nahrung ab. Die früher übliche Unterschei-
dung in kurze und lange W. hat bei dem heu-
tigen fortgeschrittenen Stande der Spinnerei-
technik nicht mehr ihre alte Bedeutung und ist
daher meist durch die Begriffe weich und hart
ersetzt worden, denn hiervon hängt die Verwen-
wendung als Streich- oder Kammwolle ab, weil
harte W. nicht verfilzbar ist. Weitere Merkmale
der Einteilung sind Feinheitsgrad, Kräuselung,
Glanz, Elastizität, Festigkeit, Gleichförmigkeit
und Geschmeidigkeit. Besonders wichtig ist die
Gleichmäßigkeit, die voraussetzt, daß nicht nur
die Vliese verschiedener Tiere, sondern auch die
von verschiedenen Körperstellen eines Tieres
herrührenden Haare nicht zu abweichend be-
        <pb n="491" />
        ﻿Wollengarne

484

Wundklee

schaffen sind. Schließlich soll auch das einzelne
Haar an allen Stellen möglichst gleich dick
(„treu“) sein, da ein ungleichmäßig dickes und
gekräuseltes, sog. „zweiwüchsiges“, Haar we-
niger wertvoll ist. Die beste W. sitzt auf den
Schulterblättern sowie an den Seiten des Leibes
und den Keulen. Unter „Stapel“ versteht man
den Bau des Vlieses und die Faserlänge (kurz-
oder langstapelig). Nach der Herkunft unter-
scheidet man Rittergutswolle, von mehr oder
weniger veredelten, und Bauernwolle, von ge-
wöhnlichen Landschafen. Die erstere wird meist
wieder in hochfein, fein und mittelfein ein-
geteilt. Die meisten Schafe werden nur einmal
im Jahre, um Pfingsten, geschoren und liefern
die sog. Einschurwolle. Langwollige Schafe
werden hingegen zweimal geschoren, und zwar
Ende März (Winterwolle) und Ende September
(Sommerwolle). Ferner werden getrennt ge-
halten: die feine seidenartige Lamm wo Ile von
einjährigen Schafen, die von Weißgerbern ge-
lieferte Gerberwolle, die meist mit Kalk ver-
unreinigt, aber zum Spinnen noch gut brauchbar
ist. und endlich, als schlechteste, die Sterbüngs-
wolle von krepierten Schafen. — Die W. kommt
meist gewaschen auf den Markt, und zwar wird
in Deutschland gewöhnlich die sog. Rücken- oder
Pelzwäsche am lebenden Tiere bei warmer trock-
ner Witterung in- weichem Fluß- oder Teich-
wasser vorgenommen, während man in Spanien
vielfach das abgetrennte Vlies wäscht. Zur Er-
leichterung des Waschens finden bisweilen Seifen-
wurzel oder Quillayarinde Anwendung, wodurch
die W. 20—70 0/0 an Gewicht verliert. Der Ab-
gang besteht aus Staub, Schmutz und dem sog.
Wollschweiß, einer in Wasser löslichen natür-
lichen Kaliseife. Die weitere Verarbeitung der
W. nach dem Scheren besteht dann in einem
Kochen mit Soda und Seife, sowie in einer Be-
handlung mit Tetrachlorkohlenstoff, wodurch das
Wollfett entfernt wird, und schließlich bisweilen
in einem Bleichprozeß mit schwefliger Säure.
Das sog. Karbonisieren, d. h. eine Erwärmung
mit Salzsäure, Chlorsäure, Aluminiumchlorid, be-
zweckt die Zerstörung pflanzlicher Verunreini-
gungen. — Die reine Wollenfaser erscheint unter
dem Mikroskope in Form sehr dicker Fäden mit
rundem Querschnitt und dachziegelförmigen Haut-
schuppen, aber ohne inneren Hohlraum, und
kann daher von anderen Faserstoffen leicht
unterschieden werden. Zur quantitativen Bestim-
mung pflanzlicher Beimengungen, besonders der
Baumwolle, bedient man sich der vom Bundes-
rate vorgeschriebenen Methode, welche auf der
Unlöslichkeit der Baumwolle in Natronlauge
beruht.

Wollengarne zerfallen in die zwei Plaupt-
klassen Streichgarn (frz. Fil de la laine
cardee, engl. Cardet wool-garn) und Kamm-
garn (frz. Fil de laine peignöe, engL Combed
wool-garn). Zu Streichgarn verwendet man kurze,
stark gekräuselte, zu Kammgarn möglichst lange,
schlichte oder nur schwach gekräuselte Wolle.
Hiernach und infolge der verschiedenen Behand-
lung erscheint das Streichgarn im Faden weich,
rauh und wollig und dient zur Herstellung tuch-
artiger, gewalkter Stoffe, während das Kammgarn
glatt, dichter von Körper ist und zu glatten
Zeugen gebraucht wird. Für Streichgarn wird

die gereinigte, auf Maschinen gelockerte und mit
Öl gefettete Wolle durch Krempel zunächst in
wattenartige Tafeln und dann in schmale Bänder
verwandelt, die sogleich zu losen, runden Fäden
zuSammengerolIt werden. Diese Lunte kommt
auf die Feinspinnmaschine oder passiert vorher
erst eine Vorspinnmaschine. — In der Kamm-
garnspinnerei wird die Wolle nach gleichartiger
Vorbereitung gestreckt und dupliert und hierauf
der Kämmaschine übergeben, welche die kurzen
Fasern als Kämmlinge ausscheidet, während die
langen Fasern den Zug bilden. Die Kämmlinge
kommen mit zur Streichwolle. Je nach der Be-
stimmung der Garne unterscheidet man Ketten-
garn und Schußgarn. — Wird lange Wolle
nicht gekämmt, sondern nur gekratzt, im übrigen
aber wie Kammwolle weiter behandelt, so ent-
steht das Halbkammgarn, das als Stick-,
Tapisserie- und Strumpfwirkergarn vielfach
Verwendung findet. Es ist billiger als Kamm-
garn, und da lange und kurze Fasern nebenein-
ander liegen, weniger glatt und fest.

Wollkraut (lat. Folia s. Herba verbasci, frz.
Feuilles de molene, engl. Mullein leaves) nennt
man die weichen, wolligen Blätter der in Europa
und Mittelasien heimischen Skrophulariazee
Verbascum Thapsus, die wegen ihres Ge-
haltes an Schleim und Bitterstoff als Brusttee
Verwendung finden. Außer den Blättern werden
auch noch die Blüten, Königskerzenblüten
(s. d.), gesammelt.

WoIIscharlach, ein seit 1884 im Handel be-
findlicher Teerfarbstoff, besteht aus dem Na-
tronsalz der Xylidinazoalphanaphtoldisulfosäure.
Das braunrote, in Wasser mit gelbroter Farbe
lösliche Pulver färbt Wolle im sauren Bade gelb-
lichrot.

WoIIschwarz, ein 1885 entdeckter Azofarb-
stoff, besteht aus dem Natronsalze des Amidoazo
benzoldisulfosäureazoparatolylbetanaphtylamins.
Das blauschwarze, in Wasser mit violetter Farbe
lösliche Pulver färbt Wolle im sauren Bade blau-
schwarz.

Wollstaub, in Staubform verwandelte, ver-
schiedenartig gefärbte Wolle, dient zum Velou-
tieren von Tapeten.

Worcestershire Sauce. Zur Herstellung dieser
bekannten Speisewürze verwendet man ein Ge-
misch von 7,0 g Piment, 3,5 g Gewürznelken, 3,5 g
schwarzem Pfeffer, 3,5 g Ingwer, 30,0 g Curry
Powder, 3,5 g Paprika, 60,0 g Senfsamen, 60,0 g
Schalotten, 60,0 g Salz, 40,0 g Zucker, 120,0 g Ta-
marinden, 570,0 g Sherry, 1140,0 g Weinessig.
Die frisch zerkleinerten Gewürze werden eine
Stunde lang mit dem Essig gelinde gekocht,
darauf gibt man den Wein sowie etwas Karamel
hinzu, läßt eine Woche stehen, seiht die Flüssig-
keit durch und füllt sie auf Flaschen,

Wundklee (Tannen-, Katzenklee, Berufs-,
Brust-, Katzenkraut, Wollblume), die be-
kannte Papilionazee Anthyllis vulneraria,
wächst wild auf Kalk- und Mergelboden und wird
zum Anbau als Futterpflanze empfohlen. Er ist
unempfindlich gegen Kälte und Frost, verlangt
aber gute Bodenvorbereitung und wird besonders
da gebaut, wo Rotklee nicht mehr sicher fort-
kommt. Die ausdauernde Pflanze wird bis 60 cm
hoch, hat liegende und aufsteigende Stengel,
langgestielte, länglich eiförmige untere, gefiederte
        <pb n="492" />
        ﻿Wundkraut

Wurst

485

unpaarige Stengelblätter und hellgelbe Blüten in
Köpfen. W. blüht im Mai bis August und gibt
ein gutes Weidefuttar. Der Same ist länglich-
oval, glänzendgelbrot bis braunrot mit grün-
licher Feder und vertieftem, schwarzbraun um-
rändertem Nabel. Man braucht für den Hektar
iS—18 kg.

Wundkraut (Goldrute, lat. Herba virgaureae
s. solidaginis, frz. Plante fleurie de solidago ou
Bagnette d’Or, engl. Golden rod), das in Europa
heimische Kraut der Komposite Solidago
Virgaureae, wird während der Blütezeit mit
den goldgelben Blüten gesammelt und gegen
Rheumatismus als schweißtreibendes Mittel, so-
wie auch bei Blasen- und Nierenleiden verordnet.
Der Geschmack ist scharf und bitter.

Wurinsamen (Zitwersamen, richtiger Zit-
werblüten, lat. Semen, richtiger Flores cinae,
frz. Semences de cina, engl. Worm-seed). Das
bekannte Wurmmittel besteht nicht aus Samen,
sondern den geschlossenen Blütenköpfchen einer
Art Artemisia maritima, der nicht näher be-
kannten Artemisia Cina Berg. Es wird unter
dem Namen levantischer oder persischer W.
aus dem südlichen Rußland zu ums eingeführt
und von wandernden Kirgisen auf den Steppen
gesammelt, zum Teil aber auch durch Anbau
gewonnen. Die Blüten haben einen starken, un-
angenehm aromatischen Geruch sowie bitterlich-
aromatischen Geschmack und bestehen aus sehr
kleinen, an beiden Enden verschmälerten, schwach
glänzenden Blütenkörbchen von gelblichgrüner,
später mehr bräunlich werdender Farbe. Die
ziegeldachartig angeordneten Blättchen des Hüll-
kelches sind am Rücken gekielt und tragen dort
mit der Lupe erkennbare Harzdrüsen. Als wirk-
samer Stoff ist neben ätherischem Öl ein grünes
Weichharz und eine eigentümliche kristallisier-
bare Substanz, das Santonin (s. d.), vorhanden,
das jetzt in einer Fabrik in Taschkend, also an
Ort und Stelle selbst, dargestellt wird. Zur
Unterscheidung der echten Droge von santonin-
freiem sog. „falschen Wurmsamen“ betupft man
die auf den Flügeln der Hüllkelchblätter befind-
lichen Kristalle mit Chlorzinkjodlösung. Hierbei
geben nur Santoninkristalle eine auffallende Re-
aktion, indem sie erst gelb, dann rissig werden
und schließlich in gelbbraune Tröpfchen über-
gehen. Die Versendung des W. erfolgt meist in
Ballen von 40—80 kg oder in Filzsäcken bis
150 kg. W. ist ein ausgezeichnetes Mittel gegen
Spul- und Madenwürmer und wird in Pulver-
form oder als Sirup angewandt. Der Verbrauch
hat etwas nachgelassen, da man jetzt mehr das
Santonin selbst als Wurmmittel verschreibt. —
Das Wurmkonfekt der Konditoren besteht aus
überzuckerten Blütenköpfcben (lat. Confectio ci-
nae s. Flores cinae conditi, frz. Semences de cina
candö, engl. Condied wormseed).

Wurmsamenöl (Zitwersamenöl, lat. Oleum
cinae aethereura, frz. Essence de semen-contra,
engl. Oil of wormseed), das im Wurmsamen ent-
haltene ätherische Öl, kann bei der Gewinnung
des Santonins erhalten werden, indem man es
zunächst aus den Wurmsamen mit Wasserdampf
abdestilliert. Das ziemlich dünnflüssige und blaß-
gelbe Öl wird an der Luft bald dunkler und
dicker, besitzt einen starken, kampferähnlichen
Geruch und einen brennenden Geschmack und

besteht vorwiegend aus Zineol. Es ist schwach
linksdrehend und hat ein spez. Gew. von 0,915
bis 0,940. W. ist für kleinere Tiere ein tödliches.
Gift und wird medizinisch nicht mehr verwandt.
Sehr in Aufnahme gekommen ist in neuerer
Zeit, besonders zur Bekämpfung der Spul-
würmer, das amerikanische Wurmsamen-
öl, das aus dem ganzen Kraut der Chenopo-
diazee Chenopodium ambrosioides var.
anthelminticum gewonnen wird. Es ist ein
farbloses oder gelbliches Öl von stark durch-
dringendem, widerlichem Geruch und unange-
nehmem, brennendem Geschmack. Das spez. Gew.
liegt zwischen 0,965 und 0,990. Der wesentliche
und wirksame Bestandteil ist das Askaridol.

Wurmtang (Wurmmoos, lat. Helminthochor-
ton, frz. Mousse contre les vers, engl. Worm
mooss). Unter diesem Namen kommt von Kor-
sika und anderen Inseln eine haarförmige Alge
aus dem Mittelländischen Meere in den Handel,
die in frischem Zustande purpurrot erscheint,
beim Trocknen aber braune Farbe und knorpel-
artige Beschaffenheit annimmt. Der Geruch ist
dumpfig, der Geschmack salzig. Man verwendet
die Droge als Wurmmittel, doch ist sie durch das
Santonin in der Hauptsache verdrängt.

Wurst. Würste sind Fleischwaren, zu deren
Bereitung gehacktes Muskelfleisch und Fett, fer-
ner Blut und Eingeweide, d. s. Leber, Lunge,
Herz, Nieren, Milz, Rindermagen und Gekröse,
sowie Gehirn, Zunge, Knorpel (Schweinsohr) und
Sehnen der verschiedensten Schlachttiere unter
Zuhilfenahme von Sälz, Gewürzen, Zucker, Wasser,
Bier und Wein, unter Umständen auch Milch
und Eiern, verarbeitet werden. Als weitere Zu-
taten sind bei einzelnen Wurstsorten Zwiebel,
Knoblauch, Schnittlauch, Zitronenschalen, Trüf-
feln, Sardellen usw. gebräuchlich. Die Wurstmasse
wird in Hüllen aus gereinigtem Darm, Magen
oder Blase (Rind, Schwein, Schaf und Bock) oder
in Hüllen von Pergamentpapier eingefülit. Nach
den Hauptbestandteilen unterscheidet man fol-
gende Sorten: 1. Fleischwürste aus Schweine-,
Kalb-, Schaf- oder Rindfleisch, die nach der Art
der Herstellung wieder in Dauerwürste und An-
rührwürste zerfallen. Dauerwürste sind durch
längere oder kürzere Räucherung haltbar ge-
macht und infolge des damit verbundenen Aus-
trocknens mehr oder weniger hart. Am weichsten
sind die sog. weichen Mettwürste (Braun-
schweiger Schlackwürste), danach folgen die Zer-
velatwürste, Plockwürste, Gothaer Würste und
schließlich die harten Würste nach Art der
italienischen Salami, die meist einen Zusatz
von Knoblauch erhalten und mit Bindfaden fest
umwickelt sind. Zu der anderen Gruppe der
Fleischwürste, den sog. Anrührwürsten, ge-
hören die Koch-, Brat- und Brühwürste, Bock-
und Weißwürste nach Münchner Art, dünn- und
dickgeselchte Frankfurter-,, Wiener-, Knoblauch-
wurst, Knackwurst usw. Sie werden zur Er-
höhung der Saftigkeit mit etwas Wasser an-
gerührt und meist frisch, seltener nach kurzer
Räucherung und nach zehn Minuten langem
Ziehen in siedendem Wasser genossen. 2. Blut-
würste enthalten meist Schweineblut, doch auch
Rinder-, Kalbs- und Schafblut, daneben Schweine-
fleisch und Speck, manchmal auch Leber und
Grütze (Grützwurst). Sie umfassen die Rotwurst,
        <pb n="493" />
        ﻿Wurst

486

Wurzeln

Schwarzwurst, den Schwartenmagen und bei An-
wendung von gepökelter oder abgekochter ganzer
Schweinszunge die Zungenwurst. 3. Leber-
würste enthalten außer Leber, Lunge, Nieren,
■Sehnen, Knorpel das sog. Geschlinge und Fett
des Schweines und Rindes, in manchen Gegen-
den gebrühte Rindsköpfe und Rindsmagen bei
gewöhnlichen Leberwürsten. 4. Weißwürste
enthalten Kalbfleisch oder Kalbs- oder Schweins-
gekröse neben Schweinefleisch. 5. Leberkäse
nennt man eine nicht in Hüllen gefüllte Wurst-
masse aus der Leber und bisweilen dem Fleische
der bekannten Schlachttiere. In Baden rechnet
man ihn zu den pastetenartigen Nahrungsmitteln
und läßt auch einen Zusatz von Mehl und Eiern
-nach. Im übrigen stellt man an Pasteten die-
selben Anforderungen wie an Würste. — Bei der
-außerordentlichen Mannigfaltigkeit der Würste,
welche die Aufstellung bestimmter Normen nahezu
unmöglich macht, und bei der Schwierigkeit, der-
artig mannigfaltig zusammengesetzte Mischungen
zu untersuchen, sind die W. Verfälschungen in
.hohem Grade ausgesetzt. Ihre Bekämpfung ist
aber durch das Fleischbeschaugesetz vom 3. Juni
1900 wesentlich erleichtert worden. In erster
Linie verbietet dieses die Verwendung der wich-
tigsten Konservierungsmittel, wie schwef-
iiger Säure, Borsäure, Salizylsäure u. a., durch
welche die Verarbeitung minderwertigen Mate-
rials erleichtert und eine beginnende Zersetzung
verdeckt wird. In gleicher Richtung wirkt das
Verbot aller Farbstoffe, also auch des seiner
Schärfe beraubten Paprikapulvers (s. d:), durch
welches der früher allgemein übliche Zusatz von
.roter Tinte zu den Fleischwürsten, namentlich
der Thüringer Zervelatwurst, ein für allemal be-
seitigt wurde. Auch die Außenfärbung des
Darms, durch welche eine Räucherung vor-
getäuscht werden sollte, ist, abgesehen von den
süddeutschen hellgelben Gelbwürsten, unter-
sagt. Von weiteren Abweichungen, die aber nur
auf Grund des Nahrungsmittelgesetzes beanstan-
det werden können, ist in erster Linie der Zusatz
von Mehl oder mehlhaltigen Stoffen, wie Grütze,
Stärke, Semmel, zu erwähnen. Er hat im all-
gemeinen, da Wurst eine Fleischware ist, als
unzulässig zu gelten und wird in Süddeutschland
und Sachsen als Verfälschung beurteilt. Eine
Ausnahme macht nur der Leberkäse in Baden
und die ausdrücklich als Semmelwurst bezeich-
jnete W. in Dresden. In Norddeutschland läßt
man aber bisweilen geringe Mehlzusätze für
Brüh-, Brat-, Blut- und Leberwürste als orts-
üblich zu, wenn der Zusatz 2 °/o nicht überschrei-
tet und deutlich gekennzeichnet wird (Grützwurst).
Die seit einiger Zeit aufgekommene Verwendung
von Tragant und sog. Eiweißbindemitteln
(Weizenkleber, Albumin,' Kasein) wird durchweg
als Verfälschung angesehen, weil sie zur Erzie-
lung der Bindigkeit nicht erforderlich sind und
den Anschein einer besseren Beschaffenheit Vor-
täuschen. In hohem Grade wird der Nährwert
der Wurst durch Beimischung übermäßiger
Wassermengen erniedrigt, und wenn man auch

bei Anrührwürsten, aber auch nur bei diesen,
einen Wasserzusatz von 20% duldet, so müssen
Überschreitungen dieser Zahl doch als Verfäl-
schung bekämpft werden. Würste aus Pferde-
fleisch oder Fischfleisch sind ' ausdrücklich
als Pferdewurst, Fischwurst zu kennzeichnen.
Vor dem Genüsse schmieriger, verfärbter, ran-
ziger oder fauliger W., sowie vor Würsten aus
dem Fleische kranker Tiere ist dringend zu war-
nen, weil sie das höchst gefährliche Wurstgift
enthalten können. Ihr Verkauf verstößt unter
Umständen gegen die schweren in § 12 des Nah-
rungsmittelgesetzes .aufgestellten Strafbestimmun-
gen. — Würste in luftdicht verschlossenen Büch-
.sen dürfen aus dem Auslande nicht eingeführt
Werden.

Wurzelfasern. Die Wurzeln einiger inländi-
scher Pflanzen, z. B.. .Queckenwurzel, haupt-
sächlich aber Wurzeln tropischer Gewächse, wie
Reis u. a., werden im geschälten, teilweise auch
im gebleichten Zustande vielfach zur Herstellung
-von Besen und Bürsten benutzt.

Wurzeln nennt man die meist unterirdischen
Emährungsorgaine der Pflanzen, mit denen diese
am Erdboden, oder bei den Wasserpflanzen kn
Wasser, bei den Luftwurzeln an dem Stamme
befestigt sind. Von ihnen botanisch verschieden,
aber im allgemeinen Sprachgebrauche oft zu
ihnen gerechnet, sind die übrigen unterirdischen
Pflanzenteile, die Wurzeistöcke, Zwiebeln,
Knollen und Knollwurzeln. Die echte
Wurzel (lat. Radix) unterscheidet sich von den
Stengelorganen dadurch, daß sie ungegliedert
und ohne Blattknospen ist und kein Chlorophyll
enthält. Der Wurzelstock (lat. Rhizoma) ist
ein unterirdisches Stengelorgan, das oftmals wie-
der Neben wurzeln treibt, und im Gegensatz zur
echten Wurzel im Innern Mark enthält. Zwie-
beln (lat. Bulbus) sind Stengelorgane mit einem
Zwiebelboden, die an der Unterseite Wurzeln, auf
der Oberseite die Keimknospen tragen. Die letz-
teren sind von den fleischig gewordenen Schup-
penblättern umschlossen, von denen die äußeren
allmählich absterben und dann häutig werden.
Die Knolle (lat. Tuber) ist gleichfalls ein unter-
irdisches Stengelorgan mit ein oder mehreren
Knospen. Sie dient der jungen Pflanze als Nahrung
und stirbt nach der Entwicklung ab, sobald sich
eine neue Knospe gebildet hat, die im kommenden
Jahre die Nahrung wieder vermittelt. Knoll-
zwiebeln (lat. Bulbo-Tuber) sind Zwiebeln mit
einer fleischig verdickten Zwiebelscheibe, die mit
einer oder wenigen Häuten umgeben ist. — Als
Beispiel für die vorstehend aufgeführten Wurzeln
und sog. Wurzelarten sind zu nennen; echte
Wurzeln: Baldrian, Liebstöckel, Zaunrübe;
Wurzelstöcke: Kalmus,vVeilchenwurzel; Zwie-
bel: Speisezwiebel, Meerzwiebel; Knolle: Ako-
nit; Knollzwiebel: Safran, Herbstzeitlose. —
Die Wurzeln bilden für den Handel, und zwar
sowohl für den Heil- und Gewerbegebrauch als
auch für den Nahrungsmittelhandel, je nach der
Herkunft, einen wichtigen Gegenstand. Näheres
siehe bei den betreffenden Abhandlungen.
        <pb n="494" />
        ﻿Xanthenfarbstoffe

487

Yoghurt

X.

Xanthenfarbstoffe nennen Möhlau und Eu-
cherer die fünfte Klasse der Teerfarbstoffe,
die sich von dem als Xanthen bezeichneten An-
hydrid des Dioxydiphenylmethans CH2(CsH4)20
ableiten. Die einzelnen Gruppen der X.: Pyro-
mine, Succineine, Rosamine, Rhodamine und
Phtaleine sind in besonderen Aufsätzen besprochen.

Xanthiumblätter (lat. Herba xanthii spinosae,
frz. und engl.. Xamhium) sind die getrockneten
Blätter des dornigen Spitzklees, Xanthium
spinosum, einer zu den Kompositen gehöri-
gen Pflanze des südlichen Frankteichs. Sie wird
60—90 cm hoch, besitzt abwechselnde, gestielte,
kahle, oben lebhaft grüne, unten graue Blätter
und enthält ein nach Kamillen riechendes, sehr
unangenehm schmeckendes ätherisches Öl. Die

X.	bilden einen Gegenstand des Drogenhandels
und werden als Mittel gegen die Hundswut und
als harntreibend empfohlen.

Xanthogensaures Kalium (xanthonsaures
Kali, Kaliumxanthogenat, äthylsulf okoh-
lensaures Kalium, äthylsulf okarbonsau-
res Kalium, lat. Kalium xanthogenicum) wurde
eine Zeitlang als Mittel gegen Reblaus und Erd-
flöhe verwandt, scheint sich aber nicht überall
bewährt zu haben, denn die Nachfrage hat nach-
gelassen. Es entsteht beim Vermischen einer
Lösung von Ätzkali in Alkohol mit Schwefelkoh-
lenstoff in Form farbloser, seideglänzender Kri-
stallnadeln, die man durch Waschen mit Äther
reinigt und trocknet. Das Salz von der Formel
C2H50 . CSSK hat einen sehr unangenehmen
Geruch, färbt die Haut gelb, löst sich in Wasser
und gibt mit Kupfersalzlösungen einen starken,
lebhaft gelben Niederschlag.

Xereswein (Jeres, Sherry), ein sehr starker
und feuriger spanischer Weißwein aus dem Ge-
biete zwischen den Mündungen des Guadalquivir
und Guadalate in der Umgegend von Xeres de la
Frontera bei Cadix, wird wie die übrigen Süd-
weine meist stark gespritet und mit eingekochten
Mosten versetzt und dann in großen steinernen
Gebäuden (Bodegas) über der Erde einer langen
Lagerung, von 4—s Jahren überlassen. Seine

höchste Vollkommenheit erreicht er erst nach
15—20 Jahren. X. enthält nach König in 100 ccm
durchschnittlich 16,09 g Alkohol, 4,06 g Extrakt,
0,41g Weinsäure, 2,40 g Zucker, 0,51g Glyzerin
und 0,46 g Asche mit 0,028 g Phosphorsäure.
Die 4—5jährigen Weine heißen Rancias, So-
leräs oder Dottores, die älteren Napoleohes.
Außerdem unterscheidet man nach Spritgehalt
und Farbe: Sherry pale, sec, dord und brun. Zum
Versand benutzt man Fässer in Übergebinden
oder in Mattenumhüllung. Ein Both enthält
480 1.

Xylidinponceau (Xylidinrot), ein dem Pon-
ceau 2 R nahestehender Azofarbstoff, ein
braunrotes Pulver, wird zum Rotfärben von Wolle
benutzt und besteht aus dem Natronsalze der
Xylidinazobetanaphtholdisulfosäure.

Xylol (Xylen, Dimethylbenzol, Tolyl-
hydrür), ein dem Benzol ähnlicher Kohlen-
wasserstoff, C6H4(CH3)2, ist ein Bestandteil des
Holzteers und des Steinkohlenteers und kann
aus letzterem durch fraktionierte Destillation ab-
geschieden werden, indem man den zwischen 128
und i3o°C siedenden Anteil gesondert auffängt.
Vor einigen Jahren wurde das X. als Mittel gegen
die Pockenkrankheit empfohlen, scheint aber
wieder in Vergessenheit gekommen zu sein.
Technisch wird es in der Farbenindustrie an-
gewandt.

Xylolith (Steinholz). Dieses bekannte, von
der Xylolithfabrik Sening &amp; Co. in Potschappel
in den Handel gebrachte Kunst holz wird durch
Behandlung von Sägespänen mit Magnesium-
chlorid unter Anwendung äußerst starken Drucks
hergestellt. Gewisse Sorten erhalten auch Zu-
sätze von Glimmer, Quarzpulver, Asbest sowie
beliebige Färbung. X. ist wegen seines Gehaltes
an Magnesiumoxychlorid ein äußerst haltbarer
Stoff für Fußböden, Treppenstufen, Tischplatten
usw., und durch hohe Widerstandsfähigkeit gegen
Feuer und Schwamm ausgezeichnet. Dabei wirkt
es als Fußbodenbelag ziemlich gut isolierend
gegen Wärme und Kälte und zugleich schall-
dämpfend.

Y.

Ylang-Ylangöl (Orchideenöl, lat. Oleum
unonae s. anonae, frz. Essence d’Ylang-YIang,
engl. Oil of Ylang-Ylang), ein feines und teures
Modeparfüm von lieblichem, eigenartigem Wohl-
geruch nach Hyazinthen, wird auf der Insel
Luzon aus den Blüten einer baumartigen Orchi-
deenart Cananga odorata, destilliert. Die
farblose oder blaßgelbe, etwas dickliche Flüssig-
keit riecht unverdünnt durchdringend und ent-
wickelt ihr schönes Aroma erst bei starker Ver-
dünnung mit Weingeist. Das Y. ist stark links-
drehend, hat ein spez. Gew. von 0,930—0,950
und enthält Pinen,, Linalool, Geraniol, Eugenol,
Isoeugenol, Eugenolmethyläther, Parakresol-
methyläther, Benzoesäuremethylester, Salizyl-

säuremethylester, Benzylazetat, Benzylbenzoaf,
Benzylalkohol und Kadinen.

Yoghurt (Jogurt) ist ein Erzeugnis, das haupt-
sächlich in den Balkanländern durch Behandlung
von Kuhmilch mit Maya, einem aus zwei Bak-
terienarten bestehenden Ferment, hergestellt wird.
Man überläßt die unter Umständen vorher stark
eingedampfte Milch nach dem Zusatz des Fer-
mentes 8—12 Stunden lang in einer türkischen
Kochkiste einer bei 500 verlaufenden Gärung, wo-
bei die Masse eine dickliche Konsistenz und einen
angenehmen säuerlich-süßen Geschmack annimmt.
Für die chemische Zusammensetzung einerProbe

Y.	wurden im Dresdner Untersuchungsamte fol-
gende Werte ermittelt: , Wasser 85,55%, Stick-
        <pb n="495" />
        ﻿Yohimberinde

488

Zahnpulver

Stoffsubstanz 4,690/0, Fett 5,34 °/o, Milchzucker
2,80%, Milchsäure 1,76%, Asche 0,97 0/0. Erzeug-
nisse aus zur Hälfte oder zu einem Drittel ein-
gedampfter Milch enthalten aber 7,10 bzw. 10,65%
Stickstoffsubstanz, 7,20 bzw. 10,80% Fett und
9,76 bzw. 14,64% Zucker. 40% des vorhandenen
Kaseins sind in Wasser löslich. Nach Vorstehen-
dem ist das Erzeugnis im wesentlichen als eine
Art Dickmilch änzusprechen, wird aber mit ziem-
lichem Aufwande von Reklame als Mittel gegen
alle möglichen Erkrankungen der Verdauungs-
organe, gegen Hautkrankheiten, Gallensteine,
Zuckerharnruhr, Gicht, Tuberkulose usw. an-
gepriesen. Die zur Herstellung des Y. erforder-
liche Maya kann von verschiedenen Firmen
bezogen werden. Auch sind Yog h u rt-Tablet-
ten im Handel, die Reinkulturen von Milchsäure-
bazillen (Bacillus acidi lactici oder Bac. bulgari-
cus) enthalten und in derselben Weise wie Y. be-
nutzt werden sollen.

Yohimberinde (lat. Cortex Yohimbehe, frz.
Ecorce de Yohimbehö, engl. Yohimbe Bark), eine
aus Afrika eingeführte Droge, stammt von Co-
rynante Yohimbe, einem unserer Eiche ähn-
lichen Waldbaum aus der Familie der Rubia-
zeen (Zinchoneen). Der in Kamerun und West-
afrika heimische und von den Eingeborenen
Yumbehoa genannte Baum wird 10—15 m hoch
und 1 m dick und hat 30—35 cm lange, n—15 cm
breite, lederartige Blätter, sowie kugelförmig
gestellte, anfangs weiße, dann gelbe und zuletzt
rote Blüten. Die Rinde bildet rötlich- bis zimt-
braune, teilweise eingerollte Stücke von 4—8 mm
Dicke und 75 cm Länge, die häufig noch mit
dem Kork bedeckt sind und einen unebenen,
weich- und kurzfaserigen Bruch sowie Samt-
glanz und bitteren Geschmack zeigen. Als wirk-
same Bestandteile enthält die Droge mehrere
Alkaloide, insbesondere Yohimbenin und Yo-
himbin, von denen das letztere die größere Be-
deutung hat. Der Gesamtalkaloidgehalt beträgt
0,3—i,S%. Zur Reindarstellung des Yohimbins
wird die gepulverte Rinde mit Essigsäure aus-

gezogen, das Alkaloid aus der Lösung mit Na-
triumbikarbonat ausgefällt und aus Alkohol um-
kristallisiert. Y. bildet dann weiße, seideglän-
zende Nadeln, die bei 2310 schmelzen und sich
leicht in Alkohol, Holzgeist, Amylalkohol, Äther,
Essigsäure und Chloroform, hingegen schwer in
Benzol und gar nicht in Wasser lösen. In chemi-
scher Hinsicht ist das Alkaloid als der Methyl-
ester der Yohimboasäure anzusprechen. Es
liefert mit den allgemeinen Alkaloidreagentien
Niederschläge und Farbenreaktionen. Besonders
bemerkenswert ist die Erscheinung, daß die farb-
lose Lösung der Base in konzentrierter Schwefel-
säure auf Zusatz von Kaliumdichromat blauviolette
Streifen zeigt. Die Rinde wird in dem Ursprungs-
lande als Mittel zur Steigerung der männlichen
Zeugungskraft benutzt. In Europa verwendet
man zu dem gleichen Zwecke hauptsächlich
die freie Base oder ihr salzsaures Salz in Form
von Tabletten oder Tropfen. Außerdem wirkt
das Yohimbin als -lokales Anästhetikum wie das
Kokain, ohne dessen schädliche Wirkung zu zei-
gen, und soll auch bei gewissen Frauenleiden
gute Dienste tun.

Ysopkraut (lat. Herba hyssopi, frz. Plante
fleurie d’hysope, engl. Hyssope). Der Ysop, Hys-
sopus officinalis, ist ein halbstrauchartiges,
zu den Labiaten gehöriges Gewächs mit 6 bis
9 dm hohen viereckigen Stengeln, sitzenden
gegenständigen lanzettlichen Blättern und tief-
blauen, seltener roten oder weißen Blüten in
langen einseitswendigen Ähren. Es wächst auf
trockenen Hügeln im südlichen Europa und in
Österreich, kommt bisweilen auch weiter nörd-
lich verwildert auf Dorfmauern und ähnlichen
Standorten vor und wird auch in Gärten gehalten'.
Das würzig, nach Kampfer riechende, scharf und
bitter schmeckende Kraut wird vor dem Auf-
blühen der Blumen getrocknet und innerlich als
Brusttee, äußerlich zu Umschlägen verwandt.
Das ätherische Ysopöl (lat. Oleum hyssopi) hat
ein spez. Gew. von 0,927—0,945, dreht links und
ist in 0,5—8 Teilen 8o%igem Alkohol löslich.

z.

Zachäusöl, ein fettes balsamisches Öl, das in
Syrien und Palästina den Fremden häufig zum
Verkauf angeboten wird und dort äußerlich zur
Behandlung von Wunden, innerlich als Mittel
gegen Brustkrankheiten zur Verwendung kommt,
wird aus den Steinfrüchten des Zachunbau-
mes, Balanites ägyptiaca, dargestellt. Diese
enthalten eine einsamige, ölreiche, fünfeckige
Nuß, aus welcher das gelbe, balsamische Öl durch
Auspressen gewonnen wird. Auch aus den oliven-
artigen Früchten von Elaeagnus angusti-
folius, die im Arabischen Zakkoum heißen,
preßt man einen ähnlichen gelben Balsam. Die
chemische Natur beider ist noch nicht bekannt.

Zahnholzkraut (Holzzahnkraut, Hanf-
nesselkraut, Lieb ersehe Kräuter, Blanken-
heimer Tee, lat. Herba galeopsidis, frz. Ga-
löopside, engl, Galeopsis) ist das mit den Blüten
getrocknete Kraut der Labiale Galeopsis gran-
diflora oder Galeopsis ochroleuca. Die

Pflanze hat einen ästigen, meist roten, fein be-
haarten Stengel und gezähnte blaßgrüne, auf
beiden Seiten weichhaarige Blätter. Die schwefel-
gelben, leicht ausfallenden Blüten bilden dichte
Scheinquirie mit stacheligen Kelchen. Ver-
wechslungen mit Galeopsis Tetrahit und versi-
color erkennt man an den knotig aingeschwollenen
Stengeln, während die echte Pflanze an den
Verästelungen des vierkantigen Stengels nacht
verdickt ist. Das Kraut wächst am häufigsten am
Mittel- und Unterrhein und bildet in Form von
Tee ein vortreffliches Mittel gegen lang anhalten-
den Husten.

Zahnpulver, Zahnseife, Zahnwässer sind viel-
gebrauchte Kosmetika zum Reinigen und Er-
halten der Zähne. Als Grundlage für Zahnpul-
ver verwendet man in der Hauptsache Kalzium-
und Magnesiumkarbonat sowie Holzkohle. Ein
geringer Zusatz von Bimsstein- oder Ossa-Sepia-
pulver ist zweckmäßig, doch darf die Meng6
        <pb n="496" />
        ﻿Zahntropfen

489

Zelluloid

nicht so groß sein, daß der Zahnschmelz an-
gegriffen wird. Zusätze von organischen Stoffen,
z. B. Veilchenpulver, wirken oft ungünstig, da sie
sich zwischen den Zähnen festsetzen und schäd-
liche Zersetzungsprodukte bilden. Als Parfüm
dienen Mitcham Pfefferminzöl oder Nelkenöl,
als antiseptische Zusätze Thymol, Salizyl- oder
Borsäure. — Zahnseifen mischt man aus den
gleichen Bestandteilen zusammen, die bei Zahn-
pulver genannt sind, und setzt gepulverte medizi-
nische Seife, sowie als Bindemittel Honig, Sirup
oder Glyzerin hinzu. Je nach der Menge der ein-
zelnen Stoffe erhält man eine weichere Zahn-
seife oder eine festere Zahnpaste. — Zahn-
wässer sind Auszüge von Ratanhiawurzeln, Ka-
techu usw. unter Zusatz von Myrrhentinktur, Bor-
säure, Salizylsäure, Thymollösungen und aroma-
tisiert mit Nelkenöl, Pfefferminzöl u. a.

Zahntropfen (Zahnwehtropfen, lat. Guttae an-
todontalgicae) sind Mischungen von ätherischen
Ölen, z. B. Nelkenöl mit Chloroform, Kreosot,
Lösungen von Karbolsäure, Kokain, Morphin
usw., die mittels Pinsels oder Wattebäuschchens
an die schmerzende Stelle gebracht werden. —
Doberaner Zahntropfen bestehen aus einem
Gemisch gleicher Teile Tinctura opii crocata,
Pfefferminzöl und Ätherweingeist.

Zander (Sander, Sandart, Schill, Schiel,
Amaul), ein gefräßiger Süßwasserraubfisch (Lu-
cioperca Sandra), der zu den Barschen oder
Stachelflossern gehört, besitzt einen gestreck-
teren Körperbau als der Flußbarsch und kann
9—12 dm lang und über io kg schwer werden.
Er schimmert auf dem Rücken grünlichgrau und
erscheint an den Seiten silberweiß mit bräun-
lichen, wolkigen Flecken und verwaschenen Quer-
binden. Der Fisch liebt tiefe, reine Gewässer
mit sandigem Grunde und ist besonders im nord-
östlichen Deutschland, in den Flußgebieten der
Oder und Weichsd, aber auch in der Donau zu
Hause. Außerdem findet er sich in einigen
großen Landseen an der unteren Oder, z. B. dem
Schlawer See, und im Stettiner Haff in größter
Menge und bildet dort eine bedeutende Handels-
ware. Der Z. hat ein ausgezeichnetes weißes und
fettes Fleisch, das besonders im frischen Zustande
sehr geschätzt ist, wird aber auch gesalzen und
geräuchert versandt, obgleich es dadurch sehr an
Wohlgeschmack verliert. Die gesetzliche Schon-
zeit reicht vom io. April bis 9. Juni. Z. unter
3S cm Länge dürfen nicht verkauft werden.

Zaponlack, diese bekannte, zum Überziehen
wertvoller Dokumente sowie feiner Metallwaren
usw. benutzte Flüssigkeit, besteht im allgemeinen
aus Auflösungen von Zelluloid in Amylazetat, bis-
weilen unter Zusatz von Azeton, Äther, Benzin
und Benzol. Beim Verdunsten des Lösungs-
mittels bleibt auf den damit behandelten Gegen-
ständen ein dünner Überzug von Zelluloid zurück,
welcher die Einwirkung der Luft verhindert.

Zaunrübenwurzel (Gichtrübe, lat. Radix
bryoniae s. vitis albae, frz. Racine de bryone
blanche, engl. Bryony root), im getrockneten Zu-
stande ein Gegenstand des Drogenhandels, stammt
von Bryonia alba und dioica, klimmenden
Pflanzen aus der Familie der Kukurbitazeen,
von denen die erstere häufiger im östlichen, die
letztere mehr im westlichen Deutschland vor-
kommt. Die großen rübenartigen Wurzeln, die

sich meist in Gestalt von Querscheiben im Handel
vorfinden, sind auf der Fläche weißlichgelb, ring-
förmig gewulstet und durch nach dem Mittel-
punkt verlaufende Markstrahlen gestreift. Auch
die weißlichgelbliche Rinde zeigt zahlreiche Ring-
wulste. Die Droge ist geruchlos, aber von un-
angenehm bitterem Geschmack und wird als ab-
führendes Mitte! bei Rheumatismus usw. benutzt.
Der wirksame Stoff heißt Bryonin.

Zedernholz. Das echte Holz der Libanon-
zeder ist längst außer Verkehr gekommen und
der Baum selbst auf den Gebirgen von Syrien
und Kleinasien zur Seltenheit geworden. Die
jetzige Bezeichnung umfaßt verschiedene andere,
einigermaßen ähnliche, wohlriechende und,weiche'
Hölzer, die meist in weiße und rote unterschie-
den werden. Eines der ersteren, das sog. spa-
nische Z., stammt von einem baumartigen Wa-
cholder, Juniperus oxycedrus, der in den
Mittelmeerländern nicht selten ist, und auch zwei
amerikanische Nadelhölzer, Cupressus thu-
joides und Taxodium distichum, liefern wei-
ßes Z. Das in größeren Massen zu Bleistiften
verarbeitete rote Z.-Bleistiftholz (Red cedar)
stammt von zwei amerikanischen Wacholder-
bäumen, Juniperus virginiana und bermu-
diana. Hierzu kommt das braunrötliche, wohl-
riechende Kuba-Z„ das vorzugsweise Zucker-
kistenholz genannt wird und von einem west-
indischen Laubbaume, Cedrela odorata, ge-
wonnen wird. — Aus den Spänen, die bei der
Plerstellung von Bleistiften in großen Massen ab-
fallen, destilliert man noch eine erhebliche Menge
Öl. Eine geringwertigere Sorte des letzteren, die nur
aus den leichter siedenden Anteilen von weniger
feinem Geruch besteht, kommt aus den Trocken-
kammern der amerikanischen Bleistiftfabriken.
— Das Zedernholzöl (Zedernöl, lat. Oleum
ligni cedri, frz. Essence de cedre, engl. Cedar oil),
ein blaßgedbes, etwas dickflüssiges ätherisches Öl
vom spez. Gew. 0,940—0,961 dient als Zusatz zu
Seifenparfüm, ferner zur Verfälschung von an-
deren ätherischen Ölen und schließlich zum Par-
fürmieren der aus inländischen Hölzern gefertig-
ten und etwas naturfarben gebeizten Zigarren-
kisten.

Zedrobalsam heißt der aus der Zirbel-
kiefer (Arve) gewonnene dünnflüssige Ter-
pentin, dar durch den Zusatz karpatischer
näher bezeichnet wird.

Zelloidin nennt man die aus Kollodium dar-
gestellte, ganz reine Nitrozellulose, die in Form
gelatineartiger Tafeln zum Verkauf gelangt und
in wäßriger Lösung wie Kollodium, vor allem
zur Herstellung des in der Photographie ge-
brauchten Z.-Papiers benutzt wird. Vor gewöhn-
lichem Kollodjumpapier ist es dadurch ausgezeich-
net, daß es aus Jodsilber kein freies Jod ab-
scheidet.

Zelluloid (Zellhorn, Trocadero), eine aus
Nitrozellulose und Kampfer bestehende Masse,
der man je nach Bedarf verschiedene weiße oder
bunte Farbstoffe zusetzt, ist sehr hart, fest und
dabei elastisch und nimmt eine sehr schöne
Politur an. In Wasser unlöslich, ist es auch an
der Luft unveränderlich, wird aber bei 1250 so
weich und plastisch, daß es sich in jede beliebige
Form bringen läßt und zur Herstellung der ver-
schiedensten Gegenstände, Armbänder, Broschen,
        <pb n="497" />
        ﻿Zellulose

490

Zement

Kämme, Billardbälle, Manschetten, Halskragen,
Schirmgriffe, Pferdegeschirre, photographischer
Films usw., benutzt worden kann. Besonders
eigneres sich für künstliche Korallen. Zur Her-
stellung des Z. löst man Dinitrozellulose in ge-
schmcilzenem Kampfer, indem man mit hydrau-
lischen Pressen einen starken Druck bei einer
durch Dampf erzeugten Temperatur bis zu 1300
ausübt. Die frisch aus den Apparaten kommende
Masse ist nach dem Erkalten durchscheinend
und hornartig und wird erst durch Zusatz ver-
schiedener pulverförmiger Stoffe undurchsichtig.
Die aus Z. gefertigten Gegenstände haben den
Übelstand, daß sie sich bei Annäherung einer
Flamme bzw. bei der Vorführung in Lichtspiel-
theatern durch Überspringen elektrischer Funken
sehr leicht entzünden und dann schnell ver-
brennen. Auch besitzen sie einen schwachen
Kampfergeruch. Zur Vermeidung des letzteren,
sowie der Explosionsgefahr hat man zahlreiche
Ersatzstoffe für Kampfer in Vorschlag gebracht.

Zellulose (Cellulose, Zellstoff) im chemi-
schen Sinne nennt man die Verbindung von
der Zusammensetzung der Kohlenhydrate, C6.
H10O6, die entweder für sich allein oder im Ge-
menge mit anderen Stoffen die Wandung der
Pflanzenzellen bildet. In reinem Zustande und
"geringerer Menge findet sie sich in den jungen,
zarten Geweben, reichlicher in älteren, harten
Pflanzenteilen, wie den Stämmen der Bäume,
dem Stroh und den Steinfrüchten. Zur fabrik-
mäßigen Darstellung der Z. geht man meist von
dem Holze aus, das aber mit erheblichen Mengen
Lignin inkrustiert ist und daher einer chemi-
schen Behandlung unterworfen werden muß. Nach
dem älteren sog. Natronverfahren wird das
von der Rinde befreite und in Scheiben geschnit-
tene Holz in schmiedeeisernen Kesseln bei 6—10
Atmosphären Druck 2—3 Stunden lang mit
8 0/0 iger Natronlauge gekocht, darauf nach dem
Ablassen der braunen Lauge mit Wasser ge-
waschen und schließlich im Bleichholländer ge-
bleicht. Eine wesentliche Verbesserung bedeutete
das von A. Mitscherlich u. a. ausgearbeitete
Sulfit-Zellulose-Verfahren, das auf der Be-
handlüng des in Scheiben geschnittenen Holzes
mit einer sauren Kalziumsulfitlösung beruht. Die
erforderliche Sulfitlauge wird von den Z.-Fabriken
selbst durch Einwirkung von schwefliger Säure
auf Kalziumkarbonat und Wasser in auffallenden,
turmartigen Anlagen hergestellt und dann in
die verbleiten Kochapparate geleitet, in denen
sich das bereits vorher gedämpfte Holz befindet.
Man erhitzt bei etwa drei Atmosphären Druck
längere Zeit (1—2 Tage) auf 108—1180 und
wäscht dann mit Wasser aus. Neuerdings hat
man auch mit Erfolg versucht, Z. mit Hilfe der
Elektrolyse zu gewinnen, indem man das Holz
in Kochsalzlösung bringt und den elektrischen
Strom hindurchleitet. — Neben dem Holz hat
nur noch das Espartogras eine gewisse Be-
deutung für die Plerstellung von Z., für die es
meist mit einem Gemisch von Magnesia und
wäßriger schwefliger Säure unter Druck gekocht
wird. — Die reine Z. zeigt unter dem Mikroskope
noch das pflanzliche Gefüge und im polarisierten
Lichte Doppelbrechung. Sie löst sich nur in
konzentrierten Säuren und Chlorzinklösung,
worauf die Herstellung von künstlichem Perga-

mentpapier (s. d.) beruht, und besonders leicht in
Schweizers Reagens (Kupferoxydammoniak).
Aus der letzteren Lösung wird sie durch Wasser,
Säuren und Salze in Form amorpher Flocken
ohne irgendwelche Andeutung von pflanzlichem
Aufbau ausgefällf. Z. bildet den wichtigsten
Rohstoff zur Herstellung billigerer Papiere.

Zement. Unter dem Namen Z. versteht man
teils fertigen Wassermörtel, teils Stoffe, die
als Zuschläge dem gewöhnlichen Luftmörtei die
Eigenschaft verleihen, unter Wasser steinartig zu
erhärten. Wenn ein Kalk wenigstens 8 °/o Ton
enthält, also zur Klasse der Mergelkalke gehört,
so verhält er sich beim Brennen und Löschen
anders als gewöhnlicher Kalkstein. Er bildet
eine erdiggraue Masse, di© sich mit Wasser wenig
oder gar nicht erhitzt, und wird als hydrau-
lischer Kalk bezeichnet. Am besten sind hy-
draulische Kalke mit einem Tongehalte von 20 bis
300/0. Als vorzügliche Zuschläge, die gewöhn-
lichen Kalk in hydraulischen verwandeln, wer-
den seit langer Zeit verschiedene Tonerdesilikate
benutzt, die vulkanischen Ursprungs, und daher
von Natur bereits aufgeschlossen sind. Die wich-
tigsten dieser, auch natürliche Z. genannten,
Mineralien sind die römische Puzzolanerde,
der neapolitanische Posilippotuff, die San-
torinerde und der rheinische Traß. Zu den
künstlichen, durch einen Brennprozeß erhaltenen

Z.	gehören in erster Linie die hydraulischen
Kalke und der Roman-Z. Zu ihrer Darstellung
werden natürliche tonhaltige Kalke, wie sie sich
z. B. am Themseufer finden, bis zur Austreibung
der Kohlensäure, aber nicht bis zur Sinterung
gebrannt, so daß sie noch freien Kalk enthalten.
Die gebrannte Masse wird beim Roman-Z. ge-
mahlen und als ein bräunliches Pulver in den
Verkehr, gebracht, während sie bei den übrigen
hydraulischen Kalken durch bloße Behandlung
mit Wasser zerfällt. Der wichtigste Z., der eng-
lische Portland-Z., der übrigens auch in glei-
cher Güte von deutschen Fabriken hergestellt
wird, unterscheidet sich von den vorstehenden
dadurch, daß man natürliche oder künstliche
Gemische von Ton, Kalkstein oder Kreide bis
zur Sinterung erhitzt. Gewöhnlich wird das
geschlämmte Gemisch zu Ziegeln geformt, letz-
tere getrocknet und bis zur anfangenden hellen
Weißglut gebrannt. Bei zu schwacher Hitze ist
das Tonsilikat nicht genügend aufgeschlossen, bei
Überhitzung hingegen teilweise geschmolzen (tot-
gebrannt). Die Steine, die noch porös sein müssen,
werden fein gemahlen und geben dann ein grün-
lichgraues Pulver, das beim Übergießen mit Salz-
säure gallertartige Kieselsäure abscheidet. Außer
den bereit^ genannten Stoffen verwendet man zur
Plerstellung des Portland-Z. eine Reihe von Zu-
schlägen, die teils vor, teils nach dem Brennen
hinzugesetzt werden, wie Diabas, Eisenerz, Ziegel-
mehl und mit besonders gutem Erfolge Hoch-
ofenschlacke. — Der Z. dient zu Wasserbauten,
zum Auskleiden von Behältern und zur Her-
stellung von Trögen, Röhren, Ornamenten und
Fußbodenplatten. Seine Verwendung beruht dar-
auf. daß sich der Kalk mit dem durch das
Brennen aufgeschlossenen Tone unter der Ein-
wirkung des Wassers zu einem unlöslichen Kaik-
tonerdedoppelsilikat. vereinigt. Nach der Dauer
des Festwerdens unterscheidet man den gewöhn-
        <pb n="498" />
        ﻿

liehen, langsam bindenden, der etwa VzStunde
gebraucht, und schnell bindend eil Z. Bis
zum völligen Abbinden muß die Masse unter
Wasser bleiben. Der Versand erfolgt in mög-
lichst dichten Fässern, da das Pulver an feuchter
Luft rasch verdirbt.

Zephyrgarne nennt man die vielfädigen, locker
gezwirnten, weichen Kammgarne, die, in allen
gangbaren Farben gefärbt, zur Wollstickerei (Ta-
pisserie) häufige Verwendung finden. Die sächsi-
schen Kammgarnspinnereien liefern größtenteils
Mas Garn, das hauptsächlich in Berlin, Leipzig,
Hamburg, Altona und anderen Orten gefärbt
wird.

Zerate (von Cera, Wachs) ist die pharmazeu-
tische Bezeichnung fürWachspflaster oderWachs-
pomaden. Sie werden durch Zusammenschmelzen
von Wachs, Fetten, Ölen und Harzen in solcher
Konsistenz erhalten, daß sie bei gewöhnlicher
Temperatur starr sind, aber schon durch die
Handwärme salbenähnlich erweichen.

Zerberaöl, das Öl der Früchte von Gerbera
Odollam, einer ostindischen Pflanze, findet als
Fischgift Anwendung.

Zerium, ein vierwertiges metallisches Element
vom Atomgewicht 139—139.5, das sich in ver-
schiedenen seltenen Mineralien, dem Zerit, Ga-
dolinit, Orthit und vor allem im Monazit
vorfindet. Von den Verbindungen des Z., welche
meist als Abfälle bei der Gewinnung des Tho-
riums aus Monazitsand erlangt werden, besitzen
das Oxalat, das Nitrat und Sulfat gewisse Be-
deutung. Zerooxalat wird bisweilen bei Magen-
und Darmkatarrh angewandt, Zeronitrat findet
sich in Menge von 1 °/o in der zum Imprägnieren
von Glühstrümpfen (s. d.) benutzten Thoriumsalz-
lösung, und Zerosulfat ist als Bestandteil pho-
tographischer Blitzlichtpulver aufgefunden worden.

Zerolin, ein gegen Verstopfung und Haut-
ausschläge verordnetes Medikament aus Hefen-
Fett.

Zibeben nennt man eine besondere Sorte von
großen Rosinen, die jedoch nicht von dem ge-
wöhnlichen Weinstocke, sondern von Vitis
Rumphii abstammen, und sich durch ihre läng-
lichovale Form von den gewöhnlichen Rosinen
unterscheiden. Vgl. ferner Rosinen.

Zibet (lat. Zibethum, frz. Civette, engl. Civet)
ist eine fettartige, stark nach Moschus riechende
Ausscheidung mehrerer Arten von Zibetkat-
zen, nächtlich schleichender Raubtiere, die durch
ihren Körperbau, eine streifige Zeichnung und
besonders den dicht behaarten langen Schwanz
eine gewisse Ähnlichkeit mit wilden Katzen haben,
sich aber durch die abweichende Kopfform und
die vorgestreckte windhundartige Schnauze von
ihnen unterscheiden. Von den beiden, hauptsäch-
lich in Betracht kommenden Arten wird die afri-
kanische Zibetkatze (Viverra Civetta), die
in Ober- und Niederguinea heimisch sein soll, seit
alten Zeiten in Abessinien, Nubien, Ägypten und
der Euphratebene als Haustier gehalten, ebenso
die asiatische (Viverra Zibetha) in Ostindien.
Das salbenartige, gelbliche oder bräunliche Se-
kret wird in einem besonderen Beutel unter dem
After erzeugt und von den wild lebenden Tieren
zeitweilig ausgeworfen. Die Handelsware wird
aber nur von gefangenen Tieren durch wöchent-
liches Ausdrücken der Beutel gewonnen und in

Zinn- oder Blechbüchsen, afrikanisches Z. auch in
Büffelhörnern, versandt. Als beste Sorte gilt
das Z. von Buco, einer der Molukken, dann folgt
dasjenige von Java, Bengalen und zuletzt das
afrikanische. Z. findet in der Medizin keine An-
wendung mehr, sondern dient lediglich als Köder
für Fische und Raubzeug sowie als Zusatz zu
Parfüms. Als künstlicherZibet findet sich im
Handel eine Mischung von Muskatöl (100), Peru-
balsam (30) und Walrat (40), die mit je zwei Teilen
Nelken-, Zimt- und Sassafrasöl, künstlichem Mo-
schus, Ambra und Ammoniak versetzt ist.

Zichorie (Cichorie, wilde Z., gemeine
Wegwarte, Feldz., Handleuchte, Hindei,
Hindlüfte, Hindsläufer, Schweinebrunst,
Sonnenbrand, Sonnenwende, Sonnenwir-
bel, Wartekraut, Wasserwart, Wegweiß,
Wegläufer, Weglug, Weglungen, Weg-
wurz, Wendel, frz. Chicorde amöre, commune,
sauvage, engl. Intybus chicory, Wild chicory und
Succory). Die Z., Cichorium Intybus L., ist
eine ausdauernde Komposite, die in ganz Eu-
ropa häufig an Wegen und Rainen wild wächst,
aber auch vielfach als Futterpflanze und wegen
der Wurzeln angebaut wird. Die unteren Blätter
des sperrigästigen Krautes sind gestielt und fieder-
spakig, die oberen lanzettlich und sitzend, die
Blütenköpfe, die sich erst im zweiten Jahre ent-
wickeln, traubig und die Blumenkronen blau,
selten rötlich oder weiß. Die Wurzel der wild
wachsenden Pflanze ist zylindrisch, einfach,
15—30 cm lang und 6—8 mm stark, außen braun
und der Länge nach runzelig. Die 1 mm dicke,
weiße schwammige Rinde erscheint strahlenför-
mig von dunkleren Streifen durchzogen, welche
die kennzeichnenden Milchsaftschläuche ent-
halten, und zeigt außerdem noch Siebröhren. Die
Gefäße des Holzes bestehen aus kurzen, quer-
getüpfelten Gliedern. Die Wurzel der angebau-
ten Pflanze ist sehr fleischig, 5cm dick, bis 70cm
lang und treibt gegen die Spitze einfache, gerade,
7;—17 mm dicke Äste von schmutzig weißer Farbe
und deutlicher Querstreifung. Die Rinde ist 6 bis
10 mm dick. Beide Wurzelarten milchen, wenn
man sie im frischen Zustande anschneidet, sclhmek-
ken bitter und enthalten keine Stärke, sondern
Inulin. In England dient die Z. als Weide,pflanze
für Masthammel, in Griechenland ißt man die
Blätter als Gemüse oder Salat. Als Viehfutter
ist die Z. besonders gegen Hautkrankheiten wirk-
sam, darf aber den Kühen nur in kleinen Gaben
gereicht werden, da sie der Milch und der Butter
einen bitteren Geschmack verleiht. In großem
Maßstabe wird die Wurzel als Kaffee-Ersatz
(Zichorienkaffee) verwandt. — Der Zichorien-
kaff eejfrz. Cafd de chicorde, Chicorde engrains,
Mignonette, engl. Chicory powder, Succory pow-
der) ist der älteste, im großen dargestellte Kaffee-
Ersatz, der hauptsächlich zur Zeit der Kontinen-
talsperre aufkam. Früher ein Geheimnis der
Holländer, hat sich die Erzeugung später beson-
ders in Deutschland und Frankreich zu einer
schwungvollen Industrie entwickelt. Obschon in
neuerer Zeit der Zichorie von anderen Ersatz-
mitteln starker Wettbewerb gemacht worden ist,
steht sie doch noch an der Spitze aller und wird
in so ausgedehntem Maße angewandt, daß der
Bedarf durch die wild wachsende Pflanze nicht
gedeckt werden kann. Der Anbau in Deutsch-



st.

%

■

■
        <pb n="499" />
        ﻿Ziegel

492

Zimt

land wird am ausgebreitetsten in der Gegend von
Magdeburg betrieben, aber auch bei Braun-
schweig, Heringen und Hannover, am Rhein,
in Baden, Württemberg und Schlesien findet
man Zicborienfelder. Die Z. verlangt Lehm- oder
leichten, aber kalkhaltigen Ton- und Tonmergel-
boden und reichliche Düngung. Zur Herstellung
des Kaffee-Ersatzes werden die Wurzeln in Schei-
ben oder kleine viereckige Stückchen zerschnitten
und hierauf im Darrofen getrocknet. Das Rösten
geschieht gewöhnlich unter Zusatz von x—2 °/o
Fett in großen, den Kaffeetrommeln ähnlichen
Blechzylindem, und die geröstete Wurzel muß
sofort, bevor sie durch Anziehen von Feuchtig-
keit zähe geworden ist, gemahlen werden. Das
Pulver wird in Fässer oder in die bekannten
kleinen zylinderförmigen Papierpakete verpackt
und dann in Kellerräumen mehrere Wochen der
Einwirkung feuchter Luft ausgesetzt, worauf der-
Inhalt eine dunkelschwarzbraune, zähe, bröck-
lige, bisweilen auch etwas schmierige Masse bil-
det. In dieser Form gelangt sie zum Verkauf.
Der durch kochendes Wasser erhaltene tief
dunkelbraune Aufguß ist gewöhnlich etwas trübe
und schmeckt bitterlich süß. Die Z. benutzt man
entweder für sich allein zur Herstellung eines
Getränkes, oder als Zusatz zu Bohnenkaffee,
dessen Geschmack und Aroma er weniger ver-
ändert als andere Ersatzstoffe, wie Rüben, Eicheln
usw. Trotz ihrer Billigkeit wird sie doch häufig
verfälscht, hauptsächlich mit anderen gerösteten
Wurzeln, wie Möhren oder Zuckerrüben. Be-
sonders letztere bilden als Rübenschnitzel der
Zuckerfabriken das häufigste Verfälschungsmittel
und können mikroskopisch nachgewiesen werden.
Erdige Beimischungen, Sand usw., lassen sich
durch die Aschenbestimmung erkennen. Der
Gehalt an Asche darf 8°/o, der .Sandgehalt 2,5 °/o
nicht überschreiten. Besondere gesetzliche Be-
stimmungen über Z. bestehen zurzeit in Deutsch-
land und Österreich noch nicht, während in Bel-
gien folgende Vorschriften für die Z. festgelegt
sind: Zichorie darf, bei ioo° getrocknet, nicht
mehr als 15 °/o an Gewicht verlieren, ferner in
pulverförmigem Zustande nicht mehr als 10 0/0,
im gekörnten Zustande nicht mehr als 8 °/o Asche
hinterlassen und höchstens 2 °/o Fett- oder Zucker-
Zusatz erhalten haben. 1907 betrug die Anbau-
fläche für Z. in Deutschland 6170 ha, der Ertrag
1,6 Millionen Dopelzentner. der Wert der ge-
rösteten Z. 58/4 Millionen Mark.

Ziegel (Backsteine, Mauersteine), die ein-
fachsten Tonwaren, werden aus dem häufig vor-
kommenden Lehm, der bereits die zweckmäßigste
Mischung von Ton, Sand, Eisenoxyd und mit-
unter auch Kalk enthält, hergestellt, und nur
solche Lehmsorten, die nidht mager, sondern
durch hohen Tongehalt zu fett sind, erhalten
einen Zusatz von Sand, um das Verziehen beim
Brennen zu verhindern. Der gegrabene Lehm
bleibt eine Zeitlang, am besten einen Winter hin-
durch, im Freien liegen, wodurch er bildsamer
wird, und wird dann eingesumpft und durch
Treten mit den Füßen von Steinen und Kalk-
nieren befreit. Der Ersatz dieses urwüchsigen
Verfahrens durch Maschinenarbeit (sog. Ton-
scheider) bedeutet eine wesentliche Verein-
fachung, liefert aber eine unreinere Masse. Die
mit der Hand oder ebenfalls mit Maschinen ge-

formten Ziegel werden lufttrocken gemacht und
in Ringöfen gebrannt. Sie sind dann porös und
durchlässig für Wasser und Luft, haften an der
Zunge und besitzen erdigen Bruch. Die mehr
oder weniger rote Farbe rührt von einem Gehalte
au Eisenoxyd her. Bei zu hoher Temperatur
des Ofens gebrannte Z., die oberflächlich ge-
schmolzen sind und eine glatte, glasartige Haut
von grüner, gelber oder brauner Farbe erhalten
haben (sog. Klinker oder Glasköpfe), saugen
kein Wasser ein und sind für gewöhnliche Bauten
unbrauchbar, weil sie den Mörtel nicht binden,
können aber zu Wasserbauten benutzt werden.
Zur Herstellung von Dachziegeln muß der Ton W
besonders sorgfältig vorbereitet werden. Ver-i“
blendsteine nennt man eine gewisse Sorte gut
gearbeiteter Ziegel mit glatter Oberfläche, die zu
Rohbau ohne Abputz Verwendung finden. Auch
werden glasierte Z. gebrannt. Zu Isolierungs-
zwecken stellt man Ziegel unter Verwendung
von Korkabfällen her. Zur Ermittlung des
Gebrauchwertes der Z. bestimmt man ihre Druck-
festigkeit, ihr spez. Gew., die Porosität, Frost-
beständigkeit und das Wasseraufsaugungsver-
mögen. Außerdem prüft man die Steine auf das
Vorhandensein wasserlöslicher Salze, sowie von
Kalziumkarbonat, Gips und Schwefelkies.

Zimt (Zimmt, Zimtkassia, Zimtrinde,
Kaneel, lat. Cinnamomum, frz. Cannelle, engl-
Cinnamom), ein überaus wichtiges Gewürz, das
auch medizinische Bedeutung besitzt, besteht aus
den Rinden verschiedener tropischer Bäume, die
alle der Familie der Lorbeergewächse oder
Laurineen entstammen und besonders der Gat-
tung Cinnamomum angehören. Die Bäume
haben aromatische, immergrüne Blätter, Rispen-
blüten und einsamige, vom Perigon becherförmig
umhüllte Früchte. Die beiden wichtigsten Zimt-
sorten sind der chinesische und der Zeylon-
zimt. — Der chinesische Z., Zimtkassia (lat-
Cortex cinnamomi chinensis, cinnamomi cassiae,
Cassia lignea, frz. Gasse de chine, Cannelle de
Chine, engl. Cassia hark) stammt von Cinnamo-
mum Cassia (Nees) Blume. Der Baum ist im
südlichen China und in Kotschinchina heimisch
und wird in den chinesischen Provinzen Kwangsi
und Kwangtung, sowie jauch in Kotschinchina und
auf Zeylon, den Sundainseln und an der Küste
von Malabar angepflanzt. Er hat ganzrandigc.
unterseits weichhaarige, dreinervige Blätter und
gelblichweiße Blütenstände. Man läßt die Bäum-
chen sechs Jahre alt werden und schält die Rinde
von den etwa 2 cm dicken Zweigen im März.
April und Mai, indem man die Blätter und klei-
neren Zweige entfernt, zwei Längsschnitte macht,
hierauf in 45—50 cm Entfernung Querschnitte aDr
bringt und schließlich die Rinde mit einem
Hornmesser ablöst. Die noch frischen Rinden-
streifen werden von dem Korke oberflächlich
durch Abkratzen befreit und nach dem Trocknen
in Bündel zusammengebunden. In das Inner®
derselben wird herkömmlicherweise der beim
Schälen erhaltene Abfall, die sog. Chips, ver-
teilt. Der chinesische Z. bildet einseitig gerollt®
Röhren oder Halbröhren von so cm Längf.
o,s—3 cm Durchmesser und i—3 mm Dicke. Di® ,
rotbraunen Stücke enthalten teilweise noch Kork'
reste und haben korkartig glatten Bruch-
Dar Geschmack ist würzig, zugleich aber etwas
        <pb n="500" />
        ﻿Zimt

493

Zimt

zusammenziehend und schleimig. Auf dem Quer-
schnitt zeigt die Rinde unter dem Mikroskop
flache Korkzellen, die Mittelrinde große Schleim-
zellen und schwach verdickte Steinzellen, die
keinen geschlossenen Sklerenchymring
bilden, sowie spindelförmige Bastfasern. Das
Parenchym der Mittel- und Innenrinde, in dem
zahlreiche Zellen zu Öl- bzw. Schleimzellen um-
gewandelt sind, enthält meist reichlich Stärke
und auch Oxalatnadeln. Die Innenrinde weist
neben Bastfasern auch langgestreckte Steinzellen
auf. Der wichtigste Bestandteil der Zimtrinde
ist das zu ungefähr 2 % darin enthaltene äthe-
rische Öl (s. d.). Der chinesische Zimt, die offi-
zinelle Sorte, kommt als fein, mittel, ordinär,
kurz und lang in Rohrmatten oder Kisten, oder
als Cassia vera in Bruchstücken starker Äste
mit viel Kork und dunklem Bast in den Handel.
— Der Zeylonzimt, echter Z. oder Kaneel
(lat. Cortex cinnamomi ceylanici, oinnamomi acuti,
frz. Canelle fine, engl. Ceylon cinnamora) von
Cinnamomum ceylanicum Breynebzw.Lau-
rus cinnamomum L., der auf Zeylon, sowie
fast überall in den Tropen angebaut wird, gedeiht
am besten um Kolombo, Negumbo und Matura
auf etwa 14 Meilen Fläche im sandigen humus-
reichen Tonboden. Der kleine Baum, der in
den Pflanzungen strauchig gehalten wird, hat
ganzrandige, in der Jugend rote, später grüne,
3:—7nervige, lederartige Blätter und weiße Blüten-
stände von unangenehmem Geruch. Im Mai und
Juni sowie im November und Dezember wird die
Rinde von den 1V2—2 Jahr alten, buschartig ent-
wickelten Wurzelschößlingen gesammelt, indem
man diese entlaubt, mit kreisförmigen, bis 1 m
voneinander entfernten/ Einschnitten versieht, die
Rindie der Länge nach aufschlitzt und in einem
Stück abzieht. Dann schabt man die äußeren,
bitterlich zusammenziehend schmeckenden Par-
tien sorgfältig ab, steckt 8—10 Röhren ineinander,
schneidet sie zu Stücken von bestimmter Länge
und trocknet im Schatten. Die sich dann leicht
rollenden Rindenstücke packt man in Bündel
(Fardelen) zu io—15 kg Gewicht und schnürt
zum Versand je drei derselben zu einem Ballen,
der mit Kongotuch, Fellen oder doppelter Lein-
wand umpackt wird. Die Rindenabfälle werden
teils in die Bündel gesteckt, teils als „Bruch“
oder „Chips“ für sich in den Handel gebracht.
Der Zeylonzimt stellt zweiseitig gerollte Röhren
dar, die zu 8—10 ineinandergesteckt sind und bis
2 cm Durchmesser haben. Die Dicke der Stücke
beträgt gegen 0,5 mm. Die außen glatte, gelb-
Rehbraune, längsstreifige Rinde besitzt kurz-
faserigen Bruch. Der Geschmack ist sehr ge-
würzhaft, nicht zusammenziehend und nicht schlei-
mig. Der innere Bau gleicht demjenigen des
chinesischen Zimts, doch fehlen stets Kork und
Mittelrinde. Nach außen ist die Rinde durch
einen geschlossenen Sklerenchymring begrenzt.
Auf der Oberseite zeigt sie zarte Längsstreifung,
die Unterfläche ist dunkelbraun und feinwarzig.
Auf dem faserigen Bruche erkennt man zahl-
reiche weiße Bastbündel. Der Z. von Zeylon
(Plantagenkaneel) bildet die feinste Handels-
sorte. Der in botanischer Hinsicht zu ihm ge-
hörende Java-Z. ist wenig aromatisch und etwas
dunkler, aber sonst kaum von ihm zu unter-
scheiden, Er gilt als zweite Sorte und wird be-

sonders nach Holland versandt. ■— Die Kulila-
wanrinde von Cinnamomum Culilawan wird
auf den Molukken angebaut. — Der Malabar-
zimt, Holzzimt, Holzkassia (lat. Cassia lignea)
stammt teils von ostindischen Spielarten des
Zeylonzimtes, teils von dem nach den Philippinen
und den Sundainseln yerpflaftzten chinesischen
Zimtbaum und stellt die geringste Sorte dar. Er
besteht, da er auch von älteren Stämmen und
Zweigen gewonnen wird, gewöhnlich aus stär-
keren Röhren und bräunlichen, plattenförmigen
Stücken von ebenem Querbruch. Der Geruch
ist schwach zimtartig, der Geschmack schleimig.
M. wird in Kisten bis zu 30 kg in Vs'kg-Bündeln
verpackt. Die verwandten Sorten: Tellicherry-,
Kayenne- und Brasil-Z. kommen nur selten
in den deutschen Handel. — Seychellen-Z.
von einer auf den Seychellen angepflanzten
Cinnamomumart, die anscheinend infolge des un-
geeigneten Klimas entartet ist, besteht aus gro-
ben, bis 7 mm dicken Stücken, die noch völlig
von der Korkschicht bedeckt sind und mehr das
Aussehen von Holz als von Rinden haben. Die
sehr geringwertige Sorte, die nur 0,4 °/o ätheri-
risches Öl enthält, sollte nur unter Kennzeichnung
verkauft werden. — Der Nelkenzimt (Nelken-
rinde, Nel kenkassia, schwarzer Z., lat. Cas-
sia caryophyllata, frz. Canelle giroflöe, Canelle
de Brasil, engl. Clove bark, Clove cinnamom) ist
die Rinde einer brasilianischen Laurazee,
Dicypellium caryophyllatum Nees, und
kommt in 60 cm langen, 3 cm dicken, überein-
andergerollten Röhren in den Handel. Die bis
2 mm dicke, dunkelrotbraune Rinde ist an der
Außenseite schilferig oder mit schwarzbraunen
Blättchen bedeckt, an der Innenseite fein längs-
streifig. Sie riecht und schmeckt nach Nelken
und Zimt und diente früher als Gewürz und zu
Parfümerien, wird aber jetzt nur noch selten ge-
braucht. —• Der weiße Z, (weißer Kaneel,
weiße Kaneelrinde, falsche Winterrinde,
lat. Cortex caneUae albae, frz. Canelle blanche,
engl. White canelle) stammt von einem auf den
Antillen heimischen Baum oder Strauch, Ca-
nella alba M., dessen Äste die von der Borke
befreite Rinde liefern. Sie findet sich in Röhren
oder rinnenförmigen Stücken von 2—4 mm Dicke,
ist außen blaßrötlich, uneben, stellenweise mit
einem hellbräunlichen Kork bedeckt und innen
gelblichweiß. Der weiße Z. hat einen aroma-
tischen, zimtähnlichen Geruch und bitterlichen,
scharf aromatischen Geschmack; in Amerika wird
er als Küchengewürz benutzt, medizinisch findet
er nur noch selten Anwendung. — Der Zimt ist
schon seit vielen Jahrhunderten Gegenstand des
Welthandels. Von 134° an wurde er aus Zeylon
bekannt und zuerst von den Portugiesen, dann
von den Holländern und zuletzt von den Englän-
dern in Form eines Monopols in den Handel
gebracht. Die Holländer verbrannten zeitweise
den Überfluß, um die Preise hochzuhalten, die
Engländer erschwerten die Ausfuhr durch hohen
Zoll, bis 1833 das Monopol und von 1853 ab der
Zoll aufhörte. Jetzt wird in Zeylon der Anbau
des Z. durch Kaffeepflanzungen mehr und mehr
verdrängt, da man auch an anderen Orten viel Z.
gewinnt. Die Bezugsorte für Z. sind, London,
Hamburg und Bremen. Die Einfuhr von Cassia
lignea in Hamburg betrug vor dem Kriege un-
        <pb n="501" />
        ﻿Zimtblüten

494

Zimtöl

gefähr 14000 Kisten, der Hamburger Marktpreis
88 M. für 100 kg. Für Zeylon-Z. verlor der Lon-
doner Markt mit seinen Auktionen immer mehr
an Bedeutung, und der Verkehr verschob sich
ständig zugunsten Hamburgs, das annähernd
7700 Ballen einführte, gegen 3050 Ballen nach
London. Deutschland ist in Zeylon der größte
Abnehmer; ein Drittel der auf etwa 2,5 Millionen
englische Pfund geschätzten Gesamtausfuhr geht
nach deutschen Häfen. Wie sich das Verhältnis
in Zukunft gestalten wird, ist zurzeit noch nicht
abzusehen. — Verfälschungen des unzerkleinerten
Z. sind selten, häufig hingegen solche des käuf-
lichen Zimtpulvers. Dieses wird im großen am
häufigsten mit Rinden fremder Laurazeen, mit
destillierter Rinde, Malta oder Chips, im Klein-
handel mit Mehl, Ölkuchen, Mandelkleie, Sand,
Bolus oder Ocker verfälscht. Der Zusatz von
minderwertigen Zimtrinden ist schwer nachweis-
bar, am besten noch durch den Geruch und Ge-
schmack. Fremde Rinden lassen sich mit Hilfe
des Mikroskopes gewöhnlich unschwer erkennen,
da die Zimtrinde besonders kennzeichnende Ge-
webeteile besitzt. Chips, Zimtrindenabfall, der
Holzbestandteile enthält, verrät sich durch große
getüpfelte Gefäße mit rundlichen bzw. ovalen
Tüpfeln oder mit Hoftüpfeln, Auch Sandelholz
und Zigarrenkistenholz lassen sich leicht mittels
des Mikroskopes an den getüpfelten Gefäßen
erkennen. Zimtmatta, aus gemahlener Hirsekleie
und einem mineralischen Farbstoff, ist an den
ge zacktrandigen Oberhautzellen aufzufinden.
Ebenso ist der Nachweis von Mandelkleie, Mehl
und ölkuchemnehl mittels des Mikroskopes leicht
zu führen, weil Zimt besonders geformte Stärke-
kömer besitzt, die nur schwer mit anderen ver-
wechselt werden können. Ist zur Herstellung von,
Zimtpulver destillierte (extrahierte) Rinde ver-
wandt worden, so sind die Stärkekömehen teil-
weise verkleistert. Außerdem gibt die Ölbestim-
mung weiteren Aufschluß: Für den Laien bietet
auch die Färbung des Wassers beim Kochen mit
Z. (destillierter Z. färbt dieses nicht) und das Ge-
fühl der Trockenheit (destillierter Z. fühlt sich
feucht an) einen gewissen Anhalt, ob destillierter
Z. vorliegt. Mineralische Stoffe erkennt man bei
der Aschenbestimmung. Nach den „Vereinbarun-
gen“ der deutschen Nahrungsmittelchemiker muß
guter, marktfähiger Z. mindestens I °/o ätherisches
Öl besitzen. Der höchstzulässige Aschengehalt
lufttrockener Ware beträgt s °/o und für den in
io%iger Salzsäure unlöslichen Teil der Asche
2%. Zusätze von wilden Zimtrinden sowie von
sehr schleimreichen und kaum nach Z. schmek-
kenden Pflanzungsrinden sind unstatthaft. Aus
Zimtbruch hergestelltes Pulver muß als solches
gekennzeichnet sein und darf nicht mehr als
7 0/0 Asche und höchstens 3,5 °/o Sand enthalten.
— Die Verwendung des Z. ist außerordentlich
mannigfaltig. In großen Mengen wird er zu
Schokoladen und Likören, ferner in der Küche,
in Konditoreien, zu Parfümerien und zur Destil-
lation von Zimtöl benutzt. Pharmazeutisch findet
er als die Eßlust und Verdauung anregendes
Mittel in Form der offizineilen Zimttinktur, als
geschmackverbessernder Zusatz zu Eisenpräpa-
raten und zum Bestreuen von Pillen Anwendung.

ZimtblUten (Zimtnägelein, lat. Flores cas
siae, Clavelli cinnamorni, frz. Clous de cassia.

engl. Cassia buds), die nach dem Verblühen ge-
sammelten und getrockneten Blüten einer Cin-
namomumart (Cinnamomum cassia Bl.),
haben eine keulenförmige Gestalt, sind %—iVscm
lang, zum Teil gestielt, schwarzbraun, runzelig
und hart. Jedes Stück besteht aus dem becher-
förmigen Unterteil des Kelches, der nach unten
zu stie'lartig verschmälert ist und mit seinem
oberen sechsteiligen Saum den Fruchtknoten
einhüllt. Die Z. enthalten 1,5—2°/o eines nach Zimt
riechenden und schmeckenden ätherischen Öls,
finden aber nur noch untergeordnete Verwen-
dung als Küchengewürz, während sie in der
Heilkunde kaum noch benutzt werden. Die Zu-
fuhr, die sich im Jahre 1906 auf 1500 Kisten zu
30 kg in Hamburg beschränkte, erfolgt von
China über London und Hamburg.

Zimtöl. Man unterscheidet drei Sorten, das
chinesische Z., das Zeylon-Z. und das Zimtblätter-
öl. i. Das chinesische Z. (Kassiaöl, Zimt-
blütenöl, gewöhnliches Z., lat. Oleum cinna-
momi, Oleum cassiae, frz. Essence de cassia,
engl. Cassia oil) wird im südlichen China aus
den Blättern, Zweigen und Rindenabfällen des
chinesischen Zimtstrauches, Cinnamo-
mum cassia BL, durch Destillation mit Wasser-
dämpfen gewonnen und kommt in bleiernen
Kanistern von 7,5 kg Inhalt von Hongkong und
Kanton aus in den Handel. Es bildet eine gelbe
oder bräunliche Flüssigkeit von angenehmem
Zimtgeruch und anfangs süßem, hinterher bren-
nendem Geschmack. Das spez. Gew. schwankt
zwischen 1,055—1,070. Der Hauptbestandteil des
in Alkohol und Äther leicht löslichen Z. ist der
Zimtaldehyd (75 % und mehr); außerdem finden
sich noch Essigsäurezimtester und etwas freie
Zimtsäure. Verfälschungen kommen häufig vor,
namentlich mit fetten Ölen, Zedernöl, Kolopho-
nium und Mineralölen. Zedernöl, Mineralöle und
fette öle erkennt man an der Erniedrigung des
spezi Gew. und der Unlöslichkeit in 8o°/oigei»
Alkohol, worin sich Kassiaöl im Verhältnis 1 :i—2
löst. Mit Kolophonium versetztes Öl ist dunkel
gefärbt und dickflüssig und hinterläßt bei der
Destillation mehr als 10 % eines hart und spröde
werdenden Rückstandes. Nelkenölhaltiges Z. er-
kennt man an der grünen oder blauen Färbung,
welche die Lösung von vier Tropfen Öl h1
10 ccm Weingeist durch einen Tropfen Eisen-
chlorid annimmt, während sich reines Öl nur
braun färbt. Chinesisches Z. wird zum Parfü-
mieren von Seifen, sowie zur Geschmacksverbesse-
rung und als Zusatz bei der Bereitung aroma-
tischer Liköre benutzt. —	2. Zeylonzimtöl

(echtes Z., lat.Oleum cinnamorni ceylanici, Oleum
cinnamorni acuti, frz. Essence de cannelle de
Ceylan, engl. Cinnamom oil), das Zimtöl deS
D.A, B., ernält man durch Destillation der beim
Schälen und Verpacken dps Zeylonzimts abfallen-
den Späne (Chips) in Menge von 0,5—1 °/o. Di®
hellgelbe bis goldgelbe Flüssigkeit von aromati-
schem Geruch und gewürzhaftem, brennende111
Geschmack, der viel feiner ist als der des chine-
sischen Z., löst sich in drei Teilen 70°/oigem
Alkohol und enthält 65—76% Zimtaldehyd. DaS
spez. Gew. beträgt 1,023—1,040. Das Hauptver-
fälschungsmittel des Öls ist das viel billiger6
Zimtblätteröl, auf dessen Anwesenheit zu schlie-
ßen ist, wenn I ccm Z., in 5 ccm Spiritus gelöst.
        <pb n="502" />
        ﻿Zimtsäure

495

Zink

mit Eisenchlorid keine blaßgrüne, sondern eine
blaue Färbung gibt. Sicherer geschieht der Nach-
weis durch die Bestimmung des Zimtaldehyd-
sowie des Eugeruolgehalts. Das Zeylonzimtöl fin-
det besonders bei der Herstellung von Likören
Verwendung. — 3. Das Zim tblätteröl (lat.
Oleum foliorum chmamomi, frz. Essence de
feuilles de cannelle, engl. Oil of cinnamom leaves),
das aus den Blättern des Zey lonzimtstrau-
ches durch Destillation gewonnene gelbliche
ätherische Öl, hat das spez. Gew. 1,044—1,065
und riecht nach Zimt und Nelken. Es enthält
als Hauptbestandteil Eugenol (65—95 °/o) und
wird in der Seifenindustrie, häufig aber auch zum
Verfälschen des Zeylonzimtöles (s. d.) benutzt.

Ziftitsäure (Phenylakrylsäure, lat. Acidum
cinnamylicuon, frz. Acide cinnamique, engl. Cin-
namic acid) findet sich teils frei, teils in ester-
artiger Bindung im Perubalsam, Storax, Sumatra-
benzoö und zahlreichen anderen Pflanzenstoffeo.
Zu ihrer Darstellung geht man meist vom Sto-
rax aus, indem man aus diesem nach Zusatz von
Ätznatron den Zimtalkohol und das Styrol ab-
destilliert und das zurückbleibende zimtsaure Na-
trium mit Salzsäure zerlegt. Durch Auflösen in
Ammoniumkarbonat, wiederholte Fällung mit
Salzsäure und Umkristallisieren, aus Wasser wird
die reine Säure (Acidum cinnamyldcum medi-
cinale) erhalten. Auf synthetischem Wege kann
Z. durch Erhitzen von Benzaldehyd mit Azetyl-
chlorid oder mit Essigsäureanhydrid und wasser-
freiem Natriumazetat, oder auch von Benzal-
chlorid mit Natriumazetat dargestellt werden und
führt dann die Bezeichnung „artificiale“. Z.,
CeH5 . CH . CH . COOH, bildet je nach der Art
des Lösungsmittels farblose Nadeln oder Pris-
men, die sich schwer in kaltem, hingegen leicht
in heißem Wasser, Alkohol und fetten ölen
lösen. Der Schmelzpunkt liegt bei 133 °. Sie de-
stilliert bei 3000 unter teilweiser Zersetzung, ist
aber sublimierbar und mit Wasserdämpfen flüch-
tig.,— Z. findet in der Technik ausgedehnte An-
wendung zur Darstellung von Orthonitrozimt-
säure, die in Propiolsäure und künstlichen In-
digo übergeführt wird. In der Medizin dient sie
als Mittel gegen Tuberkulose. Zu dem gleichen
Zwecke benutzt man ihr Natriumsalz (Hetol),
ein in kaltem Wasser schwer, in heißem Wasser
leicht lösliches Kristallpulver, dessen Lösung mit
Eisenchlorid einen schönen violetten Niederschlag
liefert.

Zinalin, ein jetzt nicht mehr im Handel vor-
kommender Teerfarbstoff, wird durch Einwir-
kung von salpetriger Säure auf eine alkoholische
Lösung von Rosanilin als ein orangerotes Pulver
erhalten.

Zinchonidin, ein in manchen Chinarinden ent
haltenes Alkaloid, unterscheidet sich von dem
ähnlichen Chinidin durch schwerere Löslichkeit
in Wasser, Alkohol und Äther. Das zuweilen
medizinisch benutzte schwefelsaure Z. (Zin-
chonidinsulfat, lat. Cinchonidinum sulfuricum,
frz. Sulfate de cinchonidine, engl. Sulfate of
cinchonidin) besteht aus farblosen, sternförmig
gruppierten Kristallnadeln von bitterem Ge-
schmack.

Zinchonin, ein vorzugsweise in den grauen
oder braunen Chinarinden vorkommendes Al-
kaloid, schmeckt wegen der geringen Wasserlös-

lichkeit nur sehr schwach bitter, bildet hingegen
stark bitter schmeckende Salze. Dieselben wer-
den jedoch viel seltener angewandt als die be-
treffenden Chininsalze, da sie sich weniger wirk-
sam erwiesen haben. In den Preislisten findet
man: essigsaures Z. (Zinchoninazetat, lat.
Cinchoninum aceticum), salzsaures Z. (Chlor-
wasserstoffzinchonin, lat. Cinchoninum mu-
riaticum s. hydrochloricum) und schwefelsaures
Z. (Zinchoninsulfat, lät Cinchoninum sui-
furicum), sämtlich farblose, kristallisierbare Salze.

Zineol, ein mit Eukalyptol und Kajeputol
identischer Terpenalkohol, C10H18O, der sich in
verschiedenen ätherischen Ölen, so im Zina-,
Sternanis-, Zitwerwurzel-, Eukalyptus- (s. d.) und
Kajeputol (s. d.) vorfindet, wird aus zineolreichen
Ölen, wie z. B. dem von Eukalyptus Globulus, ge-
wonnen, als ein farbloses, nach Kampfer riechen-
des Öl, das in Wasser unlöslich ist, sich hingegen
mit Alkohol und Äther mischt und bei 176°
siedet. Das spez. Gewicht beträgt 0,928—0,930.
Z. findet unter dem Namen Eukalyptol medizi-
nische Anwendung.

Zink (Spianter, lat, Zincum, frz. Zinc, engl.
Spelter, Zinc). Das Z. ist in Verbindung mit
Kupfer als Bronze und Messing bereits seit dem
Altertum bekannt, als besonderes, selbständiges
Metall aber erst im 16. Jahrhundert beschrieben
worden. Es findet sich in der Natur nur aus-
nahmsweise gediegen, hingegen meist in Form
von Erzen, die sich in den älteren kristallinischen
Gesteinen als Adern oder Gänge abgelagert
haben. Das beste Zinkerz ist der edle Galmei
oder Zinkspat (Zinkkarbonat). Neben ihm
kommt gewöhnlich das Kieselzinkerz (Zink-
silikat) und gewöhnlicher Galmei (Gemenge
von Zinksilikat und Karbonat) vor, das sich zwar
etwas schwieriger verhütten läßt, aber doch mit
dem ersten zusammen verarbeitet wird. Am häu-
figsten ist die Zinkblende (Schwefel-Z.). Die
wichtigsten Lagerstätten finden sich in Ober-
schlesien mit einer Fortsetzung nach Galizien
und in der Rheingegend von Aachen bis Lüttich,
wo der edle Galmei am Altenberg (Vieille mon-
tagne) seit alten Zeiten sogar im Tagebau ge-
wonnen wird; weitere Vorkommnisse in Frank-
reich, Spanien, Griechenland, Algier, Schweden,
Sardinien, England und Amerika. Zur Darstel-
lung des Z. werden die Erze, besonders Galmei
und Blende, durch längeres Lagern, Waschen
und Schlämmen von der Gangart getrennt und
darauf geröstet, wobei der edle Galmei unter
Abgabe von Kohlensäure und Wasser leicht in
Zinkoxyd übergeht. Das Rösten der Zinkblende
erfolgt nur schwierig, weil die Entstehung von
Zinksulfat möglichst vermieden werden muß. Das
beim Rösten erhaltene Zinkoxyd wird dann mit
Kohle oder Koks gemengt und in Retorten von
feuerfestem Ton erhitzt, wobei das reduzierte
Metall in Dampfform überdestilliert und in Vor-
lagen abtropft. Neben dem festen Zink sammelt
sich hier meist ein als Zinkstaub bezeiohnetes
graues Pulver an, das aus einem Gemisch von
Z. und' Zinkoxyd besteht und in chemischen
Laboratorien als Reduktionsmittel benutzt wird.
Zur weiteren Reinigung wird das Metall noch-
mals in eisernen Kesseln umgeschmolzen und
in Barren oder Platten gegossen, oder zu Blechen
ausgewalzt. Es enthält dann meist 98—gg°/o Z.
        <pb n="503" />
        ﻿Zink

496

Zinksulfat

neben geringen Mengen von Blei, Kadmium und
Eisen. Zur Herstellung des chemisch reinen Me-
talles sind zahlreiche Methoden vorgeschlagen,
von denen nur die Reduktion von Zinkoxyd mit
Kohle oder Wasserstoff sowie die Elektrolyse
ammoniakaliscber Zinksulfatlösung erwähnt seien.
Das für den Arsennachweis in forensischen Ana-
lysen erforderliche „arsenfreie Zink“ wird
durch Schmelzen von Z. mit Magnesiumchlorid
oder durch Behandlung mit Schwefel dargestellt.
— Das metallische Z. besitzt eine bläulichweiße
Farbe und starken Glanz. Das spez. Gew. be-
trägt 7—7,1, das Atomgewicht Zn = 65,4- Bei ge-
wöhnlicher Temperatur ist es ziemlich spröde
und brüchig, wird aber zwischen 100 und 1500
geschmeidig, so daß es zu Blechen gewalzt und
zu Draht gezogen werden kann. Bei stärkerem
Erhitzen auf 2000 wird es wieder so spröde, daß
es sich zu einem Pulver zerstoßen läßt, schmilzt
dann bei 4120 und siedet bei 930—10000. Das Z.
verändert sich weder an trockner Luft, noch in
luftfreiem Wasser, läuft aber an feuchter Luft an
und überzieht sich mit einer dünnen Schicht von
basischem Karbonat. Von Säuren wird das che-
misch reine Metall kaum angegriffen, wenig ver-
unreinigtes aber unter Entwicklung von Wasser-
stoff leicht gelöst. — Das Z. diente ursprünglich
nur zur Herstellung des Messings (s. d.) und
wurde später für galvanische Elemente verwandt.
Heutzutage hat das Metall aber eine außerordent-
liche Bedeutung erlangt. Zinkblech dient zum
Decken von Dächern sowie zur Herstellung von
Dachrinnen, Badewannen, Eimern und anderen
Klempnerarbeiten. Nur für Eß-, Trink- und
Kochgeschirre ist Z. wegen seiner Löslichkeit in
Wasser und sauren Flüssigkeiten nicht zu ver-
wenden. Zinkplatten benutzt man zum Metall-
druck (Metallographie), zu Türschildern, Etiketten
und als Zwischenlagen (Preßspäne) beim Sati-
nieren von Papier. Auch bildet das Z. ein aus-
gezeichnetes Metall zum Gießen, da es die For-
men der Modelle in vorzüglicher Schärfe wieder-
gibt. Zum Schutz gegen Rost werden eiserne
Bleche, Drähte und Nägel durch Eintauchen in
das geschmcüzene Metall mit einem dünnen Zink-
überzug versehen (fälschlich „galvanisiert“ ge-
nannt). Durch Erhitzen mit etwa 2 0/0 Wolfram,
Kobalt oder Nickel und 1—8 % Aluminium auf
9So° wird Z. gegen Chemikalien widerstands-
fähig, erlangt große Festigkeit bis zu 41 kg bei’
20 0/0 Dehnung und die Fähigkeit, sich warm
pressen, schneiden und walzen zu lassen. Von
den besonders wichtigen Legierungen sind
Messing, Tombak, Bronze und Neusilber in be-
sonderen Kapiteln behandelt. — Unter den Z.
erzeugenden Ländern stehen die Vereinigten
Staaten mit 320 000 t obenan. Deutschland, das
noch im Jahre 1906 den Vorrang hatte, ist mit
283000 t im Jahre 1913 an die zweite Stelle
gerückt. Von seiner Gewinnung entfallen 170000 t
auf Schlesien und 93 000 t auf das Rheinland
und Westfalen. Danach folgt Belgien mit
168000 t, England mit 59000, Frankreich und
Spanien mit 74000, Österreich und Italien mit
22 000 und Holland mit 24 000. Hauptabnehmer
ist demgegenüber Amerika mit einem Verbrauche
von 313000 t (1896: 78000), ferner Deutsch-
land 232000 (1896: 120000), England 195000
(1896: 87000 t).

Zinkazetat (essigsaüres Zink, lat. Zincum
aceticum, frr. Acötate de zinc, engl. Zinc acetate),
Zn(C2H30)2, entsteht durch Auflösen von kohlen-
saurem Zink oder von Zinkoxyd unter Zusatz von
etwas Zinkmetall in Essigsäure in Form farb-
loser, glänzender Blättchen von unangenehmem
metallischem Geschmack. Die an der Luft etwas
verwitternden Kristalle lösen sich leicht inWasSer
und Alkohol und finden als brechenerregendes
Mittel sowie äußerlich in Augenwässern und
gegen Hautkrankheiten meddzinischeVerwendung.

Zinkchlorid (salzsaures Zink, Chlorzink,
Zirikbutter, lat. Zincum chloratum, Zincum
muriaticum, frz. Chlorure de zinc, engl. Chloride
of zinc), eine durch Auflösen von Zink in Salz-
säure entstehende Verbindung, ZnCl,, die inwasser-
freiem Zustand außerordentlich hygroskopisch ist
■und sich bei starker Glühhitze verflüchtigt und
sublimiert. Das giftige Salz wirkt äußerlich älzend
und wird daher in Form von Stengelchen (Zin-
cum chloratum fusum in bacillis) als chirurgi-
sches Ätzmittel benutzt. In der Technik findet
es Anwendung zur Herstellung von Pergament-
papier, Teerfarben und Chemikalien, ferner von
säurefreiem Lötwasser sowie als rohes Z. in
Form der wäßrigen Lösung zum Konservieren
von Holz.

Zinkoxyd (lat. Zincum oxydatum, frz, Oxyde
de zinc, Fleurs de zinc, engl. Oxyde of zinc,
White zinc), die Verbindung des Zinks mit Sauer-
stoff, ZnO, entsteht beim Verbrennen von Zimk-
dämpfen an der Luft und wird größtenteils schon
in den Zinkhütten auf diese Weise hergestellt.
In vielen Fällen kann es auch einfach durch
Rösten der Zinkerze erhalten werden. Chemisch
reines Z. wird durch Erhitzen von Zinkkarbonat
auf 3000 dargestellt als ein zartes weißes Pulver,
das aus der Luft Kohlensäure anzieht und beim
Glühen gelb wird. In Wasser ist es unlöslich,
hingegen in Säuren und Alkalien löslich. Das
Z. findet unter verschiedenen Namen, wie Zink-
blumen, Flores Zinci, Lana philosophica,
medizinische Anwendung zur Herstellung von
Zinksalbe, ferner als Streupulver für Wunden
und Geschwüre und innerlich als beruhigendes,
krampfstillendes Mittel. Die Technik benutzt
es als eine der wichtigsten weißen Malerfarben
(Zinkweiß, Schneeweiß), die zwar nicht die
Deckkraft des Bleiweißes, aber vor diesem den
Vorzug der Unempfindlichkeit gegen Schwefel-
wasserstoff besitzt. Zinkweiß muß gut verschlos-
sen in trockenen Räumen aufbewahrt werden, da
es sonst leicht körnig und hart wird und durch
Aufnahme von Wasser und Kohlensäure in Zink-
oxydhydrat bzw. kohlensaures Zink übergeht.
Mit Schwefelammomum übergossen, darf sich
Z. nicht bräunen. Den Wert der Zinkweiß-
sorten bestimmt man nach dem Gehalt an Zink-
oxyd und unterscheidet: Grün-Siegel, das Beste,
dann Rot-, Blau-, Gelb-, Grau-Siegel. Diese letz-
tere Sorte kommt auch unter dem Namen Zink-
grau in den Handel und besteht aus unreinem,
kohlenstoffhaltigem Zinkweiß, wie es sich in
der ersten Kammer der Zinkhütten ansammelt.

Zinksulfat (Zinkvitriol, Weißer Vitriol,
lat. Zincum sulfurioum, frz. Sulfate de Zinc, engl-
Zinci sulfas), schwefelsaures Zink, wird von den
Zinkhütten in großen Mengen hergestellt, indem
man Zinkblende unter Zusatz von Oxydations-
        <pb n="504" />
        ﻿Zinn

497

Zinn

mittein, wie Salpeter, röstet und dann auslaugt
und die Lösung eindampft. In reinerer Form
erhält man es durch Auflösen von metallischem
Zink in verdünnter Schwefelsäure und Eindamp-
fen bis zur Kristallisation, sorgt aber, damit diö
übrigen metallischen Verunreinigungen, wie Blei,
Kupfer, Kadmium, Arsen, nicht in das Z. über-
gehen, dafür, daß ein Teil Zink ungelöst bleibt.
Das Z., ZnS04, bildet farblose Kristalle von
scharfem, ekelhaft metallischem Geschmack. Es
kristallisiert mit sieben Molekülen Wasser, das
zum Teil bei gewöhnlicher Temperatur entweicht,
so daß die Kristalle oberflächlich verwittern.
Beim Erhitzen bis auf ioo° gehen sechs Moleküle
Wasser fort, während das letzte Molekül erst bei
schwachem Glühen unter teilweiser Zersetzung
ausgetrieben wird. Das in heißem und kaltem
Wasser leicht lösliche Salz wird in der Medizin
äußerlich als Ätzmittel sowie zu Waschungen,
Einspritzungen und Augenwässern, verordnet, muß
aber, weil es giftig ist, vorsichtig auf bewahrt und
angewandt werden. In der Technik dient es als
weißer Vitriolstein, weißer Galitzenstein,
weißer Kupferrauch als Klärmittel für Öle
und Firnisse, zum Konservieren von Häuten und
tierischen Abfällen, zum Imprägnieren von Eisen-
bahnschwellen, als Schutzmittel gegen Haus-
schwamm, zum Desinfizieren anstatt des Eisen-
vitriols, in der Färberei als Ersatz des Wein-
steins, in der Kattundruckerei als Beize, sowie
endlich als Rohstoff zur Darstellung von Zink-
weiß und der übrigen Zinkverbindungen.

Zinn (lat. Stannum, frz. Etain, engl. Tin) findet
sich nur an vereinzelten Punkten der Erde, und
zwar nie gediegen, sondern in Form weniger
Verbindungen. Das einzige in Betracht kom-
mende Erz, der Zinnstein (Zinndioxyd), Sn02,
mit 78,6% Metall und 21,4 °/o Sauerstoff, hat
seinen ursprünglichen Sitz in quarzreichen, kri-
stallinischen Massengesteinen, Granit, Porphyr,
Gneis und Grünstein, sog. Zinnstöcken, und
tritt hier entweder als schwerer, harter Stein oder
in außerordentlich harten Kristallen (Zinngrau- .
pen) von meist brauner, selten weißer Farbe auf.
Zur Gewinnung des Melalles wird das Gestein
mit Pulver gesprengt oder durch Feuersetzen
mürbe gemacht, darauf zur Entfernung von Arsen
und Schwefel geröstet, durch Pochen in ein
feines Pulver verwandelt, nochmals geröstet und
schließlich geschlämmt, bis der Zinngehalt 50 bis
700/0 beträgt. In Sachsen kürzt man die Reini-
gungsarbeit durch Ausziehen des Pochmehls mit
Salzsäure ab, wodurch Eisen, Kupfer und Wismut
entfernt werden. Wesentlich einfacher gestaltet
sich die Aufbereitung von sog. Wasch- oder
Seifenzinn, das bereits durch Verwitterung in
Pulverform übergeführt worden ist und lediglich
geschlämmt 'zu werden braucht. Zur Reduktion
des auf die eine oder andere Weise erhaltenen
reinen Oxydes erhitzt man das letztere in Flam-
menöfen mit Kohle, meist mit gewissen Zuschlä-
gen, um die fremden Metalle zu verschlacken.
Die Hauptmenge des Zinns kommt von der Ost-
und Westküste der Malaiischen Halbinsel (Ma-
lakka-Z., Straits Tin), wo es in Form von Seifen
mächtige-Anschwemmungen von 3—9 m Mächtig-
keit bildet, und von den benachbarten Inseln
Banka und Billiton. Seitdem das englische
und holländische Monopol aber durch die Auf-

Mercks Warenlexikon.

findung beträchtlicher Lager in Australien und
Amerika durchbrochen wurde, sind die Zinn-
preise erheblich gesunken. In Europa wird Z.
besonders in Cornwall und im Erzgebirge ge-
wonnen. Auch erhält man neuerdings erhebliche
Zinnmengen durch Entzinnung vom verzinntem
Eisenblech (Weißblech) mit Hilfe von Säuren
oder Elektrolyse. — Im reinen Zustande ist das
Z. ein dem Silber an Farbe und Glanz nahe-
kommendes Metall vom spez. Gew. 7,3 und vom
Atomgewicht Sn =118,5. Es hat ein kristallini-
sches Gefüge und gibt beim Biegen ein eigen-
tümliches Geräusch („Zinngeschrei“) von sich.
Bei länger andauernder Kälte zerfällt es in ein
kristallinisches Pulver („Graues Zinn“) vom
spez. Gew. 5,8 und verursacht hierdurch die bei
Orgelpfeifen beobachtete Erscheinung der Zinn-
pest. Das Metall ist im übrigen ziemlich weich
und dehnbar und läßt sich zu Blattform (Stan-
niol) auswalzen. Bei 2000 wird es in hohem
Grade spröde und pulverisierbar und zerfällt
beim Schlagen mit Hämmern oder beim Her-
unterfallen in eine große Zahl rundlicher Stücke
mit kristallinischen Flächen (Körnerzinn), Bei
23t0 schmilzt es und verwandelt sich bei Weiß-
glut (16000) in einen Dampf, der an der Luft
zu Zinndioxyd verbrennt. Das Z. ist gegen feuchte
und trockene Luft außerordentlich beständig,
löst sich in heißer Salzsäure und in verdünnter
Schwefelsäure unter Wasserstoffentwicklung und
wird durch konzentrierte Salpetersäure in Zinn-
dioxyd (Zinnsäure) übergeführt. — Im Handel
findet sich das Z. in gestempelten Blöcken, Bar-
ren, Kuchen, Brocken, Stangen und aufgerollten
Tafeln. Das reinste Z. kommt von Malakka,
Banka und Billiton in Form von Pyramiden,
fingerdicken Stangen oder Blöcken von 20—25
oder 60—65 kg Gewicht. Das nächstbeste ist das
englische Ref ined Tin (Körner-Z., Grain Tin)
mit 0,1—0,2% Eisen, jedoch ohne Blei, Kupfer
und Arsen, während das englische Common tin
etwa 0.2 °/o Eisen und 1% Kupfer enthält. Auch
das sächsische und böhmische Z. ist von vorzüg-
licher Reinheit. — Das Z. findet außerordentliöh
vielfache technische Verwendung. Zu Zinngieße-
reiwaren erhält es stets einen Zusatz von Blei,
weil es dadurch leichter gießbar, geschmeidiger,
härter und dauerhafter wird. Sog. vierstempe-
liges Z. enthält auf 32 t Z. 1 t Blei, doch geht
das Verhältnis bis zu gleichen Teilen Blei und
Zinn (einpfündiges Z.). Für Eß-, Trink- und
Kochgeschirr darf es höchstens 10 % Blei, für
Stanniol und Innenverzinnung von Eßgeschirr
höchstens i°/o Blei enthalten. Das Orgelzinn
enthält meist 30 0/0, das Figurenzinn 500/0 Blei.
Außer zu Kesseln, Pfannen, Destillierblasen ge-
braucht man das Metall zum Verzinnen von
Kupfer, Eisen und Blei (Weißblech, Stecknadeln),
zum Löten, in Form von Stanniol (Zinnfolie)
zum Umhüllen von Schnupf- und Kautabak und
Nahrungsmitteln (Schokolade), zum Belegen von
Spiegeln und zur Herstellung von Salzen und
Legierungen (s. Bronze, Letternmetall). Ein Ur-
teil über die Menge des im Jahre 1913 verbrauch-
ten Zinns gewähren folgende Zahlen: Ausfuhr
aus Hinterindien 166000 t, aus Australien
14900 t, von Banka 15000 t, Billiton 2200 t,
Erzeugung Englands 22000 t, Deutschlands
11 500 t. Der Verbrauch im Jahre 1913 belief

32
        <pb n="505" />
        ﻿Zinnober

498	Zirkon

sich in England auf 24000 t, in Deutschland auf
19300 t.

Zinnober, das wichtigste Quecksilbererz (siehe
Quecksilbersulfid) mit 86,3 % Quecksilber und
13,7% Schwefel, findet sich auf Lagern und
.Gängen im Schiefer-, Übergangs- und Flöz-
gebirge und ist an seiner Farbe und anhängenden
Metalltröpfchen leicht kenntlich. Er kommt kri-
stallisiert in Rhomboedern und sechsseitigen Pris-
men, ferner in Platten und derben, kleinkörnigen
bis dichten Massen vor, ist spaltbar, in Kristallen
halbdurchsichtig und metallglänzend und besitzt
eine koschenille- oder scharlachrote Farbe. Die
reinsten, besonders schön gefärbten Stücke wer-
den ausgesucht als Berg-Z. in den Handel ge-
bracht, die übrigen, sog. Stück-Z., ein- bis drei-
mal gemahlen und nach Güte und Farbenton
sortiert. Als Farbe wird jetzt meist künstlicher.
Z. (s. Quecksilbersulfid) benutzt, während der
natürliche zur Darstellung von Quecksilber dient.

Zinnverbindungen. DasZinn bildet zweiReihen
von Verbindungen: Oxydul- oder Stannoverbin-
dungen und Oxyd- oder Stanniverbindungen
(Zinnsäureverbindungein).— Zinnchlorid (Zinn-
tetrachlorid, früher zweifach Chlorzinn ge-
nannt, lat. Stannum bichloratum, frz. Deuto-
chlorure d’ötain, engl. Perchloride of tin) wird
durch Auflösen von Zinn in heißem Königswasser
oder durch Einleiten von Chlor in eine Zimn-
chlorüdösung in Form weißer Kristalle mit fünf
Molekülen Kristallwasser erhalten, aber meist
in wäßriger Lösung in den Handel gebracht.
Wasserfreies Z., SnCl^, wird fabrikmäßig durch
Erhitzen von trockenem Zinnchlorür oder von
metallischem Zinn im Chlorstrome und nach-
folgende Destillation dargestellt. Es bildet eine
farblose, an der Luft rauchende Flüssigkeit, die
bei 114° siedet und beim Vermischen mit der
dreifachen Menge Wasser das obenerwähnte
wasserhaltige kristallisierte Salz, die sog. Zinn-
butter, Butyrum Stanni, liefert. Das Z. findet
Anwendung in der Färberei als Beize und als
Avivierungsmittel, ferner zum Beschweren von
Seide und zur Darstellung von Florentiner Lack,
Karmin- und anderen Farblacken. — Durch Fäl-
lung von Z. mit Ammoniumchlorid oder Na-
triumchlorid erhält man neutral reagierende Dop-
pelsalze, das Ammonium-Z. (Pinksalz, lat.
Stannum bichloratum ammoniatum, frz. Bichlo-
rure d’ötain ammoniacal, engl. Pink Salt) und das
Natrium-Z. (krist. Chlorzinn), die als Beizen
in der Färberei Anwendung finden. —• Zinn-
chlorür (Zinndich 1 orid, einfach Chlor-
zinn, lat. Stannum chloratum seu muriaticum,
frz. Protochlorure d’ötain, engl. Tin-salt) ent-
steht beim Erwärmen von feinen Zinndrehspänen
mit 2$ tyoiger Salzsäure und Eindampfen bis zur
Kristallisation in Gestalt farbloser, meist etwas
feuchter Kristalle, die zwei Moleküle Kristall-
wasser enthalten. Bei vorsichtigem Erwärmen
auf ioo° wird es wasserfrei, schmilzt bei 2500
und destilliert bei 6060. Z., SnCJ2, löst sich in
salzsaurem Wasser und in Alkohol und wird
durch viel Wasser unter Abscheidung eines basi-
schen Salzes zersetzt. Es muß daher, vor der Ein-
wirkung von Luft und Feuchtigkeit geschützt,
vorsichtig aufbewahrt werden. Z. findet be-
schränkte medizinische Anwendung, wird aber
unter dem Namen Zinnsalz in großen Mengen

als Beizmittel in der Färberei, zum Reduzieren
von Indigo, zur Darstellung von Goldpurpur
(s. d.) und zum Avivieren benutzt. Im Handel
findet es sich meist als i2t/2°/oige (einfach
Chlorzinn) oder als2S%ige (doppelt Chlor-
zinn) wäßrige Lösung. Eine gesättigte Lösung
in Salzsäure wird als Bettendorfs Reagens
zum Nachweise von Arsen, mit dem es sich
braun färbt, angewandt. Unter Zusatz von etwas
Salpetersäure hergestellte Zinnchloridlösungen
bilden die sog. Zinnkompositionen (Rosier-
salz, Barwood-, Blauholz-, Gelb-, Schar-
lachkomposition, Bancrofts Beize).—Zinn-
oxyd (Zinndioxyd, Zinnsäure, lat. Stannum
oxydatum, frz. Oxyde d’ötain, engl. Calcined tin),
Sn02, entsteht beim Schmelzen von Zinn an der
Luft, wobei sich das Metall in ein graues Pulver
verwandelt. Durch Schlämmen läßt sich das
letztere in unverändertes Metall und weißes Oxyd
scheiden, das als sog. Zinnasche ?in ausgezeich-
netes Schleif- und Poliermittel, namentlich für
Stahl, ist. Außerdem erhält man das Z. durch
Behandlung von Zinn mit Salpetersäure und
durch Ausfällen von Zinnsalzlösung durch Alkali.
Zusätze von Schwerspat und Gips, mit denen das
gelblich- bis grauweiße amorphe Pulver häufig
verfälscht wird, lassen sich daran erkennen, daß
das Z. beim Schmelzen mit Ätznatron in wasser-
lösliches zinnsaures Natron (Natriumstan-
nat) übergeht. Das letztere findet unter der Be-
zeichnung Grundier- oder Präpariersalz An-
wendung als Beize zur Herstellung von Farb-
lacken auf der Faser, das Oxyd selbst zur Er-
zeugung undurchsichtiger Milchgläser, weißer Ka-
cheln und Emails. — Zinnsulfid, SnS2, bildet
das sog. Musivgold (s. d.).

Zirbelnüsse (Arvennüsse, Pinien, lat. Se-
men seu Nuces pinearum seu cembrae, frz. Noix
de pignon, engl. Pine kemels), die dreikantigen,
unter den Schuppen der Zapfen sitzenden Samen
der Arve (Pinus Cembra), einer in den Alpen,
Karpathen und Sibirien wachsenden Konifere,
werden namentlich in Sibirien in großen Massen
längs der Ufer des Ob gesammelt und unter dem
Namen Schischisch als Nahrungsmittel ver-
braucht. Getrocknet dienen sie als Vogelfutter
für Papageien.

Zirkon (Hyazinth), ein Mineral, das aus
kieselsaurer Zirkonerde und etwas Eisen-
oxyd besteht, findet sich an ziemlich zahlreichen
Fundorten in Böhmen, Norwegen, Frankreich
und im Rheinland (im Basalt), aber immer nur
in kleiner Menge, und nur an wenigen ' Stellen
in solcher Beschaffenheit, daß es als Edelstein
gelten kann. Die Hauptfarbe des Z. ist tiefrot
oder gelbrot, doch gibt es auch wasserhelle,
welche durch ihre lichtbrechende Kraft den Dia-
manten nahe kommen. Die gelbroten Z. mit
7V2 Härtegraden heißen Hyazinthe. Andere
Farben, wie olivengrün, grau, braun und braun-
gelb, sind gewöhnlich nicht besonders lebhaft-
Zeylon und Madras liefern die schönsten roten
und farblosen Steine, schöne gelbrote finden sich
im Ilmengebirge (Ural) in Rußland und in
Australien. Die Z., die in schönen großen roten
und farblosen Steinen einen ansehnlichen Wert
haben, werden zu Ringsteinen, Einfassungen und
Garnierungen benutzt. — Die weiße Zirkon-
erde (das Oxyd des Metalles Zirkonium), ZrOo,
        <pb n="506" />
        ﻿Zitral

499

Zitronen

ein Stoff von völliger Unschmelzbarkeit und Un-
veränderlichkeit in der Hitze, ist, mit Ton zu
kleinen Zylindern geformt und gebrannt, statt
des Kalkes als Leuchtkörper bei der Knallgas-
beleuchtüng benutzt worden. — Das Metall, Zr
= 90,7, dient zur Herstellung von Glühfäden in
elektrischen Lampen.

Zitral, der riechende Bestandteil des Zitronen-
öls (s. d.), hat neuerdings technische Bedeutung
erlangt als Ausgangsmaterial für die Darstellung
des Jonons (s. d.). Die Hauptquelle für Zitral
ist das Lemongräsöl.

Zitronat (Cedrat, Sukkade, lat. Confectio
citri, frz. Citronat, engl. Candier lemon peel)
heißt die in längliche Stücke geteilte, sehr dicke
und schwammige, in Zuckersirup eingekochte und
zu feinen Bäckereien gebrauchte Schale einer
großen Zitrone, der Frucht von Citrus me-
dica macrocarpa Risso. Die abgenommene
und zerschnittene Schale wird in der Regel erst
einige Zeit in Salzwasser gelegt, dann gebrüht,
mit dem Zucker gekocht und in Fässer eingelegt.
Die in Deutschland meistgebräuchliche Sorte ist
nach dem Aufkochen mit Zucker an der Luft
getrocknet, aber nicht eingelegt und bildet dann
ein trockenes Z.

Zitronellaöl (ostindisches Melissenöl, lat.
Oleum citronellae, s. melissae ostindicura s. an-
dropogonis Nardi, frz. Essence de citronnelle,
engl. Citronella oil), ein stark melissenartig rie-
chendes, aus Zeylon und Ostindien kommendes
ätherisches Öl, wird durch wäßrige Destillation
aus dem Zitronengras oder Kamelheu (An-
dropogon Nardus, Cymbopogon Nardus),
und zwar sowohl aus der wild wachsenden, als
der für diesen Zweck angebauten Pflanze dar-
gestellt. Man unterscheidet im Handel zwischen
Zeylonzitronellöl und Javazitronellöl, und
zwar ist das letztere die wertvollere Sorte. Zey-
lonzitronellöl ist eine gelbe bis gelbbraune,
bisweilen durch Kupfer grün gefärbte Flüssigkeit
vom spez. Gew. 0,898—0,920. Javazitronellöl
ist farblos bis blaßgelb und hat ein spez. Gew.
von 0,885—0,901, Die Öle lösen sich in 1—2 Teilen
8o°/oigen Alkohols. -Hauptbestandteile sind Ge-
raniol und Zitronellal, sie betragen zusammen
beim Zeylonöl gewöhnlich 56—6o°/o, beim Javaöl
80 0/0 und darüber. Das Öl dient besonders zum
Parfümieren von Seifen und wird hauptsächlich
in den Vereinigten Staaten verbraucht.

Zitronen (lat. Fructus citri, frz. Citrons, engl.
Lemons) sind die bei den Italienern Limonen
genannten Früchte des Zitronenbaums, Ci-
trus medica, Citrus limonumR., der wie der
verwandte Orangenbaum (Citrus Aurantiorum)
zu der Gattung der Rutazeen (Aurantioideen)
gehört. Er soll aus Indien, nach anderen aus
Medien stammen, wird aber jetzt im ganzen
Süden, in Portugal, Spanien, Italien, den, grie-
chischen Inseln, Nordafrika und Südfrankreich,
hier allerdings nur an wenigen Punkten angebaut
und hat infolgedessen zahlreiche Spielarten ge-
bildet. Auch auf den Westindischen Inseln ist
die Zitronenzucht eingebürgert, wenngleich von
hier keine Früchte, sondern nur Zitronensäfte
ausgeführt werden. Der Zitronenbaum ist ein
höchstens s m hoch .werdendes Holzgewächs mit
rötlichen Sprossen, abwechselnden lederartig-kah-
len, immergrünen und schwach kerbig-gesägten

Blättern und rötlichen Blüten. Die dünnschaligen
Früchte besitzen eine kugelige, eiförmige oder
längliche Gestalt mit meist zitzenförmigen En-
dungen. Sie sind anfangs grün, in der Reife aber
hellgelb (zitronengelb) gefärbt und enthalten in
10—12 Fächern je 2—3 Samen und einen stark
sauren Saft. Nach Mitteilung von W. Leske in
Cossebaude und Messina erfolgt der Anbau der
Z. in getrennt liegenden, gut umzäunten Gärten,
die 20 bis zu 15 000 Bäume enthalten. Die Gärten
liegen in Gebirgstälern und ziehen sich an den
Bergen bis zu einigen hundert Metern Meeres-
hühe hinauf. Meist sind künstliche Bewässerungs-
anlagen vorhanden, durch welche ermöglicht
wird, daß die Bäume dafe ganze Jahr hindurch
gleichzeitig Knospen, Blüten, grüne und reife
gelbe Früchte tragen. Der Boden muß sorgfältig
bearbeitet, gelockert und gedüngt werden. Der
Zitronenbaum hat ein großes Wärmebedürfnis
und gedeiht besonders gut auf heißem, vulkani-
schem Boden. Neben Kalabrien und Neapel
kommt für die Massenerzeugung hauptsächlich
Sizilien, und hier in erster Linie die Provinz Mes-
sina in Betracht. Jeder Baum liefert vier Ernten,
und zwar eine im Winter, drei im Sommer. Der
Winterschnitt, der im November erfolgt, mit
Nachernten bis in den April und Mai, liefert die
gehaltreichsten und haltbarsten Früchte (Edel
Z.). Die Sommerfrüchte zerfallen in die weißlich-
gelbe BiancheiJi-Z. (Hauptschhitt April-Mai,
Nachernten bis Juni-Juli), die mehr grünliche
Verdelli-Z. (Hauptschnitt Juli-August, Nach-
ernten bis September-Oktober) und die kleine
rundliche Bastard-Z. (Hauptschnitt September,
Nachernten bis Dezember). Der Hauptschnitt,
für den man die Früchte mit besonders reiner
und glatter Schale auswählt, -dient fast hur für die
Ausfuhr. Diese Früchte werden der größeren
Haltbarkeit wegen, und weil sie auf der Fahrt
noch nachreifen, grün von den Bäumen genom-
men und zur Versendung, meist mit Papier um-
wickelt, in Kisten zu 400—700 Stück regelmäßig
eingeschichtet. Für den Winterversand in käl-
tere Gegenden packt man eine größere Zahl
Kisten in Fässer und stopft die Zwischenräume
mit warmhaltenden Stoffen aus. Die Z. bedürfen
einer Aufbewahrung in trockenen, kühlen Kellern
und. häufiger Besichtigung, damit alle angegange-
nen und fleckig gewordenen Stücke sogleich
entfernt werden können. Zweckmäßig ist es unter
Umständen auch, die Früchte einzeln, so daß sie
sich nicht berühren, in Kochsalz einzubetten,
nachdem vorher die Anhaftungsstelle des Stiels
mit geschmolzenem Paraffin überzogen worden
war. — Für die Zusammensetzung der reifen Zi-
tronen gibt König folgende Zahlen an: 82,64%
Wasser, 0,74 % Stickstoffsubstanz, 5,39 % Zitro-
nensäure, 0,37 % Invertzucker, 10,30 % stickstoff-
freie Extraktstoffe, Rohfaser und Kerne, und
0,56 °/o Asche. —■ Die beim Hauptschnitt auf den
Bäumen zurückbleibenden und alle sonst für
die Ausfuhr nicht geeigneten Früchte werden
an Ort und Stelle auf Zitronenöl und Zitronen-
säure verarbeitet. Die Preßrückstände finden
als Ziegenfutter Verwendung. — Die Zitrone
wird in großen Mengen für die Zwecke des
Haushalts, der Küche und Konditoreien, zur
Herstellung von Limonaden, Punsch usw. ver-
braucht.
        <pb n="507" />
        ﻿. ,1 ■

Zitronenholz

500

Zitronensäure

Zitronenholz nennt man i. das Holz des_Zi-
tronenbaumes, ein sehr dichtes und weißes
Holz, das nicht in unseren Handel kommt, und
2. ein gelbes Holz von unbekannter Abstammung
mit schwachem, zitronenartigem Geruch. Das
letztere ist sehr fein, dicht und ziemlich schwer,
nimmt eine Schöne Politur an und stammt aus
Westindien.

Zitronenöl (Limonenöl, lat. Oleum citri,
Oleum limonis, Oleum de cedro, f.rz. Essenee de
citron, engl.Lemon oil) wird auf Sizilien sowie im
südlichen Teile von Kalabrien aus den Frucht-
schalen der Zitrone oder Limone (Citrus
limonum R.) gewonnen. Zu seiner Darstellung
verfährt man folgendermaßen: Die Zitrone wird
halbiert und das Fruchtfleisch mit einem löffel-
artigen Instrument entfernt, oder die Schale wird
in drei Längsstreifen von der Frucht herunter1
geschnitten. Die Schale , wird dann fest gegen
einen Schwamm gepreßt, wobei die ölhaltigen
Zellen platzen und ihr öl an den Schwamm
abgeben, der von Zeit zu Zeit ausgepreßt wird.
Nach dem Absitzen des Wassers klärt man das
oben schwimmende Öl durch Filtrieren. Die
ausgepreßten Schalen werden dann noch mit
Wasser destilliert, da sich nicht alles Öl aus-
pressen läßt. Das so gewonnene, destillierte
Z. gelangt, mit gepreßtem vermischt, als ge-
ringere Sorte in den Handel. Im halbreifen Zu-
stande, November und Dezember, sind die Zi-
tronen am ölreichsten. Das durch Pressen ge-
wonnene Z. äst eine hellgelbe Flüssigkeit von dem
angenehmen Geruch der frischen Zitronen und
aromatischem, hinterher etwas bitterem Ge-
schmack, die bei längerem Stehen häufig einen
gelblichweißen Bodensatz abscheidet. Das spez.
Gew. schwankt zwischen 0,856 und o,86i. Z. ist
rechtsdrehend und löst sich in absolutem Alko-
hol, Äther, Chloroform, Benzol und Amylalkohol
in jedem Verhältnis. In (6—8 Teilen) 900/oigem
Alkohol ist es wegen der wachsartigen und schlei-
migen Bestandteile meist nicht klar löslich. Den
Hauptbestandteil bildet das Rechtslimonen, wäh-
rend der Geruch durch den Aldehyd Zitral be-
dingt wird, obgleich dieser nur in einer Menge
von etwa 4—6°/o darin enthalten ist. Das ge-
preßte Z. wird am häufigsten durch Verschneiden
mit destilliertem Z. verfälscht. Der Nachweis
dieser Verfälschung ist nur durch den Geruch
ausführbar, während Pomeranzenschalenöl und
Terpentinöl sich durch das verschiedene optische
Drehungsverrnögen erkennen lassen. Zusätze von
Spiritus und fetten ölen verraten sich durch das
spez. Gew., das durch ersteren herabgesetzt, durch
letztere erhöht wird. Das Z. ist eines, der be-
liebtesten Gewürzöle zum Backen und findet
auch in der Parfümerie, sowie für Liköre und
Limonaden ausgedehnte Verwendung. Für die
letzteren Zwecke wird meist sog. terpen-
freies Zitronenöl benutzt, d. h. ein Zitronenöl,
aus dem die Kohlenwasserstoffe ganz oder teil-
weise entfernt worden sind. Die Aufbewahrung
des Z. erfordert ganz besondere Sorgfalt, da es
durch Zutritt von Licht, und Luft sehr schnell
verdirbt und einen dicken, schmierigen Boden-
satz abscheidet. Man hebt es infolgedessen in
kleinen, ganz angefüllten Flaschen, vor Licht
geschützt, auf. Lösungen von Zitronenöl in Al-
kohol werden als Zitronenessenz in den Han-

del gebracht, der bisweilen beobachtete Verkauf
als Zitronenöl ist selbstredend unzulässig.

Zitronensaft (lat. Succus citri, frz. Jus de ci-
trons, engl. Lemon-juice) wird durch Aüspressen
der geschälten und ihrer bitter schmeckenden
Kerne beraubten Zitronen dargestellt. Man über-
läßt die ablaufende trübe Flüssigkeit meist einer
freiwilligen Gärung zur Zerstörung der geringen
Zuckermengen, filtriert dann, unter Umständen
nach Zusatz von Alkohol oder Specksteinpulver,
und macht den in kleine Flaschen gefüllten Saft
schließlich durch Erhitzen keimfrei. Der auf
diese Weise erhaltene Z. ist eine farblose bis
schwach gelbliche Flüssigkeit von stark saurem
Geschmack und eigenartigem, aber nicht an Zi-
tronenöl erinnerndem Aroma. Er hat im ent-
geisteten Zustande ein spez. Gew. von ungefähr
1.033—1,041 und enthält in 100 ccm s—7 g Zitro-
nensäure, o—1 g Zucker, 0,4—0,6 g Asche, 0,02 bis
0,03 g Phosphorsäure und 0,04—0,07 g Stickstoff.
Der Z. nimmt unter den Fruchtsäften des Han-
dels insofern eine gewisse Ausnahmestellung ein,
als er nicht nur zu Genußzwecken (Limonade),
sondern gleichzeitig als eine Art Heilmittel (zu
Z.-Kuren) Anwendung findet. Schon seit alters
her wird er von den Schiffern als ein nie ver-
sagendes Heilmittel gegen den gefürchteten Skor-
but geschätzt und besonders in letzter Zeit in-
folge der Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs
in steigendem Maße in den Verkehr gebracht.
Allerdings war bis vor kurzer Zeit ein großer
Teil des im Handel befindlichen Z. verfälscht
oder gar völlig künstlich hergestellt. Einfache
Auflösungen von Zitronensäure in Wasser wur-
den vielfach als Natursäfte verkauft, und ver-
schiedene Fabriken stellten sogar zur Täuschung
der überwachenden Nahrungsmittel Chemiker auf
Grund chemischer Analyse kunstvolle Nachahmun-
gen her. Heutzutage kann der Käufer im all-
gemeinen, dank der unermüdlichen Bekämpfung
der Verfälschungen, annehmen, daß er als Z.
auch einen reinen Natursaft erhält. Zusätze von
Konservierungsmitteln, wie Salizylsäure, Ameisen-
säure und Benzoesäure, die zur Erhöhung der
Haltbarkeit bisweilen gemacht werden, sind in
der Aufschrift deutlich anzugeben. Als geeignet-
stes Konservierungsmittel ist der Alkohol zu be-
zeichnen, der auch in § 22 der Anleitung zur Ge-
sundheitspflege an Kauffahrteischiffen erlaubt
wird und in Höbe von 8—10 Vol.-°/o ohne Dekla-
ration benutzt werden darf. Ein durch geringe
Mengen Zucker, die zur Konservierung nicht
ausreicben, versüßter Z. hat im allgemeinen als
verdächtig zu gelten. Hingegen bildet der aus
40 Teilen Z. und 64 Teilen Zucker eingekochte
Zitronensirup eine reelle Handelsware.

Zitronensäure (lat. Acidum citricum, frz.
Acide citrique, engl. Citric acid), eine zuerst von
Scheele im Jahre 1784 in Kristallform dargestellte
organische Säure, findet sich frei und an Basen
gebunden, oft zugleich mit anderen organischen
Säuren, sehr verbreitet in der Natur. Frei kommt
sie hauptsächlich in Früchten vor, besonders
reichlich in den noch nicht völlig reifen Zi-
tronen, in den Johannis- und Preiselbeeren
usf. An Kalium und Kalzium gebunden, findet
sie sich in den Tabakblättern, im Schöllkraut, in
den Knollen der Kartoffel, in den Runkelrüben,
in der Rinde der Kastanie, in den Eicheln und
        <pb n="508" />
        ﻿Zitronensäure	501	Zitronensaures Eisenoxyd

in den Samen der Erbsen, Bohnen, Wicken.
Außerdem ist Z. ein regelmäßiger Bestandteil
der Kuhmilch (0,2 0/0). Zur Darstellung der Z.
für den Handel dient ausschließlich der Saft der
unreifen Zitronen, der nur zum kleinsten Teile
am Ursprungsorte selbst direkt auf Z. ver-
arbeitet wird, vielmehr der Hauptsache nach in
konzentriertem Zustande oder in Gestalt von
trockenem Kalziumzitrat in den Handel gelangt,
um dann in England, Frankreich und Deutsch-
land weiter auf Z. verarbeitet zu werden. Zur
Darstellung des Kalziumzitrats wird der auf die
eine oder andere Weise geklärte Saft in mit
Blei ausgekleideten Bottichen zum Kochen er-
hitzt und so lange mit geschlämmter Kreide und
schließlich Kalkmilch versetzt, bis kein Aufbrau-
sen mehr stattfindet. Die freie Z. verbindet sich
dabei mit dem Kalk zu Kalziumzitrat, das in
siedendem Wasser sehr schwer, in kaltem
jedoch wesentlich leichter löslich ist. Es wird
daher noch heiß auf ein Seihtuch gebracht, mit
kochendem Wasser ausgewaschen und mit so
viel verdünnter Schwefelsäure versetzt, als nötig
ist, um den zitronensauren Kalk in schwefel-
sauren zu verwandeln. Die von dem ausgeschie-
denen Kalziumsulfat getrennte Zitronensäure-
lösung wird, zur Kristallisation eingedampft, und
die abgeschiedene Kristallmaslse durch Auflösen,
Entfärben mit Tierkohle und nochmaliges Um-
kristallisieren gereinigt. Auch synthetisch ist die
Z. schon nach verschiedenen Verfahren her-
gestellt worden, und schließlich wird sie fabrik-
mäßig auf zymotechniscbem Wege nach einem
Patent von Charles Wehmer in Mühlhausen und
Thann im Elsaß gewonnen. Zu ihrer Darstellung
dienen 3—30 0/0 ige Zuckerlösungen, die jmit Pilzen
(Citromyces Pfefferianus et glaber) geimpft wer-
den und bei der Gärung in Z. übergehen. — Die
Z. ist eine dreiatomige Säure, CjH^OHXCOOHJj,
und wird chemisch als Oxy trikarbally Isäure
bezeichnet. Sie bildet färb- und geruchlose, sehr
sauer schmeckende, rhombische Prismen, die
an warmer Luft oberflächlich etwas verwittern
und in Wasser sowie Weingeist leicht löslich sind.
Charakteristisch ist das Verhalten der Z. und
ihrer Salze gegen Kalkwasser. Fügt man zu einer
wäßrigen Zitronensäurelösung Kalkwasser bis zur
alkalischen Reaktion, so tritt in der Kälte keine
Trübung ein. Wird diese Flüssigkeit aber ge-
kocht, so trübt sie sich infolge der Abscheidung
von Kalziumzitrat, das beim Erkalten im ver-
schlossenen Gefäß vollständig wieder in Lösung
geht. Die zitronensauren Salze verhalten sich
gegen Kalkwasser in gleicher Weise. — Im Han-
del unterscheidet man zwischen kristallisierter
Z. (Acidum citricum cristallisatum), reiner Z.
(Acidum citricum purum) und reinster blei-
freier Z. (Acidum citricum purissimum). Letz-
tere ist die im D. A. B. vorgeschriebene. In-
folge ihrer Bereitungsweise kann die käufliche
Z. außer Blei noch Schwefelsäure und Kalksalze
enthalten, auch wird sie oft mit der billigeren
Weinsäure verfälscht. Auf Blei prüft man mit
Schwefelwasserstoffwasser, das man zu einer wäß-
rigen, mit Ammoniak bis zur schwach sauren
Reaktion abgestumpften Zitronensäurelösung hin-
zusetzt. Färbt sich hierbei die Flüssigkeit dunkel,
so ist Blei vorhanden. Schwefelsäure erkennt
man an dem weißen Niederschlag, der in einer

wäßrigen Lösung von Z. durch Chlorbarium,
Kalksalze an der weißen Trübung, welche in
der wäßrigen Löspng durch oxalsaures Ammo-
nium hervorgerufen wird. Zum Nachweis von
Weinsäure wird eine Mischung aus I g Z. und
10 ccm Schwefelsäure, die in einem mit Schwefel-
säure gereinigten Mörser bereitet worden ist, in
einem Probierrohr eine Stunde lang im Wasser-
bade erwärmt (auf 80—90 °), worauf bei Anwesen-
heit von Weinsäure Braunfärbung Eintritt. Außer-
dem kann Weinsäure auch durch essigsaures
Kalium erkannt werden, dessen konzentrierte
Lösung man mit der zu prüfenden konzentrierten
Zitronensäurelösung mischt und dann mit dem
dreifachen Volumen Alkohol versetzt. Falls Wein-
säure vorhanden ist, entsteht beim Schütteln ein
fein kristallinischer Niederschlag von saurem
weinsauren Kali. Auf optischem Wege läßt sich
die Gegenwart von Weinsäure an ihrer Rechts-
drehung erkennen. —- Die Einfuhr von Z, bzw.
Kalziumzitrat und konzentriertem Zitronensaft in
Deutschland betrug jährlich ungefähr 6000 dz,
die deutsche Ausfuhr von Z. 3000 dz. Die Ver-
wendung der Z. ist sehr vielseitig. Technisch
wird sie hauptsächlich in der Kattundruckerei so-
wie als Fleckenreinigungsmittel und in der Photo-
graphie benutzt. In der Nahrungsmittelindustrie
und im Haushalt findet sie wegen ihres angeneh-
men Geschmackes vielfache Verwendung als Zu-
satz zu Limonaden, als Essigersatz usw. Medizi-
nischen Gebrauch finden sowohl die Säure selbst
als durstlöschendes, kühlendes Getränk bei Fie-
ber, als Mittel gegen den Skorbut der Schiffer
usw., wie auch einige ihrer Salze (zitronensaures
Chinin, zitronensaure Magnesia usf., s. d.). Die
Aufbewahrung der Z. hat in gut geschlossenen
Gefäßen an einem kühlen Orte zu erfolgen.

Zitronensaures Chinin (Chininzitrat, lat.
Chininum citricum, frz. Citrate de quinine, engl,
Citrate of quinia) stellt weiße lockere Kristall-
nadeln dar, die intensiv bitter schmecken und
in goo Teilen kalten oder 30 Teilen siedenden
Wassers löslich sind. Das zitronensaure Chinin
findet beschränkte medizinische Verwendung.

Zitronensaures Eisenchinin (Chinineisen-
zitrat, lat. Chininum ferro-citricum, frz. Citrate
de fer de quinine, engl. Citrate of iron and
quinia) bildet glänzende, durchschimmernde, dun-
kelrotbraune Blättchen von eisenartigem und bit-
terem Geschmack, die in Wasser langsam, aber
in jedem Verhältnis löslich sind. Das Eisen-
chininzitrat wird häufiger medizinisch angewandt
als das vorhergehende Salz und findet sich auch
im D. A. B. aufgeführt.

Zitronensaures Eisenoxyd (Eisenoxydzit rat,
Ferrizitrat, lat. Ferrum citricum oxydatum,
frz. Citrate de fer. engl. Citrate of iron) erhält
man durch Auflösen von frisch gefälltem Eisen-
hydroxyd in wäßriger Zitronensäurelösung, vor-
sichtiges Eindampfen der klaren Flüssigkeit bis
zur Sirupdicke und Trocknen des auf Glas-
platten ausgestrichenen Rückstandes. Das Ferri-
zitrat bildet dünne, durchscheinende Blättchen
von rubinroter Farbe und schwachem Eisen-
geschmack, die in siedendem Wasser leicht, in
kaltem Wasser langsam, aber vollständig löslich
sind. Die gelbe Lösung reagiert schwach sauer.
Wegen seines schwachen Eisengeschmacks
wird das Ferrizitrat, das für medizinische
        <pb n="509" />
        ﻿Zitronensäure Magnesia

502

Zucker

Zwecke 19—200/0 Eisen enthalten soll, als be-
liebtes Eisensalz verordnet.

Zitronensäure Magnesia (Magnesiumzitrat,
lat. Magnesium citricum, frz. Citrate de magnesie,
engl. Citrate of magnesia) stellt je nach der Be-
reitungsweise ein lockeres, kristallinisches Pulver,
feste kristallinische Krusten oder ein trockenes,
amorphes Pulver dar. Letzteres ist in kaltem
Wasser leicht löslich, während die ersten beiden
Formen sich darin nur langsam lösen. Magne-
siumzitrat dient als mildes Abführmittel, ist aber
gegenwärtig meist in der Form des offizinellen
brausenden Magnesiumzitrats (lat. Magne-
sium citricum effervescens, frz. Citrate de mag-
nesie grahulaire, engl. Eff ervescent citrate of mag-
nesia) in Gestalt weißer Körnchen im Ge-
brauche, die sich in Wasser unter Kohlensäure-
entwicklung zu einer angenehm säuerlich
schmeckenden Flüssigkeit auflösen.

Zitrophen, das zitronensaure Salz des p-Phe-
netidins, ist ein farbloses, wasserlösliches Kristall-
pulver vom Schmelzpunkt 1880, das. als Fieber-
mittel an Stelle des Phenazetins benutzt wird,
aber mit Vorsicht anzuwenden ist.

Zitwerwurzel (lat. Rhizoma zedoariae, frz. Zü-
doaire, engl. Zedoary root), ein vielbenutzter
Gegenstand des Drogenhandels, stammt von
einer Zingiberazee (Curcuma Zedoaria), die
in Ostindien, China und Madagaskar heimisch ist.
Die getrockneten Wurzelstöcke sind entweder in
Scheiben geschnitten oder der Länge nach ge-
viertelt. Der Holzkörper ist iah und hornartig
und gleich der oft abgeschäiten Rinde mit zahl-
reichen Harz- und Ölbehältern erfüllt. Als wirk-
same Bestandteile sind ein zineolhaltiges äthe-
risches Öl, bitteres aromatisches Harz und Stärke
zugegen. Der Geruch ist stark aromatisch, kamp-
ferartig, der Geschmack gleichzeitig brennend
und etwas bitter. Die Wurzel wird in der Phar-
mazie bei Bereitung von Gewürztinkturen, außer-
dem zu Magenlikören, wie Ingwer, das Zitwer-
wurzelöl (lat. Oleum zedoariae, frz. Ess'ence de
zedoaire, engl. Zedoary oil) zu aromatischen Li-
kören mit verwandt.

Zobelfelle. Zu dem edelsten und kostbarsten
Pelzwerk gehören die Felle des sibirischen Zo-
bels (russisch Sobol), einer Marderart (Mu-
stek zibellina), die an Größe und Lebens-
weise den deutschen Mardern gleicht und in
Fallen gefangen wird. Ihr höherer Wert beruht
auf der größeren Feinheit, Weichheit und Dauer-
haftigkeit. Die Wertverschiedenheiten der Felle
selbst hängen besonders von der Farbe ab, die
vom Hellbräunlichen bis in tiefes Dunkelbraun
geht. Je dunkler, desto teurer sind die Z., auch
ist der Pelz der Männchen größer, dichthaariger
und daher wertvoller als derjenige der Weib-
chen. Z., bei denen die längsten Haare weiß
sind und mit ihren Spitzen die anderen über-
ragen, heißen Silberzobel und werden nament-
lich deshalb geschätzt, weil sie nicht künstlich
gefärbt werden können. Die schönsten Felle
kommen aus dem östlichen Sibirien von Ir-
kutsk und Ochotsk, weniger schöne vom Jenissei,
der Lena und dem Amur. Die Z. bildeten ein
Monopol der russischen Regierung und wurden
von den Jägern entweder als Steuer geliefert,
oder an Beamte, verkauft und nach Petersburg
gesandt, wo die besten für besondere Zwecke
ausgesucht, die übrigen versteigert wurden. Sie

werden von reichen Russen und Chinesen, meist
als Pelzfütterung, getragen und dienen auch zur
Herstellung von Kragen und Mützen, bei uns
gewöhnlich nur von Besätzen für Damenpelze.
— Der amerikanische Zobel (Mustela ame-
ricana) ist ein Tier von derselben Größe und
Lebensart, aber gröberem Haar. Das Fell er-
scheint mehr rötlichbraun, zeigt aber sonst alle
Farbtöne von gelblich bis dunkelbraun. Die
schönsten amerikanischen Z. kommen von den
Küstenländern der Hudsonsbai und der Labra-
dorküste und werden wegen ihrer mäßigen Preise
in allen Ländern, auch in Rußland, am meisten
aber in England, verbraucht. Auch der kana-
dische Z. (M.,canadensis), auch Pekan oder
virginischer Iltisgenannt, liefertgeschätzteschwarze
oder graue Pelze. — Die Schweife der Zobel sind
ebenfalls wertvoll und dienen zu Besätzen für
Damenpelze, zu Herrenmützen usw. Das Fär-
ben der Z., um sie dunkler zu machen, sowie
anderer Felle, um sie den Zobeln ähnlicher zu
gestalten, wurde früher in großer Ausdehnung
betrieben, und noch heute nennen sich alte
Rauchwarenfäfber Zobelfärber.

Zoelestiner Tropfen, eine stark abführende
alkoholische Lösung von Aloe und Rhabarber
mit Zusatz von Eisensaccharat und aromatischen
Stoffen.

ZoeruleYn (Anthrazen- oder Alizaringrün)
ist ein Farbstoff der Phtaleingruppe, der durch
Behandlung von getrocknetem Gallein (s. d.)
mit konz. Schwefelsäure dargestellt wird und in
Form einer dicken braunen, in Wasser und Al-
kohol unlöslichen Paste in den Handel kommt.
Daneben findet sich als Zoerulein S. noch eine
pulverförmige, wasserlösliche Modifikation, die
aus einer Alkalisulfitlösung des Farbstoffes be-
steht. Z. liefert dunkelgrüne Farben von großer
Echtheit und wird namentlich in Kattundrucke-
reien als Paste mit Natriumbisulfit, Alaun oder
Chromalaun angewandt. Auch dient Z. zum
Färben von mit Chrom gebeizter Wolle, Seide
und Baumwolle. Der Tonerdelack ist hellgrün,
der besonders echte Chromlack dunkelgrün.

Zucker (lat. Saccharum, frz. Sucre, engl. Su-
gar). Unter diesem Namen faßt man in der
Chemie eine Anzahl von Kohlenhydraten zusam-
men, die in Wasser löslich und kristallisierbar
sind und, mit vereinzelten Ausnahmen, einen
mehr oder weniger süßen Geschmack besitzen.
Ihrer Konstitution nach kann man folgende
Gruppen von Zuckerarten unterscheiden: Mono-
saccharide oder Glykosen besitzen die Fähig-
keit, alkalische Metallsalzlösungen (Fehlingsche
Lösung) zu reduzieren und sich mit Alkalien gelb
zu färben. Sie drehen die Ebene des polarisierten
Lichtes und werden durch Hefe vergoren. Weil
ihr Molekül eine Kette von sechs KoMenstoff-
atomen enthält, C6H12Oe, werden sie auch als
Hexosen bezeichnet. Zu den Hexosen ge-
hören von bekannteren Zuckerarten der
Traubenzucker, Fruchtzucker, die Galaktose und
Sorbose. Die Zucker der zweiten Gruppe, die
Disaccharide oder Saccharosen kann man
auffassen als unter Austritt von einem Molekül
Wasser zustande gekommene Verbindungen von
zwei Glykosemolekülen, in die sie beim Er-
wärmen mit verdünnten Säuren unter Aufnahme
von Wasser, Hydrolyse, wieder zerfallen. Rohr-
zucker liefert hierbei je ein Molekül Trauben-
        <pb n="510" />
        ﻿I

Zucker

503

Zucker

zucker und Fruchtzucker; Milchzucker je ein Mo-
lekül Traubenzucker und Galaktose; Maltose gibt
zwei Moleküle Traubenzucker. Auch die Saccha-
rosen drehen die Polarisationsebene, zeigen aber
die übrigen Eigenschaften der Glykosen: Re-
duktion und Vergärung vielfach erst nach der
Hydrolyse. Ihre Zusammensetzung entspricht der
Formel C12H220U. Von der dritten Gruppe der
Zuckerarten, den Polysacchariden, besitzt nur
die Raffinose eine gewisse praktische Bedeutung.
Sie zerfällt bei der Hydrolyse in je ein Molekül
Traubenzucker, Fruchtzucker und Galaktose. Die
wichtigeren Zuckerarten sind unter ihrem eigenen
Namen besprochen worden. An dieser Stelle ist
daher nur diejenige Zuckerart zu behandeln, die
im alltäglichen Leben als Zucker schlechthin
bezeichnet wird, der Rohrzucker oder die
Saccharose. Der R. ist im Pflanzenreiche
außerordentlich verbreitet und wird wahrschein-
lich unter dem Einflüsse des Lichtes in den Blät-
tern erzeugt und von hier nach den Reserve-
organen weiter befördert. Größere Mengen ent-
halten hauptsächlich die Stengel einiger Gra-
mineen: Mais 7—90/0, Zuckerhirse (Sor-
ghum saccharatum) etwa 15 °/o, Zuckerrohr
etwa 20%; ferner der Saft verschiedener Bäu-
me, wie Birke, Ahorn; die Nektarien von
Kaktus-, Fuchsien- und Kleeblüten, ver-
schiedene Früchte: Mandeln, Feigen, Ana-
nas, Äpfel, Kirschen, und von Wurzeln, be-
sonders Rüben und Mohrrüben. Zur Gewin-
nung des Z. werden die hierzu geeigneten, d. h.
besonders zuckerreichen, Pflanzen durch Pressen
oder durch Ausziehen mit Wasser oder Alkohol
ihres Z. beraubt, und die erhaltenen Lösungen
nach mehr oder minder umständlicher Reini-
gung zur Kristallisation gebracht. Am einfach-
sten ist die Gewinnung aus Zuckerrohr, das im
Safte 14—20% Zucker enthält. Der ausgepreßte
Saft wird mit wenig Kalk aufgekocht, nach dem
Filtrieren in Vakuumapparaten eingedampft und
der auskristallisierte Zucker durch Zentrifugieren
von dem Sirup oder der Melasse befreit. Er
kommt dann als gelblicher oder bräunlicher Ko-
lonialzucker direkt in den Handel, oder wird
durch Raffinieren (Umkristallisieren) in Plut-
oder Brot-Z. oder in englischen Kristallzucker
übergeführt. Neuerdings wird auch das Diffu-
sionsverfahren angewandt. ■— Die Gewinnung
des Z. aus der Rübe ist wesentlich umständlicher,
da der Rübensaft weit mehr fremde Bestandteile
enthält, welche die Kristallisation verhindern und
daher entfernt werden müssen. Die gewaschenen
Rüben werden in der Schnitzelmaschine in feine
Stückchen zerteilt und dann in großen eisernen
Zylindern der Diffusion mit warmem Wasser
unterworfen. Der so gewonnene Saft ist reiner
als der früher durch Auslagen von Brei (Maze-
ration) erhaltene, da eine Reihe kolloidaler
Stoffe, wie Eiweißstoffe und Gummi, schwieriger
diffundieren als Zucker und Salze und daher in
den Schnitzeln Zurückbleiben. Zur Entfernung
der meisten in Lösung gegangenen Nichtzucker-
stoffe wird der Diffusionssaft in den Scheide-
pfannen mit 1V2—3 % gebranntem oder gelösch-
tem Kalk erwärmt, wobei sich ein Teil der Ver-
unreinigungen flockig abscheidet, und darauf zur
Ausfällung des gelösten Kalks mit Kohlensäure
gesättigt (saturiert). Der erforderliche Kalk
und die Kohlensäure wird von den Zuckerfabriken

durch Glühen von Kalkstein in eigenen Kalköfen
erzeugt. Nach Entfernung des Niederschlages in
Filterpressen wird ■ der nun hellfarbige Saft
entweder durch Knochenkohlebatterien, oder
neuerdings meist durch nochmalige schwache
Scheidesaturation mit Kalk und Kohlensäure,
oder endlich durch Behandlung mit schwefliger
Säure weiter gereinigt und dann in Vakuum-
apparaten. zum Dicksaft eingedampft. Der letz-
tere mit etwa 240 B wird dann nach nochmaliger
Filtration bis zum Auftreten von Kristallen wei-
ter eingedickt (auf Korn kochen), und die
erhaltene „Füllmasse“ zum Kristallisieren in
eiserne Kästen abgelassen. Die nach 12—24
Stunden völlig fest gewordene Masse wird zer-
kleinert und in Zentrifugen von dem Sirup be-
freit. Der letztere wird wieder eingekocht und
in gleicher Weise weiter behandelt und liefert
so nacheinander ein sog. zweites, drittes und
bisweilen viertes Produkt, bis aus der zuletzt
hinterbleibenden Melasse kein Z, mehr aus-
kristallisiert. Der Rohzucker, eine grobkristal-
linische gelbe Masse, ist nicht direkt zum Ver-
brauch geeignet, da ihm noch ein unangeneh-
mer, von kleinen Mengen Salzen herrührender
Beigeschmack anhaftet. Er enthält 80—96%
Zucker und wird in besonderen Fabriken (Raf-
finerien) weiter gereinigt. Zu diesem Zwecke
löst man ihn in V2—Vs seines Gewichts an Wasser,
entfärbt die Lösung mit Knochenkohle, dampft
sie zur Kristallisation ein und läßt sie in kegel-
förmigen Hutformen oder inKästen erstarren. Die
anhaftende Mutterlauge wird mittels Luftpumpen
durch Abnutschen oder durch Auswaschen
mit reiner, dicker Zuckerlösung (Decken) ent-
fernt, und ein geringer gelber Farbton durch Zu-
satz von etwas Ultramarin verdeckt. Wegen der
mit dem Ultramarinzusatz verbundenen Nachteile,
besonders der mit sauren Flüssigkeiten eintreten
den Schwefelwasserstoffentwicklung, bevorzugt
man neuerdings vielfach ungeblauten, sog. Lom-
pen-Z. Durch einfaches Decken des in Zentri-
fugen ausgeschleuderten Z. erhält man den Kri-
stallzucker; durch Erstarrenlassen der Lösung
in quadratisch abgeteilten Kasten den Würfel-
zucker. Der in spitz zulaufenden Formen er-
starrte Hutzucker oder Brotzucker besteht
aus sehr kleinen, zu einer festen marmorartigen,
aber doch porösen Masse zusammengeklebten
Kristallen. Er wird meist Raffinade genannt
und bildet die beste Sorte. Pild-Z. ist eine be-
sonders für den italienischen Markt bestimmte
Form, die aus erbsengroßen, feinkristallinischen
Körnchen besteht, Melis, eine etwas gelbliche
Raffinade, und Farin (Mehlzucker) ein aus
schlecht ausgefallenen Broten und Abfällen aller
Art durch Mahlen hergestelltes Pulver. Kan-
dis wird durch sehr langsame, ungestörte Kri-
stallisation konzentrierter Zuckerlösungen erhal-
ten. Zur Gewinnung der noch in der Melasse
verbliebenen Zuckerreste sind zahlreiche Me-
lasse-Entzuckerungsverfahren in Vorschlag
gebracht worden, ohne sich auf die Dauer be-
hauptet zu haben. Das Osmoseverfahren be-
ruht auf der Eigenschaft des Zuckers, durch
poröse Membranen (Pergamentpapief) weniger
schnell zu diffundieren als Salze. Beim Elu-
tionsverfahren wird der Zucker aus der Me-
lasse durch Zusatz von Kalk als Trikalzium-
saccharat gefällt, letzteres abfiltriert, mit Al-
        <pb n="511" />
        ﻿Zucker

504

Zuckerrüben

kohol ausgewaschen und mit Kohlensäure zer-
setzt. In ähnlicher Weise arbeitet man auch mit
Strontian und Baryt. — Nächst dem Rohr-
und Rübenzucker hat der mit ihnen chemisch
völlig identische Palmzucker aus dem Safte
von Arenga saccharifera, Cocos nucifera,
Sagus rumphii, Borassus flabelliformis
und Phoenix dactylifera eine gewisse Bedeu-
tung. Zu seiner Gewinnung bohrt man während
oder nach der Blütezeit die Stämme an und
dampft den Saft mit etwas Kalk bis zur Kri-
stallisation ein. Die Palmen gewähren, wenn die
Saftgewinnung nicht übertrieben wird, viele Jahre
lang eine gute Ausbeute, einzelne Kokospalmen
mehr als 250 kg Saft oder Gallon mit 50 kg Z.
Der hauptsächlich in Ostindien, auf Zeylon und
Java hergestellte Palmenzucker wird als Jag-
gery (Jagara-, Jagre-Z.) bezeichnet. Außer-
dem werden noch Zuckerahorn, Mais und Sorgho»
namentlich in Nordamerika, zur fabrikmäßigen
Gewinnung des Zuckers herangezogen. — Der
Z. bildet farblose, monokline, meist hemiedrisch
ausgebildete Kristalle, schmeckt stark süß und
löst sich leicht in Wasser. Die Lösungen drehen
das polarisierte Licht stark rechts, und zwar be-
trägt die spez. Drehung 66,39. Bei vorsichtigem
Erhitzen schmilzt Z. gegen 1600 und erstarrt dar-
auf zu einem amorphen Glase (Gerstenzucker),
das aber nach einiger Zeit von selbst wieder kri-
stallinisch und undurchsichtig wird. , Bei stär-
kerem Erhitzen bräunt sich die Masse und geht
unter Entweichen von Kohlensäure und anderen
Gasen in Karamel (Zuckercouleur, gebrann-
ter Z.) über. Durch konzentrierte Schwefelsäure
und durch Salzsäuregas wird Z. geschwärzt. Bei
Behandlung mit verdünnten Säuren nimmt er ein
Molekül Wasser auf und zerfällt in ein Gemenge
gleicher Moleküle Traubenzucker und Frucht-
zucker, das nun nicht mehr nach rechts, sondern
umgekehrt nach links dreht und deshalb Invert-
Z. genannt wird. Rohrzucker ist nicht direkt ver-
gärbar, wird aber durch das in der Plefe ent-
haltene Ferment Invertin in seine beiden Be-
standteile gespalten und dann völlig vergoren.
Zur quantitativen Bestimmung des Z. be-
dient man sich hauptsächlich der Polarisation,
und zwar des Saccharimeters oder Halb-
schattenapparates. Bei Beobachtung einer
Lösung von 26,048 g Substanz (Normalgewicht)
in Wasser zu 100 ccm entspricht jeder Grad des
Maßstabes einem Prozent Z. Außer dem durch
Polarisation ermittelten Zuckergehalte wird für
die Bewertung des Rohrzuckers seitens der Raffi-
nerien noch das sog. Rendement berücksich-
tigt, indem man den fünffachen Betrag des
Aschengehaltes in Abzug bringt. Auch kann für
Invertzucker der fünffache Betrag abgerechnet
werden. Der Grund hierfür ist die Verringerung
der Ausbeute durch Asche sowohl als durch
Invertzucker. — Der Zucker, als das allgemeine
Versüßungs- und Konservierungsmittel, wird in
ungeheuren Mengen hergestellt und verbraucht.
Im Jahre 1914 betrug die Welterzeugung rund
18,5 Millionen Tonnen, nämlich 10 Millionen
Tonnen Rohrzucker und 8,5 Millionen Tonnen
Rübenzucker, und von letzterem entfielen allein
auf Deutschland 2,2 Millionen Tonnen, Die hier-
für erforderlichen 13 Millionen Tonnen Zucker-
rüben wurden auf 543 000 ha geerntet und in
448 Fabriken verarbeitet. Der Zuckerverbrauch

betrug auf den Kopf der Bevölkerung 19,6 kg
gegen 33 kg in England.

Zuckercouleur (Karamel, lat. Tinctura sac-
chari tosti, Saccharum tostum, frz. und engl.
Couleur) nennt man einen zum Braunfärben von
Nahrungs- und Genußmitteln bestimmten Sirup,
der im wesentlichen aus den bei höherer Tempe-
ratur gebildeten Zersetzungsprodukten von Zucker-
arten besteht. Zu ihrer Darstellung schmilzt man
Rohrzucker, Traubenzucker oder Stärkesirup, letz-
teren meist unter Zusatz von 4 °/o Soda oder Am-
moniumkarbonat, in eisernen Kesseln bei etwa
2000, wobei der Zucker sich in eine glasige
dunkelbraune Masse verwandelt, die nach dem
Erkalten in dem halben Gewicht Wasser gelöst
wird. Z. löst sich in Wasser mit dunkelbraunen,
bei stärkerer Verdünnung in den verschiedensten
Farbtönen bis zum Goldgelb und gibt in ihren
besseren Sorten (aus Rübenzucker) auch mit Al-
kohol verschiedener Grade klare Lösungen. Die
beste Sorte, Rum- oder Spirituscouleur, löst
sich noch klar in 90—95 0/0 igem Alkohol und darf
jedenfalls mit 80% igem Alkohol keine Trübung
geben. Bier- oder Essigcouleur bleibt mit
7S°/oigem Alkohol klar. Z. wird entweder als
Sirup in Fässern von 6—8 Zentner Inhalt, oder
neuerdings auch in Form Tester Tafeln in den
Handel gebracht und dient zum Färben von
Wein. Bier, Branntwein, Kaffee-Ersatz und zahl-
reichen anderen Genußmitteln.

Zuckerrüben (Zu'ckerrunkel, frz. Betterave
sacchariföre, Betterave blanche ä Sucre, Blanche de
silüsie,engl.Sugarbeet-rave)isteinedurchVerede- 4
lung gewonnene Abart (Beta vulgaris rapa-
cea saccharifera) der Runkelrübe (Dick-
wurz, Mangold, Beißkohl, römischer Spi.
nat, Eurgunderrübe, Rungkraut), die als
Gemüse- und Futter-, Garten- und Feldpflanze,
in der Hauptform Mangold, B. vulgaris var.
Cicla, mit den Abarten Schnittkohl und rote
Rübe, und B. vulgaris var. rapacea, Futter-
und Zuckerrunkel, angebaut wird. Die Ver-
vollkommnung der Rübe zu den Zwecken der
Zuckergewinnung gelang erst in Quedlinburg
vom Jahre 1824 an, und seitdem kennt man die
Z. als besondere Art in mehreren Spielarten.

Von letzteren sind folgende als die besten anzu-
führen: die bimförmige, schlesische weiße
Z. mit festem Fleisch und grünem Kopf, die am
besten auf trockenem, leichtem Boden fort-
kommt. die für schweren Boden geeignete Qued-
linburger Z. mit spindelförmiger Gestalt und
rosafarbigem Kopf, die kleinere, weiße, weiß- und
festfleischige Imperial- oder Knauersche Z.
mit stumpfen Kopf und schlank bimförmiger
Gestalt, die sibirische Z., die mährische oder
Castelnaudory, die französische oder bel-
gische (Vilmorins Z.), die tellerförmige
Wiener, die Czabayer Imperial, die Wanz-
lebener, die Schlanstädter, die Bestahorn-
sche und die olivenförmige Erfurter (Büch-
nersche). — Gute Z. müssen einen möglichst
großen Gehalt an Zucker, der bis zu 18 und 2o°l°
ansteigen kann, haben, hingegen möglichst wenig
Nichtzucker, d. h. Eiweißstoffe, Salze und andere
die Verarbeitung störende Stoffe enthalten. Weh
tere Anforderungen an gute Zuckerrüben sind,
daß sie hauptsächlich im Boden wachsen, weh
der an dem Lichte grün werdende Kopf nicht
auf Zucker verarbeitet werden kann. Auch so!Rn
        <pb n="512" />
        ﻿Zuckerrüben

505

Zündhölzer

sie möglichst glatt sein, keine Verästelungen,
wenig und feine Seitenwurzeln treiben, im Fleisch
dicht, hart und weiß sein, damit sie beim Zer-
kleinern möglichst wenig Abfall geben. Diesen
Anforderungen entsprechen die erstgenannter^
Arten am besten. Die Zucht von Samen guter Z.
ist sehr lohnend und wird von Handelsgärtnem
und auch von einzelnen Landwirten im Großen
betrieben. — Der Anbau der Z. setzt die Vereini-
gung geeigneten Bodens, günstigen Klimas, leich-
ten Bezugs und guter Arbeitskräfte voraus. Auch
ist die Nähe einer Zuckerfabrik und zur Verwer-
tung der Abfälle die Einführung von Viehzucht
erforderlich. In Deutschland bildet die Magde-
burger Ebene das Hauptgebiet. Nächst diesem
ist der Anbau noch bedeutend in Schlesien und
um Braunschweig, ferner in Anhalt, der Um-
gegend von Leipzig (Markranstädt, Lützen) und
Döbeln; in Österreich besonders in Böhmen und
Mähren, und in Frankreich in den Norddeparte-
ments, mit Lille als Mittelpunkt. Neuerdings
beteiligen sich auch Belgien. Holland, Schweden,
Rußland, England und Amerika am Rübenbau.
Die Z. wird vorzugsweise direkt ausgesät, und
zwar auf vorher sehr sorgfältig bearbeiteten und
gut, wenngleich nicht zu reichlich gedüngten
Boden. Von den Düngemitteln sind Phosphor-
säure und Kali in erster Linie zu berücksichtigen.
Man ackert kleine Beete oder Kämme und sät
auf diese, also reihenförmig, mittels besonderer
Maschinen oder mit der Hand je 3—4, selten bis
acht Samen an eine Stelle. Zur besseren Kei-
mung läßt man den Samen oft vorher quellen
oder mischt ihn mit feinem Sande. 1 hl „Samen“
wiegt im Durchschnitt 25 kg. — Für den Fabri-
kanten kommt es darauf an, die Z. möglichst oft
bauen zu können, die Bedingungen ihres Wachs-
tums also vollständig zu beherrschen. Es ist jetzt
gelungen, bis t/a der verfügbaren Bodenfläche un-
bedenklich mit Z. zu bebauen; hingegen emp-
fiehlt es sich im Großen nicht, darüber hinauszu-
gehen, weil dann die zahlreichen Feinde der
Pflanzen zu sehr überhandnehmen und den An-
bau eine Zeitlang unmöglich machen. Hinsicht-
lich der Düngung und Bearbeitung gibt es keine
Schwierigkeiten mehr. Der Rübenbauer braucht
am meisten Handelsdünger und die besten Acker-
gerätschaften, verwendet am meisten Sorgfalt
mit Jäten, Verpflanzen, Behacken, Behäufeln
usw. auf seine Felder und führt unter großem
Kostenaufwand einen unablässigen Krieg gegen
die Feinde aus der Tier- und Pflanzenwelt.
Unkraut (Melden, Ackersenf usw.), Rost der
Blätter, Herzfäule, Fäulnis durch den Wurzel-
töter, Schwärze oder Rußtau, Blattdürre und eine
der Kartoffelkrankheit ähnliche Erkrankung, die
fast alle durch Pilze veranlaßt werden, ferner
Aaskäfer, schwarze Moosknopfkäfer, Rüben-
nematoden (nach manchen die Ursache der
Rübenmüdigkeit), Saatschnellkäfer, neblige Schild-
käfer, Kohl-, Wintersaat- und Ypsiloneule, Run-
kelfliege und Engerlinge sind die hauptsächlich-
sten Feinde, welche die Z. bedrohen. Der Zucker-
gehalt wird außerdem wesentlich durch dieWitte-
rmlg bedingt und kann deshalb nach Jahrgängen
bedeutenden Schwankungen unterliegen. Die
Blätter kommen als Futtermittel in Betracht.
Die Ernte findet so spät als möglich statt, die
Aufbewahrung jetzt nur noch in Erdmieten. —-
Zur Samenzucht werden, wie bei allen ähn-

lichen Gewächsen, die schönsten, am gleichmäßig-
sten gewachsenen, unverletzten, aber nicht über
1 kg schweren Rüben bestimmt, bei der Ernte
sofort ausgeschieden und dadurch rum Überwin-
tern hergerichtet, daß man die Blattrosetten aus-
dreht oder ohne Verletzung der Herzknospe s cm
über dem Kopfe abschneidet. Die Rüben kom-
men dann im Keller in ein Sandbett und werden
im Frühjahr auf ihren Zuckergehalt geprüft, in-
dem man mit Hilfe besonderer Maschinen etwas
Rübenbrei herausbohrt und der polarimetrischen
Untersuchung unterwirft. Die zuckerreichsten
Rüben werden nun ausgelesen und nach Ver-
schließung des Bohrlochs mit Erde im April in
gartenmäßig, bearbeitetes, besonderes Ackerland
mit einem Flächenraume bis zu 1 qm für jede
Pflanze ausgepflanzt. Die weitere Behandlung
im Felde besteht im Reinhalten, Lockern, Be-
häufeln und Anbinden der Stengeltriebe. Der
Same wird geerntet, sobald die Fruchtknäule
gebräunt erscheinen. Man schneidet mit hoher
Stoppel und läßt auf dieser die Nachreife und das
Trocknen vor sich gehen. Die Gewinnung erfolgt
schließlich bei Winterkälte durch Ausdreschen,
nur bei sehr wertvollen Sorten pflückt man
den Samen mit der Hand und erzielt als Ertrag

5—10 dz. — Die Z. sind nur selten Gegenstand
des Verkaufs für Händler, da die Fabriken sich
den Bedarf durch Abschlüsse mit den Landwirten
sichern und diesen die Abfälle zurückgewähren,
zum Teil auch selbst Viehzucht betreiben. So-
weit die Fabriken Aktienunternehmen sind, suchen
sie die Landwirte auch mit Aktien zu beteiligen
und geben dann etwas ermäßigte Preise. Für
den Handel kommt hauptsächlich der Samen in
Betracht, soweit nicht wiederum Selbstzucht statt-
findet. Zum Teil liefern die Handelsgärtner das
Saatgut und dann meist nur von den besten
Sorten, für welche die höchsten Preise gelten,
die größten Mengen werden aber von besonderen
Rübensamenzüchtereien in denVerkehr gebracht.

Zündhölzer (Streichhölzer). Dieses in un-
geheuren Mengen verbrauchte Mittel zur Feuer-
erzeugung ist erst seit etwa 80 Jahren bekannt.
Bis dahin verschaffte man sich Feuer mit . Hilfe
von Stahl, Feuerstein und Schwamm oder seit
1805 mittels des sog. Tunkfeuerzeugs, indem
man an einem Ende mit Schwefel und chlor-
saurem Kali versehene Hölzchen auf mit kon-
zentrierter Schwefelsäure getränkten Asbest
tupfte. 1832 wurden von verschiedenen Fabriken,
in Deutschland von dem Württemberger Käm-
merer, die ersten Phosphorzündhölzer in den
Handel gebracht, die sich an jeder Fläche ent-
zündeten und trotz wiederholter Verbote all-
gemeine Verbreitung fanden. Die Plölzchen wer-
den in waldreichen Gegenden, im Schwarz- und
Böhmerwald, Erzgebirge, Riesengebirge und El-
saß, ferner in Österreich und Schweden aus wei-
chen Hölzern, Pappel, Esche, Fichte und Tanne
meist mit Maschinen geschnitten und dann in
besonderen Fabriken mit den Zündköpfen ver-
sehen. Man taucht sie zu diesem Zwecke mit
einem Ende in geschmolzenen Schwefel oder bei
den besseren Sorten in Stearin oder Paraffin und
nach demTrocknen des Überzuges in die eigent-
liche Zündmasse, ein Gemisch von fein zerteilten
Phosphorstückchen und Leim, Gummi, Dextrin
oder anderen Bindemitteln. Vielfach enthält die
Zündmasse neben dem Phosphor noch andere
        <pb n="513" />
        ﻿Zündwaren

506

Zyperweine

Oxydationsmittel, wie Braunstein, Salpeter, Men-
nige oder Bleisuperoxyd. Die hohe Giftigkeit der
Phosphorzündhölzer und die mit ihrer Herstel-
lung verbundenen gesundheitlichen Gefahren
haben schon frühzeitig Versuche zum Ersatz des
Phosphors veranlaßt, die zur Erfindung der sog.
Sicherheitszündhölzer führten. Obgleich eine
deutsche Erfindung, gelangten diese doch erst
zu Ansehen, als sie auf dem Umwege über
Schweden, als sog. schwedische Z. zu uns
kamen. Die Sicherheitszündhölzer enthalten keinen
giftigen, (weißen) Phosphor. Ihr Zündkopf be-
steht vielmehr aus einem Gemenge von vorwie-
.gend chlorsaurem Kalium und etwas Schwefel,
Schwefelantimon, chromsaurem Kalium oder Men-
nige mit Bindemitteln (Dextrin usw.). Sie ent-
zünden sich nur an besonderem Reibflächen, die
einen Überzug von Schwefelantimon, rotem (un-
giftigem) Phosphor und Gummi erhalten haben.
Zur Verhinderung des lästigen Nachglimmeins
werden die Holzdrähte meist mit phosphorsaurem
Ammonium imprägniert. Da die außerordentlich
bequeme Handhabung der Phosphorhölzer ihre
Verdrängung verhinderte, ist im Hinblick auf
die zahllosen Opfer der Phosphornekrose durch
Reichsgesetz bestimmt worden, daß weißen Phos-
phor enthaltende Z. vom l. I. 1907 in Deutschland
weder hergestellt, noch in Verkehr gebracht
werden dürfen. Vom 1. I. 1908 an ist auch die
Einfuhr aus dem Ausland verboten. Als Ersatz
sind bereits jetzt verschiedene brauchbare Z. im
Handel, die sich an jeder Reibfläche entzünden
lassen und hauptsächlich eine ungiftige Form
des Phosphors, den sog. hellroten Phosphor, oder
auch Phosphortrisulfid oder Sulfophosphit ent-
halten. Hingegen haben sich die nach dem vom
Reiche angekauften Schwienigschen'Verfahren
hergestellten sog. Reichs-Z. mit bleisaurem Kal-
zium als unbrauchbar erwiesen. —- Bengalische Z.,
hergestellt durch Zusatz von Buntfeuermischung,
in grün, rot usw., gelten als Feuerwerkskörper.

Zündwaren. Hierzu gehören dem Zolltarif
nach Zündpillen, Zündspiegel, Zündplättchen für
Kinderpistolen, sog. Amorces, usw. Alle diese
Waren werden aus einer Mischung von amor-
phem Phosphor mit Kaliumchlorat hergestellt.
Die Entzündung geschieht durch Schlag, wobei
eine knallende Explosion erfolgt (s. auch Spreng-
stoffe).

Zwiebel (Bolle, Gartenlauch, H auszwie-I
bei, Knofler, Zigeller, gemeine Z., lat. Bul-
bus cepae, frz. Oignon, engl. Onion), eine Unter-
art der sehr artenreichen Pflanzenfamilie Lauch,
Allium Cepa L., bildet ein bekanntes Küchen-
gewürz, das von Gärtnern und Landwirten im
Feldgemüsebau erzeugt und in den Handel ge-
bracht wird. In Deutschland baut man die Z.
hauptsächlich in der Gegend von Heldrungen,
Ariern, Zörbig, Lübbenau, Ulm, Arnstadt, Naum-
burg, Hannover, Darmstadt und in der Pfalz im
großen und verkauft sie auf besonderen Zwiebel-
märkten. Am beliebtesten sind glattrunde, hell-
rote und gelbe Sorten, in verschiedenen Größen,
bis zu 1,5 kg schwer. Die Vermehrung erfolgt
durch Stecklinge und durch Samen, die auch für
sich eine bedeutende Handelsware bilden, Von
den mehr als 263 Arten, die in der alten Welt,
im gemäßigten und warmen Klima, am meisten
in Südeuropa, dem Orient und in Zentralasien bis

Tibet gedeihen, werden folgende als Küchen-
gewürz benutzt. 1. Knoblauch, wild und an-
gebaut, A. sativum L. (lat. Bulbus allii, frz.
Töte d’atil, engl. Garlic), walnußgroße Zwiebeln
.von scharfem, dem der Asa foetida ähnlichem
Geruch. Man verwendet K. außer als Küchen-
gewürz medizinisch als Wurmmittel. Die Haupt-
bestandteile sind ätherisches Öl und Schwefel-
allyl. Das ätherische öl wird auch in der Wurst-
fabrikation verwandt. 2. Porree, Aschlauch,
Sommer- und Winterpflanze, A. Ampelopra-
sum L., A. Porrum L., in vielen Spielarten in
Europa, Nordfrankreich und im Orient allgemein
angebaut. 3. Schnittlauch, A. Schoenopra-
sum L., eine ausdauernde, in Europa, Mittel-
asien und Nordamerika wild wachsende, in Gär-
ten vielfach gezogene Pflanze, dient als Zwie-
bel- und Blattgewürz. 4. Schalotte (Eche-
lotte, Scharlotte), A. ascalonicum L., P.
ascalonicum Rchb., wird im Orient, der klei-
nen, sehr milden und feinen Zwiebelchen wegen
angebaut. —• Die Z. enthält eigentümliche schwe-
felhaltige ätherische öle, die ihren scharfen Ge-
ruch und Geschmack bedingen. Verkauft werden
sie zu Schnüren und Kränzen zusammengebunden
sowie auch nach Schock und Hundert oder nach
Hektolitern und Litern zu wechselnden Preisen.

Zwiebelöl, das ätherische öl der gewöhn-
lichen Zwiebel, Allium Cepa, besitzt den schar-
fen Geruch der Zwiebeln und eine rotbraune
Farbe. Das spez, Gew. beträgt 1,036. Aus 5000 kg
Zwiebeln erhält man 233 g dieses nur selten dar-
gestellten Öles.

Zyanin, ein neuer blauer Teerfarbstoff für die
Färberei; vgl. Chinolinfarbstoffe.

Zyanverbindungen (Cyanide. Zyanide), eine
Reihe von Salzen, welche die aus Kohlenstoff
und Stickstoff gebildete Zyangruppe (CN) ent-
halten und in ihrem chemischen Verhalten den
Chlor-, Brom- und Jodverbindungen ganz analog
sind, entstehen beim Glühen stickstoffhaltiger
organischer Stoffe mit Kaliummetall, bei der
Spaltung des Amygdalins (s. d.) mit Wasser und
auf zahlreiche andere Weisen. Näheres vgl.
Unter Kaliumzyanamid, Berlinerblau, Blausäure,
Kalziumzyanid, Quecksilberzyanid.

Zykasstämme, Zykaswedel. Die zu den
Gymnospermen gehörende Pflanzenfamilie der
Zykadeen ist durch ihre Zweige für den inlän-
dischen Handel von Bedeutung geworden. Die
Zykadeen sind tropischer Herkunft und ähneln
in ihrem Wuchs den Palmen, die Zweige mit
ihren Blättern ähneln je nach der Art bald den
Nadelhölzern, bald den Famen. Wegen ihrer
Verwendung als Blumenschmuck und als Zier-
gewächse werden die Z. neuerdings vielfach in
den Handelsgärtnereien gezogen.

Zytnin, eine Art Dauerbefe, wird durch Ent-
wässerung von Hefe durch Behandlung mit Aze-
ton und Äther hergestellt und wie eine Reihe
ähnlicher Mittel (Furunkulin) gegen Furunkeln,
Verstopfung und Vaginalkatarrhe verordnet.

Zyperweine, die Weine von der Insel Zypern,
sind goldgelb, mäßig süß, feurig, von etwas
herbem Geschmack und kräftigem Aroma. Da-
neben gibt es aber auch süße Muskatlikörweine.
Die beste Sorte ist der Cypro commendaria
und der Cypro Paphos. Sie dürfen nicht zu
kalt lagern.
        <pb n="514" />
        ﻿507

Verordnung,

betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln.

Vom 22. Oktober 1901.

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen
usw., verordnen im Namen des Reiches auf Grund der Bestimmungen im § 6
Abs. 2 der Gewerbeordnung (R. G. Bl. igoo, S. 871), was folgt:

§ 1. Die in dem angeschlossenen Verzeichnisse A aufgeführten Zube-
reitungen dürfen, ohne Unterschied, ob sie heilkräftige Stoffe enthalten oder
nicht, als Heilmittel (Mittel zur Beseitigung oder Linderung von Krankheiten
bei Menschen oder Tieren) außerhalb der Apotheken nicht feilgehalten oder
verkauft werden.

Dieser Bestimmung unterliegen von den bezeiebneten Zubereitungen, soweit
sie als .Heilmittel feilgehalten oder verkauft werden,

a)	kosmetische Mittel (Mittel zur Reinigung, Pflege oder Färbung der Haut,
des Haares oder der Mundhöhle), Desinfektionsmittel und Hühneraugen-
mittel nur dann, wenn sie Stoffe enthalten, welche in den Apotheken
ohne Anweisung eines Arztes, Zahnarztes oder Tierarztes nicht abge-
geben werden dürfen, kosmetische Mittel außerdem auch dann, wenn
sie Kreosot, Phenylsalizylat oder Resorzin enthalten;

b)	künstliche Mineralwässer nur dann, wenn sie in ihrer Zusammensetzung
natürlichen Mineralwässern nicht entsprechen und zugleich Antimon,
Arsen, Barium, Chrom, Kupfer, freie Salpetersäure, freie Salzsäure oder
freie Schwefelsäure enthalten.

Auf Verbandstoffe (Binden, Gazen, Watten u. dgl.), auf Zubereitungen zur
Herstellung von Bädern sowie auf Seifen zum äußerlichen Gebrauche findet die
Bestimmung im Abs. 1 nicht Anwendung.

§ 2. Die in dem angeschlossenen Verzeichnisse B aufgeführten Stoffe dürfen
außerhalb der Apotheken nicht feilgehalten oder verkauft werden.

§ 3. Der Großhandel unterliegt den vorstehenden Bestimmungen nicht.
Gleiches gilt für den Verkauf der im Verzeichnisse B aufgeführten Stoffe an
Apotheken oder an solche öffentliche Anstalten, welche Untersuchungs- oder
Lehrzwecken dienen und nicht gleichzeitig Heilanstalten sind.

§ 4. Der Reichskanzler ist ermächtigt, weitere, im einzelnen bestimmt zu
bezeichnende Zubereitungen, Stoffe und Gegenstände von dem Feilhalten und
Verkaufen außerhalb der Apotheken auszuschließen.

§ 5. Die gegenwärtige Verordnung tritt mit dem 1. April 1902 in Kraft.
Mit demselben Zeitpunkte treten die Verordnungen, betreffend den Verkehr
mit Arzneimitteln, vom 27. Januar 1890, 31. Dezember 1894, 25. November i8g5
und 19. August 1897 (R.G.B1. 1890, S. 9, 1895, S. 1 und 455, 1897, S. 707)
außer Kraft.

Gegeben Neues Palais, Potsdam, den 22. Oktober 1901.

Wilhelm.

Graf von Posadowsky.
        <pb n="515" />
        ﻿508

Verzeichnis R.

1.	Abkochungen und Aufgüsse (decocta et in-
fusa);

2.	Ätzstifte (styli caustici);

3.	Auszüge in fester oder flüssiger Form (ex-
tracta et tincturae), ausgenommen:

Arnikatinktur,

Baldriantinktur, auch ätherische,
Benediktineressenz,

Benzoetinktur,

Bischofessenz,

Eichelkaffee-Extrakt,

Fichtennadelextrakt,

Fleischextrakt,

Himbeeressig,

Kaffee-Extrakt,

Lakritzen (Süßholzsaft), auch mit Anis,
Malzextrakt, auch mit Eisen, Lebertran oder
Kalk,

Myrrhentinktur,

N elkentinktur,

Tee-Extrakt von Blättern des Teestrauches,
Vanillintinktur,

Wacholderextrakt;

4.	Oemenge, trockene, von Salzen oder zer-
kleinerten Substanzen, oder von beiden unter-
einander, auch wenn die zur Vermengung
bestimmten einzelnen Bestandteile gesondert
verpackt sind (pulveres, salia et species mixta)
sowie Verreibungen jeder Art (triturationes),
ausgenommen:

Brausepulver aus Natriumbikarbonat und
Weinsäure, auch mit Zucker oder ätheri-
schen Ölen gemischt,

Eichelkakao, auch mit Malz,
Hafermehlkakao,

Riechsalz,

Salizylstreupulver,

Salze, welche aus natürlichen Mineralwäs-
sern bereitet oder den solchergestalt be-
reiteten Salzen nachgebildet sind,
Schneeberger Schnupftabak mit einem Ge-
halte von höchstens drei Gewichtsteilen
Nieswurzel in 100 Teilen des Schnupf-
tabaks ;

5.	Gemische, flüssige, und Lösungen (mixturae
et solutiones), einschließlich gemischte Bal-
same, Honigpräparate und Sirupe, aus-
genommen :

Ätherweingeist (H off mannstropfen).
Ameisenspiritus,

Aromatischer Essig,

Bleiwasser, mit einem Gehalte von höch-
stens zwei Gewichtsteilen Bleiessig in
100 Teilen der Mischung,
Eukalyptuswasser,

Fenchelhonig,

Fichtennadelspiritus (Waldwollextrakt).
Franzbranntwein mit Kochsalz,

Kalkwasser, auch mit Leinöl,
Kampferspiritus,

Karmelitergeist,

Lebertran mit ätherischen ölen,
Mischungen von Ätherweingeist, Kampfer-
spiritus, Seifenspiritus, Salmiakgeist und

Spanischpfeffertinktur oder von einzelnen
dieser fünf Flüssigkeiten untereinander
zum Gebrauche für Tiere, sofern die ein-
zelnen Bestandteile der Mischungen auf
den Gefäßen, in denen die Abgabe er-
folgt, abgegeben werden,

Obstsäfte mit Zucker, Essig oder Frucht-
säuren eingekocht,

Pepsinwein,

Rosenhonig, auch mit Borax,

Seifenspiritus,

Weißer Sirup;

6.	Kapseln, gefüllte, von Leim (Gelatine) oder
Stärkemehl (capsulae gelatinosae et amyl-
aceae repletae), ausgenommen solche Kap-
seln, welche

Brausepulver der unter Nr. 4 angegebenen
Art,

Kopaivabalsam,

Lebertran,

N atriumbikarbonat,

Rizinusöl oder
Weinsäure enthalten;

7.	Latwergen (electuaria);

8.	Linimente (linimenta), ausgenommen:

flüchtiges Liniment;

9.	Pastillen (auch Plätzchen und Zeltchen),
Tabletten, Pillen und Körner (pastilli, rötulae
et trochisci, tabulettae, pilulae et granula),
ausgenommen :

aus natürlichen Mineralwässern oder aus
künstlichen Mineralquellsalzen bereitete
Pastillen,

Einfache Molkenpastillen,
Pfefferminzplätzchen,

Salmiakpastillen, auch mit Lakritzen und
Geschmackzusätzen, welche nicht zu den
Stoffen des Verzeichnisses B gehören;

Tabletten aus Saccharin, Natriumbikarbonat
oder Brausepulver, auch mit Geschmack-
zusätzen, welche nicht zu den Stoffen
des Verzeichnisses B gehören;

10.	Pflaster und Salben (emplastra et unguenta),
ausgenommen:

Bleisalbe zum Gebrauche für Tiere,
Borsalbe zum Gebräuche für Tiere,
Cold-cream, auch mit Glyzerin, Lanolin
oder Vaselin,

Pechpflaster, dessen Masse lediglich aus
Pech, Wachs, Terpentin und Fett oder
einzelnen dieser Stoffe besteht.
Englisches Pflaster,

Heftpflaster,

Hufkitt,

Lippenpomade,

Pappelpomade,

Salizyltalg,

Senfleinen,

Senfpapier,

Terpentinsalbe zum Gebrauch für Tiere,
Zinksalbe zum Gebrauch für Tiere;

11.	Suppositorien (suppositoria) in jeder Form
(Kugeln, Stäbchen, Zäpfchen oder dgl.) sowie
Wundstäbchen (cereoli).
        <pb n="516" />
        ﻿509





Verzeichnis B.

Bei den mit * versehenen Stoffen sind auch die Abkömmlinge der betreffenden Stoffe sowie die Salze der Stoffe und

ihrer Abkömmlinge inbegriffen.

*Acetanilidum.

Acida chloracetica.

Acidum benzoücum e resina sublimatum.

—	camphoricum.

—	cathaxtinicum.

—	ciimamylicum.

—	chrysophanicum.

—	hydrobromicum.

—	hydxocyanicum.

*— lacticum.

*— osmicum.

—	sderotinicum.

*— sozojodolicum.

—	succinicum.

*— sulfocarbolicum.

*— valerianicum.

*Aconitinum.

Actolum.

Adonidinum.

Aether bromatus.

—	chloratus.

•—• jodatus.

Aethyleni präparata.

Aethylidenum bichloratum.

Agaricintum.

Airolum.

AJuminium acetico tartaricum.
Ammonium chloratum ferratum.
Amylenum hydrätum.

Amylium nitrosum.

Anthrarobinum.

♦Apomorphinum.

Aqua Amygdalarum amararum.

—	Lauro-cerasi.

—	Opii.

—	vulneraria spirituosa.

*Arecolinum.

Argentaminum.

Argentolum.

Argoninum.

Aristolum.

Arsenium jodatum.

*Atropinum.

Betodum.

Bismutum bromatum.

—	oxyjodatum.

—	subgallicum (Dermatolum).

.— subsalicylicum.

—	tannicum.

Blatta orientalis.

Bromalum hydrätum.

Bromoformium.

*Brucinum.

Bulbus Scillae siccatus.

Butylchloralum hydrätum.

Camphora monobromata.
Cannabinonum.

Cannabinum tannicum.

Cantharides.

Cantharidinum.

Cardolum.

Castoreum canadense.

Castoreum sibiricum.

Cerium oxalicum.

*Chinidinum.

*Antifebrin.

Die Chloressigsäuren.

Aus dem Harze sublimierte Benzoesäure.
Kampfersäure.

Kathartinsäure.

Zimtsäure.

Chrysophansäure.

Bromwasserstoffsäure.
Zyanwasserstoffsäure (Blausäure).
*Milchsäure.

*Osmiumsäure.

Sklerotinsäure.

*Sozojodo!säure.

Bernsteinsäure.

*Sulfopbenolsäure.

*Baldriansäure.

* Akonitin.

Aktol.

Adonidin.

Äthylbromid.

Äthylchlorid.

Äthyljodid.

Die Äthylenpräparate.
Zweifachchloräthyliden.

Agarizin.

Airol.

Essigweinsaures Aluminium.
Eisensalmiak.

Amylenhydrat.

Amylnitrat.

Anthrarobin.

*Apomorphin.

Bittermandelwasser.

Kirschlorbeerwasser.

Opiumwasser.

Weiße Arquebusade.

*ArekoIin.

Argentamin.

Argentol.

Argonin.

Aristol.

Jodarsen.

*Atropin.

Betol.

Wismutbromid.

Wismutoxyjodid.

Basisches Wismutgallat (Dermatol).
Basisches Wismutsalizylat.
Wismuttannat.

Orientalische Schabe.

Bromalhydrat.

Bromoform.

*Bruzin.

Getrocknete Meerzwiebel.
Butylchloralhydrat.

Einfachbromkampfer.

Kannabinon.

Kannabintannat.

Spanische Fliegen.

Kantharidin.

Kardol.

Kanadisches Bibergeil. '

Sibirisches Bibergeil.

Zeriumoxalat.

*Chinidin.

, J
        <pb n="517" />
        ﻿510

»Chininum.

Chinoidinum.

Chloralum formamidatum.

—	hydratum.

Chloroformium.

Chrysarobinum.

*Cinchonidinum.

Cinchoninum.

»Cocainum.

»Coffeinum.

Colchicinum.

»Coniinum.

C on vallamarinum.

Convallarinum.

Cortex Chdnae.

—	Condurango.

—	Granat:.

—	Mezerei.

Cotoinum.

Cubebae.

Cuprum aluminatum.

—	salicylicum.

Curare.

*Curarinum.

Delphi ninum.

*Digitalinum.

»Digitoxinum.

»Duboisinum.

*Emetinum.

*Eucainum.

Euphorbium.

Europhenum.

Fel tauri depuratum siccum.
Ferratinum.

Ferrum arsenicicum.

—	arserdcosum.

—	carbonicum saccharatum.

—	citricum ammoniatum.

—	jodatum saccharatum.

—	oxydatum dialysatum.

—	oxydatum saccharatum.

&gt;— peptonatum.

—	reductum.

—	sulfuricum oxydatum ammoniatum.

—	sulfuricum siccum.

Flores Cinae.

—	Koso.

Folia Belladormae.

—	Bucco.

—	Cocae.

—	Digitalis.

—	Jaborandi.

—	Rhois toxicodendri,

—	Stramonii.

Fructus Papaveris immaturi.

Fungus laricis.

Galbanum.

»Guajacolum.

Hamamelis virginica.
Haemalbuminurn.

Herba Aconiti.

—	Adonidis.

—	Cannabis indicae.

—	Cicutae virosae.

—	Conii.

—	Gratiolae.

—	Hyoscyami.

—	Lobeliae.

*Homatropinum.

»Chinin.

Chinoidin.

Chloralformamid.

Chloralhydrat.

Chloroform.

Chrysarobin.

»Cinchonidin

Cinchonin.

»Kokain.

»Koffein.

Kolchizin.

»Koniin.

Konvallamarin.

Konvallarin.

Chinarinde.

Kondurangorinde.

Granatrinde.

Seidelbastrinde.

Kotoin.

Kubeben.

Kupferalaun.

Kupfersalizylat.

Kurare.

»Kurarin.

Delphinin.

»Digitalin.

»Digitoxin.

»Duboisin.

»Emetin.

»Eukain.

Euphorbium.

»Europäern

Gereinigte trockene Ochsengalle,
F erratin.

Arsensaures Eisen.

Arsenigsaures Eisen.
Zuckerhaltiges Ferrokarbonat.

F erri-Ammoniumzitrat.
Zuckerhaltiges Eisenjodür.
Dialysiertes Eisenoxyd.
Eisenzucker.

Eisenpeptonat.

Reduziertes Eisen.

F erri-Ammoniumsulfat.
Getrocknetes Ferrosulfat.
Zitwersamen.

Kosoblüten.

Belladonnablätter.

Bukkoblätter.

Kokablätter.

Fingerhutblätter.

Jaborandiblätter.

Giftsumachblätter.

Stechapfelblätter.

Unreife Mohnköpfe.
Lärchenschwamm.

Galbanum.

»Guajakol.

Hamamelis.

Hämalbumin.

Akonitkraut.

Adoniskraut.

Indischer Hanf.

W asserschierling.

Schierling.

Gottesgnadenkraut.

Bilsenkraut.

Lobelienkraut.

»Homatropin.
        <pb n="518" />
        ﻿511

Hydrargyrum aceticum.

—	bijodatum.

—	- bromatum.

-	chloratum.

—	cyanatum.

—	formamidatum.

—	jodatum.

-	oleinicum.

—	oxydatum via humida paratum.

-	peptonatum.

—	praecipitatum album.

—	salicylicum.

—	tannicum oxydulatum.

*Hydrastininum.

*Hyoscyaminum.

Itrolum.

Jodoformium.

Jodolum.

Kairinum.

Kairolinum.

Kalium jodatum.

Kamala.

Kosinum.

Kreosotum (e ligno paratum).

Lactophenium.

Lactucarium.

Larginum.

Lithium benzoicum.

—	salicylicum.

Losophanum.

Magnesium citricum effervescens.

—	salicylicum.

Manna.

Methylenum bichloratum.

Methylsulfonalum (Trionalum).

Muscarinum.

Natrium aethylatum.

—	benzoicum.

—	jodatum.

—	pyrophosphoricum ferratum.

—	salicylicum.

—	santoninicum.

—• tannicum.

*Nosophenum.

Oleum Chamomillae aethereum.

—	Crotonis.

—	Cubebarum.

■— Matico.

—&lt; Sabinae.

—	Santali.

—	Sinapis.

—	Valerianae.

Opium, ejus alcaloida eorumque salia et derivata
eorumque salia. (Codeinum, Heroinum, Mor-
phinum, Narceinum, Narcotinum, Peroninum,
Thebainum, et alia.)

*Orexinum.

*Orthoformium.

Paracotoinum.

Paraldehydum.

Pasta Guarana.

*Pelletierinum.

*Phenacetinum.

*Phenocollum.

*Phenylum salicylicum (Salolum).
*Physostigminum (Eserinum).

Picrotoxinum.

*Pilocarpinum.

*Piperazinum.

Quecksilberazetat.

Quecksilberjodid.

Quecksilberbromür.

Quecksilberchlorür (Kalomel).

Quecksilberzyanid.

Quecksilberformamid.

Quecksilber jodür.

Ölsaures Quecksilber.

Gelbes Quecksilberoxyd.

Quecksilberpeptonat.

Weißer Quecksilberpräzipitat.
Quecksilbersalizylat.

Quecksilbertannat.

*Hydrastinin.

*Hyoszyamin.

Itrol.

Jodoform.

Jodol.

Kairin.

Kairolin.

Kaliumjodid.

KamaJa.

Kosin.

Holzkreosot.

Laktophenin.

Giftlattich saft.

Largin.

Lithiumbenzoat.

Lithiumsalizylat.

Losophan.

Brausemagnesia.

Magnesiurasalizylat.

Manna.

Methylenbichlorid.

Methylsulfonal (Trional).

Muskarin.

Natriumäthylat.

Natriumbenzoat.

Natriumjodid.

N atrium-F erripyrophosphat.

Natriumsalizylat.

Santoninsaures Natrium.

Natriumtannat.

*Nosophen.

Ätherisches Kamillenöl.

Krotonöl.

Kubebenöl.

Matikoöl.

Sadebaumöl.

Sandelöl.

Senföl.

Baldrianöl.

Opium, dessen Alkaloide, deren Salze und Ab-
kömmlinge sowie deren Salze. (Kodein, He-
roin, Morphin, Narzein, Narkotin, Peronin,
Thebain und andere.)

*Orexin.

*Orthoform.

Parakotoin.

Paraldehyd.

Guarana.

*PelJetierin.

*Phenazetin.

*PhenokoIJ.

*Phenylsaiizylat (Salol).

^Physostigmin (Eserin).

Pikrotoxin.

*PiIokarpin.

*Piperazin.

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        <pb n="519" />
        ﻿fr

U&gt;B'«a

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512

Plumbum jodatum.

—	tannicum.

Podophyllinum.

Praeparata organotherapeutica.

Propylaminum.

Protargolum.

*Pyrazolonum phenyldimethylicum (Antipyrinum).
Radix Belladonnae,

—	Colombo.

•— Gelsemii.

—	Ipecacuanhae.

—	Rhei.

—	Sarsaparillae.

—	Senegae.

Resina Jalapae.

—	Scammoniae.

Resorcinum purum.

Rhizoma Filicis.

—	Hydrastis.

—	Veratri.

Salia glycerophosphorica.

Salophenum.

Santoninum.

*Scopolaminum.

Secale cornutum.

Semen Calabar.

—	Colchici.

—	Hyoscyami.

—	St. Ignatii.

—	Stramonii.

—	Strophantin.

—■ Strychni.

Sera therapeutica, liquida et sicca, et eorum
praeparata ad usum humanum.

*Sparteinum.

		Stipites Dulcamarae.  *Strychninum.  *Sulfonaium.  Sulfur jodatum. Summitates Sabinae. Tannalbinum. Tannigenum.
		Tannoformium.
		Tartarus stibiatus.
		Terpinum hydratum.
		Tetronalum.
		*Thallinum.
		*Theobrominum.
		Thioformium.
		*Tropacocainum.
		Tubera Aconiti.
		— Jalapae.
		Tuberculinum.
		Tuberculocidinum.
		*Urethanum.

*Urotropinum.

Vasogenum et ejus praeparata.
*Veratrinum.

Xeroformium.

*Yohimbinum.

Zincum aceticum.

—	chloratum purum.

—	cyanatum.

—	permanganicum.

-— salicylicum.

—	sulfoichthyolicum.

—	sulfuricum purum.

Bleijodid,

Bleitannat.

Podophyllin.

Therapeutische Organpräparate.

Propylamin.

Protargol.

*Phenyldimethylpy razolon (Antipyrin).

B e 11 ad onna wurz el.

Kolombowurzel.

Gelsemium wurzel.

Brechwurzel.

Rhabarber.

Sassaparille.

Senegawurzel.

Jalapenharz.

Skammoniaharz.

Reines Resorzin.

Farn wurzel.

Hydrastisrhizom.

Weiße Nieswurzel.

Glyzerinphosphorsaure Salze.

Salophen.

Santonin.

^Skopolamin.

Mutterkorn.

Kalabarbohne.

Zeitlosensamen.

Bilsenkrautsamen.

Sankt-Ignatius-Bohne.

Stechapfelsamen.

Strophantussamen.

Brechnuß.

Flüssige und trockene Heilsera, sowie deren
Präparate zum Gebrauche für Menschen.
*Spartein.

Bittersüßstengel

*Strychnin.

*Sulfonal.

Jodschwefel.

Sadebaumspitz en.

Tannalbin.

Tannigen.

Tan noform,

Brechweinstein.

Terpinhydrat.

Tetronal.

*Thallin.

*Theobromin.

Thioform.

*Tropakokain.

Akonitknollen.

Jalapenwurzel.

Tuberkulin.

Tuberkulozidin.

*Urethan.

*Urotropin.

Vasogen und dessen Präparate.

*Veratrin.

Xeroform.

*Yohimbin.

Zinkazetat.

Reines Zinkchloxid.

Zinkzyanid.

Zinkpermanganat.

Zinksalizylat.

Ichthyolsulfosaures Zink.

Reines Zinksulfat.
        <pb n="520" />
        ﻿Von den auf Grund des dem Reichskanzler im § 4 der Kaiserlichen Ver-
ordnung zugestandenen Rechtes erlassenen Bekanntmachungen haben folgende
zur Zeit noch Geltung:

Bekanntmachung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln. Vom 1. Oktober 1903.

Auf Grund des § 4 der Kaiser!. Verordnung, betreffend den Verkehr mit
Arzneimitteln, vom 22. Oktober 1901 wird bestimmt:

Eukalyptusmittel Heß’ (Eukalyptol und Eukalyptusöl Heß’),

Homeriana (auch Brusttee Homeriana, russischer Knöterich, Polygo-
num aviculare) und

Knöterichtee, russischer, Weidemanns (auch russischer Knöterich- oder
Brusttee Weidemanns)

werden vom 1. Januar 1904 ab von dem Feilhalten und Verkaufen außerhalb
der Apotheken unbeschadet der Bestimmung im § 3 der bezeichneten Verordnung
mit der Wirkung ausgeschlossen, daß auf sie die Bestimmung des § x Abs. 1
der Verordnung Anwendung findet.

Berlin, den 1. Oktober 1903.

Der Stellvertreter des Reichskanzlers.

Graf von Posadowsky.

Kaiserliche Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln.

Vom 31. März 1911.

§ *•

Der § 4 der Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln, vom
22. Oktober 1901 (R. G.B1. 1901, S. 380) wird aufgehoben.

§ 2.

Zu den Stoffen, die nach § 2 der Verordnung vom 22. Oktober 1901 und
dem zugehörigen Verzeichnis B außerhalb der Apotheken nicht feilgehalten oder
verkauft werden dürfen, treten hinzu:

acidum acetylosalicylicum (Aspirinum), Azetylsalizylsäure (Aspirin),
Eukalyptusmittel Heß’ (Eukalyptol und Eukalyptusöl Heß’),

Homeriana (auch als Brusttee Homeriana oder russischer Knöterich (Poly-
gonum aviculare Homeriana),

Johannistee Brockhaus (auch als Galeopsis ochroleuca vulcania der Firma
Brockhaus),

Knöterichteef russischer, Weidemanns (auch als russischer Knöterich-
oder Brusttee Weidemanns),

Stroopal (auch als Heilmittel Stroops gegen Krebs-, Magen- und Leber-
leiden, auch Stroops Pulver),

Urea diaethylmalönylica, Acidum diaethylbarbituricum (Veronalum), Di-
äthylmalonylharnstoff, Diäthylbarbitursäure (Veronal).

§ 3-'	.

Diese Verordnung tritt mit dem Tage der Verkündigung in Kraft.
Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beige-
drucktem Kaiserlichen Insiegel.

Gegeben Achilleion, den 31. März 1911.

Wilhelm. Delbrück.

Mercks Warenlexikon.

33
        <pb n="521" />
        ﻿514

Verordnung über die Schädlingsbekämpfung mit hochgiftigen Stoffen.

Vom 29. Januar 1919.

Die Reichsregierung verordnet mit Gesetzeskraft für das Reich, was folgt:

§ i-

Das Reichswirtschaftsamt wird ermächtigt, die Verwendung von hochgiftigen
Stoffen zur Bekämpfung tierischer und pflanzlicher Schädlinge zu regeln.

§ 2.

Mit Gefängnis bis zu einem Jahre und mit Geldstrafe bis zu zehntausend
Mark oder mit einer dieser Strafen wird bestraft, wer den zur Durchführung dieser
Ermächtigung von dem Reichswirtschaftsamt erlassenen Anordnungen zuwider-
handelt.

§ 3-

Diese Verordnung tritt mit dem Tage der Verkündigung in Kraft.

Berlin, den 29. Januar 1919.

Die Reichsregierung.
Ebert.	Scheidemann.

Der Staatssekretär des Reichswirtschaftsamts.
Dr. August Müller.

Bekanntmachung betr. Schädlingsbekämpfung mit hochgiftigen Stoffen.

§ i-

Der Gebrauch von Blausäure zur Schädlingsbekämpfung ist in jeder An-
wendungsform verboten.

Dieses Verbot erstreckt sich nicht auf die Tätigkeit der Heeres- und Marine-
verwaltung, auf die wissenschaftliche Forschung in staatlichen und ihnen gleich-
gestellten Anstalten und die Tätigkeit des Technischen Ausschusses für Schäd-
lingsbekämpfung.

§ 2.

Die Abgabe von zyanwasserstoffsauren Salzen und deren Lösungen zur Ver-
wendung für die Schädlingsbekämpfung darf nur an die im § 1, Abs. 2 bezeich-
neten Stellen erfolgen.

§ 3-

Diese Bekanntmachung tritt mit dem Tage der Verkündigung in Kraft.

Berlin, den 7. Februar 1919.

Der Staatssekretär des Reichswirtschaftsamts.

I. V.: von Moellendorff.

Hierzu sind in den einzelnen deutschen Staaten Ministerialerlasse ergangen.
Das Preußische Ministerium weist in einem Erlaß vom 5. Mai 1919 wie folgt
darauf hin:

„daß der Verkauf von zyanwasserstoffsauren Salzen zum Zwecke der
Schädlingsbekämpfung nicht allgemein als erlaubter gewerblicher oder wissen-
schaftlicher Zweck im Sinne des § 12 der Giftverordnung zu betrachten ist-
Ein Anhaltspunkt, zu welchem Zwecke die verlangten Zyansalze benutzt werden
sollen (z. B. zur Photographie oder zur Schädlingsbekämpfung), wird meist
schon aus den angeforderten Mengen zu entnehmen sein, da zur Schädlingsbe-
kämpfung stets erhebliche, für andere Zwecke nur kleine Mengen dieser Salze
notwendig sind.“
        <pb n="522" />
        ﻿515

Auszug aus dem Gesetz über das Branntweinmonopol. Vom 26. Juli 1918.

R.-G.-Bl. Nr. 99 (1918).

Gegenstand und Geltungsgebiet des Monopols.

§ 1. Der im Monopolgebiet hiergestellte Brannt-
wein ist, soweit nicht in diesem Gesetz Aus-
nahmen vorgesehen sind, aus der Brennerei zum
Branntweinübemahmepreis an das Reich abzu-
liefern.

Die Verarbeitung von Branntwein zu Trink-
branntwein und der Handel mit solchem Trink-
branntwein im Monopolgebiete steht, soweit nicht
in diesem Gesetz Ausnahmen vorgesehen sind,
ausschließlich dem Reiche zu und wird für seine
Rechnung von der Monopolverwaltung betrieben.

Monopolgebiet ist das Gebiet des Deutschen
Reichs mit Ausnahme der Zollausschüsse.

Amtliche Überwachung.

§ 8. Die Herstellung des Branntweins und
dessen weiterer Vertrieb unterliegen zum Zwecke
der Sicherung der Monopoleinnahme der amt-
lichen Überwachung.

Monopolamt und Verwertungsstelle.

§ 71. Das Branntweinmonopol wird unter der
Aufsicht des Reichskanzlers von einem Leiter,
dem Monopolamt und der Verwertungsstelle ver-
waltet. Der Monopolverwaltung stehen der Bei-
rat und der Gewerbeausschuß zur Seite.

Branntweingrundpreis.

. § 92. Der Branntweingrundpreis wird so fest-
gesetzt, daß er die durchschnittlichen Herstel-
lungskosten eines Hektoliters Weingeist und den
allgemeinen Betriebsabzug in gutgeleiteten land-
wirtschaftlichen Kartoffelbrennereien mittleren
Umfanges deckt, wobei davon auszugeüen ist,
daß bei angemessener Verwertung der Kartoffeln
die Schlempe dem Brennereibesitzer kostenfrei
zur Verfügung bleibt. Kartoffelbrennereien mitt-
leren Umfanges in diesem Sinne sind solche, die
jährlich durchschnittlich 500 Hektoliter Wein-
geist erzeugen.

Zuschläge und Abzüge nach Art der Rohstoffe
oder des Verfahrens der Branntweingewinnung.

§93. Für Branntwein, der innerhalb des Brenn-
rechts ausschließlich aus den im § 4 bezeichneten
Stoffen (d. s. Obst, Beeren, Wein, Weinhefe,
Most, Wurzeln oder Rückstände davon) erzeugt
oder lediglich aus Roggen, Weizen, Buchwei-
zen, Hafer oder Gerste hergestellt und nicht im
Würzeverfahren gewonnen ist, und für Brannt-
wein aus landwirtschaftlichen Kleinbrennereien
werden Zuschläge zu dem Branntweingrund-
preis festgesetzt.

Für Branntwein, der nicht ausschließlich aus
Kartoffeln, Getreide oder den im § 4 bezeichneten
Stoffen hergestellt ist oder der in Brennereien
gewonnen ist, die Hefe nach dem Würzever-
fahren h-erstellen oder die außer Branntwein oder
derart -erzeugter Hefe infolge Anwendung einer
besonderen Verfahrensar-t Stoffe gewinnen, deren
Wert im Verhältnis zu dem des Branntweins er-
heblich ist, können Abzüge von dem Branntwein-
grundpreis oder Zuschläge festgesetzt werden.

Branntweinverwertung (Hektoditerekunahme).

§ 105. Der Branntwein ist so zu verwerten, daß
nach Deckung sämtlicher Verwaltungs- und Ge-

schäftskosten einschließlich des Zuschusses beim
Absatz von vergälltem Branntwein, der Verzin-
sung und Tilgung der Anleihe, der für Entschä-
digungen zu zahlenden oder anzusammelnden Be-
träge, der zur Bekämpfung der Trunksucht, zur
Förderung des Kartoffelbaues und der Kartoffel-
verwertung sowie zur Ermäßigung der Kosten
der weingeisthaltigen Heilmittel für die minder-
bemittelten Volkskreise zu leistenden Zahlungen
und nach Verzinsung und Rückzahlung eines
nach § 106 geleisteten Vorschusses außer der Ein-
nahme an Freigeld an die Reichskasse eine Rein-
einnahme von 800 Mark für jedes zu regelmäßi-
gen Verkaufspreisen verwertete Hektoliter Wein-
geist abgeführt wird {Hektolitereinnahme).

Ausgleichstock.

§ 106. Der über eine Hektolitereinnabme von
800 Mark hinausgehende Betrag der Reinein-
nahme ist bei den Betriebsmitteln der Reichs-
hauptkasse zu einem Ausgleichstock anzusam-
meln, der 200 Millionen Mark dauernd nicht
übersteigen soll.

Bleibt die Hektolitereinnahme hinter dem Be-
trage von 800 Mark zurück, so ist der fehlende
Betrag aus dem angesammelten Bestände zu
decken; reicht der Bestand hierzu nicht aus, so
wird er aus den Betriebsmitteln der Reichshaupt-
kasse vorschußweise für Rechnung der Monopol-
verwaltung ergänzt.

Verwertung des unverarbeiteten Branntweins.

§ 107. Es werden festgesetzt:

r. regelmäßige Verkaufpreise zur Verwerfung
des unverarbeiteten Branntweins nach den
Vorschriften des § 105,

2.	ermäßigte Verkaufpreise zur Verwertung des
unverarbeiteten Branntweins nach den Vor-
schriften der §§ 129 bis 135.

Bezieht ein Hersteller freigeldpflichtigen Trink-
brarmtweins in einem der auf das Inkrafttreten
des Gesetzes folgenden zehn Betriebsjahre zum
nicht ermäßigten Verkaufpreis mehr Branntwein,
als ihm nach § 219 zusteht, so hat er zum regel-
mäßigen Verkaufpreis einen Zuschlag von300 Mark
für jedes überschießende Hektoliter Weingeist
zu zahlen. Der Bund-esrat kann aus Rücksichten
der Billigkeit den Zuschlag nachlassen oder er-
mäßigen.

Die Verkaufpreise werden ingemeinschaftlicher
Beschlußfassung von der Monopolverwaltung und
dem Beirat festgesetzt und im Reichsanzeiger be.
kanntgemacht. Die Monopolverwalttmg setzt die
weiteren Bezugsbedingungen fest und macht sie
in gleicher Weise bekannt.

Verarbeitung des Branntweins zu Trinkbrannt-
wein im Monopolbettriebe.

§ 108. Zur Herstellung von Trinkbranntwein
(Monopolerzeugnisse) werden von der Monopoi-
verwaltung die erforderlichen Unternehmungen
betrieben. Die Mon-opolverwaltung ist befugt,
zu diesem Zwecke besondere Betriebe zu errich-
ten un-di bestehende Betriebe anzukaufen, zu
pachten oder lohnwease zu beschäftigen.

§ 109. Der Monopolverwaltung liegt die Ver-
arbeitung des Branntweins zu Monopolerzeug-
        <pb n="523" />
        ﻿516

nissen ob, soweit es sich um dieHerstellung der dem
Massenverbrauche dienenden einfachen Trink-
branntweine handelt. Als solche sind insbeson-
dere Verschnitte von Kognak, Arrak und Rum
und solche gesüßten Branntweine, die mehr als
io Kilogramm Zucker in 100 Liter enthalten,
nicht anzusehen.

Die Monopolverwaltung bestimmt, welche Mo-
nopolerzeugnisse hergestellt und in welcher Form
sie in den Verkehr gebracht werden.

§ 111. Die Monopolverwaltung setzt die Preise
der Monopolerzeugniss^ und die weiteren Be-
zugsbedingungen fest. Die Preise sind auf der
Grundlage der regelmäßigen Verkauf preise für
unverarbeiteten Branntwein (§107 Abs. 1 Nr. 1)
unter Berücksichtigung der Kosten für die Ver-
arbeitung des Branntweins zu Monopolerzeug-
nissen und der Kosten beim Vertriebe dieser Er-
zeugnisse festzusetzen.

Vertrieb.

§112. Die Monopolerzeugnisse sind an jeden,
der sich gewerbsmäßig mit dem Verkaufe von
Trinkbranntwein an Verbraucher befaßt (Wieder-
verkäufer) zu liefern, eine Abgabe unmittelbar an
Verbraucher findet nicht statt. Die Monopolver-
waltung kann die Lieferung ablehnen, wenn der
Wiederverkäufer wiederholt wegen Verletzung
der Vorschriften der §§ 114 bis 116 bestraft wor-
den ist.

Die Monopolverwaltung kann Mindestmengen
für die Lieferungen festsetzen.

Der Raumgeha'.t der Kleiriverkaufbehältnisse,
in denen Monopolerzeugnisse geliefert werden,
darf nicht kleiner als 0,25 Liter sein.

Wiederverkauf er.

§ 113. Der Wiederverkäufer hat vor Eröffnung
seines Betriebs der Steuerbehörde schriftliche
Anzeige hiervon zu machen. Er erhält eine Be-
scheinigung, die auf Verlangen beim Bezüge der
Erzeugnisse sowie den die Aufsicht führenden
Beamten oder den Beauftragten der Monopol-
verwaltung vorzulegen ist.

§114. Wiederverkäufer sind, soweit sie Mono-
polerzeugnisse in einzelnen Mengen von0,25 Liter
oder mehr abgeben, an die von der Monopolver-
waltung festgesetzten Preise gebunden. Sie dür-
fen die Abgabe in diesen Mengen, sofern die Er-
zeugnisse nicht an der Verkaufstelle verzehrt
werden, nicht verweigern.

§115. Wiederverkäufer haben auf Verlangen
der Steuerbehörde Abdrucke einzelner Teile
dieses Gesetzes oder die die Preisgrenzen ent-
haltenden Bestimmungen der Monopolverwal-
tung in der Verkauf stelle an in die Augen
fallender Stelle auszuhängen.

Verbote.

§116. Es ist verboten:

1.	die Monopolerzeugnisse in Weingeistgehalt,
Geruch, Geschmack oder Aussehen zu ver-
ändern; jedoch ist das Mischen der Mono-
polerzeugnisse miteinander oder mit anderen
Stoffen auf Verlangen des Verbrauchers zum
Zwecke des sofortigen Genusses gestattet;

2.	die Verschlüsse der Kleinverkaufbehältnisse
oder die zu ihrer Sicherung angebrachten
Vorkehrungen zu entfernen, bevor die Be-
hältnisse geöffnet werden;

3.	die Monopolerzeugnisse anders als unmittel-
bar aus den Behältnissen, in denen sie ge-
liefert sind, abzugeben;

4.	die Monopolerzeugnisse in Mengen von 0,25
Liter oder mehr anders als in den ver-
schlossenen Kleinverkaufbehältnissen der
Monopolverwaltung abzugeben.

Der Bundesrat kann Ausnahmen von den Vor-
schriften im Abs. 1 Nr. 3 und 4 zulassen.

Freigeld,

§ 117. Trinkbranntwein, den nicht die Monopol-
verwaltung herstellt, unterliegt bei gewerbsmäßi-
ger Herstellung einer besonderen in die Reichs-
kasse fließenden Abgabe von 1 Mark für das.
Liter fertigen Trinkbranntwein (Freigeld).

Entrichtung des Freigeldes.

§118. Das Freigeld ist mittels Anbringens von
Freigeldzeichen an den Kleinverkaufbehältnissen
won demjenigen zu entrichten, in dessen Auftrag
oder für dessen Rechnung die Behältnisse mit
Trinkbranntwein befüllt werden, bevor die fer-
tigen befüllten Behältnisse aus der Füllstätte
entfernt werden.

Die näheren Bestimmungen über die Wert-
beträge der Freigeldzeichen, über ihre Form,
ihre Anfertigung, ihren Vertrieb und die Art
ihrer Verwendung trifft der Bundesrat. Er stellt
die Voraussetzungen fest, unter denen für ver-
wendete oder unverwendbar gewordene Frei-
geldzeichen ein Ersatz der bezahlten Freigeld-
beträge gewährt werden darf. Freigeldzeichen,
die nicht in der vorgeschriebenen Weise ver-
wendet und entwertet sind, werden als nicht ver-
wendet angesehen.

Die Freigeldzeichen sollen, soweit es sich nicht
um unverschnittene ausländische Branntweine
handelt, die Aufschrift „Deutsches Erzeugnis“
tragen.

§ 119. Freigeldzeichen brauchen nicht an
gebracht zu werden, wenn der freigeldpflichtige
Trinkbranntwein zur Ausfuhr unter amtlicher
Aufsicht vor der Entnahme aus der Füllstätte
angemeldet wird.

Verpackungszwang.

§ 120. Freigeldpflichtiger Trinkbranntwein darf
nur in verschlossenen Behältnissen von nicht
mehr als einem Liter Rauminhalt aus dem Her-
stellungsbetrieb entfernt werden. Der Bundesrat
kann die Versendung freigeldpflichtiger Erzeug-
nisse. die nicht in der Herstellungsstätte auf Be-
hältnisse der bezeichnten Art gefüllt sind, unter
Anordnung von Sicherungsmaßnahmen zulassen.

Auf jedem Behältnis ist der Inhalt nach Art,
Menge und Weingeistgehalt sowie der Name und
Sitz der Firma des Freigeldpflichtigen anzugeben.
Die Firmenbezeichnung kann durch ein gesetzlich
geschütztes, der Steuerbehörde mitzuteilendes
Warenzeichen ersetzt werden. Diese Vorschriften
beziehen sich nicht auf Trinkbranntwein, der
zur Ausfuhr bestimmt ist.

Anmeldung des Betriebs und der Räume.

§121. Wer gewerbsmäßig freigeldpflichtigen
Trinkbranntwein herstellen will, hat dies vor der
Eröffnung des Betriebs unter Bezeichnung der
Erzeugnisse der Steuerbehörde schriftlich anzu-
zeigen und gleichzeitig eine Beschreibung der
Betriebs- und Lagerräume. sowie der damit in
        <pb n="524" />
        ﻿



517

Verbindung stehenden oder unmittelbar daran
angrenzenden Räume vorzulegen.

Freigeldpflichtiger Trinkbranntwein darf nur
in den angemeldeten Betriebsräumen gewerbs-
mäßig hergestellt werden.

Wer neben der gewerbsmäßigen Herstellung
von freigeldpflichtigem Trinkbranntweiine den
Verkauf von Trinkbranntwein im kleinen, ins-
besondere zum Verzehr an der Verkaufstelle be-
treiben will, hat dies unter genauer Beschreibung
der Räume für den Kleinverkauf der Steuer-
behörde anzuzeigen. Die Betriebe unterliegen
den von der Steuerbehörde zur Sicherung der
Einnahme anzuordnenden Maßnahmen.

Anzeige von Änderungen.

§ 122. JedeÄnderung in den angemeldeten Ver-
hältnissen ist der Steuerbehörde binnen einer
Woche anzuzeigen.

Betriebsinhaber, die den Betrieb nicht selbst
leiten, haben der Steuerbehörde diejenige Person
zu bezeichnen, die als Betriebsleiter in ihrem
Namen handelt.

Die im folgenden für den Betriebsinhaber ge-
gebenen Vorschriften gelten mit Ausnahme der-
jenigen im § 128 Satz 2 auch für den Betriebs-
leiter.

Lagerung desTrinkbranntweinsundBuchführung.

§ 123. Freigeldpflichtiger Trinkbranntwein darf
nur in den angemeldeten Räumen gelagert, auf
Kleinverkaufbehältnisse gefüllt und absatzfertig
gemacht werden. Er ist in geordneter Weise
derart zu lagern, daß die Aufsichtsbeamten
jederzeit in der Lage sind, die Bestände fest-
zustellen. Über Zu- und Abgang der Erzeugnisse
sind Anschreibungen zu führen, die der Bestim-
mung der Steuerbehörde entsprechend aufzube-
wahren und den Beamten zugänglich zu halten
sind.

Die Bestände sind von Zeit zu Zeit amtlich fest-
zustellen und mit den Anschreibungen zu ver-
gleichen. Von der Erhebung des Freigeldes für
Fehlmengen ist abzusehen, wenn und soweit dar-
getan wird, daß die Fehlmengen auf Umstände
zurückzuführen sind, die eine Freigeldschuld nicht
begründen.

Inhaber von Betrieben, in denen freigeldpflich-
tiger Trinkbranntwein hergestellt wird, sind ver-
pflichtet, über den Bezug und die Verarbeitung
des Branntweins sowie über den Verbleib des
Branntweins, insbesondere über den Absatz des
Trinkbranntweins, nach näherer Anweisung des
Bundesrats Buch zu führen. Nach Ermessen der
Steuerbehörde kann die Verpflichtung zur Füh-
rung von Anschreibungen auch auf die zur Ver-
arbeitung bezogenen Zusatzstoffe und die Klein-
verkaufbehältnisse ausgedehnt werden.

§124. Die Vorschriften der §§62 bis 69 (Amt-
liche Aufsicht) finden auf Betriebe, in denen frei-
geldpflichtiger Trinkbranntwein hergeteilt, be-
handelt oder gelagert wird, entsprechende An-
wendung.

Handel mit freigeldpflichtigem Trinkbranntwein.

§ 125. Wer sich gewerbsmäßig mit dem Ver-
kauf oder dem Ausschank von freigeldpflich-
tigem Trinkbranntweine befassen will, hat dies
vor Eröffnung seines Betriebs der Steuerbehörde
schriftlich anzuzeigen. Er ist verpflichtet, den

Beamten der Steuerverwaltung seine Vorräte an
Waren der bezeichneten Art zum Nachweis, daß
sie mit den vorgeschriebenen Freigeldzeichen
versehen sind, zu den üblichen Geschäftsstunden,
auf Verlangen vorzuzeigen.

§ 126. Die Freigeldzeichen sind an den Behält-
nissen so lange zu erhalten, bis diese geöffnet
werden. Geöffnete, ganz oder teilweise entleerte
Behältnisse dürfen mit Trinkbranntwein nicht
nachgefülit werden. Teilmengen eines Behält-
nisses dürfen zum Verzehr an der Abgabestelle
nur aus dem zugehörigen Behältnis abgegeben
werden.

Geleerte Behältnisse dürfen ohne vorherige Be-
seitigung der Freigeldzeichen weder ,an Hersteller
zurückgegeben noch von diesen wieder verwendet
werden.

Wer als Verkäufer freigeldpflichtigen Trink-
branntwein empfängt, der nicht in Behältnisse
der vorgeschriebenen Art abgefüllt oder der in
Behältnisse abgefüllt ist, die nicht in der vor-
geschriebenen Weise bezeichnet t(nd mit Frei-
geldzeichen versehen sind, hat innerhalb einer
Frist von drei Tagen der Steuerbehörde Anzeige
zu erstatten.

Gemischte Betriebe.

§ 127. Für Betriebe, in denen freigeldpflichtiger
Trinkbranntwein hergestellt und in denen noch
zu anderen Zwecken Branntwein verwendet wird
oder die mit einem Ausschank von Trinkbrannt-
wein verbunden sind, können von der Steuer-
behörde besondere Maßnahmen zur Sicherung
des Monopolaufkommens getroffen werden.

Verschärfte Aufsicht.

§ 128. Sind Hersteller oder Verkäufer von frei-
geldpflichtigem Trinkbranntweine wegen Hinter-
ziehung des Freigeldes bestraft worden, so kann
der Betrieb besonderen Aufsichtsmaßnahmen
unterstellt, im Wiederholungsfall auch von der
obersten Landesfinanzbehörde untersagt werden.
Die Kosten fallen dem Betriebsinhaber zur Last.

Verwertung des Branntweins zu ermäßigten
Verkaufpreisen.

§ 129. Zu ermäßigten Verkaufpreisen ist 1
zugeben;

1.	Branntwein, der ausgeführt wird,

2.	Branntwein, der zu gewerblichen Zwecken,
zur Bereitung von Speiseessig oder zu Putz-,
Heizungs-, Koch- oder Beleuchtungszwecken
verwendet wird, nach näherer Bestimmung
des Bundesrats.

Der Bundesrat wird ermächtigt, auch die Ab-
gabe solchen Branntweins zu ermäßigten Ver-
kaufpreisen zuzulassen, der in öffentlichen Kran-
ken-, Entbindungs- und ähnlichen Anstalten oder
in öffentlichen wissenschaftlichen Lehr- und For-
schungsanstalten verwendet wird.

Branntwein zu gewerblichen Zwecken.

§ 130. Der zu ermäßigten Verkaufpreisen ab-
zugebende Branntwein ist besonderen Aufsichts-
maßnahmen zu unterwerfen; er kann zu dem
Zwecke vergällt werden.

Die Vergällung des Branntweins ist entweder
vollständig, d. h. derart, daß sie an sich als ge-
nügend erachtet wird, den Branntwein zum Trink-
verbrauch unverwendbar zu machen, oder un-
vollständig, d. h. derart, daß außerdem weitere
        <pb n="525" />
        ﻿518



Maßnahmen zur Verhütung mißbräuchlicher Ver-
wendung des Branntweins zu treffen sind.

Die vollständige Vergällung des Branntweins
steht ausschließlich der Monopolverwaltung zu.

§ x31. Die Verkaufpreise für Branntwein, der
zu gewerblichen Zwecken, zu Putz-, Heizungs-,
Koch- oder Beleuchtungszwecken verwendet wird,
sollen für das Hektoliter Weingeist mindestens
20 Mark niedriger sein als der Branntweingrumd-
preis; sie können unter anteiliger Berücksichti-
gung der niedrigeren Gestehungskosten des in
Reichsbetrieben, in Laugenbrennereien oder im
Überbrande hergestellten Branntweins allgemein
oder für einzelne Verwendungszwecke weiter er-
mäßigt oder bis zum Betrage der Gestehungs-
kosten von Branntwein dieser Art herabgesetzt
werden. Die Mehrkosten, die durch den Ver-
trieb von vollständig vergälltem Branntwein in
Kleinhandelbehältnissen (§ 143) entstehen, trägt
die Monopolverwaltung.

§ 132. Der Verkaufpreis für Branntwein, der
nach unvollständiger Vergällung zur Bereitung
von Speiseessig verwendet wird, wird unter Wah-
rung der Selbstkosten in den Grenzen festgesetzt,
innerhalb deren die Herstellung von solchem
Essig aus Branntwein gegenüber der Herstellung
von Essigsäure, die der Verbrauchsabgabe unter-
liegt (§ 144), wettbewerbsfähig bleibt.

Branntweingewinnung im Reichsbetriebe.

§ 136. Die Herstellung von Branntwein aus
Zellstoffen, einschließlich der Ablaugen der Zell-
stoffgewinnung, sowie aus Kalziumkarbid und
aus. anderen Stoffen, aus denen Branntwein im
Inland gewerblich bisher nicht gewonnen worden
ist, steht, soweit nicht vom Bundesrat Ausnahmen
zugelassen sind, ausschließlich dem Reiche zu.

Die Monopolverwaltung hat die Maßnahmen
zu treffen, die zur Herstellung von Branntwein
aus den dem Reichsbetriebe vorbehaltenen Stoffen
innerhalb der im § 138 vorgesehenen Grenzen er-
forderlich sind.

§ 137. Der Reichskanzler kann zur Förderung
oder Nutzbarmachung nach dem Inkrafttreten
dieses Gesetzes erfundener oder in wirtschaftlich
wertvoller Weise vervollkommneter Verfahren
der Branntweingewinnung aus den dem Reichs-
betriebe vorbehaltenen Stoffen (§ 136 Abs. 1) ge-
nehmigen, daß Betriebe, in denen solche Ver-
fahren erfunden oder vervollkommnet sind, in
diesem Verfahren Branntwein ausschließlich für
gewerbliche Zwecke des eigenen Betriebs her-
steilen. Diese Branntweinmengen sind auf die
nacn § 138 der Erzeugung durch Laugenbrenne-
reien und Reichsbetriebe vorbehaltenen Mengen
anzurechnen.

§ 138. Die Laugenbrennereien und die Reichs-
betriebe zusammen dürfen, soweit nicht Beschrän-
kungen nach § 137 einzutreten haben, in einem Be-
triebsjahr eineBranntweinmenge hersteilen,diezehn
Hundertteilen der gesamten Branntweinerzeugung
des vorhergehendenBetriebsjahrsentspricht. Steigt
der gesamte Jahresbedarf an Branntwein über
eine Menge von drei Millionen Hektoliter Wein-
geist, so ist den Laugenbrennereien und den
Reichsbetriehen zusammen die Hälfte der dar-
über hinausgehenden Menge zur Herstellung
weiter zu überweisen.

Schiedsgerichte.

§ 13g. Zur Entscheidung von Streitigkeiten, für
die der ordentliche Rechtsweg zulässig sein würde,
können nach näherer Bestimmung des Bundes-
rats Schiedsgerichte eingerichtet werden, die
unter Ausschluß des Rechtswegs endgültig ent-
scheiden. Diese Vorschrift gilt nicht, soweit
durch §241 den Beteiligten die Beschreitung
des ordentlichen Rechtswegs Vorbehalten ist.

Die Zahlung des Branntweinübernahmepreises
(§ 104) gilt nicht als Leistung aus öffentlichen
Kassen im Sinne des Artikels 92 des Einfüh-
rungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch.

§ 140. Die nachstehend genannten Nummern
des Zolltarifs erhalten folgende Fassung:

(Siehe Tabelle auf Seite 519.)

Der Bundesrat ist ermächtigt, für äther- oder
weingeisthaltige Erzeugnisse die Erhebung eines
Zollzuschlags bis zu 800 Mark für den Doppel-
zentner vorzuschreiben.

Übörgangsabgabe.

§141. Von dem aus dem freien Verkehre der-
jenigen Teile des deutschen Zollgebiets, die nicht
Reichsgebiet sind, eingehenden Branntwein wird,
soweit er nicht nachweislich verzollt worden ist,
eine Übergangsabgabe erhoben in Höhe des
durchschnittlichen Unterschieds zwischen dem
Branntweinübernahmepreis und dem regelmäßi-
gen Verkaufpreis. Beim Eingang von Trink-
branntwein ist neben der Übergangsabgabe das
Freigeld zu entrichten, und zwar beim Eingang in
Behältnissender im § 120 bezeichneten Art gleich-
zeitig mit ersterer.

Kleinhandel mit vergälltem Branntwein.

§ 142. Der Bundesrat wird ermächtigt:

1.	den Kleinhandel mit vergälltem Branntwein
abweichend von den Vorschriften des § 33
der Gewerbeordnung zu regeln;

2.	zu bestimmen, daß beim Kleinhandel mit
vergälltem Branntwein der Weingeistgehalt
durch Aushang in der Verkauf stelle ersicht-
lich gemacht wird,

§ 143. Vollständig vergällter Branntwein darf
im Kleinhandel nur in Behältnissen, von 50, 20,
10, 5 und einem Liter Raumgehalte feilgehalten
werden, die verschlossen und mit einer Angabe
des Weingeistgehalts versehen sind. Der Bundes-
rat wird ermächtigt, im Falle des Bedürfnisses
Erleichterungen in bezug auf die Größe der
Behältnisse und den Verschluß zuzulassen.

Essigsäureverbrauchsabgabe.

§ 144. Essigsäure, die im Inland in anderer
Weise als durch Gärung gewonnen ist, unterliegt
einer in die Reichskasse fließenden Verbrauchs-
abgabe, die 160 Mark für den Doppelzentner
wasserfreie Säure beträgt. Die Verbrauchsabgabe
ist durch Abfertigung festzustellen und vom
Hersteller zu entrichten, sobald die Essigsäure
die Erzeugungsstätte verläßt.

§ 145. Die Essigsäure und ihre Herstellung'
unterliegen zum Zwecke der Erhebung der Ver-
brauchsabgabe der amtlichen Überwachung. Der
Hersteller darf Essigsäure nur an den dazu an-
gemeldeten Stätten lagern, behandeln und ver-
packen.
        <pb n="526" />
        ﻿519

§ 146. Von der Verbrauchsabgabe befreit bleibt
nach näherer Bestimmung des Bundesrats Essig-
säure,die ausgeführt oder zugewerblichenZwecken
verwendet wird. Gewerbetreibende, die Essig-
säure ausschließlich zu gewerblichen Zwecken
oder für die Ausfuhr herstellen, sind nur insoweit
einer amtlichen Überwachung zu unterwerfen,
als diese notwendig ist, um sicherzustellen, daß
Essigsäure nicht zu Genußzwecken verwendet
wird.

§148. Für Betriebe, in denen im Betriebsjahr
1913/14 zu Speisezwecken bestimmter Essig aus
Branntwein hergestelit ist, werden Bezügsrechte
gebildet, deren Gesamtbetrag 160 000 .Hektoliter
Weingeist nicht übersteigen darf. Die Bezugs-
rechte werden auf der Grundlage der von der
Verteilungsstelle für das deutsche Essiggewerbe
für den Bezug von Branntwein im letzten Be-
triebsjahr vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes
getroffenen Regelung von der Monopolverwal-

Nummer  des  Zolltarifs		Zollsatz für  1 Doppel- zentner  Mark
	178/9 Branntwein:	
178	in Behältnissen bei einem Rauragehalte von 15 Liter oder mehr	
	Likör	  Kognak mit einem ‘Weingeistgehalte von nicht mehr als 58 Gewichts-	14OO
	teilen in 100	  anderer Trinkbranntwein mit einem Weingeistgehalte von nicht mehr	1300
	als 55 Gewichtsteilen in 100		750
	sonstige gebrannte geistige Flüssigkeiten 		  Anmerkung: Rum und Arrak mit einem Weingeistgehalte von mehr als 55, aber nicht mehr als 74 Gewichtsteilen in 100, bei Verarbei- tung zu freigeldpflichtigem Trinkbranntweine mit einem Weingeistgehalte	1300
	von nicht mehr als 55 Gewichtsteilen in 100 unter Zollsicherung .	.	750
179	in anderen Behältnissen	  Anmerkung zu 178/9. Für Trinkbranntwein ist neben dem Zolle das Freigeld nach den für inländische Erzeugnisse geltenden Vorschriften zu entrichten.	I4OO
187	Speiseessig  Weinessig:	
	in Behältnissen bei einem Raumgehalte von 15 Liter oder mehr	IOO
	in anderen Behältnissen	  anderer Speiseessig;	125,
	in Behältnissen bei einem Raumgehalte von 15 Liter oder mehr	50
	in anderen Behältnissen		  Anmerkung: Als Weinessig ist jeder Speiseessig zu verzollen, dessen Extraktgehalt mehr als 3 Gramm im Liter beträgt.	IOO
277	Essigsäure:	
	in Behältnissen bei I 20 kg oder mehr		180
	einem Gewichte von ( weniger als 20 kg	  Anmerkung: Essigsäure zur gewerblichen Verwendung unter	210
	Zollsicherung		 		40
347	Äther:	
	Äthyläther		  anderer, auch Önanthäther;	1300
	in Behältnissen bei einem Raumgehalte von 15 Liter oder mehr	1300
	in anderen Behältnissen		1400

tung festgesetzt. Läßt sich hiernach eine Fest-
setzung nicht treffen oder ergeben sich Zweifel,
so bestimmt der Bundesrat das Nähere für die
Festsetzung.

Der Bundesrat wird ermächtigt, - aus Rück-
sichten der Billigkeit für andere Betriebe der
Gärungsessigindustrie Bezugsrechte bis zum
Höchstbetrage von insgesamt 16000 Hektolitern
zu gewähren.

DerVerkaufpreis für Branntwein, dessenMenge
die dem Bezugsrecht entsprechende Weingeist-

menge übersteigt, erhöht sich um 50 Mark für
das Hektoliter Weingeist.

Die Bezugsrechte sind unbeschränkt übertrag-
bar und auf Antrag in Betriebsrechte (§ 149) um-
zurechnen.

§ 149. Für Betriebe, in denen im Betriebsjahr
1913/14 der Verbrauchsabgabe unterliegende
Essigsäure gewonnen ist, werden Betriebsrechte
gebildet. Die Betriebsrechte werden in Höhe der
in den Betrieben im Durchschnitt der Jahre
1910/n bis 1913/14 unter Weglassung der Jahre
        <pb n="527" />
        ﻿520

mit der höchsten und niedrigsten Herstellungs-
zahl zu verbrauchsabgabepflichtigen Zwecken her-
gestellten Mengen wasserfreier Essigsäure von
der Monopolverwaltung festgesetzt. Läßt sich
hiernach eine Festsetzung nicht treffen oder
ergeben sich Zweifel, so bestimmt der Bundesrat
das Nähere für die Festsetzung.

Die Verbrauchsabgabe (§ 144) erhöht sich um
85 Mark für 100 Kilogramm wasserfreie Essig-
säure für diejenigen Mengen, die über das Be-
triebsrecht hinaus in den freien Verkehr ab-
gefertigt werden.

Die Betriebsrechte sind unbeschränkt über-
tragbar.

Branntweinschärfen.

§ 150. Die Verwendung vonBranntweinschärfen
ist untersagt. Die Bestimmungen, die über Brannt-
weinschärfen vom Bundesrate getroffen werden,
sind dem Reichstag mitzuteilen.

Verkehrsbezeichnungen für Kornbranntwein usw.

§151. Unter der Bezeichnung Kornbranntwein
darf nur Branntwein in den Verkehr gebracht
werden, der ausschließlich aus Roggen, Weizen,
Buchweizen, Hafer oder Gerste hergestellt und
nicht im Würzeverfahren gewönnen ist. Mi-
schungen von Kornbranntwein mit weingeist-
haltigen Erzeugnissen anderer Art dürfen nicht
unter der Bezeichnung Kornverschnitt oder unter
einer ähnlichen Bezeichnung, die auf die Her-
stellung aus Korn (Roggen, Weizen, Buchweizen,
Hafer oder Gerste) schließen läßt, in den Ver-
kehr gebracht werden.

§ 152. Unter der Bezeichnung Kirschwasser,
Zwetschenwasser, Heidelbeergeist oder ähnlichen
Bezeichnungen, die auf die Herstellung aus Kir-
schen, Zwetschen, Heidelbeeren oder sonstigen
Obst- und Beerenarten hinweisen (Kirsch-
branntwein, Kirsch, Zwetschenbranntwein, Stein-
obstbranntwein, Kernobstbranntwein und der-
gleichen), darf nur Branntwein in den Verkehr
gebracht werden, der ausschließlich aus den be-
treffenden Obst- oder Beerenarten hergestellt ist.
Die Vorschrift im § 151 Satz 2 findet ent-
sprechende Anwendung.

Unter der Bezeichnung Steinhäger darf nur
Trinkbranntwein in den Verkehr gebracht wer-
den, der unbeschadet der Vorschrift im §151 aus-
schließlich durch Abtrieb unter Verwendung von
Wacholderlutter aus vergorener Wacholderbeer-
maische hergestellt ist.

Methylalkohol.

§ 153- Nahrungs- und Genußmittel — insbeson-
dere weingeisthaltige Getränke —, Heil-, Vorbeu-
gungs- und Kräftigungsmittel, Riechmittel und
Mittel zur Reinigung, Pflege oder Färbung der
Haut, des Haares, der Nägel oder der Mund-
höhle dürfen nicht so hergestellt werden, daß
sie Methylalkohol enthalten. Zubereitungen die-
ser Art, die Methylalkohol enthalten, dürfen
nicht in den Verkehr gebracht oder aus dem
Ausland eingeführt werden.

Die Vorschriften des Abs. 1 finden keine An-
wendung :

i. auf Formaldehydlösungen und auf Form-
aldehydzuberekungen, deren Gehalt an Me-
thylalkohol auf die Verwendung von Form-
aldehydlösungen zurückzuführen ist;

2. auf Zubereitungen, in denen technisch nicht
vermeidbare geringe Mengen von Methyl-
alkohol sich aus darin enthaltenen Methyl-
verbindungen gebildet haben oder durch
andere mit der Herstellung verbundene
natürliche Vorgänge entstanden sind.

Hefe.

§ 154. Gemische von Branntweinhefe mit Bier-
hefe dürfen nicht in den Verkehr gebracht, auch
nicht im gewerbsmäßigen Verkehr angekündigt
oder vorrätig gehalten werden.

Unter Branntweinhefe (Lufthefe, Preßhefe,
Pfundhefe, Stückhefe, Bärme) im Sinne dieses
Gesetzes werden die bei der Branntweinbereitung,
unter Verwendung von Stärkemehl- oder zucker-
haltigen Rohstoffen, insbesondere von Getreide
(Roggen, Weizen, Gerste, Mais), Kartoffeln, Buch-
weizen, Melasse oder Gemischen der bezeich-
neten Rohstoffe erzeugten obergärigen frischen
Hefen oder Gemische dieser Hefen verstanden.

Branntweinhefe darf nicht unter einer Bezeich-
nung in den Verkehr gebracht werden, die auf
die Herstellung aus einem bestimmten Rohstoff
hinweist (z. B. als Getreidehefe, Roggenhefe,
Maishefe, Kartoffelhefe, Melassehefe), wenn die
Hefe nicht ausschließlich aus diesem Rohstoff
hergestellt worden ist.

Unter Bierhefe im Sinne dieses Gesetzes wird
diejenige frische Hefe verstanden, die bei der
Bereitung von Bier oder bierähnlichen Getränken
unter Verwendung der durch die Biersteuer-
gesetzgebung zugelassenen Rohstoffe erzeugt ist-

Bierhefe darf nur unter dieser Bezeichnung,
Preßhefe, die aus Bierhefe hergestellt ist, jedoch
auch als Bierpreßhefe in den Verkehr gebracht
werden.

Branntwein- und Bierhefe, die einen Zusatz,
von anderen Stoffen erhalten hat, darf nicht in
den Verkehr gebracht werden.

Der Bundesrat wird ermächtigt, Vorschriften
für die Untersuchung der Hefe zu erlassen.

Straf Vorschriften (Hinterziehung).

§ 155. Wer vorsätzlich dem Reiche eine in
diesem Gesetze vorgesehene Einnahme aus dem
Branntweinmonopol vorenthält oder einen ihm
nach diesem Gesetze nicht gebührenden Vorteil
erschleicht, wird wegen Hinterziehung mit einer
Geldstrafe bestraft, die das Vierfache der hinter-
zogenen Einnahme oder des erschlichenen Vor-
teils, mindestens aber 50 Mark, beträgt.

Versuch.

§ 156. Der Versuch der Hinterziehung ist straf-
bar; die für die vollendete Tat angedrohte Strafe
gilt auch für den Versuch.

Bei dem Versuch ist die Strafe nach der Ver-
kürzung oder dem Vorteil zu bemessen, die bei
Vollendung der Tat eingetreten wäre.

§ 158. Der Tatbestand des § 155 wird ferner als
vorliegend angenommen:

1.	wenn mit' der Herstellung von freigeld-
pflichtigem Trinkbranntweine begonnen wird,
bevor der Betrieb in der vorgeschriebenen
Weise angezeigt ist (§ 121);

2.	wenn freigeldpflichtigerTrinkbranntweinvoin
Hersteller oder Abfüller in anderen als den
hierfür angemeldeten Räumen aufbewahrt
wird;
        <pb n="528" />
        ﻿



521

. 3. wenn freigeldpflichtiger (Trinkbranntwein aus
der Herstellungsstätte oder aus der Abfüll-
stätte in den Inlandverkehr gebracht wird,
ohne daß er in der vorgeschriebenen Weise
in Kleinverkaufbehälthisse gefüllt ist, und
ohne daß diese mit den im § 120 bezeich-
nten Angaben und den zutreffenden Frei-
geldzeichen versehen sind;

4.	wenn Verkäufer freigeldpflichtigen Trink-
branntwein in Gewahrsam haben, der der
Vorschrift dieses Gesetzes zuwider mit den
erforderlichen Freigeldzeichen nicht ver-
sehen ist;

5.	wenn geöffnete, mit Freigeldzeichen ver-
sehene Kleinverkaufbehältnisse der Vor-
schrift des § 126 zuwider nachgefüllt werden;

6.	wenn die über Herstellung, Abfüllung und
Vertrieb von freigeldpflichtigem Trink-
branntweine vorgeschriebenen Anschreibu n-
gen unrichtig geführt werden;

7.	wenn Branntwein aus den im §4 (Obst-
brennereien und §151 Satz 1 genannten
Stoffen, für den der Branntweinaufschlag
zu entrichten ist, der Verarbeitung zu frei-
geldpflichtigem Trinkbranntwein entzogen
wird.

Monopolhehlerei.

§161. Wer seines Vorteils wegen vorsätzlich
Branntwein, einschließlich des zu Trinkbrannt-
weinverarbeiteten, hinsichtlich dessen eine Hinter-
ziehung stattgefunden hat, ankauft, zum Pfände
nimmt oder sonst an sich bringt, verheimlicht,
absetzt oder zu seinem Absatz mitwirkt, wird
mit Geldstrafe in Höhe des vierfachen Betrags
der hinterzogenen Einnahme, mindestens aber
in Höhe von 50 Mark, bestraft.

Der Versuch ist strafbar; §156 findet ent-
sprechende Anwendung.

Einziehung.

§ 174. Freigeldpflichtiger Trinkbranntwein, der
im freien Verkehr in anderen als den im § 120
vorgesehenen Behältnissen ohne die vorgeschrie-
bene Bezeichnung oder ohne die vorgeschriebe-
nen Freigeldzeichen angetroffen wird, unterliegt
der Einziehung, gleichviel, wem er gehört und
ob gegen eine bestimmte Person ein Strafver-
fahren eingeleitet wird.

Fälschung von Freigeldzeichen.

§ 175. Mit Gefängnis nicht unter drei Monaten
wird bestraft, wer unechte Freigeldzeichen in
der Absicht anfertigt, sie als echt zu verwenden,
oder echte Freigeldzeichen in der Absicht ver-
fälscht, sie zu einem höheren Werte zu verwen-
den, oder wissentlich von falschen oder verfälsch-
ten Freigeldzeichen Gebrauch macht.

Neben der Strafe kann auf Verlust der bürger-
lichen Ehrenrechte erkannt werden.

§ 176. Wer wissentlich schon einmal verwen-
dete Freigeldzeichen verwendet, wird mit Geld-
strafe bis zu 600 Mark bestraft.

§ 177. Neben der in den §§ 175 und 176 vor-
gesehenen Strafe kommt die durch die Hinter-
ziehung der Monopoleinnahme begründete Strafe
zur Anwendung.

§ 178. Mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder
mit Haft wird bestraft, wer ohne schriftlichen
Auftrag einer Behörde

1.	Stempel, Siegel, Stiche, Platten oder andere
Formen, die zur Anfertigung von Freigeld-
zeichen dienen können, anfertigt oder an
einen anderen als die Behörde verabfolgt;

2.	Stempel, Stiche, Platten oder Formen der
in Nr. 1 bezeichneten Art abdruckt, ab-
zudrucken versucht oder solche Abdrucke
an einen anderen als die Behörde ver-
abfolgt.

Neben der Strafe kann auf Einziehung der
Stempel, Siegel, Stiche, Platten oder anderen
Formen sowie der Abdrucke erkannt werden,
ohne Unterschied, ob sie dem Verurteilten ge-
hören oder nicht.

§ 179. Mit Geldstrafe bis zu 150 Mark wird be-
straft, wer wissentlich schon einmal verwendete
Freigeldzeichen veräußert oder feilhält.

Haftung für andere Personen.

§ 181. Inhaber der unter dieses Gesetz fallen-
den Betriebe haften für die von ihren Verwaltern,
Geschäftsführern, Gehilfen und sonstigen in
ihrem Dienste oder Lohne stehenden Personen
sowie von ihren Familien- oder Hausmitglie-
dern verwirkten Geldstrafen und Kosten des
Strafverfahrens sowie für die nachzuzahlende
Monopoleinnahme. Die Haftung für die Geld-
strafe und die Kosten tritt nicht ein, wenn die
Zuwiderhandlung nachweislich ohne Wissen des
Inhabers begangen worden ist. Die Haftung ist
jedoch auch in diesem Falle begründet, wenn es
der Inhaber bei der Auswahl oder der Beaufsich-
tigung des Angestellten oder bei der Beaufsichti-
gung der Familien- oder Hausmitgfieder an der
erforderlichen Sorgfalt hat fehlen lassen oder
wenn er aus der Tat einen Vorteil gezogen hat.

§ 182, Als Verletzung der erforderlichen Sorg-
falt (§ 181 Schlußsatz) gilt insbesondere die An-
stellung oder Beibehaltung eines wegen Brannt-
weinsteuerhinterziehung im Sinne des bisher gel-
tenden Branntweinsteuergesetzes oder wegen
Hinterziehung der Monopoleinnahme bereits be-
straften Verwalters, Geschäftsführers oder Ge-
werbegehilfen, falls nicht die oberste Landes-
finanzbehörde die Anstellung oder Beibehaltung
genehmigt hat.

§ 183. Läßt sich die Geldstrafe von dem Schul-
digen nicht beitreiben, so kann die Steuerbehörde
davon abseben, den für die Geldstrafe Haftenden
in Anspruch zu nehmen und die an die Stelle
der Geldstrafe tretende Freiheitsstrafe an dem
Schuldigen vollstrecken lassen.

Strafverjährung.

§ 186. Die Strafverfolgung von Hinterziehun-
gen und von Monopolhehlerei verjährt in drei
Jahren, die von Ordnungswidrigkeiten in einem
Jahre.

' Die Strafverfolgung auf Grund derVorschriften
der §§ 167 bis 171 verjährt zugleich mit dem
Eintritt der Verjährung gegen den eigentlichen
Täter.

Destillateure.

§ 214. Inhaber von Betrieben, in denen im
Betriebsjahr 1913/14 gewerbsmäßig Trirlkbrannt-
wein hergestellt ist, oder deren Rechtsnachfolger
werden für die Aufgabe oder Einschränkung des
Betriebs von der Monopolverwaltung entschä-
digt ; Anträge auf Zubilligung der Entschädigung

I

. I I
        <pb n="529" />
        ﻿522

sind nur zu berücksichtigen, wenn sie innerhalb
zweier Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Ge-
setzes bei der zuständigen Verwaltungsbehörde
eingegangen sind. Dies^ Vorschrift gilt nicht für
Inhaber von Gast- oder Schankwirtschaften, so-
weit sie zum Absatz in ihrer Gast- oder Schank-
wirtschaft Branntwein zu Trinkbranntwein ver-
arbeitet haben.

Ist ein nach Abs. r einen Anspruch auf Ent-
schädigung begründender Betrieb durch ein erst
nach dem 30. November 1917 abgeschlossenes
Rechtsgeschäft unter Lebenden erworben, so be-
steht kein Anspruch auf Entschädigung; der
Bundesrat kann aus Billigkeitsgründen eine an-
gemessene Entschädigung gewähren.

Die Vorschriften der beiden ersten Absätze
finden auch auf andere Betriebe Anwendung,
insoweit sie unverarbeiteten Branntwein in Men-
gen von nicht mehr als 280 Liter Weingeist im
Einzelfall abgesetzt haben.

§ 215. Mehrere Betriebe, die für Rechnung
einer und derselben Person oder Gesellschaft
geführt worden sind, gelten für die Berechnung
der Entschädigung als ein Betrieb.

§216. Als Grundlage für die Berechnung der
Entschädigung wird die Weingeistmenge ermit-
telt. die in dem Betriebe des Berechtigten in
der Zeit vom 1. Oktober 1913 bis zum 31. Juli
1914 nachweislich gegen Entrichtung der Ver-
brauchsabgabe in den freien Verkehr gesetzt
oder versteuert bezogen oder unversteuert aus-
geführt worden ist. Von der ermittelten Menge
wird die Menge, die in dem gleichen Zeitraum in
dem Betriebe des Berechtigten

1.	zu Trinkbranntwein verarbeitet ist, mit ihrem
vollen Betrage, vermehrt um ein Fünftel,

2.	als unverarbeiteter Branntwein in Mengen
von nicht mehr als 280 Liter Weingeist im
Einzelfall abgesetzt ist, mit fünfzehn Hun-
dertteilen ihres Betrags, vermehrt um ein
Fünftel,

in Ansatz gebracht (Entschädigungszahl).

Die näheren Bestimmungen trifft der Bundes-
rat.

§ 217. Die Entschädigung wird für die ersten
zehn Betriebsjahre nach dem Inkrafttreten dieses
Gesetzes gewährt und beträgt jährlich für das

Hektoliter	der Entschädigungszahl,	
wenn diese nicht höher ist als 100		. . . 40 M.
,, ,,	„	„	,, 200	... 38 „
»&gt;			300	••• 36 „
&gt;&gt;	4°o .	• ■ • 34
	„	500 .	... 32 „
	,,	,.	,. ,, 600 .	••• 30 „
	..	„	„ 700 .	... 28 „
	..	,,	„	,, 800 .	... 26 „
			 ,.	9°o .	... 24 „
	&gt;•	,,	,, IOOO .	... 22 „
’&gt; ”	höher ist als	1000 .	... 20 „

In jeder höheren Staffel wird als Gesamtent-
schädigung mindestens so viel gewährt, wie sich
ergeben würde, wenn die Grenzzahl der vorher-
gehenden Staffel zu berücksichtigen wäre.

§218. Zur Herstellung von freigeldpflichtigem
Trinkbranntweine verwendete Weingeistmengen
werden auf die Entschädigungszahl angerechnet.
Dies gilt auch im Falle eines Wechsels im Be-
sitze des Betriebs, wenn der Betrieb unter der
gleichen oder einer anderen ein Nachfolgever-

hältnis andeutenden Firma fortgesetzt wird oder
wenn der freigeldpflichtigeTrinkbranntweinunter
Formen in den Verkehr gebracht wird, die ihn
als gleichartig mit Erzeugnissen erscheinen lassen
sollen, wie sie von dem Entschädigungsberech-
tigten abgesetzt worden sind.

§ 219. Der Bundesrat kann unter Berücksich-
tigung der angesammelten Bestände und des
voraussichtlichen Verbrauchs von Trinkbrannt-
wein festsetzen, welchen Teil der der Entschädi-
gungszahl entsprechenden Branntweinmenge jeder
Hersteller von freigeldpflichtigem Trinkbrannt-
weine zum regelmäßigen Verkaufpreise beziehen
darf.

Mehrere Hersteller von freigeldpflichtigem
Trinkbranntweine dürfen die ihnen hiernach
zustehenden Mengen auch gemeinsam beziehen
und verarbeiten.

§220. Die Entschädigungen werden am Schlüsse
eines jeden mit dem Brennereibetriebsjahre sich
deckenden Entschädigungsjahrs gezahlt. Dem
Entschädigungsberechtigten, sofern er auf die
Herstellung freigeldpflichtigen Trinkbranntweins
völlig verzichtet, ist auf Antrag eine Bescheini-
gung auszustellen, aus der. die Höhe seiner ge-
samten Entschädigungsansprüche ersichtlich ist.

§ 221. Durch die in den §§ 217 bis 220 vor-
gesehene Entschädigung werden sämtlidhe An-
sprüche des Berechtigten aus der Aufgabe oder
Einschränkung seines Betriebs abgegolten.

Besitzer von Abfüllstellen.

§ 222. Inhaber von Betrieben — mit Ausnahme
von Reinigungsanstalten—, in denen im Betriebs-
jahr 1913/14 vollständig vergällter Branntwein
gewerbsmäßig und im großen in die für den
Kleinhandel bestimmten Behältnisse abgefüllt und
in diesen Behältnissen an Kleinhändler abgesetzt
ist, werden von der Monopolverwaltung weiter-
beschäftigt oder entschädigt.

Als Grundlage für die Berechnung der Ent-
schädigung wird die Weingeistmenge vollständig
vergällten Branntweins ermittelt, die in dem
Betriebe des Berechtigten im Betriebsjahr 1913/14
nachweislich in der im Abs. 1 angegebenen Weise
abgefüllt und abgesetzt ist.

Die Entschädigung wird für die ersten drei Be-
triebsjahre nach dem Inkrafttreten dieses Ge-

setzes gewährt und beträgt

für die ersten im Betriebsjahr 1913/14
abgesetzten 10000 Hektoliter Brannt-
wein ...............................0,60 M.,

für die zweiten im Betriebsjahr 1913/14
abgesetzten 10000 Hektoliter Brannt-
wein ...............................0,50 M.,

für den Rest der im Betriebsjahr 1913/14

abgesetzten Branntweinmengen .	. 0,40 M.

für das Hektoliter Weingeist.

Die Entschädigungszeit mindert sich um den
Zeitraum, der auf die Beschäftigung durch die
Monopolverwaltung entfällt.

Die Vorschriften der §§ 220 und 221 finden
entsprechende Anwendung.

Besitzer von Branntweinlagern.

§ 223. Auf Branntweinlager, die vor dem 1. Ok-
tober 1917 betriebsfähig bestanden haben und
nicht zu einer Reinigungsanstalt gehören, werden
die für die Lager der Reinigungsanstalten gelten-
den Vorschriften sinngemäß angewendet.
        <pb n="530" />
        ﻿523

Vermittler.

§ 224. Gewerbetreibende, die nach dem 30. Sep-
tember 1912 wenigstens drei Jahre lang den
Branntweinverkehr zwischen der Brennerei und
dem Abnehmer des Branntweins vermittelt haben,
werden nach Wahl der Monopolverwaltung auf
die Dauer von zehn Jahren nach dem Inkraft-
treten dieses Gesetzes weiterbeschäftigt oder in
angemessenen Grenzen entschädigt.

Händler.

§225. Wer in den Betriebsjahren 1911/12 bis
t9‘3/i4 mit Branntwein gewerbsmäßig im großen
gehandelt hat, wird auf Antrag in angemessenen
Grenzen entschädigt. Auf Branntwein-Reinigungs-
anstalten ist diese Vorschrift nicht anwendbar.
Der Antrag ist vor Ablauf des zweiten Jahres
nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes bei der
zuständigen Verwaltungsbehörde zu stellen.

Agenten.

§ 226. Gewerbetreibende, die nach dem 30. Sep-
tember 1912 im Namen der Spiritus-Zentrale oder
einet Reinigungsanstalt Geschäfte über die Liefe-
rung von Branntwein einschließlich des vergällten
Branntweins abgeschlossen haben, werden auf
Antrag weiterbeschäftigt oder entschädigt. Die
Entschädigung wird in Höhe der Hälfte der
nachweislich im Betriebsjahr 1913/14 gezahlten
Vermittlergebühren auf die Dauer von fünf Jahren
gewährt. Die Einitschädigungszeit mindert sich
um den Zeitraum, der auf die Beschäftigung
durch die Monopolverwaitung entfällt.

Angestellte.

§ 228. Die über 21 Jahre alten Personen, die
bei Inkrafttreten dieses Gesetzes im Betrieb einer
Reinigungsanstalt angestellt waren und nach-
weislich infolge dieses Gesetzes nicht oder zu
ungünstigeren Bedingungan weiterbeschäftigt wer-
den, erhalten von der Monopolverwaltung ihre
bisherigen Bezüge bis zum Ablauf der sechs Mo-
nate, die dem Inkrafttreten dieses Gesetzes folgen.

Statt der im Abs. I bezeichnten Ehtschädi-
gung erhalten die Angestellten, die ununter-
brochen seit dem 1. August 1914 in einer Reini-
gungsanstalt angestellt waren, als Entschädigung
für jedes auch nur begonnene Jahr die Hälfte der
Bezüge des letzten Anstellungsjahrs. Angestellte,
die zur Zeit des. Inkrafttretens dieses Gesetzes
das fünfundvierzigste Lebensjahr vollendet haben,
erhalten für jedes auch nur begonnene weitere
Anstellungsjahr drei Viertel, Angestellte, die zur
angegebenen Zeit das fünfundfünfzigste Lebens-
jahr vollendet haben, erhalten die vollen Bezüge
des letzten Anstellungsjahres.

Als Unterbrechung gilt nicht die Tätigkeit in
der Spiritus-Zentrale, in einer der für Rechnung
dieser Gesellschaft betriebenen Unternehmungen
oder in Spiritus-Verwertungs-Genossenschaften,
ebenso nicht der Dienst im Heere, in der Marine
oder im vaterländischen Hilfsdienst.

§ 229. Als Bezüge gelten neben dem Gehalt
oder Lohne die geschäftsüblichen Geldgeschenke,
Provisionen, freie Wohnung, Beleuchtung und
sonstigen Vorteile, die sich als Gegenleistung
für die im bisherigen Geschäftsbetriebe geleistete
Arbeit kennzeichnen.

Wurden die Bezüge nach dem 1. Juli 1918 er-
höht, so wird die Erhöhung nicht berücksichtigt,

es sei denn, daß sie der bisherigen Übung des
Betriebs oder den Zeitverhältnissen entsprach.

Für Kriegsteilnehmer können diese Bezüge aus
Rücksichten der Billigkeit erhöht werden.

§ 230. Die Entschädigung darf insgesamt nicht
mehr als das Siebeneinhalbfache der Bezüge des
letzten Anstellungsjahrs und nicht mehr als
100 000 Mark betragen.

§ 231. Angestellte, die zu den bisherigen Be-
dingungen zunächst weiterbeschäftigt werden,
denen aber später gekündigt wird, haben, wenn
die Kündigung nicht aus einem in ihrer Person
liegenden wichtigen Grunde erfolgt (§ 72 des
Handelsgesetzbuchs),

1.	bei Kündigung innerhalb der ersten drei
Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Ge-
setzes Anspruch auf volle Entschädigung,

2.	bei späterer Kündigung Anspruch auf die
um ein Neuntel für jedes volle Jahr, um das
der Angestellte länger als drei Jahre weiter-
beschäftigt worden ist, geminderte Entschä-
digung.

Wird dem Angestellten gekündigt, weil er
durch Krankheit oder unverschuldetes Unglück
an der Verrichtung seiner Dienste verhindert
wird, so wird die Entschädigung nicht gemindert.
Das gleiche gilt, wenn der Angestellte aus einem
wichtigen Grunde (§ 71 des Handelsgesetzbuchs)
kündigt.

§ 232. Angestellte, die innerhalb der ersten
drei Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Ge-
setzes ohne wichtigen Grund es ablehnen, eine
ihnen von der Monopolverwaltung unter Be-
lassung der bisherigen Bezüge angebotene, ihrer
beruflichen Vorbildung entsprechende Beschäfti-
gung auszuführen, werden nicht entschädigt. Das
gleiche gilt, wenn ein Angestellter, der zunächst
weiter beschäftigt worden ist, während der ersten
drei Jahre nach Inkrafttreten dieses Gesetzes
kündigt.

Im Falle einer späteren Kündigung erhält der
Angestellte als Entschädigung die Hälfte der
Bezüge, die ihm nach §231 Abs. 1 Ziffer 2 zu-
stehen würden.

§ 233. Die Entschädigungen sind alsbald nach
Beendigung des Anstellungsverhältnisses ausru-
zahlen.

Stirbt der Angestellte, bevor der nach den
Vorschriften der §§ 228 bis 232 entstandene Ent-
schädigungsanspruch befriedigt oder erloschen
ist, und hinterläßt er eine Ehefrau oder Erben
erster Ordnung, so wird die Entschädigung in
dem Betrage, zu dem sie am Schlüsse des letzten
Vierteljahrs zu beanspruchen war, jedoch ge-
mindert um ein Drittel, an die Erben gezahlt.

§ 234. Zu den Angestellten im Sinne dieser
Vorschriften sind auch die Vorstandsmitglieder
von Gesellschaften zu rechnen. Reisende gelten
als Angestellte nur insoweit, als sie bereits am
r. Oktober 1917 als Handlungsgehilfen im Sinne
des sechsten Abschnitts des ersten Buches des
Handelsgesetzbuchs mit festem Gehalt angestellt
waren.

§ 235. Die Vorschriften der §§ 228 bis 234 fin-
den sinngemäße Anwendung auf Angestellte, die
bei Inkrafttreten dieses; Gesetzes

1. im Geschäftsbetriebe der Spiritus-Zentrale,
Gesellschaft mit beschränkter Haftung in
Berlin, oder in einer der für Rechnung
        <pb n="531" />
        ﻿524

dieser Gesellschaft betriebenen Unterneh-
mungen tätig sind oder

2.	in Spiritus-Verwertungs- Genossenschaften
oder

3.	in Betrieben tätig sind, deren Inhaber nach
§ 214 entschädigungsberechtigt sind, oder
entschädigungsberechtigt sein würden, wenn
die Vorschrift in §2t4 Abs. 2 auf ^ie keine
Anwendung fände,

sofern, die Angestellten infolge dieses Gesetzes
nicht oder zu ungünstigeren Bedingungen weiter-
beschäftigt werden.

Arbeiter.

§ 236. Die mehr als ein Jahr in einem nach
den Vorschriften dieses Abschnitts entschädi-
gungsberechtigten Betriebe beschäftigt gewesenen
Arbeiter, die nachweislich infolge dieses Ge-
setzes innerhalb des ersten Jahres nach dessen
Inkrafttreten arbeitslos werden, ohne anderweit
entsprechende Beschäftigung zu finden, oder
wegen notwendig gewordenen Berufswechsels
oder wegen Einschränkung des Betriebs geschä-
digt werden, erhalten aus Mitteln der Mondpol-
verwaltung Unterstützung bis zu einem Zeit-
raum von einem halben Jahre.

Statt der in Abs. 1 gewährten Entschädigung
erhalten Arbeiter, die mindestens zwei Jahre vor
dem Inkrafttreten dieses Gesetzes ununterbrochen
in einem nach den Vorschriften dieses Abschnitts
entschädigungsberechtigten Betriebe beschäftigt
waren, die Entschädigung für einen Zeitraum bis
zu einem Jahre.

Für jedes weitere begonnene Jahr der Beschäf-
tigung bis zu neun Jahren verlängert sich der
Zeitraum, bis zu dem die Unterstützung gewährt
wird, um ein halbes Jahr.

§ 237. Die §§ 229 und 233 finden entsprechende
Anwendung.

Bei Abmessung der Unterstützung ist Rück-
sicht auf die Erwerbsfähigkeit der Arbeiter zu
nehmen und nach billigem Ermessen zu berück-
sichtigen, wie weit der Arbeiter behindert ist, eine
Beschäftigung in einem anderen Betrieb auf-
zunehmen. Bestehen solche Behinderungen in
der Aufnahme der Arbeit, so kann die Unter-
stützung für einen längeren Zeitraum oder für
den entgangenen Verdienst in der neuen Stellung
gewährt werden.

§ 238. Für Arbeiter, die bei Inkrafttreten dieses
Gesetzes mindestens zehn Jahre ununterbrochen
in einem nach den Vorschriften dieses Abschnitts
entschädigungsberechtigten Betrieb beschäftigt
waren, finden die Vorschriften der §§ 228 bis 234
entsprechende Anwendung.

§ 239. Die näheren Bestimmungen über Um-
fang und Bedingungen der Zuwendungen erläßt
der Bundesrat, jedoch mit der Maßgabe, daß die
Unterstützung im Falle eingetretener Arbeits-
losigkeit nicht weniger betragen darf als drei
Viertel des entgangenen Arbeitsverdienstes.

Entschädigungsverfahren.

§ 240. Die nach den Vorschriften der §§ 214
bis 239 zu zahlenden Entschädigungen werden
durch Entschädigungsausschüsse festgesetzt.

Die Entschädigungsausschüsse entscheiden auf
Grund freier Beweiswürdigung. Sie sind befugt,
Zeugen und Sachverständige eidlich zu verneh-

men und Versicherungen an Eides Statt ent-
gegenzunehmen.

Die näheren Bestimmungen für die Ausführung
trifft der Bundesrat.

§ 241. Gegen die Entscheidung der Ausschüsse
kann binnen einer Frist von vier Wochen nach
der Zustellung des Bescheids der ordentliche
Rechtsweg beschriften werden.

Entschädigungen aus Billigkeitsrücksichten.

§ 242. Der Bundesrat ist befugt, aus Rück-
sichten der Billigkeit auch anderen als den nach
den Vorschriften der §§ 199 (betr. Reinigungs-
anstalten) bis 239 in Betracht kommenden Per-
sonen, die durch die Einführung dieses Ge-
setzes in ihrem Erwerbe geschädigt werden,
aus Mitteln der Monopolverwaltung Entschädi-
gungen zu gewähren. Der Bundesrat kann die
Befugnis auf eine andere Stelle übertragen.

Der Antrag auf Entschädigung ist binnen
sechs Monaten nach dem Inkrafttreten dieses
Gesetzes an die Monopolverwaltung zu richten.

Freigeld.

§ 249. Dem Freigeld unterliegen auch die
beim Inkrafttreten dieses Gesetzes im freien Ver-
kehre befindlichen, bei anderen als Verbrauchern
vorhandenen Bestände an Trinkbranntwein, so-
weit sie nicht bis zum Ablauf des mit dem In-
krafttreten dieses Gesetzes beginnenden Kalender-
vierteljahrs an Verbraucher abgegeben werden.
Wer die Befreiung von dem Freigeld in Anspruch
nimmt, hat dies der Steuerbehörde anzuzeigen
und über die Bestände, den etwaigen Zugang und
den Abgang nach näherer Bestimmung des Bun-
desrats Anschreibungen zu führen, die mit den
Beständen den Aufsichtsbeämten der Steuer-
verwaltung auf Verlangen vorzuzeigen sind. Auf
die von dem Freigeld nicht befreiten Bestände
finden die Vorschriften in §§ 117 ff. und im
VIII. Abschnitt entsprechende Anwendung.

Zuschlag zur Verbrauchsabgabe.

§ 250. Soweit und solange der Branntwein der
Verbrauchsabgabe (§ 1 des Branntweinsteuer-
gesetzes vom 15. Juli 1909 Reichs-Gesetzbl. S.661)
unterliegt, wird zu ihr ein Zuschlag erhoben, der
6,7s Mark für das Liter Weingeist beträgt.

Der Zuschlag wird ermäßigt für Obstbrenne-
reien und Stoffbesitzer, wenn sie im Betriebs-
jahr

nicht mehr als fünf Liter Weingeist herstellen,
auf 3,16 Mark,

mehr als fünf, aber nicht mehr als fünfzig Liter
Weingeist hersteilen, auf 5,16 Mark.

Die auf die Verbrauchsabgabe bezüglichen
Vorschriften des Branntweinsteuergesetzes sind
auch auf den Zuschlag zur Verbrauchsabgabe
anzuwenden.

Für die Erhebung und Verwaltung des Zu-
schlags zur Verbrauchsabgabe wird den Bundes-
staaten eine Vergütung nicht gewährt.

Für die im Abs. 1 bezeichnete Zeit wird die
Übergangsabgabe (§ 22 des Branntweinsteuer-
gesetzes) auf 8,25 Mark festgesetzt.

Essigsäure-Nachsteuer.

§ 251. Essigsäure (§ 144), die sich am Tage des
Inkrafttretens dieses Gesetzes im freien Verkehre
befindet, unterliegt nach näherer Bestimmung
        <pb n="532" />
        ﻿525

des Bundesrats einer Nachsteuer von 130 Mark
für den Doppelzentner wasserfreie Säure.

§ 252. Von der Nachsteuer befreit ist Essig-
säure des freien Verkehrs,

1.	soweit sie von der Verbrauchsabgabe be-
freit ist;

2.	soweit sie nachweislich nach den Sätzen des
§ 140 verzollt ist;

3.	im Besitze von Gewerbetreibenden in Men-
gen von nicht mehr als fünf Kilogramm, im
Besitze von anderen Haushaltsvorständen in
Mengen von nicht mehr als einem Kilo-
gramm wasserfreie Säure.

Aufwendungen für Wohlfahrts- und Wirtschafts-
zwecke.

§ 258. Aus der Monopoleinnahme sind jähr-
lich

1.	vier Millionen Mark zur Bekämpfung der
Trunksucht und ihrer Ursachen sowie zur
Milderung der durch die Trunksucht herbei-
geführten Schäden.

2.	zwei Millionen Mark zur wissenschaftlichen
Erforschung und praktischen Förderung des
Kartoffelbaues und der Kartoffelverwertung,

3.	bis zu sechzehn Millionen Mark zur Er-
mäßigung der Kosten der weingeisthaltigen
Heilmittel für die minderbemittelten Volks-
kreise, wovon den Krankenkassen (§ 225 der
Reichsversicherungsordnung) und knapp-
schaftlichen Krankenkassen für jedes Mit-
glied und Jahr mindestens 60 Pfennig als
Rückvergütung zu gewähren sind,

dem Reichskanzler zur Verfügung zu stellen.
Die Beträge sind in den Reichahaushaltsplan ein-
zustellen.

Auszug aus dem Biersteuergesetz.

Gegenstand der Biersteuer.

§1. Bier, das im Geltungsbereiche dieses Ge-
setzes hergestellt wird, unterliegt einer in die
Reichskasse fließenden Abgabe (Biersteuer).

Befreiung.

§ 2. Von der Biersteuer befreit ist Bier, das
unter Steueraufsicht aus dem Geltungsbereiche
dieses Gesetzes ausgeführt wird.

Höhe der Steuer.

§ 3. Die Biersteuer beträgt für jedes Hektoliter
der in einem Brauereibetrieb innerhalb eines
Rechnungsjahres hergestellten Biermenge

von den ersten	2000 Hektolitern . . 10,00 M.,	
„ folgenden	8000	,,	• • 10,50 „
,, ,, ,,	IOOOO	,, .. 11,00 „
&gt;J	))	J&gt;	10000	„	. • 11.50 „
»&gt;	Ji	&gt;&gt;	30000	,, . . 12,00 ,,
,	6:j 000	,.	• • 12,30 „
„ dem Reste . .		
Die Steuersätze	im Abs. 1	ermäßigen sich für

Einfachbier und erhöhen sich für Starkbier je
um die Hälfte. Einfachbier im Sinne dieses
Gesetzes ist Bier mit einem Stammwürzegehalt
bis 4,s vom Hundert. Vollbier ist Bier mit
einem Stammwürzegehalt von 8—13 vom Hun-
dert. Starkbier ist Bier mit einem Stammwürze-
gehalt von mehr als 13 vom Hundert.

Für die vor dem 1. Oktober 1908 betriebs-
fähig hergerichteten Brauereien wird, sofern in
ihnen im Durchschnitt der Rechnungsjahre 1906,
1907 und 1908 und seither bis zum Inkrafttreten
dieses Gesetzes in einem Rechnungsjahre nicht
mehr als 150 Doppelzentner Braustoffe nach
den Vorschriften der Brausteuergesetze vom

3.	Juni 1906 und vom 15. Juli 1909 steuerpflichtig
geworden sind, die Biersteuer von den ersten
1000 Hektolitern der in, einem Rechnungsjahre
hergestellten Biermenge auf acht Mark für ein
Hektoliter ermäßigt. Die Vorschrift im Abs. 2
findet entsprechende Anwendung. Die Vergün
stigung erlischt mit dem Ablauf des Rechnungs-
jahrs, in dem in der Brauerei mehr als 1000
Hektoliter Bier hergestellt worden sind.

Vom 26. Juli 1 gx8. (R.-G.-Bl. S. 863.)

Mehrere Brauereien, die für Rechnung einer
und derselben Person oder Gesellschaft betrieben
werden, sind im Sinne des Abs. 1 als ein Brauerei-
betrieb anzusehen. Sind mehrere, am 1. August
1909 für Rechnung einer und derselben Person
oder Gesellschaft betriebene Brauereien bis dahin
steuerlich getrennt behandelt worden, so sind
sie auch nach dem Inkrafttreten des Gesetzes
getrennt zu behandeln.

Wird eine Braustätte von mehreren, für eigene
Rechnung brauenden Personen gemeinsam be-
nutzt, so ist für die Höhe des Steuersatzes nicht
die in der Brauerei insgesamt hergestellte Bier-
raenge, sondern die Biermenge entscheidend,
die jede einzelne dieser Personen auf eigene
Rechnung herstellt. Nach dem 1. August 1909 er-
richtete Brauereien dieser Art erhalten die Ver-
günstigung nicht. Ausnahmen können nach
näherer Bestimmung des Bundesrats zugelassen
werden.

Haustrunk und Hausbrauer.

§ 6. Für Bier, das von Brauereien an ihre An-
gestellten und Arbeiter als Haustrunk gegen
Entgelt oder unentgeltlich abgegeben wird, wird
die Steuer nicht erhoben. Brauereien dürfen
Bier, das nach dieser Vorschrift steuerfrei ge-
blieben ist, an andere Personen als ihre An-
gestellten und Arbeiter nicht abgeben.

Für Personen, die obergäriges Bier nur für
ihren Hausbedarf bereiten, wird, wenn sie in
einem Rechnungsjahre nicht mehr als zwanzig
Hektoliter Bier herstellen, die Steuer auf drei
Mark für ein Hektoliter ermäßigt. Es ist ver-
boten, Bier, das zum ermäßigten Satze versteuert
worden ist, an nicht zum Haushalt gehörige
Personen gegen Entgelt abzugeben. Bierver-
käufer haben auf die Ermäßigung keinen An-
spruch.

Steuerpflichtige Menge.

§ 10. Die steuerpflichtige Menge bestimmt sich
nach dem Raurrigehalte der Umschließungen
(Fässer, Flaschen usw.), in denen das Bier die
Brauerei verläßt.
        <pb n="533" />
        ﻿526

Die Feststellung der steuerpflichtigen Menge
des innerhalb der Brauerei getrunkenen Bieres
erfolgt nach näherer Anordnung des Bundes-
rats.

Fälligkeit, Stundung.

§ ii. Die Steuer für die in einem Monat steuer-
pflichtig gewordenen Biermengen (§ 8 Abs. 2)
wird am letzten Tage dieses Monats fällig und
ist spätestens am siebenten Tage des nächst-
folgenden Monats bei der Hebestelle einzuzahlen
Wird die Zahlungsfrist wiederholt versäumt oder
liegen Gründe vor, die den Eingang der Steuer
gefährdet erscheinen lassen, so kann die Steuer-
behörde die Bezahlung oder Sicherstellung der
Steuer bei Eintritt der Steuerpflicht fordern.

Gegen Sicherheitsleistung ist die Steuer für
eine Frist von drei Monaten zu stunden.

Nebengebühren, insbesondere für Quittungen
und Bescheinigungen der Steuerbehörden, wer-
den nicht erhoben.

Verjährung.

§ 12. Ansprüche auf Zahlung oder Erstattung
der Biersteuer verjähren in einem Jahre von dem
Tage des Eintritts der Abgabepflicht oder Ab-
gabenentrichtung ab. Der Anspruch auf Nach-
zahlung eines hinterzogenen Steuerbetrags ver-
jährt in drei Jahren.

Die Verjährung wird durch jede von der zu-
ständigen Behörde zur Geltendmachung des An-
spruchs gegen den Zahlungspflichtigen gerich-
tete Handlung unterbrochen.

B$erbereitung.

§ 13. Zur Bereitung von untergärigem Biere
darf, abgesehen von der Vorschrift im Abs. 3,
nur Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser
verwendet werden.

Die Bereitung von obefgärigem Biere unter-
liegt derselben Vorsohrift; es ist hierbei jedoch
auch die Verwendung von anderem Malze und
die Verwendung von technisch reinem Rohr-,
Rüben- oder Invertzucker sowie von Stärke-
zucker und aus Zucker der bezeichneten Art her-
gestellten Farbmitteln zulässig.

Die Verwendung von Farbebieren, die nur
aus Malz, Hopfen, Hefe und Wasser hergestellt
sind, ist bei der Bierbereitung gestattet, unter-
liegt jedoch den vom Bundesrat anzuordnenden
Überwachungsmaßnahmen.

Unter Malz wird alles künstlich zum Keimen
gebrachte Getreide verstanden.

Für die Bereitung besonderer Biere sowie von
Bier, das nachweislich zur Ausfuhr bestimmt
ist, können Abweichungen von den Vorschriften
im Abs. 1 und 2 gestattet werden.

Die Vorschriften im Abs. i und 2 finden keine
Anwendung auf die Bierbereitung der steuer-
begünstigten Hausbrauer (§ 6).

Der Zusatz von Wasser zum Biere durch
Brauer nach Feststellung des Extraktgehalts der
Stammwürze im Gärkeller oder durch Bierhänd-
ler oder Wirte ist untersagt. Das Hauptamt kann
Brauern unter den erforderlichen Sioherungs-
maßnahmen den Zusatz von Wasser zum Biere
nach Feststellung des Extraktgehalts der Stamm-
würze im Gärkeller gestatten.

Die Vermischung von Einfachbier, Vollbier
und Starkbier miteinander sowie der Zusatz von

Zucker zum Biere durch Brauer nach Eintritt
der Steuerpflicht des Bieres oder durch Bier-
händler oder Wirte ist untersagt.

Verkehr mit Bier.

§14. Unter der Bezeichnung Bier — allein
oder in Zusammensetzung,— oder unter Bezeich-
rungen oder bildlichen Darstellungen, die den
Anschein erwecken, als ob es sich um Bier
handelt, dürfen nur solche Getränke in Verkehr
gebracht werden, die gegoren sind und den
Vorschriften im § 13 Abs. 1 bis 3 entsprechen.
Bier, zu dessen Herstellung außer Malz, Hop-
fen, Hefe und Wasser auch Zucker verwendet
worden ist, darf nur in Verkehr gebracht wer-
den, wenn die Verwendung von Zucker in einer
dem Verbraucher erkennbaren Weise kund-
gemacht wird. Das Nähere bestimmt der Bun-
desrat.

Einfachbier (§3 Abs. 2) darf nur in Verkehr
gebracht werden, wenn es in einer dem Ver-
braucher erkennbaren Weise als solches be-
zeichnet ist. Bier darf unter der Bezeichnung
Starkbier oder einer sonstigen Bezeichnung, die
den Anschein erweckt, als ob das Bier besonders
stärk eingebraut sei, nur in den Verkehr gebracht
werden, wenn der Extraktgehalt der Stammwürze
des Bieres nicht unter die festgesetzte Grenze
herabgeht. Vollbier, dessen Stammwürzegehalt
der Vorschrift des § 3 Abs. 2 nicht entspricht, darf
nicht in Verkehr gebracht, werden.

Zubereitungen.

§ 15. Zur Herstellung von Bier bestimmte Zu-
bereitungen, mit Ausnahme der im § 13 Abs. 2
bezeichneten, aus Zucker hergestellten Farbmittel
und der im § 13 Abs. 3 bezeichneten Farbebiere,
dürfen nicht in Verkehr gebracht werden.

Zuckerverwendung.

§ 32. Wer Zucker zur Bierbereitung verwenden
will, hat, abgesehen von der für jeden Sud zu er-
stattenden Brauanzeige (§ 29), hierüber minde-
stens drei Tage vor der erstmaligen Verwendung
bei der Steuerhebestelle eine schriftliche Erklärung
in doppelter Ausfertigung einzureichen. In der Er-
klärung, deren eine Ausfertigung in der Brauerei
zur Einsicht der Steuerbeamten aufgelegt wer-
den muß, ist die Art und Weise der beabsich-
tigten Verwendung, insbesondere bei welchem
Abschnitt der Bierbereitung sie jedesmal er-
folgen soll, näher zu bezeichnen. Bei dem Be-
trieb ist diese Erklärung genau zu befolgen;
später beabsichtigte dauernde Änderungen sind
innerhalb gleicher Frist vorher schriftlich an-
zuzeigen. Soll von dem Inhalt der Erklärung
nur für einzelne bestimmte Einmaischungen ab
gewichen werden, so ist dies in der Brauanzeige
anzumelden.

Über den zur Bierbereitung bestimmten Vor-
rat an Zucker ist nach näherer Anordnung des
Bundesrats ein Buch zu führen, das den Steuer-
beamten jederzeit vorzulegen ist.

Abfüllung und Lagerung fertigen Bieres; Ent-
fernen des Bieres aus der Brauerei; Einbringen
von Bier.

g 34. Fertiges, unversteuertes Bier darf nur in
den von der Steuerbehörde zugelassenen Räumen
gelagert und abgefüllt werden.
        <pb n="534" />
        ﻿527

Bier darf aus der Brauerei nicht entfernt wer-
den, bevor es in den nach seiner allgemeinen
Beschaffenheit und regelmäßigen Brauart zum
Genüsse fertigen Zustand gebracht ist. Der Bun-
desrat kann Ausnahmen zulassen.

Die Einbringung von Bier aus dem freien Ver-
kehr in eine Brauerei unterliegt den vom Bundes-
rat anzuordnenden Überwachungsmaßnahmen.

Versandgefäße.

§ 35. In Fässern darf Bier aus der Brauerei
nur dann entfernt werden, wenn die Fässer
amtlich geeicht und mit dem Eichstempel und
einer Nummer versehen sind. Auf den Fässern
muß die Brauerei, in der das Bier bergestellt ist,
bezeichnet und das Jahr der Eichung und der
Raumgebalt in Litern angegeben sein. Die An-
gaben auf den Fässern müssen deutlich und
dauerhaft angebracht sein.

In anderen Gefäßen als Fässern darf Bier aus
der Brauerei nur entfernt werden, wenn diese
Gefäße vorher nach Art und Raumgehalt unter
Hinterlegung von Mustern der Steuerbehörde
angemeldet worden sind. Auf den Gefäßen muß
der Name und Ort der Brauerei, in der das Bier
hergestellt ist, angegeben sein.

Bestandsaufnahme.

§ 36. Nach näherer Bestimmung des Bundes-
rats werden in den Brauereien Bestandsaufnah-
men vorgenommen. Fehlmengen an Bier, die
sich hierbei gegenüber den in der Brauerei ge-
führten Anschreibungen ergeben, sind zu ver-
steuern, soweit nicht dargetan wird, daß sie auf
Umstände zurückzuführen sind, die eine Steuer-
schuld nicht begründen.

Bierausschank und Bierhandel der Brauereien.

§ 38. Findet in Verbindung mit einer Brauerei
Ausschank von Bier oder Handel mit fremdem
Bier statt, so kann der Bundesrat besondere
Überwachungsmaßnahmen treffen.

Steueraufsicht, Gegenstand und Umfang.

§ 39. Die Brauereien und der Ausschank von
Bier in Verbindung mit einer Brauerei unter-
liegen der Steueraufsicht.

Die Steuerbeamten sind befugt, in den Be-
triebs- und Lagerräumen einer Brauerei, in den
an die Brauerei anstoßenden, mit ihr in Ver-
bindung stehenden Räumen sowie in den Räu-
men, in denen ein Ausschank von Bier in Ver-
bindung mit einer Brauerei stattfindet, Nach-
schau zu halten. Die Steuerbeamten sind ins-
besondere berechtigt, die zum Wiegen der Brau-
stoffe bestimmten Wagen und Gewichte sowie
die zur Vermessung der Würze- und Biermengen
bestimmten Geräte zu prüfen und im Bedarfsfall
deren Richtigstellung zu veranlassen, die Vor-
räte an Braustoffen nachzuwiegen, die zum Be-
trieb einer Brauerei bestimmten Geräte und Ge-
fäße, einschließlich der Lager-, Fuhr- und Ver-
sandgefäße, nachzumessen und die erzeugten
Würze- oder Biermengen sowie deren Extrakt-
gehalt festzustellen. Die Steuerbeamten dürfen
in den unter Steueraufsichf stehenden Betrieben
unentgeltlich Proben von den Braustoffen, der
Bierwürze und dem Biere entnehmen.

Den Steuerbeamten müssen die im Abs. 2 be-
zeichneten Räume von morgens 6 Uhr bis abends

9 Uhr, und wenn in ihnen gearbeitet wird, jeder-
zeit zugänglich sein; die Zeitbeschränkung fällt
weg, wenn Gefahr im Verzug ist.

Es dürfen keine Einrichtungen getroffen wer-
den, die die Ausübung der Nachschau verhin-
dern oder erschweren.

Haussuchung,

§ 40. Ist hinreichender Verdacht vorhanden,
daß die Biersteuer hinterzogen worden ist oder
daß bei der Bierbereitung unzulässige Stoffe
verwendet werden, so dürfen die Steuerbeamten
auch in anderen als den im § 39 Abs. 2 bezeich-
neten Räumen unter Beachtung der für Haus-
suchungen gesetzlich vorgeschriebenen Formen
Nachschau 'halten.

Strafe für Verwendung unzulässiger Stoffe bei
der Bierbereitung.

§ jo. Wer vorsätzlich oder fahrlässig andere als
die nach § 13 zulässigen Stoffe zur Bereitung von
Bier verwendet oder dem fertigen zum Absatz
bestimmten Biere zusetzt, wird, soweit nicht
nach anderen Gesetzen eine schwerere Strafe
verwirkt ist, mit einer Geldstrafe von 50 Mark
bis 5000 Mark bestraft. Ebenso wird bestraft,
wer unzulässige Ersatz- oder Zusatzstoffe in einer
unter Steueraufsicht stehenden Räumlichkeit (§39
Abs. 2) aufbewahrt, sofern die Stoffe nicht nach-
weislich zu anderen Zwecken als zur Bierberei-
tung bestimmt sind.

N eben der Geldstrafe kann auf Einziehung der
Ersatz- oder Zusatzstoffe, des mit ihnen bereiteten
oder versetzten Bieres und der Umschließungen
erkannt werden, ohne Unterschied, ob sie dem
Verurteilten gehören oder nicht. Ist die Ein-
ziehung nicht ausführbar, so ist dem Verurteilten
an ihrer Stelle die Zahlung des Wertes der Gegen-
stände oder, wenn dieser nicht zu ermitteln
ist, einer Geldsumme von 10 Mark bis 10000
Mark aufzuerlegen.

Die Vorschriften im Abs.'i Satz 1 Abs. 2 fin-
den auf Zuwiderhandlungen gegen das Verbot
über die Verbreitung von Zubereitungen der
im § 15 bezeichneten Art Anwendung.

Haftung für andere Personen.

§ 53. Inhaber der unter das Biersteuergesetz
fallenden Betriebe haften für die von ihren Ver-
waltern, Geschäftsführern, Gehilfen und sonstigen,
in ihrem Dienst oder Lohn stehenden Personen
sowie von ihren Familien- oder Haushaltsmit-
gliedern auf Grund dieses Gesetzes verwirkten
Geldstrafen und Kosten des Strafverfahrens so-
wie für die nachzuzahlende Steuer. Die Haftung
für die Geldstrafe und die Kosten tritt nicht ein,
wenn die Zuwiderhandlung nachweislich ohne
Wissen des Inhabers begangen worden ist; die
Haftung ist jedoch auch in diesem Falle be-
gründet, wenn es der Inhaber bei der Auswahl
oder der Beaufsichtigung cjes Angestellten oder
bei der Beaufsichtigung der Familien- oder Haus-
haltsmitglieder an der erforderlichen Sorgfalt
hat fehlen lassen oder wenn er aus der Tat einen
Vorteil gezogen hat.

Übertragung der strafrechtlichen Verantwortlich-
keit.

§ 54. Betriebsinhaber, die den Betrieb nicht
selbst leiten, können die Übertragung der ihnen
        <pb n="535" />
        ﻿528

obliegenden strafrechtlichen Verantwortlichkeit
auf den Betriebsleiter bei der Steuerbehörde be-
antragen. Wird der Antrag genehmigt, so geht
die strafrechtliche Verantwortlichkeit unbeschadet

der im § 53 vorgesehenen VertretungsVerbind-
lichkeit des Betriebsinhabers auf den Betriebs-
leiter über. Die Genehmigung ist jederzeit wider-
ruflich.

Gesetz über den Bicrzoll. Von

§ 1. Die Nummer 186 des Zolltarifs vom 25.De-
zember 1902 erhält folgende Fassung:

Bier aller Art:

in Behältnissen bei einem Raum-
gehalte von 15 Litern oder mehr 19,35 M.,

in anderen Behältnissen...........25,00 „ .

Anmerkung, Der Bundesrat kann für Bier
in amtlich geeichten Fässern, auf denen der
Eichstempel, das Jahr der Eichung und der

Auszug aus dem Weinstcuergesetz.

Gegenstand und Höhe der Weinsteuer.

§ 1. Wein und Traubenmost, ferner dem Weine
ähnliche Getränke unterliegen, wenn sie zum
Verbrauch im Inland bestimmt sind, einer in
die Reichskasse fließenden Abgabe (Weinsteuer)
in Höhe von zwanzig vom Hundert des steuer-
pflichtigen Wertes. Der Bundesrat ist ermäch-
tigt und auf Verlangeil des Reichstags verpflich-
tet, nach Beendigung des Krieges den Steuersatz
für Weine im steuerpflichtigen Werte von nicht
mehr als zwei Mark für das Liter auf fünfzehn
vom Hundert des Wertes herabzusetzen.

Wo in diesem Gesetze von Wein ohne nähere
Bezeichnung die Rede ist, sind darunter die in
Abs. t aufgeführten Erzeugnisse zu verstehen.

Steuerpflichtige.

§ 2. Zur Entrichtung der Steuer ist verpflichtet,
wer Wein an einen Verbraucher abgibt, ferner
wer unversteuerten Wein dem Verbrauch im
eigenen Haushalt oder Betriebe zuführt, und wer
als Verbraucher Wein aus dem Ausland bezieht.

Als Verbraucher ist anzusehen, wer Wein be-
zieht, ohne Hersteller oder Händler zu sein. Als
Hersteller oder Händler im Sinne dieses Ge-
setzes gilt nur, wer seinen Betrieb gemäß § 15
angemeldet hat. Solche Wirte und Kleinver-
käufer, die lediglich inländischen Wein vom
Faß verschänken, sind als Verbraucher im Sinne
dieses Gesetzes anzusehen.

§ 3. Wer Wein an einen Verbraucher abgibt,
ist verpflichtet, dem Verbraucher den Steuer-
betrag besonders zu berechnen. Der Verbraucher
hat die Zahlung an den Abgeber zu leisten. Eine
Berufung darauf, daß die Steuer gemäß § 13 dem
Abgeber gestundet sei, ist unzulässig.

Eintritt der Steuerpflicht.

§ 4. Die Steuerpflicht tritt ein bei Wein, der
an einen Verbraucher abgegeben wird, mit dem
Zeitpunkt der Absendung oder, wenn eine solche
nicht stattfindet, mit dem Zeitpunkt der Aus-
händigung an diesen, bei unversteuertem Weine,
der zum Verbrauch im eigenen Haushalt oder
Betriebe bestimmt wird, mit dem Zeitpunkt der
Entnahme aus den Lagervorräten, und bei Wein, I

26. Juli 1918. (R.-G.-BI. S. 885.)

Raumgehalt nach Litern deutlich und dauerhaft
angegeben sind, wenn der Raumgehalt 15 Liter
oder mehr beträgt und seit der Eichung nicht
mehr als fünf Jahre verflossen sind, die Ver-
zollung nach dem Raumgehalte der Fässer zum
Zollsatz von 25,40 Mark für ein Hektoliter zu-
lassen.

§ 2. Dieses Gesetz tritt am 1. Oktober 1918 in
Kraft.

Vom 26. Juii 1918.	(R.-G.-Bl. S. 831.)

den ein Verbraucher aus dem Ausland bezieht,
mit dem Zeitpunkt des Überganges über die
Zollgrenze.

Wer Wein gegen Entgelt im Inland an einen
Verbraucher abgibt, hat diesem eine Rechnung
auszustellen, aus der Name und Wohnort des
Abgebenden und des Beziehers, der Tag der Ab-
gabe, die Art, Bezeichnung und Menge des
Weines sowie dessen steuerpflichtiger Wert (§ 5)
und der Steuerbetrag ersichtlich sind. Der Bun-
desrat kann Erleichterungen zulassen.

Der steuerpflichtige Wein haftet ohne Rück-
sicht auf die Rechte Dritter für den Betrag der
darauf ruhenden Abgabe und kann, solange
deren Entrichtung nicht erfolgt ist, von der
Steuerbehörde mit Beschlag belegt werden.

Steuerpflichtiger Wert.

§ 5. Als steuerpflichtiger Wert gilt bei Wein,
der gegen Entgelt an einen Verbraucher ab-
gegeben wird, der diesem in Rechnung gestellte
Preis, wobei Rabatt, Zinsvergütungen, Zahlungs-
abzüge und dergleichen unberücksichtigt blei-
ben. Zum steuerpflichtigen Werte gehören nicht
der Wert der unmittelbaren Umschließungen,
soweit diese gesondert und zu angemessenen
Beträgen in Rechnung gestellt werden, und der
Wert der äußeren Verpackungsmittel. Die bis
zum Zeitpunkt der Lieferung entstandenen Neben-
kosten für Lagerung, Behandlung, Abfüllung,
Ausstattung, Fracht, Versicherung, Kommission
und dergleichen sind in den steuerpflichtigen
Wert einzurechnen.

Wein, der unentgeltlich an Verbraucher ab-
gegeben oder der dem Verbrauch im eigenen
Haushalt oder Betriebe zugeführt wird, ist nach
dem Werte zu versteuern, der sich zur Zeit der
Abgabe oder Zuführung für gleiche oder gleich-
artige Weine für den Fall ihrer Abgabe gegen
Entgelt nach Abs. 1 ergeben würde.

Für die Verwertung von Wein, der von einem
Verbraucher aus dem Ausland eingeführt wird,
gelten die Grundsätze des Abs. 1 mit der Maß-
gabe, daß in den steuerpflichtigen Wert der
Eingangszoll sowie die bis zum Übergang über
die Zollgrenze entstandenen Fracht-, Versiehe-
        <pb n="536" />
        ﻿«MM

529

rungs-, Löschungs-, Einlagerungs- und sonstigen
Spesen eingerechnet werden.

Fälligkeit.

§ 6. Die Steuer für Wein, der von einem Ver-
braucher aus dem Ausland bezogen wird, ist
gleichzeitig mit dem Eingangszolle zu entrichten.
Im übrigen wird die Steuer für die in einem
Monat steuerpflichtig gewordenen Weinmengen
(§ 4 Abs. i) am letzten Tage dieses Monats fällig
und ist spätestens am fünfzehnten Tage des
nächstfolgenden Monats bei der Hebestelle ein-
zuzahlen.

Wird die Zahlungsfrist wiederholt versäumt
oder liegen Gründe vor, die den Eingang der
Steuer gefährdet .erscheinen lassen, so kann die
Steuerbehörde die Bezahlung oder Sicherstellung
der Steuer bei Eintritt der Steuerpflicht fordern.

Nebengebühren, insbesondere für Quittungen
und Bescheinigungen der, Steuerbehörden, wer-
den nicht erhoben.

Anmeldung und Feststellung der Steuerbeträge.

§ 7. Der Steuerpflichtige hat spätestens am
siebenten Werktage eines jeden Monats die im
vorhergegangenen Monate steuerpflichtig gewor-
denen Weinmengen nach näherer Bestimmung
des Bundesrats schriftlich bei der Hebestelle
durch eine Erklärung anzumelden, in der der
steuerpflichtige Wert jeder einzelnen Weinabgabe
oder Weinentnahme in Übereinstimmung mit
den kaufmännischen Büchern ersichtlich zu
machen ist. Für Wein, der von einem Ver-
braucher aus dem Ausland eingeführt wird, ist
der steuerpflichtige Wert bei der Zollabfertigung
anzumelden.

Für Fälle des Bedürfnisses, insbesondere für
kleine Herstellungsbetriebe, ferner für den Wein-
absatz in Schankwirtschaften oder im Kleinver-
kaufe, kann der Bundesrat abweichende Anord-
nungen treffen.

Der Steuerbetrag wird für jede Anmeldung in
einer Gesamtsumme festgestellt. Pfennigbeträge
werden nur insoweit erhoben, als sie durch fünf
teilbar sind.

Entscheidung über die Zulänglichkeit der Wert-
anmeldung.

§ 8. Zweifel der Hebestellen an der Zuläng-
lichkeit der Wertanmeldungen sind, wenn, sie
nicht durch Prüfung der Geschäftsbücher be-
hoben werden können, von einem Prüfungsamte
für Weinbewertung zu entscheiden, das minde-
stens zu zwei Dritteln mit Sachverständigen der
beteiligten Erwerbskreise besetzt ist. Im Ein-
vernehmen mit den Landeszentralbehörden be-
stimmt der Reichskanzler die Zahl der Prüfungs-
ämter, deren Sitz. Zuständigkeit, Besetzung und
Geschäftsordnung und beruft nach Anhörung
von Vertretungen des Gewerbes die Sachverstän-
digen, von denen tunlichst zwei Drittel ihre Tätig-
keit als Ehrenamt ausüben sollen.

Die Hebestellen, welche die Entscheidung des
Prüfungsamts anrufen, haben ihm mit der Wert-
anmeldung und ihren Unterlagen eine Probe des
zu prüfenden Weines zu übersenden. Jeder In-
haber von Wein ist verpflichtet, der Steuer-
behörde die Entnahme einer Probe zum Zwecke
der Prüfung zu gestatten. Für die entnommene

Alercks Warenlexikon.

Probe ist Vergütung nach dem angemeldeten
Werte zu leisten.

Das Prüfungsamt ist zu Erhebungen aller Art
berechtigt, insbesondere zu örtlichen Besichti-
gungen und zur schriftlichen oder persönlichen
Befragung des Abgebers und Verbrauchers über
die näheren Umstände des Geschäftsabschlusses.
Das Prüfungsamt ist auch befugt, sich für seine
Ermittelungen der Handels- oder Landwirtschafts-
kammern oder der von diesen vorzuschlagenden
Sachverständigen zu bedienen.

§ 9. Das Prüfungsamt setzt den der Steuer-
berechnung zugrunde zu legenden Wert fest und
teilt ihn der Hebestelle mit. Die Entscheidung
des Prüfungsamts ist endgültig.

Steuerbefreiungen.

§n. Nach näherer Bestimmung des Bundes-
rats ist von der Steuer befreit:

1.	Traubenmost oder Traubenwein, hergestellt
aus selbstgewonnenen Trauben oder aus
Trauben oder Traubenmaische, die Wein-
bergsbesitzer zugekauft haben, sowie selbst-
gekelterte weinähnliche Getränke, zum Ver-
brauch im eigenen Haushalt und zur Ver-
abreichung an die landwirtschaftlichen Ar-
beiter des eigenen Betriebs, soweit die Ge-
tränke nicht in verschlossenen Flaschen dem
Verbrauche zugeführt werden;

2.	bei der Kellerbehandlung oder Lagerung
verbrauchter Wein, soweit er nicht in ver-
schlossenen Flaschen dem Verbrauche zu-
geführt wird;

3.	Wein, der unter Steueraufsicht ausgeführt
oder vernichtet wird;

4.	Wein zur Herstellung von Schaumwein,
Essig und Branntwein sowie von weinhal-
tigen Getränken, von entgeisteten Weinen
und von entgeisteten, dem Weine ähnlichen
Getränken;

5.	Wein, der zu amtlichen Untersuchungen
oder von wissenschaftlichen Anstalten zu
wissenschaftlichen Zwecken verwendet wird;

6.	Wein, der beim Grenzübertritte mitgeführt
und auf Grund der zollgesetzlichen Vor-
schriften als Reisebedarf oder Schiffspro-
viant zollfrei gelassen wird;

7.	Wein, der zur Probe glasweise oder in
Flaschen von weniger als 250 Kubikzenti-
meter Raumgehalt unentgeltlich abgegeben
wird;

8.	Wein, der ausschließlich für gottesdienst-
liche Zwecke bestimmt ist.

Erstattung der Steuer.

§ 12. Eine Erstattung der Steuer kann nach
näherer Bestimmung des Bundesrats gewährt
werden für Wein, der vom Lieferer nachweislich
zurückgenommen worden ist.

Stundung.

§ 13. Gegen Sicherheitsleistung kann die Steuer
bis zu sechs Monaten gestundet werden.

Verjährung.

§ 14. Ansprüche auf Zahlung oder Erstattung
der Steuer verjähren in einem Jahre von dem
Tage der Fälligkeit oder Entrichtung ab. Der
Anspruch auf Nachzahlung eines hinterzogenen
Steuerbetrags verjährt in drei Jahren.

34
        <pb n="537" />
        ﻿530

Die Verjährung, wird durch jede von der zu-
ständigen Behörde zur Geltendmachung des An-
spruchs gegen den Zahlungspflichtigen gerich-
tete Handlung unterbrochen.

Anzeigepflicht.

§ 15. Wer als Hersteller oder Händler Wein
gewerbsmäßig in Verkehr bringen will, hat dies
vor der Eröffnung des Betriebs nach näherer
Bestimmung des Bundesrats der Steuerbehörde
anzuzeigen und ihr gleichzeitig die Betriebs- und
Lagerräume anzumelden. WerTraubenmost oder
Traubenwein ausschließlich aus gekauften Trau-
ben oder gekaufter Traubenmaische hersteilen
will, gilt nicht als Hersteller im Sinne dieses
Gesetzes und darf sich als solcher nicht an-
melden. Staatliche und gemeindliche Betriebe,
ferner Vereinigungen, Gesellschaften und An-
stalten unterliegen der Anzeigepflicht, wenn sie
Wein gegen Entgelt abgeben.

Die Steuerbehörde hat über die erfolgte An-
meldung dem Anmeldenden eine Bescheinigung
auszustellen.

Wein darf nur in den, angemeldeten Räumen
hergestellt und aufbewahrt werden.

§ 16. Jede Änderung in den angemeldeten Ver-
hältnissen ist der Steuerbehörde binnen einer
Woche anzuzeigen.

Betriebsinhaber, die den Betrieb nicht selbst
leiten, haben der Steuerbehörde diejenigen Per-
sonen zu bezeichnen, die als Betriebsleiter in
ihrem Namen handeln.

Die im folgenden für den Betriebsinhaber ge-
gebenen Vorschriften gelten mit Ausnahme der-
jenigen im § 2t Satz 2 auch für den Betriebs-
leiter.

Steueraufsicht.

§17! Die Betriebs- und Lagerräume von Hef-
stellern und Händlern unterliegen der Steuer-
aufsicht. Die Steuerbeamten sind befugt, die
Räume, solange sie geöffnet sind, oder darin ge-
arbeitet wird, zu jeder Zeit, andernfalls während
der üblichen Geschäftsstuaden zu besuchen. Die
Aufsichtsbefugnis erstreckt sich auf alle an die
Betriebs- und Lagerräume angrenzenden oder
damit in Verbindung stehenden Gewerberäume
des Betriebsinhabers. Die Zeitbeschränkung fällt
weg, wenn Gefahr im Verzug ist.

§ 18. Innerhalb der der Steueraufsicht unter-
liegenden Räume dürfen keine Maßnahmen ge-
troffen werden, welche die Ausübung der gesetz-
lichen Aufsicht hindern oder erschweren.

§ 19. Die Betriebsinhaber haben den Steuer-
beamten jede für die Steueraufsicht oder zu sta-
tistischen Zwecken erforderliche Auskunft über
den Betrieb zu erteilen und bei den zum Zwecke
der Steueraüfsicht stattfindenden Amtshandlun-
gen die Plilfsmittel (Geräte, Beleuchtung usw.) zu
stellen und die nötigen Hilfsdienste zu leisten.

Den Oberbeamten der Steuerverwaltung sind
die auf Herstellung. Erwerb und Veräußerung
vonWein bezüglichenGeschäftsbücher undSchrift-
stücke auf Erfordern zur Einsicht vorzulegen.

Buchführung; Bestandsaufnahme.

§ 20. Nach näherer Anordnung des Bundesrats
haben die Betriebsinhaber über ihren Wein-
verkehr Buch, zu führen. Sie sind verpflichtet,
sich vor jeder , Abgabe von Wein im Inland zu

vergewissern, ob der Abnehmer gemäß § 15
steueramtlich angemeldet ist oder zu den Ver-
brauchern gehört, und haften für einen aus der
Nichteinhaltung dieser Verpflichtung entstehen-
den Steuerausfall.

Der Bundesrat kann im Falle des Bedürfnisses
die steueramtlich-e Überwachung des Weinver-
kehrs abweichend von den vorstehenden Vor-
schriften regeln und neben ihnen besondere An-
ordnungen treffen.

Die Steuerbehörde kann Bestandsaufnahmen
anordnen. Hierbei festgestellte Fehlmengen sind
zu versteuern, soweit nicht dargetan wird, daß
sie auf Umstände zurückzuführen sind, die eine
Steuerschuld nicht begründen. Als steuerpflich-
tiger Wert gilt der Wert der Weinsorten, bei
denen die Fehlmengen festgestellt worden sind.
Kann nicht ermittelt werden, aus welchen Wein-
sorten die Fehlmengen herrühren, so tritt Ver:
Steuerung zum Satze von einer Mark für das
Liter oder die Flasche ein.

§ 21. Sind Betriebsinhaber wiederholt wegen
Hinterziehung der Steuer bestraft worden, so
kann ihr Betrieb besonderen Aufsichtsmaßnah-
men unterworfen werden. Die Kosten fallen dem
Betriebsinhaber zur Last. Die Einziehung der
hierdurch erwachsenen Auslagen erfolgt nach
den Vorschriften für die Beitreibung der Zölle
und mit deren Vorzugsrechten.

Weinsteuerhinter-ziehung.

§ 22. Wer vorsätzlich die gesetzliche Steuer
für Wein ganz Oder zum Teil hinterzieht oder
einen ihm nicht gebührenden Steuervorteil er-
schleicht, wird wegen Weinsteuerhinterziehnng
mit einer Geldstrafe' bestraft, die das Vierfache
der Steuerverkürzung oder des Steuervorteils,
mindestens aber 50 Mark beträgt.

Versuch.

§ 23. Der Versuch der Weinsteuerhmterziebung
ist strafbar; die für die vollendete Tat angedrohte
Strafe gilt auch für den Versuch.

Bei dem Versuch ist die Strafe nach der
Steuerverkürzung oder dem Steuervorteile zu
bemessen, die bei Vollendung der Tat eingetreten
wären.

§ 24. Der Tatbestand des § 22 wird insbeson-
dere dann als ■ vorliegend angenommen,

1.	wenn innerhalb der vorgeschriebenen Frist
die Menge des steuerpflichtigen Weines nicht
oder nicht richtig angemeldet oder wenn
der steuerpflichtige Wert des abgegebenen
oder entnommenen Weines zu niedrig an-
gegeben wird (§§ 7, S);

2.	wenn jemand beim Bezüge von Wein fälsch-
lich angibt, daß sein Betrieb gemäß § iS an-
gemeldet sei, oder wenn jemand sich fälsch-
lich als Hersteller oder Händler anmeldet;

3.	wenn Wein, für den Befreiung von der
Steuer gewährt ist, zu anderen als den ge-
statteten Zwecken verwendet wird (§11);

4.	wenn die nach § 20 vorgeschriebenen Bücher
nicht oder wissentlich unrichtig geführt wer-
den ;

5.	wenn mit der Abgabe von Wein begonnen
wird, ehe der Betrieb, angemeldet ist (§ 15); .

6.	wenn Wein in anderen als den angemelde-
ten Räumen hergestellt oder aufbewahrtr
wird (§ 15).
        <pb n="538" />
        ﻿W einsteuerhehlerei.

§ 2S. Wer seines Vorteils wegen vorsätzlich
Wein, hinsichtlich dessen eine Weinsteuerhinter-
ziehung stattgefunden hat, ankauft, zum Pfände
nimmt oder sonst an sich bringt, verheimlicht,
absetzt oder zu seinem Absatz mitwirkt, wird
wegen Weinsteuerhehlerei mit einer Geldstrafe in
Höhe des vierfachen Betrags der Steuer, minde-
stens aber in Höhe von 50 Mark, bestraft.

Der Versuch ist strafbar; §23 findet ent-
sprechende Anwendung.

Haftung für andere Personen.

§ 31. Inhaber der unter das Weinsteuergesetz
fallenden Betriebe haften für die von ihren Ver-
waltern, Geschäftsführern, Gehilfen und sonstigen
in ihrem Dienste oder Lohne stehenden Personen
sowie von ihren Familien- oder Haushaltsmit-
gliedern auf Grund dieses .Gesetzes verwirkten
Geldstrafen und Kosten des Strafverfahrens sowie
für die nachzuzahlende Steuer. Die Haftung für
die Geldstrafe und die Kosten tritt nicht ein,
wenn die Zuwiderhandlung nachweislich ohne
Wissen des Inhabers begangen worden ist; die
Haftung ist jedoch auch in diesem Falle begrün-
det, wenn es der Inhaber bei der Auswahl oder
der Beaufsichtigung des Angestellten oder bei
der Beaufsichtigung der Familien- oder Haus-
haltsmitglieder an der erforderlichen Sorgfalt
hat fehlen lassen oder wenn er aus der Tat einen
Vorteil gezogen hat.

Übertragung der strafrechtlichen Veantwortlich-
keit.

§ 32. Betriebsinhaber, die den Betrieb nicht
selbst leiten, können die Übertragung der ihnen
obliegenden strafrechtlichen Verantwortlichkeit
auf den Betriebsleiter bei der Steuerbehörde be-
antragen. Wird der Antrag genehmigt, so geht

die strafrechtlicheV erantwortlichkeit unbeschadet
der im § 31 vorgesehenen Vertretungsverbind-
lichkeit des Betriebsinhabers auf den Betriebs-
leiter über. Die Genehmigung ist jederzeit wider-
ruflich.

§ 33. Läßt sich die Geldstrafe von dem Schul-
digen nicht beitreiben, so kann die Steuerbehörde
davon absehen, den für die Geldstrafe Haftenden
in Anspruch zu nehmen, und die an Stelle der
Geldstrafe tretende Freiheitsstrafe an dem Schul-
digen vollstrecken lassen.

Ersatzfreiheitsstrafe.

§ 34. Die an die Stelle einer uneinbringlichen
Geldstrafe tretende Freiheitsstrafe darf zwei
Jahre, im Falle des §30 (bei Ordnungsstrafen)
drei Monate nicht übersteigen.

Zollanschlüsse.

§ 43. Wein, der von einem Verbraucher aus
den dem Zollgebiet angeschlossenen Staaten und
Gebietsteilen eingeführt wird, ist spätestens beim
Eintritt in das Inland zu versteuern.

Weinhaltige Getränke.

§47. Getränke, die Wein oder dem Weine ähn-
liche Getränke enthalten, ferner entgeisteterWein
und entgeistete, dem Weine ähnliche Getränke
unterliegen, sofern sie zum Verbrauch im Inland
bestimmt sind, nach näherer Bestimmung des
Bundesrats einer in die Reichskasse fließenden
Steuer in Höhe von zwanzig vom Hundert des
Wertes.

Die auf die Weinsteuer und die Nachsteuer
bezüglichen Vorschriften dieses Gesetzes finden
entsprechende Anwendung.

Zoll.

§ 48. Die nachstehend genannten Nummern
des Zolltarifs erhalten folgende Fassung:

Nummer  des  Zolltarifs		Zollsatz für  1 Doppelzentner Mark
45	W eintrauben:	
	frisch (Tafeltrauben)		20
	Keltertranben; Weinmaische		40
180	Wein und frischer Most von Trauben, auch entkeimt:  in Behältnissen bei einem Raumgehalte von 15 Liter oder mehr;	
	mit natürlichem Weingeistgehalte; frischer Most		60
	mit verstärktem Weingeistgehalte	  in'anderen Behältnissen:	70
	mit natürlichem Weingeistgehalte; frischer Most		75
	mit verstärktem Weingeistgehalte		  Anmerkungen:  1. Neben den Zöllen der Nummer 180 sind die inneren Abgaben zu erheben.	80
	2. Wein zur Herstellung von Schaumwein und Wermutwein unter	
	Zollsicherung	  3. Wein zur Herstellung von Kognak oder Weinessig unter Zoll-	20
	Sicherung.		  4. Wein mit einem Weingeistgehalte von mehr als 200 g in 1 Liter wird wie nicht besonders genannter Trinkbranntwein verzollt.	IO
181	Most von Trauben, ohne oder mit Zuckerzusatz eingekocht oder sonst	
	eingedickt (Traubensirup), weingeistfrei, auch entkeimt; Rosinenextrakt	200
182	Weine mit Heilmittelzusätzen und andere zu Genußzwecken verwendbare weinhaltige Getränke, auch mit Zusatz von Gewürzen oder Zucker:	
	in Behältnissen bei einem Raumgehalte von 15 Liter oder mehr	60
	in anderen Behältnissen		80
        <pb n="539" />
        ﻿532

Nummer  des  Zolltarifs		Zollsatz für r Doppelzentner Mark
■83	Obstwein, in Gärung begriffener Obstraost und andere gegorene, dem Weine ähnliche Getränke aus Frucht- oder Pflanzensäften oder Malz- auszügen; Reisweiu (Sake):	
	in Behältnissen bei einem Raumgehalte von 15 Liter oder mehr	24
	in anderen Behältnissen		75
184	Schaumwein	 			180
	Anmerkung zu Nr. 181 bis 184: Neben den Zöllen sind die inneren Abgaben zu erheben.	
185	Met; Milch wein (Kumyß) und Kefir-Kumyß; Getränke, ohne Zusatz von Branntwein oder Wein künstlich bereitet, anderweit nicht genannt:	
	in Behältnissen bei einem Raumgehalt von 15 Liter oder mehr .	.	24
	in anderen Behältnissen		  Anmerkung: Für die hierher gehörigen Getränke außer Met, Milch- wein und Kefir-Kumyß ist neben dem Zolle die innere Abgabe zu erheben.	48

§ 53- Dieses Gesetz tritt einenMonat nach der I Verkündung in Kraft. Das Gesetz tritt am i.Juli
Verkündung, hinsichtlich der §§ 29, 46 mit der | 1923 außer Kraft.

Auszug aus dem Sdiaumweinsteuergesetz. Vom 26. Juli 1 g 18. (R.-G.-Bl. S. 1064.)

§ 1. Schaumwein aus Traubenwein, aus Obst-
oder Beerenwein (Fruchtwein) sowie alle
schaumweinähnlichen Getränke unterliegen, so-
fern sie zum Verbrauch im Inland bestimmt
sind, einer in die Reichskasse fließenden Ver-
brauchsabgabe (Schäumweinsteuer).

Schaumwein im Sinne dieses Gesetzes sind
alle der Schaumweinsteuer unterliegenden Ge-
tränke.

§2. Die Schaumweinsteuer beträgt:

a)	für Schaumwein, der aus Fruchtwein ohne
Zusatz von Traubenwein hergestellt ist,
sechzig Pfennig für jede Flasche;

b)	für anderen Schaumwein und schaumwein-
ähnliche Getränke 3 Mark für jede Flasche.

Für jede halbe Flasche ist die Hälfte und für
jede kleinere Flasche ein Viertel der auf die
Flasche entfallenden Steuer zu entrichten.

Als ganze Flaschen werden alle Schaumwein
enthaltenden Umschließungen mit Raumgehalt
über 425 bis 850 Kubikzentimeter behandelt;
Umschließungen mit Raumgehalt über 230 bis
425 Kubikzentimeter gelten als halbe Flaschen.
Der Bundesrat ist ermächtigt, für Umschließun-
gen mit Raumgehalt über 850 oder unter
120 Kubikzentimeter besondere Steuersätze un-
ter Zugrundelegung der Einheitssätze des Abs. 1
festzusetzen.

§ 3. Die Schaumweinsteuer ist vom Hersteller
des Schaumweins mittels Anbringung eines
Steuerzeichens an der Umschließung zu ent-
richten, bevor der fertige Schaumwein aus der
Erzeugungsstätte entfernt oder innerhalb der-
selben getrunken wird. Für den aus dem Aus-
land eingehenden Schaumwein ist die Steuer
neben dem Eingangszoll und zugleich mit
diesem vom Einbringer zu entrichten. Die
näheren Bestimmungen über die Form, die An-
fertigung, den Vertrieb und die Art der Ver-
wendung der Steuerzeichen trifft der Bundes-
rat. Er stellt die Voraussetzungen fest, unter
welchen für verwendete Steuerzeichen ein un-

entgeltlicher Ersatz und für noch nicht ver-
wendete Steuerzeichen ein unentgeltlicher Um-
tausch oder eine Rückzahlung gewährt werden
darf. Steuerzeichen, welche nicht in der vor-
geschriebenen Weise verwendet worden sind,
■werden als nicht vorhanden angesehen.

Der Bundesrat kann im Falle des Bedürf-
nisses die Versteuerung nach den Sätzen des
§ 2 unter Befreiung von der Verwendung von
Steuerzeichen auf Grund einer besonderen
Buchführung und der sonst erforderlichen Siche-
rungsmaßnahmen gestatten.

Die Anbringung eines Steuerzeichens ist nicht
erforderlich, wenn der Schaumwein vor der
Entnahme aus der Erzeugungsstätte zur Aus-
fuhr unter amtlicher kostenfreier' Kontrolle an-
gemeldet wird.

Gegen Sicherheitsbestellung ist die Schaum-
weinsteuer für eine Frist von wenigstens neun
Monaten zu stunden. Für eine Frist bis zu drei
Monaten kann sie auch ohne Sicherheitsbestel-
lung gestundet werden.

§4. Der Bundesrat kann darüber Bestimmung
treffen, daß auf in das Ausland geführten deut-
schen Schaumwein eine entsprechende Ver-
gütung gewährt wird für verauslagten Zoll auf
zur Herstellung dieses Schaumweins verwende-
ten ausländischen Rohwein.

§ 5. Für versteuerten Schaumwein, der als
Probe unentgeltlich abgegeben oder der dem
Hersteller vom Empfänger als unbrauchbar zur
Verfügung gestellt wird, erhält der Hersteller
nach näherer Bestimmung des Bundesrats eine
Vergütung der Steuer.

§ 6. Ansprüche auf Zahlung und Erstattung
von Schaumweinsteuer verjähren in zwei Jah-
ren von dem Tage/des Eintritts der Steuer-
pflicht oder der Steuerentrichtung. Der An-
spruch auf Nachzahlung hinterzogener Steuer
verjährt in drei Jahren.

§ 13. Die Schaumweinsteuerzeichen sind an
        <pb n="540" />
        ﻿533

den Umschließungen so lange zu erhalten, bis
diese geöffnet werden.

Wer Schaumwein empfängt, welcher der Vor-
schrift des Gesetzes zuwider mit den erforder-
lichen Steuerzeichen nicht versehen ist, hat
hiervon binnen drei Tagen der Steuerbehörde
Anzeige zu machen,

Händler mit Schaumwein und Wirte sind ver-
bunden, den Oberbeamten der Steuerverwaltung
ihre Vorräte an Schauptwein zum Nachweis,
daß solche mit den vorgeschriebenen ..Steuer-
zeichen versehen sind, auf Verlangen vorzu-
zeigen.

§14, Hersteller von Schaumwein sowie Händ-
ler und Wirte, welche selbst oder deren Be-
triebsleiter wegen Defraudation der Schaum-
weinsteuer bestraft sind, können auf ihre Kosten
besonderen Kontrollen unterworfen werden.

§ 15. Schaumwein, welcher der Vorschrift die-
ses Gesetzes zuwider mit den erforderlichen
Steuerzeichen (§§ 3 und 29) nicht versehen ist,
unterliegt der Einziehung, gleichviel wem er
gehört und ob gegen eine bestimmte Person ein
Strafverfahren eingeleitet wird.

Wird mit der Herstellung von Schaumwein
begonnen, bevor die Betriebs- und Lagerräume
angemeldet sind, so unterliegen außer dem her-
gestellten Schaumwein auch der in der Herstel-
lung begriffene Schaumwein und die zur Herstel-
lung, Lagerung und Aufmachung von Schaum-
wein geeigneten Geräte und Materialien in glei-
cher Weise der Einziehung.

§ 16. Wer es unternimmt, die Schaumwein-
steuer zu hinterziehen, macht sich der Defrau-
dation schuldig.

Die Defraudation wird insbesondere als voll-
bracht angenommen:

a)	wenn mit der Herstellung von Schaum-
wein begonnen wird, bevor die Betriebs-
und Lagerräume in der vorgeschriebenen
Weise angemeldet sind;

b)	wenn fertiger unversteuerter Schaumwein
vom Hersteller in anderen als den dazu
genehmigten Lagerräumen aufbewahrt
wird;

c)	wenn Hersteller, Händler oder Wirte
Schaumwein in Gewahrsam haben, welcher
der Vorschrift dieses Gesetzes zuwider
mit den erforderlichen Steuerzeichen, (§§3
und 29) nicht versehen ist.

Das Dasein der Defraudation wird in den
Fällen des Abs, 2 durch die daselbst bezeich-
neten Tatsachen begründet. Wird festgestellt,
daß eine Hinterziehung nicht verübt oder nicht
beabsichtigt ist, so findet nur eine Ordnungs-
strafe nach § 19 statt.

§ 17. Wer eine Defraudation begeht, hat eine
Geldstrafe verwirkt, die dem vierfachen Betrage
der vorenthaltenen Steuer gleichkommt, min-
destens aber 30 Mark für jeden einzelnen Fall
beträgt. Außerdem ist die Steuer nachzuzahlen.

Kann ein vorenthaltener Steuerbetrug nicht
festgestellt werden, so tritt eine Geldstrafe von
30 Mark bis zu 10000 Mayk ein.

Liegt eine Übertretung vor, so sind die Bei-
hilfe und die Begünstigung mit Geldstrafe bis
zu 150 Mark zu bestrafen.

§ 18. Im Falle der Wiederholung der Defrau-

dation nach vorausgegangener Bestrafung wird
die im § 17 angedrohte Strafe verdoppelt.

Jeder fernere Rückfall zieht Gefängnis bis zu
drei Jahren nach sich, doch kann nach richter-
lichem Ermessen mit Berücksichtigung aller
Umstände und der vorangegangenen Fälle auf
Haft oder auf Geldstrafe nicht unter dem Dop-
pelten der für den ersten Rückfall angedrohten
Strafe erkannt werden.

Die Rückfallstrafe ist verwirkt, auch wenn die
frühere Strafe nur teilweise verbüßt oder ganz
oder teilweise erlassen ist, bleibt dagegen aus-
geschlossen, wenn seit der Verbüßung oder dem
Erlasse der früheren Strafe, bis zur Begehung
der neuen Straftat drei Jahre verflossen sind.

§ 19. Zuwiderhandlungen gegen die Bestim-
mungen dieses Gesetzes und die dazu erlassenen
und öffentlich oder den Beteiligten besonders
bekanntgemachten Verwaltungsvorschriften wer-
den, sofern nicht eine schwerere Strafe verwirkt
ist, mit einer Ordnungsstrafe von einer Mark
bis zu 300 Mark geahndet.

Mit Ordnungsstrafe nach Maßgabe des Abs. 1
wird ferner belegt,

a)	wer einem zur Wahrnehmung des Steuer-
interesses verpflichteten Beamten oder
dessen Angehörigen wegen einer auf die
Erhebung oder Überwachung der Schaum-
weinsteuer bezüglichen amtlichen Hand-
lung oder Unterlassung einer solchen Ge-
schenke oder andere Vorteile anbietet,
verspricht oder gewährt, sofern nicht der
Tatbestand des § 333 des Strafgesetzbuchs
vorliegt;

b)	wer sich Handlungen oder Unterlassungen
zuschulden kommen läßt, durch welche ein
solcher Beamter an der rechtmäßigen Aus-
übung seines Amtes in bezug auf die
Schaumweinsteuer verhindert wird, sofern
nicht der Tatbestand des §113 oder des
§ 114 des Strafgesetzbuchs vorliegt.

§20. Hersteller von Schaumwein sowie Händ-
ler und Wirte haften für die von ihren Ver-
waltern, Geschäftsführern, Gehilfen und sonsti-
gen in ihrem Dienste oder Lohne stehenden
Personen sowie von ihren Familien- oder Haus
haltungsmitgliedern verwirkten Geldstrafen und
Prozeßkosten und für die nachzuzahlende Steuer
im Falle des Unvermögens der eigentlich Schul-
digen. Wird nachgewiesen, daß die Zuwider-
handlung ohne ihr Wissen verübt ist, so haften
sie nur für die Steuer. Die Haftung für Geld-
strafen kann nur durch richterliches Urteil aus-
gesprochen werden.

Ist die Geldstrafe von dem Schuldigen nicht
beizutreiben, so kann die Steuerbehörde davon
absehen, den für die Geldstrafe Haftenden in
Anspruch zu nehmen, und die an Stelle der
Geldstrafe tretende Freiheitsstrafe an dem
Schuldigen vollstrecken lassen.

§ 21. Unbeschadet der verwirkten Ordnungs-
strafen kann die Steuerbehörde die Beobachtung
der auf Grund dieses Gesetzes getroffenen An-
ordnungen durch Androhung und Einziehung
von Geldstrafen bis zu 500 Mark erzwingen.

§ 22. Mit Gefängnis nicht unter drei Monaten
wird bestraft, wer unechte Schaumweinsteuer-
zeichen (§§ 3 und 29) in der Absicht anfertigt,
sie als echt zu verwenden, oder echte Schaum-
        <pb n="541" />
        ﻿534

weinsteuerzeichen in der Absicht verfälscht, sie
zu einem höheren Werte zu verwenden, oder
wissentlich von falschen oder verfälscht enSchaum-
weinsteuerzeichen Gebrauch macht. Neben der
Strafe kann auf Verlust der bürgerlichen Ehren-
rechte erkannt werden.

§ 23. Wer wissentlich schon einmal verwen-
dete Schaumweinsteuerzeichen verwendet, wird
mit Geldstrafe bis zu 600 Mark bestraft,

§ 24. Neben der in den §§ 22 und 23 ange-
drohten Strafe kommt die durch die Hinter-
ziehung der Schaumweinsteuer begründete
Strafe zur Anwendung.

§ 25. Mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder
mit Haft wird bestraft, wer ohne schriftlichen
Auftrag einer Behörde •

1.	Stempel, Siegel, Stiche, Platten oder andere
Formen, welche zur Anfertigung von
Schaumweinsteuerzeichen dienen können,
anfertigt oder an einen anderen als die Be-
hörde verabfolgt;

2.	den Abdruck der in Nr. 1 bezeichneten
Stempel, Stiche, Platten oder Formen un-
ternimmt oder Abdrucke an einen anderen
als die Behörde verabfolgt.

Neben der Strafe kann auf Einziehung der
Stempel, Siegel, Stiche, Platten oder anderen
Formen sowie der Abdrucke erkannt werden,
ohne Unterschied, ob sie dem Verurteilten ge-
hören oder nicht.

§ 26. Mit Geldstrafe bis zu 150 Mark wird
bestraft, wer wissentlich schon einmal verwen-
dete Schaumweinsteuerzeichen veräußert oder
feilhält.

§ 27. In den Fällen der §§ 15 bis 21 kommen
hinsichtlich des Strafverfahrens sowie in betreff
der Strafmilderung und des Erlasses der Strafe
im Gnadenwege die Vorschriften zur Anwen-
dung, nach denen sich das Verfahren wegen
Zuwiderhandlungen gegen die Zollgesetze be-
stimmt. Der Erlös aus eingezogenem Schaum-
wein sowie Geldstrafen fallen dem Staate zu,
von dessen Behörden die Strafentscheidung er-
lassen ist.

Die Strafverfolgung von Defraudationen ver-
jährt in drei Jahren, von anderen Zuwiderhand-
lungen in einem Jahre.

§ 28. Die Erhebung und Verwaltung der
Schaumweinsteuer erfolgt durch die Landes-
behörden. Für die erwachsenden Kosten wird
den Bundesstaaten nach Maßgabe der vom
Bundesrate zu erlassenden Bestimmungen Ver-
gütung gewährt.

Die Reichsbevollmächtigten für Zölle und
Steuern und die Stationskontrolleure üben in
bezug auf die Ausführung des Schaumwein-
steuergesetzes dieselben Rechte und Pflichten,
welche ihnen bezüglich der Erhebung und Ver-
waltung der Zölle und Verbrauchssteuern bei-
gelegt sind.

Die außerhalb der gemeinschaftlichen Zoll-
grenze liegenden Teile des Reichsgebiets zahlen
an Stelle der Schaumweinsteuer einen ent-
sprechenden Ausgleichungsbetfag an die Reichs-
kasse.

. § 29. Schaumwein, der aus den dem Zoll-
gebiet ängeschlossenen Staaten und Gebiets-
teilen zum Verbrauch eingeht, ist spätestens
beim Eintritt in das Inland mit den Steuerzeichen
(§ 3) zu versehen.

Der Reichskanzler kann unter Zustimmung
des Bundesrats mit den zuständigen fremden
Regierungen wegen Herbeiführung einer den
Bestimmungen dieses Gesetzes entsprechenden
Besteuerung des Schaumweins in den dem Zoll-
gebiet angeschlossenen Staaten und Gebiets-
teilen, wegen Überweisung der Steuer für den
im gegenseitigen Verkehr übergehenden Schaum-
wein oder wegen Begründung einer Steuer-
gemeinschaft Vereinbarungen treffen.

§ 30. Landessteuem von Schaumwein werden
nicht mehr erhoben.

§ 31. Dieses Gesetz tritt am 1. September 1918
in Kraft.

Schaumwein, der sich beim Inkrafttreten
dieses Gesetzes außerhalb der Erzeugungs-
stätte {§ 3) oder einer Zollniederlage befindet,
unterliegt nach näherer Bestimmung des Bun-
desrats einer Nachsteuer, die für Schaumwein
aus Fruchtwein (§2 Abs. 1 unter a) 60 Pfen-
nig, und für Schaumwein aus Traubenwein und
schaumweinähnliche Getränke (§2 Abs. 1 unter b)
3' Mark für die Flasche beträgt. Bereits ent-
richtete Steuerbeträge sind auf die Nachsteuer
anzurechnen.

Auszug- aus den Schaumwcinsteuer-Äusführungsbestimmungcn.

(Zentralblatt für das Deutsche Reich 1918 S. 368.)

§1. Gegenstand der Besteuerung sind alle
zum Verbrauch im Inland bestimmten fertigen
Schaumweine (Abs. 2) und schaumweinähnlichen
Getränke (Abs. 6). Aus dem Ausland eingehende
Schaumweine und schaumweinähnliche Ge-
tränke unterliegen der Steuer neben dem nach
dem Zolltarife zu entrichtenden Zolle.

Als Schaumwein im Sinne des Abs. 1 gelten
alle Weine, Fruchtweine (Obst- und Beeren-
weine), weinhaltigen und fruchttweinhaltigen Ge-
tränke, mit einem Weingeistgehalte von mehr
als 10 Gramm in einem Liter, deren Kohlen-
säure beim Öffnen der Umschließungen unter
Aufbrausen entweicht.

Als fertig ist der nach dem Flaschengärungs-

verfahren hergestellte Schaumwein anzusehen,
sobald die enthefte (degorgierte) Flasche ver-
korkt worden ist. Der nach dem Imprägnie-
rungsverfahren oder durch Gärung in ande-
ren Behältnissen als Flaschen hergestellte
Schaumwein ist als fertig anzusehen, sobald das
Getränk auf die Flasche abgefüllt und letztere
verkorkt ist; Schaumwein aus Muskatwein oder
ähnlichem Weine (Asti spumante, Moscato spu-
manfe, Nebbiolo spumante, Refosco spumante
und dergleichen) gilt als fertig, sobald der Wein
aus dem Fasse auf die Flasche abgefüllt und
letztere verkorkt ist.

Kostproben, die in der Fabrik von dem fer-
tigen, aber noch nicht versteuerten Schaumwein
        <pb n="542" />
        ﻿535

entnommen werden, unterliegen der . Schaum-
weinsteuer nicht, sofern das Kosten durch den
Fabrikbesitzer oder seine Angestellten und
lediglich zu dem Zwecke erfolgt, den Schaum-
wein auf seinen Geschmack zu prüfen.

Als Schaumwein gelten nicht diejenigen schäu-
menden Weine, deren Kohlensäure im Wege
der nach § 4 des Weingesetzes vom 7. April
1909 (Reichs-Gesetzbl. S. 393) zugelassenen Kel-
lerbehandlung durch Gärung im offenen Gefäß
entstanden ist, und diejenigen Fruchtweine,
welche während der ersten Gärung auf Flaschen
gefüllt und nicht entheft sind.

Als schaumweinähnlich im Sinne des Abs. 1
kommen in Betracht schäumende Getränke mit
einem Weingeistgehalte von mehr als 10 g in
einem Liter, die zwar ohne Verwendung von
Wein oder Fruchtwein, weinhaltigen oder frucht-
weinhaltigen Getränken hergestellt sind, die
aber nach Aussehen oder Geschmack als Er-
satz für Schaumwein dienen können.

§ 2. Die Steuer wird nach dem Raumgehalte
der den Schaumwein enthaltenden Umschließun-
gen berechnet. Sie beträgt für jede Umschlie-
ßung :

1.	für Schaumwein aus Fruchtwein ohne Zu-
satz von Traubenwein (Steuerklasse 1)

in viertel Flaschen ... 0,15 Mark,

„ halben „	... 0,30	„

„ ganzen	... 0,60	,,

„ Doppel- „	... 1,20	„	;

2.	für anderen Schaumwein und für schaum-
weinähnliche Getränke (Steuerklasse 2)

in achte! Flaschen ... 0,37 Mark,

„ viertel „	... 0,75	„

„ halben „	... 1,50	„

„ ganzen „	... 3,00

„ Doppel- „	... 6,00	„	.

Es werden behandelt:

a)	als achtel Flaschen: Umschließungen von
nicht mehr als 120 ccm Raumgehalt;

b)	als viertel Flaschen: Umschließungen von

mehr	als	120	ccm	und	nicht	mehr	als

230 ccm Raumgehalt;

c)	als halbe Flaschen: Umschließungen von

mehr	als	230	ccm	und	nicht	mehr	als

425 ccm Raumgehalt;

d)	als ganze Flaschen: Umschließungen von

mehr	als	425	ccm	und	nicht	mehr	als

850 ccm Raumgehalt;

e)	als Doppelflaschen: Umschließungen von

mehr	als	850	ccm	und	nicht	mehr	als

1700 ccm Raumgehalt.

Bei Umschließungen mit Raumgehalt über
1700 ccm ist für jede weiteren auch nur an-
gcfangenen 800 ccm eine ganze Flasche an-
zunehmen.

§ 5. Als Steuerzeichen dienen Papierstreifen,
die für Schaumwein der Steuerklasse 1 in brau-
ner, und für Schaumwein der Steuerklasse 2 in
grüner Farbe bedruckt sind.

Die Streifen werden aus mit natürlichem
Wasserzeichen (Vierpaßmuster) versehenem
weißen Papier hergestellt. Sie tragen auf der
Schauseite in einem dunkleren Tone der Grund-
farbe eine umränderte Verzierung, die bei der
Steuerklasse 1 Zweige mit Früchten, bei der
Steuerklasse 2 Reben mit Blättern und Trauben
darstellt. Das durch besondere Umrandung ge-

bildete, nicht verzierte Mittelfeld enthält die An-
gabe der Flaschengröße und des Steuerwertes
(z. B. 1/1 Flasche 3 Mark); die beiden Seiten-
felder zeigen bei der Steuerklasse 1 den Auf-
druck: „Frucht-Schaumwein-Steuer“, bei der
Steuerklasse 2 den Aufdruck; „Schaumwein-
steuer“. Die Rückseite der Streifen ist mit
Gummiaufstrich versehen.

Die Breite der Steuerzeichen beträgt 2 cm,
ihre Länge für achtel und viertel Flaschen 26 cm,
für halbe Flaschen 30 cm und für ganze Fla-
schen und Doppelflaschen 36 cm.

§6. Die Steuerzeichen werden von der Reichs-
druckerei in Bogen zu je 20 Stück hergestellt.
In der oberen rechten Ecke jedes Bogens ist
die Zahl der Steuerzeichen, ihr Einzelwert und
der Gesamtwert des Bogens aufgedruckt.

In der Reichsdruckerei werden je 100 Bogen
= 2000 Steuerzeichen in Taschen verpackt. Es
werden nur volle Taschen abgegeben.

Die Steuerzeichen sind durch die Landes-
regierungen gegen Erstattung der Herstellungs-
kosten zu beziehen. Die Preise werden vom
Reichsschatzamt festgestellt.

Die Reichsdruckerei verabfolgt Steuerzeichen
nur denjenigen Amtsstellen, die ihr von den
Regierungen als zum unmittelbaren Bezüge be-
rechtigt bezeichnet sind.

Hat eine Amtsstelle für die von der Reichs-
druckerei bezogenen Steuerzeichen keine Ver-
wendung mehr, so können diese, sofern sie
unbeschädigt und nicht bei anderen Amtsstellen
des betreffenden Bundesstaats verwendbar sind,
der Reichsdruckerei zurückgegeben werden. Für
die zurückgegebenen Zeichen sind Herstellungs-
kosten nicht zu berechnen.

§ 7. Die Steuerzeichen werden von der Hebe-
stelle gegen Erlegung des Steuerbetrugs ver-
abfolgt. Die Hebestelle darf Steuerzeichen, ab-
gesehen von den Fällen des § 9 Abs. 2 und der
§§ 12, 13, nur an die zu ihrem Bezirke gehörigen
Schaumweinhersteller abgeben. Diese dürfen
Steuerzeichen nur von der Hebestelle beziehen
und sie weder entgeltlich noch unentgeltlich an
andere weitergeben.

§ 8. Über die Einnahme und Ausgabe an
Steuerzeichen ist bei der Hebestelle ein Steuer-
zeichenbuch zu führen, dessen Einrichtung von
der obersten Landesfinanzbehörde bestimmt
wird. Das Buch ist am Schlüsse des Rech-
nungsjahrs abzuschließen und verbleibt bei der
Hebestelle.

§ 9. Das Steuerzeichen ist oberhalb oder
unterhalb der nach § 17 des Weingesetzes vom

7.	April 1909 anzubringenden Bezeichnungen1)
sorgfältig anzukleben. Dabei muß mindestens
die halbe Streifejnlänge unmittelbar auf dem
Glase aufliegen und die Enden müssen auf eine
der Streifenbreite mindestens gleichkommende
Strecke einander decken.

Wenn Schaumwein der Vorschrift des Ge-

1) Vgl. die Bekanntmachung betreffend Be-
stimmungen zur Ausführung des Weingesetzes
vom 9. Juli 1909 (Reichs-Gesetzbl. 8.549), be-
trifft die Kennzeichnung des Schaumweins als
inländisches oder ausländisches Erzeugnis, bzw.
falls es Schaumwein aus Obst, um Kennzeich-
nung, z. B. Apfel-Schaumwein.
        <pb n="543" />
        ﻿536

setzes zuwider ohne Steuerzeichen vorgefunden
wird, so sind die erforderlichen Steuerzeichen
durch die Hebestelle an die Beamten zu ver-
abfolgen und unter deren Aufsicht vom Inhaber
des Schaumweins anzubringen. Wird von der
Einziehung des Schaumweins aus dem Grunde
Abstand genommen,&gt;weil der Schaumwein nach-
weislich bereits versteuert ist, so sind die Steuer-
zeichen unentgeltlich zu liefern.

§ io. Zur Entrichtung der Steuer für Schaum-
wein in Umschließungen von mehr als 1700 ccm
Raumgehalt können mehrere Steuerzeichen ver-
wendet werden.

§11. Der Schaumweinhersteller hat dafür
Sorge zu tragen, daß Steuerzeichen an den in
der Fabrik entleerten oder leer dorthin ver-
brachten Umschließungen alsbald nach der Ent-
leerung der Umschließungen oder ihrer Ver-
bringung in die Fabrik vernichtet werden.

§ 12. Der aus dem Ausland eingehende Schaum-
wein ist in dem Zollpapiere nach seiner steuer-
pflichtigen Gattung (Schaumwein aus Frucht-
wein, anderer Schaumwein) und Menge (Zahl
und Größe der Umschließungen) anzumelden.
Einer amtlichen Prüfung des Inhalts der Um-
schließungen bedarf es nur dann, wenn der Ver-

dacht einer unrichtigen Anmeldung vorliegt.
Der Raumgehalt der Umschließungen ist schät-
zungsweise festzustellen. Gibt sich der Ein-
bringer nicht mit dem Ergebnis der amtlichen
Abschätzung des Raumgehalts zufrieden, so ist
dieser in der im § 4 Abs. 1, 3 vorgeschriebenen
Weise zu ermitteln. Im Anschluß an die Zoll-
abfertigung ist der Schaumwein, sofern dies
nicht bereits im Ausland geschehen ist (§13),
mit den erforderlichen, von der Zollstelle zu
verabfolgenden Steuerzeichen zu versehen.
Seine Freigabe aus dem Zollgewahrsam darf
erst erfolgen, nachdem die Zollstelle von der
vorschriftsmäßigen Anbringung der Steuer-
zeichen Überzeugung genommen und dies in
dem Zollpapiere bestätigt hat (zu vgl. auch
§ 13)-

F ür die innerhalb der ordentlichen Dienst-
stunden stattfindende Aufsicht über die An-
bringung der Steuerzeichen werden Gebühren
nicht erhoben.

§ 13. Unter den von der obersten Landes-
finanzbehörde festzusetzenden Bedingungen
kann die Direktivbehörde zuverlässigen An-
tragstellern widerruflich gestatten, die Steuer-
zeichen im Ausland anzubringen.

Auszug aus dem Gesetz,

betreffend die Besteuerung von Mineralwässern und künstlich bereiteten Getränken
sowie die Erhöhung der Zölle für Kaffee und Tee.

Vom 26. Juli 1 q 18.	(R.-G.-Bl. S. 849.)

Gegenstand der Steuer.

§ 1. Gewerbsmäßig abgefüllte natürliche Mine-
ralwässer, ferner künstliche Mineralwässer, Li-
monaden und andere künstlich bereitete Getränke
sowie konzentrierte Kunstlimonaden und Grund-
stoffe zur Herstellung von konzentrierten Kunst-
limonaden unterliegen, sofern sie zum Verbrauch
im Inland in verschlossenen Gefäßen in- Verkehr
gebracht werden und nicht schon auf Grund be-
sonderer Gesetze steuerpflichtig sind, einer in die
Reichskasse fließenden Steuer. Als künstlich
bereitete Getränke sind insbesondere steuerpflich-
tig zuckerhaltige Getränke, in denen die wein-
geistige Gärung durch die Art der Herstellung
und Aufbewahrung beschränkt oder verhindert
wird, sowie Getränke,die durchVergärung zucker-
haltiger Flüssigkeiten, auch mit darauffolgender
Wiederentfernung des bei der Vergärung ent-
standenen Weingeistes hergestellt sind. Der Bun-
desrat wird ermächtigt, den Kreis der steuer-
pflichtigen Getränke näher zu bestirpmen.

Durch Kaiserliche Verordnung mit Zustimmung
des Bundesrats kann die Steuerpflicht unter An-
ordnung der erforderlichen Überwachungsmaß-
nahmen auch auf Getränke der im Abs. 1 bezeich-
neten Art, die in unverschlossenen Gefäßen dem
Verbrauch zugefiihrt werden oder auf Stoffe
ausgedehnt werden, die zur Herstellung von
Getränken der in Abs. 1 bezeichneten Art ver-
wendet werden. Dabei kann vorgeschrieben wer-
den, daß derartige Stoffe nur in bestimmten
Packungen in Verkehr gebracht, oder aus dem
Ausland eingeführt werden dürfen, und daß in
diesem Falle an der Außenseite der Packungen

die für die Steuerberechnung notwendigen An-
gaben ersichtlich gemacht werden; die Steuer
soll unter Zugrundelegung der Steuersätze des
§ 2 so bemessen werden, wie es dem Verhältnis
einer bestimmten Menge Stoffe zu den daraus
herstellbaren Getränken entspricht. Die getroffe-
nen Anordnungen sind dem Reichstag sofort
oder, wenn er nicht versammelt ist, bei seinem
nächsten Zusammentreten mitzuteilen. Sie sind
außer Kraft zu setzen, wc'nn der Reichstag cs
verlangt.

Die Bestimmungen dieses Paragraphen be-
ziehen sich nicht auf natürliche oder nur gesüßte

Fruchtsätze.

Höhe der Steuer.

§ 2. Die Steuer beträgt;

1.	bei Mineralwässern...............0,05 M.,

2.	bei Limonaden und anderen künst-
lich bereiteten Getränken .	.	.	. o,to ,,

3.	bei konzentrierten Kunstlimonaden 1,00 ,,

4.	bei Grundstoffen zur Herstellung

von konzentrierten Kunstlimonaden 20,00 „
für das Liter.

Für Limonaden und andere künstlich bereitete
Getränke, deren Weingeistgehalt die vom Bun-
desrate festgesetzte Grenze überschreitet, sind
die doppelten Steuersätze, des Abs, 1 Zifferz zu
entrichten.

Die steuerpflichtige Menge bestimmt sich nach
der Zahl und dem Raumgehalt der an Abnehmer
gelieferten Gefäße. Der Hersteller hat der
Steuerbehörde unter Hinterlegung von Mustern
anzumelden, in welchen . Gefäßgrößen er die
Erzeugnisse in Verkehr bringen will. Für die
        <pb n="544" />
        ﻿

537

Steuerberechnung bleiben geringe Abweichungen
von dem angemeldeten Raumgehalt der Gefäße,
die nur auf Zufälligkeiten bei ihrer Herstellung
beruhen, nach näherer Bestimmung des Bundes-
rats außer Betracht. Auf dem Gefäßen muß der
Name des Herstellers der Erzeugnisse sowie der
Ort der Herstellung angegeben sein.

Entrichtung und Stundung der Steuer.

§ 3. Zur Entrichtung der Steuer ist verpflichtet,
wer steuerpflichtige Erzeugnisse herstellt und
in Verkehr bringt oder wer sie aus dem Ausland
einführt. Das , gewerbsmäßige Abfüllen natür-
licher Mineralwässer auf Gefäße gilt als Her-
stellung.

Die Steuerpflicht tritt ein für inländische Er-
zeugnisse, sobald sie an Abnehmer geliefert oder
innerhalb desHerstellungsbetriebs getrunken wer-
den; die Steuer wird fällig am letzten des fol-
genden Monats.

Wird die Zahlungspflicht wiederholt versäumt
oder liegen Gründe vor, die den Eingang der
Steuer gefährdet erscheinen lassen, so kann die
Steuerbehörde die Bezahlung oder Sicherstellung
der Steuer bei Eintritt der Steuerpflicht fordern.

Von der Steuer werden befreit:

1.	Erzeugnisse, welche unter Steueraufsicht aus-
geführt werden;

2.	• Erzeugnisse der im § 2 Abs. 1 Ziffer 3, 4

bezeichneten Art, wenn sie gemäß näherer
Bestimmung des Bundesrats unter Steuer-
aufsicht an andere zur gewerbsmäßigenHer-
stellung steuerpflichtiger Getränke abgegeben
werden;

3.	Erzeugnisse, welche von den bei der Her-
stellung beschäftigten Personen in den Räu-
men des Herstellungsbetriebs getrunken wer-
den.

Die Steuerpflicht für aus dem Ausland ein-
geführte Erzeugnisse tritt ein mit der Grenz-
überschreitung; die . Steuer wird fällig, sobald
die Erzeugnisse zum freien Verkehr abgefertigt
sind.

Gegen Sicherheitsleistung kann die Steuer bis
zu drei Monaten gestundet werden.

§ 4. Die steuerpflichtig gewordenen Erzeug-
nisse sind nach Art und Menge nach näherer
Bestimmung des Bundesrats der Steuerbehörde
schriftlich anzumelden.

Verjährung der Steuer.

§5. Ansprüche auf Zahlung oder Erstattung
der Steuer verjähren in einem Jahre von dem
Tage des Eintritts der Steuerpflicht oder Steuer-
entrichtung, ab. Der Arlspruch auf Nachzahlung
eines hinterzogenen Steuerbetrags verjährt in
drei Jahren.

Die Verjährung wird durch jede von der zu-
ständigen Behörde zur Geltendmachung des An-
spruchs gegen den Zahlungspflichtigen gerichtete
Handlung unterbrochen.

Anzeigepflicht.

§ 6. Wer steuerpflichtige Erzeugnisse herstellen
und in Verkehr bringen will, hat dies vor der
Eröffnung des Betriebs unter Bezeichnung der
Erzeugnisse, deren Herstellung beabsichtigt ist,
der Steuerbehörde schriftlich anzuzeigen und
gleichzeitig eine Beschreibung der Betriebs- und
Lagerräume sowie der damit in Verbindung

stehenden oder unmittelbar daran angrenzenden
Räume, gegebenenfalls auch der außerhalb der
Herstellungsbetriebe gelegenen Ausschankstätten,
vorzulegen. Die Herstellung darf nur in den
angemeldeten Betriebsräumen erfolgen. ,

§7. Jede Änderung in den angemeldeten Ver-
hältnissen ist der Steüerbehörde binnen einer
Woche schriftlich anzuzeigen.

Betriebsinhaber, die den Betrieb nicht selbst
leiten, haben der Steuerbehörde diejenigen Per-
sonen zu bezeichnen, die als Betriebsleiter in
ihrem Namen zu handeln befugt sind.

Die im folgenden für den Betriebsinhaber ge-
gebenen Vorschriften gelterl mit Ausnahme der-
jenigen im § 12 Satz 2 auch für den Betriebsleiter.

Buchführung; Lagerung.

§8. Die Betriebsinhaber haben über den Be-
zug der zur Herstellung der steuerpflichtigen'
Erzeugnisse benutzten Rohstoffe, über deren Ver-
wendung und über die daraus hergestellten Er-
zeugnisse und über den Absatz der Erzeugnisse
Bücher zu führen, aus denen die einzelnen Be-
züge, ihre Verwendung und der Verbleib der her-
gestellten Erzeugnisse deutlich ersichtlich sind.
Fertige unversteuerte Erzeugnisse dürfen nur
in den angemeldeten Räumen gelagert und ver-
packt werden; über die Herstellung und den
Absatz sind nach näherer Bestimmung des Bum
desrats Anschreibungen zu führen, die der Be-
stimmung der Steuerbehörde entsprechend auf-
zubewahren und den Beamten zugänglich zu
halten sind.

Die Bestände sind von Zeit zu Zeit amtlich
festzustellen und mit den Anschreibungen zu
vergleichen. Von der Erhebung der Steuer für
Fehlmengen ist abzusehen, wenn und soweit dar-
getan wird, daß die Fehlmengen auf Umstände
zurückzuführen sind, die eine Steuerschuld nicht
begründen.

Der Bundesrat kann im Falle des Bedürfnisses
Abweichungen von den Vorschriften in Abs. 1
und 2 zulassen und daneben besondere Über-
wachungsmaßnahmen anordnen.

Steueraufsicht.

§ 9. Die Herstellungsbetriebe unterliegen der
Steueraufsicht. Die Steuerbeamten sind befugt,
die Betriebs- und Lagerräume, solange sie ge-
öffnet sind oder darin gearbeitet wird, zu jeder
Zeit, andernfalls während der üblichen Geschäfts-
stunden zu besuchen. Die Aufsichtsbefugnis er-
streckt sich auf alle Räume der Betriebsanlage
sowie auf die an diese angrenzenden oder damit
in Verbindung stehenden Räume. Die Zeit-
beschränkung fällt weg, wenn Gefahr im Ver-
zug ist.

§ 10. Innerhalb der der Steueraufsicht unter-
liegenden Räume dürfen keine Maßnahmen ge-
troffen werden, welche die Ausübung der gesetz-
lichen Aufsicht hindern oder erschweren.

§11. Die Betriebsinhaber haben den Steuer-
beamten jede für die Steueraufsicht oder zu stati-
stischen Zwecken erforderliche Auskunft über
den Betrieb zu erteilen und bei den züm Zwecke
der Steueraufsicht stattfil^denden Amtshandlun-
gen die Hilfsmittel (Geräte, Beleuchtung usw.)
zu stellen und die nötigen Hilfsdienste zu
leisten.
        <pb n="545" />
        ﻿538

Den Oberbeamten der Steuerverwaltung sind
die auf die Herstellung und Veräußerung der
steuerpflichtigen Erzeugnisse bezüglichen Ge-
schäftsbücher und Schriftstücke aut Erfordern
zur Einsicht vorzulegen.

§12. Sind Betriebsinhaber wegen Hinterziehung
der Steuer wiederholt bestraft worden, so kann
ihr Betrieb besonderen Aufsichtsmaßnahmen
unterworfen werden. Die Kosten fallen dem Be-
triebsinhaber zur Last. Die Einziehung dieser
Kosten erfolgt nach den Vorschriften über das
Verfahren für die Beitreibung der Zölle und mit
dem Vorzugsrecht der letzteren.

Steuerhinterziehung.

§13. Wer vorsätzlich die gesetzliche Steuer
ganz oder zum Teil hinterzieht oder einen ihm
nicht gebührenden Steuervorteil erschleicht, wird
wegen Steuerhinterziehung mit einer Geldstrafe
bestraft, die das Vierfache der Steuerverkürzung
oder des Steuervorteils, mindestens aber 50 Mark
beträgt.

Versuch.

§ 14. Der Versuch der Steuerhinterziehung ist
strafbar; die für die vollendete Tat angedrohte
Strafe gilt auch für den Versuch.

Bei dem Versuch ist die Strafe nach der
Steuerverkürzung oder dem Steuervorteile zu be-
messen, die bei Vollendung der Tat eingetreten
wären.

§15. Der Tatbestand des §13 wird insbeson-
dere dann als vorliegend angenommen,

1.	wenn steuerpflichtig gewordene Erzeugnisse
nicht oder unrichtig angemeldet werden
(§ 4);

2.	wenn mit der Herstellung von steuerpflich-
tigen Erzeugnissen begonnen wird, bevor
die Anzeige des Betriebs in der vorgeschrie-
benen Weise erfolgt ist {§ 6);

3.	wenn die vorgeschriebenen Anschreibungen
(§ 8) nicht oder wissentlich nicht richtig
geführt werden;

4.	wenn fertige unversteuerte Erzeugnisse vom
Hersteller in anderen als den angemeldeten
Räumen aufbewahrt werden (§ 8);

5.	wenn Erzeugnisse, für die Steuerfreiheit auf
Grund von § 3 Abs. 4 Ziffer 3 in Anspruch
genommen wird, an andere als die bei der
Herstellung beschäftigten Personen ab-
gegeben werden.

Haftung für andere Personen.

§ 22. Inhaber der unter dieses Gesetz fallen-
den Betriebe haften für die von ihren Verwaltern,
Geschäftsführern, Gehilfen und sonstigen in ihrem
Dienste oder Lohne stehenden Personen sowie
von ihren Familien- oder Haushaltsmitgiiedern
auf Grund dieses Gesetzes verwirkten Geldstrafen
und Kosten des Strafverfahrens sowie für die
nachzuzahlende Steuer: Die Haftung für die
Geldstrafe und die Kosten tritt nicht ein, wenn
die Zuwiderhandlung nachweislich ohne Wissen
des Inhabers begangen worden ist; die Haftung
ist jedoch auch in diesem Falle begründet, wenn
es der Inhaber bei der Auswahl oder der Beauf-

sichtigung des Angestellten oder bei der Beauf-
sichtigung der Familien- oder Haushaltsmitglie-
der an der erforderlichen Sorgfalt hat fehlen
lassen, oder wenn er aus der Tat einen Vorteil
gezogen hat.

Übertragung der strafrechtlichen Verantwortlich-
keit.

§ 23. Betriebsinhaber, die den Betrieb nicht
selbst leiten, können die Übertragung der ihnen
obliegenden strafrechtlichen Verantwortlichkeit
auf den Betriebsleiter - bei der Steuerbehörde be-
antragen. Wird der Antrag genehmigt, so geht
die strafrechtlicheV erantwortlichkeit unbeschadet
der im § 22 vorgesehenen Vertretungsverbind-
lichkeit des Betriebsinhabers auf den Betriebs-
leiter über. Die Genehmigung ist jederzeit wider-
ruflich.

§ 24. Läßt sich die Geldstrafe von dem Schul-
digen nicht beitreiben, so kann die Steuerbehörde
davon absehen, den für die Geldstrafe Haftenden
in Anspruch zu nehmen, und die an Stelle der
Geldstrafe tretende Freiheitsstrafe an dem Schul
digen vollstrecken lassen.

Ersatzfreiheitsstrafe.

§25. Die an die Stelle einer uneinbringlichen
Geldstrafe tretende Freiheitsstrafe darf zwei
Jahre, im Falle des § 21 drei Monate nicht über-
steigen.

Erhöhung der Zölle für Kaffee
und Tee.

§ 39. In Nummer 34 des Zolltarifs ist das
Wort „Paraguaytee“ zu streichen.

Die Nummern 61 und 65 des Zolltarifs erhalten
folgende Fassung:

61 Kaffee, auch Kaffecschalen:

roh........................130 Mark für

1 Doppel-
zentner

nicht roh (z. B. gebrannt
[geröstet],auch gemahlen);
Kaffeepulver, gemischtmit
Zucker; Kaffee-Essenz f
Auszug von rohen Kaffee-
schalen, sirupartig einge-
dickt .......................

f’5

Tee, auch Mate .

175 Mark für
1 Doppel
Zentner
220 Mark für
1 Doppel
zentner

Anmerkung. Tee zur
Herstellung von Tein unter
Zollsicherung..............

frei

In Nummer 212 des Zolltarifs ist hinter den
Worten „zur Bereitung von Getränken“ einzu
schalten: „ , anderweit nicht genannt," und es
sind zu streichen: das Wort „Kaffee-,“ in der
zweiten Klammer, ferner die Worte „Auszug (Ex-
trakt) von rohen Kaffeeschaien, sirupartig ein
gedickt;“ und die Worte „Kaffeepulver, gemischt
mit gebranntem Zucker;“.
        <pb n="546" />
        ﻿Register.

In das Register sind die am Anfang eines jeden Artikels stehenden, fettgedruckten Stichworte nicht mit auf-
genommen, weil das Lexikon in alphabetischer Ordnung der handelsüblichen deutschen Bezeichnungen gedruckt
ist. Dagegen sind die gebräuchlichsten Synonyma und teilweise, die im Text gesperrt gedruckten Bezeichnungen
in dem Register verzeichnet, sofern sie nicht schon selbst auf den betreffenden Artikel verweisen. So ist z:B
Ameisensäureäther unter Ameisenäther zu suchen, dagegen sind Äthyläther und Äthylazetat in das Register

aufgenommen.

JLalraupe 392.

Abaca 264.

Abalan 262.

Abbevillea 150.
Abbrennen 275,

Abies balsamea 197.

Abies canadensis 159.
Abies pectinata 442.
Abietinsäure 220.

Abolith 9.

Abrastol 33.

Abrin 321.

Abrusbohnen 321.
Absinthium 480.

Acacia arabica 39.

Acacia catechu 203.
Acanthosicyos 293.
Acetum 110.

Achat, isländischer 303.
Achia 41.

Achillea moschata 176.
Achillea millefolium 390.
Achillein 177.

Achilleum lacinulatum 399.
Achroit 461.

Achtstein 50.

Acidum cinnamylicum 495.
Acid Magenta 130.
Acipenser sturio 156, 432.
Ackerdoppen 93, 464.
Ackerkohl 158, 413.
Ackerrettich 158.
Ackersenf 158.

Ackerspark 423.

Aconitum Napellus 104,433.
Acorus calamus 193.
Adamas 87.

Adansonia digitata 5.
Adansonin 6.

Ade Biskuit 330.
Adenanthera pavonina 223.
Adeps lanae 240.
Aderfarbe 416.

Adiantum Capillus Veneris
129.

Adika 88.

Adlerholz 6.

Adlervitriol 2, 106.
Admonter Vitriol 2.
Adular 2, 117.

Aegle Marmelos 39.
Apfeläther 129.

Äpfeleisenextrakt 3.

Apfelöl 3.

Äpfelspalten 3
Äschern 243.

Aesculus Hippocastanum
371.

Äther aceticus 111.
Äthiops martialis 105.
Äthiops mineralis 356.
Äthyläther 3.

Äthylalkohol 12.
Äthylazetat 111.
Äthylenblau 276.
Äthyleosin 350.
Äthylhydroxychinolin 186.
Äthylmorphin 88.
Äthylurethan 463.
Äthylviolett 459.

I Ätzbaryt 42.

I Ätzkali 189.

' Ätzkalilauge 189.
Ätzkalk 192.

Ätznatron 294.

Ätzstift 189.

Affenfelle 218.

Affenhaar 120.
Affinieranstalt 144.
Agaricus albus 250.
Agaricus campestris 75.
Agavehanf 14.

Agfa Blitzlicht 59.
Agger-Agger 6.
Agropyrum repens 354.
Agtstein 50.

Agtsteinöl 51.

Aixer ul 44.

Ajowansamen 2.

Akagin 37.

Akajounüsse 20.
Akonitsäure 104.
Akopyrin 37.

Akrolein US, 143.
Akrothermen 279.
Akrot-ki-tel 302.
Aktinolith 33, 170.
Aktinometer 333.
Alabandine 13.

Alantin 175,

Alantstärke 175.
Alapurin 240.

Alaunerde 454.
Alaunfels 16.

Alaunspat 16.
Alaunstein 16.

Alaunton 454.

Alban 152.

Albertole 155.
Albumatpapier 334.
Aldehydenchlorid 5.
Aletris farin. 431.
Aleurites triloba 41.
Aleuritesöl 42.
Alexandrian laurel 240.
Alfenide 14.
Algarotpulver 26.
Algeinpapier 335.

Algin 143.

Algolfarben 25,

Alikante 260.

Alizari 226.

Alizarinblau 25.
Alizaringelb 37.
Alizarinindigoblau 25.
Alizarinirisol 25,
Alizarinsaphirol 25.
Alizarinviolett 132.
Alizarinviridin 25.
Alizarinzyanin 25.
Alizarinzyaningrün 25.
Alkäliblau 23.
Alkaligrün 468.

Alkali violett 459.
Alkekengi 181.
Alkermes 208.
Alkoholblau 23.
Alkoholometer 13, 29.
Allium cepa 506.

Allium sativum 213.

Allium victorialis 13.
Alloxan 286.
Almadinspinell 423.
Almandin 13, 146,

Ainus 110.

Aloeholz 6.

Aloxe 71.

Aloysia citriodora 467.
Alpenkampfer 281.

Alpen kohle 65.
Alphanaphtolorange 459.
Alpinia officinarum 131
Alpinin 131.

Alpranke 55.

Alsike kloefver 212.
Alsophila lurida 322.
Alstonia 88.

Althaea rosea 261.
Altscharlach 52.

Alumen 8.
Aluminiumazetat 16.
Aluminiumchlorid 16.
Aluminiumhydroxyd 454.
Aluminiumnitrid 18.
Aluminiumoxalat 16.
Aluminiumoxyd 454.
Aluminiumrhodanid 16.
Aluminiumsesquioxyd 454.
Aluminiumsilikat 453.
Aluminiumsulfat 16.
Aluminothermie 263, 449.
Alunit 8.

Alzen 16.

Amanita 75.

Amanoa guyan. 250.
Amaranth 93.

Amaul 489.

Amazonenstein 16, 117.
Amberkraut 205.
Amboinaholz 187.

Ambroid 17, 50.
Ameisenaldehyd 128.
Ameisenamylester 17.
Ameisensäureäther 17.
Ameisensäureäthyläth erl 7.
Ameisensäurearnyläther 17.
Ameisensaures Äthyloxyd
17.

Ameisensaures Amyloxyd
17.

Ameisenspiritus 17.
Ameisenvinester 17.
Amerikanischgelb 82.
Amiant 33.

Amidoalizarin 11.
Amidobenzoesäure 24.
Amidobenzol 22.
Amidobernsteinsäure 34.
Amidolin 30.
Amidophenylarsin 35.
Amidöpyrin 352.
Amidosaligenin 94.
Arninoazofarbstoffe 37.
Aminoform 161.

Amiono xant h rachin o nfärb -
Stoffe 25.

Ammer 480.

Ammoniak, purpursaures
286.

Ammoniaksalpeter 381.

Ammoniaksoda 19, 420.
Ammoneisen chlorid 105.
Ammoniumsalze s. Am-
moniaksalze 19.
Ammonmolybdat 283.
Ammonzinnchlorid 343,
Amomum cardamomum
200.

Amygdalus communis 262.
Amygdalus persica 329.
Amylester 20.
Amyloxydhydrat 20, 130.
Amylum 424.

Amyris balsamifera 385.
Amyris elemifera 106.
Amyris Linaloe 252.
Anacyclus officinarum 51.
Anakardiengummi 1.
Anakardienholz 258.
Anamirta cocculus 216.
Ananasäther 21, 129.
Ananaskirschen 181.
Anastigmate 333.

Anatas 451.

Anchovis 21, 388.
Anchusin 12.

Andalusit 93.

Andira 29.

Andirobaöl 199.

Andorn, schwarzer 483.
Andromeda japonica 34.
Andropogon muricatus467.
Andropogon Nardus 499.
Anemone pulsatilla 351.
Anemonin 21, 351,
Anethol 21, 117.

Anethum graveolens 88.
Angelica amargosa 29.
Angelikasäure 240.

An gerlin g 75.

Anghikaholz 6.

Angolaholz 22, 195.
Angora 281.
Angosturabalsam 221.
Anguß 431.

Anilein 270.

Anilinbraun 55.

Anilingelb 83.

Aniliuöl 23.

Anilinorange 378.
Anilinpurpur 270.

Anilinrot 130.
Animalisieren 203.

Anorthit 117.

Anthemis nobilis 195.
Antheraea mylitta 462.
Anthrachinonpyridonfarb-
Stoffe 25.

Anthragallol 25,
Anthrazenuse 24.
Anthrazenviolett 132.
Anthrazitschwarz 38.
Anthyllis vulneraria 484,
xAntidotum arsenici 32.
Antihydropin 26, 442.
Antimonkaliumtartrat 66
Antim onoxychlorür 26,
Antimonoxyd 27.
Antimonpentasulfid 436
Antisol 339.
        <pb n="547" />
        ﻿540

Antistofl' 427, 48X.

Apatit 27, 437.

Aperitol 330.

Apfelkraut 304.

Apfelöl 40.

Aphis Chinensis 132.

Apios 29.

Apis mellifica 168.

Apiuin graveolens 412.
Aplanate 333.

Apochinin 77.

Apparate, photographische
333.

Apple oil 40.

Applikation 430.
Aposafranine 37.
Appreturen, Leder- 398.
Aprikosenäther 28, 129.
Aqua plumbi 57.
Aquamarin 51.

Aquavit 251.

Aquila brava 6.

Arabin 151.

Arac 31.

Arachisnüsse 109.

Aran 163.

Araruta 31.

Arbuse 273.

Arbutin 29, 39.

Arbutus Uvae 29, 39-
Arctostaphylus 39.

Arenga saccharifera 145,
379.

Argen tan 14.

Argonarinde 76.
Aristolochia cymbifera 149.
Aristolochia Serpentaria ■
395.

Aristopapier 335.

Aritera littoralis 209.
Arizin 77.

Arkansasschalen 396.
Aromatische Wässer 4,
Aropa 260, 347.

Arraroba 29.
Arrowrootpapier 335.
Arsengelbglas 32.
Arsennickelglanz 298.
Arsen pentoxy d 32.
Arsenpigment 32.
Arsenrotglas 32.
Arsenrubin 32.

Arsensäure 32.

Artemisia Abrotanum 92.
Artemisia Absinthium 480.
Artemisia dracunculus 110.
Artemisia maritima 485,
Anim 30.

Arundo donax 368.

Arve 489, 498.

Arvennüsse 498.
Arylaminoanthrachinon-
farbstoffe 25.

AsantÖl 33.

Asaron 270.

Asarum 156.

Asarum virginianum 396.
Asehantinüsse 109.
Aschblei 482.

Aschlauch 506.

Aschpein 280.

Asellin 242.

Asepsin 27.

Askaridol 485.

Aspalatus 92.

Asparagus officinalis 422.
Asperula odorata 471.
Asphaltlack 237.

Aspidium 114.

Aspidbsperma 354.
Aspiratoren 272.
Asplenium 362.

Assamtee 443.

Astacus fiuviatilis 227.
Astacus raarinus 171.
Asthmakräuter 428.
Asthmazigarren 428.
Astrachan 239.

Astfagalus 456.
Astrocarpium vulgare 27.
Atar 369.

Atchia 41.

Athamanta 50.

Atlas 409.

Atlaserz 260.

Altasholz 258.
Attaleafunifera83,218,341.
Attar 369.

Auchenia vicunna 468.
Auerlicht 142.
Auflösungsnaphta 48.
Auklandia Costus 351.
Auramin 352.
Aurentumpäpier 335.
Aureoline 474.

Aurin 276.

Aurin, wilder 145.
Auripigment 32.
Aussaigern 232, 417.
Auxerre-Rotwein 72.
Avawurzel 207.

Avellanen 302.

Avena 153.

Avicula margaritifera 323.
Avignon 409.
Avignonbeeren 134.

Awehl 360.

Axinit 93.

Azadirachta 266.

Azalein 130.

Azaroli 281.

Azetaldehyd 9.

Azetamid 26.

Azetinblau 93.
Azetophenonphenetidin
260.

Azetopyrin 7.
Azetparaphenetidin 330.
Azetylen 194.
Azetylphenylhydrazin 172,
352.

Azetylsalizylsäure 34.
Azetylsalizylsaures Anti-
pyrin 7.

Azodiphenylblau 93.
Azoflavin 38.

Azosäuregelb 38.

Azurit 233.

Babool 39.

Babula 39.

Baccioli 289.

Bachminze 226.

Backkohle 429.

Backsteine 454, 492.
Backsteintee 443.
Badani-Kohel 29.
Badeschwämme 399.
Badian 431.

Badiansäure 24.
Bärendreck 435.
Bärentraube 29, 39.

Bärme 158.

Bärschling 43.

Bärse 43.

Bahamaschwämme 399.
Baliiaholz 372.
Bahiapulver 29.

Bakelit 155.

Balaena 122.

Balaenoptera 122.

Balanites ägyptiaca 488.
Balantium 322.

Balasrubin 372, 423.
Ballistit 394.

Baiiota nigra 483.

Balsam, holländischer 155.
Balsam, ostindischer 151.
Balsamodendron africanum
46.

Balsamodendron gileadense
273.

Balsamtanne 197.

Bancrofts Beize 498.
Baobabrinde 5.

Baphia nitida 195.
Barbaloin 14.

Barbanisse 262.
Bardanawurzel 212.
Bardiglio 267,

Barr.ge 409.

Barilla 1.79, 419.
Bariumkarbonat 483.
Barosma 70.

Barsac 63.

Barvarol 256.
BarwoodsKomposition 498.
Barytpapier 335.
Barytverbindungen s. Ba-
rium 42.

Barytweiß 324.

Baseblau 23.

Bassorin 457,
Bastardsafran 377.
Basthüte 422.

Bastseide, ostindische 462.
Basuiboku 34. ,

Batavaöl 321.

Bathengel 133.

Batistlinon 253.
Batistmusselin 323.
Bauerntran 241.

Bauhinia 29.

Baumwolle, nitrierte 393.
Baumwollblau 23, 93.
Baumwollgelb 38.
Baumwollscharlach 67.
Baumwolltaft 195.
Bayrischblau 23.

Bazillol 256.

Beaujolais 72.

Beaune 71.

Beerenweine 304.

Beifuß, bitterer 480.
Beinglas 107.

Beinschwarz 107, 213.
Beißkohl 504.

Belgischer Backsteinkäse
251.

Belichtungsmesser 333.
Belit 453.

Belliers Reaktion 263.
Belmontin 109.

Bemi-ki-tel 329.
Bengalische Zündhölzer
506.

Benta Mare 281.
Benzaldehyd 55.
Benzalgrün 260.
Benzanthrenfarbstoffe 25.
Benzidam 22.

Benzobraun 38.
Benzoesäureäther 48,
Benzoesäurebenzylester
325.

Benzoesäuresulfinid 375.
Benzoevinester 48.

Benzoflavin 7.
Benzolorthodikarbonsäure
340.

Benzoschwarzblau 38.
Benzoylanilid 47.
Benzoylglykokoll 162.
Benzoylgrün 260.
Benzoylekgonin 218.
Benzpylpseudotropein 218.
Benzoylsulfonimid 375.
Benzylenchlorid 350.
Benzylfluoreszein 83.
Bergblau, künstliches 66.
Bergflachs 33.

Berggrün 407.

Bergteer 34, 445.
Berkefeldfllter 473.
Bernhardinerkraut 200.
Berufskraut 484.

Berzelit 411.

Besenginster 113, 422.
Bessemern 99.

Beta vulgaris 373.
Betanaphtolorange 459.
Betelnüsse 30.

Bettendorfs Reagens 498.
Betula 54.

Beychevelle 63.

Beyersehe Filter 473.
Bhang 155.	•

Bibernell 342.

Bibirurinde 46.

Bickbeeren 159.
Bienenwachs 470.
Biercouleur 504.

Biestmilch 276.

Biewitz 360.

Bigaradöl 309.

Bignonia Chica 76.
Bignonia tomentosa 452.
Bildstein 6.

Biotit 141.

Birkenpilz 430.

Birkenteer 54, 444.
Birnenäther 54, 129.
Birnenkraut 304.

Birnöl 20.

Bisam 284.

Bisamkorner 1.

Bisch 434.

Bismutum s. Wismut 482.
Bitsch 433.

Bitterdistel 200.

Bittere Branntweine 65.
Bittererde 257.

Bitterholz 353.
Bitterkleesalz 311.
Bittermandelölgrün 260.
Bittermandelölkampfer 49,
Bittermandehvasser 29, 55.
Bitter spat 257.

Bitterwein 480.

Bixin 309.

Biyakushi 22.

Blackflber 211.

Blackfish 414.
Blättchenpulver 394.
Blagny 71.

Blanc fixe 324.
iLe-Blanc-Prozeß 294, 419.
Blanchieren 135.
Blankenhehner Tee 48*.
Blanquette 419.
Blasengrün 228.
Blasenkäfer 198.

Blatta orientalis 26, 442.
Blattfallkrankheit 476.
Blattgold, unechtes 453.
Blattgrün 81.

i
        <pb n="548" />
        ﻿541

Blattsilber 56, '246.

Blau, fluoreszierendes 364.
Blaubeeren 159.
Blaudruckpapier 336.
Blauholzextrakt 56.
Blauholzkomposition 498.
Blauschwarz 83, 39.
Bleiazetat 58.

BYeiazetat, basisches 57.
Bleibioxyd 58.

Bleichert 477.

Bleichkalk 81.

Bleichmittel 472.
Bleichromat 82.

Bleiglanz 56.

Bleiglaserz 22.
Bleikammern 404.
Bleimennige 274.

Bleioxyd 57.

Bleioxyd, rotes 274.
Bleiperoxyd 58.

Bleirot 274.

Bleisäure 58.

Bleisalpeter 381.
Bleischrot 398.

Bleistiftholz 489.
Bleisuperoxyd 58.
Bleivitriol 22.

Bleiwasser 57.
Bleizinnober 274.

Blenden 400.

Bleu de Lyon 23.

Bleu de Paris 23.

Bleu de Poteaux 276.

Bleu lumiere 23.

Bleu marine 23.

Bleu soluble 23.

Blick 95.

Blitz 477.

Blitzfackel 119.

Blitzlicht 257.

Blitzpulver 40.

Bloßen 243.

Blonden 76.

Blüten 127.

Blumentee 443.

Blutholz 56.

Blutnuß 302,
Blutschwamm 119,
Blutstein 105.

Blutwurzel 456.

Bockshorn' 180.
Bodenrenke 265.
Boehmeria nivea 77, 297.
Böhmischer Tee 444.
Börnstein 52.

Bohnen, brasilianische
341.

Bohnenbaum, indischer

22.

Bohnenkäse 421.

Bohnerz 96.

Bois de dentelie 188.

Bol 62.

Boletus 429.

Bolle 506.

Bologneser Kreide 227.
Bolus, roter 304.

Bombage 135.

Bombassin 409.
Bombaxwolle 199, 329.
Bombayhanf 437.

Bombyx Mori 408.
Bonastres iieaktion 290.
Bongeot 71.

Borago 63.
Boraniumbeeren 330.
Boras6us flabelliformis
379.

Boraxsäure 63.

Bordeaux, rot 38, 93.
Borlint 467.
Borneokampfer 63.

Bornit 232.

Bornylalkohol 63.

Bornylazetat 63.
Boronatrokalzit 63.
Borsäureweinstein 62.
Bortrioxyd 63.

Boswellia serrata 476.
Botanybaiharz s. Akaroid-
harz.

Bourettegarn 409.

Boy 125.

Brachpilz 75.

Brakteen 252.

Brasilein 372.

Brasiletto 372.
Brasilienholz 372.

Brassica campestris 360.
Brassica Näpus esculenta
373.

Brassica nigra 413.
Brassica oleracea capitata
390.

Brauerpech 321.
Brauneisenstein 96.
Braunfischtran 457.
Braunkohlenasphalt 445.
Braunkohlenbenzin 48.
Braunkohlenteer 445.
Braunkohlenteerpech 445.
Brauselimonadensirup 162.
Brausepulver, englisches
420.

Brayera anthelmintica 235.
Brechen 124.

Brechnüsse 225.
Brechwurzel 175.
Breiapfelholz 387.
Breihahn 67,

Breitfisch 182.

Breitling 21, 424.
Bremergrün 232.

Brenner, schwarzer 476.
Brennpalme 211,
Brennstein 50.
Brenzgallussäure 352.
Brenzkatechin 66.
Brian^ner Kreide 227.
Bricken 297.

Briketts 65.

Brillantgelb 183.
Brillantgrün 457,
Brillantorange 229.
Brillantponceau 297.
Brillantschliff 87.
Brocatello 268.

Bromäthyl 5.

Bromelia Ananas 21.
Bromine 67.

Bronil 68, 427, 467.

Brookit 451.

Brouilly 72.

Bruch 353.

Brühwürfel 64.

Brünieren 275.

Brugnons 296,

Brugnolen 296.

Brustkraut 484.
Brustwurzel 22.
Bruyereholz 110.

Bruzit. 257.

Bryodin 106.

Bryonia alba 489.
Buchenholzteer 444.
Bücklinge 160.

Buhach 175.

Bulbotuber 358, 486.
Bulbus 358, 486.

Bulbus victorialis 13.
Bullyholz 387.

Bullytree 40.

Bunsenit 299.
Buntkupfererz 232.
Bunzlauer Geschirr 452.
Buranham 283.

Burbura 39.
Burgunderharz 120.
Burgunderpech 322.
Burgunderrübe 504.
Burnus 472.

Bursera acuminata 199.
Bursera aloexylon 252.
Bursera tomentosa 440.
Busa 163.

Busseroie 39.

Butadien 207.

Butea frondosa 209.
Butterbohne 260.
Butterpilz 430.
Butterschmalz 396.
Butylsäure 73.
Butyrospermum 415.
Butyrum stanni 498.
Buxus 70.

Byssolith 33.

Cachou 203.

Cachou de Laval 402.
Caesalpinia coriaria 88.
Caesalpinia echinata 372.
Cajanus indicus 22.
Calamagrostis 115.
Calamanderholz 225.
Calamus verus 367.
Calatropis gigantea 143.
Calcarelle 400.

Calcaroni 400.

Calendula officinalis 367,
Caliete 77.

Calin 189.

Callitris quadrivalvis 385.
Gallon 504.

Calming Pastills 6.
Calophyllum 240, 441.
Calumbawurzel 220.

Calzei sparte! 10.
Camelina sativa 89.
Canajolo 76.

Cananga odorata 487.
Canarium-Elemi 106.
Canarium polyphyllum 197,
Candlenüsse 10, 41.
Canella alba 493.

Canelle 55.

Cannabis 154.

Cannastärke 31.

Cantenac 63.

Capillum Veneris 129.
Capivibalsam 181.
Capparis spinosa 198.
Capselia bursa pastoris
163.

Caput mortuum 105, 219.
Carajuru 199.

Carapa Touloncouma 231.
Carbo spongiae 399.
Carcharias 458.

Cardium 287.

Carduus mariae 266.
Carlina acaulis 92.

Carex 115.

Carex avenaria 386.
Caricae 116.

Carini 437. l
Carmenholz /134.

Cärpinus betulus 479.
Oarthamus tinctorius 377.
Carya 161.

Caryophyilus aromaticus
137.

Caryota urens 211.
Caseogomme 203.

Cassia angustifolia 414.
Cassia obovata 414,

Cassia occidentalis 281.
Cassia vera 493.

Cassius Purpur 145.
Castanea vesca 203.
Castilloa 205.

Castoreum 51.

Catha edulis 204,

Cedrat 499.

Cedrela odorata 489.

Ceiba pentandra 329.
Celoton 338.

Centaurium 442.
Cephaelislpecacuanha 176;
Cera flava 470.

Cera raineralis 109.
Ceratonia siliqua 180.
Cercis 181.

Ceroxylon andicola 329.
Cerussa 58.

Cetaceum 472.

Cetraria islandica 176.
Chablis 72,

Chairamin 77.

Chalkopyrit 232.

Chalkosin 232.
Chalybokrenen 426.
Chamaedrys 133.
Chamäleonlösung 191.
Chamaerops humilis 84.
Chamberlands X^ilter 473,
Chambole 71.

Chamotte 391.

Champagner Kreide 227.
Champagner Milch 2.
Champignonsschwämme

399.

Chanahlgelb 268.

Chappe 409.

Chaptalisieren 447.

Charas 75, 155.
Chardonnetsseide 409.
Charque 126.

Chartoux 72.

Chateau Leoville 63.
Chateau Margaux 63.
Chateau Pongeaux 63.
Chatin 268.

Chaulmograsöl 266.
Chavica officinarum 328.
Chelidonium majus 397.
Chelonia Mydas 394.
Chemischgelb 57.

Chenas 72.

Chenopodium ambrosioides
458, 485.

Chenopodium Quinoa 363.
Cherry-Brandy 251.
Chillies 207.

China-clay 77.

Chinagelb 32.

Chinalizarin 11.

Chinamin 77.

Chinasilber 30, 78.
Chinesischer Talg 329.
Chinesischrot 79, 202.
Chinineisenzitrat 501.
Chinin zitrat 501.
Chinonoximfarbstotfe 301.
Chinovasäure 456.
Chinovin 142.
        <pb n="549" />
        ﻿542

Chiococca 186.

Chips 492.

Chlorätherspiritus 388.
Chloräthylchlorür 5.
Chloralamylalkoholat 89.
Chloralantipyrin 172.
Chlor alium 16.
Chloramingelb 449.
Chlorammonium 381.
Chlorknallgas 384.
Chlorospinell 423.
Chlorsilberpapier 335.
Chlorsoda 92.
Chlorwasserstoffsäure 384.
Chocolat de Gabon 88.
Chodes 2.

Choice lard 406.
Choleramännchen 226.
Cholesterin 170, 304, 446.
Cholin 251, 304.

Chondrin 246.

Chondrus crispus 201.
Chooli-ki-tel 29.
Christophskraut 481.
Chrombronze 82.
Chromchlorid 82.
Chromleim 247.
Chromorange 82.
Chromotrop 37.
Chromoxyd 82, 419.
Chromrot 82.
Chromtrioxyd 82,
Chrysanilin 7.
Chrysanthemin 175.
Chrysanthemum 175.
Chrysatropasäure 47.
Chrysobalanus 188.
Chrysoin 83.

Chrysolith 83, 306.
Chrysopal 83.

Chrysorin 275.

Churus 155.

Cibotium Baromez 322.
Cicuta virosa 474.

Cicutin 221.

Cider 28.

Cinara scolymus 368.
Cinasamen 485.
Cinnamomurn Cassia 492,
494.

Cinnamomurn Kiamis 269.
Cinnamomurn xanthoneu-
ron 269.

Cipollino 267.

Citrullus vulgaris 274.
Citrus Aurantium 346.
Citrus limetta 252.

Citrus limonum 499.

Citrus medica 252, 499.
Citrus myrtifolia 262.
Clairets 343.

Claret 74.

Claviceps purpurea 288.
Claytongelb 449,

Clos de la chainette 72.
Cloth grass 77.

Clou 119.

Clupea harengus 160.
Clupea pilchardus 388.
Clupea sprattus 21, 424.
Cnicus benedictus 200.
Cobaltum crystallisatum 31.
Coccionella 225.

Coceoloba uvifera 210.
Coccus cacti 225.

Coccus fica 391.

Coccus ilicis 208.

Coccus lacca 391.
Cochlearia officinalis 254.

Cochlearia armoracia 271.
Coclococcus carolinensis
429.

Cocos nucifera 218.

Coelin 215.

Coeruleum 215.

Coffea 184.

Coir 218.

Cok 452.

Colambacholz 6.
Colchicum 160, 219.

Colla piscium 156.

Colle gelatine 134.
Collemplastrum 330.
Collocalia 469.

Collor 211.

ColophoniaMauritiana 106.
Combe 433.

Commiphora abyssinica
289.

Conchae praeparatae 36.
Concho 443.

Conium macul. 393.
Convolvulus batatas 44.
Convolvulus Scammonia
418.

Convolvulus scoparius 369.
Copaifera bracteata 16.
Copaifera officinalis 221.
Copernicia cerifera 201.
Copperah 218.

Corallium rubrum 222.
Corchorus 182.

Cordia Boissieri 21.

Cordia Gerascanthus 369.
Cordierit 93.

Coregonus Maraena 265.
Coriandrum sativum 223.
Coriurn 242.

Cornichons de caprier 199.
Corton 71.

Corusco 429.

Corylus avellana 302.
Corynanthe Yohimbe 488.
Corypha cerifera 201.
Costus 351.

Cotton 44.

Cotton fiy 329.

Couleur 214.

Cowper 98.

Craböl 199.

Crangon vulgaris 133.
Crataegus Azarolus 39.
Craven Burleigh 153.
Crayon noir 228.
Cresotylsäure 228.

Crocus martis aperitivus
105.

Crocus sativus 377.

Croise 409.

Crookesit 411.

Crotolaria juncea 437.
Croton Malambo 260.
Crqton niveus 222.

Croton Tiglium 229.
Croton tinctoriurn 51.
Crotonrinde 203.
Croupee-Öl 231.

Crujuru 199.

Crystalli tartari 479.
Cucumis ColoCynthis 220.
Cucumis melo 273.
Cucumis sativus 151.
Cucumis myriocarpus 189.
Cucurbita pepo 231.
Cudbear 310.

Cuivre-poli 275.

Cuminum Cyminum 289.
Cupressus thujoides 489.

Cupriehlorid 233.
Cuprinitrat 233.

Cuprioxyd 233.

Cuprisulfat 234.
Cuprooxyd 234.

Curcuma longa 234.
Curcuma Zedoaria 502.
Cutch 203.

Cuvee 74.

Cydonia vulgaris 357.
Cymboi^ogon Martini 135.
Cymbopogonflexuosus 250.
Cymbopogon Nardus 499.
Cynanchum Arghel 30,414.
Cynara scolymus 33.
Cynips calicis 214.

Cynips tinctoria 132.
Cynosbatus 153.
Cynogiossum 171.

Cyperus esculentus 109.
Cypraea moneta 205.

Dachpappe 317.

Dachrohr 368.
Dachschiefer 392.
Dachsvertreiber 343.
Dacrydium 171.

Dagget 54.

Dahlin 175.

Dalbergia 64.
Damaenorops 90.
Damaszenin 399.
Dampftran 241.

Dandelion 254.
Dannemoine 72,

Daphne Mezereum 409.
Daphnidium 230.

Daphnin 108, 142.

Datura 428.

Daucol 281.

Daucus carota 281.
Daunen 115.

Davys Lampe 113.
Deckenrohr 368.

Deckweiß 58.

Deidesheimer 327.
Delpechiana 252.
Delphinblau 132.
Delphinium staphisagriae
239.

Delphintran 457.

Demant 87.

Depot 74.

Derosnes Salz 293.
Descador 184.
Desintegrator 272.
Desrnoncus 202.
Desoxyalizarin 25.
Despolpador 184.
Deutscher Tee 444,
Dextrose 426.
Deziplättchen 80.
Dezylaldehyd 250.

Dhera Ropa 118.

D hurra 163.

Diachylon 58.
Diäthylbarbitursäure 467.
Diäthylendiamin 344*
Diäthvlmalonylharnstoff
467.

Diamanthine 108.
Diamantkitt 156.
Diamantspat 225.
Diamantschwarz 38.
Diamidoazobenzolchlorid
83.

Diamidophenol 18, 88.
Diamingelb 38.

Diamingrün 38.

Diaminschwarz 38.
Diaminviolett 38.

Diaspor 454.

Dichopsis 151.

Dichroit 93.

Dickwurz 504.

Dictamnus 88.

Dicypellum 297, 493.
Diffusion 503.
Digallussäure 136.
Dihydroanthrachinon 25.
Dijodfluoreszein 108.
Dikafett 74.

Dikarbonäthylensäure 51.
Dikonchinin 77, 80.
Dimethyläthylkarbinol 20.
Dimethylanilin orange 276.
Dimethylbenzol 487.
Dimethylessigsäure 73.
Dimetbylketon 36.
Dimethylorange 276.
Dimethylxanthin 449.
Dinaphtazin 37.

Ding an sich 296, 472.
Dinitrokresolkalium 378.
Dinitroresorzin 421.
Dinitrozellulose 220.
Dinkel 95, 148, 480.
Dinna 6.

Diospyrus Ebenaster 92.
Diospyros hirsuta 225.
Dioxin 301.

Dioxybenzol 364.
Dioxydiphenylphtalid 330.
Dioxymethylanthrachinon
_ 83.

Dioxyphenylsäure 352.
Diparaoxyphtalophenon
330.

Dipenten 107,118,120,476.
Diphenylaminblau 23.
Diphenylaminorange 377.
Diphenylmethanfarbstoffe
445.

Diphenylorange 377.
Diploknema sebifera 279.
Dippels Stinköl 218, 445.
Dipsacus fullonum 200.
Dipterocarpus 151.
Dipteryx odorata 454.
Dirca palustris 245.
Disazofarbstoffe 37.
Dismembrator 272.
Diuretin 449.

Doeskins 71.

Doggert 54.

Dolichos pruriens 181.
Dolichos soja 420.
Domingoholz 134.
Donovansche Lösung 32.
Doornkat 65.

Doppelvitirol 2.

Dopplers Metall 246.
Dorant, weißer 21.

Dorema Ammoniacum 18.
Dorstenia Contrajerva 221,
Dottores 487.

Dowlas 204.

Dracaena Draco 90.
Dragoneil 110.
Dragoneregel 60.
Dragonsäure 24.
Dragunkraut HO.

Drap d’or 198.

Drap de soie 409.
Dreifaltigkeitsblume 431.
Dreifarbendruck 339.

Drell 249.

Drepanocarpus 176.
        <pb n="550" />
        ﻿543

Drimys granatensis 225.
Drittelsilber 16.
Drouottesches Pflaster 198.
Druckblau 93.
Druckerschwärze 70.
Dryobalanops 63, 197.
Dschut 182.

Dualin 91.

Duckstein 458.

Dünkel 480.

Dünnstem 232.
Dürkheimer 327.
Dulcamara 55.

Dulce delcolor 260-
Dunen 115.

Duranametall 275.

Duvana 171.

Dwarfelder Marmelade 35.
Dziegiec 54.

Kau de Labaraque 92.
Ebenholz, rotes 148.
Eberdistel 92.

Ebulus (Sambucus) 35.
Ebur 107.

Echappe 23.

Echelotte 506.

Echitamin 88.

Echitenin, 88.

Echtblau R, B. 93.
Echtgelb 93, 377.
Echtponceau 52.
Eehtscharlach 89.
Echtschwarz 378.
Plchtviolett 38.

Edamer Käse 163.
Edeltanne 442.
Edeltannenzapfenöl 448.
Egerling 75.

Egrenieren 45,
j Eibisch 14, 261.
Eibischzucker 62,

Eiche, indische 443.
Eichelkaffee 94.
Eichelzucker 356.
Eichenmistel 94, 281.
Eiderdaünen 115.
Eierersatz 171.

Eiernudeln 446.
Eierpflaumen 268.

Eimen 95.

Eipulver 171.

Plis, Speise- 423.

Eisen, holzsaures 104.
Eisen, pyrox^hosphorisches
96.

Eisenbeize 104.
Eisenblumen 104.
j Eisenbrühe 104.
Eisendisulfuret 402.
Eisengalluspapier 336.
Eisenglanz 96.
Eisenhydroxyd 105.
Eisenkies 402.

Eisenlack 237.

Eisenmohr 105.

Eisenöl 104.

Eisenrot 304.
Eisensacehaiat 105.
Eisenspat 96.
Eisensublimat 104.
Eisenwässer 279, 426,
Eisenzitrat 501.

Eisessig 111.

Eisstein 229.

Eisvogel 116.

Eiweiß 9.

Eiweißbindemittel 486.
Eka-Gas 338.

Elaeagnu's angustifolius488.
Elaeopten 4,

Elaphomyces 162.
Elaphrium graveolens 252.
Elap hrium tomen tosum 440.
Elaylchlorür 5.
Electuarium 240.
Elefantenläuse 20.
Elektrum 143.

Elemizin 107.

Elettaria cardamomum 200.
Elfenbein, gebranntes 213.
Elfenbein, vegetabilisches
429.

Elfenbein, weiß gebranntes,
213.

Elfenbeinnuß 429.
Elfenbeinpalme 429.
Ellagsäure 456.

Ellernholz 110.
Elsässergrün I 301.
Elsenholz 110.

Eluteria 203, 229.

Elution 503.

Emailliergold 246.
Emanation 358.
Emmenthaler 407.

Emmer 480.

Emodi 12.

Emodin 365, 414.
Emxflastrum 330.
Empleurum 70.

Emulsin 20, 55, 262.
Endiandra glauca 443.
Endodeca Serpentaria 395.
Engelskraut 30.
Engelwurzel 22.

Englische Erde 459.
Englischgelb 57.
Englischgewürz 342.
Englisch Lint 391.
Englischrot 105, 219.
Englischsalz 55.

Engobe 259.

Engraulis encrasicholus
387.

Enthaarungsmittel 243.
Entenfußwurzel 346.

Enula 8.

Ephedra andina 342.
Epineuil 72.

Eppich 412.

Epsomersalz 55.

Equisetum 390,

Erdäpfel 202.
Erdartischocke 455.
Erdbirne 455.

Erdeicheln 109.

Erdgut 438.

Erdharz 34.

Erdnaphtha 326.

Erdöl 279, 326.

Erdpech 34.

Erdpistazien 109.
Erdschellack 6.

Ergotinin 289,

Erica arborea. 110.

Erika B 449.

Erikolin 39.

Eriodendron aufractuosum
199, 329.

Erukasäure 374.

Ervurn lens 253.

Erythraea 442.
Erythrophloeum guinense
389.

Erythrosin 108, 350.
Erythroxylon 218,

Eschel 214, 216.

Eschelotte 506.

Esdragol 24.

Eselsgurke 106.

Eserin 341.

Eskurials 483.

Esox lucius 158.
Esparsette 211.
Espartofaser 10,

Essences concretes 178.
Essigätherweingeist 424.
Essignaphtha 292.
Esterlack 237, 376.
Eucalyptus viminalis 359.
Eugenia caryophyllata
137.

Eugenia Tabasco 342.
Eukairit 411.

Euphorbia Lathyris 424.
Euphorine 331.
Eupittonsäure 344.
Eurhodine 37.

Eurhodole 37.

Euryangium 437.,
Euxanthinsäure 351.
Exogonium 177.
Explosivstoffe 424.

Extern embrocation 6.
Extincteure 119.

Extrait de Rose 369.
Extraktionsfett 214.

Kabiana imbricata 341.
Fabriktran 241.

Fachen 120.

Färberdistel 377.
Färbereiche 356,
Färberknöterich 173.
Färberläppchen 51.
Färbermaulbeerbaum 134.
Färberreseda 475.

Färb erröte 226.
Färberscharte 471.
Färbertraube 476.
Färberwaid 471.
Färberwau 475.

Fagus silvatica 70, 371.
Faktis 207.

Fallkraut 30.

Farbe 21.

Farben, giftige 114,
Farben, Haar- 153.
Farben, Teer- 445.
Farblack 237.

Farbstoffe, adjective 446.
Farbstoffe, heterochrome
445.

Farbstoffe, substantive 445.
Fard de chine 202.
Fardelen 493.

Farinzucker 503.

Farina Tik 31.

Faro 53.

Fasanen 116.

Faselbohne 61.

Fasergips 35.

Faserkalk 35.

Faserkohle 429.

Faßpech 321.
Faulbaumrinde, amerika-
nische 73.

Fayence 428.

Fecule 31.

Fedegoza 281.

Federalaun 33.

Federharz 205.

Federweiß ,33.

Fegsalz 208.

Fehlingsche Lösung 426.
Feigbohne 255.

Feigenkaffee 117.

Feinblau 23.

Feinkorn 95.

Feintalg 366.

Felbel 384.

Feldblätterschwamm 75.
Feldquendel 117.

Feldsalat 360.

Felsensauger 297.

Femmel 154.

Fenchelholz 388.

Fenchen 112.

Fenchon 118, 450.

Fennich 163.
Fernambukholz 372.
Ferriazetat 104.
Ferrichlorid 104.
Ferrisulfat 106.

Ferrizitrat 501.
Ferrizyankalium 60.
Ferrochlorid 104.
Perrojodid 105.

Ferrosulfat 105.

Perrosulfid 105.

Ferrotitan 452.

Ferrozyankalium 60.
Ferrum limatum 105.
Ferrum oxydatum 105.
Ferrum reductum 105.
Ferula Asa foetida 33.
Ferula galbaniflua 131.
Ferulasäure 33.
Feuerwerkskörper 353,
Feuerzeug 505.

Fibroin 409.

Fichtenrinde 120.

Ficus 205.

Ficus carica 116.

Ficus ceriflua 136,

Z^ieb erb aum 112.
Pieberklee 55.

Pieberrinde 77.
Fieberrinde, graue 203.

Fijmüsse 429.

Filanden 408.

Filixsäure 114, 120.

Films, photogr. 340.
Filterkerzen 473.
Finkensamen 89.

Finnfisch 122.
Firnissumach 177.
Pischauge 2, 117.
Pischbein, weißes 414.
Fischhautchagrin 123.
Pischkörner 216.

Fäschleim 156, 246.
Fischleim, vegetabilischer 6.
Fischmehl 122.

Pischöle 457.

Fischwurst 486.

Pitzroya 10.

Flachfisch 398.
Flachsdotter 89.
Flachsgam 247.

Plachslilie 124.
Flaschenlack 416.
Flavopurpurin 11.
Pieckseife 304, 357.
Pieckwasser 357.
Fleischbiskuit 437.
Fleischbrühwürfel 64.
Fleischsaft 351.
Fleischzwieback 437.
Fleury 72.

Flieder 163.

Fliegenleim 281.
Fliegenstein 31.

XHikken 95.

Flintpapier 386.
        <pb n="551" />
        ﻿Flößbutter 396.

Flohkraut 346.

Flomen 406.

Flor 384, 409.

Florence 409.

Florentiner Lack 50, 237.
Flores martis 104.

Flores Zinci 496.

Floridaöl 46.

Flossen 28.

Fluavil 152.

Flugsandel 385.

Fluken 127.

Flunker 398.

Fluorheumin 27.

Fluorit 128.
Fluorwasserstoff 128.
Flußharz 24.

Flutgras 264.

Föhrenholz 209.
Foeniculum 117.
Foenugräkum 60.

Folie 287.

Folien 56.

Fomes fomentarius 119,
Fondants 62.

Forditas 452.

Forlie 287.

Forman watte 129.
Formiate 17.

Formol 128.

Formylbromid 68.
Formylchlorid 81.
Formyljodid 180.
Formylsäure 17.

Förster 327.

Frangula 115.
Frangulasäure 365.
Frankfurterschwarz 362.
Französischweiss 58.
Franzosenholz 149.’
Franzosenöl 213, 445.
Frauendistel 266.
Fraueneis 138.

Fraxinus excelsior 110.
Fraxinus Ornus 264.
Freselmehl 40-
Frottil 427.

Fruchtbonbons 91.
Fruchtgelees 135.
Fuchsinblau 23.
Fuchsonfarbstoffe 459,
Fuchswurz 104.

Fucus crisp. 201.
Füllmasse 503.
Fünffachschwefelantimön
436.

Fürst Pückler 423.

Fulas 128.

Fumaria 109,

Furunkulin 506.

Fusti 137.

Fustik, alter 134.
Fustikholz 123.
Fußblattwurzel 346.
Fußstreupulver 351.
Futuran 207.

Cjrabonholz 195.

Gadolinit 49.1,

Gadus aeglefinus 392.
Gadus calarias 89.
Gänsefuß, chilenischer 363.
Gänsekraut 47.

Gänze 98.

Gagelbeeren 290.

Gaja Marioba 281.
Galaktogen 290.
Galarabutter 44.

544

Galangin 131.

Galbanöl 131.

Galeh 34.

Galenit 56.

Galeopsis grändiflora 488.
Galeopsis Ladanum 251.
Galgantöl 131.

Galipea officinalis 22.
Galipot 119.

Galitzenstein, blauer 234.
Galitzenstein, weißer 497.
Gallaminblau 132.

Galle des Indes 39.
Gallenröhrling ,430.
Gallionella 346.

Gallisieren 477.

Gallseife 304.

Gallusblau 132.

Gailwespe 214.

Galmei 495.

Gambin R. u. Y. 301.
Gambir 204.

Ganahlgelb 268.

Ganja 155,

Garcinia 151.

Garcinia Mangostana 263.
Gardenia grandifiora 134.
Garanzin 226.

Garbe 230.

Garnaten 133.

Garnierit 298.

Gartenlauch 506.
Gartenrapunzel 360.
Gartensalat 138.

Gasolin 48, 326.
Gaufrieren 59.

Gavrat 39.

Gay - Lussac - Turm 404.
Gaze 409.

Gaze, appretierte 467,
Gazon 249.

Gefrorenes 423.
Geheimmittel 133.

Gehörn 162.

Geigenharz 220.

Geist 423.

Geigen 438.
Gelatinedynamit 424.
Gelatineemulsion 338.
Gelatinepapier 335.

Gelb T 459.

Gelb W 93.

Gelbbleierz 283.

Gelberde 304.

Gelbe Scharte 113.
Gelbglas, Arsen- 32.
Gelbguß 275.

Gelbholz, ungarisches 123.
Gelbkomposition 498.
Gelbkraut 475.

Gelb lack 134.

Gelbpech 322.

Gelbwurz 234.

Gelbwurzel, kanadische
172.

Gelseminsäure 135.
Gemeines Harz 119.
Genista 113.

Gentianablau 23.
Gentianasäure 108.
Gentisin 108.

Genueser Weiß 58. .
Genußmittel 291.

Geolin 352.

Geraniol 135, 241, 250.
Gerberbaum 436.

Gerberei 243.

Gerberrinde 254.
Gerberschoten 88.

Germer, weißer 299.
Gerstendinkel 480.
Gerstenzucker 62.

Gesetze u. Verordnungen
507 ff.

Gest 158.

Geströh 432.

Getreidemehl 272.

Geum urbanum 296.
Gevrey 71.

Geweihe 162.

Gewerbesalz 215.

Gicht 97.

Gichtgase 98.

Gichtkraut 53.

Gichtrose 312.

Gichtrübe 489.

Giftfarben 57.

Giftmehl 32.

Giftweizen 433.

Gigartina mamillosa 201.
Gingergrasöl s. Geraniumöl.
Ginsterblumen 113.
Ginsterfaser 115.

Ginzatia oleifera 299.
Gladiolus communis 13.
Gläsler 407.

Glätte 57.

Glanz 197.

Glanze 400.

Glanzgras, kanarisches 197.
Glanzkohle 65, 429.
Glanzrinde 254.
Glanzstärke 425.
Glanzstoff 409.
Glanzvergoldung 348.
Glas, lösliches 474.
Glasköpfe 492.

Glaskopf 60, 96, 105.
Glaskraut 472.

Glasurerz 56.

Glattbutt 398.

Gliadin 211.

Glockenmetall 68, 246.
Glockenwurzel 8.
Gloeosporium ampelopha-
gum 476.

Glonoin 300
Gloverturm 404.
Glühkohlen 471.

Glukose 426.

Glukoside 142.

Gluten 211, 246.
Glutenfibrin 211.
Glutenkasein 211.

Glutin 246.

Gluzin 436.

Glyceria fiuitäns 264,
Glycine hispida 420.
Glykocholsäure 304.
Glykokoll 247.

Glykol 143.

Glykose 426.

Glykosen 502.

Glyzerinol, 143.

Glyzerinon 143.
Glyzerinphosphorsäure251.
Glyzerintrinitrat 300.
Glyzerit 143.
GlyzerylaJkohol 142.
Glyzyrrhiza 434.
Gmelinsches Salz 60.
Goabutter 219.

Goapulver 29.

Götterbaum 6.

Goldbronze 56, 287.
Goldbutt 398.

Goldeicheln 188.
Golden-Hair-Wash 474.

Goldfeenwasser 474.
Goldfirnisse 145.
Goldforelle 379.
Goldfrüchte 188.

Goldgelb 459.
Goldgewebe 198.
Goldglätte 57.

Goldmund 397.
Goldmuscheln 324.
Goldorange 459.

Goldrute 485.
Goldschlägerei 56.
Goldschwefel 436.
Goldsiegelwurzel 172.
Gollenkraut 390.
Gommelino 86, 387.
Gommer 480.

Gond-Babul 39.
Gonolobus Cundurango
221.

Gonosan 464.

Goslarer Vitriol 2.
Gossypium 45.

Gossypose 359.
Gothaergelb 82.
Gottesurteilbohne 189.
Gottvergessenkraut 21.
Goudakäse 163.

Gousses de Gonake 39.
Gouttes japonaises 346.
Gradierhäuser 215.
Gräfenthaler Vitriol 2.
Grän 271.

Gratzer 52.

Gräupchen 446.

Grains 408.

Grammatit 33, 170.
Granaten 133.
Granatguano 133, 15(&gt;.
Granatillkörner 229.
Grande cote 72.

Granilla 225.

Grano marzuolo 269.
Graphittiegel 396.
Grashirse 264.

Grasöl 250.

Gratiolin 145.
Graukupfererz 232.
Grauspießglanz 26.
Graves 63.

Grebenfelle 116.
Greenheart 46.

Greenovit 451.
Greenockit 183.

Gren 271.

Grewia oppositifolia 53.
Greze 408.

Grießwurzel 319.
Griffelschiefer 393.
Grisees 72.

Grönländischer Tran 458.
Grogwürfel 351.

Gros 409.

Grossular 146.
Grottenstein 192.
Grübelnuß 302.

Grün, Tiroler 50.

Grün, Ungar. 50.

Grüner Lack 238.
Grünpulver 276.
Grünstichblau 23.
Grundfarbe 50.
Grundforelle 236.
Grundheil 50, 94.
Grundiersalz 498.
Guajakolbenzoat 49,
Guajakrinde 387.

Guano, deutscher 349.
Guano, künstlicher 349.

\
        <pb n="552" />
        ﻿545

Guarauin 216.

Guaza 155.

Guignets Grün 82.,
Guineapfeffer 207,
Guli-i-pista 132.

Gummi, ammonisches 18.
Gummi, armen. 18.
Gummi elasticum 205.
Gummi, ostindisches 118.
Gummibälle 206.

Gummide 142.
Gummidruck 334.
Gummiläck 391.

, Gummischläuche 206.
Gummispeck 205.

Gum tree 112.

Gunja 155.

Gunnicloth 182.
Gunpowder 443.
Gurkenkraut 88.
Gurunüsse 219.
Guttaperchapflaster 422.
Gutti 151.

Gymnothorax muraena 286.
Gypsophila Arrostii 387.
Gypsophila Struthium 411.

Haardtweine 327.

Haar tu ch 153.

Habers Synthese 18.
Habzelia 150.

Haddock 392.

Hämatein 56.

Hämatit 96, 105.
Hämatoxylon 56.
Hämoglobin 290.
Haferllocken 353.
Hafergrütze 153.
Haferkakao 188.
Hafer-Tuskarora 474.
Hagel 398.

Hagenia abyssinica 235.
Haifischguano 122.
Haifischtran 458.
Hainbuchenholz 479,
Hainbutten 153.
Halbkammgarn 484.
Halbsilber 279,

Haifa 10.

Haliotis 324.

Halmfrüchte 137.
Hamburgergelb 82.
Hamburgerweiß 58.
Hammeltalg 391.
Hancornia 205.
Handleuchte 491.
Handrotting 54.

Hanf, ostindischer 437.
Hanfleinen 248.
Hanfnesselkraut 251, 488.
Hardwickiabalsam 151.
Harnkrautwurzel 156.
Hartblei 246.

Hartgummi 92, 207.
Hartguß 102.

Harz, amerikanisches 119.
Harz, französisches 119.
Harz, gelbes 119.

Harz, gemeines 119.

Harz, weißes 119.
Harzemulsionspapier 335.
Harzessenz 220.

Harzgeist 155.

Harzsäureester 376.
Haschisch 155.

Haselnuß 302.

Hasenkraut 156.
Haudornwurzel 156.
Hausenblase, japanische 6.

Mercks Warenlexikon.

Hausrot 304, 372.

Hautes Gaillac 63.

Haut Sauterne 63.

Haysan 443. ■

Hazalium 154.

Hecheln 124.
Heckenkirsche 47.

Hede 124, 248.

Hederich, falscher' 413.
Hedysarum 211.
Hegyälljaer Wein 452.
Hehnerzahl 119.

Heidekorn 70.
Heidelbeeren, rote 350.
Heilbohne 61.

Heilbutt 398,

Heiligbutt 398.
Heiligenholz 149.
Heiligenstein 35.
Helianthin 276.

Helianthus annuus 421.
Helianthus tuberosus 455.
Heliochrysin 421.
Heliotropin 344.

Helix pomata 397.
Helleborin 142.

Helleboms niger 299.
Helvella 283.

Hemdentuch 204.
Hemlockleder 159.

Hennah 12.

Hensels Präparate 291.
Heparreaktion 401.

Heratol 37.

Hermelchen 195.
Herrenpilz 429.

Hesperiden 28, 347.
Hessians 40.

Hessonit 145.

Hetol 495.

Heu, burgundisches 212.
Heukleesamen,griechisch er
60.

Hevea brasiliensis 205.
Hexaanthrachinon 25„
Hexabromide 242.
Hexenmehl 40.

Hexosen 502.

Hibiscus abelmoschus 1.
Hibiscus eriocarpus 197.
Hickorynüsse 161.
Himbeeräther 129.

Hindei 491.

Hindiüfte 491.

Hindsläufer 491.
Hippoglossus Cuv. 398.
Hirschhornöl 445.
Hirschhornsalz 19.
Hirschkraut 55.
Hirschtrüffel 162.
Hirschwurzel 50.

Hirudo 59.

Hivurahein 283.

Hochofen 97.

Höllenöl 44.

Höllenstein 381, 418.
Hoffmanns Tropfen 3, 424.
Hohenlohe 209.

Holländer Weiß 58.
Holzfaden 167.

Holzfaser 167.

Holzkalk 194.

Holzkassie 493.

Holzkohle 252.

Holzmehl 167.

Holzöl 151.

Holzsäure 166.

Holzschliff 168.

Holzstaub 168.

Holzstoff 168.

Holzteer 166, 444.
Holztuch 168.
Holzzahnkraut 488.
Holzzimt 493.

Homarus 171.
Homotaraxasterol 254.
Honigbeize 243.

Honiggras 163.
Honigkuchen 328.

Hopea 84.

Hopfen, Spanischer 89.
Hopfenluzerne 212.
Hopfenöl, Spanisches 89.
Hopfenranken 115.
Hopogan 258.

Hordeum 136.
Horischengras 264.
Hombaumholz 479.
Hornbleierz 57.
Hornblende 33.

Hornklee 60.

Hornsilber 418.

Hostien 302.

Houmiri 171.

Huacoblätter 149.

Huchen 236.

Hüttenrauch 32.

Hufe 170.

Huiles 251.

Huile vierge 44.
Humeng-tsao 135.
Humulus 169.

Hyazinth 171, 498.
Hydrakrylsäure 278.
Hydrargillit 454.
Hydrargyrum 354.
Hydraul. Kalk 490.
Hydrobromsäure 68.

Hydro Chlorsäure 384.

’ Hydrocotyle asiatica 474.
Hydrogenium peroxydatum
474.

Hydrophan 307.
Hydrosulfit 295.
Hydrozinchonidin 77.
Hydrozinchonin 77.
Hymenaea courbaril 24.
Hymenodiction 189.
Hypericum 181.

Hypnon 36.

Hyssopus 488.

Ichthyocolla 156.

Icica viridis 106.

Iflrialit 354.

Idrisöl 250.

Igasurin 226.

Ignatia 173.

Ignex 119.

Ihlen 160.

Ikakopflaume 188.

Ilex paraguayensis 270.
Illanke 236.
lllicium anisatum 431.
Hlicum religiosum 43,1.
lllipefett 44.
Immedialfarben 402.
Immergrün 482.
Immortellen 59.
Imperatoria 272.
Imperialscharlach 52.-
Inden 231.

Indiengelb 38.

Indiennes 190.

Indigen 93.

Indigo, falscher 471.
Indigolith 461.

Indikan 173.

Indischgelb 351.

Indisin 270.

Indoaniline 171.
Industfietran 241.

Inflatin 254.

Inselt 440.

Inula 8.

Invertin 504.

Ipomoea bona 205.
Ipomoea purga 177.
Ipomoea Turpethum 461.
Iridin 466.

Irisbe 29.

Irismuscheln 324.
Iriswurzel 466.
Irländisches Moos 201. ,
Irwingia Bartcri 88.
Irwin^jafett 74.

Isatis tinct. 471.

Isis nobilis 222.
Isoanemonin 21.

Isonandra 151.

Isopren 207, 447.
Isopurpurin 11.

Isosafrol 344.

Isutan 55.

Iwaranchusa 467.

•Facaranda 177, 201.
Jacko 452.

Jaffnaer Moos 6.
Jagarazucker 504.
Jaggeryzucker 504.
Jagrezucker 504.
Jamaikapfeffer 342.

Jams 266.

Janay 72.

Japakonitin 105, 434.
Japanische Erde 204.
Japanmuscheln 324.

Jaspis 74.

Jaune acide 93.

Jaune brillant 183.

Jaune d’or 268, 378.
Jaune de Steinbuhl 42.
Jaune indien .351.

Jaune N 235.

Javaöl 42.

Javellesche Lauge 92.

Jekoleinsäure 242.
Jequiritin 321.

Jereswein 487,

Jerli 132.

Jerropiga 347.

Jerusalemartischocke 455.
Jesuitengarten 327.
Jesuitentee 458.

Jet 131.

Jodantipyrin 180.
Jodbehensäure 379.
Jodeosin 108.

Jodmethyl 166.

Jodophen 301.

Jodopyrin 27.

Jodviolett 163.

Jodzahl 119.

Jogurt 487.

Johannisnuß 302.

Johannis wurzel 114.
Judenpech 34.

Judhanf 182.

Juften 181.

Juglans regia 301.
Jungfern 324.

Jungfernöl 44.
Jungfernwachs 470.
Junghaysan 443.
Jungnickels Weinkläre477.
Juniperus communis 469.

35
        <pb n="553" />
        ﻿546

Juniperus oxycedrus 183,
489.

Juniperus sabina 376.
Juwelen 93,

Kaddigbeeren 469.
Kadinen 120.

Kämpferid 131.

Käsekalk 203.

Käsemilcb 282.

Käsepulver 226.

Käsestoff 202.
Kailzedraholz 258.
Kaisergelb 35, 82,
Kaisergrün 407.

Kaiseröl 327.

Kaisertee 4-13.

Kajugummi 1.
Kakdasinghi 132.

Kakes 55.

Kalabarbolme, wilde 190.
Kalan 281.

Kalandern 249.

Kalebassen 205.

Kali, s. Kalium.

Kali, blausaures 192.
Kaliaturholz 372, 385.
Kalilauge 189.

Kalinken 265.

Kalinüsse 189.

Kalisalpeter 381.
Kalischwefelleber 403.
Kalium, äthylsulfokohlen-
saures 487.

Kalium causticum 189.
Kalium, myronsaures 413.
Kalium, überchlorsaures
191.

Kalium, übermangan-
saures 191.

Kalium, weinsaures 479.
Kaliumbioxalat 311.
Kaliumeisenzyanür 60.
Kaliumhydroxyd 189.
Kaliumhypochlorit 92.
Kaliumkarbonat 349.
Kaliumnitrat 381.
Kaliumoxalat, neutrales
312.

Kaliumsulfid 403.
Kaliumsulfozyanid 192.
Kaliumtartrat 479.
Kaliumxanthogenat 487.
Kalkmergel 454.
Kalksalpeter 383.
Kalkstickstoff 18, 195.
Kalkschwefelleber 195.
Kallitrolsäure 385.
Kallitypie 337.

Kalomel 355.

Kalzium, bleisaures 194.
Kalzium, unterchlorig-
saures 194,

Kalziumhypochlorit 81.
Kalziumkarbonat 192.
Kalziumoxyd 192.
Kameen 74.

Kamelheu 499.

Kamelotts 282.

Kamera 333.

Kammgarn 484.
Kampescheholz 56.
Kampferspiritus 424.
Kamphen 112, 118, 241.
Kampratuben 460.
Kamptulikon 225.

Kandis 503.

Kandlenuß 41.

Kaneel 492.

Kanee'l, weißer 493.
Kaneelstein 146.
Kannelkohle 429.
Kannenbäcker 430.
Kanonenmetall 68, 246.
Kantalupen 273.

Kantontee 444.

Kaol 352-.

Kapaloin 14.

Kapas 329.

Kapernconcho 443.
Kapillärsirup 426.
Kapuzinerkapern 199.
Kapuzinerkraut 399.
Kapuzinerpilz 430.
Karakul 239.

Karamel 504.

Karamellen 62.
Karatierung 144.
Karawanentee 443.
Karbazolgelb 38.
Karbekraut 390.

Karbinol 166.
Karbonisieren 232, 484.
Karbonit 91.

Karbonstifte 147.
Kardamonfett 266.
Karfunkel 145, 373.
Karmelitergeist 273.
Karmin, blauer 174, 483.
Karmin, brauner 463.
Karminsäure 142.

Karneol 74.

Karoben 180.

Karotin 281.

Karotte 281.

Karragheen, ostindisches 6.
Karstenit 22.
Karthäuserpulyer 208.
Karthäusertee 458.
Kartoffelsago 379.
Kartoffelsirup 426.
Kartoffelstärke 425.
Karvakrol 450.

Karven 230.

Karvol 230.

Karyophyllen 241.
Kaschelot 472.
Kascholong 307.
Kaseinpapier 335.
Kasoidinpapier 335.
Kasondi 281.

Kassava 31, 379.
Kasselergelb 57.
Kasselergrün 42, 407.
Kassetten 333.

Kassiaöl 494.

Kassienmark 73.
Kastanienbraun 268.
Kastorhüte 120.

Kastoröl 366.
Katharinenblume 399.
Karthartomannit 414.
Katigenfarben 402.
Katjang manila 22.
Katzenaugengummi 84.
Katzengold 141.
Katzenklee 484.
Katzenkraut 484.
Katzenwurzel 40.
Kaurikopal 85.

Kautabak 440.

Kautschuk, hornisierter
92.

Kautschuklack 236,

Kaya senegalensis 258.
Kayu manis 269.
Kehrmittel 427.
Kehrsalpeter 382.

Keks 55.

Kellerhalsrinde 409.

Kelp 179, 419.
Kemmerichs Pexffon 290,
Kerargyrit 418.

Keratin 169.

Kerosin 326.

Kerzenbaum 41.
Kesselbraun 463.
Kiaboocah 187.

Kibal 281.

Kickxia 205.
Kiefernadelextrakt 120.
Kiefernadelöl 120, 471.
Kienöl 448.

Kienruß 374.

Kiese 400.

Kieselerde 209.
Kieselfluorwasserstoff 128.
Kieselgur 174, 209.
Kieselzinkerz 495.

Kilch 265.

Kinderspielkugeln 268.
Kipshaut 157, 245.
Kirchfisch 265.
Kirschbranntwein 211.
Kirschgeist 211.
Kirschkohle 429.
Kistenzucker 426.
Klapperrosen 211.
Klapperschlangen wurzel
412.

Klauenschote 415.
Klausthalit 411,
Klebepapier 330.'
Klebschiefer 346.

Klebtaft 330.

Kleesäure 311.

Klinker 454, 492.
Klippfisch 182.
Knallkorken 358.

Kneipps Tee 469.

Kneipps Wassersuchtstee
390.

Knieholz 209.

Knippei 268.

Knittergold 127.

Knizin 201.

Knochenteer 213.

Knörrich 423.

Knofler 506.

Knolle 358, 486.
Knollenblätterschwamm
75, 342.

Knollzwiebel 358, 486.
Knoppern, levantinische
464.

Knorpeltang 201.

Knorr 209.

Knusperchen 55,
Kobaltglanz 31.
Kobaltspeise 298.
Kobaltzinkgrün 279.

Kölle 61.

Kölnerbraun 463.
Kölnergelb 82.

Kölnisches Wasser 92.
Königsgelb 32.
Königskraut 44.
Körnerlack 391.

Köstritzer Bier 53.
Kognaköl 478.

Kohle 428.

Kohlendioxyd 217.
Kohleneisenstein 96.
Kohlenfadenlampe 141.
Kohlenhydrate 291.
Kohlenstickstoffsäure 341.
Kohlenstoffbisulfid 402.

Kohlenstofftetrachlorid 81,
Kohlenziegel 65,

Kohlraps 360.

Kohlrübe 373.

Kohlsaat 360.

Kokamin 218.

Kokon 408.

Kokosnuß, Lissaboner 83.
Koks 430.

Kolibri 116.

Kolikwurzel 431.
Kolkothar 105.

Kollagen 213.

Kollidin 352.

Kolloxylin 220.
Kolonialpulver 424.
Koloradokäfer 202.
Kolostrum 276.

Kolumbit 442.

Kolza 360.

Komposition 174.
Konchinamin 77.
Konfitüren 266.

Kongotee 443.

Konhydrin-221, 393.
Konkuskonin 77.
Kontaktverfahren 404,
Konverter 99.

Konvolvulin 177.
Konzentrationsstein 232.
Kopfwässer 471.
Kopierpapier 193.
Kopiertinte 451.

Kopra 54.

Kordel 54.

Kordit 394.

Koriander, römischer 399.
Koriander, schwarzer 399.
Korinthen 370.

Korn 367.

Korn, astrachanisches 480.
Korn, sibirisches 480.
Korn, wallachisches 480.
Kornrade 387.

Körte 226.

Kortizin 225.
Koschenillerot 297,
Koschenillescharlach 37,
Kosmosfaser 115.	[391.

Kossin 235.

Ko tarnin 434.

Kotsteine 222.

Kottonöl 46.

Koussin 235.

Kraftwurzel 138.
Krallenklee 415.

Krameria triandra 360.
Krammetsbeeren 469.
Krapplack 11, 114.
Krapprot 11.

Krapp wurzel 11.
Kratzkraut 200.
Krausbeeren 350.

Kraut 159.

Kreatin 125.

Krebskraut Öl.

Krebssteine 227.

Kreide, schwarze 228, 393.
Kreide, spanische 422.
Kreide, venezianische 422.
Kreis’ Reaktion 263.
Kreiselschnecke 397.
Kremeis Probe 242.
Kremnitzer Weiß 58.
Kremortartari 479.
Krempeln 120, 248.
Kremser weiß 58.

Kren 271.

Kreosal 442.
        <pb n="554" />
        ﻿Kreosot, kohlensaures
228.

Kreosotöl 199, 228.
Kreosottannat 442.
Krepp 409.
Kresolnatrium 421.
Kresolseifen 228.
Kresylalkohol 228.
Kresylsäure 228.
Kreszentinstamm 409.
Kreuzdorn 228.
Kreuzdornbeere’ 204.
Kreuzkümmel 399.
Kriebelkorn 288.
Krimmer 239.

Krischer 185.
Kristallgrün 260.
Kristallöl 327.

Kristallose 376.

Kröpfling 265.
Krokettleder 245.
Krokodilleder 13.

Krön gelb 82.
Kronsbeeren 350.
Kropfschwamm 399.
Krotonchloral 73.
Krozetin 378.

Krozin 378.
Krümelzucker 426.
Krugbäcker 430.
Kruitkäse 163.

Krullhaare 371.
Krummholz 209, 240.
Krummholzöl 240.
Kryogenfarben 402.
Kubaholz 134.

Kubalack 135.
Küchenschaben 442.
Küchenschelle 351.
KühlHaschen 12.
Kümmel, römischer 289.
Kufekemehl 153, 209.
Kugellack 237.

Kugelport 87.

Kuhpilz 430.

Kukuiöl 42.

Kukuruz 258.
Kuliwanrinde 493.
Kulonki 265.

Kulor 265.

Kuminöl 289.

Kunerol 219.
Kunstdünger 91.
Kunstharz 155.

Kunstholz 487.
Kunstleder 245.
Kupellation 418.
Kupferbarilla 232.
Kupferglanz 232.
Kupferglaserz 232.
Kupferhydroxyd 234.
Kupferkies 232.
Kupfernickel 31, 298.
Kupferoxydammon 234.
Kupferrauch, weißer 497.
Kupfersalpeter 237.
Kupferschiefer 232.
Kupfersulfat 234.
Kupferwasser 106.
Kuprein 77.

Kupren 225.

Kuprit 232.

Kurati 124.

Kuskonin 77.

Kuskus 467.

Kuvertüre 188.

Kwas 163.

Kydia calycina 472.
Kyanol 22.

JLaberdan 182.

Labet 469.

Labordin 21.

Labrax 43.

Lacca in tabulis 392.
Lachgas 431.

Lachsforelle 236.
Lackürnisse 236.

Lackharz 391-
Lactuca 137, 239.
Lärchenschwamm 250.
Lärchenterpentin 447.
Läusekörner 216, 239.
Läusesamen 375.
Lafettenholz 32.

Lafitte 63.

Lakritzensaft 435.

Laktate 278.

Laktose 278.

Lambertsnuß 302.
Laminsche Masse 60.
Lamium album 297.
Lamprete 297.

Lana philosphica 496.
Landolphia 205.

Lapathin 83.

Lapis causticus 189.

Lapis divinus 35.

Lapis hämatites 60.

Lapis infernalis 418.

Lapis lazuli 140, 462.
Lapis ophthalmicus 35.
Lapis pumicis 53.

Lapis sanguineus 60.
Lappa 212.

Lard oil 406.

Lard Stearin 406.

Larix europaea 239.
Larixolin 447.

Larose 63.

Laschitz 161.

Lascombe 63.

Laserkraut 108.

Laserol 241.

Lasurfarbe 416.

Latex 206.

Latour 63.

Lauch 506.

Laudanum 307.

Laureol 219.

Laurus nobilis 254.
Lavabrenner 423.
Lavaglas 303.

Lavezstein 455.

Lawsonia 12.
Laxierkonfekt 330.
Lazzerolo 39, 281.
Lebensbaum 450.
Lebensbaumöl 450.
Leberkäse 486.

Leberöle 457.

Lebkuchen 328.

Lecanora tartarea 238.
Leckerli 328.

Lecythis 188.

Leder, vegetabilisches 245.
Lederappretur 392.
Lederbraun 55.

Ledergelb 7, 331.
Ledergummi 205.
Lederkäse 163.

Ledertuch 245.
Lederzucker 362.
Ledumkampfer 347.

Lehm 454.

Leimzucker 247.

Lein 123.

Leindotter 89.
Leinenplüsch 249.

Leinkuchen 249.

Leinwand 248.

Leiocome 86.

Leiogomme 86.
Leipzigergelb 82.
Leipziger Gose 52.
Leitschies 255.

Lempellin 143.

Lentizellen 224.

Lenzin 454.

Leoninische Waren 275.
Leontodon taraxacum 254.
Lepidolith 141, 253.
Lepisanthes montana 210.
Lej)totilus 116.

Lepuranda 75.

Lerbachit 412.
Lerchenholz 239.

Letten 454.

Leuchtöl 326.
Leuchtsternwurzel 431.
Leukogen 296.

Leukolin 80.
Leukorosolsäure 223.
Leuzin 454.

Levantin 409.

Levisticum officinale 251.
Lewat 360.

Lexia 370.

Leydenerblan 215.

Libidivi 88.

Lichen irlandicus 201.
Lichen islandicus 176.
Lichesterin 176.

Lichtblau 23.

Lichte 208.

Lichtenhainer 53.
Lichtgrün 251, 276.
Lichtnußbaum 41.
Liebermanns Probe 242.
Liebesäpfel 453.

Liege femelle 224.

Liesen 406.

Lignaloeöl 252.

Lignin 490.

Lignit 65.

Lignum sanctum 149.
Ligroin 48.

Ligusticum levisticum 251.
Likörweine 86, 256.
LUiputmunition 358.
Limatura ferri 105.
Limonen 49, 88, 242.
Limonenöl 500.
Limongrasöl 250.

Liraonöl 251.

Linalool 49, 241, 250, 252.
Linalue 252.

Linalylazetat 49, 241, 252.
Lina nue 252,

Lindera sericea 235.
Linkrusta 253.

Lint 467.

Linters 467.

Lintjih 469.

Linum usitatissimum 123.
Lippia citriodora 467.
Liquiclambar orientalis 432.
Liquiritia 434.

Liquor ferri jodati 105.
Liquor ferri sesquichlorati
104.

Liquor natrii hypochlorosi
'	92.

Liquor silicici 474.

Liquor styptieus Lofi 104.
Liriosma ovata 286.
Listrac 63.

Litauer Balsam 54.

Litchi 255.

Lithargyrum 57.
Lithionglimmer 253.
Lithofrakteur 91.
Lithophanien 87.

Lizari 226.

Lizarinsäure 11.
Lobelakrin 254.
Lockenblume 367.
Loeschpatronen 119.
Lohextrakt,amerikanisches
159.

Lokao 79.

Lompenzucker 503.
Lonicera Xylostemum 47.
Loofah 255.

Loranthus europaeus 281.
Lorchel 283.

Loröl 255.

Lota fluviatilis 392.

Lot wurzel 12.

Lucioperca sandra 489.
Lügentee 443.

Lünte 406.

Luftholz 16.

Luftsalpeter 383.

Luhns Waschextrakt 411.
Lukao 79.

Lukullan 267,

Lumachell 268.
Lupinenfaser 115.
Luppenfrischerei 97.
Lustgas 431.

Lutein 170, 446.

Lutidin 352,

Luzerne 211.

Luzienkraut 30.

Lychnis dianthus 387.
Lycopersicum esculentum
453.

Lydischer Stein 350.
Lydin 270.

Lydit 350.

Lygeum spartum 110.
Lykopodium 40.

Lytta vesicatoria 198.
Lyzin 51.

Macachis 21.

Machaerium Schomburghii
250.

Mach’s allein 296, 472.
Mackintosh 205.

Maconnais 72.

Madin 256.

Madrashanf 437.
Madrasnüsse 109.
Mährettig 271.

Marbeln 268.

Märzenbier 60.
Magenkraut 480.

Magensaft 322.

Magentarot 130.
Magenwurzel 30.
Maggiwürze 422.
Magnalium 16, 257.
Magnesia alba 257.
Magnesiaglimmer 141.
Magnesia, kieselsaure 415,
422, 441.

Magnesiaseife 258.
Magnesiumhydroxyd 257.
Magnesiumoxychlorid 257.
Magnesiumoxyd 257.
Magnesiumperhydrol 258.
Magnesiumzitrat 502.
Magneteisenstein 96.
Mahalebkirsche 256, 475.
Mahoniholz 258.
        <pb n="555" />
        ﻿548

Mahwabutter 44.
Maiglöckchenparfüm 252.
Mais 421.

Maisstärke 425.

Maizena 258.

Majoran, wilder 89.
Makkaroni 446.

Makiurin 134, 142.
Malabarzimt 493.
Malachitgrün 50, 260.
Malakkanüsse 20.
Malergold 287.

Maletten 28.

Mallotus 195.

Malmsey 256.

Maloo 29.

Malossol 207.

Malpighia 208.

Maltyl 261.

Malvasier 256.
Malvenfarbe 270.

Malzbier 53.

Malzwein 261.

Malzzucker 62, 136.
Mammutzähne 107.
Manchesterbraun 55.
Manchestergelb 268.
Mandarinenorange 28.
Mandarinentee 443.
Mandelersatzstoffe 268.
Mandeln, grüne 344.
Mandobi 109.
Manganbister 263.
Manganeisen 118.
Mangangrün 42.

Manganin 263.

Manganit 66.
Manganoxalat 416.
Manganspat 263.
Manganstahl 118.
Maugansuperoxyd 66.
Manganvitriol 263.
Mangeln 249.

Mangiferä indica 263.
Mangold 373, 504.
Manihot 31, 205.

Manioc 31.

Manna, australische 359.
Mannaesche 264.
Mannaschwingel 264.
Mannazucker 264.
Mannheimer Gold 246, 453.
Mannide 142,

Mannitan 265.

Marabu 116.
Marakaibobaleam 221.
Maranhaobalsam 221.
Maranta 31.

Marasken 265.

Marattifett 266.

Marcelline 409.
Marienbalsam 440.
Marienglas 138.
Mariennesselkraut 21.
Marillen 28.

Marly 409.

Marmor, türkischer 304.
Marmorpapier 304.
Marobelkraut 21.

Maronen 203.

Maronenpilz 430-
Maroquin 223,

Marrubium 21.

Marsdenia 137, 178.
Martinsholz 372.
Martinsschlacke 450.
Marum verum 205.

Masäa 271.

Massa depilatoria 195.

Masseköpfe 271.

Massikot 57.

Mastisol 269.
Mataperrorinde 221.
Matricaria 195.

Matten 252, 353.

Mattlaek 236.

Matz 353.

Mauersalpeter 381.
Mauersteine 454, 492,
Maulbeerspinner 408.

Maya 487.

Mayulugummi 74.

Mazis 287.

Medicago 211.

Medoc 63.

Meeresschnecken 324.
Meerforelle 236.
Meerschweinchentran 457.
Meganit 424.

Mehlbeere 39.

Mehlleim 211.

Mehltau 476.

Meiran 259.

Mekkasteine 2.

Mel 168.

Melaleuca 187.

Melanit 146.

Meldolas Blau 93.
Meleagrina margaritifera
323.

Meleguetapfeffer 200.
Melianthin 399.
Melilotusfaser 115.

Melis 503.

Melisse, ostindische 499.

M e lissi n säure 470.

Meli tose 359.

Melitriöse 359.

Meloe variegatus 259.
Memphitis putorius 419.
Meneser 452.

Menispermum cocculus216.
Menispermum palrnatum
220.

Mentha aquatica 226.
Mentha piperita 328.
Mentha Pulegium 346.
Mentha silvatica 227.
Menth akampfer 274.
Mentholin 274.

Menthon 274.

Menyanthin 55.

Mergel 454.

Merinos 483.

Merkurisalze 355.
Merkurosalze 355.

Merlan 392.

Merlucius 392.

Mespilus germanica'281.
Metachloral 80.

Metallin 16.

Metallüster 348.
Metanilorange J 275.
Metarabinsäure 151.
Metazetonsäure 350.
Methonal 458.
Methoxybenzaldehyd 24.
Methylaldehyd 128.
Methylalkohol 166.
Methylänilinviolett 276.
Methylaurin 223.
Methylbenzol 453.
Methylcbavicol 24,. 431,
Methylengrün 276.
Methylenprotokatechu-
aldehyd 344.
Methylentrij odid 180.
Methylenhydrastiraid 17.

Methylenviolett 139.
Methylfluoreszein 463.
Methylheptenon 250.
Methylkrotonsäure 375.
Methylparaoxybenzocsäure
24.

Methyloxydhydrat 166.
Methylprotokatechualde-
hyd 465.

Methylsalizylat 218.
Methylsulfonal 458.
Methyltheobromin 216.
Methystizin 207.
Metrosideros vera 104.
Metternichsgrün 179.
Meum 40.

Meursault 71.

Mezereum 409.

Micania guaco 149.
Mickerfett 406.

Midasohr 397.
.Miesmuscheln 287.
Migränestifte 274.
Mikroklin 117.

Mikrolithen 473.
Mikromembranfilter 473.
Milcheiweiß, Siebolds 344.
Milchglas 454.

Milchwein 231.

Milomais 163.
Mimosengummi 150.
Mimosenrinde 136.
Mineralgelb 57.
Minerallack 343.

Mineral weiß 407.

Minimax 119.

Minium 274.

Minks 301.

Minlos Waschpulver 411.
Mistelleim 281.

MitchamÖl 328.

Mitosguß 15.

Mock 103.

Mockturtle soup 395.
Modler 343.

Mönchswurz 104.

Mörtel 193.

Mohär 163.

Mohnblüten 211.
Mohnköpfe, unreife 282.
Mohr, mineralischer 356.
Mohrrüben 281.

Molarissen 26‘i,

Molligen 323.

Mollisse 262.

Mollphorus 143.
Momordica Elaterium 106.
Momordica Luffa 255.
Monäthylamin 5.

Monarda punctata 450.
Mondamin 258.

Mondsteine 2, 117.
Monoazofarbstoffe 37.
Monobromkampfer 68.
Montepulciano 76.
Montpelliers Gelb 57.
Mont Röchet 71.
Montsavoye 72.

Moorkohle 65.

Moos, Irländisches 201.
Moosbeere 39.

Moosstreu 456.

Mordteufel 374.

Morgenrot färbe 108.
Moringa 46.

Morinsäure 134.

Morion 50.

Morphinvalerianat 40.
Morrhuin 242.

Morus nigra 270.

Morus tinctoria 134.
Moschatin 177.
Moschuskörner 1.

Moschuswurzel 437.

Most 476.

Mostrich 413.

Mottenkraut 212.
Mouillage 477.

Mo ulin ä vent 72.

Mowana 6.

Mucuna pruriens 181.
Mucuna urens 190.
Münchner Lack 114, 201.
Muffelfarben 348.

Mugil 270.

Mull 226.

Mull, hydrophiler 467.
Mundleim 156, 247.

Mungo 231.

Mungobohne 61.

Muriazit 22.

Murmeln 268.

Mus 434.

Musa paradisiaca 41.

Musa textilis 264.
Muskatbohne 341.
Muskatbutter 288.

Muskon 285.

Muskovit 141.

Mustela erminea 160.
Mustela lutreola 301.
Mustela martes 265.
Mustela zibellina 502.
Mutterharz 131.
Mutternelken 138.
Muttersennes 414,
Muttersaft 130.

Muxbohne 61.

Muzedin 211.

Mylabris colligata 198.
Mylalkohol 20.

Myosin 125.

Myrholin 219.
Myrikawachs 290.
Myristica fragrans 287,
Myrizin 470.
Myrizylalkohol 201.
Myrosin 413,.

Myroxylon sonsanatense
325.

Myroxylon toluiferum 453.
Myrtus pimenta 342.
Mytilus edulis. 287.

Xachmühlenöl 44.
Nachpresse 130.
Nachtgrün 179.

Näglein 137.

Nährstoffe 291.

Napellin 104.

Naphtha 279.
Naphthalidin 293.
Naphthalingelb 268.
Naphthalinpapier 286.
Naphthalinrot 256.
Naphthalol 51.

Naphthene 326.
Naphthionrot 310.
Naphtholblau 174.
Naphtholblauschwarz 38.
Naphtholpech 244.
Naphtholviolett 93.
Naphthylamingelb 268.
Naphthylaminschwarz 38.
Naphthylenblau 93.
Naphthylhydrür 292.
Napoleones 487.
Napolitaine 239.
        <pb n="556" />
        ﻿549

■, ■luininii '"i «T ii ii. n~ "it r

l

Nardenkraut 399.
Nardenöl 250.
Nardensamen 399.

Narthex asa foetida 33.
Narwalzahn 107.

Nataloin 14.

Natives 36.

Natrium, doppeltkohlen-
saures 294,

Natrium, überboraanres
295.

Natrium, unterschwellig-
saures 296.

Natrium, wolframsaures
483.

Natrium, zimtsaures 495.
Natriumaluminat 454.
Natriumbisulfat 141.
Natriumbisulfit 295.
Natriumborat 62.
Natriumdithionat 296.
Natriumhyperborat 295,
Natriumhyposulfit 296.
Natriumkarbonat 419.
Natriumnitrat 77.
Natriumperoxyd 296.
Natriumstannat 498.
Natriumsulfat 140.

Natron s, auch Natrium.
Natronhydrat 294.
Natronlauge 295.
Natrpnweinstein 411.
Natterwurzel 395.

Natto 421.

Nauclea gamhir 204.
Nauclea grandifolia 34.
Naumannit 411.
Neapolitanische Erde 27.
Neb-Neb 39.

Nectandra Puchury 341.
Nectandra Kodici 46.
Negerköpfe 205.

Negrettis 483.

Negrokaflee 281.
Negropapier 336.

Nelken 137.

Nelkenfarbe 343.
Nelkenkassie 493.
Nelkenpfelfer 342.
Nelkenrinde 493.

Neodym 88.

Neosalvarsan 383.
Nephelium longanum 255.
Nephrit 73.

Nernstlampe 141.

Nerol 241.

Neroliöl 309.

Nerz 301.

Nessel 204.

Nesseltuch 77.

Nestles Mehl 153, 209.
Neue Würze 342.
Nenfundlandstran 457.
Neugelb 57, 82.
Neugewürz 342.

Neugrün 260, 281.
Neümethylenblau 276.
Neurin 304.

Neurot L 52.

Neusilber 14, 30.
Neusolidgrün 468,
Neutrallard 406.
Neuviktoriagrün 459.
Neuweiß 407.

Neuwied erblau 193.
Neuwiedergrün 407.
Newtons Metall 246, 482.
Nicholsons Bläu 23.
Nickolit 298.

Nicotiana persica 85. Nicotiana Tabacum 438.	Olibanum 476.
	Olivenholz 305.
Nierenkraut 156.	Olivotes 72.
Nigella sativa 399.	Ononis 156.
Niggers 205.	Onosma 12.
Nigrosin 174.	Oolong 443.
Nigrosin, spritlöslich 93.	Opalblau 23.
Nilkiesel 74.	Operment 32.
Nilpferdzähne 107.	Opian 293,
Nimöl 266.	Opobalsam 275.
Nißler 407.	Opuntia 188.
Nitro ali Zarin 11.	Orange NN 275.
Nitrobenzin 280.	Orangerot 89.
Nitrobenzol 280.	Orchideenöl 487.
Nitroferridzyannatrium	Orchis mascula 380.
801.	Organdingaze 467.
Nitroleum 300.	Orgelmetall 246.
Nitropergarnent 323.	Origanum majorana 259.
Nitrosite 206.	Origanum vulgare 89.
Nitrozellulose 393.	Oriz abawurzel 177.
Nizzaöl 44.	Ornithopus sativus 415.
Nobels Ballistit 394.	Orppapier 335.
Nobels Sprengöl 300.	Orseillelack 237.
Nonpareils 87, 199.	Orsellinsäure 110.
Nopaischildlaus 225.	Orthit 491.
Noppen 384.	Orthodioxybenzol 66.
Norgesalpeter 383.	Orthoklas 16, 117.
Normalkerzen 472.	Orthonitrophenylpropiol-
Novoglyzerin 143.	säure 350.
Novozon ,258.	Oryza mont 363.
Nudelgelb 379;	Oschakgummi 18.
Nudeln 446.	Osmiumlampe 141.
Nürnbergerrot 304.	Osmose 503.
Nüsse, brasilianische 319.	Osramlampe 141.
Nuits 71.	Ossein 213.
Nukoine 188.	Osseter 156.
Nukolin 219.	Osteolith 27,
Nural 302.	Otterköpfcheu 205.
Nuß butter 219.	Otto 369.
Nutria 120,. 217.  Nyssa grandidentata 461.	Ottwurz 8.
	Ovon 171.  Ovos 422.
Objektive 330.	Ovumin 171.
Ocker 304.	Oxanthren 24.
Ochromawolle 329.	Oximidomenthon 274.
Ocbsenfleischholz 64.	Oxyanthrachinon 25.
Ochsenzunge, rote 12.	Oxyazofarbstoffe 37.
Oedenlandia 76.	Oxychinolinsulfat 80.
Öl der holländischen Che-	Oxyessigsäure 142.
miker 5.	Oxymethylanthrachinon
Öl, holländisches 450.	365. ^
Öle, flüchtige 3.	Oxyneurin 51.
Öle, gehärtete 119.	Oxyphensäure 66.
Ölbaumharz 106.	Oxypropionsäure 278.
Ölfarbenvertreiber 343.	Oxytoluyltropin 168.
Ölgrün 50.	Oxytrikarballylsäure 501.
Ölkäfer 259.	Oxytriphenylmethanfarb-
Ölmadin 256.	stolfe 459.
Öl raps 360.	Ozokerit 109.
Ölsardinen 388.  Ölsteine, levantinische	Ozonal 312, 472.
396.	Packfong 30.
Ölsüß 142.	Packlack 416.
Önanthäther 478.	Padwus 132.
Oenanthe Phellandrium	Pahthanf 182.
473.	Paina limpa 329.
Oenocarpus Batava 321.	Pain expeller 6.
Oenothera biennis 360.	Paint oil 447.
Oesypus 239.	Pakoe-Kidang 322.
Ofenglanz 108.	Pjilaquium 151.
Ofenlack 359.	Palas phul 209.
Oidium Tuckeri 476.	Palmer Margaux 63.
Oland 8.	Palmin 219.
Oldfieldia africana 443.	Palmitinsäure 427.
Olein 305, 426.	Palmkernöl 313.
Oleodistearin 219.	Palmzucker 504.
Oleomargarin 265, 366.	Panamarinde 357.
Oleum martis 104.	Panax quinquefolius 138.
Olibanoresen 476.	Panaxgummi 308.

Pandanus odoratissimus
209.

Panicum 163.
Pankreas-Peptone 290.
Pankreon 314.
Pantoffelholz 223.
Papageifedern 116.
Papageigrün 407.

Papaver rhoeas 211.
Papaver somniferum 282
Papiere, farbige 71.
Papiere^photographische

Papierkohle 65.
Papierpergament 323.
Papperpot 208.
Paraamidophenol 367.
Parabalsam 221,

Parachinoniminfarbstoffe

445.

Paradiesäpfel 2, 453.
Paradiesholz 6.
Paradiesvögel 116.
Paradioxybenzol 172.
Paraftinfett 166.
Paraflinum solidum 110.
Paraformaldehyd 129.
Paragon 87, 267.
Paraguaytee 270.	*

Parajodosoanisol 176.
Parakasein 183.

Paramatta 240, 275.
Paraoxybenzoesäure 381.
Pararosanilin 368.
Pararosolsäure 35.
Paratinktur 319.
Parchemin animal 323.
Parietaria off. 472.
Parietinsäure 83.

Parillin 389.

Pariserblau 60.

Parisergelb 57, 82.
Parisergrüu 276, 407.
Pariserlack 237.

Pariserrot 201, 219.
Pariser Stifte 228.
Pariserviolett 276,

Parizin 77.

Parmablau 23.

Partinium 16.

Parvolin 352.

Passauer Tiegel 147.
Patentgelb 57.
Patentgummi 206.

Patentöl 156.

Patentschrot 398.
Patentwagenfett 156.
Patina 68, 148.
Pattinsouieren 417.
Paullinia sorbilis 150.
Pausleinwand 193.
Pauspapier 193.

Pavonia sempervirens 241.
Psiyena 151.

Pear oil 20.

Peau d’espagne 48.

Pech, weißes 119.
Pechblende 463.

Peeherz 463.

Pechkohle 65, 429.
Peddigrohr 368.

Peganum 155.

Pekan 502.

Pekarisieren 272.
Pelargoniumöl 135,
Pelargonsäureester 357
478.

Pellagra 259.

Pelletiers Grün 82.

~w~
        <pb n="557" />
        ﻿550

Pelzwerk 3G1.

Pemmikan 126.

Penang 828.

Pental 20.

Pentoxyanthrachinon 11.
Pentylalkohol 20.

Pentylen 20.

Peppihgs 3.

Pepsin, vegetabilisches 314.
Pepsin-Peptone 290.
Perborax 295.

Perca 43.

Perche 43.

Perchemplastra 422.
Perezia rigida 344.
Pergament, vegetabilisches
323.

Peridot 306.

Periklas 257.

Periplaneta orientalis 442.
Periskope 333.
Perkaglyzerin 143.

Perkeo 119.

Perkins Purpur 270.
Perlasche 349.

Perlen, facettierte 140.
Perlmoos 201.

Perlsago 379.

Perlsalz 295.

Perlweiß 58.
Pernambukholz 372.
Pernieres 72.

Perolin 427.

Peronospora viticola 476.
Perowskit 451.

Persianer 239.

Persio 310.

Persisch gelb 32.
Persulfozyangelb 197.
Perückenbaum 123, 437.
Peruresinotannol 325.
Perusilber 418.

Pestwurz 170.
Peterkrautwurzel 30.
Peterskorn 480.
Peterskraut 472.
Petiotisieren 477.

Petivera hexaglochin 344.
Petroien 34.
Petroleumäther 48, 326.
Petroleumbenzin 47, 326.
Petromyzon 297.
Petroselinum sativum 325.
Pettenkofers Probe 242.
Peucedanum officinale 153.
Peucedanum Ostruthium
272.

Peumus Bold. 62.
Pfaffenpint 30.
Pfahlmuschel 287.
Pfahlrohr 368.
Pfannenstein 215,

Pfeffer, spanischer 317.
Pfeffer, türkischer 317.
Pfefferköpfe 328.
Pfefferkraut 61.
Pfeffernüsse 328.
Pfefferrohr 41,

Pfeifenton 454.

Pfeilgift 234.

Pferdeegel 60.
Pferdefenchel 473.
Pferdehaare 371.
Pferdeharnsäure 162.
Pferdekartoffel 455.
Pferdekümmel 473.
Pferdenuß 302.

Pferdepilz 75.

Pfifferlinge 342.

Pfingstrosen 312.
Pfirsischholz 372.
Pfirsichkernöl 329.

Pflaster, Drouottesches 198.
Pflaster, Spanischfliegen-
198.

Pflasterkäfer 198.
Pflastermulle 422.

Phalaris canariensis 197.
Pharaoschlangen 226.
Phellandren 88,107,112,118.
Phellandrium 473.
Phenalgin 18.

Phenamin 270.

Phenazin 37.

Phenedin 330.

Phenin 330.

Phenol 199.
Phenonaphtazin 37.
Phenthiazin 449.
Phenylakrylsäure 495.
Phenylamin 22.
Phenylazetamid 26.
Phenyldimethylpyrazolon
27.

Phenylenblau 173, 276.
Phenylenbraun 55.
Phenylkohlensäur,e 38f.
Phenylsäure 199.
Phenylsalizylat 381.
Philadelphiagelb 331.
Phiturasa 205.

Phlobaphen 187.

Phloretin 142, 331.
Phlorogluzide 142.
Phönixöl 141.

Phormium tenax 124.
Phosphin 7.

Phosphorit 27, 437.
Phosphorpentoxyd 333.
Photogen 48, 445.
Phragmites communis 368.
Phycocolla 6.

Phyllantus emblica 289.
Phylloxera vastatrix 476.
Physalis 181.

Physeter macrocephalus
472.	,

Physetölsäure 472.
Physocalymna floribundum
369.

Phytelephas macrocarpa
429.

Phytolacca decandra 208.
Picea vulgaris 120.

Pickles 281.

Pigmentdruck 334,
Pigmentfarbstoffe 445.
Pignolen 342.

Pigs-foot grease 406.
Pikolin 352,

Pikotit 423.

Pikratpulver 394.
Pikrokrozin 378.
Pikropodophyllin 346.
Pilezucker 503.

Filieren 411,

Pills for the cough 6.
Pilocarpus 177.
Pilokarpidin 177.
Pimarsäure 220,

Pimenta acris 46.
Pimpinella Anisum 24.
Pinakol 352.

Pine-apple oil 73.

Pinen 112, 118, 120, 241.
Pineolen 342.

Pineytalg 260.

Pinguin 116.

Pinien 498.

Pinksalz 343, 498.

Pinolin 155, 220.

Pinus eanadensis 159.
Pinus cembra 33,209,498.
Pinus laricio 209.

Pinus pumilio 209, 240.
Pinus pinea 342.

Pinus silvestris 209.

Piper angustifolium 270.
Piper betle 51.

Piper Cubeba 229.

Piper methysticum 207.
Piper nigrum 327.
Piperazin, chinasaures 416.
Piratinera guyanensis 250.
Pirus communis 54.
Pisang, Affen- 264.

Pisang (Musa) 41.
Pissenlit 254.

Pistazia Lentiscus 269.
Pistazit 93.

Pisum ,109.

Pita 14.

Pithecolobium 42.

Pittoy 72.

Piuri 351.

Pix alba 119.

Plagioklas 117.

Plantago major 475.
Plantago Psyllium 127.
Plasma 74, 93.

Plastizin 344.

Platessa 12'7.

Platine 275.

Platinmohr 345.
Platinpapier 336.
Platinschwamm 345.
Platteisen 127, 398.
Platten, photographische
338.

Plattfisch 398.

Pleonast 423.

Pleureusen 116.
Pleuronectes flesus 398.
Plumbago 146.

Pluszucker 359.

Pockenwurzel 78.
Pockholz 149.

Pökeln 126.

Pöklinge 160.

Pogostemon Patchouli 321.
Poinsot 72.

Pol 384.

Polianthes tuberosa 460.
Polierrot 60, 105, 219.
Polisander 177.
Polyazofarbstoffe 38.
Polychroit 378.

Polychrom 3.

Polygala amara 229.
Polygala senega 412.

Polygalasäure 412.
Polygonum bistorta 395.
Polygonum fagopyrum 70.
Polygonum tartaricum 70.
Polypodium 108.
Polyporus fomentarius 119.
Polyporus officinalis 250.
Polyxanderholz 177.
Pomeranzen, süße 27.
Pomeranzenblüten 309.
Pomesinen 27.

Pommard 71.

Pomril 3.

Ponceau 3 R 231.

Pontak 476.

Pontet-Canet 63.

Porpezit 143.

Porree 506.

Portland Arrowroot 31.
Porzellanerde 198.
Porzellanton 454.
Posilippotuff 490.

Postgelb 82.

Postlack 416.

Potentilla Tormentilla 456.
Pottfisch 472.

Pottlot 146.

Pouillac 63.

Pourpre fran9ais 310.
Präpariersalz 498.
Präzipitat, rotes 356.
Präzipitat, weißes 355.
Pralines 62, 188.

Prasem 93.

Praseodym 88.

Preaux 72.

Preignac 63.

Premier jus 366.
Preßschwamm 399.
Preßtalg 366.
Preußischblau 50.
Preußischrot 219, 304.
Pricken 297.

Prime Steamlard 406.
Primulinbase 449.
Primulaviolett 163, 350.
Prinzmetall 275.
Probierstein 350, 418.
Procyon lotor 398.
Propolis 470.

Protagon 170.
Protalbinpapier 335.
Protein 291.

Protektor 119.

Protium heptaphyllum 106„
Provenceröl 44.

Prünellen 70.

Prunus Cerasus 210.
Prunus domestica 330.
Prunus laurocerasus 210.
Prunus mahaleb 475.
Prunus padus 256.

Prunus spinosa 396.
Psalliota 75.

Pseudopeziza trocheiphila
476.

Pseudorhabarber 281.
Pseudorosolsäure 223.
Pseudoschwefelzyan 197.
Psomodoro 451.

Psychotria Ipecacuanha
176.

Psyllium 127.

Pterocarpus Draco 90.
Pterocarpus erinaceus 443.
PterocarpusMarsupium210.
Pterocarpus santalinus 385.
Ptisane 451.

Ptychotis Ajowan 2.
Puchury 341.

Puddeln 99.

Puderstärke 425.

Pülpe 131.

Pulegium vulgare 346.
Puligny 71.

Pulmonaria officinalis 255.
Pulpa cassiae 74.

Pulque 14.

Pulsatillenkampfer 21.
Pulver, Schieß- 394.
Pulverholz 115.

Punica granat. 146.
Punizintannat 322.

Punnai 240.

Purgella 330.

Purgen 330.
        <pb n="558" />
        ﻿Purgetta 330.
Purgierkassie 73.
Purgierkörner 229, 366.
Purgierkraut 145.
Purgierkreuzdorn 228.
Purgiernüsse 366.
Purgierwinde 418.
Purgierwurzel 177.

Purgin 330.

Purglets 330.

Purgolade 330.

Purpur, französischer 310.
Purpurholz 16.

Purpurin 25, 49, 226.
Purpurkörner 208.
Purpuroxanthin 25.
Purpurschnecke 286.
Putzöl 48.

Pyoktannin 35.
Pyramidenholz 258.
Pyrazolonfarbstolfe 445.
Pyrethran 175.

Pyrethrol 175.
Pyrethroxinsäure 175.
Pyrethrum anacyclus 51.
Pyrethrum cinnerariae-
folium 175.
Pyridinfarbstoffe 445.

Pyrit 402.

Pyroentwickler 352.
Pyrogenfarben 402.

Pyrolfärben 402.

Pyrolusit 66.

Pyromorphit 56.

Pyrop 145.

Pyropissit 65, 445.
Pyroschwefelsäure 405.
Pyrosin 108.

Pyroxylin 220, 393.

Quadersandstein 386.
Quälkorn 480.

Quarkleim 203.

Quarz 50.

Queckenwurzel, rote 386.
Quecksilber, knallsaures
355.

Quecksilberhornerz 354.
Quecksilbermohr 356.
Quecksilberoxydul, gerb-
saures 356.

Quellsalz 215.

Quendel 117, 356.

Quendel, welscher 450.
Quercus coccifera 208.
Quercus infectoria 132.
Quercus suber 223.

Quercus tinctoria 356.
Quercus valonea 93.
Querzetin 356.

Quewecken 163.

Quickbrei 16.

Quickwasser 356.

Quinetum 357.
Quinoapflanze 363.

Üabinschen 360.

Rack 31.

Radierpulver 385.
Radieschen 364.

Radteer 444.

Räuchern 126.

Raffiabast 44.

Ralfinade 503.

Raffinieren 503.

Ragemahl 178.

Ragoonöl 360.
Ragoutpulver 84.

Rahm 278.

käme 124.

Ramputan 255.

Rancias 487.

Randoe 329.

Raphanus raph. 158.
Raphia longifiora 41.
Raphia vinifera 341.
Rapidfackel 119.

Rap in säure 374.

Rapsöl 373.

Raseneisenerz 96.

Ratin 361.

Rattapan 361.

Rauch quarz 50.
Rauchtopas 50.

Rauken 413.

Raupe 76.

Rauschgelb 32.
Rauschgold 127.

Rauzan 63.

Razemsäure 478.

Realgar 32.

Reblaus 476.

Red cedar 489.

Redruthit 232.

Reesil 427.

Reformwaschpulver 411,
Refraktion 119.

Regenerate 207.

Regulus antimonii 26.
Rehposten 398.

Reichert-Meißl-Zahl 119.
Reiherfedern 116.
Reineklauden 330.

Reis, amerikanischer 474.
Reis, deutscher 95, 480.
Reißblei 146.

Reisstärke 425.
Reisstrohhüte 422:
Reiswurzel 363, 486.
Rembrandtpapier 385.
Remijia pedunculata 234.
Rendement 504.

Reps 360, 367.

Reseda luteola 475.
Resinate 220.

Resinolsäure 250.
Resorufin 364.
Resorzingelb 83, 459.
Respirationsmittel 291.
Retinit 65.

Reverdissage 135.
Rhabarbergelb 83.
Rhabarberin 83.
Rhamnetin 134.

Rhamnus cathartica 204,
228.

Rhamnus frangula 115.
Rhamnus oleoides 134.
Rhamnus Purshiana 73.
Rhea americana 116.

Rhein 83.

Rheinanke 236, 265.
Rheum 365.

Rhigolen 326.

Rhizom 486.

Rhodamin S. 434.
Rhodankalium 192.
Rhodiserholz 369.
Rhoeadin 211.

Rhombus max. 398.

Rhus coriaria 436.

Rhus cotinus 123.

Rhus succedanea 178.

Rhus vernicifera 177.
Rhusma 32, 243.

Ribes rubrum 180.

Ribes Grossularia 424.

Ribs 367.

Richebourg 71.

Riedgras 115, 386.
Riesenscholle 398.
Riesenspörgel 423.

Riffeln 123.

Rinde, Gerber- 254.
Rinderstearin 366.
Rindsgalle 304.
Rindsschmalz 72.
Ringäpfel 3.

Ringofen 492.

Ringpilz 430.

Rinnmanns Grün 215.
Rippen 367.

Ritter 128, 379.
Rizinisolsäure 366.
Rizinolsäure 366.

Roh 368.

Robbentran 457.
Robinienholz 7.

Roblnin 142.

Roccella tinctoria 22, 238.
Rocheller Salz 411.
Rockheit 413.

Rockhelen 413.

Rocks 62.

Röhrenkassia 73.

Röstback 55.

Röste 123.

Röstgummi 425.

Röststärke 86.

Rötel 372, 379.

Röteli 128.

Rohgummi 205.
Rohrkolben 115.
Rohrschilf 368.

Rohrzucker 503.

Rohsaft 162.

Rohstein 232.

Rollgerste 147.

Romaneche 72.
Romanee-Conti 72.
Rosablech 377.
Rosanilinblau 23.
Rosanaphthylamin 256.
Rosasalz 343.

Rosazurin 38.

Rosenessig 369.

Rosenholz, ostindisches 64.
Rosenhonig 369.
Rosenkonserve 369.
Rosenstiehls Grün 42.
Rosenwasser 369.

Roses Metall 246, 482.
Rosettenschliff 87.
Rosiersalz 498.

Rosinduline 37.

Rosoglio 265.

Rosolan 270.

Roßfenchel 473.
Roßhaarstoffe 153.

Rotang 367.

Roteisenstein 60, 96, 105.
Roter Glasköpf 60.
Rotforelle 379.

Rotgültigerz 417.

Rotguß 453.
Rotholzlacklarbe 50.
Rotkupfererz 232, 234.
Rotmetall 453.

Rotoin 47,

Rotsalz 294.

Rotstein 372.

Rottlera tinctoria 195.
Rouge ä la goutte 202.
Rouge d’espagne 377.
Rouge de Naples 286.
Rouge en assiettes 202.
Rouge fran9ais 256.

Rouge vegetal 202, 377.
Rouge vert 377.

Roya 218.

Ruberythrinsäure 11, 226.
Rubinglas 234.
Rubinschwefel 32.
Rubinspinell 423.

Rubus fruticosus 67.

Rubus idaeus 161.

Rübe, rote 504.
Rübensamen 505.

Rübsen 360.

Rüsterrinde 462.

Rufigallol 25.

Ruhrrinde 418.

Ruhrwurzel 220, 456.
Ruizia fragrans 62.
Rumcouleur 504.

Rumex alpinus 281.
Rumfordsuppe 437.
Rumizin 83.

Rundfisch 182.

Rungkraut 504.
Runkelrübe 373, 504.
Ruppertsberger 327.
Rußbraun 55.

Russen 442.

Rußbutten 375.

Rußkohle 429.

Ruta graveol. 362.

Rutil 451.

Rutschpulver 423, 441.

Saatlein 249.

Sabadillin 466.

Sabadin 375.

Sabatia paniculata 80.
Sabina officinalis 376.
Sabinol 376.

Saccharide 502.

Saccharides 267.
Saccharomyces 158.
Saccharose 502.

Sackings 40-.

Sämischblau 174.
Säuerlinge 279.
Säurefuchsin 130.
S.äurerubin 130.

Saffian 223.

Saflor, Kobalt- 214.
Saflorkarmin 377.

Saflorrot 202.

Safran, falscher 377.
Safraninone 37.

Safranole 37.

Safrosin 108.

Saft 434.

Saftgrün 228.

Sagus Rumphii 379.

Sahne 278.

Sal Alcali volatile 19.

Sal petrae 381.

Sal tartari 349.

Salami 485.

Salanganen 469.

Salantol 379.

Salat 138.

Salbing 128.

Saibling 379.

Salicornia annua 380.
Salinen 215.

Salix viminalis 475.
Salizylsäuremethylester
133, 381.

Salizylsäurephenylester
381.	]

Salm 236.

Salmiakgeist 18.

Salmling 379.
        <pb n="559" />
        ﻿

552

Salmo fario 128.

Salmo salvelinus 128, 379.
Salmrot 38.

Salonöl 327.

Salpeter, Natron- 76.
Salpetergeist 382.
Salpetermehl 382.
Salpetersäureglyzerinester
300.

Salpetersäuretriglyzerid

300.

Salpeterzeltchen 382.
Salpetrigsäureäthylester 5,
382.

Salvadorbalsam 325.

Salvia hispanica 76.

Salvia officinalis 380.

Salz 215.

Salzburger Vitriol 2.
Salzdorsch 182.

Salzgeist, versüßter 383.
Salzglasur 430.

Salzpapier 336.

Salzton 454.

Sambucus nigra 163.
Sammetpappel 14.

Sana 266.

Sanatol 228.

Sandart 489.
Sandbeerenkraut 39.
Sandblatt 438.

Sander 489.

Sandgrumpen 438.

Sandgut 438‘.
Sandmandelkleie 262.
Sandseggenwurzel 386.
Sandtraube 39.
Sandvogelfuß 414.

Sanguis draconis 90.
Sanicula europaea 386.
Sanitätsgeschirr 136.
Sanose 290.

Santalholz 385.

Santalol 145.

Santalum album 385.
Santelholz 385.

Santenay 71.

Sapanrotholz 372.
Sapogenin 387.

Saponaria officinalis 382,
411.

Sapota Mülleri 40.
Sapotillkörner 387.
Sapotillp flaumen 387.
Sapotoxin 357.

Sardonyx 74.

Sareptasenf 413.

Sarkin 125.

Sarothamnus scoparius 422.
Sarracenia purpurea 388.
Sarsaparille 388.
Sarsaparillian 6.
Sarsaponin 389.

Sarsche 414.

Sassafras Goesianum 269.
Sassafrasöl 379, 388.
Sassafrid 388.

Sassaparille, deutsche 386.
Sassolin 63.

Satanspilz 342, 430.
Satinets 389.

Satinober 304.
Saturatpapier 336.

Saturey 62.

Saturnzinnober 274.
Saucen 421.

Sauerdatteln 441.
Sauerdorn 49.
Sauerkleesäure 311.

Sauerkohl 390.

Sauerstefffraß 472.

Sauer wurm 476.
Saugschiefer 346.
Saukartoffel 455.

Saunikel 386.

Sauser 477.

Savigny 71.

Sayaver 76.

Schaben 442.

Schabestärke 425.
Schablonenschiefer 392.'
Schabziegör 226.
Schachthalm. 390.
Schälwaldun gen 254.
Schaffelle 239.

Schafthalm 390.
Schalmeirohr 368.
Schalotte 506.
Schamottetiegel 396.
Scharffeuerfarben 348.
Scharlachbeeren 208.
Scharlacheiche 208.
Scharlachkomposition 498.
Scharlotte 506.

Scharrharz 119.

Scharte, gelbe 113.
Schaumwein 74.

Schawine 56.

Scheelbleierz 483.
Scheelesches Grün 407.
Scheelisieren 477.

Scheelit 483.

Scheelsches Süß 142.
Scheidewasser 382.
Scherbenkobalt 31.

Scherg 156, 432.

Scherk 432.	’

Scheuergras 390.
Schibicken 163.
Schiefergrün 50.
Schieferkohle 65, 429.
Schiefertafeln 392.
Schieferweiß 58.

Schiel 489.

Schieler 477.
Schierlingsfrüchte 24.
Schierlingstanne 159.
Schießmittel 424.
Schiffspech 321.

Schiffsteer 444.

Schildpatt 395.

Schilf 115.

Schilfrohr 368.

Schill 489.

Schillerquarz 204.
Schillerstein 306.
Schillerstoff 3.

Schinopsis Lorentzii 354.
Schirting 204.

Schischisch 498.
Schlägerborste 343.
Schlämmkreide 227.
Schlaglein 249.
Schlagsahne 278.
Schlangenköpfchen 205.
Schlangenstein 415.
Schlangenwurzel, brasilia-
nische 186.

Schlangenwurzel, rote 12.
Schlangenwurzel, west-
indische 186.
Schleichera trijuga 209,
259.

Schleierleinwand 253.
Schlippesches Salz 436.
Schmack 436.

Schmalzöl 406.
Schmaschen 239.

397.

397.

Schmer 406.

Schmerling 430.
Schmieröle 326.
Schmierseife 410.
Schminkläppchen 51,
Schminkstifte 397.
Schminkweiß 482.
Schmirgelleinen 140,
Schmirgelpapier 140, 397.
Schnäpel 265.
Schnakenkerzen 359.
Schnaps 65.

Schneeweiß 58, 496.
Schnellklärung 477.
SchneÜot 246.

Schnittkohl 504.
Schnittlauch 506.
Schnupftabak 44Ö.
Schoenocaulon offlcinale
Schöpstalg 391.	[375.

Schörgel 432.

Schörl 461.

Schokolade 188.

Schoten, russische 109,
Schotten 160, 282.

Schrap 43.

Schrifterz 144, 446.
Schriftmetall 246, 250.
Schrott 100.

Schüttgelb 134, 238, 475.
Schuhappreturen 398.
Schuhcremes 398.

Schulp 414.

Schusser 268.
Schusterpapp 211.
Schwaben 442.
Schwabeuzungen 95.
Schwadengrütze 264.
Schwämme (Pilze) 342.
Schwalbennester 469.
Schwalmweizen 480.
Schwammkohle 399.
Schwanzpfeffer 229.
Schwarzbeeren 159.
Schwarz beize 104.
Schwarzdornblüten 396.
Schwarzgültigerz 417.
Schwarzkupfererz 233.
Schwarzrötel 128.
Schwedischgrün 407.
Schweelkohle 65,
Schwefeläther 3.
Schwefelalkohol 402.
Schwefelantimon 26.
Schwefelarsen, gelbes 32.
Schwefelbarium 43.
Schwefelblei 56.
Schwefelblumen 401.
Schwefelchlorür 82.
Schwefeldioxyd 406.
Schwefeleisen 402.
Schwefeljodid 180.
Schwefelkadmium 183.
Schwefelkalium 403.
Schwefelkalzium 195.
Schwefelleinöl 402.
Schwefelmilch 401.
Schwefelnaphtha 292.
Schwefelquecksilber 856.
Schwefelschwarz 402.
Schwefeltrioxyd 403.
Schwefelwässer 279.
Schwefelzyanallyl 413.
Schweinebrunst 491.
Schweinsborsten 64.
Schweizers Reagens 490.
Schwellbeize 243.
Schwieningsche Zündhöl-
zer 506.

Schwindelkörner 229.
Schwingen 124.

Scomber scomber 259.
Scomber Tlpynnus 450.
Scorodosma foetidum 33.
Scorzonera hispanica 399.
Scotts Emulsion 242.
Scyllium 153.

Sead hog grease 406.
Sebum 366.

Sdicale cereale 367.

Secale cornutum 288.
Sedativsalz 63.

Seeforelle 236.

Seehecht 392.
Seehundstran 457.
Seeohren 324.

Seesalz 215.

Seeschnecken 397.
Seeschollen 398.
Seeschwämme 399.
Seetang, gefingerter 239.
Seezunge 398.

Segeltuch 248.

Seideblau 23.

Seidenhasen 197.
Seidenleim 409.
Seidenshoddy 409.
Seidenwerg 409,
Seidlitzpulver 411.
Seifenrinde 357.
Seifensplritus 424.
Seifenschwimmer 398.
Seladonit 109.
Selterswasser 299.
Sbmeearpus 20.
Senegalgummi 150.
Senfpapier 413.
Senfpflaster 413.
Senfspiritus 424.

Senkiyn 22.

Senkwagep 29.
Senuapikrin 414.
Sennesschoten 414,
Sensibilisatoren 339.
Sepiapapier 336.

Sepiolith 271.

Serizin 409.

Serons 63.

Serpentaria 395.
Serpyllum 356.

Sevenbark 171.
Sevenbaumblätter 376.
Sewruga 156.

Sheabutter 44.

Sherry 487.

Shikimin 431.

Shoddy 231.

Shoya 421.

Siaresinotannol 48.

Siberit 401.
Sicherheitslampe' 113.
Sicco 290.

Sida alba 76.

Siddhi 155.

Sideringelb 104.
Siebböden 153.
Siebengezeitsamen 60.
Siebolds Milcheiweiß 344.
Siegelerde 62.

Siegwurzel 13.

Silber, milchsaures 2.
Silber, zitronensaures 176.
Silberbäder 417.
Silberbalsam 155.
Silbergewebe 198.
Silberglätte 57.

Silberhorn erz 418.
Silberlot 417.

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        ﻿Silbermuscheln 324.
Silbersalpeter 381.
Silbersalvarsan 388.
Silbertripel 34G.
Silbertröpfen 155.
Silberweiß 58.

Siliqua hirsüta 181.
Siliquaholz 181.
Siliziumkarbid 200.

Sillery 74.

Similibohne 61.

Sinaäpfel 27.

Sinalbin 413.

Sinapin 413.

Sinapis alba 413.

Sinigrin 413.

Sinte 282.

Sipeeririnde 46.

Siris 158.

Sirk 163.

Sirupus capillorum 129.
Sirupus ferrijodati 105.
Sisal 14.

Sitogen 158, 422.

Skilip 419.

Skiererythrin 289.
Skleroxanthin 289.
Skoparin 422.

Skopolamin 91.

Skopolein 47.
Skorbutkraut 254.

Smalte 214.

Smaltin 214.

Smilax Chinae 78.

Smilax syphilitica 389.
Smilazin 389.

Smirgel 397.

Socaloin 14.

Sodium 293.

Sölanin 142, 202.

Solanum tuberosum 202.
Solarol 48, 445.
Solarstearin 406,

Sole 398.

Solera Gthr. ' j8.

Solen 215, 279.
Solenostemna 30.

Soleras 487.

Solfataren 400.
Solferinorot 130.

Solidago Virgaurea 485.
Solid gelb 93.

Solidgrün 3Q1. .
Solidviolett I32I
Solitairs 87.

Solvayprozeß 420.
Solventnaphtha 292.
Somateria 115.

Sonjatin 207.
Sonnenblume, knollige 455.
Sonnenblumenfaser 115.
Sonnenbrand 491.
Sonnenbronze 16.
Sonnenrose 421.
Sonnenstein 2, 117.
Sonnenwende 491.
Sonnenwendstein 159.
Sonnenwirbel 491.

So ölen 398.

Sophora jäponica 134.
Sorbus Aucuparia 92, 468.
Sorelsche Masse 257.
Sorgho 163.

Sorghum saccharatum 503.
Sorghum tartaricum 85.
Sottole 262.

Soya 421.

Sozolsäure 34.

Spagat 53.

Spanböden 422.

Spangrün 148.

Spanische Fliegen 198.
Spanischer Hopfen 89.
Spanisches Kohr 367.
Spanischgelb 32.
Spanischgrün 148.
Spanischschwarz 225.
Spanischweiß 324, 482.
Spargelstein 27.

Spark 423.

Sparkalk 138.

Sparschen 422.

Sparse 422.

Spartium scoparium 113,
422.

Sparto 1Ö.

Sparweine 272.
Speckgummi 205.

Specköl 406.

.Speichelwurzel 51.

Spelz 148, 480.

Spelzreis 95.
Sperlingsschnabel 153.
Spergula arvensis 423.
Sperk 423.

Spermazetöl 423, 472.
Sphaerococcus crispus 201.
Sphaerosiderit 96.
Sphagnum 455.

Sphazelinsäure 289.

Sphen 451.

Sphragit 62.

Spianter 495.

Spiegelmetall 68, 246.
Spiegelrinde 254.
Spießglanzbutter 26.

Spießglanzmetall 26.
Spigelia marylandica ‘ 395.
Spiköl 241.

Spin|acea oleracea 423.
Spinat, römischer 504.
Spiritus 12, 423.

Spiritus Dzondii 18.
Spiritus melissae 201.
Spiritus myrciae 46.
Spiritus serpylli 356.
Spiritusblau 23.
Spirituslack 236.
Spitzklee,' dorniger 487,.
Spitzwegerich 475.

Splint 164.

Splintkohle 429.

Spodium 213.

Spodinm, weißes 213.
Spergel 423.

Spongia, officinalis 399.
Sprengöl 300,

Springgurke 106.
Springwurm 476.

Sprit 12, 423.

Spriteosin 350.

Sprotten 21.

Spumatolin 387. .

Spurre 423.

St. Emilion 63.

St. Georges 71.

St. Julien 63.

St. Peterskorn 95.
Stabkraut 92.

Stabwurzel 360.
Stachelschwein 64.
Stärkegummi 86, 425.
Stärkesirup 426.

Stahl 96, 97, 99.

Stahlonit 426.

Stamm 409.

Standutin 427, 48li
Stangenschwefel 401.

Stangentabak 201.

Stanniol 497.

Staphisagrin 85.

Staßfurtit 63.

Statiee brasiliensis 46.
Statice coriaria 208,
Statuario de Falcovaja 267.
Staurolith 93.

Stearinöl 427.

Stearopten 4.

Steatit 422.

Stechwinde 389.

Stein 232.

Steinbeere 39,

Steinbutt 127, 398.
Steingrün 109.

Steinholz 487.

Steinklee 273.
Steinkohlenasphalt 444.
Steinkohlenbenzin 48.
Steinkohlenkampfer 292.
Steinkohlenkreosot 199.
Steinkohlenpech 322.
Steinkohlenteer 445.
Steinkohlenteerpech 445.
Steinnuß 302.

Steinöl 279.

Steinpappe 317.

Steinpilz 342.

Steinsalz 215.
Stephanskörner 85, 239.
Stephanstein 74.

Sterculia acuminata 219.
Sterculia Balanghas 440.
Stereocliromie 474.

Sterlet 156, 432.
Sterngraswurzel 431.
Sternhausen 432.
Sternleberkraut 47,1.
Sternsaphir 387.

Stibium 26.

Stickgarn 484.
Stickstoffdioxyd 383.
Stickstoffpentoxyd 382.
Sticta pulmonacea 255.
Stinkasant 33.

Stinktier 419.

Stipa 10.

Stipites visci 281.
Stockfisch 182.
vStockfisehholz 372.
Stocklack 391.

Stockrose 261.

Störl 432.

Stoppelrübe 373.

Stout 347.

Strahlstein 33, 170.
Stramin 197, 409.
Stramonium 428.

Stranfa 115.

Straß 94, 139.	;

Straußfedern 116.

Strazza 409.

Streichgarn 484.
Streichhölzer 505.
Streichschalen 396.
Streublau 214.

Streugold 385.

Streusand 385.

Streusand, blauer 214.
Streusilber 385.
Strickpalme 341.
Strontianit 433.
Strontiumsalpeter 433.
Strumpfwirkergarn 484.
Struthantus 205.
Strychningetreide 433.
Strychnos Ignatii 173.
Strychnos mix vomica 225.

Strychnos potatorum 209.
Stündling 265.

Stuhlrohr 367.
Stuhlzäpfchen 437.
Stumpen, Filz- 121.
Stumpen, Seide- 409.
Styrax Benzoin 48.

Styrax officinalis 432.
Styrazin 48, 432.

Styrol 432.

Suberin 223.

Suberit 225.

Sublimat 355.

Succinit 50.

Succinylsäure 51.

Succisa pratensis 448.
Sukkade 499.

Sukrol 91, 376.
Sulfokohlensäure 402.
Sulfonazurin 38.

Sulfur 400.

Sulfuröl 44.

Sultanchampa 240.
Sultaninen 370.
Sumatrawachs 136.

Sumpf Idee 55.

Sumpfotter 301.
Suppeneinlagen 446.
Suprarenin 2.

Suronen 414.

Suser 477.

Süßholzsaft 435.

Swietenia mahagoni 258.
Sylibum marianum 266.
Sylvin 1, 190.
Sympathetische Tinte 451.
Symphytum oflicinale 399'.
Syndetikon 123.
Szamorodni 452.

Szillain 2,71.

Tabak, indischer 253.
Tabaschir 41.

Tabascoholz 134.

Tacca 31.

Tachardia lacca 391.
Tafelöl 44.

Tafelschiefer 392.

Taffia 31, 374.

Taffö 350.

Tafia 374.

Taft 409.

Taganrok 272.

Taguanuß 429.

Tahitinüsse 429.

"falbadie 6.

Talg, chinesischer 431.
Talg, vegetabilischer 431.
Talgbaum 431.

Talkerde 257.

Talkspat 257.

Talmi 453.
rrampiko 14.
Tampikowufzel 177.
Tanacetum vulgare 359.
Tanazeton 359.
Tannenklee 484.

Tan neu kraut 484.

Tannin 136.

Tanninindigo 132.
Tantallampe 141.

Tao-fu 421.

Tapioka 31.

Tapisseriegarn 484.
Taraxasterol 254.

Tartarus 479.

Tartarus boraxatus 62.
Tartarus emeticus 66.
Tartarus natronatus 411.
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        ﻿554

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Tartarus solubilis 62.
Tartarus stibiatus 66.
Tartersäure 478.

Tartrate 479.

Tassenrot 877.

Taubenblut 372.
Taubnessel 297.

Taurin 304.
Taurocholsäure 304.
Tavolo 31.

Taxodium districhum 489.
Taxus baccata 443.
Taxusblätter 94.

Taxusholz 94.

Tectonia grandis 443.
Teerbutt 398.

Teichrohr 368.

Tein 216.

Tellerrot 377.

Temperguß 102.

Templinöl 448.

Tempril 278.

Terminalia chebula 289.
Terpene 4.	[489.

Terpentin, karpathischer
Terpentinöl, künstliches
326.

Terpentinöllack 237.

Terra alba 138.

Terra foliata tartari 190.
Terra japonica 203.

Test 327.

Testudo graeca 394.
Tetrabromfluoreszein 108.
Tetrachlorkohlenstoff 81.
Tetrachlormetban 81.
Tetradymit 482.
Tetrahydroparachinanisol
448.

Tetraj odfluoreszein 108.
Tetrajodpyrrol 180.
Tetranitrochrysazin 83.
Tetraoxyanthrachinon 11.
Tetrarynchus unionifaktor
323.

Tetronal 458.

Teucrium Chamaedrys 133.
Teucrium marum 205.
Teufelsauge 53.
Teufelsdreck 33.
Teufelskracher 358.
Teufelswurz 104.
Thalleiochin 79.

Thea chinensis 443.
Theinhardt 209.

Theiß perle 273.

Thenards Blau 215.
Theobroma 187.
Theofackel 119.

Theriakwurzel 22.
Thespesia 195.

Thibets 274.

Thihue 241.
Thiodiphenylamin 449.
Thioflavin 449.
Thiogenfarben 402,
Thiokarmin 276.
Thionfarben 402.

Thionin 241.

Thiooxydiphenylamin 436.
Thioxinfarben 402.

Thujon 359, 450, 480.
Thylocephalum margariti-
fera 323.

Thymian, wilder. 117, 357.
Thymianextrakt 450.
Thymiankampfer 450-
Thymiansäure 450.
Thymolum 30.

Thymotol 30.

Thymus Serpyllum 117,356.
Thymus vulgaris 450.
Tiemannit 411.

Tierkohle 213.

Tieröl 213, 445.
Tigeraugenstein 229.
Tiglinsäure 229.
Tikhurmehl 31.

Tikmehl 31.

Tikormehl 31.

Tilia 252.

Tillytropfen 155, 450.
Tinkal 63.

Tintenfisch 414.
Tintenstifte 58, 451.

Tinto 476.

Tirolergrün 50.

Tirolerweiß ’58.

Tirolin 130.

Tjen-Tjan 6.

Toddy 31.

Tofu 421.

Tolen 453.

Tollkirsche 35, 47.
Tollkörner 216.

Toluifera 325.
Toluylenbraun 37.
Toluylenorange 38.
Tolylhydrür 487.

Tonkay 443.

Tonmergel 454.

Tonerde 72.

Tonscheider 492.
Torfmelasse 456.

Torfmull 456.

Torfteer 444.

Torfwolle 456.

Torins 72.

Tortrix uvana 476.

Total 119.

Totenblumenkraut 53.
Totenkopf 105, 219.

Toten wecker 18.

Touri 171.

Tournesol 51,

Tous les mois 31.
Towgärn 248.

Trama 408.
Traubenkirsche 256.
Traubensäure, 479.
Traubenzucker 426.
Travankore 31.

Treibel 239.

Treiben 243.

Triage 185.

Triazetyltannin 442.
Trichlorazetaldehyd 80.
Trichloressigsäure 81.
Trichlormethan 81.

Tridace 239.

Trieure 272.

Trifolium 211.

Trigonella 60.
Trijodmethan 180.

Trill, gelber 413.
Trimethylglykokoll 51.
Trimethylxanthin 216.
Trinitroglyzerin 300.
Trinitrokarbolsäure 341.
Trinitrophenol 341.
Trinitrophenylsäure 341.
Trinitrozellulosc 220.
Trioxyanthfachinon 25.
Trioxybenzoesäure 133.
Trioxybenzol 331.
Trioxymethylen 129.
Triticum monococcum 95.
Triticum vulgare 480.

Tritizin 211.

Trocadero 489.
Trockenmittel 416.
Trockenplatten 338.

Trona 419.

Tropäolin R 83.

Tropfen 91.

Troß 28.

Trotyl 458.

Tsaou-woo 105, 434.
Tuber 358, 486.

Tuber s. Trüffel 460.
Tuchkarden 200.
Tüpfelfarn 108.

Türkischer Weizen 258.
Türkischrotöl 461.
Tuffstein 192.

Tukumöl 27.

Tunfisch 450.

Tungstein 483.

Tunken 421,
Tunkfeuerzeug 505.
Tunkinsnester 469.

Turbot 398.

Turners Gelb 57.
Turpethum minerale 356,
Turpethwurzel 177.
Tuskarora 474.

Tuspanholz 134.

Tussilago 170.

Twankay 443.

Typha 115.

Tyralin 270.

Uberchlorsäure 82.

Ulmus campestris 462.
Ultramarin, gelber 42.
Umbellasäure 24.

Unal 367.

Uncaria Gambir 204:
Ungarwein 452.

Ungarisch grün 50.
Ungsteiner 327.

Unio margaritiferus 324.
Unschlitt 440.
Untersalpetersäure 383.
Uragoga Ipecacuanha 176.
Urao 419.

Urari 234.

Urat 350.

Urceola elastica 205.
Urginea maritima 271.
Urkalk 267.

Urläuter 85.

Urostygma pseudo-tjela321.
Urotropin 161.

Urson 39.

Urtica heterophylla 82.
Urtica nivea 297.

Urtica urens 66.

Urushi 177.

Uttur Khetkee 209.

Vac^cinium Myrtillus 159.
Vaccjinium vitisidaea 350.
Valeraldehyd 241.

Valoren 20.

Valeräna angustifolia 209.
Yalerianella 360.
Yaleriansäure 40.

Yalsol 465.

Vanilleblätter 251.

Vapeur 288.

Varek 179, 419.

Vasol 465.

Vasolimente 465.
Vasosaoon 465.
Vaumorillon 72.

Vegeta* 84.

Vegetalin 219.

Vellarin 474.

Velpel 384.

Velverets 262.

Velveteens 262.

Velvets 262.
Venezianerlack 237.
Venezianerweiß 58.
Venezuelabalsam 221.
Veratrum album 299.
Veratrum Sabadilla 375.
Verb and watte 466.
Verbascum 216, 484.
Verblendsteine 492.
Vermeil 146.

Vermicelli 446.

Vermillon 356.

Vermouth di Torino 480.
Vernieruung 135.
Veronesergelb 57.
Veronesergrün 109.
Veronica' officinalis 94.
Verordnungen u. Gesetz
507 ff.

Verschlüsse, photogra-
phische 333.
Verseifungszahl 118.
Versilberung 417.

Vert Diamant 260.

Vert etineelle 276.

Vert lumi&amp;re 179, 276.
Vert virginal 82.

Vertige de roses 42.
Vesuvian 93.

Vesuvin 55.

Vexiernüsse 161.

Viburnin 397.

Vichyplätzchen 420.

Vicia sativa 481.

Vicunna 468.

Vietsbohne 61.

Vigorit 91.

Viktoriablau 459.
Viktoriagelb 275.

Villiers 72.

Vinca 482.

Vinka 6.

Vino maestro 260.

Vino seco 260.

Vino Tierno 260.

Vino Vermouth 480.

Viola odorata 466.

Viola tricolor 431.
Violäquerzitrin 431.

Violet solide 132.

Violett, Pariser 49.
Violettholz 16.

Violin 270.

Virola sebifera 84.
Viscolan 281.

Viscum quercinum 94, 281
Vitellin 170.''

Vitis Rump hü 491.

Vitis vinifera 370, 476.
Vitriol, Admonter 2.
Vitriol, Bayreuther 106.
Vitriol, blauer 234.
Vitriol, grüner 105, 106.
Vitriol, Salzburger 2.
Vitriol, weißer 497.
Vitriol, zyprischer 234.
Vitriolbleierz 22.
Vitriolnaphtha 3.

Vitriolöl 403.
Vitriolquellen 279.
Vitriolstein, weißer 497.
Viverra Civetta 491.

Vo an dz eia subterranea 22.
Vogeldunst 398.
        <pb n="562" />
        ﻿555

237.

58.

221.

299.

lilla 375.
66.

484.

492.

orino 480-

57.

109.

lalis 94.
u. Gesetze

lotogra-

118.

7.

260.

76.

9, 276.

42.

420.

d.

5.

&gt;0.

).

480.

166.

:31 •
431.
*2.

49.

84.

mm 94, 281.
491.

*70, 476.
iter 2.
ither 106.
234.

105, 106.
rger 2.

497.

her 234.

2.

3.

279.

ißer 497.
491.

erranea 22.

Vogelfuß 415.

Volnay 71.

Vorlauf 10.

Vorwachs 470.

Vosne 71.

Vulkanisieren 152, 206.
Vulkanöl 141.

YTachenheimer 327.
Wacholderteer 183, 470.
Wachsbauin 290.
Wachsbeeren 290.
Wachsleinwand 471.
Wachspalme 329.
Wachspapier 470.
Wärmeöfehen 142.
Wäschetinte 451.

Wässer, abgezogene 4.
Wässer, Mineral- 279.
Wagenschmiere, englische
156.

Wagenteer 444.
Waldartischocke 368.
Waldminze 226.
Waldrauch 476.

Wald Weihrauch 476.
Waldwollextrakt 471.
Waldwoliöl 120.

W alfischbarten 122.
Walfischtran 457.

Walnuß 301.

Walratkerzen 472.

Walroß zähne 107.
Wammenfett 406.
Wanzenkraut 359.
Warschauer Tee 444.
Wartekraut 491.

Waschbär 398.

Waschblau 297.
Waschkohle 429.
Waschschwämme 399.
Wasmuts Opal 357.
Wasserbecherkraut 474.
Wasserblau 23.

Wasserblei 146.
Wassereppich 412.
Wasserfirnis 392.
Wassermörtel 490.
Wassernuß 458.
Wasseropal 2, 117.
Wasserriemen 407.
Wasserschierling 474.
Wasserstoff) odid 180.
Wasserwart 491.
Weberkarden 200.
Wedgewood 430.

Wedicke 282.

Wegdorn 228.

Wege tritt 475.

Wegläufer 491.

Weglug 491.

Weglungen 491.

Wegwarte 491.

Weg weiß 491.

Wegwurz 491.
Weichmanganerz 66.
Weidenbitter 380.
Weidenröschentee 444.
Weidling 75.
Weinbergschnecke 397.
Weingeist 12.

Weinhefe 478.

Weinpalme 41.
Weinschöne 134.

Weinsteinrahm, löslicher	Wurali 234.
Weinsteinsalz 349.	[62,	Wurmfarn 114.
Weinsteinsurrogat 144.	Wurmkonfekt 485.
Weißblech 497.	Wurmkraut 359.
Weißblei 58.	Wurmmoos 485.
Weißbleierz 56.	Wurms 195.
Weißbrühe 85.	Wurstkraut 61, 259.
Weißes Spodium 213. Weißkohl 390.	Xanthin 125.
Weiß körn 101.	Xanthophyll 81.
Weißkupfer 30, 245.	Xanthophyllum vitellinum
Weißnickelerz 31.	Xanthorrhöa 6.	[211.
Weißstrahl 101.	Xylen 487.
Weißtanne 442.	Xylidinrot 487.
Weißwaren 430.	Xylocarpus caraba 84.
Weitwinkel 333.  Weizen, türkischer 258.	Yamwurzel 31.
Weizenstärke 425.	Yangonin 207.
Welsblase 156.	Yellow grease 406.
Welschkorn 258.	Yellow metall 275.
Welschnuß 301.	Yerba 270.
Weiters Bitter 341.	Yumbehoa 488.
Wendel 491.	d’Yssau 63.
Werg 124, 247.  Werkblei 417.	.Zachunbaum 488.
Werksilber 417.	Zaffer 214.
Wermutlikör 1.	Zahnkitt 269.
Wettergläser 43.	Zahntürkis 461.
Wetzschalen 396.	Zahnwachs 269.
Wetzsteine 396.	Zahnwässer 286, 471, 488.
Whale-oil 457.	Zahnwurzel 51.
Wienergrün 281, 407.	Zantegelbholz 123.
Wienerlack 114, 201, 237. Wiesenknöterich 395.	Zatte 273.
	Zea Mays 258.
Wiesenschwamm 75.	Zehrkraut 51.
Wilia 472.'	Zehrwur/el 30.
Wilpert 481.	Zeibawolle 329.
Windenharz 418.	Zeitlosensamen 160.
Winterkannenkraut 390.	Zellhorn 489.
Winterrinde, falsche 493. Wismutoxychlorid 324.	Zelloidinpapier 336.
	Zellon 37, 207.
Wismutoxyjodidgallat 6.	Zellstoff 490.
Wittling 392.	Zelluloidfilms 340.
Witwen 324.	Zelluloseazetat 37.
Wöhlers Bronze 483.	Zementation 275.
Wöllners Waschpulver 411.	Zentaurin 201.
Wohlgemuth 89.	Zentifolie 368.
Wohlverleih 30.	Zephir 288.
Wolframbronze 69.	Zerasin 151.
Wolfsauge 2.	Zerbster Bier 53.
Wolfsbeere *39.	Zerealien 137.
Wolfsbohne 255.	Zerebrin 170.
Wolfskirsche 47.	Zeresin 110.
Wollatlasse 389.	Zerin 470. ’
Wollbäume 199.	Zerosalze 491.
Wollblumen 216, 484.	Zerotinsäure 201, 470.
Wollfett 484.	Zerussit 56.
Wollfett, gereinigtes 239. Wollfettsalbe 240.	Zerylalkohol 470.
	Zetrarin 176.
Wollin 167.	Zeuge, gewässerte 282.
Wolisch weiß 484.	Zevadinsäure 375.
Wood-oil 151.	Zeylonmoos 6.
Woods Metall 183, 482.	Zibeben 370.
Wootz 103.	Zibotium 351.
Wrucke 373.	Zick-Zack-Tabletten 330.
Wühlhuber Tee 469.	Ziegelerz 232’.
Würfelgips 22.	Ziegeltee 443.
Würfelspat 22.	Ziegenlippe 430.
Würfeltee 443.	Zigarren 440.
Wuk 158, 422.	Zigeller 506.
Wulfenit 283.	Zimoccaschwämme 399.
Wunderbaumöl 366.	Zimtblätteröl 495.'
Wundschwamm 119.	Zimtbraun 55.
Wundwurz 40.	Zimtnägelein 494.

Zimtsäurebenzylester 325.
Zimtsäurezimtester 48.
Zimtstein 146.

Zinchamidin 77.

Zinchona 77.

Zinchotin 77.

Zingiber officinale 174.
Zinkalium 16,

Zinkblende 495.
Zinkblumen 496.
Zinkbutter. 496.

Zinkgrau 496.

Zinkgrün 215.
Zinkkarbonat 495.
Zinksilikat 495.

Zinkspat 495.

Zinkstaub 495.

Zinkvitriol 496.

Zinkweiß 496.

Zinnalium 16.

Zinnamein 325.
Zinnammonchlorid 343.
Zinnasche 498.

Zinnbutter 498.
Zinndioxyd 497.

Zinnfolie 497.
Zinngießermetall 246.
Zinnkraut 390.

Zinnober, künstlicher 356.
Zinnsäure 498.

Zinnsalz 498.

Zinnstein 497.

Zirbelkiefer 33, 489.
Zirkonlampe 141.

Ziskon 16.

Zitral 250.

Zitronellol 135.
Zitronengelb 82.
Zitronengras 499.

Zitronin 297.

Zitwerblüten 485.

Zizänia palustris 474.
Zizyphus vulgaris 70,

181.

Zölestin 433.

Zorgit 411.

Zostera marina 407.
Zuckerbeize 243.
Zuckerhirse 503.

Zuckerln 375.
Zuckerkistenholz 489.
Zuckerplätzchen 62.
Zuckerrohr 41, 505.
Zuckersäure 311.
Zuckerschrot 90.	,

Zuckertannenholz 177.
Zunder 119.

Zunge 398.

Zungenscholle 398.

Zwark 353.

Zweikorn 480.
Zwergholunder 35.
Zwergpalme 84.

Zwetschen 336.

Zwetschenbranntwein 419.
Zwickauergelb 82.
Zwiebeln 358, 486, 506.
Zwirn 248.

Zyanin 80.

Zyanosine 108, 331.
Zyanotyppapier 336.
Zyanwasserstoff 56.
Zyklamin 108.

Zymol 289, 450.
        <pb n="563" />
        ﻿Ö3 Ö2 tu Zfi rr. rr, £*? rir\ rr) rf; fo.rr) ™ rr&gt; jf&gt; rr, rr. rr rr rr rr rr, rqjf&gt; rr rr rr^ fp Tr TU Zß tu fptu tß U) tfi tp. tß Ul SO SP £0 Zfi . CO SO t/l SO CO SO SO CO

Stoffkunde

Einführung in die Waren- insbesondere in die Chemikalienkunde

von Professor Dr. Viktor Pöschl

Direktor des Instituts fürWarenkunde an der Handelshochschule Mannheim

Etwa 450 Seiten mit 148 Abbildungen. Gebunden etwa M. 20.—

Das vorliegende Werk bringt eine Einführung in die Waren- und Chemikalien-
kunde auf breiter Grundlage, in großzügiger Zusammenfassung, reicher Gliederung
und unter Einfügung vortrefflicher Originalbilder. Zum ersten Male ist der Versuch
gemacht, von einem einheitlichen Standpunkt aus die Waren als Stoffe zu betrachten
und ihre vielfache Gestaltung auf einfache Tatsachen zurückzuführen, wobei in gleicher
Weise Physik und Chemie, anorganische wie organische, berücksichtigt sind. In
volkstümlicher Schreibweise und unter Verwertung der Ergebnisse der neueren
Forschungen ist das Gesamtgebiet in lichtvolle Nähe gerückt. Eingehend wird die
deutsche und lateinische Bezeichnung berücksichtigt, so daß es für Drogisten, Apo-
theker, Mediziner, Chemiker und Techniker ein wertvolles Lehr- und Nach-
schlagebuch bilden wird. 3000 Handelsnamen sind erläutert. Ein ausführliches
Register beschließt das schöne, neuartige Werk, dem weiteste Verbreitung zu wünschen ist.

Warenkunde

nach Geschäftszweigen

herausgegeben von

Prof. Dr. Rudolf Sadiße und Paul Stecher

Oberlehrer an der Offcntl. Handelslehränstalt in Dresden Direktor der Stadt, kaufmänn. Schulen in Breslau

I. Metall- und Materialwarenbranche. Metalle, Steine, Erden, Chemikalien,
Glas,Tonwaren und Bronzen. IV, 144 Seiten mit 82 Abbildungen. Kartoniert M. 2.—

II. Nahrungsmittel- und Kolonialwarenbranche. Nahrungsmittel, Genuß-
mittel, Öle, Fette, Harze und Kautschuk. IV, 178 Seiten mit zahlr.Äbbild. Kart. M. 2.80

III. Beklcidungs- und Papierbranche. Fasernstoffe. Garne, Gewebe, Gewirke,
Filze, Papier, Häute, Leder. Pelzwerk u. Federn. IV, 132 Seit, mit 77 Abbild. Kart. M. 2.60

Ausgabe in einem Bande..........................M. 7.50

„Die vorliegende Warenkunde enthält über 250 Abbildungen von Rohprodukten
und ihrer Verarbeitung bis zur fertigen Ware. Bei der Darstellung von Bearbeitungs-
maschinen wurde auf bildliche Wiedergabe ihrer Wirkungsweise besonderes Gewicht
gelegt, um das Verständnis der Rohstoffverarbeitung zu fördern. Dem umfangreichen,
auf Grund ausgedehnter Sachkenntnis entstandenen Buche ist eine weite Verbreitung
für den Schulunterricht als auch für das Selbststudium zu wünschen." Jung-Merkurja.

Warenkunde

Herkunft, Kennzeichen, Verwendung und Prüfung wichtiger

Handelsstoffe

von Professor Dr. Rudolf Sadiße

Oberlehrer a. d. Offentl. Handelslehranstalt, Dresden

144 Seiten. Kartoniert M. 3.20

Das Buch ist eine Einführung in die allgemeine Warenkunde, wobei besonders die
Gebiete des Bergbaues, der Landwirtschaft, Spinnerei, Weberei und Papierbereitung be-
handelt werden. Dem Werke sind in reichem Maße bildliche Darstellungen beigegeben,
die die Anschaulichkeit des Inhalts wesentlich erhöhen.

G.Ä.GLOECKNER, Verlag für Handelswissenschaft, LEIPZIG

iiHiiiiiimmiiiiHiiiiiiiiiiiirimiiiHiiiimimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimimiiniimininniniiiiiiiiiiimiiiiii iiiMiiiiiiiiiHimiiiimiiininiiiniiniiiiiiijmninr

äiiiiiiiiiitiiimimiiimitiliiiiiitlililililllmliliimliiiiiiimmiiilimiiiimmiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiimiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiitimiiiiiiiimmiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiimimmiiiiiiiK

Buchdruck von Julius Klinkhardt in Leipzig

iiiiiiiiiii()iiiiii|jiiLilJ.iJiiiiiiiiiiiiiiii|i|iiiiiiiiiniimiuiiiiiiiiinniiiiiiiniiiiimiiiiiniinmiiiiimiiiiiimiiiiiiiiiiipl
        <pb n="564" />
        ﻿
        <pb n="565" />
        ﻿

Theriak

Thomasschlacke

i 03

Xanthin, C7H8N402, anzusp,
aus dem Xanthin des Fleisch^-
dargestellt werden, wird aber n j
rigen Auszuge der Kakaobohr y
ttiit Bleiessig, Zerlegung des a J
Schlages mit Schwefelwasser! | |

Reinigung mit Magnesia und iS f &gt;

T. bildet ein weißes Kristal * |

Unzersetzt, schmilzt bei 329
Alkohol und Wasser schwer,
löslich. Gegen Säuren verhall ?

«ine schwache Base, gibt and
Otit Natron, Baryt und and'

Die leichtlösliche Doppelverb|
örominnatriums mit Natriumsf
dem Namen Diuretin medizi|

Segen Wassersucht und als ha:

Theriak (lat. Electuarium
cale, frz. Thdriaque, engl.

Verschiedenen Wurzel- und G
Zusatz von Honig und Wer
"'erge, die im Mittelalter na:
xubereitet und daher auch ve
nannt wurde, findet als Zusa:

Rlagenschnäpsen, z. B. alte
Sendung. — Der medizinisch!
von Opium hergestellt und dJ
verkauf nicht freigegeben.

Thermit nennt Gold schm
die Technik eingeführte Mj
’hiniumpulver mit Eisenoxyc
anderen Metalloxyden, die mi
aus vier Teilen Bariumsuperot
Aluminium entzündet wird uni t |g j?
ren von gegen 3000° erzeugt.'
jung sonst schwierig reduzie:

Chrom und Mangan, sowie vj
jund, und findet zum Scu
(Eisenbahnschienen) nach
Aluminothermie ausgede.

Thiazinfarbstoffe bilden
Teerfarben (s. d.) nach der Ei:

*au und Eucherer. Ihrer -
•hensetzung nach sind sie
^andt, von denen sie durch
jslatoms an Stelle von Sauer
den können, und demnach
des Phenthiazins (Thiodij
(NPIS)C6H4 anzusehen. Zur
Seht man von den Paradiair
jüjis, die bei der Oxydation
Gegenwart von Thiosulfat e:

Mrft sie der oxydativen
Atninen und Phenolen, au|

Chinonen, Hydrochinonen,!

Per einfachste Vertreter de|

‘'iolett (s. d.), der für die
hacht kommende das Me

Thiazolfarbstoffe (12. Gru

d.) sind durch die ring.'

Atomgruppe CCSCN, den -
kennzeichnet und leiten sic.
drothiotoluidin, CH3&gt;CeH3(.'

^eim Erhitzen von p-Tolui
Sfeht. Durch Ersatz von

Bornen der Amidogruppe	_ __ ______

puppen und durch Verbindung des Schwefel
Björns mit CI und CHS entsteht das Tetra-
Aiethylchlorid, das unter dem Namen Thio-

Morcks Warenlexikon.

rben,
Ssene
[. ge-

)ehy-
s, das
1 ent-
►stoff-
lurcn zwei methyl-

flavinT als grünlichgelber Farbstoff für Baum-
wolle und Seide Anwendung findet. Thio-
flavin S ist das Dimethylderivat der Dehydro-
thiotoluidinsulfosäure, durch dessen Oxydation
wieder ein neuer Farbstoff, Chloramingelb,
entsteht. Als weitere Abkömmlinge der ge-
nannten Sulfosäure sind noch Ciaytongelb
(T hiazolgelb S) und Erika B anzusehen. Der
wichtigste Farbstoff der Reihe, die Primulin-
bas'e bzw. deren Sulfonsäure, das Primulin,
wird wie das Thioflavin durch Erhitzen von
p-Toluidin mit Schwefel, aber bei höherer Tem-
peratur und größerem Schwefelüberschuß, her-
! gestellt. Das gelbe Pulver gibt mit heißem
Wasser eine blau fluoreszierende Lösung, in der
Natronlauge und Salzsäure Niederschläge her-
vorrufen. Primulin läßt sich auf ungeheizter
Baumwolle mit gelber Farbe befestigen.

Thioform, das basische Wismutsalz der Di-
thiosalizylsäure, ein geruchloses, gelbes, inWasser
unlösliches Pulver, wird an Stelle des Jodoforms
in der Wundbehandlung benutzt.

Thiol, ein vor mehreren Jahren in den Han-
del gekommenes Medikament, welches mit dem
Ichthyol in Wettbewerb zu treten bestimmt ist,
wird aus denjenigen Destillationsprodukten des
Braunkohlenteeröls gewonnen, die unter dem
Namen Gasöl bekannt sind. Das Gasöl wird bei
ungefähr 2150 mit Schwefel behandelt, der sich
unter Schwefelwasserstoffentwicklung löst, und
die Lösung durch Eingießen in konz. Schwefel-
säure in Sulfosäuren verwandelt, die sich beim
Zusammenbringen mit Wasser als harzige Schicht
niederschlagen, während die unzersetzten Öle
obenauf schwimmen und entfernt werden. In
reinem, schwefelsäurefreiem Wasser lösen sich
diese Sulfosäuren, werden aber durch Zusatz
von Kochsalz wieder ausgefällt. Durch Neu-
tralisation mit Ammoniak oder Natron erhält
man die entsprechenden Salze, die als T. in den
Handel kommen.

Thiorubin, ein im Jahre 1885 aufgekommener
Teerfarbstoff, das Natronsalz der Thiopara-
toluidinazoalphanaphtholdisulfosäure, bildet ein
rotbraunes Pulver, das sich in Wasser mit fuch-
sinroter Färbe löst und Wolle im sauren Bade
rot färbt.

Thomasschlacke, die nach dem Verfahren von
Thomas-Gilchrist zur Herstellung von Eisen
und Stahl aus den Bessemerkonvertern entnom-
mene Schlacke, bildet in Form eines feinen Pul-
vers das wichtigste Phosphorsäuredüngemittel
Deutschlands. Sie wurde während des letzten
Friedensjahres (1913) in Menge von 21/i Mil-
lionen Tonnen bei uns hergestellt und bis auf
einen Ausfuhrüberschuß von 1/i Million Tonnen
verbraucht. Zu der Gewinnung mußten aller-
dings neben 23 Millionen Tonnen einheimischer
to Millionen Tonnen ausländischer Erze (Spa-
nien, Schweden) herangezogen werden, und
noch ungünstiger werden sich die Verhältnisse
durch die Abtretung des lothringischen Erz-
beckens gestalten. Das Thomasmehl enthält 11
bis 23 0/0, im Mittel 17 o/0 Phosphorsäure an
Kalk gebunden in Form des Tetrakalziumphos-
phats (Ca4P208) neben geringen Mengen Mag-
nesia, Eisen, Tonerde, Mangan, Schwefel, Kiesel-
säure. Sein Düngewert wird nach dem Gehalte
an „zitratlöslicher“, d. h. in einer bestimm-

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